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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:32:50 -0700 |
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If you are not located in the United States, you'll have +to check the laws of the country where you are located before using this ebook. + +Title: Minna von Barnhelm + +Author: Gotthold Ephraim Lessing + +Posting Date: October 12, 2014 [EBook #9187] +Release Date: October, 2005 +First Posted: September 13, 2003 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MINNA VON BARNHELM *** + + + + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau, from files +obtained from Gutenberg Projekt-DE. + + + + + + + + + + + +MINNA VON BARNHELM + +von GOTTHOLD EPHRAIM LESSING + +Die Erstausgabe wurde 1767 bei Christian Friedrich Voß in Berlin +herausgegeben. + + +Inhalt: +1. Akt +2. Akt +3. Akt +4. Akt +5. Akt + + + + +1. Akt + + + +1. Szene + +(Just sitzet in einem Winkel, schlummert und redet im Traume.) + + +Just +Schurke von einem Wirte! Du, uns?--Frisch, Bruder!--Schlag zu, Bruder! +(Er holt aus und erwacht durch die Bewegung.) Heda! schon wieder? +Ich mache kein Auge zu, so schlage ich mich mit ihm herum. Hätte er +nur erst die Hälfte von allen den Schlägen!--Doch sieh, es ist Tag! +Ich muß nur bald meinen armen Herrn aufsuchen. Mit meinem Willen soll +er keinen Fuß mehr in das vermaledeite Haus setzen. Wo wird er die +Nacht zugebracht haben? + + + +2. Szene + +(Der Wirt. Just.) + + +Wirt +Guten Morgen, Herr Just, guten Morgen! Ei, schon so früh auf? Oder +soll ich sagen: noch so spät auf? + +Just +Sage Er, was Er will. + +Wirt +Ich sage nichts als "Guten Morgen"; und das verdient doch wohl, daß +Herr Just "Großen Dank" darauf sagt? + +Just +Großen Dank! + +Wirt +Man ist verdrießlich, wenn man seine gehörige Ruhe nicht haben kann. +Was gilt's, der Herr Major ist nicht nach Hause gekommen, und Er hat +hier auf ihn gelauert? + +Just +Was der Mann nicht alles erraten kann! + +Wirt +Ich vermute, ich vermute. + +Just +(kehrt sich um und will gehen). Sein Diener! + +Wirt +(hält ihn). Nicht doch, Herr Just! + +Just +Nun gut; nicht Sein Diener! + +Wirt +Ei, Herr Just! ich will doch nicht hoffen, Herr Just, Daß Er noch von +gestern her böse ist? Wer wird seinen Zorn über Nacht behalten? + +Just +Ich; und über alle folgende Nächte. + +Wirt +Ist das christlich? + +Just +Ebenso christlich, als einen ehrlichen Mann, der nicht gleich bezahlen +kann, aus dem Hause stoßen, auf die Straße werfen. + +Wirt +Pfui, wer könnte so gottlos sein? + +Just +Ein christlicher Gastwirt.--Meinen Herrn! so einen Mann! so einen +Offizier! + +Wirt +Den hätte ich aus dem Hause gestoßen? auf die Straße geworfen? Dazu +habe ich viel zu viel Achtung für einen Offizier und viel zu viel +Mitleid mit einem abgedankten! Ich habe ihm aus Not ein ander Zimmer +einräumen müssen.--Denke Er nicht mehr daran, Herr Just. (Er ruft in +die Szene.) Holla!--Ich will's auf andere Weise wiedergutmachen. (Ein +Junge kömmt.) Bring ein Gläschen; Herr Just will ein Gläschen haben; +und was Gutes! + +Just +Mache Er sich keine Mühe, Herr Wirt. Der Tropfen soll zu Gift werden, +den--Doch ich will nicht schwören; ich bin noch nüchtern! + +Wirt +(zu dem Jungen, der eine Flasche Likör und ein Glas bringt). Gib her; +geh!--Nun, Herr Just, was ganz Vortreffliches; stark, lieblich, gesund. +(Er füllt und reicht ihm zu.) Das kann einen überwachten Magen +wieder in Ordnung bringen! + +Just +Bald dürfte ich nicht!--Doch warum soll ich meiner Gesundheit seine +Grobheit entgelten lassen?--(Er nimmt und trinkt.) + +Wirt +Wohl bekomm's, Herr Just! + +Just +(indem er das Gläschen wieder zurückgibt). Nicht übel!--Aber, Herr +Wirt, Er ist doch ein Grobian! + +Wirt +Nicht doch, nicht doch!--Geschwind noch eins; auf einem Beine ist +nicht gut stehen. + +Just +(nachdem er getrunken). Das muß ich sagen: gut, sehr gut!--Selbst +gemacht, Herr Wirt?-- + +Wirt +Behüte! veritabler Danziger! echter, doppelter Lachs! + +Just +Sieht Er, Herr Wirt; wenn ich heucheln könnte, so würde ich für so was +heucheln; aber ich kann nicht; es muß raus:--Er ist doch ein Grobian, +Herr Wirt! + +Wirt +In meinem Leben hat mir das noch niemand gesagt.--Noch eins, Herr Just; +aller guten Dinge sind drei! + +Just +Meinetwegen! (Er trinkt.) Gut Ding, wahrlich gut Ding!--Aber auch die +Wahrheit ist gut Ding.--Herr Wirt, Er ist doch ein Grobian! + +Wirt +Wenn ich es wäre, würde ich das wohl so mit anhören? + +Just +O ja, denn selten hat ein Grobian Galle. + +Wirt +Nicht noch eins, Herr Just? Eine vierfache Schnur hält desto besser. + +Just +Nein, zu viel ist zu viel! Und was hilft's Ihn, Herr Wirt? Bis auf +den letzten Tropfen in der Flasche würde ich bei meiner Rede bleiben. +Pfui, Herr Wirt, so guten Danziger zu haben und so schlechte Mores!-- +Einem Manne wie meinem Herrn, der Jahr und Tag bei Ihm gewohnt, von +dem Er schon so manchen schönen Taler gezogen, der in seinem Leben +keinen Heller schuldig geblieben ist; weil er ein paar Monate her +nicht prompt bezahlt, weil er nicht mehr so viel aufgehen läßt--in der +Abwesenheit das Zimmer auszuräumen! + +Wirt +Da ich aber das Zimmer notwendig brauchte? da ich voraussähe, daß der +Herr Major es selbst gutwillig würde geräumt haben, wenn wir nur lange +auf seine Zurückkunft hätten warten können? Sollte ich denn so eine +fremde Herrschaft wieder von meiner Türe wegfahren lassen? Sollte ich +einem andern Wirte so einen Verdienst mutwillig in den Rachen jagen? +Und ich glaube nicht einmal, daß sie sonstwo unterkommen wäre. Die +Wirtshäuser sind jetzt alle stark besetzt. Sollte eine so junge, +schöne, liebenswürdige Dame auf der Straße bleiben? Dazu ist Sein +Herr viel zu galant! Und was verliert er denn dabei? Habe ich ihm +nicht ein anderes Zimmer dafür eingeräumt? + +Just +Hinten an dem Taubenschlage; die Aussicht zwischen des Nachbars +Feuermauern-- + +Wirt +Die Aussicht war wohl sehr schön, ehe sie der verzweifelte Nachbar +verbaute. Das Zimmer ist doch sonst galant und tapeziert-- + +Just +Gewesen! + +Wirt +Nicht doch, die eine Wand ist es noch. Und Sein Stübchen darneben, +Herr Just; was fehlt dem Stübchen? Es hat einen Kamin, der zwar im +Winter ein wenig raucht-- + +Just +Aber doch im Sommer recht hübsch läßt.--Herr, ich glaube gar, Er +vexiert uns noch obendrein?-- + +Wirt +Nu, nu, Herr Just, Herr Just-- + +Just +Mache Er Herr Justen den Kopf nicht warm, oder-- + +Wirt +Ich macht' ihn warm? der Danziger tut's!-- + +Just +Einen Offizier wie meinen Herrn! Oder meint Er, daß ein abgedankter +Offizier nicht auch ein Offizier ist, der Ihm den Hals brechen kann? +Warum waret ihr im Kriege so geschmeidig, ihr Herren Wirte? Warum war +denn da jeder Offizier ein würdiger Mann und jeder Soldat ein +ehrlicher, braver Kerl? Macht euch das bißchen Friede schon so +übermütig? + +Wirt +Was ereifert Er sich nun, Herr Just?-- + +Just +Ich will mich ereifern.-- + + + +3. Szene + +(v. Tellheim. Der Wirt. Just.) + + +Tellheim +(im Hereintreten). Just! + +Just +(in der Meinung, daß ihn der Wirt nenne). Just?--So bekannt sind wir?-- + +Tellheim +Just! + +Just +Ich dächte, ich wäre wohl Herr Just für Ihn! + +Wirt +(der den Major gewahr wird). St! st! Herr, Herr, Herr Just--seh Er +sich doch um; Sein Herr-- + +Tellheim +Just, ich glaube, du zankst? Was habe ich dir befohlen? + +Wirt +Oh, Ihro Gnaden! zanken? da sei Gott vor! Ihr untertänigster Knecht +sollte sich unterstehen, mit einem, der die Gnade hat, Ihnen +anzugehören, zu zanken? + +Just +Wenn ich ihm doch eins auf den Katzenbuckel geben dürfte!-- + +Wirt +Es ist wahr, Herr Just spricht für seinen Herrn, und ein wenig hitzig. + Aber daran tut er recht; ich schätze ihn um so viel höher; ich liebe +ihn darum.-- + +Just +Daß ich ihm nicht die Zähne austreten soll! + +Wirt +Nur schade, daß er sich umsonst erhitzt. Denn ich bin gewiß +versichert, daß Ihro Gnaden keine Ungnade deswegen auf mich geworfen +haben, weil--die Not--mich notwendig-- + +Tellheim +Schon zuviel, mein Herr! Ich bin Ihnen schuldig; Sie räumen mir in +meiner Abwesenheit das Zimmer aus; Sie müssen bezahlt werden; ich muß +wo anders unterzukommen suchen. Sehr natürlich!-- + +Wirt +Wo anders? Sie wollen ausziehen, gnädiger Herr? Ich unglücklicher +Mann! ich geschlagner Mann! Nein, nimmermehr! Eher muß die Dame das +Quartier wieder räumen. Der Herr Major kann ihr, will ihr sein Zimmer +nicht lassen; das Zimmer ist sein; sie muß fort; ich kann ihr nicht +helfen.--Ich gehe, gnädiger Herr-- + +Tellheim +Freund, nicht zwei dumme Streiche für einen! Die Dame muß in dem +Besitze des Zimmers bleiben.-- + +Wirt +Und Ihro Gnaden sollten glauben, daß ich aus Mißtrauen, aus Sorge für +meine Bezahlung?--Als wenn ich nicht wüßte, daß mich Ihro Gnaden +bezahlen können, sobald Sie nur wollen.--Das versiegelte Beutelchen-- +fünfhundert Taler Louisdor stehet drauf--welches Ihro Gnaden in dem +Schreibepulte stehen gehabt--ist in guter Verwahrung.-- + +Tellheim +Das will ich hoffen; so wie meine übrige Sachen.--Just soll sie in +Empfang nehmen, wenn er Ihnen die Rechnung bezahlt hat.-- + +Wirt +Wahrhaftig, ich erschrak recht, als ich das Beutelchen fand.--Ich habe +immer Ihro Gnaden für einen ordentlichen und vorsichtigen Mann +gehalten, der sich niemals ganz ausgibt.--Aber dennoch--wenn ich bar +Geld in dem Schreibepulte vermutet hätte-- + +Tellheim +Würden Sie höflicher mit mir verfahren sein. Ich verstehe Sie.--Gehen +Sie nur, mein Herr; lassen Sie mich; ich habe mit meinem Bedienten zu +sprechen.-- + +Wirt +Aber, gnädiger Herr-- + +Tellheim +Komm, Just, der Herr will nicht erlauben, daß ich dir in seinem Hause +sage, was du tun sollst.-- + +Wirt +Ich gehe ja schon, gnädiger Herr!--Mein ganzes Haus ist zu Ihren +Diensten. + + + +4. Szene + +(v. Tellheim. Just.) + + +Just +(der mit dem Fuße stampft und dem Wirte nachspuckt). Pfui! + +Tellheim +Was gibt's? + +Just +Ich ersticke vor Bosheit. + +Tellheim +Das wäre soviel als an Vollblütigkeit. + +Just +Und Sie--Sie erkenne ich nicht mehr, mein Herr. Ich sterbe vor Ihren +Augen, wenn Sie nicht der Schutzengel dieses hämischen, unbarmherzigen +Rackers sind! Trotz Galgen und Schwert und Rad hätte ich ihn--hätte +ich ihn mit diesen Händen erdrosseln, mit diesen Zähnen zerreißen +wollen.-- + +Tellheim +Bestie! + +Just +Lieber Bestie als so ein Mensch! + +Tellheim +Was willst du aber? + +Just +Ich will, daß Sie es empfinden sollen, wie sehr man Sie beleidiget. + +Tellheim +Und dann? + +Just +Daß Sie sich rächten.--Nein, der Kerl ist Ihnen zu gering.-- + +Tellheim +Sondern, daß ich es dir auftrüge, mich zu rächen? Das war von Anfang +mein Gedanke. Er hätte mich nicht wieder mit Augen sehen und seine +Bezahlung aus deinen Händen empfangen sollen. Ich weiß, daß du eine +Handvoll Geld mit einer ziemlich verächtlichen Miene einem hinwerfen +kannst.-- + +Just +So? eine vortreffliche Rache!-- + +Tellheim +Aber die wir noch verschieben müssen. Ich habe keinen Heller bares +Geld mehr; ich weiß auch keines aufzutreiben. + +Just +Kein bares Geld? Und was ist denn das für ein Beutel mit fünfhundert +Taler Louisdor, den der Wirt in Ihrem Schreibpulte gefunden? + +Tellheim +Das ist Geld, welches mir aufzuheben gegeben worden. + +Just +Doch nicht die hundert Pistolen, die Ihnen Ihr alter Wachtmeister vor +vier oder fünf Wochen brachte? + +Tellheim +Die nämlichen, von Paul Wernern. Warum nicht? + +Just +Diese haben Sie noch nicht gebraucht? Mein Herr, mit diesen können +Sie machen, was Sie wollen. Auf meine Verantwortung-- + +Tellheim +Wahrhaftig? + +Just +Werner hörte von mir, wie sehr man Sie mit Ihren Forderungen an die +Generalkriegskasse aufzieht. Er hörte-- + +Tellheim +Daß ich sicherlich zum Bettler werden würde, wenn ich es nicht schon +wäre.--Ich bin dir sehr verbunden, Just.--Und diese Nachricht +vermochte Wernern, sein bißchen Armut mit mir zu teilen.--Es ist mir +doch lieb, daß ich es erraten habe.--Höre, Just, mache mir zugleich +auch deine Rechnung; wir sind geschiedene Leute.-- + +Just +Wie? was? + +Tellheim +Kein Wort mehr; es kömmt jemand.-- + + + +5. Szene + +(Eine Dame in Trauer. v. Tellheim. Just.) + + +Dame +Ich bitte um Verzeihung, mein Herr!-- + +Tellheim +Wen suchen Sie, Madame?-- + +Dame +Eben den würdigen Mann, mit welchem ich die Ehre habe zu sprechen. +Sie kennen mich nicht mehr? Ich bin die Witwe Ihres ehemaligen +Stabsrittmeisters-- + +Tellheim +Um des Himmels willen, gnädige Frau! welche Veränderung!-- + +Dame +Ich stehe von dem Krankenbette auf, auf das mich der Schmerz über den +Verlust meines Mannes warf. Ich muß Ihnen früh beschwerlich fallen, +Herr Major. Ich reise auf das Land, wo mir eine gutherzige, aber eben +auch nicht glückliche Freundin eine Zuflucht vors erste angeboten.-- + +Tellheim +(zu Just). Geh, laß uns allein.-- + + + +6. Szene + +(Die Dame. v. Tellheim.) + + +Tellheim +Reden Sie frei, gnädige Frau! Vor mir dürfen Sie sich Ihres Unglücks +nicht schämen. Kann ich Ihnen worin dienen? + +Dame +Mein Herr Major-- + +Tellheim +Ich beklage Sie, gnädige Frau! Worin kann ich Ihnen dienen? Sie +wissen, Ihr Gemahl war mein Freund; mein Freund, sage ich; ich war +immer karg mit diesem Titel. + +Dame +Wer weiß es besser als ich, wie wert Sie seiner Freundschaft waren, +wie wert er der Ihrigen war? Sie würden sein letzter Gedanke, Ihr +Name der letzte Ton seiner sterbenden Lippen gewesen sein, hätte nicht +die stärkere Natur dieses traurige Vorrecht für seinen unglücklichen +Sohn, für seine unglückliche Gattin gefordert-- + +Tellheim +Hören Sie auf, Madame! Weinen wollte ich mit Ihnen gern; aber ich +habe heute keine Tränen. Verschonen Sie mich! Sie finden mich in +einer Stunde, wo ich leicht zu verleiten wäre, wider die Vorsicht zu +murren.--O mein rechtschaffner Marloff! Geschwind, gnädige Frau, was +haben Sie zu befehlen? Wenn ich Ihnen zu dienen imstande bin, wenn +ich es bin-- + +Dame +Ich darf nicht abreisen, ohne seinen letzten Willen zu vollziehen. Er +erinnerte sich kurz vor seinem Ende, daß er als Ihr Schuldner sterbe, +und beschwor mich, diese Schuld mit der ersten Barschaft zu tilgen. +Ich habe seine Equipage verkauft und komme, seine Handschrift +einzulösen.-- + +Tellheim +Wie, gnädige Frau? darum kommen Sie? + +Dame +Darum. Erlauben Sie, daß ich das Geld aufzähle. + +Tellheim +Nicht doch, Madame! Marloff mir schuldig? das kann schwerlich sein. +Lassen Sie doch sehen. (Er ziehet sein Taschenbuch heraus und sucht.) +Ich finde nichts. + +Dame +Sie werden seine Handschrift verlegt haben, und die Handschrift tut +nichts zur Sache.--Erlauben Sie-- + +Tellheim +Nein, Madame! so etwas pflege ich nicht zu verlegen. Wenn ich sie +nicht habe, so ist es ein Beweis, daß ich nie eine gehabt habe, oder +daß sie getilgt und von mir schon zurückgegeben worden. + +Dame +Herr Major!-- + +Tellheim +Ganz gewiß, gnädige Frau. Nein, Marloff ist mir nichts schuldig +gebleiben. Ich wüßte mich auch nicht zu erinnern, daß er mir jemals +etwas schuldig gewesen wäre. Nicht anders, Madame; er hat mich +vielmehr als seinen Schuldner hinterlassen. Ich habe nie etwas tun +können, mich mit einem Manne abzufinden, der sechs Jahre Glück und +Unglück, Ehre und Gefahr mit mir geteilet. Ich werde es nicht +vergessen, daß ein Sohn von ihm da ist. Er wird mein Sohn sein, +sobald ich sein Vater sein kann. Die Verwirrung, in der ich mich +jetzt selbst befinde-- + +Dame +Edelmütiger Mann! Aber denken Sie auch von mir nicht zu klein! +Nehmen Sie das Geld, Herr Major; so bin ich wenigstens beruhiget.-- + +Tellheim +Was brauchen Sie zu Ihrer Beruhigung weiter als meine Versicherung, +daß mir dieses Geld nicht gehöret? Oder wollen Sie, daß ich die +unerzogene Waise meines Freundes bestehlen soll? Bestehlen, Madame; +das würde es in dem eigentlichsten Verstande sein. Ihm gehört es, für +ihn legen Sie es an!-- + +Dame +Ich verstehe Sie; verzeihen Sie nur, wenn ich noch nicht recht weiß, +wie man Wohltaten annehmen muß. Woher wissen es denn aber auch Sie, +daß eine Mutter mehr für ihren Sohn tut, als sie für ihr eigen Leben +tun würde? Ich gehe-- + +Tellheim +Gehen Sie, Madame, gehen Sie! Reisen Sie glücklich! Ich bitte Sie +nicht, mir Nachricht von Ihnen zu geben. Sie möchte mir zu einer Zeit +kommen, wo ich sie nicht nutzen könnte. Aber noch eines, gnädige Frau; +bald hätte ich das Wichtigste vergessen. Marloff hat noch an der +Kasse unsers ehemaligen Regiments zu fordern. Seine Forderungen sind +so richtig wie die meinigen. Werden meine bezahlt, so müssen auch die +seinigen bezahlt werden. Ich hafte dafür.-- + +Dame +Oh! Mein Herr--Aber ich schweige lieber.--Künftige Wohltaten so +vorbereiten, heißt sie in den Augen des Himmels schon erwiesen haben. +Empfangen Sie seine Belohnung und meine Tränen! (Geht ab.) + + + +7. Szene + +(v. Tellheim.) + + +Tellheim +Armes, braves Weib! Ich muß nicht vergessen, den Bettel zu vernichten. +(Er nimmt aus seinem Taschenbuche Briefschaften, die er zerreißt.) +Wer steht mir dafür, daß eigner Mangel mich nicht einmal verleiten +könnte, Gebrauch davon zu machen? + + + +8. Szene + +(Just. v. Tellheim.) + + +Tellheim +Bist du da? + +Just +(indem er sich die Augen wischt). Ja! + +Tellheim +Du hast geweint? + +Just +Ich habe in der Küche meine Rechnung geschrieben, und die Küche ist +voll Rauch. Hier ist sie, mein Herr! + +Tellheim +Gib her. + +Just +Haben Sie Barmherzigkeit mit mir, mein Herr. Ich Weiß wohl, daß die +Menschen mit Ihnen keine haben, aber-- + +Tellheim +Was willst du? + +Just +Ich hätte mir ehr den Tod als meinen Abschied vermutet. + +Tellheim +Ich kann dich nicht länger brauchen; ich muß mich ohne Bedienten +behelfen lernen. (Schlägt die Rechnung auf und lieset.) "Was der Herr +Major mir schuldig: Drei und einen halben Monat Lohn, den Monat 6 +Taler, macht 21 Taler. Seit dem Ersten dieses an Kleinigkeiten +ausgelegt 1 Taler 7 Gr. 9 Pf. Summa Summarum 22 Taler 7 Gr. 9 Pf."-- +Gut, und es ist billig, daß ich diesen laufenden Monat ganz bezahle. + +Just +Die andere Seite, Herr Major-- + +Tellheim +Noch mehr? (Lieset.) Was dem Herrn Major ich schuldig: An den +Feldscher für mich bezahlt 25 Taler. Für Wartung und Pflege während +meiner Kur für mich bezahlt 39 Taler. Meinem abgebrannten und +geplünderten Vater auf meine Bitte vorgeschossen, ohne die zwei +Beutepferde zu rechnen, die er ihm geschenkt, 50 Taler. Summa +Summarum 114 Taler. Davon abgezogen vorstehende 22 Taler 7 Gr. 9 Pf., +bleibe dem Herrn Major schuldig 91 Taler 16 Gr. 3 Pf."--Kerl, du +bist toll!-- + +Just +Ich glaube es gern, daß ich Ihnen weit mehr koste. Aber es wäre +verlorne Tinte, es dazuzuschreiben. Ich kann Ihnen das nicht bezahlen, +und wenn Sie mir vollends die Liverei nehmen, die ich auch noch nicht +verdient habe--so wollte ich lieber, Sie hätten mich in dem Lazarette +krepieren lassen. + +Tellheim +Wofür siehst du mich an? Du bist mir nichts schuldig, und ich will +dich einem von meinen Bekannten empfehlen, bei dem du es besser haben +sollst als bei mir. + +Just +Ich bin Ihnen nichts schuldig, und doch wollen Sie mich verstoßen? + +Tellheim +Weil ich dir nichts schuldig werden will. + +Just +Darum? nur darum?--So gewiß ich Ihnen schuldig bin, so gewiß Sie mir +nichts schuldig werden können, so gewiß sollen Sie mich nun nicht +verstoßen.--Machen Sie, was Sie wollen, Herr Major; ich bleibe bei +Ihnen; ich muß bei Ihnen bleiben.-- + +Tellheim +Und deine Hartnäckigkeit, dein Trotz, dein wildes, ungestümes Wesen +gegen alle, von denen du meinest, daß sie dir nichts zu sagen haben, +deine tückische Schadenfreude, deine Rachsucht-- + +Just +Machen Sie mich so schlimm, wie Sie wollen; ich will darum doch nicht +schlechter von mir denken als von meinem Hunde. Vorigen Winter ging +ich in der Dämmerung an dem Kanale und hörte etwas winseln. Ich stieg +herab und griff nach der Stimme und glaubte, ein Kind zu retten, und +zog einen Pudel aus dem Wasser. Auch gut, dachte ich. Der Pudel kam +mir nach, aber ich bin kein Liebhaber von Pudeln. Ich jagte ihn fort, +umsonst; ich prügelte ihn von mir, umsonst. Ich ließ ihn des Nachts +nicht in meine Kammer; er blieb vor der Türe auf der Schwelle. Wo er +mir zu nahe kam, stieß ich ihn mit dem Fuße; er schrie, sahe mich an +und wedelte mit dem Schwanze. Noch hat er keinen Bissen Brot aus +meiner Hand bekommen, und doch bin ich der einzige, dem er hört, und +der ihn anrühren darf. Er springt vor mir her und macht mir seine +Künste unbefohlen vor. Es ist ein häßlicher Pudel, aber ein gar zu +guter Hund. Wenn er es länger treibt, so höre ich endlich auf, den +Pudeln gram zu sein. + +Tellheim +(beiseite). So wie ich ihm! Nein, es gibt keine völligen Unmenschen! +--Just, wir bleiben beisammen. + +Just +Ganz gewiß!--Sie wollten sich ohne Bedienten behelfen? Sie vergessen +Ihrer Blessuren und daß Sie nur eines Armes mächtig sind. Sie können +sich ja nicht allein ankleiden. Ich bin Ihnen unentbehrlich; und bin-- +ohne mich selbst zu rühmen, Herr Major--und bin ein Bedienter, der-- +wenn das Schlimmste zum Schlimmen kömmt--für seinen Herrn betteln und +stehlen kann. + +Tellheim +Just, wir bleiben nicht beisammen. + +Just +Schon gut! + + + +9. Szene + +(Ein Bedienter. v. Tellheim. Just.) + + +Bediente +Bst! Kamerad! + +Just +Was gibt's? + +Bediente +Kann Er mir nicht den Offizier nachweisen, der gestern noch in diesem +Zimmer (auf eines an der Seite zeigend, von welcher er herkömmt) +gewohnt hat? + +Just +Das dürfte ich leicht können. Was bringt Er ihm? + +Bediente +Was wir immer bringen, wenn wir nichts bringen: ein Kompliment. Meine +Herrschaft hört, daß er durch sie verdrängt worden. Meine Herrschaft +weiß zu leben, und ich soll ihn deshalb um Verzeihung bitten. + +Just +Nun, so bitte Er ihn um Verzeihung; da steht er. + +Bediente +Was ist er? Wie nennt man ihn? + +Tellheim +Mein Freund, ich habe Euern Auftrag schon gehört. Es ist eine +überflüssige Höflichkeit von Eurer Herrschaft, die ich erkenne, wie +ich soll. Macht ihr meinen Empfehl.--Wie heißt Eure Herrschaft?-- + +Bediente +Wie sie heißt? Sie läßt sich gnädiges Fräulein heißen. + +Tellheim +Und ihr Familienname? + +Bediente +Den habe ich noch nicht gehört, und darnach zu fragen, ist meine Sache +nicht. Ich richte mich so ein, daß ich meistenteils alle sechs Wochen +eine neue Herrschaft habe. Der Henker behalte alle ihre Namen!-- + +Just +Bravo, Kamerad! + +Bediente +Zu dieser bin ich erst vor wenig Tagen in Dresden gekommen. Sie sucht, +glaube ich, hier ihren Bräutigam.-- + +Tellheim +Genug, mein Freund. Den Namen Eurer Herrschaft wollte ich wissen, +aber nicht ihre Geheimnisse. Geht nur! + +Bediente +Kamerad, das wäre kein Herr für mich! + + + +10. Szene + +(v. Tellheim. Just.) + + +Tellheim +Mache, Just, mache, daß wir aus diesem Hause kommen! Die Höflichkeit +der fremden Dame ist mir empfindlicher als die Grobheit des Wirts. +Hier, nimm diesen Ring, die einzige Kostbarkeit, die mir übrig ist, +von der ich nie geglaubt hätte, einen solchen Gebrauch zu machen!-- +Versetze ihn! Laß dir achtzig Friedrichsdor darauf geben; die +Rechnung des Wirts kann keine dreißig betragen. Bezahle ihn und räume +meine Sachen--Ja, wohin?--Wohin du willst. Der wohlfeilste Gasthof +der beste. Du sollst mich hier nebenan auf dem Kaffeehause treffen. +Ich gehe, mache deine Sache gut.-- + +Just +Sorgen Sie nicht, Herr Major!-- + +Tellheim +(kömmt wieder zurück). Vor allen Dingen, daß meine Pistolen, die +hinter dem Bette gehangen, nicht vergessen werden. + +Just +Ich will nichts vergessen. + +Tellheim +(kömmt nochmals zurück). Noch eins: nimm mir auch deinen Pudel mit; +hörst du, Just!-- + + + +11. Szene + +(Just) + + +Just +Der Pudel wird nicht zurückbleiben. Dafür laß ich den Pudel sorgen.-- +Hm! Auch den kostbaren Ring hat der Herr noch gehabt? Und trug ihn +in der Tasche, anstatt am Finger?--Guter Wirt, wir sind so kahl noch +nicht, als wir scheinen. Bei ihm, bei ihm selbst will ich dich +versetzen, schönes Ringelchen! Ich weiß, er ärgert sich, daß du in +seinem Hause nicht ganz sollst verzehrt werden!--Ah-- + + + +12. Szene + +(Paul Werner. Just.) + + +Just +Sieh da, Werner! guten Tag, Werner! willkommen in der Stadt! + +Werner +Das verwünschte Dorf! Ich kann's unmöglich wieder gewohne werden. +Lustig, Kinder, lustig; ich bringe frisches Geld! Wo ist der Major? + +Just +Er muß dir begegnet sein; er ging eben die Treppe herab. + +Werner +Ich komme die Hintertreppe herauf. Nun, wie geht's ihm? Ich wäre +schon vorige Woche bei euch gewesen, aber-- + +Just +Nun? was hat dich abgehalten?-- + +Werner +--Just--hast du von dem Prinzen Heraklius gehört? + +Just +Heraklius? Ich wüßte nicht. + +Werner +Kennst du den großen Helden im Morgenlande nicht? + +Just +Die Weisen aus dem Morgenlande kenn ich wohl, die ums Neujahr mit dem +Sterne herumlaufen.-- + +Werner +Mensch, ich glaube, du liesest ebensowenig die Zeitungen als die +Bibel?--Du kennst den Prinzen Heraklius nicht? den braven Mann nicht, +der Persien weggenommen und nächster Tage die Ottomanische Pforte +einsprengen wird? Gott sei Dank, daß doch noch irgendwo in der Welt +Krieg ist! Ich habe lange genug gehofft, es sollte hier wieder +losgehen. Aber da sitzen sie und heilen sich die Haut. Nein, Soldat +war ich, Soldat muß ich wieder sein! Kurz--(indem er sich schüchtern +umsieht, ob ihn jemand behorcht) im Vertrauen, Just, ich wandere nach +Persien, um unter Sr. Königlichen Hoheit, dem Prinzen Heraklius, ein +paar Feldzüge wider den Türken zu machen. + +Just +Du? + +Werner +Ich, wie du mich hier siehst! Unsere Vorfahren zogen fleißig wider +den Türken, und das sollten wir noch tun, wenn wir ehrliche Kerls und +gute Christen wären. Freilich begreife ich wohl, daß ein Feldzug +wider den Türken nicht halb so lustig sein kann, als einer wider den +Franzosen; aber dafür muß er auch desto verdienstlicher sein, in +diesem und in jenem Leben. Die Türken haben dir alle Säbels, mit +Diamanten besetzt-- + +Just +Um mir von so einem Säbel den Kopf spalten zu lassen, reise ich nicht +eine Meile. Du wirst doch nicht toll sein und dein schönes +Schulzengerichte verlasen?-- + +Werner +Oh, das nehme ich mit!--Merkst du was?--Das Gütchen ist verkauft-- + +Just +Verkauft? + +Werner +St!--hier sind hundert Dukaten, die ich gestern auf den Kauf bekommen; +die bring ich dem Major-- + +Just +Und was soll der damit? + +Werner +Was er damit soll? Verzehren soll er sie, verspielen, vertrinken, ver--, +wie er will. Der Mann muß Geld haben, und es ist schlecht genug, +daß man ihm das Seinige so sauer macht! Aber ich wüßte schon, was ich +täte, wenn ich an seiner Stelle wäre! Ich dächte: hol euch hier alle +der Henker, und ginge mit Paul Wernern, nach Persien!--Blitz!--Der +Prinz Heraklius muß ja wohl von dem Major Tellheim gehört haben, wenn +er auch schon seinen gewesenen Wachtmeister, Paul Wernern, nicht kennt. +Unsere Affäre bei den Katzenhäusern-- + +Just +Soll ich dir die erzählen?-- + +Werner +Du mir?--Ich merke wohl, daß eine schöne Disposition über deinen +Verstand geht. Ich will meine Perlen nicht vor die Säue werfen.--Da +nimm die hundert Dukaten; gib sie dem Major. Sage ihm, er soll mir +auch die aufheben. Ich muß jetzt auf den Markt; ich habe zwei Winspel +Roggen hereingeschickt; was ich daraus löse, kann er gleichfalls haben. +-- + +Just +Werner, du meinest es herzlich gut; aber wir mögen dein Geld nicht. +Behalte deine Dukaten, und deine hundert Pistolen kannst du auch +unversehrt wiederbekommen, sobald als du willst.-- + +Werner +So? Hat denn der Major noch Geld? + +Just +Nein. + +Werner +Hat er sich wo welches geborgt? + +Just +Nein. + +Werner +Und wovon lebt ihr denn? + +Just +Wir lassen anschreiben, und wenn man nicht mehr anschreiben will und +uns zum Hause hinauswirft, so versetzen wir, was wir noch haben, und +ziehen weiter.--Höre nur, Paul; dem Wirte hier müssen wir einen Possen +spielen. + +Werner +Hat er dem Major was in den Weg gelegt?--Ich bin dabei!-- + +Just +Wie wär's, wenn wir ihm des Abends, wenn er aus der Tabagie kömmt, +aufpaßten und ihn brav durchprügelten?-- + +Werner +Des Abends?--aufpaßten?--ihre zwei, einem?--Das ist nichts.-- + +Just +Oder wenn wir ihm das Haus über dem Kopf ansteckten?-- + +Werner +Sengen und brennen?--Kerl, man hört's, daß du Packknecht gewesen bist +und nicht Soldat--pfui! + +Just +Oder wenn wir ihm seine Tochter zur Hure machten? Sie ist zwar +verdammt häßlich-- + +Werner +Oh, da wird sie's lange schon sein! Und allenfalls brauchst du auch +hierzu keinen Gehilfen. Aber was hast du denn? Was gibt's denn? + +Just +Komm nur, du sollst dein Wunder hören! + +Werner +So ist der Teufel wohl hier gar los? + +Just +Jawohl; komm nur! + +Werner +Desto besser! Nach Persien also, nach Persien! + + + + +2. Akt + + + +1. Szene + +(Die Szene ist in dem Zimmer des Fräuleins.) (Minna von Barnhelm. +Franziska.) + + +Fräulein +(im Negligé, nach ihrer Uhr sehend). Franziska, wir sind auch sehr +früh aufgestanden. Die Zeit wird uns lang werden. + +Franziska +Wer kann denn in den verzweifelten großen Städten schlafen? Die +Karossen, die Nachtwächter, die Trommeln, die Katzen, die Korporals-- +das hört nicht auf zu rasseln, zu schreien, zu wirbeln, zu mauen, zu +fluchen; gerade, als ob die Nacht zu nichts weniger wäre als zur Ruhe. +--Eine Tasse Tee, gnädiges Fräulein?-- + +Fräulein +Der Tee schmeckt mir nicht.-- + +Franziska +Ich will von unserer Schokolade machen lassen. + +Fräulein +Laß machen, für dich! + +Franziska +Für mich? Ich wollte ebensogern für mich allein plaudern als für mich +allein trinken.--Freilich wird uns die Zeit so lang werden.--Wir +werden vor langer Weile uns putzen müssen und das Kleid versuchen, in +welchem wir den ersten Sturm geben wollen. + +Fräulein +Was redest du von Stürmen, da ich bloß herkomme, die Haltung der +Kapitulation zu fordern? + +Franziska +Und der Herr Offizier, den wir vertrieben, und dem wir das Kompliment +darüber machen lassen; er muß auch nicht die feinste Lebensart haben; +sonst hätte er wohl um die Ehre können bitten lassen, uns seine +Aufwartung machen zu dürfen.-- + +Fräulein +Es sind nicht alle Offiziere Tellheims. Die Wahrheit zu sagen, ich +ließ ihm das Kompliment auch bloß machen, um Gelegenheit zu haben, +mich nach diesem bei ihm zu erkundigen.--Franziska, mein Herz sagt es +mir, daß meine Reise glücklich sein wird, daß ich ihn finden werde.-- + +Franziska +Das Herz, gnädiges Fräulein? Man traue doch ja seinem Herzen nicht zu +viel. Das Herz redet uns gewaltig gern nach dem Maule. Wenn das Maul +ebenso geneigt wäre, nach dem Herzen zu reden, so wäre die Mode längst +aufgekommen, die Mäuler unterm Schlosse zu tragen. + +Fräulein +Ha! ha! Mit deinen Mäulern unterm Schlosse! Die Mode wäre mir eben +recht! + +Franziska +Lieber die schönsten Zähne nicht gezeigt, als alle Augenblicke das +Herz darüber springen lassen! + +Fräulein +Was? Bist du so zurückhaltend?-- + +Franziska +Nein, gnädiges Fräulein, sondern ich wollte es gern mehr sein. Man +spricht selten von der Tugend, die man hat; aber desto öftrer von der, +die uns fehlt. + +Fräulein +Siehst du, Franziska? Da hast du eine sehr gute Anmerkung gemacht.-- + +Franziska +Gemacht? Macht man das, was einem so einfällt?-- + +Fräulein +Und weißt du, warum ich eigentlich diese Anmerkung so gut finde? Sie +hat viel Beziehung auf meinen Tellheim. + +Franziska +Was hätte bei Ihnen nicht auch Beziehung auf ihn? + +Fräulein +Freund und Feind sagen, daß er der tapferste Mann von der Welt ist. +Aber wer hat ihn von Tapferkeit jemals reden hören? Er hat das +rechtschaffenste Hertz, aber Rechtschaffenheit und Edelmut sind Worte, +die er nie auf die Zunge bringt. + +Franziska +Von was für Tugenden spricht er denn? + +Fräulein +Er spricht von keiner; denn ihm fehlt keine. + +Franziska +Das wollte ich nur hören. + +Fräulein +Warte, Franziska, ich besinne mich. Er spricht sehr oft von Ökonomie. +Im Vertrauen, Franziska, ich glaube, der Mann ist ein Verschwender. + +Franziska +Noch eins, gnädiges Fräulein. Ich habe ihn auch sehr oft der Treue +und Beständigkeit gegen Sie erwähnen hören. Wie, wenn der Herr auch +ein Flattergeist wäre? + +Fräulein +Du Unglückliche!--Aber meinest du das im Ernste, Franziska? + +Franziska +Wie lange hat er Ihnen nun schon nicht geschrieben? + +Fräulein +Ach! seit dem Frieden hat er mir nur ein einziges Mal geschrieben. + +Franziska +Auch ein Seufzer wider den Frieden! Wunderbar! Der Friede sollte nur +das Böse wieder gutmachen, das der Krieg gestiftet, und er zerrüttet +auch das Gute, was dieser, sein Gegenpart, etwa noch veranlasset hat. +Der Friede sollte so eigensinnig nicht sein!--Und wie lange haben wir +schon Friede? Die Zeit wird einem gewaltig lang, wenn es so wenig +Neuigkeiten gibt.--Umsonst gehen die Posten wieder richtig; niemand +schreibt; denn niemand hat was zu schreiben. + +Fräulein +"Es ist Friede", schrieb er mir, "und ich nähere mich der Erfüllung +meiner Wünsche." Aber daß er mir dieses nur einmal, nur ein einziges +Mal geschrieben-- + +Franziska +Daß er uns zwingt, dieser Erfüllung der Wünsche selbst entgegenzueilen: +finden wir ihn nur, das soll er uns entgelten!--Wenn indes der Mann +doch Wünsche erfüllt hätte, und wir erführen hier-- + +Fräulein +(ängstlich und hitzig). Daß er tot wäre? + +Franziska +Für Sie, gnädiges Fräulein, in den Armen einer andern.-- + +Fräulein +Du Quälgeist! Warte, Franziska, er soll dir es gedenken!--Doch +schwatze nur; sonst schlafen wir wieder ein.--Sein Regiment ward nach +dem Frieden zerrissen. Wer weiß, in welche Verwirrung von Rechnungen +und Nachweisungen er dadurch geraten? Wer weiß, zu welchem andern +Regimente, in welche entlegne Provinz er versetzt worden? Wer weiß, +welche Umstände--Es pocht jemand. + +Franziska +Herein! + + + +2. Szene + +(Der Wirt. Die Vorigen.) + + +Wirt +(den Kopf voransteckend). Ist es erlaubt, meine gnädige Herrschaft?-- + +Franziska +Unser Herr Wirt?--Nur vollends herein. + +Wirt +(mit einer Feder hinter dem Ohre, ein Blatt Papier und ein +Schreibezeug in der Hand). Ich komme, gnädiges Fräulein, Ihnen einen +untertänigen guten Morgen zu wünschen--(zur Franziska) und auch Ihr, +mein schönes Kind-- + +Franziska +Ein höflicher Mann! + +Fräulein +Wir bedanken uns. + +Franziska +Und wünschen Ihm auch einen guten Morgen. + +Wirt +Darf ich mich unterstehen zu fragen, wie Ihro Gnaden diese erste Nacht +unter meinem schlechten Dache geruhet?-- + +Franziska +Das Dach ist so schlecht nicht, Herr Wirt, aber die Betten hätten +besser sein können. + +Wirt +Was höre ich? Nicht wohl geruht? Vielleicht, daß die gar zu große +Ermüdung von der Reise-- + +Fräulein +Es kann sein. + +Wirt +Gewiß, gewiß! denn sonst--Indes sollte etwas nicht vollkommen nach +Ihro Gnaden Bequemlichket gewesen sein, so geruhen Ihro Gnaden nur zu +befehlen. + +Franziska +Gut, Herr Wirt, gut! Wir sind auch nicht blöde; und am wenigsten muß +man im Gasthofe blöde sein. Wir wollen schon sagen, wie wir es gern +hätten. + +Wirt +Hiernächst komme ich zugleich--(indem er die Feder hinter dem Ohr +hervorzieht). + +Franziska +Nun?-- + +Wirt +Ohne Zweifel kennen Ihro Gnaden schon die weisen Verordnungen unserer +Polizei. + +Fräulein +Nicht im geringsten, Herr Wirt-- + +Wirt +Wir Wirte sind angewiesen, keinen Fremden, wes Standes und Geschlechts +er auch sei, vierundzwanzig Stunden zu behausen, ohne seinen Namen, +Heimat, Charakter, hiesige Geschäfte, vermutliche Dauer des +Aufenthalts und so weiter gehörigen Orts schriftlich einzureichen. + +Fräulein +Sehr wohl. + +Wirt +Ihro Gnaden werden also sich gefallen lassen--(indem er an einen Tisch +tritt und sich fertig macht zu schreiben). + +Fräulein +Sehr gern--Ich heiße-- + +Wirt +Einen kleinen Augenblick Geduld!--(Er schreibt.) "Dato, den 22. +August a.c. allhier zum Könige von Spanien angelangt"--Nun Dero Namen, +gnädiges Fräulein? + +Fräulein +Das Fräulein von Barnhelm. + +Wirt +(schreibt). "von Barnhelm"--Kommend? woher, gnädiges Fräulein? + +Fräulein +Von meinen Gütern aus Sachsen. + +Wirt +(schreibt). "Gütern aus Sachsen"--Aus Sachsen! Ei, ei, aus Sachsen, +gnädiges Fräulein? aus Sachsen? + +Franziska +Nun? warum nicht? Es ist doch wohl hierzulande keine Sünde, aus +Sachsen zu sein? + +Wirt +Eine Sünde? Behüte! das wäre ja eine ganz neue Sünde!--Aus Sachsen +also? Ei, ei! aus Sachsen! Das liebe Sachsen!--Aber wo mir recht +ist, gnädiges Fräulein, Sachsen ist nicht klein und hat mehrere--wie +soll ich es nennen?--Distrikte, Provinzen.--Unsere Polizei ist sehr +exakt, gnädiges Fräulein.-- + +Fräulein +Ich verstehe: von meinen Gütern aus Thüringen also. + +Wirt +Aus Thüringen! Ja, das ist besser, gnädiges Fräulein, das ist genauer. +--(Schreibt und liest.) "Das Fräulein von Barnhelm, kommend von ihren +Gütern aus Thüringen, nebst einer Kammerfrau und zwei Bedienten"-- + +Franziska +Einer Kammerfrau? das soll ich wohl sein? + +Wirt +Ja, mein schönes Kind.-- + +Franziska +Nun, Herr Wirt, so setzen Sie anstatt Kammerfrau Kammerjungfer.--Ich +höre, die Polizei ist sehr exakt; es möchte ein Mißverständnis geben, +welches mir bei meinem Aufgebote einmal Händel machen könnte. Denn +ich bin wirklich noch Jungfer und heiße Franziska; mit dem +Geschlechtsnamen Willig; Franziska Willig. Ich bin auch aus Thüringen. +Mein Vater war Müller auf einem von den Gütern des gnädigen +Fräuleins. Es heißt Klein-Rammsdorf. Die Mühle hat jetzt mein Bruder. +Ich kam sehr jung auf den Hof und ward mit dem gnädigen Fräulein +erzogen. Wir sind von einem Alter, künftige Lichtmess einundzwanzig +Jahr. Ich habe alles gelernt, was das gnädige Fräulein gelernt hat. +Es soll mir lieb sein, wenn mich die Polizei recht kennt. + +Wirt +Gut, mein schönes Kind, das will ich mir auf weitere Nachfrage merken. +--Aber nunmehr, gnädiges Fräulein, Dero Verrichtungen allhier?-- + +Fräulein +Meine Verrichtungen? + +Wirt +Suchen Ihro Gnaden etwas bei des Königs Majestät? + +Fräulein +O nein! + +Wirt +Oder bei unsern hohen Justizkollegiis? + +Fräulein +Auch nicht. + +Wirt +Oder-- + +Fräulein +Nein, nein. Ich bin lediglich in meinen eigenen Angelegenheiten hier. + +Wirt +Ganz wohl, gnädiges Fräulein, aber wie nennen sich diese eigne +Angelegenheiten? + +Fräulein +Sie nennen sich--Franziska, ich glaube, wir werden vernommen. + +Franziska +Herr Wirt, die Polizei wird doch nicht die Geheimnisse eines +Frauenzimmers zu wissen verlangen? + +Wirt +Allerdings, mein schönes Kind: die Polizei will alles, alles wissen; +und besonders Geheimnisse. + +Franziska +Ja nun, gnädiges Fräulein; was ist zu tun?--So hören Sie nur, Herr +Wirt--aber daß es ja unter uns und der Polizei bleibt!-- + +Fräulein +Was wird ihm die Närrin sagen? + +Franziska +Wir kommen, dem Könige einen Offizier wegzukapern-- + +Wirt +Wie? was? Mein Kind! mein Kind!-- + +Franziska +Oder uns von dem Offiziere kapern zu lassen. Beides ist eins. + +Fräulein +Franziska, bist du toll?--Herr Wirt, die Nasenweise hat Sie zum besten. +-- + +Wirt +Ich will nicht hoffen! Zwar mit meiner Wenigkeit kann sie scherzen so +viel, wie sie will; nur mit einer hohen Polizei-- + +Fräulein +Wissen Sie was, Herr Wirt?--Ich weiß mich in dieser Sache nicht zu +nehmen. Ich dächte, Sie ließen die ganze Schreiberei bis auf die +Ankunft meines Oheims. Ich habe Ihnen schon gestern gesagt, warum er +nicht mit mir zugleich angekommen. Er verunglückte zwei Meilen von +hier mit seinem Wagen und wollte durchaus nicht, daß mich dieser +Zufall eine Nacht mehr kosten sollte. Ich mußte also voran. Wenn er +vierundzwanzig Stunden nach mir eintrifft, so ist es das längste. + +Wirt +Nun ja, gnädiges Fräulein, so wollen wir ihn erwarten. + +Fräulein +Er wird auf Ihre Fragen besser antworten können. Er wird wissen, wem +und wie weit er sich zu entdecken hat; was er von seinen Geschäften +anzeigen muß und was er davon verschweigen darf. + +Wirt +Desto besser! Freilich, freilich kann man von einem jungen Mädchen +(die Franziska mit einer bedeutenden Miene ansehend) nicht verlangen, +daß es eine ernsthafte Sache mit ernsthaften Leuten ernsthaft +traktiere-- + +Fräulein +Und die Zimmer für ihn sind doch in Bereitschaft, Herr Wirt? + +Wirt +Völlig, gnädiges Fräulein, völlig; bis auf das eine-- + +Franziska +Aus dem Sie vielleicht auch noch erst einen ehrlichen Mann vertreiben +müssen? + +Wirt +Die Kammerjungfern aus Sachsen, gnädiges Fräulein, sind wohl sehr +mitleidig.-- + +Fräulein +Doch, Herr Wirt, das haben Sie nicht gut gemacht. Lieber hätten Sie +uns nicht einnehmen sollen. + +Wirt +Wieso, gnädiges Fräulein, wieso? + +Fräulein +Ich höre, daß der Offizier, welcher durch uns verdrängt worden-- + +Wirt +Ja nur ein abgedankter Offizier ist, gnädiges Fräulein.-- + +Fräulein +Wenn schon!-- + +Wirt +Mit dem es zu Ende geht.-- + +Fräulein +Desto schlimmer! Es soll ein sehr verdienter Mann sein. + +Wirt +Ich sage Ihnen ja, daß er abgedankt ist. + +Fräulein +Der König kann nicht alle verdiente Männer kennen. + +Wirt +O gewiß, er kennt sie, er kennt sie alle.-- + +Fräulein +So kann er sie nicht alle belohnen. + +Wirt +Sie wären alle belohnt, wenn sie darnach gelebt hätten. Aber so +lebten die Herren während des Krieges, als ob ewig Krieg bleiben würde; +als ob das Dein und Mein ewig aufgehoben sein würde. Jetzt liegen +alle Wirtshäuser und Gasthöfe von ihnen voll, und ein Wirt hat sich +wohl mit ihnen in acht zu nehmen. Ich bin mit diesem noch so ziemlich +weggekommen. Hatte er gleich kein Geld mehr, so hatte er doch noch +Geldeswert, und zwei, drei Monate hätte ich ihn freilich noch ruhig +können sitzen lassen. Doch besser ist besser.--Apropos, gnädiges +Fräulein; Sie verstehen sich doch auf Juwelen?-- + +Fräulein +Nicht sonderlich. + +Wirt +Was sollten Ihro Gnaden nicht?--Ich muß Ihnen einen Ring zeigen, einen +kostbaren Ring. Zwar gnädiges Fräulein haben da auch einen sehr +schönen am Finger, und je mehr ich ihn betrachte, je mehr muß ich mich +wundern, daß er dem meinigen so ähnlich ist.--Oh! sehen Sie doch, +sehen Sie doch! (Indem er ihn aus dem Futteral herausnimmt und dem +Fräulein zureicht.) Welch ein Feuer! der mittelste Brillant allein +wiegt über fünf Karat. + +Fräulein +(ihn betrachtend). Wo bin ich? Was seh ich? Dieser Ring-- + +Wirt +Ist seine fünfzehnhundert Taler unter Brüdern wert. + +Fräulein +Franziska!--Sieh doch!-- + +Wirt +Ich habe mich auch nicht einen Augenblick bedacht, achtzig Pistolen +darauf zu leihen. + +Fräulein +Erkennst du ihn nicht, Franziska? + +Franziska +Der nämliche!--Herr Wirt, wo haben Sie diesen Ring her?-- + +Wirt +Nun, mein Kind? Sie hat doch wohl kein Recht daran? + +Franziska +Wir kein Recht an diesem Ringe?--Inwärts auf dem Kasten muß des +Fräuleins verzogener Name stehn.--Weisen Sie doch, Fräulein. + +Fräulein +Er ist's er ist's!--Wie kommen Sie zu diesem Ringe, Herr Wirt? + +Wirt +Ich? auf die ehrlichste Weise von der Welt.--Gnädiges Fräulein, +gnädiges Fräulein, Sie werden mich nicht in Schaden und Unglück +bringen wollen? Was weiß ich, wo sich der Ring eigentlich +herschreibt? Während des Krieges hat manches seinen Herrn sehr oft, +mit und ohne Vorbewußt des Herrn, verändert. Und Krieg war Krieg. Es +werden mehr Ringe aus Sachsen über die Grenze gegangen sein.--Geben +Sie mir ihn wieder, gnädiges Fräulein, geben Sie mir ihn wieder! + +Franziska +Erst geantwortet: von wem haben Sie ihn? + +Wirt +Von einem Manne, dem ich so was nicht zutrauen kann, von einem sonst +guten Manne-- + +Fräulein +Von dem besten Manne unter der Sonne, wenn Sie ihn von seinem +Eigentümer haben.--Geschwind, bringen Sie mir den Mann! Er ist es +selbst, oder wenigstens muß er ihn kennen. + +Wirt +Wer denn? wen denn, gnädiges Fräulein? + +Franziska +Hören Sie denn nicht? unsern Major. + +Wirt +Major? Recht, er ist Major, der dieses Zimmer vor Ihnen bewohnt hat, +und von dem ich ihn habe. + +Fräulein +Major von Tellheim. + +Wirt +Von Tellheim, ja! Kennen Sie ihn? + +Fräulein +Ob ich ihn kenne? Er ist hier? Tellheim ist hier? Er? er hat in +diesem Zimmer gewohnt? Er, er hat Ihnen diesen Ring versetzt? Wie +kommt der Mann in diese Verlegenheit? Wo ist er? Er ist Ihnen +schuldig?--Franziska, die Schatulle her! Schließ auf! (Indem sie +Franziska auf den Tisch setzet und öffnet.) Was ist er Ihnen schuldig? +Wem ist er mehr schuldig? Bringen Sie mir alle seine Schuldner. +Hier ist Geld. Hier sind Wechsel. Alles ist sein! + +Wirt +Was höre ich? + +Fräulein +Wo ist er? wo ist er? + +Wirt +Noch vor einer Stunde war er hier. + +Fräulein +Häßlicher Mann, wie konnten Sie gegen ihn so unfreundlich, so hart, so +grausam sein? + +Wirt +Ihro Gnaden verzeihen-- + +Fräulein +Geschwind, schaffen Sie mir ihn zur Stelle. + +Wirt +Sein Bedienter ist vielleicht noch hier. Wollen Ihro Gnaden, daß er +ihn aufsuchen soll? + +Fräulein +Ob ich will? Eilen Sie, laufen Sie; für diesen Dienst allein will ich +es vergessen, wie schlecht Sie mit ihm umgegangen sind.-- + +Franziska +Fix, Herr Wirt, hurtig, fort, fort! (Stößt ihn heraus.) + + + +3. Szene + +(Das Fräulein. Franziska) + + +Fräulein +Nun habe ich ihn wieder, Franziska! Siehst du, nun habe ich ihn +wieder! Ich weiß nicht, wo ich vor Freuden bin! Freue dich doch mit, +liebe Franziska. Aber freilich, warum du? Doch du sollst dich, du +mußt dich mit mir freuen. Komm, Liebe, ich will dich beschenken, +damit du dich mit mir freuen kannst. Sprich, Franziska, was soll ich +dir geben? Was steht dir von meinen Sachen an? Was hättest du gern? +Nimm, was du willst, aber freue dich nur. Ich sehe wohl, du wirst dir +nichts nehmen. Warte! (sie faßt in die Schatulle) da, liebe +Franziska (und gibt ihr Geld), kaufe dir, was du gern hättest. +Fordere mehr, wenn es nicht zulangt. Aber freue dich nur mit mir. Es +ist so traurig, sich allein zu freuen. Nun, so nimm doch-- + +Franziska +Ich stehle es Ihnen, Fräulein; Sie sind trunken, von Fröhlichkeit +trunken.-- + +Fräulein +Mädchen, ich habe einen zänkischen Rausch, nimm oder--(Sie zwingt ihr +das Geld in die Hand.) Und wenn du dich bedankest!--Warte; gut, daß +ich daran denke. (Sie greift nochmals in die Schatulle nach Geld.) +Das, liebe Franziska, stecke beiseite, für den ersten blessierten +armen Soldaten, der uns anspricht.-- + + + +4. Szene + +(Der Wirt. Das Fräulein. Franziska.) + + +Fräulein +Nun? Wird er kommen? + +Wirt +Der widerwärtige, ungeschliffene Kerl! + +Fräulein +Wer? + +Wirt +Sein Bedienter. Er weigert sich, nach ihm zu gehen. + +Franziska +Bringen Sie doch den Schurken her.--Des Majors Bediente kenne ich ja +wohl alle. Welcher wäre denn das? + +Fräulein +Bringen Sie ihn geschwind her. Wenn er uns sieht, wird er schon gehen. +(Der Wirt geht ab.) + + + +5. Szene + +(Das Fräulein. Franziska.) + + +Fräulein +Ich kann den Augenblick nicht erwarten. Aber, Franziska, du bist noch +immer so kalt? Du willst dich noch nicht mit mir freuen? + +Franziska +Ich wollte von Herzen gern, wenn nur-- + +Fräulein +Wenn nur? + +Franziska +Wir haben den Mann wiedergefunden; aber wie haben wir ihn +wiedergefunden? Nach allem, was wir von ihm hören, muß es ihm übel +gehn. Er muß unglücklich sein, das jammert mich. + +Fräulein +Jammert dich?--Laß dich dafür umarmen, meine liebste Gespielin! das +will ich dir nie vergessen!--Ich bin nur verliebt, und du bist gut.-- + + + +6. Szene + +(Der Wirt. Just. Die Vorigen.) + + +Wirt +Mit genauer Not bring ich ihn. + +Franziska +Ein fremdes Gesicht! Ich kenne ihn nicht. + +Fräulein +Mein Freund, ist Er bei dem Major von Tellheim? + +Just +Ja. + +Fräulein +Wo ist Sein Herr? + +Just +Nicht hier. + +Fräulein +Aber Er weiß ihn zu finden? + +Just +Ja. + +Fräulein +Will Er ihn nicht geschwind herholen? + +Just +Nein. + +Fräulein +Er erweiset mir damit einen Gefallen.-- + +Just +Ei! + +Fräulein +Und Seinem Herrn einen Dienst.-- + +Just +Vielleicht auch nicht.-- + +Fräulein +Woher vermutet Er das? + +Just +Sie sind doch die fremde Herrschaft, die ihn schon diesen Morgen +komplimentieren lassen? + +Fräulein +Ja. + +Just +So bin ich schon recht. + +Fräulein +Weiß Sein Herr meinen Namen? + +Just +Nein; aber er kann die allzu höflichen Damen ebensowenig leiden als +die allzu groben Wirte. + +Wirt +Das soll wohl mit auf mich gehn? + +Just +Ja. + +Wirt +So laß Er es doch dem gnädigen Fräulein nicht entgelten, und hole Er +ihn geschwind her. + +Fräulein +(leise zur Franziska). Franziska, gib ihm etwas-- + +Franziska +(die dem Just Geld in die Hand drücken will). Wir verlangen Seine +Dienste nicht umsonst.-- + +Just +Und ich Ihr Geld nicht ohne Dienste. + +Franziska +Eines für das andere. + +Just +Ich kann nicht. Mein Herr hat mir befohlen, auszuräumen. Das tu ich +jetzt, und daran bitte ich, mich nicht weiter zu verhindern. Wenn ich +fertig bin, so will ich es ihm ja wohl sagen, daß er herkommen kann. +Er ist nebenan auf dem Kaffeehause; und wenn er da nichts Bessers zu +tun findet, wird er auch wohl kommen. (Will fortgehen.) + +Franziska +So warte Er doch.--Das gnädige Fräulein ist des Herrn Majors-- +Schwester.-- + +Fräulein +Ja, ja, seine Schwester. + +Just +Das weiß ich besser, daß der Major keine Schwestern hat. Er hat mich +in sechs Monaten zweimal an seine Familie nach Kurland geschickt.-- +Zwar es gibt mancherlei Schwestern-- + +Franziska +Unverschämter! + +Just +Muß man es nicht sein, wenn einen die Leute sollen gehn lassen? (Geht +ab.) + +Franziska +Das ist ein Schlingel! + +Wirt +Ich sagt' es ja. Aber lassen Sie ihn nur! Weiß ich doch nunmehr, wo +sein Herr ist. Ich will ihn gleich selbst holen.--Nur, gnädiges +Fräulein, bitte ich untertänigst, sodann ja mich bei dem Herrn Major +zu entschuldigen, daß ich so unglücklich gewesen, wider meinen Willen +einen Mann von seinen Verdiensten-- + +Fräulein +Gehen Sie nur geschwind, Herr Wirt. Das will ich alles wieder +gutmachen. (Der Wirt geht ab und hierauf) Franziska, lauf ihm nach: +er soll ihm meinen Namen nicht nennen! (Franziska, dem Wirte nach.) + + + +7. Szene + +(Das Fräulein und hierauf Franziska) + + +Fräulein +Ich habe ihn wieder!--Bin ich allein?--Ich will nicht umsonst allein +sein.(Sie faltet die Hände.) Auch bin ich nicht allein! (Und blickt +aufwärts.) Ein einziger dankbarer Gedanke gen Himmel ist das +willkommenste Gebet!--Ich hab ihn, ich hab ihn! (Mit ausgebreiteten +Armen.) Ich bin glücklich! und fröhlich! Was kann der Schöpfer +lieber sehen als ein fröhliches Geschöpf!--(Franziska kömmt.) Bist du +wieder da, Franziska?--Er jammert dich? Mich jammert er nicht. +Unglück ist auch gut. Vielleicht, daß ihm der Himmel alles nahm, um +ihm in mir alles wiederzugeben! + +Franziska +Er kann den Augenblick hier sein.--Sie sind noch in Ihrem Neglige, +gnädiges Fräulein. Wie, wenn Sie sich geschwind ankleideten? + +Fräulein +Geh! ich bitte dich. Er wird mich von nun an öftrer so als geputzt +sehen. + +Franziska +Oh, Sie kennen sich, mein Fräulein. + +Fräulein +(nach einem kurzen Nachdenken). Wahrhaftig, Mädchen, du hast es +wiederum getroffen. + +Franziska +Wenn wir schön sind, sind wir ungeputzt am schönsten. + +Fräulein +Müssen wir denn schön sein?--Aber daß wir uns schön glauben, war +vielleicht notwendig.--Nein, wenn ich ihm, ihm nur schön bin!-- +Franziska, wenn alle Mädchens so sind, wie ich mich jetzt fühle, so +sind wir--sonderbare Dinger.--Zärtlich und stolz, tugendhaft und eitel, +wollüstig und fromm--Du wirst mich nicht verstehen. Ich verstehe +mich wohl selbst nicht.--Die Freude macht drehend, wirblicht.