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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Vom This, der doch etwas wird + +Erzaehlung + +Johanna Spyri + + + + + + + +1. Kapitel + +Alle gegen einen + + +Wenn man den Seelisberg von der Rueckseite her besteigt, kommt man auf +eine frische, gruene Wiese. Man bekommt fast Lust, sich dort unter die +friedlich weidenden Tiere zu mischen und auch einmal ein wenig von dem +schoenen, weichen Gras zu kosten. Die sauberen, wohlgenaehrten Kuehe +ziehen lieblich laeutend immer hin und her. Denn jede traegt am Hals +ihre Glocke, damit man immer hoert, wo sie ist. So kann sich keine Kuh +unbemerkt dorthin verlaufen, wo die von Straeuchern bedeckte Felswand +liegt, ueber die sie hinunterstuerzen koennte. Es ist ausserdem ein +ganzes Rudel Buben dort, die schon acht geben koennen. Aber die +Glocken sind doch notwendig und toenen so freundlich hin und her, dass +keiner sie entbehren moechte. Am Bergabhang stehen hie und da +vereinzelt die kleinen, hoelzernen Haeuser, und nicht selten rauscht +daneben ein schaeumender Bach ins Tal hinab. 'Am Berghang' heisst es +hier oben und mit Recht, denn nicht eines der Haeuschen steht auf +ebenem Boden. Es ist, als waeren sie irgendwie an den Berg hingeworfen +worden und da haengengeblieben. Man begreift gar nicht, wie sie da +oben an den Hang hingebaut werden konnten. Vom Weg unten sehen sie +alle gleich nett und freundlich aus mit den offenen Galerien und der +kleinen, hoelzernen Treppe am Haus. Steigt man aber hinauf und kommt +in ihre Naehe, so sieht man, dass ein grosser Unterschied zwischen ihnen +ist. Gleich die zwei ersten am Hang sehen in der Naehe ganz +verschieden aus. Sie stehen nicht weit voneinander, und zwischen +ihnen stuerzt der groesste Bergbach der Gegend, der schaeumende +Schwemmebach, hinunter. + +Am ersten Haeuschen blieben auch an den schoensten Sommertagen alle die +kleinen Fenster immer fest geschlossen, und die einzige Luft, die +hineindrang, kam durch die Loecher der zerbrochenen Scheiben. Das war +aber nicht viel, denn die Loecher waren wieder mit Papier verklebt, +damit man im Winter drinnen nicht frieren musste. An dem hoelzernen +Treppchen waren die Stufen alle halb abgebrochen. Und die Galerie war +so zerfallen, dass es ein Wunder war, dass alle die kleinen Kinder, die +da herumrutschten und stolperten, nicht Arme und Beine brachen. Sie +hatten jedoch alle gesunde Glieder, aber recht unsaubere. Die Kinder +waren alle mit Schmutz ueberdeckt, und ihre Haare hatten noch nie einen +Kamm gesehen. Vier dieser kleinen Schlingel krochen den Tag ueber da +herum, und am Abend kamen vier groessere Kinder dazu. Drei kraeftige +Buben und ein Maedchen, die auch nicht besonders sauber und ordentlich +aussahen, aber doch ein wenig besser als die Kleinen. Denn sie +konnten sich doch schon selbst waschen. + +Das Haeuschen ueber dem Bach drueben hatte einen ganz anderen Charakter. +Da sah es schon unten vor der kleinen Treppe so sauber und aufgeraeumt +aus, als sei der Erdboden ein ganz anderer als dort drueben. Die +Stufen sahen immer so aus, als waeren sie eben gescheuert worden. Und +oben auf der Galerie standen drei schoene Nelkenstoecke und dufteten den +ganzen Sommer lang ins Fenster hinein. Eines von den kleinen, hellen +Fenstern stand offen und liess die schoene, sonnige Bergluft herein. +Dort konnte man meistens eine noch kraeftig aussehende Frau sitzen +sehen, mit schoenem, weissem Haar, das sie sehr ordentlich unter das +schwarze Haeubchen zurueckgestrichen hatte. Sie flickte gewoehnlich an +einem Maennerhemd aus grobem, festem Stoff, das aber immer sauber +gewaschen war. Die Frau selbst sah auch in ihrem einfachen Gewand so +adrett und reinlich aus, als waere noch nie etwas Unsauberes an sie +herangekommen. Es war Frau Vizenze, die Mutter des jungen Sennen, des +froehlichen Franz Anton mit den kraeftigen Armen. Der machte den Sommer +ueber in der oberen Sennhuette seine Kaese, und erst im Spaetherbst zog er +wieder zur Mutter herunter, um den Winter bei ihr zu verbringen. Denn +dann butterte er in der unteren Sennhuette, die ganz nahe lag. Da ueber +den reissenden Schwemmebach kein Steg fuehrte, waren die zwei Haeuschen +ganz getrennt. Und Frau Vizenze kannte Leute, die viel weiter weg +wohnten, besser, als diese Nachbarn ueber dem Bach, zu denen sie nur +etwa einmal am Tag stumm hinueberschaute. Gewoehnlich schuettelte sie +dann in bedenklicher Weise den Kopf, wenn sie die schwarzen Gesichter +und schmutzigen Fetzen drueben an den Kindern sah. Sie schaute aber +nicht oft hinueber, denn der Anblick gefiel ihr nicht. Lieber +betrachtete sie, wenn das Feierabendstuendchen kam, ihre roten Nelken +auf der Galerie oder sie schaute ueber den gruenen, sonnigen Abhang +hinunter, der vor ihrem Haeuschen zum Tal hinabstieg. + +Die verwilderten Kinder ueber dem Bach gehoerten dem Haelmli-Sepp, wie er +genannt wurde, der seine Arbeit ausser Haus beim Holzfaellen oder +Heumachen suchte. Ausserdem trug er auch Lasten den Berg hinauf. So +war er meistens unten im Tal oder auf den Wegen in der Umgebung. Die +Frau hatte genug daheim zu tun. Aber sie schien anzunehmen, so viele +kleine Kinder koenne man nicht in Ordnung halten, und spaeter wuerde es +dann von selbst besser. So liess sie alles gehn, wie es ging. Und in +der schoenen, reinen Luft blieben sie auch alle gesund und munter und +liessen sich's, auf dem Grasboden herumrutschend und krabbelnd, wohl +sein. Zur Sommerzeit waren die vier Groesseren den ganzen Tag draussen, +um die Kuehe zu hueten. Denn da geht es nicht zu wie auf den Hochalmen, +wo die ganze Herde zusammen weidet und nur von einem oder zwei Hirten +bewacht wird. Die Leute vom Berghang schickten ihre Kuehe auf das +umliegende Weideland hinaus und mussten sie hueten lassen. Das ist +immer eine lustige Zeit fuer die Buben und Maedchen, die sich dort zu +jeder Tageszeit zusammenfinden und allerlei froehliche Sachen +miteinander unternehmen. Manchmal waren die Kinder auch weiter unten +im Tal bei der Kartoffelernte, oder sie verrichteten andere leichtere +Arbeiten auf den Feldern. So verdienten sie dann den ganzen Sommer +ueber ihren Unterhalt und brachten noch manches Geldstueck nach Hause, +das die Mutter gut brauchen konnte. Sie hatte ja immer noch die vier +Kleinen zu ernaehren und fuer alle acht die Kleider zu beschaffen. Wenn +diese auch noch so einfach waren, ein Hemdlein musste doch jedes haben +und die vier Grossen noch ein Stueck dazu. Eine Kuh hatte der +Haelmli-Sepp auch nicht, wie fast alle Bauern um ihn herum eine besassen, +wenn sie auch noch so wenig Land dazu hatten. + +Haelmli-Sepp hiess der Mann deshalb, weil die Halme auf seinem Besitztum +nicht dick genug waren, um eine Kuh zu erhalten. Er hatte nur eine +Geiss und ein Stueck Kartoffelland, damit musste die Frau mit den vier +Kleinen den Sommer ueber auskommen und auch hier und da noch eines der +Groesseren speisen, wenn es draussen keine Arbeit fand. Der Vater kam im +Winter wohl dann und wann heim, aber er brachte wenig mit, denn sein +Haeuschen und Acker waren so verschuldet, dass er das ganze Jahr ueber +etwas abzuzahlen hatte. Sobald er nur wieder ein wenig Lohn behalten +konnte, kam einer, dem er etwas schuldig war und nahm ihm weg, soviel +er fand. + +So musste die Frau mit den Kindern oft hungern. Sie selbst konnte +keine Ordnung im Haus halten, und die Arbeit ging ihr nie so recht von +der Hand. Sie konnte auch manchmal eine ganze Zeitlang auf der +verfallenen, kleinen Galerie stehenbleiben. Anstatt zu arbeiten, +schaute sie ueber den Bach zu dem schmucken Haeuschen der Sennerin +hinueber, dessen Scheiben in der Sonne glaenzten. Dann sagte sie +aergerlich vor sich hin: "Ja, die dort kann schon putzen und alles +sauberhalten, die hat sonst nichts zu tun, aber unsereiner." Dann ging +sie wieder aergerlich in die dumpfe, trostlose Stube zurueck, und an dem, +der ihr zuerst in den Weg kam, liess sie den Aerger aus. + +Das