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So kann sich keine Kuh +unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Sträuchern bedeckte Felswand +liegt, über die sie hinunterstürzen könnte. Es ist außerdem ein +ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben können. Aber die +Glocken sind doch notwendig und tönen so freundlich hin und her, daß +keiner sie entbehren möchte. Am Bergabhang stehen hie und da +vereinzelt die kleinen, hölzernen Häuser, und nicht selten rauscht +daneben ein schäumender Bach ins Tal hinab. ‘Am Berghang’ heißt es +hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Häuschen steht auf +ebenem Boden. Es ist, als wären sie irgendwie an den Berg hingeworfen +worden und da hängengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da +oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie +alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der +kleinen, hölzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt +in ihre Nähe, so sieht man, daß ein großer Unterschied zwischen ihnen +ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nähe ganz +verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen +ihnen stürzt der größte Bergbach der Gegend, der schäumende +Schwemmebach, hinunter. + +Am ersten Häuschen blieben auch an den schönsten Sommertagen alle die +kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die +hineindrang, kam durch die Löcher der zerbrochenen Scheiben. Das war +aber nicht viel, denn die Löcher waren wieder mit Papier verklebt, +damit man im Winter drinnen nicht frieren mußte. An dem hölzernen +Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war +so zerfallen, daß es ein Wunder war, daß alle die kleinen Kinder, die +da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie +hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder +waren alle mit Schmutz überdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen +Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag über da +herum, und am Abend kamen vier größere Kinder dazu. Drei kräftige +Buben und ein Mädchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich +aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie +konnten sich doch schon selbst waschen. + +Das Häuschen über dem Bach drüben hatte einen ganz anderen Charakter. +Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeräumt +aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drüben. Die +Stufen sahen immer so aus, als wären sie eben gescheuert worden. Und +oben auf der Galerie standen drei schöne Nelkenstöcke und dufteten den +ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen +Fenstern stand offen und ließ die schöne, sonnige Bergluft herein. +Dort konnte man meistens eine noch kräftig aussehende Frau sitzen +sehen, mit schönem, weißem Haar, das sie sehr ordentlich unter das +schwarze Häubchen zurückgestrichen hatte. Sie flickte gewöhnlich an +einem Männerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber +gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so +adrett und reinlich aus, als wäre noch nie etwas Unsauberes an sie +herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des +fröhlichen Franz Anton mit den kräftigen Armen. Der machte den Sommer +über in der oberen Sennhütte seine Käse, und erst im Spätherbst zog er +wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn +dann butterte er in der unteren Sennhütte, die ganz nahe lag. Da über +den reißenden Schwemmebach kein Steg führte, waren die zwei Häuschen +ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg +wohnten, besser, als diese Nachbarn über dem Bach, zu denen sie nur +etwa einmal am Tag stumm hinüberschaute. Gewöhnlich schüttelte sie +dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter +und schmutzigen Fetzen drüben an den Kindern sah. Sie schaute aber +nicht oft hinüber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber +betrachtete sie, wenn das Feierabendstündchen kam, ihre roten Nelken +auf der Galerie oder sie schaute über den grünen, sonnigen Abhang +hinunter, der vor ihrem Häuschen zum Tal hinabstieg. + +Die verwilderten Kinder über dem Bach gehörten dem Hälmli-Sepp, wie er +genannt wurde, der seine Arbeit außer Haus beim Holzfällen oder +Heumachen suchte. Außerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So +war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die +Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele +kleine Kinder könne man nicht in Ordnung halten, und später würde es +dann von selbst besser. So ließ sie alles gehn, wie es ging. Und in +der schönen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und +ließen sich’s, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl +sein. Zur Sommerzeit waren die vier Größeren den ganzen Tag draußen, +um die Kühe zu hüten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen, +wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten +bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kühe auf das +umliegende Weideland hinaus und mußten sie hüten lassen. Das ist +immer eine lustige Zeit für die Buben und Mädchen, die sich dort zu +jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei fröhliche Sachen +miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten +im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere +Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer +über ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstück nach Hause, +das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier +Kleinen zu ernähren und für alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn +diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mußte doch jedes haben +und die vier Großen noch ein Stück dazu. Eine Kuh hatte der +Hälmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaßen, +wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten. + +Hälmli-Sepp hieß der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum +nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine +Geiß und ein Stück Kartoffelland, damit mußte die Frau mit den vier +Kleinen den Sommer über auskommen und auch hier und da noch eines der +Größeren speisen, wenn es draußen keine Arbeit fand. Der Vater kam im +Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein +Häuschen und Acker waren so verschuldet, daß er das ganze Jahr über +etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten +konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel +er fand. + +So mußte die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte +keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von +der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der +verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten, +schaute sie über den Bach zu dem schmucken Häuschen der Sennerin +hinüber, dessen Scheiben in der Sonne glänzten. Dann sagte sie +ärgerlich vor sich hin: “Ja, die dort kann schon putzen und alles +sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner.” Dann ging +sie wieder ärgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurück, und an dem, +der ihr zuerst in den Weg kam, ließ sie den Ärger aus. + +Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht +ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Häuschen vom +Hälmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur ‘der +dumme This’ genannt, sah so mager und dürftig aus, daß man ihn kaum +für achtjährig gehalten hätte. Er schaute auch so scheu und +verschüchtert drein, daß niemand wußte, wie der This eigentlich aussah, +denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach. +This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum +zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel später über die Felsen +in die Tiefe gestürzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam +und den Weg abkürzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte +nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem +großen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This +hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend, +eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen +Matthis genannt. + +Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Häuschen vom +Hälmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstätte mit seinem Büblein +gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben +Ort. Das wenige Geld, das für den kleinen This von der Gemeinde +bezahlt wurde, war der Frau des Hälmli-Sepp sehr erwünscht. Und in +die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, für die +schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This +war schon von Natur aus ein schüchternes und stilles Büblein gewesen. +Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das große Unglück +gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem +Unglück wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr. + +So saß der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein +Wort zu hören, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann +seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des +Hälmli-Sepp gehörte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde +von jedem angefahren und hin und her gestoßen, weil er sich nie wehrte. +Zu all den Püffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen +dann noch die bösen Worte der Frau, wenn sie den Ärger über das +saubere Häuschen der Sennerin drüben hatte. Der This wehrte sich aber +nie, denn er hatte das Gefühl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so +nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und +verschüchtert, daß man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her +vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn +anrief. Er sah überhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch, +wo er in die Erde hineinkriechen könnte, daß ihn keiner mehr fände. + +So war es gekommen, daß die vier Großen vom Hälmli-Sepp, der Jopp, der +Hans, der Uli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: “Du +bist doch ein dummer This”, und daß es die vier Kleinen auch +nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals +dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es +werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch ‘der dumme +This’ genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten könnte, +wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kühe zu hüten, und war +er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke +oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da saß er +meistens zitternd vor Furcht, denn er hörte wohl, wie die anderen +Buben ihn mit großem Geschrei suchten, daß er bei den Spielen +mitmachte, die sie spielen wollten. + +Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prügeln, und das traf +regelmäßig den This am stärksten, da er sich nicht wehrte und auch +nicht wehren konnte gegen die viel Stärkeren. So verkroch er sich, +sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kühe, wohin sie wollten +und fraßen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann großen Ärger, und +jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kühe zu hüten, und keiner +stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld, +wenn die Buben zum Jäten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da +warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblüten an den +Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem +anderen reichlich zurück, was er empfangen hatte. Der This gab aber +nichts zurück, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen +Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen +gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten +die Knollen an den Rücken und an den Kopf. + +Während aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten, +versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den +Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit +nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller +Arbeit zu dumm und aus dem This könne nie etwas werden. Weil er nun +gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er +auch von der Frau des Hälmli-Sepp demgemäß behandelt. Wenn schon die +eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es +meistens, daß für den This gar nichts mehr übrigblieb und es dann hieß: +“Du wirst wohl etwas finden, du bist groß genug.” Wie der This +eigentlich ernährt wurde, wußte niemand, auch die Frau des Hälmli-Sepp +nicht, aber irgendwie lebte er doch immer. + +Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen +Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tür +vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in +seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich +wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer +scheuer wurde und sich immer mehr versteckte. + + + + +2. Kapitel + +Bei der Schwemmebachsennhütte + + +An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle +Mücken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hüterbuben und--mädchen. +Sie mußten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp, +von allen der Größte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle +nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, daß man jetzt zur +Schwemmebachsennhütte hinaufgehe, denn heute sei der Käsfischtag. Nun +müsse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kühe +hüten solle, während die anderen sich zu dem Festmahl begeben würden. +Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust, +sich für die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue +Uli auf den Gedanken, man könnte einmal den dummen This zwingen, auf +die Kühe acht zu geben. Und damit er’s nicht vergesse, könnte man ihn +im voraus ein wenig durchprügeln. Der Vorschlag fand Anklang, und +schon wollten mehrere von den Anführern der Schar den This holen, als +das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: “Das ist gar nichts +Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den +Lohn dafür, wenn wir wieder zurückkommen und die Kühe sich verlaufen +haben. Ihr werdet doch nicht glauben, daß der This, wenn er zu dumm +ist, zwei Kühe zu hüten, auf einmal zwanzig hüten kann. Man muß losen, +und drei müssen bei den Kühen bleiben, sonst ist’s nichts.” Lisis +Erklärung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus +der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet +der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der +siegreichen Schar den Rücken und setzte sich auf den Boden neben seine +beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stürzte nun +die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuß +entgegen. + +Der Käsfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die +es nie unterließen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen +sollte. Denn das war ein Hauptfest für sie. Das war der Tag, an dem +der Franz Anton seine frischen Käse rundum beschnitt, nachdem diese +als weiche Masse in die runde, hölzerne Form gepreßt worden waren. +Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von +der Masse herausdrängte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie +eine lange, schneeweiße Wurst. Die wurde dann in viele Stücke +gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt. +Das waren dann die sogenannten Käsfische. Dieses Fest wiederholte +sich den Sommer über alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem +Freudengeschrei begrüßt. + +This hatte sich hinter dem großen Distelbusch am Boden versteckt +gehalten, während die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton +von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hörte, +daß die große Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig +hervor. Die drei grollenden Zurückgebliebenen saßen am Boden und +kehrten ihm den Rücken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stück +die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der +Höhe hernieder. Den This erfaßte ein unwiderstehliches Verlangen, +auch an der Käsfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlüpfte er +hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er +hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem +letzten steilen Hang kam eine kleine, glänzend grüne Hochebene, da +stand die Sennhütte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der +klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tür seiner Hütte stand der +Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte über +die vielen Sprünge, die jetzt die Buben und Mädchen in ihrem Eifer, zu +dem ersehnten Genuß zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt +waren sie alle bei der Hütte und eines drängte das andere vorwärts, um +noch näher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen würde. + +“Nur zahm, nur zahm”, lachte jetzt der Franz Anton. “Wenn ihr alle in +die Hütte hineindrängt, so habe ich keinen Platz mehr zum +Käseschneiden und ihr habt den Schaden.” Jetzt nahm er sein festes +Messer zur Hand und trat an den großen, runden Käse heran, den er +schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden +ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweißen +Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stück und da ein +Stück, oft über die Köpfe der Großen weg den Kleinen, die nicht zu ihm +vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner +Teilung. + +This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen +wollte, so bekam er da einen Stoß und dort einen und flog so von einer +Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer +wieder ein Größerer und Dickerer sich vor ihn drängte. Zuletzt bekam +er einen so ungeheuren Stoß von dem breiten, nach allen Seiten +schlagenden Jopp, daß er sich fast überschlagen hätte. Die Teilung +war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, daß er zu keinem +Stückchen Käsfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine +Schläge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die +jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den +Bäumchen. Auf der höchsten Krone des einen saß ein lustiger, kleiner +Vogel und pfiff so fröhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als +gäbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und +Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, daß er fast das +Leid vergaß, das ihm eben geschehen war. + +Von Zeit zu Zeit mußte er nach der Sennhütte hinüberschauen, denn das +Lärmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stück Käsfisch +wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie +jedes Kind mit einem größeren oder kleineren Brocken der schönen, +weißen Masse dastand und mit Wonne hineinbiß. Er seufzte dann ein +wenig und sagte leise: “Wenn ich nur auch einmal ein einziges +Stücklein bekäme!” Der This hatte niemals von den herrlichen, weißen +Käsfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie +heute in die Schar der Glücklichen einzudringen. Jetzt hatte er +gesehen, daß es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut +zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlußgedanken, daß er +sein Leben lang nie einen Käsfisch bekommen werde. Darüber wurde er +so traurig, daß er nicht einmal den Vogel mehr hörte und ganz +zusammengeduckt unter den Tannenbäumen saß. + +Jetzt war das Gastmahl bei der Hütte zu Ende und mit schrecklichem +Lärm stürzten die Kinder daher, womöglich immer einer über den anderen +hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall +brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der +lärmende Hans, und laut schrie er in das Gebüsch hinein: “Du Maulwurf, +komm heraus, du mußt mitmachen!” This verstand, was er mitzumachen +hatte. Er mußte sich als Bock hinstellen, damit die anderen über ihn +springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wäre +viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wußte wohl, +was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er +gehorsam heran. “Wie viele Käsfische hast du bekommen?” schrie ihn +jetzt der Hans an. + +“Keinen”, gab This zurück. “Oho, seht einmal den an”, schrie der Hans +noch lauter in die Schar hinein, “der läuft schnell zu den Käsfischen, +und dann läuft er wieder fort und hat keinen gesehen.” “Du dummer +This”, rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die großen +Buben über den Kopf weg, so daß er genug zu tun hatte, nur immer +wieder auf die Füße zu kommen, wenn er umgeworfen worden war. +Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestürzter die Abhänge +hinunter, bis ein glücklicher Zufall sie wieder alle auf die Füße +brachte. Nach dieser stürmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen +gleich alle auseinander, jeder seinen Kühen nach. + +Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn +jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den +Zurückgebliebenen, weil er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem +Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben +und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im +Berghang, wo im Frühling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und +den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und +ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schöne, dunkelrote +Erdbeeren in der Sonne, die so schön warm in die Vertiefung schien. +Aber dem This war es überall angst und bang, wenn er noch in der Nähe +der Häuser und der Hüterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden +Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der +This zuckte scheu und ängstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer +dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch +einmal an das stille Plätzchen unter den kleinen Tannenbäumchen dort +oben und an das pfeifende Vögelein, so daß es ihn mit Gewalt vom Boden +zog. Er mußte noch einmal dorthin. + +Mit allen Kräften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht +einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die +Tannenbäumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein +Tannenversteck ein wenig offen. Da saß nun der This in völliger +Sicherheit. Ringsum war eine große Stille, kein Ton drang von unten +her bis hier auf die einsame Höhe, nur das Vögelein saß noch auf +seinem Tannenast und pfiff sein fröhliches Lied. Die Sonne wollte +untergehen. Die hohen Schneeberge drüben fingen zu flimmern und zu +glühen an, und über die ganze grüne Alm hin lag das golden schimmernde +Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie +gekanntes Wohlsein kam über ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und +Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fürchten, denn weit und +breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hören. + +So saß der This eine lange Zeit, und am liebsten wäre er gar nicht +mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben +gewesen. Aber da hörte er schwere Tritte hinter sich von der Hütte +her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiß +wollte er zum Bach hinüber, um Wasser zu holen. This verhielt sich +mäuschenstill. Denn er war so daran gewöhnt, daß er von jedermann +angefahren oder ausgelacht wurde, daß er dachte, der Senn werde es +gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die +Bäumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton +wurde aufmerksam, trat näher und guckte in den Tannenbusch hinein. + +“Was machst du denn da drinnen?” fragte der Senn mit lustigem Gesicht. + +“Nichts”, erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd. + +“Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fürchten, wenn du nichts +Böses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa +mit deinen Käsfischen da hineingeflüchtet, daß du sie in Ruhe +verzehren kannst?” + +“Nein, ich habe keine Käsfische gehabt”, sagte This ängstlich. + +“Nicht? Und warum denn nicht?” fragte der Senn in einer Weise, wie +sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem +Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem +Menschen. + +“Sie haben mich auf die Seite gestoßen”, erwiderte er nun und stand +hinter den buschigen Zweigen auf. + +“So, jetzt kann man dich doch sehen”, fuhr der Senn freundlich fort, +“komm noch ein wenig näher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn +sie dich wegstoßen? Es stößt ja immer einer den anderen, aber zuletzt +kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?” + +“Sie sind stärker”, sagte der This so überzeugend, daß diese Erklärung +wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den +Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, großen Franz Anton wie +ein dünnes Stöcklein vor einer hohen Tanne. Der kräftige Mann +betrachtete einen Augenblick das schmale Figürchen, an dem tatsächlich +fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht +schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf. + +“Wem gehörst du?” fragte er jetzt den Buben. + +“Niemand”, gab This zur Antwort. + +“Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?” + +“Beim Hälmli-Sepp.” + +Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. “Ach so, bist du der!” +sagte er verständnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar +nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehört, ihn aber nicht +gekannt. + +“Komm einmal mit mir”, sagte er mitleidig. “Wenn du beim Hälmli-Sepp +bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hälmlein. +Komm, Käsfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes.” + +Der This wußte gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz +Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und +das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Hütte, holte +hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein großes +Stück ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfaß, das goldig glänzend +in der Ecke stand, und holte ein großes Stück Butter heraus. Das +strich er über die Brotschnitte und reichte nun das feste Stück mit +der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte +der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es +nicht möglich, daß es ihm gehöre. + +“Komm heraus. Iß es vor der Hütte, ich muß nun zum Wasser”, sagte +Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glück und +Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte. +Vor der Hütte setzte er sich auf den Boden. Und während der Senn zum +Schwemmebach hinüberging, biß er in sein Butterbrot hinein und biß +immer wieder und konnte nicht begreifen, daß es etwas so Gutes gäbe +und er es bekommen hätte. + +Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und +wiegte unten die Tannenbäumchen hin und her, und der kleine Vogel saß +immer noch auf dem höchsten Zweig und sang hell und fröhlich in den +goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie +gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er müsse laut mit dem Vogel zu +singen anfangen. + +Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her +gegangen. Drüben beim Schwemmebach war er immer eine Weile +stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr +rot vom Abendschein, aber jetzt stieg groß und golden der volle Mond +hinter dem weißen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Hütte +zurück und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle +saß. + +“So gefällt’s dir hier?” fragte er freundlich. “Mit dem Abendessen +bist du fertig, wie ich sehe. Du mußt dich auf den Rückweg machen. +Sieh, wie schön dir der Mond heimleuchtet!” + +Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel +ihm ein, daß es wohl nötig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem +Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den +Tannenbäumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurück. Er schaute noch +einmal zurück, und da der Senn in die Hütte getreten war und ihn nicht +mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz +Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Güte +und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen +Eindruck gemacht, daß er nicht fort konnte. Er mußte noch ein wenig +in der Nähe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen +unter den Bäumchen und spähte zu der Hütte hinauf, ob er den Senn +nicht noch einmal sähe. Es dauerte einige Zeit, da plötzlich trat +Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Hütte heraus. + +Er blieb vor der Tür stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die +stille Bergwelt hinaus, wo jetzt über alle hohen Schneegipfel hin das +milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt +der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen +Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hände. Er hielt wohl still +seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: “Gute Nacht +geb euch Gott!” trat in die Hütte zurück und machte die Tür zu. Sein +Nachtgruß hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum +und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller +Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fühlte Liebe und +Bewunderung für den Senn, Gefühle, die er bisher nicht gekannt hatte. + +Als es nun ganz dunkel und still in der Hütte wurde, stand der This +auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter. + +Es war spät und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich, +die Tür war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Häuschen und +schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser +schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: “Es +ist bequem, daß der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden. +So hat man doch Platz!” + +This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er +immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit +gefalteten Händen vor seiner Hütte stand. Zum erstenmal in seinem +Leben schlief der This mit einem glücklichen Herzen ein. + + + + +3. Kapitel + +Ein hilfreicher Engel + + +Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten, +mußten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges +gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr +Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze +Schar den Berghang herunter, und bald saßen sie alle mit anderen +Kindern so ruhig wie möglich auf den langen Bänken, und der Herr +Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von +einem zukünftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den +This fiel, fuhr er fort: “Ich will dich auch einmal wieder etwas +fragen, das wirst du wohl beantworten können, wenn man dir auch nicht +viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Ärmsten +und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben geführt hat, so +wohl werden, daß er kein Leid verspürt?” + +“Bei der Schwemmebachsennhütte”, antwortete der This ohne Zögern. +Jetzt entstand ein solches Kichern, daß der This ganz scheu um sich +schaute. Ringsum waren spöttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle +Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich +so stark vornüber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem, +was der Herr Pfarrer das letztemal erklärte, hatte er nichts gehört, +weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mußte. Jetzt hatte +er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet. + +Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, daß es dem +This gar nicht zum Lachen war, sondern daß er vor Scheu ganz +erschrocken und zusammengeduckt dasaß, da schüttelte der Herr Pfarrer +nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: “Es ist nichts mit ihm zu +machen.” + +Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stürzte die ganze Schar +hinter dem This her, alle lachten überlaut und schrien durcheinander: +“This, sind dir auf einmal in der Kirche die Käsfische in den Sinn +gekommen?” + +“This, warum hast du nicht auch etwas von den Käsfischen gesagt?” Der +This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem +Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben +wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den +schönen Sonntagabend unten im Dorf genießen. + +Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt +einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhütte +hinaufflüchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen. +Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plätzchen sitzen und +vor Verfolgung sicher sein. Nun saß er wieder unter den Tannen und +über ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der +Sonne, und über den grünen Hängen floß da und dort ein klares Bächlein +friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, daß er allen +Spott vergaß und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr +weggehen zu müssen. + +Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er +beständig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie möglich +nieder. Denn er hatte das Gefühl, wenn der Franz Anton ihn wieder +hier sehe, so könnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein +Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und +einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und +in dessen Nähe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst +nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und +This saß an seinem schönen Plätzchen, bis die Sterne am Himmel standen +und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Hütte hinaustrat und +ausrief: “Gute Nacht geb euch Gott!” Dann erst lief der This wieder +davon, und spät wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht +hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber +das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefühlt +dort oben. + +So ging es eine ganze Woche. Tag für Tag, sobald er einen Augenblick +fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm +hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete +er die ganze Tätigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und +nie verließ er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton +gesagt hatte: “Gute Nacht geb euch Gott!” Es war ihm jetzt immer, als +sei der Nachtsegen auch für ihn gedacht. + +Es waren ausnahmsweise heiße Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg +jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend +niedergegangen war. Das Futter war besonders kräftig, und Franz Anton +bekam so schöne, fette Milch von den Alpenkühen, daß er die +prächtigsten Käse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude, +und schon frühmorgens konnte man ihn voller Vergnügen in seiner +Sennhütte pfeifen hören, so auch am Samstag dieser Woche. Da hörte +man ihn noch viel früher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem +der Senn seine drei oder vier fertigen Käse an den See hinunterbrachte. +Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie +auf seinem Rücken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwärts, +den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rücken. Es +war der heißeste Tag des ganzen Sommers. + +Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die übermäßige +Hitze, und oft sagte er zu sich: “O wie will ich froh sein, heute +abend wieder zu meiner Hütte hinauf in die kühle Luft zu kommen, hier +unten ist’s wie in einem Backofen.” Jetzt war er unten angelangt, +gerade als das Schiff herankam, das die Käse mitnehmen sollte. Bald +war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlüssig +da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten +etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fühlte keinen Appetit, sein Kopf +war schwer und heiß, er wünschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn +jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim +Einladen geholfen hatte. “Komm, Franz Anton, heute ist’s heiß, wir +wollen ein Glas Wein im Schatten trinken”, sagte er und zog den Senn +zu dem Wirtshaus. + +Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im +Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber +stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in +der schweren, heißen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht +an den Wein gewöhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit großen +Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in +seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiß auf +seinen Kopf, alle seine Pulse hämmerten, die Füße wurden ihm so schwer, +daß er sie nur mit Mühe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je +größer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der +Aussicht an, daß nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt +nur noch eine Viertelstunde heißer Mühe vor ihm liege. Dann würde er +oben sein und könne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen. + +Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne +brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Plötzlich wurde es ihm völlig +schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stürzte er auf den +Boden nieder. Er hatte das Bewußtsein verloren. + +Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er, +daß der Franz Anton noch nicht zurückgekehrt war. Er stellte seine +Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem +Senn auszuschauen. + +Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz +Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte +er an seinem verborgenen Plätzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt, +den der Senn tat. Er wußte, wie eine Beschäftigung auf die andere +folgte, so daß er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der +Franz Anton seine Milch stehen ließ. Sonst goß er sie immer gleich in +die verschiedenen Gefäße. Die eine kam zum Buttern in die großen, +runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schön dick obenauf +lag. Die andere wurde in den Käsekessel gegossen, das hatte der This +durch die offene Hüttentür alles genau beobachten können. Der Senn +kam immer noch nicht. Der Junge fühlte, daß irgend etwas geschehen +sein mußte. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging +zur Sennhütte. Da war es still und leer unten im Hüttenraum und oben +auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut +war zu hören, alles wie ausgestorben. Ängstlich lief der This +jetzt um die Hütte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann +in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten +erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da +lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stöhnte und lechzte wie +ein Sterbender. Er sah glühend heiß aus, und seine Lippen waren ganz +vertrocknet. + +Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor +Schrecken, auf seinen Wohltäter. Dann stürzte er in schnellem Lauf +den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewußtlos am +Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt +an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem +brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bücken +und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er für einen Augenblick, +denn es war nur ein Fiebertraum gewesen. + +Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rühren. +Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das +Bewußtsein wieder, und er träumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er +heute früh im Vorübergehen noch die schönen Erdbeeren gesehen hatte. +Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die +Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber +jetzt hatte er plötzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte +sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der +Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlürfte und +schluckte, es war ein unsägliches Labsal. Er erwachte. War das alles +Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und +steckte ihm wieder eine große saftige Erdbeere in den Mund. + +“O du guter Engel, noch eine”, sagte leise der Franz Anton. Aber +nicht nur eine, fünf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf +einmal flog ein stechender Schmerz über sein Gesicht. Er legte die +Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: “Wasser”, dann war +ihm das Bewußtsein wieder völlig entschwunden. Er konnte nicht einmal +mehr die letzte Erdbeere genießen. Jetzt träumte er ganz schreckliche +Dinge. Sein Kopf wurde so groß wie sein allergrößtes Butterfaß und +dann immer noch größer und so furchtbar schwer, daß er mit Schrecken +dachte: “Den kannst du nie mehr allein tragen, man muß starke, +hölzerne Stützen unterstellen, wie unter die Apfelbäume, wenn sie +zuviel Äpfel tragen.” Und jetzt fühlte er deutlich, daß der Kopf ganz +voll Schießpulver war, das hatte einer von hinten angezündet. Nun +brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mußte alles +zerspringen. Aber dann kam plötzlich ganz kalt und belebend der +Schwemmebach über seine Stirn, über das ganze Gesicht und in den Mund +hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte. + +Es war wahr, eiskalt kam ein Guß nach dem anderen auf Stirn und +Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den +kühlenden Trank ein. Über ihm standen die funkelnden Sterne, das +sah der Franz Anton deutlich. Er wußte auch, daß er noch am Boden lag +draußen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der +Schwemmebach sein, was so über ihn floß und ihn so ordentlich trinken +ließ. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend, +so erlösend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer. +Voller Dank sagte er nur halblaut: “Ach, lieber Gott, wie danke ich +dir für deine Güte und die hilfreichen Engel!” + +Das erquickende Wasserbad hörte nicht auf, und zuletzt fühlte der +Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schützend und +wohltuend, daß er sagte: “Da kann kein Feuer mehr durch.” Und beruhigt +schlief er jetzt ganz sanft ein und träumte nicht mehr. + + + + +4. Kapitel + +Was die Sennenmutter haben will + + +Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz +Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er +schauderte ein wenig zusammen, es fröstelte ihn. Er wollte sich +aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand +an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht. +Wohl sechsfach zusammengelegt lag naß und schwer das große Handtuch +aus der Sennhütte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der +frische Morgenwind über die Stirn blies, fühlte er sich so wohlig und +erleichtert, daß er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da +sah er auf einmal in zwei große, ernsthafte Augen hinein, die +unverwandt auf ihn gerichtet waren. + +“Bist du das, This?” fragte er verwundert, “Wie kommst du so früh auf +die Alm? Nun, weil du da bist, komm, daß ich mich ein wenig auf deine +Schulter stützen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf.” + +Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er +stemmte mit aller Gewalt seine beiden Füße in den Boden hinein, so daß +der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte. +Während des langsamen Aufstiegs zur Hütte, als er sich immer noch auf +die Schulter des Buben stützte, fing er an, sich daran zu erinnern, +was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgänge der +Nacht völlig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur +helfen. In der Hütte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner +dreibeinigen Stühle und sagte: “This, hol dir den anderen und setz +dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir +wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt +noch nicht machen. Ein Schüsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist +es denn hingekommen?” unterbrach sich der Senn, “ich stelle es +regelmäßig dort hinauf. Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht seit +gestern.” + +Der This war feuerrot geworden, er wußte wohl, wer das Schüsselchen +heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: “Dort steht’s am +Boden”, holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides +dem Senn. Dieser schüttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er +lebte, hatte er noch nie sein Schüsselchen dort bei der Tür auf den +Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine +Milch, füllte dann das Schüsselchen wieder und sagte: “Da, This, trink +auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, daß du so früh hinauf +kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Käsfischtag und du seist dann +sicher der erste?” + +“Nein, gewiß nicht”, versicherte This. + +“Sag mir jetzt etwas”, fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal +unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder +zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. “Sag mir, This, habe ich +denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute früh +heraufkamst?” + +Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn +alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht +recht, und er könnte böse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm +jetzt so tief in die Augen, daß er alles sagen mußte: “Ich habe es +selbst darauf gelegt”, fing er zaghaft an. + +“Warum denn, This?” fragte der Senn verwundert. + +“Weil sie so heiß waren”, erwiderte This. + +Der Senn staunte immer mehr. “Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang +erwacht”, sagte er. “Wann bist du denn heraufgekommen?” + +“Gestern um fünf, oder um vier Uhr”, stotterte der This furchtsam, +“der Melker kam erst lange nachher.” + +“Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn +gewollt und gemacht?” + +Jetzt sah der Franz Anton, daß dem This ganz bange wurde, ihm selber +aber fielen nun wieder die Vorgänge der letzten Nacht ein. Ganz +väterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd: +“Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fürchten, This. Da, trink noch +eins aus, und dann sag mir alles, was du weißt, von da an, als du hier +heraufgekommen bist.” Auf diese Ermunterung hin faßte der This neuen +Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zügen aus, denn sie schmeckte +herrlich. + +Dann fing er an zu berichten: “Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier +herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Käsfische. +Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie +nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden +gefunden, und Sie sind ganz rot und heiß gewesen und haben Durst +gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe +alle großen Erdbeeren gepflückt, die noch da waren, und habe sie Ihnen +gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf +den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Hütte +das Schüsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach +habe ich ihn gefüllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schüsselchen das +Wasser über den Kopf geschüttet und auch zu trinken gegeben, denn sie +haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin +ich zum Bach hinüber und habe ihn wieder gefüllt. Aber weil das +Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes +Tuch wurde den Kopf besser kühlen. Und so habe ich das Tuch aus der +Hütte geholt und es ganz naß auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann +trocken und heiß wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und +es dann wieder naß auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann +erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht +etwa krank werden.” + +Der Senn hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Jetzt stand alles +deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wußte auch +wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren +als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespürt und +genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und +verwundert an, als hätte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen +solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn möglich, daß +dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben +gerettet hatte. + +Hätte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelöscht, wer weiß, +was bis zum Morgen daraus geworden wäre! Und wie konnte dieser This, +dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung +fähig sein, daß er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn +pflegte! Dem großen, starken Franz Anton kamen die Tränen in die +Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles +überdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: “Wir +wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das +vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die +Glieder so, daß ich mich jetzt niederlegen muß. Geh du nun hinunter +zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir +nicht ganz wohl. Du mußt dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe +noch viel mit dir zu reden heute, vergiß es nicht!” + +Solange er lebte, war der This noch nie so glücklich gewesen. Er lief +springend den Berg hinunter, als könne er nicht hoch genug aufspringen +vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen, +und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in +die Sennhütte eintreten. Außerdem hatte der Franz Anton ihm noch +gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser +Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der +Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Häuschen +mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im +Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der +Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen, +denn er war ganz atemlos vom Laufen. + +“Woher kommst denn du?” fragte die sonntäglich gekleidete Frau, die +nicht gern etwas Unordentliches sah. Mißbilligend musterte sie den +Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntäglichen Anblick +in seinen zerfetzten Alltagshöschen und dem schmutzigen Hemdlein. +“Ich meine, ich habe dich schon dort drüben über dem Bach gesehen, du +bist wohl einer vom Hälmli-Sepp?” + +“Nein, nur der This”, erwiderte der Bub ganz demütig. + +Jetzt fiel der Frau ein, daß die Frau des Hälmli-Sepp einen +einfältigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts +zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. “Und was willst du +denn bei mir?” fragte sie nun erst recht verwundert. + +Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag +klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der +kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und daß er nach ihr schickte +und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes +Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in großer +Sorge das Nötigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem großen +Korb am Arm heraus. + +“Komm”, sagte sie zu This, “wir wollen gleich gehn. Warum mußt du +wieder mit?” + +“Ich weiß nicht”, antwortete er. Und fast als wäre es etwas Böses, +setzte er leise hinzu: “Muß ich nicht den Korb tragen?” + +“So, jetzt verstehe ich’s”, sagte die Frau, “der Franz Anton hat daran +gedacht, daß ich allerhand mitbringen will.” Sie gab dem This den Korb. +Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief +in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer +Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die +Krankheit gefährlich sein? Ihre Angst wurde immer größer, je näher +sie der Sennhütte kamen. Jetzt waren sie oben--nur noch einige +Schritte--der bekümmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast +nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie +schaute überall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn +tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem +Herzen stieg sie die Leiter hinauf. + +Der This blieb ehrerbietig draußen vor der Tür stehen, nur den Korb +schob er in die Hütte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll +über ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte +ihr fröhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter: +“Grüß dich Gott, Mutter! Das freut mich, daß du da bist. Ich habe +aber geschlafen wie ein Bär, die ganze Zeit, seit der This fortging.” +Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie +wußte gar nicht, was sie denken sollte. “Franz Anton”, sagte sie +jetzt ernsthaft, “was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weißt du, +daß du mich hast holen lassen?” + +“Ja, ja, Mutter”, lachte jetzt der Franz Anton, “jetzt bin ich ganz +bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir +noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir +reden. Ich fühl’s auch jetzt noch in den Knien zittern, ich käme noch +nicht weit.” + +“Aber was ist’s denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir’s doch”, +drängte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn. + +“Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen”, +sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. “Sieh einmal +zuerst dort unten das schmale, magere Büblein an, das kein gutes Stück +Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder +nur den dummen This nennt.” + +Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn +hinaufspähte, ob er etwa wieder umfallen wolle. + +“Und jetzt?” fragte die Mutter gespannt. + +“Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Büblein nicht +gewesen wäre, so läge ich jetzt noch draußen auf dem Boden in einem +tödlichen Fieber, oder vielleicht wäre es auch schon vorbei mit mir.” +Und jetzt erzählte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag +zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen +und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch +auf der Welt es nicht besser hätte tun können. + +Die Mutter mußte sich mehrmals die Tränen abwischen. Sie stellte sich +vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da +draußen gelegen hätte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden +wäre, und kein Mensch hätte etwas von ihm gewußt. Und jetzt stieg ein +Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, daß sie laut ausrufen mußte: +“Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!” Aber auch eine solche +Liebe zu dem armen This überkam sie, daß sie ganz eifrig sagte: “Franz +Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hälmli-Sepp zurück! +Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat +sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen +mache ich ihm ein Gewand, daß man ihn ansehen darf. Er muß es nicht +schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir +geholfen hat.” + +“Das ist nun gerade, was ich wünschte, Mutter, aber ich mußte doch +zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben +und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein könnte. Es geht +nichts über eine Mutter!” Und der Franz Anton schaute sie so voller +Glück und Liebe an, daß es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich +dachte: Es geht auch nichts über einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte +sie: “Jetzt mußt du etwas essen, Franz Anton, daß du wieder zu Kräften +kommst. Ich habe frische Eier und ein Weißbrot mitgenommen, und jetzt +will ich Feuer machen, laß dir Zeit zum Herunterkommen.” Das mußte der +Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging. +Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er +sich selbst niedergesetzt hatte. + +“This”, sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend, +“willst du ein Senn werden?” + +Der This fing an zu lächeln, aber dann hörte er plötzlich die +vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen +hatte: “Aus dem wird nie etwas,”, “der kann nichts”, “der wird nichts”. +Und schüchtern antwortete er. “Ich kann nichts werden.” + +“This, ein Senn wirst du”, sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit. +“Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun +bleibst du bei mir und trägst Milch und Wasser und hilfst mir bei +allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Käse macht und sobald +du groß genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein +Gehilfe.” + +“Hier in der Schwemmebachsennhütte?” fragte This, dem die Aussicht auf +diese Glückseligkeit ganz unfaßbar war. + +“Alles hier, in der Schwemmebachsennhütte”, bestätigte der Franz Anton. + +Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden +Glücks, daß der Senn ihn nur ansehen mußte. Der Bub war wie +verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den großen +Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie +streichelte den Buben und sagte: “Ja, Thisli, heute wollen wir +miteinander fröhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen +wir dem lieben Gott dafür danken, daß er dich gerade zur rechten Zeit +in die Nähe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch +begreift, warum du da heraufgekommen bist.” + +Jetzt begann das fröhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben +hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen. +Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weißbrot hingelegt +und daneben Butter und weißen Käse. Und mitten auf dem Tisch stand +eine große Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die +Mutter große, dicke Stücke vor den This hin, und wenn er fertig war, +gab es gleich noch einmal so viel. + +Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie: +“Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muß bei dir oben +bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es +nötig ist. Der Frau des Hälmli-Sepp will ich schon alles berichten.” + +Das war dem Sennen recht, und für den This war es das höchste Glück, +das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton. +Nicht mehr verborgen unter den Tannenbäumchen hörte er heute den +Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als +dieser seine Hände faltete und sagte: “Komm, This, nun beten wir den +Abendsegen.” Andächtig faltete auch er seine Hände, und als am Schluß +der Senn sagte: “Gute Nacht geb euch Gott!”, da war das Glück im +Herzen des This so groß, daß er gern überlaut allen Menschen auf der +ganzen Welt sagen wollte: ‘Gute Nacht geb euch Gott!’ + +Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinüber zu der Frau des +Hälmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und +gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzählten. +Die Sennin hörte, daß von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der +Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hälmli-Sepp erklärte, +daß sie mit ihrem Sohn übereingekommen sei, sie wollten den This bei +sich annehmen, da machte die Frau einen großen Lärm. Sie sagte, sie +sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien für +den Senn eine größere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien +alle aus vollen Hälsen: “Mich! Mich! Mich!” Denn sie wußten wohl, +wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhütte für gute +Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts. + +Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn +schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen +This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das +Hänseln und Verspotten unterlassen, sonst hätten sie es mit ihrem Sohn +zu tun. Der rede dann mit seinen kräftigen Armen eine deutlichere +Sprache mit den Buben, als sie es jetzt könnte. Dann verließ die +Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblüfft nachschauten, +und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wäre, +der wird’s gut haben, wie ein König wird er da oben in seiner +Sennhütte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen ließ, +liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund +sein. Denn sie mußten alle an den letzten Käsfischtag denken, als der +This so übel behandelt worden war. Von nun an würde er ja gewiß alle +Käsfische allein bekommen, da wäre doch jeder gut daran, der sein +Freund wäre. Und später waren sie auch alle gut daran, denn dem This +machte es die größte Freude, die reiche Ernte der Käsfische unter +allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darüber +wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie +mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte +sich zur Überraschung aller, daß er auf einmal ein ganz flinkes, +geschicktes Bürschchen war, von dem jeder sagen mußte: “Entweder ist +das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den +dummen This zu nennen.” Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit, +sein liebster Schüler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei +allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die +anderen Buben könnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 9859 *** diff --git a/9859-0.txt~ b/9859-0.txt~ new file mode 100644 index 0000000..f4e0967 --- /dev/null +++ b/9859-0.txt~ @@ -0,0 +1,1100 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 9859 *** + + + + +Vom This, der doch etwas wird + +Erzählung + +Johanna Spyri + + + + +1. Kapitel + +Alle gegen einen + + +Wenn man den Seelisberg von der Rückseite her besteigt, kommt man auf +eine frische, grüne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die +friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem +schönen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenährten Kühe +ziehen lieblich läutend immer hin und her. Denn jede trägt am Hals +ihre Glocke, damit man immer hört, wo sie ist. So kann sich keine Kuh +unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Sträuchern bedeckte Felswand +liegt, über die sie hinunterstürzen könnte. Es ist außerdem ein +ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben können. Aber die +Glocken sind doch notwendig und tönen so freundlich hin und her, daß +keiner sie entbehren möchte. Am Bergabhang stehen hie und da +vereinzelt die kleinen, hölzernen Häuser, und nicht selten rauscht +daneben ein schäumender Bach ins Tal hinab. ‘Am Berghang’ heißt es +hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Häuschen steht auf +ebenem Boden. Es ist, als wären sie irgendwie an den Berg hingeworfen +worden und da hängengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da +oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie +alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der +kleinen, hölzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt +in ihre Nähe, so sieht man, daß ein großer Unterschied zwischen ihnen +ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nähe ganz +verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen +ihnen stürzt der größte Bergbach der Gegend, der schäumende +Schwemmebach, hinunter. + +Am ersten Häuschen blieben auch an den schönsten Sommertagen alle die +kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die +hineindrang, kam durch die Löcher der zerbrochenen Scheiben. Das war +aber nicht viel, denn die Löcher waren wieder mit Papier verklebt, +damit man im Winter drinnen nicht frieren mußte. An dem hölzernen +Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war +so zerfallen, daß es ein Wunder war, daß alle die kleinen Kinder, die +da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie +hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder +waren alle mit Schmutz überdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen +Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag über da +herum, und am Abend kamen vier größere Kinder dazu. Drei kräftige +Buben und ein Mädchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich +aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie +konnten sich doch schon selbst waschen. + +Das Häuschen über dem Bach drüben hatte einen ganz anderen Charakter. +Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeräumt +aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drüben. Die +Stufen sahen immer so aus, als wären sie eben gescheuert worden. Und +oben auf der Galerie standen drei schöne Nelkenstöcke und dufteten den +ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen +Fenstern stand offen und ließ die schöne, sonnige Bergluft herein. +Dort konnte man meistens eine noch kräftig aussehende Frau sitzen +sehen, mit schönem, weißem Haar, das sie sehr ordentlich unter das +schwarze Häubchen zurückgestrichen hatte. Sie flickte gewöhnlich an +einem Männerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber +gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so +adrett und reinlich aus, als wäre noch nie etwas Unsauberes an sie +herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des +fröhlichen Franz Anton mit den kräftigen Armen. Der machte den Sommer +über in der oberen Sennhütte seine Käse, und erst im Spätherbst zog er +wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn +dann butterte er in der unteren Sennhütte, die ganz nahe lag. Da über +den reißenden Schwemmebach kein Steg führte, waren die zwei Häuschen +ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg +wohnten, besser, als diese Nachbarn über dem Bach, zu denen sie nur +etwa einmal am Tag stumm hinüberschaute. Gewöhnlich schüttelte sie +dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter +und schmutzigen Fetzen drüben an den Kindern sah. Sie schaute aber +nicht oft hinüber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber +betrachtete sie, wenn das Feierabendstündchen kam, ihre roten Nelken +auf der Galerie oder sie schaute über den grünen, sonnigen Abhang +hinunter, der vor ihrem Häuschen zum Tal hinabstieg. + +Die verwilderten Kinder über dem Bach gehörten dem Hälmli-Sepp, wie er +genannt wurde, der seine Arbeit außer Haus beim Holzfällen oder +Heumachen suchte. Außerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So +war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die +Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele +kleine Kinder könne man nicht in Ordnung halten, und später würde es +dann von selbst besser. So ließ sie alles gehn, wie es ging. Und in +der schönen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und +ließen sich’s, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl +sein. Zur Sommerzeit waren die vier Größeren den ganzen Tag draußen, +um die Kühe zu hüten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen, +wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten +bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kühe auf das +umliegende Weideland hinaus und mußten sie hüten lassen. Das ist +immer eine lustige Zeit für die Buben und Mädchen, die sich dort zu +jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei fröhliche Sachen +miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten +im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere +Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer +über ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstück nach Hause, +das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier +Kleinen zu ernähren und für alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn +diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mußte doch jedes haben +und die vier Großen noch ein Stück dazu. Eine Kuh hatte der +Hälmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaßen, +wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten. + +Hälmli-Sepp hieß der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum +nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine +Geiß und ein Stück Kartoffelland, damit mußte die Frau mit den vier +Kleinen den Sommer über auskommen und auch hier und da noch eines der +Größeren speisen, wenn es draußen keine Arbeit fand. Der Vater kam im +Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein +Häuschen und Acker waren so verschuldet, daß er das ganze Jahr über +etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten +konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel +er fand. + +So mußte die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte +keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von +der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der +verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten, +schaute sie über den Bach zu dem schmucken Häuschen der Sennerin +hinüber, dessen Scheiben in der Sonne glänzten. Dann sagte sie +ärgerlich vor sich hin: “Ja, die dort kann schon putzen und alles +sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner.” Dann ging +sie wieder ärgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurück, und an dem, +der ihr zuerst in den Weg kam, ließ sie den Ärger aus. + +Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht +ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Häuschen vom +Hälmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur ‘der +dumme This’ genannt, sah so mager und dürftig aus, daß man ihn kaum +für achtjährig gehalten hätte. Er schaute auch so scheu und +verschüchtert drein, daß niemand wußte, wie der This eigentlich aussah, +denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach. +This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum +zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel später über die Felsen +in die Tiefe gestürzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam +und den Weg abkürzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte +nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem +großen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This +hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend, +eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen +Matthis genannt. + +Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Häuschen vom +Hälmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstätte mit seinem Büblein +gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben +Ort. Das wenige Geld, das für den kleinen This von der Gemeinde +bezahlt wurde, war der Frau des Hälmli-Sepp sehr erwünscht. Und in +die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, für die +schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This +war schon von Natur aus ein schüchternes und stilles Büblein gewesen. +Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das große Unglück +gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem +Unglück wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr. + +So saß der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein +Wort zu hören, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann +seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des +Hälmli-Sepp gehörte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde +von jedem angefahren und hin und her gestoßen, weil er sich nie wehrte. +Zu all den Püffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen +dann noch die bösen Worte der Frau, wenn sie den Ärger über das +saubere Häuschen der Sennerin drüben hatte. Der This wehrte sich aber +nie, denn er hatte das Gefühl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so +nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und +verschüchtert, daß man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her +vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn +anrief. Er sah überhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch, +wo er in die Erde hineinkriechen könnte, daß ihn keiner mehr fände. + +So war es gekommen, daß die vier Großen vom Hälmli-Sepp, der Jopp, der +Hans, der Uli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: “Du +bist doch ein dummer This”, und daß es die vier Kleinen auch +nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals +dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es +werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch ‘der dumme +This’ genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten könnte, +wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kühe zu hüten, und war +er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke +oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da saß er +meistens zitternd vor Furcht, denn er hörte wohl, wie die anderen +Buben ihn mit großem Geschrei suchten, daß er bei den Spielen +mitmachte, die sie spielen wollten. + +Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prügeln, und das traf +regelmäßig den This am stärksten, da er sich nicht wehrte und auch +nicht wehren konnte gegen die viel Stärkeren. So verkroch er sich, +sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kühe, wohin sie wollten +und fraßen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann großen Ärger, und +jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kühe zu hüten, und keiner +stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld, +wenn die Buben zum Jäten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da +warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblüten an den +Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem +anderen reichlich zurück, was er empfangen hatte. Der This gab aber +nichts zurück, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen +Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen +gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten +die Knollen an den Rücken und an den Kopf. + +Während aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten, +versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den +Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit +nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller +Arbeit zu dumm und aus dem This könne nie etwas werden. Weil er nun +gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er +auch von der Frau des Hälmli-Sepp demgemäß behandelt. Wenn schon die +eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es +meistens, daß für den This gar nichts mehr übrigblieb und es dann hieß: +“Du wirst wohl etwas finden, du bist groß genug.” Wie der This +eigentlich ernährt wurde, wußte niemand, auch die Frau des Hälmli-Sepp +nicht, aber irgendwie lebte er doch immer. + +Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen +Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tür +vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in +seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich +wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer +scheuer wurde und sich immer mehr versteckte. + + + + +2. Kapitel + +Bei der Schwemmebachsennhütte + + +An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle +Mücken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hüterbuben und--mädchen. +Sie mußten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp, +von allen der Größte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle +nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, daß man jetzt zur +Schwemmebachsennhütte hinaufgehe, denn heute sei der Käsfischtag. Nun +müsse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kühe +hüten solle, während die anderen sich zu dem Festmahl begeben würden. +Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust, +sich für die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue +Uli auf den Gedanken, man könnte einmal den dummen This zwingen, auf +die Kühe acht zu geben. Und damit er’s nicht vergesse, könnte man ihn +im voraus ein wenig durchprügeln. Der Vorschlag fand Anklang, und +schon wollten mehrere von den Anführern der Schar den This holen, als +das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: “Das ist gar nichts +Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den +Lohn dafür, wenn wir wieder zurückkommen und die Kühe sich verlaufen +haben. Ihr werdet doch nicht glauben, daß der This, wenn er zu dumm +ist, zwei Kühe zu hüten, auf einmal zwanzig hüten kann. Man muß losen, +und drei müssen bei den Kühen bleiben, sonst ist’s nichts.” Lisis +Erklärung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus +der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet +der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der +siegreichen Schar den Rücken und setzte sich auf den Boden neben seine +beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stürzte nun +die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuß +entgegen. + +Der Käsfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die +es nie unterließen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen +sollte. Denn das war ein Hauptfest für sie. Das war der Tag, an dem +der Franz Anton seine frischen Käse rundum beschnitt, nachdem diese +als weiche Masse in die runde, hölzerne Form gepreßt worden waren. +Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von +der Masse herausdrängte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie +eine lange, schneeweiße Wurst. Die wurde dann in viele Stücke +gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt. +Das waren dann die sogenannten Käsfische. Dieses Fest wiederholte +sich den Sommer über alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem +Freudengeschrei begrüßt. + +This hatte sich hinter dem großen Distelbusch am Boden versteckt +gehalten, während die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton +von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hörte, +daß die große Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig +hervor. Die drei grollenden Zurückgebliebenen saßen am Boden und +kehrten ihm den Rücken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stück +die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der +Höhe hernieder. Den This erfaßte ein unwiderstehliches Verlangen, +auch an der Käsfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlüpfte er +hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er +hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem +letzten steilen Hang kam eine kleine, glänzend grüne Hochebene, da +stand die Sennhütte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der +klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tür seiner Hütte stand der +Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte über +die vielen Sprünge, die jetzt die Buben und Mädchen in ihrem Eifer, zu +dem ersehnten Genuß zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt +waren sie alle bei der Hütte und eines drängte das andere vorwärts, um +noch näher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen würde. + +“Nur zahm, nur zahm”, lachte jetzt der Franz Anton. “Wenn ihr alle in +die Hütte hineindrängt, so habe ich keinen Platz mehr zum +Käseschneiden und ihr habt den Schaden.” Jetzt nahm er sein festes +Messer zur Hand und trat an den großen, runden Käse heran, den er +schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden +ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweißen +Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stück und da ein +Stück, oft über die Köpfe der Großen weg den Kleinen, die nicht zu ihm +vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner +Teilung. + +This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen +wollte, so bekam er da einen Stoß und dort einen und flog so von einer +Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer +wieder ein Größerer und Dickerer sich vor ihn drängte. Zuletzt bekam +er einen so ungeheuren Stoß von dem breiten, nach allen Seiten +schlagenden Jopp, daß er sich fast überschlagen hätte. Die Teilung +war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, daß er zu keinem +Stückchen Käsfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine +Schläge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die +jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den +Bäumchen. Auf der höchsten Krone des einen saß ein lustiger, kleiner +Vogel und pfiff so fröhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als +gäbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und +Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, daß er fast das +Leid vergaß, das ihm eben geschehen war. + +Von Zeit zu Zeit mußte er nach der Sennhütte hinüberschauen, denn das +Lärmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stück Käsfisch +wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie +jedes Kind mit einem größeren oder kleineren Brocken der schönen, +weißen Masse dastand und mit Wonne hineinbiß. Er seufzte dann ein +wenig und sagte leise: “Wenn ich nur auch einmal ein einziges +Stücklein bekäme!” Der This hatte niemals von den herrlichen, weißen +Käsfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie +heute in die Schar der Glücklichen einzudringen. Jetzt hatte er +gesehen, daß es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut +zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlußgedanken, daß er +sein Leben lang nie einen Käsfisch bekommen werde. Darüber wurde er +so traurig, daß er nicht einmal den Vogel mehr hörte und ganz +zusammengeduckt unter den Tannenbäumen saß. + +Jetzt war das Gastmahl bei der Hütte zu Ende und mit schrecklichem +Lärm stürzten die Kinder daher, womöglich immer einer über den anderen +hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall +brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der +lärmende Hans, und laut schrie er in das Gebüsch hinein: “Du Maulwurf, +komm heraus, du mußt mitmachen!” This verstand, was er mitzumachen +hatte. Er mußte sich als Bock hinstellen, damit die anderen über ihn +springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wäre +viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wußte wohl, +was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er +gehorsam heran. “Wie viele Käsfische hast du bekommen?” schrie ihn +jetzt der Hans an. + +“Keinen”, gab This zurück. “Oho, seht einmal den an”, schrie der Hans +noch lauter in die Schar hinein, “der läuft schnell zu den Käsfischen, +und dann läuft er wieder fort und hat keinen gesehen.” “Du dummer +This”, rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die großen +Buben über den Kopf weg, so daß er genug zu tun hatte, nur immer +wieder auf die Füße zu kommen, wenn er umgeworfen worden war. +Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestürzter die Abhänge +hinunter, bis ein glücklicher Zufall sie wieder alle auf die Füße +brachte. Nach dieser stürmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen +gleich alle auseinander, jeder seinen Kühen nach. + +Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn +jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den +Zurückgebliebenen, weil er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem +Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben +und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im +Berghang, wo im Frühling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und +den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und +ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schöne, dunkelrote +Erdbeeren in der Sonne, die so schön warm in die Vertiefung schien. +Aber dem This war es überall angst und bang, wenn er noch in der Nähe +der Häuser und der Hüterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden +Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der +This zuckte scheu und ängstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer +dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch +einmal an das stille Plätzchen unter den kleinen Tannenbäumchen dort +oben und an das pfeifende Vögelein, so daß es ihn mit Gewalt vom Boden +zog. Er mußte noch einmal dorthin. + +Mit allen Kräften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht +einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die +Tannenbäumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein +Tannenversteck ein wenig offen. Da saß nun der This in völliger +Sicherheit. Ringsum war eine große Stille, kein Ton drang von unten +her bis hier auf die einsame Höhe, nur das Vögelein saß noch auf +seinem Tannenast und pfiff sein fröhliches Lied. Die Sonne wollte +untergehen. Die hohen Schneeberge drüben fingen zu flimmern und zu +glühen an, und über die ganze grüne Alm hin lag das golden schimmernde +Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie +gekanntes Wohlsein kam über ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und +Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fürchten, denn weit und +breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hören. + +So saß der This eine lange Zeit, und am liebsten wäre er gar nicht +mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben +gewesen. Aber da hörte er schwere Tritte hinter sich von der Hütte +her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiß +wollte er zum Bach hinüber, um Wasser zu holen. This verhielt sich +mäuschenstill. Denn er war so daran gewöhnt, daß er von jedermann +angefahren oder ausgelacht wurde, daß er dachte, der Senn werde es +gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die +Bäumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton +wurde aufmerksam, trat näher und guckte in den Tannenbusch hinein. + +“Was machst du denn da drinnen?” fragte der Senn mit lustigem Gesicht. + +“Nichts”, erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd. + +“Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fürchten, wenn du nichts +Böses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa +mit deinen Käsfischen da hineingeflüchtet, daß du sie in Ruhe +verzehren kannst?” + +“Nein, ich habe keine Käsfische gehabt”, sagte This ängstlich. + +“Nicht? Und warum denn nicht?” fragte der Senn in einer Weise, wie +sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem +Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem +Menschen. + +“Sie haben mich auf die Seite gestoßen”, erwiderte er nun und stand +hinter den buschigen Zweigen auf. + +“So, jetzt kann man dich doch sehen”, fuhr der Senn freundlich fort, +“komm noch ein wenig näher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn +sie dich wegstoßen? Es stößt ja immer einer den anderen, aber zuletzt +kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?” + +“Sie sind stärker”, sagte der This so überzeugend, daß diese Erklärung +wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den +Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, großen Franz Anton wie +ein dünnes Stöcklein vor einer hohen Tanne. Der kräftige Mann +betrachtete einen Augenblick das schmale Figürchen, an dem tatsächlich +fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht +schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf. + +“Wem gehörst du?” fragte er jetzt den Buben. + +“Niemand”, gab This zur Antwort. + +“Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?” + +“Beim Hälmli-Sepp.” + +Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. “Ach so, bist du der!” +sagte er verständnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar +nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehört, ihn aber nicht +gekannt. + +“Komm einmal mit mir”, sagte er mitleidig. “Wenn du beim Hälmli-Sepp +bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hälmlein. +Komm, Käsfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes.” + +Der This wußte gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz +Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und +das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Hütte, holte +hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein großes +Stück ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfaß, das goldig glänzend +in der Ecke stand, und holte ein großes Stück Butter heraus. Das +strich er über die Brotschnitte und reichte nun das feste Stück mit +der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte +der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es +nicht möglich, daß es ihm gehöre. + +“Komm heraus. Iß es vor der Hütte, ich muß nun zum Wasser”, sagte +Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glück und +Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte. +Vor der Hütte setzte er sich auf den Boden. Und während der Senn zum +Schwemmebach hinüberging, biß er in sein Butterbrot hinein und biß +immer wieder und konnte nicht begreifen, daß es etwas so Gutes gäbe +und er es bekommen hätte. + +Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und +wiegte unten die Tannenbäumchen hin und her, und der kleine Vogel saß +immer noch auf dem höchsten Zweig und sang hell und fröhlich in den +goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie +gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er müsse laut mit dem Vogel zu +singen anfangen. + +Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her +gegangen. Drüben beim Schwemmebach war er immer eine Weile +stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr +rot vom Abendschein, aber jetzt stieg groß und golden der volle Mond +hinter dem weißen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Hütte +zurück und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle +saß. + +“So gefällt’s dir hier?” fragte er freundlich. “Mit dem Abendessen +bist du fertig, wie ich sehe. Du mußt dich auf den Rückweg machen. +Sieh, wie schön dir der Mond heimleuchtet!” + +Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel +ihm ein, daß es wohl nötig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem +Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den +Tannenbäumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurück. Er schaute noch +einmal zurück, und da der Senn in die Hütte getreten war und ihn nicht +mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz +Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Güte +und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen +Eindruck gemacht, daß er nicht fort konnte. Er mußte noch ein wenig +in der Nähe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen +unter den Bäumchen und spähte zu der Hütte hinauf, ob er den Senn +nicht noch einmal sähe. Es dauerte einige Zeit, da plötzlich trat +Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Hütte heraus. + +Er blieb vor der Tür stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die +stille Bergwelt hinaus, wo jetzt über alle hohen Schneegipfel hin das +milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt +der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen +Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hände. Er hielt wohl still +seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: “Gute Nacht +geb euch Gott!” trat in die Hütte zurück und machte die Tür zu. Sein +Nachtgruß hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum +und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller +Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fühlte Liebe und +Bewunderung für den Senn, Gefühle, die er bisher nicht gekannt hatte. + +Als es nun ganz dunkel und still in der Hütte wurde, stand der This +auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter. + +Es war spät und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich, +die Tür war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Häuschen und +schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser +schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: “Es +ist bequem, daß der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden. +So hat man doch Platz!” + +This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er +immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit +gefalteten Händen vor seiner Hütte stand. Zum erstenmal in seinem +Leben schlief der This mit einem glücklichen Herzen ein. + + + + +3. Kapitel + +Ein hilfreicher Engel + + +Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten, +mußten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges +gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr +Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze +Schar den Berghang herunter, und bald saßen sie alle mit anderen +Kindern so ruhig wie möglich auf den langen Bänken, und der Herr +Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von +einem zukünftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den +This fiel, fuhr er fort: “Ich will dich auch einmal wieder etwas +fragen, das wirst du wohl beantworten können, wenn man dir auch nicht +viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Ärmsten +und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben geführt hat, so +wohl werden, daß er kein Leid verspürt?” + +“Bei der Schwemmebachsennhütte”, antwortete der This ohne Zögern. +Jetzt entstand ein solches Kichern, daß der This ganz scheu um sich +schaute. Ringsum waren spöttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle +Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich +so stark vornüber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem, +was der Herr Pfarrer das letztemal erklärte, hatte er nichts gehört, +weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mußte. Jetzt hatte +er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet. + +Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, daß es dem +This gar nicht zum Lachen war, sondern daß er vor Scheu ganz +erschrocken und zusammengeduckt dasaß, da schüttelte der Herr Pfarrer +nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: “Es ist nichts mit ihm zu +machen.” + +Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stürzte die ganze Schar +hinter dem This her, alle lachten überlaut und schrien durcheinander: +“This, sind dir auf einmal in der Kirche die Käsfische in den Sinn +gekommen?” + +“This, warum hast du nicht auch etwas von den Käsfischen gesagt?” Der +This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem +Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben +wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den +schönen Sonntagabend unten im Dorf genießen. + +Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt +einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhütte +hinaufflüchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen. +Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plätzchen sitzen und +vor Verfolgung sicher sein. Nun saß er wieder unter den Tannen und +über ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der +Sonne, und über den grünen Hängen floß da und dort ein klares Bächlein +friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, daß er allen +Spott vergaß und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr +weggehen zu müssen. + +Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er +beständig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie möglich +nieder. Denn er hatte das Gefühl, wenn der Franz Anton ihn wieder +hier sehe, so könnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein +Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und +einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und +in dessen Nähe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst +nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und +This saß an seinem schönen Plätzchen, bis die Sterne am Himmel standen +und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Hütte hinaustrat und +ausrief: “Gute Nacht geb euch Gott!” Dann erst lief der This wieder +davon, und spät wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht +hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber +das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefühlt +dort oben. + +So ging es eine ganze Woche. Tag für Tag, sobald er einen Augenblick +fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm +hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete +er die ganze Tätigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und +nie verließ er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton +gesagt hatte: “Gute Nacht geb euch Gott!” Es war ihm jetzt immer, als +sei der Nachtsegen auch für ihn gedacht. + +Es waren ausnahmsweise heiße Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg +jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend +niedergegangen war. Das Futter war besonders kräftig, und Franz Anton +bekam so schöne, fette Milch von den Alpenkühen, daß er die +prächtigsten Käse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude, +und schon frühmorgens konnte man ihn voller Vergnügen in seiner +Sennhütte pfeifen hören, so auch am Samstag dieser Woche. Da hörte +man ihn noch viel früher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem +der Senn seine drei oder vier fertigen Käse an den See hinunterbrachte. +Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie +auf seinem Rücken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwärts, +den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rücken. Es +war der heißeste Tag des ganzen Sommers. + +Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die übermäßige +Hitze, und oft sagte er zu sich: “O wie will ich froh sein, heute +abend wieder zu meiner Hütte hinauf in die kühle Luft zu kommen, hier +unten ist’s wie in einem Backofen.” Jetzt war er unten angelangt, +gerade als das Schiff herankam, das die Käse mitnehmen sollte. Bald +war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlüssig +da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten +etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fühlte keinen Appetit, sein Kopf +war schwer und heiß, er wünschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn +jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim +Einladen geholfen hatte. “Komm, Franz Anton, heute ist’s heiß, wir +wollen ein Glas Wein im Schatten trinken”, sagte er und zog den Senn +zu dem Wirtshaus. + +Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im +Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber +stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in +der schweren, heißen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht +an den Wein gewöhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit großen +Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in +seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiß auf +seinen Kopf, alle seine Pulse hämmerten, die Füße wurden ihm so schwer, +daß er sie nur mit Mühe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je +größer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der +Aussicht an, daß nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt +nur noch eine Viertelstunde heißer Mühe vor ihm liege. Dann würde er +oben sein und könne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen. + +Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne +brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Plötzlich wurde es ihm völlig +schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stürzte er auf den +Boden nieder. Er hatte das Bewußtsein verloren. + +Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er, +daß der Franz Anton noch nicht zurückgekehrt war. Er stellte seine +Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem +Senn auszuschauen. + +Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz +Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte +er an seinem verborgenen Plätzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt, +den der Senn tat. Er wußte, wie eine Beschäftigung auf die andere +folgte, so daß er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der +Franz Anton seine Milch stehen ließ. Sonst goß er sie immer gleich in +die verschiedenen Gefäße. Die eine kam zum Buttern in die großen, +runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schön dick obenauf +lag. Die andere wurde in den Käsekessel gegossen, das hatte der This +durch die offene Hüttentür alles genau beobachten können. Der Senn +kam immer noch nicht. Der Junge fühlte, daß irgend etwas geschehen +sein mußte. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging +zur Sennhütte. Da war es still und leer unten im Hüttenraum und oben +auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut +war zu hören, alles wie ausgestorben. Ängstlich lief der This +jetzt um die Hütte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann +in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten +erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da +lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stöhnte und lechzte wie +ein Sterbender. Er sah glühend heiß aus, und seine Lippen waren ganz +vertrocknet. + +Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor +Schrecken, auf seinen Wohltäter. Dann stürzte er in schnellem Lauf +den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewußtlos am +Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt +an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem +brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bücken +und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er für einen Augenblick, +denn es war nur ein Fiebertraum gewesen. + +Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rühren. +Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das +Bewußtsein wieder, und er träumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er +heute früh im Vorübergehen noch die schönen Erdbeeren gesehen hatte. +Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die +Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber +jetzt hatte er plötzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte +sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der +Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlürfte und +schluckte, es war ein unsägliches Labsal. Er erwachte. War das alles +Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und +steckte ihm wieder eine große saftige Erdbeere in den Mund. + +“O du guter Engel, noch eine”, sagte leise der Franz Anton. Aber +nicht nur eine, fünf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf +einmal flog ein stechender Schmerz über sein Gesicht. Er legte die +Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: “Wasser”, dann war +ihm das Bewußtsein wieder völlig entschwunden. Er konnte nicht einmal +mehr die letzte Erdbeere genießen. Jetzt träumte er ganz schreckliche +Dinge. Sein Kopf wurde so groß wie sein allergrößtes Butterfaß und +dann immer noch größer und so furchtbar schwer, daß er mit Schrecken +dachte: “Den kannst du nie mehr allein tragen, man muß starke, +hölzerne Stützen unterstellen, wie unter die Apfelbäume, wenn sie +zuviel Äpfel tragen.” Und jetzt fühlte er deutlich, daß der Kopf ganz +voll Schießpulver war, das hatte einer von hinten angezündet. Nun +brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mußte alles +zerspringen. Aber dann kam plötzlich ganz kalt und belebend der +Schwemmebach über seine Stirn, über das ganze Gesicht und in den Mund +hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte. + +Es war wahr, eiskalt kam ein Guß nach dem anderen auf Stirn und +Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den +kühlenden Trank ein. Über ihm standen die funkelnden Sterne, das +sah der Franz Anton deutlich. Er wußte auch, daß er noch am Boden lag +draußen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der +Schwemmebach sein, was so über ihn floß und ihn so ordentlich trinken +ließ. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend, +so erlösend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer. +Voller Dank sagte er nur halblaut: “Ach, lieber Gott, wie danke ich +dir für deine Güte und die hilfreichen Engel!” + +Das erquickende Wasserbad hörte nicht auf, und zuletzt fühlte der +Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schützend und +wohltuend, daß er sagte: “Da kann kein Feuer mehr durch.” Und beruhigt +schlief er jetzt ganz sanft ein und träumte nicht mehr. + + + + +4. Kapitel + +Was die Sennenmutter haben will + + +Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz +Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er +schauderte ein wenig zusammen, es fröstelte ihn. Er wollte sich +aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand +an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht. +Wohl sechsfach zusammengelegt lag naß und schwer das große Handtuch +aus der Sennhütte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der +frische Morgenwind über die Stirn blies, fühlte er sich so wohlig und +erleichtert, daß er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da +sah er auf einmal in zwei große, ernsthafte Augen hinein, die +unverwandt auf ihn gerichtet waren. + +“Bist du das, This?” fragte er verwundert, “Wie kommst du so früh auf +die Alm? Nun, weil du da bist, komm, daß ich mich ein wenig auf deine +Schulter stützen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf.” + +Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er +stemmte mit aller Gewalt seine beiden Füße in den Boden hinein, so daß +der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte. +Während des langsamen Aufstiegs zur Hütte, als er sich immer noch auf +die Schulter des Buben stützte, fing er an, sich daran zu erinnern, +was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgänge der +Nacht völlig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur +helfen. In der Hütte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner +dreibeinigen Stühle und sagte: “This, hol dir den anderen und setz +dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir +wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt +noch nicht machen. Ein Schüsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist +es denn hingekommen?” unterbrach sich der Senn, “ich stelle es +regelmäßig dort hinauf. Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht seit +gestern.” + +Der This war feuerrot geworden, er wußte wohl, wer das Schüsselchen +heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: “Dort steht’s am +Boden”, holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides +dem Senn. Dieser schüttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er +lebte, hatte er noch nie sein Schüsselchen dort bei der Tür auf den +Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine +Milch, füllte dann das Schüsselchen wieder und sagte: “Da, This, trink +auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, daß du so früh hinauf +kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Käsfischtag und du seist dann +sicher der erste?” + +“Nein, gewiß nicht”, versicherte This. + +“Sag mir jetzt etwas”, fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal +unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder +zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. “Sag mir, This, habe ich +denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute früh +heraufkamst?” + +Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn +alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht +recht, und er könnte böse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm +jetzt so tief in die Augen, daß er alles sagen mußte: “Ich habe es +selbst darauf gelegt”, fing er zaghaft an. + +“Warum denn, This?” fragte der Senn verwundert. + +“Weil sie so heiß waren”, erwiderte This. + +Der Senn staunte immer mehr. “Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang +erwacht”, sagte er. “Wann bist du denn heraufgekommen?” + +“Gestern um fünf, oder um vier Uhr”, stotterte der This furchtsam, +“der Melker kam erst lange nachher.” + +“Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn +gewollt und gemacht?” + +Jetzt sah der Franz Anton, daß dem This ganz bange wurde, ihm selber +aber fielen nun wieder die Vorgänge der letzten Nacht ein. Ganz +väterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd: +“Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fürchten, This. Da, trink noch +eins aus, und dann sag mir alles, was du weißt, von da an, als du hier +heraufgekommen bist.” Auf diese Ermunterung hin faßte der This neuen +Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zügen aus, denn sie schmeckte +herrlich. + +Dann fing er an zu berichten: “Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier +herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Käsfische. +Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie +nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden +gefunden, und Sie sind ganz rot und heiß gewesen und haben Durst +gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe +alle großen Erdbeeren gepflückt, die noch da waren, und habe sie Ihnen +gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf +den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Hütte +das Schüsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach +habe ich ihn gefüllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schüsselchen das +Wasser über den Kopf geschüttet und auch zu trinken gegeben, denn sie +haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin +ich zum Bach hinüber und habe ihn wieder gefüllt. Aber weil das +Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes +Tuch wurde den Kopf besser kühlen. Und so habe ich das Tuch aus der +Hütte geholt und es ganz naß auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann +trocken und heiß wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und +es dann wieder naß auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann +erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht +etwa krank werden.” + +Der Senn hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Jetzt stand alles +deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wußte auch +wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren +als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespürt und +genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und +verwundert an, als hätte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen +solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn möglich, daß +dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben +gerettet hatte. + +Hätte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelöscht, wer weiß, +was bis zum Morgen daraus geworden wäre! Und wie konnte dieser This, +dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung +fähig sein, daß er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn +pflegte! Dem großen, starken Franz Anton kamen die Tränen in die +Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles +überdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: “Wir +wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das +vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die +Glieder so, daß ich mich jetzt niederlegen muß. Geh du nun hinunter +zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir +nicht ganz wohl. Du mußt dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe +noch viel mit dir zu reden heute, vergiß es nicht!” + +Solange er lebte, war der This noch nie so glücklich gewesen. Er lief +springend den Berg hinunter, als könne er nicht hoch genug aufspringen +vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen, +und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in +die Sennhütte eintreten. Außerdem hatte der Franz Anton ihm noch +gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser +Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der +Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Häuschen +mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im +Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der +Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen, +denn er war ganz atemlos vom Laufen. + +“Woher kommst denn du?” fragte die sonntäglich gekleidete Frau, die +nicht gern etwas Unordentliches sah. Mißbilligend musterte sie den +Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntäglichen Anblick +in seinen zerfetzten Alltagshöschen und dem schmutzigen Hemdlein. +“Ich meine, ich habe dich schon dort drüben über dem Bach gesehen, du +bist wohl einer vom Hälmli-Sepp?” + +“Nein, nur der This”, erwiderte der Bub ganz demütig. + +Jetzt fiel der Frau ein, daß die Frau des Hälmli-Sepp einen +einfältigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts +zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. “Und was willst du +denn bei mir?” fragte sie nun erst recht verwundert. + +Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag +klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der +kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und daß er nach ihr schickte +und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes +Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in großer +Sorge das Nötigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem großen +Korb am Arm heraus. + +“Komm”, sagte sie zu This, “wir wollen gleich gehn. Warum mußt du +wieder mit?” + +“Ich weiß nicht”, antwortete er. Und fast als wäre es etwas Böses, +setzte er leise hinzu: “Muß ich nicht den Korb tragen?” + +“So, jetzt verstehe ich’s”, sagte die Frau, “der Franz Anton hat daran +gedacht, daß ich allerhand mitbringen will.” Sie gab dem This den Korb. +Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief +in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer +Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die +Krankheit gefährlich sein? Ihre Angst wurde immer größer, je näher +sie der Sennhütte kamen. Jetzt waren sie oben--nur noch einige +Schritte--der bekümmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast +nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie +schaute überall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn +tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem +Herzen stieg sie die Leiter hinauf. + +Der This blieb ehrerbietig draußen vor der Tür stehen, nur den Korb +schob er in die Hütte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll +über ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte +ihr fröhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter: +“Grüß dich Gott, Mutter! Das freut mich, daß du da bist. Ich habe +aber geschlafen wie ein Bär, die ganze Zeit, seit der This fortging.” +Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie +wußte gar nicht, was sie denken sollte. “Franz Anton”, sagte sie +jetzt ernsthaft, “was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weißt du, +daß du mich hast holen lassen?” + +“Ja, ja, Mutter”, lachte jetzt der Franz Anton, “jetzt bin ich ganz +bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir +noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir +reden. Ich fühl’s auch jetzt noch in den Knien zittern, ich käme noch +nicht weit.” + +“Aber was ist’s denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir’s doch”, +drängte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn. + +“Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen”, +sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. “Sieh einmal +zuerst dort unten das schmale, magere Büblein an, das kein gutes Stück +Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder +nur den dummen This nennt.” + +Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn +hinaufspähte, ob er etwa wieder umfallen wolle. + +“Und jetzt?” fragte die Mutter gespannt. + +“Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Büblein nicht +gewesen wäre, so läge ich jetzt noch draußen auf dem Boden in einem +tödlichen Fieber, oder vielleicht wäre es auch schon vorbei mit mir.” +Und jetzt erzählte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag +zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen +und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch +auf der Welt es nicht besser hätte tun können. + +Die Mutter mußte sich mehrmals die Tränen abwischen. Sie stellte sich +vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da +draußen gelegen hätte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden +wäre, und kein Mensch hätte etwas von ihm gewußt. Und jetzt stieg ein +Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, daß sie laut ausrufen mußte: +“Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!” Aber auch eine solche +Liebe zu dem armen This überkam sie, daß sie ganz eifrig sagte: “Franz +Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hälmli-Sepp zurück! +Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat +sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen +mache ich ihm ein Gewand, daß man ihn ansehen darf. Er muß es nicht +schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir +geholfen hat.” + +“Das ist nun gerade, was ich wünschte, Mutter, aber ich mußte doch +zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben +und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein könnte. Es geht +nichts über eine Mutter!” Und der Franz Anton schaute sie so voller +Glück und Liebe an, daß es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich +dachte: Es geht auch nichts über einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte +sie: “Jetzt mußt du etwas essen, Franz Anton, daß du wieder zu Kräften +kommst. Ich habe frische Eier und ein Weißbrot mitgenommen, und jetzt +will ich Feuer machen, laß dir Zeit zum Herunterkommen.” Das mußte der +Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging. +Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er +sich selbst niedergesetzt hatte. + +“This”, sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend, +“willst du ein Senn werden?” + +Der This fing an zu lächeln, aber dann hörte er plötzlich die +vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen +hatte: “Aus dem wird nie etwas,”, “der kann nichts”, “der wird nichts”. +Und schüchtern antwortete er. “Ich kann nichts werden.” + +“This, ein Senn wirst du”, sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit. +“Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun +bleibst du bei mir und trägst Milch und Wasser und hilfst mir bei +allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Käse macht und sobald +du groß genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein +Gehilfe.” + +“Hier in der Schwemmebachsennhütte?” fragte This, dem die Aussicht auf +diese Glückseligkeit ganz unfaßbar war. + +“Alles hier, in der Schwemmebachsennhütte”, bestätigte der Franz Anton. + +Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden +Glücks, daß der Senn ihn nur ansehen mußte. Der Bub war wie +verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den großen +Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie +streichelte den Buben und sagte: “Ja, Thisli, heute wollen wir +miteinander fröhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen +wir dem lieben Gott dafür danken, daß er dich gerade zur rechten Zeit +in die Nähe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch +begreift, warum du da heraufgekommen bist.” + +Jetzt begann das fröhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben +hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen. +Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weißbrot hingelegt +und daneben Butter und weißen Käse. Und mitten auf dem Tisch stand +eine große Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die +Mutter große, dicke Stücke vor den This hin, und wenn er fertig war, +gab es gleich noch einmal so viel. + +Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie: +“Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muß bei dir oben +bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es +nötig ist. Der Frau des Hälmli-Sepp will ich schon alles berichten.” + +Das war dem Sennen recht, und für den This war es das höchste Glück, +das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton. +Nicht mehr verborgen unter den Tannenbäumchen hörte er heute den +Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als +dieser seine Hände faltete und sagte: “Komm, This, nun beten wir den +Abendsegen.” Andächtig faltete auch er seine Hände, und als am Schluß +der Senn sagte: “Gute Nacht geb euch Gott!”, da war das Glück im +Herzen des This so groß, daß er gern überlaut allen Menschen auf der +ganzen Welt sagen wollte: ‘Gute Nacht geb euch Gott!’ + +Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinüber zu der Frau des +Hälmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und +gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzählten. +Die Sennin hörte, daß von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der +Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hälmli-Sepp erklärte, +daß sie mit ihrem Sohn übereingekommen sei, sie wollten den This bei +sich annehmen, da machte die Frau einen großen Lärm. Sie sagte, sie +sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien für +den Senn eine größere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien +alle aus vollen Hälsen: “Mich! Mich! Mich!” Denn sie wußten wohl, +wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhütte für gute +Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts. + +Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn +schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen +This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das +Hänseln und Verspotten unterlassen, sonst hätten sie es mit ihrem Sohn +zu tun. Der rede dann mit seinen kräftigen Armen eine deutlichere +Sprache mit den Buben, als sie es jetzt könnte. Dann verließ die +Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblüfft nachschauten, +und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wäre, +der wird’s gut haben, wie ein König wird er da oben in seiner +Sennhütte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen ließ, +liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund +sein. Denn sie mußten alle an den letzten Käsfischtag denken, als der +This so übel behandelt worden war. Von nun an würde er ja gewiß alle +Käsfische allein bekommen, da wäre doch jeder gut daran, der sein +Freund wäre. Und später waren sie auch alle gut daran, denn dem This +machte es die größte Freude, die reiche Ernte der Käsfische unter +allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darüber +wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie +mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte +sich zur Überraschung aller, daß er auf einmal ein ganz flinkes, +geschicktes Bürschchen war, von dem jeder sagen mußte: “Entweder ist +das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den +dummen This zu nennen.” Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit, +sein liebster Schüler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei +allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die +anderen Buben könnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 9859 *** diff --git a/9859-h/9859-h.htm b/9859-h/9859-h.htm new file mode 100644 index 0000000..35961d8 --- /dev/null +++ b/9859-h/9859-h.htm @@ -0,0 +1,1158 @@ +<!DOCTYPE html> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Vom This, Der Doch Etwas Wird | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> /* <![CDATA[ */ + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + + h1,h2,h3,h4,h5,h6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; +} + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; + text-indent: 1em; +} + +.p2 {margin-top: 2em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both; +} + +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } + +div.chapter {page-break-before: always;} +h2.nobreak {page-break-before: avoid;} + +.center {text-align: center; text-indent: 0em;} + +.big {font-size: 1.2em;} +.small {font-size: 0.8em;} + +abbr[title] { + text-decoration: none; +} + + /* ]]> */ </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 9859 ***</div> + + + +<h1>Vom This, der doch etwas wird</h1> + +<p class="center p2">Erzählung</p> + +<p class="center big">Johanna Spyri</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="1_Kapitel">1. Kapitel<br><span class="small">Alle gegen einen</span></h2> +</div> + + + +<p>Wenn man den Seelisberg von der Rückseite her besteigt, kommt man auf +eine frische, grüne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die +friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem +schönen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenährten Kühe +ziehen lieblich läutend immer hin und her. Denn jede trägt am Hals +ihre Glocke, damit man immer hört, wo sie ist. So kann sich keine Kuh +unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Sträuchern bedeckte Felswand +liegt, über die sie hinunterstürzen könnte. Es ist außerdem ein +ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben können. Aber die +Glocken sind doch notwendig und tönen so freundlich hin und her, daß +keiner sie entbehren möchte. Am Bergabhang stehen hie und da +vereinzelt die kleinen, hölzernen Häuser, und nicht selten rauscht +daneben ein schäumender Bach ins Tal hinab. ‘Am Berghang’ heißt es +hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Häuschen steht auf +ebenem Boden. Es ist, als wären sie irgendwie an den Berg hingeworfen +worden und da hängengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da +oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie +alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der +kleinen, hölzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt +in ihre Nähe, so sieht man, daß ein großer Unterschied zwischen ihnen +ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nähe ganz +verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen +ihnen stürzt der größte Bergbach der Gegend, der schäumende +Schwemmebach, hinunter.</p> + +<p>Am ersten Häuschen blieben auch an den schönsten Sommertagen alle die +kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die +hineindrang, kam durch die Löcher der zerbrochenen Scheiben. Das war +aber nicht viel, denn die Löcher waren wieder mit Papier verklebt, +damit man im Winter drinnen nicht frieren mußte. An dem hölzernen +Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war +so zerfallen, daß es ein Wunder war, daß alle die kleinen Kinder, die +da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie +hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder +waren alle mit Schmutz überdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen +Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag über da +herum, und am Abend kamen vier größere Kinder dazu. Drei kräftige +Buben und ein Mädchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich +aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie +konnten sich doch schon selbst waschen.</p> + +<p>Das Häuschen über dem Bach drüben hatte einen ganz anderen Charakter. +Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeräumt +aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drüben. Die +Stufen sahen immer so aus, als wären sie eben gescheuert worden. Und +oben auf der Galerie standen drei schöne Nelkenstöcke und dufteten den +ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen +Fenstern stand offen und ließ die schöne, sonnige Bergluft herein. +Dort konnte man meistens eine noch kräftig aussehende Frau sitzen +sehen, mit schönem, weißem Haar, das sie sehr ordentlich unter das +schwarze Häubchen zurückgestrichen hatte. Sie flickte gewöhnlich an +einem Männerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber +gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so +adrett und reinlich aus, als wäre noch nie etwas Unsauberes an sie +herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des +fröhlichen Franz Anton mit den kräftigen Armen. Der machte den Sommer +über in der oberen Sennhütte seine Käse, und erst im Spätherbst zog er +wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn +dann butterte er in der unteren Sennhütte, die ganz nahe lag. Da über +den reißenden Schwemmebach kein Steg führte, waren die zwei Häuschen +ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg +wohnten, besser, als diese Nachbarn über dem Bach, zu denen sie nur +etwa einmal am Tag stumm hinüberschaute. Gewöhnlich schüttelte sie +dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter +und schmutzigen Fetzen drüben an den Kindern sah. Sie schaute aber +nicht oft hinüber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber +betrachtete sie, wenn das Feierabendstündchen kam, ihre roten Nelken +auf der Galerie oder sie schaute über den grünen, sonnigen Abhang +hinunter, der vor ihrem Häuschen zum Tal hinabstieg.</p> + +<p>Die verwilderten Kinder über dem Bach gehörten dem Hälmli-Sepp, wie er +genannt wurde, der seine Arbeit außer Haus beim Holzfällen oder +Heumachen suchte. Außerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So +war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die +Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele +kleine Kinder könne man nicht in Ordnung halten, und später würde es +dann von selbst besser. So ließ sie alles gehn, wie es ging. Und in +der schönen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und +ließen sich’s, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl +sein. Zur Sommerzeit waren die vier Größeren den ganzen Tag draußen, +um die Kühe zu hüten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen, +wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten +bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kühe auf das +umliegende Weideland hinaus und mußten sie hüten lassen. Das ist +immer eine lustige Zeit für die Buben und Mädchen, die sich dort zu +jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei fröhliche Sachen +miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten +im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere +Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer +über ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstück nach Hause, +das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier +Kleinen zu ernähren und für alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn +diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mußte doch jedes haben +und die vier Großen noch ein Stück dazu. Eine Kuh hatte der +Hälmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaßen, +wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.</p> + +<p>Hälmli-Sepp hieß der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum +nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine +Geiß und ein Stück Kartoffelland, damit mußte die Frau mit den vier +Kleinen den Sommer über auskommen und auch hier und da noch eines der +Größeren speisen, wenn es draußen keine Arbeit fand. Der Vater kam im +Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein +Häuschen und Acker waren so verschuldet, daß er das ganze Jahr über +etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten +konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel +er fand.</p> + +<p>So mußte die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte +keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von +der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der +verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten, +schaute sie über den Bach zu dem schmucken Häuschen der Sennerin +hinüber, dessen Scheiben in der Sonne glänzten. Dann sagte sie +ärgerlich vor sich hin: “Ja, die dort kann schon putzen und alles +sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner.” Dann ging +sie wieder ärgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurück, und an dem, +der ihr zuerst in den Weg kam, ließ sie den Ärger aus.</p> + +<p>Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht +ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Häuschen vom +Hälmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur ‘der +dumme This’ genannt, sah so mager und dürftig aus, daß man ihn kaum +für achtjährig gehalten hätte. Er schaute auch so scheu und +verschüchtert drein, daß niemand wußte, wie der This eigentlich aussah, +denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach. +This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum +zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel später über die Felsen +in die Tiefe gestürzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam +und den Weg abkürzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte +nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem +großen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This +hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend, +eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen +Matthis genannt.