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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 9859 ***
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+
+Vom This, der doch etwas wird
+
+Erzählung
+
+Johanna Spyri
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+1. Kapitel
+
+Alle gegen einen
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+Wenn man den Seelisberg von der Rückseite her besteigt, kommt man auf
+eine frische, grüne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die
+friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem
+schönen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenährten Kühe
+ziehen lieblich läutend immer hin und her. Denn jede trägt am Hals
+ihre Glocke, damit man immer hört, wo sie ist. So kann sich keine Kuh
+unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Sträuchern bedeckte Felswand
+liegt, über die sie hinunterstürzen könnte. Es ist außerdem ein
+ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben können. Aber die
+Glocken sind doch notwendig und tönen so freundlich hin und her, daß
+keiner sie entbehren möchte. Am Bergabhang stehen hie und da
+vereinzelt die kleinen, hölzernen Häuser, und nicht selten rauscht
+daneben ein schäumender Bach ins Tal hinab. ‘Am Berghang’ heißt es
+hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Häuschen steht auf
+ebenem Boden. Es ist, als wären sie irgendwie an den Berg hingeworfen
+worden und da hängengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da
+oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie
+alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der
+kleinen, hölzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt
+in ihre Nähe, so sieht man, daß ein großer Unterschied zwischen ihnen
+ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nähe ganz
+verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen
+ihnen stürzt der größte Bergbach der Gegend, der schäumende
+Schwemmebach, hinunter.
+
+Am ersten Häuschen blieben auch an den schönsten Sommertagen alle die
+kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die
+hineindrang, kam durch die Löcher der zerbrochenen Scheiben. Das war
+aber nicht viel, denn die Löcher waren wieder mit Papier verklebt,
+damit man im Winter drinnen nicht frieren mußte. An dem hölzernen
+Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war
+so zerfallen, daß es ein Wunder war, daß alle die kleinen Kinder, die
+da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie
+hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder
+waren alle mit Schmutz überdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen
+Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag über da
+herum, und am Abend kamen vier größere Kinder dazu. Drei kräftige
+Buben und ein Mädchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich
+aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie
+konnten sich doch schon selbst waschen.
+
+Das Häuschen über dem Bach drüben hatte einen ganz anderen Charakter.
+Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeräumt
+aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drüben. Die
+Stufen sahen immer so aus, als wären sie eben gescheuert worden. Und
+oben auf der Galerie standen drei schöne Nelkenstöcke und dufteten den
+ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen
+Fenstern stand offen und ließ die schöne, sonnige Bergluft herein.
+Dort konnte man meistens eine noch kräftig aussehende Frau sitzen
+sehen, mit schönem, weißem Haar, das sie sehr ordentlich unter das
+schwarze Häubchen zurückgestrichen hatte. Sie flickte gewöhnlich an
+einem Männerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber
+gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so
+adrett und reinlich aus, als wäre noch nie etwas Unsauberes an sie
+herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des
+fröhlichen Franz Anton mit den kräftigen Armen. Der machte den Sommer
+über in der oberen Sennhütte seine Käse, und erst im Spätherbst zog er
+wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn
+dann butterte er in der unteren Sennhütte, die ganz nahe lag. Da über
+den reißenden Schwemmebach kein Steg führte, waren die zwei Häuschen
+ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg
+wohnten, besser, als diese Nachbarn über dem Bach, zu denen sie nur
+etwa einmal am Tag stumm hinüberschaute. Gewöhnlich schüttelte sie
+dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter
+und schmutzigen Fetzen drüben an den Kindern sah. Sie schaute aber
+nicht oft hinüber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber
+betrachtete sie, wenn das Feierabendstündchen kam, ihre roten Nelken
+auf der Galerie oder sie schaute über den grünen, sonnigen Abhang
+hinunter, der vor ihrem Häuschen zum Tal hinabstieg.
+
+Die verwilderten Kinder über dem Bach gehörten dem Hälmli-Sepp, wie er
+genannt wurde, der seine Arbeit außer Haus beim Holzfällen oder
+Heumachen suchte. Außerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So
+war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die
+Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele
+kleine Kinder könne man nicht in Ordnung halten, und später würde es
+dann von selbst besser. So ließ sie alles gehn, wie es ging. Und in
+der schönen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und
+ließen sich’s, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl
+sein. Zur Sommerzeit waren die vier Größeren den ganzen Tag draußen,
+um die Kühe zu hüten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen,
+wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten
+bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kühe auf das
+umliegende Weideland hinaus und mußten sie hüten lassen. Das ist
+immer eine lustige Zeit für die Buben und Mädchen, die sich dort zu
+jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei fröhliche Sachen
+miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten
+im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere
+Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer
+über ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstück nach Hause,
+das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier
+Kleinen zu ernähren und für alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn
+diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mußte doch jedes haben
+und die vier Großen noch ein Stück dazu. Eine Kuh hatte der
+Hälmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaßen,
+wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.
+
+Hälmli-Sepp hieß der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum
+nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine
+Geiß und ein Stück Kartoffelland, damit mußte die Frau mit den vier
+Kleinen den Sommer über auskommen und auch hier und da noch eines der
+Größeren speisen, wenn es draußen keine Arbeit fand. Der Vater kam im
+Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein
+Häuschen und Acker waren so verschuldet, daß er das ganze Jahr über
+etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten
+konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel
+er fand.
+
+So mußte die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte
+keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von
+der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der
+verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten,
+schaute sie über den Bach zu dem schmucken Häuschen der Sennerin
+hinüber, dessen Scheiben in der Sonne glänzten. Dann sagte sie
+ärgerlich vor sich hin: “Ja, die dort kann schon putzen und alles
+sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner.” Dann ging
+sie wieder ärgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurück, und an dem,
+der ihr zuerst in den Weg kam, ließ sie den Ärger aus.
+
+Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht
+ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Häuschen vom
+Hälmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur ‘der
+dumme This’ genannt, sah so mager und dürftig aus, daß man ihn kaum
+für achtjährig gehalten hätte. Er schaute auch so scheu und
+verschüchtert drein, daß niemand wußte, wie der This eigentlich aussah,
+denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach.
+This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum
+zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel später über die Felsen
+in die Tiefe gestürzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam
+und den Weg abkürzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte
+nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem
+großen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This
+hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend,
+eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen
+Matthis genannt.
+
+Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Häuschen vom
+Hälmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstätte mit seinem Büblein
+gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben
+Ort. Das wenige Geld, das für den kleinen This von der Gemeinde
+bezahlt wurde, war der Frau des Hälmli-Sepp sehr erwünscht. Und in
+die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, für die
+schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This
+war schon von Natur aus ein schüchternes und stilles Büblein gewesen.
+Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das große Unglück
+gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem
+Unglück wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.
+
+So saß der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein
+Wort zu hören, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann
+seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des
+Hälmli-Sepp gehörte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde
+von jedem angefahren und hin und her gestoßen, weil er sich nie wehrte.
+Zu all den Püffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen
+dann noch die bösen Worte der Frau, wenn sie den Ärger über das
+saubere Häuschen der Sennerin drüben hatte. Der This wehrte sich aber
+nie, denn er hatte das Gefühl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so
+nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und
+verschüchtert, daß man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her
+vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn
+anrief. Er sah überhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch,
+wo er in die Erde hineinkriechen könnte, daß ihn keiner mehr fände.
+
+So war es gekommen, daß die vier Großen vom Hälmli-Sepp, der Jopp, der
+Hans, der Uli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: “Du
+bist doch ein dummer This”, und daß es die vier Kleinen auch
+nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals
+dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es
+werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch ‘der dumme
+This’ genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten könnte,
+wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kühe zu hüten, und war
+er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke
+oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da saß er
+meistens zitternd vor Furcht, denn er hörte wohl, wie die anderen
+Buben ihn mit großem Geschrei suchten, daß er bei den Spielen
+mitmachte, die sie spielen wollten.
+
+Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prügeln, und das traf
+regelmäßig den This am stärksten, da er sich nicht wehrte und auch
+nicht wehren konnte gegen die viel Stärkeren. So verkroch er sich,
+sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kühe, wohin sie wollten
+und fraßen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann großen Ärger, und
+jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kühe zu hüten, und keiner
+stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld,
+wenn die Buben zum Jäten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da
+warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblüten an den
+Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem
+anderen reichlich zurück, was er empfangen hatte. Der This gab aber
+nichts zurück, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen
+Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen
+gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten
+die Knollen an den Rücken und an den Kopf.
+
+Während aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten,
+versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den
+Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit
+nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller
+Arbeit zu dumm und aus dem This könne nie etwas werden. Weil er nun
+gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er
+auch von der Frau des Hälmli-Sepp demgemäß behandelt. Wenn schon die
+eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es
+meistens, daß für den This gar nichts mehr übrigblieb und es dann hieß:
+“Du wirst wohl etwas finden, du bist groß genug.” Wie der This
+eigentlich ernährt wurde, wußte niemand, auch die Frau des Hälmli-Sepp
+nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.
+
+Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen
+Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tür
+vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in
+seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich
+wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer
+scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.
+
+
+
+
+2. Kapitel
+
+Bei der Schwemmebachsennhütte
+
+
+An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle
+Mücken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hüterbuben und--mädchen.
+Sie mußten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp,
+von allen der Größte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle
+nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, daß man jetzt zur
+Schwemmebachsennhütte hinaufgehe, denn heute sei der Käsfischtag. Nun
+müsse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kühe
+hüten solle, während die anderen sich zu dem Festmahl begeben würden.
+Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust,
+sich für die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue
+Uli auf den Gedanken, man könnte einmal den dummen This zwingen, auf
+die Kühe acht zu geben. Und damit er’s nicht vergesse, könnte man ihn
+im voraus ein wenig durchprügeln. Der Vorschlag fand Anklang, und
+schon wollten mehrere von den Anführern der Schar den This holen, als
+das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: “Das ist gar nichts
+Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den
+Lohn dafür, wenn wir wieder zurückkommen und die Kühe sich verlaufen
+haben. Ihr werdet doch nicht glauben, daß der This, wenn er zu dumm
+ist, zwei Kühe zu hüten, auf einmal zwanzig hüten kann. Man muß losen,
+und drei müssen bei den Kühen bleiben, sonst ist’s nichts.” Lisis
+Erklärung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus
+der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet
+der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der
+siegreichen Schar den Rücken und setzte sich auf den Boden neben seine
+beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stürzte nun
+die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuß
+entgegen.
+
+Der Käsfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die
+es nie unterließen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen
+sollte. Denn das war ein Hauptfest für sie. Das war der Tag, an dem
+der Franz Anton seine frischen Käse rundum beschnitt, nachdem diese
+als weiche Masse in die runde, hölzerne Form gepreßt worden waren.
+Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von
+der Masse herausdrängte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie
+eine lange, schneeweiße Wurst. Die wurde dann in viele Stücke
+gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt.
+Das waren dann die sogenannten Käsfische. Dieses Fest wiederholte
+sich den Sommer über alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem
+Freudengeschrei begrüßt.
+
+This hatte sich hinter dem großen Distelbusch am Boden versteckt
+gehalten, während die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton
+von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hörte,
+daß die große Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig
+hervor. Die drei grollenden Zurückgebliebenen saßen am Boden und
+kehrten ihm den Rücken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stück
+die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der
+Höhe hernieder. Den This erfaßte ein unwiderstehliches Verlangen,
+auch an der Käsfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlüpfte er
+hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er
+hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem
+letzten steilen Hang kam eine kleine, glänzend grüne Hochebene, da
+stand die Sennhütte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der
+klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tür seiner Hütte stand der
+Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte über
+die vielen Sprünge, die jetzt die Buben und Mädchen in ihrem Eifer, zu
+dem ersehnten Genuß zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt
+waren sie alle bei der Hütte und eines drängte das andere vorwärts, um
+noch näher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen würde.
+
+“Nur zahm, nur zahm”, lachte jetzt der Franz Anton. “Wenn ihr alle in
+die Hütte hineindrängt, so habe ich keinen Platz mehr zum
+Käseschneiden und ihr habt den Schaden.” Jetzt nahm er sein festes
+Messer zur Hand und trat an den großen, runden Käse heran, den er
+schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden
+ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweißen
+Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stück und da ein
+Stück, oft über die Köpfe der Großen weg den Kleinen, die nicht zu ihm
+vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner
+Teilung.
+
+This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen
+wollte, so bekam er da einen Stoß und dort einen und flog so von einer
+Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer
+wieder ein Größerer und Dickerer sich vor ihn drängte. Zuletzt bekam
+er einen so ungeheuren Stoß von dem breiten, nach allen Seiten
+schlagenden Jopp, daß er sich fast überschlagen hätte. Die Teilung
+war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, daß er zu keinem
+Stückchen Käsfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine
+Schläge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die
+jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den
+Bäumchen. Auf der höchsten Krone des einen saß ein lustiger, kleiner
+Vogel und pfiff so fröhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als
+gäbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und
+Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, daß er fast das
+Leid vergaß, das ihm eben geschehen war.
+
+Von Zeit zu Zeit mußte er nach der Sennhütte hinüberschauen, denn das
+Lärmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stück Käsfisch
+wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie
+jedes Kind mit einem größeren oder kleineren Brocken der schönen,
+weißen Masse dastand und mit Wonne hineinbiß. Er seufzte dann ein
+wenig und sagte leise: “Wenn ich nur auch einmal ein einziges
+Stücklein bekäme!” Der This hatte niemals von den herrlichen, weißen
+Käsfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie
+heute in die Schar der Glücklichen einzudringen. Jetzt hatte er
+gesehen, daß es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut
+zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlußgedanken, daß er
+sein Leben lang nie einen Käsfisch bekommen werde. Darüber wurde er
+so traurig, daß er nicht einmal den Vogel mehr hörte und ganz
+zusammengeduckt unter den Tannenbäumen saß.
+
+Jetzt war das Gastmahl bei der Hütte zu Ende und mit schrecklichem
+Lärm stürzten die Kinder daher, womöglich immer einer über den anderen
+hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall
+brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der
+lärmende Hans, und laut schrie er in das Gebüsch hinein: “Du Maulwurf,
+komm heraus, du mußt mitmachen!” This verstand, was er mitzumachen
+hatte. Er mußte sich als Bock hinstellen, damit die anderen über ihn
+springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wäre
+viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wußte wohl,
+was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er
+gehorsam heran. “Wie viele Käsfische hast du bekommen?” schrie ihn
+jetzt der Hans an.
+
+“Keinen”, gab This zurück. “Oho, seht einmal den an”, schrie der Hans
+noch lauter in die Schar hinein, “der läuft schnell zu den Käsfischen,
+und dann läuft er wieder fort und hat keinen gesehen.” “Du dummer
+This”, rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die großen
+Buben über den Kopf weg, so daß er genug zu tun hatte, nur immer
+wieder auf die Füße zu kommen, wenn er umgeworfen worden war.
+Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestürzter die Abhänge
+hinunter, bis ein glücklicher Zufall sie wieder alle auf die Füße
+brachte. Nach dieser stürmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen
+gleich alle auseinander, jeder seinen Kühen nach.
+
+Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn
+jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den
+Zurückgebliebenen, weil er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem
+Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben
+und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im
+Berghang, wo im Frühling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und
+den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und
+ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schöne, dunkelrote
+Erdbeeren in der Sonne, die so schön warm in die Vertiefung schien.
+Aber dem This war es überall angst und bang, wenn er noch in der Nähe
+der Häuser und der Hüterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden
+Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der
+This zuckte scheu und ängstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer
+dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch
+einmal an das stille Plätzchen unter den kleinen Tannenbäumchen dort
+oben und an das pfeifende Vögelein, so daß es ihn mit Gewalt vom Boden
+zog. Er mußte noch einmal dorthin.
+
+Mit allen Kräften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht
+einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die
+Tannenbäumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein
+Tannenversteck ein wenig offen. Da saß nun der This in völliger
+Sicherheit. Ringsum war eine große Stille, kein Ton drang von unten
+her bis hier auf die einsame Höhe, nur das Vögelein saß noch auf
+seinem Tannenast und pfiff sein fröhliches Lied. Die Sonne wollte
+untergehen. Die hohen Schneeberge drüben fingen zu flimmern und zu
+glühen an, und über die ganze grüne Alm hin lag das golden schimmernde
+Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie
+gekanntes Wohlsein kam über ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und
+Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fürchten, denn weit und
+breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hören.
+
+So saß der This eine lange Zeit, und am liebsten wäre er gar nicht
+mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben
+gewesen. Aber da hörte er schwere Tritte hinter sich von der Hütte
+her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiß
+wollte er zum Bach hinüber, um Wasser zu holen. This verhielt sich
+mäuschenstill. Denn er war so daran gewöhnt, daß er von jedermann
+angefahren oder ausgelacht wurde, daß er dachte, der Senn werde es
+gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die
+Bäumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton
+wurde aufmerksam, trat näher und guckte in den Tannenbusch hinein.
+
+“Was machst du denn da drinnen?” fragte der Senn mit lustigem Gesicht.
+
+“Nichts”, erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.
+
+“Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fürchten, wenn du nichts
+Böses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa
+mit deinen Käsfischen da hineingeflüchtet, daß du sie in Ruhe
+verzehren kannst?”
+
+“Nein, ich habe keine Käsfische gehabt”, sagte This ängstlich.
+
+“Nicht? Und warum denn nicht?” fragte der Senn in einer Weise, wie
+sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem
+Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem
+Menschen.
+
+“Sie haben mich auf die Seite gestoßen”, erwiderte er nun und stand
+hinter den buschigen Zweigen auf.
+
+“So, jetzt kann man dich doch sehen”, fuhr der Senn freundlich fort,
+“komm noch ein wenig näher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn
+sie dich wegstoßen? Es stößt ja immer einer den anderen, aber zuletzt
+kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?”
+
+“Sie sind stärker”, sagte der This so überzeugend, daß diese Erklärung
+wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den
+Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, großen Franz Anton wie
+ein dünnes Stöcklein vor einer hohen Tanne. Der kräftige Mann
+betrachtete einen Augenblick das schmale Figürchen, an dem tatsächlich
+fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht
+schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.
+
+“Wem gehörst du?” fragte er jetzt den Buben.
+
+“Niemand”, gab This zur Antwort.
+
+“Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?”
+
+“Beim Hälmli-Sepp.”
+
+Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. “Ach so, bist du der!”
+sagte er verständnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar
+nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehört, ihn aber nicht
+gekannt.
+
+“Komm einmal mit mir”, sagte er mitleidig. “Wenn du beim Hälmli-Sepp
+bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hälmlein.
+Komm, Käsfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes.”
+
+Der This wußte gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz
+Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und
+das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Hütte, holte
+hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein großes
+Stück ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfaß, das goldig glänzend
+in der Ecke stand, und holte ein großes Stück Butter heraus. Das
+strich er über die Brotschnitte und reichte nun das feste Stück mit
+der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte
+der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es
+nicht möglich, daß es ihm gehöre.
+
+“Komm heraus. Iß es vor der Hütte, ich muß nun zum Wasser”, sagte
+Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glück und
+Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte.
+Vor der Hütte setzte er sich auf den Boden. Und während der Senn zum
+Schwemmebach hinüberging, biß er in sein Butterbrot hinein und biß
+immer wieder und konnte nicht begreifen, daß es etwas so Gutes gäbe
+und er es bekommen hätte.
+
+Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und
+wiegte unten die Tannenbäumchen hin und her, und der kleine Vogel saß
+immer noch auf dem höchsten Zweig und sang hell und fröhlich in den
+goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie
+gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er müsse laut mit dem Vogel zu
+singen anfangen.
+
+Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her
+gegangen. Drüben beim Schwemmebach war er immer eine Weile
+stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr
+rot vom Abendschein, aber jetzt stieg groß und golden der volle Mond
+hinter dem weißen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Hütte
+zurück und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle
+saß.
+
+“So gefällt’s dir hier?” fragte er freundlich. “Mit dem Abendessen
+bist du fertig, wie ich sehe. Du mußt dich auf den Rückweg machen.
+Sieh, wie schön dir der Mond heimleuchtet!”
+
+Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel
+ihm ein, daß es wohl nötig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem
+Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den
+Tannenbäumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurück. Er schaute noch
+einmal zurück, und da der Senn in die Hütte getreten war und ihn nicht
+mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz
+Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Güte
+und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen
+Eindruck gemacht, daß er nicht fort konnte. Er mußte noch ein wenig
+in der Nähe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen
+unter den Bäumchen und spähte zu der Hütte hinauf, ob er den Senn
+nicht noch einmal sähe. Es dauerte einige Zeit, da plötzlich trat
+Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Hütte heraus.
+
+Er blieb vor der Tür stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die
+stille Bergwelt hinaus, wo jetzt über alle hohen Schneegipfel hin das
+milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt
+der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen
+Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hände. Er hielt wohl still
+seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: “Gute Nacht
+geb euch Gott!” trat in die Hütte zurück und machte die Tür zu. Sein
+Nachtgruß hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum
+und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller
+Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fühlte Liebe und
+Bewunderung für den Senn, Gefühle, die er bisher nicht gekannt hatte.
+
+Als es nun ganz dunkel und still in der Hütte wurde, stand der This
+auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.
+
+Es war spät und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich,
+die Tür war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Häuschen und
+schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser
+schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: “Es
+ist bequem, daß der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden.
+So hat man doch Platz!”
+
+This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er
+immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit
+gefalteten Händen vor seiner Hütte stand. Zum erstenmal in seinem
+Leben schlief der This mit einem glücklichen Herzen ein.
+
+
+
+
+3. Kapitel
+
+Ein hilfreicher Engel
+
+
+Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten,
+mußten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges
+gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr
+Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze
+Schar den Berghang herunter, und bald saßen sie alle mit anderen
+Kindern so ruhig wie möglich auf den langen Bänken, und der Herr
+Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von
+einem zukünftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den
+This fiel, fuhr er fort: “Ich will dich auch einmal wieder etwas
+fragen, das wirst du wohl beantworten können, wenn man dir auch nicht
+viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Ärmsten
+und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben geführt hat, so
+wohl werden, daß er kein Leid verspürt?”
+
+“Bei der Schwemmebachsennhütte”, antwortete der This ohne Zögern.
+Jetzt entstand ein solches Kichern, daß der This ganz scheu um sich
+schaute. Ringsum waren spöttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle
+Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich
+so stark vornüber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem,
+was der Herr Pfarrer das letztemal erklärte, hatte er nichts gehört,
+weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mußte. Jetzt hatte
+er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet.
+
+Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, daß es dem
+This gar nicht zum Lachen war, sondern daß er vor Scheu ganz
+erschrocken und zusammengeduckt dasaß, da schüttelte der Herr Pfarrer
+nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: “Es ist nichts mit ihm zu
+machen.”
+
+Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stürzte die ganze Schar
+hinter dem This her, alle lachten überlaut und schrien durcheinander:
+“This, sind dir auf einmal in der Kirche die Käsfische in den Sinn
+gekommen?”
+
+“This, warum hast du nicht auch etwas von den Käsfischen gesagt?” Der
+This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem
+Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben
+wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den
+schönen Sonntagabend unten im Dorf genießen.
+
+Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt
+einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhütte
+hinaufflüchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen.
+Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plätzchen sitzen und
+vor Verfolgung sicher sein. Nun saß er wieder unter den Tannen und
+über ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der
+Sonne, und über den grünen Hängen floß da und dort ein klares Bächlein
+friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, daß er allen
+Spott vergaß und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr
+weggehen zu müssen.
+
+Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er
+beständig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie möglich
+nieder. Denn er hatte das Gefühl, wenn der Franz Anton ihn wieder
+hier sehe, so könnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein
+Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und
+einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und
+in dessen Nähe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst
+nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und
+This saß an seinem schönen Plätzchen, bis die Sterne am Himmel standen
+und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Hütte hinaustrat und
+ausrief: “Gute Nacht geb euch Gott!” Dann erst lief der This wieder
+davon, und spät wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht
+hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber
+das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefühlt
+dort oben.
+
+So ging es eine ganze Woche. Tag für Tag, sobald er einen Augenblick
+fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm
+hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete
+er die ganze Tätigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und
+nie verließ er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton
+gesagt hatte: “Gute Nacht geb euch Gott!” Es war ihm jetzt immer, als
+sei der Nachtsegen auch für ihn gedacht.
+
+Es waren ausnahmsweise heiße Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg
+jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend
+niedergegangen war. Das Futter war besonders kräftig, und Franz Anton
+bekam so schöne, fette Milch von den Alpenkühen, daß er die
+prächtigsten Käse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude,
+und schon frühmorgens konnte man ihn voller Vergnügen in seiner
+Sennhütte pfeifen hören, so auch am Samstag dieser Woche. Da hörte
+man ihn noch viel früher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem
+der Senn seine drei oder vier fertigen Käse an den See hinunterbrachte.
+Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie
+auf seinem Rücken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwärts,
+den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rücken. Es
+war der heißeste Tag des ganzen Sommers.
+
+Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die übermäßige
+Hitze, und oft sagte er zu sich: “O wie will ich froh sein, heute
+abend wieder zu meiner Hütte hinauf in die kühle Luft zu kommen, hier
+unten ist’s wie in einem Backofen.” Jetzt war er unten angelangt,
+gerade als das Schiff herankam, das die Käse mitnehmen sollte. Bald
+war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlüssig
+da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten
+etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fühlte keinen Appetit, sein Kopf
+war schwer und heiß, er wünschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn
+jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim
+Einladen geholfen hatte. “Komm, Franz Anton, heute ist’s heiß, wir
+wollen ein Glas Wein im Schatten trinken”, sagte er und zog den Senn
+zu dem Wirtshaus.
+
+Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im
+Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber
+stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in
+der schweren, heißen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht
+an den Wein gewöhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit großen
+Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in
+seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiß auf
+seinen Kopf, alle seine Pulse hämmerten, die Füße wurden ihm so schwer,
+daß er sie nur mit Mühe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je
+größer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der
+Aussicht an, daß nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt
+nur noch eine Viertelstunde heißer Mühe vor ihm liege. Dann würde er
+oben sein und könne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.
+
+Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne
+brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Plötzlich wurde es ihm völlig
+schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stürzte er auf den
+Boden nieder. Er hatte das Bewußtsein verloren.
+
+Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er,
+daß der Franz Anton noch nicht zurückgekehrt war. Er stellte seine
+Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem
+Senn auszuschauen.
+
+Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz
+Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte
+er an seinem verborgenen Plätzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt,
+den der Senn tat. Er wußte, wie eine Beschäftigung auf die andere
+folgte, so daß er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der
+Franz Anton seine Milch stehen ließ. Sonst goß er sie immer gleich in
+die verschiedenen Gefäße. Die eine kam zum Buttern in die großen,
+runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schön dick obenauf
+lag. Die andere wurde in den Käsekessel gegossen, das hatte der This
+durch die offene Hüttentür alles genau beobachten können. Der Senn
+kam immer noch nicht. Der Junge fühlte, daß irgend etwas geschehen
+sein mußte. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging
+zur Sennhütte. Da war es still und leer unten im Hüttenraum und oben
+auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut
+war zu hören, alles wie ausgestorben. Ängstlich lief der This
+jetzt um die Hütte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann
+in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten
+erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da
+lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stöhnte und lechzte wie
+ein Sterbender. Er sah glühend heiß aus, und seine Lippen waren ganz
+vertrocknet.
+
+Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor
+Schrecken, auf seinen Wohltäter. Dann stürzte er in schnellem Lauf
+den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewußtlos am
+Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt
+an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem
+brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bücken
+und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er für einen Augenblick,
+denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.
+
+Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rühren.
+Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das
+Bewußtsein wieder, und er träumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er
+heute früh im Vorübergehen noch die schönen Erdbeeren gesehen hatte.
+Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die
+Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber
+jetzt hatte er plötzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte
+sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der
+Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlürfte und
+schluckte, es war ein unsägliches Labsal. Er erwachte. War das alles
+Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und
+steckte ihm wieder eine große saftige Erdbeere in den Mund.
+
+“O du guter Engel, noch eine”, sagte leise der Franz Anton. Aber
+nicht nur eine, fünf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf
+einmal flog ein stechender Schmerz über sein Gesicht. Er legte die
+Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: “Wasser”, dann war
+ihm das Bewußtsein wieder völlig entschwunden. Er konnte nicht einmal
+mehr die letzte Erdbeere genießen. Jetzt träumte er ganz schreckliche
+Dinge. Sein Kopf wurde so groß wie sein allergrößtes Butterfaß und
+dann immer noch größer und so furchtbar schwer, daß er mit Schrecken
+dachte: “Den kannst du nie mehr allein tragen, man muß starke,
+hölzerne Stützen unterstellen, wie unter die Apfelbäume, wenn sie
+zuviel Äpfel tragen.” Und jetzt fühlte er deutlich, daß der Kopf ganz
+voll Schießpulver war, das hatte einer von hinten angezündet. Nun
+brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mußte alles
+zerspringen. Aber dann kam plötzlich ganz kalt und belebend der
+Schwemmebach über seine Stirn, über das ganze Gesicht und in den Mund
+hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.
+
+Es war wahr, eiskalt kam ein Guß nach dem anderen auf Stirn und
+Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den
+kühlenden Trank ein. Über ihm standen die funkelnden Sterne, das
+sah der Franz Anton deutlich. Er wußte auch, daß er noch am Boden lag
+draußen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der
+Schwemmebach sein, was so über ihn floß und ihn so ordentlich trinken
+ließ. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend,
+so erlösend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer.
+Voller Dank sagte er nur halblaut: “Ach, lieber Gott, wie danke ich
+dir für deine Güte und die hilfreichen Engel!”
+
+Das erquickende Wasserbad hörte nicht auf, und zuletzt fühlte der
+Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schützend und
+wohltuend, daß er sagte: “Da kann kein Feuer mehr durch.” Und beruhigt
+schlief er jetzt ganz sanft ein und träumte nicht mehr.
+
+
+
+
+4. Kapitel
+
+Was die Sennenmutter haben will
+
+
+Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz
+Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er
+schauderte ein wenig zusammen, es fröstelte ihn. Er wollte sich
+aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand
+an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht.
+Wohl sechsfach zusammengelegt lag naß und schwer das große Handtuch
+aus der Sennhütte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der
+frische Morgenwind über die Stirn blies, fühlte er sich so wohlig und
+erleichtert, daß er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da
+sah er auf einmal in zwei große, ernsthafte Augen hinein, die
+unverwandt auf ihn gerichtet waren.
+
+“Bist du das, This?” fragte er verwundert, “Wie kommst du so früh auf
+die Alm? Nun, weil du da bist, komm, daß ich mich ein wenig auf deine
+Schulter stützen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf.”
+
+Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er
+stemmte mit aller Gewalt seine beiden Füße in den Boden hinein, so daß
+der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte.
+Während des langsamen Aufstiegs zur Hütte, als er sich immer noch auf
+die Schulter des Buben stützte, fing er an, sich daran zu erinnern,
+was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgänge der
+Nacht völlig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur
+helfen. In der Hütte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner
+dreibeinigen Stühle und sagte: “This, hol dir den anderen und setz
+dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir
+wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt
+noch nicht machen. Ein Schüsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist
+es denn hingekommen?” unterbrach sich der Senn, “ich stelle es
+regelmäßig dort hinauf. Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht seit
+gestern.”
+
+Der This war feuerrot geworden, er wußte wohl, wer das Schüsselchen
+heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: “Dort steht’s am
+Boden”, holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides
+dem Senn. Dieser schüttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er
+lebte, hatte er noch nie sein Schüsselchen dort bei der Tür auf den
+Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine
+Milch, füllte dann das Schüsselchen wieder und sagte: “Da, This, trink
+auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, daß du so früh hinauf
+kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Käsfischtag und du seist dann
+sicher der erste?”
+
+“Nein, gewiß nicht”, versicherte This.
+
+“Sag mir jetzt etwas”, fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal
+unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder
+zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. “Sag mir, This, habe ich
+denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute früh
+heraufkamst?”
+
+Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn
+alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht
+recht, und er könnte böse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm
+jetzt so tief in die Augen, daß er alles sagen mußte: “Ich habe es
+selbst darauf gelegt”, fing er zaghaft an.
+
+“Warum denn, This?” fragte der Senn verwundert.
+
+“Weil sie so heiß waren”, erwiderte This.
+
+Der Senn staunte immer mehr. “Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang
+erwacht”, sagte er. “Wann bist du denn heraufgekommen?”
+
+“Gestern um fünf, oder um vier Uhr”, stotterte der This furchtsam,
+“der Melker kam erst lange nachher.”
+
+“Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn
+gewollt und gemacht?”
+
+Jetzt sah der Franz Anton, daß dem This ganz bange wurde, ihm selber
+aber fielen nun wieder die Vorgänge der letzten Nacht ein. Ganz
+väterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd:
+“Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fürchten, This. Da, trink noch
+eins aus, und dann sag mir alles, was du weißt, von da an, als du hier
+heraufgekommen bist.” Auf diese Ermunterung hin faßte der This neuen
+Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zügen aus, denn sie schmeckte
+herrlich.
+
+Dann fing er an zu berichten: “Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier
+herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Käsfische.
+Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie
+nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden
+gefunden, und Sie sind ganz rot und heiß gewesen und haben Durst
+gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe
+alle großen Erdbeeren gepflückt, die noch da waren, und habe sie Ihnen
+gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf
+den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Hütte
+das Schüsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach
+habe ich ihn gefüllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schüsselchen das
+Wasser über den Kopf geschüttet und auch zu trinken gegeben, denn sie
+haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin
+ich zum Bach hinüber und habe ihn wieder gefüllt. Aber weil das
+Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes
+Tuch wurde den Kopf besser kühlen. Und so habe ich das Tuch aus der
+Hütte geholt und es ganz naß auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann
+trocken und heiß wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und
+es dann wieder naß auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann
+erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht
+etwa krank werden.”
+
+Der Senn hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Jetzt stand alles
+deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wußte auch
+wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren
+als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespürt und
+genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und
+verwundert an, als hätte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen
+solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn möglich, daß
+dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben
+gerettet hatte.
+
+Hätte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelöscht, wer weiß,
+was bis zum Morgen daraus geworden wäre! Und wie konnte dieser This,
+dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung
+fähig sein, daß er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn
+pflegte! Dem großen, starken Franz Anton kamen die Tränen in die
+Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles
+überdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: “Wir
+wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das
+vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die
+Glieder so, daß ich mich jetzt niederlegen muß. Geh du nun hinunter
+zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir
+nicht ganz wohl. Du mußt dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe
+noch viel mit dir zu reden heute, vergiß es nicht!”
+
+Solange er lebte, war der This noch nie so glücklich gewesen. Er lief
+springend den Berg hinunter, als könne er nicht hoch genug aufspringen
+vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen,
+und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in
+die Sennhütte eintreten. Außerdem hatte der Franz Anton ihm noch
+gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser
+Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der
+Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Häuschen
+mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im
+Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der
+Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen,
+denn er war ganz atemlos vom Laufen.
+
+“Woher kommst denn du?” fragte die sonntäglich gekleidete Frau, die
+nicht gern etwas Unordentliches sah. Mißbilligend musterte sie den
+Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntäglichen Anblick
+in seinen zerfetzten Alltagshöschen und dem schmutzigen Hemdlein.
+“Ich meine, ich habe dich schon dort drüben über dem Bach gesehen, du
+bist wohl einer vom Hälmli-Sepp?”
+
+“Nein, nur der This”, erwiderte der Bub ganz demütig.
+
+Jetzt fiel der Frau ein, daß die Frau des Hälmli-Sepp einen
+einfältigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts
+zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. “Und was willst du
+denn bei mir?” fragte sie nun erst recht verwundert.
+
+Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag
+klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der
+kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und daß er nach ihr schickte
+und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes
+Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in großer
+Sorge das Nötigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem großen
+Korb am Arm heraus.
+
+“Komm”, sagte sie zu This, “wir wollen gleich gehn. Warum mußt du
+wieder mit?”
+
+“Ich weiß nicht”, antwortete er. Und fast als wäre es etwas Böses,
+setzte er leise hinzu: “Muß ich nicht den Korb tragen?”
+
+“So, jetzt verstehe ich’s”, sagte die Frau, “der Franz Anton hat daran
+gedacht, daß ich allerhand mitbringen will.” Sie gab dem This den Korb.
+Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief
+in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer
+Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die
+Krankheit gefährlich sein? Ihre Angst wurde immer größer, je näher
+sie der Sennhütte kamen. Jetzt waren sie oben--nur noch einige
+Schritte--der bekümmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast
+nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie
+schaute überall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn
+tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem
+Herzen stieg sie die Leiter hinauf.
+
+Der This blieb ehrerbietig draußen vor der Tür stehen, nur den Korb
+schob er in die Hütte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll
+über ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte
+ihr fröhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter:
+“Grüß dich Gott, Mutter! Das freut mich, daß du da bist. Ich habe
+aber geschlafen wie ein Bär, die ganze Zeit, seit der This fortging.”
+Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie
+wußte gar nicht, was sie denken sollte. “Franz Anton”, sagte sie
+jetzt ernsthaft, “was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weißt du,
+daß du mich hast holen lassen?”
+
+“Ja, ja, Mutter”, lachte jetzt der Franz Anton, “jetzt bin ich ganz
+bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir
+noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir
+reden. Ich fühl’s auch jetzt noch in den Knien zittern, ich käme noch
+nicht weit.”
+
+“Aber was ist’s denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir’s doch”,
+drängte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.
+
+“Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen”,
+sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. “Sieh einmal
+zuerst dort unten das schmale, magere Büblein an, das kein gutes Stück
+Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder
+nur den dummen This nennt.”
+
+Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn
+hinaufspähte, ob er etwa wieder umfallen wolle.
+
+“Und jetzt?” fragte die Mutter gespannt.
+
+“Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Büblein nicht
+gewesen wäre, so läge ich jetzt noch draußen auf dem Boden in einem
+tödlichen Fieber, oder vielleicht wäre es auch schon vorbei mit mir.”
+Und jetzt erzählte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag
+zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen
+und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch
+auf der Welt es nicht besser hätte tun können.
+
+Die Mutter mußte sich mehrmals die Tränen abwischen. Sie stellte sich
+vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da
+draußen gelegen hätte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden
+wäre, und kein Mensch hätte etwas von ihm gewußt. Und jetzt stieg ein
+Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, daß sie laut ausrufen mußte:
+“Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!” Aber auch eine solche
+Liebe zu dem armen This überkam sie, daß sie ganz eifrig sagte: “Franz
+Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hälmli-Sepp zurück!
+Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat
+sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen
+mache ich ihm ein Gewand, daß man ihn ansehen darf. Er muß es nicht
+schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir
+geholfen hat.”
+
+“Das ist nun gerade, was ich wünschte, Mutter, aber ich mußte doch
+zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben
+und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein könnte. Es geht
+nichts über eine Mutter!” Und der Franz Anton schaute sie so voller
+Glück und Liebe an, daß es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich
+dachte: Es geht auch nichts über einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte
+sie: “Jetzt mußt du etwas essen, Franz Anton, daß du wieder zu Kräften
+kommst. Ich habe frische Eier und ein Weißbrot mitgenommen, und jetzt
+will ich Feuer machen, laß dir Zeit zum Herunterkommen.” Das mußte der
+Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging.
+Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er
+sich selbst niedergesetzt hatte.
+
+“This”, sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend,
+“willst du ein Senn werden?”
+
+Der This fing an zu lächeln, aber dann hörte er plötzlich die
+vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen
+hatte: “Aus dem wird nie etwas,”, “der kann nichts”, “der wird nichts”.
+Und schüchtern antwortete er. “Ich kann nichts werden.”
+
+“This, ein Senn wirst du”, sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit.
+“Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun
+bleibst du bei mir und trägst Milch und Wasser und hilfst mir bei
+allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Käse macht und sobald
+du groß genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein
+Gehilfe.”
+
+“Hier in der Schwemmebachsennhütte?” fragte This, dem die Aussicht auf
+diese Glückseligkeit ganz unfaßbar war.
+
+“Alles hier, in der Schwemmebachsennhütte”, bestätigte der Franz Anton.
+
+Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden
+Glücks, daß der Senn ihn nur ansehen mußte. Der Bub war wie
+verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den großen
+Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie
+streichelte den Buben und sagte: “Ja, Thisli, heute wollen wir
+miteinander fröhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen
+wir dem lieben Gott dafür danken, daß er dich gerade zur rechten Zeit
+in die Nähe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch
+begreift, warum du da heraufgekommen bist.”
+
+Jetzt begann das fröhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben
+hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen.
+Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weißbrot hingelegt
+und daneben Butter und weißen Käse. Und mitten auf dem Tisch stand
+eine große Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die
+Mutter große, dicke Stücke vor den This hin, und wenn er fertig war,
+gab es gleich noch einmal so viel.
+
+Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie:
+“Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muß bei dir oben
+bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es
+nötig ist. Der Frau des Hälmli-Sepp will ich schon alles berichten.”
+
+Das war dem Sennen recht, und für den This war es das höchste Glück,
+das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton.
+Nicht mehr verborgen unter den Tannenbäumchen hörte er heute den
+Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als
+dieser seine Hände faltete und sagte: “Komm, This, nun beten wir den
+Abendsegen.” Andächtig faltete auch er seine Hände, und als am Schluß
+der Senn sagte: “Gute Nacht geb euch Gott!”, da war das Glück im
+Herzen des This so groß, daß er gern überlaut allen Menschen auf der
+ganzen Welt sagen wollte: ‘Gute Nacht geb euch Gott!’
+
+Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinüber zu der Frau des
+Hälmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und
+gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzählten.
+Die Sennin hörte, daß von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der
+Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hälmli-Sepp erklärte,
+daß sie mit ihrem Sohn übereingekommen sei, sie wollten den This bei
+sich annehmen, da machte die Frau einen großen Lärm. Sie sagte, sie
+sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien für
+den Senn eine größere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien
+alle aus vollen Hälsen: “Mich! Mich! Mich!” Denn sie wußten wohl,
+wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhütte für gute
+Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.
+
+Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn
+schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen
+This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das
+Hänseln und Verspotten unterlassen, sonst hätten sie es mit ihrem Sohn
+zu tun. Der rede dann mit seinen kräftigen Armen eine deutlichere
+Sprache mit den Buben, als sie es jetzt könnte. Dann verließ die
+Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblüfft nachschauten,
+und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wäre,
+der wird’s gut haben, wie ein König wird er da oben in seiner
+Sennhütte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen ließ,
+liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund
+sein. Denn sie mußten alle an den letzten Käsfischtag denken, als der
+This so übel behandelt worden war. Von nun an würde er ja gewiß alle
+Käsfische allein bekommen, da wäre doch jeder gut daran, der sein
+Freund wäre. Und später waren sie auch alle gut daran, denn dem This
+machte es die größte Freude, die reiche Ernte der Käsfische unter
+allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darüber
+wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie
+mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte
+sich zur Überraschung aller, daß er auf einmal ein ganz flinkes,
+geschicktes Bürschchen war, von dem jeder sagen mußte: “Entweder ist
+das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den
+dummen This zu nennen.” Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit,
+sein liebster Schüler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei
+allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die
+anderen Buben könnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 9859 ***
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 9859 ***
+
+
+
+
+Vom This, der doch etwas wird
+
+Erzählung
+
+Johanna Spyri
+
+
+
+
+1. Kapitel
+
+Alle gegen einen
+
+
+Wenn man den Seelisberg von der Rückseite her besteigt, kommt man auf
+eine frische, grüne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die
+friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem
+schönen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenährten Kühe
+ziehen lieblich läutend immer hin und her. Denn jede trägt am Hals
+ihre Glocke, damit man immer hört, wo sie ist. So kann sich keine Kuh
+unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Sträuchern bedeckte Felswand
+liegt, über die sie hinunterstürzen könnte. Es ist außerdem ein
+ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben können. Aber die
+Glocken sind doch notwendig und tönen so freundlich hin und her, daß
+keiner sie entbehren möchte. Am Bergabhang stehen hie und da
+vereinzelt die kleinen, hölzernen Häuser, und nicht selten rauscht
+daneben ein schäumender Bach ins Tal hinab. ‘Am Berghang’ heißt es
+hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Häuschen steht auf
+ebenem Boden. Es ist, als wären sie irgendwie an den Berg hingeworfen
+worden und da hängengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da
+oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie
+alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der
+kleinen, hölzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt
+in ihre Nähe, so sieht man, daß ein großer Unterschied zwischen ihnen
+ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nähe ganz
+verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen
+ihnen stürzt der größte Bergbach der Gegend, der schäumende
+Schwemmebach, hinunter.
+
+Am ersten Häuschen blieben auch an den schönsten Sommertagen alle die
+kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die
+hineindrang, kam durch die Löcher der zerbrochenen Scheiben. Das war
+aber nicht viel, denn die Löcher waren wieder mit Papier verklebt,
+damit man im Winter drinnen nicht frieren mußte. An dem hölzernen
+Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war
+so zerfallen, daß es ein Wunder war, daß alle die kleinen Kinder, die
+da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie
+hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder
+waren alle mit Schmutz überdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen
+Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag über da
+herum, und am Abend kamen vier größere Kinder dazu. Drei kräftige
+Buben und ein Mädchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich
+aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie
+konnten sich doch schon selbst waschen.
+
+Das Häuschen über dem Bach drüben hatte einen ganz anderen Charakter.
+Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeräumt
+aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drüben. Die
+Stufen sahen immer so aus, als wären sie eben gescheuert worden. Und
+oben auf der Galerie standen drei schöne Nelkenstöcke und dufteten den
+ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen
+Fenstern stand offen und ließ die schöne, sonnige Bergluft herein.
+Dort konnte man meistens eine noch kräftig aussehende Frau sitzen
+sehen, mit schönem, weißem Haar, das sie sehr ordentlich unter das
+schwarze Häubchen zurückgestrichen hatte. Sie flickte gewöhnlich an
+einem Männerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber
+gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so
+adrett und reinlich aus, als wäre noch nie etwas Unsauberes an sie
+herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des
+fröhlichen Franz Anton mit den kräftigen Armen. Der machte den Sommer
+über in der oberen Sennhütte seine Käse, und erst im Spätherbst zog er
+wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn
+dann butterte er in der unteren Sennhütte, die ganz nahe lag. Da über
+den reißenden Schwemmebach kein Steg führte, waren die zwei Häuschen
+ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg
+wohnten, besser, als diese Nachbarn über dem Bach, zu denen sie nur
+etwa einmal am Tag stumm hinüberschaute. Gewöhnlich schüttelte sie
+dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter
+und schmutzigen Fetzen drüben an den Kindern sah. Sie schaute aber
+nicht oft hinüber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber
+betrachtete sie, wenn das Feierabendstündchen kam, ihre roten Nelken
+auf der Galerie oder sie schaute über den grünen, sonnigen Abhang
+hinunter, der vor ihrem Häuschen zum Tal hinabstieg.
+
+Die verwilderten Kinder über dem Bach gehörten dem Hälmli-Sepp, wie er
+genannt wurde, der seine Arbeit außer Haus beim Holzfällen oder
+Heumachen suchte. Außerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So
+war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die
+Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele
+kleine Kinder könne man nicht in Ordnung halten, und später würde es
+dann von selbst besser. So ließ sie alles gehn, wie es ging. Und in
+der schönen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und
+ließen sich’s, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl
+sein. Zur Sommerzeit waren die vier Größeren den ganzen Tag draußen,
+um die Kühe zu hüten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen,
+wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten
+bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kühe auf das
+umliegende Weideland hinaus und mußten sie hüten lassen. Das ist
+immer eine lustige Zeit für die Buben und Mädchen, die sich dort zu
+jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei fröhliche Sachen
+miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten
+im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere
+Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer
+über ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstück nach Hause,
+das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier
+Kleinen zu ernähren und für alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn
+diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mußte doch jedes haben
+und die vier Großen noch ein Stück dazu. Eine Kuh hatte der
+Hälmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaßen,
+wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.
+
+Hälmli-Sepp hieß der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum
+nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine
+Geiß und ein Stück Kartoffelland, damit mußte die Frau mit den vier
+Kleinen den Sommer über auskommen und auch hier und da noch eines der
+Größeren speisen, wenn es draußen keine Arbeit fand. Der Vater kam im
+Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein
+Häuschen und Acker waren so verschuldet, daß er das ganze Jahr über
+etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten
+konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel
+er fand.
+
+So mußte die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte
+keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von
+der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der
+verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten,
+schaute sie über den Bach zu dem schmucken Häuschen der Sennerin
+hinüber, dessen Scheiben in der Sonne glänzten. Dann sagte sie
+ärgerlich vor sich hin: “Ja, die dort kann schon putzen und alles
+sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner.” Dann ging
+sie wieder ärgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurück, und an dem,
+der ihr zuerst in den Weg kam, ließ sie den Ärger aus.
+
+Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht
+ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Häuschen vom
+Hälmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur ‘der
+dumme This’ genannt, sah so mager und dürftig aus, daß man ihn kaum
+für achtjährig gehalten hätte. Er schaute auch so scheu und
+verschüchtert drein, daß niemand wußte, wie der This eigentlich aussah,
+denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach.
+This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum
+zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel später über die Felsen
+in die Tiefe gestürzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam
+und den Weg abkürzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte
+nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem
+großen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This
+hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend,
+eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen
+Matthis genannt.
+
+Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Häuschen vom
+Hälmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstätte mit seinem Büblein
+gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben
+Ort. Das wenige Geld, das für den kleinen This von der Gemeinde
+bezahlt wurde, war der Frau des Hälmli-Sepp sehr erwünscht. Und in
+die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, für die
+schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This
+war schon von Natur aus ein schüchternes und stilles Büblein gewesen.
+Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das große Unglück
+gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem
+Unglück wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.
+
+So saß der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein
+Wort zu hören, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann
+seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des
+Hälmli-Sepp gehörte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde
+von jedem angefahren und hin und her gestoßen, weil er sich nie wehrte.
+Zu all den Püffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen
+dann noch die bösen Worte der Frau, wenn sie den Ärger über das
+saubere Häuschen der Sennerin drüben hatte. Der This wehrte sich aber
+nie, denn er hatte das Gefühl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so
+nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und
+verschüchtert, daß man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her
+vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn
+anrief. Er sah überhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch,
+wo er in die Erde hineinkriechen könnte, daß ihn keiner mehr fände.
+
+So war es gekommen, daß die vier Großen vom Hälmli-Sepp, der Jopp, der
+Hans, der Uli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: “Du
+bist doch ein dummer This”, und daß es die vier Kleinen auch
+nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals
+dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es
+werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch ‘der dumme
+This’ genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten könnte,
+wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kühe zu hüten, und war
+er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke
+oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da saß er
+meistens zitternd vor Furcht, denn er hörte wohl, wie die anderen
+Buben ihn mit großem Geschrei suchten, daß er bei den Spielen
+mitmachte, die sie spielen wollten.
+
+Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prügeln, und das traf
+regelmäßig den This am stärksten, da er sich nicht wehrte und auch
+nicht wehren konnte gegen die viel Stärkeren. So verkroch er sich,
+sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kühe, wohin sie wollten
+und fraßen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann großen Ärger, und
+jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kühe zu hüten, und keiner
+stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld,
+wenn die Buben zum Jäten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da
+warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblüten an den
+Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem
+anderen reichlich zurück, was er empfangen hatte. Der This gab aber
+nichts zurück, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen
+Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen
+gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten
+die Knollen an den Rücken und an den Kopf.
+
+Während aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten,
+versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den
+Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit
+nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller
+Arbeit zu dumm und aus dem This könne nie etwas werden. Weil er nun
+gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er
+auch von der Frau des Hälmli-Sepp demgemäß behandelt. Wenn schon die
+eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es
+meistens, daß für den This gar nichts mehr übrigblieb und es dann hieß:
+“Du wirst wohl etwas finden, du bist groß genug.” Wie der This
+eigentlich ernährt wurde, wußte niemand, auch die Frau des Hälmli-Sepp
+nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.
+
+Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen
+Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tür
+vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in
+seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich
+wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer
+scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.
+
+
+
+
+2. Kapitel
+
+Bei der Schwemmebachsennhütte
+
+
+An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle
+Mücken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hüterbuben und--mädchen.
+Sie mußten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp,
+von allen der Größte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle
+nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, daß man jetzt zur
+Schwemmebachsennhütte hinaufgehe, denn heute sei der Käsfischtag. Nun
+müsse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kühe
+hüten solle, während die anderen sich zu dem Festmahl begeben würden.
+Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust,
+sich für die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue
+Uli auf den Gedanken, man könnte einmal den dummen This zwingen, auf
+die Kühe acht zu geben. Und damit er’s nicht vergesse, könnte man ihn
+im voraus ein wenig durchprügeln. Der Vorschlag fand Anklang, und
+schon wollten mehrere von den Anführern der Schar den This holen, als
+das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: “Das ist gar nichts
+Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den
+Lohn dafür, wenn wir wieder zurückkommen und die Kühe sich verlaufen
+haben. Ihr werdet doch nicht glauben, daß der This, wenn er zu dumm
+ist, zwei Kühe zu hüten, auf einmal zwanzig hüten kann. Man muß losen,
+und drei müssen bei den Kühen bleiben, sonst ist’s nichts.” Lisis
+Erklärung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus
+der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet
+der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der
+siegreichen Schar den Rücken und setzte sich auf den Boden neben seine
+beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stürzte nun
+die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuß
+entgegen.
+
+Der Käsfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die
+es nie unterließen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen
+sollte. Denn das war ein Hauptfest für sie. Das war der Tag, an dem
+der Franz Anton seine frischen Käse rundum beschnitt, nachdem diese
+als weiche Masse in die runde, hölzerne Form gepreßt worden waren.
+Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von
+der Masse herausdrängte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie
+eine lange, schneeweiße Wurst. Die wurde dann in viele Stücke
+gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt.
+Das waren dann die sogenannten Käsfische. Dieses Fest wiederholte
+sich den Sommer über alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem
+Freudengeschrei begrüßt.
+
+This hatte sich hinter dem großen Distelbusch am Boden versteckt
+gehalten, während die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton
+von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hörte,
+daß die große Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig
+hervor. Die drei grollenden Zurückgebliebenen saßen am Boden und
+kehrten ihm den Rücken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stück
+die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der
+Höhe hernieder. Den This erfaßte ein unwiderstehliches Verlangen,
+auch an der Käsfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlüpfte er
+hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er
+hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem
+letzten steilen Hang kam eine kleine, glänzend grüne Hochebene, da
+stand die Sennhütte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der
+klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tür seiner Hütte stand der
+Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte über
+die vielen Sprünge, die jetzt die Buben und Mädchen in ihrem Eifer, zu
+dem ersehnten Genuß zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt
+waren sie alle bei der Hütte und eines drängte das andere vorwärts, um
+noch näher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen würde.
+
+“Nur zahm, nur zahm”, lachte jetzt der Franz Anton. “Wenn ihr alle in
+die Hütte hineindrängt, so habe ich keinen Platz mehr zum
+Käseschneiden und ihr habt den Schaden.” Jetzt nahm er sein festes
+Messer zur Hand und trat an den großen, runden Käse heran, den er
+schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden
+ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweißen
+Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stück und da ein
+Stück, oft über die Köpfe der Großen weg den Kleinen, die nicht zu ihm
+vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner
+Teilung.
+
+This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen
+wollte, so bekam er da einen Stoß und dort einen und flog so von einer
+Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer
+wieder ein Größerer und Dickerer sich vor ihn drängte. Zuletzt bekam
+er einen so ungeheuren Stoß von dem breiten, nach allen Seiten
+schlagenden Jopp, daß er sich fast überschlagen hätte. Die Teilung
+war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, daß er zu keinem
+Stückchen Käsfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine
+Schläge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die
+jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den
+Bäumchen. Auf der höchsten Krone des einen saß ein lustiger, kleiner
+Vogel und pfiff so fröhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als
+gäbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und
+Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, daß er fast das
+Leid vergaß, das ihm eben geschehen war.
+
+Von Zeit zu Zeit mußte er nach der Sennhütte hinüberschauen, denn das
+Lärmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stück Käsfisch
+wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie
+jedes Kind mit einem größeren oder kleineren Brocken der schönen,
+weißen Masse dastand und mit Wonne hineinbiß. Er seufzte dann ein
+wenig und sagte leise: “Wenn ich nur auch einmal ein einziges
+Stücklein bekäme!” Der This hatte niemals von den herrlichen, weißen
+Käsfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie
+heute in die Schar der Glücklichen einzudringen. Jetzt hatte er
+gesehen, daß es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut
+zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlußgedanken, daß er
+sein Leben lang nie einen Käsfisch bekommen werde. Darüber wurde er
+so traurig, daß er nicht einmal den Vogel mehr hörte und ganz
+zusammengeduckt unter den Tannenbäumen saß.
+
+Jetzt war das Gastmahl bei der Hütte zu Ende und mit schrecklichem
+Lärm stürzten die Kinder daher, womöglich immer einer über den anderen
+hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall
+brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der
+lärmende Hans, und laut schrie er in das Gebüsch hinein: “Du Maulwurf,
+komm heraus, du mußt mitmachen!” This verstand, was er mitzumachen
+hatte. Er mußte sich als Bock hinstellen, damit die anderen über ihn
+springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wäre
+viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wußte wohl,
+was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er
+gehorsam heran. “Wie viele Käsfische hast du bekommen?” schrie ihn
+jetzt der Hans an.
+
+“Keinen”, gab This zurück. “Oho, seht einmal den an”, schrie der Hans
+noch lauter in die Schar hinein, “der läuft schnell zu den Käsfischen,
+und dann läuft er wieder fort und hat keinen gesehen.” “Du dummer
+This”, rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die großen
+Buben über den Kopf weg, so daß er genug zu tun hatte, nur immer
+wieder auf die Füße zu kommen, wenn er umgeworfen worden war.
+Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestürzter die Abhänge
+hinunter, bis ein glücklicher Zufall sie wieder alle auf die Füße
+brachte. Nach dieser stürmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen
+gleich alle auseinander, jeder seinen Kühen nach.
+
+Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn
+jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den
+Zurückgebliebenen, weil er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem
+Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben
+und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im
+Berghang, wo im Frühling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und
+den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und
+ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schöne, dunkelrote
+Erdbeeren in der Sonne, die so schön warm in die Vertiefung schien.
+Aber dem This war es überall angst und bang, wenn er noch in der Nähe
+der Häuser und der Hüterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden
+Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der
+This zuckte scheu und ängstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer
+dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch
+einmal an das stille Plätzchen unter den kleinen Tannenbäumchen dort
+oben und an das pfeifende Vögelein, so daß es ihn mit Gewalt vom Boden
+zog. Er mußte noch einmal dorthin.
+
+Mit allen Kräften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht
+einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die
+Tannenbäumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein
+Tannenversteck ein wenig offen. Da saß nun der This in völliger
+Sicherheit. Ringsum war eine große Stille, kein Ton drang von unten
+her bis hier auf die einsame Höhe, nur das Vögelein saß noch auf
+seinem Tannenast und pfiff sein fröhliches Lied. Die Sonne wollte
+untergehen. Die hohen Schneeberge drüben fingen zu flimmern und zu
+glühen an, und über die ganze grüne Alm hin lag das golden schimmernde
+Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie
+gekanntes Wohlsein kam über ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und
+Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fürchten, denn weit und
+breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hören.
+
+So saß der This eine lange Zeit, und am liebsten wäre er gar nicht
+mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben
+gewesen. Aber da hörte er schwere Tritte hinter sich von der Hütte
+her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiß
+wollte er zum Bach hinüber, um Wasser zu holen. This verhielt sich
+mäuschenstill. Denn er war so daran gewöhnt, daß er von jedermann
+angefahren oder ausgelacht wurde, daß er dachte, der Senn werde es
+gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die
+Bäumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton
+wurde aufmerksam, trat näher und guckte in den Tannenbusch hinein.
+
+“Was machst du denn da drinnen?” fragte der Senn mit lustigem Gesicht.
+
+“Nichts”, erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.
+
+“Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fürchten, wenn du nichts
+Böses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa
+mit deinen Käsfischen da hineingeflüchtet, daß du sie in Ruhe
+verzehren kannst?”
+
+“Nein, ich habe keine Käsfische gehabt”, sagte This ängstlich.
+
+“Nicht? Und warum denn nicht?” fragte der Senn in einer Weise, wie
+sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem
+Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem
+Menschen.
+
+“Sie haben mich auf die Seite gestoßen”, erwiderte er nun und stand
+hinter den buschigen Zweigen auf.
+
+“So, jetzt kann man dich doch sehen”, fuhr der Senn freundlich fort,
+“komm noch ein wenig näher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn
+sie dich wegstoßen? Es stößt ja immer einer den anderen, aber zuletzt
+kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?”
+
+“Sie sind stärker”, sagte der This so überzeugend, daß diese Erklärung
+wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den
+Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, großen Franz Anton wie
+ein dünnes Stöcklein vor einer hohen Tanne. Der kräftige Mann
+betrachtete einen Augenblick das schmale Figürchen, an dem tatsächlich
+fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht
+schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.
+
+“Wem gehörst du?” fragte er jetzt den Buben.
+
+“Niemand”, gab This zur Antwort.
+
+“Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?”
+
+“Beim Hälmli-Sepp.”
+
+Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. “Ach so, bist du der!”
+sagte er verständnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar
+nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehört, ihn aber nicht
+gekannt.
+
+“Komm einmal mit mir”, sagte er mitleidig. “Wenn du beim Hälmli-Sepp
+bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hälmlein.
+Komm, Käsfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes.”
+
+Der This wußte gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz
+Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und
+das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Hütte, holte
+hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein großes
+Stück ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfaß, das goldig glänzend
+in der Ecke stand, und holte ein großes Stück Butter heraus. Das
+strich er über die Brotschnitte und reichte nun das feste Stück mit
+der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte
+der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es
+nicht möglich, daß es ihm gehöre.
+
+“Komm heraus. Iß es vor der Hütte, ich muß nun zum Wasser”, sagte
+Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glück und
+Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte.
+Vor der Hütte setzte er sich auf den Boden. Und während der Senn zum
+Schwemmebach hinüberging, biß er in sein Butterbrot hinein und biß
+immer wieder und konnte nicht begreifen, daß es etwas so Gutes gäbe
+und er es bekommen hätte.
+
+Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und
+wiegte unten die Tannenbäumchen hin und her, und der kleine Vogel saß
+immer noch auf dem höchsten Zweig und sang hell und fröhlich in den
+goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie
+gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er müsse laut mit dem Vogel zu
+singen anfangen.
+
+Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her
+gegangen. Drüben beim Schwemmebach war er immer eine Weile
+stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr
+rot vom Abendschein, aber jetzt stieg groß und golden der volle Mond
+hinter dem weißen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Hütte
+zurück und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle
+saß.
+
+“So gefällt’s dir hier?” fragte er freundlich. “Mit dem Abendessen
+bist du fertig, wie ich sehe. Du mußt dich auf den Rückweg machen.
+Sieh, wie schön dir der Mond heimleuchtet!”
+
+Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel
+ihm ein, daß es wohl nötig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem
+Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den
+Tannenbäumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurück. Er schaute noch
+einmal zurück, und da der Senn in die Hütte getreten war und ihn nicht
+mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz
+Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Güte
+und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen
+Eindruck gemacht, daß er nicht fort konnte. Er mußte noch ein wenig
+in der Nähe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen
+unter den Bäumchen und spähte zu der Hütte hinauf, ob er den Senn
+nicht noch einmal sähe. Es dauerte einige Zeit, da plötzlich trat
+Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Hütte heraus.
+
+Er blieb vor der Tür stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die
+stille Bergwelt hinaus, wo jetzt über alle hohen Schneegipfel hin das
+milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt
+der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen
+Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hände. Er hielt wohl still
+seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: “Gute Nacht
+geb euch Gott!” trat in die Hütte zurück und machte die Tür zu. Sein
+Nachtgruß hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum
+und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller
+Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fühlte Liebe und
+Bewunderung für den Senn, Gefühle, die er bisher nicht gekannt hatte.
+
+Als es nun ganz dunkel und still in der Hütte wurde, stand der This
+auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.
+
+Es war spät und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich,
+die Tür war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Häuschen und
+schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser
+schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: “Es
+ist bequem, daß der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden.
+So hat man doch Platz!”
+
+This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er
+immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit
+gefalteten Händen vor seiner Hütte stand. Zum erstenmal in seinem
+Leben schlief der This mit einem glücklichen Herzen ein.
+
+
+
+
+3. Kapitel
+
+Ein hilfreicher Engel
+
+
+Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten,
+mußten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges
+gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr
+Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze
+Schar den Berghang herunter, und bald saßen sie alle mit anderen
+Kindern so ruhig wie möglich auf den langen Bänken, und der Herr
+Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von
+einem zukünftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den
+This fiel, fuhr er fort: “Ich will dich auch einmal wieder etwas
+fragen, das wirst du wohl beantworten können, wenn man dir auch nicht
+viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Ärmsten
+und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben geführt hat, so
+wohl werden, daß er kein Leid verspürt?”
+
+“Bei der Schwemmebachsennhütte”, antwortete der This ohne Zögern.
+Jetzt entstand ein solches Kichern, daß der This ganz scheu um sich
+schaute. Ringsum waren spöttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle
+Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich
+so stark vornüber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem,
+was der Herr Pfarrer das letztemal erklärte, hatte er nichts gehört,
+weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mußte. Jetzt hatte
+er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet.
+
+Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, daß es dem
+This gar nicht zum Lachen war, sondern daß er vor Scheu ganz
+erschrocken und zusammengeduckt dasaß, da schüttelte der Herr Pfarrer
+nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: “Es ist nichts mit ihm zu
+machen.”
+
+Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stürzte die ganze Schar
+hinter dem This her, alle lachten überlaut und schrien durcheinander:
+“This, sind dir auf einmal in der Kirche die Käsfische in den Sinn
+gekommen?”
+
+“This, warum hast du nicht auch etwas von den Käsfischen gesagt?” Der
+This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem
+Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben
+wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den
+schönen Sonntagabend unten im Dorf genießen.
+
+Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt
+einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhütte
+hinaufflüchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen.
+Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plätzchen sitzen und
+vor Verfolgung sicher sein. Nun saß er wieder unter den Tannen und
+über ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der
+Sonne, und über den grünen Hängen floß da und dort ein klares Bächlein
+friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, daß er allen
+Spott vergaß und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr
+weggehen zu müssen.
+
+Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er
+beständig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie möglich
+nieder. Denn er hatte das Gefühl, wenn der Franz Anton ihn wieder
+hier sehe, so könnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein
+Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und
+einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und
+in dessen Nähe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst
+nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und
+This saß an seinem schönen Plätzchen, bis die Sterne am Himmel standen
+und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Hütte hinaustrat und
+ausrief: “Gute Nacht geb euch Gott!” Dann erst lief der This wieder
+davon, und spät wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht
+hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber
+das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefühlt
+dort oben.
+
+So ging es eine ganze Woche. Tag für Tag, sobald er einen Augenblick
+fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm
+hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete
+er die ganze Tätigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und
+nie verließ er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton
+gesagt hatte: “Gute Nacht geb euch Gott!” Es war ihm jetzt immer, als
+sei der Nachtsegen auch für ihn gedacht.
+
+Es waren ausnahmsweise heiße Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg
+jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend
+niedergegangen war. Das Futter war besonders kräftig, und Franz Anton
+bekam so schöne, fette Milch von den Alpenkühen, daß er die
+prächtigsten Käse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude,
+und schon frühmorgens konnte man ihn voller Vergnügen in seiner
+Sennhütte pfeifen hören, so auch am Samstag dieser Woche. Da hörte
+man ihn noch viel früher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem
+der Senn seine drei oder vier fertigen Käse an den See hinunterbrachte.
+Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie
+auf seinem Rücken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwärts,
+den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rücken. Es
+war der heißeste Tag des ganzen Sommers.
+
+Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die übermäßige
+Hitze, und oft sagte er zu sich: “O wie will ich froh sein, heute
+abend wieder zu meiner Hütte hinauf in die kühle Luft zu kommen, hier
+unten ist’s wie in einem Backofen.” Jetzt war er unten angelangt,
+gerade als das Schiff herankam, das die Käse mitnehmen sollte. Bald
+war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlüssig
+da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten
+etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fühlte keinen Appetit, sein Kopf
+war schwer und heiß, er wünschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn
+jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim
+Einladen geholfen hatte. “Komm, Franz Anton, heute ist’s heiß, wir
+wollen ein Glas Wein im Schatten trinken”, sagte er und zog den Senn
+zu dem Wirtshaus.
+
+Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im
+Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber
+stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in
+der schweren, heißen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht
+an den Wein gewöhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit großen
+Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in
+seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiß auf
+seinen Kopf, alle seine Pulse hämmerten, die Füße wurden ihm so schwer,
+daß er sie nur mit Mühe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je
+größer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der
+Aussicht an, daß nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt
+nur noch eine Viertelstunde heißer Mühe vor ihm liege. Dann würde er
+oben sein und könne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.
+
+Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne
+brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Plötzlich wurde es ihm völlig
+schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stürzte er auf den
+Boden nieder. Er hatte das Bewußtsein verloren.
+
+Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er,
+daß der Franz Anton noch nicht zurückgekehrt war. Er stellte seine
+Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem
+Senn auszuschauen.
+
+Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz
+Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte
+er an seinem verborgenen Plätzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt,
+den der Senn tat. Er wußte, wie eine Beschäftigung auf die andere
+folgte, so daß er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der
+Franz Anton seine Milch stehen ließ. Sonst goß er sie immer gleich in
+die verschiedenen Gefäße. Die eine kam zum Buttern in die großen,
+runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schön dick obenauf
+lag. Die andere wurde in den Käsekessel gegossen, das hatte der This
+durch die offene Hüttentür alles genau beobachten können. Der Senn
+kam immer noch nicht. Der Junge fühlte, daß irgend etwas geschehen
+sein mußte. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging
+zur Sennhütte. Da war es still und leer unten im Hüttenraum und oben
+auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut
+war zu hören, alles wie ausgestorben. Ängstlich lief der This
+jetzt um die Hütte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann
+in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten
+erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da
+lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stöhnte und lechzte wie
+ein Sterbender. Er sah glühend heiß aus, und seine Lippen waren ganz
+vertrocknet.
+
+Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor
+Schrecken, auf seinen Wohltäter. Dann stürzte er in schnellem Lauf
+den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewußtlos am
+Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt
+an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem
+brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bücken
+und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er für einen Augenblick,
+denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.
+
+Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rühren.
+Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das
+Bewußtsein wieder, und er träumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er
+heute früh im Vorübergehen noch die schönen Erdbeeren gesehen hatte.
+Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die
+Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber
+jetzt hatte er plötzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte
+sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der
+Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlürfte und
+schluckte, es war ein unsägliches Labsal. Er erwachte. War das alles
+Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und
+steckte ihm wieder eine große saftige Erdbeere in den Mund.
+
+“O du guter Engel, noch eine”, sagte leise der Franz Anton. Aber
+nicht nur eine, fünf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf
+einmal flog ein stechender Schmerz über sein Gesicht. Er legte die
+Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: “Wasser”, dann war
+ihm das Bewußtsein wieder völlig entschwunden. Er konnte nicht einmal
+mehr die letzte Erdbeere genießen. Jetzt träumte er ganz schreckliche
+Dinge. Sein Kopf wurde so groß wie sein allergrößtes Butterfaß und
+dann immer noch größer und so furchtbar schwer, daß er mit Schrecken
+dachte: “Den kannst du nie mehr allein tragen, man muß starke,
+hölzerne Stützen unterstellen, wie unter die Apfelbäume, wenn sie
+zuviel Äpfel tragen.” Und jetzt fühlte er deutlich, daß der Kopf ganz
+voll Schießpulver war, das hatte einer von hinten angezündet. Nun
+brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mußte alles
+zerspringen. Aber dann kam plötzlich ganz kalt und belebend der
+Schwemmebach über seine Stirn, über das ganze Gesicht und in den Mund
+hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.
+
+Es war wahr, eiskalt kam ein Guß nach dem anderen auf Stirn und
+Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den
+kühlenden Trank ein. Über ihm standen die funkelnden Sterne, das
+sah der Franz Anton deutlich. Er wußte auch, daß er noch am Boden lag
+draußen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der
+Schwemmebach sein, was so über ihn floß und ihn so ordentlich trinken
+ließ. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend,
+so erlösend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer.
+Voller Dank sagte er nur halblaut: “Ach, lieber Gott, wie danke ich
+dir für deine Güte und die hilfreichen Engel!”
+
+Das erquickende Wasserbad hörte nicht auf, und zuletzt fühlte der
+Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schützend und
+wohltuend, daß er sagte: “Da kann kein Feuer mehr durch.” Und beruhigt
+schlief er jetzt ganz sanft ein und träumte nicht mehr.
+
+
+
+
+4. Kapitel
+
+Was die Sennenmutter haben will
+
+
+Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz
+Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er
+schauderte ein wenig zusammen, es fröstelte ihn. Er wollte sich
+aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand
+an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht.
+Wohl sechsfach zusammengelegt lag naß und schwer das große Handtuch
+aus der Sennhütte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der
+frische Morgenwind über die Stirn blies, fühlte er sich so wohlig und
+erleichtert, daß er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da
+sah er auf einmal in zwei große, ernsthafte Augen hinein, die
+unverwandt auf ihn gerichtet waren.
+
+“Bist du das, This?” fragte er verwundert, “Wie kommst du so früh auf
+die Alm? Nun, weil du da bist, komm, daß ich mich ein wenig auf deine
+Schulter stützen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf.”
+
+Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er
+stemmte mit aller Gewalt seine beiden Füße in den Boden hinein, so daß
+der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte.
+Während des langsamen Aufstiegs zur Hütte, als er sich immer noch auf
+die Schulter des Buben stützte, fing er an, sich daran zu erinnern,
+was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgänge der
+Nacht völlig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur
+helfen. In der Hütte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner
+dreibeinigen Stühle und sagte: “This, hol dir den anderen und setz
+dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir
+wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt
+noch nicht machen. Ein Schüsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist
+es denn hingekommen?” unterbrach sich der Senn, “ich stelle es
+regelmäßig dort hinauf. Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht seit
+gestern.”
+
+Der This war feuerrot geworden, er wußte wohl, wer das Schüsselchen
+heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: “Dort steht’s am
+Boden”, holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides
+dem Senn. Dieser schüttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er
+lebte, hatte er noch nie sein Schüsselchen dort bei der Tür auf den
+Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine
+Milch, füllte dann das Schüsselchen wieder und sagte: “Da, This, trink
+auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, daß du so früh hinauf
+kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Käsfischtag und du seist dann
+sicher der erste?”
+
+“Nein, gewiß nicht”, versicherte This.
+
+“Sag mir jetzt etwas”, fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal
+unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder
+zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. “Sag mir, This, habe ich
+denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute früh
+heraufkamst?”
+
+Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn
+alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht
+recht, und er könnte böse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm
+jetzt so tief in die Augen, daß er alles sagen mußte: “Ich habe es
+selbst darauf gelegt”, fing er zaghaft an.
+
+“Warum denn, This?” fragte der Senn verwundert.
+
+“Weil sie so heiß waren”, erwiderte This.
+
+Der Senn staunte immer mehr. “Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang
+erwacht”, sagte er. “Wann bist du denn heraufgekommen?”
+
+“Gestern um fünf, oder um vier Uhr”, stotterte der This furchtsam,
+“der Melker kam erst lange nachher.”
+
+“Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn
+gewollt und gemacht?”
+
+Jetzt sah der Franz Anton, daß dem This ganz bange wurde, ihm selber
+aber fielen nun wieder die Vorgänge der letzten Nacht ein. Ganz
+väterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd:
+“Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fürchten, This. Da, trink noch
+eins aus, und dann sag mir alles, was du weißt, von da an, als du hier
+heraufgekommen bist.” Auf diese Ermunterung hin faßte der This neuen
+Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zügen aus, denn sie schmeckte
+herrlich.
+
+Dann fing er an zu berichten: “Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier
+herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Käsfische.
+Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie
+nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden
+gefunden, und Sie sind ganz rot und heiß gewesen und haben Durst
+gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe
+alle großen Erdbeeren gepflückt, die noch da waren, und habe sie Ihnen
+gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf
+den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Hütte
+das Schüsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach
+habe ich ihn gefüllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schüsselchen das
+Wasser über den Kopf geschüttet und auch zu trinken gegeben, denn sie
+haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin
+ich zum Bach hinüber und habe ihn wieder gefüllt. Aber weil das
+Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes
+Tuch wurde den Kopf besser kühlen. Und so habe ich das Tuch aus der
+Hütte geholt und es ganz naß auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann
+trocken und heiß wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und
+es dann wieder naß auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann
+erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht
+etwa krank werden.”
+
+Der Senn hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Jetzt stand alles
+deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wußte auch
+wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren
+als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespürt und
+genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und
+verwundert an, als hätte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen
+solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn möglich, daß
+dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben
+gerettet hatte.
+
+Hätte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelöscht, wer weiß,
+was bis zum Morgen daraus geworden wäre! Und wie konnte dieser This,
+dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung
+fähig sein, daß er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn
+pflegte! Dem großen, starken Franz Anton kamen die Tränen in die
+Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles
+überdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: “Wir
+wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das
+vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die
+Glieder so, daß ich mich jetzt niederlegen muß. Geh du nun hinunter
+zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir
+nicht ganz wohl. Du mußt dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe
+noch viel mit dir zu reden heute, vergiß es nicht!”
+
+Solange er lebte, war der This noch nie so glücklich gewesen. Er lief
+springend den Berg hinunter, als könne er nicht hoch genug aufspringen
+vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen,
+und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in
+die Sennhütte eintreten. Außerdem hatte der Franz Anton ihm noch
+gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser
+Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der
+Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Häuschen
+mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im
+Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der
+Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen,
+denn er war ganz atemlos vom Laufen.
+
+“Woher kommst denn du?” fragte die sonntäglich gekleidete Frau, die
+nicht gern etwas Unordentliches sah. Mißbilligend musterte sie den
+Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntäglichen Anblick
+in seinen zerfetzten Alltagshöschen und dem schmutzigen Hemdlein.
+“Ich meine, ich habe dich schon dort drüben über dem Bach gesehen, du
+bist wohl einer vom Hälmli-Sepp?”
+
+“Nein, nur der This”, erwiderte der Bub ganz demütig.
+
+Jetzt fiel der Frau ein, daß die Frau des Hälmli-Sepp einen
+einfältigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts
+zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. “Und was willst du
+denn bei mir?” fragte sie nun erst recht verwundert.
+
+Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag
+klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der
+kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und daß er nach ihr schickte
+und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes
+Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in großer
+Sorge das Nötigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem großen
+Korb am Arm heraus.
+
+“Komm”, sagte sie zu This, “wir wollen gleich gehn. Warum mußt du
+wieder mit?”
+
+“Ich weiß nicht”, antwortete er. Und fast als wäre es etwas Böses,
+setzte er leise hinzu: “Muß ich nicht den Korb tragen?”
+
+“So, jetzt verstehe ich’s”, sagte die Frau, “der Franz Anton hat daran
+gedacht, daß ich allerhand mitbringen will.” Sie gab dem This den Korb.
+Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief
+in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer
+Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die
+Krankheit gefährlich sein? Ihre Angst wurde immer größer, je näher
+sie der Sennhütte kamen. Jetzt waren sie oben--nur noch einige
+Schritte--der bekümmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast
+nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie
+schaute überall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn
+tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem
+Herzen stieg sie die Leiter hinauf.
+
+Der This blieb ehrerbietig draußen vor der Tür stehen, nur den Korb
+schob er in die Hütte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll
+über ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte
+ihr fröhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter:
+“Grüß dich Gott, Mutter! Das freut mich, daß du da bist. Ich habe
+aber geschlafen wie ein Bär, die ganze Zeit, seit der This fortging.”
+Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie
+wußte gar nicht, was sie denken sollte. “Franz Anton”, sagte sie
+jetzt ernsthaft, “was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weißt du,
+daß du mich hast holen lassen?”
+
+“Ja, ja, Mutter”, lachte jetzt der Franz Anton, “jetzt bin ich ganz
+bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir
+noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir
+reden. Ich fühl’s auch jetzt noch in den Knien zittern, ich käme noch
+nicht weit.”
+
+“Aber was ist’s denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir’s doch”,
+drängte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.
+
+“Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen”,
+sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. “Sieh einmal
+zuerst dort unten das schmale, magere Büblein an, das kein gutes Stück
+Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder
+nur den dummen This nennt.”
+
+Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn
+hinaufspähte, ob er etwa wieder umfallen wolle.
+
+“Und jetzt?” fragte die Mutter gespannt.
+
+“Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Büblein nicht
+gewesen wäre, so läge ich jetzt noch draußen auf dem Boden in einem
+tödlichen Fieber, oder vielleicht wäre es auch schon vorbei mit mir.”
+Und jetzt erzählte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag
+zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen
+und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch
+auf der Welt es nicht besser hätte tun können.
+
+Die Mutter mußte sich mehrmals die Tränen abwischen. Sie stellte sich
+vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da
+draußen gelegen hätte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden
+wäre, und kein Mensch hätte etwas von ihm gewußt. Und jetzt stieg ein
+Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, daß sie laut ausrufen mußte:
+“Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!” Aber auch eine solche
+Liebe zu dem armen This überkam sie, daß sie ganz eifrig sagte: “Franz
+Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hälmli-Sepp zurück!
+Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat
+sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen
+mache ich ihm ein Gewand, daß man ihn ansehen darf. Er muß es nicht
+schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir
+geholfen hat.”
+
+“Das ist nun gerade, was ich wünschte, Mutter, aber ich mußte doch
+zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben
+und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein könnte. Es geht
+nichts über eine Mutter!” Und der Franz Anton schaute sie so voller
+Glück und Liebe an, daß es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich
+dachte: Es geht auch nichts über einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte
+sie: “Jetzt mußt du etwas essen, Franz Anton, daß du wieder zu Kräften
+kommst. Ich habe frische Eier und ein Weißbrot mitgenommen, und jetzt
+will ich Feuer machen, laß dir Zeit zum Herunterkommen.” Das mußte der
+Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging.
+Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er
+sich selbst niedergesetzt hatte.
+
+“This”, sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend,
+“willst du ein Senn werden?”
+
+Der This fing an zu lächeln, aber dann hörte er plötzlich die
+vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen
+hatte: “Aus dem wird nie etwas,”, “der kann nichts”, “der wird nichts”.
+Und schüchtern antwortete er. “Ich kann nichts werden.”
+
+“This, ein Senn wirst du”, sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit.
+“Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun
+bleibst du bei mir und trägst Milch und Wasser und hilfst mir bei
+allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Käse macht und sobald
+du groß genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein
+Gehilfe.”
+
+“Hier in der Schwemmebachsennhütte?” fragte This, dem die Aussicht auf
+diese Glückseligkeit ganz unfaßbar war.
+
+“Alles hier, in der Schwemmebachsennhütte”, bestätigte der Franz Anton.
+
+Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden
+Glücks, daß der Senn ihn nur ansehen mußte. Der Bub war wie
+verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den großen
+Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie
+streichelte den Buben und sagte: “Ja, Thisli, heute wollen wir
+miteinander fröhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen
+wir dem lieben Gott dafür danken, daß er dich gerade zur rechten Zeit
+in die Nähe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch
+begreift, warum du da heraufgekommen bist.”
+
+Jetzt begann das fröhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben
+hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen.
+Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weißbrot hingelegt
+und daneben Butter und weißen Käse. Und mitten auf dem Tisch stand
+eine große Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die
+Mutter große, dicke Stücke vor den This hin, und wenn er fertig war,
+gab es gleich noch einmal so viel.
+
+Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie:
+“Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muß bei dir oben
+bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es
+nötig ist. Der Frau des Hälmli-Sepp will ich schon alles berichten.”
+
+Das war dem Sennen recht, und für den This war es das höchste Glück,
+das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton.
+Nicht mehr verborgen unter den Tannenbäumchen hörte er heute den
+Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als
+dieser seine Hände faltete und sagte: “Komm, This, nun beten wir den
+Abendsegen.” Andächtig faltete auch er seine Hände, und als am Schluß
+der Senn sagte: “Gute Nacht geb euch Gott!”, da war das Glück im
+Herzen des This so groß, daß er gern überlaut allen Menschen auf der
+ganzen Welt sagen wollte: ‘Gute Nacht geb euch Gott!’
+
+Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinüber zu der Frau des
+Hälmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und
+gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzählten.
+Die Sennin hörte, daß von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der
+Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hälmli-Sepp erklärte,
+daß sie mit ihrem Sohn übereingekommen sei, sie wollten den This bei
+sich annehmen, da machte die Frau einen großen Lärm. Sie sagte, sie
+sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien für
+den Senn eine größere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien
+alle aus vollen Hälsen: “Mich! Mich! Mich!” Denn sie wußten wohl,
+wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhütte für gute
+Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.
+
+Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn
+schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen
+This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das
+Hänseln und Verspotten unterlassen, sonst hätten sie es mit ihrem Sohn
+zu tun. Der rede dann mit seinen kräftigen Armen eine deutlichere
+Sprache mit den Buben, als sie es jetzt könnte. Dann verließ die
+Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblüfft nachschauten,
+und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wäre,
+der wird’s gut haben, wie ein König wird er da oben in seiner
+Sennhütte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen ließ,
+liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund
+sein. Denn sie mußten alle an den letzten Käsfischtag denken, als der
+This so übel behandelt worden war. Von nun an würde er ja gewiß alle
+Käsfische allein bekommen, da wäre doch jeder gut daran, der sein
+Freund wäre. Und später waren sie auch alle gut daran, denn dem This
+machte es die größte Freude, die reiche Ernte der Käsfische unter
+allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darüber
+wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie
+mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte
+sich zur Überraschung aller, daß er auf einmal ein ganz flinkes,
+geschicktes Bürschchen war, von dem jeder sagen mußte: “Entweder ist
+das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den
+dummen This zu nennen.” Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit,
+sein liebster Schüler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei
+allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die
+anderen Buben könnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 9859 ***
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+
+
+<h1>Vom This, der doch etwas wird</h1>
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+<p class="center p2">Erzählung</p>
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+<p class="center big">Johanna Spyri</p>
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+
+
+
+<p>Wenn man den Seelisberg von der Rückseite her besteigt, kommt man auf
+eine frische, grüne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die
+friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem
+schönen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenährten Kühe
+ziehen lieblich läutend immer hin und her. Denn jede trägt am Hals
+ihre Glocke, damit man immer hört, wo sie ist. So kann sich keine Kuh
+unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Sträuchern bedeckte Felswand
+liegt, über die sie hinunterstürzen könnte. Es ist außerdem ein
+ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben können. Aber die
+Glocken sind doch notwendig und tönen so freundlich hin und her, daß
+keiner sie entbehren möchte. Am Bergabhang stehen hie und da
+vereinzelt die kleinen, hölzernen Häuser, und nicht selten rauscht
+daneben ein schäumender Bach ins Tal hinab. ‘Am Berghang’ heißt es
+hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Häuschen steht auf
+ebenem Boden. Es ist, als wären sie irgendwie an den Berg hingeworfen
+worden und da hängengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da
+oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie
+alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der
+kleinen, hölzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt
+in ihre Nähe, so sieht man, daß ein großer Unterschied zwischen ihnen
+ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nähe ganz
+verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen
+ihnen stürzt der größte Bergbach der Gegend, der schäumende
+Schwemmebach, hinunter.</p>
+
+<p>Am ersten Häuschen blieben auch an den schönsten Sommertagen alle die
+kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die
+hineindrang, kam durch die Löcher der zerbrochenen Scheiben. Das war
+aber nicht viel, denn die Löcher waren wieder mit Papier verklebt,
+damit man im Winter drinnen nicht frieren mußte. An dem hölzernen
+Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war
+so zerfallen, daß es ein Wunder war, daß alle die kleinen Kinder, die
+da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie
+hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder
+waren alle mit Schmutz überdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen
+Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag über da
+herum, und am Abend kamen vier größere Kinder dazu. Drei kräftige
+Buben und ein Mädchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich
+aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie
+konnten sich doch schon selbst waschen.</p>
+
+<p>Das Häuschen über dem Bach drüben hatte einen ganz anderen Charakter.
+Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeräumt
+aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drüben. Die
+Stufen sahen immer so aus, als wären sie eben gescheuert worden. Und
+oben auf der Galerie standen drei schöne Nelkenstöcke und dufteten den
+ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen
+Fenstern stand offen und ließ die schöne, sonnige Bergluft herein.
