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+Project Gutenberg's Klein Zaches, genannt Zinnober, by E. T. A. Hoffmann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
+other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
+the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
+to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
+
+Title: Klein Zaches, genannt Zinnober
+
+Author: E. T. A. Hoffmann
+
+Posting Date: October 3, 2014 [EBook #9200]
+Release Date: October, 2005
+First Posted: September 15, 2003
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KLEIN ZACHES, GENANNT ZINNOBER ***
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+Produced by Gerd Bouillon from files at Projekt Gutenberg-DE.
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+Klein Zaches
+genannt Zinnober
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+Ein Märchen
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+E.T.A. Hoffmann
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+Erstes Kapitel: Der kleine Wechselbalg. - Dringende Gefahr einer
+ Pfarrersnase. - Wie Fürst Paphnutius in seinem Lande die
+ Aufklärung einführte und die Fee Rosabelverde in ein Fräuleinstift
+ kam.
+
+Zweites Kapitel: Von der unbekannten Völkerschaft, die der Gelehrte
+ Ptolomäus Philadelphus auf seinen Reisen entdeckte. - Die
+ Universität Kerepes. - Wie dem Studenten Fabian ein Paar
+ Reitstiefel um den Kopf flogen und der Professor Mosch Terpin den
+ Studenten Balthasar zum Tee einlud.
+
+Drittes Kapitel: Wie Fabian nicht wußte, was er sagen sollte. -
+ Candida und Jungfrauen, die nicht Fische essen dürfen. - Mosch
+ Terpins literarischer Tee. - Der junge Prinz.
+
+Viertes Kapitel: Wie der italienische Geiger Sbiocca den Herrn
+ Zinnober in den Kontrabaß zu werfen drohte, und der Referendarius
+ Pulcher nicht zu auswärtigen Angelegenheiten gelangen konnte. -
+ Von Maut-Offizianten und zurückbehaltenen Wundern fürs Haus. -
+ Balthasars Bezauberung durch einen Stockknopf.
+
+Fünftes Kapitel: Wie Fürst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger
+ Goldwasser frühstückte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose
+ bekam und den Geheimen Sekretär Zinnober zum Geheimen Spezialrat
+ erhob. - Die Bilderbücher des Doktors Prosper Alpanus. - Wie
+ ein Portier den Studenten Fabian in den Finger biß, dieser ein
+ Schleppkleid trug und deshalb verhöhnt wurde. - Balthasars Flucht.
+
+Sechstes Kapitel: Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem
+ Garten frisiert wurde und im Grase ein Taubad nahm. - Der
+ Orden des grüngefleckten Tigers. - Glücklicher Einfall eines
+ Theaterschneiders. - Wie das Fräulein von Rosenschön sich
+ mit Kaffee begoß und Prosper Alpanus ihr seine Freundschaft
+ versicherte.
+
+Siebentes Kapitel: Wie der Professor Mosch Terpin im fürstlichen
+ Weinkeller die Natur erforschte. - Mycetes Belzebub. -
+ Verzweiflung des Studenten Balthasar. - Vorteilhafter Einfluß
+ eines wohleingerichteten Landhauses auf das häusliche Glück. - Wie
+ Prosper Alpanus dem Balthasar eine schildkrötene Dose überreichte
+ und davonritt.
+
+Achtes Kapitel: Wie Fabian seiner langen Rockschöße halber für einen
+ Sektierer und Tumultuanten gehalten wurde. - Wie Fürst Barsanuph
+ hinter den Kaminschirm trat und den Generaldirektor der
+ natürlichen Angelegenheiten kassierte. - Zinnobers Flucht aus
+ Mosch Terpins Hause. - Wie Mosch Terpin auf einem Sommervogel
+ ausreiten und Kaiser werden wollte, dann aber zu Bette ging.
+
+Neuntes Kapitel: Verlegenheit eines treuen Kammerdieners. - Wie die
+ alte Liese eine Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober
+ auf der Flucht ausglitschte. - Auf welche merkwürdige Weise der
+ Leibarzt des Fürsten Zinnobers jähen Tod erklärte. - Wie Fürst
+ Barsanuph sich betrübte, Zwiebeln aß, und wie Zinnobers Verlust
+ unersetzlich blieb.
+
+Letztes Kapitel: Wehmütige Bitten des Autors. - Wie der Professor
+ Mosch Terpin sich beruhigte und Candida niemals verdrießlich
+ werden konnte. - Wie ein Goldkäfer dem Doktor Prosper Alpanus
+ etwas ins Ohr summte, dieser Abschied nahm und Balthasar eine
+ glückliche Ehe führte.
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+Der kleine Wechselbalg. - Dringende Gefahr einer Pfarrersnase. - Wie
+Fürst Paphnutius in seinem Lande die Aufklärung einführte und die Fee
+Rosabelverde in ein Fräuleinstift kam.
+
+Unfern eines anmutigen Dorfes, hart am Wege, lag auf dem von der
+Sonnenglut erhitzten Boden hingestreckt ein armes zerlumptes
+Bauerweib. Vom Hunger gequält, vor Durst lechzend, ganz verschmachtet,
+war die Unglückliche unter der Last des im Korbe hoch aufgetürmten
+dürren Holzes, das sie im Walde unter den Bäumen und Sträuchern mühsam
+aufgelesen, niedergesunken, und da sie kaum zu atmen vermochte,
+glaubte sie nicht anders, als daß sie nun wohl sterben, so sich aber
+ihr trostloses Elend auf einmal enden werde. Doch gewann sie bald
+so viel Kraft, die Stricke, womit sie den Holzkorb auf ihrem Rücken
+befestigt, loszunesteln und sich langsam heraufzuschieben auf einen
+Grasfleck, der gerade in der Nähe stand. Da brach sie nun aus in laute
+Klagen: "Muß," jammerte sie, "muß mich und meinen armen Mann allein
+denn alle Not und alles Elend treffen? Sind wir denn nicht im ganzen
+Dorfe die einzigen, die aller Arbeit, alles sauer vergessenen
+Schweißes ungeachtet in steter Armut bleiben und kaum so viel
+erwerben, um unsern Hunger zu stillen? - Vor drei Jahren, als mein
+Mann beim Umgraben unseres Gartens die Goldstücke in der Erde fand,
+ja, da glaubten wir, das Glück sei endlich eingekehrt bei uns und nun
+kämen die guten Tage; aber was geschah! - Diebe stahlen das Geld,
+Haus und Scheune brannten uns über dem Kopfe weg, das Getreide auf
+dem Acker zerschlug der Hagel, und um das Maß unseres Herzeleids
+vollzumachen bis über den Rand, strafte uns der Himmel noch mit diesem
+kleinen Wechselbalg, den ich zu Schand' und Spott des ganzen Dorfs
+gebar. - Zu St.-Laurenztag ist nun der Junge drittehalb Jahre gewesen
+und kann auf seinen Spinnenbeinchen nicht stehen, nicht gehen und
+knurrt und miaut, statt zu reden, wie eine Katze. Und dabei frißt die
+unselige Mißgeburt wie der stärkste Knabe von wenigstens acht Jahren,
+ohne daß es ihm im mindesten was anschlägt. Gott erbarme sich über ihn
+und über uns, daß wir den Jungen großfüttern müssen uns selbst zur
+Qual und größerer Not; denn essen und trinken immer mehr und mehr wird
+der kleine Däumling wohl, aber arbeiten sein Lebetage nicht! Nein,
+nein, das ist mehr als ein Mensch aushalten kann auf dieser Erde! -
+Ach könnt' ich nur sterben - nur sterben!" Und damit fing die Arme an
+zu weinen und zu schluchzen, bis sie endlich, vom Schmerz übermannt,
+ganz entkräftet einschlief. -
+
+Mit Recht konnte das Weib über den abscheulichen Wechselbalg klagen,
+den sie vor drittehalb Jahren geboren. Das, was man auf den ersten
+Blick sehr gut für ein seltsam verknorpeltes Stückchen Holz
+hätte ansehen können, war nämlich ein kaum zwei Spannen hoher,
+mißgestalteter Junge, der von dem Korbe, wo er querüber gelegen,
+heruntergekrochen, sich jetzt knurrend im Grase wälzte. Der Kopf stak
+dem Dinge tief zwischen den Schultern, die Stelle des Rückens vertrat
+ein kürbisähnlicher Auswuchs, und gleich unter der Brust hingen
+die haselgertdünnen Beinchen herab, daß der Junge aussah wie ein
+gespalteter Rettich. Vom Gesicht konnte ein stumpfes Auge nicht viel
+entdecken, schärfer hinblickend, wurde man aber wohl die lange spitze
+Nase, die aus schwarzen struppigen Haaren hervorstarrte, und ein Paar
+kleine, schwarz funkelnde Äuglein gewahr, die, zumal bei den übrigens
+ganz alten, eingefurchten Zügen des Gesichts, ein klein Alräunchen
+kundzutun schienen. -
+
+Als nun, wie gesagt, das Weib über ihren Gram in tiefen Schlaf
+gesunken war und ihr Söhnlein sich dicht an sie herangewälzt hatte,
+begab es sich, daß das Fräulein von Rosenschön, Dame des nahegelegenen
+Stifts, von einem Spaziergange heimkehrend, des Weges daherwandelte.
+Sie blieb stehen und wurde, da sie von Natur fromm und mitleidig,
+bei dem Anblick des Elends, der sich ihr darbot, sehr gerührt. "O du
+gerechter Himmel," fing sie an, "wieviel Jammer und Not gibt es doch
+auf dieser Erde! - Das unglückliche Weib! - Ich weiß, daß sie kaum das
+liebe Leben hat, da arbeitet sie über ihre Kräfte und ist vor Hunger
+und Kummer hingesunken! - Wie fühle ich jetzt erst recht empfindlich
+meine Armut und Ohnmacht! Ach, könnt' ich doch nur helfen, wie ich
+wollte! - Doch das, was mir noch übrig blieb, die wenigen Gaben, die
+das feindselige Verhängnis mir nicht zu rauben, nicht zu zerstören
+vermochte, die mir noch zu Gebote stehen, die will ich kräftig und
+getreu nützen, um dem Leidwesen zu steuern. Geld, hätte ich auch
+darüber zu gebieten, würde dir gar nichts helfen, arme Frau, sondern
+deinen Zustand vielleicht noch gar verschlimmern. Dir und deinem Mann,
+euch beiden ist nun einmal Reichtum nicht beschert, und wem Reichtum
+nicht beschert ist, dem verschwinden die Goldstücke aus der Tasche,
+er weiß selbst nicht wie, er hat davon nichts als großen Verdruß und
+wird, je mehr Geld ihm zuströmt, nur desto ärmer. Aber ich weiß es,
+mehr als alle Armut, als alle Not, nagt an deinem Herzen, daß du jenes
+kleine Untierchen gebarst, das sich wie eine böse unheimliche Last an
+dich hängt, die du durch das Leben tragen mußt. - Groß - schön - stark
+- verständig, ja, das alles kann der Junge nun einmal nicht werden,
+aber es ist ihm vielleicht noch auf andere Weise zu helfen." - Damit
+setzte sich das Fräulein nieder ins Gras und nahm den Kleinen auf den
+Schoß. Das böse Alräunchen sträubte und spreizte sich, knurrte und
+wollte das Fräulein in den Finger beißen, _die_ sprach aber: "Ruhig,
+ruhig, kleiner Maikäfer!" und strich leise und linde mit der flachen
+Hand ihm über den Kopf von der Stirn herüber bis in den Nacken.
+Allmählich glättete sich während des Streichelns das struppige Haar
+des Kleinen aus, bis es gescheitelt, an der Stirne fest anliegend, in
+hübschen weichen Locken hinabwallte auf die hohen Schultern und den
+Kürbisrücken. Der Kleine war immer ruhiger geworden und endlich fest
+eingeschlafen. Da legte ihn das Fräulein Rosenschön behutsam dicht
+neben der Mutter hin ins Gras, besprengte diese mit einem geistigen
+Wasser aus dem Riechfläschchen, das sie aus der Tasche gezogen, und
+entfernte sich dann schnellen Schrittes.
+
+Als die Frau bald darauf erwachte, fühlte sie sich auf wunderbare
+Weise erquickt und gestärkt. Es war ihr, als habe sie eine tüchtige
+Mahlzeit gehalten und einen guten Schluck Wein getrunken. "Ei," rief
+sie aus, "wie ist mir doch in dem bißchen Schlaf so viel Trost, so
+viel Munterkeit gekommen! - Aber die Sonne ist schon bald herab
+hinter den Bergen, nun fort nach Hause!" - Damit wollte sie den Korb
+aufpacken, vermißte aber, als sie hineinsah, den Kleinen, der in
+demselben Augenblick sich aus dem Grase aufrichtete und weinerlich
+quäkte. Als nun die Mutter sich nach ihm umschaute, schlug sie vor
+Erstaunen die Hände zusammen und rief - "Zaches - Klein Zaches, wer
+hat dir denn unterdessen die Haare so schön gekämmt! - Zaches - Klein
+Zaches, wie hübsch würden dir die Locken kleiden, wenn du nicht solch
+ein abscheulich garstiger Junge wärst! - Nun, komm nur, komm! - hinein
+in den Korb!" Sie wollte ihn fassen und quer über das Holz legen, da
+strampelte aber Klein Zaches mit den Beinen, grinste die Mutter an und
+miaute sehr vernehmlich: "Ich mag nicht!" - "Zaches! - Klein Zaches!"
+schrie die Frau ganz außer sich, "wer hat dich denn unterdessen reden
+gelehrt? Nun! wenn du solch schön gekämmte Haare hast, wenn du so
+artig redest, so wirst du auch wohl laufen können." Die Frau huckte
+den Korb auf den Rücken, Klein Zaches hing sich an ihre Schürze, und
+so ging es fort nach dem Dorfe.
+
+Sie mußten bei dem Pfarrhause vorüber, da begab es sich, daß der
+Pfarrer mit seinem jüngsten Knaben, einem bildschönen goldlockigen
+Jungen von drei Jahren, in seiner Haustüre stand. Als der nun die Frau
+mit dem schweren Holzkorbe und mit Klein Zaches, der an ihrer Schürze
+baumelte, daherkommen sah, rief er ihr entgegen: "Guten Abend, Frau
+Liese, wie geht es Euch - Ihr habt ja eine gar zu schwere Bürde
+geladen, Ihr könnt ja kaum mehr fort, kommt her, ruht Euch ein wenig
+aus auf dieser Bank vor meiner Türe, meine Magd soll Euch einen
+frischen Trunk reichen!" - Frau Liese ließ sich das nicht zweimal
+sagen, sie setzte ihren Korb ab und wollte eben den Mund öffnen, um
+dem ehrwürdigen Herrn all ihren Jammer, ihre Not zu klagen, als Klein
+Zaches bei der raschen Wendung der Mutter das Gleichgewicht verlor und
+dem Pfarrer vor die Füße flog. Der bückte sich rasch nieder und hob
+den Kleinen auf, indem er sprach: "Ei, Frau Liese, Frau Liese, was
+habt Ihr da für einen bildschönen allerliebsten Knaben! Das ist ja
+ein wahrer Segen des Himmels, ein solch wunderbar schönes Kind zu
+besitzen." Und damit nahm er den Kleinen in die Arme und liebkoste ihn
+und schien es gar nicht zu bemerken, daß der unartige Däumling gar
+häßlich knurrte und mauzte und den ehrwürdigen Herrn sogar in die
+Nase beißen wollte. Aber Frau Liese stand ganz verblüfft vor dem
+Geistlichen und schaute ihn an mit aufgerissenen starren Augen und
+wußte gar nicht, was sie denken sollte. "Ach, lieber Herr Pfarrer,"
+begann sie endlich mit weinerlicher Stimme, "ein Mann Gottes, wie Sie,
+treibt doch wohl nicht seinen Spott mit einem armen unglücklichen
+Weibe, das der Himmel, mag er selbst wissen warum, mit diesem
+abscheulichen Wechselbalge gestraft hat!" "Was spricht," erwiderte
+der Geistliche sehr ernst, "was spricht Sie da für tolles Zeug, liebe
+Frau! von Spott - Wechselbalg - Strafe des Himmels - ich verstehe Sie
+gar nicht und weiß nur, daß Sie ganz verblendet sein muß, wenn Sie
+Ihren hübschen Knaben nicht recht herzlich liebt. - Küsse mich,
+artiger kleiner Mann!" - Der Pfarrer herzte den Kleinen, aber Zaches
+knurrte: "Ich mag nicht!" und schnappte aufs neue nach des Geistlichen
+Nase. - "Seht die arge Bestie!" rief Liese erschrocken; aber in dem
+Augenblick sprach der Knabe des Pfarrers: "Ach, lieber Vater, du bist
+so gut, du tust so schön mit den Kindern, die müssen wohl alle dich
+recht herzlich lieb haben!" "O hört doch nur," rief der Pfarrer, indem
+ihm die Augen vor Freude glänzten, "O hört doch nur, Frau Liese,
+den hübschen verständigen Knaben, Euren lieben Zaches, dem Ihr so
+übelwollt. Ich merk' es schon, Ihr werdet Euch nimmermehr was aus
+dem Knaben machen, sei er auch noch so hübsch und verständig. Hört,
+Frau Liese, überlaßt mir Euer hoffnungsvolles Kind zur Pflege und
+Erziehung. Bei Eurer drückenden Armut ist Euch der Knabe nur eine
+Last, und mir macht es Freude, ihn zu erziehen wie meinen eignen
+Sohn!" -
+
+Liese konnte vor Erstaunen gar nicht zu sich selbst kommen, ein Mal
+über das andere rief sie: "Aber, lieber Herr Pfarrer - lieber Herr
+Pfarrer, ist denn das wirklich Ihr Ernst, daß Sie die kleine Ungestalt
+zu sich nehmen und erziehen und mich von der Not befreien wollen,
+die ich mit dem Wechselbalg habe?" - Doch, je mehr die Frau die
+abscheuliche Häßlichkeit ihres Alräunchens dem Pfarrer vorhielt, desto
+eifriger behauptete dieser, daß sie in ihrer tollen Verblendung gar
+nicht verdiene, vom Himmel mit dem herrlichen Geschenk eines solchen
+Wunderknaben gesegnet zu sein, bis er zuletzt ganz zornig mit Klein
+Zaches auf dem Arm hineinlief in das Haus und die Türe von innen
+verriegelte.
+
+Da stand nun Frau Liese wie versteinert vor des Pfarrers Haustüre und
+wußte gar nicht, was sie von dem allem denken sollte. "Was um aller
+Welt willen," sprach sie zu sich selbst, "ist denn mit unserm würdigen
+Herrn Pfarrer geschehen, daß er in meinen Klein Zaches so ganz und
+gar vernarrt ist und den einfältigen Knirps für einen hübschen,
+verständigen Knaben hält? - Nun! helfe Gott dem lieben Herrn, er
+hat mir die Last von den Schultern genommen und sie sich selbst
+aufgeladen, mag er nun zusehen, wie er sie trägt! - Hei! wie leicht
+geworden ist nun der Holzkorb, da Klein Zaches nicht mehr darauf sitzt
+und mit ihm die schwerste Sorge!" -
+
+Damit schritt Frau Liese, den Holzkorb auf dem Rücken, lustig und
+guter Dinge fort ihres Weges! - -
+
+Wollte ich auch zurzeit noch gänzlich darüber schweigen, du würdest,
+günstiger Leser, dennoch wohl ahnen, daß es mit dem Stiftsfräulein von
+Rosenschön, oder wie sie sich sonst nannte, Rosengrünschön, eine ganz
+besondere Bewandtnis haben müsse. Denn nichts anders war es wohl, als
+die geheimnisvolle Wirkung ihres Kopfstreichelns und Haarausglättens,
+daß Klein Zaches von dem gutmütigen Pfarrer für ein schönes und
+kluges Kind angesehn und gleich wie sein eignes aufgenommen wurde.
+Du könntest, lieber Leser, aber doch, trotz deines vortrefflichen
+Scharfsinns, in falsche Vermutungen geraten oder gar zum großen
+Nachteil der Geschichte viele Blätter überschlagen, um nur gleich mehr
+von dem mystischen Stiftsfräulein zu erfahren; besser ist es daher
+wohl, ich erzähle dir gleich alles, was ich selbst von der würdigen
+Dame weiß.
+
+Fräulein von Rosenschön war von großer Gestalt, edlem majestätischen
+Wuchs und etwas stolzem, gebietendem Wesen. Ihr Gesicht, mußte man es
+gleich vollendet schön nennen, machte, zumal wenn sie wie gewöhnlich
+in starrem Ernst vor sich hinschaute, einen seltsamen, beinahe
+unheimlichen Eindruck, was vorzüglich einem ganz besondern fremden
+Zuge zwischen den Augenbrauen zuzuschreiben, von dem man durchaus
+nicht recht wußte, ob ein Stiftsfräulein dergleichen wirklich auf der
+Stirne tragen könne. Dabei lag aber auch oft, vorzüglich zur Rosenzeit
+bei heiterm schönen Wetter, so viel Huld und Anmut in ihrem Blick, daß
+jeder sich von süßem unwiderstehlichen Zauber befangen fühlte. Als ich
+die Gnädige zum ersten- und letztenmal zu schauen das Vergnügen hatte,
+war sie dem Ansehen nach eine Frau in der höchsten, vollendetsten
+Blüte ihrer Jahre, auf der höchsten Spitze des Wendepunktes, und ich
+meinte, daß mir großes Glück beschieden, die Dame noch eben auf dieser
+Spitze zu erblicken und über ihre wunderbare Schönheit gewissermaßen
+zu erschrecken, welches sich dann sehr bald nicht mehr würde zutragen
+können. Ich war im Irrtum. Die ältesten Leute im Dorf versicherten,
+daß sie das gnädige Fräulein gekannt hätten schon so lange als sie
+dächten, und daß die Dame niemals anders ausgesehen habe, nicht älter,
+nicht jünger, nicht häßlicher, nicht hübscher als eben jetzt. Die Zeit
+schien also keine Macht zu haben über sie, und schon dieses konnte
+manchem verwunderlich vorkommen. Aber noch manches andere trat hinzu,
+worüber sich jeder, überlegte er es recht ernstlich, ebensosehr
+wundern, ja zuletzt aus der Verwunderung, in die er verstrickt, gar
+nicht herauskommen mußte. Fürs erste offenbarte sich ganz deutlich
+bei dem Fräulein die Verwandtschaft mit den Blumen, deren Namen sie
+trug. Denn nicht allein, daß kein Mensch auf Erden solche herrliche
+tausendblättrige Rosen zu ziehen vermochte, als sie, so sprießten auch
+aus dem schlechtesten dürresten Dorn, den sie in die Erde steckte,
+jene Blumen in der höchsten Fülle und Pracht hervor. Dann war es
+gewiß, daß sie auf einsamen Spaziergängen im Walde laute Gespräche
+führte mit wunderbaren Stimmen, die aus den Bäumen, aus den Büschen,
+aus den Quellen und Bächen zu tönen schienen. Ja, ein junger
+Jägersmann hatte sie belauscht, wie sie einmal mitten im dicksten
+Gehölz stand und seltsame Vögel mit buntem glänzenden Gefieder, die
+gar nicht im Lande heimisch, sie umflatterten und liebkosten und
+in lustigem Singen und Zwitschern ihr allerlei fröhliche Dinge zu
+erzählen schienen, worüber sie lachte und sich freute. Daher kam es
+denn auch, daß Fräulein von Rosenschön zu jener Zeit, als sie in das
+Stift gekommen, bald die Aufmerksamkeit aller Leute in der Gegend
+anregte. Ihre Aufnahme in das Fräuleinstift hatte der Fürst befohlen;
+der Baron Prätextatus von Mondschein, Besitzer des Gutes, in dessen
+Nähe jenes Stift lag, dem er als Verweser vorstand, konnte daher
+nichts dagegen einwenden, ungeachtet ihn die entsetzlichsten Zweifel
+quälten. Vergebens war nämlich sein Mühen geblieben, in Rixners
+Turnierbuch und andern Chroniken die Familie Rosengrünschön
+aufzufinden. Mit Recht zweifelte er aus diesem Grunde an der
+Stiftsfähigkeit des Fräuleins, die keinen Stammbaum mit zweiunddreißig
+Ahnen aufzuweisen hatte, und bat sie zuletzt ganz zerknirscht, die
+hellen Tränen in den Augen, doch sich um des Himmels willen wenigstens
+nicht Rosengrünschön, sondern Rosenschön zu nennen, denn in diesem
+Namen sei doch noch einiger Verstand und ein Ahnherr möglich. - Sie
+tat ihm das zu Gefallen. - Vielleicht äußerte sich des gekränkten
+Prätextatus Groll gegen das ahnenlose Fräulein auf diese - jene Weise
+und gab zuerst Anlaß zu der bösen Nachrede, die sich immer mehr und
+mehr im Dorfe verbreitete. Zu jenen zauberhaften Unterhaltungen im
+Walde, die indessen sonst nichts auf sich hatten, kamen nämlich
+allerlei bedenkliche Umstände, die von Mund zu Mund gingen und des
+Fräuleins eigentliches Wesen in gar zweideutiges Licht stellten.
+Mutter Anne, des Schulzen Frau, behauptete keck, daß, wenn das
+Fräulein stark zum Fenster heraus niese, allemal die Milch im ganzen
+Dorfe sauer würde. Kaum hatte sich dies aber bestätigt, als sich das
+Schreckliche begab. Schulmeisters Michel hatte in der Stiftsküche
+gebratene Kartoffeln genascht und war von dem Fräulein darüber
+betroffen worden, die ihm lächelnd mit dem Finger drohte. Da war dem
+Jungen das Maul offen stehen geblieben, gerade als hätt' er eine
+gebratene brennende Kartoffel darin sitzen immerdar, und er mußte
+fortan einen Hut mit vorstehender breiter Krempe tragen, weil es sonst
+dem Armen ins Maul geregnet hätte. Bald schien es gewiß zu sein, daß
+das Fräulein sich darauf verstand, Feuer und Wasser zu besprechen,
+Sturm und Hagelwolken zusammenzutreiben, Weichselzöpfe zu flechten
+etc., und niemand zweifelte an der Aussage des Schafhirten, der zur
+Mitternachtsstunde mit Schauer und Entsetzen gesehen haben wollte, wie
+das Fräulein auf einem Besen brausend durch die Lüfte fuhr, vor ihr
+her ein ungeheurer Hirschkäfer, zwischen dessen Hörnern blaue Flammen
+hoch aufleuchteten! - Nun kam alles in Aufruhr, man wollte der Hexe
+zu Leibe, und die Dorfgerichte beschlossen nichts Geringeres, als das
+Fräulein aus dem Stift zu holen und sie ins Wasser zu werfen, damit
+sie die gewöhnliche Hexenprobe bestehe. Der Baron Prätextatus ließ
+alles geschehen und sprach lächelnd zu sich selbst: "So geht es
+simplen Leuten ohne Ahnen, die nicht von solch altem guten Herkommen
+sind, wie der Mondschein." Das Fräulein, unterrichtet von dem
+bedrohlichen Unwesen, flüchtete nach der Residenz, und bald darauf
+erhielt der Baron Prätextatus einen Kabinettsbefehl vom Fürsten des
+Landes, mittelst dessen ihm bekannt gemacht, daß es keine Hexen
+gäbe, und befohlen wurde, die Dorfgerichte für die naseweise Gier,
+Schwimmkünste eines Stiftsfräuleins zu schauen, in den Turm werfen,
+den übrigen Bauern und ihren Weibern aber andeuten zu lassen, bei
+empfindlicher Leibesstrafe von dem Fräulein Rosenschön nicht schlecht
+zu denken. Sie gingen in sich, fürchteten sich vor der angedrohten
+Strafe und dachten fortan gut von dem Fräulein, welches für beide,
+für das Dorf und für die Dame Rosenschön, die ersprießlichsten Folgen
+hatte.
+
+In dem Kabinett des Fürsten wußte man recht gut, daß das Fräulein von
+Rosenschön niemand anders war, als die sonst berühmte weltbekannte Fee
+Rosabelverde. Es hatte mit der Sache folgende Bewandtnis:
+
+Auf der ganzen weiten Erde war wohl sonst kaum ein anmutigeres Land zu
+finden, als das kleine Fürstentum, worin das Gut des Baron Prätextatus
+von Mondschein lag, worin das Fräulein von Rosenschön hauste, kurz,
+worin sich das alles begab, was ich dir, geliebter Leser, des
+breiteren zu erzählen eben im Begriff stehe.
+
+Von einem hohen Gebirge umschlossen, glich das Ländchen mit seinen
+grünen, duftenden Wäldern, mit seinen blumigen Auen, mit seinen
+rauschenden Strömen und lustig plätschernden Springquellen, zumal da
+es gar keine Städte, sondern nur freundliche Dörfer und hin und wieder
+einzeln stehende Paläste darin gab, einem wunderbar herrlichen Garten,
+in dem die Bewohner wie zu ihrer Lust wandelten, frei von jeder
+drückenden Bürde des Lebens. Jeder wußte, daß Fürst Demetrius das Land
+beherrsche; niemand merkte indessen das mindeste von der Regierung,
+und alle waren damit gar wohl zufrieden. Personen, die die volle
+Freiheit in all ihrem Beginnen, eine schöne Gegend, ein mildes Klima
+liebten, konnten ihren Aufenthalt gar nicht besser wählen als in dem
+Fürstentum, und so geschah es denn, daß unter andern auch verschiedene
+vortreffliche Feen von der guten Art, denen Wärme und Freiheit
+bekanntlich über alles geht, sich dort angesiedelt hatten. Ihnen
+mocht' es zuzuschreiben sein, daß sich beinahe in jedem Dorfe,
+vorzüglich aber in den Wäldern sehr oft die angenehmsten Wunder
+begaben und daß jeder, von dem Entzücken, von der Wonne dieser Wunder
+ganz umflossen, völlig an das Wunderbare glaubte und, ohne es selbst
+zu wissen, eben deshalb ein froher, mithin guter Staatsbürger blieb.
+Die guten Feen, die sich in freier Willkür ganz dschinnistanisch
+eingerichtet, hätten dem vortrefflichen Demetrius gern ein ewiges
+Leben bereitet. Das stand indessen nicht in ihrer Macht. Demetrius
+starb, und ihm folgte der junge Paphnutius in der Regierung.
+Paphnutius hatte schon zu Lebzeiten seines Herrn Vaters einen stillen
+innerlichen Gram darüber genährt, daß Volk und Staat nach seiner
+Meinung auf die heilloseste Weise vernachlässigt, verwahrlost wurde.
+Er beschloß zu regieren und ernannte sofort seinen Kammerdiener
+Andres, der ihm einmal, als er im Wirtshause hinter den Bergen seine
+Börse liegen lassen, sechs Dukaten geborgt und dadurch aus großer Not
+gerissen hatte, zum ersten Minister des Reichs. "Ich will regieren,
+mein Guter!" rief ihm Paphnutius zu. Andres las in den Blicken
+seines Herrn, was in ihm vorging, warf sich ihm zu Füßen und sprach
+feierlich: "Sire! die große Stunde hat geschlagen! - durch Sie steigt
+schimmernd ein Reich aus mächtigem Chaos empor! - Sire! hier fleht
+der treueste Vasall, tausend Stimmen des armen unglücklichen Volks
+in Brust und Kehle! - Sire! - führen Sie die Aufklärung ein!" -
+Paphnutius fühlte sich durch und durch erschüttert von dem erhabenen
+Gedanken seines Ministers. Er hob ihn auf, riß ihn stürmisch an seine
+Brust und sprach schluchzend: "Minister - Andres - ich bin dir sechs
+Dukaten schuldig - noch mehr - mein Glück - mein Reich! - o treuer,
+gescheuter Diener!" -
+
+Paphnutius wollte sofort ein Edikt mit großen Buchstaben drucken und
+an allen Ecken anschlagen lassen, daß von Stund' an die Aufklärung
+eingeführt sei und ein jeder sich darnach zu achten habe. "Bester
+Sire!" rief indessen Andres, "bester Sire! so geht es nicht!" - "Wie
+geht es denn, mein Guter?" sprach Paphnutius, nahm seinen Minister
+beim Knopfloch und zog ihn hinein in das Kabinett, dessen Türe er
+abschloß.
+
+"Sehen Sie," begann Andres, als er seinem Fürsten gegenüber auf einem
+kleinen Taburett Platz genommen, "sehen Sie, gnädigster Herr! - die
+Wirkung Ihres fürstlichen Edikts wegen der Aufklärung würde vielleicht
+verstört werden auf häßliche Weise, wenn wir nicht damit eine Maßregel
+verbinden, die zwar hart scheint, die indessen die Klugheit gebietet.
+- Ehe wir mit der Aufklärung vorschreiten, d. h. ehe wir die Wälder
+umhauen, den Strom schiffbar machen, Kartoffeln anbauen, die
+Dorfschulen verbessern, Akazien und Pappeln anpflanzen, die Jugend ihr
+Morgen- und Abendlied zweistimmig absingen, Chausseen anlegen und die
+Kuhpocken einimpfen lassen, ist es nötig, alle Leute von gefährlichen
+Gesinnungen, die keiner Vernunft Gehör geben und das Volk durch lauter
+Albernheiten verführen, aus dem Staate zu verbannen - Sie haben
+Tausendundeine Nacht gelesen, bester Fürst, denn ich weiß, daß Ihr
+durchlauchtig seliger Herr Papa, dem der Himmel eine sanfte Ruhe im
+Grabe schenken möge, dergleichen fatale Bücher liebte und Ihnen, als
+Sie sich noch der Steckenpferde bedienten und vergoldete Pfefferkuchen
+verzehrten, in die Hände gab. Nun also! - Aus jenem völlig konfusen
+Buche werden Sie, gnädigster Herr, wohl die sogenannten Feen kennen,
+gewiß aber nicht ahnen, daß sich verschiedene von diesen gefährlichen
+Personen in Ihrem eignen lieben Lande hier ganz in der Nähe Ihres
+Palastes angesiedelt haben und allerlei Unfug treiben." "Wie? - was
+sagt Er? - Andres! Minister! - Feen! - hier in meinem Lande?" - So
+rief Fürst, indem er ganz erblaßt in die Stuhllehne zurücksank. -
+"Ruhig, mein gnädigster Herr," fuhr Andres fort, "ruhig können wir
+bleiben, sobald wir mit Klugheit gegen jene Feinde der Aufklärung zu
+Felde ziehen. Ja! - Feinde der Aufklärung nenne ich sie, denn nur sie
+sind, die Güte Ihres seligen Herrn Papas mißbrauchend, daran schuld,
+daß der liebe Staat noch in gänzlicher Finsternis darniederliegt. Sie
+treiben ein gefährliches Gewerbe mit dem Wunderbaren und scheuen sich
+nicht, unter dem Namen Poesie ein heimliches Gift zu verbreiten, das
+die Leute ganz unfähig macht zum Dienste in der Aufklärung. Dann haben
+sie solche unleidliche polizeiwidrige Gewohnheiten, daß sie schon
+deshalb in keinem kultivierten Staate geduldet werden dürften. So z.B.
+entblöden sich die Frechen nicht, sowie es ihnen einfällt, in den
+Lüften spazieren zu fahren mit vorgespannten Tauben, Schwänen, ja
+sogar geflügelten Pferden. Nun frage ich aber, gnädigster Herr,
+verlohnt es sich der Mühe, einen gescheuten Akzisetarif zu entwerfen
+und einzuführen, wenn es Leute im Staate gibt, die imstande sind,
+jedem leichtsinnigen Bürger unversteuerte Waren in den Schornstein
+zu werfen, wie sie nur wollen? - Darum, gnädigster Herr, - sowie die
+Aufklärung angekündigt wird, fort mit den Feen! - Ihre Paläste werden
+umzingelt von der Polizei, man nimmt ihnen ihre gefährliche Habe und
+schafft sie als Vagabonden fort nach ihrem Vaterlande, welches, wie
+Sie, gnädigster Herr, aus Tausendundeiner Nacht wissen werden, das
+Ländchen Dschinnistan ist." "Gehen Posten nach diesem Lande, Andres?"
+so fragte der Fürst. "Zurzeit nicht," erwiderte Andres, "aber
+vielleicht läßt sich nach eingeführter Aufklärung eine Journaliere
+dorthin mit Nutzen einrichten." - "Aber Andres," fuhr der Fürst fort,
+"wird man unser Verfahren gegen die Feen nicht hart finden? - Wird das
+verwöhnte Volk nicht murren?" - "Auch dafür," sprach Andres, "auch
+dafür weiß ich ein Mittel. Nicht alle Feen, gnädigster Herr, wollen
+wir fortschicken nach Dschinnistan, sondern einige im Lande behalten,
+sie aber nicht allein aller Mittel berauben, der Aufklärung schädlich
+zu werden, sondern auch zweckdienliche Mittel anwenden, sie zu
+nützlichen Mitgliedern des aufgeklärten Staats umzuschaffen. Wollen
+sie sich nicht auf solide Heiraten einlassen, so mögen sie unter
+strenger Aufsicht irgendein nützliches Geschäft treiben, Socken
+stricken für die Armee, wenn es Krieg gibt, oder sonst. Geben Sie
+acht, gnädigster Herr, die Leute werden sehr bald an die Feen, wenn
+sie unter ihnen wandeln, gar nicht mehr glauben, und das ist das
+beste. So gibt sich alles etwanige Murren von selbst. - Was übrigens
+die Utensilien der Feen betrifft, so fallen sie der fürstlichen
+Schatzkammer heim, die Tauben und Schwäne werden als köstliche Braten
+in die fürstliche Küche geliefert, mit den geflügelten Pferden kann
+man aber auch Versuche machen, sie zu kultivieren und zu bilden zu
+nützlichen Bestien, indem man ihnen die Flügel abschneidet und sie
+zur Stallfütterung gibt, die wir doch hoffentlich zugleich mit der
+Aufklärung einführen werden." -
+
+Paphnutius war mit allen Vorschlägen seines Ministers auf das höchste
+zufrieden, und schon andern Tages wurde ausgeführt, was beschlossen
+war.
+
+An allen Ecken prangte das Edikt wegen der eingeführten Aufklärung,
+und zu gleicher Zeit brach die Polizei in die Paläste der Feen, nahm
+ihr ganzes Eigentum in Beschlag und führte sie gefangen fort.
+
+Mag der Himmel wissen, wie es sich begab, daß die Fee Rosabelverde die
+einzige von allen war, die wenige Stunden vorher, ehe die Aufklärung
+hereinbrach, Wind davon bekam und die Zeit nutzte, ihre Schwäne
+in Freiheit zu setzen, ihre magischen Rosenstöcke und andere
+Kostbarkeiten beiseite zu schaffen. Sie wußte nämlich auch, daß sie
+dazu erkoren war, im Lande zu bleiben, worin sie sich, wiewohl mit
+großem Widerwillen, fügte.
+
+Überhaupt konnten es weder Paphnutius noch Andres begreifen, warum
+die Feen, die nach Dschinnistan transportiert wurden, eine solche
+übertriebene Freude äußerten und ein Mal über das andere versicherten,
+daß ihnen an aller Habe, die sie zurücklassen müssen, nicht das
+mindeste gelegen. "Am Ende," sprach Paphnutius entrüstet, "am Ende ist
+Dschinnistan ein viel hübscherer Staat wie der meinige, und sie lachen
+mich aus mitsamt meinem Edikt und meiner Aufklärung, die jetzt erst
+recht gedeihen soll!" -
+
+Der Geograph sollte mit dem Historiker des Reichs über das Land
+umständlich berichten.
+
+Beide stimmten darin überein, daß Dschinnistan ein erbärmliches Land
+sei, ohne Kultur, Aufklärung, Gelehrsamkeit, Akazien und Kuhpocken,
+eigentlich auch gar nicht existiere. Schlimmeres könne aber einem
+Menschen oder einem ganzen Lande wohl nicht begegnen, als gar nicht zu
+existieren.
+
+Paphnutius fühlte sich beruhigt.
+
+Als der schöne blumige Hain, in dem der verlassene Palast der Fee
+Rosabelverde lag, umgehauen wurde, und beispielshalber Paphnutius
+selbst sämtlichen Bauerlümmeln im nächsten Dorfe die Kuhpocken
+eingeimpft hatte, paßte die Fee dem Fürsten in dem Walde auf, durch
+den er mit dem Minister Andres nach seinem Schloß zurückkehren wollte.
+Da trieb sie ihn mit allerlei Redensarten, vorzüglich aber mit einigen
+unheimlichen Kuntstückchen, die sie vor der Polizei geborgen, dermaßen
+in die Enge, daß er sie um des Himmels willen bat, doch mit einer
+Stelle des einzigen und daher besten Fräuleinstifts im ganzen Lande
+vorliebzunehmen, wo sie, ohne sich an das Aufklärungsedikt zu kehren,
+schalten und walten könne nach Belieben.
+
+Die Fee Rosabelverde nahm den Vorschlag an und kam auf diese Weise in
+das Fräuleinstift, wo sie sich, wie schon erzählt worden, das Fräulein
+von Rosengrünschön, dann aber, auf dringendes Bitten des Baron
+Prätextatus von Mondschein, das Fräulein von Rosenschön nannte.
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Von der unbekannten Völkerschaft, die der Gelehrte Ptolomäus
+Philadelphus auf seinen Reisen entdeckte. - Die Universität Kerepes. -
+Wie dem Studenten Fabian ein Paar Reitstiefel um den Kopf flogen und
+der Professor Mosch Terpin den Studenten Balthasar zum Tee einlud.
+
+In den vertrauten Briefen, die der weltberühmte Gelehrte Ptolomäus
+Philadelphus an seinen Freund Rufin schrieb, als er sich auf weiten
+Reisen befand, ist folgende merkwürdige Stelle enthalten:
+
+"Du weißt, mein lieber Rufin, daß ich nichts in der Welt so fürchte
+und scheue, als die brennenden Sonnenstrahlen des Tages, welche
+die Kräfte meines Körpers aufzehren und meinen Geist dermaßen
+abspannen und ermatten, daß alle Gedanken in ein verworrenes Bild
+zusammenfließen und ich vergebens darnach ringe, auch nur irgendeine
+deutliche Gestaltung in meiner Seele zu erfassen. Ich pflege daher in
+dieser heißen Jahreszeit des Tages zu ruhen, nachts aber meine Reise
+fortzusetzen, und so befand ich mich dann auch in voriger Nacht auf
+der Reise. Mein Fuhrmann hatte sich in der dicken Finsternis von dem
+rechten, bequemen Wege verirrt und war unversehens auf die Chaussee
+geraten. Ungeachtet ich aber durch die harten Stöße, die es hier gab,
+in dem Wagen hin und her geschleudert wurde, so daß mein Kopf voller
+Beulen einem mit Walnüssen gefüllten Sack nicht unähnlich war,
+erwachte ich doch aus dem tiefen Schlafe, in den ich versunken, nicht
+eher, bis ich mit einem entsetzlichen Ruck aus dem Wagen heraus auf
+den harten Boden stürzte. Die Sonne schien mir hell ins Gesicht, und
+durch den Schlagbaum, der dicht vor mir stand, gewahrte ich die hohen
+Türme einer ansehnlichen Stadt. Der Fuhrmann lamentierte sehr, da
+nicht allein die Deichsel, sondern auch ein Hinterrad des Wagens an
+dem großen Stein, der mitten auf der Chaussee lag, gebrochen, und
+schien sich wenig oder gar nicht um mich zu kümmern. Ich hielt, wie es
+dem Weisen ziemt, meinen Zorn zurück und rief dem Kerl bloß sanftmütig
+zu, er sei ein verfluchter Schlingel, er möge bedenken, daß Ptolomäus
+Philadelphus, der berühmteste Gelehrte seiner Zeit, auf dem St- säße,
+und Deichsel Deichsel und Rad Rad sein lassen. Du kennst, mein lieber
+Rufin, die Gewalt, die ich über das menschliche Herz übe, und so
+geschah es denn auch, daß der Fuhrmann augenblicklich aufhörte zu
+lamentieren und mir mit Hülfe des Chausseeinnehmers, vor dessen
+Häuslein sich der Unfall begeben, auf die Beine half. Ich hatte zum
+Glück keinen sonderlichen Schaden gelitten und war imstande, langsam
+auf der Straße fortzuwandeln, während der Fuhrmann den zerbrochenen
+Wagen mühsam nachschleppte. Unfern des Tors der Stadt, die ich in
+blauer Ferne gesehen, begegneten mir nun aber viele Leute von solch
+wunderlichem Wesen und in solch seltsamer Kleidung, daß ich mir die
+Augen rieb, um zu erforschen, ob ich wirklich wache oder ob nicht
+vielleicht ein toller neckhafter Traum mich eben in ein fremdes
+fabelhaftes Land versetze. - Diese Leute, die ich mit Recht für
+Bewohner der Stadt, aus deren Tor ich sie kommen sah, halten durfte,
+trugen lange, sehr weite Hosen, nach Art der Japaneser zugeschnitten,
+von köstlichem Zeuge, Samt, Manchester, feinem Tuch oder auch wohl
+bunt durchwirkter Leinwand, mit Tressen oder hübschen Bändern und
+Schnüren reichlich besetzt, dazu kleine Kinderröcklein, kaum den
+Unterleib bedeckend, meistens von sonnenheller Farbe, nur wenige
+gingen schwarz. Die Haare hingen ungekämmt in natürlicher Wildheit auf
+Schultern und Rücken herab, und auf dem Kopf saß ein kleines seltsames
+Mützchen. Manche hatten den Hals ganz entblößt nach der Weise der
+Türken und Neugriechen, andere dagegen trugen um Hals und Brust ein
+Stückchen weiße Leinwand, beinahe einem Hemdekragen ähnlich, wie Du,
+geliebter Rufin, sie auf den Bildern unserer Vorfahren gesehen haben
+wirst. Ungeachtet diese Leute sämtlich sehr jung zu sein schienen, war
+doch ihre Sprache tief und rauh, jede ihrer Bewegungen ungelenk, und
+mancher hatte einen schmalen Schatten unter der Nase, als sitze dort
+ein Stutzbärtchen. Aus den Hinterteilen der kleinen Röcke mancher
+ragte ein langes Rohr hervor, an dem große seidene Quasten baumelten.
+Andere hatten diese Röhre hervorgezogen und kleine - größere -
+manchmal auch sehr große wunderlich geformte Köpfe unten daran
+befestigt, aus denen sie, oben durch ein ganz spitz zulaufendes
+Röhrchen hineinblasend, auf geschickte Weise künstliche Dampfwolken
+aufsteigen zu lassen wußten. Andre trugen breite blitzende Schwerter
+in den Händen, als wollten sie dem Feinde entgegenziehen; noch andere
+hatten kleine Behältnisse von Leder oder Blech umgehängt oder über den
+Rücken geschnallt. Du kannst denken, lieber Rufin, daß ich, der ich
+durch sorgliches Betrachten jeder mir neuen Erscheinung mein Wissen
+zu bereichern suche, stillstand und mein Auge fest auf die seltsamen
+Leute heftete. Da versammelten sie sich um mich her, schrien ganz
+gewaltig: 'Philister - Philister!' - und schlugen eine entsetzliche
+Lache auf. - Das verdroß mich. Denn, geliebter Rufin, gibt es für
+einen großen Gelehrten etwas Kränkenderes, als für einen von dem Volke
+gehalten zu werden, das vor vielen tausend Jahren mittelst eines
+Eselkinnbackens erschlagen wurde? - Ich nahm mich zusammen in der mir
+angebornen Würde und sprach laut zu dem sonderbaren Volk um mich her,
+daß ich hoffe, mich in einem zivilisierten Staat zu befinden, und
+daß ich mich an Polizei und Gerichtshöfe wenden würde, um die mir
+zugefügte Unbill zu rächen. Da brummten sie alle; auch die, die bisher
+noch nicht gedampft, zogen die dazu bestimmten Maschinen aus der
+Tasche, und alle bliesen mir die dicken Dampfwolken ins Gesicht,
+welche, wie ich nun erst merkte, ganz unerträglich stanken und meine
+Sinne betäubten. Dann spachen sie eine Art Fluch über mich aus, dessen
+Worte ich ihrer Gräßlichkeit halber Dir, geliebter Rufin, gar nicht
+wiederholen mag. Nur mit tiefem Grausen kann ich selbst daran denken.
+Endlich verließen sie mich unter lautem Hohngelächter, und mir war's,
+als wenn das Wort: Hetzpeitsche in den Lüften verhalle! - Mein
+Fuhrmann, der alles mit angehört, mit angesehen, rang die Hände und
+sprach: 'Ach mein lieber Herr! nun das geschehen ist, was geschah, so
+gehen Sie beileibe nicht in jene Stadt hinein! Kein Hund, wie man zu
+sagen pflegt, würde ein Stück Brot von Ihnen nehmen und stete Gefahr
+Sie bedrohen, geprü-' Ich ließ den Wackern nicht ausreden, sondern
+wandte meine Schritte so schnell, als es nur gehen mochte, nach dem
+nächsten Dorfe. In dem einsamen Kämmerlein des einzigen Wirtshauses
+dieses Dorfes sitze ich und schreibe Dir, mein geliebter Rufin, dieses
+alles! - Soviel es möglich ist, werde ich Nachrichten einziehen von
+dem fremden barbarischen Volke, das in jener Stadt hauset. Von ihren
+Sitten - Gebräuchen - von ihrer Sprache u.s.w. habe ich mir schon
+manches höchst Seltsame erzählen lassen und werde Dir getreulich alles
+mitteilen etc. etc."
+
+Du gewahrst, o mein geliebter Leser, daß man ein großer Gelehrter und
+doch mit sehr gewöhnlichen Erscheinungen im Leben unbekannt sein, und
+doch über Weltbekanntes in die wunderlichsten Träume geraten kann.
+Ptolomäus Philadelphus hatte studiert und kannte nicht einmal
+Studenten und wußte nicht einmal, daß er in dem Dorfe Hoch-Jakobsheim
+saß, das bekanntlich dicht bei der berühmten Universität Kerepes
+liegt, als er seinem Freunde von einer Begebenheit schrieb, die sich
+in seinem Kopfe zum seltsamsten Abenteuer umgeformt hatte. Der gute
+Ptolomäus erschrak, als er Studenten begegnete, die fröhlich und
+guter Dinge über Land zogen zu ihrer Lust. Welche Angst hätte ihn
+überfallen, wäre er eine Stunde früher in Kerepes angekommen, und
+hätte ihn der Zufall vor das Haus des Professors der Naturkunde
+Mosch Terpin geführt! - Hunderte von Studenten hätten, aus dem Hause
+herausströmend, ihn umringt, lärmend disputierend etc., und noch
+wunderliche Träume wären ihm in den Kopf gekommen über diesem Gewirr,
+über diesem Getreibe.
+
+Die Kollegia Mosch Terpins wurden nämlich in ganz Kerepes am
+häufigsten besucht. Er war, wie gesagt, Professor der Naturkunde, er
+erklärte, wie es regnet, donnert, blitzt, warum die Sonne scheint bei
+Tage und der Mond des Nachts, wie und warum das Gras wächst etc., so
+daß jedes Kind es begreifen mußte. Er hatte die ganze Natur in ein
+kleines niedliches Kompendium zusammengefaßt, so daß er sie bequem
+nach Gefallen handhaben und daraus für jede Frage die Antwort wie aus
+einem Schubkasten herausziehen konnte. Seinen Ruf begründete er zuerst
+dadurch, als er es nach vielen physikalischen Versuchen glücklich
+herausgebracht hatte, daß die Finsternis hauptsächlich von Mangel an
+Licht herrühre. Dies, sowie, daß er eben jene physikalischen Versuche
+mit vieler Gewandtheit in nette Kunststückchen umzusetzen wußte und
+gar ergötzlichen Hokuspokus trieb, verschaffte ihm den unglaublichen
+Zulauf. - Erlaube, mein günstiger Leser, daß, da du da viel besser wie
+der berühmte Gelehrte Ptolomäus Philadelphus Studenten kennst, da du
+nichts von seiner träumerischen Furchtsamkeit weist, ich dich nun nach
+Kerepes führe vor das Haus des Professors Mosch Terpin, als er eben
+sein Kollegium beendet. Einer unter den herausströmenden Studenten
+fesselt sogleich deine Aufmerksamkeit. Du gewahrst einen
+wohlgestalteten Jüngling von drei- bis vierundzwanzig Jahren, aus
+dessen dunkel leuchtenden Augen ein innerer reger, herrlicher Geist
+mit beredten Worten spricht. Beinahe keck würde sein Blick zu nennen
+sein, wenn nicht die schwärmerische Trauer, wie sie auf dem ganzen
+blassen Antlitz liegt, einem Schleier gleich die brennenden Strahlen
+verhüllte. Sein Rock von schwarzem feinen Tuch, mit gerissenem Samt
+besetzt, ist beinahe nach altteutscher Art zugeschnitten, wozu der
+zierliche blendendweiße Spitzenkragen, sowie das Samtbarett, das auf
+den schönen kastanienbraunen Locken sitzt, ganz gut paßt. Gar hübsch
+steht ihm diese Tracht deshalb, weil er seinem ganzen Wesen, seinem
+Anstande in Gang und Stellung, seiner bedeutungsvollen Gesichtsbildung
+nach wirklich einer schönen frommen Vorzeit anzugehören scheint
+und man daher nicht eben an die Ziererei denken mag, wie sie
+in kleinlichem Nachäffen mißverstandener Vorbilder in ebenso
+mißverstandenen Ansprüchen der Gegenwart oft an der Tagesordnung ist.
+Dieser junge Mann, der dir, geliebter Leser, auf den ersten Blick
+so wohlgefällt, ist niemand anders als der Student Balthasar,
+anständiger, vermögender Leute Kind, fromm - verständig - fleißig -
+von dem ich dir, o mein Leser, in der merkwürdigen Geschichte, die ich
+aufzuschreiben unternommen, gar vieles zu erzählen gedenke. -
+
+Ernst, in Gedanken vertieft, wie es seine Art war, wandelte Balthasar
+aus dem Kollegium des Professors Mosch Terpin dem Tore zu, um sich,
+statt auf den Fechtboden, in das anmutige Wäldchen zu begeben, das
+kaum ein paar hundert Schritte von Kerepes liegt. Sein Freund Fabian,
+ein hübscher Bursche von muntrem Ansehen und ebensolcher Gesinnung,
+rannte ihm nach und ereilte ihn dicht vor dem Tore.
+
+"Balthasar!" - rief nun Fabian laut, "Balthasar, nun, willst du wieder
+heraus in den Wald und wie ein melancholischer Philister einsam
+umherirren, während tüchtige Burschen sich wacker üben in der edlen
+Fechtkunst! - Ich bitte dich, Balthasar, laß doch endlich ab von
+deinem närrischen, unheimlichen Treiben und sei wieder recht munter
+und froh, wie du es sonst wohl warst. Komm! - wir wollen uns in ein
+paar Gängen versuchen, und willst du denn noch heraus, so lauf' ich
+wohl mit dir."
+
+"Du meinst es gut," erwiderte Balthasar, "du meinst es gut, Fabian,
+und deswegen will ich nicht mit dir grollen, daß du mir manchmal auf
+Steg und Weg nachläufst wie ein Besessener und mich um manche Lust
+bringst, von der du keinen Begriff hast. Du gehörst nun einmal zu den
+seltsamen Leuten, die jeden, den sie einsam wandeln sehn, für einen
+melancholischen Narren halten und ihn auf ihre Weise handhaben und
+kurieren wollen, wie jener Hofschranz den würdigen Prinzen Hamlet, der
+dem Männlein dann, als er versicherte, sich nicht auf das Flötenblasen
+zu verstehen, eine tüchtige Lehre gab. Damit will ich dich, lieber
+Fabian, nun zwar verschonen, übrigens dich aber recht herzlich bitten,
+daß du dir zu deiner edlen Fechterei mit Rapier und Hieber einen
+andern Kumpan suchen und mich ruhig meinen Weg fortwandeln lassen
+mögest." "Nein, nein," rief Fabian lachend, "so entkommst du mir
+nicht, mein teurer Freund! - Willst du mit mir nicht auf den
+Fechtboden, so gehe ich mit dir heraus in das Wäldchen. Es ist die
+Pflicht des treuen Freundes, dich in deinem Trübsinn aufzuheitern.
+Komm nur, lieber Balthasar, komm nur, wenn du es denn nicht anders
+haben willst."
+
+Damit faßte er den Freund unter den Arm und schritt rüstig mit ihm
+von dannen. Balthasar biß in stillem Ingrimm die Zähne zusammen und
+beharrte in finsterm Schweigen, während Fabian in einem Zuge Lustiges
+und Lustiges erzählte. Es lief viel Albernes mit unter, welches immer
+zu geschehen pflegt beim lustigen Erzählen in einem Zuge.
+
+Als sie nun endlich in die kühlen Schatten des duftenden Waldes
+traten, als die Büsche wie in sehnsüchtigen Seufzern flüsterten,
+als die wunderbaren Melodien der rauschenden Bäche, die Lieder des
+Waldgeflügels fernhin tönten und den Widerhall weckten, der ihnen aus
+den Bergen antwortete, da stand Balthasar plötzlich still und rief,
+indem er die Arme weit ausbreitete, als woll' er Baum und Gebüsch
+liebend umfangen: "O, nun ist mir wieder wohl! - unbeschreiblich
+wohl!" - Fabian schaute den Freund etwas verblüfft an, wie einer, der
+nicht klug werden kann aus des andern Rede, der gar nicht weiß, was
+er damit anfangen soll. Da faßte Balthasar seine Hand und rief voll
+Entzücken: "Nicht wahr, Bruder, nun geht dir auch das Herz auf, nun
+begreifst du auch das selige Geheimnis der Waldeinsamkeit?" - "Ich
+verstehe dich nicht ganz, lieber Bruder," erwiderte Fabian, "aber wenn
+du meinst, daß dir ein Spaziergang hier im Walde wohl tut, so bin ich
+völlig deiner Meinung. Gehe ich nicht auch gern spazieren, zumal in
+guter Gesellschaft, in der man ein vernünftiges lehrreiches Gespräch
+führen kann? - Z.B. ist es wohl eine wahre Lust, mit unserm Professor
+Mosch Terpin über Land zu gehen. Der kennt jedes Pflänzchen, jedes
+Gräschen und weiß, wie es heißt mit Namen und in welche Klasse es
+gehört, und versteht sich auf Wind und Wetter -" "Halt ein," rief
+Balthasar, "ich bitte dich, halt ein! - Du berührst etwas, das mich
+toll machen könnte, gäb' es sonst keinen Trost dafür. Die Art, wie
+der Professor über die Natur spricht, zerreißt mein Inneres. Oder
+vielmehr, mich faßt dabei ein unheimliches Grauen, als säh' ich den
+Wahnsinnigen, der in geckenhafter Narrheit König und Herrscher ein
+selbst gedrehtes Strohpüppchen liebkost, wähnend, die königliche Braut
+zu umhalsen! Seine sogenannten Experimente kommen mir vor wie eine
+abscheuliche Verhöhnung des göttlichen Wesens, dessen Atem uns in der
+Natur anweht und in unserm innersten Gemüt die tiefsten heiligsten
+Ahnungen aufregt. Oft gerat' ich in Versuchung, ihm seine Gläser,
+seine Phiolen, seinen ganzen Kram zu zerschmeißen, dächt' ich nicht
+daran, daß der Affe ja nicht abläßt mit dem Feuer zu spielen, bis er
+sich die Pfoten verbrennt. - Sieh, Fabian, diese Gefühle ängstigen
+mich, pressen mir das Herz zusammen in Mosch Terpins Vorlesungen, und
+wohl mag ich euch dann tiefsinniger und menschenscheuer vorkommen als
+jemals. Mir ist dann zumute, als wollten die Häuser über meinem Kopf
+zusammenstürzen, eine unbeschreibliche Angst treibt mich heraus aus
+der Stadt. Aber hier, hier erfüllt bald mein Gemüt eine süße Ruhe.
+Auf den blumigen Rasen gelagert, schaue ich herauf in das weite Blaue
+des Himmels, und über mir, über den jubelnden Wald hinweg ziehen die
+goldnen Wolken wie herrliche Träume aus einer fernen Welt voll seliger
+Freuden! - O mein Fabian, dann erhebt sich aus meiner eignen Brust
+ein wunderbarer Geist, und ich vernehm' es, wie er in geheimnisvollen
+Worten spricht mit den Büschen - mit den Bäumen, mit den Wogen des
+Waldbachs, und nicht vermag ich die Wonne zu nennen, die dann in süßem
+wehmütigen Bangen mein ganzes Wesen durchströmt!" - "Ei," rief Fabian,
+"ei, das ist nun wieder das alte ewige Lied von Wehmut und Wonne und
+sprechenden Bäumen und Waldbächen. Alle deine Verse strotzen von
+diesen artigen Dingen, die ganz passabel ins Ohr fallen und mit Nutzen
+verbraucht werden, sobald man nichts weiter dahinter sucht. - Aber
+sage mir, mein vortrefflichster Melancholikus, wenn dich Mosch Terpins
+Vorlesungen in der Tat so entsetzlich kränken und ärgern, sage mir
+nur, warum in aller Welt du in jede hineinläufst, warum du keine
+einzige versäumst und dann freilich jedesmal stumm und starr mit
+geschlossen Augen dasitzest wie ein Träumender?" - "Frage mich,"
+erwiderte Balthasar, indem er die Augen niederschlug, "frage mich
+darum nicht, lieber Freund! - Eine unbekannte Gewalt zieht mich jeden
+Morgen hinein in Mosch Terpins Haus. Ich fühle im voraus meine Qualen,
+und doch kann ich nicht widerstehen, ein dunkles Verhängnis reißt mich
+fort!" - "Ha - ha," - lachte Fabian hell auf, "ha ha ha - wie fein
+- wie poetisch, wie mystisch! Die unbekannte Gewalt, die dich
+hineinzieht in Mosch Terpins Haus, liegt in den dunkelblauen Augen
+der schönen Candida! - Daß du bis über die Ohren verliebt bist in des
+Professors niedliches Töchterlein, das wissen wir alle längst, und
+darum halten wir dir deine Fantasterei, dein närrisches Wesen zugute.
+Mit Verliebten ist es nun nicht anders. Du befindest dich im ersten
+Stadium der Liebeskrankheit und mußt in späten Jünglingsjahren dich zu
+all den seltsamen Possen bequemen, die wir, ich und viele andere, dem
+Himmel sei es gedankt! ohne ein großes zuschauendes Publikum auf der
+Schule durchmachten. Aber glaube mir, mein süßes Herz -"
+
+Fabian hatte indessen seinen Freund Balthasar wieder beim Arme gefaßt
+und war mit ihm rasch weitergeschritten. Eben jetzt traten sie heraus
+aus dem Dickicht auf den breiten Weg, der mitten durch den Wald
+führte. Da gewahrte Fabian, wie aus der Ferne ein Pferd ohne Reiter,
+in eine Staubwolke gehüllt, herantrabte. - "Hei, hei!" rief er, sich
+in seiner Rede unterbrechend, "hei, hei, da ist eine verfluchte
+Schindmähre durchgegangen und hat ihren Reiter abgesetzt - die müssen
+wir fangen und nachher den Reiter suchen im Walde." Damit stellte er
+sich mitten in den Weg.
+
+Näher und näher kam das Pferd, da war es, als wenn von beiden Seiten
+ein Paar Reitstiefel in der Luft auf und nieder baumelten und auf
+dem Sattel etwas Schwarzes sich rege und bewege. Dicht vor Fabian
+erschallte ein langes gellendes Prrr - Prrr - und in demselben
+Augenblick flogen ihm auch ein Paar Reitstiefel um den Kopf, und
+ein kleines seltsames, schwarzes Ding kugelte hin, ihm zwischen die
+Beine. Mauerstill stand das große Pferd und beschnüffelte mit lang
+vorgestrecktem Halse sein winziges Herrlein, das sich im Sande wälzte
+und endlich mühsam auf die Beine richtete. Dem kleinen Knirps steckte
+der Kopf tief zwischen den hohen Schultern, er war mit seinem Auswuchs
+auf Brust und Rücken, mit seinem kurzen Leibe und seinen hohen
+Spinnenbeinchen anzusehen wie ein auf eine Gabel gespießter Apfel, dem
+man ein Fratzengesicht eingeschnitten. Als nun Fabian dies seltsame
+kleine Ungetüm vor sich stehen sah, brach er in ein lautes Gelächter
+aus. Aber der Kleine drückte sich das Barettlein, das er vom Boden
+aufgerafft, trotzig in die Augen und fragte, indem er Fabian mit
+wilden Blicken durchbohrte, in rauhem, tief heiserem Ton: "Ist dies
+der rechte Weg nach Kerepes?" - "Ja, mein Herr!" antwortete Balthasar
+mild und ernst und reichte dem Kleinen die Stiefel hin, die er
+zusammengesucht hatte. Alles Mühen des Kleinen, die Stiefel
+anzuziehen, blieb vergebens, er stülpte einmal übers andere um und
+wälzte sich stöhnend im Sande. Balthasar stellte beide Stiefel
+aufrecht zusammen, hob den Kleinen sanft in die Höhe und steckte,
+ihn ebenso niederlassend, beide Füßchen in die zu schwere und weite
+Futterale. Mit stolzem Wesen, die eine Hand in die Seite gestemmt, die
+andere ans Barett gelegt, rief der Kleine: "Gratias, mein Herr!" und
+schritt nach dem Pferde hin, dessen Zügel er faßte. Alle Versuche,
+den Steigbügel zu erreichen oder hinaufzuklimmen auf das große Tier,
+blieben indessen vergebens. Balthasar, immer ernst und mild, trat
+hinzu und hob den Kleinen in den Steigbügel. Er mochte sich wohl einen
+zu starken Schwung gegeben haben, denn in demselben Augenblick, als
+er oben saß, lag er auf der andern Seite auch wieder unten. "Nicht so
+hitzig, allerliebster Mosje!" rief Fabian, indem er aufs neue in ein
+schallendes Gelächter ausbrach. "Der Teufel ist Ihr allerliebster
+Mosje," schrie der Kleine ganz erbost, indem er sich den Sand von den
+Kleidern klopfte, "ich bin Studiosus, und wenn Sie desgleichen sind,
+so ist es Tusch, daß Sie mir wie ein Hasenfuß ins Gesicht lachen, und
+Sie müssen sich morgen in Kerepes mit mir schlagen!" "Donner," rief
+Fabian immerfort lachend, "Donner, das ist mal ein tüchtiger Bursche,
+ein Allerweltskerl, was Courage betrifft und echten Komment". Und
+damit hob er den Kleinen, alles Zappelns und Sträubens ungeachtet, in
+die Höhe und setzte ihn aufs Pferd, das sofort mit seinem Herrlein
+lustig wiehernd davontrabte. - Fabian hielt sich beide Seiten, er
+wollte vor Lachen ersticken. - "Es ist grausam," sprach Balthasar,
+"einen Menschen auszulachen, den die Natur auf solche entsetzliche
+Weise verwahrlost hat, wie den kleinen Reiter dort. Ist er wirklich
+Student, so mußt du dich mit ihm schlagen, und zwar, läuft's auch
+sonst gegen alle akademische Sitte, auf Pistolen, da er weder Rapier
+noch Hieber zu führen vermag." - "Wie ernst," sprach Fabian, "wie
+ernst, wie trübselig du das alles wieder nimmst, mein lieber Freund
+Balthasar. Nie ist's mir eingefallen, eine Mißgeburt auszulachen.
+Aber sage mir, darf solch ein knorpliger Däumling sich auf ein Pferd
+setzen, über dessen Hals er nicht wegzuschauen vermag? Darf er die
+Füßlein in solch verrucht weite Stiefeln stecken? darf er eine knapp
+anschließende Kurtka mit tausend Schnüren und Troddeln und Quasten,
+darf er solch ein verwunderliches Samtbarett tragen? darf er solch ein
+hochmütiges, trotziges Wesen annehmen? darf er sich solche barbarische
+heisere Laute abzwingen? - Darf er das alles, frage ich, ohne mit
+Recht als eingefleischter Hasenfuß ausgelacht zu werden? - Aber ich
+muß hinein, ich muß den Rumor mit anschauen, den es geben wird, wenn
+der ritterliche Studiosus einzieht auf seinem stolzen Rosse! Mit
+dir ist doch heute einmal nichts anzufangen! - Gehab' dich wohl!" -
+Spornstreichs rannte Fabian durch den Wald nach der Stadt zurück. -
+Balthasar verließ den offenen Weg und verlor sich in das dichteste
+Gebüsch, da sank er hin auf einen Moossitz, erfaßt, ja überwältigt von
+den bittersten Gefühlen. Wohl mocht' es sein, daß er die holde Candida
+wirklich liebte, aber er hatte diese Liebe wie ein tiefes, zartes
+Geheimnis in dem Innersten seiner Seele vor allen Menschen, ja vor
+sich selbst verschlossen. Als nun Fabian so ohne Hehl, so leichtsinnig
+darüber sprach, war es ihm, als rissen rohe Hände in frechem Übermut
+die Schleier von dem Heiligenbilde herab, die zu berühren er nicht
+gewagt, als müsse nun die Heilige auf ihn selbst ewig zürnen. Ja,
+Fabians Worte schienen ihm eine abscheuliche Verhöhnung seines ganzen
+Wesens, seiner süßesten Träume.
+
+"Also," rief er in Übermaß seines Unmuts aus, "also für einen
+verliebten Gecken hältst du mich, Fabian! - für einen Narren, der in
+Mosch Terpins Vorlesungen läuft, um wenigstens eine Stunde hindurch
+mit der schönen Candida unter einem Dache zu sein, der in dem Walde
+einsam umherstreift, um auf elende Verse zu sinnen an die Geliebte und
+sie noch erbärmlicher aufzuschreiben, der die Bäume verdirbt, alberne
+Namenszüge in ihre glatten Rinden einschneidend, der in Gegenwart des
+Mädchens kein gescheutes Wort zu Markte bringt, sondern nur seufzt und
+ächzt und weinerliche Gesichter schneidet, als litt' er an Krämpfen,
+der verwelkte Blumen, die sie am Busen trug, oder gar den Handschuh,
+den sie verlor, auf der bloßen Brust trägt - kurz, der tausend
+kindische Torheiten begeht! - Und darum, Fabian, neckst du mich, und
+darum lachen mich wohl alle Burschen aus, und darum bin ich samt
+der innern Welt, die mir aufgegangen, vielleicht ein Gegenstand der
+Verspottung. - Und die holde - liebliche herrliche Candida -"
+
+Als er diesen Namen aussprach, fuhr es ihm durchs Herz wie ein
+glühender Dolchstich! - Ach! - eine innere Stimme flüsterte ihm in dem
+Augenblick sehr vernehmlich zu, daß er ja nur eben Candidas wegen in
+Mosch Terpins Haus gehe, daß er Verse mache an die Geliebte, daß er
+ihre Namen einschneide in das Laubholz, daß er in ihrer Gegenwart
+verstumme, seufze, ächze, daß er verwelkte Blumen, die sie verlor, auf
+der Brust trage, daß er mithin ja wirklich in alle Torheiten verfalle,
+wie sie ihm Fabian nur vorrücken könne. - Erst jetzt fühlte er es
+recht, wie unaussprechlich er die schöne Candida liebe, aber auch
+zugleich, daß seltsam genug sich die reinste innigste Liebe im äußern
+Leben etwas geckenhaft gestalte, welches wohl der tiefen Ironie
+zuzurechnen, die die Natur in alles menschliche Treiben gelegt. Er
+mochte recht haben, ganz unrecht war es indessen, daß er sich darüber
+sehr zu ärgern begann. Träume, die ihn sonst umfingen, waren verloren,
+die Stimmen des Waldes klangen ihm wie Hohn und Spott, er rannte
+zurück nach Kerepes.
+
+"Herr Balthasar - mon cher Balthasar" - rief es ihn an. Er schlug den
+Blick auf und blieb festgezaubert stehen, denn ihm entgegen kam der
+Professor Mosch Terpin, der seine Tochter Candida am Arme führte.
+Candida begrüßte den zur Bildsäule Erstarrten mit der heitern
+freundlichen Unbefangenheit, die ihr eigen. "Balthasar, mon cher
+Balthasar," rief der Professor, "Sie sind in der Tat der fleißigste,
+mir der liebste von meinen Zuhörern! - O mein Bester, ich merk' es
+Ihnen an, Sie lieben die Natur mit all ihren Wundern, wie ich, der ich
+einen wahren Narren daran gefressen! - Gewiß wieder botanisiert in
+unserm Wäldchen! - Was Ersprießliches gefunden? - Nun! - lassen Sie
+uns nähere Bekanntschaft machen. - Besuchen Sie mich - jederzeit
+willkommen - Können zusammen experimentieren - Haben Sie schon meine
+Luftpumpe gesehen? - Nun! - mon cher - morgen abend versammelt sich
+ein freundschaftlicher Zirkel in meinem Hause, welcher Tee mit
+Butterbrot konsumieren und sich in angenehmen Gesprächen erlustigen
+wird, vermehren Sie ihn durch Ihre werte Person - Sie werden einen
+sehr anziehenden jungen Mann kennen lernen, der mir ganz besonders
+empfohlen - Bon soir, mon cher - Guten Abend, Vortrefflicher - a
+revoir - Auf Wiedersehen! - Sie kommen doch morgen in die Vorlesung? -
+Nun - mon cher, Adieu!" - Ohne Balthasars Antwort abzuwarten, schritt
+der Professor Mosch Terpin mit seiner Tochter von dannen.
+
+Balthasar hatte in seiner Bestürzung nicht gewagt, die Augen
+aufzuschlagen, aber Candidas Blicke brannten hinein in seine Brust,
+er fühlte den Hauch ihres Atems, und süße Schauer durchbebten sein
+innerstes Wesen.
+
+Entnommen war ihm aller Unmut, er schaute voll Entzücken der holden
+Candida nach, bis sie in den Laubgängen verschwand. Dann kehrte er
+langsam in den Wald zurück, um herrlicher zu träumen als jemals.
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Wie Fabian nicht wußte, was er sagen sollte. - Candida und Jungfrauen,
+die nicht Fische essen dürfen. - Mosch Terpins literarischer Tee. -
+Der junge Prinz.
+
+Fabian gedachte, als er den Richtsteig quer durch den Wald lief, dem
+kleinen wunderlichen Knirps, der vor ihm davongetrabt, doch wohl
+noch zuvorzukommen. Er hatte sich geirrt, denn aus dem Gebüsch
+heraustretend, gewahrte er ganz in der Ferne, wie noch ein anderer
+stattlicher Reiter sich zu dem Kleinen gesellte und wie nun beide
+in das Tor von Kerepes hineinritten. - "Hm!" sprach Fabian zu sich
+selbst, "ist der Nußknacker auf seinem großen Pferde auch schon vor
+mir angelangt, so komme ich doch noch zeitig genug zu dem Spektakel,
+den es geben wird bei seiner Ankunft. Ist das seltsame Ding wirklich
+ein Studiosus, so weiset man nach dem 'Geflügelten Roß' und hält
+er dort an mit seinem gellenden _Prr_ - _Prr!_ - und wirft die
+Reitstiefel voran und sich selbst nach und tut, wenn die Bursche
+lachen, wild und trotzig - nun! dann ist das tolle Possenspiel
+fertig!" -
+
+Als Fabian nun die Stadt erreicht, glaubte er in den Straßen, auf
+dem Wege nach dem "Geflügelten Roß" lauter lachenden Gesichtern
+zu begegnen. Dem war aber nicht so. Alle Leute gingen ruhig und
+ernst vorüber. Ebenso ernsthaft spazierten auf dem Platz vor dem
+"Geflügelten Roß" mehrere Akademiker, die sich dort versammelt,
+miteinander sprechend, auf und nieder. Fabian war überzeugt, daß der
+Kleine wenigstens hier nicht angekommen sein müsse, da gewahrte er,
+einen Blick ins Tor des Gasthauses werfend, daß soeben das sehr
+kennbare Pferd des Kleinen nach dem Stall geführt wurde. Auf den
+ersten besten seiner Bekannten sprang er nun los und fragte, ob denn
+nicht ein ganz seltsamer wunderlicher Knirps herangetrabt sei. - Der,
+den Fabian fragte, wußte ebensowenig etwas davon als die übrigen,
+denen Fabian nun erzählte, was sich mit ihm und dem Däumling, der
+ein Student sein wollen, begeben. Alle lachten sehr, versicherten
+indessen, daß ein solches Ding, wie das, was er beschreibe, keineswegs
+angelangt. Wohl wären aber vor kaum zehn Minuten zwei sehr stattliche
+Reiter auf schönen Pferden im Gasthause zum "Geflügelten Roß"
+abgestiegen. "Saß der eine von ihnen auf dem Pferde, das eben nach dem
+Stall geführt wurde?" so fragte Fabian. "Allerdings," erwiderte einer,
+"allerdings. Der, der auf jenem Pferde saß, war von etwas kleiner
+Statur, aber von zierlichem Körperbau, angenehmen Gesichtszügen und
+hatte die schönsten Lockenhaare, die man sehen kann. Dabei zeigte er
+sich als den vortrefflichsten Reiter, denn er schwang sich mit einer
+Behendigkeit, mit einem Anstande vom Pferde herab, wie der erste
+Stallmeister unseres Fürsten." - "Und," rief Fabian, "und verlor nicht
+die Reitstiefel und kugelte euch nicht vor die Füße?" - "Gott behüte,"
+erwiderten alle einstimmig, "Gott behüte! - was denkst du Bruder!
+solch ein tüchtiger Reiter wie der Kleine!" - Fabian wußte gar nicht,
+was er sagen sollte. Da kam Balthasar die Straße herab. Auf den
+stürzte Fabian los, zog ihn heran und erzählte, wie der kleine Knirps,
+der ihnen vor dem Tor begegnet und vom Pferde herabgefallen, hier eben
+angekommen sei und von allen für einen schönen Mann von zierlichem
+Gliederbau und für den vortrefflichsten Reiter gehalten werde. "Du
+siehst," erwiderte Balthasar ernst und gelassen, "du siehst, lieber
+Bruder Fabian, daß nicht alle so wie du über unglückliche, von der
+Natur verwahrloste Menschen lieblos spottend herfallen." - "Aber du
+mein Himmel," fiel ihm Fabian ins Wort, "hier ist ja gar nicht von
+Spott und Lieblosigkeit die Rede, sondern nur davon, ob ein drei Fuß
+hohes Kerlein, der einem Rettich gar nicht unähnlich, ein schöner
+zierlicher Mann zu nennen?" - Balthasar mußte, was Wuchs und Ansehen
+des kleinen Studenten betraf, Fabians Aussage bestätigen. Die andern
+versicherten, daß der kleine Reiter ein hübscher zierlicher Mann sei,
+wogegen Fabian und Balthasar fortwährend behaupteten, sie hätten nie
+einen scheußlicheren Däumling erblickt. Dabei blieb es, und alle
+gingen voll Verwunderung auseinander.
+
+Der späte Abend brach ein, die beiden Freunde begaben sich zusammen
+nach ihrer Wohnung. Da fuhr es dem Balthasar, selbst wußte er nicht
+wie, heraus, daß er dem Professor Mosch Terpin begegnet, der ihn
+auf den folgenden Abend zu sich geladen. "Ei, du glücklicher," rief
+Fabian, "ei, du überglücklicher Mensch! - da wirst du dein Liebchen,
+die hübsche Mamsell Candida, sehen, hören, sprechen!" - Balthasar,
+aufs neue tief verletzt, riß sich los von Fabian und wollte fort. Doch
+besann er sich, blieb stehen und sprach, seinen Verdruß mit Gewalt
+niederkämpfend: "Du magst recht haben, lieber Bruder, daß du mich
+für einen albernen verliebten Gecken hältst, ich bin es vielleicht
+wirklich. Aber diese Albernheit ist eine tiefe schmerzhafte Wunde, die
+meinem Gemüt geschlagen, und die, auf unvorsichtige Weise berührt,
+im heftigeren Weh mich zu allerlei Tollheit aufreizen könnte. Darum,
+Bruder, wenn du mich wirklich lieb hast, so nenne mir nicht mehr den
+Namen Candida!" - "Du nimmst," erwiderte Fabian, "du nimmst, mein
+lieber Freund Balthasar, die Sache wieder entsetzlich tragisch, und
+anders läßt sich das auch in deinem Zustande nicht erwarten. Aber um
+mit dir nicht in allerlei häßlichen Zwiespalt zu geraten, verspreche
+ich, daß der Name Candida nicht eher über meine Lippen kommen soll,
+bis du selbst mir Gelegenheit dazu gibst. Nur so viel erlaube mir
+heute noch zu sagen, daß ich allerlei Verdruß vorausgehe, in den
+dich dein Verliebtsein stürzen wird. Candida ist ein gar hübsches
+herrliches Mägdlein, aber zu deiner melancholischen, schwärmerischen
+Gemütsart paßt sie ganz und gar nicht. Wirst du näher mit ihr bekannt,
+so wird ihr unbefangenes heitres Wesen dir Mangel an Poesie, die
+du überall vermissest, scheinen. Du wirst in allerlei wunderliche
+Träumereien geraten, und das Ganze wird mit entsetzlichem
+eingebildeten Weh und genügender Verzweiflung tumultuarisch enden.
+- Übrigens bin ich ebenso wie du auf morgen zu unserm Professor
+eingeladen, der uns mit sehr schönen Experimenten unterhalten wird! -
+Nun gute Nacht, fabelhafter Träumer! Schlafe, wenn du schlafen kannst
+vor solch wichtigem Tage wie der morgende!"
+
+Damit verließ Fabian den Freund, der in tiefes Nachdenken versunken.
+- Fabian mochte nicht ohne Grund allerlei pathetische Unglücksmomente
+voraussehen, die sich mit Candida und Balthasar wohl zutragen konnten;
+denn beider Wesen und Gemütsart schien in der Tat Anlaß genug dazu zu
+geben.
+
+Candida war, jeder mußte das eingestehen, ein bildhübsches Mädchen,
+mit recht ins Herz hinein strahlenden Augen und etwas aufgeworfenen
+Rosenlippen. Ob ihre übrigens schönen Haare, die sie in wunderlichen
+Flechten gar fantastisch aufzunesteln wußte, mehr blond oder mehr
+braun zu nennen, habe ich vergessen, nur erinnere ich mich sehr gut
+der seltsamen Eigenschaft, daß sie immer dunkler und dunkler wurden,
+je länger man sie anschaute. Von schlankem hohen Wuchs, leichter
+Bewegung, war das Mädchen, zumal in lebenslustiger Umgebung, die Huld,
+die Anmut selbst, und man übersah es bei so vielem körperlichen Reiz
+sehr gern, daß Hand und Fuß vielleicht kleiner und zierlicher hätten
+gebaut sein können. Dabei hatte Candida Goethes "Wilhelm Meister",
+Schillers Gedichte und Fouqués "Zauberring" gelesen und beinahe alles,
+was darin enthalten, wieder vergessen; spielte ganz passabel das
+Pianoforte, sang sogar zuweilen dazu; tanzte die neuesten Françaisen
+und Gavotten und schrieb die Waschzettel mit einer feinen leserlichen
+Hand. Wollte man durchaus an dem lieben Mädchen etwas aussetzen,
+so war es vielleicht, daß sie etwas zu tief sprach, sich zu fest
+einschnürte, sich zu lange über einen neuen Hut freute und zuviel
+Kuchen zum Tee verzehrte. Überschwenglichen Dichtern war freilich noch
+vieles andere an der hübschen Candida nicht recht, aber was verlangen
+die auch alles. Fürs erste wollen sie, daß das Fräulein über alles,
+was sie von sich verlauten lassen, in ein somnambüles Entzücken
+gerate, tief seufze, die Augen verdrehe, gelegentlich auch wohl was
+weniges ohnmächtle oder gar zurzeit erblinde als höchste Stufe der
+weiblichsten Weiblichkeit. Dann muß besagtes Fräulein des Dichters
+Lieder singen nach der Melodie, die ihm (dem Fräulein) selbst aus dem
+Herzen geströmt, augenblicklich aber davon krank werden und selbst
+auch wohl Verse machen, sich aber sehr schämen, wenn es herauskommt,
+ungeachtet die Dame dem Dichter ihre Verse, auf sehr feinem
+wohlriechenden Papier mit zarten Buchstaben geschrieben, selbst in
+die Hände spielte, der dann auch seinerseits vor Entzücken darüber
+erkrankt, welches ihm gar nicht zu verdenken ist. Es gibt poetische
+Aszetiker, die noch weiter gehen und es aller weiblichen Zartheit
+entgegen finden, daß ein Mädchen lachen, essen und trinken und sich
+zierlich nach der Mode kleiden sollte. Sie gleichen beinahe dem
+heiligen Hieronymus, der den Jungfrauen verbietet Ohrgehänge zu tragen
+und Fische zu essen. Sie sollen, so gebietet der Heilige, nur etwas
+zubereitetes Gras genießen, beständig hungrig sein, ohne es zu fühlen,
+sich in grobe, schlecht genähte Kleider hüllen, die ihren Wuchs
+verbergen, vorzüglich aber eine Person zur Gefährtin wählen, die
+ernsthaft, bleich, traurig und etwas schmutzig ist! -
+
+Candida war durch und durch ein heitres unbefangenes Wesen, deshalb
+ging ihr nichts über ein Gespräch, das sich auf den leichten luftigen
+Schwingen des unverfänglichsten Humors bewegte. Sie lachte recht
+herzlich über alles Drollige; sie seufzte nie, als wenn Regenwetter
+ihr den gehofften Spaziergang verdarb oder, aller Vorsicht ungeachtet,
+der neue Shawl einen Fleck bekommen hatte. Dabei blickte, gab es
+wirklichen Anlaß dazu, ein tiefes inniges Gefühl hindurch, das nie
+in schale Empfindelei ausarten durfte, und so mochte mir und dir,
+geliebter Leser, die wir nicht zu den Überschwenglichen gehören, das
+Mädchen eben ganz recht sein. Sehr leicht konnte es mit Balthasar sich
+anders verhalten! - Doch bald muß es sich ja wohl zeigen, inwiefern
+der prosaische Fabian richtig prophezeit hatte oder nicht! -
+
+Daß Balthasar vor lauter Unruhe, vor unbeschreiblichem süßen Bangen
+die ganze Nacht hindurch nicht schlafen konnte: was war natürlicher
+als das. Ganz erfüllt von dem Bilde der Geliebten, setzte er sich hin
+an den Tisch und schrieb eine ziemliche Anzahl artiger wohlklingender
+Verse nieder, die in einer mystischen Erzählung von der Liebe der
+Nachtigall zur Purpurrose seinen Zustand schilderten. Die wollt' er
+mitnehmen in Mosch Terpins literarischen Tee und damit losfahren auf
+Candidas unbewahrtes Herz, wenn und wie es nur möglich.
+
+Fabian lächelte ein wenig, als er, der Verabredung gemäß, zur
+bestimmten Stunde kam, um seinen Freund Balthasar abzuholen, und ihn
+zierlicher geputzt fand, als er ihn jemals gesehen. Er hatte einen
+gezackten Kragen von den feinsten Brüßler Kanten umgetan, sein kurzes
+Kleid mit geschlitzten Ärmeln war von gerissenem Samt. Und dazu trug
+er französische Stiefeln mit hohen spitzen Absätzen und silbernen
+Fransen, einen englischen Hut vom feinsten Kastor und dänische
+Handschuhe. So war er ganz deutsch gekleidet, und der Anzug stand ihm
+über alle Maßen gut, zumal er sein Haar schön kräuseln lassen und das
+kleine Stutzbärtchen wohl aufgekämmt hatte.
+
+Das Herz bebte dem Balthasar vor Entzücken, als in Mosch Terpins
+Hause Candida ihm entgegentrat, ganz in der Tracht der altdeutschen
+Jungfrau, freundlich, anmutig in Blick und Wort, im ganzen Wesen, wie
+man sie immer zu sehen gewohnt. "Mein holdseligstes Fräulein!" seufzte
+Balthasar aus dem Innersten auf, als Candida, die süße Candida selbst,
+eine Tasse dampfenden Tee ihm darbot. Candida schaute ihn aber an mit
+leuchtenden Augen und sprach: "Hier ist Rum und Maraschino, Zwieback
+und Pumpernickel, lieber Herr Balthasar, greifen Sie doch nur
+gefälligst zu nach Ihrem Belieben!" Statt aber auf Rum und Maraschino,
+Zwieback oder Pumpernickel zu schauen oder gar zuzugreifen, konnte
+der begeisterte Balthasar den Blick voll schmerzlicher Wehmut der
+innigsten Liebe nicht abwenden von der holden Jungfrau und rang nach
+Worten, die aus tiefster Seele aussprechen sollten, was er eben
+empfand. Da faßte ihn aber der Professor der Ästhetik, ein großer
+baumstarker Mann, mit gewaltiger Faust von hinten, drehte ihn herum,
+daß er mehr Teewasser auf den Boden verschüttete, als eben schicklich,
+und rief mit donnernder Stimme: "Bester Lukas Kranach, saufen Sie
+nicht das schnöde Wasser, Sie verderben sich den deutschen Magen total
+- dort im andern Zimmer hat unser tapfere Mosch eine Batterie der
+schönsten Flaschen mit edlem Rheinwein aufgepflanzt, die wollen wir
+sofort spielen lassen!" - Er schleppte den unglücklichen Jüngling
+fort.
+
+Doch aus dem Nebenzimmer trat ihnen der Professor Mosch Terpin
+entgegen, ein kleines, sehr seltsames Männlein an der Hand führend und
+laut rufend: "Hier, meine Damen und Herren, stelle ich Ihnen einen mit
+den seltensten Eigenschaften hochbegabten Jüngling vor, dem es nicht
+schwer fallen wird, sich Ihr Wohlwollen, Ihre Achtung zu erwerben. Es
+ist der junge Herr Zinnober, der erst gestern auf unsere Universität
+gekommen und die Rechte zu studieren gedenkt!" - Fabian und Balthasar
+erkannten auf den ersten Blick den kleinen wunderlichen Knirps, der
+vor dem Tore ihnen entgegengesprengt und vom Pferde gestürzt war.
+
+"Soll ich," sprach Fabian leise zu Balthasar, "soll ich denn noch das
+Alräunchen herausfordern auf Blasrohr oder Schusterpfriem? Anderer
+Waffen kann ich mich doch nicht bedienen wider diesen furchtbaren
+Gegner."
+
+"Schäme dich," erwiderte Balthasar, "schäme dich, daß du den
+verwahrlosten Mann verspottest, der, wie du hörst, die seltensten
+Eigenschaften besitzt und _so_ durch geistigen Wert das ersetzt, was
+die Natur ihm an körperlichen Vorzügen versagte." Dann wandte er sich
+zum Kleinen und sprach: "Ich hoffe nicht, bester Herr Zinnober, daß
+Ihr gestriger Fall vom Pferde etwa schlimme Folgen gehabt haben wird?"
+Zinnober hob sich aber, indem er einen kleinen Stock, den er in der
+Hand trug, hinten unterstemmte, auf den Fußspitzen in die Höhe, so daß
+er dem Balthasar beinahe bis an den Gürtel reichte, warf den Kopf in
+den Nacken, schaute mit wildfunkelnden Augen herauf und sprach in
+seltsam schnurrendem Baßton: "Ich weiß nicht, was Sie wollen, wovon
+Sie sprechen, mein Herr! Vom Pferde gefallen? - _ich_ vom Pferde
+gefallen? - Sie wissen wahrscheinlich nicht, daß ich der beste Reiter
+bin, den es geben kann, daß ich niemals vom Pferde falle, daß ich
+als Freiwilliger unter den Kürassieren den Feldzug mitgemacht und
+Offizieren und Gemeinen Unterricht gab im Reiten auf der Manège! - hm
+hm - vom Pferde fallen - ich vom Pferde fallen!" - Damit wollte er
+sich rasch umwenden, der Stock, auf den er sich gestützt, glitt aber
+aus, und der Kleine torkelte um und um, dem Balthasar vor die Füße.
+Balthasar griff herab nach dem Kleinen, ihm aufzuhelfen, und berührte
+dabei unversehens sein Haupt. Da stieß der Kleine einen gellenden
+Schrei aus, daß es im ganzen Saal widerhallte und die Gäste
+erschrocken auffuhren von ihren Sitzen. Man umringte den Balthasar
+und fragte durcheinander, warum er denn um des Himmels willen so
+entsetzlich geschrieen. "Nehmen Sie es nicht übel, bester Herr
+Balthasar," sprach der Professor Mosch Terpin, "aber das war ein etwas
+wunderlicher Spaß. Denn wahrscheinlich wollten Sie uns doch glauben
+machen, es trete hier jemand einer Katze auf den Schwanz!" "Katze
+Katze - weg mit der Katze!" rief eine nervenschwache Dame und fiel
+sofort in Ohnmacht, und mit dem Geschrei: "Katze - Katze" - rannten
+ein paar alte Herren, die an derselben Idiosynkrasie litten, zur Türe
+hinaus.
+
+Candida, die ihr ganzes Riechfläschchen auf die ohnmächtige Dame
+ausgegossen, sprach leise zu Balthasar: "Aber was richten Sie auch für
+Unheil an mit Ihrem häßlichen gellenden Miau, lieber Herr Balthasar!"
+
+Dieser wußte gar nicht, wie ihm geschah. Glutrot im ganzen Gesicht vor
+Unwillen und Scham, vermochte er kein Wort herauszubringen, nicht zu
+sagen, daß es ja der kleine Herr Zinnober und nicht _er_ gewesen, der
+so entsetzlich gemauzt.
+
+Der Professor Mosch Terpin sah des Jünglings schlimme Verlegenheit.
+Er nahte sich ihm freundlich und sprach: "Nun, nun, lieber Herr
+Balthasar, sein Sie doch nur ruhig. Ich habe wohl alles bemerkt.
+Sich zur Erde bückend, auf allen Vieren hüpfend, ahmten Sie den
+gemißhandelten grimmigen Kater herrlich nach. Ich liebe sonst sehr
+dergleichen naturhistorische Spiele, doch hier im literarischen Tee"
+- "Aber," platzte Balthasar heraus, "aber, vortrefflichster Herr
+Professor, ich war es ja nicht." - "Schon gut - schon gut," fiel ihm
+der Professor in die Rede. Candida trat zu ihnen. "Tröste mir," sprach
+der Professor zu dieser, "tröste mir doch den guten Balthasar, der
+ganz betreten ist über alles Unheil, was geschehen."
+
+Der gutmütigen Candida tat der arme Balthasar, der ganz verwirrt mit
+niedergesenktem Blick vor ihr stand, herzlich leid. Sie reichte ihm
+die Hand und lispelte mit anmutigem Lächeln: "Es sind aber auch recht
+komische Leute, die sich so entsetzlich vor Katzen fürchten."
+
+Balthasar drückte Candidas Hand mit Inbrunst an die Lippen. Candida
+ließ den seelenvollen Blick ihrer Himmelsaugen auf ihm ruhen. Er war
+verzückt in den höchsten Himmel und dachte nicht mehr an Zinnober und
+Katzengeschrei. - Der Tumult war vorüber, die Ruhe wieder hergestellt.
+Am Teetisch saß die nervenschwache Dame und genoß mehreren Zwieback,
+den sie in Rum tunkte, versichernd, an dergleichen erlabe sich das
+von feindlicher Macht bedrohte Gemüt, und dem jähen Schreck folge
+sehnsüchtig Hoffen! -
+
+Auch die beiden alten Herren, denen draußen wirklich ein flüchtiger
+Kater zwischen die Beine gelaufen, kehrten beruhigt zurück und
+suchten, wie mehrere andere, den Spieltisch.
+
+Balthasar, Fabian, der Professor der Ästhetik, mehrere junge Leute
+setzten sich zu den Frauen. Herr Zinnober hatte sich indessen
+eine Fußbank herangerückt und war mittelst derselben auf das Sofa
+gestiegen, wo er nun in der Mitte zwischen zwei Frauen saß und stolze
+funkelnde Blicke um sich warf.
+
+Balthasar glaubte, daß der rechte Augenblick gekommen, mit seinem
+Gedicht von der Liebe der Nachtigall zur Purpurrose hervorzurücken.
+Er äußerte daher mit der gehörigen Verschämtheit, wie sie bei jungen
+Dichtern im Brauch ist, daß er, dürfe er nicht fürchten, Überdruß und
+Langeweile zu erregen, dürfe er auf gütige Nachsicht der geehrten
+Versammlung hoffen, es wagen wolle, ein Gedicht, das jüngste Erzeugnis
+seiner Muse, vorzulesen.
+
+Da die Frauen schon hinlänglich über alles verhandelt, was sich
+Neues in der Stadt zugetragen, die Mädchen den letzten Ball bei dem
+Präsidenten gehörig durchgesprochen und sogar über die Normalform der
+neuesten Hüte einig worden, da die Männer unter zwei Stunden nicht
+auf weitere Speis- und Tränkung rechnen durften, so wurde Balthasar
+einstimmig aufgefordert, der Gesellschaft ja den herrlichen Genuß
+nicht vorzuenthalten.
+
+Balthasar zog das sauber geschriebene Manuskript hervor und las.
+
+Sein eignes Werk, das in der Tat aus wahrhaftem Dichtergemüt mit
+voller Kraft, mit regem Leben hervorgeströmt, begeisterte ihn mehr und
+mehr. Sein Vortrag, immer leidenschaftlicher steigend, verriet die
+innere Glut des liebenden Herzens. Er bebte vor Entzücken, als leise
+Seufzer - manches leise Ach - der Frauen, mancher Ausruf der Männer:
+"Herrlich - vortrefflich - göttlich!" ihn überzeugten, daß sein
+Gedicht alle hinriß.
+
+Endlich hatte er geendet. Da riefen alle: "Welch ein Gedicht! - welche
+Gedanken - welche Fantasie - was für schöne Verse - welcher Wohlklang
+- Dank - Dank Ihnen, bester Herr Zinnober, für den göttlichen Genuß" -
+
+"Was? wie?" rief Balthasar; aber niemand achtete auf ihn, sondern
+stürzte auf Zinnober zu, der sich auf dem Sofa blähte wie ein kleiner
+Puter und mit widriger Stimme schnarchte: "Bitte recht sehr - bitte
+recht sehr - müssen so vorlieb nehmen! - ist eine Kleinigkeit, die ich
+erst vorige Nacht aufschrieb in aller Eil'!" - Aber der Professor der
+Ästhetik schrie: "Vortrefflicher - göttlicher Zinnober! Herzensfreund,
+außer mir bist du der erste Dichter, den es jetzt gibt auf Erden! -
+Komm an meine Brust, schöne Seele!" - Damit riß er den Kleinen vom
+Sofa auf in die Höhe und herzte und küßte ihn. Zinnober betrug sich
+dabei sehr ungebärdig. Er arbeitete mit den kleinen Beinchen auf des
+Professors dickem Bauch herum und quäkte: "Laß mich los - laß mich los
+- es tut mir weh - weh - weh ich kratz' dir die Augen aus - ich beiß'
+dir die Nase entzwei!" - "Nein," rief der Professor, indem er den
+Kleinen niedersetzte auf den Sofa, "nein, holder Freund, keine zu weit
+getriebene Bescheidenheit!" - Mosch Terpin war nun auch vom Spieltisch
+herangetreten, der nahm Zinnobers Händchen, drückte es und sprach sehr
+ernst: "Vortrefflich, junger Mann! - nicht zuviel, nein, nicht genug
+sprach man mir von dem hohen Genius, der Sie beseelt." "Wer ist's,"
+rief nun wieder der Professor der Ästhetik in voller Begeisterung
+aus, "wer ist's von euch Jungfrauen, der dem herrlichen Zinnober sein
+Gedicht, das das innigste Gefühl der reinsten Liebe ausspricht, lohnt
+durch einen Kuß?"
+
+Da stand Candida auf, nahete sich, volle Glut auf den Wangen, dem
+Kleinen, kniete nieder und küßte ihn auf den garstigen Mund mit blauen
+Lippen. "Ja," schrie nun Balthasar, wie vom Wahnsinn plötzlich erfaßt,
+"ja, Zinnober - göttlicher Zinnober, du hast das tiefsinnige Gedicht
+gemacht von der Nachtigall und der Purpurrose, dir gebührt der
+herrliche Lohn, den du erhalten!" -
+
+Und damit riß er den Fabian ins Nebenzimmer hinein und sprach: "Tu mir
+den Gefallen und schaue mich recht fest an und dann sage mir offen und
+ehrlich, ob ich der Student Balthasar bin oder nicht, ob du wirklich
+Fabian bist, ob wir in Mosch Terpins Hause sind, ob wir im Traume
+liegen - ob wir närrisch sind - zupfe mich an der Nase oder rüttle
+mich zusammen, damit ich nur erwache aus diesem verfluchten Spuk!" -
+
+"Wie magst," erwiderte Fabian, "wie magst du dich denn nur so toll
+gebärden aus purer heller Eifersucht, weil Candida den Kleinen küßte.
+Gestehen mußt du doch selbst, daß das Gedicht, welches der Kleine
+vorlas, in der Tat vortrefflich war." - "Fabian," rief Balthasar
+mit dem Ausdruck des tiefsten Erstaunens, "was sprichst du denn?"
+"Nun ja," fuhr Fabian fort, "nun ja, das Gedicht des Kleinen war
+vortrefflich, und gegönnt hab' ich ihm Candidas Kuß. - Überhaupt
+scheint hinter dem seltsamen Männlein allerlei zu stecken, das mehr
+wert ist als eine schöne Gestalt. Aber was auch selbst seine Figur
+betrifft, so kommt er mir jetzt nichts weniger als so abscheulich
+vor wie anfangs. Beim Ablesen des Gedichts verschönerte die innere
+Begeisterung seine Gesichtszüge, so daß er mir oft ein anmutiger
+wohlgewachsener Jüngling zu sein schien, ungeachtet er doch kaum über
+den Tisch hervorragte. Gib deine unnütze Eifersucht auf, befreunde
+dich als Dichter mit dem Dichter!"
+
+"Was," schrie Balthasar voll Zorn, "was? - noch befreunden mit dem
+verfluchten Wechselbalge, den ich erwürgen möchte mit diesen Fäusten?"
+
+"So," sprach Fabian, "so verschließest du dich denn aller Vernunft.
+Doch laß uns in den Saal zurückkehren, wo sich etwas Neues begeben
+muß, da ich laute Beifallsrufe vernehme."
+
+Mechanisch folgte Balthasar dem Freunde in den Saal.
+
+Als sie eintraten, stand der Professor Mosch Terpin allein in
+der Mitte, die Instrumente noch in der Hand, womit er irgendein
+physikalisches Experiment gemacht, starres Staunen im Gesicht. Die
+ganze Gesellschaft hatte sich um den kleinen Zinnober gesammelt, der,
+den Stock untergestemmt, auf den Fußspitzen dastand und mit stolzem
+Blick den Beifall einnahm, der ihm von allen Seiten zuströmte. Man
+wandte sich wieder zum Professor, der ein anderes sehr artiges
+Kunststückchen machte. Kaum war es fertig, als wiederum alle, den
+Kleinen umringend, riefen: "Herrlich - vortrefflich, lieber Herr
+Zinnober!" -
+
+Endlich sprang auch Mosch Terpin zu dem Kleinen hin und rief zehnmal
+stärker als die übrigen: "Herrlich - vortrefflich, lieber Herr
+Zinnober!"
+
+Es befand sich in der Gesellschaft der junge Fürst Gregor, der auf
+der Universität studierte. Der Fürst war von der anmutigsten Gestalt,
+die man nur sehen konnte, und dabei war sein Betragen so edel und
+ungezwungen, daß sich die hohe Abkunft, die Gewohnheit, sich in den
+vornehmsten Kreisen zu bewegen, darin deutlich aussprach.
+
+Fürst Gregor war es nun, der gar nicht von Zinnober wich und ihn als
+den herrlichsten Dichter, den geschicktesten Physiker über alle Maßen
+lobte.
+
+Seltsam war die Gruppe, die beide, zusammenstehend, bildeten. Gegen
+den herrlich gestalteten Gregor stach gar wunderlich das winzige
+Männlein ab, das mit hoch emporgereckter Nase sich kaum auf den
+dünnen Beinchen zu erhalten vermochte. Alle Blicke der Frauen waren
+hingerichtet, aber nicht auf den Fürsten, sondern auf den Kleinen,
+der, sich auf den Fußspitzen hebend, immer wieder herabsank und so
+hinauf und hinunter wankte wie ein Cartesianisches Teufelchen.
+
+Der Professor Mosch Terpin trat zu Balthasar und sprach: "Was sagen
+Sie zu meinem Schützling, zu meinem lieben Zinnober? Viel steckt
+hinter dem Mann, und nun ich ihn so recht anschaue, ahne ich wohl die
+eigentliche Bewandtnis, die es mit ihm haben mag. Der Prediger, der
+ihn erzogen und mir empfohlen hat, drückt sich über seine Abkunft sehr
+geheimnisvoll aus. Betrachten Sie aber nur den edlen Anstand, sein
+vornehmes, ungezwungenes Betragen. Er ist gewiß von fürstlichem
+Geblüt, vielleicht gar ein Königssohn!" - In dem Augenblick wurde
+gemeldet, das Mahl sei angerichtet. Zinnober torkelte ungeschickt
+hin zur Candida, ergriff täppisch ihre Hand und führte sie nach dem
+Speisesaal.
+
+In voller Wut rannte der unglückliche Balthasar durch die finstre
+Nacht, durch Sturmwind und Regen fort, nach Hause.
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+Wie der italienische Geiger Sbiocca den Herrn Zinnober in den
+Kontrabaß zu werfen drohte, und der Referendarius Pulcher nicht zu
+auswärtigen Angelegenheiten gelangen konnte. - Von Maut-Offizianten
+und zurückbehaltenen Wundern fürs Haus. - Balthasars Bezauberung durch
+einen Stockknopf.
+
+Auf einem hervorragenden bemoosten Gestein im einsamsten Walde saß
+Balthasar und schaute gedankenvoll hinab in die Tiefe, in der ein Bach
+schäumend fortbrauste zwischen Felsstücken und dicht verwachsenem
+Gestrüpp. Dunkle Wolken zogen daher und tauchten nieder hinter den
+Bergen; das Rauschen der Bäume, der Gewässer ertönte wie ein dumpfes
+Winseln, und dazwischen kreischten Raubvögel, die aus dem finstern
+Dickicht aufstiegen in den weiten Himmelsraum und sich nachschwangen
+dem fliehenden Gewölk. -
+
+Dem Balthasar war, als vernehme er in den wunderbaren Stimmen des
+Waldes die trostlose Klage der Natur, als müsse er selbst untergehen
+in dieser Klage, als sei sein ganzes Sein nur das Gefühl des tiefsten
+unverwindlichsten Schmerzes. Das Herz wollte ihm springen vor Wehmut,
+und indem häufige Tränen aus seinen Augen tröpfelten, war es, als
+blickten die Geister des Waldstroms zu ihm herauf und streckten
+schneeweiße Arme empor aus den Wellen, ihn hinabzuziehen in den kühlen
+Grund.
