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diff --git a/9200-8.txt b/9200-8.txt new file mode 100644 index 0000000..f0afca6 --- /dev/null +++ b/9200-8.txt @@ -0,0 +1,4371 @@ +Project Gutenberg's Klein Zaches, genannt Zinnober, by E. T. A. Hoffmann + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most +other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of +the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have +to check the laws of the country where you are located before using this ebook. + +Title: Klein Zaches, genannt Zinnober + +Author: E. T. A. Hoffmann + +Posting Date: October 3, 2014 [EBook #9200] +Release Date: October, 2005 +First Posted: September 15, 2003 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KLEIN ZACHES, GENANNT ZINNOBER *** + + + + +Produced by Gerd Bouillon from files at Projekt Gutenberg-DE. + + + + + + + + + + +Klein Zaches +genannt Zinnober + +Ein Märchen + +E.T.A. Hoffmann + + + + + + + +Erstes Kapitel: Der kleine Wechselbalg. - Dringende Gefahr einer + Pfarrersnase. - Wie Fürst Paphnutius in seinem Lande die + Aufklärung einführte und die Fee Rosabelverde in ein Fräuleinstift + kam. + +Zweites Kapitel: Von der unbekannten Völkerschaft, die der Gelehrte + Ptolomäus Philadelphus auf seinen Reisen entdeckte. - Die + Universität Kerepes. - Wie dem Studenten Fabian ein Paar + Reitstiefel um den Kopf flogen und der Professor Mosch Terpin den + Studenten Balthasar zum Tee einlud. + +Drittes Kapitel: Wie Fabian nicht wußte, was er sagen sollte. - + Candida und Jungfrauen, die nicht Fische essen dürfen. - Mosch + Terpins literarischer Tee. - Der junge Prinz. + +Viertes Kapitel: Wie der italienische Geiger Sbiocca den Herrn + Zinnober in den Kontrabaß zu werfen drohte, und der Referendarius + Pulcher nicht zu auswärtigen Angelegenheiten gelangen konnte. - + Von Maut-Offizianten und zurückbehaltenen Wundern fürs Haus. - + Balthasars Bezauberung durch einen Stockknopf. + +Fünftes Kapitel: Wie Fürst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger + Goldwasser frühstückte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose + bekam und den Geheimen Sekretär Zinnober zum Geheimen Spezialrat + erhob. - Die Bilderbücher des Doktors Prosper Alpanus. - Wie + ein Portier den Studenten Fabian in den Finger biß, dieser ein + Schleppkleid trug und deshalb verhöhnt wurde. - Balthasars Flucht. + +Sechstes Kapitel: Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem + Garten frisiert wurde und im Grase ein Taubad nahm. - Der + Orden des grüngefleckten Tigers. - Glücklicher Einfall eines + Theaterschneiders. - Wie das Fräulein von Rosenschön sich + mit Kaffee begoß und Prosper Alpanus ihr seine Freundschaft + versicherte. + +Siebentes Kapitel: Wie der Professor Mosch Terpin im fürstlichen + Weinkeller die Natur erforschte. - Mycetes Belzebub. - + Verzweiflung des Studenten Balthasar. - Vorteilhafter Einfluß + eines wohleingerichteten Landhauses auf das häusliche Glück. - Wie + Prosper Alpanus dem Balthasar eine schildkrötene Dose überreichte + und davonritt. + +Achtes Kapitel: Wie Fabian seiner langen Rockschöße halber für einen + Sektierer und Tumultuanten gehalten wurde. - Wie Fürst Barsanuph + hinter den Kaminschirm trat und den Generaldirektor der + natürlichen Angelegenheiten kassierte. - Zinnobers Flucht aus + Mosch Terpins Hause. - Wie Mosch Terpin auf einem Sommervogel + ausreiten und Kaiser werden wollte, dann aber zu Bette ging. + +Neuntes Kapitel: Verlegenheit eines treuen Kammerdieners. - Wie die + alte Liese eine Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober + auf der Flucht ausglitschte. - Auf welche merkwürdige Weise der + Leibarzt des Fürsten Zinnobers jähen Tod erklärte. - Wie Fürst + Barsanuph sich betrübte, Zwiebeln aß, und wie Zinnobers Verlust + unersetzlich blieb. + +Letztes Kapitel: Wehmütige Bitten des Autors. - Wie der Professor + Mosch Terpin sich beruhigte und Candida niemals verdrießlich + werden konnte. - Wie ein Goldkäfer dem Doktor Prosper Alpanus + etwas ins Ohr summte, dieser Abschied nahm und Balthasar eine + glückliche Ehe führte. + + + +Erstes Kapitel + +Der kleine Wechselbalg. - Dringende Gefahr einer Pfarrersnase. - Wie +Fürst Paphnutius in seinem Lande die Aufklärung einführte und die Fee +Rosabelverde in ein Fräuleinstift kam. + +Unfern eines anmutigen Dorfes, hart am Wege, lag auf dem von der +Sonnenglut erhitzten Boden hingestreckt ein armes zerlumptes +Bauerweib. Vom Hunger gequält, vor Durst lechzend, ganz verschmachtet, +war die Unglückliche unter der Last des im Korbe hoch aufgetürmten +dürren Holzes, das sie im Walde unter den Bäumen und Sträuchern mühsam +aufgelesen, niedergesunken, und da sie kaum zu atmen vermochte, +glaubte sie nicht anders, als daß sie nun wohl sterben, so sich aber +ihr trostloses Elend auf einmal enden werde. Doch gewann sie bald +so viel Kraft, die Stricke, womit sie den Holzkorb auf ihrem Rücken +befestigt, loszunesteln und sich langsam heraufzuschieben auf einen +Grasfleck, der gerade in der Nähe stand. Da brach sie nun aus in laute +Klagen: "Muß," jammerte sie, "muß mich und meinen armen Mann allein +denn alle Not und alles Elend treffen? Sind wir denn nicht im ganzen +Dorfe die einzigen, die aller Arbeit, alles sauer vergessenen +Schweißes ungeachtet in steter Armut bleiben und kaum so viel +erwerben, um unsern Hunger zu stillen? - Vor drei Jahren, als mein +Mann beim Umgraben unseres Gartens die Goldstücke in der Erde fand, +ja, da glaubten wir, das Glück sei endlich eingekehrt bei uns und nun +kämen die guten Tage; aber was geschah! - Diebe stahlen das Geld, +Haus und Scheune brannten uns über dem Kopfe weg, das Getreide auf +dem Acker zerschlug der Hagel, und um das Maß unseres Herzeleids +vollzumachen bis über den Rand, strafte uns der Himmel noch mit diesem +kleinen Wechselbalg, den ich zu Schand' und Spott des ganzen Dorfs +gebar. - Zu St.-Laurenztag ist nun der Junge drittehalb Jahre gewesen +und kann auf seinen Spinnenbeinchen nicht stehen, nicht gehen und +knurrt und miaut, statt zu reden, wie eine Katze. Und dabei frißt die +unselige Mißgeburt wie der stärkste Knabe von wenigstens acht Jahren, +ohne daß es ihm im mindesten was anschlägt. Gott erbarme sich über ihn +und über uns, daß wir den Jungen großfüttern müssen uns selbst zur +Qual und größerer Not; denn essen und trinken immer mehr und mehr wird +der kleine Däumling wohl, aber arbeiten sein Lebetage nicht! Nein, +nein, das ist mehr als ein Mensch aushalten kann auf dieser Erde! - +Ach könnt' ich nur sterben - nur sterben!" Und damit fing die Arme an +zu weinen und zu schluchzen, bis sie endlich, vom Schmerz übermannt, +ganz entkräftet einschlief. - + +Mit Recht konnte das Weib über den abscheulichen Wechselbalg klagen, +den sie vor drittehalb Jahren geboren. Das, was man auf den ersten +Blick sehr gut für ein seltsam verknorpeltes Stückchen Holz +hätte ansehen können, war nämlich ein kaum zwei Spannen hoher, +mißgestalteter Junge, der von dem Korbe, wo er querüber gelegen, +heruntergekrochen, sich jetzt knurrend im Grase wälzte. Der Kopf stak +dem Dinge tief zwischen den Schultern, die Stelle des Rückens vertrat +ein kürbisähnlicher Auswuchs, und gleich unter der Brust hingen +die haselgertdünnen Beinchen herab, daß der Junge aussah wie ein +gespalteter Rettich. Vom Gesicht konnte ein stumpfes Auge nicht viel +entdecken, schärfer hinblickend, wurde man aber wohl die lange spitze +Nase, die aus schwarzen struppigen Haaren hervorstarrte, und ein Paar +kleine, schwarz funkelnde Äuglein gewahr, die, zumal bei den übrigens +ganz alten, eingefurchten Zügen des Gesichts, ein klein Alräunchen +kundzutun schienen. - + +Als nun, wie gesagt, das Weib über ihren Gram in tiefen Schlaf +gesunken war und ihr Söhnlein sich dicht an sie herangewälzt hatte, +begab es sich, daß das Fräulein von Rosenschön, Dame des nahegelegenen +Stifts, von einem Spaziergange heimkehrend, des Weges daherwandelte. +Sie blieb stehen und wurde, da sie von Natur fromm und mitleidig, +bei dem Anblick des Elends, der sich ihr darbot, sehr gerührt. "O du +gerechter Himmel," fing sie an, "wieviel Jammer und Not gibt es doch +auf dieser Erde! - Das unglückliche Weib! - Ich weiß, daß sie kaum das +liebe Leben hat, da arbeitet sie über ihre Kräfte und ist vor Hunger +und Kummer hingesunken! - Wie fühle ich jetzt erst recht empfindlich +meine Armut und Ohnmacht! Ach, könnt' ich doch nur helfen, wie ich +wollte! - Doch das, was mir noch übrig blieb, die wenigen Gaben, die +das feindselige Verhängnis mir nicht zu rauben, nicht zu zerstören +vermochte, die mir noch zu Gebote stehen, die will ich kräftig und +getreu nützen, um dem Leidwesen zu steuern. Geld, hätte ich auch +darüber zu gebieten, würde dir gar nichts helfen, arme Frau, sondern +deinen Zustand vielleicht noch gar verschlimmern. Dir und deinem Mann, +euch beiden ist nun einmal Reichtum nicht beschert, und wem Reichtum +nicht beschert ist, dem verschwinden die Goldstücke aus der Tasche, +er weiß selbst nicht wie, er hat davon nichts als großen Verdruß und +wird, je mehr Geld ihm zuströmt, nur desto ärmer. Aber ich weiß es, +mehr als alle Armut, als alle Not, nagt an deinem Herzen, daß du jenes +kleine Untierchen gebarst, das sich wie eine böse unheimliche Last an +dich hängt, die du durch das Leben tragen mußt. - Groß - schön - stark +- verständig, ja, das alles kann der Junge nun einmal nicht werden, +aber es ist ihm vielleicht noch auf andere Weise zu helfen." - Damit +setzte sich das Fräulein nieder ins Gras und nahm den Kleinen auf den +Schoß. Das böse Alräunchen sträubte und spreizte sich, knurrte und +wollte das Fräulein in den Finger beißen, _die_ sprach aber: "Ruhig, +ruhig, kleiner Maikäfer!" und strich leise und linde mit der flachen +Hand ihm über den Kopf von der Stirn herüber bis in den Nacken. +Allmählich glättete sich während des Streichelns das struppige Haar +des Kleinen aus, bis es gescheitelt, an der Stirne fest anliegend, in +hübschen weichen Locken hinabwallte auf die hohen Schultern und den +Kürbisrücken. Der Kleine war immer ruhiger geworden und endlich fest +eingeschlafen. Da legte ihn das Fräulein Rosenschön behutsam dicht +neben der Mutter hin ins Gras, besprengte diese mit einem geistigen +Wasser aus dem Riechfläschchen, das sie aus der Tasche gezogen, und +entfernte sich dann schnellen Schrittes. + +Als die Frau bald darauf erwachte, fühlte sie sich auf wunderbare +Weise erquickt und gestärkt. Es war ihr, als habe sie eine tüchtige +Mahlzeit gehalten und einen guten Schluck Wein getrunken. "Ei," rief +sie aus, "wie ist mir doch in dem bißchen Schlaf so viel Trost, so +viel Munterkeit gekommen! - Aber die Sonne ist schon bald herab +hinter den Bergen, nun fort nach Hause!" - Damit wollte sie den Korb +aufpacken, vermißte aber, als sie hineinsah, den Kleinen, der in +demselben Augenblick sich aus dem Grase aufrichtete und weinerlich +quäkte. Als nun die Mutter sich nach ihm umschaute, schlug sie vor +Erstaunen die Hände zusammen und rief - "Zaches - Klein Zaches, wer +hat dir denn unterdessen die Haare so schön gekämmt! - Zaches - Klein +Zaches, wie hübsch würden dir die Locken kleiden, wenn du nicht solch +ein abscheulich garstiger Junge wärst! - Nun, komm nur, komm! - hinein +in den Korb!" Sie wollte ihn fassen und quer über das Holz legen, da +strampelte aber Klein Zaches mit den Beinen, grinste die Mutter an und +miaute sehr vernehmlich: "Ich mag nicht!" - "Zaches! - Klein Zaches!" +schrie die Frau ganz außer sich, "wer hat dich denn unterdessen reden +gelehrt? Nun! wenn du solch schön gekämmte Haare hast, wenn du so +artig redest, so wirst du auch wohl laufen können." Die Frau huckte +den Korb auf den Rücken, Klein Zaches hing sich an ihre Schürze, und +so ging es fort nach dem Dorfe. + +Sie mußten bei dem Pfarrhause vorüber, da begab es sich, daß der +Pfarrer mit seinem jüngsten Knaben, einem bildschönen goldlockigen +Jungen von drei Jahren, in seiner Haustüre stand. Als der nun die Frau +mit dem schweren Holzkorbe und mit Klein Zaches, der an ihrer Schürze +baumelte, daherkommen sah, rief er ihr entgegen: "Guten Abend, Frau +Liese, wie geht es Euch - Ihr habt ja eine gar zu schwere Bürde +geladen, Ihr könnt ja kaum mehr fort, kommt her, ruht Euch ein wenig +aus auf dieser Bank vor meiner Türe, meine Magd soll Euch einen +frischen Trunk reichen!" - Frau Liese ließ sich das nicht zweimal +sagen, sie setzte ihren Korb ab und wollte eben den Mund öffnen, um +dem ehrwürdigen Herrn all ihren Jammer, ihre Not zu klagen, als Klein +Zaches bei der raschen Wendung der Mutter das Gleichgewicht verlor und +dem Pfarrer vor die Füße flog. Der bückte sich rasch nieder und hob +den Kleinen auf, indem er sprach: "Ei, Frau Liese, Frau Liese, was +habt Ihr da für einen bildschönen allerliebsten Knaben! Das ist ja +ein wahrer Segen des Himmels, ein solch wunderbar schönes Kind zu +besitzen." Und damit nahm er den Kleinen in die Arme und liebkoste ihn +und schien es gar nicht zu bemerken, daß der unartige Däumling gar +häßlich knurrte und mauzte und den ehrwürdigen Herrn sogar in die +Nase beißen wollte. Aber Frau Liese stand ganz verblüfft vor dem +Geistlichen und schaute ihn an mit aufgerissenen starren Augen und +wußte gar nicht, was sie denken sollte. "Ach, lieber Herr Pfarrer," +begann sie endlich mit weinerlicher Stimme, "ein Mann Gottes, wie Sie, +treibt doch wohl nicht seinen Spott mit einem armen unglücklichen +Weibe, das der Himmel, mag er selbst wissen warum, mit diesem +abscheulichen Wechselbalge gestraft hat!" "Was spricht," erwiderte +der Geistliche sehr ernst, "was spricht Sie da für tolles Zeug, liebe +Frau! von Spott - Wechselbalg - Strafe des Himmels - ich verstehe Sie +gar nicht und weiß nur, daß Sie ganz verblendet sein muß, wenn Sie +Ihren hübschen Knaben nicht recht herzlich liebt. - Küsse mich, +artiger kleiner Mann!" - Der Pfarrer herzte den Kleinen, aber Zaches +knurrte: "Ich mag nicht!" und schnappte aufs neue nach des Geistlichen +Nase. - "Seht die arge Bestie!" rief Liese erschrocken; aber in dem +Augenblick sprach der Knabe des Pfarrers: "Ach, lieber Vater, du bist +so gut, du tust so schön mit den Kindern, die müssen wohl alle dich +recht herzlich lieb haben!" "O hört doch nur," rief der Pfarrer, indem +ihm die Augen vor Freude glänzten, "O hört doch nur, Frau Liese, +den hübschen verständigen Knaben, Euren lieben Zaches, dem Ihr so +übelwollt. Ich merk' es schon, Ihr werdet Euch nimmermehr was aus +dem Knaben machen, sei er auch noch so hübsch und verständig. Hört, +Frau Liese, überlaßt mir Euer hoffnungsvolles Kind zur Pflege und +Erziehung. Bei Eurer drückenden Armut ist Euch der Knabe nur eine +Last, und mir macht es Freude, ihn zu erziehen wie meinen eignen +Sohn!" - + +Liese konnte vor Erstaunen gar nicht zu sich selbst kommen, ein Mal +über das andere rief sie: "Aber, lieber Herr Pfarrer - lieber Herr +Pfarrer, ist denn das wirklich Ihr Ernst, daß Sie die kleine Ungestalt +zu sich nehmen und erziehen und mich von der Not befreien wollen, +die ich mit dem Wechselbalg habe?" - Doch, je mehr die Frau die +abscheuliche Häßlichkeit ihres Alräunchens dem Pfarrer vorhielt, desto +eifriger behauptete dieser, daß sie in ihrer tollen Verblendung gar +nicht verdiene, vom Himmel mit dem herrlichen Geschenk eines solchen +Wunderknaben gesegnet zu sein, bis er zuletzt ganz zornig mit Klein +Zaches auf dem Arm hineinlief in das Haus und die Türe von innen +verriegelte. + +Da stand nun Frau Liese wie versteinert vor des Pfarrers Haustüre und +wußte gar nicht, was sie von dem allem denken sollte. "Was um aller +Welt willen," sprach sie zu sich selbst, "ist denn mit unserm würdigen +Herrn Pfarrer geschehen, daß er in meinen Klein Zaches so ganz und +gar vernarrt ist und den einfältigen Knirps für einen hübschen, +verständigen Knaben hält? - Nun! helfe Gott dem lieben Herrn, er +hat mir die Last von den Schultern genommen und sie sich selbst +aufgeladen, mag er nun zusehen, wie er sie trägt! - Hei! wie leicht +geworden ist nun der Holzkorb, da Klein Zaches nicht mehr darauf sitzt +und mit ihm die schwerste Sorge!" - + +Damit schritt Frau Liese, den Holzkorb auf dem Rücken, lustig und +guter Dinge fort ihres Weges! - - + +Wollte ich auch zurzeit noch gänzlich darüber schweigen, du würdest, +günstiger Leser, dennoch wohl ahnen, daß es mit dem Stiftsfräulein von +Rosenschön, oder wie sie sich sonst nannte, Rosengrünschön, eine ganz +besondere Bewandtnis haben müsse. Denn nichts anders war es wohl, als +die geheimnisvolle Wirkung ihres Kopfstreichelns und Haarausglättens, +daß Klein Zaches von dem gutmütigen Pfarrer für ein schönes und +kluges Kind angesehn und gleich wie sein eignes aufgenommen wurde. +Du könntest, lieber Leser, aber doch, trotz deines vortrefflichen +Scharfsinns, in falsche Vermutungen geraten oder gar zum großen +Nachteil der Geschichte viele Blätter überschlagen, um nur gleich mehr +von dem mystischen Stiftsfräulein zu erfahren; besser ist es daher +wohl, ich erzähle dir gleich alles, was ich selbst von der würdigen +Dame weiß. + +Fräulein von Rosenschön war von großer Gestalt, edlem majestätischen +Wuchs und etwas stolzem, gebietendem Wesen. Ihr Gesicht, mußte man es +gleich vollendet schön nennen, machte, zumal wenn sie wie gewöhnlich +in starrem Ernst vor sich hinschaute, einen seltsamen, beinahe +unheimlichen Eindruck, was vorzüglich einem ganz besondern fremden +Zuge zwischen den Augenbrauen zuzuschreiben, von dem man durchaus +nicht recht wußte, ob ein Stiftsfräulein dergleichen wirklich auf der +Stirne tragen könne. Dabei lag aber auch oft, vorzüglich zur Rosenzeit +bei heiterm schönen Wetter, so viel Huld und Anmut in ihrem Blick, daß +jeder sich von süßem unwiderstehlichen Zauber befangen fühlte. Als ich +die Gnädige zum ersten- und letztenmal zu schauen das Vergnügen hatte, +war sie dem Ansehen nach eine Frau in der höchsten, vollendetsten +Blüte ihrer Jahre, auf der höchsten Spitze des Wendepunktes, und ich +meinte, daß mir großes Glück beschieden, die Dame noch eben auf dieser +Spitze zu erblicken und über ihre wunderbare Schönheit gewissermaßen +zu erschrecken, welches sich dann sehr bald nicht mehr würde zutragen +können. Ich war im Irrtum. Die ältesten Leute im Dorf versicherten, +daß sie das gnädige Fräulein gekannt hätten schon so lange als sie +dächten, und daß die Dame niemals anders ausgesehen habe, nicht älter, +nicht jünger, nicht häßlicher, nicht hübscher als eben jetzt. Die Zeit +schien also keine Macht zu haben über sie, und schon dieses konnte +manchem verwunderlich vorkommen. Aber noch manches andere trat hinzu, +worüber sich jeder, überlegte er es recht ernstlich, ebensosehr +wundern, ja zuletzt aus der Verwunderung, in die er verstrickt, gar +nicht herauskommen mußte. Fürs erste offenbarte sich ganz deutlich +bei dem Fräulein die Verwandtschaft mit den Blumen, deren Namen sie +trug. Denn nicht allein, daß kein Mensch auf Erden solche herrliche +tausendblättrige Rosen zu ziehen vermochte, als sie, so sprießten auch +aus dem schlechtesten dürresten Dorn, den sie in die Erde steckte, +jene Blumen in der höchsten Fülle und Pracht hervor. Dann war es +gewiß, daß sie auf einsamen Spaziergängen im Walde laute Gespräche +führte mit wunderbaren Stimmen, die aus den Bäumen, aus den Büschen, +aus den Quellen und Bächen zu tönen schienen. Ja, ein junger +Jägersmann hatte sie belauscht, wie sie einmal mitten im dicksten +Gehölz stand und seltsame Vögel mit buntem glänzenden Gefieder, die +gar nicht im Lande heimisch, sie umflatterten und liebkosten und +in lustigem Singen und Zwitschern ihr allerlei fröhliche Dinge zu +erzählen schienen, worüber sie lachte und sich freute. Daher kam es +denn auch, daß Fräulein von Rosenschön zu jener Zeit, als sie in das +Stift gekommen, bald die Aufmerksamkeit aller Leute in der Gegend +anregte. Ihre Aufnahme in das Fräuleinstift hatte der Fürst befohlen; +der Baron Prätextatus von Mondschein, Besitzer des Gutes, in dessen +Nähe jenes Stift lag, dem er als Verweser vorstand, konnte daher +nichts dagegen einwenden, ungeachtet ihn die entsetzlichsten Zweifel +quälten. Vergebens war nämlich sein Mühen geblieben, in Rixners +Turnierbuch und andern Chroniken die Familie Rosengrünschön +aufzufinden. Mit Recht zweifelte er aus diesem Grunde an der +Stiftsfähigkeit des Fräuleins, die keinen Stammbaum mit zweiunddreißig +Ahnen aufzuweisen hatte, und bat sie zuletzt ganz zerknirscht, die +hellen Tränen in den Augen, doch sich um des Himmels willen wenigstens +nicht Rosengrünschön, sondern Rosenschön zu nennen, denn in diesem +Namen sei doch noch einiger Verstand und ein Ahnherr möglich. - Sie +tat ihm das zu Gefallen. - Vielleicht äußerte sich des gekränkten +Prätextatus Groll gegen das ahnenlose Fräulein auf diese - jene Weise +und gab zuerst Anlaß zu der bösen Nachrede, die sich immer mehr und +mehr im Dorfe verbreitete. Zu jenen zauberhaften Unterhaltungen im +Walde, die indessen sonst nichts auf sich hatten, kamen nämlich +allerlei bedenkliche Umstände, die von Mund zu Mund gingen und des +Fräuleins eigentliches Wesen in gar zweideutiges Licht stellten. +Mutter Anne, des Schulzen Frau, behauptete keck, daß, wenn das +Fräulein stark zum Fenster heraus niese, allemal die Milch im ganzen +Dorfe sauer würde. Kaum hatte sich dies aber bestätigt, als sich das +Schreckliche begab. Schulmeisters Michel hatte in der Stiftsküche +gebratene Kartoffeln genascht und war von dem Fräulein darüber +betroffen worden, die ihm lächelnd mit dem Finger drohte. Da war dem +Jungen das Maul offen stehen geblieben, gerade als hätt' er eine +gebratene brennende Kartoffel darin sitzen immerdar, und er mußte +fortan einen Hut mit vorstehender breiter Krempe tragen, weil es sonst +dem Armen ins Maul geregnet hätte. Bald schien es gewiß zu sein, daß +das Fräulein sich darauf verstand, Feuer und Wasser zu besprechen, +Sturm und Hagelwolken zusammenzutreiben, Weichselzöpfe zu flechten +etc., und niemand zweifelte an der Aussage des Schafhirten, der zur +Mitternachtsstunde mit Schauer und Entsetzen gesehen haben wollte, wie +das Fräulein auf einem Besen brausend durch die Lüfte fuhr, vor ihr +her ein ungeheurer Hirschkäfer, zwischen dessen Hörnern blaue Flammen +hoch aufleuchteten! - Nun kam alles in Aufruhr, man wollte der Hexe +zu Leibe, und die Dorfgerichte beschlossen nichts Geringeres, als das +Fräulein aus dem Stift zu holen und sie ins Wasser zu werfen, damit +sie die gewöhnliche Hexenprobe bestehe. Der Baron Prätextatus ließ +alles geschehen und sprach lächelnd zu sich selbst: "So geht es +simplen Leuten ohne Ahnen, die nicht von solch altem guten Herkommen +sind, wie der Mondschein." Das Fräulein, unterrichtet von dem +bedrohlichen Unwesen, flüchtete nach der Residenz, und bald darauf +erhielt der Baron Prätextatus einen Kabinettsbefehl vom Fürsten des +Landes, mittelst dessen ihm bekannt gemacht, daß es keine Hexen +gäbe, und befohlen wurde, die Dorfgerichte für die naseweise Gier, +Schwimmkünste eines Stiftsfräuleins zu schauen, in den Turm werfen, +den übrigen Bauern und ihren Weibern aber andeuten zu lassen, bei +empfindlicher Leibesstrafe von dem Fräulein Rosenschön nicht schlecht +zu denken. Sie gingen in sich, fürchteten sich vor der angedrohten +Strafe und dachten fortan gut von dem Fräulein, welches für beide, +für das Dorf und für die Dame Rosenschön, die ersprießlichsten Folgen +hatte. + +In dem Kabinett des Fürsten wußte man recht gut, daß das Fräulein von +Rosenschön niemand anders war, als die sonst berühmte weltbekannte Fee +Rosabelverde. Es hatte mit der Sache folgende Bewandtnis: + +Auf der ganzen weiten Erde war wohl sonst kaum ein anmutigeres Land zu +finden, als das kleine Fürstentum, worin das Gut des Baron Prätextatus +von Mondschein lag, worin das Fräulein von Rosenschön hauste, kurz, +worin sich das alles begab, was ich dir, geliebter Leser, des +breiteren zu erzählen eben im Begriff stehe. + +Von einem hohen Gebirge umschlossen, glich das Ländchen mit seinen +grünen, duftenden Wäldern, mit seinen blumigen Auen, mit seinen +rauschenden Strömen und lustig plätschernden Springquellen, zumal da +es gar keine Städte, sondern nur freundliche Dörfer und hin und wieder +einzeln stehende Paläste darin gab, einem wunderbar herrlichen Garten, +in dem die Bewohner wie zu ihrer Lust wandelten, frei von jeder +drückenden Bürde des Lebens. Jeder wußte, daß Fürst Demetrius das Land +beherrsche; niemand merkte indessen das mindeste von der Regierung, +und alle waren damit gar wohl zufrieden. Personen, die die volle +Freiheit in all ihrem Beginnen, eine schöne Gegend, ein mildes Klima +liebten, konnten ihren Aufenthalt gar nicht besser wählen als in dem +Fürstentum, und so geschah es denn, daß unter andern auch verschiedene +vortreffliche Feen von der guten Art, denen Wärme und Freiheit +bekanntlich über alles geht, sich dort angesiedelt hatten. Ihnen +mocht' es zuzuschreiben sein, daß sich beinahe in jedem Dorfe, +vorzüglich aber in den Wäldern sehr oft die angenehmsten Wunder +begaben und daß jeder, von dem Entzücken, von der Wonne dieser Wunder +ganz umflossen, völlig an das Wunderbare glaubte und, ohne es selbst +zu wissen, eben deshalb ein froher, mithin guter Staatsbürger blieb. +Die guten Feen, die sich in freier Willkür ganz dschinnistanisch +eingerichtet, hätten dem vortrefflichen Demetrius gern ein ewiges +Leben bereitet. Das stand indessen nicht in ihrer Macht. Demetrius +starb, und ihm folgte der junge Paphnutius in der Regierung. +Paphnutius hatte schon zu Lebzeiten seines Herrn Vaters einen stillen +innerlichen Gram darüber genährt, daß Volk und Staat nach seiner +Meinung auf die heilloseste Weise vernachlässigt, verwahrlost wurde. +Er beschloß zu regieren und ernannte sofort seinen Kammerdiener +Andres, der ihm einmal, als er im Wirtshause hinter den Bergen seine +Börse liegen lassen, sechs Dukaten geborgt und dadurch aus großer Not +gerissen hatte, zum ersten Minister des Reichs. "Ich will regieren, +mein Guter!" rief ihm Paphnutius zu. Andres las in den Blicken +seines Herrn, was in ihm vorging, warf sich ihm zu Füßen und sprach +feierlich: "Sire! die große Stunde hat geschlagen! - durch Sie steigt +schimmernd ein Reich aus mächtigem Chaos empor! - Sire! hier fleht +der treueste Vasall, tausend Stimmen des armen unglücklichen Volks +in Brust und Kehle! - Sire! - führen Sie die Aufklärung ein!" - +Paphnutius fühlte sich durch und durch erschüttert von dem erhabenen +Gedanken seines Ministers. Er hob ihn auf, riß ihn stürmisch an seine +Brust und sprach schluchzend: "Minister - Andres - ich bin dir sechs +Dukaten schuldig - noch mehr - mein Glück - mein Reich! - o treuer, +gescheuter Diener!" - + +Paphnutius wollte sofort ein Edikt mit großen Buchstaben drucken und +an allen Ecken anschlagen lassen, daß von Stund' an die Aufklärung +eingeführt sei und ein jeder sich darnach zu achten habe. "Bester +Sire!" rief indessen Andres, "bester Sire! so geht es nicht!" - "Wie +geht es denn, mein Guter?" sprach Paphnutius, nahm seinen Minister +beim Knopfloch und zog ihn hinein in das Kabinett, dessen Türe er +abschloß. + +"Sehen Sie," begann Andres, als er seinem Fürsten gegenüber auf einem +kleinen Taburett Platz genommen, "sehen Sie, gnädigster Herr! - die +Wirkung Ihres fürstlichen Edikts wegen der Aufklärung würde vielleicht +verstört werden auf häßliche Weise, wenn wir nicht damit eine Maßregel +verbinden, die zwar hart scheint, die indessen die Klugheit gebietet. +- Ehe wir mit der Aufklärung vorschreiten, d. h. ehe wir die Wälder +umhauen, den Strom schiffbar machen, Kartoffeln anbauen, die +Dorfschulen verbessern, Akazien und Pappeln anpflanzen, die Jugend ihr +Morgen- und Abendlied zweistimmig absingen, Chausseen anlegen und die +Kuhpocken einimpfen lassen, ist es nötig, alle Leute von gefährlichen +Gesinnungen, die keiner Vernunft Gehör geben und das Volk durch lauter +Albernheiten verführen, aus dem Staate zu verbannen - Sie haben +Tausendundeine Nacht gelesen, bester Fürst, denn ich weiß, daß Ihr +durchlauchtig seliger Herr Papa, dem der Himmel eine sanfte Ruhe im +Grabe schenken möge, dergleichen fatale Bücher liebte und Ihnen, als +Sie sich noch der Steckenpferde bedienten und vergoldete Pfefferkuchen +verzehrten, in die Hände gab. Nun also! - Aus jenem völlig konfusen +Buche werden Sie, gnädigster Herr, wohl die sogenannten Feen kennen, +gewiß aber nicht ahnen, daß sich verschiedene von diesen gefährlichen +Personen in Ihrem eignen lieben Lande hier ganz in der Nähe Ihres +Palastes angesiedelt haben und allerlei Unfug treiben." "Wie? - was +sagt Er? - Andres! Minister! - Feen! - hier in meinem Lande?" - So +rief Fürst, indem er ganz erblaßt in die Stuhllehne zurücksank. - +"Ruhig, mein gnädigster Herr," fuhr Andres fort, "ruhig können wir +bleiben, sobald wir mit Klugheit gegen jene Feinde der Aufklärung zu +Felde ziehen. Ja! - Feinde der Aufklärung nenne ich sie, denn nur sie +sind, die Güte Ihres seligen Herrn Papas mißbrauchend, daran schuld, +daß der liebe Staat noch in gänzlicher Finsternis darniederliegt. Sie +treiben ein gefährliches Gewerbe mit dem Wunderbaren und scheuen sich +nicht, unter dem Namen Poesie ein