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+The Project Gutenberg EBook of Vom This, der doch etwas wird, by Johanna Spyri
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+Title: Vom This, der doch etwas wird
+
+Author: Johanna Spyri
+
+Release Date: February, 2006 [EBook #9859]
+[This file was first posted on October 25, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
+
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+E-text prepared by Delphine Lettau
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+This Etext is in German.
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+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
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+This is the 7-bit version.
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
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+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
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+Vom This, der doch etwas wird
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+Erzaehlung
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+Johanna Spyri
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+
+1. Kapitel
+
+Alle gegen einen
+
+
+Wenn man den Seelisberg von der Rueckseite her besteigt, kommt man auf
+eine frische, gruene Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die
+friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem
+schoenen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenaehrten Kuehe
+ziehen lieblich laeutend immer hin und her. Denn jede traegt am Hals
+ihre Glocke, damit man immer hoert, wo sie ist. So kann sich keine Kuh
+unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Straeuchern bedeckte Felswand
+liegt, ueber die sie hinunterstuerzen koennte. Es ist ausserdem ein
+ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben koennen. Aber die
+Glocken sind doch notwendig und toenen so freundlich hin und her, dass
+keiner sie entbehren moechte. Am Bergabhang stehen hie und da
+vereinzelt die kleinen, hoelzernen Haeuser, und nicht selten rauscht
+daneben ein schaeumender Bach ins Tal hinab. 'Am Berghang' heisst es
+hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Haeuschen steht auf
+ebenem Boden. Es ist, als waeren sie irgendwie an den Berg hingeworfen
+worden und da haengengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da
+oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie
+alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der
+kleinen, hoelzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt
+in ihre Naehe, so sieht man, dass ein grosser Unterschied zwischen ihnen
+ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Naehe ganz
+verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen
+ihnen stuerzt der groesste Bergbach der Gegend, der schaeumende
+Schwemmebach, hinunter.
+
+Am ersten Haeuschen blieben auch an den schoensten Sommertagen alle die
+kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die
+hineindrang, kam durch die Loecher der zerbrochenen Scheiben. Das war
+aber nicht viel, denn die Loecher waren wieder mit Papier verklebt,
+damit man im Winter drinnen nicht frieren musste. An dem hoelzernen
+Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war
+so zerfallen, dass es ein Wunder war, dass alle die kleinen Kinder, die
+da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie
+hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder
+waren alle mit Schmutz ueberdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen
+Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ueber da
+herum, und am Abend kamen vier groessere Kinder dazu. Drei kraeftige
+Buben und ein Maedchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich
+aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie
+konnten sich doch schon selbst waschen.
+
+Das Haeuschen ueber dem Bach drueben hatte einen ganz anderen Charakter.
+Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeraeumt
+aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drueben. Die
+Stufen sahen immer so aus, als waeren sie eben gescheuert worden. Und
+oben auf der Galerie standen drei schoene Nelkenstoecke und dufteten den
+ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen
+Fenstern stand offen und liess die schoene, sonnige Bergluft herein.
+Dort konnte man meistens eine noch kraeftig aussehende Frau sitzen
+sehen, mit schoenem, weissem Haar, das sie sehr ordentlich unter das
+schwarze Haeubchen zurueckgestrichen hatte. Sie flickte gewoehnlich an
+einem Maennerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber
+gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so
+adrett und reinlich aus, als waere noch nie etwas Unsauberes an sie
+herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des
+froehlichen Franz Anton mit den kraeftigen Armen. Der machte den Sommer
+ueber in der oberen Sennhuette seine Kaese, und erst im Spaetherbst zog er
+wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn
+dann butterte er in der unteren Sennhuette, die ganz nahe lag. Da ueber
+den reissenden Schwemmebach kein Steg fuehrte, waren die zwei Haeuschen
+ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg
+wohnten, besser, als diese Nachbarn ueber dem Bach, zu denen sie nur
+etwa einmal am Tag stumm hinueberschaute. Gewoehnlich schuettelte sie
+dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter
+und schmutzigen Fetzen drueben an den Kindern sah. Sie schaute aber
+nicht oft hinueber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber
+betrachtete sie, wenn das Feierabendstuendchen kam, ihre roten Nelken
+auf der Galerie oder sie schaute ueber den gruenen, sonnigen Abhang
+hinunter, der vor ihrem Haeuschen zum Tal hinabstieg.
+
+Die verwilderten Kinder ueber dem Bach gehoerten dem Haelmli-Sepp, wie er
+genannt wurde, der seine Arbeit ausser Haus beim Holzfaellen oder
+Heumachen suchte. Ausserdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So
+war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die
+Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele
+kleine Kinder koenne man nicht in Ordnung halten, und spaeter wuerde es
+dann von selbst besser. So liess sie alles gehn, wie es ging. Und in
+der schoenen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und
+liessen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl
+sein. Zur Sommerzeit waren die vier Groesseren den ganzen Tag draussen,
+um die Kuehe zu hueten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen,
+wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten
+bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kuehe auf das
+umliegende Weideland hinaus und mussten sie hueten lassen. Das ist
+immer eine lustige Zeit fuer die Buben und Maedchen, die sich dort zu
+jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei froehliche Sachen
+miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten
+im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere
+Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer
+ueber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstueck nach Hause,
+das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier
+Kleinen zu ernaehren und fuer alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn
+diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein musste doch jedes haben
+und die vier Grossen noch ein Stueck dazu. Eine Kuh hatte der
+Haelmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besassen,
+wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten.
