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Hoffmann + + + + + + + +Erstes Kapitel: Der kleine Wechselbalg. - Dringende Gefahr einer + Pfarrersnase. - Wie Fuerst Paphnutius in seinem Lande die + Aufklaerung einfuehrte und die Fee Rosabelverde in ein + Fraeuleinstift kam. + +Zweites Kapitel: Von der unbekannten Voelkerschaft, die der Gelehrte + Ptolomaeus Philadelphus auf seinen Reisen entdeckte. - Die + Universitaet Kerepes. - Wie dem Studenten Fabian ein Paar + Reitstiefel um den Kopf flogen und der Professor Mosch Terpin den + Studenten Balthasar zum Tee einlud. + +Drittes Kapitel: Wie Fabian nicht wusste, was er sagen sollte. - + Candida und Jungfrauen, die nicht Fische essen duerfen. - Mosch + Terpins literarischer Tee. - Der junge Prinz. + +Viertes Kapitel: Wie der italienische Geiger Sbiocca den Herrn + Zinnober in den Kontrabass zu werfen drohte, und der Referendarius + Pulcher nicht zu auswaertigen Angelegenheiten gelangen konnte. - + Von Maut-Offizianten und zurueckbehaltenen Wundern fuers Haus. - + Balthasars Bezauberung durch einen Stockknopf. + +Fuenftes Kapitel: Wie Fuerst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger + Goldwasser fruehstueckte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose + bekam und den Geheimen Sekretaer Zinnober zum Geheimen Spezialrat + erhob. - Die Bilderbuecher des Doktors Prosper Alpanus. - Wie + ein Portier den Studenten Fabian in den Finger biss, dieser ein + Schleppkleid trug und deshalb verhoehnt wurde. - Balthasars + Flucht. + +Sechstes Kapitel: Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem + Garten frisiert wurde und im Grase ein Taubad nahm. - Der + Orden des gruengefleckten Tigers. - Gluecklicher Einfall eines + Theaterschneiders. - Wie das Fraeulein von Rosenschoen sich + mit Kaffee begoss und Prosper Alpanus ihr seine Freundschaft + versicherte. + +Siebentes Kapitel: Wie der Professor Mosch Terpin im fuerstlichen + Weinkeller die Natur erforschte. - Mycetes Belzebub. - + Verzweiflung des Studenten Balthasar. - Vorteilhafter Einfluss + eines wohleingerichteten Landhauses auf das haeusliche Glueck. + - Wie Prosper Alpanus dem Balthasar eine schildkroetene Dose + ueberreichte und davonritt. + +Achtes Kapitel: Wie Fabian seiner langen Rockschoesse halber fuer + einen Sektierer und Tumultuanten gehalten wurde. - Wie Fuerst + Barsanuph hinter den Kaminschirm trat und den Generaldirektor der + natuerlichen Angelegenheiten kassierte. - Zinnobers Flucht aus + Mosch Terpins Hause. - Wie Mosch Terpin auf einem Sommervogel + ausreiten und Kaiser werden wollte, dann aber zu Bette ging. + +Neuntes Kapitel: Verlegenheit eines treuen Kammerdieners. - Wie die + alte Liese eine Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober + auf der Flucht ausglitschte. - Auf welche merkwuerdige Weise der + Leibarzt des Fuersten Zinnobers jaehen Tod erklaerte. - Wie Fuerst + Barsanuph sich betruebte, Zwiebeln ass, und wie Zinnobers Verlust + unersetzlich blieb. + +Letztes Kapitel: Wehmuetige Bitten des Autors. - Wie der Professor + Mosch Terpin sich beruhigte und Candida niemals verdriesslich + werden konnte. - Wie ein Goldkaefer dem Doktor Prosper Alpanus + etwas ins Ohr summte, dieser Abschied nahm und Balthasar eine + glueckliche Ehe fuehrte. + + + +Erstes Kapitel + +Der kleine Wechselbalg. - Dringende Gefahr einer Pfarrersnase. - Wie +Fuerst Paphnutius in seinem Lande die Aufklaerung einfuehrte und die +Fee Rosabelverde in ein Fraeuleinstift kam. + +Unfern eines anmutigen Dorfes, hart am Wege, lag auf dem von der +Sonnenglut erhitzten Boden hingestreckt ein armes zerlumptes +Bauerweib. Vom Hunger gequaelt, vor Durst lechzend, ganz +verschmachtet, war die Unglueckliche unter der Last des im Korbe hoch +aufgetuermten duerren Holzes, das sie im Walde unter den Baeumen und +Straeuchern muehsam aufgelesen, niedergesunken, und da sie kaum zu +atmen vermochte, glaubte sie nicht anders, als dass sie nun wohl +sterben, so sich aber ihr trostloses Elend auf einmal enden werde. +Doch gewann sie bald so viel Kraft, die Stricke, womit sie den +Holzkorb auf ihrem Ruecken befestigt, loszunesteln und sich langsam +heraufzuschieben auf einen Grasfleck, der gerade in der Naehe stand. +Da brach sie nun aus in laute Klagen: "Muss," jammerte sie, "muss mich +und meinen armen Mann allein denn alle Not und alles Elend treffen? +Sind wir denn nicht im ganzen Dorfe die einzigen, die aller Arbeit, +alles sauer vergessenen Schweisses ungeachtet in steter Armut bleiben +und kaum so viel erwerben, um unsern Hunger zu stillen? - Vor drei +Jahren, als mein Mann beim Umgraben unseres Gartens die Goldstuecke in +der Erde fand, ja, da glaubten wir, das Glueck sei endlich eingekehrt +bei uns und nun kaemen die guten Tage; aber was geschah! - Diebe +stahlen das Geld, Haus und Scheune brannten uns ueber dem Kopfe weg, +das Getreide auf dem Acker zerschlug der Hagel, und um das Mass +unseres Herzeleids vollzumachen bis ueber den Rand, strafte uns der +Himmel noch mit diesem kleinen Wechselbalg, den ich zu Schand' und +Spott des ganzen Dorfs gebar. - Zu St.-Laurenztag ist nun der Junge +drittehalb Jahre gewesen und kann auf seinen Spinnenbeinchen nicht +stehen, nicht gehen und knurrt und miaut, statt zu reden, wie eine +Katze. Und dabei frisst die unselige Missgeburt wie der staerkste +Knabe von wenigstens acht Jahren, ohne dass es ihm im mindesten was +anschlaegt. Gott erbarme sich ueber ihn und ueber uns, dass wir den +Jungen grossfuettern muessen uns selbst zur Qual und groesserer Not; +denn essen und trinken immer mehr und mehr wird der kleine Daeumling +wohl, aber arbeiten sein Lebetage nicht! Nein, nein, das ist mehr +als ein Mensch aushalten kann auf dieser Erde! - Ach koennt' ich nur +sterben - nur sterben!" Und damit fing die Arme an zu weinen und zu +schluchzen, bis sie endlich, vom Schmerz uebermannt, ganz entkraeftet +einschlief. - + +Mit Recht konnte das Weib ueber den abscheulichen Wechselbalg klagen, +den sie vor drittehalb Jahren geboren. Das, was man auf den ersten +Blick sehr gut fuer ein seltsam verknorpeltes Stueckchen Holz +haette ansehen koennen, war naemlich ein kaum zwei Spannen hoher, +missgestalteter Junge, der von dem Korbe, wo er querueber gelegen, +heruntergekrochen, sich jetzt knurrend im Grase waelzte. Der Kopf stak +dem Dinge tief zwischen den Schultern, die Stelle des Rueckens vertrat +ein kuerbisaehnlicher Auswuchs, und gleich unter der Brust hingen +die haselgertduennen Beinchen herab, dass der Junge aussah wie ein +gespalteter Rettich. Vom Gesicht konnte ein stumpfes Auge nicht viel +entdecken, schaerfer hinblickend, wurde man aber wohl die lange spitze +Nase, die aus schwarzen struppigen Haaren hervorstarrte, und ein +Paar kleine, schwarz funkelnde Aeuglein gewahr, die, zumal bei den +uebrigens ganz alten, eingefurchten Zuegen des Gesichts, ein klein +Alraeunchen kundzutun schienen. - + +Als nun, wie gesagt, das Weib ueber ihren Gram in tiefen Schlaf +gesunken war und ihr Soehnlein sich dicht an sie herangewaelzt +hatte, begab es sich, dass das Fraeulein von Rosenschoen, Dame des +nahegelegenen Stifts, von einem Spaziergange heimkehrend, des Weges +daherwandelte. Sie blieb stehen und wurde, da sie von Natur fromm +und mitleidig, bei dem Anblick des Elends, der sich ihr darbot, sehr +geruehrt. "O du gerechter Himmel," fing sie an, "wieviel Jammer und +Not gibt es doch auf dieser Erde! - Das unglueckliche Weib! - Ich +weiss, dass sie kaum das liebe Leben hat, da arbeitet sie ueber ihre +Kraefte und ist vor Hunger und Kummer hingesunken! - Wie fuehle ich +jetzt erst recht empfindlich meine Armut und Ohnmacht! Ach, koennt' +ich doch nur helfen, wie ich wollte! - Doch das, was mir noch uebrig +blieb, die wenigen Gaben, die das feindselige Verhaengnis mir nicht zu +rauben, nicht zu zerstoeren vermochte, die mir noch zu Gebote stehen, +die will ich kraeftig und getreu nuetzen, um dem Leidwesen zu steuern. +Geld, haette ich auch darueber zu gebieten, wuerde dir gar nichts +helfen, arme Frau, sondern deinen Zustand vielleicht noch gar +verschlimmern. Dir und deinem Mann, euch beiden ist nun einmal +Reichtum nicht beschert, und wem Reichtum nicht beschert ist, dem +verschwinden die Goldstuecke aus der Tasche, er weiss selbst nicht +wie, er hat davon nichts als grossen Verdruss und wird, je mehr Geld +ihm zustroemt, nur desto aermer. Aber ich weiss es, mehr als alle +Armut, als alle Not, nagt an deinem Herzen, dass du jenes kleine +Untierchen gebarst, das sich wie eine boese unheimliche Last an dich +haengt, die du durch das Leben tragen musst. - Gross - schoen - stark +- verstaendig, ja, das alles kann der Junge nun einmal nicht werden, +aber es ist ihm vielleicht noch auf andere Weise zu helfen." - Damit +setzte sich das Fraeulein nieder ins Gras und nahm den Kleinen auf den +Schoss. Das boese Alraeunchen straeubte und spreizte sich, knurrte und +wollte das Fraeulein in den Finger beissen, _die_ sprach aber: "Ruhig, +ruhig, kleiner Maikaefer!" und strich leise und linde mit der flachen +Hand ihm ueber den Kopf von der Stirn herueber bis in den Nacken. +Allmaehlich glaettete sich waehrend des Streichelns das struppige Haar +des Kleinen aus, bis es gescheitelt, an der Stirne fest anliegend, in +huebschen weichen Locken hinabwallte auf die hohen Schultern und den +Kuerbisruecken. Der Kleine war immer ruhiger geworden und endlich fest +eingeschlafen. Da legte ihn das Fraeulein Rosenschoen behutsam dicht +neben der Mutter hin ins Gras, besprengte diese mit einem geistigen +Wasser aus dem Riechflaeschchen, das sie aus der Tasche gezogen, und +entfernte sich dann schnellen Schrittes. + +Als die Frau bald darauf erwachte, fuehlte sie sich auf wunderbare +Weise erquickt und gestaerkt. Es war ihr, als habe sie eine tuechtige +Mahlzeit gehalten und einen guten Schluck Wein getrunken. "Ei," rief +sie aus, "wie ist mir doch in dem bisschen Schlaf so viel Trost, +so viel Munterkeit gekommen! - Aber die Sonne ist schon bald herab +hinter den Bergen, nun fort nach Hause!" - Damit wollte sie den Korb +aufpacken, vermisste aber, als sie hineinsah, den Kleinen, der in +demselben Augenblick sich aus dem Grase aufrichtete und weinerlich +quaekte. Als nun die Mutter sich nach ihm umschaute, schlug sie vor +Erstaunen die Haende zusammen und rief - "Zaches - Klein Zaches, wer +hat dir denn unterdessen die Haare so schoen gekaemmt! - Zaches - +Klein Zaches, wie huebsch wuerden dir die Locken kleiden, wenn du +nicht solch ein abscheulich garstiger Junge waerst! - Nun, komm nur, +komm! - hinein in den Korb!" Sie wollte ihn fassen und quer ueber das +Holz legen, da strampelte aber Klein Zaches mit den Beinen, grinste +die Mutter an und miaute sehr vernehmlich: "Ich mag nicht!" - "Zaches! +- Klein Zaches!" schrie die Frau ganz ausser sich, "wer hat dich denn +unterdessen reden gelehrt? Nun! wenn du solch schoen gekaemmte Haare +hast, wenn du so artig redest, so wirst du auch wohl laufen koennen." +Die Frau huckte den Korb auf den Ruecken, Klein Zaches hing sich an +ihre Schuerze, und so ging es fort nach dem Dorfe. + +Sie mussten bei dem Pfarrhause vorueber, da begab es sich, dass der +Pfarrer mit seinem juengsten Knaben, einem bildschoenen goldlockigen +Jungen von drei Jahren, in seiner Haustuere stand. Als der nun die +Frau mit dem schweren Holzkorbe und mit Klein Zaches, der an ihrer +Schuerze baumelte, daherkommen sah, rief er ihr entgegen: "Guten +Abend, Frau Liese, wie geht es Euch - Ihr habt ja eine gar zu schwere +Buerde geladen, Ihr koennt ja kaum mehr fort, kommt her, ruht Euch ein +wenig aus auf dieser Bank vor meiner Tuere, meine Magd soll Euch einen +frischen Trunk reichen!" - Frau Liese liess sich das nicht zweimal +sagen, sie setzte ihren Korb ab und wollte eben den Mund oeffnen, um +dem ehrwuerdigen Herrn all ihren Jammer, ihre Not zu klagen, als Klein +Zaches bei der raschen Wendung der Mutter das Gleichgewicht verlor und +dem Pfarrer vor die Fuesse flog. Der bueckte sich rasch nieder und hob +den Kleinen auf, indem er sprach: "Ei, Frau Liese, Frau Liese, was +habt Ihr da fuer einen bildschoenen allerliebsten Knaben! Das ist ja +ein wahrer Segen des Himmels, ein solch wunderbar schoenes Kind zu +besitzen." Und damit nahm er den Kleinen in die Arme und liebkoste ihn +und schien es gar nicht zu bemerken, dass der unartige Daeumling gar +haesslich knurrte und mauzte und den ehrwuerdigen Herrn sogar in die +Nase beissen wollte. Aber Frau Liese stand ganz verbluefft vor dem +Geistlichen und schaute ihn an mit aufgerissenen starren Augen und +wusste gar nicht, was sie denken sollte. "Ach, lieber Herr Pfarrer," +begann sie endlich mit weinerlicher Stimme, "ein Mann Gottes, wie Sie, +treibt doch wohl nicht seinen Spott mit einem armen ungluecklichen +Weibe, das der Himmel, mag er selbst wissen warum, mit diesem +abscheulichen Wechselbalge gestraft hat!" "Was spricht," erwiderte der +Geistliche sehr ernst, "was spricht Sie da fuer tolles Zeug, liebe +Frau! von Spott - Wechselbalg - Strafe des Himmels - ich verstehe Sie +gar nicht und weiss nur, dass Sie ganz verblendet sein muss, wenn Sie +Ihren huebschen Knaben nicht recht herzlich liebt. - Kuesse mich, +artiger kleiner Mann!" - Der Pfarrer herzte den Kleinen, aber Zaches +knurrte: "Ich mag nicht!" und schnappte aufs neue nach des Geistlichen +Nase. - "Seht die arge Bestie!" rief Liese erschrocken; aber in dem +Augenblick sprach der Knabe des Pfarrers: "Ach, lieber Vater, du bist +so gut, du tust so schoen mit den Kindern, die muessen wohl alle dich +recht herzlich lieb haben!" "O hoert doch nur," rief der Pfarrer, +indem ihm die Augen vor Freude glaenzten, "O hoert doch nur, Frau +Liese, den huebschen verstaendigen Knaben, Euren lieben Zaches, dem +Ihr so uebelwollt. Ich merk' es schon, Ihr werdet Euch nimmermehr was +aus dem Knaben machen, sei er auch noch so huebsch und verstaendig. +Hoert, Frau Liese, ueberlasst mir Euer hoffnungsvolles Kind zur Pflege +und Erziehung. Bei Eurer drueckenden Armut ist Euch der Knabe nur +eine Last, und mir macht es Freude, ihn zu erziehen wie meinen eignen +Sohn!" - + +Liese konnte vor Erstaunen gar nicht zu sich selbst kommen, ein +Mal ueber das andere rief sie: "Aber, lieber Herr Pfarrer - lieber +Herr Pfarrer, ist denn das wirklich Ihr Ernst, dass Sie die kleine +Ungestalt zu sich nehmen und erziehen und mich von der Not befreien +wollen, die ich mit dem Wechselbalg habe?" - Doch, je mehr die +Frau die abscheuliche Haesslichkeit ihres Alraeunchens dem Pfarrer +vorhielt, desto eifriger behauptete dieser, dass sie in ihrer tollen +Verblendung gar nicht verdiene, vom Himmel mit dem herrlichen Geschenk +eines solchen Wunderknaben gesegnet zu sein, bis er zuletzt ganz +zornig mit Klein Zaches auf dem Arm hineinlief in das Haus und die +Tuere von innen verriegelte. + +Da stand nun Frau Liese wie versteinert vor des Pfarrers Haustuere +und wusste gar nicht, was sie von dem allem denken sollte. "Was um +aller Welt willen," sprach sie zu sich selbst, "ist denn mit unserm +wuerdigen Herrn Pfarrer geschehen, dass er in meinen Klein Zaches +so ganz und gar vernarrt ist und den einfaeltigen Knirps fuer einen +huebschen, verstaendigen Knaben haelt? - Nun! helfe Gott dem lieben +Herrn, er hat mir die Last von den Schultern genommen und sie sich +selbst aufgeladen, mag er nun zusehen, wie er sie traegt! - Hei! wie +leicht geworden ist nun der Holzkorb, da Klein Zaches nicht mehr +darauf sitzt und mit ihm die schwerste Sorge!" - + +Damit schritt Frau Liese, den Holzkorb auf dem Ruecken, lustig und +guter Dinge fort ihres Weges! - - + +Wollte ich auch zurzeit noch gaenzlich darueber schweigen, du +wuerdest, guenstiger Leser, dennoch wohl ahnen, dass es mit dem +Stiftsfraeulein von Rosenschoen, oder wie sie sich sonst nannte, +Rosengruenschoen, eine ganz besondere Bewandtnis haben muesse. Denn +nichts anders war es wohl, als die geheimnisvolle Wirkung ihres +Kopfstreichelns und Haarausglaettens, dass Klein Zaches von dem +gutmuetigen Pfarrer fuer ein schoenes und kluges Kind angesehn und +gleich wie sein eignes aufgenommen wurde. Du koenntest, lieber Leser, +aber doch, trotz deines vortrefflichen Scharfsinns, in falsche +Vermutungen geraten oder gar zum grossen Nachteil der Geschichte +viele Blaetter ueberschlagen, um nur gleich mehr von dem mystischen +Stiftsfraeulein zu erfahren; besser ist es daher wohl, ich erzaehle +dir gleich alles, was ich selbst von der wuerdigen Dame weiss. + +Fraeulein von Rosenschoen war von grosser Gestalt, edlem +majestaetischen Wuchs und etwas stolzem, gebietendem Wesen. Ihr +Gesicht, musste man es gleich vollendet schoen nennen, machte, zumal +wenn sie wie gewoehnlich in starrem Ernst vor sich hinschaute, einen +seltsamen, beinahe unheimlichen Eindruck, was vorzueglich einem ganz +besondern fremden Zuge zwischen den Augenbrauen zuzuschreiben, von dem +man durchaus nicht recht wusste, ob ein Stiftsfraeulein dergleichen +wirklich auf der Stirne tragen koenne. Dabei lag aber auch oft, +vorzueglich zur Rosenzeit bei heiterm schoenen Wetter, so viel +Huld und Anmut in ihrem Blick, dass jeder sich von suessem +unwiderstehlichen Zauber befangen fuehlte. Als ich die Gnaedige zum +ersten- und letztenmal zu schauen das Vergnuegen hatte, war sie dem +Ansehen nach eine Frau in der hoechsten, vollendetsten Bluete ihrer +Jahre, auf der hoechsten Spitze des Wendepunktes, und ich meinte, dass +mir grosses Glueck beschieden, die Dame noch eben auf dieser Spitze +zu erblicken und ueber ihre wunderbare Schoenheit gewissermassen zu +erschrecken, welches sich dann sehr bald nicht mehr wuerde zutragen +koennen. Ich war im Irrtum. Die aeltesten Leute im Dorf versicherten, +dass sie das gnaedige Fraeulein gekannt haetten schon so lange als +sie daechten, und dass die Dame niemals anders ausgesehen habe, nicht +aelter, nicht juenger, nicht haesslicher, nicht huebscher als eben +jetzt. Die Zeit schien also keine Macht zu haben ueber sie, und schon +dieses konnte manchem verwunderlich vorkommen. Aber noch manches +andere trat hinzu, worueber sich jeder, ueberlegte er es recht +ernstlich, ebensosehr wundern, ja zuletzt aus der Verwunderung, in die +er verstrickt, gar nicht herauskommen musste. Fuers erste offenbarte +sich ganz deutlich bei dem Fraeulein die Verwandtschaft mit den +Blumen, deren Namen sie trug. Denn nicht allein, dass kein Mensch auf +Erden solche herrliche tausendblaettrige Rosen zu ziehen vermochte, +als sie, so spriessten auch aus dem schlechtesten duerresten Dorn, +den sie in die Erde steckte, jene Blumen in der hoechsten Fuelle +und Pracht hervor. Dann war es gewiss, dass sie auf einsamen +Spaziergaengen im Walde laute Gespraeche fuehrte mit wunderbaren +Stimmen, die aus den Baeumen, aus den Bueschen, aus den Quellen und +Baechen zu toenen schienen. Ja, ein junger Jaegersmann hatte sie +belauscht, wie sie einmal mitten im dicksten Gehoelz stand und +seltsame Voegel mit buntem glaenzenden Gefieder, die gar nicht im +Lande heimisch, sie umflatterten und liebkosten und in lustigem Singen +und Zwitschern ihr allerlei froehliche Dinge zu erzaehlen schienen, +worueber sie lachte und sich freute. Daher kam es denn auch, dass +Fraeulein von Rosenschoen zu jener Zeit, als sie in das Stift +gekommen, bald die Aufmerksamkeit aller Leute in der Gegend anregte. +Ihre Aufnahme in das Fraeuleinstift hatte der Fuerst befohlen; der +Baron Praetextatus von Mondschein, Besitzer des Gutes, in dessen Naehe +jenes Stift lag, dem er als Verweser vorstand, konnte daher nichts +dagegen einwenden, ungeachtet ihn die entsetzlichsten Zweifel +quaelten. Vergebens war naemlich sein Muehen geblieben, in Rixners +Turnierbuch und andern Chroniken die Familie Rosengruenschoen +aufzufinden. Mit Recht zweifelte er aus diesem Grunde an der +Stiftsfaehigkeit des Fraeuleins, die keinen Stammbaum mit +zweiunddreissig Ahnen aufzuweisen hatte, und bat sie zuletzt ganz +zerknirscht, die hellen Traenen in den Augen, doch sich um des Himmels +willen wenigstens nicht Rosengruenschoen, sondern Rosenschoen zu +nennen, denn in diesem Namen sei doch noch einiger Verstand und +ein Ahnherr moeglich. - Sie tat ihm das zu Gefallen. - Vielleicht +aeusserte sich des gekraenkten Praetextatus Groll gegen das ahnenlose +Fraeulein auf diese - jene Weise und gab zuerst Anlass zu der boesen +Nachrede, die sich immer mehr und mehr im Dorfe verbreitete. Zu jenen +zauberhaften Unterhaltungen im Walde, die indessen sonst nichts auf +sich hatten, kamen naemlich allerlei bedenkliche Umstaende, die von +Mund zu Mund gingen und des Fraeuleins eigentliches Wesen in gar +zweideutiges Licht stellten. Mutter Anne, des Schulzen Frau, +behauptete keck, dass, wenn das Fraeulein stark zum Fenster heraus +niese, allemal die Milch im ganzen Dorfe sauer wuerde. Kaum hatte sich +dies aber bestaetigt, als sich das Schreckliche begab. Schulmeisters +Michel hatte in der Stiftskueche gebratene Kartoffeln genascht und war +von dem Fraeulein darueber betroffen worden, die ihm laechelnd mit +dem Finger drohte. Da war dem Jungen das Maul offen stehen geblieben, +gerade als haett' er eine gebratene brennende Kartoffel darin sitzen +immerdar, und er musste fortan einen Hut mit vorstehender breiter +Krempe tragen, weil es sonst dem Armen ins Maul geregnet haette. +Bald schien es gewiss zu sein, dass das Fraeulein sich darauf +verstand, Feuer und Wasser zu besprechen, Sturm und Hagelwolken +zusammenzutreiben, Weichselzoepfe zu flechten etc., und niemand +zweifelte an der Aussage des Schafhirten, der zur Mitternachtsstunde +mit Schauer und Entsetzen gesehen haben wollte, wie das Fraeulein +auf einem Besen brausend durch die Luefte fuhr, vor ihr her ein +ungeheurer Hirschkaefer, zwischen dessen Hoernern blaue Flammen hoch +aufleuchteten! - Nun kam alles in Aufruhr, man wollte der Hexe zu +Leibe, und die Dorfgerichte beschlossen nichts Geringeres, als das +Fraeulein aus dem Stift zu holen und sie ins Wasser zu werfen, damit +sie die gewoehnliche Hexenprobe bestehe. Der Baron Praetextatus liess +alles geschehen und sprach laechelnd zu sich selbst: "So geht es +simplen Leuten ohne Ahnen, die nicht von solch altem guten Herkommen +sind, wie der Mondschein." Das Fraeulein, unterrichtet von dem +bedrohlichen Unwesen, fluechtete nach der Residenz, und bald darauf +erhielt der Baron Praetextatus einen Kabinettsbefehl vom Fuersten +des Landes, mittelst dessen ihm bekannt gemacht, dass es keine Hexen +gaebe, und befohlen wurde, die Dorfgerichte fuer die naseweise Gier, +Schwimmkuenste eines Stiftsfraeuleins zu schauen, in den Turm werfen, +den uebrigen Bauern und ihren Weibern aber andeuten zu lassen, bei +empfindlicher Leibesstrafe von dem Fraeulein Rosenschoen nicht +schlecht zu denken. Sie gingen in sich, fuerchteten sich vor der +angedrohten Strafe und dachten fortan gut von dem Fraeulein, welches +fuer beide, fuer das Dorf und fuer die Dame Rosenschoen, die +erspriesslichsten Folgen hatte. + +In dem Kabinett des Fuersten wusste man recht gut, dass das Fraeulein +von Rosenschoen niemand anders war, als die sonst beruehmte +weltbekannte Fee Rosabelverde. Es hatte mit der Sache folgende +Bewandtnis: + +Auf der ganzen weiten Erde war wohl sonst kaum ein anmutigeres Land +zu finden, als das kleine Fuerstentum, worin das Gut des Baron +Praetextatus von Mondschein lag, worin das Fraeulein von Rosenschoen +hauste, kurz, worin sich das alles begab, was ich dir, geliebter +Leser, des breiteren zu erzaehlen eben im Begriff stehe. + +Von einem hohen Gebirge umschlossen, glich das Laendchen mit seinen +gruenen, duftenden Waeldern, mit seinen blumigen Auen, mit seinen +rauschenden Stroemen und lustig plaetschernden Springquellen, zumal +da es gar keine Staedte, sondern nur freundliche Doerfer und hin und +wieder einzeln stehende Palaeste darin gab, einem wunderbar herrlichen +Garten, in dem die Bewohner wie zu ihrer Lust wandelten, frei von +jeder drueckenden Buerde des Lebens. Jeder wusste, dass Fuerst +Demetrius das Land beherrsche; niemand merkte indessen das mindeste +von der Regierung, und alle waren damit gar wohl zufrieden. Personen, +die die volle Freiheit in all ihrem Beginnen, eine schoene Gegend, +ein mildes Klima liebten, konnten ihren Aufenthalt gar nicht besser +waehlen als in dem Fuerstentum, und so geschah es denn, dass unter +andern auch verschiedene vortreffliche Feen von der guten Art, +denen Waerme und Freiheit bekanntlich ueber alles geht, sich dort +angesiedelt hatten. Ihnen mocht' es zuzuschreiben sein, dass sich +beinahe in jedem Dorfe, vorzueglich aber in den Waeldern sehr oft die +angenehmsten Wunder begaben und dass jeder, von dem Entzuecken, von +der Wonne dieser Wunder ganz umflossen, voellig an das Wunderbare +glaubte und, ohne es selbst zu wissen, eben deshalb ein froher, mithin +guter Staatsbuerger blieb. Die guten Feen, die sich in freier Willkuer +ganz dschinnistanisch eingerichtet, haetten dem vortrefflichen +Demetrius gern ein ewiges Leben bereitet. Das stand indessen nicht in +ihrer Macht. Demetrius starb, und ihm folgte der junge Paphnutius in +der Regierung. Paphnutius hatte schon zu Lebzeiten seines Herrn Vaters +einen stillen innerlichen Gram darueber genaehrt, dass Volk und +Staat nach seiner Meinung auf die heilloseste Weise vernachlaessigt, +verwahrlost wurde. Er beschloss zu regieren und ernannte sofort seinen +Kammerdiener Andres, der ihm einmal, als er im Wirtshause hinter den +Bergen seine Boerse liegen lassen, sechs Dukaten geborgt und dadurch +aus grosser Not gerissen hatte, zum ersten Minister des Reichs. "Ich +will regieren, mein Guter!" rief ihm Paphnutius zu. Andres las in den +Blicken seines Herrn, was in ihm vorging, warf sich ihm zu Fuessen und +sprach feierlich: "Sire! die grosse Stunde hat geschlagen! - durch Sie +steigt schimmernd ein Reich aus maechtigem Chaos empor! - Sire! hier +fleht der treueste Vasall, tausend Stimmen des armen ungluecklichen +Volks in Brust und Kehle! - Sire! - fuehren Sie die Aufklaerung +ein!" - Paphnutius fuehlte sich durch und durch erschuettert von +dem erhabenen Gedanken seines Ministers. Er hob ihn auf, riss ihn +stuermisch an seine Brust und sprach schluchzend: "Minister - Andres +- ich bin dir sechs Dukaten schuldig - noch mehr - mein Glueck - mein +Reich! - o treuer, gescheuter Diener!" - + +Paphnutius wollte sofort ein Edikt mit grossen Buchstaben drucken und +an allen Ecken anschlagen lassen, dass von Stund' an die Aufklaerung +eingefuehrt sei und ein jeder sich darnach zu achten habe. "Bester +Sire!" rief indessen Andres, "bester Sire! so geht es nicht!" - "Wie +geht es denn, mein Guter?" sprach Paphnutius, nahm seinen Minister +beim Knopfloch und zog ihn hinein in das Kabinett, dessen Tuere er +abschloss. + +"Sehen Sie," begann Andres, als er seinem Fuersten gegenueber auf +einem kleinen Taburett Platz genommen, "sehen Sie, gnaedigster Herr! +- die Wirkung Ihres fuerstlichen Edikts wegen der Aufklaerung wuerde +vielleicht verstoert werden auf haessliche Weise, wenn wir nicht damit +eine Massregel verbinden, die zwar hart scheint, die indessen die +Klugheit gebietet. - Ehe wir mit der Aufklaerung vorschreiten, d. h. +ehe wir die Waelder umhauen, den Strom schiffbar machen, Kartoffeln +anbauen, die Dorfschulen verbessern, Akazien und Pappeln anpflanzen, +die Jugend ihr Morgen- und Abendlied zweistimmig absingen, Chausseen +anlegen und die Kuhpocken einimpfen lassen, ist es noetig, alle Leute +von gefaehrlichen Gesinnungen, die keiner Vernunft Gehoer geben und +das Volk durch lauter Albernheiten verfuehren, aus dem Staate zu +verbannen - Sie haben Tausendundeine Nacht gelesen, bester Fuerst, +denn ich weiss, dass Ihr durchlauchtig seliger Herr Papa, dem der +Himmel eine sanfte Ruhe im Grabe schenken moege, dergleichen fatale +Buecher liebte und Ihnen, als Sie sich noch der Steckenpferde +bedienten und vergoldete Pfefferkuchen verzehrten, in die Haende gab. +Nun also! - Aus jenem voellig konfusen Buche werden Sie, gnaedigster +Herr, wohl die sogenannten Feen kennen, gewiss aber nicht ahnen, dass +sich verschiedene von diesen gefaehrlichen Personen in Ihrem eignen +lieben Lande hier ganz in der Naehe Ihres Palastes angesiedelt haben +und allerlei Unfug treiben." "Wie? - was sagt Er? - Andres! Minister! +- Feen! - hier in meinem Lande?" - So rief Fuerst, indem er ganz +erblasst in die Stuhllehne zuruecksank. - "Ruhig, mein gnaedigster +Herr," fuhr Andres fort, "ruhig koennen wir bleiben, sobald wir mit +Klugheit gegen jene Feinde der Aufklaerung zu Felde ziehen. Ja! - +Feinde der Aufklaerung nenne ich sie, denn nur sie sind, die Guete +Ihres seligen Herrn Papas missbrauchend, daran schuld, dass der liebe +Staat noch in gaenzlicher Finsternis darniederliegt. Sie treiben ein +gefaehrliches Gewerbe mit dem Wunderbaren und scheuen sich nicht, +unter dem Namen Poesie ein heimliches Gift zu verbreiten, das die +Leute ganz unfaehig macht zum Dienste in der Aufklaerung. Dann haben +sie solche unleidliche polizeiwidrige Gewohnheiten, dass sie schon +deshalb in keinem kultivierten Staate geduldet werden duerften. So +z.B. entbloeden sich die Frechen nicht, sowie es ihnen einfaellt, in +den Lueften spazieren zu fahren mit vorgespannten Tauben, Schwaenen, +ja sogar gefluegelten Pferden. Nun frage ich aber, gnaedigster Herr, +verlohnt es sich der Muehe, einen gescheuten Akzisetarif zu entwerfen +und einzufuehren, wenn es Leute im Staate gibt, die imstande sind, +jedem leichtsinnigen Buerger unversteuerte Waren in den Schornstein +zu werfen, wie sie nur wollen? - Darum, gnaedigster