heimliches Gift zu verbreiten, das +die Leute ganz unfähig macht zum Dienste in der Aufklärung. Dann haben +sie solche unleidliche polizeiwidrige Gewohnheiten, daß sie schon +deshalb in keinem kultivierten Staate geduldet werden dürften. So z.B. +entblöden sich die Frechen nicht, sowie es ihnen einfällt, in den +Lüften spazieren zu fahren mit vorgespannten Tauben, Schwänen, ja +sogar geflügelten Pferden. Nun frage ich aber, gnädigster Herr, +verlohnt es sich der Mühe, einen gescheuten Akzisetarif zu entwerfen +und einzuführen, wenn es Leute im Staate gibt, die imstande sind, +jedem leichtsinnigen Bürger unversteuerte Waren in den Schornstein +zu werfen, wie sie nur wollen? - Darum, gnädigster Herr, - sowie die +Aufklärung angekündigt wird, fort mit den Feen! - Ihre Paläste werden +umzingelt von der Polizei, man nimmt ihnen ihre gefährliche Habe und +schafft sie als Vagabonden fort nach ihrem Vaterlande, welches, wie +Sie, gnädigster Herr, aus Tausendundeiner Nacht wissen werden, das +Ländchen Dschinnistan ist." "Gehen Posten nach diesem Lande, Andres?" +so fragte der Fürst. "Zurzeit nicht," erwiderte Andres, "aber +vielleicht läßt sich nach eingeführter Aufklärung eine Journaliere +dorthin mit Nutzen einrichten." - "Aber Andres," fuhr der Fürst fort, +"wird man unser Verfahren gegen die Feen nicht hart finden? - Wird das +verwöhnte Volk nicht murren?" - "Auch dafür," sprach Andres, "auch +dafür weiß ich ein Mittel. Nicht alle Feen, gnädigster Herr, wollen +wir fortschicken nach Dschinnistan, sondern einige im Lande behalten, +sie aber nicht allein aller Mittel berauben, der Aufklärung schädlich +zu werden, sondern auch zweckdienliche Mittel anwenden, sie zu +nützlichen Mitgliedern des aufgeklärten Staats umzuschaffen. Wollen +sie sich nicht auf solide Heiraten einlassen, so mögen sie unter +strenger Aufsicht irgendein nützliches Geschäft treiben, Socken +stricken für die Armee, wenn es Krieg gibt, oder sonst. Geben Sie +acht, gnädigster Herr, die Leute werden sehr bald an die Feen, wenn +sie unter ihnen wandeln, gar nicht mehr glauben, und das ist das +beste. So gibt sich alles etwanige Murren von selbst. - Was übrigens +die Utensilien der Feen betrifft, so fallen sie der fürstlichen +Schatzkammer heim, die Tauben und Schwäne werden als köstliche Braten +in die fürstliche Küche geliefert, mit den geflügelten Pferden kann +man aber auch Versuche machen, sie zu kultivieren und zu bilden zu +nützlichen Bestien, indem man ihnen die Flügel abschneidet und sie +zur Stallfütterung gibt, die wir doch hoffentlich zugleich mit der +Aufklärung einführen werden." - + +Paphnutius war mit allen Vorschlägen seines Ministers auf das höchste +zufrieden, und schon andern Tages wurde ausgeführt, was beschlossen +war. + +An allen Ecken prangte das Edikt wegen der eingeführten Aufklärung, +und zu gleicher Zeit brach die Polizei in die Paläste der Feen, nahm +ihr ganzes Eigentum in Beschlag und führte sie gefangen fort. + +Mag der Himmel wissen, wie es sich begab, daß die Fee Rosabelverde die +einzige von allen war, die wenige Stunden vorher, ehe die Aufklärung +hereinbrach, Wind davon bekam und die Zeit nutzte, ihre Schwäne +in Freiheit zu setzen, ihre magischen Rosenstöcke und andere +Kostbarkeiten beiseite zu schaffen. Sie wußte nämlich auch, daß sie +dazu erkoren war, im Lande zu bleiben, worin sie sich, wiewohl mit +großem Widerwillen, fügte. + +Überhaupt konnten es weder Paphnutius noch Andres begreifen, warum +die Feen, die nach Dschinnistan transportiert wurden, eine solche +übertriebene Freude äußerten und ein Mal über das andere versicherten, +daß ihnen an aller Habe, die sie zurücklassen müssen, nicht das +mindeste gelegen. "Am Ende," sprach Paphnutius entrüstet, "am Ende ist +Dschinnistan ein viel hübscherer Staat wie der meinige, und sie lachen +mich aus mitsamt meinem Edikt und meiner Aufklärung, die jetzt erst +recht gedeihen soll!" - + +Der Geograph sollte mit dem Historiker des Reichs über das Land +umständlich berichten. + +Beide stimmten darin überein, daß Dschinnistan ein erbärmliches Land +sei, ohne Kultur, Aufklärung, Gelehrsamkeit, Akazien und Kuhpocken, +eigentlich auch gar nicht existiere. Schlimmeres könne aber einem +Menschen oder einem ganzen Lande wohl nicht begegnen, als gar nicht zu +existieren. + +Paphnutius fühlte sich beruhigt. + +Als der schöne blumige Hain, in dem der verlassene Palast der Fee +Rosabelverde lag, umgehauen wurde, und beispielshalber Paphnutius +selbst sämtlichen Bauerlümmeln im nächsten Dorfe die Kuhpocken +eingeimpft hatte, paßte die Fee dem Fürsten in dem Walde auf, durch +den er mit dem Minister Andres nach seinem Schloß zurückkehren wollte. +Da trieb sie ihn mit allerlei Redensarten, vorzüglich aber mit einigen +unheimlichen Kuntstückchen, die sie vor der Polizei geborgen, dermaßen +in die Enge, daß er sie um des Himmels willen bat, doch mit einer +Stelle des einzigen und daher besten Fräuleinstifts im ganzen Lande +vorliebzunehmen, wo sie, ohne sich an das Aufklärungsedikt zu kehren, +schalten und walten könne nach Belieben. + +Die Fee Rosabelverde nahm den Vorschlag an und kam auf diese Weise in +das Fräuleinstift, wo sie sich, wie schon erzählt worden, das Fräulein +von Rosengrünschön, dann aber, auf dringendes Bitten des Baron +Prätextatus von Mondschein, das Fräulein von Rosenschön nannte. + + + +Zweites Kapitel + +Von der unbekannten Völkerschaft, die der Gelehrte Ptolomäus +Philadelphus auf seinen Reisen entdeckte. - Die Universität Kerepes. - +Wie dem Studenten Fabian ein Paar Reitstiefel um den Kopf flogen und +der Professor Mosch Terpin den Studenten Balthasar zum Tee einlud. + +In den vertrauten Briefen, die der weltberühmte Gelehrte Ptolomäus +Philadelphus an seinen Freund Rufin schrieb, als er sich auf weiten +Reisen befand, ist folgende merkwürdige Stelle enthalten: + +"Du weißt, mein lieber Rufin, daß ich nichts in der Welt so fürchte +und scheue, als die brennenden Sonnenstrahlen des Tages, welche +die Kräfte meines Körpers aufzehren und meinen Geist dermaßen +abspannen und ermatten, daß alle Gedanken in ein verworrenes Bild +zusammenfließen und ich vergebens darnach ringe, auch nur irgendeine +deutliche Gestaltung in meiner Seele zu erfassen. Ich pflege daher in +dieser heißen Jahreszeit des Tages zu ruhen, nachts aber meine Reise +fortzusetzen, und so befand ich mich dann auch in voriger Nacht auf +der Reise. Mein Fuhrmann hatte sich in der dicken Finsternis von dem +rechten, bequemen Wege verirrt und war unversehens auf die Chaussee +geraten. Ungeachtet ich aber durch die harten Stöße, die es hier gab, +in dem Wagen hin und her geschleudert wurde, so daß mein Kopf voller +Beulen einem mit Walnüssen gefüllten Sack nicht unähnlich war, +erwachte ich doch aus dem tiefen Schlafe, in den ich versunken, nicht +eher, bis ich mit einem entsetzlichen Ruck aus dem Wagen heraus auf +den harten Boden stürzte. Die Sonne schien mir hell ins Gesicht, und +durch den Schlagbaum, der dicht vor mir stand, gewahrte ich die hohen +Türme einer ansehnlichen Stadt. Der Fuhrmann lamentierte sehr, da +nicht allein die Deichsel, sondern auch ein Hinterrad des Wagens an +dem großen Stein, der mitten auf der Chaussee lag, gebrochen, und +schien sich wenig oder gar nicht um mich zu kümmern. Ich hielt, wie es +dem Weisen ziemt, meinen Zorn zurück und rief dem Kerl bloß sanftmütig +zu, er sei ein verfluchter Schlingel, er möge bedenken, daß Ptolomäus +Philadelphus, der berühmteste Gelehrte seiner Zeit, auf dem St- säße, +und Deichsel Deichsel und Rad Rad sein lassen. Du kennst, mein lieber +Rufin, die Gewalt, die ich über das menschliche Herz übe, und so +geschah es denn auch, daß der Fuhrmann augenblicklich aufhörte zu +lamentieren und mir mit Hülfe des Chausseeinnehmers, vor dessen +Häuslein sich der Unfall begeben, auf die Beine half. Ich hatte zum +Glück keinen sonderlichen Schaden gelitten und war imstande, langsam +auf der Straße fortzuwandeln, während der Fuhrmann den zerbrochenen +Wagen mühsam nachschleppte. Unfern des Tors der Stadt, die ich in +blauer Ferne gesehen, begegneten mir nun aber viele Leute von solch +wunderlichem Wesen und in solch seltsamer Kleidung, daß ich mir die +Augen rieb, um zu erforschen, ob ich wirklich wache oder ob nicht +vielleicht ein toller neckhafter Traum mich eben in ein fremdes +fabelhaftes Land versetze. - Diese Leute, die ich mit Recht für +Bewohner der Stadt, aus deren Tor ich sie kommen sah, halten durfte, +trugen lange, sehr weite Hosen, nach Art der Japaneser zugeschnitten, +von köstlichem Zeuge, Samt, Manchester, feinem Tuch oder auch wohl +bunt durchwirkter Leinwand, mit Tressen oder hübschen Bändern und +Schnüren reichlich besetzt, dazu kleine Kinderröcklein, kaum den +Unterleib bedeckend, meistens von sonnenheller Farbe, nur wenige +gingen schwarz. Die Haare hingen ungekämmt in natürlicher Wildheit auf +Schultern und Rücken herab, und auf dem Kopf saß ein kleines seltsames +Mützchen. Manche hatten den Hals ganz entblößt nach der Weise der +Türken und Neugriechen, andere dagegen trugen um Hals und Brust ein +Stückchen weiße Leinwand, beinahe einem Hemdekragen ähnlich, wie Du, +geliebter Rufin, sie auf den Bildern unserer Vorfahren gesehen haben +wirst. Ungeachtet diese Leute sämtlich sehr jung zu sein schienen, war +doch ihre Sprache tief und rauh, jede ihrer Bewegungen ungelenk, und +mancher hatte einen schmalen Schatten unter der Nase, als sitze dort +ein Stutzbärtchen. Aus den Hinterteilen der kleinen Röcke mancher +ragte ein langes Rohr hervor, an dem große seidene Quasten baumelten. +Andere hatten diese Röhre hervorgezogen und kleine - größere - +manchmal auch sehr große wunderlich geformte Köpfe unten daran +befestigt, aus denen sie, oben durch ein ganz spitz zulaufendes +Röhrchen hineinblasend, auf geschickte Weise künstliche Dampfwolken +aufsteigen zu lassen wußten. Andre trugen breite blitzende Schwerter +in den Händen, als wollten sie dem Feinde entgegenziehen; noch andere +hatten kleine Behältnisse von Leder oder Blech umgehängt oder über den +Rücken geschnallt. Du kannst denken, lieber Rufin, daß ich, der ich +durch sorgliches Betrachten jeder mir neuen Erscheinung mein Wissen +zu bereichern suche, stillstand und mein Auge fest auf die seltsamen +Leute heftete. Da versammelten sie sich um mich her, schrien ganz +gewaltig: 'Philister - Philister!' - und schlugen eine entsetzliche +Lache auf. - Das verdroß mich. Denn, geliebter Rufin, gibt es für +einen großen Gelehrten etwas Kränkenderes, als für einen von dem Volke +gehalten zu werden, das vor vielen tausend Jahren mittelst eines +Eselkinnbackens erschlagen wurde? - Ich nahm mich zusammen in der mir +angebornen Würde und sprach laut zu dem sonderbaren Volk um mich her, +daß ich hoffe, mich in einem zivilisierten Staat zu befinden, und +daß ich mich an Polizei und Gerichtshöfe wenden würde, um die mir +zugefügte Unbill zu rächen. Da brummten sie alle; auch die, die bisher +noch nicht gedampft, zogen die dazu bestimmten Maschinen aus der +Tasche, und alle bliesen mir die dicken Dampfwolken ins Gesicht, +welche, wie ich nun erst merkte, ganz unerträglich stanken und meine +Sinne betäubten. Dann spachen sie eine Art Fluch über mich aus, dessen +Worte ich ihrer Gräßlichkeit halber Dir, geliebter Rufin, gar nicht +wiederholen mag. Nur mit tiefem Grausen kann ich selbst daran denken. +Endlich verließen sie mich unter lautem Hohngelächter, und mir war's, +als wenn das Wort: Hetzpeitsche in den Lüften verhalle! - Mein +Fuhrmann, der alles mit angehört, mit angesehen, rang die Hände und +sprach: 'Ach mein lieber Herr! nun das geschehen ist, was geschah, so +gehen Sie beileibe nicht in jene Stadt hinein! Kein Hund, wie man zu +sagen pflegt, würde ein Stück Brot von Ihnen nehmen und stete Gefahr +Sie bedrohen, geprü-' Ich ließ den Wackern nicht ausreden, sondern +wandte meine Schritte so schnell, als es nur gehen mochte, nach dem +nächsten Dorfe. In dem einsamen Kämmerlein des einzigen Wirtshauses +dieses Dorfes sitze ich und schreibe Dir, mein geliebter Rufin, dieses +alles! - Soviel es möglich ist, werde ich Nachrichten einziehen von +dem fremden barbarischen Volke, das in jener Stadt hauset. Von ihren +Sitten - Gebräuchen - von ihrer Sprache u.s.w. habe ich mir schon +manches höchst Seltsame erzählen lassen und werde Dir getreulich alles +mitteilen etc. etc." + +Du gewahrst, o mein geliebter Leser, daß man ein großer Gelehrter und +doch mit sehr gewöhnlichen Erscheinungen im Leben unbekannt sein, und +doch über Weltbekanntes in die wunderlichsten Träume geraten kann. +Ptolomäus Philadelphus hatte studiert und kannte nicht einmal +Studenten und wußte nicht einmal, daß er in dem Dorfe Hoch-Jakobsheim +saß, das bekanntlich dicht bei der berühmten Universität Kerepes +liegt, als er seinem Freunde von einer Begebenheit schrieb, die sich +in seinem Kopfe zum seltsamsten Abenteuer umgeformt hatte. Der gute +Ptolomäus erschrak, als er Studenten begegnete, die fröhlich und +guter Dinge über Land zogen zu ihrer Lust. Welche Angst hätte ihn +überfallen, wäre er eine Stunde früher in Kerepes angekommen, und +hätte ihn der Zufall vor das Haus des Professors der Naturkunde +Mosch Terpin geführt! - Hunderte von Studenten hätten, aus dem Hause +herausströmend, ihn umringt, lärmend disputierend etc., und noch +wunderliche Träume wären ihm in den Kopf gekommen über diesem Gewirr, +über diesem Getreibe. + +Die Kollegia Mosch Terpins wurden nämlich in ganz Kerepes am +häufigsten besucht. Er war, wie gesagt, Professor der Naturkunde, er +erklärte, wie es regnet, donnert, blitzt, warum die Sonne scheint bei +Tage und der Mond des Nachts, wie und warum das Gras wächst etc., so +daß jedes Kind es begreifen mußte. Er hatte die ganze Natur in ein +kleines niedliches Kompendium zusammengefaßt, so daß er sie bequem +nach Gefallen handhaben und daraus für jede Frage die Antwort wie aus +einem Schubkasten herausziehen konnte. Seinen Ruf begründete er zuerst +dadurch, als er es nach vielen physikalischen Versuchen glücklich +herausgebracht hatte, daß die Finsternis hauptsächlich von Mangel an +Licht herrühre. Dies, sowie, daß er eben jene physikalischen Versuche +mit vieler Gewandtheit in nette Kunststückchen umzusetzen wußte und +gar ergötzlichen Hokuspokus trieb, verschaffte ihm den unglaublichen +Zulauf. - Erlaube, mein günstiger Leser, daß, da du da viel besser wie +der berühmte Gelehrte Ptolomäus Philadelphus Studenten kennst, da du +nichts von seiner träumerischen Furchtsamkeit weist, ich dich nun nach +Kerepes führe vor das Haus des Professors Mosch Terpin, als er eben +sein Kollegium beendet. Einer unter den herausströmenden Studenten +fesselt sogleich deine Aufmerksamkeit. Du gewahrst einen +wohlgestalteten Jüngling von drei- bis vierundzwanzig Jahren, aus +dessen dunkel leuchtenden Augen ein innerer reger, herrlicher Geist +mit beredten Worten spricht. Beinahe keck würde sein Blick zu nennen +sein, wenn nicht die schwärmerische Trauer, wie sie auf dem ganzen +blassen Antlitz liegt, einem Schleier gleich die brennenden Strahlen +verhüllte. Sein Rock von schwarzem feinen Tuch, mit gerissenem Samt +besetzt, ist beinahe nach altteutscher Art zugeschnitten, wozu der +zierliche blendendweiße Spitzenkragen, sowie das Samtbarett, das auf +den schönen kastanienbraunen Locken sitzt, ganz gut paßt. Gar hübsch +steht ihm diese Tracht deshalb, weil er seinem ganzen Wesen, seinem +Anstande in Gang und Stellung, seiner bedeutungsvollen Gesichtsbildung +nach wirklich einer schönen frommen Vorzeit anzugehören scheint +und man daher nicht eben an die Ziererei denken mag, wie sie +in kleinlichem Nachäffen mißverstandener Vorbilder in ebenso +mißverstandenen Ansprüchen der Gegenwart oft an der Tagesordnung ist. +Dieser junge Mann, der dir, geliebter Leser, auf den ersten Blick +so wohlgefällt, ist niemand anders als der Student Balthasar, +anständiger, vermögender Leute Kind, fromm - verständig - fleißig - +von dem ich dir, o mein Leser, in der merkwürdigen Geschichte, die ich +aufzuschreiben unternommen, gar vieles zu erzählen gedenke. - + +Ernst, in Gedanken vertieft, wie es seine Art war, wandelte Balthasar +aus dem Kollegium des Professors Mosch Terpin dem Tore zu, um sich, +statt auf den Fechtboden, in das anmutige Wäldchen zu begeben, das +kaum ein paar hundert Schritte von Kerepes liegt. Sein Freund Fabian, +ein hübscher Bursche von muntrem Ansehen und ebensolcher Gesinnung, +rannte ihm nach und ereilte ihn dicht vor dem Tore. + +"Balthasar!" - rief nun Fabian laut, "Balthasar, nun, willst du wieder +heraus in den Wald und wie ein melancholischer Philister einsam +umherirren, während tüchtige Burschen sich wacker üben in der edlen +Fechtkunst! - Ich bitte dich, Balthasar, laß doch endlich ab von +deinem närrischen, unheimlichen Treiben und sei wieder recht munter +und froh, wie du es sonst wohl warst. Komm! - wir wollen uns in ein +paar Gängen versuchen, und willst du denn noch heraus, so lauf' ich +wohl mit dir." + +"Du meinst es gut," erwiderte Balthasar, "du meinst es gut, Fabian, +und deswegen will ich nicht mit dir grollen, daß du mir manchmal auf +Steg und Weg nachläufst wie ein Besessener und mich um manche Lust +bringst, von der du keinen Begriff hast. Du gehörst nun einmal zu den +seltsamen Leuten, die jeden, den sie einsam wandeln sehn, für einen +melancholischen Narren halten und ihn auf ihre Weise handhaben und +kurieren wollen, wie jener Hofschranz den würdigen Prinzen Hamlet, der +dem Männlein dann, als er versicherte, sich nicht auf das Flötenblasen +zu verstehen, eine tüchtige Lehre gab. Damit will ich dich, lieber +Fabian, nun zwar verschonen, übrigens dich aber recht herzlich bitten, +daß du dir zu deiner edlen Fechterei mit Rapier und Hieber einen +andern Kumpan suchen und mich ruhig meinen Weg fortwandeln lassen +mögest." "Nein, nein," rief Fabian lachend, "so entkommst du mir +nicht, mein teurer Freund! - Willst du mit mir nicht auf den +Fechtboden, so gehe ich mit dir heraus in das Wäldchen. Es ist die +Pflicht des treuen Freundes, dich in deinem Trübsinn aufzuheitern. +Komm nur, lieber Balthasar, komm nur, wenn du es denn nicht anders +haben willst." + +Damit faßte er den Freund unter den Arm und schritt rüstig mit ihm +von dannen. Balthasar biß in stillem Ingrimm die Zähne zusammen und +beharrte in finsterm Schweigen, während Fabian in einem Zuge Lustiges +und Lustiges erzählte. Es lief viel Albernes mit unter, welches immer +zu geschehen pflegt beim lustigen Erzählen in einem Zuge. + +Als sie nun endlich in die kühlen Schatten des duftenden Waldes +traten, als die Büsche wie in sehnsüchtigen Seufzern flüsterten, +als die wunderbaren Melodien der rauschenden Bäche, die Lieder des +Waldgeflügels fernhin tönten und den Widerhall weckten, der ihnen aus +den Bergen antwortete, da stand Balthasar plötzlich still und rief, +indem er die Arme weit ausbreitete, als woll' er Baum und Gebüsch +liebend umfangen: "O, nun ist mir wieder wohl! - unbeschreiblich +wohl!" - Fabian schaute den Freund etwas verblüfft an, wie einer, der +nicht klug werden kann aus des andern Rede, der gar nicht weiß, was +er damit anfangen soll. Da faßte Balthasar seine Hand und rief voll +Entzücken: "Nicht wahr, Bruder, nun geht dir auch das Herz auf, nun +begreifst du auch das selige Geheimnis der Waldeinsamkeit?" - "Ich +verstehe dich nicht ganz, lieber Bruder," erwiderte Fabian, "aber wenn +du meinst, daß dir ein Spaziergang hier im Walde wohl tut, so bin ich +völlig deiner Meinung. Gehe ich nicht auch gern spazieren, zumal in +guter Gesellschaft, in der man ein vernünftiges lehrreiches Gespräch +führen kann? - Z.B. ist es wohl eine wahre Lust, mit unserm Professor +Mosch Terpin über Land zu gehen. Der kennt jedes Pflänzchen, jedes +Gräschen und weiß, wie es heißt mit Namen und in welche Klasse es +gehört, und versteht sich auf Wind und Wetter -" "Halt ein," rief +Balthasar, "ich bitte dich, halt ein! - Du berührst etwas, das mich +toll machen könnte, gäb' es sonst keinen Trost dafür. Die Art, wie +der Professor über die Natur spricht, zerreißt mein Inneres. Oder +vielmehr, mich faßt dabei ein unheimliches Grauen, als säh' ich den +Wahnsinnigen, der in geckenhafter Narrheit König und Herrscher ein +selbst gedrehtes Strohpüppchen liebkost, wähnend, die königliche Braut +zu umhalsen! Seine sogenannten Experimente kommen mir vor wie eine +abscheuliche Verhöhnung des göttlichen Wesens, dessen Atem uns in der +Natur anweht und in unserm innersten Gemüt die tiefsten heiligsten +Ahnungen aufregt. Oft gerat' ich in Versuchung, ihm seine Gläser, +seine Phiolen, seinen ganzen Kram zu zerschmeißen, dächt' ich nicht +daran, daß der Affe ja nicht abläßt mit dem Feuer zu spielen, bis er +sich die Pfoten verbrennt. - Sieh, Fabian, diese Gefühle ängstigen +mich, pressen mir das Herz zusammen in Mosch Terpins Vorlesungen, und +wohl mag ich euch dann tiefsinniger und menschenscheuer vorkommen als +jemals. Mir ist dann zumute, als wollten die Häuser über meinem Kopf +zusammenstürzen, eine unbeschreibliche Angst treibt mich heraus aus +der Stadt. Aber hier, hier erfüllt bald mein Gemüt eine süße Ruhe. +Auf den blumigen Rasen gelagert, schaue ich herauf in das weite Blaue +des Himmels, und über mir, über den jubelnden Wald hinweg ziehen die +goldnen Wolken wie herrliche Träume aus einer fernen Welt voll seliger +Freuden! - O mein Fabian, dann erhebt sich aus meiner eignen Brust +ein wunderbarer Geist, und ich vernehm' es, wie er in geheimnisvollen +Worten spricht mit den Büschen - mit den Bäumen, mit den Wogen des +Waldbachs, und nicht vermag ich die Wonne zu nennen, die dann in süßem +wehmütigen Bangen mein ganzes Wesen durchströmt!" - "Ei," rief Fabian, +"ei, das ist nun wieder das alte ewige Lied von Wehmut und Wonne und +sprechenden Bäumen und Waldbächen. Alle deine Verse strotzen von +diesen artigen Dingen, die ganz passabel ins Ohr fallen und mit Nutzen +verbraucht werden, sobald man nichts weiter dahinter sucht. - Aber +sage mir, mein vortrefflichster Melancholikus, wenn dich Mosch Terpins +Vorlesungen in der Tat so entsetzlich kränken und ärgern, sage mir +nur, warum in aller Welt du in jede hineinläufst, warum du keine +einzige versäumst und dann freilich jedesmal stumm und starr mit +geschlossen Augen dasitzest wie ein Träumender?" - "Frage mich," +erwiderte Balthasar, indem er die Augen niederschlug, "frage mich +darum nicht, lieber Freund! - Eine unbekannte Gewalt zieht mich jeden +Morgen hinein in Mosch Terpins Haus. Ich fühle im voraus meine Qualen, +und doch kann ich nicht widerstehen, ein dunkles Verhängnis reißt mich +fort!" - "Ha - ha," - lachte Fabian hell auf, "ha ha ha - wie fein +- wie poetisch, wie mystisch! Die unbekannte Gewalt, die dich +hineinzieht in Mosch Terpins Haus, liegt in den dunkelblauen Augen +der schönen Candida! - Daß du bis über die Ohren verliebt bist in des +Professors niedliches Töchterlein, das wissen wir alle längst, und +darum halten wir dir deine Fantasterei, dein närrisches Wesen zugute. +Mit Verliebten ist es nun nicht anders. Du befindest dich im ersten +Stadium der Liebeskrankheit und mußt in späten Jünglingsjahren dich zu +all den seltsamen Possen bequemen, die wir, ich und viele andere, dem +Himmel sei es gedankt! ohne ein großes zuschauendes Publikum auf der +Schule durchmachten. Aber glaube mir, mein süßes Herz -" + +Fabian hatte indessen seinen Freund Balthasar wieder beim Arme gefaßt +und war mit ihm rasch weitergeschritten. Eben jetzt traten sie heraus +aus dem Dickicht auf den breiten Weg, der mitten durch den Wald +führte. Da gewahrte Fabian, wie aus der Ferne ein Pferd ohne Reiter, +in eine Staubwolke gehüllt, herantrabte. - "Hei, hei!" rief er, sich +in seiner Rede unterbrechend, "hei, hei, da ist eine verfluchte +Schindmähre durchgegangen und hat ihren Reiter abgesetzt - die müssen +wir fangen und nachher den Reiter suchen im Walde." Damit stellte er +sich mitten in den Weg. + +Näher und näher kam das Pferd, da war es, als wenn von beiden Seiten +ein Paar Reitstiefel in der Luft auf und nieder baumelten und auf +dem Sattel etwas Schwarzes sich rege und bewege. Dicht vor Fabian +erschallte ein langes gellendes Prrr - Prrr - und in demselben +Augenblick flogen ihm auch ein Paar Reitstiefel um den Kopf, und +ein kleines seltsames, schwarzes Ding kugelte hin, ihm zwischen die +Beine. Mauerstill stand das große Pferd und beschnüffelte mit lang +vorgestrecktem Halse sein winziges Herrlein, das sich im Sande wälzte +und endlich mühsam auf die Beine richtete. Dem kleinen Knirps steckte +der Kopf tief zwischen den hohen Schultern, er war mit seinem Auswuchs +auf Brust und Rücken, mit seinem kurzen Leibe und seinen hohen +Spinnenbeinchen anzusehen wie ein auf eine Gabel gespießter Apfel, dem +man ein Fratzengesicht eingeschnitten. Als nun Fabian dies seltsame +kleine Ungetüm vor sich stehen sah, brach er in ein lautes Gelächter +aus. Aber der Kleine drückte sich das Barettlein, das er vom Boden +aufgerafft, trotzig in die Augen und fragte, indem er Fabian mit +wilden Blicken durchbohrte, in rauhem, tief heiserem Ton: "Ist dies +der rechte Weg nach Kerepes?" - "Ja, mein Herr!" antwortete Balthasar +mild und ernst und reichte dem Kleinen die Stiefel hin, die er +zusammengesucht hatte. Alles Mühen des Kleinen, die Stiefel +anzuziehen, blieb vergebens, er stülpte einmal übers andere um und +wälzte sich stöhnend im Sande. Balthasar stellte beide Stiefel +aufrecht zusammen, hob den Kleinen sanft in die Höhe und steckte, +ihn ebenso niederlassend, beide Füßchen in die zu schwere und weite +Futterale. Mit stolzem Wesen, die eine Hand in die Seite gestemmt, die +andere ans Barett gelegt, rief der Kleine: "Gratias, mein Herr!" und +schritt nach dem Pferde hin, dessen Zügel er faßte. Alle Versuche, +den Steigbügel zu erreichen oder hinaufzuklimmen auf das große Tier, +blieben indessen vergebens. Balthasar, immer ernst und mild, trat +hinzu und hob den Kleinen in den Steigbügel. Er mochte sich wohl einen +zu starken Schwung gegeben haben, denn in demselben Augenblick, als +er oben saß, lag er auf der andern Seite auch wieder unten. "Nicht so +hitzig, allerliebster Mosje!" rief Fabian, indem er aufs neue in ein +schallendes Gelächter ausbrach. "Der Teufel ist Ihr allerliebster +Mosje," schrie der Kleine ganz erbost, indem er sich den Sand von den +Kleidern klopfte, "ich bin Studiosus, und wenn Sie desgleichen sind, +so ist es Tusch, daß Sie mir wie ein Hasenfuß ins Gesicht lachen, und +Sie müssen sich morgen in Kerepes mit mir schlagen!" "Donner," rief +Fabian immerfort lachend, "Donner, das ist mal ein tüchtiger Bursche, +ein Allerweltskerl, was Courage betrifft und echten Komment". Und +damit hob er den Kleinen, alles Zappelns und Sträubens ungeachtet, in +die Höhe und setzte ihn aufs Pferd, das sofort mit seinem Herrlein +lustig wiehernd davontrabte. - Fabian hielt sich beide Seiten, er +wollte vor Lachen ersticken. - "Es ist grausam," sprach Balthasar, +"einen Menschen auszulachen, den die Natur auf solche entsetzliche +Weise verwahrlost hat, wie den kleinen Reiter dort. Ist er wirklich +Student, so mußt du dich mit ihm schlagen, und zwar, läuft's auch +sonst gegen alle akademische Sitte, auf Pistolen, da er weder Rapier +noch Hieber zu führen vermag." - "Wie ernst," sprach Fabian, "wie +ernst, wie trübselig du das alles wieder nimmst, mein lieber Freund +Balthasar. Nie ist's mir eingefallen, eine Mißgeburt auszulachen. +Aber sage mir, darf solch ein knorpliger Däumling sich auf ein Pferd +setzen, über dessen Hals er nicht wegzuschauen vermag? Darf er die +Füßlein in solch verrucht weite Stiefeln stecken? darf er eine knapp +anschließende Kurtka mit tausend Schnüren und Troddeln und Quasten, +darf er solch ein verwunderliches Samtbarett tragen? darf er solch ein +hochmütiges, trotziges Wesen annehmen? darf er sich solche barbarische +heisere Laute abzwingen? - Darf er das alles, frage ich, ohne mit +Recht als eingefleischter Hasenfuß ausgelacht zu werden? - Aber ich +muß hinein, ich muß den Rumor mit anschauen, den es geben wird, wenn +der ritterliche Studiosus einzieht auf seinem stolzen Rosse! Mit +dir ist doch heute einmal nichts anzufangen! - Gehab' dich wohl!" - +Spornstreichs rannte Fabian durch den Wald nach der Stadt zurück. - +Balthasar verließ den offenen Weg und verlor sich in das dichteste +Gebüsch, da sank er hin auf einen Moossitz, erfaßt, ja überwältigt von +den bittersten Gefühlen. Wohl mocht' es sein, daß er die holde Candida +wirklich liebte, aber er hatte diese Liebe wie ein tiefes, zartes +Geheimnis in dem Innersten seiner Seele vor allen Menschen, ja vor +sich selbst verschlossen. Als nun Fabian so ohne Hehl, so leichtsinnig +darüber sprach, war es ihm, als rissen rohe Hände in frechem Übermut +die Schleier von dem Heiligenbilde herab, die zu berühren er nicht +gewagt, als müsse nun die Heilige auf ihn selbst ewig zürnen. Ja, +Fabians Worte schienen ihm eine abscheuliche Verhöhnung seines ganzen +Wesens, seiner süßesten Träume. + +"Also," rief er in Übermaß seines Unmuts aus, "also für einen +verliebten Gecken hältst du mich, Fabian! - für einen Narren, der in +Mosch Terpins Vorlesungen läuft, um wenigstens