+
+Haelmli-Sepp hiess der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum
+nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine
+Geiss und ein Stueck Kartoffelland, damit musste die Frau mit den vier
+Kleinen den Sommer ueber auskommen und auch hier und da noch eines der
+Groesseren speisen, wenn es draussen keine Arbeit fand. Der Vater kam im
+Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein
+Haeuschen und Acker waren so verschuldet, dass er das ganze Jahr ueber
+etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten
+konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel
+er fand.
+
+So musste die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte
+keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von
+der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der
+verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten,
+schaute sie ueber den Bach zu dem schmucken Haeuschen der Sennerin
+hinueber, dessen Scheiben in der Sonne glaenzten. Dann sagte sie
+aergerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles
+sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging
+sie wieder aergerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurueck, und an dem,
+der ihr zuerst in den Weg kam, liess sie den Aerger aus.
+
+Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht
+ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Haeuschen vom
+Haelmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der
+dumme This' genannt, sah so mager und duerftig aus, dass man ihn kaum
+fuer achtjaehrig gehalten haette. Er schaute auch so scheu und
+verschuechtert drein, dass niemand wusste, wie der This eigentlich aussah,
+denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach.
+This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum
+zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel spaeter ueber die Felsen
+in die Tiefe gestuerzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam
+und den Weg abkuerzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte
+nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem
+grossen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This
+hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend,
+eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen
+Matthis genannt.
+
+Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Haeuschen vom
+Haelmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstaette mit seinem Bueblein
+gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben
+Ort. Das wenige Geld, das fuer den kleinen This von der Gemeinde
+bezahlt wurde, war der Frau des Haelmli-Sepp sehr erwuenscht. Und in
+die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fuer die
+schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This
+war schon von Natur aus ein schuechternes und stilles Bueblein gewesen.
+Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das grosse Unglueck
+gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem
+Unglueck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr.
+
+So sass der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein
+Wort zu hoeren, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann
+seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des
+Haelmli-Sepp gehoerte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde
+von jedem angefahren und hin und her gestossen, weil er sich nie wehrte.
+Zu all den Pueffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen
+dann noch die boesen Worte der Frau, wenn sie den Aerger ueber das
+saubere Haeuschen der Sennerin drueben hatte. Der This wehrte sich aber
+nie, denn er hatte das Gefuehl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so
+nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und
+verschuechtert, dass man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her
+vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn
+anrief. Er sah ueberhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch,
+wo er in die Erde hineinkriechen koennte, dass ihn keiner mehr faende.
+
+So war es gekommen, dass die vier Grossen vom Haelmli-Sepp, der Jopp, der
+Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du
+bist doch ein dummer This", und dass es die vier Kleinen auch
+nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals
+dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es
+werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme
+This' genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten koennte,
+wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kuehe zu hueten, und war
+er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke
+oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da sass er
+meistens zitternd vor Furcht, denn er hoerte wohl, wie die anderen
+Buben ihn mit grossem Geschrei suchten, dass er bei den Spielen
+mitmachte, die sie spielen wollten.
+
+Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Pruegeln, und das traf
+regelmaessig den This am staerksten, da er sich nicht wehrte und auch
+nicht wehren konnte gegen die viel Staerkeren. So verkroch er sich,
+sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kuehe, wohin sie wollten
+und frassen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann grossen Aerger, und
+jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kuehe zu hueten, und keiner
+stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld,
+wenn die Buben zum Jaeten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da
+warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblueten an den
+Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem
+anderen reichlich zurueck, was er empfangen hatte. Der This gab aber
+nichts zurueck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen
+Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen
+gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten
+die Knollen an den Ruecken und an den Kopf.
+
+Waehrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten,
+versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den
+Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit
+nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller
+Arbeit zu dumm und aus dem This koenne nie etwas werden. Weil er nun
+gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er
+auch von der Frau des Haelmli-Sepp demgemaess behandelt. Wenn schon die
+eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es
+meistens, dass fuer den This gar nichts mehr uebrigblieb und es dann hiess:
+"Du wirst wohl etwas finden, du bist gross genug." Wie der This
+eigentlich ernaehrt wurde, wusste niemand, auch die Frau des Haelmli-Sepp
+nicht, aber irgendwie lebte er doch immer.
+
+Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen
+Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tuer
+vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in
+seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich
+wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer
+scheuer wurde und sich immer mehr versteckte.
+
+
+
+2. Kapitel
+
+Bei der Schwemmebachsennhuette
+
+
+An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle
+Muecken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hueterbuben und--maedchen.
+Sie mussten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp,
+von allen der Groesste, war der Leiter der Versammlung. Und als alle
+nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, dass man jetzt zur
+Schwemmebachsennhuette hinaufgehe, denn heute sei der Kaesfischtag. Nun
+muesse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kuehe
+hueten solle, waehrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wuerden.
+Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust,
+sich fuer die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue
+Uli auf den Gedanken, man koennte einmal den dummen This zwingen, auf
+die Kuehe acht zu geben. Und damit er's nicht vergesse, koennte man ihn
+im voraus ein wenig durchpruegeln. Der Vorschlag fand Anklang, und
+schon wollten mehrere von den Anfuehrern der Schar den This holen, als
+das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts
+Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den
+Lohn dafuer, wenn wir wieder zurueckkommen und die Kuehe sich verlaufen
+haben. Ihr werdet doch nicht glauben, dass der This, wenn er zu dumm
+ist, zwei Kuehe zu hueten, auf einmal zwanzig hueten kann. Man muss losen,
+und drei muessen bei den Kuehen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis
+Erklaerung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus
+der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet
+der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der
+siegreichen Schar den Ruecken und setzte sich auf den Boden neben seine
+beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stuerzte nun
+die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuss
+entgegen.
