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+The Project Gutenberg EBook of Klein Zaches, genannt Zinnober, by E. T. A. Hoffmann
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+Title: Klein Zaches, genannt Zinnober
+
+Author: E. T. A. Hoffmann
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+Release Date: October, 2005 [EBook #9200]
+[This file was first posted on September 15, 2003]
+
+Edition: 10
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+Language: German
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+Character set encoding: US-ASCII
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KLEIN ZACHES, GENANNT ZINNOBER ***
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+This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg - DE"
+(http://www.gutenberg2000.de/etahoff/zaches/zaches.htm), prepared by
+Gerd Bouillon.
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+Klein Zaches
+genannt Zinnober
+
+Ein Maerchen
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+E.T.A. Hoffmann
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+Erstes Kapitel: Der kleine Wechselbalg. - Dringende Gefahr einer
+ Pfarrersnase. - Wie Fuerst Paphnutius in seinem Lande die
+ Aufklaerung einfuehrte und die Fee Rosabelverde in ein
+ Fraeuleinstift kam.
+
+Zweites Kapitel: Von der unbekannten Voelkerschaft, die der Gelehrte
+ Ptolomaeus Philadelphus auf seinen Reisen entdeckte. - Die
+ Universitaet Kerepes. - Wie dem Studenten Fabian ein Paar
+ Reitstiefel um den Kopf flogen und der Professor Mosch Terpin den
+ Studenten Balthasar zum Tee einlud.
+
+Drittes Kapitel: Wie Fabian nicht wusste, was er sagen sollte. -
+ Candida und Jungfrauen, die nicht Fische essen duerfen. - Mosch
+ Terpins literarischer Tee. - Der junge Prinz.
+
+Viertes Kapitel: Wie der italienische Geiger Sbiocca den Herrn
+ Zinnober in den Kontrabass zu werfen drohte, und der Referendarius
+ Pulcher nicht zu auswaertigen Angelegenheiten gelangen konnte. -
+ Von Maut-Offizianten und zurueckbehaltenen Wundern fuers Haus. -
+ Balthasars Bezauberung durch einen Stockknopf.
+
+Fuenftes Kapitel: Wie Fuerst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger
+ Goldwasser fruehstueckte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose
+ bekam und den Geheimen Sekretaer Zinnober zum Geheimen Spezialrat
+ erhob. - Die Bilderbuecher des Doktors Prosper Alpanus. - Wie
+ ein Portier den Studenten Fabian in den Finger biss, dieser ein
+ Schleppkleid trug und deshalb verhoehnt wurde. - Balthasars
+ Flucht.
+
+Sechstes Kapitel: Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem
+ Garten frisiert wurde und im Grase ein Taubad nahm. - Der
+ Orden des gruengefleckten Tigers. - Gluecklicher Einfall eines
+ Theaterschneiders. - Wie das Fraeulein von Rosenschoen sich
+ mit Kaffee begoss und Prosper Alpanus ihr seine Freundschaft
+ versicherte.
+
+Siebentes Kapitel: Wie der Professor Mosch Terpin im fuerstlichen
+ Weinkeller die Natur erforschte. - Mycetes Belzebub. -
+ Verzweiflung des Studenten Balthasar. - Vorteilhafter Einfluss
+ eines wohleingerichteten Landhauses auf das haeusliche Glueck.
+ - Wie Prosper Alpanus dem Balthasar eine schildkroetene Dose
+ ueberreichte und davonritt.
+
+Achtes Kapitel: Wie Fabian seiner langen Rockschoesse halber fuer
+ einen Sektierer und Tumultuanten gehalten wurde. - Wie Fuerst
+ Barsanuph hinter den Kaminschirm trat und den Generaldirektor der
+ natuerlichen Angelegenheiten kassierte. - Zinnobers Flucht aus
+ Mosch Terpins Hause. - Wie Mosch Terpin auf einem Sommervogel
+ ausreiten und Kaiser werden wollte, dann aber zu Bette ging.
+
+Neuntes Kapitel: Verlegenheit eines treuen Kammerdieners. - Wie die
+ alte Liese eine Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober
+ auf der Flucht ausglitschte. - Auf welche merkwuerdige Weise der
+ Leibarzt des Fuersten Zinnobers jaehen Tod erklaerte. - Wie Fuerst
+ Barsanuph sich betruebte, Zwiebeln ass, und wie Zinnobers Verlust
+ unersetzlich blieb.
+
+Letztes Kapitel: Wehmuetige Bitten des Autors. - Wie der Professor
+ Mosch Terpin sich beruhigte und Candida niemals verdriesslich
+ werden konnte. - Wie ein Goldkaefer dem Doktor Prosper Alpanus
+ etwas ins Ohr summte, dieser Abschied nahm und Balthasar eine
+ glueckliche Ehe fuehrte.
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+Der kleine Wechselbalg. - Dringende Gefahr einer Pfarrersnase. - Wie
+Fuerst Paphnutius in seinem Lande die Aufklaerung einfuehrte und die
+Fee Rosabelverde in ein Fraeuleinstift kam.
+
+Unfern eines anmutigen Dorfes, hart am Wege, lag auf dem von der
+Sonnenglut erhitzten Boden hingestreckt ein armes zerlumptes
+Bauerweib. Vom Hunger gequaelt, vor Durst lechzend, ganz
+verschmachtet, war die Unglueckliche unter der Last des im Korbe hoch
+aufgetuermten duerren Holzes, das sie im Walde unter den Baeumen und
+Straeuchern muehsam aufgelesen, niedergesunken, und da sie kaum zu
+atmen vermochte, glaubte sie nicht anders, als dass sie nun wohl
+sterben, so sich aber ihr trostloses Elend auf einmal enden werde.
+Doch gewann sie bald so viel Kraft, die Stricke, womit sie den
+Holzkorb auf ihrem Ruecken befestigt, loszunesteln und sich langsam
+heraufzuschieben auf einen Grasfleck, der gerade in der Naehe stand.
+Da brach sie nun aus in laute Klagen: "Muss," jammerte sie, "muss mich
+und meinen armen Mann allein denn alle Not und alles Elend treffen?
+Sind wir denn nicht im ganzen Dorfe die einzigen, die aller Arbeit,
+alles sauer vergessenen Schweisses ungeachtet in steter Armut bleiben
+und kaum so viel erwerben, um unsern Hunger zu stillen? - Vor drei
+Jahren, als mein Mann beim Umgraben unseres Gartens die Goldstuecke in
+der Erde fand, ja, da glaubten wir, das Glueck sei endlich eingekehrt
+bei uns und nun kaemen die guten Tage; aber was geschah! - Diebe
+stahlen das Geld, Haus und Scheune brannten uns ueber dem Kopfe weg,
+das Getreide auf dem Acker zerschlug der Hagel, und um das Mass
+unseres Herzeleids vollzumachen bis ueber den Rand, strafte uns der
+Himmel noch mit diesem kleinen Wechselbalg, den ich zu Schand' und
+Spott des ganzen Dorfs gebar. - Zu St.-Laurenztag ist nun der Junge
+drittehalb Jahre gewesen und kann auf seinen Spinnenbeinchen nicht
+stehen, nicht gehen und knurrt und miaut, statt zu reden, wie eine
+Katze. Und dabei frisst die unselige Missgeburt wie der staerkste
+Knabe von wenigstens acht Jahren, ohne dass es ihm im mindesten was
+anschlaegt. Gott erbarme sich ueber ihn und ueber uns, dass wir den
+Jungen grossfuettern muessen uns selbst zur Qual und groesserer Not;
+denn essen und trinken immer mehr und mehr wird der kleine Daeumling
+wohl, aber arbeiten sein Lebetage nicht! Nein, nein, das ist mehr
+als ein Mensch aushalten kann auf dieser Erde! - Ach koennt' ich nur
+sterben - nur sterben!" Und damit fing die Arme an zu weinen und zu
+schluchzen, bis sie endlich, vom Schmerz uebermannt, ganz entkraeftet
+einschlief. -
+
+Mit Recht konnte das Weib ueber den abscheulichen Wechselbalg klagen,
+den sie vor drittehalb Jahren geboren. Das, was man auf den ersten
+Blick sehr gut fuer ein seltsam verknorpeltes Stueckchen Holz
+haette ansehen koennen, war naemlich ein kaum zwei Spannen hoher,
+missgestalteter Junge, der von dem Korbe, wo er querueber gelegen,
+heruntergekrochen, sich jetzt knurrend im Grase waelzte. Der Kopf stak
+dem Dinge tief zwischen den Schultern, die Stelle des Rueckens vertrat
+ein kuerbisaehnlicher Auswuchs, und gleich unter der Brust hingen
+die haselgertduennen Beinchen herab, dass der Junge aussah wie ein
+gespalteter Rettich. Vom Gesicht konnte ein stumpfes Auge nicht viel
+entdecken, schaerfer hinblickend, wurde man aber wohl die lange spitze
+Nase, die aus schwarzen struppigen Haaren hervorstarrte, und ein
+Paar kleine, schwarz funkelnde Aeuglein gewahr, die, zumal bei den
+uebrigens ganz alten, eingefurchten Zuegen des Gesichts, ein klein
+Alraeunchen kundzutun schienen. -
+
+Als nun, wie gesagt, das Weib ueber ihren Gram in tiefen Schlaf
+gesunken war und ihr Soehnlein sich dicht an sie herangewaelzt
+hatte, begab es sich, dass das Fraeulein von Rosenschoen, Dame des
+nahegelegenen Stifts, von einem Spaziergange heimkehrend, des Weges
+daherwandelte. Sie blieb stehen und wurde, da sie von Natur fromm
+und mitleidig, bei dem Anblick des Elends, der sich ihr darbot, sehr
+geruehrt. "O du gerechter Himmel," fing sie an, "wieviel Jammer und
+Not gibt es doch auf dieser Erde! - Das unglueckliche Weib! - Ich
+weiss, dass sie kaum das liebe Leben hat, da arbeitet sie ueber ihre
+Kraefte und ist vor Hunger und Kummer hingesunken! - Wie fuehle ich
+jetzt erst recht empfindlich meine Armut und Ohnmacht! Ach, koennt'
+ich doch nur helfen, wie ich wollte! - Doch das, was mir noch uebrig
+blieb, die wenigen Gaben, die das feindselige Verhaengnis mir nicht zu
+rauben, nicht zu zerstoeren vermochte, die mir noch zu Gebote stehen,
+die will ich kraeftig und getreu nuetzen, um dem Leidwesen zu steuern.
+Geld, haette ich auch darueber zu gebieten, wuerde dir gar nichts
+helfen, arme Frau, sondern deinen Zustand vielleicht noch gar
+verschlimmern. Dir und deinem Mann, euch beiden ist nun einmal
+Reichtum nicht beschert, und wem Reichtum nicht beschert ist, dem
+verschwinden die Goldstuecke aus der Tasche, er weiss selbst nicht
+wie, er hat davon nichts als grossen Verdruss und wird, je mehr Geld
+ihm zustroemt, nur desto aermer. Aber ich weiss es, mehr als alle
+Armut, als alle Not, nagt an deinem Herzen, dass du jenes kleine
+Untierchen gebarst, das sich wie eine boese unheimliche Last an dich
+haengt, die du durch das Leben tragen musst. - Gross - schoen - stark
+- verstaendig, ja, das alles kann der Junge nun einmal nicht werden,
+aber es ist ihm vielleicht noch auf andere Weise zu helfen." - Damit
+setzte sich das Fraeulein nieder ins Gras und nahm den Kleinen auf den
+Schoss. Das boese Alraeunchen straeubte und spreizte sich, knurrte und
+wollte das Fraeulein in den Finger beissen, _die_ sprach aber: "Ruhig,
+ruhig, kleiner Maikaefer!" und strich leise und linde mit der flachen
+Hand ihm ueber den Kopf von der Stirn herueber bis in den Nacken.
+Allmaehlich glaettete sich waehrend des Streichelns das struppige Haar
+des Kleinen aus, bis es gescheitelt, an der Stirne fest anliegend, in
+huebschen weichen Locken hinabwallte auf die hohen Schultern und den
+Kuerbisruecken. Der Kleine war immer ruhiger geworden und endlich fest
+eingeschlafen. Da legte ihn das Fraeulein Rosenschoen behutsam dicht
+neben der Mutter hin ins Gras, besprengte diese mit einem geistigen
+Wasser aus dem Riechflaeschchen, das sie aus der Tasche gezogen, und
+entfernte sich dann schnellen Schrittes.
+
+Als die Frau bald darauf erwachte, fuehlte sie sich auf wunderbare
+Weise erquickt und gestaerkt. Es war ihr, als habe sie eine tuechtige
+Mahlzeit gehalten und einen guten Schluck Wein getrunken. "Ei," rief
+sie aus, "wie ist mir doch in dem bisschen Schlaf so viel Trost,
+so viel Munterkeit gekommen! - Aber die Sonne ist schon bald herab
+hinter den Bergen, nun fort nach Hause!" - Damit wollte sie den Korb
+aufpacken, vermisste aber, als sie hineinsah, den Kleinen, der in
+demselben Augenblick sich aus dem Grase aufrichtete und weinerlich
+quaekte. Als nun die Mutter sich nach ihm umschaute, schlug sie vor
+Erstaunen die Haende zusammen und rief - "Zaches - Klein Zaches, wer
+hat dir denn unterdessen die Haare so schoen gekaemmt! - Zaches -
+Klein Zaches, wie huebsch wuerden dir die Locken kleiden, wenn du
+nicht solch ein abscheulich garstiger Junge waerst! - Nun, komm nur,
+komm! - hinein in den Korb!" Sie wollte ihn fassen und quer ueber das
+Holz legen, da strampelte aber Klein Zaches mit den Beinen, grinste
+die Mutter an und miaute sehr vernehmlich: "Ich mag nicht!" - "Zaches!
+- Klein Zaches!" schrie die Frau ganz ausser sich, "wer hat dich denn
+unterdessen reden gelehrt? Nun! wenn du solch schoen gekaemmte Haare
+hast, wenn du so artig redest, so wirst du auch wohl laufen koennen."
+Die Frau huckte den Korb auf den Ruecken, Klein Zaches hing sich an
+ihre Schuerze, und so ging es fort nach dem Dorfe.
+
+Sie mussten bei dem Pfarrhause vorueber, da begab es sich, dass der
+Pfarrer mit seinem juengsten Knaben, einem bildschoenen goldlockigen
+Jungen von drei Jahren, in seiner Haustuere stand. Als der nun die
+Frau mit dem schweren Holzkorbe und mit Klein Zaches, der an ihrer
+Schuerze baumelte, daherkommen sah, rief er ihr entgegen: "Guten
+Abend, Frau Liese, wie geht es Euch - Ihr habt ja eine gar zu schwere
+Buerde geladen, Ihr koennt ja kaum mehr fort, kommt her, ruht Euch ein
+wenig aus auf dieser Bank vor meiner Tuere, meine Magd soll Euch einen
+frischen Trunk reichen!" - Frau Liese liess sich das nicht zweimal
+sagen, sie setzte ihren Korb ab und wollte eben den Mund oeffnen, um
+dem ehrwuerdigen Herrn all ihren Jammer, ihre Not zu klagen, als Klein
+Zaches bei der raschen Wendung der Mutter das Gleichgewicht verlor und
+dem Pfarrer vor die Fuesse flog. Der bueckte sich rasch nieder und hob
+den Kleinen auf, indem er sprach: "Ei, Frau Liese, Frau Liese, was
+habt Ihr da fuer einen bildschoenen allerliebsten Knaben! Das ist ja
+ein wahrer Segen des Himmels, ein solch wunderbar schoenes Kind zu
+besitzen." Und damit nahm er den Kleinen in die Arme und liebkoste ihn
+und schien es gar nicht zu bemerken, dass der unartige Daeumling gar
+haesslich knurrte und mauzte und den ehrwuerdigen Herrn sogar in die
+Nase beissen wollte. Aber Frau Liese stand ganz verbluefft vor dem
+Geistlichen und schaute ihn an mit aufgerissenen starren Augen und
+wusste gar nicht, was sie denken sollte. "Ach, lieber Herr Pfarrer,"
+begann sie endlich mit weinerlicher Stimme, "ein Mann Gottes, wie Sie,
+treibt doch wohl nicht seinen Spott mit einem armen ungluecklichen
+Weibe, das der Himmel, mag er selbst wissen warum, mit diesem
+abscheulichen Wechselbalge gestraft hat!" "Was spricht," erwiderte der
+Geistliche sehr ernst, "was spricht Sie da fuer tolles Zeug, liebe
+Frau! von Spott - Wechselbalg - Strafe des Himmels - ich verstehe Sie
+gar nicht und weiss nur, dass Sie ganz verblendet sein muss, wenn Sie
+Ihren huebschen Knaben nicht recht herzlich liebt. - Kuesse mich,
+artiger kleiner Mann!" - Der Pfarrer herzte den Kleinen, aber Zaches
+knurrte: "Ich mag nicht!" und schnappte aufs neue nach des Geistlichen
+Nase. - "Seht die arge Bestie!" rief Liese erschrocken; aber in dem
+Augenblick sprach der Knabe des Pfarrers: "Ach, lieber Vater, du bist
+so gut, du tust so schoen mit den Kindern, die muessen wohl alle dich
+recht herzlich lieb haben!" "O hoert doch nur," rief der Pfarrer,
+indem ihm die Augen vor Freude glaenzten, "O hoert doch nur, Frau
+Liese, den huebschen verstaendigen Knaben, Euren lieben Zaches, dem
+Ihr so uebelwollt. Ich merk' es schon, Ihr werdet Euch nimmermehr was
+aus dem Knaben machen, sei er auch noch so huebsch und verstaendig.
+Hoert, Frau Liese, ueberlasst mir Euer hoffnungsvolles Kind zur Pflege
+und Erziehung. Bei Eurer drueckenden Armut ist Euch der Knabe nur
+eine Last, und mir macht es Freude, ihn zu erziehen wie meinen eignen
+Sohn!" -
+
+Liese konnte vor Erstaunen gar nicht zu sich selbst kommen, ein
+Mal ueber das andere rief sie: "Aber, lieber Herr Pfarrer - lieber
+Herr Pfarrer, ist denn das wirklich Ihr Ernst, dass Sie die kleine
+Ungestalt zu sich nehmen und erziehen und mich von der Not befreien
+wollen, die ich mit dem Wechselbalg habe?" - Doch, je mehr die
+Frau die abscheuliche Haesslichkeit ihres Alraeunchens dem Pfarrer
+vorhielt, desto eifriger behauptete dieser, dass sie in ihrer tollen
+Verblendung gar nicht verdiene, vom Himmel mit dem herrlichen Geschenk
+eines solchen Wunderknaben gesegnet zu sein, bis er zuletzt ganz
+zornig mit Klein Zaches auf dem Arm hineinlief in das Haus und die
+Tuere von innen verriegelte.
+
+Da stand nun Frau Liese wie versteinert vor des Pfarrers Haustuere
+und wusste gar nicht, was sie von dem allem denken sollte. "Was um
+aller Welt willen," sprach sie zu sich selbst, "ist denn mit unserm
+wuerdigen Herrn Pfarrer geschehen, dass er in meinen Klein Zaches
+so ganz und gar vernarrt ist und den einfaeltigen Knirps fuer einen
+huebschen, verstaendigen Knaben haelt? - Nun! helfe Gott dem lieben
+Herrn, er hat mir die Last von den Schultern genommen und sie sich
+selbst aufgeladen, mag er nun zusehen, wie er sie traegt! - Hei! wie
+leicht geworden ist nun der Holzkorb, da Klein Zaches nicht mehr
+darauf sitzt und mit ihm die schwerste Sorge!" -
+
+Damit schritt Frau Liese, den Holzkorb auf dem Ruecken, lustig und
+guter Dinge fort ihres Weges! - -
+
+Wollte ich auch zurzeit noch gaenzlich darueber schweigen, du
+wuerdest, guenstiger Leser, dennoch wohl ahnen, dass es mit dem
+Stiftsfraeulein von Rosenschoen, oder wie sie sich sonst nannte,
+Rosengruenschoen, eine ganz besondere Bewandtnis haben muesse. Denn
+nichts anders war es wohl, als die geheimnisvolle Wirkung ihres
+Kopfstreichelns und Haarausglaettens, dass Klein Zaches von dem
+gutmuetigen Pfarrer fuer ein schoenes und kluges Kind angesehn und
+gleich wie sein eignes aufgenommen wurde. Du koenntest, lieber Leser,
+aber doch, trotz deines vortrefflichen Scharfsinns, in falsche
+Vermutungen geraten oder gar zum grossen Nachteil der Geschichte
+viele Blaetter ueberschlagen, um nur gleich mehr von dem mystischen
+Stiftsfraeulein zu erfahren; besser ist es daher wohl, ich erzaehle
+dir gleich alles, was ich selbst von der wuerdigen Dame weiss.
+
+Fraeulein von Rosenschoen war von grosser Gestalt, edlem
+majestaetischen Wuchs und etwas stolzem, gebietendem Wesen. Ihr
+Gesicht, musste man es gleich vollendet schoen nennen, machte, zumal
+wenn sie wie gewoehnlich in starrem Ernst vor sich hinschaute, einen
+seltsamen, beinahe unheimlichen Eindruck, was vorzueglich einem ganz
+besondern fremden Zuge zwischen den Augenbrauen zuzuschreiben, von dem
+man durchaus nicht recht wusste, ob ein Stiftsfraeulein dergleichen
+wirklich auf der Stirne tragen koenne. Dabei lag aber auch oft,
+vorzueglich zur Rosenzeit bei heiterm schoenen Wetter, so viel
+Huld und Anmut in ihrem Blick, dass jeder sich von suessem
+unwiderstehlichen Zauber befangen fuehlte. Als ich die Gnaedige zum
+ersten- und letztenmal zu schauen das Vergnuegen hatte, war sie dem
+Ansehen nach eine Frau in der hoechsten, vollendetsten Bluete ihrer
+Jahre, auf der hoechsten Spitze des Wendepunktes, und ich meinte, dass
+mir grosses Glueck beschieden, die Dame noch eben auf dieser Spitze
+zu erblicken und ueber ihre wunderbare Schoenheit gewissermassen zu
+erschrecken, welches sich dann sehr bald nicht mehr wuerde zutragen
+koennen. Ich war im Irrtum. Die aeltesten Leute im Dorf versicherten,
+dass sie das gnaedige Fraeulein gekannt haetten schon so lange als
+sie daechten, und dass die Dame niemals anders ausgesehen habe, nicht
+aelter, nicht juenger, nicht haesslicher, nicht huebscher als eben
+jetzt. Die Zeit schien also keine Macht zu haben ueber sie, und schon
+dieses konnte manchem verwunderlich vorkommen. Aber noch manches
+andere trat hinzu, worueber sich jeder, ueberlegte er es recht
+ernstlich, ebensosehr wundern, ja zuletzt aus der Verwunderung, in die
+er verstrickt, gar nicht herauskommen musste. Fuers erste offenbarte
+sich ganz deutlich bei dem Fraeulein die Verwandtschaft mit den
+Blumen, deren Namen sie trug. Denn nicht allein, dass kein Mensch auf
+Erden solche herrliche tausendblaettrige Rosen zu ziehen vermochte,
+als sie, so spriessten auch aus dem schlechtesten duerresten Dorn,
+den sie in die Erde steckte, jene Blumen in der hoechsten Fuelle
+und Pracht hervor. Dann war es gewiss, dass sie auf einsamen
+Spaziergaengen im Walde laute Gespraeche fuehrte mit wunderbaren
+Stimmen, die aus den Baeumen, aus den Bueschen, aus den Quellen und
+Baechen zu toenen schienen. Ja, ein junger Jaegersmann hatte sie
+belauscht, wie sie einmal mitten im dicksten Gehoelz stand und
+seltsame Voegel mit buntem glaenzenden Gefieder, die gar nicht im
+Lande heimisch, sie umflatterten und liebkosten und in lustigem Singen
+und Zwitschern ihr allerlei froehliche Dinge zu erzaehlen schienen,
+worueber sie lachte und sich freute. Daher kam es denn auch, dass
+Fraeulein von Rosenschoen zu jener Zeit, als sie in das Stift
+gekommen, bald die Aufmerksamkeit aller Leute in der Gegend anregte.
+Ihre Aufnahme in das Fraeuleinstift hatte der Fuerst befohlen; der
+Baron Praetextatus von Mondschein, Besitzer des Gutes, in dessen Naehe
+jenes Stift lag, dem er als Verweser vorstand, konnte daher nichts
+dagegen einwenden, ungeachtet ihn die entsetzlichsten Zweifel
+quaelten. Vergebens war naemlich sein Muehen geblieben, in Rixners
+Turnierbuch und andern Chroniken die Familie Rosengruenschoen
+aufzufinden. Mit Recht zweifelte er aus diesem Grunde an der
+Stiftsfaehigkeit des Fraeuleins, die keinen Stammbaum mit
+zweiunddreissig Ahnen aufzuweisen hatte, und bat sie zuletzt ganz
+zerknirscht, die hellen Traenen in den Augen, doch sich um des Himmels
+willen wenigstens nicht Rosengruenschoen, sondern Rosenschoen zu
+nennen, denn in diesem Namen sei doch noch einiger Verstand und
+ein Ahnherr moeglich. - Sie tat ihm das zu Gefallen. - Vielleicht
+aeusserte sich des gekraenkten Praetextatus Groll gegen das ahnenlose
+Fraeulein auf diese - jene Weise und gab zuerst Anlass zu der boesen
+Nachrede, die sich immer mehr und mehr im Dorfe verbreitete. Zu jenen
+zauberhaften Unterhaltungen im Walde, die indessen sonst nichts auf
+sich hatten, kamen naemlich allerlei bedenkliche Umstaende, die von
+Mund zu Mund gingen und des Fraeuleins eigentliches Wesen in gar
+zweideutiges Licht stellten. Mutter Anne, des Schulzen Frau,
+behauptete keck, dass, wenn das Fraeulein stark zum Fenster heraus
+niese, allemal die Milch im ganzen Dorfe sauer wuerde. Kaum hatte sich
+dies aber bestaetigt, als sich das Schreckliche begab. Schulmeisters
+Michel hatte in der Stiftskueche gebratene Kartoffeln genascht und war
+von dem Fraeulein darueber betroffen worden, die ihm laechelnd mit
+dem Finger drohte. Da war dem Jungen das Maul offen stehen geblieben,
+gerade als haett' er eine gebratene brennende Kartoffel darin sitzen
+immerdar, und er musste fortan einen Hut mit vorstehender breiter
+Krempe tragen, weil es sonst dem Armen ins Maul geregnet haette.
+Bald schien es gewiss zu sein, dass das Fraeulein sich darauf
+verstand, Feuer und Wasser zu besprechen, Sturm und Hagelwolken
+zusammenzutreiben, Weichselzoepfe zu flechten etc., und niemand
+zweifelte an der Aussage des Schafhirten, der zur Mitternachtsstunde
+mit Schauer und Entsetzen gesehen haben wollte, wie das Fraeulein
+auf einem Besen brausend durch die Luefte fuhr, vor ihr her ein
+ungeheurer Hirschkaefer, zwischen dessen Hoernern blaue Flammen hoch
+aufleuchteten! - Nun kam alles in Aufruhr, man wollte der Hexe zu
+Leibe, und die Dorfgerichte beschlossen nichts Geringeres, als das
+Fraeulein aus dem Stift zu holen und sie ins Wasser zu werfen, damit
+sie die gewoehnliche Hexenprobe bestehe. Der Baron Praetextatus liess
+alles geschehen und sprach laechelnd zu sich selbst: "So geht es
+simplen Leuten ohne Ahnen, die nicht von solch altem guten Herkommen
+sind, wie der Mondschein." Das Fraeulein, unterrichtet von dem
+bedrohlichen Unwesen, fluechtete nach der Residenz, und bald darauf
+erhielt der Baron Praetextatus einen Kabinettsbefehl vom Fuersten
+des Landes, mittelst dessen ihm bekannt gemacht, dass es keine Hexen
+gaebe, und befohlen wurde, die Dorfgerichte fuer die naseweise Gier,
+Schwimmkuenste eines Stiftsfraeuleins zu schauen, in den Turm werfen,
+den uebrigen Bauern und ihren Weibern aber andeuten zu lassen, bei
+empfindlicher Leibesstrafe von dem Fraeulein Rosenschoen nicht
+schlecht zu denken. Sie gingen in sich, fuerchteten sich vor der
+angedrohten Strafe und dachten fortan gut von dem Fraeulein, welches
+fuer beide, fuer das Dorf und fuer die Dame Rosenschoen, die
+erspriesslichsten Folgen hatte.
+
+In dem Kabinett des Fuersten wusste man recht gut, dass das Fraeulein
+von Rosenschoen niemand anders war, als die sonst beruehmte
+weltbekannte Fee Rosabelverde. Es hatte mit der Sache folgende
+Bewandtnis:
+
+Auf der ganzen weiten Erde war wohl sonst kaum ein anmutigeres Land
+zu finden, als das kleine Fuerstentum, worin das Gut des Baron
+Praetextatus von Mondschein lag, worin das Fraeulein von Rosenschoen
+hauste, kurz, worin sich das alles begab, was ich dir, geliebter
+Leser, des breiteren zu erzaehlen eben im Begriff stehe.
+
+Von einem hohen Gebirge umschlossen, glich das Laendchen mit seinen
+gruenen, duftenden Waeldern, mit seinen blumigen Auen, mit seinen
+rauschenden Stroemen und lustig plaetschernden Springquellen, zumal
+da es gar keine Staedte, sondern nur freundliche Doerfer und hin und
+wieder einzeln stehende Palaeste darin gab, einem wunderbar herrlichen
+Garten, in dem die Bewohner wie zu ihrer Lust wandelten, frei von
+jeder drueckenden Buerde des Lebens. Jeder wusste, dass Fuerst
+Demetrius das Land beherrsche; niemand merkte indessen das mindeste
+von der Regierung, und alle waren damit gar wohl zufrieden. Personen,
+die die volle Freiheit in all ihrem Beginnen, eine schoene Gegend,
+ein mildes Klima liebten, konnten ihren Aufenthalt gar nicht besser
+waehlen als in dem Fuerstentum, und so geschah es denn, dass unter
+andern auch verschiedene vortreffliche Feen von der guten Art,
+denen Waerme und Freiheit bekanntlich ueber alles geht, sich dort
+angesiedelt hatten. Ihnen mocht' es zuzuschreiben sein, dass sich
+beinahe in jedem Dorfe, vorzueglich aber in den Waeldern sehr oft die
+angenehmsten Wunder begaben und dass jeder, von dem Entzuecken, von
+der Wonne dieser Wunder ganz umflossen, voellig an das Wunderbare
+glaubte und, ohne es selbst zu wissen, eben deshalb ein froher, mithin
+guter Staatsbuerger blieb. Die guten Feen, die sich in freier Willkuer
+ganz dschinnistanisch eingerichtet, haetten dem vortrefflichen
+Demetrius gern ein ewiges Leben bereitet. Das stand indessen nicht in
+ihrer Macht. Demetrius starb, und ihm folgte der junge Paphnutius in
+der Regierung. Paphnutius hatte schon zu Lebzeiten seines Herrn Vaters
+einen stillen innerlichen Gram darueber genaehrt, dass Volk und
+Staat nach seiner Meinung auf die heilloseste Weise vernachlaessigt,
+verwahrlost wurde. Er beschloss zu regieren und ernannte sofort seinen
+Kammerdiener Andres, der ihm einmal, als er im Wirtshause hinter den
+Bergen seine Boerse liegen lassen, sechs Dukaten geborgt und dadurch
+aus grosser Not gerissen hatte, zum ersten Minister des Reichs. "Ich
+will regieren, mein Guter!" rief ihm Paphnutius zu. Andres las in den
+Blicken seines Herrn, was in ihm vorging, warf sich ihm zu Fuessen und
+sprach feierlich: "Sire! die grosse Stunde hat geschlagen! - durch Sie
+steigt schimmernd ein Reich aus maechtigem Chaos empor! - Sire! hier
+fleht der treueste Vasall, tausend Stimmen des armen ungluecklichen
+Volks in Brust und Kehle! - Sire! - fuehren Sie die Aufklaerung
+ein!" - Paphnutius fuehlte sich durch und durch erschuettert von
+dem erhabenen Gedanken seines Ministers. Er hob ihn auf, riss ihn
+stuermisch an seine Brust und sprach schluchzend: "Minister - Andres
+- ich bin dir sechs Dukaten schuldig - noch mehr - mein Glueck - mein
+Reich! - o treuer, gescheuter Diener!" -
+
+Paphnutius wollte sofort ein Edikt mit grossen Buchstaben drucken und
+an allen Ecken anschlagen lassen, dass von Stund' an die Aufklaerung
+eingefuehrt sei und ein jeder sich darnach zu achten habe. "Bester
+Sire!" rief indessen Andres, "bester Sire! so geht es nicht!" - "Wie
+geht es denn, mein Guter?" sprach Paphnutius, nahm seinen Minister
+beim Knopfloch und zog ihn hinein in das Kabinett, dessen Tuere er
+abschloss.
+
+"Sehen Sie," begann Andres, als er seinem Fuersten gegenueber auf
+einem kleinen Taburett Platz genommen, "sehen Sie, gnaedigster Herr!
+- die Wirkung Ihres fuerstlichen Edikts wegen der Aufklaerung wuerde
+vielleicht verstoert werden auf haessliche Weise, wenn wir nicht damit
+eine Massregel verbinden, die zwar hart scheint, die indessen die
+Klugheit gebietet. - Ehe wir mit der Aufklaerung vorschreiten, d. h.
+ehe wir die Waelder umhauen, den Strom schiffbar machen, Kartoffeln
+anbauen, die Dorfschulen verbessern, Akazien und Pappeln anpflanzen,
+die Jugend ihr Morgen- und Abendlied zweistimmig absingen, Chausseen
+anlegen und die Kuhpocken einimpfen lassen, ist es noetig, alle Leute
+von gefaehrlichen Gesinnungen, die keiner Vernunft Gehoer geben und
+das Volk durch lauter Albernheiten verfuehren, aus dem Staate zu
+verbannen - Sie haben Tausendundeine Nacht gelesen, bester Fuerst,
+denn ich weiss, dass Ihr durchlauchtig seliger Herr Papa, dem der
+Himmel eine sanfte Ruhe im Grabe schenken moege, dergleichen fatale
+Buecher liebte und Ihnen, als Sie sich noch der Steckenpferde
+bedienten und vergoldete Pfefferkuchen verzehrten, in die Haende gab.
+Nun also! - Aus jenem voellig konfusen Buche werden Sie, gnaedigster
+Herr, wohl die sogenannten Feen kennen, gewiss aber nicht ahnen, dass
+sich verschiedene von diesen gefaehrlichen Personen in Ihrem eignen
+lieben Lande hier ganz in der Naehe Ihres Palastes angesiedelt haben
+und allerlei Unfug treiben." "Wie? - was sagt Er? - Andres! Minister!