+Dort konnte man meistens eine noch kräftig aussehende Frau sitzen
+sehen, mit schönem, weißem Haar, das sie sehr ordentlich unter das
+schwarze Häubchen zurückgestrichen hatte. Sie flickte gewöhnlich an
+einem Männerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber
+gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so
+adrett und reinlich aus, als wäre noch nie etwas Unsauberes an sie
+herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des
+fröhlichen Franz Anton mit den kräftigen Armen. Der machte den Sommer
+über in der oberen Sennhütte seine Käse, und erst im Spätherbst zog er
+wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn
+dann butterte er in der unteren Sennhütte, die ganz nahe lag. Da über
+den reißenden Schwemmebach kein Steg führte, waren die zwei Häuschen
+ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg
+wohnten, besser, als diese Nachbarn über dem Bach, zu denen sie nur
+etwa einmal am Tag stumm hinüberschaute. Gewöhnlich schüttelte sie
+dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter
+und schmutzigen Fetzen drüben an den Kindern sah. Sie schaute aber
+nicht oft hinüber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber
+betrachtete sie, wenn das Feierabendstündchen kam, ihre roten Nelken
+auf der Galerie oder sie schaute über den grünen, sonnigen Abhang
+hinunter, der vor ihrem Häuschen zum Tal hinabstieg.</p>
+
+<p>Die verwilderten Kinder über dem Bach gehörten dem Hälmli-Sepp, wie er
+genannt wurde, der seine Arbeit außer Haus beim Holzfällen oder
+Heumachen suchte. Außerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So
+war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die
+Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele
+kleine Kinder könne man nicht in Ordnung halten, und später würde es
+dann von selbst besser. So ließ sie alles gehn, wie es ging. Und in
+der schönen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und
+ließen sich’s, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl
+sein. Zur Sommerzeit waren die vier Größeren den ganzen Tag draußen,
+um die Kühe zu hüten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen,
+wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten
+bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kühe auf das
+umliegende Weideland hinaus und mußten sie hüten lassen. Das ist
+immer eine lustige Zeit für die Buben und Mädchen, die sich dort zu
+jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei fröhliche Sachen
+miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten
+im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere
+Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer
+über ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstück nach Hause,
+das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier
+Kleinen zu ernähren und für alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn
+diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mußte doch jedes haben
+und die vier Großen noch ein Stück dazu. Eine Kuh hatte der
+Hälmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaßen,
+wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.</p>
+
+<p>Hälmli-Sepp hieß der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum
+nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine
+Geiß und ein Stück Kartoffelland, damit mußte die Frau mit den vier
+Kleinen den Sommer über auskommen und auch hier und da noch eines der
+Größeren speisen, wenn es draußen keine Arbeit fand. Der Vater kam im
+Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein
+Häuschen und Acker waren so verschuldet, daß er das ganze Jahr über
+etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten
+konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel
+er fand.</p>
+
+<p>So mußte die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte
+keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von
+der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der
+verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten,
+schaute sie über den Bach zu dem schmucken Häuschen der Sennerin
+hinüber, dessen Scheiben in der Sonne glänzten. Dann sagte sie
+ärgerlich vor sich hin: “Ja, die dort kann schon putzen und alles
+sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner.” Dann ging
+sie wieder ärgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurück, und an dem,
+der ihr zuerst in den Weg kam, ließ sie den Ärger aus.</p>
+
+<p>Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht
+ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Häuschen vom
+Hälmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur ‘der
+dumme This’ genannt, sah so mager und dürftig aus, daß man ihn kaum
+für achtjährig gehalten hätte. Er schaute auch so scheu und
+verschüchtert drein, daß niemand wußte, wie der This eigentlich aussah,
+denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach.
+This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum
+zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel später über die Felsen
+in die Tiefe gestürzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam
+und den Weg abkürzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte
+nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem
+großen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This
+hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend,
+eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen
+Matthis genannt.</p>
+
+<p>Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Häuschen vom
+Hälmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstätte mit seinem Büblein
+gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben
+Ort. Das wenige Geld, das für den kleinen This von der Gemeinde
+bezahlt wurde, war der Frau des Hälmli-Sepp sehr erwünscht. Und in
+die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, für die
+schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This
+war schon von Natur aus ein schüchternes und stilles Büblein gewesen.
+Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das große Unglück
+gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem
+Unglück wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.</p>
+
+<p>So saß der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein
+Wort zu hören, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann
+seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des
+Hälmli-Sepp gehörte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde
+von jedem angefahren und hin und her gestoßen, weil er sich nie wehrte.
+Zu all den Püffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen
+dann noch die bösen Worte der Frau, wenn sie den Ärger über das
+saubere Häuschen der Sennerin drüben hatte. Der This wehrte sich aber
+nie, denn er hatte das Gefühl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so
+nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und
+verschüchtert, daß man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her
+vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn
+anrief. Er sah überhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch,
+wo er in die Erde hineinkriechen könnte, daß ihn keiner mehr fände.</p>
+
+<p>So war es gekommen, daß die vier Großen vom Hälmli-Sepp, der Jopp, der
+Hans, der Uli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: “Du
+bist doch ein dummer This”, und daß es die vier Kleinen auch
+nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals
+dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es
+werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch ‘der dumme
+This’ genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten könnte,
+wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kühe zu hüten, und war
+er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke
+oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da saß er
+meistens zitternd vor Furcht, denn er hörte wohl, wie die anderen
+Buben ihn mit großem Geschrei suchten, daß er bei den Spielen
+mitmachte, die sie spielen wollten.</p>
+
+<p>Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prügeln, und das traf
+regelmäßig den This am stärksten, da er sich nicht wehrte und auch
+nicht wehren konnte gegen die viel Stärkeren. So verkroch er sich,
+sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kühe, wohin sie wollten
+und fraßen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann großen Ärger, und
+jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kühe zu hüten, und keiner
+stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld,
+wenn die Buben zum Jäten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da
+warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblüten an den
+Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem
+anderen reichlich zurück, was er empfangen hatte. Der This gab aber
+nichts zurück, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen
+Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen
+gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten
+die Knollen an den Rücken und an den Kopf.</p>
+
+<p>Während aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten,
+versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den
+Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit
+nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller
+Arbeit zu dumm und aus dem This könne nie etwas werden. Weil er nun
+gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er
+auch von der Frau des Hälmli-Sepp demgemäß behandelt. Wenn schon die
+eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es
+meistens, daß für den This gar nichts mehr übrigblieb und es dann hieß:
+“Du wirst wohl etwas finden, du bist groß genug.” Wie der This
+eigentlich ernährt wurde, wußte niemand, auch die Frau des Hälmli-Sepp
+nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.</p>
+
+<p>Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen
+Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tür
+vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in
+seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich
+wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer
+scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="2_Kapitel">2. Kapitel<br><span class="small">Bei der Schwemmebachsennhütte</span></h2>
+</div>
+
+
+
+<p>An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle
+Mücken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hüterbuben und—mädchen.
+Sie mußten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp,
+von allen der Größte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle
+nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, daß man jetzt zur
+Schwemmebachsennhütte hinaufgehe, denn heute sei der Käsfischtag. Nun
+müsse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kühe
+hüten solle, während die anderen sich zu dem Festmahl begeben würden.
+Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust,
+sich für die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue
+Uli auf den Gedanken, man könnte einmal den dummen This zwingen, auf
+die Kühe acht zu geben. Und damit er’s nicht vergesse, könnte man ihn
+im voraus ein wenig durchprügeln. Der Vorschlag fand Anklang, und
+schon wollten mehrere von den Anführern der Schar den This holen, als
+das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: “Das ist gar nichts
+Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den
+Lohn dafür, wenn wir wieder zurückkommen und die Kühe sich verlaufen
+haben. Ihr werdet doch nicht glauben, daß der This, wenn er zu dumm
+ist, zwei Kühe zu hüten, auf einmal zwanzig hüten kann. Man muß losen,
+und drei müssen bei den Kühen bleiben, sonst ist’s nichts.” Lisis
+Erklärung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus
+der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet
+der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der
+siegreichen Schar den Rücken und setzte sich auf den Boden neben seine
+beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stürzte nun
+die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuß
+entgegen.</p>
+
+<p>Der Käsfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die
+es nie unterließen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen
+sollte. Denn das war ein Hauptfest für sie. Das war der Tag, an dem
+der Franz Anton seine frischen Käse rundum beschnitt, nachdem diese
+als weiche Masse in die runde, hölzerne Form gepreßt worden waren.
+Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von
+der Masse herausdrängte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie
+eine lange, schneeweiße Wurst. Die wurde dann in viele Stücke
+gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt.
+Das waren dann die sogenannten Käsfische. Dieses Fest wiederholte
+sich den Sommer über alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem
+Freudengeschrei begrüßt.</p>
+
+<p>This hatte sich hinter dem großen Distelbusch am Boden versteckt
+gehalten, während die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton
+von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hörte,
+daß die große Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig
+hervor. Die drei grollenden Zurückgebliebenen saßen am Boden und
+kehrten ihm den Rücken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stück
+die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der
+Höhe hernieder. Den This erfaßte ein unwiderstehliches Verlangen,
+auch an der Käsfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlüpfte er
+hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er
+hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem
+letzten steilen Hang kam eine kleine, glänzend grüne Hochebene, da
+stand die Sennhütte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der
+klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tür seiner Hütte stand der
+Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte über
+die vielen Sprünge, die jetzt die Buben und Mädchen in ihrem Eifer, zu
+dem ersehnten Genuß zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt
+waren sie alle bei der Hütte und eines drängte das andere vorwärts, um
+noch näher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen würde.</p>
+
+<p>“Nur zahm, nur zahm”, lachte jetzt der Franz Anton. “Wenn ihr alle in
+die Hütte hineindrängt, so habe ich keinen Platz mehr zum
+Käseschneiden und ihr habt den Schaden.” Jetzt nahm er sein festes
+Messer zur Hand und trat an den großen, runden Käse heran, den er
+schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden
+ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweißen
+Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stück und da ein
+Stück, oft über die Köpfe der Großen weg den Kleinen, die nicht zu ihm
+vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner
+Teilung.</p>
+
+<p>This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen
+wollte, so bekam er da einen Stoß und dort einen und flog so von einer
+Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer
+wieder ein Größerer und Dickerer sich vor ihn drängte. Zuletzt bekam
+er einen so ungeheuren Stoß von dem breiten, nach allen Seiten
+schlagenden Jopp, daß er sich fast überschlagen hätte. Die Teilung
+war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, daß er zu keinem
+Stückchen Käsfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine
+Schläge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die
+jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den
+Bäumchen. Auf der höchsten Krone des einen saß ein lustiger, kleiner
+Vogel und pfiff so fröhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als
+gäbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und
+Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, daß er fast das
+Leid vergaß, das ihm eben geschehen war.</p>
+
+<p>Von Zeit zu Zeit mußte er nach der Sennhütte hinüberschauen, denn das
+Lärmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stück Käsfisch
+wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie
+jedes Kind mit einem größeren oder kleineren Brocken der schönen,
+weißen Masse dastand und mit Wonne hineinbiß. Er seufzte dann ein
+wenig und sagte leise: “Wenn ich nur auch einmal ein einziges
+Stücklein bekäme!” Der This hatte niemals von den herrlichen, weißen
+Käsfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie
+heute in die Schar der Glücklichen einzudringen. Jetzt hatte er
+gesehen, daß es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut
+zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlußgedanken, daß er
+sein Leben lang nie einen Käsfisch bekommen werde. Darüber wurde er
+so traurig, daß er nicht einmal den Vogel mehr hörte und ganz
+zusammengeduckt unter den Tannenbäumen saß.</p>
+
+<p>Jetzt war das Gastmahl bei der Hütte zu Ende und mit schrecklichem
+Lärm stürzten die Kinder daher, womöglich immer einer über den anderen
+hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall
+brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der
+lärmende Hans, und laut schrie er in das Gebüsch hinein: “Du Maulwurf,
+komm heraus, du mußt mitmachen!” This verstand, was er mitzumachen
+hatte. Er mußte sich als Bock hinstellen, damit die anderen über ihn
+springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wäre
+viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wußte wohl,
+was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er
+gehorsam heran. “Wie viele Käsfische hast du bekommen?” schrie ihn
+jetzt der Hans an.</p>
+
+<p>“Keinen”, gab This zurück. “Oho, seht einmal den an”, schrie der Hans
+noch lauter in die Schar hinein, “der läuft schnell zu den Käsfischen,
+und dann läuft er wieder fort und hat keinen gesehen.” “Du dummer
+This”, rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die großen
+Buben über den Kopf weg, so daß er genug zu tun hatte, nur immer
+wieder auf die Füße zu kommen, wenn er umgeworfen worden war.
+Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestürzter die Abhänge
+hinunter, bis ein glücklicher Zufall sie wieder alle auf die Füße
+brachte. Nach dieser stürmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen
+gleich alle auseinander, jeder seinen Kühen nach.</p>
+
+<p>Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn
+jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den
+Zurückgebliebenen, weil er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem
+Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben
+und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im
+Berghang, wo im Frühling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und
+den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und
+ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schöne, dunkelrote
+Erdbeeren in der Sonne, die so schön warm in die Vertiefung schien.
+Aber dem This war es überall angst und bang, wenn er noch in der Nähe
+der Häuser und der Hüterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden
+Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der
+This zuckte scheu und ängstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer
+dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch
+einmal an das stille Plätzchen unter den kleinen Tannenbäumchen dort
+oben und an das pfeifende Vögelein, so daß es ihn mit Gewalt vom Boden
+zog. Er mußte noch einmal dorthin.</p>
+
+<p>Mit allen Kräften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht
+einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die
+Tannenbäumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein
+Tannenversteck ein wenig offen. Da saß nun der This in völliger
+Sicherheit. Ringsum war eine große Stille, kein Ton drang von unten
+her bis hier auf die einsame Höhe, nur das Vögelein saß noch auf
+seinem Tannenast und pfiff sein fröhliches Lied. Die Sonne wollte
+untergehen. Die hohen Schneeberge drüben fingen zu flimmern und zu
+glühen an, und über die ganze grüne Alm hin lag das golden schimmernde
+Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie
+gekanntes Wohlsein kam über ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und
+Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fürchten, denn weit und
+breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hören.</p>
+
+<p>So saß der This eine lange Zeit, und am liebsten wäre er gar nicht
+mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben
+gewesen. Aber da hörte er schwere Tritte hinter sich von der Hütte
+her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiß
+wollte er zum Bach hinüber, um Wasser zu holen. This verhielt sich
+mäuschenstill. Denn er war so daran gewöhnt, daß er von jedermann
+angefahren oder ausgelacht wurde, daß er dachte, der Senn werde es
+gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die
+Bäumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton
+wurde aufmerksam, trat näher und guckte in den Tannenbusch hinein.</p>
+
+<p>“Was machst du denn da drinnen?” fragte der Senn mit lustigem Gesicht.</p>
+
+<p>“Nichts”, erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.</p>
+
+<p>“Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fürchten, wenn du nichts
+Böses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa
+mit deinen Käsfischen da hineingeflüchtet, daß du sie in Ruhe
+verzehren kannst?”</p>
+
+<p>“Nein, ich habe keine Käsfische gehabt”, sagte This ängstlich.</p>
+
+<p>“Nicht? Und warum denn nicht?” fragte der Senn in einer Weise, wie
+sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem
+Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte—das Zutrauen zu einem
+Menschen.</p>
+
+<p>“Sie haben mich auf die Seite gestoßen”, erwiderte er nun und stand
+hinter den buschigen Zweigen auf.</p>
+
+<p>“So, jetzt kann man dich doch sehen”, fuhr der Senn freundlich fort,
+“komm noch ein wenig näher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn
+sie dich wegstoßen? Es stößt ja immer einer den anderen, aber zuletzt
+kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?”</p>
+
+<p>“Sie sind stärker”, sagte der This so überzeugend, daß diese Erklärung
+wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den
+Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, großen Franz Anton wie
+ein dünnes Stöcklein vor einer hohen Tanne. Der kräftige Mann
+betrachtete einen Augenblick das schmale Figürchen, an dem tatsächlich
+fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht
+schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.</p>
+
+<p>“Wem gehörst du?” fragte er jetzt den Buben.</p>
+
+<p>“Niemand”, gab This zur Antwort.</p>
+
+<p>“Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?”</p>
+
+<p>“Beim Hälmli-Sepp.”</p>
+
+<p>Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. “Ach so, bist du der!”
+sagte er verständnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar
+nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehört, ihn aber nicht
+gekannt.</p>
+
+<p>“Komm einmal mit mir”, sagte er mitleidig. “Wenn du beim Hälmli-Sepp
+bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hälmlein.
+Komm, Käsfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes.”</p>
+
+<p>Der This wußte gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz
+Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und
+das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Hütte, holte
+hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein großes
+Stück ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfaß, das goldig glänzend
+in der Ecke stand, und holte ein großes Stück Butter heraus. Das
+strich er über die Brotschnitte und reichte nun das feste Stück mit
+der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte
+der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es
+nicht möglich, daß es ihm gehöre.</p>
+
+<p>“Komm heraus. Iß es vor der Hütte, ich muß nun zum Wasser”, sagte
+Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glück und
+Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte.
+Vor der Hütte setzte er sich auf den Boden. Und während der Senn zum
+Schwemmebach hinüberging, biß er in sein Butterbrot hinein und biß
+immer wieder und konnte nicht begreifen, daß es etwas so Gutes gäbe
+und er es bekommen hätte.</p>
+
+<p>Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und
+wiegte unten die Tannenbäumchen hin und her, und der kleine Vogel saß
+immer noch auf dem höchsten Zweig und sang hell und fröhlich in den
+goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie
+gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er müsse laut mit dem Vogel zu
+singen anfangen.</p>
+
+<p>Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her
+gegangen. Drüben beim Schwemmebach war er immer eine Weile
+stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr
+rot vom Abendschein, aber jetzt stieg groß und golden der volle Mond
+hinter dem weißen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Hütte
+zurück und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle
+saß.</p>
+
+<p>“So gefällt’s dir hier?” fragte er freundlich. “Mit dem Abendessen
+bist du fertig, wie ich sehe. Du mußt dich auf den Rückweg machen.
+Sieh, wie schön dir der Mond heimleuchtet!”</p>
+
+<p>Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel
+ihm ein, daß es wohl nötig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem
+Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den
+Tannenbäumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurück. Er schaute noch
+einmal zurück, und da der Senn in die Hütte getreten war und ihn nicht
+mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz
+Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Güte
+und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen
+Eindruck gemacht, daß er nicht fort konnte. Er mußte noch ein wenig
+in der Nähe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen
+unter den Bäumchen und spähte zu der Hütte hinauf, ob er den Senn
+nicht noch einmal sähe. Es dauerte einige Zeit, da plötzlich trat
+Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Hütte heraus.</p>
+
+<p>Er blieb vor der Tür stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die
+stille Bergwelt hinaus, wo jetzt über alle hohen Schneegipfel hin das
+milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt
+der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen
+Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hände. Er hielt wohl still
+seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: “Gute Nacht
+geb euch Gott!” trat in die Hütte zurück und machte die Tür zu. Sein
+Nachtgruß hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum
+und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller
+Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fühlte Liebe und
+Bewunderung für den Senn, Gefühle, die er bisher nicht gekannt hatte.</p>
+
+<p>Als es nun ganz dunkel und still in der Hütte wurde, stand der This
+auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.</p>
+
+<p>Es war spät und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich,
+die Tür war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Häuschen und
+schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser
+schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: “Es
+ist bequem, daß der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden.
+So hat man doch Platz!”</p>
+
+<p>This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er
+immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit
+gefalteten Händen vor seiner Hütte stand. Zum erstenmal in seinem
+Leben schlief der This mit einem glücklichen Herzen ein.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="3_Kapitel">3. Kapitel<br><span class="small">Ein hilfreicher Engel</span></h2>
+</div>
+
+
+
+<p>Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten,
+mußten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges
+gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr
+Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze
+Schar den Berghang herunter, und bald saßen sie alle mit anderen
+Kindern so ruhig wie möglich auf den langen Bänken, und der Herr
+Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von
+einem zukünftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den
+This fiel, fuhr er fort: “Ich will dich auch einmal wieder etwas
+fragen, das wirst du wohl beantworten können, wenn man dir auch nicht
+viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Ärmsten
+und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben geführt hat, so
+wohl werden, daß er kein Leid verspürt?”</p>
+
+<p>“Bei der Schwemmebachsennhütte”, antwortete der This ohne Zögern.
+Jetzt entstand ein solches Kichern, daß der This ganz scheu um sich
+schaute. Ringsum waren spöttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle
+Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich
+so stark vornüber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem,
+was der Herr Pfarrer das letztemal erklärte, hatte er nichts gehört,
+weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mußte. Jetzt hatte
+er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet.</p>
+
+<p>Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, daß es dem
+This gar nicht zum Lachen war, sondern daß er vor Scheu ganz
+erschrocken und zusammengeduckt dasaß, da schüttelte der Herr Pfarrer
+nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: “Es ist nichts mit ihm zu
+machen.”</p>
+
+<p>Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stürzte die ganze Schar
+hinter dem This her, alle lachten überlaut und schrien durcheinander:
+“This, sind dir auf einmal in der Kirche die Käsfische in den Sinn
+gekommen?”</p>
+
+<p>“This, warum hast du nicht auch etwas von den Käsfischen gesagt?” Der
+This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem
+Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben
+wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den
+schönen Sonntagabend unten im Dorf genießen.</p>
+
+<p>Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt
+einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhütte
+hinaufflüchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen.
+Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plätzchen sitzen und
+vor Verfolgung sicher sein. Nun saß er wieder unter den Tannen und
+über ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der
+Sonne, und über den grünen Hängen floß da und dort ein klares Bächlein
+friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, daß er allen
+Spott vergaß und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr
+weggehen zu müssen.</p>
+
+<p>Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er
+beständig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie möglich
+nieder. Denn er hatte das Gefühl, wenn der Franz Anton ihn wieder
+hier sehe, so könnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein
+Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und
+einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und
+in dessen Nähe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst
+nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und
+This saß an seinem schönen Plätzchen, bis die Sterne am Himmel standen
+und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Hütte hinaustrat und
+ausrief: “Gute Nacht geb euch Gott!” Dann erst lief der This wieder
+davon, und spät wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht
+hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber
+das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefühlt
+dort oben.</p>
+
+<p>So ging es eine ganze Woche. Tag für Tag, sobald er einen Augenblick
+fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm
+hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete
+er die ganze Tätigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und
+nie verließ er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton
+gesagt hatte: “Gute Nacht geb euch Gott!” Es war ihm jetzt immer, als
+sei der Nachtsegen auch für ihn gedacht.</p>
+
+<p>Es waren ausnahmsweise heiße Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg
+jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend
+niedergegangen war. Das Futter war besonders kräftig, und Franz Anton
+bekam so schöne, fette Milch von den Alpenkühen, daß er die
+prächtigsten Käse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude,
+und schon frühmorgens konnte man ihn voller Vergnügen in seiner
+Sennhütte pfeifen hören, so auch am Samstag dieser Woche. Da hörte
+man ihn noch viel früher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem
+der Senn seine drei oder vier fertigen Käse an den See hinunterbrachte.
+Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie
+auf seinem Rücken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwärts,
+den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rücken. Es
+war der heißeste Tag des ganzen Sommers.</p>
+
+<p>Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die übermäßige
+Hitze, und oft sagte er zu sich: “O wie will ich froh sein, heute
+abend wieder zu meiner Hütte hinauf in die kühle Luft zu kommen, hier
+unten ist’s wie in einem Backofen.” Jetzt war er unten angelangt,
+gerade als das Schiff herankam, das die Käse mitnehmen sollte. Bald
+war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlüssig
+da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten
+etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fühlte keinen Appetit, sein Kopf
+war schwer und heiß, er wünschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn
+jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim
+Einladen geholfen hatte. “Komm, Franz Anton, heute ist’s heiß, wir
+wollen ein Glas Wein im Schatten trinken”, sagte er und zog den Senn
+zu dem Wirtshaus.</p>
+
+<p>Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im
+Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber
+stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in
+der schweren, heißen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht
+an den Wein gewöhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit großen
+Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in
+seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiß auf
+seinen Kopf, alle seine Pulse hämmerten, die Füße wurden ihm so schwer,
+daß er sie nur mit Mühe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je
+größer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der
+Aussicht an, daß nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt
+nur noch eine Viertelstunde heißer Mühe vor ihm liege. Dann würde er
+oben sein und könne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.</p>
+
+<p>Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne
+brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Plötzlich wurde es ihm völlig
+schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stürzte er auf den
+Boden nieder. Er hatte das Bewußtsein verloren.</p>
+
+<p>Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er,
+daß der Franz Anton noch nicht zurückgekehrt war. Er stellte seine
+Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem
+Senn auszuschauen.</p>
+
+<p>Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz
+Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte
+er an seinem verborgenen Plätzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt,
+den der Senn tat. Er wußte, wie eine Beschäftigung auf die andere
+folgte, so daß er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der
+Franz Anton seine Milch stehen ließ. Sonst goß er sie immer gleich in
+die verschiedenen Gefäße. Die eine kam zum Buttern in die großen,
+runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schön dick obenauf
+lag. Die andere wurde in den Käsekessel gegossen, das hatte der This
+durch die offene Hüttentür alles genau beobachten können. Der Senn
+kam immer noch nicht. Der Junge fühlte, daß irgend etwas geschehen
+sein mußte. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging
+zur Sennhütte. Da war es still und leer unten im Hüttenraum und oben
+auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut
+war zu hören, alles wie ausgestorben. Ängstlich lief der This
+jetzt um die Hütte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann
+in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal—dort unten
+erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu—da
+lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stöhnte und lechzte wie
+ein Sterbender. Er sah glühend heiß aus, und seine Lippen waren ganz
+vertrocknet.</p>
+
+<p>Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor
+Schrecken, auf seinen Wohltäter. Dann stürzte er in schnellem Lauf
+den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewußtlos am
+Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt
+an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem
+brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bücken
+und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er für einen Augenblick,
+denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.</p>
+
+<p>Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rühren.
+Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das
+Bewußtsein wieder, und er träumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er
+heute früh im Vorübergehen noch die schönen Erdbeeren gesehen hatte.
+Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die
+Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber
+jetzt hatte er plötzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte
+sie ihm gegeben—und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der
+Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlürfte und
+schluckte, es war ein unsägliches Labsal. Er erwachte. War das alles
+Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und
+steckte ihm wieder eine große saftige Erdbeere in den Mund.</p>
+
+<p>“O du guter Engel, noch eine”, sagte leise der Franz Anton. Aber
+nicht nur eine, fünf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf
+einmal flog ein stechender Schmerz über sein Gesicht. Er legte die
+Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: “Wasser”, dann war
+ihm das Bewußtsein wieder völlig entschwunden. Er konnte nicht einmal
+mehr die letzte Erdbeere genießen. Jetzt träumte er ganz schreckliche
+Dinge. Sein Kopf wurde so groß wie sein allergrößtes Butterfaß und
+dann immer noch größer und so furchtbar schwer, daß er mit Schrecken
+dachte: “Den kannst du nie mehr allein tragen, man muß starke,
+hölzerne Stützen unterstellen, wie unter die Apfelbäume, wenn sie
+zuviel Äpfel tragen.” Und jetzt fühlte er deutlich, daß der Kopf ganz
+voll Schießpulver war, das hatte einer von hinten angezündet. Nun
+brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mußte alles
+zerspringen. Aber dann kam plötzlich ganz kalt und belebend der
+Schwemmebach über seine Stirn, über das ganze Gesicht und in den Mund
+hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.</p>
+
+<p>Es war wahr, eiskalt kam ein Guß nach dem anderen auf Stirn und
+Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den
+kühlenden Trank ein. Über ihm standen die funkelnden Sterne, das
+sah der Franz Anton deutlich. Er wußte auch, daß er noch am Boden lag
+draußen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der
+Schwemmebach sein, was so über ihn floß und ihn so ordentlich trinken
+ließ. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend,
+so erlösend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer.
+Voller Dank sagte er nur halblaut: “Ach, lieber Gott, wie danke ich
+dir für deine Güte und die hilfreichen Engel!”</p>
+
+<p>Das erquickende Wasserbad hörte nicht auf, und zuletzt fühlte der
+Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schützend und
+wohltuend, daß er sagte: “Da kann kein Feuer mehr durch.” Und beruhigt
+schlief er jetzt ganz sanft ein und träumte nicht mehr.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="4_Kapitel">4. Kapitel<br><span class="small">Was die Sennenmutter haben will</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz
+Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er
+schauderte ein wenig zusammen, es fröstelte ihn. Er wollte sich
+aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand
+an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht.
+Wohl sechsfach zusammengelegt lag naß und schwer das große Handtuch
+aus der Sennhütte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der
+frische Morgenwind über die Stirn blies, fühlte er sich so wohlig und
+erleichtert, daß er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da
+sah er auf einmal in zwei große, ernsthafte Augen hinein, die
+unverwandt auf ihn gerichtet waren.</p>
+
+<p>“Bist du das, This?” fragte er verwundert, “Wie kommst du so früh auf
+die Alm? Nun, weil du da bist, komm, daß ich mich ein wenig auf deine
+Schulter stützen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf.”</p>
+
+<p>Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er
+stemmte mit aller Gewalt seine beiden Füße in den Boden hinein, so daß
+der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte.
+Während des langsamen Aufstiegs zur Hütte, als er sich immer noch auf
+die Schulter des Buben stützte, fing er an, sich daran zu erinnern,
+was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgänge der
+Nacht völlig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur
+helfen. In der Hütte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner
+dreibeinigen Stühle und sagte: “This, hol dir den anderen und setz
+dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir
+wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt
+noch nicht machen. Ein Schüsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist
+es denn hingekommen?” unterbrach sich der Senn, “ich stelle es
+regelmäßig dort hinauf. Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht seit
+gestern.”</p>
+
+<p>Der This war feuerrot geworden, er wußte wohl, wer das Schüsselchen
+heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: “Dort steht’s am
+Boden”, holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides
+dem Senn. Dieser schüttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er
+lebte, hatte er noch nie sein Schüsselchen dort bei der Tür auf den
+Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine
+Milch, füllte dann das Schüsselchen wieder und sagte: “Da, This, trink
+auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, daß du so früh hinauf
+kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Käsfischtag und du seist dann
+sicher der erste?”</p>
+
+<p>“Nein, gewiß nicht”, versicherte This.</p>
+
+<p>“Sag mir jetzt etwas”, fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal
+unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder
+zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. “Sag mir, This, habe ich
+denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute früh
+heraufkamst?”</p>
+
+<p>Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn
+alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht
+recht, und er könnte böse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm
+jetzt so tief in die Augen, daß er alles sagen mußte: “Ich habe es
+selbst darauf gelegt”, fing er zaghaft an.</p>
+
+<p>“Warum denn, This?” fragte der Senn verwundert.</p>
+
+<p>“Weil sie so heiß waren”, erwiderte This.</p>
+
+<p>Der Senn staunte immer mehr. “Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang
+erwacht”, sagte er. “Wann bist du denn heraufgekommen?”</p>
+
+<p>“Gestern um fünf, oder um vier Uhr”, stotterte der This furchtsam,
+“der Melker kam erst lange nachher.”</p>
+
+<p>“Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn
+gewollt und gemacht?”</p>
+
+<p>Jetzt sah der Franz Anton, daß dem This ganz bange wurde, ihm selber
+aber fielen nun wieder die Vorgänge der letzten Nacht ein. Ganz
+väterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd:
+“Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fürchten, This. Da, trink noch
+eins aus, und dann sag mir alles, was du weißt, von da an, als du hier
+heraufgekommen bist.” Auf diese Ermunterung hin faßte der This neuen
+Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zügen aus, denn sie schmeckte
+herrlich.</p>
+
+<p>Dann fing er an zu berichten: “Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier
+herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Käsfische.
+Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie
+nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden
+gefunden, und Sie sind ganz rot und heiß gewesen und haben Durst
+gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe
+alle großen Erdbeeren gepflückt, die noch da waren, und habe sie Ihnen
+gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf
+den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Hütte
+das Schüsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach
+habe ich ihn gefüllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schüsselchen das
+Wasser über den Kopf geschüttet und auch zu trinken gegeben, denn sie
+haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin
+ich zum Bach hinüber und habe ihn wieder gefüllt. Aber weil das
+Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes
+Tuch wurde den Kopf besser kühlen. Und so habe ich das Tuch aus der
+Hütte geholt und es ganz naß auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann
+trocken und heiß wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und
+es dann wieder naß auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann
+erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht
+etwa krank werden.”</p>
+
+<p>Der Senn hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Jetzt stand alles
+deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wußte auch
+wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren
+als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespürt und
+genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und
+verwundert an, als hätte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen
+solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn möglich, daß
+dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben
+gerettet hatte.</p>
+
+<p>Hätte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelöscht, wer weiß,
+was bis zum Morgen daraus geworden wäre! Und wie konnte dieser This,
+dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung
+fähig sein, daß er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn
+pflegte! Dem großen, starken Franz Anton kamen die Tränen in die
+Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles
+überdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: “Wir
+wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das
+vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die
+Glieder so, daß ich mich jetzt niederlegen muß. Geh du nun hinunter
+zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir
+nicht ganz wohl. Du mußt dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe
+noch viel mit dir zu reden heute, vergiß es nicht!”</p>
+
+<p>Solange er lebte, war der This noch nie so glücklich gewesen. Er lief
+springend den Berg hinunter, als könne er nicht hoch genug aufspringen
+vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen,
+und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in
+die Sennhütte eintreten. Außerdem hatte der Franz Anton ihm noch
+gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser
+Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der
+Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Häuschen
+mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im
+Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der
+Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen,
+denn er war ganz atemlos vom Laufen.</p>
+
+<p>“Woher kommst denn du?” fragte die sonntäglich gekleidete Frau, die
+nicht gern etwas Unordentliches sah. Mißbilligend musterte sie den
+Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntäglichen Anblick
+in seinen zerfetzten Alltagshöschen und dem schmutzigen Hemdlein.
+“Ich meine, ich habe dich schon dort drüben über dem Bach gesehen, du
+bist wohl einer vom Hälmli-Sepp?”</p>
+
+<p>“Nein, nur der This”, erwiderte der Bub ganz demütig.</p>
+
+<p>Jetzt fiel der Frau ein, daß die Frau des Hälmli-Sepp einen
+einfältigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts
+zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. “Und was willst du
+denn bei mir?” fragte sie nun erst recht verwundert.</p>
+
+<p>Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag
+klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der
+kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und daß er nach ihr schickte
+und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes
+Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in großer
+Sorge das Nötigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem großen
+Korb am Arm heraus.</p>
+
+<p>“Komm”, sagte sie zu This, “wir wollen gleich gehn. Warum mußt du
+wieder mit?”</p>
+
+<p>“Ich weiß nicht”, antwortete er. Und fast als wäre es etwas Böses,
+setzte er leise hinzu: “Muß ich nicht den Korb tragen?”</p>
+
+<p>“So, jetzt verstehe ich’s”, sagte die Frau, “der Franz Anton hat daran
+gedacht, daß ich allerhand mitbringen will.” Sie gab dem This den Korb.
+Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief
+in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer
+Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die
+Krankheit gefährlich sein? Ihre Angst wurde immer größer, je näher
+sie der Sennhütte kamen. Jetzt waren sie oben—nur noch einige
+Schritte—der bekümmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast
+nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie
+schaute überall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn
+tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem
+Herzen stieg sie die Leiter hinauf.</p>
+
+<p>Der This blieb ehrerbietig draußen vor der Tür stehen, nur den Korb
+schob er in die Hütte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll
+über ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte
+ihr fröhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter:
+“Grüß dich Gott, Mutter! Das freut mich, daß du da bist. Ich habe
+aber geschlafen wie ein Bär, die ganze Zeit, seit der This fortging.”
+Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie
+wußte gar nicht, was sie denken sollte. “Franz Anton”, sagte sie
+jetzt ernsthaft, “was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weißt du,
+daß du mich hast holen lassen?”</p>
+
+<p>“Ja, ja, Mutter”, lachte jetzt der Franz Anton, “jetzt bin ich ganz
+bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir
+noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir
+reden. Ich fühl’s auch jetzt noch in den Knien zittern, ich käme noch
+nicht weit.”</p>
+
+<p>“Aber was ist’s denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir’s doch”,
+drängte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.</p>
+
+<p>“Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen”,
+sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. “Sieh einmal
+zuerst dort unten das schmale, magere Büblein an, das kein gutes Stück
+Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder
+nur den dummen This nennt.”</p>
+
+<p>Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn
+hinaufspähte, ob er etwa wieder umfallen wolle.</p>
+
+<p>“Und jetzt?” fragte die Mutter gespannt.</p>
+
+<p>“Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Büblein nicht
+gewesen wäre, so läge ich jetzt noch draußen auf dem Boden in einem
+tödlichen Fieber, oder vielleicht wäre es auch schon vorbei mit mir.”
+Und jetzt erzählte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag
+zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen
+und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch
+auf der Welt es nicht besser hätte tun können.</p>
+
+<p>Die Mutter mußte sich mehrmals die Tränen abwischen. Sie stellte sich
+vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da
+draußen gelegen hätte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden
+wäre, und kein Mensch hätte etwas von ihm gewußt. Und jetzt stieg ein
+Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, daß sie laut ausrufen mußte:
+“Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!” Aber auch eine solche
+Liebe zu dem armen This überkam sie, daß sie ganz eifrig sagte: “Franz
+Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hälmli-Sepp zurück!
+Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat
+sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen
+mache ich ihm ein Gewand, daß man ihn ansehen darf. Er muß es nicht
+schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir
+geholfen hat.”</p>
+
+<p>“Das ist nun gerade, was ich wünschte, Mutter, aber ich mußte doch
+zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben
+und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein könnte. Es geht
+nichts über eine Mutter!” Und der Franz Anton schaute sie so voller
+Glück und Liebe an, daß es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich
+dachte: Es geht auch nichts über einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte
+sie: “Jetzt mußt du etwas essen, Franz Anton, daß du wieder zu Kräften
+kommst. Ich habe frische Eier und ein Weißbrot mitgenommen, und jetzt
+will ich Feuer machen, laß dir Zeit zum Herunterkommen.” Das mußte der
+Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging.
+Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er
+sich selbst niedergesetzt hatte.</p>
+
+<p>“This”, sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend,
+“willst du ein Senn werden?”</p>
+
+<p>Der This fing an zu lächeln, aber dann hörte er plötzlich die
+vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen
+hatte: “Aus dem wird nie etwas,”, “der kann nichts”, “der wird nichts”.
+Und schüchtern antwortete er. “Ich kann nichts werden.”</p>
+
+<p>“This, ein Senn wirst du”, sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit.
+“Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun
+bleibst du bei mir und trägst Milch und Wasser und hilfst mir bei
+allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Käse macht und sobald
+du groß genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein
+Gehilfe.”</p>
+
+<p>“Hier in der Schwemmebachsennhütte?” fragte This, dem die Aussicht auf
+diese Glückseligkeit ganz unfaßbar war.</p>
+
+<p>“Alles hier, in der Schwemmebachsennhütte”, bestätigte der Franz Anton.</p>
+
+<p>Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden
+Glücks, daß der Senn ihn nur ansehen mußte. Der Bub war wie
+verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den großen
+Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie
+streichelte den Buben und sagte: “Ja, Thisli, heute wollen wir
+miteinander fröhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen
+wir dem lieben Gott dafür danken, daß er dich gerade zur rechten Zeit
+in die Nähe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch
+begreift, warum du da heraufgekommen bist.”</p>
+
+<p>Jetzt begann das fröhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben
+hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen.
+Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weißbrot hingelegt
+und daneben Butter und weißen Käse. Und mitten auf dem Tisch stand
+eine große Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die
+Mutter große, dicke Stücke vor den This hin, und wenn er fertig war,
+gab es gleich noch einmal so viel.</p>
+
+<p>Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie:
+“Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muß bei dir oben
+bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es
+nötig ist. Der Frau des Hälmli-Sepp will ich schon alles berichten.”</p>
+
+<p>Das war dem Sennen recht, und für den This war es das höchste Glück,
+das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton.
+Nicht mehr verborgen unter den Tannenbäumchen hörte er heute den
+Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als
+dieser seine Hände faltete und sagte: “Komm, This, nun beten wir den
+Abendsegen.” Andächtig faltete auch er seine Hände, und als am Schluß
+der Senn sagte: “Gute Nacht geb euch Gott!”, da war das Glück im
+Herzen des This so groß, daß er gern überlaut allen Menschen auf der
+ganzen Welt sagen wollte: ‘Gute Nacht geb euch Gott!’</p>
+
+<p>Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinüber zu der Frau des
+Hälmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und
+gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzählten.
+Die Sennin hörte, daß von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der
+Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hälmli-Sepp erklärte,
+daß sie mit ihrem Sohn übereingekommen sei, sie wollten den This bei
+sich annehmen, da machte die Frau einen großen Lärm. Sie sagte, sie
+sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien für
+den Senn eine größere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien
+alle aus vollen Hälsen: “Mich! Mich! Mich!” Denn sie wußten wohl,
+wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhütte für gute
+Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.</p>
+
+<p>Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn
+schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen
+This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das
+Hänseln und Verspotten unterlassen, sonst hätten sie es mit ihrem Sohn
+zu tun. Der rede dann mit seinen kräftigen Armen eine deutlichere
+Sprache mit den Buben, als sie es jetzt könnte. Dann verließ die
+Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblüfft nachschauten,
+und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wäre,
+der wird’s gut haben, wie ein König wird er da oben in seiner
+Sennhütte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen ließ,
+liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund
+sein. Denn sie mußten alle an den letzten Käsfischtag denken, als der
+This so übel behandelt worden war. Von nun an würde er ja gewiß alle
+Käsfische allein bekommen, da wäre doch jeder gut daran, der sein
+Freund wäre. Und später waren sie auch alle gut daran, denn dem This
+machte es die größte Freude, die reiche Ernte der Käsfische unter
+allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darüber
+wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie
+mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte
+sich zur Überraschung aller, daß er auf einmal ein ganz flinkes,
+geschicktes Bürschchen war, von dem jeder sagen mußte: “Entweder ist
+das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den
+dummen This zu nennen.” Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit,
+sein liebster Schüler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei
+allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die
+anderen Buben könnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.</p>
+
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 9859 ***</div>
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+}
+
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 9859 ***</div>
+
+
+
+<h1>Vom This, der doch etwas wird</h1>
+
+<p class="center p2">Erzählung</p>
+
+<p class="center big">Johanna Spyri</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="1_Kapitel">1. Kapitel<br><span class="small">Alle gegen einen</span></h2>
+</div>
+
+
+
+<p>Wenn man den Seelisberg von der Rückseite her besteigt, kommt man auf
+eine frische, grüne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die
+friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem
+schönen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenährten Kühe
+ziehen lieblich läutend immer hin und her. Denn jede trägt am Hals
+ihre Glocke, damit man immer hört, wo sie ist. So kann sich keine Kuh
+unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Sträuchern bedeckte Felswand
+liegt, über die sie hinunterstürzen könnte. Es ist außerdem ein
+ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben können. Aber die
+Glocken sind doch notwendig und tönen so freundlich hin und her, daß
+keiner sie entbehren möchte. Am Bergabhang stehen hie und da
+vereinzelt die kleinen, hölzernen Häuser, und nicht selten rauscht
+daneben ein schäumender Bach ins Tal hinab. ‘Am Berghang’ heißt es
+hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Häuschen steht auf
+ebenem Boden. Es ist, als wären sie irgendwie an den Berg hingeworfen
+worden und da hängengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da
+oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie
+alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der
+kleinen, hölzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt
+in ihre Nähe, so sieht man, daß ein großer Unterschied zwischen ihnen
+ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nähe ganz
+verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen
+ihnen stürzt der größte Bergbach der Gegend, der schäumende
+Schwemmebach, hinunter.</p>
+
+<p>Am ersten Häuschen blieben auch an den schönsten Sommertagen alle die
+kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die
+hineindrang, kam durch die Löcher der zerbrochenen Scheiben. Das war
+aber nicht viel, denn die Löcher waren wieder mit Papier verklebt,
+damit man im Winter drinnen nicht frieren mußte. An dem hölzernen
+Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war
+so zerfallen, daß es ein Wunder war, daß alle die kleinen Kinder, die
+da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie
+hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder
+waren alle mit Schmutz überdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen
+Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag über da
+herum, und am Abend kamen vier größere Kinder dazu. Drei kräftige
+Buben und ein Mädchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich
+aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie
+konnten sich doch schon selbst waschen.</p>
+
+<p>Das Häuschen über dem Bach drüben hatte einen ganz anderen Charakter.
+Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeräumt
+aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drüben. Die
+Stufen sahen immer so aus, als wären sie eben gescheuert worden. Und
+oben auf der Galerie standen drei schöne Nelkenstöcke und dufteten den
+ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen
+Fenstern stand offen und ließ die schöne, sonnige Bergluft herein.
+Dort konnte man meistens eine noch kräftig aussehende Frau sitzen
+sehen, mit schönem, weißem Haar, das sie sehr ordentlich unter das
+schwarze Häubchen zurückgestrichen hatte. Sie flickte gewöhnlich an
+einem Männerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber
+gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so
+adrett und reinlich aus, als wäre noch nie etwas Unsauberes an sie
+herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des
+fröhlichen Franz Anton mit den kräftigen Armen. Der machte den Sommer
+über in der oberen Sennhütte seine Käse, und erst im Spätherbst zog er
+wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn
+dann butterte er in der unteren Sennhütte, die ganz nahe lag. Da über
+den reißenden Schwemmebach kein Steg führte, waren die zwei Häuschen
+ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg
+wohnten, besser, als diese Nachbarn über dem Bach, zu denen sie nur
+etwa einmal am Tag stumm hinüberschaute. Gewöhnlich schüttelte sie
+dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter
+und schmutzigen Fetzen drüben an den Kindern sah. Sie schaute aber
+nicht oft hinüber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber
+betrachtete sie, wenn das Feierabendstündchen kam, ihre roten Nelken
+auf der Galerie oder sie schaute über den grünen, sonnigen Abhang
+hinunter, der vor ihrem Häuschen zum Tal hinabstieg.</p>
+
+<p>Die verwilderten Kinder über dem Bach gehörten dem Hälmli-Sepp, wie er
+genannt wurde, der seine Arbeit außer Haus beim Holzfällen oder
+Heumachen suchte. Außerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So
+war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die
+Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele
+kleine Kinder könne man nicht in Ordnung halten, und später würde es
+dann von selbst besser. So ließ sie alles gehn, wie es ging. Und in
+der schönen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und
+ließen sich’s, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl
+sein. Zur Sommerzeit waren die vier Größeren den ganzen Tag draußen,
+um die Kühe zu hüten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen,
+wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten
+bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kühe auf das
+umliegende Weideland hinaus und mußten sie hüten lassen. Das ist
+immer eine lustige Zeit für die Buben und Mädchen, die sich dort zu
+jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei fröhliche Sachen
+miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten
+im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere
+Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer
+über ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstück nach Hause,
+das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier
+Kleinen zu ernähren und für alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn
+diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mußte doch jedes haben
+und die vier Großen noch ein Stück dazu. Eine Kuh hatte der
+Hälmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaßen,
+wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.</p>
+
+<p>Hälmli-Sepp hieß der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum
+nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine
+Geiß und ein Stück Kartoffelland, damit mußte die Frau mit den vier
+Kleinen den Sommer über auskommen und auch hier und da noch eines der
+Größeren speisen, wenn es draußen keine Arbeit fand. Der Vater kam im
+Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein
+Häuschen und Acker waren so verschuldet, daß er das ganze Jahr über
+etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten
+konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel
+er fand.</p>
+
+<p>So mußte die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte
+keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von
+der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der
+verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten,
+schaute sie über den Bach zu dem schmucken Häuschen der Sennerin
+hinüber, dessen Scheiben in der Sonne glänzten. Dann sagte sie
+ärgerlich vor sich hin: “Ja, die dort kann schon putzen und alles
+sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner.” Dann ging
+sie wieder ärgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurück, und an dem,
+der ihr zuerst in den Weg kam, ließ sie den Ärger aus.</p>
+
+<p>Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht
+ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Häuschen vom
+Hälmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur ‘der
+dumme This’ genannt, sah so mager und dürftig aus, daß man ihn kaum
+für achtjährig gehalten hätte. Er schaute auch so scheu und
+verschüchtert drein, daß niemand wußte, wie der This eigentlich aussah,
+denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach.
+This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum
+zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel später über die Felsen
+in die Tiefe gestürzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam
+und den Weg abkürzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte
+nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem
+großen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This
+hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend,
+eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen
+Matthis genannt.</p>
+
+<p>Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Häuschen vom
+Hälmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstätte mit seinem Büblein
+gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben
+Ort. Das wenige Geld, das für den kleinen This von der Gemeinde
+bezahlt wurde, war der Frau des Hälmli-Sepp sehr erwünscht. Und in
+die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, für die
+schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This
+war schon von Natur aus ein schüchternes und stilles Büblein gewesen.
+Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das große Unglück
+gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem
+Unglück wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.</p>
+
+<p>So saß der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein
+Wort zu hören, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann
+seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des
+Hälmli-Sepp gehörte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde
+von jedem angefahren und hin und her gestoßen, weil er sich nie wehrte.
+Zu all den Püffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen
+dann noch die bösen Worte der Frau, wenn sie den Ärger über das
+saubere Häuschen der Sennerin drüben hatte. Der This wehrte sich aber
+nie, denn er hatte das Gefühl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so
+nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und
+verschüchtert, daß man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her
+vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn
+anrief. Er sah überhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch,
+wo er in die Erde hineinkriechen könnte, daß ihn keiner mehr fände.</p>
+
+<p>So war es gekommen, daß die vier Großen vom Hälmli-Sepp, der Jopp, der
+Hans, der Uli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: “Du
+bist doch ein dummer This”, und daß es die vier Kleinen auch
+nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals
+dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es
+werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch ‘der dumme
+This’ genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten könnte,
+wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kühe zu hüten, und war
+er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke
+oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da saß er
+meistens zitternd vor Furcht, denn er hörte wohl, wie die anderen
+Buben ihn mit großem Geschrei suchten, daß er bei den Spielen
+mitmachte, die sie spielen wollten.</p>
+
+<p>Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prügeln, und das traf
+regelmäßig den This am stärksten, da er sich nicht wehrte und auch
+nicht wehren konnte gegen die viel Stärkeren. So verkroch er sich,
+sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kühe, wohin sie wollten
+und fraßen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann großen Ärger, und
+jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kühe zu hüten, und keiner
+stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld,
+wenn die Buben zum Jäten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da
+warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblüten an den
+Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem
+anderen reichlich zurück, was er empfangen hatte. Der This gab aber
+nichts zurück, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen
+Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen
+gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten
+die Knollen an den Rücken und an den Kopf.</p>
+
+<p>Während aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten,
+versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den
+Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit
+nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller
+Arbeit zu dumm und aus dem This könne nie etwas werden. Weil er nun
+gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er
+auch von der Frau des Hälmli-Sepp demgemäß behandelt. Wenn schon die
+eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es
+meistens, daß für den This gar nichts mehr übrigblieb und es dann hieß:
+“Du wirst wohl etwas finden, du bist groß genug.” Wie der This
+eigentlich ernährt wurde, wußte niemand, auch die Frau des Hälmli-Sepp
+nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.</p>
+
+<p>Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen
+Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tür
+vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in
+seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich
+wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer
+scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="2_Kapitel">2. Kapitel<br><span class="small">Bei der Schwemmebachsennhütte</span></h2>
+</div>
+
+
+
+<p>An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle
+Mücken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hüterbuben und—mädchen.
+Sie mußten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp,
+von allen der Größte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle
+nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, daß man jetzt zur
+Schwemmebachsennhütte hinaufgehe, denn heute sei der Käsfischtag. Nun
+müsse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kühe
+hüten solle, während die anderen sich zu dem Festmahl begeben würden.
+Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust,
+sich für die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue
+Uli auf den Gedanken, man könnte einmal den dummen This zwingen, auf
+die Kühe acht zu geben. Und damit er’s nicht vergesse, könnte man ihn
+im voraus ein wenig durchprügeln. Der Vorschlag fand Anklang, und
+schon wollten mehrere von den Anführern der Schar den This holen, als
+das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: “Das ist gar nichts
+Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den
+Lohn dafür, wenn wir wieder zurückkommen und die Kühe sich verlaufen
+haben. Ihr werdet doch nicht glauben, daß der This, wenn er zu dumm
+ist, zwei Kühe zu hüten, auf einmal zwanzig hüten kann. Man muß losen,
+und drei müssen bei den Kühen bleiben, sonst ist’s nichts.” Lisis
+Erklärung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus
+der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet
+der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der
+siegreichen Schar den Rücken und setzte sich auf den Boden neben seine
+beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stürzte nun
+die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuß
+entgegen.</p>
+
+<p>Der Käsfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die
+es nie unterließen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen
+sollte. Denn das war ein Hauptfest für sie. Das war der Tag, an dem
+der Franz Anton seine frischen Käse rundum beschnitt, nachdem diese
+als weiche Masse in die runde, hölzerne Form gepreßt worden waren.
+Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von
+der Masse herausdrängte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie
+eine lange, schneeweiße Wurst. Die wurde dann in viele Stücke
+gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt.
+Das waren dann die sogenannten Käsfische. Dieses Fest wiederholte
+sich den Sommer über alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem
+Freudengeschrei begrüßt.</p>
+
+<p>This hatte sich hinter dem großen Distelbusch am Boden versteckt
+gehalten, während die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton
+von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hörte,
+daß die große Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig
+hervor. Die drei grollenden Zurückgebliebenen saßen am Boden und
+kehrten ihm den Rücken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stück
+die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der
+Höhe hernieder. Den This erfaßte ein unwiderstehliches Verlangen,
+auch an der Käsfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlüpfte er
+hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er
+hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem
+letzten steilen Hang kam eine kleine, glänzend grüne Hochebene, da
+stand die Sennhütte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der
+klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tür seiner Hütte stand der
+Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte über
+die vielen Sprünge, die jetzt die Buben und Mädchen in ihrem Eifer, zu
+dem ersehnten Genuß zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt
+waren sie alle bei der Hütte und eines drängte das andere vorwärts, um
+noch näher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen würde.</p>
+
+<p>“Nur zahm, nur zahm”, lachte jetzt der Franz Anton. “Wenn ihr alle in
+die Hütte hineindrängt, so habe ich keinen Platz mehr zum
+Käseschneiden und ihr habt den Schaden.” Jetzt nahm er sein festes
+Messer zur Hand und trat an den großen, runden Käse heran, den er
+schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden
+ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweißen
+Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stück und da ein
+Stück, oft über die Köpfe der Großen weg den Kleinen, die nicht zu ihm
+vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner
+Teilung.</p>
+
+<p>This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen
+wollte, so bekam er da einen Stoß und dort einen und flog so von einer
+Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer
+wieder ein Größerer und Dickerer sich vor ihn drängte. Zuletzt bekam
+er einen so ungeheuren Stoß von dem breiten, nach allen Seiten
+schlagenden Jopp, daß er sich fast überschlagen hätte. Die Teilung
+war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, daß er zu keinem
+Stückchen Käsfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine
+Schläge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die
+jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den
+Bäumchen. Auf der höchsten Krone des einen saß ein lustiger, kleiner
+Vogel und pfiff so fröhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als
+gäbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und
+Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, daß er fast das
+Leid vergaß, das ihm eben geschehen war.</p>
+
+<p>Von Zeit zu Zeit mußte er nach der Sennhütte hinüberschauen, denn das
+Lärmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stück Käsfisch
+wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie
+jedes Kind mit einem größeren oder kleineren Brocken der schönen,
+weißen Masse dastand und mit Wonne hineinbiß. Er seufzte dann ein
+wenig und sagte leise: “Wenn ich nur auch einmal ein einziges
+Stücklein bekäme!” Der This hatte niemals von den herrlichen, weißen
+Käsfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie
+heute in die Schar der Glücklichen einzudringen. Jetzt hatte er
+gesehen, daß es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut
+zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlußgedanken, daß er
+sein Leben lang nie einen Käsfisch bekommen werde. Darüber wurde er
+so traurig, daß er nicht einmal den Vogel mehr hörte und ganz
+zusammengeduckt unter den Tannenbäumen saß.</p>
+
+<p>Jetzt war das Gastmahl bei der Hütte zu Ende und mit schrecklichem
+Lärm stürzten die Kinder daher, womöglich immer einer über den anderen
+hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall
+brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der
+lärmende Hans, und laut schrie er in das Gebüsch hinein: “Du Maulwurf,
+komm heraus, du mußt mitmachen!” This verstand, was er mitzumachen
+hatte. Er mußte sich als Bock hinstellen, damit die anderen über ihn
+springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wäre
+viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wußte wohl,
+was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er
+gehorsam heran. “Wie viele Käsfische hast du bekommen?” schrie ihn
+jetzt der Hans an.</p>
+
+<p>“Keinen”, gab This zurück. “Oho, seht einmal den an”, schrie der Hans
+noch lauter in die Schar hinein, “der läuft schnell zu den Käsfischen,
+und dann läuft er wieder fort und hat keinen gesehen.” “Du dummer
+This”, rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die großen
+Buben über den Kopf weg, so daß er genug zu tun hatte, nur immer
+wieder auf die Füße zu kommen, wenn er umgeworfen worden war.
+Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestürzter die Abhänge
+hinunter, bis ein glücklicher Zufall sie wieder alle auf die Füße
+brachte. Nach dieser stürmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen
+gleich alle auseinander, jeder seinen Kühen nach.</p>
+
+<p>Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn
+jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den
+Zurückgebliebenen, weil er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem
+Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben
+und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im
+Berghang, wo im Frühling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und
+den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und
+ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schöne, dunkelrote
+Erdbeeren in der Sonne, die so schön warm in die Vertiefung schien.
+Aber dem This war es überall angst und bang, wenn er noch in der Nähe
+der Häuser und der Hüterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden
+Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der
+This zuckte scheu und ängstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer
+dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch
+einmal an das stille Plätzchen unter den kleinen Tannenbäumchen dort
+oben und an das pfeifende Vögelein, so daß es ihn mit Gewalt vom Boden
+zog. Er mußte noch einmal dorthin.</p>
+
+<p>Mit allen Kräften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht
+einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die
+Tannenbäumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein
+Tannenversteck ein wenig offen. Da saß nun der This in völliger
+Sicherheit. Ringsum war eine große Stille, kein Ton drang von unten
+her bis hier auf die einsame Höhe, nur das Vögelein saß noch auf
+seinem Tannenast und pfiff sein fröhliches Lied. Die Sonne wollte
+untergehen. Die hohen Schneeberge drüben fingen zu flimmern und zu
+glühen an, und über die ganze grüne Alm hin lag das golden schimmernde
+Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie
+gekanntes Wohlsein kam über ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und
+Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fürchten, denn weit und
+breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hören.</p>
+
+<p>So saß der This eine lange Zeit, und am liebsten wäre er gar nicht
+mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben
+gewesen. Aber da hörte er schwere Tritte hinter sich von der Hütte
+her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiß
+wollte er zum Bach hinüber, um Wasser zu holen. This verhielt sich
+mäuschenstill. Denn er war so daran gewöhnt, daß er von jedermann
+angefahren oder ausgelacht wurde, daß er dachte, der Senn werde es
+gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die
+Bäumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton
+wurde aufmerksam, trat näher und guckte in den Tannenbusch hinein.</p>
+
+<p>“Was machst du denn da drinnen?” fragte der Senn mit lustigem Gesicht.</p>
+
+<p>“Nichts”, erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.</p>
+
+<p>“Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fürchten, wenn du nichts
+Böses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa
+mit deinen Käsfischen da hineingeflüchtet, daß du sie in Ruhe
+verzehren kannst?”</p>
+
+<p>“Nein, ich habe keine Käsfische gehabt”, sagte This ängstlich.</p>
+
+<p>“Nicht? Und warum denn nicht?” fragte der Senn in einer Weise, wie
+sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem
+Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte—das Zutrauen zu einem
+Menschen.</p>
+
+<p>“Sie haben mich auf die Seite gestoßen”, erwiderte er nun und stand
+hinter den buschigen Zweigen auf.</p>
+
+<p>“So, jetzt kann man dich doch sehen”, fuhr der Senn freundlich fort,
+“komm noch ein wenig näher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn
+sie dich wegstoßen? Es stößt ja immer einer den anderen, aber zuletzt
+kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?”</p>
+
+<p>“Sie sind stärker”, sagte der This so überzeugend, daß diese Erklärung
+wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den
+Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, großen Franz Anton wie
+ein dünnes Stöcklein vor einer hohen Tanne. Der kräftige Mann
+betrachtete einen Augenblick das schmale Figürchen, an dem tatsächlich
+fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht
+schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.</p>
+
+<p>“Wem gehörst du?” fragte er jetzt den Buben.</p>
+
+<p>“Niemand”, gab This zur Antwort.</p>
+
+<p>“Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?”</p>
+
+<p>“Beim Hälmli-Sepp.”</p>
+
+<p>Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. “Ach so, bist du der!”
+sagte er verständnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar
+nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehört, ihn aber nicht
+gekannt.</p>
+
+<p>“Komm einmal mit mir”, sagte er mitleidig. “Wenn du beim Hälmli-Sepp
+bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hälmlein.
+Komm, Käsfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes.”</p>
+
+<p>Der This wußte gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz
+Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und
+das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Hütte, holte
+hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein großes
+Stück ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfaß, das goldig glänzend
+in der Ecke stand, und holte ein großes Stück Butter heraus. Das
+strich er über die Brotschnitte und reichte nun das feste Stück mit
+der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte
+der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es
+nicht möglich, daß es ihm gehöre.</p>
+
+<p>“Komm heraus. Iß es vor der Hütte, ich muß nun zum Wasser”, sagte
+Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glück und
+Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte.
+Vor der Hütte setzte er sich auf den Boden. Und während der Senn zum
+Schwemmebach hinüberging, biß er in sein Butterbrot hinein und biß
+immer wieder und konnte nicht begreifen, daß es etwas so Gutes gäbe
+und er es bekommen hätte.</p>
+
+<p>Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und
+wiegte unten die Tannenbäumchen hin und her, und der kleine Vogel saß
+immer noch auf dem höchsten Zweig und sang hell und fröhlich in den
+goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie
+gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er müsse laut mit dem Vogel zu
+singen anfangen.</p>
+
+<p>Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her
+gegangen. Drüben beim Schwemmebach war er immer eine Weile
+stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr
+rot vom Abendschein, aber jetzt stieg groß und golden der volle Mond
+hinter dem weißen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Hütte
+zurück und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle
+saß.</p>
+
+<p>“So gefällt’s dir hier?” fragte er freundlich. “Mit dem Abendessen
+bist du fertig, wie ich sehe. Du mußt dich auf den Rückweg machen.
+Sieh, wie schön dir der Mond heimleuchtet!”</p>
+
+<p>Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel
+ihm ein, daß es wohl nötig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem
+Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den
+Tannenbäumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurück. Er schaute noch
+einmal zurück, und da der Senn in die Hütte getreten war und ihn nicht
+mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz
+Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Güte
+und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen
+Eindruck gemacht, daß er nicht fort konnte. Er mußte noch ein wenig
+in der Nähe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen
+unter den Bäumchen und spähte zu der Hütte hinauf, ob er den Senn
+nicht noch einmal sähe. Es dauerte einige Zeit, da plötzlich trat
+Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Hütte heraus.</p>
+
+<p>Er blieb vor der Tür stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die
+stille Bergwelt hinaus, wo jetzt über alle hohen Schneegipfel hin das
+milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt
+der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen
+Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hände. Er hielt wohl still
+seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: “Gute Nacht
+geb euch Gott!” trat in die Hütte zurück und machte die Tür zu. Sein
+Nachtgruß hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum
+und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller
+Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fühlte Liebe und
+Bewunderung für den Senn, Gefühle, die er bisher nicht gekannt hatte.</p>
+
+<p>Als es nun ganz dunkel und still in der Hütte wurde, stand der This
+auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.</p>
+
+<p>Es war spät und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich,
+die Tür war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Häuschen und
+schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser
+schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: “Es
+ist bequem, daß der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden.
+So hat man doch Platz!”</p>
+
+<p>This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er
+immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit
+gefalteten Händen vor seiner Hütte stand. Zum erstenmal in seinem
+Leben schlief der This mit einem glücklichen Herzen ein.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="3_Kapitel">3. Kapitel<br><span class="small">Ein hilfreicher Engel</span></h2>
+</div>
+
+
+
+<p>Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten,
+mußten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges
+gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr
+Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze
+Schar den Berghang herunter, und bald saßen sie alle mit anderen
+Kindern so ruhig wie möglich auf den langen Bänken, und der Herr
+Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von
+einem zukünftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den
+This fiel, fuhr er fort: “Ich will dich auch einmal wieder etwas
+fragen, das wirst du wohl beantworten können, wenn man dir auch nicht
+viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Ärmsten
+und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben geführt hat, so
+wohl werden, daß er kein Leid verspürt?”</p>
+
+<p>“Bei der Schwemmebachsennhütte”, antwortete der This ohne Zögern.
+Jetzt entstand ein solches Kichern, daß der This ganz scheu um sich
+schaute. Ringsum waren spöttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle
+Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich
+so stark vornüber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem,
+was der Herr Pfarrer das letztemal erklärte, hatte er nichts gehört,
+weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mußte. Jetzt hatte
+er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet.</p>
+
+<p>Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, daß es dem
+This gar nicht zum Lachen war, sondern daß er vor Scheu ganz
+erschrocken und zusammengeduckt dasaß, da schüttelte der Herr Pfarrer
+nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: “Es ist nichts mit ihm zu
+machen.”</p>
+
+<p>Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stürzte die ganze Schar
+hinter dem This her, alle lachten überlaut und schrien durcheinander:
+“This, sind dir auf einmal in der Kirche die Käsfische in den Sinn
+gekommen?”</p>
+
+<p>“This, warum hast du nicht auch etwas von den Käsfischen gesagt?” Der
+This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem
+Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben
+wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den
+schönen Sonntagabend unten im Dorf genießen.</p>
+
+<p>Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt
+einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhütte
+hinaufflüchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen.
+Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plätzchen sitzen und
+vor Verfolgung sicher sein. Nun saß er wieder unter den Tannen und
+über ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der
+Sonne, und über den grünen Hängen floß da und dort ein klares Bächlein
+friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, daß er allen
+Spott vergaß und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr
+weggehen zu müssen.</p>
+
+<p>Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er
+beständig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie möglich
+nieder. Denn er hatte das Gefühl, wenn der Franz Anton ihn wieder
+hier sehe, so könnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein
+Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und
+einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und
+in dessen Nähe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst
+nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und
+This saß an seinem schönen Plätzchen, bis die Sterne am Himmel standen
+und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Hütte hinaustrat und
+ausrief: “Gute Nacht geb euch Gott!” Dann erst lief der This wieder
+davon, und spät wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht
+hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber
+das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefühlt
+dort oben.</p>
+
+<p>So ging es eine ganze Woche. Tag für Tag, sobald er einen Augenblick
+fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm
+hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete
+er die ganze Tätigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und
+nie verließ er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton
+gesagt hatte: “Gute Nacht geb euch Gott!” Es war ihm jetzt immer, als
+sei der Nachtsegen auch für ihn gedacht.</p>
+
+<p>Es waren ausnahmsweise heiße Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg
+jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend
+niedergegangen war. Das Futter war besonders kräftig, und Franz Anton
+bekam so schöne, fette Milch von den Alpenkühen, daß er die
+prächtigsten Käse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude,
+und schon frühmorgens konnte man ihn voller Vergnügen in seiner
+Sennhütte pfeifen hören, so auch am Samstag dieser Woche. Da hörte
+man ihn noch viel früher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem
+der Senn seine drei oder vier fertigen Käse an den See hinunterbrachte.
+Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie
+auf seinem Rücken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwärts,
+den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rücken. Es
+war der heißeste Tag des ganzen Sommers.</p>
+
+<p>Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die übermäßige
+Hitze, und oft sagte er zu sich: “O wie will ich froh sein, heute
+abend wieder zu meiner Hütte hinauf in die kühle Luft zu kommen, hier
+unten ist’s wie in einem Backofen.” Jetzt war er unten angelangt,
+gerade als das Schiff herankam, das die Käse mitnehmen sollte. Bald
+war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlüssig
+da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten
+etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fühlte keinen Appetit, sein Kopf
+war schwer und heiß, er wünschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn
+jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim
+Einladen geholfen hatte. “Komm, Franz Anton, heute ist’s heiß, wir
+wollen ein Glas Wein im Schatten trinken”, sagte er und zog den Senn
+zu dem Wirtshaus.</p>
+
+<p>Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im
+Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber
+stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in
+der schweren, heißen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht
+an den Wein gewöhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit großen
+Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in
+seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiß auf
+seinen Kopf, alle seine Pulse hämmerten, die Füße wurden ihm so schwer,
+daß er sie nur mit Mühe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je
+größer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der
+Aussicht an, daß nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt
+nur noch eine Viertelstunde heißer Mühe vor ihm liege. Dann würde er
+oben sein und könne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.</p>
+
+<p>Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne
+brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Plötzlich wurde es ihm völlig
+schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stürzte er auf den
+Boden nieder. Er hatte das Bewußtsein verloren.</p>
+
+<p>Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er,
+daß der Franz Anton noch nicht zurückgekehrt war. Er stellte seine
+Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem
+Senn auszuschauen.</p>
+
+<p>Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz
+Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte
+er an seinem verborgenen Plätzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt,
+den der Senn tat. Er wußte, wie eine Beschäftigung auf die andere
+folgte, so daß er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der
+Franz Anton seine Milch stehen ließ. Sonst goß er sie immer gleich in
+die verschiedenen Gefäße. Die eine kam zum Buttern in die großen,
+runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schön dick obenauf
+lag. Die andere wurde in den Käsekessel gegossen, das hatte der This
+durch die offene Hüttentür alles genau beobachten können. Der Senn
+kam immer noch nicht. Der Junge fühlte, daß irgend etwas geschehen
+sein mußte. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging
+zur Sennhütte. Da war es still und leer unten im Hüttenraum und oben
+auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut
+war zu hören, alles wie ausgestorben. Ängstlich lief der This
+jetzt um die Hütte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann
+in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal—dort unten
+erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu—da
+lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stöhnte und lechzte wie
+ein Sterbender. Er sah glühend heiß aus, und seine Lippen waren ganz
+vertrocknet.</p>
+
+<p>Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor
+Schrecken, auf seinen Wohltäter. Dann stürzte er in schnellem Lauf
+den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewußtlos am
+Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt
+an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem
+brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bücken
+und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er für einen Augenblick,
+denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.</p>
+
+<p>Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rühren.
+Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das
+Bewußtsein wieder, und er träumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er
+heute früh im Vorübergehen noch die schönen Erdbeeren gesehen hatte.
+Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die
+Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber
+jetzt hatte er plötzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte
+sie ihm gegeben—und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der
+Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlürfte und
+schluckte, es war ein unsägliches Labsal. Er erwachte. War das alles
+Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und
+steckte ihm wieder eine große saftige Erdbeere in den Mund.</p>
+
+<p>“O du guter Engel, noch eine”, sagte leise der Franz Anton. Aber
+nicht nur eine, fünf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf
+einmal flog ein stechender Schmerz über sein Gesicht. Er legte die
+Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: “Wasser”, dann war
+ihm das Bewußtsein wieder völlig entschwunden. Er konnte nicht einmal
+mehr die letzte Erdbeere genießen. Jetzt träumte er ganz schreckliche
+Dinge. Sein Kopf wurde so groß wie sein allergrößtes Butterfaß und
+dann immer noch größer und so furchtbar schwer, daß er mit Schrecken
+dachte: “Den kannst du nie mehr allein tragen, man muß starke,
+hölzerne Stützen unterstellen, wie unter die Apfelbäume, wenn sie
+zuviel Äpfel tragen.” Und jetzt fühlte er deutlich, daß der Kopf ganz
+voll Schießpulver war, das hatte einer von hinten angezündet. Nun
+brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mußte alles
+zerspringen. Aber dann kam plötzlich ganz kalt und belebend der
+Schwemmebach über seine Stirn, über das ganze Gesicht und in den Mund
+hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.</p>
+
+<p>Es war wahr, eiskalt kam ein Guß nach dem anderen auf Stirn und
+Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den
+kühlenden Trank ein. Über ihm standen die funkelnden Sterne, das
+sah der Franz Anton deutlich. Er wußte auch, daß er noch am Boden lag
+draußen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der
+Schwemmebach sein, was so über ihn floß und ihn so ordentlich trinken
+ließ. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend,
+so erlösend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer.
+Voller Dank sagte er nur halblaut: “Ach, lieber Gott, wie danke ich
+dir für deine Güte und die hilfreichen Engel!”</p>
+
+<p>Das erquickende Wasserbad hörte nicht auf, und zuletzt fühlte der
+Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schützend und
+wohltuend, daß er sagte: “Da kann kein Feuer mehr durch.” Und beruhigt
+schlief er jetzt ganz sanft ein und träumte nicht mehr.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="4_Kapitel">4. Kapitel<br><span class="small">Was die Sennenmutter haben will</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz
+Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er
+schauderte ein wenig zusammen, es fröstelte ihn. Er wollte sich
+aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand
+an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht.
+Wohl sechsfach zusammengelegt lag naß und schwer das große Handtuch
+aus der Sennhütte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der
+frische Morgenwind über die Stirn blies, fühlte er sich so wohlig und
+erleichtert, daß er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da
+sah er auf einmal in zwei große, ernsthafte Augen hinein, die
+unverwandt auf ihn gerichtet waren.</p>
+
+<p>“Bist du das, This?” fragte er verwundert, “Wie kommst du so früh auf
+die Alm? Nun, weil du da bist, komm, daß ich mich ein wenig auf deine
+Schulter stützen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf.”</p>
+
+<p>Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er
+stemmte mit aller Gewalt seine beiden Füße in den Boden hinein, so daß
+der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte.
+Während des langsamen Aufstiegs zur Hütte, als er sich immer noch auf
+die Schulter des Buben stützte, fing er an, sich daran zu erinnern,
+was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgänge der
+Nacht völlig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur
+helfen. In der Hütte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner
+dreibeinigen Stühle und sagte: “This, hol dir den anderen und setz
+dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir
+wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt
+noch nicht machen. Ein Schüsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist
+es denn hingekommen?” unterbrach sich der Senn, “ich stelle es
+regelmäßig dort hinauf. Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht seit
+gestern.”</p>
+
+<p>Der This war feuerrot geworden, er wußte wohl, wer das Schüsselchen
+heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: “Dort steht’s am
+Boden”, holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides
+dem Senn. Dieser schüttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er
+lebte, hatte er noch nie sein Schüsselchen dort bei der Tür auf den
+Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine
+Milch, füllte dann das Schüsselchen wieder und sagte: “Da, This, trink
+auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, daß du so früh hinauf
+kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Käsfischtag und du seist dann
+sicher der erste?”</p>
+
+<p>“Nein, gewiß nicht”, versicherte This.</p>
+
+<p>“Sag mir jetzt etwas”, fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal
+unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder
+zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. “Sag mir, This, habe ich
+denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute früh
+heraufkamst?”</p>
+
+<p>Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn
+alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht
+recht, und er könnte böse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm
+jetzt so tief in die Augen, daß er alles sagen mußte: “Ich habe es
+selbst darauf gelegt”, fing er zaghaft an.</p>
+
+<p>“Warum denn, This?” fragte der Senn verwundert.</p>
+
+<p>“Weil sie so heiß waren”, erwiderte This.</p>
+
+<p>Der Senn staunte immer mehr. “Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang
+erwacht”, sagte er. “Wann bist du denn heraufgekommen?”</p>
+
+<p>“Gestern um fünf, oder um vier Uhr”, stotterte der This furchtsam,
+“der Melker kam erst lange nachher.”</p>
+
+<p>“Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn
+gewollt und gemacht?”</p>
+
+<p>Jetzt sah der Franz Anton, daß dem This ganz bange wurde, ihm selber
+aber fielen nun wieder die Vorgänge der letzten Nacht ein. Ganz
+väterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd:
+“Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fürchten, This. Da, trink noch
+eins aus, und dann sag mir alles, was du weißt, von da an, als du hier
+heraufgekommen bist.” Auf diese Ermunterung hin faßte der This neuen
+Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zügen aus, denn sie schmeckte
+herrlich.</p>
+
+<p>Dann fing er an zu berichten: “Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier
+herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Käsfische.
+Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie
+nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden
+gefunden, und Sie sind ganz rot und heiß gewesen und haben Durst
+gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe
+alle großen Erdbeeren gepflückt, die noch da waren, und habe sie Ihnen
+gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf
+den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Hütte
+das Schüsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach
+habe ich ihn gefüllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schüsselchen das
+Wasser über den Kopf geschüttet und auch zu trinken gegeben, denn sie
+haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin
+ich zum Bach hinüber und habe ihn wieder gefüllt. Aber weil das
+Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes
+Tuch wurde den Kopf besser kühlen. Und so habe ich das Tuch aus der
+Hütte geholt und es ganz naß auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann
+trocken und heiß wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und
+es dann wieder naß auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann
+erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht
+etwa krank werden.”</p>
+
+<p>Der Senn hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Jetzt stand alles
+deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wußte auch
+wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren
+als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespürt und
+genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und
+verwundert an, als hätte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen
+solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn möglich, daß
+dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben
+gerettet hatte.</p>
+
+<p>Hätte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelöscht, wer weiß,
+was bis zum Morgen daraus geworden wäre! Und wie konnte dieser This,
+dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung
+fähig sein, daß er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn
+pflegte! Dem großen, starken Franz Anton kamen die Tränen in die
+Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles
+überdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: “Wir
+wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das
+vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die
+Glieder so, daß ich mich jetzt niederlegen muß. Geh du nun hinunter
+zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir
+nicht ganz wohl. Du mußt dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe
+noch viel mit dir zu reden heute, vergiß es nicht!”</p>
+
+<p>Solange er lebte, war der This noch nie so glücklich gewesen. Er lief
+springend den Berg hinunter, als könne er nicht hoch genug aufspringen
+vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen,
+und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in
+die Sennhütte eintreten. Außerdem hatte der Franz Anton ihm noch
+gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser
+Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der
+Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Häuschen
+mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im
+Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der
+Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen,
+denn er war ganz atemlos vom Laufen.</p>
+
+<p>“Woher kommst denn du?” fragte die sonntäglich gekleidete Frau, die
+nicht gern etwas Unordentliches sah. Mißbilligend musterte sie den
+Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntäglichen Anblick
+in seinen zerfetzten Alltagshöschen und dem schmutzigen Hemdlein.
+“Ich meine, ich habe dich schon dort drüben über dem Bach gesehen, du
+bist wohl einer vom Hälmli-Sepp?”</p>
+
+<p>“Nein, nur der This”, erwiderte der Bub ganz demütig.</p>
+
+<p>Jetzt fiel der Frau ein, daß die Frau des Hälmli-Sepp einen
+einfältigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts
+zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. “Und was willst du
+denn bei mir?” fragte sie nun erst recht verwundert.</p>
+
+<p>Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag
+klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der
+kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und daß er nach ihr schickte
+und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes
+Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in großer
+Sorge das Nötigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem großen
+Korb am Arm heraus.</p>
+
+<p>“Komm”, sagte sie zu This, “wir wollen gleich gehn. Warum mußt du
+wieder mit?”</p>
+
+<p>“Ich weiß nicht”, antwortete er. Und fast als wäre es etwas Böses,
+setzte er leise hinzu: “Muß ich nicht den Korb tragen?”</p>
+
+<p>“So, jetzt verstehe ich’s”, sagte die Frau, “der Franz Anton hat daran
+gedacht, daß ich allerhand mitbringen will.” Sie gab dem This den Korb.
+Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief
+in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer
+Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die
+Krankheit gefährlich sein? Ihre Angst wurde immer größer, je näher
+sie der Sennhütte kamen. Jetzt waren sie oben—nur noch einige
+Schritte—der bekümmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast
+nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie
+schaute überall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn
+tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem
+Herzen stieg sie die Leiter hinauf.</p>
+
+<p>Der This blieb ehrerbietig draußen vor der Tür stehen, nur den Korb
+schob er in die Hütte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll
+über ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte
+ihr fröhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter:
+“Grüß dich Gott, Mutter! Das freut mich, daß du da bist. Ich habe
+aber geschlafen wie ein Bär, die ganze Zeit, seit der This fortging.”
+Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie
+wußte gar nicht, was sie denken sollte. “Franz Anton”, sagte sie
+jetzt ernsthaft, “was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weißt du,
+daß du mich hast holen lassen?”</p>
+
+<p>“Ja, ja, Mutter”, lachte jetzt der Franz Anton, “jetzt bin ich ganz
+bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir
+noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir
+reden. Ich fühl’s auch jetzt noch in den Knien zittern, ich käme noch
+nicht weit.”</p>
+
+<p>“Aber was ist’s denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir’s doch”,
+drängte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.</p>
+
+<p>“Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen”,
+sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. “Sieh einmal
+zuerst dort unten das schmale, magere Büblein an, das kein gutes Stück
+Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder
+nur den dummen This nennt.”</p>
+
+<p>Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn
+hinaufspähte, ob er etwa wieder umfallen wolle.</p>
+
+<p>“Und jetzt?” fragte die Mutter gespannt.</p>
+
+<p>“Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Büblein nicht
+gewesen wäre, so läge ich jetzt noch draußen auf dem Boden in einem
+tödlichen Fieber, oder vielleicht wäre es auch schon vorbei mit mir.”
+Und jetzt erzählte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag
+zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen
+und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch
+auf der Welt es nicht besser hätte tun können.</p>
+
+<p>Die Mutter mußte sich mehrmals die Tränen abwischen. Sie stellte sich
+vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da
+draußen gelegen hätte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden
+wäre, und kein Mensch hätte etwas von ihm gewußt. Und jetzt stieg ein
+Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, daß sie laut ausrufen mußte:
+“Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!” Aber auch eine solche
+Liebe zu dem armen This überkam sie, daß sie ganz eifrig sagte: “Franz
+Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hälmli-Sepp zurück!
+Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat
+sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen
+mache ich ihm ein Gewand, daß man ihn ansehen darf. Er muß es nicht
+schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir
+geholfen hat.”</p>
+
+<p>“Das ist nun gerade, was ich wünschte, Mutter, aber ich mußte doch
+zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben
+und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein könnte. Es geht
+nichts über eine Mutter!” Und der Franz Anton schaute sie so voller
+Glück und Liebe an, daß es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich
+dachte: Es geht auch nichts über einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte
+sie: “Jetzt mußt du etwas essen, Franz Anton, daß du wieder zu Kräften
+kommst. Ich habe frische Eier und ein Weißbrot mitgenommen, und jetzt
+will ich Feuer machen, laß dir Zeit zum Herunterkommen.” Das mußte der
+Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging.
+Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er
+sich selbst niedergesetzt hatte.</p>
+
+<p>“This”, sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend,
+“willst du ein Senn werden?”</p>
+
+<p>Der This fing an zu lächeln, aber dann hörte er plötzlich die
+vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen
+hatte: “Aus dem wird nie etwas,”, “der kann nichts”, “der wird nichts”.
+Und schüchtern antwortete er. “Ich kann nichts werden.”</p>
+
+<p>“This, ein Senn wirst du”, sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit.
+“Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun
+bleibst du bei mir und trägst Milch und Wasser und hilfst mir bei
+allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Käse macht und sobald
+du groß genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein
+Gehilfe.”</p>
+
+<p>“Hier in der Schwemmebachsennhütte?” fragte This, dem die Aussicht auf
+diese Glückseligkeit ganz unfaßbar war.</p>
+
+<p>“Alles hier, in der Schwemmebachsennhütte”, bestätigte der Franz Anton.</p>
+
+<p>Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden
+Glücks, daß der Senn ihn nur ansehen mußte. Der Bub war wie
+verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den großen
+Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie
+streichelte den Buben und sagte: “Ja, Thisli, heute wollen wir
+miteinander fröhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen
+wir dem lieben Gott dafür danken, daß er dich gerade zur rechten Zeit
+in die Nähe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch
+begreift, warum du da heraufgekommen bist.”</p>
+
+<p>Jetzt begann das fröhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben
+hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen.
+Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weißbrot hingelegt
+und daneben Butter und weißen Käse. Und mitten auf dem Tisch stand
+eine große Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die
+Mutter große, dicke Stücke vor den This hin, und wenn er fertig war,
+gab es gleich noch einmal so viel.</p>
+
+<p>Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie:
+“Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muß bei dir oben
+bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es
+nötig ist. Der Frau des Hälmli-Sepp will ich schon alles berichten.”</p>
+
+<p>Das war dem Sennen recht, und für den This war es das höchste Glück,
+das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton.
+Nicht mehr verborgen unter den Tannenbäumchen hörte er heute den
+Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als
+dieser seine Hände faltete und sagte: “Komm, This, nun beten wir den
+Abendsegen.” Andächtig faltete auch er seine Hände, und als am Schluß
+der Senn sagte: “Gute Nacht geb euch Gott!”, da war das Glück im
+Herzen des This so groß, daß er gern überlaut allen Menschen auf der
+ganzen Welt sagen wollte: ‘Gute Nacht geb euch Gott!’</p>
+
+<p>Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinüber zu der Frau des
+Hälmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und
+gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzählten.
+Die Sennin hörte, daß von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der
+Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hälmli-Sepp erklärte,
+daß sie mit ihrem Sohn übereingekommen sei, sie wollten den This bei
+sich annehmen, da machte die Frau einen großen Lärm. Sie sagte, sie
+sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien für
+den Senn eine größere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien
+alle aus vollen Hälsen: “Mich! Mich! Mich!” Denn sie wußten wohl,
+wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhütte für gute
+Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.</p>
+
+<p>Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn
+schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen
+This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das
+Hänseln und Verspotten unterlassen, sonst hätten sie es mit ihrem Sohn
+zu tun. Der rede dann mit seinen kräftigen Armen eine deutlichere
+Sprache mit den Buben, als sie es jetzt könnte. Dann verließ die
+Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblüfft nachschauten,
+und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wäre,
+der wird’s gut haben, wie ein König wird er da oben in seiner
+Sennhütte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen ließ,
+liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund
+sein. Denn sie mußten alle an den letzten Käsfischtag denken, als der
+This so übel behandelt worden war. Von nun an würde er ja gewiß alle
+Käsfische allein bekommen, da wäre doch jeder gut daran, der sein
+Freund wäre. Und später waren sie auch alle gut daran, denn dem This
+machte es die größte Freude, die reiche Ernte der Käsfische unter
+allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darüber
+wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie
+mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte
+sich zur Überraschung aller, daß er auf einmal ein ganz flinkes,
+geschicktes Bürschchen war, von dem jeder sagen mußte: “Entweder ist
+das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den
+dummen This zu nennen.” Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit,
+sein liebster Schüler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei
+allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die
+anderen Buben könnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.</p>
+
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 9859 ***</div>
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+The Project Gutenberg EBook of Vom This, der doch etwas wird, by Johanna Spyri
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+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Vom This, der doch etwas wird
+
+Author: Johanna Spyri
+
+Release Date: February, 2006 [EBook #9859]
+[This file was first posted on October 25, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
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+E-text prepared by Delphine Lettau
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+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 7-bit version.
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Vom This, der doch etwas wird
+
+Erzaehlung
+
+Johanna Spyri
+
+
+
+
+
+
+
+1. Kapitel
+
+Alle gegen einen
+
+
+Wenn man den Seelisberg von der Rueckseite her besteigt, kommt man auf
+eine frische, gruene Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die
+friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem
+schoenen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenaehrten Kuehe
+ziehen lieblich laeutend immer hin und her. Denn jede traegt am Hals
+ihre Glocke, damit man immer hoert, wo sie ist. So kann sich keine Kuh
+unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Straeuchern bedeckte Felswand
+liegt, ueber die sie hinunterstuerzen koennte. Es ist ausserdem ein
+ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben koennen. Aber die
+Glocken sind doch notwendig und toenen so freundlich hin und her, dass
+keiner sie entbehren moechte. Am Bergabhang stehen hie und da
+vereinzelt die kleinen, hoelzernen Haeuser, und nicht selten rauscht
+daneben ein schaeumender Bach ins Tal hinab. 'Am Berghang' heisst es
+hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Haeuschen steht auf
+ebenem Boden. Es ist, als waeren sie irgendwie an den Berg hingeworfen
+worden und da haengengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da
+oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie
+alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der
+kleinen, hoelzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt
+in ihre Naehe, so sieht man, dass ein grosser Unterschied zwischen ihnen
+ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Naehe ganz
+verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen
+ihnen stuerzt der groesste Bergbach der Gegend, der schaeumende
+Schwemmebach, hinunter.
+
+Am ersten Haeuschen blieben auch an den schoensten Sommertagen alle die
+kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die
+hineindrang, kam durch die Loecher der zerbrochenen Scheiben. Das war
+aber nicht viel, denn die Loecher waren wieder mit Papier verklebt,
+damit man im Winter drinnen nicht frieren musste. An dem hoelzernen
+Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war
+so zerfallen, dass es ein Wunder war, dass alle die kleinen Kinder, die
+da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie
+hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder
+waren alle mit Schmutz ueberdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen
+Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ueber da
+herum, und am Abend kamen vier groessere Kinder dazu. Drei kraeftige
+Buben und ein Maedchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich
+aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie
+konnten sich doch schon selbst waschen.
+
+Das Haeuschen ueber dem Bach drueben hatte einen ganz anderen Charakter.
+Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeraeumt
+aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drueben. Die
+Stufen sahen immer so aus, als waeren sie eben gescheuert worden. Und
+oben auf der Galerie standen drei schoene Nelkenstoecke und dufteten den
+ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen
+Fenstern stand offen und liess die schoene, sonnige Bergluft herein.
+Dort konnte man meistens eine noch kraeftig aussehende Frau sitzen
+sehen, mit schoenem, weissem Haar, das sie sehr ordentlich unter das
+schwarze Haeubchen zurueckgestrichen hatte. Sie flickte gewoehnlich an
+einem Maennerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber
+gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so
+adrett und reinlich aus, als waere noch nie etwas Unsauberes an sie
+herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des
+froehlichen Franz Anton mit den kraeftigen Armen. Der machte den Sommer
+ueber in der oberen Sennhuette seine Kaese, und erst im Spaetherbst zog er
+wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn
+dann butterte er in der unteren Sennhuette, die ganz nahe lag. Da ueber
+den reissenden Schwemmebach kein Steg fuehrte, waren die zwei Haeuschen
+ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg
+wohnten, besser, als diese Nachbarn ueber dem Bach, zu denen sie nur
+etwa einmal am Tag stumm hinueberschaute. Gewoehnlich schuettelte sie
+dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter
+und schmutzigen Fetzen drueben an den Kindern sah. Sie schaute aber
+nicht oft hinueber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber
+betrachtete sie, wenn das Feierabendstuendchen kam, ihre roten Nelken
+auf der Galerie oder sie schaute ueber den gruenen, sonnigen Abhang
+hinunter, der vor ihrem Haeuschen zum Tal hinabstieg.