Herr, - sowie die +Aufklaerung angekuendigt wird, fort mit den Feen! - Ihre Palaeste +werden umzingelt von der Polizei, man nimmt ihnen ihre gefaehrliche +Habe und schafft sie als Vagabonden fort nach ihrem Vaterlande, +welches, wie Sie, gnaedigster Herr, aus Tausendundeiner Nacht wissen +werden, das Laendchen Dschinnistan ist." "Gehen Posten nach diesem +Lande, Andres?" so fragte der Fuerst. "Zurzeit nicht," erwiderte +Andres, "aber vielleicht laesst sich nach eingefuehrter Aufklaerung +eine Journaliere dorthin mit Nutzen einrichten." - "Aber Andres," fuhr +der Fuerst fort, "wird man unser Verfahren gegen die Feen nicht hart +finden? - Wird das verwoehnte Volk nicht murren?" - "Auch dafuer," +sprach Andres, "auch dafuer weiss ich ein Mittel. Nicht alle Feen, +gnaedigster Herr, wollen wir fortschicken nach Dschinnistan, sondern +einige im Lande behalten, sie aber nicht allein aller Mittel berauben, +der Aufklaerung schaedlich zu werden, sondern auch zweckdienliche +Mittel anwenden, sie zu nuetzlichen Mitgliedern des aufgeklaerten +Staats umzuschaffen. Wollen sie sich nicht auf solide Heiraten +einlassen, so moegen sie unter strenger Aufsicht irgendein nuetzliches +Geschaeft treiben, Socken stricken fuer die Armee, wenn es Krieg gibt, +oder sonst. Geben Sie acht, gnaedigster Herr, die Leute werden sehr +bald an die Feen, wenn sie unter ihnen wandeln, gar nicht mehr +glauben, und das ist das beste. So gibt sich alles etwanige Murren von +selbst. - Was uebrigens die Utensilien der Feen betrifft, so fallen +sie der fuerstlichen Schatzkammer heim, die Tauben und Schwaene werden +als koestliche Braten in die fuerstliche Kueche geliefert, mit den +gefluegelten Pferden kann man aber auch Versuche machen, sie zu +kultivieren und zu bilden zu nuetzlichen Bestien, indem man ihnen die +Fluegel abschneidet und sie zur Stallfuetterung gibt, die wir doch +hoffentlich zugleich mit der Aufklaerung einfuehren werden." - + +Paphnutius war mit allen Vorschlaegen seines Ministers auf das +hoechste zufrieden, und schon andern Tages wurde ausgefuehrt, was +beschlossen war. + +An allen Ecken prangte das Edikt wegen der eingefuehrten Aufklaerung, +und zu gleicher Zeit brach die Polizei in die Palaeste der Feen, nahm +ihr ganzes Eigentum in Beschlag und fuehrte sie gefangen fort. + +Mag der Himmel wissen, wie es sich begab, dass die Fee Rosabelverde +die einzige von allen war, die wenige Stunden vorher, ehe die +Aufklaerung hereinbrach, Wind davon bekam und die Zeit nutzte, ihre +Schwaene in Freiheit zu setzen, ihre magischen Rosenstoecke und andere +Kostbarkeiten beiseite zu schaffen. Sie wusste naemlich auch, dass sie +dazu erkoren war, im Lande zu bleiben, worin sie sich, wiewohl mit +grossem Widerwillen, fuegte. + +Ueberhaupt konnten es weder Paphnutius noch Andres begreifen, warum +die Feen, die nach Dschinnistan transportiert wurden, eine solche +uebertriebene Freude aeusserten und ein Mal ueber das andere +versicherten, dass ihnen an aller Habe, die sie zuruecklassen muessen, +nicht das mindeste gelegen. "Am Ende," sprach Paphnutius entruestet, +"am Ende ist Dschinnistan ein viel huebscherer Staat wie der meinige, +und sie lachen mich aus mitsamt meinem Edikt und meiner Aufklaerung, +die jetzt erst recht gedeihen soll!" - + +Der Geograph sollte mit dem Historiker des Reichs ueber das Land +umstaendlich berichten. + +Beide stimmten darin ueberein, dass Dschinnistan ein erbaermliches +Land sei, ohne Kultur, Aufklaerung, Gelehrsamkeit, Akazien und +Kuhpocken, eigentlich auch gar nicht existiere. Schlimmeres koenne +aber einem Menschen oder einem ganzen Lande wohl nicht begegnen, als +gar nicht zu existieren. + +Paphnutius fuehlte sich beruhigt. + +Als der schoene blumige Hain, in dem der verlassene Palast der Fee +Rosabelverde lag, umgehauen wurde, und beispielshalber Paphnutius +selbst saemtlichen Bauerluemmeln im naechsten Dorfe die Kuhpocken +eingeimpft hatte, passte die Fee dem Fuersten in dem Walde auf, durch +den er mit dem Minister Andres nach seinem Schloss zurueckkehren +wollte. Da trieb sie ihn mit allerlei Redensarten, vorzueglich aber +mit einigen unheimlichen Kuntstueckchen, die sie vor der Polizei +geborgen, dermassen in die Enge, dass er sie um des Himmels +willen bat, doch mit einer Stelle des einzigen und daher besten +Fraeuleinstifts im ganzen Lande vorliebzunehmen, wo sie, ohne sich +an das Aufklaerungsedikt zu kehren, schalten und walten koenne nach +Belieben. + +Die Fee Rosabelverde nahm den Vorschlag an und kam auf diese Weise +in das Fraeuleinstift, wo sie sich, wie schon erzaehlt worden, das +Fraeulein von Rosengruenschoen, dann aber, auf dringendes Bitten des +Baron Praetextatus von Mondschein, das Fraeulein von Rosenschoen +nannte. + + + +Zweites Kapitel + +Von der unbekannten Voelkerschaft, die der Gelehrte Ptolomaeus +Philadelphus auf seinen Reisen entdeckte. - Die Universitaet Kerepes. +- Wie dem Studenten Fabian ein Paar Reitstiefel um den Kopf flogen und +der Professor Mosch Terpin den Studenten Balthasar zum Tee einlud. + +In den vertrauten Briefen, die der weltberuehmte Gelehrte Ptolomaeus +Philadelphus an seinen Freund Rufin schrieb, als er sich auf weiten +Reisen befand, ist folgende merkwuerdige Stelle enthalten: + +"Du weisst, mein lieber Rufin, dass ich nichts in der Welt so fuerchte +und scheue, als die brennenden Sonnenstrahlen des Tages, welche +die Kraefte meines Koerpers aufzehren und meinen Geist dermassen +abspannen und ermatten, dass alle Gedanken in ein verworrenes Bild +zusammenfliessen und ich vergebens darnach ringe, auch nur irgendeine +deutliche Gestaltung in meiner Seele zu erfassen. Ich pflege daher in +dieser heissen Jahreszeit des Tages zu ruhen, nachts aber meine Reise +fortzusetzen, und so befand ich mich dann auch in voriger Nacht auf +der Reise. Mein Fuhrmann hatte sich in der dicken Finsternis von dem +rechten, bequemen Wege verirrt und war unversehens auf die Chaussee +geraten. Ungeachtet ich aber durch die harten Stoesse, die es hier +gab, in dem Wagen hin und her geschleudert wurde, so dass mein Kopf +voller Beulen einem mit Walnuessen gefuellten Sack nicht unaehnlich +war, erwachte ich doch aus dem tiefen Schlafe, in den ich versunken, +nicht eher, bis ich mit einem entsetzlichen Ruck aus dem Wagen heraus +auf den harten Boden stuerzte. Die Sonne schien mir hell ins Gesicht, +und durch den Schlagbaum, der dicht vor mir stand, gewahrte ich die +hohen Tuerme einer ansehnlichen Stadt. Der Fuhrmann lamentierte sehr, +da nicht allein die Deichsel, sondern auch ein Hinterrad des Wagens +an dem grossen Stein, der mitten auf der Chaussee lag, gebrochen, und +schien sich wenig oder gar nicht um mich zu kuemmern. Ich hielt, wie +es dem Weisen ziemt, meinen Zorn zurueck und rief dem Kerl bloss +sanftmuetig zu, er sei ein verfluchter Schlingel, er moege bedenken, +dass Ptolomaeus Philadelphus, der beruehmteste Gelehrte seiner Zeit, +auf dem St- saesse, und Deichsel Deichsel und Rad Rad sein lassen. Du +kennst, mein lieber Rufin, die Gewalt, die ich ueber das menschliche +Herz uebe, und so geschah es denn auch, dass der Fuhrmann +augenblicklich aufhoerte zu lamentieren und mir mit Huelfe des +Chausseeinnehmers, vor dessen Haeuslein sich der Unfall begeben, auf +die Beine half. Ich hatte zum Glueck keinen sonderlichen Schaden +gelitten und war imstande, langsam auf der Strasse fortzuwandeln, +waehrend der Fuhrmann den zerbrochenen Wagen muehsam nachschleppte. +Unfern des Tors der Stadt, die ich in blauer Ferne gesehen, begegneten +mir nun aber viele Leute von solch wunderlichem Wesen und in solch +seltsamer Kleidung, dass ich mir die Augen rieb, um zu erforschen, +ob ich wirklich wache oder ob nicht vielleicht ein toller neckhafter +Traum mich eben in ein fremdes fabelhaftes Land versetze. - Diese +Leute, die ich mit Recht fuer Bewohner der Stadt, aus deren Tor +ich sie kommen sah, halten durfte, trugen lange, sehr weite Hosen, +nach Art der Japaneser zugeschnitten, von koestlichem Zeuge, Samt, +Manchester, feinem Tuch oder auch wohl bunt durchwirkter Leinwand, mit +Tressen oder huebschen Baendern und Schnueren reichlich besetzt, dazu +kleine Kinderroecklein, kaum den Unterleib bedeckend, meistens von +sonnenheller Farbe, nur wenige gingen schwarz. Die Haare hingen +ungekaemmt in natuerlicher Wildheit auf Schultern und Ruecken herab, +und auf dem Kopf sass ein kleines seltsames Muetzchen. Manche hatten +den Hals ganz entbloesst nach der Weise der Tuerken und Neugriechen, +andere dagegen trugen um Hals und Brust ein Stueckchen weisse +Leinwand, beinahe einem Hemdekragen aehnlich, wie Du, geliebter Rufin, +sie auf den Bildern unserer Vorfahren gesehen haben wirst. Ungeachtet +diese Leute saemtlich sehr jung zu sein schienen, war doch ihre +Sprache tief und rauh, jede ihrer Bewegungen ungelenk, und mancher +hatte einen schmalen Schatten unter der Nase, als sitze dort ein +Stutzbaertchen. Aus den Hinterteilen der kleinen Roecke mancher ragte +ein langes Rohr hervor, an dem grosse seidene Quasten baumelten. +Andere hatten diese Roehre hervorgezogen und kleine - groessere - +manchmal auch sehr grosse wunderlich geformte Koepfe unten daran +befestigt, aus denen sie, oben durch ein ganz spitz zulaufendes +Roehrchen hineinblasend, auf geschickte Weise kuenstliche Dampfwolken +aufsteigen zu lassen wussten. Andre trugen breite blitzende Schwerter +in den Haenden, als wollten sie dem Feinde entgegenziehen; noch andere +hatten kleine Behaeltnisse von Leder oder Blech umgehaengt oder ueber +den Ruecken geschnallt. Du kannst denken, lieber Rufin, dass ich, +der ich durch sorgliches Betrachten jeder mir neuen Erscheinung mein +Wissen zu bereichern suche, stillstand und mein Auge fest auf die +seltsamen Leute heftete. Da versammelten sie sich um mich her, +schrien ganz gewaltig: 'Philister - Philister!' - und schlugen eine +entsetzliche Lache auf. - Das verdross mich. Denn, geliebter Rufin, +gibt es fuer einen grossen Gelehrten etwas Kraenkenderes, als fuer +einen von dem Volke gehalten zu werden, das vor vielen tausend Jahren +mittelst eines Eselkinnbackens erschlagen wurde? - Ich nahm mich +zusammen in der mir angebornen Wuerde und sprach laut zu dem +sonderbaren Volk um mich her, dass ich hoffe, mich in einem +zivilisierten Staat zu befinden, und dass ich mich an Polizei und +Gerichtshoefe wenden wuerde, um die mir zugefuegte Unbill zu raechen. +Da brummten sie alle; auch die, die bisher noch nicht gedampft, zogen +die dazu bestimmten Maschinen aus der Tasche, und alle bliesen mir die +dicken Dampfwolken ins Gesicht, welche, wie ich nun erst merkte, ganz +unertraeglich stanken und meine Sinne betaeubten. Dann spachen sie +eine Art Fluch ueber mich aus, dessen Worte ich ihrer Graesslichkeit +halber Dir, geliebter Rufin, gar nicht wiederholen mag. Nur mit tiefem +Grausen kann ich selbst daran denken. Endlich verliessen sie mich +unter lautem Hohngelaechter, und mir war's, als wenn das Wort: +Hetzpeitsche in den Lueften verhalle! - Mein Fuhrmann, der alles mit +angehoert, mit angesehen, rang die Haende und sprach: 'Ach mein lieber +Herr! nun das geschehen ist, was geschah, so gehen Sie beileibe nicht +in jene Stadt hinein! Kein Hund, wie man zu sagen pflegt, wuerde ein +Stueck Brot von Ihnen nehmen und stete Gefahr Sie bedrohen, geprue-' +Ich liess den Wackern nicht ausreden, sondern wandte meine Schritte +so schnell, als es nur gehen mochte, nach dem naechsten Dorfe. In dem +einsamen Kaemmerlein des einzigen Wirtshauses dieses Dorfes sitze +ich und schreibe Dir, mein geliebter Rufin, dieses alles! - Soviel +es moeglich ist, werde ich Nachrichten einziehen von dem fremden +barbarischen Volke, das in jener Stadt hauset. Von ihren Sitten - +Gebraeuchen - von ihrer Sprache u.s.w. habe ich mir schon manches +hoechst Seltsame erzaehlen lassen und werde Dir getreulich alles +mitteilen etc. etc." + +Du gewahrst, o mein geliebter Leser, dass man ein grosser Gelehrter +und doch mit sehr gewoehnlichen Erscheinungen im Leben unbekannt sein, +und doch ueber Weltbekanntes in die wunderlichsten Traeume geraten +kann. Ptolomaeus Philadelphus hatte studiert und kannte nicht +einmal Studenten und wusste nicht einmal, dass er in dem Dorfe +Hoch-Jakobsheim sass, das bekanntlich dicht bei der beruehmten +Universitaet Kerepes liegt, als er seinem Freunde von einer +Begebenheit schrieb, die sich in seinem Kopfe zum seltsamsten +Abenteuer umgeformt hatte. Der gute Ptolomaeus erschrak, als er +Studenten begegnete, die froehlich und guter Dinge ueber Land zogen zu +ihrer Lust. Welche Angst haette ihn ueberfallen, waere er eine Stunde +frueher in Kerepes angekommen, und haette ihn der Zufall vor das +Haus des Professors der Naturkunde Mosch Terpin gefuehrt! - Hunderte +von Studenten haetten, aus dem Hause herausstroemend, ihn umringt, +laermend disputierend etc., und noch wunderliche Traeume waeren ihm in +den Kopf gekommen ueber diesem Gewirr, ueber diesem Getreibe. + +Die Kollegia Mosch Terpins wurden naemlich in ganz Kerepes am +haeufigsten besucht. Er war, wie gesagt, Professor der Naturkunde, er +erklaerte, wie es regnet, donnert, blitzt, warum die Sonne scheint bei +Tage und der Mond des Nachts, wie und warum das Gras waechst etc., so +dass jedes Kind es begreifen musste. Er hatte die ganze Natur in ein +kleines niedliches Kompendium zusammengefasst, so dass er sie bequem +nach Gefallen handhaben und daraus fuer jede Frage die Antwort wie +aus einem Schubkasten herausziehen konnte. Seinen Ruf begruendete +er zuerst dadurch, als er es nach vielen physikalischen Versuchen +gluecklich herausgebracht hatte, dass die Finsternis hauptsaechlich +von Mangel an Licht herruehre. Dies, sowie, dass er eben +jene physikalischen Versuche mit vieler Gewandtheit in nette +Kunststueckchen umzusetzen wusste und gar ergoetzlichen Hokuspokus +trieb, verschaffte ihm den unglaublichen Zulauf. - Erlaube, mein +guenstiger Leser, dass, da du da viel besser wie der beruehmte +Gelehrte Ptolomaeus Philadelphus Studenten kennst, da du nichts von +seiner traeumerischen Furchtsamkeit weist, ich dich nun nach Kerepes +fuehre vor das Haus des Professors Mosch Terpin, als er eben sein +Kollegium beendet. Einer unter den herausstroemenden Studenten fesselt +sogleich deine Aufmerksamkeit. Du gewahrst einen wohlgestalteten +Juengling von drei- bis vierundzwanzig Jahren, aus dessen dunkel +leuchtenden Augen ein innerer reger, herrlicher Geist mit beredten +Worten spricht. Beinahe keck wuerde sein Blick zu nennen sein, wenn +nicht die schwaermerische Trauer, wie sie auf dem ganzen blassen +Antlitz liegt, einem Schleier gleich die brennenden Strahlen +verhuellte. Sein Rock von schwarzem feinen Tuch, mit gerissenem Samt +besetzt, ist beinahe nach altteutscher Art zugeschnitten, wozu der +zierliche blendendweisse Spitzenkragen, sowie das Samtbarett, das +auf den schoenen kastanienbraunen Locken sitzt, ganz gut passt. Gar +huebsch steht ihm diese Tracht deshalb, weil er seinem ganzen Wesen, +seinem Anstande in Gang und Stellung, seiner bedeutungsvollen +Gesichtsbildung nach wirklich einer schoenen frommen Vorzeit +anzugehoeren scheint und man daher nicht eben an die Ziererei denken +mag, wie sie in kleinlichem Nachaeffen missverstandener Vorbilder +in ebenso missverstandenen Anspruechen der Gegenwart oft an der +Tagesordnung ist. Dieser junge Mann, der dir, geliebter Leser, auf +den ersten Blick so wohlgefaellt, ist niemand anders als der Student +Balthasar, anstaendiger, vermoegender Leute Kind, fromm - verstaendig +- fleissig - von dem ich dir, o mein Leser, in der merkwuerdigen +Geschichte, die ich aufzuschreiben unternommen, gar vieles zu +erzaehlen gedenke. - + +Ernst, in Gedanken vertieft, wie es seine Art war, wandelte Balthasar +aus dem Kollegium des Professors Mosch Terpin dem Tore zu, um sich, +statt auf den Fechtboden, in das anmutige Waeldchen zu begeben, das +kaum ein paar hundert Schritte von Kerepes liegt. Sein Freund Fabian, +ein huebscher Bursche von muntrem Ansehen und ebensolcher Gesinnung, +rannte ihm nach und ereilte ihn dicht vor dem Tore. + +"Balthasar!" - rief nun Fabian laut, "Balthasar, nun, willst du wieder +heraus in den Wald und wie ein melancholischer Philister einsam +umherirren, waehrend tuechtige Burschen sich wacker ueben in der edlen +Fechtkunst! - Ich bitte dich, Balthasar, lass doch endlich ab von +deinem naerrischen, unheimlichen Treiben und sei wieder recht munter +und froh, wie du es sonst wohl warst. Komm! - wir wollen uns in ein +paar Gaengen versuchen, und willst du denn noch heraus, so lauf' ich +wohl mit dir." + +"Du meinst es gut," erwiderte Balthasar, "du meinst es gut, Fabian, +und deswegen will ich nicht mit dir grollen, dass du mir manchmal auf +Steg und Weg nachlaeufst wie ein Besessener und mich um manche Lust +bringst, von der du keinen Begriff hast. Du gehoerst nun einmal zu den +seltsamen Leuten, die jeden, den sie einsam wandeln sehn, fuer einen +melancholischen Narren halten und ihn auf ihre Weise handhaben und +kurieren wollen, wie jener Hofschranz den wuerdigen Prinzen Hamlet, +der dem Maennlein dann, als er versicherte, sich nicht auf das +Floetenblasen zu verstehen, eine tuechtige Lehre gab. Damit will ich +dich, lieber Fabian, nun zwar verschonen, uebrigens dich aber recht +herzlich bitten, dass du dir zu deiner edlen Fechterei mit Rapier +und Hieber einen andern Kumpan suchen und mich ruhig meinen Weg +fortwandeln lassen moegest." "Nein, nein," rief Fabian lachend, "so +entkommst du mir nicht, mein teurer Freund! - Willst du mit mir nicht +auf den Fechtboden, so gehe ich mit dir heraus in das Waeldchen. +Es ist die Pflicht des treuen Freundes, dich in deinem Truebsinn +aufzuheitern. Komm nur, lieber Balthasar, komm nur, wenn du es denn +nicht anders haben willst." + +Damit fasste er den Freund unter den Arm und schritt ruestig mit ihm +von dannen. Balthasar biss in stillem Ingrimm die Zaehne zusammen und +beharrte in finsterm Schweigen, waehrend Fabian in einem Zuge Lustiges +und Lustiges erzaehlte. Es lief viel Albernes mit unter, welches immer +zu geschehen pflegt beim lustigen Erzaehlen in einem Zuge. + +Als sie nun endlich in die kuehlen Schatten des duftenden Waldes +traten, als die Buesche wie in sehnsuechtigen Seufzern fluesterten, +als die wunderbaren Melodien der rauschenden Baeche, die Lieder des +Waldgefluegels fernhin toenten und den Widerhall weckten, der ihnen +aus den Bergen antwortete, da stand Balthasar ploetzlich still +und rief, indem er die Arme weit ausbreitete, als woll' er Baum +und Gebuesch liebend umfangen: "O, nun ist mir wieder wohl! - +unbeschreiblich wohl!" - Fabian schaute den Freund etwas verbluefft +an, wie einer, der nicht klug werden kann aus des andern Rede, der gar +nicht weiss, was er damit anfangen soll. Da fasste Balthasar seine +Hand und rief voll Entzuecken: "Nicht wahr, Bruder, nun geht dir +auch das Herz auf, nun begreifst du auch das selige Geheimnis der +Waldeinsamkeit?" - "Ich verstehe dich nicht ganz, lieber Bruder," +erwiderte Fabian, "aber wenn du meinst, dass dir ein Spaziergang hier +im Walde wohl tut, so bin ich voellig deiner Meinung. Gehe ich nicht +auch gern spazieren, zumal in guter Gesellschaft, in der man ein +vernuenftiges lehrreiches Gespraech fuehren kann? - Z.B. ist es wohl +eine wahre Lust, mit unserm Professor Mosch Terpin ueber Land zu +gehen. Der kennt jedes Pflaenzchen, jedes Graeschen und weiss, wie es +heisst mit Namen und in welche Klasse es gehoert, und versteht sich +auf Wind und Wetter -" "Halt ein," rief Balthasar, "ich bitte dich, +halt ein! - Du beruehrst etwas, das mich toll machen koennte, gaeb' es +sonst keinen Trost dafuer. Die Art, wie der Professor ueber die Natur +spricht, zerreisst mein Inneres. Oder vielmehr, mich fasst dabei +ein unheimliches Grauen, als saeh' ich den Wahnsinnigen, der in +geckenhafter Narrheit Koenig und Herrscher ein selbst gedrehtes +Strohpueppchen liebkost, waehnend, die koenigliche Braut zu umhalsen! +Seine sogenannten Experimente kommen mir vor wie eine abscheuliche +Verhoehnung des goettlichen Wesens, dessen Atem uns in der Natur +anweht und in unserm innersten Gemuet die tiefsten heiligsten Ahnungen +aufregt. Oft gerat' ich in Versuchung, ihm seine Glaeser, seine +Phiolen, seinen ganzen Kram zu zerschmeissen, daecht' ich nicht daran, +dass der Affe ja nicht ablaesst mit dem Feuer zu spielen, bis er sich +die Pfoten verbrennt. - Sieh, Fabian, diese Gefuehle aengstigen mich, +pressen mir das Herz zusammen in Mosch Terpins Vorlesungen, und wohl +mag ich euch dann tiefsinniger und menschenscheuer vorkommen als +jemals. Mir ist dann zumute, als wollten die Haeuser ueber meinem Kopf +zusammenstuerzen, eine unbeschreibliche Angst treibt mich heraus aus +der Stadt. Aber hier, hier erfuellt bald mein Gemuet eine suesse Ruhe. +Auf den blumigen Rasen gelagert, schaue ich herauf in das weite Blaue +des Himmels, und ueber mir, ueber den jubelnden Wald hinweg ziehen +die goldnen Wolken wie herrliche Traeume aus einer fernen Welt +voll seliger Freuden! - O mein Fabian, dann erhebt sich aus meiner +eignen Brust ein wunderbarer Geist, und ich vernehm' es, wie er in +geheimnisvollen Worten spricht mit den Bueschen - mit den Baeumen, mit +den Wogen des Waldbachs, und nicht vermag ich die Wonne zu nennen, die +dann in suessem wehmuetigen Bangen mein ganzes Wesen durchstroemt!" +- "Ei," rief Fabian, "ei, das ist nun wieder das alte ewige Lied von +Wehmut und Wonne und sprechenden Baeumen und Waldbaechen. Alle deine +Verse strotzen von diesen artigen Dingen, die ganz passabel ins Ohr +fallen und mit Nutzen verbraucht werden, sobald man nichts weiter +dahinter sucht. - Aber sage mir, mein vortrefflichster Melancholikus, +wenn dich Mosch Terpins Vorlesungen in der Tat so entsetzlich +kraenken und aergern, sage mir nur, warum in aller Welt du in jede +hineinlaeufst, warum du keine einzige versaeumst und dann freilich +jedesmal stumm und starr mit geschlossen Augen dasitzest wie ein +Traeumender?" - "Frage mich," erwiderte Balthasar, indem er die +Augen niederschlug, "frage mich darum nicht, lieber Freund! - Eine +unbekannte Gewalt zieht mich jeden Morgen hinein in Mosch Terpins +Haus. Ich fuehle im voraus meine Qualen, und doch kann ich nicht +widerstehen, ein dunkles Verhaengnis reisst mich fort!" - "Ha - ha," +- lachte Fabian hell auf, "ha ha ha - wie fein - wie poetisch, wie +mystisch! Die unbekannte Gewalt, die dich hineinzieht in Mosch Terpins +Haus, liegt in den dunkelblauen Augen der schoenen Candida! - Dass +du bis ueber die Ohren verliebt bist in des Professors niedliches +Toechterlein, das wissen wir alle laengst, und darum halten wir dir +deine Fantasterei, dein naerrisches Wesen zugute. Mit Verliebten +ist es nun nicht anders. Du befindest dich im ersten Stadium der +Liebeskrankheit und musst in spaeten Juenglingsjahren dich zu all den +seltsamen Possen bequemen, die wir, ich und viele andere, dem Himmel +sei es gedankt! ohne ein grosses zuschauendes Publikum auf der Schule +durchmachten. Aber glaube mir, mein suesses Herz -" + +Fabian hatte indessen seinen Freund Balthasar wieder beim Arme gefasst +und war mit ihm rasch weitergeschritten. Eben jetzt traten sie heraus +aus dem Dickicht auf den breiten Weg, der mitten durch den Wald +fuehrte. Da gewahrte Fabian, wie aus der Ferne ein Pferd ohne Reiter, +in eine Staubwolke gehuellt, herantrabte. - "Hei, hei!" rief er, +sich in seiner Rede unterbrechend, "hei, hei, da ist eine verfluchte +Schindmaehre durchgegangen und hat ihren Reiter abgesetzt - die +muessen wir fangen und nachher den Reiter suchen im Walde." Damit +stellte er sich mitten in den Weg. + +Naeher und naeher kam das Pferd, da war es, als wenn von beiden Seiten +ein Paar Reitstiefel in der Luft auf und nieder baumelten und auf +dem Sattel etwas Schwarzes sich rege und bewege. Dicht vor Fabian +erschallte ein langes gellendes Prrr - Prrr - und in demselben +Augenblick flogen ihm auch ein Paar Reitstiefel um den Kopf, und +ein kleines seltsames, schwarzes Ding kugelte hin, ihm zwischen die +Beine. Mauerstill stand das grosse Pferd und beschnueffelte mit lang +vorgestrecktem Halse sein winziges Herrlein, das sich im Sande waelzte +und endlich muehsam auf die Beine richtete. Dem kleinen Knirps steckte +der Kopf tief zwischen den hohen Schultern, er war mit seinem Auswuchs +auf Brust und Ruecken, mit seinem kurzen Leibe und seinen hohen +Spinnenbeinchen anzusehen wie ein auf eine Gabel gespiesster Apfel, +dem man ein Fratzengesicht eingeschnitten. Als nun Fabian dies +seltsame kleine Ungetuem vor sich stehen sah, brach er in ein lautes +Gelaechter aus. Aber der Kleine drueckte sich das Barettlein, das er +vom Boden aufgerafft, trotzig in die Augen und fragte, indem er Fabian +mit wilden Blicken durchbohrte, in rauhem, tief heiserem Ton: "Ist +dies der rechte Weg nach Kerepes?" - "Ja, mein Herr!" antwortete +Balthasar mild und ernst und reichte dem Kleinen die Stiefel hin, +die er zusammengesucht hatte. Alles Muehen des Kleinen, die Stiefel +anzuziehen, blieb vergebens, er stuelpte einmal uebers andere um und +waelzte sich stoehnend im Sande. Balthasar stellte beide Stiefel +aufrecht zusammen, hob den Kleinen sanft in die Hoehe und steckte, +ihn ebenso niederlassend, beide Fuesschen in die zu schwere und weite +Futterale. Mit stolzem Wesen, die eine Hand in die Seite gestemmt, die +andere ans Barett gelegt, rief der Kleine: "Gratias, mein Herr!" und +schritt nach dem Pferde hin, dessen Zuegel er fasste. Alle Versuche, +den Steigbuegel zu erreichen oder hinaufzuklimmen auf das grosse Tier, +blieben indessen vergebens. Balthasar, immer ernst und mild, trat +hinzu und hob den Kleinen in den Steigbuegel. Er mochte sich wohl +einen zu starken Schwung gegeben haben, denn in demselben Augenblick, +als er oben sass, lag er auf der andern Seite auch wieder unten. +"Nicht so hitzig, allerliebster Mosje!" rief Fabian, indem er aufs +neue in ein schallendes Gelaechter ausbrach. "Der Teufel ist Ihr +allerliebster Mosje," schrie der Kleine ganz erbost, indem er sich +den Sand von den Kleidern klopfte, "ich bin Studiosus, und wenn Sie +desgleichen sind, so ist es Tusch, dass Sie mir wie ein Hasenfuss +ins Gesicht lachen, und Sie muessen sich morgen in Kerepes mit mir +schlagen!" "Donner," rief Fabian immerfort lachend, "Donner, das ist +mal ein tuechtiger Bursche, ein Allerweltskerl, was Courage betrifft +und echten Komment". Und damit hob er den Kleinen, alles Zappelns und +Straeubens ungeachtet, in die Hoehe und setzte ihn aufs Pferd, das +sofort mit seinem Herrlein lustig wiehernd davontrabte. - Fabian hielt +sich beide Seiten, er wollte vor Lachen ersticken. - "Es ist grausam," +sprach Balthasar, "einen Menschen auszulachen, den die Natur auf +solche entsetzliche Weise verwahrlost hat, wie den kleinen Reiter +dort. Ist er wirklich Student, so musst du dich mit ihm schlagen, und +zwar, laeuft's auch sonst gegen alle akademische Sitte, auf Pistolen, +da er weder Rapier noch Hieber zu fuehren vermag." - "Wie ernst," +sprach Fabian, "wie ernst, wie truebselig du das alles wieder nimmst, +mein lieber Freund Balthasar. Nie ist's mir eingefallen, eine +Missgeburt auszulachen. Aber sage mir, darf solch ein knorpliger +Daeumling sich auf ein Pferd setzen, ueber dessen Hals er nicht +wegzuschauen vermag? Darf er die Fuesslein in solch verrucht weite +Stiefeln stecken? darf er eine knapp anschliessende Kurtka mit tausend +Schnueren und Troddeln und Quasten, darf er solch ein verwunderliches +Samtbarett tragen? darf er solch ein hochmuetiges, trotziges Wesen +annehmen? darf er sich solche barbarische heisere Laute abzwingen? +- Darf er das alles, frage ich, ohne mit Recht als eingefleischter +Hasenfuss ausgelacht zu werden? - Aber ich muss hinein, ich muss den +Rumor mit anschauen, den es geben wird, wenn der ritterliche Studiosus +einzieht auf seinem stolzen Rosse! Mit dir ist doch heute einmal +nichts anzufangen! - Gehab' dich wohl!" - Spornstreichs rannte Fabian +durch den Wald nach der Stadt zurueck. - Balthasar verliess den +offenen Weg und verlor sich in das dichteste Gebuesch, da sank er +hin auf einen Moossitz, erfasst, ja ueberwaeltigt von den bittersten +Gefuehlen. Wohl mocht' es sein, dass er die holde Candida wirklich +liebte, aber er hatte diese Liebe wie ein tiefes, zartes Geheimnis +in dem Innersten seiner Seele vor allen Menschen, ja vor sich selbst +verschlossen. Als nun Fabian so ohne Hehl, so leichtsinnig darueber +sprach, war es ihm, als rissen rohe Haende in frechem Uebermut die +Schleier von dem Heiligenbilde herab, die zu beruehren er nicht +gewagt, als muesse nun die Heilige auf ihn selbst ewig zuernen. Ja, +Fabians Worte schienen ihm eine abscheuliche Verhoehnung seines ganzen +Wesens, seiner suessesten Traeume. + +"Also," rief er in Uebermass seines Unmuts aus, "also fuer einen +verliebten Gecken haeltst du mich, Fabian! - fuer einen Narren, der in +Mosch Terpins Vorlesungen laeuft, um wenigstens eine Stunde hindurch +mit der schoenen Candida unter einem Dache zu sein, der in dem Walde +einsam umherstreift, um auf elende Verse zu sinnen an die Geliebte +und sie noch erbaermlicher aufzuschreiben, der die Baeume verdirbt, +alberne Namenszuege in ihre glatten Rinden einschneidend, der in +Gegenwart des Maedchens kein gescheutes Wort zu Markte bringt, sondern +nur seufzt und aechzt und weinerliche Gesichter schneidet, als litt' +er an Kraempfen, der verwelkte Blumen, die sie am Busen trug, oder gar +den Handschuh, den sie verlor, auf der blossen Brust traegt - kurz, +der tausend kindische Torheiten begeht! - Und darum, Fabian, neckst du +mich, und darum lachen mich wohl alle Burschen aus, und darum bin ich +samt der innern Welt, die mir aufgegangen, vielleicht ein Gegenstand +der Verspottung. - Und die holde - liebliche herrliche Candida -" + +Als er diesen Namen aussprach, fuhr es ihm durchs Herz wie ein +gluehender Dolchstich! - Ach! - eine innere Stimme fluesterte ihm in +dem Augenblick sehr vernehmlich zu, dass er ja nur eben Candidas wegen +in Mosch Terpins Haus gehe, dass er Verse mache an die Geliebte, dass +er ihre Namen einschneide in das Laubholz, dass er in ihrer Gegenwart +verstumme, seufze, aechze, dass er verwelkte Blumen, die sie verlor, +auf der Brust trage, dass er mithin ja wirklich in alle Torheiten +verfalle, wie sie ihm Fabian nur vorruecken koenne. - Erst jetzt +fuehlte er es recht, wie unaussprechlich er die schoene Candida liebe, +aber auch zugleich, dass seltsam genug sich die reinste innigste Liebe +im aeussern Leben etwas geckenhaft gestalte, welches wohl der tiefen +Ironie zuzurechnen, die die Natur in alles menschliche Treiben gelegt. +Er mochte recht haben, ganz unrecht war es indessen, dass er sich +darueber sehr zu aergern begann. Traeume, die ihn sonst umfingen, +waren verloren, die Stimmen des Waldes klangen ihm wie Hohn und Spott, +er rannte zurueck nach Kerepes. + +"Herr Balthasar - mon cher Balthasar" - rief es ihn an. Er schlug den +Blick auf und blieb festgezaubert stehen, denn ihm entgegen kam der +Professor Mosch Terpin, der seine Tochter Candida am Arme fuehrte. +Candida begruesste den zur Bildsaeule Erstarrten mit der heitern +freundlichen Unbefangenheit, die ihr eigen. "Balthasar, mon cher +Balthasar," rief der Professor, "Sie sind in der Tat der fleissigste, +mir der liebste von meinen Zuhoerern! - O mein Bester, ich merk' es +Ihnen an, Sie lieben die Natur mit all ihren Wundern, wie ich, der ich +einen wahren Narren daran gefressen! - Gewiss wieder botanisiert in +unserm Waeldchen! - Was Erspriessliches gefunden? - Nun! - lassen Sie +uns naehere Bekanntschaft machen. - Besuchen Sie mich - jederzeit +willkommen - Koennen zusammen experimentieren - Haben Sie schon meine +Luftpumpe gesehen? - Nun! - mon cher - morgen abend versammelt sich +ein freundschaftlicher Zirkel in meinem Hause, welcher Tee mit +Butterbrot konsumieren und sich in angenehmen Gespraechen erlustigen +wird, vermehren Sie ihn durch Ihre werte Person - Sie werden einen +sehr anziehenden jungen Mann kennen lernen, der mir ganz besonders +empfohlen - Bon soir, mon cher - Guten Abend, Vortrefflicher - a +revoir - Auf Wiedersehen! - Sie kommen doch morgen in die Vorlesung? - +Nun - mon cher, Adieu!" - Ohne Balthasars Antwort abzuwarten, schritt +der Professor Mosch Terpin mit seiner Tochter von dannen. + +Balthasar hatte in seiner Bestuerzung nicht gewagt, die Augen +aufzuschlagen, aber Candidas Blicke brannten hinein in seine Brust, +er fuehlte den Hauch ihres Atems, und suesse Schauer durchbebten sein +innerstes Wesen. + +Entnommen war ihm aller Unmut, er schaute voll Entzuecken der holden +Candida nach, bis sie in den Laubgaengen verschwand. Dann kehrte er +langsam in den Wald zurueck, um herrlicher zu traeumen als jemals. + + + +Drittes Kapitel + +Wie Fabian nicht wusste, was er sagen sollte. - Candida und +Jungfrauen, die nicht Fische essen duerfen. - Mosch Terpins +literarischer Tee. - Der junge Prinz. + +Fabian gedachte, als er den Richtsteig quer durch den Wald lief, dem +kleinen wunderlichen Knirps, der vor ihm davongetrabt, doch wohl +noch zuvorzukommen. Er hatte sich geirrt, denn aus dem Gebuesch +heraustretend, gewahrte er ganz in der Ferne, wie noch ein anderer +stattlicher Reiter sich zu dem Kleinen gesellte und wie nun beide +in das Tor von Kerepes hineinritten. - "Hm!" sprach Fabian zu sich +selbst, "ist der Nussknacker auf seinem grossen Pferde auch schon vor +mir angelangt, so komme ich doch noch zeitig genug zu dem Spektakel, +den es geben wird bei seiner Ankunft. Ist das seltsame Ding wirklich +ein Studiosus, so weiset man nach dem 'Gefluegelten Ross' und haelt +er dort an mit seinem gellenden _Prr_ - _Prr!