+- Feen! - hier in meinem Lande?" - So rief Fuerst, indem er ganz
+erblasst in die Stuhllehne zuruecksank. - "Ruhig, mein gnaedigster
+Herr," fuhr Andres fort, "ruhig koennen wir bleiben, sobald wir mit
+Klugheit gegen jene Feinde der Aufklaerung zu Felde ziehen. Ja! -
+Feinde der Aufklaerung nenne ich sie, denn nur sie sind, die Guete
+Ihres seligen Herrn Papas missbrauchend, daran schuld, dass der liebe
+Staat noch in gaenzlicher Finsternis darniederliegt. Sie treiben ein
+gefaehrliches Gewerbe mit dem Wunderbaren und scheuen sich nicht,
+unter dem Namen Poesie ein heimliches Gift zu verbreiten, das die
+Leute ganz unfaehig macht zum Dienste in der Aufklaerung. Dann haben
+sie solche unleidliche polizeiwidrige Gewohnheiten, dass sie schon
+deshalb in keinem kultivierten Staate geduldet werden duerften. So
+z.B. entbloeden sich die Frechen nicht, sowie es ihnen einfaellt, in
+den Lueften spazieren zu fahren mit vorgespannten Tauben, Schwaenen,
+ja sogar gefluegelten Pferden. Nun frage ich aber, gnaedigster Herr,
+verlohnt es sich der Muehe, einen gescheuten Akzisetarif zu entwerfen
+und einzufuehren, wenn es Leute im Staate gibt, die imstande sind,
+jedem leichtsinnigen Buerger unversteuerte Waren in den Schornstein
+zu werfen, wie sie nur wollen? - Darum, gnaedigster Herr, - sowie die
+Aufklaerung angekuendigt wird, fort mit den Feen! - Ihre Palaeste
+werden umzingelt von der Polizei, man nimmt ihnen ihre gefaehrliche
+Habe und schafft sie als Vagabonden fort nach ihrem Vaterlande,
+welches, wie Sie, gnaedigster Herr, aus Tausendundeiner Nacht wissen
+werden, das Laendchen Dschinnistan ist." "Gehen Posten nach diesem
+Lande, Andres?" so fragte der Fuerst. "Zurzeit nicht," erwiderte
+Andres, "aber vielleicht laesst sich nach eingefuehrter Aufklaerung
+eine Journaliere dorthin mit Nutzen einrichten." - "Aber Andres," fuhr
+der Fuerst fort, "wird man unser Verfahren gegen die Feen nicht hart
+finden? - Wird das verwoehnte Volk nicht murren?" - "Auch dafuer,"
+sprach Andres, "auch dafuer weiss ich ein Mittel. Nicht alle Feen,
+gnaedigster Herr, wollen wir fortschicken nach Dschinnistan, sondern
+einige im Lande behalten, sie aber nicht allein aller Mittel berauben,
+der Aufklaerung schaedlich zu werden, sondern auch zweckdienliche
+Mittel anwenden, sie zu nuetzlichen Mitgliedern des aufgeklaerten
+Staats umzuschaffen. Wollen sie sich nicht auf solide Heiraten
+einlassen, so moegen sie unter strenger Aufsicht irgendein nuetzliches
+Geschaeft treiben, Socken stricken fuer die Armee, wenn es Krieg gibt,
+oder sonst. Geben Sie acht, gnaedigster Herr, die Leute werden sehr
+bald an die Feen, wenn sie unter ihnen wandeln, gar nicht mehr
+glauben, und das ist das beste. So gibt sich alles etwanige Murren von
+selbst. - Was uebrigens die Utensilien der Feen betrifft, so fallen
+sie der fuerstlichen Schatzkammer heim, die Tauben und Schwaene werden
+als koestliche Braten in die fuerstliche Kueche geliefert, mit den
+gefluegelten Pferden kann man aber auch Versuche machen, sie zu
+kultivieren und zu bilden zu nuetzlichen Bestien, indem man ihnen die
+Fluegel abschneidet und sie zur Stallfuetterung gibt, die wir doch
+hoffentlich zugleich mit der Aufklaerung einfuehren werden." -
+
+Paphnutius war mit allen Vorschlaegen seines Ministers auf das
+hoechste zufrieden, und schon andern Tages wurde ausgefuehrt, was
+beschlossen war.
+
+An allen Ecken prangte das Edikt wegen der eingefuehrten Aufklaerung,
+und zu gleicher Zeit brach die Polizei in die Palaeste der Feen, nahm
+ihr ganzes Eigentum in Beschlag und fuehrte sie gefangen fort.
+
+Mag der Himmel wissen, wie es sich begab, dass die Fee Rosabelverde
+die einzige von allen war, die wenige Stunden vorher, ehe die
+Aufklaerung hereinbrach, Wind davon bekam und die Zeit nutzte, ihre
+Schwaene in Freiheit zu setzen, ihre magischen Rosenstoecke und andere
+Kostbarkeiten beiseite zu schaffen. Sie wusste naemlich auch, dass sie
+dazu erkoren war, im Lande zu bleiben, worin sie sich, wiewohl mit
+grossem Widerwillen, fuegte.
+
+Ueberhaupt konnten es weder Paphnutius noch Andres begreifen, warum
+die Feen, die nach Dschinnistan transportiert wurden, eine solche
+uebertriebene Freude aeusserten und ein Mal ueber das andere
+versicherten, dass ihnen an aller Habe, die sie zuruecklassen muessen,
+nicht das mindeste gelegen. "Am Ende," sprach Paphnutius entruestet,
+"am Ende ist Dschinnistan ein viel huebscherer Staat wie der meinige,
+und sie lachen mich aus mitsamt meinem Edikt und meiner Aufklaerung,
+die jetzt erst recht gedeihen soll!" -
+
+Der Geograph sollte mit dem Historiker des Reichs ueber das Land
+umstaendlich berichten.
+
+Beide stimmten darin ueberein, dass Dschinnistan ein erbaermliches
+Land sei, ohne Kultur, Aufklaerung, Gelehrsamkeit, Akazien und
+Kuhpocken, eigentlich auch gar nicht existiere. Schlimmeres koenne
+aber einem Menschen oder einem ganzen Lande wohl nicht begegnen, als
+gar nicht zu existieren.
+
+Paphnutius fuehlte sich beruhigt.
+
+Als der schoene blumige Hain, in dem der verlassene Palast der Fee
+Rosabelverde lag, umgehauen wurde, und beispielshalber Paphnutius
+selbst saemtlichen Bauerluemmeln im naechsten Dorfe die Kuhpocken
+eingeimpft hatte, passte die Fee dem Fuersten in dem Walde auf, durch
+den er mit dem Minister Andres nach seinem Schloss zurueckkehren
+wollte. Da trieb sie ihn mit allerlei Redensarten, vorzueglich aber
+mit einigen unheimlichen Kuntstueckchen, die sie vor der Polizei
+geborgen, dermassen in die Enge, dass er sie um des Himmels
+willen bat, doch mit einer Stelle des einzigen und daher besten
+Fraeuleinstifts im ganzen Lande vorliebzunehmen, wo sie, ohne sich
+an das Aufklaerungsedikt zu kehren, schalten und walten koenne nach
+Belieben.
+
+Die Fee Rosabelverde nahm den Vorschlag an und kam auf diese Weise
+in das Fraeuleinstift, wo sie sich, wie schon erzaehlt worden, das
+Fraeulein von Rosengruenschoen, dann aber, auf dringendes Bitten des
+Baron Praetextatus von Mondschein, das Fraeulein von Rosenschoen
+nannte.
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Von der unbekannten Voelkerschaft, die der Gelehrte Ptolomaeus
+Philadelphus auf seinen Reisen entdeckte. - Die Universitaet Kerepes.
+- Wie dem Studenten Fabian ein Paar Reitstiefel um den Kopf flogen und
+der Professor Mosch Terpin den Studenten Balthasar zum Tee einlud.
+
+In den vertrauten Briefen, die der weltberuehmte Gelehrte Ptolomaeus
+Philadelphus an seinen Freund Rufin schrieb, als er sich auf weiten
+Reisen befand, ist folgende merkwuerdige Stelle enthalten:
+
+"Du weisst, mein lieber Rufin, dass ich nichts in der Welt so fuerchte
+und scheue, als die brennenden Sonnenstrahlen des Tages, welche
+die Kraefte meines Koerpers aufzehren und meinen Geist dermassen
+abspannen und ermatten, dass alle Gedanken in ein verworrenes Bild
+zusammenfliessen und ich vergebens darnach ringe, auch nur irgendeine
+deutliche Gestaltung in meiner Seele zu erfassen. Ich pflege daher in
+dieser heissen Jahreszeit des Tages zu ruhen, nachts aber meine Reise
+fortzusetzen, und so befand ich mich dann auch in voriger Nacht auf
+der Reise. Mein Fuhrmann hatte sich in der dicken Finsternis von dem
+rechten, bequemen Wege verirrt und war unversehens auf die Chaussee
+geraten. Ungeachtet ich aber durch die harten Stoesse, die es hier
+gab, in dem Wagen hin und her geschleudert wurde, so dass mein Kopf
+voller Beulen einem mit Walnuessen gefuellten Sack nicht unaehnlich
+war, erwachte ich doch aus dem tiefen Schlafe, in den ich versunken,
+nicht eher, bis ich mit einem entsetzlichen Ruck aus dem Wagen heraus
+auf den harten Boden stuerzte. Die Sonne schien mir hell ins Gesicht,
+und durch den Schlagbaum, der dicht vor mir stand, gewahrte ich die
+hohen Tuerme einer ansehnlichen Stadt. Der Fuhrmann lamentierte sehr,
+da nicht allein die Deichsel, sondern auch ein Hinterrad des Wagens
+an dem grossen Stein, der mitten auf der Chaussee lag, gebrochen, und
+schien sich wenig oder gar nicht um mich zu kuemmern. Ich hielt, wie
+es dem Weisen ziemt, meinen Zorn zurueck und rief dem Kerl bloss
+sanftmuetig zu, er sei ein verfluchter Schlingel, er moege bedenken,
+dass Ptolomaeus Philadelphus, der beruehmteste Gelehrte seiner Zeit,
+auf dem St- saesse, und Deichsel Deichsel und Rad Rad sein lassen. Du
+kennst, mein lieber Rufin, die Gewalt, die ich ueber das menschliche
+Herz uebe, und so geschah es denn auch, dass der Fuhrmann
+augenblicklich aufhoerte zu lamentieren und mir mit Huelfe des
+Chausseeinnehmers, vor dessen Haeuslein sich der Unfall begeben, auf
+die Beine half. Ich hatte zum Glueck keinen sonderlichen Schaden
+gelitten und war imstande, langsam auf der Strasse fortzuwandeln,
+waehrend der Fuhrmann den zerbrochenen Wagen muehsam nachschleppte.
+Unfern des Tors der Stadt, die ich in blauer Ferne gesehen, begegneten
+mir nun aber viele Leute von solch wunderlichem Wesen und in solch
+seltsamer Kleidung, dass ich mir die Augen rieb, um zu erforschen,
+ob ich wirklich wache oder ob nicht vielleicht ein toller neckhafter
+Traum mich eben in ein fremdes fabelhaftes Land versetze. - Diese
+Leute, die ich mit Recht fuer Bewohner der Stadt, aus deren Tor
+ich sie kommen sah, halten durfte, trugen lange, sehr weite Hosen,
+nach Art der Japaneser zugeschnitten, von koestlichem Zeuge, Samt,
+Manchester, feinem Tuch oder auch wohl bunt durchwirkter Leinwand, mit
+Tressen oder huebschen Baendern und Schnueren reichlich besetzt, dazu
+kleine Kinderroecklein, kaum den Unterleib bedeckend, meistens von
+sonnenheller Farbe, nur wenige gingen schwarz. Die Haare hingen
+ungekaemmt in natuerlicher Wildheit auf Schultern und Ruecken herab,
+und auf dem Kopf sass ein kleines seltsames Muetzchen. Manche hatten
+den Hals ganz entbloesst nach der Weise der Tuerken und Neugriechen,
+andere dagegen trugen um Hals und Brust ein Stueckchen weisse
+Leinwand, beinahe einem Hemdekragen aehnlich, wie Du, geliebter Rufin,
+sie auf den Bildern unserer Vorfahren gesehen haben wirst. Ungeachtet
+diese Leute saemtlich sehr jung zu sein schienen, war doch ihre
+Sprache tief und rauh, jede ihrer Bewegungen ungelenk, und mancher
+hatte einen schmalen Schatten unter der Nase, als sitze dort ein
+Stutzbaertchen. Aus den Hinterteilen der kleinen Roecke mancher ragte
+ein langes Rohr hervor, an dem grosse seidene Quasten baumelten.
+Andere hatten diese Roehre hervorgezogen und kleine - groessere -
+manchmal auch sehr grosse wunderlich geformte Koepfe unten daran
+befestigt, aus denen sie, oben durch ein ganz spitz zulaufendes
+Roehrchen hineinblasend, auf geschickte Weise kuenstliche Dampfwolken
+aufsteigen zu lassen wussten. Andre trugen breite blitzende Schwerter
+in den Haenden, als wollten sie dem Feinde entgegenziehen; noch andere
+hatten kleine Behaeltnisse von Leder oder Blech umgehaengt oder ueber
+den Ruecken geschnallt. Du kannst denken, lieber Rufin, dass ich,
+der ich durch sorgliches Betrachten jeder mir neuen Erscheinung mein
+Wissen zu bereichern suche, stillstand und mein Auge fest auf die
+seltsamen Leute heftete. Da versammelten sie sich um mich her,
+schrien ganz gewaltig: 'Philister - Philister!' - und schlugen eine
+entsetzliche Lache auf. - Das verdross mich. Denn, geliebter Rufin,
+gibt es fuer einen grossen Gelehrten etwas Kraenkenderes, als fuer
+einen von dem Volke gehalten zu werden, das vor vielen tausend Jahren
+mittelst eines Eselkinnbackens erschlagen wurde? - Ich nahm mich
+zusammen in der mir angebornen Wuerde und sprach laut zu dem
+sonderbaren Volk um mich her, dass ich hoffe, mich in einem
+zivilisierten Staat zu befinden, und dass ich mich an Polizei und
+Gerichtshoefe wenden wuerde, um die mir zugefuegte Unbill zu raechen.
+Da brummten sie alle; auch die, die bisher noch nicht gedampft, zogen
+die dazu bestimmten Maschinen aus der Tasche, und alle bliesen mir die
+dicken Dampfwolken ins Gesicht, welche, wie ich nun erst merkte, ganz
+unertraeglich stanken und meine Sinne betaeubten. Dann spachen sie
+eine Art Fluch ueber mich aus, dessen Worte ich ihrer Graesslichkeit
+halber Dir, geliebter Rufin, gar nicht wiederholen mag. Nur mit tiefem
+Grausen kann ich selbst daran denken. Endlich verliessen sie mich
+unter lautem Hohngelaechter, und mir war's, als wenn das Wort:
+Hetzpeitsche in den Lueften verhalle! - Mein Fuhrmann, der alles mit
+angehoert, mit angesehen, rang die Haende und sprach: 'Ach mein lieber
+Herr! nun das geschehen ist, was geschah, so gehen Sie beileibe nicht
+in jene Stadt hinein! Kein Hund, wie man zu sagen pflegt, wuerde ein
+Stueck Brot von Ihnen nehmen und stete Gefahr Sie bedrohen, geprue-'
+Ich liess den Wackern nicht ausreden, sondern wandte meine Schritte
+so schnell, als es nur gehen mochte, nach dem naechsten Dorfe. In dem
+einsamen Kaemmerlein des einzigen Wirtshauses dieses Dorfes sitze
+ich und schreibe Dir, mein geliebter Rufin, dieses alles! - Soviel
+es moeglich ist, werde ich Nachrichten einziehen von dem fremden
+barbarischen Volke, das in jener Stadt hauset. Von ihren Sitten -
+Gebraeuchen - von ihrer Sprache u.s.w. habe ich mir schon manches
+hoechst Seltsame erzaehlen lassen und werde Dir getreulich alles
+mitteilen etc. etc."
+
+Du gewahrst, o mein geliebter Leser, dass man ein grosser Gelehrter
+und doch mit sehr gewoehnlichen Erscheinungen im Leben unbekannt sein,
+und doch ueber Weltbekanntes in die wunderlichsten Traeume geraten
+kann. Ptolomaeus Philadelphus hatte studiert und kannte nicht
+einmal Studenten und wusste nicht einmal, dass er in dem Dorfe
+Hoch-Jakobsheim sass, das bekanntlich dicht bei der beruehmten
+Universitaet Kerepes liegt, als er seinem Freunde von einer
+Begebenheit schrieb, die sich in seinem Kopfe zum seltsamsten
+Abenteuer umgeformt hatte. Der gute Ptolomaeus erschrak, als er
+Studenten begegnete, die froehlich und guter Dinge ueber Land zogen zu
+ihrer Lust. Welche Angst haette ihn ueberfallen, waere er eine Stunde
+frueher in Kerepes angekommen, und haette ihn der Zufall vor das
+Haus des Professors der Naturkunde Mosch Terpin gefuehrt! - Hunderte
+von Studenten haetten, aus dem Hause herausstroemend, ihn umringt,
+laermend disputierend etc., und noch wunderliche Traeume waeren ihm in
+den Kopf gekommen ueber diesem Gewirr, ueber diesem Getreibe.
+
+Die Kollegia Mosch Terpins wurden naemlich in ganz Kerepes am
+haeufigsten besucht. Er war, wie gesagt, Professor der Naturkunde, er
+erklaerte, wie es regnet, donnert, blitzt, warum die Sonne scheint bei
+Tage und der Mond des Nachts, wie und warum das Gras waechst etc., so
+dass jedes Kind es begreifen musste. Er hatte die ganze Natur in ein
+kleines niedliches Kompendium zusammengefasst, so dass er sie bequem
+nach Gefallen handhaben und daraus fuer jede Frage die Antwort wie
+aus einem Schubkasten herausziehen konnte. Seinen Ruf begruendete
+er zuerst dadurch, als er es nach vielen physikalischen Versuchen
+gluecklich herausgebracht hatte, dass die Finsternis hauptsaechlich
+von Mangel an Licht herruehre. Dies, sowie, dass er eben
+jene physikalischen Versuche mit vieler Gewandtheit in nette
+Kunststueckchen umzusetzen wusste und gar ergoetzlichen Hokuspokus
+trieb, verschaffte ihm den unglaublichen Zulauf. - Erlaube, mein
+guenstiger Leser, dass, da du da viel besser wie der beruehmte
+Gelehrte Ptolomaeus Philadelphus Studenten kennst, da du nichts von
+seiner traeumerischen Furchtsamkeit weist, ich dich nun nach Kerepes
+fuehre vor das Haus des Professors Mosch Terpin, als er eben sein
+Kollegium beendet. Einer unter den herausstroemenden Studenten fesselt
+sogleich deine Aufmerksamkeit. Du gewahrst einen wohlgestalteten
+Juengling von drei- bis vierundzwanzig Jahren, aus dessen dunkel
+leuchtenden Augen ein innerer reger, herrlicher Geist mit beredten
+Worten spricht. Beinahe keck wuerde sein Blick zu nennen sein, wenn
+nicht die schwaermerische Trauer, wie sie auf dem ganzen blassen
+Antlitz liegt, einem Schleier gleich die brennenden Strahlen
+verhuellte. Sein Rock von schwarzem feinen Tuch, mit gerissenem Samt
+besetzt, ist beinahe nach altteutscher Art zugeschnitten, wozu der
+zierliche blendendweisse Spitzenkragen, sowie das Samtbarett, das
+auf den schoenen kastanienbraunen Locken sitzt, ganz gut passt. Gar
+huebsch steht ihm diese Tracht deshalb, weil er seinem ganzen Wesen,
+seinem Anstande in Gang und Stellung, seiner bedeutungsvollen
+Gesichtsbildung nach wirklich einer schoenen frommen Vorzeit
+anzugehoeren scheint und man daher nicht eben an die Ziererei denken
+mag, wie sie in kleinlichem Nachaeffen missverstandener Vorbilder
+in ebenso missverstandenen Anspruechen der Gegenwart oft an der
+Tagesordnung ist. Dieser junge Mann, der dir, geliebter Leser, auf
+den ersten Blick so wohlgefaellt, ist niemand anders als der Student
+Balthasar, anstaendiger, vermoegender Leute Kind, fromm - verstaendig
+- fleissig - von dem ich dir, o mein Leser, in der merkwuerdigen
+Geschichte, die ich aufzuschreiben unternommen, gar vieles zu
+erzaehlen gedenke. -
+
+Ernst, in Gedanken vertieft, wie es seine Art war, wandelte Balthasar
+aus dem Kollegium des Professors Mosch Terpin dem Tore zu, um sich,
+statt auf den Fechtboden, in das anmutige Waeldchen zu begeben, das
+kaum ein paar hundert Schritte von Kerepes liegt. Sein Freund Fabian,
+ein huebscher Bursche von muntrem Ansehen und ebensolcher Gesinnung,
+rannte ihm nach und ereilte ihn dicht vor dem Tore.
+
+"Balthasar!" - rief nun Fabian laut, "Balthasar, nun, willst du wieder
+heraus in den Wald und wie ein melancholischer Philister einsam
+umherirren, waehrend tuechtige Burschen sich wacker ueben in der edlen
+Fechtkunst! - Ich bitte dich, Balthasar, lass doch endlich ab von
+deinem naerrischen, unheimlichen Treiben und sei wieder recht munter
+und froh, wie du es sonst wohl warst. Komm! - wir wollen uns in ein
+paar Gaengen versuchen, und willst du denn noch heraus, so lauf' ich
+wohl mit dir."
+
+"Du meinst es gut," erwiderte Balthasar, "du meinst es gut, Fabian,
+und deswegen will ich nicht mit dir grollen, dass du mir manchmal auf
+Steg und Weg nachlaeufst wie ein Besessener und mich um manche Lust
+bringst, von der du keinen Begriff hast. Du gehoerst nun einmal zu den
+seltsamen Leuten, die jeden, den sie einsam wandeln sehn, fuer einen
+melancholischen Narren halten und ihn auf ihre Weise handhaben und
+kurieren wollen, wie jener Hofschranz den wuerdigen Prinzen Hamlet,
+der dem Maennlein dann, als er versicherte, sich nicht auf das
+Floetenblasen zu verstehen, eine tuechtige Lehre gab. Damit will ich
+dich, lieber Fabian, nun zwar verschonen, uebrigens dich aber recht
+herzlich bitten, dass du dir zu deiner edlen Fechterei mit Rapier
+und Hieber einen andern Kumpan suchen und mich ruhig meinen Weg
+fortwandeln lassen moegest." "Nein, nein," rief Fabian lachend, "so
+entkommst du mir nicht, mein teurer Freund! - Willst du mit mir nicht
+auf den Fechtboden, so gehe ich mit dir heraus in das Waeldchen.
+Es ist die Pflicht des treuen Freundes, dich in deinem Truebsinn
+aufzuheitern. Komm nur, lieber Balthasar, komm nur, wenn du es denn
+nicht anders haben willst."
+
+Damit fasste er den Freund unter den Arm und schritt ruestig mit ihm
+von dannen. Balthasar biss in stillem Ingrimm die Zaehne zusammen und
+beharrte in finsterm Schweigen, waehrend Fabian in einem Zuge Lustiges
+und Lustiges erzaehlte. Es lief viel Albernes mit unter, welches immer
+zu geschehen pflegt beim lustigen Erzaehlen in einem Zuge.
+
+Als sie nun endlich in die kuehlen Schatten des duftenden Waldes
+traten, als die Buesche wie in sehnsuechtigen Seufzern fluesterten,
+als die wunderbaren Melodien der rauschenden Baeche, die Lieder des
+Waldgefluegels fernhin toenten und den Widerhall weckten, der ihnen
+aus den Bergen antwortete, da stand Balthasar ploetzlich still
+und rief, indem er die Arme weit ausbreitete, als woll' er Baum
+und Gebuesch liebend umfangen: "O, nun ist mir wieder wohl! -
+unbeschreiblich wohl!" - Fabian schaute den Freund etwas verbluefft
+an, wie einer, der nicht klug werden kann aus des andern Rede, der gar
+nicht weiss, was er damit anfangen soll. Da fasste Balthasar seine
+Hand und rief voll Entzuecken: "Nicht wahr, Bruder, nun geht dir
+auch das Herz auf, nun begreifst du auch das selige Geheimnis der
+Waldeinsamkeit?" - "Ich verstehe dich nicht ganz, lieber Bruder,"
+erwiderte Fabian, "aber wenn du meinst, dass dir ein Spaziergang hier
+im Walde wohl tut, so bin ich voellig deiner Meinung. Gehe ich nicht
+auch gern spazieren, zumal in guter Gesellschaft, in der man ein
+vernuenftiges lehrreiches Gespraech fuehren kann? - Z.B. ist es wohl
+eine wahre Lust, mit unserm Professor Mosch Terpin ueber Land zu
+gehen. Der kennt jedes Pflaenzchen, jedes Graeschen und weiss, wie es
+heisst mit Namen und in welche Klasse es gehoert, und versteht sich
+auf Wind und Wetter -" "Halt ein," rief Balthasar, "ich bitte dich,
+halt ein! - Du beruehrst etwas, das mich toll machen koennte, gaeb' es
+sonst keinen Trost dafuer. Die Art, wie der Professor ueber die Natur
+spricht, zerreisst mein Inneres. Oder vielmehr, mich fasst dabei
+ein unheimliches Grauen, als saeh' ich den Wahnsinnigen, der in
+geckenhafter Narrheit Koenig und Herrscher ein selbst gedrehtes
+Strohpueppchen liebkost, waehnend, die koenigliche Braut zu umhalsen!
+Seine sogenannten Experimente kommen mir vor wie eine abscheuliche
+Verhoehnung des goettlichen Wesens, dessen Atem uns in der Natur
+anweht und in unserm innersten Gemuet die tiefsten heiligsten Ahnungen
+aufregt. Oft gerat' ich in Versuchung, ihm seine Glaeser, seine
+Phiolen, seinen ganzen Kram zu zerschmeissen, daecht' ich nicht daran,
+dass der Affe ja nicht ablaesst mit dem Feuer zu spielen, bis er sich
+die Pfoten verbrennt. - Sieh, Fabian, diese Gefuehle aengstigen mich,
+pressen mir das Herz zusammen in Mosch Terpins Vorlesungen, und wohl
+mag ich euch dann tiefsinniger und menschenscheuer vorkommen als
+jemals. Mir ist dann zumute, als wollten die Haeuser ueber meinem Kopf
+zusammenstuerzen, eine unbeschreibliche Angst treibt mich heraus aus
+der Stadt. Aber hier, hier erfuellt bald mein Gemuet eine suesse Ruhe.
+Auf den blumigen Rasen gelagert, schaue ich herauf in das weite Blaue
+des Himmels, und ueber mir, ueber den jubelnden Wald hinweg ziehen
+die goldnen Wolken wie herrliche Traeume aus einer fernen Welt
+voll seliger Freuden! - O mein Fabian, dann erhebt sich aus meiner
+eignen Brust ein wunderbarer Geist, und ich vernehm' es, wie er in
+geheimnisvollen Worten spricht mit den Bueschen - mit den Baeumen, mit
+den Wogen des Waldbachs, und nicht vermag ich die Wonne zu nennen, die
+dann in suessem wehmuetigen Bangen mein ganzes Wesen durchstroemt!"
+- "Ei," rief Fabian, "ei, das ist nun wieder das alte ewige Lied von
+Wehmut und Wonne und sprechenden Baeumen und Waldbaechen. Alle deine
+Verse strotzen von diesen artigen Dingen, die ganz passabel ins Ohr
+fallen und mit Nutzen verbraucht werden, sobald man nichts weiter
+dahinter sucht. - Aber sage mir, mein vortrefflichster Melancholikus,
+wenn dich Mosch Terpins Vorlesungen in der Tat so entsetzlich
+kraenken und aergern, sage mir nur, warum in aller Welt du in jede
+hineinlaeufst, warum du keine einzige versaeumst und dann freilich
+jedesmal stumm und starr mit geschlossen Augen dasitzest wie ein
+Traeumender?" - "Frage mich," erwiderte Balthasar, indem er die
+Augen niederschlug, "frage mich darum nicht, lieber Freund! - Eine
+unbekannte Gewalt zieht mich jeden Morgen hinein in Mosch Terpins
+Haus. Ich fuehle im voraus meine Qualen, und doch kann ich nicht
+widerstehen, ein dunkles Verhaengnis reisst mich fort!" - "Ha - ha,"
+- lachte Fabian hell auf, "ha ha ha - wie fein - wie poetisch, wie
+mystisch! Die unbekannte Gewalt, die dich hineinzieht in Mosch Terpins
+Haus, liegt in den dunkelblauen Augen der schoenen Candida! - Dass
+du bis ueber die Ohren verliebt bist in des Professors niedliches
+Toechterlein, das wissen wir alle laengst, und darum halten wir dir
+deine Fantasterei, dein naerrisches Wesen zugute. Mit Verliebten
+ist es nun nicht anders. Du befindest dich im ersten Stadium der
+Liebeskrankheit und musst in spaeten Juenglingsjahren dich zu all den
+seltsamen Possen bequemen, die wir, ich und viele andere, dem Himmel
+sei es gedankt! ohne ein grosses zuschauendes Publikum auf der Schule
+durchmachten. Aber glaube mir, mein suesses Herz -"
+
+Fabian hatte indessen seinen Freund Balthasar wieder beim Arme gefasst
+und war mit ihm rasch weitergeschritten. Eben jetzt traten sie heraus
+aus dem Dickicht auf den breiten Weg, der mitten durch den Wald
+fuehrte. Da gewahrte Fabian, wie aus der Ferne ein Pferd ohne Reiter,
+in eine Staubwolke gehuellt, herantrabte. - "Hei, hei!" rief er,
+sich in seiner Rede unterbrechend, "hei, hei, da ist eine verfluchte
+Schindmaehre durchgegangen und hat ihren Reiter abgesetzt - die
+muessen wir fangen und nachher den Reiter suchen im Walde." Damit
+stellte er sich mitten in den Weg.
+
+Naeher und naeher kam das Pferd, da war es, als wenn von beiden Seiten
+ein Paar Reitstiefel in der Luft auf und nieder baumelten und auf
+dem Sattel etwas Schwarzes sich rege und bewege. Dicht vor Fabian
+erschallte ein langes gellendes Prrr - Prrr - und in demselben
+Augenblick flogen ihm auch ein Paar Reitstiefel um den Kopf, und
+ein kleines seltsames, schwarzes Ding kugelte hin, ihm zwischen die
+Beine. Mauerstill stand das grosse Pferd und beschnueffelte mit lang
+vorgestrecktem Halse sein winziges Herrlein, das sich im Sande waelzte
+und endlich muehsam auf die Beine richtete. Dem kleinen Knirps steckte
+der Kopf tief zwischen den hohen Schultern, er war mit seinem Auswuchs
+auf Brust und Ruecken, mit seinem kurzen Leibe und seinen hohen
+Spinnenbeinchen anzusehen wie ein auf eine Gabel gespiesster Apfel,
+dem man ein Fratzengesicht eingeschnitten. Als nun Fabian dies
+seltsame kleine Ungetuem vor sich stehen sah, brach er in ein lautes
+Gelaechter aus. Aber der Kleine drueckte sich das Barettlein, das er
+vom Boden aufgerafft, trotzig in die Augen und fragte, indem er Fabian
+mit wilden Blicken durchbohrte, in rauhem, tief heiserem Ton: "Ist
+dies der rechte Weg nach Kerepes?" - "Ja, mein Herr!" antwortete
+Balthasar mild und ernst und reichte dem Kleinen die Stiefel hin,
+die er zusammengesucht hatte. Alles Muehen des Kleinen, die Stiefel
+anzuziehen, blieb vergebens, er stuelpte einmal uebers andere um und
+waelzte sich stoehnend im Sande. Balthasar stellte beide Stiefel
+aufrecht zusammen, hob den Kleinen sanft in die Hoehe und steckte,
+ihn ebenso niederlassend, beide Fuesschen in die zu schwere und weite
+Futterale. Mit stolzem Wesen, die eine Hand in die Seite gestemmt, die
+andere ans Barett gelegt, rief der Kleine: "Gratias, mein Herr!" und
+schritt nach dem Pferde hin, dessen Zuegel er fasste. Alle Versuche,
+den Steigbuegel zu erreichen oder hinaufzuklimmen auf das grosse Tier,
+blieben indessen vergebens. Balthasar, immer ernst und mild, trat
+hinzu und hob den Kleinen in den Steigbuegel. Er mochte sich wohl
+einen zu starken Schwung gegeben haben, denn in demselben Augenblick,
+als er oben sass, lag er auf der andern Seite auch wieder unten.
+"Nicht so hitzig, allerliebster Mosje!" rief Fabian, indem er aufs
+neue in ein schallendes Gelaechter ausbrach. "Der Teufel ist Ihr
+allerliebster Mosje," schrie der Kleine ganz erbost, indem er sich
+den Sand von den Kleidern klopfte, "ich bin Studiosus, und wenn Sie
+desgleichen sind, so ist es Tusch, dass Sie mir wie ein Hasenfuss
+ins Gesicht lachen, und Sie muessen sich morgen in Kerepes mit mir
+schlagen!" "Donner," rief Fabian immerfort lachend, "Donner, das ist
+mal ein tuechtiger Bursche, ein Allerweltskerl, was Courage betrifft
+und echten Komment". Und damit hob er den Kleinen, alles Zappelns und
+Straeubens ungeachtet, in die Hoehe und setzte ihn aufs Pferd, das
+sofort mit seinem Herrlein lustig wiehernd davontrabte. - Fabian hielt
+sich beide Seiten, er wollte vor Lachen ersticken. - "Es ist grausam,"
+sprach Balthasar, "einen Menschen auszulachen, den die Natur auf
+solche entsetzliche Weise verwahrlost hat, wie den kleinen Reiter
+dort. Ist er wirklich Student, so musst du dich mit ihm schlagen, und
+zwar, laeuft's auch sonst gegen alle akademische Sitte, auf Pistolen,
+da er weder Rapier noch Hieber zu fuehren vermag." - "Wie ernst,"
+sprach Fabian, "wie ernst, wie truebselig du das alles wieder nimmst,
+mein lieber Freund Balthasar. Nie ist's mir eingefallen, eine
+Missgeburt auszulachen. Aber sage mir, darf solch ein knorpliger
+Daeumling sich auf ein Pferd setzen, ueber dessen Hals er nicht
+wegzuschauen vermag? Darf er die Fuesslein in solch verrucht weite
+Stiefeln stecken? darf er eine knapp anschliessende Kurtka mit tausend
+Schnueren und Troddeln und Quasten, darf er solch ein verwunderliches
+Samtbarett tragen? darf er solch ein hochmuetiges, trotziges Wesen
+annehmen? darf er sich solche barbarische heisere Laute abzwingen?
+- Darf er das alles, frage ich, ohne mit Recht als eingefleischter
+Hasenfuss ausgelacht zu werden? - Aber ich muss hinein, ich muss den
+Rumor mit anschauen, den es geben wird, wenn der ritterliche Studiosus
+einzieht auf seinem stolzen Rosse! Mit dir ist doch heute einmal
+nichts anzufangen! - Gehab' dich wohl!" - Spornstreichs rannte Fabian
+durch den Wald nach der Stadt zurueck. - Balthasar verliess den
+offenen Weg und verlor sich in das dichteste Gebuesch, da sank er
+hin auf einen Moossitz, erfasst, ja ueberwaeltigt von den bittersten
+Gefuehlen. Wohl mocht' es sein, dass er die holde Candida wirklich
+liebte, aber er hatte diese Liebe wie ein tiefes, zartes Geheimnis
+in dem Innersten seiner Seele vor allen Menschen, ja vor sich selbst
+verschlossen. Als nun Fabian so ohne Hehl, so leichtsinnig darueber
+sprach, war es ihm, als rissen rohe Haende in frechem Uebermut die
+Schleier von dem Heiligenbilde herab, die zu beruehren er nicht
+gewagt, als muesse nun die Heilige auf ihn selbst ewig zuernen. Ja,
+Fabians Worte schienen ihm eine abscheuliche Verhoehnung seines ganzen
+Wesens, seiner suessesten Traeume.