+
+Die verwilderten Kinder ueber dem Bach gehoerten dem Haelmli-Sepp, wie er
+genannt wurde, der seine Arbeit ausser Haus beim Holzfaellen oder
+Heumachen suchte. Ausserdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So
+war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die
+Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele
+kleine Kinder koenne man nicht in Ordnung halten, und spaeter wuerde es
+dann von selbst besser. So liess sie alles gehn, wie es ging. Und in
+der schoenen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und
+liessen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl
+sein. Zur Sommerzeit waren die vier Groesseren den ganzen Tag draussen,
+um die Kuehe zu hueten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen,
+wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten
+bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kuehe auf das
+umliegende Weideland hinaus und mussten sie hueten lassen. Das ist
+immer eine lustige Zeit fuer die Buben und Maedchen, die sich dort zu
+jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei froehliche Sachen
+miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten
+im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere
+Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer
+ueber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstueck nach Hause,
+das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier
+Kleinen zu ernaehren und fuer alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn
+diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein musste doch jedes haben
+und die vier Grossen noch ein Stueck dazu. Eine Kuh hatte der
+Haelmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besassen,
+wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.
+
+Haelmli-Sepp hiess der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum
+nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine
+Geiss und ein Stueck Kartoffelland, damit musste die Frau mit den vier
+Kleinen den Sommer ueber auskommen und auch hier und da noch eines der
+Groesseren speisen, wenn es draussen keine Arbeit fand. Der Vater kam im
+Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein
+Haeuschen und Acker waren so verschuldet, dass er das ganze Jahr ueber
+etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten
+konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel
+er fand.
+
+So musste die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte
+keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von
+der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der
+verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten,
+schaute sie ueber den Bach zu dem schmucken Haeuschen der Sennerin
+hinueber, dessen Scheiben in der Sonne glaenzten. Dann sagte sie
+aergerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles
+sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging
+sie wieder aergerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurueck, und an dem,
+der ihr zuerst in den Weg kam, liess sie den Aerger aus.
+
+Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht
+ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Haeuschen vom
+Haelmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der
+dumme This' genannt, sah so mager und duerftig aus, dass man ihn kaum
+fuer achtjaehrig gehalten haette. Er schaute auch so scheu und
+verschuechtert drein, dass niemand wusste, wie der This eigentlich aussah,
+denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach.
+This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum
+zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel spaeter ueber die Felsen
+in die Tiefe gestuerzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam
+und den Weg abkuerzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte
+nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem
+grossen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This
+hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend,
+eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen
+Matthis genannt.
+
+Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Haeuschen vom
+Haelmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstaette mit seinem Bueblein
+gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben
+Ort. Das wenige Geld, das fuer den kleinen This von der Gemeinde
+bezahlt wurde, war der Frau des Haelmli-Sepp sehr erwuenscht. Und in
+die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fuer die
+schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This
+war schon von Natur aus ein schuechternes und stilles Bueblein gewesen.
+Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das grosse Unglueck
+gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem
+Unglueck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.
+
+So sass der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein
+Wort zu hoeren, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann
+seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des
+Haelmli-Sepp gehoerte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde
+von jedem angefahren und hin und her gestossen, weil er sich nie wehrte.
+Zu all den Pueffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen
+dann noch die boesen Worte der Frau, wenn sie den Aerger ueber das
+saubere Haeuschen der Sennerin drueben hatte. Der This wehrte sich aber
+nie, denn er hatte das Gefuehl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so
+nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und
+verschuechtert, dass man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her
+vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn
+anrief. Er sah ueberhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch,
+wo er in die Erde hineinkriechen koennte, dass ihn keiner mehr faende.
+
+So war es gekommen, dass die vier Grossen vom Haelmli-Sepp, der Jopp, der
+Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du
+bist doch ein dummer This", und dass es die vier Kleinen auch
+nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals
+dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es
+werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme
+This' genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten koennte,
+wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kuehe zu hueten, und war
+er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke
+oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da sass er
+meistens zitternd vor Furcht, denn er hoerte wohl, wie die anderen
+Buben ihn mit grossem Geschrei suchten, dass er bei den Spielen
+mitmachte, die sie spielen wollten.
+
+Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Pruegeln, und das traf
+regelmaessig den This am staerksten, da er sich nicht wehrte und auch
+nicht wehren konnte gegen die viel Staerkeren. So verkroch er sich,
+sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kuehe, wohin sie wollten
+und frassen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann grossen Aerger, und
+jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kuehe zu hueten, und keiner
+stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld,
+wenn die Buben zum Jaeten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da
+warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblueten an den
+Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem
+anderen reichlich zurueck, was er empfangen hatte. Der This gab aber
+nichts zurueck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen
+Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen
+gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten
+die Knollen an den Ruecken und an den Kopf.
+
+Waehrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten,
+versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den
+Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit
+nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller
+Arbeit zu dumm und aus dem This koenne nie etwas werden. Weil er nun
+gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er
+auch von der Frau des Haelmli-Sepp demgemaess behandelt. Wenn schon die
+eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es
+meistens, dass fuer den This gar nichts mehr uebrigblieb und es dann hiess:
+"Du wirst wohl etwas finden, du bist gross genug." Wie der This
+eigentlich ernaehrt wurde, wusste niemand, auch die Frau des Haelmli-Sepp
+nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.
+
+Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen
+Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tuer
+vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in
+seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich
+wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer
+scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.
+
+
+
+2. Kapitel
+
+Bei der Schwemmebachsennhuette
+
+
+An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle
+Muecken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hueterbuben und--maedchen.
+Sie mussten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp,
+von allen der Groesste, war der Leiter der Versammlung. Und als alle
+nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, dass man jetzt zur
+Schwemmebachsennhuette hinaufgehe, denn heute sei der Kaesfischtag. Nun
+muesse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kuehe
+hueten solle, waehrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wuerden.
+Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust,
+sich fuer die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue
+Uli auf den Gedanken, man koennte einmal den dummen This zwingen, auf
+die Kuehe acht zu geben. Und damit er's nicht vergesse, koennte man ihn
+im voraus ein wenig durchpruegeln. Der Vorschlag fand Anklang, und
+schon wollten mehrere von den Anfuehrern der Schar den This holen, als
+das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts
+Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den
+Lohn dafuer, wenn wir wieder zurueckkommen und die Kuehe sich verlaufen
+haben. Ihr werdet doch nicht glauben, dass der This, wenn er zu dumm
+ist, zwei Kuehe zu hueten, auf einmal zwanzig hueten kann. Man muss losen,
+und drei muessen bei den Kuehen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis
+Erklaerung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus
+der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet
+der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der
+siegreichen Schar den Ruecken und setzte sich auf den Boden neben seine
+beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stuerzte nun
+die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuss
+entgegen.
+
+Der Kaesfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die
+es nie unterliessen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen
+sollte. Denn das war ein Hauptfest fuer sie. Das war der Tag, an dem
+der Franz Anton seine frischen Kaese rundum beschnitt, nachdem diese
+als weiche Masse in die runde, hoelzerne Form gepresst worden waren.
+Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von
+der Masse herausdraengte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie
+eine lange, schneeweisse Wurst. Die wurde dann in viele Stuecke
+gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt.
+Das waren dann die sogenannten Kaesfische. Dieses Fest wiederholte
+sich den Sommer ueber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem
+Freudengeschrei begruesst.
+
+This hatte sich hinter dem grossen Distelbusch am Boden versteckt
+gehalten, waehrend die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton
+von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hoerte,
+dass die grosse Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig
+hervor. Die drei grollenden Zurueckgebliebenen sassen am Boden und
+kehrten ihm den Ruecken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stueck
+die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der
+Hoehe hernieder. Den This erfasste ein unwiderstehliches Verlangen,
+auch an der Kaesfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schluepfte er
+hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er
+hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem
+letzten steilen Hang kam eine kleine, glaenzend gruene Hochebene, da
+stand die Sennhuette. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der
+klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tuer seiner Huette stand der
+Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte ueber
+die vielen Spruenge, die jetzt die Buben und Maedchen in ihrem Eifer, zu
+dem ersehnten Genuss zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt
+waren sie alle bei der Huette und eines draengte das andere vorwaerts, um
+noch naeher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wuerde.
+
+"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton. "Wenn ihr alle in
+die Huette hineindraengt, so habe ich keinen Platz mehr zum
+Kaeseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes
+Messer zur Hand und trat an den grossen, runden Kaese heran, den er
+schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden
+ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweissen
+Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stueck und da ein
+Stueck, oft ueber die Koepfe der Grossen weg den Kleinen, die nicht zu ihm
+vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner
+Teilung.
+
+This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen
+wollte, so bekam er da einen Stoss und dort einen und flog so von einer
+Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer
+wieder ein Groesserer und Dickerer sich vor ihn draengte. Zuletzt bekam
+er einen so ungeheuren Stoss von dem breiten, nach allen Seiten
+schlagenden Jopp, dass er sich fast ueberschlagen haette. Die Teilung
+war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, dass er zu keinem
+Stueckchen Kaesfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine
+Schlaege mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die
+jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den
+Baeumchen. Auf der hoechsten Krone des einen sass ein lustiger, kleiner
+Vogel und pfiff so froehlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als
+gaebe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und
+Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, dass er fast das
+Leid vergass, das ihm eben geschehen war.
+
+Von Zeit zu Zeit musste er nach der Sennhuette hinueberschauen, denn das
+Laermen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stueck Kaesfisch
+wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie
+jedes Kind mit einem groesseren oder kleineren Brocken der schoenen,
+weissen Masse dastand und mit Wonne hineinbiss. Er seufzte dann ein
+wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges
+Stuecklein bekaeme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weissen
+Kaesfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie
+heute in die Schar der Gluecklichen einzudringen. Jetzt hatte er
+gesehen, dass es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut
+zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlussgedanken, dass er
+sein Leben lang nie einen Kaesfisch bekommen werde. Darueber wurde er
+so traurig, dass er nicht einmal den Vogel mehr hoerte und ganz
+zusammengeduckt unter den Tannenbaeumen sass.
+
+Jetzt war das Gastmahl bei der Huette zu Ende und mit schrecklichem
+Laerm stuerzten die Kinder daher, womoeglich immer einer ueber den anderen
+hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall
+brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der
+laermende Hans, und laut schrie er in das Gebuesch hinein: "Du Maulwurf,
+komm heraus, du musst mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen
+hatte. Er musste sich als Bock hinstellen, damit die anderen ueber ihn
+springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er waere
+viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wusste wohl,
+was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er
+gehorsam heran. "Wie viele Kaesfische hast du bekommen?" schrie ihn
+jetzt der Hans an.
+
+"Keinen", gab This zurueck. "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans
+noch lauter in die Schar hinein, "der laeuft schnell zu den Kaesfischen,
+und dann laeuft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer
+This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die grossen
+Buben ueber den Kopf weg, so dass er genug zu tun hatte, nur immer
+wieder auf die Fuesse zu kommen, wenn er umgeworfen worden war.
+Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestuerzter die Abhaenge
+hinunter, bis ein gluecklicher Zufall sie wieder alle auf die Fuesse
+brachte. Nach dieser stuermischen Niederfahrt unten angekommen, liefen
+gleich alle auseinander, jeder seinen Kuehen nach.
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+Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn
+jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den
+Zurueckgebliebenen, weit er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem
+Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben
+und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im
+Berghang, wo im Fruehling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und
+den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und
+ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schoene, dunkelrote
+Erdbeeren in der Sonne, die so schoen warm in die Vertiefung schien.
+Aber dem This war es ueberall angst und bang, wenn er noch in der Naehe
+der Haeuser und der Hueterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden
+Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der
+This zuckte scheu und aengstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer
+dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch
+einmal an das stille Plaetzchen unter den kleinen Tannenbaeumchen dort
+oben und an das pfeifende Voegelein, so dass es ihn mit Gewalt vom Boden
+zog. Er musste noch einmal dorthin.
+
+Mit allen Kraeften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht
+einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die
+Tannenbaeumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein
+Tannenversteck ein wenig offen. Da sass nun der This in voelliger
+Sicherheit. Ringsum war eine grosse Stille, kein Ton drang von unten
+her bis hier auf die einsame Hoehe, nur das Voegelein sass noch auf
+seinem Tannenast und pfiff sein froehliches Lied. Die Sonne wollte
+untergehen. Die hohen Schneeberge drueben fingen zu flimmern und zu
+gluehen an, und ueber die ganze gruene Alm hin lag das golden schimmernde
+Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie
+gekanntes Wohlsein kam ueber ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und
+Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fuerchten, denn weit und
+breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hoeren.
+
+So sass der This eine lange Zeit, und am liebsten waere er gar nicht
+mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben
+gewesen. Aber da hoerte er schwere Tritte hinter sich von der Huette
+her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiss
+wollte er zum Bach hinueber, um Wasser zu holen. This verhielt sich
+maeuschenstill. Denn er war so daran gewoehnt, dass er von jedermann
+angefahren oder ausgelacht wurde, dass er dachte, der Senn werde es
+gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die
+Baeumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton
+wurde aufmerksam, trat naeher und guckte in den Tannenbusch hinein.
+
+"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht.
+
+"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.
+
+"Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fuerchten, wenn du nichts
+Boeses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa
+mit deinen Kaesfischen da hineingefluechtet, dass du sie in Ruhe
+verzehren kannst?"
+
+"Nein, ich habe keine Kaesfische gehabt", sagte This aengstlich.
+
+"Nicht? Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie
+sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem
+Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem
+Menschen.
+
+"Sie haben mich auf die Seite gestossen", erwiderte er nun und stand
+hinter den buschigen Zweigen auf.
+
+"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort,
+"komm noch ein wenig naeher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn
+sie dich wegstossen? Es stoesst ja immer einer den anderen, aber zuletzt
+kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?"
+
+"Sie sind staerker", sagte der This so ueberzeugend, dass diese Erklaerung
+wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den
+Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, grossen Franz Anton wie
+ein duennes Stoecklein vor einer hohen Tanne. Der kraeftige Mann
+betrachtete einen Augenblick das schmale Figuerchen, an dem tatsaechlich
+fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht
+schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.
+
+"Wem gehoerst du?" fragte er jetzt den Buben.
+
+"Niemand", gab This zur Antwort.
+
+"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?"
+
+"Beim Haelmli-Sepp."
+
+Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. "Ach so, bist du der!"
+sagte er verstaendnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar
+nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehoert, ihn aber nicht
+gekannt.
+
+"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig. "Wenn du beim Haelmli-Sepp
+bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Haelmlein.
+Komm, Kaesfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes."
+
+Der This wusste gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz
+Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und
+das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Huette, holte
+hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein grosses
+Stueck ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfass, das goldig glaenzend
+in der Ecke stand, und holte ein grosses Stueck Butter heraus. Das
+strich er ueber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stueck mit
+der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte
+der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es
+nicht moeglich, dass es ihm gehoere.
+
+"Komm heraus. Iss es vor der Huette, ich muss nun zum Wasser", sagte
+Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glueck und
+Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte.
+Vor der Huette setzte er sich auf den Boden. Und waehrend der Senn zum
+Schwemmebach hinueberging, biss er in sein Butterbrot hinein und biss
+immer wieder und konnte nicht begreifen, dass es etwas so Gutes gaebe
+und er es bekommen haette.
+
+Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und
+wiegte unten die Tannenbaeumchen hin und her, und der kleine Vogel sass
+immer noch auf dem hoechsten Zweig und sang hell und froehlich in den
+goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie
+gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er muesse laut mit dem Vogel zu
+singen anfangen.
+
+Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her
+gegangen. Drueben beim Schwemmebach war er immer eine Weile
+stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr
+rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gross und golden der volle Mond
+hinter dem weissen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Huette
+zurueck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle
+sass.
+
+"So gefaellt's dir hier?" fragte er freundlich. "Mit dem Abendessen
+bist du fertig, wie ich sehe. Du musst dich auf den Rueckweg machen.
+Sieh, wie schoen dir der Mond heimleuchtet!"
+
+Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel
+ihm ein, dass es wohl noetig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem
+Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den
+Tannenbaeumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurueck. Er schaute noch
+einmal zurueck, und da der Senn in die Huette getreten war und ihn nicht
+mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz
+Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Guete
+und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen
+Eindruck gemacht, dass er nicht fort konnte. Er musste noch ein wenig
+in der Naehe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen
+unter den Baeumchen und spaehte zu der Huette hinauf, ob er den Senn
+nicht noch einmal saehe. Es dauerte einige Zeit, da ploetzlich trat
+Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Huette heraus.
+
+Er blieb vor der Tuer stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die
+stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ueber alle hohen Schneegipfel hin das
+milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt
+der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen
+Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Haende. Er hielt wohl still
+seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht
+geb euch Gott!" trat in die Huette zurueck und machte die Tuer zu. Sein
+Nachtgruss hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum
+und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller
+Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fuehlte Liebe und
+Bewunderung fuer den Senn, Gefuehle, die er bisher nicht gekannt hatte.
+
+Als es nun ganz dunkel und still in der Huette wurde, stand der This
+auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.
+
+Es war spaet und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich,
+die Tuer war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Haeuschen und
+schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser
+schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es
+ist bequem, dass der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden.
+So hat man doch Platz!"
+
+This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er
+immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit
+gefalteten Haenden vor seiner Huette stand. Zum erstenmal in seinem
+Leben schlief der This mit einem gluecklichen Herzen ein.
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+
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+3. Kapitel
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+Ein hilfreicher Engel
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+
+Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten,
+mussten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges
+gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr
+Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze
+Schar den Berghang herunter, und bald sassen sie alle mit anderen
+Kindern so ruhig wie moeglich auf den langen Baenken, und der Herr
+Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von
+einem zukuenftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den
+This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas
+fragen, das wirst du wohl beantworten koennen, wenn man dir auch nicht
+viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Aermsten
+und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefuehrt hat, so
+wohl werden, dass er kein Leid verspuert?"
+
+"Bei der Schwemmebachsennhuette", antwortete der This ohne Zoegern.
+Jetzt entstand ein solches Kichern, dass der This ganz scheu um sich
+schaute. Ringsum waren spoettische Blicke auf ihn gerichtet, und alle
+Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich
+so stark vornueber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem,
+was der Herr Pfarrer das letztemal erklaerte, hatte er nichts gehoert,
+weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren musste. Jetzt hatte
+er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet,
+
+Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, dass es dem
+This gar nicht zum Lachen war, sondern dass er vor Scheu ganz
+erschrocken und zusammengeduckt dasass, da schuettelte der Herr Pfarrer
+nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu
+machen."
+
+Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stuerzte die ganze Schar
+hinter dem This her, alle lachten ueberlaut und schrien durcheinander:
+"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Kaesfische in den Sinn
+gekommen?"
+
+"This, warum hast du nicht auch etwas von den Kaesfischen gesagt?" Der
+This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem
+Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben
+wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den
+schoenen Sonntagabend unten im Dorf geniessen.
+
+Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt
+einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhuette
+hinauffluechten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen.
+Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plaetzchen sitzen und
+vor Verfolgung sicher sein. Nun sass er wieder unter den Tannen und
+ueber ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der
+Sonne, und ueber den gruenen Haengen floss da und dort ein klares Baechlein
+friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, dass er allen
+Spott vergass und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr
+weggehen zu muessen.
+
+Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er
+bestaendig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie moeglich
+nieder. Denn er hatte das Gefuehl, wenn der Franz Anton ihn wieder
+hier sehe, so koennte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein
+Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und
+einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und
+in dessen Naehe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst
+nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und
+This sass an seinem schoenen Plaetzchen, bis die Sterne am Himmel standen
+und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Huette hinaustrat und
+ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder
+davon, und spaet wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht
+hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber
+das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefuehlt
+dort oben.
+
+So ging es eine ganze Woche. Tag fuer Tag, sobald er einen Augenblick
+fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm
+hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete
+er die ganze Taetigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und
+nie verliess er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton
+gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als
+sei der Nachtsegen auch fuer ihn gedacht.
+
+Es waren ausnahmsweise heisse Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg
+jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend
+niedergegangen war. Das Futter war besonders kraeftig, und Franz Anton
+bekam so schoene, fette Milch von den Alpenkuehen, dass er die
+praechtigsten Kaese daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude,
+und schon fruehmorgens konnte man ihn voller Vergnuegen in seiner
+Sennhuette pfeifen hoeren, so auch am Samstag dieser Woche. Da hoerte
+man ihn noch viel frueher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem
+der Senn seine drei oder vier fertigen Kaese an den See hinunterbrachte.
+Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie
+auf seinem Ruecken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwaerts,
+den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Ruecken. Es
+war der heisseste Tag des ganzen Sommers.
+
+Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die uebermaessige
+Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute
+abend wieder zu meiner Huette hinauf in die kuehle Luft zu kommen, hier
+unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt,
+gerade als das Schiff herankam, das die Kaese mitnehmen sollte. Bald
+war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschluessig
+da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten
+etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fuehlte keinen Appetit, sein Kopf
+war schwer und heiss, er wuenschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn
+jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim
+Einladen geholfen hatte. "Komm, Franz Anton, heute ist's heiss, wir
+wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn
+zu dem Wirtshaus.
+
+Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im
+Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber
+stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in
+der schweren, heissen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht
+an den Wein gewoehnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit grossen
+Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in
+seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiss auf
+seinen Kopf, alle seine Pulse haemmerten, die Fuesse wurden ihm so schwer,
+dass er sie nur mit Muehe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je
+groesser wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der
+Aussicht an, dass nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt
+nur noch eine Viertelstunde heisser Muehe vor ihm liege. Dann wuerde er
+oben sein und koenne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.
+
+Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne
+brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Ploetzlich wurde es ihm voellig
+schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stuerzte er auf den
+Boden nieder. Er hatte das Bewusstsein verloren.
+
+Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er,
+dass der Franz Anton noch nicht zurueckgekehrt war. Er stellte seine
+Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem
+Senn auszuschauen.
+
+Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz
+Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte
+er an seinem verborgenen Plaetzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt,
+den der Senn tat. Er wusste, wie eine Beschaeftigung auf die andere
+folgte, so dass er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der
+Franz Anton seine Milch stehen liess. Sonst goss er sie immer gleich in
+die verschiedenen Gefaesse. Die eine kam zum Buttern in die grossen,
+runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schoen dick obenauf
+lag. Die andere wurde in den Kaesekessel gegossen, das hatte der This
+durch die offene Huettentuer alles genau beobachten koennen. Der Senn
+kam immer noch nicht. Der Junge fuehlte, dass irgend etwas geschehen
+sein musste. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging
+zur Sennhuette. Da war es still und leer unten im Huettenraum und oben
+auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut
+war zu hoeren, alles wie ausgestorben. Aengstlich lief der This
+jetzt um die Huette herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann
+in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten
+erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da
+lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stoehnte und lechzte wie
+ein Sterbender. Er sah gluehend heiss aus, und seine Lippen waren ganz
+vertrocknet.
+
+Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor
+Schrecken, auf seinen Wohltaeter. Dann stuerzte er in schnellem Lauf
+den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewusstlos am
+Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt
+an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem
+brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich buecken
+und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er fuer einen Augenblick,
+denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.
+
+Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht ruehren.
+Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das
+Bewusstsein wieder, und er traeumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er
+heute frueh im Voruebergehen noch die schoenen Erdbeeren gesehen hatte.
+Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die
+Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber
+jetzt hatte er ploetzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte
+sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der
+Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schluerfte und
+schluckte, es war ein unsaegliches Labsal. Er erwachte. War das alles
+Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und
+steckte ihm wieder eine grosse saftige Erdbeere in den Mund.
+
+"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton. Aber
+nicht nur eine, fuenf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf
+einmal flog ein stechender Schmerz ueber sein Gesicht. Er legte die
+Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war
+ihm das Bewusstsein wieder voellig entschwunden. Er konnte nicht einmal
+mehr die letzte Erdbeere geniessen. Jetzt traeumte er ganz schreckliche
+Dinge. Sein Kopf wurde so gross wie sein allergroesstes Butterfass und
+dann immer noch groesser und so furchtbar schwer, dass er mit Schrecken
+dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man muss starke,
+hoelzerne Stuetzen unterstellen, wie unter die Apfelbaeume, wenn sie
+zuviel Aepfel tragen." Und jetzt fuehlte er deutlich, dass der Kopf ganz
+voll Schiesspulver war, das hatte einer von hinten angezuendet. Nun
+brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich musste alles
+zerspringen. Aber dann kam ploetzlich ganz kalt und belebend der
+Schwemmebach ueber seine Stirn, ueber das ganze Gesicht und in den Mund
+hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.
+
+Es war wahr, eiskalt kam ein Guss nach dem anderen auf Stirn und
+Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den
+kuehlenden Trank ein. Ueber ihm standen die funkelnden Sterne, das
+sah der Franz Anton deutlich. Er wusste auch, dass er noch am Boden lag
+draussen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der
+Schwemmebach sein, was so ueber ihn floss und ihn so ordentlich trinken
+liess. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend,
+so erloesend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer.
+Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich
+dir fuer deine Guete und die hilfreichen Engel!"
+
+Das erquickende Wasserbad hoerte nicht auf, und zuletzt fuehlte der
+Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schuetzend und
+wohltuend, dass er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt
+schlief er jetzt ganz sanft ein und traeumte nicht mehr.
+
+
+
+4. Kapitel
+
+Was die Sennenmutter haben will
+
+
+Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz
+Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er
+schauderte ein wenig zusammen, es froestelte ihn. Er wollte sich
+aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand
+an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht.
+Wohl sechsfach zusammengelegt lag nass und schwer das grosse Handtuch
+aus der Sennhuette auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der
+frische Morgenwind ueber die Stirn blies, fuehlte er sich so wohlig und
+erleichtert, dass er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da
+sah er auf einmal in zwei grosse, ernsthafte Augen hinein, die
+unverwandt auf ihn gerichtet waren.
+
+"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frueh auf
+die Alm? Nun, weil du da bist, komm, dass ich mich ein wenig auf deine
+Schulter stuetzen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf."
+
+Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er
+stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fuesse in den Boden hinein, so dass
+der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte.
+Waehrend des langsamen Aufstiegs zur Huette, als er sich immer noch auf
+die Schulter des Buben stuetzte, fing er an, sich daran zu erinnern,
+was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgaenge der
+Nacht voellig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur
+helfen. In der Huette angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner
+dreibeinigen Stuehle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz
+dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir
+wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt
+noch nicht machen. Ein Schuesselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist
+es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es
+regelmaessig dort hinauf. Ich weiss nicht, was mit mir vorgeht seit
+gestern."
+
+Der This war feuerrot geworden, er wusste wohl, wer das Schuesselchen
+heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am
+Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides
+dem Senn. Dieser schuettelte ganz betroffen den Kopf. Solange er
+lebte, hatte er noch nie sein Schuesselchen dort bei der Tuer auf den
+Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine
+Milch, fuellte dann das Schuesselchen wieder und sagte: "Da, This, trink
+auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, dass du so frueh hinauf
+kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Kaesfischtag und du seist dann
+sicher der erste?"
+
+"Nein, gewiss nicht", versicherte This.
+
+"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal
+unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder
+zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. "Sag mir, This, habe ich
+denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frueh
+heraufkamst?"
+
+Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn
+alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht
+recht, und er koennte boese werden. Aber der Franz Anton schaute ihm
+jetzt so tief in die Augen, dass er alles sagen musste: "Ich habe es
+selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an.
+
+"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert.
+
+"Weil sie so heiss waren", erwiderte This.
+
+Der Senn staunte immer mehr. "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang
+erwacht", sagte er. "Wann bist du denn heraufgekommen?"
+
+"Gestern um fuenf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam,
+"der Melker kam erst lange nachher."
+
+"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn
+gewollt und gemacht?"
+
+Jetzt sah der Franz Anton, dass dem This ganz bange wurde, ihm selber
+aber fielen nun wieder die Vorgaenge der letzten Nacht ein. Ganz
+vaeterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd:
+"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fuerchten, This. Da, trink noch
+eins aus, und dann sag mir alles, was du weisst, von da an, als du hier
+heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fasste der This neuen
+Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zuegen aus, denn sie schmeckte
+herrlich.
+
+Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier
+herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Kaesfische.
+Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie
+nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden
+gefunden, und Sie sind ganz rot und heiss gewesen und haben Durst
+gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe
+alle grossen Erdbeeren gepflueckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen
+gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf
+den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Huette
+das Schuesselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach
+habe ich ihn gefuellt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schuesselchen das
+Wasser ueber den Kopf geschuettet und auch zu trinken gegeben, denn sie
+haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin
+ich zum Bach hinueber und habe ihn wieder gefuellt. Aber weil das
+Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes
+Tuch wurde den Kopf besser kuehlen. Und so habe ich das Tuch aus der
+Huette geholt und es ganz nass auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann
+trocken und heiss wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und
+es dann wieder nass auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann
+erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht
+etwa krank werden."
+
+Der Senn hatte mit grosser Aufmerksamkeit zugehoert. Jetzt stand alles
+deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wusste auch
+wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren
+als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespuert und
+genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und
+verwundert an, als haette er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen
+solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn moeglich, dass
+dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben
+gerettet hatte.
+
+Haette der This sein Fieber nicht mit dem Wasser geloescht, wer weiss,
+was bis zum Morgen daraus geworden waere! Und wie konnte dieser This,
+dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung
+faehig sein, dass er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn
+pflegte! Dem grossen, starken Franz Anton kamen die Traenen in die
+Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles
+ueberdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir
+wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das
+vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die
+Glieder so, dass ich mich jetzt niederlegen muss. Geh du nun hinunter
+zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir
+nicht ganz wohl. Du musst dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe
+noch viel mit dir zu reden heute, vergiss es nicht!"
+
+Solange er lebte, war der This noch nie so gluecklich gewesen. Er lief
+springend den Berg hinunter, als koenne er nicht hoch genug aufspringen
+vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen,
+und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in
+die Sennhuette eintreten. Ausserdem hatte der Franz Anton ihm noch
+gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser
+Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der
+Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Haeuschen
+mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im
+Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der
+Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen,
+denn er war ganz atemlos vom Laufen.
+
+"Woher kommst denn du?" fragte die sonntaeglich gekleidete Frau, die
+nicht gern etwas Unordentliches sah. Missbilligend musterte sie den
+Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntaeglichen Anblick
+in seinen zerfetzten Alltagshoeschen und dem schmutzigen Hemdlein.
+"Ich meine, ich habe dich schon dort drueben ueber dem Bach gesehen, du
+bist wohl einer vom Haelmli-Sepp?"
+
+"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demuetig.
+
+Jetzt fiel der Frau ein, dass die Frau des Haelmli-Sepp einen
+einfaeltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts
+zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. "Und was willst du
+denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert.
+
+Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag
+klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der
+kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und dass er nach ihr schickte
+und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes
+Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in grosser
+Sorge das Noetigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem grossen
+Korb am Arm heraus.
+
+"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn. Warum musst du
+wieder mit?"
+
+"Ich weiss nicht", antwortete er. Und fast als waere es etwas Boeses,
+setzte er leise hinzu: "Muss ich nicht den Korb tragen?"
+
+"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran
+gedacht, dass ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb.
+Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief
+in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer
+Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die
+Krankheit gefaehrlich sein? Ihre Angst wurde immer groesser, je naeher
+sie der Sennhuette kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige
+Schritte--der bekuemmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast
+nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie
+schaute ueberall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn
+tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem
+Herzen stieg sie die Leiter hinauf.
+
+Der This blieb ehrerbietig draussen vor der Tuer stehen, nur den Korb
+schob er in die Huette hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll
+ueber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte
+ihr froehlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter:
+"Gruess dich Gott, Mutter! Das freut mich, dass du da bist. Ich habe
+aber geschlafen wie ein Baer, die ganze Zeit, seit der This fortging."
+Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie
+wusste gar nicht, was sie denken sollte. "Franz Anton", sagte sie
+jetzt ernsthaft, "was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weisst du,
+dass du mich hast holen lassen?"
+
+"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz
+bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir
+noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir
+reden. Ich fuehl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kaeme noch
+nicht weit."
+
+"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir's doch",
+draengte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.
+
+"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen",
+sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. "Sieh einmal
+zuerst dort unten das schmale, magere Bueblein an, das kein gutes Stueck
+Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder
+nur den dummen This nennt."
+
+Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn
+hinaufspaehte, ob er etwa wieder umfallen wolle.
+
+"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt.
+
+"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Bueblein nicht
+gewesen waere, so laege ich jetzt noch draussen auf dem Boden in einem
+toedlichen Fieber, oder vielleicht waere es auch schon vorbei mit mir."
+Und jetzt erzaehlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag
+zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen
+und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch
+auf der Welt es nicht besser haette tun koennen.
+
+Die Mutter musste sich mehrmals die Traenen abwischen. Sie stellte sich
+vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da
+draussen gelegen haette und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden
+waere, und kein Mensch haette etwas von ihm gewusst. Und jetzt stieg ein
+Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, dass sie laut ausrufen musste:
+"Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche
+Liebe zu dem armen This ueberkam sie, dass sie ganz eifrig sagte: "Franz
+Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Haelmli-Sepp zurueck!
+Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat
+sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen
+mache ich ihm ein Gewand, dass man ihn ansehen darf. Er muss es nicht
+schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir
+geholfen hat."
+
+"Das ist nun gerade, was ich wuenschte, Mutter, aber ich musste doch
+zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben
+und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein koennte. Es geht
+nichts ueber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller
+Glueck und Liebe an, dass es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich
+dachte: Es geht auch nichts ueber einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte
+sie: "Jetzt musst du etwas essen, Franz Anton, dass du wieder zu Kraeften
+kommst. Ich habe frische Eier und ein Weissbrot mitgenommen, und jetzt
+will ich Feuer machen, lass dir Zeit zum Herunterkommen." Das musste der
+Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging.
+Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er
+sich selbst niedergesetzt hatte.
+
+"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend,
+"willst du ein Senn werden?"
+
+Der This fing an zu laecheln, aber dann hoerte er ploetzlich die
+vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen
+hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts".
+Und schuechtern antwortete er. "Ich kann nichts werden."
+
+"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit.
+"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun
+bleibst du bei mir und traegst Milch und Wasser und hilfst mir bei
+allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Kaese macht und sobald
+du gross genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein
+Gehilfe."
+
+"Hier in der Schwemmebachsennhuette?" fragte This, dem die Aussicht auf
+diese Glueckseligkeit ganz unfassbar war.
+
+"Alles hier, in der Schwemmebachsennhuette", bestaetigte der Franz Anton.
+
+Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden
+Gluecks, dass der Senn ihn nur ansehen musste. Der Bub war wie
+verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den grossen
+Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie
+streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir
+miteinander froehlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen
+wir dem lieben Gott dafuer danken, dass er dich gerade zur rechten Zeit
+in die Naehe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch
+begreift, warum du da heraufgekommen bist."
+
+Jetzt begann das froehliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben
+hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen.
+Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weissbrot hingelegt
+und daneben Butter und weissen Kaese. Und mitten auf dem Tisch stand
+eine grosse Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die
+Mutter grosse, dicke Stuecke vor den This hin, und wenn er fertig war,
+gab es gleich noch einmal so viel.
+
+Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie:
+"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muss bei dir oben
+bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es
+noetig ist. Der Frau des Haelmli-Sepp will ich schon alles berichten."
+
+Das war dem Sennen recht, und fuer den This war es das hoechste Glueck,
+das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton.
+Nicht mehr verborgen unter den Tannenbaeumchen hoerte er heute den
+Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als
+dieser seine Haende faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den
+Abendsegen." Andaechtig faltete auch er seine Haende, und als am Schluss
+der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glueck im
+Herzen des This so gross, dass er gern ueberlaut allen Menschen auf der
+ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!'
+
+Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinueber zu der Frau des
+Haelmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und
+gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzaehlten.
+Die Sennin hoerte, dass von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der
+Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Haelmli-Sepp erklaerte,
+dass sie mit ihrem Sohn uebereingekommen sei, sie wollten den This bei
+sich annehmen, da machte die Frau einen grossen Laerm. Sie sagte, sie
+sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fuer
+den Senn eine groessere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien
+alle aus vollen Haelsen: "Mich! Mich! Mich!" Denn sie wussten wohl,
+wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhuette fuer gute
+Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.
+
+Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn
+schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen
+This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das
+Haenseln und Verspotten unterlassen, sonst haetten sie es mit ihrem Sohn
+zu tun. Der rede dann mit seinen kraeftigen Armen eine deutlichere
+Sprache mit den Buben, als sie es jetzt koennte. Dann verliess die
+Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verbluefft nachschauten,
+und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This waere,
+der wird's gut haben, wie ein Koenig wird er da oben in seiner
+Sennhuette leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen liess,
+liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund
+sein. Denn sie mussten alle an den letzten Kaesfischtag denken, als der
+This so uebel behandelt worden war. Von nun an wuerde er ja gewiss alle
+Kaesfische allein bekommen, da waere doch jeder gut daran, der sein
+Freund waere. Und spaeter waren sie auch alle gut daran, denn dem This
+machte es die groesste Freude, die reiche Ernte der Kaesfische unter
+allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darueber
+wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie
+mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte
+sich zur Ueberraschung aller, dass er auf einmal ein ganz flinkes,
+geschicktes Buerschchen war, von dem jeder sagen musste: "Entweder ist
+das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den
+dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit,
+sein liebster Schueler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei
+allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die
+anderen Buben koennten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird,
+von Johanna Spyri.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
+
+This file should be named 7vomt10.txt or 7vomt10.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7vomt11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7vomt10a.txt
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+Most people start at our Web sites at:
+http://gutenberg.net or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
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+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
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+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05
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+Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92,
+91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
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+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
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+that have responded.
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+Please feel free to ask to check the status of your state.
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+In answer to various questions we have received on this:
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+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
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+just ask.
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+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
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+Donations by check or money order may be sent to:
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+requirements for other states are met, additions to this list will be
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+
diff --git a/old/7vomt10.zip b/old/7vomt10.zip
new file mode 100644
index 0000000..8647ad4
--- /dev/null
+++ b/old/7vomt10.zip
Binary files differ
diff --git a/old/8vomt10.txt b/old/8vomt10.txt
new file mode 100644
index 0000000..d23a607
--- /dev/null
+++ b/old/8vomt10.txt
@@ -0,0 +1,1484 @@
+The Project Gutenberg EBook of Vom This, der doch etwas wird, by Johanna Spyri
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
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+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Vom This, der doch etwas wird
+
+Author: Johanna Spyri
+
+Release Date: February, 2006 [EBook #9859]
+[This file was first posted on October 25, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
+
+
+
+
+E-text prepared by Delphine Lettau
+
+
+
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 8-bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfgung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Vom This, der doch etwas wird
+
+Erzhlung
+
+Johanna Spyri
+
+
+
+
+
+
+
+1. Kapitel
+
+Alle gegen einen
+
+
+Wenn man den Seelisberg von der Rckseite her besteigt, kommt man auf
+eine frische, grne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die
+friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem
+schnen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenhrten Khe
+ziehen lieblich lutend immer hin und her. Denn jede trgt am Hals
+ihre Glocke, damit man immer hrt, wo sie ist. So kann sich keine Kuh
+unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Struchern bedeckte Felswand
+liegt, ber die sie hinunterstrzen knnte. Es ist auerdem ein
+ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben knnen. Aber die
+Glocken sind doch notwendig und tnen so freundlich hin und her, da
+keiner sie entbehren mchte. Am Bergabhang stehen hie und da
+vereinzelt die kleinen, hlzernen Huser, und nicht selten rauscht
+daneben ein schumender Bach ins Tal hinab. 'Am Berghang' heit es
+hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Huschen steht auf
+ebenem Boden. Es ist, als wren sie irgendwie an den Berg hingeworfen
+worden und da hngengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da
+oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie
+alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der
+kleinen, hlzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt
+in ihre Nhe, so sieht man, da ein groer Unterschied zwischen ihnen
+ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nhe ganz
+verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen
+ihnen strzt der grte Bergbach der Gegend, der schumende
+Schwemmebach, hinunter.
+
+Am ersten Huschen blieben auch an den schnsten Sommertagen alle die
+kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die
+hineindrang, kam durch die Lcher der zerbrochenen Scheiben. Das war
+aber nicht viel, denn die Lcher waren wieder mit Papier verklebt,
+damit man im Winter drinnen nicht frieren mute. An dem hlzernen
+Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war
+so zerfallen, da es ein Wunder war, da alle die kleinen Kinder, die
+da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie
+hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder
+waren alle mit Schmutz berdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen
+Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ber da
+herum, und am Abend kamen vier grere Kinder dazu. Drei krftige
+Buben und ein Mdchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich
+aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie
+konnten sich doch schon selbst waschen.
+
+Das Huschen ber dem Bach drben hatte einen ganz anderen Charakter.
+Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgerumt
+aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drben. Die
+Stufen sahen immer so aus, als wren sie eben gescheuert worden. Und
+oben auf der Galerie standen drei schne Nelkenstcke und dufteten den
+ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen
+Fenstern stand offen und lie die schne, sonnige Bergluft herein.
+Dort konnte man meistens eine noch krftig aussehende Frau sitzen
+sehen, mit schnem, weiem Haar, das sie sehr ordentlich unter das
+schwarze Hubchen zurckgestrichen hatte. Sie flickte gewhnlich an
+einem Mnnerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber
+gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so
+adrett und reinlich aus, als wre noch nie etwas Unsauberes an sie
+herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des
+frhlichen Franz Anton mit den krftigen Armen. Der machte den Sommer
+ber in der oberen Sennhtte seine Kse, und erst im Sptherbst zog er
+wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn
+dann butterte er in der unteren Sennhtte, die ganz nahe lag. Da ber
+den reienden Schwemmebach kein Steg fhrte, waren die zwei Huschen
+ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg
+wohnten, besser, als diese Nachbarn ber dem Bach, zu denen sie nur
+etwa einmal am Tag stumm hinberschaute. Gewhnlich schttelte sie
+dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter
+und schmutzigen Fetzen drben an den Kindern sah. Sie schaute aber
+nicht oft hinber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber
+betrachtete sie, wenn das Feierabendstndchen kam, ihre roten Nelken
+auf der Galerie oder sie schaute ber den grnen, sonnigen Abhang
+hinunter, der vor ihrem Huschen zum Tal hinabstieg.
+
+Die verwilderten Kinder ber dem Bach gehrten dem Hlmli-Sepp, wie er
+genannt wurde, der seine Arbeit auer Haus beim Holzfllen oder
+Heumachen suchte. Auerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So
+war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die
+Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele
+kleine Kinder knne man nicht in Ordnung halten, und spter wrde es
+dann von selbst besser. So lie sie alles gehn, wie es ging. Und in
+der schnen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und
+lieen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl
+sein. Zur Sommerzeit waren die vier Greren den ganzen Tag drauen,
+um die Khe zu hten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen,
+wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten
+bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Khe auf das
+umliegende Weideland hinaus und muten sie hten lassen. Das ist
+immer eine lustige Zeit fr die Buben und Mdchen, die sich dort zu
+jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei frhliche Sachen
+miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten
+im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere
+Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer
+ber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstck nach Hause,
+das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier
+Kleinen zu ernhren und fr alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn
+diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mute doch jedes haben
+und die vier Groen noch ein Stck dazu. Eine Kuh hatte der
+Hlmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaen,
+wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.
+
+Hlmli-Sepp hie der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum
+nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine
+Gei und ein Stck Kartoffelland, damit mute die Frau mit den vier
+Kleinen den Sommer ber auskommen und auch hier und da noch eines der
+Greren speisen, wenn es drauen keine Arbeit fand. Der Vater kam im
+Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein
+Huschen und Acker waren so verschuldet, da er das ganze Jahr ber
+etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten
+konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel
+er fand.
+
+So mute die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte
+keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von
+der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der
+verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten,
+schaute sie ber den Bach zu dem schmucken Huschen der Sennerin
+hinber, dessen Scheiben in der Sonne glnzten. Dann sagte sie
+rgerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles
+sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging
+sie wieder rgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurck, und an dem,
+der ihr zuerst in den Weg kam, lie sie den rger aus.
+
+Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht
+ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Huschen vom
+Hlmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der
+dumme This' genannt, sah so mager und drftig aus, da man ihn kaum
+fr achtjhrig gehalten htte. Er schaute auch so scheu und
+verschchtert drein, da niemand wute, wie der This eigentlich aussah,
+denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach.
+This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum
+zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel spter ber die Felsen
+in die Tiefe gestrzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam
+und den Weg abkrzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte
+nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem
+groen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This
+hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend,
+eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen
+Matthis genannt.
+
+Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Huschen vom
+Hlmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafsttte mit seinem Bblein
+gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben
+Ort. Das wenige Geld, das fr den kleinen This von der Gemeinde
+bezahlt wurde, war der Frau des Hlmli-Sepp sehr erwnscht. Und in
+die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fr die
+schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This
+war schon von Natur aus ein schchternes und stilles Bblein gewesen.
+Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das groe Unglck
+gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem
+Unglck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.
+
+So sa der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein
+Wort zu hren, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann
+seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des
+Hlmli-Sepp gehrte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde
+von jedem angefahren und hin und her gestoen, weil er sich nie wehrte.
+Zu all den Pffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen
+dann noch die bsen Worte der Frau, wenn sie den rger ber das
+saubere Huschen der Sennerin drben hatte. Der This wehrte sich aber
+nie, denn er hatte das Gefhl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so
+nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und
+verschchtert, da man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her
+vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn
+anrief. Er sah berhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch,
+wo er in die Erde hineinkriechen knnte, da ihn keiner mehr fnde.
+
+So war es gekommen, da die vier Groen vom Hlmli-Sepp, der Jopp, der
+Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du
+bist doch ein dummer This", und da es die vier Kleinen auch
+nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals
+dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es
+werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme
+This' genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten knnte,
+wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Khe zu hten, und war
+er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke
+oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da sa er
+meistens zitternd vor Furcht, denn er hrte wohl, wie die anderen
+Buben ihn mit groem Geschrei suchten, da er bei den Spielen
+mitmachte, die sie spielen wollten.
+
+Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prgeln, und das traf
+regelmig den This am strksten, da er sich nicht wehrte und auch
+nicht wehren konnte gegen die viel Strkeren. So verkroch er sich,
+sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Khe, wohin sie wollten
+und fraen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann groen rger, und
+jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Khe zu hten, und keiner
+stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld,
+wenn die Buben zum Jten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da
+warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblten an den
+Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem
+anderen reichlich zurck, was er empfangen hatte. Der This gab aber
+nichts zurck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen
+Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen
+gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten
+die Knollen an den Rcken und an den Kopf.
+
+Whrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten,
+versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den
+Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit
+nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller
+Arbeit zu dumm und aus dem This knne nie etwas werden. Weil er nun
+gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er
+auch von der Frau des Hlmli-Sepp demgem behandelt. Wenn schon die
+eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es
+meistens, da fr den This gar nichts mehr brigblieb und es dann hie:
+"Du wirst wohl etwas finden, du bist gro genug." Wie der This
+eigentlich ernhrt wurde, wute niemand, auch die Frau des Hlmli-Sepp
+nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.
+
+Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen
+Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tr
+vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in
+seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich
+wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer
+scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.
+
+
+
+2. Kapitel
+
+Bei der Schwemmebachsennhtte
+
+
+An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle
+Mcken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hterbuben und--mdchen.
+Sie muten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp,
+von allen der Grte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle
+nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, da man jetzt zur
+Schwemmebachsennhtte hinaufgehe, denn heute sei der Ksfischtag. Nun
+msse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Khe
+hten solle, whrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wrden.
+Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust,
+sich fr die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue
+Uli auf den Gedanken, man knnte einmal den dummen This zwingen, auf
+die Khe acht zu geben. Und damit er's nicht vergesse, knnte man ihn
+im voraus ein wenig durchprgeln. Der Vorschlag fand Anklang, und
+schon wollten mehrere von den Anfhrern der Schar den This holen, als
+das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts
+Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den
+Lohn dafr, wenn wir wieder zurckkommen und die Khe sich verlaufen
+haben. Ihr werdet doch nicht glauben, da der This, wenn er zu dumm
+ist, zwei Khe zu hten, auf einmal zwanzig hten kann. Man mu losen,
+und drei mssen bei den Khen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis
+Erklrung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus
+der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet
+der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der
+siegreichen Schar den Rcken und setzte sich auf den Boden neben seine
+beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen strzte nun
+die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genu
+entgegen.
+
+Der Ksfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die
+es nie unterlieen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen
+sollte. Denn das war ein Hauptfest fr sie. Das war der Tag, an dem
+der Franz Anton seine frischen Kse rundum beschnitt, nachdem diese
+als weiche Masse in die runde, hlzerne Form gepret worden waren.
+Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von
+der Masse herausdrngte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie
+eine lange, schneeweie Wurst. Die wurde dann in viele Stcke
+gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt.
+Das waren dann die sogenannten Ksfische. Dieses Fest wiederholte
+sich den Sommer ber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem
+Freudengeschrei begrt.
+
+This hatte sich hinter dem groen Distelbusch am Boden versteckt
+gehalten, whrend die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton
+von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hrte,
+da die groe Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig
+hervor. Die drei grollenden Zurckgebliebenen saen am Boden und
+kehrten ihm den Rcken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stck
+die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der
+Hhe hernieder. Den This erfate ein unwiderstehliches Verlangen,
+auch an der Ksfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlpfte er
+hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er
+hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem
+letzten steilen Hang kam eine kleine, glnzend grne Hochebene, da
+stand die Sennhtte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der
+klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tr seiner Htte stand der
+Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte ber
+die vielen Sprnge, die jetzt die Buben und Mdchen in ihrem Eifer, zu
+dem ersehnten Genu zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt
+waren sie alle bei der Htte und eines drngte das andere vorwrts, um
+noch nher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wrde.
+
+"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton. "Wenn ihr alle in
+die Htte hineindrngt, so habe ich keinen Platz mehr zum
+Kseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes
+Messer zur Hand und trat an den groen, runden Kse heran, den er
+schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden
+ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweien
+Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stck und da ein
+Stck, oft ber die Kpfe der Groen weg den Kleinen, die nicht zu ihm
+vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner
+Teilung.
+
+This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen
+wollte, so bekam er da einen Sto und dort einen und flog so von einer
+Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer
+wieder ein Grerer und Dickerer sich vor ihn drngte. Zuletzt bekam
+er einen so ungeheuren Sto von dem breiten, nach allen Seiten
+schlagenden Jopp, da er sich fast berschlagen htte. Die Teilung
+war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, da er zu keinem
+Stckchen Ksfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine
+Schlge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die
+jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den
+Bumchen. Auf der hchsten Krone des einen sa ein lustiger, kleiner
+Vogel und pfiff so frhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als
+gbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und
+Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, da er fast das
+Leid verga, das ihm eben geschehen war.
+
+Von Zeit zu Zeit mute er nach der Sennhtte hinberschauen, denn das
+Lrmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stck Ksfisch
+wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie
+jedes Kind mit einem greren oder kleineren Brocken der schnen,
+weien Masse dastand und mit Wonne hineinbi. Er seufzte dann ein
+wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges
+Stcklein bekme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weien
+Ksfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie
+heute in die Schar der Glcklichen einzudringen. Jetzt hatte er
+gesehen, da es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut
+zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlugedanken, da er
+sein Leben lang nie einen Ksfisch bekommen werde. Darber wurde er
+so traurig, da er nicht einmal den Vogel mehr hrte und ganz
+zusammengeduckt unter den Tannenbumen sa.
+
+Jetzt war das Gastmahl bei der Htte zu Ende und mit schrecklichem
+Lrm strzten die Kinder daher, womglich immer einer ber den anderen
+hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall
+brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der
+lrmende Hans, und laut schrie er in das Gebsch hinein: "Du Maulwurf,
+komm heraus, du mut mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen
+hatte. Er mute sich als Bock hinstellen, damit die anderen ber ihn
+springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wre
+viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wute wohl,
+was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er
+gehorsam heran. "Wie viele Ksfische hast du bekommen?" schrie ihn
+jetzt der Hans an.
+
+"Keinen", gab This zurck. "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans
+noch lauter in die Schar hinein, "der luft schnell zu den Ksfischen,
+und dann luft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer
+This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die groen
+Buben ber den Kopf weg, so da er genug zu tun hatte, nur immer
+wieder auf die Fe zu kommen, wenn er umgeworfen worden war.
+Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestrzter die Abhnge
+hinunter, bis ein glcklicher Zufall sie wieder alle auf die Fe
+brachte. Nach dieser strmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen
+gleich alle auseinander, jeder seinen Khen nach.
+
+Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn
+jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den
+Zurckgebliebenen, weit er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem
+Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben
+und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im
+Berghang, wo im Frhling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und
+den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und
+ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schne, dunkelrote
+Erdbeeren in der Sonne, die so schn warm in die Vertiefung schien.
+Aber dem This war es berall angst und bang, wenn er noch in der Nhe
+der Huser und der Hterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden
+Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der
+This zuckte scheu und ngstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer
+dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch
+einmal an das stille Pltzchen unter den kleinen Tannenbumchen dort
+oben und an das pfeifende Vgelein, so da es ihn mit Gewalt vom Boden
+zog. Er mute noch einmal dorthin.
+
+Mit allen Krften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht
+einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die
+Tannenbumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein
+Tannenversteck ein wenig offen. Da sa nun der This in vlliger
+Sicherheit. Ringsum war eine groe Stille, kein Ton drang von unten
+her bis hier auf die einsame Hhe, nur das Vgelein sa noch auf
+seinem Tannenast und pfiff sein frhliches Lied. Die Sonne wollte
+untergehen. Die hohen Schneeberge drben fingen zu flimmern und zu
+glhen an, und ber die ganze grne Alm hin lag das golden schimmernde
+Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie
+gekanntes Wohlsein kam ber ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und
+Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu frchten, denn weit und
+breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hren.
+
+So sa der This eine lange Zeit, und am liebsten wre er gar nicht
+mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben
+gewesen. Aber da hrte er schwere Tritte hinter sich von der Htte
+her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewi
+wollte er zum Bach hinber, um Wasser zu holen. This verhielt sich
+muschenstill. Denn er war so daran gewhnt, da er von jedermann
+angefahren oder ausgelacht wurde, da er dachte, der Senn werde es
+gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die
+Bumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton
+wurde aufmerksam, trat nher und guckte in den Tannenbusch hinein.
+
+"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht.
+
+"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.
+
+"Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu frchten, wenn du nichts
+Bses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa
+mit deinen Ksfischen da hineingeflchtet, da du sie in Ruhe
+verzehren kannst?"
+
+"Nein, ich habe keine Ksfische gehabt", sagte This ngstlich.
+
+"Nicht? Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie
+sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem
+Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem
+Menschen.
+
+"Sie haben mich auf die Seite gestoen", erwiderte er nun und stand
+hinter den buschigen Zweigen auf.
+
+"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort,
+"komm noch ein wenig nher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn
+sie dich wegstoen? Es stt ja immer einer den anderen, aber zuletzt
+kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?"
+
+"Sie sind strker", sagte der This so berzeugend, da diese Erklrung
+wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den
+Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, groen Franz Anton wie
+ein dnnes Stcklein vor einer hohen Tanne. Der krftige Mann
+betrachtete einen Augenblick das schmale Figrchen, an dem tatschlich
+fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht
+schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.
+
+"Wem gehrst du?" fragte er jetzt den Buben.
+
+"Niemand", gab This zur Antwort.
+
+"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?"
+
+"Beim Hlmli-Sepp."
+
+Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. "Ach so, bist du der!"
+sagte er verstndnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar
+nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehrt, ihn aber nicht
+gekannt.
+
+"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig. "Wenn du beim Hlmli-Sepp
+bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hlmlein.
+Komm, Ksfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes."
+
+Der This wute gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz
+Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und
+das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Htte, holte
+hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein groes
+Stck ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfa, das goldig glnzend
+in der Ecke stand, und holte ein groes Stck Butter heraus. Das
+strich er ber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stck mit
+der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte
+der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es
+nicht mglich, da es ihm gehre.
+
+"Komm heraus. I es vor der Htte, ich mu nun zum Wasser", sagte
+Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glck und
+Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte.
+Vor der Htte setzte er sich auf den Boden. Und whrend der Senn zum
+Schwemmebach hinberging, bi er in sein Butterbrot hinein und bi
+immer wieder und konnte nicht begreifen, da es etwas so Gutes gbe
+und er es bekommen htte.
+
+Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und
+wiegte unten die Tannenbumchen hin und her, und der kleine Vogel sa
+immer noch auf dem hchsten Zweig und sang hell und frhlich in den
+goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie
+gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er msse laut mit dem Vogel zu
+singen anfangen.
+
+Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her
+gegangen. Drben beim Schwemmebach war er immer eine Weile
+stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr
+rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gro und golden der volle Mond
+hinter dem weien Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Htte
+zurck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle
+sa.
+
+"So gefllt's dir hier?" fragte er freundlich. "Mit dem Abendessen
+bist du fertig, wie ich sehe. Du mut dich auf den Rckweg machen.
+Sieh, wie schn dir der Mond heimleuchtet!"
+
+Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel
+ihm ein, da es wohl ntig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem
+Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den
+Tannenbumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurck. Er schaute noch
+einmal zurck, und da der Senn in die Htte getreten war und ihn nicht
+mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz
+Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Gte
+und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen
+Eindruck gemacht, da er nicht fort konnte. Er mute noch ein wenig
+in der Nhe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen
+unter den Bumchen und sphte zu der Htte hinauf, ob er den Senn
+nicht noch einmal she. Es dauerte einige Zeit, da pltzlich trat
+Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Htte heraus.
+
+Er blieb vor der Tr stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die
+stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ber alle hohen Schneegipfel hin das
+milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt
+der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen
+Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hnde. Er hielt wohl still
+seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht
+geb euch Gott!" trat in die Htte zurck und machte die Tr zu. Sein
+Nachtgru hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum
+und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller
+Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fhlte Liebe und
+Bewunderung fr den Senn, Gefhle, die er bisher nicht gekannt hatte.
+
+Als es nun ganz dunkel und still in der Htte wurde, stand der This
+auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.
+
+Es war spt und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich,
+die Tr war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Huschen und
+schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser
+schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es
+ist bequem, da der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden.
+So hat man doch Platz!"
+
+This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er
+immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit
+gefalteten Hnden vor seiner Htte stand. Zum erstenmal in seinem
+Leben schlief der This mit einem glcklichen Herzen ein.
+
+
+
+3. Kapitel
+
+Ein hilfreicher Engel
+
+
+Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten,
+muten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges
+gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr
+Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze
+Schar den Berghang herunter, und bald saen sie alle mit anderen
+Kindern so ruhig wie mglich auf den langen Bnken, und der Herr
+Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von
+einem zuknftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den
+This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas
+fragen, das wirst du wohl beantworten knnen, wenn man dir auch nicht
+viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem rmsten
+und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefhrt hat, so
+wohl werden, da er kein Leid versprt?"
+
+"Bei der Schwemmebachsennhtte", antwortete der This ohne Zgern.
+Jetzt entstand ein solches Kichern, da der This ganz scheu um sich
+schaute. Ringsum waren spttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle
+Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich
+so stark vornber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem,
+was der Herr Pfarrer das letztemal erklrte, hatte er nichts gehrt,
+weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mute. Jetzt hatte
+er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet,
+
+Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, da es dem
+This gar nicht zum Lachen war, sondern da er vor Scheu ganz
+erschrocken und zusammengeduckt dasa, da schttelte der Herr Pfarrer
+nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu
+machen."
+
+Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da strzte die ganze Schar
+hinter dem This her, alle lachten berlaut und schrien durcheinander:
+"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Ksfische in den Sinn
+gekommen?"
+
+"This, warum hast du nicht auch etwas von den Ksfischen gesagt?" Der
+This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem
+Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben
+wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den
+schnen Sonntagabend unten im Dorf genieen.
+
+Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt
+einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhtte
+hinaufflchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen.
+Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Pltzchen sitzen und
+vor Verfolgung sicher sein. Nun sa er wieder unter den Tannen und
+ber ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der
+Sonne, und ber den grnen Hngen flo da und dort ein klares Bchlein
+friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, da er allen
+Spott verga und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr
+weggehen zu mssen.
+
+Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er
+bestndig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie mglich
+nieder. Denn er hatte das Gefhl, wenn der Franz Anton ihn wieder
+hier sehe, so knnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein
+Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und
+einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und
+in dessen Nhe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst
+nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und
+This sa an seinem schnen Pltzchen, bis die Sterne am Himmel standen
+und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Htte hinaustrat und
+ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder
+davon, und spt wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht
+hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber
+das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefhlt
+dort oben.
+
+So ging es eine ganze Woche. Tag fr Tag, sobald er einen Augenblick
+fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm
+hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete
+er die ganze Ttigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und
+nie verlie er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton
+gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als
+sei der Nachtsegen auch fr ihn gedacht.
+
+Es waren ausnahmsweise heie Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg
+jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend
+niedergegangen war. Das Futter war besonders krftig, und Franz Anton
+bekam so schne, fette Milch von den Alpenkhen, da er die
+prchtigsten Kse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude,
+und schon frhmorgens konnte man ihn voller Vergngen in seiner
+Sennhtte pfeifen hren, so auch am Samstag dieser Woche. Da hrte
+man ihn noch viel frher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem
+der Senn seine drei oder vier fertigen Kse an den See hinunterbrachte.
+Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie
+auf seinem Rcken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwrts,
+den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rcken. Es
+war der heieste Tag des ganzen Sommers.
+
+Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die bermige
+Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute
+abend wieder zu meiner Htte hinauf in die khle Luft zu kommen, hier
+unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt,
+gerade als das Schiff herankam, das die Kse mitnehmen sollte. Bald
+war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlssig
+da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten
+etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fhlte keinen Appetit, sein Kopf
+war schwer und hei, er wnschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn
+jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim
+Einladen geholfen hatte. "Komm, Franz Anton, heute ist's hei, wir
+wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn
+zu dem Wirtshaus.
+
+Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im
+Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber
+stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in
+der schweren, heien Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht
+an den Wein gewhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit groen
+Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in
+seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte hei auf
+seinen Kopf, alle seine Pulse hmmerten, die Fe wurden ihm so schwer,
+da er sie nur mit Mhe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je
+grer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der
+Aussicht an, da nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt
+nur noch eine Viertelstunde heier Mhe vor ihm liege. Dann wrde er
+oben sein und knne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.
+
+Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne
+brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Pltzlich wurde es ihm vllig
+schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer strzte er auf den
+Boden nieder. Er hatte das Bewutsein verloren.
+
+Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er,
+da der Franz Anton noch nicht zurckgekehrt war. Er stellte seine
+Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem
+Senn auszuschauen.
+
+Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz
+Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte
+er an seinem verborgenen Pltzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt,
+den der Senn tat. Er wute, wie eine Beschftigung auf die andere
+folgte, so da er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der
+Franz Anton seine Milch stehen lie. Sonst go er sie immer gleich in
+die verschiedenen Gefe. Die eine kam zum Buttern in die groen,
+runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schn dick obenauf
+lag. Die andere wurde in den Ksekessel gegossen, das hatte der This
+durch die offene Httentr alles genau beobachten knnen. Der Senn
+kam immer noch nicht. Der Junge fhlte, da irgend etwas geschehen
+sein mute. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging
+zur Sennhtte. Da war es still und leer unten im Httenraum und oben
+auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut
+war zu hren, alles wie ausgestorben. ngstlich lief der This
+jetzt um die Htte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann
+in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten
+erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da
+lag sein Freund mit geschlossenen Augen und sthnte und lechzte wie
+ein Sterbender. Er sah glhend hei aus, und seine Lippen waren ganz
+vertrocknet.
+
+Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor
+Schrecken, auf seinen Wohltter. Dann strzte er in schnellem Lauf
+den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewutlos am
+Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt
+an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem
+brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bcken
+und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er fr einen Augenblick,
+denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.
+
+Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rhren.
+Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das
+Bewutsein wieder, und er trumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er
+heute frh im Vorbergehen noch die schnen Erdbeeren gesehen hatte.
+Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die
+Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber
+jetzt hatte er pltzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte
+sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der
+Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlrfte und
+schluckte, es war ein unsgliches Labsal. Er erwachte. War das alles
+Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und
+steckte ihm wieder eine groe saftige Erdbeere in den Mund.
+
+"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton. Aber
+nicht nur eine, fnf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf
+einmal flog ein stechender Schmerz ber sein Gesicht. Er legte die
+Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war
+ihm das Bewutsein wieder vllig entschwunden. Er konnte nicht einmal
+mehr die letzte Erdbeere genieen. Jetzt trumte er ganz schreckliche
+Dinge. Sein Kopf wurde so gro wie sein allergrtes Butterfa und
+dann immer noch grer und so furchtbar schwer, da er mit Schrecken
+dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man mu starke,
+hlzerne Sttzen unterstellen, wie unter die Apfelbume, wenn sie
+zuviel pfel tragen." Und jetzt fhlte er deutlich, da der Kopf ganz
+voll Schiepulver war, das hatte einer von hinten angezndet. Nun
+brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mute alles
+zerspringen. Aber dann kam pltzlich ganz kalt und belebend der
+Schwemmebach ber seine Stirn, ber das ganze Gesicht und in den Mund
+hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.
+
+Es war wahr, eiskalt kam ein Gu nach dem anderen auf Stirn und
+Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den
+khlenden Trank ein. ber ihm standen die funkelnden Sterne, das
+sah der Franz Anton deutlich. Er wute auch, da er noch am Boden lag
+drauen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der
+Schwemmebach sein, was so ber ihn flo und ihn so ordentlich trinken
+lie. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend,
+so erlsend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer.
+Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich
+dir fr deine Gte und die hilfreichen Engel!"
+
+Das erquickende Wasserbad hrte nicht auf, und zuletzt fhlte der
+Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schtzend und
+wohltuend, da er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt
+schlief er jetzt ganz sanft ein und trumte nicht mehr.
+
+
+
+4. Kapitel
+
+Was die Sennenmutter haben will
+
+
+Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz
+Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er
+schauderte ein wenig zusammen, es frstelte ihn. Er wollte sich
+aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand
+an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht.
+Wohl sechsfach zusammengelegt lag na und schwer das groe Handtuch
+aus der Sennhtte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der
+frische Morgenwind ber die Stirn blies, fhlte er sich so wohlig und
+erleichtert, da er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da
+sah er auf einmal in zwei groe, ernsthafte Augen hinein, die
+unverwandt auf ihn gerichtet waren.
+
+"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frh auf
+die Alm? Nun, weil du da bist, komm, da ich mich ein wenig auf deine
+Schulter sttzen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf."
+
+Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er
+stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fe in den Boden hinein, so da
+der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte.
+Whrend des langsamen Aufstiegs zur Htte, als er sich immer noch auf
+die Schulter des Buben sttzte, fing er an, sich daran zu erinnern,
+was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgnge der
+Nacht vllig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur
+helfen. In der Htte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner
+dreibeinigen Sthle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz
+dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir
+wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt
+noch nicht machen. Ein Schsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist
+es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es
+regelmig dort hinauf. Ich wei nicht, was mit mir vorgeht seit
+gestern."
+
+Der This war feuerrot geworden, er wute wohl, wer das Schsselchen
+heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am
+Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides
+dem Senn. Dieser schttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er
+lebte, hatte er noch nie sein Schsselchen dort bei der Tr auf den
+Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine
+Milch, fllte dann das Schsselchen wieder und sagte: "Da, This, trink
+auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, da du so frh hinauf
+kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Ksfischtag und du seist dann
+sicher der erste?"
+
+"Nein, gewi nicht", versicherte This.
+
+"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal
+unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder
+zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. "Sag mir, This, habe ich
+denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frh
+heraufkamst?"
+
+Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn
+alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht
+recht, und er knnte bse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm
+jetzt so tief in die Augen, da er alles sagen mute: "Ich habe es
+selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an.
+
+"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert.
+
+"Weil sie so hei waren", erwiderte This.
+
+Der Senn staunte immer mehr. "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang
+erwacht", sagte er. "Wann bist du denn heraufgekommen?"
+
+"Gestern um fnf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam,
+"der Melker kam erst lange nachher."
+
+"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn
+gewollt und gemacht?"
+
+Jetzt sah der Franz Anton, da dem This ganz bange wurde, ihm selber
+aber fielen nun wieder die Vorgnge der letzten Nacht ein. Ganz
+vterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd:
+"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu frchten, This. Da, trink noch
+eins aus, und dann sag mir alles, was du weit, von da an, als du hier
+heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fate der This neuen
+Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zgen aus, denn sie schmeckte
+herrlich.
+
+Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier
+herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Ksfische.
+Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie
+nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden
+gefunden, und Sie sind ganz rot und hei gewesen und haben Durst
+gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe
+alle groen Erdbeeren gepflckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen
+gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf
+den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Htte
+das Schsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach
+habe ich ihn gefllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schsselchen das
+Wasser ber den Kopf geschttet und auch zu trinken gegeben, denn sie
+haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin
+ich zum Bach hinber und habe ihn wieder gefllt. Aber weil das
+Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes
+Tuch wurde den Kopf besser khlen. Und so habe ich das Tuch aus der
+Htte geholt und es ganz na auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann
+trocken und hei wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und
+es dann wieder na auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann
+erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht
+etwa krank werden."
+
+Der Senn hatte mit groer Aufmerksamkeit zugehrt. Jetzt stand alles
+deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wute auch
+wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren
+als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gesprt und
+genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und
+verwundert an, als htte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen
+solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn mglich, da
+dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben
+gerettet hatte.
+
+Htte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelscht, wer wei,
+was bis zum Morgen daraus geworden wre! Und wie konnte dieser This,
+dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung
+fhig sein, da er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn
+pflegte! Dem groen, starken Franz Anton kamen die Trnen in die
+Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles
+berdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir
+wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das
+vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die
+Glieder so, da ich mich jetzt niederlegen mu. Geh du nun hinunter
+zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir
+nicht ganz wohl. Du mut dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe
+noch viel mit dir zu reden heute, vergi es nicht!"
+
+Solange er lebte, war der This noch nie so glcklich gewesen. Er lief
+springend den Berg hinunter, als knne er nicht hoch genug aufspringen
+vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen,
+und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in
+die Sennhtte eintreten. Auerdem hatte der Franz Anton ihm noch
+gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser
+Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der
+Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Huschen
+mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im
+Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der
+Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen,
+denn er war ganz atemlos vom Laufen.
+
+"Woher kommst denn du?" fragte die sonntglich gekleidete Frau, die
+nicht gern etwas Unordentliches sah. Mibilligend musterte sie den
+Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntglichen Anblick
+in seinen zerfetzten Alltagshschen und dem schmutzigen Hemdlein.
+"Ich meine, ich habe dich schon dort drben ber dem Bach gesehen, du
+bist wohl einer vom Hlmli-Sepp?"
+
+"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demtig.
+
+Jetzt fiel der Frau ein, da die Frau des Hlmli-Sepp einen
+einfltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts
+zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. "Und was willst du
+denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert.
+
+Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag
+klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der
+kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und da er nach ihr schickte
+und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes
+Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in groer
+Sorge das Ntigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem groen
+Korb am Arm heraus.
+
+"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn. Warum mut du
+wieder mit?"
+
+"Ich wei nicht", antwortete er. Und fast als wre es etwas Bses,
+setzte er leise hinzu: "Mu ich nicht den Korb tragen?"
+
+"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran
+gedacht, da ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb.
+Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief
+in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer
+Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die
+Krankheit gefhrlich sein? Ihre Angst wurde immer grer, je nher
+sie der Sennhtte kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige
+Schritte--der bekmmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast
+nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie
+schaute berall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn
+tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem
+Herzen stieg sie die Leiter hinauf.
+
+Der This blieb ehrerbietig drauen vor der Tr stehen, nur den Korb
+schob er in die Htte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll
+ber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte
+ihr frhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter:
+"Gr dich Gott, Mutter! Das freut mich, da du da bist. Ich habe
+aber geschlafen wie ein Br, die ganze Zeit, seit der This fortging."
+Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie
+wute gar nicht, was sie denken sollte. "Franz Anton", sagte sie
+jetzt ernsthaft, "was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weit du,
+da du mich hast holen lassen?"
+
+"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz
+bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir
+noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir
+reden. Ich fhl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kme noch
+nicht weit."
+
+"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir's doch",
+drngte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.
+
+"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen",
+sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. "Sieh einmal
+zuerst dort unten das schmale, magere Bblein an, das kein gutes Stck
+Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder
+nur den dummen This nennt."
+
+Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn
+hinaufsphte, ob er etwa wieder umfallen wolle.
+
+"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt.
+
+"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Bblein nicht
+gewesen wre, so lge ich jetzt noch drauen auf dem Boden in einem
+tdlichen Fieber, oder vielleicht wre es auch schon vorbei mit mir."
+Und jetzt erzhlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag
+zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen
+und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch
+auf der Welt es nicht besser htte tun knnen.
+
+Die Mutter mute sich mehrmals die Trnen abwischen. Sie stellte sich
+vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da
+drauen gelegen htte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden
+wre, und kein Mensch htte etwas von ihm gewut. Und jetzt stieg ein
+Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, da sie laut ausrufen mute:
+"Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche
+Liebe zu dem armen This berkam sie, da sie ganz eifrig sagte: "Franz
+Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hlmli-Sepp zurck!
+Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat
+sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen
+mache ich ihm ein Gewand, da man ihn ansehen darf. Er mu es nicht
+schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir
+geholfen hat."
+
+"Das ist nun gerade, was ich wnschte, Mutter, aber ich mute doch
+zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben
+und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein knnte. Es geht
+nichts ber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller
+Glck und Liebe an, da es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich
+dachte: Es geht auch nichts ber einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte
+sie: "Jetzt mut du etwas essen, Franz Anton, da du wieder zu Krften
+kommst. Ich habe frische Eier und ein Weibrot mitgenommen, und jetzt
+will ich Feuer machen, la dir Zeit zum Herunterkommen." Das mute der
+Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging.
+Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er
+sich selbst niedergesetzt hatte.
+
+"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend,
+"willst du ein Senn werden?"
+
+Der This fing an zu lcheln, aber dann hrte er pltzlich die
+vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen
+hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts".
+Und schchtern antwortete er. "Ich kann nichts werden."
+
+"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit.
+"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun
+bleibst du bei mir und trgst Milch und Wasser und hilfst mir bei
+allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Kse macht und sobald
+du gro genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein
+Gehilfe."
+
+"Hier in der Schwemmebachsennhtte?" fragte This, dem die Aussicht auf
+diese Glckseligkeit ganz unfabar war.
+
+"Alles hier, in der Schwemmebachsennhtte", besttigte der Franz Anton.
+
+Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden
+Glcks, da der Senn ihn nur ansehen mute. Der Bub war wie
+verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den groen
+Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie
+streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir
+miteinander frhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen
+wir dem lieben Gott dafr danken, da er dich gerade zur rechten Zeit
+in die Nhe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch
+begreift, warum du da heraufgekommen bist."
+
+Jetzt begann das frhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben
+hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen.
+Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weibrot hingelegt
+und daneben Butter und weien Kse. Und mitten auf dem Tisch stand
+eine groe Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die
+Mutter groe, dicke Stcke vor den This hin, und wenn er fertig war,
+gab es gleich noch einmal so viel.
+
+Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie:
+"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This mu bei dir oben
+bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es
+ntig ist. Der Frau des Hlmli-Sepp will ich schon alles berichten."
+
+Das war dem Sennen recht, und fr den This war es das hchste Glck,
+das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton.
+Nicht mehr verborgen unter den Tannenbumchen hrte er heute den
+Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als
+dieser seine Hnde faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den
+Abendsegen." Andchtig faltete auch er seine Hnde, und als am Schlu
+der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glck im
+Herzen des This so gro, da er gern berlaut allen Menschen auf der
+ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!'
+
+Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinber zu der Frau des
+Hlmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und
+gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzhlten.
+Die Sennin hrte, da von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der
+Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hlmli-Sepp erklrte,
+da sie mit ihrem Sohn bereingekommen sei, sie wollten den This bei
+sich annehmen, da machte die Frau einen groen Lrm. Sie sagte, sie
+sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fr
+den Senn eine grere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien
+alle aus vollen Hlsen: "Mich! Mich! Mich!" Denn sie wuten wohl,
+wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhtte fr gute
+Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.
+
+Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn
+schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen
+This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das
+Hnseln und Verspotten unterlassen, sonst htten sie es mit ihrem Sohn
+zu tun. Der rede dann mit seinen krftigen Armen eine deutlichere
+Sprache mit den Buben, als sie es jetzt knnte. Dann verlie die
+Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblfft nachschauten,
+und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wre,
+der wird's gut haben, wie ein Knig wird er da oben in seiner
+Sennhtte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen lie,
+liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund
+sein. Denn sie muten alle an den letzten Ksfischtag denken, als der
+This so bel behandelt worden war. Von nun an wrde er ja gewi alle
+Ksfische allein bekommen, da wre doch jeder gut daran, der sein
+Freund wre. Und spter waren sie auch alle gut daran, denn dem This
+machte es die grte Freude, die reiche Ernte der Ksfische unter
+allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darber
+wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie
+mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte
+sich zur berraschung aller, da er auf einmal ein ganz flinkes,
+geschicktes Brschchen war, von dem jeder sagen mute: "Entweder ist
+das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den
+dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit,
+sein liebster Schler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei
+allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die
+anderen Buben knnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird,
+von Johanna Spyri.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
+
+This file should be named 8vomt10.txt or 8vomt10.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8vomt11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8vomt10a.txt
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+http://promo.net/pg
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+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
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+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
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+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05
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+Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92,
+91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
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+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
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@@ -0,0 +1,1474 @@
+The Project Gutenberg eBook of Vom This, der doch etwas wird, by
+Johanna Spyri
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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+using this eBook.
+
+Title: Vom This, der doch etwas wird
+
+Author: Johanna Spyri
+
+Posting Date: October 29, 2011 [EBook #9859]
+Release Date: February, 2006
+First Posted: October 25, 2003
+Last Updated: July 29, 2023
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+Produced by: Delphine Lettau
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS
+WIRD ***
+
+
+
+
+Vom This, der doch etwas wird
+
+Erzählung
+
+Johanna Spyri
+
+
+
+
+1. Kapitel
+
+Alle gegen einen
+
+
+Wenn man den Seelisberg von der Rückseite her besteigt, kommt man auf
+eine frische, grüne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die
+friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem
+schönen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenährten Kühe
+ziehen lieblich läutend immer hin und her. Denn jede trägt am Hals
+ihre Glocke, damit man immer hört, wo sie ist. So kann sich keine Kuh
+unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Sträuchern bedeckte Felswand
+liegt, über die sie hinunterstürzen könnte. Es ist außerdem ein
+ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben können. Aber die
+Glocken sind doch notwendig und tönen so freundlich hin und her, daß
+keiner sie entbehren möchte. Am Bergabhang stehen hie und da
+vereinzelt die kleinen, hölzernen Häuser, und nicht selten rauscht
+daneben ein schäumender Bach ins Tal hinab. ‘Am Berghang’ heißt es
+hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Häuschen steht auf
+ebenem Boden. Es ist, als wären sie irgendwie an den Berg hingeworfen
+worden und da hängengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da
+oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie
+alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der
+kleinen, hölzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt
+in ihre Nähe, so sieht man, daß ein großer Unterschied zwischen ihnen
+ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nähe ganz
+verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen
+ihnen stürzt der größte Bergbach der Gegend, der schäumende
+Schwemmebach, hinunter.
+
+Am ersten Häuschen blieben auch an den schönsten Sommertagen alle die
+kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die
+hineindrang, kam durch die Löcher der zerbrochenen Scheiben. Das war
+aber nicht viel, denn die Löcher waren wieder mit Papier verklebt,
+damit man im Winter drinnen nicht frieren mußte. An dem hölzernen
+Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war
+so zerfallen, daß es ein Wunder war, daß alle die kleinen Kinder, die
+da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie
+hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder
+waren alle mit Schmutz überdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen
+Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag über da
+herum, und am Abend kamen vier größere Kinder dazu. Drei kräftige
+Buben und ein Mädchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich
+aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie
+konnten sich doch schon selbst waschen.
+
+Das Häuschen über dem Bach drüben hatte einen ganz anderen Charakter.
+Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeräumt
+aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drüben. Die
+Stufen sahen immer so aus, als wären sie eben gescheuert worden. Und
+oben auf der Galerie standen drei schöne Nelkenstöcke und dufteten den
+ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen
+Fenstern stand offen und ließ die schöne, sonnige Bergluft herein.
+Dort konnte man meistens eine noch kräftig aussehende Frau sitzen
+sehen, mit schönem, weißem Haar, das sie sehr ordentlich unter das
+schwarze Häubchen zurückgestrichen hatte. Sie flickte gewöhnlich an
+einem Männerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber
+gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so
+adrett und reinlich aus, als wäre noch nie etwas Unsauberes an sie
+herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des
+fröhlichen Franz Anton mit den kräftigen Armen. Der machte den Sommer
+über in der oberen Sennhütte seine Käse, und erst im Spätherbst zog er
+wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn
+dann butterte er in der unteren Sennhütte, die ganz nahe lag. Da über
+den reißenden Schwemmebach kein Steg führte, waren die zwei Häuschen
+ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg
+wohnten, besser, als diese Nachbarn über dem Bach, zu denen sie nur
+etwa einmal am Tag stumm hinüberschaute. Gewöhnlich schüttelte sie
+dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter
+und schmutzigen Fetzen drüben an den Kindern sah. Sie schaute aber
+nicht oft hinüber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber
+betrachtete sie, wenn das Feierabendstündchen kam, ihre roten Nelken
+auf der Galerie oder sie schaute über den grünen, sonnigen Abhang
+hinunter, der vor ihrem Häuschen zum Tal hinabstieg.
+
+Die verwilderten Kinder über dem Bach gehörten dem Hälmli-Sepp, wie er
+genannt wurde, der seine Arbeit außer Haus beim Holzfällen oder
+Heumachen suchte. Außerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So
+war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die
+Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele
+kleine Kinder könne man nicht in Ordnung halten, und später würde es
+dann von selbst besser. So ließ sie alles gehn, wie es ging. Und in
+der schönen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und
+ließen sich’s, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl
+sein. Zur Sommerzeit waren die vier Größeren den ganzen Tag draußen,
+um die Kühe zu hüten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen,
+wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten
+bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kühe auf das
+umliegende Weideland hinaus und mußten sie hüten lassen. Das ist
+immer eine lustige Zeit für die Buben und Mädchen, die sich dort zu
+jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei fröhliche Sachen
+miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten
+im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere
+Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer
+über ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstück nach Hause,
+das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier
+Kleinen zu ernähren und für alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn
+diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mußte doch jedes haben
+und die vier Großen noch ein Stück dazu. Eine Kuh hatte der
+Hälmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaßen,
+wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.
+
+Hälmli-Sepp hieß der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum
+nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine
+Geiß und ein Stück Kartoffelland, damit mußte die Frau mit den vier
+Kleinen den Sommer über auskommen und auch hier und da noch eines der
+Größeren speisen, wenn es draußen keine Arbeit fand. Der Vater kam im
+Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein
+Häuschen und Acker waren so verschuldet, daß er das ganze Jahr über
+etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten
+konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel
+er fand.
+
+So mußte die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte
+keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von
+der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der
+verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten,
+schaute sie über den Bach zu dem schmucken Häuschen der Sennerin
+hinüber, dessen Scheiben in der Sonne glänzten. Dann sagte sie
+ärgerlich vor sich hin: “Ja, die dort kann schon putzen und alles
+sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner.” Dann ging
+sie wieder ärgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurück, und an dem,
+der ihr zuerst in den Weg kam, ließ sie den Ärger aus.
+
+Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht
+ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Häuschen vom
+Hälmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur ‘der
+dumme This’ genannt, sah so mager und dürftig aus, daß man ihn kaum
+für achtjährig gehalten hätte. Er schaute auch so scheu und
+verschüchtert drein, daß niemand wußte, wie der This eigentlich aussah,
+denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach.
+This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum
+zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel später über die Felsen
+in die Tiefe gestürzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam
+und den Weg abkürzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte
+nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem
+großen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This
+hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend,
+eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen
+Matthis genannt.
+
+Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Häuschen vom
+Hälmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstätte mit seinem Büblein
+gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben
+Ort. Das wenige Geld, das für den kleinen This von der Gemeinde
+bezahlt wurde, war der Frau des Hälmli-Sepp sehr erwünscht. Und in
+die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, für die
+schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This
+war schon von Natur aus ein schüchternes und stilles Büblein gewesen.
+Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das große Unglück
+gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem
+Unglück wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.
+
+So saß der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein
+Wort zu hören, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann
+seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des
+Hälmli-Sepp gehörte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde
+von jedem angefahren und hin und her gestoßen, weil er sich nie wehrte.
+Zu all den Püffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen
+dann noch die bösen Worte der Frau, wenn sie den Ärger über das
+saubere Häuschen der Sennerin drüben hatte. Der This wehrte sich aber
+nie, denn er hatte das Gefühl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so
+nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und
+verschüchtert, daß man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her
+vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn
+anrief. Er sah überhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch,
+wo er in die Erde hineinkriechen könnte, daß ihn keiner mehr fände.
+
+So war es gekommen, daß die vier Großen vom Hälmli-Sepp, der Jopp, der
+Hans, der Uli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: “Du
+bist doch ein dummer This”, und daß es die vier Kleinen auch
+nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals
+dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es
+werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch ‘der dumme
+This’ genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten könnte,
+wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kühe zu hüten, und war
+er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke
+oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da saß er
+meistens zitternd vor Furcht, denn er hörte wohl, wie die anderen
+Buben ihn mit großem Geschrei suchten, daß er bei den Spielen
+mitmachte, die sie spielen wollten.
+
+Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prügeln, und das traf
+regelmäßig den This am stärksten, da er sich nicht wehrte und auch
+nicht wehren konnte gegen die viel Stärkeren. So verkroch er sich,
+sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kühe, wohin sie wollten
+und fraßen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann großen Ärger, und
+jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kühe zu hüten, und keiner
+stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld,
+wenn die Buben zum Jäten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da
+warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblüten an den
+Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem
+anderen reichlich zurück, was er empfangen hatte. Der This gab aber
+nichts zurück, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen
+Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen
+gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten
+die Knollen an den Rücken und an den Kopf.
+
+Während aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten,
+versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den
+Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit
+nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller
+Arbeit zu dumm und aus dem This könne nie etwas werden. Weil er nun
+gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er
+auch von der Frau des Hälmli-Sepp demgemäß behandelt. Wenn schon die
+eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es
+meistens, daß für den This gar nichts mehr übrigblieb und es dann hieß:
+“Du wirst wohl etwas finden, du bist groß genug.” Wie der This
+eigentlich ernährt wurde, wußte niemand, auch die Frau des Hälmli-Sepp
+nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.
+
+Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen
+Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tür
+vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in
+seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich
+wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer
+scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.
+
+
+
+
+2. Kapitel
+
+Bei der Schwemmebachsennhütte
+
+
+An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle
+Mücken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hüterbuben und--mädchen.
+Sie mußten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp,
+von allen der Größte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle
+nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, daß man jetzt zur
+Schwemmebachsennhütte hinaufgehe, denn heute sei der Käsfischtag. Nun
+müsse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kühe
+hüten solle, während die anderen sich zu dem Festmahl begeben würden.
+Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust,
+sich für die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue
+Uli auf den Gedanken, man könnte einmal den dummen This zwingen, auf
+die Kühe acht zu geben. Und damit er’s nicht vergesse, könnte man ihn
+im voraus ein wenig durchprügeln. Der Vorschlag fand Anklang, und
+schon wollten mehrere von den Anführern der Schar den This holen, als
+das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: “Das ist gar nichts
+Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den
+Lohn dafür, wenn wir wieder zurückkommen und die Kühe sich verlaufen
+haben. Ihr werdet doch nicht glauben, daß der This, wenn er zu dumm
+ist, zwei Kühe zu hüten, auf einmal zwanzig hüten kann. Man muß losen,
+und drei müssen bei den Kühen bleiben, sonst ist’s nichts.” Lisis
+Erklärung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus
+der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet
+der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der
+siegreichen Schar den Rücken und setzte sich auf den Boden neben seine
+beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stürzte nun
+die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuß
+entgegen.
+
+Der Käsfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die
+es nie unterließen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen
+sollte. Denn das war ein Hauptfest für sie. Das war der Tag, an dem
+der Franz Anton seine frischen Käse rundum beschnitt, nachdem diese
+als weiche Masse in die runde, hölzerne Form gepreßt worden waren.
+Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von
+der Masse herausdrängte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie
+eine lange, schneeweiße Wurst. Die wurde dann in viele Stücke
+gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt.
+Das waren dann die sogenannten Käsfische. Dieses Fest wiederholte
+sich den Sommer über alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem
+Freudengeschrei begrüßt.
+
+This hatte sich hinter dem großen Distelbusch am Boden versteckt
+gehalten, während die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton
+von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hörte,
+daß die große Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig
+hervor. Die drei grollenden Zurückgebliebenen saßen am Boden und
+kehrten ihm den Rücken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stück
+die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der
+Höhe hernieder. Den This erfaßte ein unwiderstehliches Verlangen,
+auch an der Käsfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlüpfte er
+hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er
+hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem
+letzten steilen Hang kam eine kleine, glänzend grüne Hochebene, da
+stand die Sennhütte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der
+klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tür seiner Hütte stand der
+Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte über
+die vielen Sprünge, die jetzt die Buben und Mädchen in ihrem Eifer, zu
+dem ersehnten Genuß zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt
+waren sie alle bei der Hütte und eines drängte das andere vorwärts, um
+noch näher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen würde.
+
+“Nur zahm, nur zahm”, lachte jetzt der Franz Anton. “Wenn ihr alle in
+die Hütte hineindrängt, so habe ich keinen Platz mehr zum
+Käseschneiden und ihr habt den Schaden.” Jetzt nahm er sein festes
+Messer zur Hand und trat an den großen, runden Käse heran, den er
+schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden
+ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweißen
+Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stück und da ein
+Stück, oft über die Köpfe der Großen weg den Kleinen, die nicht zu ihm
+vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner
+Teilung.