_ - und wirft die +Reitstiefel voran und sich selbst nach und tut, wenn die Bursche +lachen, wild und trotzig - nun! dann ist das tolle Possenspiel +fertig!" - + +Als Fabian nun die Stadt erreicht, glaubte er in den Strassen, auf +dem Wege nach dem "Gefluegelten Ross" lauter lachenden Gesichtern +zu begegnen. Dem war aber nicht so. Alle Leute gingen ruhig und +ernst vorueber. Ebenso ernsthaft spazierten auf dem Platz vor dem +"Gefluegelten Ross" mehrere Akademiker, die sich dort versammelt, +miteinander sprechend, auf und nieder. Fabian war ueberzeugt, dass der +Kleine wenigstens hier nicht angekommen sein muesse, da gewahrte er, +einen Blick ins Tor des Gasthauses werfend, dass soeben das sehr +kennbare Pferd des Kleinen nach dem Stall gefuehrt wurde. Auf den +ersten besten seiner Bekannten sprang er nun los und fragte, ob denn +nicht ein ganz seltsamer wunderlicher Knirps herangetrabt sei. - Der, +den Fabian fragte, wusste ebensowenig etwas davon als die uebrigen, +denen Fabian nun erzaehlte, was sich mit ihm und dem Daeumling, der +ein Student sein wollen, begeben. Alle lachten sehr, versicherten +indessen, dass ein solches Ding, wie das, was er beschreibe, +keineswegs angelangt. Wohl waeren aber vor kaum zehn Minuten zwei sehr +stattliche Reiter auf schoenen Pferden im Gasthause zum "Gefluegelten +Ross" abgestiegen. "Sass der eine von ihnen auf dem Pferde, das eben +nach dem Stall gefuehrt wurde?" so fragte Fabian. "Allerdings," +erwiderte einer, "allerdings. Der, der auf jenem Pferde sass, war +von etwas kleiner Statur, aber von zierlichem Koerperbau, angenehmen +Gesichtszuegen und hatte die schoensten Lockenhaare, die man sehen +kann. Dabei zeigte er sich als den vortrefflichsten Reiter, denn er +schwang sich mit einer Behendigkeit, mit einem Anstande vom Pferde +herab, wie der erste Stallmeister unseres Fuersten." - "Und," rief +Fabian, "und verlor nicht die Reitstiefel und kugelte euch nicht vor +die Fuesse?" - "Gott behuete," erwiderten alle einstimmig, "Gott +behuete! - was denkst du Bruder! solch ein tuechtiger Reiter wie +der Kleine!" - Fabian wusste gar nicht, was er sagen sollte. Da kam +Balthasar die Strasse herab. Auf den stuerzte Fabian los, zog ihn +heran und erzaehlte, wie der kleine Knirps, der ihnen vor dem Tor +begegnet und vom Pferde herabgefallen, hier eben angekommen sei und +von allen fuer einen schoenen Mann von zierlichem Gliederbau und fuer +den vortrefflichsten Reiter gehalten werde. "Du siehst," erwiderte +Balthasar ernst und gelassen, "du siehst, lieber Bruder Fabian, dass +nicht alle so wie du ueber unglueckliche, von der Natur verwahrloste +Menschen lieblos spottend herfallen." - "Aber du mein Himmel," +fiel ihm Fabian ins Wort, "hier ist ja gar nicht von Spott und +Lieblosigkeit die Rede, sondern nur davon, ob ein drei Fuss hohes +Kerlein, der einem Rettich gar nicht unaehnlich, ein schoener +zierlicher Mann zu nennen?" - Balthasar musste, was Wuchs und Ansehen +des kleinen Studenten betraf, Fabians Aussage bestaetigen. Die andern +versicherten, dass der kleine Reiter ein huebscher zierlicher Mann +sei, wogegen Fabian und Balthasar fortwaehrend behaupteten, sie +haetten nie einen scheusslicheren Daeumling erblickt. Dabei blieb es, +und alle gingen voll Verwunderung auseinander. + +Der spaete Abend brach ein, die beiden Freunde begaben sich zusammen +nach ihrer Wohnung. Da fuhr es dem Balthasar, selbst wusste er nicht +wie, heraus, dass er dem Professor Mosch Terpin begegnet, der ihn +auf den folgenden Abend zu sich geladen. "Ei, du gluecklicher," rief +Fabian, "ei, du uebergluecklicher Mensch! - da wirst du dein Liebchen, +die huebsche Mamsell Candida, sehen, hoeren, sprechen!" - Balthasar, +aufs neue tief verletzt, riss sich los von Fabian und wollte fort. +Doch besann er sich, blieb stehen und sprach, seinen Verdruss mit +Gewalt niederkaempfend: "Du magst recht haben, lieber Bruder, dass +du mich fuer einen albernen verliebten Gecken haeltst, ich bin es +vielleicht wirklich. Aber diese Albernheit ist eine tiefe schmerzhafte +Wunde, die meinem Gemuet geschlagen, und die, auf unvorsichtige Weise +beruehrt, im heftigeren Weh mich zu allerlei Tollheit aufreizen +koennte. Darum, Bruder, wenn du mich wirklich lieb hast, so nenne mir +nicht mehr den Namen Candida!" - "Du nimmst," erwiderte Fabian, "du +nimmst, mein lieber Freund Balthasar, die Sache wieder entsetzlich +tragisch, und anders laesst sich das auch in deinem Zustande nicht +erwarten. Aber um mit dir nicht in allerlei haesslichen Zwiespalt zu +geraten, verspreche ich, dass der Name Candida nicht eher ueber meine +Lippen kommen soll, bis du selbst mir Gelegenheit dazu gibst. Nur +so viel erlaube mir heute noch zu sagen, dass ich allerlei Verdruss +vorausgehe, in den dich dein Verliebtsein stuerzen wird. Candida +ist ein gar huebsches herrliches Maegdlein, aber zu deiner +melancholischen, schwaermerischen Gemuetsart passt sie ganz und gar +nicht. Wirst du naeher mit ihr bekannt, so wird ihr unbefangenes +heitres Wesen dir Mangel an Poesie, die du ueberall vermissest, +scheinen. Du wirst in allerlei wunderliche Traeumereien geraten, und +das Ganze wird mit entsetzlichem eingebildeten Weh und genuegender +Verzweiflung tumultuarisch enden. - Uebrigens bin ich ebenso wie du +auf morgen zu unserm Professor eingeladen, der uns mit sehr schoenen +Experimenten unterhalten wird! - Nun gute Nacht, fabelhafter Traeumer! +Schlafe, wenn du schlafen kannst vor solch wichtigem Tage wie der +morgende!" + +Damit verliess Fabian den Freund, der in tiefes Nachdenken versunken. +- Fabian mochte nicht ohne Grund allerlei pathetische Ungluecksmomente +voraussehen, die sich mit Candida und Balthasar wohl zutragen konnten; +denn beider Wesen und Gemuetsart schien in der Tat Anlass genug dazu +zu geben. + +Candida war, jeder musste das eingestehen, ein bildhuebsches Maedchen, +mit recht ins Herz hinein strahlenden Augen und etwas aufgeworfenen +Rosenlippen. Ob ihre uebrigens schoenen Haare, die sie in wunderlichen +Flechten gar fantastisch aufzunesteln wusste, mehr blond oder mehr +braun zu nennen, habe ich vergessen, nur erinnere ich mich sehr gut +der seltsamen Eigenschaft, dass sie immer dunkler und dunkler wurden, +je laenger man sie anschaute. Von schlankem hohen Wuchs, leichter +Bewegung, war das Maedchen, zumal in lebenslustiger Umgebung, +die Huld, die Anmut selbst, und man uebersah es bei so vielem +koerperlichen Reiz sehr gern, dass Hand und Fuss vielleicht kleiner +und zierlicher haetten gebaut sein koennen. Dabei hatte Candida +Goethes "Wilhelm Meister", Schillers Gedichte und Fouques "Zauberring" +gelesen und beinahe alles, was darin enthalten, wieder vergessen; +spielte ganz passabel das Pianoforte, sang sogar zuweilen dazu; tanzte +die neuesten Francaisen und Gavotten und schrieb die Waschzettel mit +einer feinen leserlichen Hand. Wollte man durchaus an dem lieben +Maedchen etwas aussetzen, so war es vielleicht, dass sie etwas zu tief +sprach, sich zu fest einschnuerte, sich zu lange ueber einen neuen +Hut freute und zuviel Kuchen zum Tee verzehrte. Ueberschwenglichen +Dichtern war freilich noch vieles andere an der huebschen Candida +nicht recht, aber was verlangen die auch alles. Fuers erste wollen +sie, dass das Fraeulein ueber alles, was sie von sich verlauten +lassen, in ein somnambueles Entzuecken gerate, tief seufze, die Augen +verdrehe, gelegentlich auch wohl was weniges ohnmaechtle oder gar +zurzeit erblinde als hoechste Stufe der weiblichsten Weiblichkeit. +Dann muss besagtes Fraeulein des Dichters Lieder singen nach der +Melodie, die ihm (dem Fraeulein) selbst aus dem Herzen gestroemt, +augenblicklich aber davon krank werden und selbst auch wohl Verse +machen, sich aber sehr schaemen, wenn es herauskommt, ungeachtet die +Dame dem Dichter ihre Verse, auf sehr feinem wohlriechenden Papier mit +zarten Buchstaben geschrieben, selbst in die Haende spielte, der dann +auch seinerseits vor Entzuecken darueber erkrankt, welches ihm gar +nicht zu verdenken ist. Es gibt poetische Aszetiker, die noch weiter +gehen und es aller weiblichen Zartheit entgegen finden, dass ein +Maedchen lachen, essen und trinken und sich zierlich nach der Mode +kleiden sollte. Sie gleichen beinahe dem heiligen Hieronymus, der +den Jungfrauen verbietet Ohrgehaenge zu tragen und Fische zu essen. +Sie sollen, so gebietet der Heilige, nur etwas zubereitetes Gras +geniessen, bestaendig hungrig sein, ohne es zu fuehlen, sich in +grobe, schlecht genaehte Kleider huellen, die ihren Wuchs verbergen, +vorzueglich aber eine Person zur Gefaehrtin waehlen, die ernsthaft, +bleich, traurig und etwas schmutzig ist! - + +Candida war durch und durch ein heitres unbefangenes Wesen, deshalb +ging ihr nichts ueber ein Gespraech, das sich auf den leichten +luftigen Schwingen des unverfaenglichsten Humors bewegte. Sie lachte +recht herzlich ueber alles Drollige; sie seufzte nie, als wenn +Regenwetter ihr den gehofften Spaziergang verdarb oder, aller Vorsicht +ungeachtet, der neue Shawl einen Fleck bekommen hatte. Dabei blickte, +gab es wirklichen Anlass dazu, ein tiefes inniges Gefuehl hindurch, +das nie in schale Empfindelei ausarten durfte, und so mochte mir +und dir, geliebter Leser, die wir nicht zu den Ueberschwenglichen +gehoeren, das Maedchen eben ganz recht sein. Sehr leicht konnte es +mit Balthasar sich anders verhalten! - Doch bald muss es sich ja wohl +zeigen, inwiefern der prosaische Fabian richtig prophezeit hatte oder +nicht! - + +Dass Balthasar vor lauter Unruhe, vor unbeschreiblichem suessen Bangen +die ganze Nacht hindurch nicht schlafen konnte: was war natuerlicher +als das. Ganz erfuellt von dem Bilde der Geliebten, setzte er sich hin +an den Tisch und schrieb eine ziemliche Anzahl artiger wohlklingender +Verse nieder, die in einer mystischen Erzaehlung von der Liebe der +Nachtigall zur Purpurrose seinen Zustand schilderten. Die wollt' er +mitnehmen in Mosch Terpins literarischen Tee und damit losfahren auf +Candidas unbewahrtes Herz, wenn und wie es nur moeglich. + +Fabian laechelte ein wenig, als er, der Verabredung gemaess, zur +bestimmten Stunde kam, um seinen Freund Balthasar abzuholen, und ihn +zierlicher geputzt fand, als er ihn jemals gesehen. Er hatte einen +gezackten Kragen von den feinsten Bruessler Kanten umgetan, sein +kurzes Kleid mit geschlitzten Aermeln war von gerissenem Samt. Und +dazu trug er franzoesische Stiefeln mit hohen spitzen Absaetzen und +silbernen Fransen, einen englischen Hut vom feinsten Kastor und +daenische Handschuhe. So war er ganz deutsch gekleidet, und der Anzug +stand ihm ueber alle Massen gut, zumal er sein Haar schoen kraeuseln +lassen und das kleine Stutzbaertchen wohl aufgekaemmt hatte. + +Das Herz bebte dem Balthasar vor Entzuecken, als in Mosch Terpins +Hause Candida ihm entgegentrat, ganz in der Tracht der altdeutschen +Jungfrau, freundlich, anmutig in Blick und Wort, im ganzen Wesen, +wie man sie immer zu sehen gewohnt. "Mein holdseligstes Fraeulein!" +seufzte Balthasar aus dem Innersten auf, als Candida, die suesse +Candida selbst, eine Tasse dampfenden Tee ihm darbot. Candida schaute +ihn aber an mit leuchtenden Augen und sprach: "Hier ist Rum und +Maraschino, Zwieback und Pumpernickel, lieber Herr Balthasar, greifen +Sie doch nur gefaelligst zu nach Ihrem Belieben!" Statt aber auf +Rum und Maraschino, Zwieback oder Pumpernickel zu schauen oder +gar zuzugreifen, konnte der begeisterte Balthasar den Blick voll +schmerzlicher Wehmut der innigsten Liebe nicht abwenden von der holden +Jungfrau und rang nach Worten, die aus tiefster Seele aussprechen +sollten, was er eben empfand. Da fasste ihn aber der Professor der +Aesthetik, ein grosser baumstarker Mann, mit gewaltiger Faust von +hinten, drehte ihn herum, dass er mehr Teewasser auf den Boden +verschuettete, als eben schicklich, und rief mit donnernder Stimme: +"Bester Lukas Kranach, saufen Sie nicht das schnoede Wasser, Sie +verderben sich den deutschen Magen total - dort im andern Zimmer hat +unser tapfere Mosch eine Batterie der schoensten Flaschen mit edlem +Rheinwein aufgepflanzt, die wollen wir sofort spielen lassen!" - Er +schleppte den ungluecklichen Juengling fort. + +Doch aus dem Nebenzimmer trat ihnen der Professor Mosch Terpin +entgegen, ein kleines, sehr seltsames Maennlein an der Hand fuehrend +und laut rufend: "Hier, meine Damen und Herren, stelle ich Ihnen einen +mit den seltensten Eigenschaften hochbegabten Juengling vor, dem +es nicht schwer fallen wird, sich Ihr Wohlwollen, Ihre Achtung zu +erwerben. Es ist der junge Herr Zinnober, der erst gestern auf unsere +Universitaet gekommen und die Rechte zu studieren gedenkt!" - Fabian +und Balthasar erkannten auf den ersten Blick den kleinen wunderlichen +Knirps, der vor dem Tore ihnen entgegengesprengt und vom Pferde +gestuerzt war. + +"Soll ich," sprach Fabian leise zu Balthasar, "soll ich denn noch das +Alraeunchen herausfordern auf Blasrohr oder Schusterpfriem? Anderer +Waffen kann ich mich doch nicht bedienen wider diesen furchtbaren +Gegner." + +"Schaeme dich," erwiderte Balthasar, "schaeme dich, dass du den +verwahrlosten Mann verspottest, der, wie du hoerst, die seltensten +Eigenschaften besitzt und _so_ durch geistigen Wert das ersetzt, was +die Natur ihm an koerperlichen Vorzuegen versagte." Dann wandte er +sich zum Kleinen und sprach: "Ich hoffe nicht, bester Herr Zinnober, +dass Ihr gestriger Fall vom Pferde etwa schlimme Folgen gehabt haben +wird?" Zinnober hob sich aber, indem er einen kleinen Stock, den er in +der Hand trug, hinten unterstemmte, auf den Fussspitzen in die Hoehe, +so dass er dem Balthasar beinahe bis an den Guertel reichte, warf den +Kopf in den Nacken, schaute mit wildfunkelnden Augen herauf und sprach +in seltsam schnurrendem Basston: "Ich weiss nicht, was Sie wollen, +wovon Sie sprechen, mein Herr! Vom Pferde gefallen? - _ich_ vom Pferde +gefallen? - Sie wissen wahrscheinlich nicht, dass ich der beste Reiter +bin, den es geben kann, dass ich niemals vom Pferde falle, dass ich +als Freiwilliger unter den Kuerassieren den Feldzug mitgemacht und +Offizieren und Gemeinen Unterricht gab im Reiten auf der Manege! - hm +hm - vom Pferde fallen - ich vom Pferde fallen!" - Damit wollte er +sich rasch umwenden, der Stock, auf den er sich gestuetzt, glitt aber +aus, und der Kleine torkelte um und um, dem Balthasar vor die Fuesse. +Balthasar griff herab nach dem Kleinen, ihm aufzuhelfen, und beruehrte +dabei unversehens sein Haupt. Da stiess der Kleine einen gellenden +Schrei aus, dass es im ganzen Saal widerhallte und die Gaeste +erschrocken auffuhren von ihren Sitzen. Man umringte den Balthasar +und fragte durcheinander, warum er denn um des Himmels willen so +entsetzlich geschrieen. "Nehmen Sie es nicht uebel, bester Herr +Balthasar," sprach der Professor Mosch Terpin, "aber das war ein etwas +wunderlicher Spass. Denn wahrscheinlich wollten Sie uns doch glauben +machen, es trete hier jemand einer Katze auf den Schwanz!" "Katze +Katze - weg mit der Katze!" rief eine nervenschwache Dame und fiel +sofort in Ohnmacht, und mit dem Geschrei: "Katze - Katze" - rannten +ein paar alte Herren, die an derselben Idiosynkrasie litten, zur Tuere +hinaus. + +Candida, die ihr ganzes Riechflaeschchen auf die ohnmaechtige Dame +ausgegossen, sprach leise zu Balthasar: "Aber was richten Sie auch +fuer Unheil an mit Ihrem haesslichen gellenden Miau, lieber Herr +Balthasar!" + +Dieser wusste gar nicht, wie ihm geschah. Glutrot im ganzen Gesicht +vor Unwillen und Scham, vermochte er kein Wort herauszubringen, nicht +zu sagen, dass es ja der kleine Herr Zinnober und nicht _er_ gewesen, +der so entsetzlich gemauzt. + +Der Professor Mosch Terpin sah des Juenglings schlimme Verlegenheit. +Er nahte sich ihm freundlich und sprach: "Nun, nun, lieber Herr +Balthasar, sein Sie doch nur ruhig. Ich habe wohl alles bemerkt. +Sich zur Erde bueckend, auf allen Vieren huepfend, ahmten Sie den +gemisshandelten grimmigen Kater herrlich nach. Ich liebe sonst sehr +dergleichen naturhistorische Spiele, doch hier im literarischen Tee" +- "Aber," platzte Balthasar heraus, "aber, vortrefflichster Herr +Professor, ich war es ja nicht." - "Schon gut - schon gut," fiel ihm +der Professor in die Rede. Candida trat zu ihnen. "Troeste mir," +sprach der Professor zu dieser, "troeste mir doch den guten Balthasar, +der ganz betreten ist ueber alles Unheil, was geschehen." + +Der gutmuetigen Candida tat der arme Balthasar, der ganz verwirrt mit +niedergesenktem Blick vor ihr stand, herzlich leid. Sie reichte ihm +die Hand und lispelte mit anmutigem Laecheln: "Es sind aber auch recht +komische Leute, die sich so entsetzlich vor Katzen fuerchten." + +Balthasar drueckte Candidas Hand mit Inbrunst an die Lippen. Candida +liess den seelenvollen Blick ihrer Himmelsaugen auf ihm ruhen. Er war +verzueckt in den hoechsten Himmel und dachte nicht mehr an Zinnober +und Katzengeschrei. - Der Tumult war vorueber, die Ruhe wieder +hergestellt. Am Teetisch sass die nervenschwache Dame und genoss +mehreren Zwieback, den sie in Rum tunkte, versichernd, an dergleichen +erlabe sich das von feindlicher Macht bedrohte Gemuet, und dem jaehen +Schreck folge sehnsuechtig Hoffen! - + +Auch die beiden alten Herren, denen draussen wirklich ein fluechtiger +Kater zwischen die Beine gelaufen, kehrten beruhigt zurueck und +suchten, wie mehrere andere, den Spieltisch. + +Balthasar, Fabian, der Professor der Aesthetik, mehrere junge Leute +setzten sich zu den Frauen. Herr Zinnober hatte sich indessen eine +Fussbank herangerueckt und war mittelst derselben auf das Sofa +gestiegen, wo er nun in der Mitte zwischen zwei Frauen sass und stolze +funkelnde Blicke um sich warf. + +Balthasar glaubte, dass der rechte Augenblick gekommen, mit seinem +Gedicht von der Liebe der Nachtigall zur Purpurrose hervorzuruecken. +Er aeusserte daher mit der gehoerigen Verschaemtheit, wie sie bei +jungen Dichtern im Brauch ist, dass er, duerfe er nicht fuerchten, +Ueberdruss und Langeweile zu erregen, duerfe er auf guetige Nachsicht +der geehrten Versammlung hoffen, es wagen wolle, ein Gedicht, das +juengste Erzeugnis seiner Muse, vorzulesen. + +Da die Frauen schon hinlaenglich ueber alles verhandelt, was sich +Neues in der Stadt zugetragen, die Maedchen den letzten Ball bei dem +Praesidenten gehoerig durchgesprochen und sogar ueber die Normalform +der neuesten Huete einig worden, da die Maenner unter zwei Stunden +nicht auf weitere Speis- und Traenkung rechnen durften, so wurde +Balthasar einstimmig aufgefordert, der Gesellschaft ja den herrlichen +Genuss nicht vorzuenthalten. + +Balthasar zog das sauber geschriebene Manuskript hervor und las. + +Sein eignes Werk, das in der Tat aus wahrhaftem Dichtergemuet mit +voller Kraft, mit regem Leben hervorgestroemt, begeisterte ihn mehr +und mehr. Sein Vortrag, immer leidenschaftlicher steigend, verriet die +innere Glut des liebenden Herzens. Er bebte vor Entzuecken, als leise +Seufzer - manches leise Ach - der Frauen, mancher Ausruf der Maenner: +"Herrlich - vortrefflich - goettlich!" ihn ueberzeugten, dass sein +Gedicht alle hinriss. + +Endlich hatte er geendet. Da riefen alle: "Welch ein Gedicht! - +welche Gedanken - welche Fantasie - was fuer schoene Verse - welcher +Wohlklang - Dank - Dank Ihnen, bester Herr Zinnober, fuer den +goettlichen Genuss" - + +"Was? wie?" rief Balthasar; aber niemand achtete auf ihn, sondern +stuerzte auf Zinnober zu, der sich auf dem Sofa blaehte wie ein +kleiner Puter und mit widriger Stimme schnarchte: "Bitte recht sehr - +bitte recht sehr - muessen so vorlieb nehmen! - ist eine Kleinigkeit, +die ich erst vorige Nacht aufschrieb in aller Eil'!" - Aber der +Professor der Aesthetik schrie: "Vortrefflicher - goettlicher +Zinnober! Herzensfreund, ausser mir bist du der erste Dichter, den es +jetzt gibt auf Erden! - Komm an meine Brust, schoene Seele!" - Damit +riss er den Kleinen vom Sofa auf in die Hoehe und herzte und kuesste +ihn. Zinnober betrug sich dabei sehr ungebaerdig. Er arbeitete mit den +kleinen Beinchen auf des Professors dickem Bauch herum und quaekte: +"Lass mich los - lass mich los - es tut mir weh - weh - weh ich kratz' +dir die Augen aus - ich beiss' dir die Nase entzwei!" - "Nein," rief +der Professor, indem er den Kleinen niedersetzte auf den Sofa, "nein, +holder Freund, keine zu weit getriebene Bescheidenheit!" - Mosch +Terpin war nun auch vom Spieltisch herangetreten, der nahm Zinnobers +Haendchen, drueckte es und sprach sehr ernst: "Vortrefflich, junger +Mann! - nicht zuviel, nein, nicht genug sprach man mir von dem hohen +Genius, der Sie beseelt." "Wer ist's," rief nun wieder der Professor +der Aesthetik in voller Begeisterung aus, "wer ist's von euch +Jungfrauen, der dem herrlichen Zinnober sein Gedicht, das das innigste +Gefuehl der reinsten Liebe ausspricht, lohnt durch einen Kuss?" + +Da stand Candida auf, nahete sich, volle Glut auf den Wangen, dem +Kleinen, kniete nieder und kuesste ihn auf den garstigen Mund mit +blauen Lippen. "Ja," schrie nun Balthasar, wie vom Wahnsinn ploetzlich +erfasst, "ja, Zinnober - goettlicher Zinnober, du hast das tiefsinnige +Gedicht gemacht von der Nachtigall und der Purpurrose, dir gebuehrt +der herrliche Lohn, den du erhalten!" - + +Und damit riss er den Fabian ins Nebenzimmer hinein und sprach: "Tu +mir den Gefallen und schaue mich recht fest an und dann sage mir +offen und ehrlich, ob ich der Student Balthasar bin oder nicht, ob du +wirklich Fabian bist, ob wir in Mosch Terpins Hause sind, ob wir im +Traume liegen - ob wir naerrisch sind - zupfe mich an der Nase oder +ruettle mich zusammen, damit ich nur erwache aus diesem verfluchten +Spuk!" - + +"Wie magst," erwiderte Fabian, "wie magst du dich denn nur so toll +gebaerden aus purer heller Eifersucht, weil Candida den Kleinen +kuesste. Gestehen musst du doch selbst, dass das Gedicht, welches +der Kleine vorlas, in der Tat vortrefflich war." - "Fabian," rief +Balthasar mit dem Ausdruck des tiefsten Erstaunens, "was sprichst du +denn?" "Nun ja," fuhr Fabian fort, "nun ja, das Gedicht des Kleinen +war vortrefflich, und gegoennt hab' ich ihm Candidas Kuss. - +Ueberhaupt scheint hinter dem seltsamen Maennlein allerlei zu stecken, +das mehr wert ist als eine schoene Gestalt. Aber was auch selbst +seine Figur betrifft, so kommt er mir jetzt nichts weniger als so +abscheulich vor wie anfangs. Beim Ablesen des Gedichts verschoenerte +die innere Begeisterung seine Gesichtszuege, so dass er mir oft ein +anmutiger wohlgewachsener Juengling zu sein schien, ungeachtet er doch +kaum ueber den Tisch hervorragte. Gib deine unnuetze Eifersucht auf, +befreunde dich als Dichter mit dem Dichter!" + +"Was," schrie Balthasar voll Zorn, "was? - noch befreunden mit dem +verfluchten Wechselbalge, den ich erwuergen moechte mit diesen +Faeusten?" + +"So," sprach Fabian, "so verschliessest du dich denn aller Vernunft. +Doch lass uns in den Saal zurueckkehren, wo sich etwas Neues begeben +muss, da ich laute Beifallsrufe vernehme." + +Mechanisch folgte Balthasar dem Freunde in den Saal. + +Als sie eintraten, stand der Professor Mosch Terpin allein in +der Mitte, die Instrumente noch in der Hand, womit er irgendein +physikalisches Experiment gemacht, starres Staunen im Gesicht. Die +ganze Gesellschaft hatte sich um den kleinen Zinnober gesammelt, der, +den Stock untergestemmt, auf den Fussspitzen dastand und mit stolzem +Blick den Beifall einnahm, der ihm von allen Seiten zustroemte. +Man wandte sich wieder zum Professor, der ein anderes sehr artiges +Kunststueckchen machte. Kaum war es fertig, als wiederum alle, den +Kleinen umringend, riefen: "Herrlich - vortrefflich, lieber Herr +Zinnober!" - + +Endlich sprang auch Mosch Terpin zu dem Kleinen hin und rief zehnmal +staerker als die uebrigen: "Herrlich - vortrefflich, lieber Herr +Zinnober!" + +Es befand sich in der Gesellschaft der junge Fuerst Gregor, der +auf der Universitaet studierte. Der Fuerst war von der anmutigsten +Gestalt, die man nur sehen konnte, und dabei war sein Betragen so edel +und ungezwungen, dass sich die hohe Abkunft, die Gewohnheit, sich in +den vornehmsten Kreisen zu bewegen, darin deutlich aussprach. + +Fuerst Gregor war es nun, der gar nicht von Zinnober wich und ihn +als den herrlichsten Dichter, den geschicktesten Physiker ueber alle +Massen lobte. + +Seltsam war die Gruppe, die beide, zusammenstehend, bildeten. Gegen +den herrlich gestalteten Gregor stach gar wunderlich das winzige +Maennlein ab, das mit hoch emporgereckter Nase sich kaum auf den +duennen Beinchen zu erhalten vermochte. Alle Blicke der Frauen waren +hingerichtet, aber nicht auf den Fuersten, sondern auf den Kleinen, +der, sich auf den Fussspitzen hebend, immer wieder herabsank und so +hinauf und hinunter wankte wie ein Cartesianisches Teufelchen. + +Der Professor Mosch Terpin trat zu Balthasar und sprach: "Was sagen +Sie zu meinem Schuetzling, zu meinem lieben Zinnober? Viel steckt +hinter dem Mann, und nun ich ihn so recht anschaue, ahne ich wohl die +eigentliche Bewandtnis, die es mit ihm haben mag. Der Prediger, der +ihn erzogen und mir empfohlen hat, drueckt sich ueber seine Abkunft +sehr geheimnisvoll aus. Betrachten Sie aber nur den edlen Anstand, +sein vornehmes, ungezwungenes Betragen. Er ist gewiss von fuerstlichem +Gebluet, vielleicht gar ein Koenigssohn!" - In dem