+
+"Also," rief er in Uebermass seines Unmuts aus, "also fuer einen
+verliebten Gecken haeltst du mich, Fabian! - fuer einen Narren, der in
+Mosch Terpins Vorlesungen laeuft, um wenigstens eine Stunde hindurch
+mit der schoenen Candida unter einem Dache zu sein, der in dem Walde
+einsam umherstreift, um auf elende Verse zu sinnen an die Geliebte
+und sie noch erbaermlicher aufzuschreiben, der die Baeume verdirbt,
+alberne Namenszuege in ihre glatten Rinden einschneidend, der in
+Gegenwart des Maedchens kein gescheutes Wort zu Markte bringt, sondern
+nur seufzt und aechzt und weinerliche Gesichter schneidet, als litt'
+er an Kraempfen, der verwelkte Blumen, die sie am Busen trug, oder gar
+den Handschuh, den sie verlor, auf der blossen Brust traegt - kurz,
+der tausend kindische Torheiten begeht! - Und darum, Fabian, neckst du
+mich, und darum lachen mich wohl alle Burschen aus, und darum bin ich
+samt der innern Welt, die mir aufgegangen, vielleicht ein Gegenstand
+der Verspottung. - Und die holde - liebliche herrliche Candida -"
+
+Als er diesen Namen aussprach, fuhr es ihm durchs Herz wie ein
+gluehender Dolchstich! - Ach! - eine innere Stimme fluesterte ihm in
+dem Augenblick sehr vernehmlich zu, dass er ja nur eben Candidas wegen
+in Mosch Terpins Haus gehe, dass er Verse mache an die Geliebte, dass
+er ihre Namen einschneide in das Laubholz, dass er in ihrer Gegenwart
+verstumme, seufze, aechze, dass er verwelkte Blumen, die sie verlor,
+auf der Brust trage, dass er mithin ja wirklich in alle Torheiten
+verfalle, wie sie ihm Fabian nur vorruecken koenne. - Erst jetzt
+fuehlte er es recht, wie unaussprechlich er die schoene Candida liebe,
+aber auch zugleich, dass seltsam genug sich die reinste innigste Liebe
+im aeussern Leben etwas geckenhaft gestalte, welches wohl der tiefen
+Ironie zuzurechnen, die die Natur in alles menschliche Treiben gelegt.
+Er mochte recht haben, ganz unrecht war es indessen, dass er sich
+darueber sehr zu aergern begann. Traeume, die ihn sonst umfingen,
+waren verloren, die Stimmen des Waldes klangen ihm wie Hohn und Spott,
+er rannte zurueck nach Kerepes.
+
+"Herr Balthasar - mon cher Balthasar" - rief es ihn an. Er schlug den
+Blick auf und blieb festgezaubert stehen, denn ihm entgegen kam der
+Professor Mosch Terpin, der seine Tochter Candida am Arme fuehrte.
+Candida begruesste den zur Bildsaeule Erstarrten mit der heitern
+freundlichen Unbefangenheit, die ihr eigen. "Balthasar, mon cher
+Balthasar," rief der Professor, "Sie sind in der Tat der fleissigste,
+mir der liebste von meinen Zuhoerern! - O mein Bester, ich merk' es
+Ihnen an, Sie lieben die Natur mit all ihren Wundern, wie ich, der ich
+einen wahren Narren daran gefressen! - Gewiss wieder botanisiert in
+unserm Waeldchen! - Was Erspriessliches gefunden? - Nun! - lassen Sie
+uns naehere Bekanntschaft machen. - Besuchen Sie mich - jederzeit
+willkommen - Koennen zusammen experimentieren - Haben Sie schon meine
+Luftpumpe gesehen? - Nun! - mon cher - morgen abend versammelt sich
+ein freundschaftlicher Zirkel in meinem Hause, welcher Tee mit
+Butterbrot konsumieren und sich in angenehmen Gespraechen erlustigen
+wird, vermehren Sie ihn durch Ihre werte Person - Sie werden einen
+sehr anziehenden jungen Mann kennen lernen, der mir ganz besonders
+empfohlen - Bon soir, mon cher - Guten Abend, Vortrefflicher - a
+revoir - Auf Wiedersehen! - Sie kommen doch morgen in die Vorlesung? -
+Nun - mon cher, Adieu!" - Ohne Balthasars Antwort abzuwarten, schritt
+der Professor Mosch Terpin mit seiner Tochter von dannen.
+
+Balthasar hatte in seiner Bestuerzung nicht gewagt, die Augen
+aufzuschlagen, aber Candidas Blicke brannten hinein in seine Brust,
+er fuehlte den Hauch ihres Atems, und suesse Schauer durchbebten sein
+innerstes Wesen.
+
+Entnommen war ihm aller Unmut, er schaute voll Entzuecken der holden
+Candida nach, bis sie in den Laubgaengen verschwand. Dann kehrte er
+langsam in den Wald zurueck, um herrlicher zu traeumen als jemals.
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Wie Fabian nicht wusste, was er sagen sollte. - Candida und
+Jungfrauen, die nicht Fische essen duerfen. - Mosch Terpins
+literarischer Tee. - Der junge Prinz.
+
+Fabian gedachte, als er den Richtsteig quer durch den Wald lief, dem
+kleinen wunderlichen Knirps, der vor ihm davongetrabt, doch wohl
+noch zuvorzukommen. Er hatte sich geirrt, denn aus dem Gebuesch
+heraustretend, gewahrte er ganz in der Ferne, wie noch ein anderer
+stattlicher Reiter sich zu dem Kleinen gesellte und wie nun beide
+in das Tor von Kerepes hineinritten. - "Hm!" sprach Fabian zu sich
+selbst, "ist der Nussknacker auf seinem grossen Pferde auch schon vor
+mir angelangt, so komme ich doch noch zeitig genug zu dem Spektakel,
+den es geben wird bei seiner Ankunft. Ist das seltsame Ding wirklich
+ein Studiosus, so weiset man nach dem 'Gefluegelten Ross' und haelt
+er dort an mit seinem gellenden _Prr_ - _Prr!_ - und wirft die
+Reitstiefel voran und sich selbst nach und tut, wenn die Bursche
+lachen, wild und trotzig - nun! dann ist das tolle Possenspiel
+fertig!" -
+
+Als Fabian nun die Stadt erreicht, glaubte er in den Strassen, auf
+dem Wege nach dem "Gefluegelten Ross" lauter lachenden Gesichtern
+zu begegnen. Dem war aber nicht so. Alle Leute gingen ruhig und
+ernst vorueber. Ebenso ernsthaft spazierten auf dem Platz vor dem
+"Gefluegelten Ross" mehrere Akademiker, die sich dort versammelt,
+miteinander sprechend, auf und nieder. Fabian war ueberzeugt, dass der
+Kleine wenigstens hier nicht angekommen sein muesse, da gewahrte er,
+einen Blick ins Tor des Gasthauses werfend, dass soeben das sehr
+kennbare Pferd des Kleinen nach dem Stall gefuehrt wurde. Auf den
+ersten besten seiner Bekannten sprang er nun los und fragte, ob denn
+nicht ein ganz seltsamer wunderlicher Knirps herangetrabt sei. - Der,
+den Fabian fragte, wusste ebensowenig etwas davon als die uebrigen,
+denen Fabian nun erzaehlte, was sich mit ihm und dem Daeumling, der
+ein Student sein wollen, begeben. Alle lachten sehr, versicherten
+indessen, dass ein solches Ding, wie das, was er beschreibe,
+keineswegs angelangt. Wohl waeren aber vor kaum zehn Minuten zwei sehr
+stattliche Reiter auf schoenen Pferden im Gasthause zum "Gefluegelten
+Ross" abgestiegen. "Sass der eine von ihnen auf dem Pferde, das eben
+nach dem Stall gefuehrt wurde?" so fragte Fabian. "Allerdings,"
+erwiderte einer, "allerdings. Der, der auf jenem Pferde sass, war
+von etwas kleiner Statur, aber von zierlichem Koerperbau, angenehmen
+Gesichtszuegen und hatte die schoensten Lockenhaare, die man sehen
+kann. Dabei zeigte er sich als den vortrefflichsten Reiter, denn er
+schwang sich mit einer Behendigkeit, mit einem Anstande vom Pferde
+herab, wie der erste Stallmeister unseres Fuersten." - "Und," rief
+Fabian, "und verlor nicht die Reitstiefel und kugelte euch nicht vor
+die Fuesse?" - "Gott behuete," erwiderten alle einstimmig, "Gott
+behuete! - was denkst du Bruder! solch ein tuechtiger Reiter wie
+der Kleine!" - Fabian wusste gar nicht, was er sagen sollte. Da kam
+Balthasar die Strasse herab. Auf den stuerzte Fabian los, zog ihn
+heran und erzaehlte, wie der kleine Knirps, der ihnen vor dem Tor
+begegnet und vom Pferde herabgefallen, hier eben angekommen sei und
+von allen fuer einen schoenen Mann von zierlichem Gliederbau und fuer
+den vortrefflichsten Reiter gehalten werde. "Du siehst," erwiderte
+Balthasar ernst und gelassen, "du siehst, lieber Bruder Fabian, dass
+nicht alle so wie du ueber unglueckliche, von der Natur verwahrloste
+Menschen lieblos spottend herfallen." - "Aber du mein Himmel,"
+fiel ihm Fabian ins Wort, "hier ist ja gar nicht von Spott und
+Lieblosigkeit die Rede, sondern nur davon, ob ein drei Fuss hohes
+Kerlein, der einem Rettich gar nicht unaehnlich, ein schoener
+zierlicher Mann zu nennen?" - Balthasar musste, was Wuchs und Ansehen
+des kleinen Studenten betraf, Fabians Aussage bestaetigen. Die andern
+versicherten, dass der kleine Reiter ein huebscher zierlicher Mann
+sei, wogegen Fabian und Balthasar fortwaehrend behaupteten, sie
+haetten nie einen scheusslicheren Daeumling erblickt. Dabei blieb es,
+und alle gingen voll Verwunderung auseinander.
+
+Der spaete Abend brach ein, die beiden Freunde begaben sich zusammen
+nach ihrer Wohnung. Da fuhr es dem Balthasar, selbst wusste er nicht
+wie, heraus, dass er dem Professor Mosch Terpin begegnet, der ihn
+auf den folgenden Abend zu sich geladen. "Ei, du gluecklicher," rief
+Fabian, "ei, du uebergluecklicher Mensch! - da wirst du dein Liebchen,
+die huebsche Mamsell Candida, sehen, hoeren, sprechen!" - Balthasar,
+aufs neue tief verletzt, riss sich los von Fabian und wollte fort.
+Doch besann er sich, blieb stehen und sprach, seinen Verdruss mit
+Gewalt niederkaempfend: "Du magst recht haben, lieber Bruder, dass
+du mich fuer einen albernen verliebten Gecken haeltst, ich bin es
+vielleicht wirklich. Aber diese Albernheit ist eine tiefe schmerzhafte
+Wunde, die meinem Gemuet geschlagen, und die, auf unvorsichtige Weise
+beruehrt, im heftigeren Weh mich zu allerlei Tollheit aufreizen
+koennte. Darum, Bruder, wenn du mich wirklich lieb hast, so nenne mir
+nicht mehr den Namen Candida!" - "Du nimmst," erwiderte Fabian, "du
+nimmst, mein lieber Freund Balthasar, die Sache wieder entsetzlich
+tragisch, und anders laesst sich das auch in deinem Zustande nicht
+erwarten. Aber um mit dir nicht in allerlei haesslichen Zwiespalt zu
+geraten, verspreche ich, dass der Name Candida nicht eher ueber meine
+Lippen kommen soll, bis du selbst mir Gelegenheit dazu gibst. Nur
+so viel erlaube mir heute noch zu sagen, dass ich allerlei Verdruss
+vorausgehe, in den dich dein Verliebtsein stuerzen wird. Candida
+ist ein gar huebsches herrliches Maegdlein, aber zu deiner
+melancholischen, schwaermerischen Gemuetsart passt sie ganz und gar
+nicht. Wirst du naeher mit ihr bekannt, so wird ihr unbefangenes
+heitres Wesen dir Mangel an Poesie, die du ueberall vermissest,
+scheinen. Du wirst in allerlei wunderliche Traeumereien geraten, und
+das Ganze wird mit entsetzlichem eingebildeten Weh und genuegender
+Verzweiflung tumultuarisch enden. - Uebrigens bin ich ebenso wie du
+auf morgen zu unserm Professor eingeladen, der uns mit sehr schoenen
+Experimenten unterhalten wird! - Nun gute Nacht, fabelhafter Traeumer!
+Schlafe, wenn du schlafen kannst vor solch wichtigem Tage wie der
+morgende!"
+
+Damit verliess Fabian den Freund, der in tiefes Nachdenken versunken.
+- Fabian mochte nicht ohne Grund allerlei pathetische Ungluecksmomente
+voraussehen, die sich mit Candida und Balthasar wohl zutragen konnten;
+denn beider Wesen und Gemuetsart schien in der Tat Anlass genug dazu
+zu geben.
+
+Candida war, jeder musste das eingestehen, ein bildhuebsches Maedchen,
+mit recht ins Herz hinein strahlenden Augen und etwas aufgeworfenen
+Rosenlippen. Ob ihre uebrigens schoenen Haare, die sie in wunderlichen
+Flechten gar fantastisch aufzunesteln wusste, mehr blond oder mehr
+braun zu nennen, habe ich vergessen, nur erinnere ich mich sehr gut
+der seltsamen Eigenschaft, dass sie immer dunkler und dunkler wurden,
+je laenger man sie anschaute. Von schlankem hohen Wuchs, leichter
+Bewegung, war das Maedchen, zumal in lebenslustiger Umgebung,
+die Huld, die Anmut selbst, und man uebersah es bei so vielem
+koerperlichen Reiz sehr gern, dass Hand und Fuss vielleicht kleiner
+und zierlicher haetten gebaut sein koennen. Dabei hatte Candida
+Goethes "Wilhelm Meister", Schillers Gedichte und Fouques "Zauberring"
+gelesen und beinahe alles, was darin enthalten, wieder vergessen;
+spielte ganz passabel das Pianoforte, sang sogar zuweilen dazu; tanzte
+die neuesten Francaisen und Gavotten und schrieb die Waschzettel mit
+einer feinen leserlichen Hand. Wollte man durchaus an dem lieben
+Maedchen etwas aussetzen, so war es vielleicht, dass sie etwas zu tief
+sprach, sich zu fest einschnuerte, sich zu lange ueber einen neuen
+Hut freute und zuviel Kuchen zum Tee verzehrte. Ueberschwenglichen
+Dichtern war freilich noch vieles andere an der huebschen Candida
+nicht recht, aber was verlangen die auch alles. Fuers erste wollen
+sie, dass das Fraeulein ueber alles, was sie von sich verlauten
+lassen, in ein somnambueles Entzuecken gerate, tief seufze, die Augen
+verdrehe, gelegentlich auch wohl was weniges ohnmaechtle oder gar
+zurzeit erblinde als hoechste Stufe der weiblichsten Weiblichkeit.
+Dann muss besagtes Fraeulein des Dichters Lieder singen nach der
+Melodie, die ihm (dem Fraeulein) selbst aus dem Herzen gestroemt,
+augenblicklich aber davon krank werden und selbst auch wohl Verse
+machen, sich aber sehr schaemen, wenn es herauskommt, ungeachtet die
+Dame dem Dichter ihre Verse, auf sehr feinem wohlriechenden Papier mit
+zarten Buchstaben geschrieben, selbst in die Haende spielte, der dann
+auch seinerseits vor Entzuecken darueber erkrankt, welches ihm gar
+nicht zu verdenken ist. Es gibt poetische Aszetiker, die noch weiter
+gehen und es aller weiblichen Zartheit entgegen finden, dass ein
+Maedchen lachen, essen und trinken und sich zierlich nach der Mode
+kleiden sollte. Sie gleichen beinahe dem heiligen Hieronymus, der
+den Jungfrauen verbietet Ohrgehaenge zu tragen und Fische zu essen.
+Sie sollen, so gebietet der Heilige, nur etwas zubereitetes Gras
+geniessen, bestaendig hungrig sein, ohne es zu fuehlen, sich in
+grobe, schlecht genaehte Kleider huellen, die ihren Wuchs verbergen,
+vorzueglich aber eine Person zur Gefaehrtin waehlen, die ernsthaft,
+bleich, traurig und etwas schmutzig ist! -
+
+Candida war durch und durch ein heitres unbefangenes Wesen, deshalb
+ging ihr nichts ueber ein Gespraech, das sich auf den leichten
+luftigen Schwingen des unverfaenglichsten Humors bewegte. Sie lachte
+recht herzlich ueber alles Drollige; sie seufzte nie, als wenn
+Regenwetter ihr den gehofften Spaziergang verdarb oder, aller Vorsicht
+ungeachtet, der neue Shawl einen Fleck bekommen hatte. Dabei blickte,
+gab es wirklichen Anlass dazu, ein tiefes inniges Gefuehl hindurch,
+das nie in schale Empfindelei ausarten durfte, und so mochte mir
+und dir, geliebter Leser, die wir nicht zu den Ueberschwenglichen
+gehoeren, das Maedchen eben ganz recht sein. Sehr leicht konnte es
+mit Balthasar sich anders verhalten! - Doch bald muss es sich ja wohl
+zeigen, inwiefern der prosaische Fabian richtig prophezeit hatte oder
+nicht! -
+
+Dass Balthasar vor lauter Unruhe, vor unbeschreiblichem suessen Bangen
+die ganze Nacht hindurch nicht schlafen konnte: was war natuerlicher
+als das. Ganz erfuellt von dem Bilde der Geliebten, setzte er sich hin
+an den Tisch und schrieb eine ziemliche Anzahl artiger wohlklingender
+Verse nieder, die in einer mystischen Erzaehlung von der Liebe der
+Nachtigall zur Purpurrose seinen Zustand schilderten. Die wollt' er
+mitnehmen in Mosch Terpins literarischen Tee und damit losfahren auf
+Candidas unbewahrtes Herz, wenn und wie es nur moeglich.
+
+Fabian laechelte ein wenig, als er, der Verabredung gemaess, zur
+bestimmten Stunde kam, um seinen Freund Balthasar abzuholen, und ihn
+zierlicher geputzt fand, als er ihn jemals gesehen. Er hatte einen
+gezackten Kragen von den feinsten Bruessler Kanten umgetan, sein
+kurzes Kleid mit geschlitzten Aermeln war von gerissenem Samt. Und
+dazu trug er franzoesische Stiefeln mit hohen spitzen Absaetzen und
+silbernen Fransen, einen englischen Hut vom feinsten Kastor und
+daenische Handschuhe. So war er ganz deutsch gekleidet, und der Anzug
+stand ihm ueber alle Massen gut, zumal er sein Haar schoen kraeuseln
+lassen und das kleine Stutzbaertchen wohl aufgekaemmt hatte.
+
+Das Herz bebte dem Balthasar vor Entzuecken, als in Mosch Terpins
+Hause Candida ihm entgegentrat, ganz in der Tracht der altdeutschen
+Jungfrau, freundlich, anmutig in Blick und Wort, im ganzen Wesen,
+wie man sie immer zu sehen gewohnt. "Mein holdseligstes Fraeulein!"
+seufzte Balthasar aus dem Innersten auf, als Candida, die suesse
+Candida selbst, eine Tasse dampfenden Tee ihm darbot. Candida schaute
+ihn aber an mit leuchtenden Augen und sprach: "Hier ist Rum und
+Maraschino, Zwieback und Pumpernickel, lieber Herr Balthasar, greifen
+Sie doch nur gefaelligst zu nach Ihrem Belieben!" Statt aber auf
+Rum und Maraschino, Zwieback oder Pumpernickel zu schauen oder
+gar zuzugreifen, konnte der begeisterte Balthasar den Blick voll
+schmerzlicher Wehmut der innigsten Liebe nicht abwenden von der holden
+Jungfrau und rang nach Worten, die aus tiefster Seele aussprechen
+sollten, was er eben empfand. Da fasste ihn aber der Professor der
+Aesthetik, ein grosser baumstarker Mann, mit gewaltiger Faust von
+hinten, drehte ihn herum, dass er mehr Teewasser auf den Boden
+verschuettete, als eben schicklich, und rief mit donnernder Stimme:
+"Bester Lukas Kranach, saufen Sie nicht das schnoede Wasser, Sie
+verderben sich den deutschen Magen total - dort im andern Zimmer hat
+unser tapfere Mosch eine Batterie der schoensten Flaschen mit edlem
+Rheinwein aufgepflanzt, die wollen wir sofort spielen lassen!" - Er
+schleppte den ungluecklichen Juengling fort.
+
+Doch aus dem Nebenzimmer trat ihnen der Professor Mosch Terpin
+entgegen, ein kleines, sehr seltsames Maennlein an der Hand fuehrend
+und laut rufend: "Hier, meine Damen und Herren, stelle ich Ihnen einen
+mit den seltensten Eigenschaften hochbegabten Juengling vor, dem
+es nicht schwer fallen wird, sich Ihr Wohlwollen, Ihre Achtung zu
+erwerben. Es ist der junge Herr Zinnober, der erst gestern auf unsere
+Universitaet gekommen und die Rechte zu studieren gedenkt!" - Fabian
+und Balthasar erkannten auf den ersten Blick den kleinen wunderlichen
+Knirps, der vor dem Tore ihnen entgegengesprengt und vom Pferde
+gestuerzt war.
+
+"Soll ich," sprach Fabian leise zu Balthasar, "soll ich denn noch das
+Alraeunchen herausfordern auf Blasrohr oder Schusterpfriem? Anderer
+Waffen kann ich mich doch nicht bedienen wider diesen furchtbaren
+Gegner."
+
+"Schaeme dich," erwiderte Balthasar, "schaeme dich, dass du den
+verwahrlosten Mann verspottest, der, wie du hoerst, die seltensten
+Eigenschaften besitzt und _so_ durch geistigen Wert das ersetzt, was
+die Natur ihm an koerperlichen Vorzuegen versagte." Dann wandte er
+sich zum Kleinen und sprach: "Ich hoffe nicht, bester Herr Zinnober,
+dass Ihr gestriger Fall vom Pferde etwa schlimme Folgen gehabt haben
+wird?" Zinnober hob sich aber, indem er einen kleinen Stock, den er in
+der Hand trug, hinten unterstemmte, auf den Fussspitzen in die Hoehe,
+so dass er dem Balthasar beinahe bis an den Guertel reichte, warf den
+Kopf in den Nacken, schaute mit wildfunkelnden Augen herauf und sprach
+in seltsam schnurrendem Basston: "Ich weiss nicht, was Sie wollen,
+wovon Sie sprechen, mein Herr! Vom Pferde gefallen? - _ich_ vom Pferde
+gefallen? - Sie wissen wahrscheinlich nicht, dass ich der beste Reiter
+bin, den es geben kann, dass ich niemals vom Pferde falle, dass ich
+als Freiwilliger unter den Kuerassieren den Feldzug mitgemacht und
+Offizieren und Gemeinen Unterricht gab im Reiten auf der Manege! - hm
+hm - vom Pferde fallen - ich vom Pferde fallen!" - Damit wollte er
+sich rasch umwenden, der Stock, auf den er sich gestuetzt, glitt aber
+aus, und der Kleine torkelte um und um, dem Balthasar vor die Fuesse.
+Balthasar griff herab nach dem Kleinen, ihm aufzuhelfen, und beruehrte
+dabei unversehens sein Haupt. Da stiess der Kleine einen gellenden
+Schrei aus, dass es im ganzen Saal widerhallte und die Gaeste
+erschrocken auffuhren von ihren Sitzen. Man umringte den Balthasar
+und fragte durcheinander, warum er denn um des Himmels willen so
+entsetzlich geschrieen. "Nehmen Sie es nicht uebel, bester Herr
+Balthasar," sprach der Professor Mosch Terpin, "aber das war ein etwas
+wunderlicher Spass. Denn wahrscheinlich wollten Sie uns doch glauben
+machen, es trete hier jemand einer Katze auf den Schwanz!" "Katze
+Katze - weg mit der Katze!" rief eine nervenschwache Dame und fiel
+sofort in Ohnmacht, und mit dem Geschrei: "Katze - Katze" - rannten
+ein paar alte Herren, die an derselben Idiosynkrasie litten, zur Tuere
+hinaus.
+
+Candida, die ihr ganzes Riechflaeschchen auf die ohnmaechtige Dame
+ausgegossen, sprach leise zu Balthasar: "Aber was richten Sie auch
+fuer Unheil an mit Ihrem haesslichen gellenden Miau, lieber Herr
+Balthasar!"
+
+Dieser wusste gar nicht, wie ihm geschah. Glutrot im ganzen Gesicht
+vor Unwillen und Scham, vermochte er kein Wort herauszubringen, nicht
+zu sagen, dass es ja der kleine Herr Zinnober und nicht _er_ gewesen,
+der so entsetzlich gemauzt.
+
+Der Professor Mosch Terpin sah des Juenglings schlimme Verlegenheit.
+Er nahte sich ihm freundlich und sprach: "Nun, nun, lieber Herr
+Balthasar, sein Sie doch nur ruhig. Ich habe wohl alles bemerkt.
+Sich zur Erde bueckend, auf allen Vieren huepfend, ahmten Sie den
+gemisshandelten grimmigen Kater herrlich nach. Ich liebe sonst sehr
+dergleichen naturhistorische Spiele, doch hier im literarischen Tee"
+- "Aber," platzte Balthasar heraus, "aber, vortrefflichster Herr
+Professor, ich war es ja nicht." - "Schon gut - schon gut," fiel ihm
+der Professor in die Rede. Candida trat zu ihnen. "Troeste mir,"
+sprach der Professor zu dieser, "troeste mir doch den guten Balthasar,
+der ganz betreten ist ueber alles Unheil, was geschehen."
+
+Der gutmuetigen Candida tat der arme Balthasar, der ganz verwirrt mit
+niedergesenktem Blick vor ihr stand, herzlich leid. Sie reichte ihm
+die Hand und lispelte mit anmutigem Laecheln: "Es sind aber auch recht
+komische Leute, die sich so entsetzlich vor Katzen fuerchten."
+
+Balthasar drueckte Candidas Hand mit Inbrunst an die Lippen. Candida
+liess den seelenvollen Blick ihrer Himmelsaugen auf ihm ruhen. Er war
+verzueckt in den hoechsten Himmel und dachte nicht mehr an Zinnober
+und Katzengeschrei. - Der Tumult war vorueber, die Ruhe wieder
+hergestellt. Am Teetisch sass die nervenschwache Dame und genoss
+mehreren Zwieback, den sie in Rum tunkte, versichernd, an dergleichen
+erlabe sich das von feindlicher Macht bedrohte Gemuet, und dem jaehen
+Schreck folge sehnsuechtig Hoffen! -
+
+Auch die beiden alten Herren, denen draussen wirklich ein fluechtiger
+Kater zwischen die Beine gelaufen, kehrten beruhigt zurueck und
+suchten, wie mehrere andere, den Spieltisch.
+
+Balthasar, Fabian, der Professor der Aesthetik, mehrere junge Leute
+setzten sich zu den Frauen. Herr Zinnober hatte sich indessen eine
+Fussbank herangerueckt und war mittelst derselben auf das Sofa
+gestiegen, wo er nun in der Mitte zwischen zwei Frauen sass und stolze
+funkelnde Blicke um sich warf.
+
+Balthasar glaubte, dass der rechte Augenblick gekommen, mit seinem
+Gedicht von der Liebe der Nachtigall zur Purpurrose hervorzuruecken.
+Er aeusserte daher mit der gehoerigen Verschaemtheit, wie sie bei
+jungen Dichtern im Brauch ist, dass er, duerfe er nicht fuerchten,
+Ueberdruss und Langeweile zu erregen, duerfe er auf guetige Nachsicht
+der geehrten Versammlung hoffen, es wagen wolle, ein Gedicht, das
+juengste Erzeugnis seiner Muse, vorzulesen.
+
+Da die Frauen schon hinlaenglich ueber alles verhandelt, was sich
+Neues in der Stadt zugetragen, die Maedchen den letzten Ball bei dem
+Praesidenten gehoerig durchgesprochen und sogar ueber die Normalform
+der neuesten Huete einig worden, da die Maenner unter zwei Stunden
+nicht auf weitere Speis- und Traenkung rechnen durften, so wurde
+Balthasar einstimmig aufgefordert, der Gesellschaft ja den herrlichen
+Genuss nicht vorzuenthalten.
+
+Balthasar zog das sauber geschriebene Manuskript hervor und las.
+
+Sein eignes Werk, das in der Tat aus wahrhaftem Dichtergemuet mit
+voller Kraft, mit regem Leben hervorgestroemt, begeisterte ihn mehr
+und mehr. Sein Vortrag, immer leidenschaftlicher steigend, verriet die
+innere Glut des liebenden Herzens. Er bebte vor Entzuecken, als leise
+Seufzer - manches leise Ach - der Frauen, mancher Ausruf der Maenner:
+"Herrlich - vortrefflich - goettlich!" ihn ueberzeugten, dass sein
+Gedicht alle hinriss.
+
+Endlich hatte er geendet. Da riefen alle: "Welch ein Gedicht! -
+welche Gedanken - welche Fantasie - was fuer schoene Verse - welcher
+Wohlklang - Dank - Dank Ihnen, bester Herr Zinnober, fuer den
+goettlichen Genuss" -
+
+"Was? wie?" rief Balthasar; aber niemand achtete auf ihn, sondern
+stuerzte auf Zinnober zu, der sich auf dem Sofa blaehte wie ein
+kleiner Puter und mit widriger Stimme schnarchte: "Bitte recht sehr -
+bitte recht sehr - muessen so vorlieb nehmen! - ist eine Kleinigkeit,
+die ich erst vorige Nacht aufschrieb in aller Eil'!" - Aber der
+Professor der Aesthetik schrie: "Vortrefflicher - goettlicher
+Zinnober! Herzensfreund, ausser mir bist du der erste Dichter, den es
+jetzt gibt auf Erden! - Komm an meine Brust, schoene Seele!" - Damit
+riss er den Kleinen vom Sofa auf in die Hoehe und herzte und kuesste
+ihn. Zinnober betrug sich dabei sehr ungebaerdig. Er arbeitete mit den
+kleinen Beinchen auf des Professors dickem Bauch herum und quaekte:
+"Lass mich los - lass mich los - es tut mir weh - weh - weh ich kratz'
+dir die Augen aus - ich beiss' dir die Nase entzwei!" - "Nein," rief
+der Professor, indem er den Kleinen niedersetzte auf den Sofa, "nein,
+holder Freund, keine zu weit getriebene Bescheidenheit!" - Mosch
+Terpin war nun auch vom Spieltisch herangetreten, der nahm Zinnobers
+Haendchen, drueckte es und sprach sehr ernst: "Vortrefflich, junger
+Mann! - nicht zuviel, nein, nicht genug sprach man mir von dem hohen
+Genius, der Sie beseelt." "Wer ist's," rief nun wieder der Professor
+der Aesthetik in voller Begeisterung aus, "wer ist's von euch
+Jungfrauen, der dem herrlichen Zinnober sein Gedicht, das das innigste
+Gefuehl der reinsten Liebe ausspricht, lohnt durch einen Kuss?"
+
+Da stand Candida auf, nahete sich, volle Glut auf den Wangen, dem
+Kleinen, kniete nieder und kuesste ihn auf den garstigen Mund mit
+blauen Lippen. "Ja," schrie nun Balthasar, wie vom Wahnsinn ploetzlich
+erfasst, "ja, Zinnober - goettlicher Zinnober, du hast das tiefsinnige
+Gedicht gemacht von der Nachtigall und der Purpurrose, dir gebuehrt
+der herrliche Lohn, den du erhalten!" -
+
+Und damit riss er den Fabian ins Nebenzimmer hinein und sprach: "Tu
+mir den Gefallen und schaue mich recht fest an und dann sage mir
+offen und ehrlich, ob ich der Student Balthasar bin oder nicht, ob du
+wirklich Fabian bist, ob wir in Mosch Terpins Hause sind, ob wir im
+Traume liegen - ob wir naerrisch sind - zupfe mich an der Nase oder
+ruettle mich zusammen, damit ich nur erwache aus diesem verfluchten
+Spuk!" -
+
+"Wie magst," erwiderte Fabian, "wie magst du dich denn nur so toll
+gebaerden aus purer heller Eifersucht, weil Candida den Kleinen
+kuesste. Gestehen musst du doch selbst, dass das Gedicht, welches
+der Kleine vorlas, in der Tat vortrefflich war." - "Fabian," rief
+Balthasar mit dem Ausdruck des tiefsten Erstaunens, "was sprichst du
+denn?" "Nun ja," fuhr Fabian fort, "nun ja, das Gedicht des Kleinen
+war vortrefflich, und gegoennt hab' ich ihm Candidas Kuss. -
+Ueberhaupt scheint hinter dem seltsamen Maennlein allerlei zu stecken,
+das mehr wert ist als eine schoene Gestalt. Aber was auch selbst
+seine Figur betrifft, so kommt er mir jetzt nichts weniger als so
+abscheulich vor wie anfangs. Beim Ablesen des Gedichts verschoenerte
+die innere Begeisterung seine Gesichtszuege, so dass er mir oft ein
+anmutiger wohlgewachsener Juengling zu sein schien, ungeachtet er doch
+kaum ueber den Tisch hervorragte. Gib deine unnuetze Eifersucht auf,
+befreunde dich als Dichter mit dem Dichter!"
+
+"Was," schrie Balthasar voll Zorn, "was? - noch befreunden mit dem
+verfluchten Wechselbalge, den ich erwuergen moechte mit diesen
+Faeusten?"
+
+"So," sprach Fabian, "so verschliessest du dich denn aller Vernunft.
+Doch lass uns in den Saal zurueckkehren, wo sich etwas Neues begeben
+muss, da ich laute Beifallsrufe vernehme."
+
+Mechanisch folgte Balthasar dem Freunde in den Saal.
+
+Als sie eintraten, stand der Professor Mosch Terpin allein in
+der Mitte, die Instrumente noch in der Hand, womit er irgendein
+physikalisches Experiment gemacht, starres Staunen im Gesicht. Die
+ganze Gesellschaft hatte sich um den kleinen Zinnober gesammelt, der,
+den Stock untergestemmt, auf den Fussspitzen dastand und mit stolzem
+Blick den Beifall einnahm, der ihm von allen Seiten zustroemte.
+Man wandte sich wieder zum Professor, der ein anderes sehr artiges
+Kunststueckchen machte. Kaum war es fertig, als wiederum alle, den
+Kleinen umringend, riefen: "Herrlich - vortrefflich, lieber Herr
+Zinnober!" -
+
+Endlich sprang auch Mosch Terpin zu dem Kleinen hin und rief zehnmal
+staerker als die uebrigen: "Herrlich - vortrefflich, lieber Herr
+Zinnober!"
+
+Es befand sich in der Gesellschaft der junge Fuerst Gregor, der
+auf der Universitaet studierte. Der Fuerst war von der anmutigsten
+Gestalt, die man nur sehen konnte, und dabei war sein Betragen so edel
+und ungezwungen, dass sich die hohe Abkunft, die Gewohnheit, sich in
+den vornehmsten Kreisen zu bewegen, darin deutlich aussprach.
+
+Fuerst Gregor war es nun, der gar nicht von Zinnober wich und ihn
+als den herrlichsten Dichter, den geschicktesten Physiker ueber alle
+Massen lobte.
+
+Seltsam war die Gruppe, die beide, zusammenstehend, bildeten. Gegen
+den herrlich gestalteten Gregor stach gar wunderlich das winzige
+Maennlein ab, das mit hoch emporgereckter Nase sich kaum auf den
+duennen Beinchen zu erhalten vermochte. Alle Blicke der Frauen waren
+hingerichtet, aber nicht auf den Fuersten, sondern auf den Kleinen,
+der, sich auf den Fussspitzen hebend, immer wieder herabsank und so
+hinauf und hinunter wankte wie ein Cartesianisches Teufelchen.
+
+Der Professor Mosch Terpin trat zu Balthasar und sprach: "Was sagen
+Sie zu meinem Schuetzling, zu meinem lieben Zinnober? Viel steckt
+hinter dem Mann, und nun ich ihn so recht anschaue, ahne ich wohl die
+eigentliche Bewandtnis, die es mit ihm haben mag. Der Prediger, der
+ihn erzogen und mir empfohlen hat, drueckt sich ueber seine Abkunft
+sehr geheimnisvoll aus. Betrachten Sie aber nur den edlen Anstand,
+sein vornehmes, ungezwungenes Betragen. Er ist gewiss von fuerstlichem
+Gebluet, vielleicht gar ein Koenigssohn!" - In dem Augenblick wurde
+gemeldet, das Mahl sei angerichtet. Zinnober torkelte ungeschickt hin
+zur Candida, ergriff taeppisch ihre Hand und fuehrte sie nach dem
+Speisesaal.