+
+This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen
+wollte, so bekam er da einen Stoß und dort einen und flog so von einer
+Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer
+wieder ein Größerer und Dickerer sich vor ihn drängte. Zuletzt bekam
+er einen so ungeheuren Stoß von dem breiten, nach allen Seiten
+schlagenden Jopp, daß er sich fast überschlagen hätte. Die Teilung
+war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, daß er zu keinem
+Stückchen Käsfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine
+Schläge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die
+jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den
+Bäumchen. Auf der höchsten Krone des einen saß ein lustiger, kleiner
+Vogel und pfiff so fröhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als
+gäbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und
+Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, daß er fast das
+Leid vergaß, das ihm eben geschehen war.
+
+Von Zeit zu Zeit mußte er nach der Sennhütte hinüberschauen, denn das
+Lärmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stück Käsfisch
+wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie
+jedes Kind mit einem größeren oder kleineren Brocken der schönen,
+weißen Masse dastand und mit Wonne hineinbiß. Er seufzte dann ein
+wenig und sagte leise: “Wenn ich nur auch einmal ein einziges
+Stücklein bekäme!” Der This hatte niemals von den herrlichen, weißen
+Käsfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie
+heute in die Schar der Glücklichen einzudringen. Jetzt hatte er
+gesehen, daß es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut
+zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlußgedanken, daß er
+sein Leben lang nie einen Käsfisch bekommen werde. Darüber wurde er
+so traurig, daß er nicht einmal den Vogel mehr hörte und ganz
+zusammengeduckt unter den Tannenbäumen saß.
+
+Jetzt war das Gastmahl bei der Hütte zu Ende und mit schrecklichem
+Lärm stürzten die Kinder daher, womöglich immer einer über den anderen
+hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall
+brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der
+lärmende Hans, und laut schrie er in das Gebüsch hinein: “Du Maulwurf,
+komm heraus, du mußt mitmachen!” This verstand, was er mitzumachen
+hatte. Er mußte sich als Bock hinstellen, damit die anderen über ihn
+springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wäre
+viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wußte wohl,
+was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er
+gehorsam heran. “Wie viele Käsfische hast du bekommen?” schrie ihn
+jetzt der Hans an.
+
+“Keinen”, gab This zurück. “Oho, seht einmal den an”, schrie der Hans
+noch lauter in die Schar hinein, “der läuft schnell zu den Käsfischen,
+und dann läuft er wieder fort und hat keinen gesehen.” “Du dummer
+This”, rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die großen
+Buben über den Kopf weg, so daß er genug zu tun hatte, nur immer
+wieder auf die Füße zu kommen, wenn er umgeworfen worden war.
+Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestürzter die Abhänge
+hinunter, bis ein glücklicher Zufall sie wieder alle auf die Füße
+brachte. Nach dieser stürmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen
+gleich alle auseinander, jeder seinen Kühen nach.
+
+Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn
+jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den
+Zurückgebliebenen, weil er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem
+Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben
+und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im
+Berghang, wo im Frühling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und
+den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und
+ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schöne, dunkelrote
+Erdbeeren in der Sonne, die so schön warm in die Vertiefung schien.
+Aber dem This war es überall angst und bang, wenn er noch in der Nähe
+der Häuser und der Hüterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden
+Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der
+This zuckte scheu und ängstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer
+dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch
+einmal an das stille Plätzchen unter den kleinen Tannenbäumchen dort
+oben und an das pfeifende Vögelein, so daß es ihn mit Gewalt vom Boden
+zog. Er mußte noch einmal dorthin.
+
+Mit allen Kräften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht
+einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die
+Tannenbäumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein
+Tannenversteck ein wenig offen. Da saß nun der This in völliger
+Sicherheit. Ringsum war eine große Stille, kein Ton drang von unten
+her bis hier auf die einsame Höhe, nur das Vögelein saß noch auf
+seinem Tannenast und pfiff sein fröhliches Lied. Die Sonne wollte
+untergehen. Die hohen Schneeberge drüben fingen zu flimmern und zu
+glühen an, und über die ganze grüne Alm hin lag das golden schimmernde
+Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie
+gekanntes Wohlsein kam über ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und
+Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fürchten, denn weit und
+breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hören.
+
+So saß der This eine lange Zeit, und am liebsten wäre er gar nicht
+mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben
+gewesen. Aber da hörte er schwere Tritte hinter sich von der Hütte
+her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiß
+wollte er zum Bach hinüber, um Wasser zu holen. This verhielt sich
+mäuschenstill. Denn er war so daran gewöhnt, daß er von jedermann
+angefahren oder ausgelacht wurde, daß er dachte, der Senn werde es
+gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die
+Bäumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton
+wurde aufmerksam, trat näher und guckte in den Tannenbusch hinein.
+
+“Was machst du denn da drinnen?” fragte der Senn mit lustigem Gesicht.
+
+“Nichts”, erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.
+
+“Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fürchten, wenn du nichts
+Böses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa
+mit deinen Käsfischen da hineingeflüchtet, daß du sie in Ruhe
+verzehren kannst?”
+
+“Nein, ich habe keine Käsfische gehabt”, sagte This ängstlich.
+
+“Nicht? Und warum denn nicht?” fragte der Senn in einer Weise, wie
+sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem
+Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem
+Menschen.
+
+“Sie haben mich auf die Seite gestoßen”, erwiderte er nun und stand
+hinter den buschigen Zweigen auf.
+
+“So, jetzt kann man dich doch sehen”, fuhr der Senn freundlich fort,
+“komm noch ein wenig näher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn
+sie dich wegstoßen? Es stößt ja immer einer den anderen, aber zuletzt
+kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?”
+
+“Sie sind stärker”, sagte der This so überzeugend, daß diese Erklärung
+wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den
+Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, großen Franz Anton wie
+ein dünnes Stöcklein vor einer hohen Tanne. Der kräftige Mann
+betrachtete einen Augenblick das schmale Figürchen, an dem tatsächlich
+fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht
+schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.
+
+“Wem gehörst du?” fragte er jetzt den Buben.
+
+“Niemand”, gab This zur Antwort.
+
+“Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?”
+
+“Beim Hälmli-Sepp.”
+
+Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. “Ach so, bist du der!”
+sagte er verständnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar
+nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehört, ihn aber nicht
+gekannt.
+
+“Komm einmal mit mir”, sagte er mitleidig. “Wenn du beim Hälmli-Sepp
+bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hälmlein.
+Komm, Käsfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes.”
+
+Der This wußte gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz
+Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und
+das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Hütte, holte
+hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein großes
+Stück ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfaß, das goldig glänzend
+in der Ecke stand, und holte ein großes Stück Butter heraus. Das
+strich er über die Brotschnitte und reichte nun das feste Stück mit
+der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte
+der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es
+nicht möglich, daß es ihm gehöre.
+
+“Komm heraus. Iß es vor der Hütte, ich muß nun zum Wasser”, sagte
+Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glück und
+Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte.
+Vor der Hütte setzte er sich auf den Boden. Und während der Senn zum
+Schwemmebach hinüberging, biß er in sein Butterbrot hinein und biß
+immer wieder und konnte nicht begreifen, daß es etwas so Gutes gäbe
+und er es bekommen hätte.
+
+Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und
+wiegte unten die Tannenbäumchen hin und her, und der kleine Vogel saß
+immer noch auf dem höchsten Zweig und sang hell und fröhlich in den
+goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie
+gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er müsse laut mit dem Vogel zu
+singen anfangen.
+
+Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her
+gegangen. Drüben beim Schwemmebach war er immer eine Weile
+stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr
+rot vom Abendschein, aber jetzt stieg groß und golden der volle Mond
+hinter dem weißen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Hütte
+zurück und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle
+saß.
+
+“So gefällt’s dir hier?” fragte er freundlich. “Mit dem Abendessen
+bist du fertig, wie ich sehe. Du mußt dich auf den Rückweg machen.
+Sieh, wie schön dir der Mond heimleuchtet!”
+
+Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel
+ihm ein, daß es wohl nötig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem
+Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den
+Tannenbäumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurück. Er schaute noch
+einmal zurück, und da der Senn in die Hütte getreten war und ihn nicht
+mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz
+Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Güte
+und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen
+Eindruck gemacht, daß er nicht fort konnte. Er mußte noch ein wenig
+in der Nähe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen
+unter den Bäumchen und spähte zu der Hütte hinauf, ob er den Senn
+nicht noch einmal sähe. Es dauerte einige Zeit, da plötzlich trat
+Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Hütte heraus.
+
+Er blieb vor der Tür stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die
+stille Bergwelt hinaus, wo jetzt über alle hohen Schneegipfel hin das
+milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt
+der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen
+Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hände. Er hielt wohl still
+seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: “Gute Nacht
+geb euch Gott!” trat in die Hütte zurück und machte die Tür zu. Sein
+Nachtgruß hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum
+und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller
+Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fühlte Liebe und
+Bewunderung für den Senn, Gefühle, die er bisher nicht gekannt hatte.
+
+Als es nun ganz dunkel und still in der Hütte wurde, stand der This
+auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.
+
+Es war spät und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich,
+die Tür war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Häuschen und
+schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser
+schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: “Es
+ist bequem, daß der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden.
+So hat man doch Platz!”
+
+This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er
+immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit
+gefalteten Händen vor seiner Hütte stand. Zum erstenmal in seinem
+Leben schlief der This mit einem glücklichen Herzen ein.
+
+
+
+
+3. Kapitel
+
+Ein hilfreicher Engel
+
+
+Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten,
+mußten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges
+gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr
+Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze
+Schar den Berghang herunter, und bald saßen sie alle mit anderen
+Kindern so ruhig wie möglich auf den langen Bänken, und der Herr
+Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von
+einem zukünftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den
+This fiel, fuhr er fort: “Ich will dich auch einmal wieder etwas
+fragen, das wirst du wohl beantworten können, wenn man dir auch nicht
+viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Ärmsten
+und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben geführt hat, so
+wohl werden, daß er kein Leid verspürt?”
+
+“Bei der Schwemmebachsennhütte”, antwortete der This ohne Zögern.
+Jetzt entstand ein solches Kichern, daß der This ganz scheu um sich
+schaute. Ringsum waren spöttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle
+Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich
+so stark vornüber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem,
+was der Herr Pfarrer das letztemal erklärte, hatte er nichts gehört,
+weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mußte. Jetzt hatte
+er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet.
+
+Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, daß es dem
+This gar nicht zum Lachen war, sondern daß er vor Scheu ganz
+erschrocken und zusammengeduckt dasaß, da schüttelte der Herr Pfarrer
+nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: “Es ist nichts mit ihm zu
+machen.”
+
+Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stürzte die ganze Schar
+hinter dem This her, alle lachten überlaut und schrien durcheinander:
+“This, sind dir auf einmal in der Kirche die Käsfische in den Sinn
+gekommen?”
+
+“This, warum hast du nicht auch etwas von den Käsfischen gesagt?” Der
+This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem
+Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben
+wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den
+schönen Sonntagabend unten im Dorf genießen.
+
+Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt
+einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhütte
+hinaufflüchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen.
+Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plätzchen sitzen und
+vor Verfolgung sicher sein. Nun saß er wieder unter den Tannen und
+über ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der
+Sonne, und über den grünen Hängen floß da und dort ein klares Bächlein
+friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, daß er allen
+Spott vergaß und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr
+weggehen zu müssen.
+
+Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er
+beständig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie möglich
+nieder. Denn er hatte das Gefühl, wenn der Franz Anton ihn wieder
+hier sehe, so könnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein
+Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und
+einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und
+in dessen Nähe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst
+nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und
+This saß an seinem schönen Plätzchen, bis die Sterne am Himmel standen
+und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Hütte hinaustrat und
+ausrief: “Gute Nacht geb euch Gott!” Dann erst lief der This wieder
+davon, und spät wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht
+hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber
+das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefühlt
+dort oben.
+
+So ging es eine ganze Woche. Tag für Tag, sobald er einen Augenblick
+fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm
+hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete
+er die ganze Tätigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und
+nie verließ er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton
+gesagt hatte: “Gute Nacht geb euch Gott!” Es war ihm jetzt immer, als
+sei der Nachtsegen auch für ihn gedacht.
+
+Es waren ausnahmsweise heiße Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg
+jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend
+niedergegangen war. Das Futter war besonders kräftig, und Franz Anton
+bekam so schöne, fette Milch von den Alpenkühen, daß er die
+prächtigsten Käse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude,
+und schon frühmorgens konnte man ihn voller Vergnügen in seiner
+Sennhütte pfeifen hören, so auch am Samstag dieser Woche. Da hörte
+man ihn noch viel früher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem
+der Senn seine drei oder vier fertigen Käse an den See hinunterbrachte.
+Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie
+auf seinem Rücken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwärts,
+den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rücken. Es
+war der heißeste Tag des ganzen Sommers.
+
+Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die übermäßige
+Hitze, und oft sagte er zu sich: “O wie will ich froh sein, heute
+abend wieder zu meiner Hütte hinauf in die kühle Luft zu kommen, hier
+unten ist’s wie in einem Backofen.” Jetzt war er unten angelangt,
+gerade als das Schiff herankam, das die Käse mitnehmen sollte. Bald
+war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlüssig
+da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten
+etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fühlte keinen Appetit, sein Kopf
+war schwer und heiß, er wünschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn
+jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim
+Einladen geholfen hatte. “Komm, Franz Anton, heute ist’s heiß, wir
+wollen ein Glas Wein im Schatten trinken”, sagte er und zog den Senn
+zu dem Wirtshaus.
+
+Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im
+Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber
+stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in
+der schweren, heißen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht
+an den Wein gewöhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit großen
+Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in
+seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiß auf
+seinen Kopf, alle seine Pulse hämmerten, die Füße wurden ihm so schwer,
+daß er sie nur mit Mühe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je
+größer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der
+Aussicht an, daß nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt
+nur noch eine Viertelstunde heißer Mühe vor ihm liege. Dann würde er
+oben sein und könne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.
+
+Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne
+brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Plötzlich wurde es ihm völlig
+schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stürzte er auf den
+Boden nieder. Er hatte das Bewußtsein verloren.
+
+Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er,
+daß der Franz Anton noch nicht zurückgekehrt war. Er stellte seine
+Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem
+Senn auszuschauen.
+
+Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz
+Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte
+er an seinem verborgenen Plätzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt,
+den der Senn tat. Er wußte, wie eine Beschäftigung auf die andere
+folgte, so daß er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der
+Franz Anton seine Milch stehen ließ. Sonst goß er sie immer gleich in
+die verschiedenen Gefäße. Die eine kam zum Buttern in die großen,
+runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schön dick obenauf
+lag. Die andere wurde in den Käsekessel gegossen, das hatte der This
+durch die offene Hüttentür alles genau beobachten können. Der Senn
+kam immer noch nicht. Der Junge fühlte, daß irgend etwas geschehen
+sein mußte. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging
+zur Sennhütte. Da war es still und leer unten im Hüttenraum und oben
+auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut
+war zu hören, alles wie ausgestorben. Ängstlich lief der This
+jetzt um die Hütte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann
+in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten
+erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da
+lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stöhnte und lechzte wie
+ein Sterbender. Er sah glühend heiß aus, und seine Lippen waren ganz
+vertrocknet.
+
+Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor
+Schrecken, auf seinen Wohltäter. Dann stürzte er in schnellem Lauf
+den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewußtlos am
+Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt
+an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem
+brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bücken
+und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er für einen Augenblick,
+denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.
+
+Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rühren.
+Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das
+Bewußtsein wieder, und er träumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er
+heute früh im Vorübergehen noch die schönen Erdbeeren gesehen hatte.
+Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die
+Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber
+jetzt hatte er plötzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte
+sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der
+Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlürfte und
+schluckte, es war ein unsägliches Labsal. Er erwachte. War das alles
+Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und
+steckte ihm wieder eine große saftige Erdbeere in den Mund.
+
+“O du guter Engel, noch eine”, sagte leise der Franz Anton. Aber
+nicht nur eine, fünf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf
+einmal flog ein stechender Schmerz über sein Gesicht. Er legte die
+Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: “Wasser”, dann war
+ihm das Bewußtsein wieder völlig entschwunden. Er konnte nicht einmal
+mehr die letzte Erdbeere genießen. Jetzt träumte er ganz schreckliche
+Dinge. Sein Kopf wurde so groß wie sein allergrößtes Butterfaß und
+dann immer noch größer und so furchtbar schwer, daß er mit Schrecken
+dachte: “Den kannst du nie mehr allein tragen, man muß starke,
+hölzerne Stützen unterstellen, wie unter die Apfelbäume, wenn sie
+zuviel Äpfel tragen.” Und jetzt fühlte er deutlich, daß der Kopf ganz
+voll Schießpulver war, das hatte einer von hinten angezündet. Nun
+brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mußte alles
+zerspringen. Aber dann kam plötzlich ganz kalt und belebend der
+Schwemmebach über seine Stirn, über das ganze Gesicht und in den Mund
+hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.
+
+Es war wahr, eiskalt kam ein Guß nach dem anderen auf Stirn und
+Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den
+kühlenden Trank ein. Über ihm standen die funkelnden Sterne, das
+sah der Franz Anton deutlich. Er wußte auch, daß er noch am Boden lag
+draußen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der
+Schwemmebach sein, was so über ihn floß und ihn so ordentlich trinken
+ließ. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend,
+so erlösend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer.
+Voller Dank sagte er nur halblaut: “Ach, lieber Gott, wie danke ich
+dir für deine Güte und die hilfreichen Engel!”
+
+Das erquickende Wasserbad hörte nicht auf, und zuletzt fühlte der
+Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schützend und
+wohltuend, daß er sagte: “Da kann kein Feuer mehr durch.” Und beruhigt
+schlief er jetzt ganz sanft ein und träumte nicht mehr.
+
+
+
+
+4. Kapitel
+
+Was die Sennenmutter haben will
+
+
+Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz
+Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er
+schauderte ein wenig zusammen, es fröstelte ihn. Er wollte sich
+aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand
+an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht.
+Wohl sechsfach zusammengelegt lag naß und schwer das große Handtuch
+aus der Sennhütte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der
+frische Morgenwind über die Stirn blies, fühlte er sich so wohlig und
+erleichtert, daß er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da
+sah er auf einmal in zwei große, ernsthafte Augen hinein, die
+unverwandt auf ihn gerichtet waren.
+
+“Bist du das, This?” fragte er verwundert, “Wie kommst du so früh auf
+die Alm? Nun, weil du da bist, komm, daß ich mich ein wenig auf deine
+Schulter stützen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf.”
+
+Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er
+stemmte mit aller Gewalt seine beiden Füße in den Boden hinein, so daß
+der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte.
+Während des langsamen Aufstiegs zur Hütte, als er sich immer noch auf
+die Schulter des Buben stützte, fing er an, sich daran zu erinnern,
+was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgänge der
+Nacht völlig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur
+helfen. In der Hütte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner
+dreibeinigen Stühle und sagte: “This, hol dir den anderen und setz
+dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir
+wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt
+noch nicht machen. Ein Schüsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist
+es denn hingekommen?” unterbrach sich der Senn, “ich stelle es
+regelmäßig dort hinauf. Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht seit
+gestern.”
+
+Der This war feuerrot geworden, er wußte wohl, wer das Schüsselchen
+heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: “Dort steht’s am
+Boden”, holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides
+dem Senn. Dieser schüttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er
+lebte, hatte er noch nie sein Schüsselchen dort bei der Tür auf den
+Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine
+Milch, füllte dann das Schüsselchen wieder und sagte: “Da, This, trink
+auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, daß du so früh hinauf
+kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Käsfischtag und du seist dann
+sicher der erste?”
+
+“Nein, gewiß nicht”, versicherte This.
+
+“Sag mir jetzt etwas”, fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal
+unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder
+zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. “Sag mir, This, habe ich
+denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute früh
+heraufkamst?”
+
+Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn
+alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht
+recht, und er könnte böse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm
+jetzt so tief in die Augen, daß er alles sagen mußte: “Ich habe es
+selbst darauf gelegt”, fing er zaghaft an.
+
+“Warum denn, This?” fragte der Senn verwundert.
+
+“Weil sie so heiß waren”, erwiderte This.
+
+Der Senn staunte immer mehr. “Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang
+erwacht”, sagte er. “Wann bist du denn heraufgekommen?”
+
+“Gestern um fünf, oder um vier Uhr”, stotterte der This furchtsam,
+“der Melker kam erst lange nachher.”
+
+“Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn
+gewollt und gemacht?”
+
+Jetzt sah der Franz Anton, daß dem This ganz bange wurde, ihm selber
+aber fielen nun wieder die Vorgänge der letzten Nacht ein. Ganz
+väterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd:
+“Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fürchten, This. Da, trink noch
+eins aus, und dann sag mir alles, was du weißt, von da an, als du hier
+heraufgekommen bist.” Auf diese Ermunterung hin faßte der This neuen
+Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zügen aus, denn sie schmeckte
+herrlich.
+
+Dann fing er an zu berichten: “Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier
+herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Käsfische.
+Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie
+nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden
+gefunden, und Sie sind ganz rot und heiß gewesen und haben Durst
+gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe
+alle großen Erdbeeren gepflückt, die noch da waren, und habe sie Ihnen
+gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf
+den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Hütte
+das Schüsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach
+habe ich ihn gefüllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schüsselchen das
+Wasser über den Kopf geschüttet und auch zu trinken gegeben, denn sie
+haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin
+ich zum Bach hinüber und habe ihn wieder gefüllt. Aber weil das
+Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes
+Tuch wurde den Kopf besser kühlen. Und so habe ich das Tuch aus der
+Hütte geholt und es ganz naß auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann
+trocken und heiß wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und
+es dann wieder naß auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann
+erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht
+etwa krank werden.”
+
+Der Senn hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Jetzt stand alles
+deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wußte auch
+wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren
+als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespürt und
+genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und
+verwundert an, als hätte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen
+solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn möglich, daß
+dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben
+gerettet hatte.
+
+Hätte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelöscht, wer weiß,
+was bis zum Morgen daraus geworden wäre! Und wie konnte dieser This,
+dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung
+fähig sein, daß er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn
+pflegte! Dem großen, starken Franz Anton kamen die Tränen in die
+Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles
+überdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: “Wir
+wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das
+vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die
+Glieder so, daß ich mich jetzt niederlegen muß. Geh du nun hinunter
+zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir
+nicht ganz wohl. Du mußt dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe
+noch viel mit dir zu reden heute, vergiß es nicht!”
+
+Solange er lebte, war der This noch nie so glücklich gewesen. Er lief
+springend den Berg hinunter, als könne er nicht hoch genug aufspringen
+vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen,
+und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in
+die Sennhütte eintreten. Außerdem hatte der Franz Anton ihm noch
+gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser
+Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der
+Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Häuschen
+mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im
+Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der
+Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen,
+denn er war ganz atemlos vom Laufen.
+
+“Woher kommst denn du?” fragte die sonntäglich gekleidete Frau, die
+nicht gern etwas Unordentliches sah. Mißbilligend musterte sie den
+Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntäglichen Anblick
+in seinen zerfetzten Alltagshöschen und dem schmutzigen Hemdlein.
+“Ich meine, ich habe dich schon dort drüben über dem Bach gesehen, du
+bist wohl einer vom Hälmli-Sepp?”
+
+“Nein, nur der This”, erwiderte der Bub ganz demütig.
+
+Jetzt fiel der Frau ein, daß die Frau des Hälmli-Sepp einen
+einfältigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts
+zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. “Und was willst du
+denn bei mir?” fragte sie nun erst recht verwundert.
+
+Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag
+klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der
+kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und daß er nach ihr schickte
+und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes
+Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in großer
+Sorge das Nötigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem großen
+Korb am Arm heraus.
+
+“Komm”, sagte sie zu This, “wir wollen gleich gehn. Warum mußt du
+wieder mit?”
+
+“Ich weiß nicht”, antwortete er. Und fast als wäre es etwas Böses,
+setzte er leise hinzu: “Muß ich nicht den Korb tragen?”
+
+“So, jetzt verstehe ich’s”, sagte die Frau, “der Franz Anton hat daran
+gedacht, daß ich allerhand mitbringen will.” Sie gab dem This den Korb.
+Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief
+in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer
+Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die
+Krankheit gefährlich sein? Ihre Angst wurde immer größer, je näher
+sie der Sennhütte kamen. Jetzt waren sie oben--nur noch einige
+Schritte--der bekümmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast
+nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie
+schaute überall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn
+tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem
+Herzen stieg sie die Leiter hinauf.
+
+Der This blieb ehrerbietig draußen vor der Tür stehen, nur den Korb
+schob er in die Hütte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll
+über ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte
+ihr fröhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter:
+“Grüß dich Gott, Mutter! Das freut mich, daß du da bist. Ich habe
+aber geschlafen wie ein Bär, die ganze Zeit, seit der This fortging.”
+Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie
+wußte gar nicht, was sie denken sollte. “Franz Anton”, sagte sie
+jetzt ernsthaft, “was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weißt du,
+daß du mich hast holen lassen?”
+
+“Ja, ja, Mutter”, lachte jetzt der Franz Anton, “jetzt bin ich ganz
+bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir
+noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir
+reden. Ich fühl’s auch jetzt noch in den Knien zittern, ich käme noch
+nicht weit.”
+
+“Aber was ist’s denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir’s doch”,
+drängte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.
+
+“Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen”,
+sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. “Sieh einmal
+zuerst dort unten das schmale, magere Büblein an, das kein gutes Stück
+Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder
+nur den dummen This nennt.”
+
+Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn
+hinaufspähte, ob er etwa wieder umfallen wolle.
+
+“Und jetzt?” fragte die Mutter gespannt.
+
+“Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Büblein nicht
+gewesen wäre, so läge ich jetzt noch draußen auf dem Boden in einem
+tödlichen Fieber, oder vielleicht wäre es auch schon vorbei mit mir.”
+Und jetzt erzählte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag
+zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen
+und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch
+auf der Welt es nicht besser hätte tun können.
+
+Die Mutter mußte sich mehrmals die Tränen abwischen. Sie stellte sich
+vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da
+draußen gelegen hätte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden
+wäre, und kein Mensch hätte etwas von ihm gewußt. Und jetzt stieg ein
+Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, daß sie laut ausrufen mußte:
+“Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!” Aber auch eine solche
+Liebe zu dem armen This überkam sie, daß sie ganz eifrig sagte: “Franz
+Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hälmli-Sepp zurück!
+Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat
+sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen
+mache ich ihm ein Gewand, daß man ihn ansehen darf. Er muß es nicht
+schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir
+geholfen hat.”
+
+“Das ist nun gerade, was ich wünschte, Mutter, aber ich mußte doch
+zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben
+und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein könnte. Es geht
+nichts über eine Mutter!” Und der Franz Anton schaute sie so voller
+Glück und Liebe an, daß es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich
+dachte: Es geht auch nichts über einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte
+sie: “Jetzt mußt du etwas essen, Franz Anton, daß du wieder zu Kräften
+kommst. Ich habe frische Eier und ein Weißbrot mitgenommen, und jetzt
+will ich Feuer machen, laß dir Zeit zum Herunterkommen.” Das mußte der
+Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging.
+Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er
+sich selbst niedergesetzt hatte.
+
+“This”, sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend,
+“willst du ein Senn werden?”
+
+Der This fing an zu lächeln, aber dann hörte er plötzlich die
+vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen
+hatte: “Aus dem wird nie etwas,”, “der kann nichts”, “der wird nichts”.
+Und schüchtern antwortete er. “Ich kann nichts werden.”
+
+“This, ein Senn wirst du”, sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit.
+“Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun
+bleibst du bei mir und trägst Milch und Wasser und hilfst mir bei
+allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Käse macht und sobald
+du groß genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein
+Gehilfe.”
+
+“Hier in der Schwemmebachsennhütte?” fragte This, dem die Aussicht auf
+diese Glückseligkeit ganz unfaßbar war.
+
+“Alles hier, in der Schwemmebachsennhütte”, bestätigte der Franz Anton.
+
+Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden
+Glücks, daß der Senn ihn nur ansehen mußte. Der Bub war wie
+verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den großen
+Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie
+streichelte den Buben und sagte: “Ja, Thisli, heute wollen wir
+miteinander fröhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen
+wir dem lieben Gott dafür danken, daß er dich gerade zur rechten Zeit
+in die Nähe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch
+begreift, warum du da heraufgekommen bist.”
+
+Jetzt begann das fröhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben
+hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen.
+Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weißbrot hingelegt
+und daneben Butter und weißen Käse. Und mitten auf dem Tisch stand
+eine große Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die
+Mutter große, dicke Stücke vor den This hin, und wenn er fertig war,
+gab es gleich noch einmal so viel.
+
+Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie:
+“Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muß bei dir oben
+bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es
+nötig ist. Der Frau des Hälmli-Sepp will ich schon alles berichten.”
+
+Das war dem Sennen recht, und für den This war es das höchste Glück,
+das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton.
+Nicht mehr verborgen unter den Tannenbäumchen hörte er heute den
+Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als
+dieser seine Hände faltete und sagte: “Komm, This, nun beten wir den
+Abendsegen.” Andächtig faltete auch er seine Hände, und als am Schluß
+der Senn sagte: “Gute Nacht geb euch Gott!”, da war das Glück im
+Herzen des This so groß, daß er gern überlaut allen Menschen auf der
+ganzen Welt sagen wollte: ‘Gute Nacht geb euch Gott!’
+
+Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinüber zu der Frau des
+Hälmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und
+gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzählten.
+Die Sennin hörte, daß von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der
+Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hälmli-Sepp erklärte,
+daß sie mit ihrem Sohn übereingekommen sei, sie wollten den This bei
+sich annehmen, da machte die Frau einen großen Lärm. Sie sagte, sie
+sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien für
+den Senn eine größere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien
+alle aus vollen Hälsen: “Mich! Mich! Mich!” Denn sie wußten wohl,
+wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhütte für gute
+Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.
+
+Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn
+schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen
+This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das
+Hänseln und Verspotten unterlassen, sonst hätten sie es mit ihrem Sohn
+zu tun. Der rede dann mit seinen kräftigen Armen eine deutlichere
+Sprache mit den Buben, als sie es jetzt könnte. Dann verließ die
+Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblüfft nachschauten,
+und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wäre,
+der wird’s gut haben, wie ein König wird er da oben in seiner
+Sennhütte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen ließ,
+liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund
+sein. Denn sie mußten alle an den letzten Käsfischtag denken, als der
+This so übel behandelt worden war. Von nun an würde er ja gewiß alle
+Käsfische allein bekommen, da wäre doch jeder gut daran, der sein
+Freund wäre. Und später waren sie auch alle gut daran, denn dem This
+machte es die größte Freude, die reiche Ernte der Käsfische unter
+allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darüber
+wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie
+mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte
+sich zur Überraschung aller, daß er auf einmal ein ganz flinkes,
+geschicktes Bürschchen war, von dem jeder sagen mußte: “Entweder ist
+das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den
+dummen This zu nennen.” Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit,
+sein liebster Schüler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei
+allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die
+anderen Buben könnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
+
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+from people in all walks of life.
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+goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will
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+The Project Gutenberg eBook of Vom This, der doch etwas wird, by
+Johanna Spyri
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+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
+will have to check the laws of the country where you are located before
+using this eBook.
+
+Title: Vom This, der doch etwas wird
+
+Author: Johanna Spyri
+
+Posting Date: October 29, 2011 [EBook #9859]
+Release Date: February, 2006
+First Posted: October 25, 2003
+Last Updated: July 29, 2023
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+Produced by: Delphine Lettau
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS
+WIRD ***
+
+
+
+
+Vom This, der doch etwas wird
+
+Erzählung
+
+Johanna Spyri
+
+
+
+
+1. Kapitel
+
+Alle gegen einen
+
+
+Wenn man den Seelisberg von der Rückseite her besteigt, kommt man auf
+eine frische, grüne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die
+friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem
+schönen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenährten Kühe
+ziehen lieblich läutend immer hin und her. Denn jede trägt am Hals
+ihre Glocke, damit man immer hört, wo sie ist. So kann sich keine Kuh
+unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Sträuchern bedeckte Felswand
+liegt, über die sie hinunterstürzen könnte. Es ist außerdem ein
+ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben können. Aber die
+Glocken sind doch notwendig und tönen so freundlich hin und her, daß
+keiner sie entbehren möchte. Am Bergabhang stehen hie und da
+vereinzelt die kleinen, hölzernen Häuser, und nicht selten rauscht
+daneben ein schäumender Bach ins Tal hinab. ‘Am Berghang’ heißt es
+hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Häuschen steht auf
+ebenem Boden. Es ist, als wären sie irgendwie an den Berg hingeworfen
+worden und da hängengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da
+oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie
+alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der
+kleinen, hölzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt
+in ihre Nähe, so sieht man, daß ein großer Unterschied zwischen ihnen
+ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nähe ganz
+verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen
+ihnen stürzt der größte Bergbach der Gegend, der schäumende
+Schwemmebach, hinunter.
+
+Am ersten Häuschen blieben auch an den schönsten Sommertagen alle die
+kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die
+hineindrang, kam durch die Löcher der zerbrochenen Scheiben. Das war
+aber nicht viel, denn die Löcher waren wieder mit Papier verklebt,
+damit man im Winter drinnen nicht frieren mußte. An dem hölzernen
+Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war
+so zerfallen, daß es ein Wunder war, daß alle die kleinen Kinder, die
+da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie
+hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder
+waren alle mit Schmutz überdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen
+Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag über da
+herum, und am Abend kamen vier größere Kinder dazu. Drei kräftige
+Buben und ein Mädchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich
+aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie
+konnten sich doch schon selbst waschen.
+
+Das Häuschen über dem Bach drüben hatte einen ganz anderen Charakter.
+Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeräumt
+aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drüben. Die
+Stufen sahen immer so aus, als wären sie eben gescheuert worden. Und
+oben auf der Galerie standen drei schöne Nelkenstöcke und dufteten den
+ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen
+Fenstern stand offen und ließ die schöne, sonnige Bergluft herein.
+Dort konnte man meistens eine noch kräftig aussehende Frau sitzen
+sehen, mit schönem, weißem Haar, das sie sehr ordentlich unter das
+schwarze Häubchen zurückgestrichen hatte. Sie flickte gewöhnlich an
+einem Männerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber
+gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so
+adrett und reinlich aus, als wäre noch nie etwas Unsauberes an sie
+herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des
+fröhlichen Franz Anton mit den kräftigen Armen. Der machte den Sommer
+über in der oberen Sennhütte seine Käse, und erst im Spätherbst zog er
+wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn
+dann butterte er in der unteren Sennhütte, die ganz nahe lag. Da über
+den reißenden Schwemmebach kein Steg führte, waren die zwei Häuschen
+ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg
+wohnten, besser, als diese Nachbarn über dem Bach, zu denen sie nur
+etwa einmal am Tag stumm hinüberschaute. Gewöhnlich schüttelte sie
+dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter
+und schmutzigen Fetzen drüben an den Kindern sah. Sie schaute aber
+nicht oft hinüber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber
+betrachtete sie, wenn das Feierabendstündchen kam, ihre roten Nelken
+auf der Galerie oder sie schaute über den grünen, sonnigen Abhang
+hinunter, der vor ihrem Häuschen zum Tal hinabstieg.
+
+Die verwilderten Kinder über dem Bach gehörten dem Hälmli-Sepp, wie er
+genannt wurde, der seine Arbeit außer Haus beim Holzfällen oder
+Heumachen suchte. Außerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So
+war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die
+Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele
+kleine Kinder könne man nicht in Ordnung halten, und später würde es
+dann von selbst besser. So ließ sie alles gehn, wie es ging. Und in
+der schönen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und
+ließen sich’s, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl
+sein. Zur Sommerzeit waren die vier Größeren den ganzen Tag draußen,
+um die Kühe zu hüten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen,
+wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten
+bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kühe auf das
+umliegende Weideland hinaus und mußten sie hüten lassen. Das ist
+immer eine lustige Zeit für die Buben und Mädchen, die sich dort zu
+jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei fröhliche Sachen
+miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten
+im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere
+Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer
+über ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstück nach Hause,
+das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier
+Kleinen zu ernähren und für alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn
+diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mußte doch jedes haben
+und die vier Großen noch ein Stück dazu. Eine Kuh hatte der
+Hälmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaßen,
+wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.
+
+Hälmli-Sepp hieß der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum
+nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine
+Geiß und ein Stück Kartoffelland, damit mußte die Frau mit den vier
+Kleinen den Sommer über auskommen und auch hier und da noch eines der
+Größeren speisen, wenn es draußen keine Arbeit fand. Der Vater kam im
+Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein
+Häuschen und Acker waren so verschuldet, daß er das ganze Jahr über
+etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten
+konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel
+er fand.
+
+So mußte die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte
+keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von
+der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der
+verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten,
+schaute sie über den Bach zu dem schmucken Häuschen der Sennerin
+hinüber, dessen Scheiben in der Sonne glänzten. Dann sagte sie
+ärgerlich vor sich hin: “Ja, die dort kann schon putzen und alles
+sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner.” Dann ging
+sie wieder ärgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurück, und an dem,
+der ihr zuerst in den Weg kam, ließ sie den Ärger aus.
+
+Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht
+ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Häuschen vom
+Hälmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur ‘der
+dumme This’ genannt, sah so mager und dürftig aus, daß man ihn kaum
+für achtjährig gehalten hätte. Er schaute auch so scheu und
+verschüchtert drein, daß niemand wußte, wie der This eigentlich aussah,
+denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach.
+This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum
+zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel später über die Felsen
+in die Tiefe gestürzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam
+und den Weg abkürzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte
+nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem
+großen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This
+hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend,
+eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen
+Matthis genannt.
+
+Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Häuschen vom
+Hälmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstätte mit seinem Büblein
+gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben
+Ort. Das wenige Geld, das für den kleinen This von der Gemeinde
+bezahlt wurde, war der Frau des Hälmli-Sepp sehr erwünscht. Und in
+die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, für die
+schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This
+war schon von Natur aus ein schüchternes und stilles Büblein gewesen.
+Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das große Unglück
+gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem
+Unglück wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.
+
+So saß der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein
+Wort zu hören, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann
+seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des
+Hälmli-Sepp gehörte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde
+von jedem angefahren und hin und her gestoßen, weil er sich nie wehrte.
+Zu all den Püffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen
+dann noch die bösen Worte der Frau, wenn sie den Ärger über das
+saubere Häuschen der Sennerin drüben hatte. Der This wehrte sich aber
+nie, denn er hatte das Gefühl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so
+nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und
+verschüchtert, daß man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her
+vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn
+anrief. Er sah überhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch,
+wo er in die Erde hineinkriechen könnte, daß ihn keiner mehr fände.
+
+So war es gekommen, daß die vier Großen vom Hälmli-Sepp, der Jopp, der
+Hans, der Uli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: “Du
+bist doch ein dummer This”, und daß es die vier Kleinen auch
+nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals
+dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es
+werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch ‘der dumme
+This’ genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten könnte,
+wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kühe zu hüten, und war
+er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke
+oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da saß er
+meistens zitternd vor Furcht, denn er hörte wohl, wie die anderen
+Buben ihn mit großem Geschrei suchten, daß er bei den Spielen
+mitmachte, die sie spielen wollten.
+
+Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prügeln, und das traf
+regelmäßig den This am stärksten, da er sich nicht wehrte und auch
+nicht wehren konnte gegen die viel Stärkeren. So verkroch er sich,
+sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kühe, wohin sie wollten
+und fraßen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann großen Ärger, und
+jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kühe zu hüten, und keiner
+stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld,
+wenn die Buben zum Jäten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da
+warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblüten an den
+Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem
+anderen reichlich zurück, was er empfangen hatte. Der This gab aber
+nichts zurück, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen
+Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen
+gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten
+die Knollen an den Rücken und an den Kopf.
+
+Während aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten,
+versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den
+Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit
+nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller
+Arbeit zu dumm und aus dem This könne nie etwas werden. Weil er nun
+gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er
+auch von der Frau des Hälmli-Sepp demgemäß behandelt. Wenn schon die
+eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es
+meistens, daß für den This gar nichts mehr übrigblieb und es dann hieß:
+“Du wirst wohl etwas finden, du bist groß genug.” Wie der This
+eigentlich ernährt wurde, wußte niemand, auch die Frau des Hälmli-Sepp
+nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.
+
+Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen
+Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tür
+vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in
+seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich
+wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer
+scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.
+
+
+
+
+2. Kapitel
+
+Bei der Schwemmebachsennhütte
+
+
+An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle
+Mücken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hüterbuben und--mädchen.
+Sie mußten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp,
+von allen der Größte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle
+nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, daß man jetzt zur
+Schwemmebachsennhütte hinaufgehe, denn heute sei der Käsfischtag. Nun
+müsse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kühe
+hüten solle, während die anderen sich zu dem Festmahl begeben würden.
+Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust,
+sich für die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue
+Uli auf den Gedanken, man könnte einmal den dummen This zwingen, auf
+die Kühe acht zu geben. Und damit er’s nicht vergesse, könnte man ihn
+im voraus ein wenig durchprügeln. Der Vorschlag fand Anklang, und
+schon wollten mehrere von den Anführern der Schar den This holen, als
+das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: “Das ist gar nichts
+Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den
+Lohn dafür, wenn wir wieder zurückkommen und die Kühe sich verlaufen
+haben. Ihr werdet doch nicht glauben, daß der This, wenn er zu dumm
+ist, zwei Kühe zu hüten, auf einmal zwanzig hüten kann. Man muß losen,
+und drei müssen bei den Kühen bleiben, sonst ist’s nichts.” Lisis
+Erklärung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus
+der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet
+der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der
+siegreichen Schar den Rücken und setzte sich auf den Boden neben seine
+beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stürzte nun
+die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuß
+entgegen.
+
+Der Käsfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die
+es nie unterließen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen
+sollte. Denn das war ein Hauptfest für sie. Das war der Tag, an dem
+der Franz Anton seine frischen Käse rundum beschnitt, nachdem diese
+als weiche Masse in die runde, hölzerne Form gepreßt worden waren.
+Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von
+der Masse herausdrängte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie
+eine lange, schneeweiße Wurst. Die wurde dann in viele Stücke
+gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt.
+Das waren dann die sogenannten Käsfische. Dieses Fest wiederholte
+sich den Sommer über alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem
+Freudengeschrei begrüßt.
+
+This hatte sich hinter dem großen Distelbusch am Boden versteckt
+gehalten, während die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton
+von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hörte,
+daß die große Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig
+hervor. Die drei grollenden Zurückgebliebenen saßen am Boden und
+kehrten ihm den Rücken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stück
+die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der
+Höhe hernieder. Den This erfaßte ein unwiderstehliches Verlangen,
+auch an der Käsfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlüpfte er
+hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er
+hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem
+letzten steilen Hang kam eine kleine, glänzend grüne Hochebene, da
+stand die Sennhütte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der
+klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tür seiner Hütte stand der
+Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte über
+die vielen Sprünge, die jetzt die Buben und Mädchen in ihrem Eifer, zu
+dem ersehnten Genuß zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt
+waren sie alle bei der Hütte und eines drängte das andere vorwärts, um
+noch näher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen würde.
+
+“Nur zahm, nur zahm”, lachte jetzt der Franz Anton. “Wenn ihr alle in
+die Hütte hineindrängt, so habe ich keinen Platz mehr zum
+Käseschneiden und ihr habt den Schaden.” Jetzt nahm er sein festes
+Messer zur Hand und trat an den großen, runden Käse heran, den er
+schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden
+ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweißen
+Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stück und da ein
+Stück, oft über die Köpfe der Großen weg den Kleinen, die nicht zu ihm
+vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner
+Teilung.
+
+This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen
+wollte, so bekam er da einen Stoß und dort einen und flog so von einer
+Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer
+wieder ein Größerer und Dickerer sich vor ihn drängte. Zuletzt bekam
+er einen so ungeheuren Stoß von dem breiten, nach allen Seiten
+schlagenden Jopp, daß er sich fast überschlagen hätte. Die Teilung
+war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, daß er zu keinem
+Stückchen Käsfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine
+Schläge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die
+jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den
+Bäumchen. Auf der höchsten Krone des einen saß ein lustiger, kleiner
+Vogel und pfiff so fröhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als
+gäbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und
+Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, daß er fast das
+Leid vergaß, das ihm eben geschehen war.
+
+Von Zeit zu Zeit mußte er nach der Sennhütte hinüberschauen, denn das
+Lärmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stück Käsfisch
+wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie
+jedes Kind mit einem größeren oder kleineren Brocken der schönen,
+weißen Masse dastand und mit Wonne hineinbiß. Er seufzte dann ein
+wenig und sagte leise: “Wenn ich nur auch einmal ein einziges
+Stücklein bekäme!” Der This hatte niemals von den herrlichen, weißen
+Käsfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie
+heute in die Schar der Glücklichen einzudringen. Jetzt hatte er
+gesehen, daß es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut
+zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlußgedanken, daß er
+sein Leben lang nie einen Käsfisch bekommen werde. Darüber wurde er
+so traurig, daß er nicht einmal den Vogel mehr hörte und ganz
+zusammengeduckt unter den Tannenbäumen saß.
+
+Jetzt war das Gastmahl bei der Hütte zu Ende und mit schrecklichem
+Lärm stürzten die Kinder daher, womöglich immer einer über den anderen
+hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall
+brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der
+lärmende Hans, und laut schrie er in das Gebüsch hinein: “Du Maulwurf,
+komm heraus, du mußt mitmachen!” This verstand, was er mitzumachen
+hatte. Er mußte sich als Bock hinstellen, damit die anderen über ihn
+springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wäre
+viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wußte wohl,
+was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er
+gehorsam heran. “Wie viele Käsfische hast du bekommen?” schrie ihn
+jetzt der Hans an.
+
+“Keinen”, gab This zurück. “Oho, seht einmal den an”, schrie der Hans
+noch lauter in die Schar hinein, “der läuft schnell zu den Käsfischen,
+und dann läuft er wieder fort und hat keinen gesehen.” “Du dummer
+This”, rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die großen
+Buben über den Kopf weg, so daß er genug zu tun hatte, nur immer
+wieder auf die Füße zu kommen, wenn er umgeworfen worden war.
+Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestürzter die Abhänge
+hinunter, bis ein glücklicher Zufall sie wieder alle auf die Füße
+brachte. Nach dieser stürmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen
+gleich alle auseinander, jeder seinen Kühen nach.
+
+Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn
+jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den
+Zurückgebliebenen, weil er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem
+Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben
+und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im
+Berghang, wo im Frühling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und
+den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und
+ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schöne, dunkelrote
+Erdbeeren in der Sonne, die so schön warm in die Vertiefung schien.
+Aber dem This war es überall angst und bang, wenn er noch in der Nähe
+der Häuser und der Hüterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden
+Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der
+This zuckte scheu und ängstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer
+dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch
+einmal an das stille Plätzchen unter den kleinen Tannenbäumchen dort
+oben und an das pfeifende Vögelein, so daß es ihn mit Gewalt vom Boden
+zog. Er mußte noch einmal dorthin.
+
+Mit allen Kräften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht
+einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die
+Tannenbäumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein
+Tannenversteck ein wenig offen. Da saß nun der This in völliger
+Sicherheit. Ringsum war eine große Stille, kein Ton drang von unten
+her bis hier auf die einsame Höhe, nur das Vögelein saß noch auf
+seinem Tannenast und pfiff sein fröhliches Lied. Die Sonne wollte
+untergehen. Die hohen Schneeberge drüben fingen zu flimmern und zu
+glühen an, und über die ganze grüne Alm hin lag das golden schimmernde
+Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie
+gekanntes Wohlsein kam über ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und
+Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fürchten, denn weit und
+breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hören.
+
+So saß der This eine lange Zeit, und am liebsten wäre er gar nicht
+mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben
+gewesen. Aber da hörte er schwere Tritte hinter sich von der Hütte
+her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiß
+wollte er zum Bach hinüber, um Wasser zu holen. This verhielt sich
+mäuschenstill. Denn er war so daran gewöhnt, daß er von jedermann
+angefahren oder ausgelacht wurde, daß er dachte, der Senn werde es
+gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die
+Bäumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton
+wurde aufmerksam, trat näher und guckte in den Tannenbusch hinein.
+
+“Was machst du denn da drinnen?” fragte der Senn mit lustigem Gesicht.
+
+“Nichts”, erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.
+
+“Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fürchten, wenn du nichts
+Böses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa
+mit deinen Käsfischen da hineingeflüchtet, daß du sie in Ruhe
+verzehren kannst?”
+
+“Nein, ich habe keine Käsfische gehabt”, sagte This ängstlich.
+
+“Nicht? Und warum denn nicht?” fragte der Senn in einer Weise, wie
+sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem
+Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem
+Menschen.
+
+“Sie haben mich auf die Seite gestoßen”, erwiderte er nun und stand
+hinter den buschigen Zweigen auf.
+
+“So, jetzt kann man dich doch sehen”, fuhr der Senn freundlich fort,
+“komm noch ein wenig näher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn
+sie dich wegstoßen? Es stößt ja immer einer den anderen, aber zuletzt
+kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?”
+
+“Sie sind stärker”, sagte der This so überzeugend, daß diese Erklärung
+wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den
+Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, großen Franz Anton wie
+ein dünnes Stöcklein vor einer hohen Tanne. Der kräftige Mann
+betrachtete einen Augenblick das schmale Figürchen, an dem tatsächlich
+fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht
+schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.
+
+“Wem gehörst du?” fragte er jetzt den Buben.
+
+“Niemand”, gab This zur Antwort.
+
+“Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?”
+
+“Beim Hälmli-Sepp.”
+
+Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. “Ach so, bist du der!”
+sagte er verständnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar
+nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehört, ihn aber nicht
+gekannt.
+
+“Komm einmal mit mir”, sagte er mitleidig. “Wenn du beim Hälmli-Sepp
+bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hälmlein.
+Komm, Käsfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes.”
+
+Der This wußte gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz
+Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und
+das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Hütte, holte
+hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein großes
+Stück ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfaß, das goldig glänzend
+in der Ecke stand, und holte ein großes Stück Butter heraus. Das
+strich er über die Brotschnitte und reichte nun das feste Stück mit
+der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte
+der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es
+nicht möglich, daß es ihm gehöre.
+
+“Komm heraus. Iß es vor der Hütte, ich muß nun zum Wasser”, sagte
+Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glück und
+Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte.
+Vor der Hütte setzte er sich auf den Boden. Und während der Senn zum
+Schwemmebach hinüberging, biß er in sein Butterbrot hinein und biß
+immer wieder und konnte nicht begreifen, daß es etwas so Gutes gäbe
+und er es bekommen hätte.
+
+Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und
+wiegte unten die Tannenbäumchen hin und her, und der kleine Vogel saß
+immer noch auf dem höchsten Zweig und sang hell und fröhlich in den
+goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie
+gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er müsse laut mit dem Vogel zu
+singen anfangen.
+
+Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her
+gegangen. Drüben beim Schwemmebach war er immer eine Weile
+stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr
+rot vom Abendschein, aber jetzt stieg groß und golden der volle Mond
+hinter dem weißen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Hütte
+zurück und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle
+saß.
+
+“So gefällt’s dir hier?” fragte er freundlich. “Mit dem Abendessen
+bist du fertig, wie ich sehe. Du mußt dich auf den Rückweg machen.
+Sieh, wie schön dir der Mond heimleuchtet!”
+
+Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel
+ihm ein, daß es wohl nötig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem
+Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den
+Tannenbäumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurück. Er schaute noch
+einmal zurück, und da der Senn in die Hütte getreten war und ihn nicht
+mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz
+Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Güte
+und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen
+Eindruck gemacht, daß er nicht fort konnte. Er mußte noch ein wenig
+in der Nähe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen
+unter den Bäumchen und spähte zu der Hütte hinauf, ob er den Senn
+nicht noch einmal sähe. Es dauerte einige Zeit, da plötzlich trat
+Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Hütte heraus.
+
+Er blieb vor der Tür stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die
+stille Bergwelt hinaus, wo jetzt über alle hohen Schneegipfel hin das
+milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt
+der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen
+Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hände. Er hielt wohl still
+seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: “Gute Nacht
+geb euch Gott!” trat in die Hütte zurück und machte die Tür zu. Sein
+Nachtgruß hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum
+und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller
+Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fühlte Liebe und
+Bewunderung für den Senn, Gefühle, die er bisher nicht gekannt hatte.
+
+Als es nun ganz dunkel und still in der Hütte wurde, stand der This
+auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.
+
+Es war spät und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich,
+die Tür war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Häuschen und
+schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser
+schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: “Es
+ist bequem, daß der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden.
+So hat man doch Platz!”
+
+This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er
+immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit
+gefalteten Händen vor seiner Hütte stand. Zum erstenmal in seinem
+Leben schlief der This mit einem glücklichen Herzen ein.
+
+
+
+
+3. Kapitel
+
+Ein hilfreicher Engel
+
+
+Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten,
+mußten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges
+gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr
+Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze
+Schar den Berghang herunter, und bald saßen sie alle mit anderen
+Kindern so ruhig wie möglich auf den langen Bänken, und der Herr
+Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von
+einem zukünftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den
+This fiel, fuhr er fort: “Ich will dich auch einmal wieder etwas
+fragen, das wirst du wohl beantworten können, wenn man dir auch nicht
+viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Ärmsten
+und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben geführt hat, so
+wohl werden, daß er kein Leid verspürt?”
+
+“Bei der Schwemmebachsennhütte”, antwortete der This ohne Zögern.
+Jetzt entstand ein solches Kichern, daß der This ganz scheu um sich
+schaute. Ringsum waren spöttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle
+Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich
+so stark vornüber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem,
+was der Herr Pfarrer das letztemal erklärte, hatte er nichts gehört,
+weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mußte. Jetzt hatte
+er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet.
+
+Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, daß es dem
+This gar nicht zum Lachen war, sondern daß er vor Scheu ganz
+erschrocken und zusammengeduckt dasaß, da schüttelte der Herr Pfarrer
+nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: “Es ist nichts mit ihm zu
+machen.”
+
+Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stürzte die ganze Schar
+hinter dem This her, alle lachten überlaut und schrien durcheinander:
+“This, sind dir auf einmal in der Kirche die Käsfische in den Sinn
+gekommen?”
+
+“This, warum hast du nicht auch etwas von den Käsfischen gesagt?” Der
+This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem
+Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben
+wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den
+schönen Sonntagabend unten im Dorf genießen.
+
+Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt
+einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhütte
+hinaufflüchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen.
+Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plätzchen sitzen und
+vor Verfolgung sicher sein. Nun saß er wieder unter den Tannen und
+über ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der
+Sonne, und über den grünen Hängen floß da und dort ein klares Bächlein
+friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, daß er allen
+Spott vergaß und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr
+weggehen zu müssen.
+
+Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er
+beständig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie möglich
+nieder. Denn er hatte das Gefühl, wenn der Franz Anton ihn wieder
+hier sehe, so könnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein
+Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und
+einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und
+in dessen Nähe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst
+nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und
+This saß an seinem schönen Plätzchen, bis die Sterne am Himmel standen
+und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Hütte hinaustrat und
+ausrief: “Gute Nacht geb euch Gott!” Dann erst lief der This wieder
+davon, und spät wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht
+hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber
+das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefühlt
+dort oben.
+
+So ging es eine ganze Woche. Tag für Tag, sobald er einen Augenblick
+fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm
+hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete
+er die ganze Tätigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und
+nie verließ er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton
+gesagt hatte: “Gute Nacht geb euch Gott!” Es war ihm jetzt immer, als
+sei der Nachtsegen auch für ihn gedacht.
+
+Es waren ausnahmsweise heiße Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg
+jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend
+niedergegangen war. Das Futter war besonders kräftig, und Franz Anton
+bekam so schöne, fette Milch von den Alpenkühen, daß er die
+prächtigsten Käse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude,
+und schon frühmorgens konnte man ihn voller Vergnügen in seiner
+Sennhütte pfeifen hören, so auch am Samstag dieser Woche. Da hörte
+man ihn noch viel früher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem
+der Senn seine drei oder vier fertigen Käse an den See hinunterbrachte.
+Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie
+auf seinem Rücken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwärts,
+den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rücken. Es
+war der heißeste Tag des ganzen Sommers.
+
+Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die übermäßige
+Hitze, und oft sagte er zu sich: “O wie will ich froh sein, heute
+abend wieder zu meiner Hütte hinauf in die kühle Luft zu kommen, hier
+unten ist’s wie in einem Backofen.” Jetzt war er unten angelangt,
+gerade als das Schiff herankam, das die Käse mitnehmen sollte. Bald
+war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlüssig
+da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten
+etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fühlte keinen Appetit, sein Kopf
+war schwer und heiß, er wünschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn
+jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim
+Einladen geholfen hatte. “Komm, Franz Anton, heute ist’s heiß, wir
+wollen ein Glas Wein im Schatten trinken”, sagte er und zog den Senn
+zu dem Wirtshaus.
+
+Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im
+Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber
+stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in
+der schweren, heißen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht
+an den Wein gewöhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit großen
+Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in
+seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiß auf
+seinen Kopf, alle seine Pulse hämmerten, die Füße wurden ihm so schwer,
+daß er sie nur mit Mühe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je
+größer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der
+Aussicht an, daß nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt
+nur noch eine Viertelstunde heißer Mühe vor ihm liege. Dann würde er
+oben sein und könne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.
+
+Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne
+brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Plötzlich wurde es ihm völlig
+schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stürzte er auf den
+Boden nieder. Er hatte das Bewußtsein verloren.
+
+Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er,
+daß der Franz Anton noch nicht zurückgekehrt war. Er stellte seine
+Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem
+Senn auszuschauen.
+
+Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz
+Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte
+er an seinem verborgenen Plätzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt,
+den der Senn tat. Er wußte, wie eine Beschäftigung auf die andere
+folgte, so daß er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der
+Franz Anton seine Milch stehen ließ. Sonst goß er sie immer gleich in
+die verschiedenen Gefäße. Die eine kam zum Buttern in die großen,
+runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schön dick obenauf
+lag. Die andere wurde in den Käsekessel gegossen, das hatte der This
+durch die offene Hüttentür alles genau beobachten können. Der Senn
+kam immer noch nicht. Der Junge fühlte, daß irgend etwas geschehen
+sein mußte. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging
+zur Sennhütte. Da war es still und leer unten im Hüttenraum und oben
+auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut
+war zu hören, alles wie ausgestorben. Ängstlich lief der This
+jetzt um die Hütte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann
+in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten
+erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da
+lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stöhnte und lechzte wie
+ein Sterbender. Er sah glühend heiß aus, und seine Lippen waren ganz
+vertrocknet.
+
+Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor
+Schrecken, auf seinen Wohltäter. Dann stürzte er in schnellem Lauf
+den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewußtlos am
+Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt
+an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem
+brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bücken
+und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er für einen Augenblick,
+denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.
+
+Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rühren.
+Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das
+Bewußtsein wieder, und er träumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er
+heute früh im Vorübergehen noch die schönen Erdbeeren gesehen hatte.
+Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die
+Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber
+jetzt hatte er plötzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte
+sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der
+Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlürfte und
+schluckte, es war ein unsägliches Labsal. Er erwachte. War das alles
+Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und
+steckte ihm wieder eine große saftige Erdbeere in den Mund.
+
+“O du guter Engel, noch eine”, sagte leise der Franz Anton. Aber
+nicht nur eine, fünf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf
+einmal flog ein stechender Schmerz über sein Gesicht. Er legte die
+Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: “Wasser”, dann war
+ihm das Bewußtsein wieder völlig entschwunden. Er konnte nicht einmal
+mehr die letzte Erdbeere genießen. Jetzt träumte er ganz schreckliche
+Dinge. Sein Kopf wurde so groß wie sein allergrößtes Butterfaß und
+dann immer noch größer und so furchtbar schwer, daß er mit Schrecken
+dachte: “Den kannst du nie mehr allein tragen, man muß starke,
+hölzerne Stützen unterstellen, wie unter die Apfelbäume, wenn sie
+zuviel Äpfel tragen.” Und jetzt fühlte er deutlich, daß der Kopf ganz
+voll Schießpulver war, das hatte einer von hinten angezündet. Nun
+brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mußte alles
+zerspringen. Aber dann kam plötzlich ganz kalt und belebend der
+Schwemmebach über seine Stirn, über das ganze Gesicht und in den Mund
+hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.
+
+Es war wahr, eiskalt kam ein Guß nach dem anderen auf Stirn und
+Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den
+kühlenden Trank ein. Über ihm standen die funkelnden Sterne, das
+sah der Franz Anton deutlich. Er wußte auch, daß er noch am Boden lag
+draußen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der
+Schwemmebach sein, was so über ihn floß und ihn so ordentlich trinken
+ließ. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend,
+so erlösend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer.
+Voller Dank sagte er nur halblaut: “Ach, lieber Gott, wie danke ich
+dir für deine Güte und die hilfreichen Engel!”
+
+Das erquickende Wasserbad hörte nicht auf, und zuletzt fühlte der
+Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schützend und
+wohltuend, daß er sagte: “Da kann kein Feuer mehr durch.” Und beruhigt
+schlief er jetzt ganz sanft ein und träumte nicht mehr.
+
+
+
+
+4. Kapitel
+
+Was die Sennenmutter haben will
+
+
+Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz
+Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er
+schauderte ein wenig zusammen, es fröstelte ihn. Er wollte sich
+aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand
+an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht.
+Wohl sechsfach zusammengelegt lag naß und schwer das große Handtuch
+aus der Sennhütte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der
+frische Morgenwind über die Stirn blies, fühlte er sich so wohlig und
+erleichtert, daß er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da
+sah er auf einmal in zwei große, ernsthafte Augen hinein, die
+unverwandt auf ihn gerichtet waren.
+
+“Bist du das, This?” fragte er verwundert, “Wie kommst du so früh auf
+die Alm? Nun, weil du da bist, komm, daß ich mich ein wenig auf deine
+Schulter stützen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf.”
+
+Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er
+stemmte mit aller Gewalt seine beiden Füße in den Boden hinein, so daß
+der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte.
+Während des langsamen Aufstiegs zur Hütte, als er sich immer noch auf
+die Schulter des Buben stützte, fing er an, sich daran zu erinnern,
+was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgänge der
+Nacht völlig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur
+helfen. In der Hütte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner
+dreibeinigen Stühle und sagte: “This, hol dir den anderen und setz
+dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir
+wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt
+noch nicht machen. Ein Schüsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist
+es denn hingekommen?” unterbrach sich der Senn, “ich stelle es
+regelmäßig dort hinauf. Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht seit
+gestern.”
+
+Der This war feuerrot geworden, er wußte wohl, wer das Schüsselchen
+heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: “Dort steht’s am
+Boden”, holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides
+dem Senn. Dieser schüttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er
+lebte, hatte er noch nie sein Schüsselchen dort bei der Tür auf den
+Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine
+Milch, füllte dann das Schüsselchen wieder und sagte: “Da, This, trink
+auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, daß du so früh hinauf
+kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Käsfischtag und du seist dann
+sicher der erste?”
+
+“Nein, gewiß nicht”, versicherte This.
+
+“Sag mir jetzt etwas”, fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal
+unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder
+zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. “Sag mir, This, habe ich
+denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute früh
+heraufkamst?”
+
+Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn
+alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht
+recht, und er könnte böse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm
+jetzt so tief in die Augen, daß er alles sagen mußte: “Ich habe es
+selbst darauf gelegt”, fing er zaghaft an.
+
+“Warum denn, This?” fragte der Senn verwundert.
+
+“Weil sie so heiß waren”, erwiderte This.
+
+Der Senn staunte immer mehr. “Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang
+erwacht”, sagte er. “Wann bist du denn heraufgekommen?”
+
+“Gestern um fünf, oder um vier Uhr”, stotterte der This furchtsam,
+“der Melker kam erst lange nachher.”
+
+“Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn
+gewollt und gemacht?”
+
+Jetzt sah der Franz Anton, daß dem This ganz bange wurde, ihm selber
+aber fielen nun wieder die Vorgänge der letzten Nacht ein. Ganz
+väterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd:
+“Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fürchten, This. Da, trink noch
+eins aus, und dann sag mir alles, was du weißt, von da an, als du hier
+heraufgekommen bist.” Auf diese Ermunterung hin faßte der This neuen
+Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zügen aus, denn sie schmeckte
+herrlich.
+
+Dann fing er an zu berichten: “Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier
+herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Käsfische.
+Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie
+nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden
+gefunden, und Sie sind ganz rot und heiß gewesen und haben Durst
+gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe
+alle großen Erdbeeren gepflückt, die noch da waren, und habe sie Ihnen
+gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf
+den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Hütte
+das Schüsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach
+habe ich ihn gefüllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schüsselchen das
+Wasser über den Kopf geschüttet und auch zu trinken gegeben, denn sie
+haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin
+ich zum Bach hinüber und habe ihn wieder gefüllt. Aber weil das
+Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes
+Tuch wurde den Kopf besser kühlen. Und so habe ich das Tuch aus der
+Hütte geholt und es ganz naß auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann
+trocken und heiß wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und
+es dann wieder naß auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann
+erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht
+etwa krank werden.”
+
+Der Senn hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Jetzt stand alles
+deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wußte auch
+wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren
+als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespürt und
+genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und
+verwundert an, als hätte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen
+solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn möglich, daß
+dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben
+gerettet hatte.
+
+Hätte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelöscht, wer weiß,
+was bis zum Morgen daraus geworden wäre! Und wie konnte dieser This,
+dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung
+fähig sein, daß er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn
+pflegte! Dem großen, starken Franz Anton kamen die Tränen in die
+Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles
+überdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: “Wir
+wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das
+vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die
+Glieder so, daß ich mich jetzt niederlegen muß. Geh du nun hinunter
+zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir
+nicht ganz wohl. Du mußt dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe
+noch viel mit dir zu reden heute, vergiß es nicht!”
+
+Solange er lebte, war der This noch nie so glücklich gewesen. Er lief
+springend den Berg hinunter, als könne er nicht hoch genug aufspringen
+vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen,
+und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in
+die Sennhütte eintreten. Außerdem hatte der Franz Anton ihm noch
+gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser
+Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der
+Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Häuschen
+mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im
+Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der
+Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen,
+denn er war ganz atemlos vom Laufen.
+
+“Woher kommst denn du?” fragte die sonntäglich gekleidete Frau, die
+nicht gern etwas Unordentliches sah. Mißbilligend musterte sie den
+Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntäglichen Anblick
+in seinen zerfetzten Alltagshöschen und dem schmutzigen Hemdlein.
+“Ich meine, ich habe dich schon dort drüben über dem Bach gesehen, du
+bist wohl einer vom Hälmli-Sepp?”
+
+“Nein, nur der This”, erwiderte der Bub ganz demütig.
+
+Jetzt fiel der Frau ein, daß die Frau des Hälmli-Sepp einen
+einfältigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts
+zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. “Und was willst du
+denn bei mir?” fragte sie nun erst recht verwundert.
+
+Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag
+klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der
+kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und daß er nach ihr schickte
+und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes
+Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in großer
+Sorge das Nötigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem großen
+Korb am Arm heraus.
+
+“Komm”, sagte sie zu This, “wir wollen gleich gehn. Warum mußt du
+wieder mit?”
+
+“Ich weiß nicht”, antwortete er. Und fast als wäre es etwas Böses,
+setzte er leise hinzu: “Muß ich nicht den Korb tragen?”
+
+“So, jetzt verstehe ich’s”, sagte die Frau, “der Franz Anton hat daran
+gedacht, daß ich allerhand mitbringen will.” Sie gab dem This den Korb.
+Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief
+in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer
+Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die
+Krankheit gefährlich sein? Ihre Angst wurde immer größer, je näher
+sie der Sennhütte kamen. Jetzt waren sie oben--nur noch einige
+Schritte--der bekümmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast
+nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie
+schaute überall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn
+tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem
+Herzen stieg sie die Leiter hinauf.
+
+Der This blieb ehrerbietig draußen vor der Tür stehen, nur den Korb
+schob er in die Hütte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll
+über ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte
+ihr fröhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter:
+“Grüß dich Gott, Mutter! Das freut mich, daß du da bist. Ich habe
+aber geschlafen wie ein Bär, die ganze Zeit, seit der This fortging.”
+Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie
+wußte gar nicht, was sie denken sollte. “Franz Anton”, sagte sie
+jetzt ernsthaft, “was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weißt du,
+daß du mich hast holen lassen?”
+
+“Ja, ja, Mutter”, lachte jetzt der Franz Anton, “jetzt bin ich ganz
+bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir
+noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir
+reden. Ich fühl’s auch jetzt noch in den Knien zittern, ich käme noch
+nicht weit.”
+
+“Aber was ist’s denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir’s doch”,
+drängte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.
+
+“Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen”,
+sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. “Sieh einmal
+zuerst dort unten das schmale, magere Büblein an, das kein gutes Stück
+Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder
+nur den dummen This nennt.”
+
+Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn
+hinaufspähte, ob er etwa wieder umfallen wolle.
+
+“Und jetzt?” fragte die Mutter gespannt.
+
+“Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Büblein nicht
+gewesen wäre, so läge ich jetzt noch draußen auf dem Boden in einem
+tödlichen Fieber, oder vielleicht wäre es auch schon vorbei mit mir.”
+Und jetzt erzählte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag
+zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen
+und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch
+auf der Welt es nicht besser hätte tun können.
+
+Die Mutter mußte sich mehrmals die Tränen abwischen. Sie stellte sich
+vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da
+draußen gelegen hätte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden
+wäre, und kein Mensch hätte etwas von ihm gewußt. Und jetzt stieg ein
+Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, daß sie laut ausrufen mußte:
+“Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!” Aber auch eine solche
+Liebe zu dem armen This überkam sie, daß sie ganz eifrig sagte: “Franz
+Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hälmli-Sepp zurück!
+Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat
+sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen
+mache ich ihm ein Gewand, daß man ihn ansehen darf. Er muß es nicht
+schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir
+geholfen hat.”
+
+“Das ist nun gerade, was ich wünschte, Mutter, aber ich mußte doch
+zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben
+und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein könnte. Es geht
+nichts über eine Mutter!” Und der Franz Anton schaute sie so voller
+Glück und Liebe an, daß es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich
+dachte: Es geht auch nichts über einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte
+sie: “Jetzt mußt du etwas essen, Franz Anton, daß du wieder zu Kräften
+kommst. Ich habe frische Eier und ein Weißbrot mitgenommen, und jetzt
+will ich Feuer machen, laß dir Zeit zum Herunterkommen.” Das mußte der
+Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging.
+Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er
+sich selbst niedergesetzt hatte.
+
+“This”, sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend,
+“willst du ein Senn werden?”
+
+Der This fing an zu lächeln, aber dann hörte er plötzlich die
+vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen
+hatte: “Aus dem wird nie etwas,”, “der kann nichts”, “der wird nichts”.
+Und schüchtern antwortete er. “Ich kann nichts werden.”
+
+“This, ein Senn wirst du”, sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit.
+“Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun
+bleibst du bei mir und trägst Milch und Wasser und hilfst mir bei
+allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Käse macht und sobald
+du groß genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein
+Gehilfe.”
+
+“Hier in der Schwemmebachsennhütte?” fragte This, dem die Aussicht auf
+diese Glückseligkeit ganz unfaßbar war.
+
+“Alles hier, in der Schwemmebachsennhütte”, bestätigte der Franz Anton.
+
+Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden
+Glücks, daß der Senn ihn nur ansehen mußte. Der Bub war wie
+verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den großen
+Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie
+streichelte den Buben und sagte: “Ja, Thisli, heute wollen wir
+miteinander fröhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen
+wir dem lieben Gott dafür danken, daß er dich gerade zur rechten Zeit
+in die Nähe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch
+begreift, warum du da heraufgekommen bist.”
+
+Jetzt begann das fröhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben
+hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen.
+Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weißbrot hingelegt
+und daneben Butter und weißen Käse. Und mitten auf dem Tisch stand
+eine große Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die
+Mutter große, dicke Stücke vor den This hin, und wenn er fertig war,
+gab es gleich noch einmal so viel.
+
+Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie:
+“Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muß bei dir oben
+bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es
+nötig ist. Der Frau des Hälmli-Sepp will ich schon alles berichten.”
+
+Das war dem Sennen recht, und für den This war es das höchste Glück,
+das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton.
+Nicht mehr verborgen unter den Tannenbäumchen hörte er heute den
+Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als
+dieser seine Hände faltete und sagte: “Komm, This, nun beten wir den
+Abendsegen.” Andächtig faltete auch er seine Hände, und als am Schluß
+der Senn sagte: “Gute Nacht geb euch Gott!”, da war das Glück im
+Herzen des This so groß, daß er gern überlaut allen Menschen auf der
+ganzen Welt sagen wollte: ‘Gute Nacht geb euch Gott!’
+
+Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinüber zu der Frau des
+Hälmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und
+gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzählten.
+Die Sennin hörte, daß von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der
+Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hälmli-Sepp erklärte,
+daß sie mit ihrem Sohn übereingekommen sei, sie wollten den This bei
+sich annehmen, da machte die Frau einen großen Lärm. Sie sagte, sie
+sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien für
+den Senn eine größere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien
+alle aus vollen Hälsen: “Mich! Mich! Mich!” Denn sie wußten wohl,
+wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhütte für gute
+Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.
+
+Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn
+schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen
+This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das
+Hänseln und Verspotten unterlassen, sonst hätten sie es mit ihrem Sohn
+zu tun. Der rede dann mit seinen kräftigen Armen eine deutlichere
+Sprache mit den Buben, als sie es jetzt könnte. Dann verließ die
+Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblüfft nachschauten,
+und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wäre,
+der wird’s gut haben, wie ein König wird er da oben in seiner
+Sennhütte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen ließ,
+liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund
+sein. Denn sie mußten alle an den letzten Käsfischtag denken, als der
+This so übel behandelt worden war. Von nun an würde er ja gewiß alle
+Käsfische allein bekommen, da wäre doch jeder gut daran, der sein
+Freund wäre. Und später waren sie auch alle gut daran, denn dem This
+machte es die größte Freude, die reiche Ernte der Käsfische unter
+allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darüber
+wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie
+mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte
+sich zur Überraschung aller, daß er auf einmal ein ganz flinkes,
+geschicktes Bürschchen war, von dem jeder sagen mußte: “Entweder ist
+das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den
+dummen This zu nennen.” Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit,
+sein liebster Schüler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei
+allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die
+anderen Buben könnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions will
+be renamed.
+
+Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
+law means that no one owns a United States copyright in these works,
+so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the
+United States without permission and without paying copyright
+royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
+of this license, apply to copying and distributing Project
+Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™
+concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
+and may not be used if you charge for an eBook, except by following
+the terms of the trademark license, including paying royalties for use
+of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
+copies of this eBook, complying with the trademark license is very
+easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
+of derivative works, reports, performances and research. Project
+Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may
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+by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
+license, especially commercial redistribution.
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+START: FULL LICENSE
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase “Project
+Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full
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+even without complying with the full terms of this agreement. See
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+electronic works. See paragraph 1.E below.
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+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (“the
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+the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
+without further opportunities to fix the problem.
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you ‘AS-IS’, WITH NO
+OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
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+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg™ and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org.
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state’s laws.
+
+The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West,
+Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
+to date contact information can be found at the Foundation’s website
+and official page at www.gutenberg.org/contact.
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without
+widespread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate.
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic
+works
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
+Most people start at our website which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org.
+
+This website includes information about Project Gutenberg™,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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@@ -0,0 +1,1511 @@
+Project Gutenberg's Vom This, der doch etwas wird, by Johanna Spyri
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Vom This, der doch etwas wird
+
+Author: Johanna Spyri
+
+Posting Date: October 29, 2011 [EBook #9859]
+Release Date: February, 2006
+First Posted: October 25, 2003
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
+
+
+
+
+Produced by Delphine Lettau
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfgung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Vom This, der doch etwas wird
+
+Erzhlung
+
+Johanna Spyri
+
+
+
+
+
+
+
+1. Kapitel
+
+Alle gegen einen
+
+
+Wenn man den Seelisberg von der Rckseite her besteigt, kommt man auf
+eine frische, grne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die
+friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem
+schnen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenhrten Khe
+ziehen lieblich lutend immer hin und her. Denn jede trgt am Hals
+ihre Glocke, damit man immer hrt, wo sie ist. So kann sich keine Kuh
+unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Struchern bedeckte Felswand
+liegt, ber die sie hinunterstrzen knnte. Es ist auerdem ein
+ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben knnen. Aber die
+Glocken sind doch notwendig und tnen so freundlich hin und her, da
+keiner sie entbehren mchte. Am Bergabhang stehen hie und da
+vereinzelt die kleinen, hlzernen Huser, und nicht selten rauscht
+daneben ein schumender Bach ins Tal hinab. 'Am Berghang' heit es
+hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Huschen steht auf
+ebenem Boden. Es ist, als wren sie irgendwie an den Berg hingeworfen
+worden und da hngengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da
+oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie
+alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der
+kleinen, hlzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt
+in ihre Nhe, so sieht man, da ein groer Unterschied zwischen ihnen
+ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nhe ganz
+verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen
+ihnen strzt der grte Bergbach der Gegend, der schumende
+Schwemmebach, hinunter.
+
+Am ersten Huschen blieben auch an den schnsten Sommertagen alle die
+kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die
+hineindrang, kam durch die Lcher der zerbrochenen Scheiben. Das war
+aber nicht viel, denn die Lcher waren wieder mit Papier verklebt,
+damit man im Winter drinnen nicht frieren mute. An dem hlzernen
+Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war
+so zerfallen, da es ein Wunder war, da alle die kleinen Kinder, die
+da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie
+hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder
+waren alle mit Schmutz berdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen
+Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ber da
+herum, und am Abend kamen vier grere Kinder dazu. Drei krftige
+Buben und ein Mdchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich
+aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie
+konnten sich doch schon selbst waschen.
+
+Das Huschen ber dem Bach drben hatte einen ganz anderen Charakter.
+Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgerumt
+aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drben. Die
+Stufen sahen immer so aus, als wren sie eben gescheuert worden. Und
+oben auf der Galerie standen drei schne Nelkenstcke und dufteten den
+ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen
+Fenstern stand offen und lie die schne, sonnige Bergluft herein.
+Dort konnte man meistens eine noch krftig aussehende Frau sitzen
+sehen, mit schnem, weiem Haar, das sie sehr ordentlich unter das
+schwarze Hubchen zurckgestrichen hatte. Sie flickte gewhnlich an
+einem Mnnerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber
+gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so
+adrett und reinlich aus, als wre noch nie etwas Unsauberes an sie
+herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des
+frhlichen Franz Anton mit den krftigen Armen. Der machte den Sommer
+ber in der oberen Sennhtte seine Kse, und erst im Sptherbst zog er
+wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn
+dann butterte er in der unteren Sennhtte, die ganz nahe lag. Da ber
+den reienden Schwemmebach kein Steg fhrte, waren die zwei Huschen
+ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg
+wohnten, besser, als diese Nachbarn ber dem Bach, zu denen sie nur
+etwa einmal am Tag stumm hinberschaute. Gewhnlich schttelte sie
+dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter
+und schmutzigen Fetzen drben an den Kindern sah. Sie schaute aber
+nicht oft hinber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber
+betrachtete sie, wenn das Feierabendstndchen kam, ihre roten Nelken
+auf der Galerie oder sie schaute ber den grnen, sonnigen Abhang
+hinunter, der vor ihrem Huschen zum Tal hinabstieg.
+
+Die verwilderten Kinder ber dem Bach gehrten dem Hlmli-Sepp, wie er
+genannt wurde, der seine Arbeit auer Haus beim Holzfllen oder
+Heumachen suchte. Auerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So
+war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die
+Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele
+kleine Kinder knne man nicht in Ordnung halten, und spter wrde es
+dann von selbst besser. So lie sie alles gehn, wie es ging. Und in
+der schnen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und
+lieen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl
+sein. Zur Sommerzeit waren die vier Greren den ganzen Tag drauen,
+um die Khe zu hten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen,
+wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten
+bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Khe auf das
+umliegende Weideland hinaus und muten sie hten lassen. Das ist
+immer eine lustige Zeit fr die Buben und Mdchen, die sich dort zu
+jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei frhliche Sachen
+miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten
+im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere
+Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer
+ber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstck nach Hause,
+das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier
+Kleinen zu ernhren und fr alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn
+diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mute doch jedes haben
+und die vier Groen noch ein Stck dazu. Eine Kuh hatte der
+Hlmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaen,
+wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.
+
+Hlmli-Sepp hie der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum
+nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine
+Gei und ein Stck Kartoffelland, damit mute die Frau mit den vier
+Kleinen den Sommer ber auskommen und auch hier und da noch eines der
+Greren speisen, wenn es drauen keine Arbeit fand. Der Vater kam im
+Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein
+Huschen und Acker waren so verschuldet, da er das ganze Jahr ber
+etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten
+konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel
+er fand.
+
+So mute die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte
+keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von
+der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der
+verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten,
+schaute sie ber den Bach zu dem schmucken Huschen der Sennerin
+hinber, dessen Scheiben in der Sonne glnzten. Dann sagte sie
+rgerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles
+sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging
+sie wieder rgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurck, und an dem,
+der ihr zuerst in den Weg kam, lie sie den rger aus.
+
+Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht
+ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Huschen vom
+Hlmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der
+dumme This' genannt, sah so mager und drftig aus, da man ihn kaum
+fr achtjhrig gehalten htte. Er schaute auch so scheu und
+verschchtert drein, da niemand wute, wie der This eigentlich aussah,
+denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach.
+This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum
+zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel spter ber die Felsen
+in die Tiefe gestrzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam
+und den Weg abkrzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte
+nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem
+groen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This
+hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend,
+eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen
+Matthis genannt.
+
+Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Huschen vom
+Hlmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafsttte mit seinem Bblein
+gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben
+Ort. Das wenige Geld, das fr den kleinen This von der Gemeinde
+bezahlt wurde, war der Frau des Hlmli-Sepp sehr erwnscht. Und in
+die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fr die
+schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This
+war schon von Natur aus ein schchternes und stilles Bblein gewesen.
+Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das groe Unglck
+gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem
+Unglck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.
+
+So sa der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein
+Wort zu hren, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann
+seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des
+Hlmli-Sepp gehrte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde
+von jedem angefahren und hin und her gestoen, weil er sich nie wehrte.
+Zu all den Pffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen
+dann noch die bsen Worte der Frau, wenn sie den rger ber das
+saubere Huschen der Sennerin drben hatte. Der This wehrte sich aber
+nie, denn er hatte das Gefhl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so
+nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und
+verschchtert, da man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her
+vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn
+anrief. Er sah berhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch,
+wo er in die Erde hineinkriechen knnte, da ihn keiner mehr fnde.
+
+So war es gekommen, da die vier Groen vom Hlmli-Sepp, der Jopp, der
+Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du
+bist doch ein dummer This", und da es die vier Kleinen auch
+nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals
+dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es
+werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme
+This' genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten knnte,
+wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Khe zu hten, und war
+er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke
+oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da sa er
+meistens zitternd vor Furcht, denn er hrte wohl, wie die anderen
+Buben ihn mit groem Geschrei suchten, da er bei den Spielen
+mitmachte, die sie spielen wollten.
+
+Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prgeln, und das traf
+regelmig den This am strksten, da er sich nicht wehrte und auch
+nicht wehren konnte gegen die viel Strkeren. So verkroch er sich,
+sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Khe, wohin sie wollten
+und fraen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann groen rger, und
+jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Khe zu hten, und keiner
+stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld,
+wenn die Buben zum Jten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da
+warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblten an den
+Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem
+anderen reichlich zurck, was er empfangen hatte. Der This gab aber
+nichts zurck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen
+Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen
+gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten
+die Knollen an den Rcken und an den Kopf.
+
+Whrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten,
+versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den
+Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit
+nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller
+Arbeit zu dumm und aus dem This knne nie etwas werden. Weil er nun
+gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er
+auch von der Frau des Hlmli-Sepp demgem behandelt. Wenn schon die
+eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es
+meistens, da fr den This gar nichts mehr brigblieb und es dann hie:
+"Du wirst wohl etwas finden, du bist gro genug." Wie der This
+eigentlich ernhrt wurde, wute niemand, auch die Frau des Hlmli-Sepp
+nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.
+
+Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen
+Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tr
+vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in
+seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich
+wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer
+scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.
+
+
+
+2. Kapitel
+
+Bei der Schwemmebachsennhtte
+
+
+An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle
+Mcken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hterbuben und--mdchen.
+Sie muten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp,
+von allen der Grte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle
+nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, da man jetzt zur
+Schwemmebachsennhtte hinaufgehe, denn heute sei der Ksfischtag. Nun
+msse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Khe
+hten solle, whrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wrden.
+Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust,
+sich fr die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue
+Uli auf den Gedanken, man knnte einmal den dummen This zwingen, auf
+die Khe acht zu geben. Und damit er's nicht vergesse, knnte man ihn
+im voraus ein wenig durchprgeln. Der Vorschlag fand Anklang, und
+schon wollten mehrere von den Anfhrern der Schar den This holen, als
+das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts
+Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den
+Lohn dafr, wenn wir wieder zurckkommen und die Khe sich verlaufen
+haben. Ihr werdet doch nicht glauben, da der This, wenn er zu dumm
+ist, zwei Khe zu hten, auf einmal zwanzig hten kann. Man mu losen,
+und drei mssen bei den Khen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis
+Erklrung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus
+der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet
+der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der
+siegreichen Schar den Rcken und setzte sich auf den Boden neben seine
+beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen strzte nun
+die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genu
+entgegen.
+
+Der Ksfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die
+es nie unterlieen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen
+sollte. Denn das war ein Hauptfest fr sie. Das war der Tag, an dem
+der Franz Anton seine frischen Kse rundum beschnitt, nachdem diese
+als weiche Masse in die runde, hlzerne Form gepret worden waren.
+Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von
+der Masse herausdrngte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie
+eine lange, schneeweie Wurst. Die wurde dann in viele Stcke
+gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt.
+Das waren dann die sogenannten Ksfische. Dieses Fest wiederholte
+sich den Sommer ber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem
+Freudengeschrei begrt.
+
+This hatte sich hinter dem groen Distelbusch am Boden versteckt
+gehalten, whrend die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton
+von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hrte,
+da die groe Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig
+hervor. Die drei grollenden Zurckgebliebenen saen am Boden und
+kehrten ihm den Rcken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stck
+die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der
+Hhe hernieder. Den This erfate ein unwiderstehliches Verlangen,
+auch an der Ksfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlpfte er
+hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er
+hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem
+letzten steilen Hang kam eine kleine, glnzend grne Hochebene, da
+stand die Sennhtte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der
+klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tr seiner Htte stand der
+Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte ber
+die vielen Sprnge, die jetzt die Buben und Mdchen in ihrem Eifer, zu
+dem ersehnten Genu zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt
+waren sie alle bei der Htte und eines drngte das andere vorwrts, um
+noch nher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wrde.
+
+"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton. "Wenn ihr alle in
+die Htte hineindrngt, so habe ich keinen Platz mehr zum
+Kseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes
+Messer zur Hand und trat an den groen, runden Kse heran, den er
+schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden
+ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweien
+Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stck und da ein
+Stck, oft ber die Kpfe der Groen weg den Kleinen, die nicht zu ihm
+vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner
+Teilung.
+
+This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen
+wollte, so bekam er da einen Sto und dort einen und flog so von einer
+Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer
+wieder ein Grerer und Dickerer sich vor ihn drngte. Zuletzt bekam
+er einen so ungeheuren Sto von dem breiten, nach allen Seiten
+schlagenden Jopp, da er sich fast berschlagen htte. Die Teilung
+war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, da er zu keinem
+Stckchen Ksfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine
+Schlge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die
+jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den
+Bumchen. Auf der hchsten Krone des einen sa ein lustiger, kleiner
+Vogel und pfiff so frhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als
+gbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und
+Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, da er fast das
+Leid verga, das ihm eben geschehen war.
+
+Von Zeit zu Zeit mute er nach der Sennhtte hinberschauen, denn das
+Lrmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stck Ksfisch
+wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie
+jedes Kind mit einem greren oder kleineren Brocken der schnen,
+weien Masse dastand und mit Wonne hineinbi. Er seufzte dann ein
+wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges
+Stcklein bekme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weien
+Ksfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie
+heute in die Schar der Glcklichen einzudringen. Jetzt hatte er
+gesehen, da es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut
+zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlugedanken, da er
+sein Leben lang nie einen Ksfisch bekommen werde. Darber wurde er
+so traurig, da er nicht einmal den Vogel mehr hrte und ganz
+zusammengeduckt unter den Tannenbumen sa.
+
+Jetzt war das Gastmahl bei der Htte zu Ende und mit schrecklichem
+Lrm strzten die Kinder daher, womglich immer einer ber den anderen
+hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall
+brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der
+lrmende Hans, und laut schrie er in das Gebsch hinein: "Du Maulwurf,
+komm heraus, du mut mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen
+hatte. Er mute sich als Bock hinstellen, damit die anderen ber ihn
+springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wre
+viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wute wohl,
+was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er
+gehorsam heran. "Wie viele Ksfische hast du bekommen?" schrie ihn
+jetzt der Hans an.
+
+"Keinen", gab This zurck. "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans
+noch lauter in die Schar hinein, "der luft schnell zu den Ksfischen,
+und dann luft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer
+This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die groen
+Buben ber den Kopf weg, so da er genug zu tun hatte, nur immer
+wieder auf die Fe zu kommen, wenn er umgeworfen worden war.
+Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestrzter die Abhnge
+hinunter, bis ein glcklicher Zufall sie wieder alle auf die Fe
+brachte. Nach dieser strmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen
+gleich alle auseinander, jeder seinen Khen nach.