-- + +Franziska +Fassen Sie sich, mein Fräulein; ich höre kommen-- + +Fräulein +Mich fassen? Ich sollte ihn ruhig empfangen? + + + +8. Szene + +(v. Tellheim. Der Wirt. Die Vorigen.) + + +Tellheim +(tritt herein, und indem er sie erblickt, flieht er auf sie zu). Ah! +meine Minna!-- + +Fräulein +(ihm entgegenfliehend). Ah! mein Tellheim!-- + +Tellheim +(stutzt auf einmal und tritt wieder zurück). Verzeihen Sie, gnädiges +Fräulein--das Fräulein von Barnhelm hier zu finden-- + +Fräulein +Kann Ihnen doch so gar unerwartet nicht sein?--(Indem sie ihm näher +tritt und er mehr zurückweicht.) Verzeihen? Ich soll Ihnen verzeihen, +daß ich noch Ihre Minna bin? Verzeih' Ihnen der Himmel, daß ich noch +das Fräulein von Barnhelm bin!-- + +Tellheim +Gnädiges Fräulein--(Sieht starr auf den Wirt und zuckt die Schultern.) + +Fräulein +(wird den Wirt gewahr und winkt der Franziska). Mein Herr-- + +Tellheim +Wenn wir uns beiderseits nicht irren--Franziska. Je, Herr Wirt, wen +bringen Sie uns denn da? Geschwind, kommen Sie, lassen Sie uns den +Rechten suchen. + +Wirt +Ist es nicht der Rechte? Ei ja doch! + +Franziska +Ei nicht doch! Geschwind, kommen Sie; ich habe Ihrer Jungfer Tochter +noch keinen guten Morgen gesagt. + +Wirt +Oh! viel Ehre--(Doch ohne von der Stelle zu gehn.) + +Franziska +(faßt ihn an). Kommen Sie, wir wollen den Küchenzettel machen.-- +Lassen Sie sehen, was wir haben werden-- + +Wirt +Sie sollen haben, vors erste-- + +Franziska +Still, ja stille! Wenn das Fräulein jetzt schon weiß, was sie zu +Mittag speisen soll, so ist es um ihren Appetit geschehen. Kommen Sie, +das müssen Sie mir allein sagen. (Führet ihn mit Gewalt ab.) + + + +9. Szene + +(v. Tellheim. Das Fräulein) + + +Fräulein +Nun? irren wir uns noch? + +Tellheim +Daß es der Himmel wollte!--Aber es gibt nur eine, und Sie sind es.-- + +Fräulein +Welche Umstände! Was wir uns zu sagen haben, kann jedermann hören. + +Tellheim +Sie hier? Was suchen Sie hier, gnädiges Fräulein? + +Fräulein +Nichts suche ich mehr. (Mit offnen Armen auf ihn zugehend.) Alles, +was ich suchte, habe ich gefunden. + +Tellheim +(zurückweichend). Sie suchten einen glücklichen, einen Ihrer Liebe +würdigen Mann, und finden--einen Elenden. + +Fräulein +So lieben Sie mich nicht mehr?--Und lieben eine andere? + +Tellheim +Ah! der hat Sie nie geliebt, mein Fräulein, der eine andere nach +Ihnen lieben kann. + +Fräulein +Sie reißen nur einen Stachel aus meiner Seele.--Wenn ich Ihr Herz +verloren habe, was liegt daran, ob mich Gleichgültigkeit oder +mächtigere Reize darum gebracht?--Sie lieben mich nicht mehr: und +lieben auch keine andere?--Unglücklicher Mann, wenn Sie gar nichts +lieben!-- + +Tellheim +Recht, gnädiges Fräulein; der Unglückliche muß gar nichts lieben. Er +verdient sein Unglück, wenn er diesen Sieg nicht über sich selbst zu +erhalten weiß; wenn er es sich gefallen lassen kann, daß die, welche +er liebt, an seinem Unglück Anteil nehmen dürfen.--Wie schwer ist +dieser Sieg!--Seitdem mir Vernunft und Notwendigkeit befehlen, Minna +von Barnhelm zu vergessen: was für Mühe habe ich angewandt! Eben +wollte ich anfangen zu hoffen, daß diese Mühe nicht ewig vergebens +sein würde:--und Sie erscheinen, mein Fräulein!-- + +Fräulein +Versteh ich Sie recht?--Halten Sie, mein Herr; lassen Sie sehen, wo +wir sind, ehe wir uns weiter verirren!--Wollen Sie mir die einzige +Frage beantworten? + +Tellheim +Jede, mein Fräulein-- + +Fräulein +Wollen Sie mir auch ohne Wendung, ohne Winkelzug antworten? Mit +nichts als einem trockenen Ja oder Nein? + +Tellheim +Ich will es--wenn ich kann. + +Fräulein +Sie können es.--Gut: ohngeachtet der Mühe, die Sie angewendet, mich zu +vergessen--lieben Sie mich noch, Tellheim? + +Tellheim +Mein Fräulein, diese Frage-- + +Fräulein +Sie haben versprochen, mit nichts als Ja oder Nein zu antworten. + +Tellheim +Und hinzugesetzt: wenn ich kann. + +Fräulein +Sie können; Sie müssen wissen, was in Ihrem Herzen vorgeht.--Lieben +Sie mich noch, Tellheim?--Ja oder Nein. + +Tellheim +Wenn mein Herz-- + +Fräulein +Ja oder Nein! + +Tellheim +Nun, Ja! + +Fräulein +Ja? + +Tellheim +Ja, ja!--Allein-- + +Fräulein +Geduld!--Sie lieben mich noch: genug für mich.--In was für einen Ton +bin ich mit Ihnen gefallen! ein widriger, melancholischer, +ansteckender Ton.--Ich nehme den meinigen wieder an.--Nun, mein lieber +Unglücklicher, Sie lieben mich noch und haben Ihre Minna noch und sind +unglücklich? Hören Sie doch, was Ihre Minna für ein eingebildetes, +albernes Ding war--ist. Sie ließ, sie laßt sich träumen, Ihr ganzes +Glück sei sie.--Geschwind, kramen Sie Ihr Unglück aus. Sie mag +versuchen, wieviel sie dessen aufwiegt.--Nun? + +Tellheim +Mein Fräulein, ich bin nicht gewohnt zu klagen. + +Fräulein +Sehr wohl. Ich wüßte auch nicht, was mir an einem Soldaten, nach dem +Prahlen, weniger gefiele als das Klagen. Aber es gibt eine gewisse +kalte, nachlässige Art, von seiner Tapferkeit und von seinem Unglücke +zu sprechen-- + +Tellheim +Die im Grunde doch auch geprahlt und geklagt ist. + +Fräulein +Oh, mein Rechthaber, so hätten Sie sich auch gar nicht unglücklich +nennen sollen.--Ganz geschwiegen oder ganz mit der Sprache heraus.-- +Eine Vernunft, eine Notwendigkeit, die Ihnen mich zu vergessen +befiehlt?--Ich bin eine große Liebhaberin von Vernunft, ich habe sehr +viel Ehrerbietung für die Notwendigkeit.--Aber lassen Sie doch hören, +wie vernünftig diese Vernunft, wie notwendig diese Notwendigkeit ist. + +Tellheim +Wohl denn; so hören Sie, mein Fräulein.--Sie nennen mich Tellheim; der +Name trifft ein.--Aber Sie meinen, ich sei der Tellheim, den Sie in +Ihrem Vaterlande gekannt haben; der blühende Mann, voller Ansprüche, +voller Ruhmbegierde; der seines ganzen Körpers, seiner ganzen Seele +mächtig war, vor dem die Schranken der Ehre und des Glückes eröffnet +standen, der Ihres Herzens und Ihrer Hand, wenn er schon Ihrer noch +nicht würdig war, täglich würdiger zu werden hoffen durfte.--Dieser +Tellheim bin ich ebensowenig, als ich mein Vater bin. Beide sind +gewesen.--Ich bin Tellheim, der Verabschiedete, der an seiner Ehre +Gekränkte, der Krüppel, der Bettler.--Jenem, mein Fräulein, +versprachen Sie sich: wollen Sie diesem Wort halten?-- + +Fräulein +Das klingt sehr tragisch!--Doch, mein Herr, bis ich jenen wiederfinde-- +in die Tellheims bin ich nun einmal vernarret--, dieser wird mir schon +aus der Not helfen müssen.--Deine Hand, lieber Bettler! (Indem sie +ihn bei der Hand ergreift.) + +Tellheim +(der die andere Hand mit dem Hute vor das Gesicht schlägt und sich von +ihr abwendet). Das ist zu viel!--Wo bin ich?--Lassen Sie mich, +Fräulein! Ihre Güte foltert mich!--Lassen Sie mich. + +Fräulein +Was ist Ihnen? Wo wollen Sie hin? + +Tellheim +Von Ihnen!-- + +Fräulein +Von mir? (Indem sie seine Hand an ihre Brust zieht.) Träumer! + +Tellheim +Die Verzweiflung wird mich tot zu Ihren Füßen werfen. + +Fräulein +Von mir? + +Tellheim +Von Ihnen.--Sie nie, nie wiederzusehen.--Oder doch so entschlossen, so +fest entschlossen--keine Niederträchtigkeit zu begehen--Sie keine +Unbesonnenheit begehen zu lasen.--Lassen Sie mich, Minna! (Reißt sich +los und ab.) + +Fräulein +(ihm nach). Minna Sie lasen? Tellheim! Tellheim! + + + + +3. Akt + + + +1. Szene + +(Die Szene: Der Saal.) (Just, einen Brief in der Hand) + + +Just +Muß ich doch noch einmal in das verdammte Haus kommen!--Ein Briefchen +von meinem Herrn an das gnädige Fräulein, das seine Schwester sein +will.--Wenn sich nur da nichts anspinnt!--Sonst wird des Brieftragens +kein Ende werden.--Ich wär es gern los, aber ich möchte auch nicht +gern ins Zimmer hinein.--Das Frauenszeug fragt so viel, und ich +antworte so ungern!--Ha, die Türe geht auf. Wie gewünscht! das +Kammerkätzchen! + + + +2. Szene + +(Franziska. Just) + + +Franziska +(zur Türe herein, aus der sie kömmt). Sorgen Sie nicht; ich will +schon aufpassen.--Sieh! (indem sie Justen gewahr wird) da stieße mir +ja gleich was auf. Aber mit dem Vieh ist nichts anzufangen. + +Just +Ihr Diener, Jungfer-- + +Franziska +Ich wollte so einen Diener nicht-- + +Just +Nu, nu, verzeih Sie mir die Redensart!--Da bring ich ein Briefchen von +meinem Herrn an Ihre Herrschaft, das gnädige Fräulein--Schwester.-- +War's nicht so? Schwester. + +Franziska +Geb Er her! (Reißt ihm den Brief aus der Hand.) + +Just +Sie soll so gut sein, läßt mein Herr bitten, und es übergeben. +Hernach soll Sie so gut sein, läßt mein Herr bitten--daß Sie nicht +etwa denkt, ich bitte was!-- + +Franziska +Nun denn? + +Just +Mein Herr versteht den Rummel. Er weiß, daß der Weg zu den Fräuleins +durch die Kammermädchen geht:--bild ich mir ein!--Die Jungfer soll +also so gut sein--läßt mein Herr bitten--und ihm sagen lassen, ob er +nicht das Vergnügen haben könnte, die Jungfer auf ein Viertelstündchen +zu sprechen. + +Franziska +Mich? + +Just +Verzeih Sie mir, wenn ich Ihr einen unrechten Titel gebe.--Ja, Sie!-- +Nur auf ein Viertelstündchen; aber allein, ganz allein, insgeheim, +unter vier Augen. Er hätte Ihr was sehr Notwendiges zu sagen. + +Franziska +Gut! ich habe ihm auch viel zu sagen.--Er kann nur kommen, ich werde +zu seinem Befehle sein. + +Just +Aber, wenn kann er kommen? Wenn ist es Ihr am gelegensten, Jungfer? +So in der Dämmerung?-- + +Franziska +Wie meint Er das?--Sein Herr kann kommen, wenn er will--und damit +packe Er sich nur! + +Just +Herzlich gern! (Will fortgehen.) + +Franziska +Hör Er doch; noch auf ein Wort.--Wo sind denn die andern Bedienten des +Majors? + +Just +Die andern? Dahin, dorthin, überallhin. + +Franziska +Wo ist Wilhelm? + +Just +Der Kammerdiener? den läßt der Major reisen. + +Franziska +So? Und Philipp, wo ist der? + +Just +Der Jäger? den hat der Herr aufzuheben gegeben. + +Franziska +Weil er jetzt keine Jagd hat, ohne Zweifel.--Aber Martin? + +Just +Der Kutscher? der ist weggeritten. + +Franziska +Und Fritz? + +Just +Der Läufer? der ist avanciert. + +Franziska +Wo war Er denn, als der Major bei uns in Thüringen im Winterquartiere +stand? Er war wohl noch nicht bei ihm? + +Just +O ja, ich war Reitknecht bei ihm, aber ich lag im Lazarett. + +Franziska +Reitknecht? Und jetzt is Er? + +Just +Alles in allem; Kammerdiener und Jäger, Läufer und Reitknecht. + +Franziska +Das muß ich gestehen! So viele gute, tüchtige Leute von sich zu +lassen und gerade den Allerschlechtesten zu behalten! Ich möchte doch +wissen, was Sein Herr an Ihm fände! + +Just +Vielleicht findet er, daß ich ein ehrlicher Kerl bin. + +Franziska +Oh, man ist auch verzweifelt wenig, wenn man weiter nichts ist als +ehrlich.--Wilhelm war ein andrer Mensch--Reisen läßt ihn der Herr? + +Just +Ja, er läßt ihn--da er's nicht hindern kann. + +Franziska +Wie? + +Just +Oh, Wilhelm wird sich alle Ehre auf seinen Reisen machen. Er hat des +Herrn ganze Garderobe mit. + +Franziska +Was? Er ist doch nicht damit durchgegangen? + +Just +Das kann man nun eben nicht sagen; sondern als wir von Nürnberg +weggingen, ist er uns nur nicht damit nachgekommen. + +Franziska +Oh, der Spitzbube! + +Just +Es war ein ganzer Mensch! Er konnte frisieren und rasieren und +parlieren--und scharmieren--Nicht wahr? + +Franziska +Sonach hätte ich den Jäger nicht von mir getan, wenn ich wie der Major +gewesen wäre. Konnte er ihn schon nicht als Jäger nützen, so war es +doch sonst ein tüchtiger Bursche.--Wem hat er ihn denn aufzuheben +gegeben? + +Just +Dem Kommandanten von Spandau. + +Franziska +Der Festung? Die Jagd auf den Wällen kann doch da auch nicht groß +sein. + +Just +Oh, Philipp jagt auch da nicht. + +Franziska +Was tut er denn? + +Just +Er karrt. + +Franziska +Er karrt? + +Just +Aber nur auf drei Jahr. Er machte ein kleines Komplott unter des +Herrn Kompanie und wollte sechs Mann durch die Vorposten bringen.-- + +Franziska +Ich erstaune, der Bösewicht! + +Just +Oh, es ist ein tüchtiger Kerl! Ein Jäger, der funfzig Meilen in der +Runde durch Wälder und Moräste alle Fußsteige, alle Schleifwege kennt. + Und schießen kann er! + +Franziska +Gut, daß der Major nur noch den braven Kutscher hat! + +Just +Hat er ihn noch? + +Franziska +Ich denke, Er sagte, Martin wäre weggeritten? So wird er doch wohl +wiederkommen? + +Just +Meint Sie? + +Franziska +Wo ist er denn hingeritten? + +Just +Es geht nun in die zehnte Woche, da ritt er mit des Herrn einzigem und +letztem Reitpferde--nach der Schwemme. + +Franziska +Und ist noch nicht wieder da? Oh, der Galgenstrick! + +Just +Die Schwemme kann den braven Kutscher auch wohl verschwemmt haben!--Es +war gar ein rechter Kutscher! Er hatte in Wien zehn Jahre gefahren. +So einen kriegt der Herr gar nicht wieder. Wenn die Pferde im vollen +Rennen waren, so durfte er nur machen: "Burr!" und auf einmal standen +sie wie die Mauern. Dabei war er ein ausgelernter Roßarzt! + +Franziska +Nun ist mir für das Avancement des Läufers bange. + +Just +Nein, nein, damit hat's seine Richtigkeit. Er ist Trommelschläger bei +einem Garnisonregimente geworden. + +Franziska +Dacht ich's doch! + +Just +Fritz hing sich an ein liederliches Mensch, kam des Nachts niemals +nach Hause, machte auf des Herrn Namen überall Schulden und tausend +infame Streiche. Kurz, der Major sahe, daß er mit aller Gewalt höher +wollte: (das Hängen pantomimisch anzeigend) er brachte ihn also auf +guten Weg. + +Franziska +Oh, der Bube! + +Just +Aber ein perfekter Läufer ist er, das ist gewiß. Wenn ihm der Herr +funfzig Schritte vorgab, so konnte er ihn mit seinem besten Renner +nicht einholen. Fritz hingegen kann dem Galgen tausend Schritte +vorgeben und, ich wette mein Leben, er holt ihn ein.--Es waren wohl +alles Ihre guten Freunde, Jungfer? Der Wilhelm und der Philipp, der +Martin und der Fritz?--Nun, Just empfiehlt sich! (Geht ab.) + + + +3. Szene + +(Franziska und hernach der Wirt.) + + +Franziska +(die ihm ernsthaft nachsieht). Ich verdiene den Biß!--Ich bedanke +mich, Just. Ich setzte die Ehrlichkeit zu tief herab. Ich will die +Lehre nicht vergessen.--Ah! der unglückliche Mann! (Kehrt sich um +und will nach dem Zimmer des Fräuleins gehen, indem der Wirt kömmt.) + +Wirt +Warte Sie doch, mein schönes Kind. + +Franziska +Ich habe jetzt nicht Zeit, Herr Wirt-- + +Wirt +Nun ein kleines Augenblickchen!--Noch keine Nachricht weiter von dem +Herrn Major? Das konnte doch unmöglich sein Abschied sein!-- + +Franziska +Was denn? + +Wirt +Hat es Ihr das gnädige Fräulein nicht erzählt?--Als ich Sie, mein +schönes Kind, unten in der Küche verließ, so kam ich von ungefähr +wieder hier in den Saal-- + +Franziska +Von ungefähr, in der Absicht, ein wenig zu horchen. + +Wirt +Ei, mein Kind, wie kann Sie das von mir denken? Einem Wirte läßt +nichts übler als Neugierde.--Ich war nicht lange hier, so prellte auf +einmal die Türe bei dem gnädigen Fräulein auf. Der Major stürzte +heraus, das Fräulein ihm nach, beide in einer Bewegung, mit Blicken, +in einer Stellung--so was läßt sich nur sehen. Sie ergriff ihn, er +riß sich los, sie ergriff ihn wieder. "Tellheim!"--Fräulein, lassen +Sie mich!"--"Wohin?"--So zog er sie bis an die Treppe. Mir war schon +bange, er würde sie mit herabreißen. Aber er wand sich noch los. Das +Fräulein blieb an der obersten Schwelle stehn, sah ihm nach, rief ihm +nach, rang die Hände. Auf einmal wandte sie sich um, lief nach dem +Fenster, von dem Fenster wieder zur Treppe, von der Treppe in dem +Saale hin und wider. Hier stand ich, hier ging sie dreimal bei mir +vorbei, ohne mich zu sehen. Endlich war es, als ob sie mich sähe, +aber, Gott sei bei uns! ich glaube, das Fräulein sahe mich für Sie an, +mein Kind. "Franziska", rief sie, die Augen auf mich gerichtet, "bin +ich nun glücklich?" Darauf sahe sie steif an die Decke und wiederum: +"Bin ich nun glücklich?" Darauf wischte sie sich Tränen aus dem Auge +und lächelte und fragte mich wiederum: "Franziska, bin ich nun +glücklich?"--Wahrhaftig, ich wußte nicht, wie mir war. Bis sie nach +ihrer Türe lief, da kehrte sie sich nochmals nach mir um: "So komm +doch, Franziska; wer jammert dich nun?"--Und damit hinein. + +Franziska +Oh, Herr Wirt, das hat Ihnen geträumt. + +Wirt +Geträumt? Nein, mein schönes Kind, so umständlich träumt man nicht.-- +Ja, ich wollte wieviel drum geben--ich bin nicht neugierig--aber ich +wollte wieviel drum geben, wenn ich den Schlüssel dazu hätte. + +Franziska +Den Schlüssel? zu unsrer Türe? Herr Wirt, der steckt innerhalb; wir +haben ihn zur Nacht hereingezogen; wir sind furchtsam. + +Wirt +Nicht so einen Schlüssel; ich will sagen, mein schönes Kind, den +Schlüssel, die Auslegung gleichsam, so den eigentlichen Zusammenhang +von dem, was ich gesehen.-- + +Franziska +Ja so!--Nun, adieu, Herr Wirt. Werden wir bald essen, Herr Wirt? + +Wirt +Mein schönes Kind, nicht zu vergessen, was ich eigentlich sagen wollte. + + +Franziska +Nun? aber nur kurz-- + +Wirt +Das gnädige Fräulein hat noch meinen Ring; ich nenne ihn meinen-- + +Franziska +Er soll Ihnen unverloren sein. + +Wirt +Ich trage darum auch keine Sorge; ich will's nur erinnern, sieht Sie, +ich will ihn gar nicht einmal wiederhaben. Ich kann mir doch wohl an +den Fingern abzählen, woher sie den Ring kannte, und woher er dem +ihrigen so ähnlich sah. Er ist in ihren Händen am besten aufgehoben. +Ich mag ihn gar nicht mehr und will indes die hundert Pistolen, die +ich darauf gegeben habe, auf des gnädigen Fräuleins Rechnung setzen. +Nicht so recht, mein schönes Kind? + + + +4. Szene + +(Paul Werner. Der Wirt. Franziska.) + + +Werner +Da ist er ja! + +Franziska +Hundert Pistolen? Ich meinte, nur achtzig. + +Wirt +Es ist wahr, nur neunzig, nur neunzig. Das will ich tun, mein schönes +Kind, das will ich tun. + +Franziska +Alles das wird sich finden, Herr Wirt. + +Werner +(der ihnen hinterwärts näher kömmt und auf einmal der Franziska auf +die Schulter klopft). Frauenzimmerchen! Frauenzimmerchen! + +Franziska +(erschrickt). He! + +Werner +Erschrecke Sie nicht!--Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, ich sehe, +Sie ist hübsch und ist wohl gar fremd--Und hübsche fremde Leute müssen +gewarnet werden--Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, nehm Sie sich vor +dem Manne in acht! (Auf den Wirt zeigend.) + +Wirt +Je, unvermutete Freude! Herr Paul Werner! Willkommen bei uns, +willkommen!--Ah, es ist doch immer noch der lustige, spaßhafte, +ehrliche Werner!--Sie soll sich vor mir in acht nehmen, mein schönes +Kind! Ha, ha, ha! + +Werner +Geh Sie ihm überall aus dem Wege! + +Wirt +Mir! mir!--Bin ich denn so gefährlich?--Ha, ha, ha! Hör' Sie doch, +mein schönes Kind! Wie gefällt Ihr der Spaß? + +Werner +Daß es doch immer Seinesgleichen für Spaß erklären, wenn man ihnen die +Wahrheit sagt. + +Wirt +Die Wahrheit! ha, ha, ha!--Nicht wahr, mein schönes Kind, immer +besser! Der Mann kann spaßen! Ich gefährlich?--ich?--So vor zwanzig +Jahren war was dran. Ja, ja, mein schönes Kind, da war ich gefährlich; + da wußte manche davon zu sagen; aber jetzt-- + +Werner +Oh, über den alten Narrn! + +Wirt +Da steckt's eben! Wenn wir alt werden, ist es mit unsrer +Gefährlichkeit aus. Es wird Ihm auch nicht besser gehen, Herr Werner! + + +Werner +Potz Geck und kein Ende!--Frauenzimmerchen, so viel Verstand wird Sie +mir wohl zutrauen, daß ich von der Gefährlichkeit nicht rede. Der +eine Teufel hat ihn verlassen, aber es sind dafür sieben andre in ihn +gefahren-- + +Wirt +Oh, hör Sie doch, hör Sie doch! Wie er das nun wieder so +herumzubringen weiß!--Spaß über Spaß und immer was Neues! Oh, es ist +ein vortrefflicher Mann, der Herr Paul Werner!--(Zur Franziska, als +ins Ohr.) Ein wohlhabender Mann und noch ledig. Er hat drei Meilen +von hier ein schönes Freischulzengerichte. Der hat Beute gemacht im +Kriege!--Und ist Wachtmeister bei unserm Herrn Major gewesen. Oh, das +ist ein Freund von unserm Herrn Major! das ist ein Freund! der sich +für ihn totschlagen ließe!-- + +Werner +Ja! und das ist ein Freund von meinem Major! das ist ein Freund!-- +den der Major sollte totschlagen lassen. + +Wirt +Wie? was?--Nein, Herr Werner, das ist nicht guter Spaß.--Ich kein +Freund vom Herrn Major?--Nein, den Spaß versteh ich nicht. + +Werner +Just hat mir schöne Dinge erzählt. + +Wirt +Just? Ich dacht's wohl, daß Just durch Sie spräche. Just ist ein +böser, garstiger Mensch. Aber hier ist ein schönes Kind zur Stelle; +das kann reden; das mag sagen, ob ich kein Freund von dem Herrn Major +bin? Ob ich ihm keine Dienste erwiesen habe? Und warum sollte ich +nicht sein Freund sein? Ist er nicht ein verdienter Mann? Es ist +wahr, er hat das Unglück gehabt, abgedankt zu werden: aber was tut +das? Der König kann nicht alle verdiente Männer kennen, und wenn er +sie auch alle kennte, so kann er sie nicht alle belohnen. + +Werner +Das heißt Ihn Gott sprechen!--Aber Just--freilich ist an Justen auch +nicht viel Besonders, doch ein Lügner ist Just nicht; und wenn das +wahr wäre, was er mir gesagt hat-- + +Wirt +Ich will von Justen nichts hören! Wie gesagt: das schöne Kind hier +mag sprechen! (Zu ihr ins Ohr.) Sie weiß, mein Kind, den Ring!-- +Erzähl' Sie es doch Herrn Wernern. Da wird er mich besser +kennenlernen. Und damit es nicht herauskömmt, als ob Sie mir nur zu +Gefallen rede, so will ich nicht einmal dabei sein. Ich will nicht +dabei sein; ich will gehn; aber Sie sollen mir es wiedersagen, Herr +Werner, Sie sollen mir es wiedersagen, ob Just nicht ein garstiger +Verleumder ist. + + + +5. Szene + +(Paul Werner. Franziska) + + +Werner +Frauenzimmerchen, kennt Sie denn meinen Major? + +Franziska +Den Major von Tellheim? Jawohl kenn ich den braven Mann. + +Werner +Ist es nicht ein braver Mann? Ist Sie dem Manne wohl gut?-- + +Franziska +Vom Grund meines Herzens. + +Werner +Wahrhaftig? Sieht Sie, Frauenzimmerchen; nun kömmt Sie mir noch +einmal so schön vor.--Aber was sind denn das für Dienste, die der Wirt +unserm Major will erwiesen haben? + +Franziska +Ich wüßte eben nicht; es wäre denn, daß er sich das Gute zuschreiben +wollte, welches glücklicherweise aus seinem schurkischen Betragen +entstanden. + +Werner +So wäre es ja wahr, was mir Just gesagt hat?--(Gegen die Seite, wo der +Wirt abgegangen.) Dein Glück, daß du gegangen bist!--Er hat ihm +wirklich die Zimmer ausgeräumt?--So einem Manne so einen Streich zu +spielen, weil sich das Eselsgehirn einbildet, daß der Mann kein Geld +mehr habe! Der Major kein Geld? + +Franziska +So? Hat der Major Geld? + +Werner +Wie Heu! Er weiß nicht, wieviel er hat. Er weiß nicht, wer ihm alles +schuldig ist. Ich bin ihm selber schuldig und bringe ihm hier ein +altes Restchen. Sieht Sie, Frauenzimmerchen, hier in diesem +Beutelchen (das er aus der einen Tasche zieht) sind hundert Louisdor +und in diesem Röllchen (das er aus der andern zieht) hundert Dukaten. +Alles sein Geld! + +Franziska +Wahrhaftig? Aber warum versetzt denn der Major? Er hat ja einen Ring +versetzt-- + +Werner +Versetzt! Glaub Sie doch so was nicht. Vielleicht, daß er den Bettel +hat gern wollen los sein. + +Franziska +Es ist kein Bettel! Es ist ein sehr kostbarer Ring, den er wohl noch +dazu von lieben Händen hat. + +Werner +Das wird's auch sein. Von lieben Händen; ja, ja! So was erinnert +einen manchmal, woran man nicht gern erinnert sein will. Drum schafft +man's aus den Augen. + +Franziska +Wie? + +Werner +Dem Soldaten geht's in Winterquartieren wunderlich. Da hat er nichts +zu tun und pflegt sich und macht vor langer Weile Bekanntschaften, die +er nur auf den Winter meinet und die das gute Herz, mit dem er sie +macht, für zeitlebens annimmt. Husch ist ihm denn ein Ringelchen an +den Finger praktiziert; er weiß selbst nicht, wie es dran kömmt. Und +nicht selten gäb' er gern den Finger mit drum, wenn er es nur wieder +loswerden könnte. + +Franziska +Ei! und sollte es dem Major auch so gegangen sein? + +Werner +Ganz gewiß. Besonders in Sachsen; wenn er zehn Finger an jeder Hand +gehabt hätte, er hätte sie alle zwanzig voller Ringe gekriegt. + +Franziska +(beiseite). Das klingt ja ganz besonders und verdient untersucht zu +werden.--Herr Freischulze oder Herr Wachmeister-- + +Werner +Frauenzimmerchen, wenn's Ihr nichts verschlägt:--Herr Wachtmeister, +höre ich am liebsten. + +Franziska +Nun, Herr Wachtmeister, hier habe ich ein Briefchen von dem Herrn +Major an meine Herrschaft. Ich will es nur geschwind hereintragen und +bin gleich wieder da. Will Er wohl so gut sein und so lange hier +warten? Ich möchte gar zu gern mehr mit Ihm plaudern. + +Werner +Plaudert Sie gern, Frauenzimmerchen? Nun meinetwegen: geh Sie nur; +ich plaudre auch gern; ich will warten. + +Franziska +Oh, warte Er doch ja! (Geht ab.) + + + +6. Szene + +(Paul Werner.) + + +Werner +Das ist kein unebenes Frauenzimmerchen!--Aber ich hätte ihr doch nicht +versprechen sollen zu warten.--Denn das Wichtigste wäre wohl, ich +suchte den Major auf.--Er will mein Geld nicht und versetzt lieber?-- +Daran kenn ich ihn.--Es fällt mir ein Schneller ein.--Als ich vor +vierzehn Tagen in der Stadt war, besuchte ich die Rittmeisterin +Marloff. Das arme Weib lag krank und jammerte, daß ihr Mann dem Major +vierhundert Taler schuldig geblieben wäre, die sie nicht wüßte, wie +sie sie bezahlen sollte. Heute wollte ich sie wieder besuchen--ich +wollte ihr sagen, wenn ich das Geld für mein Gütchen ausgezahlt +kriegte, daß ich ihr fünfhundert Taler leihen könnte.--Denn ich muß ja +wohl was davon in Sicherheit bringen, wenn's in Persien nicht geht.-- +Aber sie war über alle Berge. Und ganz gewiß wird sie dem Major nicht +haben bezahlen können.--Ja, so will ich's machen; und das je eher, je +lieber.--Das Frauenzimmerchen mag mir's nicht übelnehmen; ich kann +nicht warten. (Geht in Gedanken ab und stößt fast auf den Major, der +ihm entgegenkömmt.) + + + +7. Szene + +(v. Tellheim. Paul Werner) + + +Tellheim +So in Gedanken, Werner? + +Werner +Da sind Sie ja! ich wollte eben gehen und Sie in Ihrem neuen +Quartiere besuchen, Herr Major. + +Tellheim +Um mir auf den Wirt des alten die Ohren vollzufluchen. Gedenke mir +nicht daran. + +Werner +Das hätte ich beiher getan; ja. Aber eigentlich wollte ich mich nur +bei Ihnen bedanken, daß Sie so gut gewesen und mir die hundert +Louisdor aufgehoben. Just hat mir sie wiedergegeben. Es wäre mir +wohl freilich lieb, wenn Sie mir sie noch länger aufheben könnten. +Aber Sie sind in ein neu Quartier gezogen, das weder Sie noch ich +kennen. Wer weiß, wie's da ist. Sie könnten Ihnen da gestohlen +werden, und Sie müßten mir sie ersetzen; da hülfe nichts davor. Also +kann ich's Ihnen freilich nicht zumuten. + +Tellheim +(lächelnd). Seit wenn bist du so vorsichtig, Werner? + +Werner +Es lernt sich wohl. Man kann heutezutage mit seinem Gelde nicht +vorsichtig genug sein.--Darnach hatte ich noch was an Sie zu bestellen, + Herr Major; von der Rittmeisterin Marloff; ich kam eben von ihr her. +Ihr Mann ist Ihnen ja vierhundert Taler schuldig geblieben; hier +schickt sie Ihnen auf Abschlag hundert Dukaten. Das übrige will sie +künftige Woche schicken. Ich mochte wohl selber Ursache sein, daß sie +die Summe nicht ganz schickt. Denn sie war mir auch ein Taler achtzig +schuldig; und weil sie dachte, ich wäre gekommen, sie zu mahnen--wie's +denn auch wohl wahr war--, so gab sie mir sie und gab sie mir aus dem +Röllchen, das sie für Sie schon zurechtgelegt hatte.--Sie können auch +schon eher Ihre hundert Taler ein acht Tage noch missen als ich meine +paar Groschen.--Da nehmen Sie doch! (Reicht ihm die Rolle Dukaten.) + +Tellheim +Werner! + +Werner +Nun? Warum sehen Sie mich so starr an?--So nehmen Sie doch, Herr +Major!-- + +Tellheim +Werner! + +Werner +Was fehlt Ihnen? Was ärgert Sie? + +Tellheim +(bitter, indem er sich vor die Stirne schlägt und mit dem Fuße +auftritt). Daß es--die vierhundert Taler nicht ganz sind! + +Werner +Nun, nun, Herr Major! Haben Sie mich denn nicht verstanden? + +Tellheim +Eben weil ich dich verstanden habe!--Daß mich doch die besten Menschen +heut am meisten quälen müssen! + +Werner +Was sagen Sie? + +Tellheim +Es geht dich nur zur Hälfte an!--Geh, Werner! (Indem er die Hand, mit +der ihm Werner die Dukaten reichet, zurückstößt.) + +Werner +Sobald ich das los bin! + +Tellheim +Werner, wenn du nun von mir hörst, daß die Marloffin heute ganz früh +selbst bei mir gewesen ist? + +Werner +So? + +Tellheim +Daß sie mir nichts mehr schuldig ist? + +Werner +Wahrhaftig? + +Tellheim +Daß sie mich bei Heller und Pfennig bezahlt hat: was wirst du denn +sagen? + +Werner +(der sich einen Augenblick besinnt). Ich werde sagen, daß ich gelogen +habe, und daß es eine hundsfött'sche Sache ums Lügen ist, weil man +drüber ertappt werden kann. + +Tellheim +Und wirst dich schämen? Aber er, der mich so zu lügen zwingt, was +sollte der? Sollte der sich nicht auch schämen? Sehen Sie, Herr +Major, wenn ich sagte, daß mich Ihr Verfahren nicht verdrösse, so +hätte ich wieder gelogen, und ich will nicht mehr lügen.-- + +Tellheim +Sei nicht verdrießlich, Werner! Ich erkenne dein Herz und deine Liebe +zu mir. Aber ich brauche dein Geld nicht. + +Werner +Sie brauchen es nicht? Und verkaufen lieber und versetzen lieber und +bringen sich lieber in der Leute Mäuler? + +Tellheim +Die Leute mögen es immer wissen, daß ich nichts mehr habe. Man muß +nicht reicher scheinen wollen, als man ist. + +Werner +Aber warum ärmer?--Wir haben, solange unser Freund hat. + +Tellheim +Es ziemt sich nicht, daß ich dein Schuldner bin. + +Werner +Ziemt sich nicht?--Wenn an einem heißen Tage, den uns die Sonne und +der Feind heiß machte, sich Ihr Reitknecht mit den Kantinen verloren +hatte, und Sie zu mir kamen und sagten: "Werner, hast du nichts zu +trinken?" und ich Ihnen meine Feldflasche reichte, nicht wahr, Sie +nahmen und tranken?--Ziemte sich das?--Bei meiner armen Seele, wenn +ein Trunk faules Wasser damals nicht oft mehr wert war als alle der +Quark! (Indem er auch den Beutel mit den Louisdoren herauszieht und +ihm beides hinreicht.) Nehmen Sie, lieber Major! Bilden Sie sich ein, +es ist Wasser. Auch das hat Gott für alle geschaffen. + +Tellheim +Du marterst mich; du hörst es ja, ich will dein Schuldner nicht sein. + +Werner +Erst ziemte es sich nicht; nun wollen Sie nicht? Ja, das ist was +anders. (Etwas ärgerlich.) Sie wollen mein Schuldner nicht sein? +Wenn Sie es denn aber schon wären, Herr Major? Oder sind Sie dem +Manne nichts schuldig, der einmal den Hieb auffing, der Ihnen den Kopf +spalten sollte, und ein andermal den Arm vom Rumpfe hieb, der eben +losdrücken und Ihnen die Kugel durch die Brust jagen wollte?--Was +können Sie diesem Manne mehr schuldig werden? Oder hat es mit meinem +Halse weniger zu sagen als mit meinem Beutel?--Wenn das vornehm +gedacht ist, bei meiner armen Seele, so ist es auch sehr abgeschmackt +gedacht! + +Tellheim +Mit wem sprichst du so, Werner? Wir sind allein; jetzt darf ich es +sagen; wenn uns ein Dritter hörte, so wäre es Windbeutelei. Ich +bekenne es mit Vergnügen, daß ich dir zweimal mein Leben zu danken +habe. Aber, Freund, woran fehlte mir es, daß ich bei Gelegenheit +nicht ebensoviel für dich würde getan haben? He! + +Werner +Nur an der Gelegenheit! Wer hat daran gezweifelt, Herr Major? Habe +ich Sie nicht hundertmal für den gemeinsten Soldaten, wenn er ins +Gedränge gekommen war, Ihr Leben wagen sehen? + +Tellheim +Also! + +Werner +Aber-- + +Tellheim +Warum verstehst du mich nicht recht? Ich sage: es ziemt sich nicht, +daß ich dein Schuldner bin; ich will dein Schuldner nicht sein. +Nämlich in den Umständen nicht, in welchen ich mich jetzt befinde. + +Werner +So, so! Sie wollen es versparen bis auf bessre Zeiten; Sie wollen ein +andermal Geld von mir borgen, wenn Sie keines brauchen, wenn Sie +selbst welches haben und ich vielleicht keines. + +Tellheim +Man muß nicht borgen, wenn man nicht widerzugeben weiß. + +Werner +Einem Manne wie Sie kann es nicht immer fehlen. + +Tellheim +Du kennst die Welt!--Am wenigsten muß man sodann von einem borgen, der +sein Geld selbst braucht. + +Werner +O ja, so einer bin ich! Wozu braucht' ich's denn?--Wo man einen +Wachtmeister nötig hat, gibt man ihm auch zu leben. + +Tellheim +Du brauchst es, mehr als Wachtmeister zu werden, dich auf einer Bahn +weiterzubringen, auf der ohne Geld auch der Würdigste zurückbleiben +kann. + +Werner +Mehr als Wachtmeister zu werden? Daran denke ich nicht. Ich bin ein +guter Wachtmeister und dürfte leicht ein schlechter Rittmeister und +sicherlich noch ein schlechtrer General werden. Die Erfahrung hat man. + + +Tellheim +Mache nicht, daß ich etwas Unrechtes von dir denken muß, Werner! Ich +habe es nicht gern gehört, was mir Just gesagt hat. Du hast dein Gut +verkauft und willst wieder herumschwärmen. Laß mich nicht von dir +glauben, daß du nicht sowohl das Metier als die wilde, liederliche +Lebensart liebest, die unglücklicherweise damit verbunden ist. Man +muß Soldat sein für sein Land oder aus Liebe zu der Sache, für die +gefochten wird. Ohne Absicht heute hier, morgen da dienen, heißt wie +ein Fleischerknecht reisen, weiter nichts. + +Werner +Nun ja doch, Herr Major, ich will Ihnen folgen. Sie wissen besser, +was sich gehört. Ich will bei Ihnen bleiben.--Aber, lieber Major, +nehmen Sie doch auch derweile mein Geld. Heut oder morgen muß Ihre +Sache aus sein. Sie müssen Geld die Menge bekommen. Sie sollen mir +es sodann mit Interessen wiedergeben. Ich tu es ja nur der Interessen +wegen. + +Tellheim +Schweig davon! + +Werner +Bei meiner armen Seele, ich tu es nur der Interessen wegen!--Wenn ich +manchmal dachte: Wie wird es mit dir aufs Alter werden? wenn du +zuschanden gehauen bist? wenn du nichts haben wirst? wenn du wirst +betteln gehen müssen? so dachte ich wieder: Nein, du wirst nicht +betteln gehn; du wirst zum Major Tellheim gehn; der wird seinen +letzten Pfennig mit dir teilen; der wird dich zu Tode füttern; bei dem +wirst du als ein ehrlicher Kerl sterben können. + +Tellheim +(indem er Werners Hand ergreift). Und, Kamerad, das denkst du nicht +noch? + +Werner +Nein, das denk ich nicht mehr.--Wer von mir nichts nehmen will, wenn +er's bedarf, und ich's habe, der will mir auch nichts geben, wenn er's +hat, und ich's bedarf.--Schon gut! (Will gehen.) + +Tellheim +Mensch, mache mich nicht rasend! Wo willst du hin? (Hält ihn zurück.) +Wenn ich dich nun auf meine Ehre versichere, daß ich noch Geld habe; +wenn ich dir auf meine Ehre verspreche, daß ich dir es sagen will, +wenn ich keines mehr habe; daß du der erste und einzige sein sollst, +bei dem ich mir etwas borgen will:--bist du dann zufrieden? + +Werner +Muß ich nicht?--Geben Sie mir die Hand darauf, Herr Major. + +Tellheim +Da, Paul!--Und nun genug davon. Ich kam hieher, um ein gewisses +Mädchen zu sprechen-- + + + +8. Szene + +(Franziska, aus dem Zimmer des Fräuleins. v. Tellheim. Paul Werner.) + + +Franziska +(im Hereintreten). Sind Sie noch da, Herr Wachtmeister?--(Indem sie +den Tellheim gewahr wird.) Und Sie sind auch da, Herr Major?--Den +Augenblick bin ich zu Ihren Diensten. (Geht geschwind wieder in das +Zimmer.) + + + +9. Szene + +(v. Tellheim. Paul Werner.) + + +Tellheim +Das war sie!--Aber ich höre ja, du kennst sie, Werner? + +Werner +Ja, ich kenne das Frauenzimmerchen.-- + +Tellheim +Gleichwohl, wenn ich mich recht erinnere, als ich in Thüringen +Winterquartier hatte, warst du nicht bei mir? + +Werner +Nein, da besorgte ich in Leipzig Mundierungsstücke. + +Tellheim +Woher kennst du sie denn also? + +Werner +Unsere Bekanntschaft ist noch blutjung. Sie ist von heute. Aber +junge Bekanntschaft ist warm. + +Tellheim +Also hast du ihr Fräulein wohl auch schon gesehen? + +Werner +Ist ihre Herrschaft ein Fräulein? Sie hat mir gesagt, Sie kennten +ihre Herrschaft. + +Tellheim +Hörst du nicht? aus Thüringen her. + +Werner +Ist das Fräulein jung? + +Tellheim +Ja. + +Werner +Schön? + +Tellheim +Sehr schön. + +Werner +Reich? + +Tellheim +Sehr reich. + +Werner +Ist Ihnen das Fräulein auch so gut wie das Mädchen? Das wäre ja +vortrefflich! + +Tellheim +Wie meinst du? + + + +10. Szene + +(Franziska wieder heraus, mit einem Brief in der Hand. v Tellheim. +Paul Werner.) + + +Franziska +Herr Major-- + +Tellheim +Liebe Franziska, ich habe dich noch nicht willkommen heißen können. + +Franziska +In Gedanken werden Sie es doch schon getan haben. Ich weiß, Sie sind +mir gut. Ich Ihnen auch. Aber das ist gar nicht artig, daß Sie Leute, + die Ihnen gut sind, so ängstigen. + +Werner +(vor sich). Ha, nun merk ich. Es ist richtig! + +Tellheim +Mein Schicksal, Franziska!--Hast du ihr den Brief übergeben? + +Franziska +Ja, und hier übergebe ich Ihnen--(Reicht ihm den Brief.) + +Tellheim +Eine Antwort?-- + +Franziska +Nein, Ihren eignen Brief wieder. + +Tellheim +Was? Sie will ihn nicht lesen? + +Franziska +Sie wollte wohl, aber--wir können Geschriebenes nicht gut lesen. + +Tellheim +Schäkerin! + +Franziska +Und wir denken, daß das Briefschreiben für die nicht erfunden ist, die +sich mündlich miteinander unterhalten können, sobald sie wollen. + +Tellheim +Welcher Vorwand! Sie muß ihn lesen. Er enthält meine Rechtfertigung-- +alle die Gründe und Ursachen-- + +Franziska +Die will das Fräulein von Ihnen selbst hören, nicht lesen. + +Tellheim +Von mir selbst hören? Damit mich jedes Wort, jede Miene von ihr +verwirre; damit ich in jedem ihrer Blicke die ganze Größe meines +Verlusts empfinde?-- + +Franziska +Ohne Barmherzigkeit!--Nehmen Sie! (Sie gibt ihm den Brief.) Sie +erwartet Sie um drei Uhr. Sie will ausfahren und die Stadt besehen. +Sie sollen mit ihr fahren? + +Tellheim +Mit ihr fahren? + +Franziska +Und was geben Sie mir, so laß ich Sie beide ganz allein fahren? Ich +will zu Hause bleiben. + +Tellheim +Ganz allein? + +Franziska +In einem schönen verschloßnen Wagen. + +Tellheim +Unmöglich! + +Franziska +Ja, ja; im Wagen muß der Herr Major Katz aushalten; da kann er uns +nicht entwischen. Darum geschieht es eben.--Kurz, Sie kommen, Herr +Major; und Punkte drei.--Nun? Sie wollten mich ja auch allein +sprechen. Was haben Sie mir denn zu sagen?--Ja so, wir sind nicht +allein. (Indem sie Wernern ansieht.) + +Tellheim +Doch, Franziska, wir wären allein. Aber da das Fräulein den Brief +nicht gelesen hat, so habe ich dir noch nichts zu sagen. + +Franziska +So? wären wir doch allein? Sie haben vor dem Herrn Wachtmeister +keine Geheimnisse? + +Tellheim +Nein, keine. + +Franziska +Gleichwohl, dünkt mich, sollten Sie welche vor ihm haben. + +Tellheim +Wie das? + +Werner +Warum das, Frauenzimmerchen? + +Franziska +Besonders Geheimnisse von einer gewissen Art.--Alle zwanzig, Herr +Wachtmeister? (Indem sie beide Hände mit gespreizten Fingern in die +Höhe hält.) + +Werner +St! st! Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen! + +Tellheim +Was heißt das? + +Franziska +Husch ist's am Finger, Herr Wachtmeister? (Als ob sie einen Ring +geschwind ansteckte.) + +Tellheim +Was habt ihr? + +Werner +Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, Sie wird ja wohl Spaß verstehn? + +Tellheim +Werner, du hast doch nicht vergessen, was ich dir mehrmal gesagt habe, +daß man über einen gewissen Punkt mit dem Frauenzimmer nie scherzen +muß? + +Werner +Bei meiner armen Seele, ich kann's vergessen haben!--Frauenzimmerchen, +ich bitte-- + +Franziska +Nun, wenn es Spaß gewesen ist; dasmal will ich es Ihm verzeihen. + +Tellheim +Wenn ich denn durchaus kommen muß, Franziska: so mache doch nur, daß +das Fräulein den Brief vorher noch lieset. Das wird mir die Peinigung +ersparen, Dinge noch einmal zu denken, noch einmal zu sagen, die ich +so gern vergessen möchte. Da, gib ihr ihn! (Indem er den Brief +umkehrt und ihr ihn zureichen will, wird er gewahr, daß er erbrochen +ist.) Aber sehe ich recht? Der Brief, Franziska, ist ja erbrochen. + +Franziska +Das kann wohl sein. (Besieht ihn.) Wahrhaftig, er ist erbrochen. Wer +muß ihn denn erbrochen haben? Doch gelesen haben wir ihn wirklich +nicht, Herr Major, wirklich nicht. Wir wollen ihn auch nicht lesen, +denn der Schreiber kömmt selbst. Kommen Sie ja; und wissen Sie was, +Herr Major? Kommen Sie nicht so, wie Sie da sind, in Stiefeln, kaum +frisiert. Sie sind zu entschuldigen, Sie haben uns nicht vermutet. +Kommen Sie in Schuhen, und lassen Sie sich frisieren.--So sehen Sie +mir gar zu brav, gar zu preußisch aus! + +Tellheim +Ich danke dir, Franziska. + +Franziska +Sie sehen aus, als ob Sie vorige Nacht kampiert hätten. + +Tellheim +Du kannst es erraten haben. + +Franziska +Wir wollen uns gleich auch putzen und sodann essen. Wir behielten Sie +gern zum Essen, aber Ihre Gegenwart möchte uns an dem Essen hindern; +und sehen Sie, so gar verliebt sind wir nicht, daß uns nicht hungerte. + + +Tellheim +Ich geh! Franziska, bereite sie indes ein wenig vor, damit ich weder +in ihren noch in meinen Augen verächtlich werden darf.--Komm, Werner, +du sollst mit mir essen. + +Werner +An der Wirtstafel hier im Hause? Da wird mir kein Bissen schmecken. + +Tellheim +Bei mir auf der Stube. + +Werner +So folge ich Ihnen gleich. Nur noch ein Wort mit dem Frauenzimmerchen. + + +Tellheim +Das gefällt mir nicht übel! (Geht ab.) + + + +11. Szene + +(Paul Werner. Franziska.) + + +Franziska +Nun, Herr Wachtmeister?-- + +Werner +Frauenzimmerchen, wenn ich wiederkomme, soll ich auch geputzter +kommen? + +Franziska +Komm Er, wie Er will, Herr Wachtmeister; meine Augen werden nichts +wider Ihn haben. Aber meine Ohren werden desto mehr auf ihrer Hut +gegen Ihn sein müssen.--Zwanzig Finger, alle voller Ringe! Ei, ei, +Herr Wachtmeister! + +Werner +Nein, Frauenzimmerchen; eben das wollt' ich Ihr noch sagen: die +Schnurre fuhr mir mir so heraus! Es ist nichts dran. Man hat ja wohl +an einem Ringe genug. Und hundert--und aberhundertmal habe ich den +Major sagen hören: "Das muß ein Schurke von einem Soldaten sein, der +ein Mädchen anführen kann!"--So denk ich auch, Frauenzimmerchen. +Verlaß Sie sich darauf!--Ich muß machen, daß ich ihm nachkomme.--Guten +Appetit, Frauenzimmerchen! (Geht ab.) + +Franziska +Gleichfalls, Herr Wachtmeister!--Ich glaube, der Mann gefällt mir! +(Indem sie hineingehen will, kömmt ihr das Fräulein entgegen.) + + + +12. Szene + +(Das Fräulein. Franziska.) + + +Fräulein +Ist der Major schon wieder fort?--Franziska, ich glaube, ich wäre +jetzt schon wieder ruhig genug, daß ich ihn hätte hierbehalten können. + + +Franziska +Und ich will Sie noch ruhiger machen. + +Fräulein +Desto besser! Sein Brief, oh, sein Brief! Jede Zeile sprach den +ehrlichen, edlen Mann. Jede Weigerung, mich zu besitzen, beteuerte +mir seine Liebe.--Er wird es wohl gemerkt haben, daß wir den Brief +gelesen.--Mag er doch, wenn er nur kömmt. Er kömmt doch gewiß?--Bloß +ein wenig zu viel Stolz, Franziska, scheint mir in seiner Aufführung +zu sein. Denn auch seiner Geliebten sein Glück nicht wollen zu danken +haben, ist Stolz, unverzeihlicher Stolz! Wenn er mir diesen zu stark +merken läßt, Franziska-- + +Franziska +So wollen Sie seiner entsagen? + +Fräulein +Ei, sieh doch! Jammert er dich nicht schon wieder? Nein, liebe +Närrin, eines Fehlers wegen entsagt man keinem Manne. Nein, aber ein +Streich ist mir beigefallen, ihn wegen dieses Stolzes mit ähnlichem +Stolze ein wenig zu martern. + +Franziska +Nun, da müssen Sie ja recht sehr ruhig sein, mein Fräulein, wenn Ihnen +schon wieder Streiche beifallen. + +Fräulein +Ich bin es auch; komm nur. Du wirst deine Rolle dabei zu spielen +haben. (Sie gehen herein.) + + + + +4. Akt + + + +1. Szene + +(Die Szene: Das Zimmer des Fräuleins.) (Das Fräulein völlig und reich, +aber mit Geschmack gekleidet. Franziska. Sie stehen vom Tische auf, +den ein Bedienter abräumt.) + + +Franziska +Sie können unmöglich satt sein, gnädiges Fräulein. + +Fräulein +Meinst du, Franziska? Vielleicht, daß ich mich nicht hungrig +niedersetzte. + +Franziska +Wir hatten ausgemacht, seiner während der Mahlzeit nicht zu erwähnen. +Aber wir hätten uns auch vornehmen sollen, an ihn nicht zu denken. + +Fräulein +Wirklich, ich habe an nichts als an ihn gedacht. + +Franziska +Das merkte ich wohl. Ich fing von hundert Dingen an zu sprechen, und +Sie antworteten mir auf jedes verkehrt. (Ein andrer Bedienter trägt +Kaffee auf.) Hier kömmt eine Nahrung, bei der man eher Grillen machen +kann. Der liebe melancholische Kaffee! + +Fräulein +Grillen? Ich mache keine. Ich denke bloß der Lektion nach, die ich +ihm geben will. Hast du mich recht begriffen, Franziska? + +Franziska +O ja; am besten aber wäre es, er ersparte sie uns. + +Fraülein +Du wirst sehen, daß ich ihn von Grund aus kenne. Der Mann, der mich +jetzt mit allen Reichtümern verweigert, wird mich der ganzen Welt +streitig machen, sobald er hört, daß ich unglücklich und verlassen bin. + + +Franziska +(sehr ernsthaft). Und so was muß die feinste Eigenliebe unendlich +kitzeln. + +Fräulein +Sittenrichterin! Seht doch! Vorhin ertappte sie mich auf Eitelkeit, +jetzt auf Eigenliebe.--Nun, laß mich nur, liebe Franziska. Du sollst +mit deinem Wachtmeister auch machen können, was du willst. + +Franziska +Mit meinem Wachtmeister? + +Fräulein +Ja, wenn du es vollends leugnest, so ist es richtig.--Ich habe ihn +noch nicht gesehen, aber aus jedem Worte, das du mir von ihm gesagt +hast, prophezeie ich dir deinen Mann. + + + +2. Szene + +(Riccaut de la Marliniere. Das Fräulein. Franziska.) Riccaut (noch +innerhalb der Szene). Est-il permis, Monsieur le Major? + + +Franziska +Was ist das? Will das zu uns? (Gegen die Türe gehend.) + +Riccaut +Parbleu! Ik bin unriktig.--Mais non--Ik bin nit unriktig--C'est sa +chambre-- + +Franziska +Ganz gewiß, gnädiges Fräulein, glaubt dieser Herr, den Major von +Tellheim noch hier zu finden. + +Riccaut +Iß so!--Le Major de Tellheim; juste, ma belle enfant, c'est lui que je +cherche. Ou est-il? + +Franziska +Er wohnt nicht mehr hier. + +Riccaut +Comment? nok vor vier un swansik Stund hier logier? Und logier nit +mehr hier? Wo logier er denn? + +Fräulein +(die auf ihn zukömmt). Mein Herr-Riccaut. Ah, Madame--Mademoiselle-- +Ihro Gnad verzeih-- + +Fräulein +Mein Herr, Ihre Irrung ist sehr zu vergeben und Ihre Verwunderung sehr +natürlich. Der Herr Major hat die Güte gehabt, mir als einer Fremden, +die nicht unterzukommen wußte, sein Zimmer zu überlassen. + +Raccaut +Ah, voila de ses politesses! C'est un tres galant-homme que ce Major! + + +Fräulein +Wo er indes hingezogen--wahrhaftig, ich muß mich schämen, es nicht zu +wissen. + +Riccaut +Ihro Gnad nit wiß? C'est dommage; j'en suis fache. + +Fräulein +Ich hätte mich allerdings darnach erkundigen sollen. Freilich werden +ihn seine Freunde noch hier suchen. + +Riccaut +Ik bin sehr von seine Freund, Ihro Gnad-- + +Fräulein +Franziska, wißt du es nicht? + +Franziska +Nein, gnädiges Fräulein. + +Riccaut +Ik hätt ihn zu sprek sehr notwendik. Ik komm ihm bringen eine +Nouvelle, davon er sehr frölik sein wird. + +Fräulein +Ich bedauere um so viel mehr.--Doch hoffe ich, vielleicht bald ihn zu +sprechen. Ist es gleichviel, aus wessen Munde er diese gute Nachricht +erfährt, so erbiete ich mich, mein Herr-- + +Riccaut +Ik versteh.--Mademoiselle parle francais? Mais sans doute; telle que +je la vois!--La demande etait bien impolie; vous me pardonnerez, +Mademoiselle.-- + +Fräulein +Mein Herr-- + +Riccaut +Nit? Sie sprek nit Französisch, Ihro Gnad? + +Fräulein +Mein Herr, in Frankreich würde ich es zu sprechen suchen. Aber warum +hier? Ich höre ja, daß Sie mich verstehen, mein Herr. Und ich, mein +Herr, werde Sie gewiß auch verstehen; sprechen Sie, wie es Ihnen +beliebt. + +Riccaut +Gutt, gutt! Ik kann auk mik auf Deutsch explizier.--Sachez donc, +Mademoiselle--Ihro Gnad soll also wiß, daß ik komm von die Tafel bei +der Minister--Minister von--Minister von--wie heiß der Minister da +drauß?--in der lange Straß?--auf die breite Platz?-- + +Fräulein +Ich bin hier noch völlig unbekannt. + +Riccaut +Nun, die Minister von der Kriegsdepartement.--Da haben ik zu Mittag +gespeisen--ik speisen a l'ordinaire bei ihm--und da iß man gekommen +reden auf der Major Tellheim; et le ministre m'a dit en confidence, +car Son Excellence est de mes amis, et il n'y a point de mysteres +entre nous--Se. Exzellenz, will ik sag, haben mir vertrau, daß die +Sak von unserm Major sei auf den Point zu enden und gutt zu enden. Er +habe gemakt ein Rapport an den Könik, und der Könik habe darauf +resolvier, tout-a-fait en faveur du Major.--Monsieur, m'a dit Son +Excellence, vous comprenez bien, que tout depend de la maniere, dont +on fait envisager les choses au roi, et vous me connaissez. Cela fait +un tres joli garcon que ce Tellheim, et ne sais-je pas que vous +l'aimez? Les amis de mes amis sont aussi les miens. Il coute un peu +cher au roi ce Tellheim, mais est-ce que l'on sert les rois pour rien? + Il faut s'entr'aider en ce monde; et quand il s'agit de pertes, que +ce soit le roi, qui en fasse, et non pas un honnete-homme de nous +autres. Voila le principe, dont je ne me depars jamais.--Was sag Ihro +Gnad hierzu? Nit wahr, das iß ein brav Mann? Ah que Son Excellence a +le coer bien place! Er hat mir au reste versiker, wenn der Major nit +schon bekommen habe une Lettre de la main--eine Könikliken Handbrief, +daß er heut infailliblement müsse bekommen einen. + +Fräulein +Gewiß, mein Herr, diese Nachricht wird dem Major von Tellheim höchst +angenehm sein. Ich wünschte nur, ihm den Freund zugleich mit Namen +nennen zu können, der so viel Anteil an seinem Glücke nimmt-- + +Riccaut +Mein Namen wünscht Ihro Gnad?--Vous voyez en moi--Ihro Gnad seh in mik +le Chevalier Riccaut de la Marliniere, Seigneur de Pret-au-val, de la +branche de Prensd'or.--Ihro Gnad? steh verwundert, mik aus so ein +groß, groß Familie zu hören, qui est veritablement du sang Royal.--Il +faut le dire; je suis sans doute le cadet le plus avantureux, que la +maison a jamais eu.--Ik dien von meiner elfte Jahr. Ein Affaire +d'honneur makte mik fliehen. Darauf haben ik gedienet Sr. Papstliken +Eilikheit, der Republik St. Marino, der Kron Polen und den Staaten- +General, bis ik endlik bin worden gezogen hierher. Ah, Mademoiselle, +que je voudrais n'avoir jamais vu ce pays-la! Hätte man mik gelaß im +Dienst von den Staaten-General, so müßt ik nun sein aufs wenikst +Oberst. Aber so hier immer und ewik Capitaine geblieben, und nun gar +sein ein abgedankte Capitaine-- + +Fräulein +Das ist viel Unglück. + +Riccaut +Qui, Mademoiselle, me voila reforme, et par-la mis sur le pave! + +Fräulein +Ich beklage sehr. + +Riccaut +Vous etes bien bonne, Mademoiselle.--Nein, man kenn sik hier nit auf +den Verdienst. Einen Mann wie mik su reformir! Einen Mann, der sik +nok dasu in diesem Dienst hat rouinir!--Ik haben dabei sugesetzt mehr +als swansik tausend Livres. Was hab ik nun? Tranchons le mot; je +n'ai pas le sou, et me voila exactement vis-a-vis du rien.-- + +Fräulein +Es tut mir ungemein leid. + +Riccaut +Vous etes bien bonne, Mademoiselle. Aber wie man pfleg su sagen: ein +jeder Unglück schlepp nak sik seine Bruder; qu'un malheur ne vient +jamais seul: so mit mir arrivir. Was ein Honnete-homme von mein +Extraction kann anders haben für Ressource als das Spiel? Nun hab ik +immer gespielen mit Glück, solang ik hatte nit vonnöten der Glück. +Nun ik ihr hätte vonnöten, Mademoiselle, je joue avec un guignon, qui +surpasse toute croyance. Seit funfsehn Tag iß vergangen keine, wo sie +mik nit hab gesprenkt. Nok gestern hab sie mik gesprenkt dreimal. Je +sais bien, qu'il y avait quelque chose de plus que le jeu. Car parmi +mes pontes se trouvaient certaines dames--Ik will niks weiter sag. +Man muß sein galant gegen die Damen. Sie haben auk mik heut invitir, +mir su geben revanche; mais--vous m'entendez, Mademoiselle.