traf nun meistens einen Buben von zehn oder elf Jahren, der nicht +ihr eigener war, aber schon seit seiner Geburt im Haeuschen vom +Haelmli-Sepp wohnte. Dieser kleine Bursche, von jedermann nur 'der +dumme This' genannt, sah so mager und duerftig aus, dass man ihn kaum +fuer achtjaehrig gehalten haette. Er schaute auch so scheu und +verschuechtert drein, dass niemand wusste, wie der This eigentlich aussah, +denn er blickte immer furchtsam auf den Boden, wenn man zu ihm sprach. +This hatte nie eine Mutter gekannt. Sie war gestorben, als er kaum +zwei Jahre alt war. Sein Vater war nicht viel spaeter ueber die Felsen +in die Tiefe gestuerzt, als er vom Heuholen in den Bergen herunterkam +und den Weg abkuerzen wollte. Seit dem Sturz war er lahm und konnte +nichts mehr tun, als kleine Matten zusammenflechten, die er in dem +grossen Gasthof oben auf dem Seelisberg verkaufte. Der kleine This +hatte seinen Vater nie anders gesehen, als auf einem Schemel sitzend, +eine Strohmatte auf den Knien. Alle Leute hatten ihn den lahmen +Matthis genannt. + +Schon seit sechs Jahren war er tot, und da er im Haeuschen vom +Haelmli-Sepp eine kleine Kammer als Schlafstaette mit seinem Bueblein +gemietet hatte, blieb dieser nach des Vaters Tod gleich an demselben +Ort. Das wenige Geld, das fuer den kleinen This von der Gemeinde +bezahlt wurde, war der Frau des Haelmli-Sepp sehr erwuenscht. Und in +die Kammer konnte sie nun noch zwei von ihren Buben stecken, fuer die +schon lange fast kein Platz zum Schlafen mehr da war. Der kleine This +war schon von Natur aus ein schuechternes und stilles Bueblein gewesen. +Seinem Vater, der erst seine Frau verloren, dann das grosse Unglueck +gehabt hatte, war aller Lebensmut vergangen. Und hatte er vor seinem +Unglueck wenig geredet, so sagte er nun fast gar nichts mehr. + +So sass der kleine This ganze Tage lang neben seinem Vater, ohne ein +Wort zu hoeren, und so lernte er auch lange keines sagen. Als er dann +seinen Vater verloren hatte und nun ganz zu der Familie des +Haelmli-Sepp gehoerte, da redete er fast gar nicht mehr, denn er wurde +von jedem angefahren und hin und her gestossen, weil er sich nie wehrte. +Zu all den Pueffen, die er von den Kindern auszustehen hatte, kamen +dann noch die boesen Worte der Frau, wenn sie den Aerger ueber das +saubere Haeuschen der Sennerin drueben hatte. Der This wehrte sich aber +nie, denn er hatte das Gefuehl, die ganze Welt sei gegen ihn, und so +nutze doch alles nichts. Nach und nach wurde der Bub so scheu und +verschuechtert, dass man glaubte, als merke er kaum, was um ihn her +vorging. Und meistens gab er auch gar keine Antwort, wenn man ihn +anrief. Er sah ueberhaupt immer so aus, als suche er nach einem Loch, +wo er in die Erde hineinkriechen koennte, dass ihn keiner mehr faende. + +So war es gekommen, dass die vier Grossen vom Haelmli-Sepp, der Jopp, der +Hans, der Ulli und Lisi das schon manchmal zu ihm gesagt hatten: "Du +bist doch ein dummer This", und dass es die vier Kleinen auch +nachsagten, sobald sie nur reden konnten. Da sich der This niemals +dagegen wehrte, so hatten nach und nach alle Leute angenommen, es +werde wohl so sein, und er wurde weit und breit nur noch 'der dumme +This' genannt. Es war auch so, als ob der This nicht arbeiten koennte, +wie die andern es taten. Sollte er helfen, die Kuehe zu hueten, und war +er mit all den anderen Buben zusammen, so suchte er gleich eine Hecke +oder einen Busch auf, um sich dahinter zu verstecken. Da sass er +meistens zitternd vor Furcht, denn er hoerte wohl, wie die anderen +Buben ihn mit grossem Geschrei suchten, dass er bei den Spielen +mitmachte, die sie spielen wollten. + +Diese Spiele endeten aber immer mit vielem Pruegeln, und das traf +regelmaessig den This am staerksten, da er sich nicht wehrte und auch +nicht wehren konnte gegen die viel Staerkeren. So verkroch er sich, +sobald er konnte, und inzwischen liefen seine Kuehe, wohin sie wollten +und frassen auf der Weide der Nachbarn. Das gab dann grossen Aerger, und +jeder fand, der This sei zu dumm, um nur die Kuehe zu hueten, und keiner +stellte ihn mehr an. Ebenso ging es bei den Arbeiten auf dem Feld, +wenn die Buben zum Jaeten auf die Kartoffelfelder gehen sollten. Da +warfen sie sich mit Vorliebe die Knollen der Kartoffelblueten an den +Kopf, schon damit die Zeit etwas schneller vergehe. Und jeder gab dem +anderen reichlich zurueck, was er empfangen hatte. Der This gab aber +nichts zurueck, sondern scheu und furchtsam schaute er nach allen +Seiten, von woher er getroffen werde. Das war gerade, was die anderen +gern wollten. Und so flogen ihm unter vielem Lachen von allen Seiten +die Knollen an den Ruecken und an den Kopf. + +Waehrend aber die anderen Zeit hatten, dazwischen zu arbeiten, +versuchte der This nur immer auszuweichen und sich hinter den +Kartoffelstauden zu verstecken. So war es auch mit dieser Arbeit +nichts, und jung und alt waren sich einig, der This sei zu aller +Arbeit zu dumm und aus dem This koenne nie etwas werden. Weil er nun +gar nichts verdienen und ja auch nie etwas werden konnte, so wurde er +auch von der Frau des Haelmli-Sepp demgemaess behandelt. Wenn schon die +eigenen vier kleinen Kinder kaum genug zu essen hatten, so geschah es +meistens, dass fuer den This gar nichts mehr uebrigblieb und es dann hiess: +"Du wirst wohl etwas finden, du bist gross genug." Wie der This +eigentlich ernaehrt wurde, wusste niemand, auch die Frau des Haelmli-Sepp +nicht, aber irgendwie lebte er doch immer. + +Dem schmalen, mageren Buben gab schon hier und da eine gute Frau einen +Brocken Brot oder eine Kartoffel, wenn er still an ihrer Tuer +vorbeiging. Betteln ging der This aber nicht. Satt hatte er sich in +seinem Leben noch nie gegessen. Aber das war ihm nicht so schrecklich +wie die Verfolgungen und das Auslachen der Buben, vor denen er immer +scheuer wurde und sich immer mehr versteckte. + + + +2. Kapitel + +Bei der Schwemmebachsennhuette + + +An einem lieblichen Sommerabend, als in der blauen, sonnigen Luft alle +Muecken tanzten, trafen sich am Bergabhang alle Hueterbuben und--maedchen. +Sie mussten heute etwas Besonderes zu verhandeln haben. Der Jopp, +von allen der Groesste, war der Leiter der Versammlung. Und als alle +nun auf einem Haufen beisammen waren, zeigte er an, dass man jetzt zur +Schwemmebachsennhuette hinaufgehe, denn heute sei der Kaesfischtag. Nun +muesse aber vor allem ausgemacht werden, wer dableiben und die Kuehe +hueten solle, waehrend die anderen sich zu dem Festmahl begeben wuerden. +Das war nun eine schwierige Frage, denn nicht ein einziger hatte Lust, +sich fuer die anderen aufzuopfern und dazubleiben. Da kam der schlaue +Uli auf den Gedanken, man koennte einmal den dummen This zwingen, auf +die Kuehe acht zu geben. Und damit er's nicht vergesse, koennte man ihn +im voraus ein wenig durchpruegeln. Der Vorschlag fand Anklang, und +schon wollten mehrere von den Anfuehrern der Schar den This holen, als +das Lisi mit lauter Stimme dazwischenrief: "Das ist gar nichts +Gescheites, was der Uli erfunden hat. So bekommen wir nur alle den +Lohn dafuer, wenn wir wieder zurueckkommen und die Kuehe sich verlaufen +haben. Ihr werdet doch nicht glauben, dass der This, wenn er zu dumm +ist, zwei Kuehe zu hueten, auf einmal zwanzig hueten kann. Man muss losen, +und drei muessen bei den Kuehen bleiben, sonst ist's nichts." Lisis +Erklaerung machte Eindruck, der neue Rat wurde angenommen. Drei aus +der Schar wurden durch das Los zum Dableiben verurteilt, ausgerechnet +der Uli war unter diesen drei. Murrend und knurrend kehrte er der +siegreichen Schar den Ruecken und setzte sich auf den Boden neben seine +beiden Leidensgenossen. Mit lautem Schreien und Jauchzen stuerzte nun +die ganze Kinderschar den Berg hinauf, dem unvergleichlichen Genuss +entgegen. + +Der Kaesfischtag wurde immer von Franz Anton den Buben angezeigt, die +es nie unterliessen, ihn daran zu erinnern, wenn er es etwa vergessen +sollte. Denn