Augenblick wurde +gemeldet, das Mahl sei angerichtet. Zinnober torkelte ungeschickt hin +zur Candida, ergriff taeppisch ihre Hand und fuehrte sie nach dem +Speisesaal. + +In voller Wut rannte der unglueckliche Balthasar durch die finstre +Nacht, durch Sturmwind und Regen fort, nach Hause. + + + +Viertes Kapitel + +Wie der italienische Geiger Sbiocca den Herrn Zinnober in den +Kontrabass zu werfen drohte, und der Referendarius Pulcher nicht zu +auswaertigen Angelegenheiten gelangen konnte. - Von Maut-Offizianten +und zurueckbehaltenen Wundern fuers Haus. - Balthasars Bezauberung +durch einen Stockknopf. + +Auf einem hervorragenden bemoosten Gestein im einsamsten Walde sass +Balthasar und schaute gedankenvoll hinab in die Tiefe, in der ein Bach +schaeumend fortbrauste zwischen Felsstuecken und dicht verwachsenem +Gestruepp. Dunkle Wolken zogen daher und tauchten nieder hinter den +Bergen; das Rauschen der Baeume, der Gewaesser ertoente wie ein +dumpfes Winseln, und dazwischen kreischten Raubvoegel, die aus dem +finstern Dickicht aufstiegen in den weiten Himmelsraum und sich +nachschwangen dem fliehenden Gewoelk. - + +Dem Balthasar war, als vernehme er in den wunderbaren Stimmen des +Waldes die trostlose Klage der Natur, als muesse er selbst untergehen +in dieser Klage, als sei sein ganzes Sein nur das Gefuehl des tiefsten +unverwindlichsten Schmerzes. Das Herz wollte ihm springen vor Wehmut, +und indem haeufige Traenen aus seinen Augen troepfelten, war es, +als blickten die Geister des Waldstroms zu ihm herauf und streckten +schneeweisse Arme empor aus den Wellen, ihn hinabzuziehen in den +kuehlen Grund. + +Da schwebte aus weiter Ferne durch die Luefte daher heller froehlicher +Hoernerklang und legte sich troestend an seine Brust, und die +Sehnsucht erwachte in ihm und mit ihr suesses Hoffen. Er sah umher, +und indem die Hoerner forttoenten, duenkten ihm die gruenen Schatten +des Waldes nicht mehr so traurig, nicht mehr so klagend das Rauschen +des Windes, das Fluestern der Gebuesche. Er kam zu Worten. + +"Nein," rief er aus, indem er aufsprang von seinem Sitz und mit +leuchtendem Blick in die Ferne schaute, "nein, noch verschwand nicht +alle Hoffnung! - Nur zu gewiss ist es, dass irgendein duestres +Geheimnis, irgendein boeser Zauber verstoerend in mein Leben +getreten ist, aber ich breche diesen Zauber, und sollt' ich darueber +untergehen! Als ich endlich hingerissen, uebermannt von dem Gefuehl, +das meine Brust zersprengen wollte, der holden, suessen Candida meine +Liebe gestand, las ich denn nicht in ihren Blicken, fuehlte ich nicht +an dem Druck ihrer Hand meine Seligkeit? - Aber sowie das verdammte +kleine Ungetuem sich sehen laesst, ist ihm alle Liebe zugewandt. +An ihr, der vermaledeiten Missgeburt, haengen Candidas Augen, und +sehnsuechtige Seufzer entfliehen ihrer Brust, wenn der taeppische +Junge sich ihr naehert oder gar ihre Hand beruehrt. - Es muss mit ihm +irgendeine geheimnisvolle Bewandtnis haben, und sollt' ich an alberne +Ammenmaerchen glauben, ich wuerde behaupten, der Junge sei verhext und +koenne es, wie man zu sagen pflegt, den Leuten antun. Ist es nicht +toll, dass alle ueber das missgestaltete, durch und durch verwahrloste +Maennlein spotten und lachen und dann wieder, tritt der Kleine +dazwischen, ihn als den verstaendigsten, gelehrtesten, ja +wohlgestaltetsten Herrn Studiosum ausschreien, der sich eben unter uns +befindet? - Was sage ich! geht es mir nicht beinahe selbst so, kommt +es mir nicht auch oft vor, als sei Zinnober gescheut und huebsch? - +Nur in Candidas Gegenwart hat der Zauber keine Macht ueber mich, da +ist und bleibt Herr Zinnober ein dummes, abscheuliches Alraeunchen. - +Doch! - ich stemme mich entgegen der feindlichen Macht, eine dunkle +Ahnung ruht tief in meinem Innern, irgend etwas Unerwartetes werde mir +die Waffe in die Hand geben wider den boesen Unhold!" - + +Balthasar suchte den Rueckweg nach Kerepes. In einem Baumgange +fortwandernd, bemerkte er auf der Landstrasse einen kleinen bepackten +Reisewagen, aus dem ihm jemand mit einem weissen Tuch freundlich +zuwinkte. Er trat heran und erkannte Herrn Vincenzo Sbiocca, +weltberuehmten Virtuosen auf der Geige, den er wegen seines +vortrefflichen ausdrucksvollen Spiels ueber alle Massen hochschaetzte +und bei dem er schon seit zwei Jahren Unterricht genommen. "Gut," +rief Sbiocca, indem er aus dem Wagen sprang, "gut, mein lieber Herr +Balthasar, mein teurer Freund und Schueler, gut, dass ich Sie hier +noch treffe, um von Ihnen herzlichen Abschied nehmen zu koennen." + +"Wie," sprach Balthasar, "wie Herr Sbiocca, Sie verlassen doch nicht +Kerepes, wo alles Sie ehrt und achtet, wo keiner Sie missen mag?" + +"Ja," erwiderte Sbiocca, indem ihm alle Glut des innern Zorns ins +Gesicht trat, "ja, Herr Balthasar, ich verlasse einen Ort, in dem die +Leute saemtlich naerrisch sind, der einem grossen Irrenhause gleicht. +- Sie waren gestern nicht in meinem Konzert, da Sie ueber Land +gegangen, sonst haetten Sie mir beistehen koennen gegen das rasende +Volk, dem ich unterlegen." + +"Was ist geschehen, um tausend Himmels willen, was ist geschehen?" +rief Balthasar. + +"Ich spiele," fuhr Sbiocca fort, "das schwierigste Konzert von Viotti. +Es ist mein Stolz, meine Freude. Sie haben es von mir gehoert, es hat +Sie nie unbegeistert gelassen. Gestern war ich, wohl mag ich es sagen, +ganz vorzueglich bei guter Laune - anima mein' ich, heitren Geistes +- spirito alato mein' ich. Kein Violinspieler auf der ganzen weiten +Erde, Viotti selbst haette mir nicht nachgespielt. Als ich geendet, +bricht der Beifall mit aller Wut los - furore mein' ich, wie ich +erwartet. Geige unter dem Arm trete ich vor, mich hoeflichst zu +bedanken. - Aber! was muss ich sehen, was muss ich hoeren! - Alles, +ohne mich nur im mindesten zu beachten, draengt sich nach einer Ecke +des Saals und schreit: 'Bravo - bravissimo, goettlicher Zinnober! +- welch ein Spiel - welche Haltung, welcher Ausdruck, welche +Fertigkeit!' - Ich renne hin, draenge mich durch! - da steht ein drei +Spannen hoher verwachsener Kerl und schnarrt mit widriger Stimme: +'Bitte, bitte, recht sehr, habe gespielt, wie es in meinen Kraeften +stand, bin freilich nunmehr der staerkste Violinist in Europa und den +uebrigen bekannten Weltteilen.' 'Tausend Teufel,' schrie ich, 'wer hat +denn gespielt, ich oder der Erdwurm da!' - Und als der Kleine immer +fortschnarcht: 'Bitte, bitte ergebenst,' will ich auf ihn los und +ihn fassen, in die ganze Applikatur greifend. Aber da stuerzen sie +auf mich los und reden wahnsinniges Zeug von Neid, Eifersucht und +Missgunst. Unterdessen ruft einer: 'Und welche Komposition!' und alle +einstimmig rufen hintendrein: 'Und welche Komposition - goettlicher +Zinnober! - sublimer Komponist!' Noch aerger als zuvor schrie ich: +'Ist denn alles rasend - besessen? das Konzert war von Viotti, und ich +- ich - der weltberuehmte Vincenzo Sbiocca hat es gespielt!' Aber nun +packen sie mich fest, sprechen von italienischer Tollheit - rabbia +mein' ich, von seltsamen Zufaellen, bringen mich mit Gewalt in ein +Nebenzimmer, behandeln mich wie einen Kranken, wie einen Wahnsinnigen. +Nicht lange dauert es, so stuerzt Signora Bragazzi hinein und faellt +ohnmaechtig nieder. Ihr war es ergangen wie mir. Sowie sie ihre Arie +geendet, erdroehnte der Saal von dem: 'Brava - bravissima - Zinnober,' +und alle schrien, keine solche Saengerin gaeb' es mehr auf Erden als +Zinnober, und der schnarchte wieder sein verfluchtes: 'Bitte - bitte!' +- Signora Bragazzi liegt im Fieber und wird baldigst verscheiden; ich +meinesteils rette mich durch die Flucht vor dem wahnsinnigen Volke. +Leben Sie wohl, bester Herr Balthasar! - Sehn Sie etwa den Signorino +Zinnober, so sagen Sie ihm gefaelligst, er moege sich nicht irgendwo +in einem Konzert blicken lassen, in dem ich zugegen. Unfehlbar wuerd' +ich ihn sonst bei seinen Kaeferbeinchen packen und durchs F-Loch +in den Kontrabass schmeissen, da koenne er denn zeit seines Lebens +Konzerte spielen und Arien singen, wie er nur Lust haette. Leben +Sie wohl, mein geliebter Balthasar, und legen Sie die Violine nicht +beiseite!" - Damit umarmte Herr Vincenzo Sbiocca den vor Staunen +erstarrten Balthasar und stieg in den Wagen, der schnell davonrollte. + +"Hab' ich denn nicht recht," sprach Balthasar zu sich selbst, "hab' +ich denn nicht recht, das unheimliche Ding, der Zinnober, ist verhext +und tut es den Leuten an." - In dem Augenblick rannte ein junger +Mensch vorueber, bleich - verstoert, Wahnsinn und Verzweiflung im +Antlitz. Dem Balthasar fiel es schwer aufs Herz. Er glaubte in dem +Juenglinge einen seiner Freunde erkannt zu haben und sprang ihm daher +schnell nach in den Wald. + +Kaum zwanzig - dreissig Schritte gelaufen, wurde er den Referendarius +Pulcher gewahr, der unter einem grossen Baume stehen geblieben und mit +himmelwaerts gerichtetem Blick also sprach: "Nein! - nicht laenger +dulden diese Schmach! - Alle Hoffnung des Lebens ist dahin! - jede +Aussicht nur ins Grab gerichtet - Fahre wohl - Leben - Welt - Hoffnung +- Geliebte." - + +Und damit riss der verzweiflungsvolle Referendarius eine Pistole aus +dem Busen und drueckte sie sich an die Stirne. + +Balthasar stuerzte mit Blitzesschnelle auf ihn zu, schleuderte ihm die +Pistole weit weg aus der Hand und rief: "Pulcher! um Gottes willen, +was ist dir, was tust du!" + +Der Referendarius konnte einige Minuten hindurch nicht zu sich +selbst kommen. Er war halb ohnmaechtig niedergesunken auf den Rasen; +Balthasar hatte sich zu ihm gesetzt und sprach troestende Worte, wie +er es nur vermochte, ohne die Ursache von Pulchers Verzweiflung zu +wissen. + +Hundertmal hatte Balthasar gefragt, was dem Referendarius denn +Schreckliches geschehen, das den schwarzen Gedanken des Selbstmords in +ihm rege gemacht. Da seufzte Pulcher endlich tief auf und begann: "Du +kennst, lieber Freund Balthasar, meine bedraengte Lage, du weisst, +wie ich all meine Hoffnung auf die Stelle des geheimen Expedienten +gesetzt, die bei dem Minister der auswaertigen Angelegenheiten offen; +du weisst, mit welchem Eifer, mit welchem Fleiss ich mich darauf +vorbereitet. Ich hatte meine Ausarbeitungen eingereicht, die, wie ich +zu meiner Freude erfuhr, den vollsten Beifall des Ministers erhalten. +Mit welcher Zuversicht stellte ich mich heute vormittag zur +muendlichen Pruefung! - Ich fand im Zimmer einen kleinen, +missgeschaffenen Kerl, den du wohl unter dem Namen des Herrn Zinnober +kennen wirst. Der Legationsrat, dem die Pruefung uebertragen, trat mir +freundlich entgegen und sagte mir, zu derselben Stelle, die ich zu +erhalten wuensche, habe sich auch Herr Zinnober gemeldet, er werde uns +_beide_ daher pruefen. Dann raunte er mir leise ins Ohr: 'Sie haben +von Ihrem Mitbewerber nichts zu befuerchten, bester Referendarius, +die Arbeiten, die der kleine Zinnober eingereicht, sind erbaermlich!' +Die Pruefung begann, keine Frage des Rats liess ich unbeantwortet. +Zinnober wusste nichts, gar nichts; statt zu antworten, schnarchte +und quaekte er unvernehmliches Zeug, das niemand verstand, fiel auch, +indem er ungebaerdig mit den Beinchen strampelte, ein paarmal vom +hohen Stuhl herab, so dass ich ihn wieder hinaufheben musste. Mir +bebte das Herz vor Vergnuegen; die freundlichen Blicke, die der +Rat dem Kleinen zuwarf, hielt ich fuer die bitterste Ironie. - Die +Pruefung war beendigt. Wer schildert meinen Schreck, mir war es, als +wenn ein jaeher Blitz mich klaftertief hineinschluege in den Boden, +als der Rat den Kleinen umarmte, zu ihm sprach: 'Herrlicher Mensch! - +welche Kenntnis - welcher Verstand - welcher Scharfsinn!' - dann zu +mir: 'Sie haben mich sehr getaeuscht, Herr Referendarius Pulcher - Sie +wissen ja gar nichts! Und - nehmen Sie es mir nicht uebel, die Art, +wie Sie sich zur Pruefung ermutigt haben moegen, laeuft gegen alle +Sitte, gegen allen Anstand! - Sie konnten sich ja gar nicht auf dem +Stuhl erhalten, Sie fielen ja herab, und Herr Zinnober musste Sie +aufrichten. Diplomatische Personen muessen fein nuechtern sein und +besonnen. - Adieu, Herr Referendarius!' - Noch hielt ich alles fuer +ein tolles Gaukelspiel. Ich wagte es, ich ging hin zum Minister. Er +liess mir heraussagen, wie ich mich unterstehen koenne, ihn noch +mit meinem Besuch zu behelligen, nach der Art, wie ich mich in der +Pruefung bewiesen - er wisse schon alles! Der Posten, zu dem ich +mich gedraengt, sei schon vergeben an Herrn Zinnober! - So hat mir +irgendeine hoellische Macht alle Hoffnung geraubt, und ich will ein +Leben freiwillig opfern, das dem dunklen Verhaengnis anheimgefallen! +Verlass mich!" - + +"Nimmermehr," rief Balthasar, "erst hoere mich an!" + +Er erzaehlte nun alles, was er von Zinnober wusste seit seiner ersten +Erscheinung vor dem Tor von Kerepes; wie es ihm mit dem Kleinen +ergangen im Mosch Terpins Hause; was er eben jetzt von Vincenzo +Sbiocca vernommen. "Es ist nur zu gewiss," sprach er dann, "dass +allem Beginnen der unseligen Missgeburt irgend etwas Geheimnisvolles +zum Grunde liegt, und glaube mir, Freund Pulcher, - ist irgendein +hoellischer Zauber im Spiele, so kommt es nur darauf an, ihm mit +festem Sinn entgegen zu treten, der Sieg ist gewiss, wenn nur der Mut +vorhanden. - Darum nicht verzagt, kein zu rascher Entschluss. Lass uns +vereint dem kleinen Hexenkerl zu Leibe gehen!" - + +"Hexenkerl," rief der Referendarius mit Begeisterung, "ja Hexenkerl, +ein ganz verfluchter Hexenkerl ist der Kleine, das ist gewiss! - Doch +Bruder Balthasar, was ist uns denn, liegen wir im Traume? - Hexenwesen +- Zaubereien - ist es denn damit nicht vorbei seit langer Zeit? +Hat denn nicht vor vielen Jahren Fuerst Paphnutius der Grosse die +Aufklaerung eingefuehrt und alles tolle Unwesen, alles Unbegreifliche +aus dem Lande verbannt, und doch soll noch dergleichen verwuenschte +Contrebande sich eingeschlichen haben? - Wetter! das muesste man ja +gleich der Polizei anzeigen und den Maut-Offizianten! - Aber nein, +nein - nur der Wahnsinn der Leute oder, wie ich beinahe fuerchte, +ungeheure Bestechung ist schuld an unserm Unglueck. - Der verwuenschte +Zinnober soll unermesslich reich sein. Er stand neulich vor der +Muenze, und da zeigten die Leute mit Fingern nach ihm und riefen: +'Seht den kleinen huebschen Papa! - dem gehoert alles blanke Gold, was +da drinnen gepraegt wird!'" + +"Still," erwiderte Balthasar, "still, Freund Referendarius, mit dem +Golde zwingt es der Unhold nicht, es ist etwas anderes dahinter! +- Wahr, dass Fuerst Paphnutius die Aufklaerung einfuehrte zu Nutz +und Frommen seines Volks, seiner Nachkommenschaft, aber manches +Wunderbare, Unbegreifliche ist doch noch zurueckgeblieben. Ich meine, +man hat noch so fuers Haus einige huebsche Wunder zurueckbehalten. +Z.B. noch immer wachsen aus lumpichten Samenkoernern die hoechsten, +herrlichsten Baeume, ja sogar die mannigfaltigsten Fruechte und +Getreidearten, womit wir uns den Leib stopfen. Erlaubt man ja wohl +noch gar den bunten Blumen, den Insekten auf ihren Blaettern und +Fluegeln die glaenzendsten Farben, selbst die allerverwunderlichsten +Schriftzuege zu tragen, von denen kein Mensch weiss, ob es Oel ist, +Guasche oder Aquarellmanier, und kein Teufel von Schreibmeister kann +die schmucke Kurrentschrift lesen, geschweige denn nachschreiben! +Hoho! Referendarius, ich sage dir, es geht in meinem Innern zuweilen +Absonderliches vor! - Ich lege die Pfeife weg und schreite im Zimmer +auf und ab, und eine seltsame Stimme fluestert, ich sei selbst ein +Wunder, der Zauberer Mikrokosmus hantiere in mir und treibe mich an zu +allerlei tollen Streichen! - Aber, Referendarius, dann laufe ich fort +und schaue hinein in die Natur und verstehe alles, was die Blumen, die +Gewaesser zu mir sprechen, und mich umfaengt selige Himmelslust!" - + +"Du sprichst im Fieber," rief Pulcher; aber Balthasar, ohne auf ihn +zu achten, streckte die Arme aus, wie von inbruenstiger Sehnsucht +erfasst, nach der Ferne. "Horche doch nur," rief Balthasar, "horche +doch nur, o Referendarius, welche himmlische Musik im Rauschen des +Abendwindes durch den Wald ertoent! - Hoerst du wohl, wie die Quellen +staerker erheben ihren Gesang? wie die Buesche, die Blumen einfallen +mit lieblichen Stimmen?" - + +Der Referendarius hielt das Ohr hin, um die Musik zu erhorchen, von +der Balthasar sprach. "In der Tat," fing er dann an, "in der Tat, es +wehen Toene durch den Wald, die die anmutigsten, herrlichsten sind, +welche ich in meinem Leben gehoert und die mir tief in die Seele +dringen. Doch ist es nicht der Abendwind, nicht die Buesche, nicht die +Blumen sind es, die so singen, vielmehr deucht es mir, als wenn jemand +in der Ferne die tiefsten Glocken einer Harmonika anstriche." + +Pulcher hatte recht. Wirklich glichen die vollen, immer staerker und +staerker anschwellenden Akkorde, die immer naeher hallten, den Toenen +einer Harmonika, deren Groesse und Staerke aber unerhoert sein musste. +Als nun die Freunde weiter vorschritten, bot sich ihnen ein Schauspiel +dar, so zauberhaft, dass sie vor Erstaunen erstarrt - fest gewurzelt - +stehen blieben. In geringer Entfernung fuhr ein Mann langsam durch den +Wald, beinahe chinesisch gekleidet, nur trug er ein weitbauschiges +Barett mit schoenen Schwungfedern auf dem Haupte. Der Wagen glich +einer offenen Muschel von funkelndem Kristall, die beiden hohen Raeder +schienen von gleicher Masse. Sowie sie sich drehten, erklangen die +herrlichen Harmonikatoene, die die Freunde schon aus der Ferne +gehoert. Zwei schneeweisse Einhoerner mit goldenem Geschirr zogen den +Wagen, auf dem statt des Fuhrmanns ein Silberfasan sass, die goldnen +Leinen im Schnabel haltend. Hintenauf sass ein grosser Goldkaefer, +der mit den flimmernden Fluegeln flatternd, dem wunderbaren Mann in +der Muschel Kuehlung zuzuwehen schien. Sowie er bei den Freunden +vorueberkam, nickte er ihnen freundlich zu. In dem Augenblick fiel aus +dem funkelnden Knopf des langen Rohrs, das der Mann in der Hand trug, +ein Strahl auf Balthasar, so dass er einen brennenden Stich tief in +der Brust fuehlte und mit einem dumpfen Ach! zusammenfuhr. - + +Der Mann blickte ihn an und laechelte und winkte noch freundlicher als +zuvor. Sowie das zauberische Fuhrwerk im dichten Gebuesch verschwand, +noch im sanften Nachhallen der Harmonikatoene, fiel Balthasar, ganz +ausser sich vor Wonne und Entzuecken, dem Freunde um den Hals und +rief: "Referendarius, wir sind gerettet! - jener ist's, der Zinnobers +versuchten Zauber bricht!" - + +"Ich weiss nicht," sprach Pulcher, "ich weiss nicht, wie mir in diesem +Augenblick zumute, ob ich wache, ob ich traeume; aber so viel ist +gewiss, dass ein unbekanntes Wonnegefuehl mich durchdringt und dass +Trost und Hoffnung in meine Seele wiederkehrt." + + + +Fuenftes Kapitel + +Wie Fuerst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger Goldwasser +fruehstueckte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose bekam und den +Geheimen Sekretaer Zinnober zum Geheimen Spezialrat erhob. - Die +Bilderbuecher des Doktors Prosper Alpanus. - Wie ein Portier den +Studenten Fabian in den Finger biss, dieser ein Schleppkleid trug und +deshalb verhoehnt wurde. - Balthasars Flucht. + +Es ist nicht laenger zu verhehlen, dass der Minister der auswaertigen +Angelegenheiten, bei dem Herr Zinnober als Geheimer Expedient +angenommen, ein Abkoemmling jenes Barons Praetextatus von Mondschein +war, der den Stammbaum der Fee Rosabelverde in den Turnierbuechern und +Chroniken vergebens suchte. Er hiess wie sein Ahnherr Praetextatus von +Mondschein, war von der feinsten Bildung, den angenehmsten Sitten, +verwechselte niemals das Mich und Mir, das Ihnen und Sie, schrieb +seinen Namen mit franzoesischen Lettern sowie ueberhaupt eine +leserliche Hand und arbeitete sogar zuweilen selbst, vorzueglich wenn +das Wetter schlecht war. Fuerst Barsanuph, ein Nachfolger des grossen +Paphnutz, liebte ihn zaertlich, denn er hatte auf jede Frage eine +Antwort, spielte in den Erholungsstunden mit dem Fuersten Kegel, +verstand sich herrlich aufs Geld-Negoz und suchte in der Gavotte +seinesgleichen. + +Es gab sich, dass der Baron Praetextatus von Mondschein den Fuersten +eingeladen hatte zum Fruehstueck auf Leipziger Lerchen und ein +Glaeschen Danziger Goldwasser. Als er nun hinkam in Mondscheins Haus, +fand er im Vorsaal unter mehreren angenehmen diplomatischen Herren +den kleinen Zinnober, der, auf seinem Stock gestemmt, ihn mit seinen +Aeugelein anfunkelte und, ohne sich weiter an ihn zu kehren, eine +gebratene Lerche ins Maul steckte, die er soeben vom Tische gemaust. +Sowie der Fuerst den Kleinen erblickte, laechelte er ihn gnaedig an +und sprach zum Minister: "Mondschein! was haben Sie da fuer einen +kleinen, huebschen, verstaendigen Mann in Ihrem Hause? - Es ist gewiss +derselbe, der die wohl stilisierten und schoen geschriebenen Berichte +verfertigt, die ich seit einiger Zeit von Ihnen erhalte?" "Allerdings, +gnaedigster Herr," erwiderte Mondschein. "Mir hat das Geschick ihn +zugefuehrt als den geistreichsten, geschicktesten Arbeiter in meinem +Bureau. Er nennt sich Zinnober, und ich empfehle den jungen herrlichen +Mann ganz vorzueglich Ihrer Huld und Gnade, mein bester Fuerst! - Erst +seit wenigen Tagen ist er bei mir." "Und ebendeshalb," sprach ein +junger huebscher Mann, der sich indessen genaehert, "und ebendeshalb +hat, wie Ew. Exzellenz zu bemerken erlauben werden, mein kleiner +Kollege noch gar nichts expediert. Die Berichte, die das Glueck +hatten, von Ihnen, mein durchlauchtigster Fuerst, mit Wohlgefallen +bemerkt zu werden, sind von mir verfasst." "Was wollen Sie!" fuhr der +Fuerst ihn zornig an. - Zinnober hatte sich dicht an den Fuersten +geschoben und schmatzte, die Lerche verzehrend, vor Gier und Appetit. +- Der junge Mensch war es wirklich, der jene Berichte verfasst, aber: +"Was wollen Sie," rief der Fuerst, "Sie haben ja noch gar nicht die +Feder angeruehrt? - Und dass Sie dicht bei mir gebratene Lerchen +verzehren, so dass, wie ich zu meinem grossen Aerger bemerken muss, +meine neue Kasimirhose bereits einen Butterfleck bekommen, dass Sie +dabei so unbillig schmatzen, ja! - alles das beweiset hinlaenglich +Ihre voellige Untauglichkeit zu jeder diplomatischen Laufbahn! - Gehen +Sie fein nach Hause und lassen Sie sich nicht wieder vor mir sehen, +es sei denn, Sie braechten mir eine nuetzliche Fleckkugel fuer meine +Kasimirhose. - Vielleicht wird mir dann wieder gnaedig zumute!" Dann +zum Zinnober: "Solche Juenglinge, wie Sie, werter Zinnober, sind eine +Zierde des Staats und verdienen ehrenvoll ausgezeichnet zu werden! - +Sie sind Geheimer Spezialrat, mein Bester!" - "Danke schoenstens," +schnarrte Zinnober, indem er den letzten Bissen hinunterschluckte und +sich das Maul wischte mit beiden Haendchen, "danke schoenstens, ich +werd' das Ding schon machen, wie es mir zukommt." + +"Wackres Selbstvertrauen," sprach der Fuerst mit erhobener Stimme, +"wackres Selbstvertrauen zeugt von der innern Kraft, die dem wuerdigen +Staatsmann inwohnen muss!" - Und auf diesen Spruch nahm der Fuerst ein +Schnaepschen Goldwasser, welches der Minister selbst ihm darreichte +und das ihm sehr wohl bekam. - Der neue Rat musste Platz nehmen +zwischen dem Fuersten und Minister. Er verzehrte unglaublich viel +Lerchen und trank Malaga und Goldwasser durcheinander und schnarrte +und brummte zwischen den Zaehnen und hantierte, da er kaum mit +der spitzen Nase ueber den Tisch reichen konnte, gewaltig mit den +Haendchen und Beinchen. + +Als das Fruehstueck beendigt, riefen beide, der Fuerst und der +Minister: "Er ist ein englischer Mensch, dieser Geheime Spezialrat!" - +"Du siehst," sprach Fabian zu seinem Freunde Balthasar, "du siehst so +froehlich aus, deine Blicke leuchten in besonderen Feuer. - Du fuehlst +dich gluecklich? - Ach, Balthasar, du traeumst vielleicht einen +schoenen Traum, aber ich muss dich daraus erweckendes ist Freundes +Pflicht!" + +"Was hast du, was ist geschehen?" fragte Balthasar bestuerzt. + +"Ja," fuhr Fabian fort, "ja! - ich muss es dir sagen! Fasse dich +nur, mein Freund! - Bedenke, dass vielleicht kein Unfall in der Welt +schmerzlicher trifft und doch leichter zu verwinden ist, als eben +dieser! - Candida" - + +"Um Gott," schrie Balthasar entsetzt, "Candida! - was ist mit Candida? +- ist sie hin - ist sie tot?" + +"Ruhig," sprach Fabian weiter, "ruhig, mein Freund! - nicht tot ist +Candida, aber so gut als tot fuer dich! - Wisse, dass der kleine +Zinnober Geheimer Spezialrat geworden und so gut als versprochen ist +mit der schoenen Candida, die, Gott weiss wie, in ihn ganz vernarrt +sein soll." + +Fabian glaubte, dass Balthasar nun losbrechen werde in ungestueme, +verzweiflungsvolle Klagen und Verwuenschungen. Statt dessen sprach er +mit ruhigem Laecheln: "Ist es nichts weiter als das, so gibt es keinen +Unfall, der mich betrueben koennte." + +"Du liebst Candida nicht mehr?" fragte Fabian voll Erstaunen. + +"Ich liebe," erwiderte Balthasar, "ich liebe das Himmelskind, das +herrliche Maedchen mit aller Inbrunst, mit aller Schwaermerei, die nur +in eines Juenglings Brust sich entzuenden kann! Und ich weiss - ach +ich weiss es, dass Candida mich wieder liebt, dass nur ein verruchter +Zauber sie umstrickt haelt, aber bald loese ich die Bande dieses +Hexenwesens, bald vernichte ich den Unhold, der die Arme betoert." - + +Balthasar erzaehlte nun dem Freunde ausfuehrlich von dem wunderbaren +Mann, dem er in dem seltsamsten Fuhrwerk im Walde begegnet. Er +schloss damit, dass, sowie aus dem Stockknopf des zauberischen Wesens +ein Strahl in seine Brust gefunkelt, der feste Gedanken in ihm +aufgegangen, dass Zinnober nichts sei als ein Hexenmaennlein, dessen +Macht jener Mann vernichten werde. + +"Aber," rief Fabian, als der Freund geendet, "aber Balthasar, wie +kannst du nur auf solches tolles, wunderliches Zeug verfallen? - Der +Mann, den du fuer einen Zauberer haeltst, ist niemand anders als der +Doktor Prosper Alpanus, der unfern der Stadt auf seinem Landhause +wohnt. Wahr ist es, dass die wunderlichsten Geruechte von ihm +verbreitet werden, so dass man ihn beinahe fuer einen zweiten +Cagliostro halten moechte; aber daran ist er selbst schuld. Er liebt +es, sich in mystisches Dunkel zu huellen, den Schein eines mit den +tiefsten Geheimnissen der Natur vertrauten Mannes anzunehmen, der +unbekannten Kraeften gebietet, und dabei hat er die bizarrsten +Einfaelle. So ist zum Beispiel sein Fuhrwerk so seltsam beschaffen, +dass ein Mensch, der von lebhafter feuriger Fantasie ist, wie du, mein +Freund, wohl dahin gebracht werden kann, alles fuer eine Erscheinung +aus irgendeinem tollen Maerchen zu halten. Hoere also! - Sein +Kabriolett hat die Form einer Muschel und ist ueber und ueber +versilbert, zwischen den Raedern ist eine Drehorgel angebracht, +welche, sowie der Wagen faehrt, von selbst spielt. Das, was du fuer +einen Silberfasan hieltest, war gewiss sein kleiner weissgekleideter +Jockey, so wie du gewiss die Blaetter des ausgespreiteten +Sonnenschirms fuer die Fluegeldecken eines Goldkaefers hieltest. +Seinen beiden weissen Pferdchen laesst er grosse Hoerner anschrauben, +damit es nur recht fabelhaft aussehn soll. Uebrigens ist es richtig, +dass der Doktor Alpanus ein schoenes spanisches Rohr traegt mit einem +herrlich funkelnden Kristall, der oben darauf sitzt als Knopf und +von dessen wunderlicher Wirkung man viel Fabelhaftes erzaehlt oder +vielmehr luegt. Den Strahl dieses Kristalls soll naemlich kaum ein +Auge ertragen. Verhuellt ihn der Doktor mit einem duennen Schleier und +richtet man nun den festen Blick darauf, so soll das Bild der Person, +das man in dem innersten Gedanken traegt, ausserhalb wie in einem +Hohlspiegel erscheinen." "In der Tat," fiel Balthasar dem Freunde ins +Wort, "in der Tat? Erzaehlt man das? - Was spricht man denn wohl noch +weiter von dem Herrn Doktor Prosper Alpanus?" + +"Ach," erwiderte Fabian, "verlange doch nur nicht, dass ich von den +tollen Fratzen und Possen viel reden soll. Du weisst ja, dass es +noch bis jetzt abenteuerliche Leute gibt, die der gesunden Vernunft +entgegen an alle sogenannte Wunder alberner Ammenmaerchen glauben." + +"Ich will dir gestehen," fuhr Balthasar fort, "dass ich genoetigt bin, +mich selbst zu der Partie dieser abenteuerlichen Leute ohne gesunde +Vernunft zu schlagen. Versilbertes Holz ist kein glaenzendes +durchsichtiges Kristall, eine Drehorgel toent nicht wie eine +Harmonika, ein Silberfasan ist kein Jockey und ein Sonnenschirm kein +Goldkaefer. Entweder war der wunderbare Mann, dem ich begegnete, nicht +der Doktor Prosper Alpanus, von dem du sprichst, oder der Doktor +herrscht wirklich ueber die ausserordentlichsten Geheimnisse." + +"Um," sprach Fabian, "um dich ganz von deinen seltsamen Traeumereien +zu heilen, ist es am besten, dass ich dich geradezu hinfuehre zu dem +Doktor Prosper Alpanus. Dann wirst du es selbst verspueren, dass der +Herr Doktor ein ganz gewoehnlicher Arzt ist und keineswegs spazieren +faehrt mit Einhoernern, Silberfasanen und Goldkaefern." + +"Du sprichst," erwiderte Balthasar, indem ihm die Augen hell +auffunkelten, "du sprichst, mein Freund, den innigsten Wunsch meiner +Seele aus. - Wir wollen uns nur gleich auf den Weg machen." + +Bald standen sie vor dem verschlossenen Gattertor des Parks, in +dessen Mitte das Landhaus des Doktor Alpanus lag. "Wie kommen wir nur +hinein?" sprach Fabian. "Ich denke, wir klopfen," erwiderte Balthasar +und fasste den metallenen Kloepfel, der dicht beim Schlosse