+
+In voller Wut rannte der unglueckliche Balthasar durch die finstre
+Nacht, durch Sturmwind und Regen fort, nach Hause.
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+Wie der italienische Geiger Sbiocca den Herrn Zinnober in den
+Kontrabass zu werfen drohte, und der Referendarius Pulcher nicht zu
+auswaertigen Angelegenheiten gelangen konnte. - Von Maut-Offizianten
+und zurueckbehaltenen Wundern fuers Haus. - Balthasars Bezauberung
+durch einen Stockknopf.
+
+Auf einem hervorragenden bemoosten Gestein im einsamsten Walde sass
+Balthasar und schaute gedankenvoll hinab in die Tiefe, in der ein Bach
+schaeumend fortbrauste zwischen Felsstuecken und dicht verwachsenem
+Gestruepp. Dunkle Wolken zogen daher und tauchten nieder hinter den
+Bergen; das Rauschen der Baeume, der Gewaesser ertoente wie ein
+dumpfes Winseln, und dazwischen kreischten Raubvoegel, die aus dem
+finstern Dickicht aufstiegen in den weiten Himmelsraum und sich
+nachschwangen dem fliehenden Gewoelk. -
+
+Dem Balthasar war, als vernehme er in den wunderbaren Stimmen des
+Waldes die trostlose Klage der Natur, als muesse er selbst untergehen
+in dieser Klage, als sei sein ganzes Sein nur das Gefuehl des tiefsten
+unverwindlichsten Schmerzes. Das Herz wollte ihm springen vor Wehmut,
+und indem haeufige Traenen aus seinen Augen troepfelten, war es,
+als blickten die Geister des Waldstroms zu ihm herauf und streckten
+schneeweisse Arme empor aus den Wellen, ihn hinabzuziehen in den
+kuehlen Grund.
+
+Da schwebte aus weiter Ferne durch die Luefte daher heller froehlicher
+Hoernerklang und legte sich troestend an seine Brust, und die
+Sehnsucht erwachte in ihm und mit ihr suesses Hoffen. Er sah umher,
+und indem die Hoerner forttoenten, duenkten ihm die gruenen Schatten
+des Waldes nicht mehr so traurig, nicht mehr so klagend das Rauschen
+des Windes, das Fluestern der Gebuesche. Er kam zu Worten.
+
+"Nein," rief er aus, indem er aufsprang von seinem Sitz und mit
+leuchtendem Blick in die Ferne schaute, "nein, noch verschwand nicht
+alle Hoffnung! - Nur zu gewiss ist es, dass irgendein duestres
+Geheimnis, irgendein boeser Zauber verstoerend in mein Leben
+getreten ist, aber ich breche diesen Zauber, und sollt' ich darueber
+untergehen! Als ich endlich hingerissen, uebermannt von dem Gefuehl,
+das meine Brust zersprengen wollte, der holden, suessen Candida meine
+Liebe gestand, las ich denn nicht in ihren Blicken, fuehlte ich nicht
+an dem Druck ihrer Hand meine Seligkeit? - Aber sowie das verdammte
+kleine Ungetuem sich sehen laesst, ist ihm alle Liebe zugewandt.
+An ihr, der vermaledeiten Missgeburt, haengen Candidas Augen, und
+sehnsuechtige Seufzer entfliehen ihrer Brust, wenn der taeppische
+Junge sich ihr naehert oder gar ihre Hand beruehrt. - Es muss mit ihm
+irgendeine geheimnisvolle Bewandtnis haben, und sollt' ich an alberne
+Ammenmaerchen glauben, ich wuerde behaupten, der Junge sei verhext und
+koenne es, wie man zu sagen pflegt, den Leuten antun. Ist es nicht
+toll, dass alle ueber das missgestaltete, durch und durch verwahrloste
+Maennlein spotten und lachen und dann wieder, tritt der Kleine
+dazwischen, ihn als den verstaendigsten, gelehrtesten, ja
+wohlgestaltetsten Herrn Studiosum ausschreien, der sich eben unter uns
+befindet? - Was sage ich! geht es mir nicht beinahe selbst so, kommt
+es mir nicht auch oft vor, als sei Zinnober gescheut und huebsch? -
+Nur in Candidas Gegenwart hat der Zauber keine Macht ueber mich, da
+ist und bleibt Herr Zinnober ein dummes, abscheuliches Alraeunchen. -
+Doch! - ich stemme mich entgegen der feindlichen Macht, eine dunkle
+Ahnung ruht tief in meinem Innern, irgend etwas Unerwartetes werde mir
+die Waffe in die Hand geben wider den boesen Unhold!" -
+
+Balthasar suchte den Rueckweg nach Kerepes. In einem Baumgange
+fortwandernd, bemerkte er auf der Landstrasse einen kleinen bepackten
+Reisewagen, aus dem ihm jemand mit einem weissen Tuch freundlich
+zuwinkte. Er trat heran und erkannte Herrn Vincenzo Sbiocca,
+weltberuehmten Virtuosen auf der Geige, den er wegen seines
+vortrefflichen ausdrucksvollen Spiels ueber alle Massen hochschaetzte
+und bei dem er schon seit zwei Jahren Unterricht genommen. "Gut,"
+rief Sbiocca, indem er aus dem Wagen sprang, "gut, mein lieber Herr
+Balthasar, mein teurer Freund und Schueler, gut, dass ich Sie hier
+noch treffe, um von Ihnen herzlichen Abschied nehmen zu koennen."
+
+"Wie," sprach Balthasar, "wie Herr Sbiocca, Sie verlassen doch nicht
+Kerepes, wo alles Sie ehrt und achtet, wo keiner Sie missen mag?"
+
+"Ja," erwiderte Sbiocca, indem ihm alle Glut des innern Zorns ins
+Gesicht trat, "ja, Herr Balthasar, ich verlasse einen Ort, in dem die
+Leute saemtlich naerrisch sind, der einem grossen Irrenhause gleicht.
+- Sie waren gestern nicht in meinem Konzert, da Sie ueber Land
+gegangen, sonst haetten Sie mir beistehen koennen gegen das rasende
+Volk, dem ich unterlegen."
+
+"Was ist geschehen, um tausend Himmels willen, was ist geschehen?"
+rief Balthasar.
+
+"Ich spiele," fuhr Sbiocca fort, "das schwierigste Konzert von Viotti.
+Es ist mein Stolz, meine Freude. Sie haben es von mir gehoert, es hat
+Sie nie unbegeistert gelassen. Gestern war ich, wohl mag ich es sagen,
+ganz vorzueglich bei guter Laune - anima mein' ich, heitren Geistes
+- spirito alato mein' ich. Kein Violinspieler auf der ganzen weiten
+Erde, Viotti selbst haette mir nicht nachgespielt. Als ich geendet,
+bricht der Beifall mit aller Wut los - furore mein' ich, wie ich
+erwartet. Geige unter dem Arm trete ich vor, mich hoeflichst zu
+bedanken. - Aber! was muss ich sehen, was muss ich hoeren! - Alles,
+ohne mich nur im mindesten zu beachten, draengt sich nach einer Ecke
+des Saals und schreit: 'Bravo - bravissimo, goettlicher Zinnober!
+- welch ein Spiel - welche Haltung, welcher Ausdruck, welche
+Fertigkeit!' - Ich renne hin, draenge mich durch! - da steht ein drei
+Spannen hoher verwachsener Kerl und schnarrt mit widriger Stimme:
+'Bitte, bitte, recht sehr, habe gespielt, wie es in meinen Kraeften
+stand, bin freilich nunmehr der staerkste Violinist in Europa und den
+uebrigen bekannten Weltteilen.' 'Tausend Teufel,' schrie ich, 'wer hat
+denn gespielt, ich oder der Erdwurm da!' - Und als der Kleine immer
+fortschnarcht: 'Bitte, bitte ergebenst,' will ich auf ihn los und
+ihn fassen, in die ganze Applikatur greifend. Aber da stuerzen sie
+auf mich los und reden wahnsinniges Zeug von Neid, Eifersucht und
+Missgunst. Unterdessen ruft einer: 'Und welche Komposition!' und alle
+einstimmig rufen hintendrein: 'Und welche Komposition - goettlicher
+Zinnober! - sublimer Komponist!' Noch aerger als zuvor schrie ich:
+'Ist denn alles rasend - besessen? das Konzert war von Viotti, und ich
+- ich - der weltberuehmte Vincenzo Sbiocca hat es gespielt!' Aber nun
+packen sie mich fest, sprechen von italienischer Tollheit - rabbia
+mein' ich, von seltsamen Zufaellen, bringen mich mit Gewalt in ein
+Nebenzimmer, behandeln mich wie einen Kranken, wie einen Wahnsinnigen.
+Nicht lange dauert es, so stuerzt Signora Bragazzi hinein und faellt
+ohnmaechtig nieder. Ihr war es ergangen wie mir. Sowie sie ihre Arie
+geendet, erdroehnte der Saal von dem: 'Brava - bravissima - Zinnober,'
+und alle schrien, keine solche Saengerin gaeb' es mehr auf Erden als
+Zinnober, und der schnarchte wieder sein verfluchtes: 'Bitte - bitte!'
+- Signora Bragazzi liegt im Fieber und wird baldigst verscheiden; ich
+meinesteils rette mich durch die Flucht vor dem wahnsinnigen Volke.
+Leben Sie wohl, bester Herr Balthasar! - Sehn Sie etwa den Signorino
+Zinnober, so sagen Sie ihm gefaelligst, er moege sich nicht irgendwo
+in einem Konzert blicken lassen, in dem ich zugegen. Unfehlbar wuerd'
+ich ihn sonst bei seinen Kaeferbeinchen packen und durchs F-Loch
+in den Kontrabass schmeissen, da koenne er denn zeit seines Lebens
+Konzerte spielen und Arien singen, wie er nur Lust haette. Leben
+Sie wohl, mein geliebter Balthasar, und legen Sie die Violine nicht
+beiseite!" - Damit umarmte Herr Vincenzo Sbiocca den vor Staunen
+erstarrten Balthasar und stieg in den Wagen, der schnell davonrollte.
+
+"Hab' ich denn nicht recht," sprach Balthasar zu sich selbst, "hab'
+ich denn nicht recht, das unheimliche Ding, der Zinnober, ist verhext
+und tut es den Leuten an." - In dem Augenblick rannte ein junger
+Mensch vorueber, bleich - verstoert, Wahnsinn und Verzweiflung im
+Antlitz. Dem Balthasar fiel es schwer aufs Herz. Er glaubte in dem
+Juenglinge einen seiner Freunde erkannt zu haben und sprang ihm daher
+schnell nach in den Wald.
+
+Kaum zwanzig - dreissig Schritte gelaufen, wurde er den Referendarius
+Pulcher gewahr, der unter einem grossen Baume stehen geblieben und mit
+himmelwaerts gerichtetem Blick also sprach: "Nein! - nicht laenger
+dulden diese Schmach! - Alle Hoffnung des Lebens ist dahin! - jede
+Aussicht nur ins Grab gerichtet - Fahre wohl - Leben - Welt - Hoffnung
+- Geliebte." -
+
+Und damit riss der verzweiflungsvolle Referendarius eine Pistole aus
+dem Busen und drueckte sie sich an die Stirne.
+
+Balthasar stuerzte mit Blitzesschnelle auf ihn zu, schleuderte ihm die
+Pistole weit weg aus der Hand und rief: "Pulcher! um Gottes willen,
+was ist dir, was tust du!"
+
+Der Referendarius konnte einige Minuten hindurch nicht zu sich
+selbst kommen. Er war halb ohnmaechtig niedergesunken auf den Rasen;
+Balthasar hatte sich zu ihm gesetzt und sprach troestende Worte, wie
+er es nur vermochte, ohne die Ursache von Pulchers Verzweiflung zu
+wissen.
+
+Hundertmal hatte Balthasar gefragt, was dem Referendarius denn
+Schreckliches geschehen, das den schwarzen Gedanken des Selbstmords in
+ihm rege gemacht. Da seufzte Pulcher endlich tief auf und begann: "Du
+kennst, lieber Freund Balthasar, meine bedraengte Lage, du weisst,
+wie ich all meine Hoffnung auf die Stelle des geheimen Expedienten
+gesetzt, die bei dem Minister der auswaertigen Angelegenheiten offen;
+du weisst, mit welchem Eifer, mit welchem Fleiss ich mich darauf
+vorbereitet. Ich hatte meine Ausarbeitungen eingereicht, die, wie ich
+zu meiner Freude erfuhr, den vollsten Beifall des Ministers erhalten.
+Mit welcher Zuversicht stellte ich mich heute vormittag zur
+muendlichen Pruefung! - Ich fand im Zimmer einen kleinen,
+missgeschaffenen Kerl, den du wohl unter dem Namen des Herrn Zinnober
+kennen wirst. Der Legationsrat, dem die Pruefung uebertragen, trat mir
+freundlich entgegen und sagte mir, zu derselben Stelle, die ich zu
+erhalten wuensche, habe sich auch Herr Zinnober gemeldet, er werde uns
+_beide_ daher pruefen. Dann raunte er mir leise ins Ohr: 'Sie haben
+von Ihrem Mitbewerber nichts zu befuerchten, bester Referendarius,
+die Arbeiten, die der kleine Zinnober eingereicht, sind erbaermlich!'
+Die Pruefung begann, keine Frage des Rats liess ich unbeantwortet.
+Zinnober wusste nichts, gar nichts; statt zu antworten, schnarchte
+und quaekte er unvernehmliches Zeug, das niemand verstand, fiel auch,
+indem er ungebaerdig mit den Beinchen strampelte, ein paarmal vom
+hohen Stuhl herab, so dass ich ihn wieder hinaufheben musste. Mir
+bebte das Herz vor Vergnuegen; die freundlichen Blicke, die der
+Rat dem Kleinen zuwarf, hielt ich fuer die bitterste Ironie. - Die
+Pruefung war beendigt. Wer schildert meinen Schreck, mir war es, als
+wenn ein jaeher Blitz mich klaftertief hineinschluege in den Boden,
+als der Rat den Kleinen umarmte, zu ihm sprach: 'Herrlicher Mensch! -
+welche Kenntnis - welcher Verstand - welcher Scharfsinn!' - dann zu
+mir: 'Sie haben mich sehr getaeuscht, Herr Referendarius Pulcher - Sie
+wissen ja gar nichts! Und - nehmen Sie es mir nicht uebel, die Art,
+wie Sie sich zur Pruefung ermutigt haben moegen, laeuft gegen alle
+Sitte, gegen allen Anstand! - Sie konnten sich ja gar nicht auf dem
+Stuhl erhalten, Sie fielen ja herab, und Herr Zinnober musste Sie
+aufrichten. Diplomatische Personen muessen fein nuechtern sein und
+besonnen. - Adieu, Herr Referendarius!' - Noch hielt ich alles fuer
+ein tolles Gaukelspiel. Ich wagte es, ich ging hin zum Minister. Er
+liess mir heraussagen, wie ich mich unterstehen koenne, ihn noch
+mit meinem Besuch zu behelligen, nach der Art, wie ich mich in der
+Pruefung bewiesen - er wisse schon alles! Der Posten, zu dem ich
+mich gedraengt, sei schon vergeben an Herrn Zinnober! - So hat mir
+irgendeine hoellische Macht alle Hoffnung geraubt, und ich will ein
+Leben freiwillig opfern, das dem dunklen Verhaengnis anheimgefallen!
+Verlass mich!" -
+
+"Nimmermehr," rief Balthasar, "erst hoere mich an!"
+
+Er erzaehlte nun alles, was er von Zinnober wusste seit seiner ersten
+Erscheinung vor dem Tor von Kerepes; wie es ihm mit dem Kleinen
+ergangen im Mosch Terpins Hause; was er eben jetzt von Vincenzo
+Sbiocca vernommen. "Es ist nur zu gewiss," sprach er dann, "dass
+allem Beginnen der unseligen Missgeburt irgend etwas Geheimnisvolles
+zum Grunde liegt, und glaube mir, Freund Pulcher, - ist irgendein
+hoellischer Zauber im Spiele, so kommt es nur darauf an, ihm mit
+festem Sinn entgegen zu treten, der Sieg ist gewiss, wenn nur der Mut
+vorhanden. - Darum nicht verzagt, kein zu rascher Entschluss. Lass uns
+vereint dem kleinen Hexenkerl zu Leibe gehen!" -
+
+"Hexenkerl," rief der Referendarius mit Begeisterung, "ja Hexenkerl,
+ein ganz verfluchter Hexenkerl ist der Kleine, das ist gewiss! - Doch
+Bruder Balthasar, was ist uns denn, liegen wir im Traume? - Hexenwesen
+- Zaubereien - ist es denn damit nicht vorbei seit langer Zeit?
+Hat denn nicht vor vielen Jahren Fuerst Paphnutius der Grosse die
+Aufklaerung eingefuehrt und alles tolle Unwesen, alles Unbegreifliche
+aus dem Lande verbannt, und doch soll noch dergleichen verwuenschte
+Contrebande sich eingeschlichen haben? - Wetter! das muesste man ja
+gleich der Polizei anzeigen und den Maut-Offizianten! - Aber nein,
+nein - nur der Wahnsinn der Leute oder, wie ich beinahe fuerchte,
+ungeheure Bestechung ist schuld an unserm Unglueck. - Der verwuenschte
+Zinnober soll unermesslich reich sein. Er stand neulich vor der
+Muenze, und da zeigten die Leute mit Fingern nach ihm und riefen:
+'Seht den kleinen huebschen Papa! - dem gehoert alles blanke Gold, was
+da drinnen gepraegt wird!'"
+
+"Still," erwiderte Balthasar, "still, Freund Referendarius, mit dem
+Golde zwingt es der Unhold nicht, es ist etwas anderes dahinter!
+- Wahr, dass Fuerst Paphnutius die Aufklaerung einfuehrte zu Nutz
+und Frommen seines Volks, seiner Nachkommenschaft, aber manches
+Wunderbare, Unbegreifliche ist doch noch zurueckgeblieben. Ich meine,
+man hat noch so fuers Haus einige huebsche Wunder zurueckbehalten.
+Z.B. noch immer wachsen aus lumpichten Samenkoernern die hoechsten,
+herrlichsten Baeume, ja sogar die mannigfaltigsten Fruechte und
+Getreidearten, womit wir uns den Leib stopfen. Erlaubt man ja wohl
+noch gar den bunten Blumen, den Insekten auf ihren Blaettern und
+Fluegeln die glaenzendsten Farben, selbst die allerverwunderlichsten
+Schriftzuege zu tragen, von denen kein Mensch weiss, ob es Oel ist,
+Guasche oder Aquarellmanier, und kein Teufel von Schreibmeister kann
+die schmucke Kurrentschrift lesen, geschweige denn nachschreiben!
+Hoho! Referendarius, ich sage dir, es geht in meinem Innern zuweilen
+Absonderliches vor! - Ich lege die Pfeife weg und schreite im Zimmer
+auf und ab, und eine seltsame Stimme fluestert, ich sei selbst ein
+Wunder, der Zauberer Mikrokosmus hantiere in mir und treibe mich an zu
+allerlei tollen Streichen! - Aber, Referendarius, dann laufe ich fort
+und schaue hinein in die Natur und verstehe alles, was die Blumen, die
+Gewaesser zu mir sprechen, und mich umfaengt selige Himmelslust!" -
+
+"Du sprichst im Fieber," rief Pulcher; aber Balthasar, ohne auf ihn
+zu achten, streckte die Arme aus, wie von inbruenstiger Sehnsucht
+erfasst, nach der Ferne. "Horche doch nur," rief Balthasar, "horche
+doch nur, o Referendarius, welche himmlische Musik im Rauschen des
+Abendwindes durch den Wald ertoent! - Hoerst du wohl, wie die Quellen
+staerker erheben ihren Gesang? wie die Buesche, die Blumen einfallen
+mit lieblichen Stimmen?" -
+
+Der Referendarius hielt das Ohr hin, um die Musik zu erhorchen, von
+der Balthasar sprach. "In der Tat," fing er dann an, "in der Tat, es
+wehen Toene durch den Wald, die die anmutigsten, herrlichsten sind,
+welche ich in meinem Leben gehoert und die mir tief in die Seele
+dringen. Doch ist es nicht der Abendwind, nicht die Buesche, nicht die
+Blumen sind es, die so singen, vielmehr deucht es mir, als wenn jemand
+in der Ferne die tiefsten Glocken einer Harmonika anstriche."
+
+Pulcher hatte recht. Wirklich glichen die vollen, immer staerker und
+staerker anschwellenden Akkorde, die immer naeher hallten, den Toenen
+einer Harmonika, deren Groesse und Staerke aber unerhoert sein musste.
+Als nun die Freunde weiter vorschritten, bot sich ihnen ein Schauspiel
+dar, so zauberhaft, dass sie vor Erstaunen erstarrt - fest gewurzelt -
+stehen blieben. In geringer Entfernung fuhr ein Mann langsam durch den
+Wald, beinahe chinesisch gekleidet, nur trug er ein weitbauschiges
+Barett mit schoenen Schwungfedern auf dem Haupte. Der Wagen glich
+einer offenen Muschel von funkelndem Kristall, die beiden hohen Raeder
+schienen von gleicher Masse. Sowie sie sich drehten, erklangen die
+herrlichen Harmonikatoene, die die Freunde schon aus der Ferne
+gehoert. Zwei schneeweisse Einhoerner mit goldenem Geschirr zogen den
+Wagen, auf dem statt des Fuhrmanns ein Silberfasan sass, die goldnen
+Leinen im Schnabel haltend. Hintenauf sass ein grosser Goldkaefer,
+der mit den flimmernden Fluegeln flatternd, dem wunderbaren Mann in
+der Muschel Kuehlung zuzuwehen schien. Sowie er bei den Freunden
+vorueberkam, nickte er ihnen freundlich zu. In dem Augenblick fiel aus
+dem funkelnden Knopf des langen Rohrs, das der Mann in der Hand trug,
+ein Strahl auf Balthasar, so dass er einen brennenden Stich tief in
+der Brust fuehlte und mit einem dumpfen Ach! zusammenfuhr. -
+
+Der Mann blickte ihn an und laechelte und winkte noch freundlicher als
+zuvor. Sowie das zauberische Fuhrwerk im dichten Gebuesch verschwand,
+noch im sanften Nachhallen der Harmonikatoene, fiel Balthasar, ganz
+ausser sich vor Wonne und Entzuecken, dem Freunde um den Hals und
+rief: "Referendarius, wir sind gerettet! - jener ist's, der Zinnobers
+versuchten Zauber bricht!" -
+
+"Ich weiss nicht," sprach Pulcher, "ich weiss nicht, wie mir in diesem
+Augenblick zumute, ob ich wache, ob ich traeume; aber so viel ist
+gewiss, dass ein unbekanntes Wonnegefuehl mich durchdringt und dass
+Trost und Hoffnung in meine Seele wiederkehrt."
+
+
+
+Fuenftes Kapitel
+
+Wie Fuerst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger Goldwasser
+fruehstueckte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose bekam und den
+Geheimen Sekretaer Zinnober zum Geheimen Spezialrat erhob. - Die
+Bilderbuecher des Doktors Prosper Alpanus. - Wie ein Portier den
+Studenten Fabian in den Finger biss, dieser ein Schleppkleid trug und
+deshalb verhoehnt wurde. - Balthasars Flucht.
+
+Es ist nicht laenger zu verhehlen, dass der Minister der auswaertigen
+Angelegenheiten, bei dem Herr Zinnober als Geheimer Expedient
+angenommen, ein Abkoemmling jenes Barons Praetextatus von Mondschein
+war, der den Stammbaum der Fee Rosabelverde in den Turnierbuechern und
+Chroniken vergebens suchte. Er hiess wie sein Ahnherr Praetextatus von
+Mondschein, war von der feinsten Bildung, den angenehmsten Sitten,
+verwechselte niemals das Mich und Mir, das Ihnen und Sie, schrieb
+seinen Namen mit franzoesischen Lettern sowie ueberhaupt eine
+leserliche Hand und arbeitete sogar zuweilen selbst, vorzueglich wenn
+das Wetter schlecht war. Fuerst Barsanuph, ein Nachfolger des grossen
+Paphnutz, liebte ihn zaertlich, denn er hatte auf jede Frage eine
+Antwort, spielte in den Erholungsstunden mit dem Fuersten Kegel,
+verstand sich herrlich aufs Geld-Negoz und suchte in der Gavotte
+seinesgleichen.
+
+Es gab sich, dass der Baron Praetextatus von Mondschein den Fuersten
+eingeladen hatte zum Fruehstueck auf Leipziger Lerchen und ein
+Glaeschen Danziger Goldwasser. Als er nun hinkam in Mondscheins Haus,
+fand er im Vorsaal unter mehreren angenehmen diplomatischen Herren
+den kleinen Zinnober, der, auf seinem Stock gestemmt, ihn mit seinen
+Aeugelein anfunkelte und, ohne sich weiter an ihn zu kehren, eine
+gebratene Lerche ins Maul steckte, die er soeben vom Tische gemaust.
+Sowie der Fuerst den Kleinen erblickte, laechelte er ihn gnaedig an
+und sprach zum Minister: "Mondschein! was haben Sie da fuer einen
+kleinen, huebschen, verstaendigen Mann in Ihrem Hause? - Es ist gewiss
+derselbe, der die wohl stilisierten und schoen geschriebenen Berichte
+verfertigt, die ich seit einiger Zeit von Ihnen erhalte?" "Allerdings,
+gnaedigster Herr," erwiderte Mondschein. "Mir hat das Geschick ihn
+zugefuehrt als den geistreichsten, geschicktesten Arbeiter in meinem
+Bureau. Er nennt sich Zinnober, und ich empfehle den jungen herrlichen
+Mann ganz vorzueglich Ihrer Huld und Gnade, mein bester Fuerst! - Erst
+seit wenigen Tagen ist er bei mir." "Und ebendeshalb," sprach ein
+junger huebscher Mann, der sich indessen genaehert, "und ebendeshalb
+hat, wie Ew. Exzellenz zu bemerken erlauben werden, mein kleiner
+Kollege noch gar nichts expediert. Die Berichte, die das Glueck
+hatten, von Ihnen, mein durchlauchtigster Fuerst, mit Wohlgefallen
+bemerkt zu werden, sind von mir verfasst." "Was wollen Sie!" fuhr der
+Fuerst ihn zornig an. - Zinnober hatte sich dicht an den Fuersten
+geschoben und schmatzte, die Lerche verzehrend, vor Gier und Appetit.
+- Der junge Mensch war es wirklich, der jene Berichte verfasst, aber:
+"Was wollen Sie," rief der Fuerst, "Sie haben ja noch gar nicht die
+Feder angeruehrt? - Und dass Sie dicht bei mir gebratene Lerchen
+verzehren, so dass, wie ich zu meinem grossen Aerger bemerken muss,
+meine neue Kasimirhose bereits einen Butterfleck bekommen, dass Sie
+dabei so unbillig schmatzen, ja! - alles das beweiset hinlaenglich
+Ihre voellige Untauglichkeit zu jeder diplomatischen Laufbahn! - Gehen
+Sie fein nach Hause und lassen Sie sich nicht wieder vor mir sehen,
+es sei denn, Sie braechten mir eine nuetzliche Fleckkugel fuer meine
+Kasimirhose. - Vielleicht wird mir dann wieder gnaedig zumute!" Dann
+zum Zinnober: "Solche Juenglinge, wie Sie, werter Zinnober, sind eine
+Zierde des Staats und verdienen ehrenvoll ausgezeichnet zu werden! -
+Sie sind Geheimer Spezialrat, mein Bester!" - "Danke schoenstens,"
+schnarrte Zinnober, indem er den letzten Bissen hinunterschluckte und
+sich das Maul wischte mit beiden Haendchen, "danke schoenstens, ich
+werd' das Ding schon machen, wie es mir zukommt."
+
+"Wackres Selbstvertrauen," sprach der Fuerst mit erhobener Stimme,
+"wackres Selbstvertrauen zeugt von der innern Kraft, die dem wuerdigen
+Staatsmann inwohnen muss!" - Und auf diesen Spruch nahm der Fuerst ein
+Schnaepschen Goldwasser, welches der Minister selbst ihm darreichte
+und das ihm sehr wohl bekam. - Der neue Rat musste Platz nehmen
+zwischen dem Fuersten und Minister. Er verzehrte unglaublich viel
+Lerchen und trank Malaga und Goldwasser durcheinander und schnarrte
+und brummte zwischen den Zaehnen und hantierte, da er kaum mit
+der spitzen Nase ueber den Tisch reichen konnte, gewaltig mit den
+Haendchen und Beinchen.
+
+Als das Fruehstueck beendigt, riefen beide, der Fuerst und der
+Minister: "Er ist ein englischer Mensch, dieser Geheime Spezialrat!" -
+"Du siehst," sprach Fabian zu seinem Freunde Balthasar, "du siehst so
+froehlich aus, deine Blicke leuchten in besonderen Feuer. - Du fuehlst
+dich gluecklich? - Ach, Balthasar, du traeumst vielleicht einen
+schoenen Traum, aber ich muss dich daraus erweckendes ist Freundes
+Pflicht!"
+
+"Was hast du, was ist geschehen?" fragte Balthasar bestuerzt.
+
+"Ja," fuhr Fabian fort, "ja! - ich muss es dir sagen! Fasse dich
+nur, mein Freund! - Bedenke, dass vielleicht kein Unfall in der Welt
+schmerzlicher trifft und doch leichter zu verwinden ist, als eben
+dieser! - Candida" -
+
+"Um Gott," schrie Balthasar entsetzt, "Candida! - was ist mit Candida?
+- ist sie hin - ist sie tot?"
+
+"Ruhig," sprach Fabian weiter, "ruhig, mein Freund! - nicht tot ist
+Candida, aber so gut als tot fuer dich! - Wisse, dass der kleine
+Zinnober Geheimer Spezialrat geworden und so gut als versprochen ist
+mit der schoenen Candida, die, Gott weiss wie, in ihn ganz vernarrt
+sein soll."
+
+Fabian glaubte, dass Balthasar nun losbrechen werde in ungestueme,
+verzweiflungsvolle Klagen und Verwuenschungen. Statt dessen sprach er
+mit ruhigem Laecheln: "Ist es nichts weiter als das, so gibt es keinen
+Unfall, der mich betrueben koennte."
+
+"Du liebst Candida nicht mehr?" fragte Fabian voll Erstaunen.
+
+"Ich liebe," erwiderte Balthasar, "ich liebe das Himmelskind, das
+herrliche Maedchen mit aller Inbrunst, mit aller Schwaermerei, die nur
+in eines Juenglings Brust sich entzuenden kann! Und ich weiss - ach
+ich weiss es, dass Candida mich wieder liebt, dass nur ein verruchter
+Zauber sie umstrickt haelt, aber bald loese ich die Bande dieses
+Hexenwesens, bald vernichte ich den Unhold, der die Arme betoert." -
+
+Balthasar erzaehlte nun dem Freunde ausfuehrlich von dem wunderbaren
+Mann, dem er in dem seltsamsten Fuhrwerk im Walde begegnet. Er
+schloss damit, dass, sowie aus dem Stockknopf des zauberischen Wesens
+ein Strahl in seine Brust gefunkelt, der feste Gedanken in ihm
+aufgegangen, dass Zinnober nichts sei als ein Hexenmaennlein, dessen
+Macht jener Mann vernichten werde.
+
+"Aber," rief Fabian, als der Freund geendet, "aber Balthasar, wie
+kannst du nur auf solches tolles, wunderliches Zeug verfallen? - Der
+Mann, den du fuer einen Zauberer haeltst, ist niemand anders als der
+Doktor Prosper Alpanus, der unfern der Stadt auf seinem Landhause
+wohnt. Wahr ist es, dass die wunderlichsten Geruechte von ihm
+verbreitet werden, so dass man ihn beinahe fuer einen zweiten
+Cagliostro halten moechte; aber daran ist er selbst schuld. Er liebt
+es, sich in mystisches Dunkel zu huellen, den Schein eines mit den
+tiefsten Geheimnissen der Natur vertrauten Mannes anzunehmen, der
+unbekannten Kraeften gebietet, und dabei hat er die bizarrsten
+Einfaelle. So ist zum Beispiel sein Fuhrwerk so seltsam beschaffen,
+dass ein Mensch, der von lebhafter feuriger Fantasie ist, wie du, mein
+Freund, wohl dahin gebracht werden kann, alles fuer eine Erscheinung
+aus irgendeinem tollen Maerchen zu halten. Hoere also! - Sein
+Kabriolett hat die Form einer Muschel und ist ueber und ueber
+versilbert, zwischen den Raedern ist eine Drehorgel angebracht,
+welche, sowie der Wagen faehrt, von selbst spielt. Das, was du fuer
+einen Silberfasan hieltest, war gewiss sein kleiner weissgekleideter
+Jockey, so wie du gewiss die Blaetter des ausgespreiteten
+Sonnenschirms fuer die Fluegeldecken eines Goldkaefers hieltest.
+Seinen beiden weissen Pferdchen laesst er grosse Hoerner anschrauben,
+damit es nur recht fabelhaft aussehn soll. Uebrigens ist es richtig,
+dass der Doktor Alpanus ein schoenes spanisches Rohr traegt mit einem
+herrlich funkelnden Kristall, der oben darauf sitzt als Knopf und
+von dessen wunderlicher Wirkung man viel Fabelhaftes erzaehlt oder
+vielmehr luegt. Den Strahl dieses Kristalls soll naemlich kaum ein
+Auge ertragen. Verhuellt ihn der Doktor mit einem duennen Schleier und
+richtet man nun den festen Blick darauf, so soll das Bild der Person,
+das man in dem innersten Gedanken traegt, ausserhalb wie in einem
+Hohlspiegel erscheinen." "In der Tat," fiel Balthasar dem Freunde ins
+Wort, "in der Tat? Erzaehlt man das? - Was spricht man denn wohl noch
+weiter von dem Herrn Doktor Prosper Alpanus?"
+
+"Ach," erwiderte Fabian, "verlange doch nur nicht, dass ich von den
+tollen Fratzen und Possen viel reden soll. Du weisst ja, dass es
+noch bis jetzt abenteuerliche Leute gibt, die der gesunden Vernunft
+entgegen an alle sogenannte Wunder alberner Ammenmaerchen glauben."
+
+"Ich will dir gestehen," fuhr Balthasar fort, "dass ich genoetigt bin,
+mich selbst zu der Partie dieser abenteuerlichen Leute ohne gesunde
+Vernunft zu schlagen. Versilbertes Holz ist kein glaenzendes
+durchsichtiges Kristall, eine Drehorgel toent nicht wie eine
+Harmonika, ein Silberfasan ist kein Jockey und ein Sonnenschirm kein
+Goldkaefer. Entweder war der wunderbare Mann, dem ich begegnete, nicht
+der Doktor Prosper Alpanus, von dem du sprichst, oder der Doktor
+herrscht wirklich ueber die ausserordentlichsten Geheimnisse."
+
+"Um," sprach Fabian, "um dich ganz von deinen seltsamen Traeumereien
+zu heilen, ist es am besten, dass ich dich geradezu hinfuehre zu dem
+Doktor Prosper Alpanus. Dann wirst du es selbst verspueren, dass der
+Herr Doktor ein ganz gewoehnlicher Arzt ist und keineswegs spazieren
+faehrt mit Einhoernern, Silberfasanen und Goldkaefern."
+
+"Du sprichst," erwiderte Balthasar, indem ihm die Augen hell
+auffunkelten, "du sprichst, mein Freund, den innigsten Wunsch meiner
+Seele aus. - Wir wollen uns nur gleich auf den Weg machen."
+
+Bald standen sie vor dem verschlossenen Gattertor des Parks, in
+dessen Mitte das Landhaus des Doktor Alpanus lag. "Wie kommen wir nur
+hinein?" sprach Fabian. "Ich denke, wir klopfen," erwiderte Balthasar
+und fasste den metallenen Kloepfel, der dicht beim Schlosse angebracht
+war.