+
+Da schwebte aus weiter Ferne durch die Lüfte daher heller fröhlicher
+Hörnerklang und legte sich tröstend an seine Brust, und die Sehnsucht
+erwachte in ihm und mit ihr süßes Hoffen. Er sah umher, und indem die
+Hörner forttönten, dünkten ihm die grünen Schatten des Waldes nicht
+mehr so traurig, nicht mehr so klagend das Rauschen des Windes, das
+Flüstern der Gebüsche. Er kam zu Worten.
+
+"Nein," rief er aus, indem er aufsprang von seinem Sitz und mit
+leuchtendem Blick in die Ferne schaute, "nein, noch verschwand nicht
+alle Hoffnung! - Nur zu gewiß ist es, daß irgendein düstres Geheimnis,
+irgendein böser Zauber verstörend in mein Leben getreten ist, aber
+ich breche diesen Zauber, und sollt' ich darüber untergehen! Als
+ich endlich hingerissen, übermannt von dem Gefühl, das meine Brust
+zersprengen wollte, der holden, süßen Candida meine Liebe gestand, las
+ich denn nicht in ihren Blicken, fühlte ich nicht an dem Druck ihrer
+Hand meine Seligkeit? - Aber sowie das verdammte kleine Ungetüm sich
+sehen läßt, ist ihm alle Liebe zugewandt. An ihr, der vermaledeiten
+Mißgeburt, hängen Candidas Augen, und sehnsüchtige Seufzer entfliehen
+ihrer Brust, wenn der täppische Junge sich ihr nähert oder gar ihre
+Hand berührt. - Es muß mit ihm irgendeine geheimnisvolle Bewandtnis
+haben, und sollt' ich an alberne Ammenmärchen glauben, ich würde
+behaupten, der Junge sei verhext und könne es, wie man zu sagen
+pflegt, den Leuten antun. Ist es nicht toll, daß alle über das
+mißgestaltete, durch und durch verwahrloste Männlein spotten und
+lachen und dann wieder, tritt der Kleine dazwischen, ihn als den
+verständigsten, gelehrtesten, ja wohlgestaltetsten Herrn Studiosum
+ausschreien, der sich eben unter uns befindet? - Was sage ich! geht es
+mir nicht beinahe selbst so, kommt es mir nicht auch oft vor, als sei
+Zinnober gescheut und hübsch? - Nur in Candidas Gegenwart hat der
+Zauber keine Macht über mich, da ist und bleibt Herr Zinnober ein
+dummes, abscheuliches Alräunchen. - Doch! - ich stemme mich entgegen
+der feindlichen Macht, eine dunkle Ahnung ruht tief in meinem Innern,
+irgend etwas Unerwartetes werde mir die Waffe in die Hand geben wider
+den bösen Unhold!" -
+
+Balthasar suchte den Rückweg nach Kerepes. In einem Baumgange
+fortwandernd, bemerkte er auf der Landstraße einen kleinen bepackten
+Reisewagen, aus dem ihm jemand mit einem weißen Tuch freundlich
+zuwinkte. Er trat heran und erkannte Herrn Vincenzo Sbiocca,
+weltberühmten Virtuosen auf der Geige, den er wegen seines
+vortrefflichen ausdrucksvollen Spiels über alle Maßen hochschätzte und
+bei dem er schon seit zwei Jahren Unterricht genommen. "Gut," rief
+Sbiocca, indem er aus dem Wagen sprang, "gut, mein lieber Herr
+Balthasar, mein teurer Freund und Schüler, gut, daß ich Sie hier noch
+treffe, um von Ihnen herzlichen Abschied nehmen zu können."
+
+"Wie," sprach Balthasar, "wie Herr Sbiocca, Sie verlassen doch nicht
+Kerepes, wo alles Sie ehrt und achtet, wo keiner Sie missen mag?"
+
+"Ja," erwiderte Sbiocca, indem ihm alle Glut des innern Zorns ins
+Gesicht trat, "ja, Herr Balthasar, ich verlasse einen Ort, in dem die
+Leute sämtlich närrisch sind, der einem großen Irrenhause gleicht. -
+Sie waren gestern nicht in meinem Konzert, da Sie über Land gegangen,
+sonst hätten Sie mir beistehen können gegen das rasende Volk, dem ich
+unterlegen."
+
+"Was ist geschehen, um tausend Himmels willen, was ist geschehen?"
+rief Balthasar.
+
+"Ich spiele," fuhr Sbiocca fort, "das schwierigste Konzert von Viotti.
+Es ist mein Stolz, meine Freude. Sie haben es von mir gehört, es hat
+Sie nie unbegeistert gelassen. Gestern war ich, wohl mag ich es sagen,
+ganz vorzüglich bei guter Laune - anima mein' ich, heitren Geistes
+- spirito alato mein' ich. Kein Violinspieler auf der ganzen weiten
+Erde, Viotti selbst hätte mir nicht nachgespielt. Als ich geendet,
+bricht der Beifall mit aller Wut los - furore mein' ich, wie ich
+erwartet. Geige unter dem Arm trete ich vor, mich höflichst zu
+bedanken. - Aber! was muß ich sehen, was muß ich hören! - Alles, ohne
+mich nur im mindesten zu beachten, drängt sich nach einer Ecke des
+Saals und schreit: 'Bravo - bravissimo, göttlicher Zinnober! - welch
+ein Spiel - welche Haltung, welcher Ausdruck, welche Fertigkeit!' -
+Ich renne hin, dränge mich durch! - da steht ein drei Spannen hoher
+verwachsener Kerl und schnarrt mit widriger Stimme: 'Bitte, bitte,
+recht sehr, habe gespielt, wie es in meinen Kräften stand, bin
+freilich nunmehr der stärkste Violinist in Europa und den übrigen
+bekannten Weltteilen.' 'Tausend Teufel,' schrie ich, 'wer hat denn
+gespielt, ich oder der Erdwurm da!' - Und als der Kleine immer
+fortschnarcht: 'Bitte, bitte ergebenst,' will ich auf ihn los und ihn
+fassen, in die ganze Applikatur greifend. Aber da stürzen sie auf mich
+los und reden wahnsinniges Zeug von Neid, Eifersucht und Mißgunst.
+Unterdessen ruft einer: 'Und welche Komposition!' und alle einstimmig
+rufen hintendrein: 'Und welche Komposition - göttlicher Zinnober! -
+sublimer Komponist!' Noch ärger als zuvor schrie ich: 'Ist denn alles
+rasend - besessen? das Konzert war von Viotti, und ich - ich - der
+weltberühmte Vincenzo Sbiocca hat es gespielt!' Aber nun packen sie
+mich fest, sprechen von italienischer Tollheit - rabbia mein' ich,
+von seltsamen Zufällen, bringen mich mit Gewalt in ein Nebenzimmer,
+behandeln mich wie einen Kranken, wie einen Wahnsinnigen. Nicht lange
+dauert es, so stürzt Signora Bragazzi hinein und fällt ohnmächtig
+nieder. Ihr war es ergangen wie mir. Sowie sie ihre Arie geendet,
+erdröhnte der Saal von dem: 'Brava - bravissima - Zinnober,' und alle
+schrien, keine solche Sängerin gäb' es mehr auf Erden als Zinnober,
+und der schnarchte wieder sein verfluchtes: 'Bitte - bitte!' -
+Signora Bragazzi liegt im Fieber und wird baldigst verscheiden; ich
+meinesteils rette mich durch die Flucht vor dem wahnsinnigen Volke.
+Leben Sie wohl, bester Herr Balthasar! - Sehn Sie etwa den Signorino
+Zinnober, so sagen Sie ihm gefälligst, er möge sich nicht irgendwo in
+einem Konzert blicken lassen, in dem ich zugegen. Unfehlbar würd' ich
+ihn sonst bei seinen Käferbeinchen packen und durchs F-Loch in den
+Kontrabaß schmeißen, da könne er denn zeit seines Lebens Konzerte
+spielen und Arien singen, wie er nur Lust hätte. Leben Sie wohl,
+mein geliebter Balthasar, und legen Sie die Violine nicht beiseite!"
+- Damit umarmte Herr Vincenzo Sbiocca den vor Staunen erstarrten
+Balthasar und stieg in den Wagen, der schnell davonrollte.
+
+"Hab' ich denn nicht recht," sprach Balthasar zu sich selbst, "hab'
+ich denn nicht recht, das unheimliche Ding, der Zinnober, ist verhext
+und tut es den Leuten an." - In dem Augenblick rannte ein junger
+Mensch vorüber, bleich - verstört, Wahnsinn und Verzweiflung im
+Antlitz. Dem Balthasar fiel es schwer aufs Herz. Er glaubte in dem
+Jünglinge einen seiner Freunde erkannt zu haben und sprang ihm daher
+schnell nach in den Wald.
+
+Kaum zwanzig - dreißig Schritte gelaufen, wurde er den Referendarius
+Pulcher gewahr, der unter einem großen Baume stehen geblieben und
+mit himmelwärts gerichtetem Blick also sprach: "Nein! - nicht länger
+dulden diese Schmach! - Alle Hoffnung des Lebens ist dahin! - jede
+Aussicht nur ins Grab gerichtet - Fahre wohl - Leben - Welt - Hoffnung
+- Geliebte." -
+
+Und damit riß der verzweiflungsvolle Referendarius eine Pistole aus
+dem Busen und drückte sie sich an die Stirne.
+
+Balthasar stürzte mit Blitzesschnelle auf ihn zu, schleuderte ihm die
+Pistole weit weg aus der Hand und rief: "Pulcher! um Gottes willen,
+was ist dir, was tust du!"
+
+Der Referendarius konnte einige Minuten hindurch nicht zu sich selbst
+kommen. Er war halb ohnmächtig niedergesunken auf den Rasen; Balthasar
+hatte sich zu ihm gesetzt und sprach tröstende Worte, wie er es nur
+vermochte, ohne die Ursache von Pulchers Verzweiflung zu wissen.
+
+Hundertmal hatte Balthasar gefragt, was dem Referendarius denn
+Schreckliches geschehen, das den schwarzen Gedanken des Selbstmords
+in ihm rege gemacht. Da seufzte Pulcher endlich tief auf und begann:
+"Du kennst, lieber Freund Balthasar, meine bedrängte Lage, du weißt,
+wie ich all meine Hoffnung auf die Stelle des geheimen Expedienten
+gesetzt, die bei dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten offen;
+du weißt, mit welchem Eifer, mit welchem Fleiß ich mich darauf
+vorbereitet. Ich hatte meine Ausarbeitungen eingereicht, die, wie ich
+zu meiner Freude erfuhr, den vollsten Beifall des Ministers erhalten.
+Mit welcher Zuversicht stellte ich mich heute vormittag zur mündlichen
+Prüfung! - Ich fand im Zimmer einen kleinen, mißgeschaffenen Kerl,
+den du wohl unter dem Namen des Herrn Zinnober kennen wirst. Der
+Legationsrat, dem die Prüfung übertragen, trat mir freundlich entgegen
+und sagte mir, zu derselben Stelle, die ich zu erhalten wünsche, habe
+sich auch Herr Zinnober gemeldet, er werde uns _beide_ daher prüfen.
+Dann raunte er mir leise ins Ohr: 'Sie haben von Ihrem Mitbewerber
+nichts zu befürchten, bester Referendarius, die Arbeiten, die der
+kleine Zinnober eingereicht, sind erbärmlich!' Die Prüfung begann,
+keine Frage des Rats ließ ich unbeantwortet. Zinnober wußte
+nichts, gar nichts; statt zu antworten, schnarchte und quäkte er
+unvernehmliches Zeug, das niemand verstand, fiel auch, indem er
+ungebärdig mit den Beinchen strampelte, ein paarmal vom hohen Stuhl
+herab, so daß ich ihn wieder hinaufheben mußte. Mir bebte das Herz vor
+Vergnügen; die freundlichen Blicke, die der Rat dem Kleinen zuwarf,
+hielt ich für die bitterste Ironie. - Die Prüfung war beendigt. Wer
+schildert meinen Schreck, mir war es, als wenn ein jäher Blitz mich
+klaftertief hineinschlüge in den Boden, als der Rat den Kleinen
+umarmte, zu ihm sprach: 'Herrlicher Mensch! - welche Kenntnis -
+welcher Verstand - welcher Scharfsinn!' - dann zu mir: 'Sie haben mich
+sehr getäuscht, Herr Referendarius Pulcher - Sie wissen ja gar nichts!
+Und - nehmen Sie es mir nicht übel, die Art, wie Sie sich zur Prüfung
+ermutigt haben mögen, läuft gegen alle Sitte, gegen allen Anstand! -
+Sie konnten sich ja gar nicht auf dem Stuhl erhalten, Sie fielen ja
+herab, und Herr Zinnober mußte Sie aufrichten. Diplomatische Personen
+müssen fein nüchtern sein und besonnen. - Adieu, Herr Referendarius!'
+- Noch hielt ich alles für ein tolles Gaukelspiel. Ich wagte es,
+ich ging hin zum Minister. Er ließ mir heraussagen, wie ich mich
+unterstehen könne, ihn noch mit meinem Besuch zu behelligen, nach der
+Art, wie ich mich in der Prüfung bewiesen - er wisse schon alles!
+Der Posten, zu dem ich mich gedrängt, sei schon vergeben an Herrn
+Zinnober! - So hat mir irgendeine höllische Macht alle Hoffnung
+geraubt, und ich will ein Leben freiwillig opfern, das dem dunklen
+Verhängnis anheimgefallen! Verlaß mich!" -
+
+"Nimmermehr," rief Balthasar, "erst höre mich an!"
+
+Er erzählte nun alles, was er von Zinnober wußte seit seiner ersten
+Erscheinung vor dem Tor von Kerepes; wie es ihm mit dem Kleinen
+ergangen im Mosch Terpins Hause; was er eben jetzt von Vincenzo
+Sbiocca vernommen. "Es ist nur zu gewiß," sprach er dann, "daß allem
+Beginnen der unseligen Mißgeburt irgend etwas Geheimnisvolles zum
+Grunde liegt, und glaube mir, Freund Pulcher, - ist irgendein
+höllischer Zauber im Spiele, so kommt es nur darauf an, ihm mit
+festem Sinn entgegen zu treten, der Sieg ist gewiß, wenn nur der Mut
+vorhanden. - Darum nicht verzagt, kein zu rascher Entschluß. Laß uns
+vereint dem kleinen Hexenkerl zu Leibe gehen!" -
+
+"Hexenkerl," rief der Referendarius mit Begeisterung, "ja Hexenkerl,
+ein ganz verfluchter Hexenkerl ist der Kleine, das ist gewiß! - Doch
+Bruder Balthasar, was ist uns denn, liegen wir im Traume? - Hexenwesen
+- Zaubereien - ist es denn damit nicht vorbei seit langer Zeit? Hat
+denn nicht vor vielen Jahren Fürst Paphnutius der Große die Aufklärung
+eingeführt und alles tolle Unwesen, alles Unbegreifliche aus dem Lande
+verbannt, und doch soll noch dergleichen verwünschte Contrebande sich
+eingeschlichen haben? - Wetter! das müßte man ja gleich der Polizei
+anzeigen und den Maut-Offizianten! - Aber nein, nein - nur der
+Wahnsinn der Leute oder, wie ich beinahe fürchte, ungeheure Bestechung
+ist schuld an unserm Unglück. - Der verwünschte Zinnober soll
+unermeßlich reich sein. Er stand neulich vor der Münze, und da zeigten
+die Leute mit Fingern nach ihm und riefen: 'Seht den kleinen hübschen
+Papa! - dem gehört alles blanke Gold, was da drinnen geprägt wird!'"
+
+"Still," erwiderte Balthasar, "still, Freund Referendarius, mit dem
+Golde zwingt es der Unhold nicht, es ist etwas anderes dahinter!
+- Wahr, daß Fürst Paphnutius die Aufklärung einführte zu Nutz
+und Frommen seines Volks, seiner Nachkommenschaft, aber manches
+Wunderbare, Unbegreifliche ist doch noch zurückgeblieben. Ich meine,
+man hat noch so fürs Haus einige hübsche Wunder zurückbehalten.
+Z.B. noch immer wachsen aus lumpichten Samenkörnern die höchsten,
+herrlichsten Bäume, ja sogar die mannigfaltigsten Früchte und
+Getreidearten, womit wir uns den Leib stopfen. Erlaubt man ja wohl
+noch gar den bunten Blumen, den Insekten auf ihren Blättern und
+Flügeln die glänzendsten Farben, selbst die allerverwunderlichsten
+Schriftzüge zu tragen, von denen kein Mensch weiß, ob es Öl ist,
+Guasche oder Aquarellmanier, und kein Teufel von Schreibmeister kann
+die schmucke Kurrentschrift lesen, geschweige denn nachschreiben!
+Hoho! Referendarius, ich sage dir, es geht in meinem Innern zuweilen
+Absonderliches vor! - Ich lege die Pfeife weg und schreite im Zimmer
+auf und ab, und eine seltsame Stimme flüstert, ich sei selbst ein
+Wunder, der Zauberer Mikrokosmus hantiere in mir und treibe mich an zu
+allerlei tollen Streichen! - Aber, Referendarius, dann laufe ich fort
+und schaue hinein in die Natur und verstehe alles, was die Blumen, die
+Gewässer zu mir sprechen, und mich umfängt selige Himmelslust!" -
+
+"Du sprichst im Fieber," rief Pulcher; aber Balthasar, ohne auf ihn zu
+achten, streckte die Arme aus, wie von inbrünstiger Sehnsucht erfaßt,
+nach der Ferne. "Horche doch nur," rief Balthasar, "horche doch nur,
+o Referendarius, welche himmlische Musik im Rauschen des Abendwindes
+durch den Wald ertönt! - Hörst du wohl, wie die Quellen stärker
+erheben ihren Gesang? wie die Büsche, die Blumen einfallen mit
+lieblichen Stimmen?" -
+
+Der Referendarius hielt das Ohr hin, um die Musik zu erhorchen, von
+der Balthasar sprach. "In der Tat," fing er dann an, "in der Tat, es
+wehen Töne durch den Wald, die die anmutigsten, herrlichsten sind,
+welche ich in meinem Leben gehört und die mir tief in die Seele
+dringen. Doch ist es nicht der Abendwind, nicht die Büsche, nicht die
+Blumen sind es, die so singen, vielmehr deucht es mir, als wenn jemand
+in der Ferne die tiefsten Glocken einer Harmonika anstriche."
+
+Pulcher hatte recht. Wirklich glichen die vollen, immer stärker und
+stärker anschwellenden Akkorde, die immer näher hallten, den Tönen
+einer Harmonika, deren Größe und Stärke aber unerhört sein mußte. Als
+nun die Freunde weiter vorschritten, bot sich ihnen ein Schauspiel
+dar, so zauberhaft, daß sie vor Erstaunen erstarrt - fest gewurzelt -
+stehen blieben. In geringer Entfernung fuhr ein Mann langsam durch den
+Wald, beinahe chinesisch gekleidet, nur trug er ein weitbauschiges
+Barett mit schönen Schwungfedern auf dem Haupte. Der Wagen glich
+einer offenen Muschel von funkelndem Kristall, die beiden hohen Räder
+schienen von gleicher Masse. Sowie sie sich drehten, erklangen die
+herrlichen Harmonikatöne, die die Freunde schon aus der Ferne gehört.
+Zwei schneeweiße Einhörner mit goldenem Geschirr zogen den Wagen, auf
+dem statt des Fuhrmanns ein Silberfasan saß, die goldnen Leinen im
+Schnabel haltend. Hintenauf saß ein großer Goldkäfer, der mit den
+flimmernden Flügeln flatternd, dem wunderbaren Mann in der Muschel
+Kühlung zuzuwehen schien. Sowie er bei den Freunden vorüberkam, nickte
+er ihnen freundlich zu. In dem Augenblick fiel aus dem funkelnden
+Knopf des langen Rohrs, das der Mann in der Hand trug, ein Strahl auf
+Balthasar, so daß er einen brennenden Stich tief in der Brust fühlte
+und mit einem dumpfen Ach! zusammenfuhr. -
+
+Der Mann blickte ihn an und lächelte und winkte noch freundlicher als
+zuvor. Sowie das zauberische Fuhrwerk im dichten Gebüsch verschwand,
+noch im sanften Nachhallen der Harmonikatöne, fiel Balthasar, ganz
+außer sich vor Wonne und Entzücken, dem Freunde um den Hals und rief:
+"Referendarius, wir sind gerettet! - jener ist's, der Zinnobers
+versuchten Zauber bricht!" -
+
+"Ich weiß nicht," sprach Pulcher, "ich weiß nicht, wie mir in diesem
+Augenblick zumute, ob ich wache, ob ich träume; aber so viel ist
+gewiß, daß ein unbekanntes Wonnegefühl mich durchdringt und daß Trost
+und Hoffnung in meine Seele wiederkehrt."
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+Wie Fürst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger Goldwasser
+frühstückte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose bekam und den
+Geheimen Sekretär Zinnober zum Geheimen Spezialrat erhob. - Die
+Bilderbücher des Doktors Prosper Alpanus. - Wie ein Portier den
+Studenten Fabian in den Finger biß, dieser ein Schleppkleid trug und
+deshalb verhöhnt wurde. - Balthasars Flucht.
+
+Es ist nicht länger zu verhehlen, daß der Minister der auswärtigen
+Angelegenheiten, bei dem Herr Zinnober als Geheimer Expedient
+angenommen, ein Abkömmling jenes Barons Prätextatus von Mondschein
+war, der den Stammbaum der Fee Rosabelverde in den Turnierbüchern und
+Chroniken vergebens suchte. Er hieß wie sein Ahnherr Prätextatus von
+Mondschein, war von der feinsten Bildung, den angenehmsten Sitten,
+verwechselte niemals das Mich und Mir, das Ihnen und Sie, schrieb
+seinen Namen mit französischen Lettern sowie überhaupt eine leserliche
+Hand und arbeitete sogar zuweilen selbst, vorzüglich wenn das Wetter
+schlecht war. Fürst Barsanuph, ein Nachfolger des großen Paphnutz,
+liebte ihn zärtlich, denn er hatte auf jede Frage eine Antwort,
+spielte in den Erholungsstunden mit dem Fürsten Kegel, verstand sich
+herrlich aufs Geld-Negoz und suchte in der Gavotte seinesgleichen.
+
+Es gab sich, daß der Baron Prätextatus von Mondschein den Fürsten
+eingeladen hatte zum Frühstück auf Leipziger Lerchen und ein Gläschen
+Danziger Goldwasser. Als er nun hinkam in Mondscheins Haus, fand er im
+Vorsaal unter mehreren angenehmen diplomatischen Herren den kleinen
+Zinnober, der, auf seinem Stock gestemmt, ihn mit seinen Äugelein
+anfunkelte und, ohne sich weiter an ihn zu kehren, eine gebratene
+Lerche ins Maul steckte, die er soeben vom Tische gemaust. Sowie der
+Fürst den Kleinen erblickte, lächelte er ihn gnädig an und sprach zum
+Minister: "Mondschein! was haben Sie da für einen kleinen, hübschen,
+verständigen Mann in Ihrem Hause? - Es ist gewiß derselbe, der die
+wohl stilisierten und schön geschriebenen Berichte verfertigt, die ich
+seit einiger Zeit von Ihnen erhalte?" "Allerdings, gnädigster Herr,"
+erwiderte Mondschein. "Mir hat das Geschick ihn zugeführt als den
+geistreichsten, geschicktesten Arbeiter in meinem Bureau. Er nennt
+sich Zinnober, und ich empfehle den jungen herrlichen Mann ganz
+vorzüglich Ihrer Huld und Gnade, mein bester Fürst! - Erst seit
+wenigen Tagen ist er bei mir." "Und ebendeshalb," sprach ein junger
+hübscher Mann, der sich indessen genähert, "und ebendeshalb hat, wie
+Ew. Exzellenz zu bemerken erlauben werden, mein kleiner Kollege noch
+gar nichts expediert. Die Berichte, die das Glück hatten, von Ihnen,
+mein durchlauchtigster Fürst, mit Wohlgefallen bemerkt zu werden, sind
+von mir verfaßt." "Was wollen Sie!" fuhr der Fürst ihn zornig an. -
+Zinnober hatte sich dicht an den Fürsten geschoben und schmatzte, die
+Lerche verzehrend, vor Gier und Appetit. - Der junge Mensch war es
+wirklich, der jene Berichte verfaßt, aber: "Was wollen Sie," rief der
+Fürst, "Sie haben ja noch gar nicht die Feder angerührt? - Und daß Sie
+dicht bei mir gebratene Lerchen verzehren, so daß, wie ich zu meinem
+großen Ärger bemerken muß, meine neue Kasimirhose bereits einen
+Butterfleck bekommen, daß Sie dabei so unbillig schmatzen, ja! -
+alles das beweiset hinlänglich Ihre völlige Untauglichkeit zu jeder
+diplomatischen Laufbahn! - Gehen Sie fein nach Hause und lassen Sie
+sich nicht wieder vor mir sehen, es sei denn, Sie brächten mir eine
+nützliche Fleckkugel für meine Kasimirhose. - Vielleicht wird mir dann
+wieder gnädig zumute!" Dann zum Zinnober: "Solche Jünglinge, wie Sie,
+werter Zinnober, sind eine Zierde des Staats und verdienen ehrenvoll
+ausgezeichnet zu werden! - Sie sind Geheimer Spezialrat, mein Bester!"
+- "Danke schönstens," schnarrte Zinnober, indem er den letzten Bissen
+hinunterschluckte und sich das Maul wischte mit beiden Händchen,
+"danke schönstens, ich werd' das Ding schon machen, wie es mir
+zukommt."
+
+"Wackres Selbstvertrauen," sprach der Fürst mit erhobener Stimme,
+"wackres Selbstvertrauen zeugt von der innern Kraft, die dem würdigen
+Staatsmann inwohnen muß!" - Und auf diesen Spruch nahm der Fürst ein
+Schnäpschen Goldwasser, welches der Minister selbst ihm darreichte und
+das ihm sehr wohl bekam. - Der neue Rat mußte Platz nehmen zwischen
+dem Fürsten und Minister. Er verzehrte unglaublich viel Lerchen und
+trank Malaga und Goldwasser durcheinander und schnarrte und brummte
+zwischen den Zähnen und hantierte, da er kaum mit der spitzen Nase
+über den Tisch reichen konnte, gewaltig mit den Händchen und Beinchen.
+
+Als das Frühstück beendigt, riefen beide, der Fürst und der Minister:
+"Er ist ein englischer Mensch, dieser Geheime Spezialrat!" - "Du
+siehst," sprach Fabian zu seinem Freunde Balthasar, "du siehst so
+fröhlich aus, deine Blicke leuchten in besonderen Feuer. - Du fühlst
+dich glücklich? - Ach, Balthasar, du träumst vielleicht einen schönen
+Traum, aber ich muß dich daraus erweckendes ist Freundes Pflicht!"
+
+"Was hast du, was ist geschehen?" fragte Balthasar bestürzt.
+
+"Ja," fuhr Fabian fort, "ja! - ich muß es dir sagen! Fasse dich
+nur, mein Freund! - Bedenke, daß vielleicht kein Unfall in der Welt
+schmerzlicher trifft und doch leichter zu verwinden ist, als eben
+dieser! - Candida" -
+
+"Um Gott," schrie Balthasar entsetzt, "Candida! - was ist mit Candida?
+- ist sie hin - ist sie tot?"
+
+"Ruhig," sprach Fabian weiter, "ruhig, mein Freund! - nicht tot
+ist Candida, aber so gut als tot für dich! - Wisse, daß der kleine
+Zinnober Geheimer Spezialrat geworden und so gut als versprochen ist
+mit der schönen Candida, die, Gott weiß wie, in ihn ganz vernarrt sein
+soll."
+
+Fabian glaubte, daß Balthasar nun losbrechen werde in ungestüme,
+verzweiflungsvolle Klagen und Verwünschungen. Statt dessen sprach er
+mit ruhigem Lächeln: "Ist es nichts weiter als das, so gibt es keinen
+Unfall, der mich betrüben könnte."
+
+"Du liebst Candida nicht mehr?" fragte Fabian voll Erstaunen.
+
+"Ich liebe," erwiderte Balthasar, "ich liebe das Himmelskind, das
+herrliche Mädchen mit aller Inbrunst, mit aller Schwärmerei, die nur
+in eines Jünglings Brust sich entzünden kann! Und ich weiß - ach ich
+weiß es, daß Candida mich wieder liebt, daß nur ein verruchter Zauber
+sie umstrickt hält, aber bald löse ich die Bande dieses Hexenwesens,
+bald vernichte ich den Unhold, der die Arme betört." -
+
+Balthasar erzählte nun dem Freunde ausführlich von dem wunderbaren
+Mann, dem er in dem seltsamsten Fuhrwerk im Walde begegnet. Er
+schloß damit, daß, sowie aus dem Stockknopf des zauberischen Wesens
+ein Strahl in seine Brust gefunkelt, der feste Gedanken in ihm
+aufgegangen, daß Zinnober nichts sei als ein Hexenmännlein, dessen
+Macht jener Mann vernichten werde.
+
+"Aber," rief Fabian, als der Freund geendet, "aber Balthasar, wie
+kannst du nur auf solches tolles, wunderliches Zeug verfallen? - Der
+Mann, den du für einen Zauberer hältst, ist niemand anders als der
+Doktor Prosper Alpanus, der unfern der Stadt auf seinem Landhause
+wohnt. Wahr ist es, daß die wunderlichsten Gerüchte von ihm verbreitet
+werden, so daß man ihn beinahe für einen zweiten Cagliostro halten
+möchte; aber daran ist er selbst schuld. Er liebt es, sich in
+mystisches Dunkel zu hüllen, den Schein eines mit den tiefsten
+Geheimnissen der Natur vertrauten Mannes anzunehmen, der unbekannten
+Kräften gebietet, und dabei hat er die bizarrsten Einfälle. So ist
+zum Beispiel sein Fuhrwerk so seltsam beschaffen, daß ein Mensch, der
+von lebhafter feuriger Fantasie ist, wie du, mein Freund, wohl dahin
+gebracht werden kann, alles für eine Erscheinung aus irgendeinem
+tollen Märchen zu halten. Höre also! - Sein Kabriolett hat die Form
+einer Muschel und ist über und über versilbert, zwischen den Rädern
+ist eine Drehorgel angebracht, welche, sowie der Wagen fährt, von
+selbst spielt. Das, was du für einen Silberfasan hieltest, war gewiß
+sein kleiner weißgekleideter Jockey, so wie du gewiß die Blätter des
+ausgespreiteten Sonnenschirms für die Flügeldecken eines Goldkäfers
+hieltest. Seinen beiden weißen Pferdchen läßt er große Hörner
+anschrauben, damit es nur recht fabelhaft aussehn soll. Übrigens ist
+es richtig, daß der Doktor Alpanus ein schönes spanisches Rohr trägt
+mit einem herrlich funkelnden Kristall, der oben darauf sitzt als
+Knopf und von dessen wunderlicher Wirkung man viel Fabelhaftes erzählt
+oder vielmehr lügt. Den Strahl dieses Kristalls soll nämlich kaum ein
+Auge ertragen. Verhüllt ihn der Doktor mit einem dünnen Schleier und
+richtet man nun den festen Blick darauf, so soll das Bild der Person,
+das man in dem innersten Gedanken trägt, außerhalb wie in einem
+Hohlspiegel erscheinen." "In der Tat," fiel Balthasar dem Freunde ins
+Wort, "in der Tat? Erzählt man das? - Was spricht man denn wohl noch
+weiter von dem Herrn Doktor Prosper Alpanus?"
+
+"Ach," erwiderte Fabian, "verlange doch nur nicht, daß ich von den
+tollen Fratzen und Possen viel reden soll. Du weißt ja, daß es noch
+bis jetzt abenteuerliche Leute gibt, die der gesunden Vernunft
+entgegen an alle sogenannte Wunder alberner Ammenmärchen glauben."
+
+"Ich will dir gestehen," fuhr Balthasar fort, "daß ich genötigt bin,
+mich selbst zu der Partie dieser abenteuerlichen Leute ohne gesunde
+Vernunft zu schlagen. Versilbertes Holz ist kein glänzendes
+durchsichtiges Kristall, eine Drehorgel tönt nicht wie eine Harmonika,
+ein Silberfasan ist kein Jockey und ein Sonnenschirm kein Goldkäfer.
+Entweder war der wunderbare Mann, dem ich begegnete, nicht der Doktor
+Prosper Alpanus, von dem du sprichst, oder der Doktor herrscht
+wirklich über die außerordentlichsten Geheimnisse."
+
+"Um," sprach Fabian, "um dich ganz von deinen seltsamen Träumereien zu
+heilen, ist es am besten, daß ich dich geradezu hinführe zu dem Doktor
+Prosper Alpanus. Dann wirst du es selbst verspüren, daß der Herr
+Doktor ein ganz gewöhnlicher Arzt ist und keineswegs spazieren fährt
+mit Einhörnern, Silberfasanen und Goldkäfern."
+
+"Du sprichst," erwiderte Balthasar, indem ihm die Augen hell
+auffunkelten, "du sprichst, mein Freund, den innigsten Wunsch meiner
+Seele aus. - Wir wollen uns nur gleich auf den Weg machen."
+
+Bald standen sie vor dem verschlossenen Gattertor des Parks, in
+dessen Mitte das Landhaus des Doktor Alpanus lag. "Wie kommen wir nur
+hinein?" sprach Fabian. "Ich denke, wir klopfen," erwiderte Balthasar
+und faßte den metallenen Klöpfel, der dicht beim Schlosse angebracht
+war.
+
+Sowie er den Klöpfel aufhob, begann ein unterirdisches Murmeln wie
+ein ferner Donner und schien zu verhallen in der tiefsten Tiefe. Das
+Gattertor drehte sich langsam auf, sie traten ein und wanderten fort
+durch einen langen, breiten Baumgang, durch den sie das Landhaus
+erblickten. "Spürst du," sprach Fabian, "hier etwas Außerordentliches,
+Zauberisches?" "Ich dächte," erwiderte Balthasar, "die Art, wie sich
+das Gattertor öffnete, wäre doch nicht so ganz gewöhnlich gewesen,
+und dann weiß ich nicht, wie mich hier alles so wunderbar, so magisch
+anspricht. - Gibt es denn wohl auf weit und breit solche herrliche
+Bäume als eben hier in diesem Park? - Ja, mancher Baum, manches
+Gebüsch scheint ja mit seinen glänzenden Stämmen und smaragdenen
+Blättern einem fremden unbekannten Lande anzugehören." -
+
+Fabian bemerkte zwei Frösche von ungewöhnlicher Größe, die schon von
+dem Gattertor an zu beiden Seiten der Wandelnden mitgehüpft waren.
+"Schöner Park," rief Fabian, "in dem es solch Ungeziefer gibt!" und
+bückte sich nieder, um einen kleinen Stein aufzuheben, mit dem er nach
+den lustigen Fröschen zu werfen gedachte. Beide sprangen ins Gebüsch
+und guckten ihn mit glänzenden menschlichen Augen an. "Wartet,
+wartet!" rief Fabian, zielte nach dem einen und warf. In dem
+Augenblick quäkte aber ein kleines häßliches Weib, das am Wege saß:
+"Grobian! schmeiß' Er nicht ehrliche Leute, die hier im Garten mit
+saurer Arbeit ihr bißchen Brot verdienen müssen." - "Komm nur, komm,"
+murmelte Balthasar entsetzt, denn er merkte wohl, daß der Frosch sich
+gestaltet zum alten Weibe. Ein Blick ins Gebüsch überzeugte ihn, daß
+der andere Frosch, jetzt ein kleines Männlein geworden, sich mit
+Ausjäten des Unkrauts beschäftigte. -
+
+Vor dem Landhause befand sich ein großer schöner Rasenplatz, auf dem
+die beiden Einhörner weideten, während die herrlichsten Akkorde in den
+Lüften erklangen.
+
+"Siehst du wohl, hörst du wohl?" sprach Balthasar.
+
+"Ich sehe nichts weiter," erwiderte Fabian, "als zwei kleine Schimmel,
+die Gras fressen, und was so in den Lüften tönt, sind wahrscheinlich
+aufgehängte Äolsharfen."
+
+Die herrliche einfache Architektur des mäßig großen, einstöckigen
+Landhauses entzückte den Balthasar. Er zog an der Klingelschnur,
+sogleich ging die Türe auf, und ein großer straußartiger, ganz
+goldgelb gleißender Vogel stand als Portier vor den Freunden.
+
+"Nun seh'," sprach Fabian zu Balthasar, "nun seh' einmal einer die
+tolle Livree! - Will man auch nachher dem Kerl ein Trinkgeld geben,
+hat er wohl eine Hand, es in die Westentasche zu schieben?"
+
+Und damit wandte er sich zu dem Strauß, packte ihn bei den glänzenden
+Flaumfedern, die unter dem Schnabel an der Kehle wie ein reiches Jabot
+sich aufplusterten, und sprach: "Meld' Er uns bei dem Herrn Doktor,
+mein scharmanter Freund!" - Der Strauß sagte aber nichts als:
+_"Quirrrr"_ - und biß den Fabian in den Finger. "Tausend Sapperment,"
+schrie Fabian, "der Kerl ist doch wohl am Ende ein verfluchter Vogel!"
+
+In demselben Augenblick ging eine innere Türe auf, und der Doktor
+selbst trat den Freunden entgegen. - Ein kleiner dünner, blasser Mann!
+- Er trug ein kleines samtnes Mützchen auf dem Haupte, unter dem
+schönes Haar in langen Locken hervorströmte, ein langes erdgelbes
+indisches Gewand und kleine rote Schnürstiefelchen, ob mit buntem
+Pelz oder dem glänzenden Federbalg eines Vogels besetzt, war nicht
+zu unterscheiden. Auf seinem Antlitz lag die Ruhe, die Gutmütigkeit
+selbst, nur schien es seltsam, daß, wenn man ihn recht nahe, recht
+scharf anblickte, es war, als schaue aus dem Gesicht noch ein
+kleineres Gesichtchen wie aus einem gläsernen Gehäuse heraus.
+
+"Ich erblickte," sprach nun leise und etwas gedehnt mit anmutigem
+Lächeln Prosper Alpanus, "ich erblickte Sie, meine Herrn, aus dem
+Fenster, ich wußte auch wohl schon früher, wenigstens was Sie
+betrifft, lieber Herr Balthasar, daß Sie zu mir kommen würden. -
+Folgen Sie mir gefälligst!" -
+
+Prosper Alpanus führte sie in ein hohes rundes Zimmer, rings umher mit
+himmelblauen Gardinen behängt. Das Licht fiel durch ein oben in der
+Kuppel angebrachtes Fenster herab und warf seine Strahlen auf den
+glänzend polierten, von einer Sphinx getragenen Marmortisch, der
+mitten im Zimmer stand. Sonst war durchaus nichts Außerordentliches in
+dem Gemach zu bemerken.
+
+"Worin kann ich Ihnen dienen?" fragte Prosper Alpanus.
+
+Da faßte sich Balthasar zusammen, erzählte, was sich mit dem kleinen
+Zinnober begeben von seinem ersten Erscheinen in Kerepes an, und
+schloß mit der Versicherung, wie in ihm der feste Gedanke aufgegangen,
+daß er, Prosper Alpanus, der wohltätige Magus sei, der Zinnobers
+verworfenem, abscheulichem Zauberwerk Einhalt tun werde.
+
+Prosper Alpanus blieb schweigend in tiefen Gedanken stehen. Endlich,
+nachdem wohl ein paar Minuten vergangen, begann er mit ernster
+Miene und tiefem Ton: "Nach allem, was Sie mir erzählt, Balthasar,
+unterliegt es gar keinem Zweifel, daß es mit dem kleinen Zinnober eine
+besondere geheimnisvolle Bewandtnis hat. - Aber man muß fürs erste den
+Feind kennen, den man bekämpfen, die Ursache wissen, deren Wirkung man
+zerstören will. - Es steht zu vermuten, daß der kleine Zinnober nichts
+anders ist, als ein Wurzelmännlein. Wir wollen doch gleich nachsehen."
+
+Damit zog Prosper Alpanus an einer von den seidenen Schnüren, die rund
+umher an der Decke des Zimmers herabhingen. Eine Gardine rauschte
+auseinander, große Folianten in ganz vergoldeten Einbänden wurden
+sichtbar, und eine zierliche, luftig leichte Treppe von Zedernholz
+rollte hinab. Prosper Alpanus stieg diese Treppe heran und holte aus
+der obersten Reihe einen Folianten, den er auf den Marmortisch legte,
+nachdem er ihn mit einem großen Büschel blinkender Pfauenfedern
+sorgfältig abgestaubt. "Dies Werk," sprach er dann, "handelt von den
+Wurzelmännern, die sämtlich darin abgebildet; vielleicht finden Sie
+Ihren feindlichen Zinnober darunter, und dann ist er in unsere Hände
+geliefert."
+
+Als Prosper Alpanus das Buch aufschlug, erblickten die
+Freunde eine Menge sauber illuminierter Kupfertafeln, die die
+allerverwunderlichsten mißgestaltetsten Männlein mit den tollsten
+Fratzengesichtern darstellten, die man nur sehen konnte. Aber sowie
+Prosper eins dieser Männlein auf dem Blatt berührte, wurd' es
+lebendig, sprang heraus und gaukelte und hüpfte auf dem Marmortisch
+gar possierlich umher und schnappte mit den Fingerchen und machte mit
+den krummen Beinchen die allerschönsten Pirouetten und Entrechats
+und sang dazu Quirr, Quapp, Pirr, Papp, bis es Prosper bei dem Kopfe
+ergriff und wieder ins Buch legte, wo es sich alsbald ausglättete und
+ausplättete zum bunten Bilde.
+
+Auf dieselbe Weise wurden alle Bilder des Buchs durchgesehen, aber so
+oft schon Balthasar rufen wollte: "Dies ist er, dies ist Zinnober!" so
+mußte er doch, genauer hinblickend, zu seinem Leidwesen wahrnehmen,
+daß das Männlein keinesweges Zinnober war.
+
+"Das ist doch wunderlich genug," sprach Prosper Alpanus, als das Buch
+zu Ende. - "Doch," fuhr er fort, "mag Zinnober vielleicht gar ein
+Erdgeist sein. Sehen wir nach."
+
+Damit hüpfte er mit seltener Behendigkeit abermals die Zederntreppe
+herauf, holte einen andern Folianten, stäubte ihn säuberlich ab, legte
+ihn auf den Marmortisch und schlug ihn auf, sprechend: "Dies Werk
+handelt von den Erdgeistern, vielleicht haschen wir den Zinnober in
+diesem Buche." Die Freunde erblickten wiederum eine Menge sauber
+illuminierter Kupfertafeln, die abscheulich häßliche braungelbe
+Unholde darstellten. Und wie sie Prosper Alpanus berührte, erhoben sie
+weinerlich quäkende Klagen und krochen endlich schwerfällig heraus und
+wälzten sich knurrend und ächzend auf dem Marmortische herum, bis der
+Doktor sie wieder hineindrückte ins Buch.
+
+Auch unter diesen hatte Balthasar den Zinnober nicht gefunden.
+
+"Wunderlich, höchst wunderlich," sprach der Doktor und versank in
+stummes Nachdenken.
+
+"Der Käferkönig," fuhr er dann fort, "der Käferkönig kann es
+nicht sein, denn der ist, wie ich gewiß weiß, eben jetzt anderswo
+beschäftigt; Spinnenmarschall auch nicht, denn Spinnenmarschall ist
+zwar häßlich, aber verständig und geschickt, lebt auch von seiner
+Hände Arbeit, ohne sich andrer Taten anzumaßen. - Wunderlich - sehr
+wunderlich." -
+
+Er schwieg wieder einige Minuten, so daß man allerlei wunderbare
+Stimmen, die bald in einzelnen Lauten, bald in vollen anschwellenden
+Akkorden ringsumher ertönten, deutlich vernahm. "Sie haben überall
+und immerfort recht artige Musik, lieber Herr Doktor," sprach Fabian.
+Prosper Alpanus schien gar nicht auf Fabian zu achten, er faßte nur
+den Balthasar ins Auge, indem er erst beide Arme nach ihm ausstreckte
+und dann die Fingerspitzen gegen ihn hin bewegte, als besprenge er ihn
+mit unsichtbaren Tropfen.
+
+Endlich faßte der Doktor Balthasars beide Hände und sprach mit
+freundlichem Ernst: "Nur die reinste Konsonanz des psychischen
+Prinzips im Gesetz des Dualismus begünstigt die Operation, die ich
+jetzt unternehmen werde. Folgen Sie mir!" -
+
+Die Freunde folgten dem Doktor durch mehrere Zimmer, die außer einigen
+seltsamen Tieren, die sich mit Lesen - Schreiben - Malen - Tanzen
+beschäftigten, eben nichts Merkwürdiges enthielten, bis sich zwei
+Flügeltüren öffneten, und die Freunde vor einen dichten Vorhang
+traten, hinter den Prosper Alpanus verschwand und sie in dicker
+Finsternis ließ. Der Vorhang rauschte auseinander, und die Freunde
+befanden sich in einem, wie es schien, eirunden Saal, in dem ein
+magisches Helldunkel verbreitet. Es war, betrachtete man die Wände,
+als verlöre sich der Blick in unabsehbare grüne Haine und Blumenauen
+mit plätschernden Quellen und Bächen. Der geheimnisvolle Duft eines
+unbekannten Aroma wallte auf und nieder und schien die süßen Töne
+der Harmonika hin und her zu tragen. Prosper Alpanus erschien ganz
+weißgekleidet wie ein Brahmin und stellte in die Mitte des Saals einen
+großen runden Kristallspiegel, über den er einen Flor warf.
+
+"Treten Sie," sprach er dumpf und feierlich, "treten Sie vor diesen
+Spiegel, Balthasar, richten Sie Ihre festen Gedanken auf Candida -
+_wollen_ Sie mit ganzer Seele, daß sie sich Ihnen zeige in dem Moment,
+der jetzt existiert in Raum und Zeit" -
+
+Balthasar tat, wie ihm geheißen, indem Prosper Alpanus sich hinter ihn
+stellte und mit beiden Händen Kreise um ihn beschrieb.
+
+Wenige Sekunden hatte es gedauert, als ein bläulicher Duft aus
+dem Spiegel wallte. Candida, die holde Candida erschien in ihrer
+lieblichen Gestalt mit aller Fülle des Lebens! Aber neben ihr, dicht
+neben ihr saß der abscheuliche Zinnober und drückte ihr die Hände,
+küßte sie - Und Candida hielt den Unhold mit einem Arm umschlungen
+und liebkoste ihn! - Balthasar wollte laut aufschreien, aber Prosper
+Alpanus faßte ihn bei beiden Schultern hart an, und der Schrei
+erstickte in der Brust. "Ruhig," sprach Prosper leise, "ruhig
+Balthasar! - Nehmen Sie dies Rohr und führen Sie Streiche gegen den
+Kleinen, doch ohne sich von der Stelle zu rühren." Balthasar tat es
+und gewahrte zu seiner Lust, wie der Kleine sich krümmte, umstülpte,
+sich auf der Erde wälzte! - In der Wut sprang er vorwärts, da zerrann
+das Bild in Dunst und Nebel, und Prosper Alpanus riß den tollen
+Balthasar mit Gewalt zurück, laut rufend: "Halten Sie ein! -
+zerschlagen Sie den magischen Spiegel, so sind wir alle verloren!
+- Wir wollen in das Helle zurück." - Die Freunde verließen auf des
+Doktors Geheiß den Saal und traten in ein anstoßendes helles Zimmer.
+
+"Dem Himmel," rief Fabian, tief Atem schöpfend, "dem Himmel sei
+gedankt, daß wir aus dem verwünschten Saal heraus sind. Die schwüle
+Luft hat mir beinahe das Herz abgedrückt, und dann die albernen
+Taschenspielereien dazu, die mir in tiefer Seele zuwider sind." -
+
+Balthasar wollte antworten, als Prosper Alpanus eintrat. "Es ist,"
+sprach er, "es ist nunmehr gewiß, daß der mißgestaltete Zinnober weder
+ein Wurzelmann noch ein Erdgeist ist, sondern ein gewöhnlicher Mensch.
+Aber es ist eine geheime zauberische Macht im Spiele, die zu erkennen
+mir bis jetzt noch nicht gelungen, und ebendeshalb kann ich auch noch
+nicht helfen. - Besuchen Sie mich bald wieder, Balthasar, wir wollen
+dann sehen, was weiter zu beginnen. Auf Wiedersehn!" -
+
+"Also," sprach Fabian, dicht an den Doktor hinantretend, "also ein
+Zauberer sind Sie, Herr Doktor, und können mit all Ihrer Zauberkunst
+nicht einmal dem kleinen erbärmlichen Zinnober zu Leibe? - Wissen Sie
+wohl, daß ich Sie mitsamt Ihren bunten Bildern, Püppchen, magischen
+Spiegeln, mit all Ihrem fratzenhaften Kram für einen rechten
+ausgemachten Charlatan halte? - Der Balthasar, der ist verliebt und
+macht Verse, dem können Sie allerlei Zeug einreden, aber bei mir
+kommen Sie schlecht an! - Ich bin ein aufgeklärter Mensch und
+statuiere durchaus keine Wunder!"
+
+"Halten Sie," erwiderte Prosper Alpanus, indem er stärker und
+herzlicher lachte, als man es ihm nach seinem ganzen Wesen wohl
+zutrauen konnte, "halten Sie das, wie Sie wollen. Aber - bin ich
+gleich nicht eben ein Zauberer, so gebiete ich doch über hübsche
+Kunststückchen." "Aus Wieglebs 'Magie' wohl oder sonst!" - rief
+Fabian. "Nun da finden Sie an unserm Professor Mosch Terpin Ihren
+Meister und dürfen sich mit ihm nicht vergleichen, denn der ehrliche
+Mann zeigt uns immer, daß alles natürlich zugeht und umgibt sich gar
+nicht mit solcher geheimnisvoller Wirtschaft, als Sie, mein Herr
+Doktor. - Nun, ich empfehle mich Ihnen gehorsamst!"
+
+"Ei," sprach der Doktor, "sie werden doch nicht so im Zorn von mir
+scheiden?"
+
+Und damit strich er dem Fabian an beiden Armen einige Mal leise herab
+von der Schulter bis zum Handgelenk, daß diesem ganz besonders zumute
+wurde und er beklommen rief: "Was machen Sie denn, Herr Doktor!" -
+"Gehen Sie, meine Herrn," sprach der Doktor, "Sie, Herr Balthasar,
+hoffe ich recht bald wiederzusehen. - Bald wird die Hülfe gefunden
+sein!"
+
+"Er bekommt doch kein Trinkgeld, mein Freund," rief Fabian im
+Herausgehen dem goldgelben Portier zu und faßte ihm nach dem Jabot.
+Der Portier sagte aber wieder nichts als _"Quirrr"_ und biß abermals
+den Fabian in den Finger.
+
+"Bestie!" rief Fabian und rannte von dannen.
+
+Die beiden Frösche ermangelten nicht, die beiden Freunde höflich zu
+geleiten bis ans Gattertor, das sich mit einem dumpfen Donner öffnete
+und schloß. - "Ich weiß," sprach Balthasar, als er auf der Landstraße
+hinter dem Fabian herwandelte, "ich weiß gar nicht, Bruder, was du
+heute für einen seltsamen Rock angezogen hast mit solch entsetzlich
+langen Schößen und solch kurzen Ärmeln."
+
+Fabian gewahrte zu seinem Erstaunen, daß sein kurzes Röckchen
+hinterwärts bis zur Erde herabgewachsen, daß dagegen die sonst über
+die Gnüge langen Ärmel hinaufgeschrumpft waren bis an den Ellbogen.
+
+"Tausend Donner, was ist das!" rief er und zog und zupfte an den
+Ärmeln und rückte die Schultern. Das schien auch zu helfen, aber wie
+sie nun durchs Stadttor gingen, so schrumpften die Ärmel herauf, so
+wuchsen die Rockschöße, daß alles Ziehens und Zupfens und Rückens
+ungeachtet die Ärmel bald hoch oben an der Schulter saßen, Fabians
+nackte Arme preisgebend, daß bald sich ihm eine Schleppe nachwälzte,
+länger und länger sich dehnend. Alle Leute standen still und lachten
+aus vollem Halse, die Straßenbuben rannten dutzendweise jubelnd und
+jauchzend über den langen Talar und rissen Fabian um, und wie er sich
+wieder aufraffte, fehlte kein Stückchen von der Schleppe, nein! - sie
+war noch länger geworden. Und immer toller und toller wurde Gelächter,
+Jubel und Geschrei, bis sich endlich Fabian, halb wahnsinnig, in ein
+offnes Haus stürzte. - Sogleich war auch die Schleppe verschwunden.
+
+Balthasar hatte gar nicht Zeit, sich über Fabians seltsame
+Verzauberung viel zu verwundern; denn der Referendarius Pulcher faßte
+ihn, riß ihn fort in eine abgelegene Straße und sprach: "Wie ist es
+möglich, daß du nicht schon fort bist, daß du dich hier noch sehen
+lassen kannst, da der Pedell mit dem Verhaftsbefehl dich schon
+verfolgt." - "Was ist das, wovon sprichst du?" fragte Balthasar voll
+Erstaunen. "So weit," fuhr der Referendarius fort, "so weit riß dich
+der Wahnsinn der Eifersucht hin, daß du das Hausrecht verletztest,
+feindlich einbrechend in Mosch Terpins Haus, daß du den Zinnober
+überfielst bei seiner Braut, daß du den mißgestalteten Däumling halb
+tot prügeltest!" - "Ich bitte dich," schrie Balthasar, "den ganzen Tag
+war ich ja nicht in Kerepes, schändliche Lügen." - "O still, still,"
+fiel ihm Pulcher ins Wort, "Fabians toller unsinniger Einfall, ein
+Schleppkleid anzuziehen, rettet dich. Niemand achtet jetzt deiner!
+- Entziehe dich nur der schimpflichen Verhaftung, das übrige wollen
+wir denn schon ausfechten. Du darfst nicht mehr in deine Wohnung!
+- Gib mir die Schlüssel, ich schicke dir alles nach. - Fort nach
+Hoch-Jakobsheim!"
+
+Und damit riß der Referendarius den Balthasar fort durch entlegene
+Gassen, durchs Tor hin nach dem Dorfe Hoch-Jakobsheim, wo der berühmte
+Gelehrte Ptolomäus Philadelphus sein merkwürdiges Buch über die
+unbekannte Völkerschaft der Studenten schrieb.
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem Garten frisiert wurde
+und im Grase ein Taubad nahm. - Der Orden des grüngefleckten Tigers.
+- Glücklicher Einfall eines Theaterschneiders. - Wie das Fräulein
+von Rosenschön sich mit Kaffee begoß und Prosper Alpanus ihr seine
+Freundschaft versicherte.
+
+Der Professor Mosch Terpin schwamm in lauter Wonne. "Konnte," sprach
+er zu sich selbst, "konnte mir denn etwas Glücklicheres begegnen,
+als daß der vortreffliche Geheime Spezialrat in mein Haus kam als
+Studiosus? - Er heiratet meine Tochter - er wird mein Schwiegersohn,
+durch ihn erlange ich die Gunst des vortrefflichen Fürsten Barsanuph
+und steige nach auf der Leiter, die mein herrliches Zinnoberchen
+hinaufklimmt. - Wahr ist es, daß es mir oft selbst unbegreiflich
+vorkommt, wie das Mädchen, die Candida, so ganz und gar vernarrt sein
+kann in den Kleinen. Sonst sieht das Frauenzimmer wohl mehr auf ein
+hübsches Äußere, als auf besondere Geistesgaben, und schaue ich denn
+nun zuweilen das Spezialmännlein an, so ist es mir, als ob er nicht
+ganz hübsch zu nennen - sogar - bossu - still - St - St - die Wände
+haben Ohren - Er ist des Fürsten Liebling, wird immer höher steigen -
+höher hinauf und ist mein Schwiegersohn!" -
+
+Mosch Terpin hatte recht, Candida äußerte die entschiedenste Neigung
+für den Kleinen und sprach, gab hie und da einer, den Zinnobers
+seltsamer Spuk nicht berückt hatte, zu verstehen, daß der Geheime
+Spezialrat doch eigentlich ein fatales mißgestaltetes Ding sei,
+sogleich von den wunderschönen Haaren, womit ihn die Natur begabt.
+
+Niemand lächelte aber, wenn Candida also sprach, hämischer als der
+Referendarius Pulcher.
+
+Dieser stellte dem Zinnober nach auf Schritten und Tritten, und hierin
+stand ihm getreulich der Geheime Sekretär Adrian bei, ebenderselbe
+junge Mensch, den Zinnobers Zauber beinahe aus dem Bureau des
+Ministers verdrängt hätte, und der des Fürsten Gunst nur durch die
+vortreffliche Fleckkugel wieder gewann, die er ihm überreichte.
+
+Der Geheime Spezialrat Zinnober bewohnte ein schönes Haus mit einem
+noch schöneren Garten, in dessen Mitte sich ein mit dichtem Gebüsch
+umgebener Platz befand, auf dem die herrlichsten Rosen blühten. Man
+hatte bemerkt, daß allemal den neunten Tag Zinnober bei Tagesanbruch
+leise aufstand, sich, so sauer es ihm werden mochte, ohne alle
+Hülfe des Bedienten ankleidete, in den Garten hinabstieg und in den
+Gebüschen verschwand, die jenen Platz umgaben.
+
+Pulcher und Adrian, irgendein Geheimnis ahnend, wagten es in einer
+Nacht, als Zinnober, wie sie von seinem Kammerdiener erfahren, vor
+neun Tagen jenen Platz besucht hatte, die Gartenmauer zu übersteigen
+und sich in den Gebüschen zu verbergen.
+
+Kaum war der Morgen angebrochen, als sie den Kleinen daherwandeln
+sahen, schnupfend und prustend, weil ihm, da er mitten durch ein
+Blumenbeet ging, die tauichten Halme und Stauden um die Nase schlugen.
+
+Als er auf dem Rasenplatz bei den Rosen angekommen, ging ein
+süßtönendes Wehen durch die Büsche, und durchdringender wurde der
+Rosenduft. Eine schöne verschleierte Frau mit Flügeln an den Schultern
+schwebte herab, setzte sich auf den zierlichen Stuhl, der mitten unter
+den Rosenbüschen stand, nahm mit den leisen Worten: "Komm, mein liebes
+Kind," den kleinen Zinnober und kämmte ihm mit einem goldenen Kamm
+sein langes Haar, das den Rücken hinabwallte. Das schien dem Kleinen
+sehr wohl zu tun, denn er blinzelte mit den Äugelein und streckte
+die Beinchen lang aus und knurrte und murrte beinahe wie ein Kater.
+Das hatte wohl fünf Minuten gedauert, da strich noch einmal die
+zauberische Frau mit einem Finger dem Kleinen die Scheitel entlang,
+und Pulcher und Adrian gewahrten einen schmalen, feuerfarb glänzenden
+Streif auf dem Haupte Zinnobers. Nun sprach die Frau: "Lebe wohl,
+mein süßes Kind! - Sei klug, sei klug, so wie du kannst!" Der Kleine
+sprach: "Adieu, Mütterchen, klug bin ich genug, du brauchst mir das
+gar nicht so oft zu wiederholen." -
+
+Die Frau erhob sich langsam und verschwand in den Lüften.
+
+Pulcher und Adrian waren starr vor Erstaunen. Als nun aber Zinnober
+davonschreiten wollte, sprang der Referendarius hervor und rief laut:
+"Guten Morgen, Herr Geheimer Spezialrat! ei, wie schön haben Sie
+sich frisieren lassen!" Zinnober schaute sich um und wollte, als er
+den Referendarius erblickte, schnell davonrennen. Ungeschickt und
+schwächlich auf den Beinchen, wie er nun aber war, stolperte er und
+fiel in das hohe Gras, das die Halme über ihn zusammenschlug, und
+er lag im Taubade. Pulcher sprang hinzu und half ihm auf die Beine,
+aber Zinnober schnarrte ihn an: "Herr, wie kommen Sie hier in meinen
+Garten! scheren Sie sich zum Teufel!" Und damit hüpfte und rannte er,
+so rasch er nur vermochte, hinein ins Haus.
+
+Pulcher schrieb dem Balthasar diese wunderbare Begebenheit und
+versprach seine Aufmerksamkeit auf das kleine zauberische Ungetüm zu
+verdoppeln. Zinnober schien über das, was ihm widerfahren, trostlos.
+Er ließ sich zu Bette bringen und stöhnte und ächzte so, daß die
+Kunde, wie er plötzlich erkrankt, bald zum Minister Mondschein, zum
+Fürsten Barsanuph gelangte.
+
+Fürst Barsanuph schickte sogleich seinen Leibarzt zu dem kleinen
+Liebling.
+
+"Mein vortrefflichster Geheimer Spezialrat," sprach der Leibarzt, als
+er den Puls befühlt, "Sie opfern sich auf für den Staat. Angestrengte
+Arbeit hat Sie aufs Krankenbett geworfen, anhaltendes Denken Ihnen das
+unsägliche Leiden verursacht, das Sie empfinden müssen. Sie sehen im
+Antlitz sehr blaß und eingefallen aus, aber Ihr wertes Haupt glüht
+schrecklich! - Ei, ei! - doch keine Gehirnentzündung? Sollte das Wohl
+des Staats dergleichen hervorgebracht haben? Kaum möglich! - Erlauben
+Sie doch!" Der Leibarzt mochte wohl denselben roten Streif auf
+Zinnobers Haupte gewahren, den Pulcher und Adrian entdeckt hatten. Er
+wollte, nachdem er einige magnetische Striche aus der Ferne versucht,
+den Kranken auch verschiedentlich angehaucht, worüber dieser merklich
+mauzte und quinkelierte, nun mit der Hand hinfahren über das Haupt und
+berührte dasselbe unversehens. Da sprang Zinnober, schäumend vor Wut,
+in die Höhe und gab mit seinem kleinen Knochenhändchen dem Leibarzt,
+der sich gerade ganz über ihn hingebeugt, eine solche derbe Ohrfeige,
+daß es im ganzen Zimmer widerhallte.
+
+"Was wollen Sie," schrie Zinnober, "was wollen Sie von mir, was
+krabbeln Sie mir herum auf meinem Kopfe! Ich bin gar nicht krank,
+ich bin gesund, ganz gesund, werde gleich aufstehen und zum Minister
+fahren in die Konferenz; scheren Sie sich fort!" -
+
+Der Leibarzt eilte ganz erschrocken von dannen. Als er aber dem
+Fürsten Barsanuph erzählte, wie es ihm ergangen, rief dieser entzückt
+aus: "Was für ein Eifer für den Dienst des Staats! - welche Würde,
+welche Hoheit im Betragen! - welch ein Mensch, dieser Zinnober!" -
+
+"Mein bester Geheimer Spezialrat," sprach der Minister Prätextatus von
+Mondschein zu dem kleinen Zinnober, "wie herrlich ist es, daß Sie,
+Ihrer Krankheit nicht achtend, in die Konferenz kommen. Ich habe
+in der wichtigen Angelegenheit mit dem Kakatukker Hofe ein Memoire
+entworfen - _selbst_ entworfen und bitte, daß _Sie_ es dem Fürsten
+vortragen, denn Ihr geistreicher Vortrag hebt das Ganze, für dessen
+Verfasser mich dann der Fürst anerkennen soll." - Das Memoire, womit
+Prätextatus glänzen wollte, hatte aber niemand anders verfaßt, als
+Adrian.
+
+Der Minister begab sich mit dem Kleinen zum Fürsten. Zinnober zog das
+Memoire, das ihm der Minister gegeben, aus der Tasche und fing an zu
+lesen. Da es damit aber nun gar nicht recht gehen wollte und er nur
+lauter unverständliches Zeug murrte und schnurrte, nahm ihm der
+Minister das Papier aus den Händen und las selbst.
+
+Der Fürst schien ganz entzückt, er gab seinen Beifall zu erkennen,
+ein Mal über das andere rufend: "Schön - gut gesagt - herrlich -
+treffend!" -
+
+Sowie der Minister geendet, schritt der Fürst geradezu los auf den
+kleinen Zinnober, hob ihn in die Höhe, drückte ihn an seine Brust,
+gerade dahin, wo ihm (dem Fürsten) der große Stern des grüngefleckten
+Tigers saß, und stammelte und schluchzte, während ihm häufige Tränen
+aus den Augen flossen: "Nein! - solch ein Mann - solch ein Talent!
+- solcher Eifer - solche Liebe - es ist zu viel - zu viel!" Dann
+gefaßter: "Zinnober! - ich erhebe Sie hiermit zu meinem Minister! -
+Bleiben Sie dem Vaterlande hold und treu, bleiben Sie ein wackrer
+Diener der Barsanuphe, von denen Sie geehrt - geliebt werden." Und
+nun sich mit verdrüßlichem Blick zum Minister wendend: "Ich bemerke,
+lieber Baron von Mondschein, daß seit einiger Zeit Ihre Kräfte
+nachlassen. Ruhe auf Ihren Gütern wird Ihnen heilbringend sein! -
+Leben Sie wohl!" -
+
+Der Minister von Mondschein entfernte sich, unverständliche Worte
+zwischen den Zähnen murmelnd und funkelnde Blicke werfend auf
+Zinnober, der sich nach seiner Art sein Stöckchen in den Rücken
+gestemmt, auf den Fußspitzen hoch in die Höhe hob und stolz und keck
+umherblickte.
+
+"Ich muß," sprach nun der Fürst, "ich muß Sie, mein lieber Zinnober,
+gleich Ihrem hohen Verdienst gemäß auszeichnen; empfangen Sie daher
+aus meinen Händen den Orden des grüngefleckten Tigers!"
+
+Der Fürst wollte ihm nun das Ordensband, das er sich in der
+Schnelligkeit von dem Kammerdiener reichen lassen, umhängen; aber
+Zinnobers mißgestalteter Körperbau bewirkte, daß das Band durchaus
+nicht normalmäßig sitzen wollte, indem es sich bald ungebührlich
+heraufschob, bald ebenso hinabschlotterte.
+
+Der Fürst war in dieser so wie in jeder andern solchen Sache, die
+das eigentlichste Wohl des Staats betraf, sehr genau. Zwischen dem
+Hüftknochen und dem Steißbein, in schräger Richtung drei Sechzehnteil
+Zoll aufwärts vom letztern, mußte das am Bande befindliche
+Ordenszeichen des grüngefleckten Tigers sitzen. Das war nicht
+herauszubringen. Der Kammerdiener, drei Pagen, der Fürst legten Hand
+an, alles Mühen blieb vergebens. Das verräterische Band rutschte hin
+und her, und Zinnober begann unmutig zu quäken: "Was hantieren Sie
+doch so schrecklich an meinem Leibe herum, lassen Sie doch das dumme
+Ding hängen, wie es will, Minister bin ich doch nun einmal und bleib'
+es!" -
+
+"Wofür," sprach nun der Fürst zornig, "wofür habe ich denn Ordensräte,
+wenn rücksichts der Bänder solche tolle Einrichtungen existieren, die
+ganz meinem Willen entgegenlaufen? - Geduld, mein lieber Minister
+Zinnober! bald soll das anders werden!"
+
+Auf Befehl des Fürsten mußte sich nun der Ordensrat versammeln, dem
+noch zwei Philosophen sowie ein Naturforscher, der eben, vom Nordpol
+kommend, durchreiste, beigesellt wurden, die über die Frage, wie
+auf die geschickteste Weise dem Minister Zinnober das Band des
+grüngefleckten Tigers anzubringen, beratschlagen sollten. Um für
+diese wichtige Beratung gehörige Kräfte zu sammeln, wurde sämtlichen
+Mitgliedern aufgegeben, acht Tage vorher nicht zu denken; um dies
+besser ausführen zu können und doch tätig zu bleiben im Dienste des
+Staats, aber sich indessen mit dem Rechnungswesen zu beschäftigen.
+Die Straßen vor dem Palast, wo die Ordensräte, Philosophen und
+Naturforscher ihre Sitzung halten sollten, wurden mit dickem Stroh
+belegt, damit das Gerassel der Wagen die weisen Männer nicht störe,
+und ebendaher durfte auch nicht getrommelt, Musik gemacht, ja nicht
+einmal laut gesprochen werden in der Nähe des Palastes. Im Palast
+selbst tappte alles auf dicken Filzschuhen umher, und man verständigte
+sich durch Zeichen.
+
+Sieben Tage hindurch vom frühsten Morgen bis in den späten Abend
+hatten die Sitzungen gedauert, und noch war an keinen Beschluß zu
+denken.
+
+Der Fürst, ganz ungeduldig, schickte ein Mal über das andere hin und
+ließ ihnen sagen, es solle in des Teufels Namen ihnen doch endlich
+etwas Gescheutes einfallen. Das half aber ganz und gar nichts.
+
+Der Naturforscher hatte soviel möglich Zinnobers Natur erforscht,
+Höhe und Breite seines Rückenauswuchses genommen und die genaueste
+Berechnung darüber dem Ordensrat eingereicht. Er war es auch, der
+endlich vorschlug, ob man nicht den Theaterschneider bei der Beratung
+zuziehen wolle.
+
+So seltsam dieser Vorschlag erscheinen mochte, wurde er doch in der
+Angst und Not, in der sich alle befanden, einstimmig angenommen.
+
+Der Theaterschneider Herr Kees war ein überaus gewandter, pfiffiger
+Mann. Sowie ihm der schwierige Fall vorgetragen worden, sowie er
+die Berechnungen des Naturforschers durchgesehen, war er mit dem
+herrlichsten Mittel, wie das Ordensband zum normalmäßigen Sitzen
+gebracht werden könne, bei der Hand.
+
+An Brust und Rücken sollten nämlich eine gewisse Anzahl Knöpfe
+angebracht und das Ordensband daran geknöpft werden. Der Versuch
+gelang über die Maßen wohl.
+
+Der Fürst war entzückt und billigte den Vorschlag des Ordensrates, den
+Orden des grüngefleckten Tigers nunmehro in verschiedene Klassen zu
+teilen, nach der Anzahl der Knöpfe, womit er gegeben wurde. Z.B. Orden
+des grüngefleckten Tigers mit zwei Knöpfen - mit drei Knöpfen etc. Der
+Minister Zinnober erhielt als ganz besondere Auszeichnung, die sonst
+kein anderer verlangen könne, den Orden mit zwanzig brillantierten
+Knöpfen, denn gerade zwanzig Knöpfe erforderte die wunderliche Form
+seines Körpers.
+
+Der Schneider Kees erhielt den Orden des grüngefleckten Tigers mit
+zwei goldnen Knöpfen und wurde, da der Fürst ihn, seines glückliches
+Einfalls ungeachtet, für einen schlechten Schneider hielt und sich
+daher nicht von ihm kleiden lassen wollte, zum Wirklichen Geheimen
+Groß-Kostümierer des Fürsten ernannt. -
+
+Aus dem Fenster seines Landhauses sah der Doktor Prosper Alpanus
+gedankenvoll herab in seinen Park. Er hatte die ganze Nacht hindurch
+sich damit beschäftigt, Balthasars Horoskop zu stellen und manches
+dabei herausgebracht, was sich auf den kleinen Zinnober bezog. Am
+wichtigsten das, was sich mit dem Kleinen im Garten begeben, als er
+von Adrian und Pulcher belauscht wurde. Eben wollte Prosper Alpanus
+seinen Einhörnern zurufen, daß sie die Muschel herbeiführen möchten,
+weil er fort wolle nach Hoch-Jakobsheim, als ein Wagen daherrasselte
+und vor dem Gattertor des Parks still hielt. Es hieß, das
+Stiftsfräulein von Rosenschön wünsche den Herrn Doktor zu sprechen.
+"Sehr willkommen," sprach Prosper Alpanus, und die Dame trat hinein.
+Sie trug ein langes schwarzes Kleid und war in Schleier gehüllt wie
+eine Matrone. Prosper Alpanus, von einer seltsamen Ahnung ergriffen,
+nahm sein Rohr und ließ die funkelnden Strahlen des Knopfs auf die
+Dame fallen. Da war es, als zuckten rauschend Blitze um sie her,
+und sie stand da im weißen durchsichtigen Gewande, glänzende
+Libellenflügel an den Schultern, weiße und rote Rosen durch das Haar
+geflochten. - "Ei, ei," lispelte Prosper, nahm das Rohr unter seinen
+Schlafrock, und sogleich stand die Dame wieder im vorigen Kostüm da.
+
+Prosper Alpanus lud sie freundlich ein, sich niederzulassen. Fräulein
+von Rosenschön sagte nun, wie es längst ihre Absicht gewesen, den
+Herrn Doktor in seinem Landhause aufzusuchen, um die Bekanntschaft
+eines Mannes zu machen, den die ganze Gegend als einen hochbegabten,
+wohltätigen Weisen rühme. Gewiß werde er ihre Bitte gewährend, sich
+des nahe gelegenen Fräuleinstifts ärztlich anzunehmen, da die alten
+Damen darin oft kränkelten und ohne Hülfe blieben. Prosper Alpanus
+erwiderte höflich, daß er zwar schon längst die Praxis aufgegeben,
+aber doch ausnahmsweise die Stiftsdamen besuchen wolle, wenn es not
+täte, und fragte dann, ob sie selbst, das Fräulein von Rosenschön,
+vielleicht an irgendeinem Übel leide. Das Fräulein versicherte, daß
+sie nur dann und wann ein rheumatisches Zucken in den Gliedern fühle,
+wenn sie sich an der Morgenluft erkältet, jetzt aber ganz gesund sei,
+und begann irgendein gleichgültiges Gespräch. Prosper fragte, ob sie,
+da es noch früher Morgen, vielleicht eine Tasse Kaffee nehmen wolle;
+die Rosenschön meinte, daß Stiftsfräuleins dergleichen niemals
+verschmähten. Der Kaffee wurde gebracht, aber so sehr sich auch
+Prosper mühen mochte, einzuschenken, die Tassen blieben leer,
+ungeachtet der Kaffee aus der Kanne strömte. "Ei, ei" lächelte Prosper
+Alpanus, "das ist böser Kaffee! - Wollten Sie, mein bestes Fräulein,
+doch nur lieber selbst den Kaffee eingießen."
+
+"Mit Vergnügen," erwiderte das Fräulein und ergriff die Kanne. Aber
+ungeachtet kein Tropfen aus der Kanne quoll, wurde doch die Tasse
+voller und voller, und der Kaffee strömte über auf den Tisch, auf
+das Kleid des Stiftsfräuleins. - Sie setzte schnell die Kanne hin,
+sogleich war der Kaffee spurlos verschwunden. Beide, Prosper Alpanus
+und das Stiftsfräulein, schauten sich nun eine Weile schweigend an mit
+seltsamen Blicken.
+
+"Sie waren," begann nun die Dame, "Sie waren, mein Herr Doktor, gewiß
+mit einem sehr anziehenden Buche beschäftigt, als ich eintrat."
+
+"In der Tat," erwiderte der Doktor, "enthält dieses Buch gar
+merkwürdige Dinge."
+
+Damit wollte er das kleine Buch in vergoldetem Einbande, das vor ihm
+auf dem Tisch lag, aufschlagen. Doch das blieb ein ganz vergebliches
+Mühen, denn mit einem lauten Klipp, Klapp schlug das Buch sich immer
+wieder zusammen. "Ei, ei," sprach Prosper Alpanus, "versuchen _Sie_
+sich doch mit dem eigensinnigen Dinge hier, mein wertes Fräulein!"
+
+Er reichte der Dame das Buch hin, das, sowie sie es nur berührte, sich
+von selbst aufschlug. Aber alle Blätter lösten sich los und dehnten
+sich aus zum Riesenfolio und rauschten umher im Zimmer.
+
+Erschrocken fuhr das Fräulein zurück. Nun schlug der Doktor das Buch
+zu mit Gewalt, und alle Blätter verschwanden.
+
+"Aber," sprach nun Prosper Alpanus mit sanftem Lächeln, indem er sich
+von seinem Sitze erhob, "aber mein bestes gnädiges Fräulein, was
+verderben wir die Zeit mit solchen schnöden Tafelkünsten; denn anders
+als ordinäre Tafelkunststücke sind es doch nicht, die wir bis jetzt
+getrieben, schreiten wir doch lieber zu höheren Dingen." "Ich will
+fort!" rief das Fräulein und erhob sich vorn Sitze.
+
+"Ei," sprach Prosper Alpanus, "das möchte doch wohl nicht recht gut
+angehen ohne meinen Willen; denn, meine Gnädige, ich muß es Ihnen nur
+sagen, Sie sind jetzt ganz und gar in meiner Gewalt."
+
+"In Ihrer Gewalt," rief das Fräulein zornig, "in Ihrer Gewalt, Herr
+Doktor? - Törichte Einbildung!"
+
+Und damit breitete sich ihr seidnes Kleid aus, und sie schwebte als
+der schönste Trauermantel auf zur Decke des Zimmers. Doch sogleich
+sauste und brauste auch Prosper Alpanus ihr nach als tüchtiger
+Hirschkäfer. Ganz ermattet flatterte der Trauermantel herab und rannte
+als kleines Mäuschen auf dem Boden umher. Aber der Hirschkäfer sprang
+miauend und prustend ihm nach als grauer Kater. Das Mäuschen erhob
+sich wieder als glänzender Kolibri, da erhoben sich allerlei seltsame
+Stimmen rings um das Landhaus, und allerlei wunderbare Insekten
+sumseten herbei, mit ihnen seltsames Waldgeflügel, und ein goldnes
+Netz spann sich um die Fenster. Da stand mit einemmal die Fee
+Rosabelverde, in aller Pracht und Hoheit strahlend, im glänzenden
+weißen Gewande, den funkelnden Diamantgürtel umgetan, weiße und rote
+Rosen durch die dunklen Locken geflochten, mitten im Zimmer. Vor ihr
+der Magus im goldgestickten Talar, eine glänzende Krone auf dem Haupt,
+das Rohr mit dem feuerstrahlenden Knopf in der Hand.
+
+Rosabelverde schritt zu auf den Magus, da entfiel ihrem Haar ein
+goldner Kamm und zerbrach, als sei er von Glas, auf dem Marmorboden.
+
+"Weh mir! - weh mir!" rief die Fee.
+
+Plötzlich saß wieder das Stiftsfräulein von Rosenschön im schwarzen
+langen Kleide am Kaffeetisch, und ihr gegenüber der Doktor Prosper
+Alpanus.
+
+"Ich dächte," sprach Prosper Alpanus sehr ruhig, indem er in die
+chinesischen Tassen den herrlichsten dampfenden Kaffee von Mokka ohne
+Hindernis einschenkte, "ich dächte, mein bestes gnädiges Fräulein, wir
+wüßten beide nun hinlänglich, wie wir miteinander daran sind. - Sehr
+leid tut es mir, daß Ihr schöner Haarkamm zerbrach auf meinem harten
+Fußboden."
+
+"Nur meine Ungeschicklichkeit," erwiderte das Fräulein, mit Behagen
+den Kaffee einschlürfend, "ist schuld daran. Auf diesen Boden muß man
+sich hüten, etwas fallen zu lassen, denn irr' ich nicht, so sind diese
+Steine mit den wunderbarsten Hieroglyphen beschrieben, welche manchem
+nur gewöhnliche Marmoradern bedünken möchten."
+
+"Abgenutzte Talismane, meine Gnädige," sprach Prosper, "abgenutzte
+Talismane sind diese Steine, nichts weiter."
+
+"Aber bester Doktor," rief das Fräulein, "wie ist es möglich, daß wir
+uns nicht kennen lernten seit der frühesten Zeit, daß wir nicht ein
+einziges Mal zusammentrafen auf unseren Wegen?"
+
+"Diverse Erziehung, beste Dame," erwiderte Prosper Alpanus,
+"diverse Erziehung ist lediglich daran schuld! Während Sie als das
+hoffnungsvollste Mädchen in Dschinnistan sich ganz Ihrer reichen
+Natur, Ihrem glücklichen Genie überlassen konnten, war ich, ein
+trübseliger Student, in den Pyramiden eingeschlossen und hörte
+Kollegia bei dem Professor Zoroaster, einem alten Knasterbart, der
+aber verdammt viel wußte. Unter der Regierung des würdigen Fürsten
+Demetrius nahm ich meinen Wohnsitz in diesem kleinen anmutigen
+Ländchen."
+
+"Wie," sprach das Fräulein, "und wurden nicht verwiesen, als Fürst
+Paphnutius die Aufklärung einführte?" "Keineswegs," antwortete
+Prosper, "es gelang mir vielmehr, mein eignes Ich ganz zu verhüllen,
+indem ich mich mühte, Aufklärungssachen betreffend, ganz besondere
+Kenntnisse zu beweisen in allerlei Schriften, die ich verbreitete. Ich
+bewies, daß ohne des Fürsten Willen es niemals donnern und blitzen
+müsse, und daß wir schönes Wetter und eine gute Ernte einzig und
+allein seinen und seiner Noblesse Bemühungen zu verdanken, die in den
+innern Gemächern darüber sehr weise beratschlage, während das gemeine
+Volk draußen auf dem Acker gepflügt und gesäet. Fürst Paphnutius erhob
+mich damals zum Geheimen Oberaufklärungs-Präsidenten, eine Stelle,
+die ich mit meiner Hülle wie eine lästige Bürde abwarf, als der Sturm
+vorüber. - Insgeheim war ich nützlich, wie ich konnte. Das heißt, was
+wir, ich und Sie, meine Gnädige, wahrhaft nützlich nennen. - Wissen
+Sie wohl, bestes Fräulein, daß _ich_ es war, der Sie warnte vor dem
+Einbrechen der Aufklärungspolizei? - daß _ich_ es bin, dem Sie noch
+das Besitztum der artigen Sächelchen verdanken, die Sie mir vorhin
+gezeigt? - O mein Gott! liebe Stiftsdame, schauen Sie doch nur aus
+diesen Fenstern! - Erkennen Sie denn nicht mehr diesen Park, in dem
+Sie so oft lustwandelten und mit den freundlichen Geistern sprachen,
+die in den Büschen - Blumen - Quellen wohnen? - Diesen Park hab' ich
+gerettet durch meine Wissenschaft. Er steht noch da wie zur Zeit des
+alten Demetrius. Fürst Barsanuph bekümmert sich, dem Himmel sei es
+gedankt, nicht viel um das Zauberwesen, er ist ein leutseliger Herr
+und läßt jeden gewähren, jeden zaubern, so viel er Lust hat, sobald
+er es sich nur nicht merken läßt und die Abgaben richtig zahlt. So
+leb' ich hier, wie Sie, liebe Dame, in Ihrem Stift, glücklich und
+sorgenfrei!" -
+
+"Doktor," rief das Fräulein, indem ihr die Tränen aus den Augen
+stürzten, "Doktor, was sagen Sie! - welche Aufklärungen! - ja, ich
+erkenne diesen Hain, wo ich die seligsten Freuden genoß! - Doktor! -
+edelster Mann, dem ich so viel zu verdanken! - Und Sie können meinen
+kleinen Schützling so hart verfolgen?" -
+
+"Sie haben," erwiderte der Doktor, "Sie haben, mein bestes Fräulein,
+von Ihrer angebornen Gutmütigkeit hingerissen, Ihre Gaben an einen
+Unwürdigen verschleudert. Zinnober ist und bleibt, Ihrer gütigen Hülfe
+ungeachtet, ein kleiner mißgestalteter Schlingel, der nun, da der
+goldne Kamm zerbrochen, ganz in meine Hand gegeben ist."
+
+"Haben Sie Mitleiden, o Doktor!" flehte das Fräulein.
+
+"Aber schauen Sie doch nur gefälligst her," sprach Prosper, indem er
+dem Fräulein Balthasars Horoskop, das er gestellt hatte, vorhielt.
+
+Das Fräulein blickte hinein und rief dann voll Schmerz: "Ja! - wenn es
+so beschaffen ist, so muß ich wohl weichen der höheren Macht. - Armer
+Zinnober!" -
+
+"Gestehen Sie, bestes Fräulein," sprach der Doktor lächelnd, "gestehen
+Sie, daß die Damen oft sich in dem Bizarrsten sehr wohl gefallen,
+den Einfall, den der Augenblick gebar, rastlos und rücksichtslos
+verfolgend und jedes schmerzliche Berühren anderer Verhältnisse nicht
+achtend! - Zinnober muß sein Schicksal verbüßen, aber dann soll er
+noch zu unverdienter Ehre gelangen. Damit huldige ich Ihrer Macht,
+Ihrer Güte, Ihrer Tugend. mein sehr wertes gnädigstes Fräulein!"
+
+"Herrlicher, vortrefflicher Mann," rief das Fräulein, "bleiben Sie
+mein Freund!" -
+
+"Immerdar," erwiderte der Doktor. "Meine Freundschaft, meine innige
+Zuneigung zu Ihnen, holde Fee, wird nie aufhören. Wenden Sie sich
+getrost an mich in allen bedenklichen Fällen des Lebens, und - o
+trinken Sie Kaffee bei mir, sooft es Ihnen zu Sinne kommt."
+
+"Leben Sie wohl, mein würdigster Magus, nie werd' ich Ihre Huld, nie
+diesen Kaffee vergessen!" So sprach das Fräulein und erhob sich, von
+innerer Rührung ergriffen, zum Scheiden.
+
+Prosper Alpanus begleitete sie ans Gattertor, während alle wunderbare
+Stimmen des Waldes auf die lieblichste Weise erklangen.
+
+Vor dem Tor stand, statt des Fräuleins Wagen, die mit den Einhörnern
+bespannte Kristallmuschel des Doktors, hinter der der Goldkäfer seine
+glänzenden Flügel ausbreitete. Auf dem Bock saß der Silberfasan und
+kuckte, die goldnen Zügel im Schnabel haltend, das Fräulein mit klugen
+Augen an.
+
+In die seligste Zeit ihres herrlichsten Feenlebens fühlte sich die
+Stiftsdame versetzt, als der Wagen, herrlich tönend, durch den
+duftenden Wald rauschte.
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+Wie der Professor Mosch Terpin im fürstlichen Weinkeller die Natur
+erforschte. - Mycetes Belzebub. - Verzweiflung des Studenten
+Balthasar. - Vorteilhafter Einfluß eines wohleingerichteten Landhauses
+auf das häusliche Glück. - Wie Prosper Alpanus dem Balthasar eine
+schildkrötene Dose überreichte und davonritt.
+
+Balthasar, der sich in dem Dorfe Hoch-Jakobsheim versteckt hielt,
+bekam von dem Referendarius Pulcher aus Kerepes einen Brief des
+Inhalts: "Unsere Angelegenheiten, bester Freund Balthasar, gehen immer
+schlechter und schlechter. Unser Feind, der abscheuliche Zinnober, ist
+Minister der auswärtigen Angelegenheiten geworden und hat den großen
+Orden des grüngefleckten Tigers mit zwanzig Knöpfen erhalten. Er hat
+sich aufgeschwungen zum Liebling des Fürsten und setzt alles durch,
+was er will. Professor Mosch Terpin ist ganz außer sich, er bläht sich
+auf im dummen Stolz. Durch seines künftigen Schwiegersohns Vermittlung
+hat er die Stelle des Generaldirektors sämtlicher natürlicher
+Angelegenheiten im Staate erhalten, eine Stelle, die ihm viel Geld und
+eine Menge anderer Emolumente einbringt. Als benannter Generaldirektor
+zensiert und revidiert er die Sonnen- und Mondfinsternisse sowie
+die Wetterprophezeiungen in den im Staate erlaubten Kalendern und
+erforscht insbesondere die Natur in der Residenz und deren Bereich.
+Dieser Beschäftigung halber bekommt er aus den fürstlichen Waldungen
+das seltenste Geflügel, die raresten Tiere, die er, um eben ihre Natur
+zu erforschen, braten läßt und auffrißt. Ebenso schreibt er jetzt
+(wenigstens gibt er es vor) eine Abhandlung darüber, warum der Wein
+anders schmeckt als Wasser und auch andere Wirkungen äußert, die er
+seinem Schwiegersohn zueignen will. Zinnober hat es bewirkt, daß
+Mosch Terpin der Abhandlung wegen alle Tage im fürstlichen Weinkeller
+studieren darf. Er hat schon einen halben Oxhoft alten Rheinwein sowie
+mehrere Dutzend Flaschen Champagner verstudiert und ist jetzt an ein
+Faß Alikante geraten. - Der Kellermeister ringt die Hände! - So ist
+dem Professor, der, wie Du weißt, das größte Leckermaul auf Erden,
+geholfen, und er würde das bequemste Leben von der Welt führen, müßte
+er oft nicht, wenn ein Hagelschlag die Felder verwüstet hat, plötzlich
+über Land, um den fürstlichen Pächtern zu erklären, warum es gehagelt
+hat, damit die dummen Teufel ein bißchen Wissenschaft bekommen, sich
+künftig vor dergleichen hüten können und nicht immer Erlaß der Pacht
+verlangen dürfen, einer Sache halber, die niemand verschuldet, als sie
+selbst.
+
+"Der Minister kann die Tracht Schläge, die Du ihm erteilt, nicht
+verwinden. Er hat Dir Rache geschworen. Du wirst Dich gar nicht mehr
+in Kerepes sehen lassen dürfen. Auch mich verfolgt er sehr, weil ich
+seine geheimnisvolle Art, sich von einer geflügelten Dame frisieren
+zu lassen, erlauscht habe. - Solange Zinnober des Fürsten Liebling
+bleibt, werde ich wohl auf keinen ordentlichen Posten Anspruch
+machen können. Mein Unstern will es, daß ich immer mit der Mißgeburt
+zusammengerate, wo ich es gar nicht ahne, und auf eine Weise, die mir
+fatal werden muß. Neulich ist der Minister in vollem Staat, mit Degen,
+Stern und Ordensband, im zoologischen Kabinett und hat sich nach
+seiner gewöhnlichen Weise, den Stock untergestemmt, auf den Fußspitzen
+schwebend, an den Glasschrank hingestellt, wo die seltensten
+amerikanischen Affen stehen. Fremde, die das Kabinett besehen, treten
+heran, und einer, den kleinen Wurzelmann erblickend, ruft laut aus:
+'Ei! - was für ein allerliebster Affe! - welch niedliches Tier! - die
+Zierde des ganzen Kabinetts! - Ei, wie heißt das hübsche Äfflein?
+woher des Landes?'
+
+"Da spricht der Aufseher des Kabinetts sehr ernsthaft, indem er
+Zinnobers Schulter berührte: 'Ja, ein sehr schönes Exemplar, ein
+vortrefflicher Brasilianer, der sogenannte Mycetes Belzebub - Simia
+Belzebub Linnei - niger, barbatus, podiis caudaque apice brunneis -
+Brüllaffe' -
+
+"'Herr,' - prustet nun der Kleine den Aufseher an, 'Herr, ich glaube,
+Sie sind wahnsinnig oder neunmal des Teufels, ich bin kein Belzebub
+caudaque - kein Brüllaffe, ich bin Zinnober, der Minister Zinnober,
+Ritter des grüngefleckten Tigers mit zwanzig Knöpfen!' - Nicht weit
+davon stehe ich und breche - hätt' es das Leben gekostet auf der
+Stelle, ich konnte mich nicht zurückhalten - aus in ein wieherndes
+Gelächter.
+
+"'Sind Sie auch da, Herr Referendarius?' schnarcht er mich an, indem
+rote Glut aus seinen Hexenaugen funkelt.
+
+"Gott weiß, wie es kam, daß die Fremden ihn immerfort für den schönsten
+seltensten Affen hielten, den sie jemals gesehen, und ihn durchaus
+mit Lampertsnüssen füttern wollten, die sie aus der Tasche gezogen.
+Zinnober geriet nun so ganz außer sich, daß er vergebens nach
+Atem schnappte und die Beinchen ihm den Dienst versagten. Der
+herbeigerufene Kammerdiener mußte ihn auf den Arm nehmen und
+hinabtragen in die Kutsche.
+
+"Selbst kann ich mir aber nicht erklären, warum mir diese Geschichte
+einen Schimmer von Hoffnung gibt. Es ist der erste Tort, der dem
+kleinen verhexten Unding geschehen.
+
+"So viel ist gewiß, daß Zinnober neulich am frühen Morgen sehr verstört
+aus dem Garten gekommen ist. Die geflügelte Frau muß ausgeblieben
+sein, denn vorbei ist es mit den schönen Locken. Das Haar soll ihm
+struppig auf dem Rücken herabhängen und Fürst Barsanuph gesagt haben:
+'Vernachlässigen Sie nicht so sehr Ihre Toilette, bester Minister,
+ich werde Ihnen meinen Friseur schicken!' - worauf denn Zinnober
+sehr höflich geäußert, er werde den Kerl zum Fenster herausschmeißen
+lassen, wenn er käme. 'Große Seele! man kommt Ihnen nicht bei,' hat
+dann der Fürst gesprochen und dabei sehr geweint!
+
+"Lebe wohl, liebster Balthasar! gib nicht alle Hoffnung auf und
+verstecke Dich gut, damit sie Dich nicht greifen!" -
+
+Ganz in Verzweiflung darüber, was ihm der Freund geschrieben, rannte
+Balthasar tief hinein in den Wald und brach aus in laute Klagen.
+
+"Hoffen soll ich," rief er, "hoffen soll ich noch, da jede Hoffnung
+verschwunden, da alle Sterne untergegangen und düstere - düstere Nacht
+mich Trostlosen umfängt? Unseliges Verhängnis! - ich unterliege der
+finstren Macht, die verderblich in mein Leben getreten! - Wahnsinn,
+daß ich auf Rettung hoffte von Prosper Alpanus, von diesem Prosper
+Alpanus, der mich selbst mit höllischen Künsten verlockte und mich
+forttrieb von Kerepes, indem er die Prügel, die ich dem Spiegelbilde
+erteilen mußte, auf Zinnobers wahrhaftigen Rücken regnen ließ!" "Ach
+Candida! - Könnt' ich nur das Himmelskind vergessen! - Aber mächtiger,
+stärker als jemals glüht der Liebesfunke in mir! - Überall sehe ich
+die holde Gestalt der Geliebten, die mit süßem Lächeln sehnsüchtig die
+Arme nach mir ausstreckt! - Ich weiß es ja! - du liebst mich, holde
+süße Candida, und das ist eben mein hoffnungsloser tötender Schmerz,
+daß ich dich nicht zu retten vermag aus der heillosen Verzauberung,
+die dich befangen! - Verräterischer Prosper! was tat ich dir, daß du
+mich so grausam äfftest!" -
+
+Die tiefe Dämmerung war eingebrochen, alle Farben des Waldes schwanden
+hin in dumpfes Grau. Da war es, als leuchte ein besonderer Glanz
+wie aufflammender Abendschein durch Baum und Gebüsch, und tausend
+Insektlein erhoben sich mit rauschendem Flügelschlage sumsend in die
+Lüfte. Leuchtende Goldkäfer schwangen sich hin und her, und dazwischen
+flatterten buntgeputzte Schmetterlinge und streuten duftenden
+Blumenstaub um sich her. Das Wispern und Sumsen wurde zu sanfter,
+süßflüsternder Musik, die sich tröstend legte an Balthasars zerrissene
+Brust. Über ihm funkelte stärker strahlend der Glanz. Er schaute
+hinauf und erblickte staunend Prosper Alpanus, der auf einem
+wunderbaren Insekt, das einer in den herrlichsten Farben prunkenden
+Libelle nicht unähnlich, daherschwebte.
+
+Prosper Alpanus senkte sich herab zu dem Jüngling, an dessen Seite
+er Platz nahm, während die Libelle aufflog in ein Gebüsch und in den
+Gesang einstimmte, der durch den ganzen Wald tönte.
+
+Er berührte des Jünglings Stirne mit den wundervoll glänzenden Blumen,
+die er in der Hand trug, und sogleich entzündete sich in Balthasars
+Innerm frischer Lebensmut.
+
+"Du tust," sprach nun Prosper Alpanus mit sanfter Stimme, "du tust mir
+großes Unrecht, lieber Balthasar, da du mich grausam und verräterisch
+schiltst in dem Augenblick, als es mir gelungen ist, Herr zu werden
+des Zaubers, der dein Leben verstört, als ich, um nur schneller dich
+zu finden, dich zu trösten, mich auf mein buntes Lieblingsrößlein
+schwinge und herbeireite, mit allem versehen, was zu deinem Heil
+dienen kann. - Doch nichts ist bittrer als Liebesschmerz, nichts
+gleicht der Ungeduld eines in Liebe und Sehnsucht verzweifelnden
+Gemüts. - Ich verzeihe dir, denn mir ist es selbst nicht besser
+gegangen, als ich vor ungefähr zweitausend Jahren eine indische
+Prinzessin liebte, Balsamine geheißen, und dem Zauberer Lothos, der
+mein bester Freund war, in der Verzweiflung den Bart ausriß, weshalb
+ich, wie du siehst, selbst keinen trage, damit mir nicht Ähnliches
+geschehe. - Doch dir dies alles weitläuftig zu erzählen, würde wohl
+hier an sehr unrechtem Orte sein, da jeder Liebende nur von seiner
+Liebe hören mag, die er allein der Rede wert hält, so wie jeder
+Dichter nur seine Verse gern vernimmt. Also zur Sache! - Wisse, daß
+Zinnober die verwahrloste Mißgeburt eines armen Bauerweibes ist und
+eigentlich Klein Zaches heißt. Nur aus Eitelkeit hat er den stolzen
+Namen Zinnober angenommen. Das Stiftsfräulein von Rosenschön oder
+eigentlich die berühmte Fee Rosabelverde, denn niemand anders ist jene
+Dame, fand das kleine Ungetüm am Wege. Sie glaubte, alles, was die
+Natur dem Kleinen stiefmütterlich versagt, dadurch zu ersetzen, wenn
+sie ihn mit der seltsamen geheimnisvollen Gabe beschenkte, vermöge der
+alles, was in seiner Gegenwart irgendein anderer Vortreffliches denkt,
+spricht oder tut, auf _seine_ Rechnung kommen, ja daß er in der
+Gesellschaft wohlgebildeter, verständiger, geistreicher Personen
+auch für wohlgebildet, verständig und geistreich geachtet werden und
+überhaupt allemal für den vollkommensten der Gattung, mit der er im
+Konflikt, gelten muß.
+
+"Dieser sonderbare Zauber liegt in drei feuerfarbglänzenden Haaren,
+die sich über den Scheitel des Kleinen ziehen. Jede Berührung dieser
+Haare, sowie überhaupt des Hauptes, mußte dem Kleinen schmerzhaft,
+ja verderblich sein. Deshalb ließ die Fee sein von Natur dünnes,
+struppiges Haar in dicken anmutigen Locken hinabwallen, die, des
+Kleinen Haupt schützend, zugleich jenen roten Streif versteckten und
+den Zauber stärkten. Jeden neunten Tag frisierte die Fee selbst den
+Kleinen mit einem goldnen magischen Kamm, und diese Frisur vernichtete
+jedes auf Zerstörung des Zaubers gerichtete Unternehmen. Aber den Kamm
+selbst hat ein kräftiger Talisman, den ich der guten Fee, als sie mich
+besuchte, unterzuschieben wußte, vernichtet.
+
+"Es kommt jetzt nur darauf an, ihm jene drei feuerfarbnen Haare
+auszureißen, und er sinkt zurück in sein voriges Nichts! - Dir, mein
+lieber Balthasar, ist diese Entzauberung vorbehalten. Du hast Mut,
+Kraft und Geschicklichkeit, du wirst die Sache ausführen, wie es sich
+gehört. Nimm dieses kleine geschliffene Glas, nähere dich dem kleinen
+Zinnober, wo du ihn findest, richte deinen scharfen Blick durch dieses
+Glas auf sein Haupt, frei und offen werden die drei roten Haare sich
+über das Haupt des Kleinen ziehen. Packe ihn fest an, achte nicht auf
+das gellende Katzengeschrei, das er ausstoßen wird, reiße ihm mit
+einem Ruck die drei Haare aus und verbrenne sie auf der Stelle. Es ist
+notwendig, daß die Haare mit _einem_ Ruck ausgerissen und _sogleich_
+verbrannt werden, denn sonst könnten sie noch allerlei verderbliche
+Wirkungen äußern. Richte daher dein vorzüglichstes Augenmerk darauf,
+daß du die Haare geschickt und fest erfassest und den Kleinen
+überfällst, wenn gerade ein Feuer oder ein Licht in der Nähe
+befindlich." -
+
+"O Prosper Alpanus," rief Balthasar, "wie schlecht habe ich diese
+Güte, diesen Edelmut durch mein Mißtrauen verdient! - Wie fühle ich es
+so in tiefer Brust, das nun mein Leiden endigt, daß alles Himmelsglück
+mir die goldnen Tore erschließt!" -
+
+"Ich liebe," fuhr Prosper Alpanus fort, "ich liebe Jünglinge, die so
+wie du, mein Balthasar, Sehnsucht und Liebe im reinen Herzen tragen,
+in deren Innerm noch jene herrlichen Akkorde widerhallen, die dem
+fernen Lande voll göttlicher Wunder angehören, das meine Heimat ist.
+Die glücklichen, mit dieser inneren Musik begabten Menschen sind
+die einzigen, die man Dichter nennen kann, wiewohl viele auch so
+gescholten werden, die den ersten besten Brummbaß zur Hand nehmen,
+darauf herumstreichen und das verworrene Gerassel der unter ihrer
+Faust stöhnenden Saiten für herrliche Musik halten, die aus ihrem
+eignen Innern heraustönt. - Dir ist, ich weiß es, mein geliebter
+Balthasar, dir ist es zuweilen so, als verstündest du die murmelnden
+Quellen, die rauschenden Bäume, ja, als spräche das aufflammende
+Abendrot zu dir mit verständlichen Worten! - Ja, mein Balthasar! -
+in diesen Momenten verstehst du wirklich die wunderbaren Stimmen der
+Natur, denn aus deinem eignen Innern erhebt sich der göttliche Ton,
+den die wundervolle Harmonie des tiefsten Wesens der Natur entzündet.
+- Da du Klavier spielst, o Dichter, so wirst du wissen, daß dem
+angeschlagenen Ton die ihm verwandten Töne nachklingen. - Dieses
+Naturgesetz dient zu mehr als zum schalen Gleichnis! - Ja, o Dichter,
+du bist ein viel besserer, als es manche glauben, denen du deine
+Versuche, die innere Musik mit Feder und Tinte zu Papier zu bringen,
+vorgelesen. Mit diesen Versuchen ist es nicht weit her. Doch hast du
+im historischen Stil einen guten Wurf getan, als du mit pragmatischer
+Breite und Genauigkeit die Geschichte von der Liebe der Nachtigall zur
+Purpurrose aufschriebst, welche sich unter meinen Augen begeben. - Das
+ist eine ganz artige Arbeit" -
+
+Prosper Alpanus hielt inne, Balthasar blickte ihn ganz verwundert an
+mit großen Augen, er wußte gar nicht, was er dazu sagen sollte, daß
+Prosper das Gedicht, welches er für das fantastischste hielt, das er
+jemals aufgeschrieben, für einen historischen Versuch erklärte.
+
+"Du magst," fuhr Prosper Alpanus fort, indem ein anmutiges Lächeln
+sein Gesicht überstrahlte, "du magst dich wohl über meine Reden
+verwundern, dir mag überhaupt manches seltsam an mir vorkommen.
+Bedenke aber, daß ich nach dem Urteil aller vernünftigen Leute eine
+Person bin, die nur im Märchen auftreten darf, und du weißt, geliebter
+Balthasar, daß solche Personen sich wunderlich gebärden und tolles
+Zeug schwatzen können, wie sie nur mögen, vorzüglich wenn hinter allem
+doch etwas steckt, was gerade nicht zu verwerfen. - Nun aber weiter!
+- Nahm sich die Fee Rosabelverde des mißgestalteten Zinnober so
+eifrig an, so bist du, mein Balthasar, nun ganz und gar mein lieber
+Schützling. Höre also, was ich für dich zu tun gesonnen! - Der
+Zauberer Lothos besuchte mich gestern, er brachte mir tausend Grüße,
+aber auch tausend Klagen von der Prinzessin Balsamine, die aus dem
+Schlafe erwacht ist und in den süßen Tönen des Chartah Bhade, jenes
+herrlichen Gedichts, das unsere erste Liebe war, sehnende Arme nach
+mir ausstreckt. Auch mein alter Freund, der Minister Yuchi, winkt mir
+freundlich zu vom Polarstern. - Ich muß fort nach dem fernsten Indien!
+- Mein Landgut, das ich verlasse, wünsche ich in keines andern Besitz
+zu sehen als in dem deinigen. Morgen gehe ich nach Kerepes und lasse
+eine förmliche Schenkungsurkunde ausfertigen, in der ich als dein
+Oheim auftrete. Ist nun Zinnobers Zauber gelöst, trittst du vor den
+Professor Mosch Terpin hin als Besitzer eines vortrefflichen Landguts,
+eines beträchtlichen Vermögens, und wirbst du um die Hand der schönen
+Candida, so wird er in voller Freude dir alles gewähren. Aber noch
+mehr! - Ziehst du mit deiner Candida ein in mein Landhaus, so ist das
+Glück deiner Ehe gesichert. Hinter den schönen Bäumen wächst alles,
+was das Haus bedarf; außer den herrlichsten Früchten der schönste Kohl
+und tüchtiges schmackhaftes Gemüse überhaupt, wie man es weit und
+breit nicht findet. Deine Frau wird immer den ersten Salat, die ersten
+Spargel haben. Die Küche ist so eingerichtet, daß die Töpfe niemals
+überlaufen und keine Schüssel verdirbt, solltest du auch einmal eine
+ganze Stunde über die Essenszeit ausbleiben. Teppiche, Stuhl- und
+Sofa-Bezüge sind von der Beschaffenheit, daß es bei der größten
+Ungeschicklichkeit der Dienstboten unmöglich bleibt, einen Fleck
+hineinzubringen, ebenso zerbricht kein Porzellan, kein Glas, sollte
+sich auch die Dienerschaft deshalb die größte Mühe geben und es auf
+den härtesten Boden werfen. Jedesmal endlich, wenn deine Frau waschen
+läßt, ist auf dem großen Wiesenplan hinter dem Hause das allerschönste
+heiterste Wetter, sollte es auch rings umher regnen, donnern und
+blitzen. Kurz, mein Balthasar, es ist dafür gesorgt, daß du das
+häusliche Glück an deiner holden Candida Seite ruhig und ungestört
+genießest! -
+
+"Doch nun ist es wohl an der Zeit, daß ich heimkehre und in
+Gemeinschaft mit meinem Freunde Lothos die Anstalten zu meiner
+baldigen Abreise beginne. Lebe wohl, mein Balthasar!" -
+
+Damit pfiff Prosper ein- zweimal der Libelle, die alsbald sumsend
+herbeiflog. Er zäumte sie auf und schwang sich in den Sattel. Aber
+schon im Davonschweben hielt er plötzlich an und kehrte um zu
+Balthasar. -
+
+"Beinahe," sprach er, "hätte ich deinen Freund Fabian vergessen. In
+einem Anfall schalkischer Laune habe ich ihn für seinen Vorwitz zu
+hart gestraft. In dieser Dose ist das enthalten, was ihn tröstet!" -
+
+Prosper reichte dem Balthasar ein kleines, blank poliertes
+schildkrötenes Döschen hin, das er ebenso einsteckte, wie die kleine
+Lorgnette, die er erst zur Entzauberung Zinnobers von Prosper
+erhalten.