+
+Der Kaesfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die
+es nie unterliessen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen
+sollte. Denn das war ein Hauptfest fuer sie. Das war der Tag, an dem
+der Franz Anton seine frischen Kaese rundum beschnitt, nachdem diese
+als weiche Masse in die runde, hoelzerne Form gepresst worden waren.
+Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von
+der Masse herausdraengte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie
+eine lange, schneeweisse Wurst. Die wurde dann in viele Stuecke
+gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt.
+Das waren dann die sogenannten Kaesfische. Dieses Fest wiederholte
+sich den Sommer ueber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem
+Freudengeschrei begruesst.
+
+This hatte sich hinter dem grossen Distelbusch am Boden versteckt
+gehalten, waehrend die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton
+von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hoerte,
+dass die grosse Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig
+hervor. Die drei grollenden Zurueckgebliebenen sassen am Boden und
+kehrten ihm den Ruecken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stueck
+die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der
+Hoehe hernieder. Den This erfasste ein unwiderstehliches Verlangen,
+auch an der Kaesfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schluepfte er
+hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er
+hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem
+letzten steilen Hang kam eine kleine, glaenzend gruene Hochebene, da
+stand die Sennhuette. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der
+klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tuer seiner Huette stand der
+Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte ueber
+die vielen Spruenge, die jetzt die Buben und Maedchen in ihrem Eifer, zu
+dem ersehnten Genuss zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt
+waren sie alle bei der Huette und eines draengte das andere vorwaerts, um
+noch naeher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wuerde.
+
+"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton. "Wenn ihr alle in
+die Huette hineindraengt, so habe ich keinen Platz mehr zum
+Kaeseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes
+Messer zur Hand und trat an den grossen, runden Kaese heran, den er
+schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden
+ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweissen
+Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stueck und da ein
+Stueck, oft ueber die Koepfe der Grossen weg den Kleinen, die nicht zu ihm
+vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner
+Teilung.
+
+This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen
+wollte, so bekam er da einen Stoss und dort einen und flog so von einer
+Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer
+wieder ein Groesserer und Dickerer sich vor ihn draengte. Zuletzt bekam
+er einen so ungeheuren Stoss von dem breiten, nach allen Seiten
+schlagenden Jopp, dass er sich fast ueberschlagen haette. Die Teilung
+war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, dass er zu keinem
+Stueckchen Kaesfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine
+Schlaege mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die
+jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den
+Baeumchen. Auf der hoechsten Krone des einen sass ein lustiger, kleiner
+Vogel und pfiff so froehlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als
+gaebe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und
+Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, dass er fast das
+Leid vergass, das ihm eben geschehen war.
+
+Von Zeit zu Zeit musste er nach der Sennhuette hinueberschauen, denn das
+Laermen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stueck Kaesfisch
+wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie
+jedes Kind mit einem groesseren oder kleineren Brocken der schoenen,
+weissen Masse dastand und mit Wonne hineinbiss. Er seufzte dann ein
+wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges
+Stuecklein bekaeme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weissen
+Kaesfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie
+heute in die Schar der Gluecklichen einzudringen. Jetzt hatte er
+gesehen, dass es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut
+zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlussgedanken, dass er
+sein Leben lang nie einen Kaesfisch bekommen werde. Darueber wurde er
+so traurig, dass er nicht einmal den Vogel mehr hoerte und ganz
+zusammengeduckt unter den Tannenbaeumen sass.
+
+Jetzt war das Gastmahl bei der Huette zu Ende und mit schrecklichem
+Laerm stuerzten die Kinder daher, womoeglich immer einer ueber den anderen
+hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall
+brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der
+laermende Hans, und laut schrie er in das Gebuesch hinein: "Du Maulwurf,
+komm heraus, du musst mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen
+hatte. Er musste sich als Bock hinstellen, damit die anderen ueber ihn
+springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er waere
+viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wusste wohl,
+was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er
+gehorsam heran. "Wie viele Kaesfische hast du bekommen?" schrie ihn
+jetzt der Hans an.
+
+"Keinen", gab This zurueck. "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans
+noch lauter in die Schar hinein, "der laeuft schnell zu den Kaesfischen,
+und dann laeuft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer
+This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die grossen
+Buben ueber den Kopf weg, so dass er genug zu tun hatte, nur immer
+wieder auf die Fuesse zu kommen, wenn er umgeworfen worden war.
+Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestuerzter die Abhaenge
+hinunter, bis ein gluecklicher Zufall sie wieder alle auf die Fuesse
+brachte. Nach dieser stuermischen Niederfahrt unten angekommen, liefen
+gleich alle auseinander, jeder seinen Kuehen nach.
+
+Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn
+jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den
+Zurueckgebliebenen, weit er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem
+Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben
+und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im
+Berghang, wo im Fruehling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und
+den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und
+ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schoene, dunkelrote
+Erdbeeren in der Sonne, die so schoen warm in die Vertiefung schien.