+
+Sowie er den Kloepfel aufhob, begann ein unterirdisches Murmeln wie
+ein ferner Donner und schien zu verhallen in der tiefsten Tiefe.
+Das Gattertor drehte sich langsam auf, sie traten ein und wanderten
+fort durch einen langen, breiten Baumgang, durch den sie das
+Landhaus erblickten. "Spuerst du," sprach Fabian, "hier etwas
+Ausserordentliches, Zauberisches?" "Ich daechte," erwiderte Balthasar,
+"die Art, wie sich das Gattertor oeffnete, waere doch nicht so ganz
+gewoehnlich gewesen, und dann weiss ich nicht, wie mich hier alles
+so wunderbar, so magisch anspricht. - Gibt es denn wohl auf weit und
+breit solche herrliche Baeume als eben hier in diesem Park? - Ja,
+mancher Baum, manches Gebuesch scheint ja mit seinen glaenzenden
+Staemmen und smaragdenen Blaettern einem fremden unbekannten Lande
+anzugehoeren." -
+
+Fabian bemerkte zwei Froesche von ungewoehnlicher Groesse, die schon
+von dem Gattertor an zu beiden Seiten der Wandelnden mitgehuepft
+waren. "Schoener Park," rief Fabian, "in dem es solch Ungeziefer
+gibt!" und bueckte sich nieder, um einen kleinen Stein aufzuheben, mit
+dem er nach den lustigen Froeschen zu werfen gedachte. Beide sprangen
+ins Gebuesch und guckten ihn mit glaenzenden menschlichen Augen an.
+"Wartet, wartet!" rief Fabian, zielte nach dem einen und warf. In dem
+Augenblick quaekte aber ein kleines haessliches Weib, das am Wege
+sass: "Grobian! schmeiss' Er nicht ehrliche Leute, die hier im Garten
+mit saurer Arbeit ihr bisschen Brot verdienen muessen." - "Komm nur,
+komm," murmelte Balthasar entsetzt, denn er merkte wohl, dass der
+Frosch sich gestaltet zum alten Weibe. Ein Blick ins Gebuesch
+ueberzeugte ihn, dass der andere Frosch, jetzt ein kleines Maennlein
+geworden, sich mit Ausjaeten des Unkrauts beschaeftigte. -
+
+Vor dem Landhause befand sich ein grosser schoener Rasenplatz, auf dem
+die beiden Einhoerner weideten, waehrend die herrlichsten Akkorde in
+den Lueften erklangen.
+
+"Siehst du wohl, hoerst du wohl?" sprach Balthasar.
+
+"Ich sehe nichts weiter," erwiderte Fabian, "als zwei kleine Schimmel,
+die Gras fressen, und was so in den Lueften toent, sind wahrscheinlich
+aufgehaengte Aeolsharfen."
+
+Die herrliche einfache Architektur des maessig grossen, einstoeckigen
+Landhauses entzueckte den Balthasar. Er zog an der Klingelschnur,
+sogleich ging die Tuere auf, und ein grosser straussartiger, ganz
+goldgelb gleissender Vogel stand als Portier vor den Freunden.
+
+"Nun seh'," sprach Fabian zu Balthasar, "nun seh' einmal einer die
+tolle Livree! - Will man auch nachher dem Kerl ein Trinkgeld geben,
+hat er wohl eine Hand, es in die Westentasche zu schieben?"
+
+Und damit wandte er sich zu dem Strauss, packte ihn bei den
+glaenzenden Flaumfedern, die unter dem Schnabel an der Kehle wie ein
+reiches Jabot sich aufplusterten, und sprach: "Meld' Er uns bei dem
+Herrn Doktor, mein scharmanter Freund!" - Der Strauss sagte aber
+nichts als: _"Quirrrr"_ - und biss den Fabian in den Finger. "Tausend
+Sapperment," schrie Fabian, "der Kerl ist doch wohl am Ende ein
+verfluchter Vogel!"
+
+In demselben Augenblick ging eine innere Tuere auf, und der Doktor
+selbst trat den Freunden entgegen. - Ein kleiner duenner, blasser
+Mann! - Er trug ein kleines samtnes Muetzchen auf dem Haupte, unter
+dem schoenes Haar in langen Locken hervorstroemte, ein langes
+erdgelbes indisches Gewand und kleine rote Schnuerstiefelchen, ob
+mit buntem Pelz oder dem glaenzenden Federbalg eines Vogels besetzt,
+war nicht zu unterscheiden. Auf seinem Antlitz lag die Ruhe, die
+Gutmuetigkeit selbst, nur schien es seltsam, dass, wenn man ihn recht
+nahe, recht scharf anblickte, es war, als schaue aus dem Gesicht noch
+ein kleineres Gesichtchen wie aus einem glaesernen Gehaeuse heraus.
+
+"Ich erblickte," sprach nun leise und etwas gedehnt mit anmutigem
+Laecheln Prosper Alpanus, "ich erblickte Sie, meine Herrn, aus dem
+Fenster, ich wusste auch wohl schon frueher, wenigstens was Sie
+betrifft, lieber Herr Balthasar, dass Sie zu mir kommen wuerden. -
+Folgen Sie mir gefaelligst!" -
+
+Prosper Alpanus fuehrte sie in ein hohes rundes Zimmer, rings umher
+mit himmelblauen Gardinen behaengt. Das Licht fiel durch ein oben in
+der Kuppel angebrachtes Fenster herab und warf seine Strahlen auf den
+glaenzend polierten, von einer Sphinx getragenen Marmortisch, der
+mitten im Zimmer stand. Sonst war durchaus nichts Ausserordentliches
+in dem Gemach zu bemerken.
+
+"Worin kann ich Ihnen dienen?" fragte Prosper Alpanus.
+
+Da fasste sich Balthasar zusammen, erzaehlte, was sich mit dem
+kleinen Zinnober begeben von seinem ersten Erscheinen in Kerepes
+an, und schloss mit der Versicherung, wie in ihm der feste Gedanke
+aufgegangen, dass er, Prosper Alpanus, der wohltaetige Magus sei, der
+Zinnobers verworfenem, abscheulichem Zauberwerk Einhalt tun werde.
+
+Prosper Alpanus blieb schweigend in tiefen Gedanken stehen. Endlich,
+nachdem wohl ein paar Minuten vergangen, begann er mit ernster
+Miene und tiefem Ton: "Nach allem, was Sie mir erzaehlt, Balthasar,
+unterliegt es gar keinem Zweifel, dass es mit dem kleinen Zinnober
+eine besondere geheimnisvolle Bewandtnis hat. - Aber man muss fuers
+erste den Feind kennen, den man bekaempfen, die Ursache wissen, deren
+Wirkung man zerstoeren will. - Es steht zu vermuten, dass der kleine
+Zinnober nichts anders ist, als ein Wurzelmaennlein. Wir wollen doch
+gleich nachsehen."
+
+Damit zog Prosper Alpanus an einer von den seidenen Schnueren, die
+rund umher an der Decke des Zimmers herabhingen. Eine Gardine rauschte
+auseinander, grosse Folianten in ganz vergoldeten Einbaenden wurden
+sichtbar, und eine zierliche, luftig leichte Treppe von Zedernholz
+rollte hinab. Prosper Alpanus stieg diese Treppe heran und holte aus
+der obersten Reihe einen Folianten, den er auf den Marmortisch legte,
+nachdem er ihn mit einem grossen Bueschel blinkender Pfauenfedern
+sorgfaeltig abgestaubt. "Dies Werk," sprach er dann, "handelt von den
+Wurzelmaennern, die saemtlich darin abgebildet; vielleicht finden Sie
+Ihren feindlichen Zinnober darunter, und dann ist er in unsere Haende
+geliefert."
+
+Als Prosper Alpanus das Buch aufschlug, erblickten die
+Freunde eine Menge sauber illuminierter Kupfertafeln, die die
+allerverwunderlichsten missgestaltetsten Maennlein mit den tollsten
+Fratzengesichtern darstellten, die man nur sehen konnte. Aber sowie
+Prosper eins dieser Maennlein auf dem Blatt beruehrte, wurd' es
+lebendig, sprang heraus und gaukelte und huepfte auf dem Marmortisch
+gar possierlich umher und schnappte mit den Fingerchen und machte mit
+den krummen Beinchen die allerschoensten Pirouetten und Entrechats
+und sang dazu Quirr, Quapp, Pirr, Papp, bis es Prosper bei dem Kopfe
+ergriff und wieder ins Buch legte, wo es sich alsbald ausglaettete und
+ausplaettete zum bunten Bilde.
+
+Auf dieselbe Weise wurden alle Bilder des Buchs durchgesehen, aber so
+oft schon Balthasar rufen wollte: "Dies ist er, dies ist Zinnober!" so
+musste er doch, genauer hinblickend, zu seinem Leidwesen wahrnehmen,
+dass das Maennlein keinesweges Zinnober war.
+
+"Das ist doch wunderlich genug," sprach Prosper Alpanus, als das Buch
+zu Ende. - "Doch," fuhr er fort, "mag Zinnober vielleicht gar ein
+Erdgeist sein. Sehen wir nach."
+
+Damit huepfte er mit seltener Behendigkeit abermals die Zederntreppe
+herauf, holte einen andern Folianten, staeubte ihn saeuberlich ab,
+legte ihn auf den Marmortisch und schlug ihn auf, sprechend: "Dies
+Werk handelt von den Erdgeistern, vielleicht haschen wir den Zinnober
+in diesem Buche." Die Freunde erblickten wiederum eine Menge sauber
+illuminierter Kupfertafeln, die abscheulich haessliche braungelbe
+Unholde darstellten. Und wie sie Prosper Alpanus beruehrte, erhoben
+sie weinerlich quaekende Klagen und krochen endlich schwerfaellig
+heraus und waelzten sich knurrend und aechzend auf dem Marmortische
+herum, bis der Doktor sie wieder hineindrueckte ins Buch.
+
+Auch unter diesen hatte Balthasar den Zinnober nicht gefunden.
+
+"Wunderlich, hoechst wunderlich," sprach der Doktor und versank in
+stummes Nachdenken.
+
+"Der Kaeferkoenig," fuhr er dann fort, "der Kaeferkoenig kann es
+nicht sein, denn der ist, wie ich gewiss weiss, eben jetzt anderswo
+beschaeftigt; Spinnenmarschall auch nicht, denn Spinnenmarschall ist
+zwar haesslich, aber verstaendig und geschickt, lebt auch von seiner
+Haende Arbeit, ohne sich andrer Taten anzumassen. - Wunderlich - sehr
+wunderlich." -
+
+Er schwieg wieder einige Minuten, so dass man allerlei wunderbare
+Stimmen, die bald in einzelnen Lauten, bald in vollen anschwellenden
+Akkorden ringsumher ertoenten, deutlich vernahm. "Sie haben ueberall
+und immerfort recht artige Musik, lieber Herr Doktor," sprach Fabian.
+Prosper Alpanus schien gar nicht auf Fabian zu achten, er fasste nur
+den Balthasar ins Auge, indem er erst beide Arme nach ihm ausstreckte
+und dann die Fingerspitzen gegen ihn hin bewegte, als besprenge er ihn
+mit unsichtbaren Tropfen.
+
+Endlich fasste der Doktor Balthasars beide Haende und sprach mit
+freundlichem Ernst: "Nur die reinste Konsonanz des psychischen
+Prinzips im Gesetz des Dualismus beguenstigt die Operation, die ich
+jetzt unternehmen werde. Folgen Sie mir!" -
+
+Die Freunde folgten dem Doktor durch mehrere Zimmer, die ausser
+einigen seltsamen Tieren, die sich mit Lesen - Schreiben - Malen -
+Tanzen beschaeftigten, eben nichts Merkwuerdiges enthielten, bis
+sich zwei Fluegeltueren oeffneten, und die Freunde vor einen dichten
+Vorhang traten, hinter den Prosper Alpanus verschwand und sie in
+dicker Finsternis liess. Der Vorhang rauschte auseinander, und die
+Freunde befanden sich in einem, wie es schien, eirunden Saal, in dem
+ein magisches Helldunkel verbreitet. Es war, betrachtete man die
+Waende, als verloere sich der Blick in unabsehbare gruene Haine und
+Blumenauen mit plaetschernden Quellen und Baechen. Der geheimnisvolle
+Duft eines unbekannten Aroma wallte auf und nieder und schien die
+suessen Toene der Harmonika hin und her zu tragen. Prosper Alpanus
+erschien ganz weissgekleidet wie ein Brahmin und stellte in die Mitte
+des Saals einen grossen runden Kristallspiegel, ueber den er einen
+Flor warf.
+
+"Treten Sie," sprach er dumpf und feierlich, "treten Sie vor diesen
+Spiegel, Balthasar, richten Sie Ihre festen Gedanken auf Candida
+- _wollen_ Sie mit ganzer Seele, dass sie sich Ihnen zeige in dem
+Moment, der jetzt existiert in Raum und Zeit" -
+
+Balthasar tat, wie ihm geheissen, indem Prosper Alpanus sich hinter
+ihn stellte und mit beiden Haenden Kreise um ihn beschrieb.
+
+Wenige Sekunden hatte es gedauert, als ein blaeulicher Duft aus
+dem Spiegel wallte. Candida, die holde Candida erschien in ihrer
+lieblichen Gestalt mit aller Fuelle des Lebens! Aber neben ihr, dicht
+neben ihr sass der abscheuliche Zinnober und drueckte ihr die Haende,
+kuesste sie - Und Candida hielt den Unhold mit einem Arm umschlungen
+und liebkoste ihn! - Balthasar wollte laut aufschreien, aber Prosper
+Alpanus fasste ihn bei beiden Schultern hart an, und der Schrei
+erstickte in der Brust. "Ruhig," sprach Prosper leise, "ruhig
+Balthasar! - Nehmen Sie dies Rohr und fuehren Sie Streiche gegen den
+Kleinen, doch ohne sich von der Stelle zu ruehren." Balthasar tat es
+und gewahrte zu seiner Lust, wie der Kleine sich kruemmte, umstuelpte,
+sich auf der Erde waelzte! - In der Wut sprang er vorwaerts, da
+zerrann das Bild in Dunst und Nebel, und Prosper Alpanus riss den
+tollen Balthasar mit Gewalt zurueck, laut rufend: "Halten Sie ein! -
+zerschlagen Sie den magischen Spiegel, so sind wir alle verloren! -
+Wir wollen in das Helle zurueck." - Die Freunde verliessen auf des
+Doktors Geheiss den Saal und traten in ein anstossendes helles Zimmer.
+
+"Dem Himmel," rief Fabian, tief Atem schoepfend, "dem Himmel sei
+gedankt, dass wir aus dem verwuenschten Saal heraus sind. Die schwuele
+Luft hat mir beinahe das Herz abgedrueckt, und dann die albernen
+Taschenspielereien dazu, die mir in tiefer Seele zuwider sind." -
+
+Balthasar wollte antworten, als Prosper Alpanus eintrat. "Es ist,"
+sprach er, "es ist nunmehr gewiss, dass der missgestaltete Zinnober
+weder ein Wurzelmann noch ein Erdgeist ist, sondern ein gewoehnlicher
+Mensch. Aber es ist eine geheime zauberische Macht im Spiele, die zu
+erkennen mir bis jetzt noch nicht gelungen, und ebendeshalb kann ich
+auch noch nicht helfen. - Besuchen Sie mich bald wieder, Balthasar,
+wir wollen dann sehen, was weiter zu beginnen. Auf Wiedersehn!" -
+
+"Also," sprach Fabian, dicht an den Doktor hinantretend, "also ein
+Zauberer sind Sie, Herr Doktor, und koennen mit all Ihrer Zauberkunst
+nicht einmal dem kleinen erbaermlichen Zinnober zu Leibe? - Wissen Sie
+wohl, dass ich Sie mitsamt Ihren bunten Bildern, Pueppchen, magischen
+Spiegeln, mit all Ihrem fratzenhaften Kram fuer einen rechten
+ausgemachten Charlatan halte? - Der Balthasar, der ist verliebt und
+macht Verse, dem koennen Sie allerlei Zeug einreden, aber bei mir
+kommen Sie schlecht an! - Ich bin ein aufgeklaerter Mensch und
+statuiere durchaus keine Wunder!"
+
+"Halten Sie," erwiderte Prosper Alpanus, indem er staerker und
+herzlicher lachte, als man es ihm nach seinem ganzen Wesen wohl
+zutrauen konnte, "halten Sie das, wie Sie wollen. Aber - bin ich
+gleich nicht eben ein Zauberer, so gebiete ich doch ueber huebsche
+Kunststueckchen." "Aus Wieglebs 'Magie' wohl oder sonst!" - rief
+Fabian. "Nun da finden Sie an unserm Professor Mosch Terpin Ihren
+Meister und duerfen sich mit ihm nicht vergleichen, denn der ehrliche
+Mann zeigt uns immer, dass alles natuerlich zugeht und umgibt sich
+gar nicht mit solcher geheimnisvoller Wirtschaft, als Sie, mein Herr
+Doktor. - Nun, ich empfehle mich Ihnen gehorsamst!"
+
+"Ei," sprach der Doktor, "sie werden doch nicht so im Zorn von mir
+scheiden?"
+
+Und damit strich er dem Fabian an beiden Armen einige Mal leise herab
+von der Schulter bis zum Handgelenk, dass diesem ganz besonders zumute
+wurde und er beklommen rief: "Was machen Sie denn, Herr Doktor!" -
+"Gehen Sie, meine Herrn," sprach der Doktor, "Sie, Herr Balthasar,
+hoffe ich recht bald wiederzusehen. - Bald wird die Huelfe gefunden
+sein!"
+
+"Er bekommt doch kein Trinkgeld, mein Freund," rief Fabian im
+Herausgehen dem goldgelben Portier zu und fasste ihm nach dem Jabot.
+Der Portier sagte aber wieder nichts als _"Quirrr"_ und biss abermals
+den Fabian in den Finger.
+
+"Bestie!" rief Fabian und rannte von dannen.
+
+Die beiden Froesche ermangelten nicht, die beiden Freunde hoeflich
+zu geleiten bis ans Gattertor, das sich mit einem dumpfen Donner
+oeffnete und schloss. - "Ich weiss," sprach Balthasar, als er auf
+der Landstrasse hinter dem Fabian herwandelte, "ich weiss gar nicht,
+Bruder, was du heute fuer einen seltsamen Rock angezogen hast mit
+solch entsetzlich langen Schoessen und solch kurzen Aermeln."
+
+Fabian gewahrte zu seinem Erstaunen, dass sein kurzes Roeckchen
+hinterwaerts bis zur Erde herabgewachsen, dass dagegen die sonst ueber
+die Gnuege langen Aermel hinaufgeschrumpft waren bis an den Ellbogen.
+
+"Tausend Donner, was ist das!" rief er und zog und zupfte an den
+Aermeln und rueckte die Schultern. Das schien auch zu helfen, aber wie
+sie nun durchs Stadttor gingen, so schrumpften die Aermel herauf, so
+wuchsen die Rockschoesse, dass alles Ziehens und Zupfens und Rueckens
+ungeachtet die Aermel bald hoch oben an der Schulter sassen, Fabians
+nackte Arme preisgebend, dass bald sich ihm eine Schleppe nachwaelzte,
+laenger und laenger sich dehnend. Alle Leute standen still und lachten
+aus vollem Halse, die Strassenbuben rannten dutzendweise jubelnd und
+jauchzend ueber den langen Talar und rissen Fabian um, und wie er sich
+wieder aufraffte, fehlte kein Stueckchen von der Schleppe, nein! -
+sie war noch laenger geworden. Und immer toller und toller wurde
+Gelaechter, Jubel und Geschrei, bis sich endlich Fabian, halb
+wahnsinnig, in ein offnes Haus stuerzte. - Sogleich war auch die
+Schleppe verschwunden.
+
+Balthasar hatte gar nicht Zeit, sich ueber Fabians seltsame
+Verzauberung viel zu verwundern; denn der Referendarius Pulcher fasste
+ihn, riss ihn fort in eine abgelegene Strasse und sprach: "Wie ist
+es moeglich, dass du nicht schon fort bist, dass du dich hier noch
+sehen lassen kannst, da der Pedell mit dem Verhaftsbefehl dich schon
+verfolgt." - "Was ist das, wovon sprichst du?" fragte Balthasar voll
+Erstaunen. "So weit," fuhr der Referendarius fort, "so weit riss dich
+der Wahnsinn der Eifersucht hin, dass du das Hausrecht verletztest,
+feindlich einbrechend in Mosch Terpins Haus, dass du den Zinnober
+ueberfielst bei seiner Braut, dass du den missgestalteten Daeumling
+halb tot pruegeltest!" - "Ich bitte dich," schrie Balthasar, "den
+ganzen Tag war ich ja nicht in Kerepes, schaendliche Luegen." - "O
+still, still," fiel ihm Pulcher ins Wort, "Fabians toller unsinniger
+Einfall, ein Schleppkleid anzuziehen, rettet dich. Niemand achtet
+jetzt deiner! - Entziehe dich nur der schimpflichen Verhaftung, das
+uebrige wollen wir denn schon ausfechten. Du darfst nicht mehr in
+deine Wohnung! - Gib mir die Schluessel, ich schicke dir alles nach. -
+Fort nach Hoch-Jakobsheim!"
+
+Und damit riss der Referendarius den Balthasar fort durch entlegene
+Gassen, durchs Tor hin nach dem Dorfe Hoch-Jakobsheim, wo der
+beruehmte Gelehrte Ptolomaeus Philadelphus sein merkwuerdiges Buch
+ueber die unbekannte Voelkerschaft der Studenten schrieb.
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem Garten frisiert wurde
+und im Grase ein Taubad nahm. - Der Orden des gruengefleckten Tigers.
+- Gluecklicher Einfall eines Theaterschneiders. - Wie das Fraeulein
+von Rosenschoen sich mit Kaffee begoss und Prosper Alpanus ihr seine
+Freundschaft versicherte.
+
+Der Professor Mosch Terpin schwamm in lauter Wonne. "Konnte," sprach
+er zu sich selbst, "konnte mir denn etwas Gluecklicheres begegnen,
+als dass der vortreffliche Geheime Spezialrat in mein Haus kam als
+Studiosus? - Er heiratet meine Tochter - er wird mein Schwiegersohn,
+durch ihn erlange ich die Gunst des vortrefflichen Fuersten Barsanuph
+und steige nach auf der Leiter, die mein herrliches Zinnoberchen
+hinaufklimmt. - Wahr ist es, dass es mir oft selbst unbegreiflich
+vorkommt, wie das Maedchen, die Candida, so ganz und gar vernarrt sein
+kann in den Kleinen. Sonst sieht das Frauenzimmer wohl mehr auf ein
+huebsches Aeussere, als auf besondere Geistesgaben, und schaue ich
+denn nun zuweilen das Spezialmaennlein an, so ist es mir, als ob er
+nicht ganz huebsch zu nennen - sogar - bossu - still - St - St - die
+Waende haben Ohren - Er ist des Fuersten Liebling, wird immer hoeher
+steigen - hoeher hinauf und ist mein Schwiegersohn!" -
+
+Mosch Terpin hatte recht, Candida aeusserte die entschiedenste Neigung
+fuer den Kleinen und sprach, gab hie und da einer, den Zinnobers
+seltsamer Spuk nicht berueckt hatte, zu verstehen, dass der Geheime
+Spezialrat doch eigentlich ein fatales missgestaltetes Ding sei,
+sogleich von den wunderschoenen Haaren, womit ihn die Natur begabt.
+
+Niemand laechelte aber, wenn Candida also sprach, haemischer als der
+Referendarius Pulcher.
+
+Dieser stellte dem Zinnober nach auf Schritten und Tritten, und hierin
+stand ihm getreulich der Geheime Sekretaer Adrian bei, ebenderselbe
+junge Mensch, den Zinnobers Zauber beinahe aus dem Bureau des
+Ministers verdraengt haette, und der des Fuersten Gunst nur durch die
+vortreffliche Fleckkugel wieder gewann, die er ihm ueberreichte.
+
+Der Geheime Spezialrat Zinnober bewohnte ein schoenes Haus mit einem
+noch schoeneren Garten, in dessen Mitte sich ein mit dichtem Gebuesch
+umgebener Platz befand, auf dem die herrlichsten Rosen bluehten. Man
+hatte bemerkt, dass allemal den neunten Tag Zinnober bei Tagesanbruch
+leise aufstand, sich, so sauer es ihm werden mochte, ohne alle
+Huelfe des Bedienten ankleidete, in den Garten hinabstieg und in den
+Gebueschen verschwand, die jenen Platz umgaben.
+
+Pulcher und Adrian, irgendein Geheimnis ahnend, wagten es in einer
+Nacht, als Zinnober, wie sie von seinem Kammerdiener erfahren, vor
+neun Tagen jenen Platz besucht hatte, die Gartenmauer zu uebersteigen
+und sich in den Gebueschen zu verbergen.
+
+Kaum war der Morgen angebrochen, als sie den Kleinen daherwandeln
+sahen, schnupfend und prustend, weil ihm, da er mitten durch ein
+Blumenbeet ging, die tauichten Halme und Stauden um die Nase schlugen.
+
+Als er auf dem Rasenplatz bei den Rosen angekommen, ging ein
+suesstoenendes Wehen durch die Buesche, und durchdringender wurde
+der Rosenduft. Eine schoene verschleierte Frau mit Fluegeln an den
+Schultern schwebte herab, setzte sich auf den zierlichen Stuhl, der
+mitten unter den Rosenbueschen stand, nahm mit den leisen Worten:
+"Komm, mein liebes Kind," den kleinen Zinnober und kaemmte ihm mit
+einem goldenen Kamm sein langes Haar, das den Ruecken hinabwallte.
+Das schien dem Kleinen sehr wohl zu tun, denn er blinzelte mit den
+Aeugelein und streckte die Beinchen lang aus und knurrte und murrte
+beinahe wie ein Kater. Das hatte wohl fuenf Minuten gedauert, da
+strich noch einmal die zauberische Frau mit einem Finger dem Kleinen
+die Scheitel entlang, und Pulcher und Adrian gewahrten einen schmalen,
+feuerfarb glaenzenden Streif auf dem Haupte Zinnobers. Nun sprach die
+Frau: "Lebe wohl, mein suesses Kind! - Sei klug, sei klug, so wie du
+kannst!" Der Kleine sprach: "Adieu, Muetterchen, klug bin ich genug,
+du brauchst mir das gar nicht so oft zu wiederholen." -
+
+Die Frau erhob sich langsam und verschwand in den Lueften.
+
+Pulcher und Adrian waren starr vor Erstaunen. Als nun aber Zinnober
+davonschreiten wollte, sprang der Referendarius hervor und rief laut:
+"Guten Morgen, Herr Geheimer Spezialrat! ei, wie schoen haben Sie
+sich frisieren lassen!" Zinnober schaute sich um und wollte, als er
+den Referendarius erblickte, schnell davonrennen. Ungeschickt und
+schwaechlich auf den Beinchen, wie er nun aber war, stolperte er und
+fiel in das hohe Gras, das die Halme ueber ihn zusammenschlug, und
+er lag im Taubade. Pulcher sprang hinzu und half ihm auf die Beine,
+aber Zinnober schnarrte ihn an: "Herr, wie kommen Sie hier in meinen
+Garten! scheren Sie sich zum Teufel!" Und damit huepfte und rannte er,
+so rasch er nur vermochte, hinein ins Haus.
+
+Pulcher schrieb dem Balthasar diese wunderbare Begebenheit und
+versprach seine Aufmerksamkeit auf das kleine zauberische Ungetuem zu
+verdoppeln. Zinnober schien ueber das, was ihm widerfahren, trostlos.
+Er liess sich zu Bette bringen und stoehnte und aechzte so, dass die
+Kunde, wie er ploetzlich erkrankt, bald zum Minister Mondschein, zum
+Fuersten Barsanuph gelangte.
+
+Fuerst Barsanuph schickte sogleich seinen Leibarzt zu dem kleinen
+Liebling.
+
+"Mein vortrefflichster Geheimer Spezialrat," sprach der Leibarzt,
+als er den Puls befuehlt, "Sie opfern sich auf fuer den Staat.
+Angestrengte Arbeit hat Sie aufs Krankenbett geworfen, anhaltendes
+Denken Ihnen das unsaegliche Leiden verursacht, das Sie empfinden
+muessen. Sie sehen im Antlitz sehr blass und eingefallen aus,
+aber Ihr wertes Haupt glueht schrecklich! - Ei, ei! - doch
+keine Gehirnentzuendung? Sollte das Wohl des Staats dergleichen
+hervorgebracht haben? Kaum moeglich! - Erlauben Sie doch!" Der
+Leibarzt mochte wohl denselben roten Streif auf Zinnobers Haupte
+gewahren, den Pulcher und Adrian entdeckt hatten. Er wollte, nachdem
+er einige magnetische Striche aus der Ferne versucht, den Kranken
+auch verschiedentlich angehaucht, worueber dieser merklich mauzte und
+quinkelierte, nun mit der Hand hinfahren ueber das Haupt und beruehrte
+dasselbe unversehens. Da sprang Zinnober, schaeumend vor Wut, in die
+Hoehe und gab mit seinem kleinen Knochenhaendchen dem Leibarzt, der
+sich gerade ganz ueber ihn hingebeugt, eine solche derbe Ohrfeige,
+dass es im ganzen Zimmer widerhallte.
+
+"Was wollen Sie," schrie Zinnober, "was wollen Sie von mir, was
+krabbeln Sie mir herum auf meinem Kopfe! Ich bin gar nicht krank,
+ich bin gesund, ganz gesund, werde gleich aufstehen und zum Minister
+fahren in die Konferenz; scheren Sie sich fort!" -
+
+Der Leibarzt eilte ganz erschrocken von dannen. Als er aber dem
+Fuersten Barsanuph erzaehlte, wie es ihm ergangen, rief dieser
+entzueckt aus: "Was fuer ein Eifer fuer den Dienst des Staats! -
+welche Wuerde, welche Hoheit im Betragen! - welch ein Mensch, dieser
+Zinnober!" -
+
+"Mein bester Geheimer Spezialrat," sprach der Minister Praetextatus
+von Mondschein zu dem kleinen Zinnober, "wie herrlich ist es, dass
+Sie, Ihrer Krankheit nicht achtend, in die Konferenz kommen. Ich habe
+in der wichtigen Angelegenheit mit dem Kakatukker Hofe ein Memoire
+entworfen - _selbst_ entworfen und bitte, dass _Sie_ es dem Fuersten
+vortragen, denn Ihr geistreicher Vortrag hebt das Ganze, fuer dessen
+Verfasser mich dann der Fuerst anerkennen soll." - Das Memoire, womit
+Praetextatus glaenzen wollte, hatte aber niemand anders verfasst, als
+Adrian.
+
+Der Minister begab sich mit dem Kleinen zum Fuersten. Zinnober zog das
+Memoire, das ihm der Minister gegeben, aus der Tasche und fing an zu
+lesen. Da es damit aber nun gar nicht recht gehen wollte und er nur
+lauter unverstaendliches Zeug murrte und schnurrte, nahm ihm der
+Minister das Papier aus den Haenden und las selbst.
+
+Der Fuerst schien ganz entzueckt, er gab seinen Beifall zu erkennen,
+ein Mal ueber das andere rufend: "Schoen - gut gesagt - herrlich -
+treffend!" -
+
+Sowie der Minister geendet, schritt der Fuerst geradezu los auf
+den kleinen Zinnober, hob ihn in die Hoehe, drueckte ihn an seine
+Brust, gerade dahin, wo ihm (dem Fuersten) der grosse Stern des
+gruengefleckten Tigers sass, und stammelte und schluchzte, waehrend
+ihm haeufige Traenen aus den Augen flossen: "Nein! - solch ein Mann -
+solch ein Talent! - solcher Eifer - solche Liebe - es ist zu viel - zu
+viel!" Dann gefasster: "Zinnober! - ich erhebe Sie hiermit zu meinem
+Minister! - Bleiben Sie dem Vaterlande hold und treu, bleiben Sie ein
+wackrer Diener der Barsanuphe, von denen Sie geehrt - geliebt werden."
+Und nun sich mit verdruesslichem Blick zum Minister wendend: "Ich
+bemerke, lieber Baron von Mondschein, dass seit einiger Zeit Ihre
+Kraefte nachlassen. Ruhe auf Ihren Guetern wird Ihnen heilbringend
+sein! - Leben Sie wohl!" -
+
+Der Minister von Mondschein entfernte sich, unverstaendliche Worte
+zwischen den Zaehnen murmelnd und funkelnde Blicke werfend auf
+Zinnober, der sich nach seiner Art sein Stoeckchen in den Ruecken
+gestemmt, auf den Fussspitzen hoch in die Hoehe hob und stolz und keck
+umherblickte.
+
+"Ich muss," sprach nun der Fuerst, "ich muss Sie, mein lieber
+Zinnober, gleich Ihrem hohen Verdienst gemaess auszeichnen; empfangen
+Sie daher aus meinen Haenden den Orden des gruengefleckten Tigers!"
+
+Der Fuerst wollte ihm nun das Ordensband, das er sich in der
+Schnelligkeit von dem Kammerdiener reichen lassen, umhaengen; aber
+Zinnobers missgestalteter Koerperbau bewirkte, dass das Band durchaus
+nicht normalmaessig sitzen wollte, indem es sich bald ungebuehrlich
+heraufschob, bald ebenso hinabschlotterte.
+
+Der Fuerst war in dieser so wie in jeder andern solchen Sache, die
+das eigentlichste Wohl des Staats betraf, sehr genau. Zwischen
+dem Hueftknochen und dem Steissbein, in schraeger Richtung drei
+Sechzehnteil Zoll aufwaerts vom letztern, musste das am Bande
+befindliche Ordenszeichen des gruengefleckten Tigers sitzen. Das
+war nicht herauszubringen. Der Kammerdiener, drei Pagen, der Fuerst
+legten Hand an, alles Muehen blieb vergebens. Das verraeterische Band
+rutschte hin und her, und Zinnober begann unmutig zu quaeken: "Was
+hantieren Sie doch so schrecklich an meinem Leibe herum, lassen Sie
+doch das dumme Ding haengen, wie es will, Minister bin ich doch nun
+einmal und bleib' es!" -
+
+"Wofuer," sprach nun der Fuerst zornig, "wofuer habe ich denn
+Ordensraete, wenn ruecksichts der Baender solche tolle Einrichtungen
+existieren, die ganz meinem Willen entgegenlaufen? - Geduld, mein
+lieber Minister Zinnober! bald soll das anders werden!"
+
+Auf Befehl des Fuersten musste sich nun der Ordensrat versammeln, dem
+noch zwei Philosophen sowie ein Naturforscher, der eben, vom Nordpol
+kommend, durchreiste, beigesellt wurden, die ueber die Frage, wie
+auf die geschickteste Weise dem Minister Zinnober das Band des
+gruengefleckten Tigers anzubringen, beratschlagen sollten. Um
+fuer diese wichtige Beratung gehoerige Kraefte zu sammeln, wurde
+saemtlichen Mitgliedern aufgegeben, acht Tage vorher nicht zu denken;
+um dies besser ausfuehren zu koennen und doch taetig zu bleiben im
+Dienste des Staats, aber sich indessen mit dem Rechnungswesen zu
+beschaeftigen. Die Strassen vor dem Palast, wo die Ordensraete,
+Philosophen und Naturforscher ihre Sitzung halten sollten, wurden mit
+dickem Stroh belegt, damit das Gerassel der Wagen die weisen Maenner
+nicht stoere, und ebendaher durfte auch nicht getrommelt, Musik
+gemacht, ja nicht einmal laut gesprochen werden in der Naehe des
+Palastes. Im Palast selbst tappte alles auf dicken Filzschuhen umher,
+und man verstaendigte sich durch Zeichen.
+
+Sieben Tage hindurch vom fruehsten Morgen bis in den spaeten Abend
+hatten die Sitzungen gedauert, und noch war an keinen Beschluss zu
+denken.
+
+Der Fuerst, ganz ungeduldig, schickte ein Mal ueber das andere hin und
+liess ihnen sagen, es solle in des Teufels Namen ihnen doch endlich
+etwas Gescheutes einfallen. Das half aber ganz und gar nichts.