+
+Prosper Alpanus rauschte nun fort durch das Gebüsch, indem die Stimmen
+des Waldes stärker und anmutiger ertönten.
+
+Balthasar kehrte zurück nach Hoch-Jakobsheim, alle Wonne, alles
+Entzücken der süßesten Hoffnung im Herzen.
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+Wie Fabian seiner langen Rockschöße halber für einen Sektierer
+und Tumultuanten gehalten wurde. - Wie Fürst Barsanuph hinter
+den Kaminschirm trat und den Generaldirektor der natürlichen
+Angelegenheiten kassierte. - Zinnobers Flucht aus Mosch Terpins Hause.
+- Wie Mosch Terpin auf einem Sommervogel ausreiten und Kaiser werden
+wollte, dann aber zu Bette ging.
+
+In der frühesten Morgendämmerung, als Wege und Straßen noch einsam,
+schlich sich Balthasar hinein nach Kerepes und lief augenblicklich
+zu seinem Freunde Fabian. Als er an die Stubentüre pochte, rief eine
+kranke matte Stimme: "Herein!" -
+
+Bleich - entstellt, hoffnungslosen Schmerz im Antlitz, lag Fabian auf
+dem Bette. "Um des Himmels willen," rief Balthasar, "um des Himmels
+willen - Freund! sprich! - was ist dir widerfahren?"
+
+"Ach Freund," sprach Fabian mit gebrochener Stimme, indem er sich
+mühsam in die Höhe richtete, "mit mir ist es aus, rein aus. Der
+verfluchte Hexenspuk, den, ich weiß es, der rachsüchtige Prosper
+Alpanus über mich gebracht, stürzt mich ins Verderben!" -
+
+"Wie ist das möglich?" fragte Balthasar; "Zauberei, Hexenspuk,
+du glaubtest sonst an dergleichen nicht." "Ach," fuhr Fabian mit
+weinerlicher Stimme fort, "ach, ich glaube jetzt an alles, an Zauberer
+und Hexen und Erdgeister und Wassergeister, an den Rattenkönig und
+die Alraunwurzel - an alles, was du willst. Wem das Ding so auf den
+Hals tritt wie mir, der gibt sich wohl! - Du erinnerst dich an den
+höllischen Skandal mit meinem Rocke, als wir von Prosper Alpanus
+kamen! - Ja! wär' es nur dabei geblieben! - Sieh dich doch etwas um in
+meinem Zimmer, lieber Balthasar!" -
+
+Balthasar tat es und gewahrte an allen Wänden rings umher eine Unzahl
+von Fracks, Überröcken, Kurtken von allem möglichen Zuschnitt, von
+allen möglichen Farben. "Wie," rief er, "willst du einen Kleiderkram
+anlegen, Fabian?"
+
+"Spotte nicht," erwiderte Fabian, "spotte nicht, lieber Freund. Alle
+diese Kleider ließ ich anfertigen von den berühmtesten Schneidern,
+immer hoffend, endlich einmal der unseligen Verdammnis zu entgehen,
+die auf meinen Röcken ruht, aber umsonst. Sowie ich den schönsten
+Rock, der mir steht wie angegossen an den Leib, nur einige Minuten
+trage, rutschen die Ärmel mir an die Schultern herauf, und die Schöße
+schwänzeln mir nach sechs Ellen lang. In der Verzweiflung ließ ich mir
+jenen Spenzer mit den eine Welt langen Pierrotsärmeln machen: 'Rutscht
+nur, Ärmel,' dacht' ich, 'dehnt euch nur aus, Schöße, so kommt alles
+ins Gleiche': aber! - ganz dasselbe wie mit allen andern Röcken war
+es in wenigen Minuten! Alle Kunst und Kraft der mächtigsten Schneider
+richtete nichts aus gegen den verwünschten Zauber! Daß ich verhöhnt,
+verspottet wurde, wo ich mich nur blicken ließ, versteht sich von
+selbst, aber bald veranlaßte meine unverschuldete Hartnäckigkeit,
+immer wieder in einem solch verteufelten Rock zu erscheinen, ganz
+andere Urteile. Das Geringste war noch, daß die Frauen mich grenzenlos
+eitel und abgeschmackt schalten, da ich aller Sitte entgegen mich
+durchaus mit nackten Armen, sie wahrscheinlich für sehr schön haltend,
+sehen lassen wolle. Die Theologen aber schrien mich bald für einen
+Sektierer aus, stritten sich nur, ob ich zur Sekte der Ärmelianer oder
+Schößianer zu rechnen, waren aber darin einig, daß beide Sekten höchst
+gefährlich zu nennen, da beide vollkommene Freiheit des Willens
+statuierten und sich erfrechten zu denken, was sie wollten.
+Diplomatiker hielten mich für einen schnöden Aufwiegler. Sie
+behaupteten, ich wolle durch meine langen Rockschöße Unzufriedenheit
+im Volke erregen und es aufsässig machen gegen die Regierung, gehöre
+überhaupt zu einem geheimen Bunde, dessen Zeichen ein kurzer Ärmel
+sei. Schon seit langer Zeit fänden sich hie und da Spuren der
+Kurzärmler, die ebenso zu fürchten als die Jesuiten, ja noch mehr,
+da sie sich bemühten, überall die jedem Staate schädliche Poesie
+einzuführen, und an der Infallibilität der Fürsten zweifelten. Kurz! -
+das Ding wurde ernster und ernster, bis mich der Rektor zitieren ließ.
+Ich sah mein Unglück vorher, wenn ich einen Rock anzog, erschien also
+in der Weste. Darüber wurde der Mann zornig, er glaubte, ich wolle ihn
+verhöhnen, und fuhr auf mich los, ich solle binnen acht Tagen in einem
+vernünftigen anständigen Rock vor ihm erscheinen, widrigenfalls er
+ohne alle Gnade die Relegation über mich aussprechen würde. - Heute
+geht der Termin zu Ende! - O ich Unglücklicher! - O verdammter Prosper
+Alpanus!" -
+
+"Halt ein," rief Balthasar, "halt ein, lieber Freund Fabian, schmäle
+nicht auf meinen teuern lieben Oheim, der mir ein Landgut geschenkt
+hat. Auch mit _dir_ meint er es gar nicht so böse, ungeachtet er,
+ich muß es gestehen, den Vorwitz, womit du ihm begegnetest, zu hart
+gestraft hat. - Doch ich bringe Hülfe! - er sendet dir dies Döschen,
+welches alle deine Leiden enden soll."
+
+Damit zog Balthasar das kleine schildkrötene Döschen, welches er
+von Prosper Alpanus erhalten, aus der Tasche und überreichte es dem
+trostlosen Fabian.
+
+"Was soll," Sprach dieser, "was soll mir denn der dumme Quark helfen?
+wie kann ein kleines schildkrötenes Döschen Einfluß haben auf die
+Gestaltung meiner Röcke?" "Das weiß ich nicht," erwiderte Balthasar,
+"aber mein lieber Oheim kann und wird mich nicht täuschen, ich habe
+das vollste Zutrauen zu ihm; darum öffne nur die Dose, lieber Fabian,
+wir wollen sehen, was darin enthalten."
+
+Fabian tat es - und aus der Dose quoll ein herrlich gemachter
+schwarzer Frack von dem feinsten Tuche hervor. Beide, Fabian und
+Balthasar, konnten sich des lauten Ausrufs der höchsten Verwunderung
+nicht erwehren.
+
+"Ha, ich verstehe dich," rief Balthasar begeistert, "ha, ich verstehe
+dich, mein Prosper, mein teurer Oheim! Dieser Rock wird passen, wird
+allen Zauber lösen." -
+
+Fabian zog den Rock ohne weiteres an, und was Balthasar geahnet, traf
+wirklich ein. Das schöne Kleid saß dem Fabian, wie noch niemals ihm
+eins gesessen, und an Rutschen der Ärmel, an Verlängerung der Schöße
+war nicht zu denken.
+
+Ganz außer sich vor Freude, beschloß Fabian nun sogleich in seinem
+neuen wohlpassenden Rock zum Rektor hinzulaufen und alles ins Gleiche
+zu bringen.
+
+Balthasar erzählte nun seinem Freunde Fabian ausführlich, wie sich
+alles begeben mit Prosper Alpanus, und wie dieser ihm die Mittel in
+die Hand gegeben, dem heillosen Unwesen des mißgestalteten Däumlings
+ein Ende zu machen. Fabian, der ein ganz anderer worden, da ihn alle
+Zweifelsucht ganz verlassen, rühmte Prospers hohen Edelmut über alle
+Maßen und erbot sich, bei Zinnobers Entzauberung hülfreiche Hand zu
+leisten. In dem Augenblick gewahrte Balthasar aus dem Fenster seinen
+Freund, den Referendarius Pulcher, der ganz trübsinnig um die Ecke
+schleichen wollte. Fabian steckte auf Balthasars Geheiß den Kopf zum
+Fenster heraus und winkte und rief dem Referendarius zu, er möge doch
+nur gleich heraufkommen.
+
+Sowie Pulcher eintrat, rief er gleich: "Was hast du denn für einen
+herrlichen Rock an, lieber Fabian!" Dieser sagte aber, Balthasar werde
+ihm alles erklären, und lief fort zum Rektor.
+
+Als nun Balthasar dem Referendarius alles ausführlich erzählt, was
+sich zugetragen, sprach dieser. "Gerade an der Zeit ist es nun, daß
+der abscheuliche Unhold tot gemacht wird. Wisse, daß er heute seine
+feierliche Verlobung mit Candida feiert, daß der eitle Mosch Terpin
+ein großes Fest gibt, wozu er selbst den Fürsten geladen. Gerade bei
+diesem Feste wollen wir eindringen in des Professors Haus und den
+Kleinen überfallen. An Lichtern im Saal wird's nicht fehlen zum
+augenblicklichen Verbrennen der feindseligen Haare."
+
+Noch manches hatten die Freunde gesprochen und miteinander verabredet,
+als Fabian eintrat mit vor Freude glänzendem Gesicht.
+
+"Die Kraft," sprach er, "die Kraft des Rocks, der der schildkrötenen
+Dose entquollen, hat sich herrlich bewährt. Sowie ich eintrat bei dem
+Rektor, lächelte er zufrieden. 'Ha' redete er mich an, 'ha! - ich
+gewahre, mein lieber Fabian, daß Sie zurückgekommen sind von Ihrer
+seltsamen Verirrung! - Nun! Feuerköpfe wie Sie lassen sich leicht
+hinreißen zu dem Extremen! - Für religiöse Schwärmerei habe ich Ihr
+Beginnen niemals gehalten - mehr falsch verstandener Patriotismus
+- Hang zum Außerordentlichen, gestützt auf das Beispiel der Heroen
+des Altertums. - Ja, das lasse ich gelten, solch ein schöner,
+wohlpassender Rock! - Heil dem Staate, Heil der Welt, wenn hochherzige
+Jünglinge solche Röcke tragen, mit solchen passenden Ärmeln und
+Schößen. Bleiben Sie treu, Fabian, bleiben Sie treu solcher Tugend,
+solchem wackren Sinn, daraus entsproßt wahre Heldengröße!' - Der
+Rektor umarmte mich, indem helle Tränen ihm in die Augen traten.
+Selbst weiß ich nicht, wie ich dazu kam, die kleine schildkrötene
+Dose, aus der der Rock entstanden und die ich nun in dessen Tasche
+gesteckt, hervorzuziehen. 'Bitte!' sprach der Rektor, indem er Daum
+und Zeigefinger zusammenspitzte. Ohne zu wissen, ob wohl Tabak
+darin enthalten, klappte ich die Dose auf. Der Rektor griff hinein,
+schnupfte, faßte meine Hand, drückte sie stark, Tränen liefen ihm über
+die Wangen; er sprach tiefgerührt: 'Edler Jüngling! - eine schöne
+Prise! - Alles ist vergeben und vergessen, speisen Sie bei mir heut
+mittags!' - Ihr seht, Freunde, all mein Leiden hat ein Ende, und
+gelingt uns heute, wie es anders gar nicht zu erwarten steht, die
+Entzauberung Zinnobers, so seid auch ihr fortan glücklich!" -
+
+In dem mit hundert Kerzen erleuchteten Saal stand der kleine
+Zinnober im scharlachroten gestickten Kleide, den großen Orden des
+grüngefleckten Tigers mit zwanzig Knöpfen umgetan, Degen an der Seite,
+Federhut unterm Arm. Neben ihm die holde Candida bräutlich geschmückt,
+in aller Anmut und Jugend strahlend. Zinnober hatte ihre Hand gefaßt,
+die er zuweilen an den Mund drückte und dabei recht widrig grinste und
+lächelte. Und jedesmal überflog dann ein höheres Rot Candidas Wangen,
+und sie blickte den Kleinen an mit dem Ausdruck der innigsten Liebe.
+Das war denn wohl recht graulich anzusehen, und nur die Verblendung,
+in die Zinnobers Zauber alle versetzte, war schuld daran, daß man
+nicht, ergrimmt über Candidas heillose Verstrickung, den kleinen
+Hexenkerl packte und ins Kaminfeuer warf. Rings um das Paar im Kreise
+in ehrerbietiger Entfernung hatte sich die Gesellschaft gesammelt. Nur
+Fürst Barsanuph stand neben Candida und mühte sich, bedeutungsvolle
+gnädige Blicke umherzuwerfen, auf die indessen niemand sonderlich
+achtete. Alles hatte nur Auge für das Brautpaar und hing an Zinnobers
+Lippen, der hin und wieder einige unverständliche Worte schnurrte,
+denen jedesmal ein leises Ach! der höchsten Bewunderung, das die
+Gesellschaft ausstieß, folgte.
+
+Es war an dem, daß die Verlobungsringe gewechselt werden sollten.
+Mosch Terpin trat in den Kreis mit einem Präsentierteller, auf dem
+die Ringe funkelten. Er räusperte sich - Zinnober hob sich auf den
+Fußspitzen so hoch als möglich, beinahe reichte er der Braut an den
+Ellbogen. - Alles stand in der gespanntesten Erwartung - da lassen
+sich plötzlich fremde Stimmen hören, die Türe des Saals springt auf,
+Balthasar dringt ein, mit ihm Pulcher - Fabian! - Sie brechen durch
+den Kreis - "Was ist das, was wollen die Fremden?" ruft alles
+durcheinander. -
+
+Fürst Barsanuph schreit entsetzt: "Aufruhr - Rebellion - Wache!" und
+springt hinter den Kaminschirm. - Mosch Terpin erkennt den Balthasar,
+der dicht bis zum Zinnober vorgedrungen, und ruft: "Herr Studiosus!
+- Sind Sie rasend - sind Sie von Sinnen? - wie können Sie sich
+unterstehen, hier einzudringen in die Verlobung! - Leute -
+Gesellschaft - Bediente, werft den Grobian zur Türe hinaus!" -
+
+Aber ohne sich nur im mindesten an irgend etwas zu kehren, hat
+Balthasar schon Prospers Lorgnette hervorgezogen und richtet durch
+dieselbe den festen Blick auf Zinnobers Haupt. Wie vom elektrischen
+Strahl getroffen, stößt Zinnober ein gellendes Katzengeschrei aus, daß
+der ganze Saal widerhallt. Candida fällt ohnmächtig auf einen Stuhl;
+der eng geschlossene Kreis der Gesellschaft stäubt auseinander. -
+Klar vor Balthasars Augen liegt der feuerfarbglänzende Haarstreif, er
+spring zu auf Zinnober - faßt ihn, der strampelt mit den Beinchen und
+sträubt sich und kratzt und beißt.
+
+"Angepackt - angepackt!" ruft Balthasar; da fassen Fabian und Pulcher
+den Kleinen, daß er sich nicht zu regen und zu bewegen vermag, und
+Balthasar faßt sicher und behutsam die roten Haare, reißt sie mit
+einem Ruck vom Haupte herab, springt an den Kamin, wirft sie ins
+Feuer, sie prasseln auf, es geschieht ein betäubender Schlag, alle
+erwachen wie aus dem Traum. - Da steht der kleine Zinnober, der sich
+mühsam aufgerafft von der Erde, und schimpft und schmält und befiehlt,
+man solle die frechen Ruhestörer, die sich an der geheiligten Person
+des ersten Ministers im Staate vergriffen, sogleich packen und ins
+tiefste Gefängnis werfen! Aber einer frägt den andern: "Wo kommt denn
+mit einemmal der kleine purzelbäumige Kerl her? - was will das kleine
+Ungetüm?" - Und wie der Däumling immerfort tobt und mit den Füßchen
+den Boden stampft und immer dazwischen ruft: "Ich bin der Minister
+Zinnober - ich bin der Minister Zinnober - der grüngefleckte Tiger mit
+zwanzig Knöpfen!" da bricht alles in ein tolles Gelächter aus. Man
+umringt den Kleinen, die Männer heben ihn auf und werfen sich ihn zu
+wie einen Fangball; ein Ordensknopf nach dem andern springt ihm vom
+Leibe - er verliert den Hut - den Degen, die Schuhe. - Fürst Barsanuph
+kommt hinter dem Kaminschirm hervor und tritt hinein mitten in den
+Tumult. Da kreischt der Kleine: "Fürst Barsanuph - Durchlaucht -
+retten Sie Ihren Minister - Ihren Liebling! - Hülfe - Hülfe - der
+Staat ist in Gefahr - der grüngefleckte Tiger - Weh - weh!" - Der
+Fürst wirft einen grimmigen Blick auf den Kleinen und schreitet dann
+rasch vorwärts nach der Türe. Mosch Terpin kommt ihm in den Weg, den
+faßt er, zieht ihn in die Ecke und spricht mit zornfunkelnden Augen:
+"Sie erdreisten sich, Ihrem Fürsten, Ihrem Landesvater hier eine dumme
+Komödie vorspielen zu wollen? - Sie laden mich ein zur Verlobung
+Ihrer Tochter mit meinem würdigen Minister Zinnober, und statt
+meines Ministers finde ich hier eine abscheuliche Mißgeburt, die
+Sie in glänzende Kleider gesteckt? - Herr, wissen Sie, daß das ein
+landesverräterischer Spaß ist, den ich strenge ahnden würde, wenn
+Sie nicht ein ganz alberner Mensch wären, der ins Tollhaus gehört.
+- Ich entsetze Sie des Amts als Generaldirektor der natürlichen
+Angelegenheiten und verbitte mir alles weitere Studieren in meinem
+Keller! - Adieu!"
+
+Dann stürmte er fort.
+
+Aber Mosch Terpin stürzte zitternd vor Wut los auf den Kleinen, faßte
+ihn bei den langen struppigen Haaren und rannte mit ihm hin nach dem
+Fenster: "Hinunter mit dir," schrie er, "hinunter mit dir, schändliche
+heillose Mißgeburt, die mich so schmachvoll hintergangen, mich um
+alles Glück des Lebens gebracht hat!"
+
+Er wollte den Kleinen hinabstürzen durch das geöffnete Fenster, doch
+der Aufseher des zoologischen Kabinetts, der auch zugegen, sprang mit
+Blitzesschnelle hinzu, faßte den Kleinen und entriß ihn Mosch Terpins
+Fäusten. "Halten Sie ein," sprach der Aufseher, "halten Sie ein, Herr
+Professor, vergreifen Sie sich nicht an fürstlichem Eigentum. Es ist
+keine Mißgeburt, es ist der Mycetes Belzebub, Simia Belzebub, der dem
+Museo entlaufen." "Simia Belzebub - Simia Belzebub!" ertönte es von
+allen Seiten unter schallendem Gelächter. Doch kaum hatte der Aufseher
+den Kleinen auf den Arm genommen und ihn recht angesehen, als er
+unmutig ausrief: "Was sehe ich! - das ist ja nicht Simia Belzebub, das
+ist ja ein schnöder häßlicher Wurzelmann! Pfui! - pfui" -
+
+Und damit warf er den Kleinen in die Mitte des Saals. Unter dem lauten
+Hohngelächter der Gesellschaft rannte der Kleine quiekend und knurrend
+durch die Türe fort die Treppe herab - fort, fort nach seinem Hause,
+ohne daß ihn ein einziger von seinen Dienern bemerkt.
+
+Währenddessen, daß sich dies alles im Saale begab, hatte sich
+Balthasar in das Kabinett entfernt, wo man, wie er wahrgenommen, die
+ohnmächtige Candida hingebracht. Er warf sich ihr zu Füßen, drückte
+ihre Hände an seine Lippen, nannte sie mit den süßesten Namen. Sie
+erwachte endlich mit einem tiefen Seufzer, und als sie den Balthasar
+erblickte, da rief sie voll Entzücken:
+
+"Bist du endlich - endlich da, mein geliebter Balthasar! Ach, ich bin
+ja beinahe vergangen vor Sehnsucht und Liebesschmerz! - und immer
+erklangen mir die Töne der Nachtigall, von denen berührt, der
+Purpurrose das Herzblut entquillt!" -
+
+Nun erzählte sie, alles, alles um sich her vergessend, wie ein böser
+abscheulicher Traum sie verstrickt, wie es ihr vorgekommen, als habe
+sich ein häßlicher Unhold an ihr Herz gelegt, dem sie ihre Liebe
+schenken müssen, weil sie nicht anders gekonnt. Der Unhold habe sich
+zu verstellen gewußt, daß er ausgesehen wie Balthasar; und wenn sie
+recht lebhaft an Balthasar gedacht, habe sie zwar gewußt, daß der
+Unhold nicht Balthasar, aber dann sei es ihr wieder auf unbegreifliche
+Weise gewesen, als müsse sie den Unhold lieben, eben um Balthasars
+willen.
+
+Balthasar klärte ihr so viel auf, als es geschehen konnte, ohne ihre
+ohnehin aufgeregten Sinne ganz und gar zu verwirren. Dann folgten,
+wie es unter Liebesleuten nicht anders zu geschehen pflegt, tausend
+Versicherungen, tausend Schwüre ewiger Liebe und Treue. Und dabei
+umfingen sie sich und drückten sich mit der Inbrunst der innigsten
+Zärtlichkeit an die Brust und waren ganz und gar umflossen von aller
+Wonne, von allem Entzücken des höchsten Himmels.
+
+Mosch Terpin trat ein, händeringend und lamentierend, mit ihm kamen
+Pulcher und Fabian, die immerfort, jedoch vergebens trösteten.
+
+"Nein," rief Mosch Terpin, "nein, ich bin ein total geschlagener
+Mann! - nicht mehr Generaldirektor der natürlichen Angelegenheiten im
+Staate. - Kein Studium mehr im fürstlichen Keller - die Ungnade des
+Fürsten - ich gedachte Ritter zu werden des grüngefleckten Tigers,
+wenigstens mit fünf Knöpfen. - Alles aus! - Was wird nur Se. Exzellenz
+der würdige Minister Zinnober dazu sagen, wenn er hört, daß ich eine
+schnöde Mißgeburt, den Simia Belzebub cauda prehensili, oder was weiß
+ich sonst, für ihn gehalten! - O Gott, auch sein Haß wird auf mich
+lasten! - Alikante! - Alikante!" -
+
+"Aber, bester Professor," trösteten die Freunde - "verehrter
+Generaldirektor, bedenken Sie doch nur, daß es gar keinen Minister
+Zinnober mehr gibt! - Sie haben sich ganz und gar nicht vergriffen,
+der ungestaltete Knirps hat vermöge der Zaubergabe, die er von der Fee
+Rosabelverde erhalten, Sie ebensogut getäuscht, wie uns alle!" -
+
+Nun erzählte Balthasar, wie sich alles begeben von Anfang an. Der
+Professor horchte und horchte, bis Balthasar geendet, da rief er:
+"Wach' ich! - träum' ich - Hexen - Zauberer - Feen - magische Spiegel
+- Sympathien - soll ich an den Unsinn glauben" -
+
+"Ach liebster Herr Professor," fiel Fabian ein, "hätten Sie nur eine
+Zeitlang einen Rock getragen mit kurzen Ärmeln und langer Schleppe, so
+wie ich, Sie würden schon an alles glauben, daß es eine Lust wäre!" -
+
+"Ja," rief Mosch Terpin, "ja, es ist alles so - ja! - ein verhextes
+Untier hat mich getäuscht - ich stehe nicht mehr auf den Füßen -
+ich schwebe auf zur Decke -Prosper Alpanus holt mich ab - ich reite
+aus auf einem Sommervogel - ich laß mich frisieren von der Fee
+Rosabelverde - von dem Stiftsfräulein Rosenschön, und werde Minister!
+- König - Kaiser!" -
+
+Und damit sprang er im Zimmer umher und schrie und juchzte, daß
+alle für seinen Verstand fürchteten, bis er ganz erschöpft in einen
+Lehnsessel sank. Da nahten sich ihm Candida und Balthasar. Sie
+sprachen davon, wie sie sich so innig, so über alles liebten, wie sie
+gar nicht ohne einander leben könnten, und das war recht wehmütig
+anzuhören, weshalb Mosch Terpin auch wirklich etwas weinte. "Alles,"
+sprach er schluchzend, "alles, was ihr wollt, Kinder! - heiratet
+euch, liebt euch - hungert zusammen, denn ich gebe der Candida keinen
+Groschen mit" -
+
+Was das Hungern beträfe, sprach Balthasar lächelnd, so hoffe er morgen
+den Herrn Professor zu überzeugen, daß davon wohl niemals die Rede
+sein könne, da sein Oheim Prosper Alpanus hinlänglich für ihn gesorgt.
+
+"Tue das," sprach der Professor matt, "tue das, mein lieber Sohn, wenn
+du kannst, und zwar morgen; denn soll ich nicht in Wahnsinn verfallen,
+soll mir der Kopf nicht zerspringen, so muß ich sofort zu Bette
+gehen!" -
+
+Er tat das wirklich auf der Stelle.
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+Verlegenheit eines treuen Kammerdieners. - Wie die alte Liese eine
+Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober auf der Flucht
+ausglitschte. - Auf welche merkwürdige Weise der Leibarzt des Fürsten
+Zinnobers jähen Tod erklärte. - Wie Fürst Barsanuph sich betrübte,
+Zwiebeln aß, und wie Zinnobers Verlust unersetzlich blieb.
+
+Der Wagen des Ministers Zinnober hatte beinahe die ganze Nacht
+vergeblich vor Mosch Terpins Hause gehalten. Ein Mal über das andere
+versicherte man dem Jäger, Se. Exzellenz müßten schon lange die
+Gesellschaft verlassen haben; der meinte aber dagegen, das sei ganz
+unmöglich, da Se. Exzellenz doch wohl nicht im Regen und Sturm zu
+Fuß nach Hause gerannt sein würde. Als nun endlich alle Lichter
+ausgelöscht und die Türen verschlossen wurden, mußte der Jäger zwar
+fortfahren mit dem leeren Wagen, im Hause des Ministers weckte er aber
+sogleich den Kammerdiener und fragte, ob denn ums Himmels willen und
+auf welche Art der Minister nach Hause gekommen. "Se. Exzellenz,"
+erwiderte der Kammerdiener leise dem Jäger ins Ohr, "Se. Exzellenz
+sind gestern eingetroffen in später Dämmerung, das ist ganz gewiß -
+liegen im Bette und schlafen. - Aber! - o mein guter Jäger! - wie -
+auf welche Weise! - ich will Ihnen alles erzählen - doch Siegel auf
+den Mund - ich bin ein verlornen Mann, wenn Se. Exzellenz erfahren,
+daß ich es war auf dem finstern Korridor! - ich komme um meinen
+Dienst, denn Se. Exzellenz sind zwar von kleiner Statur, besitzen aber
+außerordentlich viel Wildheit, alterieren sich leicht, kennen sich
+selbst nicht im Zorn, haben noch gestern eine schnöde Maus, die
+durch Sr. Exzellenz Schlafzimmer zu hüpfen sich unterfangen, mit dem
+blank gezogenen Degen durch und durch gerannt. - Nun gut! - Also
+in der Dämmerung nehme ich mein Mäntelchen um und will ganz sachte
+hinüberschleichen ins Weinstübchen zu einer Partie Tric-Trac, da
+schurrt und schlurrt mir etwas auf der Treppe entgegen und kommt mir
+auf dem finstern Korridor zwischen die Beine und schlägt hin auf den
+Boden und erhebt ein gellendes Katzengeschrei und grunzt dann wie - o
+Gott - Jäger! - halten Sie das Maul, edler Mann, sonst bin ich hin!
+- kommen Sie ein wenig näher - und grunzt dann, wie unsere gnädige
+Exzellenz zu grunzen pflegt, wenn der Koch die Kälberkeule verbraten
+oder ihm sonst im Staate was nicht recht ist."
+
+Die letzten Worte hatte der Kammerdiener dem Jäger mit vorgehaltener
+Hand ins Ohr gesprochen. Der Jäger fuhr zurück, schnitt ein
+bedenkliches Gesicht und rief: "Ist es möglich!" -
+
+"Ja," fuhr der Kammerdiener fort, "es war unbezweifelt unsere gnädige
+Exzellenz, was mir auf dem Korridor durch die Beine fuhr. Ich vernahm
+nun deutlich, wie der Gnädige in den Zimmern die Stühle heranrückte
+und sich die Türe eines Zimmers nach dem andern öffnete, bis er in
+sein Schlafkabinett angekommen. Ich wagt' es nicht nachzugehen,
+aber ein paar Stündchen nachher schlich ich mich an die Türe des
+Schlafkabinetts und horchte. Da schnarchten die liebe Exzellenz ganz
+auf die Weise, wie es zu geschehen pflegt, wenn Großes im Werke.
+- Jäger! 'es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere
+Weisheit sich träumt,' das hört' ich einmal auf dem Theater einen
+melancholischen Prinzen sagen, der ganz schwarz ging und sich vor
+einem ganz in grauen Pappendeckel gekleideten Mann sehr fürchtete. -
+Jäger! - es ist gestern irgend etwas Erstaunliches geschehen, das die
+Exzellenz nach Hause trieb. Der Fürst ist bei dem Professor gewesen,
+vielleicht äußerte er das und das - irgendein hübsches Reformchen -
+und da ist nun der Minister gleich drüber her, läuft aus der Verlobung
+heraus und fängt an zu arbeiten für das Wohl der Regierung. - Ich
+hört's gleich am Schnarchen; ja Großes, Entscheidendes wird geschehen!
+- O Jäger - vielleicht lassen wir alle über kurz oder lang uns wieder
+die Zöpfe wachsen! - Doch, teurer Freund, lassen Sie uns hinabgehen
+und als treue Diener an der Türe des Schlafzimmers lauschen, ob Se.
+Exzellenz auch noch ruhig im Bette liegen und die inneren Gedanken
+ausarbeiten."
+
+Beide, der Kammerdiener und der Jäger, schlichen sich hin an die Türe
+und horchten. Zinnober schnurrte und orgelte und pfiff durch die
+wundersamsten Tonarten. Beide Diener standen in stummer Ehrfurcht, und
+der Kammerdiener sprach tiefgerührt: "Ein großer Mann ist doch unser
+gnädige Herr Minister!" -
+
+Schon am frühsten Morgen entstand unten im Hause des Ministers
+ein gewaltiger Lärm. Ein altes, erbärmlich in längst verblichenen
+Sonntagsstaat gekleidetes Bauerweib hatte sich ins Haus gedrängt und
+dem Portier angelegen, sie sogleich zu ihrem Söhnlein, zu Klein Zaches
+zu führen. Der Portier hatte sie bedeutet, daß Se. Exzellenz der Herr
+Minister von Zinnober, Ritter des grüngefleckten Tigers mit zwanzig
+Knöpfen, im Hause wohne, und niemand von der Dienerschaft Klein Zaches
+hieße oder so genannt werde. Da hatte das Weib aber ganz tolljubelnd
+geschrien, der Herr Minister Zinnober mit zwanzig Knöpfen, das sei
+eben ihr liebes Söhnlein, der Klein Zaches. Auf das Geschrei des
+Weibes, auf die donnernden Flüche des Portiers war alles aus dem
+ganzen Hause zusammengelaufen, und das Getöse wurde ärger und ärger.
+Als der Kammerdiener hinabkam, um die Leute auseinander zu jagen, die
+Se. Exzellenz so unverschämt in der Morgenruhe störten, warf man eben
+das Weib, die alle für wahnsinnig hielten, zum Hause heraus.
+
+Auf die steinernen Stufen des gegenüberstehenden Hauses setzte sich
+nun das Weib hin und schluchzte und lamentierte, daß das grobe Volk da
+drinnen sie nicht zu ihrem Herzenssöhnlein, zu dem Klein Zaches, der
+Minister geworden, lassen wolle. Viele Leute versammelten sich nach
+und nach um sie her, denen sie immer und immer wiederholte, daß der
+Minister Zinnober niemand anders sei, als ihr Sohn, den sie in der
+Jugend Klein Zaches geheißen; so daß die Leute zuletzt nicht wußten,
+ob sie die Frau für toll halten oder gar ahnen sollten, daß wirklich
+was an der Sache.
+
+Die Frau wandte nicht die Augen weg von Zinnobers Fenster. Da schlug
+sie mit einemmal eine helle Lache auf, klopfte die Hände zusammen und
+rief jubelnd überlaut: "Da ist er - da ist er, mein Herzensmännlein -
+mein kleines Koboldchen - Guten Morgen, Klein Zaches! - Guten Morgen,
+Klein Zaches!" - Alle Leute kuckten hin, und als sie den kleinen
+Zinnober gewahrten, der in seinem gestickten Scharlachkleide, das
+Ordensband des grüngefleckten Tigers umgehängt, vor dem Fenster stand,
+das hinabging bis an den Fußboden, so daß seine ganze Figur durch die
+großen Scheiben deutlich zu sehen, lachten sie ganz übermäßig und
+lärmten und schrien: "Klein Zaches - Klein Zaches! Ha, seht doch den
+kleinen geputzten Pavian - die tolle Mißgeburt - das Wurzelmännlein
+- Klein Zaches! Klein Zaches!" - Der Portier, alle Diener Zinnobers
+rannten heraus, um zu erschauen, worüber das Volk denn so unmäßig
+lache und jubiliere. Aber kaum erblickten sie ihren Herren, als sie
+noch ärger als das Volk im tollsten Gelächter schrien: "Klein Zaches -
+Klein Zaches - Wurzelmann - Däumling - Alraun!" -
+
+Der Minister schien erst jetzt zu gewahren, daß der tolle Spuk auf der
+Straße niemand anderm gelte, als ihm selbst. Er riß das Fenster auf,
+schaute mit zornfunkelnden Augen herab, schrie, raste, machte seltsame
+Sprünge vor Wut - drohte mit Wache - Polizei - Stockhaus und Festung.
+
+Aber je mehr die Exzellenz tobte im Zorn, desto ärger wurde Tumult und
+Gelächter, man fing an mit Steinen - Obst - Gemüse oder was man eben
+zur Hand bekam, nach dem unglücklichen Minister zu werfen - er mußte
+hinein! -
+
+"Gott im Himmel," rief der Kammerdiener entsetzt, "aus dem Fenster der
+gnädigen Exzellenz kuckte ja das kleine abscheuliche Ungetüm heraus -
+Was ist das? - wie ist der kleine Hexenkerl in die Zimmer gekommen?" -
+Damit rannte er hinauf, aber so wie vorher fand er das Schlafkabinett
+des Ministers fest verschlossen. Er wagte leise zu pochen! - Keine
+Antwort! -
+
+Indessen war, der Himmel weiß, auf welche Weise, ein dumpfes Gemurmel
+im Volke entstanden, das kleine lächerliche Ungetüm dort oben sei
+wirklich Klein Zaches, der den stolzen Namen Zinnober angenommen und
+sich durch allerlei schändlichen Lug und Trug aufgeschwungen. Immer
+lauter und lauter erhoben sich die Stimmen. "Hinunter mit der kleinen
+Bestie - hinunter - klopft dem Klein Zaches die Ministerjacke aus -
+sperrt ihn in den Käficht - laßt ihn für Geld sehen auf dem Jahrmarkt!
+- Beklebt ihn mit Goldschaum und beschert ihn den Kindern zum
+Spielzeug! - Hinauf - hinauf!" - Und damit stürmte das Volk an gegen
+das Haus.
+
+Der Kammerdiener rang verzweiflungsvoll die Hände. "Rebellion - Tumult
+- Exzellenz - machen Sie auf - retten Sie sich!" - so schrie er; aber
+keine Antwort, nur ein leises Stöhnen ließ sich vernehmen.
+
+Die Haustüre wurde eingeschlagen, das Volk polterte unter wildem
+Gelächter die Treppe herauf.
+
+"Nun gilt's," sprach der Kammerdiener und rannte mit aller Macht an
+gegen die Türe des Kabinetts, daß sie klirrend und rasselnd aus den
+Angeln sprang. - Keine Exzellenz - kein Zinnober zu finden! -
+
+"Exzellenz - gnädigste Exzellenz - vernehmen Sie denn nicht die
+Rebellion? - Exzellenz - gnädigste Exzellenz, wo hat sie denn der -
+Gott verzeih' mir die Sünde, wo geruhen Sie sich denn zu befinden!"
+
+So schrie der Kammerdiener, in heller Verzweiflung durch die Zimmer
+rennend. Aber keine Antwort, kein Laut, nur der spottende Widerhall
+tönte von den Marmorwänden. Zinnober schien spurlos, tonlos
+verschwunden. - Draußen war es ruhiger geworden, der Kammerdiener
+vernahm die tiefe klangvolle Stimme eines Frauenzimmers, die zum Volke
+sprach, und gewahrte, durchs Fenster blickend, wie die Menschen nach
+und nach, leise miteinander murmelnd, das Haus verließen, bedenkliche
+Blicke hinaufwerfend nach den Fenstern.
+
+"Die Rebellion scheint vorüber," sprach der Kammerdiener, "nun wird
+die gnädige Exzellenz wohl hervorkommen aus ihrem Schlupfwinkel."
+
+Er ging nach dem Schlafkabinett zurück, vermutend, dort werde der
+Minister sich doch wohl am Ende befinden.
+
+Er warf spähende Blicke rings umher, da wurde er gewahr, wie aus einem
+schönen silbernen Henkelgefäß, das immer dicht neben der Toilette
+zu stehen pflegte, weil es der Minister als ein teures Geschenk des
+Fürsten sehr wert hielt, ganz kleine dünne Beinchen hervorstarrten.
+
+"Gott - Gott," schrie der Kammerdiener entsetzt, "Gott! - Gott! -
+täuscht mich nicht alles, so gehören die Beinchen dort Sr. Exzellenz
+dem Herrn Minister Zinnober, meinem gnädigen Herrn!" - Er trat
+hinan, er rief, durchbebt von allen Schauern des Schrecks, indem er
+herabschaute: "Exzellenz - Exzellenz - um Gott, was machen Sie - was
+treiben Sie da unten in der Tiefe!"
+
+Da aber Zinnober still blieb, sah der Kammerdiener wohl die Gefahr
+ein, in der die Exzellenz schwebte, und daß es an der Zeit sei, allen
+Respekt beiseite zu setzen. Er packte den Zinnober bei den Beinchen
+- zog ihn heraus! - Ach tot - tot war die kleine Exzellenz! Der
+Kammerdiener brach aus in lautes Jammern; der Jäger, die Dienerschaft
+eilte herbei, man rannte nach dem Leibarzt des Fürsten. Indessen
+trocknete der Kammerdiener seinen armen unglücklichen Herrn ab mit
+saubern Handtüchern, legte ihn ins Bett, bedeckte ihn mit seidenen
+Kissen, so daß nur das kleine verschrumpfte Gesichtchen sichtbar
+blieb.
+
+Hinein trat nun das Fräulein von Rosenschön. Sie hatte erst, der
+Himmel weiß, auf welche Art, das Volk beruhigt. Nun schritt sie zu auf
+den entseelten Zinnober, ihr folgte die alte Liese, des kleinen Zaches
+leibliche Mutter. - Zinnober sah in der Tat hübscher aus im Tode, als
+er jemals in seinem ganzen Leben ausgesehen. Die kleinen Äugelein
+waren geschlossen, das Näschen sehr weiß, der Mund zum sanften Lächeln
+ein wenig verzogen, aber vor allen Dingen wallte das dunkelbraune Haar
+in den schönsten Locken herab. Über das Haupt hin strich das Fräulein
+den Kleinen, und in dem Augenblick blitzte in mattem Schimmer ein
+roter Streif hervor.
+
+"Ha," rief das Fräulein, indem ihr die Augen vor Freude glänzten, "ha,
+Prosper Alpanus! - hoher Meister, du hältst Wort! - Verbüßt ist sein
+Verhängnis und mit ihm alle Schmach!"
+
+"Ach," sprach die alte Liese, "ach du lieber Gott, das ist ja doch
+wohl nicht mein kleiner Zaches, so hübsch hat der niemals ausgesehen.
+Da bin ich doch nun ganz umsonst nach der Stadt gegangen, und Ihr habt
+mir gar nicht gut geraten, mein gnädiges Fräulein!" -
+
+"Murrt nur nicht, Alte," erwiderte das Fräulein, "hättet Ihr nur
+meinen Rat ordentlich befolgt, und wäret Ihr nicht früher, als ich
+hier war, in dies Haus gedrungen, alles stünde für Euch besser. - Ich
+wiederhole es, der Kleine, der dort tot im Bette liegt, ist gewiß und
+wahrhaftig Euer Sohn, Klein Zaches!"
+
+"Nun," rief die Frau mit leuchtenden Augen, "nun wenn die kleine
+Exzellenz dort wirklich mein Kind ist, so erb' ich ja wohl all die
+schönen Sachen, die hier rings umherstehen, das ganze Haus mit allem,
+was drinnen ist?"
+
+"Nein," sprach das Fräulein, "das ist nun ganz und gar vorbei, Ihr
+habt den rechten Augenblick verfehlt, Geld und Gut zu gewinnen. - Euch
+ist, ich habe es gleich gesagt, Euch ist nun einmal Reichtum nicht
+beschieden." -
+
+"So darf ich," fuhr die Frau fort, indem ihr die Tränen in die Augen
+traten, "so darf ich denn nicht wenigstens mein armes kleines Männlein
+in die Schürze nehmen und nach Hause tragen? - Unser Herr Pfarrer hat
+so viel hübsche ausgestopfte Vögelein und Eichkätzchen, der soll mir
+meinen Klein Zaches ausstopfen lassen, und ich will ihn auf meinen
+Schrank stellen, wie er da ist im roten Rock mit dem breiten Bande und
+dem großen Stern auf der Brust, zum ewigen Andenken!" -
+
+"Das ist," rief das Fräulein beinahe unwillig, "das ist ein ganz
+einfältiger Gedanke, das geht ganz und gar nicht an!" -
+
+Da fing das Weib an zu schluchzen, zu klagen, zu lamentieren. "Was
+hab' ich," sprach sie, "nun davon, daß mein Klein Zaches zu hohen
+Würden, zu großem Reichtum gelangt ist! - Wär' er nur bei mir
+geblieben, hätt' ich ihn nur aufgezogen in meiner Armut, niemals wär'
+er in jenes verdammte silberne Ding gefallen, er lebte noch, und ich
+hätt' vielleicht Freude und Segen von ihm gehabt. Trug ich ihn so
+herum in meinem Holzkorb, Mitleiden hätten die Leute gefühlt und mir
+manches schöne Stücklein Geld zugeworfen, aber nun" -
+
+Es ließen sich Tritte im Vorsaal vernehmen, das Fräulein trieb die
+Alte hinaus, mit der Weisung, sie solle unten vor der Türe warten, im
+Wegfahren wolle sie ihr ein untrügliches Mittel vertrauen, wie sie all
+ihre Not, all ihr Elend mit einemmal enden könne.
+
+Nun trat Rosabelverde noch einmal dicht an den Kleinen heran und
+sprach mit der weichen bebenden Stimme des tiefen Mitleids:
+
+"Armer Zaches! - Stiefkind der Natur! - ich hatt' es gut mit dir
+gemeint! - Wohl mocht' es Torheit sein, daß ich glaubte, die äußere
+schöne Gabe, womit ich dich beschenkt, würde hineinstrahlen in dein
+Inneres und eine Stimme erwecken, die dir sagen müßte: 'Du bist
+nicht der, für den man dich hält, aber strebe doch nur an, es dem
+gleichzutun, auf dessen Fittichen du Lahmer, Unbefiederter dich
+aufschwingst!' - Doch keine innere Stimme erwachte. Dein träger toter
+Geist vermochte sich nicht emporzurichten, du ließest nicht nach in
+deiner Dummheit, Grobheit, Ungebärdigkeit - Ach! - wärst du nur ein
+geringes Etwas weniger, ein kleiner ungeschlachter Rüpel geblieben, du
+entgingst dem schmachvollen Tode! - Prosper Alpanus hat dafür gesorgt,
+daß man dich jetzt im Tode wieder dafür hält, was du im Leben durch
+meine Macht zu sein schienst. Sollt' ich dich vielleicht gar noch
+wiederschauen als kleiner Käfer - flinke Maus oder behende Eichkatze,
+so soll es mich freuen! - Schlafe wohl, Klein Zaches!" -
+
+Indem Rosabelverde das Zimmer verließ, trat der Leibarzt des Fürsten
+mit dem Kammerdiener hinein.
+
+"Um Gott," rief der Arzt, als er den toten Zinnober erblickte und
+sich überzeugte, daß alle Mittel, ihn ins Leben zu rufen, vergeblich
+bleiben würden, "um Gott, wie ist das zugegangen, Herr Kämmerer?"
+
+"Ach," erwiderte dieser, "ach, lieber Herr Doktor, die Rebellion oder
+die Revolution, es ist all eins, wie Sie es nennen wollen, tobte und
+hantierte draußen auf dem Vorsaale ganz fürchterlich. Se. Exzellenz,
+besorgt um ihr teures Leben, wollten gewiß in die Toilette
+hineinflüchten, glitschten aus und" -
+
+"So ist," sprach der Doktor feierlich und bewegt, "so ist er aus
+Furcht zu sterben gar gestorben!"
+
+Die Türe sprang auf, und hinein stürzte Fürst Barsanuph mit
+verbleichtem Antlitz, hinter ihm her sieben noch bleichere
+Kammerherrn.
+
+"Ist es wahr, ist es wahr?" rief der Fürst; aber sowie er des Kleinen
+Leichnam erblickte, prallte er zurück und sprach, die Augen gen Himmel
+gerichtet, mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes: "O Zinnober!" -
+Und die sieben Kammerherrn riefen dem Fürsten nach: "O Zinnober!" und
+holten, wie es der Fürst tat, die Schnupftücher aus der Tasche und
+hielten sie sich vor die Augen.
+
+"Welch ein Verlust," begann nach einer Weile des lautlosen Jammers der
+Fürst, "welch ein unersetzlicher Verlust für den Staat! - Wo einen
+Mann finden, der den Orden des grüngefleckten Tigers mit zwanzig
+Knöpfen mit _der_ Würde trägt, als mein Zinnober! - Leibarzt, und Sie
+konnten mir _den_ Mann sterben lassen! - Sagen Sie - wie ging das
+zu, wie mochte das geschehen - was war die Ursache - woran starb der
+Vortreffliche?" -
+
+Der Leibarzt beschaute den Kleinen sehr sorgsam, befühlte manche
+Stellen ehemaliger Pulse, strich das Haupt entlang, räusperte sich
+und begann: "Mein gnädigster Herr! Sollte ich mich begnügen, auf der
+Oberfläche zu schwimmen, ich könnte sagen, der Minister sei an dem
+gänzlichen Ausbleiben des Atems gestorben, dies Ausbleiben des Atems
+sei bewirkt durch die Unmöglichkeit Atem zu schöpfen, und diese
+Unmöglichkeit wieder nur herbeigeführt durch das Element, durch den
+Humor, in den der Minister stürzte. Ich könnte sagen, der Minister sei
+auf diese Weise einen humoristischen Tod gestorben, aber fern von mir
+sei diese Seichtigkeit, fern von mir die Sucht, alles aus schnöden
+physischen Prinzipien erklären zu wollen, was nur im Gebiet des rein
+Psychischen seinen natürlichen unumstößlichen Grund findet. - Mein
+gnädigster Fürst, frei sei des Mannes Wort! - Den ersten Keim des
+Todes fand der Minister im Orden des grüngefleckten Tigers mit zwanzig
+Knöpfen!" -
+
+"Wie," rief der Fürst, indem er den Leibarzt mit zornglühenden Augen
+anfunkelte, "wie! - was sprechen Sie? - der Orden des grüngefleckten
+Tigers mit zwanzig Knöpfen, den der Selige zum Wohl des Staats mit so
+vieler Anmut, mit so vieler Würde trug? - _der_ Ursache seines Todes?
+- Beweisen Sie mir das, oder - Kammerherrn, was sagt ihr dazu?"
+
+"Er muß beweisen, er muß beweisen, oder" - riefen die sieben blassen
+Kammerherrn, und der Leibarzt fuhr fort:
+
+"Mein bester gnädigster Fürst, ich werd' es beweisen, also kein
+_oder_! - Die Sache hängt folgendermaßen zusammen: Das schwere
+Ordenszeichen am Bande, vorzüglich aber die Knöpfe auf dem Rücken
+wirkten nachteilig auf die Ganglien des Rückgrats. Zu gleicher Zeit
+verursachte der Ordensstern einen Druck auf jenes knotige fadichte
+Ding zwischen dem Dreifuß und der obern Gekröspulsader, das wir das
+Sonnengeflecht nennen, und das in dem labyrinthischen Gewebe der
+Nervengeflechte prädominiert. Dies dominierende Organ steht in der
+mannigfaltigsten Beziehung mit dem Zerebralsystem, und natürlich war
+der Angriff auf die Ganglien auch diesem feindlich. Ist aber nicht die
+freie Leitung des Zerebralsystems die Bedingung des Bewußtseins, der
+Persönlichkeit, als Ausdruck der vollkommensten Vereinigung des Ganzen
+in einem Brennpunkt? Ist nicht der Lebensprozeß die Tätigkeit in
+beiden Sphären, in dem Ganglien- und Zerebralsystem? - Nun! genug,
+jener Angriff störte die Funktionen des psychischen Organism. Erst
+kamen finstre Ideen von unerkannten Aufopferungen für den Staat durch
+das schmerzhafte Tragen jenes Ordens u.s.w., immer verfänglicher
+wurde der Zustand, bis gänzliche Disharmonie des Ganglien- und
+Zerebralsystems endlich gänzliches Aufhören des Bewußtseins,
+gänzliches Aufgeben der Persönlichkeit herbeiführte. Diesen Zustand
+bezeichnen wir aber mit dem Worte _Tod_! - Ja, gnädigster Herr! - der
+Minister hatte bereits seine Persönlichkeit aufgegeben, war also schon
+mausetot, als er hineinstürzte in jenes verhängnisvolle Gefäß. - So
+hatte sein Tod keine physische, wohl aber eine unermeßlich tiefe
+psychische Ursache." -
+
+"Leibarzt," sprach der Fürst unmutig, "Leibarzt, Sie schwatzen nun
+schon eine halbe Stunde, und ich will verdammt sein, wenn ich eine
+Silbe davon verstehe. Was wollen Sie mit Ihrem Physischen und
+Psychischen?"
+
+"Das physische Prinzip," nahm der Arzt wieder das Wort, "ist die
+Bedingung des rein vegetativen Lebens, das psychische bedingt dagegen
+den menschlichen Organism, der nur in dem Geiste, in der Denkkraft das
+Triebrad der Existenz findet."
+
+"Noch immer," rief der Fürst im höchsten Unmut, "noch immer verstehe
+ich Sie nicht, Unverständlicher!"
+
+"Ich meine," sprach der Doktor, "ich meine, Durchlauchtiger, daß das
+Physische sich bloß auf das rein vegetative Leben ohne Denkkraft, wie
+es in Pflanzen stattfindet, das Psychische aber auf die Denkkraft
+bezieht. Da diese nun im menschlichen Organism vorwaltet, so muß der
+Arzt immer bei der Denkkraft, bei dem Geist anfangen und den Leib nur
+als Vasallen des Geistes betrachten, der sich fügen muß, sobald der
+Gebieter es will."
+
+"Hoho!" rief der Fürst, "hoho, Leibarzt, lassen Sie das gut sein! -
+Kurieren Sie meinen Leib, und lassen Sie meinen Geist ungeschoren,
+von dem habe ich noch niemals Inkommoditäten verspürt. Überhaupt,
+Leibarzt, Sie sind ein konfuser Mann, und stünde ich hier nicht an der
+Leiche meines Ministers und wäre gerührt, ich wüßte, was ich täte! -
+Nun Kammerherrn! vergießen wir noch einige Zähren hier am Katafalk des
+Verewigten und gehen wir dann zur Tafel."
+
+Der Fürst hielt das Schnupftuch vor die Augen und schluchzte, die
+Kammerherrn taten desgleichen, dann schritten sie alle von dannen. Vor
+der Türe stand die alte Liese, welche einige Reihen der allerschönsten
+goldgelben Zwiebeln über den Arm gehängt hatte, die man nur sehen
+konnte. Des Fürsten Blick fiel zufällig auf diese Früchte. Er blieb
+stehen, der Schmerz verschwand aus seinem Antlitz, er lächelte mild
+und gnädig, er sprach: "Hab' ich doch in meinem Leben keine solche
+schöne Zwiebeln gesehen, die müssen von dem herrlichsten Geschmack
+sein. Verkauft Sie die Ware, liebe Frau?"
+
+"O ja," erwiderte Liese mit einem tiefen Knix, "o ja, gnädigste
+Durchlaucht, von dem Verkauf der Zwiebeln nähre ich mich dürftig,
+so gut es gehn will! - Sie sind süß wie purer Honig, belieben Sie,
+gnädigster Herr?"
+
+Damit reichte sie eine Reihe der stärksten glänzendsten Zwiebeln dem
+Fürsten hin. Der nahm sie, lächelte, schmatzte ein wenig und rief
+dann: "Kammerherrn! geb' mir einer einmal sein Taschenmesser her." Ein
+Messer erhalten, schälte der Fürst nett und sauber eine Zwiebel ab und
+kostete etwas von dem Mark.
+
+"Welch ein Geschmack, welche Süße, welche Kraft, welches Feuer!" rief
+er, indem ihm die Augen glänzten vor Entzücken, "und dabei ist es mir,
+als säh' ich den verewigten Zinnober vor mir stehen, der mir zuwinkte
+und zulispelte: 'Kaufen Sie - essen Sie diese Zwiebeln, mein Fürst
+- das Wohl des Staats erfordert es!'" - Der Fürst drückte der alten
+Liese ein paar Goldstücke in die Hand, und die Kammerherrn mußten
+sämtliche Reihen Zwiebeln in die Taschen schieben. Noch mehr! -
+er verordnete, daß niemand anders die Zwiebellieferung für die
+fürstlichen Dejeuners haben sollte als Liese. So kam die Mutter des
+Klein Zaches, ohne gerade reich zu werden, aus aller Not, aus allem
+Elend, und gewiß war es wohl, daß ihr ein geheimer Zauber der guten
+Fee Rosabelverde dazu verhalf.
+
+Das Leichenbegängnis des Ministers Zinnober war eins der prächtigsten,
+das man jemals in Kerepes gesehen; der Fürst, alle Ritter des
+grüngefleckten Tigers folgten der Leiche in tiefer Trauer. Alle
+Glocken wurden gezogen, ja sogar die beiden Böller, die der Fürst
+behufs der Feuerwerke mit schweren Kosten angeschafft, mehrmals
+gelöst. Bürger - Volk - alles weinte und lamentierte, daß der Staat
+seine beste Stütze verloren und wohl niemals mehr ein Mann von
+dem tiefen Verstande, von der Seelengröße, von der Milde, von dem
+unermüdlichen Eifer für das allgemeine Wohl, wie Zinnober, an das
+Ruder der Regierung kommen werde.
+
+In der Tat blieb auch der Verlust unersetzlich; denn niemals fand
+sich wieder ein Minister, dem der Orden des grüngefleckten Tigers mit
+zwanzig Knöpfen so an den Leib gepaßt haben sollte, wie dem verewigten
+unvergeßlichen Zinnober.
+
+
+
+Letztes Kapitel
+
+Wehmütige Bitten des Autors. - Wie der Professor Mosch Terpin sich
+beruhigte und Candida niemals verdrießlich werden konnte. - Wie ein
+Goldkäfer dem Doktor Prosper Alpanus etwas ins Ohr summte, dieser
+Abschied nahm und Balthasar eine glückliche Ehe führte.
+
+Es ist nun an dem, daß der, der für dich, geliebter Leser, diese
+Blätter aufschreibt, von dir scheiden will, und dabei überfällt ihn
+Wehmut und Bangen. - Noch vieles, vieles wüßte er von den merkwürdigen
+Taten des kleinen Zinnober, und er hätte, wie er denn nun überhaupt zu
+der Geschichte aus dem Innern heraus unwiderstehlich angeregt wurde,
+wahre Lust daran gehabt, dir, o mein Leser, noch das alles zu
+erzählen. Doch! - rückblickend auf alle Ereignisse, wie sie in den
+neun Kapiteln vorgekommen, fühlt er wohl, daß darin schon so viel
+Wunderliches, Tolles, der nüchternen Vernunft Widerstrebendes
+enthalten, daß er, noch mehr dergleichen anhäufend, Gefahr laufen
+müßte, es mit dir, geliebter Leser, deine Nachsicht mißbrauchend, ganz
+und gar zu verderben. Er bittet dich in jener Wehmut, in jenem Bangen,
+das plötzlich seine Brust beengte, als er die Worte: "Letztes Kapitel"
+schrieb, du mögest mit recht heitrem, unbefangenem Gemüt es dir
+gefallen lassen, die seltsamen Gestaltungen zu betrachten, ja sich
+mit ihnen zu befreunden, die der Dichter der Eingebung des spukhaften
+Geistes, Phantasus geheißen, verdankt, und dessen bizarrem, launischem
+Wesen er sich vielleicht zu sehr überließ. - Schmolle deshalb nicht
+mit beiden, mit dem Dichter und mit dem launischen Geiste! - Hast
+du, geliebter Leser, hin und wieder über manches recht im Innern
+gelächelt, so warst du in der Stimmung, wie sie der Schreiber dieser
+Blätter wünschte, und dann, so glaubt er, wirst du ihm wohl vieles
+zugute halten! -
+
+Eigentlich hätte die Geschichte mit dem tragischen Tode des kleinen
+Zinnober schließen können. Doch ist es nicht anmutiger, wenn statt
+eines traurigen Leichenbegängnisses eine fröhliche Hochzeit am Ende
+steht?
+
+So werde denn noch kürzlich der holden Candida und des glücklichen
+Balthasars gedacht. -
+
+Der Professor Mosch Terpin war sonst ein aufgeklärter, welterfahrner
+Mann, der dem weisen Spruch: Nil admirari gemäß sich seit vielen,
+vielen Jahren über nichts in der Welt zu verwundern pflegte. Aber
+jetzt geschah es, daß er, all seine Weisheit aufgebend, sich immer
+fort und fort verwundern mußte, so daß er zuletzt klagte, wie er nicht
+mehr wisse, ob er wirklich der Professor Mosch Terpin sei, der ehemals
+die natürlichen Angelegenheiten im Staate dirigiert, und ob er noch
+wirklich, Kopf in die Höhe, auf seinen lieben Füßen einherspaziere.
+
+Zuerst verwunderte er sich, als Balthasar ihm den Doktor
+Prosper Alpanus als seinen Oheim vorstellte und dieser ihm die
+Schenkungsurkunde vorwies, vermöge der Balthasar Besitzer des eine
+Stunde von Kerepes entfernten Landhauses nebst Waldung, Äcker und
+Wiesen wurde; als er in dem Inventario, kaum seinen Augen trauend,
+köstliche Gerätschaften, ja Gold- und Silberbarren erwähnt gewahrte,
+deren Wert den Reichtum der fürstlichen Schatzkammer bei weitem
+überstieg. Dann verwunderte er sich, als er den prächtigen Sarg, in
+dem Zinnober lag, durch Balthasars Lorgnette anschaute, und es ihm
+auf einmal war, als habe es nie einen Minister Zinnober, sondern nur
+einen kleinen ungeschlachten, ungebärdigen Knirps gegeben, den man
+fälschlicherweise für einen verständigen, weisen Minister Zinnober
+gehalten.
+
+Bis auf den höchsten Grad stieg aber Mosch Terpins Verwunderung, als
+Prosper Alpanus ihn im Landhause umherführte, ihm seine Bibliothek und
+andere sehr wunderbare Dinge zeigte, ja selbst einige sehr anmutige
+Experimente machte mit seltsamen Pflanzen und Tieren.
+
+Dem Professor ging der Gedanke auf, es sei wohl mit seinem
+Naturforschen ganz und gar nichts, und er säße in einer herrlichen
+bunten Zauberwelt wie in einem Ei eingeschlossen. Dieser Gedanke
+beunruhigte ihn so sehr, daß er zuletzt klagte und weinte wie ein
+Kind. Balthasar führte ihn sofort in den geräumigen Weinkeller, in dem
+er glänzende Fässer und blinkende Flaschen erblickte. Besser als in
+dem fürstlichen Weinkeller, meinte Balthasar, könne er hier studieren
+und in dem schönen Park die Natur hinlänglich erforschen.
+
+Hierauf beruhigte sich der Professor.
+
+Balthasars Hochzeit wurde auf dem Landhause gefeiert. Er - die Freunde
+Fabian - Pulcher - alle erstaunten über Candidas hohe Schönheit, über
+den zauberischen Reiz, der in ihrem Anzuge, in ihrem ganzen Wesen
+lag. - Es war auch wirklich ein Zauber, der sie umfloß, denn die
+Fee Rosabelverde, die, allen Groll vergessend, der Hochzeit als
+Stiftsfräulein von Rosenschön beiwohnte, hatte sie selbst gekleidet
+und mit den schönsten, herrlichsten Rosen geschmückt. Nun weiß man
+aber wohl, daß der Anzug gut stehen muß, wenn eine Fee dabei Hand
+anlegt. Außerdem hatte Rosabelverde der holden Braut einen prächtig
+funkelnden Halsschmuck verehrt, der eine magische Wirkung dahin
+äußerte, daß sie, hatte sie ihn umgetan, niemals über Kleinigkeiten,
+über ein schlecht genesteltes Band, über einen mißratenen Haarschmuck,
+über einen Fleck in der Wäsche oder sonst verdrießlich werden konnte.
+Diese Eigenschaft, die ihr der Halsschmuck gab, verbreitete eine
+besondere Anmut und Heiterkeit auf ihrem ganzen Antlitz.
+
+Das Brautpaar stand im höchsten Himmel der Wonne, und - so herrlich
+wirkte der geheime weise Zauber Alpans - hatte doch noch Blick und
+Wort für die Herzensfreunde, welche versammelt. Prosper Alpanus und
+Rosabelverde, beide sorgten dafür, daß die schönsten Wunder den
+Hochzeitstag verherrlichten. Überall tönten aus Büschen und Bäumen
+süße Liebeslaute, während sich schimmernde Tafeln erhoben mit den
+herrlichsten Speisen, mit Kristallflaschen belastet, aus denen der
+edelste Wein strömte, welcher Lebensglut durch alle Adern der Gäste
+goß.
+
+Die Nacht war eingebrochen, da spannen sich feuerflammende Regenbogen
+über den ganzen Park, und man sah schimmernde Vögel und Insekten,
+die sich auf und ab schwangen, und wenn sie die Flügel schüttelten,
+stäubten Millionen Funken hervor, die in ewigem Wechsel allerlei holde
+Gestalten bildeten, welche in der Luft tanzten und gaukelten und im
+Gebüsch verschwanden. Und dabei tönte stärker die Musik des Waldes,
+und der Nachtwind strich daher, geheimnisvoll säuselnd und süße Düfte
+aushauchend.
+
+Balthasar, Candida, die Freunde erkannten den mächtigen Zauber Alpans,
+aber Mosch Terpin, halb berauscht, lachte laut und meinte, hinter
+allem stecke niemand anders, als der Teufelskerl, der Operndekorateur
+und Feuerwerker des Fürsten.
+
+Schneidende Glockentöne erhallten. Ein glänzender Goldkäfer schwang
+sich herab, setzte sich auf Prosper Alpanus' Schulter und schien ihm
+leise etwas ins Ohr zu sumsen.
+
+Prosper Alpanus erhob sich von seinem Sitz und sprach ernst und
+feierlich: "Geliebter Balthasar - holde Candida - meine Freunde! - Es
+ist nun an der Zeit - Lothos ruft - ich muß scheiden." -
+
+Darauf nahte er sich dem Brautpaar und sprach leise mit ihnen. Beide,
+Balthasar und Candida, waren sehr gerührt, Prosper schien ihnen
+allerlei gute Lehren zu geben, er umarmte beide mit Inbrunst.
+
+Dann wandte er sich an das Fräulein von Rosenschön und sprach
+ebenfalls leise mit ihr - wahrscheinlich gab sie ihm Aufträge in
+Zauber- und Feen-Angelegenheiten, die er willig übernahm.
+
+Indessen hatte sich ein kleiner kristallner Wagen, mit zwei
+schimmernden Libellen bespannt, die der Silberfasan führte, aus den
+Lüften hinabgesenkt.
+
+"Lebt wohl - lebt wohl!" rief Prosper Alpanus, stieg in den Wagen
+und schwebte empor über die flammenden Regenbogen hinweg, bis sein
+Fuhrwerk zuletzt in den höchsten Lüften erschien wie ein kleiner
+funkelnder Stern, der sich endlich hinter den Wolken verbarg.
+
+"Schöne Mongolfiere," schnarchte Mosch Terpin und versank, von der
+Kraft des Weines übermannt, in tiefen Schlaf.
+
+- Balthasar, der Lehren des Prosper Alpanus eingedenk, den Besitz
+des wunderbaren Landhauses wohl nutzend, wurde in der Tat ein guter
+Dichter, und da die übrigen Eigenschaften, die Prosper rücksichts der
+holden Candida an dem Besitztum gerühmt, sich ganz und gar bewährten,
+Candida auch niemals den Halsschmuck, den ihr das Stiftsfräulein von
+Rosenschön als Hochzeitsgabe beschert, ablegte, so konnt' es nicht
+fehlen, daß Balthasar die glücklichste Ehe in aller Wonne und
+Herrlichkeit führte, wie sie nur jemals ein Dichter mit einer hübschen
+jungen Frau geführt haben mag -
+
+So hat aber das Märchen von Klein Zaches genannt Zinnober nun wirklich
+ganz und gar ein fröhliches
+
+ Ende.
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Klein Zaches, genannt Zinnober, by
+E. T. A. Hoffmann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KLEIN ZACHES, GENANNT ZINNOBER ***
+
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
+agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
+electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
+Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
+works in the collection are in the public domain in the United
+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
+United States and you are located in the United States, we do not
+claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
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+The Project Gutenberg EBook of Klein Zaches, genannt Zinnober, by E. T. A. Hoffmann
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+
+Title: Klein Zaches, genannt Zinnober
+
+Author: E. T. A. Hoffmann
+
+Release Date: October, 2005 [EBook #9200]
+[This file was first posted on September 15, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
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+Character set encoding: US-ASCII
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KLEIN ZACHES, GENANNT ZINNOBER ***
+
+
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+
+
+
+
+
+This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg - DE"
+(http://www.gutenberg2000.de/etahoff/zaches/zaches.htm), prepared by
+Gerd Bouillon.
+
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+Klein Zaches
+genannt Zinnober
+
+Ein Maerchen
+
+E.T.A. Hoffmann
+
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+
+
+
+
+
+Erstes Kapitel: Der kleine Wechselbalg. - Dringende Gefahr einer
+ Pfarrersnase. - Wie Fuerst Paphnutius in seinem Lande die
+ Aufklaerung einfuehrte und die Fee Rosabelverde in ein
+ Fraeuleinstift kam.
+
+Zweites Kapitel: Von der unbekannten Voelkerschaft, die der Gelehrte
+ Ptolomaeus Philadelphus auf seinen Reisen entdeckte. - Die
+ Universitaet Kerepes. - Wie dem Studenten Fabian ein Paar
+ Reitstiefel um den Kopf flogen und der Professor Mosch Terpin den
+ Studenten Balthasar zum Tee einlud.
+
+Drittes Kapitel: Wie Fabian nicht wusste, was er sagen sollte. -
+ Candida und Jungfrauen, die nicht Fische essen duerfen. - Mosch
+ Terpins literarischer Tee. - Der junge Prinz.
+
+Viertes Kapitel: Wie der italienische Geiger Sbiocca den Herrn
+ Zinnober in den Kontrabass zu werfen drohte, und der Referendarius
+ Pulcher nicht zu auswaertigen Angelegenheiten gelangen konnte. -
+ Von Maut-Offizianten und zurueckbehaltenen Wundern fuers Haus. -
+ Balthasars Bezauberung durch einen Stockknopf.
+
+Fuenftes Kapitel: Wie Fuerst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger
+ Goldwasser fruehstueckte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose
+ bekam und den Geheimen Sekretaer Zinnober zum Geheimen Spezialrat
+ erhob. - Die Bilderbuecher des Doktors Prosper Alpanus. - Wie
+ ein Portier den Studenten Fabian in den Finger biss, dieser ein
+ Schleppkleid trug und deshalb verhoehnt wurde. - Balthasars
+ Flucht.
+
+Sechstes Kapitel: Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem
+ Garten frisiert wurde und im Grase ein Taubad nahm. - Der
+ Orden des gruengefleckten Tigers. - Gluecklicher Einfall eines
+ Theaterschneiders. - Wie das Fraeulein von Rosenschoen sich
+ mit Kaffee begoss und Prosper Alpanus ihr seine Freundschaft
+ versicherte.
+
+Siebentes Kapitel: Wie der Professor Mosch Terpin im fuerstlichen
+ Weinkeller die Natur erforschte. - Mycetes Belzebub. -
+ Verzweiflung des Studenten Balthasar. - Vorteilhafter Einfluss
+ eines wohleingerichteten Landhauses auf das haeusliche Glueck.
+ - Wie Prosper Alpanus dem Balthasar eine schildkroetene Dose
+ ueberreichte und davonritt.
+
+Achtes Kapitel: Wie Fabian seiner langen Rockschoesse halber fuer
+ einen Sektierer und Tumultuanten gehalten wurde. - Wie Fuerst
+ Barsanuph hinter den Kaminschirm trat und den Generaldirektor der
+ natuerlichen Angelegenheiten kassierte. - Zinnobers Flucht aus
+ Mosch Terpins Hause. - Wie Mosch Terpin auf einem Sommervogel
+ ausreiten und Kaiser werden wollte, dann aber zu Bette ging.
+
+Neuntes Kapitel: Verlegenheit eines treuen Kammerdieners. - Wie die
+ alte Liese eine Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober
+ auf der Flucht ausglitschte. - Auf welche merkwuerdige Weise der
+ Leibarzt des Fuersten Zinnobers jaehen Tod erklaerte. - Wie Fuerst
+ Barsanuph sich betruebte, Zwiebeln ass, und wie Zinnobers Verlust
+ unersetzlich blieb.
+
+Letztes Kapitel: Wehmuetige Bitten des Autors. - Wie der Professor
+ Mosch Terpin sich beruhigte und Candida niemals verdriesslich
+ werden konnte. - Wie ein Goldkaefer dem Doktor Prosper Alpanus
+ etwas ins Ohr summte, dieser Abschied nahm und Balthasar eine
+ glueckliche Ehe fuehrte.
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+Der kleine Wechselbalg. - Dringende Gefahr einer Pfarrersnase. - Wie
+Fuerst Paphnutius in seinem Lande die Aufklaerung einfuehrte und die
+Fee Rosabelverde in ein Fraeuleinstift kam.
+
+Unfern eines anmutigen Dorfes, hart am Wege, lag auf dem von der
+Sonnenglut erhitzten Boden hingestreckt ein armes zerlumptes
+Bauerweib. Vom Hunger gequaelt, vor Durst lechzend, ganz
+verschmachtet, war die Unglueckliche unter der Last des im Korbe hoch
+aufgetuermten duerren Holzes, das sie im Walde unter den Baeumen und
+Straeuchern muehsam aufgelesen, niedergesunken, und da sie kaum zu
+atmen vermochte, glaubte sie nicht anders, als dass sie nun wohl
+sterben, so sich aber ihr trostloses Elend auf einmal enden werde.
+Doch gewann sie bald so viel Kraft, die Stricke, womit sie den
+Holzkorb auf ihrem Ruecken befestigt, loszunesteln und sich langsam
+heraufzuschieben auf einen Grasfleck, der gerade in der Naehe stand.
+Da brach sie nun aus in laute Klagen: "Muss," jammerte sie, "muss mich
+und meinen armen Mann allein denn alle Not und alles Elend treffen?
+Sind wir denn nicht im ganzen Dorfe die einzigen, die aller Arbeit,
+alles sauer vergessenen Schweisses ungeachtet in steter Armut bleiben
+und kaum so viel erwerben, um unsern Hunger zu stillen? - Vor drei
+Jahren, als mein Mann beim Umgraben unseres Gartens die Goldstuecke in
+der Erde fand, ja, da glaubten wir, das Glueck sei endlich eingekehrt
+bei uns und nun kaemen die guten Tage; aber was geschah! - Diebe
+stahlen das Geld, Haus und Scheune brannten uns ueber dem Kopfe weg,
+das Getreide auf dem Acker zerschlug der Hagel, und um das Mass
+unseres Herzeleids vollzumachen bis ueber den Rand, strafte uns der
+Himmel noch mit diesem kleinen Wechselbalg, den ich zu Schand' und
+Spott des ganzen Dorfs gebar. - Zu St.-Laurenztag ist nun der Junge
+drittehalb Jahre gewesen und kann auf seinen Spinnenbeinchen nicht
+stehen, nicht gehen und knurrt und miaut, statt zu reden, wie eine
+Katze. Und dabei frisst die unselige Missgeburt wie der staerkste
+Knabe von wenigstens acht Jahren, ohne dass es ihm im mindesten was
+anschlaegt. Gott erbarme sich ueber ihn und ueber uns, dass wir den
+Jungen grossfuettern muessen uns selbst zur Qual und groesserer Not;
+denn essen und trinken immer mehr und mehr wird der kleine Daeumling
+wohl, aber arbeiten sein Lebetage nicht! Nein, nein, das ist mehr
+als ein Mensch aushalten kann auf dieser Erde! - Ach koennt' ich nur
+sterben - nur sterben!" Und damit fing die Arme an zu weinen und zu
+schluchzen, bis sie endlich, vom Schmerz uebermannt, ganz entkraeftet
+einschlief. -
+
+Mit Recht konnte das Weib ueber den abscheulichen Wechselbalg klagen,
+den sie vor drittehalb Jahren geboren. Das, was man auf den ersten
+Blick sehr gut fuer ein seltsam verknorpeltes Stueckchen Holz
+haette ansehen koennen, war naemlich ein kaum zwei Spannen hoher,
+missgestalteter Junge, der von dem Korbe, wo er querueber gelegen,
+heruntergekrochen, sich jetzt knurrend im Grase waelzte. Der Kopf stak
+dem Dinge tief zwischen den Schultern, die Stelle des Rueckens vertrat
+ein kuerbisaehnlicher Auswuchs, und gleich unter der Brust hingen
+die haselgertduennen Beinchen herab, dass der Junge aussah wie ein
+gespalteter Rettich. Vom Gesicht konnte ein stumpfes Auge nicht viel
+entdecken, schaerfer hinblickend, wurde man aber wohl die lange spitze
+Nase, die aus schwarzen struppigen Haaren hervorstarrte, und ein
+Paar kleine, schwarz funkelnde Aeuglein gewahr, die, zumal bei den
+uebrigens ganz alten, eingefurchten Zuegen des Gesichts, ein klein
+Alraeunchen kundzutun schienen. -
+
+Als nun, wie gesagt, das Weib ueber ihren Gram in tiefen Schlaf
+gesunken war und ihr Soehnlein sich dicht an sie herangewaelzt
+hatte, begab es sich, dass das Fraeulein von Rosenschoen, Dame des
+nahegelegenen Stifts, von einem Spaziergange heimkehrend, des Weges
+daherwandelte. Sie blieb stehen und wurde, da sie von Natur fromm
+und mitleidig, bei dem Anblick des Elends, der sich ihr darbot, sehr
+geruehrt. "O du gerechter Himmel," fing sie an, "wieviel Jammer und
+Not gibt es doch auf dieser Erde! - Das unglueckliche Weib! - Ich
+weiss, dass sie kaum das liebe Leben hat, da arbeitet sie ueber ihre
+Kraefte und ist vor Hunger und Kummer hingesunken! - Wie fuehle ich
+jetzt erst recht empfindlich meine Armut und Ohnmacht! Ach, koennt'
+ich doch nur helfen, wie ich wollte! - Doch das, was mir noch uebrig
+blieb, die wenigen Gaben, die das feindselige Verhaengnis mir nicht zu
+rauben, nicht zu zerstoeren vermochte, die mir noch zu Gebote stehen,
+die will ich kraeftig und getreu nuetzen, um dem Leidwesen zu steuern.
+Geld, haette ich auch darueber zu gebieten, wuerde dir gar nichts
+helfen, arme Frau, sondern deinen Zustand vielleicht noch gar
+verschlimmern. Dir und deinem Mann, euch beiden ist nun einmal
+Reichtum nicht beschert, und wem Reichtum nicht beschert ist, dem
+verschwinden die Goldstuecke aus der Tasche, er weiss selbst nicht
+wie, er hat davon nichts als grossen Verdruss und wird, je mehr Geld
+ihm zustroemt, nur desto aermer. Aber ich weiss es, mehr als alle
+Armut, als alle Not, nagt an deinem Herzen, dass du jenes kleine
+Untierchen gebarst, das sich wie eine boese unheimliche Last an dich
+haengt, die du durch das Leben tragen musst. - Gross - schoen - stark
+- verstaendig, ja, das alles kann der Junge nun einmal nicht werden,
+aber es ist ihm vielleicht noch auf andere Weise zu helfen." - Damit
+setzte sich das Fraeulein nieder ins Gras und nahm den Kleinen auf den
+Schoss. Das boese Alraeunchen straeubte und spreizte sich, knurrte und
+wollte das Fraeulein in den Finger beissen, _die_ sprach aber: "Ruhig,
+ruhig, kleiner Maikaefer!" und strich leise und linde mit der flachen
+Hand ihm ueber den Kopf von der Stirn herueber bis in den Nacken.
+Allmaehlich glaettete sich waehrend des Streichelns das struppige Haar
+des Kleinen aus, bis es gescheitelt, an der Stirne fest anliegend, in
+huebschen weichen Locken hinabwallte auf die hohen Schultern und den
+Kuerbisruecken. Der Kleine war immer ruhiger geworden und endlich fest
+eingeschlafen. Da legte ihn das Fraeulein Rosenschoen behutsam dicht
+neben der Mutter hin ins Gras, besprengte diese mit einem geistigen
+Wasser aus dem Riechflaeschchen, das sie aus der Tasche gezogen, und
+entfernte sich dann schnellen Schrittes.
+
+Als die Frau bald darauf erwachte, fuehlte sie sich auf wunderbare
+Weise erquickt und gestaerkt. Es war ihr, als habe sie eine tuechtige
+Mahlzeit gehalten und einen guten Schluck Wein getrunken. "Ei," rief
+sie aus, "wie ist mir doch in dem bisschen Schlaf so viel Trost,
+so viel Munterkeit gekommen! - Aber die Sonne ist schon bald herab
+hinter den Bergen, nun fort nach Hause!" - Damit wollte sie den Korb
+aufpacken, vermisste aber, als sie hineinsah, den Kleinen, der in
+demselben Augenblick sich aus dem Grase aufrichtete und weinerlich
+quaekte. Als nun die Mutter sich nach ihm umschaute, schlug sie vor
+Erstaunen die Haende zusammen und rief - "Zaches - Klein Zaches, wer
+hat dir denn unterdessen die Haare so schoen gekaemmt! - Zaches -
+Klein Zaches, wie huebsch wuerden dir die Locken kleiden, wenn du
+nicht solch ein abscheulich garstiger Junge waerst! - Nun, komm nur,
+komm! - hinein in den Korb!" Sie wollte ihn fassen und quer ueber das
+Holz legen, da strampelte aber Klein Zaches mit den Beinen, grinste
+die Mutter an und miaute sehr vernehmlich: "Ich mag nicht!" - "Zaches!
+- Klein Zaches!" schrie die Frau ganz ausser sich, "wer hat dich denn
+unterdessen reden gelehrt? Nun! wenn du solch schoen gekaemmte Haare
+hast, wenn du so artig redest, so wirst du auch wohl laufen koennen."
+Die Frau huckte den Korb auf den Ruecken, Klein Zaches hing sich an
+ihre Schuerze, und so ging es fort nach dem Dorfe.
+
+Sie mussten bei dem Pfarrhause vorueber, da begab es sich, dass der
+Pfarrer mit seinem juengsten Knaben, einem bildschoenen goldlockigen
+Jungen von drei Jahren, in seiner Haustuere stand. Als der nun die
+Frau mit dem schweren Holzkorbe und mit Klein Zaches, der an ihrer
+Schuerze baumelte, daherkommen sah, rief er ihr entgegen: "Guten
+Abend, Frau Liese, wie geht es Euch - Ihr habt ja eine gar zu schwere
+Buerde geladen, Ihr koennt ja kaum mehr fort, kommt her, ruht Euch ein
+wenig aus auf dieser Bank vor meiner Tuere, meine Magd soll Euch einen
+frischen Trunk reichen!" - Frau Liese liess sich das nicht zweimal
+sagen, sie setzte ihren Korb ab und wollte eben den Mund oeffnen, um
+dem ehrwuerdigen Herrn all ihren Jammer, ihre Not zu klagen, als Klein
+Zaches bei der raschen Wendung der Mutter das Gleichgewicht verlor und
+dem Pfarrer vor die Fuesse flog. Der bueckte sich rasch nieder und hob
+den Kleinen auf, indem er sprach: "Ei, Frau Liese, Frau Liese, was
+habt Ihr da fuer einen bildschoenen allerliebsten Knaben! Das ist ja
+ein wahrer Segen des Himmels, ein solch wunderbar schoenes Kind zu
+besitzen." Und damit nahm er den Kleinen in die Arme und liebkoste ihn
+und schien es gar nicht zu bemerken, dass der unartige Daeumling gar
+haesslich knurrte und mauzte und den ehrwuerdigen Herrn sogar in die
+Nase beissen wollte. Aber Frau Liese stand ganz verbluefft vor dem
+Geistlichen und schaute ihn an mit aufgerissenen starren Augen und
+wusste gar nicht, was sie denken sollte. "Ach, lieber Herr Pfarrer,"
+begann sie endlich mit weinerlicher Stimme, "ein Mann Gottes, wie Sie,
+treibt doch wohl nicht seinen Spott mit einem armen ungluecklichen
+Weibe, das der Himmel, mag er selbst wissen warum, mit diesem
+abscheulichen Wechselbalge gestraft hat!" "Was spricht," erwiderte der
+Geistliche sehr ernst, "was spricht Sie da fuer tolles Zeug, liebe
+Frau! von Spott - Wechselbalg - Strafe des Himmels - ich verstehe Sie
+gar nicht und weiss nur, dass Sie ganz verblendet sein muss, wenn Sie
+Ihren huebschen Knaben nicht recht herzlich liebt. - Kuesse mich,
+artiger kleiner Mann!" - Der Pfarrer herzte den Kleinen, aber Zaches
+knurrte: "Ich mag nicht!" und schnappte aufs neue nach des Geistlichen
+Nase. - "Seht die arge Bestie!" rief Liese erschrocken; aber in dem
+Augenblick sprach der Knabe des Pfarrers: "Ach, lieber Vater, du bist
+so gut, du tust so schoen mit den Kindern, die muessen wohl alle dich
+recht herzlich lieb haben!" "O hoert doch nur," rief der Pfarrer,
+indem ihm die Augen vor Freude glaenzten, "O hoert doch nur, Frau
+Liese, den huebschen verstaendigen Knaben, Euren lieben Zaches, dem
+Ihr so uebelwollt. Ich merk' es schon, Ihr werdet Euch nimmermehr was
+aus dem Knaben machen, sei er auch noch so huebsch und verstaendig.
+Hoert, Frau Liese, ueberlasst mir Euer hoffnungsvolles Kind zur Pflege
+und Erziehung. Bei Eurer drueckenden Armut ist Euch der Knabe nur
+eine Last, und mir macht es Freude, ihn zu erziehen wie meinen eignen
+Sohn!" -
+
+Liese konnte vor Erstaunen gar nicht zu sich selbst kommen, ein
+Mal ueber das andere rief sie: "Aber, lieber Herr Pfarrer - lieber
+Herr Pfarrer, ist denn das wirklich Ihr Ernst, dass Sie die kleine
+Ungestalt zu sich nehmen und erziehen und mich von der Not befreien
+wollen, die ich mit dem Wechselbalg habe?" - Doch, je mehr die
+Frau die abscheuliche Haesslichkeit ihres Alraeunchens dem Pfarrer
+vorhielt, desto eifriger behauptete dieser, dass sie in ihrer tollen
+Verblendung gar nicht verdiene, vom Himmel mit dem herrlichen Geschenk
+eines solchen Wunderknaben gesegnet zu sein, bis er zuletzt ganz
+zornig mit Klein Zaches auf dem Arm hineinlief in das Haus und die
+Tuere von innen verriegelte.
+
+Da stand nun Frau Liese wie versteinert vor des Pfarrers Haustuere
+und wusste gar nicht, was sie von dem allem denken sollte. "Was um
+aller Welt willen," sprach sie zu sich selbst, "ist denn mit unserm
+wuerdigen Herrn Pfarrer geschehen, dass er in meinen Klein Zaches
+so ganz und gar vernarrt ist und den einfaeltigen Knirps fuer einen
+huebschen, verstaendigen Knaben haelt? - Nun! helfe Gott dem lieben
+Herrn, er hat mir die Last von den Schultern genommen und sie sich
+selbst aufgeladen, mag er nun zusehen, wie er sie traegt! - Hei! wie
+leicht geworden ist nun der Holzkorb, da Klein Zaches nicht mehr
+darauf sitzt und mit ihm die schwerste Sorge!" -
+
+Damit schritt Frau Liese, den Holzkorb auf dem Ruecken, lustig und
+guter Dinge fort ihres Weges! - -
+
+Wollte ich auch zurzeit noch gaenzlich darueber schweigen, du
+wuerdest, guenstiger Leser, dennoch wohl ahnen, dass es mit dem
+Stiftsfraeulein von Rosenschoen, oder wie sie sich sonst nannte,
+Rosengruenschoen, eine ganz besondere Bewandtnis haben muesse. Denn
+nichts anders war es wohl, als die geheimnisvolle Wirkung ihres
+Kopfstreichelns und Haarausglaettens, dass Klein Zaches von dem
+gutmuetigen Pfarrer fuer ein schoenes und kluges Kind angesehn und
+gleich wie sein eignes aufgenommen wurde. Du koenntest, lieber Leser,
+aber doch, trotz deines vortrefflichen Scharfsinns, in falsche
+Vermutungen geraten oder gar zum grossen Nachteil der Geschichte
+viele Blaetter ueberschlagen, um nur gleich mehr von dem mystischen
+Stiftsfraeulein zu erfahren; besser ist es daher wohl, ich erzaehle
+dir gleich alles, was ich selbst von der wuerdigen Dame weiss.
+
+Fraeulein von Rosenschoen war von grosser Gestalt, edlem
+majestaetischen Wuchs und etwas stolzem, gebietendem Wesen. Ihr
+Gesicht, musste man es gleich vollendet schoen nennen, machte, zumal
+wenn sie wie gewoehnlich in starrem Ernst vor sich hinschaute, einen
+seltsamen, beinahe unheimlichen Eindruck, was vorzueglich einem ganz
+besondern fremden Zuge zwischen den Augenbrauen zuzuschreiben, von dem
+man durchaus nicht recht wusste, ob ein Stiftsfraeulein dergleichen
+wirklich auf der Stirne tragen koenne. Dabei lag aber auch oft,
+vorzueglich zur Rosenzeit bei heiterm schoenen Wetter, so viel
+Huld und Anmut in ihrem Blick, dass jeder sich von suessem
+unwiderstehlichen Zauber befangen fuehlte. Als ich die Gnaedige zum
+ersten- und letztenmal zu schauen das Vergnuegen hatte, war sie dem
+Ansehen nach eine Frau in der hoechsten, vollendetsten Bluete ihrer
+Jahre, auf der hoechsten Spitze des Wendepunktes, und ich meinte, dass
+mir grosses Glueck beschieden, die Dame noch eben auf dieser Spitze
+zu erblicken und ueber ihre wunderbare Schoenheit gewissermassen zu
+erschrecken, welches sich dann sehr bald nicht mehr wuerde zutragen
+koennen. Ich war im Irrtum. Die aeltesten Leute im Dorf versicherten,
+dass sie das gnaedige Fraeulein gekannt haetten schon so lange als
+sie daechten, und dass die Dame niemals anders ausgesehen habe, nicht
+aelter, nicht juenger, nicht haesslicher, nicht huebscher als eben
+jetzt. Die Zeit schien also keine Macht zu haben ueber sie, und schon
+dieses konnte manchem verwunderlich vorkommen. Aber noch manches
+andere trat hinzu, worueber sich jeder, ueberlegte er es recht
+ernstlich, ebensosehr wundern, ja zuletzt aus der Verwunderung, in die
+er verstrickt, gar nicht herauskommen musste. Fuers erste offenbarte
+sich ganz deutlich bei dem Fraeulein die Verwandtschaft mit den
+Blumen, deren Namen sie trug. Denn nicht allein, dass kein Mensch auf
+Erden solche herrliche tausendblaettrige Rosen zu ziehen vermochte,
+als sie, so spriessten auch aus dem schlechtesten duerresten Dorn,
+den sie in die Erde steckte, jene Blumen in der hoechsten Fuelle
+und Pracht hervor. Dann war es gewiss, dass sie auf einsamen
+Spaziergaengen im Walde laute Gespraeche fuehrte mit wunderbaren
+Stimmen, die aus den Baeumen, aus den Bueschen, aus den Quellen und
+Baechen zu toenen schienen. Ja, ein junger Jaegersmann hatte sie
+belauscht, wie sie einmal mitten im dicksten Gehoelz stand und
+seltsame Voegel mit buntem glaenzenden Gefieder, die gar nicht im
+Lande heimisch, sie umflatterten und liebkosten und in lustigem Singen
+und Zwitschern ihr allerlei froehliche Dinge zu erzaehlen schienen,
+worueber sie lachte und sich freute. Daher kam es denn auch, dass
+Fraeulein von Rosenschoen zu jener Zeit, als sie in das Stift
+gekommen, bald die Aufmerksamkeit aller Leute in der Gegend anregte.
+Ihre Aufnahme in das Fraeuleinstift hatte der Fuerst befohlen; der
+Baron Praetextatus von Mondschein, Besitzer des Gutes, in dessen Naehe
+jenes Stift lag, dem er als Verweser vorstand, konnte daher nichts
+dagegen einwenden, ungeachtet ihn die entsetzlichsten Zweifel
+quaelten. Vergebens war naemlich sein Muehen geblieben, in Rixners
+Turnierbuch und andern Chroniken die Familie Rosengruenschoen
+aufzufinden. Mit Recht zweifelte er aus diesem Grunde an der
+Stiftsfaehigkeit des Fraeuleins, die keinen Stammbaum mit
+zweiunddreissig Ahnen aufzuweisen hatte, und bat sie zuletzt ganz
+zerknirscht, die hellen Traenen in den Augen, doch sich um des Himmels
+willen wenigstens nicht Rosengruenschoen, sondern Rosenschoen zu
+nennen, denn in diesem Namen sei doch noch einiger Verstand und
+ein Ahnherr moeglich. - Sie tat ihm das zu Gefallen. - Vielleicht
+aeusserte sich des gekraenkten Praetextatus Groll gegen das ahnenlose
+Fraeulein auf diese - jene Weise und gab zuerst Anlass zu der boesen
+Nachrede, die sich immer mehr und mehr im Dorfe verbreitete. Zu jenen
+zauberhaften Unterhaltungen im Walde, die indessen sonst nichts auf
+sich hatten, kamen naemlich allerlei bedenkliche Umstaende, die von
+Mund zu Mund gingen und des Fraeuleins eigentliches Wesen in gar
+zweideutiges Licht stellten. Mutter Anne, des Schulzen Frau,
+behauptete keck, dass, wenn das Fraeulein stark zum Fenster heraus
+niese, allemal die Milch im ganzen Dorfe sauer wuerde. Kaum hatte sich
+dies aber bestaetigt, als sich das Schreckliche begab. Schulmeisters
+Michel hatte in der Stiftskueche gebratene Kartoffeln genascht und war
+von dem Fraeulein darueber betroffen worden, die ihm laechelnd mit
+dem Finger drohte. Da war dem Jungen das Maul offen stehen geblieben,
+gerade als haett' er eine gebratene brennende Kartoffel darin sitzen
+immerdar, und er musste fortan einen Hut mit vorstehender breiter
+Krempe tragen, weil es sonst dem Armen ins Maul geregnet haette.
+Bald schien es gewiss zu sein, dass das Fraeulein sich darauf
+verstand, Feuer und Wasser zu besprechen, Sturm und Hagelwolken
+zusammenzutreiben, Weichselzoepfe zu flechten etc., und niemand
+zweifelte an der Aussage des Schafhirten, der zur Mitternachtsstunde
+mit Schauer und Entsetzen gesehen haben wollte, wie das Fraeulein
+auf einem Besen brausend durch die Luefte fuhr, vor ihr her ein
+ungeheurer Hirschkaefer, zwischen dessen Hoernern blaue Flammen hoch
+aufleuchteten! - Nun kam alles in Aufruhr, man wollte der Hexe zu
+Leibe, und die Dorfgerichte beschlossen nichts Geringeres, als das
+Fraeulein aus dem Stift zu holen und sie ins Wasser zu werfen, damit
+sie die gewoehnliche Hexenprobe bestehe. Der Baron Praetextatus liess
+alles geschehen und sprach laechelnd zu sich selbst: "So geht es
+simplen Leuten ohne Ahnen, die nicht von solch altem guten Herkommen
+sind, wie der Mondschein." Das Fraeulein, unterrichtet von dem
+bedrohlichen Unwesen, fluechtete nach der Residenz, und bald darauf
+erhielt der Baron Praetextatus einen Kabinettsbefehl vom Fuersten
+des Landes, mittelst dessen ihm bekannt gemacht, dass es keine Hexen
+gaebe, und befohlen wurde, die Dorfgerichte fuer die naseweise Gier,
+Schwimmkuenste eines Stiftsfraeuleins zu schauen, in den Turm werfen,
+den uebrigen Bauern und ihren Weibern aber andeuten zu lassen, bei
+empfindlicher Leibesstrafe von dem Fraeulein Rosenschoen nicht
+schlecht zu denken. Sie gingen in sich, fuerchteten sich vor der
+angedrohten Strafe und dachten fortan gut von dem Fraeulein, welches
+fuer beide, fuer das Dorf und fuer die Dame Rosenschoen, die
+erspriesslichsten Folgen hatte.
+
+In dem Kabinett des Fuersten wusste man recht gut, dass das Fraeulein
+von Rosenschoen niemand anders war, als die sonst beruehmte
+weltbekannte Fee Rosabelverde. Es hatte mit der Sache folgende
+Bewandtnis:
+
+Auf der ganzen weiten Erde war wohl sonst kaum ein anmutigeres Land
+zu finden, als das kleine Fuerstentum, worin das Gut des Baron
+Praetextatus von Mondschein lag, worin das Fraeulein von Rosenschoen
+hauste, kurz, worin sich das alles begab, was ich dir, geliebter
+Leser, des breiteren zu erzaehlen eben im Begriff stehe.
+
+Von einem hohen Gebirge umschlossen, glich das Laendchen mit seinen
+gruenen, duftenden Waeldern, mit seinen blumigen Auen, mit seinen
+rauschenden Stroemen und lustig plaetschernden Springquellen, zumal
+da es gar keine Staedte, sondern nur freundliche Doerfer und hin und
+wieder einzeln stehende Palaeste darin gab, einem wunderbar herrlichen
+Garten, in dem die Bewohner wie zu ihrer Lust wandelten, frei von
+jeder drueckenden Buerde des Lebens. Jeder wusste, dass Fuerst
+Demetrius das Land beherrsche; niemand merkte indessen das mindeste
+von der Regierung, und alle waren damit gar wohl zufrieden. Personen,
+die die volle Freiheit in all ihrem Beginnen, eine schoene Gegend,
+ein mildes Klima liebten, konnten ihren Aufenthalt gar nicht besser
+waehlen als in dem Fuerstentum, und so geschah es denn, dass unter
+andern auch verschiedene vortreffliche Feen von der guten Art,
+denen Waerme und Freiheit bekanntlich ueber alles geht, sich dort
+angesiedelt hatten. Ihnen mocht' es zuzuschreiben sein, dass sich
+beinahe in jedem Dorfe, vorzueglich aber in den Waeldern sehr oft die
+angenehmsten Wunder begaben und dass jeder, von dem Entzuecken, von
+der Wonne dieser Wunder ganz umflossen, voellig an das Wunderbare
+glaubte und, ohne es selbst zu wissen, eben deshalb ein froher, mithin
+guter Staatsbuerger blieb. Die guten Feen, die sich in freier Willkuer
+ganz dschinnistanisch eingerichtet, haetten dem vortrefflichen
+Demetrius gern ein ewiges Leben bereitet. Das stand indessen nicht in
+ihrer Macht. Demetrius starb, und ihm folgte der junge Paphnutius in
+der Regierung. Paphnutius hatte schon zu Lebzeiten seines Herrn Vaters
+einen stillen innerlichen Gram darueber genaehrt, dass Volk und
+Staat nach seiner Meinung auf die heilloseste Weise vernachlaessigt,
+verwahrlost wurde. Er beschloss zu regieren und ernannte sofort seinen
+Kammerdiener Andres, der ihm einmal, als er im Wirtshause hinter den
+Bergen seine Boerse liegen lassen, sechs Dukaten geborgt und dadurch
+aus grosser Not gerissen hatte, zum ersten Minister des Reichs. "Ich
+will regieren, mein Guter!" rief ihm Paphnutius zu. Andres las in den
+Blicken seines Herrn, was in ihm vorging, warf sich ihm zu Fuessen und
+sprach feierlich: "Sire! die grosse Stunde hat geschlagen! - durch Sie
+steigt schimmernd ein Reich aus maechtigem Chaos empor! - Sire! hier
+fleht der treueste Vasall, tausend Stimmen des armen ungluecklichen
+Volks in Brust und Kehle! - Sire! - fuehren Sie die Aufklaerung
+ein!" - Paphnutius fuehlte sich durch und durch erschuettert von
+dem erhabenen Gedanken seines Ministers. Er hob ihn auf, riss ihn
+stuermisch an seine Brust und sprach schluchzend: "Minister - Andres
+- ich bin dir sechs Dukaten schuldig - noch mehr - mein Glueck - mein
+Reich! - o treuer, gescheuter Diener!" -
+
+Paphnutius wollte sofort ein Edikt mit grossen Buchstaben drucken und
+an allen Ecken anschlagen lassen, dass von Stund' an die Aufklaerung
+eingefuehrt sei und ein jeder sich darnach zu achten habe. "Bester
+Sire!" rief indessen Andres, "bester Sire! so geht es nicht!" - "Wie
+geht es denn, mein Guter?" sprach Paphnutius, nahm seinen Minister
+beim Knopfloch und zog ihn hinein in das Kabinett, dessen Tuere er
+abschloss.
+
+"Sehen Sie," begann Andres, als er seinem Fuersten gegenueber auf
+einem kleinen Taburett Platz genommen, "sehen Sie, gnaedigster Herr!
+- die Wirkung Ihres fuerstlichen Edikts wegen der Aufklaerung wuerde
+vielleicht verstoert werden auf haessliche Weise, wenn wir nicht damit
+eine Massregel verbinden, die zwar hart scheint, die indessen die
+Klugheit gebietet. - Ehe wir mit der Aufklaerung vorschreiten, d. h.
+ehe wir die Waelder umhauen, den Strom schiffbar machen, Kartoffeln
+anbauen, die Dorfschulen verbessern, Akazien und Pappeln anpflanzen,
+die Jugend ihr Morgen- und Abendlied zweistimmig absingen, Chausseen
+anlegen und die Kuhpocken einimpfen lassen, ist es noetig, alle Leute
+von gefaehrlichen Gesinnungen, die keiner Vernunft Gehoer geben und
+das Volk durch lauter Albernheiten verfuehren, aus dem Staate zu
+verbannen - Sie haben Tausendundeine Nacht gelesen, bester Fuerst,
+denn ich weiss, dass Ihr durchlauchtig seliger Herr Papa, dem der
+Himmel eine sanfte Ruhe im Grabe schenken moege, dergleichen fatale
+Buecher liebte und Ihnen, als Sie sich noch der Steckenpferde
+bedienten und vergoldete Pfefferkuchen verzehrten, in die Haende gab.
+Nun also! - Aus jenem voellig konfusen Buche werden Sie, gnaedigster
+Herr, wohl die sogenannten Feen kennen, gewiss aber nicht ahnen, dass
+sich verschiedene von diesen gefaehrlichen Personen in Ihrem eignen
+lieben Lande hier ganz in der Naehe Ihres Palastes angesiedelt haben
+und allerlei Unfug treiben." "Wie? - was sagt Er? - Andres! Minister!
+- Feen! - hier in meinem Lande?" - So rief Fuerst, indem er ganz
+erblasst in die Stuhllehne zuruecksank. - "Ruhig, mein gnaedigster
+Herr," fuhr Andres fort, "ruhig koennen wir bleiben, sobald wir mit
+Klugheit gegen jene Feinde der Aufklaerung zu Felde ziehen. Ja! -
+Feinde der Aufklaerung nenne ich sie, denn nur sie sind, die Guete
+Ihres seligen Herrn Papas missbrauchend, daran schuld, dass der liebe
+Staat noch in gaenzlicher Finsternis darniederliegt. Sie treiben ein
+gefaehrliches Gewerbe mit dem Wunderbaren und scheuen sich nicht,
+unter dem Namen Poesie ein heimliches Gift zu verbreiten, das die
+Leute ganz unfaehig macht zum Dienste in der Aufklaerung. Dann haben
+sie solche unleidliche polizeiwidrige Gewohnheiten, dass sie schon
+deshalb in keinem kultivierten Staate geduldet werden duerften. So
+z.B. entbloeden sich die Frechen nicht, sowie es ihnen einfaellt, in
+den Lueften spazieren zu fahren mit vorgespannten Tauben, Schwaenen,
+ja sogar gefluegelten Pferden. Nun frage ich aber, gnaedigster Herr,
+verlohnt es sich der Muehe, einen gescheuten Akzisetarif zu entwerfen
+und einzufuehren, wenn es Leute im Staate gibt, die imstande sind,
+jedem leichtsinnigen Buerger unversteuerte Waren in den Schornstein
+zu werfen, wie sie nur wollen? - Darum, gnaedigster Herr, - sowie die
+Aufklaerung angekuendigt wird, fort mit den Feen! - Ihre Palaeste
+werden umzingelt von der Polizei, man nimmt ihnen ihre gefaehrliche
+Habe und schafft sie als Vagabonden fort nach ihrem Vaterlande,
+welches, wie Sie, gnaedigster Herr, aus Tausendundeiner Nacht wissen
+werden, das Laendchen Dschinnistan ist." "Gehen Posten nach diesem
+Lande, Andres?" so fragte der Fuerst. "Zurzeit nicht," erwiderte
+Andres, "aber vielleicht laesst sich nach eingefuehrter Aufklaerung
+eine Journaliere dorthin mit Nutzen einrichten." - "Aber Andres," fuhr
+der Fuerst fort, "wird man unser Verfahren gegen die Feen nicht hart
+finden? - Wird das verwoehnte Volk nicht murren?" - "Auch dafuer,"
+sprach Andres, "auch dafuer weiss ich ein Mittel. Nicht alle Feen,
+gnaedigster Herr, wollen wir fortschicken nach Dschinnistan, sondern
+einige im Lande behalten, sie aber nicht allein aller Mittel berauben,
+der Aufklaerung schaedlich zu werden, sondern auch zweckdienliche
+Mittel anwenden, sie zu nuetzlichen Mitgliedern des aufgeklaerten
+Staats umzuschaffen. Wollen sie sich nicht auf solide Heiraten
+einlassen, so moegen sie unter strenger Aufsicht irgendein nuetzliches
+Geschaeft treiben, Socken stricken fuer die Armee, wenn es Krieg gibt,
+oder sonst. Geben Sie acht, gnaedigster Herr, die Leute werden sehr
+bald an die Feen, wenn sie unter ihnen wandeln, gar nicht mehr
+glauben, und das ist das beste. So gibt sich alles etwanige Murren von
+selbst. - Was uebrigens die Utensilien der Feen betrifft, so fallen
+sie der fuerstlichen Schatzkammer heim, die Tauben und Schwaene werden
+als koestliche Braten in die fuerstliche Kueche geliefert, mit den
+gefluegelten Pferden kann man aber auch Versuche machen, sie zu
+kultivieren und zu bilden zu nuetzlichen Bestien, indem man ihnen die
+Fluegel abschneidet und sie zur Stallfuetterung gibt, die wir doch
+hoffentlich zugleich mit der Aufklaerung einfuehren werden." -
+
+Paphnutius war mit allen Vorschlaegen seines Ministers auf das
+hoechste zufrieden, und schon andern Tages wurde ausgefuehrt, was
+beschlossen war.
+
+An allen Ecken prangte das Edikt wegen der eingefuehrten Aufklaerung,
+und zu gleicher Zeit brach die Polizei in die Palaeste der Feen, nahm
+ihr ganzes Eigentum in Beschlag und fuehrte sie gefangen fort.
+
+Mag der Himmel wissen, wie es sich begab, dass die Fee Rosabelverde
+die einzige von allen war, die wenige Stunden vorher, ehe die
+Aufklaerung hereinbrach, Wind davon bekam und die Zeit nutzte, ihre
+Schwaene in Freiheit zu setzen, ihre magischen Rosenstoecke und andere
+Kostbarkeiten beiseite zu schaffen. Sie wusste naemlich auch, dass sie
+dazu erkoren war, im Lande zu bleiben, worin sie sich, wiewohl mit
+grossem Widerwillen, fuegte.
+
+Ueberhaupt konnten es weder Paphnutius noch Andres begreifen, warum
+die Feen, die nach Dschinnistan transportiert wurden, eine solche
+uebertriebene Freude aeusserten und ein Mal ueber das andere
+versicherten, dass ihnen an aller Habe, die sie zuruecklassen muessen,
+nicht das mindeste gelegen. "Am Ende," sprach Paphnutius entruestet,
+"am Ende ist Dschinnistan ein viel huebscherer Staat wie der meinige,
+und sie lachen mich aus mitsamt meinem Edikt und meiner Aufklaerung,
+die jetzt erst recht gedeihen soll!" -
+
+Der Geograph sollte mit dem Historiker des Reichs ueber das Land
+umstaendlich berichten.