angebracht +war. + +Sowie er den Kloepfel aufhob, begann ein unterirdisches Murmeln wie +ein ferner Donner und schien zu verhallen in der tiefsten Tiefe. +Das Gattertor drehte sich langsam auf, sie traten ein und wanderten +fort durch einen langen, breiten Baumgang, durch den sie das +Landhaus erblickten. "Spuerst du," sprach Fabian, "hier etwas +Ausserordentliches, Zauberisches?" "Ich daechte," erwiderte Balthasar, +"die Art, wie sich das Gattertor oeffnete, waere doch nicht so ganz +gewoehnlich gewesen, und dann weiss ich nicht, wie mich hier alles +so wunderbar, so magisch anspricht. - Gibt es denn wohl auf weit und +breit solche herrliche Baeume als eben hier in diesem Park? - Ja, +mancher Baum, manches Gebuesch scheint ja mit seinen glaenzenden +Staemmen und smaragdenen Blaettern einem fremden unbekannten Lande +anzugehoeren." - + +Fabian bemerkte zwei Froesche von ungewoehnlicher Groesse, die schon +von dem Gattertor an zu beiden Seiten der Wandelnden mitgehuepft +waren. "Schoener Park," rief Fabian, "in dem es solch Ungeziefer +gibt!" und bueckte sich nieder, um einen kleinen Stein aufzuheben, mit +dem er nach den lustigen Froeschen zu werfen gedachte. Beide sprangen +ins Gebuesch und guckten ihn mit glaenzenden menschlichen Augen an. +"Wartet, wartet!" rief Fabian, zielte nach dem einen und warf. In dem +Augenblick quaekte aber ein kleines haessliches Weib, das am Wege +sass: "Grobian! schmeiss' Er nicht ehrliche Leute, die hier im Garten +mit saurer Arbeit ihr bisschen Brot verdienen muessen." - "Komm nur, +komm," murmelte Balthasar entsetzt, denn er merkte wohl, dass der +Frosch sich gestaltet zum alten Weibe. Ein Blick ins Gebuesch +ueberzeugte ihn, dass der andere Frosch, jetzt ein kleines Maennlein +geworden, sich mit Ausjaeten des Unkrauts beschaeftigte. - + +Vor dem Landhause befand sich ein grosser schoener Rasenplatz, auf dem +die beiden Einhoerner weideten, waehrend die herrlichsten Akkorde in +den Lueften erklangen. + +"Siehst du wohl, hoerst du wohl?" sprach Balthasar. + +"Ich sehe nichts weiter," erwiderte Fabian, "als zwei kleine Schimmel, +die Gras fressen, und was so in den Lueften toent, sind wahrscheinlich +aufgehaengte Aeolsharfen." + +Die herrliche einfache Architektur des maessig grossen, einstoeckigen +Landhauses entzueckte den Balthasar. Er zog an der Klingelschnur, +sogleich ging die Tuere auf, und ein grosser straussartiger, ganz +goldgelb gleissender Vogel stand als Portier vor den Freunden. + +"Nun seh'," sprach Fabian zu Balthasar, "nun seh' einmal einer die +tolle Livree! - Will man auch nachher dem Kerl ein Trinkgeld geben, +hat er wohl eine Hand, es in die Westentasche zu schieben?" + +Und damit wandte er sich zu dem Strauss, packte ihn bei den +glaenzenden Flaumfedern, die unter dem Schnabel an der Kehle wie ein +reiches Jabot sich aufplusterten, und sprach: "Meld' Er uns bei dem +Herrn Doktor, mein scharmanter Freund!" - Der Strauss sagte aber +nichts als: _"Quirrrr"_ - und biss den Fabian in den Finger. "Tausend +Sapperment," schrie Fabian, "der Kerl ist doch wohl am Ende ein +verfluchter Vogel!" + +In demselben Augenblick ging eine innere Tuere auf, und der Doktor +selbst trat den Freunden entgegen. - Ein kleiner duenner, blasser +Mann! - Er trug ein kleines samtnes Muetzchen auf dem Haupte, unter +dem schoenes Haar in langen Locken hervorstroemte, ein langes +erdgelbes indisches Gewand und kleine rote Schnuerstiefelchen, ob +mit buntem Pelz oder dem glaenzenden Federbalg eines Vogels besetzt, +war nicht zu unterscheiden. Auf seinem Antlitz lag die Ruhe, die +Gutmuetigkeit selbst, nur schien es seltsam, dass, wenn man ihn recht +nahe, recht scharf anblickte, es war, als schaue aus dem Gesicht noch +ein kleineres Gesichtchen wie aus einem glaesernen Gehaeuse heraus. + +"Ich erblickte," sprach nun leise und etwas gedehnt mit anmutigem +Laecheln Prosper Alpanus, "ich erblickte Sie, meine Herrn, aus dem +Fenster, ich wusste auch wohl schon frueher, wenigstens was Sie +betrifft, lieber Herr Balthasar, dass Sie zu mir kommen wuerden. - +Folgen Sie mir gefaelligst!" - + +Prosper Alpanus fuehrte sie in ein hohes rundes Zimmer, rings umher +mit himmelblauen Gardinen behaengt. Das Licht fiel durch ein oben in +der Kuppel angebrachtes Fenster herab und warf seine Strahlen auf den +glaenzend polierten, von einer Sphinx getragenen Marmortisch, der +mitten im Zimmer stand. Sonst war durchaus nichts Ausserordentliches +in dem Gemach zu bemerken. + +"Worin kann ich Ihnen dienen?" fragte Prosper Alpanus. + +Da fasste sich Balthasar zusammen, erzaehlte, was sich mit dem +kleinen Zinnober begeben von seinem ersten Erscheinen in Kerepes +an, und schloss mit der Versicherung, wie in ihm der feste Gedanke +aufgegangen, dass er, Prosper Alpanus, der wohltaetige Magus sei, der +Zinnobers verworfenem, abscheulichem Zauberwerk Einhalt tun werde. + +Prosper Alpanus blieb schweigend in tiefen Gedanken stehen. Endlich, +nachdem wohl ein paar Minuten vergangen, begann er mit ernster +Miene und tiefem Ton: "Nach allem, was Sie mir erzaehlt, Balthasar, +unterliegt es gar keinem Zweifel, dass es mit dem kleinen Zinnober +eine besondere geheimnisvolle Bewandtnis hat. - Aber man muss fuers +erste den Feind kennen, den man bekaempfen, die Ursache wissen, deren +Wirkung man zerstoeren will. - Es steht zu vermuten, dass der kleine +Zinnober nichts anders ist, als ein Wurzelmaennlein. Wir wollen doch +gleich nachsehen." + +Damit zog Prosper Alpanus an einer von den seidenen Schnueren, die +rund umher an der Decke des Zimmers herabhingen. Eine Gardine rauschte +auseinander, grosse Folianten in ganz vergoldeten Einbaenden wurden +sichtbar, und eine zierliche, luftig leichte Treppe von Zedernholz +rollte hinab. Prosper Alpanus stieg diese Treppe heran und holte aus +der obersten Reihe einen Folianten, den er auf den Marmortisch legte, +nachdem er ihn mit einem grossen Bueschel blinkender Pfauenfedern +sorgfaeltig abgestaubt. "Dies Werk," sprach er dann, "handelt von den +Wurzelmaennern, die saemtlich darin abgebildet; vielleicht finden Sie +Ihren feindlichen Zinnober darunter, und dann ist er in unsere Haende +geliefert." + +Als Prosper Alpanus das Buch aufschlug, erblickten die +Freunde eine Menge sauber illuminierter Kupfertafeln, die die +allerverwunderlichsten missgestaltetsten Maennlein mit den tollsten +Fratzengesichtern darstellten, die man nur sehen konnte. Aber sowie +Prosper eins dieser Maennlein auf dem Blatt beruehrte, wurd' es +lebendig, sprang heraus und gaukelte und huepfte auf dem Marmortisch +gar possierlich umher und schnappte mit den Fingerchen und machte mit +den krummen Beinchen die allerschoensten Pirouetten und Entrechats +und sang dazu Quirr, Quapp, Pirr, Papp, bis es Prosper bei dem Kopfe +ergriff und wieder ins Buch legte, wo es sich alsbald ausglaettete und +ausplaettete zum bunten Bilde. + +Auf dieselbe Weise wurden alle Bilder des Buchs durchgesehen, aber so +oft schon Balthasar rufen wollte: "Dies ist er, dies ist Zinnober!" so +musste er doch, genauer hinblickend, zu seinem Leidwesen wahrnehmen, +dass das Maennlein keinesweges Zinnober war. + +"Das ist doch wunderlich genug," sprach Prosper Alpanus, als das Buch +zu Ende. - "Doch," fuhr er fort, "mag Zinnober vielleicht gar ein +Erdgeist sein. Sehen wir nach." + +Damit huepfte er mit seltener Behendigkeit abermals die Zederntreppe +herauf, holte einen andern Folianten, staeubte ihn saeuberlich ab, +legte ihn auf den Marmortisch und schlug ihn auf, sprechend: "Dies +Werk handelt von den Erdgeistern, vielleicht haschen wir den Zinnober +in diesem Buche." Die Freunde erblickten wiederum eine Menge sauber +illuminierter Kupfertafeln, die abscheulich haessliche braungelbe +Unholde darstellten. Und wie sie Prosper Alpanus beruehrte, erhoben +sie weinerlich quaekende Klagen und krochen endlich schwerfaellig +heraus und waelzten sich knurrend und aechzend auf dem Marmortische +herum, bis der Doktor sie wieder hineindrueckte ins Buch. + +Auch unter diesen hatte Balthasar den Zinnober nicht gefunden. + +"Wunderlich, hoechst wunderlich," sprach der Doktor und versank in +stummes Nachdenken. + +"Der Kaeferkoenig," fuhr er dann fort, "der Kaeferkoenig kann es +nicht sein, denn der ist, wie ich gewiss weiss, eben jetzt anderswo +beschaeftigt; Spinnenmarschall auch nicht, denn Spinnenmarschall ist +zwar haesslich, aber verstaendig und geschickt, lebt auch von seiner +Haende Arbeit, ohne sich andrer Taten anzumassen. - Wunderlich - sehr +wunderlich." - + +Er schwieg wieder einige Minuten, so dass man allerlei wunderbare +Stimmen, die bald in einzelnen Lauten, bald in vollen anschwellenden +Akkorden ringsumher ertoenten, deutlich vernahm. "Sie haben ueberall +und immerfort recht artige Musik, lieber Herr Doktor," sprach Fabian. +Prosper Alpanus schien gar nicht auf Fabian zu achten, er fasste nur +den Balthasar ins Auge, indem er erst beide Arme nach ihm ausstreckte +und dann die Fingerspitzen gegen ihn hin bewegte, als besprenge er ihn +mit unsichtbaren Tropfen. + +Endlich fasste der Doktor Balthasars beide Haende und sprach mit +freundlichem Ernst: "Nur die reinste Konsonanz des psychischen +Prinzips im Gesetz des Dualismus beguenstigt die Operation, die ich +jetzt unternehmen werde. Folgen Sie mir!" - + +Die Freunde folgten dem Doktor durch mehrere Zimmer, die ausser +einigen seltsamen Tieren, die sich mit Lesen - Schreiben - Malen - +Tanzen beschaeftigten, eben nichts Merkwuerdiges enthielten, bis +sich zwei Fluegeltueren oeffneten, und die Freunde vor einen dichten +Vorhang traten, hinter den Prosper Alpanus verschwand und sie in +dicker Finsternis liess. Der Vorhang rauschte auseinander, und die +Freunde befanden sich in einem, wie es schien, eirunden Saal, in dem +ein magisches Helldunkel verbreitet. Es war, betrachtete man die +Waende, als verloere sich der Blick in unabsehbare gruene Haine und +Blumenauen mit plaetschernden Quellen und Baechen. Der geheimnisvolle +Duft eines unbekannten Aroma wallte auf und nieder und schien die +suessen Toene der Harmonika hin und her zu tragen. Prosper Alpanus +erschien ganz weissgekleidet wie ein Brahmin und stellte in die Mitte +des Saals einen grossen runden Kristallspiegel, ueber den er einen +Flor warf. + +"Treten Sie," sprach er dumpf und feierlich, "treten Sie vor diesen +Spiegel, Balthasar, richten Sie Ihre festen Gedanken auf Candida +- _wollen_ Sie mit ganzer Seele, dass sie sich Ihnen zeige in dem +Moment, der jetzt existiert in Raum und Zeit" - + +Balthasar tat, wie ihm geheissen, indem Prosper Alpanus sich hinter +ihn stellte und mit beiden Haenden Kreise um ihn beschrieb. + +Wenige Sekunden hatte es gedauert, als ein blaeulicher Duft aus +dem Spiegel wallte. Candida, die holde Candida erschien in ihrer +lieblichen Gestalt mit aller Fuelle des Lebens! Aber neben ihr, dicht +neben ihr sass der abscheuliche Zinnober und drueckte ihr die Haende, +kuesste sie - Und Candida hielt den Unhold mit einem Arm umschlungen +und liebkoste ihn! - Balthasar wollte laut aufschreien, aber Prosper +Alpanus fasste ihn bei beiden Schultern hart an, und der Schrei +erstickte in der Brust. "Ruhig," sprach Prosper leise, "ruhig +Balthasar! - Nehmen Sie dies Rohr und fuehren Sie Streiche gegen den +Kleinen, doch ohne sich von der Stelle zu ruehren." Balthasar tat es +und gewahrte zu seiner Lust, wie der Kleine sich kruemmte, umstuelpte, +sich auf der Erde waelzte! - In der Wut sprang er vorwaerts, da +zerrann das Bild in Dunst und Nebel, und Prosper Alpanus riss den +tollen Balthasar mit Gewalt zurueck, laut rufend: "Halten Sie ein! - +zerschlagen Sie den magischen Spiegel, so sind wir alle verloren! - +Wir wollen in das Helle zurueck." - Die Freunde verliessen auf des +Doktors Geheiss den Saal und traten in ein anstossendes helles Zimmer. + +"Dem Himmel," rief Fabian, tief Atem schoepfend, "dem Himmel sei +gedankt, dass wir aus dem verwuenschten Saal heraus sind. Die schwuele +Luft hat mir beinahe das Herz abgedrueckt, und dann die albernen +Taschenspielereien dazu, die mir in tiefer Seele zuwider sind." - + +Balthasar wollte antworten, als Prosper Alpanus eintrat. "Es ist," +sprach er, "es ist nunmehr gewiss, dass der missgestaltete Zinnober +weder ein Wurzelmann noch ein Erdgeist ist, sondern ein gewoehnlicher +Mensch. Aber es ist eine geheime zauberische Macht im Spiele, die zu +erkennen mir bis jetzt noch nicht gelungen, und ebendeshalb kann ich +auch noch nicht helfen. - Besuchen Sie mich bald wieder, Balthasar, +wir wollen dann sehen, was weiter zu beginnen. Auf Wiedersehn!" - + +"Also," sprach Fabian, dicht an den Doktor hinantretend, "also ein +Zauberer sind Sie, Herr Doktor, und koennen mit all Ihrer Zauberkunst +nicht einmal dem kleinen erbaermlichen Zinnober zu Leibe? - Wissen Sie +wohl, dass ich Sie mitsamt Ihren bunten Bildern, Pueppchen, magischen +Spiegeln, mit all Ihrem fratzenhaften Kram fuer einen rechten +ausgemachten Charlatan halte? - Der Balthasar, der ist verliebt und +macht Verse, dem koennen Sie allerlei Zeug einreden, aber bei mir +kommen Sie schlecht an! - Ich bin ein aufgeklaerter Mensch und +statuiere durchaus keine Wunder!" + +"Halten Sie," erwiderte Prosper Alpanus, indem er staerker und +herzlicher lachte, als man es ihm nach seinem ganzen Wesen wohl +zutrauen konnte, "halten Sie das, wie Sie wollen. Aber - bin ich +gleich nicht eben ein Zauberer, so gebiete ich doch ueber huebsche +Kunststueckchen." "Aus Wieglebs 'Magie' wohl oder sonst!" - rief +Fabian. "Nun da finden Sie an unserm Professor Mosch Terpin Ihren +Meister und duerfen sich mit ihm nicht vergleichen, denn der ehrliche +Mann zeigt uns immer, dass alles natuerlich zugeht und umgibt sich +gar nicht mit solcher geheimnisvoller Wirtschaft, als Sie, mein Herr +Doktor. - Nun, ich empfehle mich Ihnen gehorsamst!" + +"Ei," sprach der Doktor, "sie werden doch nicht so im Zorn von mir +scheiden?" + +Und damit strich er dem Fabian an beiden Armen einige Mal leise herab +von der Schulter bis zum Handgelenk, dass diesem ganz besonders zumute +wurde und er beklommen rief: "Was machen Sie denn, Herr Doktor!" - +"Gehen Sie, meine Herrn," sprach der Doktor, "Sie, Herr Balthasar, +hoffe ich recht bald wiederzusehen. - Bald wird die Huelfe gefunden +sein!" + +"Er bekommt doch kein Trinkgeld, mein Freund," rief Fabian im +Herausgehen dem goldgelben Portier zu und fasste ihm nach dem Jabot. +Der Portier sagte aber wieder nichts als _"Quirrr"_ und biss abermals +den Fabian in den Finger. + +"Bestie!" rief Fabian und rannte von dannen. + +Die beiden Froesche ermangelten nicht, die beiden Freunde hoeflich +zu geleiten bis ans Gattertor, das sich mit einem dumpfen Donner +oeffnete und schloss. - "Ich weiss," sprach Balthasar, als er auf +der Landstrasse hinter dem Fabian herwandelte, "ich weiss gar nicht, +Bruder, was du heute fuer einen seltsamen Rock angezogen hast mit +solch entsetzlich langen Schoessen und solch kurzen Aermeln." + +Fabian gewahrte zu seinem Erstaunen, dass sein kurzes Roeckchen +hinterwaerts bis zur Erde herabgewachsen, dass dagegen die sonst ueber +die Gnuege langen Aermel hinaufgeschrumpft waren bis an den Ellbogen. + +"Tausend Donner, was ist das!" rief er und zog und zupfte an den +Aermeln und rueckte die Schultern. Das schien auch zu helfen, aber wie +sie nun durchs Stadttor gingen, so schrumpften die Aermel herauf, so +wuchsen die Rockschoesse, dass alles Ziehens und Zupfens und Rueckens +ungeachtet die Aermel bald hoch oben an der Schulter sassen, Fabians +nackte Arme preisgebend, dass bald sich ihm eine Schleppe nachwaelzte, +laenger und laenger sich dehnend. Alle Leute standen still und lachten +aus vollem Halse, die Strassenbuben rannten dutzendweise jubelnd und +jauchzend ueber den langen Talar und rissen Fabian um, und wie er sich +wieder aufraffte, fehlte kein Stueckchen von der Schleppe, nein! - +sie war noch laenger geworden. Und immer toller und toller wurde +Gelaechter, Jubel und Geschrei, bis sich endlich Fabian, halb +wahnsinnig, in ein offnes Haus stuerzte. - Sogleich war auch die +Schleppe verschwunden. + +Balthasar hatte gar nicht Zeit, sich ueber Fabians seltsame +Verzauberung viel zu verwundern; denn der Referendarius Pulcher fasste +ihn, riss ihn fort in eine abgelegene Strasse und sprach: "Wie ist +es moeglich, dass du nicht schon fort bist, dass du dich hier noch +sehen lassen kannst, da der Pedell mit dem Verhaftsbefehl dich schon +verfolgt." - "Was ist das, wovon sprichst du?" fragte Balthasar voll +Erstaunen. "So weit," fuhr der Referendarius fort, "so weit riss dich +der Wahnsinn der Eifersucht hin, dass du das Hausrecht verletztest, +feindlich einbrechend in Mosch Terpins Haus, dass du den Zinnober +ueberfielst bei seiner Braut, dass du den missgestalteten Daeumling +halb tot pruegeltest!" - "Ich bitte dich," schrie Balthasar, "den +ganzen Tag war ich ja nicht in Kerepes, schaendliche Luegen." - "O +still, still," fiel ihm Pulcher ins Wort, "Fabians toller unsinniger +Einfall, ein Schleppkleid anzuziehen, rettet dich. Niemand achtet +jetzt deiner! - Entziehe dich nur der schimpflichen Verhaftung, das +uebrige wollen wir denn schon ausfechten. Du darfst nicht mehr in +deine Wohnung! - Gib mir die Schluessel, ich schicke dir alles nach. - +Fort nach Hoch-Jakobsheim!" + +Und damit riss der Referendarius den Balthasar fort durch entlegene +Gassen, durchs Tor hin nach dem Dorfe Hoch-Jakobsheim, wo der +beruehmte Gelehrte Ptolomaeus Philadelphus sein merkwuerdiges Buch +ueber die unbekannte Voelkerschaft der Studenten schrieb. + + + +Sechstes Kapitel + +Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem Garten frisiert wurde +und im Grase ein Taubad nahm. - Der Orden des gruengefleckten Tigers. +- Gluecklicher Einfall eines Theaterschneiders. - Wie das Fraeulein +von Rosenschoen sich mit Kaffee begoss und Prosper Alpanus ihr seine +Freundschaft versicherte. + +Der Professor Mosch Terpin schwamm in lauter Wonne. "Konnte," sprach +er zu sich selbst, "konnte mir denn etwas Gluecklicheres begegnen, +als dass der vortreffliche Geheime Spezialrat in mein Haus kam als +Studiosus? - Er heiratet meine Tochter - er wird mein Schwiegersohn, +durch ihn erlange ich die Gunst des vortrefflichen Fuersten Barsanuph +und steige nach auf der Leiter, die mein herrliches Zinnoberchen +hinaufklimmt. - Wahr ist es, dass es mir oft selbst unbegreiflich +vorkommt, wie das Maedchen, die Candida, so ganz und gar vernarrt sein +kann in den Kleinen. Sonst sieht das Frauenzimmer wohl mehr auf ein +huebsches Aeussere, als auf besondere Geistesgaben, und schaue ich +denn nun zuweilen das Spezialmaennlein an, so ist es mir, als ob er +nicht ganz huebsch zu nennen - sogar - bossu - still - St - St - die +Waende haben Ohren - Er ist des Fuersten Liebling, wird immer hoeher +steigen - hoeher hinauf und ist mein Schwiegersohn!" - + +Mosch Terpin hatte recht, Candida aeusserte die entschiedenste Neigung +fuer den Kleinen und sprach, gab hie und da einer, den Zinnobers +seltsamer Spuk nicht berueckt hatte, zu verstehen, dass der Geheime +Spezialrat doch eigentlich ein fatales missgestaltetes Ding sei, +sogleich von den wunderschoenen Haaren, womit ihn die Natur begabt. + +Niemand laechelte aber, wenn Candida also sprach, haemischer als der +Referendarius Pulcher. + +Dieser stellte dem Zinnober nach auf Schritten und Tritten, und hierin +stand ihm getreulich der Geheime Sekretaer Adrian bei, ebenderselbe +junge Mensch, den Zinnobers Zauber beinahe aus dem Bureau des +Ministers verdraengt haette, und der des Fuersten Gunst nur durch die +vortreffliche Fleckkugel wieder gewann, die er ihm ueberreichte. + +Der Geheime Spezialrat Zinnober bewohnte ein schoenes Haus mit einem +noch schoeneren Garten, in dessen Mitte sich ein mit dichtem Gebuesch +umgebener Platz befand, auf dem die herrlichsten Rosen bluehten. Man +hatte bemerkt, dass allemal den neunten Tag Zinnober bei Tagesanbruch +leise aufstand, sich, so sauer es ihm werden mochte, ohne alle +Huelfe des Bedienten ankleidete, in den Garten hinabstieg und in den +Gebueschen verschwand, die jenen Platz umgaben. + +Pulcher und Adrian, irgendein Geheimnis ahnend, wagten es in einer +Nacht, als Zinnober, wie sie von seinem Kammerdiener erfahren, vor +neun Tagen jenen Platz besucht hatte, die Gartenmauer zu uebersteigen +und sich in den Gebueschen zu verbergen. + +Kaum war der Morgen angebrochen, als sie den Kleinen daherwandeln +sahen, schnupfend und prustend, weil ihm, da er mitten durch ein +Blumenbeet ging, die tauichten Halme und Stauden um die Nase schlugen. + +Als er auf dem Rasenplatz bei den Rosen angekommen, ging ein +suesstoenendes Wehen durch die Buesche, und durchdringender wurde +der Rosenduft. Eine schoene verschleierte Frau mit Fluegeln an den +Schultern schwebte herab, setzte sich auf den zierlichen Stuhl, der +mitten unter den Rosenbueschen stand, nahm mit den leisen Worten: +"Komm, mein liebes Kind," den kleinen Zinnober und kaemmte ihm mit +einem goldenen Kamm sein langes Haar, das den Ruecken hinabwallte. +Das schien dem Kleinen sehr wohl zu tun, denn er blinzelte mit den +Aeugelein und streckte die Beinchen lang aus und knurrte und murrte +beinahe wie ein Kater. Das hatte wohl fuenf Minuten gedauert, da +strich noch einmal die zauberische Frau mit einem Finger dem Kleinen +die Scheitel entlang, und Pulcher und Adrian gewahrten einen schmalen, +feuerfarb glaenzenden Streif auf dem Haupte Zinnobers. Nun sprach die +Frau: "Lebe wohl, mein suesses Kind! - Sei klug, sei klug, so wie du +kannst!" Der Kleine sprach: "Adieu, Muetterchen, klug bin ich genug, +du brauchst mir das gar nicht so oft zu wiederholen." - + +Die Frau erhob sich langsam und verschwand in den Lueften. + +Pulcher und Adrian waren starr vor Erstaunen. Als nun aber Zinnober +davonschreiten wollte, sprang der Referendarius hervor und rief laut: +"Guten Morgen, Herr Geheimer Spezialrat! ei, wie schoen haben Sie +sich frisieren lassen!" Zinnober schaute sich um und wollte, als er +den Referendarius erblickte, schnell davonrennen. Ungeschickt und +schwaechlich auf den Beinchen, wie er nun aber war, stolperte er und +fiel in das hohe Gras, das die Halme ueber ihn zusammenschlug, und +er lag im Taubade. Pulcher sprang hinzu und half ihm auf die Beine, +aber Zinnober schnarrte ihn an: "Herr, wie kommen Sie hier in meinen +Garten! scheren Sie sich zum Teufel!" Und damit huepfte und rannte er, +so rasch er nur vermochte, hinein ins Haus. + +Pulcher schrieb dem Balthasar diese wunderbare Begebenheit und +versprach seine Aufmerksamkeit auf das kleine zauberische Ungetuem zu +verdoppeln. Zinnober schien ueber das, was ihm widerfahren, trostlos. +Er liess sich zu Bette bringen und stoehnte und aechzte so, dass die +Kunde, wie er ploetzlich erkrankt, bald zum Minister Mondschein, zum +Fuersten Barsanuph gelangte. + +Fuerst Barsanuph schickte sogleich seinen Leibarzt zu dem kleinen +Liebling. + +"Mein vortrefflichster Geheimer Spezialrat," sprach der Leibarzt, +als er den Puls befuehlt, "Sie opfern sich auf fuer den Staat. +Angestrengte Arbeit hat Sie aufs Krankenbett geworfen, anhaltendes +Denken Ihnen das unsaegliche Leiden verursacht, das Sie empfinden +muessen. Sie sehen im Antlitz sehr blass und eingefallen aus, +aber Ihr wertes Haupt glueht schrecklich! - Ei, ei! - doch +keine Gehirnentzuendung? Sollte das Wohl des Staats dergleichen +hervorgebracht haben? Kaum moeglich! - Erlauben Sie doch!" Der +Leibarzt mochte wohl denselben roten Streif auf Zinnobers Haupte +gewahren, den Pulcher und Adrian entdeckt hatten. Er wollte, nachdem +er einige magnetische Striche aus der Ferne versucht, den Kranken +auch verschiedentlich angehaucht, worueber dieser merklich mauzte und +quinkelierte, nun mit der Hand hinfahren ueber das Haupt und beruehrte +dasselbe unversehens. Da sprang Zinnober, schaeumend vor Wut, in die +Hoehe und gab mit seinem kleinen Knochenhaendchen dem Leibarzt, der +sich gerade ganz ueber ihn hingebeugt, eine solche derbe Ohrfeige, +dass es im ganzen Zimmer widerhallte. + +"Was wollen Sie," schrie Zinnober, "was wollen Sie von mir, was +krabbeln Sie mir herum auf meinem Kopfe! Ich bin gar nicht krank, +ich bin gesund, ganz gesund, werde gleich aufstehen und zum Minister +fahren in die Konferenz; scheren Sie sich fort!" - + +Der Leibarzt eilte ganz erschrocken von dannen. Als er aber dem +Fuersten Barsanuph erzaehlte, wie es ihm ergangen, rief dieser +entzueckt aus: "Was fuer ein Eifer fuer den Dienst des Staats! - +welche Wuerde, welche Hoheit im Betragen! - welch ein Mensch, dieser +Zinnober!" - + +"Mein bester Geheimer Spezialrat," sprach der Minister Praetextatus +von Mondschein zu dem kleinen Zinnober, "wie herrlich ist es, dass +Sie, Ihrer Krankheit nicht achtend, in die Konferenz kommen. Ich habe +in der wichtigen Angelegenheit mit dem Kakatukker Hofe ein Memoire +entworfen - _selbst_ entworfen und bitte, dass _Sie_ es dem Fuersten +vortragen, denn Ihr geistreicher Vortrag hebt das Ganze, fuer dessen +Verfasser mich dann der Fuerst anerkennen soll." - Das Memoire, womit +Praetextatus glaenzen wollte, hatte aber niemand anders verfasst, als +Adrian. + +Der Minister begab sich mit dem Kleinen zum Fuersten. Zinnober zog das +Memoire, das ihm der Minister gegeben, aus der Tasche und fing an zu +lesen. Da es damit aber nun gar nicht recht gehen wollte und er nur +lauter unverstaendliches Zeug murrte und schnurrte, nahm ihm der +Minister das Papier aus den Haenden und las selbst. + +Der Fuerst schien ganz entzueckt, er gab seinen Beifall zu erkennen, +ein Mal ueber das andere rufend: "Schoen - gut gesagt - herrlich - +treffend!" - + +Sowie der Minister geendet, schritt der Fuerst geradezu los auf +den kleinen Zinnober, hob ihn in die Hoehe, drueckte ihn an seine +Brust, gerade dahin, wo ihm (dem Fuersten) der grosse Stern des +gruengefleckten Tigers sass, und stammelte und schluchzte, waehrend +ihm haeufige Traenen aus den Augen flossen: "Nein! - solch ein Mann - +solch ein Talent! - solcher Eifer - solche Liebe - es ist zu viel - zu +viel!" Dann gefasster: "Zinnober! - ich erhebe Sie hiermit zu meinem +Minister! - Bleiben Sie dem Vaterlande hold und treu, bleiben Sie ein +wackrer Diener der Barsanuphe, von denen Sie geehrt - geliebt werden." +Und nun sich mit verdruesslichem Blick zum Minister wendend: "Ich +bemerke, lieber Baron von Mondschein, dass seit einiger Zeit Ihre +Kraefte nachlassen. Ruhe auf Ihren Guetern wird Ihnen heilbringend +sein! - Leben Sie wohl!" - + +Der Minister von Mondschein entfernte sich, unverstaendliche Worte +zwischen den Zaehnen murmelnd und funkelnde Blicke werfend auf +Zinnober, der sich nach seiner Art sein Stoeckchen in den Ruecken +gestemmt, auf den Fussspitzen hoch in die Hoehe hob und stolz und keck +umherblickte. + +"Ich muss," sprach nun der Fuerst, "ich muss Sie, mein lieber +Zinnober, gleich Ihrem hohen Verdienst gemaess auszeichnen; empfangen +Sie daher aus meinen Haenden den Orden des gruengefleckten Tigers!" + +Der Fuerst wollte ihm nun das Ordensband, das er sich in der +Schnelligkeit von dem Kammerdiener reichen lassen, umhaengen; aber +Zinnobers missgestalteter Koerperbau bewirkte, dass das Band durchaus +nicht normalmaessig sitzen wollte, indem es sich bald ungebuehrlich +heraufschob, bald ebenso hinabschlotterte. + +Der Fuerst war in dieser so wie in jeder andern solchen Sache, die +das eigentlichste Wohl des Staats betraf, sehr genau. Zwischen +dem Hueftknochen und dem Steissbein, in schraeger Richtung drei +Sechzehnteil Zoll aufwaerts vom letztern, musste das am Bande +befindliche Ordenszeichen des gruengefleckten Tigers sitzen. Das +war nicht herauszubringen. Der Kammerdiener, drei Pagen, der Fuerst +legten Hand an, alles Muehen blieb vergebens. Das verraeterische Band +rutschte hin und her, und Zinnober begann unmutig zu quaeken: "Was +hantieren Sie doch so schrecklich an meinem Leibe herum, lassen Sie +doch das dumme Ding haengen, wie es will, Minister bin ich doch nun +einmal und bleib' es!" - + +"Wofuer," sprach nun der Fuerst zornig, "wofuer habe ich denn +Ordensraete, wenn ruecksichts der Baender solche tolle Einrichtungen +existieren, die ganz meinem Willen entgegenlaufen? - Geduld, mein +lieber Minister Zinnober! bald soll das anders werden!" + +Auf Befehl des Fuersten musste sich nun der Ordensrat versammeln, dem +noch zwei Philosophen sowie ein Naturforscher, der eben, vom Nordpol +kommend, durchreiste, beigesellt wurden, die ueber die Frage, wie +auf die geschickteste Weise dem Minister Zinnober das Band des +gruengefleckten Tigers anzubringen, beratschlagen sollten. Um +fuer diese wichtige Beratung gehoerige Kraefte zu sammeln, wurde +saemtlichen Mitgliedern aufgegeben, acht Tage vorher nicht zu denken; +um dies besser ausfuehren zu koennen und doch taetig zu bleiben im +Dienste des Staats, aber sich indessen mit dem Rechnungswesen zu +beschaeftigen. Die Strassen vor dem Palast, wo die Ordensraete, +Philosophen und Naturforscher ihre Sitzung halten sollten, wurden mit +dickem Stroh belegt, damit das Gerassel der Wagen die weisen Maenner +nicht stoere, und ebendaher durfte auch nicht getrommelt, Musik +gemacht, ja nicht einmal laut gesprochen werden in der Naehe des +Palastes. Im Palast selbst tappte alles auf dicken Filzschuhen umher, +und man verstaendigte sich durch Zeichen. + +Sieben Tage hindurch vom fruehsten Morgen bis in den spaeten Abend +hatten die Sitzungen gedauert, und noch war an keinen Beschluss zu +denken. + +Der Fuerst, ganz ungeduldig, schickte ein Mal ueber das andere hin und +liess