+
+Der Naturforscher hatte soviel moeglich Zinnobers Natur erforscht,
+Hoehe und Breite seines Rueckenauswuchses genommen und die genaueste
+Berechnung darueber dem Ordensrat eingereicht. Er war es auch, der
+endlich vorschlug, ob man nicht den Theaterschneider bei der Beratung
+zuziehen wolle.
+
+So seltsam dieser Vorschlag erscheinen mochte, wurde er doch in der
+Angst und Not, in der sich alle befanden, einstimmig angenommen.
+
+Der Theaterschneider Herr Kees war ein ueberaus gewandter, pfiffiger
+Mann. Sowie ihm der schwierige Fall vorgetragen worden, sowie er
+die Berechnungen des Naturforschers durchgesehen, war er mit dem
+herrlichsten Mittel, wie das Ordensband zum normalmaessigen Sitzen
+gebracht werden koenne, bei der Hand.
+
+An Brust und Ruecken sollten naemlich eine gewisse Anzahl Knoepfe
+angebracht und das Ordensband daran geknoepft werden. Der Versuch
+gelang ueber die Massen wohl.
+
+Der Fuerst war entzueckt und billigte den Vorschlag des Ordensrates,
+den Orden des gruengefleckten Tigers nunmehro in verschiedene Klassen
+zu teilen, nach der Anzahl der Knoepfe, womit er gegeben wurde. Z.B.
+Orden des gruengefleckten Tigers mit zwei Knoepfen - mit drei Knoepfen
+etc. Der Minister Zinnober erhielt als ganz besondere Auszeichnung,
+die sonst kein anderer verlangen koenne, den Orden mit zwanzig
+brillantierten Knoepfen, denn gerade zwanzig Knoepfe erforderte die
+wunderliche Form seines Koerpers.
+
+Der Schneider Kees erhielt den Orden des gruengefleckten Tigers
+mit zwei goldnen Knoepfen und wurde, da der Fuerst ihn, seines
+glueckliches Einfalls ungeachtet, fuer einen schlechten Schneider
+hielt und sich daher nicht von ihm kleiden lassen wollte, zum
+Wirklichen Geheimen Gross-Kostuemierer des Fuersten ernannt. -
+
+Aus dem Fenster seines Landhauses sah der Doktor Prosper Alpanus
+gedankenvoll herab in seinen Park. Er hatte die ganze Nacht hindurch
+sich damit beschaeftigt, Balthasars Horoskop zu stellen und manches
+dabei herausgebracht, was sich auf den kleinen Zinnober bezog. Am
+wichtigsten das, was sich mit dem Kleinen im Garten begeben, als er
+von Adrian und Pulcher belauscht wurde. Eben wollte Prosper Alpanus
+seinen Einhoernern zurufen, dass sie die Muschel herbeifuehren
+moechten, weil er fort wolle nach Hoch-Jakobsheim, als ein Wagen
+daherrasselte und vor dem Gattertor des Parks still hielt. Es hiess,
+das Stiftsfraeulein von Rosenschoen wuensche den Herrn Doktor zu
+sprechen. "Sehr willkommen," sprach Prosper Alpanus, und die Dame
+trat hinein. Sie trug ein langes schwarzes Kleid und war in Schleier
+gehuellt wie eine Matrone. Prosper Alpanus, von einer seltsamen Ahnung
+ergriffen, nahm sein Rohr und liess die funkelnden Strahlen des Knopfs
+auf die Dame fallen. Da war es, als zuckten rauschend Blitze um sie
+her, und sie stand da im weissen durchsichtigen Gewande, glaenzende
+Libellenfluegel an den Schultern, weisse und rote Rosen durch das Haar
+geflochten. - "Ei, ei," lispelte Prosper, nahm das Rohr unter seinen
+Schlafrock, und sogleich stand die Dame wieder im vorigen Kostuem da.
+
+Prosper Alpanus lud sie freundlich ein, sich niederzulassen. Fraeulein
+von Rosenschoen sagte nun, wie es laengst ihre Absicht gewesen, den
+Herrn Doktor in seinem Landhause aufzusuchen, um die Bekanntschaft
+eines Mannes zu machen, den die ganze Gegend als einen hochbegabten,
+wohltaetigen Weisen ruehme. Gewiss werde er ihre Bitte gewaehrend,
+sich des nahe gelegenen Fraeuleinstifts aerztlich anzunehmen, da die
+alten Damen darin oft kraenkelten und ohne Huelfe blieben. Prosper
+Alpanus erwiderte hoeflich, dass er zwar schon laengst die Praxis
+aufgegeben, aber doch ausnahmsweise die Stiftsdamen besuchen wolle,
+wenn es not taete, und fragte dann, ob sie selbst, das Fraeulein von
+Rosenschoen, vielleicht an irgendeinem Uebel leide. Das Fraeulein
+versicherte, dass sie nur dann und wann ein rheumatisches Zucken in
+den Gliedern fuehle, wenn sie sich an der Morgenluft erkaeltet, jetzt
+aber ganz gesund sei, und begann irgendein gleichgueltiges Gespraech.
+Prosper fragte, ob sie, da es noch frueher Morgen, vielleicht
+eine Tasse Kaffee nehmen wolle; die Rosenschoen meinte, dass
+Stiftsfraeuleins dergleichen niemals verschmaehten. Der Kaffee wurde
+gebracht, aber so sehr sich auch Prosper muehen mochte, einzuschenken,
+die Tassen blieben leer, ungeachtet der Kaffee aus der Kanne stroemte.
+"Ei, ei" laechelte Prosper Alpanus, "das ist boeser Kaffee! - Wollten
+Sie, mein bestes Fraeulein, doch nur lieber selbst den Kaffee
+eingiessen."
+
+"Mit Vergnuegen," erwiderte das Fraeulein und ergriff die Kanne. Aber
+ungeachtet kein Tropfen aus der Kanne quoll, wurde doch die Tasse
+voller und voller, und der Kaffee stroemte ueber auf den Tisch, auf
+das Kleid des Stiftsfraeuleins. - Sie setzte schnell die Kanne hin,
+sogleich war der Kaffee spurlos verschwunden. Beide, Prosper Alpanus
+und das Stiftsfraeulein, schauten sich nun eine Weile schweigend an
+mit seltsamen Blicken.
+
+"Sie waren," begann nun die Dame, "Sie waren, mein Herr Doktor, gewiss
+mit einem sehr anziehenden Buche beschaeftigt, als ich eintrat."
+
+"In der Tat," erwiderte der Doktor, "enthaelt dieses Buch gar
+merkwuerdige Dinge."
+
+Damit wollte er das kleine Buch in vergoldetem Einbande, das vor ihm
+auf dem Tisch lag, aufschlagen. Doch das blieb ein ganz vergebliches
+Muehen, denn mit einem lauten Klipp, Klapp schlug das Buch sich immer
+wieder zusammen. "Ei, ei," sprach Prosper Alpanus, "versuchen _Sie_
+sich doch mit dem eigensinnigen Dinge hier, mein wertes Fraeulein!"
+
+Er reichte der Dame das Buch hin, das, sowie sie es nur beruehrte,
+sich von selbst aufschlug. Aber alle Blaetter loesten sich los und
+dehnten sich aus zum Riesenfolio und rauschten umher im Zimmer.
+
+Erschrocken fuhr das Fraeulein zurueck. Nun schlug der Doktor das Buch
+zu mit Gewalt, und alle Blaetter verschwanden.
+
+"Aber," sprach nun Prosper Alpanus mit sanftem Laecheln, indem er sich
+von seinem Sitze erhob, "aber mein bestes gnaediges Fraeulein, was
+verderben wir die Zeit mit solchen schnoeden Tafelkuensten; denn
+anders als ordinaere Tafelkunststuecke sind es doch nicht, die wir bis
+jetzt getrieben, schreiten wir doch lieber zu hoeheren Dingen." "Ich
+will fort!" rief das Fraeulein und erhob sich vorn Sitze.
+
+"Ei," sprach Prosper Alpanus, "das moechte doch wohl nicht recht gut
+angehen ohne meinen Willen; denn, meine Gnaedige, ich muss es Ihnen
+nur sagen, Sie sind jetzt ganz und gar in meiner Gewalt."
+
+"In Ihrer Gewalt," rief das Fraeulein zornig, "in Ihrer Gewalt, Herr
+Doktor? - Toerichte Einbildung!"
+
+Und damit breitete sich ihr seidnes Kleid aus, und sie schwebte als
+der schoenste Trauermantel auf zur Decke des Zimmers. Doch sogleich
+sauste und brauste auch Prosper Alpanus ihr nach als tuechtiger
+Hirschkaefer. Ganz ermattet flatterte der Trauermantel herab
+und rannte als kleines Maeuschen auf dem Boden umher. Aber der
+Hirschkaefer sprang miauend und prustend ihm nach als grauer
+Kater. Das Maeuschen erhob sich wieder als glaenzender Kolibri, da
+erhoben sich allerlei seltsame Stimmen rings um das Landhaus, und
+allerlei wunderbare Insekten sumseten herbei, mit ihnen seltsames
+Waldgefluegel, und ein goldnes Netz spann sich um die Fenster.
+Da stand mit einemmal die Fee Rosabelverde, in aller Pracht und
+Hoheit strahlend, im glaenzenden weissen Gewande, den funkelnden
+Diamantguertel umgetan, weisse und rote Rosen durch die dunklen Locken
+geflochten, mitten im Zimmer. Vor ihr der Magus im goldgestickten
+Talar, eine glaenzende Krone auf dem Haupt, das Rohr mit dem
+feuerstrahlenden Knopf in der Hand.
+
+Rosabelverde schritt zu auf den Magus, da entfiel ihrem Haar ein
+goldner Kamm und zerbrach, als sei er von Glas, auf dem Marmorboden.
+
+"Weh mir! - weh mir!" rief die Fee.
+
+Ploetzlich sass wieder das Stiftsfraeulein von Rosenschoen im
+schwarzen langen Kleide am Kaffeetisch, und ihr gegenueber der Doktor
+Prosper Alpanus.
+
+"Ich daechte," sprach Prosper Alpanus sehr ruhig, indem er in die
+chinesischen Tassen den herrlichsten dampfenden Kaffee von Mokka ohne
+Hindernis einschenkte, "ich daechte, mein bestes gnaediges Fraeulein,
+wir wuessten beide nun hinlaenglich, wie wir miteinander daran sind. -
+Sehr leid tut es mir, dass Ihr schoener Haarkamm zerbrach auf meinem
+harten Fussboden."
+
+"Nur meine Ungeschicklichkeit," erwiderte das Fraeulein, mit Behagen
+den Kaffee einschluerfend, "ist schuld daran. Auf diesen Boden muss
+man sich hueten, etwas fallen zu lassen, denn irr' ich nicht, so sind
+diese Steine mit den wunderbarsten Hieroglyphen beschrieben, welche
+manchem nur gewoehnliche Marmoradern beduenken moechten."
+
+"Abgenutzte Talismane, meine Gnaedige," sprach Prosper, "abgenutzte
+Talismane sind diese Steine, nichts weiter."
+
+"Aber bester Doktor," rief das Fraeulein, "wie ist es moeglich, dass
+wir uns nicht kennen lernten seit der fruehesten Zeit, dass wir nicht
+ein einziges Mal zusammentrafen auf unseren Wegen?"
+
+"Diverse Erziehung, beste Dame," erwiderte Prosper Alpanus,
+"diverse Erziehung ist lediglich daran schuld! Waehrend Sie als das
+hoffnungsvollste Maedchen in Dschinnistan sich ganz Ihrer reichen
+Natur, Ihrem gluecklichen Genie ueberlassen konnten, war ich, ein
+truebseliger Student, in den Pyramiden eingeschlossen und hoerte
+Kollegia bei dem Professor Zoroaster, einem alten Knasterbart, der
+aber verdammt viel wusste. Unter der Regierung des wuerdigen Fuersten
+Demetrius nahm ich meinen Wohnsitz in diesem kleinen anmutigen
+Laendchen."
+
+"Wie," sprach das Fraeulein, "und wurden nicht verwiesen, als Fuerst
+Paphnutius die Aufklaerung einfuehrte?" "Keineswegs," antwortete
+Prosper, "es gelang mir vielmehr, mein eignes Ich ganz zu verhuellen,
+indem ich mich muehte, Aufklaerungssachen betreffend, ganz besondere
+Kenntnisse zu beweisen in allerlei Schriften, die ich verbreitete. Ich
+bewies, dass ohne des Fuersten Willen es niemals donnern und blitzen
+muesse, und dass wir schoenes Wetter und eine gute Ernte einzig
+und allein seinen und seiner Noblesse Bemuehungen zu verdanken,
+die in den innern Gemaechern darueber sehr weise beratschlage,
+waehrend das gemeine Volk draussen auf dem Acker gepfluegt
+und gesaeet. Fuerst Paphnutius erhob mich damals zum Geheimen
+Oberaufklaerungs-Praesidenten, eine Stelle, die ich mit meiner Huelle
+wie eine laestige Buerde abwarf, als der Sturm vorueber. - Insgeheim
+war ich nuetzlich, wie ich konnte. Das heisst, was wir, ich und Sie,
+meine Gnaedige, wahrhaft nuetzlich nennen. - Wissen Sie wohl, bestes
+Fraeulein, dass _ich_ es war, der Sie warnte vor dem Einbrechen der
+Aufklaerungspolizei? - dass _ich_ es bin, dem Sie noch das Besitztum
+der artigen Saechelchen verdanken, die Sie mir vorhin gezeigt? - O
+mein Gott! liebe Stiftsdame, schauen Sie doch nur aus diesen Fenstern!
+- Erkennen Sie denn nicht mehr diesen Park, in dem Sie so oft
+lustwandelten und mit den freundlichen Geistern sprachen, die in den
+Bueschen - Blumen - Quellen wohnen? - Diesen Park hab' ich gerettet
+durch meine Wissenschaft. Er steht noch da wie zur Zeit des alten
+Demetrius. Fuerst Barsanuph bekuemmert sich, dem Himmel sei es
+gedankt, nicht viel um das Zauberwesen, er ist ein leutseliger Herr
+und laesst jeden gewaehren, jeden zaubern, so viel er Lust hat, sobald
+er es sich nur nicht merken laesst und die Abgaben richtig zahlt. So
+leb' ich hier, wie Sie, liebe Dame, in Ihrem Stift, gluecklich und
+sorgenfrei!" -
+
+"Doktor," rief das Fraeulein, indem ihr die Traenen aus den Augen
+stuerzten, "Doktor, was sagen Sie! - welche Aufklaerungen! - ja, ich
+erkenne diesen Hain, wo ich die seligsten Freuden genoss! - Doktor! -
+edelster Mann, dem ich so viel zu verdanken! - Und Sie koennen meinen
+kleinen Schuetzling so hart verfolgen?" -
+
+"Sie haben," erwiderte der Doktor, "Sie haben, mein bestes Fraeulein,
+von Ihrer angebornen Gutmuetigkeit hingerissen, Ihre Gaben an einen
+Unwuerdigen verschleudert. Zinnober ist und bleibt, Ihrer guetigen
+Huelfe ungeachtet, ein kleiner missgestalteter Schlingel, der nun, da
+der goldne Kamm zerbrochen, ganz in meine Hand gegeben ist."
+
+"Haben Sie Mitleiden, o Doktor!" flehte das Fraeulein.
+
+"Aber schauen Sie doch nur gefaelligst her," sprach Prosper, indem er
+dem Fraeulein Balthasars Horoskop, das er gestellt hatte, vorhielt.
+
+Das Fraeulein blickte hinein und rief dann voll Schmerz: "Ja! - wenn
+es so beschaffen ist, so muss ich wohl weichen der hoeheren Macht. -
+Armer Zinnober!" -
+
+"Gestehen Sie, bestes Fraeulein," sprach der Doktor laechelnd,
+"gestehen Sie, dass die Damen oft sich in dem Bizarrsten sehr
+wohl gefallen, den Einfall, den der Augenblick gebar, rastlos und
+ruecksichtslos verfolgend und jedes schmerzliche Beruehren anderer
+Verhaeltnisse nicht achtend! - Zinnober muss sein Schicksal
+verbuessen, aber dann soll er noch zu unverdienter Ehre gelangen.
+Damit huldige ich Ihrer Macht, Ihrer Guete, Ihrer Tugend. mein sehr
+wertes gnaedigstes Fraeulein!"
+
+"Herrlicher, vortrefflicher Mann," rief das Fraeulein, "bleiben Sie
+mein Freund!" -
+
+"Immerdar," erwiderte der Doktor. "Meine Freundschaft, meine innige
+Zuneigung zu Ihnen, holde Fee, wird nie aufhoeren. Wenden Sie sich
+getrost an mich in allen bedenklichen Faellen des Lebens, und - o
+trinken Sie Kaffee bei mir, sooft es Ihnen zu Sinne kommt."
+
+"Leben Sie wohl, mein wuerdigster Magus, nie werd' ich Ihre Huld, nie
+diesen Kaffee vergessen!" So sprach das Fraeulein und erhob sich, von
+innerer Ruehrung ergriffen, zum Scheiden.
+
+Prosper Alpanus begleitete sie ans Gattertor, waehrend alle wunderbare
+Stimmen des Waldes auf die lieblichste Weise erklangen.
+
+Vor dem Tor stand, statt des Fraeuleins Wagen, die mit den Einhoernern
+bespannte Kristallmuschel des Doktors, hinter der der Goldkaefer seine
+glaenzenden Fluegel ausbreitete. Auf dem Bock sass der Silberfasan
+und kuckte, die goldnen Zuegel im Schnabel haltend, das Fraeulein mit
+klugen Augen an.
+
+In die seligste Zeit ihres herrlichsten Feenlebens fuehlte sich die
+Stiftsdame versetzt, als der Wagen, herrlich toenend, durch den
+duftenden Wald rauschte.
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+Wie der Professor Mosch Terpin im fuerstlichen Weinkeller die
+Natur erforschte. - Mycetes Belzebub. - Verzweiflung des Studenten
+Balthasar. - Vorteilhafter Einfluss eines wohleingerichteten
+Landhauses auf das haeusliche Glueck. - Wie Prosper Alpanus dem
+Balthasar eine schildkroetene Dose ueberreichte und davonritt.
+
+Balthasar, der sich in dem Dorfe Hoch-Jakobsheim versteckt hielt,
+bekam von dem Referendarius Pulcher aus Kerepes einen Brief des
+Inhalts: "Unsere Angelegenheiten, bester Freund Balthasar, gehen immer
+schlechter und schlechter. Unser Feind, der abscheuliche Zinnober, ist
+Minister der auswaertigen Angelegenheiten geworden und hat den grossen
+Orden des gruengefleckten Tigers mit zwanzig Knoepfen erhalten. Er hat
+sich aufgeschwungen zum Liebling des Fuersten und setzt alles durch,
+was er will. Professor Mosch Terpin ist ganz ausser sich, er blaeht
+sich auf im dummen Stolz. Durch seines kuenftigen Schwiegersohns
+Vermittlung hat er die Stelle des Generaldirektors saemtlicher
+natuerlicher Angelegenheiten im Staate erhalten, eine Stelle, die
+ihm viel Geld und eine Menge anderer Emolumente einbringt. Als
+benannter Generaldirektor zensiert und revidiert er die Sonnen- und
+Mondfinsternisse sowie die Wetterprophezeiungen in den im Staate
+erlaubten Kalendern und erforscht insbesondere die Natur in der
+Residenz und deren Bereich. Dieser Beschaeftigung halber bekommt er
+aus den fuerstlichen Waldungen das seltenste Gefluegel, die raresten
+Tiere, die er, um eben ihre Natur zu erforschen, braten laesst und
+auffrisst. Ebenso schreibt er jetzt (wenigstens gibt er es vor) eine
+Abhandlung darueber, warum der Wein anders schmeckt als Wasser und
+auch andere Wirkungen aeussert, die er seinem Schwiegersohn zueignen
+will. Zinnober hat es bewirkt, dass Mosch Terpin der Abhandlung wegen
+alle Tage im fuerstlichen Weinkeller studieren darf. Er hat schon
+einen halben Oxhoft alten Rheinwein sowie mehrere Dutzend Flaschen
+Champagner verstudiert und ist jetzt an ein Fass Alikante geraten. -
+Der Kellermeister ringt die Haende! - So ist dem Professor, der, wie
+Du weisst, das groesste Leckermaul auf Erden, geholfen, und er wuerde
+das bequemste Leben von der Welt fuehren, muesste er oft nicht, wenn
+ein Hagelschlag die Felder verwuestet hat, ploetzlich ueber Land, um
+den fuerstlichen Paechtern zu erklaeren, warum es gehagelt hat, damit
+die dummen Teufel ein bisschen Wissenschaft bekommen, sich kuenftig
+vor dergleichen hueten koennen und nicht immer Erlass der Pacht
+verlangen duerfen, einer Sache halber, die niemand verschuldet, als
+sie selbst.
+
+"Der Minister kann die Tracht Schlaege, die Du ihm erteilt, nicht
+verwinden. Er hat Dir Rache geschworen. Du wirst Dich gar nicht mehr
+in Kerepes sehen lassen duerfen. Auch mich verfolgt er sehr, weil ich
+seine geheimnisvolle Art, sich von einer gefluegelten Dame frisieren
+zu lassen, erlauscht habe. - Solange Zinnober des Fuersten Liebling
+bleibt, werde ich wohl auf keinen ordentlichen Posten Anspruch machen
+koennen. Mein Unstern will es, dass ich immer mit der Missgeburt
+zusammengerate, wo ich es gar nicht ahne, und auf eine Weise, die
+mir fatal werden muss. Neulich ist der Minister in vollem Staat, mit
+Degen, Stern und Ordensband, im zoologischen Kabinett und hat sich
+nach seiner gewoehnlichen Weise, den Stock untergestemmt, auf den
+Fussspitzen schwebend, an den Glasschrank hingestellt, wo die
+seltensten amerikanischen Affen stehen. Fremde, die das Kabinett
+besehen, treten heran, und einer, den kleinen Wurzelmann erblickend,
+ruft laut aus: 'Ei! - was fuer ein allerliebster Affe! - welch
+niedliches Tier! - die Zierde des ganzen Kabinetts! - Ei, wie heisst
+das huebsche Aefflein? woher des Landes?'
+
+"Da spricht der Aufseher des Kabinetts sehr ernsthaft, indem er
+Zinnobers Schulter beruehrte: 'Ja, ein sehr schoenes Exemplar, ein
+vortrefflicher Brasilianer, der sogenannte Mycetes Belzebub - Simia
+Belzebub Linnei - niger, barbatus, podiis caudaque apice brunneis -
+Bruellaffe' -
+
+"'Herr,' - prustet nun der Kleine den Aufseher an, 'Herr, ich glaube,
+Sie sind wahnsinnig oder neunmal des Teufels, ich bin kein Belzebub
+caudaque - kein Bruellaffe, ich bin Zinnober, der Minister Zinnober,
+Ritter des gruengefleckten Tigers mit zwanzig Knoepfen!' - Nicht weit
+davon stehe ich und breche - haett' es das Leben gekostet auf der
+Stelle, ich konnte mich nicht zurueckhalten - aus in ein wieherndes
+Gelaechter.
+
+"'Sind Sie auch da, Herr Referendarius?' schnarcht er mich an, indem
+rote Glut aus seinen Hexenaugen funkelt.
+
+"Gott weiss, wie es kam, dass die Fremden ihn immerfort fuer den
+schoensten seltensten Affen hielten, den sie jemals gesehen, und ihn
+durchaus mit Lampertsnuessen fuettern wollten, die sie aus der Tasche
+gezogen. Zinnober geriet nun so ganz ausser sich, dass er vergebens
+nach Atem schnappte und die Beinchen ihm den Dienst versagten.
+Der herbeigerufene Kammerdiener musste ihn auf den Arm nehmen und
+hinabtragen in die Kutsche.
+
+"Selbst kann ich mir aber nicht erklaeren, warum mir diese Geschichte
+einen Schimmer von Hoffnung gibt. Es ist der erste Tort, der dem
+kleinen verhexten Unding geschehen.
+
+"So viel ist gewiss, dass Zinnober neulich am fruehen Morgen sehr
+verstoert aus dem Garten gekommen ist. Die gefluegelte Frau muss
+ausgeblieben sein, denn vorbei ist es mit den schoenen Locken. Das
+Haar soll ihm struppig auf dem Ruecken herabhaengen und Fuerst
+Barsanuph gesagt haben: 'Vernachlaessigen Sie nicht so sehr Ihre
+Toilette, bester Minister, ich werde Ihnen meinen Friseur schicken!' -
+worauf denn Zinnober sehr hoeflich geaeussert, er werde den Kerl zum
+Fenster herausschmeissen lassen, wenn er kaeme. 'Grosse Seele! man
+kommt Ihnen nicht bei,' hat dann der Fuerst gesprochen und dabei sehr
+geweint!
+
+"Lebe wohl, liebster Balthasar! gib nicht alle Hoffnung auf und
+verstecke Dich gut, damit sie Dich nicht greifen!" -
+
+Ganz in Verzweiflung darueber, was ihm der Freund geschrieben, rannte
+Balthasar tief hinein in den Wald und brach aus in laute Klagen.
+
+"Hoffen soll ich," rief er, "hoffen soll ich noch, da jede Hoffnung
+verschwunden, da alle Sterne untergegangen und duestere - duestere
+Nacht mich Trostlosen umfaengt? Unseliges Verhaengnis! - ich
+unterliege der finstren Macht, die verderblich in mein Leben getreten!
+- Wahnsinn, dass ich auf Rettung hoffte von Prosper Alpanus, von
+diesem Prosper Alpanus, der mich selbst mit hoellischen Kuensten
+verlockte und mich forttrieb von Kerepes, indem er die Pruegel, die
+ich dem Spiegelbilde erteilen musste, auf Zinnobers wahrhaftigen
+Ruecken regnen liess!" "Ach Candida! - Koennt' ich nur das Himmelskind
+vergessen! - Aber maechtiger, staerker als jemals glueht der
+Liebesfunke in mir! - Ueberall sehe ich die holde Gestalt der
+Geliebten, die mit suessem Laecheln sehnsuechtig die Arme nach mir
+ausstreckt! - Ich weiss es ja! - du liebst mich, holde suesse Candida,
+und das ist eben mein hoffnungsloser toetender Schmerz, dass ich
+dich nicht zu retten vermag aus der heillosen Verzauberung, die dich
+befangen! - Verraeterischer Prosper! was tat ich dir, dass du mich so
+grausam aefftest!" -
+
+Die tiefe Daemmerung war eingebrochen, alle Farben des Waldes
+schwanden hin in dumpfes Grau. Da war es, als leuchte ein besonderer
+Glanz wie aufflammender Abendschein durch Baum und Gebuesch, und
+tausend Insektlein erhoben sich mit rauschendem Fluegelschlage sumsend
+in die Luefte. Leuchtende Goldkaefer schwangen sich hin und her,
+und dazwischen flatterten buntgeputzte Schmetterlinge und streuten
+duftenden Blumenstaub um sich her. Das Wispern und Sumsen wurde
+zu sanfter, suessfluesternder Musik, die sich troestend legte an
+Balthasars zerrissene Brust. Ueber ihm funkelte staerker strahlend der
+Glanz. Er schaute hinauf und erblickte staunend Prosper Alpanus, der
+auf einem wunderbaren Insekt, das einer in den herrlichsten Farben
+prunkenden Libelle nicht unaehnlich, daherschwebte.
+
+Prosper Alpanus senkte sich herab zu dem Juengling, an dessen Seite er
+Platz nahm, waehrend die Libelle aufflog in ein Gebuesch und in den
+Gesang einstimmte, der durch den ganzen Wald toente.
+
+Er beruehrte des Juenglings Stirne mit den wundervoll glaenzenden
+Blumen, die er in der Hand trug, und sogleich entzuendete sich in
+Balthasars Innerm frischer Lebensmut.
+
+"Du tust," sprach nun Prosper Alpanus mit sanfter Stimme, "du tust
+mir grosses Unrecht, lieber Balthasar, da du mich grausam und
+verraeterisch schiltst in dem Augenblick, als es mir gelungen ist,
+Herr zu werden des Zaubers, der dein Leben verstoert, als ich, um
+nur schneller dich zu finden, dich zu troesten, mich auf mein buntes
+Lieblingsroesslein schwinge und herbeireite, mit allem versehen,
+was zu deinem Heil dienen kann. - Doch nichts ist bittrer als
+Liebesschmerz, nichts gleicht der Ungeduld eines in Liebe und
+Sehnsucht verzweifelnden Gemuets. - Ich verzeihe dir, denn mir ist es
+selbst nicht besser gegangen, als ich vor ungefaehr zweitausend Jahren
+eine indische Prinzessin liebte, Balsamine geheissen, und dem Zauberer
+Lothos, der mein bester Freund war, in der Verzweiflung den Bart
+ausriss, weshalb ich, wie du siehst, selbst keinen trage, damit mir
+nicht Aehnliches geschehe. - Doch dir dies alles weitlaeuftig zu
+erzaehlen, wuerde wohl hier an sehr unrechtem Orte sein, da jeder
+Liebende nur von seiner Liebe hoeren mag, die er allein der Rede wert
+haelt, so wie jeder Dichter nur seine Verse gern vernimmt. Also zur
+Sache! - Wisse, dass Zinnober die verwahrloste Missgeburt eines armen
+Bauerweibes ist und eigentlich Klein Zaches heisst. Nur aus Eitelkeit
+hat er den stolzen Namen Zinnober angenommen. Das Stiftsfraeulein
+von Rosenschoen oder eigentlich die beruehmte Fee Rosabelverde, denn
+niemand anders ist jene Dame, fand das kleine Ungetuem am Wege. Sie
+glaubte, alles, was die Natur dem Kleinen stiefmuetterlich versagt,
+dadurch zu ersetzen, wenn sie ihn mit der seltsamen geheimnisvollen
+Gabe beschenkte, vermoege der alles, was in seiner Gegenwart irgendein
+anderer Vortreffliches denkt, spricht oder tut, auf _seine_ Rechnung
+kommen, ja dass er in der Gesellschaft wohlgebildeter, verstaendiger,
+geistreicher Personen auch fuer wohlgebildet, verstaendig und
+geistreich geachtet werden und ueberhaupt allemal fuer den
+vollkommensten der Gattung, mit der er im Konflikt, gelten muss.
+
+"Dieser sonderbare Zauber liegt in drei feuerfarbglaenzenden Haaren,
+die sich ueber den Scheitel des Kleinen ziehen. Jede Beruehrung dieser
+Haare, sowie ueberhaupt des Hauptes, musste dem Kleinen schmerzhaft,
+ja verderblich sein. Deshalb liess die Fee sein von Natur duennes,
+struppiges Haar in dicken anmutigen Locken hinabwallen, die, des
+Kleinen Haupt schuetzend, zugleich jenen roten Streif versteckten und
+den Zauber staerkten. Jeden neunten Tag frisierte die Fee selbst den
+Kleinen mit einem goldnen magischen Kamm, und diese Frisur vernichtete
+jedes auf Zerstoerung des Zaubers gerichtete Unternehmen. Aber den
+Kamm selbst hat ein kraeftiger Talisman, den ich der guten Fee, als
+sie mich besuchte, unterzuschieben wusste, vernichtet.
+
+"Es kommt jetzt nur darauf an, ihm jene drei feuerfarbnen Haare
+auszureissen, und er sinkt zurueck in sein voriges Nichts! - Dir, mein
+lieber Balthasar, ist diese Entzauberung vorbehalten. Du hast Mut,
+Kraft und Geschicklichkeit, du wirst die Sache ausfuehren, wie es
+sich gehoert. Nimm dieses kleine geschliffene Glas, naehere dich dem
+kleinen Zinnober, wo du ihn findest, richte deinen scharfen Blick
+durch dieses Glas auf sein Haupt, frei und offen werden die drei roten
+Haare sich ueber das Haupt des Kleinen ziehen. Packe ihn fest an,
+achte nicht auf das gellende Katzengeschrei, das er ausstossen wird,
+reisse ihm mit einem Ruck die drei Haare aus und verbrenne sie auf der
+Stelle. Es ist notwendig, dass die Haare mit _einem_ Ruck ausgerissen
+und _sogleich_ verbrannt werden, denn sonst koennten sie noch allerlei
+verderbliche Wirkungen aeussern. Richte daher dein vorzueglichstes
+Augenmerk darauf, dass du die Haare geschickt und fest erfassest und
+den Kleinen ueberfaellst, wenn gerade ein Feuer oder ein Licht in der
+Naehe befindlich." -
+
+"O Prosper Alpanus," rief Balthasar, "wie schlecht habe ich diese
+Guete, diesen Edelmut durch mein Misstrauen verdient! - Wie fuehle
+ich es so in tiefer Brust, das nun mein Leiden endigt, dass alles
+Himmelsglueck mir die goldnen Tore erschliesst!" -
+
+"Ich liebe," fuhr Prosper Alpanus fort, "ich liebe Juenglinge, die so
+wie du, mein Balthasar, Sehnsucht und Liebe im reinen Herzen tragen,
+in deren Innerm noch jene herrlichen Akkorde widerhallen, die dem
+fernen Lande voll goettlicher Wunder angehoeren, das meine Heimat ist.
+Die gluecklichen, mit dieser inneren Musik begabten Menschen sind
+die einzigen, die man Dichter nennen kann, wiewohl viele auch so
+gescholten werden, die den ersten besten Brummbass zur Hand nehmen,
+darauf herumstreichen und das verworrene Gerassel der unter ihrer
+Faust stoehnenden Saiten fuer herrliche Musik halten, die aus ihrem
+eignen Innern heraustoent. - Dir ist, ich weiss es, mein geliebter
+Balthasar, dir ist es zuweilen so, als verstuendest du die murmelnden
+Quellen, die rauschenden Baeume, ja, als spraeche das aufflammende
+Abendrot zu dir mit verstaendlichen Worten! - Ja, mein Balthasar! -
+in diesen Momenten verstehst du wirklich die wunderbaren Stimmen der
+Natur, denn aus deinem eignen Innern erhebt sich der goettliche Ton,
+den die wundervolle Harmonie des tiefsten Wesens der Natur entzuendet.
+- Da du Klavier spielst, o Dichter, so wirst du wissen, dass dem
+angeschlagenen Ton die ihm verwandten Toene nachklingen. - Dieses
+Naturgesetz dient zu mehr als zum schalen Gleichnis! - Ja, o Dichter,
+du bist ein viel besserer, als es manche glauben, denen du deine
+Versuche, die innere Musik mit Feder und Tinte zu Papier zu bringen,
+vorgelesen. Mit diesen Versuchen ist es nicht weit her. Doch hast du
+im historischen Stil einen guten Wurf getan, als du mit pragmatischer
+Breite und Genauigkeit die Geschichte von der Liebe der Nachtigall zur
+Purpurrose aufschriebst, welche sich unter meinen Augen begeben. - Das
+ist eine ganz artige Arbeit" -
+
+Prosper Alpanus hielt inne, Balthasar blickte ihn ganz verwundert an
+mit grossen Augen, er wusste gar nicht, was er dazu sagen sollte, dass
+Prosper das Gedicht, welches er fuer das fantastischste hielt, das er
+jemals aufgeschrieben, fuer einen historischen Versuch erklaerte.
+
+"Du magst," fuhr Prosper Alpanus fort, indem ein anmutiges Laecheln
+sein Gesicht ueberstrahlte, "du magst dich wohl ueber meine Reden
+verwundern, dir mag ueberhaupt manches seltsam an mir vorkommen.