+
+Beide stimmten darin ueberein, dass Dschinnistan ein erbaermliches
+Land sei, ohne Kultur, Aufklaerung, Gelehrsamkeit, Akazien und
+Kuhpocken, eigentlich auch gar nicht existiere. Schlimmeres koenne
+aber einem Menschen oder einem ganzen Lande wohl nicht begegnen, als
+gar nicht zu existieren.
+
+Paphnutius fuehlte sich beruhigt.
+
+Als der schoene blumige Hain, in dem der verlassene Palast der Fee
+Rosabelverde lag, umgehauen wurde, und beispielshalber Paphnutius
+selbst saemtlichen Bauerluemmeln im naechsten Dorfe die Kuhpocken
+eingeimpft hatte, passte die Fee dem Fuersten in dem Walde auf, durch
+den er mit dem Minister Andres nach seinem Schloss zurueckkehren
+wollte. Da trieb sie ihn mit allerlei Redensarten, vorzueglich aber
+mit einigen unheimlichen Kuntstueckchen, die sie vor der Polizei
+geborgen, dermassen in die Enge, dass er sie um des Himmels
+willen bat, doch mit einer Stelle des einzigen und daher besten
+Fraeuleinstifts im ganzen Lande vorliebzunehmen, wo sie, ohne sich
+an das Aufklaerungsedikt zu kehren, schalten und walten koenne nach
+Belieben.
+
+Die Fee Rosabelverde nahm den Vorschlag an und kam auf diese Weise
+in das Fraeuleinstift, wo sie sich, wie schon erzaehlt worden, das
+Fraeulein von Rosengruenschoen, dann aber, auf dringendes Bitten des
+Baron Praetextatus von Mondschein, das Fraeulein von Rosenschoen
+nannte.
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Von der unbekannten Voelkerschaft, die der Gelehrte Ptolomaeus
+Philadelphus auf seinen Reisen entdeckte. - Die Universitaet Kerepes.
+- Wie dem Studenten Fabian ein Paar Reitstiefel um den Kopf flogen und
+der Professor Mosch Terpin den Studenten Balthasar zum Tee einlud.
+
+In den vertrauten Briefen, die der weltberuehmte Gelehrte Ptolomaeus
+Philadelphus an seinen Freund Rufin schrieb, als er sich auf weiten
+Reisen befand, ist folgende merkwuerdige Stelle enthalten:
+
+"Du weisst, mein lieber Rufin, dass ich nichts in der Welt so fuerchte
+und scheue, als die brennenden Sonnenstrahlen des Tages, welche
+die Kraefte meines Koerpers aufzehren und meinen Geist dermassen
+abspannen und ermatten, dass alle Gedanken in ein verworrenes Bild
+zusammenfliessen und ich vergebens darnach ringe, auch nur irgendeine
+deutliche Gestaltung in meiner Seele zu erfassen. Ich pflege daher in
+dieser heissen Jahreszeit des Tages zu ruhen, nachts aber meine Reise
+fortzusetzen, und so befand ich mich dann auch in voriger Nacht auf
+der Reise. Mein Fuhrmann hatte sich in der dicken Finsternis von dem
+rechten, bequemen Wege verirrt und war unversehens auf die Chaussee
+geraten. Ungeachtet ich aber durch die harten Stoesse, die es hier
+gab, in dem Wagen hin und her geschleudert wurde, so dass mein Kopf
+voller Beulen einem mit Walnuessen gefuellten Sack nicht unaehnlich
+war, erwachte ich doch aus dem tiefen Schlafe, in den ich versunken,
+nicht eher, bis ich mit einem entsetzlichen Ruck aus dem Wagen heraus
+auf den harten Boden stuerzte. Die Sonne schien mir hell ins Gesicht,
+und durch den Schlagbaum, der dicht vor mir stand, gewahrte ich die
+hohen Tuerme einer ansehnlichen Stadt. Der Fuhrmann lamentierte sehr,
+da nicht allein die Deichsel, sondern auch ein Hinterrad des Wagens
+an dem grossen Stein, der mitten auf der Chaussee lag, gebrochen, und
+schien sich wenig oder gar nicht um mich zu kuemmern. Ich hielt, wie
+es dem Weisen ziemt, meinen Zorn zurueck und rief dem Kerl bloss
+sanftmuetig zu, er sei ein verfluchter Schlingel, er moege bedenken,
+dass Ptolomaeus Philadelphus, der beruehmteste Gelehrte seiner Zeit,
+auf dem St- saesse, und Deichsel Deichsel und Rad Rad sein lassen. Du
+kennst, mein lieber Rufin, die Gewalt, die ich ueber das menschliche
+Herz uebe, und so geschah es denn auch, dass der Fuhrmann
+augenblicklich aufhoerte zu lamentieren und mir mit Huelfe des
+Chausseeinnehmers, vor dessen Haeuslein sich der Unfall begeben, auf
+die Beine half. Ich hatte zum Glueck keinen sonderlichen Schaden
+gelitten und war imstande, langsam auf der Strasse fortzuwandeln,
+waehrend der Fuhrmann den zerbrochenen Wagen muehsam nachschleppte.
+Unfern des Tors der Stadt, die ich in blauer Ferne gesehen, begegneten
+mir nun aber viele Leute von solch wunderlichem Wesen und in solch
+seltsamer Kleidung, dass ich mir die Augen rieb, um zu erforschen,
+ob ich wirklich wache oder ob nicht vielleicht ein toller neckhafter
+Traum mich eben in ein fremdes fabelhaftes Land versetze. - Diese
+Leute, die ich mit Recht fuer Bewohner der Stadt, aus deren Tor
+ich sie kommen sah, halten durfte, trugen lange, sehr weite Hosen,
+nach Art der Japaneser zugeschnitten, von koestlichem Zeuge, Samt,
+Manchester, feinem Tuch oder auch wohl bunt durchwirkter Leinwand, mit
+Tressen oder huebschen Baendern und Schnueren reichlich besetzt, dazu
+kleine Kinderroecklein, kaum den Unterleib bedeckend, meistens von
+sonnenheller Farbe, nur wenige gingen schwarz. Die Haare hingen
+ungekaemmt in natuerlicher Wildheit auf Schultern und Ruecken herab,
+und auf dem Kopf sass ein kleines seltsames Muetzchen. Manche hatten
+den Hals ganz entbloesst nach der Weise der Tuerken und Neugriechen,
+andere dagegen trugen um Hals und Brust ein Stueckchen weisse
+Leinwand, beinahe einem Hemdekragen aehnlich, wie Du, geliebter Rufin,
+sie auf den Bildern unserer Vorfahren gesehen haben wirst. Ungeachtet
+diese Leute saemtlich sehr jung zu sein schienen, war doch ihre
+Sprache tief und rauh, jede ihrer Bewegungen ungelenk, und mancher
+hatte einen schmalen Schatten unter der Nase, als sitze dort ein
+Stutzbaertchen. Aus den Hinterteilen der kleinen Roecke mancher ragte
+ein langes Rohr hervor, an dem grosse seidene Quasten baumelten.
+Andere hatten diese Roehre hervorgezogen und kleine - groessere -
+manchmal auch sehr grosse wunderlich geformte Koepfe unten daran
+befestigt, aus denen sie, oben durch ein ganz spitz zulaufendes
+Roehrchen hineinblasend, auf geschickte Weise kuenstliche Dampfwolken
+aufsteigen zu lassen wussten. Andre trugen breite blitzende Schwerter
+in den Haenden, als wollten sie dem Feinde entgegenziehen; noch andere
+hatten kleine Behaeltnisse von Leder oder Blech umgehaengt oder ueber
+den Ruecken geschnallt. Du kannst denken, lieber Rufin, dass ich,
+der ich durch sorgliches Betrachten jeder mir neuen Erscheinung mein
+Wissen zu bereichern suche, stillstand und mein Auge fest auf die
+seltsamen Leute heftete. Da versammelten sie sich um mich her,
+schrien ganz gewaltig: 'Philister - Philister!' - und schlugen eine
+entsetzliche Lache auf. - Das verdross mich. Denn, geliebter Rufin,
+gibt es fuer einen grossen Gelehrten etwas Kraenkenderes, als fuer
+einen von dem Volke gehalten zu werden, das vor vielen tausend Jahren
+mittelst eines Eselkinnbackens erschlagen wurde? - Ich nahm mich
+zusammen in der mir angebornen Wuerde und sprach laut zu dem
+sonderbaren Volk um mich her, dass ich hoffe, mich in einem
+zivilisierten Staat zu befinden, und dass ich mich an Polizei und
+Gerichtshoefe wenden wuerde, um die mir zugefuegte Unbill zu raechen.
+Da brummten sie alle; auch die, die bisher noch nicht gedampft, zogen
+die dazu bestimmten Maschinen aus der Tasche, und alle bliesen mir die
+dicken Dampfwolken ins Gesicht, welche, wie ich nun erst merkte, ganz
+unertraeglich stanken und meine Sinne betaeubten. Dann spachen sie
+eine Art Fluch ueber mich aus, dessen Worte ich ihrer Graesslichkeit
+halber Dir, geliebter Rufin, gar nicht wiederholen mag. Nur mit tiefem
+Grausen kann ich selbst daran denken. Endlich verliessen sie mich
+unter lautem Hohngelaechter, und mir war's, als wenn das Wort:
+Hetzpeitsche in den Lueften verhalle! - Mein Fuhrmann, der alles mit
+angehoert, mit angesehen, rang die Haende und sprach: 'Ach mein lieber
+Herr! nun das geschehen ist, was geschah, so gehen Sie beileibe nicht
+in jene Stadt hinein! Kein Hund, wie man zu sagen pflegt, wuerde ein
+Stueck Brot von Ihnen nehmen und stete Gefahr Sie bedrohen, geprue-'
+Ich liess den Wackern nicht ausreden, sondern wandte meine Schritte
+so schnell, als es nur gehen mochte, nach dem naechsten Dorfe. In dem
+einsamen Kaemmerlein des einzigen Wirtshauses dieses Dorfes sitze
+ich und schreibe Dir, mein geliebter Rufin, dieses alles! - Soviel
+es moeglich ist, werde ich Nachrichten einziehen von dem fremden
+barbarischen Volke, das in jener Stadt hauset. Von ihren Sitten -
+Gebraeuchen - von ihrer Sprache u.s.w. habe ich mir schon manches
+hoechst Seltsame erzaehlen lassen und werde Dir getreulich alles
+mitteilen etc. etc."
+
+Du gewahrst, o mein geliebter Leser, dass man ein grosser Gelehrter
+und doch mit sehr gewoehnlichen Erscheinungen im Leben unbekannt sein,
+und doch ueber Weltbekanntes in die wunderlichsten Traeume geraten
+kann. Ptolomaeus Philadelphus hatte studiert und kannte nicht
+einmal Studenten und wusste nicht einmal, dass er in dem Dorfe
+Hoch-Jakobsheim sass, das bekanntlich dicht bei der beruehmten
+Universitaet Kerepes liegt, als er seinem Freunde von einer
+Begebenheit schrieb, die sich in seinem Kopfe zum seltsamsten
+Abenteuer umgeformt hatte. Der gute Ptolomaeus erschrak, als er
+Studenten begegnete, die froehlich und guter Dinge ueber Land zogen zu
+ihrer Lust. Welche Angst haette ihn ueberfallen, waere er eine Stunde
+frueher in Kerepes angekommen, und haette ihn der Zufall vor das
+Haus des Professors der Naturkunde Mosch Terpin gefuehrt! - Hunderte
+von Studenten haetten, aus dem Hause herausstroemend, ihn umringt,
+laermend disputierend etc., und noch wunderliche Traeume waeren ihm in
+den Kopf gekommen ueber diesem Gewirr, ueber diesem Getreibe.
+
+Die Kollegia Mosch Terpins wurden naemlich in ganz Kerepes am
+haeufigsten besucht. Er war, wie gesagt, Professor der Naturkunde, er
+erklaerte, wie es regnet, donnert, blitzt, warum die Sonne scheint bei
+Tage und der Mond des Nachts, wie und warum das Gras waechst etc., so
+dass jedes Kind es begreifen musste. Er hatte die ganze Natur in ein
+kleines niedliches Kompendium zusammengefasst, so dass er sie bequem
+nach Gefallen handhaben und daraus fuer jede Frage die Antwort wie
+aus einem Schubkasten herausziehen konnte. Seinen Ruf begruendete
+er zuerst dadurch, als er es nach vielen physikalischen Versuchen
+gluecklich herausgebracht hatte, dass die Finsternis hauptsaechlich
+von Mangel an Licht herruehre. Dies, sowie, dass er eben
+jene physikalischen Versuche mit vieler Gewandtheit in nette
+Kunststueckchen umzusetzen wusste und gar ergoetzlichen Hokuspokus
+trieb, verschaffte ihm den unglaublichen Zulauf. - Erlaube, mein
+guenstiger Leser, dass, da du da viel besser wie der beruehmte
+Gelehrte Ptolomaeus Philadelphus Studenten kennst, da du nichts von
+seiner traeumerischen Furchtsamkeit weist, ich dich nun nach Kerepes
+fuehre vor das Haus des Professors Mosch Terpin, als er eben sein
+Kollegium beendet. Einer unter den herausstroemenden Studenten fesselt
+sogleich deine Aufmerksamkeit. Du gewahrst einen wohlgestalteten
+Juengling von drei- bis vierundzwanzig Jahren, aus dessen dunkel
+leuchtenden Augen ein innerer reger, herrlicher Geist mit beredten
+Worten spricht. Beinahe keck wuerde sein Blick zu nennen sein, wenn
+nicht die schwaermerische Trauer, wie sie auf dem ganzen blassen
+Antlitz liegt, einem Schleier gleich die brennenden Strahlen
+verhuellte. Sein Rock von schwarzem feinen Tuch, mit gerissenem Samt
+besetzt, ist beinahe nach altteutscher Art zugeschnitten, wozu der
+zierliche blendendweisse Spitzenkragen, sowie das Samtbarett, das
+auf den schoenen kastanienbraunen Locken sitzt, ganz gut passt. Gar
+huebsch steht ihm diese Tracht deshalb, weil er seinem ganzen Wesen,
+seinem Anstande in Gang und Stellung, seiner bedeutungsvollen
+Gesichtsbildung nach wirklich einer schoenen frommen Vorzeit
+anzugehoeren scheint und man daher nicht eben an die Ziererei denken
+mag, wie sie in kleinlichem Nachaeffen missverstandener Vorbilder
+in ebenso missverstandenen Anspruechen der Gegenwart oft an der
+Tagesordnung ist. Dieser junge Mann, der dir, geliebter Leser, auf
+den ersten Blick so wohlgefaellt, ist niemand anders als der Student
+Balthasar, anstaendiger, vermoegender Leute Kind, fromm - verstaendig
+- fleissig - von dem ich dir, o mein Leser, in der merkwuerdigen
+Geschichte, die ich aufzuschreiben unternommen, gar vieles zu
+erzaehlen gedenke. -
+
+Ernst, in Gedanken vertieft, wie es seine Art war, wandelte Balthasar
+aus dem Kollegium des Professors Mosch Terpin dem Tore zu, um sich,
+statt auf den Fechtboden, in das anmutige Waeldchen zu begeben, das
+kaum ein paar hundert Schritte von Kerepes liegt. Sein Freund Fabian,
+ein huebscher Bursche von muntrem Ansehen und ebensolcher Gesinnung,
+rannte ihm nach und ereilte ihn dicht vor dem Tore.
+
+"Balthasar!" - rief nun Fabian laut, "Balthasar, nun, willst du wieder
+heraus in den Wald und wie ein melancholischer Philister einsam
+umherirren, waehrend tuechtige Burschen sich wacker ueben in der edlen
+Fechtkunst! - Ich bitte dich, Balthasar, lass doch endlich ab von
+deinem naerrischen, unheimlichen Treiben und sei wieder recht munter
+und froh, wie du es sonst wohl warst. Komm! - wir wollen uns in ein
+paar Gaengen versuchen, und willst du denn noch heraus, so lauf' ich
+wohl mit dir."
+
+"Du meinst es gut," erwiderte Balthasar, "du meinst es gut, Fabian,
+und deswegen will ich nicht mit dir grollen, dass du mir manchmal auf
+Steg und Weg nachlaeufst wie ein Besessener und mich um manche Lust
+bringst, von der du keinen Begriff hast. Du gehoerst nun einmal zu den
+seltsamen Leuten, die jeden, den sie einsam wandeln sehn, fuer einen
+melancholischen Narren halten und ihn auf ihre Weise handhaben und
+kurieren wollen, wie jener Hofschranz den wuerdigen Prinzen Hamlet,
+der dem Maennlein dann, als er versicherte, sich nicht auf das
+Floetenblasen zu verstehen, eine tuechtige Lehre gab. Damit will ich
+dich, lieber Fabian, nun zwar verschonen, uebrigens dich aber recht
+herzlich bitten, dass du dir zu deiner edlen Fechterei mit Rapier
+und Hieber einen andern Kumpan suchen und mich ruhig meinen Weg
+fortwandeln lassen moegest." "Nein, nein," rief Fabian lachend, "so
+entkommst du mir nicht, mein teurer Freund! - Willst du mit mir nicht
+auf den Fechtboden, so gehe ich mit dir heraus in das Waeldchen.
+Es ist die Pflicht des treuen Freundes, dich in deinem Truebsinn
+aufzuheitern. Komm nur, lieber Balthasar, komm nur, wenn du es denn
+nicht anders haben willst."
+
+Damit fasste er den Freund unter den Arm und schritt ruestig mit ihm
+von dannen. Balthasar biss in stillem Ingrimm die Zaehne zusammen und
+beharrte in finsterm Schweigen, waehrend Fabian in einem Zuge Lustiges
+und Lustiges erzaehlte. Es lief viel Albernes mit unter, welches immer
+zu geschehen pflegt beim lustigen Erzaehlen in einem Zuge.
+
+Als sie nun endlich in die kuehlen Schatten des duftenden Waldes
+traten, als die Buesche wie in sehnsuechtigen Seufzern fluesterten,
+als die wunderbaren Melodien der rauschenden Baeche, die Lieder des
+Waldgefluegels fernhin toenten und den Widerhall weckten, der ihnen
+aus den Bergen antwortete, da stand Balthasar ploetzlich still
+und rief, indem er die Arme weit ausbreitete, als woll' er Baum
+und Gebuesch liebend umfangen: "O, nun ist mir wieder wohl! -
+unbeschreiblich wohl!" - Fabian schaute den Freund etwas verbluefft
+an, wie einer, der nicht klug werden kann aus des andern Rede, der gar
+nicht weiss, was er damit anfangen soll. Da fasste Balthasar seine
+Hand und rief voll Entzuecken: "Nicht wahr, Bruder, nun geht dir
+auch das Herz auf, nun begreifst du auch das selige Geheimnis der
+Waldeinsamkeit?" - "Ich verstehe dich nicht ganz, lieber Bruder,"
+erwiderte Fabian, "aber wenn du meinst, dass dir ein Spaziergang hier
+im Walde wohl tut, so bin ich voellig deiner Meinung. Gehe ich nicht
+auch gern spazieren, zumal in guter Gesellschaft, in der man ein
+vernuenftiges lehrreiches Gespraech fuehren kann? - Z.B. ist es wohl
+eine wahre Lust, mit unserm Professor Mosch Terpin ueber Land zu
+gehen. Der kennt jedes Pflaenzchen, jedes Graeschen und weiss, wie es
+heisst mit Namen und in welche Klasse es gehoert, und versteht sich
+auf Wind und Wetter -" "Halt ein," rief Balthasar, "ich bitte dich,
+halt ein! - Du beruehrst etwas, das mich toll machen koennte, gaeb' es
+sonst keinen Trost dafuer. Die Art, wie der Professor ueber die Natur
+spricht, zerreisst mein Inneres. Oder vielmehr, mich fasst dabei
+ein unheimliches Grauen, als saeh' ich den Wahnsinnigen, der in
+geckenhafter Narrheit Koenig und Herrscher ein selbst gedrehtes
+Strohpueppchen liebkost, waehnend, die koenigliche Braut zu umhalsen!
+Seine sogenannten Experimente kommen mir vor wie eine abscheuliche
+Verhoehnung des goettlichen Wesens, dessen Atem uns in der Natur
+anweht und in unserm innersten Gemuet die tiefsten heiligsten Ahnungen
+aufregt. Oft gerat' ich in Versuchung, ihm seine Glaeser, seine
+Phiolen, seinen ganzen Kram zu zerschmeissen, daecht' ich nicht daran,
+dass der Affe ja nicht ablaesst mit dem Feuer zu spielen, bis er sich
+die Pfoten verbrennt. - Sieh, Fabian, diese Gefuehle aengstigen mich,
+pressen mir das Herz zusammen in Mosch Terpins Vorlesungen, und wohl
+mag ich euch dann tiefsinniger und menschenscheuer vorkommen als
+jemals. Mir ist dann zumute, als wollten die Haeuser ueber meinem Kopf
+zusammenstuerzen, eine unbeschreibliche Angst treibt mich heraus aus
+der Stadt. Aber hier, hier erfuellt bald mein Gemuet eine suesse Ruhe.
+Auf den blumigen Rasen gelagert, schaue ich herauf in das weite Blaue
+des Himmels, und ueber mir, ueber den jubelnden Wald hinweg ziehen
+die goldnen Wolken wie herrliche Traeume aus einer fernen Welt
+voll seliger Freuden! - O mein Fabian, dann erhebt sich aus meiner
+eignen Brust ein wunderbarer Geist, und ich vernehm' es, wie er in
+geheimnisvollen Worten spricht mit den Bueschen - mit den Baeumen, mit
+den Wogen des Waldbachs, und nicht vermag ich die Wonne zu nennen, die
+dann in suessem wehmuetigen Bangen mein ganzes Wesen durchstroemt!"
+- "Ei," rief Fabian, "ei, das ist nun wieder das alte ewige Lied von
+Wehmut und Wonne und sprechenden Baeumen und Waldbaechen. Alle deine
+Verse strotzen von diesen artigen Dingen, die ganz passabel ins Ohr
+fallen und mit Nutzen verbraucht werden, sobald man nichts weiter
+dahinter sucht. - Aber sage mir, mein vortrefflichster Melancholikus,
+wenn dich Mosch Terpins Vorlesungen in der Tat so entsetzlich
+kraenken und aergern, sage mir nur, warum in aller Welt du in jede
+hineinlaeufst, warum du keine einzige versaeumst und dann freilich
+jedesmal stumm und starr mit geschlossen Augen dasitzest wie ein
+Traeumender?" - "Frage mich," erwiderte Balthasar, indem er die
+Augen niederschlug, "frage mich darum nicht, lieber Freund! - Eine
+unbekannte Gewalt zieht mich jeden Morgen hinein in Mosch Terpins
+Haus. Ich fuehle im voraus meine Qualen, und doch kann ich nicht
+widerstehen, ein dunkles Verhaengnis reisst mich fort!" - "Ha - ha,"
+- lachte Fabian hell auf, "ha ha ha - wie fein - wie poetisch, wie
+mystisch! Die unbekannte Gewalt, die dich hineinzieht in Mosch Terpins
+Haus, liegt in den dunkelblauen Augen der schoenen Candida! - Dass
+du bis ueber die Ohren verliebt bist in des Professors niedliches
+Toechterlein, das wissen wir alle laengst, und darum halten wir dir
+deine Fantasterei, dein naerrisches Wesen zugute. Mit Verliebten
+ist es nun nicht anders. Du befindest dich im ersten Stadium der
+Liebeskrankheit und musst in spaeten Juenglingsjahren dich zu all den
+seltsamen Possen bequemen, die wir, ich und viele andere, dem Himmel
+sei es gedankt! ohne ein grosses zuschauendes Publikum auf der Schule
+durchmachten. Aber glaube mir, mein suesses Herz -"
+
+Fabian hatte indessen seinen Freund Balthasar wieder beim Arme gefasst
+und war mit ihm rasch weitergeschritten. Eben jetzt traten sie heraus
+aus dem Dickicht auf den breiten Weg, der mitten durch den Wald
+fuehrte. Da gewahrte Fabian, wie aus der Ferne ein Pferd ohne Reiter,
+in eine Staubwolke gehuellt, herantrabte. - "Hei, hei!" rief er,
+sich in seiner Rede unterbrechend, "hei, hei, da ist eine verfluchte
+Schindmaehre durchgegangen und hat ihren Reiter abgesetzt - die
+muessen wir fangen und nachher den Reiter suchen im Walde." Damit
+stellte er sich mitten in den Weg.
+
+Naeher und naeher kam das Pferd, da war es, als wenn von beiden Seiten
+ein Paar Reitstiefel in der Luft auf und nieder baumelten und auf
+dem Sattel etwas Schwarzes sich rege und bewege. Dicht vor Fabian
+erschallte ein langes gellendes Prrr - Prrr - und in demselben
+Augenblick flogen ihm auch ein Paar Reitstiefel um den Kopf, und
+ein kleines seltsames, schwarzes Ding kugelte hin, ihm zwischen die
+Beine. Mauerstill stand das grosse Pferd und beschnueffelte mit lang
+vorgestrecktem Halse sein winziges Herrlein, das sich im Sande waelzte
+und endlich muehsam auf die Beine richtete. Dem kleinen Knirps steckte
+der Kopf tief zwischen den hohen Schultern, er war mit seinem Auswuchs
+auf Brust und Ruecken, mit seinem kurzen Leibe und seinen hohen
+Spinnenbeinchen anzusehen wie ein auf eine Gabel gespiesster Apfel,
+dem man ein Fratzengesicht eingeschnitten. Als nun Fabian dies
+seltsame kleine Ungetuem vor sich stehen sah, brach er in ein lautes
+Gelaechter aus. Aber der Kleine drueckte sich das Barettlein, das er
+vom Boden aufgerafft, trotzig in die Augen und fragte, indem er Fabian
+mit wilden Blicken durchbohrte, in rauhem, tief heiserem Ton: "Ist
+dies der rechte Weg nach Kerepes?" - "Ja, mein Herr!" antwortete
+Balthasar mild und ernst und reichte dem Kleinen die Stiefel hin,
+die er zusammengesucht hatte. Alles Muehen des Kleinen, die Stiefel
+anzuziehen, blieb vergebens, er stuelpte einmal uebers andere um und
+waelzte sich stoehnend im Sande. Balthasar stellte beide Stiefel
+aufrecht zusammen, hob den Kleinen sanft in die Hoehe und steckte,
+ihn ebenso niederlassend, beide Fuesschen in die zu schwere und weite
+Futterale. Mit stolzem Wesen, die eine Hand in die Seite gestemmt, die
+andere ans Barett gelegt, rief der Kleine: "Gratias, mein Herr!" und
+schritt nach dem Pferde hin, dessen Zuegel er fasste. Alle Versuche,
+den Steigbuegel zu erreichen oder hinaufzuklimmen auf das grosse Tier,
+blieben indessen vergebens. Balthasar, immer ernst und mild, trat
+hinzu und hob den Kleinen in den Steigbuegel. Er mochte sich wohl
+einen zu starken Schwung gegeben haben, denn in demselben Augenblick,
+als er oben sass, lag er auf der andern Seite auch wieder unten.
+"Nicht so hitzig, allerliebster Mosje!" rief Fabian, indem er aufs
+neue in ein schallendes Gelaechter ausbrach. "Der Teufel ist Ihr
+allerliebster Mosje," schrie der Kleine ganz erbost, indem er sich
+den Sand von den Kleidern klopfte, "ich bin Studiosus, und wenn Sie
+desgleichen sind, so ist es Tusch, dass Sie mir wie ein Hasenfuss
+ins Gesicht lachen, und Sie muessen sich morgen in Kerepes mit mir
+schlagen!" "Donner," rief Fabian immerfort lachend, "Donner, das ist
+mal ein tuechtiger Bursche, ein Allerweltskerl, was Courage betrifft
+und echten Komment". Und damit hob er den Kleinen, alles Zappelns und
+Straeubens ungeachtet, in die Hoehe und setzte ihn aufs Pferd, das
+sofort mit seinem Herrlein lustig wiehernd davontrabte. - Fabian hielt
+sich beide Seiten, er wollte vor Lachen ersticken. - "Es ist grausam,"
+sprach Balthasar, "einen Menschen auszulachen, den die Natur auf
+solche entsetzliche Weise verwahrlost hat, wie den kleinen Reiter
+dort. Ist er wirklich Student, so musst du dich mit ihm schlagen, und
+zwar, laeuft's auch sonst gegen alle akademische Sitte, auf Pistolen,
+da er weder Rapier noch Hieber zu fuehren vermag." - "Wie ernst,"
+sprach Fabian, "wie ernst, wie truebselig du das alles wieder nimmst,
+mein lieber Freund Balthasar. Nie ist's mir eingefallen, eine
+Missgeburt auszulachen. Aber sage mir, darf solch ein knorpliger
+Daeumling sich auf ein Pferd setzen, ueber dessen Hals er nicht
+wegzuschauen vermag? Darf er die Fuesslein in solch verrucht weite
+Stiefeln stecken? darf er eine knapp anschliessende Kurtka mit tausend
+Schnueren und Troddeln und Quasten, darf er solch ein verwunderliches
+Samtbarett tragen? darf er solch ein hochmuetiges, trotziges Wesen
+annehmen? darf er sich solche barbarische heisere Laute abzwingen?
+- Darf er das alles, frage ich, ohne mit Recht als eingefleischter
+Hasenfuss ausgelacht zu werden? - Aber ich muss hinein, ich muss den
+Rumor mit anschauen, den es geben wird, wenn der ritterliche Studiosus
+einzieht auf seinem stolzen Rosse! Mit dir ist doch heute einmal
+nichts anzufangen! - Gehab' dich wohl!" - Spornstreichs rannte Fabian
+durch den Wald nach der Stadt zurueck. - Balthasar verliess den
+offenen Weg und verlor sich in das dichteste Gebuesch, da sank er
+hin auf einen Moossitz, erfasst, ja ueberwaeltigt von den bittersten
+Gefuehlen. Wohl mocht' es sein, dass er die holde Candida wirklich
+liebte, aber er hatte diese Liebe wie ein tiefes, zartes Geheimnis
+in dem Innersten seiner Seele vor allen Menschen, ja vor sich selbst
+verschlossen. Als nun Fabian so ohne Hehl, so leichtsinnig darueber
+sprach, war es ihm, als rissen rohe Haende in frechem Uebermut die
+Schleier von dem Heiligenbilde herab, die zu beruehren er nicht
+gewagt, als muesse nun die Heilige auf ihn selbst ewig zuernen. Ja,
+Fabians Worte schienen ihm eine abscheuliche Verhoehnung seines ganzen
+Wesens, seiner suessesten Traeume.
+
+"Also," rief er in Uebermass seines Unmuts aus, "also fuer einen
+verliebten Gecken haeltst du mich, Fabian! - fuer einen Narren, der in
+Mosch Terpins Vorlesungen laeuft, um wenigstens eine Stunde hindurch
+mit der schoenen Candida unter einem Dache zu sein, der in dem Walde
+einsam umherstreift, um auf elende Verse zu sinnen an die Geliebte
+und sie noch erbaermlicher aufzuschreiben, der die Baeume verdirbt,
+alberne Namenszuege in ihre glatten Rinden einschneidend, der in
+Gegenwart des Maedchens kein gescheutes Wort zu Markte bringt, sondern
+nur seufzt und aechzt und weinerliche Gesichter schneidet, als litt'
+er an Kraempfen, der verwelkte Blumen, die sie am Busen trug, oder gar
+den Handschuh, den sie verlor, auf der blossen Brust traegt - kurz,
+der tausend kindische Torheiten begeht! - Und darum, Fabian, neckst du
+mich, und darum lachen mich wohl alle Burschen aus, und darum bin ich
+samt der innern Welt, die mir aufgegangen, vielleicht ein Gegenstand
+der Verspottung. - Und die holde - liebliche herrliche Candida -"
+
+Als er diesen Namen aussprach, fuhr es ihm durchs Herz wie ein
+gluehender Dolchstich! - Ach! - eine innere Stimme fluesterte ihm in
+dem Augenblick sehr vernehmlich zu, dass er ja nur eben Candidas wegen
+in Mosch Terpins Haus gehe, dass er Verse mache an die Geliebte, dass
+er ihre Namen einschneide in das Laubholz, dass er in ihrer Gegenwart
+verstumme, seufze, aechze, dass er verwelkte Blumen, die sie verlor,
+auf der Brust trage, dass er mithin ja wirklich in alle Torheiten
+verfalle, wie sie ihm Fabian nur vorruecken koenne. - Erst jetzt
+fuehlte er es recht, wie unaussprechlich er die schoene Candida liebe,
+aber auch zugleich, dass seltsam genug sich die reinste innigste Liebe
+im aeussern Leben etwas geckenhaft gestalte, welches wohl der tiefen
+Ironie zuzurechnen, die die Natur in alles menschliche Treiben gelegt.
+Er mochte recht haben, ganz unrecht war es indessen, dass er sich
+darueber sehr zu aergern begann. Traeume, die ihn sonst umfingen,
+waren verloren, die Stimmen des Waldes klangen ihm wie Hohn und Spott,
+er rannte zurueck nach Kerepes.
+
+"Herr Balthasar - mon cher Balthasar" - rief es ihn an. Er schlug den
+Blick auf und blieb festgezaubert stehen, denn ihm entgegen kam der
+Professor Mosch Terpin, der seine Tochter Candida am Arme fuehrte.
+Candida begruesste den zur Bildsaeule Erstarrten mit der heitern
+freundlichen Unbefangenheit, die ihr eigen. "Balthasar, mon cher
+Balthasar," rief der Professor, "Sie sind in der Tat der fleissigste,
+mir der liebste von meinen Zuhoerern! - O mein Bester, ich merk' es
+Ihnen an, Sie lieben die Natur mit all ihren Wundern, wie ich, der ich
+einen wahren Narren daran gefressen! - Gewiss wieder botanisiert in
+unserm Waeldchen! - Was Erspriessliches gefunden? - Nun! - lassen Sie
+uns naehere Bekanntschaft machen. - Besuchen Sie mich - jederzeit
+willkommen - Koennen zusammen experimentieren - Haben Sie schon meine
+Luftpumpe gesehen? - Nun! - mon cher - morgen abend versammelt sich
+ein freundschaftlicher Zirkel in meinem Hause, welcher Tee mit
+Butterbrot konsumieren und sich in angenehmen Gespraechen erlustigen
+wird, vermehren Sie ihn durch Ihre werte Person - Sie werden einen
+sehr anziehenden jungen Mann kennen lernen, der mir ganz besonders
+empfohlen - Bon soir, mon cher - Guten Abend, Vortrefflicher - a
+revoir - Auf Wiedersehen! - Sie kommen doch morgen in die Vorlesung? -
+Nun - mon cher, Adieu!" - Ohne Balthasars Antwort abzuwarten, schritt
+der Professor Mosch Terpin mit seiner Tochter von dannen.
+
+Balthasar hatte in seiner Bestuerzung nicht gewagt, die Augen
+aufzuschlagen, aber Candidas Blicke brannten hinein in seine Brust,
+er fuehlte den Hauch ihres Atems, und suesse Schauer durchbebten sein
+innerstes Wesen.
+
+Entnommen war ihm aller Unmut, er schaute voll Entzuecken der holden
+Candida nach, bis sie in den Laubgaengen verschwand. Dann kehrte er
+langsam in den Wald zurueck, um herrlicher zu traeumen als jemals.
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Wie Fabian nicht wusste, was er sagen sollte. - Candida und
+Jungfrauen, die nicht Fische essen duerfen. - Mosch Terpins
+literarischer Tee. - Der junge Prinz.
+
+Fabian gedachte, als er den Richtsteig quer durch den Wald lief, dem
+kleinen wunderlichen Knirps, der vor ihm davongetrabt, doch wohl
+noch zuvorzukommen. Er hatte sich geirrt, denn aus dem Gebuesch
+heraustretend, gewahrte er ganz in der Ferne, wie noch ein anderer
+stattlicher Reiter sich zu dem Kleinen gesellte und wie nun beide
+in das Tor von Kerepes hineinritten. - "Hm!" sprach Fabian zu sich
+selbst, "ist der Nussknacker auf seinem grossen Pferde auch schon vor
+mir angelangt, so komme ich doch noch zeitig genug zu dem Spektakel,
+den es geben wird bei seiner Ankunft. Ist das seltsame Ding wirklich
+ein Studiosus, so weiset man nach dem 'Gefluegelten Ross' und haelt
+er dort an mit seinem gellenden _Prr_ - _Prr!_ - und wirft die
+Reitstiefel voran und sich selbst nach und tut, wenn die Bursche
+lachen, wild und trotzig - nun! dann ist das tolle Possenspiel
+fertig!" -
+
+Als Fabian nun die Stadt erreicht, glaubte er in den Strassen, auf
+dem Wege nach dem "Gefluegelten Ross" lauter lachenden Gesichtern
+zu begegnen. Dem war aber nicht so. Alle Leute gingen ruhig und
+ernst vorueber. Ebenso ernsthaft spazierten auf dem Platz vor dem
+"Gefluegelten Ross" mehrere Akademiker, die sich dort versammelt,
+miteinander sprechend, auf und nieder. Fabian war ueberzeugt, dass der
+Kleine wenigstens hier nicht angekommen sein muesse, da gewahrte er,
+einen Blick ins Tor des Gasthauses werfend, dass soeben das sehr
+kennbare Pferd des Kleinen nach dem Stall gefuehrt wurde. Auf den
+ersten besten seiner Bekannten sprang er nun los und fragte, ob denn
+nicht ein ganz seltsamer wunderlicher Knirps herangetrabt sei. - Der,
+den Fabian fragte, wusste ebensowenig etwas davon als die uebrigen,
+denen Fabian nun erzaehlte, was sich mit ihm und dem Daeumling, der
+ein Student sein wollen, begeben. Alle lachten sehr, versicherten
+indessen, dass ein solches Ding, wie das, was er beschreibe,
+keineswegs angelangt. Wohl waeren aber vor kaum zehn Minuten zwei sehr
+stattliche Reiter auf schoenen Pferden im Gasthause zum "Gefluegelten
+Ross" abgestiegen. "Sass der eine von ihnen auf dem Pferde, das eben
+nach dem Stall gefuehrt wurde?" so fragte Fabian. "Allerdings,"
+erwiderte einer, "allerdings. Der, der auf jenem Pferde sass, war
+von etwas kleiner Statur, aber von zierlichem Koerperbau, angenehmen
+Gesichtszuegen und hatte die schoensten Lockenhaare, die man sehen
+kann. Dabei zeigte er sich als den vortrefflichsten Reiter, denn er
+schwang sich mit einer Behendigkeit, mit einem Anstande vom Pferde
+herab, wie der erste Stallmeister unseres Fuersten." - "Und," rief
+Fabian, "und verlor nicht die Reitstiefel und kugelte euch nicht vor
+die Fuesse?" - "Gott behuete," erwiderten alle einstimmig, "Gott
+behuete! - was denkst du Bruder! solch ein tuechtiger Reiter wie
+der Kleine!" - Fabian wusste gar nicht, was er sagen sollte. Da kam
+Balthasar die Strasse herab. Auf den stuerzte Fabian los, zog ihn
+heran und erzaehlte, wie der kleine Knirps, der ihnen vor dem Tor
+begegnet und vom Pferde herabgefallen, hier eben angekommen sei und
+von allen fuer einen schoenen Mann von zierlichem Gliederbau und fuer
+den vortrefflichsten Reiter gehalten werde. "Du siehst," erwiderte
+Balthasar ernst und gelassen, "du siehst, lieber Bruder Fabian, dass
+nicht alle so wie du ueber unglueckliche, von der Natur verwahrloste
+Menschen lieblos spottend herfallen." - "Aber du mein Himmel,"
+fiel ihm Fabian ins Wort, "hier ist ja gar nicht von Spott und
+Lieblosigkeit die Rede, sondern nur davon, ob ein drei Fuss hohes
+Kerlein, der einem Rettich gar nicht unaehnlich, ein schoener
+zierlicher Mann zu nennen?" - Balthasar musste, was Wuchs und Ansehen
+des kleinen Studenten betraf, Fabians Aussage bestaetigen. Die andern
+versicherten, dass der kleine Reiter ein huebscher zierlicher Mann
+sei, wogegen Fabian und Balthasar fortwaehrend behaupteten, sie
+haetten nie einen scheusslicheren Daeumling erblickt. Dabei blieb es,
+und alle gingen voll Verwunderung auseinander.
+
+Der spaete Abend brach ein, die beiden Freunde begaben sich zusammen
+nach ihrer Wohnung. Da fuhr es dem Balthasar, selbst wusste er nicht
+wie, heraus, dass er dem Professor Mosch Terpin begegnet, der ihn
+auf den folgenden Abend zu sich geladen. "Ei, du gluecklicher," rief
+Fabian, "ei, du uebergluecklicher Mensch! - da wirst du dein Liebchen,
+die huebsche Mamsell Candida, sehen, hoeren, sprechen!" - Balthasar,
+aufs neue tief verletzt, riss sich los von Fabian und wollte fort.
+Doch besann er sich, blieb stehen und sprach, seinen Verdruss mit
+Gewalt niederkaempfend: "Du magst recht haben, lieber Bruder, dass
+du mich fuer einen albernen verliebten Gecken haeltst, ich bin es
+vielleicht wirklich. Aber diese Albernheit ist eine tiefe schmerzhafte
+Wunde, die meinem Gemuet geschlagen, und die, auf unvorsichtige Weise
+beruehrt, im heftigeren Weh mich zu allerlei Tollheit aufreizen
+koennte. Darum, Bruder, wenn du mich wirklich lieb hast, so nenne mir
+nicht mehr den Namen Candida!" - "Du nimmst," erwiderte Fabian, "du
+nimmst, mein lieber Freund Balthasar, die Sache wieder entsetzlich
+tragisch, und anders laesst sich das auch in deinem Zustande nicht
+erwarten. Aber um mit dir nicht in allerlei haesslichen Zwiespalt zu
+geraten, verspreche ich, dass der Name Candida nicht eher ueber meine
+Lippen kommen soll, bis du selbst mir Gelegenheit dazu gibst. Nur
+so viel erlaube mir heute noch zu sagen, dass ich allerlei Verdruss
+vorausgehe, in den dich dein Verliebtsein stuerzen wird. Candida
+ist ein gar huebsches herrliches Maegdlein, aber zu deiner
+melancholischen, schwaermerischen Gemuetsart passt sie ganz und gar
+nicht. Wirst du naeher mit ihr bekannt, so wird ihr unbefangenes
+heitres Wesen dir Mangel an Poesie, die du ueberall vermissest,
+scheinen. Du wirst in allerlei wunderliche Traeumereien geraten, und
+das Ganze wird mit entsetzlichem eingebildeten Weh und genuegender
+Verzweiflung tumultuarisch enden. - Uebrigens bin ich ebenso wie du
+auf morgen zu unserm Professor eingeladen, der uns mit sehr schoenen
+Experimenten unterhalten wird! - Nun gute Nacht, fabelhafter Traeumer!
+Schlafe, wenn du schlafen kannst vor solch wichtigem Tage wie der
+morgende!"
+
+Damit verliess Fabian den Freund, der in tiefes Nachdenken versunken.
+- Fabian mochte nicht ohne Grund allerlei pathetische Ungluecksmomente
+voraussehen, die sich mit Candida und Balthasar wohl zutragen konnten;
+denn beider Wesen und Gemuetsart schien in der Tat Anlass genug dazu
+zu geben.
+
+Candida war, jeder musste das eingestehen, ein bildhuebsches Maedchen,
+mit recht ins Herz hinein strahlenden Augen und etwas aufgeworfenen
+Rosenlippen. Ob ihre uebrigens schoenen Haare, die sie in wunderlichen
+Flechten gar fantastisch aufzunesteln wusste, mehr blond oder mehr
+braun zu nennen, habe ich vergessen, nur erinnere ich mich sehr gut
+der seltsamen Eigenschaft, dass sie immer dunkler und dunkler wurden,
+je laenger man sie anschaute. Von schlankem hohen Wuchs, leichter
+Bewegung, war das Maedchen, zumal in lebenslustiger Umgebung,
+die Huld, die Anmut selbst, und man uebersah es bei so vielem
+koerperlichen Reiz sehr gern, dass Hand und Fuss vielleicht kleiner
+und zierlicher haetten gebaut sein koennen. Dabei hatte Candida
+Goethes "Wilhelm Meister", Schillers Gedichte und Fouques "Zauberring"
+gelesen und beinahe alles, was darin enthalten, wieder vergessen;
+spielte ganz passabel das Pianoforte, sang sogar zuweilen dazu; tanzte
+die neuesten Francaisen und Gavotten und schrieb die Waschzettel mit
+einer feinen leserlichen Hand. Wollte man durchaus an dem lieben
+Maedchen etwas aussetzen, so war es vielleicht, dass sie etwas zu tief
+sprach, sich zu fest einschnuerte, sich zu lange ueber einen neuen
+Hut freute und zuviel Kuchen zum Tee verzehrte. Ueberschwenglichen
+Dichtern war freilich noch vieles andere an der huebschen Candida
+nicht recht, aber was verlangen die auch alles. Fuers erste wollen
+sie, dass das Fraeulein ueber alles, was sie von sich verlauten
+lassen, in ein somnambueles Entzuecken gerate, tief seufze, die Augen
+verdrehe, gelegentlich auch wohl was weniges ohnmaechtle oder gar
+zurzeit erblinde als hoechste Stufe der weiblichsten Weiblichkeit.
+Dann muss besagtes Fraeulein des Dichters Lieder singen nach der
+Melodie, die ihm (dem Fraeulein) selbst aus dem Herzen gestroemt,
+augenblicklich aber davon krank werden und selbst auch wohl Verse
+machen, sich aber sehr schaemen, wenn es herauskommt, ungeachtet die
+Dame dem Dichter ihre Verse, auf sehr feinem wohlriechenden Papier mit
+zarten Buchstaben geschrieben, selbst in die Haende spielte, der dann
+auch seinerseits vor Entzuecken darueber erkrankt, welches ihm gar
+nicht zu verdenken ist. Es gibt poetische Aszetiker, die noch weiter
+gehen und es aller weiblichen Zartheit entgegen finden, dass ein
+Maedchen lachen, essen und trinken und sich zierlich nach der Mode
+kleiden sollte. Sie gleichen beinahe dem heiligen Hieronymus, der
+den Jungfrauen verbietet Ohrgehaenge zu tragen und Fische zu essen.
+Sie sollen, so gebietet der Heilige, nur etwas zubereitetes Gras
+geniessen, bestaendig hungrig sein, ohne es zu fuehlen, sich in
+grobe, schlecht genaehte Kleider huellen, die ihren Wuchs verbergen,
+vorzueglich aber eine Person zur Gefaehrtin waehlen, die ernsthaft,
+bleich, traurig und etwas schmutzig ist! -
+
+Candida war durch und durch ein heitres unbefangenes Wesen, deshalb
+ging ihr nichts ueber ein Gespraech, das sich auf den leichten
+luftigen Schwingen des unverfaenglichsten Humors bewegte. Sie lachte
+recht herzlich ueber alles Drollige; sie seufzte nie, als wenn
+Regenwetter ihr den gehofften Spaziergang verdarb oder, aller Vorsicht
+ungeachtet, der neue Shawl einen Fleck bekommen hatte. Dabei blickte,
+gab es wirklichen Anlass dazu, ein tiefes inniges Gefuehl hindurch,
+das nie in schale Empfindelei ausarten durfte, und so mochte mir
+und dir, geliebter Leser, die wir nicht zu den Ueberschwenglichen
+gehoeren, das Maedchen eben ganz recht sein. Sehr leicht konnte es
+mit Balthasar sich anders verhalten! - Doch bald muss es sich ja wohl
+zeigen, inwiefern der prosaische Fabian richtig prophezeit hatte oder
+nicht! -
+
+Dass Balthasar vor lauter Unruhe, vor unbeschreiblichem suessen Bangen
+die ganze Nacht hindurch nicht schlafen konnte: was war natuerlicher
+als das. Ganz erfuellt von dem Bilde der Geliebten, setzte er sich hin
+an den Tisch und schrieb eine ziemliche Anzahl artiger wohlklingender
+Verse nieder, die in einer mystischen Erzaehlung von der Liebe der
+Nachtigall zur Purpurrose seinen Zustand schilderten. Die wollt' er
+mitnehmen in Mosch Terpins literarischen Tee und damit losfahren auf
+Candidas unbewahrtes Herz, wenn und wie es nur moeglich.
+
+Fabian laechelte ein wenig, als er, der Verabredung gemaess, zur
+bestimmten Stunde kam, um seinen Freund Balthasar abzuholen, und ihn
+zierlicher geputzt fand, als er ihn jemals gesehen. Er hatte einen
+gezackten Kragen von den feinsten Bruessler Kanten umgetan, sein
+kurzes Kleid mit geschlitzten Aermeln war von gerissenem Samt. Und
+dazu trug er franzoesische Stiefeln mit hohen spitzen Absaetzen und
+silbernen Fransen, einen englischen Hut vom feinsten Kastor und
+daenische Handschuhe. So war er ganz deutsch gekleidet, und der Anzug
+stand ihm ueber alle Massen gut, zumal er sein Haar schoen kraeuseln
+lassen und das kleine Stutzbaertchen wohl aufgekaemmt hatte.
+
+Das Herz bebte dem Balthasar vor Entzuecken, als in Mosch Terpins
+Hause Candida ihm entgegentrat, ganz in der Tracht der altdeutschen
+Jungfrau, freundlich, anmutig in Blick und Wort, im ganzen Wesen,
+wie man sie immer zu sehen gewohnt. "Mein holdseligstes Fraeulein!"
+seufzte Balthasar aus dem Innersten auf, als Candida, die suesse
+Candida selbst, eine Tasse dampfenden Tee ihm darbot. Candida schaute
+ihn aber an mit leuchtenden Augen und sprach: "Hier ist Rum und
+Maraschino, Zwieback und Pumpernickel, lieber Herr Balthasar, greifen
+Sie doch nur gefaelligst zu nach Ihrem Belieben!" Statt aber auf
+Rum und Maraschino, Zwieback oder Pumpernickel zu schauen oder
+gar zuzugreifen, konnte der begeisterte Balthasar den Blick voll
+schmerzlicher Wehmut der innigsten Liebe nicht abwenden von der holden
+Jungfrau und rang nach Worten, die aus tiefster Seele aussprechen
+sollten, was er eben empfand. Da fasste ihn aber der Professor der
+Aesthetik, ein grosser baumstarker Mann, mit gewaltiger Faust von
+hinten, drehte ihn herum, dass er mehr Teewasser auf den Boden
+verschuettete, als eben schicklich, und rief mit donnernder Stimme:
+"Bester Lukas Kranach, saufen Sie nicht das schnoede Wasser, Sie
+verderben sich den deutschen Magen total - dort im andern Zimmer hat
+unser tapfere Mosch eine Batterie der schoensten Flaschen mit edlem
+Rheinwein aufgepflanzt, die wollen wir sofort spielen lassen!" - Er
+schleppte den ungluecklichen Juengling fort.
+
+Doch aus dem Nebenzimmer trat ihnen der Professor Mosch Terpin
+entgegen, ein kleines, sehr seltsames Maennlein an der Hand fuehrend
+und laut rufend: "Hier, meine Damen und Herren, stelle ich Ihnen einen
+mit den seltensten Eigenschaften hochbegabten Juengling vor, dem
+es nicht schwer fallen wird, sich Ihr Wohlwollen, Ihre Achtung zu
+erwerben. Es ist der junge Herr Zinnober, der erst gestern auf unsere
+Universitaet gekommen und die Rechte zu studieren gedenkt!" - Fabian
+und Balthasar erkannten auf den ersten Blick den kleinen wunderlichen
+Knirps, der vor dem Tore ihnen entgegengesprengt und vom Pferde
+gestuerzt war.
+
+"Soll ich," sprach Fabian leise zu Balthasar, "soll ich denn noch das
+Alraeunchen herausfordern auf Blasrohr oder Schusterpfriem? Anderer
+Waffen kann ich mich doch nicht bedienen wider diesen furchtbaren
+Gegner."
+
+"Schaeme dich," erwiderte Balthasar, "schaeme dich, dass du den
+verwahrlosten Mann verspottest, der, wie du hoerst, die seltensten
+Eigenschaften besitzt und _so_ durch geistigen Wert das ersetzt, was
+die Natur ihm an koerperlichen Vorzuegen versagte." Dann wandte er
+sich zum Kleinen und sprach: "Ich hoffe nicht, bester Herr Zinnober,
+dass Ihr gestriger Fall vom Pferde etwa schlimme Folgen gehabt haben
+wird?" Zinnober hob sich aber, indem er einen kleinen Stock, den er in
+der Hand trug, hinten unterstemmte, auf den Fussspitzen in die Hoehe,
+so dass er dem Balthasar beinahe bis an den Guertel reichte, warf den
+Kopf in den Nacken, schaute mit wildfunkelnden Augen herauf und sprach
+in seltsam schnurrendem Basston: "Ich weiss nicht, was Sie wollen,
+wovon Sie sprechen, mein Herr! Vom Pferde gefallen? - _ich_ vom Pferde
+gefallen? - Sie wissen wahrscheinlich nicht, dass ich der beste Reiter
+bin, den es geben kann, dass ich niemals vom Pferde falle, dass ich
+als Freiwilliger unter den Kuerassieren den Feldzug mitgemacht und
+Offizieren und Gemeinen Unterricht gab im Reiten auf der Manege! - hm
+hm - vom Pferde fallen - ich vom Pferde fallen!" - Damit wollte er
+sich rasch umwenden, der Stock, auf den er sich gestuetzt, glitt aber
+aus, und der Kleine torkelte um und um, dem Balthasar vor die Fuesse.
+Balthasar griff herab nach dem Kleinen, ihm aufzuhelfen, und beruehrte
+dabei unversehens sein Haupt. Da stiess der Kleine einen gellenden
+Schrei aus, dass es im ganzen Saal widerhallte und die Gaeste
+erschrocken auffuhren von ihren Sitzen. Man umringte den Balthasar
+und fragte durcheinander, warum er denn um des Himmels willen so
+entsetzlich geschrieen. "Nehmen Sie es nicht uebel, bester Herr
+Balthasar," sprach der Professor Mosch Terpin, "aber das war ein etwas
+wunderlicher Spass. Denn wahrscheinlich wollten Sie uns doch glauben
+machen, es trete hier jemand einer Katze auf den Schwanz!" "Katze
+Katze - weg mit der Katze!" rief eine nervenschwache Dame und fiel
+sofort in Ohnmacht, und mit dem Geschrei: "Katze - Katze" - rannten
+ein paar alte Herren, die an derselben Idiosynkrasie litten, zur Tuere
+hinaus.
+
+Candida, die ihr ganzes Riechflaeschchen auf die ohnmaechtige Dame
+ausgegossen, sprach leise zu Balthasar: "Aber was richten Sie auch
+fuer Unheil an mit Ihrem haesslichen gellenden Miau, lieber Herr
+Balthasar!"
+
+Dieser wusste gar nicht, wie ihm geschah. Glutrot im ganzen Gesicht
+vor Unwillen und Scham, vermochte er kein Wort herauszubringen, nicht
+zu sagen, dass es ja der kleine Herr Zinnober und nicht _er_ gewesen,
+der so entsetzlich gemauzt.
+
+Der Professor Mosch Terpin sah des Juenglings schlimme Verlegenheit.
+Er nahte sich ihm freundlich und sprach: "Nun, nun, lieber Herr
+Balthasar, sein Sie doch nur ruhig. Ich habe wohl alles bemerkt.
+Sich zur Erde bueckend, auf allen Vieren huepfend, ahmten Sie den
+gemisshandelten grimmigen Kater herrlich nach. Ich liebe sonst sehr
+dergleichen naturhistorische Spiele, doch hier im literarischen Tee"
+- "Aber," platzte Balthasar heraus, "aber, vortrefflichster Herr
+Professor, ich war es ja nicht." - "Schon gut - schon gut," fiel ihm
+der Professor in die Rede. Candida trat zu ihnen. "Troeste mir,"
+sprach der Professor zu dieser, "troeste mir doch den guten Balthasar,
+der ganz betreten ist ueber alles Unheil, was geschehen."
+
+Der gutmuetigen Candida tat der arme Balthasar, der ganz verwirrt mit
+niedergesenktem Blick vor ihr stand, herzlich leid. Sie reichte ihm
+die Hand und lispelte mit anmutigem Laecheln: "Es sind aber auch recht
+komische Leute, die sich so entsetzlich vor Katzen fuerchten."
+
+Balthasar drueckte Candidas Hand mit Inbrunst an die Lippen. Candida
+liess den seelenvollen Blick ihrer Himmelsaugen auf ihm ruhen. Er war
+verzueckt in den hoechsten Himmel und dachte nicht mehr an Zinnober
+und Katzengeschrei. - Der Tumult war vorueber, die Ruhe wieder
+hergestellt. Am Teetisch sass die nervenschwache Dame und genoss
+mehreren Zwieback, den sie in Rum tunkte, versichernd, an dergleichen
+erlabe sich das von feindlicher Macht bedrohte Gemuet, und dem jaehen
+Schreck folge sehnsuechtig Hoffen! -
+
+Auch die beiden alten Herren, denen draussen wirklich ein fluechtiger
+Kater zwischen die Beine gelaufen, kehrten beruhigt zurueck und
+suchten, wie mehrere andere, den Spieltisch.
+
+Balthasar, Fabian, der Professor der Aesthetik, mehrere junge Leute
+setzten sich zu den Frauen. Herr Zinnober hatte sich indessen eine
+Fussbank herangerueckt und war mittelst derselben auf das Sofa
+gestiegen, wo er nun in der Mitte zwischen zwei Frauen sass und stolze
+funkelnde Blicke um sich warf.
+
+Balthasar glaubte, dass der rechte Augenblick gekommen, mit seinem
+Gedicht von der Liebe der Nachtigall zur Purpurrose hervorzuruecken.
+Er aeusserte daher mit der gehoerigen Verschaemtheit, wie sie bei
+jungen Dichtern im Brauch ist, dass er, duerfe er nicht fuerchten,
+Ueberdruss und Langeweile zu erregen, duerfe er auf guetige Nachsicht
+der geehrten Versammlung hoffen, es wagen wolle, ein Gedicht, das
+juengste Erzeugnis seiner Muse, vorzulesen.
+
+Da die Frauen schon hinlaenglich ueber alles verhandelt, was sich
+Neues in der Stadt zugetragen, die Maedchen den letzten Ball bei dem
+Praesidenten gehoerig durchgesprochen und sogar ueber die Normalform
+der neuesten Huete einig worden, da die Maenner unter zwei Stunden
+nicht auf weitere Speis- und Traenkung rechnen durften, so wurde
+Balthasar einstimmig aufgefordert, der Gesellschaft ja den herrlichen
+Genuss nicht vorzuenthalten.
+
+Balthasar zog das sauber geschriebene Manuskript hervor und las.
+
+Sein eignes Werk, das in der Tat aus wahrhaftem Dichtergemuet mit
+voller Kraft, mit regem Leben hervorgestroemt, begeisterte ihn mehr
+und mehr. Sein Vortrag, immer leidenschaftlicher steigend, verriet die
+innere Glut des liebenden Herzens. Er bebte vor Entzuecken, als leise
+Seufzer - manches leise Ach - der Frauen, mancher Ausruf der Maenner:
+"Herrlich - vortrefflich - goettlich!" ihn ueberzeugten, dass sein
+Gedicht alle hinriss.
+
+Endlich hatte er geendet. Da riefen alle: "Welch ein Gedicht! -
+welche Gedanken - welche Fantasie - was fuer schoene Verse - welcher
+Wohlklang - Dank - Dank Ihnen, bester Herr Zinnober, fuer den
+goettlichen Genuss" -
+
+"Was? wie?" rief Balthasar; aber niemand achtete auf ihn, sondern
+stuerzte auf Zinnober zu, der sich auf dem Sofa blaehte wie ein
+kleiner Puter und mit widriger Stimme schnarchte: "Bitte recht sehr -
+bitte recht sehr - muessen so vorlieb nehmen! - ist eine Kleinigkeit,
+die ich erst vorige Nacht aufschrieb in aller Eil'!" - Aber der
+Professor der Aesthetik schrie: "Vortrefflicher - goettlicher
+Zinnober! Herzensfreund, ausser mir bist du der erste Dichter, den es
+jetzt gibt auf Erden! - Komm an meine Brust, schoene Seele!" - Damit
+riss er den Kleinen vom Sofa auf in die Hoehe und herzte und kuesste
+ihn. Zinnober betrug sich dabei sehr ungebaerdig. Er arbeitete mit den
+kleinen Beinchen auf des Professors dickem Bauch herum und quaekte:
+"Lass mich los - lass mich los - es tut mir weh - weh - weh ich kratz'
+dir die Augen aus - ich beiss' dir die Nase entzwei!" - "Nein," rief
+der Professor, indem er den Kleinen niedersetzte auf den Sofa, "nein,
+holder Freund, keine zu weit getriebene Bescheidenheit!" - Mosch
+Terpin war nun auch vom Spieltisch herangetreten, der nahm Zinnobers
+Haendchen, drueckte es und sprach sehr ernst: "Vortrefflich, junger
+Mann! - nicht zuviel, nein, nicht genug sprach man mir von dem hohen
+Genius, der Sie beseelt." "Wer ist's," rief nun wieder der Professor
+der Aesthetik in voller Begeisterung aus, "wer ist's von euch
+Jungfrauen, der dem herrlichen Zinnober sein Gedicht, das das innigste
+Gefuehl der reinsten Liebe ausspricht, lohnt durch einen Kuss?"
+
+Da stand Candida auf, nahete sich, volle Glut auf den Wangen, dem
+Kleinen, kniete nieder und kuesste ihn auf den garstigen Mund mit
+blauen Lippen. "Ja," schrie nun Balthasar, wie vom Wahnsinn ploetzlich
+erfasst, "ja, Zinnober - goettlicher Zinnober, du hast das tiefsinnige
+Gedicht gemacht von der Nachtigall und der Purpurrose, dir gebuehrt
+der herrliche Lohn, den du erhalten!" -
+
+Und damit riss er den Fabian ins Nebenzimmer hinein und sprach: "Tu
+mir den Gefallen und schaue mich recht fest an und dann sage mir
+offen und ehrlich, ob ich der Student Balthasar bin oder nicht, ob du
+wirklich Fabian bist, ob wir in Mosch Terpins Hause sind, ob wir im
+Traume liegen - ob wir naerrisch sind - zupfe mich an der Nase oder
+ruettle mich zusammen, damit ich nur erwache aus diesem verfluchten
+Spuk!" -
+
+"Wie magst," erwiderte Fabian, "wie magst du dich denn nur so toll
+gebaerden aus purer heller Eifersucht, weil Candida den Kleinen
+kuesste. Gestehen musst du doch selbst, dass das Gedicht, welches
+der Kleine vorlas, in der Tat vortrefflich war." - "Fabian," rief
+Balthasar mit dem Ausdruck des tiefsten Erstaunens, "was sprichst du
+denn?" "Nun ja," fuhr Fabian fort, "nun ja, das Gedicht des Kleinen
+war vortrefflich, und gegoennt hab' ich ihm Candidas Kuss. -
+Ueberhaupt scheint hinter dem seltsamen Maennlein allerlei zu stecken,
+das mehr wert ist als eine schoene Gestalt. Aber was auch selbst
+seine Figur betrifft, so kommt er mir jetzt nichts weniger als so
+abscheulich vor wie anfangs. Beim Ablesen des Gedichts verschoenerte
+die innere Begeisterung seine Gesichtszuege, so dass er mir oft ein
+anmutiger wohlgewachsener Juengling zu sein schien, ungeachtet er doch
+kaum ueber den Tisch hervorragte. Gib deine unnuetze Eifersucht auf,
+befreunde dich als Dichter mit dem Dichter!"
+
+"Was," schrie Balthasar voll Zorn, "was? - noch befreunden mit dem
+verfluchten Wechselbalge, den ich erwuergen moechte mit diesen
+Faeusten?"
+
+"So," sprach Fabian, "so verschliessest du dich denn aller Vernunft.
+Doch lass uns in den Saal zurueckkehren, wo sich etwas Neues begeben
+muss, da ich laute Beifallsrufe vernehme."
+
+Mechanisch folgte Balthasar dem Freunde in den Saal.
+
+Als sie eintraten, stand der Professor Mosch Terpin allein in
+der Mitte, die Instrumente noch in der Hand, womit er irgendein
+physikalisches Experiment gemacht, starres Staunen im Gesicht. Die
+ganze Gesellschaft hatte sich um den kleinen Zinnober gesammelt, der,
+den Stock untergestemmt, auf den Fussspitzen dastand und mit stolzem
+Blick den Beifall einnahm, der ihm von allen Seiten zustroemte.
+Man wandte sich wieder zum Professor, der ein anderes sehr artiges
+Kunststueckchen machte. Kaum war es fertig, als wiederum alle, den
+Kleinen umringend, riefen: "Herrlich - vortrefflich, lieber Herr
+Zinnober!" -
+
+Endlich sprang auch Mosch Terpin zu dem Kleinen hin und rief zehnmal
+staerker als die uebrigen: "Herrlich - vortrefflich, lieber Herr
+Zinnober!"
+
+Es befand sich in der Gesellschaft der junge Fuerst Gregor, der
+auf der Universitaet studierte. Der Fuerst war von der anmutigsten
+Gestalt, die man nur sehen konnte, und dabei war sein Betragen so edel
+und ungezwungen, dass sich die hohe Abkunft, die Gewohnheit, sich in
+den vornehmsten Kreisen zu bewegen, darin deutlich aussprach.
+
+Fuerst Gregor war es nun, der gar nicht von Zinnober wich und ihn
+als den herrlichsten Dichter, den geschicktesten Physiker ueber alle
+Massen lobte.
+
+Seltsam war die Gruppe, die beide, zusammenstehend, bildeten. Gegen
+den herrlich gestalteten Gregor stach gar wunderlich das winzige
+Maennlein ab, das mit hoch emporgereckter Nase sich kaum auf den
+duennen Beinchen zu erhalten vermochte. Alle Blicke der Frauen waren
+hingerichtet, aber nicht auf den Fuersten, sondern auf den Kleinen,
+der, sich auf den Fussspitzen hebend, immer wieder herabsank und so
+hinauf und hinunter wankte wie ein Cartesianisches Teufelchen.
+
+Der Professor Mosch Terpin trat zu Balthasar und sprach: "Was sagen
+Sie zu meinem Schuetzling, zu meinem lieben Zinnober? Viel steckt
+hinter dem Mann, und nun ich ihn so recht anschaue, ahne ich wohl die
+eigentliche Bewandtnis, die es mit ihm haben mag. Der Prediger, der
+ihn erzogen und mir empfohlen hat, drueckt sich ueber seine Abkunft
+sehr geheimnisvoll aus. Betrachten Sie aber nur den edlen Anstand,
+sein vornehmes, ungezwungenes Betragen. Er ist gewiss von fuerstlichem
+Gebluet, vielleicht gar ein Koenigssohn!" - In dem Augenblick wurde
+gemeldet, das Mahl sei angerichtet. Zinnober torkelte ungeschickt hin
+zur Candida, ergriff taeppisch ihre Hand und fuehrte sie nach dem
+Speisesaal.
+
+In voller Wut rannte der unglueckliche Balthasar durch die finstre
+Nacht, durch Sturmwind und Regen fort, nach Hause.
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+Wie der italienische Geiger Sbiocca den Herrn Zinnober in den
+Kontrabass zu werfen drohte, und der Referendarius Pulcher nicht zu
+auswaertigen Angelegenheiten gelangen konnte. - Von Maut-Offizianten
+und zurueckbehaltenen Wundern fuers Haus. - Balthasars Bezauberung
+durch einen Stockknopf.
+
+Auf einem hervorragenden bemoosten Gestein im einsamsten Walde sass
+Balthasar und schaute gedankenvoll hinab in die Tiefe, in der ein Bach
+schaeumend fortbrauste zwischen Felsstuecken und dicht verwachsenem
+Gestruepp. Dunkle Wolken zogen daher und tauchten nieder hinter den
+Bergen; das Rauschen der Baeume, der Gewaesser ertoente wie ein
+dumpfes Winseln, und dazwischen kreischten Raubvoegel, die aus dem
+finstern Dickicht aufstiegen in den weiten Himmelsraum und sich
+nachschwangen dem fliehenden Gewoelk. -
+
+Dem Balthasar war, als vernehme er in den wunderbaren Stimmen des
+Waldes die trostlose Klage der Natur, als muesse er selbst untergehen
+in dieser Klage, als sei sein ganzes Sein nur das Gefuehl des tiefsten
+unverwindlichsten Schmerzes. Das Herz wollte ihm springen vor Wehmut,
+und indem haeufige Traenen aus seinen Augen troepfelten, war es,
+als blickten die Geister des Waldstroms zu ihm herauf und streckten
+schneeweisse Arme empor aus den Wellen, ihn hinabzuziehen in den
+kuehlen Grund.
+
+Da schwebte aus weiter Ferne durch die Luefte daher heller froehlicher
+Hoernerklang und legte sich troestend an seine Brust, und die
+Sehnsucht erwachte in ihm und mit ihr suesses Hoffen. Er sah umher,
+und indem die Hoerner forttoenten, duenkten ihm die gruenen Schatten
+des Waldes nicht mehr so traurig, nicht mehr so klagend das Rauschen
+des Windes, das Fluestern der Gebuesche. Er kam zu Worten.
+
+"Nein," rief er aus, indem er aufsprang von seinem Sitz und mit
+leuchtendem Blick in die Ferne schaute, "nein, noch verschwand nicht
+alle Hoffnung! - Nur zu gewiss ist es, dass irgendein duestres
+Geheimnis, irgendein boeser Zauber verstoerend in mein Leben
+getreten ist, aber ich breche diesen Zauber, und sollt' ich darueber
+untergehen! Als ich endlich hingerissen, uebermannt von dem Gefuehl,
+das meine Brust zersprengen wollte, der holden, suessen Candida meine
+Liebe gestand, las ich denn nicht in ihren Blicken, fuehlte ich nicht
+an dem Druck ihrer Hand meine Seligkeit? - Aber sowie das verdammte
+kleine Ungetuem sich sehen laesst, ist ihm alle Liebe zugewandt.
+An ihr, der vermaledeiten Missgeburt, haengen Candidas Augen, und
+sehnsuechtige Seufzer entfliehen ihrer Brust, wenn der taeppische
+Junge sich ihr naehert oder gar ihre Hand beruehrt. - Es muss mit ihm
+irgendeine geheimnisvolle Bewandtnis haben, und sollt' ich an alberne
+Ammenmaerchen glauben, ich wuerde behaupten, der Junge sei verhext und
+koenne es, wie man zu sagen pflegt, den Leuten antun. Ist es nicht
+toll, dass alle ueber das missgestaltete, durch und durch verwahrloste
+Maennlein spotten und lachen und dann wieder, tritt der Kleine
+dazwischen, ihn als den verstaendigsten, gelehrtesten, ja
+wohlgestaltetsten Herrn Studiosum ausschreien, der sich eben unter uns
+befindet? - Was sage ich! geht es mir nicht beinahe selbst so, kommt
+es mir nicht auch oft vor, als sei Zinnober gescheut und huebsch? -
+Nur in Candidas Gegenwart hat der Zauber keine Macht ueber mich, da
+ist und bleibt Herr Zinnober ein dummes, abscheuliches Alraeunchen. -
+Doch! - ich stemme mich entgegen der feindlichen Macht, eine dunkle
+Ahnung ruht tief in meinem Innern, irgend etwas Unerwartetes werde mir
+die Waffe in die Hand geben wider den boesen Unhold!" -
+
+Balthasar suchte den Rueckweg nach Kerepes. In einem Baumgange
+fortwandernd, bemerkte er auf der Landstrasse einen kleinen bepackten
+Reisewagen, aus dem ihm jemand mit einem weissen Tuch freundlich
+zuwinkte. Er trat heran und erkannte Herrn Vincenzo Sbiocca,
+weltberuehmten Virtuosen auf der Geige, den er wegen seines
+vortrefflichen ausdrucksvollen Spiels ueber alle Massen hochschaetzte
+und bei dem er schon seit zwei Jahren Unterricht genommen. "Gut,"
+rief Sbiocca, indem er aus dem Wagen sprang, "gut, mein lieber Herr
+Balthasar, mein teurer Freund und Schueler, gut, dass ich Sie hier
+noch treffe, um von Ihnen herzlichen Abschied nehmen zu koennen."
+
+"Wie," sprach Balthasar, "wie Herr Sbiocca, Sie verlassen doch nicht
+Kerepes, wo alles Sie ehrt und achtet, wo keiner Sie missen mag?"
+
+"Ja," erwiderte Sbiocca, indem ihm alle Glut des innern Zorns ins
+Gesicht trat, "ja, Herr Balthasar, ich verlasse einen Ort, in dem die
+Leute saemtlich naerrisch sind, der einem grossen Irrenhause gleicht.
+- Sie waren gestern nicht in meinem Konzert, da Sie ueber Land
+gegangen, sonst haetten Sie mir beistehen koennen gegen das rasende
+Volk, dem ich unterlegen."
+
+"Was ist geschehen, um tausend Himmels willen, was ist geschehen?"
+rief Balthasar.
+
+"Ich spiele," fuhr Sbiocca fort, "das schwierigste Konzert von Viotti.
+Es ist mein Stolz, meine Freude. Sie haben es von mir gehoert, es hat
+Sie nie unbegeistert gelassen. Gestern war ich, wohl mag ich es sagen,
+ganz vorzueglich bei guter Laune - anima mein' ich, heitren Geistes
+- spirito alato mein' ich. Kein Violinspieler auf der ganzen weiten
+Erde, Viotti selbst haette mir nicht nachgespielt. Als ich geendet,
+bricht der Beifall mit aller Wut los - furore mein' ich, wie ich
+erwartet. Geige unter dem Arm trete ich vor, mich hoeflichst zu
+bedanken. - Aber! was muss ich sehen, was muss ich hoeren! - Alles,
+ohne mich nur im mindesten zu beachten, draengt sich nach einer Ecke
+des Saals und schreit: 'Bravo - bravissimo, goettlicher Zinnober!
+- welch ein Spiel - welche Haltung, welcher Ausdruck, welche
+Fertigkeit!' - Ich renne hin, draenge mich durch! - da steht ein drei
+Spannen hoher verwachsener Kerl und schnarrt mit widriger Stimme:
+'Bitte, bitte, recht sehr, habe gespielt, wie es in meinen Kraeften
+stand, bin freilich nunmehr der staerkste Violinist in Europa und den
+uebrigen bekannten Weltteilen.' 'Tausend Teufel,' schrie ich, 'wer hat
+denn gespielt, ich oder der Erdwurm da!' - Und als der Kleine immer
+fortschnarcht: 'Bitte, bitte ergebenst,' will ich auf ihn los und
+ihn fassen, in die ganze Applikatur greifend. Aber da stuerzen sie
+auf mich los und reden wahnsinniges Zeug von Neid, Eifersucht und
+Missgunst. Unterdessen ruft einer: 'Und welche Komposition!' und alle
+einstimmig rufen hintendrein: 'Und welche Komposition - goettlicher
+Zinnober! - sublimer Komponist!' Noch aerger als zuvor schrie ich:
+'Ist denn alles rasend - besessen? das Konzert war von Viotti, und ich
+- ich - der weltberuehmte Vincenzo Sbiocca hat es gespielt!' Aber nun
+packen sie mich fest, sprechen von italienischer Tollheit - rabbia
+mein' ich, von seltsamen Zufaellen, bringen mich mit Gewalt in ein
+Nebenzimmer, behandeln mich wie einen Kranken, wie einen Wahnsinnigen.
+Nicht lange dauert es, so stuerzt Signora Bragazzi hinein und faellt
+ohnmaechtig nieder. Ihr war es ergangen wie mir. Sowie sie ihre Arie
+geendet, erdroehnte der Saal von dem: 'Brava - bravissima - Zinnober,'
+und alle schrien, keine solche Saengerin gaeb' es mehr auf Erden als
+Zinnober, und der schnarchte wieder sein verfluchtes: 'Bitte - bitte!'
+- Signora Bragazzi liegt im Fieber und wird baldigst verscheiden; ich
+meinesteils rette mich durch die Flucht vor dem wahnsinnigen Volke.
+Leben Sie wohl, bester Herr Balthasar! - Sehn Sie etwa den Signorino
+Zinnober, so sagen Sie ihm gefaelligst, er moege sich nicht irgendwo
+in einem Konzert blicken lassen, in dem ich zugegen. Unfehlbar wuerd'
+ich ihn sonst bei seinen Kaeferbeinchen packen und durchs F-Loch
+in den Kontrabass schmeissen, da koenne er denn zeit seines Lebens
+Konzerte spielen und Arien singen, wie er nur Lust haette. Leben
+Sie wohl, mein geliebter Balthasar, und legen Sie die Violine nicht
+beiseite!" - Damit umarmte Herr Vincenzo Sbiocca den vor Staunen
+erstarrten Balthasar und stieg in den Wagen, der schnell davonrollte.
+
+"Hab' ich denn nicht recht," sprach Balthasar zu sich selbst, "hab'
+ich denn nicht recht, das unheimliche Ding, der Zinnober, ist verhext
+und tut es den Leuten an." - In dem Augenblick rannte ein junger
+Mensch vorueber, bleich - verstoert, Wahnsinn und Verzweiflung im
+Antlitz. Dem Balthasar fiel es schwer aufs Herz. Er glaubte in dem
+Juenglinge einen seiner Freunde erkannt zu haben und sprang ihm daher
+schnell nach in den Wald.
+
+Kaum zwanzig - dreissig Schritte gelaufen, wurde er den Referendarius
+Pulcher gewahr, der unter einem grossen Baume stehen geblieben und mit
+himmelwaerts gerichtetem Blick also sprach: "Nein! - nicht laenger
+dulden diese Schmach! - Alle Hoffnung des Lebens ist dahin! - jede
+Aussicht nur ins Grab gerichtet - Fahre wohl - Leben - Welt - Hoffnung
+- Geliebte." -
+
+Und damit riss der verzweiflungsvolle Referendarius eine Pistole aus
+dem Busen und drueckte sie sich an die Stirne.
+
+Balthasar stuerzte mit Blitzesschnelle auf ihn zu, schleuderte ihm die
+Pistole weit weg aus der Hand und rief: "Pulcher! um Gottes willen,
+was ist dir, was tust du!"
+
+Der Referendarius konnte einige Minuten hindurch nicht zu sich
+selbst kommen. Er war halb ohnmaechtig niedergesunken auf den Rasen;
+Balthasar hatte sich zu ihm gesetzt und sprach troestende Worte, wie
+er es nur vermochte, ohne die Ursache von Pulchers Verzweiflung zu
+wissen.
+
+Hundertmal hatte Balthasar gefragt, was dem Referendarius denn
+Schreckliches geschehen, das den schwarzen Gedanken des Selbstmords in
+ihm rege gemacht. Da seufzte Pulcher endlich tief auf und begann: "Du
+kennst, lieber Freund Balthasar, meine bedraengte Lage, du weisst,
+wie ich all meine Hoffnung auf die Stelle des geheimen Expedienten
+gesetzt, die bei dem Minister der auswaertigen Angelegenheiten offen;
+du weisst, mit welchem Eifer, mit welchem Fleiss ich mich darauf
+vorbereitet. Ich hatte meine Ausarbeitungen eingereicht, die, wie ich
+zu meiner Freude erfuhr, den vollsten Beifall des Ministers erhalten.
+Mit welcher Zuversicht stellte ich mich heute vormittag zur
+muendlichen Pruefung! - Ich fand im Zimmer einen kleinen,
+missgeschaffenen Kerl, den du wohl unter dem Namen des Herrn Zinnober
+kennen wirst. Der Legationsrat, dem die Pruefung uebertragen, trat mir
+freundlich entgegen und sagte mir, zu derselben Stelle, die ich zu
+erhalten wuensche, habe sich auch Herr Zinnober gemeldet, er werde uns
+_beide_ daher pruefen. Dann raunte er mir leise ins Ohr: 'Sie haben
+von Ihrem Mitbewerber nichts zu befuerchten, bester Referendarius,
+die Arbeiten, die der kleine Zinnober eingereicht, sind erbaermlich!'
+Die Pruefung begann, keine Frage des Rats liess ich unbeantwortet.
+Zinnober wusste nichts, gar nichts; statt zu antworten, schnarchte
+und quaekte er unvernehmliches Zeug, das niemand verstand, fiel auch,
+indem er ungebaerdig mit den Beinchen strampelte, ein paarmal vom
+hohen Stuhl herab, so dass ich ihn wieder hinaufheben musste. Mir
+bebte das Herz vor Vergnuegen; die freundlichen Blicke, die der
+Rat dem Kleinen zuwarf, hielt ich fuer die bitterste Ironie. - Die
+Pruefung war beendigt. Wer schildert meinen Schreck, mir war es, als
+wenn ein jaeher Blitz mich klaftertief hineinschluege in den Boden,
+als der Rat den Kleinen umarmte, zu ihm sprach: 'Herrlicher Mensch! -
+welche Kenntnis - welcher Verstand - welcher Scharfsinn!' - dann zu
+mir: 'Sie haben mich sehr getaeuscht, Herr Referendarius Pulcher - Sie
+wissen ja gar nichts! Und - nehmen Sie es mir nicht uebel, die Art,
+wie Sie sich zur Pruefung ermutigt haben moegen, laeuft gegen alle
+Sitte, gegen allen Anstand! - Sie konnten sich ja gar nicht auf dem
+Stuhl erhalten, Sie fielen ja herab, und Herr Zinnober musste Sie
+aufrichten. Diplomatische Personen muessen fein nuechtern sein und
+besonnen. - Adieu, Herr Referendarius!' - Noch hielt ich alles fuer
+ein tolles Gaukelspiel. Ich wagte es, ich ging hin zum Minister. Er
+liess mir heraussagen, wie ich mich unterstehen koenne, ihn noch
+mit meinem Besuch zu behelligen, nach der Art, wie ich mich in der
+Pruefung bewiesen - er wisse schon alles! Der Posten, zu dem ich
+mich gedraengt, sei schon vergeben an Herrn Zinnober! - So hat mir
+irgendeine hoellische Macht alle Hoffnung geraubt, und ich will ein
+Leben freiwillig opfern, das dem dunklen Verhaengnis anheimgefallen!
+Verlass mich!" -
+
+"Nimmermehr," rief Balthasar, "erst hoere mich an!"
+
+Er erzaehlte nun alles, was er von Zinnober wusste seit seiner ersten
+Erscheinung vor dem Tor von Kerepes; wie es ihm mit dem Kleinen
+ergangen im Mosch Terpins Hause; was er eben jetzt von Vincenzo
+Sbiocca vernommen. "Es ist nur zu gewiss," sprach er dann, "dass
+allem Beginnen der unseligen Missgeburt irgend etwas Geheimnisvolles
+zum Grunde liegt, und glaube mir, Freund Pulcher, - ist irgendein
+hoellischer Zauber im Spiele, so kommt es nur darauf an, ihm mit
+festem Sinn entgegen zu treten, der Sieg ist gewiss, wenn nur der Mut
+vorhanden. - Darum nicht verzagt, kein zu rascher Entschluss. Lass uns
+vereint dem kleinen Hexenkerl zu Leibe gehen!" -
+
+"Hexenkerl," rief der Referendarius mit Begeisterung, "ja Hexenkerl,
+ein ganz verfluchter Hexenkerl ist der Kleine, das ist gewiss! - Doch
+Bruder Balthasar, was ist uns denn, liegen wir im Traume? - Hexenwesen
+- Zaubereien - ist es denn damit nicht vorbei seit langer Zeit?
+Hat denn nicht vor vielen Jahren Fuerst Paphnutius der Grosse die
+Aufklaerung eingefuehrt und alles tolle Unwesen, alles Unbegreifliche
+aus dem Lande verbannt, und doch soll noch dergleichen verwuenschte
+Contrebande sich eingeschlichen haben? - Wetter! das muesste man ja
+gleich der Polizei anzeigen und den Maut-Offizianten! - Aber nein,
+nein - nur der Wahnsinn der Leute oder, wie ich beinahe fuerchte,
+ungeheure Bestechung ist schuld an unserm Unglueck. - Der verwuenschte
+Zinnober soll unermesslich reich sein. Er stand neulich vor der
+Muenze, und da zeigten die Leute mit Fingern nach ihm und riefen:
+'Seht den kleinen huebschen Papa! - dem gehoert alles blanke Gold, was
+da drinnen gepraegt wird!'"
+
+"Still," erwiderte Balthasar, "still, Freund Referendarius, mit dem
+Golde zwingt es der Unhold nicht, es ist etwas anderes dahinter!
+- Wahr, dass Fuerst Paphnutius die Aufklaerung einfuehrte zu Nutz
+und Frommen seines Volks, seiner Nachkommenschaft, aber manches
+Wunderbare, Unbegreifliche ist doch noch zurueckgeblieben. Ich meine,
+man hat noch so fuers Haus einige huebsche Wunder zurueckbehalten.
+Z.B. noch immer wachsen aus lumpichten Samenkoernern die hoechsten,
+herrlichsten Baeume, ja sogar die mannigfaltigsten Fruechte und
+Getreidearten, womit wir uns den Leib stopfen. Erlaubt man ja wohl
+noch gar den bunten Blumen, den Insekten auf ihren Blaettern und
+Fluegeln die glaenzendsten Farben, selbst die allerverwunderlichsten
+Schriftzuege zu tragen, von denen kein Mensch weiss, ob es Oel ist,
+Guasche oder Aquarellmanier, und kein Teufel von Schreibmeister kann
+die schmucke Kurrentschrift lesen, geschweige denn nachschreiben!
+Hoho! Referendarius, ich sage dir, es geht in meinem Innern zuweilen
+Absonderliches vor! - Ich lege die Pfeife weg und schreite im Zimmer
+auf und ab, und eine seltsame Stimme fluestert, ich sei selbst ein
+Wunder, der Zauberer Mikrokosmus hantiere in mir und treibe mich an zu
+allerlei tollen Streichen! - Aber, Referendarius, dann laufe ich fort
+und schaue hinein in die Natur und verstehe alles, was die Blumen, die
+Gewaesser zu mir sprechen, und mich umfaengt selige Himmelslust!" -
+
+"Du sprichst im Fieber," rief Pulcher; aber Balthasar, ohne auf ihn
+zu achten, streckte die Arme aus, wie von inbruenstiger Sehnsucht
+erfasst, nach der Ferne. "Horche doch nur," rief Balthasar, "horche
+doch nur, o Referendarius, welche himmlische Musik im Rauschen des
+Abendwindes durch den Wald ertoent! - Hoerst du wohl, wie die Quellen
+staerker erheben ihren Gesang? wie die Buesche, die Blumen einfallen
+mit lieblichen Stimmen?" -
+
+Der Referendarius hielt das Ohr hin, um die Musik zu erhorchen, von
+der Balthasar sprach. "In der Tat," fing er dann an, "in der Tat, es
+wehen Toene durch den Wald, die die anmutigsten, herrlichsten sind,
+welche ich in meinem Leben gehoert und die mir tief in die Seele
+dringen. Doch ist es nicht der Abendwind, nicht die Buesche, nicht die
+Blumen sind es, die so singen, vielmehr deucht es mir, als wenn jemand
+in der Ferne die tiefsten Glocken einer Harmonika anstriche."
+
+Pulcher hatte recht. Wirklich glichen die vollen, immer staerker und
+staerker anschwellenden Akkorde, die immer naeher hallten, den Toenen
+einer Harmonika, deren Groesse und Staerke aber unerhoert sein musste.
+Als nun die Freunde weiter vorschritten, bot sich ihnen ein Schauspiel
+dar, so zauberhaft, dass sie vor Erstaunen erstarrt - fest gewurzelt -
+stehen blieben. In geringer Entfernung fuhr ein Mann langsam durch den
+Wald, beinahe chinesisch gekleidet, nur trug er ein weitbauschiges
+Barett mit schoenen Schwungfedern auf dem Haupte. Der Wagen glich
+einer offenen Muschel von funkelndem Kristall, die beiden hohen Raeder
+schienen von gleicher Masse. Sowie sie sich drehten, erklangen die
+herrlichen Harmonikatoene, die die Freunde schon aus der Ferne
+gehoert. Zwei schneeweisse Einhoerner mit goldenem Geschirr zogen den
+Wagen, auf dem statt des Fuhrmanns ein Silberfasan sass, die goldnen
+Leinen im Schnabel haltend. Hintenauf sass ein grosser Goldkaefer,
+der mit den flimmernden Fluegeln flatternd, dem wunderbaren Mann in
+der Muschel Kuehlung zuzuwehen schien. Sowie er bei den Freunden
+vorueberkam, nickte er ihnen freundlich zu. In dem Augenblick fiel aus
+dem funkelnden Knopf des langen Rohrs, das der Mann in der Hand trug,
+ein Strahl auf Balthasar, so dass er einen brennenden Stich tief in
+der Brust fuehlte und mit einem dumpfen Ach! zusammenfuhr. -
+
+Der Mann blickte ihn an und laechelte und winkte noch freundlicher als
+zuvor. Sowie das zauberische Fuhrwerk im dichten Gebuesch verschwand,
+noch im sanften Nachhallen der Harmonikatoene, fiel Balthasar, ganz
+ausser sich vor Wonne und Entzuecken, dem Freunde um den Hals und
+rief: "Referendarius, wir sind gerettet! - jener ist's, der Zinnobers
+versuchten Zauber bricht!" -
+
+"Ich weiss nicht," sprach Pulcher, "ich weiss nicht, wie mir in diesem
+Augenblick zumute, ob ich wache, ob ich traeume; aber so viel ist
+gewiss, dass ein unbekanntes Wonnegefuehl mich durchdringt und dass
+Trost und Hoffnung in meine Seele wiederkehrt."
+
+
+
+Fuenftes Kapitel
+
+Wie Fuerst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger Goldwasser
+fruehstueckte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose bekam und den
+Geheimen Sekretaer Zinnober zum Geheimen Spezialrat erhob. - Die
+Bilderbuecher des Doktors Prosper Alpanus. - Wie ein Portier den
+Studenten Fabian in den Finger biss, dieser ein Schleppkleid trug und
+deshalb verhoehnt wurde. - Balthasars Flucht.
+
+Es ist nicht laenger zu verhehlen, dass der Minister der auswaertigen
+Angelegenheiten, bei dem Herr Zinnober als Geheimer Expedient
+angenommen, ein Abkoemmling jenes Barons Praetextatus von Mondschein
+war, der den Stammbaum der Fee Rosabelverde in den Turnierbuechern und
+Chroniken vergebens suchte. Er hiess wie sein Ahnherr Praetextatus von
+Mondschein, war von der feinsten Bildung, den angenehmsten Sitten,
+verwechselte niemals das Mich und Mir, das Ihnen und Sie, schrieb
+seinen Namen mit franzoesischen Lettern sowie ueberhaupt eine
+leserliche Hand und arbeitete sogar zuweilen selbst, vorzueglich wenn
+das Wetter schlecht war. Fuerst Barsanuph, ein Nachfolger des grossen
+Paphnutz, liebte ihn zaertlich, denn er hatte auf jede Frage eine
+Antwort, spielte in den Erholungsstunden mit dem Fuersten Kegel,
+verstand sich herrlich aufs Geld-Negoz und suchte in der Gavotte
+seinesgleichen.
+
+Es gab sich, dass der Baron Praetextatus von Mondschein den Fuersten
+eingeladen hatte zum Fruehstueck auf Leipziger Lerchen und ein
+Glaeschen Danziger Goldwasser. Als er nun hinkam in Mondscheins Haus,
+fand er im Vorsaal unter mehreren angenehmen diplomatischen Herren
+den kleinen Zinnober, der, auf seinem Stock gestemmt, ihn mit seinen
+Aeugelein anfunkelte und, ohne sich weiter an ihn zu kehren, eine
+gebratene Lerche ins Maul steckte, die er soeben vom Tische gemaust.
+Sowie der Fuerst den Kleinen erblickte, laechelte er ihn gnaedig an
+und sprach zum Minister: "Mondschein! was haben Sie da fuer einen
+kleinen, huebschen, verstaendigen Mann in Ihrem Hause? - Es ist gewiss
+derselbe, der die wohl stilisierten und schoen geschriebenen Berichte
+verfertigt, die ich seit einiger Zeit von Ihnen erhalte?" "Allerdings,
+gnaedigster Herr," erwiderte Mondschein. "Mir hat das Geschick ihn
+zugefuehrt als den geistreichsten, geschicktesten Arbeiter in meinem
+Bureau. Er nennt sich Zinnober, und ich empfehle den jungen herrlichen
+Mann ganz vorzueglich Ihrer Huld und Gnade, mein bester Fuerst! - Erst
+seit wenigen Tagen ist er bei mir." "Und ebendeshalb," sprach ein
+junger huebscher Mann, der sich indessen genaehert, "und ebendeshalb
+hat, wie Ew. Exzellenz zu bemerken erlauben werden, mein kleiner
+Kollege noch gar nichts expediert. Die Berichte, die das Glueck
+hatten, von Ihnen, mein durchlauchtigster Fuerst, mit Wohlgefallen
+bemerkt zu werden, sind von mir verfasst." "Was wollen Sie!" fuhr der
+Fuerst ihn zornig an. - Zinnober hatte sich dicht an den Fuersten
+geschoben und schmatzte, die Lerche verzehrend, vor Gier und Appetit.
+- Der junge Mensch war es wirklich, der jene Berichte verfasst, aber:
+"Was wollen Sie," rief der Fuerst, "Sie haben ja noch gar nicht die
+Feder angeruehrt? - Und dass Sie dicht bei mir gebratene Lerchen
+verzehren, so dass, wie ich zu meinem grossen Aerger bemerken muss,
+meine neue Kasimirhose bereits einen Butterfleck bekommen, dass Sie
+dabei so unbillig schmatzen, ja! - alles das beweiset hinlaenglich
+Ihre voellige Untauglichkeit zu jeder diplomatischen Laufbahn! - Gehen
+Sie fein nach Hause und lassen Sie sich nicht wieder vor mir sehen,
+es sei denn, Sie braechten mir eine nuetzliche Fleckkugel fuer meine
+Kasimirhose. - Vielleicht wird mir dann wieder gnaedig zumute!" Dann
+zum Zinnober: "Solche Juenglinge, wie Sie, werter Zinnober, sind eine
+Zierde des Staats und verdienen ehrenvoll ausgezeichnet zu werden! -
+Sie sind Geheimer Spezialrat, mein Bester!" - "Danke schoenstens,"
+schnarrte Zinnober, indem er den letzten Bissen hinunterschluckte und
+sich das Maul wischte mit beiden Haendchen, "danke schoenstens, ich
+werd' das Ding schon machen, wie es mir zukommt."
+
+"Wackres Selbstvertrauen," sprach der Fuerst mit erhobener Stimme,
+"wackres Selbstvertrauen zeugt von der innern Kraft, die dem wuerdigen
+Staatsmann inwohnen muss!" - Und auf diesen Spruch nahm der Fuerst ein
+Schnaepschen Goldwasser, welches der Minister selbst ihm darreichte
+und das ihm sehr wohl bekam. - Der neue Rat musste Platz nehmen
+zwischen dem Fuersten und Minister. Er verzehrte unglaublich viel
+Lerchen und trank Malaga und Goldwasser durcheinander und schnarrte
+und brummte zwischen den Zaehnen und hantierte, da er kaum mit
+der spitzen Nase ueber den Tisch reichen konnte, gewaltig mit den
+Haendchen und Beinchen.
+
+Als das Fruehstueck beendigt, riefen beide, der Fuerst und der
+Minister: "Er ist ein englischer Mensch, dieser Geheime Spezialrat!" -
+"Du siehst," sprach Fabian zu seinem Freunde Balthasar, "du siehst so
+froehlich aus, deine Blicke leuchten in besonderen Feuer. - Du fuehlst
+dich gluecklich? - Ach, Balthasar, du traeumst vielleicht einen
+schoenen Traum, aber ich muss dich daraus erweckendes ist Freundes
+Pflicht!"
+
+"Was hast du, was ist geschehen?" fragte Balthasar bestuerzt.
+
+"Ja," fuhr Fabian fort, "ja! - ich muss es dir sagen! Fasse dich
+nur, mein Freund! - Bedenke, dass vielleicht kein Unfall in der Welt
+schmerzlicher trifft und doch leichter zu verwinden ist, als eben
+dieser! - Candida" -
+
+"Um Gott," schrie Balthasar entsetzt, "Candida! - was ist mit Candida?
+- ist sie hin - ist sie tot?"
+
+"Ruhig," sprach Fabian weiter, "ruhig, mein Freund! - nicht tot ist
+Candida, aber so gut als tot fuer dich! - Wisse, dass der kleine
+Zinnober Geheimer Spezialrat geworden und so gut als versprochen ist
+mit der schoenen Candida, die, Gott weiss wie, in ihn ganz vernarrt
+sein soll."
+
+Fabian glaubte, dass Balthasar nun losbrechen werde in ungestueme,
+verzweiflungsvolle Klagen und Verwuenschungen. Statt dessen sprach er
+mit ruhigem Laecheln: "Ist es nichts weiter als das, so gibt es keinen
+Unfall, der mich betrueben koennte."
+
+"Du liebst Candida nicht mehr?" fragte Fabian voll Erstaunen.
+
+"Ich liebe," erwiderte Balthasar, "ich liebe das Himmelskind, das
+herrliche Maedchen mit aller Inbrunst, mit aller Schwaermerei, die nur
+in eines Juenglings Brust sich entzuenden kann! Und ich weiss - ach
+ich weiss es, dass Candida mich wieder liebt, dass nur ein verruchter
+Zauber sie umstrickt haelt, aber bald loese ich die Bande dieses
+Hexenwesens, bald vernichte ich den Unhold, der die Arme betoert." -
+
+Balthasar erzaehlte nun dem Freunde ausfuehrlich von dem wunderbaren
+Mann, dem er in dem seltsamsten Fuhrwerk im Walde begegnet. Er
+schloss damit, dass, sowie aus dem Stockknopf des zauberischen Wesens
+ein Strahl in seine Brust gefunkelt, der feste Gedanken in ihm
+aufgegangen, dass Zinnober nichts sei als ein Hexenmaennlein, dessen
+Macht jener Mann vernichten werde.
+
+"Aber," rief Fabian, als der Freund geendet, "aber Balthasar, wie
+kannst du nur auf solches tolles, wunderliches Zeug verfallen? - Der
+Mann, den du fuer einen Zauberer haeltst, ist niemand anders als der
+Doktor Prosper Alpanus, der unfern der Stadt auf seinem Landhause
+wohnt. Wahr ist es, dass die wunderlichsten Geruechte von ihm
+verbreitet werden, so dass man ihn beinahe fuer einen zweiten
+Cagliostro halten moechte; aber daran ist er selbst schuld. Er liebt
+es, sich in mystisches Dunkel zu huellen, den Schein eines mit den
+tiefsten Geheimnissen der Natur vertrauten Mannes anzunehmen, der
+unbekannten Kraeften gebietet, und dabei hat er die bizarrsten
+Einfaelle. So ist zum Beispiel sein Fuhrwerk so seltsam beschaffen,
+dass ein Mensch, der von lebhafter feuriger Fantasie ist, wie du, mein
+Freund, wohl dahin gebracht werden kann, alles fuer eine Erscheinung
+aus irgendeinem tollen Maerchen zu halten. Hoere also! - Sein
+Kabriolett hat die Form einer Muschel und ist ueber und ueber
+versilbert, zwischen den Raedern ist eine Drehorgel angebracht,
+welche, sowie der Wagen faehrt, von selbst spielt. Das, was du fuer
+einen Silberfasan hieltest, war gewiss sein kleiner weissgekleideter
+Jockey, so wie du gewiss die Blaetter des ausgespreiteten
+Sonnenschirms fuer die Fluegeldecken eines Goldkaefers hieltest.
+Seinen beiden weissen Pferdchen laesst er grosse Hoerner anschrauben,
+damit es nur recht fabelhaft aussehn soll. Uebrigens ist es richtig,
+dass der Doktor Alpanus ein schoenes spanisches Rohr traegt mit einem
+herrlich funkelnden Kristall, der oben darauf sitzt als Knopf und
+von dessen wunderlicher Wirkung man viel Fabelhaftes erzaehlt oder
+vielmehr luegt. Den Strahl dieses Kristalls soll naemlich kaum ein
+Auge ertragen. Verhuellt ihn der Doktor mit einem duennen Schleier und
+richtet man nun den festen Blick darauf, so soll das Bild der Person,
+das man in dem innersten Gedanken traegt, ausserhalb wie in einem
+Hohlspiegel erscheinen." "In der Tat," fiel Balthasar dem Freunde ins
+Wort, "in der Tat? Erzaehlt man das? - Was spricht man denn wohl noch
+weiter von dem Herrn Doktor Prosper Alpanus?"
+
+"Ach," erwiderte Fabian, "verlange doch nur nicht, dass ich von den
+tollen Fratzen und Possen viel reden soll. Du weisst ja, dass es
+noch bis jetzt abenteuerliche Leute gibt, die der gesunden Vernunft
+entgegen an alle sogenannte Wunder alberner Ammenmaerchen glauben."
+
+"Ich will dir gestehen," fuhr Balthasar fort, "dass ich genoetigt bin,
+mich selbst zu der Partie dieser abenteuerlichen Leute ohne gesunde
+Vernunft zu schlagen. Versilbertes Holz ist kein glaenzendes
+durchsichtiges Kristall, eine Drehorgel toent nicht wie eine
+Harmonika, ein Silberfasan ist kein Jockey und ein Sonnenschirm kein
+Goldkaefer. Entweder war der wunderbare Mann, dem ich begegnete, nicht
+der Doktor Prosper Alpanus, von dem du sprichst, oder der Doktor
+herrscht wirklich ueber die ausserordentlichsten Geheimnisse."
+
+"Um," sprach Fabian, "um dich ganz von deinen seltsamen Traeumereien
+zu heilen, ist es am besten, dass ich dich geradezu hinfuehre zu dem
+Doktor Prosper Alpanus. Dann wirst du es selbst verspueren, dass der
+Herr Doktor ein ganz gewoehnlicher Arzt ist und keineswegs spazieren
+faehrt mit Einhoernern, Silberfasanen und Goldkaefern."
+
+"Du sprichst," erwiderte Balthasar, indem ihm die Augen hell
+auffunkelten, "du sprichst, mein Freund, den innigsten Wunsch meiner
+Seele aus. - Wir wollen uns nur gleich auf den Weg machen."
+
+Bald standen sie vor dem verschlossenen Gattertor des Parks, in
+dessen Mitte das Landhaus des Doktor Alpanus lag. "Wie kommen wir nur
+hinein?" sprach Fabian. "Ich denke, wir klopfen," erwiderte Balthasar
+und fasste den metallenen Kloepfel, der dicht beim Schlosse angebracht
+war.
+
+Sowie er den Kloepfel aufhob, begann ein unterirdisches Murmeln wie
+ein ferner Donner und schien zu verhallen in der tiefsten Tiefe.
+Das Gattertor drehte sich langsam auf, sie traten ein und wanderten
+fort durch einen langen, breiten Baumgang, durch den sie das
+Landhaus erblickten. "Spuerst du," sprach Fabian, "hier etwas
+Ausserordentliches, Zauberisches?" "Ich daechte," erwiderte Balthasar,
+"die Art, wie sich das Gattertor oeffnete, waere doch nicht so ganz
+gewoehnlich gewesen, und dann weiss ich nicht, wie mich hier alles
+so wunderbar, so magisch anspricht. - Gibt es denn wohl auf weit und
+breit solche herrliche Baeume als eben hier in diesem Park? - Ja,
+mancher Baum, manches Gebuesch scheint ja mit seinen glaenzenden
+Staemmen und smaragdenen Blaettern einem fremden unbekannten Lande
+anzugehoeren." -
+
+Fabian bemerkte zwei Froesche von ungewoehnlicher Groesse, die schon
+von dem Gattertor an zu beiden Seiten der Wandelnden mitgehuepft
+waren. "Schoener Park," rief Fabian, "in dem es solch Ungeziefer
+gibt!" und bueckte sich nieder, um einen kleinen Stein aufzuheben, mit
+dem er nach den lustigen Froeschen zu werfen gedachte. Beide sprangen
+ins Gebuesch und guckten ihn mit glaenzenden menschlichen Augen an.
+"Wartet, wartet!" rief Fabian, zielte nach dem einen und warf. In dem
+Augenblick quaekte aber ein kleines haessliches Weib, das am Wege
+sass: "Grobian! schmeiss' Er nicht ehrliche Leute, die hier im Garten
+mit saurer Arbeit ihr bisschen Brot verdienen muessen." - "Komm nur,
+komm," murmelte Balthasar entsetzt, denn er merkte wohl, dass der
+Frosch sich gestaltet zum alten Weibe. Ein Blick ins Gebuesch
+ueberzeugte ihn, dass der andere Frosch, jetzt ein kleines Maennlein
+geworden, sich mit Ausjaeten des Unkrauts beschaeftigte. -
+
+Vor dem Landhause befand sich ein grosser schoener Rasenplatz, auf dem
+die beiden Einhoerner weideten, waehrend die herrlichsten Akkorde in
+den Lueften erklangen.
+
+"Siehst du wohl, hoerst du wohl?" sprach Balthasar.
+
+"Ich sehe nichts weiter," erwiderte Fabian, "als zwei kleine Schimmel,
+die Gras fressen, und was so in den Lueften toent, sind wahrscheinlich
+aufgehaengte Aeolsharfen."
+
+Die herrliche einfache Architektur des maessig grossen, einstoeckigen
+Landhauses entzueckte den Balthasar. Er zog an der Klingelschnur,
+sogleich ging die Tuere auf, und ein grosser straussartiger, ganz
+goldgelb gleissender Vogel stand als Portier vor den Freunden.
+
+"Nun seh'," sprach Fabian zu Balthasar, "nun seh' einmal einer die
+tolle Livree! - Will man auch nachher dem Kerl ein Trinkgeld geben,
+hat er wohl eine Hand, es in die Westentasche zu schieben?"
+
+Und damit wandte er sich zu dem Strauss, packte ihn bei den
+glaenzenden Flaumfedern, die unter dem Schnabel an der Kehle wie ein
+reiches Jabot sich aufplusterten, und sprach: "Meld' Er uns bei dem
+Herrn Doktor, mein scharmanter Freund!" - Der Strauss sagte aber
+nichts als: _"Quirrrr"_ - und biss den Fabian in den Finger. "Tausend
+Sapperment," schrie Fabian, "der Kerl ist doch wohl am Ende ein
+verfluchter Vogel!"