das war ein Hauptfest fuer sie. Das war der Tag, an dem +der Franz Anton seine frischen Kaese rundum beschnitt, nachdem diese +als weiche Masse in die runde, hoelzerne Form gepresst worden waren. +Was nun zwischen dem pressenden Gewicht und der festen Form sich von +der Masse herausdraengte, wurde abgeschnitten und war anzusehen wie +eine lange, schneeweisse Wurst. Die wurde dann in viele Stuecke +gebrochen und von dem freundlichen Sennen unter die Kinder verteilt. +Das waren dann die sogenannten Kaesfische. Dieses Fest wiederholte +sich den Sommer ueber alle vierzehn Tage und wurde jedesmal mit lautem +Freudengeschrei begruesst. + +This hatte sich hinter dem grossen Distelbusch am Boden versteckt +gehalten, waehrend die Verhandlung vor sich ging. Er gab keinen Ton +von sich und blieb unbeweglich in derselben Stellung, bis er hoerte, +dass die grosse Schar davonlief. Jetzt guckte er vorsichtig ein wenig +hervor. Die drei grollenden Zurueckgebliebenen sassen am Boden und +kehrten ihm den Ruecken zu. Die anderen waren schon ein gutes Stueck +die Alm hinaufgekommen, ihr Rufen und Jubeln schallte lustig von der +Hoehe hernieder. Den This erfasste ein unwiderstehliches Verlangen, +auch an der Kaesfischfahrt teilzunehmen. Ganz behende schluepfte er +hinter dem Busch hervor, und leise und leicht wie ein Wiesel glitt er +hinter den drei Unzufriedenen vorbei und den Berg hinauf. Nach dem +letzten steilen Hang kam eine kleine, glaenzend gruene Hochebene, da +stand die Sennhuette. Und wenige Schritte davon entfernt rauschte der +klare Schwemmebach nieder. Dort in der Tuer seiner Huette stand der +Franz Anton mit seinem runden, freundlichen Gesicht. Er lachte ueber +die vielen Spruenge, die jetzt die Buben und Maedchen in ihrem Eifer, zu +dem ersehnten Genuss zu gelangen, auf allen Seiten machten. Jetzt +waren sie alle bei der Huette und eines draengte das andere vorwaerts, um +noch naeher dabei zu sein, wenn die Teilung beginnen wuerde. + +"Nur zahm, nur zahm", lachte jetzt der Franz Anton. "Wenn ihr alle in +die Huette hineindraengt, so habe ich keinen Platz mehr zum +Kaeseschneiden und ihr habt den Schaden." Jetzt nahm er sein festes +Messer zur Hand und trat an den grossen, runden Kaese heran, den er +schon vorher auf dem Tischchen zurecht gelegt hatte. Das Schneiden +ging rasch vor sich. Dann kam er mit der langen, dicken, schneeweissen +Schnur heran. Nun teilte er sie und reichte hier ein Stueck und da ein +Stueck, oft ueber die Koepfe der Grossen weg den Kleinen, die nicht zu ihm +vordringen konnten. Denn der Franz Anton war gerecht in seiner +Teilung. + +This hatte ganz hinten gestanden, und wenn er ein wenig vordringen +wollte, so bekam er da einen Stoss und dort einen und flog so von einer +Seite zur anderen. Der Franz Anton sah ihn auch gar nicht, weil immer +wieder ein Groesserer und Dickerer sich vor ihn draengte. Zuletzt bekam +er einen so ungeheuren Stoss von dem breiten, nach allen Seiten +schlagenden Jopp, dass er sich fast ueberschlagen haette. Die Teilung +war auch schon fast zu Ende, und der This sah wohl, dass er zu keinem +Stueckchen Kaesfisch gelangen konnte, so wollte er doch auch keine +Schlaege mehr. Er ging ein paar Schritte weiter hinunter, wo die +jungen Tannen standen und setzte sich auf den Boden zwischen den +Baeumchen. Auf der hoechsten Krone des einen sass ein lustiger, kleiner +Vogel und pfiff so froehlich in die helle, sonnige Luft hinauf, als +gaebe es gar nichts anderes auf der Welt als blauen Himmel und +Sonnenschein. Das machte dem This das Herz so froh, dass er fast das +Leid vergass, das ihm eben geschehen war. + +Von Zeit zu Zeit musste er nach der Sennhuette hinueberschauen, denn das +Laermen und Jauchzen, wenn immer einer dem anderen sein Stueck Kaesfisch +wieder abgejagt hatte, nahm kein Ende. Dann sah er immer noch, wie +jedes Kind mit einem groesseren oder kleineren Brocken der schoenen, +weissen Masse dastand und mit Wonne hineinbiss. Er seufzte dann ein +wenig und sagte leise: "Wenn ich nur auch einmal ein einziges +Stuecklein bekaeme!" Der This hatte niemals von den herrlichen, weissen +Kaesfischen gekostet, denn noch nie hatte er es gewagt, so weit wie +heute in die Schar der Gluecklichen einzudringen. Jetzt hatte er +gesehen, dass es ihm doch nichts half, wenn er auch allen Mut +zusammenraffte. Und so kam er zu dem traurigen Schlussgedanken, dass er +sein Leben lang nie einen Kaesfisch bekommen werde. Darueber wurde er +so traurig, dass er nicht einmal den Vogel mehr hoerte und ganz +zusammengeduckt unter den Tannenbaeumen sass. + +Jetzt war das Gastmahl bei der Huette zu Ende und mit schrecklichem +Laerm stuerzten die Kinder daher, womoeglich immer einer ueber den anderen +hinausspringend, was an dem steilen Hang mehr als einen zu Fall +brachte. Den halb versteckten This entdeckte im Vorbeirennen der +laermende Hans, und laut schrie er in das Gebuesch hinein: "Du Maulwurf, +komm heraus, du musst mitmachen!" This verstand, was er mitzumachen +hatte. Er musste sich als Bock hinstellen, damit die anderen ueber ihn +springen konnten, wobei er dann meistens umgeworfen wurde. Er waere +viel lieber in seinem stillen Versteck geblieben, aber er wusste wohl, +was er zu erwarten hatte, wenn er dem Befehl nicht folgte. So kam er +gehorsam heran. "Wie viele Kaesfische hast du bekommen?" schrie ihn +jetzt der Hans an. + +"Keinen", gab This zurueck. "Oho, seht einmal den an", schrie der Hans +noch lauter in die Schar hinein, "der laeuft schnell zu den Kaesfischen, +und dann laeuft er wieder fort und hat keinen gesehen." "Du dummer +This", rief es von allen Seiten, und zugleich sprangen ihm die grossen +Buben ueber den Kopf weg, so dass er genug zu tun hatte, nur immer +wieder auf die Fuesse zu kommen, wenn er umgeworfen worden war. +Manchmal rollte er auch mit einer ganzen Schar Gestuerzter die Abhaenge +hinunter, bis ein gluecklicher Zufall sie wieder alle auf die Fuesse +brachte. Nach dieser stuermischen Niederfahrt unten angekommen, liefen +gleich alle auseinander, jeder seinen Kuehen nach. + +Der This rannte auf eine andere Seite, weit von allen weg. Denn +jetzt erwartete er erst noch eine rechte Verfolgung von den +Zurueckgebliebenen, weit er mitgelaufen war. Er lief jetzt zu dem +Sumpfloch hinunter und duckte sich da hinein, so konnte ihn von oben +und unten niemand sehen. Das Sumpfloch war eine Vertiefung im +Berghang, wo im Fruehling und Herbst sich das Wasser oft sammelte und +den Boden sumpfig machte. Jetzt aber war das Loch ganz trocken und +ein angenehmer Aufenthalt. Denn es reiften da schoene, dunkelrote +Erdbeeren in der Sonne, die so schoen warm in die Vertiefung schien. +Aber dem This war es ueberall angst und bang, wenn er noch in der Naehe +der Haeuser und der Hueterbuben war. Denn diese konnten ihn ja jeden +Augenblick wieder entdecken und ihm wieder einen Streich spielen. Der +This zuckte scheu und aengstlich bei jedem Ton zusammen, weil er immer +dachte: Jetzt kommt wieder einer und tut mir etwas. Da dachte er noch +einmal an das stille Plaetzchen unter den kleinen Tannenbaeumchen dort +oben und an das pfeifende Voegelein, so dass es ihn mit Gewalt vom Boden +zog. Er musste noch einmal dorthin. + +Mit allen Kraeften lief er wieder den Berg hinauf und hielt nicht +einmal an, bis er oben war und sich nun wieder unter die +Tannenbaeumchen setzen konnte. Nur nach vorn ins Tal hinab war sein +Tannenversteck ein wenig offen. Da sass nun der This in voelliger +Sicherheit. Ringsum war eine grosse Stille, kein Ton drang von unten +her bis hier auf die einsame Hoehe, nur das Voegelein sass noch auf +seinem Tannenast und pfiff sein froehliches Lied. Die Sonne wollte +untergehen. Die hohen Schneeberge drueben fingen zu flimmern und zu +gluehen an, und ueber die ganze gruene Alm hin lag das golden schimmernde +Abendlicht. Der This schaute mit stillem Staunen um sich. Ein nie +gekanntes Wohlsein kam ueber ihn. Hier konnte ja auch alle Angst und +Scheu von ihm