--Man muß +erst wiß, wovon leben, ehe man haben kann, wovon su spielen-- + +Fräulein +Ich will nicht hoffen, mein Herr-- + +Riccaut +Vous etes bien bonne, Mademoiselle-- + +Fräulein +(nimmt die Franziska beiseite). Franziska, der Mann dauert mich im +Ernste. Ob er mir es wohl übelnehmen würde, wenn ich ihm etwas +anböte? + +Franziska +Der sieht mir nicht darnach aus. + +Fräulein +Gut!--Mein Herr, ich höre--daß Sie spielen, daß Sie Bank machen; ohne +Zweifel an Orten, wo etwas zu gewinnen ist. Ich muß Ihnen bekennen, +daß ich--gleichfalls das Spiel sehr liebe-- + +Riccaut +Tant mieux, Mademoiselle, tant mieux! Tous les gens d'esprit aiment +le jeu a la fureur. + +Fräulein +Daß ich sehr gern gewinne; sehr gern mein Geld mit einem Mann wage, +der--zu spielen weiß.--Wären Sie wohl geneigt, mein Herr, mich in +Gesellschaft zu nehmen? mir einen Anteil an Ihrer Bank zu gönnen? + +Riccaut +Comment, Mademoiselle, vous voulez etre de moitie avec moi? De tout +mon coeur. + +Fräulein +Vors erste nur mit einer Kleinigkeit--(Geht und langt Geld aus ihrer +Schatulle.) + +Riccaut +Ah, Mademoiselle, que vous etes charmante!-- + +Fräulein +Hier habe ich, was ich ohnlängst gewonnen, nur zehn Pistolen--ich muß +mich zwar schämen, so wenig-- + +Riccaut +Donnez toujours, Mademoiselle, donnez. (Nimmt es.) + +Fräulein +Ohne Zweifel, daß Ihre Bank, mein Herr, sehr ansehnlich ist-- + +Riccaut +Jawohl, sehr ansehnlik. Sehn Pistol? Ihr Gnad soll sein dafür +interessir bei meiner Bank auf ein Dreiteil, pour le tiers. Swar auf +ein Dreiteil sollen sein--etwas mehr. Dok mit einer schöne Damen muß +man es nehmen nit so genau. Ik gratulir mik, su kommen dadurk in +liaison mit Ihro Gnad, et de ce moment je recommence a bien augurer de +ma fortune. + +Fräulein +Ich kann aber nicht dabei sein, wenn Sie spielen, mein Herr. + +Riccaut +Was brauk Ihro Gnad dabei su sein? Wir andern Spieler sind ehrlike +Leut untereinander. + +Fräulein +Wenn wir glücklich sind, mein Herr, so werden Sie mir meinen Anteil +schon bringen. Sind wir aber unglücklich-- + +Riccaut +So komm ik holen Rekruten. Nit wahr, Ihro Gnad? + +Fräulein +Auf die Länge dürften die Rekruten fehlen. Verteidigen Sie unser Geld +daher ja wohl, mein Herr. + +Riccaut +Wofür seh mik Ihro Gnad an? Für ein Einfalspinse? für ein dumme +Teuf? + +Fräulein +Verzeihen Sie mir-- + +Riccaut +Je suis des bons, Mademoiselle. Savez-vous ce que cela veut dire? Ik +bin von die Ausgelernt-- + +Fräulein +Aber doch wohl, mein Herr-- + +Riccaut +Je sais monter un coup-- + +Fräulein +(verwundernd). Sollten Sie? + +Riccaut +Je file la carte avec une adresse-- + +Fräulein +Nimmermehr! + +Riccaut +Je fais sauter la coupe avec une dexterite-- + +Fräulein +Sie werden doch nicht, mein Herr?-- + +Riccaut +Was nit? Ihro Gnade, was nit? Donnez-moi un pigeonneau a plumer, et-- + +Fräulein +Falsch spielen? betrügen? + +Riccaut +Comment, Mademoiselle? Vous appellez cela betrügen? Corriger la +fortune, l'enchainer sous ses doigts, etre sur de son fait, das nenn +die Deutsch betrügen? Betrügen! Oh, was ist die deutsch Sprak für +ein arm Sprak! für ein plump Sprak! + +Fräulein +Nein, mein Herr, wenn Sie so denken-- + +Riccaut +Laissez-moi faire, Mademoiselle, und sein Sie ruhik! Was gehn Sie an, +wie ik spiel?--Gnug, morgen entweder sehn mik wieder Ihro Gnad mit +hundert Pistol, oder seh mik wieder gar nit--Votre tres-humble, +Mademoiselle, votre tres-humble--(Eilends ab.) + +Fräulein +(die ihm mit Erstaunen und Verdruß nachsieht). Ich wünsche das letzte, +mein Herr, das letzte! + + + +3. Szene + +(Das Fräulein. Franziska) + + +Franziska +(erbittert). Kann ich noch reden? O schön! o schön! + +Fräulein +Spotte nur; ich verdiene es. (Nach einem kleinen Nachdenken und +gelassener.) Spotte nicht, Franziska; ich verdiene es nicht. + +Franziska +Vortrefflich! Da haben Sie etwas Allerliebstes getan, einen +Spitzbuben wieder auf die Beine geholfen. + +Fräulein +Es war einem Unglücklichen zugedacht. + +Franziska +Und was das beste dabei ist: der Kerl hält Sie für seinesgleichen.--Oh, +ich muß ihm nach und ihm das Geld wieder abnehmen. (Will fort.) + +Fräulein +Franziska, laß den Kaffee nicht vollends kalt werden, schenk ein. + +Franziska +Er muß es Ihnen wiedergeben; Sie haben spielen. Zehn Pistolen! Sie +hörten ja, Fräulein, daß es ein Bettler war! (Das Fräulein schenkt +indes selbst ein.) Wer wird einem Bettler so viel geben? Und ihm noch +dazu die Erniedrigung, es erbettelt zu haben, zu ersparen suchen? Den +Mildtätigen, der den Bettler aus Großmut verkennen will, verkennt der +Bettler wieder. Nun mögen Sie es haben, Fräulein, wenn er Ihre Gabe, +ich weiß nicht wofür, ansieht.--(Und reicht der Franziska eine Tasse.) +Wollen Sie mir das Blut noch mehr in Wallung bringen? Ich mag nicht +trinken. (Das Fräulein setzt sie wieder weg.) "Parbleu, Ihro Gnad, +man kenn sik hier nit auf den Verdienst." (In dem Tone des Franzosen.) +Freilich nicht, wenn man die Spitzbuben so ungehangen herumlaufen läßt. + + +Fräulein +(kalt und nachdenkend, indem sie trinkt). Mädchen, du verstehst dich +so trefflich auf die guten Menschen: aber, wenn willst du die +schlechten ertragen lernen?--Und sie sind doch auch Menschen.--Und +öfters bei weitem so schlechte Menschen nicht, als sie scheinen.--Man +muß ihre gute Seite nur aufsuchen.--Ich bilde mir ein, dieser Franzose +ist nichts als eitel. Aus bloßer Eitelkeit macht er sich zum falschen +Spieler; er will mir nicht verbunden scheinen, er will sich den Dank +ersparen. Vielleicht, daß er nun hingeht, seine kleine Schulden +bezahlt, von dem Reste, soweit er reicht, still und sparsam lebt und +an das Spiel nicht denkt. Wenn das ist, liebe Franziska, so laß ihn +Rekruten holen, wenn er will.--(Gibt ihr die Tasse.) Da, setz weg!-- +Aber, sage mir, sollte Tellheim nicht schon da sein? + +Franziska +Nein, gnädiges Fräulein, ich kann beides nicht, weder an einem +schlechten Menschen die gute, noch an einem guten Menschen die böse +Seite aufsuchen. + +Fräulein +Er kömmt doch ganz gewiß?-- + +Franziska +Er sollte wegbleiben!--Sie bemerken an ihm, dem besten Manne, ein +wenig Stolz, und darum wollen Sie ihn so grausam necken? + +Fräulein +Kömmst du da wieder hin?--Schweig, das will ich nun einmal so. Wo du +mir diese Lust verdirbst; wo du nicht alles sagst und tust, wie wir es +abgeredet haben!--Ich will dich schon allein mit ihm lassen, und dann-- +Jetzt kömmt er wohl. + + + +4. Szene + +(Paul Werner (der in einer steifen Stellung, gleichsam im Dienste, +hereintritt). Das Fräulein. Franziska.) + + +Franziska +Nein, es ist nur sein lieber Wachtmeister. + +Fräulein +Lieber Wachtmeister? Auf wen bezieht sich dieses Lieber? + +Franziska +Gnädiges Fräulein, machen Sie mir den Mann nicht verwirrt.--Ihre +Dienerin, Herr Wachtmeister; was bringen Sie uns? + +Werner +(geht, ohne auf die Franziska zu achten, an das Fräulein). Der Major +von Tellheim läßt an das gnädige Fräulein von Barnhelm durch mich, den +Wachtmeister Werner, seinen untertänigen Respekt vermelden und sagen, +daß er sogleich hier sein werde. + +Fräulein +Wo bleibt er denn? + +Werner +Ihro Gnaden werden verzeihen; wir sind noch vor dem Schlage drei aus +dem Quartier gegangen, aber da hat ihn der Kriegszahlmeister +unterwegens angeredt, und weil mit dergleichen Herren des Redens immer +kein Ende ist: so gab er mir einen Wink, dem gnädigen Fräulein den +Vorfall zu rapportieren. + +Fräulein +Recht wohl, Herr Wachtmeister. Ich wünsche nur, daß der +Kriegszahlmeister dem Major etwas Angenehmes möge zu sagen haben. + +Werner +Das haben dergleichen Herren den Offizieren selten.--Haben Ihro Gnaden +etwas zu befehlen? (Im Begriffe wieder zu gehen.) + +Franziska +Nun, wo denn schon wieder hin, Herr Wachtmeister? Hätten wir denn +nichts miteinander zu plaudern? + +Werner +(sachte zur Franziska und ernsthaft). Hier nicht, Frauenzimmerchen. +Es ist wider den Respekt, wider die Subordination.--Gnädiges Fräulein-- + +Fräulein +Ich danke für Seine Bemühung, Herr Wachtmeister.--Es ist mir lieb +gewesen, Ihn kennenzulernen. Franziska hat mir viel Gutes von Ihm +gesagt. (Werner macht eine steife Verbeugung und geht ab.) + + + +5. Szene + +(Das Fräulein. Franziska.) + + +Fräulein +Das ist dein Wachtmeister, Franziska? + +Franziska +Wegen des spöttischen Tones habe ich nicht Zeit, dieses dein nochmals +aufzumutzen.--Ja, gnädiges Fräulein, das ist mein Wachtmeister. Sie +finden ihn ohne Zweifel ein wenig steif und hölzern. Jetzt kam er mir +fast auch so vor. Aber ich merke wohl, er glaubte, vor Ihro Gnaden +auf die Parade ziehen zu müssen. Und wenn die Soldaten paradieren--ja +freilich scheinen sie da mehr Drechslerpuppen als Männer. Sie sollten +ihn hingegen nur sehn und hören, wenn er sich selbst gelassen ist. + +Fräulein +Das müßte ich denn wohl! + +Franziska +Er wird noch auf dem Saale sein. Darf ich nicht gehn und ein wenig +mit ihm plaudern? + +Fräulein +Ich versage dir ungern dieses Vergnügen. Du mußt hierbleiben, +Franziska. Du muß bei unserer Unterredung gegenwärtig sein!--Es fällt +mir noch etwas bei. (Sie zieht ihren Ring vom Finger.) Da, nimm +meinen Ring, verwahre ihn, und gib mir des Majors seinen dafür. + +Franziska +Warum das? + +Fräulein +(indem Franziska den andern Ring holt). Recht weiß ich es selbst +nicht, aber mich dünkt, ich sehe so etwas voraus, wo ich ihn brauchen +könnte.--Man pocht--Geschwind gib her! (Sie steckt ihn an.) Er ist's! + + + + +6. Szene + +(v. Tellheim in dem nämlichen Kleide, aber sonst so, wie es Franziska +verlangt. Das Fräulein. Franziska.) + + +Tellheim +Gnädiges Fräulein, Sie werden mein Verweilen entschuldigen-- + +Fräulein +Oh, Herr Major, so gar militärisch wollen wir es miteinander nicht +nehmen. Sie sind ja da! Und ein Vergnügen erwarten, ist auch ein +Vergnügen.--Nun? (indem sie ihm lächelnd ins Gesicht sieht) lieber +Tellheim, waren wir nicht vorhin Kinder? + +Tellheim +Jawohl, Kinder, gnädiges Fräulein; Kinder, die sich sperren, wo sie +gelassen folgen sollten. + +Fräulein +Wir wollen ausfahren, lieber Major--die Stadt ein wenig zu besehen--, +und hernach meinem Oheim entgegen. + +Tellheim +Wie? + +Fräulein +Sehen Sie, auch das Wichtigste haben wir einander noch nicht sagen +können. Ja, er trifft noch heut hier ein. Ein Zufall ist schuld, daß +ich einen Tag früher ohne ihn angekommen bin. + +Tellheim +Der Graf von Bruchsall? Ist er zurück? + +Fräulein +Die Unruhen des Krieges verscheuchten ihn nach Italien; der Friede hat +ihn wieder zurückgebracht.--Machen Sie sich keine Gedanken, Tellheim. +Besorgten wir schon ehemals das stärkste Hindernis unsrer Verbindung +von seiner Seite-- + +Tellheim +Unserer Verbindung? + +Fräulein +Er ist Ihr Freund. Er hat von zu vielen zu viel Gutes von Ihnen +gehört, um es nicht zu sein. Er brennet, den Mann von Antlitz zu +kennen, den seine einzige Erbin gewählt hat. Er kömmt als Oheim, als +Vormund, als Vater, mich Ihnen zu übergeben. + +Tellheim +Ah, Fräulein, warum haben Sie meinen Brief nicht gelesen? Warum haben +Sie ihn nicht lesen wollen? + +Fräulein +Ihren Brief? Ja, ich erinnere mich, Sie schickten mir einen. Wie war +es denn mit diesem Briefe, Franziska? Haben wir ihn gelesen, oder +haben wir ihn nicht gelesen? Was schrieben Sie mir denn, lieber +Tellheim?-- + +Tellheim +Nichts, als was mir die Ehre befiehlt. + +Fräulein +Das ist, ein ehrliches Mädchen, die Sie liebt, nicht sitzen zu lassen. + Freilich befiehlt das die Ehre. Gewiß, ich hätte den Brief lesen +sollen. Aber was ich nicht gelesen habe, das höre ich ja. + +Tellheim +Ja, Sie sollen es hören-- + +Fräulein +Nein, ich brauch es auch nicht einmal zu hören. Es versteht sich von +selbst. Sie könnten eines so häßlichen Streiches fähig sein, daß Sie +mich nun nicht wollten? Wissen Sie, daß ich auf Zeit meines Lebens +beschimpft wäre? Meine Landsmänninnen würden mit Fingern auf mich +weisen.--"Das ist sie", würde es heißen, "das ist das Fräulein von +Barnhelm, die sich einbildete, weil sie reich sei, den wackern +Tellheim zu bekommen: als ob die wackern Männer für Geld zu haben +wären!" So würde es heißen: denn meine Landsmänninnen sind alle +neidisch auf mich. Daß ich reich bin, können sie nicht leugnen; aber +davon wollen sie nichts wissen, daß ich auch sonst noch ein ziemlich +gutes Mädchen bin, das seines Mannes wert ist. Nicht wahr, Tellheim? + +Tellheim +Ja, ja, gnädiges Fräulein, daran erkenne ich Ihr Landsmanninnen. Sie +werden Ihnen einen abgedankten, an seiner Ehre gekränkten Offizier, +einen Krüppel, einen Bettler, trefflich beneiden. + +Fräulein +Und das alles wären Sie? Ich hörte so was, wenn ich mich nicht irre, +schon heute vormittage. Da ist Böses und Gutes untereinander. Lassen +Sie uns doch jedes näher beleuchten.--Verabschiedet sind Sie? So höre +ich. Ich glaubte, Ihr Regiment sei bloß untergesteckt worden. Wie +ist es gekommen, daß man einen Mann von Ihren Verdiensten nicht +beibehalten? + +Tellheim +Es ist gekommen, wie es kommen müssen. Die Großen haben sich +überzeugt, daß ein Soldat aus Neigung für sie ganz wenig, aus Pflicht +nicht viel mehr, aber alles seiner eignen Ehre wegen tut. Was können +sie ihm also schuldig zu sein glauben? Der Friede hat ihnen mehrere +meinesgleichen entbehrlich gemacht, und am Ende ist ihnen niemand +unentbehrlich. + +Fräulein +Sie sprechen, wie ein Mann sprechen muß, dem die Großen hinwiederum +sehr entbehrlich sind. Und niemals waren sie es mehr als jetzt. Ich +sage den Großen meinen großen Dank, daß sie ihre Ansprüche auf einen +Mann haben fahren lassen, den ich doch nur sehr ungern mit ihnen +geteilet hätte.--Ich bin Ihre Gebieterin, Tellheim; Sie brauchen +weiter keinen Herrn.--Sie verabschiedet zu finden, das Glück hätte ich +mir kaum träumen lassen!--Doch Sie sind nicht bloß verabschiedet: Sie +sind noch mehr. Was sind Sie noch mehr? Ein Krüppel: sagten Sie? +Nun (indem sie ihn von oben bis unten betrachtet), der Krüppel ist +doch noch ziemlich ganz und gerade; scheinet doch noch ziemlich gesund +und stark.--Lieber Tellheim, wenn Sie auf den Verlust Ihrer gesunden +Gliedmaßen betteln zu gehen denken: so prophezeie ich Ihnen voraus, +daß Sie vor den wenigsten Türen etwas bekommen werden; ausgenommen vor +den Türen der gutherzigen Mädchen wie ich. + +Tellheim +Jetzt höre ich nur das mutwillige Mädchen, liebe Minna. + +Fräulein +Und ich höre in Ihrem Verweise nur das Liebe Minna--Ich will nicht +mehr mutwillig sein. Denn ich besinne mich, daß Sie allerdings ein +kleiner Krüppel sind. Ein Schuß hat Ihnen den rechten Arm ein wenig +gelähmt.--Doch alles wohl überlegt: so ist auch das so schlimm nicht. +Um soviel sichrer bin ich vor Ihren Schlägen. + +Tellheim +Fräulein! + +Fräulein +Sie wollen sagen: Aber Sie um soviel weniger vor meinen. Nun, nun, +lieber Tellheim, ich hoffe, Sie werden es nicht dazu kommen lassen. + +Tellheim +Sie wollen lachen, mein Fräulein. Ich beklage nur, daß ich nicht +mitlachen kann. + +Fräulein +Warum nicht? Was haben Sie denn gegen das Lachen? Kann man denn auch +nicht lachend sehr ernsthaft sein? Lieber Major, das Lachen erhält +uns vernünftiger als der Verdruß. Der Beweis liegt vor uns. Ihre +lachende Freundin beurteilet Ihre Umstände weit richtiger als Sie +selbst. Weil Sie verabschiedet sind, nennen Sie sich an Ihrer Ehre +gekränkt; weil Sie einen Schuß in dem Arme haben, machen Sie sich zu +einem Krüppel. Ist das so recht? Ist das keine Übertreibung? Und +ist es meine Einrichtung, daß alle Übertreibungen des Lächerlichen so +fähig sind? Ich wette, wenn ich Ihren Bettler nun vornehme, daß auch +dieser ebensowenig Stich halten wird. Sie werden einmal, zweimal, +dreimal Ihre Equipage verloren haben; bei dem oder jenem Bankier +werden einige Kapitale jetzt mitschwinden; Sie werden diesen und jenen +Vorschuß, den Sie im Dienste getan, keine Hoffnung haben +wiederzuerhalten: aber sind Sie darum ein Bettler? Wenn Ihnen auch +nichts übriggeblieben ist, als was mein Oheim für Sie mitbringt-- + +Tellheim +Ihr Oheim, gnädiges Fräulein, wird für mich nichts mitbringen. + +Fräulein +Nichts als die zweitausend Pistolen, die Sie unsern Ständen so +großmütig vorschossen. + +Tellheim +Hätten Sie doch nur meinen Brief gelesen, gnädiges Fräulein! + +Fräulein +Nun ja, ich habe ihn gelesen. Aber was ich über diesen Punkt darin +gelesen, ist mir ein wahres Rätsel. Unmöglich kann man Ihnen aus +einer edlen Handlung ein Verbrechen machen wollen.--Erklären Sie mir +doch, lieber Major-- + +Tellheim +Sie erinnern sich, gnädiges Fräulein, daß ich Ordre hatte, in den +Ämtern Ihrer Gegend die Kontribution mit der äußersten Strenge bar +beizutreiben. Ich wollte mir diese Strenge ersparen und schoß die +fehlende Summe selbst vor.-- + +Fräulein +Jawohl erinnere ich mich.--Ich liebte Sie um dieser Tat willen, ohne +Sie noch gesehen zu haben. + +Tellheim +Die Stände gaben mir ihren Wechsel, und diesen wollte ich bei +Zeichnung des Friedens unter die zu ratihabierende Schulden eintragen +lassen. Der Wechsel ward für gültig erkannt, aber mir ward das +Eigentum desselben streitig gemacht. Man zog spöttisch das Maul, als +ich versicherte, die Valute bar hergegeben zu haben. Man erklärte ihn +für eine Bestechung, für das Gratial der Stände, weil ich so bald mit +ihnen auf die niedrigste Summe einig geworden war, mit der ich mich +nur im äußersten Notfalle zu begnügen Vollmacht hatte. So kam der +Wechsel aus meinen Händen, und wenn er bezahlt wird, wird er +sicherlich nicht an mich bezahlt.--Hierdurch, mein Fräulein, halte ich +meine Ehre für gekränkt; nicht durch den Abschied, den ich gefordert +haben würde, wenn ich ihn nicht bekommen hätte.--Sie sind ernsthaft, +mein Fräulein? Warum lachen Sie nicht? Ha, ha, ha! Ich lache ja. + +Fräulein +Oh, ersticken Sie dieses Lachen, Tellheim! Ich beschwöre Sie! Es ist +das schreckliche Lachen des Menschenhasses! Nein, Sie sind der Mann +nicht, den eine gute Tat reuen kann, weil sie üble Folgen für ihn hat. + Nein, unmöglich können diese üble Folgen dauren! Die Wahrheit muß an +den Tag kommen. Das Zeugnis meines Oheims, aller unsrer Stände-- + +Tellheim +Ihres Oheims! Ihrer Stände! Ha, Ha, ha! + +Fräulein +Ihr Lachen tötet mich, Tellheim! Wenn Sie an Tugend und Vorsicht +glauben, Tellheim, so lachen Sie so nicht! Ich habe nie +fürchterlicher fluchen hören, als Sie lachen.--Und lassen Sie uns das +Schlimmste setzen! Wenn man Sie hier durchaus verkennen will: so kann +man Sie bei uns nicht verkennen. Nein, wir können, wir werden Sie +nicht verkennen, Tellheim. Und wenn unsere Stände die geringste +Empfindung von Ehre haben, so weiß ich, was sie tun müssen. Doch ich +bin nicht klug: was wäre das nötig? Bilden Sie sich ein, Tellheim, +Sie hätten die zweitausend Pistolen an einem wilden Abende verloren. +Der König war eine unglückliche Karte für Sie: die Dame (auf sich +weisend) wird Ihnen desto günstiger sein.--Die Vorsicht, glauben Sie +mir, hält den ehrlichen Mann immer schadlos; und öfters schon im +voraus. Die Tat, die Sie einmal um zweitausend Pistolen bringen +sollte, erwarb mich Ihnen. Ohne diese Tat würde ich nie begierig +gewesen sein, Sie kennenzulernen. Sie wissen, ich kam uneingeladen in +die erste Gesellschaft, wo ich Sie zu finden glaubte. Ich kam bloß +Ihrentwegen. Ich kam in dem festen Vorsatze, Sie zu lieben--ich +liebte Sie schon!--in dem festen Vorsatze, Sie zu besitzen, wenn ich +Sie auch so schwarz und häßlich finden sollte als den Mohr von Venedig. +Sie sind so schwarz und häßlich nicht; auch so eifersüchtig werden +Sie nicht sein. Aber Tellheim, Tellheim, Sie haben doch noch viel +Ähnliches mit ihm! Oh, über die wilden, unbiegsamen Männer, die nur +immer ihr stieres Auge auf das Gespenst der Ehre heften! für alles +andere Gefühl sich verhärten!--Hierher Ihr Auge! auf mich, Tellheim! +(Der indes vertieft und unbeweglich mit starren Augen immer auf eine +Stelle gesehen.) Woran denken Sie? Sie hören mich nicht? + +Tellheim +(zerstreut). O ja! Aber sagen Sie mir doch, mein Fräulein: wie kam +der Mohr in venetianische Dienste? Hatte der Mohr kein Vaterland? +Warum vermietete er seinen Arm und sein Blut einem fremden Staate?-- + +Fräulein +(erschrocken). Wo sind Sie, Tellheim?--Nun ist es Zeit, daß wir +abbrechen.--Kommen Sie! (Indem sie ihn bei der Hand ergreift.)-- +Franziska, laß den Wagen vorfahren. + +Tellheim +(der sich von dem Fräulein losreißt und der Franziska nachgeht). Nein, +Franziska, ich kann nicht die Ehre haben, das Fräulein zu begleiten.-- +Mein Fräulein, lassen Sie mir noch heute meinen gesunden Verstand, und +beurlauben Sie mich. Sie sind auf dem besten Wege, mich darum zu +bringen. Ich stemme mich, soviel ich kann.--Aber weil ich noch bei +Verstande bin: so hören Sie, mein Fräulein, was ich fest beschlossen +habe, wovon mich nichts in der Welt abbringen soll.--Wenn nicht noch +ein glücklicher Wurf für mich im Spiele ist, wenn sich das Blatt nicht +völlig wendet, wenn-- + +Fräulein +Ich muß Ihnen ins Wort fallen, Herr Major.--Das hätten wir ihm gleich +sagen sollen, Franziska. Du erinnerst mich auch an gar nichts.--Unser +Gespräch würde ganz anders gefallen sein, Tellheim, wenn ich mit der +guten Nachricht angefangen hätte, die Ihnen der Chevalier de la +Marliniere nur eben zu bringen kam. + +Tellheim +Der Chevalier de la Marliniere? Wer ist das? + +Franziska +Es mag ein ganz guter Mann sein, Herr Major, bis auf-- + +Fräulein +Schweig, Franziska!--Gleichfalls ein verabschiedeter Offizier, der aus +holländischen Diensten-- + +Tellheim +Ha! der Leutnant Riccaut! + +Fräulein +Er versicherte, daß er Ihr Freund sei. + +Tellheim +Ich versichere, daß ich seiner nicht bin. + +Fräulein +Und daß ihm, ich weiß nicht welcher Minister, vertrauet habe, Ihre +Sache sei dem glücklichsten Ausgange nahe. Es müsse ein königliches +Handschreiben an Sie unterwegens sein-- + +Tellheim +Wie kämen Riccaut und ein Minister zusammen?--Etwas zwar muß in meiner +Sache geschehen sein. Denn nur jetzt erklärte mir der Kriegszahlmeister, +daß der König alles niedergeschlagen habe, was wider mich urgieret +worden, und daß ich mein schriftlich gegebenes Ehrenwort, nicht eher +von hier zu gehen, als bis man mich völlig entladen habe, wieder zurück- +nehmen könne.--Das wird es aber auch alles sein. Man wird mich wollen +laufen lassen. Allein man irrt sich; ich werde nicht laufen. Eher soll +mich hier das äußerste Elend vor den Augen meiner Verleumder verzehren-- + +Fräulein +Hartnäckiger Mann! + +Tellheim +Ich brauche keine Gnade, ich will Gerechtigkeit. Meine Ehre-- + +Fräulein +Die Ehre eines Mannes wie Sie-- + +Tellheim +(hitzig). Nein, mein Fräulein, Sie werden von allen Dingen recht gut +urteilen können, nur hierüber nicht. Die Ehre ist nicht die Stimme +unsers Gewissen, nicht das Zeugnis weniger Rechtschaffnen-- + +Fräulein +Nein, nein, ich weiß wohl.--Die Ehre ist--die Ehre. + +Tellheim +Kurz, mein Fräulein--Sie haben mich nicht ausreden lassen.--Ich wollte +sagen: wenn man mir das Meinige so schimpflich vorenthält, wenn meiner +Ehre nicht die vollkommenste Genugtuung geschieht, so kann ich, mein +Fräulein, der Ihrige nicht sein. Denn ich bin es in den Augen der +Welt nicht wert zu sein. Das Fräulein von Barnhelm verdienet einen +unbescholtenen Mann. Es ist eine nichtswürdige Liebe, die kein +Bedenken trägt, ihren Gegenstand der Verachtung auszusetzen. Es ist +ein nichtswürdiger Mann, der sich nicht schämet, sein ganzes Glück +einem Frauenzimmer zu verdanken, dessen blinde Zärtlichkeit-- + +Fräulein +Und das ist Ihr Ernst, Herr Major?--(Indem sie ihm plötzlich den +Rücken wendet.) Franziska! + +Tellheim +Werden Sie nicht ungehalten, mein Fräulein-- + +Fräulein +(beiseite zur Franziska). Jetzt wäre es Zeit! Was rätst du mir, +Franziska?-- + +Franziska +Ich rate nichts. Aber freilich macht er es Ihnen ein wenig zu bunt.-- + +Tellheim +(der sie zu unterbrechen kömmt). Sie sind ungehalten, mein Fräulein-- + +Fräulein +(höhnisch). Ich? im geringsten nicht. + +Tellheim +Wenn ich Sie weniger liebte, mein Fräulein-- + +Fräulein +(noch in diesem Tone). O gewiß, es wäre mein Unglück!--Und sehen Sie, +Herr Major, ich will Ihr Unglück auch nicht.--Mann muß ganz +uneigennützig lieben.--Ebensogut, daß ich nicht offenherziger gewesen +bin! Vielleicht würde mir Ihr Mitleid gewähret haben, was mir Ihre +Liebe versagt.--(Indem sie den Ring langsam vom Finger zieht.) + +Tellheim +Was meinen Sie damit, Fräulein? + +Fräulein +Nein, keines muß das andere weder glücklicher noch unglücklicher +machen. So will es die wahre Liebe! Ich glaube Ihnen, Herr Major; +und Sie haben zuviel Ehre, als daß Sie die Liebe verkennen sollten. + +Tellheim +Spotten Sie, mein Fräulein? + +Fräulein +Hier! Nehmen Sie den Ring wieder zurück, mit dem Sie mir Ihre Treue +verpflichtet. (Überreicht ihm den Ring.) Es sei drum! Wir wollen +einander nicht gekannt haben! + +Tellheim +Was höre ich? + +Fräulein +Und das befremdet Sie?--Nehmen Sie, mein Herr.--Sie haben sich doch +wohl nicht bloß gezieret? + +Tellheim +(indem er den Ring aus ihrer Hand nimmt). Gott! So kann Minna +sprechen!-- + +Fräulein +Sie können der Meinige in einem Falle nicht sein: ich kann die Ihrige +in keinem sein. Ihr Unglück ist wahrscheinlich; meines ist gewiß.-- +Leben Sie wohl! (Will fort.) + +Tellheim +Wohin, liebste Minna? + +Fräulein +Mein Herr, Sie beschimpfen mich jetzt mit dieser vertraulichen +Benennung. + +Tellheim +Was ist Ihnen, mein Fräulein? Wohin? + +Fräulein +Lassen Sie mich.--Meine Tränen vor Ihnen zu verbergen, Verräter! +(Geht ab.) + + + +7. Szene + +(v. Tellheim. Franziska.) + + +Tellheim +Ihre Tränen? Und ich sollte sie lassen? (Will ihr nach.) + +Franziska +(die ihn zurückhält). Nicht doch, Herr Major! Sie werden ihr ja +nicht in ihr Schlafzimmer folgen wollen? + +Tellheim +Ihr Unglück? Sprach sie nicht von Unglück? + +Franziska +Nun freilich, das Unglück, Sie zu verlieren, nachdem-- + +Tellheim +Nachdem? was nachdem? Hierhinter steckt mehr. Was ist es, +Franziska? Rede, sprich-- + +Franziska +Nachdem sie, wollte ich sagen--Ihnen so vieles aufgeopfert. + +Tellheim +Mir aufgeopfert? + +Franziska +Hören Sie nur kurz.--Es ist für Sie recht gut, Herr Major, daß Sie auf +diese Art von ihr losgekommen sind.--Warum soll ich es Ihnen nicht +sagen? Es kann doch länger kein Geheimnis bleiben.--Wir sind +entflohen!--Der Graf von Bruchsall hat das Fräulein enterbt, weil sie +keinen Mann von seiner Hand annehmen wollte. Alles verließ, alles +verachtete sie hierauf. Was sollten wir tun? Wir entschlossen uns, +denjenigen aufzusuchen, dem wir-- + +Tellheim +Ich habe genug!--Komm, ich muß mich zu ihren Füßen werfen. + +Franziska +Was denken Sie? Gehen Sie vielmehr und danken Ihrem guten Geschicke-- + +Tellheim +Elende! für wen hältst du mich?--Nein, liebe Franziska, der Rat kam +nicht aus deinem Herzen. Vergib meinem Unwillen! + +Franziska +Halten Sie mich nicht länger auf. Ich muß sehen, was sie macht. Wie +leicht könnte ihr etwas zugestoßen sein.--Gehen Sie! Kommen Sie +lieber wieder, wenn Sie wiederkommen wollen. (Geht dem Fräulein nach.) + + + +8. Szene + +(v. Tellheim) + + +Tellheim +Aber, Franziska!--Oh, ich erwarte euch hier!--Nein, das ist dringender! +--Wenn sie Ernst sieht, kann mir ihre Vergebung nicht entstehen.--Nun +brauch ich dich, ehrlicher Werner!--Nein, Minna, ich bin kein Verräter! +(Eilends ab.) + + + + +5. Akt + + + +1. Szene + +(Die Szene: Der Saal.) (v. Tellheim von der einen und Werner von der +andern Seite.) + + +Tellheim +Ha, Werner! ich suche dich überall. Wo steckst du? + +Werner +Und ich habe Sie gesucht, Herr Major; so geht's mit dem Suchen.--Ich +bringe Ihnen gar eine gute Nachricht. + +Tellheim +Ah, ich brauche jetzt nicht deine Nachrichten: ich brauche dein Geld. +Geschwind, Werner, gib mir, soviel du hast; und denn suche so viel +aufzubringen, als du kannst. + +Werner +Herr Major?--Nun, bei meiner armen Seele, habe ich's doch gesagt: er +wird Geld von mir borgen, wenn er selber welches zu verleihen hat. + +Tellheim +Du suchst doch nicht Ausflüchte? + +Werner +Damit ich ihm nichts vorzuwerfen habe, so nimmt er mir's mit der +Rechten und gibt mir's mit der Linken wieder. + +Tellheim +Halte mich nicht auf, Werner!--Ich habe den guten Willen, dir es +wiederzugeben, aber wenn und wie?--Das weiß Gott! + +Werner +Sie wissen es also noch nicht, daß die Hofstaatskasse Ordre hat, Ihnen +Ihre Gelder zu bezahlen? Eben erfuhr ich es bei-- + +Tellheim +Was plauderst du? Was lässest du dir weismachen? Begreifst du denn +nicht, daß, wenn es wahr wäre, ich es doch wohl am ersten wissen +müßte?--Kurz, Werner, Geld! Geld! + +Werner +Je nu, mit Freuden! hier ist was!--das sind die hundert Louisdor und +das die hundert Dukaten. / (gibt ihm beides.) + +Tellheim +Die hundert Louisdor, Werner, geh und bringe Justen. Er soll sogleich +den Ring wieder einlösen, den er heute früh versetzt hat.--Aber wo +wirst du mehr hernehmen, Werner?--Ich brauche weit mehr. + +Werner +Dafür lassen Sie mich sorgen.--Der Mann, der mein Gut gekauft hat, +wohnt in der Stadt. Der Zahlungstermin wäre zwar erst in vierzehn +Tagen, aber das Geld liegt parat, und ein halb Prozentchen Abzug-- + +Tellheim +Nun ja, lieber Werner!--Siehst du, daß ich meine einzige Zuflucht zu +dir nehme?--Ich muß dir auch alles vertrauen. Das Fräulein hier--du +hast sie gesehn--ist unglücklich-- + +Werner +O Jammer! + +Tellheim +Aber morgen ist sie meine Frau-- + +Werner +O Freude! + +Tellheim +Und übermorgen geh ich mit ihr fort. Ich darf fort, ich will fort. +Lieber hier alles im Stiche gelassen! Wer weiß, wo mir sonst ein +Glück aufgehoben ist. Wenn du willst, Werner, so komm mit. Wir +wollen wieder Dienste nehmen. + +Werner +Wahrhaftig?--Aber doch wo's Krieg gibt, Herr Major? + +Tellheim +Wo sonst?--Geh, lieber Werner, wir sprechen davon weiter. + +Werner +O Herzensmajor!--Übermorgen? Warum nicht lieber morgen?--Ich will +schon alles zusammenbringen--In Persien, Herr Major, gibt's einen +trefflichen Krieg; was meinen Sie? + +Tellheim +Wir wollen das überlegen; geh nur, Werner!-- + +Werner +Juchhe! es lebe der Prinz Heraklius! (Geht ab.) + + + +2. Szene + +(v. Tellheim) + + +Tellheim +Wie is mir?--Meine ganze Seele hat neue Triebfedern bekommen. Mein +eignes Unglück schlug mich nieder, machte mich ärgerlich, kurzsichtig, +schüchtern, lässig: ihr Unglück hebt mich empor, ich sehe wieder frei +um mich und fühle mich willig und stark, alles für sie zu unternehmen-- +Was verweile ich? (Will nach dem Zimmer des Fräuleins, aus dem ihm +Franziska entgegenkömmt.) + + + +3. Szene + +(Franziska. v. Tellheim.) + + +Franziska +Sind Sie es doch?--Es war mir, als ob ich Ihre Stimme hörte.--Was +wollen Sie, Herr Major? + +Tellheim +Was ich will?--Was macht dein Fräulein?--Komm!-- + +Franziska +Sie will den Augenblick ausfahren. + +Tellheim +Und allein? ohne mich? wohin? + +Franziska +Haben Sie vergessen, Herr Major?-- + +Tellheim +Bist du nicht klug, Franziska?--Ich habe sie gereizt, und sie ward +empfindlich: ich werde sie um Vergebung bitten, und sie wird mir +vergeben. + +Franziska +Wie?--Nachdem Sie den Ring zurückgenommen, Herr Major? + +Tellheim +Ha!--Das tat ich in der Betäubung.--Jetzt denk ich erst wieder an den +Ring.--Wo habe ich ihn hingesteckt?--(Er sucht ihn.) Hier ist er. + +Franziska +Ist er das? (Indem er ihn wieder einsteckt, beiseite.) Wenn er ihn +doch genauer besehen wollte! + +Tellheim +Sie drang mir ihn auf mit einer Bitterkeit--Ich habe diese Bitterkeit +schon vergessen. Ein volles Herz kann die Worte nicht wägen.--Aber +sie wird sich auch keinen Augenblick weigern, den Ring wieder +anzunehmen.--Und habe ich nicht noch ihren? + +Franziska +Den erwartet sie dafür zurück.--Wo haben Sie ihn denn, Herr Major? +Zeigen Sie mir ihn doch. + +Tellheim +(etwas verlegen). Ich habe--ihn anzustecken vergessen.--Just--Just +wird mir ihn gleich nachbringen. + +Franziska +Es ist wohl einer ziemlich wie der andere; lassen Sie mich doch diesen +sehen; ich sehe so was gar zu gern. + +Tellheim +Ein andermal, Franziska. Jetzt komm--Franziska (beiseite). Er will +sich durchaus nicht aus seinem Irrtume bringen lassen. + +Tellheim +Was sagst du? Irrtume? + +Franziska +Es ist ein Irrtum, sag ich, wenn Sie meinen, daß das Fräulein doch +noch eine gute Partie sei. Ihr eigenes Vermögen ist gar nicht +beträchtlich; durch ein wenig eigennützige Rechnungen können es ihr +die Vormünder völlig zu Wasser machen. Sie erwartete alles von dem +Oheim, aber dieser grausame Oheim-- + +Tellheim +Laß ihn doch!--Bin ich nicht Manns genug, ihr einmal alles zu +ersetzen?-- + +Franziska +Hören Sie? Sie klingelt; ich muß herein. + +Tellheim +Ich gehe mit dir. + +Franziska +Um des Himmels willen nicht! Sie hat mir ausdrücklich verboten, mit +Ihnen zu sprechen. Kommen Sie wenigstens mir erst nach.--(Geht herein.) + + + +4. Szene + +(v. Tellheim ihr nachrufend.) Melde mich ihr!--Sprich für mich, +Franziska!--Ich folge dir sogleich!--Was werde ich ihr sagen?--Wo das +Herz reden darf, braucht es keiner Vorbereitung.--Das einzige möchte +eine studierte Wendung bedürfen: ihre Zurückhaltung, ihre +Bedenklichkeit, sich als unglücklich in meine Arme zu werfen; ihre +Beflissenheit, mir ein Glück vorzuspiegeln, das sie durch mich +verloren hat. Dieses Mißtrauen in meine Ehre, in ihren eigenen Wert +vor ihr selbst zu entschuldigen, vor ihr selbst--Vor mir ist es schon +entschuldiget!--Ha! hier kömmt sie.-- + + + +5. Szene + +(Das Fräulein. Franziska. v. Tellheim.) + + +Fräulein +(im Heraustreten, als ob sie den Major nicht gewahr würde). Der Wagen +ist doch vor der Türe, Franziska?--Meinen Fächer! + +Tellheim +(auf sie zu). Wohin, mein Fräulein? + +Fräulein +(mit einer affektierten Kälte). Aus, Herr Major.--Ich errate, warum +Sie sich nochmals herbemühet haben: mir auch meinen Ring wieder +zurückzugeben.--Wohl, Herr Major; haben Sie nur die Güte, ihn der +Franziska einzuhändigen.--Franziska, nimm dem Herrn Major den Ring ab! +--Ich habe keine Zeit zu verlieren. (Will fort.) + +Tellheim +(der ihr vortritt). Mein Fräulein!--Ah, was habe ich erfahren, mein +Fräulein! Ich war so vieler Liebe nicht wert. + +Fräulein +So, Franziska? Du hast dem Herrn Major-- + +Franziska +Alles entdeckt. + +Tellheim. +Zürnen Sie nicht auf mich, mein Fräulein. Ich bin kein Verräter. Sie +haben um mich in den Augen der Welt viel verloren, aber nicht in den +meinen. In meinen Augen haben Sie unendlich durch diesen Verlust +gewonnen. Er war Ihnen noch zu neu; Sie fürchteten, er möchte einen +allzu nachteiligen Eindruck auf mich machen; Sie wollten mir ihn vors +erste verbergen. Ich beschwere mich nicht über dieses Mißtrauen. Es +entsprang aus dem Verlangen, mich zu erhalten. Dieses Verlangen ist +mein Stolz! Sie fanden mich selbst unglücklich; und Sie wollten +Unglück nicht mit Unglück häufen. Sie konnten nicht vermuten, wie +sehr mich Ihr Unglück über das meinige hinaussetzen würde. + +Fräulein +Alles recht gut, Herr Major! Aber es ist nun einmal geschehen. Ich +habe Sie Ihrer Verbindlichkeit erlassen; Sie haben durch Zurücknehmung +des Ringes-- + +Tellheim +In nichts gewilliget!--Vielmehr halte ich mich jetzt für gebundener +als jemals.--Sie sind die Meinige, Minna, auf ewig die Meinige. +(Zieht den Ring heraus.) Hier, empfangen Sie es zum zweiten Male, das +Unterpfand meiner Treue-- + +Fräulein +Ich diesen Ring wiedernehmen? diesen Ring? + +Tellheim +Ja, liebste Minna, ja! + +Fräulein +Was muten Sie mir zu? diesen Ring? + +Tellheim +Diesen Ring nahmen Sie das erstemal aus meiner Hand, als unser beider +Umstände einander gleich und glücklich waren. Sie sind nicht mehr +glücklich, aber wiederum einander gleich. Gleichheit ist immer das +festeste Band der Liebe.--Erlauben Sie, liebste Minna!--(Ergreift ihre +Hand, um ihr den Ring anzustecken.) + +Fräulein +Wie? mit Gewalt, Herr Major?--Nein, da ist keine Gewalt in der Welt, +die mich zwingen soll, diesen Ring wieder anzunehmen!--Meinen Sie etwa, + daß es mir an einem Ringe fehlt?--Oh, Sie sehen ja wohl (auf ihren +Ring zeigend), daß ich hier noch einen habe, der Ihrem nicht das +geringste nachgibt?-- + +Franziska +Wenn er es noch nicht merkt!-- + +Tellheim +(indem er die Hand des Fräuleins fahren läßt). Was ist das?--Ich sehe +das Fräulein von Barnhelm, aber ich höre es nicht.--Sie zieren sich, +mein Fräulein.--Vergeben Sie, daß ich Ihnen dieses Wort nachbrauche. + +Fräulein +(in ihrem wahren Tone). Hat Sie dieses Wort beleidiget, Herr, Major? + +Tellheim +Es hat mir weh getan. + +Fräulein +(gerührt). Das sollte es nicht, Tellheim.--Verzeihen Sie mir, +Tellheim. + +Tellheim +Ha, dieser vertrauliche Ton sagt mir, daß Sie wieder zu sich kommen, +mein Fräulein, daß Sie mich noch lieben, Minna.-- + +Franziska +(herausplatzend). Bald wäre der Spaß auch zu weit gegangen.-- + +Fräulein +(gebieterisch). Ohne dich in unser Spiel zu mengen, Franziska, wenn +ich bitten darf! + +Franziska +(beiseite und betroffen). Noch nicht genug? + +Fräulein +Ja, mein Herr, es wäre weibliche Eitelkeit, mich kalt und höhnisch zu +stellen. Weg damit! Sie verdienen es, mich ebenso wahrhaft zu finden, +als Sie selbst sind.--Ich liebe Sie noch, Tellheim, ich liebe Sie +noch, aber demohngeachtet-- + +Tellheim +Nicht weiter, liebste Minna, nicht weiter! (Ergreift ihre Hand +nochmals, ihr den Ring anzustecken.) + +Fräulein +(die ihre Hand zurückzieht). Demohngeachtet--um so viel mehr werde +ich dieses nimmermehr geschehen lassen; nimmermehr!--Wo denken Sie hin, +Herr Major?--Ich meinte, Sie hätten an Ihrem eigenen Unglücke genug.-- +Sie müssen hierbleiben; Sie müssen sich die allervollständigste +Genugtuung--ertrotzen. Ich weiß in der Geschwindigkeit kein ander +Wort.--Ertrotzen--und sollte Sie auch das äußerste Elend, vor den +Augen Ihrer Verleumder, darüber verzehren! + +Tellheim +So dacht' ich, so sprach ich, als ich nicht wußte, was ich dachte und +sprach. Ärgernis und verbissene Wut hatten meine ganze Seele umnebelt; +die Liebe selbst in dem vollesten Glanze des Glückes konnte sich +darin nicht Tag schaffen. Aber sie sendet ihre Tochter, das Mitleid, +die, mit dem finstern Schmerze vertrauter, die Nebel zerstreuet und +alle Zugänge meiner Seele den Eindrücken der Zärtlichkeit wiederum +öffnet. Der Trieb der Selbsterhaltung erwacht, da ich etwas +Kostbarers zu erhalten habe als mich und es durch mich zu erhalten +habe. Lassen Sie mich, mein Fräulein, das Wort Mitleid nicht +beleidigen. Von der unschuldigen Ursache unsers Unglücks können wir +es ohne Erniedrigung hören. Ich bin diese Ursache; durch mich, Minna, +verlieren Sie Freunde und Anverwandte, Vermögen und Vaterland. Durch +mich, in mir müssen Sie alles dieses wiederfinden, oder ich habe das +Verderben der Liebenswürdigsten Ihres Geschlechts auf meiner Seele. +Lassen Sie mich keine Zukunft denken, wo ich mich selbst hassen müßte. +--Nein, nichts soll mich hier länger halten. Von diesem Augenblicke an +will ich dem Unrechte, das mir hier widerfährt, nichts als Verachtung +entgegensetzen. Ist dieses Land die Welt? Geht hier allein die Sonne +auf? Wo darf ich nicht hinkommen? Welche Dienste wird man mir +verweigern? Und müßte ich sie unter dem entferntesten Himmel suchen: +folgen Sie mir nur getrost, liebste Minna; es soll uns an nichts +fehlen.--Ich habe einen Freund, der mich gern unterstützet. + + + +6. Szene + +(Ein Feldjäger. v. Tellheim. Das Fräulein. Franziska.) + + +Franziska +(indem sie den Feldjäger gewahr wird). St! Herr Major-- + +Tellheim +(gegen den Feldjäger). Zu wem wollen Sie? + +Feldjäger +Ich suche den Herrn Major von Tellheim.--Ah, Sie sind es ja selbst. +Mein Herr Major, dieses königliche Handschreiben (das er aus seiner +Brieftasche nimmt) habe ich an Sie zu übergeben. + +Tellheim +An mich? + +Feldjäger +Zufolge der Aufschrift-- + +Fräulein +Franziska, hörst du?--Der Chevalier hat doch wahr geredet! + +Feldjäger +(indem Tellheim den Brief nimmt). Ich bitte um Verzeihung, Herr Major; +Sie hätten es bereits gestern erhalten sollen, aber es ist mir nicht +möglich gewesen, Sie auszufragen. Erst heute auf der Parade habe ich +Ihre Wohnung von dem Leutnant Riccaut erfahren. + +Franziska +Gnädiges Fräulein, hören Sie?--Das ist des Chevaliers Minister.--"Wie +heißen der Minister da drauß auf die breite Platz?"-- + +Tellheim +Ich bin Ihnen für Ihre Mühe sehr verbunden. + +Feldjäger +Es ist meine Schuldigkeit, Herr Major. (Geht ab.) + + + +7. Szene + +(v. Tellheim. Das Fräulein. Franziska.) + + +Tellheim +Ah, mein Fräulein, was habe ich hier? Was enthält dieses Schreiben? + +Fräulein. +Ich bin nicht befugt, meine Neugierde so weit zu erstrecken. + +Tellheim +Wie? Sie trennen mein Schicksal noch von dem Ihrigen?--Aber warum +steh ich an, es zu erbrechen?--Es kann mich nicht unglücklicher machen, +als ich bin; nein, liebste Minna, es kann uns nicht unglücklicher +machen--wohl aber glücklicher!--Erlauben Sie, mein Fräulein! +(Erbricht und lieset den Brief, indes daß der Wirt an die Szene +geschlichen kömmt.) + + + +8. Szene + +(Der Wirt. Die Vorigen.) + + +Wirt +(gegen die Franziska). Bst! mein schönes Kind! auf ein Wort! + +Franziska +(die sich ihm nähert). Herr Wirt?--Gewiß, wir wissen selbst noch +nicht, was in dem Briefe steht. + +Wirt +Wer will vom Briefe wissen?--Ich komme des Ringes wegen. Das gnädige +Fräulein muß mir ihn gleich wiedergeben. Just ist da, er soll ihn +wieder einlösen. + +Fräulein +(das sich indes gleichfalls dem Wirte genähert). Sagen Sie Justen nur, +daß er schon eingelöset sei; und sagen Sie ihm nur, von wem; von mir. + + +Wirt +Aber-- + +Fräulein +Ich nehme alles auf mich; gehen Sie doch! (Der Wirt geht ab.) + + + +9. Szene + +(v. Tellheim. Das Fräulein. Franziska.) + + +Franziska +Und nun, gnädiges Fräulein, lassen Sie es mit dem armen Major gut sein. + + +Fräulein +Oh, über die Vorbitterin! Als ob der Knoten sich nicht von selbst +bald lösen müßte. + +Tellheim +(nachdem er gelesen, mit der lebhaftesten Rührung). Ha! er hat sich +auch hier nicht verleugnet!--Oh, mein Fräulein, welche Gerechtigkeit!-- +welche Gnade!--Das ist mehr, als ich erwartet!--Mehr, als ich verdiene! +--Mein Glück, meine Ehre, alles ist wiederhergestellt!--Ich träume +doch nicht? (Indem er wieder in den Brief sieht, als um sich nochmals +zu überzeugen.) Nein, kein Blendwerk meiner Wünsche!--Lesen Sie selbst, + mein Fräulein, lesen Sie selbst! + +Fräulein +Ich bin nicht so unbescheiden, Herr Major. + +Tellheim +Unbescheiden? Der Brief ist an mich, an Ihren Tellheim, Minna. Er +enthält--was Ihnen Ihr Oheim nicht nehmen kann. Sie müssen ihn lesen; +lesen Sie doch! + +Fräulein +Wenn Ihnen ein Gefalle damit geschieht, Herr Major--(Sie nimmt den +Brief und lieset.) ("Mein lieber Major von Tellheim!) Ich tue Euch zu +wissen, daß der Handel, der mich um Eure Ehre besorgt machte, sich zu +Eurem Vorteil aufgekläret hat. Mein Bruder war des nähern davon +unterrichtet, und sein Zeugnis hat Euch für mehr als unschuldig +erkläret. Die Hofstaatskasse hat Ordre, Euch den bewußten Wechsel +wieder auszuliefern und die getanen Vorschüsse zu bezahlen; auch habe +ich befohlen, daß alles, was die Feldkriegskassen wider Eure +Rechnungen urgieren, niedergeschlagen werde. Meldet mir, ob Euch Eure +Gesundheit erlaubet, wieder Dienste zu nehmen. Ich möchte nicht gern +einen Mann von Eurer Bravour und Denkungsart entbehren. Ich bin Euer +wohlaffektionierter König" etc. + +Tellheim +Nun, was sagen Sie hierzu, mein Fräulein? + +Fräulein +(indem sie den Brief wieder zusammenschlägt und zurückgibt). Ich? +Nichts. + +Tellheim +Nichts? + +Fräulein +Doch ja: daß Ihr König, der ein großer Mann ist, auch wohl ein guter +Mann sein mag.--Aber was geht mich das an? Er ist nicht mein König. + +Tellheim +Und sonst sagen Sie nichts? Nichts in Rücksicht auf uns selbst? + +Fräulein +Sie treten wieder in seine Dienste; der Herr Major wird Oberstleutnant, +Oberster vielleicht. Ich gratuliere von Herzen. + +Tellheim +Und Sie kennen mich nicht besser?--Nein, da mir das Glück so viel +zurückgibt, als genug ist, die Wünsche eines vernünftigen Mannes zu +befriedigen, soll es einzig von meiner Minna abhangen, ob ich sonst +noch jemanden wieder zugehören soll als ihr. Ihrem Dienste allein sei +mein ganzes Leben gewidmet! Die Dienste der Großen sind gefährlich +und lohnen der Mühe, des Zwanges, der Erniedrigung nicht, die sie +kosten. Minna ist keine von den Eiteln, die in ihren Männern nichts +als den Titel und die Ehrenstelle lieben. Sie wird mich um mich +selbst lieben; und ich werde um sie die ganze Welt vergessen. Ich +ward Soldat aus Parteilichkeit, ich weiß selbst nicht für welche +politische Grundsätze, und aus der Grille, daß es für jeden ehrlichen +Mann gut sei, sich in diesem Stande eine Zeitlang zu versuchen, um +sich mit allem, was Gefahr heißt, vertraulich zu machen und Kälte und +Entschlossenheit zu lernen. Nur die äußerste Not hätte mich zwingen +können, aus diesem Versuche eine Bestimmung, aus dieser gelegentlichen +Beschäftigung ein Handwerk zu machen. Aber nun, da mich nichts mehr +zwingt, nun ist mein ganzer Ehrgeiz wiederum einzig und allein, ein +ruhiger und zufriedener Mensch zu sein. Der werde ich mit Ihnen, +liebste Minna, unfehlbar werden; der werde ich in Ihrer Gesellschaft +unveränderlich bleiben.--Morgen verbinde uns das heiligste Band; und +sodann wollen wir um uns sehen und wollen in der ganzen weiten +bewohnten Welt den stillsten, heitersten, lachendsten Winkel suchen, +dem zum Paradiese nichts fehlt als ein glückliches Paar. Da wollen +wir wohnen; da soll jeder unserer Tage--Was ist Ihnen, mein Fräulein? +(Die sich unruhig hin und her wendet und ihre Rührung zu verbergen +sucht.) + +Fräulein +(sich fassend). Sie sind sehr grausam, Tellheim, mir ein Glück so +reizend darzustellen, dem ich entsagen muß. Mein Verlust-- + +Tellheim +Ihr Verlust?--Was nennen Sie Ihren Verlust? Alles, was Minna +verlieren konnte, ist nicht Minna. Sie sind noch das süßeste, +lieblichste, holdseligste, beste Geschöpf unter der Sonne, ganz Güte +und Großmut, ganz Unschuld und Freude!--Dann und wann ein kleiner +Mutwille; hier und da ein wenig Eigensinn--Desto besser! desto besser! +Minna wäre sonst ein Engel, den ich mit Schaudern verehren müßte, +den ich nicht lieben könnte. (Ergreift ihre Hand, sie zu küssen.) + +Fräulein +(die ihre Hand zurückzieht). Nicht so, mein Herr!--(Wie auf einmal so +verändert?--Ist dieser schmeichelnde, stürmische Liebhaber der kalte +Tellheim?--Konnte nur sein wiederkehrendes Glück ihn in dieses Feuer +setzen?--Er erlaube mir, daß ich bei seiner fliegenden Hitze für uns +beide Überlegung behalte.--Als er selbst überlegen konnte, hörte ich +ihn sagen, es sei eine nichtswürdige Liebe, die kein Bedenken trage, +ihren Gegenstand der Verachtung auszusetzen.--Recht, aber ich bestrebe +mich einer ebenso reinen und edeln Liebe als er.--Jetzt, da ihn die +Ehre ruft, da sich ein großer Monarch um ihn bewirbt, sollte ich +zugeben, daß er sich verliebten Träumereien mit mir überließe? daß +der ruhmvolle Krieger in einen tändelnden Schäfer ausarte?--Nein, Herr +Major, folgen Sie dem Wink Ihres bessern Schicksals--) + +Tellheim +Nun wohl! Wenn Ihnen die große Welt reizender ist, Minna--wohl! so +behalte uns die große Welt!--Wie klein, wie armselig ist diese große +Welt!--Sie kennen sie nur erst von ihrer Flitterseite. Aber gewiß, +Minna, Sie werden--Es sei! Bis dahin, wohl! Es soll Ihren +Vollkommenheiten nicht an Bewundrern fehlen, und meinem Glücke wird es +nicht an Neidern gebrechen. + +Fräulein +Nein, Tellheim, so ist es nicht gemeint! Ich weise Sie in die große +Welt, auf die Bahn der Ehre zurück, ohne Ihnen dahin folgen zu wollen. +--Dort braucht Tellheim eine unbescholtene Gattin! Ein sächsisches +verlaufenes Fräulein, das sich ihm an den Kopf geworfen-- + +Tellheim +(auffahrend und wild um sich sehend). Wer darf so sprechen?--Ah, +Minna, ich erschrecke vor mir selbst, wenn ich mir vorstelle, daß +jemand anders dieses gesagt hätte als Sie. Meine Wut gegen ihn würde +ohne Grenzen sein. + +Fräulein +Nun da! Das eben besorge ich. Sie würden nicht die geringste +Spötterei über mich dulden, und doch würden Sie täglich die bittersten +einzunehmen haben.--Kurz, hören Sie also, Tellheim, was ich fest +beschlossen, wovon mich nichts in der Welt abbringen soll-- + +Tellheim +Ehe Sie ausreden, Fräulein--ich beschwöre Sie, Minna!--überlegen Sie +es noch einen Augenblick, daß Sie mir das Urteil über Leben und Tod +sprechen!-- + +Fräulein +Ohne weitere Überlegung!--So gewiß ich Ihnen den Ring zurückgegeben, +mit welchem Sie mir ehemals Ihre Treue verpflichtet, so gewiß Sie +diesen nämlichen Ring zurückgenommen: so gewiß soll die unglückliche +Barnhelm die Gattin des glücklichern Tellheims nie werden! + +Tellheim +Und hiermit brechen Sie den Stab, Fräulein? + +Fräulein +Gleichheit ist allein das feste Band der Liebe.--Die glückliche +Barnhelm wünschte, nur für den glücklichen Tellheim zu leben. Auch +die unglückliche Minna hätte sich endlich überreden lassen, das +Unglück ihres Freundes durch sich, es sei zu vermehren oder zu lindern. +--Er bemerkte es ja wohl, ehe dieser Brief ankam, der alle Gleichheit +zwischen uns wieder aufhebt, wie sehr zum Schein ich mich nur noch +weigerte. + +Tellheim +Ist das wahr, mein Fräulein?--Ich danke Ihnen, Minna, daß Sie den Stab +noch nicht gebrochen.--Sie wollen nur den unglücklichen Tellheim? Er +ist zu haben. (Kalt.) Ich empfinde eben, daß es mir unanständig ist, +diese späte Gerechtigkeit anzunehmen, daß es besser sein wird, wenn +ich das, was man durch einen so schimpflichen Verdacht entehrt hat, +gar nicht wiederverlange.--Ja, ich will den Brief nicht bekommen haben. +Das sei alles, was ich darauf antworte und tue! (Im Begriffe, ihn +zu zerreißen.) + +Fräulein +(das ihm in die Hände greift). Was wollen Sie, Tellheim? + +Tellheim +Sie besitzen. + +Fräulein +Halten Sie! + +Tellheim +Fräulein, er ist unfehlbar zerrissen, wenn Sie nicht bald sich anders +erklären.--Alsdann wollen wir doch sehen, was Sie noch wider mich +einzuwenden haben! + +Fräulein +Wie? In diesem Tone?--So soll ich, so muß ich in meinen eigenen Augen +verächtlich werden? Nimmermehr! Es ist eine nichtswürdige Kreatur, +die sich nicht schämet, ihr ganzes Glück der blinden Zärtlichkeit +eines Mannes zu verdanken! + +Tellheim +Falsch, grundfalsch! + +Fräulein +Wollen Sie es wagen, Ihre eigene Rede in meinem Munde zu schelten? + +Tellheim +Sophistin! So entehrt sich das schwächere Geschlecht durch alles, was +dem stärkern nicht ansteht? So soll sich der Mann alles erlauben, was +dem Weibe geziemet? Welches bestimmte die Natur zur Stütze des +andern? + +Fräulein +Beruhigen Sie sich, Tellheim!--Ich werde nicht ganz ohne Schutz sein, +wenn ich schon die Ehre des Ihrigen ausschlagen muß. So viel muß mir +immer noch werden, als die Not erfordert. Ich habe mich bei unserm +Gesandten melden lassen. Er will mich noch heute sprechen. +Hoffentlich wird er sich meiner annehmen. Die Zeit verfließt. +Erlauben Sie, Herr Major-- + +Tellheim +Ich werde Sie begleiten, gnädiges Fräulein.