+Aber dem This war es ueberall angst und bang, wenn er noch in der Naehe
+der Haeuser und der Hueterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden
+Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der
+This zuckte scheu und aengstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer
+dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch
+einmal an das stille Plaetzchen unter den kleinen Tannenbaeumchen dort
+oben und an das pfeifende Voegelein, so dass es ihn mit Gewalt vom Boden
+zog. Er musste noch einmal dorthin.
+
+Mit allen Kraeften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht
+einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die
+Tannenbaeumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein
+Tannenversteck ein wenig offen. Da sass nun der This in voelliger
+Sicherheit. Ringsum war eine grosse Stille, kein Ton drang von unten
+her bis hier auf die einsame Hoehe, nur das Voegelein sass noch auf
+seinem Tannenast und pfiff sein froehliches Lied. Die Sonne wollte
+untergehen. Die hohen Schneeberge drueben fingen zu flimmern und zu
+gluehen an, und ueber die ganze gruene Alm hin lag das golden schimmernde
+Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie
+gekanntes Wohlsein kam ueber ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und
+Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fuerchten, denn weit und
+breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hoeren.
+
+So sass der This eine lange Zeit, und am liebsten waere er gar nicht
+mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben
+gewesen. Aber da hoerte er schwere Tritte hinter sich von der Huette
+her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiss
+wollte er zum Bach hinueber, um Wasser zu holen. This verhielt sich
+maeuschenstill. Denn er war so daran gewoehnt, dass er von jedermann
+angefahren oder ausgelacht wurde, dass er dachte, der Senn werde es
+gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die
+Baeumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton
+wurde aufmerksam, trat naeher und guckte in den Tannenbusch hinein.
+
+"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht.
+
+"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd.
+
+"Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fuerchten, wenn du nichts
+Boeses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa
+mit deinen Kaesfischen da hineingefluechtet, dass du sie in Ruhe
+verzehren kannst?"
+
+"Nein, ich habe keine Kaesfische gehabt", sagte This aengstlich.
+
+"Nicht? Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie
+sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem
+Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem
+Menschen.
+
+"Sie haben mich auf die Seite gestossen", erwiderte er nun und stand
+hinter den buschigen Zweigen auf.
+
+"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort,
+"komm noch ein wenig naeher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn
+sie dich wegstossen? Es stoesst ja immer einer den anderen, aber zuletzt
+kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?"
+
+"Sie sind staerker", sagte der This so ueberzeugend, dass diese Erklaerung
+wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den
+Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, grossen Franz Anton wie
+ein duennes Stoecklein vor einer hohen Tanne. Der kraeftige Mann
+betrachtete einen Augenblick das schmale Figuerchen, an dem tatsaechlich
+fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht
+schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf.
+
+"Wem gehoerst du?" fragte er jetzt den Buben.
+
+"Niemand", gab This zur Antwort.
+
+"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?"
+
+"Beim Haelmli-Sepp."
+
+Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. "Ach so, bist du der!"
+sagte er verstaendnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar
+nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehoert, ihn aber nicht
+gekannt.
+
+"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig. "Wenn du beim Haelmli-Sepp
+bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Haelmlein.
+Komm, Kaesfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes."
+
+Der This wusste gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz
+Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und
+das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Huette, holte
+hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein grosses
+Stueck ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfass, das goldig glaenzend
+in der Ecke stand, und holte ein grosses Stueck Butter heraus. Das
+strich er ueber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stueck mit
+der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte
+der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es
+nicht moeglich, dass es ihm gehoere.
+
+"Komm heraus. Iss es vor der Huette, ich muss nun zum Wasser", sagte
+Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glueck und
+Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte.
+Vor der Huette setzte er sich auf den Boden. Und waehrend der Senn zum
+Schwemmebach hinueberging, biss er in sein Butterbrot hinein und biss
+immer wieder und konnte nicht begreifen, dass es etwas so Gutes gaebe
+und er es bekommen haette.
+
+Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und
+wiegte unten die Tannenbaeumchen hin und her, und der kleine Vogel sass
+immer noch auf dem hoechsten Zweig und sang hell und froehlich in den
+goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie
+gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er muesse laut mit dem Vogel zu
+singen anfangen.
+
+Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her
+gegangen. Drueben beim Schwemmebach war er immer eine Weile
+stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr
+rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gross und golden der volle Mond
+hinter dem weissen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Huette
+zurueck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle
+sass.
+
+"So gefaellt's dir hier?" fragte er freundlich. "Mit dem Abendessen
+bist du fertig, wie ich sehe. Du musst dich auf den Rueckweg machen.
+Sieh, wie schoen dir der Mond heimleuchtet!"
+
+Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel
+ihm ein, dass es wohl noetig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem
+Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den
+Tannenbaeumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurueck. Er schaute noch
+einmal zurueck, und da der Senn in die Huette getreten war und ihn nicht
+mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz
+Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Guete
+und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen
+Eindruck gemacht, dass er nicht fort konnte. Er musste noch ein wenig
+in der Naehe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen
+unter den Baeumchen und spaehte zu der Huette hinauf, ob er den Senn
+nicht noch einmal saehe. Es dauerte einige Zeit, da ploetzlich trat
+Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Huette heraus.
+
+Er blieb vor der Tuer stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die
+stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ueber alle hohen Schneegipfel hin das
+milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt
+der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen
+Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Haende. Er hielt wohl still
+seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht
+geb euch Gott!" trat in die Huette zurueck und machte die Tuer zu. Sein
+Nachtgruss hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum
+und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller
+Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fuehlte Liebe und
+Bewunderung fuer den Senn, Gefuehle, die er bisher nicht gekannt hatte.