weichen, er hatte nichts mehr zu fuerchten, denn weit und +breit war kein Mensch mehr zu sehen und zu hoeren. + +So sass der This eine lange Zeit, und am liebsten waere er gar nicht +mehr fortgegangen, denn so wohl war es ihm noch nie in seinem Leben +gewesen. Aber da hoerte er schwere Tritte hinter sich von der Huette +her. Es war der Senn. Er kam mit einem Kesselchen daher, gewiss +wollte er zum Bach hinueber, um Wasser zu holen. This verhielt sich +maeuschenstill. Denn er war so daran gewoehnt, dass er von jedermann +angefahren oder ausgelacht wurde, dass er dachte, der Senn werde es +gleich auch tun und ihn dann fortjagen. Er duckte sich tief unter die +Baeumchen. Diese knisterten aber von seiner Bewegung, Franz Anton +wurde aufmerksam, trat naeher und guckte in den Tannenbusch hinein. + +"Was machst du denn da drinnen?" fragte der Senn mit lustigem Gesicht. + +"Nichts", erwiderte This halblaut und vor Angst zitternd. + +"Komm nur heraus. Du brauchst dich nicht zu fuerchten, wenn du nichts +Boeses getan hast. Vor wem verbirgst du dich denn? Hast du dich etwa +mit deinen Kaesfischen da hineingefluechtet, dass du sie in Ruhe +verzehren kannst?" + +"Nein, ich habe keine Kaesfische gehabt", sagte This aengstlich. + +"Nicht? Und warum denn nicht?" fragte der Senn in einer Weise, wie +sonst nie ein Mensch mit dem This redete. Nun erwachte in seinem +Herzen etwas, das er bisher nicht gekannt hatte--das Zutrauen zu einem +Menschen. + +"Sie haben mich auf die Seite gestossen", erwiderte er nun und stand +hinter den buschigen Zweigen auf. + +"So, jetzt kann man dich doch sehen", fuhr der Senn freundlich fort, +"komm noch ein wenig naeher. Und warum wehrst du dich denn nicht, wenn +sie dich wegstossen? Es stoesst ja immer einer den anderen, aber zuletzt +kommt doch jeder an die Reihe, warum nur du nicht?" + +"Sie sind staerker", sagte der This so ueberzeugend, dass diese Erklaerung +wohl auch dem Franz Anton einleuchtete. Erst jetzt konnte dieser den +Buben recht sehen. This stand vor dem breiten, grossen Franz Anton wie +ein duennes Stoecklein vor einer hohen Tanne. Der kraeftige Mann +betrachtete einen Augenblick das schmale Figuerchen, an dem tatsaechlich +fast nur Haut und Knochen zu sehen waren. Aus dem mageren Gesicht +schauten die zwei Augen dann und wann noch ziemlich scheu zu ihm auf. + +"Wem gehoerst du?" fragte er jetzt den Buben. + +"Niemand", gab This zur Antwort. + +"Pah, du wirst doch irgendwo daheim sein? Wo wohnst du denn?" + +"Beim Haelmli-Sepp." + +Jetzt ging dem Franz Anton ein Licht auf. "Ach so, bist du der!" +sagte er verstaendnisvoll, denn von dem dummen This, den man zu gar +nichts brauchen konnte, hatte er schon viel gehoert, ihn aber nicht +gekannt. + +"Komm einmal mit mir", sagte er mitleidig. "Wenn du beim Haelmli-Sepp +bist, so wirst du nicht umsonst selber aussehen wie ein Haelmlein. +Komm, Kaesfische sind nicht mehr da, aber etwas anderes." + +Der This wusste gar nicht, wie ihm geschah. Er ging hinter dem Franz +Anton gehorsam her, aber es war, als ginge er mit einem Freund, und +das war ihm noch nie geschehen. Der Senn trat in die Huette, holte +hoch von einem Brett ein rundes Brot herunter und schnitt ein grosses +Stueck ab. Dann ging er zu dem riesigen Butterfass, das goldig glaenzend +in der Ecke stand, und holte ein grosses Stueck Butter heraus. Das +strich er ueber die Brotschnitte und reichte nun das feste Stueck mit +der dicken Butter darauf dem This hin. In seinem ganzen Leben hatte +der This so etwas noch nie bekommen. Er schaute darauf, als sei es +nicht moeglich, dass es ihm gehoere. + +"Komm heraus. Iss es vor der Huette, ich muss nun zum Wasser", sagte +Franz Anton, der mit lustigen Augen dem Ausdruck von Glueck und +Erstaunen auf dem Gesicht des Jungen gefolgt war. Dieser gehorchte. +Vor der Huette setzte er sich auf den Boden. Und waehrend der Senn zum +Schwemmebach hinueberging, biss er in sein Butterbrot hinein und biss +immer wieder und konnte nicht begreifen, dass es etwas so Gutes gaebe +und er es bekommen haette. + +Inzwischen wehte frisch und wohlig der Abendwind um seinen Kopf und +wiegte unten die Tannenbaeumchen hin und her, und der kleine Vogel sass +immer noch auf dem hoechsten Zweig und sang hell und froehlich in den +goldenen Abendhimmel hinauf. Dem This ging das ganze Herz in nie +gekanntem Wohlsein auf, und er meinte, er muesse laut mit dem Vogel zu +singen anfangen. + +Der Senn war in der Zeit ein paarmal mit seinem Kesselchen hin und her +gegangen. Drueben beim Schwemmebach war er immer eine Weile +stehengeblieben und hatte rundum geschaut. Die Berge waren nicht mehr +rot vom Abendschein, aber jetzt stieg gross und golden der volle Mond +hinter dem weissen Zacken empor. Nun kam der Senn wieder zur Huette +zurueck und stellte sich vor den This, der noch auf derselben Stelle +sass. + +"So gefaellt's dir hier?" fragte er freundlich. "Mit dem Abendessen +bist du fertig, wie ich sehe. Du musst dich auf den Rueckweg machen. +Sieh, wie schoen dir der Mond heimleuchtet!" + +Der This hatte gar nicht mehr ans Fortgehen gedacht. Aber jetzt fiel +ihm ein, dass es wohl noetig sei. Er stand auf, dankte noch einmal dem +Franz Anton und ging. Aber er kam nicht weiter als bis zu den +Tannenbaeumchen, es hielt ihn mit Gewalt zurueck. Er schaute noch +einmal zurueck, und da der Senn in die Huette getreten war und ihn nicht +mehr sehen konnte, huschte er schnell unter die dunklen Zweige. Franz +Anton war der einzige Mensch, der ihn in seinem ganzen Leben mit Guete +und Liebe behandelt hatte. Das hatte auf den This einen solchen +Eindruck gemacht, dass er nicht fort konnte. Er musste noch ein wenig +in der Naehe dieses guten Menschen bleiben. This lag ganz verborgen +unter den Baeumchen und spaehte zu der Huette hinauf, ob er den Senn +nicht noch einmal saehe. Es dauerte einige Zeit, da ploetzlich trat +Franz Anton wirklich noch einmal aus seiner Huette heraus. + +Er blieb vor der Tuer stehen und schaute mit gekreuzten Armen in die +stille Bergwelt hinaus, wo jetzt ueber alle hohen Schneegipfel hin das +milde Mondlicht leuchtete. Auch auf das Gesicht des Sennen fiel jetzt +der helle Mondschein, und This konnte den Ausdruck der friedlichen +Heiterkeit sehen. Dann faltete er seine Haende. Er hielt wohl still +seine Abendandacht. Dann auf einmal sagte er ganz laut: "Gute Nacht +geb euch Gott!" trat in die Huette zurueck und machte die Tuer zu. Sein +Nachtgruss hatte wohl seinen alten Freunden, den hohen Bergen ringsum +und den Menschen gegolten, die er liebte. Der This hatte in stiller +Ehrfurcht zu dem Franz Anton aufgeschaut. Er fuehlte Liebe und +Bewunderung fuer den Senn, Gefuehle, die er bisher nicht gekannt hatte. + +Als es nun ganz dunkel und still in der Huette wurde, stand der This +auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter. + +Es war spaet und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich, +die Tuer war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Haeuschen und +schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser +schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: "Es +ist bequem, dass der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden. +So hat man doch Platz!" + +This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er +immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit +gefalteten Haenden vor seiner Huette stand. Zum erstenmal in seinem +Leben schlief der This mit einem gluecklichen Herzen ein. + + + +3. Kapitel + +Ein hilfreicher Engel + + +Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten, +mussten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges +gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr +Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze +Schar den Berghang herunter, und bald sassen sie alle mit anderen +Kindern so ruhig wie moeglich auf den langen Baenken, und der Herr +Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von +einem zukuenftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den +This fiel, fuhr er fort: "Ich will dich auch einmal wieder etwas +fragen, das wirst du wohl beantworten koennen, wenn man dir auch nicht +viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Aermsten +und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben gefuehrt hat, so +wohl werden, dass er kein Leid verspuert?" + +"Bei der Schwemmebachsennhuette", antwortete der This ohne Zoegern. +Jetzt entstand ein solches Kichern, dass der This ganz scheu um sich +schaute. Ringsum waren spoettische Blicke auf ihn gerichtet, und alle +Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich +so stark vornueber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem, +was der Herr Pfarrer das letztemal erklaerte, hatte er nichts gehoert, +weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren musste. Jetzt hatte +er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet, + +Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, dass es dem +This gar nicht zum Lachen war, sondern dass er vor Scheu ganz +erschrocken und zusammengeduckt dasass, da schuettelte der Herr Pfarrer +nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: "Es ist nichts mit ihm zu +machen." + +Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stuerzte die ganze Schar +hinter dem This her, alle lachten ueberlaut und schrien durcheinander: +"This, sind dir auf einmal in der Kirche die Kaesfische in den Sinn +gekommen?" + +"This, warum hast du nicht auch etwas von den Kaesfischen gesagt?" Der +This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem +Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben +wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den +schoenen Sonntagabend unten im Dorf geniessen. + +Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt +einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhuette +hinauffluechten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen. +Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plaetzchen sitzen und +vor Verfolgung sicher sein. Nun sass er wieder unter den Tannen und +ueber ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der +Sonne, und ueber den gruenen Haengen floss da und dort ein klares Baechlein +friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, dass er allen +Spott vergass und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr +weggehen zu muessen. + +Von Zeit zu Zeit erblickte er auch den Franz Anton, nach dem er +bestaendig ausschaute. Dann duckte er sich aber so tief wie moeglich +nieder. Denn er hatte das Gefuehl, wenn der Franz Anton ihn wieder +hier sehe, so koennte er meinen, er sei gekommen, um wieder ein +Butterbrot zu bekommen. Und er kam doch nur, weil er der erste und +einzige Mensch war, der freundlich und liebevoll zu ihm gewesen, und +in dessen Naehe es ihm so wohl und sicher zumute war, wie sonst +nirgends auf der Welt. Der Senn entdeckte ihn auch heute nicht, und +This sass an seinem schoenen Plaetzchen, bis die Sterne am Himmel standen +und der Franz Anton wieder wie gestern vor seine Huette hinaustrat und +ausrief: "Gute Nacht geb euch Gott!" Dann erst lief der This wieder +davon, und spaet wie gestern kam er auf sein Lager, diesmal recht +hungrig, denn seit dem Morgen hatte er ja nichts mehr gegessen. Aber +das war dem Buben heute ganz gleich, er hatte sich ja so wohl gefuehlt +dort oben. + +So ging es eine ganze Woche. Tag fuer Tag, sobald er einen Augenblick +fand, da niemand ihn sehen und vermissen konnte, lief der This die Alm +hinauf und setzte sich unter seine Tannenzweige. Von da beobachtete +er die ganze Taetigkeit des Sennen von einer Minute zur anderen. Und +nie verliess er seinen friedlichen Aufenthalt, bis der Franz Anton +gesagt hatte: "Gute Nacht geb euch Gott!" Es war ihm jetzt immer, als +sei der Nachtsegen auch fuer ihn gedacht. + +Es waren ausnahmsweise heisse Tage. An dem wolkenlosen Himmel stieg +jeden Morgen die Sonne wieder so hell empor, wie sie am Abend +niedergegangen war. Das Futter war besonders kraeftig, und Franz Anton +bekam so schoene, fette Milch von den Alpenkuehen, dass er die +praechtigsten Kaese daraus herstellen konnte. Das machte ihm Freude, +und schon fruehmorgens konnte man ihn voller Vergnuegen in seiner +Sennhuette pfeifen hoeren, so auch am Samstag dieser Woche. Da hoerte +man ihn noch viel frueher als sonst, denn es war einer der Tage, an dem +der Senn seine drei oder vier fertigen Kaese an den See hinunterbrachte. +Dort wurden sie in eines der Schiffe verladen. Bald hatte er sie +auf seinem Ruecken festgebunden und wanderte nun wohlgemut talabwaerts, +den dicken Bergstock in der Hand, die schwere Last auf dem Ruecken. Es +war der heisseste Tag des ganzen Sommers. + +Je weiter hinunter er gelangte, je mehr plagte ihn die uebermaessige +Hitze, und oft sagte er zu sich: "O wie will ich froh sein, heute +abend wieder zu meiner Huette hinauf in die kuehle Luft zu kommen, hier +unten ist's wie in einem Backofen." Jetzt war er unten angelangt, +gerade als das Schiff herankam, das die Kaese mitnehmen sollte. Bald +war alles verladen, und Franz Anton stand einen Augenblick unschluessig +da, ob er gleich wieder den Berg hinaufsteigen, oder erst hier unten +etwas zu sich nehmen wollte. Aber er fuehlte keinen Appetit, sein Kopf +war schwer und heiss, er wuenschte sich nur hinaufzukommen. Da zog ihn +jemand am Arm. Es war einer der Schiffsangestellten, der eben beim +Einladen geholfen hatte. "Komm, Franz Anton, heute ist's heiss, wir +wollen ein Glas Wein im Schatten trinken", sagte er und zog den Senn +zu dem Wirtshaus. + +Der Franz Anton war durstig und weigerte sich nicht, hier ein wenig im +Schatten zu sitzen. Er trank sein Glas in einem Zug aus. Dann aber +stand er bald auf und sagte, es werde ihm ganz unwohl hier unten in +der schweren, heissen Luft und er sei an kalte Milch und Wasser, nicht +an den Wein gewoehnt. Damit verabschiedete er sich und ging mit grossen +Schritten auf den Berghang zu. Aber so schwer war ihm das Steigen in +seinem Leben noch nie gefallen. Die Mittagsonne brannte heiss auf +seinen Kopf, alle seine Pulse haemmerten, die Fuesse wurden ihm so schwer, +dass er sie nur mit Muehe heben konnte. Je steiler die Alm wurde, je +groesser wurden seine Schritte. Und er spornte sich selbst mit der +Aussicht an, dass nur noch eine Stunde, dann nur noch eine halbe, jetzt +nur noch eine Viertelstunde heisser Muehe vor ihm liege. Dann wuerde er +oben sein und koenne sich zum Ausruhen auf das frische Heu werfen. + +Jetzt war er am letzten steilen Aufstieg angekommen. Die Sonne +brannte wie Feuer auf seinen Kopf. Ploetzlich wurde es ihm voellig +schwarz vor den Augen, er schwankte, und schwer stuerzte er auf den +Boden nieder. Er hatte das Bewusstsein verloren. + +Als am Abend der Melker mit seiner Milch in die Stube trat, sah er, +dass der Franz Anton noch nicht zurueckgekehrt war. Er stellte seine +Milch in eine Ecke und ging fort. Er dachte nicht daran, nach dem +Senn auszuschauen. + +Es war aber noch jemand da oben, der hatte schon lange auf den Franz +Anton gewartet, das war der This. Schon seit ein paar Stunden hatte +er an seinem verborgenen Plaetzchen gesessen. Er kannte jeden Schritt, +den der Senn tat. Er wusste, wie eine Beschaeftigung auf die andere +folgte, so dass er sich nicht genug wundern konnte, wie lange heute der +Franz Anton seine Milch stehen liess. Sonst goss er sie immer gleich in +die verschiedenen Gefaesse. Die eine kam zum Buttern in die grossen, +runden Becken, wo sie stehenblieb, bis aller Rahm schoen dick obenauf +lag. Die andere wurde in den Kaesekessel gegossen, das hatte der This +durch die offene Huettentuer alles genau beobachten koennen. Der Senn +kam immer noch nicht. Der Junge fuehlte, dass irgend etwas geschehen +sein musste. Er kam jetzt leise aus seinem Versteck heraus und ging +zur Sennhuette. Da war es still und leer unten im Huettenraum und oben +auf dem Heuboden. Kein Feuer