+
+In demselben Augenblick ging eine innere Tuere auf, und der Doktor
+selbst trat den Freunden entgegen. - Ein kleiner duenner, blasser
+Mann! - Er trug ein kleines samtnes Muetzchen auf dem Haupte, unter
+dem schoenes Haar in langen Locken hervorstroemte, ein langes
+erdgelbes indisches Gewand und kleine rote Schnuerstiefelchen, ob
+mit buntem Pelz oder dem glaenzenden Federbalg eines Vogels besetzt,
+war nicht zu unterscheiden. Auf seinem Antlitz lag die Ruhe, die
+Gutmuetigkeit selbst, nur schien es seltsam, dass, wenn man ihn recht
+nahe, recht scharf anblickte, es war, als schaue aus dem Gesicht noch
+ein kleineres Gesichtchen wie aus einem glaesernen Gehaeuse heraus.
+
+"Ich erblickte," sprach nun leise und etwas gedehnt mit anmutigem
+Laecheln Prosper Alpanus, "ich erblickte Sie, meine Herrn, aus dem
+Fenster, ich wusste auch wohl schon frueher, wenigstens was Sie
+betrifft, lieber Herr Balthasar, dass Sie zu mir kommen wuerden. -
+Folgen Sie mir gefaelligst!" -
+
+Prosper Alpanus fuehrte sie in ein hohes rundes Zimmer, rings umher
+mit himmelblauen Gardinen behaengt. Das Licht fiel durch ein oben in
+der Kuppel angebrachtes Fenster herab und warf seine Strahlen auf den
+glaenzend polierten, von einer Sphinx getragenen Marmortisch, der
+mitten im Zimmer stand. Sonst war durchaus nichts Ausserordentliches
+in dem Gemach zu bemerken.
+
+"Worin kann ich Ihnen dienen?" fragte Prosper Alpanus.
+
+Da fasste sich Balthasar zusammen, erzaehlte, was sich mit dem
+kleinen Zinnober begeben von seinem ersten Erscheinen in Kerepes
+an, und schloss mit der Versicherung, wie in ihm der feste Gedanke
+aufgegangen, dass er, Prosper Alpanus, der wohltaetige Magus sei, der
+Zinnobers verworfenem, abscheulichem Zauberwerk Einhalt tun werde.
+
+Prosper Alpanus blieb schweigend in tiefen Gedanken stehen. Endlich,
+nachdem wohl ein paar Minuten vergangen, begann er mit ernster
+Miene und tiefem Ton: "Nach allem, was Sie mir erzaehlt, Balthasar,
+unterliegt es gar keinem Zweifel, dass es mit dem kleinen Zinnober
+eine besondere geheimnisvolle Bewandtnis hat. - Aber man muss fuers
+erste den Feind kennen, den man bekaempfen, die Ursache wissen, deren
+Wirkung man zerstoeren will. - Es steht zu vermuten, dass der kleine
+Zinnober nichts anders ist, als ein Wurzelmaennlein. Wir wollen doch
+gleich nachsehen."
+
+Damit zog Prosper Alpanus an einer von den seidenen Schnueren, die
+rund umher an der Decke des Zimmers herabhingen. Eine Gardine rauschte
+auseinander, grosse Folianten in ganz vergoldeten Einbaenden wurden
+sichtbar, und eine zierliche, luftig leichte Treppe von Zedernholz
+rollte hinab. Prosper Alpanus stieg diese Treppe heran und holte aus
+der obersten Reihe einen Folianten, den er auf den Marmortisch legte,
+nachdem er ihn mit einem grossen Bueschel blinkender Pfauenfedern
+sorgfaeltig abgestaubt. "Dies Werk," sprach er dann, "handelt von den
+Wurzelmaennern, die saemtlich darin abgebildet; vielleicht finden Sie
+Ihren feindlichen Zinnober darunter, und dann ist er in unsere Haende
+geliefert."
+
+Als Prosper Alpanus das Buch aufschlug, erblickten die
+Freunde eine Menge sauber illuminierter Kupfertafeln, die die
+allerverwunderlichsten missgestaltetsten Maennlein mit den tollsten
+Fratzengesichtern darstellten, die man nur sehen konnte. Aber sowie
+Prosper eins dieser Maennlein auf dem Blatt beruehrte, wurd' es
+lebendig, sprang heraus und gaukelte und huepfte auf dem Marmortisch
+gar possierlich umher und schnappte mit den Fingerchen und machte mit
+den krummen Beinchen die allerschoensten Pirouetten und Entrechats
+und sang dazu Quirr, Quapp, Pirr, Papp, bis es Prosper bei dem Kopfe
+ergriff und wieder ins Buch legte, wo es sich alsbald ausglaettete und
+ausplaettete zum bunten Bilde.
+
+Auf dieselbe Weise wurden alle Bilder des Buchs durchgesehen, aber so
+oft schon Balthasar rufen wollte: "Dies ist er, dies ist Zinnober!" so
+musste er doch, genauer hinblickend, zu seinem Leidwesen wahrnehmen,
+dass das Maennlein keinesweges Zinnober war.
+
+"Das ist doch wunderlich genug," sprach Prosper Alpanus, als das Buch
+zu Ende. - "Doch," fuhr er fort, "mag Zinnober vielleicht gar ein
+Erdgeist sein. Sehen wir nach."
+
+Damit huepfte er mit seltener Behendigkeit abermals die Zederntreppe
+herauf, holte einen andern Folianten, staeubte ihn saeuberlich ab,
+legte ihn auf den Marmortisch und schlug ihn auf, sprechend: "Dies
+Werk handelt von den Erdgeistern, vielleicht haschen wir den Zinnober
+in diesem Buche." Die Freunde erblickten wiederum eine Menge sauber
+illuminierter Kupfertafeln, die abscheulich haessliche braungelbe
+Unholde darstellten. Und wie sie Prosper Alpanus beruehrte, erhoben
+sie weinerlich quaekende Klagen und krochen endlich schwerfaellig
+heraus und waelzten sich knurrend und aechzend auf dem Marmortische
+herum, bis der Doktor sie wieder hineindrueckte ins Buch.
+
+Auch unter diesen hatte Balthasar den Zinnober nicht gefunden.
+
+"Wunderlich, hoechst wunderlich," sprach der Doktor und versank in
+stummes Nachdenken.
+
+"Der Kaeferkoenig," fuhr er dann fort, "der Kaeferkoenig kann es
+nicht sein, denn der ist, wie ich gewiss weiss, eben jetzt anderswo
+beschaeftigt; Spinnenmarschall auch nicht, denn Spinnenmarschall ist
+zwar haesslich, aber verstaendig und geschickt, lebt auch von seiner
+Haende Arbeit, ohne sich andrer Taten anzumassen. - Wunderlich - sehr
+wunderlich." -
+
+Er schwieg wieder einige Minuten, so dass man allerlei wunderbare
+Stimmen, die bald in einzelnen Lauten, bald in vollen anschwellenden
+Akkorden ringsumher ertoenten, deutlich vernahm. "Sie haben ueberall
+und immerfort recht artige Musik, lieber Herr Doktor," sprach Fabian.
+Prosper Alpanus schien gar nicht auf Fabian zu achten, er fasste nur
+den Balthasar ins Auge, indem er erst beide Arme nach ihm ausstreckte
+und dann die Fingerspitzen gegen ihn hin bewegte, als besprenge er ihn
+mit unsichtbaren Tropfen.
+
+Endlich fasste der Doktor Balthasars beide Haende und sprach mit
+freundlichem Ernst: "Nur die reinste Konsonanz des psychischen
+Prinzips im Gesetz des Dualismus beguenstigt die Operation, die ich
+jetzt unternehmen werde. Folgen Sie mir!" -
+
+Die Freunde folgten dem Doktor durch mehrere Zimmer, die ausser
+einigen seltsamen Tieren, die sich mit Lesen - Schreiben - Malen -
+Tanzen beschaeftigten, eben nichts Merkwuerdiges enthielten, bis
+sich zwei Fluegeltueren oeffneten, und die Freunde vor einen dichten
+Vorhang traten, hinter den Prosper Alpanus verschwand und sie in
+dicker Finsternis liess. Der Vorhang rauschte auseinander, und die
+Freunde befanden sich in einem, wie es schien, eirunden Saal, in dem
+ein magisches Helldunkel verbreitet. Es war, betrachtete man die
+Waende, als verloere sich der Blick in unabsehbare gruene Haine und
+Blumenauen mit plaetschernden Quellen und Baechen. Der geheimnisvolle
+Duft eines unbekannten Aroma wallte auf und nieder und schien die
+suessen Toene der Harmonika hin und her zu tragen. Prosper Alpanus
+erschien ganz weissgekleidet wie ein Brahmin und stellte in die Mitte
+des Saals einen grossen runden Kristallspiegel, ueber den er einen
+Flor warf.
+
+"Treten Sie," sprach er dumpf und feierlich, "treten Sie vor diesen
+Spiegel, Balthasar, richten Sie Ihre festen Gedanken auf Candida
+- _wollen_ Sie mit ganzer Seele, dass sie sich Ihnen zeige in dem
+Moment, der jetzt existiert in Raum und Zeit" -
+
+Balthasar tat, wie ihm geheissen, indem Prosper Alpanus sich hinter
+ihn stellte und mit beiden Haenden Kreise um ihn beschrieb.
+
+Wenige Sekunden hatte es gedauert, als ein blaeulicher Duft aus
+dem Spiegel wallte. Candida, die holde Candida erschien in ihrer
+lieblichen Gestalt mit aller Fuelle des Lebens! Aber neben ihr, dicht
+neben ihr sass der abscheuliche Zinnober und drueckte ihr die Haende,
+kuesste sie - Und Candida hielt den Unhold mit einem Arm umschlungen
+und liebkoste ihn! - Balthasar wollte laut aufschreien, aber Prosper
+Alpanus fasste ihn bei beiden Schultern hart an, und der Schrei
+erstickte in der Brust. "Ruhig," sprach Prosper leise, "ruhig
+Balthasar! - Nehmen Sie dies Rohr und fuehren Sie Streiche gegen den
+Kleinen, doch ohne sich von der Stelle zu ruehren." Balthasar tat es
+und gewahrte zu seiner Lust, wie der Kleine sich kruemmte, umstuelpte,
+sich auf der Erde waelzte! - In der Wut sprang er vorwaerts, da
+zerrann das Bild in Dunst und Nebel, und Prosper Alpanus riss den
+tollen Balthasar mit Gewalt zurueck, laut rufend: "Halten Sie ein! -
+zerschlagen Sie den magischen Spiegel, so sind wir alle verloren! -
+Wir wollen in das Helle zurueck." - Die Freunde verliessen auf des
+Doktors Geheiss den Saal und traten in ein anstossendes helles Zimmer.
+
+"Dem Himmel," rief Fabian, tief Atem schoepfend, "dem Himmel sei
+gedankt, dass wir aus dem verwuenschten Saal heraus sind. Die schwuele
+Luft hat mir beinahe das Herz abgedrueckt, und dann die albernen
+Taschenspielereien dazu, die mir in tiefer Seele zuwider sind." -
+
+Balthasar wollte antworten, als Prosper Alpanus eintrat. "Es ist,"
+sprach er, "es ist nunmehr gewiss, dass der missgestaltete Zinnober
+weder ein Wurzelmann noch ein Erdgeist ist, sondern ein gewoehnlicher
+Mensch. Aber es ist eine geheime zauberische Macht im Spiele, die zu
+erkennen mir bis jetzt noch nicht gelungen, und ebendeshalb kann ich
+auch noch nicht helfen. - Besuchen Sie mich bald wieder, Balthasar,
+wir wollen dann sehen, was weiter zu beginnen. Auf Wiedersehn!" -
+
+"Also," sprach Fabian, dicht an den Doktor hinantretend, "also ein
+Zauberer sind Sie, Herr Doktor, und koennen mit all Ihrer Zauberkunst
+nicht einmal dem kleinen erbaermlichen Zinnober zu Leibe? - Wissen Sie
+wohl, dass ich Sie mitsamt Ihren bunten Bildern, Pueppchen, magischen
+Spiegeln, mit all Ihrem fratzenhaften Kram fuer einen rechten
+ausgemachten Charlatan halte? - Der Balthasar, der ist verliebt und
+macht Verse, dem koennen Sie allerlei Zeug einreden, aber bei mir
+kommen Sie schlecht an! - Ich bin ein aufgeklaerter Mensch und
+statuiere durchaus keine Wunder!"
+
+"Halten Sie," erwiderte Prosper Alpanus, indem er staerker und
+herzlicher lachte, als man es ihm nach seinem ganzen Wesen wohl
+zutrauen konnte, "halten Sie das, wie Sie wollen. Aber - bin ich
+gleich nicht eben ein Zauberer, so gebiete ich doch ueber huebsche
+Kunststueckchen." "Aus Wieglebs 'Magie' wohl oder sonst!" - rief
+Fabian. "Nun da finden Sie an unserm Professor Mosch Terpin Ihren
+Meister und duerfen sich mit ihm nicht vergleichen, denn der ehrliche
+Mann zeigt uns immer, dass alles natuerlich zugeht und umgibt sich
+gar nicht mit solcher geheimnisvoller Wirtschaft, als Sie, mein Herr
+Doktor. - Nun, ich empfehle mich Ihnen gehorsamst!"
+
+"Ei," sprach der Doktor, "sie werden doch nicht so im Zorn von mir
+scheiden?"
+
+Und damit strich er dem Fabian an beiden Armen einige Mal leise herab
+von der Schulter bis zum Handgelenk, dass diesem ganz besonders zumute
+wurde und er beklommen rief: "Was machen Sie denn, Herr Doktor!" -
+"Gehen Sie, meine Herrn," sprach der Doktor, "Sie, Herr Balthasar,
+hoffe ich recht bald wiederzusehen. - Bald wird die Huelfe gefunden
+sein!"
+
+"Er bekommt doch kein Trinkgeld, mein Freund," rief Fabian im
+Herausgehen dem goldgelben Portier zu und fasste ihm nach dem Jabot.
+Der Portier sagte aber wieder nichts als _"Quirrr"_ und biss abermals
+den Fabian in den Finger.
+
+"Bestie!" rief Fabian und rannte von dannen.
+
+Die beiden Froesche ermangelten nicht, die beiden Freunde hoeflich
+zu geleiten bis ans Gattertor, das sich mit einem dumpfen Donner
+oeffnete und schloss. - "Ich weiss," sprach Balthasar, als er auf
+der Landstrasse hinter dem Fabian herwandelte, "ich weiss gar nicht,
+Bruder, was du heute fuer einen seltsamen Rock angezogen hast mit
+solch entsetzlich langen Schoessen und solch kurzen Aermeln."
+
+Fabian gewahrte zu seinem Erstaunen, dass sein kurzes Roeckchen
+hinterwaerts bis zur Erde herabgewachsen, dass dagegen die sonst ueber
+die Gnuege langen Aermel hinaufgeschrumpft waren bis an den Ellbogen.
+
+"Tausend Donner, was ist das!" rief er und zog und zupfte an den
+Aermeln und rueckte die Schultern. Das schien auch zu helfen, aber wie
+sie nun durchs Stadttor gingen, so schrumpften die Aermel herauf, so
+wuchsen die Rockschoesse, dass alles Ziehens und Zupfens und Rueckens
+ungeachtet die Aermel bald hoch oben an der Schulter sassen, Fabians
+nackte Arme preisgebend, dass bald sich ihm eine Schleppe nachwaelzte,
+laenger und laenger sich dehnend. Alle Leute standen still und lachten
+aus vollem Halse, die Strassenbuben rannten dutzendweise jubelnd und
+jauchzend ueber den langen Talar und rissen Fabian um, und wie er sich
+wieder aufraffte, fehlte kein Stueckchen von der Schleppe, nein! -
+sie war noch laenger geworden. Und immer toller und toller wurde
+Gelaechter, Jubel und Geschrei, bis sich endlich Fabian, halb
+wahnsinnig, in ein offnes Haus stuerzte. - Sogleich war auch die
+Schleppe verschwunden.
+
+Balthasar hatte gar nicht Zeit, sich ueber Fabians seltsame
+Verzauberung viel zu verwundern; denn der Referendarius Pulcher fasste
+ihn, riss ihn fort in eine abgelegene Strasse und sprach: "Wie ist
+es moeglich, dass du nicht schon fort bist, dass du dich hier noch
+sehen lassen kannst, da der Pedell mit dem Verhaftsbefehl dich schon
+verfolgt." - "Was ist das, wovon sprichst du?" fragte Balthasar voll
+Erstaunen. "So weit," fuhr der Referendarius fort, "so weit riss dich
+der Wahnsinn der Eifersucht hin, dass du das Hausrecht verletztest,
+feindlich einbrechend in Mosch Terpins Haus, dass du den Zinnober
+ueberfielst bei seiner Braut, dass du den missgestalteten Daeumling
+halb tot pruegeltest!" - "Ich bitte dich," schrie Balthasar, "den
+ganzen Tag war ich ja nicht in Kerepes, schaendliche Luegen." - "O
+still, still," fiel ihm Pulcher ins Wort, "Fabians toller unsinniger
+Einfall, ein Schleppkleid anzuziehen, rettet dich. Niemand achtet
+jetzt deiner! - Entziehe dich nur der schimpflichen Verhaftung, das
+uebrige wollen wir denn schon ausfechten. Du darfst nicht mehr in
+deine Wohnung! - Gib mir die Schluessel, ich schicke dir alles nach. -
+Fort nach Hoch-Jakobsheim!"
+
+Und damit riss der Referendarius den Balthasar fort durch entlegene
+Gassen, durchs Tor hin nach dem Dorfe Hoch-Jakobsheim, wo der
+beruehmte Gelehrte Ptolomaeus Philadelphus sein merkwuerdiges Buch
+ueber die unbekannte Voelkerschaft der Studenten schrieb.
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem Garten frisiert wurde
+und im Grase ein Taubad nahm. - Der Orden des gruengefleckten Tigers.
+- Gluecklicher Einfall eines Theaterschneiders. - Wie das Fraeulein
+von Rosenschoen sich mit Kaffee begoss und Prosper Alpanus ihr seine
+Freundschaft versicherte.
+
+Der Professor Mosch Terpin schwamm in lauter Wonne. "Konnte," sprach
+er zu sich selbst, "konnte mir denn etwas Gluecklicheres begegnen,
+als dass der vortreffliche Geheime Spezialrat in mein Haus kam als
+Studiosus? - Er heiratet meine Tochter - er wird mein Schwiegersohn,
+durch ihn erlange ich die Gunst des vortrefflichen Fuersten Barsanuph
+und steige nach auf der Leiter, die mein herrliches Zinnoberchen
+hinaufklimmt. - Wahr ist es, dass es mir oft selbst unbegreiflich
+vorkommt, wie das Maedchen, die Candida, so ganz und gar vernarrt sein
+kann in den Kleinen. Sonst sieht das Frauenzimmer wohl mehr auf ein
+huebsches Aeussere, als auf besondere Geistesgaben, und schaue ich
+denn nun zuweilen das Spezialmaennlein an, so ist es mir, als ob er
+nicht ganz huebsch zu nennen - sogar - bossu - still - St - St - die
+Waende haben Ohren - Er ist des Fuersten Liebling, wird immer hoeher
+steigen - hoeher hinauf und ist mein Schwiegersohn!" -
+
+Mosch Terpin hatte recht, Candida aeusserte die entschiedenste Neigung
+fuer den Kleinen und sprach, gab hie und da einer, den Zinnobers
+seltsamer Spuk nicht berueckt hatte, zu verstehen, dass der Geheime
+Spezialrat doch eigentlich ein fatales missgestaltetes Ding sei,
+sogleich von den wunderschoenen Haaren, womit ihn die Natur begabt.
+
+Niemand laechelte aber, wenn Candida also sprach, haemischer als der
+Referendarius Pulcher.
+
+Dieser stellte dem Zinnober nach auf Schritten und Tritten, und hierin
+stand ihm getreulich der Geheime Sekretaer Adrian bei, ebenderselbe
+junge Mensch, den Zinnobers Zauber beinahe aus dem Bureau des
+Ministers verdraengt haette, und der des Fuersten Gunst nur durch die
+vortreffliche Fleckkugel wieder gewann, die er ihm ueberreichte.
+
+Der Geheime Spezialrat Zinnober bewohnte ein schoenes Haus mit einem
+noch schoeneren Garten, in dessen Mitte sich ein mit dichtem Gebuesch
+umgebener Platz befand, auf dem die herrlichsten Rosen bluehten. Man
+hatte bemerkt, dass allemal den neunten Tag Zinnober bei Tagesanbruch
+leise aufstand, sich, so sauer es ihm werden mochte, ohne alle
+Huelfe des Bedienten ankleidete, in den Garten hinabstieg und in den
+Gebueschen verschwand, die jenen Platz umgaben.
+
+Pulcher und Adrian, irgendein Geheimnis ahnend, wagten es in einer
+Nacht, als Zinnober, wie sie von seinem Kammerdiener erfahren, vor
+neun Tagen jenen Platz besucht hatte, die Gartenmauer zu uebersteigen
+und sich in den Gebueschen zu verbergen.
+
+Kaum war der Morgen angebrochen, als sie den Kleinen daherwandeln
+sahen, schnupfend und prustend, weil ihm, da er mitten durch ein
+Blumenbeet ging, die tauichten Halme und Stauden um die Nase schlugen.
+
+Als er auf dem Rasenplatz bei den Rosen angekommen, ging ein
+suesstoenendes Wehen durch die Buesche, und durchdringender wurde
+der Rosenduft. Eine schoene verschleierte Frau mit Fluegeln an den
+Schultern schwebte herab, setzte sich auf den zierlichen Stuhl, der
+mitten unter den Rosenbueschen stand, nahm mit den leisen Worten:
+"Komm, mein liebes Kind," den kleinen Zinnober und kaemmte ihm mit
+einem goldenen Kamm sein langes Haar, das den Ruecken hinabwallte.
+Das schien dem Kleinen sehr wohl zu tun, denn er blinzelte mit den
+Aeugelein und streckte die Beinchen lang aus und knurrte und murrte
+beinahe wie ein Kater. Das hatte wohl fuenf Minuten gedauert, da
+strich noch einmal die zauberische Frau mit einem Finger dem Kleinen
+die Scheitel entlang, und Pulcher und Adrian gewahrten einen schmalen,
+feuerfarb glaenzenden Streif auf dem Haupte Zinnobers. Nun sprach die
+Frau: "Lebe wohl, mein suesses Kind! - Sei klug, sei klug, so wie du
+kannst!" Der Kleine sprach: "Adieu, Muetterchen, klug bin ich genug,
+du brauchst mir das gar nicht so oft zu wiederholen." -
+
+Die Frau erhob sich langsam und verschwand in den Lueften.
+
+Pulcher und Adrian waren starr vor Erstaunen. Als nun aber Zinnober
+davonschreiten wollte, sprang der Referendarius hervor und rief laut:
+"Guten Morgen, Herr Geheimer Spezialrat! ei, wie schoen haben Sie
+sich frisieren lassen!" Zinnober schaute sich um und wollte, als er
+den Referendarius erblickte, schnell davonrennen. Ungeschickt und
+schwaechlich auf den Beinchen, wie er nun aber war, stolperte er und
+fiel in das hohe Gras, das die Halme ueber ihn zusammenschlug, und
+er lag im Taubade. Pulcher sprang hinzu und half ihm auf die Beine,
+aber Zinnober schnarrte ihn an: "Herr, wie kommen Sie hier in meinen
+Garten! scheren Sie sich zum Teufel!" Und damit huepfte und rannte er,
+so rasch er nur vermochte, hinein ins Haus.
+
+Pulcher schrieb dem Balthasar diese wunderbare Begebenheit und
+versprach seine Aufmerksamkeit auf das kleine zauberische Ungetuem zu
+verdoppeln. Zinnober schien ueber das, was ihm widerfahren, trostlos.
+Er liess sich zu Bette bringen und stoehnte und aechzte so, dass die
+Kunde, wie er ploetzlich erkrankt, bald zum Minister Mondschein, zum
+Fuersten Barsanuph gelangte.
+
+Fuerst Barsanuph schickte sogleich seinen Leibarzt zu dem kleinen
+Liebling.
+
+"Mein vortrefflichster Geheimer Spezialrat," sprach der Leibarzt,
+als er den Puls befuehlt, "Sie opfern sich auf fuer den Staat.
+Angestrengte Arbeit hat Sie aufs Krankenbett geworfen, anhaltendes
+Denken Ihnen das unsaegliche Leiden verursacht, das Sie empfinden
+muessen. Sie sehen im Antlitz sehr blass und eingefallen aus,
+aber Ihr wertes Haupt glueht schrecklich! - Ei, ei! - doch
+keine Gehirnentzuendung? Sollte das Wohl des Staats dergleichen
+hervorgebracht haben? Kaum moeglich! - Erlauben Sie doch!" Der
+Leibarzt mochte wohl denselben roten Streif auf Zinnobers Haupte
+gewahren, den Pulcher und Adrian entdeckt hatten. Er wollte, nachdem
+er einige magnetische Striche aus der Ferne versucht, den Kranken
+auch verschiedentlich angehaucht, worueber dieser merklich mauzte und
+quinkelierte, nun mit der Hand hinfahren ueber das Haupt und beruehrte
+dasselbe unversehens. Da sprang Zinnober, schaeumend vor Wut, in die
+Hoehe und gab mit seinem kleinen Knochenhaendchen dem Leibarzt, der
+sich gerade ganz ueber ihn hingebeugt, eine solche derbe Ohrfeige,
+dass es im ganzen Zimmer widerhallte.
+
+"Was wollen Sie," schrie Zinnober, "was wollen Sie von mir, was
+krabbeln Sie mir herum auf meinem Kopfe! Ich bin gar nicht krank,
+ich bin gesund, ganz gesund, werde gleich aufstehen und zum Minister
+fahren in die Konferenz; scheren Sie sich fort!" -
+
+Der Leibarzt eilte ganz erschrocken von dannen. Als er aber dem
+Fuersten Barsanuph erzaehlte, wie es ihm ergangen, rief dieser
+entzueckt aus: "Was fuer ein Eifer fuer den Dienst des Staats! -
+welche Wuerde, welche Hoheit im Betragen! - welch ein Mensch, dieser
+Zinnober!" -
+
+"Mein bester Geheimer Spezialrat," sprach der Minister Praetextatus
+von Mondschein zu dem kleinen Zinnober, "wie herrlich ist es, dass
+Sie, Ihrer Krankheit nicht achtend, in die Konferenz kommen. Ich habe
+in der wichtigen Angelegenheit mit dem Kakatukker Hofe ein Memoire
+entworfen - _selbst_ entworfen und bitte, dass _Sie_ es dem Fuersten
+vortragen, denn Ihr geistreicher Vortrag hebt das Ganze, fuer dessen
+Verfasser mich dann der Fuerst anerkennen soll." - Das Memoire, womit
+Praetextatus glaenzen wollte, hatte aber niemand anders verfasst, als
+Adrian.
+
+Der Minister begab sich mit dem Kleinen zum Fuersten. Zinnober zog das
+Memoire, das ihm der Minister gegeben, aus der Tasche und fing an zu
+lesen. Da es damit aber nun gar nicht recht gehen wollte und er nur
+lauter unverstaendliches Zeug murrte und schnurrte, nahm ihm der
+Minister das Papier aus den Haenden und las selbst.
+
+Der Fuerst schien ganz entzueckt, er gab seinen Beifall zu erkennen,
+ein Mal ueber das andere rufend: "Schoen - gut gesagt - herrlich -
+treffend!" -
+
+Sowie der Minister geendet, schritt der Fuerst geradezu los auf
+den kleinen Zinnober, hob ihn in die Hoehe, drueckte ihn an seine
+Brust, gerade dahin, wo ihm (dem Fuersten) der grosse Stern des
+gruengefleckten Tigers sass, und stammelte und schluchzte, waehrend
+ihm haeufige Traenen aus den Augen flossen: "Nein! - solch ein Mann -
+solch ein Talent! - solcher Eifer - solche Liebe - es ist zu viel - zu
+viel!" Dann gefasster: "Zinnober! - ich erhebe Sie hiermit zu meinem
+Minister! - Bleiben Sie dem Vaterlande hold und treu, bleiben Sie ein
+wackrer Diener der Barsanuphe, von denen Sie geehrt - geliebt werden."
+Und nun sich mit verdruesslichem Blick zum Minister wendend: "Ich
+bemerke, lieber Baron von Mondschein, dass seit einiger Zeit Ihre
+Kraefte nachlassen. Ruhe auf Ihren Guetern wird Ihnen heilbringend
+sein! - Leben Sie wohl!" -
+
+Der Minister von Mondschein entfernte sich, unverstaendliche Worte
+zwischen den Zaehnen murmelnd und funkelnde Blicke werfend auf
+Zinnober, der sich nach seiner Art sein Stoeckchen in den Ruecken
+gestemmt, auf den Fussspitzen hoch in die Hoehe hob und stolz und keck
+umherblickte.
+
+"Ich muss," sprach nun der Fuerst, "ich muss Sie, mein lieber
+Zinnober, gleich Ihrem hohen Verdienst gemaess auszeichnen; empfangen
+Sie daher aus meinen Haenden den Orden des gruengefleckten Tigers!"
+
+Der Fuerst wollte ihm nun das Ordensband, das er sich in der
+Schnelligkeit von dem Kammerdiener reichen lassen, umhaengen; aber
+Zinnobers missgestalteter Koerperbau bewirkte, dass das Band durchaus
+nicht normalmaessig sitzen wollte, indem es sich bald ungebuehrlich
+heraufschob, bald ebenso hinabschlotterte.
+
+Der Fuerst war in dieser so wie in jeder andern solchen Sache, die
+das eigentlichste Wohl des Staats betraf, sehr genau. Zwischen
+dem Hueftknochen und dem Steissbein, in schraeger Richtung drei
+Sechzehnteil Zoll aufwaerts vom letztern, musste das am Bande
+befindliche Ordenszeichen des gruengefleckten Tigers sitzen. Das
+war nicht herauszubringen. Der Kammerdiener, drei Pagen, der Fuerst
+legten Hand an, alles Muehen blieb vergebens. Das verraeterische Band
+rutschte hin und her, und Zinnober begann unmutig zu quaeken: "Was
+hantieren Sie doch so schrecklich an meinem Leibe herum, lassen Sie
+doch das dumme Ding haengen, wie es will, Minister bin ich doch nun
+einmal und bleib' es!" -
+
+"Wofuer," sprach nun der Fuerst zornig, "wofuer habe ich denn
+Ordensraete, wenn ruecksichts der Baender solche tolle Einrichtungen
+existieren, die ganz meinem Willen entgegenlaufen? - Geduld, mein
+lieber Minister Zinnober! bald soll das anders werden!"
+
+Auf Befehl des Fuersten musste sich nun der Ordensrat versammeln, dem
+noch zwei Philosophen sowie ein Naturforscher, der eben, vom Nordpol
+kommend, durchreiste, beigesellt wurden, die ueber die Frage, wie
+auf die geschickteste Weise dem Minister Zinnober das Band des
+gruengefleckten Tigers anzubringen, beratschlagen sollten. Um
+fuer diese wichtige Beratung gehoerige Kraefte zu sammeln, wurde
+saemtlichen Mitgliedern aufgegeben, acht Tage vorher nicht zu denken;
+um dies besser ausfuehren zu koennen und doch taetig zu bleiben im
+Dienste des Staats, aber sich indessen mit dem Rechnungswesen zu
+beschaeftigen. Die Strassen vor dem Palast, wo die Ordensraete,
+Philosophen und Naturforscher ihre Sitzung halten sollten, wurden mit
+dickem Stroh belegt, damit das Gerassel der Wagen die weisen Maenner
+nicht stoere, und ebendaher durfte auch nicht getrommelt, Musik
+gemacht, ja nicht einmal laut gesprochen werden in der Naehe des
+Palastes. Im Palast selbst tappte alles auf dicken Filzschuhen umher,
+und man verstaendigte sich durch Zeichen.
+
+Sieben Tage hindurch vom fruehsten Morgen bis in den spaeten Abend
+hatten die Sitzungen gedauert, und noch war an keinen Beschluss zu
+denken.
+
+Der Fuerst, ganz ungeduldig, schickte ein Mal ueber das andere hin und
+liess ihnen sagen, es solle in des Teufels Namen ihnen doch endlich
+etwas Gescheutes einfallen. Das half aber ganz und gar nichts.
+
+Der Naturforscher hatte soviel moeglich Zinnobers Natur erforscht,
+Hoehe und Breite seines Rueckenauswuchses genommen und die genaueste
+Berechnung darueber dem Ordensrat eingereicht. Er war es auch, der
+endlich vorschlug, ob man nicht den Theaterschneider bei der Beratung
+zuziehen wolle.
+
+So seltsam dieser Vorschlag erscheinen mochte, wurde er doch in der
+Angst und Not, in der sich alle befanden, einstimmig angenommen.
+
+Der Theaterschneider Herr Kees war ein ueberaus gewandter, pfiffiger
+Mann. Sowie ihm der schwierige Fall vorgetragen worden, sowie er
+die Berechnungen des Naturforschers durchgesehen, war er mit dem
+herrlichsten Mittel, wie das Ordensband zum normalmaessigen Sitzen
+gebracht werden koenne, bei der Hand.
+
+An Brust und Ruecken sollten naemlich eine gewisse Anzahl Knoepfe
+angebracht und das Ordensband daran geknoepft werden. Der Versuch
+gelang ueber die Massen wohl.
+
+Der Fuerst war entzueckt und billigte den Vorschlag des Ordensrates,
+den Orden des gruengefleckten Tigers nunmehro in verschiedene Klassen
+zu teilen, nach der Anzahl der Knoepfe, womit er gegeben wurde. Z.B.
+Orden des gruengefleckten Tigers mit zwei Knoepfen - mit drei Knoepfen
+etc. Der Minister Zinnober erhielt als ganz besondere Auszeichnung,
+die sonst kein anderer verlangen koenne, den Orden mit zwanzig
+brillantierten Knoepfen, denn gerade zwanzig Knoepfe erforderte die
+wunderliche Form seines Koerpers.
+
+Der Schneider Kees erhielt den Orden des gruengefleckten Tigers
+mit zwei goldnen Knoepfen und wurde, da der Fuerst ihn, seines
+glueckliches Einfalls ungeachtet, fuer einen schlechten Schneider
+hielt und sich daher nicht von ihm kleiden lassen wollte, zum
+Wirklichen Geheimen Gross-Kostuemierer des Fuersten ernannt. -
+
+Aus dem Fenster seines Landhauses sah der Doktor Prosper Alpanus
+gedankenvoll herab in seinen Park. Er hatte die ganze Nacht hindurch
+sich damit beschaeftigt, Balthasars Horoskop zu stellen und manches
+dabei herausgebracht, was sich auf den kleinen Zinnober bezog. Am
+wichtigsten das, was sich mit dem Kleinen im Garten begeben, als er
+von Adrian und Pulcher belauscht wurde. Eben wollte Prosper Alpanus
+seinen Einhoernern zurufen, dass sie die Muschel herbeifuehren
+moechten, weil er fort wolle nach Hoch-Jakobsheim, als ein Wagen
+daherrasselte und vor dem Gattertor des Parks still hielt. Es hiess,
+das Stiftsfraeulein von Rosenschoen wuensche den Herrn Doktor zu
+sprechen. "Sehr willkommen," sprach Prosper Alpanus, und die Dame
+trat hinein. Sie trug ein langes schwarzes Kleid und war in Schleier
+gehuellt wie eine Matrone. Prosper Alpanus, von einer seltsamen Ahnung
+ergriffen, nahm sein Rohr und liess die funkelnden Strahlen des Knopfs
+auf die Dame fallen. Da war es, als zuckten rauschend Blitze um sie
+her, und sie stand da im weissen durchsichtigen Gewande, glaenzende
+Libellenfluegel an den Schultern, weisse und rote Rosen durch das Haar
+geflochten. - "Ei, ei," lispelte Prosper, nahm das Rohr unter seinen
+Schlafrock, und sogleich stand die Dame wieder im vorigen Kostuem da.
+
+Prosper Alpanus lud sie freundlich ein, sich niederzulassen. Fraeulein
+von Rosenschoen sagte nun, wie es laengst ihre Absicht gewesen, den
+Herrn Doktor in seinem Landhause aufzusuchen, um die Bekanntschaft
+eines Mannes zu machen, den die ganze Gegend als einen hochbegabten,
+wohltaetigen Weisen ruehme. Gewiss werde er ihre Bitte gewaehrend,
+sich des nahe gelegenen Fraeuleinstifts aerztlich anzunehmen, da die
+alten Damen darin oft kraenkelten und ohne Huelfe blieben. Prosper
+Alpanus erwiderte hoeflich, dass er zwar schon laengst die Praxis
+aufgegeben, aber doch ausnahmsweise die Stiftsdamen besuchen wolle,
+wenn es not taete, und fragte dann, ob sie selbst, das Fraeulein von
+Rosenschoen, vielleicht an irgendeinem Uebel leide. Das Fraeulein
+versicherte, dass sie nur dann und wann ein rheumatisches Zucken in
+den Gliedern fuehle, wenn sie sich an der Morgenluft erkaeltet, jetzt
+aber ganz gesund sei, und begann irgendein gleichgueltiges Gespraech.
+Prosper fragte, ob sie, da es noch frueher Morgen, vielleicht
+eine Tasse Kaffee nehmen wolle; die Rosenschoen meinte, dass
+Stiftsfraeuleins dergleichen niemals verschmaehten. Der Kaffee wurde
+gebracht, aber so sehr sich auch Prosper muehen mochte, einzuschenken,
+die Tassen blieben leer, ungeachtet der Kaffee aus der Kanne stroemte.
+"Ei, ei" laechelte Prosper Alpanus, "das ist boeser Kaffee! - Wollten
+Sie, mein bestes Fraeulein, doch nur lieber selbst den Kaffee
+eingiessen."
+
+"Mit Vergnuegen," erwiderte das Fraeulein und ergriff die Kanne. Aber
+ungeachtet kein Tropfen aus der Kanne quoll, wurde doch die Tasse
+voller und voller, und der Kaffee stroemte ueber auf den Tisch, auf
+das Kleid des Stiftsfraeuleins. - Sie setzte schnell die Kanne hin,
+sogleich war der Kaffee spurlos verschwunden. Beide, Prosper Alpanus
+und das Stiftsfraeulein, schauten sich nun eine Weile schweigend an
+mit seltsamen Blicken.
+
+"Sie waren," begann nun die Dame, "Sie waren, mein Herr Doktor, gewiss
+mit einem sehr anziehenden Buche beschaeftigt, als ich eintrat."
+
+"In der Tat," erwiderte der Doktor, "enthaelt dieses Buch gar
+merkwuerdige Dinge."
+
+Damit wollte er das kleine Buch in vergoldetem Einbande, das vor ihm
+auf dem Tisch lag, aufschlagen. Doch das blieb ein ganz vergebliches
+Muehen, denn mit einem lauten Klipp, Klapp schlug das Buch sich immer
+wieder zusammen. "Ei, ei," sprach Prosper Alpanus, "versuchen _Sie_
+sich doch mit dem eigensinnigen Dinge hier, mein wertes Fraeulein!"
+
+Er reichte der Dame das Buch hin, das, sowie sie es nur beruehrte,
+sich von selbst aufschlug. Aber alle Blaetter loesten sich los und
+dehnten sich aus zum Riesenfolio und rauschten umher im Zimmer.
+
+Erschrocken fuhr das Fraeulein zurueck. Nun schlug der Doktor das Buch
+zu mit Gewalt, und alle Blaetter verschwanden.
+
+"Aber," sprach nun Prosper Alpanus mit sanftem Laecheln, indem er sich
+von seinem Sitze erhob, "aber mein bestes gnaediges Fraeulein, was
+verderben wir die Zeit mit solchen schnoeden Tafelkuensten; denn
+anders als ordinaere Tafelkunststuecke sind es doch nicht, die wir bis
+jetzt getrieben, schreiten wir doch lieber zu hoeheren Dingen." "Ich
+will fort!" rief das Fraeulein und erhob sich vorn Sitze.
+
+"Ei," sprach Prosper Alpanus, "das moechte doch wohl nicht recht gut
+angehen ohne meinen Willen; denn, meine Gnaedige, ich muss es Ihnen
+nur sagen, Sie sind jetzt ganz und gar in meiner Gewalt."
+
+"In Ihrer Gewalt," rief das Fraeulein zornig, "in Ihrer Gewalt, Herr
+Doktor? - Toerichte Einbildung!"
+
+Und damit breitete sich ihr seidnes Kleid aus, und sie schwebte als
+der schoenste Trauermantel auf zur Decke des Zimmers. Doch sogleich
+sauste und brauste auch Prosper Alpanus ihr nach als tuechtiger
+Hirschkaefer. Ganz ermattet flatterte der Trauermantel herab
+und rannte als kleines Maeuschen auf dem Boden umher. Aber der
+Hirschkaefer sprang miauend und prustend ihm nach als grauer
+Kater. Das Maeuschen erhob sich wieder als glaenzender Kolibri, da
+erhoben sich allerlei seltsame Stimmen rings um das Landhaus, und
+allerlei wunderbare Insekten sumseten herbei, mit ihnen seltsames
+Waldgefluegel, und ein goldnes Netz spann sich um die Fenster.
+Da stand mit einemmal die Fee Rosabelverde, in aller Pracht und
+Hoheit strahlend, im glaenzenden weissen Gewande, den funkelnden
+Diamantguertel umgetan, weisse und rote Rosen durch die dunklen Locken
+geflochten, mitten im Zimmer. Vor ihr der Magus im goldgestickten
+Talar, eine glaenzende Krone auf dem Haupt, das Rohr mit dem
+feuerstrahlenden Knopf in der Hand.
+
+Rosabelverde schritt zu auf den Magus, da entfiel ihrem Haar ein
+goldner Kamm und zerbrach, als sei er von Glas, auf dem Marmorboden.
+
+"Weh mir! - weh mir!" rief die Fee.
+
+Ploetzlich sass wieder das Stiftsfraeulein von Rosenschoen im
+schwarzen langen Kleide am Kaffeetisch, und ihr gegenueber der Doktor
+Prosper Alpanus.
+
+"Ich daechte," sprach Prosper Alpanus sehr ruhig, indem er in die
+chinesischen Tassen den herrlichsten dampfenden Kaffee von Mokka ohne
+Hindernis einschenkte, "ich daechte, mein bestes gnaediges Fraeulein,
+wir wuessten beide nun hinlaenglich, wie wir miteinander daran sind. -
+Sehr leid tut es mir, dass Ihr schoener Haarkamm zerbrach auf meinem
+harten Fussboden."
+
+"Nur meine Ungeschicklichkeit," erwiderte das Fraeulein, mit Behagen
+den Kaffee einschluerfend, "ist schuld daran. Auf diesen Boden muss
+man sich hueten, etwas fallen zu lassen, denn irr' ich nicht, so sind
+diese Steine mit den wunderbarsten Hieroglyphen beschrieben, welche
+manchem nur gewoehnliche Marmoradern beduenken moechten."
+
+"Abgenutzte Talismane, meine Gnaedige," sprach Prosper, "abgenutzte
+Talismane sind diese Steine, nichts weiter."
+
+"Aber bester Doktor," rief das Fraeulein, "wie ist es moeglich, dass
+wir uns nicht kennen lernten seit der fruehesten Zeit, dass wir nicht
+ein einziges Mal zusammentrafen auf unseren Wegen?"
+
+"Diverse Erziehung, beste Dame," erwiderte Prosper Alpanus,
+"diverse Erziehung ist lediglich daran schuld! Waehrend Sie als das
+hoffnungsvollste Maedchen in Dschinnistan sich ganz Ihrer reichen
+Natur, Ihrem gluecklichen Genie ueberlassen konnten, war ich, ein
+truebseliger Student, in den Pyramiden eingeschlossen und hoerte
+Kollegia bei dem Professor Zoroaster, einem alten Knasterbart, der
+aber verdammt viel wusste. Unter der Regierung des wuerdigen Fuersten
+Demetrius nahm ich meinen Wohnsitz in diesem kleinen anmutigen
+Laendchen."
+
+"Wie," sprach das Fraeulein, "und wurden nicht verwiesen, als Fuerst
+Paphnutius die Aufklaerung einfuehrte?" "Keineswegs," antwortete
+Prosper, "es gelang mir vielmehr, mein eignes Ich ganz zu verhuellen,
+indem ich mich muehte, Aufklaerungssachen betreffend, ganz besondere
+Kenntnisse zu beweisen in allerlei Schriften, die ich verbreitete. Ich
+bewies, dass ohne des Fuersten Willen es niemals donnern und blitzen
+muesse, und dass wir schoenes Wetter und eine gute Ernte einzig
+und allein seinen und seiner Noblesse Bemuehungen zu verdanken,
+die in den innern Gemaechern darueber sehr weise beratschlage,
+waehrend das gemeine Volk draussen auf dem Acker gepfluegt
+und gesaeet. Fuerst Paphnutius erhob mich damals zum Geheimen
+Oberaufklaerungs-Praesidenten, eine Stelle, die ich mit meiner Huelle
+wie eine laestige Buerde abwarf, als der Sturm vorueber. - Insgeheim
+war ich nuetzlich, wie ich konnte. Das heisst, was wir, ich und Sie,
+meine Gnaedige, wahrhaft nuetzlich nennen. - Wissen Sie wohl, bestes
+Fraeulein, dass _ich_ es war, der Sie warnte vor dem Einbrechen der
+Aufklaerungspolizei? - dass _ich_ es bin, dem Sie noch das Besitztum
+der artigen Saechelchen verdanken, die Sie mir vorhin gezeigt? - O
+mein Gott! liebe Stiftsdame, schauen Sie doch nur aus diesen Fenstern!
+- Erkennen Sie denn nicht mehr diesen Park, in dem Sie so oft
+lustwandelten und mit den freundlichen Geistern sprachen, die in den
+Bueschen - Blumen - Quellen wohnen? - Diesen Park hab' ich gerettet
+durch meine Wissenschaft. Er steht noch da wie zur Zeit des alten
+Demetrius. Fuerst Barsanuph bekuemmert sich, dem Himmel sei es
+gedankt, nicht viel um das Zauberwesen, er ist ein leutseliger Herr
+und laesst jeden gewaehren, jeden zaubern, so viel er Lust hat, sobald
+er es sich nur nicht merken laesst und die Abgaben richtig zahlt. So
+leb' ich hier, wie Sie, liebe Dame, in Ihrem Stift, gluecklich und
+sorgenfrei!" -
+
+"Doktor," rief das Fraeulein, indem ihr die Traenen aus den Augen
+stuerzten, "Doktor, was sagen Sie! - welche Aufklaerungen! - ja, ich
+erkenne diesen Hain, wo ich die seligsten Freuden genoss! - Doktor! -
+edelster Mann, dem ich so viel zu verdanken! - Und Sie koennen meinen
+kleinen Schuetzling so hart verfolgen?" -
+
+"Sie haben," erwiderte der Doktor, "Sie haben, mein bestes Fraeulein,
+von Ihrer angebornen Gutmuetigkeit hingerissen, Ihre Gaben an einen
+Unwuerdigen verschleudert. Zinnober ist und bleibt, Ihrer guetigen
+Huelfe ungeachtet, ein kleiner missgestalteter Schlingel, der nun, da
+der goldne Kamm zerbrochen, ganz in meine Hand gegeben ist."
+
+"Haben Sie Mitleiden, o Doktor!" flehte das Fraeulein.
+
+"Aber schauen Sie doch nur gefaelligst her," sprach Prosper, indem er
+dem Fraeulein Balthasars Horoskop, das er gestellt hatte, vorhielt.
+
+Das Fraeulein blickte hinein und rief dann voll Schmerz: "Ja! - wenn
+es so beschaffen ist, so muss ich wohl weichen der hoeheren Macht. -
+Armer Zinnober!" -
+
+"Gestehen Sie, bestes Fraeulein," sprach der Doktor laechelnd,
+"gestehen Sie, dass die Damen oft sich in dem Bizarrsten sehr
+wohl gefallen, den Einfall, den der Augenblick gebar, rastlos und
+ruecksichtslos verfolgend und jedes schmerzliche Beruehren anderer
+Verhaeltnisse nicht achtend! - Zinnober muss sein Schicksal
+verbuessen, aber dann soll er noch zu unverdienter Ehre gelangen.
+Damit huldige ich Ihrer Macht, Ihrer Guete, Ihrer Tugend. mein sehr
+wertes gnaedigstes Fraeulein!"
+
+"Herrlicher, vortrefflicher Mann," rief das Fraeulein, "bleiben Sie
+mein Freund!" -
+
+"Immerdar," erwiderte der Doktor. "Meine Freundschaft, meine innige
+Zuneigung zu Ihnen, holde Fee, wird nie aufhoeren. Wenden Sie sich
+getrost an mich in allen bedenklichen Faellen des Lebens, und - o
+trinken Sie Kaffee bei mir, sooft es Ihnen zu Sinne kommt."
+
+"Leben Sie wohl, mein wuerdigster Magus, nie werd' ich Ihre Huld, nie
+diesen Kaffee vergessen!" So sprach das Fraeulein und erhob sich, von
+innerer Ruehrung ergriffen, zum Scheiden.
+
+Prosper Alpanus begleitete sie ans Gattertor, waehrend alle wunderbare
+Stimmen des Waldes auf die lieblichste Weise erklangen.
+
+Vor dem Tor stand, statt des Fraeuleins Wagen, die mit den Einhoernern
+bespannte Kristallmuschel des Doktors, hinter der der Goldkaefer seine
+glaenzenden Fluegel ausbreitete. Auf dem Bock sass der Silberfasan
+und kuckte, die goldnen Zuegel im Schnabel haltend, das Fraeulein mit
+klugen Augen an.
+
+In die seligste Zeit ihres herrlichsten Feenlebens fuehlte sich die
+Stiftsdame versetzt, als der Wagen, herrlich toenend, durch den
+duftenden Wald rauschte.
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+Wie der Professor Mosch Terpin im fuerstlichen Weinkeller die
+Natur erforschte. - Mycetes Belzebub. - Verzweiflung des Studenten
+Balthasar. - Vorteilhafter Einfluss eines wohleingerichteten
+Landhauses auf das haeusliche Glueck. - Wie Prosper Alpanus dem
+Balthasar eine schildkroetene Dose ueberreichte und davonritt.
+
+Balthasar, der sich in dem Dorfe Hoch-Jakobsheim versteckt hielt,
+bekam von dem Referendarius Pulcher aus Kerepes einen Brief des
+Inhalts: "Unsere Angelegenheiten, bester Freund Balthasar, gehen immer
+schlechter und schlechter. Unser Feind, der abscheuliche Zinnober, ist
+Minister der auswaertigen Angelegenheiten geworden und hat den grossen
+Orden des gruengefleckten Tigers mit zwanzig Knoepfen erhalten. Er hat
+sich aufgeschwungen zum Liebling des Fuersten und setzt alles durch,
+was er will. Professor Mosch Terpin ist ganz ausser sich, er blaeht
+sich auf im dummen Stolz. Durch seines kuenftigen Schwiegersohns
+Vermittlung hat er die Stelle des Generaldirektors saemtlicher
+natuerlicher Angelegenheiten im Staate erhalten, eine Stelle, die
+ihm viel Geld und eine Menge anderer Emolumente einbringt. Als
+benannter Generaldirektor zensiert und revidiert er die Sonnen- und
+Mondfinsternisse sowie die Wetterprophezeiungen in den im Staate
+erlaubten Kalendern und erforscht insbesondere die Natur in der
+Residenz und deren Bereich. Dieser Beschaeftigung halber bekommt er
+aus den fuerstlichen Waldungen das seltenste Gefluegel, die raresten
+Tiere, die er, um eben ihre Natur zu erforschen, braten laesst und
+auffrisst. Ebenso schreibt er jetzt (wenigstens gibt er es vor) eine
+Abhandlung darueber, warum der Wein anders schmeckt als Wasser und
+auch andere Wirkungen aeussert, die er seinem Schwiegersohn zueignen
+will. Zinnober hat es bewirkt, dass Mosch Terpin der Abhandlung wegen
+alle Tage im fuerstlichen Weinkeller studieren darf. Er hat schon
+einen halben Oxhoft alten Rheinwein sowie mehrere Dutzend Flaschen
+Champagner verstudiert und ist jetzt an ein Fass Alikante geraten. -
+Der Kellermeister ringt die Haende! - So ist dem Professor, der, wie
+Du weisst, das groesste Leckermaul auf Erden, geholfen, und er wuerde
+das bequemste Leben von der Welt fuehren, muesste er oft nicht, wenn
+ein Hagelschlag die Felder verwuestet hat, ploetzlich ueber Land, um
+den fuerstlichen Paechtern zu erklaeren, warum es gehagelt hat, damit
+die dummen Teufel ein bisschen Wissenschaft bekommen, sich kuenftig
+vor dergleichen hueten koennen und nicht immer Erlass der Pacht
+verlangen duerfen, einer Sache halber, die niemand verschuldet, als
+sie selbst.
+
+"Der Minister kann die Tracht Schlaege, die Du ihm erteilt, nicht
+verwinden. Er hat Dir Rache geschworen. Du wirst Dich gar nicht mehr
+in Kerepes sehen lassen duerfen. Auch mich verfolgt er sehr, weil ich
+seine geheimnisvolle Art, sich von einer gefluegelten Dame frisieren
+zu lassen, erlauscht habe. - Solange Zinnober des Fuersten Liebling
+bleibt, werde ich wohl auf keinen ordentlichen Posten Anspruch machen
+koennen. Mein Unstern will es, dass ich immer mit der Missgeburt
+zusammengerate, wo ich es gar nicht ahne, und auf eine Weise, die
+mir fatal werden muss. Neulich ist der Minister in vollem Staat, mit
+Degen, Stern und Ordensband, im zoologischen Kabinett und hat sich
+nach seiner gewoehnlichen Weise, den Stock untergestemmt, auf den
+Fussspitzen schwebend, an den Glasschrank hingestellt, wo die
+seltensten amerikanischen Affen stehen. Fremde, die das Kabinett
+besehen, treten heran, und einer, den kleinen Wurzelmann erblickend,
+ruft laut aus: 'Ei! - was fuer ein allerliebster Affe! - welch
+niedliches Tier! - die Zierde des ganzen Kabinetts! - Ei, wie heisst
+das huebsche Aefflein? woher des Landes?'
+
+"Da spricht der Aufseher des Kabinetts sehr ernsthaft, indem er
+Zinnobers Schulter beruehrte: 'Ja, ein sehr schoenes Exemplar, ein
+vortrefflicher Brasilianer, der sogenannte Mycetes Belzebub - Simia
+Belzebub Linnei - niger, barbatus, podiis caudaque apice brunneis -
+Bruellaffe' -
+
+"'Herr,' - prustet nun der Kleine den Aufseher an, 'Herr, ich glaube,
+Sie sind wahnsinnig oder neunmal des Teufels, ich bin kein Belzebub
+caudaque - kein Bruellaffe, ich bin Zinnober, der Minister Zinnober,
+Ritter des gruengefleckten Tigers mit zwanzig Knoepfen!' - Nicht weit
+davon stehe ich und breche - haett' es das Leben gekostet auf der
+Stelle, ich konnte mich nicht zurueckhalten - aus in ein wieherndes
+Gelaechter.
+
+"'Sind Sie auch da, Herr Referendarius?' schnarcht er mich an, indem
+rote Glut aus seinen Hexenaugen funkelt.
+
+"Gott weiss, wie es kam, dass die Fremden ihn immerfort fuer den
+schoensten seltensten Affen hielten, den sie jemals gesehen, und ihn
+durchaus mit Lampertsnuessen fuettern wollten, die sie aus der Tasche
+gezogen. Zinnober geriet nun so ganz ausser sich, dass er vergebens
+nach Atem schnappte und die Beinchen ihm den Dienst versagten.
+Der herbeigerufene Kammerdiener musste ihn auf den Arm nehmen und
+hinabtragen in die Kutsche.
+
+"Selbst kann ich mir aber nicht erklaeren, warum mir diese Geschichte
+einen Schimmer von Hoffnung gibt. Es ist der erste Tort, der dem
+kleinen verhexten Unding geschehen.
+
+"So viel ist gewiss, dass Zinnober neulich am fruehen Morgen sehr
+verstoert aus dem Garten gekommen ist. Die gefluegelte Frau muss
+ausgeblieben sein, denn vorbei ist es mit den schoenen Locken. Das
+Haar soll ihm struppig auf dem Ruecken herabhaengen und Fuerst
+Barsanuph gesagt haben: 'Vernachlaessigen Sie nicht so sehr Ihre
+Toilette, bester Minister, ich werde Ihnen meinen Friseur schicken!' -
+worauf denn Zinnober sehr hoeflich geaeussert, er werde den Kerl zum
+Fenster herausschmeissen lassen, wenn er kaeme. 'Grosse Seele! man
+kommt Ihnen nicht bei,' hat dann der Fuerst gesprochen und dabei sehr
+geweint!
+
+"Lebe wohl, liebster Balthasar! gib nicht alle Hoffnung auf und
+verstecke Dich gut, damit sie Dich nicht greifen!" -
+
+Ganz in Verzweiflung darueber, was ihm der Freund geschrieben, rannte
+Balthasar tief hinein in den Wald und brach aus in laute Klagen.
+
+"Hoffen soll ich," rief er, "hoffen soll ich noch, da jede Hoffnung
+verschwunden, da alle Sterne untergegangen und duestere - duestere
+Nacht mich Trostlosen umfaengt? Unseliges Verhaengnis! - ich
+unterliege der finstren Macht, die verderblich in mein Leben getreten!
+- Wahnsinn, dass ich auf Rettung hoffte von Prosper Alpanus, von
+diesem Prosper Alpanus, der mich selbst mit hoellischen Kuensten
+verlockte und mich forttrieb von Kerepes, indem er die Pruegel, die
+ich dem Spiegelbilde erteilen musste, auf Zinnobers wahrhaftigen
+Ruecken regnen liess!" "Ach Candida! - Koennt' ich nur das Himmelskind
+vergessen! - Aber maechtiger, staerker als jemals glueht der
+Liebesfunke in mir! - Ueberall sehe ich die holde Gestalt der
+Geliebten, die mit suessem Laecheln sehnsuechtig die Arme nach mir
+ausstreckt! - Ich weiss es ja! - du liebst mich, holde suesse Candida,
+und das ist eben mein hoffnungsloser toetender Schmerz, dass ich
+dich nicht zu retten vermag aus der heillosen Verzauberung, die dich
+befangen! - Verraeterischer Prosper! was tat ich dir, dass du mich so
+grausam aefftest!" -
+
+Die tiefe Daemmerung war eingebrochen, alle Farben des Waldes
+schwanden hin in dumpfes Grau. Da war es, als leuchte ein besonderer
+Glanz wie aufflammender Abendschein durch Baum und Gebuesch, und
+tausend Insektlein erhoben sich mit rauschendem Fluegelschlage sumsend
+in die Luefte. Leuchtende Goldkaefer schwangen sich hin und her,
+und dazwischen flatterten buntgeputzte Schmetterlinge und streuten
+duftenden Blumenstaub um sich her. Das Wispern und Sumsen wurde
+zu sanfter, suessfluesternder Musik, die sich troestend legte an
+Balthasars zerrissene Brust. Ueber ihm funkelte staerker strahlend der
+Glanz. Er schaute hinauf und erblickte staunend Prosper Alpanus, der
+auf einem wunderbaren Insekt, das einer in den herrlichsten Farben
+prunkenden Libelle nicht unaehnlich, daherschwebte.
+
+Prosper Alpanus senkte sich herab zu dem Juengling, an dessen Seite er
+Platz nahm, waehrend die Libelle aufflog in ein Gebuesch und in den
+Gesang einstimmte, der durch den ganzen Wald toente.
+
+Er beruehrte des Juenglings Stirne mit den wundervoll glaenzenden
+Blumen, die er in der Hand trug, und sogleich entzuendete sich in
+Balthasars Innerm frischer Lebensmut.
+
+"Du tust," sprach nun Prosper Alpanus mit sanfter Stimme, "du tust
+mir grosses Unrecht, lieber Balthasar, da du mich grausam und
+verraeterisch schiltst in dem Augenblick, als es mir gelungen ist,
+Herr zu werden des Zaubers, der dein Leben verstoert, als ich, um
+nur schneller dich zu finden, dich zu troesten, mich auf mein buntes
+Lieblingsroesslein schwinge und herbeireite, mit allem versehen,
+was zu deinem Heil dienen kann. - Doch nichts ist bittrer als
+Liebesschmerz, nichts gleicht der Ungeduld eines in Liebe und
+Sehnsucht verzweifelnden Gemuets. - Ich verzeihe dir, denn mir ist es
+selbst nicht besser gegangen, als ich vor ungefaehr zweitausend Jahren
+eine indische Prinzessin liebte, Balsamine geheissen, und dem Zauberer
+Lothos, der mein bester Freund war, in der Verzweiflung den Bart
+ausriss, weshalb ich, wie du siehst, selbst keinen trage, damit mir
+nicht Aehnliches geschehe. - Doch dir dies alles weitlaeuftig zu
+erzaehlen, wuerde wohl hier an sehr unrechtem Orte sein, da jeder
+Liebende nur von seiner Liebe hoeren mag, die er allein der Rede wert
+haelt, so wie jeder Dichter nur seine Verse gern vernimmt. Also zur
+Sache! - Wisse, dass Zinnober die verwahrloste Missgeburt eines armen
+Bauerweibes ist und eigentlich Klein Zaches heisst. Nur aus Eitelkeit
+hat er den stolzen Namen Zinnober angenommen. Das Stiftsfraeulein
+von Rosenschoen oder eigentlich die beruehmte Fee Rosabelverde, denn
+niemand anders ist jene Dame, fand das kleine Ungetuem am Wege. Sie
+glaubte, alles, was die Natur dem Kleinen stiefmuetterlich versagt,
+dadurch zu ersetzen, wenn sie ihn mit der seltsamen geheimnisvollen
+Gabe beschenkte, vermoege der alles, was in seiner Gegenwart irgendein
+anderer Vortreffliches denkt, spricht oder tut, auf _seine_ Rechnung
+kommen, ja dass er in der Gesellschaft wohlgebildeter, verstaendiger,
+geistreicher Personen auch fuer wohlgebildet, verstaendig und
+geistreich geachtet werden und ueberhaupt allemal fuer den
+vollkommensten der Gattung, mit der er im Konflikt, gelten muss.
+
+"Dieser sonderbare Zauber liegt in drei feuerfarbglaenzenden Haaren,
+die sich ueber den Scheitel des Kleinen ziehen. Jede Beruehrung dieser
+Haare, sowie ueberhaupt des Hauptes, musste dem Kleinen schmerzhaft,
+ja verderblich sein. Deshalb liess die Fee sein von Natur duennes,
+struppiges Haar in dicken anmutigen Locken hinabwallen, die, des
+Kleinen Haupt schuetzend, zugleich jenen roten Streif versteckten und
+den Zauber staerkten. Jeden neunten Tag frisierte die Fee selbst den
+Kleinen mit einem goldnen magischen Kamm, und diese Frisur vernichtete
+jedes auf Zerstoerung des Zaubers gerichtete Unternehmen. Aber den
+Kamm selbst hat ein kraeftiger Talisman, den ich der guten Fee, als
+sie mich besuchte, unterzuschieben wusste, vernichtet.
+
+"Es kommt jetzt nur darauf an, ihm jene drei feuerfarbnen Haare
+auszureissen, und er sinkt zurueck in sein voriges Nichts! - Dir, mein
+lieber Balthasar, ist diese Entzauberung vorbehalten. Du hast Mut,
+Kraft und Geschicklichkeit, du wirst die Sache ausfuehren, wie es
+sich gehoert. Nimm dieses kleine geschliffene Glas, naehere dich dem
+kleinen Zinnober, wo du ihn findest, richte deinen scharfen Blick
+durch dieses Glas auf sein Haupt, frei und offen werden die drei roten
+Haare sich ueber das Haupt des Kleinen ziehen. Packe ihn fest an,
+achte nicht auf das gellende Katzengeschrei, das er ausstossen wird,
+reisse ihm mit einem Ruck die drei Haare aus und verbrenne sie auf der
+Stelle. Es ist notwendig, dass die Haare mit _einem_ Ruck ausgerissen
+und _sogleich_ verbrannt werden, denn sonst koennten sie noch allerlei
+verderbliche Wirkungen aeussern. Richte daher dein vorzueglichstes
+Augenmerk darauf, dass du die Haare geschickt und fest erfassest und
+den Kleinen ueberfaellst, wenn gerade ein Feuer oder ein Licht in der
+Naehe befindlich." -
+
+"O Prosper Alpanus," rief Balthasar, "wie schlecht habe ich diese
+Guete, diesen Edelmut durch mein Misstrauen verdient! - Wie fuehle
+ich es so in tiefer Brust, das nun mein Leiden endigt, dass alles
+Himmelsglueck mir die goldnen Tore erschliesst!" -
+
+"Ich liebe," fuhr Prosper Alpanus fort, "ich liebe Juenglinge, die so
+wie du, mein Balthasar, Sehnsucht und Liebe im reinen Herzen tragen,
+in deren Innerm noch jene herrlichen Akkorde widerhallen, die dem
+fernen Lande voll goettlicher Wunder angehoeren, das meine Heimat ist.
+Die gluecklichen, mit dieser inneren Musik begabten Menschen sind
+die einzigen, die man Dichter nennen kann, wiewohl viele auch so
+gescholten werden, die den ersten besten Brummbass zur Hand nehmen,
+darauf herumstreichen und das verworrene Gerassel der unter ihrer
+Faust stoehnenden Saiten fuer herrliche Musik halten, die aus ihrem
+eignen Innern heraustoent. - Dir ist, ich weiss es, mein geliebter
+Balthasar, dir ist es zuweilen so, als verstuendest du die murmelnden
+Quellen, die rauschenden Baeume, ja, als spraeche das aufflammende
+Abendrot zu dir mit verstaendlichen Worten! - Ja, mein Balthasar! -
+in diesen Momenten verstehst du wirklich die wunderbaren Stimmen der
+Natur, denn aus deinem eignen Innern erhebt sich der goettliche Ton,
+den die wundervolle Harmonie des tiefsten Wesens der Natur entzuendet.
+- Da du Klavier spielst, o Dichter, so wirst du wissen, dass dem
+angeschlagenen Ton die ihm verwandten Toene nachklingen. - Dieses
+Naturgesetz dient zu mehr als zum schalen Gleichnis! - Ja, o Dichter,
+du bist ein viel besserer, als es manche glauben, denen du deine
+Versuche, die innere Musik mit Feder und Tinte zu Papier zu bringen,
+vorgelesen. Mit diesen Versuchen ist es nicht weit her. Doch hast du
+im historischen Stil einen guten Wurf getan, als du mit pragmatischer
+Breite und Genauigkeit die Geschichte von der Liebe der Nachtigall zur
+Purpurrose aufschriebst, welche sich unter meinen Augen begeben. - Das
+ist eine ganz artige Arbeit" -
+
+Prosper Alpanus hielt inne, Balthasar blickte ihn ganz verwundert an
+mit grossen Augen, er wusste gar nicht, was er dazu sagen sollte, dass
+Prosper das Gedicht, welches er fuer das fantastischste hielt, das er
+jemals aufgeschrieben, fuer einen historischen Versuch erklaerte.
+
+"Du magst," fuhr Prosper Alpanus fort, indem ein anmutiges Laecheln
+sein Gesicht ueberstrahlte, "du magst dich wohl ueber meine Reden
+verwundern, dir mag ueberhaupt manches seltsam an mir vorkommen.
+Bedenke aber, dass ich nach dem Urteil aller vernuenftigen Leute
+eine Person bin, die nur im Maerchen auftreten darf, und du weisst,
+geliebter Balthasar, dass solche Personen sich wunderlich gebaerden
+und tolles Zeug schwatzen koennen, wie sie nur moegen, vorzueglich
+wenn hinter allem doch etwas steckt, was gerade nicht zu verwerfen. -
+Nun aber weiter! - Nahm sich die Fee Rosabelverde des missgestalteten
+Zinnober so eifrig an, so bist du, mein Balthasar, nun ganz und
+gar mein lieber Schuetzling. Hoere also, was ich fuer dich zu tun
+gesonnen! - Der Zauberer Lothos besuchte mich gestern, er brachte
+mir tausend Gruesse, aber auch tausend Klagen von der Prinzessin
+Balsamine, die aus dem Schlafe erwacht ist und in den suessen Toenen
+des Chartah Bhade, jenes herrlichen Gedichts, das unsere erste Liebe
+war, sehnende Arme nach mir ausstreckt. Auch mein alter Freund, der
+Minister Yuchi, winkt mir freundlich zu vom Polarstern. - Ich muss
+fort nach dem fernsten Indien! - Mein Landgut, das ich verlasse,
+wuensche ich in keines andern Besitz zu sehen als in dem
+deinigen. Morgen gehe ich nach Kerepes und lasse eine foermliche
+Schenkungsurkunde ausfertigen, in der ich als dein Oheim auftrete.
+Ist nun Zinnobers Zauber geloest, trittst du vor den Professor
+Mosch Terpin hin als Besitzer eines vortrefflichen Landguts, eines
+betraechtlichen Vermoegens, und wirbst du um die Hand der schoenen
+Candida, so wird er in voller Freude dir alles gewaehren. Aber noch
+mehr! - Ziehst du mit deiner Candida ein in mein Landhaus, so ist
+das Glueck deiner Ehe gesichert. Hinter den schoenen Baeumen waechst
+alles, was das Haus bedarf; ausser den herrlichsten Fruechten der
+schoenste Kohl und tuechtiges schmackhaftes Gemuese ueberhaupt, wie
+man es weit und breit nicht findet. Deine Frau wird immer den ersten
+Salat, die ersten Spargel haben. Die Kueche ist so eingerichtet, dass
+die Toepfe niemals ueberlaufen und keine Schuessel verdirbt, solltest
+du auch einmal eine ganze Stunde ueber die Essenszeit ausbleiben.
+Teppiche, Stuhl- und Sofa-Bezuege sind von der Beschaffenheit, dass
+es bei der groessten Ungeschicklichkeit der Dienstboten unmoeglich
+bleibt, einen Fleck hineinzubringen, ebenso zerbricht kein Porzellan,
+kein Glas, sollte sich auch die Dienerschaft deshalb die groesste
+Muehe geben und es auf den haertesten Boden werfen. Jedesmal endlich,
+wenn deine Frau waschen laesst, ist auf dem grossen Wiesenplan hinter
+dem Hause das allerschoenste heiterste Wetter, sollte es auch rings
+umher regnen, donnern und blitzen. Kurz, mein Balthasar, es ist dafuer
+gesorgt, dass du das haeusliche Glueck an deiner holden Candida Seite
+ruhig und ungestoert geniessest! -
+
+"Doch nun ist es wohl an der Zeit, dass ich heimkehre und in
+Gemeinschaft mit meinem Freunde Lothos die Anstalten zu meiner
+baldigen Abreise beginne. Lebe wohl, mein Balthasar!" -
+
+Damit pfiff Prosper ein- zweimal der Libelle, die alsbald sumsend
+herbeiflog. Er zaeumte sie auf und schwang sich in den Sattel. Aber
+schon im Davonschweben hielt er ploetzlich an und kehrte um zu
+Balthasar. -
+
+"Beinahe," sprach er, "haette ich deinen Freund Fabian vergessen. In
+einem Anfall schalkischer Laune habe ich ihn fuer seinen Vorwitz zu
+hart gestraft. In dieser Dose ist das enthalten, was ihn troestet!" -
+
+Prosper reichte dem Balthasar ein kleines, blank poliertes
+schildkroetenes Doeschen hin, das er ebenso einsteckte, wie die
+kleine Lorgnette, die er erst zur Entzauberung Zinnobers von Prosper
+erhalten.
+
+Prosper Alpanus rauschte nun fort durch das Gebuesch, indem die
+Stimmen des Waldes staerker und anmutiger ertoenten.
+
+Balthasar kehrte zurueck nach Hoch-Jakobsheim, alle Wonne, alles
+Entzuecken der suessesten Hoffnung im Herzen.
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+Wie Fabian seiner langen Rockschoesse halber fuer einen Sektierer
+und Tumultuanten gehalten wurde. - Wie Fuerst Barsanuph hinter
+den Kaminschirm trat und den Generaldirektor der natuerlichen
+Angelegenheiten kassierte. - Zinnobers Flucht aus Mosch Terpins Hause.
+- Wie Mosch Terpin auf einem Sommervogel ausreiten und Kaiser werden
+wollte, dann aber zu Bette ging.
+
+In der fruehesten Morgendaemmerung, als Wege und Strassen noch einsam,
+schlich sich Balthasar hinein nach Kerepes und lief augenblicklich zu
+seinem Freunde Fabian. Als er an die Stubentuere pochte, rief eine
+kranke matte Stimme: "Herein!" -
+
+Bleich - entstellt, hoffnungslosen Schmerz im Antlitz, lag Fabian auf
+dem Bette. "Um des Himmels willen," rief Balthasar, "um des Himmels
+willen - Freund! sprich! - was ist dir widerfahren?"
+
+"Ach Freund," sprach Fabian mit gebrochener Stimme, indem er sich
+muehsam in die Hoehe richtete, "mit mir ist es aus, rein aus. Der
+verfluchte Hexenspuk, den, ich weiss es, der rachsuechtige Prosper
+Alpanus ueber mich gebracht, stuerzt mich ins Verderben!" -
+
+"Wie ist das moeglich?" fragte Balthasar; "Zauberei, Hexenspuk,
+du glaubtest sonst an dergleichen nicht." "Ach," fuhr Fabian mit
+weinerlicher Stimme fort, "ach, ich glaube jetzt an alles, an Zauberer
+und Hexen und Erdgeister und Wassergeister, an den Rattenkoenig und
+die Alraunwurzel - an alles, was du willst. Wem das Ding so auf den
+Hals tritt wie mir, der gibt sich wohl! - Du erinnerst dich an den
+hoellischen Skandal mit meinem Rocke, als wir von Prosper Alpanus
+kamen! - Ja! waer' es nur dabei geblieben! - Sieh dich doch etwas um
+in meinem Zimmer, lieber Balthasar!" -
+
+Balthasar tat es und gewahrte an allen Waenden rings umher eine Unzahl
+von Fracks, Ueberroecken, Kurtken von allem moeglichen Zuschnitt, von
+allen moeglichen Farben. "Wie," rief er, "willst du einen Kleiderkram
+anlegen, Fabian?"
+
+"Spotte nicht," erwiderte Fabian, "spotte nicht, lieber Freund. Alle
+diese Kleider liess ich anfertigen von den beruehmtesten Schneidern,
+immer hoffend, endlich einmal der unseligen Verdammnis zu entgehen,
+die auf meinen Roecken ruht, aber umsonst. Sowie ich den schoensten
+Rock, der mir steht wie angegossen an den Leib, nur einige Minuten
+trage, rutschen die Aermel mir an die Schultern herauf, und die
+Schoesse schwaenzeln mir nach sechs Ellen lang. In der Verzweiflung
+liess ich mir jenen Spenzer mit den eine Welt langen Pierrotsaermeln
+machen: 'Rutscht nur, Aermel,' dacht' ich, 'dehnt euch nur aus,
+Schoesse, so kommt alles ins Gleiche': aber! - ganz dasselbe wie mit
+allen andern Roecken war es in wenigen Minuten! Alle Kunst und Kraft
+der maechtigsten Schneider richtete nichts aus gegen den verwuenschten
+Zauber! Dass ich verhoehnt, verspottet wurde, wo ich mich nur
+blicken liess, versteht sich von selbst, aber bald veranlasste
+meine unverschuldete Hartnaeckigkeit, immer wieder in einem solch
+verteufelten Rock zu erscheinen, ganz andere Urteile. Das Geringste
+war noch, dass die Frauen mich grenzenlos eitel und abgeschmackt
+schalten, da ich aller Sitte entgegen mich durchaus mit nackten Armen,
+sie wahrscheinlich fuer sehr schoen haltend, sehen lassen wolle. Die
+Theologen aber schrien mich bald fuer einen Sektierer aus, stritten
+sich nur, ob ich zur Sekte der Aermelianer oder Schoessianer zu
+rechnen, waren aber darin einig, dass beide Sekten hoechst gefaehrlich
+zu nennen, da beide vollkommene Freiheit des Willens statuierten und
+sich erfrechten zu denken, was sie wollten. Diplomatiker hielten mich
+fuer einen schnoeden Aufwiegler. Sie behaupteten, ich wolle durch
+meine langen Rockschoesse Unzufriedenheit im Volke erregen und es
+aufsaessig machen gegen die Regierung, gehoere ueberhaupt zu einem
+geheimen Bunde, dessen Zeichen ein kurzer Aermel sei. Schon seit
+langer Zeit faenden sich hie und da Spuren der Kurzaermler, die ebenso
+zu fuerchten als die Jesuiten, ja noch mehr, da sie sich bemuehten,
+ueberall die jedem Staate schaedliche Poesie einzufuehren, und an
+der Infallibilitaet der Fuersten zweifelten. Kurz! - das Ding wurde
+ernster und ernster, bis mich der Rektor zitieren liess. Ich sah mein
+Unglueck vorher, wenn ich einen Rock anzog, erschien also in der
+Weste. Darueber wurde der Mann zornig, er glaubte, ich wolle ihn
+verhoehnen, und fuhr auf mich los, ich solle binnen acht Tagen
+in einem vernuenftigen anstaendigen Rock vor ihm erscheinen,
+widrigenfalls er ohne alle Gnade die Relegation ueber mich aussprechen
+wuerde. - Heute geht der Termin zu Ende! - O ich Ungluecklicher! - O
+verdammter Prosper Alpanus!" -
+
+"Halt ein," rief Balthasar, "halt ein, lieber Freund Fabian, schmaele
+nicht auf meinen teuern lieben Oheim, der mir ein Landgut geschenkt
+hat. Auch mit _dir_ meint er es gar nicht so boese, ungeachtet er,
+ich muss es gestehen, den Vorwitz, womit du ihm begegnetest, zu hart
+gestraft hat. - Doch ich bringe Huelfe! - er sendet dir dies Doeschen,
+welches alle deine Leiden enden soll."
+
+Damit zog Balthasar das kleine schildkroetene Doeschen, welches er
+von Prosper Alpanus erhalten, aus der Tasche und ueberreichte es dem
+trostlosen Fabian.
+
+"Was soll," Sprach dieser, "was soll mir denn der dumme Quark helfen?
+wie kann ein kleines schildkroetenes Doeschen Einfluss haben auf die
+Gestaltung meiner Roecke?" "Das weiss ich nicht," erwiderte Balthasar,
+"aber mein lieber Oheim kann und wird mich nicht taeuschen, ich habe
+das vollste Zutrauen zu ihm; darum oeffne nur die Dose, lieber Fabian,
+wir wollen sehen, was darin enthalten."
+
+Fabian tat es - und aus der Dose quoll ein herrlich gemachter
+schwarzer Frack von dem feinsten Tuche hervor. Beide, Fabian und
+Balthasar, konnten sich des lauten Ausrufs der hoechsten Verwunderung
+nicht erwehren.
+
+"Ha, ich verstehe dich," rief Balthasar begeistert, "ha, ich verstehe
+dich, mein Prosper, mein teurer Oheim! Dieser Rock wird passen, wird
+allen Zauber loesen." -
+
+Fabian zog den Rock ohne weiteres an, und was Balthasar geahnet, traf
+wirklich ein. Das schoene Kleid sass dem Fabian, wie noch niemals
+ihm eins gesessen, und an Rutschen der Aermel, an Verlaengerung der
+Schoesse war nicht zu denken.
+
+Ganz ausser sich vor Freude, beschloss Fabian nun sogleich in seinem
+neuen wohlpassenden Rock zum Rektor hinzulaufen und alles ins Gleiche
+zu bringen.
+
+Balthasar erzaehlte nun seinem Freunde Fabian ausfuehrlich, wie sich
+alles begeben mit Prosper Alpanus, und wie dieser ihm die Mittel in
+die Hand gegeben, dem heillosen Unwesen des missgestalteten Daeumlings
+ein Ende zu machen. Fabian, der ein ganz anderer worden, da ihn alle
+Zweifelsucht ganz verlassen, ruehmte Prospers hohen Edelmut ueber alle
+Massen und erbot sich, bei Zinnobers Entzauberung huelfreiche Hand zu
+leisten. In dem Augenblick gewahrte Balthasar aus dem Fenster seinen
+Freund, den Referendarius Pulcher, der ganz truebsinnig um die Ecke
+schleichen wollte. Fabian steckte auf Balthasars Geheiss den Kopf zum
+Fenster heraus und winkte und rief dem Referendarius zu, er moege doch
+nur gleich heraufkommen.
+
+Sowie Pulcher eintrat, rief er gleich: "Was hast du denn fuer einen
+herrlichen Rock an, lieber Fabian!" Dieser sagte aber, Balthasar werde
+ihm alles erklaeren, und lief fort zum Rektor.
+
+Als nun Balthasar dem Referendarius alles ausfuehrlich erzaehlt, was
+sich zugetragen, sprach dieser. "Gerade an der Zeit ist es nun, dass
+der abscheuliche Unhold tot gemacht wird. Wisse, dass er heute seine
+feierliche Verlobung mit Candida feiert, dass der eitle Mosch Terpin
+ein grosses Fest gibt, wozu er selbst den Fuersten geladen. Gerade
+bei diesem Feste wollen wir eindringen in des Professors Haus und
+den Kleinen ueberfallen. An Lichtern im Saal wird's nicht fehlen zum
+augenblicklichen Verbrennen der feindseligen Haare."
+
+Noch manches hatten die Freunde gesprochen und miteinander verabredet,
+als Fabian eintrat mit vor Freude glaenzendem Gesicht.
+
+"Die Kraft," sprach er, "die Kraft des Rocks, der der schildkroetenen
+Dose entquollen, hat sich herrlich bewaehrt. Sowie ich eintrat bei dem
+Rektor, laechelte er zufrieden. 'Ha' redete er mich an, 'ha! - ich
+gewahre, mein lieber Fabian, dass Sie zurueckgekommen sind von Ihrer
+seltsamen Verirrung! - Nun! Feuerkoepfe wie Sie lassen sich leicht
+hinreissen zu dem Extremen! - Fuer religioese Schwaermerei habe ich
+Ihr Beginnen niemals gehalten - mehr falsch verstandener Patriotismus
+- Hang zum Ausserordentlichen, gestuetzt auf das Beispiel der Heroen
+des Altertums. - Ja, das lasse ich gelten, solch ein schoener,
+wohlpassender Rock! - Heil dem Staate, Heil der Welt, wenn hochherzige
+Juenglinge solche Roecke tragen, mit solchen passenden Aermeln und
+Schoessen. Bleiben Sie treu, Fabian, bleiben Sie treu solcher Tugend,
+solchem wackren Sinn, daraus entsprosst wahre Heldengroesse!' - Der
+Rektor umarmte mich, indem helle Traenen ihm in die Augen traten.
+Selbst weiss ich nicht, wie ich dazu kam, die kleine schildkroetene
+Dose, aus der der Rock entstanden und die ich nun in dessen Tasche
+gesteckt, hervorzuziehen. 'Bitte!' sprach der Rektor, indem er Daum
+und Zeigefinger zusammenspitzte. Ohne zu wissen, ob wohl Tabak
+darin enthalten, klappte ich die Dose auf. Der Rektor griff hinein,
+schnupfte, fasste meine Hand, drueckte sie stark, Traenen liefen ihm
+ueber die Wangen; er sprach tiefgeruehrt: 'Edler Juengling! - eine
+schoene Prise! - Alles ist vergeben und vergessen, speisen Sie bei mir
+heut mittags!' - Ihr seht, Freunde, all mein Leiden hat ein Ende, und
+gelingt uns heute, wie es anders gar nicht zu erwarten steht, die
+Entzauberung Zinnobers, so seid auch ihr fortan gluecklich!" -
+
+In dem mit hundert Kerzen erleuchteten Saal stand der kleine
+Zinnober im scharlachroten gestickten Kleide, den grossen Orden des
+gruengefleckten Tigers mit zwanzig Knoepfen umgetan, Degen an der
+Seite, Federhut unterm Arm. Neben ihm die holde Candida braeutlich
+geschmueckt, in aller Anmut und Jugend strahlend. Zinnober hatte ihre
+Hand gefasst, die er zuweilen an den Mund drueckte und dabei recht
+widrig grinste und laechelte. Und jedesmal ueberflog dann ein hoeheres
+Rot Candidas Wangen, und sie blickte den Kleinen an mit dem Ausdruck
+der innigsten Liebe. Das war denn wohl recht graulich anzusehen, und
+nur die Verblendung, in die Zinnobers Zauber alle versetzte, war
+schuld daran, dass man nicht, ergrimmt ueber Candidas heillose
+Verstrickung, den kleinen Hexenkerl packte und ins Kaminfeuer warf.
+Rings um das Paar im Kreise in ehrerbietiger Entfernung hatte sich die
+Gesellschaft gesammelt. Nur Fuerst Barsanuph stand neben Candida und
+muehte sich, bedeutungsvolle gnaedige Blicke umherzuwerfen, auf die
+indessen niemand sonderlich achtete. Alles hatte nur Auge fuer das
+Brautpaar und hing an Zinnobers Lippen, der hin und wieder einige
+unverstaendliche Worte schnurrte, denen jedesmal ein leises Ach! der
+hoechsten Bewunderung, das die Gesellschaft ausstiess, folgte.
+
+Es war an dem, dass die Verlobungsringe gewechselt werden sollten.
+Mosch Terpin trat in den Kreis mit einem Praesentierteller, auf dem
+die Ringe funkelten. Er raeusperte sich - Zinnober hob sich auf den
+Fussspitzen so hoch als moeglich, beinahe reichte er der Braut an den
+Ellbogen. - Alles stand in der gespanntesten Erwartung - da lassen
+sich ploetzlich fremde Stimmen hoeren, die Tuere des Saals springt
+auf, Balthasar dringt ein, mit ihm Pulcher - Fabian! - Sie brechen
+durch den Kreis - "Was ist das, was wollen die Fremden?" ruft alles
+durcheinander. -
+
+Fuerst Barsanuph schreit entsetzt: "Aufruhr - Rebellion - Wache!" und
+springt hinter den Kaminschirm. - Mosch Terpin erkennt den Balthasar,
+der dicht bis zum Zinnober vorgedrungen, und ruft: "Herr Studiosus!
+- Sind Sie rasend - sind Sie von Sinnen? - wie koennen Sie sich
+unterstehen, hier einzudringen in die Verlobung! - Leute -
+Gesellschaft - Bediente, werft den Grobian zur Tuere hinaus!" -
+
+Aber ohne sich nur im mindesten an irgend etwas zu kehren, hat
+Balthasar schon Prospers Lorgnette hervorgezogen und richtet durch
+dieselbe den festen Blick auf Zinnobers Haupt. Wie vom elektrischen
+Strahl getroffen, stoesst Zinnober ein gellendes Katzengeschrei
+aus, dass der ganze Saal widerhallt. Candida faellt ohnmaechtig auf
+einen Stuhl; der eng geschlossene Kreis der Gesellschaft staeubt
+auseinander. - Klar vor Balthasars Augen liegt der feuerfarbglaenzende
+Haarstreif, er spring zu auf Zinnober - fasst ihn, der strampelt mit
+den Beinchen und straeubt sich und kratzt und beisst.
+
+"Angepackt - angepackt!" ruft Balthasar; da fassen Fabian und Pulcher
+den Kleinen, dass er sich nicht zu regen und zu bewegen vermag, und
+Balthasar fasst sicher und behutsam die roten Haare, reisst sie mit
+einem Ruck vom Haupte herab, springt an den Kamin, wirft sie ins
+Feuer, sie prasseln auf, es geschieht ein betaeubender Schlag, alle
+erwachen wie aus dem Traum. - Da steht der kleine Zinnober, der
+sich muehsam aufgerafft von der Erde, und schimpft und schmaelt
+und befiehlt, man solle die frechen Ruhestoerer, die sich an der
+geheiligten Person des ersten Ministers im Staate vergriffen, sogleich
+packen und ins tiefste Gefaengnis werfen! Aber einer fraegt den
+andern: "Wo kommt denn mit einemmal der kleine purzelbaeumige Kerl
+her? - was will das kleine Ungetuem?" - Und wie der Daeumling
+immerfort tobt und mit den Fuesschen den Boden stampft und immer
+dazwischen ruft: "Ich bin der Minister Zinnober - ich bin der Minister
+Zinnober - der gruengefleckte Tiger mit zwanzig Knoepfen!" da bricht
+alles in ein tolles Gelaechter aus. Man umringt den Kleinen, die
+Maenner heben ihn auf und werfen sich ihn zu wie einen Fangball; ein
+Ordensknopf nach dem andern springt ihm vom Leibe - er verliert den
+Hut - den Degen, die Schuhe. - Fuerst Barsanuph kommt hinter dem
+Kaminschirm hervor und tritt hinein mitten in den Tumult. Da kreischt
+der Kleine: "Fuerst Barsanuph - Durchlaucht - retten Sie Ihren
+Minister - Ihren Liebling! - Huelfe - Huelfe - der Staat ist in Gefahr
+- der gruengefleckte Tiger - Weh - weh!" - Der Fuerst wirft einen
+grimmigen Blick auf den Kleinen und schreitet dann rasch vorwaerts
+nach der Tuere. Mosch Terpin kommt ihm in den Weg, den fasst er, zieht
+ihn in die Ecke und spricht mit zornfunkelnden Augen: "Sie erdreisten
+sich, Ihrem Fuersten, Ihrem Landesvater hier eine dumme Komoedie
+vorspielen zu wollen? - Sie laden mich ein zur Verlobung Ihrer
+Tochter mit meinem wuerdigen Minister Zinnober, und statt meines
+Ministers finde ich hier eine abscheuliche Missgeburt, die Sie
+in glaenzende Kleider gesteckt? - Herr, wissen Sie, dass das ein
+landesverraeterischer Spass ist, den ich strenge ahnden wuerde, wenn
+Sie nicht ein ganz alberner Mensch waeren, der ins Tollhaus gehoert.
+- Ich entsetze Sie des Amts als Generaldirektor der natuerlichen
+Angelegenheiten und verbitte mir alles weitere Studieren in meinem
+Keller! - Adieu!"
+
+Dann stuermte er fort.
+
+Aber Mosch Terpin stuerzte zitternd vor Wut los auf den Kleinen,
+fasste ihn bei den langen struppigen Haaren und rannte mit ihm hin
+nach dem Fenster: "Hinunter mit dir," schrie er, "hinunter mit
+dir, schaendliche heillose Missgeburt, die mich so schmachvoll
+hintergangen, mich um alles Glueck des Lebens gebracht hat!"
+
+Er wollte den Kleinen hinabstuerzen durch das geoeffnete Fenster, doch
+der Aufseher des zoologischen Kabinetts, der auch zugegen, sprang
+mit Blitzesschnelle hinzu, fasste den Kleinen und entriss ihn Mosch
+Terpins Faeusten. "Halten Sie ein," sprach der Aufseher, "halten
+Sie ein, Herr Professor, vergreifen Sie sich nicht an fuerstlichem
+Eigentum. Es ist keine Missgeburt, es ist der Mycetes Belzebub, Simia
+Belzebub, der dem Museo entlaufen." "Simia Belzebub - Simia Belzebub!"
+ertoente es von allen Seiten unter schallendem Gelaechter. Doch kaum
+hatte der Aufseher den Kleinen auf den Arm genommen und ihn recht
+angesehen, als er unmutig ausrief: "Was sehe ich! - das ist ja nicht
+Simia Belzebub, das ist ja ein schnoeder haesslicher Wurzelmann! Pfui!
+- pfui" -
+
+Und damit warf er den Kleinen in die Mitte des Saals. Unter dem
+lauten Hohngelaechter der Gesellschaft rannte der Kleine quiekend
+und knurrend durch die Tuere fort die Treppe herab - fort, fort nach
+seinem Hause, ohne dass ihn ein einziger von seinen Dienern bemerkt.
+
+Waehrenddessen, dass sich dies alles im Saale begab, hatte sich
+Balthasar in das Kabinett entfernt, wo man, wie er wahrgenommen,
+die ohnmaechtige Candida hingebracht. Er warf sich ihr zu Fuessen,
+drueckte ihre Haende an seine Lippen, nannte sie mit den suessesten
+Namen. Sie erwachte endlich mit einem tiefen Seufzer, und als sie den
+Balthasar erblickte, da rief sie voll Entzuecken:
+
+"Bist du endlich - endlich da, mein geliebter Balthasar! Ach, ich bin
+ja beinahe vergangen vor Sehnsucht und Liebesschmerz! - und immer
+erklangen mir die Toene der Nachtigall, von denen beruehrt, der
+Purpurrose das Herzblut entquillt!" -
+
+Nun erzaehlte sie, alles, alles um sich her vergessend, wie ein boeser
+abscheulicher Traum sie verstrickt, wie es ihr vorgekommen, als habe
+sich ein haesslicher Unhold an ihr Herz gelegt, dem sie ihre Liebe
+schenken muessen, weil sie nicht anders gekonnt. Der Unhold habe sich
+zu verstellen gewusst, dass er ausgesehen wie Balthasar; und wenn sie
+recht lebhaft an Balthasar gedacht, habe sie zwar gewusst, dass der
+Unhold nicht Balthasar, aber dann sei es ihr wieder auf unbegreifliche
+Weise gewesen, als muesse sie den Unhold lieben, eben um Balthasars
+willen.
+
+Balthasar klaerte ihr so viel auf, als es geschehen konnte, ohne ihre
+ohnehin aufgeregten Sinne ganz und gar zu verwirren. Dann folgten,
+wie es unter Liebesleuten nicht anders zu geschehen pflegt, tausend
+Versicherungen, tausend Schwuere ewiger Liebe und Treue. Und dabei
+umfingen sie sich und drueckten sich mit der Inbrunst der innigsten
+Zaertlichkeit an die Brust und waren ganz und gar umflossen von aller
+Wonne, von allem Entzuecken des hoechsten Himmels.
+
+Mosch Terpin trat ein, haenderingend und lamentierend, mit ihm kamen
+Pulcher und Fabian, die immerfort, jedoch vergebens troesteten.
+
+"Nein," rief Mosch Terpin, "nein, ich bin ein total geschlagener Mann!
+- nicht mehr Generaldirektor der natuerlichen Angelegenheiten im
+Staate. - Kein Studium mehr im fuerstlichen Keller - die Ungnade des
+Fuersten - ich gedachte Ritter zu werden des gruengefleckten Tigers,
+wenigstens mit fuenf Knoepfen. - Alles aus! - Was wird nur Se.
+Exzellenz der wuerdige Minister Zinnober dazu sagen, wenn er
+hoert, dass ich eine schnoede Missgeburt, den Simia Belzebub cauda
+prehensili, oder was weiss ich sonst, fuer ihn gehalten! - O Gott,
+auch sein Hass wird auf mich lasten! - Alikante! - Alikante!" -
+
+"Aber, bester Professor," troesteten die Freunde - "verehrter
+Generaldirektor, bedenken Sie doch nur, dass es gar keinen Minister
+Zinnober mehr gibt! - Sie haben sich ganz und gar nicht vergriffen,
+der ungestaltete Knirps hat vermoege der Zaubergabe, die er von der
+Fee Rosabelverde erhalten, Sie ebensogut getaeuscht, wie uns alle!" -
+
+Nun erzaehlte Balthasar, wie sich alles begeben von Anfang an. Der
+Professor horchte und horchte, bis Balthasar geendet, da rief er:
+"Wach' ich! - traeum' ich - Hexen - Zauberer - Feen - magische Spiegel
+- Sympathien - soll ich an den Unsinn glauben" -
+
+"Ach liebster Herr Professor," fiel Fabian ein, "haetten Sie nur eine
+Zeitlang einen Rock getragen mit kurzen Aermeln und langer Schleppe,
+so wie ich, Sie wuerden schon an alles glauben, dass es eine Lust
+waere!" -
+
+"Ja," rief Mosch Terpin, "ja, es ist alles so - ja! - ein verhextes
+Untier hat mich getaeuscht - ich stehe nicht mehr auf den Fuessen -
+ich schwebe auf zur Decke -Prosper Alpanus holt mich ab - ich reite
+aus auf einem Sommervogel - ich lass mich frisieren von der Fee
+Rosabelverde - von dem Stiftsfraeulein Rosenschoen, und werde
+Minister! - Koenig - Kaiser!" -
+
+Und damit sprang er im Zimmer umher und schrie und juchzte, dass alle
+fuer seinen Verstand fuerchteten, bis er ganz erschoepft in einen
+Lehnsessel sank. Da nahten sich ihm Candida und Balthasar. Sie
+sprachen davon, wie sie sich so innig, so ueber alles liebten, wie sie
+gar nicht ohne einander leben koennten, und das war recht wehmuetig
+anzuhoeren, weshalb Mosch Terpin auch wirklich etwas weinte. "Alles,"
+sprach er schluchzend, "alles, was ihr wollt, Kinder! - heiratet
+euch, liebt euch - hungert zusammen, denn ich gebe der Candida keinen
+Groschen mit" -
+
+Was das Hungern betraefe, sprach Balthasar laechelnd, so hoffe er
+morgen den Herrn Professor zu ueberzeugen, dass davon wohl niemals die
+Rede sein koenne, da sein Oheim Prosper Alpanus hinlaenglich fuer ihn
+gesorgt.
+
+"Tue das," sprach der Professor matt, "tue das, mein lieber Sohn, wenn
+du kannst, und zwar morgen; denn soll ich nicht in Wahnsinn verfallen,
+soll mir der Kopf nicht zerspringen, so muss ich sofort zu Bette
+gehen!" -
+
+Er tat das wirklich auf der Stelle.
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+Verlegenheit eines treuen Kammerdieners. - Wie die alte Liese eine
+Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober auf der Flucht
+ausglitschte. - Auf welche merkwuerdige Weise der Leibarzt des
+Fuersten Zinnobers jaehen Tod erklaerte. - Wie Fuerst Barsanuph sich
+betruebte, Zwiebeln ass, und wie Zinnobers Verlust unersetzlich blieb.
+
+Der Wagen des Ministers Zinnober hatte beinahe die ganze Nacht
+vergeblich vor Mosch Terpins Hause gehalten. Ein Mal ueber das andere
+versicherte man dem Jaeger, Se. Exzellenz muessten schon lange die
+Gesellschaft verlassen haben; der meinte aber dagegen, das sei ganz
+unmoeglich, da Se. Exzellenz doch wohl nicht im Regen und Sturm zu
+Fuss nach Hause gerannt sein wuerde. Als nun endlich alle Lichter
+ausgeloescht und die Tueren verschlossen wurden, musste der Jaeger
+zwar fortfahren mit dem leeren Wagen, im Hause des Ministers weckte er
+aber sogleich den Kammerdiener und fragte, ob denn ums Himmels willen
+und auf welche Art der Minister nach Hause gekommen. "Se. Exzellenz,"
+erwiderte der Kammerdiener leise dem Jaeger ins Ohr, "Se. Exzellenz
+sind gestern eingetroffen in spaeter Daemmerung, das ist ganz gewiss -
+liegen im Bette und schlafen. - Aber! - o mein guter Jaeger! - wie -
+auf welche Weise! - ich will Ihnen alles erzaehlen - doch Siegel auf
+den Mund - ich bin ein verlornen Mann, wenn Se. Exzellenz erfahren,
+dass ich es war auf dem finstern Korridor! - ich komme um meinen
+Dienst, denn Se. Exzellenz sind zwar von kleiner Statur, besitzen aber
+ausserordentlich viel Wildheit, alterieren sich leicht, kennen sich
+selbst nicht im Zorn, haben noch gestern eine schnoede Maus, die durch
+Sr. Exzellenz Schlafzimmer zu huepfen sich unterfangen, mit dem blank
+gezogenen Degen durch und durch gerannt. - Nun gut! - Also in der
+Daemmerung nehme ich mein Maentelchen um und will ganz sachte
+hinueberschleichen ins Weinstuebchen zu einer Partie Tric-Trac, da
+schurrt und schlurrt mir etwas auf der Treppe entgegen und kommt mir
+auf dem finstern Korridor zwischen die Beine und schlaegt hin auf den
+Boden und erhebt ein gellendes Katzengeschrei und grunzt dann wie - o
+Gott - Jaeger! - halten Sie das Maul, edler Mann, sonst bin ich hin!
+- kommen Sie ein wenig naeher - und grunzt dann, wie unsere gnaedige
+Exzellenz zu grunzen pflegt, wenn der Koch die Kaelberkeule verbraten
+oder ihm sonst im Staate was nicht recht ist."
+
+Die letzten Worte hatte der Kammerdiener dem Jaeger mit vorgehaltener
+Hand ins Ohr gesprochen. Der Jaeger fuhr zurueck, schnitt ein
+bedenkliches Gesicht und rief: "Ist es moeglich!" -
+
+"Ja," fuhr der Kammerdiener fort, "es war unbezweifelt unsere gnaedige
+Exzellenz, was mir auf dem Korridor durch die Beine fuhr. Ich vernahm
+nun deutlich, wie der Gnaedige in den Zimmern die Stuehle heranrueckte
+und sich die Tuere eines Zimmers nach dem andern oeffnete, bis er
+in sein Schlafkabinett angekommen. Ich wagt' es nicht nachzugehen,
+aber ein paar Stuendchen nachher schlich ich mich an die Tuere des
+Schlafkabinetts und horchte. Da schnarchten die liebe Exzellenz ganz
+auf die Weise, wie es zu geschehen pflegt, wenn Grosses im Werke.
+- Jaeger! 'es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere
+Weisheit sich traeumt,' das hoert' ich einmal auf dem Theater einen
+melancholischen Prinzen sagen, der ganz schwarz ging und sich vor
+einem ganz in grauen Pappendeckel gekleideten Mann sehr fuerchtete. -
+Jaeger! - es ist gestern irgend etwas Erstaunliches geschehen, das die
+Exzellenz nach Hause trieb. Der Fuerst ist bei dem Professor gewesen,
+vielleicht aeusserte er das und das - irgendein huebsches Reformchen
+- und da ist nun der Minister gleich drueber her, laeuft aus der
+Verlobung heraus und faengt an zu arbeiten fuer das Wohl der
+Regierung. - Ich hoert's gleich am Schnarchen; ja Grosses,
+Entscheidendes wird geschehen! - O Jaeger - vielleicht lassen wir alle
+ueber kurz oder lang uns wieder die Zoepfe wachsen! - Doch, teurer
+Freund, lassen Sie uns hinabgehen und als treue Diener an der Tuere
+des Schlafzimmers lauschen, ob Se. Exzellenz auch noch ruhig im Bette
+liegen und die inneren Gedanken ausarbeiten."
+
+Beide, der Kammerdiener und der Jaeger, schlichen sich hin an die
+Tuere und horchten. Zinnober schnurrte und orgelte und pfiff durch die
+wundersamsten Tonarten. Beide Diener standen in stummer Ehrfurcht, und
+der Kammerdiener sprach tiefgeruehrt: "Ein grosser Mann ist doch unser
+gnaedige Herr Minister!" -
+
+Schon am fruehsten Morgen entstand unten im Hause des Ministers ein
+gewaltiger Laerm. Ein altes, erbaermlich in laengst verblichenen
+Sonntagsstaat gekleidetes Bauerweib hatte sich ins Haus gedraengt
+und dem Portier angelegen, sie sogleich zu ihrem Soehnlein, zu Klein
+Zaches zu fuehren. Der Portier hatte sie bedeutet, dass Se. Exzellenz
+der Herr Minister von Zinnober, Ritter des gruengefleckten Tigers mit
+zwanzig Knoepfen, im Hause wohne, und niemand von der Dienerschaft
+Klein Zaches hiesse oder so genannt werde. Da hatte das Weib aber
+ganz tolljubelnd geschrien, der Herr Minister Zinnober mit zwanzig
+Knoepfen, das sei eben ihr liebes Soehnlein, der Klein Zaches. Auf das
+Geschrei des Weibes, auf die donnernden Flueche des Portiers war alles
+aus dem ganzen Hause zusammengelaufen, und das Getoese wurde aerger
+und aerger. Als der Kammerdiener hinabkam, um die Leute auseinander zu
+jagen, die Se. Exzellenz so unverschaemt in der Morgenruhe stoerten,
+warf man eben das Weib, die alle fuer wahnsinnig hielten, zum Hause
+heraus.
+
+Auf die steinernen Stufen des gegenueberstehenden Hauses setzte sich
+nun das Weib hin und schluchzte und lamentierte, dass das grobe Volk
+da drinnen sie nicht zu ihrem Herzenssoehnlein, zu dem Klein Zaches,
+der Minister geworden, lassen wolle. Viele Leute versammelten sich
+nach und nach um sie her, denen sie immer und immer wiederholte, dass
+der Minister Zinnober niemand anders sei, als ihr Sohn, den sie in
+der Jugend Klein Zaches geheissen; so dass die Leute zuletzt nicht
+wussten, ob sie die Frau fuer toll halten oder gar ahnen sollten, dass
+wirklich was an der Sache.
+
+Die Frau wandte nicht die Augen weg von Zinnobers Fenster. Da schlug
+sie mit einemmal eine helle Lache auf, klopfte die Haende zusammen und
+rief jubelnd ueberlaut: "Da ist er - da ist er, mein Herzensmaennlein
+- mein kleines Koboldchen - Guten Morgen, Klein Zaches! - Guten
+Morgen, Klein Zaches!" - Alle Leute kuckten hin, und als sie den
+kleinen Zinnober gewahrten, der in seinem gestickten Scharlachkleide,
+das Ordensband des gruengefleckten Tigers umgehaengt, vor dem Fenster
+stand, das hinabging bis an den Fussboden, so dass seine ganze Figur
+durch die grossen Scheiben deutlich zu sehen, lachten sie ganz
+uebermaessig und laermten und schrien: "Klein Zaches - Klein Zaches!
+Ha, seht doch den kleinen geputzten Pavian - die tolle Missgeburt -
+das Wurzelmaennlein - Klein Zaches! Klein Zaches!" - Der Portier, alle
+Diener Zinnobers rannten heraus, um zu erschauen, worueber das Volk
+denn so unmaessig lache und jubiliere. Aber kaum erblickten sie ihren
+Herren, als sie noch aerger als das Volk im tollsten Gelaechter
+schrien: "Klein Zaches - Klein Zaches - Wurzelmann - Daeumling -
+Alraun!" -
+
+Der Minister schien erst jetzt zu gewahren, dass der tolle Spuk auf
+der Strasse niemand anderm gelte, als ihm selbst. Er riss das Fenster
+auf, schaute mit zornfunkelnden Augen herab, schrie, raste, machte
+seltsame Spruenge vor Wut - drohte mit Wache - Polizei - Stockhaus und
+Festung.