-- + +Fräulein +Nicht doch, Herr Major, lassen Sie mich-- + +Tellheim +Eher soll Ihr Schatten Sie verlassen! Kommen Sie nur, mein Fräulein, +wohin Sie wollen, zu wem Sie wollen. Überall, an Bekannte und +Unbekannte, will ich es erzählen, in Ihrer Gegenwart des Tages +hundertmal erzählen, welche Bande Sie an mich verknüpfen, aus welchem +grausamen Eigensinne Sie diese Bande trennen wollen-- + + + +10. Szene + +(Just. Die Vorigen.) + + +Just +(mit Ungestüm). Herr Major! Herr Major! + +Tellheim +Nun? + +Just +Kommen Sie doch geschwind, geschwind! + +Tellheim +Was soll ich? Zu mir her! Sprich, was ist's? + +Just +Hören Sie nur--(Redet ihm heimlich ins Ohr.) + +Fräulein +(indes beiseite zur Franziska). Merkst du was, Franziska? + +Franziska +Oh, Sie Unbarmherzige! Ich habe hier gestanden wie auf Kohlen! + +Tellheim +(zu Justen). Was sagst du?--Das ist nicht möglich!--Sie? (Indem er +das Fräulein wild anblickt.)--sag es laut; sag es ihr ins Gesicht!-- +Hören Sie doch, mein Fräulein!-- + +Just +Der Wirt sagt, das Fräulein von Barnhelm habe den Ring, welchen ich +bei ihm versetzt, zu sich genommen; sie habe ihn für den ihrigen +erkannt und wolle ihn nicht wieder herausgeben.-- + +Tellheim +Ist das wahr, mein Fräulein?--Nein, das kann nicht wahr sein! + +Fräulein +(lächelnd). Und warum nicht, Tellheim?--Warum kann es nicht wahr +sein? + +Tellheim +(heftig). Nun, so sei es wahr!--Welch schreckliches Licht, das mir +auf einmal aufgegangen!--Nun erkenne ich Sie, die Falsche, die +Ungetreue! + +Fräulein +(erschrocken). Wer? wer ist diese Ungetreue? + +Tellheim +Sie, die ich nicht mehr nennen will! + +Fräulein +Tellheim! + +Tellheim +Vergessen Sie meinen Namen!--Sie kamen hierher, mit mir zu brechen. +Es ist klar!--Daß der Zufall so gern dem Treulosen zustatten kömmt! +Er führte Ihnen Ihren Ring in die Hände. Ihre Arglist wußte mir den +meinigen zuzuschanzen. + +Fräulein +Tellheim, was für Gespenster sehen Sie! Fassen Sie sich doch, und +hören Sie mich. + +Franziska +(vor sich). Nun mag sie es haben! + + + +11. Szene + +(Werner mit einem Beutel Gold. v. Tellheim. (Das Fräulein. +Franziska. Just.) + + +Werner +Hier bin ich schon, Herr Major!-- + +Tellheim +(ohne ihn anzusehen). Wer verlangt dich?-- + +Werner +Hier ist Geld! tausend Pistolen! + +Tellheim +Ich will sie nicht! + +Werner +Morgen können Sie, Herr Major, über noch einmal so viel befehlen. + +Tellheim +Behalte dein Geld! + +Werner +Es ist ja Ihr Geld, Herr Major.--Ich glaube, Sie sehen nicht, mit wem +Sie sprechen? + +Tellheim +Weg damit! sag ich. + +Werner +Was fehlt Ihnen?--Ich bin Werner. + +Tellheim +Alle Güte ist Verstellung, alle Dienstfertigkeit Betrug. + +Werner +Gilt das mir? + +Tellheim +Wie du willst! + +Werner +Ich habe ja nur Ihren Befehl vollzogen.-- + +Tellheim +So vollziehe auch den und packe dich! + +Werner +Herr Major! (ärgerlich) ich bin ein Mensch-- + +Tellheim +Da bist du was Rechts! + +Werner +Der auch Galle hat-- + +Tellheim +Gut! Galle ist noch das Beste, was wir haben. + +Werner +Ich bitte Sie, Herr Major-- + +Tellheim +Wievielmal soll ich dir es sagen? Ich brauche dein Geld nicht! + +Werner +(zornig). Nun, so brauch es, wer da will! (Indem er ihm den Beutel +vor die Füße wirft und beiseite geht.) + +Fräulein +(zur Franziska). Ah, liebe Franziska, ich hätte dir folgen sollen. +Ich habe den Scherz zu weit getrieben.--Doch er darf mich ja nur hören +--(Auf ihn zugehend.) + +Franziska +(die, ohne dem Fräulein zu antworten, sich Wernern nähert). Herr +Wachtmeister!-- + +Werner +(mürrisch). Geh Sie!-- + +Franziska +Hu! was sind das für Männer! + +Fräulein +Tellheim!--Tellheim! (Der vor Wut an den Fingern naget, das Gesicht +wegwendet und nichts höret.)--Nein, das ist zu arg!--Hören Sie mich +doch!--Sie betrügen sich!--Ein bloßes Mißverständnis--Tellheim!--Sie +wollen Ihre Minna nicht hören?--Können Sie einen solchen Verdacht +fassen?--Ich mit Ihnen brechen wollen?--Ich darum hergekommen?-- +Tellheim! + + + +12. Szene + +(Zwei Bediente nacheinander, von verschiedenen Seiten über den Saal +laufend. Die Vorigen.) + + +eine Bediente +Gnädiges Fräulein, Ihro Exzellenz, der Graf!-- + +andere Bediente +Er kömmt, gnädiges Fräulein!-- + +Franziska +(die ans Fenster gelaufen). Er ist es! er ist es! + +Fräulein +Ist er's?--Oh, nun geschwind, Tellheim-- + +Tellheim +(auf einmal zu sich selbst kommend). Wer? wer kömmt? Ihr Oheim, +Fräulein? dieser grausame Oheim?--Lassen Sie ihn nur kommen, lassen +Sie ihn nur kommen!--Fürchten Sie nichts! Er soll Sie mit keinem +Blicke beleidigen dürfen! Er hat es mit mir zu tun.--Zwar verdienen +Sie es um mich nicht-- + +Fräulein +Geschwind umarmen Sie mich, Tellheim, und vergessen Sie alles-- + +Tellheim +Ha, wenn ich wüßte, daß Sie es bereuen könnten!-- + +Fräulein +Nein, ich kann es nicht bereuen, mir den Anblick Ihres ganzen Herzens +verschafft zu haben!--Ah, was sind Sie für ein Mann!--Umarmen Sie Ihre +Minna, Ihre glückliche Minna; aber durch nichts glücklicher als durch +Sie! (Sie fällt ihm in die Arme.) Und nun, ihm entgegen!-- + +Tellheim +Wem entgegen? + +Fräulein +Dem besten Ihrer unbekannten Freunde. + +Tellheim +Wie? + +Fräulein +Dem Grafen, meinem Oheim, meinem Vater, Ihrem Vater--Meine Flucht, +sein Unwille, meine Enterbung--hören Sie denn nicht, daß alles +erdichtet ist?--Leichtgläubiger Ritter! + +Tellheim +Erdichtet?--Aber der Ring? der Ring? + +Fräulein +Wo haben Sie den Ring, den ich Ihnen zurückgegeben? + +Tellheim +Sie nehmen ihn wieder?--Oh, so bin ich glücklich!--Hier, Minna!--(Ihn +herausziehend.) + +Fräulein +So besehen Sie ihn doch erst!--Oh, über die Blinden, die nicht sehen +wollen!--Welcher Ring ist es denn? Den ich von Ihnen habe, oder den +Sie von mir?--Ist es denn nicht eben der, den ich in den Händen des +Wirts nicht lassen wollen? + +Tellheim +Gott! was seh ich? was hör ich? + +Fräulein +Soll ich ihn nun wiedernehmen? soll ich?--Geben Sie her, geben Sie +her! (Reißt ihn ihm aus der Hand und steckt ihn ihm selbst an den +Finger.) Nun? ist alles richtig? + +Tellheim +Wo bin ich?--(Ihre Hand küssend.) O boshafter Engel!--mich so zu +quälen! + +Fräulein +Dieses zur Probe, mein lieber Gemahl, daß Sie mir nie einen Streich +spielen sollen, ohne daß ich Ihnen nicht gleich darauf wieder einen +spiele.--Denken Sie, daß Sie mich nicht auch gequälet hatten? + +Tellheim +O Komödiantinnen, ich hätte euch doch kennen sollen. + +Franziska +Nein, wahrhaftig; ich bin zur Komödiantin verdorben. Ich habe +gezittert und gebebt und mir mit der Hand das Maul zuhalten müssen. + +Fräulein +Leicht ist mir meine Rolle auch nicht geworden.--Aber so kommen Sie +doch! + +Tellheim +Noch kann ich mich nicht erholen.--Wie wohl, wie ängstlich ist mir! +So erwacht man plötzlich aus einem schreckhaften Traume! + +Fräulein +Wir zaudern.--Ich höre ihn schon. + + + +13. Szene + +(Der Graf von Bruchsall, von verschiedenen Bedienten und dem Wirte +begleitet. Die Vorigen.) + + +Graf +(im Hereintreten). Sie ist doch glücklich angelangt? + +Fräulein +(die ihm entgegenspringt). Ah, mein Vater!-- + +Graf +Da bin ich, liebe Minna! (Sie umarmend.) Aber was, Mädchen? (Indem +er den Tellheim gewahr wird.) Vierundzwanzig Stunden erst hier und +schon Bekanntschaft und schon Gesellschaft? + +Fräulein +Raten Sie, wer es ist?-- + +Graf +Doch nicht dein Tellheim? + +Fräulein +Wer sonst als er?--Kommen Sie, Tellheim! (Ihn dem Grafen zuführend.) + +Graf +Mein Herr, wir haben uns nie gesehen, aber bei dem ersten Anblicke +glaubte ich, Sie zu erkennen. Ich wünschte, daß Sie es sein möchten.-- +Umarmen Sie mich.--Sie haben meine völlige Hochachtung. Ich bitte um +Ihre Freundschaft.--Meine Nichte, meine Tochter liebet Sie.-- + +Fräulein +Das wissen Sie, mein Vater!--Und ist sie blind, meine Liebe? + +Graf +Nein, Minna, deine Liebe ist nicht blind, aber dein Liebhaber--ist +stumm. + +Tellheim +(sich ihm in die Arme werfend). Lassen Sie mich zu mir selbst kommen, +mein Vater!-- + +Graf +So recht, mein Sohn! Ich höre es; wenn dein Mund nicht plaudern kann, +so kann dein Herz doch reden.--Ich bin sonst den Offizieren von dieser +Farbe (auf Tellheims Uniform weisend) eben nicht gut. Doch Sie sind +ein ehrlicher Mann, Tellheim; und ein ehrlicher Mann mag stecken, in +welchem Kleide er will, man muß ihn lieben. + +Fräulein +Oh, wenn Sie alles wüßten!-- + +Graf +Was hindert's, daß ich nicht alles erfahre?--Wo sind meine Zimmer, +Herr Wirt? + +Wirt +Wollen Ihro Exzellenz nur die Gnade haben, hier hereinzutreten. + +Graf +Komm, Minna! Kommen Sie, Herr Major! (Geht mit dem Wirte und den +Bedienten ab.) + +Fräulein +Kommen Sie, Tellheim! + +Tellheim +Ich folge Ihnen den Augenblick, mein Fräulein. Nur noch ein Wort mit +diesem Manne! (Gegen Wernern sich wendend.) + +Fräulein +Und ja ein recht gutes; mich dünkt, Sie haben es nötig.--Franziska, +nicht wahr? (Dem Grafen nach.) + + + +14. Szene + +(v. Tellheim. Werner. Just. Franziska.) + + +Tellheim +(auf den Beutel weisend, den Werner weggeworfen). Hier, Just!--Hebe +den Beutel auf, und trage ihn nach Hause. Geh!--(Just damit ab.) + +Werner +(der noch immer mürrisch im Winkel gestanden und an nichts +teilzunehmen geschienen, indem er das hört). Ja, nun! + +Tellheim +(vertraulich auf ihn zugehend). Werner, wann kann ich die andern +tausend Pistolen haben? + +Werner +(auf einmal wieder in seiner guten Laune). Morgen, Herr Major, morgen. +-- + +Tellheim +Ich brauche dein Schuldner nicht zu werden, aber ich will dein +Rentmeister sein. Euch gutherzigen Leuten sollte man allen einen +Vormund setzen. Ihr seid eine Art Verschwender.--Ich habe dich vorhin +erzürnt, Werner!-- + +Werner +Bei meiner armen Seele, ja!--Ich hätte aber doch so ein Tölpel nicht +sein sollen. Nun seh ich's wohl. Ich verdiente hundert Fuchtel. +Lassen Sie mir sie auch schon geben; nur weiter Keinen Groll, lieber +Major!-- + +Tellheim +Groll?--(Ihm die Hand drückend.) Lies es in meinen Augen, was ich dir +nicht alles sagen kann.--Ha! wer ein besseres Mädchen und einen +redlichern Freund hat als ich, den will ich sehen!--Franziska, nicht +wahr? (Geht ab.) + + + +15. Szene + +(Werner. Franziska) + + +Franziska +(vor sich). Ja gewiß, es ist ein gar zu guter Mann!--So einer kömmt +mir nicht wieder vor.--Es muß heraus! (Schüchtern und verschämt sich +Wernern nähernd.) Herr Wachtmeister!-- + +Werner +(der sich die Augen wischt). Nu?-- + +Franziska +Herr Wachtmeister-- + +Werner +Was will Sie denn, Frauenzimmerchen? + +Franziska +Seh Er mich einmal an, Herr Wachtmeister.-- + +Werner +Ich kann noch nicht; ich weiß nicht, was mir in die Augen gekommen. + +Franziska +So seh Er mich doch an! + +Werner +Ich fürchte, ich habe Sie schon zuviel angesehen, Frauenzimmerchen!-- +Nun, da seh ich Sie ja! Was gibt's denn? + +Franziska +Herr Wachtmeister--braucht Er keine Frau Wachtmeisterin? + +Werner +Ist das Ihr Ernst, Frauenzimmerchen? + +Franziska +Mein völliger! + +Werner +Zöge Sie wohl auch mit nach Persien? + +Franziska +Wohin Er will! + +Werner +Gewiß?--Holla! Herr Major! nicht groß getan! Nun habe ich +wenigstens ein ebenso gutes Mädchen und einen ebenso redlichen Freund +als Sie!--Geben Sie mir Ihre Hand, Frauenzimmerchen! Topp!--Über zehn +Jahr' ist Sie Frau Generalin oder Witwe! + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Minna von Barnhelm, von Gotthold +Ephraim Lessing. + + + + + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Minna von Barnhelm, by Gotthold Ephraim Lessing + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MINNA VON BARNHELM *** + +***** This file should be named 9187-8.txt or 9187-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/9/1/8/9187/ + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau, from files +obtained from Gutenberg Projekt-DE. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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It +exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations +from people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future +generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see +Sections 3 and 4 and the Foundation information page at +www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by +U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the +mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its +volunteers and employees are scattered throughout numerous +locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt +Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to +date contact information can be found at the Foundation's web site and +official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not +necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper +edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search +facility: www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + diff --git a/9187-8.zip b/9187-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..72e0b30 --- /dev/null +++ b/9187-8.zip diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..ceafbb4 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #9187 (https://www.gutenberg.org/ebooks/9187) diff --git a/old/7mnbh10.txt b/old/7mnbh10.txt new file mode 100644 index 0000000..0b7a636 --- /dev/null +++ b/old/7mnbh10.txt @@ -0,0 +1,5769 @@ +Project Gutenberg's Minna von Barnhelm, by Gotthold Ephraim Lessing + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Minna von Barnhelm + +Author: Gotthold Ephraim Lessing + +Release Date: October, 2005 [EBook #9187] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on September 13, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO Latin-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MINNA VON BARNHELM *** + + + + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau. + + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 7-bit version. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +MINNA VON BARNHELM + +von GOTTHOLD EPHRAIM LESSING + +Die Erstausgabe wurde 1767 bei Christian Friedrich Voss in Berlin +herausgegeben. + + +Inhalt: +1. Akt +2. Akt +3. Akt +4. Akt +5. Akt + + + + +1. Akt + + + +1. Szene + +(Just sitzet in einem Winkel, schlummert und redet im Traume.) + + +Just +Schurke von einem Wirte! Du, uns?--Frisch, Bruder!--Schlag zu, Bruder! +(Er holt aus und erwacht durch die Bewegung.) Heda! schon wieder? +Ich mache kein Auge zu, so schlage ich mich mit ihm herum. Haette er +nur erst die Haelfte von allen den Schlaegen!--Doch sieh, es ist Tag! +Ich muss nur bald meinen armen Herrn aufsuchen. Mit meinem Willen soll +er keinen Fuss mehr in das vermaledeite Haus setzen. Wo wird er die +Nacht zugebracht haben? + + + +2. Szene + +(Der Wirt. Just.) + + +Wirt +Guten Morgen, Herr Just, guten Morgen! Ei, schon so frueh auf? Oder +soll ich sagen: noch so spaet auf? + +Just +Sage Er, was Er will. + +Wirt +Ich sage nichts als "Guten Morgen"; und das verdient doch wohl, dass +Herr Just "Grossen Dank" darauf sagt? + +Just +Grossen Dank! + +Wirt +Man ist verdriesslich, wenn man seine gehoerige Ruhe nicht haben kann. +Was gilt's, der Herr Major ist nicht nach Hause gekommen, und Er hat +hier auf ihn gelauert? + +Just +Was der Mann nicht alles erraten kann! + +Wirt +Ich vermute, ich vermute. + +Just +(kehrt sich um und will gehen). Sein Diener! + +Wirt +(haelt ihn). Nicht doch, Herr Just! + +Just +Nun gut; nicht Sein Diener! + +Wirt +Ei, Herr Just! ich will doch nicht hoffen, Herr Just, Dass Er noch von +gestern her boese ist? Wer wird seinen Zorn ueber Nacht behalten? + +Just +Ich; und ueber alle folgende Naechte. + +Wirt +Ist das christlich? + +Just +Ebenso christlich, als einen ehrlichen Mann, der nicht gleich bezahlen +kann, aus dem Hause stossen, auf die Strasse werfen. + +Wirt +Pfui, wer koennte so gottlos sein? + +Just +Ein christlicher Gastwirt.--Meinen Herrn! so einen Mann! so einen +Offizier! + +Wirt +Den haette ich aus dem Hause gestossen? auf die Strasse geworfen? Dazu +habe ich viel zu viel Achtung fuer einen Offizier und viel zu viel +Mitleid mit einem abgedankten! Ich habe ihm aus Not ein ander Zimmer +einraeumen muessen.--Denke Er nicht mehr daran, Herr Just. (Er ruft in +die Szene.) Holla!--Ich will's auf andere Weise wiedergutmachen. (Ein +Junge koemmt.) Bring ein Glaeschen; Herr Just will ein Glaeschen haben; +und was Gutes! + +Just +Mache Er sich keine Muehe, Herr Wirt. Der Tropfen soll zu Gift werden, +den--Doch ich will nicht schwoeren; ich bin noch nuechtern! + +Wirt +(zu dem Jungen, der eine Flasche Likoer und ein Glas bringt). Gib her; +geh!--Nun, Herr Just, was ganz Vortreffliches; stark, lieblich, gesund. +(Er fuellt und reicht ihm zu.) Das kann einen ueberwachten Magen +wieder in Ordnung bringen! + +Just +Bald duerfte ich nicht!--Doch warum soll ich meiner Gesundheit seine +Grobheit entgelten lassen?--(Er nimmt und trinkt.) + +Wirt +Wohl bekomm's, Herr Just! + +Just +(indem er das Glaeschen wieder zurueckgibt). Nicht uebel!--Aber, Herr +Wirt, Er ist doch ein Grobian! + +Wirt +Nicht doch, nicht doch!--Geschwind noch eins; auf einem Beine ist +nicht gut stehen. + +Just +(nachdem er getrunken). Das muss ich sagen: gut, sehr gut!--Selbst +gemacht, Herr Wirt?-- + +Wirt +Behuete! veritabler Danziger! echter, doppelter Lachs! + +Just +Sieht Er, Herr Wirt; wenn ich heucheln koennte, so wuerde ich fuer so was +heucheln; aber ich kann nicht; es muss raus:--Er ist doch ein Grobian, +Herr Wirt! + +Wirt +In meinem Leben hat mir das noch niemand gesagt.--Noch eins, Herr Just; +aller guten Dinge sind drei! + +Just +Meinetwegen! (Er trinkt.) Gut Ding, wahrlich gut Ding!--Aber auch die +Wahrheit ist gut Ding.--Herr Wirt, Er ist doch ein Grobian! + +Wirt +Wenn ich es waere, wuerde ich das wohl so mit anhoeren? + +Just +O ja, denn selten hat ein Grobian Galle. + +Wirt +Nicht noch eins, Herr Just? Eine vierfache Schnur haelt desto besser. + +Just +Nein, zu viel ist zu viel! Und was hilft's Ihn, Herr Wirt? Bis auf +den letzten Tropfen in der Flasche wuerde ich bei meiner Rede bleiben. +Pfui, Herr Wirt, so guten Danziger zu haben und so schlechte Mores!-- +Einem Manne wie meinem Herrn, der Jahr und Tag bei Ihm gewohnt, von +dem Er schon so manchen schoenen Taler gezogen, der in seinem Leben +keinen Heller schuldig geblieben ist; weil er ein paar Monate her +nicht prompt bezahlt, weil er nicht mehr so viel aufgehen laesst--in der +Abwesenheit das Zimmer auszuraeumen! + +Wirt +Da ich aber das Zimmer notwendig brauchte? da ich voraussaehe, dass der +Herr Major es selbst gutwillig wuerde geraeumt haben, wenn wir nur lange +auf seine Zurueckkunft haetten warten koennen? Sollte ich denn so eine +fremde Herrschaft wieder von meiner Tuere wegfahren lassen? Sollte ich +einem andern Wirte so einen Verdienst mutwillig in den Rachen jagen? +Und ich glaube nicht einmal, dass sie sonstwo unterkommen waere. Die +Wirtshaeuser sind jetzt alle stark besetzt. Sollte eine so junge, +schoene, liebenswuerdige Dame auf der Strasse bleiben? Dazu ist Sein +Herr viel zu galant! Und was verliert er denn dabei? Habe ich ihm +nicht ein anderes Zimmer dafuer eingeraeumt? + +Just +Hinten an dem Taubenschlage; die Aussicht zwischen des Nachbars +Feuermauern-- + +Wirt +Die Aussicht war wohl sehr schoen, ehe sie der verzweifelte Nachbar +verbaute. Das Zimmer ist doch sonst galant und tapeziert-- + +Just +Gewesen! + +Wirt +Nicht doch, die eine Wand ist es noch. Und Sein Stuebchen darneben, +Herr Just; was fehlt dem Stuebchen? Es hat einen Kamin, der zwar im +Winter ein wenig raucht-- + +Just +Aber doch im Sommer recht huebsch laesst.--Herr, ich glaube gar, Er +vexiert uns noch obendrein?-- + +Wirt +Nu, nu, Herr Just, Herr Just-- + +Just +Mache Er Herr Justen den Kopf nicht warm, oder-- + +Wirt +Ich macht' ihn warm? der Danziger tut's!-- + +Just +Einen Offizier wie meinen Herrn! Oder meint Er, dass ein abgedankter +Offizier nicht auch ein Offizier ist, der Ihm den Hals brechen kann? +Warum waret ihr im Kriege so geschmeidig, ihr Herren Wirte? Warum war +denn da jeder Offizier ein wuerdiger Mann und jeder Soldat ein +ehrlicher, braver Kerl? Macht euch das bisschen Friede schon so +uebermuetig? + +Wirt +Was ereifert Er sich nun, Herr Just?-- + +Just +Ich will mich ereifern.-- + + + +3. Szene + +(v. Tellheim. Der Wirt. Just.) + + +Tellheim +(im Hereintreten). Just! + +Just +(in der Meinung, dass ihn der Wirt nenne). Just?--So bekannt sind wir?-- + +Tellheim +Just! + +Just +Ich daechte, ich waere wohl Herr Just fuer Ihn! + +Wirt +(der den Major gewahr wird). St! st! Herr, Herr, Herr Just--seh Er +sich doch um; Sein Herr-- + +Tellheim +Just, ich glaube, du zankst? Was habe ich dir befohlen? + +Wirt +Oh, Ihro Gnaden! zanken? da sei Gott vor! Ihr untertaenigster Knecht +sollte sich unterstehen, mit einem, der die Gnade hat, Ihnen +anzugehoeren, zu zanken? + +Just +Wenn ich ihm doch eins auf den Katzenbuckel geben duerfte!-- + +Wirt +Es ist wahr, Herr Just spricht fuer seinen Herrn, und ein wenig hitzig. + Aber daran tut er recht; ich schaetze ihn um so viel hoeher; ich liebe +ihn darum.-- + +Just +Dass ich ihm nicht die Zaehne austreten soll! + +Wirt +Nur schade, dass er sich umsonst erhitzt. Denn ich bin gewiss +versichert, dass Ihro Gnaden keine Ungnade deswegen auf mich geworfen +haben, weil--die Not--mich notwendig-- + +Tellheim +Schon zuviel, mein Herr! Ich bin Ihnen schuldig; Sie raeumen mir in +meiner Abwesenheit das Zimmer aus; Sie muessen bezahlt werden; ich muss +wo anders unterzukommen suchen. Sehr natuerlich!-- + +Wirt +Wo anders? Sie wollen ausziehen, gnaediger Herr? Ich ungluecklicher +Mann! ich geschlagner Mann! Nein, nimmermehr! Eher muss die Dame das +Quartier wieder raeumen. Der Herr Major kann ihr, will ihr sein Zimmer +nicht lassen; das Zimmer ist sein; sie muss fort; ich kann ihr nicht +helfen.--Ich gehe, gnaediger Herr-- + +Tellheim +Freund, nicht zwei dumme Streiche fuer einen! Die Dame muss in dem +Besitze des Zimmers bleiben.-- + +Wirt +Und Ihro Gnaden sollten glauben, dass ich aus Misstrauen, aus Sorge fuer +meine Bezahlung?--Als wenn ich nicht wuesste, dass mich Ihro Gnaden +bezahlen koennen, sobald Sie nur wollen.--Das versiegelte Beutelchen-- +fuenfhundert Taler Louisdor stehet drauf--welches Ihro Gnaden in dem +Schreibepulte stehen gehabt--ist in guter Verwahrung.-- + +Tellheim +Das will ich hoffen; so wie meine uebrige Sachen.--Just soll sie in +Empfang nehmen, wenn er Ihnen die Rechnung bezahlt hat.-- + +Wirt +Wahrhaftig, ich erschrak recht, als ich das Beutelchen fand.--Ich habe +immer Ihro Gnaden fuer einen ordentlichen und vorsichtigen Mann +gehalten, der sich niemals ganz ausgibt.--Aber dennoch--wenn ich bar +Geld in dem Schreibepulte vermutet haette-- + +Tellheim +Wuerden Sie hoeflicher mit mir verfahren sein. Ich verstehe Sie.--Gehen +Sie nur, mein Herr; lassen Sie mich; ich habe mit meinem Bedienten zu +sprechen.-- + +Wirt +Aber, gnaediger Herr-- + +Tellheim +Komm, Just, der Herr will nicht erlauben, dass ich dir in seinem Hause +sage, was du tun sollst.-- + +Wirt +Ich gehe ja schon, gnaediger Herr!--Mein ganzes Haus ist zu Ihren +Diensten. + + + +4. Szene + +(v. Tellheim. Just.) + + +Just +(der mit dem Fusse stampft und dem Wirte nachspuckt). Pfui! + +Tellheim +Was gibt's? + +Just +Ich ersticke vor Bosheit. + +Tellheim +Das waere soviel als an Vollbluetigkeit. + +Just +Und Sie--Sie erkenne ich nicht mehr, mein Herr. Ich sterbe vor Ihren +Augen, wenn Sie nicht der Schutzengel dieses haemischen, unbarmherzigen +Rackers sind! Trotz Galgen und Schwert und Rad haette ich ihn--haette +ich ihn mit diesen Haenden erdrosseln, mit diesen Zaehnen zerreissen +wollen.-- + +Tellheim +Bestie! + +Just +Lieber Bestie als so ein Mensch! + +Tellheim +Was willst du aber? + +Just +Ich will, dass Sie es empfinden sollen, wie sehr man Sie beleidiget. + +Tellheim +Und dann? + +Just +Dass Sie sich raechten.--Nein, der Kerl ist Ihnen zu gering.-- + +Tellheim +Sondern, dass ich es dir auftruege, mich zu raechen? Das war von Anfang +mein Gedanke. Er haette mich nicht wieder mit Augen sehen und seine +Bezahlung aus deinen Haenden empfangen sollen. Ich weiss, dass du eine +Handvoll Geld mit einer ziemlich veraechtlichen Miene einem hinwerfen +kannst.-- + +Just +So? eine vortreffliche Rache!-- + +Tellheim +Aber die wir noch verschieben muessen. Ich habe keinen Heller bares +Geld mehr; ich weiss auch keines aufzutreiben. + +Just +Kein bares Geld? Und was ist denn das fuer ein Beutel mit fuenfhundert +Taler Louisdor, den der Wirt in Ihrem Schreibpulte gefunden? + +Tellheim +Das ist Geld, welches mir aufzuheben gegeben worden. + +Just +Doch nicht die hundert Pistolen, die Ihnen Ihr alter Wachtmeister vor +vier oder fuenf Wochen brachte? + +Tellheim +Die naemlichen, von Paul Wernern. Warum nicht? + +Just +Diese haben Sie noch nicht gebraucht? Mein Herr, mit diesen koennen +Sie machen, was Sie wollen. Auf meine Verantwortung-- + +Tellheim +Wahrhaftig? + +Just +Werner hoerte von mir, wie sehr man Sie mit Ihren Forderungen an die +Generalkriegskasse aufzieht. Er hoerte-- + +Tellheim +Dass ich sicherlich zum Bettler werden wuerde, wenn ich es nicht schon +waere.--Ich bin dir sehr verbunden, Just.--Und diese Nachricht +vermochte Wernern, sein bisschen Armut mit mir zu teilen.--Es ist mir +doch lieb, dass ich es erraten habe.--Hoere, Just, mache mir zugleich +auch deine Rechnung; wir sind geschiedene Leute.-- + +Just +Wie? was? + +Tellheim +Kein Wort mehr; es koemmt jemand.-- + + + +5. Szene + +(Eine Dame in Trauer. v. Tellheim. Just.) + + +Dame +Ich bitte um Verzeihung, mein Herr!-- + +Tellheim +Wen suchen Sie, Madame?-- + +Dame +Eben den wuerdigen Mann, mit welchem ich die Ehre habe zu sprechen. +Sie kennen mich nicht mehr? Ich bin die Witwe Ihres ehemaligen +Stabsrittmeisters-- + +Tellheim +Um des Himmels willen, gnaedige Frau! welche Veraenderung!-- + +Dame +Ich stehe von dem Krankenbette auf, auf das mich der Schmerz ueber den +Verlust meines Mannes warf. Ich muss Ihnen frueh beschwerlich fallen, +Herr Major. Ich reise auf das Land, wo mir eine gutherzige, aber eben +auch nicht glueckliche Freundin eine Zuflucht vors erste angeboten.-- + +Tellheim +(zu Just). Geh, lass uns allein.-- + + + +6. Szene + +(Die Dame. v. Tellheim.) + + +Tellheim +Reden Sie frei, gnaedige Frau! Vor mir duerfen Sie sich Ihres Ungluecks +nicht schaemen. Kann ich Ihnen worin dienen? + +Dame +Mein Herr Major-- + +Tellheim +Ich beklage Sie, gnaedige Frau! Worin kann ich Ihnen dienen? Sie +wissen, Ihr Gemahl war mein Freund; mein Freund, sage ich; ich war +immer karg mit diesem Titel. + +Dame +Wer weiss es besser als ich, wie wert Sie seiner Freundschaft waren, +wie wert er der Ihrigen war? Sie wuerden sein letzter Gedanke, Ihr +Name der letzte Ton seiner sterbenden Lippen gewesen sein, haette nicht +die staerkere Natur dieses traurige Vorrecht fuer seinen ungluecklichen +Sohn, fuer seine unglueckliche Gattin gefordert-- + +Tellheim +Hoeren Sie auf, Madame! Weinen wollte ich mit Ihnen gern; aber ich +habe heute keine Traenen. Verschonen Sie mich! Sie finden mich in +einer Stunde, wo ich leicht zu verleiten waere, wider die Vorsicht zu +murren.--O mein rechtschaffner Marloff! Geschwind, gnaedige Frau, was +haben Sie zu befehlen? Wenn ich Ihnen zu dienen imstande bin, wenn +ich es bin-- + +Dame +Ich darf nicht abreisen, ohne seinen letzten Willen zu vollziehen. Er +erinnerte sich kurz vor seinem Ende, dass er als Ihr Schuldner sterbe, +und beschwor mich, diese Schuld mit der ersten Barschaft zu tilgen. +Ich habe seine Equipage verkauft und komme, seine Handschrift +einzuloesen.-- + +Tellheim +Wie, gnaedige Frau? darum kommen Sie? + +Dame +Darum. Erlauben Sie, dass ich das Geld aufzaehle. + +Tellheim +Nicht doch, Madame! Marloff mir schuldig? das kann schwerlich sein. +Lassen Sie doch sehen. (Er ziehet sein Taschenbuch heraus und sucht.) +Ich finde nichts. + +Dame +Sie werden seine Handschrift verlegt haben, und die Handschrift tut +nichts zur Sache.--Erlauben Sie-- + +Tellheim +Nein, Madame! so etwas pflege ich nicht zu verlegen. Wenn ich sie +nicht habe, so ist es ein Beweis, dass ich nie eine gehabt habe, oder +dass sie getilgt und von mir schon zurueckgegeben worden. + +Dame +Herr Major!-- + +Tellheim +Ganz gewiss, gnaedige Frau. Nein, Marloff ist mir nichts schuldig +gebleiben. Ich wuesste mich auch nicht zu erinnern, dass er mir jemals +etwas schuldig gewesen waere. Nicht anders, Madame; er hat mich +vielmehr als seinen Schuldner hinterlassen. Ich habe nie etwas tun +koennen, mich mit einem Manne abzufinden, der sechs Jahre Glueck und +Unglueck, Ehre und Gefahr mit mir geteilet. Ich werde es nicht +vergessen, dass ein Sohn von ihm da ist. Er wird mein Sohn sein, +sobald ich sein Vater sein kann. Die Verwirrung, in der ich mich +jetzt selbst befinde-- + +Dame +Edelmuetiger Mann! Aber denken Sie auch von mir nicht zu klein! +Nehmen Sie das Geld, Herr Major; so bin ich wenigstens beruhiget.-- + +Tellheim +Was brauchen Sie zu Ihrer Beruhigung weiter als meine Versicherung, +dass mir dieses Geld nicht gehoeret? Oder wollen Sie, dass ich die +unerzogene Waise meines Freundes bestehlen soll? Bestehlen, Madame; +das wuerde es in dem eigentlichsten Verstande sein. Ihm gehoert es, fuer +ihn legen Sie es an!-- + +Dame +Ich verstehe Sie; verzeihen Sie nur, wenn ich noch nicht recht weiss, +wie man Wohltaten annehmen muss. Woher wissen es denn aber auch Sie, +dass eine Mutter mehr fuer ihren Sohn tut, als sie fuer ihr eigen Leben +tun wuerde? Ich gehe-- + +Tellheim +Gehen Sie, Madame, gehen Sie! Reisen Sie gluecklich! Ich bitte Sie +nicht, mir Nachricht von Ihnen zu geben. Sie moechte mir zu einer Zeit +kommen, wo ich sie nicht nutzen koennte. Aber noch eines, gnaedige Frau; +bald haette ich das Wichtigste vergessen. Marloff hat noch an der +Kasse unsers ehemaligen Regiments zu fordern. Seine Forderungen sind +so richtig wie die meinigen. Werden meine bezahlt, so muessen auch die +seinigen bezahlt werden. Ich hafte dafuer.-- + +Dame +Oh! Mein Herr--Aber ich schweige lieber.--Kuenftige Wohltaten so +vorbereiten, heisst sie in den Augen des Himmels schon erwiesen haben. +Empfangen Sie seine Belohnung und meine Traenen! (Geht ab.) + + + +7. Szene + +(v. Tellheim.) + + +Tellheim +Armes, braves Weib! Ich muss nicht vergessen, den Bettel zu vernichten. +(Er nimmt aus seinem Taschenbuche Briefschaften, die er zerreisst.) +Wer steht mir dafuer, dass eigner Mangel mich nicht einmal verleiten +koennte, Gebrauch davon zu machen? + + + +8. Szene + +(Just. v. Tellheim.) + + +Tellheim +Bist du da? + +Just +(indem er sich die Augen wischt). Ja! + +Tellheim +Du hast geweint? + +Just +Ich habe in der Kueche meine Rechnung geschrieben, und die Kueche ist +voll Rauch. Hier ist sie, mein Herr! + +Tellheim +Gib her. + +Just +Haben Sie Barmherzigkeit mit mir, mein Herr. Ich Weiss wohl, dass die +Menschen mit Ihnen keine haben, aber-- + +Tellheim +Was willst du? + +Just +Ich haette mir ehr den Tod als meinen Abschied vermutet. + +Tellheim +Ich kann dich nicht laenger brauchen; ich muss mich ohne Bedienten +behelfen lernen. (Schlaegt die Rechnung auf und lieset.) "Was der Herr +Major mir schuldig: Drei und einen halben Monat Lohn, den Monat 6 +Taler, macht 21 Taler. Seit dem Ersten dieses an Kleinigkeiten +ausgelegt 1 Taler 7 Gr. 9 Pf. Summa Summarum 22 Taler 7 Gr. 9 Pf."-- +Gut, und es ist billig, dass ich diesen laufenden Monat ganz bezahle. + +Just +Die andere Seite, Herr Major-- + +Tellheim +Noch mehr? (Lieset.) Was dem Herrn Major ich schuldig: An den +Feldscher fuer mich bezahlt 25 Taler. Fuer Wartung und Pflege waehrend +meiner Kur fuer mich bezahlt 39 Taler. Meinem abgebrannten und +gepluenderten Vater auf meine Bitte vorgeschossen, ohne die zwei +Beutepferde zu rechnen, die er ihm geschenkt, 50 Taler. Summa +Summarum 114 Taler. Davon abgezogen vorstehende 22 Taler 7 Gr. 9 Pf., +bleibe dem Herrn Major schuldig 91 Taler 16 Gr. 3 Pf."--Kerl, du +bist toll!-- + +Just +Ich glaube es gern, dass ich Ihnen weit mehr koste. Aber es waere +verlorne Tinte, es dazuzuschreiben. Ich kann Ihnen das nicht bezahlen, +und wenn Sie mir vollends die Liverei nehmen, die ich auch noch nicht +verdient habe--so wollte ich lieber, Sie haetten mich in dem Lazarette +krepieren lassen. + +Tellheim +Wofuer siehst du mich an? Du bist mir nichts schuldig, und ich will +dich einem von meinen Bekannten empfehlen, bei dem du es besser haben +sollst als bei mir. + +Just +Ich bin Ihnen nichts schuldig, und doch wollen Sie mich verstossen? + +Tellheim +Weil ich dir nichts schuldig werden will. + +Just +Darum? nur darum?--So gewiss ich Ihnen schuldig bin, so gewiss Sie mir +nichts schuldig werden koennen, so gewiss sollen Sie mich nun nicht +verstossen.--Machen Sie, was Sie wollen, Herr Major; ich bleibe bei +Ihnen; ich muss bei Ihnen bleiben.-- + +Tellheim +Und deine Hartnaeckigkeit, dein Trotz, dein wildes, ungestuemes Wesen +gegen alle, von denen du meinest, dass sie dir nichts zu sagen haben, +deine tueckische Schadenfreude, deine Rachsucht-- + +Just +Machen Sie mich so schlimm, wie Sie wollen; ich will darum doch nicht +schlechter von mir denken als von meinem Hunde. Vorigen Winter ging +ich in der Daemmerung an dem Kanale und hoerte etwas winseln. Ich stieg +herab und griff nach der Stimme und glaubte, ein Kind zu retten, und +zog einen Pudel aus dem Wasser. Auch gut, dachte ich. Der Pudel kam +mir nach, aber ich bin kein Liebhaber von Pudeln. Ich jagte ihn fort, +umsonst; ich pruegelte ihn von mir, umsonst. Ich liess ihn des Nachts +nicht in meine Kammer; er blieb vor der Tuere auf der Schwelle. Wo er +mir zu nahe kam, stiess ich ihn mit dem Fusse; er schrie, sahe mich an +und wedelte mit dem Schwanze. Noch hat er keinen Bissen Brot aus +meiner Hand bekommen, und doch bin ich der einzige, dem er hoert, und +der ihn anruehren darf. Er springt vor mir her und macht mir seine +Kuenste unbefohlen vor. Es ist ein haesslicher Pudel, aber ein gar zu +guter Hund. Wenn er es laenger treibt, so hoere ich endlich auf, den +Pudeln gram zu sein. + +Tellheim +(beiseite). So wie ich ihm! Nein, es gibt keine voelligen Unmenschen! +--Just, wir bleiben beisammen. + +Just +Ganz gewiss!--Sie wollten sich ohne Bedienten behelfen? Sie vergessen +Ihrer Blessuren und dass Sie nur eines Armes maechtig sind. Sie koennen +sich ja nicht allein ankleiden. Ich bin Ihnen unentbehrlich; und bin-- +ohne mich selbst zu ruehmen, Herr Major--und bin ein Bedienter, der-- +wenn das Schlimmste zum Schlimmen koemmt--fuer seinen Herrn betteln und +stehlen kann. + +Tellheim +Just, wir bleiben nicht beisammen. + +Just +Schon gut! + + + +9. Szene + +(Ein Bedienter. v. Tellheim. Just.) + + +Bediente +Bst! Kamerad! + +Just +Was gibt's? + +Bediente +Kann Er mir nicht den Offizier nachweisen, der gestern noch in diesem +Zimmer (auf eines an der Seite zeigend, von welcher er herkoemmt) +gewohnt hat? + +Just +Das duerfte ich leicht koennen. Was bringt Er ihm? + +Bediente +Was wir immer bringen, wenn wir nichts bringen: ein Kompliment. Meine +Herrschaft hoert, dass er durch sie verdraengt worden. Meine Herrschaft +weiss zu leben, und ich soll ihn deshalb um Verzeihung bitten. + +Just +Nun, so bitte Er ihn um Verzeihung; da steht er. + +Bediente +Was ist er? Wie nennt man ihn? + +Tellheim +Mein Freund, ich habe Euern Auftrag schon gehoert. Es ist eine +ueberfluessige Hoeflichkeit von Eurer Herrschaft, die ich erkenne, wie +ich soll. Macht ihr meinen Empfehl.--Wie heisst Eure Herrschaft?-- + +Bediente +Wie sie heisst? Sie laesst sich gnaediges Fraeulein heissen. + +Tellheim +Und ihr Familienname? + +Bediente +Den habe ich noch nicht gehoert, und darnach zu fragen, ist meine Sache +nicht. Ich richte mich so ein, dass ich meistenteils alle sechs Wochen +eine neue Herrschaft habe. Der Henker behalte alle ihre Namen!-- + +Just +Bravo, Kamerad! + +Bediente +Zu dieser bin ich erst vor wenig Tagen in Dresden gekommen. Sie sucht, +glaube ich, hier ihren Braeutigam.-- + +Tellheim +Genug, mein Freund. Den Namen Eurer Herrschaft wollte ich wissen, +aber nicht ihre Geheimnisse. Geht nur! + +Bediente +Kamerad, das waere kein Herr fuer mich! + + + +10. Szene + +(v. Tellheim. Just.) + + +Tellheim +Mache, Just, mache, dass wir aus diesem Hause kommen! Die Hoeflichkeit +der fremden Dame ist mir empfindlicher als die Grobheit des Wirts. +Hier, nimm diesen Ring, die einzige Kostbarkeit, die mir uebrig ist, +von der ich nie geglaubt haette, einen solchen Gebrauch zu machen!-- +Versetze ihn! Lass dir achtzig Friedrichsdor darauf geben; die +Rechnung des Wirts kann keine dreissig betragen. Bezahle ihn und raeume +meine Sachen--Ja, wohin?--Wohin du willst. Der wohlfeilste Gasthof +der beste. Du sollst mich hier nebenan auf dem Kaffeehause treffen. +Ich gehe, mache deine Sache gut.-- + +Just +Sorgen Sie nicht, Herr Major!-- + +Tellheim +(koemmt wieder zurueck). Vor allen Dingen, dass meine Pistolen, die +hinter dem Bette gehangen, nicht vergessen werden. + +Just +Ich will nichts vergessen. + +Tellheim +(koemmt nochmals zurueck). Noch eins: nimm mir auch deinen Pudel mit; +hoerst du, Just!-- + + + +11. Szene + +(Just) + + +Just +Der Pudel wird nicht zurueckbleiben. Dafuer lass ich den Pudel sorgen.-- +Hm! Auch den kostbaren Ring hat der Herr noch gehabt? Und trug ihn +in der Tasche, anstatt am Finger?--Guter Wirt, wir sind so kahl noch +nicht, als wir scheinen. Bei ihm, bei ihm selbst will ich dich +versetzen, schoenes Ringelchen! Ich weiss, er aergert sich, dass du in +seinem Hause nicht ganz sollst verzehrt werden!--Ah-- + + + +12. Szene + +(Paul Werner. Just.) + + +Just +Sieh da, Werner! guten Tag, Werner! willkommen in der Stadt! + +Werner +Das verwuenschte Dorf! Ich kann's unmoeglich wieder gewohne werden. +Lustig, Kinder, lustig; ich bringe frisches Geld! Wo ist der Major? + +Just +Er muss dir begegnet sein; er ging eben die Treppe herab. + +Werner +Ich komme die Hintertreppe herauf. Nun, wie geht's ihm? Ich waere +schon vorige Woche bei euch gewesen, aber-- + +Just +Nun? was hat dich abgehalten?-- + +Werner +--Just--hast du von dem Prinzen Heraklius gehoert? + +Just +Heraklius? Ich wuesste nicht. + +Werner +Kennst du den grossen Helden im Morgenlande nicht? + +Just +Die Weisen aus dem Morgenlande kenn ich wohl, die ums Neujahr mit dem +Sterne herumlaufen.-- + +Werner +Mensch, ich glaube, du liesest ebensowenig die Zeitungen als die +Bibel?--Du kennst den Prinzen Heraklius nicht? den braven Mann nicht, +der Persien weggenommen und naechster Tage die Ottomanische Pforte +einsprengen wird? Gott sei Dank, dass doch noch irgendwo in der Welt +Krieg ist! Ich habe lange genug gehofft, es sollte hier wieder +losgehen. Aber da sitzen sie und heilen sich die Haut. Nein, Soldat +war ich, Soldat muss ich wieder sein! Kurz--(indem er sich schuechtern +umsieht, ob ihn jemand behorcht) im Vertrauen, Just, ich wandere nach +Persien, um unter Sr. Koeniglichen Hoheit, dem Prinzen Heraklius, ein +paar Feldzuege wider den Tuerken zu machen. + +Just +Du? + +Werner +Ich, wie du mich hier siehst! Unsere Vorfahren zogen fleissig wider +den Tuerken, und das sollten wir noch tun, wenn wir ehrliche Kerls und +gute Christen waeren. Freilich begreife ich wohl, dass ein Feldzug +wider den Tuerken nicht halb so lustig sein kann, als einer wider den +Franzosen; aber dafuer muss er auch desto verdienstlicher sein, in +diesem und in jenem Leben. Die Tuerken haben dir alle Saebels, mit +Diamanten besetzt-- + +Just +Um mir von so einem Saebel den Kopf spalten zu lassen, reise ich nicht +eine Meile. Du wirst doch nicht toll sein und dein schoenes +Schulzengerichte verlasen?-- + +Werner +Oh, das nehme ich mit!--Merkst du was?--Das Guetchen ist verkauft-- + +Just +Verkauft? + +Werner +St!--hier sind hundert Dukaten, die ich gestern auf den Kauf bekommen; +die bring ich dem Major-- + +Just +Und was soll der damit? + +Werner +Was er damit soll? Verzehren soll er sie, verspielen, vertrinken, ver--, +wie er will. Der Mann muss Geld haben, und es ist schlecht genug, +dass man ihm das Seinige so sauer macht! Aber ich wuesste schon, was ich +taete, wenn ich an seiner Stelle waere! Ich daechte: hol euch hier alle +der Henker, und ginge mit Paul Wernern, nach Persien!--Blitz!--Der +Prinz Heraklius muss ja wohl von dem Major Tellheim gehoert haben, wenn +er auch schon seinen gewesenen Wachtmeister, Paul Wernern, nicht kennt. +Unsere Affaere bei den Katzenhaeusern-- + +Just +Soll ich dir die erzaehlen?-- + +Werner +Du mir?--Ich merke wohl, dass eine schoene Disposition ueber deinen +Verstand geht. Ich will meine Perlen nicht vor die Saeue werfen.--Da +nimm die hundert Dukaten; gib sie dem Major. Sage ihm, er soll mir +auch die aufheben. Ich muss jetzt auf den Markt; ich habe zwei Winspel +Roggen hereingeschickt; was ich daraus loese, kann er gleichfalls haben. +-- + +Just +Werner, du meinest es herzlich gut; aber wir moegen dein Geld nicht. +Behalte deine Dukaten, und deine hundert Pistolen kannst du auch +unversehrt wiederbekommen, sobald als du willst.-- + +Werner +So? Hat denn der Major noch Geld? + +Just +Nein. + +Werner +Hat er sich wo welches geborgt? + +Just +Nein. + +Werner +Und wovon lebt ihr denn? + +Just +Wir lassen anschreiben, und wenn man nicht mehr anschreiben will und +uns zum Hause hinauswirft, so versetzen wir, was wir noch haben, und +ziehen weiter.--Hoere nur, Paul; dem Wirte hier muessen wir einen Possen +spielen. + +Werner +Hat er dem Major was in den Weg gelegt?--Ich bin dabei!-- + +Just +Wie waer's, wenn wir ihm des Abends, wenn er aus der Tabagie koemmt, +aufpassten und ihn brav durchpruegelten?-- + +Werner +Des Abends?--aufpassten?--ihre zwei, einem?--Das ist nichts.-- + +Just +Oder wenn wir ihm das Haus ueber dem Kopf ansteckten?-- + +Werner +Sengen und brennen?--Kerl, man hoert's, dass du Packknecht gewesen bist +und nicht Soldat--pfui! + +Just +Oder wenn wir ihm seine Tochter zur Hure machten? Sie ist zwar +verdammt haesslich-- + +Werner +Oh, da wird sie's lange schon sein! Und allenfalls brauchst du auch +hierzu keinen Gehilfen. Aber was hast du denn? Was gibt's denn? + +Just +Komm nur, du sollst dein Wunder hoeren! + +Werner +So ist der Teufel wohl hier gar los? + +Just +Jawohl; komm nur! + +Werner +Desto besser! Nach Persien also, nach Persien! + + + + +2. Akt + + + +1. Szene + +(Die Szene ist in dem Zimmer des Fraeuleins.) (Minna von Barnhelm. +Franziska.) + + +Fraeulein +(im Neglige, nach ihrer Uhr sehend). Franziska, wir sind auch sehr +frueh aufgestanden. Die Zeit wird uns lang werden. + +Franziska +Wer kann denn in den verzweifelten grossen Staedten schlafen? Die +Karossen, die Nachtwaechter, die Trommeln, die Katzen, die Korporals-- +das hoert nicht auf zu rasseln, zu schreien, zu wirbeln, zu mauen, zu +fluchen; gerade, als ob die Nacht zu nichts weniger waere als zur Ruhe. +--Eine Tasse Tee, gnaediges Fraeulein?-- + +Fraeulein +Der Tee schmeckt mir nicht.-- + +Franziska +Ich will von unserer Schokolade machen lassen. + +Fraeulein +Lass machen, fuer dich! + +Franziska +Fuer mich? Ich wollte ebensogern fuer mich allein plaudern als fuer mich +allein trinken.--Freilich wird uns die Zeit so lang werden.--Wir +werden vor langer Weile uns putzen muessen und das Kleid versuchen, in +welchem wir den ersten Sturm geben wollen. + +Fraeulein +Was redest du von Stuermen, da ich bloss herkomme, die Haltung der +Kapitulation zu fordern? + +Franziska +Und der Herr Offizier, den wir vertrieben, und dem wir das Kompliment +darueber machen lassen; er muss auch nicht die feinste Lebensart haben; +sonst haette er wohl um die Ehre koennen bitten lassen, uns seine +Aufwartung machen zu duerfen.-- + +Fraeulein +Es sind nicht alle Offiziere Tellheims. Die Wahrheit zu sagen, ich +liess ihm das Kompliment auch bloss machen, um Gelegenheit zu haben, +mich nach diesem bei ihm zu erkundigen.--Franziska, mein Herz sagt es +mir, dass meine Reise gluecklich sein wird, dass ich ihn finden werde.-- + +Franziska +Das Herz, gnaediges Fraeulein? Man traue doch ja seinem Herzen nicht zu +viel. Das Herz redet uns gewaltig gern nach dem Maule. Wenn das Maul +ebenso geneigt waere, nach dem Herzen zu reden, so waere die Mode laengst +aufgekommen, die Maeuler unterm Schlosse zu tragen. + +Fraeulein +Ha! ha! Mit deinen Maeulern unterm Schlosse! Die Mode waere mir eben +recht! + +Franziska +Lieber die schoensten Zaehne nicht gezeigt, als alle Augenblicke das +Herz darueber springen lassen! + +Fraeulein +Was? Bist du so zurueckhaltend?-- + +Franziska +Nein, gnaediges Fraeulein, sondern ich wollte es gern mehr sein. Man +spricht selten von der Tugend, die man hat; aber desto oeftrer von der, +die uns fehlt. + +Fraeulein +Siehst du, Franziska? Da hast du eine sehr gute Anmerkung gemacht.-- + +Franziska +Gemacht? Macht man das, was einem so einfaellt?-- + +Fraeulein +Und weisst du, warum ich eigentlich diese Anmerkung so gut finde? Sie +hat viel Beziehung auf meinen Tellheim. + +Franziska +Was haette bei Ihnen nicht auch Beziehung auf ihn? + +Fraeulein +Freund und Feind sagen, dass er der tapferste Mann von der Welt ist. +Aber wer hat ihn von Tapferkeit jemals reden hoeren? Er hat das +rechtschaffenste Hertz, aber Rechtschaffenheit und Edelmut sind Worte, +die er nie auf die Zunge bringt. + +Franziska +Von was fuer Tugenden spricht er denn? + +Fraeulein +Er spricht von keiner; denn ihm fehlt keine. + +Franziska +Das wollte ich nur hoeren. + +Fraeulein +Warte, Franziska, ich besinne mich. Er spricht sehr oft von Oekonomie. +Im Vertrauen, Franziska, ich glaube, der Mann ist ein Verschwender. + +Franziska +Noch eins, gnaediges Fraeulein. Ich habe ihn auch sehr oft der Treue +und Bestaendigkeit gegen Sie erwaehnen hoeren. Wie, wenn der Herr auch +ein Flattergeist waere? + +Fraeulein +Du Unglueckliche!--Aber meinest du das im Ernste, Franziska? + +Franziska +Wie lange hat er Ihnen nun schon nicht geschrieben? + +Fraeulein +Ach! seit dem Frieden hat er mir nur ein einziges Mal geschrieben. + +Franziska +Auch ein Seufzer wider den Frieden! Wunderbar! Der Friede sollte nur +das Boese wieder gutmachen, das der Krieg gestiftet, und er zerruettet +auch das Gute, was dieser, sein Gegenpart, etwa noch veranlasset hat. +Der Friede sollte so eigensinnig nicht sein!--Und wie lange haben wir +schon Friede? Die Zeit wird einem gewaltig lang, wenn es so wenig +Neuigkeiten gibt.--Umsonst gehen die Posten wieder richtig; niemand +schreibt; denn niemand hat was zu schreiben. + +Fraeulein +"Es ist Friede", schrieb er mir, "und ich naehere mich der Erfuellung +meiner Wuensche." Aber dass er mir dieses nur einmal, nur ein einziges +Mal geschrieben-- + +Franziska +Dass er uns zwingt, dieser Erfuellung der Wuensche selbst entgegenzueilen: +finden wir ihn nur, das soll er uns entgelten!--Wenn indes der Mann +doch Wuensche erfuellt haette, und wir erfuehren hier-- + +Fraeulein +(aengstlich und hitzig). Dass er tot waere? + +Franziska +Fuer Sie, gnaediges Fraeulein, in den Armen einer andern.-- + +Fraeulein +Du Quaelgeist! Warte, Franziska, er soll dir es gedenken!--Doch +schwatze nur; sonst schlafen wir wieder ein.--Sein Regiment ward nach +dem Frieden zerrissen. Wer weiss, in welche Verwirrung von Rechnungen +und Nachweisungen er dadurch geraten? Wer weiss, zu welchem andern +Regimente, in welche entlegne Provinz er versetzt worden? Wer weiss, +welche Umstaende--Es pocht jemand. + +Franziska +Herein! + + + +2. Szene + +(Der Wirt. Die Vorigen.) + + +Wirt +(den Kopf voransteckend). Ist es erlaubt, meine gnaedige Herrschaft?-- + +Franziska +Unser Herr Wirt?--Nur vollends herein. + +Wirt +(mit einer Feder hinter dem Ohre, ein Blatt Papier und ein +Schreibezeug in der Hand). Ich komme, gnaediges Fraeulein, Ihnen einen +untertaenigen guten Morgen zu wuenschen--(zur Franziska) und auch Ihr, +mein schoenes Kind-- + +Franziska +Ein hoeflicher Mann! + +Fraeulein +Wir bedanken uns. + +Franziska +Und wuenschen Ihm auch einen guten Morgen. + +Wirt +Darf ich mich unterstehen zu fragen, wie Ihro Gnaden diese erste Nacht +unter meinem schlechten Dache geruhet?-- + +Franziska +Das Dach ist so schlecht nicht, Herr Wirt, aber die Betten haetten +besser sein koennen. + +Wirt +Was hoere ich? Nicht wohl geruht? Vielleicht, dass die gar zu grosse +Ermuedung von der Reise-- + +Fraeulein +Es kann sein. + +Wirt +Gewiss, gewiss! denn sonst--Indes sollte etwas nicht vollkommen nach +Ihro Gnaden Bequemlichket gewesen sein, so geruhen Ihro Gnaden nur zu +befehlen. + +Franziska +Gut, Herr Wirt, gut! Wir sind auch nicht bloede; und am wenigsten muss +man im Gasthofe bloede sein. Wir wollen schon sagen, wie wir es gern +haetten. + +Wirt +Hiernaechst komme ich zugleich--(indem er die Feder hinter dem Ohr +hervorzieht). + +Franziska +Nun?-- + +Wirt +Ohne Zweifel kennen Ihro Gnaden schon die weisen Verordnungen unserer +Polizei. + +Fraeulein +Nicht im geringsten, Herr Wirt-- + +Wirt +Wir Wirte sind angewiesen, keinen Fremden, wes Standes und Geschlechts +er auch sei, vierundzwanzig Stunden zu behausen, ohne seinen Namen, +Heimat, Charakter, hiesige Geschaefte, vermutliche Dauer des +Aufenthalts und so weiter gehoerigen Orts schriftlich einzureichen. + +Fraeulein +Sehr wohl. + +Wirt +Ihro Gnaden werden also sich gefallen lassen--(indem er an einen Tisch +tritt und sich fertig macht zu schreiben). + +Fraeulein +Sehr gern--Ich heisse-- + +Wirt +Einen kleinen Augenblick Geduld!--(Er schreibt.) "Dato, den 22. +August a.c. allhier zum Koenige von Spanien angelangt"--Nun Dero Namen, +gnaediges Fraeulein? + +Fraeulein +Das Fraeulein von Barnhelm. + +Wirt +(schreibt). "von Barnhelm"--Kommend? woher, gnaediges Fraeulein? + +Fraeulein +Von meinen Guetern aus Sachsen. + +Wirt +(schreibt). "Guetern aus Sachsen"--Aus Sachsen! Ei, ei, aus Sachsen, +gnaediges Fraeulein? aus Sachsen? + +Franziska +Nun? warum nicht? Es ist doch wohl hierzulande keine Suende, aus +Sachsen zu sein? + +Wirt +Eine Suende? Behuete! das waere ja eine ganz neue Suende!--Aus Sachsen +also? Ei, ei! aus Sachsen! Das liebe Sachsen!--Aber wo mir recht +ist, gnaediges Fraeulein, Sachsen ist nicht klein und hat mehrere--wie +soll ich es nennen?--Distrikte, Provinzen.--Unsere Polizei ist sehr +exakt, gnaediges Fraeulein.-- + +Fraeulein +Ich verstehe: von meinen Guetern aus Thueringen also. + +Wirt +Aus Thueringen! Ja, das ist besser, gnaediges Fraeulein, das ist genauer. +--(Schreibt und liest.) "Das Fraeulein von Barnhelm, kommend von ihren +Guetern aus Thueringen, nebst einer Kammerfrau und zwei Bedienten"-- + +Franziska +Einer Kammerfrau? das soll ich wohl sein? + +Wirt +Ja, mein schoenes Kind.-- + +Franziska +Nun, Herr Wirt, so setzen Sie anstatt Kammerfrau Kammerjungfer.--Ich +hoere, die Polizei ist sehr exakt; es moechte ein Missverstaendnis geben, +welches mir bei meinem Aufgebote einmal Haendel machen koennte. Denn +ich bin wirklich noch Jungfer und heisse Franziska; mit dem +Geschlechtsnamen Willig; Franziska Willig. Ich bin auch aus Thueringen. +Mein Vater war Mueller auf einem von den Guetern des gnaedigen +Fraeuleins. Es heisst Klein-Rammsdorf. Die Muehle hat jetzt mein Bruder. +Ich kam sehr jung auf den Hof und ward mit dem gnaedigen Fraeulein +erzogen. Wir sind von einem Alter, kuenftige Lichtmess einundzwanzig +Jahr. Ich habe alles gelernt, was das gnaedige Fraeulein gelernt hat. +Es soll mir lieb sein, wenn mich die Polizei recht kennt. + +Wirt +Gut, mein schoenes Kind, das will ich mir auf weitere Nachfrage merken. +--Aber nunmehr, gnaediges Fraeulein, Dero Verrichtungen allhier?