</p> + +<p>Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Häuschen vom +Hälmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstätte mit seinem Büblein +gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben +Ort. Das wenige Geld, das für den kleinen This von der Gemeinde +bezahlt wurde, war der Frau des Hälmli-Sepp sehr erwünscht. Und in +die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, für die +schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This +war schon von Natur aus ein schüchternes und stilles Büblein gewesen. +Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das große Unglück +gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem +Unglück wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.</p> + +<p>So saß der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein +Wort zu hören, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann +seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des +Hälmli-Sepp gehörte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde +von jedem angefahren und hin und her gestoßen, weil er sich nie wehrte. +Zu all den Püffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen +dann noch die bösen Worte der Frau, wenn sie den Ärger über das +saubere Häuschen der Sennerin drüben hatte. Der This wehrte sich aber +nie, denn er hatte das Gefühl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so +nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und +verschüchtert, daß man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her +vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn +anrief. Er sah überhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch, +wo er in die Erde hineinkriechen könnte, daß ihn keiner mehr fände.</p> + +<p>So war es gekommen, daß die vier Großen vom Hälmli-Sepp, der Jopp, der +Hans, der Uli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: “Du +bist doch ein dummer This”, und daß es die vier Kleinen auch +nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals +dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es +werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch ‘der dumme +This’ genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten könnte, +wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kühe zu hüten, und war +er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke +oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da saß er +meistens zitternd vor Furcht, denn er hörte wohl, wie die anderen +Buben ihn mit großem Geschrei suchten, daß er bei den Spielen +mitmachte, die sie spielen wollten.</p> + +<p>Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prügeln, und das traf +regelmäßig den This am stärksten, da er sich nicht wehrte und auch +nicht wehren konnte gegen die viel Stärkeren. So verkroch er sich, +sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kühe, wohin sie wollten +und fraßen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann großen Ärger, und +jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kühe zu hüten, und keiner +stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld, +wenn die Buben zum Jäten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da +warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblüten an den +Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem +anderen reichlich zurück, was er empfangen hatte. Der This gab aber +nichts zurück, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen +Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen +gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten +die Knollen an den Rücken und an den Kopf.</p> + +<p>Während aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten, +versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den +Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit +nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller +Arbeit zu dumm und aus dem This könne nie etwas werden. Weil er nun +gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er +auch von der Frau des Hälmli-Sepp demgemäß behandelt. Wenn schon die +eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es +meistens, daß für den This gar nichts mehr übrigblieb und es dann hieß: +“Du wirst wohl etwas finden, du bist groß genug.” Wie der This +eigentlich ernährt wurde, wußte niemand, auch die Frau des Hälmli-Sepp +nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.</p> + +<p>Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen +Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tür +vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in +seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich +wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer +scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="2_Kapitel">2. Kapitel<br><span class="small">Bei der Schwemmebachsennhütte</span></h2> +</div> + + + +<p>An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle +Mücken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hüterbuben und—mädchen. +Sie mußten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp, +von allen der Größte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle +nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, daß man jetzt zur +Schwemmebachsennhütte hinaufgehe, denn heute sei der Käsfischtag. Nun +müsse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kühe +hüten solle, während die anderen sich zu dem Festmahl begeben würden. +Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust, +sich für die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue +Uli auf den Gedanken, man könnte einmal den dummen This zwingen, auf +die Kühe acht zu geben. Und damit er’s nicht vergesse, könnte man ihn +im voraus ein wenig durchprügeln. Der Vorschlag fand Anklang, und +schon wollten mehrere von den Anführern der Schar den This holen, als +das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: “Das ist gar nichts +Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den +Lohn dafür, wenn wir wieder zurückkommen und die Kühe sich verlaufen +haben. Ihr werdet doch nicht glauben, daß der This, wenn er zu dumm +ist, zwei Kühe zu hüten, auf einmal zwanzig hüten kann. Man muß losen, +und drei müssen bei den Kühen bleiben, sonst ist’s nichts.” Lisis +Erklärung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus +der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet +der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der +siegreichen Schar den Rücken und setzte sich auf den Boden neben seine +beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stürzte nun +die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuß +entgegen.</p> + +<p>Der Käsfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die +es nie unterließen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen +sollte. Denn das war ein Hauptfest für sie. Das war der Tag, an dem +der Franz Anton seine frischen Käse rundum beschnitt, nachdem diese +als weiche Masse in die runde, hölzerne Form gepreßt worden waren. +Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von +der Masse herausdrängte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie +eine lange, schneeweiße Wurst. Die wurde dann in viele Stücke +gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt. +Das waren dann die sogenannten Käsfische. Dieses Fest wiederholte +sich den Sommer über alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem +Freudengeschrei begrüßt.</p> + +<p>This hatte sich hinter dem großen Distelbusch am Boden versteckt +gehalten, während die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton +von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hörte, +daß die große Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig +hervor. Die drei grollenden Zurückgebliebenen saßen am Boden und +kehrten ihm den Rücken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stück +die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der +Höhe hernieder. Den This erfaßte ein unwiderstehliches Verlangen, +auch an der Käsfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlüpfte er +hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er +hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem +letzten steilen Hang kam eine kleine, glänzend grüne Hochebene, da +stand die Sennhütte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der +klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tür seiner Hütte stand der +Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte über +die vielen Sprünge, die jetzt die Buben und Mädchen in ihrem Eifer, zu +dem ersehnten Genuß zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt +waren sie alle bei der Hütte und eines drängte das andere vorwärts, um +noch näher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen würde.</p> + +<p>“Nur zahm, nur zahm”, lachte jetzt der Franz Anton. “Wenn ihr alle in +die Hütte hineindrängt, so habe ich keinen Platz mehr zum +Käseschneiden und ihr habt den Schaden.” Jetzt nahm er sein festes +Messer zur Hand und trat an den großen, runden Käse heran, den er +schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden +ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweißen +Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stück und da ein +Stück, oft über die Köpfe der Großen weg den Kleinen, die nicht zu ihm +vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner +Teilung.</p> + +<p>This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen +wollte, so bekam er da einen Stoß und dort einen und flog so von einer +Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer +wieder ein Größerer und Dickerer sich vor ihn drängte. Zuletzt bekam +er einen so ungeheuren Stoß von dem breiten, nach allen Seiten +schlagenden Jopp, daß er sich fast überschlagen hätte. Die Teilung +war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, daß er zu keinem +Stückchen Käsfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine +Schläge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die +jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den +Bäumchen. Auf der höchsten Krone des einen saß ein lustiger, kleiner +Vogel und pfiff so fröhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als +gäbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und +Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, daß er fast das +Leid vergaß, das ihm eben geschehen war.</p> + +<p>Von Zeit zu Zeit mußte er nach der Sennhütte hinüberschauen, denn das +Lärmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stück Käsfisch +wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie +jedes Kind mit einem größeren oder kleineren Brocken der schönen, +weißen Masse dastand und mit Wonne hineinbiß. Er seufzte dann ein +wenig und sagte leise: “Wenn ich nur auch einmal ein einziges +Stücklein bekäme!” Der This hatte niemals von den herrlichen, weißen +Käsfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie +heute in die Schar der Glücklichen einzudringen. Jetzt hatte er +gesehen, daß es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut +zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlußgedanken, daß er +sein Leben lang nie einen Käsfisch bekommen werde. Darüber wurde er +so traurig, daß er nicht einmal den Vogel mehr hörte und ganz +zusammengeduckt unter den Tannenbäumen saß.</p> + +<p>Jetzt war das Gastmahl bei der Hütte zu Ende und mit schrecklichem +Lärm stürzten die Kinder daher, womöglich immer einer über den anderen +hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall +brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der +lärmende Hans, und laut schrie er in das Gebüsch hinein: “Du Maulwurf, +komm heraus, du mußt mitmachen!” This verstand, was er mitzumachen +hatte. Er mußte sich als Bock hinstellen, damit die anderen über ihn +springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wäre +viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wußte wohl, +was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er +gehorsam heran. “Wie viele Käsfische hast du bekommen?” schrie ihn +jetzt der Hans an.</p> + +<p>“Keinen”, gab This zurück. “Oho, seht einmal den an”, schrie der Hans +noch lauter in die Schar hinein, “der läuft schnell zu den Käsfischen, +und dann läuft er wieder fort und hat keinen gesehen.” “Du dummer +This”, rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die großen +Buben über den Kopf weg, so daß er genug zu tun hatte, nur immer +wieder auf die Füße zu kommen, wenn er umgeworfen worden war. +Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestürzter die Abhänge +hinunter, bis ein glücklicher Zufall sie wieder alle auf die Füße +brachte. Nach dieser stürmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen +gleich alle auseinander, jeder seinen Kühen nach.</p> + +<p>Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn +jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den +Zurückgebliebenen, weil er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem +Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben +und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im +Berghang, wo im Frühling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und +den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und +ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schöne, dunkelrote +Erdbeeren in der Sonne, die so schön warm in die Vertiefung schien. +Aber dem This war es überall angst und bang, wenn er noch in der Nähe +der Häuser und der Hüterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden +Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der +This zuckte scheu und ängstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer +dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch +einmal an das stille Plätzchen unter den kleinen Tannenbäumchen dort +oben und an das pfeifende Vögelein, so daß es ihn mit Gewalt vom Boden +zog. Er mußte noch einmal dorthin.</p> + +<p>Mit allen Kräften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht +einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die +Tannenbäumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein +Tannenversteck ein wenig offen. Da saß nun der This in völliger +Sicherheit. Ringsum war eine große Stille, kein Ton drang von unten +her bis hier auf die einsame Höhe, nur das Vögelein saß noch auf +seinem Tannenast und pfiff sein fröhliches Lied. Die Sonne wollte +untergehen. Die hohen Schneeberge drüben fingen zu flimmern und zu +glühen an, und über die ganze grüne Alm hin lag das golden schimmernde +Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie +gekanntes Wohlsein kam über ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und +Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fürchten, denn weit und +breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hören.</p> + +<p>So saß der This eine lange Zeit, und am liebsten wäre er gar nicht +mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben +gewesen. Aber da hörte er schwere Tritte hinter sich von der Hütte +her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiß +wollte er zum Bach hinüber, um Wasser zu holen. This verhielt sich +mäuschenstill. Denn er war so daran gewöhnt, daß er von jedermann +angefahren oder ausgelacht wurde, daß er dachte, der Senn werde es +gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die +Bäumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton +wurde aufmerksam, trat näher und guckte in den Tannenbusch hinein.</p> + +<p>“Was machst du denn da drinnen?” fragte der Senn mit lustigem Gesicht.</p> + +<p>“Nichts”, erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.</p> + +<p>“Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fürchten, wenn du nichts +Böses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa +mit deinen Käsfischen da hineingeflüchtet, daß du sie in Ruhe +verzehren kannst?”</p> + +<p>“Nein, ich habe keine Käsfische gehabt”, sagte This ängstlich.</p> + +<p>“Nicht? Und warum denn nicht?” fragte der Senn in einer Weise, wie +sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem +Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte—das Zutrauen zu einem +Menschen.</p> + +<p>“Sie haben mich auf die Seite gestoßen”, erwiderte er nun und stand +hinter den buschigen Zweigen auf.</p> + +<p>“So, jetzt kann man dich doch sehen”, fuhr der Senn freundlich fort, +“komm noch ein wenig näher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn +sie dich wegstoßen? Es stößt ja immer einer den anderen, aber zuletzt +kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?”</p> + +<p>“Sie sind stärker”, sagte der This so überzeugend, daß diese Erklärung +wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den +Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, großen Franz Anton wie +ein dünnes Stöcklein vor einer hohen Tanne. Der kräftige Mann +betrachtete einen Augenblick das schmale Figürchen, an dem tatsächlich +fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht +schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.</p> + +<p>“Wem gehörst du?” fragte er jetzt den Buben.</p> + +<p>“Niemand”, gab This zur Antwort.</p> + +<p>“Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?”</p> + +<p>“Beim Hälmli-Sepp.”</p> + +<p>Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. “Ach so, bist du der!” +sagte er verständnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar +nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehört, ihn aber nicht +gekannt.</p> + +<p>“Komm einmal mit mir”, sagte er mitleidig. “Wenn du beim Hälmli-Sepp +bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hälmlein. +Komm, Käsfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes.”</p> + +<p>Der This wußte gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz +Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und +das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Hütte, holte +hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein großes +Stück ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfaß, das goldig glänzend +in der Ecke stand, und holte ein großes Stück Butter heraus. Das +strich er über die Brotschnitte und reichte nun das feste Stück mit +der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte +der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es +nicht möglich, daß es ihm gehöre.</p> + +<p>“Komm heraus. Iß es vor der Hütte, ich muß nun zum Wasser”, sagte +Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glück und +Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte. +Vor der Hütte setzte er sich auf den Boden. Und während der Senn zum +Schwemmebach hinüberging, biß er in sein Butterbrot hinein und biß +immer wieder und konnte nicht begreifen, daß es etwas so Gutes gäbe +und er es bekommen hätte.</p> + +<p>Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und +wiegte unten die Tannenbäumchen hin und her, und der kleine Vogel saß +immer noch auf dem höchsten Zweig und sang hell und fröhlich in den +goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie +gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er müsse laut mit dem Vogel zu +singen anfangen.</p> + +<p>Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her +gegangen. Drüben beim Schwemmebach war er immer eine Weile +stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr +rot vom Abendschein, aber jetzt stieg groß und golden der volle Mond +hinter dem weißen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Hütte +zurück und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle +saß.</p> + +<p>“So gefällt’s dir hier?” fragte er freundlich. “Mit dem Abendessen +bist du fertig, wie ich sehe. Du mußt dich auf den Rückweg machen. +Sieh, wie schön dir der Mond heimleuchtet!”</p> + +<p>Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel +ihm ein, daß es wohl nötig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem +Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den +Tannenbäumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurück. Er schaute noch +einmal zurück, und da der Senn in die Hütte getreten war und ihn nicht +mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz +Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Güte +und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen +Eindruck gemacht, daß er nicht fort konnte. Er mußte noch ein wenig +in der Nähe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen +unter den Bäumchen und spähte zu der Hütte hinauf, ob er den Senn +nicht noch einmal sähe. Es dauerte einige Zeit, da plötzlich trat +Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Hütte heraus.</p> + +<p>Er blieb vor der Tür stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die +stille Bergwelt hinaus, wo jetzt über alle hohen Schneegipfel hin das +milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt +der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen +Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hände. Er hielt wohl still +seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: “Gute Nacht +geb euch Gott!” trat in die Hütte zurück und machte die Tür zu. Sein +Nachtgruß hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum +und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller +Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fühlte Liebe und +Bewunderung für den Senn, Gefühle, die er bisher nicht gekannt hatte.</p> + +<p>Als es nun ganz dunkel und still in der Hütte wurde, stand der This +auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.</p> + +<p>Es war spät und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich, +die Tür war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Häuschen und +schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser +schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: “Es +ist bequem, daß der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden. +So hat man doch Platz!”</p> + +<p>This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er +immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit +gefalteten Händen vor seiner Hütte stand. Zum erstenmal in seinem +Leben schlief der This mit einem glücklichen Herzen ein.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="3_Kapitel">3. Kapitel<br><span class="small">Ein hilfreicher Engel</span></h2> +</div> + + + +<p>Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten, +mußten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges +gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr +Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze +Schar den Berghang herunter, und bald saßen sie alle mit anderen +Kindern so ruhig wie möglich auf den langen Bänken, und der Herr +Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von +einem zukünftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den +This fiel, fuhr er fort: “Ich will dich auch einmal wieder etwas +fragen, das wirst du wohl beantworten können, wenn man dir auch nicht +viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Ärmsten +und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben geführt hat, so +wohl werden, daß er kein Leid verspürt?”</p> + +<p>“Bei der Schwemmebachsennhütte”, antwortete der This ohne Zögern. +Jetzt entstand ein solches Kichern, daß der This ganz scheu um sich +schaute. Ringsum waren spöttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle +Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich +so stark vornüber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem, +was der Herr Pfarrer das letztemal erklärte, hatte er nichts gehört, +weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mußte. Jetzt hatte +er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet.</p> + +<p>Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, daß es dem +This gar nicht zum Lachen war, sondern daß er vor Scheu ganz +erschrocken und zusammengeduckt dasaß, da schüttelte der Herr Pfarrer +nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: “Es ist nichts mit ihm zu +machen.”</p> + +<p>Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stürzte die ganze Schar +hinter dem This her, alle lachten überlaut und schrien durcheinander: +“This, sind dir auf einmal in der Kirche die Käsfische in den Sinn +gekommen?”</p> + +<p>“This, warum hast du nicht auch etwas von den Käsfischen gesagt?” Der +This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem +Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben +wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den +schönen Sonntagabend unten im Dorf genießen.</p> + +<p>Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt +einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhütte +hinaufflüchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen. +Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plätzchen sitzen und +vor Verfolgung sicher sein. Nun saß er wieder unter den Tannen und +über ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der +Sonne, und über den grünen Hängen floß da und dort ein klares Bächlein +friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, daß er allen +Spott vergaß und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr +weggehen zu müssen.</p> + +<p>Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er +beständig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie möglich +nieder. Denn er hatte das Gefühl, wenn der Franz Anton ihn wieder +hier sehe, so könnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein +Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und +einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und +in dessen Nähe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst +nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und +This saß an seinem schönen Plätzchen, bis die Sterne am Himmel standen +und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Hütte hinaustrat und +ausrief: “Gute Nacht geb euch Gott!” Dann erst lief der This wieder +davon, und spät wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht +hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber +das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefühlt +dort oben.</p> + +<p>So ging es eine ganze Woche. Tag für Tag, sobald er einen Augenblick +fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm +hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete +er die ganze Tätigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und +nie verließ er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton +gesagt hatte: “Gute Nacht geb euch Gott!” Es war ihm jetzt immer, als +sei der Nachtsegen auch für ihn gedacht.</p> + +<p>Es waren ausnahmsweise heiße Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg +jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend +niedergegangen war. Das Futter war besonders kräftig, und Franz Anton +bekam so schöne, fette Milch von den Alpenkühen, daß er die +prächtigsten Käse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude, +und schon frühmorgens konnte man ihn voller Vergnügen in seiner +Sennhütte pfeifen hören, so auch am Samstag dieser Woche. Da hörte +man ihn noch viel früher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem +der Senn seine drei oder vier fertigen Käse an den See hinunterbrachte. +Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie +auf seinem Rücken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwärts, +den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rücken. Es +war der heißeste Tag des ganzen Sommers.</p> + +<p>Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die übermäßige +Hitze, und oft sagte er zu sich: “O wie will ich froh sein, heute +abend wieder zu meiner Hütte hinauf in die kühle Luft zu kommen, hier +unten ist’s wie in einem Backofen.” Jetzt war er unten angelangt, +gerade als das Schiff herankam, das die Käse mitnehmen sollte. Bald +war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlüssig +da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten +etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fühlte keinen Appetit, sein Kopf +war schwer und heiß, er wünschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn +jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim +Einladen geholfen hatte. “Komm, Franz Anton, heute ist’s heiß, wir +wollen ein Glas Wein im Schatten trinken”, sagte er und zog den Senn +zu dem Wirtshaus.</p> + +<p>Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im +Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber +stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in +der schweren, heißen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht +an den Wein gewöhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit großen +Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in +seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiß auf +seinen Kopf, alle seine Pulse hämmerten, die Füße wurden ihm so schwer, +daß er sie nur mit Mühe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je +größer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der +Aussicht an, daß nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt +nur noch eine Viertelstunde heißer Mühe vor ihm liege. Dann würde er +oben sein und könne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.</p> + +<p>Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne +brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Plötzlich wurde es ihm völlig +schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stürzte er auf den +Boden nieder. Er hatte das Bewußtsein verloren.</p> + +<p>Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er, +daß der Franz Anton noch nicht zurückgekehrt war. Er stellte seine +Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem +Senn auszuschauen.</p> + +<p>Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz +Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte +er an seinem verborgenen Plätzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt, +den der Senn tat. Er wußte, wie eine Beschäftigung auf die andere +folgte, so daß er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der +Franz Anton seine Milch stehen ließ. Sonst goß er sie immer gleich in +die verschiedenen Gefäße. Die eine kam zum Buttern in die großen, +runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schön dick obenauf +lag. Die andere wurde in den Käsekessel gegossen, das hatte der This +durch die offene Hüttentür alles genau beobachten können. Der Senn +kam immer noch nicht. Der Junge fühlte, daß irgend etwas geschehen +sein mußte. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging +zur Sennhütte. Da war es still und leer unten im Hüttenraum und oben +auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut +war zu hören, alles wie ausgestorben. Ängstlich lief der This +jetzt um die Hütte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann +in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal—dort unten +erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu—da +lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stöhnte und lechzte wie +ein Sterbender. Er sah glühend heiß aus, und seine Lippen waren ganz +vertrocknet.</p> + +<p>Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor +Schrecken, auf seinen Wohltäter. Dann stürzte er in schnellem Lauf +den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewußtlos am +Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt +an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem +brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bücken +und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er für einen Augenblick, +denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.</p> + +<p>Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rühren. +Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das +Bewußtsein wieder, und er träumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er +heute früh im Vorübergehen noch die schönen Erdbeeren gesehen hatte. +Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die +Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber +jetzt hatte er plötzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte +sie ihm gegeben—und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der +Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlürfte und +schluckte, es war ein unsägliches Labsal. Er erwachte. War das alles +Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und +steckte ihm wieder eine große saftige Erdbeere in den Mund.</p> + +<p>“O du guter Engel, noch eine”, sagte leise der Franz Anton. Aber +nicht nur eine, fünf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf +einmal flog ein stechender Schmerz über sein Gesicht. Er legte die +Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: “Wasser”, dann war +ihm das Bewußtsein wieder völlig entschwunden. Er konnte nicht einmal +mehr die letzte Erdbeere genießen. Jetzt träumte er ganz schreckliche +Dinge. Sein Kopf wurde so groß wie sein allergrößtes Butterfaß und +dann immer noch größer und so furchtbar schwer, daß er mit Schrecken +dachte: “Den kannst du nie mehr allein tragen, man muß starke, +hölzerne Stützen unterstellen, wie unter die Apfelbäume, wenn sie +zuviel Äpfel tragen.” Und jetzt fühlte er deutlich, daß der Kopf ganz +voll Schießpulver war, das hatte einer von hinten angezündet. Nun +brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mußte alles +zerspringen. Aber dann kam plötzlich ganz kalt und belebend der +Schwemmebach über seine Stirn, über das ganze Gesicht und in den Mund +hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.</p> + +<p>Es war wahr, eiskalt kam ein Guß nach dem anderen auf Stirn und +Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den +kühlenden Trank ein. Über ihm standen die funkelnden Sterne, das +sah der Franz Anton deutlich. Er wußte auch, daß er noch am Boden lag +draußen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der +Schwemmebach sein, was so über ihn floß und ihn so ordentlich trinken +ließ. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend, +so erlösend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer. +Voller Dank sagte er nur halblaut: “Ach, lieber Gott, wie danke ich +dir für deine Güte und die hilfreichen Engel!”</p> + +<p>Das erquickende Wasserbad hörte nicht auf, und zuletzt fühlte der +Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schützend und +wohltuend, daß er sagte: “Da kann kein Feuer mehr durch.” Und beruhigt +schlief er jetzt ganz sanft ein und träumte nicht mehr.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="4_Kapitel">4. Kapitel<br><span class="small">Was die Sennenmutter haben will</span></h2> +</div> + + +<p>Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz +Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er +schauderte ein wenig zusammen, es fröstelte ihn. Er wollte sich +aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand +an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht. +Wohl sechsfach zusammengelegt lag naß und schwer das große Handtuch +aus der Sennhütte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der +frische Morgenwind über die Stirn blies, fühlte er sich so wohlig und +erleichtert, daß er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da +sah er auf einmal in zwei große, ernsthafte Augen hinein, die +unverwandt auf ihn gerichtet waren.</p> + +<p>“Bist du das, This?” fragte er verwundert, “Wie kommst du so früh auf +die Alm? Nun, weil du da bist, komm, daß ich mich ein wenig auf deine +Schulter stützen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf.”</p> + +<p>Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er +stemmte mit aller Gewalt seine beiden Füße in den Boden hinein, so daß +der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte. +Während des langsamen Aufstiegs zur Hütte, als er sich immer noch auf +die Schulter des Buben stützte, fing er an, sich daran zu erinnern, +was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgänge der +Nacht völlig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur +helfen. In der Hütte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner +dreibeinigen Stühle und sagte: “This, hol dir den anderen und setz +dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir +wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt +noch nicht machen. Ein Schüsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist +es denn hingekommen?” unterbrach sich der Senn, “ich stelle es +regelmäßig dort hinauf. Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht seit +gestern.”</p> + +<p>Der This war feuerrot geworden, er wußte wohl, wer das Schüsselchen +heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: “Dort steht’s am +Boden”, holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides +dem Senn. Dieser schüttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er +lebte, hatte er noch nie sein Schüsselchen dort bei der Tür auf den +Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine +Milch, füllte dann das Schüsselchen wieder und sagte: “Da, This, trink +auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, daß du so früh hinauf +kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Käsfischtag und du seist dann +sicher der erste?”</p> + +<p>“Nein, gewiß nicht”, versicherte This.</p> + +<p>“Sag mir jetzt etwas”, fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal +unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder +zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. “Sag mir, This, habe ich +denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute früh +heraufkamst?”</p> + +<p>Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn +alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht +recht, und er könnte böse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm +jetzt so tief in die Augen, daß er alles sagen mußte: “Ich habe es +selbst darauf gelegt”, fing er zaghaft an.</p> + +<p>“Warum denn, This?” fragte der Senn verwundert.</p> + +<p>“Weil sie so heiß waren”, erwiderte This.</p> + +<p>Der Senn staunte immer mehr. “Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang +erwacht”, sagte er. “Wann bist du denn heraufgekommen?”</p> + +<p>“Gestern um fünf, oder um vier Uhr”, stotterte der This furchtsam, +“der Melker kam erst lange nachher.”</p> + +<p>“Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn +gewollt und gemacht?”</p> + +<p>Jetzt sah der Franz Anton, daß dem This ganz bange wurde, ihm selber +aber fielen nun wieder die Vorgänge der letzten Nacht ein. Ganz +väterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd: +“Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fürchten, This. Da, trink noch +eins aus, und dann sag mir alles, was du weißt, von da an, als du hier +heraufgekommen bist.” Auf diese Ermunterung hin faßte der This neuen +Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zügen aus, denn sie schmeckte +herrlich.</p> + +<p>Dann fing er an zu berichten: “Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier +herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Käsfische. +Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie +nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden +gefunden, und Sie sind ganz rot und heiß gewesen und haben Durst +gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe +alle großen Erdbeeren gepflückt, die noch da waren, und habe sie Ihnen +gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf +den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Hütte +das Schüsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach +habe ich ihn gefüllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schüsselchen das +Wasser über den Kopf geschüttet und auch zu trinken gegeben, denn sie +haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin +ich zum Bach hinüber und habe ihn wieder gefüllt. Aber weil das +Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes +Tuch wurde den Kopf besser kühlen. Und so habe ich das Tuch aus der +Hütte geholt und es ganz naß auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann +trocken und heiß wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und +es dann wieder naß auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann +erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht +etwa krank werden.”</p> + +<p>Der Senn hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Jetzt stand alles +deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wußte auch +wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren +als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespürt und +genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und +verwundert an, als hätte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen +solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn möglich, daß +dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben +gerettet hatte.</p> + +<p>Hätte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelöscht, wer weiß, +was bis zum Morgen daraus geworden wäre! Und wie konnte dieser This, +dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung +fähig sein, daß er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn +pflegte! Dem großen, starken Franz Anton kamen die Tränen in die +Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles +überdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: “Wir +wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das +vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die +Glieder so, daß ich mich jetzt niederlegen muß. Geh du nun hinunter +zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir +nicht ganz wohl. Du mußt dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe +noch viel mit dir zu reden heute, vergiß es nicht!”</p> + +<p>Solange er lebte, war der This noch nie so glücklich gewesen. Er lief +springend den Berg hinunter, als könne er nicht hoch genug aufspringen +vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen, +und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in +die Sennhütte eintreten. Außerdem hatte der Franz Anton ihm noch +gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser +Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der +Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Häuschen +mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im +Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der +Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen, +denn er war ganz atemlos vom Laufen.</p> + +<p>“Woher kommst denn du?” fragte die sonntäglich gekleidete Frau, die +nicht gern etwas Unordentliches sah. Mißbilligend musterte sie den +Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntäglichen Anblick +in seinen zerfetzten Alltagshöschen und dem schmutzigen Hemdlein. +“Ich meine, ich habe dich schon dort drüben über dem Bach gesehen, du +bist wohl einer vom Hälmli-Sepp?”</p> + +<p>“Nein, nur der This”, erwiderte der Bub ganz demütig.</p> + +<p>Jetzt fiel der Frau ein, daß die Frau des Hälmli-Sepp einen +einfältigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts +zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. “Und was willst du +denn bei mir?” fragte sie nun erst recht verwundert.</p> + +<p>Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag +klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der +kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und daß er nach ihr schickte +und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes +Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in großer +Sorge das Nötigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem großen +Korb am Arm heraus.</p> + +<p>“Komm”, sagte sie zu This, “wir wollen gleich gehn. Warum mußt du +wieder mit?”</p> + +<p>“Ich weiß nicht”, antwortete er. Und fast als wäre es etwas Böses, +setzte er leise hinzu: “Muß ich nicht den Korb tragen?”</p> + +<p>“So, jetzt verstehe ich’s”, sagte die Frau, “der Franz Anton hat daran +gedacht, daß ich allerhand mitbringen will.” Sie gab dem This den Korb. +Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief +in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer +Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die +Krankheit gefährlich sein? Ihre Angst wurde immer größer, je näher +sie der Sennhütte kamen. Jetzt waren sie oben—nur noch einige +Schritte—der bekümmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast +nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie +schaute überall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn +tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem +Herzen stieg sie die Leiter hinauf.</p> + +<p>Der This blieb ehrerbietig draußen vor der Tür stehen, nur den Korb +schob er in die Hütte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll +über ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte +ihr fröhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter: +“Grüß dich Gott, Mutter! Das freut mich, daß du da bist. Ich habe +aber geschlafen wie ein Bär, die ganze Zeit, seit der This fortging.” +Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie +wußte gar nicht, was sie denken sollte. “Franz Anton”, sagte sie +jetzt ernsthaft, “was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weißt du, +daß du mich hast holen lassen?”</p> + +<p>“Ja, ja, Mutter”, lachte jetzt der Franz Anton, “jetzt bin ich ganz +bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir +noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir +reden. Ich fühl’s auch jetzt noch in den Knien zittern, ich käme noch +nicht weit.”</p> + +<p>“Aber was ist’s denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir’s doch”, +drängte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.</p> + +<p>“Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen”, +sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. “Sieh einmal +zuerst dort unten das schmale, magere Büblein an, das kein gutes Stück +Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder +nur den dummen This nennt.”</p> + +<p>Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn +hinaufspähte, ob er etwa wieder umfallen wolle.</p> + +<p>“Und jetzt?” fragte die Mutter gespannt.</p> + +<p>“Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Büblein nicht +gewesen wäre, so läge ich jetzt noch draußen auf dem Boden in einem +tödlichen Fieber, oder vielleicht wäre es auch schon vorbei mit mir.” +Und jetzt erzählte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag +zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen +und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch +auf der Welt es nicht besser hätte tun können.</p> + +<p>Die Mutter mußte sich mehrmals die Tränen abwischen. Sie stellte sich +vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da +draußen gelegen hätte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden +wäre, und kein Mensch hätte etwas von ihm gewußt. Und jetzt stieg ein +Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, daß sie laut ausrufen mußte: +“Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!” Aber auch eine solche +Liebe zu dem armen This überkam sie, daß sie ganz eifrig sagte: “Franz +Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hälmli-Sepp zurück! +Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat +sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen +mache ich ihm ein Gewand, daß man ihn ansehen darf. Er muß es nicht +schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir +geholfen hat.”</p> + +<p>“Das ist nun gerade, was ich wünschte, Mutter, aber ich mußte doch +zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben +und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein könnte. Es geht +nichts über eine Mutter!” Und der Franz Anton schaute sie so voller +Glück und Liebe an, daß es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich +dachte: Es geht auch nichts über einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte +sie: “Jetzt mußt du etwas essen, Franz Anton, daß du wieder zu Kräften +kommst. Ich habe frische Eier und ein Weißbrot mitgenommen, und jetzt +will ich Feuer machen, laß dir Zeit zum Herunterkommen.” Das mußte der +Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging. +Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er +sich selbst niedergesetzt hatte.</p> + +<p>“This”, sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend, +“willst du ein Senn werden?”</p> + +<p>Der This fing an zu lächeln, aber dann hörte er plötzlich die +vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen +hatte: “Aus dem wird nie etwas,”, “der kann nichts”, “der wird nichts”. +Und schüchtern antwortete er. “Ich kann nichts werden.”</p> + +<p>“This, ein Senn wirst du”, sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit. +“Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun +bleibst du bei mir und trägst Milch und Wasser und hilfst mir bei +allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Käse macht und sobald +du groß genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein +Gehilfe.”</p> + +<p>“Hier in der Schwemmebachsennhütte?” fragte This, dem die Aussicht auf +diese Glückseligkeit ganz unfaßbar war.</p> + +<p>“Alles hier, in der Schwemmebachsennhütte”, bestätigte der Franz Anton.</p> + +<p>Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden +Glücks, daß der Senn ihn nur ansehen mußte. Der Bub war wie +verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den großen +Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie +streichelte den Buben und sagte: “Ja, Thisli, heute wollen wir +miteinander fröhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen +wir dem lieben Gott dafür danken, daß er dich gerade zur rechten Zeit +in die Nähe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch +begreift, warum du da heraufgekommen bist.”</p> + +<p>Jetzt begann das fröhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben +hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen. +Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weißbrot hingelegt +und daneben Butter und weißen Käse. Und mitten auf dem Tisch stand +eine große Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die +Mutter große, dicke Stücke vor den This hin, und wenn er fertig war, +gab es gleich noch einmal so viel.</p> + +<p>Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie: +“Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muß bei dir oben +bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es +nötig ist. Der Frau des Hälmli-Sepp will ich schon alles berichten.”</p> + +<p>Das war dem Sennen recht, und für den This war es das höchste Glück, +das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton. +Nicht mehr verborgen unter den Tannenbäumchen hörte er heute den +Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als +dieser seine Hände faltete und sagte: “Komm, This, nun beten wir den +Abendsegen.” Andächtig faltete auch er seine Hände, und als am Schluß +der Senn sagte: “Gute Nacht geb euch Gott!”, da war das Glück im +Herzen des This so groß, daß er gern überlaut allen Menschen auf der +ganzen Welt sagen wollte: ‘Gute Nacht geb euch Gott!’</p> + +<p>Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinüber zu der Frau des +Hälmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und +gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzählten. +Die Sennin hörte, daß von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der +Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hälmli-Sepp erklärte, +daß sie mit ihrem Sohn übereingekommen sei, sie wollten den This bei +sich annehmen, da machte die Frau einen großen Lärm. Sie sagte, sie +sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien für +den Senn eine größere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien +alle aus vollen Hälsen: “Mich! Mich! Mich!” Denn sie wußten wohl, +wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhütte für gute +Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.</p> + +<p>Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn +schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen +This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das +Hänseln und Verspotten unterlassen, sonst hätten sie es mit ihrem Sohn +zu tun. Der rede dann mit seinen kräftigen Armen eine deutlichere +Sprache mit den Buben, als sie es jetzt könnte. Dann verließ die +Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblüfft nachschauten, +und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wäre, +der wird’s gut haben, wie ein König wird er da oben in seiner +Sennhütte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen ließ, +liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund +sein. Denn sie mußten alle an den letzten Käsfischtag denken, als der +This so übel behandelt worden war. Von nun an würde er ja gewiß alle +Käsfische allein bekommen, da wäre doch jeder gut daran, der sein +Freund wäre. Und später waren sie auch alle gut daran, denn dem This +machte es die größte Freude, die reiche Ernte der Käsfische unter +allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darüber +wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie +mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte +sich zur Überraschung aller, daß er auf einmal ein ganz flinkes, +geschicktes Bürschchen war, von dem jeder sagen mußte: “Entweder ist +das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den +dummen This zu nennen.” Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit, +sein liebster Schüler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei +allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die +anderen Buben könnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.</p> + + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 9859 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/9859-h/9859-h.htm~ b/9859-h/9859-h.htm~ new file mode 100644 index 0000000..35961d8 --- /dev/null +++ b/9859-h/9859-h.htm~ @@ -0,0 +1,1158 @@ +<!DOCTYPE html> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Vom This, Der Doch Etwas Wird | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> /* <![CDATA[ */ + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + + h1,h2,h3,h4,h5,h6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; +} + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; + text-indent: 1em; +} + +.p2 {margin-top: 2em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both; +} + +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } + +div.chapter {page-break-before: always;} +h2.nobreak {page-break-before: avoid;} + +.center {text-align: center; text-indent: 0em;} + +.big {font-size: 1.2em;} +.small {font-size: 0.8em;} + +abbr[title] { + text-decoration: none; +} + + /* ]]> */ </style> +</head> +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 9859 ***</div> + + + +<h1>Vom This, der doch etwas wird</h1> + +<p class="center p2">Erzählung</p> + +<p class="center big">Johanna Spyri</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="1_Kapitel">1. Kapitel<br><span class="small">Alle gegen einen</span></h2> +</div> + + + +<p>Wenn man den Seelisberg von der Rückseite her besteigt, kommt man auf +eine frische, grüne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die +friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem +schönen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenährten Kühe +ziehen lieblich läutend immer hin und her. Denn jede trägt am Hals +ihre Glocke, damit man immer hört, wo sie ist. So kann sich keine Kuh +unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Sträuchern bedeckte Felswand +liegt, über die sie hinunterstürzen könnte. Es ist außerdem ein +ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben können. Aber die +Glocken sind doch notwendig und tönen so freundlich hin und her, daß +keiner sie entbehren möchte. Am Bergabhang stehen hie und da +vereinzelt die kleinen, hölzernen Häuser, und nicht selten rauscht +daneben ein schäumender Bach ins Tal hinab. ‘Am Berghang’ heißt es +hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Häuschen steht auf +ebenem Boden. Es ist, als wären sie irgendwie an den Berg hingeworfen +worden und da hängengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da +oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie +alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der +kleinen, hölzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt +in ihre Nähe, so sieht man, daß ein großer Unterschied zwischen ihnen +ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nähe ganz +verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen +ihnen stürzt der größte Bergbach der Gegend, der schäumende +Schwemmebach, hinunter.</p> + +<p>Am ersten Häuschen blieben auch an den schönsten Sommertagen alle die +kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die +hineindrang, kam durch die Löcher der zerbrochenen Scheiben. Das war +aber nicht viel, denn die Löcher waren wieder mit Papier verklebt, +damit man im Winter drinnen nicht frieren mußte. An dem hölzernen +Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war +so zerfallen, daß es ein Wunder war, daß alle die kleinen Kinder, die +da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie +hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder +waren alle mit Schmutz überdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen +Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag über da +herum, und am Abend kamen vier größere Kinder dazu. Drei kräftige +Buben und ein Mädchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich +aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie +konnten sich doch schon selbst waschen.</p> + +<p>Das Häuschen über dem Bach drüben hatte einen ganz anderen Charakter. +Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeräumt +aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drüben. Die +Stufen sahen immer so aus, als wären sie eben gescheuert worden. Und +oben auf der Galerie standen drei schöne Nelkenstöcke und dufteten den +ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen +Fenstern stand offen und ließ die schöne, sonnige Bergluft herein. +Dort konnte man meistens eine noch kräftig aussehende Frau sitzen +sehen, mit schönem, weißem Haar, das sie sehr ordentlich unter das +schwarze Häubchen zurückgestrichen hatte. Sie flickte gewöhnlich an +einem Männerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber +gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so +adrett und reinlich aus, als wäre noch nie etwas Unsauberes an sie +herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des +fröhlichen Franz Anton mit den kräftigen Armen. Der machte den Sommer +über in der oberen Sennhütte seine Käse, und erst im Spätherbst zog er +wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn +dann butterte er in der unteren Sennhütte, die ganz nahe lag. Da über +den reißenden Schwemmebach kein Steg führte, waren die zwei Häuschen +ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg +wohnten, besser, als diese Nachbarn über dem Bach, zu denen sie nur +etwa einmal am Tag stumm hinüberschaute. Gewöhnlich schüttelte sie +dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter +und schmutzigen Fetzen drüben an den Kindern sah. Sie schaute aber +nicht oft hinüber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber +betrachtete sie, wenn das Feierabendstündchen kam, ihre roten Nelken +auf der Galerie oder sie schaute über den grünen, sonnigen Abhang +hinunter, der vor ihrem Häuschen zum Tal hinabstieg.</p> + +<p>Die verwilderten Kinder über dem Bach gehörten dem Hälmli-Sepp, wie er +genannt wurde, der seine Arbeit außer Haus beim Holzfällen oder +Heumachen suchte. Außerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So +war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die +Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele +kleine Kinder könne man nicht in Ordnung halten, und später würde es +dann von selbst besser. So ließ sie alles gehn, wie es ging. Und in +der schönen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und +ließen sich’s, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl +sein. Zur Sommerzeit waren die vier Größeren den ganzen Tag draußen, +um die Kühe zu hüten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen, +wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten +bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kühe auf das +umliegende Weideland hinaus und mußten sie hüten lassen. Das ist +immer eine lustige Zeit für die Buben und Mädchen, die sich dort zu +jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei fröhliche Sachen +miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten +im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere +Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer +über ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstück nach Hause, +das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier +Kleinen zu ernähren und für alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn +diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mußte doch jedes haben +und die vier Großen noch ein Stück dazu. Eine Kuh hatte der +Hälmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaßen, +wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.</p> + +<p>Hälmli-Sepp hieß der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum +nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine +Geiß und ein Stück Kartoffelland, damit mußte die Frau mit den vier +Kleinen den Sommer über auskommen und auch hier und da noch eines der +Größeren speisen, wenn es draußen keine Arbeit fand. Der Vater kam im +Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein +Häuschen und Acker waren so verschuldet, daß er das ganze Jahr über +etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten +konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel +er fand.</p> + +<p>So mußte die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte +keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von +der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der +verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten, +schaute sie über den Bach zu dem schmucken Häuschen der Sennerin +hinüber, dessen Scheiben in der Sonne glänzten. Dann sagte sie +ärgerlich vor sich hin: “Ja, die dort kann schon putzen und alles +sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner.” Dann ging +sie wieder ärgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurück, und an dem, +der ihr zuerst in den Weg kam, ließ sie den Ärger aus.</p> + +<p>Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht +ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Häuschen vom +Hälmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur ‘der +dumme This’ genannt, sah so mager und dürftig aus, daß man ihn kaum +für achtjährig gehalten hätte. Er schaute auch so scheu und +verschüchtert drein, daß niemand wußte, wie der This eigentlich aussah, +denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach. +This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum +zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel später über die Felsen +in die Tiefe gestürzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam +und den Weg abkürzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte +nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem +großen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This +hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend, +eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen +Matthis genannt.</p> + +<p>Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Häuschen vom +Hälmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstätte mit seinem Büblein +gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben +Ort. Das wenige Geld, das für den kleinen This von der Gemeinde +bezahlt wurde, war der Frau des Hälmli-Sepp sehr erwünscht. Und in +die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, für die +schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This +war schon von Natur aus ein schüchternes und stilles Büblein gewesen. +Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das große Unglück +gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem +Unglück wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.</p> + +<p>So saß der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein +Wort zu hören, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann +seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des +Hälmli-Sepp gehörte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde +von jedem angefahren und hin und her gestoßen, weil er sich nie wehrte. +Zu all den Püffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen +dann noch die bösen Worte der Frau, wenn sie den Ärger über das +saubere Häuschen der Sennerin drüben hatte. Der This wehrte sich aber +nie, denn er hatte das Gefühl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so +nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und +verschüchtert, daß man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her +vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn +anrief. Er sah überhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch, +wo er in die Erde hineinkriechen könnte, daß ihn keiner mehr fände.</p> + +<p>So war es gekommen, daß die vier Großen vom Hälmli-Sepp, der Jopp, der +Hans, der Uli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: “Du +bist doch ein dummer This”, und daß es die vier Kleinen auch +nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals +dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es +werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch ‘der dumme +This’ genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten könnte, +wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kühe zu hüten, und war +er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke +oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da saß er +meistens zitternd vor Furcht, denn er hörte wohl, wie die anderen +Buben ihn mit großem Geschrei suchten, daß er bei den Spielen +mitmachte, die sie spielen wollten.</p> + +<p>Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prügeln, und das traf +regelmäßig den This am stärksten, da er sich nicht wehrte und auch +nicht wehren konnte gegen die viel Stärkeren. So verkroch er sich, +sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kühe, wohin sie wollten +und fraßen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann großen Ärger, und +jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kühe zu hüten, und keiner +stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld, +wenn die Buben zum Jäten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da +warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblüten an den +Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem +anderen reichlich zurück, was er empfangen hatte. Der This gab aber +nichts zurück, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen +Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen +gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten +die Knollen an den Rücken und an den Kopf.</p> + +<p>Während aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten, +versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den +Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit +nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller +Arbeit zu dumm und aus dem This könne nie etwas werden. Weil er nun +gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er +auch von der Frau des Hälmli-Sepp demgemäß behandelt. Wenn schon die +eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es +meistens, daß für den This gar nichts mehr übrigblieb und es dann hieß: +“Du wirst wohl etwas finden, du bist groß genug.” Wie der This +eigentlich ernährt wurde, wußte niemand, auch die Frau des Hälmli-Sepp +nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.</p> + +<p>Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen +Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tür +vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in +seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich +wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer +scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="2_Kapitel">2. Kapitel<br><span class="small">Bei der Schwemmebachsennhütte</span></h2> +</div> + + + +<p>An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle +Mücken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hüterbuben und—mädchen. +Sie mußten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp, +von allen der Größte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle +nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, daß man jetzt zur +Schwemmebachsennhütte hinaufgehe, denn heute sei der Käsfischtag. Nun +müsse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kühe +hüten solle, während die anderen sich zu dem Festmahl begeben würden. +Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust, +sich für die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue +Uli auf den Gedanken, man könnte einmal den dummen This zwingen, auf +die Kühe acht zu geben. Und damit er’s nicht vergesse, könnte man ihn +im voraus ein wenig durchprügeln. Der Vorschlag fand Anklang, und +schon wollten mehrere von den Anführern der Schar den This holen, als +das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: “Das ist gar nichts +Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den +Lohn dafür, wenn wir wieder zurückkommen und die Kühe sich verlaufen +haben. Ihr werdet doch nicht glauben, daß der This, wenn er zu dumm +ist, zwei Kühe zu hüten, auf einmal zwanzig hüten kann. Man muß losen, +und drei müssen bei den Kühen bleiben, sonst ist’s nichts.” Lisis +Erklärung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus +der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet +der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der +siegreichen Schar den Rücken und setzte sich auf den Boden neben seine +beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stürzte nun +die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuß +entgegen.</p> + +<p>Der Käsfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die +es nie unterließen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen +sollte. Denn das war ein Hauptfest für sie. Das war der Tag, an dem +der Franz Anton seine frischen Käse rundum beschnitt, nachdem diese +als weiche Masse in die runde, hölzerne Form gepreßt worden waren. +Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von +der Masse herausdrängte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie +eine lange, schneeweiße Wurst. Die wurde dann in viele Stücke +gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt. +Das waren dann die sogenannten Käsfische. Dieses Fest wiederholte +sich den Sommer über alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem +Freudengeschrei begrüßt.</p> + +<p>This hatte sich hinter dem großen Distelbusch am Boden versteckt +gehalten, während die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton +von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hörte, +daß die große Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig +hervor. Die drei grollenden Zurückgebliebenen saßen am Boden und +kehrten ihm den Rücken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stück +die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der +Höhe hernieder. Den This erfaßte ein unwiderstehliches Verlangen, +auch an der Käsfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlüpfte er +hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er +hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem +letzten steilen Hang kam eine kleine, glänzend grüne Hochebene, da +stand die Sennhütte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der +klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tür seiner Hütte stand der +Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte über +die vielen Sprünge, die jetzt die Buben und Mädchen in ihrem Eifer, zu +dem ersehnten Genuß zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt +waren sie alle bei der Hütte und eines drängte das andere vorwärts, um +noch näher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen würde.</p> + +<p>“Nur zahm, nur zahm”, lachte jetzt der Franz Anton. “Wenn ihr alle in +die Hütte hineindrängt, so habe ich keinen Platz mehr zum +Käseschneiden und ihr habt den Schaden.” Jetzt nahm er sein festes +Messer zur Hand und trat an den großen, runden Käse heran, den er +schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden +ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweißen +Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stück und da ein +Stück, oft über die Köpfe der Großen weg den Kleinen, die nicht zu ihm +vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner +Teilung.</p> + +<p>This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen +wollte, so bekam er da einen Stoß und dort einen und flog so von einer +Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer +wieder ein Größerer und Dickerer sich vor ihn drängte. Zuletzt bekam +er einen so ungeheuren Stoß von dem breiten, nach allen Seiten +schlagenden Jopp, daß er sich fast überschlagen hätte. Die Teilung +war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, daß er zu keinem +Stückchen Käsfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine +Schläge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die +jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den +Bäumchen. Auf der höchsten Krone des einen saß ein lustiger, kleiner +Vogel und pfiff so fröhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als +gäbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und +Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, daß er fast das +Leid vergaß, das ihm eben geschehen war.</p> + +<p>Von Zeit zu Zeit mußte er nach der Sennhütte hinüberschauen, denn das +Lärmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stück Käsfisch +wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie +jedes Kind mit einem größeren oder kleineren Brocken der schönen, +weißen Masse dastand und mit Wonne hineinbiß. Er seufzte dann ein +wenig und sagte leise: “Wenn ich nur auch einmal ein einziges +Stücklein bekäme!” Der This hatte niemals von den herrlichen, weißen +Käsfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie +heute in die Schar der Glücklichen einzudringen. Jetzt hatte er +gesehen, daß es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut +zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlußgedanken, daß er +sein Leben lang nie einen Käsfisch bekommen werde. Darüber wurde er +so traurig, daß er nicht einmal den Vogel mehr hörte und ganz +zusammengeduckt unter den Tannenbäumen saß.</p> + +<p>Jetzt war das Gastmahl bei der Hütte zu Ende und mit schrecklichem +Lärm stürzten die Kinder daher, womöglich immer einer über den anderen +hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall +brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der +lärmende Hans, und laut schrie er in das Gebüsch hinein: “Du Maulwurf, +komm heraus, du mußt mitmachen!” This verstand, was er mitzumachen +hatte. Er mußte sich als Bock hinstellen, damit die anderen über ihn +springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wäre +viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wußte wohl, +was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er +gehorsam heran. “Wie viele Käsfische hast du bekommen?” schrie ihn +jetzt der Hans an.</p> + +<p>“Keinen”, gab This zurück. “Oho, seht einmal den an”, schrie der Hans +noch lauter in die Schar hinein, “der läuft schnell zu den Käsfischen, +und dann läuft er wieder fort und hat keinen gesehen.” “Du dummer +This”, rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die großen +Buben über den Kopf weg, so daß er genug zu tun hatte, nur immer +wieder auf die Füße zu kommen, wenn er umgeworfen worden war. +Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestürzter die Abhänge +hinunter, bis ein glücklicher Zufall sie wieder alle auf die Füße +brachte. Nach dieser stürmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen +gleich alle auseinander, jeder seinen Kühen nach.</p> + +<p>Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn +jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den +Zurückgebliebenen, weil er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem +Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben +und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im +Berghang, wo im Frühling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und +den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und +ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schöne, dunkelrote +Erdbeeren in der Sonne, die so schön warm in die Vertiefung schien. +Aber dem This war es überall angst und bang, wenn er noch in der Nähe +der Häuser und der Hüterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden +Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der +This zuckte scheu und ängstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer +dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch +einmal an das stille Plätzchen unter den kleinen Tannenbäumchen dort +oben und an das pfeifende Vögelein, so daß es ihn mit Gewalt vom Boden +zog. Er mußte noch einmal dorthin.</p> + +<p>Mit allen Kräften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht +einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die +Tannenbäumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein +Tannenversteck ein wenig offen. Da saß nun der This in völliger +Sicherheit. Ringsum war eine große Stille, kein Ton drang von unten +her bis hier auf die einsame Höhe, nur das Vögelein saß noch auf +seinem Tannenast und pfiff sein fröhliches Lied. Die Sonne wollte +untergehen. Die hohen Schneeberge drüben fingen zu flimmern und zu +glühen an, und über die ganze grüne Alm hin lag das golden schimmernde +Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie +gekanntes Wohlsein kam über ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und +Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fürchten, denn weit und +breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hören.</p> + +<p>So saß der This eine lange Zeit, und am liebsten wäre er gar nicht +mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben +gewesen. Aber da hörte er schwere Tritte hinter sich von der Hütte +her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiß +wollte er zum Bach hinüber, um Wasser zu holen. This verhielt sich +mäuschenstill. Denn er war so daran gewöhnt, daß er von jedermann +angefahren oder ausgelacht wurde, daß er dachte, der Senn werde es +gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die +Bäumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton +wurde aufmerksam, trat näher und guckte in den Tannenbusch hinein.</p> + +<p>“Was machst du denn da drinnen?” fragte der Senn mit lustigem Gesicht.</p> + +<p>“Nichts”, erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.</p> + +<p>“Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fürchten, wenn du nichts +Böses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa +mit deinen Käsfischen da hineingeflüchtet, daß du sie in Ruhe +verzehren kannst?”</p> + +<p>“Nein, ich habe keine Käsfische gehabt”, sagte This ängstlich.</p> + +<p>“Nicht? Und warum denn nicht?” fragte der Senn in einer Weise, wie +sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem +Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte—das Zutrauen zu einem +Menschen.</p> + +<p>“Sie haben mich auf die Seite gestoßen”, erwiderte er nun und stand +hinter den buschigen Zweigen auf.</p> + +<p>“So, jetzt kann man dich doch sehen”, fuhr der Senn freundlich fort, +“komm noch ein wenig näher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn +sie dich wegstoßen? Es stößt ja immer einer den anderen, aber zuletzt +kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?”</p> + +<p>“Sie sind stärker”, sagte der This so überzeugend, daß diese Erklärung +wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den +Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, großen Franz Anton wie +ein dünnes Stöcklein vor einer hohen Tanne. Der kräftige Mann +betrachtete einen Augenblick das schmale Figürchen, an dem tatsächlich +fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht +schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.</p> + +<p>“Wem gehörst du?” fragte er jetzt den Buben.</p> + +<p>“Niemand”, gab This zur Antwort.</p> + +<p>“Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?”</p> + +<p>“Beim Hälmli-Sepp.”</p> + +<p>Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. “Ach so, bist du der!” +sagte er verständnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar +nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehört, ihn aber nicht +gekannt.</p> + +<p>“Komm einmal mit mir”, sagte er mitleidig. “Wenn du beim Hälmli-Sepp +bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hälmlein. +Komm, Käsfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes.”</p> + +<p>Der This wußte gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz +Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und +das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Hütte, holte +hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein großes +Stück ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfaß, das goldig glänzend +in der Ecke stand, und holte ein großes Stück Butter heraus. Das +strich er über die Brotschnitte und reichte nun das feste Stück mit +der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte +der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es +nicht möglich, daß es ihm gehöre.</p> + +<p>“Komm heraus. Iß es vor der Hütte, ich muß nun zum Wasser”, sagte +Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glück und +Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte. +Vor der Hütte setzte er sich auf den Boden. Und während der Senn zum +Schwemmebach hinüberging, biß er in sein Butterbrot hinein und biß +immer wieder und konnte nicht begreifen, daß es etwas so Gutes gäbe +und er es bekommen hätte.</p> + +<p>Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und +wiegte unten die Tannenbäumchen hin und her, und der kleine Vogel saß +immer noch auf dem höchsten Zweig und sang hell und fröhlich in den +goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie +gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er müsse laut mit dem Vogel zu +singen anfangen.</p> + +<p>Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her +gegangen. Drüben beim Schwemmebach war er immer eine Weile +stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr +rot vom Abendschein, aber jetzt stieg groß und golden der volle Mond +hinter dem weißen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Hütte +zurück und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle +saß.</p> + +<p>“So gefällt’s dir hier?” fragte er freundlich. “Mit dem Abendessen +bist du fertig, wie ich sehe. Du mußt dich auf den Rückweg machen. +Sieh, wie schön dir der Mond heimleuchtet!”</p> + +<p>Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel +ihm ein, daß es wohl nötig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem +Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den +Tannenbäumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurück. Er schaute noch +einmal zurück, und da der Senn in die Hütte getreten war und ihn nicht +mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz +Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Güte +und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen +Eindruck gemacht, daß er nicht fort konnte. Er mußte noch ein wenig +in der Nähe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen +unter den Bäumchen und spähte zu der Hütte hinauf, ob er den Senn +nicht noch einmal sähe. Es dauerte einige Zeit, da plötzlich trat +Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Hütte heraus.</p> + +<p>Er blieb vor der Tür stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die +stille Bergwelt hinaus, wo jetzt über alle hohen Schneegipfel hin das +milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt +der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen +Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hände. Er hielt wohl still +seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: “Gute Nacht +geb euch Gott!” trat in die Hütte zurück und machte die Tür zu. Sein +Nachtgruß hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum +und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller +Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fühlte Liebe und +Bewunderung für den Senn, Gefühle, die er bisher nicht gekannt hatte.</p> + +<p>Als es nun ganz dunkel und still in der Hütte wurde, stand der This +auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.</p> + +<p>Es war spät und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich, +die Tür war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Häuschen und +schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser +schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: “Es +ist bequem, daß der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden. +So hat man doch Platz!”</p> + +<p>This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er +immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit +gefalteten Händen vor seiner Hütte stand. Zum erstenmal in seinem +Leben schlief der This mit einem glücklichen Herzen ein.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="3_Kapitel">3. Kapitel<br><span class="small">Ein hilfreicher Engel</span></h2> +</div> + + + +<p>Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten, +mußten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges +gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr +Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze +Schar den Berghang herunter, und bald saßen sie alle mit anderen +Kindern so ruhig wie möglich auf den langen Bänken, und der Herr +Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von +einem zukünftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den +This fiel, fuhr er fort: “Ich will dich auch einmal wieder etwas +fragen, das wirst du wohl beantworten können, wenn man dir auch nicht +viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Ärmsten +und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben geführt hat, so +wohl werden, daß er kein Leid verspürt?”</p> + +<p>“Bei der Schwemmebachsennhütte”, antwortete der This ohne Zögern. +Jetzt entstand ein solches Kichern, daß der This ganz scheu um sich +schaute. Ringsum waren spöttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle +Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich +so stark vornüber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem, +was der Herr Pfarrer das letztemal erklärte, hatte er nichts gehört, +weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mußte. Jetzt hatte +er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet.</p> + +<p>Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, daß es dem +This gar nicht zum Lachen war, sondern daß er vor Scheu ganz +erschrocken und zusammengeduckt dasaß, da schüttelte der Herr Pfarrer +nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: “Es ist nichts mit ihm zu +machen.”</p> + +<p>Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stürzte die ganze Schar +hinter dem This her, alle lachten überlaut und schrien durcheinander: +“This, sind dir auf einmal in der Kirche die Käsfische in den Sinn +gekommen?”</p> + +<p>“This, warum hast du nicht auch etwas von den Käsfischen gesagt?” Der +This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem +Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben +wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den +schönen Sonntagabend unten im Dorf genießen.</p> + +<p>Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt +einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhütte +hinaufflüchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen. +Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plätzchen sitzen und +vor Verfolgung sicher sein. Nun saß er wieder unter den Tannen und +über ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der +Sonne, und über den grünen Hängen floß da und dort ein klares Bächlein +friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, daß er allen +Spott vergaß und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr +weggehen zu müssen.</p> + +<p>Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er +beständig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie möglich +nieder. Denn er hatte das Gefühl, wenn der Franz Anton ihn wieder +hier sehe, so könnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein +Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und +einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und +in dessen Nähe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst +nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und +This saß an seinem schönen Plätzchen, bis die Sterne am Himmel standen +und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Hütte hinaustrat und +ausrief: “Gute Nacht geb euch Gott!” Dann erst lief der This wieder +davon, und spät wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht +hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber +das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefühlt +dort oben.</p> + +<p>So ging es eine ganze Woche. Tag für Tag, sobald er einen Augenblick +fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm +hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete +er die ganze Tätigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und +nie verließ er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton +gesagt hatte: “Gute Nacht geb euch Gott!” Es war ihm jetzt immer, als +sei der Nachtsegen auch für ihn gedacht.</p> + +<p>Es waren ausnahmsweise heiße Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg +jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend +niedergegangen war. Das Futter war besonders kräftig, und Franz Anton +bekam so schöne, fette Milch von den Alpenkühen, daß er die +prächtigsten Käse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude, +und schon frühmorgens konnte man ihn voller Vergnügen in seiner +Sennhütte pfeifen hören, so auch am Samstag dieser Woche. Da hörte +man ihn noch viel früher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem +der Senn seine drei oder vier fertigen Käse an den See hinunterbrachte. +Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie +auf seinem Rücken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwärts, +den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rücken. Es +war der heißeste Tag des ganzen Sommers.</p> + +<p>Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die übermäßige +Hitze, und oft sagte er zu sich: “O wie will ich froh sein, heute +abend wieder zu meiner Hütte hinauf in die kühle Luft zu kommen, hier +unten ist’s wie in einem Backofen.” Jetzt war er unten angelangt, +gerade als das Schiff herankam, das die Käse mitnehmen sollte. Bald +war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlüssig +da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten +etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fühlte keinen Appetit, sein Kopf +war schwer und heiß, er wünschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn +jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim +Einladen geholfen hatte. “Komm, Franz Anton, heute ist’s heiß, wir +wollen ein Glas Wein im Schatten trinken”, sagte er und zog den Senn +zu dem Wirtshaus.</p> + +<p>Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im +Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber +stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in +der schweren, heißen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht +an den Wein gewöhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit großen +Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in +seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiß auf +seinen Kopf, alle seine Pulse hämmerten, die Füße wurden ihm so schwer, +daß er sie nur mit Mühe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je +größer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der +Aussicht an, daß nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt +nur noch eine Viertelstunde heißer Mühe vor ihm liege. Dann würde er +oben sein und könne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.</p> + +<p>Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne +brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Plötzlich wurde es ihm völlig +schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stürzte er auf den +Boden nieder. Er hatte das Bewußtsein verloren.</p> + +<p>Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er, +daß der Franz Anton noch nicht zurückgekehrt war. Er stellte seine +Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem +Senn auszuschauen.</p> + +<p>Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz +Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte +er an seinem verborgenen Plätzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt, +den der Senn tat. Er wußte, wie eine Beschäftigung auf die andere +folgte, so daß er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der +Franz Anton seine Milch stehen ließ. Sonst goß er sie immer gleich in +die verschiedenen Gefäße. Die eine kam zum Buttern in die großen, +runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schön dick obenauf +lag. Die andere wurde in den Käsekessel gegossen, das hatte der This +durch die offene Hüttentür alles genau beobachten können. Der Senn +kam immer noch nicht. Der Junge fühlte, daß irgend etwas geschehen +sein mußte. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging +zur Sennhütte. Da war es still und leer unten im Hüttenraum und oben +auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut +war zu hören, alles wie ausgestorben. Ängstlich lief der This +jetzt um die Hütte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann +in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal—dort unten +erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu—da +lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stöhnte und lechzte wie +ein Sterbender. Er sah glühend heiß aus, und seine Lippen waren ganz +vertrocknet.</p> + +<p>Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor +Schrecken, auf seinen Wohltäter. Dann stürzte er in schnellem Lauf +den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewußtlos am +Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt +an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem +brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bücken +und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er für einen Augenblick, +denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.</p> + +<p>Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rühren. +Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das +Bewußtsein wieder, und er träumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er +heute früh im Vorübergehen noch die schönen Erdbeeren gesehen hatte. +Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die +Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber +jetzt hatte er plötzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte +sie ihm gegeben—und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der +Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlürfte und +schluckte, es war ein unsägliches Labsal. Er erwachte. War das alles +Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und +steckte ihm wieder eine große saftige Erdbeere in den Mund.</p> + +<p>“O du guter Engel, noch eine”, sagte leise der Franz Anton. Aber +nicht nur eine, fünf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf +einmal flog ein stechender Schmerz über sein Gesicht. Er legte die +Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: “Wasser”, dann war +ihm das Bewußtsein wieder völlig entschwunden. Er konnte nicht einmal +mehr die letzte Erdbeere genießen. Jetzt träumte er ganz schreckliche +Dinge. Sein Kopf wurde so groß wie sein allergrößtes Butterfaß und +dann immer noch größer und so furchtbar schwer, daß er mit Schrecken +dachte: “Den kannst du nie mehr allein tragen, man muß starke, +hölzerne Stützen unterstellen, wie unter die Apfelbäume, wenn sie +zuviel Äpfel tragen.” Und jetzt fühlte er deutlich, daß der Kopf ganz +voll Schießpulver war, das hatte einer von hinten angezündet. Nun +brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mußte alles +zerspringen. Aber dann kam plötzlich ganz kalt und belebend der +Schwemmebach über seine Stirn, über das ganze Gesicht und in den Mund +hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.</p> + +<p>Es war wahr, eiskalt kam ein Guß nach dem anderen auf Stirn und +Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den +kühlenden Trank ein. Über ihm standen die funkelnden Sterne, das +sah der Franz Anton deutlich. Er wußte auch, daß er noch am Boden lag +draußen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der +Schwemmebach sein, was so über ihn floß und ihn so ordentlich trinken +ließ. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend, +so erlösend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer. +Voller Dank sagte er nur halblaut: “Ach, lieber Gott, wie danke ich +dir für deine Güte und die hilfreichen Engel!”</p> + +<p>Das erquickende Wasserbad hörte nicht auf, und zuletzt fühlte der +Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schützend und +wohltuend, daß er sagte: “Da kann kein Feuer mehr durch.” Und beruhigt +schlief er jetzt ganz sanft ein und träumte nicht mehr.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="4_Kapitel">4. Kapitel<br><span class="small">Was die Sennenmutter haben will</span></h2> +</div> + + +<p>Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz +Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er +schauderte ein wenig zusammen, es fröstelte ihn. Er wollte sich +aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand +an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht. +Wohl sechsfach zusammengelegt lag naß und schwer das große Handtuch +aus der Sennhütte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der +frische Morgenwind über die Stirn blies, fühlte er sich so wohlig und +erleichtert, daß er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da +sah er auf einmal in zwei große, ernsthafte Augen hinein, die +unverwandt auf ihn gerichtet waren.</p> + +<p>“Bist du das, This?” fragte er verwundert, “Wie kommst du so früh auf +die Alm? Nun, weil du da bist, komm, daß ich mich ein wenig auf deine +Schulter stützen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf.”</p> + +<p>Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er +stemmte mit aller Gewalt seine beiden Füße in den Boden hinein, so daß +der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte. +Während des langsamen Aufstiegs zur Hütte, als er sich immer noch auf +die Schulter des Buben stützte, fing er an, sich daran zu erinnern, +was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgänge der +Nacht völlig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur +helfen. In der Hütte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner +dreibeinigen Stühle und sagte: “This, hol dir den anderen und setz +dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir +wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt +noch nicht machen. Ein Schüsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist +es denn hingekommen?” unterbrach sich der Senn, “ich stelle es +regelmäßig dort hinauf. Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht seit +gestern.”</p> + +<p>Der This war feuerrot geworden, er wußte wohl, wer das Schüsselchen +heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: “Dort steht’s am +Boden”, holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides +dem Senn. Dieser schüttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er +lebte, hatte er noch nie sein Schüsselchen dort bei der Tür auf den +Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine +Milch, füllte dann das Schüsselchen wieder und sagte: “Da, This, trink +auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, daß du so früh hinauf +kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Käsfischtag und du seist dann +sicher der erste?”</p> + +<p>“Nein, gewiß nicht”, versicherte This.</p> + +<p>“Sag mir jetzt etwas”, fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal +unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder +zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. “Sag mir, This, habe ich +denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute früh +heraufkamst?”</p> + +<p>Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn +alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht +recht, und er könnte böse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm +jetzt so tief in die Augen, daß er alles sagen mußte: “Ich habe es +selbst darauf gelegt”, fing er zaghaft an.</p> + +<p>“Warum denn, This?” fragte der Senn verwundert.</p> + +<p>“Weil sie so heiß waren”, erwiderte This.</p> + +<p>Der Senn staunte immer mehr. “Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang +erwacht”, sagte er. “Wann bist du denn heraufgekommen?”</p> + +<p>“Gestern um fünf, oder um vier Uhr”, stotterte der This furchtsam, +“der Melker kam erst lange nachher.”</p> + +<p>“Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn +gewollt und gemacht?”</p> + +<p>Jetzt sah der Franz Anton, daß dem This ganz bange wurde, ihm selber +aber fielen nun wieder die Vorgänge der letzten Nacht ein. Ganz +väterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd: +“Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fürchten, This. Da, trink noch +eins aus, und dann sag mir alles, was du weißt, von da an, als du hier +heraufgekommen bist.” Auf diese Ermunterung hin faßte der This neuen +Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zügen aus, denn sie schmeckte +herrlich.</p> + +<p>Dann fing er an zu berichten: “Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier +herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Käsfische. +Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie +nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden +gefunden, und Sie sind ganz rot und heiß gewesen und haben Durst +gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe +alle großen Erdbeeren gepflückt, die noch da waren, und habe sie Ihnen +gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf +den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Hütte +das Schüsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach +habe ich ihn gefüllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schüsselchen das +Wasser über den Kopf geschüttet und auch zu trinken gegeben, denn sie +haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin +ich zum Bach hinüber und habe ihn wieder gefüllt. Aber weil das +Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes +Tuch wurde den Kopf besser kühlen. Und so habe ich das Tuch aus der +Hütte geholt und es ganz naß auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann +trocken und heiß wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und +es dann wieder naß auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann +erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht +etwa krank werden.”</p> + +<p>Der Senn hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Jetzt stand alles +deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wußte auch +wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren +als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespürt und +genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und +verwundert an, als hätte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen +solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn möglich, daß +dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben +gerettet hatte.</p> + +<p>Hätte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelöscht, wer weiß, +was bis zum Morgen daraus geworden wäre! Und wie konnte dieser This, +dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung +fähig sein, daß er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn +pflegte! Dem großen, starken Franz Anton kamen die Tränen in die +Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles +überdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: “Wir +wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das +vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die +Glieder so, daß ich mich jetzt niederlegen muß. Geh du nun hinunter +zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir +nicht ganz wohl. Du mußt dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe +noch viel mit dir zu reden heute, vergiß es nicht!”</p> + +<p>Solange er lebte, war der This noch nie so glücklich gewesen. Er lief +springend den Berg hinunter, als könne er nicht hoch genug aufspringen +vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen, +und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in +die Sennhütte eintreten. Außerdem hatte der Franz Anton ihm noch +gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser +Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der +Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Häuschen +mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im +Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der +Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen, +denn er war ganz atemlos vom Laufen.</p> + +<p>“Woher kommst denn du?” fragte die sonntäglich gekleidete Frau, die +nicht gern etwas Unordentliches sah. Mißbilligend musterte sie den +Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntäglichen Anblick +in seinen zerfetzten Alltagshöschen und dem schmutzigen Hemdlein. +“Ich meine, ich habe dich schon dort drüben über dem Bach gesehen, du +bist wohl einer vom Hälmli-Sepp?”</p> + +<p>“Nein, nur der This”, erwiderte der Bub ganz demütig.</p> + +<p>Jetzt fiel der Frau ein, daß die Frau des Hälmli-Sepp einen +einfältigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts +zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. “Und was willst du +denn bei mir?” fragte sie nun erst recht verwundert.</p> + +<p>Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag +klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der +kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und daß er nach ihr schickte +und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes +Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in großer +Sorge das Nötigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem großen +Korb am Arm heraus.</p> + +<p>“Komm”, sagte sie zu This, “wir wollen gleich gehn. Warum mußt du +wieder mit?”</p> + +<p>“Ich weiß nicht”, antwortete er. Und fast als wäre es etwas Böses, +setzte er leise hinzu: “Muß ich nicht den Korb tragen?”</p> + +<p>“So, jetzt verstehe ich’s”, sagte die Frau, “der Franz Anton hat daran +gedacht, daß ich allerhand mitbringen will.” Sie gab dem This den Korb. +Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief +in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer +Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die +Krankheit gefährlich sein? Ihre Angst wurde immer größer, je näher +sie der Sennhütte kamen. Jetzt waren sie oben—nur noch einige +Schritte—der bekümmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast +nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie +schaute überall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn +tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem +Herzen stieg sie die Leiter hinauf.</p> + +<p>Der This blieb ehrerbietig draußen vor der Tür stehen, nur den Korb +schob er in die Hütte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll +über ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte +ihr fröhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter: +“Grüß dich Gott, Mutter! Das freut mich, daß du da bist. Ich habe +aber geschlafen wie ein Bär, die ganze Zeit, seit der This fortging.” +Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie +wußte gar nicht, was sie denken sollte. “Franz Anton”, sagte sie +jetzt ernsthaft, “was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weißt du, +daß du mich hast holen lassen?”</p> + +<p>“Ja, ja, Mutter”, lachte jetzt der Franz Anton, “jetzt bin ich ganz +bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir +noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir +reden. Ich fühl’s auch jetzt noch in den Knien zittern, ich käme noch +nicht weit.”</p> + +<p>“Aber was ist’s denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir’s doch”, +drängte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.</p> + +<p>“Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen”, +sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. “Sieh einmal +zuerst dort unten das schmale, magere Büblein an, das kein gutes Stück +Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder +nur den dummen This nennt.”</p> + +<p>Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn +hinaufspähte, ob er etwa wieder umfallen wolle.</p> + +<p>“Und jetzt?” fragte die Mutter gespannt.</p> + +<p>“Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Büblein nicht +gewesen wäre, so läge ich jetzt noch draußen auf dem Boden in einem +tödlichen Fieber, oder vielleicht wäre es auch schon vorbei mit mir.” +Und jetzt erzählte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag +zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen +und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch +auf der Welt es nicht besser hätte tun können.</p> + +<p>Die Mutter mußte sich mehrmals die Tränen abwischen. Sie stellte sich +vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da +draußen gelegen hätte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden +wäre, und kein Mensch hätte etwas von ihm gewußt. Und jetzt stieg ein +Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, daß sie laut ausrufen mußte: +“Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!” Aber auch eine solche +Liebe zu dem armen This überkam sie, daß sie ganz eifrig sagte: “Franz +Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hälmli-Sepp zurück! +Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat +sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen +mache ich ihm ein Gewand, daß man ihn ansehen darf. Er muß es nicht +schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir +geholfen hat.”</p> + +<p>“Das ist nun gerade, was ich wünschte, Mutter, aber ich mußte doch +zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben +und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein könnte. Es geht +nichts über eine Mutter!” Und der Franz Anton schaute sie so voller +Glück und Liebe an, daß es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich +dachte: Es geht auch nichts über einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte +sie: “Jetzt mußt du etwas essen, Franz Anton, daß du wieder zu Kräften +kommst. Ich habe frische Eier und ein Weißbrot mitgenommen, und jetzt +will ich Feuer machen, laß dir Zeit zum Herunterkommen.” Das mußte der +Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging. +Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er +sich selbst niedergesetzt hatte.</p> + +<p>“This”, sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend, +“willst du ein Senn werden?”</p> + +<p>Der This fing an zu lächeln, aber dann hörte er plötzlich die +vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen +hatte: “Aus dem wird nie etwas,”, “der kann nichts”, “der wird nichts”. +Und schüchtern antwortete er. “Ich kann nichts werden.”</p> + +<p>“This, ein Senn wirst du”, sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit. +“Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun +bleibst du bei mir und trägst Milch und Wasser und hilfst mir bei +allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Käse macht und sobald +du groß genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein +Gehilfe.”</p> + +<p>“Hier in der Schwemmebachsennhütte?” fragte This, dem die Aussicht auf +diese Glückseligkeit ganz unfaßbar war.</p> + +<p>“Alles hier, in der Schwemmebachsennhütte”, bestätigte der Franz Anton.</p> + +<p>Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden +Glücks, daß der Senn ihn nur ansehen mußte. Der Bub war wie +verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den großen +Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie +streichelte den Buben und sagte: “Ja, Thisli, heute wollen wir +miteinander fröhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen +wir dem lieben Gott dafür danken, daß er dich gerade zur rechten Zeit +in die Nähe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch +begreift, warum du da heraufgekommen bist.”</p> + +<p>Jetzt begann das fröhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben +hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen. +Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weißbrot hingelegt +und daneben Butter und weißen Käse. Und mitten auf dem Tisch stand +eine große Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die +Mutter große, dicke Stücke vor den This hin, und wenn er fertig war, +gab es gleich noch einmal so viel.</p> + +<p>Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie: +“Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muß bei dir oben +bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es +nötig ist. Der Frau des Hälmli-Sepp will ich schon alles berichten.”</p> + +<p>Das war dem Sennen recht, und für den This war es das höchste Glück, +das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton. +Nicht mehr verborgen unter den Tannenbäumchen hörte er heute den +Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als +dieser seine Hände faltete und sagte: “Komm, This, nun beten wir den +Abendsegen.” Andächtig faltete auch er seine Hände, und als am Schluß +der Senn sagte: “Gute Nacht geb euch Gott!”, da war das Glück im +Herzen des This so groß, daß er gern überlaut allen Menschen auf der +ganzen Welt sagen wollte: ‘Gute Nacht geb euch Gott!’</p> + +<p>Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinüber zu der Frau des +Hälmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und +gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzählten. +Die Sennin hörte, daß von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der +Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hälmli-Sepp erklärte, +daß sie mit ihrem Sohn übereingekommen sei, sie wollten den This bei +sich annehmen, da machte die Frau einen großen Lärm. Sie sagte, sie +sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien für +den Senn eine größere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien +alle aus vollen Hälsen: “Mich! Mich! Mich!” Denn sie wußten wohl, +wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhütte für gute +Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.</p> + +<p>Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn +schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen +This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das +Hänseln und Verspotten unterlassen, sonst hätten sie es mit ihrem Sohn +zu tun. Der rede dann mit seinen kräftigen Armen eine deutlichere +Sprache mit den Buben, als sie es jetzt könnte. Dann verließ die +Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblüfft nachschauten, +und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wäre, +der wird’s gut haben, wie ein König wird er da oben in seiner +Sennhütte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen ließ, +liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund +sein. Denn sie mußten alle an den letzten Käsfischtag denken, als der +This so übel behandelt worden war. Von nun an würde er ja gewiß alle +Käsfische allein bekommen, da wäre doch jeder gut daran, der sein +Freund wäre. Und später waren sie auch alle gut daran, denn dem This +machte es die größte Freude, die reiche Ernte der Käsfische unter +allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darüber +wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie +mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte +sich zur Überraschung aller, daß er auf einmal ein ganz flinkes, +geschicktes Bürschchen war, von dem jeder sagen mußte: “Entweder ist +das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den +dummen This zu nennen.” Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit, +sein liebster Schüler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei +allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die +anderen Buben könnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.</p> + + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 9859 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/9859-h/images/cover.jpg b/9859-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b571467 --- /dev/null +++ b/9859-h/images/cover.jpg diff --git a/9859-h/images/cover.jpg~ b/9859-h/images/cover.jpg~ Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b571467 --- /dev/null +++ b/9859-h/images/cover.jpg~ diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Vom This, der doch etwas wird + +Erzaehlung + +Johanna Spyri + + + + + + + +1. Kapitel + +Alle gegen einen + + +Wenn man den Seelisberg von der Rueckseite her besteigt, kommt man auf +eine frische, gruene Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die +friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem +schoenen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenaehrten Kuehe +ziehen lieblich laeutend immer hin und her. Denn jede traegt am Hals +ihre Glocke, damit man immer hoert, wo sie ist. So kann sich keine Kuh +unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Straeuchern bedeckte Felswand +liegt, ueber die sie hinunterstuerzen koennte. Es ist ausserdem ein +ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben koennen. Aber die +Glocken sind doch notwendig und toenen so freundlich hin und her, dass +keiner sie entbehren moechte. Am Bergabhang stehen hie und da +vereinzelt die kleinen, hoelzernen Haeuser, und nicht selten rauscht +daneben ein schaeumender Bach ins Tal hinab. 'Am Berghang' heisst es +hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Haeuschen steht auf +ebenem Boden. Es ist, als waeren sie irgendwie an den Berg hingeworfen +worden und da haengengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da +oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie +alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der +kleinen, hoelzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt +in ihre Naehe, so sieht man, dass ein grosser Unterschied zwischen ihnen +ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Naehe ganz +verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen +ihnen stuerzt der groesste Bergbach der Gegend, der schaeumende +Schwemmebach, hinunter. + +Am ersten Haeuschen blieben auch an den schoensten Sommertagen alle die +kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die +hineindrang, kam durch die Loecher der zerbrochenen Scheiben. Das war +aber nicht viel, denn die Loecher waren wieder mit Papier verklebt, +damit man im Winter drinnen nicht frieren musste. An dem hoelzernen +Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war +so zerfallen, dass es ein Wunder war, dass alle die kleinen Kinder, die +da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie +hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder +waren alle mit Schmutz ueberdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen +Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ueber da +herum, und am Abend kamen vier groessere Kinder dazu. Drei kraeftige +Buben und ein Maedchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich +aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie +konnten sich doch schon selbst waschen. + +Das Haeuschen ueber dem Bach drueben hatte einen ganz anderen Charakter. +Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeraeumt +aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drueben. Die +Stufen sahen immer so aus, als waeren sie eben gescheuert worden. Und +oben auf der Galerie standen drei schoene Nelkenstoecke und dufteten den +ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen +Fenstern stand offen und liess die schoene, sonnige Bergluft herein. +Dort konnte man meistens eine noch kraeftig aussehende Frau sitzen +sehen, mit schoenem, weissem Haar, das sie sehr ordentlich unter das +schwarze Haeubchen zurueckgestrichen hatte. Sie flickte gewoehnlich an +einem Maennerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber +gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so +adrett und reinlich aus, als waere noch nie etwas Unsauberes an sie +herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des +froehlichen Franz Anton mit den kraeftigen Armen. Der machte den Sommer +ueber in der oberen Sennhuette seine Kaese, und erst im Spaetherbst zog er +wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn +dann butterte er in der unteren Sennhuette, die ganz nahe lag. Da ueber +den reissenden Schwemmebach kein Steg fuehrte, waren die zwei Haeuschen +ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg +wohnten, besser, als diese Nachbarn ueber dem Bach, zu denen sie nur +etwa einmal am Tag stumm hinueberschaute. Gewoehnlich schuettelte sie +dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter +und schmutzigen Fetzen drueben an den Kindern sah. Sie schaute aber +nicht oft hinueber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber +betrachtete sie, wenn das Feierabendstuendchen kam, ihre roten Nelken +auf der Galerie oder sie schaute ueber den gruenen, sonnigen Abhang +hinunter, der vor ihrem Haeuschen zum Tal hinabstieg. + +Die verwilderten Kinder ueber dem Bach gehoerten dem Haelmli-Sepp, wie er +genannt wurde, der seine Arbeit ausser Haus beim Holzfaellen oder +Heumachen suchte. Ausserdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So +war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die +Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele +kleine Kinder koenne man nicht in Ordnung halten, und spaeter wuerde es +dann von selbst besser. So liess sie alles gehn, wie es ging. Und in +der schoenen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und +liessen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl +sein. Zur Sommerzeit waren die vier Groesseren den ganzen Tag draussen, +um die Kuehe zu hueten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen, +wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten +bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kuehe auf das +umliegende Weideland hinaus und mussten sie hueten lassen. Das ist +immer eine lustige Zeit fuer die Buben und Maedchen, die sich dort zu +jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei froehliche Sachen +miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten +im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere +Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer +ueber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstueck nach Hause, +das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier +Kleinen zu ernaehren und fuer alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn +diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein musste doch jedes haben +und die vier Grossen noch ein Stueck dazu. Eine Kuh hatte der +Haelmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besassen, +wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten. + +Haelmli-Sepp hiess der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum +nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine +Geiss und ein Stueck Kartoffelland, damit musste die Frau mit den vier +Kleinen den Sommer ueber auskommen und auch hier und da noch eines der +Groesseren speisen, wenn es draussen keine Arbeit fand. Der Vater kam im +Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein +Haeuschen und Acker waren so verschuldet, dass er das ganze Jahr ueber +etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten +konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel +er fand. + +So musste die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte +keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von +der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der +verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten, +schaute sie ueber den Bach zu dem schmucken Haeuschen der Sennerin +hinueber, dessen Scheiben in der Sonne glaenzten. Dann sagte sie +aergerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles +sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging +sie wieder aergerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurueck, und an dem, +der ihr zuerst in den Weg kam, liess sie den Aerger aus. + +Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht +ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Haeuschen vom +Haelmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der +dumme This' genannt, sah so mager und duerftig aus, dass man ihn kaum +fuer achtjaehrig gehalten haette. Er schaute auch so scheu und +verschuechtert drein, dass niemand wusste, wie der This eigentlich aussah, +denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach. +This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum +zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel spaeter ueber die Felsen +in die Tiefe gestuerzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam +und den Weg abkuerzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte +nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem +grossen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This +hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend, +eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen +Matthis genannt. + +Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Haeuschen vom +Haelmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstaette mit seinem Bueblein +gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben +Ort. Das wenige Geld, das fuer den kleinen This von der Gemeinde +bezahlt wurde, war der Frau des Haelmli-Sepp sehr erwuenscht. Und in +die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fuer die +schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This +war schon von Natur aus ein schuechternes und stilles Bueblein gewesen. +Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das grosse Unglueck +gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem +Unglueck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr. + +So sass der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein +Wort zu hoeren, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann +seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des +Haelmli-Sepp gehoerte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde +von jedem angefahren und hin und her gestossen, weil er sich nie wehrte. +Zu all den Pueffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen +dann noch die boesen Worte der Frau, wenn sie den Aerger ueber das +saubere Haeuschen der Sennerin drueben hatte. Der This wehrte sich aber +nie, denn er hatte das Gefuehl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so +nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und +verschuechtert, dass man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her +vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn +anrief. Er sah ueberhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch, +wo er in die Erde hineinkriechen koennte, dass ihn keiner mehr faende. + +So war es gekommen, dass die vier Grossen vom Haelmli-Sepp, der Jopp, der +Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du +bist doch ein dummer This", und dass es die vier Kleinen auch +nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals +dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es +werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme +This' genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten koennte, +wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kuehe zu hueten, und war +er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke +oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da sass er +meistens zitternd vor Furcht, denn er hoerte wohl, wie die anderen +Buben ihn mit grossem Geschrei suchten, dass er bei den Spielen +mitmachte, die sie spielen wollten. + +Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Pruegeln, und das traf +regelmaessig den This am staerksten, da er sich nicht wehrte und auch +nicht wehren konnte gegen die viel Staerkeren. So verkroch er sich, +sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kuehe, wohin sie wollten +und frassen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann grossen Aerger, und +jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kuehe zu hueten, und keiner +stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld, +wenn die Buben zum Jaeten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da +warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblueten an den +Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem +anderen reichlich zurueck, was er empfangen hatte. Der This gab aber +nichts zurueck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen +Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen +gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten +die Knollen an den Ruecken und an den Kopf. + +Waehrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten, +versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den +Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit +nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller +Arbeit zu dumm und aus dem This koenne nie etwas werden. Weil er nun +gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er +auch von der Frau des Haelmli-Sepp demgemaess behandelt. Wenn schon die +eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es +meistens, dass fuer den This gar nichts mehr uebrigblieb und es dann hiess: +"Du wirst wohl etwas finden, du bist gross genug." Wie der This +eigentlich ernaehrt wurde, wusste niemand, auch die Frau des Haelmli-Sepp +nicht, aber irgendwie lebte er doch immer. + +Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen +Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tuer +vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in +seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich +wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer +scheuer wurde und sich immer mehr versteckte. + + + +2. Kapitel + +Bei der Schwemmebachsennhuette + + +An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle +Muecken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hueterbuben und--maedchen. +Sie mussten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp, +von allen der Groesste, war der Leiter der Versammlung. Und als alle +nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, dass man jetzt zur +Schwemmebachsennhuette hinaufgehe, denn heute sei der Kaesfischtag. Nun +muesse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kuehe +hueten solle, waehrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wuerden. +Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust, +sich fuer die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue +Uli auf den Gedanken, man koennte einmal den dummen This zwingen, auf +die Kuehe acht zu geben. Und damit er's nicht vergesse, koennte man ihn +im voraus ein wenig durchpruegeln. Der Vorschlag fand Anklang, und +schon wollten mehrere von den Anfuehrern der Schar den This holen, als +das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts +Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den +Lohn dafuer, wenn wir wieder zurueckkommen und die Kuehe sich verlaufen +haben. Ihr werdet doch nicht glauben, dass der This, wenn er zu dumm +ist, zwei Kuehe zu hueten, auf einmal zwanzig hueten kann. Man muss losen, +und drei muessen bei den Kuehen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis +Erklaerung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus +der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet +der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der +siegreichen Schar den Ruecken und setzte sich auf den Boden neben seine +beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stuerzte nun +die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuss +entgegen. + +Der Kaesfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die +es nie unterliessen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen +sollte. Denn das war ein Hauptfest fuer sie. Das war der Tag, an dem +der Franz Anton seine frischen Kaese rundum beschnitt, nachdem diese +als weiche Masse in die runde, hoelzerne Form gepresst worden waren. +Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von +der Masse herausdraengte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie +eine lange, schneeweisse Wurst. Die wurde dann in viele Stuecke +gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt. +Das waren dann die sogenannten Kaesfische. Dieses Fest wiederholte +sich den Sommer ueber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem +Freudengeschrei begruesst. + +This hatte sich hinter dem grossen Distelbusch am Boden versteckt +gehalten, waehrend die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton +von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hoerte, +dass die grosse Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig +hervor. Die drei grollenden Zurueckgebliebenen sassen am Boden und +kehrten ihm den Ruecken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stueck +die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der +Hoehe hernieder. Den This erfasste ein unwiderstehliches Verlangen, +auch an der Kaesfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schluepfte er +hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er +hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem +letzten steilen Hang kam eine kleine, glaenzend gruene Hochebene, da +stand die Sennhuette. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der +klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tuer seiner Huette stand der +Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte ueber +die vielen Spruenge, die jetzt die Buben und Maedchen in ihrem Eifer, zu +dem ersehnten Genuss zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt +waren sie alle bei der Huette und eines draengte das andere vorwaerts, um +noch naeher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wuerde. + +"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton. "Wenn ihr alle in +die Huette hineindraengt, so habe ich keinen Platz mehr zum +Kaeseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes +Messer zur Hand und trat an den grossen, runden Kaese heran, den er +schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden +ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweissen +Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stueck und da ein +Stueck, oft ueber die Koepfe der Grossen weg den Kleinen, die nicht zu ihm +vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner +Teilung. + +This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen +wollte, so bekam er da einen Stoss und dort einen und flog so von einer +Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer +wieder ein Groesserer und Dickerer sich vor ihn draengte. Zuletzt bekam +er einen so ungeheuren Stoss von dem breiten, nach allen Seiten +schlagenden Jopp, dass er sich fast ueberschlagen haette. Die Teilung +war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, dass er zu keinem +Stueckchen Kaesfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine +Schlaege mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die +jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den +Baeumchen. Auf der hoechsten Krone des einen sass ein lustiger, kleiner +Vogel und pfiff so froehlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als +gaebe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und +Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, dass er fast das +Leid vergass, das ihm eben geschehen war. + +Von Zeit zu Zeit musste er nach der Sennhuette hinueberschauen, denn das +Laermen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stueck Kaesfisch +wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie +jedes Kind mit einem groesseren oder kleineren Brocken der schoenen, +weissen Masse dastand und mit Wonne hineinbiss. Er seufzte dann ein +wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges +Stuecklein bekaeme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weissen +Kaesfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie +heute in die Schar der Gluecklichen einzudringen. Jetzt hatte er +gesehen, dass es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut +zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlussgedanken, dass er +sein Leben lang nie einen Kaesfisch bekommen werde. Darueber wurde er +so traurig, dass er nicht einmal den Vogel mehr hoerte und ganz +zusammengeduckt unter den Tannenbaeumen sass. + +Jetzt war das Gastmahl bei der Huette zu Ende und mit schrecklichem +Laerm stuerzten die Kinder daher, womoeglich immer einer ueber den anderen +hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall +brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der +laermende Hans, und laut schrie er in das Gebuesch hinein: "Du Maulwurf, +komm heraus, du musst mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen +hatte. Er musste sich als Bock hinstellen, damit die anderen ueber ihn +springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er waere +viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wusste wohl, +was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er +gehorsam heran. "Wie viele Kaesfische hast du bekommen?" schrie ihn +jetzt der Hans an. + +"Keinen", gab This zurueck. "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans +noch lauter in die Schar hinein, "der laeuft schnell zu den Kaesfischen, +und dann laeuft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer +This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die grossen +Buben ueber den Kopf weg, so dass er genug zu tun hatte, nur immer +wieder auf die Fuesse zu kommen, wenn er umgeworfen worden war. +Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestuerzter die Abhaenge +hinunter, bis ein gluecklicher Zufall sie wieder alle auf die Fuesse +brachte. Nach dieser stuermischen Niederfahrt unten angekommen, liefen +gleich alle auseinander, jeder seinen Kuehen nach. + +Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn +jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den +Zurueckgebliebenen, weit er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem +Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben +und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im +Berghang, wo im Fruehling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und +den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und +ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schoene, dunkelrote +Erdbeeren in der Sonne, die so schoen warm in die Vertiefung schien. +Aber dem This war es ueberall angst und bang, wenn er noch in der Naehe +der Haeuser und der Hueterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden +Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der +This zuckte scheu und aengstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer +dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch +einmal an das stille Plaetzchen unter den kleinen Tannenbaeumchen dort +oben und an das pfeifende Voegelein, so dass es ihn mit Gewalt vom Boden +zog. Er musste noch einmal dorthin. + +Mit allen Kraeften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht +einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die +Tannenbaeumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein +Tannenversteck ein wenig offen. Da sass nun der This in voelliger +Sicherheit. Ringsum war eine grosse Stille, kein Ton drang von unten +her bis hier auf die einsame Hoehe, nur das Voegelein sass noch auf +seinem Tannenast und pfiff sein froehliches Lied. Die Sonne wollte +untergehen. Die hohen Schneeberge drueben fingen zu flimmern und zu +gluehen an, und ueber die ganze gruene Alm hin lag das golden schimmernde +Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie +gekanntes Wohlsein kam ueber ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und +Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fuerchten, denn weit und +breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hoeren. + +So sass der This eine lange Zeit, und am liebsten waere er gar nicht +mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben +gewesen. Aber da hoerte er schwere Tritte hinter sich von der Huette +her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiss +wollte er zum Bach hinueber, um Wasser zu holen. This verhielt sich +maeuschenstill. Denn er war so daran gewoehnt, dass er von jedermann +angefahren oder ausgelacht wurde, dass er dachte, der Senn werde es +gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die +Baeumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton +wurde aufmerksam, trat naeher und guckte in den Tannenbusch hinein. + +"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht. + +"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd. + +"Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fuerchten, wenn du nichts +Boeses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa +mit deinen Kaesfischen da hineingefluechtet, dass du sie in Ruhe +verzehren kannst?" + +"Nein, ich habe keine Kaesfische gehabt", sagte This aengstlich. + +"Nicht? Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie +sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem +Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem +Menschen. + +"Sie haben mich auf die Seite gestossen", erwiderte er nun und stand +hinter den buschigen Zweigen auf. + +"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort, +"komm noch ein wenig naeher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn +sie dich wegstossen? Es stoesst ja immer einer den anderen, aber zuletzt +kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?" + +"Sie sind staerker", sagte der This so ueberzeugend, dass diese Erklaerung +wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den +Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, grossen Franz Anton wie +ein duennes Stoecklein vor einer hohen Tanne. Der kraeftige Mann +betrachtete einen Augenblick das schmale Figuerchen, an dem tatsaechlich +fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht +schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf. + +"Wem gehoerst du?" fragte er jetzt den Buben. + +"Niemand", gab This zur Antwort. + +"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?" + +"Beim Haelmli-Sepp." + +Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. "Ach so, bist du der!" +sagte er verstaendnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar +nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehoert, ihn aber nicht +gekannt. + +"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig. "Wenn du beim Haelmli-Sepp +bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Haelmlein. +Komm, Kaesfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes." + +Der This wusste gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz +Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und +das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Huette, holte +hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein grosses +Stueck ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfass, das goldig glaenzend +in der Ecke stand, und holte ein grosses Stueck Butter heraus. Das +strich er ueber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stueck mit +der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte +der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es +nicht moeglich, dass es ihm gehoere. + +"Komm heraus. Iss es vor der Huette, ich muss nun zum Wasser", sagte +Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glueck und +Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte. +Vor der Huette setzte er sich auf den Boden. Und waehrend der Senn zum +Schwemmebach hinueberging, biss er in sein Butterbrot hinein und biss +immer wieder und konnte nicht begreifen, dass es etwas so Gutes gaebe +und er es bekommen haette. + +Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und +wiegte unten die Tannenbaeumchen hin und her, und der kleine Vogel sass +immer noch auf dem hoechsten Zweig und sang hell und froehlich in den +goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie +gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er muesse laut mit dem Vogel zu +singen anfangen. + +Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her +gegangen. Drueben beim Schwemmebach war er immer eine Weile +stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr +rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gross und golden der volle Mond +hinter dem weissen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Huette +zurueck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle +sass. + +"So gefaellt's dir hier?" fragte er freundlich. "Mit dem Abendessen +bist du fertig, wie ich sehe. Du musst dich auf den Rueckweg machen. +Sieh, wie schoen dir der Mond heimleuchtet!" + +Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel +ihm ein, dass es wohl noetig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem +Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den +Tannenbaeumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurueck. Er schaute noch +einmal zurueck, und da der Senn in die Huette getreten war und ihn nicht +mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz +Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Guete +und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen +Eindruck gemacht, dass er nicht fort konnte. Er musste noch ein wenig +in der Naehe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen +unter den Baeumchen und spaehte zu der Huette hinauf, ob er den Senn +nicht noch einmal saehe. Es dauerte einige Zeit, da ploetzlich trat +Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Huette heraus. + +Er blieb vor der Tuer stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die +stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ueber alle hohen Schneegipfel hin das +milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt +der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen +Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Haende. Er hielt wohl still +seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht +geb euch Gott!" trat in die Huette zurueck und machte die Tuer zu. Sein +Nachtgruss hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum +und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller +Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fuehlte Liebe und +Bewunderung fuer den Senn, Gefuehle, die er bisher nicht gekannt hatte. + +Als es nun ganz dunkel und still in der Huette wurde, stand der This +auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter. + +Es war spaet und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich, +die Tuer war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Haeuschen und +schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser +schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es +ist bequem, dass der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden. +So hat man doch Platz!" + +This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er +immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit +gefalteten Haenden vor seiner Huette stand. Zum erstenmal in seinem +Leben schlief der This mit einem gluecklichen Herzen ein. + + + +3. Kapitel + +Ein hilfreicher Engel + + +Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten, +mussten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges +gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr +Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze +Schar den Berghang herunter, und bald sassen sie alle mit anderen +Kindern so ruhig wie moeglich auf den langen Baenken, und der Herr +Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von +einem zukuenftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den +This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas +fragen, das wirst du wohl beantworten koennen, wenn man dir auch nicht +viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Aermsten +und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefuehrt hat, so +wohl werden, dass er kein Leid verspuert?" + +"Bei der Schwemmebachsennhuette", antwortete der This ohne Zoegern. +Jetzt entstand ein solches Kichern, dass der This ganz scheu um sich +schaute. Ringsum waren spoettische Blicke auf ihn gerichtet, und alle +Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich +so stark vornueber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem, +was der Herr Pfarrer das letztemal erklaerte, hatte er nichts gehoert, +weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren musste. Jetzt hatte +er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet, + +Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, dass es dem +This gar nicht zum Lachen war, sondern dass er vor Scheu ganz +erschrocken und zusammengeduckt dasass, da schuettelte der Herr Pfarrer +nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu +machen." + +Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stuerzte die ganze Schar +hinter dem This her, alle lachten ueberlaut und schrien durcheinander: +"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Kaesfische in den Sinn +gekommen?" + +"This, warum hast du nicht auch etwas von den Kaesfischen gesagt?" Der +This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem +Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben +wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den +schoenen Sonntagabend unten im Dorf geniessen. + +Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt +einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhuette +hinauffluechten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen. +Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plaetzchen sitzen und +vor Verfolgung sicher sein. Nun sass er wieder unter den Tannen und +ueber ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der +Sonne, und ueber den gruenen Haengen floss da und dort ein klares Baechlein +friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, dass er allen +Spott vergass und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr +weggehen zu muessen. + +Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er +bestaendig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie moeglich +nieder. Denn er hatte das Gefuehl, wenn der Franz Anton ihn wieder +hier sehe, so koennte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein +Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und +einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und +in dessen Naehe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst +nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und +This sass an seinem schoenen Plaetzchen, bis die Sterne am Himmel standen +und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Huette hinaustrat und +ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder +davon, und spaet wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht +hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber +das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefuehlt +dort oben. + +So ging es eine ganze Woche. Tag fuer Tag, sobald er einen Augenblick +fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm +hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete +er die ganze Taetigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und +nie verliess er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton +gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als +sei der Nachtsegen auch fuer ihn gedacht. + +Es waren ausnahmsweise heisse Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg +jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend +niedergegangen war. Das Futter war besonders kraeftig, und Franz Anton +bekam so schoene, fette Milch von den Alpenkuehen, dass er die +praechtigsten Kaese daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude, +und schon fruehmorgens konnte man ihn voller Vergnuegen in seiner +Sennhuette pfeifen hoeren, so auch am Samstag dieser Woche. Da hoerte +man ihn noch viel frueher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem +der Senn seine drei oder vier fertigen Kaese an den See hinunterbrachte. +Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie +auf seinem Ruecken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwaerts, +den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Ruecken. Es +war der heisseste Tag des ganzen Sommers. + +Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die uebermaessige +Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute +abend wieder zu meiner Huette hinauf in die kuehle Luft zu kommen, hier +unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt, +gerade als das Schiff herankam, das die Kaese mitnehmen sollte. Bald +war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschluessig +da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten +etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fuehlte keinen Appetit, sein Kopf +war schwer und heiss, er wuenschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn +jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim +Einladen geholfen hatte. "Komm, Franz Anton, heute ist's heiss, wir +wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn +zu dem Wirtshaus. + +Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im +Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber +stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in +der schweren, heissen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht +an den Wein gewoehnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit grossen +Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in +seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiss auf +seinen Kopf, alle seine Pulse haemmerten, die Fuesse wurden ihm so schwer, +dass er sie nur mit Muehe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je +groesser wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der +Aussicht an, dass nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt +nur noch eine Viertelstunde heisser Muehe vor ihm liege. Dann wuerde er +oben sein und koenne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen. + +Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne +brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Ploetzlich wurde es ihm voellig +schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stuerzte er auf den +Boden nieder. Er hatte das Bewusstsein verloren. + +Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er, +dass der Franz Anton noch nicht zurueckgekehrt war. Er stellte seine +Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem +Senn auszuschauen. + +Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz +Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte +er an seinem verborgenen Plaetzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt, +den der Senn tat. Er wusste, wie eine Beschaeftigung auf die andere +folgte, so dass er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der +Franz Anton seine Milch stehen liess. Sonst goss er sie immer gleich in +die verschiedenen Gefaesse. Die eine kam zum Buttern in die grossen, +runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schoen dick obenauf +lag. Die andere wurde in den Kaesekessel gegossen, das hatte der This +durch die offene Huettentuer alles genau beobachten koennen. Der Senn +kam immer noch nicht. Der Junge fuehlte, dass irgend etwas geschehen +sein musste. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging +zur Sennhuette. Da war es still und leer unten im Huettenraum und oben +auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut +war zu hoeren, alles wie ausgestorben. Aengstlich lief der This +jetzt um die Huette herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann +in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten +erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da +lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stoehnte und lechzte wie +ein Sterbender. Er sah gluehend heiss aus, und seine Lippen waren ganz +vertrocknet. + +Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor +Schrecken, auf seinen Wohltaeter. Dann stuerzte er in schnellem Lauf +den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewusstlos am +Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt +an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem +brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich buecken +und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er fuer einen Augenblick, +denn es war nur ein Fiebertraum gewesen. + +Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht ruehren. +Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das +Bewusstsein wieder, und er traeumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er +heute frueh im Voruebergehen noch die schoenen Erdbeeren gesehen hatte. +Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die +Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber +jetzt hatte er ploetzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte +sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der +Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schluerfte und +schluckte, es war ein unsaegliches Labsal. Er erwachte. War das alles +Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und +steckte ihm wieder eine grosse saftige Erdbeere in den Mund. + +"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton. Aber +nicht nur eine, fuenf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf +einmal flog ein stechender Schmerz ueber sein Gesicht. Er legte die +Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war +ihm das Bewusstsein wieder voellig entschwunden. Er konnte nicht einmal +mehr die letzte Erdbeere geniessen. Jetzt traeumte er ganz schreckliche +Dinge. Sein Kopf wurde so gross wie sein allergroesstes Butterfass und +dann immer noch groesser und so furchtbar schwer, dass er mit Schrecken +dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man muss starke, +hoelzerne Stuetzen unterstellen, wie unter die Apfelbaeume, wenn sie +zuviel Aepfel tragen." Und jetzt fuehlte er deutlich, dass der Kopf ganz +voll Schiesspulver war, das hatte einer von hinten angezuendet. Nun +brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich musste alles +zerspringen. Aber dann kam ploetzlich ganz kalt und belebend der +Schwemmebach ueber seine Stirn, ueber das ganze Gesicht und in den Mund +hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte. + +Es war wahr, eiskalt kam ein Guss nach dem anderen auf Stirn und +Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den +kuehlenden Trank ein. Ueber ihm standen die funkelnden Sterne, das +sah der Franz Anton deutlich. Er wusste auch, dass er noch am Boden lag +draussen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der +Schwemmebach sein, was so ueber ihn floss und ihn so ordentlich trinken +liess. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend, +so erloesend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer. +Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich +dir fuer deine Guete und die hilfreichen Engel!" + +Das erquickende Wasserbad hoerte nicht auf, und zuletzt fuehlte der +Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schuetzend und +wohltuend, dass er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt +schlief er jetzt ganz sanft ein und traeumte nicht mehr. + + + +4. Kapitel + +Was die Sennenmutter haben will + + +Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz +Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er +schauderte ein wenig zusammen, es froestelte ihn. Er wollte sich +aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand +an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht. +Wohl sechsfach zusammengelegt lag nass und schwer das grosse Handtuch +aus der Sennhuette auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der +frische Morgenwind ueber die Stirn blies, fuehlte er sich so wohlig und +erleichtert, dass er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da +sah er auf einmal in zwei grosse, ernsthafte Augen hinein, die +unverwandt auf ihn gerichtet waren. + +"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frueh auf +die Alm? Nun, weil du da bist, komm, dass ich mich ein wenig auf deine +Schulter stuetzen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf." + +Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er +stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fuesse in den Boden hinein, so dass +der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte. +Waehrend des langsamen Aufstiegs zur Huette, als er sich immer noch auf +die Schulter des Buben stuetzte, fing er an, sich daran zu erinnern, +was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgaenge der +Nacht voellig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur +helfen. In der Huette angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner +dreibeinigen Stuehle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz +dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir +wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt +noch nicht machen. Ein Schuesselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist +es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es +regelmaessig dort hinauf. Ich weiss nicht, was mit mir vorgeht seit +gestern." + +Der This war feuerrot geworden, er wusste wohl, wer das Schuesselchen +heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am +Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides +dem Senn. Dieser schuettelte ganz betroffen den Kopf. Solange er +lebte, hatte er noch nie sein Schuesselchen dort bei der Tuer auf den +Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine +Milch, fuellte dann das Schuesselchen wieder und sagte: "Da, This, trink +auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, dass du so frueh hinauf +kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Kaesfischtag und du seist dann +sicher der erste?" + +"Nein, gewiss nicht", versicherte This. + +"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal +unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder +zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. "Sag mir, This, habe ich +denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frueh +heraufkamst?" + +Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn +alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht +recht, und er koennte boese werden. Aber der Franz Anton schaute ihm +jetzt so tief in die Augen, dass er alles sagen musste: "Ich habe es +selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an. + +"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert. + +"Weil sie so heiss waren", erwiderte This. + +Der Senn staunte immer mehr. "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang +erwacht", sagte er. "Wann bist du denn heraufgekommen?" + +"Gestern um fuenf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam, +"der Melker kam erst lange nachher." + +"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn +gewollt und gemacht?" + +Jetzt sah der Franz Anton, dass dem This ganz bange wurde, ihm selber +aber fielen nun wieder die Vorgaenge der letzten Nacht ein. Ganz +vaeterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd: +"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fuerchten, This. Da, trink noch +eins aus, und dann sag mir alles, was du weisst, von da an, als du hier +heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fasste der This neuen +Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zuegen aus, denn sie schmeckte +herrlich. + +Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier +herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Kaesfische. +Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie +nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden +gefunden, und Sie sind ganz rot und heiss gewesen und haben Durst +gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe +alle grossen Erdbeeren gepflueckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen +gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf +den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Huette +das Schuesselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach +habe ich ihn gefuellt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schuesselchen das +Wasser ueber den Kopf geschuettet und auch zu trinken gegeben, denn sie +haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin +ich zum Bach hinueber und habe ihn wieder gefuellt. Aber weil das +Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes +Tuch wurde den Kopf besser kuehlen. Und so habe ich das Tuch aus der +Huette geholt und es ganz nass auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann +trocken und heiss wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und +es dann wieder nass auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann +erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht +etwa krank werden." + +Der Senn hatte mit grosser Aufmerksamkeit zugehoert. Jetzt stand alles +deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wusste auch +wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren +als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespuert und +genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und +verwundert an, als haette er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen +solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn moeglich, dass +dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben +gerettet hatte. + +Haette der This sein Fieber nicht mit dem Wasser geloescht, wer weiss, +was bis zum Morgen daraus geworden waere! Und wie konnte dieser This, +dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung +faehig sein, dass er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn +pflegte! Dem grossen, starken Franz Anton kamen die Traenen in die +Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles +ueberdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir +wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das +vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die +Glieder so, dass ich mich jetzt niederlegen muss. Geh du nun hinunter +zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir +nicht ganz wohl. Du musst dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe +noch viel mit dir zu reden heute, vergiss es nicht!" + +Solange er lebte, war der This noch nie so gluecklich gewesen. Er lief +springend den Berg hinunter, als koenne er nicht hoch genug aufspringen +vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen, +und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in +die Sennhuette eintreten. Ausserdem hatte der Franz Anton ihm noch +gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser +Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der +Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Haeuschen +mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im +Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der +Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen, +denn er war ganz atemlos vom Laufen. + +"Woher kommst denn du?" fragte die sonntaeglich gekleidete Frau, die +nicht gern etwas Unordentliches sah. Missbilligend musterte sie den +Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntaeglichen Anblick +in seinen zerfetzten Alltagshoeschen und dem schmutzigen Hemdlein. +"Ich meine, ich habe dich schon dort drueben ueber dem Bach gesehen, du +bist wohl einer vom Haelmli-Sepp?" + +"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demuetig. + +Jetzt fiel der Frau ein, dass die Frau des Haelmli-Sepp einen +einfaeltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts +zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. "Und was willst du +denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert. + +Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag +klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der +kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und dass er nach ihr schickte +und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes +Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in grosser +Sorge das Noetigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem grossen +Korb am Arm heraus. + +"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn. Warum musst du +wieder mit?" + +"Ich weiss nicht", antwortete er. Und fast als waere es etwas Boeses, +setzte er leise hinzu: "Muss ich nicht den Korb tragen?" + +"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran +gedacht, dass ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb. +Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief +in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer +Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die +Krankheit gefaehrlich sein? Ihre Angst wurde immer groesser, je naeher +sie der Sennhuette kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige +Schritte--der bekuemmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast +nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie +schaute ueberall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn +tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem +Herzen stieg sie die Leiter hinauf. + +Der This blieb ehrerbietig draussen vor der Tuer stehen, nur den Korb +schob er in die Huette hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll +ueber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte +ihr froehlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter: +"Gruess dich Gott, Mutter! Das freut mich, dass du da bist. Ich habe +aber geschlafen wie ein Baer, die ganze Zeit, seit der This fortging." +Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie +wusste gar nicht, was sie denken sollte. "Franz Anton", sagte sie +jetzt ernsthaft, "was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weisst du, +dass du mich hast holen lassen?" + +"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz +bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir +noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir +reden. Ich fuehl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kaeme noch +nicht weit." + +"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir's doch", +draengte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn. + +"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen", +sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. "Sieh einmal +zuerst dort unten das schmale, magere Bueblein an, das kein gutes Stueck +Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder +nur den dummen This nennt." + +Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn +hinaufspaehte, ob er etwa wieder umfallen wolle. + +"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt. + +"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Bueblein nicht +gewesen waere, so laege ich jetzt noch draussen auf dem Boden in einem +toedlichen Fieber, oder vielleicht waere es auch schon vorbei mit mir." +Und jetzt erzaehlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag +zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen +und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch +auf der Welt es nicht besser haette tun koennen. + +Die Mutter musste sich mehrmals die Traenen abwischen. Sie stellte sich +vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da +draussen gelegen haette und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden +waere, und kein Mensch haette etwas von ihm gewusst. Und jetzt stieg ein +Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, dass sie laut ausrufen musste: +"Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche +Liebe zu dem armen This ueberkam sie, dass sie ganz eifrig sagte: "Franz +Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Haelmli-Sepp zurueck! +Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat +sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen +mache ich ihm ein Gewand, dass man ihn ansehen darf. Er muss es nicht +schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir +geholfen hat." + +"Das ist nun gerade, was ich wuenschte, Mutter, aber ich musste doch +zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben +und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein koennte. Es geht +nichts ueber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller +Glueck und Liebe an, dass es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich +dachte: Es geht auch nichts ueber einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte +sie: "Jetzt musst du etwas essen, Franz Anton, dass du wieder zu Kraeften +kommst. Ich habe frische Eier und ein Weissbrot mitgenommen, und jetzt +will ich Feuer machen, lass dir Zeit zum Herunterkommen." Das musste der +Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging. +Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er +sich selbst niedergesetzt hatte. + +"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend, +"willst du ein Senn werden?" + +Der This fing an zu laecheln, aber dann hoerte er ploetzlich die +vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen +hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts". +Und schuechtern antwortete er. "Ich kann nichts werden." + +"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit. +"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun +bleibst du bei mir und traegst Milch und Wasser und hilfst mir bei +allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Kaese macht und sobald +du gross genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein +Gehilfe." + +"Hier in der Schwemmebachsennhuette?" fragte This, dem die Aussicht auf +diese Glueckseligkeit ganz unfassbar war. + +"Alles hier, in der Schwemmebachsennhuette", bestaetigte der Franz Anton. + +Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden +Gluecks, dass der Senn ihn nur ansehen musste. Der Bub war wie +verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den grossen +Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie +streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir +miteinander froehlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen +wir dem lieben Gott dafuer danken, dass er dich gerade zur rechten Zeit +in die Naehe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch +begreift, warum du da heraufgekommen bist." + +Jetzt begann das froehliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben +hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen. +Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weissbrot hingelegt +und daneben Butter und weissen Kaese. Und mitten auf dem Tisch stand +eine grosse Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die +Mutter grosse, dicke Stuecke vor den This hin, und wenn er fertig war, +gab es gleich noch einmal so viel. + +Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie: +"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muss bei dir oben +bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es +noetig ist. Der Frau des Haelmli-Sepp will ich schon alles berichten." + +Das war dem Sennen recht, und fuer den This war es das hoechste Glueck, +das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton. +Nicht mehr verborgen unter den Tannenbaeumchen hoerte er heute den +Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als +dieser seine Haende faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den +Abendsegen." Andaechtig faltete auch er seine Haende, und als am Schluss +der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glueck im +Herzen des This so gross, dass er gern ueberlaut allen Menschen auf der +ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!' + +Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinueber zu der Frau des +Haelmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und +gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzaehlten. +Die Sennin hoerte, dass von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der +Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Haelmli-Sepp erklaerte, +dass sie mit ihrem Sohn uebereingekommen sei, sie wollten den This bei +sich annehmen, da machte die Frau einen grossen Laerm. Sie sagte, sie +sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fuer +den Senn eine groessere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien +alle aus vollen Haelsen: "Mich! Mich! Mich!" Denn sie wussten wohl, +wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhuette fuer gute +Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts. + +Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn +schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen +This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das +Haenseln und Verspotten unterlassen, sonst haetten sie es mit ihrem Sohn +zu tun. Der rede dann mit seinen kraeftigen Armen eine deutlichere +Sprache mit den Buben, als sie es jetzt koennte. Dann verliess die +Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verbluefft nachschauten, +und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This waere, +der wird's gut haben, wie ein Koenig wird er da oben in seiner +Sennhuette leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen liess, +liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund +sein. Denn sie mussten alle an den letzten Kaesfischtag denken, als der +This so uebel behandelt worden war. Von nun an wuerde er ja gewiss alle +Kaesfische allein bekommen, da waere doch jeder gut daran, der sein +Freund waere. Und spaeter waren sie auch alle gut daran, denn dem This +machte es die groesste Freude, die reiche Ernte der Kaesfische unter +allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darueber +wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie +mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte +sich zur Ueberraschung aller, dass er auf einmal ein ganz flinkes, +geschicktes Buerschchen war, von dem jeder sagen musste: "Entweder ist +das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den +dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit, +sein liebster Schueler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei +allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die +anderen Buben koennten ihn sich alle zum Vorbild nehmen. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird, +von Johanna Spyri. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD *** + +This file should be named 7vomt10.txt or 7vomt10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7vomt11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7vomt10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Vom This, der doch etwas wird + +Erzhlung + +Johanna Spyri + + + + + + + +1. Kapitel + +Alle gegen einen + + +Wenn man den Seelisberg von der Rckseite her besteigt, kommt man auf +eine frische, grne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die +friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem +schnen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenhrten Khe +ziehen lieblich lutend immer hin und her. Denn jede trgt am Hals +ihre Glocke, damit man immer hrt, wo sie ist. So kann sich keine Kuh +unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Struchern bedeckte Felswand +liegt, ber die sie hinunterstrzen knnte. Es ist auerdem ein +ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben knnen. Aber die +Glocken sind doch notwendig und tnen so freundlich hin und her, da +keiner sie entbehren mchte. Am Bergabhang stehen hie und da +vereinzelt die kleinen, hlzernen Huser, und nicht selten rauscht +daneben ein schumender Bach ins Tal hinab. 'Am Berghang' heit es +hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Huschen steht auf +ebenem Boden. Es ist, als wren sie irgendwie an den Berg hingeworfen +worden und da hngengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da +oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie +alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der +kleinen, hlzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt +in ihre Nhe, so sieht man, da ein groer Unterschied zwischen ihnen +ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nhe ganz +verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen +ihnen strzt der grte Bergbach der Gegend, der schumende +Schwemmebach, hinunter. + +Am ersten Huschen blieben auch an den schnsten Sommertagen alle die +kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die +hineindrang, kam durch die Lcher der zerbrochenen Scheiben. Das war +aber nicht viel, denn die Lcher waren wieder mit Papier verklebt, +damit man im Winter drinnen nicht frieren mute. An dem hlzernen +Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war +so zerfallen, da es ein Wunder war, da alle die kleinen Kinder, die +da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie +hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder +waren alle mit Schmutz berdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen +Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ber da +herum, und am Abend kamen vier grere Kinder dazu. Drei krftige +Buben und ein Mdchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich +aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie +konnten sich doch schon selbst waschen. + +Das Huschen ber dem Bach drben hatte einen ganz anderen Charakter. +Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgerumt +aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drben. Die +Stufen sahen immer so aus, als wren sie eben gescheuert worden. Und +oben auf der Galerie standen drei schne Nelkenstcke und dufteten den +ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen +Fenstern stand offen und lie die schne, sonnige Bergluft herein. +Dort konnte man meistens eine noch krftig aussehende Frau sitzen +sehen, mit schnem, weiem Haar, das sie sehr ordentlich unter das +schwarze Hubchen zurckgestrichen hatte. Sie flickte gewhnlich an +einem Mnnerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber +gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so +adrett und reinlich aus, als wre noch nie etwas Unsauberes an sie +herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des +frhlichen Franz Anton mit den krftigen Armen. Der machte den Sommer +ber in der oberen Sennhtte seine Kse, und erst im Sptherbst zog er +wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn +dann butterte er in der unteren Sennhtte, die ganz nahe lag. Da ber +den reienden Schwemmebach kein Steg fhrte, waren die zwei Huschen +ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg +wohnten, besser, als diese Nachbarn ber dem Bach, zu denen sie nur +etwa einmal am Tag stumm hinberschaute. Gewhnlich schttelte sie +dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter +und schmutzigen Fetzen drben an den Kindern sah. Sie schaute aber +nicht oft hinber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber +betrachtete sie, wenn das Feierabendstndchen kam, ihre roten Nelken +auf der Galerie oder sie schaute ber den grnen, sonnigen Abhang +hinunter, der vor ihrem Huschen zum Tal hinabstieg. + +Die verwilderten Kinder ber dem Bach gehrten dem Hlmli-Sepp, wie er +genannt wurde, der seine Arbeit auer Haus beim Holzfllen oder +Heumachen suchte. Auerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So +war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die +Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele +kleine Kinder knne man nicht in Ordnung halten, und spter wrde es +dann von selbst besser. So lie sie alles gehn, wie es ging. Und in +der schnen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und +lieen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl +sein. Zur Sommerzeit waren die vier Greren den ganzen Tag drauen, +um die Khe zu hten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen, +wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten +bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Khe auf das +umliegende Weideland hinaus und muten sie hten lassen. Das ist +immer eine lustige Zeit fr die Buben und Mdchen, die sich dort zu +jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei frhliche Sachen +miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten +im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere +Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer +ber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstck nach Hause, +das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier +Kleinen zu ernhren und fr alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn +diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mute doch jedes haben +und die vier Groen noch ein Stck dazu. Eine Kuh hatte der +Hlmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaen, +wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten. + +Hlmli-Sepp hie der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum +nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine +Gei und ein Stck Kartoffelland, damit mute die Frau mit den vier +Kleinen den Sommer ber auskommen und auch hier und da noch eines der +Greren speisen, wenn es drauen keine Arbeit fand. Der Vater kam im +Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein +Huschen und Acker waren so verschuldet, da er das ganze Jahr ber +etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten +konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel +er fand. + +So mute die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte +keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von +der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der +verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten, +schaute sie ber den Bach zu dem schmucken Huschen der Sennerin +hinber, dessen Scheiben in der Sonne glnzten. Dann sagte sie +rgerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles +sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging +sie wieder rgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurck, und an dem, +der ihr zuerst in den Weg kam, lie sie den rger aus. + +Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht +ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Huschen vom +Hlmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der +dumme This' genannt, sah so mager und drftig aus, da man ihn kaum +fr achtjhrig gehalten htte. Er schaute auch so scheu und +verschchtert drein, da niemand wute, wie der This eigentlich aussah, +denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach. +This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum +zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel spter ber die Felsen +in die Tiefe gestrzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam +und den Weg abkrzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte +nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem +groen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This +hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend, +eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen +Matthis genannt. + +Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Huschen vom +Hlmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafsttte mit seinem Bblein +gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben +Ort. Das wenige Geld, das fr den kleinen This von der Gemeinde +bezahlt wurde, war der Frau des Hlmli-Sepp sehr erwnscht. Und in +die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fr die +schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This +war schon von Natur aus ein schchternes und stilles Bblein gewesen. +Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das groe Unglck +gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem +Unglck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr. + +So sa der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein +Wort zu hren, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann +seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des +Hlmli-Sepp gehrte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde +von jedem angefahren und hin und her gestoen, weil er sich nie wehrte. +Zu all den Pffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen +dann noch die bsen Worte der Frau, wenn sie den rger ber das +saubere Huschen der Sennerin drben hatte. Der This wehrte sich aber +nie, denn er hatte das Gefhl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so +nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und +verschchtert, da man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her +vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn +anrief. Er sah berhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch, +wo er in die Erde hineinkriechen knnte, da ihn keiner mehr fnde. + +So war es gekommen, da die vier Groen vom Hlmli-Sepp, der Jopp, der +Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du +bist doch ein dummer This", und da es die vier Kleinen auch +nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals +dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es +werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme +This' genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten knnte, +wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Khe zu hten, und war +er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke +oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da sa er +meistens zitternd vor Furcht, denn er hrte wohl, wie die anderen +Buben ihn mit groem Geschrei suchten, da er bei den Spielen +mitmachte, die sie spielen wollten. + +Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prgeln, und das traf +regelmig den This am strksten, da er sich nicht wehrte und auch +nicht wehren konnte gegen die viel Strkeren. So verkroch er sich, +sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Khe, wohin sie wollten +und fraen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann groen rger, und +jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Khe zu hten, und keiner +stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld, +wenn die Buben zum Jten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da +warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblten an den +Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem +anderen reichlich zurck, was er empfangen hatte. Der This gab aber +nichts zurck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen +Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen +gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten +die Knollen an den Rcken und an den Kopf. + +Whrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten, +versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den +Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit +nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller +Arbeit zu dumm und aus dem This knne nie etwas werden. Weil er nun +gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er +auch von der Frau des Hlmli-Sepp demgem behandelt. Wenn schon die +eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es +meistens, da fr den This gar nichts mehr brigblieb und es dann hie: +"Du wirst wohl etwas finden, du bist gro genug." Wie der This +eigentlich ernhrt wurde, wute niemand, auch die Frau des Hlmli-Sepp +nicht, aber irgendwie lebte er doch immer. + +Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen +Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tr +vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in +seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich +wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer +scheuer wurde und sich immer mehr versteckte. + + + +2. Kapitel + +Bei der Schwemmebachsennhtte + + +An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle +Mcken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hterbuben und--mdchen. +Sie muten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp, +von allen der Grte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle +nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, da man jetzt zur +Schwemmebachsennhtte hinaufgehe, denn heute sei der Ksfischtag. Nun +msse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Khe +hten solle, whrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wrden. +Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust, +sich fr die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue +Uli auf den Gedanken, man knnte einmal den dummen This zwingen, auf +die Khe acht zu geben. Und damit er's nicht vergesse, knnte man ihn +im voraus ein wenig durchprgeln. Der Vorschlag fand Anklang, und +schon wollten mehrere von den Anfhrern der Schar den This holen, als +das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts +Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den +Lohn dafr, wenn wir wieder zurckkommen und die Khe sich verlaufen +haben. Ihr werdet doch nicht glauben, da der This, wenn er zu dumm +ist, zwei Khe zu hten, auf einmal zwanzig hten kann. Man mu losen, +und drei mssen bei den Khen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis +Erklrung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus +der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet +der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der +siegreichen Schar den Rcken und setzte sich auf den Boden neben seine +beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen strzte nun +die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genu +entgegen. + +Der Ksfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die +es nie unterlieen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen +sollte. Denn das war ein Hauptfest fr sie. Das war der Tag, an dem +der Franz Anton seine frischen Kse rundum beschnitt, nachdem diese +als weiche Masse in die runde, hlzerne Form gepret worden waren. +Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von +der Masse herausdrngte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie +eine lange, schneeweie Wurst. Die wurde dann in viele Stcke +gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt. +Das waren dann die sogenannten Ksfische. Dieses Fest wiederholte +sich den Sommer ber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem +Freudengeschrei begrt. + +This hatte sich hinter dem groen Distelbusch am Boden versteckt +gehalten, whrend die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton +von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hrte, +da die groe Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig +hervor. Die drei grollenden Zurckgebliebenen saen am Boden und +kehrten ihm den Rcken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stck +die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der +Hhe hernieder. Den This erfate ein unwiderstehliches Verlangen, +auch an der Ksfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlpfte er +hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er +hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem +letzten steilen Hang kam eine kleine, glnzend grne Hochebene, da +stand die Sennhtte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der +klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tr seiner Htte stand der +Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte ber +die vielen Sprnge, die jetzt die Buben und Mdchen in ihrem Eifer, zu +dem ersehnten Genu zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt +waren sie alle bei der Htte und eines drngte das andere vorwrts, um +noch nher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wrde. + +"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton. "Wenn ihr alle in +die Htte hineindrngt, so habe ich keinen Platz mehr zum +Kseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes +Messer zur Hand und trat an den groen, runden Kse heran, den er +schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden +ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweien +Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stck und da ein +Stck, oft ber die Kpfe der Groen weg den Kleinen, die nicht zu ihm +vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner +Teilung. + +This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen +wollte, so bekam er da einen Sto und dort einen und flog so von einer +Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer +wieder ein Grerer und Dickerer sich vor ihn drngte. Zuletzt bekam +er einen so ungeheuren Sto von dem breiten, nach allen Seiten +schlagenden Jopp, da er sich fast berschlagen htte. Die Teilung +war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, da er zu keinem +Stckchen Ksfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine +Schlge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die +jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den +Bumchen. Auf der hchsten Krone des einen sa ein lustiger, kleiner +Vogel und pfiff so frhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als +gbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und +Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, da er fast das +Leid verga, das ihm eben geschehen war. + +Von Zeit zu Zeit mute er nach der Sennhtte hinberschauen, denn das +Lrmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stck Ksfisch +wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie +jedes Kind mit einem greren oder kleineren Brocken der schnen, +weien Masse dastand und mit Wonne hineinbi. Er seufzte dann ein +wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges +Stcklein bekme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weien +Ksfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie +heute in die Schar der Glcklichen einzudringen. Jetzt hatte er +gesehen, da es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut +zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlugedanken, da er +sein Leben lang nie einen Ksfisch bekommen werde. Darber wurde er +so traurig, da er nicht einmal den Vogel mehr hrte und ganz +zusammengeduckt unter den Tannenbumen sa. + +Jetzt war das Gastmahl bei der Htte zu Ende und mit schrecklichem +Lrm strzten die Kinder daher, womglich immer einer ber den anderen +hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall +brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der +lrmende Hans, und laut schrie er in das Gebsch hinein: "Du Maulwurf, +komm heraus, du mut mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen +hatte. Er mute sich als Bock hinstellen, damit die anderen ber ihn +springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wre +viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wute wohl, +was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er +gehorsam heran. "Wie viele Ksfische hast du bekommen?" schrie ihn +jetzt der Hans an. + +"Keinen", gab This zurck. "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans +noch lauter in die Schar hinein, "der luft schnell zu den Ksfischen, +und dann luft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer +This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die groen +Buben ber den Kopf weg, so da er genug zu tun hatte, nur immer +wieder auf die Fe zu kommen, wenn er umgeworfen worden war. +Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestrzter die Abhnge +hinunter, bis ein glcklicher Zufall sie wieder alle auf die Fe +brachte. Nach dieser strmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen +gleich alle auseinander, jeder seinen Khen nach. + +Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn +jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den +Zurckgebliebenen, weit er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem +Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben +und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im +Berghang, wo im Frhling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und +den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und +ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schne, dunkelrote +Erdbeeren in der Sonne, die so schn warm in die Vertiefung schien. +Aber dem This war es berall angst und bang, wenn er noch in der Nhe +der Huser und der Hterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden +Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der +This zuckte scheu und ngstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer +dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch +einmal an das stille Pltzchen unter den kleinen Tannenbumchen dort +oben und an das pfeifende Vgelein, so da es ihn mit Gewalt vom Boden +zog. Er mute noch einmal dorthin. + +Mit allen Krften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht +einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die +Tannenbumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein +Tannenversteck ein wenig offen. Da sa nun der This in vlliger +Sicherheit. Ringsum war eine groe Stille, kein Ton drang von unten +her bis hier auf die einsame Hhe, nur das Vgelein sa noch auf +seinem Tannenast und pfiff sein frhliches Lied. Die Sonne wollte +untergehen. Die hohen Schneeberge drben fingen zu flimmern und zu +glhen an, und ber die ganze grne Alm hin lag das golden schimmernde +Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie +gekanntes Wohlsein kam ber ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und +Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu frchten, denn weit und +breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hren. + +So sa der This eine lange Zeit, und am liebsten wre er gar nicht +mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben +gewesen. Aber da hrte er schwere Tritte hinter sich von der Htte +her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewi +wollte er zum Bach hinber, um Wasser zu holen. This verhielt sich +muschenstill. Denn er war so daran gewhnt, da er von jedermann +angefahren oder ausgelacht wurde, da er dachte, der Senn werde es +gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die +Bumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton +wurde aufmerksam, trat nher und guckte in den Tannenbusch hinein. + +"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht. + +"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd. + +"Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu frchten, wenn du nichts +Bses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa +mit deinen Ksfischen da hineingeflchtet, da du sie in Ruhe +verzehren kannst?" + +"Nein, ich habe keine Ksfische gehabt", sagte This ngstlich. + +"Nicht? Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie +sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem +Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem +Menschen. + +"Sie haben mich auf die Seite gestoen", erwiderte er nun und stand +hinter den buschigen Zweigen auf. + +"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort, +"komm noch ein wenig nher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn +sie dich wegstoen? Es stt ja immer einer den anderen, aber zuletzt +kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?" + +"Sie sind strker", sagte der This so berzeugend, da diese Erklrung +wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den +Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, groen Franz Anton wie +ein dnnes Stcklein vor einer hohen Tanne. Der krftige Mann +betrachtete einen Augenblick das schmale Figrchen, an dem tatschlich +fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht +schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf. + +"Wem gehrst du?" fragte er jetzt den Buben. + +"Niemand", gab This zur Antwort. + +"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?" + +"Beim Hlmli-Sepp." + +Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. "Ach so, bist du der!" +sagte er verstndnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar +nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehrt, ihn aber nicht +gekannt. + +"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig. "Wenn du beim Hlmli-Sepp +bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hlmlein. +Komm, Ksfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes." + +Der This wute gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz +Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und +das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Htte, holte +hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein groes +Stck ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfa, das goldig glnzend +in der Ecke stand, und holte ein groes Stck Butter heraus. Das +strich er ber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stck mit +der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte +der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es +nicht mglich, da es ihm gehre. + +"Komm heraus. I es vor der Htte, ich mu nun zum Wasser", sagte +Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glck und +Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte. +Vor der Htte setzte er sich auf den Boden. Und whrend der Senn zum +Schwemmebach hinberging, bi er in sein Butterbrot hinein und bi +immer wieder und konnte nicht begreifen, da es etwas so Gutes gbe +und er es bekommen htte. + +Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und +wiegte unten die Tannenbumchen hin und her, und der kleine Vogel sa +immer noch auf dem hchsten Zweig und sang hell und frhlich in den +goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie +gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er msse laut mit dem Vogel zu +singen anfangen. + +Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her +gegangen. Drben beim Schwemmebach war er immer eine Weile +stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr +rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gro und golden der volle Mond +hinter dem weien Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Htte +zurck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle +sa. + +"So gefllt's dir hier?" fragte er freundlich. "Mit dem Abendessen +bist du fertig, wie ich sehe. Du mut dich auf den Rckweg machen. +Sieh, wie schn dir der Mond heimleuchtet!" + +Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel +ihm ein, da es wohl ntig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem +Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den +Tannenbumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurck. Er schaute noch +einmal zurck, und da der Senn in die Htte getreten war und ihn nicht +mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz +Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Gte +und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen +Eindruck gemacht, da er nicht fort konnte. Er mute noch ein wenig +in der Nhe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen +unter den Bumchen und sphte zu der Htte hinauf, ob er den Senn +nicht noch einmal she. Es dauerte einige Zeit, da pltzlich trat +Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Htte heraus. + +Er blieb vor der Tr stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die +stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ber alle hohen Schneegipfel hin das +milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt +der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen +Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hnde. Er hielt wohl still +seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht +geb euch Gott!" trat in die Htte zurck und machte die Tr zu. Sein +Nachtgru hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum +und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller +Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fhlte Liebe und +Bewunderung fr den Senn, Gefhle, die er bisher nicht gekannt hatte. + +Als es nun ganz dunkel und still in der Htte wurde, stand der This +auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter. + +Es war spt und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich, +die Tr war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Huschen und +schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser +schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es +ist bequem, da der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden. +So hat man doch Platz!" + +This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er +immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit +gefalteten Hnden vor seiner Htte stand. Zum erstenmal in seinem +Leben schlief der This mit einem glcklichen Herzen ein. + + + +3. Kapitel + +Ein hilfreicher Engel + + +Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten, +muten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges +gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr +Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze +Schar den Berghang herunter, und bald saen sie alle mit anderen +Kindern so ruhig wie mglich auf den langen Bnken, und der Herr +Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von +einem zuknftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den +This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas +fragen, das wirst du wohl beantworten knnen, wenn man dir auch nicht +viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem rmsten +und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefhrt hat, so +wohl werden, da er kein Leid versprt?" + +"Bei der Schwemmebachsennhtte", antwortete der This ohne Zgern. +Jetzt entstand ein solches Kichern, da der This ganz scheu um sich +schaute. Ringsum waren spttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle +Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich +so stark vornber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem, +was der Herr Pfarrer das letztemal erklrte, hatte er nichts gehrt, +weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mute. Jetzt hatte +er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet, + +Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, da es dem +This gar nicht zum Lachen war, sondern da er vor Scheu ganz +erschrocken und zusammengeduckt dasa, da schttelte der Herr Pfarrer +nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu +machen." + +Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da strzte die ganze Schar +hinter dem This her, alle lachten berlaut und schrien durcheinander: +"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Ksfische in den Sinn +gekommen?" + +"This, warum hast du nicht auch etwas von den Ksfischen gesagt?" Der +This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem +Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben +wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den +schnen Sonntagabend unten im Dorf genieen. + +Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt +einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhtte +hinaufflchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen. +Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Pltzchen sitzen und +vor Verfolgung sicher sein. Nun sa er wieder unter den Tannen und +ber ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der +Sonne, und ber den grnen Hngen flo da und dort ein klares Bchlein +friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, da er allen +Spott verga und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr +weggehen zu mssen. + +Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er +bestndig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie mglich +nieder. Denn er hatte das Gefhl, wenn der Franz Anton ihn wieder +hier sehe, so knnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein +Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und +einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und +in dessen Nhe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst +nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und +This sa an seinem schnen Pltzchen, bis die Sterne am Himmel standen +und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Htte hinaustrat und +ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder +davon, und spt wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht +hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber +das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefhlt +dort oben. + +So ging es eine ganze Woche. Tag fr Tag, sobald er einen Augenblick +fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm +hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete +er die ganze Ttigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und +nie verlie er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton +gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als +sei der Nachtsegen auch fr ihn gedacht. + +Es waren ausnahmsweise heie Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg +jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend +niedergegangen war. Das Futter war besonders krftig, und Franz Anton +bekam so schne, fette Milch von den Alpenkhen, da er die +prchtigsten Kse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude, +und schon frhmorgens konnte man ihn voller Vergngen in seiner +Sennhtte pfeifen hren, so auch am Samstag dieser Woche. Da hrte +man ihn noch viel frher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem +der Senn seine drei oder vier fertigen Kse an den See hinunterbrachte. +Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie +auf seinem Rcken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwrts, +den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rcken. Es +war der heieste Tag des ganzen Sommers. + +Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die bermige +Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute +abend wieder zu meiner Htte hinauf in die khle Luft zu kommen, hier +unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt, +gerade als das Schiff herankam, das die Kse mitnehmen sollte. Bald +war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlssig +da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten +etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fhlte keinen Appetit, sein Kopf +war schwer und hei, er wnschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn +jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim +Einladen geholfen hatte. "Komm, Franz Anton, heute ist's hei, wir +wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn +zu dem Wirtshaus. + +Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im +Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber +stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in +der schweren, heien Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht +an den Wein gewhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit groen +Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in +seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte hei auf +seinen Kopf, alle seine Pulse hmmerten, die Fe wurden ihm so schwer, +da er sie nur mit Mhe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je +grer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der +Aussicht an, da nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt +nur noch eine Viertelstunde heier Mhe vor ihm liege. Dann wrde er +oben sein und knne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen. + +Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne +brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Pltzlich wurde es ihm vllig +schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer strzte er auf den +Boden nieder. Er hatte das Bewutsein verloren. + +Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er, +da der Franz Anton noch nicht zurckgekehrt war. Er stellte seine +Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem +Senn auszuschauen. + +Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz +Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte +er an seinem verborgenen Pltzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt, +den der Senn tat. Er wute, wie eine Beschftigung auf die andere +folgte, so da er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der +Franz Anton seine Milch stehen lie. Sonst go er sie immer gleich in +die verschiedenen Gefe. Die eine kam zum Buttern in die groen, +runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schn dick obenauf +lag. Die andere wurde in den Ksekessel gegossen, das hatte der This +durch die offene Httentr alles genau beobachten knnen. Der Senn +kam immer noch nicht. Der Junge fhlte, da irgend etwas geschehen +sein mute. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging +zur Sennhtte. Da war es still und leer unten im Httenraum und oben +auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut +war zu hren, alles wie ausgestorben. ngstlich lief der This +jetzt um die Htte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann +in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten +erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da +lag sein Freund mit geschlossenen Augen und sthnte und lechzte wie +ein Sterbender. Er sah glhend hei aus, und seine Lippen waren ganz +vertrocknet. + +Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor +Schrecken, auf seinen Wohltter. Dann strzte er in schnellem Lauf +den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewutlos am +Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt +an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem +brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bcken +und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er fr einen Augenblick, +denn es war nur ein Fiebertraum gewesen. + +Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rhren. +Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das +Bewutsein wieder, und er trumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er +heute frh im Vorbergehen noch die schnen Erdbeeren gesehen hatte. +Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die +Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber +jetzt hatte er pltzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte +sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der +Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlrfte und +schluckte, es war ein unsgliches Labsal. Er erwachte. War das alles +Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und +steckte ihm wieder eine groe saftige Erdbeere in den Mund. + +"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton. Aber +nicht nur eine, fnf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf +einmal flog ein stechender Schmerz ber sein Gesicht. Er legte die +Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war +ihm das Bewutsein wieder vllig entschwunden. Er konnte nicht einmal +mehr die letzte Erdbeere genieen. Jetzt trumte er ganz schreckliche +Dinge. Sein Kopf wurde so gro wie sein allergrtes Butterfa und +dann immer noch grer und so furchtbar schwer, da er mit Schrecken +dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man mu starke, +hlzerne Sttzen unterstellen, wie unter die Apfelbume, wenn sie +zuviel pfel tragen." Und jetzt fhlte er deutlich, da der Kopf ganz +voll Schiepulver war, das hatte einer von hinten angezndet. Nun +brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mute alles +zerspringen. Aber dann kam pltzlich ganz kalt und belebend der +Schwemmebach ber seine Stirn, ber das ganze Gesicht und in den Mund +hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte. + +Es war wahr, eiskalt kam ein Gu nach dem anderen auf Stirn und +Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den +khlenden Trank ein. ber ihm standen die funkelnden Sterne, das +sah der Franz Anton deutlich. Er wute auch, da er noch am Boden lag +drauen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der +Schwemmebach sein, was so ber ihn flo und ihn so ordentlich trinken +lie. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend, +so erlsend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer. +Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich +dir fr deine Gte und die hilfreichen Engel!" + +Das erquickende Wasserbad hrte nicht auf, und zuletzt fhlte der +Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schtzend und +wohltuend, da er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt +schlief er jetzt ganz sanft ein und trumte nicht mehr. + + + +4. Kapitel + +Was die Sennenmutter haben will + + +Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz +Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er +schauderte ein wenig zusammen, es frstelte ihn. Er wollte sich +aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand +an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht. +Wohl sechsfach zusammengelegt lag na und schwer das groe Handtuch +aus der Sennhtte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der +frische Morgenwind ber die Stirn blies, fhlte er sich so wohlig und +erleichtert, da er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da +sah er auf einmal in zwei groe, ernsthafte Augen hinein, die +unverwandt auf ihn gerichtet waren. + +"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frh auf +die Alm? Nun, weil du da bist, komm, da ich mich ein wenig auf deine +Schulter sttzen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf." + +Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er +stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fe in den Boden hinein, so da +der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte. +Whrend des langsamen Aufstiegs zur Htte, als er sich immer noch auf +die Schulter des Buben sttzte, fing er an, sich daran zu erinnern, +was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgnge der +Nacht vllig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur +helfen. In der Htte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner +dreibeinigen Sthle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz +dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir +wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt +noch nicht machen. Ein Schsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist +es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es +regelmig dort hinauf. Ich wei nicht, was mit mir vorgeht seit +gestern." + +Der This war feuerrot geworden, er wute wohl, wer das Schsselchen +heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am +Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides +dem Senn. Dieser schttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er +lebte, hatte er noch nie sein Schsselchen dort bei der Tr auf den +Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine +Milch, fllte dann das Schsselchen wieder und sagte: "Da, This, trink +auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, da du so frh hinauf +kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Ksfischtag und du seist dann +sicher der erste?" + +"Nein, gewi nicht", versicherte This. + +"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal +unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder +zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. "Sag mir, This, habe ich +denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frh +heraufkamst?" + +Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn +alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht +recht, und er knnte bse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm +jetzt so tief in die Augen, da er alles sagen mute: "Ich habe es +selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an. + +"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert. + +"Weil sie so hei waren", erwiderte This. + +Der Senn staunte immer mehr. "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang +erwacht", sagte er. "Wann bist du denn heraufgekommen?" + +"Gestern um fnf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam, +"der Melker kam erst lange nachher." + +"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn +gewollt und gemacht?" + +Jetzt sah der Franz Anton, da dem This ganz bange wurde, ihm selber +aber fielen nun wieder die Vorgnge der letzten Nacht ein. Ganz +vterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd: +"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu frchten, This. Da, trink noch +eins aus, und dann sag mir alles, was du weit, von da an, als du hier +heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fate der This neuen +Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zgen aus, denn sie schmeckte +herrlich. + +Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier +herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Ksfische. +Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie +nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden +gefunden, und Sie sind ganz rot und hei gewesen und haben Durst +gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe +alle groen Erdbeeren gepflckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen +gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf +den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Htte +das Schsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach +habe ich ihn gefllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schsselchen das +Wasser ber den Kopf geschttet und auch zu trinken gegeben, denn sie +haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin +ich zum Bach hinber und habe ihn wieder gefllt. Aber weil das +Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes +Tuch wurde den Kopf besser khlen. Und so habe ich das Tuch aus der +Htte geholt und es ganz na auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann +trocken und hei wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und +es dann wieder na auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann +erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht +etwa krank werden." + +Der Senn hatte mit groer Aufmerksamkeit zugehrt. Jetzt stand alles +deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wute auch +wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren +als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gesprt und +genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und +verwundert an, als htte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen +solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn mglich, da +dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben +gerettet hatte. + +Htte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelscht, wer wei, +was bis zum Morgen daraus geworden wre! Und wie konnte dieser This, +dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung +fhig sein, da er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn +pflegte! Dem groen, starken Franz Anton kamen die Trnen in die +Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles +berdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir +wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das +vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die +Glieder so, da ich mich jetzt niederlegen mu. Geh du nun hinunter +zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir +nicht ganz wohl. Du mut dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe +noch viel mit dir zu reden heute, vergi es nicht!" + +Solange er lebte, war der This noch nie so glcklich gewesen. Er lief +springend den Berg hinunter, als knne er nicht hoch genug aufspringen +vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen, +und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in +die Sennhtte eintreten. Auerdem hatte der Franz Anton ihm noch +gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser +Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der +Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Huschen +mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im +Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der +Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen, +denn er war ganz atemlos vom Laufen. + +"Woher kommst denn du?" fragte die sonntglich gekleidete Frau, die +nicht gern etwas Unordentliches sah. Mibilligend musterte sie den +Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntglichen Anblick +in seinen zerfetzten Alltagshschen und dem schmutzigen Hemdlein. +"Ich meine, ich habe dich schon dort drben ber dem Bach gesehen, du +bist wohl einer vom Hlmli-Sepp?" + +"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demtig. + +Jetzt fiel der Frau ein, da die Frau des Hlmli-Sepp einen +einfltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts +zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. "Und was willst du +denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert. + +Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag +klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der +kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und da er nach ihr schickte +und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes +Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in groer +Sorge das Ntigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem groen +Korb am Arm heraus. + +"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn. Warum mut du +wieder mit?" + +"Ich wei nicht", antwortete er. Und fast als wre es etwas Bses, +setzte er leise hinzu: "Mu ich nicht den Korb tragen?" + +"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran +gedacht, da ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb. +Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief +in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer +Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die +Krankheit gefhrlich sein? Ihre Angst wurde immer grer, je nher +sie der Sennhtte kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige +Schritte--der bekmmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast +nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie +schaute berall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn +tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem +Herzen stieg sie die Leiter hinauf. + +Der This blieb ehrerbietig drauen vor der Tr stehen, nur den Korb +schob er in die Htte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll +ber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte +ihr frhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter: +"Gr dich Gott, Mutter! Das freut mich, da du da bist. Ich habe +aber geschlafen wie ein Br, die ganze Zeit, seit der This fortging." +Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie +wute gar nicht, was sie denken sollte. "Franz Anton", sagte sie +jetzt ernsthaft, "was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weit du, +da du mich hast holen lassen?" + +"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz +bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir +noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir +reden. Ich fhl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kme noch +nicht weit." + +"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir's doch", +drngte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn. + +"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen", +sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. "Sieh einmal +zuerst dort unten das schmale, magere Bblein an, das kein gutes Stck +Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder +nur den dummen This nennt." + +Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn +hinaufsphte, ob er etwa wieder umfallen wolle. + +"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt. + +"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Bblein nicht +gewesen wre, so lge ich jetzt noch drauen auf dem Boden in einem +tdlichen Fieber, oder vielleicht wre es auch schon vorbei mit mir." +Und jetzt erzhlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag +zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen +und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch +auf der Welt es nicht besser htte tun knnen. + +Die Mutter mute sich mehrmals die Trnen abwischen. Sie stellte sich +vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da +drauen gelegen htte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden +wre, und kein Mensch htte etwas von ihm gewut. Und jetzt stieg ein +Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, da sie laut ausrufen mute: +"Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche +Liebe zu dem armen This berkam sie, da sie ganz eifrig sagte: "Franz +Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hlmli-Sepp zurck! +Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat +sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen +mache ich ihm ein Gewand, da man ihn ansehen darf. Er mu es nicht +schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir +geholfen hat." + +"Das ist nun gerade, was ich wnschte, Mutter, aber ich mute doch +zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben +und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein knnte. Es geht +nichts ber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller +Glck und Liebe an, da es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich +dachte: Es geht auch nichts ber einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte +sie: "Jetzt mut du etwas essen, Franz Anton, da du wieder zu Krften +kommst. Ich habe frische Eier und ein Weibrot mitgenommen, und jetzt +will ich Feuer machen, la dir Zeit zum Herunterkommen." Das mute der +Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging. +Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er +sich selbst niedergesetzt hatte. + +"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend, +"willst du ein Senn werden?" + +Der This fing an zu lcheln, aber dann hrte er pltzlich die +vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen +hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts". +Und schchtern antwortete er. "Ich kann nichts werden." + +"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit. +"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun +bleibst du bei mir und trgst Milch und Wasser und hilfst mir bei +allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Kse macht und sobald +du gro genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein +Gehilfe." + +"Hier in der Schwemmebachsennhtte?" fragte This, dem die Aussicht auf +diese Glckseligkeit ganz unfabar war. + +"Alles hier, in der Schwemmebachsennhtte", besttigte der Franz Anton. + +Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden +Glcks, da der Senn ihn nur ansehen mute. Der Bub war wie +verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den groen +Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie +streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir +miteinander frhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen +wir dem lieben Gott dafr danken, da er dich gerade zur rechten Zeit +in die Nhe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch +begreift, warum du da heraufgekommen bist." + +Jetzt begann das frhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben +hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen. +Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weibrot hingelegt +und daneben Butter und weien Kse. Und mitten auf dem Tisch stand +eine groe Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die +Mutter groe, dicke Stcke vor den This hin, und wenn er fertig war, +gab es gleich noch einmal so viel. + +Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie: +"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This mu bei dir oben +bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es +ntig ist. Der Frau des Hlmli-Sepp will ich schon alles berichten." + +Das war dem Sennen recht, und fr den This war es das hchste Glck, +das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton. +Nicht mehr verborgen unter den Tannenbumchen hrte er heute den +Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als +dieser seine Hnde faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den +Abendsegen." Andchtig faltete auch er seine Hnde, und als am Schlu +der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glck im +Herzen des This so gro, da er gern berlaut allen Menschen auf der +ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!' + +Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinber zu der Frau des +Hlmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und +gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzhlten. +Die Sennin hrte, da von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der +Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hlmli-Sepp erklrte, +da sie mit ihrem Sohn bereingekommen sei, sie wollten den This bei +sich annehmen, da machte die Frau einen groen Lrm. Sie sagte, sie +sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fr +den Senn eine grere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien +alle aus vollen Hlsen: "Mich! Mich! Mich!" Denn sie wuten wohl, +wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhtte fr gute +Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts. + +Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn +schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen +This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das +Hnseln und Verspotten unterlassen, sonst htten sie es mit ihrem Sohn +zu tun. Der rede dann mit seinen krftigen Armen eine deutlichere +Sprache mit den Buben, als sie es jetzt knnte. Dann verlie die +Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblfft nachschauten, +und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wre, +der wird's gut haben, wie ein Knig wird er da oben in seiner +Sennhtte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen lie, +liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund +sein. Denn sie muten alle an den letzten Ksfischtag denken, als der +This so bel behandelt worden war. Von nun an wrde er ja gewi alle +Ksfische allein bekommen, da wre doch jeder gut daran, der sein +Freund wre. Und spter waren sie auch alle gut daran, denn dem This +machte es die grte Freude, die reiche Ernte der Ksfische unter +allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darber +wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie +mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte +sich zur berraschung aller, da er auf einmal ein ganz flinkes, +geschicktes Brschchen war, von dem jeder sagen mute: "Entweder ist +das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den +dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit, +sein liebster Schler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei +allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die +anderen Buben knnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird, +von Johanna Spyri. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD *** + +This file should be named 8vomt10.txt or 8vomt10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8vomt11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8vomt10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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If you are not located in the United States, you +will have to check the laws of the country where you are located before +using this eBook. + +Title: Vom This, der doch etwas wird + +Author: Johanna Spyri + +Posting Date: October 29, 2011 [EBook #9859] +Release Date: February, 2006 +First Posted: October 25, 2003 +Last Updated: July 29, 2023 + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +Produced by: Delphine Lettau + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS +WIRD *** + + + + +Vom This, der doch etwas wird + +Erzählung + +Johanna Spyri + + + + +1. Kapitel + +Alle gegen einen + + +Wenn man den Seelisberg von der Rückseite her besteigt, kommt man auf +eine frische, grüne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die +friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem +schönen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenährten Kühe +ziehen lieblich läutend immer hin und her. Denn jede trägt am Hals +ihre Glocke, damit man immer hört, wo sie ist. So kann sich keine Kuh +unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Sträuchern bedeckte Felswand +liegt, über die sie hinunterstürzen könnte. Es ist außerdem ein +ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben können. Aber die +Glocken sind doch notwendig und tönen so freundlich hin und her, daß +keiner sie entbehren möchte. Am Bergabhang stehen hie und da +vereinzelt die kleinen, hölzernen Häuser, und nicht selten rauscht +daneben ein schäumender Bach ins Tal hinab. ‘Am Berghang’ heißt es +hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Häuschen steht auf +ebenem Boden. Es ist, als wären sie irgendwie an den Berg hingeworfen +worden und da hängengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da +oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie +alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der +kleinen, hölzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt +in ihre Nähe, so sieht man, daß ein großer Unterschied zwischen ihnen +ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nähe ganz +verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen +ihnen stürzt der größte Bergbach der Gegend, der schäumende +Schwemmebach, hinunter. + +Am ersten Häuschen blieben auch an den schönsten Sommertagen alle die +kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die +hineindrang, kam durch die Löcher der zerbrochenen Scheiben. Das war +aber nicht viel, denn die Löcher waren wieder mit Papier verklebt, +damit man im Winter drinnen nicht frieren mußte. An dem hölzernen +Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war +so zerfallen, daß es ein Wunder war, daß alle die kleinen Kinder, die +da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie +hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder +waren alle mit Schmutz überdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen +Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag über da +herum, und am Abend kamen vier größere Kinder dazu. Drei kräftige +Buben und ein Mädchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich +aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie +konnten sich doch schon selbst waschen. + +Das Häuschen über dem Bach drüben hatte einen ganz anderen Charakter. +Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeräumt +aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drüben. Die +Stufen sahen immer so aus, als wären sie eben gescheuert worden. Und +oben auf der Galerie standen drei schöne Nelkenstöcke und dufteten den +ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen +Fenstern stand offen und ließ die schöne, sonnige Bergluft herein. +Dort konnte man meistens eine noch kräftig aussehende Frau sitzen +sehen, mit schönem, weißem Haar, das sie sehr ordentlich unter das +schwarze Häubchen zurückgestrichen hatte. Sie flickte gewöhnlich an +einem Männerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber +gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so +adrett und reinlich aus, als wäre noch nie etwas Unsauberes an sie +herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des +fröhlichen Franz Anton mit den kräftigen Armen. Der machte den Sommer +über in der oberen Sennhütte seine Käse, und erst im Spätherbst zog er +wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn +dann butterte er in der unteren Sennhütte, die ganz nahe lag. Da über +den reißenden Schwemmebach kein Steg führte, waren die zwei Häuschen +ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg +wohnten, besser, als diese Nachbarn über dem Bach, zu denen sie nur +etwa einmal am Tag stumm hinüberschaute. Gewöhnlich schüttelte sie +dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter +und schmutzigen Fetzen drüben an den Kindern sah. Sie schaute aber +nicht oft hinüber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber +betrachtete sie, wenn das Feierabendstündchen kam, ihre roten Nelken +auf der Galerie oder sie schaute über den grünen, sonnigen Abhang +hinunter, der vor ihrem Häuschen zum Tal hinabstieg. + +Die verwilderten Kinder über dem Bach gehörten dem Hälmli-Sepp, wie er +genannt wurde, der seine Arbeit außer Haus beim Holzfällen oder +Heumachen suchte. Außerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So +war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die +Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele +kleine Kinder könne man nicht in Ordnung halten, und später würde es +dann von selbst besser. So ließ sie alles gehn, wie es ging. Und in +der schönen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und +ließen sich’s, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl +sein. Zur Sommerzeit waren die vier Größeren den ganzen Tag draußen, +um die Kühe zu hüten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen, +wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten +bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kühe auf das +umliegende Weideland hinaus und mußten sie hüten lassen. Das ist +immer eine lustige Zeit für die Buben und Mädchen, die sich dort zu +jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei fröhliche Sachen +miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten +im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere +Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer +über ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstück nach Hause, +das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier +Kleinen zu ernähren und für alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn +diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mußte doch jedes haben +und die vier Großen noch ein Stück dazu. Eine Kuh hatte der +Hälmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaßen, +wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten. + +Hälmli-Sepp hieß der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum +nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine +Geiß und ein Stück Kartoffelland, damit mußte die Frau mit den vier +Kleinen den Sommer über auskommen und auch hier und da noch eines der +Größeren speisen, wenn es draußen keine Arbeit fand. Der Vater kam im +Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein +Häuschen und Acker waren so verschuldet, daß er das ganze Jahr über +etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten +konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel +er fand. + +So mußte die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte +keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von +der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der +verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten, +schaute sie über den Bach zu dem schmucken Häuschen der Sennerin +hinüber, dessen Scheiben in der Sonne glänzten. Dann sagte sie +ärgerlich vor sich hin: “Ja, die dort kann schon putzen und alles +sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner.” Dann ging +sie wieder ärgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurück, und an dem, +der ihr zuerst in den Weg kam, ließ sie den Ärger aus. + +Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht +ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Häuschen vom +Hälmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur ‘der +dumme This’ genannt, sah so mager und dürftig aus, daß man ihn kaum +für achtjährig gehalten hätte. Er schaute auch so scheu und +verschüchtert drein, daß niemand wußte, wie der This eigentlich aussah, +denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach. +This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum +zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel später über die Felsen +in die Tiefe gestürzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam +und den Weg abkürzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte +nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem +großen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This +hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend, +eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen +Matthis genannt. + +Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Häuschen vom +Hälmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstätte mit seinem Büblein +gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben +Ort. Das wenige Geld, das für den kleinen This von der Gemeinde +bezahlt wurde, war der Frau des Hälmli-Sepp sehr erwünscht. Und in +die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, für die +schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This +war schon von Natur aus ein schüchternes und stilles Büblein gewesen. +Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das große Unglück +gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem +Unglück wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr. + +So saß der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein +Wort zu hören, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann +seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des +Hälmli-Sepp gehörte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde +von jedem angefahren und hin und her gestoßen, weil er sich nie wehrte. +Zu all den Püffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen +dann noch die bösen Worte der Frau, wenn sie den Ärger über das +saubere Häuschen der Sennerin drüben hatte. Der This wehrte sich aber +nie, denn er hatte das Gefühl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so +nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und +verschüchtert, daß man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her +vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn +anrief. Er sah überhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch, +wo er in die Erde hineinkriechen könnte, daß ihn keiner mehr fände. + +So war es gekommen, daß die vier Großen vom Hälmli-Sepp, der Jopp, der +Hans, der Uli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: “Du +bist doch ein dummer This”, und daß es die vier Kleinen auch +nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals +dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es +werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch ‘der dumme +This’ genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten könnte, +wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kühe zu hüten, und war +er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke +oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da saß er +meistens zitternd vor Furcht, denn er hörte wohl, wie die anderen +Buben ihn mit großem Geschrei suchten, daß er bei den Spielen +mitmachte, die sie spielen wollten. + +Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prügeln, und das traf +regelmäßig den This am stärksten, da er sich nicht wehrte und auch +nicht wehren konnte gegen die viel Stärkeren. So verkroch er sich, +sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kühe, wohin sie wollten +und fraßen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann großen Ärger, und +jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kühe zu hüten, und keiner +stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld, +wenn die Buben zum Jäten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da +warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblüten an den +Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem +anderen reichlich zurück, was er empfangen hatte. Der This gab aber +nichts zurück, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen +Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen +gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten +die Knollen an den Rücken und an den Kopf. + +Während aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten, +versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den +Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit +nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller +Arbeit zu dumm und aus dem This könne nie etwas werden. Weil er nun +gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er +auch von der Frau des Hälmli-Sepp demgemäß behandelt. Wenn schon die +eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es +meistens, daß für den This gar nichts mehr übrigblieb und es dann hieß: +“Du wirst wohl etwas finden, du bist groß genug.” Wie der This +eigentlich ernährt wurde, wußte niemand, auch die Frau des Hälmli-Sepp +nicht, aber irgendwie lebte er doch immer. + +Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen +Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tür +vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in +seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich +wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer +scheuer wurde und sich immer mehr versteckte. + + + + +2. Kapitel + +Bei der Schwemmebachsennhütte + + +An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle +Mücken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hüterbuben und--mädchen. +Sie mußten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp, +von allen der Größte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle +nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, daß man jetzt zur +Schwemmebachsennhütte hinaufgehe, denn heute sei der Käsfischtag. Nun +müsse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kühe +hüten solle, während die anderen sich zu dem Festmahl begeben würden. +Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust, +sich für die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue +Uli auf den Gedanken, man könnte einmal den dummen This zwingen, auf +die Kühe acht zu geben. Und damit er’s nicht vergesse, könnte man ihn +im voraus ein wenig durchprügeln. Der Vorschlag fand Anklang, und +schon wollten mehrere von den Anführern der Schar den This holen, als +das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: “Das ist gar nichts +Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den +Lohn dafür, wenn wir wieder zurückkommen und die Kühe sich verlaufen +haben. Ihr werdet doch nicht glauben, daß der This, wenn er zu dumm +ist, zwei Kühe zu hüten, auf einmal zwanzig hüten kann. Man muß losen, +und drei müssen bei den Kühen bleiben, sonst ist’s nichts.” Lisis +Erklärung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus +der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet +der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der +siegreichen Schar den Rücken und setzte sich auf den Boden neben seine +beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stürzte nun +die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuß +entgegen. + +Der Käsfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die +es nie unterließen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen +sollte. Denn das war ein Hauptfest für sie. Das war der Tag, an dem +der Franz Anton seine frischen Käse rundum beschnitt, nachdem diese +als weiche Masse in die runde, hölzerne Form gepreßt worden waren. +Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von +der Masse herausdrängte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie +eine lange, schneeweiße Wurst. Die wurde dann in viele Stücke +gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt. +Das waren dann die sogenannten Käsfische. Dieses Fest wiederholte +sich den Sommer über alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem +Freudengeschrei begrüßt. + +This hatte sich hinter dem großen Distelbusch am Boden versteckt +gehalten, während die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton +von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hörte, +daß die große Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig +hervor. Die drei grollenden Zurückgebliebenen saßen am Boden und +kehrten ihm den Rücken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stück +die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der +Höhe hernieder. Den This erfaßte ein unwiderstehliches Verlangen, +auch an der Käsfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlüpfte er +hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er +hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem +letzten steilen Hang kam eine kleine, glänzend grüne Hochebene, da +stand die Sennhütte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der +klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tür seiner Hütte stand der +Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte über +die vielen Sprünge, die jetzt die Buben und Mädchen in ihrem Eifer, zu +dem ersehnten Genuß zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt +waren sie alle bei der Hütte und eines drängte das andere vorwärts, um +noch näher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen würde. + +“Nur zahm, nur zahm”, lachte jetzt der Franz Anton. “Wenn ihr alle in +die Hütte hineindrängt, so habe ich keinen Platz mehr zum +Käseschneiden und ihr habt den Schaden.” Jetzt nahm er sein festes +Messer zur Hand und trat an den großen, runden Käse heran, den er +schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden +ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweißen +Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stück und da ein +Stück, oft über die Köpfe der Großen weg den Kleinen, die nicht zu ihm +vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner +Teilung. + +This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen +wollte, so bekam er da einen Stoß und dort einen und flog so von einer +Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer +wieder ein Größerer und Dickerer sich vor ihn drängte. Zuletzt bekam +er einen so ungeheuren Stoß von dem breiten, nach allen Seiten +schlagenden Jopp, daß er sich fast überschlagen hätte. Die Teilung +war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, daß er zu keinem +Stückchen Käsfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine +Schläge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die +jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den +Bäumchen. Auf der höchsten Krone des einen saß ein lustiger, kleiner +Vogel und pfiff so fröhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als +gäbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und +Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, daß er fast das +Leid vergaß, das ihm eben geschehen war. + +Von Zeit zu Zeit mußte er nach der Sennhütte hinüberschauen, denn das +Lärmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stück Käsfisch +wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie +jedes Kind mit einem größeren oder kleineren Brocken der schönen, +weißen Masse dastand und mit Wonne hineinbiß. Er seufzte dann ein +wenig und sagte leise: “Wenn ich nur auch einmal ein einziges +Stücklein bekäme!” Der This hatte niemals von den herrlichen, weißen +Käsfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie +heute in die Schar der Glücklichen einzudringen. Jetzt hatte er +gesehen, daß es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut +zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlußgedanken, daß er +sein Leben lang nie einen Käsfisch bekommen werde. Darüber wurde er +so traurig, daß er nicht einmal den Vogel mehr hörte und ganz +zusammengeduckt unter den Tannenbäumen saß. + +Jetzt war das Gastmahl bei der Hütte zu Ende und mit schrecklichem +Lärm stürzten die Kinder daher, womöglich immer einer über den anderen +hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall +brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der +lärmende Hans, und laut schrie er in das Gebüsch hinein: “Du Maulwurf, +komm heraus, du mußt mitmachen!” This verstand, was er mitzumachen +hatte. Er mußte sich als Bock hinstellen, damit die anderen über ihn +springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wäre +viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wußte wohl, +was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er +gehorsam heran. “Wie viele Käsfische hast du bekommen?” schrie ihn +jetzt der Hans an. + +“Keinen”, gab This zurück. “Oho, seht einmal den an”, schrie der Hans +noch lauter in die Schar hinein, “der läuft schnell zu den Käsfischen, +und dann läuft er wieder fort und hat keinen gesehen.” “Du dummer +This”, rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die großen +Buben über den Kopf weg, so daß er genug zu tun hatte, nur immer +wieder auf die Füße zu kommen, wenn er umgeworfen worden war. +Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestürzter die Abhänge +hinunter, bis ein glücklicher Zufall sie wieder alle auf die Füße +brachte. Nach dieser stürmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen +gleich alle auseinander, jeder seinen Kühen nach. + +Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn +jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den +Zurückgebliebenen, weil er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem +Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben +und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im +Berghang, wo im Frühling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und +den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und +ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schöne, dunkelrote +Erdbeeren in der Sonne, die so schön warm in die Vertiefung schien. +Aber dem This war es überall angst und bang, wenn er noch in der Nähe +der Häuser und der Hüterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden +Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der +This zuckte scheu und ängstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer +dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch +einmal an das stille Plätzchen unter den kleinen Tannenbäumchen dort +oben und an das pfeifende Vögelein, so daß es ihn mit Gewalt vom Boden +zog. Er mußte noch einmal dorthin. + +Mit allen Kräften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht +einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die +Tannenbäumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein +Tannenversteck ein wenig offen. Da saß nun der This in völliger +Sicherheit. Ringsum war eine große Stille, kein Ton drang von unten +her bis hier auf die einsame Höhe, nur das Vögelein saß noch auf +seinem Tannenast und pfiff sein fröhliches Lied. Die Sonne wollte +untergehen. Die hohen Schneeberge drüben fingen zu flimmern und zu +glühen an, und über die ganze grüne Alm hin lag das golden schimmernde +Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie +gekanntes Wohlsein kam über ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und +Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fürchten, denn weit und +breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hören. + +So saß der This eine lange Zeit, und am liebsten wäre er gar nicht +mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben +gewesen. Aber da hörte er schwere Tritte hinter sich von der Hütte +her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiß +wollte er zum Bach hinüber, um Wasser zu holen. This verhielt sich +mäuschenstill. Denn er war so daran gewöhnt, daß er von jedermann +angefahren oder ausgelacht wurde, daß er dachte, der Senn werde es +gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die +Bäumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton +wurde aufmerksam, trat näher und guckte in den Tannenbusch hinein. + +“Was machst du denn da drinnen?” fragte der Senn mit lustigem Gesicht. + +“Nichts”, erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd. + +“Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fürchten, wenn du nichts +Böses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa +mit deinen Käsfischen da hineingeflüchtet, daß du sie in Ruhe +verzehren kannst?” + +“Nein, ich habe keine Käsfische gehabt”, sagte This ängstlich. + +“Nicht? Und warum denn nicht?” fragte der Senn in einer Weise, wie +sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem +Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem +Menschen. + +“Sie haben mich auf die Seite gestoßen”, erwiderte er nun und stand +hinter den buschigen Zweigen auf. + +“So, jetzt kann man dich doch sehen”, fuhr der Senn freundlich fort, +“komm noch ein wenig näher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn +sie dich wegstoßen? Es stößt ja immer einer den anderen, aber zuletzt +kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?” + +“Sie sind stärker”, sagte der This so überzeugend, daß diese Erklärung +wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den +Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, großen Franz Anton wie +ein dünnes Stöcklein vor einer hohen Tanne. Der kräftige Mann +betrachtete einen Augenblick das schmale Figürchen, an dem tatsächlich +fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht +schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf. + +“Wem gehörst du?” fragte er jetzt den Buben. + +“Niemand”, gab This zur Antwort. + +“Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?” + +“Beim Hälmli-Sepp.” + +Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. “Ach so, bist du der!” +sagte er verständnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar +nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehört, ihn aber nicht +gekannt. + +“Komm einmal mit mir”, sagte er mitleidig. “Wenn du beim Hälmli-Sepp +bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hälmlein. +Komm, Käsfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes.” + +Der This wußte gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz +Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und +das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Hütte, holte +hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein großes +Stück ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfaß, das goldig glänzend +in der Ecke stand, und holte ein großes Stück Butter heraus. Das +strich er über die Brotschnitte und reichte nun das feste Stück mit +der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte +der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es +nicht möglich, daß es ihm gehöre. + +“Komm heraus. Iß es vor der Hütte, ich muß nun zum Wasser”, sagte +Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glück und +Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte. +Vor der Hütte setzte er sich auf den Boden. Und während der Senn zum +Schwemmebach hinüberging, biß er in sein Butterbrot hinein und biß +immer wieder und konnte nicht begreifen, daß es etwas so Gutes gäbe +und er es bekommen hätte. + +Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und +wiegte unten die Tannenbäumchen hin und her, und der kleine Vogel saß +immer noch auf dem höchsten Zweig und sang hell und fröhlich in den +goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie +gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er müsse laut mit dem Vogel zu +singen anfangen. + +Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her +gegangen. Drüben beim Schwemmebach war er immer eine Weile +stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr +rot vom Abendschein, aber jetzt stieg groß und golden der volle Mond +hinter dem weißen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Hütte +zurück und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle +saß. + +“So gefällt’s dir hier?” fragte er freundlich. “Mit dem Abendessen +bist du fertig, wie ich sehe. Du mußt dich auf den Rückweg machen. +Sieh, wie schön dir der Mond heimleuchtet!” + +Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel +ihm ein, daß es wohl nötig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem +Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den +Tannenbäumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurück. Er schaute noch +einmal zurück, und da der Senn in die Hütte getreten war und ihn nicht +mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz +Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Güte +und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen +Eindruck gemacht, daß er nicht fort konnte. Er mußte noch ein wenig +in der Nähe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen +unter den Bäumchen und spähte zu der Hütte hinauf, ob er den Senn +nicht noch einmal sähe. Es dauerte einige Zeit, da plötzlich trat +Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Hütte heraus. + +Er blieb vor der Tür stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die +stille Bergwelt hinaus, wo jetzt über alle hohen Schneegipfel hin das +milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt +der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen +Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hände. Er hielt wohl still +seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: “Gute Nacht +geb euch Gott!” trat in die Hütte zurück und machte die Tür zu. Sein +Nachtgruß hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum +und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller +Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fühlte Liebe und +Bewunderung für den Senn, Gefühle, die er bisher nicht gekannt hatte. + +Als es nun ganz dunkel und still in der Hütte wurde, stand der This +auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter. + +Es war spät und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich, +die Tür war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Häuschen und +schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser +schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: “Es +ist bequem, daß der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden. +So hat man doch Platz!” + +This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er +immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit +gefalteten Händen vor seiner Hütte stand. Zum erstenmal in seinem +Leben schlief der This mit einem glücklichen Herzen ein. + + + + +3. Kapitel + +Ein hilfreicher Engel + + +Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten, +mußten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges +gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr +Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze +Schar den Berghang herunter, und bald saßen sie alle mit anderen +Kindern so ruhig wie möglich auf den langen Bänken, und der Herr +Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von +einem zukünftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den +This fiel, fuhr er fort: “Ich will dich auch einmal wieder etwas +fragen, das wirst du wohl beantworten können, wenn man dir auch nicht +viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Ärmsten +und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben geführt hat, so +wohl werden, daß er kein Leid verspürt?” + +“Bei der Schwemmebachsennhütte”, antwortete der This ohne Zögern. +Jetzt entstand ein solches Kichern, daß der This ganz scheu um sich +schaute. Ringsum waren spöttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle +Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich +so stark vornüber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem, +was der Herr Pfarrer das letztemal erklärte, hatte er nichts gehört, +weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mußte. Jetzt hatte +er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet. + +Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, daß es dem +This gar nicht zum Lachen war, sondern daß er vor Scheu ganz +erschrocken und zusammengeduckt dasaß, da schüttelte der Herr Pfarrer +nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: “Es ist nichts mit ihm zu +machen.” + +Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stürzte die ganze Schar +hinter dem This her, alle lachten überlaut und schrien durcheinander: +“This, sind dir auf einmal in der Kirche die Käsfische in den Sinn +gekommen?” + +“This, warum hast du nicht auch etwas von den Käsfischen gesagt?” Der +This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem +Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben +wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den +schönen Sonntagabend unten im Dorf genießen. + +Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt +einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhütte +hinaufflüchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen. +Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plätzchen sitzen und +vor Verfolgung sicher sein. Nun saß er wieder unter den Tannen und +über ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der +Sonne, und über den grünen Hängen floß da und dort ein klares Bächlein +friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, daß er allen +Spott vergaß und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr +weggehen zu müssen. + +Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er +beständig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie möglich +nieder. Denn er hatte das Gefühl, wenn der Franz Anton ihn wieder +hier sehe, so könnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein +Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und +einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und +in dessen Nähe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst +nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und +This saß an seinem schönen Plätzchen, bis die Sterne am Himmel standen +und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Hütte hinaustrat und +ausrief: “Gute Nacht geb euch Gott!” Dann erst lief der This wieder +davon, und spät wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht +hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber +das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefühlt +dort oben. + +So ging es eine ganze Woche. Tag für Tag, sobald er einen Augenblick +fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm +hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete +er die ganze Tätigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und +nie verließ er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton +gesagt hatte: “Gute Nacht geb euch Gott!” Es war ihm jetzt immer, als +sei der Nachtsegen auch für ihn gedacht. + +Es waren ausnahmsweise heiße Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg +jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend +niedergegangen war. Das Futter war besonders kräftig, und Franz Anton +bekam so schöne, fette Milch von den Alpenkühen, daß er die +prächtigsten Käse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude, +und schon frühmorgens konnte man ihn voller Vergnügen in seiner +Sennhütte pfeifen hören, so auch am Samstag dieser Woche. Da hörte +man ihn noch viel früher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem +der Senn seine drei oder vier fertigen Käse an den See hinunterbrachte. +Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie +auf seinem Rücken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwärts, +den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rücken. Es +war der heißeste Tag des ganzen Sommers. + +Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die übermäßige +Hitze, und oft sagte er zu sich: “O wie will ich froh sein, heute +abend wieder zu meiner Hütte hinauf in die kühle Luft zu kommen, hier +unten ist’s wie in einem Backofen.” Jetzt war er unten angelangt, +gerade als das Schiff herankam, das die Käse mitnehmen sollte. Bald +war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlüssig +da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten +etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fühlte keinen Appetit, sein Kopf +war schwer und heiß, er wünschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn +jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim +Einladen geholfen hatte. “Komm, Franz Anton, heute ist’s heiß, wir +wollen ein Glas Wein im Schatten trinken”, sagte er und zog den Senn +zu dem Wirtshaus. + +Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im +Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber +stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in +der schweren, heißen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht +an den Wein gewöhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit großen +Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in +seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiß auf +seinen Kopf, alle seine Pulse hämmerten, die Füße wurden ihm so schwer, +daß er sie nur mit Mühe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je +größer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der +Aussicht an, daß nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt +nur noch eine Viertelstunde heißer Mühe vor ihm liege. Dann würde er +oben sein und könne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen. + +Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne +brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Plötzlich wurde es ihm völlig +schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stürzte er auf den +Boden nieder. Er hatte das Bewußtsein verloren. + +Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er, +daß der Franz Anton noch nicht zurückgekehrt war. Er stellte seine +Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem +Senn auszuschauen. + +Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz +Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte +er an seinem verborgenen Plätzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt, +den der Senn tat. Er wußte, wie eine Beschäftigung auf die andere +folgte, so daß er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der +Franz Anton seine Milch stehen ließ. Sonst goß er sie immer gleich in +die verschiedenen Gefäße. Die eine kam zum Buttern in die großen, +runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schön dick obenauf +lag. Die andere wurde in den Käsekessel gegossen, das hatte der This +durch die offene Hüttentür alles genau beobachten können. Der Senn +kam immer noch nicht. Der Junge fühlte, daß irgend etwas geschehen +sein mußte. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging +zur Sennhütte. Da war es still und leer unten im Hüttenraum und oben +auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut +war zu hören, alles wie ausgestorben. Ängstlich lief der This +jetzt um die Hütte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann +in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten +erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da +lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stöhnte und lechzte wie +ein Sterbender. Er sah glühend heiß aus, und seine Lippen waren ganz +vertrocknet. + +Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor +Schrecken, auf seinen Wohltäter. Dann stürzte er in schnellem Lauf +den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewußtlos am +Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt +an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem +brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bücken +und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er für einen Augenblick, +denn es war nur ein Fiebertraum gewesen. + +Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rühren. +Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das +Bewußtsein wieder, und er träumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er +heute früh im Vorübergehen noch die schönen Erdbeeren gesehen hatte. +Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die +Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber +jetzt hatte er plötzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte +sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der +Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlürfte und +schluckte, es war ein unsägliches Labsal. Er erwachte. War das alles +Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und +steckte ihm wieder eine große saftige Erdbeere in den Mund. + +“O du guter Engel, noch eine”, sagte leise der Franz Anton. Aber +nicht nur eine, fünf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf +einmal flog ein stechender Schmerz über sein Gesicht. Er legte die +Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: “Wasser”, dann war +ihm das Bewußtsein wieder völlig entschwunden. Er konnte nicht einmal +mehr die letzte Erdbeere genießen. Jetzt träumte er ganz schreckliche +Dinge. Sein Kopf wurde so groß wie sein allergrößtes Butterfaß und +dann immer noch größer und so furchtbar schwer, daß er mit Schrecken +dachte: “Den kannst du nie mehr allein tragen, man muß starke, +hölzerne Stützen unterstellen, wie unter die Apfelbäume, wenn sie +zuviel Äpfel tragen.” Und jetzt fühlte er deutlich, daß der Kopf ganz +voll Schießpulver war, das hatte einer von hinten angezündet. Nun +brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mußte alles +zerspringen. Aber dann kam plötzlich ganz kalt und belebend der +Schwemmebach über seine Stirn, über das ganze Gesicht und in den Mund +hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte. + +Es war wahr, eiskalt kam ein Guß nach dem anderen auf Stirn und +Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den +kühlenden Trank ein. Über ihm standen die funkelnden Sterne, das +sah der Franz Anton deutlich. Er wußte auch, daß er noch am Boden lag +draußen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der +Schwemmebach sein, was so über ihn floß und ihn so ordentlich trinken +ließ. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend, +so erlösend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer. +Voller Dank sagte er nur halblaut: “Ach, lieber Gott, wie danke ich +dir für deine Güte und die hilfreichen Engel!” + +Das erquickende Wasserbad hörte nicht auf, und zuletzt fühlte der +Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schützend und +wohltuend, daß er sagte: “Da kann kein Feuer mehr durch.” Und beruhigt +schlief er jetzt ganz sanft ein und träumte nicht mehr. + + + + +4. Kapitel + +Was die Sennenmutter haben will + + +Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz +Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er +schauderte ein wenig zusammen, es fröstelte ihn. Er wollte sich +aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand +an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht. +Wohl sechsfach zusammengelegt lag naß und schwer das große Handtuch +aus der Sennhütte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der +frische Morgenwind über die Stirn blies, fühlte er sich so wohlig und +erleichtert, daß er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da +sah er auf einmal in zwei große, ernsthafte Augen hinein, die +unverwandt auf ihn gerichtet waren. + +“Bist du das, This?” fragte er verwundert, “Wie kommst du so früh auf +die Alm? Nun, weil du da bist, komm, daß ich mich ein wenig auf deine +Schulter stützen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf.” + +Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er +stemmte mit aller Gewalt seine beiden Füße in den Boden hinein, so daß +der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte. +Während des langsamen Aufstiegs zur Hütte, als er sich immer noch auf +die Schulter des Buben stützte, fing er an, sich daran zu erinnern, +was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgänge der +Nacht völlig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur +helfen. In der Hütte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner +dreibeinigen Stühle und sagte: “This, hol dir den anderen und setz +dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir +wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt +noch nicht machen. Ein Schüsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist +es denn hingekommen?” unterbrach sich der Senn, “ich stelle es +regelmäßig dort hinauf. Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht seit +gestern.” + +Der This war feuerrot geworden, er wußte wohl, wer das Schüsselchen +heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: “Dort steht’s am +Boden”, holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides +dem Senn. Dieser schüttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er +lebte, hatte er noch nie sein Schüsselchen dort bei der Tür auf den +Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine +Milch, füllte dann das Schüsselchen wieder und sagte: “Da, This, trink +auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, daß du so früh hinauf +kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Käsfischtag und du seist dann +sicher der erste?” + +“Nein, gewiß nicht”, versicherte This. + +“Sag mir jetzt etwas”, fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal +unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder +zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. “Sag mir, This, habe ich +denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute früh +heraufkamst?” + +Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn +alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht +recht, und er könnte böse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm +jetzt so tief in die Augen, daß er alles sagen mußte: “Ich habe es +selbst darauf gelegt”, fing er zaghaft an. + +“Warum denn, This?” fragte der Senn verwundert. + +“Weil sie so heiß waren”, erwiderte This. + +Der Senn staunte immer mehr. “Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang +erwacht”, sagte er. “Wann bist du denn heraufgekommen?” + +“Gestern um fünf, oder um vier Uhr”, stotterte der This furchtsam, +“der Melker kam erst lange nachher.” + +“Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn +gewollt und gemacht?” + +Jetzt sah der Franz Anton, daß dem This ganz bange wurde, ihm selber +aber fielen nun wieder die Vorgänge der letzten Nacht ein. Ganz +väterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd: +“Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fürchten, This. Da, trink noch +eins aus, und dann sag mir alles, was du weißt, von da an, als du hier +heraufgekommen bist.” Auf diese Ermunterung hin faßte der This neuen +Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zügen aus, denn sie schmeckte +herrlich. + +Dann fing er an zu berichten: “Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier +herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Käsfische. +Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie +nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden +gefunden, und Sie sind ganz rot und heiß gewesen und haben Durst +gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe +alle großen Erdbeeren gepflückt, die noch da waren, und habe sie Ihnen +gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf +den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Hütte +das Schüsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach +habe ich ihn gefüllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schüsselchen das +Wasser über den Kopf geschüttet und auch zu trinken gegeben, denn sie +haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin +ich zum Bach hinüber und habe ihn wieder gefüllt. Aber weil das +Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes +Tuch wurde den Kopf besser kühlen. Und so habe ich das Tuch aus der +Hütte geholt und es ganz naß auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann +trocken und heiß wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und +es dann wieder naß auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann +erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht +etwa krank werden.” + +Der Senn hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Jetzt stand alles +deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wußte auch +wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren +als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespürt und +genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und +verwundert an, als hätte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen +solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn möglich, daß +dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben +gerettet hatte. + +Hätte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelöscht, wer weiß, +was bis zum Morgen daraus geworden wäre! Und wie konnte dieser This, +dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung +fähig sein, daß er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn +pflegte! Dem großen, starken Franz Anton kamen die Tränen in die +Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles +überdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: “Wir +wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das +vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die +Glieder so, daß ich mich jetzt niederlegen muß. Geh du nun hinunter +zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir +nicht ganz wohl. Du mußt dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe +noch viel mit dir zu reden heute, vergiß es nicht!” + +Solange er lebte, war der This noch nie so glücklich gewesen. Er lief +springend den Berg hinunter, als könne er nicht hoch genug aufspringen +vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen, +und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in +die Sennhütte eintreten. Außerdem hatte der Franz Anton ihm noch +gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser +Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der +Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Häuschen +mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im +Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der +Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen, +denn er war ganz atemlos vom Laufen. + +“Woher kommst denn du?” fragte die sonntäglich gekleidete Frau, die +nicht gern etwas Unordentliches sah. Mißbilligend musterte sie den +Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntäglichen Anblick +in seinen zerfetzten Alltagshöschen und dem schmutzigen Hemdlein. +“Ich meine, ich habe dich schon dort drüben über dem Bach gesehen, du +bist wohl einer vom Hälmli-Sepp?” + +“Nein, nur der This”, erwiderte der Bub ganz demütig. + +Jetzt fiel der Frau ein, daß die Frau des Hälmli-Sepp einen +einfältigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts +zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. “Und was willst du +denn bei mir?” fragte sie nun erst recht verwundert. + +Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag +klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der +kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und daß er nach ihr schickte +und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes +Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in großer +Sorge das Nötigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem großen +Korb am Arm heraus. + +“Komm”, sagte sie zu This, “wir wollen gleich gehn. Warum mußt du +wieder mit?” + +“Ich weiß nicht”, antwortete er. Und fast als wäre es etwas Böses, +setzte er leise hinzu: “Muß ich nicht den Korb tragen?” + +“So, jetzt verstehe ich’s”, sagte die Frau, “der Franz Anton hat daran +gedacht, daß ich allerhand mitbringen will.” Sie gab dem This den Korb. +Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief +in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer +Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die +Krankheit gefährlich sein? Ihre Angst wurde immer größer, je näher +sie der Sennhütte kamen. Jetzt waren sie oben--nur noch einige +Schritte--der bekümmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast +nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie +schaute überall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn +tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem +Herzen stieg sie die Leiter hinauf. + +Der This blieb ehrerbietig draußen vor der Tür stehen, nur den Korb +schob er in die Hütte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll +über ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte +ihr fröhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter: +“Grüß dich Gott, Mutter! Das freut mich, daß du da bist. Ich habe +aber geschlafen wie ein Bär, die ganze Zeit, seit der This fortging.” +Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie +wußte gar nicht, was sie denken sollte. “Franz Anton”, sagte sie +jetzt ernsthaft, “was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weißt du, +daß du mich hast holen lassen?” + +“Ja, ja, Mutter”, lachte jetzt der Franz Anton, “jetzt bin ich ganz +bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir +noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir +reden. Ich fühl’s auch jetzt noch in den Knien zittern, ich käme noch +nicht weit.” + +“Aber was ist’s denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir’s doch”, +drängte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn. + +“Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen”, +sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. “Sieh einmal +zuerst dort unten das schmale, magere Büblein an, das kein gutes Stück +Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder +nur den dummen This nennt.” + +Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn +hinaufspähte, ob er etwa wieder umfallen wolle. + +“Und jetzt?” fragte die Mutter gespannt. + +“Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Büblein nicht +gewesen wäre, so läge ich jetzt noch draußen auf dem Boden in einem +tödlichen Fieber, oder vielleicht wäre es auch schon vorbei mit mir.” +Und jetzt erzählte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag +zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen +und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch +auf der Welt es nicht besser hätte tun können. + +Die Mutter mußte sich mehrmals die Tränen abwischen. Sie stellte sich +vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da +draußen gelegen hätte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden +wäre, und kein Mensch hätte etwas von ihm gewußt. Und jetzt stieg ein +Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, daß sie laut ausrufen mußte: +“Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!” Aber auch eine solche +Liebe zu dem armen This überkam sie, daß sie ganz eifrig sagte: “Franz +Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hälmli-Sepp zurück! +Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat +sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen +mache ich ihm ein Gewand, daß man ihn ansehen darf. Er muß es nicht +schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir +geholfen hat.” + +“Das ist nun gerade, was ich wünschte, Mutter, aber ich mußte doch +zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben +und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein könnte. Es geht +nichts über eine Mutter!” Und der Franz Anton schaute sie so voller +Glück und Liebe an, daß es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich +dachte: Es geht auch nichts über einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte +sie: “Jetzt mußt du etwas essen, Franz Anton, daß du wieder zu Kräften +kommst. Ich habe frische Eier und ein Weißbrot mitgenommen, und jetzt +will ich Feuer machen, laß dir Zeit zum Herunterkommen.” Das mußte der +Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging. +Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er +sich selbst niedergesetzt hatte. + +“This”, sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend, +“willst du ein Senn werden?” + +Der This fing an zu lächeln, aber dann hörte er plötzlich die +vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen +hatte: “Aus dem wird nie etwas,”, “der kann nichts”, “der wird nichts”. +Und schüchtern antwortete er. “Ich kann nichts werden.” + +“This, ein Senn wirst du”, sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit. +“Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun +bleibst du bei mir und trägst Milch und Wasser und hilfst mir bei +allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Käse macht und sobald +du groß genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein +Gehilfe.” + +“Hier in der Schwemmebachsennhütte?” fragte This, dem die Aussicht auf +diese Glückseligkeit ganz unfaßbar war. + +“Alles hier, in der Schwemmebachsennhütte”, bestätigte der Franz Anton. + +Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden +Glücks, daß der Senn ihn nur ansehen mußte. Der Bub war wie +verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den großen +Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie +streichelte den Buben und sagte: “Ja, Thisli, heute wollen wir +miteinander fröhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen +wir dem lieben Gott dafür danken, daß er dich gerade zur rechten Zeit +in die Nähe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch +begreift, warum du da heraufgekommen bist.” + +Jetzt begann das fröhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben +hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen. +Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weißbrot hingelegt +und daneben Butter und weißen Käse. Und mitten auf dem Tisch stand +eine große Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die +Mutter große, dicke Stücke vor den This hin, und wenn er fertig war, +gab es gleich noch einmal so viel. + +Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie: +“Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muß bei dir oben +bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es +nötig ist. Der Frau des Hälmli-Sepp will ich schon alles berichten.” + +Das war dem Sennen recht, und für den This war es das höchste Glück, +das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton. +Nicht mehr verborgen unter den Tannenbäumchen hörte er heute den +Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als +dieser seine Hände faltete und sagte: “Komm, This, nun beten wir den +Abendsegen.” Andächtig faltete auch er seine Hände, und als am Schluß +der Senn sagte: “Gute Nacht geb euch Gott!”, da war das Glück im +Herzen des This so groß, daß er gern überlaut allen Menschen auf der +ganzen Welt sagen wollte: ‘Gute Nacht geb euch Gott!’ + +Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinüber zu der Frau des +Hälmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und +gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzählten. +Die Sennin hörte, daß von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der +Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hälmli-Sepp erklärte, +daß sie mit ihrem Sohn übereingekommen sei, sie wollten den This bei +sich annehmen, da machte die Frau einen großen Lärm. Sie sagte, sie +sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien für +den Senn eine größere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien +alle aus vollen Hälsen: “Mich! Mich! Mich!” Denn sie wußten wohl, +wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhütte für gute +Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts. + +Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn +schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen +This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das +Hänseln und Verspotten unterlassen, sonst hätten sie es mit ihrem Sohn +zu tun. Der rede dann mit seinen kräftigen Armen eine deutlichere +Sprache mit den Buben, als sie es jetzt könnte. Dann verließ die +Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblüfft nachschauten, +und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wäre, +der wird’s gut haben, wie ein König wird er da oben in seiner +Sennhütte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen ließ, +liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund +sein. Denn sie mußten alle an den letzten Käsfischtag denken, als der +This so übel behandelt worden war. Von nun an würde er ja gewiß alle +Käsfische allein bekommen, da wäre doch jeder gut daran, der sein +Freund wäre. Und später waren sie auch alle gut daran, denn dem This +machte es die größte Freude, die reiche Ernte der Käsfische unter +allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darüber +wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie +mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte +sich zur Überraschung aller, daß er auf einmal ein ganz flinkes, +geschicktes Bürschchen war, von dem jeder sagen mußte: “Entweder ist +das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den +dummen This zu nennen.” Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit, +sein liebster Schüler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei +allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die +anderen Buben könnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD *** + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the +United States without permission and without paying copyright +royalties. 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If you are not located in the United States, you +will have to check the laws of the country where you are located before +using this eBook. + +Title: Vom This, der doch etwas wird + +Author: Johanna Spyri + +Posting Date: October 29, 2011 [EBook #9859] +Release Date: February, 2006 +First Posted: October 25, 2003 +Last Updated: July 29, 2023 + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +Produced by: Delphine Lettau + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS +WIRD *** + + + + +Vom This, der doch etwas wird + +Erzählung + +Johanna Spyri + + + + +1. Kapitel + +Alle gegen einen + + +Wenn man den Seelisberg von der Rückseite her besteigt, kommt man auf +eine frische, grüne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die +friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem +schönen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenährten Kühe +ziehen lieblich läutend immer hin und her. Denn jede trägt am Hals +ihre Glocke, damit man immer hört, wo sie ist. So kann sich keine Kuh +unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Sträuchern bedeckte Felswand +liegt, über die sie hinunterstürzen könnte. Es ist außerdem ein +ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben können. Aber die +Glocken sind doch notwendig und tönen so freundlich hin und her, daß +keiner sie entbehren möchte. Am Bergabhang stehen hie und da +vereinzelt die kleinen, hölzernen Häuser, und nicht selten rauscht +daneben ein schäumender Bach ins Tal hinab. ‘Am Berghang’ heißt es +hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Häuschen steht auf +ebenem Boden. Es ist, als wären sie irgendwie an den Berg hingeworfen +worden und da hängengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da +oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie +alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der +kleinen, hölzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt +in ihre Nähe, so sieht man, daß ein großer Unterschied zwischen ihnen +ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nähe ganz +verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen +ihnen stürzt der größte Bergbach der Gegend, der schäumende +Schwemmebach, hinunter. + +Am ersten Häuschen blieben auch an den schönsten Sommertagen alle die +kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die +hineindrang, kam durch die Löcher der zerbrochenen Scheiben. Das war +aber nicht viel, denn die Löcher waren wieder mit Papier verklebt, +damit man im Winter drinnen nicht frieren mußte. An dem hölzernen +Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war +so zerfallen, daß es ein Wunder war, daß alle die kleinen Kinder, die +da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie +hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder +waren alle mit Schmutz überdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen +Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag über da +herum, und am Abend kamen vier größere Kinder dazu. Drei kräftige +Buben und ein Mädchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich +aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie +konnten sich doch schon selbst waschen. + +Das Häuschen über dem Bach drüben hatte einen ganz anderen Charakter. +Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeräumt +aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drüben. Die +Stufen sahen immer so aus, als wären sie eben gescheuert worden. Und +oben auf der Galerie standen drei schöne Nelkenstöcke und dufteten den +ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen +Fenstern stand offen und ließ die schöne, sonnige Bergluft herein. +Dort konnte man meistens eine noch kräftig aussehende Frau sitzen +sehen, mit schönem, weißem Haar, das sie sehr ordentlich unter das +schwarze Häubchen zurückgestrichen hatte. Sie flickte gewöhnlich an +einem Männerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber +gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so +adrett und reinlich aus, als wäre noch nie etwas Unsauberes an sie +herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des +fröhlichen Franz Anton mit den kräftigen Armen. Der machte den Sommer +über in der oberen Sennhütte seine Käse, und erst im Spätherbst zog er +wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn +dann butterte er in der unteren Sennhütte, die ganz nahe lag. Da über +den reißenden Schwemmebach kein Steg führte, waren die zwei Häuschen +ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg +wohnten, besser, als diese Nachbarn über dem Bach, zu denen sie nur +etwa einmal am Tag stumm hinüberschaute. Gewöhnlich schüttelte sie +dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter +und schmutzigen Fetzen drüben an den Kindern sah. Sie schaute aber +nicht oft hinüber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber +betrachtete sie, wenn das Feierabendstündchen kam, ihre roten Nelken +auf der Galerie oder sie schaute über den grünen, sonnigen Abhang +hinunter, der vor ihrem Häuschen zum Tal hinabstieg. + +Die verwilderten Kinder über dem Bach gehörten dem Hälmli-Sepp, wie er +genannt wurde, der seine Arbeit außer Haus beim Holzfällen oder +Heumachen suchte. Außerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So +war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die +Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele +kleine Kinder könne man nicht in Ordnung halten, und später würde es +dann von selbst besser. So ließ sie alles gehn, wie es ging. Und in +der schönen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und +ließen sich’s, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl +sein. Zur Sommerzeit waren die vier Größeren den ganzen Tag draußen, +um die Kühe zu hüten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen, +wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten +bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kühe auf das +umliegende Weideland hinaus und mußten sie hüten lassen. Das ist +immer eine lustige Zeit für die Buben und Mädchen, die sich dort zu +jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei fröhliche Sachen +miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten +im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere +Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer +über ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstück nach Hause, +das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier +Kleinen zu ernähren und für alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn +diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mußte doch jedes haben +und die vier Großen noch ein Stück dazu. Eine Kuh hatte der +Hälmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaßen, +wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten. + +Hälmli-Sepp hieß der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum +nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine +Geiß und ein Stück Kartoffelland, damit mußte die Frau mit den vier +Kleinen den Sommer über auskommen und auch hier und da noch eines der +Größeren speisen, wenn es draußen keine Arbeit fand. Der Vater kam im +Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein +Häuschen und Acker waren so verschuldet, daß er das ganze Jahr über +etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten +konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel +er fand. + +So mußte die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte +keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von +der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der +verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten, +schaute sie über den Bach zu dem schmucken Häuschen der Sennerin +hinüber, dessen Scheiben in der Sonne glänzten. Dann sagte sie +ärgerlich vor sich hin: “Ja, die dort kann schon putzen und alles +sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner.” Dann ging +sie wieder ärgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurück, und an dem, +der ihr zuerst in den Weg kam, ließ sie den Ärger aus. + +Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht +ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Häuschen vom +Hälmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur ‘der +dumme This’ genannt, sah so mager und dürftig aus, daß man ihn kaum +für achtjährig gehalten hätte. Er schaute auch so scheu und +verschüchtert drein, daß niemand wußte, wie der This eigentlich aussah, +denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach. +This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum +zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel später über die Felsen +in die Tiefe gestürzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam +und den Weg abkürzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte +nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem +großen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This +hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend, +eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen +Matthis genannt. + +Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Häuschen vom +Hälmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstätte mit seinem Büblein +gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben +Ort. Das wenige Geld, das für den kleinen This von der Gemeinde +bezahlt wurde, war der Frau des Hälmli-Sepp sehr erwünscht. Und in +die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, für die +schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This +war schon von Natur aus ein schüchternes und stilles Büblein gewesen. +Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das große Unglück +gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem +Unglück wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr. + +So saß der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein +Wort zu hören, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann +seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des +Hälmli-Sepp gehörte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde +von jedem angefahren und hin und her gestoßen, weil er sich nie wehrte. +Zu all den Püffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen +dann noch die bösen Worte der Frau, wenn sie den Ärger über das +saubere Häuschen der Sennerin drüben hatte. Der This wehrte sich aber +nie, denn er hatte das Gefühl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so +nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und +verschüchtert, daß man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her +vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn +anrief. Er sah überhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch, +wo er in die Erde hineinkriechen könnte, daß ihn keiner mehr fände. + +So war es gekommen, daß die vier Großen vom Hälmli-Sepp, der Jopp, der +Hans, der Uli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: “Du +bist doch ein dummer This”, und daß es die vier Kleinen auch +nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals +dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es +werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch ‘der dumme +This’ genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten könnte, +wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kühe zu hüten, und war +er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke +oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da saß er +meistens zitternd vor Furcht, denn er hörte wohl, wie die anderen +Buben ihn mit großem Geschrei suchten, daß er bei den Spielen +mitmachte, die sie spielen wollten. + +Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prügeln, und das traf +regelmäßig den This am stärksten, da er sich nicht wehrte und auch +nicht wehren konnte gegen die viel Stärkeren. So verkroch er sich, +sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kühe, wohin sie wollten +und fraßen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann großen Ärger, und +jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kühe zu hüten, und keiner +stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld, +wenn die Buben zum Jäten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da +warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblüten an den +Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem +anderen reichlich zurück, was er empfangen hatte. Der This gab aber +nichts zurück, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen +Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen +gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten +die Knollen an den Rücken und an den Kopf. + +Während aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten, +versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den +Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit +nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller +Arbeit zu dumm und aus dem This könne nie etwas werden. Weil er nun +gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er +auch von der Frau des Hälmli-Sepp demgemäß behandelt. Wenn schon die +eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es +meistens, daß für den This gar nichts mehr übrigblieb und es dann hieß: +“Du wirst wohl etwas finden, du bist groß genug.” Wie der This +eigentlich ernährt wurde, wußte niemand, auch die Frau des Hälmli-Sepp +nicht, aber irgendwie lebte er doch immer. + +Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen +Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tür +vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in +seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich +wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer +scheuer wurde und sich immer mehr versteckte. + + + + +2. Kapitel + +Bei der Schwemmebachsennhütte + + +An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle +Mücken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hüterbuben und--mädchen. +Sie mußten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp, +von allen der Größte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle +nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, daß man jetzt zur +Schwemmebachsennhütte hinaufgehe, denn heute sei der Käsfischtag. Nun +müsse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kühe +hüten solle, während die anderen sich zu dem Festmahl begeben würden. +Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust, +sich für die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue +Uli auf den Gedanken, man könnte einmal den dummen This zwingen, auf +die Kühe acht zu geben. Und damit er’s nicht vergesse, könnte man ihn +im voraus ein wenig durchprügeln. Der Vorschlag fand Anklang, und +schon wollten mehrere von den Anführern der Schar den This holen, als +das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: “Das ist gar nichts +Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den +Lohn dafür, wenn wir wieder zurückkommen und die Kühe sich verlaufen +haben. Ihr werdet doch nicht glauben, daß der This, wenn er zu dumm +ist, zwei Kühe zu hüten, auf einmal zwanzig hüten kann. Man muß losen, +und drei müssen bei den Kühen bleiben, sonst ist’s nichts.” Lisis +Erklärung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus +der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet +der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der +siegreichen Schar den Rücken und setzte sich auf den Boden neben seine +beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stürzte nun +die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuß +entgegen. + +Der Käsfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die +es nie unterließen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen +sollte. Denn das war ein Hauptfest für sie. Das war der Tag, an dem +der Franz Anton seine frischen Käse rundum beschnitt, nachdem diese +als weiche Masse in die runde, hölzerne Form gepreßt worden waren. +Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von +der Masse herausdrängte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie +eine lange, schneeweiße Wurst. Die wurde dann in viele Stücke +gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt. +Das waren dann die sogenannten Käsfische. Dieses Fest wiederholte +sich den Sommer über alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem +Freudengeschrei begrüßt. + +This hatte sich hinter dem großen Distelbusch am Boden versteckt +gehalten, während die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton +von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hörte, +daß die große Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig +hervor. Die drei grollenden Zurückgebliebenen saßen am Boden und +kehrten ihm den Rücken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stück +die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der +Höhe hernieder. Den This erfaßte ein unwiderstehliches Verlangen, +auch an der Käsfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlüpfte er +hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er +hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem +letzten steilen Hang kam eine kleine, glänzend grüne Hochebene, da +stand die Sennhütte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der +klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tür seiner Hütte stand der +Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte über +die vielen Sprünge, die jetzt die Buben und Mädchen in ihrem Eifer, zu +dem ersehnten Genuß zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt +waren sie alle bei der Hütte und eines drängte das andere vorwärts, um +noch näher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen würde. + +“Nur zahm, nur zahm”, lachte jetzt der Franz Anton. “Wenn ihr alle in +die Hütte hineindrängt, so habe ich keinen Platz mehr zum +Käseschneiden und ihr habt den Schaden.” Jetzt nahm er sein festes +Messer zur Hand und trat an den großen, runden Käse heran, den er +schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden +ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweißen +Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stück und da ein +Stück, oft über die Köpfe der Großen weg den Kleinen, die nicht zu ihm +vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner +Teilung. + +This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen +wollte, so bekam er da einen Stoß und dort einen und flog so von einer +Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer +wieder ein Größerer und Dickerer sich vor ihn drängte. Zuletzt bekam +er einen so ungeheuren Stoß von dem breiten, nach allen Seiten +schlagenden Jopp, daß er sich fast überschlagen hätte. Die Teilung +war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, daß er zu keinem +Stückchen Käsfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine +Schläge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die +jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den +Bäumchen. Auf der höchsten Krone des einen saß ein lustiger, kleiner +Vogel und pfiff so fröhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als +gäbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und +Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, daß er fast das +Leid vergaß, das ihm eben geschehen war. + +Von Zeit zu Zeit mußte er nach der Sennhütte hinüberschauen, denn das +Lärmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stück Käsfisch +wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie +jedes Kind mit einem größeren oder kleineren Brocken der schönen, +weißen Masse dastand und mit Wonne hineinbiß. Er seufzte dann ein +wenig und sagte leise: “Wenn ich nur auch einmal ein einziges +Stücklein bekäme!” Der This hatte niemals von den herrlichen, weißen +Käsfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie +heute in die Schar der Glücklichen einzudringen. Jetzt hatte er +gesehen, daß es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut +zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlußgedanken, daß er +sein Leben lang nie einen Käsfisch bekommen werde. Darüber wurde er +so traurig, daß er nicht einmal den Vogel mehr hörte und ganz +zusammengeduckt unter den Tannenbäumen saß. + +Jetzt war das Gastmahl bei der Hütte zu Ende und mit schrecklichem +Lärm stürzten die Kinder daher, womöglich immer einer über den anderen +hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall +brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der +lärmende Hans, und laut schrie er in das Gebüsch hinein: “Du Maulwurf, +komm heraus, du mußt mitmachen!” This verstand, was er mitzumachen +hatte. Er mußte sich als Bock hinstellen, damit die anderen über ihn +springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wäre +viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wußte wohl, +was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er +gehorsam heran. “Wie viele Käsfische hast du bekommen?” schrie ihn +jetzt der Hans an. + +“Keinen”, gab This zurück. “Oho, seht einmal den an”, schrie der Hans +noch lauter in die Schar hinein, “der läuft schnell zu den Käsfischen, +und dann läuft er wieder fort und hat keinen gesehen.” “Du dummer +This”, rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die großen +Buben über den Kopf weg, so daß er genug zu tun hatte, nur immer +wieder auf die Füße zu kommen, wenn er umgeworfen worden war. +Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestürzter die Abhänge +hinunter, bis ein glücklicher Zufall sie wieder alle auf die Füße +brachte. Nach dieser stürmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen +gleich alle auseinander, jeder seinen Kühen nach. + +Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn +jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den +Zurückgebliebenen, weil er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem +Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben +und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im +Berghang, wo im Frühling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und +den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und +ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schöne, dunkelrote +Erdbeeren in der Sonne, die so schön warm in die Vertiefung schien. +Aber dem This war es überall angst und bang, wenn er noch in der Nähe +der Häuser und der Hüterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden +Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der +This zuckte scheu und ängstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer +dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch +einmal an das stille Plätzchen unter den kleinen Tannenbäumchen dort +oben und an das pfeifende Vögelein, so daß es ihn mit Gewalt vom Boden +zog. Er mußte noch einmal dorthin. + +Mit allen Kräften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht +einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die +Tannenbäumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein +Tannenversteck ein wenig offen. Da saß nun der This in völliger +Sicherheit. Ringsum war eine große Stille, kein Ton drang von unten +her bis hier auf die einsame Höhe, nur das Vögelein saß noch auf +seinem Tannenast und pfiff sein fröhliches Lied. Die Sonne wollte +untergehen. Die hohen Schneeberge drüben fingen zu flimmern und zu +glühen an, und über die ganze grüne Alm hin lag das golden schimmernde +Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie +gekanntes Wohlsein kam über ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und +Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fürchten, denn weit und +breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hören. + +So saß der This eine lange Zeit, und am liebsten wäre er gar nicht +mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben +gewesen. Aber da hörte er schwere Tritte hinter sich von der Hütte +her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiß +wollte er zum Bach hinüber, um Wasser zu holen. This verhielt sich +mäuschenstill. Denn er war so daran gewöhnt, daß er von jedermann +angefahren oder ausgelacht wurde, daß er dachte, der Senn werde es +gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die +Bäumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton +wurde aufmerksam, trat näher und guckte in den Tannenbusch hinein. + +“Was machst du denn da drinnen?” fragte der Senn mit lustigem Gesicht. + +“Nichts”, erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd. + +“Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fürchten, wenn du nichts +Böses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa +mit deinen Käsfischen da hineingeflüchtet, daß du sie in Ruhe +verzehren kannst?” + +“Nein, ich habe keine Käsfische gehabt”, sagte This ängstlich. + +“Nicht? Und warum denn nicht?” fragte der Senn in einer Weise, wie +sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem +Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem +Menschen. + +“Sie haben mich auf die Seite gestoßen”, erwiderte er nun und stand +hinter den buschigen Zweigen auf. + +“So, jetzt kann man dich doch sehen”, fuhr der Senn freundlich fort, +“komm noch ein wenig näher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn +sie dich wegstoßen? Es stößt ja immer einer den anderen, aber zuletzt +kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?” + +“Sie sind stärker”, sagte der This so überzeugend, daß diese Erklärung +wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den +Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, großen Franz Anton wie +ein dünnes Stöcklein vor einer hohen Tanne. Der kräftige Mann +betrachtete einen Augenblick das schmale Figürchen, an dem tatsächlich +fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht +schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf. + +“Wem gehörst du?” fragte er jetzt den Buben. + +“Niemand”, gab This zur Antwort. + +“Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?” + +“Beim Hälmli-Sepp.” + +Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. “Ach so, bist du der!” +sagte er verständnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar +nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehört, ihn aber nicht +gekannt. + +“Komm einmal mit mir”, sagte er mitleidig. “Wenn du beim Hälmli-Sepp +bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hälmlein. +Komm, Käsfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes.” + +Der This wußte gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz +Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und +das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Hütte, holte +hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein großes +Stück ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfaß, das goldig glänzend +in der Ecke stand, und holte ein großes Stück Butter heraus. Das +strich er über die Brotschnitte und reichte nun das feste Stück mit +der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte +der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es +nicht möglich, daß es ihm gehöre. + +“Komm heraus. Iß es vor der Hütte, ich muß nun zum Wasser”, sagte +Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glück und +Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte. +Vor der Hütte setzte er sich auf den Boden. Und während der Senn zum +Schwemmebach hinüberging, biß er in sein Butterbrot hinein und biß +immer wieder und konnte nicht begreifen, daß es etwas so Gutes gäbe +und er es bekommen hätte. + +Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und +wiegte unten die Tannenbäumchen hin und her, und der kleine Vogel saß +immer noch auf dem höchsten Zweig und sang hell und fröhlich in den +goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie +gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er müsse laut mit dem Vogel zu +singen anfangen. + +Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her +gegangen. Drüben beim Schwemmebach war er immer eine Weile +stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr +rot vom Abendschein, aber jetzt stieg groß und golden der volle Mond +hinter dem weißen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Hütte +zurück und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle +saß. + +“So gefällt’s dir hier?” fragte er freundlich. “Mit dem Abendessen +bist du fertig, wie ich sehe. Du mußt dich auf den Rückweg machen. +Sieh, wie schön dir der Mond heimleuchtet!” + +Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel +ihm ein, daß es wohl nötig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem +Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den +Tannenbäumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurück. Er schaute noch +einmal zurück, und da der Senn in die Hütte getreten war und ihn nicht +mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz +Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Güte +und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen +Eindruck gemacht, daß er nicht fort konnte. Er mußte noch ein wenig +in der Nähe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen +unter den Bäumchen und spähte zu der Hütte hinauf, ob er den Senn +nicht noch einmal sähe. Es dauerte einige Zeit, da plötzlich trat +Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Hütte heraus. + +Er blieb vor der Tür stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die +stille Bergwelt hinaus, wo jetzt über alle hohen Schneegipfel hin das +milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt +der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen +Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hände. Er hielt wohl still +seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: “Gute Nacht +geb euch Gott!” trat in die Hütte zurück und machte die Tür zu. Sein +Nachtgruß hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum +und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller +Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fühlte Liebe und +Bewunderung für den Senn, Gefühle, die er bisher nicht gekannt hatte. + +Als es nun ganz dunkel und still in der Hütte wurde, stand der This +auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter. + +Es war spät und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich, +die Tür war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Häuschen und +schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser +schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: “Es +ist bequem, daß der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden. +So hat man doch Platz!” + +This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er +immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit +gefalteten Händen vor seiner Hütte stand. Zum erstenmal in seinem +Leben schlief der This mit einem glücklichen Herzen ein. + + + + +3. Kapitel + +Ein hilfreicher Engel + + +Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten, +mußten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges +gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr +Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze +Schar den Berghang herunter, und bald saßen sie alle mit anderen +Kindern so ruhig wie möglich auf den langen Bänken, und der Herr +Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von +einem zukünftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den +This fiel, fuhr er fort: “Ich will dich auch einmal wieder etwas +fragen, das wirst du wohl beantworten können, wenn man dir auch nicht +viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Ärmsten +und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben geführt hat, so +wohl werden, daß er kein Leid verspürt?” + +“Bei der Schwemmebachsennhütte”, antwortete der This ohne Zögern. +Jetzt entstand ein solches Kichern, daß der This ganz scheu um sich +schaute. Ringsum waren spöttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle +Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich +so stark vornüber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem, +was der Herr Pfarrer das letztemal erklärte, hatte er nichts gehört, +weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mußte. Jetzt hatte +er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet. + +Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, daß es dem +This gar nicht zum Lachen war, sondern daß er vor Scheu ganz +erschrocken und zusammengeduckt dasaß, da schüttelte der Herr Pfarrer +nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: “Es ist nichts mit ihm zu +machen.” + +Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stürzte die ganze Schar +hinter dem This her, alle lachten überlaut und schrien durcheinander: +“This, sind dir auf einmal in der Kirche die Käsfische in den Sinn +gekommen?” + +“This, warum hast du nicht auch etwas von den Käsfischen gesagt?” Der +This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem +Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben +wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den +schönen Sonntagabend unten im Dorf genießen. + +Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt +einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhütte +hinaufflüchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen. +Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plätzchen sitzen und +vor Verfolgung sicher sein. Nun saß er wieder unter den Tannen und +über ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der +Sonne, und über den grünen Hängen floß da und dort ein klares Bächlein +friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, daß er allen +Spott vergaß und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr +weggehen zu müssen. + +Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er +beständig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie möglich +nieder. Denn er hatte das Gefühl, wenn der Franz Anton ihn wieder +hier sehe, so könnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein +Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und +einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und +in dessen Nähe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst +nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und +This saß an seinem schönen Plätzchen, bis die Sterne am Himmel standen +und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Hütte hinaustrat und +ausrief: “Gute Nacht geb euch Gott!” Dann erst lief der This wieder +davon, und spät wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht +hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber +das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefühlt +dort oben. + +So ging es eine ganze Woche. Tag für Tag, sobald er einen Augenblick +fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm +hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete +er die ganze Tätigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und +nie verließ er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton +gesagt hatte: “Gute Nacht geb euch Gott!” Es war ihm jetzt immer, als +sei der Nachtsegen auch für ihn gedacht. + +Es waren ausnahmsweise heiße Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg +jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend +niedergegangen war. Das Futter war besonders kräftig, und Franz Anton +bekam so schöne, fette Milch von den Alpenkühen, daß er die +prächtigsten Käse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude, +und schon frühmorgens konnte man ihn voller Vergnügen in seiner +Sennhütte pfeifen hören, so auch am Samstag dieser Woche. Da hörte +man ihn noch viel früher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem +der Senn seine drei oder vier fertigen Käse an den See hinunterbrachte. +Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie +auf seinem Rücken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwärts, +den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rücken. Es +war der heißeste Tag des ganzen Sommers. + +Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die übermäßige +Hitze, und oft sagte er zu sich: “O wie will ich froh sein, heute +abend wieder zu meiner Hütte hinauf in die kühle Luft zu kommen, hier +unten ist’s wie in einem Backofen.” Jetzt war er unten angelangt, +gerade als das Schiff herankam, das die Käse mitnehmen sollte. Bald +war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlüssig +da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten +etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fühlte keinen Appetit, sein Kopf +war schwer und heiß, er wünschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn +jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim +Einladen geholfen hatte. “Komm, Franz Anton, heute ist’s heiß, wir +wollen ein Glas Wein im Schatten trinken”, sagte er und zog den Senn +zu dem Wirtshaus. + +Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im +Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber +stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in +der schweren, heißen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht +an den Wein gewöhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit großen +Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in +seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiß auf +seinen Kopf, alle seine Pulse hämmerten, die Füße wurden ihm so schwer, +daß er sie nur mit Mühe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je +größer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der +Aussicht an, daß nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt +nur noch eine Viertelstunde heißer Mühe vor ihm liege. Dann würde er +oben sein und könne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen. + +Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne +brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Plötzlich wurde es ihm völlig +schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stürzte er auf den +Boden nieder. Er hatte das Bewußtsein verloren. + +Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er, +daß der Franz Anton noch nicht zurückgekehrt war. Er stellte seine +Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem +Senn auszuschauen. + +Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz +Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte +er an seinem verborgenen Plätzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt, +den der Senn tat. Er wußte, wie eine Beschäftigung auf die andere +folgte, so daß er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der +Franz Anton seine Milch stehen ließ. Sonst goß er sie immer gleich in +die verschiedenen Gefäße. Die eine kam zum Buttern in die großen, +runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schön dick obenauf +lag. Die andere wurde in den Käsekessel gegossen, das hatte der This +durch die offene Hüttentür alles genau beobachten können. Der Senn +kam immer noch nicht. Der Junge fühlte, daß irgend etwas geschehen +sein mußte. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging +zur Sennhütte. Da war es still und leer unten im Hüttenraum und oben +auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut +war zu hören, alles wie ausgestorben. Ängstlich lief der This +jetzt um die Hütte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann +in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten +erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da +lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stöhnte und lechzte wie +ein Sterbender. Er sah glühend heiß aus, und seine Lippen waren ganz +vertrocknet. + +Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor +Schrecken, auf seinen Wohltäter. Dann stürzte er in schnellem Lauf +den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewußtlos am +Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt +an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem +brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bücken +und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er für einen Augenblick, +denn es war nur ein Fiebertraum gewesen. + +Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rühren. +Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das +Bewußtsein wieder, und er träumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er +heute früh im Vorübergehen noch die schönen Erdbeeren gesehen hatte. +Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die +Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber +jetzt hatte er plötzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte +sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der +Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlürfte und +schluckte, es war ein unsägliches Labsal. Er erwachte. War das alles +Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und +steckte ihm wieder eine große saftige Erdbeere in den Mund. + +“O du guter Engel, noch eine”, sagte leise der Franz Anton. Aber +nicht nur eine, fünf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf +einmal flog ein stechender Schmerz über sein Gesicht. Er legte die +Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: “Wasser”, dann war +ihm das Bewußtsein wieder völlig entschwunden. Er konnte nicht einmal +mehr die letzte Erdbeere genießen. Jetzt träumte er ganz schreckliche +Dinge. Sein Kopf wurde so groß wie sein allergrößtes Butterfaß und +dann immer noch größer und so furchtbar schwer, daß er mit Schrecken +dachte: “Den kannst du nie mehr allein tragen, man muß starke, +hölzerne Stützen unterstellen, wie unter die Apfelbäume, wenn sie +zuviel Äpfel tragen.” Und jetzt fühlte er deutlich, daß der Kopf ganz +voll Schießpulver war, das hatte einer von hinten angezündet. Nun +brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mußte alles +zerspringen. Aber dann kam plötzlich ganz kalt und belebend der +Schwemmebach über seine Stirn, über das ganze Gesicht und in den Mund +hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte. + +Es war wahr, eiskalt kam ein Guß nach dem anderen auf Stirn und +Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den +kühlenden Trank ein. Über ihm standen die funkelnden Sterne, das +sah der Franz Anton deutlich. Er wußte auch, daß er noch am Boden lag +draußen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der +Schwemmebach sein, was so über ihn floß und ihn so ordentlich trinken +ließ. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend, +so erlösend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer. +Voller Dank sagte er nur halblaut: “Ach, lieber Gott, wie danke ich +dir für deine Güte und die hilfreichen Engel!” + +Das erquickende Wasserbad hörte nicht auf, und zuletzt fühlte der +Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schützend und +wohltuend, daß er sagte: “Da kann kein Feuer mehr durch.” Und beruhigt +schlief er jetzt ganz sanft ein und träumte nicht mehr. + + + + +4. Kapitel + +Was die Sennenmutter haben will + + +Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz +Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er +schauderte ein wenig zusammen, es fröstelte ihn. Er wollte sich +aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand +an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht. +Wohl sechsfach zusammengelegt lag naß und schwer das große Handtuch +aus der Sennhütte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der +frische Morgenwind über die Stirn blies, fühlte er sich so wohlig und +erleichtert, daß er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da +sah er auf einmal in zwei große, ernsthafte Augen hinein, die +unverwandt auf ihn gerichtet waren. + +“Bist du das, This?” fragte er verwundert, “Wie kommst du so früh auf +die Alm? Nun, weil du da bist, komm, daß ich mich ein wenig auf deine +Schulter stützen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf.” + +Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er +stemmte mit aller Gewalt seine beiden Füße in den Boden hinein, so daß +der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte. +Während des langsamen Aufstiegs zur Hütte, als er sich immer noch auf +die Schulter des Buben stützte, fing er an, sich daran zu erinnern, +was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgänge der +Nacht völlig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur +helfen. In der Hütte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner +dreibeinigen Stühle und sagte: “This, hol dir den anderen und setz +dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir +wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt +noch nicht machen. Ein Schüsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist +es denn hingekommen?” unterbrach sich der Senn, “ich stelle es +regelmäßig dort hinauf. Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht seit +gestern.” + +Der This war feuerrot geworden, er wußte wohl, wer das Schüsselchen +heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: “Dort steht’s am +Boden”, holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides +dem Senn. Dieser schüttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er +lebte, hatte er noch nie sein Schüsselchen dort bei der Tür auf den +Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine +Milch, füllte dann das Schüsselchen wieder und sagte: “Da, This, trink +auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, daß du so früh hinauf +kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Käsfischtag und du seist dann +sicher der erste?” + +“Nein, gewiß nicht”, versicherte This. + +“Sag mir jetzt etwas”, fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal +unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder +zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. “Sag mir, This, habe ich +denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute früh +heraufkamst?” + +Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn +alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht +recht, und er könnte böse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm +jetzt so tief in die Augen, daß er alles sagen mußte: “Ich habe es +selbst darauf gelegt”, fing er zaghaft an. + +“Warum denn, This?” fragte der Senn verwundert. + +“Weil sie so heiß waren”, erwiderte This. + +Der Senn staunte immer mehr. “Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang +erwacht”, sagte er. “Wann bist du denn heraufgekommen?” + +“Gestern um fünf, oder um vier Uhr”, stotterte der This furchtsam, +“der Melker kam erst lange nachher.” + +“Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn +gewollt und gemacht?” + +Jetzt sah der Franz Anton, daß dem This ganz bange wurde, ihm selber +aber fielen nun wieder die Vorgänge der letzten Nacht ein. Ganz +väterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd: +“Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fürchten, This. Da, trink noch +eins aus, und dann sag mir alles, was du weißt, von da an, als du hier +heraufgekommen bist.” Auf diese Ermunterung hin faßte der This neuen +Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zügen aus, denn sie schmeckte +herrlich. + +Dann fing er an zu berichten: “Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier +herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Käsfische. +Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie +nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden +gefunden, und Sie sind ganz rot und heiß gewesen und haben Durst +gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe +alle großen Erdbeeren gepflückt, die noch da waren, und habe sie Ihnen +gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf +den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Hütte +das Schüsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach +habe ich ihn gefüllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schüsselchen das +Wasser über den Kopf geschüttet und auch zu trinken gegeben, denn sie +haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin +ich zum Bach hinüber und habe ihn wieder gefüllt. Aber weil das +Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes +Tuch wurde den Kopf besser kühlen. Und so habe ich das Tuch aus der +Hütte geholt und es ganz naß auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann +trocken und heiß wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und +es dann wieder naß auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann +erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht +etwa krank werden.” + +Der Senn hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Jetzt stand alles +deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wußte auch +wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren +als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespürt und +genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und +verwundert an, als hätte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen +solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn möglich, daß +dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben +gerettet hatte. + +Hätte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelöscht, wer weiß, +was bis zum Morgen daraus geworden wäre! Und wie konnte dieser This, +dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung +fähig sein, daß er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn +pflegte! Dem großen, starken Franz Anton kamen die Tränen in die +Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles +überdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: “Wir +wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das +vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die +Glieder so, daß ich mich jetzt niederlegen muß. Geh du nun hinunter +zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir +nicht ganz wohl. Du mußt dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe +noch viel mit dir zu reden heute, vergiß es nicht!” + +Solange er lebte, war der This noch nie so glücklich gewesen. Er lief +springend den Berg hinunter, als könne er nicht hoch genug aufspringen +vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen, +und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in +die Sennhütte eintreten. Außerdem hatte der Franz Anton ihm noch +gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser +Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der +Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Häuschen +mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im +Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der +Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen, +denn er war ganz atemlos vom Laufen. + +“Woher kommst denn du?” fragte die sonntäglich gekleidete Frau, die +nicht gern etwas Unordentliches sah. Mißbilligend musterte sie den +Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntäglichen Anblick +in seinen zerfetzten Alltagshöschen und dem schmutzigen Hemdlein. +“Ich meine, ich habe dich schon dort drüben über dem Bach gesehen, du +bist wohl einer vom Hälmli-Sepp?” + +“Nein, nur der This”, erwiderte der Bub ganz demütig. + +Jetzt fiel der Frau ein, daß die Frau des Hälmli-Sepp einen +einfältigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts +zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. “Und was willst du +denn bei mir?” fragte sie nun erst recht verwundert. + +Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag +klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der +kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und daß er nach ihr schickte +und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes +Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in großer +Sorge das Nötigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem großen +Korb am Arm heraus. + +“Komm”, sagte sie zu This, “wir wollen gleich gehn. Warum mußt du +wieder mit?” + +“Ich weiß nicht”, antwortete er. Und fast als wäre es etwas Böses, +setzte er leise hinzu: “Muß ich nicht den Korb tragen?” + +“So, jetzt verstehe ich’s”, sagte die Frau, “der Franz Anton hat daran +gedacht, daß ich allerhand mitbringen will.” Sie gab dem This den Korb. +Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief +in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer +Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die +Krankheit gefährlich sein? Ihre Angst wurde immer größer, je näher +sie der Sennhütte kamen. Jetzt waren sie oben--nur noch einige +Schritte--der bekümmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast +nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie +schaute überall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn +tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem +Herzen stieg sie die Leiter hinauf. + +Der This blieb ehrerbietig draußen vor der Tür stehen, nur den Korb +schob er in die Hütte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll +über ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte +ihr fröhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter: +“Grüß dich Gott, Mutter! Das freut mich, daß du da bist. Ich habe +aber geschlafen wie ein Bär, die ganze Zeit, seit der This fortging.” +Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie +wußte gar nicht, was sie denken sollte. “Franz Anton”, sagte sie +jetzt ernsthaft, “was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weißt du, +daß du mich hast holen lassen?” + +“Ja, ja, Mutter”, lachte jetzt der Franz Anton, “jetzt bin ich ganz +bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir +noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir +reden. Ich fühl’s auch jetzt noch in den Knien zittern, ich käme noch +nicht weit.” + +“Aber was ist’s denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir’s doch”, +drängte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn. + +“Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen”, +sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. “Sieh einmal +zuerst dort unten das schmale, magere Büblein an, das kein gutes Stück +Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder +nur den dummen This nennt.” + +Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn +hinaufspähte, ob er etwa wieder umfallen wolle. + +“Und jetzt?” fragte die Mutter gespannt. + +“Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Büblein nicht +gewesen wäre, so läge ich jetzt noch draußen auf dem Boden in einem +tödlichen Fieber, oder vielleicht wäre es auch schon vorbei mit mir.” +Und jetzt erzählte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag +zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen +und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch +auf der Welt es nicht besser hätte tun können. + +Die Mutter mußte sich mehrmals die Tränen abwischen. Sie stellte sich +vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da +draußen gelegen hätte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden +wäre, und kein Mensch hätte etwas von ihm gewußt. Und jetzt stieg ein +Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, daß sie laut ausrufen mußte: +“Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!” Aber auch eine solche +Liebe zu dem armen This überkam sie, daß sie ganz eifrig sagte: “Franz +Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hälmli-Sepp zurück! +Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat +sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen +mache ich ihm ein Gewand, daß man ihn ansehen darf. Er muß es nicht +schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir +geholfen hat.” + +“Das ist nun gerade, was ich wünschte, Mutter, aber ich mußte doch +zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben +und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein könnte. Es geht +nichts über eine Mutter!” Und der Franz Anton schaute sie so voller +Glück und Liebe an, daß es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich +dachte: Es geht auch nichts über einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte +sie: “Jetzt mußt du etwas essen, Franz Anton, daß du wieder zu Kräften +kommst. Ich habe frische Eier und ein Weißbrot mitgenommen, und jetzt +will ich Feuer machen, laß dir Zeit zum Herunterkommen.” Das mußte der +Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging. +Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er +sich selbst niedergesetzt hatte. + +“This”, sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend, +“willst du ein Senn werden?” + +Der This fing an zu lächeln, aber dann hörte er plötzlich die +vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen +hatte: “Aus dem wird nie etwas,”, “der kann nichts”, “der wird nichts”. +Und schüchtern antwortete er. “Ich kann nichts werden.” + +“This, ein Senn wirst du”, sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit. +“Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun +bleibst du bei mir und trägst Milch und Wasser und hilfst mir bei +allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Käse macht und sobald +du groß genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein +Gehilfe.” + +“Hier in der Schwemmebachsennhütte?” fragte This, dem die Aussicht auf +diese Glückseligkeit ganz unfaßbar war. + +“Alles hier, in der Schwemmebachsennhütte”, bestätigte der Franz Anton. + +Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden +Glücks, daß der Senn ihn nur ansehen mußte. Der Bub war wie +verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den großen +Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie +streichelte den Buben und sagte: “Ja, Thisli, heute wollen wir +miteinander fröhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen +wir dem lieben Gott dafür danken, daß er dich gerade zur rechten Zeit +in die Nähe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch +begreift, warum du da heraufgekommen bist.” + +Jetzt begann das fröhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben +hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen. +Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weißbrot hingelegt +und daneben Butter und weißen Käse. Und mitten auf dem Tisch stand +eine große Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die +Mutter große, dicke Stücke vor den This hin, und wenn er fertig war, +gab es gleich noch einmal so viel. + +Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie: +“Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muß bei dir oben +bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es +nötig ist. Der Frau des Hälmli-Sepp will ich schon alles berichten.” + +Das war dem Sennen recht, und für den This war es das höchste Glück, +das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton. +Nicht mehr verborgen unter den Tannenbäumchen hörte er heute den +Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als +dieser seine Hände faltete und sagte: “Komm, This, nun beten wir den +Abendsegen.” Andächtig faltete auch er seine Hände, und als am Schluß +der Senn sagte: “Gute Nacht geb euch Gott!”, da war das Glück im +Herzen des This so groß, daß er gern überlaut allen Menschen auf der +ganzen Welt sagen wollte: ‘Gute Nacht geb euch Gott!’ + +Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinüber zu der Frau des +Hälmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und +gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzählten. +Die Sennin hörte, daß von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der +Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hälmli-Sepp erklärte, +daß sie mit ihrem Sohn übereingekommen sei, sie wollten den This bei +sich annehmen, da machte die Frau einen großen Lärm. Sie sagte, sie +sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien für +den Senn eine größere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien +alle aus vollen Hälsen: “Mich! Mich! Mich!” Denn sie wußten wohl, +wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhütte für gute +Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts. + +Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn +schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen +This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das +Hänseln und Verspotten unterlassen, sonst hätten sie es mit ihrem Sohn +zu tun. Der rede dann mit seinen kräftigen Armen eine deutlichere +Sprache mit den Buben, als sie es jetzt könnte. Dann verließ die +Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblüfft nachschauten, +und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wäre, +der wird’s gut haben, wie ein König wird er da oben in seiner +Sennhütte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen ließ, +liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund +sein. Denn sie mußten alle an den letzten Käsfischtag denken, als der +This so übel behandelt worden war. Von nun an würde er ja gewiß alle +Käsfische allein bekommen, da wäre doch jeder gut daran, der sein +Freund wäre. Und später waren sie auch alle gut daran, denn dem This +machte es die größte Freude, die reiche Ernte der Käsfische unter +allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darüber +wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie +mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte +sich zur Überraschung aller, daß er auf einmal ein ganz flinkes, +geschicktes Bürschchen war, von dem jeder sagen mußte: “Entweder ist +das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den +dummen This zu nennen.” Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit, +sein liebster Schüler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei +allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die +anderen Buben könnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD *** + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the +United States without permission and without paying copyright +royalties. 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Hart was the originator of the Project +Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be +freely shared with anyone. For forty years, he produced and +distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of +volunteer support. + +Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in +the U.S. unless a copyright notice is included. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Vom This, der doch etwas wird + +Author: Johanna Spyri + +Posting Date: October 29, 2011 [EBook #9859] +Release Date: February, 2006 +First Posted: October 25, 2003 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD *** + + + + +Produced by Delphine Lettau + + + + + + + + + +This Etext is in German. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfgung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Vom This, der doch etwas wird + +Erzhlung + +Johanna Spyri + + + + + + + +1. Kapitel + +Alle gegen einen + + +Wenn man den Seelisberg von der Rckseite her besteigt, kommt man auf +eine frische, grne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die +friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem +schnen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenhrten Khe +ziehen lieblich lutend immer hin und her. Denn jede trgt am Hals +ihre Glocke, damit man immer hrt, wo sie ist. So kann sich keine Kuh +unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Struchern bedeckte Felswand +liegt, ber die sie hinunterstrzen knnte. Es ist auerdem ein +ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben knnen. Aber die +Glocken sind doch notwendig und tnen so freundlich hin und her, da +keiner sie entbehren mchte. Am Bergabhang stehen hie und da +vereinzelt die kleinen, hlzernen Huser, und nicht selten rauscht +daneben ein schumender Bach ins Tal hinab. 'Am Berghang' heit es +hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Huschen steht auf +ebenem Boden. Es ist, als wren sie irgendwie an den Berg hingeworfen +worden und da hngengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da +oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie +alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der +kleinen, hlzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt +in ihre Nhe, so sieht man, da ein groer Unterschied zwischen ihnen +ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nhe ganz +verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen +ihnen strzt der grte Bergbach der Gegend, der schumende +Schwemmebach, hinunter. + +Am ersten Huschen blieben auch an den schnsten Sommertagen alle die +kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die +hineindrang, kam durch die Lcher der zerbrochenen Scheiben. Das war +aber nicht viel, denn die Lcher waren wieder mit Papier verklebt, +damit man im Winter drinnen nicht frieren mute. An dem hlzernen +Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war +so zerfallen, da es ein Wunder war, da alle die kleinen Kinder, die +da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie +hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder +waren alle mit Schmutz berdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen +Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ber da +herum, und am Abend kamen vier grere Kinder dazu. Drei krftige +Buben und ein Mdchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich +aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie +konnten sich doch schon selbst waschen. + +Das Huschen ber dem Bach drben hatte einen ganz anderen Charakter. +Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgerumt +aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drben. Die +Stufen sahen immer so aus, als wren sie eben gescheuert worden. Und +oben auf der Galerie standen drei schne Nelkenstcke und dufteten den +ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen +Fenstern stand offen und lie die schne, sonnige Bergluft herein. +Dort konnte man meistens eine noch krftig aussehende Frau sitzen +sehen, mit schnem, weiem Haar, das sie sehr ordentlich unter das +schwarze Hubchen zurckgestrichen hatte. Sie flickte gewhnlich an +einem Mnnerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber +gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so +adrett und reinlich aus, als wre noch nie etwas Unsauberes an sie +herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des +frhlichen Franz Anton mit den krftigen Armen. Der machte den Sommer +ber in der oberen Sennhtte seine Kse, und erst im Sptherbst zog er +wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn +dann butterte er in der unteren Sennhtte, die ganz nahe lag. Da ber +den reienden Schwemmebach kein Steg fhrte, waren die zwei Huschen +ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg +wohnten, besser, als diese Nachbarn ber dem Bach, zu denen sie nur +etwa einmal am Tag stumm hinberschaute. Gewhnlich schttelte sie +dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter +und schmutzigen Fetzen drben an den Kindern sah. Sie schaute aber +nicht oft hinber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber +betrachtete sie, wenn das Feierabendstndchen kam, ihre roten Nelken +auf der Galerie oder sie schaute ber den grnen, sonnigen Abhang +hinunter, der vor ihrem Huschen zum Tal hinabstieg. + +Die verwilderten Kinder ber dem Bach gehrten dem Hlmli-Sepp, wie er +genannt wurde, der seine Arbeit auer Haus beim Holzfllen oder +Heumachen suchte. Auerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So +war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die +Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele +kleine Kinder knne man nicht in Ordnung halten, und spter wrde es +dann von selbst besser. So lie sie alles gehn, wie es ging. Und in +der schnen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und +lieen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl +sein. Zur Sommerzeit waren die vier Greren den ganzen Tag drauen, +um die Khe zu hten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen, +wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten +bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Khe auf das +umliegende Weideland hinaus und muten sie hten lassen. Das ist +immer eine lustige Zeit fr die Buben und Mdchen, die sich dort zu +jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei frhliche Sachen +miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten +im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere +Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer +ber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstck nach Hause, +das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier +Kleinen zu ernhren und fr alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn +diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mute doch jedes haben +und die vier Groen noch ein Stck dazu. Eine Kuh hatte der +Hlmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaen, +wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten. + +Hlmli-Sepp hie der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum +nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine +Gei und ein Stck Kartoffelland, damit mute die Frau mit den vier +Kleinen den Sommer ber auskommen und auch hier und da noch eines der +Greren speisen, wenn es drauen keine Arbeit fand. Der Vater kam im +Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein +Huschen und Acker waren so verschuldet, da er das ganze Jahr ber +etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten +konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel +er fand. + +So mute die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte +keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von +der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der +verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten, +schaute sie ber den Bach zu dem schmucken Huschen der Sennerin +hinber, dessen Scheiben in der Sonne glnzten. Dann sagte sie +rgerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles +sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging +sie wieder rgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurck, und an dem, +der ihr zuerst in den Weg kam, lie sie den rger aus. + +Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht +ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Huschen vom +Hlmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der +dumme This' genannt, sah so mager und drftig aus, da man ihn kaum +fr achtjhrig gehalten htte. Er schaute auch so scheu und +verschchtert drein, da niemand wute, wie der This eigentlich aussah, +denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach. +This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum +zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel spter ber die Felsen +in die Tiefe gestrzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam +und den Weg abkrzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte +nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem +groen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This +hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend, +eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen +Matthis genannt. + +Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Huschen vom +Hlmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafsttte mit seinem Bblein +gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben +Ort. Das wenige Geld, das fr den kleinen This von der Gemeinde +bezahlt wurde, war der Frau des Hlmli-Sepp sehr erwnscht. Und in +die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fr die +schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This +war schon von Natur aus ein schchternes und stilles Bblein gewesen. +Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das groe Unglck +gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem +Unglck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr. + +So sa der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein +Wort zu hren, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann +seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des +Hlmli-Sepp gehrte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde +von jedem angefahren und hin und her gestoen, weil er sich nie wehrte. +Zu all den Pffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen +dann noch die bsen Worte der Frau, wenn sie den rger ber das +saubere Huschen der Sennerin drben hatte. Der This wehrte sich aber +nie, denn er hatte das Gefhl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so +nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und +verschchtert, da man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her +vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn +anrief. Er sah berhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch, +wo er in die Erde hineinkriechen knnte, da ihn keiner mehr fnde. + +So war es gekommen, da die vier Groen vom Hlmli-Sepp, der Jopp, der +Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du +bist doch ein dummer This", und da es die vier Kleinen auch +nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals +dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es +werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme +This' genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten knnte, +wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Khe zu hten, und war +er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke +oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da sa er +meistens zitternd vor Furcht, denn er hrte wohl, wie die anderen +Buben ihn mit groem Geschrei suchten, da er bei den Spielen +mitmachte, die sie spielen wollten. + +Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prgeln, und das traf +regelmig den This am strksten, da er sich nicht wehrte und auch +nicht wehren konnte gegen die viel Strkeren. So verkroch er sich, +sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Khe, wohin sie wollten +und fraen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann groen rger, und +jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Khe zu hten, und keiner +stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld, +wenn die Buben zum Jten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da +warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblten an den +Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem +anderen reichlich zurck, was er empfangen hatte. Der This gab aber +nichts zurck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen +Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen +gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten +die Knollen an den Rcken und an den Kopf. + +Whrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten, +versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den +Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit +nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller +Arbeit zu dumm und aus dem This knne nie etwas werden. Weil er nun +gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er +auch von der Frau des Hlmli-Sepp demgem behandelt. Wenn schon die +eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es +meistens, da fr den This gar nichts mehr brigblieb und es dann hie: +"Du wirst wohl etwas finden, du bist gro genug." Wie der This +eigentlich ernhrt wurde, wute niemand, auch die Frau des Hlmli-Sepp +nicht, aber irgendwie lebte er doch immer. + +Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen +Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tr +vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in +seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich +wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer +scheuer wurde und sich immer mehr versteckte. + + + +2. Kapitel + +Bei der Schwemmebachsennhtte + + +An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle +Mcken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hterbuben und--mdchen. +Sie muten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp, +von allen der Grte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle +nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, da man jetzt zur +Schwemmebachsennhtte hinaufgehe, denn heute sei der Ksfischtag. Nun +msse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Khe +hten solle, whrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wrden. +Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust, +sich fr die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue +Uli auf den Gedanken, man knnte einmal den dummen This zwingen, auf +die Khe acht zu geben. Und damit er's nicht vergesse, knnte man ihn +im voraus ein wenig durchprgeln. Der Vorschlag fand Anklang, und +schon wollten mehrere von den Anfhrern der Schar den This holen, als +das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts +Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den +Lohn dafr, wenn wir wieder zurckkommen und die Khe sich verlaufen +haben. Ihr werdet doch nicht glauben, da der This, wenn er zu dumm +ist, zwei Khe zu hten, auf einmal zwanzig hten kann. Man mu losen, +und drei mssen bei den Khen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis +Erklrung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus +der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet +der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der +siegreichen Schar den Rcken und setzte sich auf den Boden neben seine +beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen strzte nun +die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genu +entgegen. + +Der Ksfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die +es nie unterlieen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen +sollte. Denn das war ein Hauptfest fr sie. Das war der Tag, an dem +der Franz Anton seine frischen Kse rundum beschnitt, nachdem diese +als weiche Masse in die runde, hlzerne Form gepret worden waren. +Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von +der Masse herausdrngte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie +eine lange, schneeweie Wurst. Die wurde dann in viele Stcke +gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt. +Das waren dann die sogenannten Ksfische. Dieses Fest wiederholte +sich den Sommer ber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem +Freudengeschrei begrt. + +This hatte sich hinter dem groen Distelbusch am Boden versteckt +gehalten, whrend die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton +von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hrte, +da die groe Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig +hervor. Die drei grollenden Zurckgebliebenen saen am Boden und +kehrten ihm den Rcken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stck +die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der +Hhe hernieder. Den This erfate ein unwiderstehliches Verlangen, +auch an der Ksfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlpfte er +hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er +hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem +letzten steilen Hang kam eine kleine, glnzend grne Hochebene, da +stand die Sennhtte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der +klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tr seiner Htte stand der +Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte ber +die vielen Sprnge, die jetzt die Buben und Mdchen in ihrem Eifer, zu +dem ersehnten Genu zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt +waren sie alle bei der Htte und eines drngte das andere vorwrts, um +noch nher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wrde. + +"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton. "Wenn ihr alle in +die Htte hineindrngt, so habe ich keinen Platz mehr zum +Kseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes +Messer zur Hand und trat an den groen, runden Kse heran, den er +schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden +ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweien +Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stck und da ein +Stck, oft ber die Kpfe der Groen weg den Kleinen, die nicht zu ihm +vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner +Teilung. + +This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen +wollte, so bekam er da einen Sto und dort einen und flog so von einer +Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer +wieder ein Grerer und Dickerer sich vor ihn drngte. Zuletzt bekam +er einen so ungeheuren Sto von dem breiten, nach allen Seiten +schlagenden Jopp, da er sich fast berschlagen htte. Die Teilung +war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, da er zu keinem +Stckchen Ksfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine +Schlge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die +jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den +Bumchen. Auf der hchsten Krone des einen sa ein lustiger, kleiner +Vogel und pfiff so frhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als +gbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und +Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, da er fast das +Leid verga, das ihm eben geschehen war. + +Von Zeit zu Zeit mute er nach der Sennhtte hinberschauen, denn das +Lrmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stck Ksfisch +wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie +jedes Kind mit einem greren oder kleineren Brocken der schnen, +weien Masse dastand und mit Wonne hineinbi. Er seufzte dann ein +wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges +Stcklein bekme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weien +Ksfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie +heute in die Schar der Glcklichen einzudringen. Jetzt hatte er +gesehen, da es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut +zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlugedanken, da er +sein Leben lang nie einen Ksfisch bekommen werde. Darber wurde er +so traurig, da er nicht einmal den Vogel mehr hrte und ganz +zusammengeduckt unter den Tannenbumen sa. + +Jetzt war das Gastmahl bei der Htte zu Ende und mit schrecklichem +Lrm strzten die Kinder daher, womglich immer einer ber den anderen +hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall +brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der +lrmende Hans, und laut schrie er in das Gebsch hinein: "Du Maulwurf, +komm heraus, du mut mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen +hatte. Er mute sich als Bock hinstellen, damit die anderen ber ihn +springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wre +viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wute wohl, +was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er +gehorsam heran. "Wie viele Ksfische hast du bekommen?" schrie ihn +jetzt der Hans an. + +"Keinen", gab This zurck. "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans +noch lauter in die Schar hinein, "der luft schnell zu den Ksfischen, +und dann luft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer +This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die groen +Buben ber den Kopf weg, so da er genug zu tun hatte, nur immer +wieder auf die Fe zu kommen, wenn er umgeworfen worden war. +Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestrzter die Abhnge +hinunter, bis ein glcklicher Zufall sie wieder alle auf die Fe +brachte. Nach dieser strmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen +gleich alle auseinander, jeder seinen Khen nach. + +Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn +jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den +Zurckgebliebenen, weit er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem +Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben +und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im +Berghang, wo im Frhling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und +den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und +ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schne, dunkelrote +Erdbeeren in der Sonne, die so schn warm in die Vertiefung schien. +Aber dem This war es berall angst und bang, wenn er noch in der Nhe +der Huser und der Hterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden +Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der +This zuckte scheu und ngstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer +dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch +einmal an das stille Pltzchen unter den kleinen Tannenbumchen dort +oben und an das pfeifende Vgelein, so da es ihn mit Gewalt vom Boden +zog. Er mute noch einmal dorthin. + +Mit allen Krften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht +einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die +Tannenbumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein +Tannenversteck ein wenig offen. Da sa nun der This in vlliger +Sicherheit. Ringsum war eine groe Stille, kein Ton drang von unten +her bis hier auf die einsame Hhe, nur das Vgelein sa noch auf +seinem Tannenast und pfiff sein frhliches Lied. Die Sonne wollte +untergehen. Die hohen Schneeberge drben fingen zu flimmern und zu +glhen an, und ber die ganze grne Alm hin lag das golden schimmernde +Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie +gekanntes Wohlsein kam ber ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und +Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu frchten, denn weit und +breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hren. + +So sa der This eine lange Zeit, und am liebsten wre er gar nicht +mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben +gewesen. Aber da hrte er schwere Tritte hinter sich von der Htte +her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewi +wollte er zum Bach hinber, um Wasser zu holen. This verhielt sich +muschenstill. Denn er war so daran gewhnt, da er von jedermann +angefahren oder ausgelacht wurde, da er dachte, der Senn werde es +gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die +Bumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton +wurde aufmerksam, trat nher und guckte in den Tannenbusch hinein. + +"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht. + +"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd. + +"Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu frchten, wenn du nichts +Bses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa +mit deinen Ksfischen da hineingeflchtet, da du sie in Ruhe +verzehren kannst?" + +"Nein, ich habe keine Ksfische gehabt", sagte This ngstlich. + +"Nicht? Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie +sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem +Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem +Menschen. + +"Sie haben mich auf die Seite gestoen", erwiderte er nun und stand +hinter den buschigen Zweigen auf. + +"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort, +"komm noch ein wenig nher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn +sie dich wegstoen? Es stt ja immer einer den anderen, aber zuletzt +kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?" + +"Sie sind strker", sagte der This so berzeugend, da diese Erklrung +wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den +Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, groen Franz Anton wie +ein dnnes Stcklein vor einer hohen Tanne. Der krftige Mann +betrachtete einen Augenblick das schmale Figrchen, an dem tatschlich +fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht +schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf. + +"Wem gehrst du?" fragte er jetzt den Buben. + +"Niemand", gab This zur Antwort. + +"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?" + +"Beim Hlmli-Sepp." + +Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. "Ach so, bist du der!" +sagte er verstndnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar +nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehrt, ihn aber nicht +gekannt. + +"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig. "Wenn du beim Hlmli-Sepp +bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hlmlein. +Komm, Ksfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes." + +Der This wute gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz +Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und +das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Htte, holte +hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein groes +Stck ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfa, das goldig glnzend +in der Ecke stand, und holte ein groes Stck Butter heraus. Das +strich er ber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stck mit +der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte +der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es +nicht mglich, da es ihm gehre. + +"Komm heraus. I es vor der Htte, ich mu nun zum Wasser", sagte +Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glck und +Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte. +Vor der Htte setzte er sich auf den Boden. Und whrend der Senn zum +Schwemmebach hinberging, bi er in sein Butterbrot hinein und bi +immer wieder und konnte nicht begreifen, da es etwas so Gutes gbe +und er es bekommen htte. + +Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und +wiegte unten die Tannenbumchen hin und her, und der kleine Vogel sa +immer noch auf dem hchsten Zweig und sang hell und frhlich in den +goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie +gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er msse laut mit dem Vogel zu +singen anfangen. + +Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her +gegangen. Drben beim Schwemmebach war er immer eine Weile +stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr +rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gro und golden der volle Mond +hinter dem weien Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Htte +zurck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle +sa. + +"So gefllt's dir hier?" fragte er freundlich. "Mit dem Abendessen +bist du fertig, wie ich sehe. Du mut dich auf den Rckweg machen. +Sieh, wie schn dir der Mond heimleuchtet!" + +Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel +ihm ein, da es wohl ntig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem +Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den +Tannenbumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurck. Er schaute noch +einmal zurck, und da der Senn in die Htte getreten war und ihn nicht +mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz +Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Gte +und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen +Eindruck gemacht, da er nicht fort konnte. Er mute noch ein wenig +in der Nhe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen +unter den Bumchen und sphte zu der Htte hinauf, ob er den Senn +nicht noch einmal she. Es dauerte einige Zeit, da pltzlich trat +Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Htte heraus. + +Er blieb vor der Tr stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die +stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ber alle hohen Schneegipfel hin das +milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt +der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen +Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hnde. Er hielt wohl still +seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht +geb euch Gott!" trat in die Htte zurck und machte die Tr zu. Sein +Nachtgru hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum +und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller +Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fhlte Liebe und +Bewunderung fr den Senn, Gefhle, die er bisher nicht gekannt hatte. + +Als es nun ganz dunkel und still in der Htte wurde, stand der This +auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter. + +Es war spt und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich, +die Tr war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Huschen und +schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser +schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es +ist bequem, da der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden. +So hat man doch Platz!" + +This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er +immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit +gefalteten Hnden vor seiner Htte stand. Zum erstenmal in seinem +Leben schlief der This mit einem glcklichen Herzen ein. + + + +3. Kapitel + +Ein hilfreicher Engel + + +Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten, +muten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges +gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr +Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze +Schar den Berghang herunter, und bald saen sie alle mit anderen +Kindern so ruhig wie mglich auf den langen Bnken, und der Herr +Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von +einem zuknftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den +This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas +fragen, das wirst du wohl beantworten knnen, wenn man dir auch nicht +viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem rmsten +und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefhrt hat, so +wohl werden, da er kein Leid versprt?" + +"Bei der Schwemmebachsennhtte", antwortete der This ohne Zgern. +Jetzt entstand ein solches Kichern, da der This ganz scheu um sich +schaute. Ringsum waren spttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle +Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich +so stark vornber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem, +was der Herr Pfarrer das letztemal erklrte, hatte er nichts gehrt, +weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mute. Jetzt hatte +er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet, + +Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, da es dem +This gar nicht zum Lachen war, sondern da er vor Scheu ganz +erschrocken und zusammengeduckt dasa, da schttelte der Herr Pfarrer +nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu +machen." + +Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da strzte die ganze Schar +hinter dem This her, alle lachten berlaut und schrien durcheinander: +"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Ksfische in den Sinn +gekommen?" + +"This, warum hast du nicht auch etwas von den Ksfischen gesagt?" Der +This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem +Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben +wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den +schnen Sonntagabend unten im Dorf genieen. + +Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt +einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhtte +hinaufflchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen. +Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Pltzchen sitzen und +vor Verfolgung sicher sein. Nun sa er wieder unter den Tannen und +ber ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der +Sonne, und ber den grnen Hngen flo da und dort ein klares Bchlein +friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, da er allen +Spott verga und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr +weggehen zu mssen. + +Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er +bestndig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie mglich +nieder. Denn er hatte das Gefhl, wenn der Franz Anton ihn wieder +hier sehe, so knnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein +Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und +einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und +in dessen Nhe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst +nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und +This sa an seinem schnen Pltzchen, bis die Sterne am Himmel standen +und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Htte hinaustrat und +ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder +davon, und spt wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht +hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber +das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefhlt +dort oben. + +So ging es eine ganze Woche. Tag fr Tag, sobald er einen Augenblick +fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm +hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete +er die ganze Ttigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und +nie verlie er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton +gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als +sei der Nachtsegen auch fr ihn gedacht. + +Es waren ausnahmsweise heie Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg +jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend +niedergegangen war. Das Futter war besonders krftig, und Franz Anton +bekam so schne, fette Milch von den Alpenkhen, da er die +prchtigsten Kse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude, +und schon frhmorgens konnte man ihn voller Vergngen in seiner +Sennhtte pfeifen hren, so auch am Samstag dieser Woche. Da hrte +man ihn noch viel frher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem +der Senn seine drei oder vier fertigen Kse an den See hinunterbrachte. +Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie +auf seinem Rcken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwrts, +den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rcken. Es +war der heieste Tag des ganzen Sommers. + +Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die bermige +Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute +abend wieder zu meiner Htte hinauf in die khle Luft zu kommen, hier +unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt, +gerade als das Schiff herankam, das die Kse mitnehmen sollte. Bald +war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlssig +da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten +etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fhlte keinen Appetit, sein Kopf +war schwer und hei, er wnschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn +jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim +Einladen geholfen hatte. "Komm, Franz Anton, heute ist's hei, wir +wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn +zu dem Wirtshaus. + +Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im +Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber +stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in +der schweren, heien Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht +an den Wein gewhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit groen +Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in +seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte hei auf +seinen Kopf, alle seine Pulse hmmerten, die Fe wurden ihm so schwer, +da er sie nur mit Mhe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je +grer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der +Aussicht an, da nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt +nur noch eine Viertelstunde heier Mhe vor ihm liege. Dann wrde er +oben sein und knne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen. + +Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne +brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Pltzlich wurde es ihm vllig +schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer strzte er auf den +Boden nieder. Er hatte das Bewutsein verloren. + +Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er, +da der Franz Anton noch nicht zurckgekehrt war. Er stellte seine +Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem +Senn auszuschauen. + +Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz +Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte +er an seinem verborgenen Pltzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt, +den der Senn tat. Er wute, wie eine Beschftigung auf die andere +folgte, so da er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der +Franz Anton seine Milch stehen lie. Sonst go er sie immer gleich in +die verschiedenen Gefe. Die eine kam zum Buttern in die groen, +runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schn dick obenauf +lag. Die andere wurde in den Ksekessel gegossen, das hatte der This +durch die offene Httentr alles genau beobachten knnen. Der Senn +kam immer noch nicht. Der Junge fhlte, da irgend etwas geschehen +sein mute. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging +zur Sennhtte. Da war es still und leer unten im Httenraum und oben +auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut +war zu hren, alles wie ausgestorben. ngstlich lief der This +jetzt um die Htte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann +in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten +erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da +lag sein Freund mit geschlossenen Augen und sthnte und lechzte wie +ein Sterbender. Er sah glhend hei aus, und seine Lippen waren ganz +vertrocknet. + +Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor +Schrecken, auf seinen Wohltter. Dann strzte er in schnellem Lauf +den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewutlos am +Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt +an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem +brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bcken +und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er fr einen Augenblick, +denn es war nur ein Fiebertraum gewesen. + +Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rhren. +Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das +Bewutsein wieder, und er trumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er +heute frh im Vorbergehen noch die schnen Erdbeeren gesehen hatte. +Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die +Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber +jetzt hatte er pltzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte +sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der +Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlrfte und +schluckte, es war ein unsgliches Labsal. Er erwachte. War das alles +Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und +steckte ihm wieder eine groe saftige Erdbeere in den Mund. + +"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton. Aber +nicht nur eine, fnf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf +einmal flog ein stechender Schmerz ber sein Gesicht. Er legte die +Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war +ihm das Bewutsein wieder vllig entschwunden. Er konnte nicht einmal +mehr die letzte Erdbeere genieen. Jetzt trumte er ganz schreckliche +Dinge. Sein Kopf wurde so gro wie sein allergrtes Butterfa und +dann immer noch grer und so furchtbar schwer, da er mit Schrecken +dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man mu starke, +hlzerne Sttzen unterstellen, wie unter die Apfelbume, wenn sie +zuviel pfel tragen." Und jetzt fhlte er deutlich, da der Kopf ganz +voll Schiepulver war, das hatte einer von hinten angezndet. Nun +brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mute alles +zerspringen. Aber dann kam pltzlich ganz kalt und belebend der +Schwemmebach ber seine Stirn, ber das ganze Gesicht und in den Mund +hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte. + +Es war wahr, eiskalt kam ein Gu nach dem anderen auf Stirn und +Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den +khlenden Trank ein. ber ihm standen die funkelnden Sterne, das +sah der Franz Anton deutlich. Er wute auch, da er noch am Boden lag +drauen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der +Schwemmebach sein, was so ber ihn flo und ihn so ordentlich trinken +lie. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend, +so erlsend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer. +Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich +dir fr deine Gte und die hilfreichen Engel!" + +Das erquickende Wasserbad hrte nicht auf, und zuletzt fhlte der +Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schtzend und +wohltuend, da er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt +schlief er jetzt ganz sanft ein und trumte nicht mehr. + + + +4. Kapitel + +Was die Sennenmutter haben will + + +Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz +Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er +schauderte ein wenig zusammen, es frstelte ihn. Er wollte sich +aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand +an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht. +Wohl sechsfach zusammengelegt lag na und schwer das groe Handtuch +aus der Sennhtte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der +frische Morgenwind ber die Stirn blies, fhlte er sich so wohlig und +erleichtert, da er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da +sah er auf einmal in zwei groe, ernsthafte Augen hinein, die +unverwandt auf ihn gerichtet waren. + +"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frh auf +die Alm? Nun, weil du da bist, komm, da ich mich ein wenig auf deine +Schulter sttzen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf." + +Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er +stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fe in den Boden hinein, so da +der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte. +Whrend des langsamen Aufstiegs zur Htte, als er sich immer noch auf +die Schulter des Buben sttzte, fing er an, sich daran zu erinnern, +was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgnge der +Nacht vllig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur +helfen. In der Htte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner +dreibeinigen Sthle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz +dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir +wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt +noch nicht machen. Ein Schsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist +es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es +regelmig dort hinauf. Ich wei nicht, was mit mir vorgeht seit +gestern." + +Der This war feuerrot geworden, er wute wohl, wer das Schsselchen +heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am +Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides +dem Senn. Dieser schttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er +lebte, hatte er noch nie sein Schsselchen dort bei der Tr auf den +Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine +Milch, fllte dann das Schsselchen wieder und sagte: "Da, This, trink +auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, da du so frh hinauf +kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Ksfischtag und du seist dann +sicher der erste?" + +"Nein, gewi nicht", versicherte This. + +"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal +unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder +zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. "Sag mir, This, habe ich +denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frh +heraufkamst?" + +Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn +alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht +recht, und er knnte bse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm +jetzt so tief in die Augen, da er alles sagen mute: "Ich habe es +selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an. + +"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert. + +"Weil sie so hei waren", erwiderte This. + +Der Senn staunte immer mehr. "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang +erwacht", sagte er. "Wann bist du denn heraufgekommen?" + +"Gestern um fnf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam, +"der Melker kam erst lange nachher." + +"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn +gewollt und gemacht?" + +Jetzt sah der Franz Anton, da dem This ganz bange wurde, ihm selber +aber fielen nun wieder die Vorgnge der letzten Nacht ein. Ganz +vterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd: +"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu frchten, This. Da, trink noch +eins aus, und dann sag mir alles, was du weit, von da an, als du hier +heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fate der This neuen +Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zgen aus, denn sie schmeckte +herrlich. + +Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier +herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Ksfische. +Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie +nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden +gefunden, und Sie sind ganz rot und hei gewesen und haben Durst +gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe +alle groen Erdbeeren gepflckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen +gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf +den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Htte +das Schsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach +habe ich ihn gefllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schsselchen das +Wasser ber den Kopf geschttet und auch zu trinken gegeben, denn sie +haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin +ich zum Bach hinber und habe ihn wieder gefllt. Aber weil das +Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes +Tuch wurde den Kopf besser khlen. Und so habe ich das Tuch aus der +Htte geholt und es ganz na auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann +trocken und hei wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und +es dann wieder na auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann +erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht +etwa krank werden." + +Der Senn hatte mit groer Aufmerksamkeit zugehrt. Jetzt stand alles +deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wute auch +wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren +als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gesprt und +genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und +verwundert an, als htte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen +solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn mglich, da +dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben +gerettet hatte. + +Htte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelscht, wer wei, +was bis zum Morgen daraus geworden wre! Und wie konnte dieser This, +dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung +fhig sein, da er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn +pflegte! Dem groen, starken Franz Anton kamen die Trnen in die +Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles +berdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir +wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das +vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die +Glieder so, da ich mich jetzt niederlegen mu. Geh du nun hinunter +zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir +nicht ganz wohl. Du mut dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe +noch viel mit dir zu reden heute, vergi es nicht!" + +Solange er lebte, war der This noch nie so glcklich gewesen. Er lief +springend den Berg hinunter, als knne er nicht hoch genug aufspringen +vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen, +und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in +die Sennhtte eintreten. Auerdem hatte der Franz Anton ihm noch +gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser +Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der +Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Huschen +mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im +Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der +Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen, +denn er war ganz atemlos vom Laufen. + +"Woher kommst denn du?" fragte die sonntglich gekleidete Frau, die +nicht gern etwas Unordentliches sah. Mibilligend musterte sie den +Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntglichen Anblick +in seinen zerfetzten Alltagshschen und dem schmutzigen Hemdlein. +"Ich meine, ich habe dich schon dort drben ber dem Bach gesehen, du +bist wohl einer vom Hlmli-Sepp?" + +"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demtig. + +Jetzt fiel der Frau ein, da die Frau des Hlmli-Sepp einen +einfltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts +zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. "Und was willst du +denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert. + +Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag +klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der +kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und da er nach ihr schickte +und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes +Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in groer +Sorge das Ntigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem groen +Korb am Arm heraus. + +"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn. Warum mut du +wieder mit?" + +"Ich wei nicht", antwortete er. Und fast als wre es etwas Bses, +setzte er leise hinzu: "Mu ich nicht den Korb tragen?" + +"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran +gedacht, da ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb. +Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief +in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer +Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die +Krankheit gefhrlich sein? Ihre Angst wurde immer grer, je nher +sie der Sennhtte kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige +Schritte--der bekmmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast +nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie +schaute berall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn +tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem +Herzen stieg sie die Leiter hinauf. + +Der This blieb ehrerbietig drauen vor der Tr stehen, nur den Korb +schob er in die Htte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll +ber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte +ihr frhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter: +"Gr dich Gott, Mutter! Das freut mich, da du da bist. Ich habe +aber geschlafen wie ein Br, die ganze Zeit, seit der This fortging." +Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie +wute gar nicht, was sie denken sollte. "Franz Anton", sagte sie +jetzt ernsthaft, "was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weit du, +da du mich hast holen lassen?" + +"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz +bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir +noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir +reden. Ich fhl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kme noch +nicht weit." + +"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir's doch", +drngte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn. + +"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen", +sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. "Sieh einmal +zuerst dort unten das schmale, magere Bblein an, das kein gutes Stck +Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder +nur den dummen This nennt." + +Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn +hinaufsphte, ob er etwa wieder umfallen wolle. + +"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt. + +"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Bblein nicht +gewesen wre, so lge ich jetzt noch drauen auf dem Boden in einem +tdlichen Fieber, oder vielleicht wre es auch schon vorbei mit mir." +Und jetzt erzhlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag +zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen +und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch +auf der Welt es nicht besser htte tun knnen. + +Die Mutter mute sich mehrmals die Trnen abwischen. Sie stellte sich +vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da +drauen gelegen htte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden +wre, und kein Mensch htte etwas von ihm gewut. Und jetzt stieg ein +Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, da sie laut ausrufen mute: +"Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche +Liebe zu dem armen This berkam sie, da sie ganz eifrig sagte: "Franz +Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hlmli-Sepp zurck! +Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat +sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen +mache ich ihm ein Gewand, da man ihn ansehen darf. Er mu es nicht +schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir +geholfen hat." + +"Das ist nun gerade, was ich wnschte, Mutter, aber ich mute doch +zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben +und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein knnte. Es geht +nichts ber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller +Glck und Liebe an, da es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich +dachte: Es geht auch nichts ber einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte +sie: "Jetzt mut du etwas essen, Franz Anton, da du wieder zu Krften +kommst. Ich habe frische Eier und ein Weibrot mitgenommen, und jetzt +will ich Feuer machen, la dir Zeit zum Herunterkommen." Das mute der +Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging. +Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er +sich selbst niedergesetzt hatte. + +"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend, +"willst du ein Senn werden?" + +Der This fing an zu lcheln, aber dann hrte er pltzlich die +vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen +hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts". +Und schchtern antwortete er. "Ich kann nichts werden." + +"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit. +"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun +bleibst du bei mir und trgst Milch und Wasser und hilfst mir bei +allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Kse macht und sobald +du gro genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein +Gehilfe." + +"Hier in der Schwemmebachsennhtte?" fragte This, dem die Aussicht auf +diese Glckseligkeit ganz unfabar war. + +"Alles hier, in der Schwemmebachsennhtte", besttigte der Franz Anton. + +Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden +Glcks, da der Senn ihn nur ansehen mute. Der Bub war wie +verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den groen +Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie +streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir +miteinander frhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen +wir dem lieben Gott dafr danken, da er dich gerade zur rechten Zeit +in die Nhe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch +begreift, warum du da heraufgekommen bist." + +Jetzt begann das frhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben +hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen. +Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weibrot hingelegt +und daneben Butter und weien Kse. Und mitten auf dem Tisch stand +eine groe Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die +Mutter groe, dicke Stcke vor den This hin, und wenn er fertig war, +gab es gleich noch einmal so viel. + +Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie: +"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This mu bei dir oben +bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es +ntig ist. Der Frau des Hlmli-Sepp will ich schon alles berichten." + +Das war dem Sennen recht, und fr den This war es das hchste Glck, +das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton. +Nicht mehr verborgen unter den Tannenbumchen hrte er heute den +Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als +dieser seine Hnde faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den +Abendsegen." Andchtig faltete auch er seine Hnde, und als am Schlu +der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glck im +Herzen des This so gro, da er gern berlaut allen Menschen auf der +ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!' + +Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinber zu der Frau des +Hlmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und +gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzhlten. +Die Sennin hrte, da von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der +Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hlmli-Sepp erklrte, +da sie mit ihrem Sohn bereingekommen sei, sie wollten den This bei +sich annehmen, da machte die Frau einen groen Lrm. Sie sagte, sie +sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fr +den Senn eine grere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien +alle aus vollen Hlsen: "Mich! Mich! Mich!" Denn sie wuten wohl, +wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhtte fr gute +Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts. + +Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn +schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen +This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das +Hnseln und Verspotten unterlassen, sonst htten sie es mit ihrem Sohn +zu tun. Der rede dann mit seinen krftigen Armen eine deutlichere +Sprache mit den Buben, als sie es jetzt knnte. Dann verlie die +Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblfft nachschauten, +und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wre, +der wird's gut haben, wie ein Knig wird er da oben in seiner +Sennhtte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen lie, +liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund +sein. Denn sie muten alle an den letzten Ksfischtag denken, als der +This so bel behandelt worden war. Von nun an wrde er ja gewi alle +Ksfische allein bekommen, da wre doch jeder gut daran, der sein +Freund wre. Und spter waren sie auch alle gut daran, denn dem This +machte es die grte Freude, die reiche Ernte der Ksfische unter +allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darber +wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie +mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte +sich zur berraschung aller, da er auf einmal ein ganz flinkes, +geschicktes Brschchen war, von dem jeder sagen mute: "Entweder ist +das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den +dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit, +sein liebster Schler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei +allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die +anderen Buben knnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird, +von Johanna Spyri. + + + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Vom This, der doch etwas wird, by Johanna Spyri + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD *** + +***** This file should be named 9859-8.txt or 9859-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/9/8/5/9859/ + +Produced by Delphine Lettau + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online +at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Kapitel<br><span class="small">Alle gegen einen</span></h2> +</div> + + + +<p>Wenn man den Seelisberg von der Rückseite her besteigt, kommt man auf +eine frische, grüne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die +friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem +schönen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenährten Kühe +ziehen lieblich läutend immer hin und her. Denn jede trägt am Hals +ihre Glocke, damit man immer hört, wo sie ist. So kann sich keine Kuh +unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Sträuchern bedeckte Felswand +liegt, über die sie hinunterstürzen könnte. Es ist außerdem ein +ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben können. Aber die +Glocken sind doch notwendig und tönen so freundlich hin und her, daß +keiner sie entbehren möchte. Am Bergabhang stehen hie und da +vereinzelt die kleinen, hölzernen Häuser, und nicht selten rauscht +daneben ein schäumender Bach ins Tal hinab. ‘Am Berghang’ heißt es +hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Häuschen steht auf +ebenem Boden. Es ist, als wären sie irgendwie an den Berg hingeworfen +worden und da hängengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da +oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie +alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der +kleinen, hölzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt +in ihre Nähe, so sieht man, daß ein großer Unterschied zwischen ihnen +ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nähe ganz +verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen +ihnen stürzt der größte Bergbach der Gegend, der schäumende +Schwemmebach, hinunter.</p> + +<p>Am ersten Häuschen blieben auch an den schönsten Sommertagen alle die +kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die +hineindrang, kam durch die Löcher der zerbrochenen Scheiben. Das war +aber nicht viel, denn die Löcher waren wieder mit Papier verklebt, +damit man im Winter drinnen nicht frieren mußte. An dem hölzernen +Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war +so zerfallen, daß es ein Wunder war, daß alle die kleinen Kinder, die +da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie +hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder +waren alle mit Schmutz überdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen +Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag über da +herum, und am Abend kamen vier größere Kinder dazu. Drei kräftige +Buben und ein Mädchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich +aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie +konnten sich doch schon selbst waschen.</p> + +<p>Das Häuschen über dem Bach drüben hatte einen ganz anderen Charakter. +Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeräumt +aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drüben. Die +Stufen sahen immer so aus, als wären sie eben gescheuert worden. Und +oben auf der Galerie standen drei schöne Nelkenstöcke und dufteten den +ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen +Fenstern stand offen und ließ die schöne, sonnige Bergluft herein. +Dort konnte man meistens eine noch kräftig aussehende Frau sitzen +sehen, mit schönem, weißem Haar, das sie sehr ordentlich unter das +schwarze Häubchen zurückgestrichen hatte. Sie flickte gewöhnlich an +einem Männerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber +gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so +adrett und reinlich aus, als wäre noch nie etwas Unsauberes an sie +herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des +fröhlichen Franz Anton mit den kräftigen Armen. Der machte den Sommer +über in der oberen Sennhütte seine Käse, und erst im Spätherbst zog er +wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn +dann butterte er in der unteren Sennhütte, die ganz nahe lag. Da über +den reißenden Schwemmebach kein Steg führte, waren die zwei Häuschen +ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg +wohnten, besser, als diese Nachbarn über dem Bach, zu denen sie nur +etwa einmal am Tag stumm hinüberschaute. Gewöhnlich schüttelte sie +dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter +und schmutzigen Fetzen drüben an den Kindern sah. Sie schaute aber +nicht oft hinüber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber +betrachtete sie, wenn das Feierabendstündchen kam, ihre roten Nelken +auf der Galerie oder sie schaute über den grünen, sonnigen Abhang +hinunter, der vor ihrem Häuschen zum Tal hinabstieg.</p> + +<p>Die verwilderten Kinder über dem Bach gehörten dem Hälmli-Sepp, wie er +genannt wurde, der seine Arbeit außer Haus beim Holzfällen oder +Heumachen suchte. Außerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So +war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die +Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele +kleine Kinder könne man nicht in Ordnung halten, und später würde es +dann von selbst besser. So ließ sie alles gehn, wie es ging. Und in +der schönen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und +ließen sich’s, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl +sein. Zur Sommerzeit waren die vier Größeren den ganzen Tag draußen, +um die Kühe zu hüten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen, +wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten +bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kühe auf das +umliegende Weideland hinaus und mußten sie hüten lassen. Das ist +immer eine lustige Zeit für die Buben und Mädchen, die sich dort zu +jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei fröhliche Sachen +miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten +im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere +Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer +über ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstück nach Hause, +das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier +Kleinen zu ernähren und für alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn +diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mußte doch jedes haben +und die vier Großen noch ein Stück dazu. Eine Kuh hatte der +Hälmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaßen, +wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.</p> + +<p>Hälmli-Sepp hieß der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum +nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine +Geiß und ein Stück Kartoffelland, damit mußte die Frau mit den vier +Kleinen den Sommer über auskommen und auch hier und da noch eines der +Größeren speisen, wenn es draußen keine Arbeit fand. Der Vater kam im +Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein +Häuschen und Acker waren so verschuldet, daß er das ganze Jahr über +etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten +konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel +er fand.</p> + +<p>So mußte die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte +keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von +der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der +verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten, +schaute sie über den Bach zu dem schmucken Häuschen der Sennerin +hinüber, dessen Scheiben in der Sonne glänzten. Dann sagte sie +ärgerlich vor sich hin: “Ja, die dort kann schon putzen und alles +sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner.” Dann ging +sie wieder ärgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurück, und an dem, +der ihr zuerst in den Weg kam, ließ sie den Ärger aus.</p> + +<p>Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht +ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Häuschen vom +Hälmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur ‘der +dumme This’ genannt, sah so mager und dürftig aus, daß man ihn kaum +für achtjährig gehalten hätte. Er schaute auch so scheu und +verschüchtert drein, daß niemand wußte, wie der This eigentlich aussah, +denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach. +This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum +zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel später über die Felsen +in die Tiefe gestürzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam +und den Weg abkürzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte +nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem +großen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This +hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend, +eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen +Matthis genannt.</p> + +<p>Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Häuschen vom +Hälmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstätte mit seinem Büblein +gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben +Ort. Das wenige Geld, das für den kleinen This von der Gemeinde +bezahlt wurde, war der Frau des Hälmli-Sepp sehr erwünscht. Und in +die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, für die +schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This +war schon von Natur aus ein schüchternes und stilles Büblein gewesen. +Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das große Unglück +gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem +Unglück wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.</p> + +<p>So saß der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein +Wort zu hören, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann +seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des +Hälmli-Sepp gehörte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde +von jedem angefahren und hin und her gestoßen, weil er sich nie wehrte. +Zu all den Püffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen +dann noch die bösen Worte der Frau, wenn sie den Ärger über das +saubere Häuschen der Sennerin drüben hatte. Der This wehrte sich aber +nie, denn er hatte das Gefühl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so +nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und +verschüchtert, daß man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her +vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn +anrief. Er sah überhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch, +wo er in die Erde hineinkriechen könnte, daß ihn keiner mehr fände.</p> + +<p>So war es gekommen, daß die vier Großen vom Hälmli-Sepp, der Jopp, der +Hans, der Uli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: “Du +bist doch ein dummer This”, und daß es die vier Kleinen auch +nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals +dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es +werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch ‘der dumme +This’ genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten könnte, +wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kühe zu hüten, und war +er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke +oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da saß er +meistens zitternd vor Furcht, denn er hörte wohl, wie die anderen +Buben ihn mit großem Geschrei suchten, daß er bei den Spielen +mitmachte, die sie spielen wollten.</p> + +<p>Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prügeln, und das traf +regelmäßig den This am stärksten, da er sich nicht wehrte und auch +nicht wehren konnte gegen die viel Stärkeren. So verkroch er sich, +sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kühe, wohin sie wollten +und fraßen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann großen Ärger, und +jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kühe zu hüten, und keiner +stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld, +wenn die Buben zum Jäten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da +warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblüten an den +Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem +anderen reichlich zurück, was er empfangen hatte. Der This gab aber +nichts zurück, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen +Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen +gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten +die Knollen an den Rücken und an den Kopf.</p> + +<p>Während aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten, +versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den +Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit +nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller +Arbeit zu dumm und aus dem This könne nie etwas werden. Weil er nun +gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er +auch von der Frau des Hälmli-Sepp demgemäß behandelt. Wenn schon die +eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es +meistens, daß für den This gar nichts mehr übrigblieb und es dann hieß: +“Du wirst wohl etwas finden, du bist groß genug.” Wie der This +eigentlich ernährt wurde, wußte niemand, auch die Frau des Hälmli-Sepp +nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.</p> + +<p>Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen +Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tür +vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in +seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich +wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer +scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="2_Kapitel">2. Kapitel<br><span class="small">Bei der Schwemmebachsennhütte</span></h2> +</div> + + + +<p>An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle +Mücken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hüterbuben und—mädchen. +Sie mußten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp, +von allen der Größte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle +nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, daß man jetzt zur +Schwemmebachsennhütte hinaufgehe, denn heute sei der Käsfischtag. Nun +müsse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kühe +hüten solle, während die anderen sich zu dem Festmahl begeben würden. +Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust, +sich für die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue +Uli auf den Gedanken, man könnte einmal den dummen This zwingen, auf +die Kühe acht zu geben. Und damit er’s nicht vergesse, könnte man ihn +im voraus ein wenig durchprügeln. Der Vorschlag fand Anklang, und +schon wollten mehrere von den Anführern der Schar den This holen, als +das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: “Das ist gar nichts +Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den +Lohn dafür, wenn wir wieder zurückkommen und die Kühe sich verlaufen +haben. Ihr werdet doch nicht glauben, daß der This, wenn er zu dumm +ist, zwei Kühe zu hüten, auf einmal zwanzig hüten kann. Man muß losen, +und drei müssen bei den Kühen bleiben, sonst ist’s nichts.” Lisis +Erklärung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus +der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet +der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der +siegreichen Schar den Rücken und setzte sich auf den Boden neben seine +beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stürzte nun +die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuß +entgegen.</p> + +<p>Der Käsfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die +es nie unterließen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen +sollte. Denn das war ein Hauptfest für sie. Das war der Tag, an dem +der Franz Anton seine frischen Käse rundum beschnitt, nachdem diese +als weiche Masse in die runde, hölzerne Form gepreßt worden waren. +Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von +der Masse herausdrängte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie +eine lange, schneeweiße Wurst. Die wurde dann in viele Stücke +gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt. +Das waren dann die sogenannten Käsfische. Dieses Fest wiederholte +sich den Sommer über alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem +Freudengeschrei begrüßt.</p> + +<p>This hatte sich hinter dem großen Distelbusch am Boden versteckt +gehalten, während die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton +von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hörte, +daß die große Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig +hervor. Die drei grollenden Zurückgebliebenen saßen am Boden und +kehrten ihm den Rücken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stück +die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der +Höhe hernieder. Den This erfaßte ein unwiderstehliches Verlangen, +auch an der Käsfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlüpfte er +hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er +hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem +letzten steilen Hang kam eine kleine, glänzend grüne Hochebene, da +stand die Sennhütte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der +klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tür seiner Hütte stand der +Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte über +die vielen Sprünge, die jetzt die Buben und Mädchen in ihrem Eifer, zu +dem ersehnten Genuß zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt +waren sie alle bei der Hütte und eines drängte das andere vorwärts, um +noch näher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen würde.</p> + +<p>“Nur zahm, nur zahm”, lachte jetzt der Franz Anton. “Wenn ihr alle in +die Hütte hineindrängt, so habe ich keinen Platz mehr zum +Käseschneiden und ihr habt den Schaden.” Jetzt nahm er sein festes +Messer zur Hand und trat an den großen, runden Käse heran, den er +schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden +ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweißen +Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stück und da ein +Stück, oft über die Köpfe der Großen weg den Kleinen, die nicht zu ihm +vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner +Teilung.</p> + +<p>This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen +wollte, so bekam er da einen Stoß und dort einen und flog so von einer +Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer +wieder ein Größerer und Dickerer sich vor ihn drängte. Zuletzt bekam +er einen so ungeheuren Stoß von dem breiten, nach allen Seiten +schlagenden Jopp, daß er sich fast überschlagen hätte. Die Teilung +war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, daß er zu keinem +Stückchen Käsfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine +Schläge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die +jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den +Bäumchen. Auf der höchsten Krone des einen saß ein lustiger, kleiner +Vogel und pfiff so fröhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als +gäbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und +Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, daß er fast das +Leid vergaß, das ihm eben geschehen war.</p> + +<p>Von Zeit zu Zeit mußte er nach der Sennhütte hinüberschauen, denn das +Lärmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stück Käsfisch +wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie +jedes Kind mit einem größeren oder kleineren Brocken der schönen, +weißen Masse dastand und mit Wonne hineinbiß. Er seufzte dann ein +wenig und sagte leise: “Wenn ich nur auch einmal ein einziges +Stücklein bekäme!” Der This hatte niemals von den herrlichen, weißen +Käsfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie +heute in die Schar der Glücklichen einzudringen. Jetzt hatte er +gesehen, daß es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut +zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlußgedanken, daß er +sein Leben lang nie einen Käsfisch bekommen werde. Darüber wurde er +so traurig, daß er nicht einmal den Vogel mehr hörte und ganz +zusammengeduckt unter den Tannenbäumen saß.</p> + +<p>Jetzt war das Gastmahl bei der Hütte zu Ende und mit schrecklichem +Lärm stürzten die Kinder daher, womöglich immer einer über den anderen +hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall +brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der +lärmende Hans, und laut schrie er in das Gebüsch hinein: “Du Maulwurf, +komm heraus, du mußt mitmachen!” This verstand, was er mitzumachen +hatte. Er mußte sich als Bock hinstellen, damit die anderen über ihn +springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wäre +viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wußte wohl, +was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er +gehorsam heran. “Wie viele Käsfische hast du bekommen?” schrie ihn +jetzt der Hans an.</p> + +<p>“Keinen”, gab This zurück. “Oho, seht einmal den an”, schrie der Hans +noch lauter in die Schar hinein, “der läuft schnell zu den Käsfischen, +und dann läuft er wieder fort und hat keinen gesehen.” “Du dummer +This”, rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die großen +Buben über den Kopf weg, so daß er genug zu tun hatte, nur immer +wieder auf die Füße zu kommen, wenn er umgeworfen worden war. +Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestürzter die Abhänge +hinunter, bis ein glücklicher Zufall sie wieder alle auf die Füße +brachte. Nach dieser stürmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen +gleich alle auseinander, jeder seinen Kühen nach.</p> + +<p>Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn +jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den +Zurückgebliebenen, weil er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem +Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben +und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im +Berghang, wo im Frühling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und +den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und +ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schöne, dunkelrote +Erdbeeren in der Sonne, die so schön warm in die Vertiefung schien. +Aber dem This war es überall angst und bang, wenn er noch in der Nähe +der Häuser und der Hüterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden +Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der +This zuckte scheu und ängstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer +dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch +einmal an das stille Plätzchen unter den kleinen Tannenbäumchen dort +oben und an das pfeifende Vögelein, so daß es ihn mit Gewalt vom Boden +zog. Er mußte noch einmal dorthin.</p> + +<p>Mit allen Kräften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht +einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die +Tannenbäumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein +Tannenversteck ein wenig offen. Da saß nun der This in völliger +Sicherheit. Ringsum war eine große Stille, kein Ton drang von unten +her bis hier auf die einsame Höhe, nur das Vögelein saß noch auf +seinem Tannenast und pfiff sein fröhliches Lied. Die Sonne wollte +untergehen. Die hohen Schneeberge drüben fingen zu flimmern und zu +glühen an, und über die ganze grüne Alm hin lag das golden schimmernde +Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie +gekanntes Wohlsein kam über ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und +Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fürchten, denn weit und +breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hören.</p> + +<p>So saß der This eine lange Zeit, und am liebsten wäre er gar nicht +mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben +gewesen. Aber da hörte er schwere Tritte hinter sich von der Hütte +her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiß +wollte er zum Bach hinüber, um Wasser zu holen. This verhielt sich +mäuschenstill. Denn er war so daran gewöhnt, daß er von jedermann +angefahren oder ausgelacht wurde, daß er dachte, der Senn werde es +gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die +Bäumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton +wurde aufmerksam, trat näher und guckte in den Tannenbusch hinein.</p> + +<p>“Was machst du denn da drinnen?” fragte der Senn mit lustigem Gesicht.</p> + +<p>“Nichts”, erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.</p> + +<p>“Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fürchten, wenn du nichts +Böses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa +mit deinen Käsfischen da hineingeflüchtet, daß du sie in Ruhe +verzehren kannst?”</p> + +<p>“Nein, ich habe keine Käsfische gehabt”, sagte This ängstlich.</p> + +<p>“Nicht? Und warum denn nicht?” fragte der Senn in einer Weise, wie +sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem +Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte—das Zutrauen zu einem +Menschen.</p> + +<p>“Sie haben mich auf die Seite gestoßen”, erwiderte er nun und stand +hinter den buschigen Zweigen auf.</p> + +<p>“So, jetzt kann man dich doch sehen”, fuhr der Senn freundlich fort, +“komm noch ein wenig näher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn +sie dich wegstoßen? Es stößt ja immer einer den anderen, aber zuletzt +kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?”</p> + +<p>“Sie sind stärker”, sagte der This so überzeugend, daß diese Erklärung +wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den +Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, großen Franz Anton wie +ein dünnes Stöcklein vor einer hohen Tanne. Der kräftige Mann +betrachtete einen Augenblick das schmale Figürchen, an dem tatsächlich +fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht +schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.</p> + +<p>“Wem gehörst du?” fragte er jetzt den Buben.</p> + +<p>“Niemand”, gab This zur Antwort.</p> + +<p>“Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?”</p> + +<p>“Beim Hälmli-Sepp.”</p> + +<p>Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. “Ach so, bist du der!” +sagte er verständnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar +nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehört, ihn aber nicht +gekannt.</p> + +<p>“Komm einmal mit mir”, sagte er mitleidig. “Wenn du beim Hälmli-Sepp +bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hälmlein. +Komm, Käsfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes.”</p> + +<p>Der This wußte gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz +Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und +das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Hütte, holte +hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein großes +Stück ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfaß, das goldig glänzend +in der Ecke stand, und holte ein großes Stück Butter heraus. Das +strich er über die Brotschnitte und reichte nun das feste Stück mit +der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte +der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es +nicht möglich, daß es ihm gehöre.</p> + +<p>“Komm heraus. Iß es vor der Hütte, ich muß nun zum Wasser”, sagte +Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glück und +Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte. +Vor der Hütte setzte er sich auf den Boden. Und während der Senn zum +Schwemmebach hinüberging, biß er in sein Butterbrot hinein und biß +immer wieder und konnte nicht begreifen, daß es etwas so Gutes gäbe +und er es bekommen hätte.</p> + +<p>Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und +wiegte unten die Tannenbäumchen hin und her, und der kleine Vogel saß +immer noch auf dem höchsten Zweig und sang hell und fröhlich in den +goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie +gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er müsse laut mit dem Vogel zu +singen anfangen.</p> + +<p>Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her +gegangen. Drüben beim Schwemmebach war er immer eine Weile +stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr +rot vom Abendschein, aber jetzt stieg groß und golden der volle Mond +hinter dem weißen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Hütte +zurück und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle +saß.</p> + +<p>“So gefällt’s dir hier?” fragte er freundlich. “Mit dem Abendessen +bist du fertig, wie ich sehe. Du mußt dich auf den Rückweg machen. +Sieh, wie schön dir der Mond heimleuchtet!”</p> + +<p>Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel +ihm ein, daß es wohl nötig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem +Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den +Tannenbäumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurück. Er schaute noch +einmal zurück, und da der Senn in die Hütte getreten war und ihn nicht +mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz +Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Güte +und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen +Eindruck gemacht, daß er nicht fort konnte. Er mußte noch ein wenig +in der Nähe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen +unter den Bäumchen und spähte zu der Hütte hinauf, ob er den Senn +nicht noch einmal sähe. Es dauerte einige Zeit, da plötzlich trat +Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Hütte heraus.</p> + +<p>Er blieb vor der Tür stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die +stille Bergwelt hinaus, wo jetzt über alle hohen Schneegipfel hin das +milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt +der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen +Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hände. Er hielt wohl still +seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: “Gute Nacht +geb euch Gott!” trat in die Hütte zurück und machte die Tür zu. Sein +Nachtgruß hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum +und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller +Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fühlte Liebe und +Bewunderung für den Senn, Gefühle, die er bisher nicht gekannt hatte.</p> + +<p>Als es nun ganz dunkel und still in der Hütte wurde, stand der This +auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.</p> + +<p>Es war spät und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich, +die Tür war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Häuschen und +schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser +schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: “Es +ist bequem, daß der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden. +So hat man doch Platz!”</p> + +<p>This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er +immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit +gefalteten Händen vor seiner Hütte stand. Zum erstenmal in seinem +Leben schlief der This mit einem glücklichen Herzen ein.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="3_Kapitel">3. Kapitel<br><span class="small">Ein hilfreicher Engel</span></h2> +</div> + + + +<p>Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten, +mußten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges +gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr +Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze +Schar den Berghang herunter, und bald saßen sie alle mit anderen +Kindern so ruhig wie möglich auf den langen Bänken, und der Herr +Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von +einem zukünftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den +This fiel, fuhr er fort: “Ich will dich auch einmal wieder etwas +fragen, das wirst du wohl beantworten können, wenn man dir auch nicht +viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Ärmsten +und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben geführt hat, so +wohl werden, daß er kein Leid verspürt?”</p> + +<p>“Bei der Schwemmebachsennhütte”, antwortete der This ohne Zögern. +Jetzt entstand ein solches Kichern, daß der This ganz scheu um sich +schaute. Ringsum waren spöttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle +Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich +so stark vornüber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem, +was der Herr Pfarrer das letztemal erklärte, hatte er nichts gehört, +weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mußte. Jetzt hatte +er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet.</p> + +<p>Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, daß es dem +This gar nicht zum Lachen war, sondern daß er vor Scheu ganz +erschrocken und zusammengeduckt dasaß, da schüttelte der Herr Pfarrer +nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: “Es ist nichts mit ihm zu +machen.”</p> + +<p>Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stürzte die ganze Schar +hinter dem This her, alle lachten überlaut und schrien durcheinander: +“This, sind dir auf einmal in der Kirche die Käsfische in den Sinn +gekommen?”</p> + +<p>“This, warum hast du nicht auch etwas von den Käsfischen gesagt?” Der +This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem +Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben +wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den +schönen Sonntagabend unten im Dorf genießen.</p> + +<p>Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt +einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhütte +hinaufflüchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen. +Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plätzchen sitzen und +vor Verfolgung sicher sein. Nun saß er wieder unter den Tannen und +über ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der +Sonne, und über den grünen Hängen floß da und dort ein klares Bächlein +friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, daß er allen +Spott vergaß und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr +weggehen zu müssen.</p> + +<p>Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er +beständig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie möglich +nieder. Denn er hatte das Gefühl, wenn der Franz Anton ihn wieder +hier sehe, so könnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein +Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und +einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und +in dessen Nähe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst +nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und +This saß an seinem schönen Plätzchen, bis die Sterne am Himmel standen +und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Hütte hinaustrat und +ausrief: “Gute Nacht geb euch Gott!” Dann erst lief der This wieder +davon, und spät wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht +hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber +das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefühlt +dort oben.</p> + +<p>So ging es eine ganze Woche. Tag für Tag, sobald er einen Augenblick +fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm +hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete +er die ganze Tätigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und +nie verließ er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton +gesagt hatte: “Gute Nacht geb euch Gott!” Es war ihm jetzt immer, als +sei der Nachtsegen auch für ihn gedacht.</p> + +<p>Es waren ausnahmsweise heiße Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg +jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend +niedergegangen war. Das Futter war besonders kräftig, und Franz Anton +bekam so schöne, fette Milch von den Alpenkühen, daß er die +prächtigsten Käse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude, +und schon frühmorgens konnte man ihn voller Vergnügen in seiner +Sennhütte pfeifen hören, so auch am Samstag dieser Woche. Da hörte +man ihn noch viel früher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem +der Senn seine drei oder vier fertigen Käse an den See hinunterbrachte. +Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie +auf seinem Rücken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwärts, +den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rücken. Es +war der heißeste Tag des ganzen Sommers.</p> + +<p>Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die übermäßige +Hitze, und oft sagte er zu sich: “O wie will ich froh sein, heute +abend wieder zu meiner Hütte hinauf in die kühle Luft zu kommen, hier +unten ist’s wie in einem Backofen.” Jetzt war er unten angelangt, +gerade als das Schiff herankam, das die Käse mitnehmen sollte. Bald +war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlüssig +da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten +etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fühlte keinen Appetit, sein Kopf +war schwer und heiß, er wünschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn +jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim +Einladen geholfen hatte. “Komm, Franz Anton, heute ist’s heiß, wir +wollen ein Glas Wein im Schatten trinken”, sagte er und zog den Senn +zu dem Wirtshaus.</p> + +<p>Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im +Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber +stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in +der schweren, heißen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht +an den Wein gewöhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit großen +Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in +seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiß auf +seinen Kopf, alle seine Pulse hämmerten, die Füße wurden ihm so schwer, +daß er sie nur mit Mühe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je +größer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der +Aussicht an, daß nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt +nur noch eine Viertelstunde heißer Mühe vor ihm liege. Dann würde er +oben sein und könne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.</p> + +<p>Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne +brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Plötzlich wurde es ihm völlig +schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stürzte er auf den +Boden nieder. Er hatte das Bewußtsein verloren.</p> + +<p>Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er, +daß der Franz Anton noch nicht zurückgekehrt war. Er stellte seine +Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem +Senn auszuschauen.</p> + +<p>Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz +Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte +er an seinem verborgenen Plätzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt, +den der Senn tat. Er wußte, wie eine Beschäftigung auf die andere +folgte, so daß er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der +Franz Anton seine Milch stehen ließ. Sonst goß er sie immer gleich in +die verschiedenen Gefäße. Die eine kam zum Buttern in die großen, +runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schön dick obenauf +lag. Die andere wurde in den Käsekessel gegossen, das hatte der This +durch die offene Hüttentür alles genau beobachten können. Der Senn +kam immer noch nicht. Der Junge fühlte, daß irgend etwas geschehen +sein mußte. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging +zur Sennhütte. Da war es still und leer unten im Hüttenraum und oben +auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut +war zu hören, alles wie ausgestorben. Ängstlich lief der This +jetzt um die Hütte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann +in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal—dort unten +erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu—da +lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stöhnte und lechzte wie +ein Sterbender. Er sah glühend heiß aus, und seine Lippen waren ganz +vertrocknet.</p> + +<p>Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor +Schrecken, auf seinen Wohltäter. Dann stürzte er in schnellem Lauf +den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewußtlos am +Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt +an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem +brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bücken +und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er für einen Augenblick, +denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.</p> + +<p>Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rühren. +Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das +Bewußtsein wieder, und er träumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er +heute früh im Vorübergehen noch die schönen Erdbeeren gesehen hatte. +Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die +Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber +jetzt hatte er plötzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte +sie ihm gegeben—und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der +Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlürfte und +schluckte, es war ein unsägliches Labsal. Er erwachte. War das alles +Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und +steckte ihm wieder eine große saftige Erdbeere in den Mund.</p> + +<p>“O du guter Engel, noch eine”, sagte leise der Franz Anton. Aber +nicht nur eine, fünf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf +einmal flog ein stechender Schmerz über sein Gesicht. Er legte die +Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: “Wasser”, dann war +ihm das Bewußtsein wieder völlig entschwunden. Er konnte nicht einmal +mehr die letzte Erdbeere genießen. Jetzt träumte er ganz schreckliche +Dinge. Sein Kopf wurde so groß wie sein allergrößtes Butterfaß und +dann immer noch größer und so furchtbar schwer, daß er mit Schrecken +dachte: “Den kannst du nie mehr allein tragen, man muß starke, +hölzerne Stützen unterstellen, wie unter die Apfelbäume, wenn sie +zuviel Äpfel tragen.” Und jetzt fühlte er deutlich, daß der Kopf ganz +voll Schießpulver war, das hatte einer von hinten angezündet. Nun +brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mußte alles +zerspringen. Aber dann kam plötzlich ganz kalt und belebend der +Schwemmebach über seine Stirn, über das ganze Gesicht und in den Mund +hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.</p> + +<p>Es war wahr, eiskalt kam ein Guß nach dem anderen auf Stirn und +Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den +kühlenden Trank ein. Über ihm standen die funkelnden Sterne, das +sah der Franz Anton deutlich. Er wußte auch, daß er noch am Boden lag +draußen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der +Schwemmebach sein, was so über ihn floß und ihn so ordentlich trinken +ließ. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend, +so erlösend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer. +Voller Dank sagte er nur halblaut: “Ach, lieber Gott, wie danke ich +dir für deine Güte und die hilfreichen Engel!”</p> + +<p>Das erquickende Wasserbad hörte nicht auf, und zuletzt fühlte der +Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schützend und +wohltuend, daß er sagte: “Da kann kein Feuer mehr durch.” Und beruhigt +schlief er jetzt ganz sanft ein und träumte nicht mehr.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="4_Kapitel">4. Kapitel<br><span class="small">Was die Sennenmutter haben will</span></h2> +</div> + + +<p>Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz +Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er +schauderte ein wenig zusammen, es fröstelte ihn. Er wollte sich +aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand +an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht. +Wohl sechsfach zusammengelegt lag naß und schwer das große Handtuch +aus der Sennhütte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der +frische Morgenwind über die Stirn blies, fühlte er sich so wohlig und +erleichtert, daß er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da +sah er auf einmal in zwei große, ernsthafte Augen hinein, die +unverwandt auf ihn gerichtet waren.</p> + +<p>“Bist du das, This?” fragte er verwundert, “Wie kommst du so früh auf +die Alm? Nun, weil du da bist, komm, daß ich mich ein wenig auf deine +Schulter stützen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf.”</p> + +<p>Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er +stemmte mit aller Gewalt seine beiden Füße in den Boden hinein, so daß +der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte. +Während des langsamen Aufstiegs zur Hütte, als er sich immer noch auf +die Schulter des Buben stützte, fing er an, sich daran zu erinnern, +was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgänge der +Nacht völlig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur +helfen. In der Hütte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner +dreibeinigen Stühle und sagte: “This, hol dir den anderen und setz +dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir +wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt +noch nicht machen. Ein Schüsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist +es denn hingekommen?” unterbrach sich der Senn, “ich stelle es +regelmäßig dort hinauf. Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht seit +gestern.”</p> + +<p>Der This war feuerrot geworden, er wußte wohl, wer das Schüsselchen +heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: “Dort steht’s am +Boden”, holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides +dem Senn. Dieser schüttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er +lebte, hatte er noch nie sein Schüsselchen dort bei der Tür auf den +Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine +Milch, füllte dann das Schüsselchen wieder und sagte: “Da, This, trink +auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, daß du so früh hinauf +kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Käsfischtag und du seist dann +sicher der erste?”</p> + +<p>“Nein, gewiß nicht”, versicherte This.</p> + +<p>“Sag mir jetzt etwas”, fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal +unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder +zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. “Sag mir, This, habe ich +denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute früh +heraufkamst?”</p> + +<p>Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn +alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht +recht, und er könnte böse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm +jetzt so tief in die Augen, daß er alles sagen mußte: “Ich habe es +selbst darauf gelegt”, fing er zaghaft an.</p> + +<p>“Warum denn, This?” fragte der Senn verwundert.</p> + +<p>“Weil sie so heiß waren”, erwiderte This.</p> + +<p>Der Senn staunte immer mehr. “Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang +erwacht”, sagte er. “Wann bist du denn heraufgekommen?”</p> + +<p>“Gestern um fünf, oder um vier Uhr”, stotterte der This furchtsam, +“der Melker kam erst lange nachher.”</p> + +<p>“Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn +gewollt und gemacht?”</p> + +<p>Jetzt sah der Franz Anton, daß dem This ganz bange wurde, ihm selber +aber fielen nun wieder die Vorgänge der letzten Nacht ein. Ganz +väterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd: +“Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fürchten, This. Da, trink noch +eins aus, und dann sag mir alles, was du weißt, von da an, als du hier +heraufgekommen bist.” Auf diese Ermunterung hin faßte der This neuen +Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zügen aus, denn sie schmeckte +herrlich.</p> + +<p>Dann fing er an zu berichten: “Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier +herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Käsfische. +Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie +nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden +gefunden, und Sie sind ganz rot und heiß gewesen und haben Durst +gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe +alle großen Erdbeeren gepflückt, die noch da waren, und habe sie Ihnen +gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf +den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Hütte +das Schüsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach +habe ich ihn gefüllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schüsselchen das +Wasser über den Kopf geschüttet und auch zu trinken gegeben, denn sie +haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin +ich zum Bach hinüber und habe ihn wieder gefüllt. Aber weil das +Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes +Tuch wurde den Kopf besser kühlen. Und so habe ich das Tuch aus der +Hütte geholt und es ganz naß auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann +trocken und heiß wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und +es dann wieder naß auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann +erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht +etwa krank werden.”</p> + +<p>Der Senn hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Jetzt stand alles +deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wußte auch +wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren +als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespürt und +genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und +verwundert an, als hätte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen +solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn möglich, daß +dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben +gerettet hatte.</p> + +<p>Hätte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelöscht, wer weiß, +was bis zum Morgen daraus geworden wäre! Und wie konnte dieser This, +dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung +fähig sein, daß er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn +pflegte! Dem großen, starken Franz Anton kamen die Tränen in die +Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles +überdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: “Wir +wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das +vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die +Glieder so, daß ich mich jetzt niederlegen muß. Geh du nun hinunter +zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir +nicht ganz wohl. Du mußt dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe +noch viel mit dir zu reden heute, vergiß es nicht!”</p> + +<p>Solange er lebte, war der This noch nie so glücklich gewesen. Er lief +springend den Berg hinunter, als könne er nicht hoch genug aufspringen +vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen, +und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in +die Sennhütte eintreten. Außerdem hatte der Franz Anton ihm noch +gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser +Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der +Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Häuschen +mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im +Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der +Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen, +denn er war ganz atemlos vom Laufen.</p> + +<p>“Woher kommst denn du?” fragte die sonntäglich gekleidete Frau, die +nicht gern etwas Unordentliches sah. Mißbilligend musterte sie den +Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntäglichen Anblick +in seinen zerfetzten Alltagshöschen und dem schmutzigen Hemdlein. +“Ich meine, ich habe dich schon dort drüben über dem Bach gesehen, du +bist wohl einer vom Hälmli-Sepp?”</p> + +<p>“Nein, nur der This”, erwiderte der Bub ganz demütig.</p> + +<p>Jetzt fiel der Frau ein, daß die Frau des Hälmli-Sepp einen +einfältigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts +zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. “Und was willst du +denn bei mir?” fragte sie nun erst recht verwundert.</p> + +<p>Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag +klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der +kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und daß er nach ihr schickte +und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes +Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in großer +Sorge das Nötigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem großen +Korb am Arm heraus.</p> + +<p>“Komm”, sagte sie zu This, “wir wollen gleich gehn. Warum mußt du +wieder mit?”</p> + +<p>“Ich weiß nicht”, antwortete er. Und fast als wäre es etwas Böses, +setzte er leise hinzu: “Muß ich nicht den Korb tragen?”</p> + +<p>“So, jetzt verstehe ich’s”, sagte die Frau, “der Franz Anton hat daran +gedacht, daß ich allerhand mitbringen will.” Sie gab dem This den Korb. +Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief +in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer +Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die +Krankheit gefährlich sein? Ihre Angst wurde immer größer, je näher +sie der Sennhütte kamen. Jetzt waren sie oben—nur noch einige +Schritte—der bekümmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast +nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie +schaute überall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn +tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem +Herzen stieg sie die Leiter hinauf.</p> + +<p>Der This blieb ehrerbietig draußen vor der Tür stehen, nur den Korb +schob er in die Hütte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll +über ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte +ihr fröhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter: +“Grüß dich Gott, Mutter! Das freut mich, daß du da bist. Ich habe +aber geschlafen wie ein Bär, die ganze Zeit, seit der This fortging.” +Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie +wußte gar nicht, was sie denken sollte. “Franz Anton”, sagte sie +jetzt ernsthaft, “was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weißt du, +daß du mich hast holen lassen?”</p> + +<p>“Ja, ja, Mutter”, lachte jetzt der Franz Anton, “jetzt bin ich ganz +bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir +noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir +reden. Ich fühl’s auch jetzt noch in den Knien zittern, ich käme noch +nicht weit.”</p> + +<p>“Aber was ist’s denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir’s doch”, +drängte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.</p> + +<p>“Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen”, +sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. “Sieh einmal +zuerst dort unten das schmale, magere Büblein an, das kein gutes Stück +Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder +nur den dummen This nennt.”</p> + +<p>Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn +hinaufspähte, ob er etwa wieder umfallen wolle.</p> + +<p>“Und jetzt?” fragte die Mutter gespannt.</p> + +<p>“Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Büblein nicht +gewesen wäre, so läge ich jetzt noch draußen auf dem Boden in einem +tödlichen Fieber, oder vielleicht wäre es auch schon vorbei mit mir.” +Und jetzt erzählte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag +zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen +und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch +auf der Welt es nicht besser hätte tun können.</p> + +<p>Die Mutter mußte sich mehrmals die Tränen abwischen. Sie stellte sich +vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da +draußen gelegen hätte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden +wäre, und kein Mensch hätte etwas von ihm gewußt. Und jetzt stieg ein +Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, daß sie laut ausrufen mußte: +“Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!” Aber auch eine solche +Liebe zu dem armen This überkam sie, daß sie ganz eifrig sagte: “Franz +Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hälmli-Sepp zurück! +Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat +sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen +mache ich ihm ein Gewand, daß man ihn ansehen darf. Er muß es nicht +schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir +geholfen hat.”</p> + +<p>“Das ist nun gerade, was ich wünschte, Mutter, aber ich mußte doch +zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben +und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein könnte. Es geht +nichts über eine Mutter!” Und der Franz Anton schaute sie so voller +Glück und Liebe an, daß es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich +dachte: Es geht auch nichts über einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte +sie: “Jetzt mußt du etwas essen, Franz Anton, daß du wieder zu Kräften +kommst. Ich habe frische Eier und ein Weißbrot mitgenommen, und jetzt +will ich Feuer machen, laß dir Zeit zum Herunterkommen.” Das mußte der +Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging. +Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er +sich selbst niedergesetzt hatte.</p> + +<p>“This”, sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend, +“willst du ein Senn werden?”</p> + +<p>Der This fing an zu lächeln, aber dann hörte er plötzlich die +vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen +hatte: “Aus dem wird nie etwas,”, “der kann nichts”, “der wird nichts”. +Und schüchtern antwortete er. “Ich kann nichts werden.”</p> + +<p>“This, ein Senn wirst du”, sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit. +“Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun +bleibst du bei mir und trägst Milch und Wasser und hilfst mir bei +allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Käse macht und sobald +du groß genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein +Gehilfe.”</p> + +<p>“Hier in der Schwemmebachsennhütte?” fragte This, dem die Aussicht auf +diese Glückseligkeit ganz unfaßbar war.</p> + +<p>“Alles hier, in der Schwemmebachsennhütte”, bestätigte der Franz Anton.</p> + +<p>Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden +Glücks, daß der Senn ihn nur ansehen mußte. Der Bub war wie +verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den großen +Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie +streichelte den Buben und sagte: “Ja, Thisli, heute wollen wir +miteinander fröhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen +wir dem lieben Gott dafür danken, daß er dich gerade zur rechten Zeit +in die Nähe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch +begreift, warum du da heraufgekommen bist.”</p> + +<p>Jetzt begann das fröhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben +hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen. +Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weißbrot hingelegt +und daneben Butter und weißen Käse. Und mitten auf dem Tisch stand +eine große Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die +Mutter große, dicke Stücke vor den This hin, und wenn er fertig war, +gab es gleich noch einmal so viel.</p> + +<p>Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie: +“Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muß bei dir oben +bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es +nötig ist. Der Frau des Hälmli-Sepp will ich schon alles berichten.”</p> + +<p>Das war dem Sennen recht, und für den This war es das höchste Glück, +das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton. +Nicht mehr verborgen unter den Tannenbäumchen hörte er heute den +Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als +dieser seine Hände faltete und sagte: “Komm, This, nun beten wir den +Abendsegen.” Andächtig faltete auch er seine Hände, und als am Schluß +der Senn sagte: “Gute Nacht geb euch Gott!”, da war das Glück im +Herzen des This so groß, daß er gern überlaut allen Menschen auf der +ganzen Welt sagen wollte: ‘Gute Nacht geb euch Gott!’</p> + +<p>Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinüber zu der Frau des +Hälmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und +gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzählten. +Die Sennin hörte, daß von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der +Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hälmli-Sepp erklärte, +daß sie mit ihrem Sohn übereingekommen sei, sie wollten den This bei +sich annehmen, da machte die Frau einen großen Lärm. Sie sagte, sie +sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien für +den Senn eine größere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien +alle aus vollen Hälsen: “Mich! Mich! Mich!” Denn sie wußten wohl, +wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhütte für gute +Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.</p> + +<p>Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn +schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen +This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das +Hänseln und Verspotten unterlassen, sonst hätten sie es mit ihrem Sohn +zu tun. Der rede dann mit seinen kräftigen Armen eine deutlichere +Sprache mit den Buben, als sie es jetzt könnte. Dann verließ die +Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblüfft nachschauten, +und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wäre, +der wird’s gut haben, wie ein König wird er da oben in seiner +Sennhütte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen ließ, +liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund +sein. Denn sie mußten alle an den letzten Käsfischtag denken, als der +This so übel behandelt worden war. Von nun an würde er ja gewiß alle +Käsfische allein bekommen, da wäre doch jeder gut daran, der sein +Freund wäre. Und später waren sie auch alle gut daran, denn dem This +machte es die größte Freude, die reiche Ernte der Käsfische unter +allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darüber +wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie +mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte +sich zur Überraschung aller, daß er auf einmal ein ganz flinkes, +geschicktes Bürschchen war, von dem jeder sagen mußte: “Entweder ist +das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den +dummen This zu nennen.” Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit, +sein liebster Schüler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei +allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die +anderen Buben könnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.</p> +<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS +WIRD ***</div> +<div style='text-align:left'> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Updated editions will replace the previous one—the old editions will +be renamed. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part +of this license, apply to copying and distributing Project +Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ +concept and trademark. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online +at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you +are not located in the United States, you will have to check the laws of the +country where you are located before using this eBook. +</div> +<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Vom This, der doch etwas wird</div> +<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Johanna Spyrin</div> +<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: October 29, 2011 [EBook #9859]<br> +Release Date: February, 2006<br> +First Posted: October 25, 2003<br>Last Updated: July 29, 2023</div> +<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div> +<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div> +<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: Delphine Lettau</div> +<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS +WIRD ***</div> + + + +<h1>Vom This, der doch etwas wird</h1> + +<p class="center p2">Erzählung</p> + +<p class="center big">Johanna Spyri</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="1_Kapitel">1. Kapitel<br><span class="small">Alle gegen einen</span></h2> +</div> + + + +<p>Wenn man den Seelisberg von der Rückseite her besteigt, kommt man auf +eine frische, grüne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die +friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem +schönen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenährten Kühe +ziehen lieblich läutend immer hin und her. Denn jede trägt am Hals +ihre Glocke, damit man immer hört, wo sie ist. So kann sich keine Kuh +unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Sträuchern bedeckte Felswand +liegt, über die sie hinunterstürzen könnte. Es ist außerdem ein +ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben können. Aber die +Glocken sind doch notwendig und tönen so freundlich hin und her, daß +keiner sie entbehren möchte. Am Bergabhang stehen hie und da +vereinzelt die kleinen, hölzernen Häuser, und nicht selten rauscht +daneben ein schäumender Bach ins Tal hinab. ‘Am Berghang’ heißt es +hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Häuschen steht auf +ebenem Boden. Es ist, als wären sie irgendwie an den Berg hingeworfen +worden und da hängengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da +oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie +alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der +kleinen, hölzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt +in ihre Nähe, so sieht man, daß ein großer Unterschied zwischen ihnen +ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nähe ganz +verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen +ihnen stürzt der größte Bergbach der Gegend, der schäumende +Schwemmebach, hinunter.</p> + +<p>Am ersten Häuschen blieben auch an den schönsten Sommertagen alle die +kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die +hineindrang, kam durch die Löcher der zerbrochenen Scheiben. Das war +aber nicht viel, denn die Löcher waren wieder mit Papier verklebt, +damit man im Winter drinnen nicht frieren mußte. An dem hölzernen +Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war +so zerfallen, daß es ein Wunder war, daß alle die kleinen Kinder, die +da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie +hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder +waren alle mit Schmutz überdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen +Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag über da +herum, und am Abend kamen vier größere Kinder dazu. Drei kräftige +Buben und ein Mädchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich +aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie +konnten sich doch schon selbst waschen.</p> + +<p>Das Häuschen über dem Bach drüben hatte einen ganz anderen Charakter. +Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeräumt +aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drüben. Die +Stufen sahen immer so aus, als wären sie eben gescheuert worden. Und +oben auf der Galerie standen drei schöne Nelkenstöcke und dufteten den +ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen +Fenstern stand offen und ließ die schöne, sonnige Bergluft herein. +Dort konnte man meistens eine noch kräftig aussehende Frau sitzen +sehen, mit schönem, weißem Haar, das sie sehr ordentlich unter das +schwarze Häubchen zurückgestrichen hatte. Sie flickte gewöhnlich an +einem Männerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber +gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so +adrett und reinlich aus, als wäre noch nie etwas Unsauberes an sie +herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des +fröhlichen Franz Anton mit den kräftigen Armen. Der machte den Sommer +über in der oberen Sennhütte seine Käse, und erst im Spätherbst zog er +wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn +dann butterte er in der unteren Sennhütte, die ganz nahe lag. Da über +den reißenden Schwemmebach kein Steg führte, waren die zwei Häuschen +ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg +wohnten, besser, als diese Nachbarn über dem Bach, zu denen sie nur +etwa einmal am Tag stumm hinüberschaute. Gewöhnlich schüttelte sie +dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter +und schmutzigen Fetzen drüben an den Kindern sah. Sie schaute aber +nicht oft hinüber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber +betrachtete sie, wenn das Feierabendstündchen kam, ihre roten Nelken +auf der Galerie oder sie schaute über den grünen, sonnigen Abhang +hinunter, der vor ihrem Häuschen zum Tal hinabstieg.</p> + +<p>Die verwilderten Kinder über dem Bach gehörten dem Hälmli-Sepp, wie er +genannt wurde, der seine Arbeit außer Haus beim Holzfällen oder +Heumachen suchte. Außerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So +war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die +Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele +kleine Kinder könne man nicht in Ordnung halten, und später würde es +dann von selbst besser. So ließ sie alles gehn, wie es ging. Und in +der schönen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und +ließen sich’s, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl +sein. Zur Sommerzeit waren die vier Größeren den ganzen Tag draußen, +um die Kühe zu hüten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen, +wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten +bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kühe auf das +umliegende Weideland hinaus und mußten sie hüten lassen. Das ist +immer eine lustige Zeit für die Buben und Mädchen, die sich dort zu +jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei fröhliche Sachen +miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten +im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere +Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer +über ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstück nach Hause, +das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier +Kleinen zu ernähren und für alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn +diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mußte doch jedes haben +und die vier Großen noch ein Stück dazu. Eine Kuh hatte der +Hälmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaßen, +wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.</p> + +<p>Hälmli-Sepp hieß der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum +nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine +Geiß und ein Stück Kartoffelland, damit mußte die Frau mit den vier +Kleinen den Sommer über auskommen und auch hier und da noch eines der +Größeren speisen, wenn es draußen keine Arbeit fand. Der Vater kam im +Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein +Häuschen und Acker waren so verschuldet, daß er das ganze Jahr über +etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten +konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel +er fand.</p> + +<p>So mußte die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte +keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von +der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der +verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten, +schaute sie über den Bach zu dem schmucken Häuschen der Sennerin +hinüber, dessen Scheiben in der Sonne glänzten. Dann sagte sie +ärgerlich vor sich hin: “Ja, die dort kann schon putzen und alles +sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner.” Dann ging +sie wieder ärgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurück, und an dem, +der ihr zuerst in den Weg kam, ließ sie den Ärger aus.</p> + +<p>Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht +ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Häuschen vom +Hälmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur ‘der +dumme This’ genannt, sah so mager und dürftig aus, daß man ihn kaum +für achtjährig gehalten hätte. Er schaute auch so scheu und +verschüchtert drein, daß niemand wußte, wie der This eigentlich aussah, +denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach. +This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum +zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel später über die Felsen +in die Tiefe gestürzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam +und den Weg abkürzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte +nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem +großen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This +hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend, +eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen +Matthis genannt.</p> + +<p>Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Häuschen vom +Hälmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstätte mit seinem Büblein +gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben +Ort. Das wenige Geld, das für den kleinen This von der Gemeinde +bezahlt wurde, war der Frau des Hälmli-Sepp sehr erwünscht. Und in +die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, für die +schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This +war schon von Natur aus ein schüchternes und stilles Büblein gewesen. +Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das große Unglück +gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem +Unglück wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.</p> + +<p>So saß der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein +Wort zu hören, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann +seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des +Hälmli-Sepp gehörte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde +von jedem angefahren und hin und her gestoßen, weil er sich nie wehrte. +Zu all den Püffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen +dann noch die bösen Worte der Frau, wenn sie den Ärger über das +saubere Häuschen der Sennerin drüben hatte. Der This wehrte sich aber +nie, denn er hatte das Gefühl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so +nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und +verschüchtert, daß man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her +vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn +anrief. Er sah überhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch, +wo er in die Erde hineinkriechen könnte, daß ihn keiner mehr fände.</p> + +<p>So war es gekommen, daß die vier Großen vom Hälmli-Sepp, der Jopp, der +Hans, der Uli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: “Du +bist doch ein dummer This”, und daß es die vier Kleinen auch +nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals +dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es +werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch ‘der dumme +This’ genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten könnte, +wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kühe zu hüten, und war +er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke +oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da saß er +meistens zitternd vor Furcht, denn er hörte wohl, wie die anderen +Buben ihn mit großem Geschrei suchten, daß er bei den Spielen +mitmachte, die sie spielen wollten.</p> + +<p>Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prügeln, und das traf +regelmäßig den This am stärksten, da er sich nicht wehrte und auch +nicht wehren konnte gegen die viel Stärkeren. So verkroch er sich, +sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kühe, wohin sie wollten +und fraßen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann großen Ärger, und +jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kühe zu hüten, und keiner +stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld, +wenn die Buben zum Jäten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da +warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblüten an den +Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem +anderen reichlich zurück, was er empfangen hatte. Der This gab aber +nichts zurück, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen +Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen +gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten +die Knollen an den Rücken und an den Kopf.</p> + +<p>Während aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten, +versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den +Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit +nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller +Arbeit zu dumm und aus dem This könne nie etwas werden. Weil er nun +gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er +auch von der Frau des Hälmli-Sepp demgemäß behandelt. Wenn schon die +eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es +meistens, daß für den This gar nichts mehr übrigblieb und es dann hieß: +“Du wirst wohl etwas finden, du bist groß genug.” Wie der This +eigentlich ernährt wurde, wußte niemand, auch die Frau des Hälmli-Sepp +nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.</p> + +<p>Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen +Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tür +vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in +seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich +wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer +scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="2_Kapitel">2. Kapitel<br><span class="small">Bei der Schwemmebachsennhütte</span></h2> +</div> + + + +<p>An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle +Mücken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hüterbuben und—mädchen. +Sie mußten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp, +von allen der Größte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle +nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, daß man jetzt zur +Schwemmebachsennhütte hinaufgehe, denn heute sei der Käsfischtag. Nun +müsse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kühe +hüten solle, während die anderen sich zu dem Festmahl begeben würden. +Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust, +sich für die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue +Uli auf den Gedanken, man könnte einmal den dummen This zwingen, auf +die Kühe acht zu geben. Und damit er’s nicht vergesse, könnte man ihn +im voraus ein wenig durchprügeln. Der Vorschlag fand Anklang, und +schon wollten mehrere von den Anführern der Schar den This holen, als +das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: “Das ist gar nichts +Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den +Lohn dafür, wenn wir wieder zurückkommen und die Kühe sich verlaufen +haben. Ihr werdet doch nicht glauben, daß der This, wenn er zu dumm +ist, zwei Kühe zu hüten, auf einmal zwanzig hüten kann. Man muß losen, +und drei müssen bei den Kühen bleiben, sonst ist’s nichts.” Lisis +Erklärung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus +der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet +der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der +siegreichen Schar den Rücken und setzte sich auf den Boden neben seine +beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stürzte nun +die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuß +entgegen.</p> + +<p>Der Käsfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die +es nie unterließen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen +sollte. Denn das war ein Hauptfest für sie. Das war der Tag, an dem +der Franz Anton seine frischen Käse rundum beschnitt, nachdem diese +als weiche Masse in die runde, hölzerne Form gepreßt worden waren. +Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von +der Masse herausdrängte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie +eine lange, schneeweiße Wurst. Die wurde dann in viele Stücke +gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt. +Das waren dann die sogenannten Käsfische. Dieses Fest wiederholte +sich den Sommer über alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem +Freudengeschrei begrüßt.</p> + +<p>This hatte sich hinter dem großen Distelbusch am Boden versteckt +gehalten, während die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton +von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hörte, +daß die große Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig +hervor. Die drei grollenden Zurückgebliebenen saßen am Boden und +kehrten ihm den Rücken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stück +die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der +Höhe hernieder. Den This erfaßte ein unwiderstehliches Verlangen, +auch an der Käsfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlüpfte er +hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er +hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem +letzten steilen Hang kam eine kleine, glänzend grüne Hochebene, da +stand die Sennhütte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der +klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tür seiner Hütte stand der +Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte über +die vielen Sprünge, die jetzt die Buben und Mädchen in ihrem Eifer, zu +dem ersehnten Genuß zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt +waren sie alle bei der Hütte und eines drängte das andere vorwärts, um +noch näher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen würde.</p> + +<p>“Nur zahm, nur zahm”, lachte jetzt der Franz Anton. “Wenn ihr alle in +die Hütte hineindrängt, so habe ich keinen Platz mehr zum +Käseschneiden und ihr habt den Schaden.” Jetzt nahm er sein festes +Messer zur Hand und trat an den großen, runden Käse heran, den er +schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden +ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweißen +Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stück und da ein +Stück, oft über die Köpfe der Großen weg den Kleinen, die nicht zu ihm +vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner +Teilung.</p> + +<p>This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen +wollte, so bekam er da einen Stoß und dort einen und flog so von einer +Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer +wieder ein Größerer und Dickerer sich vor ihn drängte. Zuletzt bekam +er einen so ungeheuren Stoß von dem breiten, nach allen Seiten +schlagenden Jopp, daß er sich fast überschlagen hätte. Die Teilung +war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, daß er zu keinem +Stückchen Käsfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine +Schläge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die +jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den +Bäumchen. Auf der höchsten Krone des einen saß ein lustiger, kleiner +Vogel und pfiff so fröhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als +gäbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und +Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, daß er fast das +Leid vergaß, das ihm eben geschehen war.</p> + +<p>Von Zeit zu Zeit mußte er nach der Sennhütte hinüberschauen, denn das +Lärmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stück Käsfisch +wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie +jedes Kind mit einem größeren oder kleineren Brocken der schönen, +weißen Masse dastand und mit Wonne hineinbiß. Er seufzte dann ein +wenig und sagte leise: “Wenn ich nur auch einmal ein einziges +Stücklein bekäme!” Der This hatte niemals von den herrlichen, weißen +Käsfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie +heute in die Schar der Glücklichen einzudringen. Jetzt hatte er +gesehen, daß es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut +zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlußgedanken, daß er +sein Leben lang nie einen Käsfisch bekommen werde. Darüber wurde er +so traurig, daß er nicht einmal den Vogel mehr hörte und ganz +zusammengeduckt unter den Tannenbäumen saß.</p> + +<p>Jetzt war das Gastmahl bei der Hütte zu Ende und mit schrecklichem +Lärm stürzten die Kinder daher, womöglich immer einer über den anderen +hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall +brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der +lärmende Hans, und laut schrie er in das Gebüsch hinein: “Du Maulwurf, +komm heraus, du mußt mitmachen!” This verstand, was er mitzumachen +hatte. Er mußte sich als Bock hinstellen, damit die anderen über ihn +springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wäre +viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wußte wohl, +was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er +gehorsam heran. “Wie viele Käsfische hast du bekommen?” schrie ihn +jetzt der Hans an.</p> + +<p>“Keinen”, gab This zurück. “Oho, seht einmal den an”, schrie der Hans +noch lauter in die Schar hinein, “der läuft schnell zu den Käsfischen, +und dann läuft er wieder fort und hat keinen gesehen.” “Du dummer +This”, rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die großen +Buben über den Kopf weg, so daß er genug zu tun hatte, nur immer +wieder auf die Füße zu kommen, wenn er umgeworfen worden war. +Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestürzter die Abhänge +hinunter, bis ein glücklicher Zufall sie wieder alle auf die Füße +brachte. Nach dieser stürmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen +gleich alle auseinander, jeder seinen Kühen nach.</p> + +<p>Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn +jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den +Zurückgebliebenen, weil er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem +Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben +und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im +Berghang, wo im Frühling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und +den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und +ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schöne, dunkelrote +Erdbeeren in der Sonne, die so schön warm in die Vertiefung schien. +Aber dem This war es überall angst und bang, wenn er noch in der Nähe +der Häuser und der Hüterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden +Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der +This zuckte scheu und ängstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer +dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch +einmal an das stille Plätzchen unter den kleinen Tannenbäumchen dort +oben und an das pfeifende Vögelein, so daß es ihn mit Gewalt vom Boden +zog. Er mußte noch einmal dorthin.</p> + +<p>Mit allen Kräften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht +einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die +Tannenbäumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein +Tannenversteck ein wenig offen. Da saß nun der This in völliger +Sicherheit. Ringsum war eine große Stille, kein Ton drang von unten +her bis hier auf die einsame Höhe, nur das Vögelein saß noch auf +seinem Tannenast und pfiff sein fröhliches Lied. Die Sonne wollte +untergehen. Die hohen Schneeberge drüben fingen zu flimmern und zu +glühen an, und über die ganze grüne Alm hin lag das golden schimmernde +Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie +gekanntes Wohlsein kam über ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und +Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fürchten, denn weit und +breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hören.</p> + +<p>So saß der This eine lange Zeit, und am liebsten wäre er gar nicht +mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben +gewesen. Aber da hörte er schwere Tritte hinter sich von der Hütte +her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiß +wollte er zum Bach hinüber, um Wasser zu holen. This verhielt sich +mäuschenstill. Denn er war so daran gewöhnt, daß er von jedermann +angefahren oder ausgelacht wurde, daß er dachte, der Senn werde es +gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die +Bäumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton +wurde aufmerksam, trat näher und guckte in den Tannenbusch hinein.</p> + +<p>“Was machst du denn da drinnen?” fragte der Senn mit lustigem Gesicht.</p> + +<p>“Nichts”, erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.</p> + +<p>“Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fürchten, wenn du nichts +Böses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa +mit deinen Käsfischen da hineingeflüchtet, daß du sie in Ruhe +verzehren kannst?”</p> + +<p>“Nein, ich habe keine Käsfische gehabt”, sagte This ängstlich.</p> + +<p>“Nicht? Und warum denn nicht?” fragte der Senn in einer Weise, wie +sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem +Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte—das Zutrauen zu einem +Menschen.</p> + +<p>“Sie haben mich auf die Seite gestoßen”, erwiderte er nun und stand +hinter den buschigen Zweigen auf.</p> + +<p>“So, jetzt kann man dich doch sehen”, fuhr der Senn freundlich fort, +“komm noch ein wenig näher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn +sie dich wegstoßen? Es stößt ja immer einer den anderen, aber zuletzt +kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?”</p> + +<p>“Sie sind stärker”, sagte der This so überzeugend, daß diese Erklärung +wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den +Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, großen Franz Anton wie +ein dünnes Stöcklein vor einer hohen Tanne. Der kräftige Mann +betrachtete einen Augenblick das schmale Figürchen, an dem tatsächlich +fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht +schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.</p> + +<p>“Wem gehörst du?” fragte er jetzt den Buben.</p> + +<p>“Niemand”, gab This zur Antwort.</p> + +<p>“Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?”</p> + +<p>“Beim Hälmli-Sepp.”</p> + +<p>Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. “Ach so, bist du der!” +sagte er verständnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar +nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehört, ihn aber nicht +gekannt.</p> + +<p>“Komm einmal mit mir”, sagte er mitleidig. “Wenn du beim Hälmli-Sepp +bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hälmlein. +Komm, Käsfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes.”</p> + +<p>Der This wußte gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz +Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und +das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Hütte, holte +hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein großes +Stück ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfaß, das goldig glänzend +in der Ecke stand, und holte ein großes Stück Butter heraus. Das +strich er über die Brotschnitte und reichte nun das feste Stück mit +der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte +der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es +nicht möglich, daß es ihm gehöre.</p> + +<p>“Komm heraus. Iß es vor der Hütte, ich muß nun zum Wasser”, sagte +Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glück und +Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte. +Vor der Hütte setzte er sich auf den Boden. Und während der Senn zum +Schwemmebach hinüberging, biß er in sein Butterbrot hinein und biß +immer wieder und konnte nicht begreifen, daß es etwas so Gutes gäbe +und er es bekommen hätte.</p> + +<p>Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und +wiegte unten die Tannenbäumchen hin und her, und der kleine Vogel saß +immer noch auf dem höchsten Zweig und sang hell und fröhlich in den +goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie +gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er müsse laut mit dem Vogel zu +singen anfangen.</p> + +<p>Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her +gegangen. Drüben beim Schwemmebach war er immer eine Weile +stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr +rot vom Abendschein, aber jetzt stieg groß und golden der volle Mond +hinter dem weißen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Hütte +zurück und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle +saß.</p> + +<p>“So gefällt’s dir hier?” fragte er freundlich. “Mit dem Abendessen +bist du fertig, wie ich sehe. Du mußt dich auf den Rückweg machen. +Sieh, wie schön dir der Mond heimleuchtet!”</p> + +<p>Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel +ihm ein, daß es wohl nötig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem +Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den +Tannenbäumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurück. Er schaute noch +einmal zurück, und da der Senn in die Hütte getreten war und ihn nicht +mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz +Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Güte +und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen +Eindruck gemacht, daß er nicht fort konnte. Er mußte noch ein wenig +in der Nähe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen +unter den Bäumchen und spähte zu der Hütte hinauf, ob er den Senn +nicht noch einmal sähe. Es dauerte einige Zeit, da plötzlich trat +Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Hütte heraus.</p> + +<p>Er blieb vor der Tür stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die +stille Bergwelt hinaus, wo jetzt über alle hohen Schneegipfel hin das +milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt +der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen +Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hände. Er hielt wohl still +seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: “Gute Nacht +geb euch Gott!” trat in die Hütte zurück und machte die Tür zu. Sein +Nachtgruß hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum +und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller +Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fühlte Liebe und +Bewunderung für den Senn, Gefühle, die er bisher nicht gekannt hatte.</p> + +<p>Als es nun ganz dunkel und still in der Hütte wurde, stand der This +auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.</p> + +<p>Es war spät und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich, +die Tür war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Häuschen und +schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser +schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: “Es +ist bequem, daß der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden. +So hat man doch Platz!”</p> + +<p>This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er +immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit +gefalteten Händen vor seiner Hütte stand. Zum erstenmal in seinem +Leben schlief der This mit einem glücklichen Herzen ein.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="3_Kapitel">3. Kapitel<br><span class="small">Ein hilfreicher Engel</span></h2> +</div> + + + +<p>Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten, +mußten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges +gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr +Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze +Schar den Berghang herunter, und bald saßen sie alle mit anderen +Kindern so ruhig wie möglich auf den langen Bänken, und der Herr +Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von +einem zukünftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den +This fiel, fuhr er fort: “Ich will dich auch einmal wieder etwas +fragen, das wirst du wohl beantworten können, wenn man dir auch nicht +viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Ärmsten +und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben geführt hat, so +wohl werden, daß er kein Leid verspürt?”</p> + +<p>“Bei der Schwemmebachsennhütte”, antwortete der This ohne Zögern. +Jetzt entstand ein solches Kichern, daß der This ganz scheu um sich +schaute. Ringsum waren spöttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle +Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich +so stark vornüber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem, +was der Herr Pfarrer das letztemal erklärte, hatte er nichts gehört, +weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mußte. Jetzt hatte +er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet.</p> + +<p>Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, daß es dem +This gar nicht zum Lachen war, sondern daß er vor Scheu ganz +erschrocken und zusammengeduckt dasaß, da schüttelte der Herr Pfarrer +nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: “Es ist nichts mit ihm zu +machen.”</p> + +<p>Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stürzte die ganze Schar +hinter dem This her, alle lachten überlaut und schrien durcheinander: +“This, sind dir auf einmal in der Kirche die Käsfische in den Sinn +gekommen?”</p> + +<p>“This, warum hast du nicht auch etwas von den Käsfischen gesagt?” Der +This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem +Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben +wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den +schönen Sonntagabend unten im Dorf genießen.</p> + +<p>Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt +einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhütte +hinaufflüchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen. +Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plätzchen sitzen und +vor Verfolgung sicher sein. Nun saß er wieder unter den Tannen und +über ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der +Sonne, und über den grünen Hängen floß da und dort ein klares Bächlein +friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, daß er allen +Spott vergaß und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr +weggehen zu müssen.</p> + +<p>Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er +beständig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie möglich +nieder. Denn er hatte das Gefühl, wenn der Franz Anton ihn wieder +hier sehe, so könnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein +Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und +einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und +in dessen Nähe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst +nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und +This saß an seinem schönen Plätzchen, bis die Sterne am Himmel standen +und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Hütte hinaustrat und +ausrief: “Gute Nacht geb euch Gott!” Dann erst lief der This wieder +davon, und spät wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht +hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber +das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefühlt +dort oben.</p> + +<p>So ging es eine ganze Woche. Tag für Tag, sobald er einen Augenblick +fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm +hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete +er die ganze Tätigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und +nie verließ er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton +gesagt hatte: “Gute Nacht geb euch Gott!” Es war ihm jetzt immer, als +sei der Nachtsegen auch für ihn gedacht.</p> + +<p>Es waren ausnahmsweise heiße Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg +jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend +niedergegangen war. Das Futter war besonders kräftig, und Franz Anton +bekam so schöne, fette Milch von den Alpenkühen, daß er die +prächtigsten Käse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude, +und schon frühmorgens konnte man ihn voller Vergnügen in seiner +Sennhütte pfeifen hören, so auch am Samstag dieser Woche. Da hörte +man ihn noch viel früher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem +der Senn seine drei oder vier fertigen Käse an den See hinunterbrachte. +Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie +auf seinem Rücken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwärts, +den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rücken. Es +war der heißeste Tag des ganzen Sommers.