eine Stunde hindurch +mit der schönen Candida unter einem Dache zu sein, der in dem Walde +einsam umherstreift, um auf elende Verse zu sinnen an die Geliebte und +sie noch erbärmlicher aufzuschreiben, der die Bäume verdirbt, alberne +Namenszüge in ihre glatten Rinden einschneidend, der in Gegenwart des +Mädchens kein gescheutes Wort zu Markte bringt, sondern nur seufzt und +ächzt und weinerliche Gesichter schneidet, als litt' er an Krämpfen, +der verwelkte Blumen, die sie am Busen trug, oder gar den Handschuh, +den sie verlor, auf der bloßen Brust trägt - kurz, der tausend +kindische Torheiten begeht! - Und darum, Fabian, neckst du mich, und +darum lachen mich wohl alle Burschen aus, und darum bin ich samt +der innern Welt, die mir aufgegangen, vielleicht ein Gegenstand der +Verspottung. - Und die holde - liebliche herrliche Candida -" + +Als er diesen Namen aussprach, fuhr es ihm durchs Herz wie ein +glühender Dolchstich! - Ach! - eine innere Stimme flüsterte ihm in dem +Augenblick sehr vernehmlich zu, daß er ja nur eben Candidas wegen in +Mosch Terpins Haus gehe, daß er Verse mache an die Geliebte, daß er +ihre Namen einschneide in das Laubholz, daß er in ihrer Gegenwart +verstumme, seufze, ächze, daß er verwelkte Blumen, die sie verlor, auf +der Brust trage, daß er mithin ja wirklich in alle Torheiten verfalle, +wie sie ihm Fabian nur vorrücken könne. - Erst jetzt fühlte er es +recht, wie unaussprechlich er die schöne Candida liebe, aber auch +zugleich, daß seltsam genug sich die reinste innigste Liebe im äußern +Leben etwas geckenhaft gestalte, welches wohl der tiefen Ironie +zuzurechnen, die die Natur in alles menschliche Treiben gelegt. Er +mochte recht haben, ganz unrecht war es indessen, daß er sich darüber +sehr zu ärgern begann. Träume, die ihn sonst umfingen, waren verloren, +die Stimmen des Waldes klangen ihm wie Hohn und Spott, er rannte +zurück nach Kerepes. + +"Herr Balthasar - mon cher Balthasar" - rief es ihn an. Er schlug den +Blick auf und blieb festgezaubert stehen, denn ihm entgegen kam der +Professor Mosch Terpin, der seine Tochter Candida am Arme führte. +Candida begrüßte den zur Bildsäule Erstarrten mit der heitern +freundlichen Unbefangenheit, die ihr eigen. "Balthasar, mon cher +Balthasar," rief der Professor, "Sie sind in der Tat der fleißigste, +mir der liebste von meinen Zuhörern! - O mein Bester, ich merk' es +Ihnen an, Sie lieben die Natur mit all ihren Wundern, wie ich, der ich +einen wahren Narren daran gefressen! - Gewiß wieder botanisiert in +unserm Wäldchen! - Was Ersprießliches gefunden? - Nun! - lassen Sie +uns nähere Bekanntschaft machen. - Besuchen Sie mich - jederzeit +willkommen - Können zusammen experimentieren - Haben Sie schon meine +Luftpumpe gesehen? - Nun! - mon cher - morgen abend versammelt sich +ein freundschaftlicher Zirkel in meinem Hause, welcher Tee mit +Butterbrot konsumieren und sich in angenehmen Gesprächen erlustigen +wird, vermehren Sie ihn durch Ihre werte Person - Sie werden einen +sehr anziehenden jungen Mann kennen lernen, der mir ganz besonders +empfohlen - Bon soir, mon cher - Guten Abend, Vortrefflicher - a +revoir - Auf Wiedersehen! - Sie kommen doch morgen in die Vorlesung? - +Nun - mon cher, Adieu!" - Ohne Balthasars Antwort abzuwarten, schritt +der Professor Mosch Terpin mit seiner Tochter von dannen. + +Balthasar hatte in seiner Bestürzung nicht gewagt, die Augen +aufzuschlagen, aber Candidas Blicke brannten hinein in seine Brust, +er fühlte den Hauch ihres Atems, und süße Schauer durchbebten sein +innerstes Wesen. + +Entnommen war ihm aller Unmut, er schaute voll Entzücken der holden +Candida nach, bis sie in den Laubgängen verschwand. Dann kehrte er +langsam in den Wald zurück, um herrlicher zu träumen als jemals. + + + +Drittes Kapitel + +Wie Fabian nicht wußte, was er sagen sollte. - Candida und Jungfrauen, +die nicht Fische essen dürfen. - Mosch Terpins literarischer Tee. - +Der junge Prinz. + +Fabian gedachte, als er den Richtsteig quer durch den Wald lief, dem +kleinen wunderlichen Knirps, der vor ihm davongetrabt, doch wohl +noch zuvorzukommen. Er hatte sich geirrt, denn aus dem Gebüsch +heraustretend, gewahrte er ganz in der Ferne, wie noch ein anderer +stattlicher Reiter sich zu dem Kleinen gesellte und wie nun beide +in das Tor von Kerepes hineinritten. - "Hm!" sprach Fabian zu sich +selbst, "ist der Nußknacker auf seinem großen Pferde auch schon vor +mir angelangt, so komme ich doch noch zeitig genug zu dem Spektakel, +den es geben wird bei seiner Ankunft. Ist das seltsame Ding wirklich +ein Studiosus, so weiset man nach dem 'Geflügelten Roß' und hält +er dort an mit seinem gellenden _Prr_ - _Prr!_ - und wirft die +Reitstiefel voran und sich selbst nach und tut, wenn die Bursche +lachen, wild und trotzig - nun! dann ist das tolle Possenspiel +fertig!" - + +Als Fabian nun die Stadt erreicht, glaubte er in den Straßen, auf +dem Wege nach dem "Geflügelten Roß" lauter lachenden Gesichtern +zu begegnen. Dem war aber nicht so. Alle Leute gingen ruhig und +ernst vorüber. Ebenso ernsthaft spazierten auf dem Platz vor dem +"Geflügelten Roß" mehrere Akademiker, die sich dort versammelt, +miteinander sprechend, auf und nieder. Fabian war überzeugt, daß der +Kleine wenigstens hier nicht angekommen sein müsse, da gewahrte er, +einen Blick ins Tor des Gasthauses werfend, daß soeben das sehr +kennbare Pferd des Kleinen nach dem Stall geführt wurde. Auf den +ersten besten seiner Bekannten sprang er nun los und fragte, ob denn +nicht ein ganz seltsamer wunderlicher Knirps herangetrabt sei. - Der, +den Fabian fragte, wußte ebensowenig etwas davon als die übrigen, +denen Fabian nun erzählte, was sich mit ihm und dem Däumling, der +ein Student sein wollen, begeben. Alle lachten sehr, versicherten +indessen, daß ein solches Ding, wie das, was er beschreibe, keineswegs +angelangt. Wohl wären aber vor kaum zehn Minuten zwei sehr stattliche +Reiter auf schönen Pferden im Gasthause zum "Geflügelten Roß" +abgestiegen. "Saß der eine von ihnen auf dem Pferde, das eben nach dem +Stall geführt wurde?" so fragte Fabian. "Allerdings," erwiderte einer, +"allerdings. Der, der auf jenem Pferde saß, war von etwas kleiner +Statur, aber von zierlichem Körperbau, angenehmen Gesichtszügen und +hatte die schönsten Lockenhaare, die man sehen kann. Dabei zeigte er +sich als den vortrefflichsten Reiter, denn er schwang sich mit einer +Behendigkeit, mit einem Anstande vom Pferde herab, wie der erste +Stallmeister unseres Fürsten." - "Und," rief Fabian, "und verlor nicht +die Reitstiefel und kugelte euch nicht vor die Füße?" - "Gott behüte," +erwiderten alle einstimmig, "Gott behüte! - was denkst du Bruder! +solch ein tüchtiger Reiter wie der Kleine!" - Fabian wußte gar nicht, +was er sagen sollte. Da kam Balthasar die Straße herab. Auf den +stürzte Fabian los, zog ihn heran und erzählte, wie der kleine Knirps, +der ihnen vor dem Tor begegnet und vom Pferde herabgefallen, hier eben +angekommen sei und von allen für einen schönen Mann von zierlichem +Gliederbau und für den vortrefflichsten Reiter gehalten werde. "Du +siehst," erwiderte Balthasar ernst und gelassen, "du siehst, lieber +Bruder Fabian, daß nicht alle so wie du über unglückliche, von der +Natur verwahrloste Menschen lieblos spottend herfallen." - "Aber du +mein Himmel," fiel ihm Fabian ins Wort, "hier ist ja gar nicht von +Spott und Lieblosigkeit die Rede, sondern nur davon, ob ein drei Fuß +hohes Kerlein, der einem Rettich gar nicht unähnlich, ein schöner +zierlicher Mann zu nennen?" - Balthasar mußte, was Wuchs und Ansehen +des kleinen Studenten betraf, Fabians Aussage bestätigen. Die andern +versicherten, daß der kleine Reiter ein hübscher zierlicher Mann sei, +wogegen Fabian und Balthasar fortwährend behaupteten, sie hätten nie +einen scheußlicheren Däumling erblickt. Dabei blieb es, und alle +gingen voll Verwunderung auseinander. + +Der späte Abend brach ein, die beiden Freunde begaben sich zusammen +nach ihrer Wohnung. Da fuhr es dem Balthasar, selbst wußte er nicht +wie, heraus, daß er dem Professor Mosch Terpin begegnet, der ihn +auf den folgenden Abend zu sich geladen. "Ei, du glücklicher," rief +Fabian, "ei, du überglücklicher Mensch! - da wirst du dein Liebchen, +die hübsche Mamsell Candida, sehen, hören, sprechen!" - Balthasar, +aufs neue tief verletzt, riß sich los von Fabian und wollte fort. Doch +besann er sich, blieb stehen und sprach, seinen Verdruß mit Gewalt +niederkämpfend: "Du magst recht haben, lieber Bruder, daß du mich +für einen albernen verliebten Gecken hältst, ich bin es vielleicht +wirklich. Aber diese Albernheit ist eine tiefe schmerzhafte Wunde, die +meinem Gemüt geschlagen, und die, auf unvorsichtige Weise berührt, +im heftigeren Weh mich zu allerlei Tollheit aufreizen könnte. Darum, +Bruder, wenn du mich wirklich lieb hast, so nenne mir nicht mehr den +Namen Candida!" - "Du nimmst," erwiderte Fabian, "du nimmst, mein +lieber Freund Balthasar, die Sache wieder entsetzlich tragisch, und +anders läßt sich das auch in deinem Zustande nicht erwarten. Aber um +mit dir nicht in allerlei häßlichen Zwiespalt zu geraten, verspreche +ich, daß der Name Candida nicht eher über meine Lippen kommen soll, +bis du selbst mir Gelegenheit dazu gibst. Nur so viel erlaube mir +heute noch zu sagen, daß ich allerlei Verdruß vorausgehe, in den +dich dein Verliebtsein stürzen wird. Candida ist ein gar hübsches +herrliches Mägdlein, aber zu deiner melancholischen, schwärmerischen +Gemütsart paßt sie ganz und gar nicht. Wirst du näher mit ihr bekannt, +so wird ihr unbefangenes heitres Wesen dir Mangel an Poesie, die +du überall vermissest, scheinen. Du wirst in allerlei wunderliche +Träumereien geraten, und das Ganze wird mit entsetzlichem +eingebildeten Weh und genügender Verzweiflung tumultuarisch enden. +- Übrigens bin ich ebenso wie du auf morgen zu unserm Professor +eingeladen, der uns mit sehr schönen Experimenten unterhalten wird! - +Nun gute Nacht, fabelhafter Träumer! Schlafe, wenn du schlafen kannst +vor solch wichtigem Tage wie der morgende!" + +Damit verließ Fabian den Freund, der in tiefes Nachdenken versunken. +- Fabian mochte nicht ohne Grund allerlei pathetische Unglücksmomente +voraussehen, die sich mit Candida und Balthasar wohl zutragen konnten; +denn beider Wesen und Gemütsart schien in der Tat Anlaß genug dazu zu +geben. + +Candida war, jeder mußte das eingestehen, ein bildhübsches Mädchen, +mit recht ins Herz hinein strahlenden Augen und etwas aufgeworfenen +Rosenlippen. Ob ihre übrigens schönen Haare, die sie in wunderlichen +Flechten gar fantastisch aufzunesteln wußte, mehr blond oder mehr +braun zu nennen, habe ich vergessen, nur erinnere ich mich sehr gut +der seltsamen Eigenschaft, daß sie immer dunkler und dunkler wurden, +je länger man sie anschaute. Von schlankem hohen Wuchs, leichter +Bewegung, war das Mädchen, zumal in lebenslustiger Umgebung, die Huld, +die Anmut selbst, und man übersah es bei so vielem körperlichen Reiz +sehr gern, daß Hand und Fuß vielleicht kleiner und zierlicher hätten +gebaut sein können. Dabei hatte Candida Goethes "Wilhelm Meister", +Schillers Gedichte und Fouqués "Zauberring" gelesen und beinahe alles, +was darin enthalten, wieder vergessen; spielte ganz passabel das +Pianoforte, sang sogar zuweilen dazu; tanzte die neuesten Françaisen +und Gavotten und schrieb die Waschzettel mit einer feinen leserlichen +Hand. Wollte man durchaus an dem lieben Mädchen etwas aussetzen, +so war es vielleicht, daß sie etwas zu tief sprach, sich zu fest +einschnürte, sich zu lange über einen neuen Hut freute und zuviel +Kuchen zum Tee verzehrte. Überschwenglichen Dichtern war freilich noch +vieles andere an der hübschen Candida nicht recht, aber was verlangen +die auch alles. Fürs erste wollen sie, daß das Fräulein über alles, +was sie von sich verlauten lassen, in ein somnambüles Entzücken +gerate, tief seufze, die Augen verdrehe, gelegentlich auch wohl was +weniges ohnmächtle oder gar zurzeit erblinde als höchste Stufe der +weiblichsten Weiblichkeit. Dann muß besagtes Fräulein des Dichters +Lieder singen nach der Melodie, die ihm (dem Fräulein) selbst aus dem +Herzen geströmt, augenblicklich aber davon krank werden und selbst +auch wohl Verse machen, sich aber sehr schämen, wenn es herauskommt, +ungeachtet die Dame dem Dichter ihre Verse, auf sehr feinem +wohlriechenden Papier mit zarten Buchstaben geschrieben, selbst in +die Hände spielte, der dann auch seinerseits vor Entzücken darüber +erkrankt, welches ihm gar nicht zu verdenken ist. Es gibt poetische +Aszetiker, die noch weiter gehen und es aller weiblichen Zartheit +entgegen finden, daß ein Mädchen lachen, essen und trinken und sich +zierlich nach der Mode kleiden sollte. Sie gleichen beinahe dem +heiligen Hieronymus, der den Jungfrauen verbietet Ohrgehänge zu tragen +und Fische zu essen. Sie sollen, so gebietet der Heilige, nur etwas +zubereitetes Gras genießen, beständig hungrig sein, ohne es zu fühlen, +sich in grobe, schlecht genähte Kleider hüllen, die ihren Wuchs +verbergen, vorzüglich aber eine Person zur Gefährtin wählen, die +ernsthaft, bleich, traurig und etwas schmutzig ist! - + +Candida war durch und durch ein heitres unbefangenes Wesen, deshalb +ging ihr nichts über ein Gespräch, das sich auf den leichten luftigen +Schwingen des unverfänglichsten Humors bewegte. Sie lachte recht +herzlich über alles Drollige; sie seufzte nie, als wenn Regenwetter +ihr den gehofften Spaziergang verdarb oder, aller Vorsicht ungeachtet, +der neue Shawl einen Fleck bekommen hatte. Dabei blickte, gab es +wirklichen Anlaß dazu, ein tiefes inniges Gefühl hindurch, das nie +in schale Empfindelei ausarten durfte, und so mochte mir und dir, +geliebter Leser, die wir nicht zu den Überschwenglichen gehören, das +Mädchen eben ganz recht sein. Sehr leicht konnte es mit Balthasar sich +anders verhalten! - Doch bald muß es sich ja wohl zeigen, inwiefern +der prosaische Fabian richtig prophezeit hatte oder nicht! - + +Daß Balthasar vor lauter Unruhe, vor unbeschreiblichem süßen Bangen +die ganze Nacht hindurch nicht schlafen konnte: was war natürlicher +als das. Ganz erfüllt von dem Bilde der Geliebten, setzte er sich hin +an den Tisch und schrieb eine ziemliche Anzahl artiger wohlklingender +Verse nieder, die in einer mystischen Erzählung von der Liebe der +Nachtigall zur Purpurrose seinen Zustand schilderten. Die wollt' er +mitnehmen in Mosch Terpins literarischen Tee und damit losfahren auf +Candidas unbewahrtes Herz, wenn und wie es nur möglich. + +Fabian lächelte ein wenig, als er, der Verabredung gemäß, zur +bestimmten Stunde kam, um seinen Freund Balthasar abzuholen, und ihn +zierlicher geputzt fand, als er ihn jemals gesehen. Er hatte einen +gezackten Kragen von den feinsten Brüßler Kanten umgetan, sein kurzes +Kleid mit geschlitzten Ärmeln war von gerissenem Samt. Und dazu trug +er französische Stiefeln mit hohen spitzen Absätzen und silbernen +Fransen, einen englischen Hut vom feinsten Kastor und dänische +Handschuhe. So war er ganz deutsch gekleidet, und der Anzug stand ihm +über alle Maßen gut, zumal er sein Haar schön kräuseln lassen und das +kleine Stutzbärtchen wohl aufgekämmt hatte. + +Das Herz bebte dem Balthasar vor Entzücken, als in Mosch Terpins +Hause Candida ihm entgegentrat, ganz in der Tracht der altdeutschen +Jungfrau, freundlich, anmutig in Blick und Wort, im ganzen Wesen, wie +man sie immer zu sehen gewohnt. "Mein holdseligstes Fräulein!" seufzte +Balthasar aus dem Innersten auf, als Candida, die süße Candida selbst, +eine Tasse dampfenden Tee ihm darbot. Candida schaute ihn aber an mit +leuchtenden Augen und sprach: "Hier ist Rum und Maraschino, Zwieback +und Pumpernickel, lieber Herr Balthasar, greifen Sie doch nur +gefälligst zu nach Ihrem Belieben!" Statt aber auf Rum und Maraschino, +Zwieback oder Pumpernickel zu schauen oder gar zuzugreifen, konnte +der begeisterte Balthasar den Blick voll schmerzlicher Wehmut der +innigsten Liebe nicht abwenden von der holden Jungfrau und rang nach +Worten, die aus tiefster Seele aussprechen sollten, was er eben +empfand. Da faßte ihn aber der Professor der Ästhetik, ein großer +baumstarker Mann, mit gewaltiger Faust von hinten, drehte ihn herum, +daß er mehr Teewasser auf den Boden verschüttete, als eben schicklich, +und rief mit donnernder Stimme: "Bester Lukas Kranach, saufen Sie +nicht das schnöde Wasser, Sie verderben sich den deutschen Magen total +- dort im andern Zimmer hat unser tapfere Mosch eine Batterie der +schönsten Flaschen mit edlem Rheinwein aufgepflanzt, die wollen wir +sofort spielen lassen!" - Er schleppte den unglücklichen Jüngling +fort. + +Doch aus dem Nebenzimmer trat ihnen der Professor Mosch Terpin +entgegen, ein kleines, sehr seltsames Männlein an der Hand führend und +laut rufend: "Hier, meine Damen und Herren, stelle ich Ihnen einen mit +den seltensten Eigenschaften hochbegabten Jüngling vor, dem es nicht +schwer fallen wird, sich Ihr Wohlwollen, Ihre Achtung zu erwerben. Es +ist der junge Herr Zinnober, der erst gestern auf unsere Universität +gekommen und die Rechte zu studieren gedenkt!" - Fabian und Balthasar +erkannten auf den ersten Blick den kleinen wunderlichen Knirps, der +vor dem Tore ihnen entgegengesprengt und vom Pferde gestürzt war. + +"Soll ich," sprach Fabian leise zu Balthasar, "soll ich denn noch das +Alräunchen herausfordern auf Blasrohr oder Schusterpfriem? Anderer +Waffen kann ich mich doch nicht bedienen wider diesen furchtbaren +Gegner." + +"Schäme dich," erwiderte Balthasar, "schäme dich, daß du den +verwahrlosten Mann verspottest, der, wie du hörst, die seltensten +Eigenschaften besitzt und _so_ durch geistigen Wert das ersetzt, was +die Natur ihm an körperlichen Vorzügen versagte." Dann wandte er sich +zum Kleinen und sprach: "Ich hoffe nicht, bester Herr Zinnober, daß +Ihr gestriger Fall vom Pferde etwa schlimme Folgen gehabt haben wird?" +Zinnober hob sich aber, indem er einen kleinen Stock, den er in der +Hand trug, hinten unterstemmte, auf den Fußspitzen in die Höhe, so daß +er dem Balthasar beinahe bis an den Gürtel reichte, warf den Kopf in +den Nacken, schaute mit wildfunkelnden Augen herauf und sprach in +seltsam schnurrendem Baßton: "Ich weiß nicht, was Sie wollen, wovon +Sie sprechen, mein Herr! Vom Pferde gefallen? - _ich_ vom Pferde +gefallen? - Sie wissen wahrscheinlich nicht, daß ich der beste Reiter +bin, den es geben kann, daß ich niemals vom Pferde falle, daß ich +als Freiwilliger unter den Kürassieren den Feldzug mitgemacht und +Offizieren und Gemeinen Unterricht gab im Reiten auf der Manège! - hm +hm - vom Pferde fallen - ich vom Pferde fallen!" - Damit wollte er +sich rasch umwenden, der Stock, auf den er sich gestützt, glitt aber +aus, und der Kleine torkelte um und um, dem Balthasar vor die Füße. +Balthasar griff herab nach dem Kleinen, ihm aufzuhelfen, und berührte +dabei unversehens sein Haupt. Da stieß der Kleine einen gellenden +Schrei aus, daß es im ganzen Saal widerhallte und die Gäste +erschrocken auffuhren von ihren Sitzen. Man umringte den Balthasar +und fragte durcheinander, warum er denn um des Himmels willen so +entsetzlich geschrieen. "Nehmen Sie es nicht übel, bester Herr +Balthasar," sprach der Professor Mosch Terpin, "aber das war ein etwas +wunderlicher Spaß. Denn wahrscheinlich wollten Sie uns doch glauben +machen, es trete hier jemand einer Katze auf den Schwanz!" "Katze +Katze - weg mit der Katze!" rief eine nervenschwache Dame und fiel +sofort in Ohnmacht, und mit dem Geschrei: "Katze - Katze" - rannten +ein paar alte Herren, die an derselben Idiosynkrasie litten, zur Türe +hinaus. + +Candida, die ihr ganzes Riechfläschchen auf die ohnmächtige Dame +ausgegossen, sprach leise zu Balthasar: "Aber was richten Sie auch für +Unheil an mit Ihrem häßlichen gellenden Miau, lieber Herr Balthasar!" + +Dieser wußte gar nicht, wie ihm geschah. Glutrot im ganzen Gesicht vor +Unwillen und Scham, vermochte er kein Wort herauszubringen, nicht zu +sagen, daß es ja der kleine Herr Zinnober und nicht _er_ gewesen, der +so entsetzlich gemauzt. + +Der Professor Mosch Terpin sah des Jünglings schlimme Verlegenheit. +Er nahte sich ihm freundlich und sprach: "Nun, nun, lieber Herr +Balthasar, sein Sie doch nur ruhig. Ich habe wohl alles bemerkt. +Sich zur Erde bückend, auf allen Vieren hüpfend, ahmten Sie den +gemißhandelten grimmigen Kater herrlich nach. Ich liebe sonst sehr +dergleichen naturhistorische Spiele, doch hier im literarischen Tee" +- "Aber," platzte Balthasar heraus, "aber, vortrefflichster Herr +Professor, ich war es ja nicht." - "Schon gut - schon gut," fiel ihm +der Professor in die Rede. Candida trat zu ihnen. "Tröste mir," sprach +der Professor zu dieser, "tröste mir doch den guten Balthasar, der +ganz betreten ist über alles Unheil, was geschehen." + +Der gutmütigen Candida tat der arme Balthasar, der ganz verwirrt mit +niedergesenktem Blick vor ihr stand, herzlich leid. Sie reichte ihm +die Hand und lispelte mit anmutigem Lächeln: "Es sind aber auch recht +komische Leute, die sich so entsetzlich vor Katzen fürchten." + +Balthasar drückte Candidas Hand mit Inbrunst an die Lippen. Candida +ließ den seelenvollen Blick ihrer Himmelsaugen auf ihm ruhen. Er war +verzückt in den höchsten Himmel und dachte nicht mehr an Zinnober und +Katzengeschrei. - Der Tumult war vorüber, die Ruhe wieder hergestellt. +Am Teetisch saß die nervenschwache Dame und genoß mehreren Zwieback, +den sie in Rum tunkte, versichernd, an dergleichen erlabe sich das +von feindlicher Macht bedrohte Gemüt, und dem jähen Schreck folge +sehnsüchtig Hoffen! - + +Auch die beiden alten Herren, denen draußen wirklich ein flüchtiger +Kater zwischen die Beine gelaufen, kehrten beruhigt zurück und +suchten, wie mehrere andere, den Spieltisch. + +Balthasar, Fabian, der Professor der Ästhetik, mehrere junge Leute +setzten sich zu den Frauen. Herr Zinnober hatte sich indessen +eine Fußbank herangerückt und war mittelst derselben auf das Sofa +gestiegen, wo er nun in der Mitte zwischen zwei Frauen saß und stolze +funkelnde Blicke um sich warf. + +Balthasar glaubte, daß der rechte Augenblick gekommen, mit seinem +Gedicht von der Liebe der Nachtigall zur Purpurrose hervorzurücken. +Er äußerte daher mit der gehörigen Verschämtheit, wie sie bei jungen +Dichtern im Brauch ist, daß er, dürfe er nicht fürchten, Überdruß und +Langeweile zu erregen, dürfe er auf gütige Nachsicht der geehrten +Versammlung hoffen, es wagen wolle, ein Gedicht, das jüngste Erzeugnis +seiner Muse, vorzulesen. + +Da die Frauen schon hinlänglich über alles verhandelt, was sich +Neues in der Stadt zugetragen, die Mädchen den letzten Ball bei dem +Präsidenten gehörig durchgesprochen und sogar über die Normalform der +neuesten Hüte einig worden, da die Männer unter zwei Stunden nicht +auf weitere Speis- und Tränkung rechnen durften, so wurde Balthasar +einstimmig aufgefordert, der Gesellschaft ja den herrlichen Genuß +nicht vorzuenthalten. + +Balthasar zog das sauber geschriebene Manuskript hervor und las. + +Sein eignes Werk, das in der Tat aus wahrhaftem Dichtergemüt mit +voller Kraft, mit regem Leben hervorgeströmt, begeisterte ihn mehr und +mehr. Sein Vortrag, immer leidenschaftlicher steigend, verriet die +innere Glut des liebenden Herzens. Er bebte vor Entzücken, als leise +Seufzer - manches leise Ach - der Frauen, mancher Ausruf der Männer: +"Herrlich - vortrefflich - göttlich!" ihn überzeugten, daß sein +Gedicht alle hinriß. + +Endlich hatte er geendet. Da riefen alle: "Welch ein Gedicht! - welche +Gedanken - welche Fantasie - was für schöne Verse - welcher Wohlklang +- Dank - Dank Ihnen, bester Herr Zinnober, für den göttlichen Genuß" - + +"Was? wie?" rief Balthasar; aber niemand achtete auf ihn, sondern +stürzte auf Zinnober zu, der sich auf dem Sofa blähte wie ein kleiner +Puter und mit widriger Stimme schnarchte: "Bitte recht sehr - bitte +recht sehr - müssen so vorlieb nehmen! - ist eine Kleinigkeit, die ich +erst vorige Nacht aufschrieb in aller Eil'!" - Aber der Professor der +Ästhetik schrie: "Vortrefflicher - göttlicher Zinnober! Herzensfreund, +außer mir bist du der erste Dichter, den es jetzt gibt auf Erden! - +Komm an meine Brust, schöne Seele!" - Damit riß er den Kleinen vom +Sofa auf in die Höhe und herzte und küßte ihn. Zinnober betrug sich +dabei sehr ungebärdig. Er arbeitete mit den kleinen Beinchen auf des +Professors dickem Bauch herum und quäkte: "Laß mich los - laß mich los +- es tut mir weh - weh - weh ich kratz' dir die Augen aus - ich beiß' +dir die Nase entzwei!" - "Nein," rief der Professor, indem er den +Kleinen niedersetzte auf den Sofa, "nein, holder Freund, keine zu weit +getriebene Bescheidenheit!" - Mosch Terpin war nun auch vom Spieltisch +herangetreten, der nahm Zinnobers Händchen, drückte es und sprach sehr +ernst: "Vortrefflich, junger Mann! - nicht zuviel, nein, nicht genug +sprach man mir von dem hohen Genius, der Sie beseelt." "Wer ist's," +rief nun wieder der Professor der Ästhetik in voller Begeisterung +aus, "wer ist's von euch Jungfrauen, der dem herrlichen Zinnober sein +Gedicht, das das innigste Gefühl der reinsten Liebe ausspricht, lohnt +durch einen Kuß?" + +Da stand Candida auf, nahete sich, volle Glut auf den Wangen, dem +Kleinen, kniete nieder und küßte ihn auf den garstigen Mund mit blauen +Lippen. "Ja," schrie nun Balthasar, wie vom Wahnsinn plötzlich erfaßt, +"ja, Zinnober - göttlicher Zinnober, du hast das tiefsinnige Gedicht +gemacht von der Nachtigall und der Purpurrose, dir gebührt der +herrliche Lohn, den du erhalten!" - + +Und damit riß er den Fabian ins Nebenzimmer hinein und sprach: "Tu mir +den Gefallen und schaue mich recht fest an und dann sage mir offen und +ehrlich, ob ich der Student Balthasar bin oder nicht, ob du wirklich +Fabian bist, ob wir in Mosch Terpins Hause sind, ob wir im Traume +liegen - ob wir närrisch sind - zupfe mich an der Nase oder rüttle +mich zusammen, damit ich nur erwache aus diesem verfluchten Spuk!" - + +"Wie magst," erwiderte Fabian, "wie magst du dich denn nur so toll +gebärden aus purer heller Eifersucht, weil Candida den Kleinen küßte. +Gestehen mußt du doch selbst, daß das Gedicht, welches der Kleine +vorlas, in der Tat vortrefflich war." - "Fabian," rief Balthasar +mit dem Ausdruck des tiefsten Erstaunens, "was sprichst du denn?" +"Nun ja," fuhr Fabian fort, "nun ja, das Gedicht des Kleinen war +vortrefflich, und gegönnt hab' ich ihm Candidas Kuß. - Überhaupt +scheint hinter dem seltsamen Männlein allerlei zu stecken, das mehr +wert ist als eine schöne Gestalt. Aber was auch selbst seine Figur +betrifft, so kommt er mir jetzt nichts weniger als so abscheulich +vor wie anfangs. Beim Ablesen des Gedichts verschönerte die innere +Begeisterung seine Gesichtszüge, so daß er mir oft ein anmutiger +wohlgewachsener Jüngling zu sein schien, ungeachtet er doch kaum über +den Tisch hervorragte. Gib deine unnütze Eifersucht auf, befreunde +dich als Dichter mit dem Dichter!" + +"Was," schrie Balthasar voll Zorn, "was? - noch befreunden mit dem +verfluchten Wechselbalge, den ich erwürgen möchte mit diesen Fäusten?" + +"So," sprach Fabian, "so verschließest du dich denn aller Vernunft. +Doch laß uns in den Saal zurückkehren, wo sich etwas Neues begeben +muß, da ich laute Beifallsrufe vernehme." + +Mechanisch folgte Balthasar dem Freunde in den Saal. + +Als sie eintraten, stand der Professor Mosch Terpin allein in +der Mitte, die Instrumente noch in der Hand, womit er irgendein +physikalisches Experiment gemacht, starres Staunen im Gesicht. Die +ganze Gesellschaft hatte sich um den kleinen Zinnober gesammelt, der, +den Stock untergestemmt, auf den Fußspitzen dastand und mit stolzem +Blick den Beifall einnahm, der ihm von allen Seiten zuströmte. Man +wandte sich wieder zum Professor, der ein anderes sehr artiges +Kunststückchen machte. Kaum war es fertig, als wiederum alle, den +Kleinen umringend, riefen: "Herrlich - vortrefflich, lieber Herr +Zinnober!" - + +Endlich sprang auch Mosch Terpin zu dem Kleinen hin und rief zehnmal +stärker als die übrigen: "Herrlich - vortrefflich, lieber Herr +Zinnober!" + +Es befand sich in der Gesellschaft der junge Fürst Gregor, der auf +der Universität studierte. Der Fürst war von der anmutigsten Gestalt, +die man nur sehen konnte, und dabei war sein Betragen so edel und +ungezwungen, daß sich die hohe Abkunft, die Gewohnheit, sich in den +vornehmsten Kreisen zu bewegen, darin deutlich aussprach. + +Fürst Gregor war es nun, der gar nicht von Zinnober wich und ihn als +den herrlichsten Dichter, den geschicktesten Physiker über alle Maßen +lobte. + +Seltsam war die Gruppe, die beide, zusammenstehend, bildeten. Gegen +den herrlich gestalteten Gregor stach gar wunderlich das winzige +Männlein ab, das mit hoch emporgereckter Nase sich kaum auf den +dünnen Beinchen zu erhalten vermochte. Alle Blicke der Frauen waren +hingerichtet, aber nicht auf den Fürsten, sondern auf den Kleinen, +der, sich auf den Fußspitzen hebend, immer wieder herabsank und so +hinauf und hinunter wankte wie ein Cartesianisches Teufelchen. + +Der Professor Mosch Terpin trat zu