+
+Als es nun ganz dunkel und still in der Huette wurde, stand der This
+auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.
+
+Es war spaet und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich,
+die Tuer war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Haeuschen und
+schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser
+schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es
+ist bequem, dass der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden.
+So hat man doch Platz!"
+
+This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er
+immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit
+gefalteten Haenden vor seiner Huette stand. Zum erstenmal in seinem
+Leben schlief der This mit einem gluecklichen Herzen ein.
+
+
+
+3. Kapitel
+
+Ein hilfreicher Engel
+
+
+Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten,
+mussten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges
+gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr
+Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze
+Schar den Berghang herunter, und bald sassen sie alle mit anderen
+Kindern so ruhig wie moeglich auf den langen Baenken, und der Herr
+Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von
+einem zukuenftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den
+This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas
+fragen, das wirst du wohl beantworten koennen, wenn man dir auch nicht
+viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Aermsten
+und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefuehrt hat, so
+wohl werden, dass er kein Leid verspuert?"
+
+"Bei der Schwemmebachsennhuette", antwortete der This ohne Zoegern.
+Jetzt entstand ein solches Kichern, dass der This ganz scheu um sich
+schaute. Ringsum waren spoettische Blicke auf ihn gerichtet, und alle
+Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich
+so stark vornueber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem,
+was der Herr Pfarrer das letztemal erklaerte, hatte er nichts gehoert,
+weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren musste. Jetzt hatte
+er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet,
+
+Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, dass es dem
+This gar nicht zum Lachen war, sondern dass er vor Scheu ganz
+erschrocken und zusammengeduckt dasass, da schuettelte der Herr Pfarrer
+nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu
+machen."
+
+Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stuerzte die ganze Schar
+hinter dem This her, alle lachten ueberlaut und schrien durcheinander:
+"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Kaesfische in den Sinn
+gekommen?"
+
+"This, warum hast du nicht auch etwas von den Kaesfischen gesagt?" Der
+This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem
+Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben
+wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den
+schoenen Sonntagabend unten im Dorf geniessen.
+
+Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt
+einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhuette
+hinauffluechten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen.
+Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plaetzchen sitzen und
+vor Verfolgung sicher sein. Nun sass er wieder unter den Tannen und
+ueber ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der
+Sonne, und ueber den gruenen Haengen floss da und dort ein klares Baechlein
+friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, dass er allen
+Spott vergass und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr
+weggehen zu muessen.
+
+Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er
+bestaendig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie moeglich
+nieder. Denn er hatte das Gefuehl, wenn der Franz Anton ihn wieder
+hier sehe, so koennte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein
+Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und
+einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und
+in dessen Naehe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst
+nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und
+This sass an seinem schoenen Plaetzchen, bis die Sterne am Himmel standen
+und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Huette hinaustrat und
+ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder
+davon, und spaet wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht
+hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber
+das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefuehlt
+dort oben.
+
+So ging es eine ganze Woche. Tag fuer Tag, sobald er einen Augenblick
+fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm
+hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete
+er die ganze Taetigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und
+nie verliess er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton
+gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als
+sei der Nachtsegen auch fuer ihn gedacht.
+
+Es waren ausnahmsweise heisse Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg
+jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend
+niedergegangen war. Das Futter war besonders kraeftig, und Franz Anton
+bekam so schoene, fette Milch von den Alpenkuehen, dass er die
+praechtigsten Kaese daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude,
+und schon fruehmorgens konnte man ihn voller Vergnuegen in seiner
+Sennhuette pfeifen hoeren, so auch am Samstag dieser Woche. Da hoerte
+man ihn noch viel frueher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem
+der Senn seine drei oder vier fertigen Kaese an den See hinunterbrachte.
+Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie
+auf seinem Ruecken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwaerts,
+den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Ruecken. Es
+war der heisseste Tag des ganzen Sommers.
+
+Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die uebermaessige
+Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute
+abend wieder zu meiner Huette hinauf in die kuehle Luft zu kommen, hier
+unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt,
+gerade als das Schiff herankam, das die Kaese mitnehmen sollte. Bald
+war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschluessig
+da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten
+etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fuehlte keinen Appetit, sein Kopf
+war schwer und heiss, er wuenschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn
+jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim
+Einladen geholfen hatte. "Komm, Franz Anton, heute ist's heiss, wir
+wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn
+zu dem Wirtshaus.
+
+Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im
+Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber
+stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in
+der schweren, heissen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht
+an den Wein gewoehnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit grossen
+Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in
+seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiss auf
+seinen Kopf, alle seine Pulse haemmerten, die Fuesse wurden ihm so schwer,
+dass er sie nur mit Muehe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je
+groesser wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der
+Aussicht an, dass nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt
+nur noch eine Viertelstunde heisser Muehe vor ihm liege. Dann wuerde er
+oben sein und koenne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen.
+
+Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne
+brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Ploetzlich wurde es ihm voellig
+schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stuerzte er auf den
+Boden nieder. Er hatte das Bewusstsein verloren.
+
+Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er,
+dass der Franz Anton noch nicht zurueckgekehrt war. Er stellte seine
+Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem
+Senn auszuschauen.