+
+Aber je mehr die Exzellenz tobte im Zorn, desto aerger wurde Tumult
+und Gelaechter, man fing an mit Steinen - Obst - Gemuese oder was man
+eben zur Hand bekam, nach dem ungluecklichen Minister zu werfen - er
+musste hinein! -
+
+"Gott im Himmel," rief der Kammerdiener entsetzt, "aus dem Fenster
+der gnaedigen Exzellenz kuckte ja das kleine abscheuliche Ungetuem
+heraus - Was ist das? - wie ist der kleine Hexenkerl in die Zimmer
+gekommen?" - Damit rannte er hinauf, aber so wie vorher fand er das
+Schlafkabinett des Ministers fest verschlossen. Er wagte leise zu
+pochen! - Keine Antwort! -
+
+Indessen war, der Himmel weiss, auf welche Weise, ein dumpfes Gemurmel
+im Volke entstanden, das kleine laecherliche Ungetuem dort oben sei
+wirklich Klein Zaches, der den stolzen Namen Zinnober angenommen und
+sich durch allerlei schaendlichen Lug und Trug aufgeschwungen. Immer
+lauter und lauter erhoben sich die Stimmen. "Hinunter mit der kleinen
+Bestie - hinunter - klopft dem Klein Zaches die Ministerjacke aus
+- sperrt ihn in den Kaeficht - lasst ihn fuer Geld sehen auf dem
+Jahrmarkt! - Beklebt ihn mit Goldschaum und beschert ihn den Kindern
+zum Spielzeug! - Hinauf - hinauf!" - Und damit stuermte das Volk an
+gegen das Haus.
+
+Der Kammerdiener rang verzweiflungsvoll die Haende. "Rebellion -
+Tumult - Exzellenz - machen Sie auf - retten Sie sich!" - so schrie
+er; aber keine Antwort, nur ein leises Stoehnen liess sich vernehmen.
+
+Die Haustuere wurde eingeschlagen, das Volk polterte unter wildem
+Gelaechter die Treppe herauf.
+
+"Nun gilt's," sprach der Kammerdiener und rannte mit aller Macht an
+gegen die Tuere des Kabinetts, dass sie klirrend und rasselnd aus den
+Angeln sprang. - Keine Exzellenz - kein Zinnober zu finden! -
+
+"Exzellenz - gnaedigste Exzellenz - vernehmen Sie denn nicht die
+Rebellion? - Exzellenz - gnaedigste Exzellenz, wo hat sie denn der -
+Gott verzeih' mir die Suende, wo geruhen Sie sich denn zu befinden!"
+
+So schrie der Kammerdiener, in heller Verzweiflung durch die Zimmer
+rennend. Aber keine Antwort, kein Laut, nur der spottende Widerhall
+toente von den Marmorwaenden. Zinnober schien spurlos, tonlos
+verschwunden. - Draussen war es ruhiger geworden, der Kammerdiener
+vernahm die tiefe klangvolle Stimme eines Frauenzimmers, die zum Volke
+sprach, und gewahrte, durchs Fenster blickend, wie die Menschen nach
+und nach, leise miteinander murmelnd, das Haus verliessen, bedenkliche
+Blicke hinaufwerfend nach den Fenstern.
+
+"Die Rebellion scheint vorueber," sprach der Kammerdiener, "nun wird
+die gnaedige Exzellenz wohl hervorkommen aus ihrem Schlupfwinkel."
+
+Er ging nach dem Schlafkabinett zurueck, vermutend, dort werde der
+Minister sich doch wohl am Ende befinden.
+
+Er warf spaehende Blicke rings umher, da wurde er gewahr, wie aus
+einem schoenen silbernen Henkelgefaess, das immer dicht neben der
+Toilette zu stehen pflegte, weil es der Minister als ein teures
+Geschenk des Fuersten sehr wert hielt, ganz kleine duenne Beinchen
+hervorstarrten.
+
+"Gott - Gott," schrie der Kammerdiener entsetzt, "Gott! - Gott! -
+taeuscht mich nicht alles, so gehoeren die Beinchen dort Sr. Exzellenz
+dem Herrn Minister Zinnober, meinem gnaedigen Herrn!" - Er trat
+hinan, er rief, durchbebt von allen Schauern des Schrecks, indem er
+herabschaute: "Exzellenz - Exzellenz - um Gott, was machen Sie - was
+treiben Sie da unten in der Tiefe!"
+
+Da aber Zinnober still blieb, sah der Kammerdiener wohl die Gefahr
+ein, in der die Exzellenz schwebte, und dass es an der Zeit sei, allen
+Respekt beiseite zu setzen. Er packte den Zinnober bei den Beinchen
+- zog ihn heraus! - Ach tot - tot war die kleine Exzellenz! Der
+Kammerdiener brach aus in lautes Jammern; der Jaeger, die Dienerschaft
+eilte herbei, man rannte nach dem Leibarzt des Fuersten. Indessen
+trocknete der Kammerdiener seinen armen ungluecklichen Herrn ab mit
+saubern Handtuechern, legte ihn ins Bett, bedeckte ihn mit seidenen
+Kissen, so dass nur das kleine verschrumpfte Gesichtchen sichtbar
+blieb.
+
+Hinein trat nun das Fraeulein von Rosenschoen. Sie hatte erst, der
+Himmel weiss, auf welche Art, das Volk beruhigt. Nun schritt sie zu
+auf den entseelten Zinnober, ihr folgte die alte Liese, des kleinen
+Zaches leibliche Mutter. - Zinnober sah in der Tat huebscher aus im
+Tode, als er jemals in seinem ganzen Leben ausgesehen. Die kleinen
+Aeugelein waren geschlossen, das Naeschen sehr weiss, der Mund zum
+sanften Laecheln ein wenig verzogen, aber vor allen Dingen wallte das
+dunkelbraune Haar in den schoensten Locken herab. Ueber das Haupt hin
+strich das Fraeulein den Kleinen, und in dem Augenblick blitzte in
+mattem Schimmer ein roter Streif hervor.
+
+"Ha," rief das Fraeulein, indem ihr die Augen vor Freude glaenzten,
+"ha, Prosper Alpanus! - hoher Meister, du haeltst Wort! - Verbuesst
+ist sein Verhaengnis und mit ihm alle Schmach!"
+
+"Ach," sprach die alte Liese, "ach du lieber Gott, das ist ja doch
+wohl nicht mein kleiner Zaches, so huebsch hat der niemals ausgesehen.
+Da bin ich doch nun ganz umsonst nach der Stadt gegangen, und Ihr habt
+mir gar nicht gut geraten, mein gnaediges Fraeulein!" -
+
+"Murrt nur nicht, Alte," erwiderte das Fraeulein, "haettet Ihr nur
+meinen Rat ordentlich befolgt, und waeret Ihr nicht frueher, als ich
+hier war, in dies Haus gedrungen, alles stuende fuer Euch besser. -
+Ich wiederhole es, der Kleine, der dort tot im Bette liegt, ist gewiss
+und wahrhaftig Euer Sohn, Klein Zaches!"
+
+"Nun," rief die Frau mit leuchtenden Augen, "nun wenn die kleine
+Exzellenz dort wirklich mein Kind ist, so erb' ich ja wohl all die
+schoenen Sachen, die hier rings umherstehen, das ganze Haus mit allem,
+was drinnen ist?"
+
+"Nein," sprach das Fraeulein, "das ist nun ganz und gar vorbei, Ihr
+habt den rechten Augenblick verfehlt, Geld und Gut zu gewinnen. - Euch
+ist, ich habe es gleich gesagt, Euch ist nun einmal Reichtum nicht
+beschieden." -
+
+"So darf ich," fuhr die Frau fort, indem ihr die Traenen in die
+Augen traten, "so darf ich denn nicht wenigstens mein armes kleines
+Maennlein in die Schuerze nehmen und nach Hause tragen? - Unser Herr
+Pfarrer hat so viel huebsche ausgestopfte Voegelein und Eichkaetzchen,
+der soll mir meinen Klein Zaches ausstopfen lassen, und ich will
+ihn auf meinen Schrank stellen, wie er da ist im roten Rock mit
+dem breiten Bande und dem grossen Stern auf der Brust, zum ewigen
+Andenken!" -
+
+"Das ist," rief das Fraeulein beinahe unwillig, "das ist ein ganz
+einfaeltiger Gedanke, das geht ganz und gar nicht an!" -
+
+Da fing das Weib an zu schluchzen, zu klagen, zu lamentieren. "Was
+hab' ich," sprach sie, "nun davon, dass mein Klein Zaches zu hohen
+Wuerden, zu grossem Reichtum gelangt ist! - Waer' er nur bei mir
+geblieben, haett' ich ihn nur aufgezogen in meiner Armut, niemals
+waer' er in jenes verdammte silberne Ding gefallen, er lebte noch, und
+ich haett' vielleicht Freude und Segen von ihm gehabt. Trug ich ihn so
+herum in meinem Holzkorb, Mitleiden haetten die Leute gefuehlt und mir
+manches schoene Stuecklein Geld zugeworfen, aber nun" -
+
+Es liessen sich Tritte im Vorsaal vernehmen, das Fraeulein trieb die
+Alte hinaus, mit der Weisung, sie solle unten vor der Tuere warten, im
+Wegfahren wolle sie ihr ein untruegliches Mittel vertrauen, wie sie
+all ihre Not, all ihr Elend mit einemmal enden koenne.
+
+Nun trat Rosabelverde noch einmal dicht an den Kleinen heran und
+sprach mit der weichen bebenden Stimme des tiefen Mitleids:
+
+"Armer Zaches! - Stiefkind der Natur! - ich hatt' es gut mit dir
+gemeint! - Wohl mocht' es Torheit sein, dass ich glaubte, die aeussere
+schoene Gabe, womit ich dich beschenkt, wuerde hineinstrahlen in dein
+Inneres und eine Stimme erwecken, die dir sagen muesste: 'Du bist
+nicht der, fuer den man dich haelt, aber strebe doch nur an, es dem
+gleichzutun, auf dessen Fittichen du Lahmer, Unbefiederter dich
+aufschwingst!' - Doch keine innere Stimme erwachte. Dein traeger toter
+Geist vermochte sich nicht emporzurichten, du liessest nicht nach in
+deiner Dummheit, Grobheit, Ungebaerdigkeit - Ach! - waerst du nur ein
+geringes Etwas weniger, ein kleiner ungeschlachter Ruepel geblieben,
+du entgingst dem schmachvollen Tode! - Prosper Alpanus hat dafuer
+gesorgt, dass man dich jetzt im Tode wieder dafuer haelt, was du im
+Leben durch meine Macht zu sein schienst. Sollt' ich dich vielleicht
+gar noch wiederschauen als kleiner Kaefer - flinke Maus oder behende
+Eichkatze, so soll es mich freuen! - Schlafe wohl, Klein Zaches!" -
+
+Indem Rosabelverde das Zimmer verliess, trat der Leibarzt des Fuersten
+mit dem Kammerdiener hinein.
+
+"Um Gott," rief der Arzt, als er den toten Zinnober erblickte und sich
+ueberzeugte, dass alle Mittel, ihn ins Leben zu rufen, vergeblich
+bleiben wuerden, "um Gott, wie ist das zugegangen, Herr Kaemmerer?"
+
+"Ach," erwiderte dieser, "ach, lieber Herr Doktor, die Rebellion oder
+die Revolution, es ist all eins, wie Sie es nennen wollen, tobte und
+hantierte draussen auf dem Vorsaale ganz fuerchterlich. Se. Exzellenz,
+besorgt um ihr teures Leben, wollten gewiss in die Toilette
+hineinfluechten, glitschten aus und" -
+
+"So ist," sprach der Doktor feierlich und bewegt, "so ist er aus
+Furcht zu sterben gar gestorben!"
+
+Die Tuere sprang auf, und hinein stuerzte Fuerst Barsanuph mit
+verbleichtem Antlitz, hinter ihm her sieben noch bleichere
+Kammerherrn.
+
+"Ist es wahr, ist es wahr?" rief der Fuerst; aber sowie er des Kleinen
+Leichnam erblickte, prallte er zurueck und sprach, die Augen gen
+Himmel gerichtet, mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes: "O
+Zinnober!" - Und die sieben Kammerherrn riefen dem Fuersten nach: "O
+Zinnober!" und holten, wie es der Fuerst tat, die Schnupftuecher aus
+der Tasche und hielten sie sich vor die Augen.
+
+"Welch ein Verlust," begann nach einer Weile des lautlosen Jammers der
+Fuerst, "welch ein unersetzlicher Verlust fuer den Staat! - Wo einen
+Mann finden, der den Orden des gruengefleckten Tigers mit zwanzig
+Knoepfen mit _der_ Wuerde traegt, als mein Zinnober! - Leibarzt, und
+Sie konnten mir _den_ Mann sterben lassen! - Sagen Sie - wie ging das
+zu, wie mochte das geschehen - was war die Ursache - woran starb der
+Vortreffliche?" -
+
+Der Leibarzt beschaute den Kleinen sehr sorgsam, befuehlte manche
+Stellen ehemaliger Pulse, strich das Haupt entlang, raeusperte sich
+und begann: "Mein gnaedigster Herr! Sollte ich mich begnuegen, auf der
+Oberflaeche zu schwimmen, ich koennte sagen, der Minister sei an dem
+gaenzlichen Ausbleiben des Atems gestorben, dies Ausbleiben des Atems
+sei bewirkt durch die Unmoeglichkeit Atem zu schoepfen, und diese
+Unmoeglichkeit wieder nur herbeigefuehrt durch das Element, durch den
+Humor, in den der Minister stuerzte. Ich koennte sagen, der Minister
+sei auf diese Weise einen humoristischen Tod gestorben, aber fern
+von mir sei diese Seichtigkeit, fern von mir die Sucht, alles aus
+schnoeden physischen Prinzipien erklaeren zu wollen, was nur im Gebiet
+des rein Psychischen seinen natuerlichen unumstoesslichen Grund
+findet. - Mein gnaedigster Fuerst, frei sei des Mannes Wort! - Den
+ersten Keim des Todes fand der Minister im Orden des gruengefleckten
+Tigers mit zwanzig Knoepfen!" -
+
+"Wie," rief der Fuerst, indem er den Leibarzt mit zorngluehenden Augen
+anfunkelte, "wie! - was sprechen Sie? - der Orden des gruengefleckten
+Tigers mit zwanzig Knoepfen, den der Selige zum Wohl des Staats mit so
+vieler Anmut, mit so vieler Wuerde trug? - _der_ Ursache seines Todes?
+- Beweisen Sie mir das, oder - Kammerherrn, was sagt ihr dazu?"
+
+"Er muss beweisen, er muss beweisen, oder" - riefen die sieben blassen
+Kammerherrn, und der Leibarzt fuhr fort:
+
+"Mein bester gnaedigster Fuerst, ich werd' es beweisen, also kein
+_oder_! - Die Sache haengt folgendermassen zusammen: Das schwere
+Ordenszeichen am Bande, vorzueglich aber die Knoepfe auf dem Ruecken
+wirkten nachteilig auf die Ganglien des Rueckgrats. Zu gleicher Zeit
+verursachte der Ordensstern einen Druck auf jenes knotige fadichte
+Ding zwischen dem Dreifuss und der obern Gekroespulsader, das wir
+das Sonnengeflecht nennen, und das in dem labyrinthischen Gewebe der
+Nervengeflechte praedominiert. Dies dominierende Organ steht in der
+mannigfaltigsten Beziehung mit dem Zerebralsystem, und natuerlich war
+der Angriff auf die Ganglien auch diesem feindlich. Ist aber nicht
+die freie Leitung des Zerebralsystems die Bedingung des Bewusstseins,
+der Persoenlichkeit, als Ausdruck der vollkommensten Vereinigung des
+Ganzen in einem Brennpunkt? Ist nicht der Lebensprozess die Taetigkeit
+in beiden Sphaeren, in dem Ganglien- und Zerebralsystem? - Nun! genug,
+jener Angriff stoerte die Funktionen des psychischen Organism. Erst
+kamen finstre Ideen von unerkannten Aufopferungen fuer den Staat durch
+das schmerzhafte Tragen jenes Ordens u.s.w., immer verfaenglicher
+wurde der Zustand, bis gaenzliche Disharmonie des Ganglien- und
+Zerebralsystems endlich gaenzliches Aufhoeren des Bewusstseins,
+gaenzliches Aufgeben der Persoenlichkeit herbeifuehrte. Diesen Zustand
+bezeichnen wir aber mit dem Worte _Tod_! - Ja, gnaedigster Herr! -
+der Minister hatte bereits seine Persoenlichkeit aufgegeben, war
+also schon mausetot, als er hineinstuerzte in jenes verhaengnisvolle
+Gefaess. - So hatte sein Tod keine physische, wohl aber eine
+unermesslich tiefe psychische Ursache." -
+
+"Leibarzt," sprach der Fuerst unmutig, "Leibarzt, Sie schwatzen nun
+schon eine halbe Stunde, und ich will verdammt sein, wenn ich eine
+Silbe davon verstehe. Was wollen Sie mit Ihrem Physischen und
+Psychischen?"
+
+"Das physische Prinzip," nahm der Arzt wieder das Wort, "ist die
+Bedingung des rein vegetativen Lebens, das psychische bedingt dagegen
+den menschlichen Organism, der nur in dem Geiste, in der Denkkraft das
+Triebrad der Existenz findet."
+
+"Noch immer," rief der Fuerst im hoechsten Unmut, "noch immer verstehe
+ich Sie nicht, Unverstaendlicher!"
+
+"Ich meine," sprach der Doktor, "ich meine, Durchlauchtiger, dass das
+Physische sich bloss auf das rein vegetative Leben ohne Denkkraft,
+wie es in Pflanzen stattfindet, das Psychische aber auf die Denkkraft
+bezieht. Da diese nun im menschlichen Organism vorwaltet, so muss der
+Arzt immer bei der Denkkraft, bei dem Geist anfangen und den Leib nur
+als Vasallen des Geistes betrachten, der sich fuegen muss, sobald der
+Gebieter es will."
+
+"Hoho!" rief der Fuerst, "hoho, Leibarzt, lassen Sie das gut sein! -
+Kurieren Sie meinen Leib, und lassen Sie meinen Geist ungeschoren,
+von dem habe ich noch niemals Inkommoditaeten verspuert. Ueberhaupt,
+Leibarzt, Sie sind ein konfuser Mann, und stuende ich hier nicht an
+der Leiche meines Ministers und waere geruehrt, ich wuesste, was ich
+taete! - Nun Kammerherrn! vergiessen wir noch einige Zaehren hier am
+Katafalk des Verewigten und gehen wir dann zur Tafel."
+
+Der Fuerst hielt das Schnupftuch vor die Augen und schluchzte, die
+Kammerherrn taten desgleichen, dann schritten sie alle von dannen.
+Vor der Tuere stand die alte Liese, welche einige Reihen der
+allerschoensten goldgelben Zwiebeln ueber den Arm gehaengt hatte, die
+man nur sehen konnte. Des Fuersten Blick fiel zufaellig auf diese
+Fruechte. Er blieb stehen, der Schmerz verschwand aus seinem Antlitz,
+er laechelte mild und gnaedig, er sprach: "Hab' ich doch in meinem
+Leben keine solche schoene Zwiebeln gesehen, die muessen von dem
+herrlichsten Geschmack sein. Verkauft Sie die Ware, liebe Frau?"
+
+"O ja," erwiderte Liese mit einem tiefen Knix, "o ja, gnaedigste
+Durchlaucht, von dem Verkauf der Zwiebeln naehre ich mich duerftig,
+so gut es gehn will! - Sie sind suess wie purer Honig, belieben Sie,
+gnaedigster Herr?"
+
+Damit reichte sie eine Reihe der staerksten glaenzendsten Zwiebeln dem
+Fuersten hin. Der nahm sie, laechelte, schmatzte ein wenig und rief
+dann: "Kammerherrn! geb' mir einer einmal sein Taschenmesser her." Ein
+Messer erhalten, schaelte der Fuerst nett und sauber eine Zwiebel ab
+und kostete etwas von dem Mark.
+
+"Welch ein Geschmack, welche Suesse, welche Kraft, welches Feuer!"
+rief er, indem ihm die Augen glaenzten vor Entzuecken, "und dabei ist
+es mir, als saeh' ich den verewigten Zinnober vor mir stehen, der mir
+zuwinkte und zulispelte: 'Kaufen Sie - essen Sie diese Zwiebeln, mein
+Fuerst - das Wohl des Staats erfordert es!'" - Der Fuerst drueckte
+der alten Liese ein paar Goldstuecke in die Hand, und die Kammerherrn
+mussten saemtliche Reihen Zwiebeln in die Taschen schieben. Noch mehr!
+- er verordnete, dass niemand anders die Zwiebellieferung fuer die
+fuerstlichen Dejeuners haben sollte als Liese. So kam die Mutter des
+Klein Zaches, ohne gerade reich zu werden, aus aller Not, aus allem
+Elend, und gewiss war es wohl, dass ihr ein geheimer Zauber der guten
+Fee Rosabelverde dazu verhalf.
+
+Das Leichenbegaengnis des Ministers Zinnober war eins der
+praechtigsten, das man jemals in Kerepes gesehen; der Fuerst, alle
+Ritter des gruengefleckten Tigers folgten der Leiche in tiefer Trauer.
+Alle Glocken wurden gezogen, ja sogar die beiden Boeller, die der
+Fuerst behufs der Feuerwerke mit schweren Kosten angeschafft, mehrmals
+geloest. Buerger - Volk - alles weinte und lamentierte, dass der Staat
+seine beste Stuetze verloren und wohl niemals mehr ein Mann von dem
+tiefen Verstande, von der Seelengroesse, von der Milde, von dem
+unermuedlichen Eifer fuer das allgemeine Wohl, wie Zinnober, an das
+Ruder der Regierung kommen werde.
+
+In der Tat blieb auch der Verlust unersetzlich; denn niemals fand sich
+wieder ein Minister, dem der Orden des gruengefleckten Tigers mit
+zwanzig Knoepfen so an den Leib gepasst haben sollte, wie dem
+verewigten unvergesslichen Zinnober.
+
+
+
+Letztes Kapitel
+
+Wehmuetige Bitten des Autors. - Wie der Professor Mosch Terpin sich
+beruhigte und Candida niemals verdriesslich werden konnte. - Wie ein
+Goldkaefer dem Doktor Prosper Alpanus etwas ins Ohr summte, dieser
+Abschied nahm und Balthasar eine glueckliche Ehe fuehrte.
+
+Es ist nun an dem, dass der, der fuer dich, geliebter Leser, diese
+Blaetter aufschreibt, von dir scheiden will, und dabei ueberfaellt
+ihn Wehmut und Bangen. - Noch vieles, vieles wuesste er von den
+merkwuerdigen Taten des kleinen Zinnober, und er haette, wie er denn
+nun ueberhaupt zu der Geschichte aus dem Innern heraus unwiderstehlich
+angeregt wurde, wahre Lust daran gehabt, dir, o mein Leser, noch das
+alles zu erzaehlen. Doch! - rueckblickend auf alle Ereignisse, wie sie
+in den neun Kapiteln vorgekommen, fuehlt er wohl, dass darin schon so
+viel Wunderliches, Tolles, der nuechternen Vernunft Widerstrebendes
+enthalten, dass er, noch mehr dergleichen anhaeufend, Gefahr laufen
+muesste, es mit dir, geliebter Leser, deine Nachsicht missbrauchend,
+ganz und gar zu verderben. Er bittet dich in jener Wehmut, in jenem
+Bangen, das ploetzlich seine Brust beengte, als er die Worte: "Letztes
+Kapitel" schrieb, du moegest mit recht heitrem, unbefangenem Gemuet es
+dir gefallen lassen, die seltsamen Gestaltungen zu betrachten, ja sich
+mit ihnen zu befreunden, die der Dichter der Eingebung des spukhaften
+Geistes, Phantasus geheissen, verdankt, und dessen bizarrem,
+launischem Wesen er sich vielleicht zu sehr ueberliess. - Schmolle
+deshalb nicht mit beiden, mit dem Dichter und mit dem launischen
+Geiste! - Hast du, geliebter Leser, hin und wieder ueber manches
+recht im Innern gelaechelt, so warst du in der Stimmung, wie sie der
+Schreiber dieser Blaetter wuenschte, und dann, so glaubt er, wirst du
+ihm wohl vieles zugute halten! -
+
+Eigentlich haette die Geschichte mit dem tragischen Tode des kleinen
+Zinnober schliessen koennen. Doch ist es nicht anmutiger, wenn statt
+eines traurigen Leichenbegaengnisses eine froehliche Hochzeit am Ende
+steht?
+
+So werde denn noch kuerzlich der holden Candida und des gluecklichen
+Balthasars gedacht. -
+
+Der Professor Mosch Terpin war sonst ein aufgeklaerter, welterfahrner
+Mann, der dem weisen Spruch: Nil admirari gemaess sich seit vielen,
+vielen Jahren ueber nichts in der Welt zu verwundern pflegte. Aber
+jetzt geschah es, dass er, all seine Weisheit aufgebend, sich immer
+fort und fort verwundern musste, so dass er zuletzt klagte, wie er
+nicht mehr wisse, ob er wirklich der Professor Mosch Terpin sei, der
+ehemals die natuerlichen Angelegenheiten im Staate dirigiert, und
+ob er noch wirklich, Kopf in die Hoehe, auf seinen lieben Fuessen
+einherspaziere.
+
+Zuerst verwunderte er sich, als Balthasar ihm den Doktor
+Prosper Alpanus als seinen Oheim vorstellte und dieser ihm die
+Schenkungsurkunde vorwies, vermoege der Balthasar Besitzer des eine
+Stunde von Kerepes entfernten Landhauses nebst Waldung, Aecker und
+Wiesen wurde; als er in dem Inventario, kaum seinen Augen trauend,
+koestliche Geraetschaften, ja Gold- und Silberbarren erwaehnt
+gewahrte, deren Wert den Reichtum der fuerstlichen Schatzkammer bei
+weitem ueberstieg. Dann verwunderte er sich, als er den praechtigen
+Sarg, in dem Zinnober lag, durch Balthasars Lorgnette anschaute,
+und es ihm auf einmal war, als habe es nie einen Minister Zinnober,
+sondern nur einen kleinen ungeschlachten, ungebaerdigen Knirps
+gegeben, den man faelschlicherweise fuer einen verstaendigen, weisen
+Minister Zinnober gehalten.
+
+Bis auf den hoechsten Grad stieg aber Mosch Terpins Verwunderung, als
+Prosper Alpanus ihn im Landhause umherfuehrte, ihm seine Bibliothek
+und andere sehr wunderbare Dinge zeigte, ja selbst einige sehr
+anmutige Experimente machte mit seltsamen Pflanzen und Tieren.
+
+Dem Professor ging der Gedanke auf, es sei wohl mit seinem
+Naturforschen ganz und gar nichts, und er saesse in einer herrlichen
+bunten Zauberwelt wie in einem Ei eingeschlossen. Dieser Gedanke
+beunruhigte ihn so sehr, dass er zuletzt klagte und weinte wie ein
+Kind. Balthasar fuehrte ihn sofort in den geraeumigen Weinkeller, in
+dem er glaenzende Faesser und blinkende Flaschen erblickte. Besser
+als in dem fuerstlichen Weinkeller, meinte Balthasar, koenne er hier
+studieren und in dem schoenen Park die Natur hinlaenglich erforschen.
+
+Hierauf beruhigte sich der Professor.
+
+Balthasars Hochzeit wurde auf dem Landhause gefeiert. Er - die Freunde
+Fabian - Pulcher - alle erstaunten ueber Candidas hohe Schoenheit,
+ueber den zauberischen Reiz, der in ihrem Anzuge, in ihrem ganzen
+Wesen lag. - Es war auch wirklich ein Zauber, der sie umfloss, denn
+die Fee Rosabelverde, die, allen Groll vergessend, der Hochzeit als
+Stiftsfraeulein von Rosenschoen beiwohnte, hatte sie selbst gekleidet
+und mit den schoensten, herrlichsten Rosen geschmueckt. Nun weiss man
+aber wohl, dass der Anzug gut stehen muss, wenn eine Fee dabei Hand
+anlegt. Ausserdem hatte Rosabelverde der holden Braut einen praechtig
+funkelnden Halsschmuck verehrt, der eine magische Wirkung dahin
+aeusserte, dass sie, hatte sie ihn umgetan, niemals ueber
+Kleinigkeiten, ueber ein schlecht genesteltes Band, ueber einen
+missratenen Haarschmuck, ueber einen Fleck in der Waesche oder
+sonst verdriesslich werden konnte. Diese Eigenschaft, die ihr der
+Halsschmuck gab, verbreitete eine besondere Anmut und Heiterkeit auf
+ihrem ganzen Antlitz.
+
+Das Brautpaar stand im hoechsten Himmel der Wonne, und - so herrlich
+wirkte der geheime weise Zauber Alpans - hatte doch noch Blick und
+Wort fuer die Herzensfreunde, welche versammelt. Prosper Alpanus und
+Rosabelverde, beide sorgten dafuer, dass die schoensten Wunder den
+Hochzeitstag verherrlichten. Ueberall toenten aus Bueschen und Baeumen
+suesse Liebeslaute, waehrend sich schimmernde Tafeln erhoben mit den
+herrlichsten Speisen, mit Kristallflaschen belastet, aus denen der
+edelste Wein stroemte, welcher Lebensglut durch alle Adern der Gaeste
+goss.
+
+Die Nacht war eingebrochen, da spannen sich feuerflammende Regenbogen
+ueber den ganzen Park, und man sah schimmernde Voegel und Insekten,
+die sich auf und ab schwangen, und wenn sie die Fluegel schuettelten,
+staeubten Millionen Funken hervor, die in ewigem Wechsel allerlei
+holde Gestalten bildeten, welche in der Luft tanzten und gaukelten
+und im Gebuesch verschwanden. Und dabei toente staerker die Musik des
+Waldes, und der Nachtwind strich daher, geheimnisvoll saeuselnd und
+suesse Duefte aushauchend.
+
+Balthasar, Candida, die Freunde erkannten den maechtigen Zauber
+Alpans, aber Mosch Terpin, halb berauscht, lachte laut und meinte,
+hinter allem stecke niemand anders, als der Teufelskerl, der
+Operndekorateur und Feuerwerker des Fuersten.
+
+Schneidende Glockentoene erhallten. Ein glaenzender Goldkaefer schwang
+sich herab, setzte sich auf Prosper Alpanus' Schulter und schien ihm
+leise etwas ins Ohr zu sumsen.
+
+Prosper Alpanus erhob sich von seinem Sitz und sprach ernst und
+feierlich: "Geliebter Balthasar - holde Candida - meine Freunde! - Es
+ist nun an der Zeit - Lothos ruft - ich muss scheiden." -
+
+Darauf nahte er sich dem Brautpaar und sprach leise mit ihnen. Beide,
+Balthasar und Candida, waren sehr geruehrt, Prosper schien ihnen
+allerlei gute Lehren zu geben, er umarmte beide mit Inbrunst.
+
+Dann wandte er sich an das Fraeulein von Rosenschoen und sprach
+ebenfalls leise mit ihr - wahrscheinlich gab sie ihm Auftraege in
+Zauber- und Feen-Angelegenheiten, die er willig uebernahm.
+
+Indessen hatte sich ein kleiner kristallner Wagen, mit zwei
+schimmernden Libellen bespannt, die der Silberfasan fuehrte, aus den
+Lueften hinabgesenkt.
+
+"Lebt wohl - lebt wohl!" rief Prosper Alpanus, stieg in den Wagen
+und schwebte empor ueber die flammenden Regenbogen hinweg, bis sein
+Fuhrwerk zuletzt in den hoechsten Lueften erschien wie ein kleiner
+funkelnder Stern, der sich endlich hinter den Wolken verbarg.
+
+"Schoene Mongolfiere," schnarchte Mosch Terpin und versank, von der
+Kraft des Weines uebermannt, in tiefen Schlaf.
+
+- Balthasar, der Lehren des Prosper Alpanus eingedenk, den Besitz
+des wunderbaren Landhauses wohl nutzend, wurde in der Tat ein guter
+Dichter, und da die uebrigen Eigenschaften, die Prosper ruecksichts
+der holden Candida an dem Besitztum geruehmt, sich ganz und gar
+bewaehrten, Candida auch niemals den Halsschmuck, den ihr das
+Stiftsfraeulein von Rosenschoen als Hochzeitsgabe beschert, ablegte,
+so konnt' es nicht fehlen, dass Balthasar die gluecklichste Ehe in
+aller Wonne und Herrlichkeit fuehrte, wie sie nur jemals ein Dichter
+mit einer huebschen jungen Frau gefuehrt haben mag -
+
+So hat aber das Maerchen von Klein Zaches genannt Zinnober nun
+wirklich ganz und gar ein froehliches
+
+ Ende.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KLEIN ZACHES, GENANNT ZINNOBER ***
+
+This file should be named 7klnz10.txt or 7klnz10.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7klnz11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7klnz10a.txt
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+http://gutenberg.net or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05
+
+Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92,
+91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
+
+ PROJECT GUTENBERG LITERARY ARCHIVE FOUNDATION
+ 809 North 1500 West
+ Salt Lake City, UT 84116
+
+Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
+method other than by check or money order.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
+the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
+
+You can get up to date donation information online at:
+
+http://www.gutenberg.net/donation.html
+
+
+***
+
+If you can't reach Project Gutenberg,
+you can always email directly to:
+
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+
+Prof. Hart will answer or forward your message.
+
+We would prefer to send you information by email.
+
+
+**The Legal Small Print**
+
+
+(Three Pages)
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
+Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
+They tell us you might sue us if there is something wrong with
+your copy of this eBook, even if you got it for free from
+someone other than us, and even if what's wrong is not our
+fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
+disclaims most of our liability to you. It also tells you how
+you may distribute copies of this eBook if you want to.
+
+*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
+By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
+eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
+this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
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+you got it from. If you received this eBook on a physical
+medium (such as a disk), you must return it with your request.
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+ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
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+is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
+through the Project Gutenberg Association (the "Project").
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+things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
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+But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
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+receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
+all liability to you for damages, costs and expenses, including
+legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
+UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
+INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
+OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
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+receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
+you paid for it by sending an explanatory note within that
+time to the person you received it from. If you received it
+on a physical medium, you must return it with your note, and
+such person may choose to alternatively give you a replacement
+copy. If you received it electronically, such person may
+choose to alternatively give you a second opportunity to
+receive it electronically.
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+THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
+TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
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+PARTICULAR PURPOSE.
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+the exclusion or limitation of consequential damages, so the
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+may have other legal rights.
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+You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation,
+and its trustees and agents, and any volunteers associated
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+You may distribute copies of this eBook electronically, or by
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+"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
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+ binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
+ including any form resulting from conversion by word
+ processing or hypertext software, but only so long as
+ *EITHER*:
+
+ [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and
+ does *not* contain characters other than those
+ intended by the author of the work, although tilde
+ (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
+ be used to convey punctuation intended by the
+ author, and additional characters may be used to
+ indicate hypertext links; OR
+
+ [*] The eBook may be readily converted by the reader at
+ no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
+ form by the program that displays the eBook (as is
+ the case, for instance, with most word processors);
+ OR
+
+ [*] You provide, or agree to also provide on request at
+ no additional cost, fee or expense, a copy of the
+ eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
+ or other equivalent proprietary form).
+
+[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this
+ "Small Print!" statement.
+
+[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
+ gross profits you derive calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. If you
+ don't derive profits, no royalty is due. Royalties are
+ payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
+ the 60 days following each date you prepare (or were
+ legally required to prepare) your annual (or equivalent
+ periodic) tax return. Please contact us beforehand to
+ let us know your plans and to work out the details.
+
+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
+Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
+public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form.
+
+The Project gratefully accepts contributions of money, time,
+public domain materials, or royalty free copyright licenses.
+Money should be paid to the:
+"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+If you are interested in contributing scanning equipment or
+software or other items, please contact Michael Hart at:
+hart@pobox.com
+
+[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
+when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
+used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
+they hardware or software or any other related product without
+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
diff --git a/old/7klnz10.zip b/old/7klnz10.zip
new file mode 100644
index 0000000..25e3ce6
--- /dev/null
+++ b/old/7klnz10.zip
Binary files differ
diff --git a/old/8klnz10.txt b/old/8klnz10.txt
new file mode 100644
index 0000000..32894de
--- /dev/null
+++ b/old/8klnz10.txt
@@ -0,0 +1,4339 @@
+The Project Gutenberg EBook of Klein Zaches, genannt Zinnober, by E. T. A. Hoffmann
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
+
+This header should be the first thing seen when viewing this Project
+Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
+header without written permission.
+
+Please read the "legal small print," and other information about the
+eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
+important information about your specific rights and restrictions in
+how the file may be used. You can also find out about how to make a
+donation to Project Gutenberg, and how to get involved.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Klein Zaches, genannt Zinnober
+
+Author: E. T. A. Hoffmann
+
+Release Date: October, 2005 [EBook #9200]
+[This file was first posted on September 15, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KLEIN ZACHES, GENANNT ZINNOBER ***
+
+
+
+
+
+
+
+
+This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg - DE"
+(http://www.gutenberg2000.de/etahoff/zaches/zaches.htm), prepared by
+Gerd Bouillon.
+
+
+
+Klein Zaches
+genannt Zinnober
+
+Ein Märchen
+
+E.T.A. Hoffmann
+
+
+
+
+
+
+
+Erstes Kapitel: Der kleine Wechselbalg. - Dringende Gefahr einer
+ Pfarrersnase. - Wie Fürst Paphnutius in seinem Lande die
+ Aufklärung einführte und die Fee Rosabelverde in ein Fräuleinstift
+ kam.
+
+Zweites Kapitel: Von der unbekannten Völkerschaft, die der Gelehrte
+ Ptolomäus Philadelphus auf seinen Reisen entdeckte. - Die
+ Universität Kerepes. - Wie dem Studenten Fabian ein Paar
+ Reitstiefel um den Kopf flogen und der Professor Mosch Terpin den
+ Studenten Balthasar zum Tee einlud.
+
+Drittes Kapitel: Wie Fabian nicht wußte, was er sagen sollte. -
+ Candida und Jungfrauen, die nicht Fische essen dürfen. - Mosch
+ Terpins literarischer Tee. - Der junge Prinz.
+
+Viertes Kapitel: Wie der italienische Geiger Sbiocca den Herrn
+ Zinnober in den Kontrabaß zu werfen drohte, und der Referendarius
+ Pulcher nicht zu auswärtigen Angelegenheiten gelangen konnte. -
+ Von Maut-Offizianten und zurückbehaltenen Wundern fürs Haus. -
+ Balthasars Bezauberung durch einen Stockknopf.
+
+Fünftes Kapitel: Wie Fürst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger
+ Goldwasser frühstückte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose
+ bekam und den Geheimen Sekretär Zinnober zum Geheimen Spezialrat
+ erhob. - Die Bilderbücher des Doktors Prosper Alpanus. - Wie
+ ein Portier den Studenten Fabian in den Finger biß, dieser ein
+ Schleppkleid trug und deshalb verhöhnt wurde. - Balthasars Flucht.
+
+Sechstes Kapitel: Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem
+ Garten frisiert wurde und im Grase ein Taubad nahm. - Der
+ Orden des grüngefleckten Tigers. - Glücklicher Einfall eines
+ Theaterschneiders. - Wie das Fräulein von Rosenschön sich
+ mit Kaffee begoß und Prosper Alpanus ihr seine Freundschaft
+ versicherte.
+
+Siebentes Kapitel: Wie der Professor Mosch Terpin im fürstlichen
+ Weinkeller die Natur erforschte. - Mycetes Belzebub. -
+ Verzweiflung des Studenten Balthasar. - Vorteilhafter Einfluß
+ eines wohleingerichteten Landhauses auf das häusliche Glück. - Wie
+ Prosper Alpanus dem Balthasar eine schildkrötene Dose überreichte
+ und davonritt.
+
+Achtes Kapitel: Wie Fabian seiner langen Rockschöße halber für einen
+ Sektierer und Tumultuanten gehalten wurde. - Wie Fürst Barsanuph
+ hinter den Kaminschirm trat und den Generaldirektor der
+ natürlichen Angelegenheiten kassierte. - Zinnobers Flucht aus
+ Mosch Terpins Hause. - Wie Mosch Terpin auf einem Sommervogel
+ ausreiten und Kaiser werden wollte, dann aber zu Bette ging.
+
+Neuntes Kapitel: Verlegenheit eines treuen Kammerdieners. - Wie die
+ alte Liese eine Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober
+ auf der Flucht ausglitschte. - Auf welche merkwürdige Weise der
+ Leibarzt des Fürsten Zinnobers jähen Tod erklärte. - Wie Fürst
+ Barsanuph sich betrübte, Zwiebeln aß, und wie Zinnobers Verlust
+ unersetzlich blieb.
+
+Letztes Kapitel: Wehmütige Bitten des Autors. - Wie der Professor
+ Mosch Terpin sich beruhigte und Candida niemals verdrießlich
+ werden konnte. - Wie ein Goldkäfer dem Doktor Prosper Alpanus
+ etwas ins Ohr summte, dieser Abschied nahm und Balthasar eine
+ glückliche Ehe führte.
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+Der kleine Wechselbalg. - Dringende Gefahr einer Pfarrersnase. - Wie
+Fürst Paphnutius in seinem Lande die Aufklärung einführte und die Fee
+Rosabelverde in ein Fräuleinstift kam.
+
+Unfern eines anmutigen Dorfes, hart am Wege, lag auf dem von der
+Sonnenglut erhitzten Boden hingestreckt ein armes zerlumptes
+Bauerweib. Vom Hunger gequält, vor Durst lechzend, ganz verschmachtet,
+war die Unglückliche unter der Last des im Korbe hoch aufgetürmten
+dürren Holzes, das sie im Walde unter den Bäumen und Sträuchern mühsam
+aufgelesen, niedergesunken, und da sie kaum zu atmen vermochte,
+glaubte sie nicht anders, als daß sie nun wohl sterben, so sich aber
+ihr trostloses Elend auf einmal enden werde. Doch gewann sie bald
+so viel Kraft, die Stricke, womit sie den Holzkorb auf ihrem Rücken
+befestigt, loszunesteln und sich langsam heraufzuschieben auf einen
+Grasfleck, der gerade in der Nähe stand. Da brach sie nun aus in laute
+Klagen: "Muß," jammerte sie, "muß mich und meinen armen Mann allein
+denn alle Not und alles Elend treffen? Sind wir denn nicht im ganzen
+Dorfe die einzigen, die aller Arbeit, alles sauer vergessenen
+Schweißes ungeachtet in steter Armut bleiben und kaum so viel
+erwerben, um unsern Hunger zu stillen? - Vor drei Jahren, als mein
+Mann beim Umgraben unseres Gartens die Goldstücke in der Erde fand,
+ja, da glaubten wir, das Glück sei endlich eingekehrt bei uns und nun
+kämen die guten Tage; aber was geschah! - Diebe stahlen das Geld,
+Haus und Scheune brannten uns über dem Kopfe weg, das Getreide auf
+dem Acker zerschlug der Hagel, und um das Maß unseres Herzeleids
+vollzumachen bis über den Rand, strafte uns der Himmel noch mit diesem
+kleinen Wechselbalg, den ich zu Schand' und Spott des ganzen Dorfs
+gebar. - Zu St.-Laurenztag ist nun der Junge drittehalb Jahre gewesen
+und kann auf seinen Spinnenbeinchen nicht stehen, nicht gehen und
+knurrt und miaut, statt zu reden, wie eine Katze. Und dabei frißt die
+unselige Mißgeburt wie der stärkste Knabe von wenigstens acht Jahren,
+ohne daß es ihm im mindesten was anschlägt. Gott erbarme sich über ihn
+und über uns, daß wir den Jungen großfüttern müssen uns selbst zur
+Qual und größerer Not; denn essen und trinken immer mehr und mehr wird
+der kleine Däumling wohl, aber arbeiten sein Lebetage nicht! Nein,
+nein, das ist mehr als ein Mensch aushalten kann auf dieser Erde! -
+Ach könnt' ich nur sterben - nur sterben!" Und damit fing die Arme an
+zu weinen und zu schluchzen, bis sie endlich, vom Schmerz übermannt,
+ganz entkräftet einschlief. -
+
+Mit Recht konnte das Weib über den abscheulichen Wechselbalg klagen,
+den sie vor drittehalb Jahren geboren. Das, was man auf den ersten
+Blick sehr gut für ein seltsam verknorpeltes Stückchen Holz
+hätte ansehen können, war nämlich ein kaum zwei Spannen hoher,
+mißgestalteter Junge, der von dem Korbe, wo er querüber gelegen,
+heruntergekrochen, sich jetzt knurrend im Grase wälzte. Der Kopf stak
+dem Dinge tief zwischen den Schultern, die Stelle des Rückens vertrat
+ein kürbisähnlicher Auswuchs, und gleich unter der Brust hingen
+die haselgertdünnen Beinchen herab, daß der Junge aussah wie ein
+gespalteter Rettich. Vom Gesicht konnte ein stumpfes Auge nicht viel
+entdecken, schärfer hinblickend, wurde man aber wohl die lange spitze
+Nase, die aus schwarzen struppigen Haaren hervorstarrte, und ein Paar
+kleine, schwarz funkelnde Äuglein gewahr, die, zumal bei den übrigens
+ganz alten, eingefurchten Zügen des Gesichts, ein klein Alräunchen
+kundzutun schienen. -
+
+Als nun, wie gesagt, das Weib über ihren Gram in tiefen Schlaf
+gesunken war und ihr Söhnlein sich dicht an sie herangewälzt hatte,
+begab es sich, daß das Fräulein von Rosenschön, Dame des nahegelegenen
+Stifts, von einem Spaziergange heimkehrend, des Weges daherwandelte.
+Sie blieb stehen und wurde, da sie von Natur fromm und mitleidig,
+bei dem Anblick des Elends, der sich ihr darbot, sehr gerührt. "O du
+gerechter Himmel," fing sie an, "wieviel Jammer und Not gibt es doch
+auf dieser Erde! - Das unglückliche Weib! - Ich weiß, daß sie kaum das
+liebe Leben hat, da arbeitet sie über ihre Kräfte und ist vor Hunger
+und Kummer hingesunken! - Wie fühle ich jetzt erst recht empfindlich
+meine Armut und Ohnmacht! Ach, könnt' ich doch nur helfen, wie ich
+wollte! - Doch das, was mir noch übrig blieb, die wenigen Gaben, die
+das feindselige Verhängnis mir nicht zu rauben, nicht zu zerstören
+vermochte, die mir noch zu Gebote stehen, die will ich kräftig und
+getreu nützen, um dem Leidwesen zu steuern. Geld, hätte ich auch
+darüber zu gebieten, würde dir gar nichts helfen, arme Frau, sondern
+deinen Zustand vielleicht noch gar verschlimmern. Dir und deinem Mann,
+euch beiden ist nun einmal Reichtum nicht beschert, und wem Reichtum
+nicht beschert ist, dem verschwinden die Goldstücke aus der Tasche,
+er weiß selbst nicht wie, er hat davon nichts als großen Verdruß und
+wird, je mehr Geld ihm zuströmt, nur desto ärmer. Aber ich weiß es,
+mehr als alle Armut, als alle Not, nagt an deinem Herzen, daß du jenes
+kleine Untierchen gebarst, das sich wie eine böse unheimliche Last an
+dich hängt, die du durch das Leben tragen mußt. - Groß - schön - stark
+- verständig, ja, das alles kann der Junge nun einmal nicht werden,
+aber es ist ihm vielleicht noch auf andere Weise zu helfen." - Damit
+setzte sich das Fräulein nieder ins Gras und nahm den Kleinen auf den
+Schoß. Das böse Alräunchen sträubte und spreizte sich, knurrte und
+wollte das Fräulein in den Finger beißen, _die_ sprach aber: "Ruhig,
+ruhig, kleiner Maikäfer!" und strich leise und linde mit der flachen
+Hand ihm über den Kopf von der Stirn herüber bis in den Nacken.
+Allmählich glättete sich während des Streichelns das struppige Haar
+des Kleinen aus, bis es gescheitelt, an der Stirne fest anliegend, in
+hübschen weichen Locken hinabwallte auf die hohen Schultern und den
+Kürbisrücken. Der Kleine war immer ruhiger geworden und endlich fest
+eingeschlafen. Da legte ihn das Fräulein Rosenschön behutsam dicht
+neben der Mutter hin ins Gras, besprengte diese mit einem geistigen
+Wasser aus dem Riechfläschchen, das sie aus der Tasche gezogen, und
+entfernte sich dann schnellen Schrittes.
+
+Als die Frau bald darauf erwachte, fühlte sie sich auf wunderbare
+Weise erquickt und gestärkt. Es war ihr, als habe sie eine tüchtige
+Mahlzeit gehalten und einen guten Schluck Wein getrunken. "Ei," rief
+sie aus, "wie ist mir doch in dem bißchen Schlaf so viel Trost, so
+viel Munterkeit gekommen! - Aber die Sonne ist schon bald herab
+hinter den Bergen, nun fort nach Hause!" - Damit wollte sie den Korb
+aufpacken, vermißte aber, als sie hineinsah, den Kleinen, der in
+demselben Augenblick sich aus dem Grase aufrichtete und weinerlich
+quäkte. Als nun die Mutter sich nach ihm umschaute, schlug sie vor
+Erstaunen die Hände zusammen und rief - "Zaches - Klein Zaches, wer
+hat dir denn unterdessen die Haare so schön gekämmt! - Zaches - Klein
+Zaches, wie hübsch würden dir die Locken kleiden, wenn du nicht solch
+ein abscheulich garstiger Junge wärst! - Nun, komm nur, komm! - hinein
+in den Korb!" Sie wollte ihn fassen und quer über das Holz legen, da
+strampelte aber Klein Zaches mit den Beinen, grinste die Mutter an und
+miaute sehr vernehmlich: "Ich mag nicht!" - "Zaches! - Klein Zaches!"
+schrie die Frau ganz außer sich, "wer hat dich denn unterdessen reden
+gelehrt? Nun! wenn du solch schön gekämmte Haare hast, wenn du so
+artig redest, so wirst du auch wohl laufen können." Die Frau huckte
+den Korb auf den Rücken, Klein Zaches hing sich an ihre Schürze, und
+so ging es fort nach dem Dorfe.
+
+Sie mußten bei dem Pfarrhause vorüber, da begab es sich, daß der
+Pfarrer mit seinem jüngsten Knaben, einem bildschönen goldlockigen
+Jungen von drei Jahren, in seiner Haustüre stand. Als der nun die Frau
+mit dem schweren Holzkorbe und mit Klein Zaches, der an ihrer Schürze
+baumelte, daherkommen sah, rief er ihr entgegen: "Guten Abend, Frau
+Liese, wie geht es Euch - Ihr habt ja eine gar zu schwere Bürde
+geladen, Ihr könnt ja kaum mehr fort, kommt her, ruht Euch ein wenig
+aus auf dieser Bank vor meiner Türe, meine Magd soll Euch einen
+frischen Trunk reichen!" - Frau Liese ließ sich das nicht zweimal
+sagen, sie setzte ihren Korb ab und wollte eben den Mund öffnen, um
+dem ehrwürdigen Herrn all ihren Jammer, ihre Not zu klagen, als Klein
+Zaches bei der raschen Wendung der Mutter das Gleichgewicht verlor und
+dem Pfarrer vor die Füße flog. Der bückte sich rasch nieder und hob
+den Kleinen auf, indem er sprach: "Ei, Frau Liese, Frau Liese, was
+habt Ihr da für einen bildschönen allerliebsten Knaben! Das ist ja
+ein wahrer Segen des Himmels, ein solch wunderbar schönes Kind zu
+besitzen." Und damit nahm er den Kleinen in die Arme und liebkoste ihn
+und schien es gar nicht zu bemerken, daß der unartige Däumling gar
+häßlich knurrte und mauzte und den ehrwürdigen Herrn sogar in die
+Nase beißen wollte. Aber Frau Liese stand ganz verblüfft vor dem
+Geistlichen und schaute ihn an mit aufgerissenen starren Augen und
+wußte gar nicht, was sie denken sollte. "Ach, lieber Herr Pfarrer,"
+begann sie endlich mit weinerlicher Stimme, "ein Mann Gottes, wie Sie,
+treibt doch wohl nicht seinen Spott mit einem armen unglücklichen
+Weibe, das der Himmel, mag er selbst wissen warum, mit diesem
+abscheulichen Wechselbalge gestraft hat!" "Was spricht," erwiderte
+der Geistliche sehr ernst, "was spricht Sie da für tolles Zeug, liebe
+Frau! von Spott - Wechselbalg - Strafe des Himmels - ich verstehe Sie
+gar nicht und weiß nur, daß Sie ganz verblendet sein muß, wenn Sie
+Ihren hübschen Knaben nicht recht herzlich liebt. - Küsse mich,
+artiger kleiner Mann!" - Der Pfarrer herzte den Kleinen, aber Zaches
+knurrte: "Ich mag nicht!" und schnappte aufs neue nach des Geistlichen
+Nase. - "Seht die arge Bestie!" rief Liese erschrocken; aber in dem
+Augenblick sprach der Knabe des Pfarrers: "Ach, lieber Vater, du bist
+so gut, du tust so schön mit den Kindern, die müssen wohl alle dich
+recht herzlich lieb haben!" "O hört doch nur," rief der Pfarrer, indem
+ihm die Augen vor Freude glänzten, "O hört doch nur, Frau Liese,
+den hübschen verständigen Knaben, Euren lieben Zaches, dem Ihr so
+übelwollt. Ich merk' es schon, Ihr werdet Euch nimmermehr was aus
+dem Knaben machen, sei er auch noch so hübsch und verständig. Hört,
+Frau Liese, überlaßt mir Euer hoffnungsvolles Kind zur Pflege und
+Erziehung. Bei Eurer drückenden Armut ist Euch der Knabe nur eine
+Last, und mir macht es Freude, ihn zu erziehen wie meinen eignen
+Sohn!" -
+
+Liese konnte vor Erstaunen gar nicht zu sich selbst kommen, ein Mal
+über das andere rief sie: "Aber, lieber Herr Pfarrer - lieber Herr
+Pfarrer, ist denn das wirklich Ihr Ernst, daß Sie die kleine Ungestalt
+zu sich nehmen und erziehen und mich von der Not befreien wollen,
+die ich mit dem Wechselbalg habe?" - Doch, je mehr die Frau die
+abscheuliche Häßlichkeit ihres Alräunchens dem Pfarrer vorhielt, desto
+eifriger behauptete dieser, daß sie in ihrer tollen Verblendung gar
+nicht verdiene, vom Himmel mit dem herrlichen Geschenk eines solchen
+Wunderknaben gesegnet zu sein, bis er zuletzt ganz zornig mit Klein
+Zaches auf dem Arm hineinlief in das Haus und die Türe von innen
+verriegelte.
+
+Da stand nun Frau Liese wie versteinert vor des Pfarrers Haustüre und
+wußte gar nicht, was sie von dem allem denken sollte. "Was um aller
+Welt willen," sprach sie zu sich selbst, "ist denn mit unserm würdigen
+Herrn Pfarrer geschehen, daß er in meinen Klein Zaches so ganz und
+gar vernarrt ist und den einfältigen Knirps für einen hübschen,
+verständigen Knaben hält? - Nun! helfe Gott dem lieben Herrn, er
+hat mir die Last von den Schultern genommen und sie sich selbst
+aufgeladen, mag er nun zusehen, wie er sie trägt! - Hei! wie leicht
+geworden ist nun der Holzkorb, da Klein Zaches nicht mehr darauf sitzt
+und mit ihm die schwerste Sorge!" -
+
+Damit schritt Frau Liese, den Holzkorb auf dem Rücken, lustig und
+guter Dinge fort ihres Weges! - -
+
+Wollte ich auch zurzeit noch gänzlich darüber schweigen, du würdest,
+günstiger Leser, dennoch wohl ahnen, daß es mit dem Stiftsfräulein von
+Rosenschön, oder wie sie sich sonst nannte, Rosengrünschön, eine ganz
+besondere Bewandtnis haben müsse. Denn nichts anders war es wohl, als
+die geheimnisvolle Wirkung ihres Kopfstreichelns und Haarausglättens,
+daß Klein Zaches von dem gutmütigen Pfarrer für ein schönes und
+kluges Kind angesehn und gleich wie sein eignes aufgenommen wurde.
+Du könntest, lieber Leser, aber doch, trotz deines vortrefflichen
+Scharfsinns, in falsche Vermutungen geraten oder gar zum großen
+Nachteil der Geschichte viele Blätter überschlagen, um nur gleich mehr
+von dem mystischen Stiftsfräulein zu erfahren; besser ist es daher
+wohl, ich erzähle dir gleich alles, was ich selbst von der würdigen
+Dame weiß.
+
+Fräulein von Rosenschön war von großer Gestalt, edlem majestätischen
+Wuchs und etwas stolzem, gebietendem Wesen. Ihr Gesicht, mußte man es
+gleich vollendet schön nennen, machte, zumal wenn sie wie gewöhnlich
+in starrem Ernst vor sich hinschaute, einen seltsamen, beinahe
+unheimlichen Eindruck, was vorzüglich einem ganz besondern fremden
+Zuge zwischen den Augenbrauen zuzuschreiben, von dem man durchaus
+nicht recht wußte, ob ein Stiftsfräulein dergleichen wirklich auf der
+Stirne tragen könne. Dabei lag aber auch oft, vorzüglich zur Rosenzeit
+bei heiterm schönen Wetter, so viel Huld und Anmut in ihrem Blick, daß
+jeder sich von süßem unwiderstehlichen Zauber befangen fühlte. Als ich
+die Gnädige zum ersten- und letztenmal zu schauen das Vergnügen hatte,
+war sie dem Ansehen nach eine Frau in der höchsten, vollendetsten
+Blüte ihrer Jahre, auf der höchsten Spitze des Wendepunktes, und ich
+meinte, daß mir großes Glück beschieden, die Dame noch eben auf dieser
+Spitze zu erblicken und über ihre wunderbare Schönheit gewissermaßen
+zu erschrecken, welches sich dann sehr bald nicht mehr würde zutragen
+können. Ich war im Irrtum. Die ältesten Leute im Dorf versicherten,
+daß sie das gnädige Fräulein gekannt hätten schon so lange als sie
+dächten, und daß die Dame niemals anders ausgesehen habe, nicht älter,
+nicht jünger, nicht häßlicher, nicht hübscher als eben jetzt. Die Zeit
+schien also keine Macht zu haben über sie, und schon dieses konnte
+manchem verwunderlich vorkommen. Aber noch manches andere trat hinzu,
+worüber sich jeder, überlegte er es recht ernstlich, ebensosehr
+wundern, ja zuletzt aus der Verwunderung, in die er verstrickt, gar
+nicht herauskommen mußte. Fürs erste offenbarte sich ganz deutlich
+bei dem Fräulein die Verwandtschaft mit den Blumen, deren Namen sie
+trug. Denn nicht allein, daß kein Mensch auf Erden solche herrliche
+tausendblättrige Rosen zu ziehen vermochte, als sie, so sprießten auch
+aus dem schlechtesten dürresten Dorn, den sie in die Erde steckte,
+jene Blumen in der höchsten Fülle und Pracht hervor. Dann war es
+gewiß, daß sie auf einsamen Spaziergängen im Walde laute Gespräche
+führte mit wunderbaren Stimmen, die aus den Bäumen, aus den Büschen,
+aus den Quellen und Bächen zu tönen schienen. Ja, ein junger
+Jägersmann hatte sie belauscht, wie sie einmal mitten im dicksten
+Gehölz stand und seltsame Vögel mit buntem glänzenden Gefieder, die
+gar nicht im Lande heimisch, sie umflatterten und liebkosten und
+in lustigem Singen und Zwitschern ihr allerlei fröhliche Dinge zu
+erzählen schienen, worüber sie lachte und sich freute. Daher kam es
+denn auch, daß Fräulein von Rosenschön zu jener Zeit, als sie in das
+Stift gekommen, bald die Aufmerksamkeit aller Leute in der Gegend
+anregte. Ihre Aufnahme in das Fräuleinstift hatte der Fürst befohlen;
+der Baron Prätextatus von Mondschein, Besitzer des Gutes, in dessen
+Nähe jenes Stift lag, dem er als Verweser vorstand, konnte daher
+nichts dagegen einwenden, ungeachtet ihn die entsetzlichsten Zweifel
+quälten. Vergebens war nämlich sein Mühen geblieben, in Rixners
+Turnierbuch und andern Chroniken die Familie Rosengrünschön
+aufzufinden. Mit Recht zweifelte er aus diesem Grunde an der
+Stiftsfähigkeit des Fräuleins, die keinen Stammbaum mit zweiunddreißig
+Ahnen aufzuweisen hatte, und bat sie zuletzt ganz zerknirscht, die
+hellen Tränen in den Augen, doch sich um des Himmels willen wenigstens
+nicht Rosengrünschön, sondern Rosenschön zu nennen, denn in diesem
+Namen sei doch noch einiger Verstand und ein Ahnherr möglich. - Sie
+tat ihm das zu Gefallen. - Vielleicht äußerte sich des gekränkten
+Prätextatus Groll gegen das ahnenlose Fräulein auf diese - jene Weise
+und gab zuerst Anlaß zu der bösen Nachrede, die sich immer mehr und
+mehr im Dorfe verbreitete. Zu jenen zauberhaften Unterhaltungen im
+Walde, die indessen sonst nichts auf sich hatten, kamen nämlich
+allerlei bedenkliche Umstände, die von Mund zu Mund gingen und des
+Fräuleins eigentliches Wesen in gar zweideutiges Licht stellten.
+Mutter Anne, des Schulzen Frau, behauptete keck, daß, wenn das
+Fräulein stark zum Fenster heraus niese, allemal die Milch im ganzen
+Dorfe sauer würde. Kaum hatte sich dies aber bestätigt, als sich das
+Schreckliche begab. Schulmeisters Michel hatte in der Stiftsküche
+gebratene Kartoffeln genascht und war von dem Fräulein darüber
+betroffen worden, die ihm lächelnd mit dem Finger drohte. Da war dem
+Jungen das Maul offen stehen geblieben, gerade als hätt' er eine
+gebratene brennende Kartoffel darin sitzen immerdar, und er mußte
+fortan einen Hut mit vorstehender breiter Krempe tragen, weil es sonst
+dem Armen ins Maul geregnet hätte. Bald schien es gewiß zu sein, daß
+das Fräulein sich darauf verstand, Feuer und Wasser zu besprechen,
+Sturm und Hagelwolken zusammenzutreiben, Weichselzöpfe zu flechten
+etc., und niemand zweifelte an der Aussage des Schafhirten, der zur
+Mitternachtsstunde mit Schauer und Entsetzen gesehen haben wollte, wie
+das Fräulein auf einem Besen brausend durch die Lüfte fuhr, vor ihr
+her ein ungeheurer Hirschkäfer, zwischen dessen Hörnern blaue Flammen
+hoch aufleuchteten! - Nun kam alles in Aufruhr, man wollte der Hexe
+zu Leibe, und die Dorfgerichte beschlossen nichts Geringeres, als das
+Fräulein aus dem Stift zu holen und sie ins Wasser zu werfen, damit
+sie die gewöhnliche Hexenprobe bestehe. Der Baron Prätextatus ließ
+alles geschehen und sprach lächelnd zu sich selbst: "So geht es
+simplen Leuten ohne Ahnen, die nicht von solch altem guten Herkommen
+sind, wie der Mondschein." Das Fräulein, unterrichtet von dem
+bedrohlichen Unwesen, flüchtete nach der Residenz, und bald darauf
+erhielt der Baron Prätextatus einen Kabinettsbefehl vom Fürsten des
+Landes, mittelst dessen ihm bekannt gemacht, daß es keine Hexen
+gäbe, und befohlen wurde, die Dorfgerichte für die naseweise Gier,
+Schwimmkünste eines Stiftsfräuleins zu schauen, in den Turm werfen,
+den übrigen Bauern und ihren Weibern aber andeuten zu lassen, bei
+empfindlicher Leibesstrafe von dem Fräulein Rosenschön nicht schlecht
+zu denken. Sie gingen in sich, fürchteten sich vor der angedrohten
+Strafe und dachten fortan gut von dem Fräulein, welches für beide,
+für das Dorf und für die Dame Rosenschön, die ersprießlichsten Folgen
+hatte.
+
+In dem Kabinett des Fürsten wußte man recht gut, daß das Fräulein von
+Rosenschön niemand anders war, als die sonst berühmte weltbekannte Fee
+Rosabelverde. Es hatte mit der Sache folgende Bewandtnis:
+
+Auf der ganzen weiten Erde war wohl sonst kaum ein anmutigeres Land zu
+finden, als das kleine Fürstentum, worin das Gut des Baron Prätextatus
+von Mondschein lag, worin das Fräulein von Rosenschön hauste, kurz,
+worin sich das alles begab, was ich dir, geliebter Leser, des
+breiteren zu erzählen eben im Begriff stehe.
+
+Von einem hohen Gebirge umschlossen, glich das Ländchen mit seinen
+grünen, duftenden Wäldern, mit seinen blumigen Auen, mit seinen
+rauschenden Strömen und lustig plätschernden Springquellen, zumal da
+es gar keine Städte, sondern nur freundliche Dörfer und hin und wieder
+einzeln stehende Paläste darin gab, einem wunderbar herrlichen Garten,
+in dem die Bewohner wie zu ihrer Lust wandelten, frei von jeder
+drückenden Bürde des Lebens. Jeder wußte, daß Fürst Demetrius das Land
+beherrsche; niemand merkte indessen das mindeste von der Regierung,
+und alle waren damit gar wohl zufrieden. Personen, die die volle
+Freiheit in all ihrem Beginnen, eine schöne Gegend, ein mildes Klima
+liebten, konnten ihren Aufenthalt gar nicht besser wählen als in dem
+Fürstentum, und so geschah es denn, daß unter andern auch verschiedene
+vortreffliche Feen von der guten Art, denen Wärme und Freiheit
+bekanntlich über alles geht, sich dort angesiedelt hatten. Ihnen
+mocht' es zuzuschreiben sein, daß sich beinahe in jedem Dorfe,
+vorzüglich aber in den Wäldern sehr oft die angenehmsten Wunder
+begaben und daß jeder, von dem Entzücken, von der Wonne dieser Wunder
+ganz umflossen, völlig an das Wunderbare glaubte und, ohne es selbst
+zu wissen, eben deshalb ein froher, mithin guter Staatsbürger blieb.
+Die guten Feen, die sich in freier Willkür ganz dschinnistanisch
+eingerichtet, hätten dem vortrefflichen Demetrius gern ein ewiges
+Leben bereitet. Das stand indessen nicht in ihrer Macht. Demetrius
+starb, und ihm folgte der junge Paphnutius in der Regierung.
+Paphnutius hatte schon zu Lebzeiten seines Herrn Vaters einen stillen
+innerlichen Gram darüber genährt, daß Volk und Staat nach seiner
+Meinung auf die heilloseste Weise vernachlässigt, verwahrlost wurde.
+Er beschloß zu regieren und ernannte sofort seinen Kammerdiener
+Andres, der ihm einmal, als er im Wirtshause hinter den Bergen seine
+Börse liegen lassen, sechs Dukaten geborgt und dadurch aus großer Not
+gerissen hatte, zum ersten Minister des Reichs. "Ich will regieren,
+mein Guter!" rief ihm Paphnutius zu. Andres las in den Blicken
+seines Herrn, was in ihm vorging, warf sich ihm zu Füßen und sprach
+feierlich: "Sire! die große Stunde hat geschlagen! - durch Sie steigt
+schimmernd ein Reich aus mächtigem Chaos empor! - Sire! hier fleht
+der treueste Vasall, tausend Stimmen des armen unglücklichen Volks
+in Brust und Kehle! - Sire! - führen Sie die Aufklärung ein!" -
+Paphnutius fühlte sich durch und durch erschüttert von dem erhabenen
+Gedanken seines Ministers. Er hob ihn auf, riß ihn stürmisch an seine
+Brust und sprach schluchzend: "Minister - Andres - ich bin dir sechs
+Dukaten schuldig - noch mehr - mein Glück - mein Reich! - o treuer,
+gescheuter Diener!" -
+
+Paphnutius wollte sofort ein Edikt mit großen Buchstaben drucken und
+an allen Ecken anschlagen lassen, daß von Stund' an die Aufklärung
+eingeführt sei und ein jeder sich darnach zu achten habe. "Bester
+Sire!" rief indessen Andres, "bester Sire! so geht es nicht!" - "Wie
+geht es denn, mein Guter?" sprach Paphnutius, nahm seinen Minister
+beim Knopfloch und zog ihn hinein in das Kabinett, dessen Türe er
+abschloß.
+
+"Sehen Sie," begann Andres, als er seinem Fürsten gegenüber auf einem
+kleinen Taburett Platz genommen, "sehen Sie, gnädigster Herr! - die
+Wirkung Ihres fürstlichen Edikts wegen der Aufklärung würde vielleicht
+verstört werden auf häßliche Weise, wenn wir nicht damit eine Maßregel
+verbinden, die zwar hart scheint, die indessen die Klugheit gebietet.
+- Ehe wir mit der Aufklärung vorschreiten, d. h. ehe wir die Wälder
+umhauen, den Strom schiffbar machen, Kartoffeln anbauen, die
+Dorfschulen verbessern, Akazien und Pappeln anpflanzen, die Jugend ihr
+Morgen- und Abendlied zweistimmig absingen, Chausseen anlegen und die
+Kuhpocken einimpfen lassen, ist es nötig, alle Leute von gefährlichen
+Gesinnungen, die keiner Vernunft Gehör geben und das Volk durch lauter
+Albernheiten verführen, aus dem Staate zu verbannen - Sie haben
+Tausendundeine Nacht gelesen, bester Fürst, denn ich weiß, daß Ihr
+durchlauchtig seliger Herr Papa, dem der Himmel eine sanfte Ruhe im
+Grabe schenken möge, dergleichen fatale Bücher liebte und Ihnen, als
+Sie sich noch der Steckenpferde bedienten und vergoldete Pfefferkuchen
+verzehrten, in die Hände gab. Nun also! - Aus jenem völlig konfusen
+Buche werden Sie, gnädigster Herr, wohl die sogenannten Feen kennen,
+gewiß aber nicht ahnen, daß sich verschiedene von diesen gefährlichen
+Personen in Ihrem eignen lieben Lande hier ganz in der Nähe Ihres
+Palastes angesiedelt haben und allerlei Unfug treiben." "Wie? - was
+sagt Er? - Andres! Minister! - Feen! - hier in meinem Lande?" - So
+rief Fürst, indem er ganz erblaßt in die Stuhllehne zurücksank. -
+"Ruhig, mein gnädigster Herr," fuhr Andres fort, "ruhig können wir
+bleiben, sobald wir mit Klugheit gegen jene Feinde der Aufklärung zu
+Felde ziehen. Ja! - Feinde der Aufklärung nenne ich sie, denn nur sie
+sind, die Güte Ihres seligen Herrn Papas mißbrauchend, daran schuld,
+daß der liebe Staat noch in gänzlicher Finsternis darniederliegt. Sie
+treiben ein gefährliches Gewerbe mit dem Wunderbaren und scheuen sich
+nicht, unter dem Namen Poesie ein heimliches Gift zu verbreiten, das
+die Leute ganz unfähig macht zum Dienste in der Aufklärung. Dann haben
+sie solche unleidliche polizeiwidrige Gewohnheiten, daß sie schon
+deshalb in keinem kultivierten Staate geduldet werden dürften. So z.B.
+entblöden sich die Frechen nicht, sowie es ihnen einfällt, in den
+Lüften spazieren zu fahren mit vorgespannten Tauben, Schwänen, ja
+sogar geflügelten Pferden. Nun frage ich aber, gnädigster Herr,
+verlohnt es sich der Mühe, einen gescheuten Akzisetarif zu entwerfen
+und einzuführen, wenn es Leute im Staate gibt, die imstande sind,
+jedem leichtsinnigen Bürger unversteuerte Waren in den Schornstein
+zu werfen, wie sie nur wollen? - Darum, gnädigster Herr, - sowie die
+Aufklärung angekündigt wird, fort mit den Feen! - Ihre Paläste werden
+umzingelt von der Polizei, man nimmt ihnen ihre gefährliche Habe und
+schafft sie als Vagabonden fort nach ihrem Vaterlande, welches, wie
+Sie, gnädigster Herr, aus Tausendundeiner Nacht wissen werden, das
+Ländchen Dschinnistan ist." "Gehen Posten nach diesem Lande, Andres?"
+so fragte der Fürst. "Zurzeit nicht," erwiderte Andres, "aber
+vielleicht läßt sich nach eingeführter Aufklärung eine Journaliere
+dorthin mit Nutzen einrichten." - "Aber Andres," fuhr der Fürst fort,
+"wird man unser Verfahren gegen die Feen nicht hart finden? - Wird das
+verwöhnte Volk nicht murren?" - "Auch dafür," sprach Andres, "auch
+dafür weiß ich ein Mittel. Nicht alle Feen, gnädigster Herr, wollen
+wir fortschicken nach Dschinnistan, sondern einige im Lande behalten,
+sie aber nicht allein aller Mittel berauben, der Aufklärung schädlich
+zu werden, sondern auch zweckdienliche Mittel anwenden, sie zu
+nützlichen Mitgliedern des aufgeklärten Staats umzuschaffen. Wollen
+sie sich nicht auf solide Heiraten einlassen, so mögen sie unter
+strenger Aufsicht irgendein nützliches Geschäft treiben, Socken
+stricken für die Armee, wenn es Krieg gibt, oder sonst. Geben Sie
+acht, gnädigster Herr, die Leute werden sehr bald an die Feen, wenn
+sie unter ihnen wandeln, gar nicht mehr glauben, und das ist das
+beste. So gibt sich alles etwanige Murren von selbst. - Was übrigens
+die Utensilien der Feen betrifft, so fallen sie der fürstlichen
+Schatzkammer heim, die Tauben und Schwäne werden als köstliche Braten
+in die fürstliche Küche geliefert, mit den geflügelten Pferden kann
+man aber auch Versuche machen, sie zu kultivieren und zu bilden zu
+nützlichen Bestien, indem man ihnen die Flügel abschneidet und sie
+zur Stallfütterung gibt, die wir doch hoffentlich zugleich mit der
+Aufklärung einführen werden." -
+
+Paphnutius war mit allen Vorschlägen seines Ministers auf das höchste
+zufrieden, und schon andern Tages wurde ausgeführt, was beschlossen
+war.
+
+An allen Ecken prangte das Edikt wegen der eingeführten Aufklärung,
+und zu gleicher Zeit brach die Polizei in die Paläste der Feen, nahm
+ihr ganzes Eigentum in Beschlag und führte sie gefangen fort.
+
+Mag der Himmel wissen, wie es sich begab, daß die Fee Rosabelverde die
+einzige von allen war, die wenige Stunden vorher, ehe die Aufklärung
+hereinbrach, Wind davon bekam und die Zeit nutzte, ihre Schwäne
+in Freiheit zu setzen, ihre magischen Rosenstöcke und andere
+Kostbarkeiten beiseite zu schaffen. Sie wußte nämlich auch, daß sie
+dazu erkoren war, im Lande zu bleiben, worin sie sich, wiewohl mit
+großem Widerwillen, fügte.
+
+Überhaupt konnten es weder Paphnutius noch Andres begreifen, warum
+die Feen, die nach Dschinnistan transportiert wurden, eine solche
+übertriebene Freude äußerten und ein Mal über das andere versicherten,
+daß ihnen an aller Habe, die sie zurücklassen müssen, nicht das
+mindeste gelegen. "Am Ende," sprach Paphnutius entrüstet, "am Ende ist
+Dschinnistan ein viel hübscherer Staat wie der meinige, und sie lachen
+mich aus mitsamt meinem Edikt und meiner Aufklärung, die jetzt erst
+recht gedeihen soll!" -
+
+Der Geograph sollte mit dem Historiker des Reichs über das Land
+umständlich berichten.
+
+Beide stimmten darin überein, daß Dschinnistan ein erbärmliches Land
+sei, ohne Kultur, Aufklärung, Gelehrsamkeit, Akazien und Kuhpocken,
+eigentlich auch gar nicht existiere. Schlimmeres könne aber einem
+Menschen oder einem ganzen Lande wohl nicht begegnen, als gar nicht zu
+existieren.
+
+Paphnutius fühlte sich beruhigt.
+
+Als der schöne blumige Hain, in dem der verlassene Palast der Fee
+Rosabelverde lag, umgehauen wurde, und beispielshalber Paphnutius
+selbst sämtlichen Bauerlümmeln im nächsten Dorfe die Kuhpocken
+eingeimpft hatte, paßte die Fee dem Fürsten in dem Walde auf, durch
+den er mit dem Minister Andres nach seinem Schloß zurückkehren wollte.
+Da trieb sie ihn mit allerlei Redensarten, vorzüglich aber mit einigen
+unheimlichen Kuntstückchen, die sie vor der Polizei geborgen, dermaßen
+in die Enge, daß er sie um des Himmels willen bat, doch mit einer
+Stelle des einzigen und daher besten Fräuleinstifts im ganzen Lande
+vorliebzunehmen, wo sie, ohne sich an das Aufklärungsedikt zu kehren,
+schalten und walten könne nach Belieben.
+
+Die Fee Rosabelverde nahm den Vorschlag an und kam auf diese Weise in
+das Fräuleinstift, wo sie sich, wie schon erzählt worden, das Fräulein
+von Rosengrünschön, dann aber, auf dringendes Bitten des Baron
+Prätextatus von Mondschein, das Fräulein von Rosenschön nannte.
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Von der unbekannten Völkerschaft, die der Gelehrte Ptolomäus
+Philadelphus auf seinen Reisen entdeckte. - Die Universität Kerepes. -
+Wie dem Studenten Fabian ein Paar Reitstiefel um den Kopf flogen und
+der Professor Mosch Terpin den Studenten Balthasar zum Tee einlud.
+
+In den vertrauten Briefen, die der weltberühmte Gelehrte Ptolomäus
+Philadelphus an seinen Freund Rufin schrieb, als er sich auf weiten
+Reisen befand, ist folgende merkwürdige Stelle enthalten:
+
+"Du weißt, mein lieber Rufin, daß ich nichts in der Welt so fürchte
+und scheue, als die brennenden Sonnenstrahlen des Tages, welche
+die Kräfte meines Körpers aufzehren und meinen Geist dermaßen
+abspannen und ermatten, daß alle Gedanken in ein verworrenes Bild
+zusammenfließen und ich vergebens darnach ringe, auch nur irgendeine
+deutliche Gestaltung in meiner Seele zu erfassen. Ich pflege daher in
+dieser heißen Jahreszeit des Tages zu ruhen, nachts aber meine Reise
+fortzusetzen, und so befand ich mich dann auch in voriger Nacht auf
+der Reise. Mein Fuhrmann hatte sich in der dicken Finsternis von dem
+rechten, bequemen Wege verirrt und war unversehens auf die Chaussee
+geraten. Ungeachtet ich aber durch die harten Stöße, die es hier gab,
+in dem Wagen hin und her geschleudert wurde, so daß mein Kopf voller
+Beulen einem mit Walnüssen gefüllten Sack nicht unähnlich war,
+erwachte ich doch aus dem tiefen Schlafe, in den ich versunken, nicht
+eher, bis ich mit einem entsetzlichen Ruck aus dem Wagen heraus auf
+den harten Boden stürzte. Die Sonne schien mir hell ins Gesicht, und
+durch den Schlagbaum, der dicht vor mir stand, gewahrte ich die hohen
+Türme einer ansehnlichen Stadt. Der Fuhrmann lamentierte sehr, da
+nicht allein die Deichsel, sondern auch ein Hinterrad des Wagens an
+dem großen Stein, der mitten auf der Chaussee lag, gebrochen, und
+schien sich wenig oder gar nicht um mich zu kümmern. Ich hielt, wie es
+dem Weisen ziemt, meinen Zorn zurück und rief dem Kerl bloß sanftmütig
+zu, er sei ein verfluchter Schlingel, er möge bedenken, daß Ptolomäus
+Philadelphus, der berühmteste Gelehrte seiner Zeit, auf dem St- säße,
+und Deichsel Deichsel und Rad Rad sein lassen. Du kennst, mein lieber
+Rufin, die Gewalt, die ich über das menschliche Herz übe, und so
+geschah es denn auch, daß der Fuhrmann augenblicklich aufhörte zu
+lamentieren und mir mit Hülfe des Chausseeinnehmers, vor dessen
+Häuslein sich der Unfall begeben, auf die Beine half. Ich hatte zum
+Glück keinen sonderlichen Schaden gelitten und war imstande, langsam
+auf der Straße fortzuwandeln, während der Fuhrmann den zerbrochenen
+Wagen mühsam nachschleppte. Unfern des Tors der Stadt, die ich in
+blauer Ferne gesehen, begegneten mir nun aber viele Leute von solch
+wunderlichem Wesen und in solch seltsamer Kleidung, daß ich mir die
+Augen rieb, um zu erforschen, ob ich wirklich wache oder ob nicht
+vielleicht ein toller neckhafter Traum mich eben in ein fremdes
+fabelhaftes Land versetze. - Diese Leute, die ich mit Recht für
+Bewohner der Stadt, aus deren Tor ich sie kommen sah, halten durfte,
+trugen lange, sehr weite Hosen, nach Art der Japaneser zugeschnitten,
+von köstlichem Zeuge, Samt, Manchester, feinem Tuch oder auch wohl
+bunt durchwirkter Leinwand, mit Tressen oder hübschen Bändern und
+Schnüren reichlich besetzt, dazu kleine Kinderröcklein, kaum den
+Unterleib bedeckend, meistens von sonnenheller Farbe, nur wenige
+gingen schwarz. Die Haare hingen ungekämmt in natürlicher Wildheit auf
+Schultern und Rücken herab, und auf dem Kopf saß ein kleines seltsames
+Mützchen. Manche hatten den Hals ganz entblößt nach der Weise der
+Türken und Neugriechen, andere dagegen trugen um Hals und Brust ein
+Stückchen weiße Leinwand, beinahe einem Hemdekragen ähnlich, wie Du,
+geliebter Rufin, sie auf den Bildern unserer Vorfahren gesehen haben
+wirst. Ungeachtet diese Leute sämtlich sehr jung zu sein schienen, war
+doch ihre Sprache tief und rauh, jede ihrer Bewegungen ungelenk, und
+mancher hatte einen schmalen Schatten unter der Nase, als sitze dort
+ein Stutzbärtchen. Aus den Hinterteilen der kleinen Röcke mancher
+ragte ein langes Rohr hervor, an dem große seidene Quasten baumelten.
+Andere hatten diese Röhre hervorgezogen und kleine - größere -
+manchmal auch sehr große wunderlich geformte Köpfe unten daran
+befestigt, aus denen sie, oben durch ein ganz spitz zulaufendes
+Röhrchen hineinblasend, auf geschickte Weise künstliche Dampfwolken
+aufsteigen zu lassen wußten. Andre trugen breite blitzende Schwerter
+in den Händen, als wollten sie dem Feinde entgegenziehen; noch andere
+hatten kleine Behältnisse von Leder oder Blech umgehängt oder über den
+Rücken geschnallt. Du kannst denken, lieber Rufin, daß ich, der ich
+durch sorgliches Betrachten jeder mir neuen Erscheinung mein Wissen
+zu bereichern suche, stillstand und mein Auge fest auf die seltsamen
+Leute heftete. Da versammelten sie sich um mich her, schrien ganz
+gewaltig: 'Philister - Philister!' - und schlugen eine entsetzliche
+Lache auf. - Das verdroß mich. Denn, geliebter Rufin, gibt es für
+einen großen Gelehrten etwas Kränkenderes, als für einen von dem Volke
+gehalten zu werden, das vor vielen tausend Jahren mittelst eines
+Eselkinnbackens erschlagen wurde? - Ich nahm mich zusammen in der mir
+angebornen Würde und sprach laut zu dem sonderbaren Volk um mich her,
+daß ich hoffe, mich in einem zivilisierten Staat zu befinden, und
+daß ich mich an Polizei und Gerichtshöfe wenden würde, um die mir
+zugefügte Unbill zu rächen. Da brummten sie alle; auch die, die bisher
+noch nicht gedampft, zogen die dazu bestimmten Maschinen aus der
+Tasche, und alle bliesen mir die dicken Dampfwolken ins Gesicht,
+welche, wie ich nun erst merkte, ganz unerträglich stanken und meine
+Sinne betäubten. Dann spachen sie eine Art Fluch über mich aus, dessen
+Worte ich ihrer Gräßlichkeit halber Dir, geliebter Rufin, gar nicht
+wiederholen mag. Nur mit tiefem Grausen kann ich selbst daran denken.
+Endlich verließen sie mich unter lautem Hohngelächter, und mir war's,
+als wenn das Wort: Hetzpeitsche in den Lüften verhalle! - Mein
+Fuhrmann, der alles mit angehört, mit angesehen, rang die Hände und
+sprach: 'Ach mein lieber Herr! nun das geschehen ist, was geschah, so
+gehen Sie beileibe nicht in jene Stadt hinein! Kein Hund, wie man zu
+sagen pflegt, würde ein Stück Brot von Ihnen nehmen und stete Gefahr
+Sie bedrohen, geprü-' Ich ließ den Wackern nicht ausreden, sondern
+wandte meine Schritte so schnell, als es nur gehen mochte, nach dem
+nächsten Dorfe. In dem einsamen Kämmerlein des einzigen Wirtshauses
+dieses Dorfes sitze ich und schreibe Dir, mein geliebter Rufin, dieses
+alles! - Soviel es möglich ist, werde ich Nachrichten einziehen von
+dem fremden barbarischen Volke, das in jener Stadt hauset. Von ihren
+Sitten - Gebräuchen - von ihrer Sprache u.s.w. habe ich mir schon
+manches höchst Seltsame erzählen lassen und werde Dir getreulich alles
+mitteilen etc. etc."
+
+Du gewahrst, o mein geliebter Leser, daß man ein großer Gelehrter und
+doch mit sehr gewöhnlichen Erscheinungen im Leben unbekannt sein, und
+doch über Weltbekanntes in die wunderlichsten Träume geraten kann.
+Ptolomäus Philadelphus hatte studiert und kannte nicht einmal
+Studenten und wußte nicht einmal, daß er in dem Dorfe Hoch-Jakobsheim
+saß, das bekanntlich dicht bei der berühmten Universität Kerepes
+liegt, als er seinem Freunde von einer Begebenheit schrieb, die sich
+in seinem Kopfe zum seltsamsten Abenteuer umgeformt hatte. Der gute
+Ptolomäus erschrak, als er Studenten begegnete, die fröhlich und
+guter Dinge über Land zogen zu ihrer Lust. Welche Angst hätte ihn
+überfallen, wäre er eine Stunde früher in Kerepes angekommen, und
+hätte ihn der Zufall vor das Haus des Professors der Naturkunde
+Mosch Terpin geführt! - Hunderte von Studenten hätten, aus dem Hause
+herausströmend, ihn umringt, lärmend disputierend etc., und noch
+wunderliche Träume wären ihm in den Kopf gekommen über diesem Gewirr,
+über diesem Getreibe.
+
+Die Kollegia Mosch Terpins wurden nämlich in ganz Kerepes am
+häufigsten besucht. Er war, wie gesagt, Professor der Naturkunde, er
+erklärte, wie es regnet, donnert, blitzt, warum die Sonne scheint bei
+Tage und der Mond des Nachts, wie und warum das Gras wächst etc., so
+daß jedes Kind es begreifen mußte. Er hatte die ganze Natur in ein
+kleines niedliches Kompendium zusammengefaßt, so daß er sie bequem
+nach Gefallen handhaben und daraus für jede Frage die Antwort wie aus
+einem Schubkasten herausziehen konnte. Seinen Ruf begründete er zuerst
+dadurch, als er es nach vielen physikalischen Versuchen glücklich
+herausgebracht hatte, daß die Finsternis hauptsächlich von Mangel an
+Licht herrühre. Dies, sowie, daß er eben jene physikalischen Versuche
+mit vieler Gewandtheit in nette Kunststückchen umzusetzen wußte und
+gar ergötzlichen Hokuspokus trieb, verschaffte ihm den unglaublichen
+Zulauf. - Erlaube, mein günstiger Leser, daß, da du da viel besser wie
+der berühmte Gelehrte Ptolomäus Philadelphus Studenten kennst, da du
+nichts von seiner träumerischen Furchtsamkeit weist, ich dich nun nach
+Kerepes führe vor das Haus des Professors Mosch Terpin, als er eben
+sein Kollegium beendet. Einer unter den herausströmenden Studenten
+fesselt sogleich deine Aufmerksamkeit. Du gewahrst einen
+wohlgestalteten Jüngling von drei- bis vierundzwanzig Jahren, aus
+dessen dunkel leuchtenden Augen ein innerer reger, herrlicher Geist
+mit beredten Worten spricht. Beinahe keck würde sein Blick zu nennen
+sein, wenn nicht die schwärmerische Trauer, wie sie auf dem ganzen
+blassen Antlitz liegt, einem Schleier gleich die brennenden Strahlen
+verhüllte. Sein Rock von schwarzem feinen Tuch, mit gerissenem Samt
+besetzt, ist beinahe nach altteutscher Art zugeschnitten, wozu der
+zierliche blendendweiße Spitzenkragen, sowie das Samtbarett, das auf
+den schönen kastanienbraunen Locken sitzt, ganz gut paßt. Gar hübsch
+steht ihm diese Tracht deshalb, weil er seinem ganzen Wesen, seinem
+Anstande in Gang und Stellung, seiner bedeutungsvollen Gesichtsbildung
+nach wirklich einer schönen frommen Vorzeit anzugehören scheint
+und man daher nicht eben an die Ziererei denken mag, wie sie
+in kleinlichem Nachäffen mißverstandener Vorbilder in ebenso
+mißverstandenen Ansprüchen der Gegenwart oft an der Tagesordnung ist.
+Dieser junge Mann, der dir, geliebter Leser, auf den ersten Blick
+so wohlgefällt, ist niemand anders als der Student Balthasar,
+anständiger, vermögender Leute Kind, fromm - verständig - fleißig -
+von dem ich dir, o mein Leser, in der merkwürdigen Geschichte, die ich
+aufzuschreiben unternommen, gar vieles zu erzählen gedenke. -
+
+Ernst, in Gedanken vertieft, wie es seine Art war, wandelte Balthasar
+aus dem Kollegium des Professors Mosch Terpin dem Tore zu, um sich,
+statt auf den Fechtboden, in das anmutige Wäldchen zu begeben, das
+kaum ein paar hundert Schritte von Kerepes liegt. Sein Freund Fabian,
+ein hübscher Bursche von muntrem Ansehen und ebensolcher Gesinnung,
+rannte ihm nach und ereilte ihn dicht vor dem Tore.
+
+"Balthasar!" - rief nun Fabian laut, "Balthasar, nun, willst du wieder
+heraus in den Wald und wie ein melancholischer Philister einsam
+umherirren, während tüchtige Burschen sich wacker üben in der edlen
+Fechtkunst! - Ich bitte dich, Balthasar, laß doch endlich ab von
+deinem närrischen, unheimlichen Treiben und sei wieder recht munter
+und froh, wie du es sonst wohl warst. Komm! - wir wollen uns in ein
+paar Gängen versuchen, und willst du denn noch heraus, so lauf' ich
+wohl mit dir."
+
+"Du meinst es gut," erwiderte Balthasar, "du meinst es gut, Fabian,
+und deswegen will ich nicht mit dir grollen, daß du mir manchmal auf
+Steg und Weg nachläufst wie ein Besessener und mich um manche Lust
+bringst, von der du keinen Begriff hast. Du gehörst nun einmal zu den
+seltsamen Leuten, die jeden, den sie einsam wandeln sehn, für einen
+melancholischen Narren halten und ihn auf ihre Weise handhaben und
+kurieren wollen, wie jener Hofschranz den würdigen Prinzen Hamlet, der
+dem Männlein dann, als er versicherte, sich nicht auf das Flötenblasen
+zu verstehen, eine tüchtige Lehre gab. Damit will ich dich, lieber
+Fabian, nun zwar verschonen, übrigens dich aber recht herzlich bitten,
+daß du dir zu deiner edlen Fechterei mit Rapier und Hieber einen
+andern Kumpan suchen und mich ruhig meinen Weg fortwandeln lassen
+mögest." "Nein, nein," rief Fabian lachend, "so entkommst du mir
+nicht, mein teurer Freund! - Willst du mit mir nicht auf den
+Fechtboden, so gehe ich mit dir heraus in das Wäldchen. Es ist die
+Pflicht des treuen Freundes, dich in deinem Trübsinn aufzuheitern.
+Komm nur, lieber Balthasar, komm nur, wenn du es denn nicht anders
+haben willst."
+
+Damit faßte er den Freund unter den Arm und schritt rüstig mit ihm
+von dannen. Balthasar biß in stillem Ingrimm die Zähne zusammen und
+beharrte in finsterm Schweigen, während Fabian in einem Zuge Lustiges
+und Lustiges erzählte. Es lief viel Albernes mit unter, welches immer
+zu geschehen pflegt beim lustigen Erzählen in einem Zuge.
+
+Als sie nun endlich in die kühlen Schatten des duftenden Waldes
+traten, als die Büsche wie in sehnsüchtigen Seufzern flüsterten,
+als die wunderbaren Melodien der rauschenden Bäche, die Lieder des
+Waldgeflügels fernhin tönten und den Widerhall weckten, der ihnen aus
+den Bergen antwortete, da stand Balthasar plötzlich still und rief,
+indem er die Arme weit ausbreitete, als woll' er Baum und Gebüsch
+liebend umfangen: "O, nun ist mir wieder wohl! - unbeschreiblich
+wohl!" - Fabian schaute den Freund etwas verblüfft an, wie einer, der
+nicht klug werden kann aus des andern Rede, der gar nicht weiß, was
+er damit anfangen soll. Da faßte Balthasar seine Hand und rief voll
+Entzücken: "Nicht wahr, Bruder, nun geht dir auch das Herz auf, nun
+begreifst du auch das selige Geheimnis der Waldeinsamkeit?" - "Ich
+verstehe dich nicht ganz, lieber Bruder," erwiderte Fabian, "aber wenn
+du meinst, daß dir ein Spaziergang hier im Walde wohl tut, so bin ich
+völlig deiner Meinung. Gehe ich nicht auch gern spazieren, zumal in
+guter Gesellschaft, in der man ein vernünftiges lehrreiches Gespräch
+führen kann? - Z.B. ist es wohl eine wahre Lust, mit unserm Professor
+Mosch Terpin über Land zu gehen. Der kennt jedes Pflänzchen, jedes
+Gräschen und weiß, wie es heißt mit Namen und in welche Klasse es
+gehört, und versteht sich auf Wind und Wetter -" "Halt ein," rief
+Balthasar, "ich bitte dich, halt ein! - Du berührst etwas, das mich
+toll machen könnte, gäb' es sonst keinen Trost dafür. Die Art, wie
+der Professor über die Natur spricht, zerreißt mein Inneres. Oder
+vielmehr, mich faßt dabei ein unheimliches Grauen, als säh' ich den
+Wahnsinnigen, der in geckenhafter Narrheit König und Herrscher ein
+selbst gedrehtes Strohpüppchen liebkost, wähnend, die königliche Braut
+zu umhalsen! Seine sogenannten Experimente kommen mir vor wie eine
+abscheuliche Verhöhnung des göttlichen Wesens, dessen Atem uns in der
+Natur anweht und in unserm innersten Gemüt die tiefsten heiligsten
+Ahnungen aufregt. Oft gerat' ich in Versuchung, ihm seine Gläser,
+seine Phiolen, seinen ganzen Kram zu zerschmeißen, dächt' ich nicht
+daran, daß der Affe ja nicht abläßt mit dem Feuer zu spielen, bis er
+sich die Pfoten verbrennt. - Sieh, Fabian, diese Gefühle ängstigen
+mich, pressen mir das Herz zusammen in Mosch Terpins Vorlesungen, und
+wohl mag ich euch dann tiefsinniger und menschenscheuer vorkommen als
+jemals. Mir ist dann zumute, als wollten die Häuser über meinem Kopf
+zusammenstürzen, eine unbeschreibliche Angst treibt mich heraus aus
+der Stadt. Aber hier, hier erfüllt bald mein Gemüt eine süße Ruhe.
+Auf den blumigen Rasen gelagert, schaue ich herauf in das weite Blaue
+des Himmels, und über mir, über den jubelnden Wald hinweg ziehen die
+goldnen Wolken wie herrliche Träume aus einer fernen Welt voll seliger
+Freuden! - O mein Fabian, dann erhebt sich aus meiner eignen Brust
+ein wunderbarer Geist, und ich vernehm' es, wie er in geheimnisvollen
+Worten spricht mit den Büschen - mit den Bäumen, mit den Wogen des
+Waldbachs, und nicht vermag ich die Wonne zu nennen, die dann in süßem
+wehmütigen Bangen mein ganzes Wesen durchströmt!" - "Ei," rief Fabian,
+"ei, das ist nun wieder das alte ewige Lied von Wehmut und Wonne und
+sprechenden Bäumen und Waldbächen. Alle deine Verse strotzen von
+diesen artigen Dingen, die ganz passabel ins Ohr fallen und mit Nutzen
+verbraucht werden, sobald man nichts weiter dahinter sucht. - Aber
+sage mir, mein vortrefflichster Melancholikus, wenn dich Mosch Terpins
+Vorlesungen in der Tat so entsetzlich kränken und ärgern, sage mir
+nur, warum in aller Welt du in jede hineinläufst, warum du keine
+einzige versäumst und dann freilich jedesmal stumm und starr mit
+geschlossen Augen dasitzest wie ein Träumender?" - "Frage mich,"
+erwiderte Balthasar, indem er die Augen niederschlug, "frage mich
+darum nicht, lieber Freund! - Eine unbekannte Gewalt zieht mich jeden
+Morgen hinein in Mosch Terpins Haus. Ich fühle im voraus meine Qualen,
+und doch kann ich nicht widerstehen, ein dunkles Verhängnis reißt mich
+fort!" - "Ha - ha," - lachte Fabian hell auf, "ha ha ha - wie fein
+- wie poetisch, wie mystisch! Die unbekannte Gewalt, die dich
+hineinzieht in Mosch Terpins Haus, liegt in den dunkelblauen Augen
+der schönen Candida! - Daß du bis über die Ohren verliebt bist in des
+Professors niedliches Töchterlein, das wissen wir alle längst, und
+darum halten wir dir deine Fantasterei, dein närrisches Wesen zugute.
+Mit Verliebten ist es nun nicht anders. Du befindest dich im ersten
+Stadium der Liebeskrankheit und mußt in späten Jünglingsjahren dich zu
+all den seltsamen Possen bequemen, die wir, ich und viele andere, dem
+Himmel sei es gedankt! ohne ein großes zuschauendes Publikum auf der
+Schule durchmachten. Aber glaube mir, mein süßes Herz -"
+
+Fabian hatte indessen seinen Freund Balthasar wieder beim Arme gefaßt
+und war mit ihm rasch weitergeschritten. Eben jetzt traten sie heraus
+aus dem Dickicht auf den breiten Weg, der mitten durch den Wald
+führte. Da gewahrte Fabian, wie aus der Ferne ein Pferd ohne Reiter,
+in eine Staubwolke gehüllt, herantrabte. - "Hei, hei!" rief er, sich
+in seiner Rede unterbrechend, "hei, hei, da ist eine verfluchte
+Schindmähre durchgegangen und hat ihren Reiter abgesetzt - die müssen
+wir fangen und nachher den Reiter suchen im Walde." Damit stellte er
+sich mitten in den Weg.
+
+Näher und näher kam das Pferd, da war es, als wenn von beiden Seiten
+ein Paar Reitstiefel in der Luft auf und nieder baumelten und auf
+dem Sattel etwas Schwarzes sich rege und bewege. Dicht vor Fabian
+erschallte ein langes gellendes Prrr - Prrr - und in demselben
+Augenblick flogen ihm auch ein Paar Reitstiefel um den Kopf, und
+ein kleines seltsames, schwarzes Ding kugelte hin, ihm zwischen die
+Beine. Mauerstill stand das große Pferd und beschnüffelte mit lang
+vorgestrecktem Halse sein winziges Herrlein, das sich im Sande wälzte
+und endlich mühsam auf die Beine richtete. Dem kleinen Knirps steckte
+der Kopf tief zwischen den hohen Schultern, er war mit seinem Auswuchs
+auf Brust und Rücken, mit seinem kurzen Leibe und seinen hohen
+Spinnenbeinchen anzusehen wie ein auf eine Gabel gespießter Apfel, dem
+man ein Fratzengesicht eingeschnitten. Als nun Fabian dies seltsame
+kleine Ungetüm vor sich stehen sah, brach er in ein lautes Gelächter
+aus. Aber der Kleine drückte sich das Barettlein, das er vom Boden
+aufgerafft, trotzig in die Augen und fragte, indem er Fabian mit
+wilden Blicken durchbohrte, in rauhem, tief heiserem Ton: "Ist dies
+der rechte Weg nach Kerepes?" - "Ja, mein Herr!" antwortete Balthasar
+mild und ernst und reichte dem Kleinen die Stiefel hin, die er
+zusammengesucht hatte. Alles Mühen des Kleinen, die Stiefel
+anzuziehen, blieb vergebens, er stülpte einmal übers andere um und
+wälzte sich stöhnend im Sande. Balthasar stellte beide Stiefel
+aufrecht zusammen, hob den Kleinen sanft in die Höhe und steckte,
+ihn ebenso niederlassend, beide Füßchen in die zu schwere und weite
+Futterale. Mit stolzem Wesen, die eine Hand in die Seite gestemmt, die
+andere ans Barett gelegt, rief der Kleine: "Gratias, mein Herr!" und
+schritt nach dem Pferde hin, dessen Zügel er faßte. Alle Versuche,
+den Steigbügel zu erreichen oder hinaufzuklimmen auf das große Tier,
+blieben indessen vergebens. Balthasar, immer ernst und mild, trat
+hinzu und hob den Kleinen in den Steigbügel. Er mochte sich wohl einen
+zu starken Schwung gegeben haben, denn in demselben Augenblick, als
+er oben saß, lag er auf der andern Seite auch wieder unten. "Nicht so
+hitzig, allerliebster Mosje!" rief Fabian, indem er aufs neue in ein
+schallendes Gelächter ausbrach. "Der Teufel ist Ihr allerliebster
+Mosje," schrie der Kleine ganz erbost, indem er sich den Sand von den
+Kleidern klopfte, "ich bin Studiosus, und wenn Sie desgleichen sind,
+so ist es Tusch, daß Sie mir wie ein Hasenfuß ins Gesicht lachen, und
+Sie müssen sich morgen in Kerepes mit mir schlagen!" "Donner," rief
+Fabian immerfort lachend, "Donner, das ist mal ein tüchtiger Bursche,
+ein Allerweltskerl, was Courage betrifft und echten Komment". Und
+damit hob er den Kleinen, alles Zappelns und Sträubens ungeachtet, in
+die Höhe und setzte ihn aufs Pferd, das sofort mit seinem Herrlein
+lustig wiehernd davontrabte. - Fabian hielt sich beide Seiten, er
+wollte vor Lachen ersticken. - "Es ist grausam," sprach Balthasar,
+"einen Menschen auszulachen, den die Natur auf solche entsetzliche
+Weise verwahrlost hat, wie den kleinen Reiter dort. Ist er wirklich
+Student, so mußt du dich mit ihm schlagen, und zwar, läuft's auch
+sonst gegen alle akademische Sitte, auf Pistolen, da er weder Rapier
+noch Hieber zu führen vermag." - "Wie ernst," sprach Fabian, "wie
+ernst, wie trübselig du das alles wieder nimmst, mein lieber Freund
+Balthasar. Nie ist's mir eingefallen, eine Mißgeburt auszulachen.
+Aber sage mir, darf solch ein knorpliger Däumling sich auf ein Pferd
+setzen, über dessen Hals er nicht wegzuschauen vermag? Darf er die
+Füßlein in solch verrucht weite Stiefeln stecken? darf er eine knapp
+anschließende Kurtka mit tausend Schnüren und Troddeln und Quasten,
+darf er solch ein verwunderliches Samtbarett tragen? darf er solch ein
+hochmütiges, trotziges Wesen annehmen? darf er sich solche barbarische
+heisere Laute abzwingen? - Darf er das alles, frage ich, ohne mit
+Recht als eingefleischter Hasenfuß ausgelacht zu werden? - Aber ich
+muß hinein, ich muß den Rumor mit anschauen, den es geben wird, wenn
+der ritterliche Studiosus einzieht auf seinem stolzen Rosse! Mit
+dir ist doch heute einmal nichts anzufangen! - Gehab' dich wohl!" -
+Spornstreichs rannte Fabian durch den Wald nach der Stadt zurück. -
+Balthasar verließ den offenen Weg und verlor sich in das dichteste
+Gebüsch, da sank er hin auf einen Moossitz, erfaßt, ja überwältigt von
+den bittersten Gefühlen. Wohl mocht' es sein, daß er die holde Candida
+wirklich liebte, aber er hatte diese Liebe wie ein tiefes, zartes
+Geheimnis in dem Innersten seiner Seele vor allen Menschen, ja vor
+sich selbst verschlossen. Als nun Fabian so ohne Hehl, so leichtsinnig
+darüber sprach, war es ihm, als rissen rohe Hände in frechem Übermut
+die Schleier von dem Heiligenbilde herab, die zu berühren er nicht
+gewagt, als müsse nun die Heilige auf ihn selbst ewig zürnen. Ja,
+Fabians Worte schienen ihm eine abscheuliche Verhöhnung seines ganzen
+Wesens, seiner süßesten Träume.
+
+"Also," rief er in Übermaß seines Unmuts aus, "also für einen
+verliebten Gecken hältst du mich, Fabian! - für einen Narren, der in
+Mosch Terpins Vorlesungen läuft, um wenigstens eine Stunde hindurch
+mit der schönen Candida unter einem Dache zu sein, der in dem Walde
+einsam umherstreift, um auf elende Verse zu sinnen an die Geliebte und
+sie noch erbärmlicher aufzuschreiben, der die Bäume verdirbt, alberne
+Namenszüge in ihre glatten Rinden einschneidend, der in Gegenwart des
+Mädchens kein gescheutes Wort zu Markte bringt, sondern nur seufzt und
+ächzt und weinerliche Gesichter schneidet, als litt' er an Krämpfen,
+der verwelkte Blumen, die sie am Busen trug, oder gar den Handschuh,
+den sie verlor, auf der bloßen Brust trägt - kurz, der tausend
+kindische Torheiten begeht! - Und darum, Fabian, neckst du mich, und
+darum lachen mich wohl alle Burschen aus, und darum bin ich samt
+der innern Welt, die mir aufgegangen, vielleicht ein Gegenstand der
+Verspottung. - Und die holde - liebliche herrliche Candida -"
+
+Als er diesen Namen aussprach, fuhr es ihm durchs Herz wie ein
+glühender Dolchstich! - Ach! - eine innere Stimme flüsterte ihm in dem
+Augenblick sehr vernehmlich zu, daß er ja nur eben Candidas wegen in
+Mosch Terpins Haus gehe, daß er Verse mache an die Geliebte, daß er
+ihre Namen einschneide in das Laubholz, daß er in ihrer Gegenwart
+verstumme, seufze, ächze, daß er verwelkte Blumen, die sie verlor, auf
+der Brust trage, daß er mithin ja wirklich in alle Torheiten verfalle,
+wie sie ihm Fabian nur vorrücken könne. - Erst jetzt fühlte er es
+recht, wie unaussprechlich er die schöne Candida liebe, aber auch
+zugleich, daß seltsam genug sich die reinste innigste Liebe im äußern
+Leben etwas geckenhaft gestalte, welches wohl der tiefen Ironie
+zuzurechnen, die die Natur in alles menschliche Treiben gelegt. Er
+mochte recht haben, ganz unrecht war es indessen, daß er sich darüber
+sehr zu ärgern begann. Träume, die ihn sonst umfingen, waren verloren,
+die Stimmen des Waldes klangen ihm wie Hohn und Spott, er rannte
+zurück nach Kerepes.