Balthasar und sprach: "Was sagen +Sie zu meinem Schützling, zu meinem lieben Zinnober? Viel steckt +hinter dem Mann, und nun ich ihn so recht anschaue, ahne ich wohl die +eigentliche Bewandtnis, die es mit ihm haben mag. Der Prediger, der +ihn erzogen und mir empfohlen hat, drückt sich über seine Abkunft sehr +geheimnisvoll aus. Betrachten Sie aber nur den edlen Anstand, sein +vornehmes, ungezwungenes Betragen. Er ist gewiß von fürstlichem +Geblüt, vielleicht gar ein Königssohn!" - In dem Augenblick wurde +gemeldet, das Mahl sei angerichtet. Zinnober torkelte ungeschickt +hin zur Candida, ergriff täppisch ihre Hand und führte sie nach dem +Speisesaal. + +In voller Wut rannte der unglückliche Balthasar durch die finstre +Nacht, durch Sturmwind und Regen fort, nach Hause. + + + +Viertes Kapitel + +Wie der italienische Geiger Sbiocca den Herrn Zinnober in den +Kontrabaß zu werfen drohte, und der Referendarius Pulcher nicht zu +auswärtigen Angelegenheiten gelangen konnte. - Von Maut-Offizianten +und zurückbehaltenen Wundern fürs Haus. - Balthasars Bezauberung durch +einen Stockknopf. + +Auf einem hervorragenden bemoosten Gestein im einsamsten Walde saß +Balthasar und schaute gedankenvoll hinab in die Tiefe, in der ein Bach +schäumend fortbrauste zwischen Felsstücken und dicht verwachsenem +Gestrüpp. Dunkle Wolken zogen daher und tauchten nieder hinter den +Bergen; das Rauschen der Bäume, der Gewässer ertönte wie ein dumpfes +Winseln, und dazwischen kreischten Raubvögel, die aus dem finstern +Dickicht aufstiegen in den weiten Himmelsraum und sich nachschwangen +dem fliehenden Gewölk. - + +Dem Balthasar war, als vernehme er in den wunderbaren Stimmen des +Waldes die trostlose Klage der Natur, als müsse er selbst untergehen +in dieser Klage, als sei sein ganzes Sein nur das Gefühl des tiefsten +unverwindlichsten Schmerzes. Das Herz wollte ihm springen vor Wehmut, +und indem häufige Tränen aus seinen Augen tröpfelten, war es, als +blickten die Geister des Waldstroms zu ihm herauf und streckten +schneeweiße Arme empor aus den Wellen, ihn hinabzuziehen in den kühlen +Grund. + +Da schwebte aus weiter Ferne durch die Lüfte daher heller fröhlicher +Hörnerklang und legte sich tröstend an seine Brust, und die Sehnsucht +erwachte in ihm und mit ihr süßes Hoffen. Er sah umher, und indem die +Hörner forttönten, dünkten ihm die grünen Schatten des Waldes nicht +mehr so traurig, nicht mehr so klagend das Rauschen des Windes, das +Flüstern der Gebüsche. Er kam zu Worten. + +"Nein," rief er aus, indem er aufsprang von seinem Sitz und mit +leuchtendem Blick in die Ferne schaute, "nein, noch verschwand nicht +alle Hoffnung! - Nur zu gewiß ist es, daß irgendein düstres Geheimnis, +irgendein böser Zauber verstörend in mein Leben getreten ist, aber +ich breche diesen Zauber, und sollt' ich darüber untergehen! Als +ich endlich hingerissen, übermannt von dem Gefühl, das meine Brust +zersprengen wollte, der holden, süßen Candida meine Liebe gestand, las +ich denn nicht in ihren Blicken, fühlte ich nicht an dem Druck ihrer +Hand meine Seligkeit? - Aber sowie das verdammte kleine Ungetüm sich +sehen läßt, ist ihm alle Liebe zugewandt. An ihr, der vermaledeiten +Mißgeburt, hängen Candidas Augen, und sehnsüchtige Seufzer entfliehen +ihrer Brust, wenn der täppische Junge sich ihr nähert oder gar ihre +Hand berührt. - Es muß mit ihm irgendeine geheimnisvolle Bewandtnis +haben, und sollt' ich an alberne Ammenmärchen glauben, ich würde +behaupten, der Junge sei verhext und könne es, wie man zu sagen +pflegt, den Leuten antun. Ist es nicht toll, daß alle über das +mißgestaltete, durch und durch verwahrloste Männlein spotten und +lachen und dann wieder, tritt der Kleine dazwischen, ihn als den +verständigsten, gelehrtesten, ja wohlgestaltetsten Herrn Studiosum +ausschreien, der sich eben unter uns befindet? - Was sage ich! geht es +mir nicht beinahe selbst so, kommt es mir nicht auch oft vor, als sei +Zinnober gescheut und hübsch? - Nur in Candidas Gegenwart hat der +Zauber keine Macht über mich, da ist und bleibt Herr Zinnober ein +dummes, abscheuliches Alräunchen. - Doch! - ich stemme mich entgegen +der feindlichen Macht, eine dunkle Ahnung ruht tief in meinem Innern, +irgend etwas Unerwartetes werde mir die Waffe in die Hand geben wider +den bösen Unhold!" - + +Balthasar suchte den Rückweg nach Kerepes. In einem Baumgange +fortwandernd, bemerkte er auf der Landstraße einen kleinen bepackten +Reisewagen, aus dem ihm jemand mit einem weißen Tuch freundlich +zuwinkte. Er trat heran und erkannte Herrn Vincenzo Sbiocca, +weltberühmten Virtuosen auf der Geige, den er wegen seines +vortrefflichen ausdrucksvollen Spiels über alle Maßen hochschätzte und +bei dem er schon seit zwei Jahren Unterricht genommen. "Gut," rief +Sbiocca, indem er aus dem Wagen sprang, "gut, mein lieber Herr +Balthasar, mein teurer Freund und Schüler, gut, daß ich Sie hier noch +treffe, um von Ihnen herzlichen Abschied nehmen zu können." + +"Wie," sprach Balthasar, "wie Herr Sbiocca, Sie verlassen doch nicht +Kerepes, wo alles Sie ehrt und achtet, wo keiner Sie missen mag?" + +"Ja," erwiderte Sbiocca, indem ihm alle Glut des innern Zorns ins +Gesicht trat, "ja, Herr Balthasar, ich verlasse einen Ort, in dem die +Leute sämtlich närrisch sind, der einem großen Irrenhause gleicht. - +Sie waren gestern nicht in meinem Konzert, da Sie über Land gegangen, +sonst hätten Sie mir beistehen können gegen das rasende Volk, dem ich +unterlegen." + +"Was ist geschehen, um tausend Himmels willen, was ist geschehen?" +rief Balthasar. + +"Ich spiele," fuhr Sbiocca fort, "das schwierigste Konzert von Viotti. +Es ist mein Stolz, meine Freude. Sie haben es von mir gehört, es hat +Sie nie unbegeistert gelassen. Gestern war ich, wohl mag ich es sagen, +ganz vorzüglich bei guter Laune - anima mein' ich, heitren Geistes +- spirito alato mein' ich. Kein Violinspieler auf der ganzen weiten +Erde, Viotti selbst hätte mir nicht nachgespielt. Als ich geendet, +bricht der Beifall mit aller Wut los - furore mein' ich, wie ich +erwartet. Geige unter dem Arm trete ich vor, mich höflichst zu +bedanken. - Aber! was muß ich sehen, was muß ich hören! - Alles, ohne +mich nur im mindesten zu beachten, drängt sich nach einer Ecke des +Saals und schreit: 'Bravo - bravissimo, göttlicher Zinnober! - welch +ein Spiel - welche Haltung, welcher Ausdruck, welche Fertigkeit!' - +Ich renne hin, dränge mich durch! - da steht ein drei Spannen hoher +verwachsener Kerl und schnarrt mit widriger Stimme: 'Bitte, bitte, +recht sehr, habe gespielt, wie es in meinen Kräften stand, bin +freilich nunmehr der stärkste Violinist in Europa und den übrigen +bekannten Weltteilen.' 'Tausend Teufel,' schrie ich, 'wer hat denn +gespielt, ich oder der Erdwurm da!' - Und als der Kleine immer +fortschnarcht: 'Bitte, bitte ergebenst,' will ich auf ihn los und ihn +fassen, in die ganze Applikatur greifend. Aber da stürzen sie auf mich +los und reden wahnsinniges Zeug von Neid, Eifersucht und Mißgunst. +Unterdessen ruft einer: 'Und welche Komposition!' und alle einstimmig +rufen hintendrein: 'Und welche Komposition - göttlicher Zinnober! - +sublimer Komponist!' Noch ärger als zuvor schrie ich: 'Ist denn alles +rasend - besessen? das Konzert war von Viotti, und ich - ich - der +weltberühmte Vincenzo Sbiocca hat es gespielt!' Aber nun packen sie +mich fest, sprechen von italienischer Tollheit - rabbia mein' ich, +von seltsamen Zufällen, bringen mich mit Gewalt in ein Nebenzimmer, +behandeln mich wie einen Kranken, wie einen Wahnsinnigen. Nicht lange +dauert es, so stürzt Signora Bragazzi hinein und fällt ohnmächtig +nieder. Ihr war es ergangen wie mir. Sowie sie ihre Arie geendet, +erdröhnte der Saal von dem: 'Brava - bravissima - Zinnober,' und alle +schrien, keine solche Sängerin gäb' es mehr auf Erden als Zinnober, +und der schnarchte wieder sein verfluchtes: 'Bitte - bitte!' - +Signora Bragazzi liegt im Fieber und wird baldigst verscheiden; ich +meinesteils rette mich durch die Flucht vor dem wahnsinnigen Volke. +Leben Sie wohl, bester Herr Balthasar! - Sehn Sie etwa den Signorino +Zinnober, so sagen Sie ihm gefälligst, er möge sich nicht irgendwo in +einem Konzert blicken lassen, in dem ich zugegen. Unfehlbar würd' ich +ihn sonst bei seinen Käferbeinchen packen und durchs F-Loch in den +Kontrabaß schmeißen, da könne er denn zeit seines Lebens Konzerte +spielen und Arien singen, wie er nur Lust hätte. Leben Sie wohl, +mein geliebter Balthasar, und legen Sie die Violine nicht beiseite!" +- Damit umarmte Herr Vincenzo Sbiocca den vor Staunen erstarrten +Balthasar und stieg in den Wagen, der schnell davonrollte. + +"Hab' ich denn nicht recht," sprach Balthasar zu sich selbst, "hab' +ich denn nicht recht, das unheimliche Ding, der Zinnober, ist verhext +und tut es den Leuten an." - In dem Augenblick rannte ein junger +Mensch vorüber, bleich - verstört, Wahnsinn und Verzweiflung im +Antlitz. Dem Balthasar fiel es schwer aufs Herz. Er glaubte in dem +Jünglinge einen seiner Freunde erkannt zu haben und sprang ihm daher +schnell nach in den Wald. + +Kaum zwanzig - dreißig Schritte gelaufen, wurde er den Referendarius +Pulcher gewahr, der unter einem großen Baume stehen geblieben und +mit himmelwärts gerichtetem Blick also sprach: "Nein! - nicht länger +dulden diese Schmach! - Alle Hoffnung des Lebens ist dahin! - jede +Aussicht nur ins Grab gerichtet - Fahre wohl - Leben - Welt - Hoffnung +- Geliebte." - + +Und damit riß der verzweiflungsvolle Referendarius eine Pistole aus +dem Busen und drückte sie sich an die Stirne. + +Balthasar stürzte mit Blitzesschnelle auf ihn zu, schleuderte ihm die +Pistole weit weg aus der Hand und rief: "Pulcher! um Gottes willen, +was ist dir, was tust du!" + +Der Referendarius konnte einige Minuten hindurch nicht zu sich selbst +kommen. Er war halb ohnmächtig niedergesunken auf den Rasen; Balthasar +hatte sich zu ihm gesetzt und sprach tröstende Worte, wie er es nur +vermochte, ohne die Ursache von Pulchers Verzweiflung zu wissen. + +Hundertmal hatte Balthasar gefragt, was dem Referendarius denn +Schreckliches geschehen, das den schwarzen Gedanken des Selbstmords +in ihm rege gemacht. Da seufzte Pulcher endlich tief auf und begann: +"Du kennst, lieber Freund Balthasar, meine bedrängte Lage, du weißt, +wie ich all meine Hoffnung auf die Stelle des geheimen Expedienten +gesetzt, die bei dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten offen; +du weißt, mit welchem Eifer, mit welchem Fleiß ich mich darauf +vorbereitet. Ich hatte meine Ausarbeitungen eingereicht, die, wie ich +zu meiner Freude erfuhr, den vollsten Beifall des Ministers erhalten. +Mit welcher Zuversicht stellte ich mich heute vormittag zur mündlichen +Prüfung! - Ich fand im Zimmer einen kleinen, mißgeschaffenen Kerl, +den du wohl unter dem Namen des Herrn Zinnober kennen wirst. Der +Legationsrat, dem die Prüfung übertragen, trat mir freundlich entgegen +und sagte mir, zu derselben Stelle, die ich zu erhalten wünsche, habe +sich auch Herr Zinnober gemeldet, er werde uns _beide_ daher prüfen. +Dann raunte er mir leise ins Ohr: 'Sie haben von Ihrem Mitbewerber +nichts zu befürchten, bester Referendarius, die Arbeiten, die der +kleine Zinnober eingereicht, sind erbärmlich!' Die Prüfung begann, +keine Frage des Rats ließ ich unbeantwortet. Zinnober wußte +nichts, gar nichts; statt zu antworten, schnarchte und quäkte er +unvernehmliches Zeug, das niemand verstand, fiel auch, indem er +ungebärdig mit den Beinchen strampelte, ein paarmal vom hohen Stuhl +herab, so daß ich ihn wieder hinaufheben mußte. Mir bebte das Herz vor +Vergnügen; die freundlichen Blicke, die der Rat dem Kleinen zuwarf, +hielt ich für die bitterste Ironie. - Die Prüfung war beendigt. Wer +schildert meinen Schreck, mir war es, als wenn ein jäher Blitz mich +klaftertief hineinschlüge in den Boden, als der Rat den Kleinen +umarmte, zu ihm sprach: 'Herrlicher Mensch! - welche Kenntnis - +welcher Verstand - welcher Scharfsinn!' - dann zu mir: 'Sie haben mich +sehr getäuscht, Herr Referendarius Pulcher - Sie wissen ja gar nichts! +Und - nehmen Sie es mir nicht übel, die Art, wie Sie sich zur Prüfung +ermutigt haben mögen, läuft gegen alle Sitte, gegen allen Anstand! - +Sie konnten sich ja gar nicht auf dem Stuhl erhalten, Sie fielen ja +herab, und Herr Zinnober mußte Sie aufrichten. Diplomatische Personen +müssen fein nüchtern sein und besonnen. - Adieu, Herr Referendarius!' +- Noch hielt ich alles für ein tolles Gaukelspiel. Ich wagte es, +ich ging hin zum Minister. Er ließ mir heraussagen, wie ich mich +unterstehen könne, ihn noch mit meinem Besuch zu behelligen, nach der +Art, wie ich mich in der Prüfung bewiesen - er wisse schon alles! +Der Posten, zu dem ich mich gedrängt, sei schon vergeben an Herrn +Zinnober! - So hat mir irgendeine höllische Macht alle Hoffnung +geraubt, und ich will ein Leben freiwillig opfern, das dem dunklen +Verhängnis anheimgefallen! Verlaß mich!" - + +"Nimmermehr," rief Balthasar, "erst höre mich an!" + +Er erzählte nun alles, was er von Zinnober wußte seit seiner ersten +Erscheinung vor dem Tor von Kerepes; wie es ihm mit dem Kleinen +ergangen im Mosch Terpins Hause; was er eben jetzt von Vincenzo +Sbiocca vernommen. "Es ist nur zu gewiß," sprach er dann, "daß allem +Beginnen der unseligen Mißgeburt irgend etwas Geheimnisvolles zum +Grunde liegt, und glaube mir, Freund Pulcher, - ist irgendein +höllischer Zauber im Spiele, so kommt es nur darauf an, ihm mit +festem Sinn entgegen zu treten, der Sieg ist gewiß, wenn nur der Mut +vorhanden. - Darum nicht verzagt, kein zu rascher Entschluß. Laß uns +vereint dem kleinen Hexenkerl zu Leibe gehen!" - + +"Hexenkerl," rief der Referendarius mit Begeisterung, "ja Hexenkerl, +ein ganz verfluchter Hexenkerl ist der Kleine, das ist gewiß! - Doch +Bruder Balthasar, was ist uns denn, liegen wir im Traume? - Hexenwesen +- Zaubereien - ist es denn damit nicht vorbei seit langer Zeit? Hat +denn nicht vor vielen Jahren Fürst Paphnutius der Große die Aufklärung +eingeführt und alles tolle Unwesen, alles Unbegreifliche aus dem Lande +verbannt, und doch soll noch dergleichen verwünschte Contrebande sich +eingeschlichen haben? - Wetter! das müßte man ja gleich der Polizei +anzeigen und den Maut-Offizianten! - Aber nein, nein - nur der +Wahnsinn der Leute oder, wie ich beinahe fürchte, ungeheure Bestechung +ist schuld an unserm Unglück. - Der verwünschte Zinnober soll +unermeßlich reich sein. Er stand neulich vor der Münze, und da zeigten +die Leute mit Fingern nach ihm und riefen: 'Seht den kleinen hübschen +Papa! - dem gehört alles blanke Gold, was da drinnen geprägt wird!'" + +"Still," erwiderte Balthasar, "still, Freund Referendarius, mit dem +Golde zwingt es der Unhold nicht, es ist etwas anderes dahinter! +- Wahr, daß Fürst Paphnutius die Aufklärung einführte zu Nutz +und Frommen seines Volks, seiner Nachkommenschaft, aber manches +Wunderbare, Unbegreifliche ist doch noch zurückgeblieben. Ich meine, +man hat noch so fürs Haus einige hübsche Wunder zurückbehalten. +Z.B. noch immer wachsen aus lumpichten Samenkörnern die höchsten, +herrlichsten Bäume, ja sogar die mannigfaltigsten Früchte und +Getreidearten, womit wir uns den Leib stopfen. Erlaubt man ja wohl +noch gar den bunten Blumen, den Insekten auf ihren Blättern und +Flügeln die glänzendsten Farben, selbst die allerverwunderlichsten +Schriftzüge zu tragen, von denen kein Mensch weiß, ob es Öl ist, +Guasche oder Aquarellmanier, und kein Teufel von Schreibmeister kann +die schmucke Kurrentschrift lesen, geschweige denn nachschreiben! +Hoho! Referendarius, ich sage dir, es geht in meinem Innern zuweilen +Absonderliches vor! - Ich lege die Pfeife weg und schreite im Zimmer +auf und ab, und eine seltsame Stimme flüstert, ich sei selbst ein +Wunder, der Zauberer Mikrokosmus hantiere in mir und treibe mich an zu +allerlei tollen Streichen! - Aber, Referendarius, dann laufe ich fort +und schaue hinein in die Natur und verstehe alles, was die Blumen, die +Gewässer zu mir sprechen, und mich umfängt selige Himmelslust!" - + +"Du sprichst im Fieber," rief Pulcher; aber Balthasar, ohne auf ihn zu +achten, streckte die Arme aus, wie von inbrünstiger Sehnsucht erfaßt, +nach der Ferne. "Horche doch nur," rief Balthasar, "horche doch nur, +o Referendarius, welche himmlische Musik im Rauschen des Abendwindes +durch den Wald ertönt! - Hörst du wohl, wie die Quellen stärker +erheben ihren Gesang? wie die Büsche, die Blumen einfallen mit +lieblichen Stimmen?" - + +Der Referendarius hielt das Ohr hin, um die Musik zu erhorchen, von +der Balthasar sprach. "In der Tat," fing er dann an, "in der Tat, es +wehen Töne durch den Wald, die die anmutigsten, herrlichsten sind, +welche ich in meinem Leben gehört und die mir tief in die Seele +dringen. Doch ist es nicht der Abendwind, nicht die Büsche, nicht die +Blumen sind es, die so singen, vielmehr deucht es mir, als wenn jemand +in der Ferne die tiefsten Glocken einer Harmonika anstriche." + +Pulcher hatte recht. Wirklich glichen die vollen, immer stärker und +stärker anschwellenden Akkorde, die immer näher hallten, den Tönen +einer Harmonika, deren Größe und Stärke aber unerhört sein mußte. Als +nun die Freunde weiter vorschritten, bot sich ihnen ein Schauspiel +dar, so zauberhaft, daß sie vor Erstaunen erstarrt - fest gewurzelt - +stehen blieben. In geringer Entfernung fuhr ein Mann langsam durch den +Wald, beinahe chinesisch gekleidet, nur trug er ein weitbauschiges +Barett mit schönen Schwungfedern auf dem Haupte. Der Wagen glich +einer offenen Muschel von funkelndem Kristall, die beiden hohen Räder +schienen von gleicher Masse. Sowie sie sich drehten, erklangen die +herrlichen Harmonikatöne, die die Freunde schon aus der Ferne gehört. +Zwei schneeweiße Einhörner mit goldenem Geschirr zogen den Wagen, auf +dem statt des Fuhrmanns ein Silberfasan saß, die goldnen Leinen im +Schnabel haltend. Hintenauf saß ein großer Goldkäfer, der mit den +flimmernden Flügeln flatternd, dem wunderbaren Mann in der Muschel +Kühlung zuzuwehen schien. Sowie er bei den Freunden vorüberkam, nickte +er ihnen freundlich zu. In dem Augenblick fiel aus dem funkelnden +Knopf des langen Rohrs, das der Mann in der Hand trug, ein Strahl auf +Balthasar, so daß er einen brennenden Stich tief in der Brust fühlte +und mit einem dumpfen Ach! zusammenfuhr. - + +Der Mann blickte ihn an und lächelte und winkte noch freundlicher als +zuvor. Sowie das zauberische Fuhrwerk im dichten Gebüsch verschwand, +noch im sanften Nachhallen der Harmonikatöne, fiel Balthasar, ganz +außer sich vor Wonne und Entzücken, dem Freunde um den Hals und rief: +"Referendarius, wir sind gerettet! - jener ist's, der Zinnobers +versuchten Zauber bricht!" - + +"Ich weiß nicht," sprach Pulcher, "ich weiß nicht, wie mir in diesem +Augenblick zumute, ob ich wache, ob ich träume; aber so viel ist +gewiß, daß ein unbekanntes Wonnegefühl mich durchdringt und daß Trost +und Hoffnung in meine Seele wiederkehrt." + + + +Fünftes Kapitel + +Wie Fürst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger Goldwasser +frühstückte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose bekam und den +Geheimen Sekretär Zinnober zum Geheimen Spezialrat erhob. - Die +Bilderbücher des Doktors Prosper Alpanus. - Wie ein Portier den +Studenten Fabian in den Finger biß, dieser ein Schleppkleid trug und +deshalb verhöhnt wurde. - Balthasars Flucht. + +Es ist nicht länger zu verhehlen, daß der Minister der auswärtigen +Angelegenheiten, bei dem Herr Zinnober als Geheimer Expedient +angenommen, ein Abkömmling jenes Barons Prätextatus von Mondschein +war, der den Stammbaum der Fee Rosabelverde in den Turnierbüchern und +Chroniken vergebens suchte. Er hieß wie sein Ahnherr Prätextatus von +Mondschein, war von der feinsten Bildung, den angenehmsten Sitten, +verwechselte niemals das Mich und Mir, das Ihnen und Sie, schrieb +seinen Namen mit französischen Lettern sowie überhaupt eine leserliche +Hand und arbeitete sogar zuweilen selbst, vorzüglich wenn das Wetter +schlecht war. Fürst Barsanuph, ein Nachfolger des großen Paphnutz, +liebte ihn zärtlich, denn er hatte auf jede Frage eine Antwort, +spielte in den Erholungsstunden mit dem Fürsten Kegel, verstand sich +herrlich aufs Geld-Negoz und suchte in der Gavotte seinesgleichen. + +Es gab sich, daß der Baron Prätextatus von Mondschein den Fürsten +eingeladen hatte zum Frühstück auf Leipziger Lerchen und ein Gläschen +Danziger Goldwasser. Als er nun hinkam in Mondscheins Haus, fand er im +Vorsaal unter mehreren angenehmen diplomatischen Herren den kleinen +Zinnober, der, auf seinem Stock gestemmt, ihn mit seinen Äugelein +anfunkelte und, ohne sich weiter an ihn zu kehren, eine gebratene +Lerche ins Maul steckte, die er soeben vom Tische gemaust. Sowie der +Fürst den Kleinen erblickte, lächelte er ihn gnädig an und sprach zum +Minister: "Mondschein! was haben Sie da für einen kleinen, hübschen, +verständigen Mann in Ihrem Hause? - Es ist gewiß derselbe, der die +wohl stilisierten und schön geschriebenen Berichte verfertigt, die ich +seit einiger Zeit von Ihnen erhalte?" "Allerdings, gnädigster Herr," +erwiderte Mondschein. "Mir hat das Geschick ihn zugeführt als den +geistreichsten, geschicktesten Arbeiter in meinem Bureau. Er nennt +sich Zinnober, und ich empfehle den jungen herrlichen Mann ganz +vorzüglich Ihrer Huld und Gnade, mein bester Fürst! - Erst seit +wenigen Tagen ist er bei mir." "Und ebendeshalb," sprach ein junger +hübscher Mann, der sich indessen genähert, "und ebendeshalb hat, wie +Ew. Exzellenz zu bemerken erlauben werden, mein kleiner Kollege noch +gar nichts expediert. Die Berichte, die das Glück hatten, von Ihnen, +mein durchlauchtigster Fürst, mit Wohlgefallen bemerkt zu werden, sind +von mir verfaßt." "Was wollen Sie!" fuhr der Fürst ihn zornig an. - +Zinnober hatte sich dicht an den Fürsten geschoben und schmatzte, die +Lerche verzehrend, vor Gier und Appetit. - Der junge Mensch war es +wirklich, der jene Berichte verfaßt, aber: "Was wollen Sie," rief der +Fürst, "Sie haben ja noch gar nicht die Feder angerührt? - Und daß Sie +dicht bei mir gebratene Lerchen verzehren, so daß, wie ich zu meinem +großen Ärger bemerken muß, meine neue Kasimirhose bereits einen +Butterfleck bekommen, daß Sie dabei so unbillig schmatzen, ja! - +alles das beweiset hinlänglich Ihre völlige Untauglichkeit zu jeder +diplomatischen Laufbahn! - Gehen Sie fein nach Hause und lassen Sie +sich nicht wieder vor mir sehen, es sei denn, Sie brächten mir eine +nützliche Fleckkugel für meine Kasimirhose. - Vielleicht wird mir dann +wieder gnädig zumute!" Dann zum Zinnober: "Solche Jünglinge, wie Sie, +werter Zinnober, sind eine Zierde des Staats und verdienen ehrenvoll +ausgezeichnet zu werden! - Sie sind Geheimer Spezialrat, mein Bester!" +- "Danke schönstens," schnarrte Zinnober, indem er den letzten Bissen +hinunterschluckte und sich das Maul wischte mit beiden Händchen, +"danke schönstens, ich werd' das Ding schon machen, wie es mir +zukommt." + +"Wackres Selbstvertrauen," sprach der Fürst mit erhobener Stimme, +"wackres Selbstvertrauen zeugt von der innern Kraft, die dem würdigen +Staatsmann inwohnen muß!" - Und auf diesen Spruch nahm der Fürst ein +Schnäpschen Goldwasser, welches der Minister selbst ihm darreichte und +das ihm sehr wohl bekam. - Der neue Rat mußte Platz nehmen zwischen +dem Fürsten und Minister. Er verzehrte unglaublich viel Lerchen und +trank Malaga und Goldwasser durcheinander und schnarrte und brummte +zwischen den Zähnen und hantierte, da er kaum mit der spitzen Nase +über den Tisch reichen konnte, gewaltig mit den Händchen und Beinchen. + +Als das Frühstück beendigt, riefen beide, der Fürst und der Minister: +"Er ist ein englischer Mensch, dieser Geheime Spezialrat!" - "Du +siehst," sprach Fabian zu seinem Freunde Balthasar, "du siehst so +fröhlich aus, deine Blicke leuchten in besonderen Feuer. - Du fühlst +dich glücklich? - Ach, Balthasar, du träumst vielleicht einen schönen +Traum, aber ich muß dich daraus erweckendes ist Freundes Pflicht!" + +"Was hast du, was ist geschehen?" fragte Balthasar bestürzt. + +"Ja," fuhr Fabian fort, "ja! - ich muß es dir sagen! Fasse dich +nur, mein Freund! - Bedenke, daß vielleicht kein Unfall in der Welt +schmerzlicher trifft und doch leichter zu verwinden ist, als eben +dieser! - Candida" - + +"Um Gott," schrie Balthasar entsetzt, "Candida! - was ist mit Candida? +- ist sie hin - ist sie tot?" + +"Ruhig," sprach Fabian weiter, "ruhig, mein Freund! - nicht tot +ist Candida, aber so gut als tot für dich! - Wisse, daß der kleine +Zinnober Geheimer Spezialrat geworden und so gut als versprochen ist +mit der schönen Candida, die, Gott weiß wie, in ihn ganz vernarrt sein +soll." + +Fabian glaubte, daß Balthasar nun losbrechen werde in ungestüme, +verzweiflungsvolle Klagen und Verwünschungen. Statt dessen sprach er +mit ruhigem Lächeln: "Ist es nichts weiter als das, so gibt es keinen +Unfall, der mich betrüben könnte." + +"Du liebst Candida nicht mehr?" fragte Fabian voll Erstaunen. + +"Ich liebe," erwiderte Balthasar, "ich liebe das Himmelskind, das +herrliche Mädchen mit aller Inbrunst, mit aller Schwärmerei, die nur +in eines Jünglings Brust sich entzünden kann! Und ich weiß - ach ich +weiß es, daß Candida mich wieder liebt, daß nur ein verruchter Zauber +sie umstrickt hält, aber bald löse ich die Bande dieses Hexenwesens, +bald vernichte ich den Unhold, der die Arme betört." - + +Balthasar erzählte nun dem Freunde ausführlich von dem wunderbaren +Mann, dem er in dem seltsamsten Fuhrwerk im Walde begegnet. Er +schloß damit, daß, sowie aus dem Stockknopf des zauberischen Wesens +ein Strahl in seine Brust gefunkelt, der feste Gedanken in ihm +aufgegangen, daß Zinnober nichts sei als ein Hexenmännlein, dessen +Macht jener Mann vernichten werde. + +"Aber," rief Fabian, als der Freund geendet, "aber Balthasar, wie +kannst du nur auf solches tolles, wunderliches Zeug verfallen? - Der +Mann, den du für einen Zauberer hältst, ist niemand anders als der +Doktor Prosper Alpanus, der unfern der Stadt auf seinem Landhause +wohnt. Wahr ist es, daß die wunderlichsten Gerüchte von ihm verbreitet +werden, so daß man ihn beinahe für einen zweiten Cagliostro halten +möchte; aber daran ist er selbst schuld. Er liebt es, sich in +mystisches Dunkel zu hüllen, den Schein eines mit den tiefsten +Geheimnissen der Natur vertrauten Mannes anzunehmen, der unbekannten +Kräften gebietet, und dabei hat er die bizarrsten Einfälle. So ist +zum Beispiel sein Fuhrwerk so seltsam beschaffen, daß ein Mensch, der +von lebhafter feuriger Fantasie ist, wie du, mein Freund, wohl dahin +gebracht werden kann, alles für eine Erscheinung aus irgendeinem +tollen Märchen zu halten. Höre also! - Sein Kabriolett hat die Form +einer Muschel und ist über und über versilbert, zwischen den Rädern +ist eine Drehorgel angebracht, welche, sowie der Wagen fährt, von +selbst spielt. Das, was du für einen Silberfasan hieltest, war gewiß +sein kleiner weißgekleideter Jockey, so wie du gewiß die Blätter des +ausgespreiteten Sonnenschirms für die Flügeldecken eines Goldkäfers +hieltest. Seinen beiden weißen Pferdchen läßt er große Hörner +anschrauben, damit es nur recht fabelhaft aussehn soll. Übrigens ist +es richtig, daß der Doktor Alpanus ein schönes spanisches Rohr trägt +mit einem herrlich funkelnden Kristall, der oben darauf sitzt als +Knopf und von dessen wunderlicher Wirkung man viel Fabelhaftes erzählt +oder vielmehr lügt. Den Strahl dieses Kristalls soll nämlich kaum ein +Auge ertragen. Verhüllt ihn der Doktor mit einem dünnen Schleier und +richtet man nun den festen Blick darauf, so soll das Bild der Person, +das man in dem innersten Gedanken trägt, außerhalb wie in einem +Hohlspiegel erscheinen." "In der Tat," fiel Balthasar dem Freunde ins +Wort, "in der Tat? Erzählt man das? - Was spricht man denn wohl noch +weiter von dem Herrn Doktor Prosper Alpanus?" + +"Ach," erwiderte Fabian, "verlange doch nur nicht, daß ich von den +tollen Fratzen und Possen viel reden soll. Du weißt ja, daß es noch +bis jetzt abenteuerliche Leute gibt, die der gesunden Vernunft +entgegen an alle sogenannte Wunder alberner Ammenmärchen glauben." + +"Ich will dir gestehen," fuhr Balthasar fort, "daß ich genötigt bin, +mich selbst zu der Partie dieser abenteuerlichen Leute ohne gesunde +Vernunft zu schlagen. Versilbertes Holz ist kein glänzendes +durchsichtiges Kristall, eine Drehorgel tönt nicht wie eine Harmonika, +ein Silberfasan ist kein Jockey und ein Sonnenschirm kein Goldkäfer. +Entweder war der wunderbare Mann, dem ich begegnete, nicht der Doktor +Prosper Alpanus, von dem du sprichst, oder der Doktor herrscht +wirklich über die außerordentlichsten Geheimnisse." + +"Um," sprach Fabian, "um dich ganz von deinen seltsamen Träumereien zu +heilen, ist es am besten, daß ich dich geradezu hinführe zu dem Doktor +Prosper Alpanus. Dann wirst du es selbst verspüren, daß der Herr +Doktor ein ganz gewöhnlicher Arzt ist und keineswegs spazieren fährt +mit Einhörnern, Silberfasanen und Goldkäfern." + +"Du sprichst," erwiderte Balthasar, indem ihm die