ihnen sagen, es solle in des Teufels Namen ihnen doch endlich +etwas Gescheutes einfallen. Das half aber ganz und gar nichts. + +Der Naturforscher hatte soviel moeglich Zinnobers Natur erforscht, +Hoehe und Breite seines Rueckenauswuchses genommen und die genaueste +Berechnung darueber dem Ordensrat eingereicht. Er war es auch, der +endlich vorschlug, ob man nicht den Theaterschneider bei der Beratung +zuziehen wolle. + +So seltsam dieser Vorschlag erscheinen mochte, wurde er doch in der +Angst und Not, in der sich alle befanden, einstimmig angenommen. + +Der Theaterschneider Herr Kees war ein ueberaus gewandter, pfiffiger +Mann. Sowie ihm der schwierige Fall vorgetragen worden, sowie er +die Berechnungen des Naturforschers durchgesehen, war er mit dem +herrlichsten Mittel, wie das Ordensband zum normalmaessigen Sitzen +gebracht werden koenne, bei der Hand. + +An Brust und Ruecken sollten naemlich eine gewisse Anzahl Knoepfe +angebracht und das Ordensband daran geknoepft werden. Der Versuch +gelang ueber die Massen wohl. + +Der Fuerst war entzueckt und billigte den Vorschlag des Ordensrates, +den Orden des gruengefleckten Tigers nunmehro in verschiedene Klassen +zu teilen, nach der Anzahl der Knoepfe, womit er gegeben wurde. Z.B. +Orden des gruengefleckten Tigers mit zwei Knoepfen - mit drei Knoepfen +etc. Der Minister Zinnober erhielt als ganz besondere Auszeichnung, +die sonst kein anderer verlangen koenne, den Orden mit zwanzig +brillantierten Knoepfen, denn gerade zwanzig Knoepfe erforderte die +wunderliche Form seines Koerpers. + +Der Schneider Kees erhielt den Orden des gruengefleckten Tigers +mit zwei goldnen Knoepfen und wurde, da der Fuerst ihn, seines +glueckliches Einfalls ungeachtet, fuer einen schlechten Schneider +hielt und sich daher nicht von ihm kleiden lassen wollte, zum +Wirklichen Geheimen Gross-Kostuemierer des Fuersten ernannt. - + +Aus dem Fenster seines Landhauses sah der Doktor Prosper Alpanus +gedankenvoll herab in seinen Park. Er hatte die ganze Nacht hindurch +sich damit beschaeftigt, Balthasars Horoskop zu stellen und manches +dabei herausgebracht, was sich auf den kleinen Zinnober bezog. Am +wichtigsten das, was sich mit dem Kleinen im Garten begeben, als er +von Adrian und Pulcher belauscht wurde. Eben wollte Prosper Alpanus +seinen Einhoernern zurufen, dass sie die Muschel herbeifuehren +moechten, weil er fort wolle nach Hoch-Jakobsheim, als ein Wagen +daherrasselte und vor dem Gattertor des Parks still hielt. Es hiess, +das Stiftsfraeulein von Rosenschoen wuensche den Herrn Doktor zu +sprechen. "Sehr willkommen," sprach Prosper Alpanus, und die Dame +trat hinein. Sie trug ein langes schwarzes Kleid und war in Schleier +gehuellt wie eine Matrone. Prosper Alpanus, von einer seltsamen Ahnung +ergriffen, nahm sein Rohr und liess die funkelnden Strahlen des Knopfs +auf die Dame fallen. Da war es, als zuckten rauschend Blitze um sie +her, und sie stand da im weissen durchsichtigen Gewande, glaenzende +Libellenfluegel an den Schultern, weisse und rote Rosen durch das Haar +geflochten. - "Ei, ei," lispelte Prosper, nahm das Rohr unter seinen +Schlafrock, und sogleich stand die Dame wieder im vorigen Kostuem da. + +Prosper Alpanus lud sie freundlich ein, sich niederzulassen. Fraeulein +von Rosenschoen sagte nun, wie es laengst ihre Absicht gewesen, den +Herrn Doktor in seinem Landhause aufzusuchen, um die Bekanntschaft +eines Mannes zu machen, den die ganze Gegend als einen hochbegabten, +wohltaetigen Weisen ruehme. Gewiss werde er ihre Bitte gewaehrend, +sich des nahe gelegenen Fraeuleinstifts aerztlich anzunehmen, da die +alten Damen darin oft kraenkelten und ohne Huelfe blieben. Prosper +Alpanus erwiderte hoeflich, dass er zwar schon laengst die Praxis +aufgegeben, aber doch ausnahmsweise die Stiftsdamen besuchen wolle, +wenn es not taete, und fragte dann, ob sie selbst, das Fraeulein von +Rosenschoen, vielleicht an irgendeinem Uebel leide. Das Fraeulein +versicherte, dass sie nur dann und wann ein rheumatisches Zucken in +den Gliedern fuehle, wenn sie sich an der Morgenluft erkaeltet, jetzt +aber ganz gesund sei, und begann irgendein gleichgueltiges Gespraech. +Prosper fragte, ob sie, da es noch frueher Morgen, vielleicht +eine Tasse Kaffee nehmen wolle; die Rosenschoen meinte, dass +Stiftsfraeuleins dergleichen niemals verschmaehten. Der Kaffee wurde +gebracht, aber so sehr sich auch Prosper muehen mochte, einzuschenken, +die Tassen blieben leer, ungeachtet der Kaffee aus der Kanne stroemte. +"Ei, ei" laechelte Prosper Alpanus, "das ist boeser Kaffee! - Wollten +Sie, mein bestes Fraeulein, doch nur lieber selbst den Kaffee +eingiessen." + +"Mit Vergnuegen," erwiderte das Fraeulein und ergriff die Kanne. Aber +ungeachtet kein Tropfen aus der Kanne quoll, wurde doch die Tasse +voller und voller, und der Kaffee stroemte ueber auf den Tisch, auf +das Kleid des Stiftsfraeuleins. - Sie setzte schnell die Kanne hin, +sogleich war der Kaffee spurlos verschwunden. Beide, Prosper Alpanus +und das Stiftsfraeulein, schauten sich nun eine Weile schweigend an +mit seltsamen Blicken. + +"Sie waren," begann nun die Dame, "Sie waren, mein Herr Doktor, gewiss +mit einem sehr anziehenden Buche beschaeftigt, als ich eintrat." + +"In der Tat," erwiderte der Doktor, "enthaelt dieses Buch gar +merkwuerdige Dinge." + +Damit wollte er das kleine Buch in vergoldetem Einbande, das vor ihm +auf dem Tisch lag, aufschlagen. Doch das blieb ein ganz vergebliches +Muehen, denn mit einem lauten Klipp, Klapp schlug das Buch sich immer +wieder zusammen. "Ei, ei," sprach Prosper Alpanus, "versuchen _Sie_ +sich doch mit dem eigensinnigen Dinge hier, mein wertes Fraeulein!" + +Er reichte der Dame das Buch hin, das, sowie sie es nur beruehrte, +sich von selbst aufschlug. Aber alle Blaetter loesten sich los und +dehnten sich aus zum Riesenfolio und rauschten umher im Zimmer. + +Erschrocken fuhr das Fraeulein zurueck. Nun schlug der Doktor das Buch +zu mit Gewalt, und alle Blaetter verschwanden. + +"Aber," sprach nun Prosper Alpanus mit sanftem Laecheln, indem er sich +von seinem Sitze erhob, "aber mein bestes gnaediges Fraeulein, was +verderben wir die Zeit mit solchen schnoeden Tafelkuensten; denn +anders als ordinaere Tafelkunststuecke sind es doch nicht, die wir bis +jetzt getrieben, schreiten wir doch lieber zu hoeheren Dingen." "Ich +will fort!" rief das Fraeulein und erhob sich vorn Sitze. + +"Ei," sprach Prosper Alpanus, "das moechte doch wohl nicht recht gut +angehen ohne meinen Willen; denn, meine Gnaedige, ich muss es Ihnen +nur sagen, Sie sind jetzt ganz und gar in meiner Gewalt." + +"In Ihrer Gewalt," rief das Fraeulein zornig, "in Ihrer Gewalt, Herr +Doktor? - Toerichte Einbildung!" + +Und damit breitete sich ihr seidnes Kleid aus, und sie schwebte als +der schoenste Trauermantel auf zur Decke des Zimmers. Doch sogleich +sauste und brauste auch Prosper Alpanus ihr nach als tuechtiger +Hirschkaefer. Ganz ermattet flatterte der Trauermantel herab +und rannte als kleines Maeuschen auf dem Boden umher. Aber der +Hirschkaefer sprang miauend und prustend ihm nach als grauer +Kater. Das Maeuschen erhob sich wieder als glaenzender Kolibri, da +erhoben sich allerlei seltsame Stimmen rings um das Landhaus, und +allerlei wunderbare Insekten sumseten herbei, mit ihnen seltsames +Waldgefluegel, und ein goldnes Netz spann sich um die Fenster. +Da stand mit einemmal die Fee Rosabelverde, in aller Pracht und +Hoheit strahlend, im glaenzenden weissen Gewande, den funkelnden +Diamantguertel umgetan, weisse und rote Rosen durch die dunklen Locken +geflochten, mitten im Zimmer. Vor ihr der Magus im goldgestickten +Talar, eine glaenzende Krone auf dem Haupt, das Rohr mit dem +feuerstrahlenden Knopf in der Hand. + +Rosabelverde schritt zu auf den Magus, da entfiel ihrem Haar ein +goldner Kamm und zerbrach, als sei er von Glas, auf dem Marmorboden. + +"Weh mir! - weh mir!" rief die Fee. + +Ploetzlich sass wieder das Stiftsfraeulein von Rosenschoen im +schwarzen langen Kleide am Kaffeetisch, und ihr gegenueber der Doktor +Prosper Alpanus. + +"Ich daechte," sprach Prosper Alpanus sehr ruhig, indem er in die +chinesischen Tassen den herrlichsten dampfenden Kaffee von Mokka ohne +Hindernis einschenkte, "ich daechte, mein bestes gnaediges Fraeulein, +wir wuessten beide nun hinlaenglich, wie wir miteinander daran sind. - +Sehr leid tut es mir, dass Ihr schoener Haarkamm zerbrach auf meinem +harten Fussboden." + +"Nur meine Ungeschicklichkeit," erwiderte das Fraeulein, mit Behagen +den Kaffee einschluerfend, "ist schuld daran. Auf diesen Boden muss +man sich hueten, etwas fallen zu lassen, denn irr' ich nicht, so sind +diese Steine mit den wunderbarsten Hieroglyphen beschrieben, welche +manchem nur gewoehnliche Marmoradern beduenken moechten." + +"Abgenutzte Talismane, meine Gnaedige," sprach Prosper, "abgenutzte +Talismane sind diese Steine, nichts weiter." + +"Aber bester Doktor," rief das Fraeulein, "wie ist es moeglich, dass +wir uns nicht kennen lernten seit der fruehesten Zeit, dass wir nicht +ein einziges Mal zusammentrafen auf unseren Wegen?" + +"Diverse Erziehung, beste Dame," erwiderte Prosper Alpanus, +"diverse Erziehung ist lediglich daran schuld! Waehrend Sie als das +hoffnungsvollste Maedchen in Dschinnistan sich ganz Ihrer reichen +Natur, Ihrem gluecklichen Genie ueberlassen konnten, war ich, ein +truebseliger Student, in den Pyramiden eingeschlossen und hoerte +Kollegia bei dem Professor Zoroaster, einem alten Knasterbart, der +aber verdammt viel wusste. Unter der Regierung des wuerdigen Fuersten +Demetrius nahm ich meinen Wohnsitz in diesem kleinen anmutigen +Laendchen." + +"Wie," sprach das Fraeulein, "und wurden nicht verwiesen, als Fuerst +Paphnutius die Aufklaerung einfuehrte?" "Keineswegs," antwortete +Prosper, "es gelang mir vielmehr, mein eignes Ich ganz zu verhuellen, +indem ich mich muehte, Aufklaerungssachen betreffend, ganz besondere +Kenntnisse zu beweisen in allerlei Schriften, die ich verbreitete. Ich +bewies, dass ohne des Fuersten Willen es niemals donnern und blitzen +muesse, und dass wir schoenes Wetter und eine gute Ernte einzig +und allein seinen und seiner Noblesse Bemuehungen zu verdanken, +die in den innern Gemaechern darueber sehr weise beratschlage, +waehrend das gemeine Volk draussen auf dem Acker gepfluegt +und gesaeet. Fuerst Paphnutius erhob mich damals zum Geheimen +Oberaufklaerungs-Praesidenten, eine Stelle, die ich mit meiner Huelle +wie eine laestige Buerde abwarf, als der Sturm vorueber. - Insgeheim +war ich nuetzlich, wie ich konnte. Das heisst, was wir, ich und Sie, +meine Gnaedige, wahrhaft nuetzlich nennen. - Wissen Sie wohl, bestes +Fraeulein, dass _ich_ es war, der Sie warnte vor dem Einbrechen der +Aufklaerungspolizei? - dass _ich_ es bin, dem Sie noch das Besitztum +der artigen Saechelchen verdanken, die Sie mir vorhin gezeigt? - O +mein Gott! liebe Stiftsdame, schauen Sie doch nur aus diesen Fenstern! +- Erkennen Sie denn nicht mehr diesen Park, in dem Sie so oft +lustwandelten und mit den freundlichen Geistern sprachen, die in den +Bueschen - Blumen - Quellen wohnen? - Diesen Park hab' ich gerettet +durch meine Wissenschaft. Er steht noch da wie zur Zeit des alten +Demetrius. Fuerst Barsanuph bekuemmert sich, dem Himmel sei es +gedankt, nicht viel um das Zauberwesen, er ist ein leutseliger Herr +und laesst jeden gewaehren, jeden zaubern, so viel er Lust hat, sobald +er es sich nur nicht merken laesst und die Abgaben richtig zahlt. So +leb' ich hier, wie Sie, liebe Dame, in Ihrem Stift, gluecklich und +sorgenfrei!" - + +"Doktor," rief das Fraeulein, indem ihr die Traenen aus den Augen +stuerzten, "Doktor, was sagen Sie! - welche Aufklaerungen! - ja, ich +erkenne diesen Hain, wo ich die seligsten Freuden genoss! - Doktor! - +edelster Mann, dem ich so viel zu verdanken! - Und Sie koennen meinen +kleinen Schuetzling so hart verfolgen?" - + +"Sie haben," erwiderte der Doktor, "Sie haben, mein bestes Fraeulein, +von Ihrer angebornen Gutmuetigkeit hingerissen, Ihre Gaben an einen +Unwuerdigen verschleudert. Zinnober ist und bleibt, Ihrer guetigen +Huelfe ungeachtet, ein kleiner missgestalteter Schlingel, der nun, da +der goldne Kamm zerbrochen, ganz in meine Hand gegeben ist." + +"Haben Sie Mitleiden, o Doktor!" flehte das Fraeulein. + +"Aber schauen Sie doch nur gefaelligst her," sprach Prosper, indem er +dem Fraeulein Balthasars Horoskop, das er gestellt hatte, vorhielt. + +Das Fraeulein blickte hinein und rief dann voll Schmerz: "Ja! - wenn +es so beschaffen ist, so muss ich wohl weichen der hoeheren Macht. - +Armer Zinnober!" - + +"Gestehen Sie, bestes Fraeulein," sprach der Doktor laechelnd, +"gestehen Sie, dass die Damen oft sich in dem Bizarrsten sehr +wohl gefallen, den Einfall, den der Augenblick gebar, rastlos und +ruecksichtslos verfolgend und jedes schmerzliche Beruehren anderer +Verhaeltnisse nicht achtend! - Zinnober muss sein Schicksal +verbuessen, aber dann soll er noch zu unverdienter Ehre gelangen. +Damit huldige ich Ihrer Macht, Ihrer Guete, Ihrer Tugend. mein sehr +wertes gnaedigstes Fraeulein!" + +"Herrlicher, vortrefflicher Mann," rief das Fraeulein, "bleiben Sie +mein Freund!" - + +"Immerdar," erwiderte der Doktor. "Meine Freundschaft, meine innige +Zuneigung zu Ihnen, holde Fee, wird nie aufhoeren. Wenden Sie sich +getrost an mich in allen bedenklichen Faellen des Lebens, und - o +trinken Sie Kaffee bei mir, sooft es Ihnen zu Sinne kommt." + +"Leben Sie wohl, mein wuerdigster Magus, nie werd' ich Ihre Huld, nie +diesen Kaffee vergessen!" So sprach das Fraeulein und erhob sich, von +innerer Ruehrung ergriffen, zum Scheiden. + +Prosper Alpanus begleitete sie ans Gattertor, waehrend alle wunderbare +Stimmen des Waldes auf die lieblichste Weise erklangen. + +Vor dem Tor stand, statt des Fraeuleins Wagen, die mit den Einhoernern +bespannte Kristallmuschel des Doktors, hinter der der Goldkaefer seine +glaenzenden Fluegel ausbreitete. Auf dem Bock sass der Silberfasan +und kuckte, die goldnen Zuegel im Schnabel haltend, das Fraeulein mit +klugen Augen an. + +In die seligste Zeit ihres herrlichsten Feenlebens fuehlte sich die +Stiftsdame versetzt, als der Wagen, herrlich toenend, durch den +duftenden Wald rauschte. + + + +Siebentes Kapitel + +Wie der Professor Mosch Terpin im fuerstlichen Weinkeller die +Natur erforschte. - Mycetes Belzebub. - Verzweiflung des Studenten +Balthasar. - Vorteilhafter Einfluss eines wohleingerichteten +Landhauses auf das haeusliche Glueck. - Wie Prosper Alpanus dem +Balthasar eine schildkroetene Dose ueberreichte und davonritt. + +Balthasar, der sich in dem Dorfe Hoch-Jakobsheim versteckt hielt, +bekam von dem Referendarius Pulcher aus Kerepes einen Brief des +Inhalts: "Unsere Angelegenheiten, bester Freund Balthasar, gehen immer +schlechter und schlechter. Unser Feind, der abscheuliche Zinnober, ist +Minister der auswaertigen Angelegenheiten geworden und hat den grossen +Orden des gruengefleckten Tigers mit zwanzig Knoepfen erhalten. Er hat +sich aufgeschwungen zum Liebling des Fuersten und setzt alles durch, +was er will. Professor Mosch Terpin ist ganz ausser sich, er blaeht +sich auf im dummen Stolz. Durch seines kuenftigen Schwiegersohns +Vermittlung hat er die Stelle des Generaldirektors saemtlicher +natuerlicher Angelegenheiten im Staate erhalten, eine Stelle, die +ihm viel Geld und eine Menge anderer Emolumente einbringt. Als +benannter Generaldirektor zensiert und revidiert er die Sonnen- und +Mondfinsternisse sowie die Wetterprophezeiungen in den im Staate +erlaubten Kalendern und erforscht insbesondere die Natur in der +Residenz und deren Bereich. Dieser Beschaeftigung halber bekommt er +aus den fuerstlichen Waldungen das seltenste Gefluegel, die raresten +Tiere, die er, um eben ihre Natur zu erforschen, braten laesst und +auffrisst. Ebenso schreibt er jetzt (wenigstens gibt er es vor) eine +Abhandlung darueber, warum der Wein anders schmeckt als Wasser und +auch andere Wirkungen aeussert, die er seinem Schwiegersohn zueignen +will. Zinnober hat es bewirkt, dass Mosch Terpin der Abhandlung wegen +alle Tage im fuerstlichen Weinkeller studieren darf. Er hat schon +einen halben Oxhoft alten Rheinwein sowie mehrere Dutzend Flaschen +Champagner verstudiert und ist jetzt an ein Fass Alikante geraten. - +Der Kellermeister ringt die Haende! - So ist dem Professor, der, wie +Du weisst, das groesste Leckermaul auf Erden, geholfen, und er wuerde +das bequemste Leben von der Welt fuehren, muesste er oft nicht, wenn +ein Hagelschlag die Felder verwuestet hat, ploetzlich ueber Land, um +den fuerstlichen Paechtern zu erklaeren, warum es gehagelt hat, damit +die dummen Teufel ein bisschen Wissenschaft bekommen, sich kuenftig +vor dergleichen hueten koennen und nicht immer Erlass der Pacht +verlangen duerfen, einer Sache halber, die niemand verschuldet, als +sie selbst. + +"Der Minister kann die Tracht Schlaege, die Du ihm erteilt, nicht +verwinden. Er hat Dir Rache geschworen. Du wirst Dich gar nicht mehr +in Kerepes sehen lassen duerfen. Auch mich verfolgt er sehr, weil ich +seine geheimnisvolle Art, sich von einer gefluegelten Dame frisieren +zu lassen, erlauscht habe. - Solange Zinnober des Fuersten Liebling +bleibt, werde ich wohl auf keinen ordentlichen Posten Anspruch machen +koennen. Mein Unstern will es, dass ich immer mit der Missgeburt +zusammengerate, wo ich es gar nicht ahne, und auf eine Weise, die +mir fatal werden muss. Neulich ist der Minister in vollem Staat, mit +Degen, Stern und Ordensband, im zoologischen Kabinett und hat sich +nach seiner gewoehnlichen Weise, den Stock untergestemmt, auf den +Fussspitzen schwebend, an den Glasschrank hingestellt, wo die +seltensten amerikanischen Affen stehen. Fremde, die das Kabinett +besehen, treten heran, und einer, den kleinen Wurzelmann erblickend, +ruft laut aus: 'Ei! - was fuer ein allerliebster Affe! - welch +niedliches Tier! - die Zierde des ganzen Kabinetts! - Ei, wie heisst +das huebsche Aefflein? woher des Landes?' + +"Da spricht der Aufseher des Kabinetts sehr ernsthaft, indem er +Zinnobers Schulter beruehrte: 'Ja, ein sehr schoenes Exemplar, ein +vortrefflicher Brasilianer, der sogenannte Mycetes Belzebub - Simia +Belzebub Linnei - niger, barbatus, podiis caudaque apice brunneis - +Bruellaffe' - + +"'Herr,' - prustet nun der Kleine den Aufseher an, 'Herr, ich glaube, +Sie sind wahnsinnig oder neunmal des Teufels, ich bin kein Belzebub +caudaque - kein Bruellaffe, ich bin Zinnober, der Minister Zinnober, +Ritter des gruengefleckten Tigers mit zwanzig Knoepfen!' - Nicht weit +davon stehe ich und breche - haett' es das Leben gekostet auf der +Stelle, ich konnte mich nicht zurueckhalten - aus in ein wieherndes +Gelaechter. + +"'Sind Sie auch da, Herr Referendarius?' schnarcht er mich an, indem +rote Glut aus seinen Hexenaugen funkelt. + +"Gott weiss, wie es kam, dass die Fremden ihn immerfort fuer den +schoensten seltensten Affen hielten, den sie jemals gesehen, und ihn +durchaus mit Lampertsnuessen fuettern wollten, die sie aus der Tasche +gezogen. Zinnober geriet nun so ganz ausser sich, dass er vergebens +nach Atem schnappte und die Beinchen ihm den Dienst versagten. +Der herbeigerufene Kammerdiener musste ihn auf den Arm nehmen und +hinabtragen in die Kutsche. + +"Selbst kann ich mir aber nicht erklaeren, warum mir diese Geschichte +einen Schimmer von Hoffnung gibt. Es ist der erste Tort, der dem +kleinen verhexten Unding geschehen. + +"So viel ist gewiss, dass Zinnober neulich am fruehen Morgen sehr +verstoert aus dem Garten gekommen ist. Die gefluegelte Frau muss +ausgeblieben sein, denn vorbei ist es mit den schoenen Locken. Das +Haar soll ihm struppig auf dem Ruecken herabhaengen und Fuerst +Barsanuph gesagt haben: 'Vernachlaessigen Sie nicht so sehr Ihre +Toilette, bester Minister, ich werde Ihnen meinen Friseur schicken!' - +worauf denn Zinnober sehr hoeflich geaeussert, er werde den Kerl zum +Fenster herausschmeissen lassen, wenn er kaeme. 'Grosse Seele! man +kommt Ihnen nicht bei,' hat dann der Fuerst gesprochen und dabei sehr +geweint! + +"Lebe wohl, liebster Balthasar! gib nicht alle Hoffnung auf und +verstecke Dich gut, damit sie Dich nicht greifen!" - + +Ganz in Verzweiflung darueber, was ihm der Freund geschrieben, rannte +Balthasar tief hinein in den Wald und brach aus in laute Klagen. + +"Hoffen soll ich," rief er, "hoffen soll ich noch, da jede Hoffnung +verschwunden, da alle Sterne untergegangen und duestere - duestere +Nacht mich Trostlosen umfaengt? Unseliges Verhaengnis! - ich +unterliege der finstren Macht, die verderblich in mein Leben getreten! +- Wahnsinn, dass ich auf Rettung hoffte von Prosper Alpanus, von +diesem Prosper Alpanus, der mich selbst mit hoellischen Kuensten +verlockte und mich forttrieb von Kerepes, indem er die Pruegel, die +ich dem Spiegelbilde erteilen musste, auf Zinnobers wahrhaftigen +Ruecken regnen liess!" "Ach Candida! - Koennt' ich nur das Himmelskind +vergessen! - Aber maechtiger, staerker als jemals glueht der +Liebesfunke in mir! - Ueberall sehe ich die holde Gestalt der +Geliebten, die mit suessem Laecheln sehnsuechtig die Arme nach mir +ausstreckt! - Ich weiss es ja! - du liebst mich, holde suesse Candida, +und das ist eben mein hoffnungsloser toetender Schmerz, dass ich +dich nicht zu retten vermag aus der heillosen Verzauberung, die dich +befangen! - Verraeterischer Prosper! was tat ich dir, dass du mich so +grausam aefftest!" - + +Die tiefe Daemmerung war eingebrochen, alle Farben des Waldes +schwanden hin in dumpfes Grau. Da war es, als leuchte ein besonderer +Glanz wie aufflammender Abendschein durch Baum und Gebuesch, und +tausend Insektlein erhoben sich mit rauschendem Fluegelschlage sumsend +in die Luefte. Leuchtende Goldkaefer schwangen sich hin und her, +und dazwischen flatterten buntgeputzte Schmetterlinge und streuten +duftenden Blumenstaub um sich her. Das Wispern und Sumsen wurde +zu sanfter, suessfluesternder Musik, die sich troestend legte an +Balthasars zerrissene Brust. Ueber ihm funkelte staerker strahlend der +Glanz. Er schaute hinauf und erblickte staunend Prosper Alpanus, der +auf einem wunderbaren Insekt, das einer in den herrlichsten Farben +prunkenden Libelle nicht unaehnlich, daherschwebte. + +Prosper Alpanus senkte sich herab zu dem Juengling, an dessen Seite er +Platz nahm, waehrend die Libelle aufflog in ein Gebuesch und in den +Gesang einstimmte, der durch den ganzen Wald toente. + +Er beruehrte des Juenglings Stirne mit den wundervoll glaenzenden +Blumen, die er in der Hand trug, und sogleich entzuendete sich in +Balthasars Innerm frischer Lebensmut. + +"Du tust," sprach nun Prosper Alpanus mit sanfter Stimme, "du tust +mir grosses Unrecht, lieber Balthasar, da du mich grausam und +verraeterisch schiltst in dem Augenblick, als es mir gelungen ist, +Herr zu werden des Zaubers, der dein Leben verstoert, als ich, um +nur schneller dich zu finden, dich zu troesten, mich auf mein buntes +Lieblingsroesslein schwinge und herbeireite, mit allem versehen, +was zu deinem Heil dienen kann. - Doch nichts ist bittrer als +Liebesschmerz, nichts gleicht der Ungeduld eines in Liebe und +Sehnsucht verzweifelnden Gemuets. - Ich verzeihe dir, denn mir ist es +selbst nicht besser gegangen, als ich vor ungefaehr zweitausend Jahren +eine indische Prinzessin liebte, Balsamine geheissen, und dem Zauberer +Lothos, der mein bester Freund war, in der Verzweiflung den Bart +ausriss, weshalb ich, wie du siehst, selbst keinen trage, damit mir +nicht Aehnliches geschehe. - Doch dir dies alles weitlaeuftig zu +erzaehlen, wuerde wohl hier an sehr unrechtem Orte sein, da jeder +Liebende nur von seiner Liebe hoeren mag, die er allein der Rede wert +haelt, so wie jeder Dichter nur seine Verse gern vernimmt. Also zur +Sache! - Wisse, dass Zinnober die verwahrloste Missgeburt eines armen +Bauerweibes ist und eigentlich Klein Zaches heisst. Nur aus Eitelkeit +hat er den stolzen Namen Zinnober angenommen. Das Stiftsfraeulein +von Rosenschoen oder eigentlich die beruehmte Fee Rosabelverde, denn +niemand anders ist jene Dame, fand das kleine Ungetuem am Wege. Sie +glaubte, alles, was die Natur dem Kleinen stiefmuetterlich versagt, +dadurch zu ersetzen, wenn sie ihn mit der seltsamen geheimnisvollen +Gabe beschenkte, vermoege der alles, was in seiner Gegenwart irgendein +anderer Vortreffliches denkt, spricht oder tut, auf _seine_ Rechnung +kommen, ja dass er in der Gesellschaft wohlgebildeter, verstaendiger, +geistreicher Personen auch fuer wohlgebildet, verstaendig und +geistreich geachtet werden und ueberhaupt allemal fuer den +vollkommensten der Gattung, mit der er im Konflikt, gelten muss. + +"Dieser sonderbare Zauber liegt in drei feuerfarbglaenzenden Haaren, +die sich ueber den Scheitel des Kleinen ziehen. Jede Beruehrung dieser +Haare, sowie ueberhaupt des Hauptes, musste dem Kleinen schmerzhaft, +ja verderblich sein. Deshalb liess die Fee sein von Natur duennes, +struppiges Haar in dicken anmutigen Locken hinabwallen, die, des +Kleinen Haupt schuetzend, zugleich jenen roten Streif versteckten und +den Zauber staerkten. Jeden neunten Tag frisierte die Fee selbst den +Kleinen mit einem goldnen magischen Kamm, und diese Frisur vernichtete +jedes auf Zerstoerung des Zaubers gerichtete Unternehmen. Aber den +Kamm selbst hat ein kraeftiger Talisman, den ich der guten Fee, als +sie mich besuchte, unterzuschieben wusste, vernichtet. + +"Es kommt jetzt nur darauf an, ihm jene drei feuerfarbnen Haare +auszureissen, und er sinkt zurueck in sein voriges Nichts! - Dir, mein +lieber Balthasar, ist diese Entzauberung vorbehalten. Du hast Mut, +Kraft und Geschicklichkeit, du wirst die Sache ausfuehren, wie es +sich gehoert. Nimm dieses kleine geschliffene Glas, naehere dich dem +kleinen Zinnober, wo du ihn findest, richte deinen scharfen Blick +durch dieses Glas auf sein Haupt, frei und offen werden die drei roten +Haare sich ueber das Haupt des Kleinen ziehen. Packe ihn fest an, +achte nicht auf das gellende Katzengeschrei, das er ausstossen wird, +reisse ihm mit einem Ruck die drei Haare aus und verbrenne sie auf der +Stelle. Es ist notwendig, dass die Haare mit _einem_ Ruck ausgerissen +und _sogleich_ verbrannt werden, denn sonst koennten sie noch allerlei +verderbliche Wirkungen aeussern. Richte daher dein vorzueglichstes +Augenmerk darauf, dass du die Haare geschickt und fest erfassest und +den Kleinen ueberfaellst, wenn gerade ein Feuer oder ein Licht in der +Naehe befindlich." - + +"O Prosper Alpanus," rief Balthasar, "wie schlecht habe ich diese +Guete, diesen Edelmut durch mein Misstrauen verdient! - Wie fuehle +ich es so in tiefer Brust, das nun mein Leiden endigt, dass alles +Himmelsglueck mir die goldnen Tore erschliesst!" - + +"Ich liebe," fuhr Prosper Alpanus fort, "ich liebe Juenglinge, die so +wie du, mein Balthasar, Sehnsucht und Liebe im reinen Herzen tragen, +in deren Innerm noch jene herrlichen Akkorde widerhallen, die dem +fernen Lande voll goettlicher Wunder angehoeren, das meine Heimat ist. +Die gluecklichen, mit dieser inneren Musik begabten Menschen sind +die einzigen, die man Dichter nennen kann, wiewohl viele auch so +gescholten werden, die den ersten besten Brummbass zur Hand nehmen, +darauf herumstreichen und das verworrene Gerassel der unter ihrer +Faust stoehnenden Saiten fuer herrliche Musik halten, die aus ihrem +eignen Innern heraustoent. - Dir ist, ich weiss es, mein geliebter +Balthasar, dir ist es zuweilen so, als verstuendest du die murmelnden +Quellen, die rauschenden Baeume, ja, als spraeche das aufflammende +Abendrot zu dir mit verstaendlichen Worten! - Ja, mein Balthasar! - +in diesen Momenten verstehst du wirklich die wunderbaren Stimmen der +Natur, denn aus deinem eignen Innern erhebt sich der goettliche Ton, +den die wundervolle Harmonie des tiefsten Wesens der Natur entzuendet. +- Da du Klavier spielst, o Dichter, so wirst du wissen, dass dem +angeschlagenen Ton die ihm verwandten Toene nachklingen. - Dieses +Naturgesetz dient zu mehr als zum schalen Gleichnis! - Ja, o Dichter, +du bist ein viel besserer, als es manche glauben, denen du deine +Versuche, die innere Musik mit Feder und Tinte zu Papier zu bringen, +vorgelesen. Mit diesen Versuchen ist es nicht weit her. Doch hast du +im historischen Stil einen guten Wurf getan, als du mit pragmatischer +Breite und Genauigkeit die Geschichte von der Liebe der Nachtigall zur +Purpurrose aufschriebst, welche sich unter meinen Augen begeben. - Das +ist eine ganz artige Arbeit" - + +Prosper Alpanus hielt inne, Balthasar blickte ihn ganz verwundert an +mit grossen Augen, er wusste gar nicht, was er dazu sagen sollte, dass +Prosper das Gedicht, welches er fuer das fantastischste hielt, das er +jemals aufgeschrieben, fuer einen historischen Versuch erklaerte. + +"Du magst," fuhr Prosper Alpanus fort, indem ein anmutiges Laecheln +sein Gesicht ueberstrahlte, "du magst dich wohl ueber meine Reden +verwundern, dir mag ueberhaupt manches seltsam an mir vorkommen. +Bedenke aber, dass ich nach dem Urteil aller vernuenftigen Leute +eine Person bin, die nur im Maerchen auftreten darf, und du weisst, +geliebter Balthasar, dass solche Personen sich wunderlich gebaerden +und tolles Zeug schwatzen koennen, wie sie nur moegen, vorzueglich +wenn hinter allem doch etwas steckt, was gerade nicht zu verwerfen. - +Nun aber weiter! - Nahm sich die Fee Rosabelverde des missgestalteten +Zinnober so eifrig an, so bist du, mein Balthasar, nun ganz