-- + +Fraeulein +Meine Verrichtungen? + +Wirt +Suchen Ihro Gnaden etwas bei des Koenigs Majestaet? + +Fraeulein +O nein! + +Wirt +Oder bei unsern hohen Justizkollegiis? + +Fraeulein +Auch nicht. + +Wirt +Oder-- + +Fraeulein +Nein, nein. Ich bin lediglich in meinen eigenen Angelegenheiten hier. + +Wirt +Ganz wohl, gnaediges Fraeulein, aber wie nennen sich diese eigne +Angelegenheiten? + +Fraeulein +Sie nennen sich--Franziska, ich glaube, wir werden vernommen. + +Franziska +Herr Wirt, die Polizei wird doch nicht die Geheimnisse eines +Frauenzimmers zu wissen verlangen? + +Wirt +Allerdings, mein schoenes Kind: die Polizei will alles, alles wissen; +und besonders Geheimnisse. + +Franziska +Ja nun, gnaediges Fraeulein; was ist zu tun?--So hoeren Sie nur, Herr +Wirt--aber dass es ja unter uns und der Polizei bleibt!-- + +Fraeulein +Was wird ihm die Naerrin sagen? + +Franziska +Wir kommen, dem Koenige einen Offizier wegzukapern-- + +Wirt +Wie? was? Mein Kind! mein Kind!-- + +Franziska +Oder uns von dem Offiziere kapern zu lassen. Beides ist eins. + +Fraeulein +Franziska, bist du toll?--Herr Wirt, die Nasenweise hat Sie zum besten. +-- + +Wirt +Ich will nicht hoffen! Zwar mit meiner Wenigkeit kann sie scherzen so +viel, wie sie will; nur mit einer hohen Polizei-- + +Fraeulein +Wissen Sie was, Herr Wirt?--Ich weiss mich in dieser Sache nicht zu +nehmen. Ich daechte, Sie liessen die ganze Schreiberei bis auf die +Ankunft meines Oheims. Ich habe Ihnen schon gestern gesagt, warum er +nicht mit mir zugleich angekommen. Er verunglueckte zwei Meilen von +hier mit seinem Wagen und wollte durchaus nicht, dass mich dieser +Zufall eine Nacht mehr kosten sollte. Ich musste also voran. Wenn er +vierundzwanzig Stunden nach mir eintrifft, so ist es das laengste. + +Wirt +Nun ja, gnaediges Fraeulein, so wollen wir ihn erwarten. + +Fraeulein +Er wird auf Ihre Fragen besser antworten koennen. Er wird wissen, wem +und wie weit er sich zu entdecken hat; was er von seinen Geschaeften +anzeigen muss und was er davon verschweigen darf. + +Wirt +Desto besser! Freilich, freilich kann man von einem jungen Maedchen +(die Franziska mit einer bedeutenden Miene ansehend) nicht verlangen, +dass es eine ernsthafte Sache mit ernsthaften Leuten ernsthaft +traktiere-- + +Fraeulein +Und die Zimmer fuer ihn sind doch in Bereitschaft, Herr Wirt? + +Wirt +Voellig, gnaediges Fraeulein, voellig; bis auf das eine-- + +Franziska +Aus dem Sie vielleicht auch noch erst einen ehrlichen Mann vertreiben +muessen? + +Wirt +Die Kammerjungfern aus Sachsen, gnaediges Fraeulein, sind wohl sehr +mitleidig.-- + +Fraeulein +Doch, Herr Wirt, das haben Sie nicht gut gemacht. Lieber haetten Sie +uns nicht einnehmen sollen. + +Wirt +Wieso, gnaediges Fraeulein, wieso? + +Fraeulein +Ich hoere, dass der Offizier, welcher durch uns verdraengt worden-- + +Wirt +Ja nur ein abgedankter Offizier ist, gnaediges Fraeulein.-- + +Fraeulein +Wenn schon!-- + +Wirt +Mit dem es zu Ende geht.-- + +Fraeulein +Desto schlimmer! Es soll ein sehr verdienter Mann sein. + +Wirt +Ich sage Ihnen ja, dass er abgedankt ist. + +Fraeulein +Der Koenig kann nicht alle verdiente Maenner kennen. + +Wirt +O gewiss, er kennt sie, er kennt sie alle.-- + +Fraeulein +So kann er sie nicht alle belohnen. + +Wirt +Sie waeren alle belohnt, wenn sie darnach gelebt haetten. Aber so +lebten die Herren waehrend des Krieges, als ob ewig Krieg bleiben wuerde; +als ob das Dein und Mein ewig aufgehoben sein wuerde. Jetzt liegen +alle Wirtshaeuser und Gasthoefe von ihnen voll, und ein Wirt hat sich +wohl mit ihnen in acht zu nehmen. Ich bin mit diesem noch so ziemlich +weggekommen. Hatte er gleich kein Geld mehr, so hatte er doch noch +Geldeswert, und zwei, drei Monate haette ich ihn freilich noch ruhig +koennen sitzen lassen. Doch besser ist besser.--Apropos, gnaediges +Fraeulein; Sie verstehen sich doch auf Juwelen?-- + +Fraeulein +Nicht sonderlich. + +Wirt +Was sollten Ihro Gnaden nicht?--Ich muss Ihnen einen Ring zeigen, einen +kostbaren Ring. Zwar gnaediges Fraeulein haben da auch einen sehr +schoenen am Finger, und je mehr ich ihn betrachte, je mehr muss ich mich +wundern, dass er dem meinigen so aehnlich ist.--Oh! sehen Sie doch, +sehen Sie doch! (Indem er ihn aus dem Futteral herausnimmt und dem +Fraeulein zureicht.) Welch ein Feuer! der mittelste Brillant allein +wiegt ueber fuenf Karat. + +Fraeulein +(ihn betrachtend). Wo bin ich? Was seh ich? Dieser Ring-- + +Wirt +Ist seine fuenfzehnhundert Taler unter Bruedern wert. + +Fraeulein +Franziska!--Sieh doch!-- + +Wirt +Ich habe mich auch nicht einen Augenblick bedacht, achtzig Pistolen +darauf zu leihen. + +Fraeulein +Erkennst du ihn nicht, Franziska? + +Franziska +Der naemliche!--Herr Wirt, wo haben Sie diesen Ring her?-- + +Wirt +Nun, mein Kind? Sie hat doch wohl kein Recht daran? + +Franziska +Wir kein Recht an diesem Ringe?--Inwaerts auf dem Kasten muss des +Fraeuleins verzogener Name stehn.--Weisen Sie doch, Fraeulein. + +Fraeulein +Er ist's er ist's!--Wie kommen Sie zu diesem Ringe, Herr Wirt? + +Wirt +Ich? auf die ehrlichste Weise von der Welt.--Gnaediges Fraeulein, +gnaediges Fraeulein, Sie werden mich nicht in Schaden und Unglueck +bringen wollen? Was weiss ich, wo sich der Ring eigentlich +herschreibt? Waehrend des Krieges hat manches seinen Herrn sehr oft, +mit und ohne Vorbewusst des Herrn, veraendert. Und Krieg war Krieg. Es +werden mehr Ringe aus Sachsen ueber die Grenze gegangen sein.--Geben +Sie mir ihn wieder, gnaediges Fraeulein, geben Sie mir ihn wieder! + +Franziska +Erst geantwortet: von wem haben Sie ihn? + +Wirt +Von einem Manne, dem ich so was nicht zutrauen kann, von einem sonst +guten Manne-- + +Fraeulein +Von dem besten Manne unter der Sonne, wenn Sie ihn von seinem +Eigentuemer haben.--Geschwind, bringen Sie mir den Mann! Er ist es +selbst, oder wenigstens muss er ihn kennen. + +Wirt +Wer denn? wen denn, gnaediges Fraeulein? + +Franziska +Hoeren Sie denn nicht? unsern Major. + +Wirt +Major? Recht, er ist Major, der dieses Zimmer vor Ihnen bewohnt hat, +und von dem ich ihn habe. + +Fraeulein +Major von Tellheim. + +Wirt +Von Tellheim, ja! Kennen Sie ihn? + +Fraeulein +Ob ich ihn kenne? Er ist hier? Tellheim ist hier? Er? er hat in +diesem Zimmer gewohnt? Er, er hat Ihnen diesen Ring versetzt? Wie +kommt der Mann in diese Verlegenheit? Wo ist er? Er ist Ihnen +schuldig?--Franziska, die Schatulle her! Schliess auf! (Indem sie +Franziska auf den Tisch setzet und oeffnet.) Was ist er Ihnen schuldig? +Wem ist er mehr schuldig? Bringen Sie mir alle seine Schuldner. +Hier ist Geld. Hier sind Wechsel. Alles ist sein! + +Wirt +Was hoere ich? + +Fraeulein +Wo ist er? wo ist er? + +Wirt +Noch vor einer Stunde war er hier. + +Fraeulein +Haesslicher Mann, wie konnten Sie gegen ihn so unfreundlich, so hart, so +grausam sein? + +Wirt +Ihro Gnaden verzeihen-- + +Fraeulein +Geschwind, schaffen Sie mir ihn zur Stelle. + +Wirt +Sein Bedienter ist vielleicht noch hier. Wollen Ihro Gnaden, dass er +ihn aufsuchen soll? + +Fraeulein +Ob ich will? Eilen Sie, laufen Sie; fuer diesen Dienst allein will ich +es vergessen, wie schlecht Sie mit ihm umgegangen sind.-- + +Franziska +Fix, Herr Wirt, hurtig, fort, fort! (Stoesst ihn heraus.) + + + +3. Szene + +(Das Fraeulein. Franziska) + + +Fraeulein +Nun habe ich ihn wieder, Franziska! Siehst du, nun habe ich ihn +wieder! Ich weiss nicht, wo ich vor Freuden bin! Freue dich doch mit, +liebe Franziska. Aber freilich, warum du? Doch du sollst dich, du +musst dich mit mir freuen. Komm, Liebe, ich will dich beschenken, +damit du dich mit mir freuen kannst. Sprich, Franziska, was soll ich +dir geben? Was steht dir von meinen Sachen an? Was haettest du gern? +Nimm, was du willst, aber freue dich nur. Ich sehe wohl, du wirst dir +nichts nehmen. Warte! (sie fasst in die Schatulle) da, liebe +Franziska (und gibt ihr Geld), kaufe dir, was du gern haettest. +Fordere mehr, wenn es nicht zulangt. Aber freue dich nur mit mir. Es +ist so traurig, sich allein zu freuen. Nun, so nimm doch-- + +Franziska +Ich stehle es Ihnen, Fraeulein; Sie sind trunken, von Froehlichkeit +trunken.-- + +Fraeulein +Maedchen, ich habe einen zaenkischen Rausch, nimm oder--(Sie zwingt ihr +das Geld in die Hand.) Und wenn du dich bedankest!--Warte; gut, dass +ich daran denke. (Sie greift nochmals in die Schatulle nach Geld.) +Das, liebe Franziska, stecke beiseite, fuer den ersten blessierten +armen Soldaten, der uns anspricht.-- + + + +4. Szene + +(Der Wirt. Das Fraeulein. Franziska.) + + +Fraeulein +Nun? Wird er kommen? + +Wirt +Der widerwaertige, ungeschliffene Kerl! + +Fraeulein +Wer? + +Wirt +Sein Bedienter. Er weigert sich, nach ihm zu gehen. + +Franziska +Bringen Sie doch den Schurken her.--Des Majors Bediente kenne ich ja +wohl alle. Welcher waere denn das? + +Fraeulein +Bringen Sie ihn geschwind her. Wenn er uns sieht, wird er schon gehen. +(Der Wirt geht ab.) + + + +5. Szene + +(Das Fraeulein. Franziska.) + + +Fraeulein +Ich kann den Augenblick nicht erwarten. Aber, Franziska, du bist noch +immer so kalt? Du willst dich noch nicht mit mir freuen? + +Franziska +Ich wollte von Herzen gern, wenn nur-- + +Fraeulein +Wenn nur? + +Franziska +Wir haben den Mann wiedergefunden; aber wie haben wir ihn +wiedergefunden? Nach allem, was wir von ihm hoeren, muss es ihm uebel +gehn. Er muss ungluecklich sein, das jammert mich. + +Fraeulein +Jammert dich?--Lass dich dafuer umarmen, meine liebste Gespielin! das +will ich dir nie vergessen!--Ich bin nur verliebt, und du bist gut.-- + + + +6. Szene + +(Der Wirt. Just. Die Vorigen.) + + +Wirt +Mit genauer Not bring ich ihn. + +Franziska +Ein fremdes Gesicht! Ich kenne ihn nicht. + +Fraeulein +Mein Freund, ist Er bei dem Major von Tellheim? + +Just +Ja. + +Fraeulein +Wo ist Sein Herr? + +Just +Nicht hier. + +Fraeulein +Aber Er weiss ihn zu finden? + +Just +Ja. + +Fraeulein +Will Er ihn nicht geschwind herholen? + +Just +Nein. + +Fraeulein +Er erweiset mir damit einen Gefallen.-- + +Just +Ei! + +Fraeulein +Und Seinem Herrn einen Dienst.-- + +Just +Vielleicht auch nicht.-- + +Fraeulein +Woher vermutet Er das? + +Just +Sie sind doch die fremde Herrschaft, die ihn schon diesen Morgen +komplimentieren lassen? + +Fraeulein +Ja. + +Just +So bin ich schon recht. + +Fraeulein +Weiss Sein Herr meinen Namen? + +Just +Nein; aber er kann die allzu hoeflichen Damen ebensowenig leiden als +die allzu groben Wirte. + +Wirt +Das soll wohl mit auf mich gehn? + +Just +Ja. + +Wirt +So lass Er es doch dem gnaedigen Fraeulein nicht entgelten, und hole Er +ihn geschwind her. + +Fraeulein +(leise zur Franziska). Franziska, gib ihm etwas-- + +Franziska +(die dem Just Geld in die Hand druecken will). Wir verlangen Seine +Dienste nicht umsonst.-- + +Just +Und ich Ihr Geld nicht ohne Dienste. + +Franziska +Eines fuer das andere. + +Just +Ich kann nicht. Mein Herr hat mir befohlen, auszuraeumen. Das tu ich +jetzt, und daran bitte ich, mich nicht weiter zu verhindern. Wenn ich +fertig bin, so will ich es ihm ja wohl sagen, dass er herkommen kann. +Er ist nebenan auf dem Kaffeehause; und wenn er da nichts Bessers zu +tun findet, wird er auch wohl kommen. (Will fortgehen.) + +Franziska +So warte Er doch.--Das gnaedige Fraeulein ist des Herrn Majors-- +Schwester.-- + +Fraeulein +Ja, ja, seine Schwester. + +Just +Das weiss ich besser, dass der Major keine Schwestern hat. Er hat mich +in sechs Monaten zweimal an seine Familie nach Kurland geschickt.-- +Zwar es gibt mancherlei Schwestern-- + +Franziska +Unverschaemter! + +Just +Muss man es nicht sein, wenn einen die Leute sollen gehn lassen? (Geht +ab.) + +Franziska +Das ist ein Schlingel! + +Wirt +Ich sagt' es ja. Aber lassen Sie ihn nur! Weiss ich doch nunmehr, wo +sein Herr ist. Ich will ihn gleich selbst holen.--Nur, gnaediges +Fraeulein, bitte ich untertaenigst, sodann ja mich bei dem Herrn Major +zu entschuldigen, dass ich so ungluecklich gewesen, wider meinen Willen +einen Mann von seinen Verdiensten-- + +Fraeulein +Gehen Sie nur geschwind, Herr Wirt. Das will ich alles wieder +gutmachen. (Der Wirt geht ab und hierauf) Franziska, lauf ihm nach: +er soll ihm meinen Namen nicht nennen! (Franziska, dem Wirte nach.) + + + +7. Szene + +(Das Fraeulein und hierauf Franziska) + + +Fraeulein +Ich habe ihn wieder!--Bin ich allein?--Ich will nicht umsonst allein +sein.(Sie faltet die Haende.) Auch bin ich nicht allein! (Und blickt +aufwaerts.) Ein einziger dankbarer Gedanke gen Himmel ist das +willkommenste Gebet!--Ich hab ihn, ich hab ihn! (Mit ausgebreiteten +Armen.) Ich bin gluecklich! und froehlich! Was kann der Schoepfer +lieber sehen als ein froehliches Geschoepf!--(Franziska koemmt.) Bist du +wieder da, Franziska?--Er jammert dich? Mich jammert er nicht. +Unglueck ist auch gut. Vielleicht, dass ihm der Himmel alles nahm, um +ihm in mir alles wiederzugeben! + +Franziska +Er kann den Augenblick hier sein.--Sie sind noch in Ihrem Neglige, +gnaediges Fraeulein. Wie, wenn Sie sich geschwind ankleideten? + +Fraeulein +Geh! ich bitte dich. Er wird mich von nun an oeftrer so als geputzt +sehen. + +Franziska +Oh, Sie kennen sich, mein Fraeulein. + +Fraeulein +(nach einem kurzen Nachdenken). Wahrhaftig, Maedchen, du hast es +wiederum getroffen. + +Franziska +Wenn wir schoen sind, sind wir ungeputzt am schoensten. + +Fraeulein +Muessen wir denn schoen sein?--Aber dass wir uns schoen glauben, war +vielleicht notwendig.--Nein, wenn ich ihm, ihm nur schoen bin!-- +Franziska, wenn alle Maedchens so sind, wie ich mich jetzt fuehle, so +sind wir--sonderbare Dinger.--Zaertlich und stolz, tugendhaft und eitel, +wolluestig und fromm--Du wirst mich nicht verstehen. Ich verstehe +mich wohl selbst nicht.--Die Freude macht drehend, wirblicht.-- + +Franziska +Fassen Sie sich, mein Fraeulein; ich hoere kommen-- + +Fraeulein +Mich fassen? Ich sollte ihn ruhig empfangen? + + + +8. Szene + +(v. Tellheim. Der Wirt. Die Vorigen.) + + +Tellheim +(tritt herein, und indem er sie erblickt, flieht er auf sie zu). Ah! +meine Minna!-- + +Fraeulein +(ihm entgegenfliehend). Ah! mein Tellheim!-- + +Tellheim +(stutzt auf einmal und tritt wieder zurueck). Verzeihen Sie, gnaediges +Fraeulein--das Fraeulein von Barnhelm hier zu finden-- + +Fraeulein +Kann Ihnen doch so gar unerwartet nicht sein?--(Indem sie ihm naeher +tritt und er mehr zurueckweicht.) Verzeihen? Ich soll Ihnen verzeihen, +dass ich noch Ihre Minna bin? Verzeih' Ihnen der Himmel, dass ich noch +das Fraeulein von Barnhelm bin!-- + +Tellheim +Gnaediges Fraeulein--(Sieht starr auf den Wirt und zuckt die Schultern.) + +Fraeulein +(wird den Wirt gewahr und winkt der Franziska). Mein Herr-- + +Tellheim +Wenn wir uns beiderseits nicht irren--Franziska. Je, Herr Wirt, wen +bringen Sie uns denn da? Geschwind, kommen Sie, lassen Sie uns den +Rechten suchen. + +Wirt +Ist es nicht der Rechte? Ei ja doch! + +Franziska +Ei nicht doch! Geschwind, kommen Sie; ich habe Ihrer Jungfer Tochter +noch keinen guten Morgen gesagt. + +Wirt +Oh! viel Ehre--(Doch ohne von der Stelle zu gehn.) + +Franziska +(fasst ihn an). Kommen Sie, wir wollen den Kuechenzettel machen.-- +Lassen Sie sehen, was wir haben werden-- + +Wirt +Sie sollen haben, vors erste-- + +Franziska +Still, ja stille! Wenn das Fraeulein jetzt schon weiss, was sie zu +Mittag speisen soll, so ist es um ihren Appetit geschehen. Kommen Sie, +das muessen Sie mir allein sagen. (Fuehret ihn mit Gewalt ab.) + + + +9. Szene + +(v. Tellheim. Das Fraeulein) + + +Fraeulein +Nun? irren wir uns noch? + +Tellheim +Dass es der Himmel wollte!--Aber es gibt nur eine, und Sie sind es.-- + +Fraeulein +Welche Umstaende! Was wir uns zu sagen haben, kann jedermann hoeren. + +Tellheim +Sie hier? Was suchen Sie hier, gnaediges Fraeulein? + +Fraeulein +Nichts suche ich mehr. (Mit offnen Armen auf ihn zugehend.) Alles, +was ich suchte, habe ich gefunden. + +Tellheim +(zurueckweichend). Sie suchten einen gluecklichen, einen Ihrer Liebe +wuerdigen Mann, und finden--einen Elenden. + +Fraeulein +So lieben Sie mich nicht mehr?--Und lieben eine andere? + +Tellheim +Ah! der hat Sie nie geliebt, mein Fraeulein, der eine andere nach +Ihnen lieben kann. + +Fraeulein +Sie reissen nur einen Stachel aus meiner Seele.--Wenn ich Ihr Herz +verloren habe, was liegt daran, ob mich Gleichgueltigkeit oder +maechtigere Reize darum gebracht?--Sie lieben mich nicht mehr: und +lieben auch keine andere?--Ungluecklicher Mann, wenn Sie gar nichts +lieben!-- + +Tellheim +Recht, gnaediges Fraeulein; der Unglueckliche muss gar nichts lieben. Er +verdient sein Unglueck, wenn er diesen Sieg nicht ueber sich selbst zu +erhalten weiss; wenn er es sich gefallen lassen kann, dass die, welche +er liebt, an seinem Unglueck Anteil nehmen duerfen.--Wie schwer ist +dieser Sieg!--Seitdem mir Vernunft und Notwendigkeit befehlen, Minna +von Barnhelm zu vergessen: was fuer Muehe habe ich angewandt! Eben +wollte ich anfangen zu hoffen, dass diese Muehe nicht ewig vergebens +sein wuerde:--und Sie erscheinen, mein Fraeulein!-- + +Fraeulein +Versteh ich Sie recht?--Halten Sie, mein Herr; lassen Sie sehen, wo +wir sind, ehe wir uns weiter verirren!--Wollen Sie mir die einzige +Frage beantworten? + +Tellheim +Jede, mein Fraeulein-- + +Fraeulein +Wollen Sie mir auch ohne Wendung, ohne Winkelzug antworten? Mit +nichts als einem trockenen Ja oder Nein? + +Tellheim +Ich will es--wenn ich kann. + +Fraeulein +Sie koennen es.--Gut: ohngeachtet der Muehe, die Sie angewendet, mich zu +vergessen--lieben Sie mich noch, Tellheim? + +Tellheim +Mein Fraeulein, diese Frage-- + +Fraeulein +Sie haben versprochen, mit nichts als Ja oder Nein zu antworten. + +Tellheim +Und hinzugesetzt: wenn ich kann. + +Fraeulein +Sie koennen; Sie muessen wissen, was in Ihrem Herzen vorgeht.--Lieben +Sie mich noch, Tellheim?--Ja oder Nein. + +Tellheim +Wenn mein Herz-- + +Fraeulein +Ja oder Nein! + +Tellheim +Nun, Ja! + +Fraeulein +Ja? + +Tellheim +Ja, ja!--Allein-- + +Fraeulein +Geduld!--Sie lieben mich noch: genug fuer mich.--In was fuer einen Ton +bin ich mit Ihnen gefallen! ein widriger, melancholischer, +ansteckender Ton.--Ich nehme den meinigen wieder an.--Nun, mein lieber +Ungluecklicher, Sie lieben mich noch und haben Ihre Minna noch und sind +ungluecklich? Hoeren Sie doch, was Ihre Minna fuer ein eingebildetes, +albernes Ding war--ist. Sie liess, sie lasst sich traeumen, Ihr ganzes +Glueck sei sie.--Geschwind, kramen Sie Ihr Unglueck aus. Sie mag +versuchen, wieviel sie dessen aufwiegt.--Nun? + +Tellheim +Mein Fraeulein, ich bin nicht gewohnt zu klagen. + +Fraeulein +Sehr wohl. Ich wuesste auch nicht, was mir an einem Soldaten, nach dem +Prahlen, weniger gefiele als das Klagen. Aber es gibt eine gewisse +kalte, nachlaessige Art, von seiner Tapferkeit und von seinem Ungluecke +zu sprechen-- + +Tellheim +Die im Grunde doch auch geprahlt und geklagt ist. + +Fraeulein +Oh, mein Rechthaber, so haetten Sie sich auch gar nicht ungluecklich +nennen sollen.--Ganz geschwiegen oder ganz mit der Sprache heraus.-- +Eine Vernunft, eine Notwendigkeit, die Ihnen mich zu vergessen +befiehlt?--Ich bin eine grosse Liebhaberin von Vernunft, ich habe sehr +viel Ehrerbietung fuer die Notwendigkeit.--Aber lassen Sie doch hoeren, +wie vernuenftig diese Vernunft, wie notwendig diese Notwendigkeit ist. + +Tellheim +Wohl denn; so hoeren Sie, mein Fraeulein.--Sie nennen mich Tellheim; der +Name trifft ein.--Aber Sie meinen, ich sei der Tellheim, den Sie in +Ihrem Vaterlande gekannt haben; der bluehende Mann, voller Ansprueche, +voller Ruhmbegierde; der seines ganzen Koerpers, seiner ganzen Seele +maechtig war, vor dem die Schranken der Ehre und des Glueckes eroeffnet +standen, der Ihres Herzens und Ihrer Hand, wenn er schon Ihrer noch +nicht wuerdig war, taeglich wuerdiger zu werden hoffen durfte.--Dieser +Tellheim bin ich ebensowenig, als ich mein Vater bin. Beide sind +gewesen.--Ich bin Tellheim, der Verabschiedete, der an seiner Ehre +Gekraenkte, der Krueppel, der Bettler.--Jenem, mein Fraeulein, +versprachen Sie sich: wollen Sie diesem Wort halten?-- + +Fraeulein +Das klingt sehr tragisch!--Doch, mein Herr, bis ich jenen wiederfinde-- +in die Tellheims bin ich nun einmal vernarret--, dieser wird mir schon +aus der Not helfen muessen.--Deine Hand, lieber Bettler! (Indem sie +ihn bei der Hand ergreift.) + +Tellheim +(der die andere Hand mit dem Hute vor das Gesicht schlaegt und sich von +ihr abwendet). Das ist zu viel!--Wo bin ich?--Lassen Sie mich, +Fraeulein! Ihre Guete foltert mich!--Lassen Sie mich. + +Fraeulein +Was ist Ihnen? Wo wollen Sie hin? + +Tellheim +Von Ihnen!-- + +Fraeulein +Von mir? (Indem sie seine Hand an ihre Brust zieht.) Traeumer! + +Tellheim +Die Verzweiflung wird mich tot zu Ihren Fuessen werfen. + +Fraeulein +Von mir? + +Tellheim +Von Ihnen.--Sie nie, nie wiederzusehen.--Oder doch so entschlossen, so +fest entschlossen--keine Niedertraechtigkeit zu begehen--Sie keine +Unbesonnenheit begehen zu lasen.--Lassen Sie mich, Minna! (Reisst sich +los und ab.) + +Fraeulein +(ihm nach). Minna Sie lasen? Tellheim! Tellheim! + + + + +3. Akt + + + +1. Szene + +(Die Szene: Der Saal.) (Just, einen Brief in der Hand) + + +Just +Muss ich doch noch einmal in das verdammte Haus kommen!--Ein Briefchen +von meinem Herrn an das gnaedige Fraeulein, das seine Schwester sein +will.--Wenn sich nur da nichts anspinnt!--Sonst wird des Brieftragens +kein Ende werden.--Ich waer es gern los, aber ich moechte auch nicht +gern ins Zimmer hinein.--Das Frauenszeug fragt so viel, und ich +antworte so ungern!--Ha, die Tuere geht auf. Wie gewuenscht! das +Kammerkaetzchen! + + + +2. Szene + +(Franziska. Just) + + +Franziska +(zur Tuere herein, aus der sie koemmt). Sorgen Sie nicht; ich will +schon aufpassen.--Sieh! (indem sie Justen gewahr wird) da stiesse mir +ja gleich was auf. Aber mit dem Vieh ist nichts anzufangen. + +Just +Ihr Diener, Jungfer-- + +Franziska +Ich wollte so einen Diener nicht-- + +Just +Nu, nu, verzeih Sie mir die Redensart!--Da bring ich ein Briefchen von +meinem Herrn an Ihre Herrschaft, das gnaedige Fraeulein--Schwester.-- +War's nicht so? Schwester. + +Franziska +Geb Er her! (Reisst ihm den Brief aus der Hand.) + +Just +Sie soll so gut sein, laesst mein Herr bitten, und es uebergeben. +Hernach soll Sie so gut sein, laesst mein Herr bitten--dass Sie nicht +etwa denkt, ich bitte was!-- + +Franziska +Nun denn? + +Just +Mein Herr versteht den Rummel. Er weiss, dass der Weg zu den Fraeuleins +durch die Kammermaedchen geht:--bild ich mir ein!--Die Jungfer soll +also so gut sein--laesst mein Herr bitten--und ihm sagen lassen, ob er +nicht das Vergnuegen haben koennte, die Jungfer auf ein Viertelstuendchen +zu sprechen. + +Franziska +Mich? + +Just +Verzeih Sie mir, wenn ich Ihr einen unrechten Titel gebe.--Ja, Sie!-- +Nur auf ein Viertelstuendchen; aber allein, ganz allein, insgeheim, +unter vier Augen. Er haette Ihr was sehr Notwendiges zu sagen. + +Franziska +Gut! ich habe ihm auch viel zu sagen.--Er kann nur kommen, ich werde +zu seinem Befehle sein. + +Just +Aber, wenn kann er kommen? Wenn ist es Ihr am gelegensten, Jungfer? +So in der Daemmerung?-- + +Franziska +Wie meint Er das?--Sein Herr kann kommen, wenn er will--und damit +packe Er sich nur! + +Just +Herzlich gern! (Will fortgehen.) + +Franziska +Hoer Er doch; noch auf ein Wort.--Wo sind denn die andern Bedienten des +Majors? + +Just +Die andern? Dahin, dorthin, ueberallhin. + +Franziska +Wo ist Wilhelm? + +Just +Der Kammerdiener? den laesst der Major reisen. + +Franziska +So? Und Philipp, wo ist der? + +Just +Der Jaeger? den hat der Herr aufzuheben gegeben. + +Franziska +Weil er jetzt keine Jagd hat, ohne Zweifel.--Aber Martin? + +Just +Der Kutscher? der ist weggeritten. + +Franziska +Und Fritz? + +Just +Der Laeufer? der ist avanciert. + +Franziska +Wo war Er denn, als der Major bei uns in Thueringen im Winterquartiere +stand? Er war wohl noch nicht bei ihm? + +Just +O ja, ich war Reitknecht bei ihm, aber ich lag im Lazarett. + +Franziska +Reitknecht? Und jetzt is Er? + +Just +Alles in allem; Kammerdiener und Jaeger, Laeufer und Reitknecht. + +Franziska +Das muss ich gestehen! So viele gute, tuechtige Leute von sich zu +lassen und gerade den Allerschlechtesten zu behalten! Ich moechte doch +wissen, was Sein Herr an Ihm faende! + +Just +Vielleicht findet er, dass ich ein ehrlicher Kerl bin. + +Franziska +Oh, man ist auch verzweifelt wenig, wenn man weiter nichts ist als +ehrlich.--Wilhelm war ein andrer Mensch--Reisen laesst ihn der Herr? + +Just +Ja, er laesst ihn--da er's nicht hindern kann. + +Franziska +Wie? + +Just +Oh, Wilhelm wird sich alle Ehre auf seinen Reisen machen. Er hat des +Herrn ganze Garderobe mit. + +Franziska +Was? Er ist doch nicht damit durchgegangen? + +Just +Das kann man nun eben nicht sagen; sondern als wir von Nuernberg +weggingen, ist er uns nur nicht damit nachgekommen. + +Franziska +Oh, der Spitzbube! + +Just +Es war ein ganzer Mensch! Er konnte frisieren und rasieren und +parlieren--und scharmieren--Nicht wahr? + +Franziska +Sonach haette ich den Jaeger nicht von mir getan, wenn ich wie der Major +gewesen waere. Konnte er ihn schon nicht als Jaeger nuetzen, so war es +doch sonst ein tuechtiger Bursche.--Wem hat er ihn denn aufzuheben +gegeben? + +Just +Dem Kommandanten von Spandau. + +Franziska +Der Festung? Die Jagd auf den Waellen kann doch da auch nicht gross +sein. + +Just +Oh, Philipp jagt auch da nicht. + +Franziska +Was tut er denn? + +Just +Er karrt. + +Franziska +Er karrt? + +Just +Aber nur auf drei Jahr. Er machte ein kleines Komplott unter des +Herrn Kompanie und wollte sechs Mann durch die Vorposten bringen.-- + +Franziska +Ich erstaune, der Boesewicht! + +Just +Oh, es ist ein tuechtiger Kerl! Ein Jaeger, der funfzig Meilen in der +Runde durch Waelder und Moraeste alle Fusssteige, alle Schleifwege kennt. + Und schiessen kann er! + +Franziska +Gut, dass der Major nur noch den braven Kutscher hat! + +Just +Hat er ihn noch? + +Franziska +Ich denke, Er sagte, Martin waere weggeritten? So wird er doch wohl +wiederkommen? + +Just +Meint Sie? + +Franziska +Wo ist er denn hingeritten? + +Just +Es geht nun in die zehnte Woche, da ritt er mit des Herrn einzigem und +letztem Reitpferde--nach der Schwemme. + +Franziska +Und ist noch nicht wieder da? Oh, der Galgenstrick! + +Just +Die Schwemme kann den braven Kutscher auch wohl verschwemmt haben!--Es +war gar ein rechter Kutscher! Er hatte in Wien zehn Jahre gefahren. +So einen kriegt der Herr gar nicht wieder. Wenn die Pferde im vollen +Rennen waren, so durfte er nur machen: "Burr!" und auf einmal standen +sie wie die Mauern. Dabei war er ein ausgelernter Rossarzt! + +Franziska +Nun ist mir fuer das Avancement des Laeufers bange. + +Just +Nein, nein, damit hat's seine Richtigkeit. Er ist Trommelschlaeger bei +einem Garnisonregimente geworden. + +Franziska +Dacht ich's doch! + +Just +Fritz hing sich an ein liederliches Mensch, kam des Nachts niemals +nach Hause, machte auf des Herrn Namen ueberall Schulden und tausend +infame Streiche. Kurz, der Major sahe, dass er mit aller Gewalt hoeher +wollte: (das Haengen pantomimisch anzeigend) er brachte ihn also auf +guten Weg. + +Franziska +Oh, der Bube! + +Just +Aber ein perfekter Laeufer ist er, das ist gewiss. Wenn ihm der Herr +funfzig Schritte vorgab, so konnte er ihn mit seinem besten Renner +nicht einholen. Fritz hingegen kann dem Galgen tausend Schritte +vorgeben und, ich wette mein Leben, er holt ihn ein.--Es waren wohl +alles Ihre guten Freunde, Jungfer? Der Wilhelm und der Philipp, der +Martin und der Fritz?--Nun, Just empfiehlt sich! (Geht ab.) + + + +3. Szene + +(Franziska und hernach der Wirt.) + + +Franziska +(die ihm ernsthaft nachsieht). Ich verdiene den Biss!--Ich bedanke +mich, Just. Ich setzte die Ehrlichkeit zu tief herab. Ich will die +Lehre nicht vergessen.--Ah! der unglueckliche Mann! (Kehrt sich um +und will nach dem Zimmer des Fraeuleins gehen, indem der Wirt koemmt.) + +Wirt +Warte Sie doch, mein schoenes Kind. + +Franziska +Ich habe jetzt nicht Zeit, Herr Wirt-- + +Wirt +Nun ein kleines Augenblickchen!--Noch keine Nachricht weiter von dem +Herrn Major? Das konnte doch unmoeglich sein Abschied sein!-- + +Franziska +Was denn? + +Wirt +Hat es Ihr das gnaedige Fraeulein nicht erzaehlt?--Als ich Sie, mein +schoenes Kind, unten in der Kueche verliess, so kam ich von ungefaehr +wieder hier in den Saal-- + +Franziska +Von ungefaehr, in der Absicht, ein wenig zu horchen. + +Wirt +Ei, mein Kind, wie kann Sie das von mir denken? Einem Wirte laesst +nichts uebler als Neugierde.--Ich war nicht lange hier, so prellte auf +einmal die Tuere bei dem gnaedigen Fraeulein auf. Der Major stuerzte +heraus, das Fraeulein ihm nach, beide in einer Bewegung, mit Blicken, +in einer Stellung--so was laesst sich nur sehen. Sie ergriff ihn, er +riss sich los, sie ergriff ihn wieder. "Tellheim!"--Fraeulein, lassen +Sie mich!"--"Wohin?"--So zog er sie bis an die Treppe. Mir war schon +bange, er wuerde sie mit herabreissen. Aber er wand sich noch los. Das +Fraeulein blieb an der obersten Schwelle stehn, sah ihm nach, rief ihm +nach, rang die Haende. Auf einmal wandte sie sich um, lief nach dem +Fenster, von dem Fenster wieder zur Treppe, von der Treppe in dem +Saale hin und wider. Hier stand ich, hier ging sie dreimal bei mir +vorbei, ohne mich zu sehen. Endlich war es, als ob sie mich saehe, +aber, Gott sei bei uns! ich glaube, das Fraeulein sahe mich fuer Sie an, +mein Kind. "Franziska", rief sie, die Augen auf mich gerichtet, "bin +ich nun gluecklich?" Darauf sahe sie steif an die Decke und wiederum: +"Bin ich nun gluecklich?" Darauf wischte sie sich Traenen aus dem Auge +und laechelte und fragte mich wiederum: "Franziska, bin ich nun +gluecklich?"--Wahrhaftig, ich wusste nicht, wie mir war. Bis sie nach +ihrer Tuere lief, da kehrte sie sich nochmals nach mir um: "So komm +doch, Franziska; wer jammert dich nun?"--Und damit hinein. + +Franziska +Oh, Herr Wirt, das hat Ihnen getraeumt. + +Wirt +Getraeumt? Nein, mein schoenes Kind, so umstaendlich traeumt man nicht.-- +Ja, ich wollte wieviel drum geben--ich bin nicht neugierig--aber ich +wollte wieviel drum geben, wenn ich den Schluessel dazu haette. + +Franziska +Den Schluessel? zu unsrer Tuere? Herr Wirt, der steckt innerhalb; wir +haben ihn zur Nacht hereingezogen; wir sind furchtsam. + +Wirt +Nicht so einen Schluessel; ich will sagen, mein schoenes Kind, den +Schluessel, die Auslegung gleichsam, so den eigentlichen Zusammenhang +von dem, was ich gesehen.-- + +Franziska +Ja so!--Nun, adieu, Herr Wirt. Werden wir bald essen, Herr Wirt? + +Wirt +Mein schoenes Kind, nicht zu vergessen, was ich eigentlich sagen wollte. + + +Franziska +Nun? aber nur kurz-- + +Wirt +Das gnaedige Fraeulein hat noch meinen Ring; ich nenne ihn meinen-- + +Franziska +Er soll Ihnen unverloren sein. + +Wirt +Ich trage darum auch keine Sorge; ich will's nur erinnern, sieht Sie, +ich will ihn gar nicht einmal wiederhaben. Ich kann mir doch wohl an +den Fingern abzaehlen, woher sie den Ring kannte, und woher er dem +ihrigen so aehnlich sah. Er ist in ihren Haenden am besten aufgehoben. +Ich mag ihn gar nicht mehr und will indes die hundert Pistolen, die +ich darauf gegeben habe, auf des gnaedigen Fraeuleins Rechnung setzen. +Nicht so recht, mein schoenes Kind? + + + +4. Szene + +(Paul Werner. Der Wirt. Franziska.) + + +Werner +Da ist er ja! + +Franziska +Hundert Pistolen? Ich meinte, nur achtzig. + +Wirt +Es ist wahr, nur neunzig, nur neunzig. Das will ich tun, mein schoenes +Kind, das will ich tun. + +Franziska +Alles das wird sich finden, Herr Wirt. + +Werner +(der ihnen hinterwaerts naeher koemmt und auf einmal der Franziska auf +die Schulter klopft). Frauenzimmerchen! Frauenzimmerchen! + +Franziska +(erschrickt). He! + +Werner +Erschrecke Sie nicht!--Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, ich sehe, +Sie ist huebsch und ist wohl gar fremd--Und huebsche fremde Leute muessen +gewarnet werden--Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, nehm Sie sich vor +dem Manne in acht! (Auf den Wirt zeigend.) + +Wirt +Je, unvermutete Freude! Herr Paul Werner! Willkommen bei uns, +willkommen!--Ah, es ist doch immer noch der lustige, spasshafte, +ehrliche Werner!--Sie soll sich vor mir in acht nehmen, mein schoenes +Kind! Ha, ha, ha! + +Werner +Geh Sie ihm ueberall aus dem Wege! + +Wirt +Mir! mir!--Bin ich denn so gefaehrlich?--Ha, ha, ha! Hoer' Sie doch, +mein schoenes Kind! Wie gefaellt Ihr der Spass? + +Werner +Dass es doch immer Seinesgleichen fuer Spass erklaeren, wenn man ihnen die +Wahrheit sagt. + +Wirt +Die Wahrheit! ha, ha, ha!--Nicht wahr, mein schoenes Kind, immer +besser! Der Mann kann spassen! Ich gefaehrlich?--ich?--So vor zwanzig +Jahren war was dran. Ja, ja, mein schoenes Kind, da war ich gefaehrlich; + da wusste manche davon zu sagen; aber jetzt-- + +Werner +Oh, ueber den alten Narrn! + +Wirt +Da steckt's eben! Wenn wir alt werden, ist es mit unsrer +Gefaehrlichkeit aus. Es wird Ihm auch nicht besser gehen, Herr Werner! + + +Werner +Potz Geck und kein Ende!--Frauenzimmerchen, so viel Verstand wird Sie +mir wohl zutrauen, dass ich von der Gefaehrlichkeit nicht rede. Der +eine Teufel hat ihn verlassen, aber es sind dafuer sieben andre in ihn +gefahren-- + +Wirt +Oh, hoer Sie doch, hoer Sie doch! Wie er das nun wieder so +herumzubringen weiss!--Spass ueber Spass und immer was Neues! Oh, es ist +ein vortrefflicher Mann, der Herr Paul Werner!--(Zur Franziska, als +ins Ohr.) Ein wohlhabender Mann und noch ledig. Er hat drei Meilen +von hier ein schoenes Freischulzengerichte. Der hat Beute gemacht im +Kriege!--Und ist Wachtmeister bei unserm Herrn Major gewesen. Oh, das +ist ein Freund von unserm Herrn Major! das ist ein Freund! der sich +fuer ihn totschlagen liesse!-- + +Werner +Ja! und das ist ein Freund von meinem Major! das ist ein Freund!-- +den der Major sollte totschlagen lassen. + +Wirt +Wie? was?--Nein, Herr Werner, das ist nicht guter Spass.--Ich kein +Freund vom Herrn Major?--Nein, den Spass versteh ich nicht. + +Werner +Just hat mir schoene Dinge erzaehlt. + +Wirt +Just? Ich dacht's wohl, dass Just durch Sie spraeche. Just ist ein +boeser, garstiger Mensch. Aber hier ist ein schoenes Kind zur Stelle; +das kann reden; das mag sagen, ob ich kein Freund von dem Herrn Major +bin? Ob ich ihm keine Dienste erwiesen habe? Und warum sollte ich +nicht sein Freund sein? Ist er nicht ein verdienter Mann? Es ist +wahr, er hat das Unglueck gehabt, abgedankt zu werden: aber was tut +das? Der Koenig kann nicht alle verdiente Maenner kennen, und wenn er +sie auch alle kennte, so kann er sie nicht alle belohnen. + +Werner +Das heisst Ihn Gott sprechen!--Aber Just--freilich ist an Justen auch +nicht viel Besonders, doch ein Luegner ist Just nicht; und wenn das +wahr waere, was er mir gesagt hat-- + +Wirt +Ich will von Justen nichts hoeren! Wie gesagt: das schoene Kind hier +mag sprechen! (Zu ihr ins Ohr.) Sie weiss, mein Kind, den Ring!-- +Erzaehl' Sie es doch Herrn Wernern. Da wird er mich besser +kennenlernen. Und damit es nicht herauskoemmt, als ob Sie mir nur zu +Gefallen rede, so will ich nicht einmal dabei sein. Ich will nicht +dabei sein; ich will gehn; aber Sie sollen mir es wiedersagen, Herr +Werner, Sie sollen mir es wiedersagen, ob Just nicht ein garstiger +Verleumder ist. + + + +5. Szene + +(Paul Werner. Franziska) + + +Werner +Frauenzimmerchen, kennt Sie denn meinen Major? + +Franziska +Den Major von Tellheim? Jawohl kenn ich den braven Mann. + +Werner +Ist es nicht ein braver Mann? Ist Sie dem Manne wohl gut?-- + +Franziska +Vom Grund meines Herzens. + +Werner +Wahrhaftig? Sieht Sie, Frauenzimmerchen; nun koemmt Sie mir noch +einmal so schoen vor.--Aber was sind denn das fuer Dienste, die der Wirt +unserm Major will erwiesen haben? + +Franziska +Ich wuesste eben nicht; es waere denn, dass er sich das Gute zuschreiben +wollte, welches gluecklicherweise aus seinem schurkischen Betragen +entstanden. + +Werner +So waere es ja wahr, was mir Just gesagt hat?--(Gegen die Seite, wo der +Wirt abgegangen.) Dein Glueck, dass du gegangen bist!--Er hat ihm +wirklich die Zimmer ausgeraeumt?--So einem Manne so einen Streich zu +spielen, weil sich das Eselsgehirn einbildet, dass der Mann kein Geld +mehr habe! Der Major kein Geld? + +Franziska +So? Hat der Major Geld? + +Werner +Wie Heu! Er weiss nicht, wieviel er hat. Er weiss nicht, wer ihm alles +schuldig ist. Ich bin ihm selber schuldig und bringe ihm hier ein +altes Restchen. Sieht Sie, Frauenzimmerchen, hier in diesem +Beutelchen (das er aus der einen Tasche zieht) sind hundert Louisdor +und in diesem Roellchen (das er aus der andern zieht) hundert Dukaten. +Alles sein Geld! + +Franziska +Wahrhaftig? Aber warum versetzt denn der Major? Er hat ja einen Ring +versetzt-- + +Werner +Versetzt! Glaub Sie doch so was nicht. Vielleicht, dass er den Bettel +hat gern wollen los sein. + +Franziska +Es ist kein Bettel! Es ist ein sehr kostbarer Ring, den er wohl noch +dazu von lieben Haenden hat. + +Werner +Das wird's auch sein. Von lieben Haenden; ja, ja! So was erinnert +einen manchmal, woran man nicht gern erinnert sein will. Drum schafft +man's aus den Augen. + +Franziska +Wie? + +Werner +Dem Soldaten geht's in Winterquartieren wunderlich. Da hat er nichts +zu tun und pflegt sich und macht vor langer Weile Bekanntschaften, die +er nur auf den Winter meinet und die das gute Herz, mit dem er sie +macht, fuer zeitlebens annimmt. Husch ist ihm denn ein Ringelchen an +den Finger praktiziert; er weiss selbst nicht, wie es dran koemmt. Und +nicht selten gaeb' er gern den Finger mit drum, wenn er es nur wieder +loswerden koennte. + +Franziska +Ei! und sollte es dem Major auch so gegangen sein? + +Werner +Ganz gewiss. Besonders in Sachsen; wenn er zehn Finger an jeder Hand +gehabt haette, er haette sie alle zwanzig voller Ringe gekriegt. + +Franziska +(beiseite). Das klingt ja ganz besonders und verdient untersucht zu +werden.--Herr Freischulze oder Herr Wachmeister-- + +Werner +Frauenzimmerchen, wenn's Ihr nichts verschlaegt:--Herr Wachtmeister, +hoere ich am liebsten. + +Franziska +Nun, Herr Wachtmeister, hier habe ich ein Briefchen von dem Herrn +Major an meine Herrschaft. Ich will es nur geschwind hereintragen und +bin gleich wieder da. Will Er wohl so gut sein und so lange hier +warten? Ich moechte gar zu gern mehr mit Ihm plaudern. + +Werner +Plaudert Sie gern, Frauenzimmerchen? Nun meinetwegen: geh Sie nur; +ich plaudre auch gern; ich will warten. + +Franziska +Oh, warte Er doch ja! (Geht ab.) + + + +6. Szene + +(Paul Werner.) + + +Werner +Das ist kein unebenes Frauenzimmerchen!--Aber ich haette ihr doch nicht +versprechen sollen zu warten.--Denn das Wichtigste waere wohl, ich +suchte den Major auf.--Er will mein Geld nicht und versetzt lieber?-- +Daran kenn ich ihn.--Es faellt mir ein Schneller ein.--Als ich vor +vierzehn Tagen in der Stadt war, besuchte ich die Rittmeisterin +Marloff. Das arme Weib lag krank und jammerte, dass ihr Mann dem Major +vierhundert Taler schuldig geblieben waere, die sie nicht wuesste, wie +sie sie bezahlen sollte. Heute wollte ich sie wieder besuchen--ich +wollte ihr sagen, wenn ich das Geld fuer mein Guetchen ausgezahlt +kriegte, dass ich ihr fuenfhundert Taler leihen koennte.--Denn ich muss ja +wohl was davon in Sicherheit bringen, wenn's in Persien nicht geht.-- +Aber sie war ueber alle Berge. Und ganz gewiss wird sie dem Major nicht +haben bezahlen koennen.--Ja, so will ich's machen; und das je eher, je +lieber.--Das Frauenzimmerchen mag mir's nicht uebelnehmen; ich kann +nicht warten. (Geht in Gedanken ab und stoesst fast auf den Major, der +ihm entgegenkoemmt.) + + + +7. Szene + +(v. Tellheim. Paul Werner) + + +Tellheim +So in Gedanken, Werner? + +Werner +Da sind Sie ja! ich wollte eben gehen und Sie in Ihrem neuen +Quartiere besuchen, Herr Major. + +Tellheim +Um mir auf den Wirt des alten die Ohren vollzufluchen. Gedenke mir +nicht daran. + +Werner +Das haette ich beiher getan; ja. Aber eigentlich wollte ich mich nur +bei Ihnen bedanken, dass Sie so gut gewesen und mir die hundert +Louisdor aufgehoben. Just hat mir sie wiedergegeben. Es waere mir +wohl freilich lieb, wenn Sie mir sie noch laenger aufheben koennten. +Aber Sie sind in ein neu Quartier gezogen, das weder Sie noch ich +kennen. Wer weiss, wie's da ist. Sie koennten Ihnen da gestohlen +werden, und Sie muessten mir sie ersetzen; da huelfe nichts davor. Also +kann ich's Ihnen freilich nicht zumuten. + +Tellheim +(laechelnd). Seit wenn bist du so vorsichtig, Werner? + +Werner +Es lernt sich wohl. Man kann heutezutage mit seinem Gelde nicht +vorsichtig genug sein.--Darnach hatte ich noch was an Sie zu bestellen, + Herr Major; von der Rittmeisterin Marloff; ich kam eben von ihr her. +Ihr Mann ist Ihnen ja vierhundert Taler schuldig geblieben; hier +schickt sie Ihnen auf Abschlag hundert Dukaten. Das uebrige will sie +kuenftige Woche schicken. Ich mochte wohl selber Ursache sein, dass sie +die Summe nicht ganz schickt. Denn sie war mir auch ein Taler achtzig +schuldig; und weil sie dachte, ich waere gekommen, sie zu mahnen--wie's +denn auch wohl wahr war--, so gab sie mir sie und gab sie mir aus dem +Roellchen, das sie fuer Sie schon zurechtgelegt hatte.--Sie koennen auch +schon eher Ihre hundert Taler ein acht Tage noch missen als ich meine +paar Groschen.--Da nehmen Sie doch! (Reicht ihm die Rolle Dukaten.) + +Tellheim +Werner! + +Werner +Nun? Warum sehen Sie mich so starr an?--So nehmen Sie doch, Herr +Major!-- + +Tellheim +Werner! + +Werner +Was fehlt Ihnen? Was aergert Sie? + +Tellheim +(bitter, indem er sich vor die Stirne schlaegt und mit dem Fusse +auftritt). Dass es--die vierhundert Taler nicht ganz sind! + +Werner +Nun, nun, Herr Major! Haben Sie mich denn nicht verstanden? + +Tellheim +Eben weil ich dich verstanden habe!--Dass mich doch die besten Menschen +heut am meisten quaelen muessen! + +Werner +Was sagen Sie? + +Tellheim +Es geht dich nur zur Haelfte an!--Geh, Werner! (Indem er die Hand, mit +der ihm Werner die Dukaten reichet, zurueckstoesst.) + +Werner +Sobald ich das los bin! + +Tellheim +Werner, wenn du nun von mir hoerst, dass die Marloffin heute ganz frueh +selbst bei mir gewesen ist? + +Werner +So? + +Tellheim +Dass sie mir nichts mehr schuldig ist? + +Werner +Wahrhaftig? + +Tellheim +Dass sie mich bei Heller und Pfennig bezahlt hat: was wirst du denn +sagen? + +Werner +(der sich einen Augenblick besinnt). Ich werde sagen, dass ich gelogen +habe, und dass es eine hundsfoett'sche Sache ums Luegen ist, weil man +drueber ertappt werden kann. + +Tellheim +Und wirst dich schaemen? Aber er, der mich so zu luegen zwingt, was +sollte der? Sollte der sich nicht auch schaemen? Sehen Sie, Herr +Major, wenn ich sagte, dass mich Ihr Verfahren nicht verdroesse, so +haette ich wieder gelogen, und ich will nicht mehr luegen.-- + +Tellheim +Sei nicht verdriesslich, Werner! Ich erkenne dein Herz und deine Liebe +zu mir. Aber ich brauche dein Geld nicht. + +Werner +Sie brauchen es nicht? Und verkaufen lieber und versetzen lieber und +bringen sich lieber in der Leute Maeuler? + +Tellheim +Die Leute moegen es immer wissen, dass ich nichts mehr habe. Man muss +nicht reicher scheinen wollen, als man ist. + +Werner +Aber warum aermer?--Wir haben, solange unser Freund hat. + +Tellheim +Es ziemt sich nicht, dass ich dein Schuldner bin. + +Werner +Ziemt sich nicht?--Wenn an einem heissen Tage, den uns die Sonne und +der Feind heiss machte, sich Ihr Reitknecht mit den Kantinen verloren +hatte, und Sie zu mir kamen und sagten: "Werner, hast du nichts zu +trinken?" und ich Ihnen meine Feldflasche reichte, nicht wahr, Sie +nahmen und tranken?--Ziemte sich das?--Bei meiner armen Seele, wenn +ein Trunk faules Wasser damals nicht oft mehr wert war als alle der +Quark! (Indem er auch den Beutel mit den Louisdoren herauszieht und +ihm beides hinreicht.) Nehmen Sie, lieber Major! Bilden Sie sich ein, +es ist Wasser. Auch das hat Gott fuer alle geschaffen. + +Tellheim +Du marterst mich; du hoerst es ja, ich will dein Schuldner nicht sein. + +Werner +Erst ziemte es sich nicht; nun wollen Sie nicht? Ja, das ist was +anders. (Etwas aergerlich.) Sie wollen mein Schuldner nicht sein? +Wenn Sie es denn aber schon waeren, Herr Major? Oder sind Sie dem +Manne nichts schuldig, der einmal den Hieb auffing, der Ihnen den Kopf +spalten sollte, und ein andermal den Arm vom Rumpfe hieb, der eben +losdruecken und Ihnen die Kugel durch die Brust jagen wollte?--Was +koennen Sie diesem Manne mehr schuldig werden? Oder hat es mit meinem +Halse weniger zu sagen als mit meinem Beutel?--Wenn das vornehm +gedacht ist, bei meiner armen Seele, so ist es auch sehr abgeschmackt +gedacht! + +Tellheim +Mit wem sprichst du so, Werner? Wir sind allein; jetzt darf ich es +sagen; wenn uns ein Dritter hoerte, so waere es Windbeutelei. Ich +bekenne es mit Vergnuegen, dass ich dir zweimal mein Leben zu danken +habe. Aber, Freund, woran fehlte mir es, dass ich bei Gelegenheit +nicht ebensoviel fuer dich wuerde getan haben? He! + +Werner +Nur an der Gelegenheit! Wer hat daran gezweifelt, Herr Major? Habe +ich Sie nicht hundertmal fuer den gemeinsten Soldaten, wenn er ins +Gedraenge gekommen war, Ihr Leben wagen sehen? + +Tellheim +Also! + +Werner +Aber-- + +Tellheim +Warum verstehst du mich nicht recht? Ich sage: es ziemt sich nicht, +dass ich dein Schuldner bin; ich will dein Schuldner nicht sein. +Naemlich in den Umstaenden nicht, in welchen ich mich jetzt befinde. + +Werner +So, so! Sie wollen es versparen bis auf bessre Zeiten; Sie wollen ein +andermal Geld von mir borgen, wenn Sie keines brauchen, wenn Sie +selbst welches haben und ich vielleicht keines. + +Tellheim +Man muss nicht borgen, wenn man nicht widerzugeben weiss. + +Werner +Einem Manne wie Sie kann es nicht immer fehlen. + +Tellheim +Du kennst die Welt!--Am wenigsten muss man sodann von einem borgen, der +sein Geld selbst braucht. + +Werner +O ja, so einer bin ich! Wozu braucht' ich's denn?--Wo man einen +Wachtmeister noetig hat, gibt man ihm auch zu leben. + +Tellheim +Du brauchst es, mehr als Wachtmeister zu werden, dich auf einer Bahn +weiterzubringen, auf der ohne Geld auch der Wuerdigste zurueckbleiben +kann. + +Werner +Mehr als Wachtmeister zu werden? Daran denke ich nicht. Ich bin ein +guter Wachtmeister und duerfte leicht ein schlechter Rittmeister und +sicherlich noch ein schlechtrer General werden. Die Erfahrung hat man. + + +Tellheim +Mache nicht, dass ich etwas Unrechtes von dir denken muss, Werner! Ich +habe es nicht gern gehoert, was mir Just gesagt hat. Du hast dein Gut +verkauft und willst wieder herumschwaermen. Lass mich nicht von dir +glauben, dass du nicht sowohl das Metier als die wilde, liederliche +Lebensart liebest, die ungluecklicherweise damit verbunden ist. Man +muss Soldat sein fuer sein Land oder aus Liebe zu der Sache, fuer die +gefochten wird. Ohne Absicht heute hier, morgen da dienen, heisst wie +ein Fleischerknecht reisen, weiter nichts. + +Werner +Nun ja doch, Herr Major, ich will Ihnen folgen. Sie wissen besser, +was sich gehoert. Ich will bei Ihnen bleiben.--Aber, lieber Major, +nehmen Sie doch auch derweile mein Geld. Heut oder morgen muss Ihre +Sache aus sein. Sie muessen Geld die Menge bekommen. Sie sollen mir +es sodann mit Interessen wiedergeben. Ich tu es ja nur der Interessen +wegen. + +Tellheim +Schweig davon! + +Werner +Bei meiner armen Seele, ich tu es nur der Interessen wegen!--Wenn ich +manchmal dachte: Wie wird es mit dir aufs Alter werden? wenn du +zuschanden gehauen bist? wenn du nichts haben wirst? wenn du wirst +betteln gehen muessen? so dachte ich wieder: Nein, du wirst nicht +betteln gehn; du wirst zum Major Tellheim gehn; der wird seinen +letzten Pfennig mit dir teilen; der wird dich zu Tode fuettern; bei dem +wirst du als ein ehrlicher Kerl sterben koennen. + +Tellheim +(indem er Werners Hand ergreift). Und, Kamerad, das denkst du nicht +noch? + +Werner +Nein, das denk ich nicht mehr.--Wer von mir nichts nehmen will, wenn +er's bedarf, und ich's habe, der will mir auch nichts geben, wenn er's +hat, und ich's bedarf.--Schon gut! (Will gehen.) + +Tellheim +Mensch, mache mich nicht rasend! Wo willst du hin? (Haelt ihn zurueck.) +Wenn ich dich nun auf meine Ehre versichere, dass ich noch Geld habe; +wenn ich dir auf meine Ehre verspreche, dass ich dir es sagen will, +wenn ich keines mehr habe; dass du der erste und einzige sein sollst, +bei dem ich mir etwas borgen will:--bist du dann zufrieden? + +Werner +Muss ich nicht?--Geben Sie mir die Hand darauf, Herr Major. + +Tellheim +Da, Paul!--Und nun genug davon. Ich kam hieher, um ein gewisses +Maedchen zu sprechen-- + + + +8. Szene + +(Franziska, aus dem Zimmer des Fraeuleins. v. Tellheim. Paul Werner.) + + +Franziska +(im Hereintreten). Sind Sie noch da, Herr Wachtmeister?--(Indem sie +den Tellheim gewahr wird.) Und Sie sind auch da, Herr Major?--Den +Augenblick bin ich zu Ihren Diensten. (Geht geschwind wieder in das +Zimmer.) + + + +9. Szene + +(v. Tellheim. Paul Werner.) + + +Tellheim +Das war sie!--Aber ich hoere ja, du kennst sie, Werner? + +Werner +Ja, ich kenne das Frauenzimmerchen.-- + +Tellheim +Gleichwohl, wenn ich mich recht erinnere, als ich in Thueringen +Winterquartier hatte, warst du nicht bei mir? + +Werner +Nein, da besorgte ich in Leipzig Mundierungsstuecke. + +Tellheim +Woher kennst du sie denn also? + +Werner +Unsere Bekanntschaft ist noch blutjung. Sie ist von heute. Aber +junge Bekanntschaft ist warm. + +Tellheim +Also hast du ihr Fraeulein wohl auch schon gesehen? + +Werner +Ist ihre Herrschaft ein Fraeulein? Sie hat mir gesagt, Sie kennten +ihre Herrschaft. + +Tellheim +Hoerst du nicht? aus Thueringen her. + +Werner +Ist das Fraeulein jung? + +Tellheim +Ja. + +Werner +Schoen? + +Tellheim +Sehr schoen. + +Werner +Reich? + +Tellheim +Sehr reich. + +Werner +Ist Ihnen das Fraeulein auch so gut wie das Maedchen? Das waere ja +vortrefflich! + +Tellheim +Wie meinst du? + + + +10. Szene + +(Franziska wieder heraus, mit einem Brief in der Hand. v Tellheim. +Paul Werner.) + + +Franziska +Herr Major-- + +Tellheim +Liebe Franziska, ich habe dich noch nicht willkommen heissen koennen. + +Franziska +In Gedanken werden Sie es doch schon getan haben. Ich weiss, Sie sind +mir gut. Ich Ihnen auch. Aber das ist gar nicht artig, dass Sie Leute, + die Ihnen gut sind, so aengstigen. + +Werner +(vor sich). Ha, nun merk ich. Es ist richtig! + +Tellheim +Mein Schicksal, Franziska!--Hast du ihr den Brief uebergeben? + +Franziska +Ja, und hier uebergebe ich Ihnen--(Reicht ihm den Brief.) + +Tellheim +Eine Antwort?-- + +Franziska +Nein, Ihren eignen Brief wieder. + +Tellheim +Was? Sie will ihn nicht lesen? + +Franziska +Sie wollte wohl, aber--wir koennen Geschriebenes nicht gut lesen. + +Tellheim +Schaekerin! + +Franziska +Und wir denken, dass das Briefschreiben fuer die nicht erfunden ist, die +sich muendlich miteinander unterhalten koennen, sobald sie wollen. + +Tellheim +Welcher Vorwand! Sie muss ihn lesen. Er enthaelt meine Rechtfertigung-- +alle die Gruende und Ursachen-- + +Franziska +Die will das Fraeulein von Ihnen selbst hoeren, nicht lesen. + +Tellheim +Von mir selbst hoeren? Damit mich jedes Wort, jede Miene von ihr +verwirre; damit ich in jedem ihrer Blicke die ganze Groesse meines +Verlusts empfinde?-- + +Franziska +Ohne Barmherzigkeit!