+
+Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz
+Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte
+er an seinem verborgenen Plaetzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt,
+den der Senn tat. Er wusste, wie eine Beschaeftigung auf die andere
+folgte, so dass er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der
+Franz Anton seine Milch stehen liess. Sonst goss er sie immer gleich in
+die verschiedenen Gefaesse. Die eine kam zum Buttern in die grossen,
+runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schoen dick obenauf
+lag. Die andere wurde in den Kaesekessel gegossen, das hatte der This
+durch die offene Huettentuer alles genau beobachten koennen. Der Senn
+kam immer noch nicht. Der Junge fuehlte, dass irgend etwas geschehen
+sein musste. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging
+zur Sennhuette. Da war es still und leer unten im Huettenraum und oben
+auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut
+war zu hoeren, alles wie ausgestorben. Aengstlich lief der This
+jetzt um die Huette herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann
+in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten
+erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da
+lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stoehnte und lechzte wie
+ein Sterbender. Er sah gluehend heiss aus, und seine Lippen waren ganz
+vertrocknet.
+
+Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor
+Schrecken, auf seinen Wohltaeter. Dann stuerzte er in schnellem Lauf
+den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewusstlos am
+Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt
+an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem
+brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich buecken
+und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er fuer einen Augenblick,
+denn es war nur ein Fiebertraum gewesen.
+
+Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht ruehren.
+Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das
+Bewusstsein wieder, und er traeumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er
+heute frueh im Voruebergehen noch die schoenen Erdbeeren gesehen hatte.
+Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die
+Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber
+jetzt hatte er ploetzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte
+sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der
+Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schluerfte und
+schluckte, es war ein unsaegliches Labsal. Er erwachte. War das alles
+Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und
+steckte ihm wieder eine grosse saftige Erdbeere in den Mund.
+
+"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton. Aber
+nicht nur eine, fuenf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf
+einmal flog ein stechender Schmerz ueber sein Gesicht. Er legte die
+Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war
+ihm das Bewusstsein wieder voellig entschwunden. Er konnte nicht einmal
+mehr die letzte Erdbeere geniessen. Jetzt traeumte er ganz schreckliche
+Dinge. Sein Kopf wurde so gross wie sein allergroesstes Butterfass und
+dann immer noch groesser und so furchtbar schwer, dass er mit Schrecken
+dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man muss starke,
+hoelzerne Stuetzen unterstellen, wie unter die Apfelbaeume, wenn sie
+zuviel Aepfel tragen." Und jetzt fuehlte er deutlich, dass der Kopf ganz
+voll Schiesspulver war, das hatte einer von hinten angezuendet. Nun
+brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich musste alles
+zerspringen. Aber dann kam ploetzlich ganz kalt und belebend der
+Schwemmebach ueber seine Stirn, ueber das ganze Gesicht und in den Mund
+hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte.
+
+Es war wahr, eiskalt kam ein Guss nach dem anderen auf Stirn und
+Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den
+kuehlenden Trank ein. Ueber ihm standen die funkelnden Sterne, das
+sah der Franz Anton deutlich. Er wusste auch, dass er noch am Boden lag
+draussen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der
+Schwemmebach sein, was so ueber ihn floss und ihn so ordentlich trinken
+liess. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend,
+so erloesend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer.
+Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich
+dir fuer deine Guete und die hilfreichen Engel!"
+
+Das erquickende Wasserbad hoerte nicht auf, und zuletzt fuehlte der
+Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schuetzend und
+wohltuend, dass er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt
+schlief er jetzt ganz sanft ein und traeumte nicht mehr.
+
+
+
+4. Kapitel
+
+Was die Sennenmutter haben will
+
+
+Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz
+Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er
+schauderte ein wenig zusammen, es froestelte ihn. Er wollte sich
+aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand
+an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht.
+Wohl sechsfach zusammengelegt lag nass und schwer das grosse Handtuch
+aus der Sennhuette auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der
+frische Morgenwind ueber die Stirn blies, fuehlte er sich so wohlig und
+erleichtert, dass er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da
+sah er auf einmal in zwei grosse, ernsthafte Augen hinein, die
+unverwandt auf ihn gerichtet waren.
+
+"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frueh auf
+die Alm? Nun, weil du da bist, komm, dass ich mich ein wenig auf deine
+Schulter stuetzen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf."
+
+Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er
+stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fuesse in den Boden hinein, so dass
+der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte.
+Waehrend des langsamen Aufstiegs zur Huette, als er sich immer noch auf
+die Schulter des Buben stuetzte, fing er an, sich daran zu erinnern,
+was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgaenge der
+Nacht voellig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur
+helfen. In der Huette angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner
+dreibeinigen Stuehle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz
+dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir
+wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt
+noch nicht machen. Ein Schuesselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist
+es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es
+regelmaessig dort hinauf. Ich weiss nicht, was mit mir vorgeht seit
+gestern."
+
+Der This war feuerrot geworden, er wusste wohl, wer das Schuesselchen
+heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am
+Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides
+dem Senn. Dieser schuettelte ganz betroffen den Kopf. Solange er
+lebte, hatte er noch nie sein Schuesselchen dort bei der Tuer auf den
+Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine
+Milch, fuellte dann das Schuesselchen wieder und sagte: "Da, This, trink
+auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, dass du so frueh hinauf
+kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Kaesfischtag und du seist dann
+sicher der erste?"
+
+"Nein, gewiss nicht", versicherte This.
+
+"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal
+unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder
+zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. "Sag mir, This, habe ich
+denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frueh
+heraufkamst?"
+
+Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn
+alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht
+recht, und er koennte boese werden. Aber der Franz Anton schaute ihm
+jetzt so tief in die Augen, dass er alles sagen musste: "Ich habe es
+selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an.