+
+Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn
+jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den
+Zurckgebliebenen, weit er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem
+Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben
+und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im
+Berghang, wo im Frhling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und
+den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und
+ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schne, dunkelrote
+Erdbeeren in der Sonne, die so schn warm in die Vertiefung schien.
+Aber dem This war es berall angst und bang, wenn er noch in der Nhe
+der Huser und der Hterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden
+Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der
+This zuckte scheu und ngstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer
+dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch
+einmal an das stille Pltzchen unter den kleinen Tannenbumchen dort
+oben und an das pfeifende Vgelein, so da es ihn mit Gewalt vom Boden
+zog. Er mute noch einmal dorthin.
+
+Mit allen Krften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht
+einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die
+Tannenbumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein
+Tannenversteck ein wenig offen. Da sa nun der This in vlliger
+Sicherheit. Ringsum war eine groe Stille, kein Ton drang von unten
+her bis hier auf die einsame Hhe, nur das Vgelein sa noch auf
+seinem Tannenast und pfiff sein frhliches Lied. Die Sonne wollte
+untergehen. Die hohen Schneeberge drben fingen zu flimmern und zu
+glhen an, und ber die ganze grne Alm hin lag das golden schimmernde
+Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie
+gekanntes Wohlsein kam ber ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und
+Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu frchten, denn weit und
+breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hren.
+
+So sa der This eine lange Zeit, und am liebsten wre er gar nicht
+mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben
+gewesen. Aber da hrte er schwere Tritte hinter sich von der Htte
+her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewi
+wollte er zum Bach hinber, um Wasser zu holen. This verhielt sich
+muschenstill. Denn er war so daran gewhnt, da er von jedermann
+angefahren oder ausgelacht wurde, da er dachte, der Senn werde es
+gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die
+Bumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton
+wurde aufmerksam, trat nher und guckte in den Tannenbusch hinein.
+
+"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht.
+
+"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.
+
+"Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu frchten, wenn du nichts
+Bses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa
+mit deinen Ksfischen da hineingeflchtet, da du sie in Ruhe
+verzehren kannst?"
+
+"Nein, ich habe keine Ksfische gehabt", sagte This ngstlich.
+
+"Nicht? Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie
+sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem
+Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem
+Menschen.
+
+"Sie haben mich auf die Seite gestoen", erwiderte er nun und stand
+hinter den buschigen Zweigen auf.
+
+"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort,
+"komm noch ein wenig nher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn
+sie dich wegstoen? Es stt ja immer einer den anderen, aber zuletzt
+kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?"
+
+"Sie sind strker", sagte der This so berzeugend, da diese Erklrung
+wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den
+Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, groen Franz Anton wie
+ein dnnes Stcklein vor einer hohen Tanne. Der krftige Mann
+betrachtete einen Augenblick das schmale Figrchen, an dem tatschlich
+fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht
+schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.
+
+"Wem gehrst du?" fragte er jetzt den Buben.
+
+"Niemand", gab This zur Antwort.
+
+"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?"
+
+"Beim Hlmli-Sepp."
+
+Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. "Ach so, bist du der!"
+sagte er verstndnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar
+nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehrt, ihn aber nicht
+gekannt.
+
+"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig. "Wenn du beim Hlmli-Sepp
+bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hlmlein.
+Komm, Ksfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes."
+
+Der This wute gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz
+Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und
+das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Htte, holte
+hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein groes
+Stck ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfa, das goldig glnzend
+in der Ecke stand, und holte ein groes Stck Butter heraus. Das
+strich er ber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stck mit
+der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte
+der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es
+nicht mglich, da es ihm gehre.
+
+"Komm heraus. I es vor der Htte, ich mu nun zum Wasser", sagte
+Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glck und
+Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte.
+Vor der Htte setzte er sich auf den Boden. Und whrend der Senn zum
+Schwemmebach hinberging, bi er in sein Butterbrot hinein und bi
+immer wieder und konnte nicht begreifen, da es etwas so Gutes gbe
+und er es bekommen htte.
+
+Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und
+wiegte unten die Tannenbumchen hin und her, und der kleine Vogel sa
+immer noch auf dem hchsten Zweig und sang hell und frhlich in den
+goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie
+gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er msse laut mit dem Vogel zu
+singen anfangen.
+
+Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her
+gegangen. Drben beim Schwemmebach war er immer eine Weile
+stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr
+rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gro und golden der volle Mond
+hinter dem weien Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Htte
+zurck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle
+sa.
+
+"So gefllt's dir hier?" fragte er freundlich. "Mit dem Abendessen
+bist du fertig, wie ich sehe. Du mut dich auf den Rckweg machen.
+Sieh, wie schn dir der Mond heimleuchtet!"
+
+Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel
+ihm ein, da es wohl ntig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem
+Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den
+Tannenbumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurck. Er schaute noch
+einmal zurck, und da der Senn in die Htte getreten war und ihn nicht
+mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz
+Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Gte
+und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen
+Eindruck gemacht, da er nicht fort konnte. Er mute noch ein wenig
+in der Nhe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen
+unter den Bumchen und sphte zu der Htte hinauf, ob er den Senn
+nicht noch einmal she. Es dauerte einige Zeit, da pltzlich trat
+Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Htte heraus.
+
+Er blieb vor der Tr stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die
+stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ber alle hohen Schneegipfel hin das
+milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt
+der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen
+Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hnde. Er hielt wohl still
+seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht
+geb euch Gott!" trat in die Htte zurck und machte die Tr zu. Sein
+Nachtgru hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum
+und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller
+Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fhlte Liebe und
+Bewunderung fr den Senn, Gefhle, die er bisher nicht gekannt hatte.
+
+Als es nun ganz dunkel und still in der Htte wurde, stand der This
+auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.
+
+Es war spt und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich,
+die Tr war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Huschen und
+schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser
+schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es
+ist bequem, da der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden.
+So hat man doch Platz!"
+
+This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er
+immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit
+gefalteten Hnden vor seiner Htte stand. Zum erstenmal in seinem
+Leben schlief der This mit einem glcklichen Herzen ein.
+
+
+
+3. Kapitel
+
+Ein hilfreicher Engel
+
+
+Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten,
+muten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges
+gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr
+Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze
+Schar den Berghang herunter, und bald saen sie alle mit anderen
+Kindern so ruhig wie mglich auf den langen Bnken, und der Herr
+Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von
+einem zuknftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den
+This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas
+fragen, das wirst du wohl beantworten knnen, wenn man dir auch nicht
+viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem rmsten
+und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefhrt hat, so
+wohl werden, da er kein Leid versprt?"
+
+"Bei der Schwemmebachsennhtte", antwortete der This ohne Zgern.
+Jetzt entstand ein solches Kichern, da der This ganz scheu um sich
+schaute. Ringsum waren spttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle
+Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich
+so stark vornber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem,
+was der Herr Pfarrer das letztemal erklrte, hatte er nichts gehrt,
+weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mute. Jetzt hatte
+er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet,
+
+Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, da es dem
+This gar nicht zum Lachen war, sondern da er vor Scheu ganz
+erschrocken und zusammengeduckt dasa, da schttelte der Herr Pfarrer
+nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu
+machen."
+
+Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da strzte die ganze Schar
+hinter dem This her, alle lachten berlaut und schrien durcheinander:
+"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Ksfische in den Sinn
+gekommen?"
+
+"This, warum hast du nicht auch etwas von den Ksfischen gesagt?" Der
+This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem
+Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben
+wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den
+schnen Sonntagabend unten im Dorf genieen.
+
+Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt
+einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhtte
+hinaufflchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen.
+Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Pltzchen sitzen und
+vor Verfolgung sicher sein. Nun sa er wieder unter den Tannen und
+ber ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der
+Sonne, und ber den grnen Hngen flo da und dort ein klares Bchlein
+friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, da er allen
+Spott verga und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr
+weggehen zu mssen.
+
+Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er
+bestndig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie mglich
+nieder. Denn er hatte das Gefhl, wenn der Franz Anton ihn wieder
+hier sehe, so knnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein
+Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und
+einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und
+in dessen Nhe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst
+nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und
+This sa an seinem schnen Pltzchen, bis die Sterne am Himmel standen
+und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Htte hinaustrat und
+ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder
+davon, und spt wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht
+hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber
+das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefhlt
+dort oben.
+
+So ging es eine ganze Woche. Tag fr Tag, sobald er einen Augenblick
+fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm
+hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete
+er die ganze Ttigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und
+nie verlie er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton
+gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als
+sei der Nachtsegen auch fr ihn gedacht.
+
+Es waren ausnahmsweise heie Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg
+jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend
+niedergegangen war. Das Futter war besonders krftig, und Franz Anton
+bekam so schne, fette Milch von den Alpenkhen, da er die
+prchtigsten Kse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude,
+und schon frhmorgens konnte man ihn voller Vergngen in seiner
+Sennhtte pfeifen hren, so auch am Samstag dieser Woche. Da hrte
+man ihn noch viel frher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem
+der Senn seine drei oder vier fertigen Kse an den See hinunterbrachte.
+Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie
+auf seinem Rcken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwrts,
+den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rcken. Es
+war der heieste Tag des ganzen Sommers.
+
+Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die bermige
+Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute
+abend wieder zu meiner Htte hinauf in die khle Luft zu kommen, hier
+unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt,
+gerade als das Schiff herankam, das die Kse mitnehmen sollte. Bald
+war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlssig
+da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten
+etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fhlte keinen Appetit, sein Kopf
+war schwer und hei, er wnschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn
+jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim
+Einladen geholfen hatte. "Komm, Franz Anton, heute ist's hei, wir
+wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn
+zu dem Wirtshaus.
+
+Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im
+Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber
+stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in
+der schweren, heien Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht
+an den Wein gewhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit groen
+Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in
+seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte hei auf
+seinen Kopf, alle seine Pulse hmmerten, die Fe wurden ihm so schwer,
+da er sie nur mit Mhe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je
+grer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der
+Aussicht an, da nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt
+nur noch eine Viertelstunde heier Mhe vor ihm liege. Dann wrde er
+oben sein und knne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.
+
+Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne
+brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Pltzlich wurde es ihm vllig
+schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer strzte er auf den
+Boden nieder. Er hatte das Bewutsein verloren.
+
+Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er,
+da der Franz Anton noch nicht zurckgekehrt war. Er stellte seine
+Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem
+Senn auszuschauen.
+
+Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz
+Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte
+er an seinem verborgenen Pltzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt,
+den der Senn tat. Er wute, wie eine Beschftigung auf die andere
+folgte, so da er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der
+Franz Anton seine Milch stehen lie. Sonst go er sie immer gleich in
+die verschiedenen Gefe. Die eine kam zum Buttern in die groen,
+runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schn dick obenauf
+lag. Die andere wurde in den Ksekessel gegossen, das hatte der This
+durch die offene Httentr alles genau beobachten knnen. Der Senn
+kam immer noch nicht. Der Junge fhlte, da irgend etwas geschehen
+sein mute. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging
+zur Sennhtte. Da war es still und leer unten im Httenraum und oben
+auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut
+war zu hren, alles wie ausgestorben. ngstlich lief der This
+jetzt um die Htte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann
+in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten
+erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da
+lag sein Freund mit geschlossenen Augen und sthnte und lechzte wie
+ein Sterbender. Er sah glhend hei aus, und seine Lippen waren ganz
+vertrocknet.
+
+Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor
+Schrecken, auf seinen Wohltter. Dann strzte er in schnellem Lauf
+den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewutlos am
+Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt
+an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem
+brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bcken
+und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er fr einen Augenblick,
+denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.
+
+Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rhren.
+Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das
+Bewutsein wieder, und er trumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er
+heute frh im Vorbergehen noch die schnen Erdbeeren gesehen hatte.
+Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die
+Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber
+jetzt hatte er pltzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte
+sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der
+Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlrfte und
+schluckte, es war ein unsgliches Labsal. Er erwachte. War das alles
+Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und
+steckte ihm wieder eine groe saftige Erdbeere in den Mund.
+
+"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton. Aber
+nicht nur eine, fnf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf
+einmal flog ein stechender Schmerz ber sein Gesicht. Er legte die
+Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war
+ihm das Bewutsein wieder vllig entschwunden. Er konnte nicht einmal
+mehr die letzte Erdbeere genieen. Jetzt trumte er ganz schreckliche
+Dinge. Sein Kopf wurde so gro wie sein allergrtes Butterfa und
+dann immer noch grer und so furchtbar schwer, da er mit Schrecken
+dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man mu starke,
+hlzerne Sttzen unterstellen, wie unter die Apfelbume, wenn sie
+zuviel pfel tragen." Und jetzt fhlte er deutlich, da der Kopf ganz
+voll Schiepulver war, das hatte einer von hinten angezndet. Nun
+brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mute alles
+zerspringen. Aber dann kam pltzlich ganz kalt und belebend der
+Schwemmebach ber seine Stirn, ber das ganze Gesicht und in den Mund
+hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.
+
+Es war wahr, eiskalt kam ein Gu nach dem anderen auf Stirn und
+Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den
+khlenden Trank ein. ber ihm standen die funkelnden Sterne, das
+sah der Franz Anton deutlich. Er wute auch, da er noch am Boden lag
+drauen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der
+Schwemmebach sein, was so ber ihn flo und ihn so ordentlich trinken
+lie. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend,
+so erlsend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer.
+Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich
+dir fr deine Gte und die hilfreichen Engel!"
+
+Das erquickende Wasserbad hrte nicht auf, und zuletzt fhlte der
+Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schtzend und
+wohltuend, da er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt
+schlief er jetzt ganz sanft ein und trumte nicht mehr.
+
+
+
+4. Kapitel
+
+Was die Sennenmutter haben will
+
+
+Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz
+Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er
+schauderte ein wenig zusammen, es frstelte ihn. Er wollte sich
+aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand
+an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht.
+Wohl sechsfach zusammengelegt lag na und schwer das groe Handtuch
+aus der Sennhtte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der
+frische Morgenwind ber die Stirn blies, fhlte er sich so wohlig und
+erleichtert, da er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da
+sah er auf einmal in zwei groe, ernsthafte Augen hinein, die
+unverwandt auf ihn gerichtet waren.
+
+"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frh auf
+die Alm? Nun, weil du da bist, komm, da ich mich ein wenig auf deine
+Schulter sttzen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf."
+
+Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er
+stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fe in den Boden hinein, so da
+der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte.
+Whrend des langsamen Aufstiegs zur Htte, als er sich immer noch auf
+die Schulter des Buben sttzte, fing er an, sich daran zu erinnern,
+was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgnge der
+Nacht vllig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur
+helfen. In der Htte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner
+dreibeinigen Sthle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz
+dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir
+wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt
+noch nicht machen. Ein Schsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist
+es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es
+regelmig dort hinauf. Ich wei nicht, was mit mir vorgeht seit
+gestern."
+
+Der This war feuerrot geworden, er wute wohl, wer das Schsselchen
+heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am
+Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides
+dem Senn. Dieser schttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er
+lebte, hatte er noch nie sein Schsselchen dort bei der Tr auf den
+Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine
+Milch, fllte dann das Schsselchen wieder und sagte: "Da, This, trink
+auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, da du so frh hinauf
+kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Ksfischtag und du seist dann
+sicher der erste?"
+
+"Nein, gewi nicht", versicherte This.
+
+"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal
+unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder
+zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. "Sag mir, This, habe ich
+denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frh
+heraufkamst?"
+
+Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn
+alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht
+recht, und er knnte bse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm
+jetzt so tief in die Augen, da er alles sagen mute: "Ich habe es
+selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an.
+
+"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert.
+
+"Weil sie so hei waren", erwiderte This.
+
+Der Senn staunte immer mehr. "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang
+erwacht", sagte er. "Wann bist du denn heraufgekommen?"
+
+"Gestern um fnf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam,
+"der Melker kam erst lange nachher."
+
+"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn
+gewollt und gemacht?"
+
+Jetzt sah der Franz Anton, da dem This ganz bange wurde, ihm selber
+aber fielen nun wieder die Vorgnge der letzten Nacht ein. Ganz
+vterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd:
+"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu frchten, This. Da, trink noch
+eins aus, und dann sag mir alles, was du weit, von da an, als du hier
+heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fate der This neuen
+Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zgen aus, denn sie schmeckte
+herrlich.
+
+Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier
+herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Ksfische.
+Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie
+nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden
+gefunden, und Sie sind ganz rot und hei gewesen und haben Durst
+gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe
+alle groen Erdbeeren gepflckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen
+gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf
+den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Htte
+das Schsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach
+habe ich ihn gefllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schsselchen das
+Wasser ber den Kopf geschttet und auch zu trinken gegeben, denn sie
+haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin
+ich zum Bach hinber und habe ihn wieder gefllt. Aber weil das
+Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes
+Tuch wurde den Kopf besser khlen. Und so habe ich das Tuch aus der
+Htte geholt und es ganz na auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann
+trocken und hei wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und
+es dann wieder na auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann
+erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht
+etwa krank werden."
+
+Der Senn hatte mit groer Aufmerksamkeit zugehrt. Jetzt stand alles
+deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wute auch
+wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren
+als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gesprt und
+genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und
+verwundert an, als htte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen
+solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn mglich, da
+dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben
+gerettet hatte.
+
+Htte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelscht, wer wei,
+was bis zum Morgen daraus geworden wre! Und wie konnte dieser This,
+dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung
+fhig sein, da er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn
+pflegte! Dem groen, starken Franz Anton kamen die Trnen in die
+Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles
+berdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir
+wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das
+vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die
+Glieder so, da ich mich jetzt niederlegen mu. Geh du nun hinunter
+zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir
+nicht ganz wohl. Du mut dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe
+noch viel mit dir zu reden heute, vergi es nicht!"
+
+Solange er lebte, war der This noch nie so glcklich gewesen. Er lief
+springend den Berg hinunter, als knne er nicht hoch genug aufspringen
+vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen,
+und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in
+die Sennhtte eintreten. Auerdem hatte der Franz Anton ihm noch
+gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser
+Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der
+Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Huschen
+mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im
+Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der
+Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen,
+denn er war ganz atemlos vom Laufen.
+
+"Woher kommst denn du?" fragte die sonntglich gekleidete Frau, die
+nicht gern etwas Unordentliches sah. Mibilligend musterte sie den
+Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntglichen Anblick
+in seinen zerfetzten Alltagshschen und dem schmutzigen Hemdlein.
+"Ich meine, ich habe dich schon dort drben ber dem Bach gesehen, du
+bist wohl einer vom Hlmli-Sepp?"
+
+"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demtig.
+
+Jetzt fiel der Frau ein, da die Frau des Hlmli-Sepp einen
+einfltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts
+zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. "Und was willst du
+denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert.
+
+Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag
+klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der
+kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und da er nach ihr schickte
+und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes
+Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in groer
+Sorge das Ntigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem groen
+Korb am Arm heraus.
+
+"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn. Warum mut du
+wieder mit?"
+
+"Ich wei nicht", antwortete er. Und fast als wre es etwas Bses,
+setzte er leise hinzu: "Mu ich nicht den Korb tragen?"
+
+"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran
+gedacht, da ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb.
+Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief
+in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer
+Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die
+Krankheit gefhrlich sein? Ihre Angst wurde immer grer, je nher
+sie der Sennhtte kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige
+Schritte--der bekmmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast
+nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie
+schaute berall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn
+tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem
+Herzen stieg sie die Leiter hinauf.
+
+Der This blieb ehrerbietig drauen vor der Tr stehen, nur den Korb
+schob er in die Htte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll
+ber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte
+ihr frhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter:
+"Gr dich Gott, Mutter! Das freut mich, da du da bist. Ich habe
+aber geschlafen wie ein Br, die ganze Zeit, seit der This fortging."
+Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie
+wute gar nicht, was sie denken sollte. "Franz Anton", sagte sie
+jetzt ernsthaft, "was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weit du,
+da du mich hast holen lassen?"
+
+"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz
+bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir
+noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir
+reden. Ich fhl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kme noch
+nicht weit."
+
+"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir's doch",
+drngte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.
+
+"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen",
+sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. "Sieh einmal
+zuerst dort unten das schmale, magere Bblein an, das kein gutes Stck
+Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder
+nur den dummen This nennt."
+
+Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn
+hinaufsphte, ob er etwa wieder umfallen wolle.
+
+"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt.
+
+"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Bblein nicht
+gewesen wre, so lge ich jetzt noch drauen auf dem Boden in einem
+tdlichen Fieber, oder vielleicht wre es auch schon vorbei mit mir."
+Und jetzt erzhlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag
+zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen
+und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch
+auf der Welt es nicht besser htte tun knnen.
+
+Die Mutter mute sich mehrmals die Trnen abwischen. Sie stellte sich
+vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da
+drauen gelegen htte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden
+wre, und kein Mensch htte etwas von ihm gewut. Und jetzt stieg ein
+Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, da sie laut ausrufen mute:
+"Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche
+Liebe zu dem armen This berkam sie, da sie ganz eifrig sagte: "Franz
+Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hlmli-Sepp zurck!
+Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat
+sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen
+mache ich ihm ein Gewand, da man ihn ansehen darf. Er mu es nicht
+schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir
+geholfen hat."
+
+"Das ist nun gerade, was ich wnschte, Mutter, aber ich mute doch
+zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben
+und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein knnte. Es geht
+nichts ber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller
+Glck und Liebe an, da es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich
+dachte: Es geht auch nichts ber einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte
+sie: "Jetzt mut du etwas essen, Franz Anton, da du wieder zu Krften
+kommst. Ich habe frische Eier und ein Weibrot mitgenommen, und jetzt
+will ich Feuer machen, la dir Zeit zum Herunterkommen." Das mute der
+Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging.
+Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er
+sich selbst niedergesetzt hatte.
+
+"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend,
+"willst du ein Senn werden?"
+
+Der This fing an zu lcheln, aber dann hrte er pltzlich die
+vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen
+hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts".
+Und schchtern antwortete er. "Ich kann nichts werden."
+
+"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit.
+"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun
+bleibst du bei mir und trgst Milch und Wasser und hilfst mir bei
+allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Kse macht und sobald
+du gro genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein
+Gehilfe."
+
+"Hier in der Schwemmebachsennhtte?" fragte This, dem die Aussicht auf
+diese Glckseligkeit ganz unfabar war.
+
+"Alles hier, in der Schwemmebachsennhtte", besttigte der Franz Anton.
+
+Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden
+Glcks, da der Senn ihn nur ansehen mute. Der Bub war wie
+verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den groen
+Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie
+streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir
+miteinander frhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen
+wir dem lieben Gott dafr danken, da er dich gerade zur rechten Zeit
+in die Nhe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch
+begreift, warum du da heraufgekommen bist."
+
+Jetzt begann das frhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben
+hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen.
+Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weibrot hingelegt
+und daneben Butter und weien Kse. Und mitten auf dem Tisch stand
+eine groe Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die
+Mutter groe, dicke Stcke vor den This hin, und wenn er fertig war,
+gab es gleich noch einmal so viel.
+
+Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie:
+"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This mu bei dir oben
+bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es
+ntig ist. Der Frau des Hlmli-Sepp will ich schon alles berichten."
+
+Das war dem Sennen recht, und fr den This war es das hchste Glck,
+das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton.
+Nicht mehr verborgen unter den Tannenbumchen hrte er heute den
+Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als
+dieser seine Hnde faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den
+Abendsegen." Andchtig faltete auch er seine Hnde, und als am Schlu
+der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glck im
+Herzen des This so gro, da er gern berlaut allen Menschen auf der
+ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!'
+
+Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinber zu der Frau des
+Hlmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und
+gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzhlten.
+Die Sennin hrte, da von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der
+Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hlmli-Sepp erklrte,
+da sie mit ihrem Sohn bereingekommen sei, sie wollten den This bei
+sich annehmen, da machte die Frau einen groen Lrm. Sie sagte, sie
+sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fr
+den Senn eine grere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien
+alle aus vollen Hlsen: "Mich! Mich! Mich!" Denn sie wuten wohl,
+wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhtte fr gute
+Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.
+
+Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn
+schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen
+This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das
+Hnseln und Verspotten unterlassen, sonst htten sie es mit ihrem Sohn
+zu tun. Der rede dann mit seinen krftigen Armen eine deutlichere
+Sprache mit den Buben, als sie es jetzt knnte. Dann verlie die
+Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblfft nachschauten,
+und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wre,
+der wird's gut haben, wie ein Knig wird er da oben in seiner
+Sennhtte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen lie,
+liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund
+sein. Denn sie muten alle an den letzten Ksfischtag denken, als der
+This so bel behandelt worden war. Von nun an wrde er ja gewi alle
+Ksfische allein bekommen, da wre doch jeder gut daran, der sein
+Freund wre. Und spter waren sie auch alle gut daran, denn dem This
+machte es die grte Freude, die reiche Ernte der Ksfische unter
+allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darber
+wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie
+mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte
+sich zur berraschung aller, da er auf einmal ein ganz flinkes,
+geschicktes Brschchen war, von dem jeder sagen mute: "Entweder ist
+das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den
+dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit,
+sein liebster Schler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei
+allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die
+anderen Buben knnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird,
+von Johanna Spyri.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Vom This, der doch etwas wird, by Johanna Spyri
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
+
+***** This file should be named 9859-8.txt or 9859-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/9/8/5/9859/
+
+Produced by Delphine Lettau
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
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+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
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+License as specified in paragraph 1.E.1.
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+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
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+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
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+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
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+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Vom This, der doch etwas wird, by Johanna Spyri</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
+at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
+are not located in the United States, you will have to check the laws of the
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+<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Vom This, der doch etwas wird</div>
+<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Johanna Spyrin</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: October 29, 2011 [EBook #9859]<br>
+Release Date: February, 2006<br>
+First Posted: October 25, 2003<br>Last Updated: July 29, 2023</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
+<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: Delphine Lettau</div>
+<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS
+WIRD ***</div>
+
+
+
+<h1>Vom This, der doch etwas wird</h1>
+
+<p class="center p2">Erzählung</p>
+
+<p class="center big">Johanna Spyri</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="1_Kapitel">1. Kapitel<br><span class="small">Alle gegen einen</span></h2>
+</div>
+
+
+
+<p>Wenn man den Seelisberg von der Rückseite her besteigt, kommt man auf
+eine frische, grüne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die
+friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem
+schönen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenährten Kühe
+ziehen lieblich läutend immer hin und her. Denn jede trägt am Hals
+ihre Glocke, damit man immer hört, wo sie ist. So kann sich keine Kuh
+unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Sträuchern bedeckte Felswand
+liegt, über die sie hinunterstürzen könnte. Es ist außerdem ein
+ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben können. Aber die
+Glocken sind doch notwendig und tönen so freundlich hin und her, daß
+keiner sie entbehren möchte. Am Bergabhang stehen hie und da
+vereinzelt die kleinen, hölzernen Häuser, und nicht selten rauscht
+daneben ein schäumender Bach ins Tal hinab. ‘Am Berghang’ heißt es
+hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Häuschen steht auf
+ebenem Boden. Es ist, als wären sie irgendwie an den Berg hingeworfen
+worden und da hängengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da
+oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie
+alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der
+kleinen, hölzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt
+in ihre Nähe, so sieht man, daß ein großer Unterschied zwischen ihnen
+ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nähe ganz
+verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen
+ihnen stürzt der größte Bergbach der Gegend, der schäumende
+Schwemmebach, hinunter.</p>
+
+<p>Am ersten Häuschen blieben auch an den schönsten Sommertagen alle die
+kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die
+hineindrang, kam durch die Löcher der zerbrochenen Scheiben. Das war
+aber nicht viel, denn die Löcher waren wieder mit Papier verklebt,
+damit man im Winter drinnen nicht frieren mußte. An dem hölzernen
+Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war
+so zerfallen, daß es ein Wunder war, daß alle die kleinen Kinder, die
+da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie
+hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder
+waren alle mit Schmutz überdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen
+Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag über da
+herum, und am Abend kamen vier größere Kinder dazu. Drei kräftige
+Buben und ein Mädchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich
+aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie
+konnten sich doch schon selbst waschen.</p>
+
+<p>Das Häuschen über dem Bach drüben hatte einen ganz anderen Charakter.
+Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeräumt
+aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drüben. Die
+Stufen sahen immer so aus, als wären sie eben gescheuert worden. Und
+oben auf der Galerie standen drei schöne Nelkenstöcke und dufteten den
+ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen
+Fenstern stand offen und ließ die schöne, sonnige Bergluft herein.
+Dort konnte man meistens eine noch kräftig aussehende Frau sitzen
+sehen, mit schönem, weißem Haar, das sie sehr ordentlich unter das
+schwarze Häubchen zurückgestrichen hatte. Sie flickte gewöhnlich an
+einem Männerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber
+gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so
+adrett und reinlich aus, als wäre noch nie etwas Unsauberes an sie
+herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des
+fröhlichen Franz Anton mit den kräftigen Armen. Der machte den Sommer
+über in der oberen Sennhütte seine Käse, und erst im Spätherbst zog er
+wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn
+dann butterte er in der unteren Sennhütte, die ganz nahe lag. Da über
+den reißenden Schwemmebach kein Steg führte, waren die zwei Häuschen
+ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg
+wohnten, besser, als diese Nachbarn über dem Bach, zu denen sie nur
+etwa einmal am Tag stumm hinüberschaute. Gewöhnlich schüttelte sie
+dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter
+und schmutzigen Fetzen drüben an den Kindern sah. Sie schaute aber
+nicht oft hinüber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber
+betrachtete sie, wenn das Feierabendstündchen kam, ihre roten Nelken
+auf der Galerie oder sie schaute über den grünen, sonnigen Abhang
+hinunter, der vor ihrem Häuschen zum Tal hinabstieg.</p>
+
+<p>Die verwilderten Kinder über dem Bach gehörten dem Hälmli-Sepp, wie er
+genannt wurde, der seine Arbeit außer Haus beim Holzfällen oder
+Heumachen suchte. Außerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So
+war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die
+Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele
+kleine Kinder könne man nicht in Ordnung halten, und später würde es
+dann von selbst besser. So ließ sie alles gehn, wie es ging. Und in
+der schönen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und
+ließen sich’s, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl
+sein. Zur Sommerzeit waren die vier Größeren den ganzen Tag draußen,
+um die Kühe zu hüten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen,
+wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten
+bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kühe auf das
+umliegende Weideland hinaus und mußten sie hüten lassen. Das ist
+immer eine lustige Zeit für die Buben und Mädchen, die sich dort zu
+jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei fröhliche Sachen
+miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten
+im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere
+Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer
+über ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstück nach Hause,
+das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier
+Kleinen zu ernähren und für alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn
+diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mußte doch jedes haben
+und die vier Großen noch ein Stück dazu. Eine Kuh hatte der
+Hälmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaßen,
+wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.</p>
+
+<p>Hälmli-Sepp hieß der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum
+nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine
+Geiß und ein Stück Kartoffelland, damit mußte die Frau mit den vier
+Kleinen den Sommer über auskommen und auch hier und da noch eines der
+Größeren speisen, wenn es draußen keine Arbeit fand. Der Vater kam im
+Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein
+Häuschen und Acker waren so verschuldet, daß er das ganze Jahr über
+etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten
+konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel
+er fand.</p>
+
+<p>So mußte die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte
+keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von
+der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der
+verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten,
+schaute sie über den Bach zu dem schmucken Häuschen der Sennerin
+hinüber, dessen Scheiben in der Sonne glänzten. Dann sagte sie
+ärgerlich vor sich hin: “Ja, die dort kann schon putzen und alles
+sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner.” Dann ging
+sie wieder ärgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurück, und an dem,
+der ihr zuerst in den Weg kam, ließ sie den Ärger aus.</p>
+
+<p>Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht
+ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Häuschen vom
+Hälmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur ‘der
+dumme This’ genannt, sah so mager und dürftig aus, daß man ihn kaum
+für achtjährig gehalten hätte. Er schaute auch so scheu und
+verschüchtert drein, daß niemand wußte, wie der This eigentlich aussah,
+denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach.
+This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum
+zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel später über die Felsen
+in die Tiefe gestürzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam
+und den Weg abkürzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte
+nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem
+großen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This
+hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend,
+eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen
+Matthis genannt.</p>
+
+<p>Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Häuschen vom
+Hälmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstätte mit seinem Büblein
+gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben
+Ort. Das wenige Geld, das für den kleinen This von der Gemeinde
+bezahlt wurde, war der Frau des Hälmli-Sepp sehr erwünscht. Und in
+die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, für die
+schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This
+war schon von Natur aus ein schüchternes und stilles Büblein gewesen.
+Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das große Unglück
+gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem
+Unglück wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.</p>
+
+<p>So saß der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein
+Wort zu hören, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann
+seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des
+Hälmli-Sepp gehörte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde
+von jedem angefahren und hin und her gestoßen, weil er sich nie wehrte.
+Zu all den Püffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen
+dann noch die bösen Worte der Frau, wenn sie den Ärger über das
+saubere Häuschen der Sennerin drüben hatte. Der This wehrte sich aber
+nie, denn er hatte das Gefühl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so
+nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und
+verschüchtert, daß man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her
+vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn
+anrief. Er sah überhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch,
+wo er in die Erde hineinkriechen könnte, daß ihn keiner mehr fände.</p>
+
+<p>So war es gekommen, daß die vier Großen vom Hälmli-Sepp, der Jopp, der
+Hans, der Uli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: “Du
+bist doch ein dummer This”, und daß es die vier Kleinen auch
+nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals
+dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es
+werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch ‘der dumme
+This’ genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten könnte,
+wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kühe zu hüten, und war
+er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke
+oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da saß er
+meistens zitternd vor Furcht, denn er hörte wohl, wie die anderen
+Buben ihn mit großem Geschrei suchten, daß er bei den Spielen
+mitmachte, die sie spielen wollten.</p>
+
+<p>Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prügeln, und das traf
+regelmäßig den This am stärksten, da er sich nicht wehrte und auch
+nicht wehren konnte gegen die viel Stärkeren. So verkroch er sich,
+sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kühe, wohin sie wollten
+und fraßen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann großen Ärger, und
+jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kühe zu hüten, und keiner
+stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld,
+wenn die Buben zum Jäten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da
+warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblüten an den
+Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem
+anderen reichlich zurück, was er empfangen hatte. Der This gab aber
+nichts zurück, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen
+Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen
+gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten
+die Knollen an den Rücken und an den Kopf.</p>
+
+<p>Während aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten,
+versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den
+Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit
+nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller
+Arbeit zu dumm und aus dem This könne nie etwas werden. Weil er nun
+gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er
+auch von der Frau des Hälmli-Sepp demgemäß behandelt. Wenn schon die
+eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es
+meistens, daß für den This gar nichts mehr übrigblieb und es dann hieß:
+“Du wirst wohl etwas finden, du bist groß genug.” Wie der This
+eigentlich ernährt wurde, wußte niemand, auch die Frau des Hälmli-Sepp
+nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.</p>
+
+<p>Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen
+Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tür
+vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in
+seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich
+wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer
+scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="2_Kapitel">2. Kapitel<br><span class="small">Bei der Schwemmebachsennhütte</span></h2>
+</div>
+
+
+
+<p>An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle
+Mücken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hüterbuben und—mädchen.
+Sie mußten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp,
+von allen der Größte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle
+nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, daß man jetzt zur
+Schwemmebachsennhütte hinaufgehe, denn heute sei der Käsfischtag. Nun
+müsse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kühe
+hüten solle, während die anderen sich zu dem Festmahl begeben würden.
+Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust,
+sich für die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue
+Uli auf den Gedanken, man könnte einmal den dummen This zwingen, auf
+die Kühe acht zu geben. Und damit er’s nicht vergesse, könnte man ihn
+im voraus ein wenig durchprügeln. Der Vorschlag fand Anklang, und
+schon wollten mehrere von den Anführern der Schar den This holen, als
+das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: “Das ist gar nichts
+Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den
+Lohn dafür, wenn wir wieder zurückkommen und die Kühe sich verlaufen
+haben. Ihr werdet doch nicht glauben, daß der This, wenn er zu dumm
+ist, zwei Kühe zu hüten, auf einmal zwanzig hüten kann. Man muß losen,
+und drei müssen bei den Kühen bleiben, sonst ist’s nichts.” Lisis
+Erklärung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus
+der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet
+der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der
+siegreichen Schar den Rücken und setzte sich auf den Boden neben seine
+beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stürzte nun
+die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuß
+entgegen.</p>
+
+<p>Der Käsfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die
+es nie unterließen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen
+sollte. Denn das war ein Hauptfest für sie. Das war der Tag, an dem
+der Franz Anton seine frischen Käse rundum beschnitt, nachdem diese
+als weiche Masse in die runde, hölzerne Form gepreßt worden waren.
+Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von
+der Masse herausdrängte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie
+eine lange, schneeweiße Wurst. Die wurde dann in viele Stücke
+gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt.
+Das waren dann die sogenannten Käsfische. Dieses Fest wiederholte
+sich den Sommer über alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem
+Freudengeschrei begrüßt.</p>
+
+<p>This hatte sich hinter dem großen Distelbusch am Boden versteckt
+gehalten, während die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton
+von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hörte,
+daß die große Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig
+hervor. Die drei grollenden Zurückgebliebenen saßen am Boden und
+kehrten ihm den Rücken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stück
+die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der
+Höhe hernieder. Den This erfaßte ein unwiderstehliches Verlangen,
+auch an der Käsfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlüpfte er
+hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er
+hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem
+letzten steilen Hang kam eine kleine, glänzend grüne Hochebene, da
+stand die Sennhütte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der
+klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tür seiner Hütte stand der
+Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte über
+die vielen Sprünge, die jetzt die Buben und Mädchen in ihrem Eifer, zu
+dem ersehnten Genuß zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt
+waren sie alle bei der Hütte und eines drängte das andere vorwärts, um
+noch näher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen würde.</p>
+
+<p>“Nur zahm, nur zahm”, lachte jetzt der Franz Anton. “Wenn ihr alle in
+die Hütte hineindrängt, so habe ich keinen Platz mehr zum
+Käseschneiden und ihr habt den Schaden.” Jetzt nahm er sein festes
+Messer zur Hand und trat an den großen, runden Käse heran, den er
+schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden
+ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweißen
+Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stück und da ein
+Stück, oft über die Köpfe der Großen weg den Kleinen, die nicht zu ihm
+vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner
+Teilung.</p>
+
+<p>This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen
+wollte, so bekam er da einen Stoß und dort einen und flog so von einer
+Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer
+wieder ein Größerer und Dickerer sich vor ihn drängte. Zuletzt bekam
+er einen so ungeheuren Stoß von dem breiten, nach allen Seiten
+schlagenden Jopp, daß er sich fast überschlagen hätte. Die Teilung
+war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, daß er zu keinem
+Stückchen Käsfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine
+Schläge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die
+jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den
+Bäumchen. Auf der höchsten Krone des einen saß ein lustiger, kleiner
+Vogel und pfiff so fröhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als
+gäbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und
+Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, daß er fast das
+Leid vergaß, das ihm eben geschehen war.</p>
+
+<p>Von Zeit zu Zeit mußte er nach der Sennhütte hinüberschauen, denn das
+Lärmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stück Käsfisch
+wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie
+jedes Kind mit einem größeren oder kleineren Brocken der schönen,
+weißen Masse dastand und mit Wonne hineinbiß. Er seufzte dann ein
+wenig und sagte leise: “Wenn ich nur auch einmal ein einziges
+Stücklein bekäme!” Der This hatte niemals von den herrlichen, weißen
+Käsfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie
+heute in die Schar der Glücklichen einzudringen. Jetzt hatte er
+gesehen, daß es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut
+zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlußgedanken, daß er
+sein Leben lang nie einen Käsfisch bekommen werde. Darüber wurde er
+so traurig, daß er nicht einmal den Vogel mehr hörte und ganz
+zusammengeduckt unter den Tannenbäumen saß.</p>
+
+<p>Jetzt war das Gastmahl bei der Hütte zu Ende und mit schrecklichem
+Lärm stürzten die Kinder daher, womöglich immer einer über den anderen
+hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall
+brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der
+lärmende Hans, und laut schrie er in das Gebüsch hinein: “Du Maulwurf,
+komm heraus, du mußt mitmachen!” This verstand, was er mitzumachen
+hatte. Er mußte sich als Bock hinstellen, damit die anderen über ihn
+springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wäre
+viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wußte wohl,
+was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er
+gehorsam heran. “Wie viele Käsfische hast du bekommen?” schrie ihn
+jetzt der Hans an.</p>
+
+<p>“Keinen”, gab This zurück. “Oho, seht einmal den an”, schrie der Hans
+noch lauter in die Schar hinein, “der läuft schnell zu den Käsfischen,
+und dann läuft er wieder fort und hat keinen gesehen.” “Du dummer
+This”, rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die großen
+Buben über den Kopf weg, so daß er genug zu tun hatte, nur immer
+wieder auf die Füße zu kommen, wenn er umgeworfen worden war.
+Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestürzter die Abhänge
+hinunter, bis ein glücklicher Zufall sie wieder alle auf die Füße
+brachte. Nach dieser stürmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen
+gleich alle auseinander, jeder seinen Kühen nach.</p>
+
+<p>Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn
+jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den
+Zurückgebliebenen, weil er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem
+Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben
+und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im
+Berghang, wo im Frühling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und
+den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und
+ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schöne, dunkelrote
+Erdbeeren in der Sonne, die so schön warm in die Vertiefung schien.
+Aber dem This war es überall angst und bang, wenn er noch in der Nähe
+der Häuser und der Hüterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden
+Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der
+This zuckte scheu und ängstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer
+dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch
+einmal an das stille Plätzchen unter den kleinen Tannenbäumchen dort
+oben und an das pfeifende Vögelein, so daß es ihn mit Gewalt vom Boden
+zog. Er mußte noch einmal dorthin.</p>
+
+<p>Mit allen Kräften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht
+einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die
+Tannenbäumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein
+Tannenversteck ein wenig offen. Da saß nun der This in völliger
+Sicherheit. Ringsum war eine große Stille, kein Ton drang von unten
+her bis hier auf die einsame Höhe, nur das Vögelein saß noch auf
+seinem Tannenast und pfiff sein fröhliches Lied. Die Sonne wollte
+untergehen. Die hohen Schneeberge drüben fingen zu flimmern und zu
+glühen an, und über die ganze grüne Alm hin lag das golden schimmernde
+Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie
+gekanntes Wohlsein kam über ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und
+Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fürchten, denn weit und
+breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hören.</p>
+
+<p>So saß der This eine lange Zeit, und am liebsten wäre er gar nicht
+mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben
+gewesen. Aber da hörte er schwere Tritte hinter sich von der Hütte
+her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiß
+wollte er zum Bach hinüber, um Wasser zu holen. This verhielt sich
+mäuschenstill. Denn er war so daran gewöhnt, daß er von jedermann
+angefahren oder ausgelacht wurde, daß er dachte, der Senn werde es
+gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die
+Bäumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton
+wurde aufmerksam, trat näher und guckte in den Tannenbusch hinein.</p>
+
+<p>“Was machst du denn da drinnen?” fragte der Senn mit lustigem Gesicht.</p>
+
+<p>“Nichts”, erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.</p>
+
+<p>“Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fürchten, wenn du nichts
+Böses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa
+mit deinen Käsfischen da hineingeflüchtet, daß du sie in Ruhe
+verzehren kannst?”</p>
+
+<p>“Nein, ich habe keine Käsfische gehabt”, sagte This ängstlich.</p>
+
+<p>“Nicht? Und warum denn nicht?” fragte der Senn in einer Weise, wie
+sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem
+Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte—das Zutrauen zu einem
+Menschen.</p>
+
+<p>“Sie haben mich auf die Seite gestoßen”, erwiderte er nun und stand
+hinter den buschigen Zweigen auf.</p>
+
+<p>“So, jetzt kann man dich doch sehen”, fuhr der Senn freundlich fort,
+“komm noch ein wenig näher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn
+sie dich wegstoßen? Es stößt ja immer einer den anderen, aber zuletzt
+kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?”</p>
+
+<p>“Sie sind stärker”, sagte der This so überzeugend, daß diese Erklärung
+wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den
+Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, großen Franz Anton wie
+ein dünnes Stöcklein vor einer hohen Tanne. Der kräftige Mann
+betrachtete einen Augenblick das schmale Figürchen, an dem tatsächlich
+fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht
+schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.</p>
+
+<p>“Wem gehörst du?” fragte er jetzt den Buben.</p>
+
+<p>“Niemand”, gab This zur Antwort.</p>
+
+<p>“Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?”</p>
+
+<p>“Beim Hälmli-Sepp.”</p>
+
+<p>Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. “Ach so, bist du der!”
+sagte er verständnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar
+nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehört, ihn aber nicht
+gekannt.</p>
+
+<p>“Komm einmal mit mir”, sagte er mitleidig. “Wenn du beim Hälmli-Sepp
+bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hälmlein.
+Komm, Käsfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes.”</p>
+
+<p>Der This wußte gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz
+Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und
+das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Hütte, holte
+hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein großes
+Stück ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfaß, das goldig glänzend
+in der Ecke stand, und holte ein großes Stück Butter heraus. Das
+strich er über die Brotschnitte und reichte nun das feste Stück mit
+der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte
+der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es
+nicht möglich, daß es ihm gehöre.</p>
+
+<p>“Komm heraus. Iß es vor der Hütte, ich muß nun zum Wasser”, sagte
+Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glück und
+Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte.
+Vor der Hütte setzte er sich auf den Boden. Und während der Senn zum
+Schwemmebach hinüberging, biß er in sein Butterbrot hinein und biß
+immer wieder und konnte nicht begreifen, daß es etwas so Gutes gäbe
+und er es bekommen hätte.</p>
+
+<p>Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und
+wiegte unten die Tannenbäumchen hin und her, und der kleine Vogel saß
+immer noch auf dem höchsten Zweig und sang hell und fröhlich in den
+goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie
+gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er müsse laut mit dem Vogel zu
+singen anfangen.</p>
+
+<p>Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her
+gegangen. Drüben beim Schwemmebach war er immer eine Weile
+stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr
+rot vom Abendschein, aber jetzt stieg groß und golden der volle Mond
+hinter dem weißen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Hütte
+zurück und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle
+saß.</p>
+
+<p>“So gefällt’s dir hier?” fragte er freundlich. “Mit dem Abendessen
+bist du fertig, wie ich sehe. Du mußt dich auf den Rückweg machen.
+Sieh, wie schön dir der Mond heimleuchtet!”</p>
+
+<p>Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel
+ihm ein, daß es wohl nötig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem
+Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den
+Tannenbäumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurück. Er schaute noch
+einmal zurück, und da der Senn in die Hütte getreten war und ihn nicht
+mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz
+Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Güte
+und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen
+Eindruck gemacht, daß er nicht fort konnte. Er mußte noch ein wenig
+in der Nähe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen
+unter den Bäumchen und spähte zu der Hütte hinauf, ob er den Senn
+nicht noch einmal sähe. Es dauerte einige Zeit, da plötzlich trat
+Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Hütte heraus.</p>
+
+<p>Er blieb vor der Tür stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die
+stille Bergwelt hinaus, wo jetzt über alle hohen Schneegipfel hin das
+milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt
+der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen
+Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hände. Er hielt wohl still
+seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: “Gute Nacht
+geb euch Gott!” trat in die Hütte zurück und machte die Tür zu. Sein
+Nachtgruß hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum
+und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller
+Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fühlte Liebe und
+Bewunderung für den Senn, Gefühle, die er bisher nicht gekannt hatte.</p>
+
+<p>Als es nun ganz dunkel und still in der Hütte wurde, stand der This
+auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.</p>
+
+<p>Es war spät und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich,
+die Tür war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Häuschen und
+schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser
+schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: “Es
+ist bequem, daß der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden.
+So hat man doch Platz!”</p>
+
+<p>This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er
+immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit
+gefalteten Händen vor seiner Hütte stand. Zum erstenmal in seinem
+Leben schlief der This mit einem glücklichen Herzen ein.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="3_Kapitel">3. Kapitel<br><span class="small">Ein hilfreicher Engel</span></h2>
+</div>
+
+
+
+<p>Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten,
+mußten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges
+gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr
+Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze
+Schar den Berghang herunter, und bald saßen sie alle mit anderen
+Kindern so ruhig wie möglich auf den langen Bänken, und der Herr
+Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von
+einem zukünftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den
+This fiel, fuhr er fort: “Ich will dich auch einmal wieder etwas
+fragen, das wirst du wohl beantworten können, wenn man dir auch nicht
+viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Ärmsten
+und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben geführt hat, so
+wohl werden, daß er kein Leid verspürt?”</p>
+
+<p>“Bei der Schwemmebachsennhütte”, antwortete der This ohne Zögern.
+Jetzt entstand ein solches Kichern, daß der This ganz scheu um sich
+schaute. Ringsum waren spöttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle
+Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich
+so stark vornüber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem,
+was der Herr Pfarrer das letztemal erklärte, hatte er nichts gehört,
+weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mußte. Jetzt hatte
+er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet.</p>
+
+<p>Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, daß es dem
+This gar nicht zum Lachen war, sondern daß er vor Scheu ganz
+erschrocken und zusammengeduckt dasaß, da schüttelte der Herr Pfarrer
+nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: “Es ist nichts mit ihm zu
+machen.”</p>
+
+<p>Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stürzte die ganze Schar
+hinter dem This her, alle lachten überlaut und schrien durcheinander:
+“This, sind dir auf einmal in der Kirche die Käsfische in den Sinn
+gekommen?”</p>
+
+<p>“This, warum hast du nicht auch etwas von den Käsfischen gesagt?” Der
+This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem
+Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben
+wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den
+schönen Sonntagabend unten im Dorf genießen.</p>
+
+<p>Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt
+einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhütte
+hinaufflüchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen.
+Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plätzchen sitzen und
+vor Verfolgung sicher sein. Nun saß er wieder unter den Tannen und
+über ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der
+Sonne, und über den grünen Hängen floß da und dort ein klares Bächlein
+friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, daß er allen
+Spott vergaß und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr
+weggehen zu müssen.</p>
+
+<p>Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er
+beständig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie möglich
+nieder. Denn er hatte das Gefühl, wenn der Franz Anton ihn wieder
+hier sehe, so könnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein
+Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und
+einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und
+in dessen Nähe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst
+nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und
+This saß an seinem schönen Plätzchen, bis die Sterne am Himmel standen
+und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Hütte hinaustrat und
+ausrief: “Gute Nacht geb euch Gott!” Dann erst lief der This wieder
+davon, und spät wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht
+hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber
+das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefühlt
+dort oben.</p>
+
+<p>So ging es eine ganze Woche. Tag für Tag, sobald er einen Augenblick
+fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm
+hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete
+er die ganze Tätigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und
+nie verließ er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton
+gesagt hatte: “Gute Nacht geb euch Gott!” Es war ihm jetzt immer, als
+sei der Nachtsegen auch für ihn gedacht.</p>
+
+<p>Es waren ausnahmsweise heiße Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg
+jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend
+niedergegangen war. Das Futter war besonders kräftig, und Franz Anton
+bekam so schöne, fette Milch von den Alpenkühen, daß er die
+prächtigsten Käse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude,
+und schon frühmorgens konnte man ihn voller Vergnügen in seiner
+Sennhütte pfeifen hören, so auch am Samstag dieser Woche. Da hörte
+man ihn noch viel früher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem
+der Senn seine drei oder vier fertigen Käse an den See hinunterbrachte.
+Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie
+auf seinem Rücken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwärts,
+den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rücken. Es
+war der heißeste Tag des ganzen Sommers.</p>
+
+<p>Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die übermäßige
+Hitze, und oft sagte er zu sich: “O wie will ich froh sein, heute
+abend wieder zu meiner Hütte hinauf in die kühle Luft zu kommen, hier
+unten ist’s wie in einem Backofen.” Jetzt war er unten angelangt,
+gerade als das Schiff herankam, das die Käse mitnehmen sollte. Bald
+war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlüssig
+da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten
+etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fühlte keinen Appetit, sein Kopf
+war schwer und heiß, er wünschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn
+jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim
+Einladen geholfen hatte. “Komm, Franz Anton, heute ist’s heiß, wir
+wollen ein Glas Wein im Schatten trinken”, sagte er und zog den Senn
+zu dem Wirtshaus.</p>
+
+<p>Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im
+Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber
+stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in
+der schweren, heißen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht
+an den Wein gewöhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit großen
+Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in
+seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiß auf
+seinen Kopf, alle seine Pulse hämmerten, die Füße wurden ihm so schwer,
+daß er sie nur mit Mühe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je
+größer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der
+Aussicht an, daß nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt
+nur noch eine Viertelstunde heißer Mühe vor ihm liege. Dann würde er
+oben sein und könne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.</p>
+
+<p>Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne
+brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Plötzlich wurde es ihm völlig
+schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stürzte er auf den
+Boden nieder. Er hatte das Bewußtsein verloren.</p>
+
+<p>Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er,
+daß der Franz Anton noch nicht zurückgekehrt war. Er stellte seine
+Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem
+Senn auszuschauen.</p>
+
+<p>Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz
+Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte
+er an seinem verborgenen Plätzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt,
+den der Senn tat. Er wußte, wie eine Beschäftigung auf die andere
+folgte, so daß er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der
+Franz Anton seine Milch stehen ließ. Sonst goß er sie immer gleich in
+die verschiedenen Gefäße. Die eine kam zum Buttern in die großen,
+runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schön dick obenauf
+lag. Die andere wurde in den Käsekessel gegossen, das hatte der This
+durch die offene Hüttentür alles genau beobachten können. Der Senn
+kam immer noch nicht. Der Junge fühlte, daß irgend etwas geschehen
+sein mußte. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging
+zur Sennhütte. Da war es still und leer unten im Hüttenraum und oben
+auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut
+war zu hören, alles wie ausgestorben. Ängstlich lief der This
+jetzt um die Hütte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann
+in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal—dort unten
+erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu—da
+lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stöhnte und lechzte wie
+ein Sterbender. Er sah glühend heiß aus, und seine Lippen waren ganz
+vertrocknet.</p>
+
+<p>Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor
+Schrecken, auf seinen Wohltäter. Dann stürzte er in schnellem Lauf
+den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewußtlos am
+Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt
+an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem
+brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bücken
+und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er für einen Augenblick,
+denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.</p>
+
+<p>Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rühren.
+Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das
+Bewußtsein wieder, und er träumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er
+heute früh im Vorübergehen noch die schönen Erdbeeren gesehen hatte.
+Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die
+Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber
+jetzt hatte er plötzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte
+sie ihm gegeben—und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der
+Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlürfte und
+schluckte, es war ein unsägliches Labsal. Er erwachte. War das alles
+Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und
+steckte ihm wieder eine große saftige Erdbeere in den Mund.</p>
+
+<p>“O du guter Engel, noch eine”, sagte leise der Franz Anton. Aber
+nicht nur eine, fünf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf
+einmal flog ein stechender Schmerz über sein Gesicht. Er legte die
+Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: “Wasser”, dann war
+ihm das Bewußtsein wieder völlig entschwunden. Er konnte nicht einmal
+mehr die letzte Erdbeere genießen. Jetzt träumte er ganz schreckliche
+Dinge. Sein Kopf wurde so groß wie sein allergrößtes Butterfaß und
+dann immer noch größer und so furchtbar schwer, daß er mit Schrecken
+dachte: “Den kannst du nie mehr allein tragen, man muß starke,
+hölzerne Stützen unterstellen, wie unter die Apfelbäume, wenn sie
+zuviel Äpfel tragen.” Und jetzt fühlte er deutlich, daß der Kopf ganz
+voll Schießpulver war, das hatte einer von hinten angezündet. Nun
+brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mußte alles
+zerspringen. Aber dann kam plötzlich ganz kalt und belebend der
+Schwemmebach über seine Stirn, über das ganze Gesicht und in den Mund
+hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.</p>
+
+<p>Es war wahr, eiskalt kam ein Guß nach dem anderen auf Stirn und
+Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den
+kühlenden Trank ein. Über ihm standen die funkelnden Sterne, das
+sah der Franz Anton deutlich. Er wußte auch, daß er noch am Boden lag
+draußen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der
+Schwemmebach sein, was so über ihn floß und ihn so ordentlich trinken
+ließ. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend,
+so erlösend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer.
+Voller Dank sagte er nur halblaut: “Ach, lieber Gott, wie danke ich
+dir für deine Güte und die hilfreichen Engel!”</p>
+
+<p>Das erquickende Wasserbad hörte nicht auf, und zuletzt fühlte der
+Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schützend und
+wohltuend, daß er sagte: “Da kann kein Feuer mehr durch.” Und beruhigt
+schlief er jetzt ganz sanft ein und träumte nicht mehr.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="4_Kapitel">4. Kapitel<br><span class="small">Was die Sennenmutter haben will</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz
+Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er
+schauderte ein wenig zusammen, es fröstelte ihn. Er wollte sich
+aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand
+an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht.
+Wohl sechsfach zusammengelegt lag naß und schwer das große Handtuch
+aus der Sennhütte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der
+frische Morgenwind über die Stirn blies, fühlte er sich so wohlig und
+erleichtert, daß er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da
+sah er auf einmal in zwei große, ernsthafte Augen hinein, die
+unverwandt auf ihn gerichtet waren.</p>
+
+<p>“Bist du das, This?” fragte er verwundert, “Wie kommst du so früh auf
+die Alm? Nun, weil du da bist, komm, daß ich mich ein wenig auf deine
+Schulter stützen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf.”</p>
+
+<p>Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er
+stemmte mit aller Gewalt seine beiden Füße in den Boden hinein, so daß
+der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte.
+Während des langsamen Aufstiegs zur Hütte, als er sich immer noch auf
+die Schulter des Buben stützte, fing er an, sich daran zu erinnern,
+was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgänge der
+Nacht völlig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur
+helfen. In der Hütte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner
+dreibeinigen Stühle und sagte: “This, hol dir den anderen und setz
+dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir
+wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt
+noch nicht machen. Ein Schüsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist
+es denn hingekommen?” unterbrach sich der Senn, “ich stelle es
+regelmäßig dort hinauf. Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht seit
+gestern.”</p>
+
+<p>Der This war feuerrot geworden, er wußte wohl, wer das Schüsselchen
+heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: “Dort steht’s am
+Boden”, holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides
+dem Senn. Dieser schüttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er
+lebte, hatte er noch nie sein Schüsselchen dort bei der Tür auf den
+Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine
+Milch, füllte dann das Schüsselchen wieder und sagte: “Da, This, trink
+auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, daß du so früh hinauf
+kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Käsfischtag und du seist dann
+sicher der erste?”</p>
+
+<p>“Nein, gewiß nicht”, versicherte This.</p>
+
+<p>“Sag mir jetzt etwas”, fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal
+unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder
+zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. “Sag mir, This, habe ich
+denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute früh
+heraufkamst?”</p>
+
+<p>Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn
+alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht
+recht, und er könnte böse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm
+jetzt so tief in die Augen, daß er alles sagen mußte: “Ich habe es
+selbst darauf gelegt”, fing er zaghaft an.</p>
+
+<p>“Warum denn, This?” fragte der Senn verwundert.</p>
+
+<p>“Weil sie so heiß waren”, erwiderte This.</p>
+
+<p>Der Senn staunte immer mehr. “Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang
+erwacht”, sagte er. “Wann bist du denn heraufgekommen?”</p>
+
+<p>“Gestern um fünf, oder um vier Uhr”, stotterte der This furchtsam,
+“der Melker kam erst lange nachher.”</p>
+
+<p>“Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn
+gewollt und gemacht?”</p>
+
+<p>Jetzt sah der Franz Anton, daß dem This ganz bange wurde, ihm selber
+aber fielen nun wieder die Vorgänge der letzten Nacht ein. Ganz
+väterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd:
+“Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fürchten, This. Da, trink noch
+eins aus, und dann sag mir alles, was du weißt, von da an, als du hier
+heraufgekommen bist.” Auf diese Ermunterung hin faßte der This neuen
+Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zügen aus, denn sie schmeckte
+herrlich.</p>
+
+<p>Dann fing er an zu berichten: “Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier
+herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Käsfische.
+Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie
+nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden
+gefunden, und Sie sind ganz rot und heiß gewesen und haben Durst
+gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe
+alle großen Erdbeeren gepflückt, die noch da waren, und habe sie Ihnen
+gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf
+den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Hütte
+das Schüsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach
+habe ich ihn gefüllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schüsselchen das
+Wasser über den Kopf geschüttet und auch zu trinken gegeben, denn sie
+haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin
+ich zum Bach hinüber und habe ihn wieder gefüllt. Aber weil das
+Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes
+Tuch wurde den Kopf besser kühlen. Und so habe ich das Tuch aus der
+Hütte geholt und es ganz naß auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann
+trocken und heiß wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und
+es dann wieder naß auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann
+erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht
+etwa krank werden.”</p>
+
+<p>Der Senn hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Jetzt stand alles
+deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wußte auch
+wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren
+als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespürt und
+genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und
+verwundert an, als hätte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen
+solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn möglich, daß
+dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben
+gerettet hatte.</p>
+
+<p>Hätte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelöscht, wer weiß,
+was bis zum Morgen daraus geworden wäre! Und wie konnte dieser This,
+dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung
+fähig sein, daß er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn
+pflegte! Dem großen, starken Franz Anton kamen die Tränen in die
+Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles
+überdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: “Wir
+wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das
+vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die
+Glieder so, daß ich mich jetzt niederlegen muß. Geh du nun hinunter
+zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir
+nicht ganz wohl. Du mußt dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe
+noch viel mit dir zu reden heute, vergiß es nicht!”</p>
+
+<p>Solange er lebte, war der This noch nie so glücklich gewesen. Er lief
+springend den Berg hinunter, als könne er nicht hoch genug aufspringen
+vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen,
+und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in
+die Sennhütte eintreten. Außerdem hatte der Franz Anton ihm noch
+gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser
+Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der
+Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Häuschen
+mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im
+Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der
+Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen,
+denn er war ganz atemlos vom Laufen.</p>
+
+<p>“Woher kommst denn du?” fragte die sonntäglich gekleidete Frau, die
+nicht gern etwas Unordentliches sah. Mißbilligend musterte sie den
+Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntäglichen Anblick
+in seinen zerfetzten Alltagshöschen und dem schmutzigen Hemdlein.
+“Ich meine, ich habe dich schon dort drüben über dem Bach gesehen, du
+bist wohl einer vom Hälmli-Sepp?”</p>
+
+<p>“Nein, nur der This”, erwiderte der Bub ganz demütig.</p>
+
+<p>Jetzt fiel der Frau ein, daß die Frau des Hälmli-Sepp einen
+einfältigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts
+zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. “Und was willst du
+denn bei mir?” fragte sie nun erst recht verwundert.</p>
+
+<p>Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag
+klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der
+kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und daß er nach ihr schickte
+und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes
+Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in großer
+Sorge das Nötigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem großen
+Korb am Arm heraus.</p>
+
+<p>“Komm”, sagte sie zu This, “wir wollen gleich gehn. Warum mußt du
+wieder mit?”</p>
+
+<p>“Ich weiß nicht”, antwortete er. Und fast als wäre es etwas Böses,
+setzte er leise hinzu: “Muß ich nicht den Korb tragen?”</p>
+
+<p>“So, jetzt verstehe ich’s”, sagte die Frau, “der Franz Anton hat daran
+gedacht, daß ich allerhand mitbringen will.” Sie gab dem This den Korb.
+Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief
+in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer
+Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die
+Krankheit gefährlich sein? Ihre Angst wurde immer größer, je näher
+sie der Sennhütte kamen. Jetzt waren sie oben—nur noch einige
+Schritte—der bekümmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast
+nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie
+schaute überall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn
+tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem
+Herzen stieg sie die Leiter hinauf.</p>
+
+<p>Der This blieb ehrerbietig draußen vor der Tür stehen, nur den Korb
+schob er in die Hütte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll
+über ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte
+ihr fröhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter:
+“Grüß dich Gott, Mutter! Das freut mich, daß du da bist. Ich habe
+aber geschlafen wie ein Bär, die ganze Zeit, seit der This fortging.”
+Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie
+wußte gar nicht, was sie denken sollte. “Franz Anton”, sagte sie
+jetzt ernsthaft, “was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weißt du,
+daß du mich hast holen lassen?”</p>
+
+<p>“Ja, ja, Mutter”, lachte jetzt der Franz Anton, “jetzt bin ich ganz
+bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir
+noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir
+reden. Ich fühl’s auch jetzt noch in den Knien zittern, ich käme noch
+nicht weit.”</p>
+
+<p>“Aber was ist’s denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir’s doch”,
+drängte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.</p>
+
+<p>“Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen”,
+sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. “Sieh einmal
+zuerst dort unten das schmale, magere Büblein an, das kein gutes Stück
+Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder
+nur den dummen This nennt.”</p>
+
+<p>Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn
+hinaufspähte, ob er etwa wieder umfallen wolle.</p>
+
+<p>“Und jetzt?” fragte die Mutter gespannt.</p>
+
+<p>“Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Büblein nicht
+gewesen wäre, so läge ich jetzt noch draußen auf dem Boden in einem
+tödlichen Fieber, oder vielleicht wäre es auch schon vorbei mit mir.”
+Und jetzt erzählte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag
+zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen
+und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch
+auf der Welt es nicht besser hätte tun können.</p>
+
+<p>Die Mutter mußte sich mehrmals die Tränen abwischen. Sie stellte sich
+vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da
+draußen gelegen hätte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden
+wäre, und kein Mensch hätte etwas von ihm gewußt. Und jetzt stieg ein
+Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, daß sie laut ausrufen mußte:
+“Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!” Aber auch eine solche
+Liebe zu dem armen This überkam sie, daß sie ganz eifrig sagte: “Franz
+Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hälmli-Sepp zurück!
+Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat
+sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen
+mache ich ihm ein Gewand, daß man ihn ansehen darf. Er muß es nicht
+schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir
+geholfen hat.”</p>
+
+<p>“Das ist nun gerade, was ich wünschte, Mutter, aber ich mußte doch
+zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben
+und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein könnte. Es geht
+nichts über eine Mutter!” Und der Franz Anton schaute sie so voller
+Glück und Liebe an, daß es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich
+dachte: Es geht auch nichts über einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte
+sie: “Jetzt mußt du etwas essen, Franz Anton, daß du wieder zu Kräften
+kommst. Ich habe frische Eier und ein Weißbrot mitgenommen, und jetzt
+will ich Feuer machen, laß dir Zeit zum Herunterkommen.” Das mußte der
+Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging.
+Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er
+sich selbst niedergesetzt hatte.</p>
+
+<p>“This”, sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend,
+“willst du ein Senn werden?”</p>
+
+<p>Der This fing an zu lächeln, aber dann hörte er plötzlich die
+vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen
+hatte: “Aus dem wird nie etwas,”, “der kann nichts”, “der wird nichts”.
+Und schüchtern antwortete er. “Ich kann nichts werden.”</p>
+
+<p>“This, ein Senn wirst du”, sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit.
+“Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun
+bleibst du bei mir und trägst Milch und Wasser und hilfst mir bei
+allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Käse macht und sobald
+du groß genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein
+Gehilfe.”</p>
+
+<p>“Hier in der Schwemmebachsennhütte?” fragte This, dem die Aussicht auf
+diese Glückseligkeit ganz unfaßbar war.</p>
+
+<p>“Alles hier, in der Schwemmebachsennhütte”, bestätigte der Franz Anton.</p>
+
+<p>Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden
+Glücks, daß der Senn ihn nur ansehen mußte. Der Bub war wie
+verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den großen
+Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie
+streichelte den Buben und sagte: “Ja, Thisli, heute wollen wir
+miteinander fröhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen
+wir dem lieben Gott dafür danken, daß er dich gerade zur rechten Zeit
+in die Nähe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch
+begreift, warum du da heraufgekommen bist.”</p>
+
+<p>Jetzt begann das fröhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben
+hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen.
+Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weißbrot hingelegt
+und daneben Butter und weißen Käse. Und mitten auf dem Tisch stand
+eine große Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die
+Mutter große, dicke Stücke vor den This hin, und wenn er fertig war,
+gab es gleich noch einmal so viel.</p>
+
+<p>Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie:
+“Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muß bei dir oben
+bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es
+nötig ist. Der Frau des Hälmli-Sepp will ich schon alles berichten.”</p>
+
+<p>Das war dem Sennen recht, und für den This war es das höchste Glück,
+das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton.
+Nicht mehr verborgen unter den Tannenbäumchen hörte er heute den
+Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als
+dieser seine Hände faltete und sagte: “Komm, This, nun beten wir den
+Abendsegen.” Andächtig faltete auch er seine Hände, und als am Schluß
+der Senn sagte: “Gute Nacht geb euch Gott!”, da war das Glück im
+Herzen des This so groß, daß er gern überlaut allen Menschen auf der
+ganzen Welt sagen wollte: ‘Gute Nacht geb euch Gott!’</p>
+
+<p>Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinüber zu der Frau des
+Hälmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und
+gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzählten.
+Die Sennin hörte, daß von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der
+Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hälmli-Sepp erklärte,
+daß sie mit ihrem Sohn übereingekommen sei, sie wollten den This bei
+sich annehmen, da machte die Frau einen großen Lärm. Sie sagte, sie
+sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien für
+den Senn eine größere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien
+alle aus vollen Hälsen: “Mich! Mich! Mich!” Denn sie wußten wohl,
+wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhütte für gute
+Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.</p>
+
+<p>Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn
+schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen
+This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das
+Hänseln und Verspotten unterlassen, sonst hätten sie es mit ihrem Sohn
+zu tun. Der rede dann mit seinen kräftigen Armen eine deutlichere
+Sprache mit den Buben, als sie es jetzt könnte. Dann verließ die
+Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblüfft nachschauten,
+und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wäre,
+der wird’s gut haben, wie ein König wird er da oben in seiner
+Sennhütte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen ließ,
+liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund
+sein. Denn sie mußten alle an den letzten Käsfischtag denken, als der
+This so übel behandelt worden war. Von nun an würde er ja gewiß alle
+Käsfische allein bekommen, da wäre doch jeder gut daran, der sein
+Freund wäre. Und später waren sie auch alle gut daran, denn dem This
+machte es die größte Freude, die reiche Ernte der Käsfische unter
+allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darüber
+wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie
+mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte
+sich zur Überraschung aller, daß er auf einmal ein ganz flinkes,
+geschicktes Bürschchen war, von dem jeder sagen mußte: “Entweder ist
+das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den
+dummen This zu nennen.” Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit,
+sein liebster Schüler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei
+allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die
+anderen Buben könnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.</p>
+<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS
+WIRD ***</div>
+<div style='text-align:left'>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Updated editions will replace the previous one&#8212;the old editions will
+be renamed.
+</div>
+
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+Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
+law means that no one owns a United States copyright in these works,
+so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
+States without permission and without paying copyright
+royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
+of this license, apply to copying and distributing Project
+Gutenberg&#8482; electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG&#8482;
+concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
+and may not be used if you charge for an eBook, except by following
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+Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away&#8212;you may
+do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
+by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
+license, especially commercial redistribution.
+</div>
+
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+
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+</div>
+
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+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg&#8482; electronic works
+</div>
+
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+</div>
+
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+</div>
+
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+</div>
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+</div>
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of
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+violates the law of the state applicable to this agreement, the
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+limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
+unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
+remaining provisions.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg&#8482; electronic works in
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+production, promotion and distribution of Project Gutenberg&#8482;
+electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
+including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
+the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
+or any Project Gutenberg&#8482; work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg&#8482; work, and (c) any
+Defect you cause.
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;’s
+goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state’s laws.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
+Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
+to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
+and official page at www.gutenberg.org/contact.
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
+public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
+visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Most people start at our website which has the main PG search
+facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+</div>
+
+</div>
+
+
+</body>
+</html>
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+<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Vom This, der doch etwas wird, by Johanna Spyri</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
+at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
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+</div>
+<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Vom This, der doch etwas wird</div>
+<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Johanna Spyrin</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: October 29, 2011 [EBook #9859]<br>
+Release Date: February, 2006<br>
+First Posted: October 25, 2003<br>Last Updated: July 29, 2023</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
+<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: Delphine Lettau</div>
+<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS
+WIRD ***</div>
+
+
+
+<h1>Vom This, der doch etwas wird</h1>
+
+<p class="center p2">Erzählung</p>
+
+<p class="center big">Johanna Spyri</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="1_Kapitel">1. Kapitel<br><span class="small">Alle gegen einen</span></h2>
+</div>
+
+
+
+<p>Wenn man den Seelisberg von der Rückseite her besteigt, kommt man auf
+eine frische, grüne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die
+friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem
+schönen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenährten Kühe
+ziehen lieblich läutend immer hin und her. Denn jede trägt am Hals
+ihre Glocke, damit man immer hört, wo sie ist. So kann sich keine Kuh
+unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Sträuchern bedeckte Felswand
+liegt, über die sie hinunterstürzen könnte. Es ist außerdem ein
+ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben können. Aber die
+Glocken sind doch notwendig und tönen so freundlich hin und her, daß
+keiner sie entbehren möchte. Am Bergabhang stehen hie und da
+vereinzelt die kleinen, hölzernen Häuser, und nicht selten rauscht
+daneben ein schäumender Bach ins Tal hinab. ‘Am Berghang’ heißt es
+hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Häuschen steht auf
+ebenem Boden. Es ist, als wären sie irgendwie an den Berg hingeworfen
+worden und da hängengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da
+oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie
+alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der
+kleinen, hölzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt
+in ihre Nähe, so sieht man, daß ein großer Unterschied zwischen ihnen
+ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nähe ganz
+verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen
+ihnen stürzt der größte Bergbach der Gegend, der schäumende
+Schwemmebach, hinunter.</p>
+
+<p>Am ersten Häuschen blieben auch an den schönsten Sommertagen alle die
+kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die
+hineindrang, kam durch die Löcher der zerbrochenen Scheiben. Das war
+aber nicht viel, denn die Löcher waren wieder mit Papier verklebt,
+damit man im Winter drinnen nicht frieren mußte. An dem hölzernen
+Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war
+so zerfallen, daß es ein Wunder war, daß alle die kleinen Kinder, die
+da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie
+hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder
+waren alle mit Schmutz überdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen
+Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag über da
+herum, und am Abend kamen vier größere Kinder dazu. Drei kräftige
+Buben und ein Mädchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich
+aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie
+konnten sich doch schon selbst waschen.</p>
+
+<p>Das Häuschen über dem Bach drüben hatte einen ganz anderen Charakter.
+Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeräumt
+aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drüben. Die
+Stufen sahen immer so aus, als wären sie eben gescheuert worden. Und
+oben auf der Galerie standen drei schöne Nelkenstöcke und dufteten den
+ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen
+Fenstern stand offen und ließ die schöne, sonnige Bergluft herein.
+Dort konnte man meistens eine noch kräftig aussehende Frau sitzen
+sehen, mit schönem, weißem Haar, das sie sehr ordentlich unter das
+schwarze Häubchen zurückgestrichen hatte. Sie flickte gewöhnlich an
+einem Männerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber
+gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so
+adrett und reinlich aus, als wäre noch nie etwas Unsauberes an sie
+herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des
+fröhlichen Franz Anton mit den kräftigen Armen. Der machte den Sommer
+über in der oberen Sennhütte seine Käse, und erst im Spätherbst zog er
+wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn
+dann butterte er in der unteren Sennhütte, die ganz nahe lag. Da über
+den reißenden Schwemmebach kein Steg führte, waren die zwei Häuschen
+ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg
+wohnten, besser, als diese Nachbarn über dem Bach, zu denen sie nur
+etwa einmal am Tag stumm hinüberschaute. Gewöhnlich schüttelte sie
+dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter
+und schmutzigen Fetzen drüben an den Kindern sah. Sie schaute aber
+nicht oft hinüber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber
+betrachtete sie, wenn das Feierabendstündchen kam, ihre roten Nelken
+auf der Galerie oder sie schaute über den grünen, sonnigen Abhang
+hinunter, der vor ihrem Häuschen zum Tal hinabstieg.</p>
+
+<p>Die verwilderten Kinder über dem Bach gehörten dem Hälmli-Sepp, wie er
+genannt wurde, der seine Arbeit außer Haus beim Holzfällen oder
+Heumachen suchte. Außerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So
+war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die
+Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele
+kleine Kinder könne man nicht in Ordnung halten, und später würde es
+dann von selbst besser. So ließ sie alles gehn, wie es ging. Und in
+der schönen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und
+ließen sich’s, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl
+sein. Zur Sommerzeit waren die vier Größeren den ganzen Tag draußen,
+um die Kühe zu hüten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen,
+wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten
+bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kühe auf das
+umliegende Weideland hinaus und mußten sie hüten lassen. Das ist
+immer eine lustige Zeit für die Buben und Mädchen, die sich dort zu
+jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei fröhliche Sachen
+miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten
+im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere
+Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer
+über ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstück nach Hause,
+das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier
+Kleinen zu ernähren und für alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn
+diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mußte doch jedes haben
+und die vier Großen noch ein Stück dazu. Eine Kuh hatte der
+Hälmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaßen,
+wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.</p>
+
+<p>Hälmli-Sepp hieß der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum
+nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine
+Geiß und ein Stück Kartoffelland, damit mußte die Frau mit den vier
+Kleinen den Sommer über auskommen und auch hier und da noch eines der
+Größeren speisen, wenn es draußen keine Arbeit fand. Der Vater kam im
+Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein
+Häuschen und Acker waren so verschuldet, daß er das ganze Jahr über
+etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten
+konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel
+er fand.</p>
+
+<p>So mußte die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte
+keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von
+der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der
+verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten,
+schaute sie über den Bach zu dem schmucken Häuschen der Sennerin
+hinüber, dessen Scheiben in der Sonne glänzten. Dann sagte sie
+ärgerlich vor sich hin: “Ja, die dort kann schon putzen und alles
+sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner.” Dann ging
+sie wieder ärgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurück, und an dem,
+der ihr zuerst in den Weg kam, ließ sie den Ärger aus.</p>
+
+<p>Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht
+ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Häuschen vom
+Hälmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur ‘der
+dumme This’ genannt, sah so mager und dürftig aus, daß man ihn kaum
+für achtjährig gehalten hätte. Er schaute auch so scheu und
+verschüchtert drein, daß niemand wußte, wie der This eigentlich aussah,
+denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach.
+This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum
+zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel später über die Felsen
+in die Tiefe gestürzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam
+und den Weg abkürzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte
+nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem
+großen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This
+hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend,
+eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen
+Matthis genannt.</p>
+
+<p>Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Häuschen vom
+Hälmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstätte mit seinem Büblein
+gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben
+Ort. Das wenige Geld, das für den kleinen This von der Gemeinde
+bezahlt wurde, war der Frau des Hälmli-Sepp sehr erwünscht. Und in
+die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, für die
+schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This
+war schon von Natur aus ein schüchternes und stilles Büblein gewesen.
+Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das große Unglück
+gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem
+Unglück wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.</p>
+
+<p>So saß der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein
+Wort zu hören, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann
+seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des
+Hälmli-Sepp gehörte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde
+von jedem angefahren und hin und her gestoßen, weil er sich nie wehrte.
+Zu all den Püffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen
+dann noch die bösen Worte der Frau, wenn sie den Ärger über das
+saubere Häuschen der Sennerin drüben hatte. Der This wehrte sich aber
+nie, denn er hatte das Gefühl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so
+nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und
+verschüchtert, daß man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her
+vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn
+anrief. Er sah überhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch,
+wo er in die Erde hineinkriechen könnte, daß ihn keiner mehr fände.</p>
+
+<p>So war es gekommen, daß die vier Großen vom Hälmli-Sepp, der Jopp, der
+Hans, der Uli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: “Du
+bist doch ein dummer This”, und daß es die vier Kleinen auch
+nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals
+dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es
+werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch ‘der dumme
+This’ genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten könnte,
+wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kühe zu hüten, und war
+er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke
+oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da saß er
+meistens zitternd vor Furcht, denn er hörte wohl, wie die anderen
+Buben ihn mit großem Geschrei suchten, daß er bei den Spielen
+mitmachte, die sie spielen wollten.</p>
+
+<p>Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prügeln, und das traf
+regelmäßig den This am stärksten, da er sich nicht wehrte und auch
+nicht wehren konnte gegen die viel Stärkeren. So verkroch er sich,
+sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kühe, wohin sie wollten
+und fraßen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann großen Ärger, und
+jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kühe zu hüten, und keiner
+stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld,
+wenn die Buben zum Jäten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da
+warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblüten an den
+Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem
+anderen reichlich zurück, was er empfangen hatte. Der This gab aber
+nichts zurück, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen
+Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen
+gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten
+die Knollen an den Rücken und an den Kopf.</p>
+
+<p>Während aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten,
+versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den
+Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit
+nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller
+Arbeit zu dumm und aus dem This könne nie etwas werden. Weil er nun
+gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er
+auch von der Frau des Hälmli-Sepp demgemäß behandelt. Wenn schon die
+eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es
+meistens, daß für den This gar nichts mehr übrigblieb und es dann hieß:
+“Du wirst wohl etwas finden, du bist groß genug.” Wie der This
+eigentlich ernährt wurde, wußte niemand, auch die Frau des Hälmli-Sepp
+nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.</p>
+
+<p>Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen
+Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tür
+vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in
+seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich
+wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer
+scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="2_Kapitel">2. Kapitel<br><span class="small">Bei der Schwemmebachsennhütte</span></h2>
+</div>
+
+
+
+<p>An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle
+Mücken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hüterbuben und—mädchen.
+Sie mußten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp,
+von allen der Größte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle
+nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, daß man jetzt zur
+Schwemmebachsennhütte hinaufgehe, denn heute sei der Käsfischtag. Nun
+müsse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kühe
+hüten solle, während die anderen sich zu dem Festmahl begeben würden.
+Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust,
+sich für die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue
+Uli auf den Gedanken, man könnte einmal den dummen This zwingen, auf
+die Kühe acht zu geben. Und damit er’s nicht vergesse, könnte man ihn
+im voraus ein wenig durchprügeln. Der Vorschlag fand Anklang, und
+schon wollten mehrere von den Anführern der Schar den This holen, als
+das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: “Das ist gar nichts
+Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den
+Lohn dafür, wenn wir wieder zurückkommen und die Kühe sich verlaufen
+haben. Ihr werdet doch nicht glauben, daß der This, wenn er zu dumm
+ist, zwei Kühe zu hüten, auf einmal zwanzig hüten kann. Man muß losen,
+und drei müssen bei den Kühen bleiben, sonst ist’s nichts.” Lisis
+Erklärung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus
+der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet
+der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der
+siegreichen Schar den Rücken und setzte sich auf den Boden neben seine
+beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stürzte nun
+die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuß
+entgegen.</p>
+
+<p>Der Käsfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die
+es nie unterließen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen
+sollte. Denn das war ein Hauptfest für sie. Das war der Tag, an dem
+der Franz Anton seine frischen Käse rundum beschnitt, nachdem diese
+als weiche Masse in die runde, hölzerne Form gepreßt worden waren.
+Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von
+der Masse herausdrängte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie
+eine lange, schneeweiße Wurst. Die wurde dann in viele Stücke
+gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt.
+Das waren dann die sogenannten Käsfische. Dieses Fest wiederholte
+sich den Sommer über alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem
+Freudengeschrei begrüßt.</p>
+
+<p>This hatte sich hinter dem großen Distelbusch am Boden versteckt
+gehalten, während die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton
+von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hörte,
+daß die große Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig
+hervor. Die drei grollenden Zurückgebliebenen saßen am Boden und
+kehrten ihm den Rücken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stück
+die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der
+Höhe hernieder. Den This erfaßte ein unwiderstehliches Verlangen,
+auch an der Käsfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlüpfte er
+hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er
+hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem
+letzten steilen Hang kam eine kleine, glänzend grüne Hochebene, da
+stand die Sennhütte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der
+klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tür seiner Hütte stand der
+Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte über
+die vielen Sprünge, die jetzt die Buben und Mädchen in ihrem Eifer, zu
+dem ersehnten Genuß zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt
+waren sie alle bei der Hütte und eines drängte das andere vorwärts, um
+noch näher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen würde.</p>
+
+<p>“Nur zahm, nur zahm”, lachte jetzt der Franz Anton. “Wenn ihr alle in
+die Hütte hineindrängt, so habe ich keinen Platz mehr zum
+Käseschneiden und ihr habt den Schaden.” Jetzt nahm er sein festes
+Messer zur Hand und trat an den großen, runden Käse heran, den er
+schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden
+ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweißen
+Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stück und da ein
+Stück, oft über die Köpfe der Großen weg den Kleinen, die nicht zu ihm
+vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner
+Teilung.</p>
+
+<p>This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen
+wollte, so bekam er da einen Stoß und dort einen und flog so von einer
+Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer
+wieder ein Größerer und Dickerer sich vor ihn drängte. Zuletzt bekam
+er einen so ungeheuren Stoß von dem breiten, nach allen Seiten
+schlagenden Jopp, daß er sich fast überschlagen hätte. Die Teilung
+war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, daß er zu keinem
+Stückchen Käsfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine
+Schläge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die
+jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den
+Bäumchen. Auf der höchsten Krone des einen saß ein lustiger, kleiner
+Vogel und pfiff so fröhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als
+gäbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und
+Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, daß er fast das
+Leid vergaß, das ihm eben geschehen war.</p>
+
+<p>Von Zeit zu Zeit mußte er nach der Sennhütte hinüberschauen, denn das
+Lärmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stück Käsfisch
+wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie
+jedes Kind mit einem größeren oder kleineren Brocken der schönen,
+weißen Masse dastand und mit Wonne hineinbiß. Er seufzte dann ein
+wenig und sagte leise: “Wenn ich nur auch einmal ein einziges
+Stücklein bekäme!” Der This hatte niemals von den herrlichen, weißen
+Käsfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie
+heute in die Schar der Glücklichen einzudringen. Jetzt hatte er
+gesehen, daß es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut
+zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlußgedanken, daß er
+sein Leben lang nie einen Käsfisch bekommen werde. Darüber wurde er
+so traurig, daß er nicht einmal den Vogel mehr hörte und ganz
+zusammengeduckt unter den Tannenbäumen saß.</p>
+
+<p>Jetzt war das Gastmahl bei der Hütte zu Ende und mit schrecklichem
+Lärm stürzten die Kinder daher, womöglich immer einer über den anderen
+hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall
+brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der
+lärmende Hans, und laut schrie er in das Gebüsch hinein: “Du Maulwurf,
+komm heraus, du mußt mitmachen!” This verstand, was er mitzumachen
+hatte. Er mußte sich als Bock hinstellen, damit die anderen über ihn
+springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wäre
+viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wußte wohl,
+was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er
+gehorsam heran. “Wie viele Käsfische hast du bekommen?” schrie ihn
+jetzt der Hans an.</p>
+
+<p>“Keinen”, gab This zurück. “Oho, seht einmal den an”, schrie der Hans
+noch lauter in die Schar hinein, “der läuft schnell zu den Käsfischen,
+und dann läuft er wieder fort und hat keinen gesehen.” “Du dummer
+This”, rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die großen
+Buben über den Kopf weg, so daß er genug zu tun hatte, nur immer
+wieder auf die Füße zu kommen, wenn er umgeworfen worden war.
+Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestürzter die Abhänge
+hinunter, bis ein glücklicher Zufall sie wieder alle auf die Füße
+brachte. Nach dieser stürmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen
+gleich alle auseinander, jeder seinen Kühen nach.</p>
+
+<p>Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn
+jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den
+Zurückgebliebenen, weil er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem
+Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben
+und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im
+Berghang, wo im Frühling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und
+den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und
+ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schöne, dunkelrote
+Erdbeeren in der Sonne, die so schön warm in die Vertiefung schien.
+Aber dem This war es überall angst und bang, wenn er noch in der Nähe
+der Häuser und der Hüterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden
+Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der
+This zuckte scheu und ängstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer
+dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch
+einmal an das stille Plätzchen unter den kleinen Tannenbäumchen dort
+oben und an das pfeifende Vögelein, so daß es ihn mit Gewalt vom Boden
+zog. Er mußte noch einmal dorthin.</p>
+
+<p>Mit allen Kräften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht
+einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die
+Tannenbäumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein
+Tannenversteck ein wenig offen. Da saß nun der This in völliger
+Sicherheit. Ringsum war eine große Stille, kein Ton drang von unten
+her bis hier auf die einsame Höhe, nur das Vögelein saß noch auf
+seinem Tannenast und pfiff sein fröhliches Lied. Die Sonne wollte
+untergehen. Die hohen Schneeberge drüben fingen zu flimmern und zu
+glühen an, und über die ganze grüne Alm hin lag das golden schimmernde
+Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie
+gekanntes Wohlsein kam über ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und
+Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fürchten, denn weit und
+breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hören.</p>
+
+<p>So saß der This eine lange Zeit, und am liebsten wäre er gar nicht
+mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben
+gewesen. Aber da hörte er schwere Tritte hinter sich von der Hütte
+her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiß
+wollte er zum Bach hinüber, um Wasser zu holen. This verhielt sich
+mäuschenstill. Denn er war so daran gewöhnt, daß er von jedermann
+angefahren oder ausgelacht wurde, daß er dachte, der Senn werde es
+gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die
+Bäumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton
+wurde aufmerksam, trat näher und guckte in den Tannenbusch hinein.</p>
+
+<p>“Was machst du denn da drinnen?” fragte der Senn mit lustigem Gesicht.</p>
+
+<p>“Nichts”, erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.</p>
+
+<p>“Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fürchten, wenn du nichts
+Böses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa
+mit deinen Käsfischen da hineingeflüchtet, daß du sie in Ruhe
+verzehren kannst?”</p>
+
+<p>“Nein, ich habe keine Käsfische gehabt”, sagte This ängstlich.</p>
+
+<p>“Nicht? Und warum denn nicht?” fragte der Senn in einer Weise, wie
+sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem
+Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte—das Zutrauen zu einem
+Menschen.</p>
+
+<p>“Sie haben mich auf die Seite gestoßen”, erwiderte er nun und stand
+hinter den buschigen Zweigen auf.</p>
+
+<p>“So, jetzt kann man dich doch sehen”, fuhr der Senn freundlich fort,
+“komm noch ein wenig näher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn
+sie dich wegstoßen? Es stößt ja immer einer den anderen, aber zuletzt
+kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?”</p>
+
+<p>“Sie sind stärker”, sagte der This so überzeugend, daß diese Erklärung
+wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den
+Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, großen Franz Anton wie
+ein dünnes Stöcklein vor einer hohen Tanne. Der kräftige Mann
+betrachtete einen Augenblick das schmale Figürchen, an dem tatsächlich
+fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht
+schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.</p>
+
+<p>“Wem gehörst du?” fragte er jetzt den Buben.</p>
+
+<p>“Niemand”, gab This zur Antwort.</p>
+
+<p>“Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?”</p>
+
+<p>“Beim Hälmli-Sepp.”</p>
+
+<p>Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. “Ach so, bist du der!”