Augen hell +auffunkelten, "du sprichst, mein Freund, den innigsten Wunsch meiner +Seele aus. - Wir wollen uns nur gleich auf den Weg machen." + +Bald standen sie vor dem verschlossenen Gattertor des Parks, in +dessen Mitte das Landhaus des Doktor Alpanus lag. "Wie kommen wir nur +hinein?" sprach Fabian. "Ich denke, wir klopfen," erwiderte Balthasar +und faßte den metallenen Klöpfel, der dicht beim Schlosse angebracht +war. + +Sowie er den Klöpfel aufhob, begann ein unterirdisches Murmeln wie +ein ferner Donner und schien zu verhallen in der tiefsten Tiefe. Das +Gattertor drehte sich langsam auf, sie traten ein und wanderten fort +durch einen langen, breiten Baumgang, durch den sie das Landhaus +erblickten. "Spürst du," sprach Fabian, "hier etwas Außerordentliches, +Zauberisches?" "Ich dächte," erwiderte Balthasar, "die Art, wie sich +das Gattertor öffnete, wäre doch nicht so ganz gewöhnlich gewesen, +und dann weiß ich nicht, wie mich hier alles so wunderbar, so magisch +anspricht. - Gibt es denn wohl auf weit und breit solche herrliche +Bäume als eben hier in diesem Park? - Ja, mancher Baum, manches +Gebüsch scheint ja mit seinen glänzenden Stämmen und smaragdenen +Blättern einem fremden unbekannten Lande anzugehören." - + +Fabian bemerkte zwei Frösche von ungewöhnlicher Größe, die schon von +dem Gattertor an zu beiden Seiten der Wandelnden mitgehüpft waren. +"Schöner Park," rief Fabian, "in dem es solch Ungeziefer gibt!" und +bückte sich nieder, um einen kleinen Stein aufzuheben, mit dem er nach +den lustigen Fröschen zu werfen gedachte. Beide sprangen ins Gebüsch +und guckten ihn mit glänzenden menschlichen Augen an. "Wartet, +wartet!" rief Fabian, zielte nach dem einen und warf. In dem +Augenblick quäkte aber ein kleines häßliches Weib, das am Wege saß: +"Grobian! schmeiß' Er nicht ehrliche Leute, die hier im Garten mit +saurer Arbeit ihr bißchen Brot verdienen müssen." - "Komm nur, komm," +murmelte Balthasar entsetzt, denn er merkte wohl, daß der Frosch sich +gestaltet zum alten Weibe. Ein Blick ins Gebüsch überzeugte ihn, daß +der andere Frosch, jetzt ein kleines Männlein geworden, sich mit +Ausjäten des Unkrauts beschäftigte. - + +Vor dem Landhause befand sich ein großer schöner Rasenplatz, auf dem +die beiden Einhörner weideten, während die herrlichsten Akkorde in den +Lüften erklangen. + +"Siehst du wohl, hörst du wohl?" sprach Balthasar. + +"Ich sehe nichts weiter," erwiderte Fabian, "als zwei kleine Schimmel, +die Gras fressen, und was so in den Lüften tönt, sind wahrscheinlich +aufgehängte Äolsharfen." + +Die herrliche einfache Architektur des mäßig großen, einstöckigen +Landhauses entzückte den Balthasar. Er zog an der Klingelschnur, +sogleich ging die Türe auf, und ein großer straußartiger, ganz +goldgelb gleißender Vogel stand als Portier vor den Freunden. + +"Nun seh'," sprach Fabian zu Balthasar, "nun seh' einmal einer die +tolle Livree! - Will man auch nachher dem Kerl ein Trinkgeld geben, +hat er wohl eine Hand, es in die Westentasche zu schieben?" + +Und damit wandte er sich zu dem Strauß, packte ihn bei den glänzenden +Flaumfedern, die unter dem Schnabel an der Kehle wie ein reiches Jabot +sich aufplusterten, und sprach: "Meld' Er uns bei dem Herrn Doktor, +mein scharmanter Freund!" - Der Strauß sagte aber nichts als: +_"Quirrrr"_ - und biß den Fabian in den Finger. "Tausend Sapperment," +schrie Fabian, "der Kerl ist doch wohl am Ende ein verfluchter Vogel!" + +In demselben Augenblick ging eine innere Türe auf, und der Doktor +selbst trat den Freunden entgegen. - Ein kleiner dünner, blasser Mann! +- Er trug ein kleines samtnes Mützchen auf dem Haupte, unter dem +schönes Haar in langen Locken hervorströmte, ein langes erdgelbes +indisches Gewand und kleine rote Schnürstiefelchen, ob mit buntem +Pelz oder dem glänzenden Federbalg eines Vogels besetzt, war nicht +zu unterscheiden. Auf seinem Antlitz lag die Ruhe, die Gutmütigkeit +selbst, nur schien es seltsam, daß, wenn man ihn recht nahe, recht +scharf anblickte, es war, als schaue aus dem Gesicht noch ein +kleineres Gesichtchen wie aus einem gläsernen Gehäuse heraus. + +"Ich erblickte," sprach nun leise und etwas gedehnt mit anmutigem +Lächeln Prosper Alpanus, "ich erblickte Sie, meine Herrn, aus dem +Fenster, ich wußte auch wohl schon früher, wenigstens was Sie +betrifft, lieber Herr Balthasar, daß Sie zu mir kommen würden. - +Folgen Sie mir gefälligst!" - + +Prosper Alpanus führte sie in ein hohes rundes Zimmer, rings umher mit +himmelblauen Gardinen behängt. Das Licht fiel durch ein oben in der +Kuppel angebrachtes Fenster herab und warf seine Strahlen auf den +glänzend polierten, von einer Sphinx getragenen Marmortisch, der +mitten im Zimmer stand. Sonst war durchaus nichts Außerordentliches in +dem Gemach zu bemerken. + +"Worin kann ich Ihnen dienen?" fragte Prosper Alpanus. + +Da faßte sich Balthasar zusammen, erzählte, was sich mit dem kleinen +Zinnober begeben von seinem ersten Erscheinen in Kerepes an, und +schloß mit der Versicherung, wie in ihm der feste Gedanke aufgegangen, +daß er, Prosper Alpanus, der wohltätige Magus sei, der Zinnobers +verworfenem, abscheulichem Zauberwerk Einhalt tun werde. + +Prosper Alpanus blieb schweigend in tiefen Gedanken stehen. Endlich, +nachdem wohl ein paar Minuten vergangen, begann er mit ernster +Miene und tiefem Ton: "Nach allem, was Sie mir erzählt, Balthasar, +unterliegt es gar keinem Zweifel, daß es mit dem kleinen Zinnober eine +besondere geheimnisvolle Bewandtnis hat. - Aber man muß fürs erste den +Feind kennen, den man bekämpfen, die Ursache wissen, deren Wirkung man +zerstören will. - Es steht zu vermuten, daß der kleine Zinnober nichts +anders ist, als ein Wurzelmännlein. Wir wollen doch gleich nachsehen." + +Damit zog Prosper Alpanus an einer von den seidenen Schnüren, die rund +umher an der Decke des Zimmers herabhingen. Eine Gardine rauschte +auseinander, große Folianten in ganz vergoldeten Einbänden wurden +sichtbar, und eine zierliche, luftig leichte Treppe von Zedernholz +rollte hinab. Prosper Alpanus stieg diese Treppe heran und holte aus +der obersten Reihe einen Folianten, den er auf den Marmortisch legte, +nachdem er ihn mit einem großen Büschel blinkender Pfauenfedern +sorgfältig abgestaubt. "Dies Werk," sprach er dann, "handelt von den +Wurzelmännern, die sämtlich darin abgebildet; vielleicht finden Sie +Ihren feindlichen Zinnober darunter, und dann ist er in unsere Hände +geliefert." + +Als Prosper Alpanus das Buch aufschlug, erblickten die +Freunde eine Menge sauber illuminierter Kupfertafeln, die die +allerverwunderlichsten mißgestaltetsten Männlein mit den tollsten +Fratzengesichtern darstellten, die man nur sehen konnte. Aber sowie +Prosper eins dieser Männlein auf dem Blatt berührte, wurd' es +lebendig, sprang heraus und gaukelte und hüpfte auf dem Marmortisch +gar possierlich umher und schnappte mit den Fingerchen und machte mit +den krummen Beinchen die allerschönsten Pirouetten und Entrechats +und sang dazu Quirr, Quapp, Pirr, Papp, bis es Prosper bei dem Kopfe +ergriff und wieder ins Buch legte, wo es sich alsbald ausglättete und +ausplättete zum bunten Bilde. + +Auf dieselbe Weise wurden alle Bilder des Buchs durchgesehen, aber so +oft schon Balthasar rufen wollte: "Dies ist er, dies ist Zinnober!" so +mußte er doch, genauer hinblickend, zu seinem Leidwesen wahrnehmen, +daß das Männlein keinesweges Zinnober war. + +"Das ist doch wunderlich genug," sprach Prosper Alpanus, als das Buch +zu Ende. - "Doch," fuhr er fort, "mag Zinnober vielleicht gar ein +Erdgeist sein. Sehen wir nach." + +Damit hüpfte er mit seltener Behendigkeit abermals die Zederntreppe +herauf, holte einen andern Folianten, stäubte ihn säuberlich ab, legte +ihn auf den Marmortisch und schlug ihn auf, sprechend: "Dies Werk +handelt von den Erdgeistern, vielleicht haschen wir den Zinnober in +diesem Buche." Die Freunde erblickten wiederum eine Menge sauber +illuminierter Kupfertafeln, die abscheulich häßliche braungelbe +Unholde darstellten. Und wie sie Prosper Alpanus berührte, erhoben sie +weinerlich quäkende Klagen und krochen endlich schwerfällig heraus und +wälzten sich knurrend und ächzend auf dem Marmortische herum, bis der +Doktor sie wieder hineindrückte ins Buch. + +Auch unter diesen hatte Balthasar den Zinnober nicht gefunden. + +"Wunderlich, höchst wunderlich," sprach der Doktor und versank in +stummes Nachdenken. + +"Der Käferkönig," fuhr er dann fort, "der Käferkönig kann es +nicht sein, denn der ist, wie ich gewiß weiß, eben jetzt anderswo +beschäftigt; Spinnenmarschall auch nicht, denn Spinnenmarschall ist +zwar häßlich, aber verständig und geschickt, lebt auch von seiner +Hände Arbeit, ohne sich andrer Taten anzumaßen. - Wunderlich - sehr +wunderlich." - + +Er schwieg wieder einige Minuten, so daß man allerlei wunderbare +Stimmen, die bald in einzelnen Lauten, bald in vollen anschwellenden +Akkorden ringsumher ertönten, deutlich vernahm. "Sie haben überall +und immerfort recht artige Musik, lieber Herr Doktor," sprach Fabian. +Prosper Alpanus schien gar nicht auf Fabian zu achten, er faßte nur +den Balthasar ins Auge, indem er erst beide Arme nach ihm ausstreckte +und dann die Fingerspitzen gegen ihn hin bewegte, als besprenge er ihn +mit unsichtbaren Tropfen. + +Endlich faßte der Doktor Balthasars beide Hände und sprach mit +freundlichem Ernst: "Nur die reinste Konsonanz des psychischen +Prinzips im Gesetz des Dualismus begünstigt die Operation, die ich +jetzt unternehmen werde. Folgen Sie mir!" - + +Die Freunde folgten dem Doktor durch mehrere Zimmer, die außer einigen +seltsamen Tieren, die sich mit Lesen - Schreiben - Malen - Tanzen +beschäftigten, eben nichts Merkwürdiges enthielten, bis sich zwei +Flügeltüren öffneten, und die Freunde vor einen dichten Vorhang +traten, hinter den Prosper Alpanus verschwand und sie in dicker +Finsternis ließ. Der Vorhang rauschte auseinander, und die Freunde +befanden sich in einem, wie es schien, eirunden Saal, in dem ein +magisches Helldunkel verbreitet. Es war, betrachtete man die Wände, +als verlöre sich der Blick in unabsehbare grüne Haine und Blumenauen +mit plätschernden Quellen und Bächen. Der geheimnisvolle Duft eines +unbekannten Aroma wallte auf und nieder und schien die süßen Töne +der Harmonika hin und her zu tragen. Prosper Alpanus erschien ganz +weißgekleidet wie ein Brahmin und stellte in die Mitte des Saals einen +großen runden Kristallspiegel, über den er einen Flor warf. + +"Treten Sie," sprach er dumpf und feierlich, "treten Sie vor diesen +Spiegel, Balthasar, richten Sie Ihre festen Gedanken auf Candida - +_wollen_ Sie mit ganzer Seele, daß sie sich Ihnen zeige in dem Moment, +der jetzt existiert in Raum und Zeit" - + +Balthasar tat, wie ihm geheißen, indem Prosper Alpanus sich hinter ihn +stellte und mit beiden Händen Kreise um ihn beschrieb. + +Wenige Sekunden hatte es gedauert, als ein bläulicher Duft aus +dem Spiegel wallte. Candida, die holde Candida erschien in ihrer +lieblichen Gestalt mit aller Fülle des Lebens! Aber neben ihr, dicht +neben ihr saß der abscheuliche Zinnober und drückte ihr die Hände, +küßte sie - Und Candida hielt den Unhold mit einem Arm umschlungen +und liebkoste ihn! - Balthasar wollte laut aufschreien, aber Prosper +Alpanus faßte ihn bei beiden Schultern hart an, und der Schrei +erstickte in der Brust. "Ruhig," sprach Prosper leise, "ruhig +Balthasar! - Nehmen Sie dies Rohr und führen Sie Streiche gegen den +Kleinen, doch ohne sich von der Stelle zu rühren." Balthasar tat es +und gewahrte zu seiner Lust, wie der Kleine sich krümmte, umstülpte, +sich auf der Erde wälzte! - In der Wut sprang er vorwärts, da zerrann +das Bild in Dunst und Nebel, und Prosper Alpanus riß den tollen +Balthasar mit Gewalt zurück, laut rufend: "Halten Sie ein! - +zerschlagen Sie den magischen Spiegel, so sind wir alle verloren! +- Wir wollen in das Helle zurück." - Die Freunde verließen auf des +Doktors Geheiß den Saal und traten in ein anstoßendes helles Zimmer. + +"Dem Himmel," rief Fabian, tief Atem schöpfend, "dem Himmel sei +gedankt, daß wir aus dem verwünschten Saal heraus sind. Die schwüle +Luft hat mir beinahe das Herz abgedrückt, und dann die albernen +Taschenspielereien dazu, die mir in tiefer Seele zuwider sind." - + +Balthasar wollte antworten, als Prosper Alpanus eintrat. "Es ist," +sprach er, "es ist nunmehr gewiß, daß der mißgestaltete Zinnober weder +ein Wurzelmann noch ein Erdgeist ist, sondern ein gewöhnlicher Mensch. +Aber es ist eine geheime zauberische Macht im Spiele, die zu erkennen +mir bis jetzt noch nicht gelungen, und ebendeshalb kann ich auch noch +nicht helfen. - Besuchen Sie mich bald wieder, Balthasar, wir wollen +dann sehen, was weiter zu beginnen. Auf Wiedersehn!" - + +"Also," sprach Fabian, dicht an den Doktor hinantretend, "also ein +Zauberer sind Sie, Herr Doktor, und können mit all Ihrer Zauberkunst +nicht einmal dem kleinen erbärmlichen Zinnober zu Leibe? - Wissen Sie +wohl, daß ich Sie mitsamt Ihren bunten Bildern, Püppchen, magischen +Spiegeln, mit all Ihrem fratzenhaften Kram für einen rechten +ausgemachten Charlatan halte? - Der Balthasar, der ist verliebt und +macht Verse, dem können Sie allerlei Zeug einreden, aber bei mir +kommen Sie schlecht an! - Ich bin ein aufgeklärter Mensch und +statuiere durchaus keine Wunder!" + +"Halten Sie," erwiderte Prosper Alpanus, indem er stärker und +herzlicher lachte, als man es ihm nach seinem ganzen Wesen wohl +zutrauen konnte, "halten Sie das, wie Sie wollen. Aber - bin ich +gleich nicht eben ein Zauberer, so gebiete ich doch über hübsche +Kunststückchen." "Aus Wieglebs 'Magie' wohl oder sonst!" - rief +Fabian. "Nun da finden Sie an unserm Professor Mosch Terpin Ihren +Meister und dürfen sich mit ihm nicht vergleichen, denn der ehrliche +Mann zeigt uns immer, daß alles natürlich zugeht und umgibt sich gar +nicht mit solcher geheimnisvoller Wirtschaft, als Sie, mein Herr +Doktor. - Nun, ich empfehle mich Ihnen gehorsamst!" + +"Ei," sprach der Doktor, "sie werden doch nicht so im Zorn von mir +scheiden?" + +Und damit strich er dem Fabian an beiden Armen einige Mal leise herab +von der Schulter bis zum Handgelenk, daß diesem ganz besonders zumute +wurde und er beklommen rief: "Was machen Sie denn, Herr Doktor!" - +"Gehen Sie, meine Herrn," sprach der Doktor, "Sie, Herr Balthasar, +hoffe ich recht bald wiederzusehen. - Bald wird die Hülfe gefunden +sein!" + +"Er bekommt doch kein Trinkgeld, mein Freund," rief Fabian im +Herausgehen dem goldgelben Portier zu und faßte ihm nach dem Jabot. +Der Portier sagte aber wieder nichts als _"Quirrr"_ und biß abermals +den Fabian in den Finger. + +"Bestie!" rief Fabian und rannte von dannen. + +Die beiden Frösche ermangelten nicht, die beiden Freunde höflich zu +geleiten bis ans Gattertor, das sich mit einem dumpfen Donner öffnete +und schloß. - "Ich weiß," sprach Balthasar, als er auf der Landstraße +hinter dem Fabian herwandelte, "ich weiß gar nicht, Bruder, was du +heute für einen seltsamen Rock angezogen hast mit solch entsetzlich +langen Schößen und solch kurzen Ärmeln." + +Fabian gewahrte zu seinem Erstaunen, daß sein kurzes Röckchen +hinterwärts bis zur Erde herabgewachsen, daß dagegen die sonst über +die Gnüge langen Ärmel hinaufgeschrumpft waren bis an den Ellbogen. + +"Tausend Donner, was ist das!" rief er und zog und zupfte an den +Ärmeln und rückte die Schultern. Das schien auch zu helfen, aber wie +sie nun durchs Stadttor gingen, so schrumpften die Ärmel herauf, so +wuchsen die Rockschöße, daß alles Ziehens und Zupfens und Rückens +ungeachtet die Ärmel bald hoch oben an der Schulter saßen, Fabians +nackte Arme preisgebend, daß bald sich ihm eine Schleppe nachwälzte, +länger und länger sich dehnend. Alle Leute standen still und lachten +aus vollem Halse, die Straßenbuben rannten dutzendweise jubelnd und +jauchzend über den langen Talar und rissen Fabian um, und wie er sich +wieder aufraffte, fehlte kein Stückchen von der Schleppe, nein! - sie +war noch länger geworden. Und immer toller und toller wurde Gelächter, +Jubel und Geschrei, bis sich endlich Fabian, halb wahnsinnig, in ein +offnes Haus stürzte. - Sogleich war auch die Schleppe verschwunden. + +Balthasar hatte gar nicht Zeit, sich über Fabians seltsame +Verzauberung viel zu verwundern; denn der Referendarius Pulcher faßte +ihn, riß ihn fort in eine abgelegene Straße und sprach: "Wie ist es +möglich, daß du nicht schon fort bist, daß du dich hier noch sehen +lassen kannst, da der Pedell mit dem Verhaftsbefehl dich schon +verfolgt." - "Was ist das, wovon sprichst du?" fragte Balthasar voll +Erstaunen. "So weit," fuhr der Referendarius fort, "so weit riß dich +der Wahnsinn der Eifersucht hin, daß du das Hausrecht verletztest, +feindlich einbrechend in Mosch Terpins Haus, daß du den Zinnober +überfielst bei seiner Braut, daß du den mißgestalteten Däumling halb +tot prügeltest!" - "Ich bitte dich," schrie Balthasar, "den ganzen Tag +war ich ja nicht in Kerepes, schändliche Lügen." - "O still, still," +fiel ihm Pulcher ins Wort, "Fabians toller unsinniger Einfall, ein +Schleppkleid anzuziehen, rettet dich. Niemand achtet jetzt deiner! +- Entziehe dich nur der schimpflichen Verhaftung, das übrige wollen +wir denn schon ausfechten. Du darfst nicht mehr in deine Wohnung! +- Gib mir die Schlüssel, ich schicke dir alles nach. - Fort nach +Hoch-Jakobsheim!" + +Und damit riß der Referendarius den Balthasar fort durch entlegene +Gassen, durchs Tor hin nach dem Dorfe Hoch-Jakobsheim, wo der berühmte +Gelehrte Ptolomäus Philadelphus sein merkwürdiges Buch über die +unbekannte Völkerschaft der Studenten schrieb. + + + +Sechstes Kapitel + +Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem Garten frisiert wurde +und im Grase ein Taubad nahm. - Der Orden des grüngefleckten Tigers. +- Glücklicher Einfall eines Theaterschneiders. - Wie das Fräulein +von Rosenschön sich mit Kaffee begoß und Prosper Alpanus ihr seine +Freundschaft versicherte. + +Der Professor Mosch Terpin schwamm in lauter Wonne. "Konnte," sprach +er zu sich selbst, "konnte mir denn etwas Glücklicheres begegnen, +als daß der vortreffliche Geheime Spezialrat in mein Haus kam als +Studiosus? - Er heiratet meine Tochter - er wird mein Schwiegersohn, +durch ihn erlange ich die Gunst des vortrefflichen Fürsten Barsanuph +und steige nach auf der Leiter, die mein herrliches Zinnoberchen +hinaufklimmt. - Wahr ist es, daß es mir oft selbst unbegreiflich +vorkommt, wie das Mädchen, die Candida, so ganz und gar vernarrt sein +kann in den Kleinen. Sonst sieht das Frauenzimmer wohl mehr auf ein +hübsches Äußere, als auf besondere Geistesgaben, und schaue ich denn +nun zuweilen das Spezialmännlein an, so ist es mir, als ob er nicht +ganz hübsch zu nennen - sogar - bossu - still - St - St - die Wände +haben Ohren - Er ist des Fürsten Liebling, wird immer höher steigen - +höher hinauf und ist mein Schwiegersohn!" - + +Mosch Terpin hatte recht, Candida äußerte die entschiedenste Neigung +für den Kleinen und sprach, gab hie und da einer, den Zinnobers +seltsamer Spuk nicht berückt hatte, zu verstehen, daß der Geheime +Spezialrat doch eigentlich ein fatales mißgestaltetes Ding sei, +sogleich von den wunderschönen Haaren, womit ihn die Natur begabt. + +Niemand lächelte aber, wenn Candida also sprach, hämischer als der +Referendarius Pulcher. + +Dieser stellte dem Zinnober nach auf Schritten und Tritten, und hierin +stand ihm getreulich der Geheime Sekretär Adrian bei, ebenderselbe +junge Mensch, den Zinnobers Zauber beinahe aus dem Bureau des +Ministers verdrängt hätte, und der des Fürsten Gunst nur durch die +vortreffliche Fleckkugel wieder gewann, die er ihm überreichte. + +Der Geheime Spezialrat Zinnober bewohnte ein schönes Haus mit einem +noch schöneren Garten, in dessen Mitte sich ein mit dichtem Gebüsch +umgebener Platz befand, auf dem die herrlichsten Rosen blühten. Man +hatte bemerkt, daß allemal den neunten Tag Zinnober bei Tagesanbruch +leise aufstand, sich, so sauer es ihm werden mochte, ohne alle +Hülfe des Bedienten ankleidete, in den Garten hinabstieg und in den +Gebüschen verschwand, die jenen Platz umgaben. + +Pulcher und Adrian, irgendein Geheimnis ahnend, wagten es in einer +Nacht, als Zinnober, wie sie von seinem Kammerdiener erfahren, vor +neun Tagen jenen Platz besucht hatte, die Gartenmauer zu übersteigen +und sich in den Gebüschen zu verbergen. + +Kaum war der Morgen angebrochen, als sie den Kleinen daherwandeln +sahen, schnupfend und prustend, weil ihm, da er mitten durch ein +Blumenbeet ging, die tauichten Halme und Stauden um die Nase schlugen. + +Als er auf dem Rasenplatz bei den Rosen angekommen, ging ein +süßtönendes Wehen durch die Büsche, und durchdringender wurde der +Rosenduft. Eine schöne verschleierte Frau mit Flügeln an den Schultern +schwebte herab, setzte sich auf den zierlichen Stuhl, der mitten unter +den Rosenbüschen stand, nahm mit den leisen Worten: "Komm, mein liebes +Kind," den kleinen Zinnober und kämmte ihm mit einem goldenen Kamm +sein langes Haar, das den Rücken hinabwallte. Das schien dem Kleinen +sehr wohl zu tun, denn er blinzelte mit den Äugelein und streckte +die Beinchen lang aus und knurrte und murrte beinahe wie ein Kater. +Das hatte wohl fünf Minuten gedauert, da strich noch einmal die +zauberische Frau mit einem Finger dem Kleinen die Scheitel entlang, +und Pulcher und Adrian gewahrten einen schmalen, feuerfarb glänzenden +Streif auf dem Haupte Zinnobers. Nun sprach die Frau: "Lebe wohl, +mein süßes Kind! - Sei klug, sei klug, so wie du kannst!" Der Kleine +sprach: "Adieu, Mütterchen, klug bin ich genug, du brauchst mir das +gar nicht so oft zu wiederholen." - + +Die Frau erhob sich langsam und verschwand in den Lüften. + +Pulcher und Adrian waren starr vor Erstaunen. Als nun aber Zinnober +davonschreiten wollte, sprang der Referendarius hervor und rief laut: +"Guten Morgen, Herr Geheimer Spezialrat! ei, wie schön haben Sie +sich frisieren lassen!" Zinnober schaute sich um und wollte, als er +den Referendarius erblickte, schnell davonrennen. Ungeschickt und +schwächlich auf den Beinchen, wie er nun aber war, stolperte er und +fiel in das hohe Gras, das die Halme über ihn zusammenschlug, und +er lag im Taubade. Pulcher sprang hinzu und half ihm auf die Beine, +aber Zinnober schnarrte ihn an: "Herr, wie kommen Sie hier in meinen +Garten! scheren Sie sich zum Teufel!" Und damit hüpfte und rannte er, +so rasch er nur vermochte, hinein ins Haus. + +Pulcher schrieb dem Balthasar diese wunderbare Begebenheit und +versprach seine Aufmerksamkeit auf das kleine zauberische Ungetüm zu +verdoppeln. Zinnober schien über das, was ihm widerfahren, trostlos. +Er ließ sich zu Bette bringen und stöhnte und ächzte so, daß die +Kunde, wie er plötzlich erkrankt, bald zum Minister Mondschein, zum +Fürsten Barsanuph gelangte. + +Fürst Barsanuph schickte sogleich seinen Leibarzt zu dem kleinen +Liebling. + +"Mein vortrefflichster Geheimer Spezialrat," sprach der Leibarzt, als +er den Puls befühlt, "Sie opfern sich auf für den Staat. Angestrengte +Arbeit hat Sie aufs Krankenbett geworfen, anhaltendes Denken Ihnen das +unsägliche Leiden verursacht, das Sie empfinden müssen. Sie sehen im +Antlitz sehr blaß und eingefallen aus, aber Ihr wertes Haupt glüht +schrecklich! - Ei, ei! - doch keine Gehirnentzündung? Sollte das Wohl +des Staats dergleichen hervorgebracht haben? Kaum möglich! - Erlauben +Sie doch!" Der Leibarzt mochte wohl denselben roten Streif auf +Zinnobers Haupte gewahren, den Pulcher und Adrian entdeckt hatten. Er +wollte, nachdem er einige magnetische Striche aus der Ferne versucht, +den Kranken auch verschiedentlich angehaucht, worüber dieser merklich +mauzte und quinkelierte, nun mit der Hand hinfahren über das Haupt und +berührte dasselbe unversehens. Da sprang Zinnober, schäumend vor Wut, +in die Höhe und gab mit seinem kleinen Knochenhändchen dem Leibarzt, +der sich gerade ganz über ihn hingebeugt, eine solche derbe Ohrfeige, +daß es im ganzen Zimmer widerhallte. + +"Was wollen Sie," schrie Zinnober, "was wollen Sie von mir, was +krabbeln Sie mir herum auf meinem Kopfe! Ich bin gar nicht krank, +ich bin gesund, ganz gesund, werde gleich aufstehen und zum Minister +fahren in die Konferenz; scheren Sie sich fort!" - + +Der Leibarzt eilte ganz erschrocken von dannen. Als er aber dem +Fürsten Barsanuph erzählte, wie es ihm ergangen, rief dieser entzückt +aus: "Was für ein Eifer für den Dienst des Staats! - welche Würde, +welche Hoheit im Betragen! - welch ein Mensch, dieser Zinnober!" - + +"Mein bester Geheimer Spezialrat," sprach der Minister Prätextatus von +Mondschein zu dem kleinen Zinnober, "wie herrlich ist es, daß Sie, +Ihrer Krankheit nicht achtend, in die Konferenz kommen. Ich habe +in der wichtigen Angelegenheit mit dem Kakatukker Hofe ein Memoire +entworfen - _selbst_ entworfen und bitte, daß _Sie_ es dem Fürsten +vortragen, denn Ihr geistreicher Vortrag hebt das Ganze, für dessen +Verfasser mich dann der Fürst anerkennen soll." - Das Memoire, womit +Prätextatus glänzen wollte, hatte aber niemand anders verfaßt, als +Adrian. + +Der Minister begab sich mit dem Kleinen zum Fürsten. Zinnober zog das +Memoire, das ihm der Minister gegeben, aus der Tasche und fing an zu +lesen. Da es damit aber nun gar nicht recht gehen wollte und er nur +lauter unverständliches Zeug murrte und schnurrte, nahm ihm der +Minister das Papier aus den Händen und las selbst. + +Der Fürst schien ganz entzückt, er gab seinen Beifall zu erkennen, +ein Mal über das andere rufend: "Schön - gut gesagt - herrlich - +treffend!" - + +Sowie der Minister geendet, schritt der Fürst geradezu los auf den +kleinen Zinnober, hob ihn in die Höhe, drückte ihn an seine Brust, +gerade dahin, wo ihm (dem Fürsten) der große Stern des grüngefleckten +Tigers saß, und stammelte und schluchzte, während ihm häufige Tränen +aus den Augen flossen: "Nein! - solch ein Mann - solch ein Talent! +- solcher Eifer - solche Liebe - es ist zu viel - zu viel!" Dann +gefaßter: "Zinnober! - ich erhebe Sie hiermit zu meinem Minister! - +Bleiben Sie dem Vaterlande hold und treu, bleiben Sie ein wackrer +Diener der Barsanuphe, von denen Sie geehrt - geliebt werden." Und +nun sich mit verdrüßlichem Blick zum Minister wendend: "Ich bemerke, +lieber Baron von Mondschein, daß seit einiger Zeit Ihre Kräfte +nachlassen. Ruhe auf Ihren Gütern wird Ihnen heilbringend sein! - +Leben Sie wohl!" - + +Der Minister von Mondschein entfernte sich, unverständliche Worte +zwischen den Zähnen murmelnd und funkelnde Blicke werfend auf +Zinnober, der sich nach seiner Art sein Stöckchen in den Rücken +gestemmt, auf den Fußspitzen hoch in die Höhe hob und stolz und keck +umherblickte. + +"Ich muß," sprach nun der Fürst, "ich muß Sie, mein lieber Zinnober, +gleich Ihrem hohen Verdienst gemäß auszeichnen; empfangen Sie daher +aus meinen Händen den Orden des grüngefleckten Tigers!" + +Der Fürst wollte ihm nun das Ordensband, das er sich in der +Schnelligkeit von dem Kammerdiener reichen lassen, umhängen; aber +Zinnobers mißgestalteter Körperbau bewirkte, daß das Band durchaus +nicht normalmäßig sitzen wollte, indem es sich bald ungebührlich +heraufschob, bald ebenso hinabschlotterte. + +Der Fürst war in dieser so wie in jeder andern solchen Sache, die +das eigentlichste Wohl des Staats betraf, sehr genau. Zwischen dem +Hüftknochen und dem Steißbein, in schräger Richtung drei Sechzehnteil +Zoll aufwärts vom letztern, mußte das am Bande befindliche +Ordenszeichen des grüngefleckten Tigers sitzen. Das war nicht +herauszubringen. Der Kammerdiener, drei Pagen, der Fürst legten Hand +an, alles Mühen blieb vergebens. Das verräterische Band rutschte hin +und her, und Zinnober begann unmutig zu quäken: "Was hantieren Sie +doch so schrecklich an meinem Leibe herum, lassen Sie doch das dumme +Ding hängen, wie es will, Minister bin ich doch nun einmal und bleib' +es!" - + +"Wofür," sprach nun der Fürst zornig, "wofür habe ich denn Ordensräte, +wenn rücksichts der Bänder solche tolle Einrichtungen existieren, die +ganz meinem Willen entgegenlaufen? - Geduld, mein lieber Minister +Zinnober! bald soll das anders werden!" + +Auf Befehl des Fürsten mußte sich nun der Ordensrat versammeln, dem +noch zwei Philosophen sowie ein Naturforscher, der eben, vom Nordpol +kommend, durchreiste, beigesellt wurden, die über die Frage, wie +auf die geschickteste Weise dem Minister Zinnober das Band des +grüngefleckten Tigers anzubringen, beratschlagen sollten. Um für +diese wichtige Beratung gehörige Kräfte zu sammeln, wurde sämtlichen +Mitgliedern aufgegeben, acht Tage vorher nicht zu denken; um dies +besser ausführen zu können und doch tätig zu bleiben im Dienste des +Staats, aber sich indessen mit dem Rechnungswesen zu beschäftigen. +Die Straßen vor dem Palast, wo die Ordensräte, Philosophen und +Naturforscher ihre Sitzung halten sollten, wurden mit dickem Stroh +belegt, damit das Gerassel der Wagen die weisen Männer nicht störe, +und ebendaher durfte auch nicht getrommelt, Musik gemacht, ja nicht +einmal laut gesprochen werden in der Nähe des Palastes. Im Palast +selbst tappte alles auf