und +gar mein lieber Schuetzling. Hoere also, was ich fuer dich zu tun +gesonnen! - Der Zauberer Lothos besuchte mich gestern, er brachte +mir tausend Gruesse, aber auch tausend Klagen von der Prinzessin +Balsamine, die aus dem Schlafe erwacht ist und in den suessen Toenen +des Chartah Bhade, jenes herrlichen Gedichts, das unsere erste Liebe +war, sehnende Arme nach mir ausstreckt. Auch mein alter Freund, der +Minister Yuchi, winkt mir freundlich zu vom Polarstern. - Ich muss +fort nach dem fernsten Indien! - Mein Landgut, das ich verlasse, +wuensche ich in keines andern Besitz zu sehen als in dem +deinigen. Morgen gehe ich nach Kerepes und lasse eine foermliche +Schenkungsurkunde ausfertigen, in der ich als dein Oheim auftrete. +Ist nun Zinnobers Zauber geloest, trittst du vor den Professor +Mosch Terpin hin als Besitzer eines vortrefflichen Landguts, eines +betraechtlichen Vermoegens, und wirbst du um die Hand der schoenen +Candida, so wird er in voller Freude dir alles gewaehren. Aber noch +mehr! - Ziehst du mit deiner Candida ein in mein Landhaus, so ist +das Glueck deiner Ehe gesichert. Hinter den schoenen Baeumen waechst +alles, was das Haus bedarf; ausser den herrlichsten Fruechten der +schoenste Kohl und tuechtiges schmackhaftes Gemuese ueberhaupt, wie +man es weit und breit nicht findet. Deine Frau wird immer den ersten +Salat, die ersten Spargel haben. Die Kueche ist so eingerichtet, dass +die Toepfe niemals ueberlaufen und keine Schuessel verdirbt, solltest +du auch einmal eine ganze Stunde ueber die Essenszeit ausbleiben. +Teppiche, Stuhl- und Sofa-Bezuege sind von der Beschaffenheit, dass +es bei der groessten Ungeschicklichkeit der Dienstboten unmoeglich +bleibt, einen Fleck hineinzubringen, ebenso zerbricht kein Porzellan, +kein Glas, sollte sich auch die Dienerschaft deshalb die groesste +Muehe geben und es auf den haertesten Boden werfen. Jedesmal endlich, +wenn deine Frau waschen laesst, ist auf dem grossen Wiesenplan hinter +dem Hause das allerschoenste heiterste Wetter, sollte es auch rings +umher regnen, donnern und blitzen. Kurz, mein Balthasar, es ist dafuer +gesorgt, dass du das haeusliche Glueck an deiner holden Candida Seite +ruhig und ungestoert geniessest! - + +"Doch nun ist es wohl an der Zeit, dass ich heimkehre und in +Gemeinschaft mit meinem Freunde Lothos die Anstalten zu meiner +baldigen Abreise beginne. Lebe wohl, mein Balthasar!" - + +Damit pfiff Prosper ein- zweimal der Libelle, die alsbald sumsend +herbeiflog. Er zaeumte sie auf und schwang sich in den Sattel. Aber +schon im Davonschweben hielt er ploetzlich an und kehrte um zu +Balthasar. - + +"Beinahe," sprach er, "haette ich deinen Freund Fabian vergessen. In +einem Anfall schalkischer Laune habe ich ihn fuer seinen Vorwitz zu +hart gestraft. In dieser Dose ist das enthalten, was ihn troestet!" - + +Prosper reichte dem Balthasar ein kleines, blank poliertes +schildkroetenes Doeschen hin, das er ebenso einsteckte, wie die +kleine Lorgnette, die er erst zur Entzauberung Zinnobers von Prosper +erhalten. + +Prosper Alpanus rauschte nun fort durch das Gebuesch, indem die +Stimmen des Waldes staerker und anmutiger ertoenten. + +Balthasar kehrte zurueck nach Hoch-Jakobsheim, alle Wonne, alles +Entzuecken der suessesten Hoffnung im Herzen. + + + +Achtes Kapitel + +Wie Fabian seiner langen Rockschoesse halber fuer einen Sektierer +und Tumultuanten gehalten wurde. - Wie Fuerst Barsanuph hinter +den Kaminschirm trat und den Generaldirektor der natuerlichen +Angelegenheiten kassierte. - Zinnobers Flucht aus Mosch Terpins Hause. +- Wie Mosch Terpin auf einem Sommervogel ausreiten und Kaiser werden +wollte, dann aber zu Bette ging. + +In der fruehesten Morgendaemmerung, als Wege und Strassen noch einsam, +schlich sich Balthasar hinein nach Kerepes und lief augenblicklich zu +seinem Freunde Fabian. Als er an die Stubentuere pochte, rief eine +kranke matte Stimme: "Herein!" - + +Bleich - entstellt, hoffnungslosen Schmerz im Antlitz, lag Fabian auf +dem Bette. "Um des Himmels willen," rief Balthasar, "um des Himmels +willen - Freund! sprich! - was ist dir widerfahren?" + +"Ach Freund," sprach Fabian mit gebrochener Stimme, indem er sich +muehsam in die Hoehe richtete, "mit mir ist es aus, rein aus. Der +verfluchte Hexenspuk, den, ich weiss es, der rachsuechtige Prosper +Alpanus ueber mich gebracht, stuerzt mich ins Verderben!" - + +"Wie ist das moeglich?" fragte Balthasar; "Zauberei, Hexenspuk, +du glaubtest sonst an dergleichen nicht." "Ach," fuhr Fabian mit +weinerlicher Stimme fort, "ach, ich glaube jetzt an alles, an Zauberer +und Hexen und Erdgeister und Wassergeister, an den Rattenkoenig und +die Alraunwurzel - an alles, was du willst. Wem das Ding so auf den +Hals tritt wie mir, der gibt sich wohl! - Du erinnerst dich an den +hoellischen Skandal mit meinem Rocke, als wir von Prosper Alpanus +kamen! - Ja! waer' es nur dabei geblieben! - Sieh dich doch etwas um +in meinem Zimmer, lieber Balthasar!" - + +Balthasar tat es und gewahrte an allen Waenden rings umher eine Unzahl +von Fracks, Ueberroecken, Kurtken von allem moeglichen Zuschnitt, von +allen moeglichen Farben. "Wie," rief er, "willst du einen Kleiderkram +anlegen, Fabian?" + +"Spotte nicht," erwiderte Fabian, "spotte nicht, lieber Freund. Alle +diese Kleider liess ich anfertigen von den beruehmtesten Schneidern, +immer hoffend, endlich einmal der unseligen Verdammnis zu entgehen, +die auf meinen Roecken ruht, aber umsonst. Sowie ich den schoensten +Rock, der mir steht wie angegossen an den Leib, nur einige Minuten +trage, rutschen die Aermel mir an die Schultern herauf, und die +Schoesse schwaenzeln mir nach sechs Ellen lang. In der Verzweiflung +liess ich mir jenen Spenzer mit den eine Welt langen Pierrotsaermeln +machen: 'Rutscht nur, Aermel,' dacht' ich, 'dehnt euch nur aus, +Schoesse, so kommt alles ins Gleiche': aber! - ganz dasselbe wie mit +allen andern Roecken war es in wenigen Minuten! Alle Kunst und Kraft +der maechtigsten Schneider richtete nichts aus gegen den verwuenschten +Zauber! Dass ich verhoehnt, verspottet wurde, wo ich mich nur +blicken liess, versteht sich von selbst, aber bald veranlasste +meine unverschuldete Hartnaeckigkeit, immer wieder in einem solch +verteufelten Rock zu erscheinen, ganz andere Urteile. Das Geringste +war noch, dass die Frauen mich grenzenlos eitel und abgeschmackt +schalten, da ich aller Sitte entgegen mich durchaus mit nackten Armen, +sie wahrscheinlich fuer sehr schoen haltend, sehen lassen wolle. Die +Theologen aber schrien mich bald fuer einen Sektierer aus, stritten +sich nur, ob ich zur Sekte der Aermelianer oder Schoessianer zu +rechnen, waren aber darin einig, dass beide Sekten hoechst gefaehrlich +zu nennen, da beide vollkommene Freiheit des Willens statuierten und +sich erfrechten zu denken, was sie wollten. Diplomatiker hielten mich +fuer einen schnoeden Aufwiegler. Sie behaupteten, ich wolle durch +meine langen Rockschoesse Unzufriedenheit im Volke erregen und es +aufsaessig machen gegen die Regierung, gehoere ueberhaupt zu einem +geheimen Bunde, dessen Zeichen ein kurzer Aermel sei. Schon seit +langer Zeit faenden sich hie und da Spuren der Kurzaermler, die ebenso +zu fuerchten als die Jesuiten, ja noch mehr, da sie sich bemuehten, +ueberall die jedem Staate schaedliche Poesie einzufuehren, und an +der Infallibilitaet der Fuersten zweifelten. Kurz! - das Ding wurde +ernster und ernster, bis mich der Rektor zitieren liess. Ich sah mein +Unglueck vorher, wenn ich einen Rock anzog, erschien also in der +Weste. Darueber wurde der Mann zornig, er glaubte, ich wolle ihn +verhoehnen, und fuhr auf mich los, ich solle binnen acht Tagen +in einem vernuenftigen anstaendigen Rock vor ihm erscheinen, +widrigenfalls er ohne alle Gnade die Relegation ueber mich aussprechen +wuerde. - Heute geht der Termin zu Ende! - O ich Ungluecklicher! - O +verdammter Prosper Alpanus!" - + +"Halt ein," rief Balthasar, "halt ein, lieber Freund Fabian, schmaele +nicht auf meinen teuern lieben Oheim, der mir ein Landgut geschenkt +hat. Auch mit _dir_ meint er es gar nicht so boese, ungeachtet er, +ich muss es gestehen, den Vorwitz, womit du ihm begegnetest, zu hart +gestraft hat. - Doch ich bringe Huelfe! - er sendet dir dies Doeschen, +welches alle deine Leiden enden soll." + +Damit zog Balthasar das kleine schildkroetene Doeschen, welches er +von Prosper Alpanus erhalten, aus der Tasche und ueberreichte es dem +trostlosen Fabian. + +"Was soll," Sprach dieser, "was soll mir denn der dumme Quark helfen? +wie kann ein kleines schildkroetenes Doeschen Einfluss haben auf die +Gestaltung meiner Roecke?" "Das weiss ich nicht," erwiderte Balthasar, +"aber mein lieber Oheim kann und wird mich nicht taeuschen, ich habe +das vollste Zutrauen zu ihm; darum oeffne nur die Dose, lieber Fabian, +wir wollen sehen, was darin enthalten." + +Fabian tat es - und aus der Dose quoll ein herrlich gemachter +schwarzer Frack von dem feinsten Tuche hervor. Beide, Fabian und +Balthasar, konnten sich des lauten Ausrufs der hoechsten Verwunderung +nicht erwehren. + +"Ha, ich verstehe dich," rief Balthasar begeistert, "ha, ich verstehe +dich, mein Prosper, mein teurer Oheim! Dieser Rock wird passen, wird +allen Zauber loesen." - + +Fabian zog den Rock ohne weiteres an, und was Balthasar geahnet, traf +wirklich ein. Das schoene Kleid sass dem Fabian, wie noch niemals +ihm eins gesessen, und an Rutschen der Aermel, an Verlaengerung der +Schoesse war nicht zu denken. + +Ganz ausser sich vor Freude, beschloss Fabian nun sogleich in seinem +neuen wohlpassenden Rock zum Rektor hinzulaufen und alles ins Gleiche +zu bringen. + +Balthasar erzaehlte nun seinem Freunde Fabian ausfuehrlich, wie sich +alles begeben mit Prosper Alpanus, und wie dieser ihm die Mittel in +die Hand gegeben, dem heillosen Unwesen des missgestalteten Daeumlings +ein Ende zu machen. Fabian, der ein ganz anderer worden, da ihn alle +Zweifelsucht ganz verlassen, ruehmte Prospers hohen Edelmut ueber alle +Massen und erbot sich, bei Zinnobers Entzauberung huelfreiche Hand zu +leisten. In dem Augenblick gewahrte Balthasar aus dem Fenster seinen +Freund, den Referendarius Pulcher, der ganz truebsinnig um die Ecke +schleichen wollte. Fabian steckte auf Balthasars Geheiss den Kopf zum +Fenster heraus und winkte und rief dem Referendarius zu, er moege doch +nur gleich heraufkommen. + +Sowie Pulcher eintrat, rief er gleich: "Was hast du denn fuer einen +herrlichen Rock an, lieber Fabian!" Dieser sagte aber, Balthasar werde +ihm alles erklaeren, und lief fort zum Rektor. + +Als nun Balthasar dem Referendarius alles ausfuehrlich erzaehlt, was +sich zugetragen, sprach dieser. "Gerade an der Zeit ist es nun, dass +der abscheuliche Unhold tot gemacht wird. Wisse, dass er heute seine +feierliche Verlobung mit Candida feiert, dass der eitle Mosch Terpin +ein grosses Fest gibt, wozu er selbst den Fuersten geladen. Gerade +bei diesem Feste wollen wir eindringen in des Professors Haus und +den Kleinen ueberfallen. An Lichtern im Saal wird's nicht fehlen zum +augenblicklichen Verbrennen der feindseligen Haare." + +Noch manches hatten die Freunde gesprochen und miteinander verabredet, +als Fabian eintrat mit vor Freude glaenzendem Gesicht. + +"Die Kraft," sprach er, "die Kraft des Rocks, der der schildkroetenen +Dose entquollen, hat sich herrlich bewaehrt. Sowie ich eintrat bei dem +Rektor, laechelte er zufrieden. 'Ha' redete er mich an, 'ha! - ich +gewahre, mein lieber Fabian, dass Sie zurueckgekommen sind von Ihrer +seltsamen Verirrung! - Nun! Feuerkoepfe wie Sie lassen sich leicht +hinreissen zu dem Extremen! - Fuer religioese Schwaermerei habe ich +Ihr Beginnen niemals gehalten - mehr falsch verstandener Patriotismus +- Hang zum Ausserordentlichen, gestuetzt auf das Beispiel der Heroen +des Altertums. - Ja, das lasse ich gelten, solch ein schoener, +wohlpassender Rock! - Heil dem Staate, Heil der Welt, wenn hochherzige +Juenglinge solche Roecke tragen, mit solchen passenden Aermeln und +Schoessen. Bleiben Sie treu, Fabian, bleiben Sie treu solcher Tugend, +solchem wackren Sinn, daraus entsprosst wahre Heldengroesse!' - Der +Rektor umarmte mich, indem helle Traenen ihm in die Augen traten. +Selbst weiss ich nicht, wie ich dazu kam, die kleine schildkroetene +Dose, aus der der Rock entstanden und die ich nun in dessen Tasche +gesteckt, hervorzuziehen. 'Bitte!' sprach der Rektor, indem er Daum +und Zeigefinger zusammenspitzte. Ohne zu wissen, ob wohl Tabak +darin enthalten, klappte ich die Dose auf. Der Rektor griff hinein, +schnupfte, fasste meine Hand, drueckte sie stark, Traenen liefen ihm +ueber die Wangen; er sprach tiefgeruehrt: 'Edler Juengling! - eine +schoene Prise! - Alles ist vergeben und vergessen, speisen Sie bei mir +heut mittags!' - Ihr seht, Freunde, all mein Leiden hat ein Ende, und +gelingt uns heute, wie es anders gar nicht zu erwarten steht, die +Entzauberung Zinnobers, so seid auch ihr fortan gluecklich!" - + +In dem mit hundert Kerzen erleuchteten Saal stand der kleine +Zinnober im scharlachroten gestickten Kleide, den grossen Orden des +gruengefleckten Tigers mit zwanzig Knoepfen umgetan, Degen an der +Seite, Federhut unterm Arm. Neben ihm die holde Candida braeutlich +geschmueckt, in aller Anmut und Jugend strahlend. Zinnober hatte ihre +Hand gefasst, die er zuweilen an den Mund drueckte und dabei recht +widrig grinste und laechelte. Und jedesmal ueberflog dann ein hoeheres +Rot Candidas Wangen, und sie blickte den Kleinen an mit dem Ausdruck +der innigsten Liebe. Das war denn wohl recht graulich anzusehen, und +nur die Verblendung, in die Zinnobers Zauber alle versetzte, war +schuld daran, dass man nicht, ergrimmt ueber Candidas heillose +Verstrickung, den kleinen Hexenkerl packte und ins Kaminfeuer warf. +Rings um das Paar im Kreise in ehrerbietiger Entfernung hatte sich die +Gesellschaft gesammelt. Nur Fuerst Barsanuph stand neben Candida und +muehte sich, bedeutungsvolle gnaedige Blicke umherzuwerfen, auf die +indessen niemand sonderlich achtete. Alles hatte nur Auge fuer das +Brautpaar und hing an Zinnobers Lippen, der hin und wieder einige +unverstaendliche Worte schnurrte, denen jedesmal ein leises Ach! der +hoechsten Bewunderung, das die Gesellschaft ausstiess, folgte. + +Es war an dem, dass die Verlobungsringe gewechselt werden sollten. +Mosch Terpin trat in den Kreis mit einem Praesentierteller, auf dem +die Ringe funkelten. Er raeusperte sich - Zinnober hob sich auf den +Fussspitzen so hoch als moeglich, beinahe reichte er der Braut an den +Ellbogen. - Alles stand in der gespanntesten Erwartung - da lassen +sich ploetzlich fremde Stimmen hoeren, die Tuere des Saals springt +auf, Balthasar dringt ein, mit ihm Pulcher - Fabian! - Sie brechen +durch den Kreis - "Was ist das, was wollen die Fremden?" ruft alles +durcheinander. - + +Fuerst Barsanuph schreit entsetzt: "Aufruhr - Rebellion - Wache!" und +springt hinter den Kaminschirm. - Mosch Terpin erkennt den Balthasar, +der dicht bis zum Zinnober vorgedrungen, und ruft: "Herr Studiosus! +- Sind Sie rasend - sind Sie von Sinnen? - wie koennen Sie sich +unterstehen, hier einzudringen in die Verlobung! - Leute - +Gesellschaft - Bediente, werft den Grobian zur Tuere hinaus!" - + +Aber ohne sich nur im mindesten an irgend etwas zu kehren, hat +Balthasar schon Prospers Lorgnette hervorgezogen und richtet durch +dieselbe den festen Blick auf Zinnobers Haupt. Wie vom elektrischen +Strahl getroffen, stoesst Zinnober ein gellendes Katzengeschrei +aus, dass der ganze Saal widerhallt. Candida faellt ohnmaechtig auf +einen Stuhl; der eng geschlossene Kreis der Gesellschaft staeubt +auseinander. - Klar vor Balthasars Augen liegt der feuerfarbglaenzende +Haarstreif, er spring zu auf Zinnober - fasst ihn, der strampelt mit +den Beinchen und straeubt sich und kratzt und beisst. + +"Angepackt - angepackt!" ruft Balthasar; da fassen Fabian und Pulcher +den Kleinen, dass er sich nicht zu regen und zu bewegen vermag, und +Balthasar fasst sicher und behutsam die roten Haare, reisst sie mit +einem Ruck vom Haupte herab, springt an den Kamin, wirft sie ins +Feuer, sie prasseln auf, es geschieht ein betaeubender Schlag, alle +erwachen wie aus dem Traum. - Da steht der kleine Zinnober, der +sich muehsam aufgerafft von der Erde, und schimpft und schmaelt +und befiehlt, man solle die frechen Ruhestoerer, die sich an der +geheiligten Person des ersten Ministers im Staate vergriffen, sogleich +packen und ins tiefste Gefaengnis werfen! Aber einer fraegt den +andern: "Wo kommt denn mit einemmal der kleine purzelbaeumige Kerl +her? - was will das kleine Ungetuem?" - Und wie der Daeumling +immerfort tobt und mit den Fuesschen den Boden stampft und immer +dazwischen ruft: "Ich bin der Minister Zinnober - ich bin der Minister +Zinnober - der gruengefleckte Tiger mit zwanzig Knoepfen!" da bricht +alles in ein tolles Gelaechter aus. Man umringt den Kleinen, die +Maenner heben ihn auf und werfen sich ihn zu wie einen Fangball; ein +Ordensknopf nach dem andern springt ihm vom Leibe - er verliert den +Hut - den Degen, die Schuhe. - Fuerst Barsanuph kommt hinter dem +Kaminschirm hervor und tritt hinein mitten in den Tumult. Da kreischt +der Kleine: "Fuerst Barsanuph - Durchlaucht - retten Sie Ihren +Minister - Ihren Liebling! - Huelfe - Huelfe - der Staat ist in Gefahr +- der gruengefleckte Tiger - Weh - weh!" - Der Fuerst wirft einen +grimmigen Blick auf den Kleinen und schreitet dann rasch vorwaerts +nach der Tuere. Mosch Terpin kommt ihm in den Weg, den fasst er, zieht +ihn in die Ecke und spricht mit zornfunkelnden Augen: "Sie erdreisten +sich, Ihrem Fuersten, Ihrem Landesvater hier eine dumme Komoedie +vorspielen zu wollen? - Sie laden mich ein zur Verlobung Ihrer +Tochter mit meinem wuerdigen Minister Zinnober, und statt meines +Ministers finde ich hier eine abscheuliche Missgeburt, die Sie +in glaenzende Kleider gesteckt? - Herr, wissen Sie, dass das ein +landesverraeterischer Spass ist, den ich strenge ahnden wuerde, wenn +Sie nicht ein ganz alberner Mensch waeren, der ins Tollhaus gehoert. +- Ich entsetze Sie des Amts als Generaldirektor der natuerlichen +Angelegenheiten und verbitte mir alles weitere Studieren in meinem +Keller! - Adieu!" + +Dann stuermte er fort. + +Aber Mosch Terpin stuerzte zitternd vor Wut los auf den Kleinen, +fasste ihn bei den langen struppigen Haaren und rannte mit ihm hin +nach dem Fenster: "Hinunter mit dir," schrie er, "hinunter mit +dir, schaendliche heillose Missgeburt, die mich so schmachvoll +hintergangen, mich um alles Glueck des Lebens gebracht hat!" + +Er wollte den Kleinen hinabstuerzen durch das geoeffnete Fenster, doch +der Aufseher des zoologischen Kabinetts, der auch zugegen, sprang +mit Blitzesschnelle hinzu, fasste den Kleinen und entriss ihn Mosch +Terpins Faeusten. "Halten Sie ein," sprach der Aufseher, "halten +Sie ein, Herr Professor, vergreifen Sie sich nicht an fuerstlichem +Eigentum. Es ist keine Missgeburt, es ist der Mycetes Belzebub, Simia +Belzebub, der dem Museo entlaufen." "Simia Belzebub - Simia Belzebub!" +ertoente es von allen Seiten unter schallendem Gelaechter. Doch kaum +hatte der Aufseher den Kleinen auf den Arm genommen und ihn recht +angesehen, als er unmutig ausrief: "Was sehe ich! - das ist ja nicht +Simia Belzebub, das ist ja ein schnoeder haesslicher Wurzelmann! Pfui! +- pfui" - + +Und damit warf er den Kleinen in die Mitte des Saals. Unter dem +lauten Hohngelaechter der Gesellschaft rannte der Kleine quiekend +und knurrend durch die Tuere fort die Treppe herab - fort, fort nach +seinem Hause, ohne dass ihn ein einziger von seinen Dienern bemerkt. + +Waehrenddessen, dass sich dies alles im Saale begab, hatte sich +Balthasar in das Kabinett entfernt, wo man, wie er wahrgenommen, +die ohnmaechtige Candida hingebracht. Er warf sich ihr zu Fuessen, +drueckte ihre Haende an seine Lippen, nannte sie mit den suessesten +Namen. Sie erwachte endlich mit einem tiefen Seufzer, und als sie den +Balthasar erblickte, da rief sie voll Entzuecken: + +"Bist du endlich - endlich da, mein geliebter Balthasar! Ach, ich bin +ja beinahe vergangen vor Sehnsucht und Liebesschmerz! - und immer +erklangen mir die Toene der Nachtigall, von denen beruehrt, der +Purpurrose das Herzblut entquillt!" - + +Nun erzaehlte sie, alles, alles um sich her vergessend, wie ein boeser +abscheulicher Traum sie verstrickt, wie es ihr vorgekommen, als habe +sich ein haesslicher Unhold an ihr Herz gelegt, dem sie ihre Liebe +schenken muessen, weil sie nicht anders gekonnt. Der Unhold habe sich +zu verstellen gewusst, dass er ausgesehen wie Balthasar; und wenn sie +recht lebhaft an Balthasar gedacht, habe sie zwar gewusst, dass der +Unhold nicht Balthasar, aber dann sei es ihr wieder auf unbegreifliche +Weise gewesen, als muesse sie den Unhold lieben, eben um Balthasars +willen. + +Balthasar klaerte ihr so viel auf, als es geschehen konnte, ohne ihre +ohnehin aufgeregten Sinne ganz und gar zu verwirren. Dann folgten, +wie es unter Liebesleuten nicht anders zu geschehen pflegt, tausend +Versicherungen, tausend Schwuere ewiger Liebe und Treue. Und dabei +umfingen sie sich und drueckten sich mit der Inbrunst der innigsten +Zaertlichkeit an die Brust und waren ganz und gar umflossen von aller +Wonne, von allem Entzuecken des hoechsten Himmels. + +Mosch Terpin trat ein, haenderingend und lamentierend, mit ihm kamen +Pulcher und Fabian, die immerfort, jedoch vergebens troesteten. + +"Nein," rief Mosch Terpin, "nein, ich bin ein total geschlagener Mann! +- nicht mehr Generaldirektor der natuerlichen Angelegenheiten im +Staate. - Kein Studium mehr im fuerstlichen Keller - die Ungnade des +Fuersten - ich gedachte Ritter zu werden des gruengefleckten Tigers, +wenigstens mit fuenf Knoepfen. - Alles aus! - Was wird nur Se. +Exzellenz der wuerdige Minister Zinnober dazu sagen, wenn er +hoert, dass ich eine schnoede Missgeburt, den Simia Belzebub cauda +prehensili, oder was weiss ich sonst, fuer ihn gehalten! - O Gott, +auch sein Hass wird auf mich lasten! - Alikante! - Alikante!" - + +"Aber, bester Professor," troesteten die Freunde - "verehrter +Generaldirektor, bedenken Sie doch nur, dass es gar keinen Minister +Zinnober mehr gibt! - Sie haben sich ganz und gar nicht vergriffen, +der ungestaltete Knirps hat vermoege der Zaubergabe, die er von der +Fee Rosabelverde erhalten, Sie ebensogut getaeuscht, wie uns alle!" - + +Nun erzaehlte Balthasar, wie sich alles begeben von Anfang an. Der +Professor horchte und horchte, bis Balthasar geendet, da rief er: +"Wach' ich! - traeum' ich - Hexen - Zauberer - Feen - magische Spiegel +- Sympathien - soll ich an den Unsinn glauben" - + +"Ach liebster Herr Professor," fiel Fabian ein, "haetten Sie nur eine +Zeitlang einen Rock getragen mit kurzen Aermeln und langer Schleppe, +so wie ich, Sie wuerden schon an alles glauben, dass es eine Lust +waere!" - + +"Ja," rief Mosch Terpin, "ja, es ist alles so - ja! - ein verhextes +Untier hat mich getaeuscht - ich stehe nicht mehr auf den Fuessen - +ich schwebe auf zur Decke -Prosper Alpanus holt mich ab - ich reite +aus auf einem Sommervogel - ich lass mich frisieren von der Fee +Rosabelverde - von dem Stiftsfraeulein Rosenschoen, und werde +Minister! - Koenig - Kaiser!" - + +Und damit sprang er im Zimmer umher und schrie und juchzte, dass alle +fuer seinen Verstand fuerchteten, bis er ganz erschoepft in einen +Lehnsessel sank. Da nahten sich ihm Candida und Balthasar. Sie +sprachen davon, wie sie sich so innig, so ueber alles liebten, wie sie +gar nicht ohne einander leben koennten, und das war recht wehmuetig +anzuhoeren, weshalb Mosch Terpin auch wirklich etwas weinte. "Alles," +sprach er schluchzend, "alles, was ihr wollt, Kinder! - heiratet +euch, liebt euch - hungert zusammen, denn ich gebe der Candida keinen +Groschen mit" - + +Was das Hungern betraefe, sprach Balthasar laechelnd, so hoffe er +morgen den Herrn Professor zu ueberzeugen, dass davon wohl niemals die +Rede sein koenne, da sein Oheim Prosper Alpanus hinlaenglich fuer ihn +gesorgt. + +"Tue das," sprach der Professor matt, "tue das, mein lieber Sohn, wenn +du kannst, und zwar morgen; denn soll ich nicht in Wahnsinn verfallen, +soll mir der Kopf nicht zerspringen, so muss ich sofort zu Bette +gehen!" - + +Er tat das wirklich auf der Stelle. + + + +Neuntes Kapitel + +Verlegenheit eines treuen Kammerdieners. - Wie die alte Liese eine +Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober auf der Flucht +ausglitschte. - Auf welche merkwuerdige Weise der Leibarzt des +Fuersten Zinnobers jaehen Tod erklaerte. - Wie Fuerst Barsanuph sich +betruebte, Zwiebeln ass, und wie Zinnobers Verlust unersetzlich blieb. + +Der Wagen des Ministers Zinnober hatte beinahe die ganze Nacht +vergeblich vor Mosch Terpins Hause gehalten. Ein Mal ueber das andere +versicherte man dem Jaeger, Se. Exzellenz muessten schon lange die +Gesellschaft verlassen haben; der meinte aber dagegen, das sei ganz +unmoeglich, da Se. Exzellenz doch wohl nicht im Regen und Sturm zu +Fuss nach Hause gerannt sein wuerde. Als nun endlich alle Lichter +ausgeloescht und die Tueren verschlossen wurden, musste der Jaeger +zwar fortfahren mit dem leeren Wagen, im Hause des Ministers weckte er +aber sogleich den Kammerdiener und fragte, ob denn ums Himmels willen +und auf welche Art der Minister nach Hause gekommen. "Se. Exzellenz," +erwiderte der Kammerdiener leise dem Jaeger ins Ohr, "Se. Exzellenz +sind gestern eingetroffen in spaeter Daemmerung, das ist ganz gewiss - +liegen im Bette und schlafen. - Aber! - o mein guter Jaeger! - wie - +auf welche Weise! - ich will Ihnen alles erzaehlen - doch Siegel auf +den Mund - ich bin ein verlornen Mann, wenn Se. Exzellenz erfahren, +dass ich es war auf dem finstern Korridor! - ich komme um meinen +Dienst, denn Se. Exzellenz sind zwar von kleiner Statur, besitzen aber +ausserordentlich viel Wildheit, alterieren sich leicht, kennen sich +selbst nicht im Zorn, haben noch gestern eine schnoede Maus, die durch +Sr. Exzellenz Schlafzimmer zu huepfen sich unterfangen, mit dem blank +gezogenen Degen durch und durch gerannt. - Nun gut! - Also in der +Daemmerung nehme ich mein Maentelchen um und will ganz sachte +hinueberschleichen ins Weinstuebchen zu einer Partie Tric-Trac, da +schurrt und schlurrt mir etwas auf der Treppe entgegen und kommt mir +auf dem finstern Korridor zwischen die Beine und schlaegt hin auf den +Boden und erhebt ein gellendes Katzengeschrei und grunzt dann wie - o +Gott - Jaeger! - halten Sie das Maul, edler Mann, sonst bin ich hin! +- kommen Sie ein wenig naeher - und grunzt dann, wie unsere gnaedige +Exzellenz zu grunzen pflegt, wenn der Koch die Kaelberkeule verbraten +oder ihm sonst im Staate was nicht recht ist." + +Die letzten Worte hatte der Kammerdiener dem Jaeger mit vorgehaltener +Hand ins Ohr gesprochen. Der Jaeger fuhr zurueck, schnitt ein +bedenkliches Gesicht und rief: "Ist es moeglich!" - + +"Ja," fuhr der Kammerdiener fort, "es war unbezweifelt unsere gnaedige +Exzellenz, was mir auf dem Korridor durch die Beine fuhr. Ich vernahm +nun deutlich, wie der Gnaedige in den Zimmern die Stuehle heranrueckte +und sich die Tuere eines Zimmers nach dem andern oeffnete, bis er +in sein Schlafkabinett angekommen. Ich wagt' es nicht nachzugehen, +aber ein paar Stuendchen nachher schlich ich mich an die Tuere des +Schlafkabinetts und horchte. Da schnarchten die liebe Exzellenz ganz +auf die Weise, wie es zu geschehen pflegt, wenn Grosses im Werke. +- Jaeger! 