+sagte er verständnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar
+nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehört, ihn aber nicht
+gekannt.</p>
+
+<p>“Komm einmal mit mir”, sagte er mitleidig. “Wenn du beim Hälmli-Sepp
+bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hälmlein.
+Komm, Käsfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes.”</p>
+
+<p>Der This wußte gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz
+Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und
+das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Hütte, holte
+hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein großes
+Stück ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfaß, das goldig glänzend
+in der Ecke stand, und holte ein großes Stück Butter heraus. Das
+strich er über die Brotschnitte und reichte nun das feste Stück mit
+der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte
+der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es
+nicht möglich, daß es ihm gehöre.</p>
+
+<p>“Komm heraus. Iß es vor der Hütte, ich muß nun zum Wasser”, sagte
+Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glück und
+Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte.
+Vor der Hütte setzte er sich auf den Boden. Und während der Senn zum
+Schwemmebach hinüberging, biß er in sein Butterbrot hinein und biß
+immer wieder und konnte nicht begreifen, daß es etwas so Gutes gäbe
+und er es bekommen hätte.</p>
+
+<p>Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und
+wiegte unten die Tannenbäumchen hin und her, und der kleine Vogel saß
+immer noch auf dem höchsten Zweig und sang hell und fröhlich in den
+goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie
+gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er müsse laut mit dem Vogel zu
+singen anfangen.</p>
+
+<p>Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her
+gegangen. Drüben beim Schwemmebach war er immer eine Weile
+stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr
+rot vom Abendschein, aber jetzt stieg groß und golden der volle Mond
+hinter dem weißen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Hütte
+zurück und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle
+saß.</p>
+
+<p>“So gefällt’s dir hier?” fragte er freundlich. “Mit dem Abendessen
+bist du fertig, wie ich sehe. Du mußt dich auf den Rückweg machen.
+Sieh, wie schön dir der Mond heimleuchtet!”</p>
+
+<p>Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel
+ihm ein, daß es wohl nötig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem
+Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den
+Tannenbäumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurück. Er schaute noch
+einmal zurück, und da der Senn in die Hütte getreten war und ihn nicht
+mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz
+Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Güte
+und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen
+Eindruck gemacht, daß er nicht fort konnte. Er mußte noch ein wenig
+in der Nähe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen
+unter den Bäumchen und spähte zu der Hütte hinauf, ob er den Senn
+nicht noch einmal sähe. Es dauerte einige Zeit, da plötzlich trat
+Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Hütte heraus.</p>
+
+<p>Er blieb vor der Tür stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die
+stille Bergwelt hinaus, wo jetzt über alle hohen Schneegipfel hin das
+milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt
+der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen
+Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hände. Er hielt wohl still
+seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: “Gute Nacht
+geb euch Gott!” trat in die Hütte zurück und machte die Tür zu. Sein
+Nachtgruß hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum
+und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller
+Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fühlte Liebe und
+Bewunderung für den Senn, Gefühle, die er bisher nicht gekannt hatte.</p>
+
+<p>Als es nun ganz dunkel und still in der Hütte wurde, stand der This
+auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.</p>
+
+<p>Es war spät und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich,
+die Tür war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Häuschen und
+schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser
+schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: “Es
+ist bequem, daß der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden.
+So hat man doch Platz!”</p>
+
+<p>This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er
+immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit
+gefalteten Händen vor seiner Hütte stand. Zum erstenmal in seinem
+Leben schlief der This mit einem glücklichen Herzen ein.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="3_Kapitel">3. Kapitel<br><span class="small">Ein hilfreicher Engel</span></h2>
+</div>
+
+
+
+<p>Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten,
+mußten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges
+gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr
+Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze
+Schar den Berghang herunter, und bald saßen sie alle mit anderen
+Kindern so ruhig wie möglich auf den langen Bänken, und der Herr
+Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von
+einem zukünftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den
+This fiel, fuhr er fort: “Ich will dich auch einmal wieder etwas
+fragen, das wirst du wohl beantworten können, wenn man dir auch nicht
+viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Ärmsten
+und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben geführt hat, so
+wohl werden, daß er kein Leid verspürt?”</p>
+
+<p>“Bei der Schwemmebachsennhütte”, antwortete der This ohne Zögern.
+Jetzt entstand ein solches Kichern, daß der This ganz scheu um sich
+schaute. Ringsum waren spöttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle
+Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich
+so stark vornüber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem,
+was der Herr Pfarrer das letztemal erklärte, hatte er nichts gehört,
+weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mußte. Jetzt hatte
+er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet.</p>
+
+<p>Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, daß es dem
+This gar nicht zum Lachen war, sondern daß er vor Scheu ganz
+erschrocken und zusammengeduckt dasaß, da schüttelte der Herr Pfarrer
+nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: “Es ist nichts mit ihm zu
+machen.”</p>
+
+<p>Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stürzte die ganze Schar
+hinter dem This her, alle lachten überlaut und schrien durcheinander:
+“This, sind dir auf einmal in der Kirche die Käsfische in den Sinn
+gekommen?”</p>
+
+<p>“This, warum hast du nicht auch etwas von den Käsfischen gesagt?” Der
+This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem
+Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben
+wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den
+schönen Sonntagabend unten im Dorf genießen.</p>
+
+<p>Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt
+einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhütte
+hinaufflüchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen.
+Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plätzchen sitzen und
+vor Verfolgung sicher sein. Nun saß er wieder unter den Tannen und
+über ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der
+Sonne, und über den grünen Hängen floß da und dort ein klares Bächlein
+friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, daß er allen
+Spott vergaß und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr
+weggehen zu müssen.</p>
+
+<p>Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er
+beständig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie möglich
+nieder. Denn er hatte das Gefühl, wenn der Franz Anton ihn wieder
+hier sehe, so könnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein
+Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und
+einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und
+in dessen Nähe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst
+nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und
+This saß an seinem schönen Plätzchen, bis die Sterne am Himmel standen
+und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Hütte hinaustrat und
+ausrief: “Gute Nacht geb euch Gott!” Dann erst lief der This wieder
+davon, und spät wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht
+hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber
+das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefühlt
+dort oben.</p>
+
+<p>So ging es eine ganze Woche. Tag für Tag, sobald er einen Augenblick
+fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm
+hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete
+er die ganze Tätigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und
+nie verließ er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton
+gesagt hatte: “Gute Nacht geb euch Gott!” Es war ihm jetzt immer, als
+sei der Nachtsegen auch für ihn gedacht.</p>
+
+<p>Es waren ausnahmsweise heiße Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg
+jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend
+niedergegangen war. Das Futter war besonders kräftig, und Franz Anton
+bekam so schöne, fette Milch von den Alpenkühen, daß er die
+prächtigsten Käse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude,
+und schon frühmorgens konnte man ihn voller Vergnügen in seiner
+Sennhütte pfeifen hören, so auch am Samstag dieser Woche. Da hörte
+man ihn noch viel früher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem
+der Senn seine drei oder vier fertigen Käse an den See hinunterbrachte.
+Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie
+auf seinem Rücken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwärts,
+den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rücken. Es
+war der heißeste Tag des ganzen Sommers.</p>
+
+<p>Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die übermäßige
+Hitze, und oft sagte er zu sich: “O wie will ich froh sein, heute
+abend wieder zu meiner Hütte hinauf in die kühle Luft zu kommen, hier
+unten ist’s wie in einem Backofen.” Jetzt war er unten angelangt,
+gerade als das Schiff herankam, das die Käse mitnehmen sollte. Bald
+war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlüssig
+da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten
+etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fühlte keinen Appetit, sein Kopf
+war schwer und heiß, er wünschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn
+jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim
+Einladen geholfen hatte. “Komm, Franz Anton, heute ist’s heiß, wir
+wollen ein Glas Wein im Schatten trinken”, sagte er und zog den Senn
+zu dem Wirtshaus.</p>
+
+<p>Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im
+Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber
+stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in
+der schweren, heißen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht
+an den Wein gewöhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit großen
+Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in
+seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiß auf
+seinen Kopf, alle seine Pulse hämmerten, die Füße wurden ihm so schwer,
+daß er sie nur mit Mühe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je
+größer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der
+Aussicht an, daß nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt
+nur noch eine Viertelstunde heißer Mühe vor ihm liege. Dann würde er
+oben sein und könne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.</p>
+
+<p>Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne
+brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Plötzlich wurde es ihm völlig
+schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stürzte er auf den
+Boden nieder. Er hatte das Bewußtsein verloren.</p>
+
+<p>Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er,
+daß der Franz Anton noch nicht zurückgekehrt war. Er stellte seine
+Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem
+Senn auszuschauen.</p>
+
+<p>Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz
+Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte
+er an seinem verborgenen Plätzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt,
+den der Senn tat. Er wußte, wie eine Beschäftigung auf die andere
+folgte, so daß er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der
+Franz Anton seine Milch stehen ließ. Sonst goß er sie immer gleich in
+die verschiedenen Gefäße. Die eine kam zum Buttern in die großen,
+runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schön dick obenauf
+lag. Die andere wurde in den Käsekessel gegossen, das hatte der This
+durch die offene Hüttentür alles genau beobachten können. Der Senn
+kam immer noch nicht. Der Junge fühlte, daß irgend etwas geschehen
+sein mußte. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging
+zur Sennhütte. Da war es still und leer unten im Hüttenraum und oben
+auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut
+war zu hören, alles wie ausgestorben. Ängstlich lief der This
+jetzt um die Hütte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann
+in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal—dort unten
+erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu—da
+lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stöhnte und lechzte wie
+ein Sterbender. Er sah glühend heiß aus, und seine Lippen waren ganz
+vertrocknet.</p>
+
+<p>Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor
+Schrecken, auf seinen Wohltäter. Dann stürzte er in schnellem Lauf
+den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewußtlos am
+Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt
+an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem
+brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bücken
+und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er für einen Augenblick,
+denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.</p>
+
+<p>Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rühren.
+Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das
+Bewußtsein wieder, und er träumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er
+heute früh im Vorübergehen noch die schönen Erdbeeren gesehen hatte.
+Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die
+Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber
+jetzt hatte er plötzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte
+sie ihm gegeben—und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der
+Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlürfte und
+schluckte, es war ein unsägliches Labsal. Er erwachte. War das alles
+Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und
+steckte ihm wieder eine große saftige Erdbeere in den Mund.</p>
+
+<p>“O du guter Engel, noch eine”, sagte leise der Franz Anton. Aber
+nicht nur eine, fünf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf
+einmal flog ein stechender Schmerz über sein Gesicht. Er legte die
+Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: “Wasser”, dann war
+ihm das Bewußtsein wieder völlig entschwunden. Er konnte nicht einmal
+mehr die letzte Erdbeere genießen. Jetzt träumte er ganz schreckliche
+Dinge. Sein Kopf wurde so groß wie sein allergrößtes Butterfaß und
+dann immer noch größer und so furchtbar schwer, daß er mit Schrecken
+dachte: “Den kannst du nie mehr allein tragen, man muß starke,
+hölzerne Stützen unterstellen, wie unter die Apfelbäume, wenn sie
+zuviel Äpfel tragen.” Und jetzt fühlte er deutlich, daß der Kopf ganz
+voll Schießpulver war, das hatte einer von hinten angezündet. Nun
+brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mußte alles
+zerspringen. Aber dann kam plötzlich ganz kalt und belebend der
+Schwemmebach über seine Stirn, über das ganze Gesicht und in den Mund
+hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.</p>
+
+<p>Es war wahr, eiskalt kam ein Guß nach dem anderen auf Stirn und
+Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den
+kühlenden Trank ein. Über ihm standen die funkelnden Sterne, das
+sah der Franz Anton deutlich. Er wußte auch, daß er noch am Boden lag
+draußen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der
+Schwemmebach sein, was so über ihn floß und ihn so ordentlich trinken
+ließ. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend,
+so erlösend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer.
+Voller Dank sagte er nur halblaut: “Ach, lieber Gott, wie danke ich
+dir für deine Güte und die hilfreichen Engel!”</p>
+
+<p>Das erquickende Wasserbad hörte nicht auf, und zuletzt fühlte der
+Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schützend und
+wohltuend, daß er sagte: “Da kann kein Feuer mehr durch.” Und beruhigt
+schlief er jetzt ganz sanft ein und träumte nicht mehr.</p>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<h2 class="nobreak" id="4_Kapitel">4. Kapitel<br><span class="small">Was die Sennenmutter haben will</span></h2>
+</div>
+
+
+<p>Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz
+Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er
+schauderte ein wenig zusammen, es fröstelte ihn. Er wollte sich
+aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand
+an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht.
+Wohl sechsfach zusammengelegt lag naß und schwer das große Handtuch
+aus der Sennhütte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der
+frische Morgenwind über die Stirn blies, fühlte er sich so wohlig und
+erleichtert, daß er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da
+sah er auf einmal in zwei große, ernsthafte Augen hinein, die
+unverwandt auf ihn gerichtet waren.</p>
+
+<p>“Bist du das, This?” fragte er verwundert, “Wie kommst du so früh auf
+die Alm? Nun, weil du da bist, komm, daß ich mich ein wenig auf deine
+Schulter stützen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf.”</p>
+
+<p>Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er
+stemmte mit aller Gewalt seine beiden Füße in den Boden hinein, so daß
+der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte.
+Während des langsamen Aufstiegs zur Hütte, als er sich immer noch auf
+die Schulter des Buben stützte, fing er an, sich daran zu erinnern,
+was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgänge der
+Nacht völlig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur
+helfen. In der Hütte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner
+dreibeinigen Stühle und sagte: “This, hol dir den anderen und setz
+dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir
+wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt
+noch nicht machen. Ein Schüsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist
+es denn hingekommen?” unterbrach sich der Senn, “ich stelle es
+regelmäßig dort hinauf. Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht seit
+gestern.”</p>
+
+<p>Der This war feuerrot geworden, er wußte wohl, wer das Schüsselchen
+heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: “Dort steht’s am
+Boden”, holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides
+dem Senn. Dieser schüttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er
+lebte, hatte er noch nie sein Schüsselchen dort bei der Tür auf den
+Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine
+Milch, füllte dann das Schüsselchen wieder und sagte: “Da, This, trink
+auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, daß du so früh hinauf
+kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Käsfischtag und du seist dann
+sicher der erste?”</p>
+
+<p>“Nein, gewiß nicht”, versicherte This.</p>
+
+<p>“Sag mir jetzt etwas”, fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal
+unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder
+zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. “Sag mir, This, habe ich
+denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute früh
+heraufkamst?”</p>
+
+<p>Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn
+alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht
+recht, und er könnte böse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm
+jetzt so tief in die Augen, daß er alles sagen mußte: “Ich habe es
+selbst darauf gelegt”, fing er zaghaft an.</p>
+
+<p>“Warum denn, This?” fragte der Senn verwundert.</p>
+
+<p>“Weil sie so heiß waren”, erwiderte This.</p>
+
+<p>Der Senn staunte immer mehr. “Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang
+erwacht”, sagte er. “Wann bist du denn heraufgekommen?”</p>
+
+<p>“Gestern um fünf, oder um vier Uhr”, stotterte der This furchtsam,
+“der Melker kam erst lange nachher.”</p>
+
+<p>“Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn
+gewollt und gemacht?”</p>
+
+<p>Jetzt sah der Franz Anton, daß dem This ganz bange wurde, ihm selber
+aber fielen nun wieder die Vorgänge der letzten Nacht ein. Ganz
+väterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd:
+“Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fürchten, This. Da, trink noch
+eins aus, und dann sag mir alles, was du weißt, von da an, als du hier
+heraufgekommen bist.” Auf diese Ermunterung hin faßte der This neuen
+Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zügen aus, denn sie schmeckte
+herrlich.</p>
+
+<p>Dann fing er an zu berichten: “Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier
+herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Käsfische.
+Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie
+nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden
+gefunden, und Sie sind ganz rot und heiß gewesen und haben Durst
+gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe
+alle großen Erdbeeren gepflückt, die noch da waren, und habe sie Ihnen
+gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf
+den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Hütte
+das Schüsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach
+habe ich ihn gefüllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schüsselchen das
+Wasser über den Kopf geschüttet und auch zu trinken gegeben, denn sie
+haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin
+ich zum Bach hinüber und habe ihn wieder gefüllt. Aber weil das
+Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes
+Tuch wurde den Kopf besser kühlen. Und so habe ich das Tuch aus der
+Hütte geholt und es ganz naß auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann
+trocken und heiß wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und
+es dann wieder naß auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann
+erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht
+etwa krank werden.”</p>
+
+<p>Der Senn hatte mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Jetzt stand alles
+deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wußte auch
+wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren
+als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespürt und
+genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und
+verwundert an, als hätte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen
+solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn möglich, daß
+dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben
+gerettet hatte.</p>
+
+<p>Hätte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelöscht, wer weiß,
+was bis zum Morgen daraus geworden wäre! Und wie konnte dieser This,
+dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung
+fähig sein, daß er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn
+pflegte! Dem großen, starken Franz Anton kamen die Tränen in die
+Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles
+überdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: “Wir
+wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das
+vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die
+Glieder so, daß ich mich jetzt niederlegen muß. Geh du nun hinunter
+zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir
+nicht ganz wohl. Du mußt dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe
+noch viel mit dir zu reden heute, vergiß es nicht!”</p>
+
+<p>Solange er lebte, war der This noch nie so glücklich gewesen. Er lief
+springend den Berg hinunter, als könne er nicht hoch genug aufspringen
+vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen,
+und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in
+die Sennhütte eintreten. Außerdem hatte der Franz Anton ihm noch
+gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser
+Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der
+Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Häuschen
+mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im
+Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der
+Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen,
+denn er war ganz atemlos vom Laufen.</p>
+
+<p>“Woher kommst denn du?” fragte die sonntäglich gekleidete Frau, die
+nicht gern etwas Unordentliches sah. Mißbilligend musterte sie den
+Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntäglichen Anblick
+in seinen zerfetzten Alltagshöschen und dem schmutzigen Hemdlein.
+“Ich meine, ich habe dich schon dort drüben über dem Bach gesehen, du
+bist wohl einer vom Hälmli-Sepp?”</p>
+
+<p>“Nein, nur der This”, erwiderte der Bub ganz demütig.</p>
+
+<p>Jetzt fiel der Frau ein, daß die Frau des Hälmli-Sepp einen
+einfältigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts
+zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. “Und was willst du
+denn bei mir?” fragte sie nun erst recht verwundert.</p>
+
+<p>Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag
+klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der
+kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und daß er nach ihr schickte
+und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes
+Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in großer
+Sorge das Nötigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem großen
+Korb am Arm heraus.</p>
+
+<p>“Komm”, sagte sie zu This, “wir wollen gleich gehn. Warum mußt du
+wieder mit?”</p>
+
+<p>“Ich weiß nicht”, antwortete er. Und fast als wäre es etwas Böses,
+setzte er leise hinzu: “Muß ich nicht den Korb tragen?”</p>
+
+<p>“So, jetzt verstehe ich’s”, sagte die Frau, “der Franz Anton hat daran
+gedacht, daß ich allerhand mitbringen will.” Sie gab dem This den Korb.
+Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief
+in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer
+Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die
+Krankheit gefährlich sein? Ihre Angst wurde immer größer, je näher
+sie der Sennhütte kamen. Jetzt waren sie oben—nur noch einige
+Schritte—der bekümmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast
+nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie
+schaute überall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn
+tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem
+Herzen stieg sie die Leiter hinauf.</p>
+
+<p>Der This blieb ehrerbietig draußen vor der Tür stehen, nur den Korb
+schob er in die Hütte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll
+über ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte
+ihr fröhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter:
+“Grüß dich Gott, Mutter! Das freut mich, daß du da bist. Ich habe
+aber geschlafen wie ein Bär, die ganze Zeit, seit der This fortging.”
+Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie
+wußte gar nicht, was sie denken sollte. “Franz Anton”, sagte sie
+jetzt ernsthaft, “was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weißt du,
+daß du mich hast holen lassen?”</p>
+
+<p>“Ja, ja, Mutter”, lachte jetzt der Franz Anton, “jetzt bin ich ganz
+bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir
+noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir
+reden. Ich fühl’s auch jetzt noch in den Knien zittern, ich käme noch
+nicht weit.”</p>
+
+<p>“Aber was ist’s denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir’s doch”,
+drängte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.</p>
+
+<p>“Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen”,
+sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. “Sieh einmal
+zuerst dort unten das schmale, magere Büblein an, das kein gutes Stück
+Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder
+nur den dummen This nennt.”</p>
+
+<p>Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn
+hinaufspähte, ob er etwa wieder umfallen wolle.</p>
+
+<p>“Und jetzt?” fragte die Mutter gespannt.</p>
+
+<p>“Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Büblein nicht
+gewesen wäre, so läge ich jetzt noch draußen auf dem Boden in einem
+tödlichen Fieber, oder vielleicht wäre es auch schon vorbei mit mir.”
+Und jetzt erzählte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag
+zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen
+und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch
+auf der Welt es nicht besser hätte tun können.</p>
+
+<p>Die Mutter mußte sich mehrmals die Tränen abwischen. Sie stellte sich
+vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da
+draußen gelegen hätte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden
+wäre, und kein Mensch hätte etwas von ihm gewußt. Und jetzt stieg ein
+Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, daß sie laut ausrufen mußte:
+“Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!” Aber auch eine solche
+Liebe zu dem armen This überkam sie, daß sie ganz eifrig sagte: “Franz
+Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hälmli-Sepp zurück!
+Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat
+sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen
+mache ich ihm ein Gewand, daß man ihn ansehen darf. Er muß es nicht
+schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir
+geholfen hat.”</p>
+
+<p>“Das ist nun gerade, was ich wünschte, Mutter, aber ich mußte doch
+zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben
+und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein könnte. Es geht
+nichts über eine Mutter!” Und der Franz Anton schaute sie so voller
+Glück und Liebe an, daß es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich
+dachte: Es geht auch nichts über einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte
+sie: “Jetzt mußt du etwas essen, Franz Anton, daß du wieder zu Kräften
+kommst. Ich habe frische Eier und ein Weißbrot mitgenommen, und jetzt
+will ich Feuer machen, laß dir Zeit zum Herunterkommen.” Das mußte der
+Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging.
+Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er
+sich selbst niedergesetzt hatte.</p>
+
+<p>“This”, sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend,
+“willst du ein Senn werden?”</p>
+
+<p>Der This fing an zu lächeln, aber dann hörte er plötzlich die
+vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen
+hatte: “Aus dem wird nie etwas,”, “der kann nichts”, “der wird nichts”.
+Und schüchtern antwortete er. “Ich kann nichts werden.”</p>
+
+<p>“This, ein Senn wirst du”, sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit.
+“Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun
+bleibst du bei mir und trägst Milch und Wasser und hilfst mir bei
+allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Käse macht und sobald
+du groß genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein
+Gehilfe.”</p>
+
+<p>“Hier in der Schwemmebachsennhütte?” fragte This, dem die Aussicht auf
+diese Glückseligkeit ganz unfaßbar war.</p>
+
+<p>“Alles hier, in der Schwemmebachsennhütte”, bestätigte der Franz Anton.</p>
+
+<p>Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden
+Glücks, daß der Senn ihn nur ansehen mußte. Der Bub war wie
+verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den großen
+Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie
+streichelte den Buben und sagte: “Ja, Thisli, heute wollen wir
+miteinander fröhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen
+wir dem lieben Gott dafür danken, daß er dich gerade zur rechten Zeit
+in die Nähe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch
+begreift, warum du da heraufgekommen bist.”</p>
+
+<p>Jetzt begann das fröhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben
+hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen.
+Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weißbrot hingelegt
+und daneben Butter und weißen Käse. Und mitten auf dem Tisch stand
+eine große Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die
+Mutter große, dicke Stücke vor den This hin, und wenn er fertig war,
+gab es gleich noch einmal so viel.</p>
+
+<p>Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie:
+“Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muß bei dir oben
+bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es
+nötig ist. Der Frau des Hälmli-Sepp will ich schon alles berichten.”</p>
+
+<p>Das war dem Sennen recht, und für den This war es das höchste Glück,
+das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton.
+Nicht mehr verborgen unter den Tannenbäumchen hörte er heute den
+Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als
+dieser seine Hände faltete und sagte: “Komm, This, nun beten wir den
+Abendsegen.” Andächtig faltete auch er seine Hände, und als am Schluß
+der Senn sagte: “Gute Nacht geb euch Gott!”, da war das Glück im
+Herzen des This so groß, daß er gern überlaut allen Menschen auf der
+ganzen Welt sagen wollte: ‘Gute Nacht geb euch Gott!’</p>
+
+<p>Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinüber zu der Frau des
+Hälmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und
+gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzählten.
+Die Sennin hörte, daß von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der
+Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hälmli-Sepp erklärte,
+daß sie mit ihrem Sohn übereingekommen sei, sie wollten den This bei
+sich annehmen, da machte die Frau einen großen Lärm. Sie sagte, sie
+sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien für
+den Senn eine größere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien
+alle aus vollen Hälsen: “Mich! Mich! Mich!” Denn sie wußten wohl,
+wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhütte für gute
+Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.</p>
+
+<p>Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn
+schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen
+This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das
+Hänseln und Verspotten unterlassen, sonst hätten sie es mit ihrem Sohn
+zu tun. Der rede dann mit seinen kräftigen Armen eine deutlichere
+Sprache mit den Buben, als sie es jetzt könnte. Dann verließ die
+Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblüfft nachschauten,
+und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wäre,
+der wird’s gut haben, wie ein König wird er da oben in seiner
+Sennhütte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen ließ,
+liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund
+sein. Denn sie mußten alle an den letzten Käsfischtag denken, als der
+This so übel behandelt worden war. Von nun an würde er ja gewiß alle
+Käsfische allein bekommen, da wäre doch jeder gut daran, der sein
+Freund wäre. Und später waren sie auch alle gut daran, denn dem This
+machte es die größte Freude, die reiche Ernte der Käsfische unter
+allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darüber
+wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie
+mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte
+sich zur Überraschung aller, daß er auf einmal ein ganz flinkes,
+geschicktes Bürschchen war, von dem jeder sagen mußte: “Entweder ist
+das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den
+dummen This zu nennen.” Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit,
+sein liebster Schüler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei
+allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die
+anderen Buben könnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.</p>
+<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS
+WIRD ***</div>
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+
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+</div>
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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+goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+</div>
+
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
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+</div>
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+</div>
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@@ -0,0 +1,1484 @@
+The Project Gutenberg EBook of Vom This, der doch etwas wird, by Johanna Spyri
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+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
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+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Vom This, der doch etwas wird
+
+Author: Johanna Spyri
+
+Release Date: February, 2006 [EBook #9859]
+[This file was first posted on October 25, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
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+Character set encoding: US-ASCII
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
+
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+
+E-text prepared by Delphine Lettau
+
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+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 7-bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
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+
+Vom This, der doch etwas wird
+
+Erzaehlung
+
+Johanna Spyri
+
+
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+
+
+
+
+1. Kapitel
+
+Alle gegen einen
+
+
+Wenn man den Seelisberg von der Rueckseite her besteigt, kommt man auf
+eine frische, gruene Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die
+friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem
+schoenen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenaehrten Kuehe
+ziehen lieblich laeutend immer hin und her. Denn jede traegt am Hals
+ihre Glocke, damit man immer hoert, wo sie ist. So kann sich keine Kuh
+unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Straeuchern bedeckte Felswand
+liegt, ueber die sie hinunterstuerzen koennte. Es ist ausserdem ein
+ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben koennen. Aber die
+Glocken sind doch notwendig und toenen so freundlich hin und her, dass
+keiner sie entbehren moechte. Am Bergabhang stehen hie und da
+vereinzelt die kleinen, hoelzernen Haeuser, und nicht selten rauscht
+daneben ein schaeumender Bach ins Tal hinab. 'Am Berghang' heisst es
+hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Haeuschen steht auf
+ebenem Boden. Es ist, als waeren sie irgendwie an den Berg hingeworfen
+worden und da haengengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da
+oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie
+alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der
+kleinen, hoelzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt
+in ihre Naehe, so sieht man, dass ein grosser Unterschied zwischen ihnen
+ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Naehe ganz
+verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen
+ihnen stuerzt der groesste Bergbach der Gegend, der schaeumende
+Schwemmebach, hinunter.
+
+Am ersten Haeuschen blieben auch an den schoensten Sommertagen alle die
+kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die
+hineindrang, kam durch die Loecher der zerbrochenen Scheiben. Das war
+aber nicht viel, denn die Loecher waren wieder mit Papier verklebt,
+damit man im Winter drinnen nicht frieren musste. An dem hoelzernen
+Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war
+so zerfallen, dass es ein Wunder war, dass alle die kleinen Kinder, die
+da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie
+hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder
+waren alle mit Schmutz ueberdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen
+Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ueber da
+herum, und am Abend kamen vier groessere Kinder dazu. Drei kraeftige
+Buben und ein Maedchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich
+aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie
+konnten sich doch schon selbst waschen.
+
+Das Haeuschen ueber dem Bach drueben hatte einen ganz anderen Charakter.
+Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeraeumt
+aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drueben. Die
+Stufen sahen immer so aus, als waeren sie eben gescheuert worden. Und
+oben auf der Galerie standen drei schoene Nelkenstoecke und dufteten den
+ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen
+Fenstern stand offen und liess die schoene, sonnige Bergluft herein.
+Dort konnte man meistens eine noch kraeftig aussehende Frau sitzen
+sehen, mit schoenem, weissem Haar, das sie sehr ordentlich unter das
+schwarze Haeubchen zurueckgestrichen hatte. Sie flickte gewoehnlich an
+einem Maennerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber
+gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so
+adrett und reinlich aus, als waere noch nie etwas Unsauberes an sie
+herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des
+froehlichen Franz Anton mit den kraeftigen Armen. Der machte den Sommer
+ueber in der oberen Sennhuette seine Kaese, und erst im Spaetherbst zog er
+wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn
+dann butterte er in der unteren Sennhuette, die ganz nahe lag. Da ueber
+den reissenden Schwemmebach kein Steg fuehrte, waren die zwei Haeuschen
+ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg
+wohnten, besser, als diese Nachbarn ueber dem Bach, zu denen sie nur
+etwa einmal am Tag stumm hinueberschaute. Gewoehnlich schuettelte sie
+dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter
+und schmutzigen Fetzen drueben an den Kindern sah. Sie schaute aber
+nicht oft hinueber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber
+betrachtete sie, wenn das Feierabendstuendchen kam, ihre roten Nelken
+auf der Galerie oder sie schaute ueber den gruenen, sonnigen Abhang
+hinunter, der vor ihrem Haeuschen zum Tal hinabstieg.
+
+Die verwilderten Kinder ueber dem Bach gehoerten dem Haelmli-Sepp, wie er
+genannt wurde, der seine Arbeit ausser Haus beim Holzfaellen oder
+Heumachen suchte. Ausserdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So
+war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die
+Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele
+kleine Kinder koenne man nicht in Ordnung halten, und spaeter wuerde es
+dann von selbst besser. So liess sie alles gehn, wie es ging. Und in
+der schoenen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und
+liessen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl
+sein. Zur Sommerzeit waren die vier Groesseren den ganzen Tag draussen,
+um die Kuehe zu hueten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen,
+wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten
+bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kuehe auf das
+umliegende Weideland hinaus und mussten sie hueten lassen. Das ist
+immer eine lustige Zeit fuer die Buben und Maedchen, die sich dort zu
+jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei froehliche Sachen
+miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten
+im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere
+Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer
+ueber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstueck nach Hause,
+das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier
+Kleinen zu ernaehren und fuer alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn
+diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein musste doch jedes haben
+und die vier Grossen noch ein Stueck dazu. Eine Kuh hatte der
+Haelmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besassen,
+wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.
+
+Haelmli-Sepp hiess der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum
+nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine
+Geiss und ein Stueck Kartoffelland, damit musste die Frau mit den vier
+Kleinen den Sommer ueber auskommen und auch hier und da noch eines der
+Groesseren speisen, wenn es draussen keine Arbeit fand. Der Vater kam im
+Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein
+Haeuschen und Acker waren so verschuldet, dass er das ganze Jahr ueber
+etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten
+konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel
+er fand.
+
+So musste die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte
+keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von
+der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der
+verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten,
+schaute sie ueber den Bach zu dem schmucken Haeuschen der Sennerin
+hinueber, dessen Scheiben in der Sonne glaenzten. Dann sagte sie
+aergerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles
+sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging
+sie wieder aergerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurueck, und an dem,
+der ihr zuerst in den Weg kam, liess sie den Aerger aus.
+
+Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht
+ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Haeuschen vom
+Haelmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der
+dumme This' genannt, sah so mager und duerftig aus, dass man ihn kaum
+fuer achtjaehrig gehalten haette. Er schaute auch so scheu und
+verschuechtert drein, dass niemand wusste, wie der This eigentlich aussah,
+denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach.
+This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum
+zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel spaeter ueber die Felsen
+in die Tiefe gestuerzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam
+und den Weg abkuerzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte
+nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem
+grossen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This
+hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend,
+eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen
+Matthis genannt.
+
+Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Haeuschen vom
+Haelmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstaette mit seinem Bueblein
+gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben
+Ort. Das wenige Geld, das fuer den kleinen This von der Gemeinde
+bezahlt wurde, war der Frau des Haelmli-Sepp sehr erwuenscht. Und in
+die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fuer die
+schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This
+war schon von Natur aus ein schuechternes und stilles Bueblein gewesen.
+Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das grosse Unglueck
+gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem
+Unglueck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.
+
+So sass der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein
+Wort zu hoeren, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann
+seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des
+Haelmli-Sepp gehoerte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde
+von jedem angefahren und hin und her gestossen, weil er sich nie wehrte.
+Zu all den Pueffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen
+dann noch die boesen Worte der Frau, wenn sie den Aerger ueber das
+saubere Haeuschen der Sennerin drueben hatte. Der This wehrte sich aber
+nie, denn er hatte das Gefuehl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so
+nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und
+verschuechtert, dass man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her
+vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn
+anrief. Er sah ueberhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch,
+wo er in die Erde hineinkriechen koennte, dass ihn keiner mehr faende.
+
+So war es gekommen, dass die vier Grossen vom Haelmli-Sepp, der Jopp, der
+Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du
+bist doch ein dummer This", und dass es die vier Kleinen auch
+nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals
+dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es
+werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme
+This' genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten koennte,
+wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kuehe zu hueten, und war
+er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke
+oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da sass er
+meistens zitternd vor Furcht, denn er hoerte wohl, wie die anderen
+Buben ihn mit grossem Geschrei suchten, dass er bei den Spielen
+mitmachte, die sie spielen wollten.
+
+Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Pruegeln, und das traf
+regelmaessig den This am staerksten, da er sich nicht wehrte und auch
+nicht wehren konnte gegen die viel Staerkeren. So verkroch er sich,
+sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kuehe, wohin sie wollten
+und frassen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann grossen Aerger, und
+jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kuehe zu hueten, und keiner
+stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld,
+wenn die Buben zum Jaeten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da
+warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblueten an den
+Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem
+anderen reichlich zurueck, was er empfangen hatte. Der This gab aber
+nichts zurueck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen
+Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen
+gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten
+die Knollen an den Ruecken und an den Kopf.
+
+Waehrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten,
+versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den
+Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit
+nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller
+Arbeit zu dumm und aus dem This koenne nie etwas werden. Weil er nun
+gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er
+auch von der Frau des Haelmli-Sepp demgemaess behandelt. Wenn schon die
+eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es
+meistens, dass fuer den This gar nichts mehr uebrigblieb und es dann hiess:
+"Du wirst wohl etwas finden, du bist gross genug." Wie der This
+eigentlich ernaehrt wurde, wusste niemand, auch die Frau des Haelmli-Sepp
+nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.
+
+Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen
+Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tuer
+vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in
+seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich
+wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer
+scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.
+
+
+
+2. Kapitel
+
+Bei der Schwemmebachsennhuette
+
+
+An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle
+Muecken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hueterbuben und--maedchen.
+Sie mussten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp,
+von allen der Groesste, war der Leiter der Versammlung. Und als alle
+nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, dass man jetzt zur
+Schwemmebachsennhuette hinaufgehe, denn heute sei der Kaesfischtag. Nun
+muesse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kuehe
+hueten solle, waehrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wuerden.
+Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust,
+sich fuer die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue
+Uli auf den Gedanken, man koennte einmal den dummen This zwingen, auf
+die Kuehe acht zu geben. Und damit er's nicht vergesse, koennte man ihn
+im voraus ein wenig durchpruegeln. Der Vorschlag fand Anklang, und
+schon wollten mehrere von den Anfuehrern der Schar den This holen, als
+das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts
+Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den
+Lohn dafuer, wenn wir wieder zurueckkommen und die Kuehe sich verlaufen
+haben. Ihr werdet doch nicht glauben, dass der This, wenn er zu dumm
+ist, zwei Kuehe zu hueten, auf einmal zwanzig hueten kann. Man muss losen,
+und drei muessen bei den Kuehen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis
+Erklaerung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus
+der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet
+der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der
+siegreichen Schar den Ruecken und setzte sich auf den Boden neben seine
+beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stuerzte nun
+die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuss
+entgegen.
+
+Der Kaesfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die
+es nie unterliessen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen
+sollte. Denn das war ein Hauptfest fuer sie. Das war der Tag, an dem
+der Franz Anton seine frischen Kaese rundum beschnitt, nachdem diese
+als weiche Masse in die runde, hoelzerne Form gepresst worden waren.
+Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von
+der Masse herausdraengte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie
+eine lange, schneeweisse Wurst. Die wurde dann in viele Stuecke
+gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt.
+Das waren dann die sogenannten Kaesfische. Dieses Fest wiederholte
+sich den Sommer ueber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem
+Freudengeschrei begruesst.
+
+This hatte sich hinter dem grossen Distelbusch am Boden versteckt
+gehalten, waehrend die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton
+von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hoerte,
+dass die grosse Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig
+hervor. Die drei grollenden Zurueckgebliebenen sassen am Boden und
+kehrten ihm den Ruecken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stueck
+die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der
+Hoehe hernieder. Den This erfasste ein unwiderstehliches Verlangen,
+auch an der Kaesfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schluepfte er
+hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er
+hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem
+letzten steilen Hang kam eine kleine, glaenzend gruene Hochebene, da
+stand die Sennhuette. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der
+klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tuer seiner Huette stand der
+Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte ueber
+die vielen Spruenge, die jetzt die Buben und Maedchen in ihrem Eifer, zu
+dem ersehnten Genuss zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt
+waren sie alle bei der Huette und eines draengte das andere vorwaerts, um
+noch naeher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wuerde.
+
+"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton. "Wenn ihr alle in
+die Huette hineindraengt, so habe ich keinen Platz mehr zum
+Kaeseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes
+Messer zur Hand und trat an den grossen, runden Kaese heran, den er
+schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden
+ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweissen
+Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stueck und da ein
+Stueck, oft ueber die Koepfe der Grossen weg den Kleinen, die nicht zu ihm
+vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner
+Teilung.
+
+This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen
+wollte, so bekam er da einen Stoss und dort einen und flog so von einer
+Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer
+wieder ein Groesserer und Dickerer sich vor ihn draengte. Zuletzt bekam
+er einen so ungeheuren Stoss von dem breiten, nach allen Seiten
+schlagenden Jopp, dass er sich fast ueberschlagen haette. Die Teilung
+war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, dass er zu keinem
+Stueckchen Kaesfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine
+Schlaege mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die
+jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den
+Baeumchen. Auf der hoechsten Krone des einen sass ein lustiger, kleiner
+Vogel und pfiff so froehlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als
+gaebe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und
+Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, dass er fast das
+Leid vergass, das ihm eben geschehen war.
+
+Von Zeit zu Zeit musste er nach der Sennhuette hinueberschauen, denn das
+Laermen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stueck Kaesfisch
+wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie
+jedes Kind mit einem groesseren oder kleineren Brocken der schoenen,
+weissen Masse dastand und mit Wonne hineinbiss. Er seufzte dann ein
+wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges
+Stuecklein bekaeme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weissen
+Kaesfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie
+heute in die Schar der Gluecklichen einzudringen. Jetzt hatte er
+gesehen, dass es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut
+zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlussgedanken, dass er
+sein Leben lang nie einen Kaesfisch bekommen werde. Darueber wurde er
+so traurig, dass er nicht einmal den Vogel mehr hoerte und ganz
+zusammengeduckt unter den Tannenbaeumen sass.
+
+Jetzt war das Gastmahl bei der Huette zu Ende und mit schrecklichem
+Laerm stuerzten die Kinder daher, womoeglich immer einer ueber den anderen
+hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall
+brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der
+laermende Hans, und laut schrie er in das Gebuesch hinein: "Du Maulwurf,
+komm heraus, du musst mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen
+hatte. Er musste sich als Bock hinstellen, damit die anderen ueber ihn
+springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er waere
+viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wusste wohl,
+was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er
+gehorsam heran. "Wie viele Kaesfische hast du bekommen?" schrie ihn
+jetzt der Hans an.
+
+"Keinen", gab This zurueck. "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans
+noch lauter in die Schar hinein, "der laeuft schnell zu den Kaesfischen,
+und dann laeuft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer
+This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die grossen
+Buben ueber den Kopf weg, so dass er genug zu tun hatte, nur immer
+wieder auf die Fuesse zu kommen, wenn er umgeworfen worden war.
+Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestuerzter die Abhaenge
+hinunter, bis ein gluecklicher Zufall sie wieder alle auf die Fuesse
+brachte. Nach dieser stuermischen Niederfahrt unten angekommen, liefen
+gleich alle auseinander, jeder seinen Kuehen nach.
+
+Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn
+jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den
+Zurueckgebliebenen, weit er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem
+Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben
+und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im
+Berghang, wo im Fruehling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und
+den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und
+ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schoene, dunkelrote
+Erdbeeren in der Sonne, die so schoen warm in die Vertiefung schien.
+Aber dem This war es ueberall angst und bang, wenn er noch in der Naehe
+der Haeuser und der Hueterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden
+Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der
+This zuckte scheu und aengstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer
+dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch
+einmal an das stille Plaetzchen unter den kleinen Tannenbaeumchen dort
+oben und an das pfeifende Voegelein, so dass es ihn mit Gewalt vom Boden
+zog. Er musste noch einmal dorthin.
+
+Mit allen Kraeften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht
+einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die
+Tannenbaeumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein
+Tannenversteck ein wenig offen. Da sass nun der This in voelliger
+Sicherheit. Ringsum war eine grosse Stille, kein Ton drang von unten
+her bis hier auf die einsame Hoehe, nur das Voegelein sass noch auf
+seinem Tannenast und pfiff sein froehliches Lied. Die Sonne wollte
+untergehen. Die hohen Schneeberge drueben fingen zu flimmern und zu
+gluehen an, und ueber die ganze gruene Alm hin lag das golden schimmernde
+Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie
+gekanntes Wohlsein kam ueber ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und
+Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fuerchten, denn weit und
+breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hoeren.
+
+So sass der This eine lange Zeit, und am liebsten waere er gar nicht
+mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben
+gewesen. Aber da hoerte er schwere Tritte hinter sich von der Huette
+her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiss
+wollte er zum Bach hinueber, um Wasser zu holen. This verhielt sich
+maeuschenstill. Denn er war so daran gewoehnt, dass er von jedermann
+angefahren oder ausgelacht wurde, dass er dachte, der Senn werde es
+gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die
+Baeumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton
+wurde aufmerksam, trat naeher und guckte in den Tannenbusch hinein.
+
+"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht.
+
+"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.
+
+"Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fuerchten, wenn du nichts
+Boeses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa
+mit deinen Kaesfischen da hineingefluechtet, dass du sie in Ruhe
+verzehren kannst?"
+
+"Nein, ich habe keine Kaesfische gehabt", sagte This aengstlich.
+
+"Nicht? Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie
+sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem
+Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem
+Menschen.
+
+"Sie haben mich auf die Seite gestossen", erwiderte er nun und stand
+hinter den buschigen Zweigen auf.
+
+"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort,
+"komm noch ein wenig naeher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn
+sie dich wegstossen? Es stoesst ja immer einer den anderen, aber zuletzt
+kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?"
+
+"Sie sind staerker", sagte der This so ueberzeugend, dass diese Erklaerung
+wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den
+Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, grossen Franz Anton wie
+ein duennes Stoecklein vor einer hohen Tanne. Der kraeftige Mann
+betrachtete einen Augenblick das schmale Figuerchen, an dem tatsaechlich
+fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht
+schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.
+
+"Wem gehoerst du?" fragte er jetzt den Buben.
+
+"Niemand", gab This zur Antwort.
+
+"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?"
+
+"Beim Haelmli-Sepp."
+
+Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. "Ach so, bist du der!"
+sagte er verstaendnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar
+nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehoert, ihn aber nicht
+gekannt.
+
+"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig. "Wenn du beim Haelmli-Sepp
+bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Haelmlein.
+Komm, Kaesfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes."
+
+Der This wusste gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz
+Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und
+das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Huette, holte
+hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein grosses
+Stueck ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfass, das goldig glaenzend
+in der Ecke stand, und holte ein grosses Stueck Butter heraus. Das
+strich er ueber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stueck mit
+der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte
+der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es
+nicht moeglich, dass es ihm gehoere.
+
+"Komm heraus. Iss es vor der Huette, ich muss nun zum Wasser", sagte
+Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glueck und
+Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte.
+Vor der Huette setzte er sich auf den Boden. Und waehrend der Senn zum
+Schwemmebach hinueberging, biss er in sein Butterbrot hinein und biss
+immer wieder und konnte nicht begreifen, dass es etwas so Gutes gaebe
+und er es bekommen haette.
+
+Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und
+wiegte unten die Tannenbaeumchen hin und her, und der kleine Vogel sass
+immer noch auf dem hoechsten Zweig und sang hell und froehlich in den
+goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie
+gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er muesse laut mit dem Vogel zu
+singen anfangen.
+
+Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her
+gegangen. Drueben beim Schwemmebach war er immer eine Weile
+stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr
+rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gross und golden der volle Mond
+hinter dem weissen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Huette
+zurueck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle
+sass.
+
+"So gefaellt's dir hier?" fragte er freundlich. "Mit dem Abendessen
+bist du fertig, wie ich sehe. Du musst dich auf den Rueckweg machen.
+Sieh, wie schoen dir der Mond heimleuchtet!"
+
+Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel
+ihm ein, dass es wohl noetig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem
+Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den
+Tannenbaeumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurueck. Er schaute noch
+einmal zurueck, und da der Senn in die Huette getreten war und ihn nicht
+mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz
+Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Guete
+und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen
+Eindruck gemacht, dass er nicht fort konnte. Er musste noch ein wenig
+in der Naehe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen
+unter den Baeumchen und spaehte zu der Huette hinauf, ob er den Senn
+nicht noch einmal saehe. Es dauerte einige Zeit, da ploetzlich trat
+Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Huette heraus.
+
+Er blieb vor der Tuer stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die
+stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ueber alle hohen Schneegipfel hin das
+milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt
+der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen
+Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Haende. Er hielt wohl still
+seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht
+geb euch Gott!" trat in die Huette zurueck und machte die Tuer zu. Sein
+Nachtgruss hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum
+und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller
+Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fuehlte Liebe und
+Bewunderung fuer den Senn, Gefuehle, die er bisher nicht gekannt hatte.
+
+Als es nun ganz dunkel und still in der Huette wurde, stand der This
+auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.
+
+Es war spaet und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich,
+die Tuer war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Haeuschen und
+schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser
+schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es
+ist bequem, dass der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden.
+So hat man doch Platz!"
+
+This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er
+immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit
+gefalteten Haenden vor seiner Huette stand. Zum erstenmal in seinem
+Leben schlief der This mit einem gluecklichen Herzen ein.
+
+
+
+3. Kapitel
+
+Ein hilfreicher Engel
+
+
+Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten,
+mussten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges
+gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr
+Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze
+Schar den Berghang herunter, und bald sassen sie alle mit anderen
+Kindern so ruhig wie moeglich auf den langen Baenken, und der Herr
+Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von
+einem zukuenftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den
+This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas
+fragen, das wirst du wohl beantworten koennen, wenn man dir auch nicht
+viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Aermsten
+und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefuehrt hat, so
+wohl werden, dass er kein Leid verspuert?"
+
+"Bei der Schwemmebachsennhuette", antwortete der This ohne Zoegern.
+Jetzt entstand ein solches Kichern, dass der This ganz scheu um sich
+schaute. Ringsum waren spoettische Blicke auf ihn gerichtet, und alle
+Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich
+so stark vornueber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem,
+was der Herr Pfarrer das letztemal erklaerte, hatte er nichts gehoert,
+weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren musste. Jetzt hatte
+er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet,
+
+Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, dass es dem
+This gar nicht zum Lachen war, sondern dass er vor Scheu ganz
+erschrocken und zusammengeduckt dasass, da schuettelte der Herr Pfarrer
+nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu
+machen."
+
+Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stuerzte die ganze Schar
+hinter dem This her, alle lachten ueberlaut und schrien durcheinander:
+"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Kaesfische in den Sinn
+gekommen?"
+
+"This, warum hast du nicht auch etwas von den Kaesfischen gesagt?" Der
+This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem
+Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben
+wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den
+schoenen Sonntagabend unten im Dorf geniessen.
+
+Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt
+einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhuette
+hinauffluechten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen.
+Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plaetzchen sitzen und
+vor Verfolgung sicher sein. Nun sass er wieder unter den Tannen und
+ueber ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der
+Sonne, und ueber den gruenen Haengen floss da und dort ein klares Baechlein
+friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, dass er allen
+Spott vergass und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr
+weggehen zu muessen.
+
+Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er
+bestaendig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie moeglich
+nieder. Denn er hatte das Gefuehl, wenn der Franz Anton ihn wieder
+hier sehe, so koennte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein
+Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und
+einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und
+in dessen Naehe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst
+nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und
+This sass an seinem schoenen Plaetzchen, bis die Sterne am Himmel standen
+und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Huette hinaustrat und
+ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder
+davon, und spaet wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht
+hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber
+das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefuehlt
+dort oben.
+
+So ging es eine ganze Woche. Tag fuer Tag, sobald er einen Augenblick
+fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm
+hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete
+er die ganze Taetigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und
+nie verliess er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton
+gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als
+sei der Nachtsegen auch fuer ihn gedacht.
+
+Es waren ausnahmsweise heisse Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg
+jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend
+niedergegangen war. Das Futter war besonders kraeftig, und Franz Anton
+bekam so schoene, fette Milch von den Alpenkuehen, dass er die
+praechtigsten Kaese daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude,
+und schon fruehmorgens konnte man ihn voller Vergnuegen in seiner
+Sennhuette pfeifen hoeren, so auch am Samstag dieser Woche. Da hoerte
+man ihn noch viel frueher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem
+der Senn seine drei oder vier fertigen Kaese an den See hinunterbrachte.
+Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie
+auf seinem Ruecken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwaerts,
+den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Ruecken. Es
+war der heisseste Tag des ganzen Sommers.
+
+Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die uebermaessige
+Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute
+abend wieder zu meiner Huette hinauf in die kuehle Luft zu kommen, hier
+unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt,
+gerade als das Schiff herankam, das die Kaese mitnehmen sollte. Bald
+war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschluessig
+da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten
+etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fuehlte keinen Appetit, sein Kopf
+war schwer und heiss, er wuenschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn
+jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim
+Einladen geholfen hatte. "Komm, Franz Anton, heute ist's heiss, wir
+wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn
+zu dem Wirtshaus.
+
+Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im
+Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber
+stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in
+der schweren, heissen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht
+an den Wein gewoehnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit grossen
+Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in
+seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiss auf
+seinen Kopf, alle seine Pulse haemmerten, die Fuesse wurden ihm so schwer,
+dass er sie nur mit Muehe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je
+groesser wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der
+Aussicht an, dass nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt
+nur noch eine Viertelstunde heisser Muehe vor ihm liege. Dann wuerde er
+oben sein und koenne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.
+
+Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne
+brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Ploetzlich wurde es ihm voellig
+schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stuerzte er auf den
+Boden nieder. Er hatte das Bewusstsein verloren.
+
+Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er,
+dass der Franz Anton noch nicht zurueckgekehrt war. Er stellte seine
+Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem
+Senn auszuschauen.
+
+Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz
+Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte
+er an seinem verborgenen Plaetzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt,
+den der Senn tat. Er wusste, wie eine Beschaeftigung auf die andere
+folgte, so dass er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der
+Franz Anton seine Milch stehen liess. Sonst goss er sie immer gleich in
+die verschiedenen Gefaesse. Die eine kam zum Buttern in die grossen,
+runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schoen dick obenauf
+lag. Die andere wurde in den Kaesekessel gegossen, das hatte der This
+durch die offene Huettentuer alles genau beobachten koennen. Der Senn
+kam immer noch nicht. Der Junge fuehlte, dass irgend etwas geschehen
+sein musste. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging
+zur Sennhuette. Da war es still und leer unten im Huettenraum und oben
+auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut
+war zu hoeren, alles wie ausgestorben. Aengstlich lief der This
+jetzt um die Huette herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann
+in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten
+erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da
+lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stoehnte und lechzte wie
+ein Sterbender. Er sah gluehend heiss aus, und seine Lippen waren ganz
+vertrocknet.
+
+Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor
+Schrecken, auf seinen Wohltaeter. Dann stuerzte er in schnellem Lauf
+den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewusstlos am
+Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt
+an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem
+brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich buecken
+und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er fuer einen Augenblick,
+denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.
+
+Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht ruehren.
+Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das
+Bewusstsein wieder, und er traeumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er
+heute frueh im Voruebergehen noch die schoenen Erdbeeren gesehen hatte.
+Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die
+Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber
+jetzt hatte er ploetzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte
+sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der
+Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schluerfte und
+schluckte, es war ein unsaegliches Labsal. Er erwachte. War das alles
+Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und
+steckte ihm wieder eine grosse saftige Erdbeere in den Mund.
+
+"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton. Aber
+nicht nur eine, fuenf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf
+einmal flog ein stechender Schmerz ueber sein Gesicht. Er legte die
+Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war
+ihm das Bewusstsein wieder voellig entschwunden. Er konnte nicht einmal
+mehr die letzte Erdbeere geniessen. Jetzt traeumte er ganz schreckliche
+Dinge. Sein Kopf wurde so gross wie sein allergroesstes Butterfass und
+dann immer noch groesser und so furchtbar schwer, dass er mit Schrecken
+dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man muss starke,
+hoelzerne Stuetzen unterstellen, wie unter die Apfelbaeume, wenn sie
+zuviel Aepfel tragen." Und jetzt fuehlte er deutlich, dass der Kopf ganz
+voll Schiesspulver war, das hatte einer von hinten angezuendet. Nun
+brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich musste alles
+zerspringen. Aber dann kam ploetzlich ganz kalt und belebend der
+Schwemmebach ueber seine Stirn, ueber das ganze Gesicht und in den Mund
+hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.
+
+Es war wahr, eiskalt kam ein Guss nach dem anderen auf Stirn und
+Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den
+kuehlenden Trank ein. Ueber ihm standen die funkelnden Sterne, das
+sah der Franz Anton deutlich. Er wusste auch, dass er noch am Boden lag
+draussen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der
+Schwemmebach sein, was so ueber ihn floss und ihn so ordentlich trinken
+liess. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend,
+so erloesend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer.
+Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich
+dir fuer deine Guete und die hilfreichen Engel!"
+
+Das erquickende Wasserbad hoerte nicht auf, und zuletzt fuehlte der
+Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schuetzend und
+wohltuend, dass er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt
+schlief er jetzt ganz sanft ein und traeumte nicht mehr.
+
+
+
+4. Kapitel
+
+Was die Sennenmutter haben will
+
+
+Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz
+Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er
+schauderte ein wenig zusammen, es froestelte ihn. Er wollte sich
+aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand
+an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht.
+Wohl sechsfach zusammengelegt lag nass und schwer das grosse Handtuch
+aus der Sennhuette auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der
+frische Morgenwind ueber die Stirn blies, fuehlte er sich so wohlig und
+erleichtert, dass er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da
+sah er auf einmal in zwei grosse, ernsthafte Augen hinein, die
+unverwandt auf ihn gerichtet waren.
+
+"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frueh auf
+die Alm? Nun, weil du da bist, komm, dass ich mich ein wenig auf deine
+Schulter stuetzen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf."
+
+Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er
+stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fuesse in den Boden hinein, so dass
+der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte.
+Waehrend des langsamen Aufstiegs zur Huette, als er sich immer noch auf
+die Schulter des Buben stuetzte, fing er an, sich daran zu erinnern,
+was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgaenge der
+Nacht voellig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur
+helfen. In der Huette angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner
+dreibeinigen Stuehle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz
+dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir
+wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt
+noch nicht machen. Ein Schuesselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist
+es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es
+regelmaessig dort hinauf. Ich weiss nicht, was mit mir vorgeht seit
+gestern."
+
+Der This war feuerrot geworden, er wusste wohl, wer das Schuesselchen
+heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am
+Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides
+dem Senn. Dieser schuettelte ganz betroffen den Kopf. Solange er
+lebte, hatte er noch nie sein Schuesselchen dort bei der Tuer auf den
+Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine
+Milch, fuellte dann das Schuesselchen wieder und sagte: "Da, This, trink
+auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, dass du so frueh hinauf
+kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Kaesfischtag und du seist dann
+sicher der erste?"
+
+"Nein, gewiss nicht", versicherte This.
+
+"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal
+unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder
+zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. "Sag mir, This, habe ich
+denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frueh
+heraufkamst?"
+
+Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn
+alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht
+recht, und er koennte boese werden. Aber der Franz Anton schaute ihm
+jetzt so tief in die Augen, dass er alles sagen musste: "Ich habe es
+selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an.
+
+"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert.
+
+"Weil sie so heiss waren", erwiderte This.
+
+Der Senn staunte immer mehr. "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang
+erwacht", sagte er. "Wann bist du denn heraufgekommen?"
+
+"Gestern um fuenf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam,
+"der Melker kam erst lange nachher."
+
+"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn
+gewollt und gemacht?"
+
+Jetzt sah der Franz Anton, dass dem This ganz bange wurde, ihm selber
+aber fielen nun wieder die Vorgaenge der letzten Nacht ein. Ganz
+vaeterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd:
+"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fuerchten, This. Da, trink noch
+eins aus, und dann sag mir alles, was du weisst, von da an, als du hier
+heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fasste der This neuen
+Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zuegen aus, denn sie schmeckte
+herrlich.
+
+Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier
+herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Kaesfische.
+Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie
+nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden
+gefunden, und Sie sind ganz rot und heiss gewesen und haben Durst
+gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe
+alle grossen Erdbeeren gepflueckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen
+gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf
+den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Huette
+das Schuesselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach
+habe ich ihn gefuellt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schuesselchen das
+Wasser ueber den Kopf geschuettet und auch zu trinken gegeben, denn sie
+haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin
+ich zum Bach hinueber und habe ihn wieder gefuellt. Aber weil das
+Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes
+Tuch wurde den Kopf besser kuehlen. Und so habe ich das Tuch aus der
+Huette geholt und es ganz nass auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann
+trocken und heiss wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und
+es dann wieder nass auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann
+erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht
+etwa krank werden."
+
+Der Senn hatte mit grosser Aufmerksamkeit zugehoert. Jetzt stand alles
+deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wusste auch
+wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren
+als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespuert und
+genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und
+verwundert an, als haette er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen
+solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn moeglich, dass
+dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben
+gerettet hatte.
+
+Haette der This sein Fieber nicht mit dem Wasser geloescht, wer weiss,
+was bis zum Morgen daraus geworden waere! Und wie konnte dieser This,
+dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung
+faehig sein, dass er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn
+pflegte! Dem grossen, starken Franz Anton kamen die Traenen in die
+Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles
+ueberdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir
+wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das
+vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die
+Glieder so, dass ich mich jetzt niederlegen muss. Geh du nun hinunter
+zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir
+nicht ganz wohl. Du musst dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe
+noch viel mit dir zu reden heute, vergiss es nicht!"
+
+Solange er lebte, war der This noch nie so gluecklich gewesen. Er lief
+springend den Berg hinunter, als koenne er nicht hoch genug aufspringen
+vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen,
+und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in
+die Sennhuette eintreten. Ausserdem hatte der Franz Anton ihm noch
+gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser
+Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der
+Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Haeuschen
+mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im
+Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der
+Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen,
+denn er war ganz atemlos vom Laufen.
+
+"Woher kommst denn du?" fragte die sonntaeglich gekleidete Frau, die
+nicht gern etwas Unordentliches sah. Missbilligend musterte sie den
+Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntaeglichen Anblick
+in seinen zerfetzten Alltagshoeschen und dem schmutzigen Hemdlein.
+"Ich meine, ich habe dich schon dort drueben ueber dem Bach gesehen, du
+bist wohl einer vom Haelmli-Sepp?"
+
+"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demuetig.
+
+Jetzt fiel der Frau ein, dass die Frau des Haelmli-Sepp einen
+einfaeltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts
+zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. "Und was willst du
+denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert.
+
+Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag
+klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der
+kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und dass er nach ihr schickte
+und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes
+Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in grosser
+Sorge das Noetigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem grossen
+Korb am Arm heraus.
+
+"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn. Warum musst du
+wieder mit?"
+
+"Ich weiss nicht", antwortete er. Und fast als waere es etwas Boeses,
+setzte er leise hinzu: "Muss ich nicht den Korb tragen?"
+
+"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran
+gedacht, dass ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb.
+Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief
+in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer
+Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die
+Krankheit gefaehrlich sein? Ihre Angst wurde immer groesser, je naeher
+sie der Sennhuette kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige
+Schritte--der bekuemmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast
+nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie
+schaute ueberall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn
+tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem
+Herzen stieg sie die Leiter hinauf.
+
+Der This blieb ehrerbietig draussen vor der Tuer stehen, nur den Korb
+schob er in die Huette hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll
+ueber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte
+ihr froehlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter:
+"Gruess dich Gott, Mutter! Das freut mich, dass du da bist. Ich habe
+aber geschlafen wie ein Baer, die ganze Zeit, seit der This fortging."
+Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie
+wusste gar nicht, was sie denken sollte. "Franz Anton", sagte sie
+jetzt ernsthaft, "was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weisst du,
+dass du mich hast holen lassen?"
+
+"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz
+bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir
+noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir
+reden. Ich fuehl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kaeme noch
+nicht weit."
+
+"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir's doch",
+draengte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.
+
+"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen",
+sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. "Sieh einmal
+zuerst dort unten das schmale, magere Bueblein an, das kein gutes Stueck
+Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder
+nur den dummen This nennt."
+
+Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn
+hinaufspaehte, ob er etwa wieder umfallen wolle.
+
+"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt.
+
+"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Bueblein nicht
+gewesen waere, so laege ich jetzt noch draussen auf dem Boden in einem
+toedlichen Fieber, oder vielleicht waere es auch schon vorbei mit mir."
+Und jetzt erzaehlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag
+zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen
+und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch
+auf der Welt es nicht besser haette tun koennen.
+
+Die Mutter musste sich mehrmals die Traenen abwischen. Sie stellte sich
+vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da
+draussen gelegen haette und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden
+waere, und kein Mensch haette etwas von ihm gewusst. Und jetzt stieg ein
+Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, dass sie laut ausrufen musste:
+"Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche
+Liebe zu dem armen This ueberkam sie, dass sie ganz eifrig sagte: "Franz
+Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Haelmli-Sepp zurueck!
+Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat
+sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen
+mache ich ihm ein Gewand, dass man ihn ansehen darf. Er muss es nicht
+schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir
+geholfen hat."
+
+"Das ist nun gerade, was ich wuenschte, Mutter, aber ich musste doch
+zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben
+und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein koennte. Es geht
+nichts ueber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller
+Glueck und Liebe an, dass es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich
+dachte: Es geht auch nichts ueber einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte
+sie: "Jetzt musst du etwas essen, Franz Anton, dass du wieder zu Kraeften
+kommst. Ich habe frische Eier und ein Weissbrot mitgenommen, und jetzt
+will ich Feuer machen, lass dir Zeit zum Herunterkommen." Das musste der
+Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging.
+Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er
+sich selbst niedergesetzt hatte.
+
+"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend,
+"willst du ein Senn werden?"
+
+Der This fing an zu laecheln, aber dann hoerte er ploetzlich die
+vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen
+hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts".
+Und schuechtern antwortete er. "Ich kann nichts werden."
+
+"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit.
+"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun
+bleibst du bei mir und traegst Milch und Wasser und hilfst mir bei
+allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Kaese macht und sobald
+du gross genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein
+Gehilfe."
+
+"Hier in der Schwemmebachsennhuette?" fragte This, dem die Aussicht auf
+diese Glueckseligkeit ganz unfassbar war.
+
+"Alles hier, in der Schwemmebachsennhuette", bestaetigte der Franz Anton.
+
+Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden
+Gluecks, dass der Senn ihn nur ansehen musste. Der Bub war wie
+verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den grossen
+Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie
+streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir
+miteinander froehlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen
+wir dem lieben Gott dafuer danken, dass er dich gerade zur rechten Zeit
+in die Naehe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch
+begreift, warum du da heraufgekommen bist."
+
+Jetzt begann das froehliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben
+hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen.
+Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weissbrot hingelegt
+und daneben Butter und weissen Kaese. Und mitten auf dem Tisch stand
+eine grosse Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die
+Mutter grosse, dicke Stuecke vor den This hin, und wenn er fertig war,
+gab es gleich noch einmal so viel.
+
+Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie:
+"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muss bei dir oben
+bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es
+noetig ist. Der Frau des Haelmli-Sepp will ich schon alles berichten."
+
+Das war dem Sennen recht, und fuer den This war es das hoechste Glueck,
+das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton.
+Nicht mehr verborgen unter den Tannenbaeumchen hoerte er heute den
+Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als
+dieser seine Haende faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den
+Abendsegen." Andaechtig faltete auch er seine Haende, und als am Schluss
+der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glueck im
+Herzen des This so gross, dass er gern ueberlaut allen Menschen auf der
+ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!'
+
+Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinueber zu der Frau des
+Haelmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und
+gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzaehlten.
+Die Sennin hoerte, dass von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der
+Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Haelmli-Sepp erklaerte,
+dass sie mit ihrem Sohn uebereingekommen sei, sie wollten den This bei
+sich annehmen, da machte die Frau einen grossen Laerm. Sie sagte, sie
+sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fuer
+den Senn eine groessere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien
+alle aus vollen Haelsen: "Mich! Mich! Mich!" Denn sie wussten wohl,
+wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhuette fuer gute
+Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.
+
+Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn
+schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen
+This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das
+Haenseln und Verspotten unterlassen, sonst haetten sie es mit ihrem Sohn
+zu tun. Der rede dann mit seinen kraeftigen Armen eine deutlichere
+Sprache mit den Buben, als sie es jetzt koennte. Dann verliess die
+Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verbluefft nachschauten,
+und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This waere,
+der wird's gut haben, wie ein Koenig wird er da oben in seiner
+Sennhuette leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen liess,
+liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund
+sein. Denn sie mussten alle an den letzten Kaesfischtag denken, als der
+This so uebel behandelt worden war. Von nun an wuerde er ja gewiss alle
+Kaesfische allein bekommen, da waere doch jeder gut daran, der sein
+Freund waere. Und spaeter waren sie auch alle gut daran, denn dem This
+machte es die groesste Freude, die reiche Ernte der Kaesfische unter
+allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darueber
+wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie
+mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte
+sich zur Ueberraschung aller, dass er auf einmal ein ganz flinkes,
+geschicktes Buerschchen war, von dem jeder sagen musste: "Entweder ist
+das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den
+dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit,
+sein liebster Schueler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei
+allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die
+anderen Buben koennten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird,
+von Johanna Spyri.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
+
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+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
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+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
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+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
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+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05
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+91 or 90
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+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
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+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
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+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
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+ 3000 2001 November
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+The Project Gutenberg EBook of Vom This, der doch etwas wird, by Johanna Spyri
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+Title: Vom This, der doch etwas wird
+
+Author: Johanna Spyri
+
+Release Date: February, 2006 [EBook #9859]
+[This file was first posted on October 25, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
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+E-text prepared by Delphine Lettau
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+
+
+
+
+Vom This, der doch etwas wird
+
+Erzaehlung
+
+Johanna Spyri
+
+
+
+
+
+
+
+1. Kapitel
+
+Alle gegen einen
+
+
+Wenn man den Seelisberg von der Rueckseite her besteigt, kommt man auf
+eine frische, gruene Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die
+friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem
+schoenen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenaehrten Kuehe
+ziehen lieblich laeutend immer hin und her. Denn jede traegt am Hals
+ihre Glocke, damit man immer hoert, wo sie ist. So kann sich keine Kuh
+unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Straeuchern bedeckte Felswand
+liegt, ueber die sie hinunterstuerzen koennte. Es ist ausserdem ein
+ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben koennen. Aber die
+Glocken sind doch notwendig und toenen so freundlich hin und her, dass
+keiner sie entbehren moechte. Am Bergabhang stehen hie und da
+vereinzelt die kleinen, hoelzernen Haeuser, und nicht selten rauscht
+daneben ein schaeumender Bach ins Tal hinab. 'Am Berghang' heisst es
+hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Haeuschen steht auf
+ebenem Boden. Es ist, als waeren sie irgendwie an den Berg hingeworfen
+worden und da haengengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da
+oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie
+alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der
+kleinen, hoelzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt
+in ihre Naehe, so sieht man, dass ein grosser Unterschied zwischen ihnen
+ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Naehe ganz
+verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen
+ihnen stuerzt der groesste Bergbach der Gegend, der schaeumende
+Schwemmebach, hinunter.
+
+Am ersten Haeuschen blieben auch an den schoensten Sommertagen alle die
+kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die
+hineindrang, kam durch die Loecher der zerbrochenen Scheiben. Das war
+aber nicht viel, denn die Loecher waren wieder mit Papier verklebt,
+damit man im Winter drinnen nicht frieren musste. An dem hoelzernen
+Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war
+so zerfallen, dass es ein Wunder war, dass alle die kleinen Kinder, die
+da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie
+hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder
+waren alle mit Schmutz ueberdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen
+Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ueber da
+herum, und am Abend kamen vier groessere Kinder dazu. Drei kraeftige
+Buben und ein Maedchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich
+aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie
+konnten sich doch schon selbst waschen.
+
+Das Haeuschen ueber dem Bach drueben hatte einen ganz anderen Charakter.
+Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeraeumt
+aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drueben. Die
+Stufen sahen immer so aus, als waeren sie eben gescheuert worden. Und
+oben auf der Galerie standen drei schoene Nelkenstoecke und dufteten den
+ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen
+Fenstern stand offen und liess die schoene, sonnige Bergluft herein.
+Dort konnte man meistens eine noch kraeftig aussehende Frau sitzen
+sehen, mit schoenem, weissem Haar, das sie sehr ordentlich unter das
+schwarze Haeubchen zurueckgestrichen hatte. Sie flickte gewoehnlich an
+einem Maennerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber
+gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so
+adrett und reinlich aus, als waere noch nie etwas Unsauberes an sie
+herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des
+froehlichen Franz Anton mit den kraeftigen Armen. Der machte den Sommer
+ueber in der oberen Sennhuette seine Kaese, und erst im Spaetherbst zog er
+wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn
+dann butterte er in der unteren Sennhuette, die ganz nahe lag. Da ueber
+den reissenden Schwemmebach kein Steg fuehrte, waren die zwei Haeuschen
+ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg
+wohnten, besser, als diese Nachbarn ueber dem Bach, zu denen sie nur
+etwa einmal am Tag stumm hinueberschaute. Gewoehnlich schuettelte sie
+dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter
+und schmutzigen Fetzen drueben an den Kindern sah. Sie schaute aber
+nicht oft hinueber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber
+betrachtete sie, wenn das Feierabendstuendchen kam, ihre roten Nelken
+auf der Galerie oder sie schaute ueber den gruenen, sonnigen Abhang
+hinunter, der vor ihrem Haeuschen zum Tal hinabstieg.
+
+Die verwilderten Kinder ueber dem Bach gehoerten dem Haelmli-Sepp, wie er
+genannt wurde, der seine Arbeit ausser Haus beim Holzfaellen oder
+Heumachen suchte. Ausserdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So
+war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die
+Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele
+kleine Kinder koenne man nicht in Ordnung halten, und spaeter wuerde es
+dann von selbst besser. So liess sie alles gehn, wie es ging. Und in
+der schoenen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und
+liessen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl
+sein. Zur Sommerzeit waren die vier Groesseren den ganzen Tag draussen,
+um die Kuehe zu hueten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen,
+wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten
+bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kuehe auf das
+umliegende Weideland hinaus und mussten sie hueten lassen. Das ist
+immer eine lustige Zeit fuer die Buben und Maedchen, die sich dort zu
+jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei froehliche Sachen
+miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten
+im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere
+Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer
+ueber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstueck nach Hause,
+das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier
+Kleinen zu ernaehren und fuer alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn
+diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein musste doch jedes haben
+und die vier Grossen noch ein Stueck dazu. Eine Kuh hatte der
+Haelmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besassen,
+wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.
+
+Haelmli-Sepp hiess der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum
+nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine
+Geiss und ein Stueck Kartoffelland, damit musste die Frau mit den vier
+Kleinen den Sommer ueber auskommen und auch hier und da noch eines der
+Groesseren speisen, wenn es draussen keine Arbeit fand. Der Vater kam im
+Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein
+Haeuschen und Acker waren so verschuldet, dass er das ganze Jahr ueber
+etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten
+konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel
+er fand.
+
+So musste die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte
+keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von
+der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der
+verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten,
+schaute sie ueber den Bach zu dem schmucken Haeuschen der Sennerin
+hinueber, dessen Scheiben in der Sonne glaenzten. Dann sagte sie
+aergerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles
+sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging
+sie wieder aergerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurueck, und an dem,
+der ihr zuerst in den Weg kam, liess sie den Aerger aus.
+
+Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht
+ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Haeuschen vom
+Haelmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der
+dumme This' genannt, sah so mager und duerftig aus, dass man ihn kaum
+fuer achtjaehrig gehalten haette. Er schaute auch so scheu und
+verschuechtert drein, dass niemand wusste, wie der This eigentlich aussah,
+denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach.
+This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum
+zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel spaeter ueber die Felsen
+in die Tiefe gestuerzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam
+und den Weg abkuerzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte
+nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem
+grossen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This
+hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend,
+eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen
+Matthis genannt.
+
+Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Haeuschen vom
+Haelmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstaette mit seinem Bueblein
+gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben
+Ort. Das wenige Geld, das fuer den kleinen This von der Gemeinde
+bezahlt wurde, war der Frau des Haelmli-Sepp sehr erwuenscht. Und in
+die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fuer die
+schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This
+war schon von Natur aus ein schuechternes und stilles Bueblein gewesen.
+Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das grosse Unglueck
+gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem
+Unglueck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.
+
+So sass der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein
+Wort zu hoeren, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann
+seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des
+Haelmli-Sepp gehoerte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde
+von jedem angefahren und hin und her gestossen, weil er sich nie wehrte.
+Zu all den Pueffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen
+dann noch die boesen Worte der Frau, wenn sie den Aerger ueber das
+saubere Haeuschen der Sennerin drueben hatte. Der This wehrte sich aber
+nie, denn er hatte das Gefuehl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so
+nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und
+verschuechtert, dass man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her
+vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn
+anrief. Er sah ueberhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch,
+wo er in die Erde hineinkriechen koennte, dass ihn keiner mehr faende.
+
+So war es gekommen, dass die vier Grossen vom Haelmli-Sepp, der Jopp, der
+Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du
+bist doch ein dummer This", und dass es die vier Kleinen auch
+nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals
+dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es
+werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme
+This' genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten koennte,
+wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kuehe zu hueten, und war
+er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke
+oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da sass er
+meistens zitternd vor Furcht, denn er hoerte wohl, wie die anderen
+Buben ihn mit grossem Geschrei suchten, dass er bei den Spielen
+mitmachte, die sie spielen wollten.
+
+Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Pruegeln, und das traf
+regelmaessig den This am staerksten, da er sich nicht wehrte und auch
+nicht wehren konnte gegen die viel Staerkeren. So verkroch er sich,
+sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kuehe, wohin sie wollten
+und frassen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann grossen Aerger, und
+jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kuehe zu hueten, und keiner
+stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld,
+wenn die Buben zum Jaeten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da
+warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblueten an den
+Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem
+anderen reichlich zurueck, was er empfangen hatte. Der This gab aber
+nichts zurueck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen
+Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen
+gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten
+die Knollen an den Ruecken und an den Kopf.
+
+Waehrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten,
+versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den
+Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit
+nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller
+Arbeit zu dumm und aus dem This koenne nie etwas werden. Weil er nun
+gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er
+auch von der Frau des Haelmli-Sepp demgemaess behandelt. Wenn schon die
+eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es
+meistens, dass fuer den This gar nichts mehr uebrigblieb und es dann hiess:
+"Du wirst wohl etwas finden, du bist gross genug." Wie der This
+eigentlich ernaehrt wurde, wusste niemand, auch die Frau des Haelmli-Sepp
+nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.
+
+Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen
+Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tuer
+vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in
+seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich
+wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer
+scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.
+
+
+
+2. Kapitel
+
+Bei der Schwemmebachsennhuette
+
+
+An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle
+Muecken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hueterbuben und--maedchen.
+Sie mussten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp,
+von allen der Groesste, war der Leiter der Versammlung. Und als alle
+nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, dass man jetzt zur
+Schwemmebachsennhuette hinaufgehe, denn heute sei der Kaesfischtag. Nun
+muesse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kuehe
+hueten solle, waehrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wuerden.
+Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust,
+sich fuer die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue
+Uli auf den Gedanken, man koennte einmal den dummen This zwingen, auf
+die Kuehe acht zu geben. Und damit er's nicht vergesse, koennte man ihn
+im voraus ein wenig durchpruegeln. Der Vorschlag fand Anklang, und
+schon wollten mehrere von den Anfuehrern der Schar den This holen, als
+das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts
+Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den
+Lohn dafuer, wenn wir wieder zurueckkommen und die Kuehe sich verlaufen
+haben. Ihr werdet doch nicht glauben, dass der This, wenn er zu dumm
+ist, zwei Kuehe zu hueten, auf einmal zwanzig hueten kann. Man muss losen,
+und drei muessen bei den Kuehen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis
+Erklaerung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus
+der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet
+der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der
+siegreichen Schar den Ruecken und setzte sich auf den Boden neben seine
+beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stuerzte nun
+die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuss
+entgegen.
+
+Der Kaesfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die
+es nie unterliessen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen
+sollte. Denn das war ein Hauptfest fuer sie. Das war der Tag, an dem
+der Franz Anton seine frischen Kaese rundum beschnitt, nachdem diese
+als weiche Masse in die runde, hoelzerne Form gepresst worden waren.
+Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von
+der Masse herausdraengte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie
+eine lange, schneeweisse Wurst. Die wurde dann in viele Stuecke
+gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt.
+Das waren dann die sogenannten Kaesfische. Dieses Fest wiederholte
+sich den Sommer ueber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem
+Freudengeschrei begruesst.
+
+This hatte sich hinter dem grossen Distelbusch am Boden versteckt
+gehalten, waehrend die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton
+von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hoerte,
+dass die grosse Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig
+hervor. Die drei grollenden Zurueckgebliebenen sassen am Boden und
+kehrten ihm den Ruecken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stueck
+die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der
+Hoehe hernieder. Den This erfasste ein unwiderstehliches Verlangen,
+auch an der Kaesfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schluepfte er
+hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er
+hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem
+letzten steilen Hang kam eine kleine, glaenzend gruene Hochebene, da
+stand die Sennhuette. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der
+klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tuer seiner Huette stand der
+Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte ueber
+die vielen Spruenge, die jetzt die Buben und Maedchen in ihrem Eifer, zu
+dem ersehnten Genuss zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt
+waren sie alle bei der Huette und eines draengte das andere vorwaerts, um
+noch naeher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wuerde.
+
+"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton. "Wenn ihr alle in
+die Huette hineindraengt, so habe ich keinen Platz mehr zum
+Kaeseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes
+Messer zur Hand und trat an den grossen, runden Kaese heran, den er
+schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden
+ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweissen
+Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stueck und da ein
+Stueck, oft ueber die Koepfe der Grossen weg den Kleinen, die nicht zu ihm
+vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner
+Teilung.
+
+This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen
+wollte, so bekam er da einen Stoss und dort einen und flog so von einer
+Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer
+wieder ein Groesserer und Dickerer sich vor ihn draengte. Zuletzt bekam
+er einen so ungeheuren Stoss von dem breiten, nach allen Seiten
+schlagenden Jopp, dass er sich fast ueberschlagen haette. Die Teilung
+war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, dass er zu keinem
+Stueckchen Kaesfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine
+Schlaege mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die
+jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den
+Baeumchen. Auf der hoechsten Krone des einen sass ein lustiger, kleiner
+Vogel und pfiff so froehlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als
+gaebe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und
+Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, dass er fast das
+Leid vergass, das ihm eben geschehen war.
+
+Von Zeit zu Zeit musste er nach der Sennhuette hinueberschauen, denn das
+Laermen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stueck Kaesfisch
+wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie
+jedes Kind mit einem groesseren oder kleineren Brocken der schoenen,
+weissen Masse dastand und mit Wonne hineinbiss. Er seufzte dann ein
+wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges
+Stuecklein bekaeme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weissen
+Kaesfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie
+heute in die Schar der Gluecklichen einzudringen. Jetzt hatte er
+gesehen, dass es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut
+zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlussgedanken, dass er
+sein Leben lang nie einen Kaesfisch bekommen werde. Darueber wurde er
+so traurig, dass er nicht einmal den Vogel mehr hoerte und ganz
+zusammengeduckt unter den Tannenbaeumen sass.
+
+Jetzt war das Gastmahl bei der Huette zu Ende und mit schrecklichem
+Laerm stuerzten die Kinder daher, womoeglich immer einer ueber den anderen
+hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall
+brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der
+laermende Hans, und laut schrie er in das Gebuesch hinein: "Du Maulwurf,
+komm heraus, du musst mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen
+hatte. Er musste sich als Bock hinstellen, damit die anderen ueber ihn
+springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er waere
+viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wusste wohl,
+was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er
+gehorsam heran. "Wie viele Kaesfische hast du bekommen?" schrie ihn
+jetzt der Hans an.
+
+"Keinen", gab This zurueck. "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans
+noch lauter in die Schar hinein, "der laeuft schnell zu den Kaesfischen,
+und dann laeuft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer
+This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die grossen
+Buben ueber den Kopf weg, so dass er genug zu tun hatte, nur immer
+wieder auf die Fuesse zu kommen, wenn er umgeworfen worden war.
+Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestuerzter die Abhaenge
+hinunter, bis ein gluecklicher Zufall sie wieder alle auf die Fuesse
+brachte. Nach dieser stuermischen Niederfahrt unten angekommen, liefen
+gleich alle auseinander, jeder seinen Kuehen nach.
+
+Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn
+jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den
+Zurueckgebliebenen, weit er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem
+Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben
+und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im
+Berghang, wo im Fruehling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und
+den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und
+ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schoene, dunkelrote
+Erdbeeren in der Sonne, die so schoen warm in die Vertiefung schien.
+Aber dem This war es ueberall angst und bang, wenn er noch in der Naehe
+der Haeuser und der Hueterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden
+Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der
+This zuckte scheu und aengstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer
+dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch
+einmal an das stille Plaetzchen unter den kleinen Tannenbaeumchen dort
+oben und an das pfeifende Voegelein, so dass es ihn mit Gewalt vom Boden
+zog. Er musste noch einmal dorthin.
+
+Mit allen Kraeften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht
+einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die
+Tannenbaeumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein
+Tannenversteck ein wenig offen. Da sass nun der This in voelliger
+Sicherheit. Ringsum war eine grosse Stille, kein Ton drang von unten
+her bis hier auf die einsame Hoehe, nur das Voegelein sass noch auf
+seinem Tannenast und pfiff sein froehliches Lied. Die Sonne wollte
+untergehen. Die hohen Schneeberge drueben fingen zu flimmern und zu
+gluehen an, und ueber die ganze gruene Alm hin lag das golden schimmernde
+Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie
+gekanntes Wohlsein kam ueber ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und
+Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fuerchten, denn weit und
+breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hoeren.
+
+So sass der This eine lange Zeit, und am liebsten waere er gar nicht
+mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben
+gewesen. Aber da hoerte er schwere Tritte hinter sich von der Huette
+her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiss
+wollte er zum Bach hinueber, um Wasser zu holen. This verhielt sich
+maeuschenstill. Denn er war so daran gewoehnt, dass er von jedermann
+angefahren oder ausgelacht wurde, dass er dachte, der Senn werde es
+gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die
+Baeumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton
+wurde aufmerksam, trat naeher und guckte in den Tannenbusch hinein.
+
+"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht.
+
+"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.
+
+"Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fuerchten, wenn du nichts
+Boeses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa
+mit deinen Kaesfischen da hineingefluechtet, dass du sie in Ruhe
+verzehren kannst?"
+
+"Nein, ich habe keine Kaesfische gehabt", sagte This aengstlich.
+
+"Nicht? Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie
+sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem
+Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem
+Menschen.
+
+"Sie haben mich auf die Seite gestossen", erwiderte er nun und stand
+hinter den buschigen Zweigen auf.
+
+"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort,
+"komm noch ein wenig naeher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn
+sie dich wegstossen? Es stoesst ja immer einer den anderen, aber zuletzt
+kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?"
+
+"Sie sind staerker", sagte der This so ueberzeugend, dass diese Erklaerung
+wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den
+Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, grossen Franz Anton wie
+ein duennes Stoecklein vor einer hohen Tanne. Der kraeftige Mann
+betrachtete einen Augenblick das schmale Figuerchen, an dem tatsaechlich
+fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht
+schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.
+
+"Wem gehoerst du?" fragte er jetzt den Buben.
+
+"Niemand", gab This zur Antwort.
+
+"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?"
+
+"Beim Haelmli-Sepp."
+
+Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. "Ach so, bist du der!"
+sagte er verstaendnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar
+nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehoert, ihn aber nicht
+gekannt.
+
+"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig. "Wenn du beim Haelmli-Sepp
+bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Haelmlein.
+Komm, Kaesfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes."
+
+Der This wusste gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz
+Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und
+das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Huette, holte
+hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein grosses
+Stueck ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfass, das goldig glaenzend
+in der Ecke stand, und holte ein grosses Stueck Butter heraus. Das
+strich er ueber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stueck mit
+der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte
+der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es
+nicht moeglich, dass es ihm gehoere.
+
+"Komm heraus. Iss es vor der Huette, ich muss nun zum Wasser", sagte
+Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glueck und
+Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte.
+Vor der Huette setzte er sich auf den Boden. Und waehrend der Senn zum
+Schwemmebach hinueberging, biss er in sein Butterbrot hinein und biss
+immer wieder und konnte nicht begreifen, dass es etwas so Gutes gaebe
+und er es bekommen haette.
+
+Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und
+wiegte unten die Tannenbaeumchen hin und her, und der kleine Vogel sass
+immer noch auf dem hoechsten Zweig und sang hell und froehlich in den
+goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie
+gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er muesse laut mit dem Vogel zu
+singen anfangen.
+
+Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her
+gegangen. Drueben beim Schwemmebach war er immer eine Weile
+stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr
+rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gross und golden der volle Mond
+hinter dem weissen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Huette
+zurueck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle
+sass.
+
+"So gefaellt's dir hier?" fragte er freundlich. "Mit dem Abendessen
+bist du fertig, wie ich sehe. Du musst dich auf den Rueckweg machen.
+Sieh, wie schoen dir der Mond heimleuchtet!"
+
+Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel
+ihm ein, dass es wohl noetig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem
+Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den
+Tannenbaeumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurueck. Er schaute noch
+einmal zurueck, und da der Senn in die Huette getreten war und ihn nicht
+mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz
+Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Guete
+und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen
+Eindruck gemacht, dass er nicht fort konnte. Er musste noch ein wenig
+in der Naehe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen
+unter den Baeumchen und spaehte zu der Huette hinauf, ob er den Senn
+nicht noch einmal saehe. Es dauerte einige Zeit, da ploetzlich trat
+Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Huette heraus.
+
+Er blieb vor der Tuer stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die
+stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ueber alle hohen Schneegipfel hin das
+milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt
+der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen
+Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Haende. Er hielt wohl still
+seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht
+geb euch Gott!" trat in die Huette zurueck und machte die Tuer zu. Sein
+Nachtgruss hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum
+und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller
+Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fuehlte Liebe und
+Bewunderung fuer den Senn, Gefuehle, die er bisher nicht gekannt hatte.
+
+Als es nun ganz dunkel und still in der Huette wurde, stand der This
+auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.
+
+Es war spaet und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich,
+die Tuer war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Haeuschen und
+schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser
+schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es
+ist bequem, dass der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden.
+So hat man doch Platz!"