dicken Filzschuhen umher, und man verständigte +sich durch Zeichen. + +Sieben Tage hindurch vom frühsten Morgen bis in den späten Abend +hatten die Sitzungen gedauert, und noch war an keinen Beschluß zu +denken. + +Der Fürst, ganz ungeduldig, schickte ein Mal über das andere hin und +ließ ihnen sagen, es solle in des Teufels Namen ihnen doch endlich +etwas Gescheutes einfallen. Das half aber ganz und gar nichts. + +Der Naturforscher hatte soviel möglich Zinnobers Natur erforscht, +Höhe und Breite seines Rückenauswuchses genommen und die genaueste +Berechnung darüber dem Ordensrat eingereicht. Er war es auch, der +endlich vorschlug, ob man nicht den Theaterschneider bei der Beratung +zuziehen wolle. + +So seltsam dieser Vorschlag erscheinen mochte, wurde er doch in der +Angst und Not, in der sich alle befanden, einstimmig angenommen. + +Der Theaterschneider Herr Kees war ein überaus gewandter, pfiffiger +Mann. Sowie ihm der schwierige Fall vorgetragen worden, sowie er +die Berechnungen des Naturforschers durchgesehen, war er mit dem +herrlichsten Mittel, wie das Ordensband zum normalmäßigen Sitzen +gebracht werden könne, bei der Hand. + +An Brust und Rücken sollten nämlich eine gewisse Anzahl Knöpfe +angebracht und das Ordensband daran geknöpft werden. Der Versuch +gelang über die Maßen wohl. + +Der Fürst war entzückt und billigte den Vorschlag des Ordensrates, den +Orden des grüngefleckten Tigers nunmehro in verschiedene Klassen zu +teilen, nach der Anzahl der Knöpfe, womit er gegeben wurde. Z.B. Orden +des grüngefleckten Tigers mit zwei Knöpfen - mit drei Knöpfen etc. Der +Minister Zinnober erhielt als ganz besondere Auszeichnung, die sonst +kein anderer verlangen könne, den Orden mit zwanzig brillantierten +Knöpfen, denn gerade zwanzig Knöpfe erforderte die wunderliche Form +seines Körpers. + +Der Schneider Kees erhielt den Orden des grüngefleckten Tigers mit +zwei goldnen Knöpfen und wurde, da der Fürst ihn, seines glückliches +Einfalls ungeachtet, für einen schlechten Schneider hielt und sich +daher nicht von ihm kleiden lassen wollte, zum Wirklichen Geheimen +Groß-Kostümierer des Fürsten ernannt. - + +Aus dem Fenster seines Landhauses sah der Doktor Prosper Alpanus +gedankenvoll herab in seinen Park. Er hatte die ganze Nacht hindurch +sich damit beschäftigt, Balthasars Horoskop zu stellen und manches +dabei herausgebracht, was sich auf den kleinen Zinnober bezog. Am +wichtigsten das, was sich mit dem Kleinen im Garten begeben, als er +von Adrian und Pulcher belauscht wurde. Eben wollte Prosper Alpanus +seinen Einhörnern zurufen, daß sie die Muschel herbeiführen möchten, +weil er fort wolle nach Hoch-Jakobsheim, als ein Wagen daherrasselte +und vor dem Gattertor des Parks still hielt. Es hieß, das +Stiftsfräulein von Rosenschön wünsche den Herrn Doktor zu sprechen. +"Sehr willkommen," sprach Prosper Alpanus, und die Dame trat hinein. +Sie trug ein langes schwarzes Kleid und war in Schleier gehüllt wie +eine Matrone. Prosper Alpanus, von einer seltsamen Ahnung ergriffen, +nahm sein Rohr und ließ die funkelnden Strahlen des Knopfs auf die +Dame fallen. Da war es, als zuckten rauschend Blitze um sie her, +und sie stand da im weißen durchsichtigen Gewande, glänzende +Libellenflügel an den Schultern, weiße und rote Rosen durch das Haar +geflochten. - "Ei, ei," lispelte Prosper, nahm das Rohr unter seinen +Schlafrock, und sogleich stand die Dame wieder im vorigen Kostüm da. + +Prosper Alpanus lud sie freundlich ein, sich niederzulassen. Fräulein +von Rosenschön sagte nun, wie es längst ihre Absicht gewesen, den +Herrn Doktor in seinem Landhause aufzusuchen, um die Bekanntschaft +eines Mannes zu machen, den die ganze Gegend als einen hochbegabten, +wohltätigen Weisen rühme. Gewiß werde er ihre Bitte gewährend, sich +des nahe gelegenen Fräuleinstifts ärztlich anzunehmen, da die alten +Damen darin oft kränkelten und ohne Hülfe blieben. Prosper Alpanus +erwiderte höflich, daß er zwar schon längst die Praxis aufgegeben, +aber doch ausnahmsweise die Stiftsdamen besuchen wolle, wenn es not +täte, und fragte dann, ob sie selbst, das Fräulein von Rosenschön, +vielleicht an irgendeinem Übel leide. Das Fräulein versicherte, daß +sie nur dann und wann ein rheumatisches Zucken in den Gliedern fühle, +wenn sie sich an der Morgenluft erkältet, jetzt aber ganz gesund sei, +und begann irgendein gleichgültiges Gespräch. Prosper fragte, ob sie, +da es noch früher Morgen, vielleicht eine Tasse Kaffee nehmen wolle; +die Rosenschön meinte, daß Stiftsfräuleins dergleichen niemals +verschmähten. Der Kaffee wurde gebracht, aber so sehr sich auch +Prosper mühen mochte, einzuschenken, die Tassen blieben leer, +ungeachtet der Kaffee aus der Kanne strömte. "Ei, ei" lächelte Prosper +Alpanus, "das ist böser Kaffee! - Wollten Sie, mein bestes Fräulein, +doch nur lieber selbst den Kaffee eingießen." + +"Mit Vergnügen," erwiderte das Fräulein und ergriff die Kanne. Aber +ungeachtet kein Tropfen aus der Kanne quoll, wurde doch die Tasse +voller und voller, und der Kaffee strömte über auf den Tisch, auf +das Kleid des Stiftsfräuleins. - Sie setzte schnell die Kanne hin, +sogleich war der Kaffee spurlos verschwunden. Beide, Prosper Alpanus +und das Stiftsfräulein, schauten sich nun eine Weile schweigend an mit +seltsamen Blicken. + +"Sie waren," begann nun die Dame, "Sie waren, mein Herr Doktor, gewiß +mit einem sehr anziehenden Buche beschäftigt, als ich eintrat." + +"In der Tat," erwiderte der Doktor, "enthält dieses Buch gar +merkwürdige Dinge." + +Damit wollte er das kleine Buch in vergoldetem Einbande, das vor ihm +auf dem Tisch lag, aufschlagen. Doch das blieb ein ganz vergebliches +Mühen, denn mit einem lauten Klipp, Klapp schlug das Buch sich immer +wieder zusammen. "Ei, ei," sprach Prosper Alpanus, "versuchen _Sie_ +sich doch mit dem eigensinnigen Dinge hier, mein wertes Fräulein!" + +Er reichte der Dame das Buch hin, das, sowie sie es nur berührte, sich +von selbst aufschlug. Aber alle Blätter lösten sich los und dehnten +sich aus zum Riesenfolio und rauschten umher im Zimmer. + +Erschrocken fuhr das Fräulein zurück. Nun schlug der Doktor das Buch +zu mit Gewalt, und alle Blätter verschwanden. + +"Aber," sprach nun Prosper Alpanus mit sanftem Lächeln, indem er sich +von seinem Sitze erhob, "aber mein bestes gnädiges Fräulein, was +verderben wir die Zeit mit solchen schnöden Tafelkünsten; denn anders +als ordinäre Tafelkunststücke sind es doch nicht, die wir bis jetzt +getrieben, schreiten wir doch lieber zu höheren Dingen." "Ich will +fort!" rief das Fräulein und erhob sich vorn Sitze. + +"Ei," sprach Prosper Alpanus, "das möchte doch wohl nicht recht gut +angehen ohne meinen Willen; denn, meine Gnädige, ich muß es Ihnen nur +sagen, Sie sind jetzt ganz und gar in meiner Gewalt." + +"In Ihrer Gewalt," rief das Fräulein zornig, "in Ihrer Gewalt, Herr +Doktor? - Törichte Einbildung!" + +Und damit breitete sich ihr seidnes Kleid aus, und sie schwebte als +der schönste Trauermantel auf zur Decke des Zimmers. Doch sogleich +sauste und brauste auch Prosper Alpanus ihr nach als tüchtiger +Hirschkäfer. Ganz ermattet flatterte der Trauermantel herab und rannte +als kleines Mäuschen auf dem Boden umher. Aber der Hirschkäfer sprang +miauend und prustend ihm nach als grauer Kater. Das Mäuschen erhob +sich wieder als glänzender Kolibri, da erhoben sich allerlei seltsame +Stimmen rings um das Landhaus, und allerlei wunderbare Insekten +sumseten herbei, mit ihnen seltsames Waldgeflügel, und ein goldnes +Netz spann sich um die Fenster. Da stand mit einemmal die Fee +Rosabelverde, in aller Pracht und Hoheit strahlend, im glänzenden +weißen Gewande, den funkelnden Diamantgürtel umgetan, weiße und rote +Rosen durch die dunklen Locken geflochten, mitten im Zimmer. Vor ihr +der Magus im goldgestickten Talar, eine glänzende Krone auf dem Haupt, +das Rohr mit dem feuerstrahlenden Knopf in der Hand. + +Rosabelverde schritt zu auf den Magus, da entfiel ihrem Haar ein +goldner Kamm und zerbrach, als sei er von Glas, auf dem Marmorboden. + +"Weh mir! - weh mir!" rief die Fee. + +Plötzlich saß wieder das Stiftsfräulein von Rosenschön im schwarzen +langen Kleide am Kaffeetisch, und ihr gegenüber der Doktor Prosper +Alpanus. + +"Ich dächte," sprach Prosper Alpanus sehr ruhig, indem er in die +chinesischen Tassen den herrlichsten dampfenden Kaffee von Mokka ohne +Hindernis einschenkte, "ich dächte, mein bestes gnädiges Fräulein, wir +wüßten beide nun hinlänglich, wie wir miteinander daran sind. - Sehr +leid tut es mir, daß Ihr schöner Haarkamm zerbrach auf meinem harten +Fußboden." + +"Nur meine Ungeschicklichkeit," erwiderte das Fräulein, mit Behagen +den Kaffee einschlürfend, "ist schuld daran. Auf diesen Boden muß man +sich hüten, etwas fallen zu lassen, denn irr' ich nicht, so sind diese +Steine mit den wunderbarsten Hieroglyphen beschrieben, welche manchem +nur gewöhnliche Marmoradern bedünken möchten." + +"Abgenutzte Talismane, meine Gnädige," sprach Prosper, "abgenutzte +Talismane sind diese Steine, nichts weiter." + +"Aber bester Doktor," rief das Fräulein, "wie ist es möglich, daß wir +uns nicht kennen lernten seit der frühesten Zeit, daß wir nicht ein +einziges Mal zusammentrafen auf unseren Wegen?" + +"Diverse Erziehung, beste Dame," erwiderte Prosper Alpanus, +"diverse Erziehung ist lediglich daran schuld! Während Sie als das +hoffnungsvollste Mädchen in Dschinnistan sich ganz Ihrer reichen +Natur, Ihrem glücklichen Genie überlassen konnten, war ich, ein +trübseliger Student, in den Pyramiden eingeschlossen und hörte +Kollegia bei dem Professor Zoroaster, einem alten Knasterbart, der +aber verdammt viel wußte. Unter der Regierung des würdigen Fürsten +Demetrius nahm ich meinen Wohnsitz in diesem kleinen anmutigen +Ländchen." + +"Wie," sprach das Fräulein, "und wurden nicht verwiesen, als Fürst +Paphnutius die Aufklärung einführte?" "Keineswegs," antwortete +Prosper, "es gelang mir vielmehr, mein eignes Ich ganz zu verhüllen, +indem ich mich mühte, Aufklärungssachen betreffend, ganz besondere +Kenntnisse zu beweisen in allerlei Schriften, die ich verbreitete. Ich +bewies, daß ohne des Fürsten Willen es niemals donnern und blitzen +müsse, und daß wir schönes Wetter und eine gute Ernte einzig und +allein seinen und seiner Noblesse Bemühungen zu verdanken, die in den +innern Gemächern darüber sehr weise beratschlage, während das gemeine +Volk draußen auf dem Acker gepflügt und gesäet. Fürst Paphnutius erhob +mich damals zum Geheimen Oberaufklärungs-Präsidenten, eine Stelle, +die ich mit meiner Hülle wie eine lästige Bürde abwarf, als der Sturm +vorüber. - Insgeheim war ich nützlich, wie ich konnte. Das heißt, was +wir, ich und Sie, meine Gnädige, wahrhaft nützlich nennen. - Wissen +Sie wohl, bestes Fräulein, daß _ich_ es war, der Sie warnte vor dem +Einbrechen der Aufklärungspolizei? - daß _ich_ es bin, dem Sie noch +das Besitztum der artigen Sächelchen verdanken, die Sie mir vorhin +gezeigt? - O mein Gott! liebe Stiftsdame, schauen Sie doch nur aus +diesen Fenstern! - Erkennen Sie denn nicht mehr diesen Park, in dem +Sie so oft lustwandelten und mit den freundlichen Geistern sprachen, +die in den Büschen - Blumen - Quellen wohnen? - Diesen Park hab' ich +gerettet durch meine Wissenschaft. Er steht noch da wie zur Zeit des +alten Demetrius. Fürst Barsanuph bekümmert sich, dem Himmel sei es +gedankt, nicht viel um das Zauberwesen, er ist ein leutseliger Herr +und läßt jeden gewähren, jeden zaubern, so viel er Lust hat, sobald +er es sich nur nicht merken läßt und die Abgaben richtig zahlt. So +leb' ich hier, wie Sie, liebe Dame, in Ihrem Stift, glücklich und +sorgenfrei!" - + +"Doktor," rief das Fräulein, indem ihr die Tränen aus den Augen +stürzten, "Doktor, was sagen Sie! - welche Aufklärungen! - ja, ich +erkenne diesen Hain, wo ich die seligsten Freuden genoß! - Doktor! - +edelster Mann, dem ich so viel zu verdanken! - Und Sie können meinen +kleinen Schützling so hart verfolgen?" - + +"Sie haben," erwiderte der Doktor, "Sie haben, mein bestes Fräulein, +von Ihrer angebornen Gutmütigkeit hingerissen, Ihre Gaben an einen +Unwürdigen verschleudert. Zinnober ist und bleibt, Ihrer gütigen Hülfe +ungeachtet, ein kleiner mißgestalteter Schlingel, der nun, da der +goldne Kamm zerbrochen, ganz in meine Hand gegeben ist." + +"Haben Sie Mitleiden, o Doktor!" flehte das Fräulein. + +"Aber schauen Sie doch nur gefälligst her," sprach Prosper, indem er +dem Fräulein Balthasars Horoskop, das er gestellt hatte, vorhielt. + +Das Fräulein blickte hinein und rief dann voll Schmerz: "Ja! - wenn es +so beschaffen ist, so muß ich wohl weichen der höheren Macht. - Armer +Zinnober!" - + +"Gestehen Sie, bestes Fräulein," sprach der Doktor lächelnd, "gestehen +Sie, daß die Damen oft sich in dem Bizarrsten sehr wohl gefallen, +den Einfall, den der Augenblick gebar, rastlos und rücksichtslos +verfolgend und jedes schmerzliche Berühren anderer Verhältnisse nicht +achtend! - Zinnober muß sein Schicksal verbüßen, aber dann soll er +noch zu unverdienter Ehre gelangen. Damit huldige ich Ihrer Macht, +Ihrer Güte, Ihrer Tugend. mein sehr wertes gnädigstes Fräulein!" + +"Herrlicher, vortrefflicher Mann," rief das Fräulein, "bleiben Sie +mein Freund!" - + +"Immerdar," erwiderte der Doktor. "Meine Freundschaft, meine innige +Zuneigung zu Ihnen, holde Fee, wird nie aufhören. Wenden Sie sich +getrost an mich in allen bedenklichen Fällen des Lebens, und - o +trinken Sie Kaffee bei mir, sooft es Ihnen zu Sinne kommt." + +"Leben Sie wohl, mein würdigster Magus, nie werd' ich Ihre Huld, nie +diesen Kaffee vergessen!" So sprach das Fräulein und erhob sich, von +innerer Rührung ergriffen, zum Scheiden. + +Prosper Alpanus begleitete sie ans Gattertor, während alle wunderbare +Stimmen des Waldes auf die lieblichste Weise erklangen. + +Vor dem Tor stand, statt des Fräuleins Wagen, die mit den Einhörnern +bespannte Kristallmuschel des Doktors, hinter der der Goldkäfer seine +glänzenden Flügel ausbreitete. Auf dem Bock saß der Silberfasan und +kuckte, die goldnen Zügel im Schnabel haltend, das Fräulein mit klugen +Augen an. + +In die seligste Zeit ihres herrlichsten Feenlebens fühlte sich die +Stiftsdame versetzt, als der Wagen, herrlich tönend, durch den +duftenden Wald rauschte. + + + +Siebentes Kapitel + +Wie der Professor Mosch Terpin im fürstlichen Weinkeller die Natur +erforschte. - Mycetes Belzebub. - Verzweiflung des Studenten +Balthasar. - Vorteilhafter Einfluß eines wohleingerichteten Landhauses +auf das häusliche Glück. - Wie Prosper Alpanus dem Balthasar eine +schildkrötene Dose überreichte und davonritt. + +Balthasar, der sich in dem Dorfe Hoch-Jakobsheim versteckt hielt, +bekam von dem Referendarius Pulcher aus Kerepes einen Brief des +Inhalts: "Unsere Angelegenheiten, bester Freund Balthasar, gehen immer +schlechter und schlechter. Unser Feind, der abscheuliche Zinnober, ist +Minister der auswärtigen Angelegenheiten geworden und hat den großen +Orden des grüngefleckten Tigers mit zwanzig Knöpfen erhalten. Er hat +sich aufgeschwungen zum Liebling des Fürsten und setzt alles durch, +was er will. Professor Mosch Terpin ist ganz außer sich, er bläht sich +auf im dummen Stolz. Durch seines künftigen Schwiegersohns Vermittlung +hat er die Stelle des Generaldirektors sämtlicher natürlicher +Angelegenheiten im Staate erhalten, eine Stelle, die ihm viel Geld und +eine Menge anderer Emolumente einbringt. Als benannter Generaldirektor +zensiert und revidiert er die Sonnen- und Mondfinsternisse sowie +die Wetterprophezeiungen in den im Staate erlaubten Kalendern und +erforscht insbesondere die Natur in der Residenz und deren Bereich. +Dieser Beschäftigung halber bekommt er aus den fürstlichen Waldungen +das seltenste Geflügel, die raresten Tiere, die er, um eben ihre Natur +zu erforschen, braten läßt und auffrißt. Ebenso schreibt er jetzt +(wenigstens gibt er es vor) eine Abhandlung darüber, warum der Wein +anders schmeckt als Wasser und auch andere Wirkungen äußert, die er +seinem Schwiegersohn zueignen will. Zinnober hat es bewirkt, daß +Mosch Terpin der Abhandlung wegen alle Tage im fürstlichen Weinkeller +studieren darf. Er hat schon einen halben Oxhoft alten Rheinwein sowie +mehrere Dutzend Flaschen Champagner verstudiert und ist jetzt an ein +Faß Alikante geraten. - Der Kellermeister ringt die Hände! - So ist +dem Professor, der, wie Du weißt, das größte Leckermaul auf Erden, +geholfen, und er würde das bequemste Leben von der Welt führen, müßte +er oft nicht, wenn ein Hagelschlag die Felder verwüstet hat, plötzlich +über Land, um den fürstlichen Pächtern zu erklären, warum es gehagelt +hat, damit die dummen Teufel ein bißchen Wissenschaft bekommen, sich +künftig vor dergleichen hüten können und nicht immer Erlaß der Pacht +verlangen dürfen, einer Sache halber, die niemand verschuldet, als sie +selbst. + +"Der Minister kann die Tracht Schläge, die Du ihm erteilt, nicht +verwinden. Er hat Dir Rache geschworen. Du wirst Dich gar nicht mehr +in Kerepes sehen lassen dürfen. Auch mich verfolgt er sehr, weil ich +seine geheimnisvolle Art, sich von einer geflügelten Dame frisieren +zu lassen, erlauscht habe. - Solange Zinnober des Fürsten Liebling +bleibt, werde ich wohl auf keinen ordentlichen Posten Anspruch +machen können. Mein Unstern will es, daß ich immer mit der Mißgeburt +zusammengerate, wo ich es gar nicht ahne, und auf eine Weise, die mir +fatal werden muß. Neulich ist der Minister in vollem Staat, mit Degen, +Stern und Ordensband, im zoologischen Kabinett und hat sich nach +seiner gewöhnlichen Weise, den Stock untergestemmt, auf den Fußspitzen +schwebend, an den Glasschrank hingestellt, wo die seltensten +amerikanischen Affen stehen. Fremde, die das Kabinett besehen, treten +heran, und einer, den kleinen Wurzelmann erblickend, ruft laut aus: +'Ei! - was für ein allerliebster Affe! - welch niedliches Tier! - die +Zierde des ganzen Kabinetts! - Ei, wie heißt das hübsche Äfflein? +woher des Landes?' + +"Da spricht der Aufseher des Kabinetts sehr ernsthaft, indem er +Zinnobers Schulter berührte: 'Ja, ein sehr schönes Exemplar, ein +vortrefflicher Brasilianer, der sogenannte Mycetes Belzebub - Simia +Belzebub Linnei - niger, barbatus, podiis caudaque apice brunneis - +Brüllaffe' - + +"'Herr,' - prustet nun der Kleine den Aufseher an, 'Herr, ich glaube, +Sie sind wahnsinnig oder neunmal des Teufels, ich bin kein Belzebub +caudaque - kein Brüllaffe, ich bin Zinnober, der Minister Zinnober, +Ritter des grüngefleckten Tigers mit zwanzig Knöpfen!' - Nicht weit +davon stehe ich und breche - hätt' es das Leben gekostet auf der +Stelle, ich konnte mich nicht zurückhalten - aus in ein wieherndes +Gelächter. + +"'Sind Sie auch da, Herr Referendarius?' schnarcht er mich an, indem +rote Glut aus seinen Hexenaugen funkelt. + +"Gott weiß, wie es kam, daß die Fremden ihn immerfort für den schönsten +seltensten Affen hielten, den sie jemals gesehen, und ihn durchaus +mit Lampertsnüssen füttern wollten, die sie aus der Tasche gezogen. +Zinnober geriet nun so ganz außer sich, daß er vergebens nach +Atem schnappte und die Beinchen ihm den Dienst versagten. Der +herbeigerufene Kammerdiener mußte ihn auf den Arm nehmen und +hinabtragen in die Kutsche. + +"Selbst kann ich mir aber nicht erklären, warum mir diese Geschichte +einen Schimmer von Hoffnung gibt. Es ist der erste Tort, der dem +kleinen verhexten Unding geschehen. + +"So viel ist gewiß, daß Zinnober neulich am frühen Morgen sehr verstört +aus dem Garten gekommen ist. Die geflügelte Frau muß ausgeblieben +sein, denn vorbei ist es mit den schönen Locken. Das Haar soll ihm +struppig auf dem Rücken herabhängen und Fürst Barsanuph gesagt haben: +'Vernachlässigen Sie nicht so sehr Ihre Toilette, bester Minister, +ich werde Ihnen meinen Friseur schicken!' - worauf denn Zinnober +sehr höflich geäußert, er werde den Kerl zum Fenster herausschmeißen +lassen, wenn er käme. 'Große Seele! man kommt Ihnen nicht bei,' hat +dann der Fürst gesprochen und dabei sehr geweint! + +"Lebe wohl, liebster Balthasar! gib nicht alle Hoffnung auf und +verstecke Dich gut, damit sie Dich nicht greifen!" - + +Ganz in Verzweiflung darüber, was ihm der Freund geschrieben, rannte +Balthasar tief hinein in den Wald und brach aus in laute Klagen. + +"Hoffen soll ich," rief er, "hoffen soll ich noch, da jede Hoffnung +verschwunden, da alle Sterne untergegangen und düstere - düstere Nacht +mich Trostlosen umfängt? Unseliges Verhängnis! - ich unterliege der +finstren Macht, die verderblich in mein Leben getreten! - Wahnsinn, +daß ich auf Rettung hoffte von Prosper Alpanus, von diesem Prosper +Alpanus, der mich selbst mit höllischen Künsten verlockte und mich +forttrieb von Kerepes, indem er die Prügel, die ich dem Spiegelbilde +erteilen mußte, auf Zinnobers wahrhaftigen Rücken regnen ließ!" "Ach +Candida! - Könnt' ich nur das Himmelskind vergessen! - Aber mächtiger, +stärker als jemals glüht der Liebesfunke in mir! - Überall sehe ich +die holde Gestalt der Geliebten, die mit süßem Lächeln sehnsüchtig die +Arme nach mir ausstreckt! - Ich weiß es ja! - du liebst mich, holde +süße Candida, und das ist eben mein hoffnungsloser tötender Schmerz, +daß ich dich nicht zu retten vermag aus der heillosen Verzauberung, +die dich befangen! - Verräterischer Prosper! was tat ich dir, daß du +mich so grausam äfftest!" - + +Die tiefe Dämmerung war eingebrochen, alle Farben des Waldes schwanden +hin in dumpfes Grau. Da war es, als leuchte ein besonderer Glanz +wie aufflammender Abendschein durch Baum und Gebüsch, und tausend +Insektlein erhoben sich mit rauschendem Flügelschlage sumsend in die +Lüfte. Leuchtende Goldkäfer schwangen sich hin und her, und dazwischen +flatterten buntgeputzte Schmetterlinge und streuten duftenden +Blumenstaub um sich her. Das Wispern und Sumsen wurde zu sanfter, +süßflüsternder Musik, die sich tröstend legte an Balthasars zerrissene +Brust. Über ihm funkelte stärker strahlend der Glanz. Er schaute +hinauf und erblickte staunend Prosper Alpanus, der auf einem +wunderbaren Insekt, das einer in den herrlichsten Farben prunkenden +Libelle nicht unähnlich, daherschwebte. + +Prosper Alpanus senkte sich herab zu dem Jüngling, an dessen Seite +er Platz nahm, während die Libelle aufflog in ein Gebüsch und in den +Gesang einstimmte, der durch den ganzen Wald tönte. + +Er berührte des Jünglings Stirne mit den wundervoll glänzenden Blumen, +die er in der Hand trug, und sogleich entzündete sich in Balthasars +Innerm frischer Lebensmut. + +"Du tust," sprach nun Prosper Alpanus mit sanfter Stimme, "du tust mir +großes Unrecht, lieber Balthasar, da du mich grausam und verräterisch +schiltst in dem Augenblick, als es mir gelungen ist, Herr zu werden +des Zaubers, der dein Leben verstört, als ich, um nur schneller dich +zu finden, dich zu trösten, mich auf mein buntes Lieblingsrößlein +schwinge und herbeireite, mit allem versehen, was zu deinem Heil +dienen kann. - Doch nichts ist bittrer als Liebesschmerz, nichts +gleicht der Ungeduld eines in Liebe und Sehnsucht verzweifelnden +Gemüts. - Ich verzeihe dir, denn mir ist es selbst nicht besser +gegangen, als ich vor ungefähr zweitausend Jahren eine indische +Prinzessin liebte, Balsamine geheißen, und dem Zauberer Lothos, der +mein bester Freund war, in der Verzweiflung den Bart ausriß, weshalb +ich, wie du siehst, selbst keinen trage, damit mir nicht Ähnliches +geschehe. - Doch dir dies alles weitläuftig zu erzählen, würde wohl +hier an sehr unrechtem Orte sein, da jeder Liebende nur von seiner +Liebe hören mag, die er allein der Rede wert hält, so wie jeder +Dichter nur seine Verse gern vernimmt. Also zur Sache! - Wisse, daß +Zinnober die verwahrloste Mißgeburt eines armen Bauerweibes ist und +eigentlich Klein Zaches heißt. Nur aus Eitelkeit hat er den stolzen +Namen Zinnober angenommen. Das Stiftsfräulein von Rosenschön oder +eigentlich die berühmte Fee Rosabelverde, denn niemand anders ist jene +Dame, fand das kleine Ungetüm am Wege. Sie glaubte, alles, was die +Natur dem Kleinen stiefmütterlich versagt, dadurch zu ersetzen, wenn +sie ihn mit der seltsamen geheimnisvollen Gabe beschenkte, vermöge der +alles, was in seiner Gegenwart irgendein anderer Vortreffliches denkt, +spricht oder tut, auf _seine_ Rechnung kommen, ja daß er in der +Gesellschaft wohlgebildeter, verständiger, geistreicher Personen +auch für wohlgebildet, verständig und geistreich geachtet werden und +überhaupt allemal für den vollkommensten der Gattung, mit der er im +Konflikt, gelten muß. + +"Dieser sonderbare Zauber liegt in drei feuerfarbglänzenden Haaren, +die sich über den Scheitel des Kleinen ziehen. Jede Berührung dieser +Haare, sowie überhaupt des Hauptes, mußte dem Kleinen schmerzhaft, +ja verderblich sein. Deshalb ließ die Fee sein von Natur dünnes, +struppiges Haar in dicken anmutigen Locken hinabwallen, die, des +Kleinen Haupt schützend, zugleich jenen roten Streif versteckten und +den Zauber stärkten. Jeden neunten Tag frisierte die Fee selbst den +Kleinen mit einem goldnen magischen Kamm, und diese Frisur vernichtete +jedes auf Zerstörung des Zaubers gerichtete Unternehmen. Aber den Kamm +selbst hat ein kräftiger Talisman, den ich der guten Fee, als sie mich +besuchte, unterzuschieben wußte, vernichtet. + +"Es kommt jetzt nur darauf an, ihm jene drei feuerfarbnen Haare +auszureißen, und er sinkt zurück in sein voriges Nichts! - Dir, mein +lieber Balthasar, ist diese Entzauberung vorbehalten. Du hast Mut, +Kraft und Geschicklichkeit, du wirst die Sache ausführen, wie es sich +gehört. Nimm dieses kleine geschliffene Glas, nähere dich dem kleinen +Zinnober, wo du ihn findest, richte deinen scharfen Blick durch dieses +Glas auf sein Haupt, frei und offen werden die drei roten Haare sich +über das Haupt des Kleinen ziehen. Packe ihn fest an, achte nicht auf +das gellende Katzengeschrei, das er ausstoßen wird, reiße ihm mit +einem Ruck die drei Haare aus und verbrenne sie auf der Stelle. Es ist +notwendig, daß die Haare mit _einem_ Ruck ausgerissen und _sogleich_ +verbrannt werden, denn sonst könnten sie noch allerlei verderbliche +Wirkungen äußern. Richte daher dein vorzüglichstes Augenmerk darauf, +daß du die Haare geschickt und fest erfassest und den Kleinen +überfällst, wenn gerade ein Feuer oder ein Licht in der Nähe +befindlich." - + +"O Prosper Alpanus," rief Balthasar, "wie schlecht habe ich diese +Güte, diesen Edelmut durch mein Mißtrauen verdient! - Wie fühle ich es +so in tiefer Brust, das nun mein Leiden endigt, daß alles Himmelsglück +mir die goldnen Tore erschließt!" - + +"Ich liebe," fuhr Prosper Alpanus fort, "ich liebe Jünglinge, die so +wie du, mein Balthasar, Sehnsucht und Liebe im reinen Herzen tragen, +in deren Innerm noch jene herrlichen Akkorde widerhallen, die dem +fernen Lande voll göttlicher Wunder angehören, das meine Heimat ist. +Die glücklichen, mit dieser inneren Musik begabten Menschen sind +die einzigen, die man Dichter nennen kann, wiewohl viele auch so +gescholten werden, die den ersten besten Brummbaß zur Hand nehmen, +darauf herumstreichen und das verworrene Gerassel der unter ihrer +Faust stöhnenden Saiten für herrliche Musik halten, die aus ihrem +eignen Innern heraustönt. - Dir ist, ich weiß es, mein geliebter +Balthasar, dir ist es zuweilen so, als verstündest du die murmelnden +Quellen, die rauschenden Bäume, ja, als spräche das aufflammende +Abendrot zu dir mit verständlichen Worten! - Ja, mein Balthasar! - +in diesen Momenten verstehst du wirklich die wunderbaren Stimmen der +Natur, denn aus deinem eignen Innern erhebt sich der göttliche Ton, +den die wundervolle Harmonie des tiefsten Wesens der Natur entzündet. +- Da du Klavier spielst, o Dichter, so wirst du wissen, daß dem +angeschlagenen Ton die ihm verwandten Töne nachklingen. - Dieses +Naturgesetz dient zu mehr als zum schalen Gleichnis! - Ja, o Dichter, +du bist ein viel besserer, als es manche glauben, denen du deine +Versuche, die innere Musik mit Feder und Tinte zu Papier zu bringen, +vorgelesen. Mit diesen Versuchen ist es nicht weit her. Doch hast du +im historischen Stil einen guten Wurf getan, als du mit pragmatischer +Breite und Genauigkeit die Geschichte von der Liebe der Nachtigall zur +Purpurrose aufschriebst, welche sich unter meinen Augen begeben. - Das +ist eine ganz artige Arbeit" - + +Prosper Alpanus hielt inne, Balthasar blickte ihn ganz verwundert an +mit großen Augen, er wußte gar nicht, was er dazu sagen sollte, daß +Prosper das Gedicht, welches er für das fantastischste hielt, das er +jemals aufgeschrieben, für einen historischen Versuch erklärte. + +"Du magst," fuhr Prosper Alpanus fort, indem ein anmutiges Lächeln +sein Gesicht überstrahlte, "du magst dich wohl über meine Reden +verwundern, dir mag überhaupt manches seltsam an mir vorkommen. +Bedenke aber, daß ich nach dem Urteil aller vernünftigen Leute eine +Person bin, die nur im Märchen auftreten darf, und du weißt, geliebter +Balthasar, daß solche Personen sich wunderlich gebärden und tolles +Zeug schwatzen können, wie sie nur mögen, vorzüglich wenn hinter allem +doch etwas steckt, was gerade nicht zu verwerfen. - Nun