+Bedenke aber, dass ich nach dem Urteil aller vernuenftigen Leute
+eine Person bin, die nur im Maerchen auftreten darf, und du weisst,
+geliebter Balthasar, dass solche Personen sich wunderlich gebaerden
+und tolles Zeug schwatzen koennen, wie sie nur moegen, vorzueglich
+wenn hinter allem doch etwas steckt, was gerade nicht zu verwerfen. -
+Nun aber weiter! - Nahm sich die Fee Rosabelverde des missgestalteten
+Zinnober so eifrig an, so bist du, mein Balthasar, nun ganz und
+gar mein lieber Schuetzling. Hoere also, was ich fuer dich zu tun
+gesonnen! - Der Zauberer Lothos besuchte mich gestern, er brachte
+mir tausend Gruesse, aber auch tausend Klagen von der Prinzessin
+Balsamine, die aus dem Schlafe erwacht ist und in den suessen Toenen
+des Chartah Bhade, jenes herrlichen Gedichts, das unsere erste Liebe
+war, sehnende Arme nach mir ausstreckt. Auch mein alter Freund, der
+Minister Yuchi, winkt mir freundlich zu vom Polarstern. - Ich muss
+fort nach dem fernsten Indien! - Mein Landgut, das ich verlasse,
+wuensche ich in keines andern Besitz zu sehen als in dem
+deinigen. Morgen gehe ich nach Kerepes und lasse eine foermliche
+Schenkungsurkunde ausfertigen, in der ich als dein Oheim auftrete.
+Ist nun Zinnobers Zauber geloest, trittst du vor den Professor
+Mosch Terpin hin als Besitzer eines vortrefflichen Landguts, eines
+betraechtlichen Vermoegens, und wirbst du um die Hand der schoenen
+Candida, so wird er in voller Freude dir alles gewaehren. Aber noch
+mehr! - Ziehst du mit deiner Candida ein in mein Landhaus, so ist
+das Glueck deiner Ehe gesichert. Hinter den schoenen Baeumen waechst
+alles, was das Haus bedarf; ausser den herrlichsten Fruechten der
+schoenste Kohl und tuechtiges schmackhaftes Gemuese ueberhaupt, wie
+man es weit und breit nicht findet. Deine Frau wird immer den ersten
+Salat, die ersten Spargel haben. Die Kueche ist so eingerichtet, dass
+die Toepfe niemals ueberlaufen und keine Schuessel verdirbt, solltest
+du auch einmal eine ganze Stunde ueber die Essenszeit ausbleiben.
+Teppiche, Stuhl- und Sofa-Bezuege sind von der Beschaffenheit, dass
+es bei der groessten Ungeschicklichkeit der Dienstboten unmoeglich
+bleibt, einen Fleck hineinzubringen, ebenso zerbricht kein Porzellan,
+kein Glas, sollte sich auch die Dienerschaft deshalb die groesste
+Muehe geben und es auf den haertesten Boden werfen. Jedesmal endlich,
+wenn deine Frau waschen laesst, ist auf dem grossen Wiesenplan hinter
+dem Hause das allerschoenste heiterste Wetter, sollte es auch rings
+umher regnen, donnern und blitzen. Kurz, mein Balthasar, es ist dafuer
+gesorgt, dass du das haeusliche Glueck an deiner holden Candida Seite
+ruhig und ungestoert geniessest! -
+
+"Doch nun ist es wohl an der Zeit, dass ich heimkehre und in
+Gemeinschaft mit meinem Freunde Lothos die Anstalten zu meiner
+baldigen Abreise beginne. Lebe wohl, mein Balthasar!" -
+
+Damit pfiff Prosper ein- zweimal der Libelle, die alsbald sumsend
+herbeiflog. Er zaeumte sie auf und schwang sich in den Sattel. Aber
+schon im Davonschweben hielt er ploetzlich an und kehrte um zu
+Balthasar. -
+
+"Beinahe," sprach er, "haette ich deinen Freund Fabian vergessen. In
+einem Anfall schalkischer Laune habe ich ihn fuer seinen Vorwitz zu
+hart gestraft. In dieser Dose ist das enthalten, was ihn troestet!" -
+
+Prosper reichte dem Balthasar ein kleines, blank poliertes
+schildkroetenes Doeschen hin, das er ebenso einsteckte, wie die
+kleine Lorgnette, die er erst zur Entzauberung Zinnobers von Prosper
+erhalten.
+
+Prosper Alpanus rauschte nun fort durch das Gebuesch, indem die
+Stimmen des Waldes staerker und anmutiger ertoenten.
+
+Balthasar kehrte zurueck nach Hoch-Jakobsheim, alle Wonne, alles
+Entzuecken der suessesten Hoffnung im Herzen.
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+Wie Fabian seiner langen Rockschoesse halber fuer einen Sektierer
+und Tumultuanten gehalten wurde. - Wie Fuerst Barsanuph hinter
+den Kaminschirm trat und den Generaldirektor der natuerlichen
+Angelegenheiten kassierte. - Zinnobers Flucht aus Mosch Terpins Hause.
+- Wie Mosch Terpin auf einem Sommervogel ausreiten und Kaiser werden
+wollte, dann aber zu Bette ging.
+
+In der fruehesten Morgendaemmerung, als Wege und Strassen noch einsam,
+schlich sich Balthasar hinein nach Kerepes und lief augenblicklich zu
+seinem Freunde Fabian. Als er an die Stubentuere pochte, rief eine
+kranke matte Stimme: "Herein!" -
+
+Bleich - entstellt, hoffnungslosen Schmerz im Antlitz, lag Fabian auf
+dem Bette. "Um des Himmels willen," rief Balthasar, "um des Himmels
+willen - Freund! sprich! - was ist dir widerfahren?"
+
+"Ach Freund," sprach Fabian mit gebrochener Stimme, indem er sich
+muehsam in die Hoehe richtete, "mit mir ist es aus, rein aus. Der
+verfluchte Hexenspuk, den, ich weiss es, der rachsuechtige Prosper
+Alpanus ueber mich gebracht, stuerzt mich ins Verderben!" -
+
+"Wie ist das moeglich?" fragte Balthasar; "Zauberei, Hexenspuk,
+du glaubtest sonst an dergleichen nicht." "Ach," fuhr Fabian mit
+weinerlicher Stimme fort, "ach, ich glaube jetzt an alles, an Zauberer
+und Hexen und Erdgeister und Wassergeister, an den Rattenkoenig und
+die Alraunwurzel - an alles, was du willst. Wem das Ding so auf den
+Hals tritt wie mir, der gibt sich wohl! - Du erinnerst dich an den
+hoellischen Skandal mit meinem Rocke, als wir von Prosper Alpanus
+kamen! - Ja! waer' es nur dabei geblieben! - Sieh dich doch etwas um
+in meinem Zimmer, lieber Balthasar!" -
+
+Balthasar tat es und gewahrte an allen Waenden rings umher eine Unzahl
+von Fracks, Ueberroecken, Kurtken von allem moeglichen Zuschnitt, von
+allen moeglichen Farben. "Wie," rief er, "willst du einen Kleiderkram
+anlegen, Fabian?"
+
+"Spotte nicht," erwiderte Fabian, "spotte nicht, lieber Freund. Alle
+diese Kleider liess ich anfertigen von den beruehmtesten Schneidern,
+immer hoffend, endlich einmal der unseligen Verdammnis zu entgehen,
+die auf meinen Roecken ruht, aber umsonst. Sowie ich den schoensten
+Rock, der mir steht wie angegossen an den Leib, nur einige Minuten
+trage, rutschen die Aermel mir an die Schultern herauf, und die
+Schoesse schwaenzeln mir nach sechs Ellen lang. In der Verzweiflung
+liess ich mir jenen Spenzer mit den eine Welt langen Pierrotsaermeln
+machen: 'Rutscht nur, Aermel,' dacht' ich, 'dehnt euch nur aus,
+Schoesse, so kommt alles ins Gleiche': aber! - ganz dasselbe wie mit
+allen andern Roecken war es in wenigen Minuten! Alle Kunst und Kraft
+der maechtigsten Schneider richtete nichts aus gegen den verwuenschten
+Zauber! Dass ich verhoehnt, verspottet wurde, wo ich mich nur
+blicken liess, versteht sich von selbst, aber bald veranlasste
+meine unverschuldete Hartnaeckigkeit, immer wieder in einem solch
+verteufelten Rock zu erscheinen, ganz andere Urteile. Das Geringste
+war noch, dass die Frauen mich grenzenlos eitel und abgeschmackt
+schalten, da ich aller Sitte entgegen mich durchaus mit nackten Armen,
+sie wahrscheinlich fuer sehr schoen haltend, sehen lassen wolle. Die
+Theologen aber schrien mich bald fuer einen Sektierer aus, stritten
+sich nur, ob ich zur Sekte der Aermelianer oder Schoessianer zu
+rechnen, waren aber darin einig, dass beide Sekten hoechst gefaehrlich
+zu nennen, da beide vollkommene Freiheit des Willens statuierten und
+sich erfrechten zu denken, was sie wollten. Diplomatiker hielten mich
+fuer einen schnoeden Aufwiegler. Sie behaupteten, ich wolle durch
+meine langen Rockschoesse Unzufriedenheit im Volke erregen und es
+aufsaessig machen gegen die Regierung, gehoere ueberhaupt zu einem
+geheimen Bunde, dessen Zeichen ein kurzer Aermel sei. Schon seit
+langer Zeit faenden sich hie und da Spuren der Kurzaermler, die ebenso
+zu fuerchten als die Jesuiten, ja noch mehr, da sie sich bemuehten,
+ueberall die jedem Staate schaedliche Poesie einzufuehren, und an
+der Infallibilitaet der Fuersten zweifelten. Kurz! - das Ding wurde
+ernster und ernster, bis mich der Rektor zitieren liess. Ich sah mein
+Unglueck vorher, wenn ich einen Rock anzog, erschien also in der
+Weste. Darueber wurde der Mann zornig, er glaubte, ich wolle ihn
+verhoehnen, und fuhr auf mich los, ich solle binnen acht Tagen
+in einem vernuenftigen anstaendigen Rock vor ihm erscheinen,
+widrigenfalls er ohne alle Gnade die Relegation ueber mich aussprechen
+wuerde. - Heute geht der Termin zu Ende! - O ich Ungluecklicher! - O
+verdammter Prosper Alpanus!" -
+
+"Halt ein," rief Balthasar, "halt ein, lieber Freund Fabian, schmaele
+nicht auf meinen teuern lieben Oheim, der mir ein Landgut geschenkt
+hat. Auch mit _dir_ meint er es gar nicht so boese, ungeachtet er,
+ich muss es gestehen, den Vorwitz, womit du ihm begegnetest, zu hart
+gestraft hat. - Doch ich bringe Huelfe! - er sendet dir dies Doeschen,
+welches alle deine Leiden enden soll."
+
+Damit zog Balthasar das kleine schildkroetene Doeschen, welches er
+von Prosper Alpanus erhalten, aus der Tasche und ueberreichte es dem
+trostlosen Fabian.
+
+"Was soll," Sprach dieser, "was soll mir denn der dumme Quark helfen?
+wie kann ein kleines schildkroetenes Doeschen Einfluss haben auf die
+Gestaltung meiner Roecke?" "Das weiss ich nicht," erwiderte Balthasar,
+"aber mein lieber Oheim kann und wird mich nicht taeuschen, ich habe
+das vollste Zutrauen zu ihm; darum oeffne nur die Dose, lieber Fabian,
+wir wollen sehen, was darin enthalten."
+
+Fabian tat es - und aus der Dose quoll ein herrlich gemachter
+schwarzer Frack von dem feinsten Tuche hervor. Beide, Fabian und
+Balthasar, konnten sich des lauten Ausrufs der hoechsten Verwunderung
+nicht erwehren.
+
+"Ha, ich verstehe dich," rief Balthasar begeistert, "ha, ich verstehe
+dich, mein Prosper, mein teurer Oheim! Dieser Rock wird passen, wird
+allen Zauber loesen." -
+
+Fabian zog den Rock ohne weiteres an, und was Balthasar geahnet, traf
+wirklich ein. Das schoene Kleid sass dem Fabian, wie noch niemals
+ihm eins gesessen, und an Rutschen der Aermel, an Verlaengerung der
+Schoesse war nicht zu denken.
+
+Ganz ausser sich vor Freude, beschloss Fabian nun sogleich in seinem
+neuen wohlpassenden Rock zum Rektor hinzulaufen und alles ins Gleiche
+zu bringen.
+
+Balthasar erzaehlte nun seinem Freunde Fabian ausfuehrlich, wie sich
+alles begeben mit Prosper Alpanus, und wie dieser ihm die Mittel in
+die Hand gegeben, dem heillosen Unwesen des missgestalteten Daeumlings
+ein Ende zu machen. Fabian, der ein ganz anderer worden, da ihn alle
+Zweifelsucht ganz verlassen, ruehmte Prospers hohen Edelmut ueber alle
+Massen und erbot sich, bei Zinnobers Entzauberung huelfreiche Hand zu
+leisten. In dem Augenblick gewahrte Balthasar aus dem Fenster seinen
+Freund, den Referendarius Pulcher, der ganz truebsinnig um die Ecke
+schleichen wollte. Fabian steckte auf Balthasars Geheiss den Kopf zum
+Fenster heraus und winkte und rief dem Referendarius zu, er moege doch
+nur gleich heraufkommen.
+
+Sowie Pulcher eintrat, rief er gleich: "Was hast du denn fuer einen
+herrlichen Rock an, lieber Fabian!" Dieser sagte aber, Balthasar werde
+ihm alles erklaeren, und lief fort zum Rektor.
+
+Als nun Balthasar dem Referendarius alles ausfuehrlich erzaehlt, was
+sich zugetragen, sprach dieser. "Gerade an der Zeit ist es nun, dass
+der abscheuliche Unhold tot gemacht wird. Wisse, dass er heute seine
+feierliche Verlobung mit Candida feiert, dass der eitle Mosch Terpin
+ein grosses Fest gibt, wozu er selbst den Fuersten geladen. Gerade
+bei diesem Feste wollen wir eindringen in des Professors Haus und
+den Kleinen ueberfallen. An Lichtern im Saal wird's nicht fehlen zum
+augenblicklichen Verbrennen der feindseligen Haare."
+
+Noch manches hatten die Freunde gesprochen und miteinander verabredet,
+als Fabian eintrat mit vor Freude glaenzendem Gesicht.
+
+"Die Kraft," sprach er, "die Kraft des Rocks, der der schildkroetenen
+Dose entquollen, hat sich herrlich bewaehrt. Sowie ich eintrat bei dem
+Rektor, laechelte er zufrieden. 'Ha' redete er mich an, 'ha! - ich
+gewahre, mein lieber Fabian, dass Sie zurueckgekommen sind von Ihrer
+seltsamen Verirrung! - Nun! Feuerkoepfe wie Sie lassen sich leicht
+hinreissen zu dem Extremen! - Fuer religioese Schwaermerei habe ich
+Ihr Beginnen niemals gehalten - mehr falsch verstandener Patriotismus
+- Hang zum Ausserordentlichen, gestuetzt auf das Beispiel der Heroen
+des Altertums. - Ja, das lasse ich gelten, solch ein schoener,
+wohlpassender Rock! - Heil dem Staate, Heil der Welt, wenn hochherzige
+Juenglinge solche Roecke tragen, mit solchen passenden Aermeln und
+Schoessen. Bleiben Sie treu, Fabian, bleiben Sie treu solcher Tugend,
+solchem wackren Sinn, daraus entsprosst wahre Heldengroesse!' - Der
+Rektor umarmte mich, indem helle Traenen ihm in die Augen traten.
+Selbst weiss ich nicht, wie ich dazu kam, die kleine schildkroetene
+Dose, aus der der Rock entstanden und die ich nun in dessen Tasche
+gesteckt, hervorzuziehen. 'Bitte!' sprach der Rektor, indem er Daum
+und Zeigefinger zusammenspitzte. Ohne zu wissen, ob wohl Tabak
+darin enthalten, klappte ich die Dose auf. Der Rektor griff hinein,
+schnupfte, fasste meine Hand, drueckte sie stark, Traenen liefen ihm
+ueber die Wangen; er sprach tiefgeruehrt: 'Edler Juengling! - eine
+schoene Prise! - Alles ist vergeben und vergessen, speisen Sie bei mir
+heut mittags!' - Ihr seht, Freunde, all mein Leiden hat ein Ende, und
+gelingt uns heute, wie es anders gar nicht zu erwarten steht, die
+Entzauberung Zinnobers, so seid auch ihr fortan gluecklich!" -
+
+In dem mit hundert Kerzen erleuchteten Saal stand der kleine
+Zinnober im scharlachroten gestickten Kleide, den grossen Orden des
+gruengefleckten Tigers mit zwanzig Knoepfen umgetan, Degen an der
+Seite, Federhut unterm Arm. Neben ihm die holde Candida braeutlich
+geschmueckt, in aller Anmut und Jugend strahlend. Zinnober hatte ihre
+Hand gefasst, die er zuweilen an den Mund drueckte und dabei recht
+widrig grinste und laechelte. Und jedesmal ueberflog dann ein hoeheres
+Rot Candidas Wangen, und sie blickte den Kleinen an mit dem Ausdruck
+der innigsten Liebe. Das war denn wohl recht graulich anzusehen, und
+nur die Verblendung, in die Zinnobers Zauber alle versetzte, war
+schuld daran, dass man nicht, ergrimmt ueber Candidas heillose
+Verstrickung, den kleinen Hexenkerl packte und ins Kaminfeuer warf.
+Rings um das Paar im Kreise in ehrerbietiger Entfernung hatte sich die
+Gesellschaft gesammelt. Nur Fuerst Barsanuph stand neben Candida und
+muehte sich, bedeutungsvolle gnaedige Blicke umherzuwerfen, auf die
+indessen niemand sonderlich achtete. Alles hatte nur Auge fuer das
+Brautpaar und hing an Zinnobers Lippen, der hin und wieder einige
+unverstaendliche Worte schnurrte, denen jedesmal ein leises Ach! der
+hoechsten Bewunderung, das die Gesellschaft ausstiess, folgte.
+
+Es war an dem, dass die Verlobungsringe gewechselt werden sollten.
+Mosch Terpin trat in den Kreis mit einem Praesentierteller, auf dem
+die Ringe funkelten. Er raeusperte sich - Zinnober hob sich auf den
+Fussspitzen so hoch als moeglich, beinahe reichte er der Braut an den
+Ellbogen. - Alles stand in der gespanntesten Erwartung - da lassen
+sich ploetzlich fremde Stimmen hoeren, die Tuere des Saals springt
+auf, Balthasar dringt ein, mit ihm Pulcher - Fabian! - Sie brechen
+durch den Kreis - "Was ist das, was wollen die Fremden?" ruft alles
+durcheinander. -
+
+Fuerst Barsanuph schreit entsetzt: "Aufruhr - Rebellion - Wache!" und
+springt hinter den Kaminschirm. - Mosch Terpin erkennt den Balthasar,
+der dicht bis zum Zinnober vorgedrungen, und ruft: "Herr Studiosus!
+- Sind Sie rasend - sind Sie von Sinnen? - wie koennen Sie sich
+unterstehen, hier einzudringen in die Verlobung! - Leute -
+Gesellschaft - Bediente, werft den Grobian zur Tuere hinaus!" -
+
+Aber ohne sich nur im mindesten an irgend etwas zu kehren, hat
+Balthasar schon Prospers Lorgnette hervorgezogen und richtet durch
+dieselbe den festen Blick auf Zinnobers Haupt. Wie vom elektrischen
+Strahl getroffen, stoesst Zinnober ein gellendes Katzengeschrei
+aus, dass der ganze Saal widerhallt. Candida faellt ohnmaechtig auf
+einen Stuhl; der eng geschlossene Kreis der Gesellschaft staeubt
+auseinander. - Klar vor Balthasars Augen liegt der feuerfarbglaenzende
+Haarstreif, er spring zu auf Zinnober - fasst ihn, der strampelt mit
+den Beinchen und straeubt sich und kratzt und beisst.
+
+"Angepackt - angepackt!" ruft Balthasar; da fassen Fabian und Pulcher
+den Kleinen, dass er sich nicht zu regen und zu bewegen vermag, und
+Balthasar fasst sicher und behutsam die roten Haare, reisst sie mit
+einem Ruck vom Haupte herab, springt an den Kamin, wirft sie ins
+Feuer, sie prasseln auf, es geschieht ein betaeubender Schlag, alle
+erwachen wie aus dem Traum. - Da steht der kleine Zinnober, der
+sich muehsam aufgerafft von der Erde, und schimpft und schmaelt
+und befiehlt, man solle die frechen Ruhestoerer, die sich an der
+geheiligten Person des ersten Ministers im Staate vergriffen, sogleich
+packen und ins tiefste Gefaengnis werfen! Aber einer fraegt den
+andern: "Wo kommt denn mit einemmal der kleine purzelbaeumige Kerl
+her? - was will das kleine Ungetuem?" - Und wie der Daeumling
+immerfort tobt und mit den Fuesschen den Boden stampft und immer
+dazwischen ruft: "Ich bin der Minister Zinnober - ich bin der Minister
+Zinnober - der gruengefleckte Tiger mit zwanzig Knoepfen!" da bricht
+alles in ein tolles Gelaechter aus. Man umringt den Kleinen, die
+Maenner heben ihn auf und werfen sich ihn zu wie einen Fangball; ein
+Ordensknopf nach dem andern springt ihm vom Leibe - er verliert den
+Hut - den Degen, die Schuhe. - Fuerst Barsanuph kommt hinter dem
+Kaminschirm hervor und tritt hinein mitten in den Tumult. Da kreischt
+der Kleine: "Fuerst Barsanuph - Durchlaucht - retten Sie Ihren
+Minister - Ihren Liebling! - Huelfe - Huelfe - der Staat ist in Gefahr
+- der gruengefleckte Tiger - Weh - weh!" - Der Fuerst wirft einen
+grimmigen Blick auf den Kleinen und schreitet dann rasch vorwaerts
+nach der Tuere. Mosch Terpin kommt ihm in den Weg, den fasst er, zieht
+ihn in die Ecke und spricht mit zornfunkelnden Augen: "Sie erdreisten
+sich, Ihrem Fuersten, Ihrem Landesvater hier eine dumme Komoedie
+vorspielen zu wollen? - Sie laden mich ein zur Verlobung Ihrer
+Tochter mit meinem wuerdigen Minister Zinnober, und statt meines
+Ministers finde ich hier eine abscheuliche Missgeburt, die Sie
+in glaenzende Kleider gesteckt? - Herr, wissen Sie, dass das ein
+landesverraeterischer Spass ist, den ich strenge ahnden wuerde, wenn
+Sie nicht ein ganz alberner Mensch waeren, der ins Tollhaus gehoert.
+- Ich entsetze Sie des Amts als Generaldirektor der natuerlichen
+Angelegenheiten und verbitte mir alles weitere Studieren in meinem
+Keller! - Adieu!"
+
+Dann stuermte er fort.
+
+Aber Mosch Terpin stuerzte zitternd vor Wut los auf den Kleinen,
+fasste ihn bei den langen struppigen Haaren und rannte mit ihm hin
+nach dem Fenster: "Hinunter mit dir," schrie er, "hinunter mit
+dir, schaendliche heillose Missgeburt, die mich so schmachvoll
+hintergangen, mich um alles Glueck des Lebens gebracht hat!"
+
+Er wollte den Kleinen hinabstuerzen durch das geoeffnete Fenster, doch
+der Aufseher des zoologischen Kabinetts, der auch zugegen, sprang
+mit Blitzesschnelle hinzu, fasste den Kleinen und entriss ihn Mosch
+Terpins Faeusten. "Halten Sie ein," sprach der Aufseher, "halten
+Sie ein, Herr Professor, vergreifen Sie sich nicht an fuerstlichem
+Eigentum. Es ist keine Missgeburt, es ist der Mycetes Belzebub, Simia
+Belzebub, der dem Museo entlaufen." "Simia Belzebub - Simia Belzebub!"
+ertoente es von allen Seiten unter schallendem Gelaechter. Doch kaum
+hatte der Aufseher den Kleinen auf den Arm genommen und ihn recht
+angesehen, als er unmutig ausrief: "Was sehe ich! - das ist ja nicht
+Simia Belzebub, das ist ja ein schnoeder haesslicher Wurzelmann! Pfui!
+- pfui" -
+
+Und damit warf er den Kleinen in die Mitte des Saals. Unter dem
+lauten Hohngelaechter der Gesellschaft rannte der Kleine quiekend
+und knurrend durch die Tuere fort die Treppe herab - fort, fort nach
+seinem Hause, ohne dass ihn ein einziger von seinen Dienern bemerkt.
+
+Waehrenddessen, dass sich dies alles im Saale begab, hatte sich
+Balthasar in das Kabinett entfernt, wo man, wie er wahrgenommen,
+die ohnmaechtige Candida hingebracht. Er warf sich ihr zu Fuessen,
+drueckte ihre Haende an seine Lippen, nannte sie mit den suessesten
+Namen. Sie erwachte endlich mit einem tiefen Seufzer, und als sie den
+Balthasar erblickte, da rief sie voll Entzuecken:
+
+"Bist du endlich - endlich da, mein geliebter Balthasar! Ach, ich bin
+ja beinahe vergangen vor Sehnsucht und Liebesschmerz! - und immer
+erklangen mir die Toene der Nachtigall, von denen beruehrt, der
+Purpurrose das Herzblut entquillt!" -
+
+Nun erzaehlte sie, alles, alles um sich her vergessend, wie ein boeser
+abscheulicher Traum sie verstrickt, wie es ihr vorgekommen, als habe
+sich ein haesslicher Unhold an ihr Herz gelegt, dem sie ihre Liebe
+schenken muessen, weil sie nicht anders gekonnt. Der Unhold habe sich
+zu verstellen gewusst, dass er ausgesehen wie Balthasar; und wenn sie
+recht lebhaft an Balthasar gedacht, habe sie zwar gewusst, dass der
+Unhold nicht Balthasar, aber dann sei es ihr wieder auf unbegreifliche
+Weise gewesen, als muesse sie den Unhold lieben, eben um Balthasars
+willen.
+
+Balthasar klaerte ihr so viel auf, als es geschehen konnte, ohne ihre
+ohnehin aufgeregten Sinne ganz und gar zu verwirren. Dann folgten,
+wie es unter Liebesleuten nicht anders zu geschehen pflegt, tausend
+Versicherungen, tausend Schwuere ewiger Liebe und Treue. Und dabei
+umfingen sie sich und drueckten sich mit der Inbrunst der innigsten
+Zaertlichkeit an die Brust und waren ganz und gar umflossen von aller
+Wonne, von allem Entzuecken des hoechsten Himmels.
+
+Mosch Terpin trat ein, haenderingend und lamentierend, mit ihm kamen
+Pulcher und Fabian, die immerfort, jedoch vergebens troesteten.
+
+"Nein," rief Mosch Terpin, "nein, ich bin ein total geschlagener Mann!
+- nicht mehr Generaldirektor der natuerlichen Angelegenheiten im
+Staate. - Kein Studium mehr im fuerstlichen Keller - die Ungnade des
+Fuersten - ich gedachte Ritter zu werden des gruengefleckten Tigers,
+wenigstens mit fuenf Knoepfen. - Alles aus! - Was wird nur Se.
+Exzellenz der wuerdige Minister Zinnober dazu sagen, wenn er
+hoert, dass ich eine schnoede Missgeburt, den Simia Belzebub cauda
+prehensili, oder was weiss ich sonst, fuer ihn gehalten! - O Gott,
+auch sein Hass wird auf mich lasten! - Alikante! - Alikante!" -
+
+"Aber, bester Professor," troesteten die Freunde - "verehrter
+Generaldirektor, bedenken Sie doch nur, dass es gar keinen Minister
+Zinnober mehr gibt! - Sie haben sich ganz und gar nicht vergriffen,
+der ungestaltete Knirps hat vermoege der Zaubergabe, die er von der
+Fee Rosabelverde erhalten, Sie ebensogut getaeuscht, wie uns alle!" -
+
+Nun erzaehlte Balthasar, wie sich alles begeben von Anfang an. Der
+Professor horchte und horchte, bis Balthasar geendet, da rief er:
+"Wach' ich! - traeum' ich - Hexen - Zauberer - Feen - magische Spiegel
+- Sympathien - soll ich an den Unsinn glauben" -
+
+"Ach liebster Herr Professor," fiel Fabian ein, "haetten Sie nur eine
+Zeitlang einen Rock getragen mit kurzen Aermeln und langer Schleppe,
+so wie ich, Sie wuerden schon an alles glauben, dass es eine Lust
+waere!" -
+
+"Ja," rief Mosch Terpin, "ja, es ist alles so - ja! - ein verhextes
+Untier hat mich getaeuscht - ich stehe nicht mehr auf den Fuessen -
+ich schwebe auf zur Decke -Prosper Alpanus holt mich ab - ich reite
+aus auf einem Sommervogel - ich lass mich frisieren von der Fee
+Rosabelverde - von dem Stiftsfraeulein Rosenschoen, und werde
+Minister! - Koenig - Kaiser!" -
+
+Und damit sprang er im Zimmer umher und schrie und juchzte, dass alle
+fuer seinen Verstand fuerchteten, bis er ganz erschoepft in einen
+Lehnsessel sank. Da nahten sich ihm Candida und Balthasar. Sie
+sprachen davon, wie sie sich so innig, so ueber alles liebten, wie sie
+gar nicht ohne einander leben koennten, und das war recht wehmuetig
+anzuhoeren, weshalb Mosch Terpin auch wirklich etwas weinte. "Alles,"
+sprach er schluchzend, "alles, was ihr wollt, Kinder! - heiratet
+euch, liebt euch - hungert zusammen, denn ich gebe der Candida keinen
+Groschen mit" -
+
+Was das Hungern betraefe, sprach Balthasar laechelnd, so hoffe er
+morgen den Herrn Professor zu ueberzeugen, dass davon wohl niemals die
+Rede sein koenne, da sein Oheim Prosper Alpanus hinlaenglich fuer ihn
+gesorgt.
+
+"Tue das," sprach der Professor matt, "tue das, mein lieber Sohn, wenn
+du kannst, und zwar morgen; denn soll ich nicht in Wahnsinn verfallen,
+soll mir der Kopf nicht zerspringen, so muss ich sofort zu Bette
+gehen!" -
+
+Er tat das wirklich auf der Stelle.
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+Verlegenheit eines treuen Kammerdieners. - Wie die alte Liese eine
+Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober auf der Flucht
+ausglitschte. - Auf welche merkwuerdige Weise der Leibarzt des
+Fuersten Zinnobers jaehen Tod erklaerte. - Wie Fuerst Barsanuph sich
+betruebte, Zwiebeln ass, und wie Zinnobers Verlust unersetzlich blieb.
+
+Der Wagen des Ministers Zinnober hatte beinahe die ganze Nacht
+vergeblich vor Mosch Terpins Hause gehalten. Ein Mal ueber das andere
+versicherte man dem Jaeger, Se. Exzellenz muessten schon lange die
+Gesellschaft verlassen haben; der meinte aber dagegen, das sei ganz
+unmoeglich, da Se. Exzellenz doch wohl nicht im Regen und Sturm zu
+Fuss nach Hause gerannt sein wuerde. Als nun endlich alle Lichter
+ausgeloescht und die Tueren verschlossen wurden, musste der Jaeger
+zwar fortfahren mit dem leeren Wagen, im Hause des Ministers weckte er
+aber sogleich den Kammerdiener und fragte, ob denn ums Himmels willen
+und auf welche Art der Minister nach Hause gekommen. "Se. Exzellenz,"
+erwiderte der Kammerdiener leise dem Jaeger ins Ohr, "Se. Exzellenz
+sind gestern eingetroffen in spaeter Daemmerung, das ist ganz gewiss -
+liegen im Bette und schlafen. - Aber! - o mein guter Jaeger! - wie -
+auf welche Weise! - ich will Ihnen alles erzaehlen - doch Siegel auf
+den Mund - ich bin ein verlornen Mann, wenn Se. Exzellenz erfahren,
+dass ich es war auf dem finstern Korridor! - ich komme um meinen
+Dienst, denn Se. Exzellenz sind zwar von kleiner Statur, besitzen aber
+ausserordentlich viel Wildheit, alterieren sich leicht, kennen sich
+selbst nicht im Zorn, haben noch gestern eine schnoede Maus, die durch
+Sr. Exzellenz Schlafzimmer zu huepfen sich unterfangen, mit dem blank
+gezogenen Degen durch und durch gerannt. - Nun gut! - Also in der
+Daemmerung nehme ich mein Maentelchen um und will ganz sachte
+hinueberschleichen ins Weinstuebchen zu einer Partie Tric-Trac, da
+schurrt und schlurrt mir etwas auf der Treppe entgegen und kommt mir
+auf dem finstern Korridor zwischen die Beine und schlaegt hin auf den
+Boden und erhebt ein gellendes Katzengeschrei und grunzt dann wie - o
+Gott - Jaeger! - halten Sie das Maul, edler Mann, sonst bin ich hin!
+- kommen Sie ein wenig naeher - und grunzt dann, wie unsere gnaedige
+Exzellenz zu grunzen pflegt, wenn der Koch die Kaelberkeule verbraten
+oder ihm sonst im Staate was nicht recht ist."
+
+Die letzten Worte hatte der Kammerdiener dem Jaeger mit vorgehaltener
+Hand ins Ohr gesprochen. Der Jaeger fuhr zurueck, schnitt ein
+bedenkliches Gesicht und rief: "Ist es moeglich!" -
+
+"Ja," fuhr der Kammerdiener fort, "es war unbezweifelt unsere gnaedige
+Exzellenz, was mir auf dem Korridor durch die Beine fuhr. Ich vernahm
+nun deutlich, wie der Gnaedige in den Zimmern die Stuehle heranrueckte
+und sich die Tuere eines Zimmers nach dem andern oeffnete, bis er
+in sein Schlafkabinett angekommen. Ich wagt' es nicht nachzugehen,
+aber ein paar Stuendchen nachher schlich ich mich an die Tuere des
+Schlafkabinetts und horchte. Da schnarchten die liebe Exzellenz ganz
+auf die Weise, wie es zu geschehen pflegt, wenn Grosses im Werke.
+- Jaeger! 'es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere
+Weisheit sich traeumt,' das hoert' ich einmal auf dem Theater einen
+melancholischen Prinzen sagen, der ganz schwarz ging und sich vor
+einem ganz in grauen Pappendeckel gekleideten Mann sehr fuerchtete. -
+Jaeger! - es ist gestern irgend etwas Erstaunliches geschehen, das die
+Exzellenz nach Hause trieb. Der Fuerst ist bei dem Professor gewesen,
+vielleicht aeusserte er das und das - irgendein huebsches Reformchen
+- und da ist nun der Minister gleich drueber her, laeuft aus der
+Verlobung heraus und faengt an zu arbeiten fuer das Wohl der
+Regierung. - Ich hoert's gleich am Schnarchen; ja Grosses,
+Entscheidendes wird geschehen! - O Jaeger - vielleicht lassen wir alle
+ueber kurz oder lang uns wieder die Zoepfe wachsen! - Doch, teurer
+Freund, lassen Sie uns hinabgehen und als treue Diener an der Tuere
+des Schlafzimmers lauschen, ob Se. Exzellenz auch noch ruhig im Bette
+liegen und die inneren Gedanken ausarbeiten."
+
+Beide, der Kammerdiener und der Jaeger, schlichen sich hin an die
+Tuere und horchten. Zinnober schnurrte und orgelte und pfiff durch die
+wundersamsten Tonarten. Beide Diener standen in stummer Ehrfurcht, und
+der Kammerdiener sprach tiefgeruehrt: "Ein grosser Mann ist doch unser
+gnaedige Herr Minister!" -
+
+Schon am fruehsten Morgen entstand unten im Hause des Ministers ein
+gewaltiger Laerm. Ein altes, erbaermlich in laengst verblichenen
+Sonntagsstaat gekleidetes Bauerweib hatte sich ins Haus gedraengt
+und dem Portier angelegen, sie sogleich zu ihrem Soehnlein, zu Klein
+Zaches zu fuehren. Der Portier hatte sie bedeutet, dass Se. Exzellenz
+der Herr Minister von Zinnober, Ritter des gruengefleckten Tigers mit
+zwanzig Knoepfen, im Hause wohne, und niemand von der Dienerschaft
+Klein Zaches hiesse oder so genannt werde. Da hatte das Weib aber
+ganz tolljubelnd geschrien, der Herr Minister Zinnober mit zwanzig
+Knoepfen, das sei eben ihr liebes Soehnlein, der Klein Zaches. Auf das
+Geschrei des Weibes, auf die donnernden Flueche des Portiers war alles
+aus dem ganzen Hause zusammengelaufen, und das Getoese wurde aerger
+und aerger. Als der Kammerdiener hinabkam, um die Leute auseinander zu
+jagen, die Se. Exzellenz so unverschaemt in der Morgenruhe stoerten,
+warf man eben das Weib, die alle fuer wahnsinnig hielten, zum Hause
+heraus.