--Nehmen Sie! (Sie gibt ihm den Brief.) Sie +erwartet Sie um drei Uhr. Sie will ausfahren und die Stadt besehen. +Sie sollen mit ihr fahren? + +Tellheim +Mit ihr fahren? + +Franziska +Und was geben Sie mir, so lass ich Sie beide ganz allein fahren? Ich +will zu Hause bleiben. + +Tellheim +Ganz allein? + +Franziska +In einem schoenen verschlossnen Wagen. + +Tellheim +Unmoeglich! + +Franziska +Ja, ja; im Wagen muss der Herr Major Katz aushalten; da kann er uns +nicht entwischen. Darum geschieht es eben.--Kurz, Sie kommen, Herr +Major; und Punkte drei.--Nun? Sie wollten mich ja auch allein +sprechen. Was haben Sie mir denn zu sagen?--Ja so, wir sind nicht +allein. (Indem sie Wernern ansieht.) + +Tellheim +Doch, Franziska, wir waeren allein. Aber da das Fraeulein den Brief +nicht gelesen hat, so habe ich dir noch nichts zu sagen. + +Franziska +So? waeren wir doch allein? Sie haben vor dem Herrn Wachtmeister +keine Geheimnisse? + +Tellheim +Nein, keine. + +Franziska +Gleichwohl, duenkt mich, sollten Sie welche vor ihm haben. + +Tellheim +Wie das? + +Werner +Warum das, Frauenzimmerchen? + +Franziska +Besonders Geheimnisse von einer gewissen Art.--Alle zwanzig, Herr +Wachtmeister? (Indem sie beide Haende mit gespreizten Fingern in die +Hoehe haelt.) + +Werner +St! st! Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen! + +Tellheim +Was heisst das? + +Franziska +Husch ist's am Finger, Herr Wachtmeister? (Als ob sie einen Ring +geschwind ansteckte.) + +Tellheim +Was habt ihr? + +Werner +Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, Sie wird ja wohl Spass verstehn? + +Tellheim +Werner, du hast doch nicht vergessen, was ich dir mehrmal gesagt habe, +dass man ueber einen gewissen Punkt mit dem Frauenzimmer nie scherzen +muss? + +Werner +Bei meiner armen Seele, ich kann's vergessen haben!--Frauenzimmerchen, +ich bitte-- + +Franziska +Nun, wenn es Spass gewesen ist; dasmal will ich es Ihm verzeihen. + +Tellheim +Wenn ich denn durchaus kommen muss, Franziska: so mache doch nur, dass +das Fraeulein den Brief vorher noch lieset. Das wird mir die Peinigung +ersparen, Dinge noch einmal zu denken, noch einmal zu sagen, die ich +so gern vergessen moechte. Da, gib ihr ihn! (Indem er den Brief +umkehrt und ihr ihn zureichen will, wird er gewahr, dass er erbrochen +ist.) Aber sehe ich recht? Der Brief, Franziska, ist ja erbrochen. + +Franziska +Das kann wohl sein. (Besieht ihn.) Wahrhaftig, er ist erbrochen. Wer +muss ihn denn erbrochen haben? Doch gelesen haben wir ihn wirklich +nicht, Herr Major, wirklich nicht. Wir wollen ihn auch nicht lesen, +denn der Schreiber koemmt selbst. Kommen Sie ja; und wissen Sie was, +Herr Major? Kommen Sie nicht so, wie Sie da sind, in Stiefeln, kaum +frisiert. Sie sind zu entschuldigen, Sie haben uns nicht vermutet. +Kommen Sie in Schuhen, und lassen Sie sich frisieren.--So sehen Sie +mir gar zu brav, gar zu preussisch aus! + +Tellheim +Ich danke dir, Franziska. + +Franziska +Sie sehen aus, als ob Sie vorige Nacht kampiert haetten. + +Tellheim +Du kannst es erraten haben. + +Franziska +Wir wollen uns gleich auch putzen und sodann essen. Wir behielten Sie +gern zum Essen, aber Ihre Gegenwart moechte uns an dem Essen hindern; +und sehen Sie, so gar verliebt sind wir nicht, dass uns nicht hungerte. + + +Tellheim +Ich geh! Franziska, bereite sie indes ein wenig vor, damit ich weder +in ihren noch in meinen Augen veraechtlich werden darf.--Komm, Werner, +du sollst mit mir essen. + +Werner +An der Wirtstafel hier im Hause? Da wird mir kein Bissen schmecken. + +Tellheim +Bei mir auf der Stube. + +Werner +So folge ich Ihnen gleich. Nur noch ein Wort mit dem Frauenzimmerchen. + + +Tellheim +Das gefaellt mir nicht uebel! (Geht ab.) + + + +11. Szene + +(Paul Werner. Franziska.) + + +Franziska +Nun, Herr Wachtmeister?-- + +Werner +Frauenzimmerchen, wenn ich wiederkomme, soll ich auch geputzter +kommen? + +Franziska +Komm Er, wie Er will, Herr Wachtmeister; meine Augen werden nichts +wider Ihn haben. Aber meine Ohren werden desto mehr auf ihrer Hut +gegen Ihn sein muessen.--Zwanzig Finger, alle voller Ringe! Ei, ei, +Herr Wachtmeister! + +Werner +Nein, Frauenzimmerchen; eben das wollt' ich Ihr noch sagen: die +Schnurre fuhr mir mir so heraus! Es ist nichts dran. Man hat ja wohl +an einem Ringe genug. Und hundert--und aberhundertmal habe ich den +Major sagen hoeren: "Das muss ein Schurke von einem Soldaten sein, der +ein Maedchen anfuehren kann!"--So denk ich auch, Frauenzimmerchen. +Verlass Sie sich darauf!--Ich muss machen, dass ich ihm nachkomme.--Guten +Appetit, Frauenzimmerchen! (Geht ab.) + +Franziska +Gleichfalls, Herr Wachtmeister!--Ich glaube, der Mann gefaellt mir! +(Indem sie hineingehen will, koemmt ihr das Fraeulein entgegen.) + + + +12. Szene + +(Das Fraeulein. Franziska.) + + +Fraeulein +Ist der Major schon wieder fort?--Franziska, ich glaube, ich waere +jetzt schon wieder ruhig genug, dass ich ihn haette hierbehalten koennen. + + +Franziska +Und ich will Sie noch ruhiger machen. + +Fraeulein +Desto besser! Sein Brief, oh, sein Brief! Jede Zeile sprach den +ehrlichen, edlen Mann. Jede Weigerung, mich zu besitzen, beteuerte +mir seine Liebe.--Er wird es wohl gemerkt haben, dass wir den Brief +gelesen.--Mag er doch, wenn er nur koemmt. Er koemmt doch gewiss?--Bloss +ein wenig zu viel Stolz, Franziska, scheint mir in seiner Auffuehrung +zu sein. Denn auch seiner Geliebten sein Glueck nicht wollen zu danken +haben, ist Stolz, unverzeihlicher Stolz! Wenn er mir diesen zu stark +merken laesst, Franziska-- + +Franziska +So wollen Sie seiner entsagen? + +Fraeulein +Ei, sieh doch! Jammert er dich nicht schon wieder? Nein, liebe +Naerrin, eines Fehlers wegen entsagt man keinem Manne. Nein, aber ein +Streich ist mir beigefallen, ihn wegen dieses Stolzes mit aehnlichem +Stolze ein wenig zu martern. + +Franziska +Nun, da muessen Sie ja recht sehr ruhig sein, mein Fraeulein, wenn Ihnen +schon wieder Streiche beifallen. + +Fraeulein +Ich bin es auch; komm nur. Du wirst deine Rolle dabei zu spielen +haben. (Sie gehen herein.) + + + + +4. Akt + + + +1. Szene + +(Die Szene: Das Zimmer des Fraeuleins.) (Das Fraeulein voellig und reich, +aber mit Geschmack gekleidet. Franziska. Sie stehen vom Tische auf, +den ein Bedienter abraeumt.) + + +Franziska +Sie koennen unmoeglich satt sein, gnaediges Fraeulein. + +Fraeulein +Meinst du, Franziska? Vielleicht, dass ich mich nicht hungrig +niedersetzte. + +Franziska +Wir hatten ausgemacht, seiner waehrend der Mahlzeit nicht zu erwaehnen. +Aber wir haetten uns auch vornehmen sollen, an ihn nicht zu denken. + +Fraeulein +Wirklich, ich habe an nichts als an ihn gedacht. + +Franziska +Das merkte ich wohl. Ich fing von hundert Dingen an zu sprechen, und +Sie antworteten mir auf jedes verkehrt. (Ein andrer Bedienter traegt +Kaffee auf.) Hier koemmt eine Nahrung, bei der man eher Grillen machen +kann. Der liebe melancholische Kaffee! + +Fraeulein +Grillen? Ich mache keine. Ich denke bloss der Lektion nach, die ich +ihm geben will. Hast du mich recht begriffen, Franziska? + +Franziska +O ja; am besten aber waere es, er ersparte sie uns. + +Frauelein +Du wirst sehen, dass ich ihn von Grund aus kenne. Der Mann, der mich +jetzt mit allen Reichtuemern verweigert, wird mich der ganzen Welt +streitig machen, sobald er hoert, dass ich ungluecklich und verlassen bin. + + +Franziska +(sehr ernsthaft). Und so was muss die feinste Eigenliebe unendlich +kitzeln. + +Fraeulein +Sittenrichterin! Seht doch! Vorhin ertappte sie mich auf Eitelkeit, +jetzt auf Eigenliebe.--Nun, lass mich nur, liebe Franziska. Du sollst +mit deinem Wachtmeister auch machen koennen, was du willst. + +Franziska +Mit meinem Wachtmeister? + +Fraeulein +Ja, wenn du es vollends leugnest, so ist es richtig.--Ich habe ihn +noch nicht gesehen, aber aus jedem Worte, das du mir von ihm gesagt +hast, prophezeie ich dir deinen Mann. + + + +2. Szene + +(Riccaut de la Marliniere. Das Fraeulein. Franziska.) Riccaut (noch +innerhalb der Szene). Est-il permis, Monsieur le Major? + + +Franziska +Was ist das? Will das zu uns? (Gegen die Tuere gehend.) + +Riccaut +Parbleu! Ik bin unriktig.--Mais non--Ik bin nit unriktig--C'est sa +chambre-- + +Franziska +Ganz gewiss, gnaediges Fraeulein, glaubt dieser Herr, den Major von +Tellheim noch hier zu finden. + +Riccaut +Iss so!--Le Major de Tellheim; juste, ma belle enfant, c'est lui que je +cherche. Ou est-il? + +Franziska +Er wohnt nicht mehr hier. + +Riccaut +Comment? nok vor vier un swansik Stund hier logier? Und logier nit +mehr hier? Wo logier er denn? + +Fraeulein +(die auf ihn zukoemmt). Mein Herr-Riccaut. Ah, Madame--Mademoiselle-- +Ihro Gnad verzeih-- + +Fraeulein +Mein Herr, Ihre Irrung ist sehr zu vergeben und Ihre Verwunderung sehr +natuerlich. Der Herr Major hat die Guete gehabt, mir als einer Fremden, +die nicht unterzukommen wusste, sein Zimmer zu ueberlassen. + +Raccaut +Ah, voila de ses politesses! C'est un tres galant-homme que ce Major! + + +Fraeulein +Wo er indes hingezogen--wahrhaftig, ich muss mich schaemen, es nicht zu +wissen. + +Riccaut +Ihro Gnad nit wiss? C'est dommage; j'en suis fache. + +Fraeulein +Ich haette mich allerdings darnach erkundigen sollen. Freilich werden +ihn seine Freunde noch hier suchen. + +Riccaut +Ik bin sehr von seine Freund, Ihro Gnad-- + +Fraeulein +Franziska, wisst du es nicht? + +Franziska +Nein, gnaediges Fraeulein. + +Riccaut +Ik haett ihn zu sprek sehr notwendik. Ik komm ihm bringen eine +Nouvelle, davon er sehr froelik sein wird. + +Fraeulein +Ich bedauere um so viel mehr.--Doch hoffe ich, vielleicht bald ihn zu +sprechen. Ist es gleichviel, aus wessen Munde er diese gute Nachricht +erfaehrt, so erbiete ich mich, mein Herr-- + +Riccaut +Ik versteh.--Mademoiselle parle francais? Mais sans doute; telle que +je la vois!--La demande etait bien impolie; vous me pardonnerez, +Mademoiselle.-- + +Fraeulein +Mein Herr-- + +Riccaut +Nit? Sie sprek nit Franzoesisch, Ihro Gnad? + +Fraeulein +Mein Herr, in Frankreich wuerde ich es zu sprechen suchen. Aber warum +hier? Ich hoere ja, dass Sie mich verstehen, mein Herr. Und ich, mein +Herr, werde Sie gewiss auch verstehen; sprechen Sie, wie es Ihnen +beliebt. + +Riccaut +Gutt, gutt! Ik kann auk mik auf Deutsch explizier.--Sachez donc, +Mademoiselle--Ihro Gnad soll also wiss, dass ik komm von die Tafel bei +der Minister--Minister von--Minister von--wie heiss der Minister da +drauss?--in der lange Strass?--auf die breite Platz?-- + +Fraeulein +Ich bin hier noch voellig unbekannt. + +Riccaut +Nun, die Minister von der Kriegsdepartement.--Da haben ik zu Mittag +gespeisen--ik speisen a l'ordinaire bei ihm--und da iss man gekommen +reden auf der Major Tellheim; et le ministre m'a dit en confidence, +car Son Excellence est de mes amis, et il n'y a point de mysteres +entre nous--Se. Exzellenz, will ik sag, haben mir vertrau, dass die +Sak von unserm Major sei auf den Point zu enden und gutt zu enden. Er +habe gemakt ein Rapport an den Koenik, und der Koenik habe darauf +resolvier, tout-a-fait en faveur du Major.--Monsieur, m'a dit Son +Excellence, vous comprenez bien, que tout depend de la maniere, dont +on fait envisager les choses au roi, et vous me connaissez. Cela fait +un tres joli garcon que ce Tellheim, et ne sais-je pas que vous +l'aimez? Les amis de mes amis sont aussi les miens. Il coute un peu +cher au roi ce Tellheim, mais est-ce que l'on sert les rois pour rien? + Il faut s'entr'aider en ce monde; et quand il s'agit de pertes, que +ce soit le roi, qui en fasse, et non pas un honnete-homme de nous +autres. Voila le principe, dont je ne me depars jamais.--Was sag Ihro +Gnad hierzu? Nit wahr, das iss ein brav Mann? Ah que Son Excellence a +le coer bien place! Er hat mir au reste versiker, wenn der Major nit +schon bekommen habe une Lettre de la main--eine Koenikliken Handbrief, +dass er heut infailliblement muesse bekommen einen. + +Fraeulein +Gewiss, mein Herr, diese Nachricht wird dem Major von Tellheim hoechst +angenehm sein. Ich wuenschte nur, ihm den Freund zugleich mit Namen +nennen zu koennen, der so viel Anteil an seinem Gluecke nimmt-- + +Riccaut +Mein Namen wuenscht Ihro Gnad?--Vous voyez en moi--Ihro Gnad seh in mik +le Chevalier Riccaut de la Marliniere, Seigneur de Pret-au-val, de la +branche de Prensd'or.--Ihro Gnad? steh verwundert, mik aus so ein +gross, gross Familie zu hoeren, qui est veritablement du sang Royal.--Il +faut le dire; je suis sans doute le cadet le plus avantureux, que la +maison a jamais eu.--Ik dien von meiner elfte Jahr. Ein Affaire +d'honneur makte mik fliehen. Darauf haben ik gedienet Sr. Papstliken +Eilikheit, der Republik St. Marino, der Kron Polen und den Staaten- +General, bis ik endlik bin worden gezogen hierher. Ah, Mademoiselle, +que je voudrais n'avoir jamais vu ce pays-la! Haette man mik gelass im +Dienst von den Staaten-General, so muesst ik nun sein aufs wenikst +Oberst. Aber so hier immer und ewik Capitaine geblieben, und nun gar +sein ein abgedankte Capitaine-- + +Fraeulein +Das ist viel Unglueck. + +Riccaut +Qui, Mademoiselle, me voila reforme, et par-la mis sur le pave! + +Fraeulein +Ich beklage sehr. + +Riccaut +Vous etes bien bonne, Mademoiselle.--Nein, man kenn sik hier nit auf +den Verdienst. Einen Mann wie mik su reformir! Einen Mann, der sik +nok dasu in diesem Dienst hat rouinir!--Ik haben dabei sugesetzt mehr +als swansik tausend Livres. Was hab ik nun? Tranchons le mot; je +n'ai pas le sou, et me voila exactement vis-a-vis du rien.-- + +Fraeulein +Es tut mir ungemein leid. + +Riccaut +Vous etes bien bonne, Mademoiselle. Aber wie man pfleg su sagen: ein +jeder Unglueck schlepp nak sik seine Bruder; qu'un malheur ne vient +jamais seul: so mit mir arrivir. Was ein Honnete-homme von mein +Extraction kann anders haben fuer Ressource als das Spiel? Nun hab ik +immer gespielen mit Glueck, solang ik hatte nit vonnoeten der Glueck. +Nun ik ihr haette vonnoeten, Mademoiselle, je joue avec un guignon, qui +surpasse toute croyance. Seit funfsehn Tag iss vergangen keine, wo sie +mik nit hab gesprenkt. Nok gestern hab sie mik gesprenkt dreimal. Je +sais bien, qu'il y avait quelque chose de plus que le jeu. Car parmi +mes pontes se trouvaient certaines dames--Ik will niks weiter sag. +Man muss sein galant gegen die Damen. Sie haben auk mik heut invitir, +mir su geben revanche; mais--vous m'entendez, Mademoiselle.--Man muss +erst wiss, wovon leben, ehe man haben kann, wovon su spielen-- + +Fraeulein +Ich will nicht hoffen, mein Herr-- + +Riccaut +Vous etes bien bonne, Mademoiselle-- + +Fraeulein +(nimmt die Franziska beiseite). Franziska, der Mann dauert mich im +Ernste. Ob er mir es wohl uebelnehmen wuerde, wenn ich ihm etwas +anboete? + +Franziska +Der sieht mir nicht darnach aus. + +Fraeulein +Gut!--Mein Herr, ich hoere--dass Sie spielen, dass Sie Bank machen; ohne +Zweifel an Orten, wo etwas zu gewinnen ist. Ich muss Ihnen bekennen, +dass ich--gleichfalls das Spiel sehr liebe-- + +Riccaut +Tant mieux, Mademoiselle, tant mieux! Tous les gens d'esprit aiment +le jeu a la fureur. + +Fraeulein +Dass ich sehr gern gewinne; sehr gern mein Geld mit einem Mann wage, +der--zu spielen weiss.--Waeren Sie wohl geneigt, mein Herr, mich in +Gesellschaft zu nehmen? mir einen Anteil an Ihrer Bank zu goennen? + +Riccaut +Comment, Mademoiselle, vous voulez etre de moitie avec moi? De tout +mon coeur. + +Fraeulein +Vors erste nur mit einer Kleinigkeit--(Geht und langt Geld aus ihrer +Schatulle.) + +Riccaut +Ah, Mademoiselle, que vous etes charmante!-- + +Fraeulein +Hier habe ich, was ich ohnlaengst gewonnen, nur zehn Pistolen--ich muss +mich zwar schaemen, so wenig-- + +Riccaut +Donnez toujours, Mademoiselle, donnez. (Nimmt es.) + +Fraeulein +Ohne Zweifel, dass Ihre Bank, mein Herr, sehr ansehnlich ist-- + +Riccaut +Jawohl, sehr ansehnlik. Sehn Pistol? Ihr Gnad soll sein dafuer +interessir bei meiner Bank auf ein Dreiteil, pour le tiers. Swar auf +ein Dreiteil sollen sein--etwas mehr. Dok mit einer schoene Damen muss +man es nehmen nit so genau. Ik gratulir mik, su kommen dadurk in +liaison mit Ihro Gnad, et de ce moment je recommence a bien augurer de +ma fortune. + +Fraeulein +Ich kann aber nicht dabei sein, wenn Sie spielen, mein Herr. + +Riccaut +Was brauk Ihro Gnad dabei su sein? Wir andern Spieler sind ehrlike +Leut untereinander. + +Fraeulein +Wenn wir gluecklich sind, mein Herr, so werden Sie mir meinen Anteil +schon bringen. Sind wir aber ungluecklich-- + +Riccaut +So komm ik holen Rekruten. Nit wahr, Ihro Gnad? + +Fraeulein +Auf die Laenge duerften die Rekruten fehlen. Verteidigen Sie unser Geld +daher ja wohl, mein Herr. + +Riccaut +Wofuer seh mik Ihro Gnad an? Fuer ein Einfalspinse? fuer ein dumme +Teuf? + +Fraeulein +Verzeihen Sie mir-- + +Riccaut +Je suis des bons, Mademoiselle. Savez-vous ce que cela veut dire? Ik +bin von die Ausgelernt-- + +Fraeulein +Aber doch wohl, mein Herr-- + +Riccaut +Je sais monter un coup-- + +Fraeulein +(verwundernd). Sollten Sie? + +Riccaut +Je file la carte avec une adresse-- + +Fraeulein +Nimmermehr! + +Riccaut +Je fais sauter la coupe avec une dexterite-- + +Fraeulein +Sie werden doch nicht, mein Herr?-- + +Riccaut +Was nit? Ihro Gnade, was nit? Donnez-moi un pigeonneau a plumer, et-- + +Fraeulein +Falsch spielen? betruegen? + +Riccaut +Comment, Mademoiselle? Vous appellez cela betruegen? Corriger la +fortune, l'enchainer sous ses doigts, etre sur de son fait, das nenn +die Deutsch betruegen? Betruegen! Oh, was ist die deutsch Sprak fuer +ein arm Sprak! fuer ein plump Sprak! + +Fraeulein +Nein, mein Herr, wenn Sie so denken-- + +Riccaut +Laissez-moi faire, Mademoiselle, und sein Sie ruhik! Was gehn Sie an, +wie ik spiel?--Gnug, morgen entweder sehn mik wieder Ihro Gnad mit +hundert Pistol, oder seh mik wieder gar nit--Votre tres-humble, +Mademoiselle, votre tres-humble--(Eilends ab.) + +Fraeulein +(die ihm mit Erstaunen und Verdruss nachsieht). Ich wuensche das letzte, +mein Herr, das letzte! + + + +3. Szene + +(Das Fraeulein. Franziska) + + +Franziska +(erbittert). Kann ich noch reden? O schoen! o schoen! + +Fraeulein +Spotte nur; ich verdiene es. (Nach einem kleinen Nachdenken und +gelassener.) Spotte nicht, Franziska; ich verdiene es nicht. + +Franziska +Vortrefflich! Da haben Sie etwas Allerliebstes getan, einen +Spitzbuben wieder auf die Beine geholfen. + +Fraeulein +Es war einem Ungluecklichen zugedacht. + +Franziska +Und was das beste dabei ist: der Kerl haelt Sie fuer seinesgleichen.--Oh, +ich muss ihm nach und ihm das Geld wieder abnehmen. (Will fort.) + +Fraeulein +Franziska, lass den Kaffee nicht vollends kalt werden, schenk ein. + +Franziska +Er muss es Ihnen wiedergeben; Sie haben spielen. Zehn Pistolen! Sie +hoerten ja, Fraeulein, dass es ein Bettler war! (Das Fraeulein schenkt +indes selbst ein.) Wer wird einem Bettler so viel geben? Und ihm noch +dazu die Erniedrigung, es erbettelt zu haben, zu ersparen suchen? Den +Mildtaetigen, der den Bettler aus Grossmut verkennen will, verkennt der +Bettler wieder. Nun moegen Sie es haben, Fraeulein, wenn er Ihre Gabe, +ich weiss nicht wofuer, ansieht.--(Und reicht der Franziska eine Tasse.) +Wollen Sie mir das Blut noch mehr in Wallung bringen? Ich mag nicht +trinken. (Das Fraeulein setzt sie wieder weg.) "Parbleu, Ihro Gnad, +man kenn sik hier nit auf den Verdienst." (In dem Tone des Franzosen.) +Freilich nicht, wenn man die Spitzbuben so ungehangen herumlaufen laesst. + + +Fraeulein +(kalt und nachdenkend, indem sie trinkt). Maedchen, du verstehst dich +so trefflich auf die guten Menschen: aber, wenn willst du die +schlechten ertragen lernen?--Und sie sind doch auch Menschen.--Und +oefters bei weitem so schlechte Menschen nicht, als sie scheinen.--Man +muss ihre gute Seite nur aufsuchen.--Ich bilde mir ein, dieser Franzose +ist nichts als eitel. Aus blosser Eitelkeit macht er sich zum falschen +Spieler; er will mir nicht verbunden scheinen, er will sich den Dank +ersparen. Vielleicht, dass er nun hingeht, seine kleine Schulden +bezahlt, von dem Reste, soweit er reicht, still und sparsam lebt und +an das Spiel nicht denkt. Wenn das ist, liebe Franziska, so lass ihn +Rekruten holen, wenn er will.--(Gibt ihr die Tasse.) Da, setz weg!-- +Aber, sage mir, sollte Tellheim nicht schon da sein? + +Franziska +Nein, gnaediges Fraeulein, ich kann beides nicht, weder an einem +schlechten Menschen die gute, noch an einem guten Menschen die boese +Seite aufsuchen. + +Fraeulein +Er koemmt doch ganz gewiss?-- + +Franziska +Er sollte wegbleiben!--Sie bemerken an ihm, dem besten Manne, ein +wenig Stolz, und darum wollen Sie ihn so grausam necken? + +Fraeulein +Koemmst du da wieder hin?--Schweig, das will ich nun einmal so. Wo du +mir diese Lust verdirbst; wo du nicht alles sagst und tust, wie wir es +abgeredet haben!--Ich will dich schon allein mit ihm lassen, und dann-- +Jetzt koemmt er wohl. + + + +4. Szene + +(Paul Werner (der in einer steifen Stellung, gleichsam im Dienste, +hereintritt). Das Fraeulein. Franziska.) + + +Franziska +Nein, es ist nur sein lieber Wachtmeister. + +Fraeulein +Lieber Wachtmeister? Auf wen bezieht sich dieses Lieber? + +Franziska +Gnaediges Fraeulein, machen Sie mir den Mann nicht verwirrt.--Ihre +Dienerin, Herr Wachtmeister; was bringen Sie uns? + +Werner +(geht, ohne auf die Franziska zu achten, an das Fraeulein). Der Major +von Tellheim laesst an das gnaedige Fraeulein von Barnhelm durch mich, den +Wachtmeister Werner, seinen untertaenigen Respekt vermelden und sagen, +dass er sogleich hier sein werde. + +Fraeulein +Wo bleibt er denn? + +Werner +Ihro Gnaden werden verzeihen; wir sind noch vor dem Schlage drei aus +dem Quartier gegangen, aber da hat ihn der Kriegszahlmeister +unterwegens angeredt, und weil mit dergleichen Herren des Redens immer +kein Ende ist: so gab er mir einen Wink, dem gnaedigen Fraeulein den +Vorfall zu rapportieren. + +Fraeulein +Recht wohl, Herr Wachtmeister. Ich wuensche nur, dass der +Kriegszahlmeister dem Major etwas Angenehmes moege zu sagen haben. + +Werner +Das haben dergleichen Herren den Offizieren selten.--Haben Ihro Gnaden +etwas zu befehlen? (Im Begriffe wieder zu gehen.) + +Franziska +Nun, wo denn schon wieder hin, Herr Wachtmeister? Haetten wir denn +nichts miteinander zu plaudern? + +Werner +(sachte zur Franziska und ernsthaft). Hier nicht, Frauenzimmerchen. +Es ist wider den Respekt, wider die Subordination.--Gnaediges Fraeulein-- + +Fraeulein +Ich danke fuer Seine Bemuehung, Herr Wachtmeister.--Es ist mir lieb +gewesen, Ihn kennenzulernen. Franziska hat mir viel Gutes von Ihm +gesagt. (Werner macht eine steife Verbeugung und geht ab.) + + + +5. Szene + +(Das Fraeulein. Franziska.) + + +Fraeulein +Das ist dein Wachtmeister, Franziska? + +Franziska +Wegen des spoettischen Tones habe ich nicht Zeit, dieses dein nochmals +aufzumutzen.--Ja, gnaediges Fraeulein, das ist mein Wachtmeister. Sie +finden ihn ohne Zweifel ein wenig steif und hoelzern. Jetzt kam er mir +fast auch so vor. Aber ich merke wohl, er glaubte, vor Ihro Gnaden +auf die Parade ziehen zu muessen. Und wenn die Soldaten paradieren--ja +freilich scheinen sie da mehr Drechslerpuppen als Maenner. Sie sollten +ihn hingegen nur sehn und hoeren, wenn er sich selbst gelassen ist. + +Fraeulein +Das muesste ich denn wohl! + +Franziska +Er wird noch auf dem Saale sein. Darf ich nicht gehn und ein wenig +mit ihm plaudern? + +Fraeulein +Ich versage dir ungern dieses Vergnuegen. Du musst hierbleiben, +Franziska. Du muss bei unserer Unterredung gegenwaertig sein!--Es faellt +mir noch etwas bei. (Sie zieht ihren Ring vom Finger.) Da, nimm +meinen Ring, verwahre ihn, und gib mir des Majors seinen dafuer. + +Franziska +Warum das? + +Fraeulein +(indem Franziska den andern Ring holt). Recht weiss ich es selbst +nicht, aber mich duenkt, ich sehe so etwas voraus, wo ich ihn brauchen +koennte.--Man pocht--Geschwind gib her! (Sie steckt ihn an.) Er ist's! + + + + +6. Szene + +(v. Tellheim in dem naemlichen Kleide, aber sonst so, wie es Franziska +verlangt. Das Fraeulein. Franziska.) + + +Tellheim +Gnaediges Fraeulein, Sie werden mein Verweilen entschuldigen-- + +Fraeulein +Oh, Herr Major, so gar militaerisch wollen wir es miteinander nicht +nehmen. Sie sind ja da! Und ein Vergnuegen erwarten, ist auch ein +Vergnuegen.--Nun? (indem sie ihm laechelnd ins Gesicht sieht) lieber +Tellheim, waren wir nicht vorhin Kinder? + +Tellheim +Jawohl, Kinder, gnaediges Fraeulein; Kinder, die sich sperren, wo sie +gelassen folgen sollten. + +Fraeulein +Wir wollen ausfahren, lieber Major--die Stadt ein wenig zu besehen--, +und hernach meinem Oheim entgegen. + +Tellheim +Wie? + +Fraeulein +Sehen Sie, auch das Wichtigste haben wir einander noch nicht sagen +koennen. Ja, er trifft noch heut hier ein. Ein Zufall ist schuld, dass +ich einen Tag frueher ohne ihn angekommen bin. + +Tellheim +Der Graf von Bruchsall? Ist er zurueck? + +Fraeulein +Die Unruhen des Krieges verscheuchten ihn nach Italien; der Friede hat +ihn wieder zurueckgebracht.--Machen Sie sich keine Gedanken, Tellheim. +Besorgten wir schon ehemals das staerkste Hindernis unsrer Verbindung +von seiner Seite-- + +Tellheim +Unserer Verbindung? + +Fraeulein +Er ist Ihr Freund. Er hat von zu vielen zu viel Gutes von Ihnen +gehoert, um es nicht zu sein. Er brennet, den Mann von Antlitz zu +kennen, den seine einzige Erbin gewaehlt hat. Er koemmt als Oheim, als +Vormund, als Vater, mich Ihnen zu uebergeben. + +Tellheim +Ah, Fraeulein, warum haben Sie meinen Brief nicht gelesen? Warum haben +Sie ihn nicht lesen wollen? + +Fraeulein +Ihren Brief? Ja, ich erinnere mich, Sie schickten mir einen. Wie war +es denn mit diesem Briefe, Franziska? Haben wir ihn gelesen, oder +haben wir ihn nicht gelesen? Was schrieben Sie mir denn, lieber +Tellheim?-- + +Tellheim +Nichts, als was mir die Ehre befiehlt. + +Fraeulein +Das ist, ein ehrliches Maedchen, die Sie liebt, nicht sitzen zu lassen. + Freilich befiehlt das die Ehre. Gewiss, ich haette den Brief lesen +sollen. Aber was ich nicht gelesen habe, das hoere ich ja. + +Tellheim +Ja, Sie sollen es hoeren-- + +Fraeulein +Nein, ich brauch es auch nicht einmal zu hoeren. Es versteht sich von +selbst. Sie koennten eines so haesslichen Streiches faehig sein, dass Sie +mich nun nicht wollten? Wissen Sie, dass ich auf Zeit meines Lebens +beschimpft waere? Meine Landsmaenninnen wuerden mit Fingern auf mich +weisen.--"Das ist sie", wuerde es heissen, "das ist das Fraeulein von +Barnhelm, die sich einbildete, weil sie reich sei, den wackern +Tellheim zu bekommen: als ob die wackern Maenner fuer Geld zu haben +waeren!" So wuerde es heissen: denn meine Landsmaenninnen sind alle +neidisch auf mich. Dass ich reich bin, koennen sie nicht leugnen; aber +davon wollen sie nichts wissen, dass ich auch sonst noch ein ziemlich +gutes Maedchen bin, das seines Mannes wert ist. Nicht wahr, Tellheim? + +Tellheim +Ja, ja, gnaediges Fraeulein, daran erkenne ich Ihr Landsmanninnen. Sie +werden Ihnen einen abgedankten, an seiner Ehre gekraenkten Offizier, +einen Krueppel, einen Bettler, trefflich beneiden. + +Fraeulein +Und das alles waeren Sie? Ich hoerte so was, wenn ich mich nicht irre, +schon heute vormittage. Da ist Boeses und Gutes untereinander. Lassen +Sie uns doch jedes naeher beleuchten.--Verabschiedet sind Sie? So hoere +ich. Ich glaubte, Ihr Regiment sei bloss untergesteckt worden. Wie +ist es gekommen, dass man einen Mann von Ihren Verdiensten nicht +beibehalten? + +Tellheim +Es ist gekommen, wie es kommen muessen. Die Grossen haben sich +ueberzeugt, dass ein Soldat aus Neigung fuer sie ganz wenig, aus Pflicht +nicht viel mehr, aber alles seiner eignen Ehre wegen tut. Was koennen +sie ihm also schuldig zu sein glauben? Der Friede hat ihnen mehrere +meinesgleichen entbehrlich gemacht, und am Ende ist ihnen niemand +unentbehrlich. + +Fraeulein +Sie sprechen, wie ein Mann sprechen muss, dem die Grossen hinwiederum +sehr entbehrlich sind. Und niemals waren sie es mehr als jetzt. Ich +sage den Grossen meinen grossen Dank, dass sie ihre Ansprueche auf einen +Mann haben fahren lassen, den ich doch nur sehr ungern mit ihnen +geteilet haette.--Ich bin Ihre Gebieterin, Tellheim; Sie brauchen +weiter keinen Herrn.--Sie verabschiedet zu finden, das Glueck haette ich +mir kaum traeumen lassen!--Doch Sie sind nicht bloss verabschiedet: Sie +sind noch mehr. Was sind Sie noch mehr? Ein Krueppel: sagten Sie? +Nun (indem sie ihn von oben bis unten betrachtet), der Krueppel ist +doch noch ziemlich ganz und gerade; scheinet doch noch ziemlich gesund +und stark.--Lieber Tellheim, wenn Sie auf den Verlust Ihrer gesunden +Gliedmassen betteln zu gehen denken: so prophezeie ich Ihnen voraus, +dass Sie vor den wenigsten Tueren etwas bekommen werden; ausgenommen vor +den Tueren der gutherzigen Maedchen wie ich. + +Tellheim +Jetzt hoere ich nur das mutwillige Maedchen, liebe Minna. + +Fraeulein +Und ich hoere in Ihrem Verweise nur das Liebe Minna--Ich will nicht +mehr mutwillig sein. Denn ich besinne mich, dass Sie allerdings ein +kleiner Krueppel sind. Ein Schuss hat Ihnen den rechten Arm ein wenig +gelaehmt.--Doch alles wohl ueberlegt: so ist auch das so schlimm nicht. +Um soviel sichrer bin ich vor Ihren Schlaegen. + +Tellheim +Fraeulein! + +Fraeulein +Sie wollen sagen: Aber Sie um soviel weniger vor meinen. Nun, nun, +lieber Tellheim, ich hoffe, Sie werden es nicht dazu kommen lassen. + +Tellheim +Sie wollen lachen, mein Fraeulein. Ich beklage nur, dass ich nicht +mitlachen kann. + +Fraeulein +Warum nicht? Was haben Sie denn gegen das Lachen? Kann man denn auch +nicht lachend sehr ernsthaft sein? Lieber Major, das Lachen erhaelt +uns vernuenftiger als der Verdruss. Der Beweis liegt vor uns. Ihre +lachende Freundin beurteilet Ihre Umstaende weit richtiger als Sie +selbst. Weil Sie verabschiedet sind, nennen Sie sich an Ihrer Ehre +gekraenkt; weil Sie einen Schuss in dem Arme haben, machen Sie sich zu +einem Krueppel. Ist das so recht? Ist das keine Uebertreibung? Und +ist es meine Einrichtung, dass alle Uebertreibungen des Laecherlichen so +faehig sind? Ich wette, wenn ich Ihren Bettler nun vornehme, dass auch +dieser ebensowenig Stich halten wird. Sie werden einmal, zweimal, +dreimal Ihre Equipage verloren haben; bei dem oder jenem Bankier +werden einige Kapitale jetzt mitschwinden; Sie werden diesen und jenen +Vorschuss, den Sie im Dienste getan, keine Hoffnung haben +wiederzuerhalten: aber sind Sie darum ein Bettler? Wenn Ihnen auch +nichts uebriggeblieben ist, als was mein Oheim fuer Sie mitbringt-- + +Tellheim +Ihr Oheim, gnaediges Fraeulein, wird fuer mich nichts mitbringen. + +Fraeulein +Nichts als die zweitausend Pistolen, die Sie unsern Staenden so +grossmuetig vorschossen. + +Tellheim +Haetten Sie doch nur meinen Brief gelesen, gnaediges Fraeulein! + +Fraeulein +Nun ja, ich habe ihn gelesen. Aber was ich ueber diesen Punkt darin +gelesen, ist mir ein wahres Raetsel. Unmoeglich kann man Ihnen aus +einer edlen Handlung ein Verbrechen machen wollen.--Erklaeren Sie mir +doch, lieber Major-- + +Tellheim +Sie erinnern sich, gnaediges Fraeulein, dass ich Ordre hatte, in den +Aemtern Ihrer Gegend die Kontribution mit der aeussersten Strenge bar +beizutreiben. Ich wollte mir diese Strenge ersparen und schoss die +fehlende Summe selbst vor.-- + +Fraeulein +Jawohl erinnere ich mich.--Ich liebte Sie um dieser Tat willen, ohne +Sie noch gesehen zu haben. + +Tellheim +Die Staende gaben mir ihren Wechsel, und diesen wollte ich bei +Zeichnung des Friedens unter die zu ratihabierende Schulden eintragen +lassen. Der Wechsel ward fuer gueltig erkannt, aber mir ward das +Eigentum desselben streitig gemacht. Man zog spoettisch das Maul, als +ich versicherte, die Valute bar hergegeben zu haben. Man erklaerte ihn +fuer eine Bestechung, fuer das Gratial der Staende, weil ich so bald mit +ihnen auf die niedrigste Summe einig geworden war, mit der ich mich +nur im aeussersten Notfalle zu begnuegen Vollmacht hatte. So kam der +Wechsel aus meinen Haenden, und wenn er bezahlt wird, wird er +sicherlich nicht an mich bezahlt.--Hierdurch, mein Fraeulein, halte ich +meine Ehre fuer gekraenkt; nicht durch den Abschied, den ich gefordert +haben wuerde, wenn ich ihn nicht bekommen haette.--Sie sind ernsthaft, +mein Fraeulein? Warum lachen Sie nicht? Ha, ha, ha! Ich lache ja. + +Fraeulein +Oh, ersticken Sie dieses Lachen, Tellheim! Ich beschwoere Sie! Es ist +das schreckliche Lachen des Menschenhasses! Nein, Sie sind der Mann +nicht, den eine gute Tat reuen kann, weil sie ueble Folgen fuer ihn hat. + Nein, unmoeglich koennen diese ueble Folgen dauren! Die Wahrheit muss an +den Tag kommen. Das Zeugnis meines Oheims, aller unsrer Staende-- + +Tellheim +Ihres Oheims! Ihrer Staende! Ha, Ha, ha! + +Fraeulein +Ihr Lachen toetet mich, Tellheim! Wenn Sie an Tugend und Vorsicht +glauben, Tellheim, so lachen Sie so nicht! Ich habe nie +fuerchterlicher fluchen hoeren, als Sie lachen.--Und lassen Sie uns das +Schlimmste setzen! Wenn man Sie hier durchaus verkennen will: so kann +man Sie bei uns nicht verkennen. Nein, wir koennen, wir werden Sie +nicht verkennen, Tellheim. Und wenn unsere Staende die geringste +Empfindung von Ehre haben, so weiss ich, was sie tun muessen. Doch ich +bin nicht klug: was waere das noetig? Bilden Sie sich ein, Tellheim, +Sie haetten die zweitausend Pistolen an einem wilden Abende verloren. +Der Koenig war eine unglueckliche Karte fuer Sie: die Dame (auf sich +weisend) wird Ihnen desto guenstiger sein.--Die Vorsicht, glauben Sie +mir, haelt den ehrlichen Mann immer schadlos; und oefters schon im +voraus. Die Tat, die Sie einmal um zweitausend Pistolen bringen +sollte, erwarb mich Ihnen. Ohne diese Tat wuerde ich nie begierig +gewesen sein, Sie kennenzulernen. Sie wissen, ich kam uneingeladen in +die erste Gesellschaft, wo ich Sie zu finden glaubte. Ich kam bloss +Ihrentwegen. Ich kam in dem festen Vorsatze, Sie zu lieben--ich +liebte Sie schon!--in dem festen Vorsatze, Sie zu besitzen, wenn ich +Sie auch so schwarz und haesslich finden sollte als den Mohr von Venedig. +Sie sind so schwarz und haesslich nicht; auch so eifersuechtig werden +Sie nicht sein. Aber Tellheim, Tellheim, Sie haben doch noch viel +Aehnliches mit ihm! Oh, ueber die wilden, unbiegsamen Maenner, die nur +immer ihr stieres Auge auf das Gespenst der Ehre heften! fuer alles +andere Gefuehl sich verhaerten!--Hierher Ihr Auge! auf mich, Tellheim! +(Der indes vertieft und unbeweglich mit starren Augen immer auf eine +Stelle gesehen.) Woran denken Sie? Sie hoeren mich nicht? + +Tellheim +(zerstreut). O ja! Aber sagen Sie mir doch, mein Fraeulein: wie kam +der Mohr in venetianische Dienste? Hatte der Mohr kein Vaterland? +Warum vermietete er seinen Arm und sein Blut einem fremden Staate?-- + +Fraeulein +(erschrocken). Wo sind Sie, Tellheim?--Nun ist es Zeit, dass wir +abbrechen.--Kommen Sie! (Indem sie ihn bei der Hand ergreift.)-- +Franziska, lass den Wagen vorfahren. + +Tellheim +(der sich von dem Fraeulein losreisst und der Franziska nachgeht). Nein, +Franziska, ich kann nicht die Ehre haben, das Fraeulein zu begleiten.-- +Mein Fraeulein, lassen Sie mir noch heute meinen gesunden Verstand, und +beurlauben Sie mich. Sie sind auf dem besten Wege, mich darum zu +bringen. Ich stemme mich, soviel ich kann.--Aber weil ich noch bei +Verstande bin: so hoeren Sie, mein Fraeulein, was ich fest beschlossen +habe, wovon mich nichts in der Welt abbringen soll.--Wenn nicht noch +ein gluecklicher Wurf fuer mich im Spiele ist, wenn sich das Blatt nicht +voellig wendet, wenn-- + +Fraeulein +Ich muss Ihnen ins Wort fallen, Herr Major.--Das haetten wir ihm gleich +sagen sollen, Franziska. Du erinnerst mich auch an gar nichts.--Unser +Gespraech wuerde ganz anders gefallen sein, Tellheim, wenn ich mit der +guten Nachricht angefangen haette, die Ihnen der Chevalier de la +Marliniere nur eben zu bringen kam. + +Tellheim +Der Chevalier de la Marliniere? Wer ist das? + +Franziska +Es mag ein ganz guter Mann sein, Herr Major, bis auf-- + +Fraeulein +Schweig, Franziska!--Gleichfalls ein verabschiedeter Offizier, der aus +hollaendischen Diensten-- + +Tellheim +Ha! der Leutnant Riccaut! + +Fraeulein +Er versicherte, dass er Ihr Freund sei. + +Tellheim +Ich versichere, dass ich seiner nicht bin. + +Fraeulein +Und dass ihm, ich weiss nicht welcher Minister, vertrauet habe, Ihre +Sache sei dem gluecklichsten Ausgange nahe. Es muesse ein koenigliches +Handschreiben an Sie unterwegens sein-- + +Tellheim +Wie kaemen Riccaut und ein Minister zusammen?--Etwas zwar muss in meiner +Sache geschehen sein. Denn nur jetzt erklaerte mir der Kriegszahlmeister, +dass der Koenig alles niedergeschlagen habe, was wider mich urgieret +worden, und dass ich mein schriftlich gegebenes Ehrenwort, nicht eher +von hier zu gehen, als bis man mich voellig entladen habe, wieder zurueck- +nehmen koenne.--Das wird es aber auch alles sein. Man wird mich wollen +laufen lassen. Allein man irrt sich; ich werde nicht laufen. Eher soll +mich hier das aeusserste Elend vor den Augen meiner Verleumder verzehren-- + +Fraeulein +Hartnaeckiger Mann! + +Tellheim +Ich brauche keine Gnade, ich will Gerechtigkeit. Meine Ehre-- + +Fraeulein +Die Ehre eines Mannes wie Sie-- + +Tellheim +(hitzig). Nein, mein Fraeulein, Sie werden von allen Dingen recht gut +urteilen koennen, nur hierueber nicht. Die Ehre ist nicht die Stimme +unsers Gewissen, nicht das Zeugnis weniger Rechtschaffnen-- + +Fraeulein +Nein, nein, ich weiss wohl.--Die Ehre ist--die Ehre. + +Tellheim +Kurz, mein Fraeulein--Sie haben mich nicht ausreden lassen.--Ich wollte +sagen: wenn man mir das Meinige so schimpflich vorenthaelt, wenn meiner +Ehre nicht die vollkommenste Genugtuung geschieht, so kann ich, mein +Fraeulein, der Ihrige nicht sein. Denn ich bin es in den Augen der +Welt nicht wert zu sein. Das Fraeulein von Barnhelm verdienet einen +unbescholtenen Mann. Es ist eine nichtswuerdige Liebe, die kein +Bedenken traegt, ihren Gegenstand der Verachtung auszusetzen. Es ist +ein nichtswuerdiger Mann, der sich nicht schaemet, sein ganzes Glueck +einem Frauenzimmer zu verdanken, dessen blinde Zaertlichkeit-- + +Fraeulein +Und das ist Ihr Ernst, Herr Major?--(Indem sie ihm ploetzlich den +Ruecken wendet.) Franziska! + +Tellheim +Werden Sie nicht ungehalten, mein Fraeulein-- + +Fraeulein +(beiseite zur Franziska). Jetzt waere es Zeit! Was raetst du mir, +Franziska?-- + +Franziska +Ich rate nichts. Aber freilich macht er es Ihnen ein wenig zu bunt.-- + +Tellheim +(der sie zu unterbrechen koemmt). Sie sind ungehalten, mein Fraeulein-- + +Fraeulein +(hoehnisch). Ich? im geringsten nicht. + +Tellheim +Wenn ich Sie weniger liebte, mein Fraeulein-- + +Fraeulein +(noch in diesem Tone). O gewiss, es waere mein Unglueck!--Und sehen Sie, +Herr Major, ich will Ihr Unglueck auch nicht.--Mann muss ganz +uneigennuetzig lieben.--Ebensogut, dass ich nicht offenherziger gewesen +bin! Vielleicht wuerde mir Ihr Mitleid gewaehret haben, was mir Ihre +Liebe versagt.--(Indem sie den Ring langsam vom Finger zieht.) + +Tellheim +Was meinen Sie damit, Fraeulein? + +Fraeulein +Nein, keines muss das andere weder gluecklicher noch ungluecklicher +machen. So will es die wahre Liebe! Ich glaube Ihnen, Herr Major; +und Sie haben zuviel Ehre, als dass Sie die Liebe verkennen sollten. + +Tellheim +Spotten Sie, mein Fraeulein? + +Fraeulein +Hier! Nehmen Sie den Ring wieder zurueck, mit dem Sie mir Ihre Treue +verpflichtet. (Ueberreicht ihm den Ring.) Es sei drum! Wir wollen +einander nicht gekannt haben! + +Tellheim +Was hoere ich? + +Fraeulein +Und das befremdet Sie?--Nehmen Sie, mein Herr.--Sie haben sich doch +wohl nicht bloss gezieret? + +Tellheim +(indem er den Ring aus ihrer Hand nimmt). Gott! So kann Minna +sprechen!-- + +Fraeulein +Sie koennen der Meinige in einem Falle nicht sein: ich kann die Ihrige +in keinem sein. Ihr Unglueck ist wahrscheinlich; meines ist gewiss.-- +Leben Sie wohl! (Will fort.) + +Tellheim +Wohin, liebste Minna? + +Fraeulein +Mein Herr, Sie beschimpfen mich jetzt mit dieser vertraulichen +Benennung. + +Tellheim +Was ist Ihnen, mein Fraeulein? Wohin? + +Fraeulein +Lassen Sie mich.--Meine Traenen vor Ihnen zu verbergen, Verraeter! +(Geht ab.) + + + +7. Szene + +(v. Tellheim. Franziska.) + + +Tellheim +Ihre Traenen? Und ich sollte sie lassen? (Will ihr nach.) + +Franziska +(die ihn zurueckhaelt). Nicht doch, Herr Major! Sie werden ihr ja +nicht in ihr Schlafzimmer folgen wollen? + +Tellheim +Ihr Unglueck? Sprach sie nicht von Unglueck? + +Franziska +Nun freilich, das Unglueck, Sie zu verlieren, nachdem-- + +Tellheim +Nachdem? was nachdem? Hierhinter steckt mehr. Was ist es, +Franziska? Rede, sprich-- + +Franziska +Nachdem sie, wollte ich sagen--Ihnen so vieles aufgeopfert. + +Tellheim +Mir aufgeopfert? + +Franziska +Hoeren Sie nur kurz.--Es ist fuer Sie recht gut, Herr Major, dass Sie auf +diese Art von ihr losgekommen sind.--Warum soll ich es Ihnen nicht +sagen? Es kann doch laenger kein Geheimnis bleiben.--Wir sind +entflohen!--Der Graf von Bruchsall hat das Fraeulein enterbt, weil sie +keinen Mann von seiner Hand annehmen wollte. Alles verliess, alles +verachtete sie hierauf. Was sollten wir tun? Wir entschlossen uns, +denjenigen aufzusuchen, dem wir-- + +Tellheim +Ich habe genug!--Komm, ich muss mich zu ihren Fuessen werfen. + +Franziska +Was denken Sie? Gehen Sie vielmehr und danken Ihrem guten Geschicke-- + +Tellheim +Elende! fuer wen haeltst du mich?--Nein, liebe Franziska, der Rat kam +nicht aus deinem Herzen. Vergib meinem Unwillen! + +Franziska +Halten Sie mich nicht laenger auf. Ich muss sehen, was sie macht. Wie +leicht koennte ihr etwas zugestossen sein.--Gehen Sie! Kommen Sie +lieber wieder, wenn Sie wiederkommen wollen. (Geht dem Fraeulein nach.) + + + +8. Szene + +(v. Tellheim) + + +Tellheim +Aber, Franziska!--Oh, ich erwarte euch hier!--Nein, das ist dringender! +--Wenn sie Ernst sieht, kann mir ihre Vergebung nicht entstehen.--Nun +brauch ich dich, ehrlicher Werner!--Nein, Minna, ich bin kein Verraeter! +(Eilends ab.) + + + + +5. Akt + + + +1. Szene + +(Die Szene: Der Saal.) (v. Tellheim von der einen und Werner von der +andern Seite.) + + +Tellheim +Ha, Werner! ich suche dich ueberall. Wo steckst du? + +Werner +Und ich habe Sie gesucht, Herr Major; so geht's mit dem Suchen.--Ich +bringe Ihnen gar eine gute Nachricht. + +Tellheim +Ah, ich brauche jetzt nicht deine Nachrichten: ich brauche dein Geld. +Geschwind, Werner, gib mir, soviel du hast; und denn suche so viel +aufzubringen, als du kannst. + +Werner +Herr Major?--Nun, bei meiner armen Seele, habe ich's doch gesagt: er +wird Geld von mir borgen, wenn er selber welches zu verleihen hat. + +Tellheim +Du suchst doch nicht Ausfluechte? + +Werner +Damit ich ihm nichts vorzuwerfen habe, so nimmt er mir's mit der +Rechten und gibt mir's mit der Linken wieder. + +Tellheim +Halte mich nicht auf, Werner!--Ich habe den guten Willen, dir es +wiederzugeben, aber wenn und wie?--Das weiss Gott! + +Werner +Sie wissen es also noch nicht, dass die Hofstaatskasse Ordre hat, Ihnen +Ihre Gelder zu bezahlen? Eben erfuhr ich es bei-- + +Tellheim +Was plauderst du? Was laessest du dir weismachen? Begreifst du denn +nicht, dass, wenn es wahr waere, ich es doch wohl am ersten wissen +muesste?--Kurz, Werner, Geld! Geld! + +Werner +Je nu, mit Freuden! hier ist was!--das sind die hundert Louisdor und +das die hundert Dukaten. / (gibt ihm beides.) + +Tellheim +Die hundert Louisdor, Werner, geh und bringe Justen. Er soll sogleich +den Ring wieder einloesen, den er heute frueh versetzt hat.--Aber wo +wirst du mehr hernehmen, Werner?--Ich brauche weit mehr. + +Werner +Dafuer lassen Sie mich sorgen.--Der Mann, der mein Gut gekauft hat, +wohnt in der Stadt. Der Zahlungstermin waere zwar erst in vierzehn +Tagen, aber das Geld liegt parat, und ein halb Prozentchen Abzug-- + +Tellheim +Nun ja, lieber Werner!--Siehst du, dass ich meine einzige Zuflucht zu +dir nehme?--Ich muss dir auch alles vertrauen. Das Fraeulein hier--du +hast sie gesehn--ist ungluecklich-- + +Werner +O Jammer! + +Tellheim +Aber morgen ist sie meine Frau-- + +Werner +O Freude! + +Tellheim +Und uebermorgen geh ich mit ihr fort. Ich darf fort, ich will fort. +Lieber hier alles im Stiche gelassen! Wer weiss, wo mir sonst ein +Glueck aufgehoben ist. Wenn du willst, Werner, so komm mit. Wir +wollen wieder Dienste nehmen. + +Werner +Wahrhaftig?--Aber doch wo's Krieg gibt, Herr Major? + +Tellheim +Wo sonst?--Geh, lieber Werner, wir sprechen davon weiter. + +Werner +O Herzensmajor!--Uebermorgen? Warum nicht lieber morgen?--Ich will +schon alles zusammenbringen--In Persien, Herr Major, gibt's einen +trefflichen Krieg; was meinen Sie? + +Tellheim +Wir wollen das ueberlegen; geh nur, Werner!-- + +Werner +Juchhe! es lebe der Prinz Heraklius! (Geht ab.) + + + +2. Szene + +(v. Tellheim) + + +Tellheim +Wie is mir?--Meine ganze Seele hat neue Triebfedern bekommen. Mein +eignes Unglueck schlug mich nieder, machte mich aergerlich, kurzsichtig, +schuechtern, laessig: ihr Unglueck hebt mich empor, ich sehe wieder frei +um mich und fuehle mich willig und stark, alles fuer sie zu unternehmen-- +Was verweile ich? (Will nach dem Zimmer des Fraeuleins, aus dem ihm +Franziska entgegenkoemmt.) + + + +3. Szene + +(Franziska. v. Tellheim.) + + +Franziska +Sind Sie es doch?--Es war mir, als ob ich Ihre Stimme hoerte.--Was +wollen Sie, Herr Major? + +Tellheim +Was ich will?--Was macht dein Fraeulein?--Komm!-- + +Franziska +Sie will den Augenblick ausfahren. + +Tellheim +Und allein? ohne mich? wohin? + +Franziska +Haben Sie vergessen, Herr Major?-- + +Tellheim +Bist du nicht klug, Franziska?--Ich habe sie gereizt, und sie ward +empfindlich: ich werde sie um Vergebung bitten, und sie wird mir +vergeben. + +Franziska +Wie?--Nachdem Sie den Ring zurueckgenommen, Herr Major? + +Tellheim +Ha!--Das tat ich in der Betaeubung.--Jetzt denk ich erst wieder an den +Ring.--Wo habe ich ihn hingesteckt?--(Er sucht ihn.) Hier ist er. + +Franziska +Ist er das? (Indem er ihn wieder einsteckt, beiseite.) Wenn er ihn +doch genauer besehen wollte! + +Tellheim +Sie drang mir ihn auf mit einer Bitterkeit--Ich habe diese Bitterkeit +schon vergessen. Ein volles Herz kann die Worte nicht waegen.--Aber +sie wird sich auch keinen Augenblick weigern, den Ring wieder +anzunehmen.--Und habe ich nicht noch ihren? + +Franziska +Den erwartet sie dafuer zurueck.--Wo haben Sie ihn denn, Herr Major? +Zeigen Sie mir ihn doch. + +Tellheim +(etwas verlegen). Ich habe--ihn anzustecken vergessen.--Just--Just +wird mir ihn gleich nachbringen. + +Franziska +Es ist wohl einer ziemlich wie der andere; lassen Sie mich doch diesen +sehen; ich sehe so was gar zu gern. + +Tellheim +Ein andermal, Franziska. Jetzt komm--Franziska (beiseite). Er will +sich durchaus nicht aus seinem Irrtume bringen lassen. + +Tellheim +Was sagst du? Irrtume? + +Franziska +Es ist ein Irrtum, sag ich, wenn Sie meinen, dass das Fraeulein doch +noch eine gute Partie sei. Ihr eigenes Vermoegen ist gar nicht +betraechtlich; durch ein wenig eigennuetzige Rechnungen koennen es ihr +die Vormuender voellig zu Wasser machen. Sie erwartete alles von dem +Oheim, aber dieser grausame Oheim-- + +Tellheim +Lass ihn doch!--Bin ich nicht Manns genug, ihr einmal alles zu +ersetzen?-- + +Franziska +Hoeren Sie? Sie klingelt; ich muss herein. + +Tellheim +Ich gehe mit dir. + +Franziska +Um des Himmels willen nicht! Sie hat mir ausdruecklich verboten, mit +Ihnen zu sprechen. Kommen Sie wenigstens mir erst nach.--(Geht herein.) + + + +4. Szene + +(v. Tellheim ihr nachrufend.) Melde mich ihr!--Sprich fuer mich, +Franziska!--Ich folge dir sogleich!--Was werde ich ihr sagen?--Wo das +Herz reden darf, braucht es keiner Vorbereitung.--Das einzige moechte +eine studierte Wendung beduerfen: ihre Zurueckhaltung, ihre +Bedenklichkeit, sich als ungluecklich in meine Arme zu werfen; ihre +Beflissenheit, mir ein Glueck vorzuspiegeln, das sie durch mich +verloren hat. Dieses Misstrauen in meine Ehre, in ihren eigenen Wert +vor ihr selbst zu entschuldigen, vor ihr selbst--Vor mir ist es schon +entschuldiget!--Ha! hier koemmt sie.-- + + + +5. Szene + +(Das Fraeulein. Franziska. v. Tellheim.) + + +Fraeulein +(im Heraustreten, als ob sie den Major nicht gewahr wuerde). Der Wagen +ist doch vor der Tuere, Franziska?--Meinen Faecher! + +Tellheim +(auf sie zu). Wohin, mein Fraeulein? + +Fraeulein +(mit einer affektierten Kaelte). Aus, Herr Major.--Ich errate, warum +Sie sich nochmals herbemuehet haben: mir auch meinen Ring wieder +zurueckzugeben.--Wohl, Herr Major; haben Sie nur die Guete, ihn der +Franziska einzuhaendigen.--Franziska, nimm dem Herrn Major den Ring ab! +--Ich habe keine Zeit zu verlieren. (Will fort.) + +Tellheim +(der ihr vortritt). Mein Fraeulein!--Ah, was habe ich erfahren, mein +Fraeulein! Ich war so vieler Liebe nicht wert. + +Fraeulein +So, Franziska? Du hast dem Herrn Major-- + +Franziska +Alles entdeckt. + +Tellheim. +Zuernen Sie nicht auf mich, mein Fraeulein. Ich bin kein Verraeter. Sie +haben um mich in den Augen der Welt viel verloren, aber nicht in den +meinen. In meinen Augen haben Sie unendlich durch diesen Verlust +gewonnen. Er war Ihnen noch zu neu; Sie fuerchteten, er moechte einen +allzu nachteiligen Eindruck auf mich machen; Sie wollten mir ihn vors +erste verbergen. Ich beschwere mich nicht ueber dieses Misstrauen. Es +entsprang aus dem Verlangen, mich zu erhalten. Dieses Verlangen ist +mein Stolz! Sie fanden mich selbst ungluecklich; und Sie wollten +Unglueck nicht mit Unglueck haeufen. Sie konnten nicht vermuten, wie +sehr mich Ihr Unglueck ueber das meinige hinaussetzen wuerde. + +Fraeulein +Alles recht gut, Herr Major! Aber es ist nun einmal geschehen. Ich +habe Sie Ihrer Verbindlichkeit erlassen; Sie haben durch Zuruecknehmung +des Ringes-- + +Tellheim +In nichts gewilliget!--Vielmehr halte ich mich jetzt fuer gebundener +als jemals.--Sie sind die Meinige, Minna, auf ewig die Meinige. +(Zieht den Ring heraus.) Hier, empfangen Sie es zum zweiten Male, das +Unterpfand meiner Treue-- + +Fraeulein +Ich diesen Ring wiedernehmen? diesen Ring? + +Tellheim +Ja, liebste Minna, ja! + +Fraeulein +Was muten Sie mir zu? diesen Ring? + +Tellheim +Diesen Ring nahmen Sie das erstemal aus meiner Hand, als unser beider +Umstaende einander gleich und gluecklich waren. Sie sind nicht mehr +gluecklich, aber wiederum einander gleich. Gleichheit ist immer das +festeste Band der Liebe.--Erlauben Sie, liebste Minna!--(Ergreift ihre +Hand, um ihr den Ring anzustecken.) + +Fraeulein +Wie? mit Gewalt, Herr Major?--Nein, da ist keine Gewalt in der Welt, +die mich zwingen soll, diesen Ring wieder anzunehmen!--Meinen Sie etwa, + dass es mir an einem Ringe fehlt?--Oh, Sie sehen ja wohl (auf ihren +Ring zeigend), dass ich hier noch einen habe, der Ihrem nicht das +geringste nachgibt?-- + +Franziska +Wenn er es noch nicht merkt!-- + +Tellheim +(indem er die Hand des Fraeuleins fahren laesst). Was ist das?--Ich sehe +das Fraeulein von Barnhelm, aber ich hoere es nicht.--Sie zieren sich, +mein Fraeulein.--Vergeben Sie, dass ich Ihnen dieses Wort nachbrauche. + +Fraeulein +(in ihrem wahren Tone). Hat Sie dieses Wort beleidiget, Herr, Major? + +Tellheim +Es hat mir weh getan. + +Fraeulein +(geruehrt). Das sollte es nicht, Tellheim.