+
+"Herr Balthasar - mon cher Balthasar" - rief es ihn an. Er schlug den
+Blick auf und blieb festgezaubert stehen, denn ihm entgegen kam der
+Professor Mosch Terpin, der seine Tochter Candida am Arme führte.
+Candida begrüßte den zur Bildsäule Erstarrten mit der heitern
+freundlichen Unbefangenheit, die ihr eigen. "Balthasar, mon cher
+Balthasar," rief der Professor, "Sie sind in der Tat der fleißigste,
+mir der liebste von meinen Zuhörern! - O mein Bester, ich merk' es
+Ihnen an, Sie lieben die Natur mit all ihren Wundern, wie ich, der ich
+einen wahren Narren daran gefressen! - Gewiß wieder botanisiert in
+unserm Wäldchen! - Was Ersprießliches gefunden? - Nun! - lassen Sie
+uns nähere Bekanntschaft machen. - Besuchen Sie mich - jederzeit
+willkommen - Können zusammen experimentieren - Haben Sie schon meine
+Luftpumpe gesehen? - Nun! - mon cher - morgen abend versammelt sich
+ein freundschaftlicher Zirkel in meinem Hause, welcher Tee mit
+Butterbrot konsumieren und sich in angenehmen Gesprächen erlustigen
+wird, vermehren Sie ihn durch Ihre werte Person - Sie werden einen
+sehr anziehenden jungen Mann kennen lernen, der mir ganz besonders
+empfohlen - Bon soir, mon cher - Guten Abend, Vortrefflicher - a
+revoir - Auf Wiedersehen! - Sie kommen doch morgen in die Vorlesung? -
+Nun - mon cher, Adieu!" - Ohne Balthasars Antwort abzuwarten, schritt
+der Professor Mosch Terpin mit seiner Tochter von dannen.
+
+Balthasar hatte in seiner Bestürzung nicht gewagt, die Augen
+aufzuschlagen, aber Candidas Blicke brannten hinein in seine Brust,
+er fühlte den Hauch ihres Atems, und süße Schauer durchbebten sein
+innerstes Wesen.
+
+Entnommen war ihm aller Unmut, er schaute voll Entzücken der holden
+Candida nach, bis sie in den Laubgängen verschwand. Dann kehrte er
+langsam in den Wald zurück, um herrlicher zu träumen als jemals.
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Wie Fabian nicht wußte, was er sagen sollte. - Candida und Jungfrauen,
+die nicht Fische essen dürfen. - Mosch Terpins literarischer Tee. -
+Der junge Prinz.
+
+Fabian gedachte, als er den Richtsteig quer durch den Wald lief, dem
+kleinen wunderlichen Knirps, der vor ihm davongetrabt, doch wohl
+noch zuvorzukommen. Er hatte sich geirrt, denn aus dem Gebüsch
+heraustretend, gewahrte er ganz in der Ferne, wie noch ein anderer
+stattlicher Reiter sich zu dem Kleinen gesellte und wie nun beide
+in das Tor von Kerepes hineinritten. - "Hm!" sprach Fabian zu sich
+selbst, "ist der Nußknacker auf seinem großen Pferde auch schon vor
+mir angelangt, so komme ich doch noch zeitig genug zu dem Spektakel,
+den es geben wird bei seiner Ankunft. Ist das seltsame Ding wirklich
+ein Studiosus, so weiset man nach dem 'Geflügelten Roß' und hält
+er dort an mit seinem gellenden _Prr_ - _Prr!_ - und wirft die
+Reitstiefel voran und sich selbst nach und tut, wenn die Bursche
+lachen, wild und trotzig - nun! dann ist das tolle Possenspiel
+fertig!" -
+
+Als Fabian nun die Stadt erreicht, glaubte er in den Straßen, auf
+dem Wege nach dem "Geflügelten Roß" lauter lachenden Gesichtern
+zu begegnen. Dem war aber nicht so. Alle Leute gingen ruhig und
+ernst vorüber. Ebenso ernsthaft spazierten auf dem Platz vor dem
+"Geflügelten Roß" mehrere Akademiker, die sich dort versammelt,
+miteinander sprechend, auf und nieder. Fabian war überzeugt, daß der
+Kleine wenigstens hier nicht angekommen sein müsse, da gewahrte er,
+einen Blick ins Tor des Gasthauses werfend, daß soeben das sehr
+kennbare Pferd des Kleinen nach dem Stall geführt wurde. Auf den
+ersten besten seiner Bekannten sprang er nun los und fragte, ob denn
+nicht ein ganz seltsamer wunderlicher Knirps herangetrabt sei. - Der,
+den Fabian fragte, wußte ebensowenig etwas davon als die übrigen,
+denen Fabian nun erzählte, was sich mit ihm und dem Däumling, der
+ein Student sein wollen, begeben. Alle lachten sehr, versicherten
+indessen, daß ein solches Ding, wie das, was er beschreibe, keineswegs
+angelangt. Wohl wären aber vor kaum zehn Minuten zwei sehr stattliche
+Reiter auf schönen Pferden im Gasthause zum "Geflügelten Roß"
+abgestiegen. "Saß der eine von ihnen auf dem Pferde, das eben nach dem
+Stall geführt wurde?" so fragte Fabian. "Allerdings," erwiderte einer,
+"allerdings. Der, der auf jenem Pferde saß, war von etwas kleiner
+Statur, aber von zierlichem Körperbau, angenehmen Gesichtszügen und
+hatte die schönsten Lockenhaare, die man sehen kann. Dabei zeigte er
+sich als den vortrefflichsten Reiter, denn er schwang sich mit einer
+Behendigkeit, mit einem Anstande vom Pferde herab, wie der erste
+Stallmeister unseres Fürsten." - "Und," rief Fabian, "und verlor nicht
+die Reitstiefel und kugelte euch nicht vor die Füße?" - "Gott behüte,"
+erwiderten alle einstimmig, "Gott behüte! - was denkst du Bruder!
+solch ein tüchtiger Reiter wie der Kleine!" - Fabian wußte gar nicht,
+was er sagen sollte. Da kam Balthasar die Straße herab. Auf den
+stürzte Fabian los, zog ihn heran und erzählte, wie der kleine Knirps,
+der ihnen vor dem Tor begegnet und vom Pferde herabgefallen, hier eben
+angekommen sei und von allen für einen schönen Mann von zierlichem
+Gliederbau und für den vortrefflichsten Reiter gehalten werde. "Du
+siehst," erwiderte Balthasar ernst und gelassen, "du siehst, lieber
+Bruder Fabian, daß nicht alle so wie du über unglückliche, von der
+Natur verwahrloste Menschen lieblos spottend herfallen." - "Aber du
+mein Himmel," fiel ihm Fabian ins Wort, "hier ist ja gar nicht von
+Spott und Lieblosigkeit die Rede, sondern nur davon, ob ein drei Fuß
+hohes Kerlein, der einem Rettich gar nicht unähnlich, ein schöner
+zierlicher Mann zu nennen?" - Balthasar mußte, was Wuchs und Ansehen
+des kleinen Studenten betraf, Fabians Aussage bestätigen. Die andern
+versicherten, daß der kleine Reiter ein hübscher zierlicher Mann sei,
+wogegen Fabian und Balthasar fortwährend behaupteten, sie hätten nie
+einen scheußlicheren Däumling erblickt. Dabei blieb es, und alle
+gingen voll Verwunderung auseinander.
+
+Der späte Abend brach ein, die beiden Freunde begaben sich zusammen
+nach ihrer Wohnung. Da fuhr es dem Balthasar, selbst wußte er nicht
+wie, heraus, daß er dem Professor Mosch Terpin begegnet, der ihn
+auf den folgenden Abend zu sich geladen. "Ei, du glücklicher," rief
+Fabian, "ei, du überglücklicher Mensch! - da wirst du dein Liebchen,
+die hübsche Mamsell Candida, sehen, hören, sprechen!" - Balthasar,
+aufs neue tief verletzt, riß sich los von Fabian und wollte fort. Doch
+besann er sich, blieb stehen und sprach, seinen Verdruß mit Gewalt
+niederkämpfend: "Du magst recht haben, lieber Bruder, daß du mich
+für einen albernen verliebten Gecken hältst, ich bin es vielleicht
+wirklich. Aber diese Albernheit ist eine tiefe schmerzhafte Wunde, die
+meinem Gemüt geschlagen, und die, auf unvorsichtige Weise berührt,
+im heftigeren Weh mich zu allerlei Tollheit aufreizen könnte. Darum,
+Bruder, wenn du mich wirklich lieb hast, so nenne mir nicht mehr den
+Namen Candida!" - "Du nimmst," erwiderte Fabian, "du nimmst, mein
+lieber Freund Balthasar, die Sache wieder entsetzlich tragisch, und
+anders läßt sich das auch in deinem Zustande nicht erwarten. Aber um
+mit dir nicht in allerlei häßlichen Zwiespalt zu geraten, verspreche
+ich, daß der Name Candida nicht eher über meine Lippen kommen soll,
+bis du selbst mir Gelegenheit dazu gibst. Nur so viel erlaube mir
+heute noch zu sagen, daß ich allerlei Verdruß vorausgehe, in den
+dich dein Verliebtsein stürzen wird. Candida ist ein gar hübsches
+herrliches Mägdlein, aber zu deiner melancholischen, schwärmerischen
+Gemütsart paßt sie ganz und gar nicht. Wirst du näher mit ihr bekannt,
+so wird ihr unbefangenes heitres Wesen dir Mangel an Poesie, die
+du überall vermissest, scheinen. Du wirst in allerlei wunderliche
+Träumereien geraten, und das Ganze wird mit entsetzlichem
+eingebildeten Weh und genügender Verzweiflung tumultuarisch enden.
+- Übrigens bin ich ebenso wie du auf morgen zu unserm Professor
+eingeladen, der uns mit sehr schönen Experimenten unterhalten wird! -
+Nun gute Nacht, fabelhafter Träumer! Schlafe, wenn du schlafen kannst
+vor solch wichtigem Tage wie der morgende!"
+
+Damit verließ Fabian den Freund, der in tiefes Nachdenken versunken.
+- Fabian mochte nicht ohne Grund allerlei pathetische Unglücksmomente
+voraussehen, die sich mit Candida und Balthasar wohl zutragen konnten;
+denn beider Wesen und Gemütsart schien in der Tat Anlaß genug dazu zu
+geben.
+
+Candida war, jeder mußte das eingestehen, ein bildhübsches Mädchen,
+mit recht ins Herz hinein strahlenden Augen und etwas aufgeworfenen
+Rosenlippen. Ob ihre übrigens schönen Haare, die sie in wunderlichen
+Flechten gar fantastisch aufzunesteln wußte, mehr blond oder mehr
+braun zu nennen, habe ich vergessen, nur erinnere ich mich sehr gut
+der seltsamen Eigenschaft, daß sie immer dunkler und dunkler wurden,
+je länger man sie anschaute. Von schlankem hohen Wuchs, leichter
+Bewegung, war das Mädchen, zumal in lebenslustiger Umgebung, die Huld,
+die Anmut selbst, und man übersah es bei so vielem körperlichen Reiz
+sehr gern, daß Hand und Fuß vielleicht kleiner und zierlicher hätten
+gebaut sein können. Dabei hatte Candida Goethes "Wilhelm Meister",
+Schillers Gedichte und Fouqués "Zauberring" gelesen und beinahe alles,
+was darin enthalten, wieder vergessen; spielte ganz passabel das
+Pianoforte, sang sogar zuweilen dazu; tanzte die neuesten Françaisen
+und Gavotten und schrieb die Waschzettel mit einer feinen leserlichen
+Hand. Wollte man durchaus an dem lieben Mädchen etwas aussetzen,
+so war es vielleicht, daß sie etwas zu tief sprach, sich zu fest
+einschnürte, sich zu lange über einen neuen Hut freute und zuviel
+Kuchen zum Tee verzehrte. Überschwenglichen Dichtern war freilich noch
+vieles andere an der hübschen Candida nicht recht, aber was verlangen
+die auch alles. Fürs erste wollen sie, daß das Fräulein über alles,
+was sie von sich verlauten lassen, in ein somnambüles Entzücken
+gerate, tief seufze, die Augen verdrehe, gelegentlich auch wohl was
+weniges ohnmächtle oder gar zurzeit erblinde als höchste Stufe der
+weiblichsten Weiblichkeit. Dann muß besagtes Fräulein des Dichters
+Lieder singen nach der Melodie, die ihm (dem Fräulein) selbst aus dem
+Herzen geströmt, augenblicklich aber davon krank werden und selbst
+auch wohl Verse machen, sich aber sehr schämen, wenn es herauskommt,
+ungeachtet die Dame dem Dichter ihre Verse, auf sehr feinem
+wohlriechenden Papier mit zarten Buchstaben geschrieben, selbst in
+die Hände spielte, der dann auch seinerseits vor Entzücken darüber
+erkrankt, welches ihm gar nicht zu verdenken ist. Es gibt poetische
+Aszetiker, die noch weiter gehen und es aller weiblichen Zartheit
+entgegen finden, daß ein Mädchen lachen, essen und trinken und sich
+zierlich nach der Mode kleiden sollte. Sie gleichen beinahe dem
+heiligen Hieronymus, der den Jungfrauen verbietet Ohrgehänge zu tragen
+und Fische zu essen. Sie sollen, so gebietet der Heilige, nur etwas
+zubereitetes Gras genießen, beständig hungrig sein, ohne es zu fühlen,
+sich in grobe, schlecht genähte Kleider hüllen, die ihren Wuchs
+verbergen, vorzüglich aber eine Person zur Gefährtin wählen, die
+ernsthaft, bleich, traurig und etwas schmutzig ist! -
+
+Candida war durch und durch ein heitres unbefangenes Wesen, deshalb
+ging ihr nichts über ein Gespräch, das sich auf den leichten luftigen
+Schwingen des unverfänglichsten Humors bewegte. Sie lachte recht
+herzlich über alles Drollige; sie seufzte nie, als wenn Regenwetter
+ihr den gehofften Spaziergang verdarb oder, aller Vorsicht ungeachtet,
+der neue Shawl einen Fleck bekommen hatte. Dabei blickte, gab es
+wirklichen Anlaß dazu, ein tiefes inniges Gefühl hindurch, das nie
+in schale Empfindelei ausarten durfte, und so mochte mir und dir,
+geliebter Leser, die wir nicht zu den Überschwenglichen gehören, das
+Mädchen eben ganz recht sein. Sehr leicht konnte es mit Balthasar sich
+anders verhalten! - Doch bald muß es sich ja wohl zeigen, inwiefern
+der prosaische Fabian richtig prophezeit hatte oder nicht! -
+
+Daß Balthasar vor lauter Unruhe, vor unbeschreiblichem süßen Bangen
+die ganze Nacht hindurch nicht schlafen konnte: was war natürlicher
+als das. Ganz erfüllt von dem Bilde der Geliebten, setzte er sich hin
+an den Tisch und schrieb eine ziemliche Anzahl artiger wohlklingender
+Verse nieder, die in einer mystischen Erzählung von der Liebe der
+Nachtigall zur Purpurrose seinen Zustand schilderten. Die wollt' er
+mitnehmen in Mosch Terpins literarischen Tee und damit losfahren auf
+Candidas unbewahrtes Herz, wenn und wie es nur möglich.
+
+Fabian lächelte ein wenig, als er, der Verabredung gemäß, zur
+bestimmten Stunde kam, um seinen Freund Balthasar abzuholen, und ihn
+zierlicher geputzt fand, als er ihn jemals gesehen. Er hatte einen
+gezackten Kragen von den feinsten Brüßler Kanten umgetan, sein kurzes
+Kleid mit geschlitzten Ärmeln war von gerissenem Samt. Und dazu trug
+er französische Stiefeln mit hohen spitzen Absätzen und silbernen
+Fransen, einen englischen Hut vom feinsten Kastor und dänische
+Handschuhe. So war er ganz deutsch gekleidet, und der Anzug stand ihm
+über alle Maßen gut, zumal er sein Haar schön kräuseln lassen und das
+kleine Stutzbärtchen wohl aufgekämmt hatte.
+
+Das Herz bebte dem Balthasar vor Entzücken, als in Mosch Terpins
+Hause Candida ihm entgegentrat, ganz in der Tracht der altdeutschen
+Jungfrau, freundlich, anmutig in Blick und Wort, im ganzen Wesen, wie
+man sie immer zu sehen gewohnt. "Mein holdseligstes Fräulein!" seufzte
+Balthasar aus dem Innersten auf, als Candida, die süße Candida selbst,
+eine Tasse dampfenden Tee ihm darbot. Candida schaute ihn aber an mit
+leuchtenden Augen und sprach: "Hier ist Rum und Maraschino, Zwieback
+und Pumpernickel, lieber Herr Balthasar, greifen Sie doch nur
+gefälligst zu nach Ihrem Belieben!" Statt aber auf Rum und Maraschino,
+Zwieback oder Pumpernickel zu schauen oder gar zuzugreifen, konnte
+der begeisterte Balthasar den Blick voll schmerzlicher Wehmut der
+innigsten Liebe nicht abwenden von der holden Jungfrau und rang nach
+Worten, die aus tiefster Seele aussprechen sollten, was er eben
+empfand. Da faßte ihn aber der Professor der Ästhetik, ein großer
+baumstarker Mann, mit gewaltiger Faust von hinten, drehte ihn herum,
+daß er mehr Teewasser auf den Boden verschüttete, als eben schicklich,
+und rief mit donnernder Stimme: "Bester Lukas Kranach, saufen Sie
+nicht das schnöde Wasser, Sie verderben sich den deutschen Magen total
+- dort im andern Zimmer hat unser tapfere Mosch eine Batterie der
+schönsten Flaschen mit edlem Rheinwein aufgepflanzt, die wollen wir
+sofort spielen lassen!" - Er schleppte den unglücklichen Jüngling
+fort.
+
+Doch aus dem Nebenzimmer trat ihnen der Professor Mosch Terpin
+entgegen, ein kleines, sehr seltsames Männlein an der Hand führend und
+laut rufend: "Hier, meine Damen und Herren, stelle ich Ihnen einen mit
+den seltensten Eigenschaften hochbegabten Jüngling vor, dem es nicht
+schwer fallen wird, sich Ihr Wohlwollen, Ihre Achtung zu erwerben. Es
+ist der junge Herr Zinnober, der erst gestern auf unsere Universität
+gekommen und die Rechte zu studieren gedenkt!" - Fabian und Balthasar
+erkannten auf den ersten Blick den kleinen wunderlichen Knirps, der
+vor dem Tore ihnen entgegengesprengt und vom Pferde gestürzt war.
+
+"Soll ich," sprach Fabian leise zu Balthasar, "soll ich denn noch das
+Alräunchen herausfordern auf Blasrohr oder Schusterpfriem? Anderer
+Waffen kann ich mich doch nicht bedienen wider diesen furchtbaren
+Gegner."
+
+"Schäme dich," erwiderte Balthasar, "schäme dich, daß du den
+verwahrlosten Mann verspottest, der, wie du hörst, die seltensten
+Eigenschaften besitzt und _so_ durch geistigen Wert das ersetzt, was
+die Natur ihm an körperlichen Vorzügen versagte." Dann wandte er sich
+zum Kleinen und sprach: "Ich hoffe nicht, bester Herr Zinnober, daß
+Ihr gestriger Fall vom Pferde etwa schlimme Folgen gehabt haben wird?"
+Zinnober hob sich aber, indem er einen kleinen Stock, den er in der
+Hand trug, hinten unterstemmte, auf den Fußspitzen in die Höhe, so daß
+er dem Balthasar beinahe bis an den Gürtel reichte, warf den Kopf in
+den Nacken, schaute mit wildfunkelnden Augen herauf und sprach in
+seltsam schnurrendem Baßton: "Ich weiß nicht, was Sie wollen, wovon
+Sie sprechen, mein Herr! Vom Pferde gefallen? - _ich_ vom Pferde
+gefallen? - Sie wissen wahrscheinlich nicht, daß ich der beste Reiter
+bin, den es geben kann, daß ich niemals vom Pferde falle, daß ich
+als Freiwilliger unter den Kürassieren den Feldzug mitgemacht und
+Offizieren und Gemeinen Unterricht gab im Reiten auf der Manège! - hm
+hm - vom Pferde fallen - ich vom Pferde fallen!" - Damit wollte er
+sich rasch umwenden, der Stock, auf den er sich gestützt, glitt aber
+aus, und der Kleine torkelte um und um, dem Balthasar vor die Füße.
+Balthasar griff herab nach dem Kleinen, ihm aufzuhelfen, und berührte
+dabei unversehens sein Haupt. Da stieß der Kleine einen gellenden
+Schrei aus, daß es im ganzen Saal widerhallte und die Gäste
+erschrocken auffuhren von ihren Sitzen. Man umringte den Balthasar
+und fragte durcheinander, warum er denn um des Himmels willen so
+entsetzlich geschrieen. "Nehmen Sie es nicht übel, bester Herr
+Balthasar," sprach der Professor Mosch Terpin, "aber das war ein etwas
+wunderlicher Spaß. Denn wahrscheinlich wollten Sie uns doch glauben
+machen, es trete hier jemand einer Katze auf den Schwanz!" "Katze
+Katze - weg mit der Katze!" rief eine nervenschwache Dame und fiel
+sofort in Ohnmacht, und mit dem Geschrei: "Katze - Katze" - rannten
+ein paar alte Herren, die an derselben Idiosynkrasie litten, zur Türe
+hinaus.
+
+Candida, die ihr ganzes Riechfläschchen auf die ohnmächtige Dame
+ausgegossen, sprach leise zu Balthasar: "Aber was richten Sie auch für
+Unheil an mit Ihrem häßlichen gellenden Miau, lieber Herr Balthasar!"
+
+Dieser wußte gar nicht, wie ihm geschah. Glutrot im ganzen Gesicht vor
+Unwillen und Scham, vermochte er kein Wort herauszubringen, nicht zu
+sagen, daß es ja der kleine Herr Zinnober und nicht _er_ gewesen, der
+so entsetzlich gemauzt.
+
+Der Professor Mosch Terpin sah des Jünglings schlimme Verlegenheit.
+Er nahte sich ihm freundlich und sprach: "Nun, nun, lieber Herr
+Balthasar, sein Sie doch nur ruhig. Ich habe wohl alles bemerkt.
+Sich zur Erde bückend, auf allen Vieren hüpfend, ahmten Sie den
+gemißhandelten grimmigen Kater herrlich nach. Ich liebe sonst sehr
+dergleichen naturhistorische Spiele, doch hier im literarischen Tee"
+- "Aber," platzte Balthasar heraus, "aber, vortrefflichster Herr
+Professor, ich war es ja nicht." - "Schon gut - schon gut," fiel ihm
+der Professor in die Rede. Candida trat zu ihnen. "Tröste mir," sprach
+der Professor zu dieser, "tröste mir doch den guten Balthasar, der
+ganz betreten ist über alles Unheil, was geschehen."
+
+Der gutmütigen Candida tat der arme Balthasar, der ganz verwirrt mit
+niedergesenktem Blick vor ihr stand, herzlich leid. Sie reichte ihm
+die Hand und lispelte mit anmutigem Lächeln: "Es sind aber auch recht
+komische Leute, die sich so entsetzlich vor Katzen fürchten."
+
+Balthasar drückte Candidas Hand mit Inbrunst an die Lippen. Candida
+ließ den seelenvollen Blick ihrer Himmelsaugen auf ihm ruhen. Er war
+verzückt in den höchsten Himmel und dachte nicht mehr an Zinnober und
+Katzengeschrei. - Der Tumult war vorüber, die Ruhe wieder hergestellt.
+Am Teetisch saß die nervenschwache Dame und genoß mehreren Zwieback,
+den sie in Rum tunkte, versichernd, an dergleichen erlabe sich das
+von feindlicher Macht bedrohte Gemüt, und dem jähen Schreck folge
+sehnsüchtig Hoffen! -
+
+Auch die beiden alten Herren, denen draußen wirklich ein flüchtiger
+Kater zwischen die Beine gelaufen, kehrten beruhigt zurück und
+suchten, wie mehrere andere, den Spieltisch.
+
+Balthasar, Fabian, der Professor der Ästhetik, mehrere junge Leute
+setzten sich zu den Frauen. Herr Zinnober hatte sich indessen
+eine Fußbank herangerückt und war mittelst derselben auf das Sofa
+gestiegen, wo er nun in der Mitte zwischen zwei Frauen saß und stolze
+funkelnde Blicke um sich warf.
+
+Balthasar glaubte, daß der rechte Augenblick gekommen, mit seinem
+Gedicht von der Liebe der Nachtigall zur Purpurrose hervorzurücken.
+Er äußerte daher mit der gehörigen Verschämtheit, wie sie bei jungen
+Dichtern im Brauch ist, daß er, dürfe er nicht fürchten, Überdruß und
+Langeweile zu erregen, dürfe er auf gütige Nachsicht der geehrten
+Versammlung hoffen, es wagen wolle, ein Gedicht, das jüngste Erzeugnis
+seiner Muse, vorzulesen.
+
+Da die Frauen schon hinlänglich über alles verhandelt, was sich
+Neues in der Stadt zugetragen, die Mädchen den letzten Ball bei dem
+Präsidenten gehörig durchgesprochen und sogar über die Normalform der
+neuesten Hüte einig worden, da die Männer unter zwei Stunden nicht
+auf weitere Speis- und Tränkung rechnen durften, so wurde Balthasar
+einstimmig aufgefordert, der Gesellschaft ja den herrlichen Genuß
+nicht vorzuenthalten.
+
+Balthasar zog das sauber geschriebene Manuskript hervor und las.
+
+Sein eignes Werk, das in der Tat aus wahrhaftem Dichtergemüt mit
+voller Kraft, mit regem Leben hervorgeströmt, begeisterte ihn mehr und
+mehr. Sein Vortrag, immer leidenschaftlicher steigend, verriet die
+innere Glut des liebenden Herzens. Er bebte vor Entzücken, als leise
+Seufzer - manches leise Ach - der Frauen, mancher Ausruf der Männer:
+"Herrlich - vortrefflich - göttlich!" ihn überzeugten, daß sein
+Gedicht alle hinriß.
+
+Endlich hatte er geendet. Da riefen alle: "Welch ein Gedicht! - welche
+Gedanken - welche Fantasie - was für schöne Verse - welcher Wohlklang
+- Dank - Dank Ihnen, bester Herr Zinnober, für den göttlichen Genuß" -
+
+"Was? wie?" rief Balthasar; aber niemand achtete auf ihn, sondern
+stürzte auf Zinnober zu, der sich auf dem Sofa blähte wie ein kleiner
+Puter und mit widriger Stimme schnarchte: "Bitte recht sehr - bitte
+recht sehr - müssen so vorlieb nehmen! - ist eine Kleinigkeit, die ich
+erst vorige Nacht aufschrieb in aller Eil'!" - Aber der Professor der
+Ästhetik schrie: "Vortrefflicher - göttlicher Zinnober! Herzensfreund,
+außer mir bist du der erste Dichter, den es jetzt gibt auf Erden! -
+Komm an meine Brust, schöne Seele!" - Damit riß er den Kleinen vom
+Sofa auf in die Höhe und herzte und küßte ihn. Zinnober betrug sich
+dabei sehr ungebärdig. Er arbeitete mit den kleinen Beinchen auf des
+Professors dickem Bauch herum und quäkte: "Laß mich los - laß mich los
+- es tut mir weh - weh - weh ich kratz' dir die Augen aus - ich beiß'
+dir die Nase entzwei!" - "Nein," rief der Professor, indem er den
+Kleinen niedersetzte auf den Sofa, "nein, holder Freund, keine zu weit
+getriebene Bescheidenheit!" - Mosch Terpin war nun auch vom Spieltisch
+herangetreten, der nahm Zinnobers Händchen, drückte es und sprach sehr
+ernst: "Vortrefflich, junger Mann! - nicht zuviel, nein, nicht genug
+sprach man mir von dem hohen Genius, der Sie beseelt." "Wer ist's,"
+rief nun wieder der Professor der Ästhetik in voller Begeisterung
+aus, "wer ist's von euch Jungfrauen, der dem herrlichen Zinnober sein
+Gedicht, das das innigste Gefühl der reinsten Liebe ausspricht, lohnt
+durch einen Kuß?"
+
+Da stand Candida auf, nahete sich, volle Glut auf den Wangen, dem
+Kleinen, kniete nieder und küßte ihn auf den garstigen Mund mit blauen
+Lippen. "Ja," schrie nun Balthasar, wie vom Wahnsinn plötzlich erfaßt,
+"ja, Zinnober - göttlicher Zinnober, du hast das tiefsinnige Gedicht
+gemacht von der Nachtigall und der Purpurrose, dir gebührt der
+herrliche Lohn, den du erhalten!" -
+
+Und damit riß er den Fabian ins Nebenzimmer hinein und sprach: "Tu mir
+den Gefallen und schaue mich recht fest an und dann sage mir offen und
+ehrlich, ob ich der Student Balthasar bin oder nicht, ob du wirklich
+Fabian bist, ob wir in Mosch Terpins Hause sind, ob wir im Traume
+liegen - ob wir närrisch sind - zupfe mich an der Nase oder rüttle
+mich zusammen, damit ich nur erwache aus diesem verfluchten Spuk!" -
+
+"Wie magst," erwiderte Fabian, "wie magst du dich denn nur so toll
+gebärden aus purer heller Eifersucht, weil Candida den Kleinen küßte.
+Gestehen mußt du doch selbst, daß das Gedicht, welches der Kleine
+vorlas, in der Tat vortrefflich war." - "Fabian," rief Balthasar
+mit dem Ausdruck des tiefsten Erstaunens, "was sprichst du denn?"
+"Nun ja," fuhr Fabian fort, "nun ja, das Gedicht des Kleinen war
+vortrefflich, und gegönnt hab' ich ihm Candidas Kuß. - Überhaupt
+scheint hinter dem seltsamen Männlein allerlei zu stecken, das mehr
+wert ist als eine schöne Gestalt. Aber was auch selbst seine Figur
+betrifft, so kommt er mir jetzt nichts weniger als so abscheulich
+vor wie anfangs. Beim Ablesen des Gedichts verschönerte die innere
+Begeisterung seine Gesichtszüge, so daß er mir oft ein anmutiger
+wohlgewachsener Jüngling zu sein schien, ungeachtet er doch kaum über
+den Tisch hervorragte. Gib deine unnütze Eifersucht auf, befreunde
+dich als Dichter mit dem Dichter!"
+
+"Was," schrie Balthasar voll Zorn, "was? - noch befreunden mit dem
+verfluchten Wechselbalge, den ich erwürgen möchte mit diesen Fäusten?"
+
+"So," sprach Fabian, "so verschließest du dich denn aller Vernunft.
+Doch laß uns in den Saal zurückkehren, wo sich etwas Neues begeben
+muß, da ich laute Beifallsrufe vernehme."
+
+Mechanisch folgte Balthasar dem Freunde in den Saal.
+
+Als sie eintraten, stand der Professor Mosch Terpin allein in
+der Mitte, die Instrumente noch in der Hand, womit er irgendein
+physikalisches Experiment gemacht, starres Staunen im Gesicht. Die
+ganze Gesellschaft hatte sich um den kleinen Zinnober gesammelt, der,
+den Stock untergestemmt, auf den Fußspitzen dastand und mit stolzem
+Blick den Beifall einnahm, der ihm von allen Seiten zuströmte. Man
+wandte sich wieder zum Professor, der ein anderes sehr artiges
+Kunststückchen machte. Kaum war es fertig, als wiederum alle, den
+Kleinen umringend, riefen: "Herrlich - vortrefflich, lieber Herr
+Zinnober!" -
+
+Endlich sprang auch Mosch Terpin zu dem Kleinen hin und rief zehnmal
+stärker als die übrigen: "Herrlich - vortrefflich, lieber Herr
+Zinnober!"
+
+Es befand sich in der Gesellschaft der junge Fürst Gregor, der auf
+der Universität studierte. Der Fürst war von der anmutigsten Gestalt,
+die man nur sehen konnte, und dabei war sein Betragen so edel und
+ungezwungen, daß sich die hohe Abkunft, die Gewohnheit, sich in den
+vornehmsten Kreisen zu bewegen, darin deutlich aussprach.
+
+Fürst Gregor war es nun, der gar nicht von Zinnober wich und ihn als
+den herrlichsten Dichter, den geschicktesten Physiker über alle Maßen
+lobte.
+
+Seltsam war die Gruppe, die beide, zusammenstehend, bildeten. Gegen
+den herrlich gestalteten Gregor stach gar wunderlich das winzige
+Männlein ab, das mit hoch emporgereckter Nase sich kaum auf den
+dünnen Beinchen zu erhalten vermochte. Alle Blicke der Frauen waren
+hingerichtet, aber nicht auf den Fürsten, sondern auf den Kleinen,
+der, sich auf den Fußspitzen hebend, immer wieder herabsank und so
+hinauf und hinunter wankte wie ein Cartesianisches Teufelchen.
+
+Der Professor Mosch Terpin trat zu Balthasar und sprach: "Was sagen
+Sie zu meinem Schützling, zu meinem lieben Zinnober? Viel steckt
+hinter dem Mann, und nun ich ihn so recht anschaue, ahne ich wohl die
+eigentliche Bewandtnis, die es mit ihm haben mag. Der Prediger, der
+ihn erzogen und mir empfohlen hat, drückt sich über seine Abkunft sehr
+geheimnisvoll aus. Betrachten Sie aber nur den edlen Anstand, sein
+vornehmes, ungezwungenes Betragen. Er ist gewiß von fürstlichem
+Geblüt, vielleicht gar ein Königssohn!" - In dem Augenblick wurde
+gemeldet, das Mahl sei angerichtet. Zinnober torkelte ungeschickt
+hin zur Candida, ergriff täppisch ihre Hand und führte sie nach dem
+Speisesaal.
+
+In voller Wut rannte der unglückliche Balthasar durch die finstre
+Nacht, durch Sturmwind und Regen fort, nach Hause.
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+Wie der italienische Geiger Sbiocca den Herrn Zinnober in den
+Kontrabaß zu werfen drohte, und der Referendarius Pulcher nicht zu
+auswärtigen Angelegenheiten gelangen konnte. - Von Maut-Offizianten
+und zurückbehaltenen Wundern fürs Haus. - Balthasars Bezauberung durch
+einen Stockknopf.
+
+Auf einem hervorragenden bemoosten Gestein im einsamsten Walde saß
+Balthasar und schaute gedankenvoll hinab in die Tiefe, in der ein Bach
+schäumend fortbrauste zwischen Felsstücken und dicht verwachsenem
+Gestrüpp. Dunkle Wolken zogen daher und tauchten nieder hinter den
+Bergen; das Rauschen der Bäume, der Gewässer ertönte wie ein dumpfes
+Winseln, und dazwischen kreischten Raubvögel, die aus dem finstern
+Dickicht aufstiegen in den weiten Himmelsraum und sich nachschwangen
+dem fliehenden Gewölk. -
+
+Dem Balthasar war, als vernehme er in den wunderbaren Stimmen des
+Waldes die trostlose Klage der Natur, als müsse er selbst untergehen
+in dieser Klage, als sei sein ganzes Sein nur das Gefühl des tiefsten
+unverwindlichsten Schmerzes. Das Herz wollte ihm springen vor Wehmut,
+und indem häufige Tränen aus seinen Augen tröpfelten, war es, als
+blickten die Geister des Waldstroms zu ihm herauf und streckten
+schneeweiße Arme empor aus den Wellen, ihn hinabzuziehen in den kühlen
+Grund.
+
+Da schwebte aus weiter Ferne durch die Lüfte daher heller fröhlicher
+Hörnerklang und legte sich tröstend an seine Brust, und die Sehnsucht
+erwachte in ihm und mit ihr süßes Hoffen. Er sah umher, und indem die
+Hörner forttönten, dünkten ihm die grünen Schatten des Waldes nicht
+mehr so traurig, nicht mehr so klagend das Rauschen des Windes, das
+Flüstern der Gebüsche. Er kam zu Worten.
+
+"Nein," rief er aus, indem er aufsprang von seinem Sitz und mit
+leuchtendem Blick in die Ferne schaute, "nein, noch verschwand nicht
+alle Hoffnung! - Nur zu gewiß ist es, daß irgendein düstres Geheimnis,
+irgendein böser Zauber verstörend in mein Leben getreten ist, aber
+ich breche diesen Zauber, und sollt' ich darüber untergehen! Als
+ich endlich hingerissen, übermannt von dem Gefühl, das meine Brust
+zersprengen wollte, der holden, süßen Candida meine Liebe gestand, las
+ich denn nicht in ihren Blicken, fühlte ich nicht an dem Druck ihrer
+Hand meine Seligkeit? - Aber sowie das verdammte kleine Ungetüm sich
+sehen läßt, ist ihm alle Liebe zugewandt. An ihr, der vermaledeiten
+Mißgeburt, hängen Candidas Augen, und sehnsüchtige Seufzer entfliehen
+ihrer Brust, wenn der täppische Junge sich ihr nähert oder gar ihre
+Hand berührt. - Es muß mit ihm irgendeine geheimnisvolle Bewandtnis
+haben, und sollt' ich an alberne Ammenmärchen glauben, ich würde
+behaupten, der Junge sei verhext und könne es, wie man zu sagen
+pflegt, den Leuten antun. Ist es nicht toll, daß alle über das
+mißgestaltete, durch und durch verwahrloste Männlein spotten und
+lachen und dann wieder, tritt der Kleine dazwischen, ihn als den
+verständigsten, gelehrtesten, ja wohlgestaltetsten Herrn Studiosum
+ausschreien, der sich eben unter uns befindet? - Was sage ich! geht es
+mir nicht beinahe selbst so, kommt es mir nicht auch oft vor, als sei
+Zinnober gescheut und hübsch? - Nur in Candidas Gegenwart hat der
+Zauber keine Macht über mich, da ist und bleibt Herr Zinnober ein
+dummes, abscheuliches Alräunchen. - Doch! - ich stemme mich entgegen
+der feindlichen Macht, eine dunkle Ahnung ruht tief in meinem Innern,
+irgend etwas Unerwartetes werde mir die Waffe in die Hand geben wider
+den bösen Unhold!" -
+
+Balthasar suchte den Rückweg nach Kerepes. In einem Baumgange
+fortwandernd, bemerkte er auf der Landstraße einen kleinen bepackten
+Reisewagen, aus dem ihm jemand mit einem weißen Tuch freundlich
+zuwinkte. Er trat heran und erkannte Herrn Vincenzo Sbiocca,
+weltberühmten Virtuosen auf der Geige, den er wegen seines
+vortrefflichen ausdrucksvollen Spiels über alle Maßen hochschätzte und
+bei dem er schon seit zwei Jahren Unterricht genommen. "Gut," rief
+Sbiocca, indem er aus dem Wagen sprang, "gut, mein lieber Herr
+Balthasar, mein teurer Freund und Schüler, gut, daß ich Sie hier noch
+treffe, um von Ihnen herzlichen Abschied nehmen zu können."
+
+"Wie," sprach Balthasar, "wie Herr Sbiocca, Sie verlassen doch nicht
+Kerepes, wo alles Sie ehrt und achtet, wo keiner Sie missen mag?"
+
+"Ja," erwiderte Sbiocca, indem ihm alle Glut des innern Zorns ins
+Gesicht trat, "ja, Herr Balthasar, ich verlasse einen Ort, in dem die
+Leute sämtlich närrisch sind, der einem großen Irrenhause gleicht. -
+Sie waren gestern nicht in meinem Konzert, da Sie über Land gegangen,
+sonst hätten Sie mir beistehen können gegen das rasende Volk, dem ich
+unterlegen."
+
+"Was ist geschehen, um tausend Himmels willen, was ist geschehen?"
+rief Balthasar.
+
+"Ich spiele," fuhr Sbiocca fort, "das schwierigste Konzert von Viotti.
+Es ist mein Stolz, meine Freude. Sie haben es von mir gehört, es hat
+Sie nie unbegeistert gelassen. Gestern war ich, wohl mag ich es sagen,
+ganz vorzüglich bei guter Laune - anima mein' ich, heitren Geistes
+- spirito alato mein' ich. Kein Violinspieler auf der ganzen weiten
+Erde, Viotti selbst hätte mir nicht nachgespielt. Als ich geendet,
+bricht der Beifall mit aller Wut los - furore mein' ich, wie ich
+erwartet. Geige unter dem Arm trete ich vor, mich höflichst zu
+bedanken. - Aber! was muß ich sehen, was muß ich hören! - Alles, ohne
+mich nur im mindesten zu beachten, drängt sich nach einer Ecke des
+Saals und schreit: 'Bravo - bravissimo, göttlicher Zinnober! - welch
+ein Spiel - welche Haltung, welcher Ausdruck, welche Fertigkeit!' -
+Ich renne hin, dränge mich durch! - da steht ein drei Spannen hoher
+verwachsener Kerl und schnarrt mit widriger Stimme: 'Bitte, bitte,
+recht sehr, habe gespielt, wie es in meinen Kräften stand, bin
+freilich nunmehr der stärkste Violinist in Europa und den übrigen
+bekannten Weltteilen.' 'Tausend Teufel,' schrie ich, 'wer hat denn
+gespielt, ich oder der Erdwurm da!' - Und als der Kleine immer
+fortschnarcht: 'Bitte, bitte ergebenst,' will ich auf ihn los und ihn
+fassen, in die ganze Applikatur greifend. Aber da stürzen sie auf mich
+los und reden wahnsinniges Zeug von Neid, Eifersucht und Mißgunst.
+Unterdessen ruft einer: 'Und welche Komposition!' und alle einstimmig
+rufen hintendrein: 'Und welche Komposition - göttlicher Zinnober! -
+sublimer Komponist!' Noch ärger als zuvor schrie ich: 'Ist denn alles
+rasend - besessen? das Konzert war von Viotti, und ich - ich - der
+weltberühmte Vincenzo Sbiocca hat es gespielt!' Aber nun packen sie
+mich fest, sprechen von italienischer Tollheit - rabbia mein' ich,
+von seltsamen Zufällen, bringen mich mit Gewalt in ein Nebenzimmer,
+behandeln mich wie einen Kranken, wie einen Wahnsinnigen. Nicht lange
+dauert es, so stürzt Signora Bragazzi hinein und fällt ohnmächtig
+nieder. Ihr war es ergangen wie mir. Sowie sie ihre Arie geendet,
+erdröhnte der Saal von dem: 'Brava - bravissima - Zinnober,' und alle
+schrien, keine solche Sängerin gäb' es mehr auf Erden als Zinnober,
+und der schnarchte wieder sein verfluchtes: 'Bitte - bitte!' -
+Signora Bragazzi liegt im Fieber und wird baldigst verscheiden; ich
+meinesteils rette mich durch die Flucht vor dem wahnsinnigen Volke.
+Leben Sie wohl, bester Herr Balthasar! - Sehn Sie etwa den Signorino
+Zinnober, so sagen Sie ihm gefälligst, er möge sich nicht irgendwo in
+einem Konzert blicken lassen, in dem ich zugegen. Unfehlbar würd' ich
+ihn sonst bei seinen Käferbeinchen packen und durchs F-Loch in den
+Kontrabaß schmeißen, da könne er denn zeit seines Lebens Konzerte
+spielen und Arien singen, wie er nur Lust hätte. Leben Sie wohl,
+mein geliebter Balthasar, und legen Sie die Violine nicht beiseite!"
+- Damit umarmte Herr Vincenzo Sbiocca den vor Staunen erstarrten
+Balthasar und stieg in den Wagen, der schnell davonrollte.
+
+"Hab' ich denn nicht recht," sprach Balthasar zu sich selbst, "hab'
+ich denn nicht recht, das unheimliche Ding, der Zinnober, ist verhext
+und tut es den Leuten an." - In dem Augenblick rannte ein junger
+Mensch vorüber, bleich - verstört, Wahnsinn und Verzweiflung im
+Antlitz. Dem Balthasar fiel es schwer aufs Herz. Er glaubte in dem
+Jünglinge einen seiner Freunde erkannt zu haben und sprang ihm daher
+schnell nach in den Wald.
+
+Kaum zwanzig - dreißig Schritte gelaufen, wurde er den Referendarius
+Pulcher gewahr, der unter einem großen Baume stehen geblieben und
+mit himmelwärts gerichtetem Blick also sprach: "Nein! - nicht länger
+dulden diese Schmach! - Alle Hoffnung des Lebens ist dahin! - jede
+Aussicht nur ins Grab gerichtet - Fahre wohl - Leben - Welt - Hoffnung
+- Geliebte." -
+
+Und damit riß der verzweiflungsvolle Referendarius eine Pistole aus
+dem Busen und drückte sie sich an die Stirne.
+
+Balthasar stürzte mit Blitzesschnelle auf ihn zu, schleuderte ihm die
+Pistole weit weg aus der Hand und rief: "Pulcher! um Gottes willen,
+was ist dir, was tust du!"
+
+Der Referendarius konnte einige Minuten hindurch nicht zu sich selbst
+kommen. Er war halb ohnmächtig niedergesunken auf den Rasen; Balthasar
+hatte sich zu ihm gesetzt und sprach tröstende Worte, wie er es nur
+vermochte, ohne die Ursache von Pulchers Verzweiflung zu wissen.
+
+Hundertmal hatte Balthasar gefragt, was dem Referendarius denn
+Schreckliches geschehen, das den schwarzen Gedanken des Selbstmords
+in ihm rege gemacht. Da seufzte Pulcher endlich tief auf und begann:
+"Du kennst, lieber Freund Balthasar, meine bedrängte Lage, du weißt,
+wie ich all meine Hoffnung auf die Stelle des geheimen Expedienten
+gesetzt, die bei dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten offen;
+du weißt, mit welchem Eifer, mit welchem Fleiß ich mich darauf
+vorbereitet. Ich hatte meine Ausarbeitungen eingereicht, die, wie ich
+zu meiner Freude erfuhr, den vollsten Beifall des Ministers erhalten.
+Mit welcher Zuversicht stellte ich mich heute vormittag zur mündlichen
+Prüfung! - Ich fand im Zimmer einen kleinen, mißgeschaffenen Kerl,
+den du wohl unter dem Namen des Herrn Zinnober kennen wirst. Der
+Legationsrat, dem die Prüfung übertragen, trat mir freundlich entgegen
+und sagte mir, zu derselben Stelle, die ich zu erhalten wünsche, habe
+sich auch Herr Zinnober gemeldet, er werde uns _beide_ daher prüfen.
+Dann raunte er mir leise ins Ohr: 'Sie haben von Ihrem Mitbewerber
+nichts zu befürchten, bester Referendarius, die Arbeiten, die der
+kleine Zinnober eingereicht, sind erbärmlich!' Die Prüfung begann,
+keine Frage des Rats ließ ich unbeantwortet. Zinnober wußte
+nichts, gar nichts; statt zu antworten, schnarchte und quäkte er
+unvernehmliches Zeug, das niemand verstand, fiel auch, indem er
+ungebärdig mit den Beinchen strampelte, ein paarmal vom hohen Stuhl
+herab, so daß ich ihn wieder hinaufheben mußte. Mir bebte das Herz vor
+Vergnügen; die freundlichen Blicke, die der Rat dem Kleinen zuwarf,
+hielt ich für die bitterste Ironie. - Die Prüfung war beendigt. Wer
+schildert meinen Schreck, mir war es, als wenn ein jäher Blitz mich
+klaftertief hineinschlüge in den Boden, als der Rat den Kleinen
+umarmte, zu ihm sprach: 'Herrlicher Mensch! - welche Kenntnis -
+welcher Verstand - welcher Scharfsinn!' - dann zu mir: 'Sie haben mich
+sehr getäuscht, Herr Referendarius Pulcher - Sie wissen ja gar nichts!
+Und - nehmen Sie es mir nicht übel, die Art, wie Sie sich zur Prüfung
+ermutigt haben mögen, läuft gegen alle Sitte, gegen allen Anstand! -
+Sie konnten sich ja gar nicht auf dem Stuhl erhalten, Sie fielen ja
+herab, und Herr Zinnober mußte Sie aufrichten. Diplomatische Personen
+müssen fein nüchtern sein und besonnen. - Adieu, Herr Referendarius!'
+- Noch hielt ich alles für ein tolles Gaukelspiel. Ich wagte es,
+ich ging hin zum Minister. Er ließ mir heraussagen, wie ich mich
+unterstehen könne, ihn noch mit meinem Besuch zu behelligen, nach der
+Art, wie ich mich in der Prüfung bewiesen - er wisse schon alles!
+Der Posten, zu dem ich mich gedrängt, sei schon vergeben an Herrn
+Zinnober! - So hat mir irgendeine höllische Macht alle Hoffnung
+geraubt, und ich will ein Leben freiwillig opfern, das dem dunklen
+Verhängnis anheimgefallen! Verlaß mich!" -
+
+"Nimmermehr," rief Balthasar, "erst höre mich an!"
+
+Er erzählte nun alles, was er von Zinnober wußte seit seiner ersten
+Erscheinung vor dem Tor von Kerepes; wie es ihm mit dem Kleinen
+ergangen im Mosch Terpins Hause; was er eben jetzt von Vincenzo
+Sbiocca vernommen. "Es ist nur zu gewiß," sprach er dann, "daß allem
+Beginnen der unseligen Mißgeburt irgend etwas Geheimnisvolles zum
+Grunde liegt, und glaube mir, Freund Pulcher, - ist irgendein
+höllischer Zauber im Spiele, so kommt es nur darauf an, ihm mit
+festem Sinn entgegen zu treten, der Sieg ist gewiß, wenn nur der Mut
+vorhanden. - Darum nicht verzagt, kein zu rascher Entschluß. Laß uns
+vereint dem kleinen Hexenkerl zu Leibe gehen!" -
+
+"Hexenkerl," rief der Referendarius mit Begeisterung, "ja Hexenkerl,
+ein ganz verfluchter Hexenkerl ist der Kleine, das ist gewiß! - Doch
+Bruder Balthasar, was ist uns denn, liegen wir im Traume? - Hexenwesen
+- Zaubereien - ist es denn damit nicht vorbei seit langer Zeit? Hat
+denn nicht vor vielen Jahren Fürst Paphnutius der Große die Aufklärung
+eingeführt und alles tolle Unwesen, alles Unbegreifliche aus dem Lande
+verbannt, und doch soll noch dergleichen verwünschte Contrebande sich
+eingeschlichen haben? - Wetter! das müßte man ja gleich der Polizei
+anzeigen und den Maut-Offizianten! - Aber nein, nein - nur der
+Wahnsinn der Leute oder, wie ich beinahe fürchte, ungeheure Bestechung
+ist schuld an unserm Unglück. - Der verwünschte Zinnober soll
+unermeßlich reich sein. Er stand neulich vor der Münze, und da zeigten
+die Leute mit Fingern nach ihm und riefen: 'Seht den kleinen hübschen
+Papa! - dem gehört alles blanke Gold, was da drinnen geprägt wird!'"
+
+"Still," erwiderte Balthasar, "still, Freund Referendarius, mit dem
+Golde zwingt es der Unhold nicht, es ist etwas anderes dahinter!
+- Wahr, daß Fürst Paphnutius die Aufklärung einführte zu Nutz
+und Frommen seines Volks, seiner Nachkommenschaft, aber manches
+Wunderbare, Unbegreifliche ist doch noch zurückgeblieben. Ich meine,
+man hat noch so fürs Haus einige hübsche Wunder zurückbehalten.
+Z.B. noch immer wachsen aus lumpichten Samenkörnern die höchsten,
+herrlichsten Bäume, ja sogar die mannigfaltigsten Früchte und
+Getreidearten, womit wir uns den Leib stopfen. Erlaubt man ja wohl
+noch gar den bunten Blumen, den Insekten auf ihren Blättern und
+Flügeln die glänzendsten Farben, selbst die allerverwunderlichsten
+Schriftzüge zu tragen, von denen kein Mensch weiß, ob es Öl ist,
+Guasche oder Aquarellmanier, und kein Teufel von Schreibmeister kann
+die schmucke Kurrentschrift lesen, geschweige denn nachschreiben!
+Hoho! Referendarius, ich sage dir, es geht in meinem Innern zuweilen
+Absonderliches vor! - Ich lege die Pfeife weg und schreite im Zimmer
+auf und ab, und eine seltsame Stimme flüstert, ich sei selbst ein
+Wunder, der Zauberer Mikrokosmus hantiere in mir und treibe mich an zu
+allerlei tollen Streichen! - Aber, Referendarius, dann laufe ich fort
+und schaue hinein in die Natur und verstehe alles, was die Blumen, die
+Gewässer zu mir sprechen, und mich umfängt selige Himmelslust!" -
+
+"Du sprichst im Fieber," rief Pulcher; aber Balthasar, ohne auf ihn zu
+achten, streckte die Arme aus, wie von inbrünstiger Sehnsucht erfaßt,
+nach der Ferne. "Horche doch nur," rief Balthasar, "horche doch nur,
+o Referendarius, welche himmlische Musik im Rauschen des Abendwindes
+durch den Wald ertönt! - Hörst du wohl, wie die Quellen stärker
+erheben ihren Gesang? wie die Büsche, die Blumen einfallen mit
+lieblichen Stimmen?" -
+
+Der Referendarius hielt das Ohr hin, um die Musik zu erhorchen, von
+der Balthasar sprach. "In der Tat," fing er dann an, "in der Tat, es
+wehen Töne durch den Wald, die die anmutigsten, herrlichsten sind,
+welche ich in meinem Leben gehört und die mir tief in die Seele
+dringen. Doch ist es nicht der Abendwind, nicht die Büsche, nicht die
+Blumen sind es, die so singen, vielmehr deucht es mir, als wenn jemand
+in der Ferne die tiefsten Glocken einer Harmonika anstriche."
+
+Pulcher hatte recht. Wirklich glichen die vollen, immer stärker und
+stärker anschwellenden Akkorde, die immer näher hallten, den Tönen
+einer Harmonika, deren Größe und Stärke aber unerhört sein mußte. Als
+nun die Freunde weiter vorschritten, bot sich ihnen ein Schauspiel
+dar, so zauberhaft, daß sie vor Erstaunen erstarrt - fest gewurzelt -
+stehen blieben. In geringer Entfernung fuhr ein Mann langsam durch den
+Wald, beinahe chinesisch gekleidet, nur trug er ein weitbauschiges
+Barett mit schönen Schwungfedern auf dem Haupte. Der Wagen glich
+einer offenen Muschel von funkelndem Kristall, die beiden hohen Räder
+schienen von gleicher Masse. Sowie sie sich drehten, erklangen die
+herrlichen Harmonikatöne, die die Freunde schon aus der Ferne gehört.
+Zwei schneeweiße Einhörner mit goldenem Geschirr zogen den Wagen, auf
+dem statt des Fuhrmanns ein Silberfasan saß, die goldnen Leinen im
+Schnabel haltend. Hintenauf saß ein großer Goldkäfer, der mit den
+flimmernden Flügeln flatternd, dem wunderbaren Mann in der Muschel
+Kühlung zuzuwehen schien. Sowie er bei den Freunden vorüberkam, nickte
+er ihnen freundlich zu. In dem Augenblick fiel aus dem funkelnden
+Knopf des langen Rohrs, das der Mann in der Hand trug, ein Strahl auf
+Balthasar, so daß er einen brennenden Stich tief in der Brust fühlte
+und mit einem dumpfen Ach! zusammenfuhr. -
+
+Der Mann blickte ihn an und lächelte und winkte noch freundlicher als
+zuvor. Sowie das zauberische Fuhrwerk im dichten Gebüsch verschwand,
+noch im sanften Nachhallen der Harmonikatöne, fiel Balthasar, ganz
+außer sich vor Wonne und Entzücken, dem Freunde um den Hals und rief:
+"Referendarius, wir sind gerettet! - jener ist's, der Zinnobers
+versuchten Zauber bricht!" -
+
+"Ich weiß nicht," sprach Pulcher, "ich weiß nicht, wie mir in diesem
+Augenblick zumute, ob ich wache, ob ich träume; aber so viel ist
+gewiß, daß ein unbekanntes Wonnegefühl mich durchdringt und daß Trost
+und Hoffnung in meine Seele wiederkehrt."
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+Wie Fürst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger Goldwasser
+frühstückte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose bekam und den
+Geheimen Sekretär Zinnober zum Geheimen Spezialrat erhob. - Die
+Bilderbücher des Doktors Prosper Alpanus. - Wie ein Portier den
+Studenten Fabian in den Finger biß, dieser ein Schleppkleid trug und
+deshalb verhöhnt wurde. - Balthasars Flucht.
+
+Es ist nicht länger zu verhehlen, daß der Minister der auswärtigen
+Angelegenheiten, bei dem Herr Zinnober als Geheimer Expedient
+angenommen, ein Abkömmling jenes Barons Prätextatus von Mondschein
+war, der den Stammbaum der Fee Rosabelverde in den Turnierbüchern und
+Chroniken vergebens suchte. Er hieß wie sein Ahnherr Prätextatus von
+Mondschein, war von der feinsten Bildung, den angenehmsten Sitten,
+verwechselte niemals das Mich und Mir, das Ihnen und Sie, schrieb
+seinen Namen mit französischen Lettern sowie überhaupt eine leserliche
+Hand und arbeitete sogar zuweilen selbst, vorzüglich wenn das Wetter
+schlecht war. Fürst Barsanuph, ein Nachfolger des großen Paphnutz,
+liebte ihn zärtlich, denn er hatte auf jede Frage eine Antwort,
+spielte in den Erholungsstunden mit dem Fürsten Kegel, verstand sich
+herrlich aufs Geld-Negoz und suchte in der Gavotte seinesgleichen.
+
+Es gab sich, daß der Baron Prätextatus von Mondschein den Fürsten
+eingeladen hatte zum Frühstück auf Leipziger Lerchen und ein Gläschen
+Danziger Goldwasser. Als er nun hinkam in Mondscheins Haus, fand er im
+Vorsaal unter mehreren angenehmen diplomatischen Herren den kleinen
+Zinnober, der, auf seinem Stock gestemmt, ihn mit seinen Äugelein
+anfunkelte und, ohne sich weiter an ihn zu kehren, eine gebratene
+Lerche ins Maul steckte, die er soeben vom Tische gemaust. Sowie der
+Fürst den Kleinen erblickte, lächelte er ihn gnädig an und sprach zum
+Minister: "Mondschein! was haben Sie da für einen kleinen, hübschen,
+verständigen Mann in Ihrem Hause? - Es ist gewiß derselbe, der die
+wohl stilisierten und schön geschriebenen Berichte verfertigt, die ich
+seit einiger Zeit von Ihnen erhalte?" "Allerdings, gnädigster Herr,"
+erwiderte Mondschein. "Mir hat das Geschick ihn zugeführt als den
+geistreichsten, geschicktesten Arbeiter in meinem Bureau. Er nennt
+sich Zinnober, und ich empfehle den jungen herrlichen Mann ganz
+vorzüglich Ihrer Huld und Gnade, mein bester Fürst! - Erst seit
+wenigen Tagen ist er bei mir." "Und ebendeshalb," sprach ein junger
+hübscher Mann, der sich indessen genähert, "und ebendeshalb hat, wie
+Ew. Exzellenz zu bemerken erlauben werden, mein kleiner Kollege noch
+gar nichts expediert. Die Berichte, die das Glück hatten, von Ihnen,
+mein durchlauchtigster Fürst, mit Wohlgefallen bemerkt zu werden, sind
+von mir verfaßt." "Was wollen Sie!" fuhr der Fürst ihn zornig an. -
+Zinnober hatte sich dicht an den Fürsten geschoben und schmatzte, die
+Lerche verzehrend, vor Gier und Appetit. - Der junge Mensch war es
+wirklich, der jene Berichte verfaßt, aber: "Was wollen Sie," rief der
+Fürst, "Sie haben ja noch gar nicht die Feder angerührt? - Und daß Sie
+dicht bei mir gebratene Lerchen verzehren, so daß, wie ich zu meinem
+großen Ärger bemerken muß, meine neue Kasimirhose bereits einen
+Butterfleck bekommen, daß Sie dabei so unbillig schmatzen, ja! -
+alles das beweiset hinlänglich Ihre völlige Untauglichkeit zu jeder
+diplomatischen Laufbahn! - Gehen Sie fein nach Hause und lassen Sie
+sich nicht wieder vor mir sehen, es sei denn, Sie brächten mir eine
+nützliche Fleckkugel für meine Kasimirhose. - Vielleicht wird mir dann
+wieder gnädig zumute!" Dann zum Zinnober: "Solche Jünglinge, wie Sie,
+werter Zinnober, sind eine Zierde des Staats und verdienen ehrenvoll
+ausgezeichnet zu werden! - Sie sind Geheimer Spezialrat, mein Bester!"
+- "Danke schönstens," schnarrte Zinnober, indem er den letzten Bissen
+hinunterschluckte und sich das Maul wischte mit beiden Händchen,
+"danke schönstens, ich werd' das Ding schon machen, wie es mir
+zukommt."
+
+"Wackres Selbstvertrauen," sprach der Fürst mit erhobener Stimme,
+"wackres Selbstvertrauen zeugt von der innern Kraft, die dem würdigen
+Staatsmann inwohnen muß!" - Und auf diesen Spruch nahm der Fürst ein
+Schnäpschen Goldwasser, welches der Minister selbst ihm darreichte und
+das ihm sehr wohl bekam. - Der neue Rat mußte Platz nehmen zwischen
+dem Fürsten und Minister. Er verzehrte unglaublich viel Lerchen und
+trank Malaga und Goldwasser durcheinander und schnarrte und brummte
+zwischen den Zähnen und hantierte, da er kaum mit der spitzen Nase
+über den Tisch reichen konnte, gewaltig mit den Händchen und Beinchen.
+
+Als das Frühstück beendigt, riefen beide, der Fürst und der Minister:
+"Er ist ein englischer Mensch, dieser Geheime Spezialrat!" - "Du
+siehst," sprach Fabian zu seinem Freunde Balthasar, "du siehst so
+fröhlich aus, deine Blicke leuchten in besonderen Feuer. - Du fühlst
+dich glücklich? - Ach, Balthasar, du träumst vielleicht einen schönen
+Traum, aber ich muß dich daraus erweckendes ist Freundes Pflicht!"
+
+"Was hast du, was ist geschehen?" fragte Balthasar bestürzt.
+
+"Ja," fuhr Fabian fort, "ja! - ich muß es dir sagen! Fasse dich
+nur, mein Freund! - Bedenke, daß vielleicht kein Unfall in der Welt
+schmerzlicher trifft und doch leichter zu verwinden ist, als eben
+dieser! - Candida" -
+
+"Um Gott," schrie Balthasar entsetzt, "Candida! - was ist mit Candida?
+- ist sie hin - ist sie tot?"
+
+"Ruhig," sprach Fabian weiter, "ruhig, mein Freund! - nicht tot
+ist Candida, aber so gut als tot für dich! - Wisse, daß der kleine
+Zinnober Geheimer Spezialrat geworden und so gut als versprochen ist
+mit der schönen Candida, die, Gott weiß wie, in ihn ganz vernarrt sein
+soll."
+
+Fabian glaubte, daß Balthasar nun losbrechen werde in ungestüme,
+verzweiflungsvolle Klagen und Verwünschungen. Statt dessen sprach er
+mit ruhigem Lächeln: "Ist es nichts weiter als das, so gibt es keinen
+Unfall, der mich betrüben könnte."
+
+"Du liebst Candida nicht mehr?" fragte Fabian voll Erstaunen.
+
+"Ich liebe," erwiderte Balthasar, "ich liebe das Himmelskind, das
+herrliche Mädchen mit aller Inbrunst, mit aller Schwärmerei, die nur
+in eines Jünglings Brust sich entzünden kann! Und ich weiß - ach ich
+weiß es, daß Candida mich wieder liebt, daß nur ein verruchter Zauber
+sie umstrickt hält, aber bald löse ich die Bande dieses Hexenwesens,
+bald vernichte ich den Unhold, der die Arme betört." -
+
+Balthasar erzählte nun dem Freunde ausführlich von dem wunderbaren
+Mann, dem er in dem seltsamsten Fuhrwerk im Walde begegnet. Er
+schloß damit, daß, sowie aus dem Stockknopf des zauberischen Wesens
+ein Strahl in seine Brust gefunkelt, der feste Gedanken in ihm
+aufgegangen, daß Zinnober nichts sei als ein Hexenmännlein, dessen
+Macht jener Mann vernichten werde.
+
+"Aber," rief Fabian, als der Freund geendet, "aber Balthasar, wie
+kannst du nur auf solches tolles, wunderliches Zeug verfallen? - Der
+Mann, den du für einen Zauberer hältst, ist niemand anders als der
+Doktor Prosper Alpanus, der unfern der Stadt auf seinem Landhause
+wohnt. Wahr ist es, daß die wunderlichsten Gerüchte von ihm verbreitet
+werden, so daß man ihn beinahe für einen zweiten Cagliostro halten
+möchte; aber daran ist er selbst schuld. Er liebt es, sich in
+mystisches Dunkel zu hüllen, den Schein eines mit den tiefsten
+Geheimnissen der Natur vertrauten Mannes anzunehmen, der unbekannten
+Kräften gebietet, und dabei hat er die bizarrsten Einfälle. So ist
+zum Beispiel sein Fuhrwerk so seltsam beschaffen, daß ein Mensch, der
+von lebhafter feuriger Fantasie ist, wie du, mein Freund, wohl dahin
+gebracht werden kann, alles für eine Erscheinung aus irgendeinem
+tollen Märchen zu halten. Höre also! - Sein Kabriolett hat die Form
+einer Muschel und ist über und über versilbert, zwischen den Rädern
+ist eine Drehorgel angebracht, welche, sowie der Wagen fährt, von
+selbst spielt. Das, was du für einen Silberfasan hieltest, war gewiß
+sein kleiner weißgekleideter Jockey, so wie du gewiß die Blätter des
+ausgespreiteten Sonnenschirms für die Flügeldecken eines Goldkäfers
+hieltest. Seinen beiden weißen Pferdchen läßt er große Hörner
+anschrauben, damit es nur recht fabelhaft aussehn soll. Übrigens ist
+es richtig, daß der Doktor Alpanus ein schönes spanisches Rohr trägt
+mit einem herrlich funkelnden Kristall, der oben darauf sitzt als
+Knopf und von dessen wunderlicher Wirkung man viel Fabelhaftes erzählt
+oder vielmehr lügt. Den Strahl dieses Kristalls soll nämlich kaum ein
+Auge ertragen. Verhüllt ihn der Doktor mit einem dünnen Schleier und
+richtet man nun den festen Blick darauf, so soll das Bild der Person,
+das man in dem innersten Gedanken trägt, außerhalb wie in einem
+Hohlspiegel erscheinen." "In der Tat," fiel Balthasar dem Freunde ins
+Wort, "in der Tat? Erzählt man das? - Was spricht man denn wohl noch
+weiter von dem Herrn Doktor Prosper Alpanus?"
+
+"Ach," erwiderte Fabian, "verlange doch nur nicht, daß ich von den
+tollen Fratzen und Possen viel reden soll. Du weißt ja, daß es noch
+bis jetzt abenteuerliche Leute gibt, die der gesunden Vernunft
+entgegen an alle sogenannte Wunder alberner Ammenmärchen glauben."
+
+"Ich will dir gestehen," fuhr Balthasar fort, "daß ich genötigt bin,
+mich selbst zu der Partie dieser abenteuerlichen Leute ohne gesunde
+Vernunft zu schlagen. Versilbertes Holz ist kein glänzendes
+durchsichtiges Kristall, eine Drehorgel tönt nicht wie eine Harmonika,
+ein Silberfasan ist kein Jockey und ein Sonnenschirm kein Goldkäfer.
+Entweder war der wunderbare Mann, dem ich begegnete, nicht der Doktor
+Prosper Alpanus, von dem du sprichst, oder der Doktor herrscht
+wirklich über die außerordentlichsten Geheimnisse."
+
+"Um," sprach Fabian, "um dich ganz von deinen seltsamen Träumereien zu
+heilen, ist es am besten, daß ich dich geradezu hinführe zu dem Doktor
+Prosper Alpanus. Dann wirst du es selbst verspüren, daß der Herr
+Doktor ein ganz gewöhnlicher Arzt ist und keineswegs spazieren fährt
+mit Einhörnern, Silberfasanen und Goldkäfern."
+
+"Du sprichst," erwiderte Balthasar, indem ihm die Augen hell
+auffunkelten, "du sprichst, mein Freund, den innigsten Wunsch meiner
+Seele aus. - Wir wollen uns nur gleich auf den Weg machen."
+
+Bald standen sie vor dem verschlossenen Gattertor des Parks, in
+dessen Mitte das Landhaus des Doktor Alpanus lag. "Wie kommen wir nur
+hinein?" sprach Fabian. "Ich denke, wir klopfen," erwiderte Balthasar
+und faßte den metallenen Klöpfel, der dicht beim Schlosse angebracht
+war.
+
+Sowie er den Klöpfel aufhob, begann ein unterirdisches Murmeln wie
+ein ferner Donner und schien zu verhallen in der tiefsten Tiefe. Das
+Gattertor drehte sich langsam auf, sie traten ein und wanderten fort
+durch einen langen, breiten Baumgang, durch den sie das Landhaus
+erblickten. "Spürst du," sprach Fabian, "hier etwas Außerordentliches,
+Zauberisches?" "Ich dächte," erwiderte Balthasar, "die Art, wie sich
+das Gattertor öffnete, wäre doch nicht so ganz gewöhnlich gewesen,
+und dann weiß ich nicht, wie mich hier alles so wunderbar, so magisch
+anspricht. - Gibt es denn wohl auf weit und breit solche herrliche
+Bäume als eben hier in diesem Park? - Ja, mancher Baum, manches
+Gebüsch scheint ja mit seinen glänzenden Stämmen und smaragdenen
+Blättern einem fremden unbekannten Lande anzugehören." -
+
+Fabian bemerkte zwei Frösche von ungewöhnlicher Größe, die schon von
+dem Gattertor an zu beiden Seiten der Wandelnden mitgehüpft waren.
+"Schöner Park," rief Fabian, "in dem es solch Ungeziefer gibt!" und
+bückte sich nieder, um einen kleinen Stein aufzuheben, mit dem er nach
+den lustigen Fröschen zu werfen gedachte. Beide sprangen ins Gebüsch
+und guckten ihn mit glänzenden menschlichen Augen an. "Wartet,
+wartet!" rief Fabian, zielte nach dem einen und warf. In dem
+Augenblick quäkte aber ein kleines häßliches Weib, das am Wege saß:
+"Grobian! schmeiß' Er nicht ehrliche Leute, die hier im Garten mit
+saurer Arbeit ihr bißchen Brot verdienen müssen." - "Komm nur, komm,"
+murmelte Balthasar entsetzt, denn er merkte wohl, daß der Frosch sich
+gestaltet zum alten Weibe. Ein Blick ins Gebüsch überzeugte ihn, daß
+der andere Frosch, jetzt ein kleines Männlein geworden, sich mit
+Ausjäten des Unkrauts beschäftigte. -
+
+Vor dem Landhause befand sich ein großer schöner Rasenplatz, auf dem
+die beiden Einhörner weideten, während die herrlichsten Akkorde in den
+Lüften erklangen.
+
+"Siehst du wohl, hörst du wohl?" sprach Balthasar.
+
+"Ich sehe nichts weiter," erwiderte Fabian, "als zwei kleine Schimmel,
+die Gras fressen, und was so in den Lüften tönt, sind wahrscheinlich
+aufgehängte Äolsharfen."
+
+Die herrliche einfache Architektur des mäßig großen, einstöckigen
+Landhauses entzückte den Balthasar. Er zog an der Klingelschnur,
+sogleich ging die Türe auf, und ein großer straußartiger, ganz
+goldgelb gleißender Vogel stand als Portier vor den Freunden.
+
+"Nun seh'," sprach Fabian zu Balthasar, "nun seh' einmal einer die
+tolle Livree! - Will man auch nachher dem Kerl ein Trinkgeld geben,
+hat er wohl eine Hand, es in die Westentasche zu schieben?"
+
+Und damit wandte er sich zu dem Strauß, packte ihn bei den glänzenden
+Flaumfedern, die unter dem Schnabel an der Kehle wie ein reiches Jabot
+sich aufplusterten, und sprach: "Meld' Er uns bei dem Herrn Doktor,
+mein scharmanter Freund!" - Der Strauß sagte aber nichts als:
+_"Quirrrr"_ - und biß den Fabian in den Finger. "Tausend Sapperment,"
+schrie Fabian, "der Kerl ist doch wohl am Ende ein verfluchter Vogel!"
+
+In demselben Augenblick ging eine innere Türe auf, und der Doktor
+selbst trat den Freunden entgegen. - Ein kleiner dünner, blasser Mann!
+- Er trug ein kleines samtnes Mützchen auf dem Haupte, unter dem
+schönes Haar in langen Locken hervorströmte, ein langes erdgelbes
+indisches Gewand und kleine rote Schnürstiefelchen, ob mit buntem
+Pelz oder dem glänzenden Federbalg eines Vogels besetzt, war nicht
+zu unterscheiden. Auf seinem Antlitz lag die Ruhe, die Gutmütigkeit
+selbst, nur schien es seltsam, daß, wenn man ihn recht nahe, recht
+scharf anblickte, es war, als schaue aus dem Gesicht noch ein
+kleineres Gesichtchen wie aus einem gläsernen Gehäuse heraus.
+
+"Ich erblickte," sprach nun leise und etwas gedehnt mit anmutigem
+Lächeln Prosper Alpanus, "ich erblickte Sie, meine Herrn, aus dem
+Fenster, ich wußte auch wohl schon früher, wenigstens was Sie
+betrifft, lieber Herr Balthasar, daß Sie zu mir kommen würden. -
+Folgen Sie mir gefälligst!" -
+
+Prosper Alpanus führte sie in ein hohes rundes Zimmer, rings umher mit
+himmelblauen Gardinen behängt. Das Licht fiel durch ein oben in der
+Kuppel angebrachtes Fenster herab und warf seine Strahlen auf den
+glänzend polierten, von einer Sphinx getragenen Marmortisch, der
+mitten im Zimmer stand. Sonst war durchaus nichts Außerordentliches in
+dem Gemach zu bemerken.
+
+"Worin kann ich Ihnen dienen?" fragte Prosper Alpanus.
+
+Da faßte sich Balthasar zusammen, erzählte, was sich mit dem kleinen
+Zinnober begeben von seinem ersten Erscheinen in Kerepes an, und
+schloß mit der Versicherung, wie in ihm der feste Gedanke aufgegangen,
+daß er, Prosper Alpanus, der wohltätige Magus sei, der Zinnobers
+verworfenem, abscheulichem Zauberwerk Einhalt tun werde.
+
+Prosper Alpanus blieb schweigend in tiefen Gedanken stehen. Endlich,
+nachdem wohl ein paar Minuten vergangen, begann er mit ernster
+Miene und tiefem Ton: "Nach allem, was Sie mir erzählt, Balthasar,
+unterliegt es gar keinem Zweifel, daß es mit dem kleinen Zinnober eine
+besondere geheimnisvolle Bewandtnis hat. - Aber man muß fürs erste den
+Feind kennen, den man bekämpfen, die Ursache wissen, deren Wirkung man
+zerstören will. - Es steht zu vermuten, daß der kleine Zinnober nichts
+anders ist, als ein Wurzelmännlein. Wir wollen doch gleich nachsehen."
+
+Damit zog Prosper Alpanus an einer von den seidenen Schnüren, die rund
+umher an der Decke des Zimmers herabhingen. Eine Gardine rauschte
+auseinander, große Folianten in ganz vergoldeten Einbänden wurden
+sichtbar, und eine zierliche, luftig leichte Treppe von Zedernholz
+rollte hinab. Prosper Alpanus stieg diese Treppe heran und holte aus
+der obersten Reihe einen Folianten, den er auf den Marmortisch legte,
+nachdem er ihn mit einem großen Büschel blinkender Pfauenfedern
+sorgfältig abgestaubt. "Dies Werk," sprach er dann, "handelt von den
+Wurzelmännern, die sämtlich darin abgebildet; vielleicht finden Sie
+Ihren feindlichen Zinnober darunter, und dann ist er in unsere Hände
+geliefert."
+
+Als Prosper Alpanus das Buch aufschlug, erblickten die
+Freunde eine Menge sauber illuminierter Kupfertafeln, die die
+allerverwunderlichsten mißgestaltetsten Männlein mit den tollsten
+Fratzengesichtern darstellten, die man nur sehen konnte. Aber sowie
+Prosper eins dieser Männlein auf dem Blatt berührte, wurd' es
+lebendig, sprang heraus und gaukelte und hüpfte auf dem Marmortisch
+gar possierlich umher und schnappte mit den Fingerchen und machte mit
+den krummen Beinchen die allerschönsten Pirouetten und Entrechats
+und sang dazu Quirr, Quapp, Pirr, Papp, bis es Prosper bei dem Kopfe
+ergriff und wieder ins Buch legte, wo es sich alsbald ausglättete und
+ausplättete zum bunten Bilde.
+
+Auf dieselbe Weise wurden alle Bilder des Buchs durchgesehen, aber so
+oft schon Balthasar rufen wollte: "Dies ist er, dies ist Zinnober!" so
+mußte er doch, genauer hinblickend, zu seinem Leidwesen wahrnehmen,
+daß das Männlein keinesweges Zinnober war.
+
+"Das ist doch wunderlich genug," sprach Prosper Alpanus, als das Buch
+zu Ende. - "Doch," fuhr er fort, "mag Zinnober vielleicht gar ein
+Erdgeist sein. Sehen wir nach."
+
+Damit hüpfte er mit seltener Behendigkeit abermals die Zederntreppe
+herauf, holte einen andern Folianten, stäubte ihn säuberlich ab, legte
+ihn auf den Marmortisch und schlug ihn auf, sprechend: "Dies Werk
+handelt von den Erdgeistern, vielleicht haschen wir den Zinnober in
+diesem Buche." Die Freunde erblickten wiederum eine Menge sauber
+illuminierter Kupfertafeln, die abscheulich häßliche braungelbe
+Unholde darstellten. Und wie sie Prosper Alpanus berührte, erhoben sie
+weinerlich quäkende Klagen und krochen endlich schwerfällig heraus und
+wälzten sich knurrend und ächzend auf dem Marmortische herum, bis der
+Doktor sie wieder hineindrückte ins Buch.
+
+Auch unter diesen hatte Balthasar den Zinnober nicht gefunden.
+
+"Wunderlich, höchst wunderlich," sprach der Doktor und versank in
+stummes Nachdenken.
+
+"Der Käferkönig," fuhr er dann fort, "der Käferkönig kann es
+nicht sein, denn der ist, wie ich gewiß weiß, eben jetzt anderswo
+beschäftigt; Spinnenmarschall auch nicht, denn Spinnenmarschall ist
+zwar häßlich, aber verständig und geschickt, lebt auch von seiner
+Hände Arbeit, ohne sich andrer Taten anzumaßen. - Wunderlich - sehr
+wunderlich." -
+
+Er schwieg wieder einige Minuten, so daß man allerlei wunderbare
+Stimmen, die bald in einzelnen Lauten, bald in vollen anschwellenden
+Akkorden ringsumher ertönten, deutlich vernahm. "Sie haben überall
+und immerfort recht artige Musik, lieber Herr Doktor," sprach Fabian.
+Prosper Alpanus schien gar nicht auf Fabian zu achten, er faßte nur
+den Balthasar ins Auge, indem er erst beide Arme nach ihm ausstreckte
+und dann die Fingerspitzen gegen ihn hin bewegte, als besprenge er ihn
+mit unsichtbaren Tropfen.
+
+Endlich faßte der Doktor Balthasars beide Hände und sprach mit
+freundlichem Ernst: "Nur die reinste Konsonanz des psychischen
+Prinzips im Gesetz des Dualismus begünstigt die Operation, die ich
+jetzt unternehmen werde. Folgen Sie mir!" -
+
+Die Freunde folgten dem Doktor durch mehrere Zimmer, die außer einigen
+seltsamen Tieren, die sich mit Lesen - Schreiben - Malen - Tanzen
+beschäftigten, eben nichts Merkwürdiges enthielten, bis sich zwei
+Flügeltüren öffneten, und die Freunde vor einen dichten Vorhang
+traten, hinter den Prosper Alpanus verschwand und sie in dicker
+Finsternis ließ. Der Vorhang rauschte auseinander, und die Freunde
+befanden sich in einem, wie es schien, eirunden Saal, in dem ein
+magisches Helldunkel verbreitet. Es war, betrachtete man die Wände,
+als verlöre sich der Blick in unabsehbare grüne Haine und Blumenauen
+mit plätschernden Quellen und Bächen. Der geheimnisvolle Duft eines
+unbekannten Aroma wallte auf und nieder und schien die süßen Töne
+der Harmonika hin und her zu tragen. Prosper Alpanus erschien ganz
+weißgekleidet wie ein Brahmin und stellte in die Mitte des Saals einen
+großen runden Kristallspiegel, über den er einen Flor warf.
+
+"Treten Sie," sprach er dumpf und feierlich, "treten Sie vor diesen
+Spiegel, Balthasar, richten Sie Ihre festen Gedanken auf Candida -
+_wollen_ Sie mit ganzer Seele, daß sie sich Ihnen zeige in dem Moment,
+der jetzt existiert in Raum und Zeit" -
+
+Balthasar tat, wie ihm geheißen, indem Prosper Alpanus sich hinter ihn
+stellte und mit beiden Händen Kreise um ihn beschrieb.
+
+Wenige Sekunden hatte es gedauert, als ein bläulicher Duft aus
+dem Spiegel wallte. Candida, die holde Candida erschien in ihrer
+lieblichen Gestalt mit aller Fülle des Lebens! Aber neben ihr, dicht
+neben ihr saß der abscheuliche Zinnober und drückte ihr die Hände,
+küßte sie - Und Candida hielt den Unhold mit einem Arm umschlungen
+und liebkoste ihn! - Balthasar wollte laut aufschreien, aber Prosper
+Alpanus faßte ihn bei beiden Schultern hart an, und der Schrei
+erstickte in der Brust. "Ruhig," sprach Prosper leise, "ruhig
+Balthasar! - Nehmen Sie dies Rohr und führen Sie Streiche gegen den
+Kleinen, doch ohne sich von der Stelle zu rühren." Balthasar tat es
+und gewahrte zu seiner Lust, wie der Kleine sich krümmte, umstülpte,
+sich auf der Erde wälzte! - In der Wut sprang er vorwärts, da zerrann
+das Bild in Dunst und Nebel, und Prosper Alpanus riß den tollen
+Balthasar mit Gewalt zurück, laut rufend: "Halten Sie ein! -
+zerschlagen Sie den magischen Spiegel, so sind wir alle verloren!
+- Wir wollen in das Helle zurück." - Die Freunde verließen auf des
+Doktors Geheiß den Saal und traten in ein anstoßendes helles Zimmer.
+
+"Dem Himmel," rief Fabian, tief Atem schöpfend, "dem Himmel sei
+gedankt, daß wir aus dem verwünschten Saal heraus sind. Die schwüle
+Luft hat mir beinahe das Herz abgedrückt, und dann die albernen
+Taschenspielereien dazu, die mir in tiefer Seele zuwider sind." -
+
+Balthasar wollte antworten, als Prosper Alpanus eintrat. "Es ist,"
+sprach er, "es ist nunmehr gewiß, daß der mißgestaltete Zinnober weder
+ein Wurzelmann noch ein Erdgeist ist, sondern ein gewöhnlicher Mensch.
+Aber es ist eine geheime zauberische Macht im Spiele, die zu erkennen
+mir bis jetzt noch nicht gelungen, und ebendeshalb kann ich auch noch
+nicht helfen. - Besuchen Sie mich bald wieder, Balthasar, wir wollen
+dann sehen, was weiter zu beginnen. Auf Wiedersehn!" -
+
+"Also," sprach Fabian, dicht an den Doktor hinantretend, "also ein
+Zauberer sind Sie, Herr Doktor, und können mit all Ihrer Zauberkunst
+nicht einmal dem kleinen erbärmlichen Zinnober zu Leibe? - Wissen Sie
+wohl, daß ich Sie mitsamt Ihren bunten Bildern, Püppchen, magischen
+Spiegeln, mit all Ihrem fratzenhaften Kram für einen rechten
+ausgemachten Charlatan halte? - Der Balthasar, der ist verliebt und
+macht Verse, dem können Sie allerlei Zeug einreden, aber bei mir
+kommen Sie schlecht an! - Ich bin ein aufgeklärter Mensch und
+statuiere durchaus keine Wunder!"
+
+"Halten Sie," erwiderte Prosper Alpanus, indem er stärker und
+herzlicher lachte, als man es ihm nach seinem ganzen Wesen wohl
+zutrauen konnte, "halten Sie das, wie Sie wollen. Aber - bin ich
+gleich nicht eben ein Zauberer, so gebiete ich doch über hübsche
+Kunststückchen." "Aus Wieglebs 'Magie' wohl oder sonst!" - rief
+Fabian. "Nun da finden Sie an unserm Professor Mosch Terpin Ihren
+Meister und dürfen sich mit ihm nicht vergleichen, denn der ehrliche
+Mann zeigt uns immer, daß alles natürlich zugeht und umgibt sich gar
+nicht mit solcher geheimnisvoller Wirtschaft, als Sie, mein Herr
+Doktor. - Nun, ich empfehle mich Ihnen gehorsamst!"
+
+"Ei," sprach der Doktor, "sie werden doch nicht so im Zorn von mir
+scheiden?"
+
+Und damit strich er dem Fabian an beiden Armen einige Mal leise herab
+von der Schulter bis zum Handgelenk, daß diesem ganz besonders zumute
+wurde und er beklommen rief: "Was machen Sie denn, Herr Doktor!" -
+"Gehen Sie, meine Herrn," sprach der Doktor, "Sie, Herr Balthasar,
+hoffe ich recht bald wiederzusehen. - Bald wird die Hülfe gefunden
+sein!"
+
+"Er bekommt doch kein Trinkgeld, mein Freund," rief Fabian im
+Herausgehen dem goldgelben Portier zu und faßte ihm nach dem Jabot.
+Der Portier sagte aber wieder nichts als _"Quirrr"_ und biß abermals
+den Fabian in den Finger.
+
+"Bestie!" rief Fabian und rannte von dannen.
+
+Die beiden Frösche ermangelten nicht, die beiden Freunde höflich zu
+geleiten bis ans Gattertor, das sich mit einem dumpfen Donner öffnete
+und schloß. - "Ich weiß," sprach Balthasar, als er auf der Landstraße
+hinter dem Fabian herwandelte, "ich weiß gar nicht, Bruder, was du
+heute für einen seltsamen Rock angezogen hast mit solch entsetzlich
+langen Schößen und solch kurzen Ärmeln."
+
+Fabian gewahrte zu seinem Erstaunen, daß sein kurzes Röckchen
+hinterwärts bis zur Erde herabgewachsen, daß dagegen die sonst über
+die Gnüge langen Ärmel hinaufgeschrumpft waren bis an den Ellbogen.
+
+"Tausend Donner, was ist das!" rief er und zog und zupfte an den
+Ärmeln und rückte die Schultern. Das schien auch zu helfen, aber wie
+sie nun durchs Stadttor gingen, so schrumpften die Ärmel herauf, so
+wuchsen die Rockschöße, daß alles Ziehens und Zupfens und Rückens
+ungeachtet die Ärmel bald hoch oben an der Schulter saßen, Fabians
+nackte Arme preisgebend, daß bald sich ihm eine Schleppe nachwälzte,
+länger und länger sich dehnend. Alle Leute standen still und lachten
+aus vollem Halse, die Straßenbuben rannten dutzendweise jubelnd und
+jauchzend über den langen Talar und rissen Fabian um, und wie er sich
+wieder aufraffte, fehlte kein Stückchen von der Schleppe, nein! - sie
+war noch länger geworden. Und immer toller und toller wurde Gelächter,
+Jubel und Geschrei, bis sich endlich Fabian, halb wahnsinnig, in ein
+offnes Haus stürzte. - Sogleich war auch die Schleppe verschwunden.
+
+Balthasar hatte gar nicht Zeit, sich über Fabians seltsame
+Verzauberung viel zu verwundern; denn der Referendarius Pulcher faßte
+ihn, riß ihn fort in eine abgelegene Straße und sprach: "Wie ist es
+möglich, daß du nicht schon fort bist, daß du dich hier noch sehen
+lassen kannst, da der Pedell mit dem Verhaftsbefehl dich schon
+verfolgt." - "Was ist das, wovon sprichst du?" fragte Balthasar voll
+Erstaunen. "So weit," fuhr der Referendarius fort, "so weit riß dich
+der Wahnsinn der Eifersucht hin, daß du das Hausrecht verletztest,
+feindlich einbrechend in Mosch Terpins Haus, daß du den Zinnober
+überfielst bei seiner Braut, daß du den mißgestalteten Däumling halb
+tot prügeltest!" - "Ich bitte dich," schrie Balthasar, "den ganzen Tag
+war ich ja nicht in Kerepes, schändliche Lügen." - "O still, still,"
+fiel ihm Pulcher ins Wort, "Fabians toller unsinniger Einfall, ein
+Schleppkleid anzuziehen, rettet dich. Niemand achtet jetzt deiner!
+- Entziehe dich nur der schimpflichen Verhaftung, das übrige wollen
+wir denn schon ausfechten. Du darfst nicht mehr in deine Wohnung!
+- Gib mir die Schlüssel, ich schicke dir alles nach. - Fort nach
+Hoch-Jakobsheim!"
+
+Und damit riß der Referendarius den Balthasar fort durch entlegene
+Gassen, durchs Tor hin nach dem Dorfe Hoch-Jakobsheim, wo der berühmte
+Gelehrte Ptolomäus Philadelphus sein merkwürdiges Buch über die
+unbekannte Völkerschaft der Studenten schrieb.
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem Garten frisiert wurde
+und im Grase ein Taubad nahm. - Der Orden des grüngefleckten Tigers.
+- Glücklicher Einfall eines Theaterschneiders. - Wie das Fräulein
+von Rosenschön sich mit Kaffee begoß und Prosper Alpanus ihr seine
+Freundschaft versicherte.
+
+Der Professor Mosch Terpin schwamm in lauter Wonne. "Konnte," sprach
+er zu sich selbst, "konnte mir denn etwas Glücklicheres begegnen,
+als daß der vortreffliche Geheime Spezialrat in mein Haus kam als
+Studiosus? - Er heiratet meine Tochter - er wird mein Schwiegersohn,
+durch ihn erlange ich die Gunst des vortrefflichen Fürsten Barsanuph
+und steige nach auf der Leiter, die mein herrliches Zinnoberchen
+hinaufklimmt. - Wahr ist es, daß es mir oft selbst unbegreiflich
+vorkommt, wie das Mädchen, die Candida, so ganz und gar vernarrt sein
+kann in den Kleinen. Sonst sieht das Frauenzimmer wohl mehr auf ein
+hübsches Äußere, als auf besondere Geistesgaben, und schaue ich denn
+nun zuweilen das Spezialmännlein an, so ist es mir, als ob er nicht
+ganz hübsch zu nennen - sogar - bossu - still - St - St - die Wände
+haben Ohren - Er ist des Fürsten Liebling, wird immer höher steigen -
+höher hinauf und ist mein Schwiegersohn!" -
+
+Mosch Terpin hatte recht, Candida äußerte die entschiedenste Neigung
+für den Kleinen und sprach, gab hie und da einer, den Zinnobers
+seltsamer Spuk nicht berückt hatte, zu verstehen, daß der Geheime
+Spezialrat doch eigentlich ein fatales mißgestaltetes Ding sei,
+sogleich von den wunderschönen Haaren, womit ihn die Natur begabt.
+
+Niemand lächelte aber, wenn Candida also sprach, hämischer als der
+Referendarius Pulcher.
+
+Dieser stellte dem Zinnober nach auf Schritten und Tritten, und hierin
+stand ihm getreulich der Geheime Sekretär Adrian bei, ebenderselbe
+junge Mensch, den Zinnobers Zauber beinahe aus dem Bureau des
+Ministers verdrängt hätte, und der des Fürsten Gunst nur durch die
+vortreffliche Fleckkugel wieder gewann, die er ihm überreichte.
+
+Der Geheime Spezialrat Zinnober bewohnte ein schönes Haus mit einem
+noch schöneren Garten, in dessen Mitte sich ein mit dichtem Gebüsch
+umgebener Platz befand, auf dem die herrlichsten Rosen blühten. Man
+hatte bemerkt, daß allemal den neunten Tag Zinnober bei Tagesanbruch
+leise aufstand, sich, so sauer es ihm werden mochte, ohne alle
+Hülfe des Bedienten ankleidete, in den Garten hinabstieg und in den
+Gebüschen verschwand, die jenen Platz umgaben.
+
+Pulcher und Adrian, irgendein Geheimnis ahnend, wagten es in einer
+Nacht, als Zinnober, wie sie von seinem Kammerdiener erfahren, vor
+neun Tagen jenen Platz besucht hatte, die Gartenmauer zu übersteigen
+und sich in den Gebüschen zu verbergen.
+
+Kaum war der Morgen angebrochen, als sie den Kleinen daherwandeln
+sahen, schnupfend und prustend, weil ihm, da er mitten durch ein
+Blumenbeet ging, die tauichten Halme und Stauden um die Nase schlugen.
+
+Als er auf dem Rasenplatz bei den Rosen angekommen, ging ein
+süßtönendes Wehen durch die Büsche, und durchdringender wurde der
+Rosenduft. Eine schöne verschleierte Frau mit Flügeln an den Schultern
+schwebte herab, setzte sich auf den zierlichen Stuhl, der mitten unter
+den Rosenbüschen stand, nahm mit den leisen Worten: "Komm, mein liebes
+Kind," den kleinen Zinnober und kämmte ihm mit einem goldenen Kamm
+sein langes Haar, das den Rücken hinabwallte. Das schien dem Kleinen
+sehr wohl zu tun, denn er blinzelte mit den Äugelein und streckte
+die Beinchen lang aus und knurrte und murrte beinahe wie ein Kater.
+Das hatte wohl fünf Minuten gedauert, da strich noch einmal die
+zauberische Frau mit einem Finger dem Kleinen die Scheitel entlang,
+und Pulcher und Adrian gewahrten einen schmalen, feuerfarb glänzenden
+Streif auf dem Haupte Zinnobers. Nun sprach die Frau: "Lebe wohl,
+mein süßes Kind! - Sei klug, sei klug, so wie du kannst!" Der Kleine
+sprach: "Adieu, Mütterchen, klug bin ich genug, du brauchst mir das
+gar nicht so oft zu wiederholen." -
+
+Die Frau erhob sich langsam und verschwand in den Lüften.
+
+Pulcher und Adrian waren starr vor Erstaunen. Als nun aber Zinnober
+davonschreiten wollte, sprang der Referendarius hervor und rief laut:
+"Guten Morgen, Herr Geheimer Spezialrat! ei, wie schön haben Sie
+sich frisieren lassen!" Zinnober schaute sich um und wollte, als er
+den Referendarius erblickte, schnell davonrennen. Ungeschickt und
+schwächlich auf den Beinchen, wie er nun aber war, stolperte er und
+fiel in das hohe Gras, das die Halme über ihn zusammenschlug, und
+er lag im Taubade. Pulcher sprang hinzu und half ihm auf die Beine,
+aber Zinnober schnarrte ihn an: "Herr, wie kommen Sie hier in meinen
+Garten! scheren Sie sich zum Teufel!" Und damit hüpfte und rannte er,
+so rasch er nur vermochte, hinein ins Haus.
+
+Pulcher schrieb dem Balthasar diese wunderbare Begebenheit und
+versprach seine Aufmerksamkeit auf das kleine zauberische Ungetüm zu
+verdoppeln. Zinnober schien über das, was ihm widerfahren, trostlos.
+Er ließ sich zu Bette bringen und stöhnte und ächzte so, daß die
+Kunde, wie er plötzlich erkrankt, bald zum Minister Mondschein, zum
+Fürsten Barsanuph gelangte.
+
+Fürst Barsanuph schickte sogleich seinen Leibarzt zu dem kleinen
+Liebling.
+
+"Mein vortrefflichster Geheimer Spezialrat," sprach der Leibarzt, als
+er den Puls befühlt, "Sie opfern sich auf für den Staat. Angestrengte
+Arbeit hat Sie aufs Krankenbett geworfen, anhaltendes Denken Ihnen das
+unsägliche Leiden verursacht, das Sie empfinden müssen. Sie sehen im
+Antlitz sehr blaß und eingefallen aus, aber Ihr wertes Haupt glüht
+schrecklich! - Ei, ei! - doch keine Gehirnentzündung? Sollte das Wohl
+des Staats dergleichen hervorgebracht haben? Kaum möglich! - Erlauben
+Sie doch!" Der Leibarzt mochte wohl denselben roten Streif auf
+Zinnobers Haupte gewahren, den Pulcher und Adrian entdeckt hatten. Er
+wollte, nachdem er einige magnetische Striche aus der Ferne versucht,
+den Kranken auch verschiedentlich angehaucht, worüber dieser merklich
+mauzte und quinkelierte, nun mit der Hand hinfahren über das Haupt und
+berührte dasselbe unversehens. Da sprang Zinnober, schäumend vor Wut,
+in die Höhe und gab mit seinem kleinen Knochenhändchen dem Leibarzt,
+der sich gerade ganz über ihn hingebeugt, eine solche derbe Ohrfeige,
+daß es im ganzen Zimmer widerhallte.
+
+"Was wollen Sie," schrie Zinnober, "was wollen Sie von mir, was
+krabbeln Sie mir herum auf meinem Kopfe! Ich bin gar nicht krank,
+ich bin gesund, ganz gesund, werde gleich aufstehen und zum Minister
+fahren in die Konferenz; scheren Sie sich fort!" -
+
+Der Leibarzt eilte ganz erschrocken von dannen. Als er aber dem
+Fürsten Barsanuph erzählte, wie es ihm ergangen, rief dieser entzückt
+aus: "Was für ein Eifer für den Dienst des Staats! - welche Würde,
+welche Hoheit im Betragen! - welch ein Mensch, dieser Zinnober!" -
+
+"Mein bester Geheimer Spezialrat," sprach der Minister Prätextatus von
+Mondschein zu dem kleinen Zinnober, "wie herrlich ist es, daß Sie,
+Ihrer Krankheit nicht achtend, in die Konferenz kommen. Ich habe
+in der wichtigen Angelegenheit mit dem Kakatukker Hofe ein Memoire
+entworfen - _selbst_ entworfen und bitte, daß _Sie_ es dem Fürsten
+vortragen, denn Ihr geistreicher Vortrag hebt das Ganze, für dessen
+Verfasser mich dann der Fürst anerkennen soll." - Das Memoire, womit
+Prätextatus glänzen wollte, hatte aber niemand anders verfaßt, als
+Adrian.
+
+Der Minister begab sich mit dem Kleinen zum Fürsten. Zinnober zog das
+Memoire, das ihm der Minister gegeben, aus der Tasche und fing an zu
+lesen. Da es damit aber nun gar nicht recht gehen wollte und er nur
+lauter unverständliches Zeug murrte und schnurrte, nahm ihm der
+Minister das Papier aus den Händen und las selbst.
+
+Der Fürst schien ganz entzückt, er gab seinen Beifall zu erkennen,
+ein Mal über das andere rufend: "Schön - gut gesagt - herrlich -
+treffend!" -
+
+Sowie der Minister geendet, schritt der Fürst geradezu los auf den
+kleinen Zinnober, hob ihn in die Höhe, drückte ihn an seine Brust,
+gerade dahin, wo ihm (dem Fürsten) der große Stern des grüngefleckten
+Tigers saß, und stammelte und schluchzte, während ihm häufige Tränen
+aus den Augen flossen: "Nein! - solch ein Mann - solch ein Talent!
+- solcher Eifer - solche Liebe - es ist zu viel - zu viel!" Dann
+gefaßter: "Zinnober! - ich erhebe Sie hiermit zu meinem Minister! -
+Bleiben Sie dem Vaterlande hold und treu, bleiben Sie ein wackrer
+Diener der Barsanuphe, von denen Sie geehrt - geliebt werden." Und
+nun sich mit verdrüßlichem Blick zum Minister wendend: "Ich bemerke,
+lieber Baron von Mondschein, daß seit einiger Zeit Ihre Kräfte
+nachlassen. Ruhe auf Ihren Gütern wird Ihnen heilbringend sein! -
+Leben Sie wohl!" -
+
+Der Minister von Mondschein entfernte sich, unverständliche Worte
+zwischen den Zähnen murmelnd und funkelnde Blicke werfend auf
+Zinnober, der sich nach seiner Art sein Stöckchen in den Rücken
+gestemmt, auf den Fußspitzen hoch in die Höhe hob und stolz und keck
+umherblickte.
+
+"Ich muß," sprach nun der Fürst, "ich muß Sie, mein lieber Zinnober,
+gleich Ihrem hohen Verdienst gemäß auszeichnen; empfangen Sie daher
+aus meinen Händen den Orden des grüngefleckten Tigers!"
+
+Der Fürst wollte ihm nun das Ordensband, das er sich in der
+Schnelligkeit von dem Kammerdiener reichen lassen, umhängen; aber
+Zinnobers mißgestalteter Körperbau bewirkte, daß das Band durchaus
+nicht normalmäßig sitzen wollte, indem es sich bald ungebührlich
+heraufschob, bald ebenso hinabschlotterte.
+
+Der Fürst war in dieser so wie in jeder andern solchen Sache, die
+das eigentlichste Wohl des Staats betraf, sehr genau. Zwischen dem
+Hüftknochen und dem Steißbein, in schräger Richtung drei Sechzehnteil
+Zoll aufwärts vom letztern, mußte das am Bande befindliche
+Ordenszeichen des grüngefleckten Tigers sitzen. Das war nicht
+herauszubringen. Der Kammerdiener, drei Pagen, der Fürst legten Hand
+an, alles Mühen blieb vergebens. Das verräterische Band rutschte hin
+und her, und Zinnober begann unmutig zu quäken: "Was hantieren Sie
+doch so schrecklich an meinem Leibe herum, lassen Sie doch das dumme
+Ding hängen, wie es will, Minister bin ich doch nun einmal und bleib'
+es!" -
+
+"Wofür," sprach nun der Fürst zornig, "wofür habe ich denn Ordensräte,
+wenn rücksichts der Bänder solche tolle Einrichtungen existieren, die
+ganz meinem Willen entgegenlaufen? - Geduld, mein lieber Minister
+Zinnober! bald soll das anders werden!"
+
+Auf Befehl des Fürsten mußte sich nun der Ordensrat versammeln, dem
+noch zwei Philosophen sowie ein Naturforscher, der eben, vom Nordpol
+kommend, durchreiste, beigesellt wurden, die über die Frage, wie
+auf die geschickteste Weise dem Minister Zinnober das Band des
+grüngefleckten Tigers anzubringen, beratschlagen sollten. Um für
+diese wichtige Beratung gehörige Kräfte zu sammeln, wurde sämtlichen
+Mitgliedern aufgegeben, acht Tage vorher nicht zu denken; um dies
+besser ausführen zu können und doch tätig zu bleiben im Dienste des
+Staats, aber sich indessen mit dem Rechnungswesen zu beschäftigen.
+Die Straßen vor dem Palast, wo die Ordensräte, Philosophen und
+Naturforscher ihre Sitzung halten sollten, wurden mit dickem Stroh
+belegt, damit das Gerassel der Wagen die weisen Männer nicht störe,
+und ebendaher durfte auch nicht getrommelt, Musik gemacht, ja nicht
+einmal laut gesprochen werden in der Nähe des Palastes. Im Palast
+selbst tappte alles auf dicken Filzschuhen umher, und man verständigte
+sich durch Zeichen.
+
+Sieben Tage hindurch vom frühsten Morgen bis in den späten Abend
+hatten die Sitzungen gedauert, und noch war an keinen Beschluß zu
+denken.
+
+Der Fürst, ganz ungeduldig, schickte ein Mal über das andere hin und
+ließ ihnen sagen, es solle in des Teufels Namen ihnen doch endlich
+etwas Gescheutes einfallen. Das half aber ganz und gar nichts.
+
+Der Naturforscher hatte soviel möglich Zinnobers Natur erforscht,
+Höhe und Breite seines Rückenauswuchses genommen und die genaueste
+Berechnung darüber dem Ordensrat eingereicht. Er war es auch, der
+endlich vorschlug, ob man nicht den Theaterschneider bei der Beratung
+zuziehen wolle.
+
+So seltsam dieser Vorschlag erscheinen mochte, wurde er doch in der
+Angst und Not, in der sich alle befanden, einstimmig angenommen.
+
+Der Theaterschneider Herr Kees war ein überaus gewandter, pfiffiger
+Mann. Sowie ihm der schwierige Fall vorgetragen worden, sowie er
+die Berechnungen des Naturforschers durchgesehen, war er mit dem
+herrlichsten Mittel, wie das Ordensband zum normalmäßigen Sitzen
+gebracht werden könne, bei der Hand.
+
+An Brust und Rücken sollten nämlich eine gewisse Anzahl Knöpfe
+angebracht und das Ordensband daran geknöpft werden. Der Versuch
+gelang über die Maßen wohl.
+
+Der Fürst war entzückt und billigte den Vorschlag des Ordensrates, den
+Orden des grüngefleckten Tigers nunmehro in verschiedene Klassen zu
+teilen, nach der Anzahl der Knöpfe, womit er gegeben wurde. Z.B. Orden
+des grüngefleckten Tigers mit zwei Knöpfen - mit drei Knöpfen etc. Der
+Minister Zinnober erhielt als ganz besondere Auszeichnung, die sonst
+kein anderer verlangen könne, den Orden mit zwanzig brillantierten
+Knöpfen, denn gerade zwanzig Knöpfe erforderte die wunderliche Form
+seines Körpers.