+
+Auf die steinernen Stufen des gegenueberstehenden Hauses setzte sich
+nun das Weib hin und schluchzte und lamentierte, dass das grobe Volk
+da drinnen sie nicht zu ihrem Herzenssoehnlein, zu dem Klein Zaches,
+der Minister geworden, lassen wolle. Viele Leute versammelten sich
+nach und nach um sie her, denen sie immer und immer wiederholte, dass
+der Minister Zinnober niemand anders sei, als ihr Sohn, den sie in
+der Jugend Klein Zaches geheissen; so dass die Leute zuletzt nicht
+wussten, ob sie die Frau fuer toll halten oder gar ahnen sollten, dass
+wirklich was an der Sache.
+
+Die Frau wandte nicht die Augen weg von Zinnobers Fenster. Da schlug
+sie mit einemmal eine helle Lache auf, klopfte die Haende zusammen und
+rief jubelnd ueberlaut: "Da ist er - da ist er, mein Herzensmaennlein
+- mein kleines Koboldchen - Guten Morgen, Klein Zaches! - Guten
+Morgen, Klein Zaches!" - Alle Leute kuckten hin, und als sie den
+kleinen Zinnober gewahrten, der in seinem gestickten Scharlachkleide,
+das Ordensband des gruengefleckten Tigers umgehaengt, vor dem Fenster
+stand, das hinabging bis an den Fussboden, so dass seine ganze Figur
+durch die grossen Scheiben deutlich zu sehen, lachten sie ganz
+uebermaessig und laermten und schrien: "Klein Zaches - Klein Zaches!
+Ha, seht doch den kleinen geputzten Pavian - die tolle Missgeburt -
+das Wurzelmaennlein - Klein Zaches! Klein Zaches!" - Der Portier, alle
+Diener Zinnobers rannten heraus, um zu erschauen, worueber das Volk
+denn so unmaessig lache und jubiliere. Aber kaum erblickten sie ihren
+Herren, als sie noch aerger als das Volk im tollsten Gelaechter
+schrien: "Klein Zaches - Klein Zaches - Wurzelmann - Daeumling -
+Alraun!" -
+
+Der Minister schien erst jetzt zu gewahren, dass der tolle Spuk auf
+der Strasse niemand anderm gelte, als ihm selbst. Er riss das Fenster
+auf, schaute mit zornfunkelnden Augen herab, schrie, raste, machte
+seltsame Spruenge vor Wut - drohte mit Wache - Polizei - Stockhaus und
+Festung.
+
+Aber je mehr die Exzellenz tobte im Zorn, desto aerger wurde Tumult
+und Gelaechter, man fing an mit Steinen - Obst - Gemuese oder was man
+eben zur Hand bekam, nach dem ungluecklichen Minister zu werfen - er
+musste hinein! -
+
+"Gott im Himmel," rief der Kammerdiener entsetzt, "aus dem Fenster
+der gnaedigen Exzellenz kuckte ja das kleine abscheuliche Ungetuem
+heraus - Was ist das? - wie ist der kleine Hexenkerl in die Zimmer
+gekommen?" - Damit rannte er hinauf, aber so wie vorher fand er das
+Schlafkabinett des Ministers fest verschlossen. Er wagte leise zu
+pochen! - Keine Antwort! -
+
+Indessen war, der Himmel weiss, auf welche Weise, ein dumpfes Gemurmel
+im Volke entstanden, das kleine laecherliche Ungetuem dort oben sei
+wirklich Klein Zaches, der den stolzen Namen Zinnober angenommen und
+sich durch allerlei schaendlichen Lug und Trug aufgeschwungen. Immer
+lauter und lauter erhoben sich die Stimmen. "Hinunter mit der kleinen
+Bestie - hinunter - klopft dem Klein Zaches die Ministerjacke aus
+- sperrt ihn in den Kaeficht - lasst ihn fuer Geld sehen auf dem
+Jahrmarkt! - Beklebt ihn mit Goldschaum und beschert ihn den Kindern
+zum Spielzeug! - Hinauf - hinauf!" - Und damit stuermte das Volk an
+gegen das Haus.
+
+Der Kammerdiener rang verzweiflungsvoll die Haende. "Rebellion -
+Tumult - Exzellenz - machen Sie auf - retten Sie sich!" - so schrie
+er; aber keine Antwort, nur ein leises Stoehnen liess sich vernehmen.
+
+Die Haustuere wurde eingeschlagen, das Volk polterte unter wildem
+Gelaechter die Treppe herauf.
+
+"Nun gilt's," sprach der Kammerdiener und rannte mit aller Macht an
+gegen die Tuere des Kabinetts, dass sie klirrend und rasselnd aus den
+Angeln sprang. - Keine Exzellenz - kein Zinnober zu finden! -
+
+"Exzellenz - gnaedigste Exzellenz - vernehmen Sie denn nicht die
+Rebellion? - Exzellenz - gnaedigste Exzellenz, wo hat sie denn der -
+Gott verzeih' mir die Suende, wo geruhen Sie sich denn zu befinden!"
+
+So schrie der Kammerdiener, in heller Verzweiflung durch die Zimmer
+rennend. Aber keine Antwort, kein Laut, nur der spottende Widerhall
+toente von den Marmorwaenden. Zinnober schien spurlos, tonlos
+verschwunden. - Draussen war es ruhiger geworden, der Kammerdiener
+vernahm die tiefe klangvolle Stimme eines Frauenzimmers, die zum Volke
+sprach, und gewahrte, durchs Fenster blickend, wie die Menschen nach
+und nach, leise miteinander murmelnd, das Haus verliessen, bedenkliche
+Blicke hinaufwerfend nach den Fenstern.
+
+"Die Rebellion scheint vorueber," sprach der Kammerdiener, "nun wird
+die gnaedige Exzellenz wohl hervorkommen aus ihrem Schlupfwinkel."
+
+Er ging nach dem Schlafkabinett zurueck, vermutend, dort werde der
+Minister sich doch wohl am Ende befinden.
+
+Er warf spaehende Blicke rings umher, da wurde er gewahr, wie aus
+einem schoenen silbernen Henkelgefaess, das immer dicht neben der
+Toilette zu stehen pflegte, weil es der Minister als ein teures
+Geschenk des Fuersten sehr wert hielt, ganz kleine duenne Beinchen
+hervorstarrten.
+
+"Gott - Gott," schrie der Kammerdiener entsetzt, "Gott! - Gott! -
+taeuscht mich nicht alles, so gehoeren die Beinchen dort Sr. Exzellenz
+dem Herrn Minister Zinnober, meinem gnaedigen Herrn!" - Er trat
+hinan, er rief, durchbebt von allen Schauern des Schrecks, indem er
+herabschaute: "Exzellenz - Exzellenz - um Gott, was machen Sie - was
+treiben Sie da unten in der Tiefe!"
+
+Da aber Zinnober still blieb, sah der Kammerdiener wohl die Gefahr
+ein, in der die Exzellenz schwebte, und dass es an der Zeit sei, allen
+Respekt beiseite zu setzen. Er packte den Zinnober bei den Beinchen
+- zog ihn heraus! - Ach tot - tot war die kleine Exzellenz! Der
+Kammerdiener brach aus in lautes Jammern; der Jaeger, die Dienerschaft
+eilte herbei, man rannte nach dem Leibarzt des Fuersten. Indessen
+trocknete der Kammerdiener seinen armen ungluecklichen Herrn ab mit
+saubern Handtuechern, legte ihn ins Bett, bedeckte ihn mit seidenen
+Kissen, so dass nur das kleine verschrumpfte Gesichtchen sichtbar
+blieb.
+
+Hinein trat nun das Fraeulein von Rosenschoen. Sie hatte erst, der
+Himmel weiss, auf welche Art, das Volk beruhigt. Nun schritt sie zu
+auf den entseelten Zinnober, ihr folgte die alte Liese, des kleinen
+Zaches leibliche Mutter. - Zinnober sah in der Tat huebscher aus im
+Tode, als er jemals in seinem ganzen Leben ausgesehen. Die kleinen
+Aeugelein waren geschlossen, das Naeschen sehr weiss, der Mund zum
+sanften Laecheln ein wenig verzogen, aber vor allen Dingen wallte das
+dunkelbraune Haar in den schoensten Locken herab. Ueber das Haupt hin
+strich das Fraeulein den Kleinen, und in dem Augenblick blitzte in
+mattem Schimmer ein roter Streif hervor.
+
+"Ha," rief das Fraeulein, indem ihr die Augen vor Freude glaenzten,
+"ha, Prosper Alpanus! - hoher Meister, du haeltst Wort! - Verbuesst
+ist sein Verhaengnis und mit ihm alle Schmach!"
+
+"Ach," sprach die alte Liese, "ach du lieber Gott, das ist ja doch
+wohl nicht mein kleiner Zaches, so huebsch hat der niemals ausgesehen.
+Da bin ich doch nun ganz umsonst nach der Stadt gegangen, und Ihr habt
+mir gar nicht gut geraten, mein gnaediges Fraeulein!" -
+
+"Murrt nur nicht, Alte," erwiderte das Fraeulein, "haettet Ihr nur
+meinen Rat ordentlich befolgt, und waeret Ihr nicht frueher, als ich
+hier war, in dies Haus gedrungen, alles stuende fuer Euch besser. -
+Ich wiederhole es, der Kleine, der dort tot im Bette liegt, ist gewiss
+und wahrhaftig Euer Sohn, Klein Zaches!"
+
+"Nun," rief die Frau mit leuchtenden Augen, "nun wenn die kleine
+Exzellenz dort wirklich mein Kind ist, so erb' ich ja wohl all die
+schoenen Sachen, die hier rings umherstehen, das ganze Haus mit allem,
+was drinnen ist?"
+
+"Nein," sprach das Fraeulein, "das ist nun ganz und gar vorbei, Ihr
+habt den rechten Augenblick verfehlt, Geld und Gut zu gewinnen. - Euch
+ist, ich habe es gleich gesagt, Euch ist nun einmal Reichtum nicht
+beschieden." -
+
+"So darf ich," fuhr die Frau fort, indem ihr die Traenen in die
+Augen traten, "so darf ich denn nicht wenigstens mein armes kleines
+Maennlein in die Schuerze nehmen und nach Hause tragen? - Unser Herr
+Pfarrer hat so viel huebsche ausgestopfte Voegelein und Eichkaetzchen,
+der soll mir meinen Klein Zaches ausstopfen lassen, und ich will
+ihn auf meinen Schrank stellen, wie er da ist im roten Rock mit
+dem breiten Bande und dem grossen Stern auf der Brust, zum ewigen
+Andenken!" -
+
+"Das ist," rief das Fraeulein beinahe unwillig, "das ist ein ganz
+einfaeltiger Gedanke, das geht ganz und gar nicht an!" -
+
+Da fing das Weib an zu schluchzen, zu klagen, zu lamentieren. "Was
+hab' ich," sprach sie, "nun davon, dass mein Klein Zaches zu hohen
+Wuerden, zu grossem Reichtum gelangt ist! - Waer' er nur bei mir
+geblieben, haett' ich ihn nur aufgezogen in meiner Armut, niemals
+waer' er in jenes verdammte silberne Ding gefallen, er lebte noch, und
+ich haett' vielleicht Freude und Segen von ihm gehabt. Trug ich ihn so
+herum in meinem Holzkorb, Mitleiden haetten die Leute gefuehlt und mir
+manches schoene Stuecklein Geld zugeworfen, aber nun" -
+
+Es liessen sich Tritte im Vorsaal vernehmen, das Fraeulein trieb die
+Alte hinaus, mit der Weisung, sie solle unten vor der Tuere warten, im
+Wegfahren wolle sie ihr ein untruegliches Mittel vertrauen, wie sie
+all ihre Not, all ihr Elend mit einemmal enden koenne.
+
+Nun trat Rosabelverde noch einmal dicht an den Kleinen heran und
+sprach mit der weichen bebenden Stimme des tiefen Mitleids:
+
+"Armer Zaches! - Stiefkind der Natur! - ich hatt' es gut mit dir
+gemeint! - Wohl mocht' es Torheit sein, dass ich glaubte, die aeussere
+schoene Gabe, womit ich dich beschenkt, wuerde hineinstrahlen in dein
+Inneres und eine Stimme erwecken, die dir sagen muesste: 'Du bist
+nicht der, fuer den man dich haelt, aber strebe doch nur an, es dem
+gleichzutun, auf dessen Fittichen du Lahmer, Unbefiederter dich
+aufschwingst!' - Doch keine innere Stimme erwachte. Dein traeger toter
+Geist vermochte sich nicht emporzurichten, du liessest nicht nach in
+deiner Dummheit, Grobheit, Ungebaerdigkeit - Ach! - waerst du nur ein
+geringes Etwas weniger, ein kleiner ungeschlachter Ruepel geblieben,
+du entgingst dem schmachvollen Tode! - Prosper Alpanus hat dafuer
+gesorgt, dass man dich jetzt im Tode wieder dafuer haelt, was du im
+Leben durch meine Macht zu sein schienst. Sollt' ich dich vielleicht
+gar noch wiederschauen als kleiner Kaefer - flinke Maus oder behende
+Eichkatze, so soll es mich freuen! - Schlafe wohl, Klein Zaches!" -
+
+Indem Rosabelverde das Zimmer verliess, trat der Leibarzt des Fuersten
+mit dem Kammerdiener hinein.
+
+"Um Gott," rief der Arzt, als er den toten Zinnober erblickte und sich
+ueberzeugte, dass alle Mittel, ihn ins Leben zu rufen, vergeblich
+bleiben wuerden, "um Gott, wie ist das zugegangen, Herr Kaemmerer?"
+
+"Ach," erwiderte dieser, "ach, lieber Herr Doktor, die Rebellion oder
+die Revolution, es ist all eins, wie Sie es nennen wollen, tobte und
+hantierte draussen auf dem Vorsaale ganz fuerchterlich. Se. Exzellenz,
+besorgt um ihr teures Leben, wollten gewiss in die Toilette
+hineinfluechten, glitschten aus und" -
+
+"So ist," sprach der Doktor feierlich und bewegt, "so ist er aus
+Furcht zu sterben gar gestorben!"
+
+Die Tuere sprang auf, und hinein stuerzte Fuerst Barsanuph mit
+verbleichtem Antlitz, hinter ihm her sieben noch bleichere
+Kammerherrn.
+
+"Ist es wahr, ist es wahr?" rief der Fuerst; aber sowie er des Kleinen
+Leichnam erblickte, prallte er zurueck und sprach, die Augen gen
+Himmel gerichtet, mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes: "O
+Zinnober!" - Und die sieben Kammerherrn riefen dem Fuersten nach: "O
+Zinnober!" und holten, wie es der Fuerst tat, die Schnupftuecher aus
+der Tasche und hielten sie sich vor die Augen.
+
+"Welch ein Verlust," begann nach einer Weile des lautlosen Jammers der
+Fuerst, "welch ein unersetzlicher Verlust fuer den Staat! - Wo einen
+Mann finden, der den Orden des gruengefleckten Tigers mit zwanzig
+Knoepfen mit _der_ Wuerde traegt, als mein Zinnober! - Leibarzt, und
+Sie konnten mir _den_ Mann sterben lassen! - Sagen Sie - wie ging das
+zu, wie mochte das geschehen - was war die Ursache - woran starb der
+Vortreffliche?" -
+
+Der Leibarzt beschaute den Kleinen sehr sorgsam, befuehlte manche
+Stellen ehemaliger Pulse, strich das Haupt entlang, raeusperte sich
+und begann: "Mein gnaedigster Herr! Sollte ich mich begnuegen, auf der
+Oberflaeche zu schwimmen, ich koennte sagen, der Minister sei an dem
+gaenzlichen Ausbleiben des Atems gestorben, dies Ausbleiben des Atems
+sei bewirkt durch die Unmoeglichkeit Atem zu schoepfen, und diese
+Unmoeglichkeit wieder nur herbeigefuehrt durch das Element, durch den
+Humor, in den der Minister stuerzte. Ich koennte sagen, der Minister
+sei auf diese Weise einen humoristischen Tod gestorben, aber fern
+von mir sei diese Seichtigkeit, fern von mir die Sucht, alles aus
+schnoeden physischen Prinzipien erklaeren zu wollen, was nur im Gebiet
+des rein Psychischen seinen natuerlichen unumstoesslichen Grund
+findet. - Mein gnaedigster Fuerst, frei sei des Mannes Wort! - Den
+ersten Keim des Todes fand der Minister im Orden des gruengefleckten
+Tigers mit zwanzig Knoepfen!" -
+
+"Wie," rief der Fuerst, indem er den Leibarzt mit zorngluehenden Augen
+anfunkelte, "wie! - was sprechen Sie? - der Orden des gruengefleckten
+Tigers mit zwanzig Knoepfen, den der Selige zum Wohl des Staats mit so
+vieler Anmut, mit so vieler Wuerde trug? - _der_ Ursache seines Todes?
+- Beweisen Sie mir das, oder - Kammerherrn, was sagt ihr dazu?"
+
+"Er muss beweisen, er muss beweisen, oder" - riefen die sieben blassen
+Kammerherrn, und der Leibarzt fuhr fort:
+
+"Mein bester gnaedigster Fuerst, ich werd' es beweisen, also kein
+_oder_! - Die Sache haengt folgendermassen zusammen: Das schwere
+Ordenszeichen am Bande, vorzueglich aber die Knoepfe auf dem Ruecken
+wirkten nachteilig auf die Ganglien des Rueckgrats. Zu gleicher Zeit
+verursachte der Ordensstern einen Druck auf jenes knotige fadichte
+Ding zwischen dem Dreifuss und der obern Gekroespulsader, das wir
+das Sonnengeflecht nennen, und das in dem labyrinthischen Gewebe der
+Nervengeflechte praedominiert. Dies dominierende Organ steht in der
+mannigfaltigsten Beziehung mit dem Zerebralsystem, und natuerlich war
+der Angriff auf die Ganglien auch diesem feindlich. Ist aber nicht
+die freie Leitung des Zerebralsystems die Bedingung des Bewusstseins,
+der Persoenlichkeit, als Ausdruck der vollkommensten Vereinigung des
+Ganzen in einem Brennpunkt? Ist nicht der Lebensprozess die Taetigkeit
+in beiden Sphaeren, in dem Ganglien- und Zerebralsystem? - Nun! genug,
+jener Angriff stoerte die Funktionen des psychischen Organism. Erst
+kamen finstre Ideen von unerkannten Aufopferungen fuer den Staat durch
+das schmerzhafte Tragen jenes Ordens u.s.w., immer verfaenglicher
+wurde der Zustand, bis gaenzliche Disharmonie des Ganglien- und
+Zerebralsystems endlich gaenzliches Aufhoeren des Bewusstseins,
+gaenzliches Aufgeben der Persoenlichkeit herbeifuehrte. Diesen Zustand
+bezeichnen wir aber mit dem Worte _Tod_! - Ja, gnaedigster Herr! -
+der Minister hatte bereits seine Persoenlichkeit aufgegeben, war
+also schon mausetot, als er hineinstuerzte in jenes verhaengnisvolle
+Gefaess. - So hatte sein Tod keine physische, wohl aber eine
+unermesslich tiefe psychische Ursache." -
+
+"Leibarzt," sprach der Fuerst unmutig, "Leibarzt, Sie schwatzen nun
+schon eine halbe Stunde, und ich will verdammt sein, wenn ich eine
+Silbe davon verstehe. Was wollen Sie mit Ihrem Physischen und
+Psychischen?"
+
+"Das physische Prinzip," nahm der Arzt wieder das Wort, "ist die
+Bedingung des rein vegetativen Lebens, das psychische bedingt dagegen
+den menschlichen Organism, der nur in dem Geiste, in der Denkkraft das
+Triebrad der Existenz findet."
+
+"Noch immer," rief der Fuerst im hoechsten Unmut, "noch immer verstehe
+ich Sie nicht, Unverstaendlicher!"
+
+"Ich meine," sprach der Doktor, "ich meine, Durchlauchtiger, dass das
+Physische sich bloss auf das rein vegetative Leben ohne Denkkraft,
+wie es in Pflanzen stattfindet, das Psychische aber auf die Denkkraft
+bezieht. Da diese nun im menschlichen Organism vorwaltet, so muss der
+Arzt immer bei der Denkkraft, bei dem Geist anfangen und den Leib nur
+als Vasallen des Geistes betrachten, der sich fuegen muss, sobald der
+Gebieter es will."
+
+"Hoho!" rief der Fuerst, "hoho, Leibarzt, lassen Sie das gut sein! -
+Kurieren Sie meinen Leib, und lassen Sie meinen Geist ungeschoren,
+von dem habe ich noch niemals Inkommoditaeten verspuert. Ueberhaupt,
+Leibarzt, Sie sind ein konfuser Mann, und stuende ich hier nicht an
+der Leiche meines Ministers und waere geruehrt, ich wuesste, was ich
+taete! - Nun Kammerherrn! vergiessen wir noch einige Zaehren hier am
+Katafalk des Verewigten und gehen wir dann zur Tafel."
+
+Der Fuerst hielt das Schnupftuch vor die Augen und schluchzte, die
+Kammerherrn taten desgleichen, dann schritten sie alle von dannen.
+Vor der Tuere stand die alte Liese, welche einige Reihen der
+allerschoensten goldgelben Zwiebeln ueber den Arm gehaengt hatte, die
+man nur sehen konnte. Des Fuersten Blick fiel zufaellig auf diese
+Fruechte. Er blieb stehen, der Schmerz verschwand aus seinem Antlitz,
+er laechelte mild und gnaedig, er sprach: "Hab' ich doch in meinem
+Leben keine solche schoene Zwiebeln gesehen, die muessen von dem
+herrlichsten Geschmack sein. Verkauft Sie die Ware, liebe Frau?"
+
+"O ja," erwiderte Liese mit einem tiefen Knix, "o ja, gnaedigste
+Durchlaucht, von dem Verkauf der Zwiebeln naehre ich mich duerftig,
+so gut es gehn will! - Sie sind suess wie purer Honig, belieben Sie,
+gnaedigster Herr?"
+
+Damit reichte sie eine Reihe der staerksten glaenzendsten Zwiebeln dem
+Fuersten hin. Der nahm sie, laechelte, schmatzte ein wenig und rief
+dann: "Kammerherrn! geb' mir einer einmal sein Taschenmesser her." Ein
+Messer erhalten, schaelte der Fuerst nett und sauber eine Zwiebel ab
+und kostete etwas von dem Mark.
+
+"Welch ein Geschmack, welche Suesse, welche Kraft, welches Feuer!"
+rief er, indem ihm die Augen glaenzten vor Entzuecken, "und dabei ist
+es mir, als saeh' ich den verewigten Zinnober vor mir stehen, der mir
+zuwinkte und zulispelte: 'Kaufen Sie - essen Sie diese Zwiebeln, mein
+Fuerst - das Wohl des Staats erfordert es!'" - Der Fuerst drueckte
+der alten Liese ein paar Goldstuecke in die Hand, und die Kammerherrn
+mussten saemtliche Reihen Zwiebeln in die Taschen schieben. Noch mehr!
+- er verordnete, dass niemand anders die Zwiebellieferung fuer die
+fuerstlichen Dejeuners haben sollte als Liese. So kam die Mutter des
+Klein Zaches, ohne gerade reich zu werden, aus aller Not, aus allem
+Elend, und gewiss war es wohl, dass ihr ein geheimer Zauber der guten
+Fee Rosabelverde dazu verhalf.
+
+Das Leichenbegaengnis des Ministers Zinnober war eins der
+praechtigsten, das man jemals in Kerepes gesehen; der Fuerst, alle
+Ritter des gruengefleckten Tigers folgten der Leiche in tiefer Trauer.
+Alle Glocken wurden gezogen, ja sogar die beiden Boeller, die der
+Fuerst behufs der Feuerwerke mit schweren Kosten angeschafft, mehrmals
+geloest. Buerger - Volk - alles weinte und lamentierte, dass der Staat
+seine beste Stuetze verloren und wohl niemals mehr ein Mann von dem
+tiefen Verstande, von der Seelengroesse, von der Milde, von dem
+unermuedlichen Eifer fuer das allgemeine Wohl, wie Zinnober, an das
+Ruder der Regierung kommen werde.
+
+In der Tat blieb auch der Verlust unersetzlich; denn niemals fand sich
+wieder ein Minister, dem der Orden des gruengefleckten Tigers mit
+zwanzig Knoepfen so an den Leib gepasst haben sollte, wie dem
+verewigten unvergesslichen Zinnober.
+
+
+
+Letztes Kapitel
+
+Wehmuetige Bitten des Autors. - Wie der Professor Mosch Terpin sich
+beruhigte und Candida niemals verdriesslich werden konnte. - Wie ein
+Goldkaefer dem Doktor Prosper Alpanus etwas ins Ohr summte, dieser
+Abschied nahm und Balthasar eine glueckliche Ehe fuehrte.
+
+Es ist nun an dem, dass der, der fuer dich, geliebter Leser, diese
+Blaetter aufschreibt, von dir scheiden will, und dabei ueberfaellt
+ihn Wehmut und Bangen. - Noch vieles, vieles wuesste er von den
+merkwuerdigen Taten des kleinen Zinnober, und er haette, wie er denn
+nun ueberhaupt zu der Geschichte aus dem Innern heraus unwiderstehlich
+angeregt wurde, wahre Lust daran gehabt, dir, o mein Leser, noch das
+alles zu erzaehlen. Doch! - rueckblickend auf alle Ereignisse, wie sie
+in den neun Kapiteln vorgekommen, fuehlt er wohl, dass darin schon so
+viel Wunderliches, Tolles, der nuechternen Vernunft Widerstrebendes
+enthalten, dass er, noch mehr dergleichen anhaeufend, Gefahr laufen
+muesste, es mit dir, geliebter Leser, deine Nachsicht missbrauchend,
+ganz und gar zu verderben. Er bittet dich in jener Wehmut, in jenem
+Bangen, das ploetzlich seine Brust beengte, als er die Worte: "Letztes
+Kapitel" schrieb, du moegest mit recht heitrem, unbefangenem Gemuet es
+dir gefallen lassen, die seltsamen Gestaltungen zu betrachten, ja sich
+mit ihnen zu befreunden, die der Dichter der Eingebung des spukhaften
+Geistes, Phantasus geheissen, verdankt, und dessen bizarrem,
+launischem Wesen er sich vielleicht zu sehr ueberliess. - Schmolle
+deshalb nicht mit beiden, mit dem Dichter und mit dem launischen
+Geiste! - Hast du, geliebter Leser, hin und wieder ueber manches
+recht im Innern gelaechelt, so warst du in der Stimmung, wie sie der
+Schreiber dieser Blaetter wuenschte, und dann, so glaubt er, wirst du
+ihm wohl vieles zugute halten! -
+
+Eigentlich haette die Geschichte mit dem tragischen Tode des kleinen
+Zinnober schliessen koennen. Doch ist es nicht anmutiger, wenn statt
+eines traurigen Leichenbegaengnisses eine froehliche Hochzeit am Ende
+steht?
+
+So werde denn noch kuerzlich der holden Candida und des gluecklichen
+Balthasars gedacht. -
+
+Der Professor Mosch Terpin war sonst ein aufgeklaerter, welterfahrner
+Mann, der dem weisen Spruch: Nil admirari gemaess sich seit vielen,
+vielen Jahren ueber nichts in der Welt zu verwundern pflegte. Aber
+jetzt geschah es, dass er, all seine Weisheit aufgebend, sich immer
+fort und fort verwundern musste, so dass er zuletzt klagte, wie er
+nicht mehr wisse, ob er wirklich der Professor Mosch Terpin sei, der
+ehemals die natuerlichen Angelegenheiten im Staate dirigiert, und
+ob er noch wirklich, Kopf in die Hoehe, auf seinen lieben Fuessen
+einherspaziere.
+
+Zuerst verwunderte er sich, als Balthasar ihm den Doktor
+Prosper Alpanus als seinen Oheim vorstellte und dieser ihm die
+Schenkungsurkunde vorwies, vermoege der Balthasar Besitzer des eine
+Stunde von Kerepes entfernten Landhauses nebst Waldung, Aecker und
+Wiesen wurde; als er in dem Inventario, kaum seinen Augen trauend,
+koestliche Geraetschaften, ja Gold- und Silberbarren erwaehnt
+gewahrte, deren Wert den Reichtum der fuerstlichen Schatzkammer bei
+weitem ueberstieg. Dann verwunderte er sich, als er den praechtigen
+Sarg, in dem Zinnober lag, durch Balthasars Lorgnette anschaute,
+und es ihm auf einmal war, als habe es nie einen Minister Zinnober,
+sondern nur einen kleinen ungeschlachten, ungebaerdigen Knirps
+gegeben, den man faelschlicherweise fuer einen verstaendigen, weisen
+Minister Zinnober gehalten.
+
+Bis auf den hoechsten Grad stieg aber Mosch Terpins Verwunderung, als
+Prosper Alpanus ihn im Landhause umherfuehrte, ihm seine Bibliothek
+und andere sehr wunderbare Dinge zeigte, ja selbst einige sehr
+anmutige Experimente machte mit seltsamen Pflanzen und Tieren.
+
+Dem Professor ging der Gedanke auf, es sei wohl mit seinem
+Naturforschen ganz und gar nichts, und er saesse in einer herrlichen
+bunten Zauberwelt wie in einem Ei eingeschlossen. Dieser Gedanke
+beunruhigte ihn so sehr, dass er zuletzt klagte und weinte wie ein
+Kind. Balthasar fuehrte ihn sofort in den geraeumigen Weinkeller, in
+dem er glaenzende Faesser und blinkende Flaschen erblickte. Besser
+als in dem fuerstlichen Weinkeller, meinte Balthasar, koenne er hier
+studieren und in dem schoenen Park die Natur hinlaenglich erforschen.
+
+Hierauf beruhigte sich der Professor.
+
+Balthasars Hochzeit wurde auf dem Landhause gefeiert. Er - die Freunde
+Fabian - Pulcher - alle erstaunten ueber Candidas hohe Schoenheit,
+ueber den zauberischen Reiz, der in ihrem Anzuge, in ihrem ganzen
+Wesen lag. - Es war auch wirklich ein Zauber, der sie umfloss, denn
+die Fee Rosabelverde, die, allen Groll vergessend, der Hochzeit als
+Stiftsfraeulein von Rosenschoen beiwohnte, hatte sie selbst gekleidet
+und mit den schoensten, herrlichsten Rosen geschmueckt. Nun weiss man
+aber wohl, dass der Anzug gut stehen muss, wenn eine Fee dabei Hand
+anlegt. Ausserdem hatte Rosabelverde der holden Braut einen praechtig
+funkelnden Halsschmuck verehrt, der eine magische Wirkung dahin
+aeusserte, dass sie, hatte sie ihn umgetan, niemals ueber
+Kleinigkeiten, ueber ein schlecht genesteltes Band, ueber einen
+missratenen Haarschmuck, ueber einen Fleck in der Waesche oder
+sonst verdriesslich werden konnte. Diese Eigenschaft, die ihr der
+Halsschmuck gab, verbreitete eine besondere Anmut und Heiterkeit auf
+ihrem ganzen Antlitz.
+
+Das Brautpaar stand im hoechsten Himmel der Wonne, und - so herrlich
+wirkte der geheime weise Zauber Alpans - hatte doch noch Blick und
+Wort fuer die Herzensfreunde, welche versammelt. Prosper Alpanus und
+Rosabelverde, beide sorgten dafuer, dass die schoensten Wunder den
+Hochzeitstag verherrlichten. Ueberall toenten aus Bueschen und Baeumen
+suesse Liebeslaute, waehrend sich schimmernde Tafeln erhoben mit den
+herrlichsten Speisen, mit Kristallflaschen belastet, aus denen der
+edelste Wein stroemte, welcher Lebensglut durch alle Adern der Gaeste
+goss.
+
+Die Nacht war eingebrochen, da spannen sich feuerflammende Regenbogen
+ueber den ganzen Park, und man sah schimmernde Voegel und Insekten,
+die sich auf und ab schwangen, und wenn sie die Fluegel schuettelten,
+staeubten Millionen Funken hervor, die in ewigem Wechsel allerlei
+holde Gestalten bildeten, welche in der Luft tanzten und gaukelten
+und im Gebuesch verschwanden. Und dabei toente staerker die Musik des
+Waldes, und der Nachtwind strich daher, geheimnisvoll saeuselnd und
+suesse Duefte aushauchend.
+
+Balthasar, Candida, die Freunde erkannten den maechtigen Zauber
+Alpans, aber Mosch Terpin, halb berauscht, lachte laut und meinte,
+hinter allem stecke niemand anders, als der Teufelskerl, der
+Operndekorateur und Feuerwerker des Fuersten.
+
+Schneidende Glockentoene erhallten. Ein glaenzender Goldkaefer schwang
+sich herab, setzte sich auf Prosper Alpanus' Schulter und schien ihm
+leise etwas ins Ohr zu sumsen.
+
+Prosper Alpanus erhob sich von seinem Sitz und sprach ernst und
+feierlich: "Geliebter Balthasar - holde Candida - meine Freunde! - Es
+ist nun an der Zeit - Lothos ruft - ich muss scheiden." -
+
+Darauf nahte er sich dem Brautpaar und sprach leise mit ihnen. Beide,
+Balthasar und Candida, waren sehr geruehrt, Prosper schien ihnen
+allerlei gute Lehren zu geben, er umarmte beide mit Inbrunst.
+
+Dann wandte er sich an das Fraeulein von Rosenschoen und sprach
+ebenfalls leise mit ihr - wahrscheinlich gab sie ihm Auftraege in
+Zauber- und Feen-Angelegenheiten, die er willig uebernahm.
+
+Indessen hatte sich ein kleiner kristallner Wagen, mit zwei
+schimmernden Libellen bespannt, die der Silberfasan fuehrte, aus den
+Lueften hinabgesenkt.
+
+"Lebt wohl - lebt wohl!" rief Prosper Alpanus, stieg in den Wagen
+und schwebte empor ueber die flammenden Regenbogen hinweg, bis sein
+Fuhrwerk zuletzt in den hoechsten Lueften erschien wie ein kleiner
+funkelnder Stern, der sich endlich hinter den Wolken verbarg.
+
+"Schoene Mongolfiere," schnarchte Mosch Terpin und versank, von der
+Kraft des Weines uebermannt, in tiefen Schlaf.
+
+- Balthasar, der Lehren des Prosper Alpanus eingedenk, den Besitz
+des wunderbaren Landhauses wohl nutzend, wurde in der Tat ein guter
+Dichter, und da die uebrigen Eigenschaften, die Prosper ruecksichts
+der holden Candida an dem Besitztum geruehmt, sich ganz und gar
+bewaehrten, Candida auch niemals den Halsschmuck, den ihr das
+Stiftsfraeulein von Rosenschoen als Hochzeitsgabe beschert, ablegte,
+so konnt' es nicht fehlen, dass Balthasar die gluecklichste Ehe in
+aller Wonne und Herrlichkeit fuehrte, wie sie nur jemals ein Dichter
+mit einer huebschen jungen Frau gefuehrt haben mag -
+
+So hat aber das Maerchen von Klein Zaches genannt Zinnober nun
+wirklich ganz und gar ein froehliches
+
+ Ende.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KLEIN ZACHES, GENANNT ZINNOBER ***
+
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+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
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+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
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+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
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+Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92,
+91 or 90
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+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
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+Information about Project Gutenberg (one page)
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
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