aber weiter! +- Nahm sich die Fee Rosabelverde des mißgestalteten Zinnober so +eifrig an, so bist du, mein Balthasar, nun ganz und gar mein lieber +Schützling. Höre also, was ich für dich zu tun gesonnen! - Der +Zauberer Lothos besuchte mich gestern, er brachte mir tausend Grüße, +aber auch tausend Klagen von der Prinzessin Balsamine, die aus dem +Schlafe erwacht ist und in den süßen Tönen des Chartah Bhade, jenes +herrlichen Gedichts, das unsere erste Liebe war, sehnende Arme nach +mir ausstreckt. Auch mein alter Freund, der Minister Yuchi, winkt mir +freundlich zu vom Polarstern. - Ich muß fort nach dem fernsten Indien! +- Mein Landgut, das ich verlasse, wünsche ich in keines andern Besitz +zu sehen als in dem deinigen. Morgen gehe ich nach Kerepes und lasse +eine förmliche Schenkungsurkunde ausfertigen, in der ich als dein +Oheim auftrete. Ist nun Zinnobers Zauber gelöst, trittst du vor den +Professor Mosch Terpin hin als Besitzer eines vortrefflichen Landguts, +eines beträchtlichen Vermögens, und wirbst du um die Hand der schönen +Candida, so wird er in voller Freude dir alles gewähren. Aber noch +mehr! - Ziehst du mit deiner Candida ein in mein Landhaus, so ist das +Glück deiner Ehe gesichert. Hinter den schönen Bäumen wächst alles, +was das Haus bedarf; außer den herrlichsten Früchten der schönste Kohl +und tüchtiges schmackhaftes Gemüse überhaupt, wie man es weit und +breit nicht findet. Deine Frau wird immer den ersten Salat, die ersten +Spargel haben. Die Küche ist so eingerichtet, daß die Töpfe niemals +überlaufen und keine Schüssel verdirbt, solltest du auch einmal eine +ganze Stunde über die Essenszeit ausbleiben. Teppiche, Stuhl- und +Sofa-Bezüge sind von der Beschaffenheit, daß es bei der größten +Ungeschicklichkeit der Dienstboten unmöglich bleibt, einen Fleck +hineinzubringen, ebenso zerbricht kein Porzellan, kein Glas, sollte +sich auch die Dienerschaft deshalb die größte Mühe geben und es auf +den härtesten Boden werfen. Jedesmal endlich, wenn deine Frau waschen +läßt, ist auf dem großen Wiesenplan hinter dem Hause das allerschönste +heiterste Wetter, sollte es auch rings umher regnen, donnern und +blitzen. Kurz, mein Balthasar, es ist dafür gesorgt, daß du das +häusliche Glück an deiner holden Candida Seite ruhig und ungestört +genießest! - + +"Doch nun ist es wohl an der Zeit, daß ich heimkehre und in +Gemeinschaft mit meinem Freunde Lothos die Anstalten zu meiner +baldigen Abreise beginne. Lebe wohl, mein Balthasar!" - + +Damit pfiff Prosper ein- zweimal der Libelle, die alsbald sumsend +herbeiflog. Er zäumte sie auf und schwang sich in den Sattel. Aber +schon im Davonschweben hielt er plötzlich an und kehrte um zu +Balthasar. - + +"Beinahe," sprach er, "hätte ich deinen Freund Fabian vergessen. In +einem Anfall schalkischer Laune habe ich ihn für seinen Vorwitz zu +hart gestraft. In dieser Dose ist das enthalten, was ihn tröstet!" - + +Prosper reichte dem Balthasar ein kleines, blank poliertes +schildkrötenes Döschen hin, das er ebenso einsteckte, wie die kleine +Lorgnette, die er erst zur Entzauberung Zinnobers von Prosper +erhalten. + +Prosper Alpanus rauschte nun fort durch das Gebüsch, indem die Stimmen +des Waldes stärker und anmutiger ertönten. + +Balthasar kehrte zurück nach Hoch-Jakobsheim, alle Wonne, alles +Entzücken der süßesten Hoffnung im Herzen. + + + +Achtes Kapitel + +Wie Fabian seiner langen Rockschöße halber für einen Sektierer +und Tumultuanten gehalten wurde. - Wie Fürst Barsanuph hinter +den Kaminschirm trat und den Generaldirektor der natürlichen +Angelegenheiten kassierte. - Zinnobers Flucht aus Mosch Terpins Hause. +- Wie Mosch Terpin auf einem Sommervogel ausreiten und Kaiser werden +wollte, dann aber zu Bette ging. + +In der frühesten Morgendämmerung, als Wege und Straßen noch einsam, +schlich sich Balthasar hinein nach Kerepes und lief augenblicklich +zu seinem Freunde Fabian. Als er an die Stubentüre pochte, rief eine +kranke matte Stimme: "Herein!" - + +Bleich - entstellt, hoffnungslosen Schmerz im Antlitz, lag Fabian auf +dem Bette. "Um des Himmels willen," rief Balthasar, "um des Himmels +willen - Freund! sprich! - was ist dir widerfahren?" + +"Ach Freund," sprach Fabian mit gebrochener Stimme, indem er sich +mühsam in die Höhe richtete, "mit mir ist es aus, rein aus. Der +verfluchte Hexenspuk, den, ich weiß es, der rachsüchtige Prosper +Alpanus über mich gebracht, stürzt mich ins Verderben!" - + +"Wie ist das möglich?" fragte Balthasar; "Zauberei, Hexenspuk, +du glaubtest sonst an dergleichen nicht." "Ach," fuhr Fabian mit +weinerlicher Stimme fort, "ach, ich glaube jetzt an alles, an Zauberer +und Hexen und Erdgeister und Wassergeister, an den Rattenkönig und +die Alraunwurzel - an alles, was du willst. Wem das Ding so auf den +Hals tritt wie mir, der gibt sich wohl! - Du erinnerst dich an den +höllischen Skandal mit meinem Rocke, als wir von Prosper Alpanus +kamen! - Ja! wär' es nur dabei geblieben! - Sieh dich doch etwas um in +meinem Zimmer, lieber Balthasar!" - + +Balthasar tat es und gewahrte an allen Wänden rings umher eine Unzahl +von Fracks, Überröcken, Kurtken von allem möglichen Zuschnitt, von +allen möglichen Farben. "Wie," rief er, "willst du einen Kleiderkram +anlegen, Fabian?" + +"Spotte nicht," erwiderte Fabian, "spotte nicht, lieber Freund. Alle +diese Kleider ließ ich anfertigen von den berühmtesten Schneidern, +immer hoffend, endlich einmal der unseligen Verdammnis zu entgehen, +die auf meinen Röcken ruht, aber umsonst. Sowie ich den schönsten +Rock, der mir steht wie angegossen an den Leib, nur einige Minuten +trage, rutschen die Ärmel mir an die Schultern herauf, und die Schöße +schwänzeln mir nach sechs Ellen lang. In der Verzweiflung ließ ich mir +jenen Spenzer mit den eine Welt langen Pierrotsärmeln machen: 'Rutscht +nur, Ärmel,' dacht' ich, 'dehnt euch nur aus, Schöße, so kommt alles +ins Gleiche': aber! - ganz dasselbe wie mit allen andern Röcken war +es in wenigen Minuten! Alle Kunst und Kraft der mächtigsten Schneider +richtete nichts aus gegen den verwünschten Zauber! Daß ich verhöhnt, +verspottet wurde, wo ich mich nur blicken ließ, versteht sich von +selbst, aber bald veranlaßte meine unverschuldete Hartnäckigkeit, +immer wieder in einem solch verteufelten Rock zu erscheinen, ganz +andere Urteile. Das Geringste war noch, daß die Frauen mich grenzenlos +eitel und abgeschmackt schalten, da ich aller Sitte entgegen mich +durchaus mit nackten Armen, sie wahrscheinlich für sehr schön haltend, +sehen lassen wolle. Die Theologen aber schrien mich bald für einen +Sektierer aus, stritten sich nur, ob ich zur Sekte der Ärmelianer oder +Schößianer zu rechnen, waren aber darin einig, daß beide Sekten höchst +gefährlich zu nennen, da beide vollkommene Freiheit des Willens +statuierten und sich erfrechten zu denken, was sie wollten. +Diplomatiker hielten mich für einen schnöden Aufwiegler. Sie +behaupteten, ich wolle durch meine langen Rockschöße Unzufriedenheit +im Volke erregen und es aufsässig machen gegen die Regierung, gehöre +überhaupt zu einem geheimen Bunde, dessen Zeichen ein kurzer Ärmel +sei. Schon seit langer Zeit fänden sich hie und da Spuren der +Kurzärmler, die ebenso zu fürchten als die Jesuiten, ja noch mehr, +da sie sich bemühten, überall die jedem Staate schädliche Poesie +einzuführen, und an der Infallibilität der Fürsten zweifelten. Kurz! - +das Ding wurde ernster und ernster, bis mich der Rektor zitieren ließ. +Ich sah mein Unglück vorher, wenn ich einen Rock anzog, erschien also +in der Weste. Darüber wurde der Mann zornig, er glaubte, ich wolle ihn +verhöhnen, und fuhr auf mich los, ich solle binnen acht Tagen in einem +vernünftigen anständigen Rock vor ihm erscheinen, widrigenfalls er +ohne alle Gnade die Relegation über mich aussprechen würde. - Heute +geht der Termin zu Ende! - O ich Unglücklicher! - O verdammter Prosper +Alpanus!" - + +"Halt ein," rief Balthasar, "halt ein, lieber Freund Fabian, schmäle +nicht auf meinen teuern lieben Oheim, der mir ein Landgut geschenkt +hat. Auch mit _dir_ meint er es gar nicht so böse, ungeachtet er, +ich muß es gestehen, den Vorwitz, womit du ihm begegnetest, zu hart +gestraft hat. - Doch ich bringe Hülfe! - er sendet dir dies Döschen, +welches alle deine Leiden enden soll." + +Damit zog Balthasar das kleine schildkrötene Döschen, welches er +von Prosper Alpanus erhalten, aus der Tasche und überreichte es dem +trostlosen Fabian. + +"Was soll," Sprach dieser, "was soll mir denn der dumme Quark helfen? +wie kann ein kleines schildkrötenes Döschen Einfluß haben auf die +Gestaltung meiner Röcke?" "Das weiß ich nicht," erwiderte Balthasar, +"aber mein lieber Oheim kann und wird mich nicht täuschen, ich habe +das vollste Zutrauen zu ihm; darum öffne nur die Dose, lieber Fabian, +wir wollen sehen, was darin enthalten." + +Fabian tat es - und aus der Dose quoll ein herrlich gemachter +schwarzer Frack von dem feinsten Tuche hervor. Beide, Fabian und +Balthasar, konnten sich des lauten Ausrufs der höchsten Verwunderung +nicht erwehren. + +"Ha, ich verstehe dich," rief Balthasar begeistert, "ha, ich verstehe +dich, mein Prosper, mein teurer Oheim! Dieser Rock wird passen, wird +allen Zauber lösen." - + +Fabian zog den Rock ohne weiteres an, und was Balthasar geahnet, traf +wirklich ein. Das schöne Kleid saß dem Fabian, wie noch niemals ihm +eins gesessen, und an Rutschen der Ärmel, an Verlängerung der Schöße +war nicht zu denken. + +Ganz außer sich vor Freude, beschloß Fabian nun sogleich in seinem +neuen wohlpassenden Rock zum Rektor hinzulaufen und alles ins Gleiche +zu bringen. + +Balthasar erzählte nun seinem Freunde Fabian ausführlich, wie sich +alles begeben mit Prosper Alpanus, und wie dieser ihm die Mittel in +die Hand gegeben, dem heillosen Unwesen des mißgestalteten Däumlings +ein Ende zu machen. Fabian, der ein ganz anderer worden, da ihn alle +Zweifelsucht ganz verlassen, rühmte Prospers hohen Edelmut über alle +Maßen und erbot sich, bei Zinnobers Entzauberung hülfreiche Hand zu +leisten. In dem Augenblick gewahrte Balthasar aus dem Fenster seinen +Freund, den Referendarius Pulcher, der ganz trübsinnig um die Ecke +schleichen wollte. Fabian steckte auf Balthasars Geheiß den Kopf zum +Fenster heraus und winkte und rief dem Referendarius zu, er möge doch +nur gleich heraufkommen. + +Sowie Pulcher eintrat, rief er gleich: "Was hast du denn für einen +herrlichen Rock an, lieber Fabian!" Dieser sagte aber, Balthasar werde +ihm alles erklären, und lief fort zum Rektor. + +Als nun Balthasar dem Referendarius alles ausführlich erzählt, was +sich zugetragen, sprach dieser. "Gerade an der Zeit ist es nun, daß +der abscheuliche Unhold tot gemacht wird. Wisse, daß er heute seine +feierliche Verlobung mit Candida feiert, daß der eitle Mosch Terpin +ein großes Fest gibt, wozu er selbst den Fürsten geladen. Gerade bei +diesem Feste wollen wir eindringen in des Professors Haus und den +Kleinen überfallen. An Lichtern im Saal wird's nicht fehlen zum +augenblicklichen Verbrennen der feindseligen Haare." + +Noch manches hatten die Freunde gesprochen und miteinander verabredet, +als Fabian eintrat mit vor Freude glänzendem Gesicht. + +"Die Kraft," sprach er, "die Kraft des Rocks, der der schildkrötenen +Dose entquollen, hat sich herrlich bewährt. Sowie ich eintrat bei dem +Rektor, lächelte er zufrieden. 'Ha' redete er mich an, 'ha! - ich +gewahre, mein lieber Fabian, daß Sie zurückgekommen sind von Ihrer +seltsamen Verirrung! - Nun! Feuerköpfe wie Sie lassen sich leicht +hinreißen zu dem Extremen! - Für religiöse Schwärmerei habe ich Ihr +Beginnen niemals gehalten - mehr falsch verstandener Patriotismus +- Hang zum Außerordentlichen, gestützt auf das Beispiel der Heroen +des Altertums. - Ja, das lasse ich gelten, solch ein schöner, +wohlpassender Rock! - Heil dem Staate, Heil der Welt, wenn hochherzige +Jünglinge solche Röcke tragen, mit solchen passenden Ärmeln und +Schößen. Bleiben Sie treu, Fabian, bleiben Sie treu solcher Tugend, +solchem wackren Sinn, daraus entsproßt wahre Heldengröße!' - Der +Rektor umarmte mich, indem helle Tränen ihm in die Augen traten. +Selbst weiß ich nicht, wie ich dazu kam, die kleine schildkrötene +Dose, aus der der Rock entstanden und die ich nun in dessen Tasche +gesteckt, hervorzuziehen. 'Bitte!' sprach der Rektor, indem er Daum +und Zeigefinger zusammenspitzte. Ohne zu wissen, ob wohl Tabak +darin enthalten, klappte ich die Dose auf. Der Rektor griff hinein, +schnupfte, faßte meine Hand, drückte sie stark, Tränen liefen ihm über +die Wangen; er sprach tiefgerührt: 'Edler Jüngling! - eine schöne +Prise! - Alles ist vergeben und vergessen, speisen Sie bei mir heut +mittags!' - Ihr seht, Freunde, all mein Leiden hat ein Ende, und +gelingt uns heute, wie es anders gar nicht zu erwarten steht, die +Entzauberung Zinnobers, so seid auch ihr fortan glücklich!" - + +In dem mit hundert Kerzen erleuchteten Saal stand der kleine +Zinnober im scharlachroten gestickten Kleide, den großen Orden des +grüngefleckten Tigers mit zwanzig Knöpfen umgetan, Degen an der Seite, +Federhut unterm Arm. Neben ihm die holde Candida bräutlich geschmückt, +in aller Anmut und Jugend strahlend. Zinnober hatte ihre Hand gefaßt, +die er zuweilen an den Mund drückte und dabei recht widrig grinste und +lächelte. Und jedesmal überflog dann ein höheres Rot Candidas Wangen, +und sie blickte den Kleinen an mit dem Ausdruck der innigsten Liebe. +Das war denn wohl recht graulich anzusehen, und nur die Verblendung, +in die Zinnobers Zauber alle versetzte, war schuld daran, daß man +nicht, ergrimmt über Candidas heillose Verstrickung, den kleinen +Hexenkerl packte und ins Kaminfeuer warf. Rings um das Paar im Kreise +in ehrerbietiger Entfernung hatte sich die Gesellschaft gesammelt. Nur +Fürst Barsanuph stand neben Candida und mühte sich, bedeutungsvolle +gnädige Blicke umherzuwerfen, auf die indessen niemand sonderlich +achtete. Alles hatte nur Auge für das Brautpaar und hing an Zinnobers +Lippen, der hin und wieder einige unverständliche Worte schnurrte, +denen jedesmal ein leises Ach! der höchsten Bewunderung, das die +Gesellschaft ausstieß, folgte. + +Es war an dem, daß die Verlobungsringe gewechselt werden sollten. +Mosch Terpin trat in den Kreis mit einem Präsentierteller, auf dem +die Ringe funkelten. Er räusperte sich - Zinnober hob sich auf den +Fußspitzen so hoch als möglich, beinahe reichte er der Braut an den +Ellbogen. - Alles stand in der gespanntesten Erwartung - da lassen +sich plötzlich fremde Stimmen hören, die Türe des Saals springt auf, +Balthasar dringt ein, mit ihm Pulcher - Fabian! - Sie brechen durch +den Kreis - "Was ist das, was wollen die Fremden?" ruft alles +durcheinander. - + +Fürst Barsanuph schreit entsetzt: "Aufruhr - Rebellion - Wache!" und +springt hinter den Kaminschirm. - Mosch Terpin erkennt den Balthasar, +der dicht bis zum Zinnober vorgedrungen, und ruft: "Herr Studiosus! +- Sind Sie rasend - sind Sie von Sinnen? - wie können Sie sich +unterstehen, hier einzudringen in die Verlobung! - Leute - +Gesellschaft - Bediente, werft den Grobian zur Türe hinaus!" - + +Aber ohne sich nur im mindesten an irgend etwas zu kehren, hat +Balthasar schon Prospers Lorgnette hervorgezogen und richtet durch +dieselbe den festen Blick auf Zinnobers Haupt. Wie vom elektrischen +Strahl getroffen, stößt Zinnober ein gellendes Katzengeschrei aus, daß +der ganze Saal widerhallt. Candida fällt ohnmächtig auf einen Stuhl; +der eng geschlossene Kreis der Gesellschaft stäubt auseinander. - +Klar vor Balthasars Augen liegt der feuerfarbglänzende Haarstreif, er +spring zu auf Zinnober - faßt ihn, der strampelt mit den Beinchen und +sträubt sich und kratzt und beißt. + +"Angepackt - angepackt!" ruft Balthasar; da fassen Fabian und Pulcher +den Kleinen, daß er sich nicht zu regen und zu bewegen vermag, und +Balthasar faßt sicher und behutsam die roten Haare, reißt sie mit +einem Ruck vom Haupte herab, springt an den Kamin, wirft sie ins +Feuer, sie prasseln auf, es geschieht ein betäubender Schlag, alle +erwachen wie aus dem Traum. - Da steht der kleine Zinnober, der sich +mühsam aufgerafft von der Erde, und schimpft und schmält und befiehlt, +man solle die frechen Ruhestörer, die sich an der geheiligten Person +des ersten Ministers im Staate vergriffen, sogleich packen und ins +tiefste Gefängnis werfen! Aber einer frägt den andern: "Wo kommt denn +mit einemmal der kleine purzelbäumige Kerl her? - was will das kleine +Ungetüm?" - Und wie der Däumling immerfort tobt und mit den Füßchen +den Boden stampft und immer dazwischen ruft: "Ich bin der Minister +Zinnober - ich bin der Minister Zinnober - der grüngefleckte Tiger mit +zwanzig Knöpfen!" da bricht alles in ein tolles Gelächter aus. Man +umringt den Kleinen, die Männer heben ihn auf und werfen sich ihn zu +wie einen Fangball; ein Ordensknopf nach dem andern springt ihm vom +Leibe - er verliert den Hut - den Degen, die Schuhe. - Fürst Barsanuph +kommt hinter dem Kaminschirm hervor und tritt hinein mitten in den +Tumult. Da kreischt der Kleine: "Fürst Barsanuph - Durchlaucht - +retten Sie Ihren Minister - Ihren Liebling! - Hülfe - Hülfe - der +Staat ist in Gefahr - der grüngefleckte Tiger - Weh - weh!" - Der +Fürst wirft einen grimmigen Blick auf den Kleinen und schreitet dann +rasch vorwärts nach der Türe. Mosch Terpin kommt ihm in den Weg, den +faßt er, zieht ihn in die Ecke und spricht mit zornfunkelnden Augen: +"Sie erdreisten sich, Ihrem Fürsten, Ihrem Landesvater hier eine dumme +Komödie vorspielen zu wollen? - Sie laden mich ein zur Verlobung +Ihrer Tochter mit meinem würdigen Minister Zinnober, und statt +meines Ministers finde ich hier eine abscheuliche Mißgeburt, die +Sie in glänzende Kleider gesteckt? - Herr, wissen Sie, daß das ein +landesverräterischer Spaß ist, den ich strenge ahnden würde, wenn +Sie nicht ein ganz alberner Mensch wären, der ins Tollhaus gehört. +- Ich entsetze Sie des Amts als Generaldirektor der natürlichen +Angelegenheiten und verbitte mir alles weitere Studieren in meinem +Keller! - Adieu!" + +Dann stürmte er fort. + +Aber Mosch Terpin stürzte zitternd vor Wut los auf den Kleinen, faßte +ihn bei den langen struppigen Haaren und rannte mit ihm hin nach dem +Fenster: "Hinunter mit dir," schrie er, "hinunter mit dir, schändliche +heillose Mißgeburt, die mich so schmachvoll hintergangen, mich um +alles Glück des Lebens gebracht hat!" + +Er wollte den Kleinen hinabstürzen durch das geöffnete Fenster, doch +der Aufseher des zoologischen Kabinetts, der auch zugegen, sprang mit +Blitzesschnelle hinzu, faßte den Kleinen und entriß ihn Mosch Terpins +Fäusten. "Halten Sie ein," sprach der Aufseher, "halten Sie ein, Herr +Professor, vergreifen Sie sich nicht an fürstlichem Eigentum. Es ist +keine Mißgeburt, es ist der Mycetes Belzebub, Simia Belzebub, der dem +Museo entlaufen." "Simia Belzebub - Simia Belzebub!" ertönte es von +allen Seiten unter schallendem Gelächter. Doch kaum hatte der Aufseher +den Kleinen auf den Arm genommen und ihn recht angesehen, als er +unmutig ausrief: "Was sehe ich! - das ist ja nicht Simia Belzebub, das +ist ja ein schnöder häßlicher Wurzelmann! Pfui! - pfui" - + +Und damit warf er den Kleinen in die Mitte des Saals. Unter dem lauten +Hohngelächter der Gesellschaft rannte der Kleine quiekend und knurrend +durch die Türe fort die Treppe herab - fort, fort nach seinem Hause, +ohne daß ihn ein einziger von seinen Dienern bemerkt. + +Währenddessen, daß sich dies alles im Saale begab, hatte sich +Balthasar in das Kabinett entfernt, wo man, wie er wahrgenommen, die +ohnmächtige Candida hingebracht. Er warf sich ihr zu Füßen, drückte +ihre Hände an seine Lippen, nannte sie mit den süßesten Namen. Sie +erwachte endlich mit einem tiefen Seufzer, und als sie den Balthasar +erblickte, da rief sie voll Entzücken: + +"Bist du endlich - endlich da, mein geliebter Balthasar! Ach, ich bin +ja beinahe vergangen vor Sehnsucht und Liebesschmerz! - und immer +erklangen mir die Töne der Nachtigall, von denen berührt, der +Purpurrose das Herzblut entquillt!" - + +Nun erzählte sie, alles, alles um sich her vergessend, wie ein böser +abscheulicher Traum sie verstrickt, wie es ihr vorgekommen, als habe +sich ein häßlicher Unhold an ihr Herz gelegt, dem sie ihre Liebe +schenken müssen, weil sie nicht anders gekonnt. Der Unhold habe sich +zu verstellen gewußt, daß er ausgesehen wie Balthasar; und wenn sie +recht lebhaft an Balthasar gedacht, habe sie zwar gewußt, daß der +Unhold nicht Balthasar, aber dann sei es ihr wieder auf unbegreifliche +Weise gewesen, als müsse sie den Unhold lieben, eben um Balthasars +willen. + +Balthasar klärte ihr so viel auf, als es geschehen konnte, ohne ihre +ohnehin aufgeregten Sinne ganz und gar zu verwirren. Dann folgten, +wie es unter Liebesleuten nicht anders zu geschehen pflegt, tausend +Versicherungen, tausend Schwüre ewiger Liebe und Treue. Und dabei +umfingen sie sich und drückten sich mit der Inbrunst der innigsten +Zärtlichkeit an die Brust und waren ganz und gar umflossen von aller +Wonne, von allem Entzücken des höchsten Himmels. + +Mosch Terpin trat ein, händeringend und lamentierend, mit ihm kamen +Pulcher und Fabian, die immerfort, jedoch vergebens trösteten. + +"Nein," rief Mosch Terpin, "nein, ich bin ein total geschlagener +Mann! - nicht mehr Generaldirektor der natürlichen Angelegenheiten im +Staate. - Kein Studium mehr im fürstlichen Keller - die Ungnade des +Fürsten - ich gedachte Ritter zu werden des grüngefleckten Tigers, +wenigstens mit fünf Knöpfen. - Alles aus! - Was wird nur Se. Exzellenz +der würdige Minister Zinnober dazu sagen, wenn er hört, daß ich eine +schnöde Mißgeburt, den Simia Belzebub cauda prehensili, oder was weiß +ich sonst, für ihn gehalten! - O Gott, auch sein Haß wird auf mich +lasten! - Alikante! - Alikante!" - + +"Aber, bester Professor," trösteten die Freunde - "verehrter +Generaldirektor, bedenken Sie doch nur, daß es gar keinen Minister +Zinnober mehr gibt! - Sie haben sich ganz und gar nicht vergriffen, +der ungestaltete Knirps hat vermöge der Zaubergabe, die er von der Fee +Rosabelverde erhalten, Sie ebensogut getäuscht, wie uns alle!" - + +Nun erzählte Balthasar, wie sich alles begeben von Anfang an. Der +Professor horchte und horchte, bis Balthasar geendet, da rief er: +"Wach' ich! - träum' ich - Hexen - Zauberer - Feen - magische Spiegel +- Sympathien - soll ich an den Unsinn glauben" - + +"Ach liebster Herr Professor," fiel Fabian ein, "hätten Sie nur eine +Zeitlang einen Rock getragen mit kurzen Ärmeln und langer Schleppe, so +wie ich, Sie würden schon an alles glauben, daß es eine Lust wäre!" - + +"Ja," rief Mosch Terpin, "ja, es ist alles so - ja! - ein verhextes +Untier hat mich getäuscht - ich stehe nicht mehr auf den Füßen - +ich schwebe auf zur Decke -Prosper Alpanus holt mich ab - ich reite +aus auf einem Sommervogel - ich laß mich frisieren von der Fee +Rosabelverde - von dem Stiftsfräulein Rosenschön, und werde Minister! +- König - Kaiser!" - + +Und damit sprang er im Zimmer umher und schrie und juchzte, daß +alle für seinen Verstand fürchteten, bis er ganz erschöpft in einen +Lehnsessel sank. Da nahten sich ihm Candida und Balthasar. Sie +sprachen davon, wie sie sich so innig, so über alles liebten, wie sie +gar nicht ohne einander leben könnten, und das war recht wehmütig +anzuhören, weshalb Mosch Terpin auch wirklich etwas weinte. "Alles," +sprach er schluchzend, "alles, was ihr wollt, Kinder! - heiratet +euch, liebt euch - hungert zusammen, denn ich gebe der Candida keinen +Groschen mit" - + +Was das Hungern beträfe, sprach Balthasar lächelnd, so hoffe er morgen +den Herrn Professor zu überzeugen, daß davon wohl niemals die Rede +sein könne, da sein Oheim Prosper Alpanus hinlänglich für ihn gesorgt. + +"Tue das," sprach der Professor matt, "tue das, mein lieber Sohn, wenn +du kannst, und zwar morgen; denn soll ich nicht in Wahnsinn verfallen, +soll mir der Kopf nicht zerspringen, so muß ich sofort zu Bette +gehen!" - + +Er tat das wirklich auf der Stelle. + + + +Neuntes Kapitel + +Verlegenheit eines treuen Kammerdieners. - Wie die alte Liese eine +Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober auf der Flucht +ausglitschte. - Auf welche merkwürdige Weise der Leibarzt des Fürsten +Zinnobers jähen Tod erklärte. - Wie Fürst Barsanuph sich betrübte, +Zwiebeln aß, und wie Zinnobers Verlust unersetzlich blieb. + +Der Wagen des Ministers Zinnober hatte beinahe die ganze Nacht +vergeblich vor Mosch Terpins Hause gehalten. Ein Mal über das andere +versicherte man dem Jäger, Se. Exzellenz müßten schon lange die +Gesellschaft verlassen haben; der meinte aber dagegen, das sei ganz +unmöglich, da Se. Exzellenz doch wohl nicht im Regen und Sturm zu +Fuß nach Hause gerannt sein würde. Als nun endlich alle Lichter +ausgelöscht und die Türen verschlossen wurden, mußte der Jäger zwar +fortfahren mit dem leeren Wagen, im Hause des Ministers weckte er aber +sogleich den Kammerdiener und fragte, ob denn ums Himmels willen und +auf welche Art der Minister nach Hause gekommen. "Se. Exzellenz," +erwiderte der Kammerdiener leise dem Jäger ins Ohr, "Se. Exzellenz +sind gestern eingetroffen in später Dämmerung, das ist ganz gewiß - +liegen im Bette und schlafen. - Aber! - o mein guter Jäger! - wie - +auf welche Weise! - ich will Ihnen alles erzählen - doch Siegel auf +den Mund - ich bin ein verlornen Mann, wenn Se. Exzellenz erfahren, +daß ich es war auf dem finstern Korridor! - ich komme um meinen +Dienst, denn Se. Exzellenz sind zwar von kleiner Statur, besitzen aber +außerordentlich viel Wildheit, alterieren sich leicht, kennen sich +selbst nicht im Zorn, haben noch gestern eine schnöde Maus, die +durch Sr. Exzellenz Schlafzimmer zu hüpfen sich unterfangen, mit dem +blank gezogenen Degen durch und durch gerannt. - Nun gut! - Also +in der Dämmerung nehme ich mein Mäntelchen um und will ganz sachte +hinüberschleichen ins Weinstübchen zu einer Partie Tric-Trac, da +schurrt und schlurrt mir etwas auf der Treppe entgegen und kommt mir +auf dem finstern Korridor zwischen die Beine und schlägt hin auf den +Boden und erhebt ein gellendes Katzengeschrei und grunzt dann wie - o +Gott - Jäger! - halten Sie das Maul, edler Mann, sonst bin ich hin! +- kommen Sie ein wenig näher - und grunzt dann, wie unsere gnädige +Exzellenz zu grunzen pflegt, wenn der Koch die Kälberkeule verbraten +oder ihm sonst im Staate was nicht recht ist." + +Die letzten Worte hatte der Kammerdiener dem Jäger mit vorgehaltener +Hand ins Ohr gesprochen. Der Jäger fuhr zurück, schnitt ein +bedenkliches Gesicht und rief: "Ist es möglich!" - + +"Ja," fuhr der Kammerdiener fort, "es war unbezweifelt unsere gnädige +Exzellenz, was mir auf dem Korridor durch die Beine fuhr. Ich vernahm +nun deutlich, wie der Gnädige in den Zimmern die Stühle heranrückte +und sich die Türe eines Zimmers nach dem andern öffnete, bis er in +sein Schlafkabinett angekommen. Ich wagt' es nicht nachzugehen, +aber ein paar Stündchen nachher schlich ich mich an die Türe des +Schlafkabinetts und horchte. Da schnarchten die liebe Exzellenz ganz +auf die Weise, wie es zu geschehen pflegt, wenn Großes im Werke. +- Jäger! 