prasselte unter dem Kessel, kein Laut +war zu hoeren, alles wie ausgestorben. Aengstlich lief der This +jetzt um die Huette herum, einmal hinunter, dann wieder herauf und dann +in einer anderen Richtung wieder hinab. Jetzt auf einmal--dort unten +erblickte er den Franz Anton, der am Boden lag. This sprang hinzu--da +lag sein Freund mit geschlossenen Augen und stoehnte und lechzte wie +ein Sterbender. Er sah gluehend heiss aus, und seine Lippen waren ganz +vertrocknet. + +Der This stand einen Augenblick still und starrte, bleich vor +Schrecken, auf seinen Wohltaeter. Dann stuerzte er in schnellem Lauf +den Berg hinunter. Franz Anton hatte viele Stunden lang bewusstlos am +Boden gelegen. Ein schreckliches Fieber hatte ihn ergriffen. Er litt +an einem verzehrenden Durst. Von Zeit zu Zeit kam es ihm in seinem +brennenden Verlangen vor, er komme zum Wasser und wolle sich buecken +und trinken. Und von der Anstrengung erwachte er fuer einen Augenblick, +denn es war nur ein Fiebertraum gewesen. + +Er lag immer noch auf dem Boden und konnte sich nicht ruehren. +Vergebens lechzte er nach einem Tropfen Wasser. Dann schwand ihm das +Bewusstsein wieder, und er traeumte, er liege unten im Sumpfloch, wo er +heute frueh im Voruebergehen noch die schoenen Erdbeeren gesehen hatte. +Da standen sie noch. Oh, wie sehnte er sich danach! Er wollte die +Hand ausstrecken, aber vergeblich, er konnte keine greifen. Aber +jetzt hatte er ploetzlich eine im Mund. Ein Engel kniete da und hatte +sie ihm gegeben--und noch eine und noch eine. Oh, wie tat ihm der +Saft gut in dem ausgetrockneten Gaumen! Der Franz Anton schluerfte und +schluckte, es war ein unsaegliches Labsal. Er erwachte. War das alles +Wirklichkeit? Es war kein Traum. Da kniete neben ihm der Engel und +steckte ihm wieder eine grosse saftige Erdbeere in den Mund. + +"O du guter Engel, noch eine", sagte leise der Franz Anton. Aber +nicht nur eine, fuenf, sechs steckte ihm der Engel in den Mund. Auf +einmal flog ein stechender Schmerz ueber sein Gesicht. Er legte die +Hand an die Stirn und konnte nur noch leise sagen: "Wasser", dann war +ihm das Bewusstsein wieder voellig entschwunden. Er konnte nicht einmal +mehr die letzte Erdbeere geniessen. Jetzt traeumte er ganz schreckliche +Dinge. Sein Kopf wurde so gross wie sein allergroesstes Butterfass und +dann immer noch groesser und so furchtbar schwer, dass er mit Schrecken +dachte: "Den kannst du nie mehr allein tragen, man muss starke, +hoelzerne Stuetzen unterstellen, wie unter die Apfelbaeume, wenn sie +zuviel Aepfel tragen." Und jetzt fuehlte er deutlich, dass der Kopf ganz +voll Schiesspulver war, das hatte einer von hinten angezuendet. Nun +brannte es da drinnen wie loderndes Feuer, und gleich musste alles +zerspringen. Aber dann kam ploetzlich ganz kalt und belebend der +Schwemmebach ueber seine Stirn, ueber das ganze Gesicht und in den Mund +hineingeflossen, und Franz Anton schluckte und schluckte und erwachte. + +Es war wahr, eiskalt kam ein Guss nach dem anderen auf Stirn und +Gesicht. Dann kam etwas an seinen Mund, und er schlurfte gierig den +kuehlenden Trank ein. Ueber ihm standen die funkelnden Sterne, das +sah der Franz Anton deutlich. Er wusste auch, dass er noch am Boden lag +draussen auf der freien Alm. Aber das konnte doch nicht der +Schwemmebach sein, was so ueber ihn floss und ihn so ordentlich trinken +liess. Er konnte nicht begreifen, was es war, aber es war so wohltuend, +so erloesend von dem schweren Traum und dem schrecklichen Feuer. +Voller Dank sagte er nur halblaut: "Ach, lieber Gott, wie danke ich +dir fuer deine Guete und die hilfreichen Engel!" + +Das erquickende Wasserbad hoerte nicht auf, und zuletzt fuehlte der +Franz Anton eine kalte Masse auf seiner Stirn, so schuetzend und +wohltuend, dass er sagte: "Da kann kein Feuer mehr durch." Und beruhigt +schlief er jetzt ganz sanft ein und traeumte nicht mehr. + + + +4. Kapitel + +Was die Sennenmutter haben will + + +Die Sonne stieg strahlend hinter dem hohen Bergzacken empor, als Franz +Anton seine Augen aufschlug und verwundert um sich schaute. Er +schauderte ein wenig zusammen, es froestelte ihn. Er wollte sich +aufsetzen, aber sein Kopf war schwer und dumpf. Er fuhr mit der Hand +an die Stirn, es war, als liege etwas darauf. Und er irrte sich nicht. +Wohl sechsfach zusammengelegt lag nass und schwer das grosse Handtuch +aus der Sennhuette auf seinem Kopf. Er legte es weg, und als nun der +frische Morgenwind ueber die Stirn blies, fuehlte er sich so wohlig und +erleichtert, dass er sich schnell aufsetzte und um sich schaute. Da +sah er auf einmal in zwei grosse, ernsthafte Augen hinein, die +unverwandt auf ihn gerichtet waren. + +"Bist du das, This?" fragte er verwundert, "Wie kommst du so frueh auf +die Alm? Nun, weil du da bist, komm, dass ich mich ein wenig auf deine +Schulter stuetzen kann. Ich bin schwindelig und komme nicht allein auf." + +Der This sprang vom Boden auf und trat nahe an den Senn heran. Er +stemmte mit aller Gewalt seine beiden Fuesse in den Boden hinein, so dass +der Franz Anton einen festen Halt an ihm fand und aufstehen konnte. +Waehrend des langsamen Aufstiegs zur Huette, als er sich immer noch auf +die Schulter des Buben stuetzte, fing er an, sich daran zu erinnern, +was ihm eigentlich passiert war. Doch blieben ihm einige Vorgaenge der +Nacht voellig unklar. Vielleicht konnte ihm der This auf die Spur +helfen. In der Huette angelangt, setzte sich der Senn auf einen seiner +dreibeinigen Stuehle und sagte: "This, hol dir den anderen und setz +dich hierher zu mir. Aber zuerst nimm dort den Topf herunter, wir +wollen ein wenig kalte Milch miteinander trinken, Feuer kann ich jetzt +noch nicht machen. Ein Schuesselchen steht daneben. Sieh nur, wo ist +es denn hingekommen?" unterbrach sich der Senn, "ich stelle es +regelmaessig dort hinauf. Ich weiss nicht, was mit mir vorgeht seit +gestern." + +Der This war feuerrot geworden, er wusste wohl, wer das Schuesselchen +heruntergenommen hatte. Ganz zaghaft sagte er: "Dort steht's am +Boden", holte es schnell herbei, auch den Milchtopf und reichte beides +dem Senn. Dieser schuettelte ganz betroffen den Kopf. Solange er +lebte, hatte er noch nie sein Schuesselchen dort bei der Tuer auf den +Boden gestellt. Er trank jetzt schweigend und nachdenklich seine +Milch, fuellte dann das Schuesselchen wieder und sagte: "Da, This, trink +auch! Du hast mir einen guten Dienst erwiesen, dass du so frueh hinauf +kamst. Hast du etwa gemeint, es sei Kaesfischtag und du seist dann +sicher der erste?" + +"Nein, gewiss nicht", versicherte This. + +"Sag mir jetzt etwas", fuhr der Senn fort, der schon ein paarmal +unruhig auf das nasse Tuch, das jetzt auf dem Tisch lag, dann wieder +zu dem kleinen Wasserkessel geschaut hatte. "Sag mir, This, habe ich +denn das Tuch schon auf meiner Stirn gehabt, als du heute frueh +heraufkamst?" + +Jetzt wurde der This ganz dunkelrot. Denn er dachte, wenn der Senn +alles erfahre, was er getan hatte, so sei es ihm vielleicht nicht +recht, und er koennte boese werden. Aber der Franz Anton schaute ihm +jetzt so tief in die Augen, dass er alles sagen musste: "Ich habe es +selbst darauf gelegt", fing er zaghaft an. + +"Warum denn, This?" fragte der Senn verwundert. + +"Weil sie so heiss waren", erwiderte This. + +Der Senn staunte immer mehr. "Aber ich bin ja schon bei Sonnenaufgang +erwacht", sagte er. "Wann bist du denn heraufgekommen?" + +"Gestern um fuenf, oder um vier Uhr", stotterte der This furchtsam, +"der Melker kam erst lange nachher." + +"Was, du bist die ganze Nacht hier oben gewesen? Was hast du denn +gewollt und gemacht?" + +Jetzt sah der Franz Anton, dass dem This ganz bange wurde, ihm selber +aber fielen nun wieder die Vorgaenge der letzten Nacht ein. Ganz +vaeterlich klopfte er dem Buben auf die Schulter und sagte ermunternd: +"Vor mir brauchst du dich gar nicht zu fuerchten, This. Da, trink noch +eins aus, und dann sag mir alles, was du weisst, von da an, als