+
+"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert.
+
+"Weil sie so heiss waren", erwiderte This.
+
+Der Senn staunte immer mehr. "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang
+erwacht", sagte er. "Wann bist du denn heraufgekommen?"
+
+"Gestern um fuenf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam,
+"der Melker kam erst lange nachher."
+
+"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn
+gewollt und gemacht?"
+
+Jetzt sah der Franz Anton, dass dem This ganz bange wurde, ihm selber
+aber fielen nun wieder die Vorgaenge der letzten Nacht ein. Ganz
+vaeterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd:
+"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fuerchten, This. Da, trink noch
+eins aus, und dann sag mir alles, was du weisst, von da an, als du hier
+heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fasste der This neuen
+Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zuegen aus, denn sie schmeckte
+herrlich.
+
+Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier
+herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Kaesfische.
+Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie
+nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden
+gefunden, und Sie sind ganz rot und heiss gewesen und haben Durst
+gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe
+alle grossen Erdbeeren gepflueckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen
+gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf
+den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Huette
+das Schuesselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach
+habe ich ihn gefuellt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schuesselchen das
+Wasser ueber den Kopf geschuettet und auch zu trinken gegeben, denn sie
+haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin
+ich zum Bach hinueber und habe ihn wieder gefuellt. Aber weil das
+Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes
+Tuch wurde den Kopf besser kuehlen. Und so habe ich das Tuch aus der
+Huette geholt und es ganz nass auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann
+trocken und heiss wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und
+es dann wieder nass auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann
+erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht
+etwa krank werden."
+
+Der Senn hatte mit grosser Aufmerksamkeit zugehoert. Jetzt stand alles
+deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wusste auch
+wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren
+als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespuert und
+genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und
+verwundert an, als haette er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen
+solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn moeglich, dass
+dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben
+gerettet hatte.
+
+Haette der This sein Fieber nicht mit dem Wasser geloescht, wer weiss,
+was bis zum Morgen daraus geworden waere! Und wie konnte dieser This,
+dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung
+faehig sein, dass er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn
+pflegte! Dem grossen, starken Franz Anton kamen die Traenen in die
+Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles
+ueberdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir
+wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das
+vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die
+Glieder so, dass ich mich jetzt niederlegen muss. Geh du nun hinunter
+zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir
+nicht ganz wohl. Du musst dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe
+noch viel mit dir zu reden heute, vergiss es nicht!"
+
+Solange er lebte, war der This noch nie so gluecklich gewesen. Er lief
+springend den Berg hinunter, als koenne er nicht hoch genug aufspringen
+vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen,
+und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in
+die Sennhuette eintreten. Ausserdem hatte der Franz Anton ihm noch
+gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser
+Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der
+Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Haeuschen
+mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im
+Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der
+Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen,
+denn er war ganz atemlos vom Laufen.
+
+"Woher kommst denn du?" fragte die sonntaeglich gekleidete Frau, die
+nicht gern etwas Unordentliches sah. Missbilligend musterte sie den
+Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntaeglichen Anblick
+in seinen zerfetzten Alltagshoeschen und dem schmutzigen Hemdlein.
+"Ich meine, ich habe dich schon dort drueben ueber dem Bach gesehen, du
+bist wohl einer vom Haelmli-Sepp?"
+
+"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demuetig.
+
+Jetzt fiel der Frau ein, dass die Frau des Haelmli-Sepp einen
+einfaeltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts
+zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. "Und was willst du
+denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert.
+
+Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag
+klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der
+kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und dass er nach ihr schickte
+und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes
+Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in grosser
+Sorge das Noetigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem grossen
+Korb am Arm heraus.
+
+"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn. Warum musst du
+wieder mit?"
+
+"Ich weiss nicht", antwortete er. Und fast als waere es etwas Boeses,
+setzte er leise hinzu: "Muss ich nicht den Korb tragen?"
+
+"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran
+gedacht, dass ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb.
+Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief
+in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer
+Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die
+Krankheit gefaehrlich sein? Ihre Angst wurde immer groesser, je naeher
+sie der Sennhuette kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige
+Schritte--der bekuemmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast
+nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie
+schaute ueberall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn
+tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem
+Herzen stieg sie die Leiter hinauf.
+
+Der This blieb ehrerbietig draussen vor der Tuer stehen, nur den Korb
+schob er in die Huette hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll
+ueber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte
+ihr froehlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter:
+"Gruess dich Gott, Mutter! Das freut mich, dass du da bist. Ich habe
+aber geschlafen wie ein Baer, die ganze Zeit, seit der This fortging."
+Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie
+wusste gar nicht, was sie denken sollte. "Franz Anton", sagte sie
+jetzt ernsthaft, "was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weisst du,
+dass du mich hast holen lassen?"
+
+"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz
+bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir
+noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir
+reden. Ich fuehl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kaeme noch
+nicht weit."
+
+"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir's doch",
+draengte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn.
+
+"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen",
+sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. "Sieh einmal
+zuerst dort unten das schmale, magere Bueblein an, das kein gutes Stueck
+Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder
+nur den dummen This nennt."
+
+Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn
+hinaufspaehte, ob er etwa wieder umfallen wolle.
+
+"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt.
+
+"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Bueblein nicht
+gewesen waere, so laege ich jetzt noch draussen auf dem Boden in einem
+toedlichen Fieber, oder vielleicht waere es auch schon vorbei mit mir."