--Verzeihen Sie mir, +Tellheim. + +Tellheim +Ha, dieser vertrauliche Ton sagt mir, dass Sie wieder zu sich kommen, +mein Fraeulein, dass Sie mich noch lieben, Minna.-- + +Franziska +(herausplatzend). Bald waere der Spass auch zu weit gegangen.-- + +Fraeulein +(gebieterisch). Ohne dich in unser Spiel zu mengen, Franziska, wenn +ich bitten darf! + +Franziska +(beiseite und betroffen). Noch nicht genug? + +Fraeulein +Ja, mein Herr, es waere weibliche Eitelkeit, mich kalt und hoehnisch zu +stellen. Weg damit! Sie verdienen es, mich ebenso wahrhaft zu finden, +als Sie selbst sind.--Ich liebe Sie noch, Tellheim, ich liebe Sie +noch, aber demohngeachtet-- + +Tellheim +Nicht weiter, liebste Minna, nicht weiter! (Ergreift ihre Hand +nochmals, ihr den Ring anzustecken.) + +Fraeulein +(die ihre Hand zurueckzieht). Demohngeachtet--um so viel mehr werde +ich dieses nimmermehr geschehen lassen; nimmermehr!--Wo denken Sie hin, +Herr Major?--Ich meinte, Sie haetten an Ihrem eigenen Ungluecke genug.-- +Sie muessen hierbleiben; Sie muessen sich die allervollstaendigste +Genugtuung--ertrotzen. Ich weiss in der Geschwindigkeit kein ander +Wort.--Ertrotzen--und sollte Sie auch das aeusserste Elend, vor den +Augen Ihrer Verleumder, darueber verzehren! + +Tellheim +So dacht' ich, so sprach ich, als ich nicht wusste, was ich dachte und +sprach. Aergernis und verbissene Wut hatten meine ganze Seele umnebelt; +die Liebe selbst in dem vollesten Glanze des Glueckes konnte sich +darin nicht Tag schaffen. Aber sie sendet ihre Tochter, das Mitleid, +die, mit dem finstern Schmerze vertrauter, die Nebel zerstreuet und +alle Zugaenge meiner Seele den Eindruecken der Zaertlichkeit wiederum +oeffnet. Der Trieb der Selbsterhaltung erwacht, da ich etwas +Kostbarers zu erhalten habe als mich und es durch mich zu erhalten +habe. Lassen Sie mich, mein Fraeulein, das Wort Mitleid nicht +beleidigen. Von der unschuldigen Ursache unsers Ungluecks koennen wir +es ohne Erniedrigung hoeren. Ich bin diese Ursache; durch mich, Minna, +verlieren Sie Freunde und Anverwandte, Vermoegen und Vaterland. Durch +mich, in mir muessen Sie alles dieses wiederfinden, oder ich habe das +Verderben der Liebenswuerdigsten Ihres Geschlechts auf meiner Seele. +Lassen Sie mich keine Zukunft denken, wo ich mich selbst hassen muesste. +--Nein, nichts soll mich hier laenger halten. Von diesem Augenblicke an +will ich dem Unrechte, das mir hier widerfaehrt, nichts als Verachtung +entgegensetzen. Ist dieses Land die Welt? Geht hier allein die Sonne +auf? Wo darf ich nicht hinkommen? Welche Dienste wird man mir +verweigern? Und muesste ich sie unter dem entferntesten Himmel suchen: +folgen Sie mir nur getrost, liebste Minna; es soll uns an nichts +fehlen.--Ich habe einen Freund, der mich gern unterstuetzet. + + + +6. Szene + +(Ein Feldjaeger. v. Tellheim. Das Fraeulein. Franziska.) + + +Franziska +(indem sie den Feldjaeger gewahr wird). St! Herr Major-- + +Tellheim +(gegen den Feldjaeger). Zu wem wollen Sie? + +Feldjaeger +Ich suche den Herrn Major von Tellheim.--Ah, Sie sind es ja selbst. +Mein Herr Major, dieses koenigliche Handschreiben (das er aus seiner +Brieftasche nimmt) habe ich an Sie zu uebergeben. + +Tellheim +An mich? + +Feldjaeger +Zufolge der Aufschrift-- + +Fraeulein +Franziska, hoerst du?--Der Chevalier hat doch wahr geredet! + +Feldjaeger +(indem Tellheim den Brief nimmt). Ich bitte um Verzeihung, Herr Major; +Sie haetten es bereits gestern erhalten sollen, aber es ist mir nicht +moeglich gewesen, Sie auszufragen. Erst heute auf der Parade habe ich +Ihre Wohnung von dem Leutnant Riccaut erfahren. + +Franziska +Gnaediges Fraeulein, hoeren Sie?--Das ist des Chevaliers Minister.--"Wie +heissen der Minister da drauss auf die breite Platz?"-- + +Tellheim +Ich bin Ihnen fuer Ihre Muehe sehr verbunden. + +Feldjaeger +Es ist meine Schuldigkeit, Herr Major. (Geht ab.) + + + +7. Szene + +(v. Tellheim. Das Fraeulein. Franziska.) + + +Tellheim +Ah, mein Fraeulein, was habe ich hier? Was enthaelt dieses Schreiben? + +Fraeulein. +Ich bin nicht befugt, meine Neugierde so weit zu erstrecken. + +Tellheim +Wie? Sie trennen mein Schicksal noch von dem Ihrigen?--Aber warum +steh ich an, es zu erbrechen?--Es kann mich nicht ungluecklicher machen, +als ich bin; nein, liebste Minna, es kann uns nicht ungluecklicher +machen--wohl aber gluecklicher!--Erlauben Sie, mein Fraeulein! +(Erbricht und lieset den Brief, indes dass der Wirt an die Szene +geschlichen koemmt.) + + + +8. Szene + +(Der Wirt. Die Vorigen.) + + +Wirt +(gegen die Franziska). Bst! mein schoenes Kind! auf ein Wort! + +Franziska +(die sich ihm naehert). Herr Wirt?--Gewiss, wir wissen selbst noch +nicht, was in dem Briefe steht. + +Wirt +Wer will vom Briefe wissen?--Ich komme des Ringes wegen. Das gnaedige +Fraeulein muss mir ihn gleich wiedergeben. Just ist da, er soll ihn +wieder einloesen. + +Fraeulein +(das sich indes gleichfalls dem Wirte genaehert). Sagen Sie Justen nur, +dass er schon eingeloeset sei; und sagen Sie ihm nur, von wem; von mir. + + +Wirt +Aber-- + +Fraeulein +Ich nehme alles auf mich; gehen Sie doch! (Der Wirt geht ab.) + + + +9. Szene + +(v. Tellheim. Das Fraeulein. Franziska.) + + +Franziska +Und nun, gnaediges Fraeulein, lassen Sie es mit dem armen Major gut sein. + + +Fraeulein +Oh, ueber die Vorbitterin! Als ob der Knoten sich nicht von selbst +bald loesen muesste. + +Tellheim +(nachdem er gelesen, mit der lebhaftesten Ruehrung). Ha! er hat sich +auch hier nicht verleugnet!--Oh, mein Fraeulein, welche Gerechtigkeit!-- +welche Gnade!--Das ist mehr, als ich erwartet!--Mehr, als ich verdiene! +--Mein Glueck, meine Ehre, alles ist wiederhergestellt!--Ich traeume +doch nicht? (Indem er wieder in den Brief sieht, als um sich nochmals +zu ueberzeugen.) Nein, kein Blendwerk meiner Wuensche!--Lesen Sie selbst, + mein Fraeulein, lesen Sie selbst! + +Fraeulein +Ich bin nicht so unbescheiden, Herr Major. + +Tellheim +Unbescheiden? Der Brief ist an mich, an Ihren Tellheim, Minna. Er +enthaelt--was Ihnen Ihr Oheim nicht nehmen kann. Sie muessen ihn lesen; +lesen Sie doch! + +Fraeulein +Wenn Ihnen ein Gefalle damit geschieht, Herr Major--(Sie nimmt den +Brief und lieset.) ("Mein lieber Major von Tellheim!) Ich tue Euch zu +wissen, dass der Handel, der mich um Eure Ehre besorgt machte, sich zu +Eurem Vorteil aufgeklaeret hat. Mein Bruder war des naehern davon +unterrichtet, und sein Zeugnis hat Euch fuer mehr als unschuldig +erklaeret. Die Hofstaatskasse hat Ordre, Euch den bewussten Wechsel +wieder auszuliefern und die getanen Vorschuesse zu bezahlen; auch habe +ich befohlen, dass alles, was die Feldkriegskassen wider Eure +Rechnungen urgieren, niedergeschlagen werde. Meldet mir, ob Euch Eure +Gesundheit erlaubet, wieder Dienste zu nehmen. Ich moechte nicht gern +einen Mann von Eurer Bravour und Denkungsart entbehren. Ich bin Euer +wohlaffektionierter Koenig" etc. + +Tellheim +Nun, was sagen Sie hierzu, mein Fraeulein? + +Fraeulein +(indem sie den Brief wieder zusammenschlaegt und zurueckgibt). Ich? +Nichts. + +Tellheim +Nichts? + +Fraeulein +Doch ja: dass Ihr Koenig, der ein grosser Mann ist, auch wohl ein guter +Mann sein mag.--Aber was geht mich das an? Er ist nicht mein Koenig. + +Tellheim +Und sonst sagen Sie nichts? Nichts in Ruecksicht auf uns selbst? + +Fraeulein +Sie treten wieder in seine Dienste; der Herr Major wird Oberstleutnant, +Oberster vielleicht. Ich gratuliere von Herzen. + +Tellheim +Und Sie kennen mich nicht besser?--Nein, da mir das Glueck so viel +zurueckgibt, als genug ist, die Wuensche eines vernuenftigen Mannes zu +befriedigen, soll es einzig von meiner Minna abhangen, ob ich sonst +noch jemanden wieder zugehoeren soll als ihr. Ihrem Dienste allein sei +mein ganzes Leben gewidmet! Die Dienste der Grossen sind gefaehrlich +und lohnen der Muehe, des Zwanges, der Erniedrigung nicht, die sie +kosten. Minna ist keine von den Eiteln, die in ihren Maennern nichts +als den Titel und die Ehrenstelle lieben. Sie wird mich um mich +selbst lieben; und ich werde um sie die ganze Welt vergessen. Ich +ward Soldat aus Parteilichkeit, ich weiss selbst nicht fuer welche +politische Grundsaetze, und aus der Grille, dass es fuer jeden ehrlichen +Mann gut sei, sich in diesem Stande eine Zeitlang zu versuchen, um +sich mit allem, was Gefahr heisst, vertraulich zu machen und Kaelte und +Entschlossenheit zu lernen. Nur die aeusserste Not haette mich zwingen +koennen, aus diesem Versuche eine Bestimmung, aus dieser gelegentlichen +Beschaeftigung ein Handwerk zu machen. Aber nun, da mich nichts mehr +zwingt, nun ist mein ganzer Ehrgeiz wiederum einzig und allein, ein +ruhiger und zufriedener Mensch zu sein. Der werde ich mit Ihnen, +liebste Minna, unfehlbar werden; der werde ich in Ihrer Gesellschaft +unveraenderlich bleiben.--Morgen verbinde uns das heiligste Band; und +sodann wollen wir um uns sehen und wollen in der ganzen weiten +bewohnten Welt den stillsten, heitersten, lachendsten Winkel suchen, +dem zum Paradiese nichts fehlt als ein glueckliches Paar. Da wollen +wir wohnen; da soll jeder unserer Tage--Was ist Ihnen, mein Fraeulein? +(Die sich unruhig hin und her wendet und ihre Ruehrung zu verbergen +sucht.) + +Fraeulein +(sich fassend). Sie sind sehr grausam, Tellheim, mir ein Glueck so +reizend darzustellen, dem ich entsagen muss. Mein Verlust-- + +Tellheim +Ihr Verlust?--Was nennen Sie Ihren Verlust? Alles, was Minna +verlieren konnte, ist nicht Minna. Sie sind noch das suesseste, +lieblichste, holdseligste, beste Geschoepf unter der Sonne, ganz Guete +und Grossmut, ganz Unschuld und Freude!--Dann und wann ein kleiner +Mutwille; hier und da ein wenig Eigensinn--Desto besser! desto besser! +Minna waere sonst ein Engel, den ich mit Schaudern verehren muesste, +den ich nicht lieben koennte. (Ergreift ihre Hand, sie zu kuessen.) + +Fraeulein +(die ihre Hand zurueckzieht). Nicht so, mein Herr!--(Wie auf einmal so +veraendert?--Ist dieser schmeichelnde, stuermische Liebhaber der kalte +Tellheim?--Konnte nur sein wiederkehrendes Glueck ihn in dieses Feuer +setzen?--Er erlaube mir, dass ich bei seiner fliegenden Hitze fuer uns +beide Ueberlegung behalte.--Als er selbst ueberlegen konnte, hoerte ich +ihn sagen, es sei eine nichtswuerdige Liebe, die kein Bedenken trage, +ihren Gegenstand der Verachtung auszusetzen.--Recht, aber ich bestrebe +mich einer ebenso reinen und edeln Liebe als er.--Jetzt, da ihn die +Ehre ruft, da sich ein grosser Monarch um ihn bewirbt, sollte ich +zugeben, dass er sich verliebten Traeumereien mit mir ueberliesse? dass +der ruhmvolle Krieger in einen taendelnden Schaefer ausarte?--Nein, Herr +Major, folgen Sie dem Wink Ihres bessern Schicksals--) + +Tellheim +Nun wohl! Wenn Ihnen die grosse Welt reizender ist, Minna--wohl! so +behalte uns die grosse Welt!--Wie klein, wie armselig ist diese grosse +Welt!--Sie kennen sie nur erst von ihrer Flitterseite. Aber gewiss, +Minna, Sie werden--Es sei! Bis dahin, wohl! Es soll Ihren +Vollkommenheiten nicht an Bewundrern fehlen, und meinem Gluecke wird es +nicht an Neidern gebrechen. + +Fraeulein +Nein, Tellheim, so ist es nicht gemeint! Ich weise Sie in die grosse +Welt, auf die Bahn der Ehre zurueck, ohne Ihnen dahin folgen zu wollen. +--Dort braucht Tellheim eine unbescholtene Gattin! Ein saechsisches +verlaufenes Fraeulein, das sich ihm an den Kopf geworfen-- + +Tellheim +(auffahrend und wild um sich sehend). Wer darf so sprechen?--Ah, +Minna, ich erschrecke vor mir selbst, wenn ich mir vorstelle, dass +jemand anders dieses gesagt haette als Sie. Meine Wut gegen ihn wuerde +ohne Grenzen sein. + +Fraeulein +Nun da! Das eben besorge ich. Sie wuerden nicht die geringste +Spoetterei ueber mich dulden, und doch wuerden Sie taeglich die bittersten +einzunehmen haben.--Kurz, hoeren Sie also, Tellheim, was ich fest +beschlossen, wovon mich nichts in der Welt abbringen soll-- + +Tellheim +Ehe Sie ausreden, Fraeulein--ich beschwoere Sie, Minna!--ueberlegen Sie +es noch einen Augenblick, dass Sie mir das Urteil ueber Leben und Tod +sprechen!-- + +Fraeulein +Ohne weitere Ueberlegung!--So gewiss ich Ihnen den Ring zurueckgegeben, +mit welchem Sie mir ehemals Ihre Treue verpflichtet, so gewiss Sie +diesen naemlichen Ring zurueckgenommen: so gewiss soll die unglueckliche +Barnhelm die Gattin des gluecklichern Tellheims nie werden! + +Tellheim +Und hiermit brechen Sie den Stab, Fraeulein? + +Fraeulein +Gleichheit ist allein das feste Band der Liebe.--Die glueckliche +Barnhelm wuenschte, nur fuer den gluecklichen Tellheim zu leben. Auch +die unglueckliche Minna haette sich endlich ueberreden lassen, das +Unglueck ihres Freundes durch sich, es sei zu vermehren oder zu lindern. +--Er bemerkte es ja wohl, ehe dieser Brief ankam, der alle Gleichheit +zwischen uns wieder aufhebt, wie sehr zum Schein ich mich nur noch +weigerte. + +Tellheim +Ist das wahr, mein Fraeulein?--Ich danke Ihnen, Minna, dass Sie den Stab +noch nicht gebrochen.--Sie wollen nur den ungluecklichen Tellheim? Er +ist zu haben. (Kalt.) Ich empfinde eben, dass es mir unanstaendig ist, +diese spaete Gerechtigkeit anzunehmen, dass es besser sein wird, wenn +ich das, was man durch einen so schimpflichen Verdacht entehrt hat, +gar nicht wiederverlange.--Ja, ich will den Brief nicht bekommen haben. +Das sei alles, was ich darauf antworte und tue! (Im Begriffe, ihn +zu zerreissen.) + +Fraeulein +(das ihm in die Haende greift). Was wollen Sie, Tellheim? + +Tellheim +Sie besitzen. + +Fraeulein +Halten Sie! + +Tellheim +Fraeulein, er ist unfehlbar zerrissen, wenn Sie nicht bald sich anders +erklaeren.--Alsdann wollen wir doch sehen, was Sie noch wider mich +einzuwenden haben! + +Fraeulein +Wie? In diesem Tone?--So soll ich, so muss ich in meinen eigenen Augen +veraechtlich werden? Nimmermehr! Es ist eine nichtswuerdige Kreatur, +die sich nicht schaemet, ihr ganzes Glueck der blinden Zaertlichkeit +eines Mannes zu verdanken! + +Tellheim +Falsch, grundfalsch! + +Fraeulein +Wollen Sie es wagen, Ihre eigene Rede in meinem Munde zu schelten? + +Tellheim +Sophistin! So entehrt sich das schwaechere Geschlecht durch alles, was +dem staerkern nicht ansteht? So soll sich der Mann alles erlauben, was +dem Weibe geziemet? Welches bestimmte die Natur zur Stuetze des +andern? + +Fraeulein +Beruhigen Sie sich, Tellheim!--Ich werde nicht ganz ohne Schutz sein, +wenn ich schon die Ehre des Ihrigen ausschlagen muss. So viel muss mir +immer noch werden, als die Not erfordert. Ich habe mich bei unserm +Gesandten melden lassen. Er will mich noch heute sprechen. +Hoffentlich wird er sich meiner annehmen. Die Zeit verfliesst. +Erlauben Sie, Herr Major-- + +Tellheim +Ich werde Sie begleiten, gnaediges Fraeulein.-- + +Fraeulein +Nicht doch, Herr Major, lassen Sie mich-- + +Tellheim +Eher soll Ihr Schatten Sie verlassen! Kommen Sie nur, mein Fraeulein, +wohin Sie wollen, zu wem Sie wollen. Ueberall, an Bekannte und +Unbekannte, will ich es erzaehlen, in Ihrer Gegenwart des Tages +hundertmal erzaehlen, welche Bande Sie an mich verknuepfen, aus welchem +grausamen Eigensinne Sie diese Bande trennen wollen-- + + + +10. Szene + +(Just. Die Vorigen.) + + +Just +(mit Ungestuem). Herr Major! Herr Major! + +Tellheim +Nun? + +Just +Kommen Sie doch geschwind, geschwind! + +Tellheim +Was soll ich? Zu mir her! Sprich, was ist's? + +Just +Hoeren Sie nur--(Redet ihm heimlich ins Ohr.) + +Fraeulein +(indes beiseite zur Franziska). Merkst du was, Franziska? + +Franziska +Oh, Sie Unbarmherzige! Ich habe hier gestanden wie auf Kohlen! + +Tellheim +(zu Justen). Was sagst du?--Das ist nicht moeglich!--Sie? (Indem er +das Fraeulein wild anblickt.)--sag es laut; sag es ihr ins Gesicht!-- +Hoeren Sie doch, mein Fraeulein!-- + +Just +Der Wirt sagt, das Fraeulein von Barnhelm habe den Ring, welchen ich +bei ihm versetzt, zu sich genommen; sie habe ihn fuer den ihrigen +erkannt und wolle ihn nicht wieder herausgeben.-- + +Tellheim +Ist das wahr, mein Fraeulein?--Nein, das kann nicht wahr sein! + +Fraeulein +(laechelnd). Und warum nicht, Tellheim?--Warum kann es nicht wahr +sein? + +Tellheim +(heftig). Nun, so sei es wahr!--Welch schreckliches Licht, das mir +auf einmal aufgegangen!--Nun erkenne ich Sie, die Falsche, die +Ungetreue! + +Fraeulein +(erschrocken). Wer? wer ist diese Ungetreue? + +Tellheim +Sie, die ich nicht mehr nennen will! + +Fraeulein +Tellheim! + +Tellheim +Vergessen Sie meinen Namen!--Sie kamen hierher, mit mir zu brechen. +Es ist klar!--Dass der Zufall so gern dem Treulosen zustatten koemmt! +Er fuehrte Ihnen Ihren Ring in die Haende. Ihre Arglist wusste mir den +meinigen zuzuschanzen. + +Fraeulein +Tellheim, was fuer Gespenster sehen Sie! Fassen Sie sich doch, und +hoeren Sie mich. + +Franziska +(vor sich). Nun mag sie es haben! + + + +11. Szene + +(Werner mit einem Beutel Gold. v. Tellheim. (Das Fraeulein. +Franziska. Just.) + + +Werner +Hier bin ich schon, Herr Major!-- + +Tellheim +(ohne ihn anzusehen). Wer verlangt dich?-- + +Werner +Hier ist Geld! tausend Pistolen! + +Tellheim +Ich will sie nicht! + +Werner +Morgen koennen Sie, Herr Major, ueber noch einmal so viel befehlen. + +Tellheim +Behalte dein Geld! + +Werner +Es ist ja Ihr Geld, Herr Major.--Ich glaube, Sie sehen nicht, mit wem +Sie sprechen? + +Tellheim +Weg damit! sag ich. + +Werner +Was fehlt Ihnen?--Ich bin Werner. + +Tellheim +Alle Guete ist Verstellung, alle Dienstfertigkeit Betrug. + +Werner +Gilt das mir? + +Tellheim +Wie du willst! + +Werner +Ich habe ja nur Ihren Befehl vollzogen.-- + +Tellheim +So vollziehe auch den und packe dich! + +Werner +Herr Major! (aergerlich) ich bin ein Mensch-- + +Tellheim +Da bist du was Rechts! + +Werner +Der auch Galle hat-- + +Tellheim +Gut! Galle ist noch das Beste, was wir haben. + +Werner +Ich bitte Sie, Herr Major-- + +Tellheim +Wievielmal soll ich dir es sagen? Ich brauche dein Geld nicht! + +Werner +(zornig). Nun, so brauch es, wer da will! (Indem er ihm den Beutel +vor die Fuesse wirft und beiseite geht.) + +Fraeulein +(zur Franziska). Ah, liebe Franziska, ich haette dir folgen sollen. +Ich habe den Scherz zu weit getrieben.--Doch er darf mich ja nur hoeren +--(Auf ihn zugehend.) + +Franziska +(die, ohne dem Fraeulein zu antworten, sich Wernern naehert). Herr +Wachtmeister!-- + +Werner +(muerrisch). Geh Sie!-- + +Franziska +Hu! was sind das fuer Maenner! + +Fraeulein +Tellheim!--Tellheim! (Der vor Wut an den Fingern naget, das Gesicht +wegwendet und nichts hoeret.)--Nein, das ist zu arg!--Hoeren Sie mich +doch!--Sie betruegen sich!--Ein blosses Missverstaendnis--Tellheim!--Sie +wollen Ihre Minna nicht hoeren?--Koennen Sie einen solchen Verdacht +fassen?--Ich mit Ihnen brechen wollen?--Ich darum hergekommen?-- +Tellheim! + + + +12. Szene + +(Zwei Bediente nacheinander, von verschiedenen Seiten ueber den Saal +laufend. Die Vorigen.) + + +eine Bediente +Gnaediges Fraeulein, Ihro Exzellenz, der Graf!-- + +andere Bediente +Er koemmt, gnaediges Fraeulein!-- + +Franziska +(die ans Fenster gelaufen). Er ist es! er ist es! + +Fraeulein +Ist er's?--Oh, nun geschwind, Tellheim-- + +Tellheim +(auf einmal zu sich selbst kommend). Wer? wer koemmt? Ihr Oheim, +Fraeulein? dieser grausame Oheim?--Lassen Sie ihn nur kommen, lassen +Sie ihn nur kommen!--Fuerchten Sie nichts! Er soll Sie mit keinem +Blicke beleidigen duerfen! Er hat es mit mir zu tun.--Zwar verdienen +Sie es um mich nicht-- + +Fraeulein +Geschwind umarmen Sie mich, Tellheim, und vergessen Sie alles-- + +Tellheim +Ha, wenn ich wuesste, dass Sie es bereuen koennten!-- + +Fraeulein +Nein, ich kann es nicht bereuen, mir den Anblick Ihres ganzen Herzens +verschafft zu haben!--Ah, was sind Sie fuer ein Mann!--Umarmen Sie Ihre +Minna, Ihre glueckliche Minna; aber durch nichts gluecklicher als durch +Sie! (Sie faellt ihm in die Arme.) Und nun, ihm entgegen!-- + +Tellheim +Wem entgegen? + +Fraeulein +Dem besten Ihrer unbekannten Freunde. + +Tellheim +Wie? + +Fraeulein +Dem Grafen, meinem Oheim, meinem Vater, Ihrem Vater--Meine Flucht, +sein Unwille, meine Enterbung--hoeren Sie denn nicht, dass alles +erdichtet ist?--Leichtglaeubiger Ritter! + +Tellheim +Erdichtet?--Aber der Ring? der Ring? + +Fraeulein +Wo haben Sie den Ring, den ich Ihnen zurueckgegeben? + +Tellheim +Sie nehmen ihn wieder?--Oh, so bin ich gluecklich!--Hier, Minna!--(Ihn +herausziehend.) + +Fraeulein +So besehen Sie ihn doch erst!--Oh, ueber die Blinden, die nicht sehen +wollen!--Welcher Ring ist es denn? Den ich von Ihnen habe, oder den +Sie von mir?--Ist es denn nicht eben der, den ich in den Haenden des +Wirts nicht lassen wollen? + +Tellheim +Gott! was seh ich? was hoer ich? + +Fraeulein +Soll ich ihn nun wiedernehmen? soll ich?--Geben Sie her, geben Sie +her! (Reisst ihn ihm aus der Hand und steckt ihn ihm selbst an den +Finger.) Nun? ist alles richtig? + +Tellheim +Wo bin ich?--(Ihre Hand kuessend.) O boshafter Engel!--mich so zu +quaelen! + +Fraeulein +Dieses zur Probe, mein lieber Gemahl, dass Sie mir nie einen Streich +spielen sollen, ohne dass ich Ihnen nicht gleich darauf wieder einen +spiele.--Denken Sie, dass Sie mich nicht auch gequaelet hatten? + +Tellheim +O Komoediantinnen, ich haette euch doch kennen sollen. + +Franziska +Nein, wahrhaftig; ich bin zur Komoediantin verdorben. Ich habe +gezittert und gebebt und mir mit der Hand das Maul zuhalten muessen. + +Fraeulein +Leicht ist mir meine Rolle auch nicht geworden.--Aber so kommen Sie +doch! + +Tellheim +Noch kann ich mich nicht erholen.--Wie wohl, wie aengstlich ist mir! +So erwacht man ploetzlich aus einem schreckhaften Traume! + +Fraeulein +Wir zaudern.--Ich hoere ihn schon. + + + +13. Szene + +(Der Graf von Bruchsall, von verschiedenen Bedienten und dem Wirte +begleitet. Die Vorigen.) + + +Graf +(im Hereintreten). Sie ist doch gluecklich angelangt? + +Fraeulein +(die ihm entgegenspringt). Ah, mein Vater!-- + +Graf +Da bin ich, liebe Minna! (Sie umarmend.) Aber was, Maedchen? (Indem +er den Tellheim gewahr wird.) Vierundzwanzig Stunden erst hier und +schon Bekanntschaft und schon Gesellschaft? + +Fraeulein +Raten Sie, wer es ist?-- + +Graf +Doch nicht dein Tellheim? + +Fraeulein +Wer sonst als er?--Kommen Sie, Tellheim! (Ihn dem Grafen zufuehrend.) + +Graf +Mein Herr, wir haben uns nie gesehen, aber bei dem ersten Anblicke +glaubte ich, Sie zu erkennen. Ich wuenschte, dass Sie es sein moechten.-- +Umarmen Sie mich.--Sie haben meine voellige Hochachtung. Ich bitte um +Ihre Freundschaft.--Meine Nichte, meine Tochter liebet Sie.-- + +Fraeulein +Das wissen Sie, mein Vater!--Und ist sie blind, meine Liebe? + +Graf +Nein, Minna, deine Liebe ist nicht blind, aber dein Liebhaber--ist +stumm. + +Tellheim +(sich ihm in die Arme werfend). Lassen Sie mich zu mir selbst kommen, +mein Vater!-- + +Graf +So recht, mein Sohn! Ich hoere es; wenn dein Mund nicht plaudern kann, +so kann dein Herz doch reden.--Ich bin sonst den Offizieren von dieser +Farbe (auf Tellheims Uniform weisend) eben nicht gut. Doch Sie sind +ein ehrlicher Mann, Tellheim; und ein ehrlicher Mann mag stecken, in +welchem Kleide er will, man muss ihn lieben. + +Fraeulein +Oh, wenn Sie alles wuessten!-- + +Graf +Was hindert's, dass ich nicht alles erfahre?--Wo sind meine Zimmer, +Herr Wirt? + +Wirt +Wollen Ihro Exzellenz nur die Gnade haben, hier hereinzutreten. + +Graf +Komm, Minna! Kommen Sie, Herr Major! (Geht mit dem Wirte und den +Bedienten ab.) + +Fraeulein +Kommen Sie, Tellheim! + +Tellheim +Ich folge Ihnen den Augenblick, mein Fraeulein. Nur noch ein Wort mit +diesem Manne! (Gegen Wernern sich wendend.) + +Fraeulein +Und ja ein recht gutes; mich duenkt, Sie haben es noetig.--Franziska, +nicht wahr? (Dem Grafen nach.) + + + +14. Szene + +(v. Tellheim. Werner. Just. Franziska.) + + +Tellheim +(auf den Beutel weisend, den Werner weggeworfen). Hier, Just!--Hebe +den Beutel auf, und trage ihn nach Hause. Geh!--(Just damit ab.) + +Werner +(der noch immer muerrisch im Winkel gestanden und an nichts +teilzunehmen geschienen, indem er das hoert). Ja, nun! + +Tellheim +(vertraulich auf ihn zugehend). Werner, wann kann ich die andern +tausend Pistolen haben? + +Werner +(auf einmal wieder in seiner guten Laune). Morgen, Herr Major, morgen. +-- + +Tellheim +Ich brauche dein Schuldner nicht zu werden, aber ich will dein +Rentmeister sein. Euch gutherzigen Leuten sollte man allen einen +Vormund setzen. Ihr seid eine Art Verschwender.--Ich habe dich vorhin +erzuernt, Werner!-- + +Werner +Bei meiner armen Seele, ja!--Ich haette aber doch so ein Toelpel nicht +sein sollen. Nun seh ich's wohl. Ich verdiente hundert Fuchtel. +Lassen Sie mir sie auch schon geben; nur weiter Keinen Groll, lieber +Major!-- + +Tellheim +Groll?--(Ihm die Hand drueckend.) Lies es in meinen Augen, was ich dir +nicht alles sagen kann.--Ha! wer ein besseres Maedchen und einen +redlichern Freund hat als ich, den will ich sehen!--Franziska, nicht +wahr? (Geht ab.) + + + +15. Szene + +(Werner. Franziska) + + +Franziska +(vor sich). Ja gewiss, es ist ein gar zu guter Mann!--So einer koemmt +mir nicht wieder vor.--Es muss heraus! (Schuechtern und verschaemt sich +Wernern naehernd.) Herr Wachtmeister!-- + +Werner +(der sich die Augen wischt). Nu?-- + +Franziska +Herr Wachtmeister-- + +Werner +Was will Sie denn, Frauenzimmerchen? + +Franziska +Seh Er mich einmal an, Herr Wachtmeister.-- + +Werner +Ich kann noch nicht; ich weiss nicht, was mir in die Augen gekommen. + +Franziska +So seh Er mich doch an! + +Werner +Ich fuerchte, ich habe Sie schon zuviel angesehen, Frauenzimmerchen!-- +Nun, da seh ich Sie ja! Was gibt's denn? + +Franziska +Herr Wachtmeister--braucht Er keine Frau Wachtmeisterin? + +Werner +Ist das Ihr Ernst, Frauenzimmerchen? + +Franziska +Mein voelliger! + +Werner +Zoege Sie wohl auch mit nach Persien? + +Franziska +Wohin Er will! + +Werner +Gewiss?--Holla! Herr Major! nicht gross getan! Nun habe ich +wenigstens ein ebenso gutes Maedchen und einen ebenso redlichen Freund +als Sie!--Geben Sie mir Ihre Hand, Frauenzimmerchen! Topp!--Ueber zehn +Jahr' ist Sie Frau Generalin oder Witwe! + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Minna von Barnhelm, von Gotthold +Ephraim Lessing. + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Minna von Barnhelm, by Gotthold Ephraim Lessing + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MINNA VON BARNHELM *** + +This file should be named 7mnbh10.txt or 7mnbh10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7mnbh11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7mnbh10a.txt + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau. + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. 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You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Minna von Barnhelm + +Author: Gotthold Ephraim Lessing + +Release Date: October, 2005 [EBook #9187] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on September 13, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO Latin-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MINNA VON BARNHELM *** + + + + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau. + + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 8-bit version. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +MINNA VON BARNHELM + +von GOTTHOLD EPHRAIM LESSING + +Die Erstausgabe wurde 1767 bei Christian Friedrich Voß in Berlin +herausgegeben. + + +Inhalt: +1. Akt +2. Akt +3. Akt +4. Akt +5. Akt + + + + +1. Akt + + + +1. Szene + +(Just sitzet in einem Winkel, schlummert und redet im Traume.) + + +Just +Schurke von einem Wirte! Du, uns?--Frisch, Bruder!--Schlag zu, Bruder! +(Er holt aus und erwacht durch die Bewegung.) Heda! schon wieder? +Ich mache kein Auge zu, so schlage ich mich mit ihm herum. Hätte er +nur erst die Hälfte von allen den Schlägen!--Doch sieh, es ist Tag! +Ich muß nur bald meinen armen Herrn aufsuchen. Mit meinem Willen soll +er keinen Fuß mehr in das vermaledeite Haus setzen. Wo wird er die +Nacht zugebracht haben? + + + +2. Szene + +(Der Wirt. Just.) + + +Wirt +Guten Morgen, Herr Just, guten Morgen! Ei, schon so früh auf? Oder +soll ich sagen: noch so spät auf? + +Just +Sage Er, was Er will. + +Wirt +Ich sage nichts als "Guten Morgen"; und das verdient doch wohl, daß +Herr Just "Großen Dank" darauf sagt? + +Just +Großen Dank! + +Wirt +Man ist verdrießlich, wenn man seine gehörige Ruhe nicht haben kann. +Was gilt's, der Herr Major ist nicht nach Hause gekommen, und Er hat +hier auf ihn gelauert? + +Just +Was der Mann nicht alles erraten kann! + +Wirt +Ich vermute, ich vermute. + +Just +(kehrt sich um und will gehen). Sein Diener! + +Wirt +(hält ihn). Nicht doch, Herr Just! + +Just +Nun gut; nicht Sein Diener! + +Wirt +Ei, Herr Just! ich will doch nicht hoffen, Herr Just, Daß Er noch von +gestern her böse ist? Wer wird seinen Zorn über Nacht behalten? + +Just +Ich; und über alle folgende Nächte. + +Wirt +Ist das christlich? + +Just +Ebenso christlich, als einen ehrlichen Mann, der nicht gleich bezahlen +kann, aus dem Hause stoßen, auf die Straße werfen. + +Wirt +Pfui, wer könnte so gottlos sein? + +Just +Ein christlicher Gastwirt.--Meinen Herrn! so einen Mann! so einen +Offizier! + +Wirt +Den hätte ich aus dem Hause gestoßen? auf die Straße geworfen? Dazu +habe ich viel zu viel Achtung für einen Offizier und viel zu viel +Mitleid mit einem abgedankten! Ich habe ihm aus Not ein ander Zimmer +einräumen müssen.--Denke Er nicht mehr daran, Herr Just. (Er ruft in +die Szene.) Holla!--Ich will's auf andere Weise wiedergutmachen. (Ein +Junge kömmt.) Bring ein Gläschen; Herr Just will ein Gläschen haben; +und was Gutes! + +Just +Mache Er sich keine Mühe, Herr Wirt. Der Tropfen soll zu Gift werden, +den--Doch ich will nicht schwören; ich bin noch nüchtern! + +Wirt +(zu dem Jungen, der eine Flasche Likör und ein Glas bringt). Gib her; +geh!--Nun, Herr Just, was ganz Vortreffliches; stark, lieblich, gesund. +(Er füllt und reicht ihm zu.) Das kann einen überwachten Magen +wieder in Ordnung bringen! + +Just +Bald dürfte ich nicht!--Doch warum soll ich meiner Gesundheit seine +Grobheit entgelten lassen?--(Er nimmt und trinkt.) + +Wirt +Wohl bekomm's, Herr Just! + +Just +(indem er das Gläschen wieder zurückgibt). Nicht übel!--Aber, Herr +Wirt, Er ist doch ein Grobian! + +Wirt +Nicht doch, nicht doch!--Geschwind noch eins; auf einem Beine ist +nicht gut stehen. + +Just +(nachdem er getrunken). Das muß ich sagen: gut, sehr gut!--Selbst +gemacht, Herr Wirt?-- + +Wirt +Behüte! veritabler Danziger! echter, doppelter Lachs! + +Just +Sieht Er, Herr Wirt; wenn ich heucheln könnte, so würde ich für so was +heucheln; aber ich kann nicht; es muß raus:--Er ist doch ein Grobian, +Herr Wirt! + +Wirt +In meinem Leben hat mir das noch niemand gesagt.--Noch eins, Herr Just; +aller guten Dinge sind drei! + +Just +Meinetwegen! (Er trinkt.) Gut Ding, wahrlich gut Ding!--Aber auch die +Wahrheit ist gut Ding.--Herr Wirt, Er ist doch ein Grobian! + +Wirt +Wenn ich es wäre, würde ich das wohl so mit anhören? + +Just +O ja, denn selten hat ein Grobian Galle. + +Wirt +Nicht noch eins, Herr Just? Eine vierfache Schnur hält desto besser. + +Just +Nein, zu viel ist zu viel! Und was hilft's Ihn, Herr Wirt? Bis auf +den letzten Tropfen in der Flasche würde ich bei meiner Rede bleiben. +Pfui, Herr Wirt, so guten Danziger zu haben und so schlechte Mores!-- +Einem Manne wie meinem Herrn, der Jahr und Tag bei Ihm gewohnt, von +dem Er schon so manchen schönen Taler gezogen, der in seinem Leben +keinen Heller schuldig geblieben ist; weil er ein paar Monate her +nicht prompt bezahlt, weil er nicht mehr so viel aufgehen läßt--in der +Abwesenheit das Zimmer auszuräumen! + +Wirt +Da ich aber das Zimmer notwendig brauchte? da ich voraussähe, daß der +Herr Major es selbst gutwillig würde geräumt haben, wenn wir nur lange +auf seine Zurückkunft hätten warten können? Sollte ich denn so eine +fremde Herrschaft wieder von meiner Türe wegfahren lassen? Sollte ich +einem andern Wirte so einen Verdienst mutwillig in den Rachen jagen? +Und ich glaube nicht einmal, daß sie sonstwo unterkommen wäre. Die +Wirtshäuser sind jetzt alle stark besetzt. Sollte eine so junge, +schöne, liebenswürdige Dame auf der Straße bleiben? Dazu ist Sein +Herr viel zu galant! Und was verliert er denn dabei? Habe ich ihm +nicht ein anderes Zimmer dafür eingeräumt? + +Just +Hinten an dem Taubenschlage; die Aussicht zwischen des Nachbars +Feuermauern-- + +Wirt +Die Aussicht war wohl sehr schön, ehe sie der verzweifelte Nachbar +verbaute. Das Zimmer ist doch sonst galant und tapeziert-- + +Just +Gewesen! + +Wirt +Nicht doch, die eine Wand ist es noch. Und Sein Stübchen darneben, +Herr Just; was fehlt dem Stübchen? Es hat einen Kamin, der zwar im +Winter ein wenig raucht-- + +Just +Aber doch im Sommer recht hübsch läßt.--Herr, ich glaube gar, Er +vexiert uns noch obendrein?-- + +Wirt +Nu, nu, Herr Just, Herr Just-- + +Just +Mache Er Herr Justen den Kopf nicht warm, oder-- + +Wirt +Ich macht' ihn warm? der Danziger tut's!-- + +Just +Einen Offizier wie meinen Herrn! Oder meint Er, daß ein abgedankter +Offizier nicht auch ein Offizier ist, der Ihm den Hals brechen kann? +Warum waret ihr im Kriege so geschmeidig, ihr Herren Wirte? Warum war +denn da jeder Offizier ein würdiger Mann und jeder Soldat ein +ehrlicher, braver Kerl? Macht euch das bißchen Friede schon so +übermütig? + +Wirt +Was ereifert Er sich nun, Herr Just?-- + +Just +Ich will mich ereifern.-- + + + +3. Szene + +(v. Tellheim. Der Wirt. Just.) + + +Tellheim +(im Hereintreten). Just! + +Just +(in der Meinung, daß ihn der Wirt nenne). Just?--So bekannt sind wir?-- + +Tellheim +Just! + +Just +Ich dächte, ich wäre wohl Herr Just für Ihn! + +Wirt +(der den Major gewahr wird). St! st! Herr, Herr, Herr Just--seh Er +sich doch um; Sein Herr-- + +Tellheim +Just, ich glaube, du zankst? Was habe ich dir befohlen? + +Wirt +Oh, Ihro Gnaden! zanken? da sei Gott vor! Ihr untertänigster Knecht +sollte sich unterstehen, mit einem, der die Gnade hat, Ihnen +anzugehören, zu zanken? + +Just +Wenn ich ihm doch eins auf den Katzenbuckel geben dürfte!-- + +Wirt +Es ist wahr, Herr Just spricht für seinen Herrn, und ein wenig hitzig. + Aber daran tut er recht; ich schätze ihn um so viel höher; ich liebe +ihn darum.-- + +Just +Daß ich ihm nicht die Zähne austreten soll! + +Wirt +Nur schade, daß er sich umsonst erhitzt. Denn ich bin gewiß +versichert, daß Ihro Gnaden keine Ungnade deswegen auf mich geworfen +haben, weil--die Not--mich notwendig-- + +Tellheim +Schon zuviel, mein Herr! Ich bin Ihnen schuldig; Sie räumen mir in +meiner Abwesenheit das Zimmer aus; Sie müssen bezahlt werden; ich muß +wo anders unterzukommen suchen. Sehr natürlich!-- + +Wirt +Wo anders? Sie wollen ausziehen, gnädiger Herr? Ich unglücklicher +Mann! ich geschlagner Mann! Nein, nimmermehr! Eher muß die Dame das +Quartier wieder räumen. Der Herr Major kann ihr, will ihr sein Zimmer +nicht lassen; das Zimmer ist sein; sie muß fort; ich kann ihr nicht +helfen.--Ich gehe, gnädiger Herr-- + +Tellheim +Freund, nicht zwei dumme Streiche für einen! Die Dame muß in dem +Besitze des Zimmers bleiben.-- + +Wirt +Und Ihro Gnaden sollten glauben, daß ich aus Mißtrauen, aus Sorge für +meine Bezahlung?--Als wenn ich nicht wüßte, daß mich Ihro Gnaden +bezahlen können, sobald Sie nur wollen.--Das versiegelte Beutelchen-- +fünfhundert Taler Louisdor stehet drauf--welches Ihro Gnaden in dem +Schreibepulte stehen gehabt--ist in guter Verwahrung.-- + +Tellheim +Das will ich hoffen; so wie meine übrige Sachen.--Just soll sie in +Empfang nehmen, wenn er Ihnen die Rechnung bezahlt hat.-- + +Wirt +Wahrhaftig, ich erschrak recht, als ich das Beutelchen fand.--Ich habe +immer Ihro Gnaden für einen ordentlichen und vorsichtigen Mann +gehalten, der sich niemals ganz ausgibt.--Aber dennoch--wenn ich bar +Geld in dem Schreibepulte vermutet hätte-- + +Tellheim +Würden Sie höflicher mit mir verfahren sein. Ich verstehe Sie.--Gehen +Sie nur, mein Herr; lassen Sie mich; ich habe mit meinem Bedienten zu +sprechen.-- + +Wirt +Aber, gnädiger Herr-- + +Tellheim +Komm, Just, der Herr will nicht erlauben, daß ich dir in seinem Hause +sage, was du tun sollst.-- + +Wirt +Ich gehe ja schon, gnädiger Herr!--Mein ganzes Haus ist zu Ihren +Diensten. + + + +4. Szene + +(v. Tellheim. Just.) + + +Just +(der mit dem Fuße stampft und dem Wirte nachspuckt). Pfui! + +Tellheim +Was gibt's? + +Just +Ich ersticke vor Bosheit. + +Tellheim +Das wäre soviel als an Vollblütigkeit. + +Just +Und Sie--Sie erkenne ich nicht mehr, mein Herr. Ich sterbe vor Ihren +Augen, wenn Sie nicht der Schutzengel dieses hämischen, unbarmherzigen +Rackers sind! Trotz Galgen und Schwert und Rad hätte ich ihn--hätte +ich ihn mit diesen Händen erdrosseln, mit diesen Zähnen zerreißen +wollen.-- + +Tellheim +Bestie! + +Just +Lieber Bestie als so ein Mensch! + +Tellheim +Was willst du aber? + +Just +Ich will, daß Sie es empfinden sollen, wie sehr man Sie beleidiget. + +Tellheim +Und dann? + +Just +Daß Sie sich rächten.--Nein, der Kerl ist Ihnen zu gering.-- + +Tellheim +Sondern, daß ich es dir auftrüge, mich zu rächen? Das war von Anfang +mein Gedanke. Er hätte mich nicht wieder mit Augen sehen und seine +Bezahlung aus deinen Händen empfangen sollen. Ich weiß, daß du eine +Handvoll Geld mit einer ziemlich verächtlichen Miene einem hinwerfen +kannst.-- + +Just +So? eine vortreffliche Rache!-- + +Tellheim +Aber die wir noch verschieben müssen. Ich habe keinen Heller bares +Geld mehr; ich weiß auch keines aufzutreiben. + +Just +Kein bares Geld? Und was ist denn das für ein Beutel mit fünfhundert +Taler Louisdor, den der Wirt in Ihrem Schreibpulte gefunden? + +Tellheim +Das ist Geld, welches mir aufzuheben gegeben worden. + +Just +Doch nicht die hundert Pistolen, die Ihnen Ihr alter Wachtmeister vor +vier oder fünf Wochen brachte? + +Tellheim +Die nämlichen, von Paul Wernern. Warum nicht? + +Just +Diese haben Sie noch nicht gebraucht? Mein Herr, mit diesen können +Sie machen, was Sie wollen. Auf meine Verantwortung-- + +Tellheim +Wahrhaftig? + +Just +Werner hörte von mir, wie sehr man Sie mit Ihren Forderungen an die +Generalkriegskasse aufzieht. Er hörte-- + +Tellheim +Daß ich sicherlich zum Bettler werden würde, wenn ich es nicht schon +wäre.--Ich bin dir sehr verbunden, Just.--Und diese Nachricht +vermochte Wernern, sein bißchen Armut mit mir zu teilen.--Es ist mir +doch lieb, daß ich es erraten habe.--Höre, Just, mache mir zugleich +auch deine Rechnung; wir sind geschiedene Leute.-- + +Just +Wie? was? + +Tellheim +Kein Wort mehr; es kömmt jemand.-- + + + +5. Szene + +(Eine Dame in Trauer. v. Tellheim. Just.) + + +Dame +Ich bitte um Verzeihung, mein Herr!-- + +Tellheim +Wen suchen Sie, Madame?-- + +Dame +Eben den würdigen Mann, mit welchem ich die Ehre habe zu sprechen. +Sie kennen mich nicht mehr? Ich bin die Witwe Ihres ehemaligen +Stabsrittmeisters-- + +Tellheim +Um des Himmels willen, gnädige Frau! welche Veränderung!-- + +Dame +Ich stehe von dem Krankenbette auf, auf das mich der Schmerz über den +Verlust meines Mannes warf. Ich muß Ihnen früh beschwerlich fallen, +Herr Major. Ich reise auf das Land, wo mir eine gutherzige, aber eben +auch nicht glückliche Freundin eine Zuflucht vors erste angeboten.-- + +Tellheim +(zu Just). Geh, laß uns allein.-- + + + +6. Szene + +(Die Dame. v. Tellheim.) + + +Tellheim +Reden Sie frei, gnädige Frau! Vor mir dürfen Sie sich Ihres Unglücks +nicht schämen. Kann ich Ihnen worin dienen? + +Dame +Mein Herr Major-- + +Tellheim +Ich beklage Sie, gnädige Frau! Worin kann ich Ihnen dienen? Sie +wissen, Ihr Gemahl war mein Freund; mein Freund, sage ich; ich war +immer karg mit diesem Titel. + +Dame +Wer weiß es besser als ich, wie wert Sie seiner Freundschaft waren, +wie wert er der Ihrigen war? Sie würden sein letzter Gedanke, Ihr +Name der letzte Ton seiner sterbenden Lippen gewesen sein, hätte nicht +die stärkere Natur dieses traurige Vorrecht für seinen unglücklichen +Sohn, für seine unglückliche Gattin gefordert-- + +Tellheim +Hören Sie auf, Madame! Weinen wollte ich mit Ihnen gern; aber ich +habe heute keine Tränen. Verschonen Sie mich! Sie finden mich in +einer Stunde, wo ich leicht zu verleiten wäre, wider die Vorsicht zu +murren.--O mein rechtschaffner Marloff! Geschwind, gnädige Frau, was +haben Sie zu befehlen? Wenn ich Ihnen zu dienen imstande bin, wenn +ich es bin-- + +Dame +Ich darf nicht abreisen, ohne seinen letzten Willen zu vollziehen. Er +erinnerte sich kurz vor seinem Ende, daß er als Ihr Schuldner sterbe, +und beschwor mich, diese Schuld mit der ersten Barschaft zu tilgen. +Ich habe seine Equipage verkauft und komme, seine Handschrift +einzulösen.-- + +Tellheim +Wie, gnädige Frau? darum kommen Sie? + +Dame +Darum. Erlauben Sie, daß ich das Geld aufzähle. + +Tellheim +Nicht doch, Madame! Marloff mir schuldig? das kann schwerlich sein. +Lassen Sie doch sehen. (Er ziehet sein Taschenbuch heraus und sucht.) +Ich finde nichts. + +Dame +Sie werden seine Handschrift verlegt haben, und die Handschrift tut +nichts zur Sache.--Erlauben Sie-- + +Tellheim +Nein, Madame! so etwas pflege ich nicht zu verlegen. Wenn ich sie +nicht habe, so ist es ein Beweis, daß ich nie eine gehabt habe, oder +daß sie getilgt und von mir schon zurückgegeben worden. + +Dame +Herr Major!-- + +Tellheim +Ganz gewiß, gnädige Frau. Nein, Marloff ist mir nichts schuldig +gebleiben. Ich wüßte mich auch nicht zu erinnern, daß er mir jemals +etwas schuldig gewesen wäre. Nicht anders, Madame; er hat mich +vielmehr als seinen Schuldner hinterlassen. Ich habe nie etwas tun +können, mich mit einem Manne abzufinden, der sechs Jahre Glück und +Unglück, Ehre und Gefahr mit mir geteilet. Ich werde es nicht +vergessen, daß ein Sohn von ihm da ist. Er wird mein Sohn sein, +sobald ich sein Vater sein kann. Die Verwirrung, in der ich mich +jetzt selbst befinde-- + +Dame +Edelmütiger Mann! Aber denken Sie auch von mir nicht zu klein! +Nehmen Sie das Geld, Herr Major; so bin ich wenigstens beruhiget.-- + +Tellheim +Was brauchen Sie zu Ihrer Beruhigung weiter als meine Versicherung, +daß mir dieses Geld nicht gehöret? Oder wollen Sie, daß ich die +unerzogene Waise meines Freundes bestehlen soll? Bestehlen, Madame; +das würde es in dem eigentlichsten Verstande sein. Ihm gehört es, für +ihn legen Sie es an!-- + +Dame +Ich verstehe Sie; verzeihen Sie nur, wenn ich noch nicht recht weiß, +wie man Wohltaten annehmen muß. Woher wissen es denn aber auch Sie, +daß eine Mutter mehr für ihren Sohn tut, als sie für ihr eigen Leben +tun würde? Ich gehe-- + +Tellheim +Gehen Sie, Madame, gehen Sie! Reisen Sie glücklich! Ich bitte Sie +nicht, mir Nachricht von Ihnen zu geben. Sie möchte mir zu einer Zeit +kommen, wo ich sie nicht nutzen könnte. Aber noch eines, gnädige Frau; +bald hätte ich das Wichtigste vergessen. Marloff hat noch an der +Kasse unsers ehemaligen Regiments zu fordern. Seine Forderungen sind +so richtig wie die meinigen. Werden meine bezahlt, so müssen auch die +seinigen bezahlt werden. Ich hafte dafür.-- + +Dame +Oh! Mein Herr--Aber ich schweige lieber.--Künftige Wohltaten so +vorbereiten, heißt sie in den Augen des Himmels schon erwiesen haben. +Empfangen Sie seine Belohnung und meine Tränen! (Geht ab.) + + + +7. Szene + +(v. Tellheim.) + + +Tellheim +Armes, braves Weib! Ich muß nicht vergessen, den Bettel zu vernichten. +(Er nimmt aus seinem Taschenbuche Briefschaften, die er zerreißt.) +Wer steht mir dafür, daß eigner Mangel mich nicht einmal verleiten +könnte, Gebrauch davon zu machen? + + + +8. Szene + +(Just. v. Tellheim.) + + +Tellheim +Bist du da? + +Just +(indem er sich die Augen wischt). Ja! + +Tellheim +Du hast geweint? + +Just +Ich habe in der Küche meine Rechnung geschrieben, und die Küche ist +voll Rauch. Hier ist sie, mein Herr! + +Tellheim +Gib her. + +Just +Haben Sie Barmherzigkeit mit mir, mein Herr. Ich Weiß wohl, daß die +Menschen mit Ihnen keine haben, aber-- + +Tellheim +Was willst du? + +Just +Ich hätte mir ehr den Tod als meinen Abschied vermutet. + +Tellheim +Ich kann dich nicht länger brauchen; ich muß mich ohne Bedienten +behelfen lernen. (Schlägt die Rechnung auf und lieset.) "Was der Herr +Major mir schuldig: Drei und einen halben Monat Lohn, den Monat 6 +Taler, macht 21 Taler. Seit dem Ersten dieses an Kleinigkeiten +ausgelegt 1 Taler 7 Gr. 9 Pf. Summa Summarum 22 Taler 7 Gr. 9 Pf."-- +Gut, und es ist billig, daß ich diesen laufenden Monat ganz bezahle. + +Just +Die andere Seite, Herr Major-- + +Tellheim +Noch mehr? (Lieset.) Was dem Herrn Major ich schuldig: An den +Feldscher für mich bezahlt 25 Taler. Für Wartung und Pflege während +meiner Kur für mich bezahlt 39 Taler. Meinem abgebrannten und +geplünderten Vater auf meine Bitte vorgeschossen, ohne die zwei +Beutepferde zu rechnen, die er ihm geschenkt, 50 Taler. Summa +Summarum 114 Taler. Davon abgezogen vorstehende 22 Taler 7 Gr. 9 Pf., +bleibe dem Herrn Major schuldig 91 Taler 16 Gr. 3 Pf."--Kerl, du +bist toll!-- + +Just +Ich glaube es gern, daß ich Ihnen weit mehr koste. Aber es wäre +verlorne Tinte, es dazuzuschreiben. Ich kann Ihnen das nicht bezahlen, +und wenn Sie mir vollends die Liverei nehmen, die ich auch noch nicht +verdient habe--so wollte ich lieber, Sie hätten mich in dem Lazarette +krepieren lassen. + +Tellheim +Wofür siehst du mich an? Du bist mir nichts schuldig, und ich will +dich einem von meinen Bekannten empfehlen, bei dem du es besser haben +sollst als bei mir. + +Just +Ich bin Ihnen nichts schuldig, und doch wollen Sie mich verstoßen? + +Tellheim +Weil ich dir nichts schuldig werden will. + +Just +Darum? nur darum?--So gewiß ich Ihnen schuldig bin, so gewiß Sie mir +nichts schuldig werden können, so gewiß sollen Sie mich nun nicht +verstoßen.--Machen Sie, was Sie wollen, Herr Major; ich bleibe bei +Ihnen; ich muß bei Ihnen bleiben.-- + +Tellheim +Und deine Hartnäckigkeit, dein Trotz, dein wildes, ungestümes Wesen +gegen alle, von denen du meinest, daß sie dir nichts zu sagen haben, +deine tückische Schadenfreude, deine Rachsucht-- + +Just +Machen Sie mich so schlimm, wie Sie wollen; ich will darum doch nicht +schlechter von mir denken als von meinem Hunde. Vorigen Winter ging +ich in der Dämmerung an dem Kanale und hörte etwas winseln. Ich stieg +herab und griff nach der Stimme und glaubte, ein Kind zu retten, und +zog einen Pudel aus dem Wasser. Auch gut, dachte ich. Der Pudel kam +mir nach, aber ich bin kein Liebhaber von Pudeln. Ich jagte ihn fort, +umsonst; ich prügelte ihn von mir, umsonst. Ich ließ ihn des Nachts +nicht in meine Kammer; er blieb vor der Türe auf der Schwelle. Wo er +mir zu nahe kam, stieß ich ihn mit dem Fuße; er schrie, sahe mich an +und wedelte mit dem Schwanze. Noch hat er keinen Bissen Brot aus +meiner Hand bekommen, und doch bin ich der einzige, dem er hört, und +der ihn anrühren darf. Er springt vor mir her und macht mir seine +Künste unbefohlen vor. Es ist ein häßlicher Pudel, aber ein gar zu +guter Hund. Wenn er es länger treibt, so höre ich endlich auf, den +Pudeln gram zu sein. + +Tellheim +(beiseite). So wie ich ihm! Nein, es gibt keine völligen Unmenschen! +--Just, wir bleiben beisammen. + +Just +Ganz gewiß!--Sie wollten sich ohne Bedienten behelfen? Sie vergessen +Ihrer Blessuren und daß Sie nur eines Armes mächtig sind. Sie können +sich ja nicht allein ankleiden. Ich bin Ihnen unentbehrlich; und bin-- +ohne mich selbst zu rühmen, Herr Major--und bin ein Bedienter, der-- +wenn das Schlimmste zum Schlimmen kömmt--für seinen Herrn betteln und +stehlen kann. + +Tellheim +Just, wir bleiben nicht beisammen. + +Just +Schon gut! + + + +9. Szene + +(Ein Bedienter. v. Tellheim. Just.) + + +Bediente +Bst! Kamerad! + +Just +Was gibt's? + +Bediente +Kann Er mir nicht den Offizier nachweisen, der gestern noch in diesem +Zimmer (auf eines an der Seite zeigend, von welcher er herkömmt) +gewohnt hat? + +Just +Das dürfte ich leicht können. Was bringt Er ihm? + +Bediente +Was wir immer bringen, wenn wir nichts bringen: ein Kompliment. Meine +Herrschaft hört, daß er durch sie verdrängt worden. Meine Herrschaft +weiß zu leben, und ich soll ihn deshalb um Verzeihung bitten. + +Just +Nun, so bitte Er ihn um Verzeihung; da steht er. + +Bediente +Was ist er? Wie nennt man ihn? + +Tellheim +Mein Freund, ich habe Euern Auftrag schon gehört. Es ist eine +überflüssige Höflichkeit von Eurer Herrschaft, die ich erkenne, wie +ich soll. Macht ihr meinen Empfehl.--Wie heißt Eure Herrschaft?-- + +Bediente +Wie sie heißt? Sie läßt sich gnädiges Fräulein heißen. + +Tellheim +Und ihr Familienname? + +Bediente +Den habe ich noch nicht gehört, und darnach zu fragen, ist meine Sache +nicht. Ich richte mich so ein, daß ich meistenteils alle sechs Wochen +eine neue Herrschaft habe. Der Henker behalte alle ihre Namen!-- + +Just +Bravo, Kamerad! + +Bediente +Zu dieser bin ich erst vor wenig Tagen in Dresden gekommen. Sie sucht, +glaube ich, hier ihren Bräutigam.-- + +Tellheim +Genug, mein Freund. Den Namen Eurer Herrschaft wollte ich wissen, +aber nicht ihre Geheimnisse. Geht nur! + +Bediente +Kamerad, das wäre kein Herr für mich! + + + +10. Szene + +(v. Tellheim. Just.) + + +Tellheim +Mache, Just, mache, daß wir aus diesem Hause kommen! Die Höflichkeit +der fremden Dame ist mir empfindlicher als die Grobheit des Wirts. +Hier, nimm diesen Ring, die einzige Kostbarkeit, die mir übrig ist, +von der ich nie geglaubt hätte, einen solchen Gebrauch zu machen!-- +Versetze ihn! Laß dir achtzig Friedrichsdor darauf geben; die +Rechnung des Wirts kann keine dreißig betragen. Bezahle ihn und räume +meine Sachen--Ja, wohin?--Wohin du willst. Der wohlfeilste Gasthof +der beste. Du sollst mich hier nebenan auf dem Kaffeehause treffen. +Ich gehe, mache deine Sache gut.-- + +Just +Sorgen Sie nicht, Herr Major!-- + +Tellheim +(kömmt wieder zurück). Vor allen Dingen, daß meine Pistolen, die +hinter dem Bette gehangen, nicht vergessen werden. + +Just +Ich will nichts vergessen. + +Tellheim +(kömmt nochmals zurück). Noch eins: nimm mir auch deinen Pudel mit; +hörst du, Just!-- + + + +11. Szene + +(Just) + + +Just +Der Pudel wird nicht zurückbleiben. Dafür laß ich den Pudel sorgen.-- +Hm! Auch den kostbaren Ring hat der Herr noch gehabt? Und trug ihn +in der Tasche, anstatt am Finger?--Guter Wirt, wir sind so kahl noch +nicht, als wir scheinen. Bei ihm, bei ihm selbst will ich dich +versetzen, schönes Ringelchen! Ich weiß, er ärgert sich, daß du in +seinem Hause nicht ganz sollst verzehrt werden!--Ah-- + + + +12. Szene + +(Paul Werner. Just.) + + +Just +Sieh da, Werner! guten Tag, Werner! willkommen in der Stadt! + +Werner +Das verwünschte Dorf! Ich kann's unmöglich wieder gewohne werden. +Lustig, Kinder, lustig; ich bringe frisches Geld! Wo ist der Major? + +Just +Er muß dir begegnet sein; er ging eben die Treppe herab. + +Werner +Ich komme die Hintertreppe herauf. Nun, wie geht's ihm? Ich wäre +schon vorige Woche bei euch gewesen, aber-- + +Just +Nun? was hat dich abgehalten?-- + +Werner +--Just--hast du von dem Prinzen Heraklius gehört? + +Just +Heraklius? Ich wüßte nicht. + +Werner +Kennst du den großen Helden im Morgenlande nicht? + +Just +Die Weisen aus dem Morgenlande kenn ich wohl, die ums Neujahr mit dem +Sterne herumlaufen.