du hier +heraufgekommen bist." Auf diese Ermunterung hin fasste der This neuen +Mut. Erst trank er die Milch in wenigen Zuegen aus, denn sie schmeckte +herrlich. + +Dann fing er an zu berichten: "Ich habe nur ein wenig zu Ihnen hier +herauf gewollt, aber nur so wie alle Tage, nicht wegen der Kaesfische. +Und weil dann der Melker schon lange die Milch gebracht hatte und Sie +nicht kamen, habe ich Sie gesucht. Und dann habe ich Sie am Boden +gefunden, und Sie sind ganz rot und heiss gewesen und haben Durst +gehabt. Dann bin ich geschwind zum Sumpfloch hinabgelaufen und habe +alle grossen Erdbeeren gepflueckt, die noch da waren, und habe sie Ihnen +gebracht. Und Sie haben sie gern genommen. Aber dann haben Sie auf +den Kopf gezeigt und nach Wasser verlangt. Da habe ich aus der Huette +das Schuesselchen geholt und den kleinen Kessel, und am Schwemmebach +habe ich ihn gefuellt. Dann habe ich Ihnen mit dem Schuesselchen das +Wasser ueber den Kopf geschuettet und auch zu trinken gegeben, denn sie +haben immer wieder Durst gehabt. Wenn dann der Kessel leer war, bin +ich zum Bach hinueber und habe ihn wieder gefuellt. Aber weil das +Wasser immer so schnell aufgebraucht war, habe ich gedacht, ein dickes +Tuch wurde den Kopf besser kuehlen. Und so habe ich das Tuch aus der +Huette geholt und es ganz nass auf Ihren Kopf gelegt. Nur, wenn es dann +trocken und heiss wurde, habe ich es wieder in den Kessel getaucht und +es dann wieder nass auf den Kopf getan. Am Morgen sind Sie dann +erwacht, und ich war froh, ich habe immer gedacht, wenn Sie nur nicht +etwa krank werden." + +Der Senn hatte mit grosser Aufmerksamkeit zugehoert. Jetzt stand alles +deutlich vor ihm, was er in der Nacht erlebt hatte. Er wusste auch +wieder, wie er halb wachend und im Fieber den Engel mit den Erdbeeren +als Retter empfunden und dann das Wasser des Schwemmebachs gespuert und +genossen hatte. Der Franz Anton schaute den This so stumm und +verwundert an, als haette er noch nie einen Buben gesehen. Nein, einen +solchen hatte er noch nie gesehen. Wie war es denn moeglich, dass +dieser Bub, den alle Leute nur den dummen This nannten, sein Leben +gerettet hatte. + +Haette der This sein Fieber nicht mit dem Wasser geloescht, wer weiss, +was bis zum Morgen daraus geworden waere! Und wie konnte dieser This, +dem niemand ein freundliches Wort gab, zu einer solchen Aufopferung +faehig sein, dass er die ganze Nacht bei einem anderen wachte und ihn +pflegte! Dem grossen, starken Franz Anton kamen die Traenen in die +Augen, als er den scheuen, verachteten This ansah und das alles +ueberdachte. Er nahm jetzt den Buben bei der Hand und sagte: "Wir +wollen gut Freund bleiben, This, ich habe dir viel zu danken, das +vergesse ich nicht. Tu mir nur noch einen Gefallen, mir zittern die +Glieder so, dass ich mich jetzt niederlegen muss. Geh du nun hinunter +zu meiner Mutter und sag ihr, sie soll zu mir heraufkommen, es sei mir +nicht ganz wohl. Du musst dann auch wieder mit ihr kommen, ich habe +noch viel mit dir zu reden heute, vergiss es nicht!" + +Solange er lebte, war der This noch nie so gluecklich gewesen. Er lief +springend den Berg hinunter, als koenne er nicht hoch genug aufspringen +vor Freude. Nun hatte der Senn ihm selbst befohlen wiederzukommen, +und er brauchte sich nicht mehr zu verbergen, sondern durfte gleich in +die Sennhuette eintreten. Ausserdem hatte der Franz Anton ihm noch +gesagt, er wolle gut Freund mit ihm bleiben. Bei jedem dieser +Gedanken sprang der This wieder hoch in die Luft und kam bald bei der +Mutter an. Gerade als er von oben herunter auf das saubere Haeuschen +mit den schimmernden Fenstern zurannte, kam von unten herauf im +Sonntagsschmuck, das Gesangbuch in der Hand, die Sennenmutter aus der +Kirche. Der Bub lief auf sie zu, konnte aber zuerst nichts sagen, +denn er war ganz atemlos vom Laufen. + +"Woher kommst denn du?" fragte die sonntaeglich gekleidete Frau, die +nicht gern etwas Unordentliches sah. Missbilligend musterte sie den +Buben von oben bis unten, denn er machte keinen sonntaeglichen Anblick +in seinen zerfetzten Alltagshoeschen und dem schmutzigen Hemdlein. +"Ich meine, ich habe dich schon dort drueben ueber dem Bach gesehen, du +bist wohl einer vom Haelmli-Sepp?" + +"Nein, nur der This", erwiderte der Bub ganz demuetig. + +Jetzt fiel der Frau ein, dass die Frau des Haelmli-Sepp einen +einfaeltigen Buben bei sich hatte, von dem sie sagten, er sei zu nichts +zu brauchen. Den hatte sie wohl jetzt vor sich. "Und was willst du +denn bei mir?" fragte sie nun erst recht verwundert. + +Der This war wieder zu Atem gekommen und richtete nun seinen Auftrag +klar und richtig aus. Die Frau erschrak sehr. Noch nie war der +kerngesunde Franz Anton krank gewesen. Und dass er nach ihr schickte +und nicht selbst herunterkommen konnte, war ein recht schlimmes +Zeichen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie ins Haus, packte in grosser +Sorge das Noetigste zusammen und kam nach kurzer Zeit mit ihrem grossen +Korb am Arm heraus. + +"Komm", sagte sie zu This, "wir wollen gleich gehn. Warum musst du +wieder mit?" + +"Ich weiss nicht", antwortete er. Und fast als waere es etwas Boeses, +setzte er leise hinzu: "Muss ich nicht den Korb tragen?" + +"So, jetzt verstehe ich's", sagte die Frau, "der Franz Anton hat daran +gedacht, dass ich allerhand mitbringen will." Sie gab dem This den Korb. +Schweigend ging sie nun neben ihm den Berg hinauf, denn sie war tief +in ihren Gedanken versunken. Ihr braver Franz Anton war ihr ganzer +Stolz und ihre Freude. Sollte er wirklich erkrankt sein? Konnte die +Krankheit gefaehrlich sein? Ihre Angst wurde immer groesser, je naeher +sie der Sennhuette kamen, Jetzt waren sie oben--nur noch einige +Schritte--der bekuemmerten Mutter zitterten die Knie, sie konnte fast +nicht mehr weiter. Jetzt trat sie ein. Es war niemand da. Sie +schaute ueberall umher und zu dem Heuboden hinauf. Dort lag ihr Sohn +tief im Heu drinnen, sie konnte ihn nicht recht sehen. Mit klopfendem +Herzen stieg sie die Leiter hinauf. + +Der This blieb ehrerbietig draussen vor der Tuer stehen, nur den Korb +schob er in die Huette hinein. Als die Mutter sich jetzt angstvoll +ueber ihren Sohn beugte, schlug dieser seine blauen Augen auf, streckte +ihr froehlich seine Hand entgegen, setzte sich auf und sagte munter: +"Gruess dich Gott, Mutter! Das freut mich, dass du da bist. Ich habe +aber geschlafen wie ein Baer, die ganze Zeit, seit der This fortging." +Die Mutter starrte den Sohn an, halb in Freude, halb in Schrecken, sie +wusste gar nicht, was sie denken sollte. "Franz Anton", sagte sie +jetzt ernsthaft, "was ist mit dir? Redest du im Fieber, oder weisst du, +dass du mich hast holen lassen?" + +"Ja, ja, Mutter", lachte jetzt der Franz Anton, "jetzt bin ich ganz +bei mir und das Fieber ist vorbei. Aber alle Glieder zitterten mir +noch, ich konnte nicht herunterkommen und wollte doch so gern mit dir +reden. Ich fuehl's auch jetzt noch in den Knien zittern, ich kaeme noch +nicht weit." + +"Aber was ist's denn, was war es denn, Franz Anton? Sag mir's doch", +draengte jetzt die Mutter und setzte sich auf das Heu neben den Sohn. + +"Ich will dir nun alles berichten, Mutter, eins nach dem anderen", +sagte er, indem er sich an einen Heuballen lehnte. "Sieh einmal +zuerst dort unten das schmale, magere Bueblein an, das kein gutes Stueck +Gewand auf dem Leib hat, dem keiner ein gutes Wort sagt und den jeder +nur den dummen This nennt." + +Die Mutter schaute zu dem This hin, der wie ein Sperber nach dem Senn +hinaufspaehte, ob er etwa wieder umfallen wolle. + +"Und jetzt?" fragte die Mutter gespannt. + +"Der hat mir das Leben gerettet, Mutter! Wenn dieses Bueblein nicht +gewesen waere, so laege ich jetzt noch draussen auf dem Boden in einem +toedlichen Fieber, oder vielleicht waere es auch schon vorbei mit mir." +Und jetzt erzaehlte Franz Anton alles, was sich seit gestern nachmittag +zugetragen hatte. Wie der This ihn die ganze