+Und jetzt erzaehlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag
+zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen
+und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch
+auf der Welt es nicht besser haette tun koennen.
+
+Die Mutter musste sich mehrmals die Traenen abwischen. Sie stellte sich
+vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da
+draussen gelegen haette und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden
+waere, und kein Mensch haette etwas von ihm gewusst. Und jetzt stieg ein
+Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, dass sie laut ausrufen musste:
+"Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche
+Liebe zu dem armen This ueberkam sie, dass sie ganz eifrig sagte: "Franz
+Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Haelmli-Sepp zurueck!
+Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat
+sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen
+mache ich ihm ein Gewand, dass man ihn ansehen darf. Er muss es nicht
+schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir
+geholfen hat."
+
+"Das ist nun gerade, was ich wuenschte, Mutter, aber ich musste doch
+zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben
+und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein koennte. Es geht
+nichts ueber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller
+Glueck und Liebe an, dass es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich
+dachte: Es geht auch nichts ueber einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte
+sie: "Jetzt musst du etwas essen, Franz Anton, dass du wieder zu Kraeften
+kommst. Ich habe frische Eier und ein Weissbrot mitgenommen, und jetzt
+will ich Feuer machen, lass dir Zeit zum Herunterkommen." Das musste der
+Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging.
+Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er
+sich selbst niedergesetzt hatte.
+
+"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend,
+"willst du ein Senn werden?"
+
+Der This fing an zu laecheln, aber dann hoerte er ploetzlich die
+vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen
+hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts".
+Und schuechtern antwortete er. "Ich kann nichts werden."
+
+"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit.
+"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun
+bleibst du bei mir und traegst Milch und Wasser und hilfst mir bei
+allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Kaese macht und sobald
+du gross genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein
+Gehilfe."
+
+"Hier in der Schwemmebachsennhuette?" fragte This, dem die Aussicht auf
+diese Glueckseligkeit ganz unfassbar war.
+
+"Alles hier, in der Schwemmebachsennhuette", bestaetigte der Franz Anton.
+
+Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden
+Gluecks, dass der Senn ihn nur ansehen musste. Der Bub war wie
+verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den grossen
+Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie
+streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir
+miteinander froehlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen
+wir dem lieben Gott dafuer danken, dass er dich gerade zur rechten Zeit
+in die Naehe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch
+begreift, warum du da heraufgekommen bist."
+
+Jetzt begann das froehliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben
+hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen.
+Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weissbrot hingelegt
+und daneben Butter und weissen Kaese. Und mitten auf dem Tisch stand
+eine grosse Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die
+Mutter grosse, dicke Stuecke vor den This hin, und wenn er fertig war,
+gab es gleich noch einmal so viel.
+
+Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie:
+"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muss bei dir oben
+bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es
+noetig ist. Der Frau des Haelmli-Sepp will ich schon alles berichten."
+
+Das war dem Sennen recht, und fuer den This war es das hoechste Glueck,
+das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton.
+Nicht mehr verborgen unter den Tannenbaeumchen hoerte er heute den
+Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als
+dieser seine Haende faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den
+Abendsegen." Andaechtig faltete auch er seine Haende, und als am Schluss
+der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glueck im
+Herzen des This so gross, dass er gern ueberlaut allen Menschen auf der
+ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!'
+
+Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinueber zu der Frau des
+Haelmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und
+gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzaehlten.
+Die Sennin hoerte, dass von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der
+Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Haelmli-Sepp erklaerte,
+dass sie mit ihrem Sohn uebereingekommen sei, sie wollten den This bei
+sich annehmen, da machte die Frau einen grossen Laerm. Sie sagte, sie
+sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fuer
+den Senn eine groessere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien
+alle aus vollen Haelsen: "Mich! Mich! Mich!" Denn sie wussten wohl,
+wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhuette fuer gute
+Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts.
+
+Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn
+schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen
+This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das
+Haenseln und Verspotten unterlassen, sonst haetten sie es mit ihrem Sohn
+zu tun. Der rede dann mit seinen kraeftigen Armen eine deutlichere
+Sprache mit den Buben, als sie es jetzt koennte. Dann verliess die
+Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verbluefft nachschauten,
+und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This waere,
+der wird's gut haben, wie ein Koenig wird er da oben in seiner
+Sennhuette leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen liess,
+liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund
+sein. Denn sie mussten alle an den letzten Kaesfischtag denken, als der
+This so uebel behandelt worden war. Von nun an wuerde er ja gewiss alle
+Kaesfische allein bekommen, da waere doch jeder gut daran, der sein
+Freund waere. Und spaeter waren sie auch alle gut daran, denn dem This
+machte es die groesste Freude, die reiche Ernte der Kaesfische unter
+allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darueber
+wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie
+mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte
+sich zur Ueberraschung aller, dass er auf einmal ein ganz flinkes,
+geschicktes Buerschchen war, von dem jeder sagen musste: "Entweder ist
+das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den
+dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit,
+sein liebster Schueler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei
+allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die
+anderen Buben koennten ihn sich alle zum Vorbild nehmen.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird,
+von Johanna Spyri.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD ***
+
+This file should be named 7vomt10.txt or 7vomt10.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7vomt11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7vomt10a.txt
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+Most people start at our Web sites at:
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+http://promo.net/pg
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+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
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+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
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+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05
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+Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92,
+91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
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+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
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+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
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+ 1500 1998 October
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