'es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere +Weisheit sich traeumt,' das hoert' ich einmal auf dem Theater einen +melancholischen Prinzen sagen, der ganz schwarz ging und sich vor +einem ganz in grauen Pappendeckel gekleideten Mann sehr fuerchtete. - +Jaeger! - es ist gestern irgend etwas Erstaunliches geschehen, das die +Exzellenz nach Hause trieb. Der Fuerst ist bei dem Professor gewesen, +vielleicht aeusserte er das und das - irgendein huebsches Reformchen +- und da ist nun der Minister gleich drueber her, laeuft aus der +Verlobung heraus und faengt an zu arbeiten fuer das Wohl der +Regierung. - Ich hoert's gleich am Schnarchen; ja Grosses, +Entscheidendes wird geschehen! - O Jaeger - vielleicht lassen wir alle +ueber kurz oder lang uns wieder die Zoepfe wachsen! - Doch, teurer +Freund, lassen Sie uns hinabgehen und als treue Diener an der Tuere +des Schlafzimmers lauschen, ob Se. Exzellenz auch noch ruhig im Bette +liegen und die inneren Gedanken ausarbeiten." + +Beide, der Kammerdiener und der Jaeger, schlichen sich hin an die +Tuere und horchten. Zinnober schnurrte und orgelte und pfiff durch die +wundersamsten Tonarten. Beide Diener standen in stummer Ehrfurcht, und +der Kammerdiener sprach tiefgeruehrt: "Ein grosser Mann ist doch unser +gnaedige Herr Minister!" - + +Schon am fruehsten Morgen entstand unten im Hause des Ministers ein +gewaltiger Laerm. Ein altes, erbaermlich in laengst verblichenen +Sonntagsstaat gekleidetes Bauerweib hatte sich ins Haus gedraengt +und dem Portier angelegen, sie sogleich zu ihrem Soehnlein, zu Klein +Zaches zu fuehren. Der Portier hatte sie bedeutet, dass Se. Exzellenz +der Herr Minister von Zinnober, Ritter des gruengefleckten Tigers mit +zwanzig Knoepfen, im Hause wohne, und niemand von der Dienerschaft +Klein Zaches hiesse oder so genannt werde. Da hatte das Weib aber +ganz tolljubelnd geschrien, der Herr Minister Zinnober mit zwanzig +Knoepfen, das sei eben ihr liebes Soehnlein, der Klein Zaches. Auf das +Geschrei des Weibes, auf die donnernden Flueche des Portiers war alles +aus dem ganzen Hause zusammengelaufen, und das Getoese wurde aerger +und aerger. Als der Kammerdiener hinabkam, um die Leute auseinander zu +jagen, die Se. Exzellenz so unverschaemt in der Morgenruhe stoerten, +warf man eben das Weib, die alle fuer wahnsinnig hielten, zum Hause +heraus. + +Auf die steinernen Stufen des gegenueberstehenden Hauses setzte sich +nun das Weib hin und schluchzte und lamentierte, dass das grobe Volk +da drinnen sie nicht zu ihrem Herzenssoehnlein, zu dem Klein Zaches, +der Minister geworden, lassen wolle. Viele Leute versammelten sich +nach und nach um sie her, denen sie immer und immer wiederholte, dass +der Minister Zinnober niemand anders sei, als ihr Sohn, den sie in +der Jugend Klein Zaches geheissen; so dass die Leute zuletzt nicht +wussten, ob sie die Frau fuer toll halten oder gar ahnen sollten, dass +wirklich was an der Sache. + +Die Frau wandte nicht die Augen weg von Zinnobers Fenster. Da schlug +sie mit einemmal eine helle Lache auf, klopfte die Haende zusammen und +rief jubelnd ueberlaut: "Da ist er - da ist er, mein Herzensmaennlein +- mein kleines Koboldchen - Guten Morgen, Klein Zaches! - Guten +Morgen, Klein Zaches!" - Alle Leute kuckten hin, und als sie den +kleinen Zinnober gewahrten, der in seinem gestickten Scharlachkleide, +das Ordensband des gruengefleckten Tigers umgehaengt, vor dem Fenster +stand, das hinabging bis an den Fussboden, so dass seine ganze Figur +durch die grossen Scheiben deutlich zu sehen, lachten sie ganz +uebermaessig und laermten und schrien: "Klein Zaches - Klein Zaches! +Ha, seht doch den kleinen geputzten Pavian - die tolle Missgeburt - +das Wurzelmaennlein - Klein Zaches! Klein Zaches!" - Der Portier, alle +Diener Zinnobers rannten heraus, um zu erschauen, worueber das Volk +denn so unmaessig lache und jubiliere. Aber kaum erblickten sie ihren +Herren, als sie noch aerger als das Volk im tollsten Gelaechter +schrien: "Klein Zaches - Klein Zaches - Wurzelmann - Daeumling - +Alraun!" - + +Der Minister schien erst jetzt zu gewahren, dass der tolle Spuk auf +der Strasse niemand anderm gelte, als ihm selbst. Er riss das Fenster +auf, schaute mit zornfunkelnden Augen herab, schrie, raste, machte +seltsame Spruenge vor Wut - drohte mit Wache - Polizei - Stockhaus und +Festung. + +Aber je mehr die Exzellenz tobte im Zorn, desto aerger wurde Tumult +und Gelaechter, man fing an mit Steinen - Obst - Gemuese oder was man +eben zur Hand bekam, nach dem ungluecklichen Minister zu werfen - er +musste hinein! - + +"Gott im Himmel," rief der Kammerdiener entsetzt, "aus dem Fenster +der gnaedigen Exzellenz kuckte ja das kleine abscheuliche Ungetuem +heraus - Was ist das? - wie ist der kleine Hexenkerl in die Zimmer +gekommen?" - Damit rannte er hinauf, aber so wie vorher fand er das +Schlafkabinett des Ministers fest verschlossen. Er wagte leise zu +pochen! - Keine Antwort! - + +Indessen war, der Himmel weiss, auf welche Weise, ein dumpfes Gemurmel +im Volke entstanden, das kleine laecherliche Ungetuem dort oben sei +wirklich Klein Zaches, der den stolzen Namen Zinnober angenommen und +sich durch allerlei schaendlichen Lug und Trug aufgeschwungen. Immer +lauter und lauter erhoben sich die Stimmen. "Hinunter mit der kleinen +Bestie - hinunter - klopft dem Klein Zaches die Ministerjacke aus +- sperrt ihn in den Kaeficht - lasst ihn fuer Geld sehen auf dem +Jahrmarkt! - Beklebt ihn mit Goldschaum und beschert ihn den Kindern +zum Spielzeug! - Hinauf - hinauf!" - Und damit stuermte das Volk an +gegen das Haus. + +Der Kammerdiener rang verzweiflungsvoll die Haende. "Rebellion - +Tumult - Exzellenz - machen Sie auf - retten Sie sich!" - so schrie +er; aber keine Antwort, nur ein leises Stoehnen liess sich vernehmen. + +Die Haustuere wurde eingeschlagen, das Volk polterte unter wildem +Gelaechter die Treppe herauf. + +"Nun gilt's," sprach der Kammerdiener und rannte mit aller Macht an +gegen die Tuere des Kabinetts, dass sie klirrend und rasselnd aus den +Angeln sprang. - Keine Exzellenz - kein Zinnober zu finden! - + +"Exzellenz - gnaedigste Exzellenz - vernehmen Sie denn nicht die +Rebellion? - Exzellenz - gnaedigste Exzellenz, wo hat sie denn der - +Gott verzeih' mir die Suende, wo geruhen Sie sich denn zu befinden!" + +So schrie der Kammerdiener, in heller Verzweiflung durch die Zimmer +rennend. Aber keine Antwort, kein Laut, nur der spottende Widerhall +toente von den Marmorwaenden. Zinnober schien spurlos, tonlos +verschwunden. - Draussen war es ruhiger geworden, der Kammerdiener +vernahm die tiefe klangvolle Stimme eines Frauenzimmers, die zum Volke +sprach, und gewahrte, durchs Fenster blickend, wie die Menschen nach +und nach, leise miteinander murmelnd, das Haus verliessen, bedenkliche +Blicke hinaufwerfend nach den Fenstern. + +"Die Rebellion scheint vorueber," sprach der Kammerdiener, "nun wird +die gnaedige Exzellenz wohl hervorkommen aus ihrem Schlupfwinkel." + +Er ging nach dem Schlafkabinett zurueck, vermutend, dort werde der +Minister sich doch wohl am Ende befinden. + +Er warf spaehende Blicke rings umher, da wurde er gewahr, wie aus +einem schoenen silbernen Henkelgefaess, das immer dicht neben der +Toilette zu stehen pflegte, weil es der Minister als ein teures +Geschenk des Fuersten sehr wert hielt, ganz kleine duenne Beinchen +hervorstarrten. + +"Gott - Gott," schrie der Kammerdiener entsetzt, "Gott! - Gott! - +taeuscht mich nicht alles, so gehoeren die Beinchen dort Sr. Exzellenz +dem Herrn Minister Zinnober, meinem gnaedigen Herrn!" - Er trat +hinan, er rief, durchbebt von allen Schauern des Schrecks, indem er +herabschaute: "Exzellenz - Exzellenz - um Gott, was machen Sie - was +treiben Sie da unten in der Tiefe!" + +Da aber Zinnober still blieb, sah der Kammerdiener wohl die Gefahr +ein, in der die Exzellenz schwebte, und dass es an der Zeit sei, allen +Respekt beiseite zu setzen. Er packte den Zinnober bei den Beinchen +- zog ihn heraus! - Ach tot - tot war die kleine Exzellenz! Der +Kammerdiener brach aus in lautes Jammern; der Jaeger, die Dienerschaft +eilte herbei, man rannte nach dem Leibarzt des Fuersten. Indessen +trocknete der Kammerdiener seinen armen ungluecklichen Herrn ab mit +saubern Handtuechern, legte ihn ins Bett, bedeckte ihn mit seidenen +Kissen, so dass nur das kleine verschrumpfte Gesichtchen sichtbar +blieb. + +Hinein trat nun das Fraeulein von Rosenschoen. Sie hatte erst, der +Himmel weiss, auf welche Art, das Volk beruhigt. Nun schritt sie zu +auf den entseelten Zinnober, ihr folgte die alte Liese, des kleinen +Zaches leibliche Mutter. - Zinnober sah in der Tat huebscher aus im +Tode, als er jemals in seinem ganzen Leben ausgesehen. Die kleinen +Aeugelein waren geschlossen, das Naeschen sehr weiss, der Mund zum +sanften Laecheln ein wenig verzogen, aber vor allen Dingen wallte das +dunkelbraune Haar in den schoensten Locken herab. Ueber das Haupt hin +strich das Fraeulein den Kleinen, und in dem Augenblick blitzte in +mattem Schimmer ein roter Streif hervor. + +"Ha," rief das Fraeulein, indem ihr die Augen vor Freude glaenzten, +"ha, Prosper Alpanus! - hoher Meister, du haeltst Wort! - Verbuesst +ist sein Verhaengnis und mit ihm alle Schmach!" + +"Ach," sprach die alte Liese, "ach du lieber Gott, das ist ja doch +wohl nicht mein kleiner Zaches, so huebsch hat der niemals ausgesehen. +Da bin ich doch nun ganz umsonst nach der Stadt gegangen, und Ihr habt +mir gar nicht gut geraten, mein gnaediges Fraeulein!" - + +"Murrt nur nicht, Alte," erwiderte das Fraeulein, "haettet Ihr nur +meinen Rat ordentlich befolgt, und waeret Ihr nicht frueher, als ich +hier war, in dies Haus gedrungen, alles stuende fuer Euch besser. - +Ich wiederhole es, der Kleine, der dort tot im Bette liegt, ist gewiss +und wahrhaftig Euer Sohn, Klein Zaches!" + +"Nun," rief die Frau mit leuchtenden Augen, "nun wenn die kleine +Exzellenz dort wirklich mein Kind ist, so erb' ich ja wohl all die +schoenen Sachen, die hier rings umherstehen, das ganze Haus mit allem, +was drinnen ist?" + +"Nein," sprach das Fraeulein, "das ist nun ganz und gar vorbei, Ihr +habt den rechten Augenblick verfehlt, Geld und Gut zu gewinnen. - Euch +ist, ich habe es gleich gesagt, Euch ist nun einmal Reichtum nicht +beschieden." - + +"So darf ich," fuhr die Frau fort, indem ihr die Traenen in die +Augen traten, "so darf ich denn nicht wenigstens mein armes kleines +Maennlein in die Schuerze nehmen und nach Hause tragen? - Unser Herr +Pfarrer hat so viel huebsche ausgestopfte Voegelein und Eichkaetzchen, +der soll mir meinen Klein Zaches ausstopfen lassen, und ich will +ihn auf meinen Schrank stellen, wie er da ist im roten Rock mit +dem breiten Bande und dem grossen Stern auf der Brust, zum ewigen +Andenken!" - + +"Das ist," rief das Fraeulein beinahe unwillig, "das ist ein ganz +einfaeltiger Gedanke, das geht ganz und gar nicht an!" - + +Da fing das Weib an zu schluchzen, zu klagen, zu lamentieren. "Was +hab' ich," sprach sie, "nun davon, dass mein Klein Zaches zu hohen +Wuerden, zu grossem Reichtum gelangt ist! - Waer' er nur bei mir +geblieben, haett' ich ihn nur aufgezogen in meiner Armut, niemals +waer' er in jenes verdammte silberne Ding gefallen, er lebte noch, und +ich haett' vielleicht Freude und Segen von ihm gehabt. Trug ich ihn so +herum in meinem Holzkorb, Mitleiden haetten die Leute gefuehlt und mir +manches schoene Stuecklein Geld zugeworfen, aber nun" - + +Es liessen sich Tritte im Vorsaal vernehmen, das Fraeulein trieb die +Alte hinaus, mit der Weisung, sie solle unten vor der Tuere warten, im +Wegfahren wolle sie ihr ein untruegliches Mittel vertrauen, wie sie +all ihre Not, all ihr Elend mit einemmal enden koenne. + +Nun trat Rosabelverde noch einmal dicht an den Kleinen heran und +sprach mit der weichen bebenden Stimme des tiefen Mitleids: + +"Armer Zaches! - Stiefkind der Natur! - ich hatt' es gut mit dir +gemeint! - Wohl mocht' es Torheit sein, dass ich glaubte, die aeussere +schoene Gabe, womit ich dich beschenkt, wuerde hineinstrahlen in dein +Inneres und eine Stimme erwecken, die dir sagen muesste: 'Du bist +nicht der, fuer den man dich haelt, aber strebe doch nur an, es dem +gleichzutun, auf dessen Fittichen du Lahmer, Unbefiederter dich +aufschwingst!' - Doch keine innere Stimme erwachte. Dein traeger toter +Geist vermochte sich nicht emporzurichten, du liessest nicht nach in +deiner Dummheit, Grobheit, Ungebaerdigkeit - Ach! - waerst du nur ein +geringes Etwas weniger, ein kleiner ungeschlachter Ruepel geblieben, +du entgingst dem schmachvollen Tode! - Prosper Alpanus hat dafuer +gesorgt, dass man dich jetzt im Tode wieder dafuer haelt, was du im +Leben durch meine Macht zu sein schienst. Sollt' ich dich vielleicht +gar noch wiederschauen als kleiner Kaefer - flinke Maus oder behende +Eichkatze, so soll es mich freuen! - Schlafe wohl, Klein Zaches!" - + +Indem Rosabelverde das Zimmer verliess, trat der Leibarzt des Fuersten +mit dem Kammerdiener hinein. + +"Um Gott," rief der Arzt, als er den toten Zinnober erblickte und sich +ueberzeugte, dass alle Mittel, ihn ins Leben zu rufen, vergeblich +bleiben wuerden, "um Gott, wie ist das zugegangen, Herr Kaemmerer?" + +"Ach," erwiderte dieser, "ach, lieber Herr Doktor, die Rebellion oder +die Revolution, es ist all eins, wie Sie es nennen wollen, tobte und +hantierte draussen auf dem Vorsaale ganz fuerchterlich. Se. Exzellenz, +besorgt um ihr teures Leben, wollten gewiss in die Toilette +hineinfluechten, glitschten aus und" - + +"So ist," sprach der Doktor feierlich und bewegt, "so ist er aus +Furcht zu sterben gar gestorben!" + +Die Tuere sprang auf, und hinein stuerzte Fuerst Barsanuph mit +verbleichtem Antlitz, hinter ihm her sieben noch bleichere +Kammerherrn. + +"Ist es wahr, ist es wahr?" rief der Fuerst; aber sowie er des Kleinen +Leichnam erblickte, prallte er zurueck und sprach, die Augen gen +Himmel gerichtet, mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes: "O +Zinnober!" - Und die sieben Kammerherrn riefen dem Fuersten nach: "O +Zinnober!" und holten, wie es der Fuerst tat, die Schnupftuecher aus +der Tasche und hielten sie sich vor die Augen. + +"Welch ein Verlust," begann nach einer Weile des lautlosen Jammers der +Fuerst, "welch ein unersetzlicher Verlust fuer den Staat! - Wo einen +Mann finden, der den Orden des gruengefleckten Tigers mit zwanzig +Knoepfen mit _der_ Wuerde traegt, als mein Zinnober! - Leibarzt, und +Sie konnten mir _den_ Mann sterben lassen! - Sagen Sie - wie ging das +zu, wie mochte das geschehen - was war die Ursache - woran starb der +Vortreffliche?" - + +Der Leibarzt beschaute den Kleinen sehr sorgsam, befuehlte manche +Stellen ehemaliger Pulse, strich das Haupt entlang, raeusperte sich +und begann: "Mein gnaedigster Herr! Sollte ich mich begnuegen, auf der +Oberflaeche zu schwimmen, ich koennte sagen, der Minister sei an dem +gaenzlichen Ausbleiben des Atems gestorben, dies Ausbleiben des Atems +sei bewirkt durch die Unmoeglichkeit Atem zu schoepfen, und diese +Unmoeglichkeit wieder nur herbeigefuehrt durch das Element, durch den +Humor, in den der Minister stuerzte. Ich koennte sagen, der Minister +sei auf diese Weise einen humoristischen Tod gestorben, aber fern +von mir sei diese Seichtigkeit, fern von mir die Sucht, alles aus +schnoeden physischen Prinzipien erklaeren zu wollen, was nur im Gebiet +des rein Psychischen seinen natuerlichen unumstoesslichen Grund +findet. - Mein gnaedigster Fuerst, frei sei des Mannes Wort! - Den +ersten Keim des Todes fand der Minister im Orden des gruengefleckten +Tigers mit zwanzig Knoepfen!" - + +"Wie," rief der Fuerst, indem er den Leibarzt mit zorngluehenden Augen +anfunkelte, "wie! - was sprechen Sie? - der Orden des gruengefleckten +Tigers mit zwanzig Knoepfen, den der Selige zum Wohl des Staats mit so +vieler Anmut, mit so vieler Wuerde trug? - _der_ Ursache seines Todes? +- Beweisen Sie mir das, oder - Kammerherrn, was sagt ihr dazu?" + +"Er muss beweisen, er muss beweisen, oder" - riefen die sieben blassen +Kammerherrn, und der Leibarzt fuhr fort: + +"Mein bester gnaedigster Fuerst, ich werd' es beweisen, also kein +_oder_! - Die Sache haengt folgendermassen zusammen: Das schwere +Ordenszeichen am Bande, vorzueglich aber die Knoepfe auf dem Ruecken +wirkten nachteilig auf die Ganglien des Rueckgrats. Zu gleicher Zeit +verursachte der Ordensstern einen Druck auf jenes knotige fadichte +Ding zwischen dem Dreifuss und der obern Gekroespulsader, das wir +das Sonnengeflecht nennen, und das in dem labyrinthischen Gewebe der +Nervengeflechte praedominiert. Dies dominierende Organ steht in der +mannigfaltigsten Beziehung mit dem Zerebralsystem, und natuerlich war +der Angriff auf die Ganglien auch diesem feindlich. Ist aber nicht +die freie Leitung des Zerebralsystems die Bedingung des Bewusstseins, +der Persoenlichkeit, als Ausdruck der vollkommensten Vereinigung des +Ganzen in einem Brennpunkt? Ist nicht der Lebensprozess die Taetigkeit +in beiden Sphaeren, in dem Ganglien- und Zerebralsystem? - Nun! genug, +jener Angriff stoerte die Funktionen des psychischen Organism. Erst +kamen finstre Ideen von unerkannten Aufopferungen fuer den Staat durch +das schmerzhafte Tragen jenes Ordens u.s.w., immer verfaenglicher +wurde der Zustand, bis gaenzliche Disharmonie des Ganglien- und +Zerebralsystems endlich gaenzliches Aufhoeren des Bewusstseins, +gaenzliches Aufgeben der Persoenlichkeit herbeifuehrte. Diesen Zustand +bezeichnen wir aber mit dem Worte _Tod_! - Ja, gnaedigster Herr! - +der Minister hatte bereits seine Persoenlichkeit aufgegeben, war +also schon mausetot, als er hineinstuerzte in jenes verhaengnisvolle +Gefaess. - So hatte sein Tod keine physische, wohl aber eine +unermesslich tiefe psychische Ursache." - + +"Leibarzt," sprach der Fuerst unmutig, "Leibarzt, Sie schwatzen nun +schon eine halbe Stunde, und ich will verdammt sein, wenn ich eine +Silbe davon verstehe. Was wollen Sie mit Ihrem Physischen und +Psychischen?" + +"Das physische Prinzip," nahm der Arzt wieder das Wort, "ist die +Bedingung des rein vegetativen Lebens, das psychische bedingt dagegen +den menschlichen Organism, der nur in dem Geiste, in der Denkkraft das +Triebrad der Existenz findet." + +"Noch immer," rief der Fuerst im hoechsten Unmut, "noch immer verstehe +ich Sie nicht, Unverstaendlicher!" + +"Ich meine," sprach der Doktor, "ich meine, Durchlauchtiger, dass das +Physische sich bloss auf das rein vegetative Leben ohne Denkkraft, +wie es in Pflanzen stattfindet, das Psychische aber auf die Denkkraft +bezieht. Da diese nun im menschlichen Organism vorwaltet, so muss der +Arzt immer bei der Denkkraft, bei dem Geist anfangen und den Leib nur +als Vasallen des Geistes betrachten, der sich fuegen muss, sobald der +Gebieter es will." + +"Hoho!" rief der Fuerst, "hoho, Leibarzt, lassen Sie das gut sein! - +Kurieren Sie meinen Leib, und lassen Sie meinen Geist ungeschoren, +von dem habe ich noch niemals Inkommoditaeten verspuert. Ueberhaupt, +Leibarzt, Sie sind ein konfuser Mann, und stuende ich hier nicht an +der Leiche meines Ministers und waere geruehrt, ich wuesste, was ich +taete! - Nun Kammerherrn! vergiessen wir noch einige Zaehren hier am +Katafalk des Verewigten und gehen wir dann zur Tafel." + +Der Fuerst hielt das Schnupftuch vor die Augen und schluchzte, die +Kammerherrn taten desgleichen, dann schritten sie alle von dannen. +Vor der Tuere stand die alte Liese, welche einige Reihen der +allerschoensten goldgelben Zwiebeln ueber den Arm gehaengt hatte, die +man nur sehen konnte. Des Fuersten Blick fiel zufaellig auf diese +Fruechte. Er blieb stehen, der Schmerz verschwand aus seinem Antlitz, +er laechelte mild und gnaedig, er sprach: "Hab' ich doch in meinem +Leben keine solche schoene Zwiebeln gesehen, die muessen von dem +herrlichsten Geschmack sein. Verkauft Sie die Ware, liebe Frau?" + +"O ja," erwiderte Liese mit einem tiefen Knix, "o ja, gnaedigste +Durchlaucht, von dem Verkauf der Zwiebeln naehre ich mich duerftig, +so gut es gehn will! - Sie sind suess wie purer Honig, belieben Sie, +gnaedigster Herr?" + +Damit reichte sie eine Reihe der staerksten glaenzendsten Zwiebeln dem +Fuersten hin. Der nahm sie, laechelte, schmatzte ein wenig und rief +dann: "Kammerherrn! geb' mir einer einmal sein Taschenmesser her." Ein +Messer erhalten, schaelte der Fuerst nett und sauber eine Zwiebel ab +und kostete etwas von dem Mark. + +"Welch ein Geschmack, welche Suesse, welche Kraft, welches Feuer!" +rief er, indem ihm die Augen glaenzten vor Entzuecken, "und dabei ist +es mir, als saeh' ich den verewigten Zinnober vor mir stehen, der mir +zuwinkte und zulispelte: 'Kaufen Sie - essen Sie diese Zwiebeln, mein +Fuerst - das Wohl des Staats erfordert es!'" - Der Fuerst drueckte +der alten Liese ein paar Goldstuecke in die Hand, und die Kammerherrn +mussten saemtliche Reihen Zwiebeln in die Taschen schieben. Noch mehr! +- er verordnete, dass niemand anders die Zwiebellieferung fuer die +fuerstlichen Dejeuners haben sollte als Liese. So kam die Mutter des +Klein Zaches, ohne gerade reich zu werden, aus aller Not, aus allem +Elend, und gewiss war es wohl, dass ihr ein geheimer Zauber der guten +Fee Rosabelverde dazu verhalf. + +Das Leichenbegaengnis des Ministers Zinnober war eins der +praechtigsten, das man jemals in Kerepes gesehen; der Fuerst, alle +Ritter des gruengefleckten Tigers folgten der Leiche in tiefer Trauer. +Alle Glocken wurden gezogen, ja sogar die beiden Boeller, die der +Fuerst behufs der Feuerwerke mit schweren Kosten angeschafft, mehrmals +geloest. Buerger - Volk - alles weinte und lamentierte, dass der Staat +seine beste Stuetze verloren und wohl niemals mehr ein Mann von dem +tiefen Verstande, von der Seelengroesse, von der Milde, von dem +unermuedlichen Eifer fuer das allgemeine Wohl, wie Zinnober, an das +Ruder der Regierung kommen werde. + +In der Tat blieb auch der Verlust unersetzlich; denn niemals fand sich +wieder ein Minister, dem der Orden des gruengefleckten Tigers mit +zwanzig Knoepfen so an den Leib gepasst haben sollte, wie dem +verewigten unvergesslichen Zinnober. + + + +Letztes Kapitel + +Wehmuetige Bitten des Autors. - Wie der Professor Mosch Terpin sich +beruhigte und Candida niemals verdriesslich werden konnte. - Wie ein +Goldkaefer dem Doktor Prosper Alpanus etwas ins Ohr summte, dieser +Abschied nahm und Balthasar eine glueckliche Ehe fuehrte. + +Es ist nun an dem, dass der, der fuer dich, geliebter Leser, diese +Blaetter aufschreibt, von dir scheiden will, und dabei ueberfaellt +ihn Wehmut und Bangen. - Noch vieles, vieles wuesste er von den +merkwuerdigen Taten des kleinen Zinnober, und er haette, wie er denn +nun ueberhaupt zu der Geschichte aus dem Innern heraus unwiderstehlich +angeregt wurde, wahre Lust daran gehabt, dir, o mein Leser, noch das +alles zu erzaehlen. Doch! - rueckblickend auf alle Ereignisse, wie sie +in den neun Kapiteln vorgekommen, fuehlt er wohl, dass darin schon so +viel Wunderliches, Tolles, der nuechternen Vernunft Widerstrebendes +enthalten, dass er, noch mehr dergleichen anhaeufend, Gefahr laufen +muesste, es mit dir, geliebter Leser, deine Nachsicht missbrauchend, +ganz und gar zu verderben. Er bittet dich in jener Wehmut, in jenem +Bangen, das ploetzlich seine Brust beengte, als er die Worte: "Letztes +Kapitel" schrieb, du moegest mit recht heitrem, unbefangenem Gemuet es +dir gefallen lassen, die seltsamen Gestaltungen zu betrachten, ja sich +mit ihnen zu befreunden, die der Dichter der Eingebung des spukhaften +Geistes, Phantasus geheissen, verdankt, und dessen bizarrem, +launischem Wesen er sich vielleicht zu sehr ueberliess. - Schmolle +deshalb nicht mit beiden, mit dem Dichter und mit dem launischen +Geiste! - Hast du, geliebter Leser, hin und wieder ueber manches +recht im Innern gelaechelt, so warst du in der Stimmung, wie sie der +Schreiber dieser Blaetter wuenschte, und dann, so glaubt er, wirst du +ihm wohl vieles zugute halten! - + +Eigentlich haette die Geschichte mit dem tragischen Tode des kleinen +Zinnober schliessen koennen. Doch ist es nicht anmutiger, wenn statt +eines traurigen Leichenbegaengnisses eine froehliche Hochzeit am Ende +steht? + +So werde denn noch kuerzlich der holden Candida und des gluecklichen +Balthasars gedacht. - + +Der Professor Mosch Terpin war sonst ein aufgeklaerter, welterfahrner +Mann, der dem weisen Spruch: Nil admirari gemaess sich seit vielen, +vielen Jahren ueber nichts in der Welt zu verwundern pflegte. Aber +jetzt geschah es, dass er, all seine Weisheit aufgebend, sich immer +fort und fort verwundern musste, so dass er zuletzt klagte, wie er +nicht mehr wisse, ob er wirklich der Professor Mosch Terpin sei, der +ehemals die natuerlichen Angelegenheiten im Staate dirigiert, und +ob er noch wirklich, Kopf in die Hoehe, auf seinen lieben Fuessen +einherspaziere. + +Zuerst verwunderte er sich, als Balthasar ihm den Doktor +Prosper Alpanus als seinen Oheim vorstellte und dieser ihm die +Schenkungsurkunde vorwies, vermoege der Balthasar Besitzer des eine +Stunde von Kerepes entfernten Landhauses nebst Waldung, Aecker und +Wiesen wurde; als er in dem Inventario, kaum seinen Augen trauend, +koestliche Geraetschaften, ja Gold- und Silberbarren erwaehnt +gewahrte, deren Wert den Reichtum der fuerstlichen Schatzkammer bei +weitem ueberstieg. Dann verwunderte er sich, als er den praechtigen +Sarg, in dem Zinnober lag, durch Balthasars Lorgnette anschaute, +und es ihm auf einmal war, als habe es nie einen Minister Zinnober, +sondern nur einen kleinen ungeschlachten, ungebaerdigen Knirps +gegeben, den man faelschlicherweise fuer einen verstaendigen, weisen +Minister Zinnober gehalten. + +Bis auf den hoechsten Grad stieg aber Mosch Terpins Verwunderung, als +Prosper Alpanus ihn im Landhause umherfuehrte, ihm seine Bibliothek +und andere sehr wunderbare Dinge zeigte, ja selbst einige sehr +anmutige Experimente machte mit seltsamen Pflanzen und Tieren. + +Dem Professor ging der Gedanke auf, es sei wohl mit seinem +Naturforschen ganz und gar nichts, und er saesse in einer herrlichen +bunten Zauberwelt wie in einem Ei eingeschlossen. Dieser Gedanke +beunruhigte ihn so sehr, dass er zuletzt klagte und weinte wie ein +Kind. Balthasar fuehrte ihn sofort in den geraeumigen Weinkeller, in +dem er glaenzende Faesser und blinkende Flaschen erblickte. Besser +als in dem fuerstlichen Weinkeller, meinte Balthasar, koenne er hier +studieren und in dem schoenen Park die Natur hinlaenglich erforschen. + +Hierauf beruhigte sich der Professor. + +Balthasars Hochzeit wurde auf dem Landhause gefeiert. Er - die Freunde +Fabian - Pulcher - alle erstaunten ueber Candidas hohe Schoenheit, +ueber den zauberischen Reiz, der in ihrem Anzuge, in ihrem ganzen +Wesen lag. - Es war auch wirklich ein Zauber, der sie umfloss, denn +die Fee Rosabelverde, die, allen Groll vergessend, der Hochzeit als +Stiftsfraeulein von Rosenschoen beiwohnte, hatte sie selbst gekleidet +und mit den schoensten, herrlichsten Rosen geschmueckt. Nun weiss man +aber wohl, dass der Anzug gut stehen muss, wenn eine Fee dabei Hand +anlegt. Ausserdem hatte Rosabelverde der holden Braut einen praechtig +funkelnden Halsschmuck verehrt, der eine magische Wirkung dahin +aeusserte, dass sie, hatte sie ihn umgetan, niemals ueber +Kleinigkeiten, ueber ein schlecht genesteltes Band, ueber einen +missratenen Haarschmuck, ueber einen Fleck in der Waesche oder +sonst verdriesslich werden konnte. Diese Eigenschaft, die ihr der +Halsschmuck gab, verbreitete eine besondere Anmut und Heiterkeit auf +ihrem ganzen Antlitz. + +Das Brautpaar stand im hoechsten Himmel der Wonne, und - so herrlich +wirkte der geheime weise Zauber Alpans - hatte doch noch Blick und +Wort fuer die Herzensfreunde, welche versammelt. Prosper Alpanus und +Rosabelverde, beide sorgten dafuer, dass die schoensten Wunder den +Hochzeitstag verherrlichten. Ueberall toenten aus Bueschen und Baeumen +suesse Liebeslaute, waehrend sich schimmernde Tafeln erhoben mit den +herrlichsten Speisen, mit Kristallflaschen belastet, aus denen der +edelste Wein stroemte, welcher Lebensglut durch alle Adern der Gaeste +goss. + +Die Nacht war eingebrochen, da spannen sich feuerflammende Regenbogen +ueber den ganzen Park, und man sah schimmernde Voegel und Insekten, +die sich auf und ab schwangen, und wenn sie die Fluegel schuettelten, +staeubten Millionen Funken hervor, die in ewigem Wechsel allerlei +holde Gestalten bildeten, welche in der Luft tanzten und gaukelten +und im Gebuesch verschwanden. Und dabei toente staerker die Musik des +Waldes, und der Nachtwind strich daher, geheimnisvoll saeuselnd und +suesse Duefte aushauchend. + +Balthasar, Candida, die Freunde erkannten den maechtigen Zauber +Alpans, aber Mosch Terpin, halb berauscht, lachte laut und meinte, +hinter allem stecke niemand anders, als der Teufelskerl, der +Operndekorateur und Feuerwerker des Fuersten. + +Schneidende Glockentoene erhallten. Ein glaenzender Goldkaefer schwang +sich herab, setzte sich auf Prosper Alpanus' Schulter und schien ihm +leise etwas ins Ohr zu sumsen. + +Prosper Alpanus erhob sich von seinem Sitz und sprach ernst und +feierlich: "Geliebter Balthasar - holde Candida - meine Freunde! - Es +ist nun an der Zeit - Lothos ruft - ich muss scheiden." - + +Darauf nahte er sich dem Brautpaar und sprach leise mit ihnen. Beide, +Balthasar und Candida, waren sehr geruehrt, Prosper schien ihnen +allerlei gute Lehren zu geben, er umarmte beide mit Inbrunst. + +Dann wandte er sich an das Fraeulein von Rosenschoen und sprach +ebenfalls leise mit ihr - wahrscheinlich gab sie ihm Auftraege in +Zauber- und Feen-Angelegenheiten, die er willig uebernahm. + +Indessen hatte sich ein kleiner kristallner Wagen, mit zwei +schimmernden Libellen bespannt, die der Silberfasan fuehrte, aus den +Lueften hinabgesenkt. + +"Lebt wohl - lebt wohl!" rief Prosper Alpanus, stieg in den Wagen +und schwebte empor ueber die flammenden Regenbogen hinweg, bis sein +Fuhrwerk zuletzt in den hoechsten Lueften erschien wie ein kleiner +funkelnder Stern, der sich endlich hinter den Wolken verbarg. + +"Schoene Mongolfiere," schnarchte Mosch Terpin und versank, von der +Kraft des Weines uebermannt, in tiefen Schlaf. + +- Balthasar, der Lehren des Prosper Alpanus eingedenk, den Besitz +des wunderbaren Landhauses wohl nutzend, wurde in der Tat ein guter +Dichter, und da die uebrigen Eigenschaften, die Prosper ruecksichts +der holden Candida an dem Besitztum geruehmt, sich ganz und gar +bewaehrten, Candida auch niemals den Halsschmuck, den ihr das +Stiftsfraeulein von Rosenschoen als Hochzeitsgabe beschert, ablegte, +so konnt' es nicht fehlen, dass Balthasar die gluecklichste Ehe in +aller Wonne und Herrlichkeit fuehrte, wie sie nur jemals ein Dichter +mit einer huebschen jungen Frau gefuehrt haben mag - + +So hat aber das Maerchen von Klein Zaches genannt Zinnober nun +wirklich ganz und gar ein froehliches + + Ende. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KLEIN ZACHES, GENANNT ZINNOBER *** + +This file should be named 7klnz10.txt or 7klnz10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7klnz11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7klnz10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05 + +Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, +91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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