Nacht nicht verlassen +und ihn erquickt und gepflegt hatte, so wie der gescheiteste Mensch +auf der Welt es nicht besser haette tun koennen. + +Die Mutter musste sich mehrmals die Traenen abwischen. Sie stellte sich +vor, wenn ihr Franz Anton allein und verlassen in seinem Durst da +draussen gelegen haette und vielleicht vom Fieber ganz verzehrt worden +waere, und kein Mensch haette etwas von ihm gewusst. Und jetzt stieg ein +Dank und eine Freude in ihrem Herzen auf, dass sie laut ausrufen musste: +"Gott sei Lob und Dank! Gott sei Lob und Dank!" Aber auch eine solche +Liebe zu dem armen This ueberkam sie, dass sie ganz eifrig sagte: "Franz +Anton, der This geht mir nicht mehr zur Frau des Haelmli-Sepp zurueck! +Sicher hat der arme Bub Hunger gelitten, und in Schmutz und Fetzen hat +sie ihn laufen lassen. Heute noch nehme ich ihn mit mir, und morgen +mache ich ihm ein Gewand, dass man ihn ansehen darf. Er muss es nicht +schlecht haben bei uns, wir wollen nicht vergessen, wie er dir +geholfen hat." + +"Das ist nun gerade, was ich wuenschte, Mutter, aber ich musste doch +zuerst wissen, was du dazu sagst. Und jetzt hast du dasselbe Vorhaben +und schon alles ausgedacht, wie es nicht besser sein koennte. Es geht +nichts ueber eine Mutter!" Und der Franz Anton schaute sie so voller +Glueck und Liebe an, dass es ihr im Innersten wohltat und sie bei sich +dachte: Es geht auch nichts ueber einen wohlgeratenen Sohn. Dann sagte +sie: "Jetzt musst du etwas essen, Franz Anton, dass du wieder zu Kraeften +kommst. Ich habe frische Eier und ein Weissbrot mitgenommen, und jetzt +will ich Feuer machen, lass dir Zeit zum Herunterkommen." Das musste der +Franz Anton auch tun, denn er schwankte noch ein wenig. Aber es ging. +Er kam herunter und winkte jetzt den This zum Tisch heran, an den er +sich selbst niedergesetzt hatte. + +"This", sagte er jetzt, dem Buben freundlich in die Augen schauend, +"willst du ein Senn werden?" + +Der This fing an zu laecheln, aber dann hoerte er ploetzlich die +vernichtenden Worte, die er von allen Seiten hundertmal vernommen +hatte: "Aus dem wird nie etwas,", "der kann nichts", "der wird nichts". +Und schuechtern antwortete er. "Ich kann nichts werden." + +"This, ein Senn wirst du", sagte der Franz Anton mit Bestimmtheit. +"Du hast dich gut genug angestellt bei deiner ersten Arbeit. Nun +bleibst du bei mir und traegst Milch und Wasser und hilfst mir bei +allem. Und ich zeige dir, wie man buttert und Kaese macht und sobald +du gross genug bist, steckst du die Arme in den Kessel und bist mein +Gehilfe." + +"Hier in der Schwemmebachsennhuette?" fragte This, dem die Aussicht auf +diese Glueckseligkeit ganz unfassbar war. + +"Alles hier, in der Schwemmebachsennhuette", bestaetigte der Franz Anton. + +Auf das Gesicht des This kam jetzt der Ausdruck eines so strahlenden +Gluecks, dass der Senn ihn nur ansehen musste. Der Bub war wie +verwandelt. Das bemerkte auch die Mutter, als sie eben den grossen +Eierkuchen auf den Tisch stellte, den sie gebacken hatte. Sie +streichelte den Buben und sagte: "Ja, Thisli, heute wollen wir +miteinander froehlich sein und morgen auch noch. Und alle Tage wollen +wir dem lieben Gott dafuer danken, dass er dich gerade zur rechten Zeit +in die Naehe vom Franz Anton geschickt hat, wenn schon kein Mensch +begreift, warum du da heraufgekommen bist." + +Jetzt begann das froehliche Essen, und noch nie in seinem ganzen Leben +hatte der This so viele gute Sachen auf einem Tisch zusammen gesehen. +Denn zu dem Eierkuchen hatte die Mutter das frische Weissbrot hingelegt +und daneben Butter und weissen Kaese. Und mitten auf dem Tisch stand +eine grosse Kanne voll dickrahmiger Milch. Von allem legte jetzt die +Mutter grosse, dicke Stuecke vor den This hin, und wenn er fertig war, +gab es gleich noch einmal so viel. + +Als gegen Abend die Mutter sich zum Heimgehen bereitmachte, sagte sie: +"Franz Anton, ich habe mich anders besonnen, der This muss bei dir oben +bleiben, bis du wieder ganz gesund bist. Er kann dir helfen, wo es +noetig ist. Der Frau des Haelmli-Sepp will ich schon alles berichten." + +Das war dem Sennen recht, und fuer den This war es das hoechste Glueck, +das er erreichen konnte. Nun war er wirklich daheim beim Franz Anton. +Nicht mehr verborgen unter den Tannenbaeumchen hoerte er heute den +Nachtsegen, er stand unter dem Sternenhimmel neben dem Senn, als +dieser seine Haende faltete und sagte: "Komm, This, nun beten wir den +Abendsegen." Andaechtig faltete auch er seine Haende, und als am Schluss +der Senn sagte: "Gute Nacht geb euch Gott!", da war das Glueck im +Herzen des This so gross, dass er gern ueberlaut allen Menschen auf der +ganzen Welt sagen wollte: 'Gute Nacht geb euch Gott!' + +Noch an demselben Abend ging die Sennenmutter hinueber zu der Frau des +Haelmli-Sepp, die mit ihren drei Buben und Lisi vor dem Haus stand und +gerne verstehen wollte, was ihre Kinder alle auf einmal erzaehlten. +Die Sennin hoerte, dass von Franz Anton die Rede war, dessen Unfall der +Melker berichtet hatte. Als sie nun der Frau des Haelmli-Sepp erklaerte, +dass sie mit ihrem Sohn uebereingekommen sei, sie wollten den This bei +sich annehmen, da machte die Frau einen grossen Laerm. Sie sagte, sie +sollten doch lieber einen von ihren drei Buben nehmen, die seien fuer +den Senn eine groessere Hilfe als der dumme This. Und die Buben schrien +alle aus vollen Haelsen: "Mich! Mich! Mich!" Denn sie wussten wohl, +wie gut der Franz Anton war, und was es in der Sennhuette fuer gute +Dinge gab. Da half aber alles Schreien und Bitten nichts. + +Die Sennin sagte ganz ruhig, sie bleibe beim This, und sie kenne ihn +schon, er habe mehr Herz und Verstand als mancher, der ihn den dummen +This nenne. Sie wolle auch die Buben warnen, sie sollten jetzt das +Haenseln und Verspotten unterlassen, sonst haetten sie es mit ihrem Sohn +zu tun. Der rede dann mit seinen kraeftigen Armen eine deutlichere +Sprache mit den Buben, als sie es jetzt koennte. Dann verliess die +Sennin die Leute, die ihr alle ganz stumm und verbluefft nachschauten, +und jedes der Kinder dachte bei sich: Wenn ich doch nur der This waere, +der wird's gut haben, wie ein Koenig wird er da oben in seiner +Sennhuette leben. Wo aber von dem Tag an der This sich sehen liess, +liefen ihm die Buben alle nach, und jeder wollte sein bester Freund +sein. Denn sie mussten alle an den letzten Kaesfischtag denken, als der +This so uebel behandelt worden war. Von nun an wuerde er ja gewiss alle +Kaesfische allein bekommen, da waere doch jeder gut daran, der sein +Freund waere. Und spaeter waren sie auch alle gut daran, denn dem This +machte es die groesste Freude, die reiche Ernte der Kaesfische unter +allen gerecht aufzuteilen. Und er konnte sich nicht genug darueber +wundern, wie freundlich jetzt alle Kinder zu ihm waren. Er wurde nie +mehr ausgelacht. Als er vor niemandem mehr Angst hatte, da zeigte +sich zur Ueberraschung aller, dass er auf einmal ein ganz flinkes, +geschicktes Buerschchen war, von dem jeder sagen musste: "Entweder ist +das nicht derselbe Bub, oder man hat niemals ein Recht gehabt, ihn den +dummen This zu nennen." Sogar der Herr Pfarrer sagte nach einiger Zeit, +sein liebster Schueler im Unterricht sei jetzt der This. Denn bei +allem, was er antwortete, habe er einen klaren Gedanken, und die +anderen Buben koennten ihn sich alle zum Vorbild nehmen. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Vom This, der doch etwas wird, +von Johanna Spyri. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, VOM THIS, DER DOCH ETWAS WIRD *** + +This file should be named 7vomt10.txt or 7vomt10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7vomt11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7vomt10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05 + +Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, +91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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