</p> + +<p>Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die übermäßige +Hitze, und oft sagte er zu sich: “O wie will ich froh sein, heute +abend wieder zu meiner Hütte hinauf in die kühle Luft zu kommen, hier +unten ist’s wie in einem Backofen.” Jetzt war er unten angelangt, +gerade als das Schiff herankam, das die Käse mitnehmen sollte. Bald +war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlüssig +da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten +etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fühlte keinen Appetit, sein Kopf +war schwer und heiß, er wünschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn +jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim +Einladen geholfen hatte. “Komm, Franz Anton, heute ist’s heiß, wir +wollen ein Glas Wein im Schatten trinken”, sagte er und zog den Senn +zu dem Wirtshaus.</p> + +<p>Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im +Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber +stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in +der schweren, heißen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht +an den Wein gewöhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit großen +Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in +seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiß auf +seinen Kopf, alle seine Pulse hämmerten, die Füße wurden ihm so schwer, +daß er sie nur mit Mühe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je +größer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der +Aussicht an, daß nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt +nur noch eine Viertelstunde heißer Mühe vor ihm liege. Dann würde er +oben sein und könne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.</p> + +<p>Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne +brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Plötzlich wurde es ihm völlig +schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stürzte er auf den +Boden nieder. Er hatte das Bewußtsein verloren.</p> + +<p>Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er, +daß der Franz Anton noch nicht zurückgekehrt war. Er stellte seine +Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem +Senn auszuschauen.</p> + +<p>Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz +Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte +er an seinem verborgenen Plätzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt, +den der Senn tat. Er wußte, wie eine Beschäftigung auf die andere +folgte, so daß er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der +Franz Anton seine Milch stehen ließ. Sonst goß er sie immer gleich in +die verschiedenen Gefäße. Die eine kam zum Buttern in die großen, +runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schön dick obenauf +lag. Die andere wurde in den Käsekessel gegossen, das hatte der This +durch die offene Hüttentür alles genau beobachten können. Der Senn +kam immer noch nicht. Der Junge fühlte, daß irgend etwas geschehen +sein mußte. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging +zur Sennhütte. Da war es still und leer unten im Hüttenraum und oben +auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut +war zu hören, alles wie ausgestorben. Ängstlich lief der This +jetzt um die Hütte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann +in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal—dort unten +erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu—da +lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stöhnte und lechzte wie +ein Sterbender. Er sah glühend heiß aus, und seine Lippen waren ganz +vertrocknet.</p> + +<p>Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor +Schrecken, auf seinen Wohltäter. Dann stürzte er in schnellem Lauf +den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewußtlos am +Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt +an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem +brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bücken +und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er für einen Augenblick, +denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.</p> + +<p>Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rühren. +Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das +Bewußtsein wieder, und er träumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er +heute früh im Vorübergehen noch die schönen Erdbeeren gesehen hatte. +Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die +Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber +jetzt hatte er plötzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte +sie ihm gegeben—und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der +Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlürfte und +schluckte, es war ein unsägliches Labsal. Er erwachte. War das alles +Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und +steckte ihm wieder eine große saftige Erdbeere in den Mund.</p> + +<p>“O du guter Engel, noch eine”, sagte leise der Franz Anton. Aber +nicht nur eine, fünf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf +einmal flog ein stechender Schmerz über sein Gesicht. Er legte die +Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: “Wasser”, dann war +ihm das Bewußtsein wieder völlig entschwunden. Er konnte nicht einmal +mehr die letzte Erdbeere genießen. Jetzt träumte er ganz schreckliche +Dinge. Sein Kopf wurde so groß wie sein allergrößtes Butterfaß und +dann immer noch größer und so furchtbar schwer, daß er mit Schrecken +dachte: “Den kannst du nie mehr allein tragen, man muß starke, +hölzerne Stützen unterstellen, wie unter die Apfelbäume, wenn sie +zuviel Äpfel tragen.” Und jetzt fühlte er deutlich, daß der Kopf ganz +voll Schießpulver war, das hatte einer von hinten angezündet. Nun +brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mußte alles +zerspringen. Aber dann kam plötzlich ganz kalt und belebend der +Schwemmebach über seine Stirn, über das ganze Gesicht und in den Mund +hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.</p> + +<p>Es war wahr, eiskalt kam ein Guß nach dem anderen auf Stirn und +Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den +kühlenden Trank ein. Über ihm standen die funkelnden Sterne, das +sah der Franz Anton deutlich. Er wußte auch, daß er noch am Boden lag +draußen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der +Schwemmebach sein, was so über ihn floß und ihn so ordentlich trinken +ließ. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend, +so erlösend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer. +Voller Dank sagte er nur halblaut: “Ach, lieber Gott, wie danke ich +dir für deine Güte und die hilfreichen Engel!”</p> + +<p>Das erquickende Wasserbad hörte nicht auf, und zuletzt fühlte der +Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schützend und +wohltuend, daß er sagte: “Da kann kein Feuer mehr durch.” Und beruhigt +schlief er jetzt ganz sanft ein und träumte nicht mehr.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="4_Kapitel">4. Kapitel<br><span class="small">Was die Sennenmutter haben will</span></h2> +</div> + + +<p>Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz +Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er +schauderte ein wenig zusammen, es fröstelte ihn. Er wollte sich +aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand +an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht. +Wohl sechsfach zusammengelegt lag naß und schwer das große Handtuch +aus der Sennhütte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der +frische Morgenwind über die Stirn blies, fühlte er sich so wohlig und +erleichtert, daß er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da +sah er auf einmal in zwei große, ernsthafte Augen hinein, die +unverwandt auf ihn gerichtet waren.</p> + +<p>“Bist du das, This?” fragte er verwundert, “Wie kommst du so früh auf +die Alm? Nun, weil du da bist, komm, daß ich mich ein wenig auf deine +Schulter stützen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf.”</p> + +<p>Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er +stemmte mit aller Gewalt seine beiden Füße in den Boden hinein, so daß +der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte. +Während des langsamen Aufstiegs zur Hütte, als er sich immer noch auf +die Schulter des Buben stützte, fing er an, sich daran zu erinnern, +was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgänge der +Nacht völlig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur +helfen. In der Hütte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner +dreibeinigen Stühle und sagte: “This, hol dir den anderen und setz +dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir +wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt +noch nicht machen. Ein Schüsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist +es denn hingekommen?” unterbrach sich der Senn, “ich stelle es +regelmäßig dort hinauf. Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht seit +gestern.”</p> + +<p>Der This war feuerrot geworden, er wußte wohl, wer das Schüsselchen +heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: “Dort steht’s am +Boden”, holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides +dem Senn. Dieser schüttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er +lebte, hatte er noch nie sein Schüsselchen dort bei der Tür auf den +Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine +Milch, füllte dann das Schüsselchen wieder und sagte: “Da, This, trink +auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, daß du so früh hinauf +kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Käsfischtag und du seist dann +sicher der erste?”</p> + +<p>“Nein, gewiß nicht”, versicherte This.</p> + +<p>“Sag mir jetzt etwas”, fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal +unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder +zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. “Sag mir, This, habe ich +denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute früh +heraufkamst?”</p> + +<p>Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn +alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht +recht, und er könnte böse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm +jetzt so tief in die Augen, daß er alles sagen mußte: “Ich habe es +selbst darauf gelegt”, fing er zaghaft an.</p> + +<p>“Warum denn, This?” fragte der Senn verwundert.</p> + +<p>“Weil sie so heiß waren”, erwiderte This.</p> + +<p>Der Senn staunte immer mehr. “Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang +erwacht”, sagte er. “Wann bist du denn heraufgekommen?”</p> + +<p>“Gestern um fünf, oder um vier Uhr”, stotterte der This furchtsam, +“der Melker kam erst lange nachher.”</p> + +<p>“Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn +gewollt und gemacht?”</p> + +<p>Jetzt sah der Franz Anton, daß dem This ganz bange wurde, ihm selber +aber fielen nun wieder die Vorgänge der letzten Nacht ein. Ganz +väterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd: +“Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fürchten, This. Da, trink noch +eins aus, und dann sag mir alles, was du weißt, von da an, als du hier +heraufgekommen bist.” Auf diese Ermunterung hin faßte der This neuen +Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zügen aus, denn sie schmeckte +herrlich.</p> + +<p>Dann fing er an zu berichten: “Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier +herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Käsfische. +Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie +nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden +gefunden, und Sie sind ganz rot und heiß gewesen und haben Durst +gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe +alle großen Erdbeeren gepflückt, die noch da waren, und habe sie Ihnen +gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf +den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Hütte +das Schüsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach +habe ich ihn gefüllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schüsselchen das +Wasser über den Kopf geschüttet und auch zu trinken gegeben, denn sie +haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin +ich zum Bach hinüber und habe ihn wieder gefüllt. Aber weil das +Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes +Tuch wurde den Kopf besser kühlen. Und so habe ich das Tuch aus der +Hütte geholt und es ganz naß auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann +trocken und heiß wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und +es dann wieder naß auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann +erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht +etwa krank werden.”</p> + +<p>Der Senn hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Jetzt stand alles +deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wußte auch +wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren +als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespürt und +genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und +verwundert an, als hätte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen +solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn möglich, daß +dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben +gerettet hatte.</p> + +<p>Hätte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelöscht, wer weiß, +was bis zum Morgen daraus geworden wäre! Und wie konnte dieser This, +dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung +fähig sein, daß er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn +pflegte! Dem großen, starken Franz Anton kamen die Tränen in die +Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles +überdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: “Wir +wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das +vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die +Glieder so, daß ich mich jetzt niederlegen muß. Geh du nun hinunter +zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir +nicht ganz wohl. Du mußt dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe +noch viel mit dir zu reden heute, vergiß es nicht!”</p> + +<p>Solange er lebte, war der This noch nie so glücklich gewesen. Er lief +springend den Berg hinunter, als könne er nicht hoch genug aufspringen +vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen, +und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in +die Sennhütte eintreten. Außerdem hatte der Franz Anton ihm noch +gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser +Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der +Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Häuschen +mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im +Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der +Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen, +denn er war ganz atemlos vom Laufen.</p> + +<p>“Woher kommst denn du?” fragte die sonntäglich gekleidete Frau, die +nicht gern etwas Unordentliches sah. Mißbilligend musterte sie den +Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntäglichen Anblick +in seinen zerfetzten Alltagshöschen und dem schmutzigen Hemdlein. +“Ich meine, ich habe dich schon dort drüben über dem Bach gesehen, du +bist wohl einer vom Hälmli-Sepp?”</p> + +<p>“Nein, nur der This”, erwiderte der Bub ganz demütig.</p> + +<p>Jetzt fiel der Frau ein, daß die Frau des Hälmli-Sepp einen +einfältigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts +zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. “Und was willst du +denn bei mir?” fragte sie nun erst recht verwundert.</p> + +<p>Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag +klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der +kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und daß er nach ihr schickte +und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes +Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in großer +Sorge das Nötigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem großen +Korb am Arm heraus.</p> + +<p>“Komm”, sagte sie zu This, “wir wollen gleich gehn. Warum mußt du +wieder mit?”</p> + +<p>“Ich weiß nicht”, antwortete er. Und fast als wäre es etwas Böses, +setzte er leise hinzu: “Muß ich nicht den Korb tragen?”</p> + +<p>“So, jetzt verstehe ich’s”, sagte die Frau, “der Franz Anton hat daran +gedacht, daß ich allerhand mitbringen will.” Sie gab dem This den Korb. +Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief +in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer +Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die +Krankheit gefährlich sein? Ihre Angst wurde immer größer, je näher +sie der Sennhütte kamen. Jetzt waren sie oben—nur noch einige +Schritte—der bekümmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast +nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie +schaute überall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn +tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem +Herzen stieg sie die Leiter hinauf.</p> + +<p>Der This blieb ehrerbietig draußen vor der Tür stehen, nur den Korb +schob er in die Hütte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll +über ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte +ihr fröhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter: +“Grüß dich Gott, Mutter! Das freut mich, daß du da bist. Ich habe +aber geschlafen wie ein Bär, die ganze Zeit, seit der This fortging.” +Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie +wußte gar nicht, was sie denken sollte. “Franz Anton”, sagte sie +jetzt ernsthaft, “was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weißt du, +daß du mich hast holen lassen?”</p> + +<p>“Ja, ja, Mutter”, lachte jetzt der Franz Anton, “jetzt bin ich ganz +bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir +noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir +reden. Ich fühl’s auch jetzt noch in den Knien zittern, ich käme noch +nicht weit.”</p> + +<p>“Aber was ist’s denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir’s doch”, +drängte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.</p> + +<p>“Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen”, +sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. “Sieh einmal +zuerst dort unten das schmale, magere Büblein an, das kein gutes Stück +Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder +nur den dummen This nennt.”</p> + +<p>Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn +hinaufspähte, ob er etwa wieder umfallen wolle.</p> + +<p>“Und jetzt?” fragte die Mutter gespannt.</p> + +<p>“Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Büblein nicht +gewesen wäre, so läge ich jetzt noch draußen auf dem Boden in einem +tödlichen Fieber, oder vielleicht wäre es auch schon vorbei mit mir.” +Und jetzt erzählte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag +zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen +und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch +auf der Welt es nicht besser hätte tun können.</p> + +<p>Die Mutter mußte sich mehrmals die Tränen abwischen. Sie stellte sich +vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da +draußen gelegen hätte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden +wäre, und kein Mensch hätte etwas von ihm gewußt. Und jetzt stieg ein +Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, daß sie laut ausrufen mußte: +“Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!” Aber auch eine solche +Liebe zu dem armen This überkam sie, daß sie ganz eifrig sagte: “Franz +Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hälmli-Sepp zurück! +Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat +sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen +mache ich ihm ein Gewand, daß man ihn ansehen darf. Er muß es nicht +schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir +geholfen hat.”</p> + +<p>“Das ist nun gerade, was ich wünschte, Mutter, aber ich mußte doch +zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben +und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein könnte. Es geht +nichts über eine Mutter!” Und der Franz Anton schaute sie so voller +Glück und Liebe an, daß es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich +dachte: Es geht auch nichts über einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte +sie: “Jetzt mußt du etwas essen, Franz Anton, daß du wieder zu Kräften +kommst. Ich habe frische Eier und ein Weißbrot mitgenommen, und jetzt +will ich Feuer machen, laß dir Zeit zum Herunterkommen.” Das mußte der +Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging. +Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er +sich selbst niedergesetzt hatte.</p> + +<p>“This”, sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend, +“willst du ein Senn werden?”</p> + +<p>Der This fing an zu lächeln, aber dann hörte er plötzlich die +vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen +hatte: “Aus dem wird nie etwas,”, “der kann nichts”, “der wird nichts”. +Und schüchtern antwortete er. “Ich kann nichts werden.”</p> + +<p>“This, ein Senn wirst du”, sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit. +“Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun +bleibst du bei mir und trägst Milch und Wasser und hilfst mir bei +allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Käse macht und sobald +du groß genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein +Gehilfe.”</p> + +<p>“Hier in der Schwemmebachsennhütte?” fragte This, dem die Aussicht auf +diese Glückseligkeit ganz unfaßbar war.</p> + +<p>“Alles hier, in der Schwemmebachsennhütte”, bestätigte der Franz Anton.</p> + +<p>Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden +Glücks, daß der Senn ihn nur ansehen mußte. Der Bub war wie +verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den großen +Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie +streichelte den Buben und sagte: “Ja, Thisli, heute wollen wir +miteinander fröhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen +wir dem lieben Gott dafür danken, daß er dich gerade zur rechten Zeit +in die Nähe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch +begreift, warum du da heraufgekommen bist.”</p> + +<p>Jetzt begann das fröhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben +hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen. +Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weißbrot hingelegt +und daneben Butter und weißen Käse. Und mitten auf dem Tisch stand +eine große Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die +Mutter große, dicke Stücke vor den This hin, und wenn er fertig war, +gab es gleich noch einmal so viel.</p> + +<p>Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie: +“Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muß bei dir oben +bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es +nötig ist. Der Frau des Hälmli-Sepp will ich schon alles berichten.”</p> + +<p>Das war dem Sennen recht, und für den This war es das höchste Glück, +das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton. +Nicht mehr verborgen unter den Tannenbäumchen hörte er heute den +Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als +dieser seine Hände faltete und sagte: “Komm, This, nun beten wir den +Abendsegen.” Andächtig faltete auch er seine Hände, und als am Schluß +der Senn sagte: “Gute Nacht geb euch Gott!”, da war das Glück im +Herzen des This so groß, daß er gern überlaut allen Menschen auf der +ganzen Welt sagen wollte: ‘Gute Nacht geb euch Gott!’</p> + +<p>Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinüber zu der Frau des +Hälmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und +gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzählten. +Die Sennin hörte, daß von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der +Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hälmli-Sepp erklärte, +daß sie mit ihrem Sohn übereingekommen sei, sie wollten den This bei +sich annehmen, da machte die Frau einen großen Lärm. Sie sagte, sie +sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien für +den Senn eine größere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien +alle aus vollen Hälsen: “Mich! Mich! Mich!” Denn sie wußten wohl, +wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhütte für gute +Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.</p> + +<p>Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn +schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen +This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das +Hänseln und Verspotten unterlassen, sonst hätten sie es mit ihrem Sohn +zu tun. Der rede dann mit seinen kräftigen Armen eine deutlichere +Sprache mit den Buben, als sie es jetzt könnte. Dann verließ die +Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblüfft nachschauten, +und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wäre, +der wird’s gut haben, wie ein König wird er da oben in seiner +Sennhütte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen ließ, +liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund +sein. Denn sie mußten alle an den letzten Käsfischtag denken, als der +This so übel behandelt worden war. Von nun an würde er ja gewiß alle +Käsfische allein bekommen, da wäre doch jeder gut daran, der sein +Freund wäre. Und später waren sie auch alle gut daran, denn dem This +machte es die größte Freude, die reiche Ernte der Käsfische unter +allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darüber +wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie +mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte +sich zur Überraschung aller, daß er auf einmal ein ganz flinkes, +geschicktes Bürschchen war, von dem jeder sagen mußte: “Entweder ist +das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den +dummen This zu nennen.” Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit, +sein liebster Schüler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei +allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die +anderen Buben könnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.</p> +<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS +WIRD ***</div> +<div style='text-align:left'> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Updated editions will replace the previous one—the old editions will +be renamed. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part +of this license, apply to copying and distributing Project +Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ +concept and trademark. 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Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. 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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Vom This, der doch etwas wird + +Erzaehlung + +Johanna Spyri + + + + + + + +1. Kapitel + +Alle gegen einen + + +Wenn man den Seelisberg von der Rueckseite her besteigt, kommt man auf +eine frische, gruene Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die +friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem +schoenen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenaehrten Kuehe +ziehen lieblich laeutend immer hin und her. Denn jede traegt am Hals +ihre Glocke, damit man immer hoert, wo sie ist. So kann sich keine Kuh +unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Straeuchern bedeckte Felswand +liegt, ueber die sie hinunterstuerzen koennte. Es ist ausserdem ein +ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben koennen. Aber die +Glocken sind doch notwendig und toenen so freundlich hin und her, dass +keiner sie entbehren moechte. Am Bergabhang stehen hie und da +vereinzelt die kleinen, hoelzernen Haeuser, und nicht selten rauscht +daneben ein schaeumender Bach ins Tal hinab. 'Am Berghang' heisst es +hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Haeuschen steht auf +ebenem Boden. Es ist, als waeren sie irgendwie an den Berg hingeworfen +worden und da haengengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da +oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie +alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der +kleinen, hoelzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt +in ihre Naehe, so sieht man, dass ein grosser Unterschied zwischen ihnen +ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Naehe ganz +verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen +ihnen stuerzt der groesste Bergbach der Gegend, der schaeumende +Schwemmebach, hinunter. + +Am ersten Haeuschen blieben auch an den schoensten Sommertagen alle die +kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die +hineindrang, kam durch die Loecher der zerbrochenen Scheiben. Das war +aber nicht viel, denn die Loecher waren wieder mit Papier verklebt, +damit man im Winter drinnen nicht frieren musste. An dem hoelzernen +Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war +so zerfallen, dass es ein Wunder war, dass alle die kleinen Kinder, die +da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie +hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder +waren alle mit Schmutz ueberdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen +Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ueber da +herum, und am Abend kamen vier groessere Kinder dazu. Drei kraeftige +Buben und ein Maedchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich +aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie +konnten sich doch schon selbst waschen. + +Das Haeuschen ueber dem Bach drueben hatte einen ganz anderen Charakter. +Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeraeumt +aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drueben. Die +Stufen sahen immer so aus, als waeren sie eben gescheuert worden. Und +oben auf der Galerie standen drei schoene Nelkenstoecke und dufteten den +ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen +Fenstern stand offen und liess die schoene, sonnige Bergluft herein. +Dort konnte man meistens eine noch kraeftig aussehende Frau sitzen +sehen, mit schoenem, weissem Haar, das sie sehr ordentlich unter das +schwarze Haeubchen zurueckgestrichen hatte. Sie flickte gewoehnlich an +einem Maennerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber +gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so +adrett und reinlich aus, als waere noch nie etwas Unsauberes an sie +herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des +froehlichen Franz Anton mit den kraeftigen Armen. Der machte den Sommer +ueber in der oberen Sennhuette seine Kaese, und erst im Spaetherbst zog er +wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn +dann butterte er in der unteren Sennhuette, die ganz nahe lag. Da ueber +den reissenden Schwemmebach kein Steg fuehrte, waren die zwei Haeuschen +ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg +wohnten, besser, als diese Nachbarn ueber dem Bach, zu denen sie nur +etwa einmal am Tag stumm hinueberschaute. Gewoehnlich schuettelte sie +dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter +und schmutzigen Fetzen drueben an den Kindern sah. Sie schaute aber +nicht oft hinueber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber +betrachtete sie, wenn das Feierabendstuendchen kam, ihre roten Nelken +auf der Galerie oder sie schaute ueber den gruenen, sonnigen Abhang +hinunter, der vor ihrem Haeuschen zum Tal hinabstieg. + +Die verwilderten Kinder ueber dem Bach gehoerten dem Haelmli-Sepp, wie er +genannt wurde, der seine Arbeit ausser Haus beim Holzfaellen oder +Heumachen suchte. Ausserdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So +war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die +Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele +kleine Kinder koenne man nicht in Ordnung halten, und spaeter wuerde es +dann von selbst besser. So liess sie alles gehn, wie es ging. Und in +der schoenen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und +liessen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl +sein. Zur Sommerzeit waren die vier Groesseren den ganzen Tag draussen, +um die Kuehe zu hueten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen, +wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten +bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kuehe auf das +umliegende Weideland hinaus und mussten sie hueten lassen. Das ist +immer eine lustige Zeit fuer die Buben und Maedchen, die sich dort zu +jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei froehliche Sachen +miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten +im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere +Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer +ueber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstueck nach Hause, +das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier +Kleinen zu ernaehren und fuer alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn +diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein musste doch jedes haben +und die vier Grossen noch ein Stueck dazu. Eine Kuh hatte der +Haelmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besassen, +wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten. + +Haelmli-Sepp hiess der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum +nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine +Geiss und ein Stueck Kartoffelland, damit musste die Frau mit den vier +Kleinen den Sommer ueber auskommen und auch hier und da noch eines der +Groesseren speisen, wenn es draussen keine Arbeit fand. Der Vater kam im +Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein +Haeuschen und Acker waren so verschuldet, dass er das ganze Jahr ueber +etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten +konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel +er fand. + +So musste die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte +keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von +der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der +verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten, +schaute sie ueber den Bach zu dem schmucken Haeuschen der Sennerin +hinueber, dessen Scheiben in der Sonne glaenzten. Dann sagte sie +aergerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles +sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging +sie wieder aergerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurueck, und an dem, +der ihr zuerst in den Weg kam, liess sie den Aerger aus. + +Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht +ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Haeuschen vom +Haelmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der +dumme This' genannt, sah so mager und duerftig aus, dass man ihn kaum +fuer achtjaehrig gehalten haette. Er schaute auch so scheu und +verschuechtert drein, dass niemand wusste, wie der This eigentlich aussah, +denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach. +This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum +zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel spaeter ueber die Felsen +in die Tiefe gestuerzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam +und den Weg abkuerzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte +nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem +grossen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This +hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend, +eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen +Matthis genannt. + +Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Haeuschen vom +Haelmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstaette mit seinem Bueblein +gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben +Ort. Das wenige Geld, das fuer den kleinen This von der Gemeinde +bezahlt wurde, war der Frau des Haelmli-Sepp sehr erwuenscht. Und in +die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fuer die +schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This +war schon von Natur aus ein schuechternes und stilles Bueblein gewesen. +Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das grosse Unglueck +gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem +Unglueck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr. + +So sass der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein +Wort zu hoeren, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann +seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des +Haelmli-Sepp gehoerte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde +von jedem angefahren und hin und her gestossen, weil er sich nie wehrte. +Zu all den Pueffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen +dann noch die boesen Worte der Frau, wenn sie den Aerger ueber das +saubere Haeuschen der Sennerin drueben hatte. Der This wehrte sich aber +nie, denn er hatte das Gefuehl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so +nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und +verschuechtert, dass man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her +vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn +anrief. Er sah ueberhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch, +wo er in die Erde hineinkriechen koennte, dass ihn keiner mehr faende. + +So war es gekommen, dass die vier Grossen vom Haelmli-Sepp, der Jopp, der +Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du +bist doch ein dummer This", und dass es die vier Kleinen auch +nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals +dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es +werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme +This' genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten koennte, +wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kuehe zu hueten, und war +er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke +oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da sass er +meistens zitternd vor Furcht, denn er hoerte wohl, wie die anderen +Buben ihn mit grossem Geschrei suchten, dass er bei den Spielen +mitmachte, die sie spielen wollten. + +Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Pruegeln, und das traf +regelmaessig den This am staerksten, da er sich nicht wehrte und auch +nicht wehren konnte gegen die viel Staerkeren. So verkroch er sich, +sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kuehe, wohin sie wollten +und frassen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann grossen Aerger, und +jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kuehe zu hueten, und keiner +stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld, +wenn die Buben zum Jaeten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da +warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblueten an den +Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem +anderen reichlich zurueck, was er empfangen hatte. Der This gab aber +nichts zurueck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen +Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen +gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten +die Knollen an den Ruecken und an den Kopf. + +Waehrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten, +versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den +Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit +nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller +Arbeit zu dumm und aus dem This koenne nie etwas werden. Weil er nun +gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er +auch von der Frau des Haelmli-Sepp demgemaess behandelt. Wenn schon die +eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es +meistens, dass fuer den This gar nichts mehr uebrigblieb und es dann hiess: +"Du wirst wohl etwas finden, du bist gross genug." Wie der This +eigentlich ernaehrt wurde, wusste niemand, auch die Frau des Haelmli-Sepp +nicht, aber irgendwie lebte er doch immer. + +Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen +Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tuer +vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in +seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich +wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer +scheuer wurde und sich immer mehr versteckte. + + + +2. Kapitel + +Bei der Schwemmebachsennhuette + + +An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle +Muecken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hueterbuben und--maedchen. +Sie mussten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp, +von allen der Groesste, war der Leiter der Versammlung. Und als alle +nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, dass man jetzt zur +Schwemmebachsennhuette hinaufgehe, denn heute sei der Kaesfischtag. Nun +muesse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kuehe +hueten solle, waehrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wuerden. +Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust, +sich fuer die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue +Uli auf den Gedanken, man koennte einmal den dummen This zwingen, auf +die Kuehe acht zu geben. Und damit er's nicht vergesse, koennte man ihn +im voraus ein wenig durchpruegeln. Der Vorschlag fand Anklang, und +schon wollten mehrere von den Anfuehrern der Schar den This holen, als +das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts +Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den +Lohn dafuer, wenn wir wieder zurueckkommen und die Kuehe sich verlaufen +haben. Ihr werdet doch nicht glauben, dass der This, wenn er zu dumm +ist, zwei Kuehe zu hueten, auf einmal zwanzig hueten kann. Man muss losen, +und drei muessen bei den Kuehen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis +Erklaerung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus +der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet +der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der +siegreichen Schar den Ruecken und setzte sich auf den Boden neben seine +beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stuerzte nun +die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuss +entgegen. + +Der Kaesfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die +es nie unterliessen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen +sollte. Denn das war ein Hauptfest fuer sie. Das war der Tag, an dem +der Franz Anton seine frischen Kaese rundum beschnitt, nachdem diese +als weiche Masse in die runde, hoelzerne Form gepresst worden waren. +Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von +der Masse herausdraengte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie +eine lange, schneeweisse Wurst. Die wurde dann in viele Stuecke +gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt. +Das waren dann die sogenannten Kaesfische. Dieses Fest wiederholte +sich den Sommer ueber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem +Freudengeschrei begruesst. + +This hatte sich hinter dem grossen Distelbusch am Boden versteckt +gehalten, waehrend die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton +von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hoerte, +dass die grosse Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig +hervor. Die drei grollenden Zurueckgebliebenen sassen am Boden und +kehrten ihm den Ruecken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stueck +die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der +Hoehe hernieder. Den This erfasste ein unwiderstehliches Verlangen, +auch an der Kaesfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schluepfte er +hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er +hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem +letzten steilen Hang kam eine kleine, glaenzend gruene Hochebene, da +stand die Sennhuette. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der +klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tuer seiner Huette stand der +Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte ueber +die vielen Spruenge, die jetzt die Buben und Maedchen in ihrem Eifer, zu +dem ersehnten Genuss zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt +waren sie alle bei der Huette und eines draengte das andere vorwaerts, um +noch naeher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wuerde. + +"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton. "Wenn ihr alle in +die Huette hineindraengt, so habe ich keinen Platz mehr zum +Kaeseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes +Messer zur Hand und trat an den grossen, runden Kaese heran, den er +schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden +ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweissen +Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stueck und da ein +Stueck, oft ueber die Koepfe der Grossen weg den Kleinen, die nicht zu ihm +vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner +Teilung. + +This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen +wollte, so bekam er da einen Stoss und dort einen und flog so von einer +Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer +wieder ein Groesserer und Dickerer sich vor ihn draengte. Zuletzt bekam +er einen so ungeheuren Stoss von dem breiten, nach allen Seiten +schlagenden Jopp, dass er sich fast ueberschlagen haette. Die Teilung +war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, dass er zu keinem +Stueckchen Kaesfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine +Schlaege mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die +jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den +Baeumchen. Auf der hoechsten Krone des einen sass ein lustiger, kleiner +Vogel und pfiff so froehlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als +gaebe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und +Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, dass er fast das +Leid vergass, das ihm eben geschehen war. + +Von Zeit zu Zeit musste er nach der Sennhuette hinueberschauen, denn das +Laermen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stueck Kaesfisch +wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie +jedes Kind mit einem groesseren oder kleineren Brocken der schoenen, +weissen Masse dastand und mit Wonne hineinbiss. Er seufzte dann ein +wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges +Stuecklein bekaeme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weissen +Kaesfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie +heute in die Schar der Gluecklichen einzudringen. Jetzt hatte er +gesehen, dass es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut +zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlussgedanken, dass er +sein Leben lang nie einen Kaesfisch bekommen werde. Darueber wurde er +so traurig, dass er nicht einmal den Vogel mehr hoerte und ganz +zusammengeduckt unter den Tannenbaeumen sass. + +Jetzt war das Gastmahl bei der Huette zu Ende und mit schrecklichem +Laerm stuerzten die Kinder daher, womoeglich immer einer ueber den anderen +hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall +brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der +laermende Hans, und laut schrie er in das Gebuesch hinein: "Du Maulwurf, +komm heraus, du musst mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen +hatte. Er musste sich als Bock hinstellen, damit die anderen ueber ihn +springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er waere +viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wusste wohl, +was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er +gehorsam heran. "Wie viele Kaesfische hast du bekommen?" schrie ihn +jetzt der Hans an. + +"Keinen", gab This zurueck. "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans +noch lauter in die Schar hinein, "der laeuft schnell zu den Kaesfischen, +und dann laeuft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer +This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die grossen +Buben ueber den Kopf weg, so dass er genug zu tun hatte, nur immer +wieder auf die Fuesse zu kommen, wenn er umgeworfen worden war. +Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestuerzter die Abhaenge +hinunter, bis ein gluecklicher Zufall sie wieder alle auf die Fuesse +brachte. Nach dieser stuermischen Niederfahrt unten angekommen, liefen +gleich alle auseinander, jeder seinen Kuehen nach. + +Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn +jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den +Zurueckgebliebenen, weit er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem +Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben +und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im +Berghang, wo im Fruehling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und +den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und +ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schoene, dunkelrote +Erdbeeren in der Sonne, die so schoen warm in die Vertiefung schien. +Aber dem This war es ueberall angst und bang, wenn er noch in der Naehe +der Haeuser und der Hueterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden +Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der +This zuckte scheu und aengstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer +dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch +einmal an das stille Plaetzchen unter den kleinen Tannenbaeumchen dort +oben und an das pfeifende Voegelein, so dass es ihn mit Gewalt vom Boden +zog. Er musste noch einmal dorthin. + +Mit allen Kraeften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht +einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die +Tannenbaeumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein +Tannenversteck ein wenig offen. Da sass nun der This in voelliger +Sicherheit. Ringsum war eine grosse Stille, kein Ton drang von unten +her bis hier auf die einsame Hoehe, nur das Voegelein sass noch auf +seinem Tannenast und pfiff sein froehliches Lied. Die Sonne wollte +untergehen. Die hohen Schneeberge drueben fingen zu flimmern und zu +gluehen an, und ueber die ganze gruene Alm hin lag das golden schimmernde +Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie +gekanntes Wohlsein kam ueber ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und +Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fuerchten, denn weit und +breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hoeren. + +So sass der This eine lange Zeit, und am liebsten waere er gar nicht +mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben +gewesen. Aber da hoerte er schwere Tritte hinter sich von der Huette +her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiss +wollte er zum Bach hinueber, um Wasser zu holen. This verhielt sich +maeuschenstill. Denn er war so daran gewoehnt, dass er von jedermann +angefahren oder ausgelacht wurde, dass er dachte, der Senn werde es +gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die +Baeumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton +wurde aufmerksam, trat naeher und guckte in den Tannenbusch hinein. + +"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht. + +"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd. + +"Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fuerchten, wenn du nichts +Boeses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa +mit deinen Kaesfischen da hineingefluechtet, dass du sie in Ruhe +verzehren kannst?" + +"Nein, ich habe keine Kaesfische gehabt", sagte This aengstlich. + +"Nicht? Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie +sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem +Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem +Menschen. + +"Sie haben mich auf die Seite gestossen", erwiderte er nun und stand +hinter den buschigen Zweigen auf. + +"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort, +"komm noch ein wenig naeher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn +sie dich wegstossen? Es stoesst ja immer einer den anderen, aber zuletzt +kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?" + +"Sie sind staerker", sagte der This so ueberzeugend, dass diese Erklaerung +wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den +Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, grossen Franz Anton wie +ein duennes Stoecklein vor einer hohen Tanne. Der kraeftige Mann +betrachtete einen Augenblick das schmale Figuerchen, an dem tatsaechlich +fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht +schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf. + +"Wem gehoerst du?" fragte er jetzt den Buben. + +"Niemand", gab This zur Antwort. + +"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?" + +"Beim Haelmli-Sepp." + +Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. "Ach so, bist du der!" +sagte er verstaendnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar +nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehoert, ihn aber nicht +gekannt. + +"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig. "Wenn du beim Haelmli-Sepp +bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Haelmlein. +Komm, Kaesfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes." + +Der This wusste gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz +Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und +das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Huette, holte +hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein grosses +Stueck ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfass, das goldig glaenzend +in der Ecke stand, und holte ein grosses Stueck Butter heraus. Das +strich er ueber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stueck mit +der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte +der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es +nicht moeglich, dass es ihm gehoere. + +"Komm heraus. Iss es vor der Huette, ich muss nun zum Wasser", sagte +Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glueck und +Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte. +Vor der Huette setzte er sich auf den Boden. Und waehrend der Senn zum +Schwemmebach hinueberging, biss er in sein Butterbrot hinein und biss +immer wieder und konnte nicht begreifen, dass es etwas so Gutes gaebe +und er es bekommen haette. + +Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und +wiegte unten die Tannenbaeumchen hin und her, und der kleine Vogel sass +immer noch auf dem hoechsten Zweig und sang hell und froehlich in den +goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie +gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er muesse laut mit dem Vogel zu +singen anfangen. + +Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her +gegangen. Drueben beim Schwemmebach war er immer eine Weile +stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr +rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gross und golden der volle Mond +hinter dem weissen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Huette +zurueck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle +sass. + +"So gefaellt's dir hier?" fragte er freundlich. "Mit dem Abendessen +bist du fertig, wie ich sehe. Du musst dich auf den Rueckweg machen. +Sieh, wie schoen dir der Mond heimleuchtet!" + +Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel +ihm ein, dass es wohl noetig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem +Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den +Tannenbaeumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurueck. Er schaute noch +einmal zurueck, und da der Senn in die Huette getreten war und ihn nicht +mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz +Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Guete +und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen +Eindruck gemacht, dass er nicht fort konnte. Er musste noch ein wenig +in der Naehe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen +unter den Baeumchen und spaehte zu der Huette hinauf, ob er den Senn +nicht noch einmal saehe. Es dauerte einige Zeit, da ploetzlich trat +Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Huette heraus. + +Er blieb vor der Tuer stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die +stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ueber alle hohen Schneegipfel hin das +milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt +der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen +Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Haende. Er hielt wohl still +seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht +geb euch Gott!" trat in die Huette zurueck und machte die Tuer zu. Sein +Nachtgruss hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum +und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller +Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fuehlte Liebe und +Bewunderung fuer den Senn, Gefuehle, die er bisher nicht gekannt hatte. + +Als es nun ganz dunkel und still in der Huette wurde, stand der This +auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter. + +Es war spaet und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich, +die Tuer war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Haeuschen und +schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser +schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es +ist bequem, dass der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden. +So hat man doch Platz!" + +This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er +immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit +gefalteten Haenden vor seiner Huette stand. Zum erstenmal in seinem +Leben schlief der This mit einem gluecklichen Herzen ein. + + + +3. Kapitel + +Ein hilfreicher Engel + + +Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten, +mussten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges +gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr +Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze +Schar den Berghang herunter, und bald sassen sie alle mit anderen +Kindern so ruhig wie moeglich auf den langen Baenken, und der Herr +Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von +einem zukuenftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den +This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas +fragen, das wirst du wohl beantworten koennen, wenn man dir auch nicht +viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Aermsten +und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefuehrt hat, so +wohl werden, dass er kein Leid verspuert?" + +"Bei der Schwemmebachsennhuette", antwortete der This ohne Zoegern. +Jetzt entstand ein solches Kichern, dass der This ganz scheu um sich +schaute. Ringsum waren spoettische Blicke auf ihn gerichtet, und alle +Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich +so stark vornueber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem, +was der Herr Pfarrer das letztemal erklaerte, hatte er nichts gehoert, +weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren musste. Jetzt hatte +er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet, + +Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, dass es dem +This gar nicht zum Lachen war, sondern dass er vor Scheu ganz +erschrocken und zusammengeduckt dasass, da schuettelte der Herr Pfarrer +nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu +machen." + +Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stuerzte die ganze Schar +hinter dem This her, alle lachten ueberlaut und schrien durcheinander: +"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Kaesfische in den Sinn +gekommen?" + +"This, warum hast du nicht auch etwas von den Kaesfischen gesagt?" Der +This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem +Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben +wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den +schoenen Sonntagabend unten im Dorf geniessen. + +Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt +einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhuette +hinauffluechten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen. +Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plaetzchen sitzen und +vor Verfolgung sicher sein. Nun sass er wieder unter den Tannen und +ueber ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der +Sonne, und ueber den gruenen Haengen floss da und dort ein klares Baechlein +friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, dass er allen +Spott vergass und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr +weggehen zu muessen. + +Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er +bestaendig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie moeglich +nieder. Denn er hatte das Gefuehl, wenn der Franz Anton ihn wieder +hier sehe, so koennte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein +Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und +einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und +in dessen Naehe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst +nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und +This sass an seinem schoenen Plaetzchen, bis die Sterne am Himmel standen +und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Huette hinaustrat und +ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder +davon, und spaet wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht +hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber +das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefuehlt +dort oben. + +So ging es eine ganze Woche. Tag fuer Tag, sobald er einen Augenblick +fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm +hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete +er die ganze Taetigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und +nie verliess er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton +gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als +sei der Nachtsegen auch fuer ihn gedacht. + +Es waren ausnahmsweise heisse Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg +jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend +niedergegangen war. Das Futter war besonders kraeftig, und Franz Anton +bekam so schoene, fette Milch von den Alpenkuehen, dass er die +praechtigsten Kaese daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude, +und schon fruehmorgens konnte man ihn voller Vergnuegen in seiner +Sennhuette pfeifen hoeren, so auch am Samstag dieser Woche. Da hoerte +man ihn noch viel frueher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem +der Senn seine drei oder vier fertigen Kaese an den See hinunterbrachte. +Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie +auf seinem Ruecken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwaerts, +den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Ruecken. Es +war der heisseste Tag des ganzen Sommers. + +Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die uebermaessige +Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute +abend wieder zu meiner Huette hinauf in die kuehle Luft zu kommen, hier +unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt, +gerade als das Schiff herankam, das die Kaese mitnehmen sollte. Bald +war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschluessig +da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten +etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fuehlte keinen Appetit, sein Kopf +war schwer und heiss, er wuenschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn +jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim +Einladen geholfen hatte. "Komm, Franz Anton, heute ist's heiss, wir +wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn +zu dem Wirtshaus. + +Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im +Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber +stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in +der schweren, heissen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht +an den Wein gewoehnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit grossen +Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in +seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiss auf +seinen Kopf, alle seine Pulse haemmerten, die Fuesse wurden ihm so schwer, +dass er sie nur mit Muehe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je +groesser wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der +Aussicht an, dass nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt +nur noch eine Viertelstunde heisser Muehe vor ihm liege. Dann wuerde er +oben sein und koenne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen. + +Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne +brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Ploetzlich wurde es ihm voellig +schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stuerzte er auf den +Boden nieder. Er hatte das Bewusstsein verloren. + +Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er, +dass der Franz Anton noch nicht zurueckgekehrt war. Er stellte seine +Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem +Senn auszuschauen. + +Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz +Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte +er an seinem verborgenen Plaetzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt, +den der Senn tat. Er wusste, wie eine Beschaeftigung auf die andere +folgte, so dass er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der +Franz Anton seine Milch stehen liess. Sonst goss er sie immer gleich in +die verschiedenen Gefaesse. Die eine kam zum Buttern in die grossen, +runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schoen dick obenauf +lag. Die andere wurde in den Kaesekessel gegossen, das hatte der This +durch die offene Huettentuer alles genau beobachten koennen. Der Senn +kam immer noch nicht. Der Junge fuehlte, dass irgend etwas geschehen +sein musste. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging +zur Sennhuette. Da war es still und leer unten im Huettenraum und oben +auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut +war zu hoeren, alles wie ausgestorben. Aengstlich lief der This +jetzt um die Huette herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann +in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten +erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da +lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stoehnte und lechzte wie +ein Sterbender. Er sah gluehend heiss aus, und seine Lippen waren ganz +vertrocknet. + +Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor +Schrecken, auf seinen Wohltaeter. Dann stuerzte er in schnellem Lauf +den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewusstlos am +Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt +an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem +brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich buecken +und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er fuer einen Augenblick, +denn es war nur ein Fiebertraum gewesen. + +Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht ruehren. +Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das +Bewusstsein wieder, und er traeumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er +heute frueh im Voruebergehen noch die schoenen Erdbeeren gesehen hatte. +Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die +Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber +jetzt hatte er ploetzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte +sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der +Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schluerfte und +schluckte, es war ein unsaegliches Labsal. Er erwachte. War das alles +Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und +steckte ihm wieder eine grosse saftige Erdbeere in den Mund. + +"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton. Aber +nicht nur eine, fuenf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf +einmal flog ein stechender Schmerz ueber sein Gesicht. Er legte die +Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war +ihm das Bewusstsein wieder voellig entschwunden. Er konnte nicht einmal +mehr die letzte Erdbeere geniessen. Jetzt traeumte er ganz schreckliche +Dinge. Sein Kopf wurde so gross wie sein allergroesstes Butterfass und +dann immer noch groesser und so furchtbar schwer, dass er mit Schrecken +dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man muss starke, +hoelzerne Stuetzen unterstellen, wie unter die Apfelbaeume, wenn sie +zuviel Aepfel tragen." Und jetzt fuehlte er deutlich, dass der Kopf ganz +voll Schiesspulver war, das hatte einer von hinten angezuendet. Nun +brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich musste alles +zerspringen. Aber dann kam ploetzlich ganz kalt und belebend der +Schwemmebach ueber seine Stirn, ueber das ganze Gesicht und in den Mund +hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte. + +Es war wahr, eiskalt kam ein Guss nach dem anderen auf Stirn und +Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den +kuehlenden Trank ein. Ueber ihm standen die funkelnden Sterne, das +sah der Franz Anton deutlich. Er wusste auch, dass er noch am Boden lag +draussen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der +Schwemmebach sein, was so ueber ihn floss und ihn so ordentlich trinken +liess. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend, +so erloesend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer. +Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich +dir fuer deine Guete und die hilfreichen Engel!" + +Das erquickende Wasserbad hoerte nicht auf, und zuletzt fuehlte der +Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schuetzend und +wohltuend, dass er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt +schlief er jetzt ganz sanft ein und traeumte nicht mehr. + + + +4. Kapitel + +Was die Sennenmutter haben will + + +Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz +Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er +schauderte ein wenig zusammen, es froestelte ihn. Er wollte sich +aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand +an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht. +Wohl sechsfach zusammengelegt lag nass und schwer das grosse Handtuch +aus der Sennhuette auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der +frische Morgenwind ueber die Stirn blies, fuehlte er sich so wohlig und +erleichtert, dass er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da +sah er auf einmal in zwei grosse, ernsthafte Augen hinein, die +unverwandt auf ihn gerichtet waren. + +"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frueh auf +die Alm? Nun, weil du da bist, komm, dass ich mich ein wenig auf deine +Schulter stuetzen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf." + +Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er +stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fuesse in den Boden hinein, so dass +der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte. +Waehrend des langsamen Aufstiegs zur Huette, als er sich immer noch auf +die Schulter des Buben stuetzte, fing er an, sich daran zu erinnern, +was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgaenge der +Nacht voellig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur +helfen. In der Huette angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner +dreibeinigen Stuehle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz +dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir +wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt +noch nicht machen. Ein Schuesselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist +es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es +regelmaessig dort hinauf. Ich weiss nicht, was mit mir vorgeht seit +gestern." + +Der This war feuerrot geworden, er wusste wohl, wer das Schuesselchen +heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am +Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides +dem Senn. Dieser schuettelte ganz betroffen den Kopf. Solange er +lebte, hatte er noch nie sein Schuesselchen dort bei der Tuer auf den +Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine +Milch, fuellte dann das Schuesselchen wieder und sagte: "Da, This, trink +auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, dass du so frueh hinauf +kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Kaesfischtag und du seist dann +sicher der erste?" + +"Nein, gewiss nicht", versicherte This. + +"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal +unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder +zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. "Sag mir, This, habe ich +denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frueh +heraufkamst?" + +Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn +alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht +recht, und er koennte boese werden. Aber der Franz Anton schaute ihm +jetzt so tief in die Augen, dass er alles sagen musste: "Ich habe es +selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an. + +"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert. + +"Weil sie so heiss waren", erwiderte This. + +Der Senn staunte immer mehr. "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang +erwacht", sagte er. "Wann bist du denn heraufgekommen?" + +"Gestern um fuenf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam, +"der Melker kam erst lange nachher." + +"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn +gewollt und gemacht?" + +Jetzt sah der Franz Anton, dass dem This ganz bange wurde, ihm selber +aber fielen nun wieder die Vorgaenge der letzten Nacht ein. Ganz +vaeterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd: +"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fuerchten, This. Da, trink noch +eins aus, und dann sag mir alles, was du weisst, von da an, als du hier +heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fasste der This neuen +Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zuegen aus, denn sie schmeckte +herrlich. + +Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier +herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Kaesfische. +Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie +nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden +gefunden, und Sie sind ganz rot und heiss gewesen und haben Durst +gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe +alle grossen Erdbeeren gepflueckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen +gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf +den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Huette +das Schuesselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach +habe ich ihn gefuellt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schuesselchen das +Wasser ueber den Kopf geschuettet und auch zu trinken gegeben, denn sie +haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin +ich zum Bach hinueber und habe ihn wieder gefuellt. Aber weil das +Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes +Tuch wurde den Kopf besser kuehlen. Und so habe ich das Tuch aus der +Huette geholt und es ganz nass auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann +trocken und heiss wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und +es dann wieder nass auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann +erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht +etwa krank werden." + +Der Senn hatte mit grosser Aufmerksamkeit zugehoert. Jetzt stand alles +deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wusste auch +wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren +als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespuert und +genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und +verwundert an, als haette er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen +solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn moeglich, dass +dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben +gerettet hatte. + +Haette der This sein Fieber nicht mit dem Wasser geloescht, wer weiss, +was bis zum Morgen daraus geworden waere! Und wie konnte dieser This, +dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung +faehig sein, dass er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn +pflegte! Dem grossen, starken Franz Anton kamen die Traenen in die +Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles +ueberdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir +wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das +vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die +Glieder so, dass ich mich jetzt niederlegen muss. Geh du nun hinunter +zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir +nicht ganz wohl. Du musst dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe +noch viel mit dir zu reden heute, vergiss es nicht!" + +Solange er lebte, war der This noch nie so gluecklich gewesen. Er lief +springend den Berg hinunter, als koenne er nicht hoch genug aufspringen +vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen, +und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in +die Sennhuette eintreten. Ausserdem hatte der Franz Anton ihm noch +gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser +Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der +Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Haeuschen +mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im +Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der +Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen, +denn er war ganz atemlos vom Laufen. + +"Woher kommst denn du?" fragte die sonntaeglich gekleidete Frau, die +nicht gern etwas Unordentliches sah. Missbilligend musterte sie den +Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntaeglichen Anblick +in seinen zerfetzten Alltagshoeschen und dem schmutzigen Hemdlein. +"Ich meine, ich habe dich schon dort drueben ueber dem Bach gesehen, du +bist wohl einer vom Haelmli-Sepp?" + +"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demuetig. + +Jetzt fiel der Frau ein, dass die Frau des Haelmli-Sepp einen +einfaeltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts +zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. "Und was willst du +denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert. + +Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag +klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der +kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und dass er nach ihr schickte +und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes +Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in grosser +Sorge das Noetigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem grossen +Korb am Arm heraus. + +"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn. Warum musst du +wieder mit?" + +"Ich weiss nicht", antwortete er. Und fast als waere es etwas Boeses, +setzte er leise hinzu: "Muss ich nicht den Korb tragen?" + +"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran +gedacht, dass ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb. +Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief +in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer +Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die +Krankheit gefaehrlich sein? Ihre Angst wurde immer groesser, je naeher +sie der Sennhuette kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige +Schritte--der bekuemmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast +nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie +schaute ueberall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn +tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem +Herzen stieg sie die Leiter hinauf. + +Der This blieb ehrerbietig draussen vor der Tuer stehen, nur den Korb +schob er in die Huette hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll +ueber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte +ihr froehlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter: +"Gruess dich Gott, Mutter! Das freut mich, dass du da bist. Ich habe +aber geschlafen wie ein Baer, die ganze Zeit, seit der This fortging." +Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie +wusste gar nicht, was sie denken sollte. "Franz Anton", sagte sie +jetzt ernsthaft, "was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weisst du, +dass du mich hast holen lassen?" + +"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz +bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir +noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir +reden. Ich fuehl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kaeme noch +nicht weit." + +"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir's doch", +draengte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn. + +"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen", +sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. "Sieh einmal +zuerst dort unten das schmale, magere Bueblein an, das kein gutes Stueck +Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder +nur den dummen This nennt." + +Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn +hinaufspaehte, ob er etwa wieder umfallen wolle. + +"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt. + +"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Bueblein nicht +gewesen waere, so laege ich jetzt noch draussen auf dem Boden in einem +toedlichen Fieber, oder vielleicht waere es auch schon vorbei mit mir." +Und jetzt erzaehlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag +zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen +und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch +auf der Welt es nicht besser haette tun koennen. + +Die Mutter musste sich mehrmals die Traenen abwischen. Sie stellte sich +vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da +draussen gelegen haette und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden +waere, und kein Mensch haette etwas von ihm gewusst. Und jetzt stieg ein +Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, dass sie laut ausrufen musste: +"Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche +Liebe zu dem armen This ueberkam sie, dass sie ganz eifrig sagte: "Franz +Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Haelmli-Sepp zurueck! +Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat +sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen +mache ich ihm ein Gewand, dass man ihn ansehen darf. Er muss es nicht +schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir +geholfen hat." + +"Das ist nun gerade, was ich wuenschte, Mutter, aber ich musste doch +zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben +und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein koennte. Es geht +nichts ueber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller +Glueck und Liebe an, dass es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich +dachte: Es geht auch nichts ueber einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte +sie: "Jetzt musst du etwas essen, Franz Anton, dass du wieder zu Kraeften +kommst. Ich habe frische Eier und ein Weissbrot mitgenommen, und jetzt +will ich Feuer machen, lass dir Zeit zum Herunterkommen." Das musste der +Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging. +Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er +sich selbst niedergesetzt hatte. + +"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend, +"willst du ein Senn werden?" + +Der This fing an zu laecheln, aber dann hoerte er ploetzlich die +vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen +hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts". +Und schuechtern antwortete er. "Ich kann nichts werden." + +"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit. +"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun +bleibst du bei mir und traegst Milch und Wasser und hilfst mir bei +allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Kaese macht und sobald +du gross genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein +Gehilfe." + +"Hier in der Schwemmebachsennhuette?" fragte This, dem die Aussicht auf +diese Glueckseligkeit ganz unfassbar war. + +"Alles hier, in der Schwemmebachsennhuette", bestaetigte der Franz Anton. + +Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden +Gluecks, dass der Senn ihn nur ansehen musste. Der Bub war wie +verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den grossen +Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie +streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir +miteinander froehlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen +wir dem lieben Gott dafuer danken, dass er dich gerade zur rechten Zeit +in die Naehe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch +begreift, warum du da heraufgekommen bist." + +Jetzt begann das froehliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben +hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen. +Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weissbrot hingelegt +und daneben Butter und weissen Kaese. Und mitten auf dem Tisch stand +eine grosse Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die +Mutter grosse, dicke Stuecke vor den This hin, und wenn er fertig war, +gab es gleich noch einmal so viel. + +Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie: +"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muss bei dir oben +bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es +noetig ist. Der Frau des Haelmli-Sepp will ich schon alles berichten." + +Das war dem Sennen recht, und fuer den This war es das hoechste Glueck, +das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton. +Nicht mehr verborgen unter den Tannenbaeumchen hoerte er heute den +Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als +dieser seine Haende faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den +Abendsegen." Andaechtig faltete auch er seine Haende, und als am Schluss +der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glueck im +Herzen des This so gross, dass er gern ueberlaut allen Menschen auf der +ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!' + +Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinueber zu der Frau des +Haelmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und +gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzaehlten. +Die Sennin hoerte, dass von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der +Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Haelmli-Sepp erklaerte, +dass sie mit ihrem Sohn uebereingekommen sei, sie wollten den This bei +sich annehmen, da machte die Frau einen grossen Laerm. Sie sagte, sie +sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fuer +den Senn eine groessere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien +alle aus vollen Haelsen: "Mich! Mich! Mich!" Denn sie wussten wohl, +wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhuette fuer gute +Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts. + +Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn +schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen +This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das +Haenseln und Verspotten unterlassen, sonst haetten sie es mit ihrem Sohn +zu tun. Der rede dann mit seinen kraeftigen Armen eine deutlichere +Sprache mit den Buben, als sie es jetzt koennte. Dann verliess die +Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verbluefft nachschauten, +und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This waere, +der wird's gut haben, wie ein Koenig wird er da oben in seiner +Sennhuette leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen liess, +liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund +sein. Denn sie mussten alle an den letzten Kaesfischtag denken, als der +This so uebel behandelt worden war. Von nun an wuerde er ja gewiss alle +Kaesfische allein bekommen, da waere doch jeder gut daran, der sein +Freund waere. Und spaeter waren sie auch alle gut daran, denn dem This +machte es die groesste Freude, die reiche Ernte der Kaesfische unter +allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darueber +wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie +mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte +sich zur Ueberraschung aller, dass er auf einmal ein ganz flinkes, +geschicktes Buerschchen war, von dem jeder sagen musste: "Entweder ist +das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den +dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit, +sein liebster Schueler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei +allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die +anderen Buben koennten ihn sich alle zum Vorbild nehmen. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird, +von Johanna Spyri. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD *** + +This file should be named 7vomt10.txt or 7vomt10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7vomt11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7vomt10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Vom This, der doch etwas wird + +Erzaehlung + +Johanna Spyri + + + + + + + +1. Kapitel + +Alle gegen einen + + +Wenn man den Seelisberg von der Rueckseite her besteigt, kommt man auf +eine frische, gruene Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die +friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem +schoenen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenaehrten Kuehe +ziehen lieblich laeutend immer hin und her. Denn jede traegt am Hals +ihre Glocke, damit man immer hoert, wo sie ist. So kann sich keine Kuh +unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Straeuchern bedeckte Felswand +liegt, ueber die sie hinunterstuerzen koennte. Es ist ausserdem ein +ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben koennen. Aber die +Glocken sind doch notwendig und toenen so freundlich hin und her, dass +keiner sie entbehren moechte. Am Bergabhang stehen hie und da +vereinzelt die kleinen, hoelzernen Haeuser, und nicht selten rauscht +daneben ein schaeumender Bach ins Tal hinab. 'Am Berghang' heisst es +hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Haeuschen steht auf +ebenem Boden. Es ist, als waeren sie irgendwie an den Berg hingeworfen +worden und da haengengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da +oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie +alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der +kleinen, hoelzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt +in ihre Naehe, so sieht man, dass ein grosser Unterschied zwischen ihnen +ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Naehe ganz +verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen +ihnen stuerzt der groesste Bergbach der Gegend, der schaeumende +Schwemmebach, hinunter. + +Am ersten Haeuschen blieben auch an den schoensten Sommertagen alle die +kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die +hineindrang, kam durch die Loecher der zerbrochenen Scheiben. Das war +aber nicht viel, denn die Loecher waren wieder mit Papier verklebt, +damit man im Winter drinnen nicht frieren musste. An dem hoelzernen +Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war +so zerfallen, dass es ein Wunder war, dass alle die kleinen Kinder, die +da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie +hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder +waren alle mit Schmutz ueberdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen +Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ueber da +herum, und am Abend kamen vier groessere Kinder dazu. Drei kraeftige +Buben und ein Maedchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich +aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie +konnten sich doch schon selbst waschen. + +Das Haeuschen ueber dem Bach drueben hatte einen ganz anderen Charakter. +Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeraeumt +aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drueben. Die +Stufen sahen immer so aus, als waeren sie eben gescheuert worden. Und +oben auf der Galerie standen drei schoene Nelkenstoecke und dufteten den +ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen +Fenstern stand offen und liess die schoene, sonnige Bergluft herein. +Dort konnte man meistens eine noch kraeftig aussehende Frau sitzen +sehen, mit schoenem, weissem Haar, das sie sehr ordentlich unter das +schwarze Haeubchen zurueckgestrichen hatte. Sie flickte gewoehnlich an +einem Maennerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber +gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so +adrett und reinlich aus, als waere noch nie etwas Unsauberes an sie +herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des +froehlichen Franz Anton mit den kraeftigen Armen. Der machte den Sommer +ueber in der oberen Sennhuette seine Kaese, und erst im Spaetherbst zog er +wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn +dann butterte er in der unteren Sennhuette, die ganz nahe lag. Da ueber +den reissenden Schwemmebach kein Steg fuehrte, waren die zwei Haeuschen +ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg +wohnten, besser, als diese Nachbarn ueber dem Bach, zu denen sie nur +etwa einmal am Tag stumm hinueberschaute. Gewoehnlich schuettelte sie +dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter +und schmutzigen Fetzen drueben an den Kindern sah. Sie schaute aber +nicht oft hinueber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber +betrachtete sie, wenn das Feierabendstuendchen kam, ihre roten Nelken +auf der Galerie oder sie schaute ueber den gruenen, sonnigen Abhang +hinunter, der vor ihrem Haeuschen zum Tal hinabstieg. + +Die verwilderten Kinder ueber dem Bach gehoerten dem Haelmli-Sepp, wie er +genannt wurde, der seine Arbeit ausser Haus beim Holzfaellen oder +Heumachen suchte. Ausserdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So +war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die +Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele +kleine Kinder koenne man nicht in Ordnung halten, und spaeter wuerde es +dann von selbst besser. So liess sie alles gehn, wie es ging. Und in +der schoenen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und +liessen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl +sein. Zur Sommerzeit waren die vier Groesseren den ganzen Tag draussen, +um die Kuehe zu hueten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen, +wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten +bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kuehe auf das +umliegende Weideland hinaus und mussten sie hueten lassen. Das ist +immer eine lustige Zeit fuer die Buben und Maedchen, die sich dort zu +jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei froehliche Sachen +miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten +im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere +Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer +ueber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstueck nach Hause, +das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier +Kleinen zu ernaehren und fuer alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn +diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein musste doch jedes haben +und die vier Grossen noch ein Stueck dazu. Eine Kuh hatte der +Haelmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besassen, +wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten. + +Haelmli-Sepp hiess der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum +nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine +Geiss und ein Stueck Kartoffelland, damit musste die Frau mit den vier +Kleinen den Sommer ueber auskommen und auch hier und da noch eines der +Groesseren speisen, wenn es draussen keine Arbeit fand. Der Vater kam im +Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein +Haeuschen und Acker waren so verschuldet, dass er das ganze Jahr ueber +etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten +konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel +er fand. + +So musste die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte +keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von +der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der +verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten, +schaute sie ueber den Bach zu dem schmucken Haeuschen der Sennerin +hinueber, dessen Scheiben in der Sonne glaenzten. Dann sagte sie +aergerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles +sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging +sie wieder aergerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurueck, und an dem, +der ihr zuerst in den Weg kam, liess sie den Aerger aus. + +Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht +ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Haeuschen vom +Haelmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der +dumme This' genannt, sah so mager und duerftig aus, dass man ihn kaum +fuer achtjaehrig gehalten haette. Er schaute auch so scheu und +verschuechtert drein, dass niemand wusste, wie der This eigentlich aussah, +denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach. +This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum +zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel spaeter ueber die Felsen +in die Tiefe gestuerzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam +und den Weg abkuerzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte +nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem +grossen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This +hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend, +eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen +Matthis genannt. + +Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Haeuschen vom +Haelmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstaette mit seinem Bueblein +gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben +Ort. Das wenige Geld, das fuer den kleinen This von der Gemeinde +bezahlt wurde, war der Frau des Haelmli-Sepp sehr erwuenscht. Und in +die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fuer die +schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This +war schon von Natur aus ein schuechternes und stilles Bueblein gewesen. +Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das grosse Unglueck +gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem +Unglueck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr. + +So sass der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein +Wort zu hoeren, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann +seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des +Haelmli-Sepp gehoerte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde +von jedem angefahren und hin und her gestossen, weil er sich nie wehrte. +Zu all den Pueffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen +dann noch die boesen Worte der Frau, wenn sie den Aerger ueber das +saubere Haeuschen der Sennerin drueben hatte. Der This wehrte sich aber +nie, denn er hatte das Gefuehl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so +nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und +verschuechtert, dass man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her +vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn +anrief. Er sah ueberhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch, +wo er in die Erde hineinkriechen koennte, dass ihn keiner mehr faende. + +So war es gekommen, dass die vier Grossen vom Haelmli-Sepp, der Jopp, der +Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du +bist doch ein dummer This", und dass es die vier Kleinen auch +nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals +dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es +werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme +This' genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten koennte, +wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kuehe zu hueten, und war +er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke +oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da sass er +meistens zitternd vor Furcht, denn er hoerte wohl, wie die anderen +Buben ihn mit grossem Geschrei suchten, dass er bei den Spielen +mitmachte, die sie spielen wollten. + +Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Pruegeln, und das traf +regelmaessig den This am staerksten, da er sich nicht wehrte und auch +nicht wehren konnte gegen die viel Staerkeren. So verkroch er sich, +sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kuehe, wohin sie wollten +und frassen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann grossen Aerger, und +jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kuehe zu hueten, und keiner +stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld, +wenn die Buben zum Jaeten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da +warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblueten an den +Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem +anderen reichlich zurueck, was er empfangen hatte. Der This gab aber +nichts zurueck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen +Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen +gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten +die Knollen an den Ruecken und an den Kopf. + +Waehrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten, +versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den +Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit +nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller +Arbeit zu dumm und aus dem This koenne nie etwas werden. Weil er nun +gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er +auch von der Frau des Haelmli-Sepp demgemaess behandelt. Wenn schon die +eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es +meistens, dass fuer den This gar nichts mehr uebrigblieb und es dann hiess: +"Du wirst wohl etwas finden, du bist gross genug." Wie der This +eigentlich ernaehrt wurde, wusste niemand, auch die Frau des Haelmli-Sepp +nicht, aber irgendwie lebte er doch immer. + +Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen +Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tuer +vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in +seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich +wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer +scheuer wurde und sich immer mehr versteckte. + + + +2. Kapitel + +Bei der Schwemmebachsennhuette + + +An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle +Muecken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hueterbuben und--maedchen. +Sie mussten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp, +von allen der Groesste, war der Leiter der Versammlung. Und als alle +nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, dass man jetzt zur +Schwemmebachsennhuette hinaufgehe, denn heute sei der Kaesfischtag. Nun +muesse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kuehe +hueten solle, waehrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wuerden. +Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust, +sich fuer die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue +Uli auf den Gedanken, man koennte einmal den dummen This zwingen, auf +die Kuehe acht zu geben. Und damit er's nicht vergesse, koennte man ihn +im voraus ein wenig durchpruegeln. Der Vorschlag fand Anklang, und +schon wollten mehrere von den Anfuehrern der Schar den This holen, als +das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts +Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den +Lohn dafuer, wenn wir wieder zurueckkommen und die Kuehe sich verlaufen +haben. Ihr werdet doch nicht glauben, dass der This, wenn er zu dumm +ist, zwei Kuehe zu hueten, auf einmal zwanzig hueten kann. Man muss losen, +und drei muessen bei den Kuehen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis +Erklaerung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus +der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet +der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der +siegreichen Schar den Ruecken und setzte sich auf den Boden neben seine +beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stuerzte nun +die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuss +entgegen. + +Der Kaesfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die +es nie unterliessen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen +sollte. Denn das war ein Hauptfest fuer sie. Das war der Tag, an dem +der Franz Anton seine frischen Kaese rundum beschnitt, nachdem diese +als weiche Masse in die runde, hoelzerne Form gepresst worden waren. +Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von +der Masse herausdraengte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie +eine lange, schneeweisse Wurst. Die wurde dann in viele Stuecke +gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt. +Das waren dann die sogenannten Kaesfische. Dieses Fest wiederholte +sich den Sommer ueber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem +Freudengeschrei begruesst. + +This hatte sich hinter dem grossen Distelbusch am Boden versteckt +gehalten, waehrend die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton +von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hoerte, +dass die grosse Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig +hervor. Die drei grollenden Zurueckgebliebenen sassen am Boden und +kehrten ihm den Ruecken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stueck +die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der +Hoehe hernieder. Den This erfasste ein unwiderstehliches Verlangen, +auch an der Kaesfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schluepfte er +hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er +hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem +letzten steilen Hang kam eine kleine, glaenzend gruene Hochebene, da +stand die Sennhuette. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der +klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tuer seiner Huette stand der +Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte ueber +die vielen Spruenge, die jetzt die Buben und Maedchen in ihrem Eifer, zu +dem ersehnten Genuss zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt +waren sie alle bei der Huette und eines draengte das andere vorwaerts, um +noch naeher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wuerde. + +"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton. "Wenn ihr alle in +die Huette hineindraengt, so habe ich keinen Platz mehr zum +Kaeseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes +Messer zur Hand und trat an den grossen, runden Kaese heran, den er +schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden +ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweissen +Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stueck und da ein +Stueck, oft ueber die Koepfe der Grossen weg den Kleinen, die nicht zu ihm +vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner +Teilung. + +This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen +wollte, so bekam er da einen Stoss und dort einen und flog so von einer +Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer +wieder ein Groesserer und Dickerer sich vor ihn draengte. Zuletzt bekam +er einen so ungeheuren Stoss von dem breiten, nach allen Seiten +schlagenden Jopp, dass er sich fast ueberschlagen haette. Die Teilung +war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, dass er zu keinem +Stueckchen Kaesfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine +Schlaege mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die +jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den +Baeumchen. Auf der hoechsten Krone des einen sass ein lustiger, kleiner +Vogel und pfiff so froehlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als +gaebe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und +Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, dass er fast das +Leid vergass, das ihm eben geschehen war. + +Von Zeit zu Zeit musste er nach der Sennhuette hinueberschauen, denn das +Laermen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stueck Kaesfisch +wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie +jedes Kind mit einem groesseren oder kleineren Brocken der schoenen, +weissen Masse dastand und mit Wonne hineinbiss. Er seufzte dann ein +wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges +Stuecklein bekaeme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weissen +Kaesfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie +heute in die Schar der Gluecklichen einzudringen. Jetzt hatte er +gesehen, dass es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut +zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlussgedanken, dass er +sein Leben lang nie einen Kaesfisch bekommen werde. Darueber wurde er +so traurig, dass er nicht einmal den Vogel mehr hoerte und ganz +zusammengeduckt unter den Tannenbaeumen sass. + +Jetzt war das Gastmahl bei der Huette zu Ende und mit schrecklichem +Laerm stuerzten die Kinder daher, womoeglich immer einer ueber den anderen +hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall +brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der +laermende Hans, und laut schrie er in das Gebuesch hinein: "Du Maulwurf, +komm heraus, du musst mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen +hatte. Er musste sich als Bock hinstellen, damit die anderen ueber ihn +springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er waere +viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wusste wohl, +was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er +gehorsam heran. "Wie viele Kaesfische hast du bekommen?" schrie ihn +jetzt der Hans an. + +"Keinen", gab This zurueck. "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans +noch lauter in die Schar hinein, "der laeuft schnell zu den Kaesfischen, +und dann laeuft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer +This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die grossen +Buben ueber den Kopf weg, so dass er genug zu tun hatte, nur immer +wieder auf die Fuesse zu kommen, wenn er umgeworfen worden war. +Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestuerzter die Abhaenge +hinunter, bis ein gluecklicher Zufall sie wieder alle auf die Fuesse +brachte. Nach dieser stuermischen Niederfahrt unten angekommen, liefen +gleich alle auseinander, jeder seinen Kuehen nach. + +Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn +jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den +Zurueckgebliebenen, weit er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem +Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben +und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im +Berghang, wo im Fruehling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und +den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und +ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schoene, dunkelrote +Erdbeeren in der Sonne, die so schoen warm in die Vertiefung schien. +Aber dem This war es ueberall angst und bang, wenn er noch in der Naehe +der Haeuser und der Hueterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden +Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der +This zuckte scheu und aengstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer +dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch +einmal an das stille Plaetzchen unter den kleinen Tannenbaeumchen dort +oben und an das pfeifende Voegelein, so dass es ihn mit Gewalt vom Boden +zog. Er musste noch einmal dorthin. + +Mit allen Kraeften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht +einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die +Tannenbaeumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein +Tannenversteck ein wenig offen. Da sass nun der This in voelliger +Sicherheit. Ringsum war eine grosse Stille, kein Ton drang von unten +her bis hier auf die einsame Hoehe, nur das Voegelein sass noch auf +seinem Tannenast und pfiff sein froehliches Lied. Die Sonne wollte +untergehen. Die hohen Schneeberge drueben fingen zu flimmern und zu +gluehen an, und ueber die ganze gruene Alm hin lag das golden schimmernde +Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie +gekanntes Wohlsein kam ueber ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und +Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fuerchten, denn weit und +breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hoeren. + +So sass der This eine lange Zeit, und am liebsten waere er gar nicht +mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben +gewesen. Aber da hoerte er schwere Tritte hinter sich von der Huette +her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiss +wollte er zum Bach hinueber, um Wasser zu holen. This verhielt sich +maeuschenstill. Denn er war so daran gewoehnt, dass er von jedermann +angefahren oder ausgelacht wurde, dass er dachte, der Senn werde es +gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die +Baeumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton +wurde aufmerksam, trat naeher und guckte in den Tannenbusch hinein. + +"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht. + +"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd. + +"Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fuerchten, wenn du nichts +Boeses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa +mit deinen Kaesfischen da hineingefluechtet, dass du sie in Ruhe +verzehren kannst?" + +"Nein, ich habe keine Kaesfische gehabt", sagte This aengstlich. + +"Nicht? Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie +sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem +Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem +Menschen. + +"Sie haben mich auf die Seite gestossen", erwiderte er nun und stand +hinter den buschigen Zweigen auf. + +"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort, +"komm noch ein wenig naeher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn +sie dich wegstossen? Es stoesst ja immer einer den anderen, aber zuletzt +kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?" + +"Sie sind staerker", sagte der This so ueberzeugend, dass diese Erklaerung +wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den +Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, grossen Franz Anton wie +ein duennes Stoecklein vor einer hohen Tanne. Der kraeftige Mann +betrachtete einen Augenblick das schmale Figuerchen, an dem tatsaechlich +fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht +schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf. + +"Wem gehoerst du?" fragte er jetzt den Buben. + +"Niemand", gab This zur Antwort. + +"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?" + +"Beim Haelmli-Sepp." + +Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. "Ach so, bist du der!" +sagte er verstaendnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar +nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehoert, ihn aber nicht +gekannt. + +"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig. "Wenn du beim Haelmli-Sepp +bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Haelmlein. +Komm, Kaesfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes." + +Der This wusste gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz +Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und +das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Huette, holte +hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein grosses +Stueck ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfass, das goldig glaenzend +in der Ecke stand, und holte ein grosses Stueck Butter heraus. Das +strich er ueber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stueck mit +der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte +der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es +nicht moeglich, dass es ihm gehoere. + +"Komm heraus. Iss es vor der Huette, ich muss nun zum Wasser", sagte +Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glueck und +Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte. +Vor der Huette setzte er sich auf den Boden. Und waehrend der Senn zum +Schwemmebach hinueberging, biss er in sein Butterbrot hinein und biss +immer wieder und konnte nicht begreifen, dass es etwas so Gutes gaebe +und er es bekommen haette. + +Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und +wiegte unten die Tannenbaeumchen hin und her, und der kleine Vogel sass +immer noch auf dem hoechsten Zweig und sang hell und froehlich in den +goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie +gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er muesse laut mit dem Vogel zu +singen anfangen. + +Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her +gegangen. Drueben beim Schwemmebach war er immer eine Weile +stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr +rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gross und golden der volle Mond +hinter dem weissen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Huette +zurueck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle +sass. + +"So gefaellt's dir hier?" fragte er freundlich. "Mit dem Abendessen +bist du fertig, wie ich sehe. Du musst dich auf den Rueckweg machen. +Sieh, wie schoen dir der Mond heimleuchtet!" + +Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel +ihm ein, dass es wohl noetig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem +Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den +Tannenbaeumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurueck. Er schaute noch +einmal zurueck, und da der Senn in die Huette getreten war und ihn nicht +mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz +Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Guete +und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen +Eindruck gemacht, dass er nicht fort konnte. Er musste noch ein wenig +in der Naehe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen +unter den Baeumchen und spaehte zu der Huette hinauf, ob er den Senn +nicht noch einmal saehe. Es dauerte einige Zeit, da ploetzlich trat +Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Huette heraus. + +Er blieb vor der Tuer stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die +stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ueber alle hohen Schneegipfel hin das +milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt +der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen +Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Haende. Er hielt wohl still +seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht +geb euch Gott!" trat in die Huette zurueck und machte die Tuer zu. Sein +Nachtgruss hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum +und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller +Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fuehlte Liebe und +Bewunderung fuer den Senn, Gefuehle, die er bisher nicht gekannt hatte. + +Als es nun ganz dunkel und still in der Huette wurde, stand der This +auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter. + +Es war spaet und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich, +die Tuer war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Haeuschen und +schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser +schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es +ist bequem, dass der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden. +So hat man doch Platz!" + +This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er +immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit +gefalteten Haenden vor seiner Huette stand. Zum erstenmal in seinem +Leben schlief der This mit einem gluecklichen Herzen ein. + + + +3. Kapitel + +Ein hilfreicher Engel + + +Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten, +mussten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges +gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr +Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze +Schar den Berghang herunter, und bald sassen sie alle mit anderen +Kindern so ruhig wie moeglich auf den langen Baenken, und der Herr +Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von +einem zukuenftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den +This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas +fragen, das wirst du wohl beantworten koennen, wenn man dir auch nicht +viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Aermsten +und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefuehrt hat, so +wohl werden, dass er kein Leid verspuert?" + +"Bei der Schwemmebachsennhuette", antwortete der This ohne Zoegern. +Jetzt entstand ein solches Kichern, dass der This ganz scheu um sich +schaute. Ringsum waren spoettische Blicke auf ihn gerichtet, und alle +Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich +so stark vornueber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem, +was der Herr Pfarrer das letztemal erklaerte, hatte er nichts gehoert, +weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren musste. Jetzt hatte +er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet, + +Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, dass es dem +This gar nicht zum Lachen war, sondern dass er vor Scheu ganz +erschrocken und zusammengeduckt dasass, da schuettelte der Herr Pfarrer +nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu +machen." + +Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stuerzte die ganze Schar +hinter dem This her, alle lachten ueberlaut und schrien durcheinander: +"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Kaesfische in den Sinn +gekommen?" + +"This, warum hast du nicht auch etwas von den Kaesfischen gesagt?" Der +This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem +Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben +wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den +schoenen Sonntagabend unten im Dorf geniessen. + +Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt +einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhuette +hinauffluechten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen. +Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plaetzchen sitzen und +vor Verfolgung sicher sein. Nun sass er wieder unter den Tannen und +ueber ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der +Sonne, und ueber den gruenen Haengen floss da und dort ein klares Baechlein +friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, dass er allen +Spott vergass und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr +weggehen zu muessen. + +Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er +bestaendig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie moeglich +nieder. Denn er hatte das Gefuehl, wenn der Franz Anton ihn wieder +hier sehe, so koennte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein +Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und +einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und +in dessen Naehe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst +nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und +This sass an seinem schoenen Plaetzchen, bis die Sterne am Himmel standen +und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Huette hinaustrat und +ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder +davon, und spaet wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht +hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber +das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefuehlt +dort oben. + +So ging es eine ganze Woche. Tag fuer Tag, sobald er einen Augenblick +fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm +hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete +er die ganze Taetigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und +nie verliess er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton +gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als +sei der Nachtsegen auch fuer ihn gedacht. + +Es waren ausnahmsweise heisse Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg +jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend +niedergegangen war. Das Futter war besonders kraeftig, und Franz Anton +bekam so schoene, fette Milch von den Alpenkuehen, dass er die +praechtigsten Kaese daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude, +und schon fruehmorgens konnte man ihn voller Vergnuegen in seiner +Sennhuette pfeifen hoeren, so auch am Samstag dieser Woche. Da hoerte +man ihn noch viel frueher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem +der Senn seine drei oder vier fertigen Kaese an den See hinunterbrachte. +Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie +auf seinem Ruecken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwaerts, +den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Ruecken. Es +war der heisseste Tag des ganzen Sommers. + +Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die uebermaessige +Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute +abend wieder zu meiner Huette hinauf in die kuehle Luft zu kommen, hier +unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt, +gerade als das Schiff herankam, das die Kaese mitnehmen sollte. Bald +war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschluessig +da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten +etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fuehlte keinen Appetit, sein Kopf +war schwer und heiss, er wuenschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn +jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim +Einladen geholfen hatte. "Komm, Franz Anton, heute ist's heiss, wir +wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn +zu dem Wirtshaus. + +Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im +Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber +stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in +der schweren, heissen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht +an den Wein gewoehnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit grossen +Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in +seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiss auf +seinen Kopf, alle seine Pulse haemmerten, die Fuesse wurden ihm so schwer, +dass er sie nur mit Muehe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je +groesser wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der +Aussicht an, dass nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt +nur noch eine Viertelstunde heisser Muehe vor ihm liege. Dann wuerde er +oben sein und koenne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen. + +Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne +brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Ploetzlich wurde es ihm voellig +schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stuerzte er auf den +Boden nieder. Er hatte das Bewusstsein verloren. + +Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er, +dass der Franz Anton noch nicht zurueckgekehrt war. Er stellte seine +Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem +Senn auszuschauen. + +Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz +Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte +er an seinem verborgenen Plaetzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt, +den der Senn tat. Er wusste, wie eine Beschaeftigung auf die andere +folgte, so dass er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der +Franz Anton seine Milch stehen liess. Sonst goss er sie immer gleich in +die verschiedenen Gefaesse. Die eine kam zum Buttern in die grossen, +runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schoen dick obenauf +lag. Die andere wurde in den Kaesekessel gegossen, das hatte der This +durch die offene Huettentuer alles genau beobachten koennen. Der Senn +kam immer noch nicht. Der Junge fuehlte, dass irgend etwas geschehen +sein musste. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging +zur Sennhuette. Da war es still und leer unten im Huettenraum und oben +auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut +war zu hoeren, alles wie ausgestorben. Aengstlich lief der This +jetzt um die Huette herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann +in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten +erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da +lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stoehnte und lechzte wie +ein Sterbender. Er sah gluehend heiss aus, und seine Lippen waren ganz +vertrocknet. + +Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor +Schrecken, auf seinen Wohltaeter. Dann stuerzte er in schnellem Lauf +den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewusstlos am +Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt +an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem +brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich buecken +und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er fuer einen Augenblick, +denn es war nur ein Fiebertraum gewesen. + +Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht ruehren. +Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das +Bewusstsein wieder, und er traeumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er +heute frueh im Voruebergehen noch die schoenen Erdbeeren gesehen hatte. +Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die +Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber +jetzt hatte er ploetzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte +sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der +Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schluerfte und +schluckte, es war ein unsaegliches Labsal. Er erwachte. War das alles +Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und +steckte ihm wieder eine grosse saftige Erdbeere in den Mund. + +"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton. Aber +nicht nur eine, fuenf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf +einmal flog ein stechender Schmerz ueber sein Gesicht. Er legte die +Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war +ihm das Bewusstsein wieder voellig entschwunden. Er konnte nicht einmal +mehr die letzte Erdbeere geniessen. Jetzt traeumte er ganz schreckliche +Dinge. Sein Kopf wurde so gross wie sein allergroesstes Butterfass und +dann immer noch groesser und so furchtbar schwer, dass er mit Schrecken +dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man muss starke, +hoelzerne Stuetzen unterstellen, wie unter die Apfelbaeume, wenn sie +zuviel Aepfel tragen." Und jetzt fuehlte er deutlich, dass der Kopf ganz +voll Schiesspulver war, das hatte einer von hinten angezuendet. Nun +brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich musste alles +zerspringen. Aber dann kam ploetzlich ganz kalt und belebend der +Schwemmebach ueber seine Stirn, ueber das ganze Gesicht und in den Mund +hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte. + +Es war wahr, eiskalt kam ein Guss nach dem anderen auf Stirn und +Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den +kuehlenden Trank ein. Ueber ihm standen die funkelnden Sterne, das +sah der Franz Anton deutlich. Er wusste auch, dass er noch am Boden lag +draussen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der +Schwemmebach sein, was so ueber ihn floss und ihn so ordentlich trinken +liess. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend, +so erloesend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer. +Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich +dir fuer deine Guete und die hilfreichen Engel!" + +Das erquickende Wasserbad hoerte nicht auf, und zuletzt fuehlte der +Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schuetzend und +wohltuend, dass er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt +schlief er jetzt ganz sanft ein und traeumte nicht mehr. + + + +4. Kapitel + +Was die Sennenmutter haben will + + +Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz +Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er +schauderte ein wenig zusammen, es froestelte ihn. Er wollte sich +aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand +an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht. +Wohl sechsfach zusammengelegt lag nass und schwer das grosse Handtuch +aus der Sennhuette auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der +frische Morgenwind ueber die Stirn blies, fuehlte er sich so wohlig und +erleichtert, dass er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da +sah er auf einmal in zwei grosse, ernsthafte Augen hinein, die +unverwandt auf ihn gerichtet waren. + +"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frueh auf +die Alm? Nun, weil du da bist, komm, dass ich mich ein wenig auf deine +Schulter stuetzen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf." + +Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er +stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fuesse in den Boden hinein, so dass +der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte. +Waehrend des langsamen Aufstiegs zur Huette, als er sich immer noch auf +die Schulter des Buben stuetzte, fing er an, sich daran zu erinnern, +was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgaenge der +Nacht voellig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur +helfen. In der Huette angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner +dreibeinigen Stuehle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz +dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir +wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt +noch nicht machen. Ein Schuesselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist +es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es +regelmaessig dort hinauf. Ich weiss nicht, was mit mir vorgeht seit +gestern." + +Der This war feuerrot geworden, er wusste wohl, wer das Schuesselchen +heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am +Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides +dem Senn. Dieser schuettelte ganz betroffen den Kopf. Solange er +lebte, hatte er noch nie sein Schuesselchen dort bei der Tuer auf den +Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine +Milch, fuellte dann das Schuesselchen wieder und sagte: "Da, This, trink +auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, dass du so frueh hinauf +kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Kaesfischtag und du seist dann +sicher der erste?" + +"Nein, gewiss nicht", versicherte This. + +"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal +unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder +zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. "Sag mir, This, habe ich +denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frueh +heraufkamst?" + +Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn +alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht +recht, und er koennte boese werden. Aber der Franz Anton schaute ihm +jetzt so tief in die Augen, dass er alles sagen musste: "Ich habe es +selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an. + +"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert. + +"Weil sie so heiss waren", erwiderte This. + +Der Senn staunte immer mehr. "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang +erwacht", sagte er. "Wann bist du denn heraufgekommen?" + +"Gestern um fuenf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam, +"der Melker kam erst lange nachher." + +"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn +gewollt und gemacht?" + +Jetzt sah der Franz Anton, dass dem This ganz bange wurde, ihm selber +aber fielen nun wieder die Vorgaenge der letzten Nacht ein. Ganz +vaeterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd: +"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fuerchten, This. Da, trink noch +eins aus, und dann sag mir alles, was du weisst, von da an, als du hier +heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fasste der This neuen +Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zuegen aus, denn sie schmeckte +herrlich. + +Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier +herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Kaesfische. +Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie +nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden +gefunden, und Sie sind ganz rot und heiss gewesen und haben Durst +gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe +alle grossen Erdbeeren gepflueckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen +gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf +den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Huette +das Schuesselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach +habe ich ihn gefuellt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schuesselchen das +Wasser ueber den Kopf geschuettet und auch zu trinken gegeben, denn sie +haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin +ich zum Bach hinueber und habe ihn wieder gefuellt. Aber weil das +Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes +Tuch wurde den Kopf besser kuehlen. Und so habe ich das Tuch aus der +Huette geholt und es ganz nass auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann +trocken und heiss wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und +es dann wieder nass auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann +erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht +etwa krank werden." + +Der Senn hatte mit grosser Aufmerksamkeit zugehoert. Jetzt stand alles +deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wusste auch +wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren +als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespuert und +genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und +verwundert an, als haette er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen +solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn moeglich, dass +dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben +gerettet hatte. + +Haette der This sein Fieber nicht mit dem Wasser geloescht, wer weiss, +was bis zum Morgen daraus geworden waere! Und wie konnte dieser This, +dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung +faehig sein, dass er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn +pflegte! Dem grossen, starken Franz Anton kamen die Traenen in die +Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles +ueberdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir +wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das +vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die +Glieder so, dass ich mich jetzt niederlegen muss. Geh du nun hinunter +zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir +nicht ganz wohl. Du musst dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe +noch viel mit dir zu reden heute, vergiss es nicht!" + +Solange er lebte, war der This noch nie so gluecklich gewesen. Er lief +springend den Berg hinunter, als koenne er nicht hoch genug aufspringen +vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen, +und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in +die Sennhuette eintreten. Ausserdem hatte der Franz Anton ihm noch +gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser +Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der +Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Haeuschen +mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im +Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der +Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen, +denn er war ganz atemlos vom Laufen. + +"Woher kommst denn du?" fragte die sonntaeglich gekleidete Frau, die +nicht gern etwas Unordentliches sah. Missbilligend musterte sie den +Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntaeglichen Anblick +in seinen zerfetzten Alltagshoeschen und dem schmutzigen Hemdlein. +"Ich meine, ich habe dich schon dort drueben ueber dem Bach gesehen, du +bist wohl einer vom Haelmli-Sepp?" + +"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demuetig. + +Jetzt fiel der Frau ein, dass die Frau des Haelmli-Sepp einen +einfaeltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts +zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. "Und was willst du +denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert. + +Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag +klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der +kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und dass er nach ihr schickte +und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes +Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in grosser +Sorge das Noetigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem grossen +Korb am Arm heraus. + +"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn. Warum musst du +wieder mit?" + +"Ich weiss nicht", antwortete er. Und fast als waere es etwas Boeses, +setzte er leise hinzu: "Muss ich nicht den Korb tragen?" + +"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran +gedacht, dass ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb. +Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief +in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer +Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die +Krankheit gefaehrlich sein? Ihre Angst wurde immer groesser, je naeher +sie der Sennhuette kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige +Schritte--der bekuemmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast +nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie +schaute ueberall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn +tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem +Herzen stieg sie die Leiter hinauf. + +Der This blieb ehrerbietig draussen vor der Tuer stehen, nur den Korb +schob er in die Huette hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll +ueber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte +ihr froehlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter: +"Gruess dich Gott, Mutter! Das freut mich, dass du da bist. Ich habe +aber geschlafen wie ein Baer, die ganze Zeit, seit der This fortging." +Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie +wusste gar nicht, was sie denken sollte. "Franz Anton", sagte sie +jetzt ernsthaft, "was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weisst du, +dass du mich hast holen lassen?" + +"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz +bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir +noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir +reden. Ich fuehl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kaeme noch +nicht weit." + +"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir's doch", +draengte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn. + +"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen", +sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. "Sieh einmal +zuerst dort unten das schmale, magere Bueblein an, das kein gutes Stueck +Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder +nur den dummen This nennt." + +Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn +hinaufspaehte, ob er etwa wieder umfallen wolle. + +"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt. + +"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Bueblein nicht +gewesen waere, so laege ich jetzt noch draussen auf dem Boden in einem +toedlichen Fieber, oder vielleicht waere es auch schon vorbei mit mir." +Und jetzt erzaehlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag +zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen +und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch +auf der Welt es nicht besser haette tun koennen. + +Die Mutter musste sich mehrmals die Traenen abwischen. Sie stellte sich +vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da +draussen gelegen haette und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden +waere, und kein Mensch haette etwas von ihm gewusst. Und jetzt stieg ein +Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, dass sie laut ausrufen musste: +"Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche +Liebe zu dem armen This ueberkam sie, dass sie ganz eifrig sagte: "Franz +Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Haelmli-Sepp zurueck! +Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat +sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen +mache ich ihm ein Gewand, dass man ihn ansehen darf. Er muss es nicht +schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir +geholfen hat." + +"Das ist nun gerade, was ich wuenschte, Mutter, aber ich musste doch +zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben +und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein koennte. Es geht +nichts ueber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller +Glueck und Liebe an, dass es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich +dachte: Es geht auch nichts ueber einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte +sie: "Jetzt musst du etwas essen, Franz Anton, dass du wieder zu Kraeften +kommst. Ich habe frische Eier und ein Weissbrot mitgenommen, und jetzt +will ich Feuer machen, lass dir Zeit zum Herunterkommen." Das musste der +Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging. +Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er +sich selbst niedergesetzt hatte. + +"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend, +"willst du ein Senn werden?" + +Der This fing an zu laecheln, aber dann hoerte er ploetzlich die +vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen +hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts". +Und schuechtern antwortete er. "Ich kann nichts werden." + +"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit. +"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun +bleibst du bei mir und traegst Milch und Wasser und hilfst mir bei +allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Kaese macht und sobald +du gross genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein +Gehilfe." + +"Hier in der Schwemmebachsennhuette?" fragte This, dem die Aussicht auf +diese Glueckseligkeit ganz unfassbar war. + +"Alles hier, in der Schwemmebachsennhuette", bestaetigte der Franz Anton. + +Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden +Gluecks, dass der Senn ihn nur ansehen musste. Der Bub war wie +verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den grossen +Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie +streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir +miteinander froehlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen +wir dem lieben Gott dafuer danken, dass er dich gerade zur rechten Zeit +in die Naehe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch +begreift, warum du da heraufgekommen bist." + +Jetzt begann das froehliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben +hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen. +Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weissbrot hingelegt +und daneben Butter und weissen Kaese. Und mitten auf dem Tisch stand +eine grosse Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die +Mutter grosse, dicke Stuecke vor den This hin, und wenn er fertig war, +gab es gleich noch einmal so viel. + +Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie: +"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muss bei dir oben +bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es +noetig ist. Der Frau des Haelmli-Sepp will ich schon alles berichten." + +Das war dem Sennen recht, und fuer den This war es das hoechste Glueck, +das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton. +Nicht mehr verborgen unter den Tannenbaeumchen hoerte er heute den +Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als +dieser seine Haende faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den +Abendsegen." Andaechtig faltete auch er seine Haende, und als am Schluss +der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glueck im +Herzen des This so gross, dass er gern ueberlaut allen Menschen auf der +ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!' + +Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinueber zu der Frau des +Haelmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und +gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzaehlten. +Die Sennin hoerte, dass von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der +Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Haelmli-Sepp erklaerte, +dass sie mit ihrem Sohn uebereingekommen sei, sie wollten den This bei +sich annehmen, da machte die Frau einen grossen Laerm. Sie sagte, sie +sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fuer +den Senn eine groessere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien +alle aus vollen Haelsen: "Mich! Mich! Mich!" Denn sie wussten wohl, +wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhuette fuer gute +Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts. + +Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn +schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen +This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das +Haenseln und Verspotten unterlassen, sonst haetten sie es mit ihrem Sohn +zu tun. Der rede dann mit seinen kraeftigen Armen eine deutlichere +Sprache mit den Buben, als sie es jetzt koennte. Dann verliess die +Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verbluefft nachschauten, +und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This waere, +der wird's gut haben, wie ein Koenig wird er da oben in seiner +Sennhuette leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen liess, +liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund +sein. Denn sie mussten alle an den letzten Kaesfischtag denken, als der +This so uebel behandelt worden war. Von nun an wuerde er ja gewiss alle +Kaesfische allein bekommen, da waere doch jeder gut daran, der sein +Freund waere. Und spaeter waren sie auch alle gut daran, denn dem This +machte es die groesste Freude, die reiche Ernte der Kaesfische unter +allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darueber +wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie +mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte +sich zur Ueberraschung aller, dass er auf einmal ein ganz flinkes, +geschicktes Buerschchen war, von dem jeder sagen musste: "Entweder ist +das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den +dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit, +sein liebster Schueler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei +allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die +anderen Buben koennten ihn sich alle zum Vorbild nehmen. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird, +von Johanna Spyri. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD *** + +This file should be named 7vomt10.txt or 7vomt10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7vomt11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7vomt10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Vom This, der doch etwas wird + +Author: Johanna Spyri + +Release Date: February, 2006 [EBook #9859] +[This file was first posted on October 25, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD *** + + + + +E-text prepared by Delphine Lettau + + + + + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 8-bit version. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfgung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Vom This, der doch etwas wird + +Erzhlung + +Johanna Spyri + + + + + + + +1. Kapitel + +Alle gegen einen + + +Wenn man den Seelisberg von der Rckseite her besteigt, kommt man auf +eine frische, grne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die +friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem +schnen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenhrten Khe +ziehen lieblich lutend immer hin und her. Denn jede trgt am Hals +ihre Glocke, damit man immer hrt, wo sie ist. So kann sich keine Kuh +unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Struchern bedeckte Felswand +liegt, ber die sie hinunterstrzen knnte. Es ist auerdem ein +ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben knnen. Aber die +Glocken sind doch notwendig und tnen so freundlich hin und her, da +keiner sie entbehren mchte. Am Bergabhang stehen hie und da +vereinzelt die kleinen, hlzernen Huser, und nicht selten rauscht +daneben ein schumender Bach ins Tal hinab. 'Am Berghang' heit es +hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Huschen steht auf +ebenem Boden. Es ist, als wren sie irgendwie an den Berg hingeworfen +worden und da hngengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da +oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie +alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der +kleinen, hlzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt +in ihre Nhe, so sieht man, da ein groer Unterschied zwischen ihnen +ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nhe ganz +verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen +ihnen strzt der grte Bergbach der Gegend, der schumende +Schwemmebach, hinunter. + +Am ersten Huschen blieben auch an den schnsten Sommertagen alle die +kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die +hineindrang, kam durch die Lcher der zerbrochenen Scheiben. Das war +aber nicht viel, denn die Lcher waren wieder mit Papier verklebt, +damit man im Winter drinnen nicht frieren mute. An dem hlzernen +Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war +so zerfallen, da es ein Wunder war, da alle die kleinen Kinder, die +da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie +hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder +waren alle mit Schmutz berdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen +Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ber da +herum, und am Abend kamen vier grere Kinder dazu. Drei krftige +Buben und ein Mdchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich +aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie +konnten sich doch schon selbst waschen. + +Das Huschen ber dem Bach drben hatte einen ganz anderen Charakter. +Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgerumt +aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drben. Die +Stufen sahen immer so aus, als wren sie eben gescheuert worden. Und +oben auf der Galerie standen drei schne Nelkenstcke und dufteten den +ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen +Fenstern stand offen und lie die schne, sonnige Bergluft herein. +Dort konnte man meistens eine noch krftig aussehende Frau sitzen +sehen, mit schnem, weiem Haar, das sie sehr ordentlich unter das +schwarze Hubchen zurckgestrichen hatte. Sie flickte gewhnlich an +einem Mnnerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber +gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so +adrett und reinlich aus, als wre noch nie etwas Unsauberes an sie +herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des +frhlichen Franz Anton mit den krftigen Armen. Der machte den Sommer +ber in der oberen Sennhtte seine Kse, und erst im Sptherbst zog er +wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn +dann butterte er in der unteren Sennhtte, die ganz nahe lag. Da ber +den reienden Schwemmebach kein Steg fhrte, waren die zwei Huschen +ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg +wohnten, besser, als diese Nachbarn ber dem Bach, zu denen sie nur +etwa einmal am Tag stumm hinberschaute. Gewhnlich schttelte sie +dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter +und schmutzigen Fetzen drben an den Kindern sah. Sie schaute aber +nicht oft hinber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber +betrachtete sie, wenn das Feierabendstndchen kam, ihre roten Nelken +auf der Galerie oder sie schaute ber den grnen, sonnigen Abhang +hinunter, der vor ihrem Huschen zum Tal hinabstieg. + +Die verwilderten Kinder ber dem Bach gehrten dem Hlmli-Sepp, wie er +genannt wurde, der seine Arbeit auer Haus beim Holzfllen oder +Heumachen suchte. Auerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So +war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die +Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele +kleine Kinder knne man nicht in Ordnung halten, und spter wrde es +dann von selbst besser. So lie sie alles gehn, wie es ging. Und in +der schnen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und +lieen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl +sein. Zur Sommerzeit waren die vier Greren den ganzen Tag drauen, +um die Khe zu hten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen, +wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten +bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Khe auf das +umliegende Weideland hinaus und muten sie hten lassen. Das ist +immer eine lustige Zeit fr die Buben und Mdchen, die sich dort zu +jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei frhliche Sachen +miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten +im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere +Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer +ber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstck nach Hause, +das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier +Kleinen zu ernhren und fr alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn +diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mute doch jedes haben +und die vier Groen noch ein Stck dazu. Eine Kuh hatte der +Hlmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaen, +wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten. + +Hlmli-Sepp hie der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum +nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine +Gei und ein Stck Kartoffelland, damit mute die Frau mit den vier +Kleinen den Sommer ber auskommen und auch hier und da noch eines der +Greren speisen, wenn es drauen keine Arbeit fand. Der Vater kam im +Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein +Huschen und Acker waren so verschuldet, da er das ganze Jahr ber +etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten +konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel +er fand. + +So mute die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte +keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von +der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der +verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten, +schaute sie ber den Bach zu dem schmucken Huschen der Sennerin +hinber, dessen Scheiben in der Sonne glnzten. Dann sagte sie +rgerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles +sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging +sie wieder rgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurck, und an dem, +der ihr zuerst in den Weg kam, lie sie den rger aus. + +Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht +ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Huschen vom +Hlmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der +dumme This' genannt, sah so mager und drftig aus, da man ihn kaum +fr achtjhrig gehalten htte. Er schaute auch so scheu und +verschchtert drein, da niemand wute, wie der This eigentlich aussah, +denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach. +This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum +zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel spter ber die Felsen +in die Tiefe gestrzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam +und den Weg abkrzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte +nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem +groen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This +hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend, +eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen +Matthis genannt. + +Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Huschen vom +Hlmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafsttte mit seinem Bblein +gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben +Ort. Das wenige Geld, das fr den kleinen This von der Gemeinde +bezahlt wurde, war der Frau des Hlmli-Sepp sehr erwnscht. Und in +die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fr die +schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This +war schon von Natur aus ein schchternes und stilles Bblein gewesen. +Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das groe Unglck +gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem +Unglck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr. + +So sa der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein +Wort zu hren, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann +seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des +Hlmli-Sepp gehrte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde +von jedem angefahren und hin und her gestoen, weil er sich nie wehrte. +Zu all den Pffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen +dann noch die bsen Worte der Frau, wenn sie den rger ber das +saubere Huschen der Sennerin drben hatte. Der This wehrte sich aber +nie, denn er hatte das Gefhl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so +nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und +verschchtert, da man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her +vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn +anrief. Er sah berhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch, +wo er in die Erde hineinkriechen knnte, da ihn keiner mehr fnde. + +So war es gekommen, da die vier Groen vom Hlmli-Sepp, der Jopp, der +Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du +bist doch ein dummer This", und da es die vier Kleinen auch +nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals +dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es +werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme +This' genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten knnte, +wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Khe zu hten, und war +er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke +oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da sa er +meistens zitternd vor Furcht, denn er hrte wohl, wie die anderen +Buben ihn mit groem Geschrei suchten, da er bei den Spielen +mitmachte, die sie spielen wollten. + +Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prgeln, und das traf +regelmig den This am strksten, da er sich nicht wehrte und auch +nicht wehren konnte gegen die viel Strkeren. So verkroch er sich, +sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Khe, wohin sie wollten +und fraen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann groen rger, und +jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Khe zu hten, und keiner +stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld, +wenn die Buben zum Jten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da +warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblten an den +Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem +anderen reichlich zurck, was er empfangen hatte. Der This gab aber +nichts zurck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen +Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen +gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten +die Knollen an den Rcken und an den Kopf. + +Whrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten, +versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den +Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit +nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller +Arbeit zu dumm und aus dem This knne nie etwas werden. Weil er nun +gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er +auch von der Frau des Hlmli-Sepp demgem behandelt. Wenn schon die +eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es +meistens, da fr den This gar nichts mehr brigblieb und es dann hie: +"Du wirst wohl etwas finden, du bist gro genug." Wie der This +eigentlich ernhrt wurde, wute niemand, auch die Frau des Hlmli-Sepp +nicht, aber irgendwie lebte er doch immer. + +Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen +Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tr +vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in +seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich +wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer +scheuer wurde und sich immer mehr versteckte. + + + +2. Kapitel + +Bei der Schwemmebachsennhtte + + +An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle +Mcken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hterbuben und--mdchen. +Sie muten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp, +von allen der Grte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle +nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, da man jetzt zur +Schwemmebachsennhtte hinaufgehe, denn heute sei der Ksfischtag. Nun +msse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Khe +hten solle, whrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wrden. +Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust, +sich fr die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue +Uli auf den Gedanken, man knnte einmal den dummen This zwingen, auf +die Khe acht zu geben. Und damit er's nicht vergesse, knnte man ihn +im voraus ein wenig durchprgeln. Der Vorschlag fand Anklang, und +schon wollten mehrere von den Anfhrern der Schar den This holen, als +das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts +Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den +Lohn dafr, wenn wir wieder zurckkommen und die Khe sich verlaufen +haben. Ihr werdet doch nicht glauben, da der This, wenn er zu dumm +ist, zwei Khe zu hten, auf einmal zwanzig hten kann. Man mu losen, +und drei mssen bei den Khen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis +Erklrung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus +der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet +der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der +siegreichen Schar den Rcken und setzte sich auf den Boden neben seine +beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen strzte nun +die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genu +entgegen. + +Der Ksfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die +es nie unterlieen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen +sollte. Denn das war ein Hauptfest fr sie. Das war der Tag, an dem +der Franz Anton seine frischen Kse rundum beschnitt, nachdem diese +als weiche Masse in die runde, hlzerne Form gepret worden waren. +Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von +der Masse herausdrngte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie +eine lange, schneeweie Wurst. Die wurde dann in viele Stcke +gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt. +Das waren dann die sogenannten Ksfische. Dieses Fest wiederholte +sich den Sommer ber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem +Freudengeschrei begrt. + +This hatte sich hinter dem groen Distelbusch am Boden versteckt +gehalten, whrend die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton +von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hrte, +da die groe Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig +hervor. Die drei grollenden Zurckgebliebenen saen am Boden und +kehrten ihm den Rcken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stck +die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der +Hhe hernieder. Den This erfate ein unwiderstehliches Verlangen, +auch an der Ksfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlpfte er +hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er +hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem +letzten steilen Hang kam eine kleine, glnzend grne Hochebene, da +stand die Sennhtte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der +klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tr seiner Htte stand der +Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte ber +die vielen Sprnge, die jetzt die Buben und Mdchen in ihrem Eifer, zu +dem ersehnten Genu zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt +waren sie alle bei der Htte und eines drngte das andere vorwrts, um +noch nher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wrde. + +"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton. "Wenn ihr alle in +die Htte hineindrngt, so habe ich keinen Platz mehr zum +Kseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes +Messer zur Hand und trat an den groen, runden Kse heran, den er +schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden +ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweien +Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stck und da ein +Stck, oft ber die Kpfe der Groen weg den Kleinen, die nicht zu ihm +vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner +Teilung. + +This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen +wollte, so bekam er da einen Sto und dort einen und flog so von einer +Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer +wieder ein Grerer und Dickerer sich vor ihn drngte. Zuletzt bekam +er einen so ungeheuren Sto von dem breiten, nach allen Seiten +schlagenden Jopp, da er sich fast berschlagen htte. Die Teilung +war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, da er zu keinem +Stckchen Ksfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine +Schlge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die +jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den +Bumchen. Auf der hchsten Krone des einen sa ein lustiger, kleiner +Vogel und pfiff so frhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als +gbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und +Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, da er fast das +Leid verga, das ihm eben geschehen war. + +Von Zeit zu Zeit mute er nach der Sennhtte hinberschauen, denn das +Lrmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stck Ksfisch +wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie +jedes Kind mit einem greren oder kleineren Brocken der schnen, +weien Masse dastand und mit Wonne hineinbi. Er seufzte dann ein +wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges +Stcklein bekme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weien +Ksfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie +heute in die Schar der Glcklichen einzudringen. Jetzt hatte er +gesehen, da es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut +zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlugedanken, da er +sein Leben lang nie einen Ksfisch bekommen werde. Darber wurde er +so traurig, da er nicht einmal den Vogel mehr hrte und ganz +zusammengeduckt unter den Tannenbumen sa. + +Jetzt war das Gastmahl bei der Htte zu Ende und mit schrecklichem +Lrm strzten die Kinder daher, womglich immer einer ber den anderen +hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall +brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der +lrmende Hans, und laut schrie er in das Gebsch hinein: "Du Maulwurf, +komm heraus, du mut mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen +hatte. Er mute sich als Bock hinstellen, damit die anderen ber ihn +springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wre +viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wute wohl, +was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er +gehorsam heran. "Wie viele Ksfische hast du bekommen?" schrie ihn +jetzt der Hans an. + +"Keinen", gab This zurck. "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans +noch lauter in die Schar hinein, "der luft schnell zu den Ksfischen, +und dann luft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer +This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die groen +Buben ber den Kopf weg, so da er genug zu tun hatte, nur immer +wieder auf die Fe zu kommen, wenn er umgeworfen worden war. +Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestrzter die Abhnge +hinunter, bis ein glcklicher Zufall sie wieder alle auf die Fe +brachte. Nach dieser strmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen +gleich alle auseinander, jeder seinen Khen nach. + +Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn +jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den +Zurckgebliebenen, weit er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem +Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben +und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im +Berghang, wo im Frhling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und +den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und +ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schne, dunkelrote +Erdbeeren in der Sonne, die so schn warm in die Vertiefung schien. +Aber dem This war es berall angst und bang, wenn er noch in der Nhe +der Huser und der Hterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden +Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der +This zuckte scheu und ngstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer +dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch +einmal an das stille Pltzchen unter den kleinen Tannenbumchen dort +oben und an das pfeifende Vgelein, so da es ihn mit Gewalt vom Boden +zog. Er mute noch einmal dorthin. + +Mit allen Krften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht +einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die +Tannenbumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein +Tannenversteck ein wenig offen. Da sa nun der This in vlliger +Sicherheit. Ringsum war eine groe Stille, kein Ton drang von unten +her bis hier auf die einsame Hhe, nur das Vgelein sa noch auf +seinem Tannenast und pfiff sein frhliches Lied. Die Sonne wollte +untergehen. Die hohen Schneeberge drben fingen zu flimmern und zu +glhen an, und ber die ganze grne Alm hin lag das golden schimmernde +Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie +gekanntes Wohlsein kam ber ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und +Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu frchten, denn weit und +breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hren. + +So sa der This eine lange Zeit, und am liebsten wre er gar nicht +mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben +gewesen. Aber da hrte er schwere Tritte hinter sich von der Htte +her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewi +wollte er zum Bach hinber, um Wasser zu holen. This verhielt sich +muschenstill. Denn er war so daran gewhnt, da er von jedermann +angefahren oder ausgelacht wurde, da er dachte, der Senn werde es +gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die +Bumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton +wurde aufmerksam, trat nher und guckte in den Tannenbusch hinein. + +"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht. + +"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd. + +"Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu frchten, wenn du nichts +Bses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa +mit deinen Ksfischen da hineingeflchtet, da du sie in Ruhe +verzehren kannst?" + +"Nein, ich habe keine Ksfische gehabt", sagte This ngstlich. + +"Nicht? Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie +sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem +Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem +Menschen. + +"Sie haben mich auf die Seite gestoen", erwiderte er nun und stand +hinter den buschigen Zweigen auf. + +"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort, +"komm noch ein wenig nher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn +sie dich wegstoen? Es stt ja immer einer den anderen, aber zuletzt +kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?" + +"Sie sind strker", sagte der This so berzeugend, da diese Erklrung +wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den +Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, groen Franz Anton wie +ein dnnes Stcklein vor einer hohen Tanne. Der krftige Mann +betrachtete einen Augenblick das schmale Figrchen, an dem tatschlich +fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht +schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf. + +"Wem gehrst du?" fragte er jetzt den Buben. + +"Niemand", gab This zur Antwort. + +"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?" + +"Beim Hlmli-Sepp." + +Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. "Ach so, bist du der!" +sagte er verstndnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar +nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehrt, ihn aber nicht +gekannt. + +"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig. "Wenn du beim Hlmli-Sepp +bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hlmlein. +Komm, Ksfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes." + +Der This wute gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz +Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und +das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Htte, holte +hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein groes +Stck ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfa, das goldig glnzend +in der Ecke stand, und holte ein groes Stck Butter heraus. Das +strich er ber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stck mit +der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte +der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es +nicht mglich, da es ihm gehre. + +"Komm heraus. I es vor der Htte, ich mu nun zum Wasser", sagte +Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glck und +Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte. +Vor der Htte setzte er sich auf den Boden. Und whrend der Senn zum +Schwemmebach hinberging, bi er in sein Butterbrot hinein und bi +immer wieder und konnte nicht begreifen, da es etwas so Gutes gbe +und er es bekommen htte. + +Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und +wiegte unten die Tannenbumchen hin und her, und der kleine Vogel sa +immer noch auf dem hchsten Zweig und sang hell und frhlich in den +goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie +gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er msse laut mit dem Vogel zu +singen anfangen. + +Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her +gegangen. Drben beim Schwemmebach war er immer eine Weile +stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr +rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gro und golden der volle Mond +hinter dem weien Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Htte +zurck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle +sa. + +"So gefllt's dir hier?" fragte er freundlich. "Mit dem Abendessen +bist du fertig, wie ich sehe. Du mut dich auf den Rckweg machen. +Sieh, wie schn dir der Mond heimleuchtet!" + +Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel +ihm ein, da es wohl ntig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem +Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den +Tannenbumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurck. Er schaute noch +einmal zurck, und da der Senn in die Htte getreten war und ihn nicht +mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz +Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Gte +und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen +Eindruck gemacht, da er nicht fort konnte. Er mute noch ein wenig +in der Nhe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen +unter den Bumchen und sphte zu der Htte hinauf, ob er den Senn +nicht noch einmal she. Es dauerte einige Zeit, da pltzlich trat +Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Htte heraus. + +Er blieb vor der Tr stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die +stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ber alle hohen Schneegipfel hin das +milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt +der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen +Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hnde. Er hielt wohl still +seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht +geb euch Gott!" trat in die Htte zurck und machte die Tr zu. Sein +Nachtgru hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum +und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller +Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fhlte Liebe und +Bewunderung fr den Senn, Gefhle, die er bisher nicht gekannt hatte. + +Als es nun ganz dunkel und still in der Htte wurde, stand der This +auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter. + +Es war spt und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich, +die Tr war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Huschen und +schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser +schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es +ist bequem, da der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden. +So hat man doch Platz!" + +This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er +immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit +gefalteten Hnden vor seiner Htte stand. Zum erstenmal in seinem +Leben schlief der This mit einem glcklichen Herzen ein. + + + +3. Kapitel + +Ein hilfreicher Engel + + +Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten, +muten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges +gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr +Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze +Schar den Berghang herunter, und bald saen sie alle mit anderen +Kindern so ruhig wie mglich auf den langen Bnken, und der Herr +Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von +einem zuknftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den +This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas +fragen, das wirst du wohl beantworten knnen, wenn man dir auch nicht +viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem rmsten +und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefhrt hat, so +wohl werden, da er kein Leid versprt?" + +"Bei der Schwemmebachsennhtte", antwortete der This ohne Zgern. +Jetzt entstand ein solches Kichern, da der This ganz scheu um sich +schaute. Ringsum waren spttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle +Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich +so stark vornber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem, +was der Herr Pfarrer das letztemal erklrte, hatte er nichts gehrt, +weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mute. Jetzt hatte +er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet, + +Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, da es dem +This gar nicht zum Lachen war, sondern da er vor Scheu ganz +erschrocken und zusammengeduckt dasa, da schttelte der Herr Pfarrer +nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu +machen." + +Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da strzte die ganze Schar +hinter dem This her, alle lachten berlaut und schrien durcheinander: +"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Ksfische in den Sinn +gekommen?" + +"This, warum hast du nicht auch etwas von den Ksfischen gesagt?" Der +This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem +Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben +wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den +schnen Sonntagabend unten im Dorf genieen. + +Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt +einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhtte +hinaufflchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen. +Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Pltzchen sitzen und +vor Verfolgung sicher sein. Nun sa er wieder unter den Tannen und +ber ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der +Sonne, und ber den grnen Hngen flo da und dort ein klares Bchlein +friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, da er allen +Spott verga und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr +weggehen zu mssen. + +Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er +bestndig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie mglich +nieder. Denn er hatte das Gefhl, wenn der Franz Anton ihn wieder +hier sehe, so knnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein +Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und +einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und +in dessen Nhe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst +nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und +This sa an seinem schnen Pltzchen, bis die Sterne am Himmel standen +und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Htte hinaustrat und +ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder +davon, und spt wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht +hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber +das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefhlt +dort oben. + +So ging es eine ganze Woche. Tag fr Tag, sobald er einen Augenblick +fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm +hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete +er die ganze Ttigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und +nie verlie er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton +gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als +sei der Nachtsegen auch fr ihn gedacht. + +Es waren ausnahmsweise heie Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg +jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend +niedergegangen war. Das Futter war besonders krftig, und Franz Anton +bekam so schne, fette Milch von den Alpenkhen, da er die +prchtigsten Kse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude, +und schon frhmorgens konnte man ihn voller Vergngen in seiner +Sennhtte pfeifen hren, so auch am Samstag dieser Woche. Da hrte +man ihn noch viel frher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem +der Senn seine drei oder vier fertigen Kse an den See hinunterbrachte. +Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie +auf seinem Rcken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwrts, +den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rcken. Es +war der heieste Tag des ganzen Sommers. + +Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die bermige +Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute +abend wieder zu meiner Htte hinauf in die khle Luft zu kommen, hier +unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt, +gerade als das Schiff herankam, das die Kse mitnehmen sollte. Bald +war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlssig +da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten +etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fhlte keinen Appetit, sein Kopf +war schwer und hei, er wnschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn +jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim +Einladen geholfen hatte. "Komm, Franz Anton, heute ist's hei, wir +wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn +zu dem Wirtshaus. + +Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im +Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber +stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in +der schweren, heien Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht +an den Wein gewhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit groen +Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in +seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte hei auf +seinen Kopf, alle seine Pulse hmmerten, die Fe wurden ihm so schwer, +da er sie nur mit Mhe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je +grer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der +Aussicht an, da nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt +nur noch eine Viertelstunde heier Mhe vor ihm liege. Dann wrde er +oben sein und knne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen. + +Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne +brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Pltzlich wurde es ihm vllig +schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer strzte er auf den +Boden nieder. Er hatte das Bewutsein verloren. + +Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er, +da der Franz Anton noch nicht zurckgekehrt war. Er stellte seine +Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem +Senn auszuschauen. + +Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz +Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte +er an seinem verborgenen Pltzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt, +den der Senn tat. Er wute, wie eine Beschftigung auf die andere +folgte, so da er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der +Franz Anton seine Milch stehen lie. Sonst go er sie immer gleich in +die verschiedenen Gefe. Die eine kam zum Buttern in die groen, +runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schn dick obenauf +lag. Die andere wurde in den Ksekessel gegossen, das hatte der This +durch die offene Httentr alles genau beobachten knnen. Der Senn +kam immer noch nicht. Der Junge fhlte, da irgend etwas geschehen +sein mute. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging +zur Sennhtte. Da war es still und leer unten im Httenraum und oben +auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut +war zu hren, alles wie ausgestorben. ngstlich lief der This +jetzt um die Htte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann +in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten +erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da +lag sein Freund mit geschlossenen Augen und sthnte und lechzte wie +ein Sterbender. Er sah glhend hei aus, und seine Lippen waren ganz +vertrocknet. + +Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor +Schrecken, auf seinen Wohltter. Dann strzte er in schnellem Lauf +den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewutlos am +Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt +an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem +brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bcken +und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er fr einen Augenblick, +denn es war nur ein Fiebertraum gewesen. + +Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rhren. +Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das +Bewutsein wieder, und er trumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er +heute frh im Vorbergehen noch die schnen Erdbeeren gesehen hatte. +Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die +Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber +jetzt hatte er pltzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte +sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der +Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlrfte und +schluckte, es war ein unsgliches Labsal. Er erwachte. War das alles +Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und +steckte ihm wieder eine groe saftige Erdbeere in den Mund. + +"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton. Aber +nicht nur eine, fnf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf +einmal flog ein stechender Schmerz ber sein Gesicht. Er legte die +Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war +ihm das Bewutsein wieder vllig entschwunden. Er konnte nicht einmal +mehr die letzte Erdbeere genieen. Jetzt trumte er ganz schreckliche +Dinge. Sein Kopf wurde so gro wie sein allergrtes Butterfa und +dann immer noch grer und so furchtbar schwer, da er mit Schrecken +dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man mu starke, +hlzerne Sttzen unterstellen, wie unter die Apfelbume, wenn sie +zuviel pfel tragen." Und jetzt fhlte er deutlich, da der Kopf ganz +voll Schiepulver war, das hatte einer von hinten angezndet. Nun +brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mute alles +zerspringen. Aber dann kam pltzlich ganz kalt und belebend der +Schwemmebach ber seine Stirn, ber das ganze Gesicht und in den Mund +hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte. + +Es war wahr, eiskalt kam ein Gu nach dem anderen auf Stirn und +Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den +khlenden Trank ein. ber ihm standen die funkelnden Sterne, das +sah der Franz Anton deutlich. Er wute auch, da er noch am Boden lag +drauen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der +Schwemmebach sein, was so ber ihn flo und ihn so ordentlich trinken +lie. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend, +so erlsend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer. +Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich +dir fr deine Gte und die hilfreichen Engel!" + +Das erquickende Wasserbad hrte nicht auf, und zuletzt fhlte der +Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schtzend und +wohltuend, da er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt +schlief er jetzt ganz sanft ein und trumte nicht mehr. + + + +4. Kapitel + +Was die Sennenmutter haben will + + +Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz +Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er +schauderte ein wenig zusammen, es frstelte ihn. Er wollte sich +aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand +an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht. +Wohl sechsfach zusammengelegt lag na und schwer das groe Handtuch +aus der Sennhtte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der +frische Morgenwind ber die Stirn blies, fhlte er sich so wohlig und +erleichtert, da er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da +sah er auf einmal in zwei groe, ernsthafte Augen hinein, die +unverwandt auf ihn gerichtet waren. + +"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frh auf +die Alm? Nun, weil du da bist, komm, da ich mich ein wenig auf deine +Schulter sttzen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf." + +Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er +stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fe in den Boden hinein, so da +der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte. +Whrend des langsamen Aufstiegs zur Htte, als er sich immer noch auf +die Schulter des Buben sttzte, fing er an, sich daran zu erinnern, +was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgnge der +Nacht vllig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur +helfen. In der Htte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner +dreibeinigen Sthle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz +dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir +wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt +noch nicht machen. Ein Schsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist +es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es +regelmig dort hinauf. Ich wei nicht, was mit mir vorgeht seit +gestern." + +Der This war feuerrot geworden, er wute wohl, wer das Schsselchen +heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am +Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides +dem Senn. Dieser schttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er +lebte, hatte er noch nie sein Schsselchen dort bei der Tr auf den +Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine +Milch, fllte dann das Schsselchen wieder und sagte: "Da, This, trink +auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, da du so frh hinauf +kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Ksfischtag und du seist dann +sicher der erste?" + +"Nein, gewi nicht", versicherte This. + +"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal +unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder +zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. "Sag mir, This, habe ich +denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frh +heraufkamst?" + +Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn +alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht +recht, und er knnte bse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm +jetzt so tief in die Augen, da er alles sagen mute: "Ich habe es +selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an. + +"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert. + +"Weil sie so hei waren", erwiderte This. + +Der Senn staunte immer mehr. "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang +erwacht", sagte er. "Wann bist du denn heraufgekommen?" + +"Gestern um fnf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam, +"der Melker kam erst lange nachher." + +"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn +gewollt und gemacht?" + +Jetzt sah der Franz Anton, da dem This ganz bange wurde, ihm selber +aber fielen nun wieder die Vorgnge der letzten Nacht ein. Ganz +vterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd: +"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu frchten, This. Da, trink noch +eins aus, und dann sag mir alles, was du weit, von da an, als du hier +heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fate der This neuen +Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zgen aus, denn sie schmeckte +herrlich. + +Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier +herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Ksfische. +Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie +nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden +gefunden, und Sie sind ganz rot und hei gewesen und haben Durst +gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe +alle groen Erdbeeren gepflckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen +gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf +den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Htte +das Schsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach +habe ich ihn gefllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schsselchen das +Wasser ber den Kopf geschttet und auch zu trinken gegeben, denn sie +haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin +ich zum Bach hinber und habe ihn wieder gefllt. Aber weil das +Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes +Tuch wurde den Kopf besser khlen. Und so habe ich das Tuch aus der +Htte geholt und es ganz na auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann +trocken und hei wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und +es dann wieder na auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann +erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht +etwa krank werden." + +Der Senn hatte mit groer Aufmerksamkeit zugehrt. Jetzt stand alles +deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wute auch +wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren +als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gesprt und +genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und +verwundert an, als htte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen +solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn mglich, da +dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben +gerettet hatte. + +Htte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelscht, wer wei, +was bis zum Morgen daraus geworden wre! Und wie konnte dieser This, +dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung +fhig sein, da er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn +pflegte! Dem groen, starken Franz Anton kamen die Trnen in die +Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles +berdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir +wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das +vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die +Glieder so, da ich mich jetzt niederlegen mu. Geh du nun hinunter +zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir +nicht ganz wohl. Du mut dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe +noch viel mit dir zu reden heute, vergi es nicht!" + +Solange er lebte, war der This noch nie so glcklich gewesen. Er lief +springend den Berg hinunter, als knne er nicht hoch genug aufspringen +vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen, +und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in +die Sennhtte eintreten. Auerdem hatte der Franz Anton ihm noch +gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser +Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der +Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Huschen +mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im +Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der +Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen, +denn er war ganz atemlos vom Laufen. + +"Woher kommst denn du?" fragte die sonntglich gekleidete Frau, die +nicht gern etwas Unordentliches sah. Mibilligend musterte sie den +Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntglichen Anblick +in seinen zerfetzten Alltagshschen und dem schmutzigen Hemdlein. +"Ich meine, ich habe dich schon dort drben ber dem Bach gesehen, du +bist wohl einer vom Hlmli-Sepp?" + +"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demtig. + +Jetzt fiel der Frau ein, da die Frau des Hlmli-Sepp einen +einfltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts +zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. "Und was willst du +denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert. + +Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag +klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der +kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und da er nach ihr schickte +und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes +Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in groer +Sorge das Ntigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem groen +Korb am Arm heraus. + +"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn. Warum mut du +wieder mit?" + +"Ich wei nicht", antwortete er. Und fast als wre es etwas Bses, +setzte er leise hinzu: "Mu ich nicht den Korb tragen?" + +"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran +gedacht, da ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb. +Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief +in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer +Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die +Krankheit gefhrlich sein? Ihre Angst wurde immer grer, je nher +sie der Sennhtte kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige +Schritte--der bekmmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast +nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie +schaute berall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn +tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem +Herzen stieg sie die Leiter hinauf. + +Der This blieb ehrerbietig drauen vor der Tr stehen, nur den Korb +schob er in die Htte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll +ber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte +ihr frhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter: +"Gr dich Gott, Mutter! Das freut mich, da du da bist. Ich habe +aber geschlafen wie ein Br, die ganze Zeit, seit der This fortging." +Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie +wute gar nicht, was sie denken sollte. "Franz Anton", sagte sie +jetzt ernsthaft, "was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weit du, +da du mich hast holen lassen?" + +"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz +bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir +noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir +reden. Ich fhl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kme noch +nicht weit." + +"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir's doch", +drngte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn. + +"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen", +sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. "Sieh einmal +zuerst dort unten das schmale, magere Bblein an, das kein gutes Stck +Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder +nur den dummen This nennt." + +Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn +hinaufsphte, ob er etwa wieder umfallen wolle. + +"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt. + +"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Bblein nicht +gewesen wre, so lge ich jetzt noch drauen auf dem Boden in einem +tdlichen Fieber, oder vielleicht wre es auch schon vorbei mit mir." +Und jetzt erzhlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag +zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen +und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch +auf der Welt es nicht besser htte tun knnen. + +Die Mutter mute sich mehrmals die Trnen abwischen. Sie stellte sich +vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da +drauen gelegen htte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden +wre, und kein Mensch htte etwas von ihm gewut. Und jetzt stieg ein +Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, da sie laut ausrufen mute: +"Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche +Liebe zu dem armen This berkam sie, da sie ganz eifrig sagte: "Franz +Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hlmli-Sepp zurck! +Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat +sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen +mache ich ihm ein Gewand, da man ihn ansehen darf. Er mu es nicht +schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir +geholfen hat." + +"Das ist nun gerade, was ich wnschte, Mutter, aber ich mute doch +zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben +und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein knnte. Es geht +nichts ber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller +Glck und Liebe an, da es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich +dachte: Es geht auch nichts ber einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte +sie: "Jetzt mut du etwas essen, Franz Anton, da du wieder zu Krften +kommst. Ich habe frische Eier und ein Weibrot mitgenommen, und jetzt +will ich Feuer machen, la dir Zeit zum Herunterkommen." Das mute der +Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging. +Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er +sich selbst niedergesetzt hatte. + +"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend, +"willst du ein Senn werden?" + +Der This fing an zu lcheln, aber dann hrte er pltzlich die +vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen +hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts". +Und schchtern antwortete er. "Ich kann nichts werden." + +"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit. +"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun +bleibst du bei mir und trgst Milch und Wasser und hilfst mir bei +allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Kse macht und sobald +du gro genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein +Gehilfe." + +"Hier in der Schwemmebachsennhtte?" fragte This, dem die Aussicht auf +diese Glckseligkeit ganz unfabar war. + +"Alles hier, in der Schwemmebachsennhtte", besttigte der Franz Anton. + +Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden +Glcks, da der Senn ihn nur ansehen mute. Der Bub war wie +verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den groen +Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie +streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir +miteinander frhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen +wir dem lieben Gott dafr danken, da er dich gerade zur rechten Zeit +in die Nhe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch +begreift, warum du da heraufgekommen bist." + +Jetzt begann das frhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben +hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen. +Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weibrot hingelegt +und daneben Butter und weien Kse. Und mitten auf dem Tisch stand +eine groe Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die +Mutter groe, dicke Stcke vor den This hin, und wenn er fertig war, +gab es gleich noch einmal so viel. + +Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie: +"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This mu bei dir oben +bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es +ntig ist. Der Frau des Hlmli-Sepp will ich schon alles berichten." + +Das war dem Sennen recht, und fr den This war es das hchste Glck, +das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton. +Nicht mehr verborgen unter den Tannenbumchen hrte er heute den +Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als +dieser seine Hnde faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den +Abendsegen." Andchtig faltete auch er seine Hnde, und als am Schlu +der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glck im +Herzen des This so gro, da er gern berlaut allen Menschen auf der +ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!' + +Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinber zu der Frau des +Hlmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und +gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzhlten. +Die Sennin hrte, da von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der +Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hlmli-Sepp erklrte, +da sie mit ihrem Sohn bereingekommen sei, sie wollten den This bei +sich annehmen, da machte die Frau einen groen Lrm. Sie sagte, sie +sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fr +den Senn eine grere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien +alle aus vollen Hlsen: "Mich! Mich! Mich!" Denn sie wuten wohl, +wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhtte fr gute +Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts. + +Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn +schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen +This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das +Hnseln und Verspotten unterlassen, sonst htten sie es mit ihrem Sohn +zu tun. Der rede dann mit seinen krftigen Armen eine deutlichere +Sprache mit den Buben, als sie es jetzt knnte. Dann verlie die +Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblfft nachschauten, +und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wre, +der wird's gut haben, wie ein Knig wird er da oben in seiner +Sennhtte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen lie, +liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund +sein. Denn sie muten alle an den letzten Ksfischtag denken, als der +This so bel behandelt worden war. Von nun an wrde er ja gewi alle +Ksfische allein bekommen, da wre doch jeder gut daran, der sein +Freund wre. Und spter waren sie auch alle gut daran, denn dem This +machte es die grte Freude, die reiche Ernte der Ksfische unter +allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darber +wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie +mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte +sich zur berraschung aller, da er auf einmal ein ganz flinkes, +geschicktes Brschchen war, von dem jeder sagen mute: "Entweder ist +das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den +dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit, +sein liebster Schler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei +allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die +anderen Buben knnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird, +von Johanna Spyri. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD *** + +This file should be named 8vomt10.txt or 8vomt10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8vomt11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8vomt10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05 + +Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, +91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Vom This, der doch etwas wird + +Erzhlung + +Johanna Spyri + + + + + + + +1. Kapitel + +Alle gegen einen + + +Wenn man den Seelisberg von der Rckseite her besteigt, kommt man auf +eine frische, grne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die +friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem +schnen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenhrten Khe +ziehen lieblich lutend immer hin und her. Denn jede trgt am Hals +ihre Glocke, damit man immer hrt, wo sie ist. So kann sich keine Kuh +unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Struchern bedeckte Felswand +liegt, ber die sie hinunterstrzen knnte. Es ist auerdem ein +ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben knnen. Aber die +Glocken sind doch notwendig und tnen so freundlich hin und her, da +keiner sie entbehren mchte. Am Bergabhang stehen hie und da +vereinzelt die kleinen, hlzernen Huser, und nicht selten rauscht +daneben ein schumender Bach ins Tal hinab. 'Am Berghang' heit es +hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Huschen steht auf +ebenem Boden. Es ist, als wren sie irgendwie an den Berg hingeworfen +worden und da hngengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da +oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie +alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der +kleinen, hlzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt +in ihre Nhe, so sieht man, da ein groer Unterschied zwischen ihnen +ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nhe ganz +verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen +ihnen strzt der grte Bergbach der Gegend, der schumende +Schwemmebach, hinunter. + +Am ersten Huschen blieben auch an den schnsten Sommertagen alle die +kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die +hineindrang, kam durch die Lcher der zerbrochenen Scheiben. Das war +aber nicht viel, denn die Lcher waren wieder mit Papier verklebt, +damit man im Winter drinnen nicht frieren mute. An dem hlzernen +Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war +so zerfallen, da es ein Wunder war, da alle die kleinen Kinder, die +da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie +hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder +waren alle mit Schmutz berdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen +Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ber da +herum, und am Abend kamen vier grere Kinder dazu. Drei krftige +Buben und ein Mdchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich +aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie +konnten sich doch schon selbst waschen. + +Das Huschen ber dem Bach drben hatte einen ganz anderen Charakter. +Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgerumt +aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drben. Die +Stufen sahen immer so aus, als wren sie eben gescheuert worden. Und +oben auf der Galerie standen drei schne Nelkenstcke und dufteten den +ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen +Fenstern stand offen und lie die schne, sonnige Bergluft herein. +Dort konnte man meistens eine noch krftig aussehende Frau sitzen +sehen, mit schnem, weiem Haar, das sie sehr ordentlich unter das +schwarze Hubchen zurckgestrichen hatte. Sie flickte gewhnlich an +einem Mnnerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber +gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so +adrett und reinlich aus, als wre noch nie etwas Unsauberes an sie +herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des +frhlichen Franz Anton mit den krftigen Armen. Der machte den Sommer +ber in der oberen Sennhtte seine Kse, und erst im Sptherbst zog er +wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn +dann butterte er in der unteren Sennhtte, die ganz nahe lag. Da ber +den reienden Schwemmebach kein Steg fhrte, waren die zwei Huschen +ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg +wohnten, besser, als diese Nachbarn ber dem Bach, zu denen sie nur +etwa einmal am Tag stumm hinberschaute. Gewhnlich schttelte sie +dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter +und schmutzigen Fetzen drben an den Kindern sah. Sie schaute aber +nicht oft hinber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber +betrachtete sie, wenn das Feierabendstndchen kam, ihre roten Nelken +auf der Galerie oder sie schaute ber den grnen, sonnigen Abhang +hinunter, der vor ihrem Huschen zum Tal hinabstieg. + +Die verwilderten Kinder ber dem Bach gehrten dem Hlmli-Sepp, wie er +genannt wurde, der seine Arbeit auer Haus beim Holzfllen oder +Heumachen suchte. Auerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So +war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die +Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele +kleine Kinder knne man nicht in Ordnung halten, und spter wrde es +dann von selbst besser. So lie sie alles gehn, wie es ging. Und in +der schnen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und +lieen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl +sein. Zur Sommerzeit waren die vier Greren den ganzen Tag drauen, +um die Khe zu hten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen, +wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten +bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Khe auf das +umliegende Weideland hinaus und muten sie hten lassen. Das ist +immer eine lustige Zeit fr die Buben und Mdchen, die sich dort zu +jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei frhliche Sachen +miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten +im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere +Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer +ber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstck nach Hause, +das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier +Kleinen zu ernhren und fr alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn +diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mute doch jedes haben +und die vier Groen noch ein Stck dazu. Eine Kuh hatte der +Hlmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaen, +wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten. + +Hlmli-Sepp hie der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum +nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine +Gei und ein Stck Kartoffelland, damit mute die Frau mit den vier +Kleinen den Sommer ber auskommen und auch hier und da noch eines der +Greren speisen, wenn es drauen keine Arbeit fand. Der Vater kam im +Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein +Huschen und Acker waren so verschuldet, da er das ganze Jahr ber +etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten +konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel +er fand. + +So mute die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte +keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von +der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der +verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten, +schaute sie ber den Bach zu dem schmucken Huschen der Sennerin +hinber, dessen Scheiben in der Sonne glnzten. Dann sagte sie +rgerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles +sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging +sie wieder rgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurck, und an dem, +der ihr zuerst in den Weg kam, lie sie den rger aus. + +Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht +ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Huschen vom +Hlmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der +dumme This' genannt, sah so mager und drftig aus, da man ihn kaum +fr achtjhrig gehalten htte. Er schaute auch so scheu und +verschchtert drein, da niemand wute, wie der This eigentlich aussah, +denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach. +This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum +zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel spter ber die Felsen +in die Tiefe gestrzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam +und den Weg abkrzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte +nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem +groen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This +hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend, +eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen +Matthis genannt. + +Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Huschen vom +Hlmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafsttte mit seinem Bblein +gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben +Ort. Das wenige Geld, das fr den kleinen This von der Gemeinde +bezahlt wurde, war der Frau des Hlmli-Sepp sehr erwnscht. Und in +die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fr die +schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This +war schon von Natur aus ein schchternes und stilles Bblein gewesen. +Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das groe Unglck +gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem +Unglck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr. + +So sa der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein +Wort zu hren, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann +seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des +Hlmli-Sepp gehrte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde +von jedem angefahren und hin und her gestoen, weil er sich nie wehrte. +Zu all den Pffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen +dann noch die bsen Worte der Frau, wenn sie den rger ber das +saubere Huschen der Sennerin drben hatte. Der This wehrte sich aber +nie, denn er hatte das Gefhl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so +nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und +verschchtert, da man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her +vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn +anrief. Er sah berhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch, +wo er in die Erde hineinkriechen knnte, da ihn keiner mehr fnde. + +So war es gekommen, da die vier Groen vom Hlmli-Sepp, der Jopp, der +Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du +bist doch ein dummer This", und da es die vier Kleinen auch +nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals +dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es +werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme +This' genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten knnte, +wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Khe zu hten, und war +er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke +oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da sa er +meistens zitternd vor Furcht, denn er hrte wohl, wie die anderen +Buben ihn mit groem Geschrei suchten, da er bei den Spielen +mitmachte, die sie spielen wollten. + +Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prgeln, und das traf +regelmig den This am strksten, da er sich nicht wehrte und auch +nicht wehren konnte gegen die viel Strkeren. So verkroch er sich, +sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Khe, wohin sie wollten +und fraen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann groen rger, und +jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Khe zu hten, und keiner +stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld, +wenn die Buben zum Jten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da +warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblten an den +Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem +anderen reichlich zurck, was er empfangen hatte. Der This gab aber +nichts zurck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen +Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen +gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten +die Knollen an den Rcken und an den Kopf. + +Whrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten, +versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den +Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit +nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller +Arbeit zu dumm und aus dem This knne nie etwas werden. Weil er nun +gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er +auch von der Frau des Hlmli-Sepp demgem behandelt. Wenn schon die +eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es +meistens, da fr den This gar nichts mehr brigblieb und es dann hie: +"Du wirst wohl etwas finden, du bist gro genug." Wie der This +eigentlich ernhrt wurde, wute niemand, auch die Frau des Hlmli-Sepp +nicht, aber irgendwie lebte er doch immer. + +Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen +Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tr +vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in +seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich +wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer +scheuer wurde und sich immer mehr versteckte. + + + +2. Kapitel + +Bei der Schwemmebachsennhtte + + +An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle +Mcken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hterbuben und--mdchen. +Sie muten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp, +von allen der Grte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle +nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, da man jetzt zur +Schwemmebachsennhtte hinaufgehe, denn heute sei der Ksfischtag. Nun +msse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Khe +hten solle, whrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wrden. +Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust, +sich fr die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue +Uli auf den Gedanken, man knnte einmal den dummen This zwingen, auf +die Khe acht zu geben. Und damit er's nicht vergesse, knnte man ihn +im voraus ein wenig durchprgeln. Der Vorschlag fand Anklang, und +schon wollten mehrere von den Anfhrern der Schar den This holen, als +das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts +Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den +Lohn dafr, wenn wir wieder zurckkommen und die Khe sich verlaufen +haben. Ihr werdet doch nicht glauben, da der This, wenn er zu dumm +ist, zwei Khe zu hten, auf einmal zwanzig hten kann. Man mu losen, +und drei mssen bei den Khen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis +Erklrung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus +der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet +der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der +siegreichen Schar den Rcken und setzte sich auf den Boden neben seine +beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen strzte nun +die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genu +entgegen. + +Der Ksfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die +es nie unterlieen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen +sollte. Denn das war ein Hauptfest fr sie. Das war der Tag, an dem +der Franz Anton seine frischen Kse rundum beschnitt, nachdem diese +als weiche Masse in die runde, hlzerne Form gepret worden waren. +Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von +der Masse herausdrngte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie +eine lange, schneeweie Wurst. Die wurde dann in viele Stcke +gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt. +Das waren dann die sogenannten Ksfische. Dieses Fest wiederholte +sich den Sommer ber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem +Freudengeschrei begrt. + +This hatte sich hinter dem groen Distelbusch am Boden versteckt +gehalten, whrend die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton +von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hrte, +da die groe Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig +hervor. Die drei grollenden Zurckgebliebenen saen am Boden und +kehrten ihm den Rcken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stck +die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der +Hhe hernieder. Den This erfate ein unwiderstehliches Verlangen, +auch an der Ksfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlpfte er +hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er +hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem +letzten steilen Hang kam eine kleine, glnzend grne Hochebene, da +stand die Sennhtte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der +klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tr seiner Htte stand der +Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte ber +die vielen Sprnge, die jetzt die Buben und Mdchen in ihrem Eifer, zu +dem ersehnten Genu zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt +waren sie alle bei der Htte und eines drngte das andere vorwrts, um +noch nher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wrde. + +"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton. "Wenn ihr alle in +die Htte hineindrngt, so habe ich keinen Platz mehr zum +Kseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes +Messer zur Hand und trat an den groen, runden Kse heran, den er +schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden +ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweien +Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stck und da ein +Stck, oft ber die Kpfe der Groen weg den Kleinen, die nicht zu ihm +vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner +Teilung. + +This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen +wollte, so bekam er da einen Sto und dort einen und flog so von einer +Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer +wieder ein Grerer und Dickerer sich vor ihn drngte. Zuletzt bekam +er einen so ungeheuren Sto von dem breiten, nach allen Seiten +schlagenden Jopp, da er sich fast berschlagen htte. Die Teilung +war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, da er zu keinem +Stckchen Ksfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine +Schlge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die +jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den +Bumchen. Auf der hchsten Krone des einen sa ein lustiger, kleiner +Vogel und pfiff so frhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als +gbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und +Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, da er fast das +Leid verga, das ihm eben geschehen war. + +Von Zeit zu Zeit mute er nach der Sennhtte hinberschauen, denn das +Lrmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stck Ksfisch +wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie +jedes Kind mit einem greren oder kleineren Brocken der schnen, +weien Masse dastand und mit Wonne hineinbi. Er seufzte dann ein +wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges +Stcklein bekme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weien +Ksfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie +heute in die Schar der Glcklichen einzudringen. Jetzt hatte er +gesehen, da es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut +zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlugedanken, da er +sein Leben lang nie einen Ksfisch bekommen werde. Darber wurde er +so traurig, da er nicht einmal den Vogel mehr hrte und ganz +zusammengeduckt unter den Tannenbumen sa. + +Jetzt war das Gastmahl bei der Htte zu Ende und mit schrecklichem +Lrm strzten die Kinder daher, womglich immer einer ber den anderen +hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall +brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der +lrmende Hans, und laut schrie er in das Gebsch hinein: "Du Maulwurf, +komm heraus, du mut mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen +hatte. Er mute sich als Bock hinstellen, damit die anderen ber ihn +springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wre +viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wute wohl, +was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er +gehorsam heran. "Wie viele Ksfische hast du bekommen?" schrie ihn +jetzt der Hans an. + +"Keinen", gab This zurck. "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans +noch lauter in die Schar hinein, "der luft schnell zu den Ksfischen, +und dann luft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer +This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die groen +Buben ber den Kopf weg, so da er genug zu tun hatte, nur immer +wieder auf die Fe zu kommen, wenn er umgeworfen worden war. +Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestrzter die Abhnge +hinunter, bis ein glcklicher Zufall sie wieder alle auf die Fe +brachte. Nach dieser strmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen +gleich alle auseinander, jeder seinen Khen nach. + +Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn +jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den +Zurckgebliebenen, weit er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem +Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben +und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im +Berghang, wo im Frhling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und +den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und +ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schne, dunkelrote +Erdbeeren in der Sonne, die so schn warm in die Vertiefung schien. +Aber dem This war es berall angst und bang, wenn er noch in der Nhe +der Huser und der Hterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden +Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der +This zuckte scheu und ngstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer +dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch +einmal an das stille Pltzchen unter den kleinen Tannenbumchen dort +oben und an das pfeifende Vgelein, so da es ihn mit Gewalt vom Boden +zog. Er mute noch einmal dorthin. + +Mit allen Krften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht +einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die +Tannenbumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein +Tannenversteck ein wenig offen. Da sa nun der This in vlliger +Sicherheit. Ringsum war eine groe Stille, kein Ton drang von unten +her bis hier auf die einsame Hhe, nur das Vgelein sa noch auf +seinem Tannenast und pfiff sein frhliches Lied. Die Sonne wollte +untergehen. Die hohen Schneeberge drben fingen zu flimmern und zu +glhen an, und ber die ganze grne Alm hin lag das golden schimmernde +Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie +gekanntes Wohlsein kam ber ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und +Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu frchten, denn weit und +breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hren. + +So sa der This eine lange Zeit, und am liebsten wre er gar nicht +mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben +gewesen. Aber da hrte er schwere Tritte hinter sich von der Htte +her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewi +wollte er zum Bach hinber, um Wasser zu holen. This verhielt sich +muschenstill. Denn er war so daran gewhnt, da er von jedermann +angefahren oder ausgelacht wurde, da er dachte, der Senn werde es +gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die +Bumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton +wurde aufmerksam, trat nher und guckte in den Tannenbusch hinein. + +"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht. + +"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd. + +"Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu frchten, wenn du nichts +Bses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa +mit deinen Ksfischen da hineingeflchtet, da du sie in Ruhe +verzehren kannst?" + +"Nein, ich habe keine Ksfische gehabt", sagte This ngstlich. + +"Nicht? Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie +sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem +Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem +Menschen. + +"Sie haben mich auf die Seite gestoen", erwiderte er nun und stand +hinter den buschigen Zweigen auf. + +"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort, +"komm noch ein wenig nher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn +sie dich wegstoen? Es stt ja immer einer den anderen, aber zuletzt +kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?" + +"Sie sind strker", sagte der This so berzeugend, da diese Erklrung +wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den +Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, groen Franz Anton wie +ein dnnes Stcklein vor einer hohen Tanne. Der krftige Mann +betrachtete einen Augenblick das schmale Figrchen, an dem tatschlich +fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht +schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf. + +"Wem gehrst du?" fragte er jetzt den Buben. + +"Niemand", gab This zur Antwort. + +"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?" + +"Beim Hlmli-Sepp." + +Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. "Ach so, bist du der!" +sagte er verstndnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar +nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehrt, ihn aber nicht +gekannt. + +"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig. "Wenn du beim Hlmli-Sepp +bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hlmlein. +Komm, Ksfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes." + +Der This wute gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz +Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und +das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Htte, holte +hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein groes +Stck ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfa, das goldig glnzend +in der Ecke stand, und holte ein groes Stck Butter heraus. Das +strich er ber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stck mit +der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte +der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es +nicht mglich, da es ihm gehre. + +"Komm heraus. I es vor der Htte, ich mu nun zum Wasser", sagte +Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glck und +Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte. +Vor der Htte setzte er sich auf den Boden. Und whrend der Senn zum +Schwemmebach hinberging, bi er in sein Butterbrot hinein und bi +immer wieder und konnte nicht begreifen, da es etwas so Gutes gbe +und er es bekommen htte. + +Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und +wiegte unten die Tannenbumchen hin und her, und der kleine Vogel sa +immer noch auf dem hchsten Zweig und sang hell und frhlich in den +goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie +gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er msse laut mit dem Vogel zu +singen anfangen. + +Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her +gegangen. Drben beim Schwemmebach war er immer eine Weile +stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr +rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gro und golden der volle Mond +hinter dem weien Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Htte +zurck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle +sa. + +"So gefllt's dir hier?" fragte er freundlich. "Mit dem Abendessen +bist du fertig, wie ich sehe. Du mut dich auf den Rckweg machen. +Sieh, wie schn dir der Mond heimleuchtet!" + +Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel +ihm ein, da es wohl ntig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem +Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den +Tannenbumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurck. Er schaute noch +einmal zurck, und da der Senn in die Htte getreten war und ihn nicht +mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz +Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Gte +und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen +Eindruck gemacht, da er nicht fort konnte. Er mute noch ein wenig +in der Nhe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen +unter den Bumchen und sphte zu der Htte hinauf, ob er den Senn +nicht noch einmal she. Es dauerte einige Zeit, da pltzlich trat +Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Htte heraus. + +Er blieb vor der Tr stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die +stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ber alle hohen Schneegipfel hin das +milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt +der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen +Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hnde. Er hielt wohl still +seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht +geb euch Gott!" trat in die Htte zurck und machte die Tr zu. Sein +Nachtgru hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum +und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller +Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fhlte Liebe und +Bewunderung fr den Senn, Gefhle, die er bisher nicht gekannt hatte. + +Als es nun ganz dunkel und still in der Htte wurde, stand der This +auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter. + +Es war spt und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich, +die Tr war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Huschen und +schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser +schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es +ist bequem, da der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden. +So hat man doch Platz!" + +This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er +immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit +gefalteten Hnden vor seiner Htte stand. Zum erstenmal in seinem +Leben schlief der This mit einem glcklichen Herzen ein. + + + +3. Kapitel + +Ein hilfreicher Engel + + +Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten, +muten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges +gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr +Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze +Schar den Berghang herunter, und bald saen sie alle mit anderen +Kindern so ruhig wie mglich auf den langen Bnken, und der Herr +Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von +einem zuknftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den +This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas +fragen, das wirst du wohl beantworten knnen, wenn man dir auch nicht +viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem rmsten +und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefhrt hat, so +wohl werden, da er kein Leid versprt?" + +"Bei der Schwemmebachsennhtte", antwortete der This ohne Zgern. +Jetzt entstand ein solches Kichern, da der This ganz scheu um sich +schaute. Ringsum waren spttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle +Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich +so stark vornber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem, +was der Herr Pfarrer das letztemal erklrte, hatte er nichts gehrt, +weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mute. Jetzt hatte +er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet, + +Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, da es dem +This gar nicht zum Lachen war, sondern da er vor Scheu ganz +erschrocken und zusammengeduckt dasa, da schttelte der Herr Pfarrer +nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu +machen." + +Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da strzte die ganze Schar +hinter dem This her, alle lachten berlaut und schrien durcheinander: +"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Ksfische in den Sinn +gekommen?" + +"This, warum hast du nicht auch etwas von den Ksfischen gesagt?" Der +This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem +Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben +wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den +schnen Sonntagabend unten im Dorf genieen. + +Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt +einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhtte +hinaufflchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen. +Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Pltzchen sitzen und +vor Verfolgung sicher sein. Nun sa er wieder unter den Tannen und +ber ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der +Sonne, und ber den grnen Hngen flo da und dort ein klares Bchlein +friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, da er allen +Spott verga und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr +weggehen zu mssen. + +Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er +bestndig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie mglich +nieder. Denn er hatte das Gefhl, wenn der Franz Anton ihn wieder +hier sehe, so knnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein +Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und +einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und +in dessen Nhe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst +nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und +This sa an seinem schnen Pltzchen, bis die Sterne am Himmel standen +und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Htte hinaustrat und +ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder +davon, und spt wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht +hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber +das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefhlt +dort oben. + +So ging es eine ganze Woche. Tag fr Tag, sobald er einen Augenblick +fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm +hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete +er die ganze Ttigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und +nie verlie er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton +gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als +sei der Nachtsegen auch fr ihn gedacht. + +Es waren ausnahmsweise heie Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg +jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend +niedergegangen war. Das Futter war besonders krftig, und Franz Anton +bekam so schne, fette Milch von den Alpenkhen, da er die +prchtigsten Kse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude, +und schon frhmorgens konnte man ihn voller Vergngen in seiner +Sennhtte pfeifen hren, so auch am Samstag dieser Woche. Da hrte +man ihn noch viel frher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem +der Senn seine drei oder vier fertigen Kse an den See hinunterbrachte. +Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie +auf seinem Rcken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwrts, +den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rcken. Es +war der heieste Tag des ganzen Sommers. + +Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die bermige +Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute +abend wieder zu meiner Htte hinauf in die khle Luft zu kommen, hier +unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt, +gerade als das Schiff herankam, das die Kse mitnehmen sollte. Bald +war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlssig +da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten +etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fhlte keinen Appetit, sein Kopf +war schwer und hei, er wnschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn +jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim +Einladen geholfen hatte. "Komm, Franz Anton, heute ist's hei, wir +wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn +zu dem Wirtshaus. + +Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im +Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber +stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in +der schweren, heien Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht +an den Wein gewhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit groen +Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in +seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte hei auf +seinen Kopf, alle seine Pulse hmmerten, die Fe wurden ihm so schwer, +da er sie nur mit Mhe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je +grer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der +Aussicht an, da nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt +nur noch eine Viertelstunde heier Mhe vor ihm liege. Dann wrde er +oben sein und knne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen. + +Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne +brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Pltzlich wurde es ihm vllig +schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer strzte er auf den +Boden nieder. Er hatte das Bewutsein verloren. + +Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er, +da der Franz Anton noch nicht zurckgekehrt war. Er stellte seine +Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem +Senn auszuschauen. + +Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz +Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte +er an seinem verborgenen Pltzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt, +den der Senn tat. Er wute, wie eine Beschftigung auf die andere +folgte, so da er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der +Franz Anton seine Milch stehen lie. Sonst go er sie immer gleich in +die verschiedenen Gefe. Die eine kam zum Buttern in die groen, +runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schn dick obenauf +lag. Die andere wurde in den Ksekessel gegossen, das hatte der This +durch die offene Httentr alles genau beobachten knnen. Der Senn +kam immer noch nicht. Der Junge fhlte, da irgend etwas geschehen +sein mute. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging +zur Sennhtte. Da war es still und leer unten im Httenraum und oben +auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut +war zu hren, alles wie ausgestorben. ngstlich lief der This +jetzt um die Htte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann +in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten +erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da +lag sein Freund mit geschlossenen Augen und sthnte und lechzte wie +ein Sterbender. Er sah glhend hei aus, und seine Lippen waren ganz +vertrocknet. + +Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor +Schrecken, auf seinen Wohltter. Dann strzte er in schnellem Lauf +den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewutlos am +Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt +an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem +brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bcken +und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er fr einen Augenblick, +denn es war nur ein Fiebertraum gewesen. + +Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rhren. +Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das +Bewutsein wieder, und er trumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er +heute frh im Vorbergehen noch die schnen Erdbeeren gesehen hatte. +Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die +Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber +jetzt hatte er pltzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte +sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der +Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlrfte und +schluckte, es war ein unsgliches Labsal. Er erwachte. War das alles +Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und +steckte ihm wieder eine groe saftige Erdbeere in den Mund. + +"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton. Aber +nicht nur eine, fnf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf +einmal flog ein stechender Schmerz ber sein Gesicht. Er legte die +Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war +ihm das Bewutsein wieder vllig entschwunden. Er konnte nicht einmal +mehr die letzte Erdbeere genieen. Jetzt trumte er ganz schreckliche +Dinge. Sein Kopf wurde so gro wie sein allergrtes Butterfa und +dann immer noch grer und so furchtbar schwer, da er mit Schrecken +dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man mu starke, +hlzerne Sttzen unterstellen, wie unter die Apfelbume, wenn sie +zuviel pfel tragen." Und jetzt fhlte er deutlich, da der Kopf ganz +voll Schiepulver war, das hatte einer von hinten angezndet. Nun +brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mute alles +zerspringen. Aber dann kam pltzlich ganz kalt und belebend der +Schwemmebach ber seine Stirn, ber das ganze Gesicht und in den Mund +hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte. + +Es war wahr, eiskalt kam ein Gu nach dem anderen auf Stirn und +Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den +khlenden Trank ein. ber ihm standen die funkelnden Sterne, das +sah der Franz Anton deutlich. Er wute auch, da er noch am Boden lag +drauen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der +Schwemmebach sein, was so ber ihn flo und ihn so ordentlich trinken +lie. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend, +so erlsend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer. +Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich +dir fr deine Gte und die hilfreichen Engel!" + +Das erquickende Wasserbad hrte nicht auf, und zuletzt fhlte der +Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schtzend und +wohltuend, da er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt +schlief er jetzt ganz sanft ein und trumte nicht mehr. + + + +4. Kapitel + +Was die Sennenmutter haben will + + +Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz +Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er +schauderte ein wenig zusammen, es frstelte ihn. Er wollte sich +aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand +an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht. +Wohl sechsfach zusammengelegt lag na und schwer das groe Handtuch +aus der Sennhtte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der +frische Morgenwind ber die Stirn blies, fhlte er sich so wohlig und +erleichtert, da er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da +sah er auf einmal in zwei groe, ernsthafte Augen hinein, die +unverwandt auf ihn gerichtet waren. + +"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frh auf +die Alm? Nun, weil du da bist, komm, da ich mich ein wenig auf deine +Schulter sttzen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf." + +Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er +stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fe in den Boden hinein, so da +der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte. +Whrend des langsamen Aufstiegs zur Htte, als er sich immer noch auf +die Schulter des Buben sttzte, fing er an, sich daran zu erinnern, +was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgnge der +Nacht vllig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur +helfen. In der Htte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner +dreibeinigen Sthle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz +dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir +wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt +noch nicht machen. Ein Schsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist +es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es +regelmig dort hinauf. Ich wei nicht, was mit mir vorgeht seit +gestern." + +Der This war feuerrot geworden, er wute wohl, wer das Schsselchen +heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am +Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides +dem Senn. Dieser schttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er +lebte, hatte er noch nie sein Schsselchen dort bei der Tr auf den +Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine +Milch, fllte dann das Schsselchen wieder und sagte: "Da, This, trink +auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, da du so frh hinauf +kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Ksfischtag und du seist dann +sicher der erste?" + +"Nein, gewi nicht", versicherte This. + +"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal +unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder +zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. "Sag mir, This, habe ich +denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frh +heraufkamst?" + +Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn +alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht +recht, und er knnte bse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm +jetzt so tief in die Augen, da er alles sagen mute: "Ich habe es +selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an. + +"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert. + +"Weil sie so hei waren", erwiderte This. + +Der Senn staunte immer mehr. "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang +erwacht", sagte er. "Wann bist du denn heraufgekommen?" + +"Gestern um fnf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam, +"der Melker kam erst lange nachher." + +"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn +gewollt und gemacht?" + +Jetzt sah der Franz Anton, da dem This ganz bange wurde, ihm selber +aber fielen nun wieder die Vorgnge der letzten Nacht ein. Ganz +vterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd: +"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu frchten, This. Da, trink noch +eins aus, und dann sag mir alles, was du weit, von da an, als du hier +heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fate der This neuen +Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zgen aus, denn sie schmeckte +herrlich. + +Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier +herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Ksfische. +Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie +nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden +gefunden, und Sie sind ganz rot und hei gewesen und haben Durst +gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe +alle groen Erdbeeren gepflckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen +gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf +den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Htte +das Schsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach +habe ich ihn gefllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schsselchen das +Wasser ber den Kopf geschttet und auch zu trinken gegeben, denn sie +haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin +ich zum Bach hinber und habe ihn wieder gefllt. Aber weil das +Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes +Tuch wurde den Kopf besser khlen. Und so habe ich das Tuch aus der +Htte geholt und es ganz na auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann +trocken und hei wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und +es dann wieder na auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann +erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht +etwa krank werden." + +Der Senn hatte mit groer Aufmerksamkeit zugehrt. Jetzt stand alles +deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wute auch +wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren +als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gesprt und +genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und +verwundert an, als htte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen +solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn mglich, da +dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben +gerettet hatte. + +Htte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelscht, wer wei, +was bis zum Morgen daraus geworden wre! Und wie konnte dieser This, +dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung +fhig sein, da er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn +pflegte! Dem groen, starken Franz Anton kamen die Trnen in die +Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles +berdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir +wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das +vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die +Glieder so, da ich mich jetzt niederlegen mu. Geh du nun hinunter +zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir +nicht ganz wohl. Du mut dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe +noch viel mit dir zu reden heute, vergi es nicht!" + +Solange er lebte, war der This noch nie so glcklich gewesen. Er lief +springend den Berg hinunter, als knne er nicht hoch genug aufspringen +vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen, +und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in +die Sennhtte eintreten. Auerdem hatte der Franz Anton ihm noch +gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser +Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der +Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Huschen +mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im +Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der +Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen, +denn er war ganz atemlos vom Laufen. + +"Woher kommst denn du?" fragte die sonntglich gekleidete Frau, die +nicht gern etwas Unordentliches sah. Mibilligend musterte sie den +Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntglichen Anblick +in seinen zerfetzten Alltagshschen und dem schmutzigen Hemdlein. +"Ich meine, ich habe dich schon dort drben ber dem Bach gesehen, du +bist wohl einer vom Hlmli-Sepp?" + +"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demtig. + +Jetzt fiel der Frau ein, da die Frau des Hlmli-Sepp einen +einfltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts +zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. "Und was willst du +denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert. + +Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag +klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der +kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und da er nach ihr schickte +und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes +Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in groer +Sorge das Ntigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem groen +Korb am Arm heraus. + +"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn. Warum mut du +wieder mit?" + +"Ich wei nicht", antwortete er. Und fast als wre es etwas Bses, +setzte er leise hinzu: "Mu ich nicht den Korb tragen?" + +"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran +gedacht, da ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb. +Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief +in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer +Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die +Krankheit gefhrlich sein? Ihre Angst wurde immer grer, je nher +sie der Sennhtte kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige +Schritte--der bekmmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast +nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie +schaute berall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn +tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem +Herzen stieg sie die Leiter hinauf. + +Der This blieb ehrerbietig drauen vor der Tr stehen, nur den Korb +schob er in die Htte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll +ber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte +ihr frhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter: +"Gr dich Gott, Mutter! Das freut mich, da du da bist. Ich habe +aber geschlafen wie ein Br, die ganze Zeit, seit der This fortging." +Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie +wute gar nicht, was sie denken sollte. "Franz Anton", sagte sie +jetzt ernsthaft, "was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weit du, +da du mich hast holen lassen?" + +"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz +bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir +noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir +reden. Ich fhl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kme noch +nicht weit." + +"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir's doch", +drngte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn. + +"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen", +sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. "Sieh einmal +zuerst dort unten das schmale, magere Bblein an, das kein gutes Stck +Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder +nur den dummen This nennt." + +Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn +hinaufsphte, ob er etwa wieder umfallen wolle. + +"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt. + +"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Bblein nicht +gewesen wre, so lge ich jetzt noch drauen auf dem Boden in einem +tdlichen Fieber, oder vielleicht wre es auch schon vorbei mit mir." +Und jetzt erzhlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag +zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen +und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch +auf der Welt es nicht besser htte tun knnen. + +Die Mutter mute sich mehrmals die Trnen abwischen. Sie stellte sich +vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da +drauen gelegen htte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden +wre, und kein Mensch htte etwas von ihm gewut. Und jetzt stieg ein +Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, da sie laut ausrufen mute: +"Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche +Liebe zu dem armen This berkam sie, da sie ganz eifrig sagte: "Franz +Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hlmli-Sepp zurck! +Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat +sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen +mache ich ihm ein Gewand, da man ihn ansehen darf. Er mu es nicht +schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir +geholfen hat." + +"Das ist nun gerade, was ich wnschte, Mutter, aber ich mute doch +zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben +und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein knnte. Es geht +nichts ber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller +Glck und Liebe an, da es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich +dachte: Es geht auch nichts ber einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte +sie: "Jetzt mut du etwas essen, Franz Anton, da du wieder zu Krften +kommst. Ich habe frische Eier und ein Weibrot mitgenommen, und jetzt +will ich Feuer machen, la dir Zeit zum Herunterkommen." Das mute der +Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging. +Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er +sich selbst niedergesetzt hatte. + +"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend, +"willst du ein Senn werden?" + +Der This fing an zu lcheln, aber dann hrte er pltzlich die +vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen +hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts". +Und schchtern antwortete er. "Ich kann nichts werden." + +"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit. +"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun +bleibst du bei mir und trgst Milch und Wasser und hilfst mir bei +allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Kse macht und sobald +du gro genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein +Gehilfe." + +"Hier in der Schwemmebachsennhtte?" fragte This, dem die Aussicht auf +diese Glckseligkeit ganz unfabar war. + +"Alles hier, in der Schwemmebachsennhtte", besttigte der Franz Anton. + +Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden +Glcks, da der Senn ihn nur ansehen mute. Der Bub war wie +verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den groen +Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie +streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir +miteinander frhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen +wir dem lieben Gott dafr danken, da er dich gerade zur rechten Zeit +in die Nhe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch +begreift, warum du da heraufgekommen bist." + +Jetzt begann das frhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben +hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen. +Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weibrot hingelegt +und daneben Butter und weien Kse. Und mitten auf dem Tisch stand +eine groe Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die +Mutter groe, dicke Stcke vor den This hin, und wenn er fertig war, +gab es gleich noch einmal so viel. + +Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie: +"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This mu bei dir oben +bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es +ntig ist. Der Frau des Hlmli-Sepp will ich schon alles berichten." + +Das war dem Sennen recht, und fr den This war es das hchste Glck, +das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton. +Nicht mehr verborgen unter den Tannenbumchen hrte er heute den +Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als +dieser seine Hnde faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den +Abendsegen." Andchtig faltete auch er seine Hnde, und als am Schlu +der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glck im +Herzen des This so gro, da er gern berlaut allen Menschen auf der +ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!' + +Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinber zu der Frau des +Hlmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und +gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzhlten. +Die Sennin hrte, da von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der +Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hlmli-Sepp erklrte, +da sie mit ihrem Sohn bereingekommen sei, sie wollten den This bei +sich annehmen, da machte die Frau einen groen Lrm. Sie sagte, sie +sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fr +den Senn eine grere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien +alle aus vollen Hlsen: "Mich! Mich! Mich!" Denn sie wuten wohl, +wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhtte fr gute +Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts. + +Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn +schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen +This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das +Hnseln und Verspotten unterlassen, sonst htten sie es mit ihrem Sohn +zu tun. Der rede dann mit seinen krftigen Armen eine deutlichere +Sprache mit den Buben, als sie es jetzt knnte. Dann verlie die +Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblfft nachschauten, +und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wre, +der wird's gut haben, wie ein Knig wird er da oben in seiner +Sennhtte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen lie, +liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund +sein. Denn sie muten alle an den letzten Ksfischtag denken, als der +This so bel behandelt worden war. Von nun an wrde er ja gewi alle +Ksfische allein bekommen, da wre doch jeder gut daran, der sein +Freund wre. Und spter waren sie auch alle gut daran, denn dem This +machte es die grte Freude, die reiche Ernte der Ksfische unter +allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darber +wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie +mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte +sich zur berraschung aller, da er auf einmal ein ganz flinkes, +geschicktes Brschchen war, von dem jeder sagen mute: "Entweder ist +das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den +dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit, +sein liebster Schler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei +allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die +anderen Buben knnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird, +von Johanna Spyri. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD *** + +This file should be named 8vomt10.txt or 8vomt10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8vomt11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8vomt10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Vom This, der doch etwas wird + +Author: Johanna Spyri + +Posting Date: October 29, 2011 [EBook #9859] +Release Date: February, 2006 +First Posted: October 25, 2003 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD *** + + + + +Produced by Delphine Lettau + + + + + + + + + +This Etext is in German. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfgung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Vom This, der doch etwas wird + +Erzhlung + +Johanna Spyri + + + + + + + +1. Kapitel + +Alle gegen einen + + +Wenn man den Seelisberg von der Rckseite her besteigt, kommt man auf +eine frische, grne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die +friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem +schnen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenhrten Khe +ziehen lieblich lutend immer hin und her. Denn jede trgt am Hals +ihre Glocke, damit man immer hrt, wo sie ist. So kann sich keine Kuh +unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Struchern bedeckte Felswand +liegt, ber die sie hinunterstrzen knnte. Es ist auerdem ein +ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben knnen. Aber die +Glocken sind doch notwendig und tnen so freundlich hin und her, da +keiner sie entbehren mchte. Am Bergabhang stehen hie und da +vereinzelt die kleinen, hlzernen Huser, und nicht selten rauscht +daneben ein schumender Bach ins Tal hinab. 'Am Berghang' heit es +hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Huschen steht auf +ebenem Boden. Es ist, als wren sie irgendwie an den Berg hingeworfen +worden und da hngengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da +oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie +alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der +kleinen, hlzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt +in ihre Nhe, so sieht man, da ein groer Unterschied zwischen ihnen +ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nhe ganz +verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen +ihnen strzt der grte Bergbach der Gegend, der schumende +Schwemmebach, hinunter. + +Am ersten Huschen blieben auch an den schnsten Sommertagen alle die +kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die +hineindrang, kam durch die Lcher der zerbrochenen Scheiben. Das war +aber nicht viel, denn die Lcher waren wieder mit Papier verklebt, +damit man im Winter drinnen nicht frieren mute. An dem hlzernen +Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war +so zerfallen, da es ein Wunder war, da alle die kleinen Kinder, die +da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie +hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder +waren alle mit Schmutz berdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen +Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ber da +herum, und am Abend kamen vier grere Kinder dazu. Drei krftige +Buben und ein Mdchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich +aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie +konnten sich doch schon selbst waschen. + +Das Huschen ber dem Bach drben hatte einen ganz anderen Charakter. +Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgerumt +aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drben. Die +Stufen sahen immer so aus, als wren sie eben gescheuert worden. Und +oben auf der Galerie standen drei schne Nelkenstcke und dufteten den +ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen +Fenstern stand offen und lie die schne, sonnige Bergluft herein. +Dort konnte man meistens eine noch krftig aussehende Frau sitzen +sehen, mit schnem, weiem Haar, das sie sehr ordentlich unter das +schwarze Hubchen zurckgestrichen hatte. Sie flickte gewhnlich an +einem Mnnerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber +gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so +adrett und reinlich aus, als wre noch nie etwas Unsauberes an sie +herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des +frhlichen Franz Anton mit den krftigen Armen. Der machte den Sommer +ber in der oberen Sennhtte seine Kse, und erst im Sptherbst zog er +wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn +dann butterte er in der unteren Sennhtte, die ganz nahe lag. Da ber +den reienden Schwemmebach kein Steg fhrte, waren die zwei Huschen +ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg +wohnten, besser, als diese Nachbarn ber dem Bach, zu denen sie nur +etwa einmal am Tag stumm hinberschaute. Gewhnlich schttelte sie +dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter +und schmutzigen Fetzen drben an den Kindern sah. Sie schaute aber +nicht oft hinber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber +betrachtete sie, wenn das Feierabendstndchen kam, ihre roten Nelken +auf der Galerie oder sie schaute ber den grnen, sonnigen Abhang +hinunter, der vor ihrem Huschen zum Tal hinabstieg. + +Die verwilderten Kinder ber dem Bach gehrten dem Hlmli-Sepp, wie er +genannt wurde, der seine Arbeit auer Haus beim Holzfllen oder +Heumachen suchte. Auerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So +war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die +Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele +kleine Kinder knne man nicht in Ordnung halten, und spter wrde es +dann von selbst besser. So lie sie alles gehn, wie es ging. Und in +der schnen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und +lieen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl +sein. Zur Sommerzeit waren die vier Greren den ganzen Tag drauen, +um die Khe zu hten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen, +wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten +bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Khe auf das +umliegende Weideland hinaus und muten sie hten lassen. Das ist +immer eine lustige Zeit fr die Buben und Mdchen, die sich dort zu +jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei frhliche Sachen +miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten +im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere +Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer +ber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstck nach Hause, +das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier +Kleinen zu ernhren und fr alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn +diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mute doch jedes haben +und die vier Groen noch ein Stck dazu. Eine Kuh hatte der +Hlmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaen, +wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten. + +Hlmli-Sepp hie der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum +nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine +Gei und ein Stck Kartoffelland, damit mute die Frau mit den vier +Kleinen den Sommer ber auskommen und auch hier und da noch eines der +Greren speisen, wenn es drauen keine Arbeit fand. Der Vater kam im +Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein +Huschen und Acker waren so verschuldet, da er das ganze Jahr ber +etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten +konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel +er fand. + +So mute die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte +keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von +der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der +verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten, +schaute sie ber den Bach zu dem schmucken Huschen der Sennerin +hinber, dessen Scheiben in der Sonne glnzten. Dann sagte sie +rgerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles +sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging +sie wieder rgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurck, und an dem, +der ihr zuerst in den Weg kam, lie sie den rger aus. + +Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht +ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Huschen vom +Hlmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der +dumme This' genannt, sah so mager und drftig aus, da man ihn kaum +fr achtjhrig gehalten htte. Er schaute auch so scheu und +verschchtert drein, da niemand wute, wie der This eigentlich aussah, +denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach. +This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum +zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel spter ber die Felsen +in die Tiefe gestrzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam +und den Weg abkrzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte +nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem +groen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This +hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend, +eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen +Matthis genannt. + +Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Huschen vom +Hlmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafsttte mit seinem Bblein +gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben +Ort. Das wenige Geld, das fr den kleinen This von der Gemeinde +bezahlt wurde, war der Frau des Hlmli-Sepp sehr erwnscht. Und in +die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fr die +schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This +war schon von Natur aus ein schchternes und stilles Bblein gewesen. +Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das groe Unglck +gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem +Unglck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr. + +So sa der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein +Wort zu hren, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann +seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des +Hlmli-Sepp gehrte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde +von jedem angefahren und hin und her gestoen, weil er sich nie wehrte. +Zu all den Pffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen +dann noch die bsen Worte der Frau, wenn sie den rger ber das +saubere Huschen der Sennerin drben hatte. Der This wehrte sich aber +nie, denn er hatte das Gefhl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so +nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und +verschchtert, da man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her +vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn +anrief. Er sah berhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch, +wo er in die Erde hineinkriechen knnte, da ihn keiner mehr fnde. + +So war es gekommen, da die vier Groen vom Hlmli-Sepp, der Jopp, der +Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du +bist doch ein dummer This", und da es die vier Kleinen auch +nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals +dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es +werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme +This' genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten knnte, +wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Khe zu hten, und war +er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke +oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da sa er +meistens zitternd vor Furcht, denn er hrte wohl, wie die anderen +Buben ihn mit groem Geschrei suchten, da er bei den Spielen +mitmachte, die sie spielen wollten. + +Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prgeln, und das traf +regelmig den This am strksten, da er sich nicht wehrte und auch +nicht wehren konnte gegen die viel Strkeren. So verkroch er sich, +sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Khe, wohin sie wollten +und fraen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann groen rger, und +jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Khe zu hten, und keiner +stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld, +wenn die Buben zum Jten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da +warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblten an den +Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem +anderen reichlich zurck, was er empfangen hatte. Der This gab aber +nichts zurck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen +Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen +gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten +die Knollen an den Rcken und an den Kopf. + +Whrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten, +versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den +Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit +nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller +Arbeit zu dumm und aus dem This knne nie etwas werden. Weil er nun +gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er +auch von der Frau des Hlmli-Sepp demgem behandelt. Wenn schon die +eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es +meistens, da fr den This gar nichts mehr brigblieb und es dann hie: +"Du wirst wohl etwas finden, du bist gro genug." Wie der This +eigentlich ernhrt wurde, wute niemand, auch die Frau des Hlmli-Sepp +nicht, aber irgendwie lebte er doch immer. + +Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen +Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tr +vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in +seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich +wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer +scheuer wurde und sich immer mehr versteckte. + + + +2. Kapitel + +Bei der Schwemmebachsennhtte + + +An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle +Mcken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hterbuben und--mdchen. +Sie muten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp, +von allen der Grte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle +nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, da man jetzt zur +Schwemmebachsennhtte hinaufgehe, denn heute sei der Ksfischtag. Nun +msse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Khe +hten solle, whrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wrden. +Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust, +sich fr die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue +Uli auf den Gedanken, man knnte einmal den dummen This zwingen, auf +die Khe acht zu geben. Und damit er's nicht vergesse, knnte man ihn +im voraus ein wenig durchprgeln. Der Vorschlag fand Anklang, und +schon wollten mehrere von den Anfhrern der Schar den This holen, als +das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts +Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den +Lohn dafr, wenn wir wieder zurckkommen und die Khe sich verlaufen +haben. Ihr werdet doch nicht glauben, da der This, wenn er zu dumm +ist, zwei Khe zu hten, auf einmal zwanzig hten kann. Man mu losen, +und drei mssen bei den Khen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis +Erklrung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus +der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet +der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der +siegreichen Schar den Rcken und setzte sich auf den Boden neben seine +beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen strzte nun +die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genu +entgegen. + +Der Ksfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die +es nie unterlieen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen +sollte. Denn das war ein Hauptfest fr sie. Das war der Tag, an dem +der Franz Anton seine frischen Kse rundum beschnitt, nachdem diese +als weiche Masse in die runde, hlzerne Form gepret worden waren. +Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von +der Masse herausdrngte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie +eine lange, schneeweie Wurst. Die wurde dann in viele Stcke +gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt. +Das waren dann die sogenannten Ksfische. Dieses Fest wiederholte +sich den Sommer ber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem +Freudengeschrei begrt. + +This hatte sich hinter dem groen Distelbusch am Boden versteckt +gehalten, whrend die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton +von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hrte, +da die groe Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig +hervor. Die drei grollenden Zurckgebliebenen saen am Boden und +kehrten ihm den Rcken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stck +die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der +Hhe hernieder. Den This erfate ein unwiderstehliches Verlangen, +auch an der Ksfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlpfte er +hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er +hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem +letzten steilen Hang kam eine kleine, glnzend grne Hochebene, da +stand die Sennhtte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der +klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tr seiner Htte stand der +Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte ber +die vielen Sprnge, die jetzt die Buben und Mdchen in ihrem Eifer, zu +dem ersehnten Genu zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt +waren sie alle bei der Htte und eines drngte das andere vorwrts, um +noch nher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wrde. + +"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton. "Wenn ihr alle in +die Htte hineindrngt, so habe ich keinen Platz mehr zum +Kseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes +Messer zur Hand und trat an den groen, runden Kse heran, den er +schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden +ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweien +Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stck und da ein +Stck, oft ber die Kpfe der Groen weg den Kleinen, die nicht zu ihm +vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner +Teilung. + +This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen +wollte, so bekam er da einen Sto und dort einen und flog so von einer +Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer +wieder ein Grerer und Dickerer sich vor ihn drngte. Zuletzt bekam +er einen so ungeheuren Sto von dem breiten, nach allen Seiten +schlagenden Jopp, da er sich fast berschlagen htte. Die Teilung +war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, da er zu keinem +Stckchen Ksfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine +Schlge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die +jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den +Bumchen. Auf der hchsten Krone des einen sa ein lustiger, kleiner +Vogel und pfiff so frhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als +gbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und +Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, da er fast das +Leid verga, das ihm eben geschehen war. + +Von Zeit zu Zeit mute er nach der Sennhtte hinberschauen, denn das +Lrmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stck Ksfisch +wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie +jedes Kind mit einem greren oder kleineren Brocken der schnen, +weien Masse dastand und mit Wonne hineinbi. Er seufzte dann ein +wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges +Stcklein bekme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weien +Ksfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie +heute in die Schar der Glcklichen einzudringen. Jetzt hatte er +gesehen, da es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut +zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlugedanken, da er +sein Leben lang nie einen Ksfisch bekommen werde. Darber wurde er +so traurig, da er nicht einmal den Vogel mehr hrte und ganz +zusammengeduckt unter den Tannenbumen sa. + +Jetzt war das Gastmahl bei der Htte zu Ende und mit schrecklichem +Lrm strzten die Kinder daher, womglich immer einer ber den anderen +hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall +brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der +lrmende Hans, und laut schrie er in das Gebsch hinein: "Du Maulwurf, +komm heraus, du mut mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen +hatte. Er mute sich als Bock hinstellen, damit die anderen ber ihn +springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wre +viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wute wohl, +was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er +gehorsam heran. "Wie viele Ksfische hast du bekommen?" schrie ihn +jetzt der Hans an. + +"Keinen", gab This zurck. "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans +noch lauter in die Schar hinein, "der luft schnell zu den Ksfischen, +und dann luft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer +This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die groen +Buben ber den Kopf weg, so da er genug zu tun hatte, nur immer +wieder auf die Fe zu kommen, wenn er umgeworfen worden war. +Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestrzter die Abhnge +hinunter, bis ein glcklicher Zufall sie wieder alle auf die Fe +brachte. Nach dieser strmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen +gleich alle auseinander, jeder seinen Khen nach. + +Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn +jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den +Zurckgebliebenen, weit er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem +Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben +und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im +Berghang, wo im Frhling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und +den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und +ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schne, dunkelrote +Erdbeeren in der Sonne, die so schn warm in die Vertiefung schien. +Aber dem This war es berall angst und bang, wenn er noch in der Nhe +der Huser und der Hterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden +Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der +This zuckte scheu und ngstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer +dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch +einmal an das stille Pltzchen unter den kleinen Tannenbumchen dort +oben und an das pfeifende Vgelein, so da es ihn mit Gewalt vom Boden +zog. Er mute noch einmal dorthin. + +Mit allen Krften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht +einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die +Tannenbumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein +Tannenversteck ein wenig offen. Da sa nun der This in vlliger +Sicherheit. Ringsum war eine groe Stille, kein Ton drang von unten +her bis hier auf die einsame Hhe, nur das Vgelein sa noch auf +seinem Tannenast und pfiff sein frhliches Lied. Die Sonne wollte +untergehen. Die hohen Schneeberge drben fingen zu flimmern und zu +glhen an, und ber die ganze grne Alm hin lag das golden schimmernde +Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie +gekanntes Wohlsein kam ber ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und +Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu frchten, denn weit und +breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hren. + +So sa der This eine lange Zeit, und am liebsten wre er gar nicht +mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben +gewesen. Aber da hrte er schwere Tritte hinter sich von der Htte +her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewi +wollte er zum Bach hinber, um Wasser zu holen. This verhielt sich +muschenstill. Denn er war so daran gewhnt, da er von jedermann +angefahren oder ausgelacht wurde, da er dachte, der Senn werde es +gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die +Bumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton +wurde aufmerksam, trat nher und guckte in den Tannenbusch hinein. + +"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht. + +"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd. + +"Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu frchten, wenn du nichts +Bses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa +mit deinen Ksfischen da hineingeflchtet, da du sie in Ruhe +verzehren kannst?" + +"Nein, ich habe keine Ksfische gehabt", sagte This ngstlich. + +"Nicht? Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie +sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem +Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem +Menschen. + +"Sie haben mich auf die Seite gestoen", erwiderte er nun und stand +hinter den buschigen Zweigen auf. + +"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort, +"komm noch ein wenig nher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn +sie dich wegstoen? Es stt ja immer einer den anderen, aber zuletzt +kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?" + +"Sie sind strker", sagte der This so berzeugend, da diese Erklrung +wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den +Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, groen Franz Anton wie +ein dnnes Stcklein vor einer hohen Tanne. Der krftige Mann +betrachtete einen Augenblick das schmale Figrchen, an dem tatschlich +fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht +schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf. + +"Wem gehrst du?" fragte er jetzt den Buben. + +"Niemand", gab This zur Antwort. + +"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?" + +"Beim Hlmli-Sepp." + +Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. "Ach so, bist du der!" +sagte er verstndnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar +nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehrt, ihn aber nicht +gekannt. + +"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig. "Wenn du beim Hlmli-Sepp +bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hlmlein. +Komm, Ksfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes." + +Der This wute gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz +Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und +das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Htte, holte +hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein groes +Stck ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfa, das goldig glnzend +in der Ecke stand, und holte ein groes Stck Butter heraus. Das +strich er ber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stck mit +der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte +der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es +nicht mglich, da es ihm gehre. + +"Komm heraus. I es vor der Htte, ich mu nun zum Wasser", sagte +Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glck und +Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte. +Vor der Htte setzte er sich auf den Boden. Und whrend der Senn zum +Schwemmebach hinberging, bi er in sein Butterbrot hinein und bi +immer wieder und konnte nicht begreifen, da es etwas so Gutes gbe +und er es bekommen htte. + +Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und +wiegte unten die Tannenbumchen hin und her, und der kleine Vogel sa +immer noch auf dem hchsten Zweig und sang hell und frhlich in den +goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie +gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er msse laut mit dem Vogel zu +singen anfangen. + +Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her +gegangen. Drben beim Schwemmebach war er immer eine Weile +stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr +rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gro und golden der volle Mond +hinter dem weien Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Htte +zurck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle +sa. + +"So gefllt's dir hier?" fragte er freundlich. "Mit dem Abendessen +bist du fertig, wie ich sehe. Du mut dich auf den Rckweg machen. +Sieh, wie schn dir der Mond heimleuchtet!" + +Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel +ihm ein, da es wohl ntig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem +Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den +Tannenbumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurck. Er schaute noch +einmal zurck, und da der Senn in die Htte getreten war und ihn nicht +mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz +Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Gte +und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen +Eindruck gemacht, da er nicht fort konnte. Er mute noch ein wenig +in der Nhe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen +unter den Bumchen und sphte zu der Htte hinauf, ob er den Senn +nicht noch einmal she. Es dauerte einige Zeit, da pltzlich trat +Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Htte heraus. + +Er blieb vor der Tr stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die +stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ber alle hohen Schneegipfel hin das +milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt +der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen +Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hnde. Er hielt wohl still +seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht +geb euch Gott!" trat in die Htte zurck und machte die Tr zu. Sein +Nachtgru hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum +und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller +Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fhlte Liebe und +Bewunderung fr den Senn, Gefhle, die er bisher nicht gekannt hatte. + +Als es nun ganz dunkel und still in der Htte wurde, stand der This +auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter. + +Es war spt und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich, +die Tr war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Huschen und +schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser +schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es +ist bequem, da der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden. +So hat man doch Platz!" + +This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er +immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit +gefalteten Hnden vor seiner Htte stand. Zum erstenmal in seinem +Leben schlief der This mit einem glcklichen Herzen ein. + + + +3. Kapitel + +Ein hilfreicher Engel + + +Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten, +muten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges +gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr +Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze +Schar den Berghang herunter, und bald saen sie alle mit anderen +Kindern so ruhig wie mglich auf den langen Bnken, und der Herr +Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von +einem zuknftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den +This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas +fragen, das wirst du wohl beantworten knnen, wenn man dir auch nicht +viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem rmsten +und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefhrt hat, so +wohl werden, da er kein Leid versprt?" + +"Bei der Schwemmebachsennhtte", antwortete der This ohne Zgern. +Jetzt entstand ein solches Kichern, da der This ganz scheu um sich +schaute. Ringsum waren spttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle +Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich +so stark vornber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem, +was der Herr Pfarrer das letztemal erklrte, hatte er nichts gehrt, +weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mute. Jetzt hatte +er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet, + +Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, da es dem +This gar nicht zum Lachen war, sondern da er vor Scheu ganz +erschrocken und zusammengeduckt dasa, da schttelte der Herr Pfarrer +nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu +machen." + +Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da strzte die ganze Schar +hinter dem This her, alle lachten berlaut und schrien durcheinander: +"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Ksfische in den Sinn +gekommen?" + +"This, warum hast du nicht auch etwas von den Ksfischen gesagt?" Der +This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem +Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben +wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den +schnen Sonntagabend unten im Dorf genieen. + +Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt +einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhtte +hinaufflchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen. +Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Pltzchen sitzen und +vor Verfolgung sicher sein. Nun sa er wieder unter den Tannen und +ber ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der +Sonne, und ber den grnen Hngen flo da und dort ein klares Bchlein +friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, da er allen +Spott verga und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr +weggehen zu mssen. + +Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er +bestndig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie mglich +nieder. Denn er hatte das Gefhl, wenn der Franz Anton ihn wieder +hier sehe, so knnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein +Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und +einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und +in dessen Nhe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst +nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und +This sa an seinem schnen Pltzchen, bis die Sterne am Himmel standen +und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Htte hinaustrat und +ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder +davon, und spt wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht +hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber +das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefhlt +dort oben. + +So ging es eine ganze Woche. Tag fr Tag, sobald er einen Augenblick +fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm +hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete +er die ganze Ttigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und +nie verlie er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton +gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als +sei der Nachtsegen auch fr ihn gedacht. + +Es waren ausnahmsweise heie Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg +jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend +niedergegangen war. Das Futter war besonders krftig, und Franz Anton +bekam so schne, fette Milch von den Alpenkhen, da er die +prchtigsten Kse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude, +und schon frhmorgens konnte man ihn voller Vergngen in seiner +Sennhtte pfeifen hren, so auch am Samstag dieser Woche. Da hrte +man ihn noch viel frher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem +der Senn seine drei oder vier fertigen Kse an den See hinunterbrachte. +Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie +auf seinem Rcken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwrts, +den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rcken. Es +war der heieste Tag des ganzen Sommers. + +Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die bermige +Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute +abend wieder zu meiner Htte hinauf in die khle Luft zu kommen, hier +unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt, +gerade als das Schiff herankam, das die Kse mitnehmen sollte. Bald +war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlssig +da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten +etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fhlte keinen Appetit, sein Kopf +war schwer und hei, er wnschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn +jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim +Einladen geholfen hatte. "Komm, Franz Anton, heute ist's hei, wir +wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn +zu dem Wirtshaus. + +Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im +Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber +stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in +der schweren, heien Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht +an den Wein gewhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit groen +Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in +seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte hei auf +seinen Kopf, alle seine Pulse hmmerten, die Fe wurden ihm so schwer, +da er sie nur mit Mhe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je +grer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der +Aussicht an, da nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt +nur noch eine Viertelstunde heier Mhe vor ihm liege. Dann wrde er +oben sein und knne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen. + +Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne +brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Pltzlich wurde es ihm vllig +schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer strzte er auf den +Boden nieder. Er hatte das Bewutsein verloren. + +Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er, +da der Franz Anton noch nicht zurckgekehrt war. Er stellte seine +Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem +Senn auszuschauen. + +Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz +Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte +er an seinem verborgenen Pltzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt, +den der Senn tat. Er wute, wie eine Beschftigung auf die andere +folgte, so da er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der +Franz Anton seine Milch stehen lie. Sonst go er sie immer gleich in +die verschiedenen Gefe. Die eine kam zum Buttern in die groen, +runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schn dick obenauf +lag. Die andere wurde in den Ksekessel gegossen, das hatte der This +durch die offene Httentr alles genau beobachten knnen. Der Senn +kam immer noch nicht. Der Junge fhlte, da irgend etwas geschehen +sein mute. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging +zur Sennhtte. Da war es still und leer unten im Httenraum und oben +auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut +war zu hren, alles wie ausgestorben. ngstlich lief der This +jetzt um die Htte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann +in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten +erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da +lag sein Freund mit geschlossenen Augen und sthnte und lechzte wie +ein Sterbender. Er sah glhend hei aus, und seine Lippen waren ganz +vertrocknet. + +Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor +Schrecken, auf seinen Wohltter. Dann strzte er in schnellem Lauf +den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewutlos am +Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt +an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem +brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bcken +und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er fr einen Augenblick, +denn es war nur ein Fiebertraum gewesen. + +Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rhren. +Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das +Bewutsein wieder, und er trumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er +heute frh im Vorbergehen noch die schnen Erdbeeren gesehen hatte. +Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die +Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber +jetzt hatte er pltzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte +sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der +Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlrfte und +schluckte, es war ein unsgliches Labsal. Er erwachte. War das alles +Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und +steckte ihm wieder eine groe saftige Erdbeere in den Mund. + +"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton. Aber +nicht nur eine, fnf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf +einmal flog ein stechender Schmerz ber sein Gesicht. Er legte die +Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war +ihm das Bewutsein wieder vllig entschwunden. Er konnte nicht einmal +mehr die letzte Erdbeere genieen. Jetzt trumte er ganz schreckliche +Dinge. Sein Kopf wurde so gro wie sein allergrtes Butterfa und +dann immer noch grer und so furchtbar schwer, da er mit Schrecken +dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man mu starke, +hlzerne Sttzen unterstellen, wie unter die Apfelbume, wenn sie +zuviel pfel tragen." Und jetzt fhlte er deutlich, da der Kopf ganz +voll Schiepulver war, das hatte einer von hinten angezndet. Nun +brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mute alles +zerspringen. Aber dann kam pltzlich ganz kalt und belebend der +Schwemmebach ber seine Stirn, ber das ganze Gesicht und in den Mund +hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte. + +Es war wahr, eiskalt kam ein Gu nach dem anderen auf Stirn und +Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den +khlenden Trank ein. ber ihm standen die funkelnden Sterne, das +sah der Franz Anton deutlich. Er wute auch, da er noch am Boden lag +drauen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der +Schwemmebach sein, was so ber ihn flo und ihn so ordentlich trinken +lie. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend, +so erlsend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer. +Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich +dir fr deine Gte und die hilfreichen Engel!" + +Das erquickende Wasserbad hrte nicht auf, und zuletzt fhlte der +Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schtzend und +wohltuend, da er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt +schlief er jetzt ganz sanft ein und trumte nicht mehr. + + + +4. Kapitel + +Was die Sennenmutter haben will + + +Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz +Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er +schauderte ein wenig zusammen, es frstelte ihn. Er wollte sich +aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand +an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht. +Wohl sechsfach zusammengelegt lag na und schwer das groe Handtuch +aus der Sennhtte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der +frische Morgenwind ber die Stirn blies, fhlte er sich so wohlig und +erleichtert, da er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da +sah er auf einmal in zwei groe, ernsthafte Augen hinein, die +unverwandt auf ihn gerichtet waren. + +"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frh auf +die Alm? Nun, weil du da bist, komm, da ich mich ein wenig auf deine +Schulter sttzen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf." + +Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er +stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fe in den Boden hinein, so da +der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte. +Whrend des langsamen Aufstiegs zur Htte, als er sich immer noch auf +die Schulter des Buben sttzte, fing er an, sich daran zu erinnern, +was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgnge der +Nacht vllig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur +helfen. In der Htte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner +dreibeinigen Sthle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz +dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir +wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt +noch nicht machen. Ein Schsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist +es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es +regelmig dort hinauf. Ich wei nicht, was mit mir vorgeht seit +gestern." + +Der This war feuerrot geworden, er wute wohl, wer das Schsselchen +heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am +Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides +dem Senn. Dieser schttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er +lebte, hatte er noch nie sein Schsselchen dort bei der Tr auf den +Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine +Milch, fllte dann das Schsselchen wieder und sagte: "Da, This, trink +auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, da du so frh hinauf +kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Ksfischtag und du seist dann +sicher der erste?" + +"Nein, gewi nicht", versicherte This. + +"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal +unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder +zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. "Sag mir, This, habe ich +denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frh +heraufkamst?" + +Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn +alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht +recht, und er knnte bse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm +jetzt so tief in die Augen, da er alles sagen mute: "Ich habe es +selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an. + +"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert. + +"Weil sie so hei waren", erwiderte This. + +Der Senn staunte immer mehr. "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang +erwacht", sagte er. "Wann bist du denn heraufgekommen?" + +"Gestern um fnf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam, +"der Melker kam erst lange nachher." + +"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn +gewollt und gemacht?" + +Jetzt sah der Franz Anton, da dem This ganz bange wurde, ihm selber +aber fielen nun wieder die Vorgnge der letzten Nacht ein. Ganz +vterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd: +"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu frchten, This. Da, trink noch +eins aus, und dann sag mir alles, was du weit, von da an, als du hier +heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fate der This neuen +Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zgen aus, denn sie schmeckte +herrlich. + +Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier +herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Ksfische. +Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie +nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden +gefunden, und Sie sind ganz rot und hei gewesen und haben Durst +gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe +alle groen Erdbeeren gepflckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen +gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf +den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Htte +das Schsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach +habe ich ihn gefllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schsselchen das +Wasser ber den Kopf geschttet und auch zu trinken gegeben, denn sie +haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin +ich zum Bach hinber und habe ihn wieder gefllt. Aber weil das +Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes +Tuch wurde den Kopf besser khlen. Und so habe ich das Tuch aus der +Htte geholt und es ganz na auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann +trocken und hei wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und +es dann wieder na auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann +erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht +etwa krank werden." + +Der Senn hatte mit groer Aufmerksamkeit zugehrt. Jetzt stand alles +deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wute auch +wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren +als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gesprt und +genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und +verwundert an, als htte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen +solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn mglich, da +dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben +gerettet hatte. + +Htte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelscht, wer wei, +was bis zum Morgen daraus geworden wre! Und wie konnte dieser This, +dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung +fhig sein, da er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn +pflegte! Dem groen, starken Franz Anton kamen die Trnen in die +Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles +berdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir +wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das +vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die +Glieder so, da ich mich jetzt niederlegen mu. Geh du nun hinunter +zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir +nicht ganz wohl. Du mut dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe +noch viel mit dir zu reden heute, vergi es nicht!" + +Solange er lebte, war der This noch nie so glcklich gewesen. Er lief +springend den Berg hinunter, als knne er nicht hoch genug aufspringen +vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen, +und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in +die Sennhtte eintreten. Auerdem hatte der Franz Anton ihm noch +gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser +Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der +Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Huschen +mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im +Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der +Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen, +denn er war ganz atemlos vom Laufen. + +"Woher kommst denn du?" fragte die sonntglich gekleidete Frau, die +nicht gern etwas Unordentliches sah. Mibilligend musterte sie den +Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntglichen Anblick +in seinen zerfetzten Alltagshschen und dem schmutzigen Hemdlein. +"Ich meine, ich habe dich schon dort drben ber dem Bach gesehen, du +bist wohl einer vom Hlmli-Sepp?" + +"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demtig. + +Jetzt fiel der Frau ein, da die Frau des Hlmli-Sepp einen +einfltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts +zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. "Und was willst du +denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert. + +Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag +klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der +kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und da er nach ihr schickte +und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes +Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in groer +Sorge das Ntigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem groen +Korb am Arm heraus. + +"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn. Warum mut du +wieder mit?" + +"Ich wei nicht", antwortete er. Und fast als wre es etwas Bses, +setzte er leise hinzu: "Mu ich nicht den Korb tragen?" + +"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran +gedacht, da ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb. +Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief +in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer +Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die +Krankheit gefhrlich sein? Ihre Angst wurde immer grer, je nher +sie der Sennhtte kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige +Schritte--der bekmmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast +nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie +schaute berall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn +tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem +Herzen stieg sie die Leiter hinauf. + +Der This blieb ehrerbietig drauen vor der Tr stehen, nur den Korb +schob er in die Htte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll +ber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte +ihr frhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter: +"Gr dich Gott, Mutter! Das freut mich, da du da bist. Ich habe +aber geschlafen wie ein Br, die ganze Zeit, seit der This fortging." +Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie +wute gar nicht, was sie denken sollte. "Franz Anton", sagte sie +jetzt ernsthaft, "was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weit du, +da du mich hast holen lassen?" + +"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz +bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir +noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir +reden. Ich fhl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kme noch +nicht weit." + +"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir's doch", +drngte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn. + +"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen", +sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. "Sieh einmal +zuerst dort unten das schmale, magere Bblein an, das kein gutes Stck +Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder +nur den dummen This nennt." + +Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn +hinaufsphte, ob er etwa wieder umfallen wolle. + +"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt. + +"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Bblein nicht +gewesen wre, so lge ich jetzt noch drauen auf dem Boden in einem +tdlichen Fieber, oder vielleicht wre es auch schon vorbei mit mir." +Und jetzt erzhlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag +zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen +und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch +auf der Welt es nicht besser htte tun knnen. + +Die Mutter mute sich mehrmals die Trnen abwischen. Sie stellte sich +vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da +drauen gelegen htte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden +wre, und kein Mensch htte etwas von ihm gewut. Und jetzt stieg ein +Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, da sie laut ausrufen mute: +"Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche +Liebe zu dem armen This berkam sie, da sie ganz eifrig sagte: "Franz +Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hlmli-Sepp zurck! +Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat +sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen +mache ich ihm ein Gewand, da man ihn ansehen darf. Er mu es nicht +schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir +geholfen hat." + +"Das ist nun gerade, was ich wnschte, Mutter, aber ich mute doch +zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben +und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein knnte. Es geht +nichts ber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller +Glck und Liebe an, da es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich +dachte: Es geht auch nichts ber einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte +sie: "Jetzt mut du etwas essen, Franz Anton, da du wieder zu Krften +kommst. Ich habe frische Eier und ein Weibrot mitgenommen, und jetzt +will ich Feuer machen, la dir Zeit zum Herunterkommen." Das mute der +Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging. +Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er +sich selbst niedergesetzt hatte. + +"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend, +"willst du ein Senn werden?" + +Der This fing an zu lcheln, aber dann hrte er pltzlich die +vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen +hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts". +Und schchtern antwortete er. "Ich kann nichts werden." + +"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit. +"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun +bleibst du bei mir und trgst Milch und Wasser und hilfst mir bei +allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Kse macht und sobald +du gro genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein +Gehilfe." + +"Hier in der Schwemmebachsennhtte?" fragte This, dem die Aussicht auf +diese Glckseligkeit ganz unfabar war. + +"Alles hier, in der Schwemmebachsennhtte", besttigte der Franz Anton. + +Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden +Glcks, da der Senn ihn nur ansehen mute. Der Bub war wie +verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den groen +Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie +streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir +miteinander frhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen +wir dem lieben Gott dafr danken, da er dich gerade zur rechten Zeit +in die Nhe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch +begreift, warum du da heraufgekommen bist." + +Jetzt begann das frhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben +hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen. +Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weibrot hingelegt +und daneben Butter und weien Kse. Und mitten auf dem Tisch stand +eine groe Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die +Mutter groe, dicke Stcke vor den This hin, und wenn er fertig war, +gab es gleich noch einmal so viel. + +Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie: +"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This mu bei dir oben +bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es +ntig ist. Der Frau des Hlmli-Sepp will ich schon alles berichten." + +Das war dem Sennen recht, und fr den This war es das hchste Glck, +das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton. +Nicht mehr verborgen unter den Tannenbumchen hrte er heute den +Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als +dieser seine Hnde faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den +Abendsegen." Andchtig faltete auch er seine Hnde, und als am Schlu +der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glck im +Herzen des This so gro, da er gern berlaut allen Menschen auf der +ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!' + +Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinber zu der Frau des +Hlmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und +gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzhlten. +Die Sennin hrte, da von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der +Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hlmli-Sepp erklrte, +da sie mit ihrem Sohn bereingekommen sei, sie wollten den This bei +sich annehmen, da machte die Frau einen groen Lrm. Sie sagte, sie +sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fr +den Senn eine grere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien +alle aus vollen Hlsen: "Mich! Mich! Mich!" Denn sie wuten wohl, +wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhtte fr gute +Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts. + +Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn +schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen +This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das +Hnseln und Verspotten unterlassen, sonst htten sie es mit ihrem Sohn +zu tun. Der rede dann mit seinen krftigen Armen eine deutlichere +Sprache mit den Buben, als sie es jetzt knnte. Dann verlie die +Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblfft nachschauten, +und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wre, +der wird's gut haben, wie ein Knig wird er da oben in seiner +Sennhtte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen lie, +liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund +sein. Denn sie muten alle an den letzten Ksfischtag denken, als der +This so bel behandelt worden war. Von nun an wrde er ja gewi alle +Ksfische allein bekommen, da wre doch jeder gut daran, der sein +Freund wre. Und spter waren sie auch alle gut daran, denn dem This +machte es die grte Freude, die reiche Ernte der Ksfische unter +allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darber +wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie +mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte +sich zur berraschung aller, da er auf einmal ein ganz flinkes, +geschicktes Brschchen war, von dem jeder sagen mute: "Entweder ist +das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den +dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit, +sein liebster Schler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei +allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die +anderen Buben knnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird, +von Johanna Spyri. + + + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Vom This, der doch etwas wird, by Johanna Spyri + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD *** + +***** This file should be named 9859-8.txt or 9859-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/9/8/5/9859/ + +Produced by Delphine Lettau + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/old/9859-8.txt~ b/old/old/9859-8.txt~ new file mode 100644 index 0000000..606739d --- /dev/null +++ b/old/old/9859-8.txt~ @@ -0,0 +1,1511 @@ +Project Gutenberg's Vom This, der doch etwas wird, by Johanna Spyri + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Vom This, der doch etwas wird + +Author: Johanna Spyri + +Posting Date: October 29, 2011 [EBook #9859] +Release Date: February, 2006 +First Posted: October 25, 2003 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD *** + + + + +Produced by Delphine Lettau + + + + + + + + + +This Etext is in German. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfgung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Vom This, der doch etwas wird + +Erzhlung + +Johanna Spyri + + + + + + + +1. Kapitel + +Alle gegen einen + + +Wenn man den Seelisberg von der Rckseite her besteigt, kommt man auf +eine frische, grne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die +friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem +schnen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenhrten Khe +ziehen lieblich lutend immer hin und her. Denn jede trgt am Hals +ihre Glocke, damit man immer hrt, wo sie ist. So kann sich keine Kuh +unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Struchern bedeckte Felswand +liegt, ber die sie hinunterstrzen knnte. Es ist auerdem ein +ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben knnen. Aber die +Glocken sind doch notwendig und tnen so freundlich hin und her, da +keiner sie entbehren mchte. Am Bergabhang stehen hie und da +vereinzelt die kleinen, hlzernen Huser, und nicht selten rauscht +daneben ein schumender Bach ins Tal hinab. 'Am Berghang' heit es +hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Huschen steht auf +ebenem Boden. Es ist, als wren sie irgendwie an den Berg hingeworfen +worden und da hngengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da +oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie +alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der +kleinen, hlzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt +in ihre Nhe, so sieht man, da ein groer Unterschied zwischen ihnen +ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nhe ganz +verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen +ihnen strzt der grte Bergbach der Gegend, der schumende +Schwemmebach, hinunter. + +Am ersten Huschen blieben auch an den schnsten Sommertagen alle die +kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die +hineindrang, kam durch die Lcher der zerbrochenen Scheiben. Das war +aber nicht viel, denn die Lcher waren wieder mit Papier verklebt, +damit man im Winter drinnen nicht frieren mute. An dem hlzernen +Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war +so zerfallen, da es ein Wunder war, da alle die kleinen Kinder, die +da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie +hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder +waren alle mit Schmutz berdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen +Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ber da +herum, und am Abend kamen vier grere Kinder dazu. Drei krftige +Buben und ein Mdchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich +aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie +konnten sich doch schon selbst waschen. + +Das Huschen ber dem Bach drben hatte einen ganz anderen Charakter. +Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgerumt +aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drben. Die +Stufen sahen immer so aus, als wren sie eben gescheuert worden. Und +oben auf der Galerie standen drei schne Nelkenstcke und dufteten den +ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen +Fenstern stand offen und lie die schne, sonnige Bergluft herein. +Dort konnte man meistens eine noch krftig aussehende Frau sitzen +sehen, mit schnem, weiem Haar, das sie sehr ordentlich unter das +schwarze Hubchen zurckgestrichen hatte. Sie flickte gewhnlich an +einem Mnnerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber +gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so +adrett und reinlich aus, als wre noch nie etwas Unsauberes an sie +herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des +frhlichen Franz Anton mit den krftigen Armen. Der machte den Sommer +ber in der oberen Sennhtte seine Kse, und erst im Sptherbst zog er +wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn +dann butterte er in der unteren Sennhtte, die ganz nahe lag. Da ber +den reienden Schwemmebach kein Steg fhrte, waren die zwei Huschen +ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg +wohnten, besser, als diese Nachbarn ber dem Bach, zu denen sie nur +etwa einmal am Tag stumm hinberschaute. Gewhnlich schttelte sie +dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter +und schmutzigen Fetzen drben an den Kindern sah. Sie schaute aber +nicht oft hinber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber +betrachtete sie, wenn das Feierabendstndchen kam, ihre roten Nelken +auf der Galerie oder sie schaute ber den grnen, sonnigen Abhang +hinunter, der vor ihrem Huschen zum Tal hinabstieg. + +Die verwilderten Kinder ber dem Bach gehrten dem Hlmli-Sepp, wie er +genannt wurde, der seine Arbeit auer Haus beim Holzfllen oder +Heumachen suchte. Auerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So +war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die +Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele +kleine Kinder knne man nicht in Ordnung halten, und spter wrde es +dann von selbst besser. So lie sie alles gehn, wie es ging. Und in +der schnen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und +lieen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl +sein. Zur Sommerzeit waren die vier Greren den ganzen Tag drauen, +um die Khe zu hten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen, +wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten +bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Khe auf das +umliegende Weideland hinaus und muten sie hten lassen. Das ist +immer eine lustige Zeit fr die Buben und Mdchen, die sich dort zu +jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei frhliche Sachen +miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten +im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere +Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer +ber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstck nach Hause, +das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier +Kleinen zu ernhren und fr alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn +diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mute doch jedes haben +und die vier Groen noch ein Stck dazu. Eine Kuh hatte der +Hlmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaen, +wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten. + +Hlmli-Sepp hie der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum +nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine +Gei und ein Stck Kartoffelland, damit mute die Frau mit den vier +Kleinen den Sommer ber auskommen und auch hier und da noch eines der +Greren speisen, wenn es drauen keine Arbeit fand. Der Vater kam im +Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein +Huschen und Acker waren so verschuldet, da er das ganze Jahr ber +etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten +konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel +er fand. + +So mute die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte +keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von +der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der +verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten, +schaute sie ber den Bach zu dem schmucken Huschen der Sennerin +hinber, dessen Scheiben in der Sonne glnzten. Dann sagte sie +rgerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles +sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging +sie wieder rgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurck, und an dem, +der ihr zuerst in den Weg kam, lie sie den rger aus. + +Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht +ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Huschen vom +Hlmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der +dumme This' genannt, sah so mager und drftig aus, da man ihn kaum +fr achtjhrig gehalten htte. Er schaute auch so scheu und +verschchtert drein, da niemand wute, wie der This eigentlich aussah, +denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach. +This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum +zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel spter ber die Felsen +in die Tiefe gestrzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam +und den Weg abkrzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte +nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem +groen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This +hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend, +eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen +Matthis genannt. + +Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Huschen vom +Hlmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafsttte mit seinem Bblein +gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben +Ort. Das wenige Geld, das fr den kleinen This von der Gemeinde +bezahlt wurde, war der Frau des Hlmli-Sepp sehr erwnscht. Und in +die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fr die +schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This +war schon von Natur aus ein schchternes und stilles Bblein gewesen. +Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das groe Unglck +gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem +Unglck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr. + +So sa der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein +Wort zu hren, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann +seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des +Hlmli-Sepp gehrte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde +von jedem angefahren und hin und her gestoen, weil er sich nie wehrte. +Zu all den Pffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen +dann noch die bsen Worte der Frau, wenn sie den rger ber das +saubere Huschen der Sennerin drben hatte. Der This wehrte sich aber +nie, denn er hatte das Gefhl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so +nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und +verschchtert, da man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her +vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn +anrief. Er sah berhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch, +wo er in die Erde hineinkriechen knnte, da ihn keiner mehr fnde. + +So war es gekommen, da die vier Groen vom Hlmli-Sepp, der Jopp, der +Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du +bist doch ein dummer This", und da es die vier Kleinen auch +nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals +dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es +werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme +This' genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten knnte, +wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Khe zu hten, und war +er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke +oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da sa er +meistens zitternd vor Furcht, denn er hrte wohl, wie die anderen +Buben ihn mit groem Geschrei suchten, da er bei den Spielen +mitmachte, die sie spielen wollten. + +Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prgeln, und das traf +regelmig den This am strksten, da er sich nicht wehrte und auch +nicht wehren konnte gegen die viel Strkeren. So verkroch er sich, +sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Khe, wohin sie wollten +und fraen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann groen rger, und +jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Khe zu hten, und keiner +stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld, +wenn die Buben zum Jten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da +warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblten an den +Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem +anderen reichlich zurck, was er empfangen hatte. Der This gab aber +nichts zurck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen +Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen +gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten +die Knollen an den Rcken und an den Kopf. + +Whrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten, +versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den +Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit +nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller +Arbeit zu dumm und aus dem This knne nie etwas werden. Weil er nun +gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er +auch von der Frau des Hlmli-Sepp demgem behandelt. Wenn schon die +eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es +meistens, da fr den This gar nichts mehr brigblieb und es dann hie: +"Du wirst wohl etwas finden, du bist gro genug." Wie der This +eigentlich ernhrt wurde, wute niemand, auch die Frau des Hlmli-Sepp +nicht, aber irgendwie lebte er doch immer. + +Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen +Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tr +vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in +seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich +wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer +scheuer wurde und sich immer mehr versteckte. + + + +2. Kapitel + +Bei der Schwemmebachsennhtte + + +An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle +Mcken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hterbuben und--mdchen. +Sie muten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp, +von allen der Grte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle +nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, da man jetzt zur +Schwemmebachsennhtte hinaufgehe, denn heute sei der Ksfischtag. Nun +msse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Khe +hten solle, whrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wrden. +Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust, +sich fr die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue +Uli auf den Gedanken, man knnte einmal den dummen This zwingen, auf +die Khe acht zu geben. Und damit er's nicht vergesse, knnte man ihn +im voraus ein wenig durchprgeln. Der Vorschlag fand Anklang, und +schon wollten mehrere von den Anfhrern der Schar den This holen, als +das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts +Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den +Lohn dafr, wenn wir wieder zurckkommen und die Khe sich verlaufen +haben. Ihr werdet doch nicht glauben, da der This, wenn er zu dumm +ist, zwei Khe zu hten, auf einmal zwanzig hten kann. Man mu losen, +und drei mssen bei den Khen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis +Erklrung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus +der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet +der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der +siegreichen Schar den Rcken und setzte sich auf den Boden neben seine +beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen strzte nun +die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genu +entgegen. + +Der Ksfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die +es nie unterlieen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen +sollte. Denn das war ein Hauptfest fr sie. Das war der Tag, an dem +der Franz Anton seine frischen Kse rundum beschnitt, nachdem diese +als weiche Masse in die runde, hlzerne Form gepret worden waren. +Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von +der Masse herausdrngte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie +eine lange, schneeweie Wurst. Die wurde dann in viele Stcke +gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt. +Das waren dann die sogenannten Ksfische. Dieses Fest wiederholte +sich den Sommer ber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem +Freudengeschrei begrt. + +This hatte sich hinter dem groen Distelbusch am Boden versteckt +gehalten, whrend die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton +von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hrte, +da die groe Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig +hervor. Die drei grollenden Zurckgebliebenen saen am Boden und +kehrten ihm den Rcken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stck +die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der +Hhe hernieder. Den This erfate ein unwiderstehliches Verlangen, +auch an der Ksfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlpfte er +hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er +hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem +letzten steilen Hang kam eine kleine, glnzend grne Hochebene, da +stand die Sennhtte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der +klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tr seiner Htte stand der +Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte ber +die vielen Sprnge, die jetzt die Buben und Mdchen in ihrem Eifer, zu +dem ersehnten Genu zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt +waren sie alle bei der Htte und eines drngte das andere vorwrts, um +noch nher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wrde. + +"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton. "Wenn ihr alle in +die Htte hineindrngt, so habe ich keinen Platz mehr zum +Kseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes +Messer zur Hand und trat an den groen, runden Kse heran, den er +schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden +ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweien +Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stck und da ein +Stck, oft ber die Kpfe der Groen weg den Kleinen, die nicht zu ihm +vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner +Teilung. + +This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen +wollte, so bekam er da einen Sto und dort einen und flog so von einer +Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer +wieder ein Grerer und Dickerer sich vor ihn drngte. Zuletzt bekam +er einen so ungeheuren Sto von dem breiten, nach allen Seiten +schlagenden Jopp, da er sich fast berschlagen htte. Die Teilung +war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, da er zu keinem +Stckchen Ksfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine +Schlge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die +jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den +Bumchen. Auf der hchsten Krone des einen sa ein lustiger, kleiner +Vogel und pfiff so frhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als +gbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und +Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, da er fast das +Leid verga, das ihm eben geschehen war. + +Von Zeit zu Zeit mute er nach der Sennhtte hinberschauen, denn das +Lrmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stck Ksfisch +wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie +jedes Kind mit einem greren oder kleineren Brocken der schnen, +weien Masse dastand und mit Wonne hineinbi. Er seufzte dann ein +wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges +Stcklein bekme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weien +Ksfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie +heute in die Schar der Glcklichen einzudringen. Jetzt hatte er +gesehen, da es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut +zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlugedanken, da er +sein Leben lang nie einen Ksfisch bekommen werde. Darber wurde er +so traurig, da er nicht einmal den Vogel mehr hrte und ganz +zusammengeduckt unter den Tannenbumen sa. + +Jetzt war das Gastmahl bei der Htte zu Ende und mit schrecklichem +Lrm strzten die Kinder daher, womglich immer einer ber den anderen +hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall +brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der +lrmende Hans, und laut schrie er in das Gebsch hinein: "Du Maulwurf, +komm heraus, du mut mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen +hatte. Er mute sich als Bock hinstellen, damit die anderen ber ihn +springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wre +viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wute wohl, +was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er +gehorsam heran. "Wie viele Ksfische hast du bekommen?" schrie ihn +jetzt der Hans an. + +"Keinen", gab This zurck. "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans +noch lauter in die Schar hinein, "der luft schnell zu den Ksfischen, +und dann luft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer +This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die groen +Buben ber den Kopf weg, so da er genug zu tun hatte, nur immer +wieder auf die Fe zu kommen, wenn er umgeworfen worden war. +Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestrzter die Abhnge +hinunter, bis ein glcklicher Zufall sie wieder alle auf die Fe +brachte. Nach dieser strmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen +gleich alle auseinander, jeder seinen Khen nach. + +Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn +jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den +Zurckgebliebenen, weit er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem +Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben +und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im +Berghang, wo im Frhling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und +den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und +ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schne, dunkelrote +Erdbeeren in der Sonne, die so schn warm in die Vertiefung schien. +Aber dem This war es berall angst und bang, wenn er noch in der Nhe +der Huser und der Hterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden +Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der +This zuckte scheu und ngstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer +dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch +einmal an das stille Pltzchen unter den kleinen Tannenbumchen dort +oben und an das pfeifende Vgelein, so da es ihn mit Gewalt vom Boden +zog. Er mute noch einmal dorthin. + +Mit allen Krften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht +einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die +Tannenbumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein +Tannenversteck ein wenig offen. Da sa nun der This in vlliger +Sicherheit. Ringsum war eine groe Stille, kein Ton drang von unten +her bis hier auf die einsame Hhe, nur das Vgelein sa noch auf +seinem Tannenast und pfiff sein frhliches Lied. Die Sonne wollte +untergehen. Die hohen Schneeberge drben fingen zu flimmern und zu +glhen an, und ber die ganze grne Alm hin lag das golden schimmernde +Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie +gekanntes Wohlsein kam ber ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und +Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu frchten, denn weit und +breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hren. + +So sa der This eine lange Zeit, und am liebsten wre er gar nicht +mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben +gewesen. Aber da hrte er schwere Tritte hinter sich von der Htte +her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewi +wollte er zum Bach hinber, um Wasser zu holen. This verhielt sich +muschenstill. Denn er war so daran gewhnt, da er von jedermann +angefahren oder ausgelacht wurde, da er dachte, der Senn werde es +gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die +Bumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton +wurde aufmerksam, trat nher und guckte in den Tannenbusch hinein. + +"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht. + +"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd. + +"Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu frchten, wenn du nichts +Bses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa +mit deinen Ksfischen da hineingeflchtet, da du sie in Ruhe +verzehren kannst?" + +"Nein, ich habe keine Ksfische gehabt", sagte This ngstlich. + +"Nicht? Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie +sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem +Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem +Menschen. + +"Sie haben mich auf die Seite gestoen", erwiderte er nun und stand +hinter den buschigen Zweigen auf. + +"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort, +"komm noch ein wenig nher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn +sie dich wegstoen? Es stt ja immer einer den anderen, aber zuletzt +kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?" + +"Sie sind strker", sagte der This so berzeugend, da diese Erklrung +wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den +Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, groen Franz Anton wie +ein dnnes Stcklein vor einer hohen Tanne. Der krftige Mann +betrachtete einen Augenblick das schmale Figrchen, an dem tatschlich +fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht +schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf. + +"Wem gehrst du?" fragte er jetzt den Buben. + +"Niemand", gab This zur Antwort. + +"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?" + +"Beim Hlmli-Sepp." + +Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. "Ach so, bist du der!" +sagte er verstndnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar +nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehrt, ihn aber nicht +gekannt. + +"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig. "Wenn du beim Hlmli-Sepp +bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hlmlein. +Komm, Ksfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes." + +Der This wute gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz +Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und +das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Htte, holte +hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein groes +Stck ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfa, das goldig glnzend +in der Ecke stand, und holte ein groes Stck Butter heraus. Das +strich er ber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stck mit +der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte +der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es +nicht mglich, da es ihm gehre. + +"Komm heraus. I es vor der Htte, ich mu nun zum Wasser", sagte +Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glck und +Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte. +Vor der Htte setzte er sich auf den Boden. Und whrend der Senn zum +Schwemmebach hinberging, bi er in sein Butterbrot hinein und bi +immer wieder und konnte nicht begreifen, da es etwas so Gutes gbe +und er es bekommen htte. + +Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und +wiegte unten die Tannenbumchen hin und her, und der kleine Vogel sa +immer noch auf dem hchsten Zweig und sang hell und frhlich in den +goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie +gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er msse laut mit dem Vogel zu +singen anfangen. + +Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her +gegangen. Drben beim Schwemmebach war er immer eine Weile +stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr +rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gro und golden der volle Mond +hinter dem weien Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Htte +zurck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle +sa. + +"So gefllt's dir hier?" fragte er freundlich. "Mit dem Abendessen +bist du fertig, wie ich sehe. Du mut dich auf den Rckweg machen. +Sieh, wie schn dir der Mond heimleuchtet!" + +Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel +ihm ein, da es wohl ntig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem +Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den +Tannenbumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurck. Er schaute noch +einmal zurck, und da der Senn in die Htte getreten war und ihn nicht +mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz +Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Gte +und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen +Eindruck gemacht, da er nicht fort konnte. Er mute noch ein wenig +in der Nhe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen +unter den Bumchen und sphte zu der Htte hinauf, ob er den Senn +nicht noch einmal she. Es dauerte einige Zeit, da pltzlich trat +Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Htte heraus. + +Er blieb vor der Tr stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die +stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ber alle hohen Schneegipfel hin das +milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt +der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen +Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hnde. Er hielt wohl still +seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht +geb euch Gott!" trat in die Htte zurck und machte die Tr zu. Sein +Nachtgru hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum +und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller +Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fhlte Liebe und +Bewunderung fr den Senn, Gefhle, die er bisher nicht gekannt hatte. + +Als es nun ganz dunkel und still in der Htte wurde, stand der This +auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter. + +Es war spt und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich, +die Tr war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Huschen und +schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser +schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es +ist bequem, da der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden. +So hat man doch Platz!" + +This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er +immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit +gefalteten Hnden vor seiner Htte stand. Zum erstenmal in seinem +Leben schlief der This mit einem glcklichen Herzen ein. + + + +3. Kapitel + +Ein hilfreicher Engel + + +Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten, +muten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges +gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr +Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze +Schar den Berghang herunter, und bald saen sie alle mit anderen +Kindern so ruhig wie mglich auf den langen Bnken, und der Herr +Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von +einem zuknftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den +This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas +fragen, das wirst du wohl beantworten knnen, wenn man dir auch nicht +viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem rmsten +und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefhrt hat, so +wohl werden, da er kein Leid versprt?" + +"Bei der Schwemmebachsennhtte", antwortete der This ohne Zgern. +Jetzt entstand ein solches Kichern, da der This ganz scheu um sich +schaute. Ringsum waren spttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle +Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich +so stark vornber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem, +was der Herr Pfarrer das letztemal erklrte, hatte er nichts gehrt, +weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mute. Jetzt hatte +er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet, + +Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, da es dem +This gar nicht zum Lachen war, sondern da er vor Scheu ganz +erschrocken und zusammengeduckt dasa, da schttelte der Herr Pfarrer +nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu +machen." + +Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da strzte die ganze Schar +hinter dem This her, alle lachten berlaut und schrien durcheinander: +"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Ksfische in den Sinn +gekommen?" + +"This, warum hast du nicht auch etwas von den Ksfischen gesagt?" Der +This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem +Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben +wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den +schnen Sonntagabend unten im Dorf genieen. + +Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt +einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhtte +hinaufflchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen. +Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Pltzchen sitzen und +vor Verfolgung sicher sein. Nun sa er wieder unter den Tannen und +ber ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der +Sonne, und ber den grnen Hngen flo da und dort ein klares Bchlein +friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, da er allen +Spott verga und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr +weggehen zu mssen. + +Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er +bestndig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie mglich +nieder. Denn er hatte das Gefhl, wenn der Franz Anton ihn wieder +hier sehe, so knnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein +Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und +einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und +in dessen Nhe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst +nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und +This sa an seinem schnen Pltzchen, bis die Sterne am Himmel standen +und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Htte hinaustrat und +ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder +davon, und spt wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht +hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber +das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefhlt +dort oben. + +So ging es eine ganze Woche. Tag fr Tag, sobald er einen Augenblick +fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm +hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete +er die ganze Ttigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und +nie verlie er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton +gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als +sei der Nachtsegen auch fr ihn gedacht. + +Es waren ausnahmsweise heie Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg +jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend +niedergegangen war. Das Futter war besonders krftig, und Franz Anton +bekam so schne, fette Milch von den Alpenkhen, da er die +prchtigsten Kse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude, +und schon frhmorgens konnte man ihn voller Vergngen in seiner +Sennhtte pfeifen hren, so auch am Samstag dieser Woche. Da hrte +man ihn noch viel frher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem +der Senn seine drei oder vier fertigen Kse an den See hinunterbrachte. +Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie +auf seinem Rcken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwrts, +den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rcken. Es +war der heieste Tag des ganzen Sommers. + +Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die bermige +Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute +abend wieder zu meiner Htte hinauf in die khle Luft zu kommen, hier +unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt, +gerade als das Schiff herankam, das die Kse mitnehmen sollte. Bald +war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlssig +da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten +etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fhlte keinen Appetit, sein Kopf +war schwer und hei, er wnschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn +jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim +Einladen geholfen hatte. "Komm, Franz Anton, heute ist's hei, wir +wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn +zu dem Wirtshaus. + +Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im +Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber +stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in +der schweren, heien Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht +an den Wein gewhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit groen +Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in +seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte hei auf +seinen Kopf, alle seine Pulse hmmerten, die Fe wurden ihm so schwer, +da er sie nur mit Mhe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je +grer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der +Aussicht an, da nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt +nur noch eine Viertelstunde heier Mhe vor ihm liege. Dann wrde er +oben sein und knne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen. + +Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne +brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Pltzlich wurde es ihm vllig +schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer strzte er auf den +Boden nieder. Er hatte das Bewutsein verloren. + +Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er, +da der Franz Anton noch nicht zurckgekehrt war. Er stellte seine +Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem +Senn auszuschauen. + +Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz +Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte +er an seinem verborgenen Pltzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt, +den der Senn tat. Er wute, wie eine Beschftigung auf die andere +folgte, so da er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der +Franz Anton seine Milch stehen lie. Sonst go er sie immer gleich in +die verschiedenen Gefe. Die eine kam zum Buttern in die groen, +runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schn dick obenauf +lag. Die andere wurde in den Ksekessel gegossen, das hatte der This +durch die offene Httentr alles genau beobachten knnen. Der Senn +kam immer noch nicht. Der Junge fhlte, da irgend etwas geschehen +sein mute. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging +zur Sennhtte. Da war es still und leer unten im Httenraum und oben +auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut +war zu hren, alles wie ausgestorben. ngstlich lief der This +jetzt um die Htte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann +in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten +erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da +lag sein Freund mit geschlossenen Augen und sthnte und lechzte wie +ein Sterbender. Er sah glhend hei aus, und seine Lippen waren ganz +vertrocknet. + +Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor +Schrecken, auf seinen Wohltter. Dann strzte er in schnellem Lauf +den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewutlos am +Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt +an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem +brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bcken +und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er fr einen Augenblick, +denn es war nur ein Fiebertraum gewesen. + +Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rhren. +Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das +Bewutsein wieder, und er trumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er +heute frh im Vorbergehen noch die schnen Erdbeeren gesehen hatte. +Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die +Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber +jetzt hatte er pltzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte +sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der +Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlrfte und +schluckte, es war ein unsgliches Labsal. Er erwachte. War das alles +Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und +steckte ihm wieder eine groe saftige Erdbeere in den Mund. + +"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton. Aber +nicht nur eine, fnf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf +einmal flog ein stechender Schmerz ber sein Gesicht. Er legte die +Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war +ihm das Bewutsein wieder vllig entschwunden. Er konnte nicht einmal +mehr die letzte Erdbeere genieen. Jetzt trumte er ganz schreckliche +Dinge. Sein Kopf wurde so gro wie sein allergrtes Butterfa und +dann immer noch grer und so furchtbar schwer, da er mit Schrecken +dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man mu starke, +hlzerne Sttzen unterstellen, wie unter die Apfelbume, wenn sie +zuviel pfel tragen." Und jetzt fhlte er deutlich, da der Kopf ganz +voll Schiepulver war, das hatte einer von hinten angezndet. Nun +brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mute alles +zerspringen. Aber dann kam pltzlich ganz kalt und belebend der +Schwemmebach ber seine Stirn, ber das ganze Gesicht und in den Mund +hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte. + +Es war wahr, eiskalt kam ein Gu nach dem anderen auf Stirn und +Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den +khlenden Trank ein. ber ihm standen die funkelnden Sterne, das +sah der Franz Anton deutlich. Er wute auch, da er noch am Boden lag +drauen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der +Schwemmebach sein, was so ber ihn flo und ihn so ordentlich trinken +lie. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend, +so erlsend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer. +Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich +dir fr deine Gte und die hilfreichen Engel!" + +Das erquickende Wasserbad hrte nicht auf, und zuletzt fhlte der +Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schtzend und +wohltuend, da er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt +schlief er jetzt ganz sanft ein und trumte nicht mehr. + + + +4. Kapitel + +Was die Sennenmutter haben will + + +Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz +Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er +schauderte ein wenig zusammen, es frstelte ihn. Er wollte sich +aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand +an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht. +Wohl sechsfach zusammengelegt lag na und schwer das groe Handtuch +aus der Sennhtte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der +frische Morgenwind ber die Stirn blies, fhlte er sich so wohlig und +erleichtert, da er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da +sah er auf einmal in zwei groe, ernsthafte Augen hinein, die +unverwandt auf ihn gerichtet waren. + +"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frh auf +die Alm? Nun, weil du da bist, komm, da ich mich ein wenig auf deine +Schulter sttzen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf." + +Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er +stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fe in den Boden hinein, so da +der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte. +Whrend des langsamen Aufstiegs zur Htte, als er sich immer noch auf +die Schulter des Buben sttzte, fing er an, sich daran zu erinnern, +was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgnge der +Nacht vllig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur +helfen. In der Htte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner +dreibeinigen Sthle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz +dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir +wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt +noch nicht machen. Ein Schsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist +es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es +regelmig dort hinauf. Ich wei nicht, was mit mir vorgeht seit +gestern." + +Der This war feuerrot geworden, er wute wohl, wer das Schsselchen +heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am +Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides +dem Senn. Dieser schttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er +lebte, hatte er noch nie sein Schsselchen dort bei der Tr auf den +Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine +Milch, fllte dann das Schsselchen wieder und sagte: "Da, This, trink +auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, da du so frh hinauf +kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Ksfischtag und du seist dann +sicher der erste?" + +"Nein, gewi nicht", versicherte This. + +"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal +unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder +zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. "Sag mir, This, habe ich +denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frh +heraufkamst?" + +Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn +alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht +recht, und er knnte bse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm +jetzt so tief in die Augen, da er alles sagen mute: "Ich habe es +selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an. + +"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert. + +"Weil sie so hei waren", erwiderte This. + +Der Senn staunte immer mehr. "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang +erwacht", sagte er. "Wann bist du denn heraufgekommen?" + +"Gestern um fnf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam, +"der Melker kam erst lange nachher." + +"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn +gewollt und gemacht?" + +Jetzt sah der Franz Anton, da dem This ganz bange wurde, ihm selber +aber fielen nun wieder die Vorgnge der letzten Nacht ein. Ganz +vterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd: +"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu frchten, This. Da, trink noch +eins aus, und dann sag mir alles, was du weit, von da an, als du hier +heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fate der This neuen +Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zgen aus, denn sie schmeckte +herrlich. + +Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier +herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Ksfische. +Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie +nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden +gefunden, und Sie sind ganz rot und hei gewesen und haben Durst +gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe +alle groen Erdbeeren gepflckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen +gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf +den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Htte +das Schsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach +habe ich ihn gefllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schsselchen das +Wasser ber den Kopf geschttet und auch zu trinken gegeben, denn sie +haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin +ich zum Bach hinber und habe ihn wieder gefllt. Aber weil das +Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes +Tuch wurde den Kopf besser khlen. Und so habe ich das Tuch aus der +Htte geholt und es ganz na auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann +trocken und hei wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und +es dann wieder na auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann +erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht +etwa krank werden." + +Der Senn hatte mit groer Aufmerksamkeit zugehrt. Jetzt stand alles +deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wute auch +wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren +als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gesprt und +genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und +verwundert an, als htte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen +solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn mglich, da +dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben +gerettet hatte. + +Htte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelscht, wer wei, +was bis zum Morgen daraus geworden wre! Und wie konnte dieser This, +dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung +fhig sein, da er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn +pflegte! Dem groen, starken Franz Anton kamen die Trnen in die +Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles +berdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir +wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das +vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die +Glieder so, da ich mich jetzt niederlegen mu. Geh du nun hinunter +zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir +nicht ganz wohl. Du mut dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe +noch viel mit dir zu reden heute, vergi es nicht!" + +Solange er lebte, war der This noch nie so glcklich gewesen. Er lief +springend den Berg hinunter, als knne er nicht hoch genug aufspringen +vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen, +und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in +die Sennhtte eintreten. Auerdem hatte der Franz Anton ihm noch +gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser +Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der +Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Huschen +mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im +Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der +Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen, +denn er war ganz atemlos vom Laufen. + +"Woher kommst denn du?" fragte die sonntglich gekleidete Frau, die +nicht gern etwas Unordentliches sah. Mibilligend musterte sie den +Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntglichen Anblick +in seinen zerfetzten Alltagshschen und dem schmutzigen Hemdlein. +"Ich meine, ich habe dich schon dort drben ber dem Bach gesehen, du +bist wohl einer vom Hlmli-Sepp?" + +"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demtig. + +Jetzt fiel der Frau ein, da die Frau des Hlmli-Sepp einen +einfltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts +zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. "Und was willst du +denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert. + +Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag +klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der +kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und da er nach ihr schickte +und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes +Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in groer +Sorge das Ntigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem groen +Korb am Arm heraus. + +"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn. Warum mut du +wieder mit?" + +"Ich wei nicht", antwortete er. Und fast als wre es etwas Bses, +setzte er leise hinzu: "Mu ich nicht den Korb tragen?" + +"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran +gedacht, da ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb. +Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief +in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer +Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die +Krankheit gefhrlich sein? Ihre Angst wurde immer grer, je nher +sie der Sennhtte kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige +Schritte--der bekmmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast +nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie +schaute berall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn +tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem +Herzen stieg sie die Leiter hinauf. + +Der This blieb ehrerbietig drauen vor der Tr stehen, nur den Korb +schob er in die Htte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll +ber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte +ihr frhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter: +"Gr dich Gott, Mutter! Das freut mich, da du da bist. Ich habe +aber geschlafen wie ein Br, die ganze Zeit, seit der This fortging." +Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie +wute gar nicht, was sie denken sollte. "Franz Anton", sagte sie +jetzt ernsthaft, "was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weit du, +da du mich hast holen lassen?" + +"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz +bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir +noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir +reden. Ich fhl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kme noch +nicht weit." + +"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir's doch", +drngte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn. + +"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen", +sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. "Sieh einmal +zuerst dort unten das schmale, magere Bblein an, das kein gutes Stck +Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder +nur den dummen This nennt." + +Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn +hinaufsphte, ob er etwa wieder umfallen wolle. + +"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt. + +"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Bblein nicht +gewesen wre, so lge ich jetzt noch drauen auf dem Boden in einem +tdlichen Fieber, oder vielleicht wre es auch schon vorbei mit mir." +Und jetzt erzhlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag +zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen +und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch +auf der Welt es nicht besser htte tun knnen. + +Die Mutter mute sich mehrmals die Trnen abwischen. Sie stellte sich +vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da +drauen gelegen htte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden +wre, und kein Mensch htte etwas von ihm gewut. Und jetzt stieg ein +Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, da sie laut ausrufen mute: +"Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche +Liebe zu dem armen This berkam sie, da sie ganz eifrig sagte: "Franz +Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hlmli-Sepp zurck! +Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat +sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen +mache ich ihm ein Gewand, da man ihn ansehen darf. Er mu es nicht +schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir +geholfen hat." + +"Das ist nun gerade, was ich wnschte, Mutter, aber ich mute doch +zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben +und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein knnte. Es geht +nichts ber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller +Glck und Liebe an, da es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich +dachte: Es geht auch nichts ber einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte +sie: "Jetzt mut du etwas essen, Franz Anton, da du wieder zu Krften +kommst. Ich habe frische Eier und ein Weibrot mitgenommen, und jetzt +will ich Feuer machen, la dir Zeit zum Herunterkommen." Das mute der +Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging. +Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er +sich selbst niedergesetzt hatte. + +"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend, +"willst du ein Senn werden?" + +Der This fing an zu lcheln, aber dann hrte er pltzlich die +vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen +hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts". +Und schchtern antwortete er. "Ich kann nichts werden." + +"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit. +"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun +bleibst du bei mir und trgst Milch und Wasser und hilfst mir bei +allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Kse macht und sobald +du gro genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein +Gehilfe." + +"Hier in der Schwemmebachsennhtte?" fragte This, dem die Aussicht auf +diese Glckseligkeit ganz unfabar war. + +"Alles hier, in der Schwemmebachsennhtte", besttigte der Franz Anton. + +Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden +Glcks, da der Senn ihn nur ansehen mute. Der Bub war wie +verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den groen +Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie +streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir +miteinander frhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen +wir dem lieben Gott dafr danken, da er dich gerade zur rechten Zeit +in die Nhe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch +begreift, warum du da heraufgekommen bist." + +Jetzt begann das frhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben +hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen. +Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weibrot hingelegt +und daneben Butter und weien Kse. Und mitten auf dem Tisch stand +eine groe Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die +Mutter groe, dicke Stcke vor den This hin, und wenn er fertig war, +gab es gleich noch einmal so viel. + +Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie: +"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This mu bei dir oben +bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es +ntig ist. Der Frau des Hlmli-Sepp will ich schon alles berichten." + +Das war dem Sennen recht, und fr den This war es das hchste Glck, +das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton. +Nicht mehr verborgen unter den Tannenbumchen hrte er heute den +Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als +dieser seine Hnde faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den +Abendsegen." Andchtig faltete auch er seine Hnde, und als am Schlu +der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glck im +Herzen des This so gro, da er gern berlaut allen Menschen auf der +ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!' + +Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinber zu der Frau des +Hlmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und +gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzhlten. +Die Sennin hrte, da von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der +Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hlmli-Sepp erklrte, +da sie mit ihrem Sohn bereingekommen sei, sie wollten den This bei +sich annehmen, da machte die Frau einen groen Lrm. Sie sagte, sie +sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fr +den Senn eine grere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien +alle aus vollen Hlsen: "Mich! Mich! Mich!" Denn sie wuten wohl, +wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhtte fr gute +Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts. + +Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn +schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen +This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das +Hnseln und Verspotten unterlassen, sonst htten sie es mit ihrem Sohn +zu tun. Der rede dann mit seinen krftigen Armen eine deutlichere +Sprache mit den Buben, als sie es jetzt knnte. Dann verlie die +Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblfft nachschauten, +und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wre, +der wird's gut haben, wie ein Knig wird er da oben in seiner +Sennhtte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen lie, +liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund +sein. Denn sie muten alle an den letzten Ksfischtag denken, als der +This so bel behandelt worden war. Von nun an wrde er ja gewi alle +Ksfische allein bekommen, da wre doch jeder gut daran, der sein +Freund wre. Und spter waren sie auch alle gut daran, denn dem This +machte es die grte Freude, die reiche Ernte der Ksfische unter +allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darber +wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie +mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte +sich zur berraschung aller, da er auf einmal ein ganz flinkes, +geschicktes Brschchen war, von dem jeder sagen mute: "Entweder ist +das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den +dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit, +sein liebster Schler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei +allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die +anderen Buben knnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird, +von Johanna Spyri. + + + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Vom This, der doch etwas wird, by Johanna Spyri + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD *** + +***** This file should be named 9859-8.txt or 9859-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/9/8/5/9859/ + +Produced by Delphine Lettau + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. 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Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/old/9859-8.zip b/old/old/9859-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f70b698 --- /dev/null +++ b/old/old/9859-8.zip diff --git a/old/old/9859-8.zip~ b/old/old/9859-8.zip~ Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f70b698 --- /dev/null +++ b/old/old/9859-8.zip~ |