+
+Der Schneider Kees erhielt den Orden des grüngefleckten Tigers mit
+zwei goldnen Knöpfen und wurde, da der Fürst ihn, seines glückliches
+Einfalls ungeachtet, für einen schlechten Schneider hielt und sich
+daher nicht von ihm kleiden lassen wollte, zum Wirklichen Geheimen
+Groß-Kostümierer des Fürsten ernannt. -
+
+Aus dem Fenster seines Landhauses sah der Doktor Prosper Alpanus
+gedankenvoll herab in seinen Park. Er hatte die ganze Nacht hindurch
+sich damit beschäftigt, Balthasars Horoskop zu stellen und manches
+dabei herausgebracht, was sich auf den kleinen Zinnober bezog. Am
+wichtigsten das, was sich mit dem Kleinen im Garten begeben, als er
+von Adrian und Pulcher belauscht wurde. Eben wollte Prosper Alpanus
+seinen Einhörnern zurufen, daß sie die Muschel herbeiführen möchten,
+weil er fort wolle nach Hoch-Jakobsheim, als ein Wagen daherrasselte
+und vor dem Gattertor des Parks still hielt. Es hieß, das
+Stiftsfräulein von Rosenschön wünsche den Herrn Doktor zu sprechen.
+"Sehr willkommen," sprach Prosper Alpanus, und die Dame trat hinein.
+Sie trug ein langes schwarzes Kleid und war in Schleier gehüllt wie
+eine Matrone. Prosper Alpanus, von einer seltsamen Ahnung ergriffen,
+nahm sein Rohr und ließ die funkelnden Strahlen des Knopfs auf die
+Dame fallen. Da war es, als zuckten rauschend Blitze um sie her,
+und sie stand da im weißen durchsichtigen Gewande, glänzende
+Libellenflügel an den Schultern, weiße und rote Rosen durch das Haar
+geflochten. - "Ei, ei," lispelte Prosper, nahm das Rohr unter seinen
+Schlafrock, und sogleich stand die Dame wieder im vorigen Kostüm da.
+
+Prosper Alpanus lud sie freundlich ein, sich niederzulassen. Fräulein
+von Rosenschön sagte nun, wie es längst ihre Absicht gewesen, den
+Herrn Doktor in seinem Landhause aufzusuchen, um die Bekanntschaft
+eines Mannes zu machen, den die ganze Gegend als einen hochbegabten,
+wohltätigen Weisen rühme. Gewiß werde er ihre Bitte gewährend, sich
+des nahe gelegenen Fräuleinstifts ärztlich anzunehmen, da die alten
+Damen darin oft kränkelten und ohne Hülfe blieben. Prosper Alpanus
+erwiderte höflich, daß er zwar schon längst die Praxis aufgegeben,
+aber doch ausnahmsweise die Stiftsdamen besuchen wolle, wenn es not
+täte, und fragte dann, ob sie selbst, das Fräulein von Rosenschön,
+vielleicht an irgendeinem Übel leide. Das Fräulein versicherte, daß
+sie nur dann und wann ein rheumatisches Zucken in den Gliedern fühle,
+wenn sie sich an der Morgenluft erkältet, jetzt aber ganz gesund sei,
+und begann irgendein gleichgültiges Gespräch. Prosper fragte, ob sie,
+da es noch früher Morgen, vielleicht eine Tasse Kaffee nehmen wolle;
+die Rosenschön meinte, daß Stiftsfräuleins dergleichen niemals
+verschmähten. Der Kaffee wurde gebracht, aber so sehr sich auch
+Prosper mühen mochte, einzuschenken, die Tassen blieben leer,
+ungeachtet der Kaffee aus der Kanne strömte. "Ei, ei" lächelte Prosper
+Alpanus, "das ist böser Kaffee! - Wollten Sie, mein bestes Fräulein,
+doch nur lieber selbst den Kaffee eingießen."
+
+"Mit Vergnügen," erwiderte das Fräulein und ergriff die Kanne. Aber
+ungeachtet kein Tropfen aus der Kanne quoll, wurde doch die Tasse
+voller und voller, und der Kaffee strömte über auf den Tisch, auf
+das Kleid des Stiftsfräuleins. - Sie setzte schnell die Kanne hin,
+sogleich war der Kaffee spurlos verschwunden. Beide, Prosper Alpanus
+und das Stiftsfräulein, schauten sich nun eine Weile schweigend an mit
+seltsamen Blicken.
+
+"Sie waren," begann nun die Dame, "Sie waren, mein Herr Doktor, gewiß
+mit einem sehr anziehenden Buche beschäftigt, als ich eintrat."
+
+"In der Tat," erwiderte der Doktor, "enthält dieses Buch gar
+merkwürdige Dinge."
+
+Damit wollte er das kleine Buch in vergoldetem Einbande, das vor ihm
+auf dem Tisch lag, aufschlagen. Doch das blieb ein ganz vergebliches
+Mühen, denn mit einem lauten Klipp, Klapp schlug das Buch sich immer
+wieder zusammen. "Ei, ei," sprach Prosper Alpanus, "versuchen _Sie_
+sich doch mit dem eigensinnigen Dinge hier, mein wertes Fräulein!"
+
+Er reichte der Dame das Buch hin, das, sowie sie es nur berührte, sich
+von selbst aufschlug. Aber alle Blätter lösten sich los und dehnten
+sich aus zum Riesenfolio und rauschten umher im Zimmer.
+
+Erschrocken fuhr das Fräulein zurück. Nun schlug der Doktor das Buch
+zu mit Gewalt, und alle Blätter verschwanden.
+
+"Aber," sprach nun Prosper Alpanus mit sanftem Lächeln, indem er sich
+von seinem Sitze erhob, "aber mein bestes gnädiges Fräulein, was
+verderben wir die Zeit mit solchen schnöden Tafelkünsten; denn anders
+als ordinäre Tafelkunststücke sind es doch nicht, die wir bis jetzt
+getrieben, schreiten wir doch lieber zu höheren Dingen." "Ich will
+fort!" rief das Fräulein und erhob sich vorn Sitze.
+
+"Ei," sprach Prosper Alpanus, "das möchte doch wohl nicht recht gut
+angehen ohne meinen Willen; denn, meine Gnädige, ich muß es Ihnen nur
+sagen, Sie sind jetzt ganz und gar in meiner Gewalt."
+
+"In Ihrer Gewalt," rief das Fräulein zornig, "in Ihrer Gewalt, Herr
+Doktor? - Törichte Einbildung!"
+
+Und damit breitete sich ihr seidnes Kleid aus, und sie schwebte als
+der schönste Trauermantel auf zur Decke des Zimmers. Doch sogleich
+sauste und brauste auch Prosper Alpanus ihr nach als tüchtiger
+Hirschkäfer. Ganz ermattet flatterte der Trauermantel herab und rannte
+als kleines Mäuschen auf dem Boden umher. Aber der Hirschkäfer sprang
+miauend und prustend ihm nach als grauer Kater. Das Mäuschen erhob
+sich wieder als glänzender Kolibri, da erhoben sich allerlei seltsame
+Stimmen rings um das Landhaus, und allerlei wunderbare Insekten
+sumseten herbei, mit ihnen seltsames Waldgeflügel, und ein goldnes
+Netz spann sich um die Fenster. Da stand mit einemmal die Fee
+Rosabelverde, in aller Pracht und Hoheit strahlend, im glänzenden
+weißen Gewande, den funkelnden Diamantgürtel umgetan, weiße und rote
+Rosen durch die dunklen Locken geflochten, mitten im Zimmer. Vor ihr
+der Magus im goldgestickten Talar, eine glänzende Krone auf dem Haupt,
+das Rohr mit dem feuerstrahlenden Knopf in der Hand.
+
+Rosabelverde schritt zu auf den Magus, da entfiel ihrem Haar ein
+goldner Kamm und zerbrach, als sei er von Glas, auf dem Marmorboden.
+
+"Weh mir! - weh mir!" rief die Fee.
+
+Plötzlich saß wieder das Stiftsfräulein von Rosenschön im schwarzen
+langen Kleide am Kaffeetisch, und ihr gegenüber der Doktor Prosper
+Alpanus.
+
+"Ich dächte," sprach Prosper Alpanus sehr ruhig, indem er in die
+chinesischen Tassen den herrlichsten dampfenden Kaffee von Mokka ohne
+Hindernis einschenkte, "ich dächte, mein bestes gnädiges Fräulein, wir
+wüßten beide nun hinlänglich, wie wir miteinander daran sind. - Sehr
+leid tut es mir, daß Ihr schöner Haarkamm zerbrach auf meinem harten
+Fußboden."
+
+"Nur meine Ungeschicklichkeit," erwiderte das Fräulein, mit Behagen
+den Kaffee einschlürfend, "ist schuld daran. Auf diesen Boden muß man
+sich hüten, etwas fallen zu lassen, denn irr' ich nicht, so sind diese
+Steine mit den wunderbarsten Hieroglyphen beschrieben, welche manchem
+nur gewöhnliche Marmoradern bedünken möchten."
+
+"Abgenutzte Talismane, meine Gnädige," sprach Prosper, "abgenutzte
+Talismane sind diese Steine, nichts weiter."
+
+"Aber bester Doktor," rief das Fräulein, "wie ist es möglich, daß wir
+uns nicht kennen lernten seit der frühesten Zeit, daß wir nicht ein
+einziges Mal zusammentrafen auf unseren Wegen?"
+
+"Diverse Erziehung, beste Dame," erwiderte Prosper Alpanus,
+"diverse Erziehung ist lediglich daran schuld! Während Sie als das
+hoffnungsvollste Mädchen in Dschinnistan sich ganz Ihrer reichen
+Natur, Ihrem glücklichen Genie überlassen konnten, war ich, ein
+trübseliger Student, in den Pyramiden eingeschlossen und hörte
+Kollegia bei dem Professor Zoroaster, einem alten Knasterbart, der
+aber verdammt viel wußte. Unter der Regierung des würdigen Fürsten
+Demetrius nahm ich meinen Wohnsitz in diesem kleinen anmutigen
+Ländchen."
+
+"Wie," sprach das Fräulein, "und wurden nicht verwiesen, als Fürst
+Paphnutius die Aufklärung einführte?" "Keineswegs," antwortete
+Prosper, "es gelang mir vielmehr, mein eignes Ich ganz zu verhüllen,
+indem ich mich mühte, Aufklärungssachen betreffend, ganz besondere
+Kenntnisse zu beweisen in allerlei Schriften, die ich verbreitete. Ich
+bewies, daß ohne des Fürsten Willen es niemals donnern und blitzen
+müsse, und daß wir schönes Wetter und eine gute Ernte einzig und
+allein seinen und seiner Noblesse Bemühungen zu verdanken, die in den
+innern Gemächern darüber sehr weise beratschlage, während das gemeine
+Volk draußen auf dem Acker gepflügt und gesäet. Fürst Paphnutius erhob
+mich damals zum Geheimen Oberaufklärungs-Präsidenten, eine Stelle,
+die ich mit meiner Hülle wie eine lästige Bürde abwarf, als der Sturm
+vorüber. - Insgeheim war ich nützlich, wie ich konnte. Das heißt, was
+wir, ich und Sie, meine Gnädige, wahrhaft nützlich nennen. - Wissen
+Sie wohl, bestes Fräulein, daß _ich_ es war, der Sie warnte vor dem
+Einbrechen der Aufklärungspolizei? - daß _ich_ es bin, dem Sie noch
+das Besitztum der artigen Sächelchen verdanken, die Sie mir vorhin
+gezeigt? - O mein Gott! liebe Stiftsdame, schauen Sie doch nur aus
+diesen Fenstern! - Erkennen Sie denn nicht mehr diesen Park, in dem
+Sie so oft lustwandelten und mit den freundlichen Geistern sprachen,
+die in den Büschen - Blumen - Quellen wohnen? - Diesen Park hab' ich
+gerettet durch meine Wissenschaft. Er steht noch da wie zur Zeit des
+alten Demetrius. Fürst Barsanuph bekümmert sich, dem Himmel sei es
+gedankt, nicht viel um das Zauberwesen, er ist ein leutseliger Herr
+und läßt jeden gewähren, jeden zaubern, so viel er Lust hat, sobald
+er es sich nur nicht merken läßt und die Abgaben richtig zahlt. So
+leb' ich hier, wie Sie, liebe Dame, in Ihrem Stift, glücklich und
+sorgenfrei!" -
+
+"Doktor," rief das Fräulein, indem ihr die Tränen aus den Augen
+stürzten, "Doktor, was sagen Sie! - welche Aufklärungen! - ja, ich
+erkenne diesen Hain, wo ich die seligsten Freuden genoß! - Doktor! -
+edelster Mann, dem ich so viel zu verdanken! - Und Sie können meinen
+kleinen Schützling so hart verfolgen?" -
+
+"Sie haben," erwiderte der Doktor, "Sie haben, mein bestes Fräulein,
+von Ihrer angebornen Gutmütigkeit hingerissen, Ihre Gaben an einen
+Unwürdigen verschleudert. Zinnober ist und bleibt, Ihrer gütigen Hülfe
+ungeachtet, ein kleiner mißgestalteter Schlingel, der nun, da der
+goldne Kamm zerbrochen, ganz in meine Hand gegeben ist."
+
+"Haben Sie Mitleiden, o Doktor!" flehte das Fräulein.
+
+"Aber schauen Sie doch nur gefälligst her," sprach Prosper, indem er
+dem Fräulein Balthasars Horoskop, das er gestellt hatte, vorhielt.
+
+Das Fräulein blickte hinein und rief dann voll Schmerz: "Ja! - wenn es
+so beschaffen ist, so muß ich wohl weichen der höheren Macht. - Armer
+Zinnober!" -
+
+"Gestehen Sie, bestes Fräulein," sprach der Doktor lächelnd, "gestehen
+Sie, daß die Damen oft sich in dem Bizarrsten sehr wohl gefallen,
+den Einfall, den der Augenblick gebar, rastlos und rücksichtslos
+verfolgend und jedes schmerzliche Berühren anderer Verhältnisse nicht
+achtend! - Zinnober muß sein Schicksal verbüßen, aber dann soll er
+noch zu unverdienter Ehre gelangen. Damit huldige ich Ihrer Macht,
+Ihrer Güte, Ihrer Tugend. mein sehr wertes gnädigstes Fräulein!"
+
+"Herrlicher, vortrefflicher Mann," rief das Fräulein, "bleiben Sie
+mein Freund!" -
+
+"Immerdar," erwiderte der Doktor. "Meine Freundschaft, meine innige
+Zuneigung zu Ihnen, holde Fee, wird nie aufhören. Wenden Sie sich
+getrost an mich in allen bedenklichen Fällen des Lebens, und - o
+trinken Sie Kaffee bei mir, sooft es Ihnen zu Sinne kommt."
+
+"Leben Sie wohl, mein würdigster Magus, nie werd' ich Ihre Huld, nie
+diesen Kaffee vergessen!" So sprach das Fräulein und erhob sich, von
+innerer Rührung ergriffen, zum Scheiden.
+
+Prosper Alpanus begleitete sie ans Gattertor, während alle wunderbare
+Stimmen des Waldes auf die lieblichste Weise erklangen.
+
+Vor dem Tor stand, statt des Fräuleins Wagen, die mit den Einhörnern
+bespannte Kristallmuschel des Doktors, hinter der der Goldkäfer seine
+glänzenden Flügel ausbreitete. Auf dem Bock saß der Silberfasan und
+kuckte, die goldnen Zügel im Schnabel haltend, das Fräulein mit klugen
+Augen an.
+
+In die seligste Zeit ihres herrlichsten Feenlebens fühlte sich die
+Stiftsdame versetzt, als der Wagen, herrlich tönend, durch den
+duftenden Wald rauschte.
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+Wie der Professor Mosch Terpin im fürstlichen Weinkeller die Natur
+erforschte. - Mycetes Belzebub. - Verzweiflung des Studenten
+Balthasar. - Vorteilhafter Einfluß eines wohleingerichteten Landhauses
+auf das häusliche Glück. - Wie Prosper Alpanus dem Balthasar eine
+schildkrötene Dose überreichte und davonritt.
+
+Balthasar, der sich in dem Dorfe Hoch-Jakobsheim versteckt hielt,
+bekam von dem Referendarius Pulcher aus Kerepes einen Brief des
+Inhalts: "Unsere Angelegenheiten, bester Freund Balthasar, gehen immer
+schlechter und schlechter. Unser Feind, der abscheuliche Zinnober, ist
+Minister der auswärtigen Angelegenheiten geworden und hat den großen
+Orden des grüngefleckten Tigers mit zwanzig Knöpfen erhalten. Er hat
+sich aufgeschwungen zum Liebling des Fürsten und setzt alles durch,
+was er will. Professor Mosch Terpin ist ganz außer sich, er bläht sich
+auf im dummen Stolz. Durch seines künftigen Schwiegersohns Vermittlung
+hat er die Stelle des Generaldirektors sämtlicher natürlicher
+Angelegenheiten im Staate erhalten, eine Stelle, die ihm viel Geld und
+eine Menge anderer Emolumente einbringt. Als benannter Generaldirektor
+zensiert und revidiert er die Sonnen- und Mondfinsternisse sowie
+die Wetterprophezeiungen in den im Staate erlaubten Kalendern und
+erforscht insbesondere die Natur in der Residenz und deren Bereich.
+Dieser Beschäftigung halber bekommt er aus den fürstlichen Waldungen
+das seltenste Geflügel, die raresten Tiere, die er, um eben ihre Natur
+zu erforschen, braten läßt und auffrißt. Ebenso schreibt er jetzt
+(wenigstens gibt er es vor) eine Abhandlung darüber, warum der Wein
+anders schmeckt als Wasser und auch andere Wirkungen äußert, die er
+seinem Schwiegersohn zueignen will. Zinnober hat es bewirkt, daß
+Mosch Terpin der Abhandlung wegen alle Tage im fürstlichen Weinkeller
+studieren darf. Er hat schon einen halben Oxhoft alten Rheinwein sowie
+mehrere Dutzend Flaschen Champagner verstudiert und ist jetzt an ein
+Faß Alikante geraten. - Der Kellermeister ringt die Hände! - So ist
+dem Professor, der, wie Du weißt, das größte Leckermaul auf Erden,
+geholfen, und er würde das bequemste Leben von der Welt führen, müßte
+er oft nicht, wenn ein Hagelschlag die Felder verwüstet hat, plötzlich
+über Land, um den fürstlichen Pächtern zu erklären, warum es gehagelt
+hat, damit die dummen Teufel ein bißchen Wissenschaft bekommen, sich
+künftig vor dergleichen hüten können und nicht immer Erlaß der Pacht
+verlangen dürfen, einer Sache halber, die niemand verschuldet, als sie
+selbst.
+
+"Der Minister kann die Tracht Schläge, die Du ihm erteilt, nicht
+verwinden. Er hat Dir Rache geschworen. Du wirst Dich gar nicht mehr
+in Kerepes sehen lassen dürfen. Auch mich verfolgt er sehr, weil ich
+seine geheimnisvolle Art, sich von einer geflügelten Dame frisieren
+zu lassen, erlauscht habe. - Solange Zinnober des Fürsten Liebling
+bleibt, werde ich wohl auf keinen ordentlichen Posten Anspruch
+machen können. Mein Unstern will es, daß ich immer mit der Mißgeburt
+zusammengerate, wo ich es gar nicht ahne, und auf eine Weise, die mir
+fatal werden muß. Neulich ist der Minister in vollem Staat, mit Degen,
+Stern und Ordensband, im zoologischen Kabinett und hat sich nach
+seiner gewöhnlichen Weise, den Stock untergestemmt, auf den Fußspitzen
+schwebend, an den Glasschrank hingestellt, wo die seltensten
+amerikanischen Affen stehen. Fremde, die das Kabinett besehen, treten
+heran, und einer, den kleinen Wurzelmann erblickend, ruft laut aus:
+'Ei! - was für ein allerliebster Affe! - welch niedliches Tier! - die
+Zierde des ganzen Kabinetts! - Ei, wie heißt das hübsche Äfflein?
+woher des Landes?'
+
+"Da spricht der Aufseher des Kabinetts sehr ernsthaft, indem er
+Zinnobers Schulter berührte: 'Ja, ein sehr schönes Exemplar, ein
+vortrefflicher Brasilianer, der sogenannte Mycetes Belzebub - Simia
+Belzebub Linnei - niger, barbatus, podiis caudaque apice brunneis -
+Brüllaffe' -
+
+"'Herr,' - prustet nun der Kleine den Aufseher an, 'Herr, ich glaube,
+Sie sind wahnsinnig oder neunmal des Teufels, ich bin kein Belzebub
+caudaque - kein Brüllaffe, ich bin Zinnober, der Minister Zinnober,
+Ritter des grüngefleckten Tigers mit zwanzig Knöpfen!' - Nicht weit
+davon stehe ich und breche - hätt' es das Leben gekostet auf der
+Stelle, ich konnte mich nicht zurückhalten - aus in ein wieherndes
+Gelächter.
+
+"'Sind Sie auch da, Herr Referendarius?' schnarcht er mich an, indem
+rote Glut aus seinen Hexenaugen funkelt.
+
+"Gott weiß, wie es kam, daß die Fremden ihn immerfort für den schönsten
+seltensten Affen hielten, den sie jemals gesehen, und ihn durchaus
+mit Lampertsnüssen füttern wollten, die sie aus der Tasche gezogen.
+Zinnober geriet nun so ganz außer sich, daß er vergebens nach
+Atem schnappte und die Beinchen ihm den Dienst versagten. Der
+herbeigerufene Kammerdiener mußte ihn auf den Arm nehmen und
+hinabtragen in die Kutsche.
+
+"Selbst kann ich mir aber nicht erklären, warum mir diese Geschichte
+einen Schimmer von Hoffnung gibt. Es ist der erste Tort, der dem
+kleinen verhexten Unding geschehen.
+
+"So viel ist gewiß, daß Zinnober neulich am frühen Morgen sehr verstört
+aus dem Garten gekommen ist. Die geflügelte Frau muß ausgeblieben
+sein, denn vorbei ist es mit den schönen Locken. Das Haar soll ihm
+struppig auf dem Rücken herabhängen und Fürst Barsanuph gesagt haben:
+'Vernachlässigen Sie nicht so sehr Ihre Toilette, bester Minister,
+ich werde Ihnen meinen Friseur schicken!' - worauf denn Zinnober
+sehr höflich geäußert, er werde den Kerl zum Fenster herausschmeißen
+lassen, wenn er käme. 'Große Seele! man kommt Ihnen nicht bei,' hat
+dann der Fürst gesprochen und dabei sehr geweint!
+
+"Lebe wohl, liebster Balthasar! gib nicht alle Hoffnung auf und
+verstecke Dich gut, damit sie Dich nicht greifen!" -
+
+Ganz in Verzweiflung darüber, was ihm der Freund geschrieben, rannte
+Balthasar tief hinein in den Wald und brach aus in laute Klagen.
+
+"Hoffen soll ich," rief er, "hoffen soll ich noch, da jede Hoffnung
+verschwunden, da alle Sterne untergegangen und düstere - düstere Nacht
+mich Trostlosen umfängt? Unseliges Verhängnis! - ich unterliege der
+finstren Macht, die verderblich in mein Leben getreten! - Wahnsinn,
+daß ich auf Rettung hoffte von Prosper Alpanus, von diesem Prosper
+Alpanus, der mich selbst mit höllischen Künsten verlockte und mich
+forttrieb von Kerepes, indem er die Prügel, die ich dem Spiegelbilde
+erteilen mußte, auf Zinnobers wahrhaftigen Rücken regnen ließ!" "Ach
+Candida! - Könnt' ich nur das Himmelskind vergessen! - Aber mächtiger,
+stärker als jemals glüht der Liebesfunke in mir! - Überall sehe ich
+die holde Gestalt der Geliebten, die mit süßem Lächeln sehnsüchtig die
+Arme nach mir ausstreckt! - Ich weiß es ja! - du liebst mich, holde
+süße Candida, und das ist eben mein hoffnungsloser tötender Schmerz,
+daß ich dich nicht zu retten vermag aus der heillosen Verzauberung,
+die dich befangen! - Verräterischer Prosper! was tat ich dir, daß du
+mich so grausam äfftest!" -
+
+Die tiefe Dämmerung war eingebrochen, alle Farben des Waldes schwanden
+hin in dumpfes Grau. Da war es, als leuchte ein besonderer Glanz
+wie aufflammender Abendschein durch Baum und Gebüsch, und tausend
+Insektlein erhoben sich mit rauschendem Flügelschlage sumsend in die
+Lüfte. Leuchtende Goldkäfer schwangen sich hin und her, und dazwischen
+flatterten buntgeputzte Schmetterlinge und streuten duftenden
+Blumenstaub um sich her. Das Wispern und Sumsen wurde zu sanfter,
+süßflüsternder Musik, die sich tröstend legte an Balthasars zerrissene
+Brust. Über ihm funkelte stärker strahlend der Glanz. Er schaute
+hinauf und erblickte staunend Prosper Alpanus, der auf einem
+wunderbaren Insekt, das einer in den herrlichsten Farben prunkenden
+Libelle nicht unähnlich, daherschwebte.
+
+Prosper Alpanus senkte sich herab zu dem Jüngling, an dessen Seite
+er Platz nahm, während die Libelle aufflog in ein Gebüsch und in den
+Gesang einstimmte, der durch den ganzen Wald tönte.
+
+Er berührte des Jünglings Stirne mit den wundervoll glänzenden Blumen,
+die er in der Hand trug, und sogleich entzündete sich in Balthasars
+Innerm frischer Lebensmut.
+
+"Du tust," sprach nun Prosper Alpanus mit sanfter Stimme, "du tust mir
+großes Unrecht, lieber Balthasar, da du mich grausam und verräterisch
+schiltst in dem Augenblick, als es mir gelungen ist, Herr zu werden
+des Zaubers, der dein Leben verstört, als ich, um nur schneller dich
+zu finden, dich zu trösten, mich auf mein buntes Lieblingsrößlein
+schwinge und herbeireite, mit allem versehen, was zu deinem Heil
+dienen kann. - Doch nichts ist bittrer als Liebesschmerz, nichts
+gleicht der Ungeduld eines in Liebe und Sehnsucht verzweifelnden
+Gemüts. - Ich verzeihe dir, denn mir ist es selbst nicht besser
+gegangen, als ich vor ungefähr zweitausend Jahren eine indische
+Prinzessin liebte, Balsamine geheißen, und dem Zauberer Lothos, der
+mein bester Freund war, in der Verzweiflung den Bart ausriß, weshalb
+ich, wie du siehst, selbst keinen trage, damit mir nicht Ähnliches
+geschehe. - Doch dir dies alles weitläuftig zu erzählen, würde wohl
+hier an sehr unrechtem Orte sein, da jeder Liebende nur von seiner
+Liebe hören mag, die er allein der Rede wert hält, so wie jeder
+Dichter nur seine Verse gern vernimmt. Also zur Sache! - Wisse, daß
+Zinnober die verwahrloste Mißgeburt eines armen Bauerweibes ist und
+eigentlich Klein Zaches heißt. Nur aus Eitelkeit hat er den stolzen
+Namen Zinnober angenommen. Das Stiftsfräulein von Rosenschön oder
+eigentlich die berühmte Fee Rosabelverde, denn niemand anders ist jene
+Dame, fand das kleine Ungetüm am Wege. Sie glaubte, alles, was die
+Natur dem Kleinen stiefmütterlich versagt, dadurch zu ersetzen, wenn
+sie ihn mit der seltsamen geheimnisvollen Gabe beschenkte, vermöge der
+alles, was in seiner Gegenwart irgendein anderer Vortreffliches denkt,
+spricht oder tut, auf _seine_ Rechnung kommen, ja daß er in der
+Gesellschaft wohlgebildeter, verständiger, geistreicher Personen
+auch für wohlgebildet, verständig und geistreich geachtet werden und
+überhaupt allemal für den vollkommensten der Gattung, mit der er im
+Konflikt, gelten muß.
+
+"Dieser sonderbare Zauber liegt in drei feuerfarbglänzenden Haaren,
+die sich über den Scheitel des Kleinen ziehen. Jede Berührung dieser
+Haare, sowie überhaupt des Hauptes, mußte dem Kleinen schmerzhaft,
+ja verderblich sein. Deshalb ließ die Fee sein von Natur dünnes,
+struppiges Haar in dicken anmutigen Locken hinabwallen, die, des
+Kleinen Haupt schützend, zugleich jenen roten Streif versteckten und
+den Zauber stärkten. Jeden neunten Tag frisierte die Fee selbst den
+Kleinen mit einem goldnen magischen Kamm, und diese Frisur vernichtete
+jedes auf Zerstörung des Zaubers gerichtete Unternehmen. Aber den Kamm
+selbst hat ein kräftiger Talisman, den ich der guten Fee, als sie mich
+besuchte, unterzuschieben wußte, vernichtet.
+
+"Es kommt jetzt nur darauf an, ihm jene drei feuerfarbnen Haare
+auszureißen, und er sinkt zurück in sein voriges Nichts! - Dir, mein
+lieber Balthasar, ist diese Entzauberung vorbehalten. Du hast Mut,
+Kraft und Geschicklichkeit, du wirst die Sache ausführen, wie es sich
+gehört. Nimm dieses kleine geschliffene Glas, nähere dich dem kleinen
+Zinnober, wo du ihn findest, richte deinen scharfen Blick durch dieses
+Glas auf sein Haupt, frei und offen werden die drei roten Haare sich
+über das Haupt des Kleinen ziehen. Packe ihn fest an, achte nicht auf
+das gellende Katzengeschrei, das er ausstoßen wird, reiße ihm mit
+einem Ruck die drei Haare aus und verbrenne sie auf der Stelle. Es ist
+notwendig, daß die Haare mit _einem_ Ruck ausgerissen und _sogleich_
+verbrannt werden, denn sonst könnten sie noch allerlei verderbliche
+Wirkungen äußern. Richte daher dein vorzüglichstes Augenmerk darauf,
+daß du die Haare geschickt und fest erfassest und den Kleinen
+überfällst, wenn gerade ein Feuer oder ein Licht in der Nähe
+befindlich." -
+
+"O Prosper Alpanus," rief Balthasar, "wie schlecht habe ich diese
+Güte, diesen Edelmut durch mein Mißtrauen verdient! - Wie fühle ich es
+so in tiefer Brust, das nun mein Leiden endigt, daß alles Himmelsglück
+mir die goldnen Tore erschließt!" -
+
+"Ich liebe," fuhr Prosper Alpanus fort, "ich liebe Jünglinge, die so
+wie du, mein Balthasar, Sehnsucht und Liebe im reinen Herzen tragen,
+in deren Innerm noch jene herrlichen Akkorde widerhallen, die dem
+fernen Lande voll göttlicher Wunder angehören, das meine Heimat ist.
+Die glücklichen, mit dieser inneren Musik begabten Menschen sind
+die einzigen, die man Dichter nennen kann, wiewohl viele auch so
+gescholten werden, die den ersten besten Brummbaß zur Hand nehmen,
+darauf herumstreichen und das verworrene Gerassel der unter ihrer
+Faust stöhnenden Saiten für herrliche Musik halten, die aus ihrem
+eignen Innern heraustönt. - Dir ist, ich weiß es, mein geliebter
+Balthasar, dir ist es zuweilen so, als verstündest du die murmelnden
+Quellen, die rauschenden Bäume, ja, als spräche das aufflammende
+Abendrot zu dir mit verständlichen Worten! - Ja, mein Balthasar! -
+in diesen Momenten verstehst du wirklich die wunderbaren Stimmen der
+Natur, denn aus deinem eignen Innern erhebt sich der göttliche Ton,
+den die wundervolle Harmonie des tiefsten Wesens der Natur entzündet.
+- Da du Klavier spielst, o Dichter, so wirst du wissen, daß dem
+angeschlagenen Ton die ihm verwandten Töne nachklingen. - Dieses
+Naturgesetz dient zu mehr als zum schalen Gleichnis! - Ja, o Dichter,
+du bist ein viel besserer, als es manche glauben, denen du deine
+Versuche, die innere Musik mit Feder und Tinte zu Papier zu bringen,
+vorgelesen. Mit diesen Versuchen ist es nicht weit her. Doch hast du
+im historischen Stil einen guten Wurf getan, als du mit pragmatischer
+Breite und Genauigkeit die Geschichte von der Liebe der Nachtigall zur
+Purpurrose aufschriebst, welche sich unter meinen Augen begeben. - Das
+ist eine ganz artige Arbeit" -
+
+Prosper Alpanus hielt inne, Balthasar blickte ihn ganz verwundert an
+mit großen Augen, er wußte gar nicht, was er dazu sagen sollte, daß
+Prosper das Gedicht, welches er für das fantastischste hielt, das er
+jemals aufgeschrieben, für einen historischen Versuch erklärte.
+
+"Du magst," fuhr Prosper Alpanus fort, indem ein anmutiges Lächeln
+sein Gesicht überstrahlte, "du magst dich wohl über meine Reden
+verwundern, dir mag überhaupt manches seltsam an mir vorkommen.
+Bedenke aber, daß ich nach dem Urteil aller vernünftigen Leute eine
+Person bin, die nur im Märchen auftreten darf, und du weißt, geliebter
+Balthasar, daß solche Personen sich wunderlich gebärden und tolles
+Zeug schwatzen können, wie sie nur mögen, vorzüglich wenn hinter allem
+doch etwas steckt, was gerade nicht zu verwerfen. - Nun aber weiter!
+- Nahm sich die Fee Rosabelverde des mißgestalteten Zinnober so
+eifrig an, so bist du, mein Balthasar, nun ganz und gar mein lieber
+Schützling. Höre also, was ich für dich zu tun gesonnen! - Der
+Zauberer Lothos besuchte mich gestern, er brachte mir tausend Grüße,
+aber auch tausend Klagen von der Prinzessin Balsamine, die aus dem
+Schlafe erwacht ist und in den süßen Tönen des Chartah Bhade, jenes
+herrlichen Gedichts, das unsere erste Liebe war, sehnende Arme nach
+mir ausstreckt. Auch mein alter Freund, der Minister Yuchi, winkt mir
+freundlich zu vom Polarstern. - Ich muß fort nach dem fernsten Indien!
+- Mein Landgut, das ich verlasse, wünsche ich in keines andern Besitz
+zu sehen als in dem deinigen. Morgen gehe ich nach Kerepes und lasse
+eine förmliche Schenkungsurkunde ausfertigen, in der ich als dein
+Oheim auftrete. Ist nun Zinnobers Zauber gelöst, trittst du vor den
+Professor Mosch Terpin hin als Besitzer eines vortrefflichen Landguts,
+eines beträchtlichen Vermögens, und wirbst du um die Hand der schönen
+Candida, so wird er in voller Freude dir alles gewähren. Aber noch
+mehr! - Ziehst du mit deiner Candida ein in mein Landhaus, so ist das
+Glück deiner Ehe gesichert. Hinter den schönen Bäumen wächst alles,
+was das Haus bedarf; außer den herrlichsten Früchten der schönste Kohl
+und tüchtiges schmackhaftes Gemüse überhaupt, wie man es weit und
+breit nicht findet. Deine Frau wird immer den ersten Salat, die ersten
+Spargel haben. Die Küche ist so eingerichtet, daß die Töpfe niemals
+überlaufen und keine Schüssel verdirbt, solltest du auch einmal eine
+ganze Stunde über die Essenszeit ausbleiben. Teppiche, Stuhl- und
+Sofa-Bezüge sind von der Beschaffenheit, daß es bei der größten
+Ungeschicklichkeit der Dienstboten unmöglich bleibt, einen Fleck
+hineinzubringen, ebenso zerbricht kein Porzellan, kein Glas, sollte
+sich auch die Dienerschaft deshalb die größte Mühe geben und es auf
+den härtesten Boden werfen. Jedesmal endlich, wenn deine Frau waschen
+läßt, ist auf dem großen Wiesenplan hinter dem Hause das allerschönste
+heiterste Wetter, sollte es auch rings umher regnen, donnern und
+blitzen. Kurz, mein Balthasar, es ist dafür gesorgt, daß du das
+häusliche Glück an deiner holden Candida Seite ruhig und ungestört
+genießest! -
+
+"Doch nun ist es wohl an der Zeit, daß ich heimkehre und in
+Gemeinschaft mit meinem Freunde Lothos die Anstalten zu meiner
+baldigen Abreise beginne. Lebe wohl, mein Balthasar!" -
+
+Damit pfiff Prosper ein- zweimal der Libelle, die alsbald sumsend
+herbeiflog. Er zäumte sie auf und schwang sich in den Sattel. Aber
+schon im Davonschweben hielt er plötzlich an und kehrte um zu
+Balthasar. -
+
+"Beinahe," sprach er, "hätte ich deinen Freund Fabian vergessen. In
+einem Anfall schalkischer Laune habe ich ihn für seinen Vorwitz zu
+hart gestraft. In dieser Dose ist das enthalten, was ihn tröstet!" -
+
+Prosper reichte dem Balthasar ein kleines, blank poliertes
+schildkrötenes Döschen hin, das er ebenso einsteckte, wie die kleine
+Lorgnette, die er erst zur Entzauberung Zinnobers von Prosper
+erhalten.
+
+Prosper Alpanus rauschte nun fort durch das Gebüsch, indem die Stimmen
+des Waldes stärker und anmutiger ertönten.
+
+Balthasar kehrte zurück nach Hoch-Jakobsheim, alle Wonne, alles
+Entzücken der süßesten Hoffnung im Herzen.
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+Wie Fabian seiner langen Rockschöße halber für einen Sektierer
+und Tumultuanten gehalten wurde. - Wie Fürst Barsanuph hinter
+den Kaminschirm trat und den Generaldirektor der natürlichen
+Angelegenheiten kassierte. - Zinnobers Flucht aus Mosch Terpins Hause.
+- Wie Mosch Terpin auf einem Sommervogel ausreiten und Kaiser werden
+wollte, dann aber zu Bette ging.
+
+In der frühesten Morgendämmerung, als Wege und Straßen noch einsam,
+schlich sich Balthasar hinein nach Kerepes und lief augenblicklich
+zu seinem Freunde Fabian. Als er an die Stubentüre pochte, rief eine
+kranke matte Stimme: "Herein!" -
+
+Bleich - entstellt, hoffnungslosen Schmerz im Antlitz, lag Fabian auf
+dem Bette. "Um des Himmels willen," rief Balthasar, "um des Himmels
+willen - Freund! sprich! - was ist dir widerfahren?"
+
+"Ach Freund," sprach Fabian mit gebrochener Stimme, indem er sich
+mühsam in die Höhe richtete, "mit mir ist es aus, rein aus. Der
+verfluchte Hexenspuk, den, ich weiß es, der rachsüchtige Prosper
+Alpanus über mich gebracht, stürzt mich ins Verderben!" -
+
+"Wie ist das möglich?" fragte Balthasar; "Zauberei, Hexenspuk,
+du glaubtest sonst an dergleichen nicht." "Ach," fuhr Fabian mit
+weinerlicher Stimme fort, "ach, ich glaube jetzt an alles, an Zauberer
+und Hexen und Erdgeister und Wassergeister, an den Rattenkönig und
+die Alraunwurzel - an alles, was du willst. Wem das Ding so auf den
+Hals tritt wie mir, der gibt sich wohl! - Du erinnerst dich an den
+höllischen Skandal mit meinem Rocke, als wir von Prosper Alpanus
+kamen! - Ja! wär' es nur dabei geblieben! - Sieh dich doch etwas um in
+meinem Zimmer, lieber Balthasar!" -
+
+Balthasar tat es und gewahrte an allen Wänden rings umher eine Unzahl
+von Fracks, Überröcken, Kurtken von allem möglichen Zuschnitt, von
+allen möglichen Farben. "Wie," rief er, "willst du einen Kleiderkram
+anlegen, Fabian?"
+
+"Spotte nicht," erwiderte Fabian, "spotte nicht, lieber Freund. Alle
+diese Kleider ließ ich anfertigen von den berühmtesten Schneidern,
+immer hoffend, endlich einmal der unseligen Verdammnis zu entgehen,
+die auf meinen Röcken ruht, aber umsonst. Sowie ich den schönsten
+Rock, der mir steht wie angegossen an den Leib, nur einige Minuten
+trage, rutschen die Ärmel mir an die Schultern herauf, und die Schöße
+schwänzeln mir nach sechs Ellen lang. In der Verzweiflung ließ ich mir
+jenen Spenzer mit den eine Welt langen Pierrotsärmeln machen: 'Rutscht
+nur, Ärmel,' dacht' ich, 'dehnt euch nur aus, Schöße, so kommt alles
+ins Gleiche': aber! - ganz dasselbe wie mit allen andern Röcken war
+es in wenigen Minuten! Alle Kunst und Kraft der mächtigsten Schneider
+richtete nichts aus gegen den verwünschten Zauber! Daß ich verhöhnt,
+verspottet wurde, wo ich mich nur blicken ließ, versteht sich von
+selbst, aber bald veranlaßte meine unverschuldete Hartnäckigkeit,
+immer wieder in einem solch verteufelten Rock zu erscheinen, ganz
+andere Urteile. Das Geringste war noch, daß die Frauen mich grenzenlos
+eitel und abgeschmackt schalten, da ich aller Sitte entgegen mich
+durchaus mit nackten Armen, sie wahrscheinlich für sehr schön haltend,
+sehen lassen wolle. Die Theologen aber schrien mich bald für einen
+Sektierer aus, stritten sich nur, ob ich zur Sekte der Ärmelianer oder
+Schößianer zu rechnen, waren aber darin einig, daß beide Sekten höchst
+gefährlich zu nennen, da beide vollkommene Freiheit des Willens
+statuierten und sich erfrechten zu denken, was sie wollten.
+Diplomatiker hielten mich für einen schnöden Aufwiegler. Sie
+behaupteten, ich wolle durch meine langen Rockschöße Unzufriedenheit
+im Volke erregen und es aufsässig machen gegen die Regierung, gehöre
+überhaupt zu einem geheimen Bunde, dessen Zeichen ein kurzer Ärmel
+sei. Schon seit langer Zeit fänden sich hie und da Spuren der
+Kurzärmler, die ebenso zu fürchten als die Jesuiten, ja noch mehr,
+da sie sich bemühten, überall die jedem Staate schädliche Poesie
+einzuführen, und an der Infallibilität der Fürsten zweifelten. Kurz! -
+das Ding wurde ernster und ernster, bis mich der Rektor zitieren ließ.
+Ich sah mein Unglück vorher, wenn ich einen Rock anzog, erschien also
+in der Weste. Darüber wurde der Mann zornig, er glaubte, ich wolle ihn
+verhöhnen, und fuhr auf mich los, ich solle binnen acht Tagen in einem
+vernünftigen anständigen Rock vor ihm erscheinen, widrigenfalls er
+ohne alle Gnade die Relegation über mich aussprechen würde. - Heute
+geht der Termin zu Ende! - O ich Unglücklicher! - O verdammter Prosper
+Alpanus!" -
+
+"Halt ein," rief Balthasar, "halt ein, lieber Freund Fabian, schmäle
+nicht auf meinen teuern lieben Oheim, der mir ein Landgut geschenkt
+hat. Auch mit _dir_ meint er es gar nicht so böse, ungeachtet er,
+ich muß es gestehen, den Vorwitz, womit du ihm begegnetest, zu hart
+gestraft hat. - Doch ich bringe Hülfe! - er sendet dir dies Döschen,
+welches alle deine Leiden enden soll."
+
+Damit zog Balthasar das kleine schildkrötene Döschen, welches er
+von Prosper Alpanus erhalten, aus der Tasche und überreichte es dem
+trostlosen Fabian.
+
+"Was soll," Sprach dieser, "was soll mir denn der dumme Quark helfen?
+wie kann ein kleines schildkrötenes Döschen Einfluß haben auf die
+Gestaltung meiner Röcke?" "Das weiß ich nicht," erwiderte Balthasar,
+"aber mein lieber Oheim kann und wird mich nicht täuschen, ich habe
+das vollste Zutrauen zu ihm; darum öffne nur die Dose, lieber Fabian,
+wir wollen sehen, was darin enthalten."
+
+Fabian tat es - und aus der Dose quoll ein herrlich gemachter
+schwarzer Frack von dem feinsten Tuche hervor. Beide, Fabian und
+Balthasar, konnten sich des lauten Ausrufs der höchsten Verwunderung
+nicht erwehren.
+
+"Ha, ich verstehe dich," rief Balthasar begeistert, "ha, ich verstehe
+dich, mein Prosper, mein teurer Oheim! Dieser Rock wird passen, wird
+allen Zauber lösen." -
+
+Fabian zog den Rock ohne weiteres an, und was Balthasar geahnet, traf
+wirklich ein. Das schöne Kleid saß dem Fabian, wie noch niemals ihm
+eins gesessen, und an Rutschen der Ärmel, an Verlängerung der Schöße
+war nicht zu denken.
+
+Ganz außer sich vor Freude, beschloß Fabian nun sogleich in seinem
+neuen wohlpassenden Rock zum Rektor hinzulaufen und alles ins Gleiche
+zu bringen.
+
+Balthasar erzählte nun seinem Freunde Fabian ausführlich, wie sich
+alles begeben mit Prosper Alpanus, und wie dieser ihm die Mittel in
+die Hand gegeben, dem heillosen Unwesen des mißgestalteten Däumlings
+ein Ende zu machen. Fabian, der ein ganz anderer worden, da ihn alle
+Zweifelsucht ganz verlassen, rühmte Prospers hohen Edelmut über alle
+Maßen und erbot sich, bei Zinnobers Entzauberung hülfreiche Hand zu
+leisten. In dem Augenblick gewahrte Balthasar aus dem Fenster seinen
+Freund, den Referendarius Pulcher, der ganz trübsinnig um die Ecke
+schleichen wollte. Fabian steckte auf Balthasars Geheiß den Kopf zum
+Fenster heraus und winkte und rief dem Referendarius zu, er möge doch
+nur gleich heraufkommen.
+
+Sowie Pulcher eintrat, rief er gleich: "Was hast du denn für einen
+herrlichen Rock an, lieber Fabian!" Dieser sagte aber, Balthasar werde
+ihm alles erklären, und lief fort zum Rektor.
+
+Als nun Balthasar dem Referendarius alles ausführlich erzählt, was
+sich zugetragen, sprach dieser. "Gerade an der Zeit ist es nun, daß
+der abscheuliche Unhold tot gemacht wird. Wisse, daß er heute seine
+feierliche Verlobung mit Candida feiert, daß der eitle Mosch Terpin
+ein großes Fest gibt, wozu er selbst den Fürsten geladen. Gerade bei
+diesem Feste wollen wir eindringen in des Professors Haus und den
+Kleinen überfallen. An Lichtern im Saal wird's nicht fehlen zum
+augenblicklichen Verbrennen der feindseligen Haare."
+
+Noch manches hatten die Freunde gesprochen und miteinander verabredet,
+als Fabian eintrat mit vor Freude glänzendem Gesicht.
+
+"Die Kraft," sprach er, "die Kraft des Rocks, der der schildkrötenen
+Dose entquollen, hat sich herrlich bewährt. Sowie ich eintrat bei dem
+Rektor, lächelte er zufrieden. 'Ha' redete er mich an, 'ha! - ich
+gewahre, mein lieber Fabian, daß Sie zurückgekommen sind von Ihrer
+seltsamen Verirrung! - Nun! Feuerköpfe wie Sie lassen sich leicht
+hinreißen zu dem Extremen! - Für religiöse Schwärmerei habe ich Ihr
+Beginnen niemals gehalten - mehr falsch verstandener Patriotismus
+- Hang zum Außerordentlichen, gestützt auf das Beispiel der Heroen
+des Altertums. - Ja, das lasse ich gelten, solch ein schöner,
+wohlpassender Rock! - Heil dem Staate, Heil der Welt, wenn hochherzige
+Jünglinge solche Röcke tragen, mit solchen passenden Ärmeln und
+Schößen. Bleiben Sie treu, Fabian, bleiben Sie treu solcher Tugend,
+solchem wackren Sinn, daraus entsproßt wahre Heldengröße!' - Der
+Rektor umarmte mich, indem helle Tränen ihm in die Augen traten.
+Selbst weiß ich nicht, wie ich dazu kam, die kleine schildkrötene
+Dose, aus der der Rock entstanden und die ich nun in dessen Tasche
+gesteckt, hervorzuziehen. 'Bitte!' sprach der Rektor, indem er Daum
+und Zeigefinger zusammenspitzte. Ohne zu wissen, ob wohl Tabak
+darin enthalten, klappte ich die Dose auf. Der Rektor griff hinein,
+schnupfte, faßte meine Hand, drückte sie stark, Tränen liefen ihm über
+die Wangen; er sprach tiefgerührt: 'Edler Jüngling! - eine schöne
+Prise! - Alles ist vergeben und vergessen, speisen Sie bei mir heut
+mittags!' - Ihr seht, Freunde, all mein Leiden hat ein Ende, und
+gelingt uns heute, wie es anders gar nicht zu erwarten steht, die
+Entzauberung Zinnobers, so seid auch ihr fortan glücklich!" -
+
+In dem mit hundert Kerzen erleuchteten Saal stand der kleine
+Zinnober im scharlachroten gestickten Kleide, den großen Orden des
+grüngefleckten Tigers mit zwanzig Knöpfen umgetan, Degen an der Seite,
+Federhut unterm Arm. Neben ihm die holde Candida bräutlich geschmückt,
+in aller Anmut und Jugend strahlend. Zinnober hatte ihre Hand gefaßt,
+die er zuweilen an den Mund drückte und dabei recht widrig grinste und
+lächelte. Und jedesmal überflog dann ein höheres Rot Candidas Wangen,
+und sie blickte den Kleinen an mit dem Ausdruck der innigsten Liebe.
+Das war denn wohl recht graulich anzusehen, und nur die Verblendung,
+in die Zinnobers Zauber alle versetzte, war schuld daran, daß man
+nicht, ergrimmt über Candidas heillose Verstrickung, den kleinen
+Hexenkerl packte und ins Kaminfeuer warf. Rings um das Paar im Kreise
+in ehrerbietiger Entfernung hatte sich die Gesellschaft gesammelt. Nur
+Fürst Barsanuph stand neben Candida und mühte sich, bedeutungsvolle
+gnädige Blicke umherzuwerfen, auf die indessen niemand sonderlich
+achtete. Alles hatte nur Auge für das Brautpaar und hing an Zinnobers
+Lippen, der hin und wieder einige unverständliche Worte schnurrte,
+denen jedesmal ein leises Ach! der höchsten Bewunderung, das die
+Gesellschaft ausstieß, folgte.
+
+Es war an dem, daß die Verlobungsringe gewechselt werden sollten.
+Mosch Terpin trat in den Kreis mit einem Präsentierteller, auf dem
+die Ringe funkelten. Er räusperte sich - Zinnober hob sich auf den
+Fußspitzen so hoch als möglich, beinahe reichte er der Braut an den
+Ellbogen. - Alles stand in der gespanntesten Erwartung - da lassen
+sich plötzlich fremde Stimmen hören, die Türe des Saals springt auf,
+Balthasar dringt ein, mit ihm Pulcher - Fabian! - Sie brechen durch
+den Kreis - "Was ist das, was wollen die Fremden?" ruft alles
+durcheinander. -
+
+Fürst Barsanuph schreit entsetzt: "Aufruhr - Rebellion - Wache!" und
+springt hinter den Kaminschirm. - Mosch Terpin erkennt den Balthasar,
+der dicht bis zum Zinnober vorgedrungen, und ruft: "Herr Studiosus!
+- Sind Sie rasend - sind Sie von Sinnen? - wie können Sie sich
+unterstehen, hier einzudringen in die Verlobung! - Leute -
+Gesellschaft - Bediente, werft den Grobian zur Türe hinaus!" -
+
+Aber ohne sich nur im mindesten an irgend etwas zu kehren, hat
+Balthasar schon Prospers Lorgnette hervorgezogen und richtet durch
+dieselbe den festen Blick auf Zinnobers Haupt. Wie vom elektrischen
+Strahl getroffen, stößt Zinnober ein gellendes Katzengeschrei aus, daß
+der ganze Saal widerhallt. Candida fällt ohnmächtig auf einen Stuhl;
+der eng geschlossene Kreis der Gesellschaft stäubt auseinander. -
+Klar vor Balthasars Augen liegt der feuerfarbglänzende Haarstreif, er
+spring zu auf Zinnober - faßt ihn, der strampelt mit den Beinchen und
+sträubt sich und kratzt und beißt.
+
+"Angepackt - angepackt!" ruft Balthasar; da fassen Fabian und Pulcher
+den Kleinen, daß er sich nicht zu regen und zu bewegen vermag, und
+Balthasar faßt sicher und behutsam die roten Haare, reißt sie mit
+einem Ruck vom Haupte herab, springt an den Kamin, wirft sie ins
+Feuer, sie prasseln auf, es geschieht ein betäubender Schlag, alle
+erwachen wie aus dem Traum. - Da steht der kleine Zinnober, der sich
+mühsam aufgerafft von der Erde, und schimpft und schmält und befiehlt,
+man solle die frechen Ruhestörer, die sich an der geheiligten Person
+des ersten Ministers im Staate vergriffen, sogleich packen und ins
+tiefste Gefängnis werfen! Aber einer frägt den andern: "Wo kommt denn
+mit einemmal der kleine purzelbäumige Kerl her? - was will das kleine
+Ungetüm?" - Und wie der Däumling immerfort tobt und mit den Füßchen
+den Boden stampft und immer dazwischen ruft: "Ich bin der Minister
+Zinnober - ich bin der Minister Zinnober - der grüngefleckte Tiger mit
+zwanzig Knöpfen!" da bricht alles in ein tolles Gelächter aus. Man
+umringt den Kleinen, die Männer heben ihn auf und werfen sich ihn zu
+wie einen Fangball; ein Ordensknopf nach dem andern springt ihm vom
+Leibe - er verliert den Hut - den Degen, die Schuhe. - Fürst Barsanuph
+kommt hinter dem Kaminschirm hervor und tritt hinein mitten in den
+Tumult. Da kreischt der Kleine: "Fürst Barsanuph - Durchlaucht -
+retten Sie Ihren Minister - Ihren Liebling! - Hülfe - Hülfe - der
+Staat ist in Gefahr - der grüngefleckte Tiger - Weh - weh!" - Der
+Fürst wirft einen grimmigen Blick auf den Kleinen und schreitet dann
+rasch vorwärts nach der Türe. Mosch Terpin kommt ihm in den Weg, den
+faßt er, zieht ihn in die Ecke und spricht mit zornfunkelnden Augen:
+"Sie erdreisten sich, Ihrem Fürsten, Ihrem Landesvater hier eine dumme
+Komödie vorspielen zu wollen? - Sie laden mich ein zur Verlobung
+Ihrer Tochter mit meinem würdigen Minister Zinnober, und statt
+meines Ministers finde ich hier eine abscheuliche Mißgeburt, die
+Sie in glänzende Kleider gesteckt? - Herr, wissen Sie, daß das ein
+landesverräterischer Spaß ist, den ich strenge ahnden würde, wenn
+Sie nicht ein ganz alberner Mensch wären, der ins Tollhaus gehört.
+- Ich entsetze Sie des Amts als Generaldirektor der natürlichen
+Angelegenheiten und verbitte mir alles weitere Studieren in meinem
+Keller! - Adieu!"
+
+Dann stürmte er fort.
+
+Aber Mosch Terpin stürzte zitternd vor Wut los auf den Kleinen, faßte
+ihn bei den langen struppigen Haaren und rannte mit ihm hin nach dem
+Fenster: "Hinunter mit dir," schrie er, "hinunter mit dir, schändliche
+heillose Mißgeburt, die mich so schmachvoll hintergangen, mich um
+alles Glück des Lebens gebracht hat!"
+
+Er wollte den Kleinen hinabstürzen durch das geöffnete Fenster, doch
+der Aufseher des zoologischen Kabinetts, der auch zugegen, sprang mit
+Blitzesschnelle hinzu, faßte den Kleinen und entriß ihn Mosch Terpins
+Fäusten. "Halten Sie ein," sprach der Aufseher, "halten Sie ein, Herr
+Professor, vergreifen Sie sich nicht an fürstlichem Eigentum. Es ist
+keine Mißgeburt, es ist der Mycetes Belzebub, Simia Belzebub, der dem
+Museo entlaufen." "Simia Belzebub - Simia Belzebub!" ertönte es von
+allen Seiten unter schallendem Gelächter. Doch kaum hatte der Aufseher
+den Kleinen auf den Arm genommen und ihn recht angesehen, als er
+unmutig ausrief: "Was sehe ich! - das ist ja nicht Simia Belzebub, das
+ist ja ein schnöder häßlicher Wurzelmann! Pfui! - pfui" -
+
+Und damit warf er den Kleinen in die Mitte des Saals. Unter dem lauten
+Hohngelächter der Gesellschaft rannte der Kleine quiekend und knurrend
+durch die Türe fort die Treppe herab - fort, fort nach seinem Hause,
+ohne daß ihn ein einziger von seinen Dienern bemerkt.
+
+Währenddessen, daß sich dies alles im Saale begab, hatte sich
+Balthasar in das Kabinett entfernt, wo man, wie er wahrgenommen, die
+ohnmächtige Candida hingebracht. Er warf sich ihr zu Füßen, drückte
+ihre Hände an seine Lippen, nannte sie mit den süßesten Namen. Sie
+erwachte endlich mit einem tiefen Seufzer, und als sie den Balthasar
+erblickte, da rief sie voll Entzücken:
+
+"Bist du endlich - endlich da, mein geliebter Balthasar! Ach, ich bin
+ja beinahe vergangen vor Sehnsucht und Liebesschmerz! - und immer
+erklangen mir die Töne der Nachtigall, von denen berührt, der
+Purpurrose das Herzblut entquillt!" -
+
+Nun erzählte sie, alles, alles um sich her vergessend, wie ein böser
+abscheulicher Traum sie verstrickt, wie es ihr vorgekommen, als habe
+sich ein häßlicher Unhold an ihr Herz gelegt, dem sie ihre Liebe
+schenken müssen, weil sie nicht anders gekonnt. Der Unhold habe sich
+zu verstellen gewußt, daß er ausgesehen wie Balthasar; und wenn sie
+recht lebhaft an Balthasar gedacht, habe sie zwar gewußt, daß der
+Unhold nicht Balthasar, aber dann sei es ihr wieder auf unbegreifliche
+Weise gewesen, als müsse sie den Unhold lieben, eben um Balthasars
+willen.
+
+Balthasar klärte ihr so viel auf, als es geschehen konnte, ohne ihre
+ohnehin aufgeregten Sinne ganz und gar zu verwirren. Dann folgten,
+wie es unter Liebesleuten nicht anders zu geschehen pflegt, tausend
+Versicherungen, tausend Schwüre ewiger Liebe und Treue. Und dabei
+umfingen sie sich und drückten sich mit der Inbrunst der innigsten
+Zärtlichkeit an die Brust und waren ganz und gar umflossen von aller
+Wonne, von allem Entzücken des höchsten Himmels.
+
+Mosch Terpin trat ein, händeringend und lamentierend, mit ihm kamen
+Pulcher und Fabian, die immerfort, jedoch vergebens trösteten.
+
+"Nein," rief Mosch Terpin, "nein, ich bin ein total geschlagener
+Mann! - nicht mehr Generaldirektor der natürlichen Angelegenheiten im
+Staate. - Kein Studium mehr im fürstlichen Keller - die Ungnade des
+Fürsten - ich gedachte Ritter zu werden des grüngefleckten Tigers,
+wenigstens mit fünf Knöpfen. - Alles aus! - Was wird nur Se. Exzellenz
+der würdige Minister Zinnober dazu sagen, wenn er hört, daß ich eine
+schnöde Mißgeburt, den Simia Belzebub cauda prehensili, oder was weiß
+ich sonst, für ihn gehalten! - O Gott, auch sein Haß wird auf mich
+lasten! - Alikante! - Alikante!" -
+
+"Aber, bester Professor," trösteten die Freunde - "verehrter
+Generaldirektor, bedenken Sie doch nur, daß es gar keinen Minister
+Zinnober mehr gibt! - Sie haben sich ganz und gar nicht vergriffen,
+der ungestaltete Knirps hat vermöge der Zaubergabe, die er von der Fee
+Rosabelverde erhalten, Sie ebensogut getäuscht, wie uns alle!" -
+
+Nun erzählte Balthasar, wie sich alles begeben von Anfang an. Der
+Professor horchte und horchte, bis Balthasar geendet, da rief er:
+"Wach' ich! - träum' ich - Hexen - Zauberer - Feen - magische Spiegel
+- Sympathien - soll ich an den Unsinn glauben" -
+
+"Ach liebster Herr Professor," fiel Fabian ein, "hätten Sie nur eine
+Zeitlang einen Rock getragen mit kurzen Ärmeln und langer Schleppe, so
+wie ich, Sie würden schon an alles glauben, daß es eine Lust wäre!" -
+
+"Ja," rief Mosch Terpin, "ja, es ist alles so - ja! - ein verhextes
+Untier hat mich getäuscht - ich stehe nicht mehr auf den Füßen -
+ich schwebe auf zur Decke -Prosper Alpanus holt mich ab - ich reite
+aus auf einem Sommervogel - ich laß mich frisieren von der Fee
+Rosabelverde - von dem Stiftsfräulein Rosenschön, und werde Minister!
+- König - Kaiser!" -
+
+Und damit sprang er im Zimmer umher und schrie und juchzte, daß
+alle für seinen Verstand fürchteten, bis er ganz erschöpft in einen
+Lehnsessel sank. Da nahten sich ihm Candida und Balthasar. Sie
+sprachen davon, wie sie sich so innig, so über alles liebten, wie sie
+gar nicht ohne einander leben könnten, und das war recht wehmütig
+anzuhören, weshalb Mosch Terpin auch wirklich etwas weinte. "Alles,"
+sprach er schluchzend, "alles, was ihr wollt, Kinder! - heiratet
+euch, liebt euch - hungert zusammen, denn ich gebe der Candida keinen
+Groschen mit" -
+
+Was das Hungern beträfe, sprach Balthasar lächelnd, so hoffe er morgen
+den Herrn Professor zu überzeugen, daß davon wohl niemals die Rede
+sein könne, da sein Oheim Prosper Alpanus hinlänglich für ihn gesorgt.
+
+"Tue das," sprach der Professor matt, "tue das, mein lieber Sohn, wenn
+du kannst, und zwar morgen; denn soll ich nicht in Wahnsinn verfallen,
+soll mir der Kopf nicht zerspringen, so muß ich sofort zu Bette
+gehen!" -
+
+Er tat das wirklich auf der Stelle.
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+Verlegenheit eines treuen Kammerdieners. - Wie die alte Liese eine
+Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober auf der Flucht
+ausglitschte. - Auf welche merkwürdige Weise der Leibarzt des Fürsten
+Zinnobers jähen Tod erklärte. - Wie Fürst Barsanuph sich betrübte,
+Zwiebeln aß, und wie Zinnobers Verlust unersetzlich blieb.
+
+Der Wagen des Ministers Zinnober hatte beinahe die ganze Nacht
+vergeblich vor Mosch Terpins Hause gehalten. Ein Mal über das andere
+versicherte man dem Jäger, Se. Exzellenz müßten schon lange die
+Gesellschaft verlassen haben; der meinte aber dagegen, das sei ganz
+unmöglich, da Se. Exzellenz doch wohl nicht im Regen und Sturm zu
+Fuß nach Hause gerannt sein würde. Als nun endlich alle Lichter
+ausgelöscht und die Türen verschlossen wurden, mußte der Jäger zwar
+fortfahren mit dem leeren Wagen, im Hause des Ministers weckte er aber
+sogleich den Kammerdiener und fragte, ob denn ums Himmels willen und
+auf welche Art der Minister nach Hause gekommen. "Se. Exzellenz,"
+erwiderte der Kammerdiener leise dem Jäger ins Ohr, "Se. Exzellenz
+sind gestern eingetroffen in später Dämmerung, das ist ganz gewiß -
+liegen im Bette und schlafen. - Aber! - o mein guter Jäger! - wie -
+auf welche Weise! - ich will Ihnen alles erzählen - doch Siegel auf
+den Mund - ich bin ein verlornen Mann, wenn Se. Exzellenz erfahren,
+daß ich es war auf dem finstern Korridor! - ich komme um meinen
+Dienst, denn Se. Exzellenz sind zwar von kleiner Statur, besitzen aber
+außerordentlich viel Wildheit, alterieren sich leicht, kennen sich
+selbst nicht im Zorn, haben noch gestern eine schnöde Maus, die
+durch Sr. Exzellenz Schlafzimmer zu hüpfen sich unterfangen, mit dem
+blank gezogenen Degen durch und durch gerannt. - Nun gut! - Also
+in der Dämmerung nehme ich mein Mäntelchen um und will ganz sachte
+hinüberschleichen ins Weinstübchen zu einer Partie Tric-Trac, da
+schurrt und schlurrt mir etwas auf der Treppe entgegen und kommt mir
+auf dem finstern Korridor zwischen die Beine und schlägt hin auf den
+Boden und erhebt ein gellendes Katzengeschrei und grunzt dann wie - o
+Gott - Jäger! - halten Sie das Maul, edler Mann, sonst bin ich hin!
+- kommen Sie ein wenig näher - und grunzt dann, wie unsere gnädige
+Exzellenz zu grunzen pflegt, wenn der Koch die Kälberkeule verbraten
+oder ihm sonst im Staate was nicht recht ist."
+
+Die letzten Worte hatte der Kammerdiener dem Jäger mit vorgehaltener
+Hand ins Ohr gesprochen. Der Jäger fuhr zurück, schnitt ein
+bedenkliches Gesicht und rief: "Ist es möglich!" -
+
+"Ja," fuhr der Kammerdiener fort, "es war unbezweifelt unsere gnädige
+Exzellenz, was mir auf dem Korridor durch die Beine fuhr. Ich vernahm
+nun deutlich, wie der Gnädige in den Zimmern die Stühle heranrückte
+und sich die Türe eines Zimmers nach dem andern öffnete, bis er in
+sein Schlafkabinett angekommen. Ich wagt' es nicht nachzugehen,
+aber ein paar Stündchen nachher schlich ich mich an die Türe des
+Schlafkabinetts und horchte. Da schnarchten die liebe Exzellenz ganz
+auf die Weise, wie es zu geschehen pflegt, wenn Großes im Werke.
+- Jäger! 'es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere
+Weisheit sich träumt,' das hört' ich einmal auf dem Theater einen
+melancholischen Prinzen sagen, der ganz schwarz ging und sich vor
+einem ganz in grauen Pappendeckel gekleideten Mann sehr fürchtete. -
+Jäger! - es ist gestern irgend etwas Erstaunliches geschehen, das die
+Exzellenz nach Hause trieb. Der Fürst ist bei dem Professor gewesen,
+vielleicht äußerte er das und das - irgendein hübsches Reformchen -
+und da ist nun der Minister gleich drüber her, läuft aus der Verlobung
+heraus und fängt an zu arbeiten für das Wohl der Regierung. - Ich
+hört's gleich am Schnarchen; ja Großes, Entscheidendes wird geschehen!
+- O Jäger - vielleicht lassen wir alle über kurz oder lang uns wieder
+die Zöpfe wachsen! - Doch, teurer Freund, lassen Sie uns hinabgehen
+und als treue Diener an der Türe des Schlafzimmers lauschen, ob Se.
+Exzellenz auch noch ruhig im Bette liegen und die inneren Gedanken
+ausarbeiten."
+
+Beide, der Kammerdiener und der Jäger, schlichen sich hin an die Türe
+und horchten. Zinnober schnurrte und orgelte und pfiff durch die
+wundersamsten Tonarten. Beide Diener standen in stummer Ehrfurcht, und
+der Kammerdiener sprach tiefgerührt: "Ein großer Mann ist doch unser
+gnädige Herr Minister!" -
+
+Schon am frühsten Morgen entstand unten im Hause des Ministers
+ein gewaltiger Lärm. Ein altes, erbärmlich in längst verblichenen
+Sonntagsstaat gekleidetes Bauerweib hatte sich ins Haus gedrängt und
+dem Portier angelegen, sie sogleich zu ihrem Söhnlein, zu Klein Zaches
+zu führen. Der Portier hatte sie bedeutet, daß Se. Exzellenz der Herr
+Minister von Zinnober, Ritter des grüngefleckten Tigers mit zwanzig
+Knöpfen, im Hause wohne, und niemand von der Dienerschaft Klein Zaches
+hieße oder so genannt werde. Da hatte das Weib aber ganz tolljubelnd
+geschrien, der Herr Minister Zinnober mit zwanzig Knöpfen, das sei
+eben ihr liebes Söhnlein, der Klein Zaches. Auf das Geschrei des
+Weibes, auf die donnernden Flüche des Portiers war alles aus dem
+ganzen Hause zusammengelaufen, und das Getöse wurde ärger und ärger.
+Als der Kammerdiener hinabkam, um die Leute auseinander zu jagen, die
+Se. Exzellenz so unverschämt in der Morgenruhe störten, warf man eben
+das Weib, die alle für wahnsinnig hielten, zum Hause heraus.
+
+Auf die steinernen Stufen des gegenüberstehenden Hauses setzte sich
+nun das Weib hin und schluchzte und lamentierte, daß das grobe Volk da
+drinnen sie nicht zu ihrem Herzenssöhnlein, zu dem Klein Zaches, der
+Minister geworden, lassen wolle. Viele Leute versammelten sich nach
+und nach um sie her, denen sie immer und immer wiederholte, daß der
+Minister Zinnober niemand anders sei, als ihr Sohn, den sie in der
+Jugend Klein Zaches geheißen; so daß die Leute zuletzt nicht wußten,
+ob sie die Frau für toll halten oder gar ahnen sollten, daß wirklich
+was an der Sache.
+
+Die Frau wandte nicht die Augen weg von Zinnobers Fenster. Da schlug
+sie mit einemmal eine helle Lache auf, klopfte die Hände zusammen und
+rief jubelnd überlaut: "Da ist er - da ist er, mein Herzensmännlein -
+mein kleines Koboldchen - Guten Morgen, Klein Zaches! - Guten Morgen,
+Klein Zaches!" - Alle Leute kuckten hin, und als sie den kleinen
+Zinnober gewahrten, der in seinem gestickten Scharlachkleide, das
+Ordensband des grüngefleckten Tigers umgehängt, vor dem Fenster stand,
+das hinabging bis an den Fußboden, so daß seine ganze Figur durch die
+großen Scheiben deutlich zu sehen, lachten sie ganz übermäßig und
+lärmten und schrien: "Klein Zaches - Klein Zaches! Ha, seht doch den
+kleinen geputzten Pavian - die tolle Mißgeburt - das Wurzelmännlein
+- Klein Zaches! Klein Zaches!" - Der Portier, alle Diener Zinnobers
+rannten heraus, um zu erschauen, worüber das Volk denn so unmäßig
+lache und jubiliere. Aber kaum erblickten sie ihren Herren, als sie
+noch ärger als das Volk im tollsten Gelächter schrien: "Klein Zaches -
+Klein Zaches - Wurzelmann - Däumling - Alraun!" -
+
+Der Minister schien erst jetzt zu gewahren, daß der tolle Spuk auf der
+Straße niemand anderm gelte, als ihm selbst. Er riß das Fenster auf,
+schaute mit zornfunkelnden Augen herab, schrie, raste, machte seltsame
+Sprünge vor Wut - drohte mit Wache - Polizei - Stockhaus und Festung.
+
+Aber je mehr die Exzellenz tobte im Zorn, desto ärger wurde Tumult und
+Gelächter, man fing an mit Steinen - Obst - Gemüse oder was man eben
+zur Hand bekam, nach dem unglücklichen Minister zu werfen - er mußte
+hinein! -
+
+"Gott im Himmel," rief der Kammerdiener entsetzt, "aus dem Fenster der
+gnädigen Exzellenz kuckte ja das kleine abscheuliche Ungetüm heraus -
+Was ist das? - wie ist der kleine Hexenkerl in die Zimmer gekommen?" -
+Damit rannte er hinauf, aber so wie vorher fand er das Schlafkabinett
+des Ministers fest verschlossen. Er wagte leise zu pochen! - Keine
+Antwort! -
+
+Indessen war, der Himmel weiß, auf welche Weise, ein dumpfes Gemurmel
+im Volke entstanden, das kleine lächerliche Ungetüm dort oben sei
+wirklich Klein Zaches, der den stolzen Namen Zinnober angenommen und
+sich durch allerlei schändlichen Lug und Trug aufgeschwungen. Immer
+lauter und lauter erhoben sich die Stimmen. "Hinunter mit der kleinen
+Bestie - hinunter - klopft dem Klein Zaches die Ministerjacke aus -
+sperrt ihn in den Käficht - laßt ihn für Geld sehen auf dem Jahrmarkt!
+- Beklebt ihn mit Goldschaum und beschert ihn den Kindern zum
+Spielzeug! - Hinauf - hinauf!" - Und damit stürmte das Volk an gegen
+das Haus.
+
+Der Kammerdiener rang verzweiflungsvoll die Hände. "Rebellion - Tumult
+- Exzellenz - machen Sie auf - retten Sie sich!" - so schrie er; aber
+keine Antwort, nur ein leises Stöhnen ließ sich vernehmen.
+
+Die Haustüre wurde eingeschlagen, das Volk polterte unter wildem
+Gelächter die Treppe herauf.
+
+"Nun gilt's," sprach der Kammerdiener und rannte mit aller Macht an
+gegen die Türe des Kabinetts, daß sie klirrend und rasselnd aus den
+Angeln sprang. - Keine Exzellenz - kein Zinnober zu finden! -
+
+"Exzellenz - gnädigste Exzellenz - vernehmen Sie denn nicht die
+Rebellion? - Exzellenz - gnädigste Exzellenz, wo hat sie denn der -
+Gott verzeih' mir die Sünde, wo geruhen Sie sich denn zu befinden!"
+
+So schrie der Kammerdiener, in heller Verzweiflung durch die Zimmer
+rennend. Aber keine Antwort, kein Laut, nur der spottende Widerhall
+tönte von den Marmorwänden. Zinnober schien spurlos, tonlos
+verschwunden. - Draußen war es ruhiger geworden, der Kammerdiener
+vernahm die tiefe klangvolle Stimme eines Frauenzimmers, die zum Volke
+sprach, und gewahrte, durchs Fenster blickend, wie die Menschen nach
+und nach, leise miteinander murmelnd, das Haus verließen, bedenkliche
+Blicke hinaufwerfend nach den Fenstern.
+
+"Die Rebellion scheint vorüber," sprach der Kammerdiener, "nun wird
+die gnädige Exzellenz wohl hervorkommen aus ihrem Schlupfwinkel."
+
+Er ging nach dem Schlafkabinett zurück, vermutend, dort werde der
+Minister sich doch wohl am Ende befinden.
+
+Er warf spähende Blicke rings umher, da wurde er gewahr, wie aus einem
+schönen silbernen Henkelgefäß, das immer dicht neben der Toilette
+zu stehen pflegte, weil es der Minister als ein teures Geschenk des
+Fürsten sehr wert hielt, ganz kleine dünne Beinchen hervorstarrten.
+
+"Gott - Gott," schrie der Kammerdiener entsetzt, "Gott! - Gott! -
+täuscht mich nicht alles, so gehören die Beinchen dort Sr. Exzellenz
+dem Herrn Minister Zinnober, meinem gnädigen Herrn!" - Er trat
+hinan, er rief, durchbebt von allen Schauern des Schrecks, indem er
+herabschaute: "Exzellenz - Exzellenz - um Gott, was machen Sie - was
+treiben Sie da unten in der Tiefe!"
+
+Da aber Zinnober still blieb, sah der Kammerdiener wohl die Gefahr
+ein, in der die Exzellenz schwebte, und daß es an der Zeit sei, allen
+Respekt beiseite zu setzen. Er packte den Zinnober bei den Beinchen
+- zog ihn heraus! - Ach tot - tot war die kleine Exzellenz! Der
+Kammerdiener brach aus in lautes Jammern; der Jäger, die Dienerschaft
+eilte herbei, man rannte nach dem Leibarzt des Fürsten. Indessen
+trocknete der Kammerdiener seinen armen unglücklichen Herrn ab mit
+saubern Handtüchern, legte ihn ins Bett, bedeckte ihn mit seidenen
+Kissen, so daß nur das kleine verschrumpfte Gesichtchen sichtbar
+blieb.
+
+Hinein trat nun das Fräulein von Rosenschön. Sie hatte erst, der
+Himmel weiß, auf welche Art, das Volk beruhigt. Nun schritt sie zu auf
+den entseelten Zinnober, ihr folgte die alte Liese, des kleinen Zaches
+leibliche Mutter. - Zinnober sah in der Tat hübscher aus im Tode, als
+er jemals in seinem ganzen Leben ausgesehen. Die kleinen Äugelein
+waren geschlossen, das Näschen sehr weiß, der Mund zum sanften Lächeln
+ein wenig verzogen, aber vor allen Dingen wallte das dunkelbraune Haar
+in den schönsten Locken herab. Über das Haupt hin strich das Fräulein
+den Kleinen, und in dem Augenblick blitzte in mattem Schimmer ein
+roter Streif hervor.
+
+"Ha," rief das Fräulein, indem ihr die Augen vor Freude glänzten, "ha,
+Prosper Alpanus! - hoher Meister, du hältst Wort! - Verbüßt ist sein
+Verhängnis und mit ihm alle Schmach!"
+
+"Ach," sprach die alte Liese, "ach du lieber Gott, das ist ja doch
+wohl nicht mein kleiner Zaches, so hübsch hat der niemals ausgesehen.
+Da bin ich doch nun ganz umsonst nach der Stadt gegangen, und Ihr habt
+mir gar nicht gut geraten, mein gnädiges Fräulein!" -
+
+"Murrt nur nicht, Alte," erwiderte das Fräulein, "hättet Ihr nur
+meinen Rat ordentlich befolgt, und wäret Ihr nicht früher, als ich
+hier war, in dies Haus gedrungen, alles stünde für Euch besser. - Ich
+wiederhole es, der Kleine, der dort tot im Bette liegt, ist gewiß und
+wahrhaftig Euer Sohn, Klein Zaches!"
+
+"Nun," rief die Frau mit leuchtenden Augen, "nun wenn die kleine
+Exzellenz dort wirklich mein Kind ist, so erb' ich ja wohl all die
+schönen Sachen, die hier rings umherstehen, das ganze Haus mit allem,
+was drinnen ist?"
+
+"Nein," sprach das Fräulein, "das ist nun ganz und gar vorbei, Ihr
+habt den rechten Augenblick verfehlt, Geld und Gut zu gewinnen. - Euch
+ist, ich habe es gleich gesagt, Euch ist nun einmal Reichtum nicht
+beschieden." -
+
+"So darf ich," fuhr die Frau fort, indem ihr die Tränen in die Augen
+traten, "so darf ich denn nicht wenigstens mein armes kleines Männlein
+in die Schürze nehmen und nach Hause tragen? - Unser Herr Pfarrer hat
+so viel hübsche ausgestopfte Vögelein und Eichkätzchen, der soll mir
+meinen Klein Zaches ausstopfen lassen, und ich will ihn auf meinen
+Schrank stellen, wie er da ist im roten Rock mit dem breiten Bande und
+dem großen Stern auf der Brust, zum ewigen Andenken!" -
+
+"Das ist," rief das Fräulein beinahe unwillig, "das ist ein ganz
+einfältiger Gedanke, das geht ganz und gar nicht an!" -
+
+Da fing das Weib an zu schluchzen, zu klagen, zu lamentieren. "Was
+hab' ich," sprach sie, "nun davon, daß mein Klein Zaches zu hohen
+Würden, zu großem Reichtum gelangt ist! - Wär' er nur bei mir
+geblieben, hätt' ich ihn nur aufgezogen in meiner Armut, niemals wär'
+er in jenes verdammte silberne Ding gefallen, er lebte noch, und ich
+hätt' vielleicht Freude und Segen von ihm gehabt. Trug ich ihn so
+herum in meinem Holzkorb, Mitleiden hätten die Leute gefühlt und mir
+manches schöne Stücklein Geld zugeworfen, aber nun" -
+
+Es ließen sich Tritte im Vorsaal vernehmen, das Fräulein trieb die
+Alte hinaus, mit der Weisung, sie solle unten vor der Türe warten, im
+Wegfahren wolle sie ihr ein untrügliches Mittel vertrauen, wie sie all
+ihre Not, all ihr Elend mit einemmal enden könne.
+
+Nun trat Rosabelverde noch einmal dicht an den Kleinen heran und
+sprach mit der weichen bebenden Stimme des tiefen Mitleids:
+
+"Armer Zaches! - Stiefkind der Natur! - ich hatt' es gut mit dir
+gemeint! - Wohl mocht' es Torheit sein, daß ich glaubte, die äußere
+schöne Gabe, womit ich dich beschenkt, würde hineinstrahlen in dein
+Inneres und eine Stimme erwecken, die dir sagen müßte: 'Du bist
+nicht der, für den man dich hält, aber strebe doch nur an, es dem
+gleichzutun, auf dessen Fittichen du Lahmer, Unbefiederter dich
+aufschwingst!' - Doch keine innere Stimme erwachte. Dein träger toter
+Geist vermochte sich nicht emporzurichten, du ließest nicht nach in
+deiner Dummheit, Grobheit, Ungebärdigkeit - Ach! - wärst du nur ein
+geringes Etwas weniger, ein kleiner ungeschlachter Rüpel geblieben, du
+entgingst dem schmachvollen Tode! - Prosper Alpanus hat dafür gesorgt,
+daß man dich jetzt im Tode wieder dafür hält, was du im Leben durch
+meine Macht zu sein schienst. Sollt' ich dich vielleicht gar noch
+wiederschauen als kleiner Käfer - flinke Maus oder behende Eichkatze,
+so soll es mich freuen! - Schlafe wohl, Klein Zaches!" -
+
+Indem Rosabelverde das Zimmer verließ, trat der Leibarzt des Fürsten
+mit dem Kammerdiener hinein.
+
+"Um Gott," rief der Arzt, als er den toten Zinnober erblickte und
+sich überzeugte, daß alle Mittel, ihn ins Leben zu rufen, vergeblich
+bleiben würden, "um Gott, wie ist das zugegangen, Herr Kämmerer?"
+
+"Ach," erwiderte dieser, "ach, lieber Herr Doktor, die Rebellion oder
+die Revolution, es ist all eins, wie Sie es nennen wollen, tobte und
+hantierte draußen auf dem Vorsaale ganz fürchterlich. Se. Exzellenz,
+besorgt um ihr teures Leben, wollten gewiß in die Toilette
+hineinflüchten, glitschten aus und" -
+
+"So ist," sprach der Doktor feierlich und bewegt, "so ist er aus
+Furcht zu sterben gar gestorben!"
+
+Die Türe sprang auf, und hinein stürzte Fürst Barsanuph mit
+verbleichtem Antlitz, hinter ihm her sieben noch bleichere
+Kammerherrn.
+
+"Ist es wahr, ist es wahr?" rief der Fürst; aber sowie er des Kleinen
+Leichnam erblickte, prallte er zurück und sprach, die Augen gen Himmel
+gerichtet, mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes: "O Zinnober!" -
+Und die sieben Kammerherrn riefen dem Fürsten nach: "O Zinnober!" und
+holten, wie es der Fürst tat, die Schnupftücher aus der Tasche und
+hielten sie sich vor die Augen.
+
+"Welch ein Verlust," begann nach einer Weile des lautlosen Jammers der
+Fürst, "welch ein unersetzlicher Verlust für den Staat! - Wo einen
+Mann finden, der den Orden des grüngefleckten Tigers mit zwanzig
+Knöpfen mit _der_ Würde trägt, als mein Zinnober! - Leibarzt, und Sie
+konnten mir _den_ Mann sterben lassen! - Sagen Sie - wie ging das
+zu, wie mochte das geschehen - was war die Ursache - woran starb der
+Vortreffliche?" -
+
+Der Leibarzt beschaute den Kleinen sehr sorgsam, befühlte manche
+Stellen ehemaliger Pulse, strich das Haupt entlang, räusperte sich
+und begann: "Mein gnädigster Herr! Sollte ich mich begnügen, auf der
+Oberfläche zu schwimmen, ich könnte sagen, der Minister sei an dem
+gänzlichen Ausbleiben des Atems gestorben, dies Ausbleiben des Atems
+sei bewirkt durch die Unmöglichkeit Atem zu schöpfen, und diese
+Unmöglichkeit wieder nur herbeigeführt durch das Element, durch den
+Humor, in den der Minister stürzte. Ich könnte sagen, der Minister sei
+auf diese Weise einen humoristischen Tod gestorben, aber fern von mir
+sei diese Seichtigkeit, fern von mir die Sucht, alles aus schnöden
+physischen Prinzipien erklären zu wollen, was nur im Gebiet des rein
+Psychischen seinen natürlichen unumstößlichen Grund findet. - Mein
+gnädigster Fürst, frei sei des Mannes Wort! - Den ersten Keim des
+Todes fand der Minister im Orden des grüngefleckten Tigers mit zwanzig
+Knöpfen!" -
+
+"Wie," rief der Fürst, indem er den Leibarzt mit zornglühenden Augen
+anfunkelte, "wie! - was sprechen Sie? - der Orden des grüngefleckten
+Tigers mit zwanzig Knöpfen, den der Selige zum Wohl des Staats mit so
+vieler Anmut, mit so vieler Würde trug? - _der_ Ursache seines Todes?
+- Beweisen Sie mir das, oder - Kammerherrn, was sagt ihr dazu?"
+
+"Er muß beweisen, er muß beweisen, oder" - riefen die sieben blassen
+Kammerherrn, und der Leibarzt fuhr fort:
+
+"Mein bester gnädigster Fürst, ich werd' es beweisen, also kein
+_oder_! - Die Sache hängt folgendermaßen zusammen: Das schwere
+Ordenszeichen am Bande, vorzüglich aber die Knöpfe auf dem Rücken
+wirkten nachteilig auf die Ganglien des Rückgrats. Zu gleicher Zeit
+verursachte der Ordensstern einen Druck auf jenes knotige fadichte
+Ding zwischen dem Dreifuß und der obern Gekröspulsader, das wir das
+Sonnengeflecht nennen, und das in dem labyrinthischen Gewebe der
+Nervengeflechte prädominiert. Dies dominierende Organ steht in der
+mannigfaltigsten Beziehung mit dem Zerebralsystem, und natürlich war
+der Angriff auf die Ganglien auch diesem feindlich. Ist aber nicht die
+freie Leitung des Zerebralsystems die Bedingung des Bewußtseins, der
+Persönlichkeit, als Ausdruck der vollkommensten Vereinigung des Ganzen
+in einem Brennpunkt? Ist nicht der Lebensprozeß die Tätigkeit in
+beiden Sphären, in dem Ganglien- und Zerebralsystem? - Nun! genug,
+jener Angriff störte die Funktionen des psychischen Organism. Erst
+kamen finstre Ideen von unerkannten Aufopferungen für den Staat durch
+das schmerzhafte Tragen jenes Ordens u.s.w., immer verfänglicher
+wurde der Zustand, bis gänzliche Disharmonie des Ganglien- und
+Zerebralsystems endlich gänzliches Aufhören des Bewußtseins,
+gänzliches Aufgeben der Persönlichkeit herbeiführte. Diesen Zustand
+bezeichnen wir aber mit dem Worte _Tod_! - Ja, gnädigster Herr! - der
+Minister hatte bereits seine Persönlichkeit aufgegeben, war also schon
+mausetot, als er hineinstürzte in jenes verhängnisvolle Gefäß. - So
+hatte sein Tod keine physische, wohl aber eine unermeßlich tiefe
+psychische Ursache." -
+
+"Leibarzt," sprach der Fürst unmutig, "Leibarzt, Sie schwatzen nun
+schon eine halbe Stunde, und ich will verdammt sein, wenn ich eine
+Silbe davon verstehe. Was wollen Sie mit Ihrem Physischen und
+Psychischen?"
+
+"Das physische Prinzip," nahm der Arzt wieder das Wort, "ist die
+Bedingung des rein vegetativen Lebens, das psychische bedingt dagegen
+den menschlichen Organism, der nur in dem Geiste, in der Denkkraft das
+Triebrad der Existenz findet."
+
+"Noch immer," rief der Fürst im höchsten Unmut, "noch immer verstehe
+ich Sie nicht, Unverständlicher!"
+
+"Ich meine," sprach der Doktor, "ich meine, Durchlauchtiger, daß das
+Physische sich bloß auf das rein vegetative Leben ohne Denkkraft, wie
+es in Pflanzen stattfindet, das Psychische aber auf die Denkkraft
+bezieht. Da diese nun im menschlichen Organism vorwaltet, so muß der
+Arzt immer bei der Denkkraft, bei dem Geist anfangen und den Leib nur
+als Vasallen des Geistes betrachten, der sich fügen muß, sobald der
+Gebieter es will."
+
+"Hoho!" rief der Fürst, "hoho, Leibarzt, lassen Sie das gut sein! -
+Kurieren Sie meinen Leib, und lassen Sie meinen Geist ungeschoren,
+von dem habe ich noch niemals Inkommoditäten verspürt. Überhaupt,
+Leibarzt, Sie sind ein konfuser Mann, und stünde ich hier nicht an der
+Leiche meines Ministers und wäre gerührt, ich wüßte, was ich täte! -
+Nun Kammerherrn! vergießen wir noch einige Zähren hier am Katafalk des
+Verewigten und gehen wir dann zur Tafel."
+
+Der Fürst hielt das Schnupftuch vor die Augen und schluchzte, die
+Kammerherrn taten desgleichen, dann schritten sie alle von dannen. Vor
+der Türe stand die alte Liese, welche einige Reihen der allerschönsten
+goldgelben Zwiebeln über den Arm gehängt hatte, die man nur sehen
+konnte. Des Fürsten Blick fiel zufällig auf diese Früchte. Er blieb
+stehen, der Schmerz verschwand aus seinem Antlitz, er lächelte mild
+und gnädig, er sprach: "Hab' ich doch in meinem Leben keine solche
+schöne Zwiebeln gesehen, die müssen von dem herrlichsten Geschmack
+sein. Verkauft Sie die Ware, liebe Frau?"
+
+"O ja," erwiderte Liese mit einem tiefen Knix, "o ja, gnädigste
+Durchlaucht, von dem Verkauf der Zwiebeln nähre ich mich dürftig,
+so gut es gehn will! - Sie sind süß wie purer Honig, belieben Sie,
+gnädigster Herr?"
+
+Damit reichte sie eine Reihe der stärksten glänzendsten Zwiebeln dem
+Fürsten hin. Der nahm sie, lächelte, schmatzte ein wenig und rief
+dann: "Kammerherrn! geb' mir einer einmal sein Taschenmesser her." Ein
+Messer erhalten, schälte der Fürst nett und sauber eine Zwiebel ab und
+kostete etwas von dem Mark.
+
+"Welch ein Geschmack, welche Süße, welche Kraft, welches Feuer!" rief
+er, indem ihm die Augen glänzten vor Entzücken, "und dabei ist es mir,
+als säh' ich den verewigten Zinnober vor mir stehen, der mir zuwinkte
+und zulispelte: 'Kaufen Sie - essen Sie diese Zwiebeln, mein Fürst
+- das Wohl des Staats erfordert es!'" - Der Fürst drückte der alten
+Liese ein paar Goldstücke in die Hand, und die Kammerherrn mußten
+sämtliche Reihen Zwiebeln in die Taschen schieben. Noch mehr! -
+er verordnete, daß niemand anders die Zwiebellieferung für die
+fürstlichen Dejeuners haben sollte als Liese. So kam die Mutter des
+Klein Zaches, ohne gerade reich zu werden, aus aller Not, aus allem
+Elend, und gewiß war es wohl, daß ihr ein geheimer Zauber der guten
+Fee Rosabelverde dazu verhalf.
+
+Das Leichenbegängnis des Ministers Zinnober war eins der prächtigsten,
+das man jemals in Kerepes gesehen; der Fürst, alle Ritter des
+grüngefleckten Tigers folgten der Leiche in tiefer Trauer. Alle
+Glocken wurden gezogen, ja sogar die beiden Böller, die der Fürst
+behufs der Feuerwerke mit schweren Kosten angeschafft, mehrmals
+gelöst. Bürger - Volk - alles weinte und lamentierte, daß der Staat
+seine beste Stütze verloren und wohl niemals mehr ein Mann von
+dem tiefen Verstande, von der Seelengröße, von der Milde, von dem
+unermüdlichen Eifer für das allgemeine Wohl, wie Zinnober, an das
+Ruder der Regierung kommen werde.
+
+In der Tat blieb auch der Verlust unersetzlich; denn niemals fand
+sich wieder ein Minister, dem der Orden des grüngefleckten Tigers mit
+zwanzig Knöpfen so an den Leib gepaßt haben sollte, wie dem verewigten
+unvergeßlichen Zinnober.
+
+
+
+Letztes Kapitel
+
+Wehmütige Bitten des Autors. - Wie der Professor Mosch Terpin sich
+beruhigte und Candida niemals verdrießlich werden konnte. - Wie ein
+Goldkäfer dem Doktor Prosper Alpanus etwas ins Ohr summte, dieser
+Abschied nahm und Balthasar eine glückliche Ehe führte.
+
+Es ist nun an dem, daß der, der für dich, geliebter Leser, diese
+Blätter aufschreibt, von dir scheiden will, und dabei überfällt ihn
+Wehmut und Bangen. - Noch vieles, vieles wüßte er von den merkwürdigen
+Taten des kleinen Zinnober, und er hätte, wie er denn nun überhaupt zu
+der Geschichte aus dem Innern heraus unwiderstehlich angeregt wurde,
+wahre Lust daran gehabt, dir, o mein Leser, noch das alles zu
+erzählen. Doch! - rückblickend auf alle Ereignisse, wie sie in den
+neun Kapiteln vorgekommen, fühlt er wohl, daß darin schon so viel
+Wunderliches, Tolles, der nüchternen Vernunft Widerstrebendes
+enthalten, daß er, noch mehr dergleichen anhäufend, Gefahr laufen
+müßte, es mit dir, geliebter Leser, deine Nachsicht mißbrauchend, ganz
+und gar zu verderben. Er bittet dich in jener Wehmut, in jenem Bangen,
+das plötzlich seine Brust beengte, als er die Worte: "Letztes Kapitel"
+schrieb, du mögest mit recht heitrem, unbefangenem Gemüt es dir
+gefallen lassen, die seltsamen Gestaltungen zu betrachten, ja sich
+mit ihnen zu befreunden, die der Dichter der Eingebung des spukhaften
+Geistes, Phantasus geheißen, verdankt, und dessen bizarrem, launischem
+Wesen er sich vielleicht zu sehr überließ. - Schmolle deshalb nicht
+mit beiden, mit dem Dichter und mit dem launischen Geiste! - Hast
+du, geliebter Leser, hin und wieder über manches recht im Innern
+gelächelt, so warst du in der Stimmung, wie sie der Schreiber dieser
+Blätter wünschte, und dann, so glaubt er, wirst du ihm wohl vieles
+zugute halten! -
+
+Eigentlich hätte die Geschichte mit dem tragischen Tode des kleinen
+Zinnober schließen können. Doch ist es nicht anmutiger, wenn statt
+eines traurigen Leichenbegängnisses eine fröhliche Hochzeit am Ende
+steht?
+
+So werde denn noch kürzlich der holden Candida und des glücklichen
+Balthasars gedacht. -
+
+Der Professor Mosch Terpin war sonst ein aufgeklärter, welterfahrner
+Mann, der dem weisen Spruch: Nil admirari gemäß sich seit vielen,
+vielen Jahren über nichts in der Welt zu verwundern pflegte. Aber
+jetzt geschah es, daß er, all seine Weisheit aufgebend, sich immer
+fort und fort verwundern mußte, so daß er zuletzt klagte, wie er nicht
+mehr wisse, ob er wirklich der Professor Mosch Terpin sei, der ehemals
+die natürlichen Angelegenheiten im Staate dirigiert, und ob er noch
+wirklich, Kopf in die Höhe, auf seinen lieben Füßen einherspaziere.
+
+Zuerst verwunderte er sich, als Balthasar ihm den Doktor
+Prosper Alpanus als seinen Oheim vorstellte und dieser ihm die
+Schenkungsurkunde vorwies, vermöge der Balthasar Besitzer des eine
+Stunde von Kerepes entfernten Landhauses nebst Waldung, Äcker und
+Wiesen wurde; als er in dem Inventario, kaum seinen Augen trauend,
+köstliche Gerätschaften, ja Gold- und Silberbarren erwähnt gewahrte,
+deren Wert den Reichtum der fürstlichen Schatzkammer bei weitem
+überstieg. Dann verwunderte er sich, als er den prächtigen Sarg, in
+dem Zinnober lag, durch Balthasars Lorgnette anschaute, und es ihm
+auf einmal war, als habe es nie einen Minister Zinnober, sondern nur
+einen kleinen ungeschlachten, ungebärdigen Knirps gegeben, den man
+fälschlicherweise für einen verständigen, weisen Minister Zinnober
+gehalten.
+
+Bis auf den höchsten Grad stieg aber Mosch Terpins Verwunderung, als
+Prosper Alpanus ihn im Landhause umherführte, ihm seine Bibliothek und
+andere sehr wunderbare Dinge zeigte, ja selbst einige sehr anmutige
+Experimente machte mit seltsamen Pflanzen und Tieren.
+
+Dem Professor ging der Gedanke auf, es sei wohl mit seinem
+Naturforschen ganz und gar nichts, und er säße in einer herrlichen
+bunten Zauberwelt wie in einem Ei eingeschlossen. Dieser Gedanke
+beunruhigte ihn so sehr, daß er zuletzt klagte und weinte wie ein
+Kind. Balthasar führte ihn sofort in den geräumigen Weinkeller, in dem
+er glänzende Fässer und blinkende Flaschen erblickte. Besser als in
+dem fürstlichen Weinkeller, meinte Balthasar, könne er hier studieren
+und in dem schönen Park die Natur hinlänglich erforschen.
+
+Hierauf beruhigte sich der Professor.
+
+Balthasars Hochzeit wurde auf dem Landhause gefeiert. Er - die Freunde
+Fabian - Pulcher - alle erstaunten über Candidas hohe Schönheit, über
+den zauberischen Reiz, der in ihrem Anzuge, in ihrem ganzen Wesen
+lag. - Es war auch wirklich ein Zauber, der sie umfloß, denn die
+Fee Rosabelverde, die, allen Groll vergessend, der Hochzeit als
+Stiftsfräulein von Rosenschön beiwohnte, hatte sie selbst gekleidet
+und mit den schönsten, herrlichsten Rosen geschmückt. Nun weiß man
+aber wohl, daß der Anzug gut stehen muß, wenn eine Fee dabei Hand
+anlegt. Außerdem hatte Rosabelverde der holden Braut einen prächtig
+funkelnden Halsschmuck verehrt, der eine magische Wirkung dahin
+äußerte, daß sie, hatte sie ihn umgetan, niemals über Kleinigkeiten,
+über ein schlecht genesteltes Band, über einen mißratenen Haarschmuck,
+über einen Fleck in der Wäsche oder sonst verdrießlich werden konnte.
+Diese Eigenschaft, die ihr der Halsschmuck gab, verbreitete eine
+besondere Anmut und Heiterkeit auf ihrem ganzen Antlitz.
+
+Das Brautpaar stand im höchsten Himmel der Wonne, und - so herrlich
+wirkte der geheime weise Zauber Alpans - hatte doch noch Blick und
+Wort für die Herzensfreunde, welche versammelt. Prosper Alpanus und
+Rosabelverde, beide sorgten dafür, daß die schönsten Wunder den
+Hochzeitstag verherrlichten. Überall tönten aus Büschen und Bäumen
+süße Liebeslaute, während sich schimmernde Tafeln erhoben mit den
+herrlichsten Speisen, mit Kristallflaschen belastet, aus denen der
+edelste Wein strömte, welcher Lebensglut durch alle Adern der Gäste
+goß.
+
+Die Nacht war eingebrochen, da spannen sich feuerflammende Regenbogen
+über den ganzen Park, und man sah schimmernde Vögel und Insekten,
+die sich auf und ab schwangen, und wenn sie die Flügel schüttelten,
+stäubten Millionen Funken hervor, die in ewigem Wechsel allerlei holde
+Gestalten bildeten, welche in der Luft tanzten und gaukelten und im
+Gebüsch verschwanden. Und dabei tönte stärker die Musik des Waldes,
+und der Nachtwind strich daher, geheimnisvoll säuselnd und süße Düfte
+aushauchend.
+
+Balthasar, Candida, die Freunde erkannten den mächtigen Zauber Alpans,
+aber Mosch Terpin, halb berauscht, lachte laut und meinte, hinter
+allem stecke niemand anders, als der Teufelskerl, der Operndekorateur
+und Feuerwerker des Fürsten.
+
+Schneidende Glockentöne erhallten. Ein glänzender Goldkäfer schwang
+sich herab, setzte sich auf Prosper Alpanus' Schulter und schien ihm
+leise etwas ins Ohr zu sumsen.
+
+Prosper Alpanus erhob sich von seinem Sitz und sprach ernst und
+feierlich: "Geliebter Balthasar - holde Candida - meine Freunde! - Es
+ist nun an der Zeit - Lothos ruft - ich muß scheiden." -
+
+Darauf nahte er sich dem Brautpaar und sprach leise mit ihnen. Beide,
+Balthasar und Candida, waren sehr gerührt, Prosper schien ihnen
+allerlei gute Lehren zu geben, er umarmte beide mit Inbrunst.
+
+Dann wandte er sich an das Fräulein von Rosenschön und sprach
+ebenfalls leise mit ihr - wahrscheinlich gab sie ihm Aufträge in
+Zauber- und Feen-Angelegenheiten, die er willig übernahm.
+
+Indessen hatte sich ein kleiner kristallner Wagen, mit zwei
+schimmernden Libellen bespannt, die der Silberfasan führte, aus den
+Lüften hinabgesenkt.
+
+"Lebt wohl - lebt wohl!" rief Prosper Alpanus, stieg in den Wagen
+und schwebte empor über die flammenden Regenbogen hinweg, bis sein
+Fuhrwerk zuletzt in den höchsten Lüften erschien wie ein kleiner
+funkelnder Stern, der sich endlich hinter den Wolken verbarg.
+
+"Schöne Mongolfiere," schnarchte Mosch Terpin und versank, von der
+Kraft des Weines übermannt, in tiefen Schlaf.
+
+- Balthasar, der Lehren des Prosper Alpanus eingedenk, den Besitz
+des wunderbaren Landhauses wohl nutzend, wurde in der Tat ein guter
+Dichter, und da die übrigen Eigenschaften, die Prosper rücksichts der
+holden Candida an dem Besitztum gerühmt, sich ganz und gar bewährten,
+Candida auch niemals den Halsschmuck, den ihr das Stiftsfräulein von
+Rosenschön als Hochzeitsgabe beschert, ablegte, so konnt' es nicht
+fehlen, daß Balthasar die glücklichste Ehe in aller Wonne und
+Herrlichkeit führte, wie sie nur jemals ein Dichter mit einer hübschen
+jungen Frau geführt haben mag -
+
+So hat aber das Märchen von Klein Zaches genannt Zinnober nun wirklich
+ganz und gar ein fröhliches
+
+ Ende.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KLEIN ZACHES, GENANNT ZINNOBER ***
+
+This file should be named 8klnz10.txt or 8klnz10.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8klnz11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8klnz10a.txt
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
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+Please note neither this listing nor its contents are final til
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+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
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+and editing by those who wish to do so.
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+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05
+
+Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92,
+91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
+
+ PROJECT GUTENBERG LITERARY ARCHIVE FOUNDATION
+ 809 North 1500 West
+ Salt Lake City, UT 84116
+
+Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
+method other than by check or money order.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
+the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
+
+You can get up to date donation information online at:
+
+http://www.gutenberg.net/donation.html
+
+
+***
+
+If you can't reach Project Gutenberg,
+you can always email directly to:
+
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+
+Prof. Hart will answer or forward your message.
+
+We would prefer to send you information by email.
+
+
+**The Legal Small Print**
+
+
+(Three Pages)
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
+Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
+They tell us you might sue us if there is something wrong with
+your copy of this eBook, even if you got it for free from
+someone other than us, and even if what's wrong is not our
+fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
+disclaims most of our liability to you. It also tells you how
+you may distribute copies of this eBook if you want to.
+
+*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
+By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
+eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
+this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
+a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
+sending a request within 30 days of receiving it to the person
+you got it from. If you received this eBook on a physical
+medium (such as a disk), you must return it with your request.
+
+ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
+This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
+is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
+through the Project Gutenberg Association (the "Project").
+Among other things, this means that no one owns a United States copyright
+on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
+distribute it in the United States without permission and
+without paying copyright royalties. Special rules, set forth
+below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
+under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.
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+Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
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+
+To create these eBooks, the Project expends considerable
+efforts to identify, transcribe and proofread public domain
+works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
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+things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged
+disk or other eBook medium, a computer virus, or computer
+codes that damage or cannot be read by your equipment.
+
+LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
+But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
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+receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
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+legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
+UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
+INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
+OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
+POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.
+
+If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
+receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
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+time to the person you received it from. If you received it
+on a physical medium, you must return it with your note, and
+such person may choose to alternatively give you a replacement
+copy. If you received it electronically, such person may
+choose to alternatively give you a second opportunity to
+receive it electronically.
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+THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
+TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
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+Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
+the exclusion or limitation of consequential damages, so the
+above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
+may have other legal rights.
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+and its trustees and agents, and any volunteers associated
+with the production and distribution of Project Gutenberg-tm
+texts harmless, from all liability, cost and expense, including
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+following that you do or cause: [1] distribution of this eBook,
+[2] alteration, modification, or addition to the eBook,
+or [3] any Defect.
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+You may distribute copies of this eBook electronically, or by
+disk, book or any other medium if you either delete this
+"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
+or:
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+ if you wish, distribute this eBook in machine readable
+ binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
+ including any form resulting from conversion by word
+ processing or hypertext software, but only so long as
+ *EITHER*:
+
+ [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and
+ does *not* contain characters other than those
+ intended by the author of the work, although tilde
+ (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
+ be used to convey punctuation intended by the
+ author, and additional characters may be used to
+ indicate hypertext links; OR
+
+ [*] The eBook may be readily converted by the reader at
+ no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
+ form by the program that displays the eBook (as is
+ the case, for instance, with most word processors);
+ OR
+
+ [*] You provide, or agree to also provide on request at
+ no additional cost, fee or expense, a copy of the
+ eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
+ or other equivalent proprietary form).
+
+[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this
+ "Small Print!" statement.
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+[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
+ gross profits you derive calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. If you
+ don't derive profits, no royalty is due. Royalties are
+ payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
+ the 60 days following each date you prepare (or were
+ legally required to prepare) your annual (or equivalent
+ periodic) tax return. Please contact us beforehand to
+ let us know your plans and to work out the details.
+
+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
+Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
+public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form.
+
+The Project gratefully accepts contributions of money, time,
+public domain materials, or royalty free copyright licenses.
+Money should be paid to the:
+"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+If you are interested in contributing scanning equipment or
+software or other items, please contact Michael Hart at:
+hart@pobox.com
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+[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
+when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
+used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
+they hardware or software or any other related product without
+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
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Binary files differ