+
+This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er
+immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit
+gefalteten Haenden vor seiner Huette stand. Zum erstenmal in seinem
+Leben schlief der This mit einem gluecklichen Herzen ein.
+
+
+
+3. Kapitel
+
+Ein hilfreicher Engel
+
+
+Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten,
+mussten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges
+gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr
+Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze
+Schar den Berghang herunter, und bald sassen sie alle mit anderen
+Kindern so ruhig wie moeglich auf den langen Baenken, und der Herr
+Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von
+einem zukuenftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den
+This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas
+fragen, das wirst du wohl beantworten koennen, wenn man dir auch nicht
+viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Aermsten
+und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefuehrt hat, so
+wohl werden, dass er kein Leid verspuert?"
+
+"Bei der Schwemmebachsennhuette", antwortete der This ohne Zoegern.
+Jetzt entstand ein solches Kichern, dass der This ganz scheu um sich
+schaute. Ringsum waren spoettische Blicke auf ihn gerichtet, und alle
+Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich
+so stark vornueber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem,
+was der Herr Pfarrer das letztemal erklaerte, hatte er nichts gehoert,
+weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren musste. Jetzt hatte
+er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet,
+
+Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, dass es dem
+This gar nicht zum Lachen war, sondern dass er vor Scheu ganz
+erschrocken und zusammengeduckt dasass, da schuettelte der Herr Pfarrer
+nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu
+machen."
+
+Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stuerzte die ganze Schar
+hinter dem This her, alle lachten ueberlaut und schrien durcheinander:
+"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Kaesfische in den Sinn
+gekommen?"
+
+"This, warum hast du nicht auch etwas von den Kaesfischen gesagt?" Der
+This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem
+Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben
+wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den
+schoenen Sonntagabend unten im Dorf geniessen.
+
+Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt
+einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhuette
+hinauffluechten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen.
+Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plaetzchen sitzen und
+vor Verfolgung sicher sein. Nun sass er wieder unter den Tannen und
+ueber ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der
+Sonne, und ueber den gruenen Haengen floss da und dort ein klares Baechlein
+friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, dass er allen
+Spott vergass und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr
+weggehen zu muessen.
+
+Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er
+bestaendig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie moeglich
+nieder. Denn er hatte das Gefuehl, wenn der Franz Anton ihn wieder
+hier sehe, so koennte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein
+Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und
+einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und
+in dessen Naehe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst
+nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und
+This sass an seinem schoenen Plaetzchen, bis die Sterne am Himmel standen
+und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Huette hinaustrat und
+ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder
+davon, und spaet wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht
+hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber
+das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefuehlt
+dort oben.
+
+So ging es eine ganze Woche. Tag fuer Tag, sobald er einen Augenblick
+fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm
+hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete
+er die ganze Taetigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und
+nie verliess er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton
+gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als
+sei der Nachtsegen auch fuer ihn gedacht.
+
+Es waren ausnahmsweise heisse Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg
+jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend
+niedergegangen war. Das Futter war besonders kraeftig, und Franz Anton
+bekam so schoene, fette Milch von den Alpenkuehen, dass er die
+praechtigsten Kaese daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude,
+und schon fruehmorgens konnte man ihn voller Vergnuegen in seiner
+Sennhuette pfeifen hoeren, so auch am Samstag dieser Woche. Da hoerte
+man ihn noch viel frueher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem
+der Senn seine drei oder vier fertigen Kaese an den See hinunterbrachte.
+Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie
+auf seinem Ruecken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwaerts,
+den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Ruecken. Es
+war der heisseste Tag des ganzen Sommers.
+
+Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die uebermaessige
+Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute
+abend wieder zu meiner Huette hinauf in die kuehle Luft zu kommen, hier
+unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt,
+gerade als das Schiff herankam, das die Kaese mitnehmen sollte. Bald
+war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschluessig
+da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten
+etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fuehlte keinen Appetit, sein Kopf
+war schwer und heiss, er wuenschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn
+jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim
+Einladen geholfen hatte. "Komm, Franz Anton, heute ist's heiss, wir
+wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn
+zu dem Wirtshaus.
+
+Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im
+Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber
+stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in
+der schweren, heissen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht
+an den Wein gewoehnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit grossen
+Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in
+seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiss auf
+seinen Kopf, alle seine Pulse haemmerten, die Fuesse wurden ihm so schwer,
+dass er sie nur mit Muehe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je
+groesser wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der
+Aussicht an, dass nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt
+nur noch eine Viertelstunde heisser Muehe vor ihm liege. Dann wuerde er
+oben sein und koenne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.
+
+Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne
+brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Ploetzlich wurde es ihm voellig
+schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stuerzte er auf den
+Boden nieder. Er hatte das Bewusstsein verloren.
+
+Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er,
+dass der Franz Anton noch nicht zurueckgekehrt war. Er stellte seine
+Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem
+Senn auszuschauen.
+
+Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz
+Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte
+er an seinem verborgenen Plaetzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt,
+den der Senn tat. Er wusste, wie eine Beschaeftigung auf die andere
+folgte, so dass er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der
+Franz Anton seine Milch stehen liess. Sonst goss er sie immer gleich in
+die verschiedenen Gefaesse. Die eine kam zum Buttern in die grossen,
+runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schoen dick obenauf
+lag. Die andere wurde in den Kaesekessel gegossen, das hatte der This
+durch die offene Huettentuer alles genau beobachten koennen. Der Senn
+kam immer noch nicht. Der Junge fuehlte, dass irgend etwas geschehen
+sein musste. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging
+zur Sennhuette. Da war es still und leer unten im Huettenraum und oben
+auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut
+war zu hoeren, alles wie ausgestorben. Aengstlich lief der This
+jetzt um die Huette herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann
+in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten
+erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da
+lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stoehnte und lechzte wie
+ein Sterbender. Er sah gluehend heiss aus, und seine Lippen waren ganz
+vertrocknet.
+
+Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor
+Schrecken, auf seinen Wohltaeter. Dann stuerzte er in schnellem Lauf
+den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewusstlos am
+Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt
+an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem
+brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich buecken
+und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er fuer einen Augenblick,
+denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.
+
+Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht ruehren.
+Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das
+Bewusstsein wieder, und er traeumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er
+heute frueh im Voruebergehen noch die schoenen Erdbeeren gesehen hatte.
+Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die
+Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber
+jetzt hatte er ploetzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte
+sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der
+Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schluerfte und
+schluckte, es war ein unsaegliches Labsal. Er erwachte. War das alles
+Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und
+steckte ihm wieder eine grosse saftige Erdbeere in den Mund.
+
+"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton. Aber
+nicht nur eine, fuenf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf
+einmal flog ein stechender Schmerz ueber sein Gesicht. Er legte die
+Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war
+ihm das Bewusstsein wieder voellig entschwunden. Er konnte nicht einmal
+mehr die letzte Erdbeere geniessen. Jetzt traeumte er ganz schreckliche
+Dinge. Sein Kopf wurde so gross wie sein allergroesstes Butterfass und
+dann immer noch groesser und so furchtbar schwer, dass er mit Schrecken
+dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man muss starke,
+hoelzerne Stuetzen unterstellen, wie unter die Apfelbaeume, wenn sie
+zuviel Aepfel tragen." Und jetzt fuehlte er deutlich, dass der Kopf ganz
+voll Schiesspulver war, das hatte einer von hinten angezuendet. Nun
+brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich musste alles
+zerspringen. Aber dann kam ploetzlich ganz kalt und belebend der
+Schwemmebach ueber seine Stirn, ueber das ganze Gesicht und in den Mund
+hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.
+
+Es war wahr, eiskalt kam ein Guss nach dem anderen auf Stirn und
+Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den
+kuehlenden Trank ein. Ueber ihm standen die funkelnden Sterne, das
+sah der Franz Anton deutlich. Er wusste auch, dass er noch am Boden lag
+draussen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der
+Schwemmebach sein, was so ueber ihn floss und ihn so ordentlich trinken
+liess. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend,
+so erloesend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer.
+Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich
+dir fuer deine Guete und die hilfreichen Engel!"
+
+Das erquickende Wasserbad hoerte nicht auf, und zuletzt fuehlte der
+Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schuetzend und
+wohltuend, dass er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt
+schlief er jetzt ganz sanft ein und traeumte nicht mehr.
+
+
+
+4. Kapitel
+
+Was die Sennenmutter haben will
+
+
+Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz
+Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er
+schauderte ein wenig zusammen, es froestelte ihn. Er wollte sich
+aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand
+an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht.
+Wohl sechsfach zusammengelegt lag nass und schwer das grosse Handtuch
+aus der Sennhuette auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der
+frische Morgenwind ueber die Stirn blies, fuehlte er sich so wohlig und
+erleichtert, dass er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da
+sah er auf einmal in zwei grosse, ernsthafte Augen hinein, die
+unverwandt auf ihn gerichtet waren.
+
+"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frueh auf
+die Alm? Nun, weil du da bist, komm, dass ich mich ein wenig auf deine
+Schulter stuetzen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf."
+
+Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er
+stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fuesse in den Boden hinein, so dass
+der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte.
+Waehrend des langsamen Aufstiegs zur Huette, als er sich immer noch auf
+die Schulter des Buben stuetzte, fing er an, sich daran zu erinnern,
+was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgaenge der
+Nacht voellig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur
+helfen. In der Huette angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner
+dreibeinigen Stuehle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz
+dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir
+wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt
+noch nicht machen. Ein Schuesselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist
+es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es
+regelmaessig dort hinauf. Ich weiss nicht, was mit mir vorgeht seit
+gestern."
+
+Der This war feuerrot geworden, er wusste wohl, wer das Schuesselchen
+heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am
+Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides
+dem Senn. Dieser schuettelte ganz betroffen den Kopf. Solange er
+lebte, hatte er noch nie sein Schuesselchen dort bei der Tuer auf den
+Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine
+Milch, fuellte dann das Schuesselchen wieder und sagte: "Da, This, trink
+auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, dass du so frueh hinauf
+kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Kaesfischtag und du seist dann
+sicher der erste?"
+
+"Nein, gewiss nicht", versicherte This.
+
+"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal
+unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder
+zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. "Sag mir, This, habe ich
+denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frueh
+heraufkamst?"
+
+Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn
+alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht
+recht, und er koennte boese werden. Aber der Franz Anton schaute ihm
+jetzt so tief in die Augen, dass er alles sagen musste: "Ich habe es
+selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an.
+
+"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert.
+
+"Weil sie so heiss waren", erwiderte This.
+
+Der Senn staunte immer mehr. "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang
+erwacht", sagte er. "Wann bist du denn heraufgekommen?"
+
+"Gestern um fuenf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam,
+"der Melker kam erst lange nachher."
+
+"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn
+gewollt und gemacht?"
+
+Jetzt sah der Franz Anton, dass dem This ganz bange wurde, ihm selber
+aber fielen nun wieder die Vorgaenge der letzten Nacht ein. Ganz
+vaeterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd:
+"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fuerchten, This. Da, trink noch
+eins aus, und dann sag mir alles, was du weisst, von da an, als du hier
+heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fasste der This neuen
+Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zuegen aus, denn sie schmeckte
+herrlich.
+
+Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier
+herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Kaesfische.
+Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie
+nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden
+gefunden, und Sie sind ganz rot und heiss gewesen und haben Durst
+gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe
+alle grossen Erdbeeren gepflueckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen
+gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf
+den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Huette
+das Schuesselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach
+habe ich ihn gefuellt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schuesselchen das
+Wasser ueber den Kopf geschuettet und auch zu trinken gegeben, denn sie
+haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin
+ich zum Bach hinueber und habe ihn wieder gefuellt. Aber weil das
+Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes
+Tuch wurde den Kopf besser kuehlen. Und so habe ich das Tuch aus der
+Huette geholt und es ganz nass auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann
+trocken und heiss wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und
+es dann wieder nass auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann
+erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht
+etwa krank werden."
+
+Der Senn hatte mit grosser Aufmerksamkeit zugehoert. Jetzt stand alles
+deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wusste auch
+wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren
+als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespuert und
+genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und
+verwundert an, als haette er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen
+solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn moeglich, dass
+dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben
+gerettet hatte.
+
+Haette der This sein Fieber nicht mit dem Wasser geloescht, wer weiss,
+was bis zum Morgen daraus geworden waere! Und wie konnte dieser This,
+dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung
+faehig sein, dass er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn
+pflegte! Dem grossen, starken Franz Anton kamen die Traenen in die
+Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles
+ueberdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir
+wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das
+vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die
+Glieder so, dass ich mich jetzt niederlegen muss. Geh du nun hinunter
+zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir
+nicht ganz wohl. Du musst dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe
+noch viel mit dir zu reden heute, vergiss es nicht!"
+
+Solange er lebte, war der This noch nie so gluecklich gewesen. Er lief
+springend den Berg hinunter, als koenne er nicht hoch genug aufspringen
+vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen,
+und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in
+die Sennhuette eintreten. Ausserdem hatte der Franz Anton ihm noch
+gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser
+Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der
+Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Haeuschen
+mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im
+Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der
+Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen,
+denn er war ganz atemlos vom Laufen.
+
+"Woher kommst denn du?" fragte die sonntaeglich gekleidete Frau, die
+nicht gern etwas Unordentliches sah. Missbilligend musterte sie den
+Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntaeglichen Anblick
+in seinen zerfetzten Alltagshoeschen und dem schmutzigen Hemdlein.
+"Ich meine, ich habe dich schon dort drueben ueber dem Bach gesehen, du
+bist wohl einer vom Haelmli-Sepp?"
+
+"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demuetig.
+
+Jetzt fiel der Frau ein, dass die Frau des Haelmli-Sepp einen
+einfaeltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts
+zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. "Und was willst du
+denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert.
+
+Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag
+klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der
+kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und dass er nach ihr schickte
+und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes
+Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in grosser
+Sorge das Noetigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem grossen
+Korb am Arm heraus.
+
+"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn. Warum musst du
+wieder mit?"
+
+"Ich weiss nicht", antwortete er. Und fast als waere es etwas Boeses,
+setzte er leise hinzu: "Muss ich nicht den Korb tragen?"
+
+"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran
+gedacht, dass ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb.
+Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief
+in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer
+Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die
+Krankheit gefaehrlich sein? Ihre Angst wurde immer groesser, je naeher
+sie der Sennhuette kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige
+Schritte--der bekuemmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast
+nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie
+schaute ueberall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn
+tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem
+Herzen stieg sie die Leiter hinauf.
+
+Der This blieb ehrerbietig draussen vor der Tuer stehen, nur den Korb
+schob er in die Huette hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll
+ueber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte
+ihr froehlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter:
+"Gruess dich Gott, Mutter! Das freut mich, dass du da bist. Ich habe
+aber geschlafen wie ein Baer, die ganze Zeit, seit der This fortging."
+Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie
+wusste gar nicht, was sie denken sollte. "Franz Anton", sagte sie
+jetzt ernsthaft, "was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weisst du,
+dass du mich hast holen lassen?"
+
+"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz
+bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir
+noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir
+reden. Ich fuehl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kaeme noch
+nicht weit."
+
+"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir's doch",
+draengte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.
+
+"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen",
+sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. "Sieh einmal
+zuerst dort unten das schmale, magere Bueblein an, das kein gutes Stueck
+Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder
+nur den dummen This nennt."
+
+Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn
+hinaufspaehte, ob er etwa wieder umfallen wolle.
+
+"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt.
+
+"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Bueblein nicht
+gewesen waere, so laege ich jetzt noch draussen auf dem Boden in einem
+toedlichen Fieber, oder vielleicht waere es auch schon vorbei mit mir."
+Und jetzt erzaehlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag
+zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen
+und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch
+auf der Welt es nicht besser haette tun koennen.
+
+Die Mutter musste sich mehrmals die Traenen abwischen. Sie stellte sich
+vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da
+draussen gelegen haette und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden
+waere, und kein Mensch haette etwas von ihm gewusst. Und jetzt stieg ein
+Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, dass sie laut ausrufen musste:
+"Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche
+Liebe zu dem armen This ueberkam sie, dass sie ganz eifrig sagte: "Franz
+Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Haelmli-Sepp zurueck!
+Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat
+sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen
+mache ich ihm ein Gewand, dass man ihn ansehen darf. Er muss es nicht
+schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir
+geholfen hat."
+
+"Das ist nun gerade, was ich wuenschte, Mutter, aber ich musste doch
+zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben
+und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein koennte. Es geht
+nichts ueber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller
+Glueck und Liebe an, dass es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich
+dachte: Es geht auch nichts ueber einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte
+sie: "Jetzt musst du etwas essen, Franz Anton, dass du wieder zu Kraeften
+kommst. Ich habe frische Eier und ein Weissbrot mitgenommen, und jetzt
+will ich Feuer machen, lass dir Zeit zum Herunterkommen." Das musste der
+Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging.
+Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er
+sich selbst niedergesetzt hatte.
+
+"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend,
+"willst du ein Senn werden?"
+
+Der This fing an zu laecheln, aber dann hoerte er ploetzlich die
+vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen
+hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts".
+Und schuechtern antwortete er. "Ich kann nichts werden."
+
+"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit.
+"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun
+bleibst du bei mir und traegst Milch und Wasser und hilfst mir bei
+allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Kaese macht und sobald
+du gross genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein
+Gehilfe."
+
+"Hier in der Schwemmebachsennhuette?" fragte This, dem die Aussicht auf
+diese Glueckseligkeit ganz unfassbar war.
+
+"Alles hier, in der Schwemmebachsennhuette", bestaetigte der Franz Anton.
+
+Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden
+Gluecks, dass der Senn ihn nur ansehen musste. Der Bub war wie
+verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den grossen
+Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie
+streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir
+miteinander froehlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen
+wir dem lieben Gott dafuer danken, dass er dich gerade zur rechten Zeit
+in die Naehe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch
+begreift, warum du da heraufgekommen bist."
+
+Jetzt begann das froehliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben
+hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen.
+Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weissbrot hingelegt
+und daneben Butter und weissen Kaese. Und mitten auf dem Tisch stand
+eine grosse Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die
+Mutter grosse, dicke Stuecke vor den This hin, und wenn er fertig war,
+gab es gleich noch einmal so viel.
+
+Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie:
+"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muss bei dir oben
+bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es
+noetig ist. Der Frau des Haelmli-Sepp will ich schon alles berichten."
+
+Das war dem Sennen recht, und fuer den This war es das hoechste Glueck,
+das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton.
+Nicht mehr verborgen unter den Tannenbaeumchen hoerte er heute den
+Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als
+dieser seine Haende faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den
+Abendsegen." Andaechtig faltete auch er seine Haende, und als am Schluss
+der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glueck im
+Herzen des This so gross, dass er gern ueberlaut allen Menschen auf der
+ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!'
+
+Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinueber zu der Frau des
+Haelmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und
+gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzaehlten.
+Die Sennin hoerte, dass von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der
+Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Haelmli-Sepp erklaerte,
+dass sie mit ihrem Sohn uebereingekommen sei, sie wollten den This bei
+sich annehmen, da machte die Frau einen grossen Laerm. Sie sagte, sie
+sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fuer
+den Senn eine groessere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien
+alle aus vollen Haelsen: "Mich! Mich! Mich!" Denn sie wussten wohl,
+wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhuette fuer gute
+Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.
+
+Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn
+schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen
+This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das
+Haenseln und Verspotten unterlassen, sonst haetten sie es mit ihrem Sohn
+zu tun. Der rede dann mit seinen kraeftigen Armen eine deutlichere
+Sprache mit den Buben, als sie es jetzt koennte. Dann verliess die
+Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verbluefft nachschauten,
+und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This waere,
+der wird's gut haben, wie ein Koenig wird er da oben in seiner
+Sennhuette leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen liess,
+liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund
+sein. Denn sie mussten alle an den letzten Kaesfischtag denken, als der
+This so uebel behandelt worden war. Von nun an wuerde er ja gewiss alle
+Kaesfische allein bekommen, da waere doch jeder gut daran, der sein
+Freund waere. Und spaeter waren sie auch alle gut daran, denn dem This
+machte es die groesste Freude, die reiche Ernte der Kaesfische unter
+allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darueber
+wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie
+mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte
+sich zur Ueberraschung aller, dass er auf einmal ein ganz flinkes,
+geschicktes Buerschchen war, von dem jeder sagen musste: "Entweder ist
+das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den
+dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit,
+sein liebster Schueler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei
+allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die
+anderen Buben koennten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird,
+von Johanna Spyri.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
+
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+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7vomt10a.txt
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+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
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+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
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+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
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+91 or 90
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
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+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
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+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
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+(Three Pages)
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+The Project Gutenberg EBook of Vom This, der doch etwas wird, by Johanna Spyri
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+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
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+This header should be the first thing seen when viewing this Project
+Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
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+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Vom This, der doch etwas wird
+
+Author: Johanna Spyri
+
+Release Date: February, 2006 [EBook #9859]
+[This file was first posted on October 25, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
+
+
+
+
+E-text prepared by Delphine Lettau
+
+
+
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 8-bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfgung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
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+Vom This, der doch etwas wird
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+Erzhlung
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+Johanna Spyri
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+1. Kapitel
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+Alle gegen einen
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+Wenn man den Seelisberg von der Rckseite her besteigt, kommt man auf
+eine frische, grne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die
+friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem
+schnen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenhrten Khe
+ziehen lieblich lutend immer hin und her. Denn jede trgt am Hals
+ihre Glocke, damit man immer hrt, wo sie ist. So kann sich keine Kuh
+unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Struchern bedeckte Felswand
+liegt, ber die sie hinunterstrzen knnte. Es ist auerdem ein
+ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben knnen. Aber die
+Glocken sind doch notwendig und tnen so freundlich hin und her, da
+keiner sie entbehren mchte. Am Bergabhang stehen hie und da
+vereinzelt die kleinen, hlzernen Huser, und nicht selten rauscht
+daneben ein schumender Bach ins Tal hinab. 'Am Berghang' heit es
+hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Huschen steht auf
+ebenem Boden. Es ist, als wren sie irgendwie an den Berg hingeworfen
+worden und da hngengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da
+oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie
+alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der
+kleinen, hlzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt
+in ihre Nhe, so sieht man, da ein groer Unterschied zwischen ihnen
+ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nhe ganz
+verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen
+ihnen strzt der grte Bergbach der Gegend, der schumende
+Schwemmebach, hinunter.
+
+Am ersten Huschen blieben auch an den schnsten Sommertagen alle die
+kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die
+hineindrang, kam durch die Lcher der zerbrochenen Scheiben. Das war
+aber nicht viel, denn die Lcher waren wieder mit Papier verklebt,
+damit man im Winter drinnen nicht frieren mute. An dem hlzernen
+Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war
+so zerfallen, da es ein Wunder war, da alle die kleinen Kinder, die
+da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie
+hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder
+waren alle mit Schmutz berdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen
+Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ber da
+herum, und am Abend kamen vier grere Kinder dazu. Drei krftige
+Buben und ein Mdchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich
+aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie
+konnten sich doch schon selbst waschen.
+
+Das Huschen ber dem Bach drben hatte einen ganz anderen Charakter.
+Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgerumt
+aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drben. Die
+Stufen sahen immer so aus, als wren sie eben gescheuert worden. Und
+oben auf der Galerie standen drei schne Nelkenstcke und dufteten den
+ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen
+Fenstern stand offen und lie die schne, sonnige Bergluft herein.
+Dort konnte man meistens eine noch krftig aussehende Frau sitzen
+sehen, mit schnem, weiem Haar, das sie sehr ordentlich unter das
+schwarze Hubchen zurckgestrichen hatte. Sie flickte gewhnlich an
+einem Mnnerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber
+gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so
+adrett und reinlich aus, als wre noch nie etwas Unsauberes an sie
+herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des
+frhlichen Franz Anton mit den krftigen Armen. Der machte den Sommer
+ber in der oberen Sennhtte seine Kse, und erst im Sptherbst zog er
+wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn
+dann butterte er in der unteren Sennhtte, die ganz nahe lag. Da ber
+den reienden Schwemmebach kein Steg fhrte, waren die zwei Huschen
+ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg
+wohnten, besser, als diese Nachbarn ber dem Bach, zu denen sie nur
+etwa einmal am Tag stumm hinberschaute. Gewhnlich schttelte sie
+dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter
+und schmutzigen Fetzen drben an den Kindern sah. Sie schaute aber
+nicht oft hinber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber
+betrachtete sie, wenn das Feierabendstndchen kam, ihre roten Nelken
+auf der Galerie oder sie schaute ber den grnen, sonnigen Abhang
+hinunter, der vor ihrem Huschen zum Tal hinabstieg.
+
+Die verwilderten Kinder ber dem Bach gehrten dem Hlmli-Sepp, wie er
+genannt wurde, der seine Arbeit auer Haus beim Holzfllen oder
+Heumachen suchte. Auerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So
+war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die
+Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele
+kleine Kinder knne man nicht in Ordnung halten, und spter wrde es
+dann von selbst besser. So lie sie alles gehn, wie es ging. Und in
+der schnen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und
+lieen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl
+sein. Zur Sommerzeit waren die vier Greren den ganzen Tag drauen,
+um die Khe zu hten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen,
+wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten
+bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Khe auf das
+umliegende Weideland hinaus und muten sie hten lassen. Das ist
+immer eine lustige Zeit fr die Buben und Mdchen, die sich dort zu
+jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei frhliche Sachen
+miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten
+im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere
+Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer
+ber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstck nach Hause,
+das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier
+Kleinen zu ernhren und fr alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn
+diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mute doch jedes haben
+und die vier Groen noch ein Stck dazu. Eine Kuh hatte der
+Hlmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaen,
+wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.
+
+Hlmli-Sepp hie der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum
+nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine
+Gei und ein Stck Kartoffelland, damit mute die Frau mit den vier
+Kleinen den Sommer ber auskommen und auch hier und da noch eines der
+Greren speisen, wenn es drauen keine Arbeit fand. Der Vater kam im
+Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein
+Huschen und Acker waren so verschuldet, da er das ganze Jahr ber
+etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten
+konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel
+er fand.
+
+So mute die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte
+keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von
+der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der
+verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten,
+schaute sie ber den Bach zu dem schmucken Huschen der Sennerin
+hinber, dessen Scheiben in der Sonne glnzten. Dann sagte sie
+rgerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles
+sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging
+sie wieder rgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurck, und an dem,
+der ihr zuerst in den Weg kam, lie sie den rger aus.
+
+Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht
+ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Huschen vom
+Hlmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der
+dumme This' genannt, sah so mager und drftig aus, da man ihn kaum
+fr achtjhrig gehalten htte. Er schaute auch so scheu und
+verschchtert drein, da niemand wute, wie der This eigentlich aussah,
+denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach.
+This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum
+zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel spter ber die Felsen
+in die Tiefe gestrzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam
+und den Weg abkrzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte
+nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem
+groen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This
+hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend,
+eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen
+Matthis genannt.
+
+Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Huschen vom
+Hlmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafsttte mit seinem Bblein
+gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben
+Ort. Das wenige Geld, das fr den kleinen This von der Gemeinde
+bezahlt wurde, war der Frau des Hlmli-Sepp sehr erwnscht. Und in
+die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fr die
+schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This
+war schon von Natur aus ein schchternes und stilles Bblein gewesen.
+Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das groe Unglck
+gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem
+Unglck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.
+
+So sa der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein
+Wort zu hren, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann
+seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des
+Hlmli-Sepp gehrte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde
+von jedem angefahren und hin und her gestoen, weil er sich nie wehrte.
+Zu all den Pffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen
+dann noch die bsen Worte der Frau, wenn sie den rger ber das
+saubere Huschen der Sennerin drben hatte. Der This wehrte sich aber
+nie, denn er hatte das Gefhl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so
+nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und
+verschchtert, da man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her
+vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn
+anrief. Er sah berhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch,
+wo er in die Erde hineinkriechen knnte, da ihn keiner mehr fnde.
+
+So war es gekommen, da die vier Groen vom Hlmli-Sepp, der Jopp, der
+Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du
+bist doch ein dummer This", und da es die vier Kleinen auch
+nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals
+dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es
+werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme
+This' genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten knnte,
+wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Khe zu hten, und war
+er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke
+oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da sa er
+meistens zitternd vor Furcht, denn er hrte wohl, wie die anderen
+Buben ihn mit groem Geschrei suchten, da er bei den Spielen
+mitmachte, die sie spielen wollten.
+
+Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prgeln, und das traf
+regelmig den This am strksten, da er sich nicht wehrte und auch
+nicht wehren konnte gegen die viel Strkeren. So verkroch er sich,
+sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Khe, wohin sie wollten
+und fraen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann groen rger, und
+jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Khe zu hten, und keiner
+stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld,
+wenn die Buben zum Jten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da
+warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblten an den
+Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem
+anderen reichlich zurck, was er empfangen hatte. Der This gab aber
+nichts zurck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen
+Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen
+gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten
+die Knollen an den Rcken und an den Kopf.
+
+Whrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten,
+versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den
+Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit
+nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller
+Arbeit zu dumm und aus dem This knne nie etwas werden. Weil er nun
+gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er
+auch von der Frau des Hlmli-Sepp demgem behandelt. Wenn schon die
+eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es
+meistens, da fr den This gar nichts mehr brigblieb und es dann hie:
+"Du wirst wohl etwas finden, du bist gro genug." Wie der This
+eigentlich ernhrt wurde, wute niemand, auch die Frau des Hlmli-Sepp
+nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.
+
+Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen
+Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tr
+vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in
+seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich
+wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer
+scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.
+
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+2. Kapitel
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+Bei der Schwemmebachsennhtte
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+An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle
+Mcken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hterbuben und--mdchen.
+Sie muten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp,
+von allen der Grte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle
+nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, da man jetzt zur
+Schwemmebachsennhtte hinaufgehe, denn heute sei der Ksfischtag. Nun
+msse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Khe
+hten solle, whrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wrden.
+Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust,
+sich fr die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue
+Uli auf den Gedanken, man knnte einmal den dummen This zwingen, auf
+die Khe acht zu geben. Und damit er's nicht vergesse, knnte man ihn
+im voraus ein wenig durchprgeln. Der Vorschlag fand Anklang, und
+schon wollten mehrere von den Anfhrern der Schar den This holen, als
+das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts
+Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den
+Lohn dafr, wenn wir wieder zurckkommen und die Khe sich verlaufen
+haben. Ihr werdet doch nicht glauben, da der This, wenn er zu dumm
+ist, zwei Khe zu hten, auf einmal zwanzig hten kann. Man mu losen,
+und drei mssen bei den Khen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis
+Erklrung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus
+der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet
+der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der
+siegreichen Schar den Rcken und setzte sich auf den Boden neben seine
+beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen strzte nun
+die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genu
+entgegen.
+
+Der Ksfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die
+es nie unterlieen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen
+sollte. Denn das war ein Hauptfest fr sie. Das war der Tag, an dem
+der Franz Anton seine frischen Kse rundum beschnitt, nachdem diese
+als weiche Masse in die runde, hlzerne Form gepret worden waren.
+Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von
+der Masse herausdrngte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie
+eine lange, schneeweie Wurst. Die wurde dann in viele Stcke
+gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt.
+Das waren dann die sogenannten Ksfische. Dieses Fest wiederholte
+sich den Sommer ber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem
+Freudengeschrei begrt.
+
+This hatte sich hinter dem groen Distelbusch am Boden versteckt
+gehalten, whrend die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton
+von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hrte,
+da die groe Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig
+hervor. Die drei grollenden Zurckgebliebenen saen am Boden und
+kehrten ihm den Rcken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stck
+die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der
+Hhe hernieder. Den This erfate ein unwiderstehliches Verlangen,
+auch an der Ksfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlpfte er
+hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er
+hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem
+letzten steilen Hang kam eine kleine, glnzend grne Hochebene, da
+stand die Sennhtte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der
+klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tr seiner Htte stand der
+Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte ber
+die vielen Sprnge, die jetzt die Buben und Mdchen in ihrem Eifer, zu
+dem ersehnten Genu zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt
+waren sie alle bei der Htte und eines drngte das andere vorwrts, um
+noch nher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wrde.
+
+"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton. "Wenn ihr alle in
+die Htte hineindrngt, so habe ich keinen Platz mehr zum
+Kseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes
+Messer zur Hand und trat an den groen, runden Kse heran, den er
+schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden
+ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweien
+Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stck und da ein
+Stck, oft ber die Kpfe der Groen weg den Kleinen, die nicht zu ihm
+vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner
+Teilung.
+
+This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen
+wollte, so bekam er da einen Sto und dort einen und flog so von einer
+Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer
+wieder ein Grerer und Dickerer sich vor ihn drngte. Zuletzt bekam
+er einen so ungeheuren Sto von dem breiten, nach allen Seiten
+schlagenden Jopp, da er sich fast berschlagen htte. Die Teilung
+war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, da er zu keinem
+Stckchen Ksfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine
+Schlge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die
+jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den
+Bumchen. Auf der hchsten Krone des einen sa ein lustiger, kleiner
+Vogel und pfiff so frhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als
+gbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und
+Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, da er fast das
+Leid verga, das ihm eben geschehen war.
+
+Von Zeit zu Zeit mute er nach der Sennhtte hinberschauen, denn das
+Lrmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stck Ksfisch
+wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie
+jedes Kind mit einem greren oder kleineren Brocken der schnen,
+weien Masse dastand und mit Wonne hineinbi. Er seufzte dann ein
+wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges
+Stcklein bekme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weien
+Ksfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie
+heute in die Schar der Glcklichen einzudringen. Jetzt hatte er
+gesehen, da es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut
+zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlugedanken, da er
+sein Leben lang nie einen Ksfisch bekommen werde. Darber wurde er
+so traurig, da er nicht einmal den Vogel mehr hrte und ganz
+zusammengeduckt unter den Tannenbumen sa.
+
+Jetzt war das Gastmahl bei der Htte zu Ende und mit schrecklichem
+Lrm strzten die Kinder daher, womglich immer einer ber den anderen
+hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall
+brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der
+lrmende Hans, und laut schrie er in das Gebsch hinein: "Du Maulwurf,
+komm heraus, du mut mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen
+hatte. Er mute sich als Bock hinstellen, damit die anderen ber ihn
+springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wre
+viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wute wohl,
+was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er
+gehorsam heran. "Wie viele Ksfische hast du bekommen?" schrie ihn
+jetzt der Hans an.
+
+"Keinen", gab This zurck. "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans
+noch lauter in die Schar hinein, "der luft schnell zu den Ksfischen,
+und dann luft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer
+This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die groen
+Buben ber den Kopf weg, so da er genug zu tun hatte, nur immer
+wieder auf die Fe zu kommen, wenn er umgeworfen worden war.
+Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestrzter die Abhnge
+hinunter, bis ein glcklicher Zufall sie wieder alle auf die Fe
+brachte. Nach dieser strmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen
+gleich alle auseinander, jeder seinen Khen nach.
+
+Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn
+jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den
+Zurckgebliebenen, weit er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem
+Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben
+und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im
+Berghang, wo im Frhling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und
+den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und
+ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schne, dunkelrote
+Erdbeeren in der Sonne, die so schn warm in die Vertiefung schien.
+Aber dem This war es berall angst und bang, wenn er noch in der Nhe
+der Huser und der Hterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden
+Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der
+This zuckte scheu und ngstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer
+dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch
+einmal an das stille Pltzchen unter den kleinen Tannenbumchen dort
+oben und an das pfeifende Vgelein, so da es ihn mit Gewalt vom Boden
+zog. Er mute noch einmal dorthin.
+
+Mit allen Krften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht
+einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die
+Tannenbumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein
+Tannenversteck ein wenig offen. Da sa nun der This in vlliger
+Sicherheit. Ringsum war eine groe Stille, kein Ton drang von unten
+her bis hier auf die einsame Hhe, nur das Vgelein sa noch auf
+seinem Tannenast und pfiff sein frhliches Lied. Die Sonne wollte
+untergehen. Die hohen Schneeberge drben fingen zu flimmern und zu
+glhen an, und ber die ganze grne Alm hin lag das golden schimmernde
+Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie
+gekanntes Wohlsein kam ber ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und
+Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu frchten, denn weit und
+breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hren.
+
+So sa der This eine lange Zeit, und am liebsten wre er gar nicht
+mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben
+gewesen. Aber da hrte er schwere Tritte hinter sich von der Htte
+her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewi
+wollte er zum Bach hinber, um Wasser zu holen. This verhielt sich
+muschenstill. Denn er war so daran gewhnt, da er von jedermann
+angefahren oder ausgelacht wurde, da er dachte, der Senn werde es
+gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die
+Bumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton
+wurde aufmerksam, trat nher und guckte in den Tannenbusch hinein.
+
+"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht.
+
+"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.
+
+"Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu frchten, wenn du nichts
+Bses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa
+mit deinen Ksfischen da hineingeflchtet, da du sie in Ruhe
+verzehren kannst?"
+
+"Nein, ich habe keine Ksfische gehabt", sagte This ngstlich.
+
+"Nicht? Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie
+sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem
+Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem
+Menschen.
+
+"Sie haben mich auf die Seite gestoen", erwiderte er nun und stand
+hinter den buschigen Zweigen auf.
+
+"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort,
+"komm noch ein wenig nher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn
+sie dich wegstoen? Es stt ja immer einer den anderen, aber zuletzt
+kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?"
+
+"Sie sind strker", sagte der This so berzeugend, da diese Erklrung
+wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den
+Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, groen Franz Anton wie
+ein dnnes Stcklein vor einer hohen Tanne. Der krftige Mann
+betrachtete einen Augenblick das schmale Figrchen, an dem tatschlich
+fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht
+schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.
+
+"Wem gehrst du?" fragte er jetzt den Buben.
+
+"Niemand", gab This zur Antwort.
+
+"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?"
+
+"Beim Hlmli-Sepp."
+
+Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. "Ach so, bist du der!"
+sagte er verstndnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar
+nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehrt, ihn aber nicht
+gekannt.
+
+"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig. "Wenn du beim Hlmli-Sepp
+bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hlmlein.
+Komm, Ksfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes."
+
+Der This wute gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz
+Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und
+das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Htte, holte
+hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein groes
+Stck ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfa, das goldig glnzend
+in der Ecke stand, und holte ein groes Stck Butter heraus. Das
+strich er ber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stck mit
+der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte
+der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es
+nicht mglich, da es ihm gehre.
+
+"Komm heraus. I es vor der Htte, ich mu nun zum Wasser", sagte
+Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glck und
+Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte.
+Vor der Htte setzte er sich auf den Boden. Und whrend der Senn zum
+Schwemmebach hinberging, bi er in sein Butterbrot hinein und bi
+immer wieder und konnte nicht begreifen, da es etwas so Gutes gbe
+und er es bekommen htte.
+
+Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und
+wiegte unten die Tannenbumchen hin und her, und der kleine Vogel sa
+immer noch auf dem hchsten Zweig und sang hell und frhlich in den
+goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie
+gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er msse laut mit dem Vogel zu
+singen anfangen.
+
+Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her
+gegangen. Drben beim Schwemmebach war er immer eine Weile
+stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr
+rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gro und golden der volle Mond
+hinter dem weien Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Htte
+zurck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle
+sa.
+
+"So gefllt's dir hier?" fragte er freundlich. "Mit dem Abendessen
+bist du fertig, wie ich sehe. Du mut dich auf den Rckweg machen.
+Sieh, wie schn dir der Mond heimleuchtet!"
+
+Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel
+ihm ein, da es wohl ntig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem
+Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den
+Tannenbumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurck. Er schaute noch
+einmal zurck, und da der Senn in die Htte getreten war und ihn nicht
+mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz
+Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Gte
+und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen
+Eindruck gemacht, da er nicht fort konnte. Er mute noch ein wenig
+in der Nhe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen
+unter den Bumchen und sphte zu der Htte hinauf, ob er den Senn
+nicht noch einmal she. Es dauerte einige Zeit, da pltzlich trat
+Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Htte heraus.
+
+Er blieb vor der Tr stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die
+stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ber alle hohen Schneegipfel hin das
+milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt
+der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen
+Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hnde. Er hielt wohl still
+seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht
+geb euch Gott!" trat in die Htte zurck und machte die Tr zu. Sein
+Nachtgru hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum
+und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller
+Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fhlte Liebe und
+Bewunderung fr den Senn, Gefhle, die er bisher nicht gekannt hatte.
+
+Als es nun ganz dunkel und still in der Htte wurde, stand der This
+auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.
+
+Es war spt und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich,
+die Tr war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Huschen und
+schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser
+schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es
+ist bequem, da der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden.
+So hat man doch Platz!"
+
+This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er
+immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit
+gefalteten Hnden vor seiner Htte stand. Zum erstenmal in seinem
+Leben schlief der This mit einem glcklichen Herzen ein.
+
+
+
+3. Kapitel
+
+Ein hilfreicher Engel
+
+
+Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten,
+muten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges
+gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr
+Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze
+Schar den Berghang herunter, und bald saen sie alle mit anderen
+Kindern so ruhig wie mglich auf den langen Bnken, und der Herr
+Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von
+einem zuknftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den
+This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas
+fragen, das wirst du wohl beantworten knnen, wenn man dir auch nicht
+viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem rmsten
+und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefhrt hat, so
+wohl werden, da er kein Leid versprt?"
+
+"Bei der Schwemmebachsennhtte", antwortete der This ohne Zgern.
+Jetzt entstand ein solches Kichern, da der This ganz scheu um sich
+schaute. Ringsum waren spttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle
+Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich
+so stark vornber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem,
+was der Herr Pfarrer das letztemal erklrte, hatte er nichts gehrt,
+weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mute. Jetzt hatte
+er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet,
+
+Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, da es dem
+This gar nicht zum Lachen war, sondern da er vor Scheu ganz
+erschrocken und zusammengeduckt dasa, da schttelte der Herr Pfarrer
+nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu
+machen."
+
+Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da strzte die ganze Schar
+hinter dem This her, alle lachten berlaut und schrien durcheinander:
+"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Ksfische in den Sinn
+gekommen?"
+
+"This, warum hast du nicht auch etwas von den Ksfischen gesagt?" Der
+This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem
+Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben
+wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den
+schnen Sonntagabend unten im Dorf genieen.
+
+Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt
+einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhtte
+hinaufflchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen.
+Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Pltzchen sitzen und
+vor Verfolgung sicher sein. Nun sa er wieder unter den Tannen und
+ber ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der
+Sonne, und ber den grnen Hngen flo da und dort ein klares Bchlein
+friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, da er allen
+Spott verga und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr
+weggehen zu mssen.
+
+Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er
+bestndig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie mglich
+nieder. Denn er hatte das Gefhl, wenn der Franz Anton ihn wieder
+hier sehe, so knnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein
+Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und
+einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und
+in dessen Nhe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst
+nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und
+This sa an seinem schnen Pltzchen, bis die Sterne am Himmel standen
+und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Htte hinaustrat und
+ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder
+davon, und spt wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht
+hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber
+das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefhlt
+dort oben.
+
+So ging es eine ganze Woche. Tag fr Tag, sobald er einen Augenblick
+fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm
+hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete
+er die ganze Ttigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und
+nie verlie er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton
+gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als
+sei der Nachtsegen auch fr ihn gedacht.
+
+Es waren ausnahmsweise heie Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg
+jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend
+niedergegangen war. Das Futter war besonders krftig, und Franz Anton
+bekam so schne, fette Milch von den Alpenkhen, da er die
+prchtigsten Kse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude,
+und schon frhmorgens konnte man ihn voller Vergngen in seiner
+Sennhtte pfeifen hren, so auch am Samstag dieser Woche. Da hrte
+man ihn noch viel frher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem
+der Senn seine drei oder vier fertigen Kse an den See hinunterbrachte.
+Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie
+auf seinem Rcken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwrts,
+den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rcken. Es
+war der heieste Tag des ganzen Sommers.
+
+Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die bermige
+Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute
+abend wieder zu meiner Htte hinauf in die khle Luft zu kommen, hier
+unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt,
+gerade als das Schiff herankam, das die Kse mitnehmen sollte. Bald
+war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlssig
+da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten
+etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fhlte keinen Appetit, sein Kopf
+war schwer und hei, er wnschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn
+jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim
+Einladen geholfen hatte. "Komm, Franz Anton, heute ist's hei, wir
+wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn
+zu dem Wirtshaus.
+
+Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im
+Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber
+stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in
+der schweren, heien Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht
+an den Wein gewhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit groen
+Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in
+seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte hei auf
+seinen Kopf, alle seine Pulse hmmerten, die Fe wurden ihm so schwer,
+da er sie nur mit Mhe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je
+grer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der
+Aussicht an, da nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt
+nur noch eine Viertelstunde heier Mhe vor ihm liege. Dann wrde er
+oben sein und knne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.
+
+Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne
+brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Pltzlich wurde es ihm vllig
+schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer strzte er auf den
+Boden nieder. Er hatte das Bewutsein verloren.
+
+Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er,
+da der Franz Anton noch nicht zurckgekehrt war. Er stellte seine
+Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem
+Senn auszuschauen.
+
+Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz
+Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte
+er an seinem verborgenen Pltzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt,
+den der Senn tat. Er wute, wie eine Beschftigung auf die andere
+folgte, so da er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der
+Franz Anton seine Milch stehen lie. Sonst go er sie immer gleich in
+die verschiedenen Gefe. Die eine kam zum Buttern in die groen,
+runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schn dick obenauf
+lag. Die andere wurde in den Ksekessel gegossen, das hatte der This
+durch die offene Httentr alles genau beobachten knnen. Der Senn
+kam immer noch nicht. Der Junge fhlte, da irgend etwas geschehen
+sein mute. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging
+zur Sennhtte. Da war es still und leer unten im Httenraum und oben
+auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut
+war zu hren, alles wie ausgestorben. ngstlich lief der This
+jetzt um die Htte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann
+in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten
+erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da
+lag sein Freund mit geschlossenen Augen und sthnte und lechzte wie
+ein Sterbender. Er sah glhend hei aus, und seine Lippen waren ganz
+vertrocknet.
+
+Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor
+Schrecken, auf seinen Wohltter. Dann strzte er in schnellem Lauf
+den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewutlos am
+Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt
+an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem
+brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bcken
+und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er fr einen Augenblick,
+denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.
+
+Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rhren.
+Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das
+Bewutsein wieder, und er trumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er
+heute frh im Vorbergehen noch die schnen Erdbeeren gesehen hatte.
+Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die
+Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber
+jetzt hatte er pltzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte
+sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der
+Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlrfte und
+schluckte, es war ein unsgliches Labsal. Er erwachte. War das alles
+Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und
+steckte ihm wieder eine groe saftige Erdbeere in den Mund.
+
+"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton. Aber
+nicht nur eine, fnf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf
+einmal flog ein stechender Schmerz ber sein Gesicht. Er legte die
+Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war
+ihm das Bewutsein wieder vllig entschwunden. Er konnte nicht einmal
+mehr die letzte Erdbeere genieen. Jetzt trumte er ganz schreckliche
+Dinge. Sein Kopf wurde so gro wie sein allergrtes Butterfa und
+dann immer noch grer und so furchtbar schwer, da er mit Schrecken
+dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man mu starke,
+hlzerne Sttzen unterstellen, wie unter die Apfelbume, wenn sie
+zuviel pfel tragen." Und jetzt fhlte er deutlich, da der Kopf ganz
+voll Schiepulver war, das hatte einer von hinten angezndet. Nun
+brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mute alles
+zerspringen. Aber dann kam pltzlich ganz kalt und belebend der
+Schwemmebach ber seine Stirn, ber das ganze Gesicht und in den Mund
+hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.
+
+Es war wahr, eiskalt kam ein Gu nach dem anderen auf Stirn und
+Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den
+khlenden Trank ein. ber ihm standen die funkelnden Sterne, das
+sah der Franz Anton deutlich. Er wute auch, da er noch am Boden lag
+drauen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der
+Schwemmebach sein, was so ber ihn flo und ihn so ordentlich trinken
+lie. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend,
+so erlsend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer.
+Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich
+dir fr deine Gte und die hilfreichen Engel!"
+
+Das erquickende Wasserbad hrte nicht auf, und zuletzt fhlte der
+Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schtzend und
+wohltuend, da er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt
+schlief er jetzt ganz sanft ein und trumte nicht mehr.
+
+
+
+4. Kapitel
+
+Was die Sennenmutter haben will
+
+
+Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz
+Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er
+schauderte ein wenig zusammen, es frstelte ihn. Er wollte sich
+aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand
+an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht.
+Wohl sechsfach zusammengelegt lag na und schwer das groe Handtuch
+aus der Sennhtte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der
+frische Morgenwind ber die Stirn blies, fhlte er sich so wohlig und
+erleichtert, da er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da
+sah er auf einmal in zwei groe, ernsthafte Augen hinein, die
+unverwandt auf ihn gerichtet waren.
+
+"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frh auf
+die Alm? Nun, weil du da bist, komm, da ich mich ein wenig auf deine
+Schulter sttzen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf."
+
+Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er
+stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fe in den Boden hinein, so da
+der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte.
+Whrend des langsamen Aufstiegs zur Htte, als er sich immer noch auf
+die Schulter des Buben sttzte, fing er an, sich daran zu erinnern,
+was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgnge der
+Nacht vllig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur
+helfen. In der Htte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner
+dreibeinigen Sthle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz
+dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir
+wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt
+noch nicht machen. Ein Schsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist
+es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es
+regelmig dort hinauf. Ich wei nicht, was mit mir vorgeht seit
+gestern."
+
+Der This war feuerrot geworden, er wute wohl, wer das Schsselchen
+heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am
+Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides
+dem Senn. Dieser schttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er
+lebte, hatte er noch nie sein Schsselchen dort bei der Tr auf den
+Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine
+Milch, fllte dann das Schsselchen wieder und sagte: "Da, This, trink
+auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, da du so frh hinauf
+kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Ksfischtag und du seist dann
+sicher der erste?"
+
+"Nein, gewi nicht", versicherte This.
+
+"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal
+unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder
+zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. "Sag mir, This, habe ich
+denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frh
+heraufkamst?"
+
+Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn
+alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht
+recht, und er knnte bse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm
+jetzt so tief in die Augen, da er alles sagen mute: "Ich habe es
+selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an.
+
+"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert.
+
+"Weil sie so hei waren", erwiderte This.
+
+Der Senn staunte immer mehr. "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang
+erwacht", sagte er. "Wann bist du denn heraufgekommen?"
+
+"Gestern um fnf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam,
+"der Melker kam erst lange nachher."
+
+"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn
+gewollt und gemacht?"
+
+Jetzt sah der Franz Anton, da dem This ganz bange wurde, ihm selber
+aber fielen nun wieder die Vorgnge der letzten Nacht ein. Ganz
+vterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd:
+"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu frchten, This. Da, trink noch
+eins aus, und dann sag mir alles, was du weit, von da an, als du hier
+heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fate der This neuen
+Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zgen aus, denn sie schmeckte
+herrlich.
+
+Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier
+herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Ksfische.
+Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie
+nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden
+gefunden, und Sie sind ganz rot und hei gewesen und haben Durst
+gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe
+alle groen Erdbeeren gepflckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen
+gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf
+den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Htte
+das Schsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach
+habe ich ihn gefllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schsselchen das
+Wasser ber den Kopf geschttet und auch zu trinken gegeben, denn sie
+haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin
+ich zum Bach hinber und habe ihn wieder gefllt. Aber weil das
+Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes
+Tuch wurde den Kopf besser khlen. Und so habe ich das Tuch aus der
+Htte geholt und es ganz na auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann
+trocken und hei wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und
+es dann wieder na auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann
+erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht
+etwa krank werden."
+
+Der Senn hatte mit groer Aufmerksamkeit zugehrt. Jetzt stand alles
+deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wute auch
+wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren
+als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gesprt und
+genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und
+verwundert an, als htte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen
+solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn mglich, da
+dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben
+gerettet hatte.
+
+Htte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelscht, wer wei,
+was bis zum Morgen daraus geworden wre! Und wie konnte dieser This,
+dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung
+fhig sein, da er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn
+pflegte! Dem groen, starken Franz Anton kamen die Trnen in die
+Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles
+berdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir
+wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das
+vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die
+Glieder so, da ich mich jetzt niederlegen mu. Geh du nun hinunter
+zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir
+nicht ganz wohl. Du mut dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe
+noch viel mit dir zu reden heute, vergi es nicht!"
+
+Solange er lebte, war der This noch nie so glcklich gewesen. Er lief
+springend den Berg hinunter, als knne er nicht hoch genug aufspringen
+vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen,
+und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in
+die Sennhtte eintreten. Auerdem hatte der Franz Anton ihm noch
+gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser
+Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der
+Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Huschen
+mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im
+Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der
+Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen,
+denn er war ganz atemlos vom Laufen.
+
+"Woher kommst denn du?" fragte die sonntglich gekleidete Frau, die
+nicht gern etwas Unordentliches sah. Mibilligend musterte sie den
+Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntglichen Anblick
+in seinen zerfetzten Alltagshschen und dem schmutzigen Hemdlein.
+"Ich meine, ich habe dich schon dort drben ber dem Bach gesehen, du
+bist wohl einer vom Hlmli-Sepp?"
+
+"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demtig.
+
+Jetzt fiel der Frau ein, da die Frau des Hlmli-Sepp einen
+einfltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts
+zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. "Und was willst du
+denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert.
+
+Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag
+klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der
+kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und da er nach ihr schickte
+und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes
+Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in groer
+Sorge das Ntigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem groen
+Korb am Arm heraus.
+
+"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn. Warum mut du
+wieder mit?"
+
+"Ich wei nicht", antwortete er. Und fast als wre es etwas Bses,
+setzte er leise hinzu: "Mu ich nicht den Korb tragen?"
+
+"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran
+gedacht, da ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb.
+Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief
+in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer
+Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die
+Krankheit gefhrlich sein? Ihre Angst wurde immer grer, je nher
+sie der Sennhtte kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige
+Schritte--der bekmmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast
+nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie
+schaute berall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn
+tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem
+Herzen stieg sie die Leiter hinauf.
+
+Der This blieb ehrerbietig drauen vor der Tr stehen, nur den Korb
+schob er in die Htte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll
+ber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte
+ihr frhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter:
+"Gr dich Gott, Mutter! Das freut mich, da du da bist. Ich habe
+aber geschlafen wie ein Br, die ganze Zeit, seit der This fortging."
+Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie
+wute gar nicht, was sie denken sollte. "Franz Anton", sagte sie
+jetzt ernsthaft, "was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weit du,
+da du mich hast holen lassen?"
+
+"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz
+bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir
+noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir
+reden. Ich fhl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kme noch
+nicht weit."
+
+"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir's doch",
+drngte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.
+
+"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen",
+sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. "Sieh einmal
+zuerst dort unten das schmale, magere Bblein an, das kein gutes Stck
+Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder
+nur den dummen This nennt."
+
+Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn
+hinaufsphte, ob er etwa wieder umfallen wolle.
+
+"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt.
+
+"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Bblein nicht
+gewesen wre, so lge ich jetzt noch drauen auf dem Boden in einem
+tdlichen Fieber, oder vielleicht wre es auch schon vorbei mit mir."
+Und jetzt erzhlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag
+zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen
+und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch
+auf der Welt es nicht besser htte tun knnen.
+
+Die Mutter mute sich mehrmals die Trnen abwischen. Sie stellte sich
+vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da
+drauen gelegen htte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden
+wre, und kein Mensch htte etwas von ihm gewut. Und jetzt stieg ein
+Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, da sie laut ausrufen mute:
+"Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche
+Liebe zu dem armen This berkam sie, da sie ganz eifrig sagte: "Franz
+Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hlmli-Sepp zurck!
+Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat
+sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen
+mache ich ihm ein Gewand, da man ihn ansehen darf. Er mu es nicht
+schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir
+geholfen hat."
+
+"Das ist nun gerade, was ich wnschte, Mutter, aber ich mute doch
+zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben
+und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein knnte. Es geht
+nichts ber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller
+Glck und Liebe an, da es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich
+dachte: Es geht auch nichts ber einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte
+sie: "Jetzt mut du etwas essen, Franz Anton, da du wieder zu Krften
+kommst. Ich habe frische Eier und ein Weibrot mitgenommen, und jetzt
+will ich Feuer machen, la dir Zeit zum Herunterkommen." Das mute der
+Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging.
+Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er
+sich selbst niedergesetzt hatte.
+
+"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend,
+"willst du ein Senn werden?"
+
+Der This fing an zu lcheln, aber dann hrte er pltzlich die
+vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen
+hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts".
+Und schchtern antwortete er. "Ich kann nichts werden."
+
+"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit.
+"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun
+bleibst du bei mir und trgst Milch und Wasser und hilfst mir bei
+allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Kse macht und sobald
+du gro genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein
+Gehilfe."
+
+"Hier in der Schwemmebachsennhtte?" fragte This, dem die Aussicht auf
+diese Glckseligkeit ganz unfabar war.
+
+"Alles hier, in der Schwemmebachsennhtte", besttigte der Franz Anton.
+
+Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden
+Glcks, da der Senn ihn nur ansehen mute. Der Bub war wie
+verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den groen
+Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie
+streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir
+miteinander frhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen
+wir dem lieben Gott dafr danken, da er dich gerade zur rechten Zeit
+in die Nhe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch
+begreift, warum du da heraufgekommen bist."
+
+Jetzt begann das frhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben
+hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen.
+Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weibrot hingelegt
+und daneben Butter und weien Kse. Und mitten auf dem Tisch stand
+eine groe Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die
+Mutter groe, dicke Stcke vor den This hin, und wenn er fertig war,
+gab es gleich noch einmal so viel.
+
+Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie:
+"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This mu bei dir oben
+bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es
+ntig ist. Der Frau des Hlmli-Sepp will ich schon alles berichten."
+
+Das war dem Sennen recht, und fr den This war es das hchste Glck,
+das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton.
+Nicht mehr verborgen unter den Tannenbumchen hrte er heute den
+Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als
+dieser seine Hnde faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den
+Abendsegen." Andchtig faltete auch er seine Hnde, und als am Schlu
+der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glck im
+Herzen des This so gro, da er gern berlaut allen Menschen auf der
+ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!'
+
+Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinber zu der Frau des
+Hlmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und
+gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzhlten.
+Die Sennin hrte, da von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der
+Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hlmli-Sepp erklrte,
+da sie mit ihrem Sohn bereingekommen sei, sie wollten den This bei
+sich annehmen, da machte die Frau einen groen Lrm. Sie sagte, sie
+sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fr
+den Senn eine grere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien
+alle aus vollen Hlsen: "Mich! Mich! Mich!" Denn sie wuten wohl,
+wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhtte fr gute
+Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.
+
+Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn
+schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen
+This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das
+Hnseln und Verspotten unterlassen, sonst htten sie es mit ihrem Sohn
+zu tun. Der rede dann mit seinen krftigen Armen eine deutlichere
+Sprache mit den Buben, als sie es jetzt knnte. Dann verlie die
+Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblfft nachschauten,
+und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wre,
+der wird's gut haben, wie ein Knig wird er da oben in seiner
+Sennhtte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen lie,
+liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund
+sein. Denn sie muten alle an den letzten Ksfischtag denken, als der
+This so bel behandelt worden war. Von nun an wrde er ja gewi alle
+Ksfische allein bekommen, da wre doch jeder gut daran, der sein
+Freund wre. Und spter waren sie auch alle gut daran, denn dem This
+machte es die grte Freude, die reiche Ernte der Ksfische unter
+allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darber
+wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie
+mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte
+sich zur berraschung aller, da er auf einmal ein ganz flinkes,
+geschicktes Brschchen war, von dem jeder sagen mute: "Entweder ist
+das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den
+dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit,
+sein liebster Schler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei
+allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die
+anderen Buben knnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird,
+von Johanna Spyri.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
+
+This file should be named 8vomt10.txt or 8vomt10.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8vomt11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8vomt10a.txt
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+http://gutenberg.net or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or
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+Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92,
+91 or 90
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+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
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+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
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+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
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+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
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+ 100 1994 January
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+(Three Pages)
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+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
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+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
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index 0000000..d23a607
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+++ b/old/old/8vomt10.txt~
@@ -0,0 +1,1484 @@
+The Project Gutenberg EBook of Vom This, der doch etwas wird, by Johanna Spyri
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
+
+This header should be the first thing seen when viewing this Project
+Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
+header without written permission.
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+eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
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+how the file may be used. You can also find out about how to make a
+donation to Project Gutenberg, and how to get involved.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Vom This, der doch etwas wird
+
+Author: Johanna Spyri
+
+Release Date: February, 2006 [EBook #9859]
+[This file was first posted on October 25, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
+
+
+
+
+E-text prepared by Delphine Lettau
+
+
+
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 8-bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfgung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Vom This, der doch etwas wird
+
+Erzhlung
+
+Johanna Spyri
+
+
+
+
+
+
+
+1. Kapitel
+
+Alle gegen einen
+
+
+Wenn man den Seelisberg von der Rckseite her besteigt, kommt man auf
+eine frische, grne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die
+friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem
+schnen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenhrten Khe
+ziehen lieblich lutend immer hin und her. Denn jede trgt am Hals
+ihre Glocke, damit man immer hrt, wo sie ist. So kann sich keine Kuh
+unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Struchern bedeckte Felswand
+liegt, ber die sie hinunterstrzen knnte. Es ist auerdem ein
+ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben knnen. Aber die
+Glocken sind doch notwendig und tnen so freundlich hin und her, da
+keiner sie entbehren mchte. Am Bergabhang stehen hie und da
+vereinzelt die kleinen, hlzernen Huser, und nicht selten rauscht
+daneben ein schumender Bach ins Tal hinab. 'Am Berghang' heit es
+hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Huschen steht auf
+ebenem Boden. Es ist, als wren sie irgendwie an den Berg hingeworfen
+worden und da hngengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da
+oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie
+alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der
+kleinen, hlzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt
+in ihre Nhe, so sieht man, da ein groer Unterschied zwischen ihnen
+ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nhe ganz
+verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen
+ihnen strzt der grte Bergbach der Gegend, der schumende
+Schwemmebach, hinunter.
+
+Am ersten Huschen blieben auch an den schnsten Sommertagen alle die
+kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die
+hineindrang, kam durch die Lcher der zerbrochenen Scheiben. Das war
+aber nicht viel, denn die Lcher waren wieder mit Papier verklebt,
+damit man im Winter drinnen nicht frieren mute. An dem hlzernen
+Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war
+so zerfallen, da es ein Wunder war, da alle die kleinen Kinder, die
+da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie
+hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder
+waren alle mit Schmutz berdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen
+Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ber da
+herum, und am Abend kamen vier grere Kinder dazu. Drei krftige
+Buben und ein Mdchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich
+aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie
+konnten sich doch schon selbst waschen.
+
+Das Huschen ber dem Bach drben hatte einen ganz anderen Charakter.
+Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgerumt
+aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drben. Die
+Stufen sahen immer so aus, als wren sie eben gescheuert worden. Und
+oben auf der Galerie standen drei schne Nelkenstcke und dufteten den
+ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen
+Fenstern stand offen und lie die schne, sonnige Bergluft herein.
+Dort konnte man meistens eine noch krftig aussehende Frau sitzen
+sehen, mit schnem, weiem Haar, das sie sehr ordentlich unter das
+schwarze Hubchen zurckgestrichen hatte. Sie flickte gewhnlich an
+einem Mnnerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber
+gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so
+adrett und reinlich aus, als wre noch nie etwas Unsauberes an sie
+herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des
+frhlichen Franz Anton mit den krftigen Armen. Der machte den Sommer
+ber in der oberen Sennhtte seine Kse, und erst im Sptherbst zog er
+wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn
+dann butterte er in der unteren Sennhtte, die ganz nahe lag. Da ber
+den reienden Schwemmebach kein Steg fhrte, waren die zwei Huschen
+ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg
+wohnten, besser, als diese Nachbarn ber dem Bach, zu denen sie nur
+etwa einmal am Tag stumm hinberschaute. Gewhnlich schttelte sie
+dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter
+und schmutzigen Fetzen drben an den Kindern sah. Sie schaute aber
+nicht oft hinber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber
+betrachtete sie, wenn das Feierabendstndchen kam, ihre roten Nelken
+auf der Galerie oder sie schaute ber den grnen, sonnigen Abhang
+hinunter, der vor ihrem Huschen zum Tal hinabstieg.
+
+Die verwilderten Kinder ber dem Bach gehrten dem Hlmli-Sepp, wie er
+genannt wurde, der seine Arbeit auer Haus beim Holzfllen oder
+Heumachen suchte. Auerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So
+war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die
+Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele
+kleine Kinder knne man nicht in Ordnung halten, und spter wrde es
+dann von selbst besser. So lie sie alles gehn, wie es ging. Und in
+der schnen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und
+lieen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl
+sein. Zur Sommerzeit waren die vier Greren den ganzen Tag drauen,
+um die Khe zu hten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen,
+wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten
+bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Khe auf das
+umliegende Weideland hinaus und muten sie hten lassen. Das ist
+immer eine lustige Zeit fr die Buben und Mdchen, die sich dort zu
+jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei frhliche Sachen
+miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten
+im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere
+Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer
+ber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstck nach Hause,
+das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier
+Kleinen zu ernhren und fr alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn
+diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mute doch jedes haben
+und die vier Groen noch ein Stck dazu. Eine Kuh hatte der
+Hlmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaen,
+wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.
+
+Hlmli-Sepp hie der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum
+nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine
+Gei und ein Stck Kartoffelland, damit mute die Frau mit den vier
+Kleinen den Sommer ber auskommen und auch hier und da noch eines der
+Greren speisen, wenn es drauen keine Arbeit fand. Der Vater kam im
+Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein
+Huschen und Acker waren so verschuldet, da er das ganze Jahr ber
+etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten
+konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel
+er fand.
+
+So mute die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte
+keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von
+der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der
+verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten,
+schaute sie ber den Bach zu dem schmucken Huschen der Sennerin
+hinber, dessen Scheiben in der Sonne glnzten. Dann sagte sie
+rgerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles
+sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging
+sie wieder rgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurck, und an dem,
+der ihr zuerst in den Weg kam, lie sie den rger aus.
+
+Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht
+ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Huschen vom
+Hlmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der
+dumme This' genannt, sah so mager und drftig aus, da man ihn kaum
+fr achtjhrig gehalten htte. Er schaute auch so scheu und
+verschchtert drein, da niemand wute, wie der This eigentlich aussah,
+denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach.
+This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum
+zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel spter ber die Felsen
+in die Tiefe gestrzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam
+und den Weg abkrzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte
+nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem
+groen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This
+hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend,
+eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen
+Matthis genannt.
+
+Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Huschen vom
+Hlmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafsttte mit seinem Bblein
+gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben
+Ort. Das wenige Geld, das fr den kleinen This von der Gemeinde
+bezahlt wurde, war der Frau des Hlmli-Sepp sehr erwnscht. Und in
+die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fr die
+schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This
+war schon von Natur aus ein schchternes und stilles Bblein gewesen.
+Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das groe Unglck
+gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem
+Unglck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.
+
+So sa der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein
+Wort zu hren, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann
+seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des
+Hlmli-Sepp gehrte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde
+von jedem angefahren und hin und her gestoen, weil er sich nie wehrte.
+Zu all den Pffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen
+dann noch die bsen Worte der Frau, wenn sie den rger ber das
+saubere Huschen der Sennerin drben hatte. Der This wehrte sich aber
+nie, denn er hatte das Gefhl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so
+nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und
+verschchtert, da man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her
+vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn
+anrief. Er sah berhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch,
+wo er in die Erde hineinkriechen knnte, da ihn keiner mehr fnde.
+
+So war es gekommen, da die vier Groen vom Hlmli-Sepp, der Jopp, der
+Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du
+bist doch ein dummer This", und da es die vier Kleinen auch
+nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals
+dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es
+werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme
+This' genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten knnte,
+wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Khe zu hten, und war
+er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke
+oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da sa er
+meistens zitternd vor Furcht, denn er hrte wohl, wie die anderen
+Buben ihn mit groem Geschrei suchten, da er bei den Spielen
+mitmachte, die sie spielen wollten.
+
+Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prgeln, und das traf
+regelmig den This am strksten, da er sich nicht wehrte und auch
+nicht wehren konnte gegen die viel Strkeren. So verkroch er sich,
+sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Khe, wohin sie wollten
+und fraen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann groen rger, und
+jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Khe zu hten, und keiner
+stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld,
+wenn die Buben zum Jten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da
+warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblten an den
+Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem
+anderen reichlich zurck, was er empfangen hatte. Der This gab aber
+nichts zurck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen
+Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen
+gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten
+die Knollen an den Rcken und an den Kopf.
+
+Whrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten,
+versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den
+Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit
+nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller
+Arbeit zu dumm und aus dem This knne nie etwas werden. Weil er nun
+gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er
+auch von der Frau des Hlmli-Sepp demgem behandelt. Wenn schon die
+eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es
+meistens, da fr den This gar nichts mehr brigblieb und es dann hie:
+"Du wirst wohl etwas finden, du bist gro genug." Wie der This
+eigentlich ernhrt wurde, wute niemand, auch die Frau des Hlmli-Sepp
+nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.
+
+Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen
+Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tr
+vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in
+seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich
+wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer
+scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.
+
+
+
+2. Kapitel
+
+Bei der Schwemmebachsennhtte
+
+
+An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle
+Mcken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hterbuben und--mdchen.
+Sie muten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp,
+von allen der Grte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle
+nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, da man jetzt zur
+Schwemmebachsennhtte hinaufgehe, denn heute sei der Ksfischtag. Nun
+msse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Khe
+hten solle, whrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wrden.
+Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust,
+sich fr die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue
+Uli auf den Gedanken, man knnte einmal den dummen This zwingen, auf
+die Khe acht zu geben. Und damit er's nicht vergesse, knnte man ihn
+im voraus ein wenig durchprgeln. Der Vorschlag fand Anklang, und
+schon wollten mehrere von den Anfhrern der Schar den This holen, als
+das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts
+Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den
+Lohn dafr, wenn wir wieder zurckkommen und die Khe sich verlaufen
+haben. Ihr werdet doch nicht glauben, da der This, wenn er zu dumm
+ist, zwei Khe zu hten, auf einmal zwanzig hten kann. Man mu losen,
+und drei mssen bei den Khen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis
+Erklrung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus
+der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet
+der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der
+siegreichen Schar den Rcken und setzte sich auf den Boden neben seine
+beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen strzte nun
+die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genu
+entgegen.
+
+Der Ksfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die
+es nie unterlieen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen
+sollte. Denn das war ein Hauptfest fr sie. Das war der Tag, an dem
+der Franz Anton seine frischen Kse rundum beschnitt, nachdem diese
+als weiche Masse in die runde, hlzerne Form gepret worden waren.
+Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von
+der Masse herausdrngte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie
+eine lange, schneeweie Wurst. Die wurde dann in viele Stcke
+gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt.
+Das waren dann die sogenannten Ksfische. Dieses Fest wiederholte
+sich den Sommer ber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem
+Freudengeschrei begrt.
+
+This hatte sich hinter dem groen Distelbusch am Boden versteckt
+gehalten, whrend die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton
+von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hrte,
+da die groe Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig
+hervor. Die drei grollenden Zurckgebliebenen saen am Boden und
+kehrten ihm den Rcken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stck
+die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der
+Hhe hernieder. Den This erfate ein unwiderstehliches Verlangen,
+auch an der Ksfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlpfte er
+hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er
+hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem
+letzten steilen Hang kam eine kleine, glnzend grne Hochebene, da
+stand die Sennhtte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der
+klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tr seiner Htte stand der
+Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte ber
+die vielen Sprnge, die jetzt die Buben und Mdchen in ihrem Eifer, zu
+dem ersehnten Genu zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt
+waren sie alle bei der Htte und eines drngte das andere vorwrts, um
+noch nher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wrde.
+
+"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton. "Wenn ihr alle in
+die Htte hineindrngt, so habe ich keinen Platz mehr zum
+Kseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes
+Messer zur Hand und trat an den groen, runden Kse heran, den er
+schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden
+ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweien
+Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stck und da ein
+Stck, oft ber die Kpfe der Groen weg den Kleinen, die nicht zu ihm
+vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner
+Teilung.
+
+This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen
+wollte, so bekam er da einen Sto und dort einen und flog so von einer
+Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer
+wieder ein Grerer und Dickerer sich vor ihn drngte. Zuletzt bekam
+er einen so ungeheuren Sto von dem breiten, nach allen Seiten
+schlagenden Jopp, da er sich fast berschlagen htte. Die Teilung
+war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, da er zu keinem
+Stckchen Ksfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine
+Schlge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die
+jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den
+Bumchen. Auf der hchsten Krone des einen sa ein lustiger, kleiner
+Vogel und pfiff so frhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als
+gbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und
+Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, da er fast das
+Leid verga, das ihm eben geschehen war.
+
+Von Zeit zu Zeit mute er nach der Sennhtte hinberschauen, denn das
+Lrmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stck Ksfisch
+wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie
+jedes Kind mit einem greren oder kleineren Brocken der schnen,
+weien Masse dastand und mit Wonne hineinbi. Er seufzte dann ein
+wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges
+Stcklein bekme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weien
+Ksfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie
+heute in die Schar der Glcklichen einzudringen. Jetzt hatte er
+gesehen, da es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut
+zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlugedanken, da er
+sein Leben lang nie einen Ksfisch bekommen werde. Darber wurde er
+so traurig, da er nicht einmal den Vogel mehr hrte und ganz
+zusammengeduckt unter den Tannenbumen sa.
+
+Jetzt war das Gastmahl bei der Htte zu Ende und mit schrecklichem
+Lrm strzten die Kinder daher, womglich immer einer ber den anderen
+hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall
+brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der
+lrmende Hans, und laut schrie er in das Gebsch hinein: "Du Maulwurf,
+komm heraus, du mut mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen
+hatte. Er mute sich als Bock hinstellen, damit die anderen ber ihn
+springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wre
+viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wute wohl,
+was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er
+gehorsam heran. "Wie viele Ksfische hast du bekommen?" schrie ihn
+jetzt der Hans an.
+
+"Keinen", gab This zurck. "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans
+noch lauter in die Schar hinein, "der luft schnell zu den Ksfischen,
+und dann luft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer
+This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die groen
+Buben ber den Kopf weg, so da er genug zu tun hatte, nur immer
+wieder auf die Fe zu kommen, wenn er umgeworfen worden war.
+Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestrzter die Abhnge
+hinunter, bis ein glcklicher Zufall sie wieder alle auf die Fe
+brachte. Nach dieser strmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen
+gleich alle auseinander, jeder seinen Khen nach.
+
+Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn
+jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den
+Zurckgebliebenen, weit er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem
+Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben
+und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im
+Berghang, wo im Frhling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und
+den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und
+ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schne, dunkelrote
+Erdbeeren in der Sonne, die so schn warm in die Vertiefung schien.
+Aber dem This war es berall angst und bang, wenn er noch in der Nhe
+der Huser und der Hterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden
+Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der
+This zuckte scheu und ngstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer
+dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch
+einmal an das stille Pltzchen unter den kleinen Tannenbumchen dort
+oben und an das pfeifende Vgelein, so da es ihn mit Gewalt vom Boden
+zog. Er mute noch einmal dorthin.
+
+Mit allen Krften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht
+einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die
+Tannenbumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein
+Tannenversteck ein wenig offen. Da sa nun der This in vlliger
+Sicherheit. Ringsum war eine groe Stille, kein Ton drang von unten
+her bis hier auf die einsame Hhe, nur das Vgelein sa noch auf
+seinem Tannenast und pfiff sein frhliches Lied. Die Sonne wollte
+untergehen. Die hohen Schneeberge drben fingen zu flimmern und zu
+glhen an, und ber die ganze grne Alm hin lag das golden schimmernde
+Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie
+gekanntes Wohlsein kam ber ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und
+Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu frchten, denn weit und
+breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hren.
+
+So sa der This eine lange Zeit, und am liebsten wre er gar nicht
+mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben
+gewesen. Aber da hrte er schwere Tritte hinter sich von der Htte
+her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewi
+wollte er zum Bach hinber, um Wasser zu holen. This verhielt sich
+muschenstill. Denn er war so daran gewhnt, da er von jedermann
+angefahren oder ausgelacht wurde, da er dachte, der Senn werde es
+gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die
+Bumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton
+wurde aufmerksam, trat nher und guckte in den Tannenbusch hinein.
+
+"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht.
+
+"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.
+
+"Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu frchten, wenn du nichts
+Bses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa
+mit deinen Ksfischen da hineingeflchtet, da du sie in Ruhe
+verzehren kannst?"
+
+"Nein, ich habe keine Ksfische gehabt", sagte This ngstlich.
+
+"Nicht? Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie
+sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem
+Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem
+Menschen.
+
+"Sie haben mich auf die Seite gestoen", erwiderte er nun und stand
+hinter den buschigen Zweigen auf.
+
+"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort,
+"komm noch ein wenig nher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn
+sie dich wegstoen? Es stt ja immer einer den anderen, aber zuletzt
+kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?"
+
+"Sie sind strker", sagte der This so berzeugend, da diese Erklrung
+wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den
+Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, groen Franz Anton wie
+ein dnnes Stcklein vor einer hohen Tanne. Der krftige Mann
+betrachtete einen Augenblick das schmale Figrchen, an dem tatschlich
+fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht
+schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.
+
+"Wem gehrst du?" fragte er jetzt den Buben.
+
+"Niemand", gab This zur Antwort.
+
+"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?"
+
+"Beim Hlmli-Sepp."
+
+Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. "Ach so, bist du der!"
+sagte er verstndnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar
+nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehrt, ihn aber nicht
+gekannt.
+
+"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig. "Wenn du beim Hlmli-Sepp
+bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hlmlein.
+Komm, Ksfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes."
+
+Der This wute gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz
+Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und
+das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Htte, holte
+hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein groes
+Stck ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfa, das goldig glnzend
+in der Ecke stand, und holte ein groes Stck Butter heraus. Das
+strich er ber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stck mit
+der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte
+der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es
+nicht mglich, da es ihm gehre.
+
+"Komm heraus. I es vor der Htte, ich mu nun zum Wasser", sagte
+Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glck und
+Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte.
+Vor der Htte setzte er sich auf den Boden. Und whrend der Senn zum
+Schwemmebach hinberging, bi er in sein Butterbrot hinein und bi
+immer wieder und konnte nicht begreifen, da es etwas so Gutes gbe
+und er es bekommen htte.
+
+Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und
+wiegte unten die Tannenbumchen hin und her, und der kleine Vogel sa
+immer noch auf dem hchsten Zweig und sang hell und frhlich in den
+goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie
+gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er msse laut mit dem Vogel zu
+singen anfangen.
+
+Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her
+gegangen. Drben beim Schwemmebach war er immer eine Weile
+stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr
+rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gro und golden der volle Mond
+hinter dem weien Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Htte
+zurck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle
+sa.
+
+"So gefllt's dir hier?" fragte er freundlich. "Mit dem Abendessen
+bist du fertig, wie ich sehe. Du mut dich auf den Rckweg machen.
+Sieh, wie schn dir der Mond heimleuchtet!"
+
+Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel
+ihm ein, da es wohl ntig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem
+Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den
+Tannenbumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurck. Er schaute noch
+einmal zurck, und da der Senn in die Htte getreten war und ihn nicht
+mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz
+Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Gte
+und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen
+Eindruck gemacht, da er nicht fort konnte. Er mute noch ein wenig
+in der Nhe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen
+unter den Bumchen und sphte zu der Htte hinauf, ob er den Senn
+nicht noch einmal she. Es dauerte einige Zeit, da pltzlich trat
+Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Htte heraus.
+
+Er blieb vor der Tr stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die
+stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ber alle hohen Schneegipfel hin das
+milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt
+der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen
+Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hnde. Er hielt wohl still
+seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht
+geb euch Gott!" trat in die Htte zurck und machte die Tr zu. Sein
+Nachtgru hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum
+und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller
+Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fhlte Liebe und
+Bewunderung fr den Senn, Gefhle, die er bisher nicht gekannt hatte.
+
+Als es nun ganz dunkel und still in der Htte wurde, stand der This
+auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.
+
+Es war spt und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich,
+die Tr war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Huschen und
+schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser
+schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es
+ist bequem, da der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden.
+So hat man doch Platz!"
+
+This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er
+immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit
+gefalteten Hnden vor seiner Htte stand. Zum erstenmal in seinem
+Leben schlief der This mit einem glcklichen Herzen ein.
+
+
+
+3. Kapitel
+
+Ein hilfreicher Engel
+
+
+Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten,
+muten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges
+gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr
+Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze
+Schar den Berghang herunter, und bald saen sie alle mit anderen
+Kindern so ruhig wie mglich auf den langen Bnken, und der Herr
+Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von
+einem zuknftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den
+This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas
+fragen, das wirst du wohl beantworten knnen, wenn man dir auch nicht
+viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem rmsten
+und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefhrt hat, so
+wohl werden, da er kein Leid versprt?"
+
+"Bei der Schwemmebachsennhtte", antwortete der This ohne Zgern.
+Jetzt entstand ein solches Kichern, da der This ganz scheu um sich
+schaute. Ringsum waren spttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle
+Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich
+so stark vornber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem,
+was der Herr Pfarrer das letztemal erklrte, hatte er nichts gehrt,
+weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mute. Jetzt hatte
+er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet,
+
+Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, da es dem
+This gar nicht zum Lachen war, sondern da er vor Scheu ganz
+erschrocken und zusammengeduckt dasa, da schttelte der Herr Pfarrer
+nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu
+machen."
+
+Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da strzte die ganze Schar
+hinter dem This her, alle lachten berlaut und schrien durcheinander:
+"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Ksfische in den Sinn
+gekommen?"
+
+"This, warum hast du nicht auch etwas von den Ksfischen gesagt?" Der
+This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem
+Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben
+wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den
+schnen Sonntagabend unten im Dorf genieen.
+
+Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt
+einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhtte
+hinaufflchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen.
+Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Pltzchen sitzen und
+vor Verfolgung sicher sein. Nun sa er wieder unter den Tannen und
+ber ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der
+Sonne, und ber den grnen Hngen flo da und dort ein klares Bchlein
+friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, da er allen
+Spott verga und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr
+weggehen zu mssen.
+
+Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er
+bestndig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie mglich
+nieder. Denn er hatte das Gefhl, wenn der Franz Anton ihn wieder
+hier sehe, so knnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein
+Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und
+einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und
+in dessen Nhe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst
+nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und
+This sa an seinem schnen Pltzchen, bis die Sterne am Himmel standen
+und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Htte hinaustrat und
+ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder
+davon, und spt wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht
+hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber
+das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefhlt
+dort oben.
+
+So ging es eine ganze Woche. Tag fr Tag, sobald er einen Augenblick
+fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm
+hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete
+er die ganze Ttigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und
+nie verlie er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton
+gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als
+sei der Nachtsegen auch fr ihn gedacht.
+
+Es waren ausnahmsweise heie Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg
+jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend
+niedergegangen war. Das Futter war besonders krftig, und Franz Anton
+bekam so schne, fette Milch von den Alpenkhen, da er die
+prchtigsten Kse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude,
+und schon frhmorgens konnte man ihn voller Vergngen in seiner
+Sennhtte pfeifen hren, so auch am Samstag dieser Woche. Da hrte
+man ihn noch viel frher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem
+der Senn seine drei oder vier fertigen Kse an den See hinunterbrachte.
+Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie
+auf seinem Rcken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwrts,
+den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rcken. Es
+war der heieste Tag des ganzen Sommers.
+
+Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die bermige
+Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute
+abend wieder zu meiner Htte hinauf in die khle Luft zu kommen, hier
+unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt,
+gerade als das Schiff herankam, das die Kse mitnehmen sollte. Bald
+war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlssig
+da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten
+etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fhlte keinen Appetit, sein Kopf
+war schwer und hei, er wnschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn
+jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim
+Einladen geholfen hatte. "Komm, Franz Anton, heute ist's hei, wir
+wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn
+zu dem Wirtshaus.
+
+Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im
+Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber
+stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in
+der schweren, heien Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht
+an den Wein gewhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit groen
+Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in
+seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte hei auf
+seinen Kopf, alle seine Pulse hmmerten, die Fe wurden ihm so schwer,
+da er sie nur mit Mhe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je
+grer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der
+Aussicht an, da nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt
+nur noch eine Viertelstunde heier Mhe vor ihm liege. Dann wrde er
+oben sein und knne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.
+
+Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne
+brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Pltzlich wurde es ihm vllig
+schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer strzte er auf den
+Boden nieder. Er hatte das Bewutsein verloren.
+
+Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er,
+da der Franz Anton noch nicht zurckgekehrt war. Er stellte seine
+Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem
+Senn auszuschauen.
+
+Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz
+Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte
+er an seinem verborgenen Pltzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt,
+den der Senn tat. Er wute, wie eine Beschftigung auf die andere
+folgte, so da er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der
+Franz Anton seine Milch stehen lie. Sonst go er sie immer gleich in
+die verschiedenen Gefe. Die eine kam zum Buttern in die groen,
+runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schn dick obenauf
+lag. Die andere wurde in den Ksekessel gegossen, das hatte der This
+durch die offene Httentr alles genau beobachten knnen. Der Senn
+kam immer noch nicht. Der Junge fhlte, da irgend etwas geschehen
+sein mute. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging
+zur Sennhtte. Da war es still und leer unten im Httenraum und oben
+auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut
+war zu hren, alles wie ausgestorben. ngstlich lief der This
+jetzt um die Htte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann
+in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten
+erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da
+lag sein Freund mit geschlossenen Augen und sthnte und lechzte wie
+ein Sterbender. Er sah glhend hei aus, und seine Lippen waren ganz
+vertrocknet.
+
+Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor
+Schrecken, auf seinen Wohltter. Dann strzte er in schnellem Lauf
+den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewutlos am
+Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt
+an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem
+brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bcken
+und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er fr einen Augenblick,
+denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.
+
+Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rhren.
+Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das
+Bewutsein wieder, und er trumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er
+heute frh im Vorbergehen noch die schnen Erdbeeren gesehen hatte.
+Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die
+Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber
+jetzt hatte er pltzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte
+sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der
+Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlrfte und
+schluckte, es war ein unsgliches Labsal. Er erwachte. War das alles
+Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und
+steckte ihm wieder eine groe saftige Erdbeere in den Mund.
+
+"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton. Aber
+nicht nur eine, fnf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf
+einmal flog ein stechender Schmerz ber sein Gesicht. Er legte die
+Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war
+ihm das Bewutsein wieder vllig entschwunden. Er konnte nicht einmal
+mehr die letzte Erdbeere genieen. Jetzt trumte er ganz schreckliche
+Dinge. Sein Kopf wurde so gro wie sein allergrtes Butterfa und
+dann immer noch grer und so furchtbar schwer, da er mit Schrecken
+dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man mu starke,
+hlzerne Sttzen unterstellen, wie unter die Apfelbume, wenn sie
+zuviel pfel tragen." Und jetzt fhlte er deutlich, da der Kopf ganz
+voll Schiepulver war, das hatte einer von hinten angezndet. Nun
+brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mute alles
+zerspringen. Aber dann kam pltzlich ganz kalt und belebend der
+Schwemmebach ber seine Stirn, ber das ganze Gesicht und in den Mund
+hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.
+
+Es war wahr, eiskalt kam ein Gu nach dem anderen auf Stirn und
+Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den
+khlenden Trank ein. ber ihm standen die funkelnden Sterne, das
+sah der Franz Anton deutlich. Er wute auch, da er noch am Boden lag
+drauen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der
+Schwemmebach sein, was so ber ihn flo und ihn so ordentlich trinken
+lie. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend,
+so erlsend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer.
+Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich
+dir fr deine Gte und die hilfreichen Engel!"
+
+Das erquickende Wasserbad hrte nicht auf, und zuletzt fhlte der
+Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schtzend und
+wohltuend, da er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt
+schlief er jetzt ganz sanft ein und trumte nicht mehr.
+
+
+
+4. Kapitel
+
+Was die Sennenmutter haben will
+
+
+Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz
+Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er
+schauderte ein wenig zusammen, es frstelte ihn. Er wollte sich
+aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand
+an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht.
+Wohl sechsfach zusammengelegt lag na und schwer das groe Handtuch
+aus der Sennhtte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der
+frische Morgenwind ber die Stirn blies, fhlte er sich so wohlig und
+erleichtert, da er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da
+sah er auf einmal in zwei groe, ernsthafte Augen hinein, die
+unverwandt auf ihn gerichtet waren.
+
+"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frh auf
+die Alm? Nun, weil du da bist, komm, da ich mich ein wenig auf deine
+Schulter sttzen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf."
+
+Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er
+stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fe in den Boden hinein, so da
+der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte.
+Whrend des langsamen Aufstiegs zur Htte, als er sich immer noch auf
+die Schulter des Buben sttzte, fing er an, sich daran zu erinnern,
+was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgnge der
+Nacht vllig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur
+helfen. In der Htte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner
+dreibeinigen Sthle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz
+dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir
+wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt
+noch nicht machen. Ein Schsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist
+es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es
+regelmig dort hinauf. Ich wei nicht, was mit mir vorgeht seit
+gestern."
+
+Der This war feuerrot geworden, er wute wohl, wer das Schsselchen
+heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am
+Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides
+dem Senn. Dieser schttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er
+lebte, hatte er noch nie sein Schsselchen dort bei der Tr auf den
+Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine
+Milch, fllte dann das Schsselchen wieder und sagte: "Da, This, trink
+auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, da du so frh hinauf
+kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Ksfischtag und du seist dann
+sicher der erste?"
+
+"Nein, gewi nicht", versicherte This.
+
+"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal
+unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder
+zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. "Sag mir, This, habe ich
+denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frh
+heraufkamst?"
+
+Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn
+alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht
+recht, und er knnte bse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm
+jetzt so tief in die Augen, da er alles sagen mute: "Ich habe es
+selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an.
+
+"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert.
+
+"Weil sie so hei waren", erwiderte This.