'es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere +Weisheit sich träumt,' das hört' ich einmal auf dem Theater einen +melancholischen Prinzen sagen, der ganz schwarz ging und sich vor +einem ganz in grauen Pappendeckel gekleideten Mann sehr fürchtete. - +Jäger! - es ist gestern irgend etwas Erstaunliches geschehen, das die +Exzellenz nach Hause trieb. Der Fürst ist bei dem Professor gewesen, +vielleicht äußerte er das und das - irgendein hübsches Reformchen - +und da ist nun der Minister gleich drüber her, läuft aus der Verlobung +heraus und fängt an zu arbeiten für das Wohl der Regierung. - Ich +hört's gleich am Schnarchen; ja Großes, Entscheidendes wird geschehen! +- O Jäger - vielleicht lassen wir alle über kurz oder lang uns wieder +die Zöpfe wachsen! - Doch, teurer Freund, lassen Sie uns hinabgehen +und als treue Diener an der Türe des Schlafzimmers lauschen, ob Se. +Exzellenz auch noch ruhig im Bette liegen und die inneren Gedanken +ausarbeiten." + +Beide, der Kammerdiener und der Jäger, schlichen sich hin an die Türe +und horchten. Zinnober schnurrte und orgelte und pfiff durch die +wundersamsten Tonarten. Beide Diener standen in stummer Ehrfurcht, und +der Kammerdiener sprach tiefgerührt: "Ein großer Mann ist doch unser +gnädige Herr Minister!" - + +Schon am frühsten Morgen entstand unten im Hause des Ministers +ein gewaltiger Lärm. Ein altes, erbärmlich in längst verblichenen +Sonntagsstaat gekleidetes Bauerweib hatte sich ins Haus gedrängt und +dem Portier angelegen, sie sogleich zu ihrem Söhnlein, zu Klein Zaches +zu führen. Der Portier hatte sie bedeutet, daß Se. Exzellenz der Herr +Minister von Zinnober, Ritter des grüngefleckten Tigers mit zwanzig +Knöpfen, im Hause wohne, und niemand von der Dienerschaft Klein Zaches +hieße oder so genannt werde. Da hatte das Weib aber ganz tolljubelnd +geschrien, der Herr Minister Zinnober mit zwanzig Knöpfen, das sei +eben ihr liebes Söhnlein, der Klein Zaches. Auf das Geschrei des +Weibes, auf die donnernden Flüche des Portiers war alles aus dem +ganzen Hause zusammengelaufen, und das Getöse wurde ärger und ärger. +Als der Kammerdiener hinabkam, um die Leute auseinander zu jagen, die +Se. Exzellenz so unverschämt in der Morgenruhe störten, warf man eben +das Weib, die alle für wahnsinnig hielten, zum Hause heraus. + +Auf die steinernen Stufen des gegenüberstehenden Hauses setzte sich +nun das Weib hin und schluchzte und lamentierte, daß das grobe Volk da +drinnen sie nicht zu ihrem Herzenssöhnlein, zu dem Klein Zaches, der +Minister geworden, lassen wolle. Viele Leute versammelten sich nach +und nach um sie her, denen sie immer und immer wiederholte, daß der +Minister Zinnober niemand anders sei, als ihr Sohn, den sie in der +Jugend Klein Zaches geheißen; so daß die Leute zuletzt nicht wußten, +ob sie die Frau für toll halten oder gar ahnen sollten, daß wirklich +was an der Sache. + +Die Frau wandte nicht die Augen weg von Zinnobers Fenster. Da schlug +sie mit einemmal eine helle Lache auf, klopfte die Hände zusammen und +rief jubelnd überlaut: "Da ist er - da ist er, mein Herzensmännlein - +mein kleines Koboldchen - Guten Morgen, Klein Zaches! - Guten Morgen, +Klein Zaches!" - Alle Leute kuckten hin, und als sie den kleinen +Zinnober gewahrten, der in seinem gestickten Scharlachkleide, das +Ordensband des grüngefleckten Tigers umgehängt, vor dem Fenster stand, +das hinabging bis an den Fußboden, so daß seine ganze Figur durch die +großen Scheiben deutlich zu sehen, lachten sie ganz übermäßig und +lärmten und schrien: "Klein Zaches - Klein Zaches! Ha, seht doch den +kleinen geputzten Pavian - die tolle Mißgeburt - das Wurzelmännlein +- Klein Zaches! Klein Zaches!" - Der Portier, alle Diener Zinnobers +rannten heraus, um zu erschauen, worüber das Volk denn so unmäßig +lache und jubiliere. Aber kaum erblickten sie ihren Herren, als sie +noch ärger als das Volk im tollsten Gelächter schrien: "Klein Zaches - +Klein Zaches - Wurzelmann - Däumling - Alraun!" - + +Der Minister schien erst jetzt zu gewahren, daß der tolle Spuk auf der +Straße niemand anderm gelte, als ihm selbst. Er riß das Fenster auf, +schaute mit zornfunkelnden Augen herab, schrie, raste, machte seltsame +Sprünge vor Wut - drohte mit Wache - Polizei - Stockhaus und Festung. + +Aber je mehr die Exzellenz tobte im Zorn, desto ärger wurde Tumult und +Gelächter, man fing an mit Steinen - Obst - Gemüse oder was man eben +zur Hand bekam, nach dem unglücklichen Minister zu werfen - er mußte +hinein! - + +"Gott im Himmel," rief der Kammerdiener entsetzt, "aus dem Fenster der +gnädigen Exzellenz kuckte ja das kleine abscheuliche Ungetüm heraus - +Was ist das? - wie ist der kleine Hexenkerl in die Zimmer gekommen?" - +Damit rannte er hinauf, aber so wie vorher fand er das Schlafkabinett +des Ministers fest verschlossen. Er wagte leise zu pochen! - Keine +Antwort! - + +Indessen war, der Himmel weiß, auf welche Weise, ein dumpfes Gemurmel +im Volke entstanden, das kleine lächerliche Ungetüm dort oben sei +wirklich Klein Zaches, der den stolzen Namen Zinnober angenommen und +sich durch allerlei schändlichen Lug und Trug aufgeschwungen. Immer +lauter und lauter erhoben sich die Stimmen. "Hinunter mit der kleinen +Bestie - hinunter - klopft dem Klein Zaches die Ministerjacke aus - +sperrt ihn in den Käficht - laßt ihn für Geld sehen auf dem Jahrmarkt! +- Beklebt ihn mit Goldschaum und beschert ihn den Kindern zum +Spielzeug! - Hinauf - hinauf!" - Und damit stürmte das Volk an gegen +das Haus. + +Der Kammerdiener rang verzweiflungsvoll die Hände. "Rebellion - Tumult +- Exzellenz - machen Sie auf - retten Sie sich!" - so schrie er; aber +keine Antwort, nur ein leises Stöhnen ließ sich vernehmen. + +Die Haustüre wurde eingeschlagen, das Volk polterte unter wildem +Gelächter die Treppe herauf. + +"Nun gilt's," sprach der Kammerdiener und rannte mit aller Macht an +gegen die Türe des Kabinetts, daß sie klirrend und rasselnd aus den +Angeln sprang. - Keine Exzellenz - kein Zinnober zu finden! - + +"Exzellenz - gnädigste Exzellenz - vernehmen Sie denn nicht die +Rebellion? - Exzellenz - gnädigste Exzellenz, wo hat sie denn der - +Gott verzeih' mir die Sünde, wo geruhen Sie sich denn zu befinden!" + +So schrie der Kammerdiener, in heller Verzweiflung durch die Zimmer +rennend. Aber keine Antwort, kein Laut, nur der spottende Widerhall +tönte von den Marmorwänden. Zinnober schien spurlos, tonlos +verschwunden. - Draußen war es ruhiger geworden, der Kammerdiener +vernahm die tiefe klangvolle Stimme eines Frauenzimmers, die zum Volke +sprach, und gewahrte, durchs Fenster blickend, wie die Menschen nach +und nach, leise miteinander murmelnd, das Haus verließen, bedenkliche +Blicke hinaufwerfend nach den Fenstern. + +"Die Rebellion scheint vorüber," sprach der Kammerdiener, "nun wird +die gnädige Exzellenz wohl hervorkommen aus ihrem Schlupfwinkel." + +Er ging nach dem Schlafkabinett zurück, vermutend, dort werde der +Minister sich doch wohl am Ende befinden. + +Er warf spähende Blicke rings umher, da wurde er gewahr, wie aus einem +schönen silbernen Henkelgefäß, das immer dicht neben der Toilette +zu stehen pflegte, weil es der Minister als ein teures Geschenk des +Fürsten sehr wert hielt, ganz kleine dünne Beinchen hervorstarrten. + +"Gott - Gott," schrie der Kammerdiener entsetzt, "Gott! - Gott! - +täuscht mich nicht alles, so gehören die Beinchen dort Sr. Exzellenz +dem Herrn Minister Zinnober, meinem gnädigen Herrn!" - Er trat +hinan, er rief, durchbebt von allen Schauern des Schrecks, indem er +herabschaute: "Exzellenz - Exzellenz - um Gott, was machen Sie - was +treiben Sie da unten in der Tiefe!" + +Da aber Zinnober still blieb, sah der Kammerdiener wohl die Gefahr +ein, in der die Exzellenz schwebte, und daß es an der Zeit sei, allen +Respekt beiseite zu setzen. Er packte den Zinnober bei den Beinchen +- zog ihn heraus! - Ach tot - tot war die kleine Exzellenz! Der +Kammerdiener brach aus in lautes Jammern; der Jäger, die Dienerschaft +eilte herbei, man rannte nach dem Leibarzt des Fürsten. Indessen +trocknete der Kammerdiener seinen armen unglücklichen Herrn ab mit +saubern Handtüchern, legte ihn ins Bett, bedeckte ihn mit seidenen +Kissen, so daß nur das kleine verschrumpfte Gesichtchen sichtbar +blieb. + +Hinein trat nun das Fräulein von Rosenschön. Sie hatte erst, der +Himmel weiß, auf welche Art, das Volk beruhigt. Nun schritt sie zu auf +den entseelten Zinnober, ihr folgte die alte Liese, des kleinen Zaches +leibliche Mutter. - Zinnober sah in der Tat hübscher aus im Tode, als +er jemals in seinem ganzen Leben ausgesehen. Die kleinen Äugelein +waren geschlossen, das Näschen sehr weiß, der Mund zum sanften Lächeln +ein wenig verzogen, aber vor allen Dingen wallte das dunkelbraune Haar +in den schönsten Locken herab. Über das Haupt hin strich das Fräulein +den Kleinen, und in dem Augenblick blitzte in mattem Schimmer ein +roter Streif hervor. + +"Ha," rief das Fräulein, indem ihr die Augen vor Freude glänzten, "ha, +Prosper Alpanus! - hoher Meister, du hältst Wort! - Verbüßt ist sein +Verhängnis und mit ihm alle Schmach!" + +"Ach," sprach die alte Liese, "ach du lieber Gott, das ist ja doch +wohl nicht mein kleiner Zaches, so hübsch hat der niemals ausgesehen. +Da bin ich doch nun ganz umsonst nach der Stadt gegangen, und Ihr habt +mir gar nicht gut geraten, mein gnädiges Fräulein!" - + +"Murrt nur nicht, Alte," erwiderte das Fräulein, "hättet Ihr nur +meinen Rat ordentlich befolgt, und wäret Ihr nicht früher, als ich +hier war, in dies Haus gedrungen, alles stünde für Euch besser. - Ich +wiederhole es, der Kleine, der dort tot im Bette liegt, ist gewiß und +wahrhaftig Euer Sohn, Klein Zaches!" + +"Nun," rief die Frau mit leuchtenden Augen, "nun wenn die kleine +Exzellenz dort wirklich mein Kind ist, so erb' ich ja wohl all die +schönen Sachen, die hier rings umherstehen, das ganze Haus mit allem, +was drinnen ist?" + +"Nein," sprach das Fräulein, "das ist nun ganz und gar vorbei, Ihr +habt den rechten Augenblick verfehlt, Geld und Gut zu gewinnen. - Euch +ist, ich habe es gleich gesagt, Euch ist nun einmal Reichtum nicht +beschieden." - + +"So darf ich," fuhr die Frau fort, indem ihr die Tränen in die Augen +traten, "so darf ich denn nicht wenigstens mein armes kleines Männlein +in die Schürze nehmen und nach Hause tragen? - Unser Herr Pfarrer hat +so viel hübsche ausgestopfte Vögelein und Eichkätzchen, der soll mir +meinen Klein Zaches ausstopfen lassen, und ich will ihn auf meinen +Schrank stellen, wie er da ist im roten Rock mit dem breiten Bande und +dem großen Stern auf der Brust, zum ewigen Andenken!" - + +"Das ist," rief das Fräulein beinahe unwillig, "das ist ein ganz +einfältiger Gedanke, das geht ganz und gar nicht an!" - + +Da fing das Weib an zu schluchzen, zu klagen, zu lamentieren. "Was +hab' ich," sprach sie, "nun davon, daß mein Klein Zaches zu hohen +Würden, zu großem Reichtum gelangt ist! - Wär' er nur bei mir +geblieben, hätt' ich ihn nur aufgezogen in meiner Armut, niemals wär' +er in jenes verdammte silberne Ding gefallen, er lebte noch, und ich +hätt' vielleicht Freude und Segen von ihm gehabt. Trug ich ihn so +herum in meinem Holzkorb, Mitleiden hätten die Leute gefühlt und mir +manches schöne Stücklein Geld zugeworfen, aber nun" - + +Es ließen sich Tritte im Vorsaal vernehmen, das Fräulein trieb die +Alte hinaus, mit der Weisung, sie solle unten vor der Türe warten, im +Wegfahren wolle sie ihr ein untrügliches Mittel vertrauen, wie sie all +ihre Not, all ihr Elend mit einemmal enden könne. + +Nun trat Rosabelverde noch einmal dicht an den Kleinen heran und +sprach mit der weichen bebenden Stimme des tiefen Mitleids: + +"Armer Zaches! - Stiefkind der Natur! - ich hatt' es gut mit dir +gemeint! - Wohl mocht' es Torheit sein, daß ich glaubte, die äußere +schöne Gabe, womit ich dich beschenkt, würde hineinstrahlen in dein +Inneres und eine Stimme erwecken, die dir sagen müßte: 'Du bist +nicht der, für den man dich hält, aber strebe doch nur an, es dem +gleichzutun, auf dessen Fittichen du Lahmer, Unbefiederter dich +aufschwingst!' - Doch keine innere Stimme erwachte. Dein träger toter +Geist vermochte sich nicht emporzurichten, du ließest nicht nach in +deiner Dummheit, Grobheit, Ungebärdigkeit - Ach! - wärst du nur ein +geringes Etwas weniger, ein kleiner ungeschlachter Rüpel geblieben, du +entgingst dem schmachvollen Tode! - Prosper Alpanus hat dafür gesorgt, +daß man dich jetzt im Tode wieder dafür hält, was du im Leben durch +meine Macht zu sein schienst. Sollt' ich dich vielleicht gar noch +wiederschauen als kleiner Käfer - flinke Maus oder behende Eichkatze, +so soll es mich freuen! - Schlafe wohl, Klein Zaches!" - + +Indem Rosabelverde das Zimmer verließ, trat der Leibarzt des Fürsten +mit dem Kammerdiener hinein. + +"Um Gott," rief der Arzt, als er den toten Zinnober erblickte und +sich überzeugte, daß alle Mittel, ihn ins Leben zu rufen, vergeblich +bleiben würden, "um Gott, wie ist das zugegangen, Herr Kämmerer?" + +"Ach," erwiderte dieser, "ach, lieber Herr Doktor, die Rebellion oder +die Revolution, es ist all eins, wie Sie es nennen wollen, tobte und +hantierte draußen auf dem Vorsaale ganz fürchterlich. Se. Exzellenz, +besorgt um ihr teures Leben, wollten gewiß in die Toilette +hineinflüchten, glitschten aus und" - + +"So ist," sprach der Doktor feierlich und bewegt, "so ist er aus +Furcht zu sterben gar gestorben!" + +Die Türe sprang auf, und hinein stürzte Fürst Barsanuph mit +verbleichtem Antlitz, hinter ihm her sieben noch bleichere +Kammerherrn. + +"Ist es wahr, ist es wahr?" rief der Fürst; aber sowie er des Kleinen +Leichnam erblickte, prallte er zurück und sprach, die Augen gen Himmel +gerichtet, mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes: "O Zinnober!" - +Und die sieben Kammerherrn riefen dem Fürsten nach: "O Zinnober!" und +holten, wie es der Fürst tat, die Schnupftücher aus der Tasche und +hielten sie sich vor die Augen. + +"Welch ein Verlust," begann nach einer Weile des lautlosen Jammers der +Fürst, "welch ein unersetzlicher Verlust für den Staat! - Wo einen +Mann finden, der den Orden des grüngefleckten Tigers mit zwanzig +Knöpfen mit _der_ Würde trägt, als mein Zinnober! - Leibarzt, und Sie +konnten mir _den_ Mann sterben lassen! - Sagen Sie - wie ging das +zu, wie mochte das geschehen - was war die Ursache - woran starb der +Vortreffliche?" - + +Der Leibarzt beschaute den Kleinen sehr sorgsam, befühlte manche +Stellen ehemaliger Pulse, strich das Haupt entlang, räusperte sich +und begann: "Mein gnädigster Herr! Sollte ich mich begnügen, auf der +Oberfläche zu schwimmen, ich könnte sagen, der Minister sei an dem +gänzlichen Ausbleiben des Atems gestorben, dies Ausbleiben des Atems +sei bewirkt durch die Unmöglichkeit Atem zu schöpfen, und diese +Unmöglichkeit wieder nur herbeigeführt durch das Element, durch den +Humor, in den der Minister stürzte. Ich könnte sagen, der Minister sei +auf diese Weise einen humoristischen Tod gestorben, aber fern von mir +sei diese Seichtigkeit, fern von mir die Sucht, alles aus schnöden +physischen Prinzipien erklären zu wollen, was nur im Gebiet des rein +Psychischen seinen natürlichen unumstößlichen Grund findet. - Mein +gnädigster Fürst, frei sei des Mannes Wort! - Den ersten Keim des +Todes fand der Minister im Orden des grüngefleckten Tigers mit zwanzig +Knöpfen!" - + +"Wie," rief der Fürst, indem er den Leibarzt mit zornglühenden Augen +anfunkelte, "wie! - was sprechen Sie? - der Orden des grüngefleckten +Tigers mit zwanzig Knöpfen, den der Selige zum Wohl des Staats mit so +vieler Anmut, mit so vieler Würde trug? - _der_ Ursache seines Todes? +- Beweisen Sie mir das, oder - Kammerherrn, was sagt ihr dazu?" + +"Er muß beweisen, er muß beweisen, oder" - riefen die sieben blassen +Kammerherrn, und der Leibarzt fuhr fort: + +"Mein bester gnädigster Fürst, ich werd' es beweisen, also kein +_oder_! - Die Sache hängt folgendermaßen zusammen: Das schwere +Ordenszeichen am Bande, vorzüglich aber die Knöpfe auf dem Rücken +wirkten nachteilig auf die Ganglien des Rückgrats. Zu gleicher Zeit +verursachte der Ordensstern einen Druck auf jenes knotige fadichte +Ding zwischen dem Dreifuß und der obern Gekröspulsader, das wir das +Sonnengeflecht nennen, und das in dem labyrinthischen Gewebe der +Nervengeflechte prädominiert. Dies dominierende Organ steht in der +mannigfaltigsten Beziehung mit dem Zerebralsystem, und natürlich war +der Angriff auf die Ganglien auch diesem feindlich. Ist aber nicht die +freie Leitung des Zerebralsystems die Bedingung des Bewußtseins, der +Persönlichkeit, als Ausdruck der vollkommensten Vereinigung des Ganzen +in einem Brennpunkt? Ist nicht der Lebensprozeß die Tätigkeit in +beiden Sphären, in dem Ganglien- und Zerebralsystem? - Nun! genug, +jener Angriff störte die Funktionen des psychischen Organism. Erst +kamen finstre Ideen von unerkannten Aufopferungen für den Staat durch +das schmerzhafte Tragen jenes Ordens u.s.w., immer verfänglicher +wurde der Zustand, bis gänzliche Disharmonie des Ganglien- und +Zerebralsystems endlich gänzliches Aufhören des Bewußtseins, +gänzliches Aufgeben der Persönlichkeit herbeiführte. Diesen Zustand +bezeichnen wir aber mit dem Worte _Tod_! - Ja, gnädigster Herr! - der +Minister hatte bereits seine Persönlichkeit aufgegeben, war also schon +mausetot, als er hineinstürzte in jenes verhängnisvolle Gefäß. - So +hatte sein Tod keine physische, wohl aber eine unermeßlich tiefe +psychische Ursache." - + +"Leibarzt," sprach der Fürst unmutig, "Leibarzt, Sie schwatzen nun +schon eine halbe Stunde, und ich will verdammt sein, wenn ich eine +Silbe davon verstehe. Was wollen Sie mit Ihrem Physischen und +Psychischen?" + +"Das physische Prinzip," nahm der Arzt wieder das Wort, "ist die +Bedingung des rein vegetativen Lebens, das psychische bedingt dagegen +den menschlichen Organism, der nur in dem Geiste, in der Denkkraft das +Triebrad der Existenz findet." + +"Noch immer," rief der Fürst im höchsten Unmut, "noch immer verstehe +ich Sie nicht, Unverständlicher!" + +"Ich meine," sprach der Doktor, "ich meine, Durchlauchtiger, daß das +Physische sich bloß auf das rein vegetative Leben ohne Denkkraft, wie +es in Pflanzen stattfindet, das Psychische aber auf die Denkkraft +bezieht. Da diese nun im menschlichen Organism vorwaltet, so muß der +Arzt immer bei der Denkkraft, bei dem Geist anfangen und den Leib nur +als Vasallen des Geistes betrachten, der sich fügen muß, sobald der +Gebieter es will." + +"Hoho!" rief der Fürst, "hoho, Leibarzt, lassen Sie das gut sein! - +Kurieren Sie meinen Leib, und lassen Sie meinen Geist ungeschoren, +von dem habe ich noch niemals Inkommoditäten verspürt. Überhaupt, +Leibarzt, Sie sind ein konfuser Mann, und stünde ich hier nicht an der +Leiche meines Ministers und wäre gerührt, ich wüßte, was ich täte! - +Nun Kammerherrn! vergießen wir noch einige Zähren hier am Katafalk des +Verewigten und gehen wir dann zur Tafel." + +Der Fürst hielt das Schnupftuch vor die Augen und schluchzte, die +Kammerherrn taten desgleichen, dann schritten sie alle von dannen. Vor +der Türe stand die alte Liese, welche einige Reihen der allerschönsten +goldgelben Zwiebeln über den Arm gehängt hatte, die man nur sehen +konnte. Des Fürsten Blick fiel zufällig auf diese Früchte. Er blieb +stehen, der Schmerz verschwand aus seinem Antlitz, er lächelte mild +und gnädig, er sprach: "Hab' ich doch in meinem Leben keine solche +schöne Zwiebeln gesehen, die müssen von dem herrlichsten Geschmack +sein. Verkauft Sie die Ware, liebe Frau?" + +"O ja," erwiderte Liese mit einem tiefen Knix, "o ja, gnädigste +Durchlaucht, von dem Verkauf der Zwiebeln nähre ich mich dürftig, +so gut es gehn will! - Sie sind süß wie purer Honig, belieben Sie, +gnädigster Herr?" + +Damit reichte sie eine Reihe der stärksten glänzendsten Zwiebeln dem +Fürsten hin. Der nahm sie, lächelte, schmatzte ein wenig und rief +dann: "Kammerherrn! geb' mir einer einmal sein Taschenmesser her." Ein +Messer erhalten, schälte der Fürst nett und sauber eine Zwiebel ab und +kostete etwas von dem Mark. + +"Welch ein Geschmack, welche Süße, welche Kraft, welches Feuer!" rief +er, indem ihm die Augen glänzten vor Entzücken, "und dabei ist es mir, +als säh' ich den verewigten Zinnober vor mir stehen, der mir zuwinkte +und zulispelte: 'Kaufen Sie - essen Sie diese Zwiebeln, mein Fürst +- das Wohl des Staats erfordert es!'" - Der Fürst drückte der alten +Liese ein paar Goldstücke in die Hand, und die Kammerherrn mußten +sämtliche Reihen Zwiebeln in die Taschen schieben. Noch mehr! - +er verordnete, daß niemand anders die Zwiebellieferung für die +fürstlichen Dejeuners haben sollte als Liese. So kam die Mutter des +Klein Zaches, ohne gerade reich zu werden, aus aller Not, aus allem +Elend, und gewiß war es wohl, daß ihr ein geheimer Zauber der guten +Fee Rosabelverde dazu verhalf. + +Das Leichenbegängnis des Ministers Zinnober war eins der prächtigsten, +das man jemals in Kerepes gesehen; der Fürst, alle Ritter des +grüngefleckten Tigers folgten der Leiche in tiefer Trauer. Alle +Glocken wurden gezogen, ja sogar die beiden Böller, die der Fürst +behufs der Feuerwerke mit schweren Kosten angeschafft, mehrmals +gelöst. Bürger - Volk - alles weinte und lamentierte, daß der Staat +seine beste Stütze verloren und wohl niemals mehr ein Mann von +dem tiefen Verstande, von der Seelengröße, von der Milde, von dem +unermüdlichen Eifer für das allgemeine Wohl, wie Zinnober, an das +Ruder der Regierung kommen werde. + +In der Tat blieb auch der Verlust unersetzlich; denn niemals fand +sich wieder ein Minister, dem der Orden des grüngefleckten Tigers mit +zwanzig Knöpfen so an den Leib gepaßt haben sollte, wie dem verewigten +unvergeßlichen Zinnober. + + + +Letztes Kapitel + +Wehmütige Bitten des Autors. - Wie der Professor Mosch Terpin sich +beruhigte und Candida niemals verdrießlich werden konnte. - Wie ein +Goldkäfer dem Doktor Prosper Alpanus etwas ins Ohr summte, dieser +Abschied nahm und Balthasar eine glückliche Ehe führte. + +Es ist nun an dem, daß der, der für dich, geliebter Leser, diese +Blätter aufschreibt, von dir scheiden will, und dabei überfällt ihn +Wehmut und Bangen. - Noch vieles, vieles wüßte er von den merkwürdigen +Taten des kleinen Zinnober, und er hätte, wie er denn nun überhaupt zu +der Geschichte aus dem Innern heraus unwiderstehlich angeregt wurde, +wahre Lust daran gehabt, dir, o mein Leser, noch das alles zu +erzählen. Doch! - rückblickend auf alle Ereignisse, wie sie in den +neun Kapiteln vorgekommen, fühlt er wohl, daß darin schon so viel +Wunderliches, Tolles, der nüchternen Vernunft Widerstrebendes +enthalten, daß er, noch mehr dergleichen anhäufend, Gefahr laufen +müßte, es mit dir, geliebter Leser, deine Nachsicht mißbrauchend, ganz +und gar zu verderben. Er bittet dich in jener Wehmut, in jenem Bangen, +das plötzlich seine Brust beengte, als er die Worte: "Letztes Kapitel" +schrieb, du mögest mit recht heitrem, unbefangenem Gemüt es dir +gefallen lassen, die seltsamen Gestaltungen zu betrachten, ja sich +mit ihnen zu befreunden, die der Dichter der Eingebung des spukhaften +Geistes, Phantasus geheißen, verdankt, und dessen bizarrem, launischem +Wesen er sich vielleicht zu sehr überließ. - Schmolle deshalb nicht +mit beiden, mit dem Dichter und mit dem launischen Geiste! - Hast +du, geliebter Leser, hin und wieder über manches recht im Innern +gelächelt, so warst du in der Stimmung, wie sie der Schreiber dieser +Blätter wünschte, und dann, so glaubt er, wirst du ihm wohl vieles +zugute halten! - + +Eigentlich hätte die Geschichte mit dem tragischen Tode des kleinen +Zinnober schließen können. Doch ist es nicht anmutiger, wenn statt +eines traurigen Leichenbegängnisses eine fröhliche Hochzeit am Ende +steht? + +So werde denn noch kürzlich der holden Candida und des glücklichen +Balthasars gedacht. - + +Der Professor Mosch Terpin war sonst ein aufgeklärter, welterfahrner +Mann, der dem weisen Spruch: Nil admirari gemäß sich seit vielen, +vielen Jahren über nichts in der Welt zu verwundern pflegte. Aber +jetzt geschah es, daß er, all seine Weisheit aufgebend, sich immer +fort und fort verwundern mußte, so daß er zuletzt klagte, wie er nicht +mehr wisse, ob er wirklich der Professor Mosch Terpin sei, der ehemals +die natürlichen Angelegenheiten im Staate dirigiert, und ob er noch +wirklich, Kopf in die Höhe, auf seinen lieben Füßen einherspaziere. + +Zuerst verwunderte er sich, als Balthasar ihm den Doktor +Prosper Alpanus als seinen Oheim vorstellte und dieser ihm die +Schenkungsurkunde vorwies, vermöge der Balthasar Besitzer des eine +Stunde von Kerepes entfernten Landhauses nebst Waldung, Äcker und +Wiesen wurde; als er in dem Inventario, kaum seinen Augen trauend, +köstliche Gerätschaften, ja Gold- und Silberbarren erwähnt gewahrte, +deren Wert den Reichtum der fürstlichen Schatzkammer bei weitem +überstieg. Dann verwunderte er sich, als er den prächtigen Sarg, in +dem Zinnober lag, durch Balthasars Lorgnette anschaute, und es ihm +auf einmal war, als habe es nie einen Minister Zinnober, sondern nur +einen kleinen ungeschlachten, ungebärdigen Knirps gegeben, den man +fälschlicherweise für einen verständigen, weisen Minister Zinnober +gehalten. + +Bis auf den höchsten Grad stieg aber Mosch Terpins Verwunderung, als +Prosper Alpanus ihn im Landhause umherführte, ihm seine Bibliothek und +andere sehr wunderbare Dinge zeigte, ja selbst einige sehr anmutige +Experimente machte mit seltsamen Pflanzen und Tieren. + +Dem Professor ging der Gedanke auf, es sei wohl mit seinem +Naturforschen ganz und gar nichts, und er säße in einer herrlichen +bunten Zauberwelt wie in einem Ei eingeschlossen. Dieser Gedanke +beunruhigte ihn so sehr, daß er zuletzt klagte und weinte wie ein +Kind. Balthasar führte ihn sofort in den geräumigen Weinkeller, in dem +er glänzende Fässer und blinkende Flaschen erblickte. Besser als in +dem fürstlichen Weinkeller, meinte Balthasar, könne er hier studieren +und in dem schönen Park die Natur hinlänglich erforschen. + +Hierauf beruhigte sich der Professor. + +Balthasars Hochzeit wurde auf dem Landhause gefeiert. Er - die Freunde +Fabian - Pulcher - alle erstaunten über Candidas hohe Schönheit, über +den zauberischen Reiz, der in ihrem Anzuge, in ihrem ganzen Wesen +lag. - Es war auch wirklich ein Zauber, der sie umfloß, denn die +Fee Rosabelverde, die, allen Groll vergessend, der Hochzeit als +Stiftsfräulein von Rosenschön beiwohnte, hatte sie selbst gekleidet +und mit den schönsten, herrlichsten Rosen geschmückt. Nun weiß man +aber wohl, daß der Anzug gut stehen muß, wenn eine Fee dabei Hand +anlegt. Außerdem hatte Rosabelverde der holden Braut einen prächtig +funkelnden Halsschmuck verehrt, der eine magische Wirkung dahin +äußerte, daß sie, hatte sie ihn umgetan, niemals über Kleinigkeiten, +über ein schlecht genesteltes Band, über einen mißratenen Haarschmuck, +über einen Fleck in der Wäsche oder sonst verdrießlich werden konnte. +Diese Eigenschaft, die ihr der Halsschmuck gab, verbreitete eine +besondere Anmut und Heiterkeit auf ihrem ganzen Antlitz. + +Das Brautpaar stand im höchsten Himmel der Wonne, und - so herrlich +wirkte der geheime weise Zauber Alpans - hatte doch noch Blick und +Wort für die Herzensfreunde, welche versammelt. Prosper Alpanus und +Rosabelverde, beide sorgten dafür, daß die schönsten Wunder den +Hochzeitstag verherrlichten. Überall tönten aus Büschen und Bäumen +süße Liebeslaute, während sich schimmernde Tafeln erhoben mit den +herrlichsten Speisen, mit Kristallflaschen belastet, aus denen der +edelste Wein strömte, welcher Lebensglut durch alle Adern der Gäste +goß. + +Die Nacht war eingebrochen, da spannen sich feuerflammende Regenbogen +über den ganzen Park, und man sah schimmernde Vögel und Insekten, +die sich auf und ab schwangen, und wenn sie die Flügel schüttelten, +stäubten Millionen Funken hervor, die in ewigem Wechsel allerlei holde +Gestalten bildeten, welche in der Luft tanzten und gaukelten und im +Gebüsch verschwanden. Und dabei tönte stärker die Musik des Waldes, +und der Nachtwind strich daher, geheimnisvoll säuselnd und süße Düfte +aushauchend. + +Balthasar, Candida, die Freunde erkannten den mächtigen Zauber Alpans, +aber Mosch Terpin, halb berauscht, lachte laut und meinte, hinter +allem stecke niemand anders, als der Teufelskerl, der Operndekorateur +und Feuerwerker des Fürsten. + +Schneidende Glockentöne erhallten. Ein glänzender Goldkäfer schwang +sich herab, setzte sich auf Prosper Alpanus' Schulter und schien ihm +leise etwas ins Ohr zu sumsen. + +Prosper Alpanus erhob sich von seinem Sitz und sprach ernst und +feierlich: "Geliebter Balthasar - holde Candida - meine Freunde! - Es +ist nun an der Zeit - Lothos ruft - ich muß scheiden." - + +Darauf nahte er sich dem Brautpaar und sprach leise mit ihnen. Beide, +Balthasar und Candida, waren sehr gerührt, Prosper schien ihnen +allerlei gute Lehren zu geben, er umarmte beide mit Inbrunst. + +Dann wandte er sich an das Fräulein von Rosenschön und sprach +ebenfalls leise mit ihr - wahrscheinlich gab sie ihm Aufträge in +Zauber- und Feen-Angelegenheiten, die er willig übernahm. + +Indessen hatte sich ein kleiner kristallner Wagen, mit zwei +schimmernden Libellen bespannt, die der Silberfasan führte, aus den +Lüften hinabgesenkt. + +"Lebt wohl - lebt wohl!" rief Prosper Alpanus, stieg in den Wagen +und schwebte empor über die flammenden Regenbogen hinweg, bis sein +Fuhrwerk zuletzt in den höchsten Lüften erschien wie ein kleiner +funkelnder Stern, der sich endlich hinter den Wolken verbarg. + +"Schöne Mongolfiere," schnarchte Mosch Terpin und versank, von der +Kraft des Weines übermannt, in tiefen Schlaf. + +- Balthasar, der Lehren des Prosper Alpanus eingedenk, den Besitz +des wunderbaren Landhauses wohl nutzend, wurde in der Tat ein guter +Dichter, und da die übrigen Eigenschaften, die Prosper rücksichts der +holden Candida an dem Besitztum gerühmt, sich ganz und gar bewährten, +Candida auch niemals den Halsschmuck, den ihr das Stiftsfräulein von +Rosenschön als Hochzeitsgabe beschert, ablegte, so konnt' es nicht +fehlen, daß Balthasar die glücklichste Ehe in aller Wonne und +Herrlichkeit führte, wie sie nur jemals ein Dichter mit einer hübschen +jungen Frau geführt haben mag - + +So hat aber das Märchen von Klein Zaches genannt Zinnober nun wirklich +ganz und gar ein fröhliches + + Ende. + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Klein Zaches, genannt Zinnober, by +E. T. A. Hoffmann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KLEIN ZACHES, GENANNT ZINNOBER *** + +***** This file should be named 9200-8.txt or 9200-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/9/2/0/9200/ + +Produced by Gerd Bouillon from files at Projekt Gutenberg-DE. +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part +of this license, apply to copying and distributing Project +Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm +concept and trademark. 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