+
+Der Senn staunte immer mehr. "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang
+erwacht", sagte er. "Wann bist du denn heraufgekommen?"
+
+"Gestern um fnf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam,
+"der Melker kam erst lange nachher."
+
+"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn
+gewollt und gemacht?"
+
+Jetzt sah der Franz Anton, da dem This ganz bange wurde, ihm selber
+aber fielen nun wieder die Vorgnge der letzten Nacht ein. Ganz
+vterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd:
+"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu frchten, This. Da, trink noch
+eins aus, und dann sag mir alles, was du weit, von da an, als du hier
+heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fate der This neuen
+Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zgen aus, denn sie schmeckte
+herrlich.
+
+Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier
+herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Ksfische.
+Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie
+nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden
+gefunden, und Sie sind ganz rot und hei gewesen und haben Durst
+gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe
+alle groen Erdbeeren gepflckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen
+gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf
+den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Htte
+das Schsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach
+habe ich ihn gefllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schsselchen das
+Wasser ber den Kopf geschttet und auch zu trinken gegeben, denn sie
+haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin
+ich zum Bach hinber und habe ihn wieder gefllt. Aber weil das
+Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes
+Tuch wurde den Kopf besser khlen. Und so habe ich das Tuch aus der
+Htte geholt und es ganz na auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann
+trocken und hei wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und
+es dann wieder na auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann
+erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht
+etwa krank werden."
+
+Der Senn hatte mit groer Aufmerksamkeit zugehrt. Jetzt stand alles
+deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wute auch
+wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren
+als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gesprt und
+genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und
+verwundert an, als htte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen
+solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn mglich, da
+dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben
+gerettet hatte.
+
+Htte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelscht, wer wei,
+was bis zum Morgen daraus geworden wre! Und wie konnte dieser This,
+dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung
+fhig sein, da er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn
+pflegte! Dem groen, starken Franz Anton kamen die Trnen in die
+Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles
+berdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir
+wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das
+vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die
+Glieder so, da ich mich jetzt niederlegen mu. Geh du nun hinunter
+zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir
+nicht ganz wohl. Du mut dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe
+noch viel mit dir zu reden heute, vergi es nicht!"
+
+Solange er lebte, war der This noch nie so glcklich gewesen. Er lief
+springend den Berg hinunter, als knne er nicht hoch genug aufspringen
+vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen,
+und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in
+die Sennhtte eintreten. Auerdem hatte der Franz Anton ihm noch
+gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser
+Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der
+Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Huschen
+mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im
+Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der
+Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen,
+denn er war ganz atemlos vom Laufen.
+
+"Woher kommst denn du?" fragte die sonntglich gekleidete Frau, die
+nicht gern etwas Unordentliches sah. Mibilligend musterte sie den
+Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntglichen Anblick
+in seinen zerfetzten Alltagshschen und dem schmutzigen Hemdlein.
+"Ich meine, ich habe dich schon dort drben ber dem Bach gesehen, du
+bist wohl einer vom Hlmli-Sepp?"
+
+"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demtig.
+
+Jetzt fiel der Frau ein, da die Frau des Hlmli-Sepp einen
+einfltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts
+zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. "Und was willst du
+denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert.
+
+Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag
+klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der
+kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und da er nach ihr schickte
+und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes
+Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in groer
+Sorge das Ntigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem groen
+Korb am Arm heraus.
+
+"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn. Warum mut du
+wieder mit?"
+
+"Ich wei nicht", antwortete er. Und fast als wre es etwas Bses,
+setzte er leise hinzu: "Mu ich nicht den Korb tragen?"
+
+"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran
+gedacht, da ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb.
+Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief
+in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer
+Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die
+Krankheit gefhrlich sein? Ihre Angst wurde immer grer, je nher
+sie der Sennhtte kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige
+Schritte--der bekmmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast
+nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie
+schaute berall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn
+tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem
+Herzen stieg sie die Leiter hinauf.
+
+Der This blieb ehrerbietig drauen vor der Tr stehen, nur den Korb
+schob er in die Htte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll
+ber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte
+ihr frhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter:
+"Gr dich Gott, Mutter! Das freut mich, da du da bist. Ich habe
+aber geschlafen wie ein Br, die ganze Zeit, seit der This fortging."
+Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie
+wute gar nicht, was sie denken sollte. "Franz Anton", sagte sie
+jetzt ernsthaft, "was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weit du,
+da du mich hast holen lassen?"
+
+"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz
+bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir
+noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir
+reden. Ich fhl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kme noch
+nicht weit."
+
+"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir's doch",
+drngte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.
+
+"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen",
+sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. "Sieh einmal
+zuerst dort unten das schmale, magere Bblein an, das kein gutes Stck
+Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder
+nur den dummen This nennt."
+
+Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn
+hinaufsphte, ob er etwa wieder umfallen wolle.
+
+"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt.
+
+"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Bblein nicht
+gewesen wre, so lge ich jetzt noch drauen auf dem Boden in einem
+tdlichen Fieber, oder vielleicht wre es auch schon vorbei mit mir."
+Und jetzt erzhlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag
+zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen
+und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch
+auf der Welt es nicht besser htte tun knnen.
+
+Die Mutter mute sich mehrmals die Trnen abwischen. Sie stellte sich
+vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da
+drauen gelegen htte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden
+wre, und kein Mensch htte etwas von ihm gewut. Und jetzt stieg ein
+Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, da sie laut ausrufen mute:
+"Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche
+Liebe zu dem armen This berkam sie, da sie ganz eifrig sagte: "Franz
+Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hlmli-Sepp zurck!
+Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat
+sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen
+mache ich ihm ein Gewand, da man ihn ansehen darf. Er mu es nicht
+schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir
+geholfen hat."
+
+"Das ist nun gerade, was ich wnschte, Mutter, aber ich mute doch
+zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben
+und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein knnte. Es geht
+nichts ber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller
+Glck und Liebe an, da es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich
+dachte: Es geht auch nichts ber einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte
+sie: "Jetzt mut du etwas essen, Franz Anton, da du wieder zu Krften
+kommst. Ich habe frische Eier und ein Weibrot mitgenommen, und jetzt
+will ich Feuer machen, la dir Zeit zum Herunterkommen." Das mute der
+Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging.
+Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er
+sich selbst niedergesetzt hatte.
+
+"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend,
+"willst du ein Senn werden?"
+
+Der This fing an zu lcheln, aber dann hrte er pltzlich die
+vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen
+hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts".
+Und schchtern antwortete er. "Ich kann nichts werden."
+
+"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit.
+"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun
+bleibst du bei mir und trgst Milch und Wasser und hilfst mir bei
+allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Kse macht und sobald
+du gro genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein
+Gehilfe."
+
+"Hier in der Schwemmebachsennhtte?" fragte This, dem die Aussicht auf
+diese Glckseligkeit ganz unfabar war.
+
+"Alles hier, in der Schwemmebachsennhtte", besttigte der Franz Anton.
+
+Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden
+Glcks, da der Senn ihn nur ansehen mute. Der Bub war wie
+verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den groen
+Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie
+streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir
+miteinander frhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen
+wir dem lieben Gott dafr danken, da er dich gerade zur rechten Zeit
+in die Nhe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch
+begreift, warum du da heraufgekommen bist."
+
+Jetzt begann das frhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben
+hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen.
+Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weibrot hingelegt
+und daneben Butter und weien Kse. Und mitten auf dem Tisch stand
+eine groe Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die
+Mutter groe, dicke Stcke vor den This hin, und wenn er fertig war,
+gab es gleich noch einmal so viel.
+
+Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie:
+"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This mu bei dir oben
+bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es
+ntig ist. Der Frau des Hlmli-Sepp will ich schon alles berichten."
+
+Das war dem Sennen recht, und fr den This war es das hchste Glck,
+das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton.
+Nicht mehr verborgen unter den Tannenbumchen hrte er heute den
+Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als
+dieser seine Hnde faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den
+Abendsegen." Andchtig faltete auch er seine Hnde, und als am Schlu
+der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glck im
+Herzen des This so gro, da er gern berlaut allen Menschen auf der
+ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!'
+
+Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinber zu der Frau des
+Hlmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und
+gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzhlten.
+Die Sennin hrte, da von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der
+Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hlmli-Sepp erklrte,
+da sie mit ihrem Sohn bereingekommen sei, sie wollten den This bei
+sich annehmen, da machte die Frau einen groen Lrm. Sie sagte, sie
+sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fr
+den Senn eine grere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien
+alle aus vollen Hlsen: "Mich! Mich! Mich!" Denn sie wuten wohl,
+wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhtte fr gute
+Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.
+
+Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn
+schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen
+This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das
+Hnseln und Verspotten unterlassen, sonst htten sie es mit ihrem Sohn
+zu tun. Der rede dann mit seinen krftigen Armen eine deutlichere
+Sprache mit den Buben, als sie es jetzt knnte. Dann verlie die
+Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblfft nachschauten,
+und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wre,
+der wird's gut haben, wie ein Knig wird er da oben in seiner
+Sennhtte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen lie,
+liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund
+sein. Denn sie muten alle an den letzten Ksfischtag denken, als der
+This so bel behandelt worden war. Von nun an wrde er ja gewi alle
+Ksfische allein bekommen, da wre doch jeder gut daran, der sein
+Freund wre. Und spter waren sie auch alle gut daran, denn dem This
+machte es die grte Freude, die reiche Ernte der Ksfische unter
+allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darber
+wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie
+mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte
+sich zur berraschung aller, da er auf einmal ein ganz flinkes,
+geschicktes Brschchen war, von dem jeder sagen mute: "Entweder ist
+das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den
+dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit,
+sein liebster Schler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei
+allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die
+anderen Buben knnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird,
+von Johanna Spyri.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
+
+This file should be named 8vomt10.txt or 8vomt10.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8vomt11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8vomt10a.txt
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+http://gutenberg.net or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05
+
+Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92,
+91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
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+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
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+Donations by check or money order may be sent to:
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+ PROJECT GUTENBERG LITERARY ARCHIVE FOUNDATION
+ 809 North 1500 West
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+Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
+method other than by check or money order.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
+the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
+
+You can get up to date donation information online at:
+
+http://www.gutenberg.net/donation.html
+
+
+***
+
+If you can't reach Project Gutenberg,
+you can always email directly to:
+
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
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+Prof. Hart will answer or forward your message.
+
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+**The Legal Small Print**
+
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+(Three Pages)
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+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
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+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
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+hart@pobox.com
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+[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
+when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
+used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
+they hardware or software or any other related product without
+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
diff --git a/old/old/8vomt10.zip b/old/old/8vomt10.zip
new file mode 100644
index 0000000..eeff070
--- /dev/null
+++ b/old/old/8vomt10.zip
Binary files differ
diff --git a/old/old/8vomt10.zip~ b/old/old/8vomt10.zip~
new file mode 100644
index 0000000..eeff070
--- /dev/null
+++ b/old/old/8vomt10.zip~
Binary files differ
diff --git a/old/old/9859-8.txt b/old/old/9859-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..606739d
--- /dev/null
+++ b/old/old/9859-8.txt
@@ -0,0 +1,1511 @@
+Project Gutenberg's Vom This, der doch etwas wird, by Johanna Spyri
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Vom This, der doch etwas wird
+
+Author: Johanna Spyri
+
+Posting Date: October 29, 2011 [EBook #9859]
+Release Date: February, 2006
+First Posted: October 25, 2003
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
+
+
+
+
+Produced by Delphine Lettau
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfgung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Vom This, der doch etwas wird
+
+Erzhlung
+
+Johanna Spyri
+
+
+
+
+
+
+
+1. Kapitel
+
+Alle gegen einen
+
+
+Wenn man den Seelisberg von der Rckseite her besteigt, kommt man auf
+eine frische, grne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die
+friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem
+schnen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenhrten Khe
+ziehen lieblich lutend immer hin und her. Denn jede trgt am Hals
+ihre Glocke, damit man immer hrt, wo sie ist. So kann sich keine Kuh
+unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Struchern bedeckte Felswand
+liegt, ber die sie hinunterstrzen knnte. Es ist auerdem ein
+ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben knnen. Aber die
+Glocken sind doch notwendig und tnen so freundlich hin und her, da
+keiner sie entbehren mchte. Am Bergabhang stehen hie und da
+vereinzelt die kleinen, hlzernen Huser, und nicht selten rauscht
+daneben ein schumender Bach ins Tal hinab. 'Am Berghang' heit es
+hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Huschen steht auf
+ebenem Boden. Es ist, als wren sie irgendwie an den Berg hingeworfen
+worden und da hngengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da
+oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie
+alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der
+kleinen, hlzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt
+in ihre Nhe, so sieht man, da ein groer Unterschied zwischen ihnen
+ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nhe ganz
+verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen
+ihnen strzt der grte Bergbach der Gegend, der schumende
+Schwemmebach, hinunter.
+
+Am ersten Huschen blieben auch an den schnsten Sommertagen alle die
+kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die
+hineindrang, kam durch die Lcher der zerbrochenen Scheiben. Das war
+aber nicht viel, denn die Lcher waren wieder mit Papier verklebt,
+damit man im Winter drinnen nicht frieren mute. An dem hlzernen
+Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war
+so zerfallen, da es ein Wunder war, da alle die kleinen Kinder, die
+da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie
+hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder
+waren alle mit Schmutz berdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen
+Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ber da
+herum, und am Abend kamen vier grere Kinder dazu. Drei krftige
+Buben und ein Mdchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich
+aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie
+konnten sich doch schon selbst waschen.
+
+Das Huschen ber dem Bach drben hatte einen ganz anderen Charakter.
+Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgerumt
+aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drben. Die
+Stufen sahen immer so aus, als wren sie eben gescheuert worden. Und
+oben auf der Galerie standen drei schne Nelkenstcke und dufteten den
+ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen
+Fenstern stand offen und lie die schne, sonnige Bergluft herein.
+Dort konnte man meistens eine noch krftig aussehende Frau sitzen
+sehen, mit schnem, weiem Haar, das sie sehr ordentlich unter das
+schwarze Hubchen zurckgestrichen hatte. Sie flickte gewhnlich an
+einem Mnnerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber
+gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so
+adrett und reinlich aus, als wre noch nie etwas Unsauberes an sie
+herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des
+frhlichen Franz Anton mit den krftigen Armen. Der machte den Sommer
+ber in der oberen Sennhtte seine Kse, und erst im Sptherbst zog er
+wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn
+dann butterte er in der unteren Sennhtte, die ganz nahe lag. Da ber
+den reienden Schwemmebach kein Steg fhrte, waren die zwei Huschen
+ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg
+wohnten, besser, als diese Nachbarn ber dem Bach, zu denen sie nur
+etwa einmal am Tag stumm hinberschaute. Gewhnlich schttelte sie
+dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter
+und schmutzigen Fetzen drben an den Kindern sah. Sie schaute aber
+nicht oft hinber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber
+betrachtete sie, wenn das Feierabendstndchen kam, ihre roten Nelken
+auf der Galerie oder sie schaute ber den grnen, sonnigen Abhang
+hinunter, der vor ihrem Huschen zum Tal hinabstieg.
+
+Die verwilderten Kinder ber dem Bach gehrten dem Hlmli-Sepp, wie er
+genannt wurde, der seine Arbeit auer Haus beim Holzfllen oder
+Heumachen suchte. Auerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So
+war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die
+Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele
+kleine Kinder knne man nicht in Ordnung halten, und spter wrde es
+dann von selbst besser. So lie sie alles gehn, wie es ging. Und in
+der schnen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und
+lieen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl
+sein. Zur Sommerzeit waren die vier Greren den ganzen Tag drauen,
+um die Khe zu hten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen,
+wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten
+bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Khe auf das
+umliegende Weideland hinaus und muten sie hten lassen. Das ist
+immer eine lustige Zeit fr die Buben und Mdchen, die sich dort zu
+jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei frhliche Sachen
+miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten
+im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere
+Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer
+ber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstck nach Hause,
+das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier
+Kleinen zu ernhren und fr alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn
+diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mute doch jedes haben
+und die vier Groen noch ein Stck dazu. Eine Kuh hatte der
+Hlmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaen,
+wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.
+
+Hlmli-Sepp hie der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum
+nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine
+Gei und ein Stck Kartoffelland, damit mute die Frau mit den vier
+Kleinen den Sommer ber auskommen und auch hier und da noch eines der
+Greren speisen, wenn es drauen keine Arbeit fand. Der Vater kam im
+Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein
+Huschen und Acker waren so verschuldet, da er das ganze Jahr ber
+etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten
+konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel
+er fand.
+
+So mute die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte
+keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von
+der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der
+verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten,
+schaute sie ber den Bach zu dem schmucken Huschen der Sennerin
+hinber, dessen Scheiben in der Sonne glnzten. Dann sagte sie
+rgerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles
+sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging
+sie wieder rgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurck, und an dem,
+der ihr zuerst in den Weg kam, lie sie den rger aus.
+
+Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht
+ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Huschen vom
+Hlmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der
+dumme This' genannt, sah so mager und drftig aus, da man ihn kaum
+fr achtjhrig gehalten htte. Er schaute auch so scheu und
+verschchtert drein, da niemand wute, wie der This eigentlich aussah,
+denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach.
+This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum
+zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel spter ber die Felsen
+in die Tiefe gestrzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam
+und den Weg abkrzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte
+nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem
+groen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This
+hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend,
+eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen
+Matthis genannt.
+
+Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Huschen vom
+Hlmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafsttte mit seinem Bblein
+gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben
+Ort. Das wenige Geld, das fr den kleinen This von der Gemeinde
+bezahlt wurde, war der Frau des Hlmli-Sepp sehr erwnscht. Und in
+die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fr die
+schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This
+war schon von Natur aus ein schchternes und stilles Bblein gewesen.
+Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das groe Unglck
+gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem
+Unglck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.
+
+So sa der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein
+Wort zu hren, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann
+seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des
+Hlmli-Sepp gehrte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde
+von jedem angefahren und hin und her gestoen, weil er sich nie wehrte.
+Zu all den Pffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen
+dann noch die bsen Worte der Frau, wenn sie den rger ber das
+saubere Huschen der Sennerin drben hatte. Der This wehrte sich aber
+nie, denn er hatte das Gefhl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so
+nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und
+verschchtert, da man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her
+vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn
+anrief. Er sah berhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch,
+wo er in die Erde hineinkriechen knnte, da ihn keiner mehr fnde.
+
+So war es gekommen, da die vier Groen vom Hlmli-Sepp, der Jopp, der
+Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du
+bist doch ein dummer This", und da es die vier Kleinen auch
+nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals
+dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es
+werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme
+This' genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten knnte,
+wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Khe zu hten, und war
+er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke
+oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da sa er
+meistens zitternd vor Furcht, denn er hrte wohl, wie die anderen
+Buben ihn mit groem Geschrei suchten, da er bei den Spielen
+mitmachte, die sie spielen wollten.
+
+Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prgeln, und das traf
+regelmig den This am strksten, da er sich nicht wehrte und auch
+nicht wehren konnte gegen die viel Strkeren. So verkroch er sich,
+sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Khe, wohin sie wollten
+und fraen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann groen rger, und
+jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Khe zu hten, und keiner
+stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld,
+wenn die Buben zum Jten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da
+warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblten an den
+Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem
+anderen reichlich zurck, was er empfangen hatte. Der This gab aber
+nichts zurck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen
+Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen
+gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten
+die Knollen an den Rcken und an den Kopf.
+
+Whrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten,
+versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den
+Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit
+nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller
+Arbeit zu dumm und aus dem This knne nie etwas werden. Weil er nun
+gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er
+auch von der Frau des Hlmli-Sepp demgem behandelt. Wenn schon die
+eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es
+meistens, da fr den This gar nichts mehr brigblieb und es dann hie:
+"Du wirst wohl etwas finden, du bist gro genug." Wie der This
+eigentlich ernhrt wurde, wute niemand, auch die Frau des Hlmli-Sepp
+nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.
+
+Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen
+Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tr
+vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in
+seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich
+wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer
+scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.
+
+
+
+2. Kapitel
+
+Bei der Schwemmebachsennhtte
+
+
+An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle
+Mcken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hterbuben und--mdchen.
+Sie muten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp,
+von allen der Grte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle
+nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, da man jetzt zur
+Schwemmebachsennhtte hinaufgehe, denn heute sei der Ksfischtag. Nun
+msse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Khe
+hten solle, whrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wrden.
+Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust,
+sich fr die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue
+Uli auf den Gedanken, man knnte einmal den dummen This zwingen, auf
+die Khe acht zu geben. Und damit er's nicht vergesse, knnte man ihn
+im voraus ein wenig durchprgeln. Der Vorschlag fand Anklang, und
+schon wollten mehrere von den Anfhrern der Schar den This holen, als
+das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts
+Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den
+Lohn dafr, wenn wir wieder zurckkommen und die Khe sich verlaufen
+haben. Ihr werdet doch nicht glauben, da der This, wenn er zu dumm
+ist, zwei Khe zu hten, auf einmal zwanzig hten kann. Man mu losen,
+und drei mssen bei den Khen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis
+Erklrung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus
+der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet
+der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der
+siegreichen Schar den Rcken und setzte sich auf den Boden neben seine
+beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen strzte nun
+die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genu
+entgegen.
+
+Der Ksfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die
+es nie unterlieen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen
+sollte. Denn das war ein Hauptfest fr sie. Das war der Tag, an dem
+der Franz Anton seine frischen Kse rundum beschnitt, nachdem diese
+als weiche Masse in die runde, hlzerne Form gepret worden waren.
+Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von
+der Masse herausdrngte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie
+eine lange, schneeweie Wurst. Die wurde dann in viele Stcke
+gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt.
+Das waren dann die sogenannten Ksfische. Dieses Fest wiederholte
+sich den Sommer ber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem
+Freudengeschrei begrt.
+
+This hatte sich hinter dem groen Distelbusch am Boden versteckt
+gehalten, whrend die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton
+von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hrte,
+da die groe Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig
+hervor. Die drei grollenden Zurckgebliebenen saen am Boden und
+kehrten ihm den Rcken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stck
+die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der
+Hhe hernieder. Den This erfate ein unwiderstehliches Verlangen,
+auch an der Ksfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlpfte er
+hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er
+hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem
+letzten steilen Hang kam eine kleine, glnzend grne Hochebene, da
+stand die Sennhtte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der
+klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tr seiner Htte stand der
+Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte ber
+die vielen Sprnge, die jetzt die Buben und Mdchen in ihrem Eifer, zu
+dem ersehnten Genu zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt
+waren sie alle bei der Htte und eines drngte das andere vorwrts, um
+noch nher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wrde.
+
+"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton. "Wenn ihr alle in
+die Htte hineindrngt, so habe ich keinen Platz mehr zum
+Kseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes
+Messer zur Hand und trat an den groen, runden Kse heran, den er
+schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden
+ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweien
+Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stck und da ein
+Stck, oft ber die Kpfe der Groen weg den Kleinen, die nicht zu ihm
+vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner
+Teilung.
+
+This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen
+wollte, so bekam er da einen Sto und dort einen und flog so von einer
+Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer
+wieder ein Grerer und Dickerer sich vor ihn drngte. Zuletzt bekam
+er einen so ungeheuren Sto von dem breiten, nach allen Seiten
+schlagenden Jopp, da er sich fast berschlagen htte. Die Teilung
+war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, da er zu keinem
+Stckchen Ksfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine
+Schlge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die
+jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den
+Bumchen. Auf der hchsten Krone des einen sa ein lustiger, kleiner
+Vogel und pfiff so frhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als
+gbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und
+Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, da er fast das
+Leid verga, das ihm eben geschehen war.
+
+Von Zeit zu Zeit mute er nach der Sennhtte hinberschauen, denn das
+Lrmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stck Ksfisch
+wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie
+jedes Kind mit einem greren oder kleineren Brocken der schnen,
+weien Masse dastand und mit Wonne hineinbi. Er seufzte dann ein
+wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges
+Stcklein bekme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weien
+Ksfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie
+heute in die Schar der Glcklichen einzudringen. Jetzt hatte er
+gesehen, da es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut
+zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlugedanken, da er
+sein Leben lang nie einen Ksfisch bekommen werde. Darber wurde er
+so traurig, da er nicht einmal den Vogel mehr hrte und ganz
+zusammengeduckt unter den Tannenbumen sa.
+
+Jetzt war das Gastmahl bei der Htte zu Ende und mit schrecklichem
+Lrm strzten die Kinder daher, womglich immer einer ber den anderen
+hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall
+brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der
+lrmende Hans, und laut schrie er in das Gebsch hinein: "Du Maulwurf,
+komm heraus, du mut mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen
+hatte. Er mute sich als Bock hinstellen, damit die anderen ber ihn
+springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wre
+viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wute wohl,
+was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er
+gehorsam heran. "Wie viele Ksfische hast du bekommen?" schrie ihn
+jetzt der Hans an.
+
+"Keinen", gab This zurck. "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans
+noch lauter in die Schar hinein, "der luft schnell zu den Ksfischen,
+und dann luft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer
+This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die groen
+Buben ber den Kopf weg, so da er genug zu tun hatte, nur immer
+wieder auf die Fe zu kommen, wenn er umgeworfen worden war.
+Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestrzter die Abhnge
+hinunter, bis ein glcklicher Zufall sie wieder alle auf die Fe
+brachte. Nach dieser strmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen
+gleich alle auseinander, jeder seinen Khen nach.
+
+Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn
+jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den
+Zurckgebliebenen, weit er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem
+Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben
+und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im
+Berghang, wo im Frhling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und
+den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und
+ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schne, dunkelrote
+Erdbeeren in der Sonne, die so schn warm in die Vertiefung schien.
+Aber dem This war es berall angst und bang, wenn er noch in der Nhe
+der Huser und der Hterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden
+Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der
+This zuckte scheu und ngstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer
+dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch
+einmal an das stille Pltzchen unter den kleinen Tannenbumchen dort
+oben und an das pfeifende Vgelein, so da es ihn mit Gewalt vom Boden
+zog. Er mute noch einmal dorthin.
+
+Mit allen Krften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht
+einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die
+Tannenbumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein
+Tannenversteck ein wenig offen. Da sa nun der This in vlliger
+Sicherheit. Ringsum war eine groe Stille, kein Ton drang von unten
+her bis hier auf die einsame Hhe, nur das Vgelein sa noch auf
+seinem Tannenast und pfiff sein frhliches Lied. Die Sonne wollte
+untergehen. Die hohen Schneeberge drben fingen zu flimmern und zu
+glhen an, und ber die ganze grne Alm hin lag das golden schimmernde
+Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie
+gekanntes Wohlsein kam ber ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und
+Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu frchten, denn weit und
+breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hren.
+
+So sa der This eine lange Zeit, und am liebsten wre er gar nicht
+mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben
+gewesen. Aber da hrte er schwere Tritte hinter sich von der Htte
+her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewi
+wollte er zum Bach hinber, um Wasser zu holen. This verhielt sich
+muschenstill. Denn er war so daran gewhnt, da er von jedermann
+angefahren oder ausgelacht wurde, da er dachte, der Senn werde es
+gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die
+Bumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton
+wurde aufmerksam, trat nher und guckte in den Tannenbusch hinein.
+
+"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht.
+
+"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.
+
+"Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu frchten, wenn du nichts
+Bses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa
+mit deinen Ksfischen da hineingeflchtet, da du sie in Ruhe
+verzehren kannst?"
+
+"Nein, ich habe keine Ksfische gehabt", sagte This ngstlich.
+
+"Nicht? Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie
+sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem
+Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem
+Menschen.
+
+"Sie haben mich auf die Seite gestoen", erwiderte er nun und stand
+hinter den buschigen Zweigen auf.
+
+"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort,
+"komm noch ein wenig nher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn
+sie dich wegstoen? Es stt ja immer einer den anderen, aber zuletzt
+kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?"
+
+"Sie sind strker", sagte der This so berzeugend, da diese Erklrung
+wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den
+Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, groen Franz Anton wie
+ein dnnes Stcklein vor einer hohen Tanne. Der krftige Mann
+betrachtete einen Augenblick das schmale Figrchen, an dem tatschlich
+fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht
+schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.
+
+"Wem gehrst du?" fragte er jetzt den Buben.
+
+"Niemand", gab This zur Antwort.
+
+"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?"
+
+"Beim Hlmli-Sepp."
+
+Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. "Ach so, bist du der!"
+sagte er verstndnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar
+nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehrt, ihn aber nicht
+gekannt.
+
+"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig. "Wenn du beim Hlmli-Sepp
+bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hlmlein.
+Komm, Ksfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes."
+
+Der This wute gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz
+Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und
+das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Htte, holte
+hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein groes
+Stck ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfa, das goldig glnzend
+in der Ecke stand, und holte ein groes Stck Butter heraus. Das
+strich er ber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stck mit
+der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte
+der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es
+nicht mglich, da es ihm gehre.
+
+"Komm heraus. I es vor der Htte, ich mu nun zum Wasser", sagte
+Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glck und
+Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte.
+Vor der Htte setzte er sich auf den Boden. Und whrend der Senn zum
+Schwemmebach hinberging, bi er in sein Butterbrot hinein und bi
+immer wieder und konnte nicht begreifen, da es etwas so Gutes gbe
+und er es bekommen htte.
+
+Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und
+wiegte unten die Tannenbumchen hin und her, und der kleine Vogel sa
+immer noch auf dem hchsten Zweig und sang hell und frhlich in den
+goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie
+gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er msse laut mit dem Vogel zu
+singen anfangen.
+
+Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her
+gegangen. Drben beim Schwemmebach war er immer eine Weile
+stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr
+rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gro und golden der volle Mond
+hinter dem weien Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Htte
+zurck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle
+sa.
+
+"So gefllt's dir hier?" fragte er freundlich. "Mit dem Abendessen
+bist du fertig, wie ich sehe. Du mut dich auf den Rckweg machen.
+Sieh, wie schn dir der Mond heimleuchtet!"
+
+Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel
+ihm ein, da es wohl ntig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem
+Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den
+Tannenbumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurck. Er schaute noch
+einmal zurck, und da der Senn in die Htte getreten war und ihn nicht
+mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz
+Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Gte
+und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen
+Eindruck gemacht, da er nicht fort konnte. Er mute noch ein wenig
+in der Nhe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen
+unter den Bumchen und sphte zu der Htte hinauf, ob er den Senn
+nicht noch einmal she. Es dauerte einige Zeit, da pltzlich trat
+Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Htte heraus.
+
+Er blieb vor der Tr stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die
+stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ber alle hohen Schneegipfel hin das
+milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt
+der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen
+Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hnde. Er hielt wohl still
+seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht
+geb euch Gott!" trat in die Htte zurck und machte die Tr zu. Sein
+Nachtgru hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum
+und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller
+Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fhlte Liebe und
+Bewunderung fr den Senn, Gefhle, die er bisher nicht gekannt hatte.
+
+Als es nun ganz dunkel und still in der Htte wurde, stand der This
+auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.
+
+Es war spt und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich,
+die Tr war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Huschen und
+schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser
+schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es
+ist bequem, da der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden.
+So hat man doch Platz!"
+
+This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er
+immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit
+gefalteten Hnden vor seiner Htte stand. Zum erstenmal in seinem
+Leben schlief der This mit einem glcklichen Herzen ein.
+
+
+
+3. Kapitel
+
+Ein hilfreicher Engel
+
+
+Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten,
+muten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges
+gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr
+Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze
+Schar den Berghang herunter, und bald saen sie alle mit anderen
+Kindern so ruhig wie mglich auf den langen Bnken, und der Herr
+Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von
+einem zuknftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den
+This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas
+fragen, das wirst du wohl beantworten knnen, wenn man dir auch nicht
+viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem rmsten
+und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefhrt hat, so
+wohl werden, da er kein Leid versprt?"
+
+"Bei der Schwemmebachsennhtte", antwortete der This ohne Zgern.
+Jetzt entstand ein solches Kichern, da der This ganz scheu um sich
+schaute. Ringsum waren spttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle
+Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich
+so stark vornber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem,
+was der Herr Pfarrer das letztemal erklrte, hatte er nichts gehrt,
+weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mute. Jetzt hatte
+er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet,
+
+Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, da es dem
+This gar nicht zum Lachen war, sondern da er vor Scheu ganz
+erschrocken und zusammengeduckt dasa, da schttelte der Herr Pfarrer
+nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu
+machen."
+
+Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da strzte die ganze Schar
+hinter dem This her, alle lachten berlaut und schrien durcheinander:
+"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Ksfische in den Sinn
+gekommen?"
+
+"This, warum hast du nicht auch etwas von den Ksfischen gesagt?" Der
+This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem
+Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben
+wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den
+schnen Sonntagabend unten im Dorf genieen.
+
+Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt
+einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhtte
+hinaufflchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen.
+Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Pltzchen sitzen und
+vor Verfolgung sicher sein. Nun sa er wieder unter den Tannen und
+ber ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der
+Sonne, und ber den grnen Hngen flo da und dort ein klares Bchlein
+friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, da er allen
+Spott verga und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr
+weggehen zu mssen.
+
+Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er
+bestndig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie mglich
+nieder. Denn er hatte das Gefhl, wenn der Franz Anton ihn wieder
+hier sehe, so knnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein
+Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und
+einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und
+in dessen Nhe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst
+nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und
+This sa an seinem schnen Pltzchen, bis die Sterne am Himmel standen
+und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Htte hinaustrat und
+ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder
+davon, und spt wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht
+hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber
+das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefhlt
+dort oben.
+
+So ging es eine ganze Woche. Tag fr Tag, sobald er einen Augenblick
+fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm
+hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete
+er die ganze Ttigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und
+nie verlie er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton
+gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als
+sei der Nachtsegen auch fr ihn gedacht.
+
+Es waren ausnahmsweise heie Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg
+jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend
+niedergegangen war. Das Futter war besonders krftig, und Franz Anton
+bekam so schne, fette Milch von den Alpenkhen, da er die
+prchtigsten Kse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude,
+und schon frhmorgens konnte man ihn voller Vergngen in seiner
+Sennhtte pfeifen hren, so auch am Samstag dieser Woche. Da hrte
+man ihn noch viel frher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem
+der Senn seine drei oder vier fertigen Kse an den See hinunterbrachte.
+Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie
+auf seinem Rcken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwrts,
+den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rcken. Es
+war der heieste Tag des ganzen Sommers.
+
+Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die bermige
+Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute
+abend wieder zu meiner Htte hinauf in die khle Luft zu kommen, hier
+unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt,
+gerade als das Schiff herankam, das die Kse mitnehmen sollte. Bald
+war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlssig
+da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten
+etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fhlte keinen Appetit, sein Kopf
+war schwer und hei, er wnschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn
+jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim
+Einladen geholfen hatte. "Komm, Franz Anton, heute ist's hei, wir
+wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn
+zu dem Wirtshaus.
+
+Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im
+Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber
+stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in
+der schweren, heien Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht
+an den Wein gewhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit groen
+Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in
+seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte hei auf
+seinen Kopf, alle seine Pulse hmmerten, die Fe wurden ihm so schwer,
+da er sie nur mit Mhe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je
+grer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der
+Aussicht an, da nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt
+nur noch eine Viertelstunde heier Mhe vor ihm liege. Dann wrde er
+oben sein und knne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.
+
+Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne
+brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Pltzlich wurde es ihm vllig
+schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer strzte er auf den
+Boden nieder. Er hatte das Bewutsein verloren.
+
+Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er,
+da der Franz Anton noch nicht zurckgekehrt war. Er stellte seine
+Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem
+Senn auszuschauen.
+
+Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz
+Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte
+er an seinem verborgenen Pltzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt,
+den der Senn tat. Er wute, wie eine Beschftigung auf die andere
+folgte, so da er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der
+Franz Anton seine Milch stehen lie. Sonst go er sie immer gleich in
+die verschiedenen Gefe. Die eine kam zum Buttern in die groen,
+runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schn dick obenauf
+lag. Die andere wurde in den Ksekessel gegossen, das hatte der This
+durch die offene Httentr alles genau beobachten knnen. Der Senn
+kam immer noch nicht. Der Junge fhlte, da irgend etwas geschehen
+sein mute. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging
+zur Sennhtte. Da war es still und leer unten im Httenraum und oben
+auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut
+war zu hren, alles wie ausgestorben. ngstlich lief der This
+jetzt um die Htte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann
+in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten
+erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da
+lag sein Freund mit geschlossenen Augen und sthnte und lechzte wie
+ein Sterbender. Er sah glhend hei aus, und seine Lippen waren ganz
+vertrocknet.
+
+Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor
+Schrecken, auf seinen Wohltter. Dann strzte er in schnellem Lauf
+den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewutlos am
+Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt
+an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem
+brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bcken
+und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er fr einen Augenblick,
+denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.
+
+Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rhren.
+Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das
+Bewutsein wieder, und er trumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er
+heute frh im Vorbergehen noch die schnen Erdbeeren gesehen hatte.
+Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die
+Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber
+jetzt hatte er pltzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte
+sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der
+Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlrfte und
+schluckte, es war ein unsgliches Labsal. Er erwachte. War das alles
+Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und
+steckte ihm wieder eine groe saftige Erdbeere in den Mund.
+
+"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton. Aber
+nicht nur eine, fnf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf
+einmal flog ein stechender Schmerz ber sein Gesicht. Er legte die
+Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war
+ihm das Bewutsein wieder vllig entschwunden. Er konnte nicht einmal
+mehr die letzte Erdbeere genieen. Jetzt trumte er ganz schreckliche
+Dinge. Sein Kopf wurde so gro wie sein allergrtes Butterfa und
+dann immer noch grer und so furchtbar schwer, da er mit Schrecken
+dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man mu starke,
+hlzerne Sttzen unterstellen, wie unter die Apfelbume, wenn sie
+zuviel pfel tragen." Und jetzt fhlte er deutlich, da der Kopf ganz
+voll Schiepulver war, das hatte einer von hinten angezndet. Nun
+brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mute alles
+zerspringen. Aber dann kam pltzlich ganz kalt und belebend der
+Schwemmebach ber seine Stirn, ber das ganze Gesicht und in den Mund
+hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.
+
+Es war wahr, eiskalt kam ein Gu nach dem anderen auf Stirn und
+Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den
+khlenden Trank ein. ber ihm standen die funkelnden Sterne, das
+sah der Franz Anton deutlich. Er wute auch, da er noch am Boden lag
+drauen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der
+Schwemmebach sein, was so ber ihn flo und ihn so ordentlich trinken
+lie. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend,
+so erlsend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer.
+Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich
+dir fr deine Gte und die hilfreichen Engel!"
+
+Das erquickende Wasserbad hrte nicht auf, und zuletzt fhlte der
+Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schtzend und
+wohltuend, da er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt
+schlief er jetzt ganz sanft ein und trumte nicht mehr.
+
+
+
+4. Kapitel
+
+Was die Sennenmutter haben will
+
+
+Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz
+Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er
+schauderte ein wenig zusammen, es frstelte ihn. Er wollte sich
+aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand
+an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht.
+Wohl sechsfach zusammengelegt lag na und schwer das groe Handtuch
+aus der Sennhtte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der
+frische Morgenwind ber die Stirn blies, fhlte er sich so wohlig und
+erleichtert, da er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da
+sah er auf einmal in zwei groe, ernsthafte Augen hinein, die
+unverwandt auf ihn gerichtet waren.
+
+"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frh auf
+die Alm? Nun, weil du da bist, komm, da ich mich ein wenig auf deine
+Schulter sttzen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf."
+
+Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er
+stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fe in den Boden hinein, so da
+der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte.
+Whrend des langsamen Aufstiegs zur Htte, als er sich immer noch auf
+die Schulter des Buben sttzte, fing er an, sich daran zu erinnern,
+was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgnge der
+Nacht vllig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur
+helfen. In der Htte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner
+dreibeinigen Sthle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz
+dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir
+wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt
+noch nicht machen. Ein Schsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist
+es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es
+regelmig dort hinauf. Ich wei nicht, was mit mir vorgeht seit
+gestern."
+
+Der This war feuerrot geworden, er wute wohl, wer das Schsselchen
+heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am
+Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides
+dem Senn. Dieser schttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er
+lebte, hatte er noch nie sein Schsselchen dort bei der Tr auf den
+Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine
+Milch, fllte dann das Schsselchen wieder und sagte: "Da, This, trink
+auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, da du so frh hinauf
+kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Ksfischtag und du seist dann
+sicher der erste?"
+
+"Nein, gewi nicht", versicherte This.
+
+"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal
+unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder
+zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. "Sag mir, This, habe ich
+denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frh
+heraufkamst?"
+
+Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn
+alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht
+recht, und er knnte bse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm
+jetzt so tief in die Augen, da er alles sagen mute: "Ich habe es
+selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an.
+
+"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert.
+
+"Weil sie so hei waren", erwiderte This.
+
+Der Senn staunte immer mehr. "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang
+erwacht", sagte er. "Wann bist du denn heraufgekommen?"
+
+"Gestern um fnf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam,
+"der Melker kam erst lange nachher."
+
+"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn
+gewollt und gemacht?"
+
+Jetzt sah der Franz Anton, da dem This ganz bange wurde, ihm selber
+aber fielen nun wieder die Vorgnge der letzten Nacht ein. Ganz
+vterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd:
+"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu frchten, This. Da, trink noch
+eins aus, und dann sag mir alles, was du weit, von da an, als du hier
+heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fate der This neuen
+Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zgen aus, denn sie schmeckte
+herrlich.
+
+Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier
+herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Ksfische.
+Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie
+nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden
+gefunden, und Sie sind ganz rot und hei gewesen und haben Durst
+gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe
+alle groen Erdbeeren gepflckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen
+gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf
+den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Htte
+das Schsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach
+habe ich ihn gefllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schsselchen das
+Wasser ber den Kopf geschttet und auch zu trinken gegeben, denn sie
+haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin
+ich zum Bach hinber und habe ihn wieder gefllt. Aber weil das
+Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes
+Tuch wurde den Kopf besser khlen. Und so habe ich das Tuch aus der
+Htte geholt und es ganz na auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann
+trocken und hei wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und
+es dann wieder na auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann
+erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht
+etwa krank werden."
+
+Der Senn hatte mit groer Aufmerksamkeit zugehrt. Jetzt stand alles
+deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wute auch
+wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren
+als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gesprt und
+genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und
+verwundert an, als htte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen
+solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn mglich, da
+dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben
+gerettet hatte.
+
+Htte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelscht, wer wei,
+was bis zum Morgen daraus geworden wre! Und wie konnte dieser This,
+dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung
+fhig sein, da er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn
+pflegte! Dem groen, starken Franz Anton kamen die Trnen in die
+Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles
+berdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir
+wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das
+vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die
+Glieder so, da ich mich jetzt niederlegen mu. Geh du nun hinunter
+zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir
+nicht ganz wohl. Du mut dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe
+noch viel mit dir zu reden heute, vergi es nicht!"
+
+Solange er lebte, war der This noch nie so glcklich gewesen. Er lief
+springend den Berg hinunter, als knne er nicht hoch genug aufspringen
+vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen,
+und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in
+die Sennhtte eintreten. Auerdem hatte der Franz Anton ihm noch
+gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser
+Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der
+Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Huschen
+mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im
+Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der
+Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen,
+denn er war ganz atemlos vom Laufen.
+
+"Woher kommst denn du?" fragte die sonntglich gekleidete Frau, die
+nicht gern etwas Unordentliches sah. Mibilligend musterte sie den
+Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntglichen Anblick
+in seinen zerfetzten Alltagshschen und dem schmutzigen Hemdlein.
+"Ich meine, ich habe dich schon dort drben ber dem Bach gesehen, du
+bist wohl einer vom Hlmli-Sepp?"
+
+"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demtig.
+
+Jetzt fiel der Frau ein, da die Frau des Hlmli-Sepp einen
+einfltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts
+zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. "Und was willst du
+denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert.
+
+Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag
+klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der
+kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und da er nach ihr schickte
+und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes
+Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in groer
+Sorge das Ntigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem groen
+Korb am Arm heraus.
+
+"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn. Warum mut du
+wieder mit?"
+
+"Ich wei nicht", antwortete er. Und fast als wre es etwas Bses,
+setzte er leise hinzu: "Mu ich nicht den Korb tragen?"
+
+"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran
+gedacht, da ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb.
+Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief
+in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer
+Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die
+Krankheit gefhrlich sein? Ihre Angst wurde immer grer, je nher
+sie der Sennhtte kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige
+Schritte--der bekmmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast
+nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie
+schaute berall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn
+tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem
+Herzen stieg sie die Leiter hinauf.
+
+Der This blieb ehrerbietig drauen vor der Tr stehen, nur den Korb
+schob er in die Htte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll
+ber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte
+ihr frhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter:
+"Gr dich Gott, Mutter! Das freut mich, da du da bist. Ich habe
+aber geschlafen wie ein Br, die ganze Zeit, seit der This fortging."
+Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie
+wute gar nicht, was sie denken sollte. "Franz Anton", sagte sie
+jetzt ernsthaft, "was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weit du,
+da du mich hast holen lassen?"
+
+"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz
+bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir
+noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir
+reden. Ich fhl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kme noch
+nicht weit."
+
+"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir's doch",
+drngte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.
+
+"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen",
+sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. "Sieh einmal
+zuerst dort unten das schmale, magere Bblein an, das kein gutes Stck
+Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder
+nur den dummen This nennt."
+
+Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn
+hinaufsphte, ob er etwa wieder umfallen wolle.
+
+"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt.
+
+"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Bblein nicht
+gewesen wre, so lge ich jetzt noch drauen auf dem Boden in einem
+tdlichen Fieber, oder vielleicht wre es auch schon vorbei mit mir."
+Und jetzt erzhlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag
+zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen
+und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch
+auf der Welt es nicht besser htte tun knnen.
+
+Die Mutter mute sich mehrmals die Trnen abwischen. Sie stellte sich
+vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da
+drauen gelegen htte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden
+wre, und kein Mensch htte etwas von ihm gewut. Und jetzt stieg ein
+Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, da sie laut ausrufen mute:
+"Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche
+Liebe zu dem armen This berkam sie, da sie ganz eifrig sagte: "Franz
+Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hlmli-Sepp zurck!
+Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat
+sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen
+mache ich ihm ein Gewand, da man ihn ansehen darf. Er mu es nicht
+schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir
+geholfen hat."
+
+"Das ist nun gerade, was ich wnschte, Mutter, aber ich mute doch
+zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben
+und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein knnte. Es geht
+nichts ber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller
+Glck und Liebe an, da es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich
+dachte: Es geht auch nichts ber einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte
+sie: "Jetzt mut du etwas essen, Franz Anton, da du wieder zu Krften
+kommst. Ich habe frische Eier und ein Weibrot mitgenommen, und jetzt
+will ich Feuer machen, la dir Zeit zum Herunterkommen." Das mute der
+Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging.
+Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er
+sich selbst niedergesetzt hatte.
+
+"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend,
+"willst du ein Senn werden?"
+
+Der This fing an zu lcheln, aber dann hrte er pltzlich die
+vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen
+hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts".
+Und schchtern antwortete er. "Ich kann nichts werden."
+
+"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit.
+"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun
+bleibst du bei mir und trgst Milch und Wasser und hilfst mir bei
+allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Kse macht und sobald
+du gro genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein
+Gehilfe."
+
+"Hier in der Schwemmebachsennhtte?" fragte This, dem die Aussicht auf
+diese Glckseligkeit ganz unfabar war.
+
+"Alles hier, in der Schwemmebachsennhtte", besttigte der Franz Anton.
+
+Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden
+Glcks, da der Senn ihn nur ansehen mute. Der Bub war wie
+verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den groen
+Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie
+streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir
+miteinander frhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen
+wir dem lieben Gott dafr danken, da er dich gerade zur rechten Zeit
+in die Nhe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch
+begreift, warum du da heraufgekommen bist."
+
+Jetzt begann das frhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben
+hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen.
+Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weibrot hingelegt
+und daneben Butter und weien Kse. Und mitten auf dem Tisch stand
+eine groe Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die
+Mutter groe, dicke Stcke vor den This hin, und wenn er fertig war,
+gab es gleich noch einmal so viel.
+
+Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie:
+"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This mu bei dir oben
+bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es
+ntig ist. Der Frau des Hlmli-Sepp will ich schon alles berichten."
+
+Das war dem Sennen recht, und fr den This war es das hchste Glck,
+das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton.
+Nicht mehr verborgen unter den Tannenbumchen hrte er heute den
+Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als
+dieser seine Hnde faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den
+Abendsegen." Andchtig faltete auch er seine Hnde, und als am Schlu
+der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glck im
+Herzen des This so gro, da er gern berlaut allen Menschen auf der
+ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!'
+
+Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinber zu der Frau des
+Hlmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und
+gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzhlten.
+Die Sennin hrte, da von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der
+Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hlmli-Sepp erklrte,
+da sie mit ihrem Sohn bereingekommen sei, sie wollten den This bei
+sich annehmen, da machte die Frau einen groen Lrm. Sie sagte, sie
+sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fr
+den Senn eine grere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien
+alle aus vollen Hlsen: "Mich! Mich! Mich!" Denn sie wuten wohl,
+wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhtte fr gute
+Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.
+
+Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn
+schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen
+This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das
+Hnseln und Verspotten unterlassen, sonst htten sie es mit ihrem Sohn
+zu tun. Der rede dann mit seinen krftigen Armen eine deutlichere
+Sprache mit den Buben, als sie es jetzt knnte. Dann verlie die
+Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblfft nachschauten,
+und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wre,
+der wird's gut haben, wie ein Knig wird er da oben in seiner
+Sennhtte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen lie,
+liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund
+sein. Denn sie muten alle an den letzten Ksfischtag denken, als der
+This so bel behandelt worden war. Von nun an wrde er ja gewi alle
+Ksfische allein bekommen, da wre doch jeder gut daran, der sein
+Freund wre. Und spter waren sie auch alle gut daran, denn dem This
+machte es die grte Freude, die reiche Ernte der Ksfische unter
+allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darber
+wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie
+mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte
+sich zur berraschung aller, da er auf einmal ein ganz flinkes,
+geschicktes Brschchen war, von dem jeder sagen mute: "Entweder ist
+das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den
+dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit,
+sein liebster Schler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei
+allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die
+anderen Buben knnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird,
+von Johanna Spyri.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Vom This, der doch etwas wird, by Johanna Spyri
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
+
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+
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+
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index 0000000..606739d
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+Project Gutenberg's Vom This, der doch etwas wird, by Johanna Spyri
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Vom This, der doch etwas wird
+
+Author: Johanna Spyri
+
+Posting Date: October 29, 2011 [EBook #9859]
+Release Date: February, 2006
+First Posted: October 25, 2003
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
+
+
+
+
+Produced by Delphine Lettau
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfgung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Vom This, der doch etwas wird
+
+Erzhlung
+
+Johanna Spyri
+
+
+
+
+
+
+
+1. Kapitel
+
+Alle gegen einen
+
+
+Wenn man den Seelisberg von der Rckseite her besteigt, kommt man auf
+eine frische, grne Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die
+friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem
+schnen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenhrten Khe
+ziehen lieblich lutend immer hin und her. Denn jede trgt am Hals
+ihre Glocke, damit man immer hrt, wo sie ist. So kann sich keine Kuh
+unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Struchern bedeckte Felswand
+liegt, ber die sie hinunterstrzen knnte. Es ist auerdem ein
+ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben knnen. Aber die
+Glocken sind doch notwendig und tnen so freundlich hin und her, da
+keiner sie entbehren mchte. Am Bergabhang stehen hie und da
+vereinzelt die kleinen, hlzernen Huser, und nicht selten rauscht
+daneben ein schumender Bach ins Tal hinab. 'Am Berghang' heit es
+hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Huschen steht auf
+ebenem Boden. Es ist, als wren sie irgendwie an den Berg hingeworfen
+worden und da hngengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da
+oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie
+alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der
+kleinen, hlzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt
+in ihre Nhe, so sieht man, da ein groer Unterschied zwischen ihnen
+ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Nhe ganz
+verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen
+ihnen strzt der grte Bergbach der Gegend, der schumende
+Schwemmebach, hinunter.
+
+Am ersten Huschen blieben auch an den schnsten Sommertagen alle die
+kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die
+hineindrang, kam durch die Lcher der zerbrochenen Scheiben. Das war
+aber nicht viel, denn die Lcher waren wieder mit Papier verklebt,
+damit man im Winter drinnen nicht frieren mute. An dem hlzernen
+Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war
+so zerfallen, da es ein Wunder war, da alle die kleinen Kinder, die
+da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie
+hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder
+waren alle mit Schmutz berdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen
+Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ber da
+herum, und am Abend kamen vier grere Kinder dazu. Drei krftige
+Buben und ein Mdchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich
+aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie
+konnten sich doch schon selbst waschen.
+
+Das Huschen ber dem Bach drben hatte einen ganz anderen Charakter.
+Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgerumt
+aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drben. Die
+Stufen sahen immer so aus, als wren sie eben gescheuert worden. Und
+oben auf der Galerie standen drei schne Nelkenstcke und dufteten den
+ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen
+Fenstern stand offen und lie die schne, sonnige Bergluft herein.
+Dort konnte man meistens eine noch krftig aussehende Frau sitzen
+sehen, mit schnem, weiem Haar, das sie sehr ordentlich unter das
+schwarze Hubchen zurckgestrichen hatte. Sie flickte gewhnlich an
+einem Mnnerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber
+gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so
+adrett und reinlich aus, als wre noch nie etwas Unsauberes an sie
+herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des
+frhlichen Franz Anton mit den krftigen Armen. Der machte den Sommer
+ber in der oberen Sennhtte seine Kse, und erst im Sptherbst zog er
+wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn
+dann butterte er in der unteren Sennhtte, die ganz nahe lag. Da ber
+den reienden Schwemmebach kein Steg fhrte, waren die zwei Huschen
+ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg
+wohnten, besser, als diese Nachbarn ber dem Bach, zu denen sie nur
+etwa einmal am Tag stumm hinberschaute. Gewhnlich schttelte sie
+dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter
+und schmutzigen Fetzen drben an den Kindern sah. Sie schaute aber
+nicht oft hinber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber
+betrachtete sie, wenn das Feierabendstndchen kam, ihre roten Nelken
+auf der Galerie oder sie schaute ber den grnen, sonnigen Abhang
+hinunter, der vor ihrem Huschen zum Tal hinabstieg.
+
+Die verwilderten Kinder ber dem Bach gehrten dem Hlmli-Sepp, wie er
+genannt wurde, der seine Arbeit auer Haus beim Holzfllen oder
+Heumachen suchte. Auerdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So
+war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die
+Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele
+kleine Kinder knne man nicht in Ordnung halten, und spter wrde es
+dann von selbst besser. So lie sie alles gehn, wie es ging. Und in
+der schnen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und
+lieen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl
+sein. Zur Sommerzeit waren die vier Greren den ganzen Tag drauen,
+um die Khe zu hten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen,
+wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten
+bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Khe auf das
+umliegende Weideland hinaus und muten sie hten lassen. Das ist
+immer eine lustige Zeit fr die Buben und Mdchen, die sich dort zu
+jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei frhliche Sachen
+miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten
+im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere
+Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer
+ber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstck nach Hause,
+das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier
+Kleinen zu ernhren und fr alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn
+diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein mute doch jedes haben
+und die vier Groen noch ein Stck dazu. Eine Kuh hatte der
+Hlmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besaen,
+wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.
+
+Hlmli-Sepp hie der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum
+nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine
+Gei und ein Stck Kartoffelland, damit mute die Frau mit den vier
+Kleinen den Sommer ber auskommen und auch hier und da noch eines der
+Greren speisen, wenn es drauen keine Arbeit fand. Der Vater kam im
+Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein
+Huschen und Acker waren so verschuldet, da er das ganze Jahr ber
+etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten
+konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel
+er fand.
+
+So mute die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte
+keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von
+der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der
+verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten,
+schaute sie ber den Bach zu dem schmucken Huschen der Sennerin
+hinber, dessen Scheiben in der Sonne glnzten. Dann sagte sie
+rgerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles
+sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging
+sie wieder rgerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurck, und an dem,
+der ihr zuerst in den Weg kam, lie sie den rger aus.
+
+Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht
+ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Huschen vom
+Hlmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der
+dumme This' genannt, sah so mager und drftig aus, da man ihn kaum
+fr achtjhrig gehalten htte. Er schaute auch so scheu und
+verschchtert drein, da niemand wute, wie der This eigentlich aussah,
+denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach.
+This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum
+zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel spter ber die Felsen
+in die Tiefe gestrzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam
+und den Weg abkrzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte
+nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem
+groen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This
+hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend,
+eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen
+Matthis genannt.
+
+Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Huschen vom
+Hlmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafsttte mit seinem Bblein
+gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben
+Ort. Das wenige Geld, das fr den kleinen This von der Gemeinde
+bezahlt wurde, war der Frau des Hlmli-Sepp sehr erwnscht. Und in
+die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fr die
+schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This
+war schon von Natur aus ein schchternes und stilles Bblein gewesen.
+Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das groe Unglck
+gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem
+Unglck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.
+
+So sa der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein
+Wort zu hren, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann
+seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des
+Hlmli-Sepp gehrte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde
+von jedem angefahren und hin und her gestoen, weil er sich nie wehrte.
+Zu all den Pffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen
+dann noch die bsen Worte der Frau, wenn sie den rger ber das
+saubere Huschen der Sennerin drben hatte. Der This wehrte sich aber
+nie, denn er hatte das Gefhl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so
+nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und
+verschchtert, da man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her
+vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn
+anrief. Er sah berhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch,
+wo er in die Erde hineinkriechen knnte, da ihn keiner mehr fnde.
+
+So war es gekommen, da die vier Groen vom Hlmli-Sepp, der Jopp, der
+Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du
+bist doch ein dummer This", und da es die vier Kleinen auch
+nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals
+dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es
+werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme
+This' genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten knnte,
+wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Khe zu hten, und war
+er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke
+oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da sa er
+meistens zitternd vor Furcht, denn er hrte wohl, wie die anderen
+Buben ihn mit groem Geschrei suchten, da er bei den Spielen
+mitmachte, die sie spielen wollten.
+
+Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Prgeln, und das traf
+regelmig den This am strksten, da er sich nicht wehrte und auch
+nicht wehren konnte gegen die viel Strkeren. So verkroch er sich,
+sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Khe, wohin sie wollten
+und fraen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann groen rger, und
+jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Khe zu hten, und keiner
+stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld,
+wenn die Buben zum Jten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da
+warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblten an den
+Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem
+anderen reichlich zurck, was er empfangen hatte. Der This gab aber
+nichts zurck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen
+Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen
+gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten
+die Knollen an den Rcken und an den Kopf.
+
+Whrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten,
+versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den
+Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit
+nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller
+Arbeit zu dumm und aus dem This knne nie etwas werden. Weil er nun
+gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er
+auch von der Frau des Hlmli-Sepp demgem behandelt. Wenn schon die
+eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es
+meistens, da fr den This gar nichts mehr brigblieb und es dann hie:
+"Du wirst wohl etwas finden, du bist gro genug." Wie der This
+eigentlich ernhrt wurde, wute niemand, auch die Frau des Hlmli-Sepp
+nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.
+
+Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen
+Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tr
+vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in
+seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich
+wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer
+scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.
+
+
+
+2. Kapitel
+
+Bei der Schwemmebachsennhtte
+
+
+An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle
+Mcken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hterbuben und--mdchen.
+Sie muten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp,
+von allen der Grte, war der Leiter der Versammlung. Und als alle
+nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, da man jetzt zur
+Schwemmebachsennhtte hinaufgehe, denn heute sei der Ksfischtag. Nun
+msse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Khe
+hten solle, whrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wrden.
+Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust,
+sich fr die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue
+Uli auf den Gedanken, man knnte einmal den dummen This zwingen, auf
+die Khe acht zu geben. Und damit er's nicht vergesse, knnte man ihn
+im voraus ein wenig durchprgeln. Der Vorschlag fand Anklang, und
+schon wollten mehrere von den Anfhrern der Schar den This holen, als
+das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts
+Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den
+Lohn dafr, wenn wir wieder zurckkommen und die Khe sich verlaufen
+haben. Ihr werdet doch nicht glauben, da der This, wenn er zu dumm
+ist, zwei Khe zu hten, auf einmal zwanzig hten kann. Man mu losen,
+und drei mssen bei den Khen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis
+Erklrung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus
+der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet
+der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der
+siegreichen Schar den Rcken und setzte sich auf den Boden neben seine
+beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen strzte nun
+die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genu
+entgegen.
+
+Der Ksfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die
+es nie unterlieen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen
+sollte. Denn das war ein Hauptfest fr sie. Das war der Tag, an dem
+der Franz Anton seine frischen Kse rundum beschnitt, nachdem diese
+als weiche Masse in die runde, hlzerne Form gepret worden waren.
+Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von
+der Masse herausdrngte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie
+eine lange, schneeweie Wurst. Die wurde dann in viele Stcke
+gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt.
+Das waren dann die sogenannten Ksfische. Dieses Fest wiederholte
+sich den Sommer ber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem
+Freudengeschrei begrt.
+
+This hatte sich hinter dem groen Distelbusch am Boden versteckt
+gehalten, whrend die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton
+von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hrte,
+da die groe Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig
+hervor. Die drei grollenden Zurckgebliebenen saen am Boden und
+kehrten ihm den Rcken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stck
+die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der
+Hhe hernieder. Den This erfate ein unwiderstehliches Verlangen,
+auch an der Ksfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schlpfte er
+hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er
+hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem
+letzten steilen Hang kam eine kleine, glnzend grne Hochebene, da
+stand die Sennhtte. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der
+klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tr seiner Htte stand der
+Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte ber
+die vielen Sprnge, die jetzt die Buben und Mdchen in ihrem Eifer, zu
+dem ersehnten Genu zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt
+waren sie alle bei der Htte und eines drngte das andere vorwrts, um
+noch nher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wrde.
+
+"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton. "Wenn ihr alle in
+die Htte hineindrngt, so habe ich keinen Platz mehr zum
+Kseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes
+Messer zur Hand und trat an den groen, runden Kse heran, den er
+schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden
+ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweien
+Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stck und da ein
+Stck, oft ber die Kpfe der Groen weg den Kleinen, die nicht zu ihm
+vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner
+Teilung.
+
+This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen
+wollte, so bekam er da einen Sto und dort einen und flog so von einer
+Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer
+wieder ein Grerer und Dickerer sich vor ihn drngte. Zuletzt bekam
+er einen so ungeheuren Sto von dem breiten, nach allen Seiten
+schlagenden Jopp, da er sich fast berschlagen htte. Die Teilung
+war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, da er zu keinem
+Stckchen Ksfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine
+Schlge mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die
+jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den
+Bumchen. Auf der hchsten Krone des einen sa ein lustiger, kleiner
+Vogel und pfiff so frhlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als
+gbe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und
+Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, da er fast das
+Leid verga, das ihm eben geschehen war.
+
+Von Zeit zu Zeit mute er nach der Sennhtte hinberschauen, denn das
+Lrmen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stck Ksfisch
+wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie
+jedes Kind mit einem greren oder kleineren Brocken der schnen,
+weien Masse dastand und mit Wonne hineinbi. Er seufzte dann ein
+wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges
+Stcklein bekme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weien
+Ksfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie
+heute in die Schar der Glcklichen einzudringen. Jetzt hatte er
+gesehen, da es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut
+zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlugedanken, da er
+sein Leben lang nie einen Ksfisch bekommen werde. Darber wurde er
+so traurig, da er nicht einmal den Vogel mehr hrte und ganz
+zusammengeduckt unter den Tannenbumen sa.
+
+Jetzt war das Gastmahl bei der Htte zu Ende und mit schrecklichem
+Lrm strzten die Kinder daher, womglich immer einer ber den anderen
+hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall
+brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der
+lrmende Hans, und laut schrie er in das Gebsch hinein: "Du Maulwurf,
+komm heraus, du mut mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen
+hatte. Er mute sich als Bock hinstellen, damit die anderen ber ihn
+springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er wre
+viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wute wohl,
+was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er
+gehorsam heran. "Wie viele Ksfische hast du bekommen?" schrie ihn
+jetzt der Hans an.
+
+"Keinen", gab This zurck. "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans
+noch lauter in die Schar hinein, "der luft schnell zu den Ksfischen,
+und dann luft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer
+This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die groen
+Buben ber den Kopf weg, so da er genug zu tun hatte, nur immer
+wieder auf die Fe zu kommen, wenn er umgeworfen worden war.
+Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestrzter die Abhnge
+hinunter, bis ein glcklicher Zufall sie wieder alle auf die Fe
+brachte. Nach dieser strmischen Niederfahrt unten angekommen, liefen
+gleich alle auseinander, jeder seinen Khen nach.
+
+Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn
+jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den
+Zurckgebliebenen, weit er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem
+Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben
+und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im
+Berghang, wo im Frhling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und
+den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und
+ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schne, dunkelrote
+Erdbeeren in der Sonne, die so schn warm in die Vertiefung schien.
+Aber dem This war es berall angst und bang, wenn er noch in der Nhe
+der Huser und der Hterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden
+Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der
+This zuckte scheu und ngstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer
+dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch
+einmal an das stille Pltzchen unter den kleinen Tannenbumchen dort
+oben und an das pfeifende Vgelein, so da es ihn mit Gewalt vom Boden
+zog. Er mute noch einmal dorthin.
+
+Mit allen Krften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht
+einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die
+Tannenbumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein
+Tannenversteck ein wenig offen. Da sa nun der This in vlliger
+Sicherheit. Ringsum war eine groe Stille, kein Ton drang von unten
+her bis hier auf die einsame Hhe, nur das Vgelein sa noch auf
+seinem Tannenast und pfiff sein frhliches Lied. Die Sonne wollte
+untergehen. Die hohen Schneeberge drben fingen zu flimmern und zu
+glhen an, und ber die ganze grne Alm hin lag das golden schimmernde
+Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie
+gekanntes Wohlsein kam ber ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und
+Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu frchten, denn weit und
+breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hren.
+
+So sa der This eine lange Zeit, und am liebsten wre er gar nicht
+mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben
+gewesen. Aber da hrte er schwere Tritte hinter sich von der Htte
+her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewi
+wollte er zum Bach hinber, um Wasser zu holen. This verhielt sich
+muschenstill. Denn er war so daran gewhnt, da er von jedermann
+angefahren oder ausgelacht wurde, da er dachte, der Senn werde es
+gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die
+Bumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton
+wurde aufmerksam, trat nher und guckte in den Tannenbusch hinein.
+
+"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht.
+
+"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.
+
+"Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu frchten, wenn du nichts
+Bses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa
+mit deinen Ksfischen da hineingeflchtet, da du sie in Ruhe
+verzehren kannst?"
+
+"Nein, ich habe keine Ksfische gehabt", sagte This ngstlich.
+
+"Nicht? Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie
+sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem
+Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem
+Menschen.
+
+"Sie haben mich auf die Seite gestoen", erwiderte er nun und stand
+hinter den buschigen Zweigen auf.
+
+"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort,
+"komm noch ein wenig nher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn
+sie dich wegstoen? Es stt ja immer einer den anderen, aber zuletzt
+kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?"
+
+"Sie sind strker", sagte der This so berzeugend, da diese Erklrung
+wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den
+Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, groen Franz Anton wie
+ein dnnes Stcklein vor einer hohen Tanne. Der krftige Mann
+betrachtete einen Augenblick das schmale Figrchen, an dem tatschlich
+fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht
+schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.
+
+"Wem gehrst du?" fragte er jetzt den Buben.
+
+"Niemand", gab This zur Antwort.
+
+"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?"
+
+"Beim Hlmli-Sepp."
+
+Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. "Ach so, bist du der!"
+sagte er verstndnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar
+nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehrt, ihn aber nicht
+gekannt.
+
+"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig. "Wenn du beim Hlmli-Sepp
+bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Hlmlein.
+Komm, Ksfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes."
+
+Der This wute gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz
+Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und
+das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Htte, holte
+hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein groes
+Stck ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfa, das goldig glnzend
+in der Ecke stand, und holte ein groes Stck Butter heraus. Das
+strich er ber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stck mit
+der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte
+der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es
+nicht mglich, da es ihm gehre.
+
+"Komm heraus. I es vor der Htte, ich mu nun zum Wasser", sagte
+Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glck und
+Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte.
+Vor der Htte setzte er sich auf den Boden. Und whrend der Senn zum
+Schwemmebach hinberging, bi er in sein Butterbrot hinein und bi
+immer wieder und konnte nicht begreifen, da es etwas so Gutes gbe
+und er es bekommen htte.
+
+Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und
+wiegte unten die Tannenbumchen hin und her, und der kleine Vogel sa
+immer noch auf dem hchsten Zweig und sang hell und frhlich in den
+goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie
+gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er msse laut mit dem Vogel zu
+singen anfangen.
+
+Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her
+gegangen. Drben beim Schwemmebach war er immer eine Weile
+stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr
+rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gro und golden der volle Mond
+hinter dem weien Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Htte
+zurck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle
+sa.
+
+"So gefllt's dir hier?" fragte er freundlich. "Mit dem Abendessen
+bist du fertig, wie ich sehe. Du mut dich auf den Rckweg machen.
+Sieh, wie schn dir der Mond heimleuchtet!"
+
+Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel
+ihm ein, da es wohl ntig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem
+Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den
+Tannenbumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurck. Er schaute noch
+einmal zurck, und da der Senn in die Htte getreten war und ihn nicht
+mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz
+Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Gte
+und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen
+Eindruck gemacht, da er nicht fort konnte. Er mute noch ein wenig
+in der Nhe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen
+unter den Bumchen und sphte zu der Htte hinauf, ob er den Senn
+nicht noch einmal she. Es dauerte einige Zeit, da pltzlich trat
+Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Htte heraus.
+
+Er blieb vor der Tr stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die
+stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ber alle hohen Schneegipfel hin das
+milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt
+der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen
+Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Hnde. Er hielt wohl still
+seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht
+geb euch Gott!" trat in die Htte zurck und machte die Tr zu. Sein
+Nachtgru hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum
+und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller
+Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fhlte Liebe und
+Bewunderung fr den Senn, Gefhle, die er bisher nicht gekannt hatte.
+
+Als es nun ganz dunkel und still in der Htte wurde, stand der This
+auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.
+
+Es war spt und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich,
+die Tr war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Huschen und
+schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser
+schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es
+ist bequem, da der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden.
+So hat man doch Platz!"
+
+This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er
+immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit
+gefalteten Hnden vor seiner Htte stand. Zum erstenmal in seinem
+Leben schlief der This mit einem glcklichen Herzen ein.
+
+
+
+3. Kapitel
+
+Ein hilfreicher Engel
+
+
+Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten,
+muten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges
+gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr
+Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze
+Schar den Berghang herunter, und bald saen sie alle mit anderen
+Kindern so ruhig wie mglich auf den langen Bnken, und der Herr
+Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von
+einem zuknftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den
+This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas
+fragen, das wirst du wohl beantworten knnen, wenn man dir auch nicht
+viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem rmsten
+und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefhrt hat, so
+wohl werden, da er kein Leid versprt?"
+
+"Bei der Schwemmebachsennhtte", antwortete der This ohne Zgern.
+Jetzt entstand ein solches Kichern, da der This ganz scheu um sich
+schaute. Ringsum waren spttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle
+Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich
+so stark vornber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem,
+was der Herr Pfarrer das letztemal erklrte, hatte er nichts gehrt,
+weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mute. Jetzt hatte
+er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet,
+
+Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, da es dem
+This gar nicht zum Lachen war, sondern da er vor Scheu ganz
+erschrocken und zusammengeduckt dasa, da schttelte der Herr Pfarrer
+nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu
+machen."
+
+Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da strzte die ganze Schar
+hinter dem This her, alle lachten berlaut und schrien durcheinander:
+"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Ksfische in den Sinn
+gekommen?"
+
+"This, warum hast du nicht auch etwas von den Ksfischen gesagt?" Der
+This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem
+Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben
+wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den
+schnen Sonntagabend unten im Dorf genieen.
+
+Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt
+einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhtte
+hinaufflchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen.
+Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Pltzchen sitzen und
+vor Verfolgung sicher sein. Nun sa er wieder unter den Tannen und
+ber ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der
+Sonne, und ber den grnen Hngen flo da und dort ein klares Bchlein
+friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, da er allen
+Spott verga und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr
+weggehen zu mssen.
+
+Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er
+bestndig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie mglich
+nieder. Denn er hatte das Gefhl, wenn der Franz Anton ihn wieder
+hier sehe, so knnte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein
+Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und
+einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und
+in dessen Nhe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst
+nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und
+This sa an seinem schnen Pltzchen, bis die Sterne am Himmel standen
+und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Htte hinaustrat und
+ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder
+davon, und spt wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht
+hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber
+das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefhlt
+dort oben.
+
+So ging es eine ganze Woche. Tag fr Tag, sobald er einen Augenblick
+fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm
+hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete
+er die ganze Ttigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und
+nie verlie er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton
+gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als
+sei der Nachtsegen auch fr ihn gedacht.
+
+Es waren ausnahmsweise heie Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg
+jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend
+niedergegangen war. Das Futter war besonders krftig, und Franz Anton
+bekam so schne, fette Milch von den Alpenkhen, da er die
+prchtigsten Kse daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude,
+und schon frhmorgens konnte man ihn voller Vergngen in seiner
+Sennhtte pfeifen hren, so auch am Samstag dieser Woche. Da hrte
+man ihn noch viel frher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem
+der Senn seine drei oder vier fertigen Kse an den See hinunterbrachte.
+Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie
+auf seinem Rcken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwrts,
+den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Rcken. Es
+war der heieste Tag des ganzen Sommers.
+
+Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die bermige
+Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute
+abend wieder zu meiner Htte hinauf in die khle Luft zu kommen, hier
+unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt,
+gerade als das Schiff herankam, das die Kse mitnehmen sollte. Bald
+war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschlssig
+da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten
+etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fhlte keinen Appetit, sein Kopf
+war schwer und hei, er wnschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn
+jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim
+Einladen geholfen hatte. "Komm, Franz Anton, heute ist's hei, wir
+wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn
+zu dem Wirtshaus.
+
+Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im
+Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber
+stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in
+der schweren, heien Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht
+an den Wein gewhnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit groen
+Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in
+seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte hei auf
+seinen Kopf, alle seine Pulse hmmerten, die Fe wurden ihm so schwer,
+da er sie nur mit Mhe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je
+grer wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der
+Aussicht an, da nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt
+nur noch eine Viertelstunde heier Mhe vor ihm liege. Dann wrde er
+oben sein und knne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.
+
+Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne
+brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Pltzlich wurde es ihm vllig
+schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer strzte er auf den
+Boden nieder. Er hatte das Bewutsein verloren.
+
+Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er,
+da der Franz Anton noch nicht zurckgekehrt war. Er stellte seine
+Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem
+Senn auszuschauen.
+
+Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz
+Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte
+er an seinem verborgenen Pltzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt,
+den der Senn tat. Er wute, wie eine Beschftigung auf die andere
+folgte, so da er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der
+Franz Anton seine Milch stehen lie. Sonst go er sie immer gleich in
+die verschiedenen Gefe. Die eine kam zum Buttern in die groen,
+runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schn dick obenauf
+lag. Die andere wurde in den Ksekessel gegossen, das hatte der This
+durch die offene Httentr alles genau beobachten knnen. Der Senn
+kam immer noch nicht. Der Junge fhlte, da irgend etwas geschehen
+sein mute. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging
+zur Sennhtte. Da war es still und leer unten im Httenraum und oben
+auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut
+war zu hren, alles wie ausgestorben. ngstlich lief der This
+jetzt um die Htte herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann
+in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten
+erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da
+lag sein Freund mit geschlossenen Augen und sthnte und lechzte wie
+ein Sterbender. Er sah glhend hei aus, und seine Lippen waren ganz
+vertrocknet.
+
+Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor
+Schrecken, auf seinen Wohltter. Dann strzte er in schnellem Lauf
+den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewutlos am
+Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt
+an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem
+brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich bcken
+und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er fr einen Augenblick,
+denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.
+
+Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht rhren.
+Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das
+Bewutsein wieder, und er trumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er
+heute frh im Vorbergehen noch die schnen Erdbeeren gesehen hatte.
+Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die
+Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber
+jetzt hatte er pltzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte
+sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der
+Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schlrfte und
+schluckte, es war ein unsgliches Labsal. Er erwachte. War das alles
+Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und
+steckte ihm wieder eine groe saftige Erdbeere in den Mund.
+
+"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton. Aber
+nicht nur eine, fnf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf
+einmal flog ein stechender Schmerz ber sein Gesicht. Er legte die
+Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war
+ihm das Bewutsein wieder vllig entschwunden. Er konnte nicht einmal
+mehr die letzte Erdbeere genieen. Jetzt trumte er ganz schreckliche
+Dinge. Sein Kopf wurde so gro wie sein allergrtes Butterfa und
+dann immer noch grer und so furchtbar schwer, da er mit Schrecken
+dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man mu starke,
+hlzerne Sttzen unterstellen, wie unter die Apfelbume, wenn sie
+zuviel pfel tragen." Und jetzt fhlte er deutlich, da der Kopf ganz
+voll Schiepulver war, das hatte einer von hinten angezndet. Nun
+brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich mute alles
+zerspringen. Aber dann kam pltzlich ganz kalt und belebend der
+Schwemmebach ber seine Stirn, ber das ganze Gesicht und in den Mund
+hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.
+
+Es war wahr, eiskalt kam ein Gu nach dem anderen auf Stirn und
+Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den
+khlenden Trank ein. ber ihm standen die funkelnden Sterne, das
+sah der Franz Anton deutlich. Er wute auch, da er noch am Boden lag
+drauen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der
+Schwemmebach sein, was so ber ihn flo und ihn so ordentlich trinken
+lie. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend,
+so erlsend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer.
+Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich
+dir fr deine Gte und die hilfreichen Engel!"
+
+Das erquickende Wasserbad hrte nicht auf, und zuletzt fhlte der
+Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schtzend und
+wohltuend, da er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt
+schlief er jetzt ganz sanft ein und trumte nicht mehr.
+
+
+
+4. Kapitel
+
+Was die Sennenmutter haben will
+
+
+Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz
+Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er
+schauderte ein wenig zusammen, es frstelte ihn. Er wollte sich
+aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand
+an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht.
+Wohl sechsfach zusammengelegt lag na und schwer das groe Handtuch
+aus der Sennhtte auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der
+frische Morgenwind ber die Stirn blies, fhlte er sich so wohlig und
+erleichtert, da er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da
+sah er auf einmal in zwei groe, ernsthafte Augen hinein, die
+unverwandt auf ihn gerichtet waren.
+
+"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frh auf
+die Alm? Nun, weil du da bist, komm, da ich mich ein wenig auf deine
+Schulter sttzen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf."
+
+Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er
+stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fe in den Boden hinein, so da
+der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte.
+Whrend des langsamen Aufstiegs zur Htte, als er sich immer noch auf
+die Schulter des Buben sttzte, fing er an, sich daran zu erinnern,
+was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgnge der
+Nacht vllig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur
+helfen. In der Htte angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner
+dreibeinigen Sthle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz
+dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir
+wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt
+noch nicht machen. Ein Schsselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist
+es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es
+regelmig dort hinauf. Ich wei nicht, was mit mir vorgeht seit
+gestern."
+
+Der This war feuerrot geworden, er wute wohl, wer das Schsselchen
+heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am
+Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides
+dem Senn. Dieser schttelte ganz betroffen den Kopf. Solange er
+lebte, hatte er noch nie sein Schsselchen dort bei der Tr auf den
+Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine
+Milch, fllte dann das Schsselchen wieder und sagte: "Da, This, trink
+auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, da du so frh hinauf
+kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Ksfischtag und du seist dann
+sicher der erste?"
+
+"Nein, gewi nicht", versicherte This.
+
+"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal
+unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder
+zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. "Sag mir, This, habe ich
+denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frh
+heraufkamst?"
+
+Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn
+alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht
+recht, und er knnte bse werden. Aber der Franz Anton schaute ihm
+jetzt so tief in die Augen, da er alles sagen mute: "Ich habe es
+selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an.
+
+"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert.
+
+"Weil sie so hei waren", erwiderte This.
+
+Der Senn staunte immer mehr. "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang
+erwacht", sagte er. "Wann bist du denn heraufgekommen?"
+
+"Gestern um fnf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam,
+"der Melker kam erst lange nachher."
+
+"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn
+gewollt und gemacht?"
+
+Jetzt sah der Franz Anton, da dem This ganz bange wurde, ihm selber
+aber fielen nun wieder die Vorgnge der letzten Nacht ein. Ganz
+vterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd:
+"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu frchten, This. Da, trink noch
+eins aus, und dann sag mir alles, was du weit, von da an, als du hier
+heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fate der This neuen
+Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zgen aus, denn sie schmeckte
+herrlich.
+
+Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier
+herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Ksfische.
+Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie
+nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden
+gefunden, und Sie sind ganz rot und hei gewesen und haben Durst
+gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe
+alle groen Erdbeeren gepflckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen
+gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf
+den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Htte
+das Schsselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach
+habe ich ihn gefllt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schsselchen das
+Wasser ber den Kopf geschttet und auch zu trinken gegeben, denn sie
+haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin
+ich zum Bach hinber und habe ihn wieder gefllt. Aber weil das
+Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes
+Tuch wurde den Kopf besser khlen. Und so habe ich das Tuch aus der
+Htte geholt und es ganz na auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann
+trocken und hei wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und
+es dann wieder na auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann
+erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht
+etwa krank werden."
+
+Der Senn hatte mit groer Aufmerksamkeit zugehrt. Jetzt stand alles
+deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wute auch
+wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren
+als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gesprt und
+genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und
+verwundert an, als htte er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen
+solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn mglich, da
+dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben
+gerettet hatte.
+
+Htte der This sein Fieber nicht mit dem Wasser gelscht, wer wei,
+was bis zum Morgen daraus geworden wre! Und wie konnte dieser This,
+dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung
+fhig sein, da er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn
+pflegte! Dem groen, starken Franz Anton kamen die Trnen in die
+Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles
+berdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir
+wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das
+vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die
+Glieder so, da ich mich jetzt niederlegen mu. Geh du nun hinunter
+zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir
+nicht ganz wohl. Du mut dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe
+noch viel mit dir zu reden heute, vergi es nicht!"
+
+Solange er lebte, war der This noch nie so glcklich gewesen. Er lief
+springend den Berg hinunter, als knne er nicht hoch genug aufspringen
+vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen,
+und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in
+die Sennhtte eintreten. Auerdem hatte der Franz Anton ihm noch
+gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser
+Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der
+Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Huschen
+mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im
+Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der
+Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen,
+denn er war ganz atemlos vom Laufen.
+
+"Woher kommst denn du?" fragte die sonntglich gekleidete Frau, die
+nicht gern etwas Unordentliches sah. Mibilligend musterte sie den
+Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntglichen Anblick
+in seinen zerfetzten Alltagshschen und dem schmutzigen Hemdlein.
+"Ich meine, ich habe dich schon dort drben ber dem Bach gesehen, du
+bist wohl einer vom Hlmli-Sepp?"
+
+"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demtig.
+
+Jetzt fiel der Frau ein, da die Frau des Hlmli-Sepp einen
+einfltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts
+zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. "Und was willst du
+denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert.
+
+Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag
+klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der
+kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und da er nach ihr schickte
+und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes
+Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in groer
+Sorge das Ntigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem groen
+Korb am Arm heraus.
+
+"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn. Warum mut du
+wieder mit?"
+
+"Ich wei nicht", antwortete er. Und fast als wre es etwas Bses,
+setzte er leise hinzu: "Mu ich nicht den Korb tragen?"
+
+"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran
+gedacht, da ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb.
+Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief
+in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer
+Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die
+Krankheit gefhrlich sein? Ihre Angst wurde immer grer, je nher
+sie der Sennhtte kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige
+Schritte--der bekmmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast
+nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie
+schaute berall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn
+tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem
+Herzen stieg sie die Leiter hinauf.
+
+Der This blieb ehrerbietig drauen vor der Tr stehen, nur den Korb
+schob er in die Htte hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll
+ber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte
+ihr frhlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter:
+"Gr dich Gott, Mutter! Das freut mich, da du da bist. Ich habe
+aber geschlafen wie ein Br, die ganze Zeit, seit der This fortging."
+Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie
+wute gar nicht, was sie denken sollte. "Franz Anton", sagte sie
+jetzt ernsthaft, "was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weit du,
+da du mich hast holen lassen?"
+
+"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz
+bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir
+noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir
+reden. Ich fhl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kme noch
+nicht weit."
+
+"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir's doch",
+drngte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.
+
+"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen",
+sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. "Sieh einmal
+zuerst dort unten das schmale, magere Bblein an, das kein gutes Stck
+Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder
+nur den dummen This nennt."
+
+Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn
+hinaufsphte, ob er etwa wieder umfallen wolle.
+
+"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt.
+
+"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Bblein nicht
+gewesen wre, so lge ich jetzt noch drauen auf dem Boden in einem
+tdlichen Fieber, oder vielleicht wre es auch schon vorbei mit mir."
+Und jetzt erzhlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag
+zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen
+und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch
+auf der Welt es nicht besser htte tun knnen.
+
+Die Mutter mute sich mehrmals die Trnen abwischen. Sie stellte sich
+vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da
+drauen gelegen htte und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden
+wre, und kein Mensch htte etwas von ihm gewut. Und jetzt stieg ein
+Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, da sie laut ausrufen mute:
+"Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche
+Liebe zu dem armen This berkam sie, da sie ganz eifrig sagte: "Franz
+Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Hlmli-Sepp zurck!
+Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat
+sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen
+mache ich ihm ein Gewand, da man ihn ansehen darf. Er mu es nicht
+schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir
+geholfen hat."
+
+"Das ist nun gerade, was ich wnschte, Mutter, aber ich mute doch
+zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben
+und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein knnte. Es geht
+nichts ber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller
+Glck und Liebe an, da es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich
+dachte: Es geht auch nichts ber einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte
+sie: "Jetzt mut du etwas essen, Franz Anton, da du wieder zu Krften
+kommst. Ich habe frische Eier und ein Weibrot mitgenommen, und jetzt
+will ich Feuer machen, la dir Zeit zum Herunterkommen." Das mute der
+Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging.
+Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er
+sich selbst niedergesetzt hatte.
+
+"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend,
+"willst du ein Senn werden?"
+
+Der This fing an zu lcheln, aber dann hrte er pltzlich die
+vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen
+hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts".
+Und schchtern antwortete er. "Ich kann nichts werden."
+
+"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit.
+"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun
+bleibst du bei mir und trgst Milch und Wasser und hilfst mir bei
+allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Kse macht und sobald
+du gro genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein
+Gehilfe."
+
+"Hier in der Schwemmebachsennhtte?" fragte This, dem die Aussicht auf
+diese Glckseligkeit ganz unfabar war.
+
+"Alles hier, in der Schwemmebachsennhtte", besttigte der Franz Anton.
+
+Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden
+Glcks, da der Senn ihn nur ansehen mute. Der Bub war wie
+verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den groen
+Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie
+streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir
+miteinander frhlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen
+wir dem lieben Gott dafr danken, da er dich gerade zur rechten Zeit
+in die Nhe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch
+begreift, warum du da heraufgekommen bist."
+
+Jetzt begann das frhliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben
+hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen.
+Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weibrot hingelegt
+und daneben Butter und weien Kse. Und mitten auf dem Tisch stand
+eine groe Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die
+Mutter groe, dicke Stcke vor den This hin, und wenn er fertig war,
+gab es gleich noch einmal so viel.
+
+Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie:
+"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This mu bei dir oben
+bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es
+ntig ist. Der Frau des Hlmli-Sepp will ich schon alles berichten."
+
+Das war dem Sennen recht, und fr den This war es das hchste Glck,
+das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton.
+Nicht mehr verborgen unter den Tannenbumchen hrte er heute den
+Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als
+dieser seine Hnde faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den
+Abendsegen." Andchtig faltete auch er seine Hnde, und als am Schlu
+der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glck im
+Herzen des This so gro, da er gern berlaut allen Menschen auf der
+ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!'
+
+Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinber zu der Frau des
+Hlmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und
+gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzhlten.
+Die Sennin hrte, da von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der
+Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Hlmli-Sepp erklrte,
+da sie mit ihrem Sohn bereingekommen sei, sie wollten den This bei
+sich annehmen, da machte die Frau einen groen Lrm. Sie sagte, sie
+sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fr
+den Senn eine grere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien
+alle aus vollen Hlsen: "Mich! Mich! Mich!" Denn sie wuten wohl,
+wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhtte fr gute
+Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.
+
+Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn
+schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen
+This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das
+Hnseln und Verspotten unterlassen, sonst htten sie es mit ihrem Sohn
+zu tun. Der rede dann mit seinen krftigen Armen eine deutlichere
+Sprache mit den Buben, als sie es jetzt knnte. Dann verlie die
+Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verblfft nachschauten,
+und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This wre,
+der wird's gut haben, wie ein Knig wird er da oben in seiner
+Sennhtte leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen lie,
+liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund
+sein. Denn sie muten alle an den letzten Ksfischtag denken, als der
+This so bel behandelt worden war. Von nun an wrde er ja gewi alle
+Ksfische allein bekommen, da wre doch jeder gut daran, der sein
+Freund wre. Und spter waren sie auch alle gut daran, denn dem This
+machte es die grte Freude, die reiche Ernte der Ksfische unter
+allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darber
+wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie
+mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte
+sich zur berraschung aller, da er auf einmal ein ganz flinkes,
+geschicktes Brschchen war, von dem jeder sagen mute: "Entweder ist
+das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den
+dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit,
+sein liebster Schler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei
+allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die
+anderen Buben knnten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird,
+von Johanna Spyri.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Vom This, der doch etwas wird, by Johanna Spyri
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
+
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+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
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+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
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+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
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+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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