-- + +Werner +Mensch, ich glaube, du liesest ebensowenig die Zeitungen als die +Bibel?--Du kennst den Prinzen Heraklius nicht? den braven Mann nicht, +der Persien weggenommen und nächster Tage die Ottomanische Pforte +einsprengen wird? Gott sei Dank, daß doch noch irgendwo in der Welt +Krieg ist! Ich habe lange genug gehofft, es sollte hier wieder +losgehen. Aber da sitzen sie und heilen sich die Haut. Nein, Soldat +war ich, Soldat muß ich wieder sein! Kurz--(indem er sich schüchtern +umsieht, ob ihn jemand behorcht) im Vertrauen, Just, ich wandere nach +Persien, um unter Sr. Königlichen Hoheit, dem Prinzen Heraklius, ein +paar Feldzüge wider den Türken zu machen. + +Just +Du? + +Werner +Ich, wie du mich hier siehst! Unsere Vorfahren zogen fleißig wider +den Türken, und das sollten wir noch tun, wenn wir ehrliche Kerls und +gute Christen wären. Freilich begreife ich wohl, daß ein Feldzug +wider den Türken nicht halb so lustig sein kann, als einer wider den +Franzosen; aber dafür muß er auch desto verdienstlicher sein, in +diesem und in jenem Leben. Die Türken haben dir alle Säbels, mit +Diamanten besetzt-- + +Just +Um mir von so einem Säbel den Kopf spalten zu lassen, reise ich nicht +eine Meile. Du wirst doch nicht toll sein und dein schönes +Schulzengerichte verlasen?-- + +Werner +Oh, das nehme ich mit!--Merkst du was?--Das Gütchen ist verkauft-- + +Just +Verkauft? + +Werner +St!--hier sind hundert Dukaten, die ich gestern auf den Kauf bekommen; +die bring ich dem Major-- + +Just +Und was soll der damit? + +Werner +Was er damit soll? Verzehren soll er sie, verspielen, vertrinken, ver--, +wie er will. Der Mann muß Geld haben, und es ist schlecht genug, +daß man ihm das Seinige so sauer macht! Aber ich wüßte schon, was ich +täte, wenn ich an seiner Stelle wäre! Ich dächte: hol euch hier alle +der Henker, und ginge mit Paul Wernern, nach Persien!--Blitz!--Der +Prinz Heraklius muß ja wohl von dem Major Tellheim gehört haben, wenn +er auch schon seinen gewesenen Wachtmeister, Paul Wernern, nicht kennt. +Unsere Affäre bei den Katzenhäusern-- + +Just +Soll ich dir die erzählen?-- + +Werner +Du mir?--Ich merke wohl, daß eine schöne Disposition über deinen +Verstand geht. Ich will meine Perlen nicht vor die Säue werfen.--Da +nimm die hundert Dukaten; gib sie dem Major. Sage ihm, er soll mir +auch die aufheben. Ich muß jetzt auf den Markt; ich habe zwei Winspel +Roggen hereingeschickt; was ich daraus löse, kann er gleichfalls haben. +-- + +Just +Werner, du meinest es herzlich gut; aber wir mögen dein Geld nicht. +Behalte deine Dukaten, und deine hundert Pistolen kannst du auch +unversehrt wiederbekommen, sobald als du willst.-- + +Werner +So? Hat denn der Major noch Geld? + +Just +Nein. + +Werner +Hat er sich wo welches geborgt? + +Just +Nein. + +Werner +Und wovon lebt ihr denn? + +Just +Wir lassen anschreiben, und wenn man nicht mehr anschreiben will und +uns zum Hause hinauswirft, so versetzen wir, was wir noch haben, und +ziehen weiter.--Höre nur, Paul; dem Wirte hier müssen wir einen Possen +spielen. + +Werner +Hat er dem Major was in den Weg gelegt?--Ich bin dabei!-- + +Just +Wie wär's, wenn wir ihm des Abends, wenn er aus der Tabagie kömmt, +aufpaßten und ihn brav durchprügelten?-- + +Werner +Des Abends?--aufpaßten?--ihre zwei, einem?--Das ist nichts.-- + +Just +Oder wenn wir ihm das Haus über dem Kopf ansteckten?-- + +Werner +Sengen und brennen?--Kerl, man hört's, daß du Packknecht gewesen bist +und nicht Soldat--pfui! + +Just +Oder wenn wir ihm seine Tochter zur Hure machten? Sie ist zwar +verdammt häßlich-- + +Werner +Oh, da wird sie's lange schon sein! Und allenfalls brauchst du auch +hierzu keinen Gehilfen. Aber was hast du denn? Was gibt's denn? + +Just +Komm nur, du sollst dein Wunder hören! + +Werner +So ist der Teufel wohl hier gar los? + +Just +Jawohl; komm nur! + +Werner +Desto besser! Nach Persien also, nach Persien! + + + + +2. Akt + + + +1. Szene + +(Die Szene ist in dem Zimmer des Fräuleins.) (Minna von Barnhelm. +Franziska.) + + +Fräulein +(im Negligé, nach ihrer Uhr sehend). Franziska, wir sind auch sehr +früh aufgestanden. Die Zeit wird uns lang werden. + +Franziska +Wer kann denn in den verzweifelten großen Städten schlafen? Die +Karossen, die Nachtwächter, die Trommeln, die Katzen, die Korporals-- +das hört nicht auf zu rasseln, zu schreien, zu wirbeln, zu mauen, zu +fluchen; gerade, als ob die Nacht zu nichts weniger wäre als zur Ruhe. +--Eine Tasse Tee, gnädiges Fräulein?-- + +Fräulein +Der Tee schmeckt mir nicht.-- + +Franziska +Ich will von unserer Schokolade machen lassen. + +Fräulein +Laß machen, für dich! + +Franziska +Für mich? Ich wollte ebensogern für mich allein plaudern als für mich +allein trinken.--Freilich wird uns die Zeit so lang werden.--Wir +werden vor langer Weile uns putzen müssen und das Kleid versuchen, in +welchem wir den ersten Sturm geben wollen. + +Fräulein +Was redest du von Stürmen, da ich bloß herkomme, die Haltung der +Kapitulation zu fordern? + +Franziska +Und der Herr Offizier, den wir vertrieben, und dem wir das Kompliment +darüber machen lassen; er muß auch nicht die feinste Lebensart haben; +sonst hätte er wohl um die Ehre können bitten lassen, uns seine +Aufwartung machen zu dürfen.-- + +Fräulein +Es sind nicht alle Offiziere Tellheims. Die Wahrheit zu sagen, ich +ließ ihm das Kompliment auch bloß machen, um Gelegenheit zu haben, +mich nach diesem bei ihm zu erkundigen.--Franziska, mein Herz sagt es +mir, daß meine Reise glücklich sein wird, daß ich ihn finden werde.-- + +Franziska +Das Herz, gnädiges Fräulein? Man traue doch ja seinem Herzen nicht zu +viel. Das Herz redet uns gewaltig gern nach dem Maule. Wenn das Maul +ebenso geneigt wäre, nach dem Herzen zu reden, so wäre die Mode längst +aufgekommen, die Mäuler unterm Schlosse zu tragen. + +Fräulein +Ha! ha! Mit deinen Mäulern unterm Schlosse! Die Mode wäre mir eben +recht! + +Franziska +Lieber die schönsten Zähne nicht gezeigt, als alle Augenblicke das +Herz darüber springen lassen! + +Fräulein +Was? Bist du so zurückhaltend?-- + +Franziska +Nein, gnädiges Fräulein, sondern ich wollte es gern mehr sein. Man +spricht selten von der Tugend, die man hat; aber desto öftrer von der, +die uns fehlt. + +Fräulein +Siehst du, Franziska? Da hast du eine sehr gute Anmerkung gemacht.-- + +Franziska +Gemacht? Macht man das, was einem so einfällt?-- + +Fräulein +Und weißt du, warum ich eigentlich diese Anmerkung so gut finde? Sie +hat viel Beziehung auf meinen Tellheim. + +Franziska +Was hätte bei Ihnen nicht auch Beziehung auf ihn? + +Fräulein +Freund und Feind sagen, daß er der tapferste Mann von der Welt ist. +Aber wer hat ihn von Tapferkeit jemals reden hören? Er hat das +rechtschaffenste Hertz, aber Rechtschaffenheit und Edelmut sind Worte, +die er nie auf die Zunge bringt. + +Franziska +Von was für Tugenden spricht er denn? + +Fräulein +Er spricht von keiner; denn ihm fehlt keine. + +Franziska +Das wollte ich nur hören. + +Fräulein +Warte, Franziska, ich besinne mich. Er spricht sehr oft von Ökonomie. +Im Vertrauen, Franziska, ich glaube, der Mann ist ein Verschwender. + +Franziska +Noch eins, gnädiges Fräulein. Ich habe ihn auch sehr oft der Treue +und Beständigkeit gegen Sie erwähnen hören. Wie, wenn der Herr auch +ein Flattergeist wäre? + +Fräulein +Du Unglückliche!--Aber meinest du das im Ernste, Franziska? + +Franziska +Wie lange hat er Ihnen nun schon nicht geschrieben? + +Fräulein +Ach! seit dem Frieden hat er mir nur ein einziges Mal geschrieben. + +Franziska +Auch ein Seufzer wider den Frieden! Wunderbar! Der Friede sollte nur +das Böse wieder gutmachen, das der Krieg gestiftet, und er zerrüttet +auch das Gute, was dieser, sein Gegenpart, etwa noch veranlasset hat. +Der Friede sollte so eigensinnig nicht sein!--Und wie lange haben wir +schon Friede? Die Zeit wird einem gewaltig lang, wenn es so wenig +Neuigkeiten gibt.--Umsonst gehen die Posten wieder richtig; niemand +schreibt; denn niemand hat was zu schreiben. + +Fräulein +"Es ist Friede", schrieb er mir, "und ich nähere mich der Erfüllung +meiner Wünsche." Aber daß er mir dieses nur einmal, nur ein einziges +Mal geschrieben-- + +Franziska +Daß er uns zwingt, dieser Erfüllung der Wünsche selbst entgegenzueilen: +finden wir ihn nur, das soll er uns entgelten!--Wenn indes der Mann +doch Wünsche erfüllt hätte, und wir erführen hier-- + +Fräulein +(ängstlich und hitzig). Daß er tot wäre? + +Franziska +Für Sie, gnädiges Fräulein, in den Armen einer andern.-- + +Fräulein +Du Quälgeist! Warte, Franziska, er soll dir es gedenken!--Doch +schwatze nur; sonst schlafen wir wieder ein.--Sein Regiment ward nach +dem Frieden zerrissen. Wer weiß, in welche Verwirrung von Rechnungen +und Nachweisungen er dadurch geraten? Wer weiß, zu welchem andern +Regimente, in welche entlegne Provinz er versetzt worden? Wer weiß, +welche Umstände--Es pocht jemand. + +Franziska +Herein! + + + +2. Szene + +(Der Wirt. Die Vorigen.) + + +Wirt +(den Kopf voransteckend). Ist es erlaubt, meine gnädige Herrschaft?-- + +Franziska +Unser Herr Wirt?--Nur vollends herein. + +Wirt +(mit einer Feder hinter dem Ohre, ein Blatt Papier und ein +Schreibezeug in der Hand). Ich komme, gnädiges Fräulein, Ihnen einen +untertänigen guten Morgen zu wünschen--(zur Franziska) und auch Ihr, +mein schönes Kind-- + +Franziska +Ein höflicher Mann! + +Fräulein +Wir bedanken uns. + +Franziska +Und wünschen Ihm auch einen guten Morgen. + +Wirt +Darf ich mich unterstehen zu fragen, wie Ihro Gnaden diese erste Nacht +unter meinem schlechten Dache geruhet?-- + +Franziska +Das Dach ist so schlecht nicht, Herr Wirt, aber die Betten hätten +besser sein können. + +Wirt +Was höre ich? Nicht wohl geruht? Vielleicht, daß die gar zu große +Ermüdung von der Reise-- + +Fräulein +Es kann sein. + +Wirt +Gewiß, gewiß! denn sonst--Indes sollte etwas nicht vollkommen nach +Ihro Gnaden Bequemlichket gewesen sein, so geruhen Ihro Gnaden nur zu +befehlen. + +Franziska +Gut, Herr Wirt, gut! Wir sind auch nicht blöde; und am wenigsten muß +man im Gasthofe blöde sein. Wir wollen schon sagen, wie wir es gern +hätten. + +Wirt +Hiernächst komme ich zugleich--(indem er die Feder hinter dem Ohr +hervorzieht). + +Franziska +Nun?-- + +Wirt +Ohne Zweifel kennen Ihro Gnaden schon die weisen Verordnungen unserer +Polizei. + +Fräulein +Nicht im geringsten, Herr Wirt-- + +Wirt +Wir Wirte sind angewiesen, keinen Fremden, wes Standes und Geschlechts +er auch sei, vierundzwanzig Stunden zu behausen, ohne seinen Namen, +Heimat, Charakter, hiesige Geschäfte, vermutliche Dauer des +Aufenthalts und so weiter gehörigen Orts schriftlich einzureichen. + +Fräulein +Sehr wohl. + +Wirt +Ihro Gnaden werden also sich gefallen lassen--(indem er an einen Tisch +tritt und sich fertig macht zu schreiben). + +Fräulein +Sehr gern--Ich heiße-- + +Wirt +Einen kleinen Augenblick Geduld!--(Er schreibt.) "Dato, den 22. +August a.c. allhier zum Könige von Spanien angelangt"--Nun Dero Namen, +gnädiges Fräulein? + +Fräulein +Das Fräulein von Barnhelm. + +Wirt +(schreibt). "von Barnhelm"--Kommend? woher, gnädiges Fräulein? + +Fräulein +Von meinen Gütern aus Sachsen. + +Wirt +(schreibt). "Gütern aus Sachsen"--Aus Sachsen! Ei, ei, aus Sachsen, +gnädiges Fräulein? aus Sachsen? + +Franziska +Nun? warum nicht? Es ist doch wohl hierzulande keine Sünde, aus +Sachsen zu sein? + +Wirt +Eine Sünde? Behüte! das wäre ja eine ganz neue Sünde!--Aus Sachsen +also? Ei, ei! aus Sachsen! Das liebe Sachsen!--Aber wo mir recht +ist, gnädiges Fräulein, Sachsen ist nicht klein und hat mehrere--wie +soll ich es nennen?--Distrikte, Provinzen.--Unsere Polizei ist sehr +exakt, gnädiges Fräulein.-- + +Fräulein +Ich verstehe: von meinen Gütern aus Thüringen also. + +Wirt +Aus Thüringen! Ja, das ist besser, gnädiges Fräulein, das ist genauer. +--(Schreibt und liest.) "Das Fräulein von Barnhelm, kommend von ihren +Gütern aus Thüringen, nebst einer Kammerfrau und zwei Bedienten"-- + +Franziska +Einer Kammerfrau? das soll ich wohl sein? + +Wirt +Ja, mein schönes Kind.-- + +Franziska +Nun, Herr Wirt, so setzen Sie anstatt Kammerfrau Kammerjungfer.--Ich +höre, die Polizei ist sehr exakt; es möchte ein Mißverständnis geben, +welches mir bei meinem Aufgebote einmal Händel machen könnte. Denn +ich bin wirklich noch Jungfer und heiße Franziska; mit dem +Geschlechtsnamen Willig; Franziska Willig. Ich bin auch aus Thüringen. +Mein Vater war Müller auf einem von den Gütern des gnädigen +Fräuleins. Es heißt Klein-Rammsdorf. Die Mühle hat jetzt mein Bruder. +Ich kam sehr jung auf den Hof und ward mit dem gnädigen Fräulein +erzogen. Wir sind von einem Alter, künftige Lichtmess einundzwanzig +Jahr. Ich habe alles gelernt, was das gnädige Fräulein gelernt hat. +Es soll mir lieb sein, wenn mich die Polizei recht kennt. + +Wirt +Gut, mein schönes Kind, das will ich mir auf weitere Nachfrage merken. +--Aber nunmehr, gnädiges Fräulein, Dero Verrichtungen allhier?-- + +Fräulein +Meine Verrichtungen? + +Wirt +Suchen Ihro Gnaden etwas bei des Königs Majestät? + +Fräulein +O nein! + +Wirt +Oder bei unsern hohen Justizkollegiis? + +Fräulein +Auch nicht. + +Wirt +Oder-- + +Fräulein +Nein, nein. Ich bin lediglich in meinen eigenen Angelegenheiten hier. + +Wirt +Ganz wohl, gnädiges Fräulein, aber wie nennen sich diese eigne +Angelegenheiten? + +Fräulein +Sie nennen sich--Franziska, ich glaube, wir werden vernommen. + +Franziska +Herr Wirt, die Polizei wird doch nicht die Geheimnisse eines +Frauenzimmers zu wissen verlangen? + +Wirt +Allerdings, mein schönes Kind: die Polizei will alles, alles wissen; +und besonders Geheimnisse. + +Franziska +Ja nun, gnädiges Fräulein; was ist zu tun?--So hören Sie nur, Herr +Wirt--aber daß es ja unter uns und der Polizei bleibt!-- + +Fräulein +Was wird ihm die Närrin sagen? + +Franziska +Wir kommen, dem Könige einen Offizier wegzukapern-- + +Wirt +Wie? was? Mein Kind! mein Kind!-- + +Franziska +Oder uns von dem Offiziere kapern zu lassen. Beides ist eins. + +Fräulein +Franziska, bist du toll?--Herr Wirt, die Nasenweise hat Sie zum besten. +-- + +Wirt +Ich will nicht hoffen! Zwar mit meiner Wenigkeit kann sie scherzen so +viel, wie sie will; nur mit einer hohen Polizei-- + +Fräulein +Wissen Sie was, Herr Wirt?--Ich weiß mich in dieser Sache nicht zu +nehmen. Ich dächte, Sie ließen die ganze Schreiberei bis auf die +Ankunft meines Oheims. Ich habe Ihnen schon gestern gesagt, warum er +nicht mit mir zugleich angekommen. Er verunglückte zwei Meilen von +hier mit seinem Wagen und wollte durchaus nicht, daß mich dieser +Zufall eine Nacht mehr kosten sollte. Ich mußte also voran. Wenn er +vierundzwanzig Stunden nach mir eintrifft, so ist es das längste. + +Wirt +Nun ja, gnädiges Fräulein, so wollen wir ihn erwarten. + +Fräulein +Er wird auf Ihre Fragen besser antworten können. Er wird wissen, wem +und wie weit er sich zu entdecken hat; was er von seinen Geschäften +anzeigen muß und was er davon verschweigen darf. + +Wirt +Desto besser! Freilich, freilich kann man von einem jungen Mädchen +(die Franziska mit einer bedeutenden Miene ansehend) nicht verlangen, +daß es eine ernsthafte Sache mit ernsthaften Leuten ernsthaft +traktiere-- + +Fräulein +Und die Zimmer für ihn sind doch in Bereitschaft, Herr Wirt? + +Wirt +Völlig, gnädiges Fräulein, völlig; bis auf das eine-- + +Franziska +Aus dem Sie vielleicht auch noch erst einen ehrlichen Mann vertreiben +müssen? + +Wirt +Die Kammerjungfern aus Sachsen, gnädiges Fräulein, sind wohl sehr +mitleidig.-- + +Fräulein +Doch, Herr Wirt, das haben Sie nicht gut gemacht. Lieber hätten Sie +uns nicht einnehmen sollen. + +Wirt +Wieso, gnädiges Fräulein, wieso? + +Fräulein +Ich höre, daß der Offizier, welcher durch uns verdrängt worden-- + +Wirt +Ja nur ein abgedankter Offizier ist, gnädiges Fräulein.-- + +Fräulein +Wenn schon!-- + +Wirt +Mit dem es zu Ende geht.-- + +Fräulein +Desto schlimmer! Es soll ein sehr verdienter Mann sein. + +Wirt +Ich sage Ihnen ja, daß er abgedankt ist. + +Fräulein +Der König kann nicht alle verdiente Männer kennen. + +Wirt +O gewiß, er kennt sie, er kennt sie alle.-- + +Fräulein +So kann er sie nicht alle belohnen. + +Wirt +Sie wären alle belohnt, wenn sie darnach gelebt hätten. Aber so +lebten die Herren während des Krieges, als ob ewig Krieg bleiben würde; +als ob das Dein und Mein ewig aufgehoben sein würde. Jetzt liegen +alle Wirtshäuser und Gasthöfe von ihnen voll, und ein Wirt hat sich +wohl mit ihnen in acht zu nehmen. Ich bin mit diesem noch so ziemlich +weggekommen. Hatte er gleich kein Geld mehr, so hatte er doch noch +Geldeswert, und zwei, drei Monate hätte ich ihn freilich noch ruhig +können sitzen lassen. Doch besser ist besser.--Apropos, gnädiges +Fräulein; Sie verstehen sich doch auf Juwelen?-- + +Fräulein +Nicht sonderlich. + +Wirt +Was sollten Ihro Gnaden nicht?--Ich muß Ihnen einen Ring zeigen, einen +kostbaren Ring. Zwar gnädiges Fräulein haben da auch einen sehr +schönen am Finger, und je mehr ich ihn betrachte, je mehr muß ich mich +wundern, daß er dem meinigen so ähnlich ist.--Oh! sehen Sie doch, +sehen Sie doch! (Indem er ihn aus dem Futteral herausnimmt und dem +Fräulein zureicht.) Welch ein Feuer! der mittelste Brillant allein +wiegt über fünf Karat. + +Fräulein +(ihn betrachtend). Wo bin ich? Was seh ich? Dieser Ring-- + +Wirt +Ist seine fünfzehnhundert Taler unter Brüdern wert. + +Fräulein +Franziska!--Sieh doch!-- + +Wirt +Ich habe mich auch nicht einen Augenblick bedacht, achtzig Pistolen +darauf zu leihen. + +Fräulein +Erkennst du ihn nicht, Franziska? + +Franziska +Der nämliche!--Herr Wirt, wo haben Sie diesen Ring her?-- + +Wirt +Nun, mein Kind? Sie hat doch wohl kein Recht daran? + +Franziska +Wir kein Recht an diesem Ringe?--Inwärts auf dem Kasten muß des +Fräuleins verzogener Name stehn.--Weisen Sie doch, Fräulein. + +Fräulein +Er ist's er ist's!--Wie kommen Sie zu diesem Ringe, Herr Wirt? + +Wirt +Ich? auf die ehrlichste Weise von der Welt.--Gnädiges Fräulein, +gnädiges Fräulein, Sie werden mich nicht in Schaden und Unglück +bringen wollen? Was weiß ich, wo sich der Ring eigentlich +herschreibt? Während des Krieges hat manches seinen Herrn sehr oft, +mit und ohne Vorbewußt des Herrn, verändert. Und Krieg war Krieg. Es +werden mehr Ringe aus Sachsen über die Grenze gegangen sein.--Geben +Sie mir ihn wieder, gnädiges Fräulein, geben Sie mir ihn wieder! + +Franziska +Erst geantwortet: von wem haben Sie ihn? + +Wirt +Von einem Manne, dem ich so was nicht zutrauen kann, von einem sonst +guten Manne-- + +Fräulein +Von dem besten Manne unter der Sonne, wenn Sie ihn von seinem +Eigentümer haben.--Geschwind, bringen Sie mir den Mann! Er ist es +selbst, oder wenigstens muß er ihn kennen. + +Wirt +Wer denn? wen denn, gnädiges Fräulein? + +Franziska +Hören Sie denn nicht? unsern Major. + +Wirt +Major? Recht, er ist Major, der dieses Zimmer vor Ihnen bewohnt hat, +und von dem ich ihn habe. + +Fräulein +Major von Tellheim. + +Wirt +Von Tellheim, ja! Kennen Sie ihn? + +Fräulein +Ob ich ihn kenne? Er ist hier? Tellheim ist hier? Er? er hat in +diesem Zimmer gewohnt? Er, er hat Ihnen diesen Ring versetzt? Wie +kommt der Mann in diese Verlegenheit? Wo ist er? Er ist Ihnen +schuldig?--Franziska, die Schatulle her! Schließ auf! (Indem sie +Franziska auf den Tisch setzet und öffnet.) Was ist er Ihnen schuldig? +Wem ist er mehr schuldig? Bringen Sie mir alle seine Schuldner. +Hier ist Geld. Hier sind Wechsel. Alles ist sein! + +Wirt +Was höre ich? + +Fräulein +Wo ist er? wo ist er? + +Wirt +Noch vor einer Stunde war er hier. + +Fräulein +Häßlicher Mann, wie konnten Sie gegen ihn so unfreundlich, so hart, so +grausam sein? + +Wirt +Ihro Gnaden verzeihen-- + +Fräulein +Geschwind, schaffen Sie mir ihn zur Stelle. + +Wirt +Sein Bedienter ist vielleicht noch hier. Wollen Ihro Gnaden, daß er +ihn aufsuchen soll? + +Fräulein +Ob ich will? Eilen Sie, laufen Sie; für diesen Dienst allein will ich +es vergessen, wie schlecht Sie mit ihm umgegangen sind.-- + +Franziska +Fix, Herr Wirt, hurtig, fort, fort! (Stößt ihn heraus.) + + + +3. Szene + +(Das Fräulein. Franziska) + + +Fräulein +Nun habe ich ihn wieder, Franziska! Siehst du, nun habe ich ihn +wieder! Ich weiß nicht, wo ich vor Freuden bin! Freue dich doch mit, +liebe Franziska. Aber freilich, warum du? Doch du sollst dich, du +mußt dich mit mir freuen. Komm, Liebe, ich will dich beschenken, +damit du dich mit mir freuen kannst. Sprich, Franziska, was soll ich +dir geben? Was steht dir von meinen Sachen an? Was hättest du gern? +Nimm, was du willst, aber freue dich nur. Ich sehe wohl, du wirst dir +nichts nehmen. Warte! (sie faßt in die Schatulle) da, liebe +Franziska (und gibt ihr Geld), kaufe dir, was du gern hättest. +Fordere mehr, wenn es nicht zulangt. Aber freue dich nur mit mir. Es +ist so traurig, sich allein zu freuen. Nun, so nimm doch-- + +Franziska +Ich stehle es Ihnen, Fräulein; Sie sind trunken, von Fröhlichkeit +trunken.-- + +Fräulein +Mädchen, ich habe einen zänkischen Rausch, nimm oder--(Sie zwingt ihr +das Geld in die Hand.) Und wenn du dich bedankest!--Warte; gut, daß +ich daran denke. (Sie greift nochmals in die Schatulle nach Geld.) +Das, liebe Franziska, stecke beiseite, für den ersten blessierten +armen Soldaten, der uns anspricht.-- + + + +4. Szene + +(Der Wirt. Das Fräulein. Franziska.) + + +Fräulein +Nun? Wird er kommen? + +Wirt +Der widerwärtige, ungeschliffene Kerl! + +Fräulein +Wer? + +Wirt +Sein Bedienter. Er weigert sich, nach ihm zu gehen. + +Franziska +Bringen Sie doch den Schurken her.--Des Majors Bediente kenne ich ja +wohl alle. Welcher wäre denn das? + +Fräulein +Bringen Sie ihn geschwind her. Wenn er uns sieht, wird er schon gehen. +(Der Wirt geht ab.) + + + +5. Szene + +(Das Fräulein. Franziska.) + + +Fräulein +Ich kann den Augenblick nicht erwarten. Aber, Franziska, du bist noch +immer so kalt? Du willst dich noch nicht mit mir freuen? + +Franziska +Ich wollte von Herzen gern, wenn nur-- + +Fräulein +Wenn nur? + +Franziska +Wir haben den Mann wiedergefunden; aber wie haben wir ihn +wiedergefunden? Nach allem, was wir von ihm hören, muß es ihm übel +gehn. Er muß unglücklich sein, das jammert mich. + +Fräulein +Jammert dich?--Laß dich dafür umarmen, meine liebste Gespielin! das +will ich dir nie vergessen!--Ich bin nur verliebt, und du bist gut.-- + + + +6. Szene + +(Der Wirt. Just. Die Vorigen.) + + +Wirt +Mit genauer Not bring ich ihn. + +Franziska +Ein fremdes Gesicht! Ich kenne ihn nicht. + +Fräulein +Mein Freund, ist Er bei dem Major von Tellheim? + +Just +Ja. + +Fräulein +Wo ist Sein Herr? + +Just +Nicht hier. + +Fräulein +Aber Er weiß ihn zu finden? + +Just +Ja. + +Fräulein +Will Er ihn nicht geschwind herholen? + +Just +Nein. + +Fräulein +Er erweiset mir damit einen Gefallen.-- + +Just +Ei! + +Fräulein +Und Seinem Herrn einen Dienst.-- + +Just +Vielleicht auch nicht.-- + +Fräulein +Woher vermutet Er das? + +Just +Sie sind doch die fremde Herrschaft, die ihn schon diesen Morgen +komplimentieren lassen? + +Fräulein +Ja. + +Just +So bin ich schon recht. + +Fräulein +Weiß Sein Herr meinen Namen? + +Just +Nein; aber er kann die allzu höflichen Damen ebensowenig leiden als +die allzu groben Wirte. + +Wirt +Das soll wohl mit auf mich gehn? + +Just +Ja. + +Wirt +So laß Er es doch dem gnädigen Fräulein nicht entgelten, und hole Er +ihn geschwind her. + +Fräulein +(leise zur Franziska). Franziska, gib ihm etwas-- + +Franziska +(die dem Just Geld in die Hand drücken will). Wir verlangen Seine +Dienste nicht umsonst.-- + +Just +Und ich Ihr Geld nicht ohne Dienste. + +Franziska +Eines für das andere. + +Just +Ich kann nicht. Mein Herr hat mir befohlen, auszuräumen. Das tu ich +jetzt, und daran bitte ich, mich nicht weiter zu verhindern. Wenn ich +fertig bin, so will ich es ihm ja wohl sagen, daß er herkommen kann. +Er ist nebenan auf dem Kaffeehause; und wenn er da nichts Bessers zu +tun findet, wird er auch wohl kommen. (Will fortgehen.) + +Franziska +So warte Er doch.--Das gnädige Fräulein ist des Herrn Majors-- +Schwester.-- + +Fräulein +Ja, ja, seine Schwester. + +Just +Das weiß ich besser, daß der Major keine Schwestern hat. Er hat mich +in sechs Monaten zweimal an seine Familie nach Kurland geschickt.-- +Zwar es gibt mancherlei Schwestern-- + +Franziska +Unverschämter! + +Just +Muß man es nicht sein, wenn einen die Leute sollen gehn lassen? (Geht +ab.) + +Franziska +Das ist ein Schlingel! + +Wirt +Ich sagt' es ja. Aber lassen Sie ihn nur! Weiß ich doch nunmehr, wo +sein Herr ist. Ich will ihn gleich selbst holen.--Nur, gnädiges +Fräulein, bitte ich untertänigst, sodann ja mich bei dem Herrn Major +zu entschuldigen, daß ich so unglücklich gewesen, wider meinen Willen +einen Mann von seinen Verdiensten-- + +Fräulein +Gehen Sie nur geschwind, Herr Wirt. Das will ich alles wieder +gutmachen. (Der Wirt geht ab und hierauf) Franziska, lauf ihm nach: +er soll ihm meinen Namen nicht nennen! (Franziska, dem Wirte nach.) + + + +7. Szene + +(Das Fräulein und hierauf Franziska) + + +Fräulein +Ich habe ihn wieder!--Bin ich allein?--Ich will nicht umsonst allein +sein.(Sie faltet die Hände.) Auch bin ich nicht allein! (Und blickt +aufwärts.) Ein einziger dankbarer Gedanke gen Himmel ist das +willkommenste Gebet!--Ich hab ihn, ich hab ihn! (Mit ausgebreiteten +Armen.) Ich bin glücklich! und fröhlich! Was kann der Schöpfer +lieber sehen als ein fröhliches Geschöpf!--(Franziska kömmt.) Bist du +wieder da, Franziska?--Er jammert dich? Mich jammert er nicht. +Unglück ist auch gut. Vielleicht, daß ihm der Himmel alles nahm, um +ihm in mir alles wiederzugeben! + +Franziska +Er kann den Augenblick hier sein.--Sie sind noch in Ihrem Neglige, +gnädiges Fräulein. Wie, wenn Sie sich geschwind ankleideten? + +Fräulein +Geh! ich bitte dich. Er wird mich von nun an öftrer so als geputzt +sehen. + +Franziska +Oh, Sie kennen sich, mein Fräulein. + +Fräulein +(nach einem kurzen Nachdenken). Wahrhaftig, Mädchen, du hast es +wiederum getroffen. + +Franziska +Wenn wir schön sind, sind wir ungeputzt am schönsten. + +Fräulein +Müssen wir denn schön sein?--Aber daß wir uns schön glauben, war +vielleicht notwendig.--Nein, wenn ich ihm, ihm nur schön bin!-- +Franziska, wenn alle Mädchens so sind, wie ich mich jetzt fühle, so +sind wir--sonderbare Dinger.--Zärtlich und stolz, tugendhaft und eitel, +wollüstig und fromm--Du wirst mich nicht verstehen. Ich verstehe +mich wohl selbst nicht.--Die Freude macht drehend, wirblicht.-- + +Franziska +Fassen Sie sich, mein Fräulein; ich höre kommen-- + +Fräulein +Mich fassen? Ich sollte ihn ruhig empfangen? + + + +8. Szene + +(v. Tellheim. Der Wirt. Die Vorigen.) + + +Tellheim +(tritt herein, und indem er sie erblickt, flieht er auf sie zu). Ah! +meine Minna!-- + +Fräulein +(ihm entgegenfliehend). Ah! mein Tellheim!-- + +Tellheim +(stutzt auf einmal und tritt wieder zurück). Verzeihen Sie, gnädiges +Fräulein--das Fräulein von Barnhelm hier zu finden-- + +Fräulein +Kann Ihnen doch so gar unerwartet nicht sein?--(Indem sie ihm näher +tritt und er mehr zurückweicht.) Verzeihen? Ich soll Ihnen verzeihen, +daß ich noch Ihre Minna bin? Verzeih' Ihnen der Himmel, daß ich noch +das Fräulein von Barnhelm bin!-- + +Tellheim +Gnädiges Fräulein--(Sieht starr auf den Wirt und zuckt die Schultern.) + +Fräulein +(wird den Wirt gewahr und winkt der Franziska). Mein Herr-- + +Tellheim +Wenn wir uns beiderseits nicht irren--Franziska. Je, Herr Wirt, wen +bringen Sie uns denn da? Geschwind, kommen Sie, lassen Sie uns den +Rechten suchen. + +Wirt +Ist es nicht der Rechte? Ei ja doch! + +Franziska +Ei nicht doch! Geschwind, kommen Sie; ich habe Ihrer Jungfer Tochter +noch keinen guten Morgen gesagt. + +Wirt +Oh! viel Ehre--(Doch ohne von der Stelle zu gehn.) + +Franziska +(faßt ihn an). Kommen Sie, wir wollen den Küchenzettel machen.-- +Lassen Sie sehen, was wir haben werden-- + +Wirt +Sie sollen haben, vors erste-- + +Franziska +Still, ja stille! Wenn das Fräulein jetzt schon weiß, was sie zu +Mittag speisen soll, so ist es um ihren Appetit geschehen. Kommen Sie, +das müssen Sie mir allein sagen. (Führet ihn mit Gewalt ab.) + + + +9. Szene + +(v. Tellheim. Das Fräulein) + + +Fräulein +Nun? irren wir uns noch? + +Tellheim +Daß es der Himmel wollte!--Aber es gibt nur eine, und Sie sind es.-- + +Fräulein +Welche Umstände! Was wir uns zu sagen haben, kann jedermann hören. + +Tellheim +Sie hier? Was suchen Sie hier, gnädiges Fräulein? + +Fräulein +Nichts suche ich mehr. (Mit offnen Armen auf ihn zugehend.) Alles, +was ich suchte, habe ich gefunden. + +Tellheim +(zurückweichend). Sie suchten einen glücklichen, einen Ihrer Liebe +würdigen Mann, und finden--einen Elenden. + +Fräulein +So lieben Sie mich nicht mehr?--Und lieben eine andere? + +Tellheim +Ah! der hat Sie nie geliebt, mein Fräulein, der eine andere nach +Ihnen lieben kann. + +Fräulein +Sie reißen nur einen Stachel aus meiner Seele.--Wenn ich Ihr Herz +verloren habe, was liegt daran, ob mich Gleichgültigkeit oder +mächtigere Reize darum gebracht?--Sie lieben mich nicht mehr: und +lieben auch keine andere?--Unglücklicher Mann, wenn Sie gar nichts +lieben!-- + +Tellheim +Recht, gnädiges Fräulein; der Unglückliche muß gar nichts lieben. Er +verdient sein Unglück, wenn er diesen Sieg nicht über sich selbst zu +erhalten weiß; wenn er es sich gefallen lassen kann, daß die, welche +er liebt, an seinem Unglück Anteil nehmen dürfen.--Wie schwer ist +dieser Sieg!--Seitdem mir Vernunft und Notwendigkeit befehlen, Minna +von Barnhelm zu vergessen: was für Mühe habe ich angewandt! Eben +wollte ich anfangen zu hoffen, daß diese Mühe nicht ewig vergebens +sein würde:--und Sie erscheinen, mein Fräulein!-- + +Fräulein +Versteh ich Sie recht?--Halten Sie, mein Herr; lassen Sie sehen, wo +wir sind, ehe wir uns weiter verirren!--Wollen Sie mir die einzige +Frage beantworten? + +Tellheim +Jede, mein Fräulein-- + +Fräulein +Wollen Sie mir auch ohne Wendung, ohne Winkelzug antworten? Mit +nichts als einem trockenen Ja oder Nein? + +Tellheim +Ich will es--wenn ich kann. + +Fräulein +Sie können es.--Gut: ohngeachtet der Mühe, die Sie angewendet, mich zu +vergessen--lieben Sie mich noch, Tellheim? + +Tellheim +Mein Fräulein, diese Frage-- + +Fräulein +Sie haben versprochen, mit nichts als Ja oder Nein zu antworten. + +Tellheim +Und hinzugesetzt: wenn ich kann. + +Fräulein +Sie können; Sie müssen wissen, was in Ihrem Herzen vorgeht.--Lieben +Sie mich noch, Tellheim?--Ja oder Nein. + +Tellheim +Wenn mein Herz-- + +Fräulein +Ja oder Nein! + +Tellheim +Nun, Ja! + +Fräulein +Ja? + +Tellheim +Ja, ja!--Allein-- + +Fräulein +Geduld!--Sie lieben mich noch: genug für mich.--In was für einen Ton +bin ich mit Ihnen gefallen! ein widriger, melancholischer, +ansteckender Ton.--Ich nehme den meinigen wieder an.--Nun, mein lieber +Unglücklicher, Sie lieben mich noch und haben Ihre Minna noch und sind +unglücklich? Hören Sie doch, was Ihre Minna für ein eingebildetes, +albernes Ding war--ist. Sie ließ, sie laßt sich träumen, Ihr ganzes +Glück sei sie.--Geschwind, kramen Sie Ihr Unglück aus. Sie mag +versuchen, wieviel sie dessen aufwiegt.--Nun? + +Tellheim +Mein Fräulein, ich bin nicht gewohnt zu klagen. + +Fräulein +Sehr wohl. Ich wüßte auch nicht, was mir an einem Soldaten, nach dem +Prahlen, weniger gefiele als das Klagen. Aber es gibt eine gewisse +kalte, nachlässige Art, von seiner Tapferkeit und von seinem Unglücke +zu sprechen-- + +Tellheim +Die im Grunde doch auch geprahlt und geklagt ist. + +Fräulein +Oh, mein Rechthaber, so hätten Sie sich auch gar nicht unglücklich +nennen sollen.--Ganz geschwiegen oder ganz mit der Sprache heraus.-- +Eine Vernunft, eine Notwendigkeit, die Ihnen mich zu vergessen +befiehlt?--Ich bin eine große Liebhaberin von Vernunft, ich habe sehr +viel Ehrerbietung für die Notwendigkeit.--Aber lassen Sie doch hören, +wie vernünftig diese Vernunft, wie notwendig diese Notwendigkeit ist. + +Tellheim +Wohl denn; so hören Sie, mein Fräulein.--Sie nennen mich Tellheim; der +Name trifft ein.--Aber Sie meinen, ich sei der Tellheim, den Sie in +Ihrem Vaterlande gekannt haben; der blühende Mann, voller Ansprüche, +voller Ruhmbegierde; der seines ganzen Körpers, seiner ganzen Seele +mächtig war, vor dem die Schranken der Ehre und des Glückes eröffnet +standen, der Ihres Herzens und Ihrer Hand, wenn er schon Ihrer noch +nicht würdig war, täglich würdiger zu werden hoffen durfte.--Dieser +Tellheim bin ich ebensowenig, als ich mein Vater bin. Beide sind +gewesen.--Ich bin Tellheim, der Verabschiedete, der an seiner Ehre +Gekränkte, der Krüppel, der Bettler.--Jenem, mein Fräulein, +versprachen Sie sich: wollen Sie diesem Wort halten?-- + +Fräulein +Das klingt sehr tragisch!--Doch, mein Herr, bis ich jenen wiederfinde-- +in die Tellheims bin ich nun einmal vernarret--, dieser wird mir schon +aus der Not helfen müssen.--Deine Hand, lieber Bettler! (Indem sie +ihn bei der Hand ergreift.) + +Tellheim +(der die andere Hand mit dem Hute vor das Gesicht schlägt und sich von +ihr abwendet). Das ist zu viel!--Wo bin ich?--Lassen Sie mich, +Fräulein! Ihre Güte foltert mich!--Lassen Sie mich. + +Fräulein +Was ist Ihnen? Wo wollen Sie hin? + +Tellheim +Von Ihnen!-- + +Fräulein +Von mir? (Indem sie seine Hand an ihre Brust zieht.) Träumer! + +Tellheim +Die Verzweiflung wird mich tot zu Ihren Füßen werfen. + +Fräulein +Von mir? + +Tellheim +Von Ihnen.--Sie nie, nie wiederzusehen.--Oder doch so entschlossen, so +fest entschlossen--keine Niederträchtigkeit zu begehen--Sie keine +Unbesonnenheit begehen zu lasen.--Lassen Sie mich, Minna! (Reißt sich +los und ab.) + +Fräulein +(ihm nach). Minna Sie lasen? Tellheim! Tellheim! + + + + +3. Akt + + + +1. Szene + +(Die Szene: Der Saal.) (Just, einen Brief in der Hand) + + +Just +Muß ich doch noch einmal in das verdammte Haus kommen!--Ein Briefchen +von meinem Herrn an das gnädige Fräulein, das seine Schwester sein +will.--Wenn sich nur da nichts anspinnt!--Sonst wird des Brieftragens +kein Ende werden.--Ich wär es gern los, aber ich möchte auch nicht +gern ins Zimmer hinein.--Das Frauenszeug fragt so viel, und ich +antworte so ungern!--Ha, die Türe geht auf. Wie gewünscht! das +Kammerkätzchen! + + + +2. Szene + +(Franziska. Just) + + +Franziska +(zur Türe herein, aus der sie kömmt). Sorgen Sie nicht; ich will +schon aufpassen.--Sieh! (indem sie Justen gewahr wird) da stieße mir +ja gleich was auf. Aber mit dem Vieh ist nichts anzufangen. + +Just +Ihr Diener, Jungfer-- + +Franziska +Ich wollte so einen Diener nicht-- + +Just +Nu, nu, verzeih Sie mir die Redensart!--Da bring ich ein Briefchen von +meinem Herrn an Ihre Herrschaft, das gnädige Fräulein--Schwester.-- +War's nicht so? Schwester. + +Franziska +Geb Er her! (Reißt ihm den Brief aus der Hand.) + +Just +Sie soll so gut sein, läßt mein Herr bitten, und es übergeben. +Hernach soll Sie so gut sein, läßt mein Herr bitten--daß Sie nicht +etwa denkt, ich bitte was!-- + +Franziska +Nun denn? + +Just +Mein Herr versteht den Rummel. Er weiß, daß der Weg zu den Fräuleins +durch die Kammermädchen geht:--bild ich mir ein!--Die Jungfer soll +also so gut sein--läßt mein Herr bitten--und ihm sagen lassen, ob er +nicht das Vergnügen haben könnte, die Jungfer auf ein Viertelstündchen +zu sprechen. + +Franziska +Mich? + +Just +Verzeih Sie mir, wenn ich Ihr einen unrechten Titel gebe.--Ja, Sie!-- +Nur auf ein Viertelstündchen; aber allein, ganz allein, insgeheim, +unter vier Augen. Er hätte Ihr was sehr Notwendiges zu sagen. + +Franziska +Gut! ich habe ihm auch viel zu sagen.--Er kann nur kommen, ich werde +zu seinem Befehle sein. + +Just +Aber, wenn kann er kommen? Wenn ist es Ihr am gelegensten, Jungfer? +So in der Dämmerung?-- + +Franziska +Wie meint Er das?--Sein Herr kann kommen, wenn er will--und damit +packe Er sich nur! + +Just +Herzlich gern! (Will fortgehen.) + +Franziska +Hör Er doch; noch auf ein Wort.--Wo sind denn die andern Bedienten des +Majors? + +Just +Die andern? Dahin, dorthin, überallhin. + +Franziska +Wo ist Wilhelm? + +Just +Der Kammerdiener? den läßt der Major reisen. + +Franziska +So? Und Philipp, wo ist der? + +Just +Der Jäger? den hat der Herr aufzuheben gegeben. + +Franziska +Weil er jetzt keine Jagd hat, ohne Zweifel.--Aber Martin? + +Just +Der Kutscher? der ist weggeritten. + +Franziska +Und Fritz? + +Just +Der Läufer? der ist avanciert. + +Franziska +Wo war Er denn, als der Major bei uns in Thüringen im Winterquartiere +stand? Er war wohl noch nicht bei ihm? + +Just +O ja, ich war Reitknecht bei ihm, aber ich lag im Lazarett. + +Franziska +Reitknecht? Und jetzt is Er? + +Just +Alles in allem; Kammerdiener und Jäger, Läufer und Reitknecht. + +Franziska +Das muß ich gestehen! So viele gute, tüchtige Leute von sich zu +lassen und gerade den Allerschlechtesten zu behalten! Ich möchte doch +wissen, was Sein Herr an Ihm fände! + +Just +Vielleicht findet er, daß ich ein ehrlicher Kerl bin. + +Franziska +Oh, man ist auch verzweifelt wenig, wenn man weiter nichts ist als +ehrlich.--Wilhelm war ein andrer Mensch--Reisen läßt ihn der Herr? + +Just +Ja, er läßt ihn--da er's nicht hindern kann. + +Franziska +Wie? + +Just +Oh, Wilhelm wird sich alle Ehre auf seinen Reisen machen. Er hat des +Herrn ganze Garderobe mit. + +Franziska +Was? Er ist doch nicht damit durchgegangen? + +Just +Das kann man nun eben nicht sagen; sondern als wir von Nürnberg +weggingen, ist er uns nur nicht damit nachgekommen. + +Franziska +Oh, der Spitzbube! + +Just +Es war ein ganzer Mensch! Er konnte frisieren und rasieren und +parlieren--und scharmieren--Nicht wahr? + +Franziska +Sonach hätte ich den Jäger nicht von mir getan, wenn ich wie der Major +gewesen wäre. Konnte er ihn schon nicht als Jäger nützen, so war es +doch sonst ein tüchtiger Bursche.--Wem hat er ihn denn aufzuheben +gegeben? + +Just +Dem Kommandanten von Spandau. + +Franziska +Der Festung? Die Jagd auf den Wällen kann doch da auch nicht groß +sein. + +Just +Oh, Philipp jagt auch da nicht. + +Franziska +Was tut er denn? + +Just +Er karrt. + +Franziska +Er karrt? + +Just +Aber nur auf drei Jahr. Er machte ein kleines Komplott unter des +Herrn Kompanie und wollte sechs Mann durch die Vorposten bringen.-- + +Franziska +Ich erstaune, der Bösewicht! + +Just +Oh, es ist ein tüchtiger Kerl! Ein Jäger, der funfzig Meilen in der +Runde durch Wälder und Moräste alle Fußsteige, alle Schleifwege kennt. + Und schießen kann er! + +Franziska +Gut, daß der Major nur noch den braven Kutscher hat! + +Just +Hat er ihn noch? + +Franziska +Ich denke, Er sagte, Martin wäre weggeritten? So wird er doch wohl +wiederkommen? + +Just +Meint Sie? + +Franziska +Wo ist er denn hingeritten? + +Just +Es geht nun in die zehnte Woche, da ritt er mit des Herrn einzigem und +letztem Reitpferde--nach der Schwemme. + +Franziska +Und ist noch nicht wieder da? Oh, der Galgenstrick! + +Just +Die Schwemme kann den braven Kutscher auch wohl verschwemmt haben!--Es +war gar ein rechter Kutscher! Er hatte in Wien zehn Jahre gefahren. +So einen kriegt der Herr gar nicht wieder. Wenn die Pferde im vollen +Rennen waren, so durfte er nur machen: "Burr!" und auf einmal standen +sie wie die Mauern. Dabei war er ein ausgelernter Roßarzt! + +Franziska +Nun ist mir für das Avancement des Läufers bange. + +Just +Nein, nein, damit hat's seine Richtigkeit. Er ist Trommelschläger bei +einem Garnisonregimente geworden. + +Franziska +Dacht ich's doch! + +Just +Fritz hing sich an ein liederliches Mensch, kam des Nachts niemals +nach Hause, machte auf des Herrn Namen überall Schulden und tausend +infame Streiche. Kurz, der Major sahe, daß er mit aller Gewalt höher +wollte: (das Hängen pantomimisch anzeigend) er brachte ihn also auf +guten Weg. + +Franziska +Oh, der Bube! + +Just +Aber ein perfekter Läufer ist er, das ist gewiß. Wenn ihm der Herr +funfzig Schritte vorgab, so konnte er ihn mit seinem besten Renner +nicht einholen. Fritz hingegen kann dem Galgen tausend Schritte +vorgeben und, ich wette mein Leben, er holt ihn ein.--Es waren wohl +alles Ihre guten Freunde, Jungfer? Der Wilhelm und der Philipp, der +Martin und der Fritz?--Nun, Just empfiehlt sich! (Geht ab.) + + + +3. Szene + +(Franziska und hernach der Wirt.) + + +Franziska +(die ihm ernsthaft nachsieht). Ich verdiene den Biß!--Ich bedanke +mich, Just. Ich setzte die Ehrlichkeit zu tief herab. Ich will die +Lehre nicht vergessen.--Ah! der unglückliche Mann! (Kehrt sich um +und will nach dem Zimmer des Fräuleins gehen, indem der Wirt kömmt.) + +Wirt +Warte Sie doch, mein schönes Kind. + +Franziska +Ich habe jetzt nicht Zeit, Herr Wirt-- + +Wirt +Nun ein kleines Augenblickchen!--Noch keine Nachricht weiter von dem +Herrn Major? Das konnte doch unmöglich sein Abschied sein!-- + +Franziska +Was denn? + +Wirt +Hat es Ihr das gnädige Fräulein nicht erzählt?--Als ich Sie, mein +schönes Kind, unten in der Küche verließ, so kam ich von ungefähr +wieder hier in den Saal-- + +Franziska +Von ungefähr, in der Absicht, ein wenig zu horchen. + +Wirt +Ei, mein Kind, wie kann Sie das von mir denken? Einem Wirte läßt +nichts übler als Neugierde.--Ich war nicht lange hier, so prellte auf +einmal die Türe bei dem gnädigen Fräulein auf. Der Major stürzte +heraus, das Fräulein ihm nach, beide in einer Bewegung, mit Blicken, +in einer Stellung--so was läßt sich nur sehen. Sie ergriff ihn, er +riß sich los, sie ergriff ihn wieder. "Tellheim!"--Fräulein, lassen +Sie mich!"--"Wohin?"--So zog er sie bis an die Treppe. Mir war schon +bange, er würde sie mit herabreißen. Aber er wand sich noch los. Das +Fräulein blieb an der obersten Schwelle stehn, sah ihm nach, rief ihm +nach, rang die Hände. Auf einmal wandte sie sich um, lief nach dem +Fenster, von dem Fenster wieder zur Treppe, von der Treppe in dem +Saale hin und wider. Hier stand ich, hier ging sie dreimal bei mir +vorbei, ohne mich zu sehen. Endlich war es, als ob sie mich sähe, +aber, Gott sei bei uns! ich glaube, das Fräulein sahe mich für Sie an, +mein Kind. "Franziska", rief sie, die Augen auf mich gerichtet, "bin +ich nun glücklich?" Darauf sahe sie steif an die Decke und wiederum: +"Bin ich nun glücklich?" Darauf wischte sie sich Tränen aus dem Auge +und lächelte und fragte mich wiederum: "Franziska, bin ich nun +glücklich?"--Wahrhaftig, ich wußte nicht, wie mir war. Bis sie nach +ihrer Türe lief, da kehrte sie sich nochmals nach mir um: "So komm +doch, Franziska; wer jammert dich nun?"--Und damit hinein. + +Franziska +Oh, Herr Wirt, das hat Ihnen geträumt. + +Wirt +Geträumt? Nein, mein schönes Kind, so umständlich träumt man nicht.-- +Ja, ich wollte wieviel drum geben--ich bin nicht neugierig--aber ich +wollte wieviel drum geben, wenn ich den Schlüssel dazu hätte. + +Franziska +Den Schlüssel? zu unsrer Türe? Herr Wirt, der steckt innerhalb; wir +haben ihn zur Nacht hereingezogen; wir sind furchtsam. + +Wirt +Nicht so einen Schlüssel; ich will sagen, mein schönes Kind, den +Schlüssel, die Auslegung gleichsam, so den eigentlichen Zusammenhang +von dem, was ich gesehen.-- + +Franziska +Ja so!--Nun, adieu, Herr Wirt. Werden wir bald essen, Herr Wirt? + +Wirt +Mein schönes Kind, nicht zu vergessen, was ich eigentlich sagen wollte. + + +Franziska +Nun? aber nur kurz-- + +Wirt +Das gnädige Fräulein hat noch meinen Ring; ich nenne ihn meinen-- + +Franziska +Er soll Ihnen unverloren sein. + +Wirt +Ich trage darum auch keine Sorge; ich will's nur erinnern, sieht Sie, +ich will ihn gar nicht einmal wiederhaben. Ich kann mir doch wohl an +den Fingern abzählen, woher sie den Ring kannte, und woher er dem +ihrigen so ähnlich sah. Er ist in ihren Händen am besten aufgehoben. +Ich mag ihn gar nicht mehr und will indes die hundert Pistolen, die +ich darauf gegeben habe, auf des gnädigen Fräuleins Rechnung setzen. +Nicht so recht, mein schönes Kind? + + + +4. Szene + +(Paul Werner. Der Wirt. Franziska.) + + +Werner +Da ist er ja! + +Franziska +Hundert Pistolen? Ich meinte, nur achtzig. + +Wirt +Es ist wahr, nur neunzig, nur neunzig. Das will ich tun, mein schönes +Kind, das will ich tun. + +Franziska +Alles das wird sich finden, Herr Wirt. + +Werner +(der ihnen hinterwärts näher kömmt und auf einmal der Franziska auf +die Schulter klopft). Frauenzimmerchen! Frauenzimmerchen! + +Franziska +(erschrickt). He! + +Werner +Erschrecke Sie nicht!--Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, ich sehe, +Sie ist hübsch und ist wohl gar fremd--Und hübsche fremde Leute müssen +gewarnet werden--Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, nehm Sie sich vor +dem Manne in acht! (Auf den Wirt zeigend.) + +Wirt +Je, unvermutete Freude! Herr Paul Werner! Willkommen bei uns, +willkommen!--Ah, es ist doch immer noch der lustige, spaßhafte, +ehrliche Werner!--Sie soll sich vor mir in acht nehmen, mein schönes +Kind! Ha, ha, ha! + +Werner +Geh Sie ihm überall aus dem Wege! + +Wirt +Mir! mir!--Bin ich denn so gefährlich?--Ha, ha, ha! Hör' Sie doch, +mein schönes Kind! Wie gefällt Ihr der Spaß? + +Werner +Daß es doch immer Seinesgleichen für Spaß erklären, wenn man ihnen die +Wahrheit sagt. + +Wirt +Die Wahrheit! ha, ha, ha!--Nicht wahr, mein schönes Kind, immer +besser! Der Mann kann spaßen! Ich gefährlich?--ich?--So vor zwanzig +Jahren war was dran. Ja, ja, mein schönes Kind, da war ich gefährlich; + da wußte manche davon zu sagen; aber jetzt-- + +Werner +Oh, über den alten Narrn! + +Wirt +Da steckt's eben! Wenn wir alt werden, ist es mit unsrer +Gefährlichkeit aus. Es wird Ihm auch nicht besser gehen, Herr Werner! + + +Werner +Potz Geck und kein Ende!--Frauenzimmerchen, so viel Verstand wird Sie +mir wohl zutrauen, daß ich von der Gefährlichkeit nicht rede. Der +eine Teufel hat ihn verlassen, aber es sind dafür sieben andre in ihn +gefahren-- + +Wirt +Oh, hör Sie doch, hör Sie doch! Wie er das nun wieder so +herumzubringen weiß!--Spaß über Spaß und immer was Neues! Oh, es ist +ein vortrefflicher Mann, der Herr Paul Werner!--(Zur Franziska, als +ins Ohr.) Ein wohlhabender Mann und noch ledig. Er hat drei Meilen +von hier ein schönes Freischulzengerichte. Der hat Beute gemacht im +Kriege!--Und ist Wachtmeister bei unserm Herrn Major gewesen. Oh, das +ist ein Freund von unserm Herrn Major! das ist ein Freund! der sich +für ihn totschlagen ließe!-- + +Werner +Ja! und das ist ein Freund von meinem Major! das ist ein Freund!-- +den der Major sollte totschlagen lassen. + +Wirt +Wie? was?--Nein, Herr Werner, das ist nicht guter Spaß.--Ich kein +Freund vom Herrn Major?--Nein, den Spaß versteh ich nicht. + +Werner +Just hat mir schöne Dinge erzählt. + +Wirt +Just? Ich dacht's wohl, daß Just durch Sie spräche. Just ist ein +böser, garstiger Mensch. Aber hier ist ein schönes Kind zur Stelle; +das kann reden; das mag sagen, ob ich kein Freund von dem Herrn Major +bin? Ob ich ihm keine Dienste erwiesen habe? Und warum sollte ich +nicht sein Freund sein? Ist er nicht ein verdienter Mann? Es ist +wahr, er hat das Unglück gehabt, abgedankt zu werden: aber was tut +das? Der König kann nicht alle verdiente Männer kennen, und wenn er +sie auch alle kennte, so kann er sie nicht alle belohnen. + +Werner +Das heißt Ihn Gott sprechen!--Aber Just--freilich ist an Justen auch +nicht viel Besonders, doch ein Lügner ist Just nicht; und wenn das +wahr wäre, was er mir gesagt hat-- + +Wirt +Ich will von Justen nichts hören! Wie gesagt: das schöne Kind hier +mag sprechen! (Zu ihr ins Ohr.) Sie weiß, mein Kind, den Ring!-- +Erzähl' Sie es doch Herrn Wernern. Da wird er mich besser +kennenlernen. Und damit es nicht herauskömmt, als ob Sie mir nur zu +Gefallen rede, so will ich nicht einmal dabei sein. Ich will nicht +dabei sein; ich will gehn; aber Sie sollen mir es wiedersagen, Herr +Werner, Sie sollen mir es wiedersagen, ob Just nicht ein garstiger +Verleumder ist. + + + +5. Szene + +(Paul Werner. Franziska) + + +Werner +Frauenzimmerchen, kennt Sie denn meinen Major? + +Franziska +Den Major von Tellheim? Jawohl kenn ich den braven Mann. + +Werner +Ist es nicht ein braver Mann? Ist Sie dem Manne wohl gut?-- + +Franziska +Vom Grund meines Herzens. + +Werner +Wahrhaftig? Sieht Sie, Frauenzimmerchen; nun kömmt Sie mir noch +einmal so schön vor.--Aber was sind denn das für Dienste, die der Wirt +unserm Major will erwiesen haben? + +Franziska +Ich wüßte eben nicht; es wäre denn, daß er sich das Gute zuschreiben +wollte, welches glücklicherweise aus seinem schurkischen Betragen +entstanden. + +Werner +So wäre es ja wahr, was mir Just gesagt hat?--(Gegen die Seite, wo der +Wirt abgegangen.) Dein Glück, daß du gegangen bist!--Er hat ihm +wirklich die Zimmer ausgeräumt?--So einem Manne so einen Streich zu +spielen, weil sich das Eselsgehirn einbildet, daß der Mann kein Geld +mehr habe! Der Major kein Geld? + +Franziska +So? Hat der Major Geld? + +Werner +Wie Heu! Er weiß nicht, wieviel er hat. Er weiß nicht, wer ihm alles +schuldig ist. Ich bin ihm selber schuldig und bringe ihm hier ein +altes Restchen. Sieht Sie, Frauenzimmerchen, hier in diesem +Beutelchen (das er aus der einen Tasche zieht) sind hundert Louisdor +und in diesem Röllchen (das er aus der andern zieht) hundert Dukaten. +Alles sein Geld! + +Franziska +Wahrhaftig? Aber warum versetzt denn der Major? Er hat ja einen Ring +versetzt-- + +Werner +Versetzt! Glaub Sie doch so was nicht. Vielleicht, daß er den Bettel +hat gern wollen los sein. + +Franziska +Es ist kein Bettel! Es ist ein sehr kostbarer Ring, den er wohl noch +dazu von lieben Händen hat. + +Werner +Das wird's auch sein. Von lieben Händen; ja, ja! So was erinnert +einen manchmal, woran man nicht gern erinnert sein will. Drum schafft +man's aus den Augen. + +Franziska +Wie? + +Werner +Dem Soldaten geht's in Winterquartieren wunderlich. Da hat er nichts +zu tun und pflegt sich und macht vor langer Weile Bekanntschaften, die +er nur auf den Winter meinet und die das gute Herz, mit dem er sie +macht, für zeitlebens annimmt. Husch ist ihm denn ein Ringelchen an +den Finger praktiziert; er weiß selbst nicht, wie es dran kömmt. Und +nicht selten gäb' er gern den Finger mit drum, wenn er es nur wieder +loswerden könnte. + +Franziska +Ei! und sollte es dem Major auch so gegangen sein? + +Werner +Ganz gewiß. Besonders in Sachsen; wenn er zehn Finger an jeder Hand +gehabt hätte, er hätte sie alle zwanzig voller Ringe gekriegt. + +Franziska +(beiseite). Das klingt ja ganz besonders und verdient untersucht zu +werden.--Herr Freischulze oder Herr Wachmeister-- + +Werner +Frauenzimmerchen, wenn's Ihr nichts verschlägt:--Herr Wachtmeister, +höre ich am liebsten. + +Franziska +Nun, Herr Wachtmeister, hier habe ich ein Briefchen von dem Herrn +Major an meine Herrschaft. Ich will es nur geschwind hereintragen und +bin gleich wieder da. Will Er wohl so gut sein und so lange hier +warten? Ich möchte gar zu gern mehr mit Ihm plaudern. + +Werner +Plaudert Sie gern, Frauenzimmerchen? Nun meinetwegen: geh Sie nur; +ich plaudre auch gern; ich will warten. + +Franziska +Oh, warte Er doch ja! (Geht ab.) + + + +6. Szene + +(Paul Werner.) + + +Werner +Das ist kein unebenes Frauenzimmerchen!--Aber ich hätte ihr doch nicht +versprechen sollen zu warten.--Denn das Wichtigste wäre wohl, ich +suchte den Major auf.--Er will mein Geld nicht und versetzt lieber?-- +Daran kenn ich ihn.--Es fällt mir ein Schneller ein.--Als ich vor +vierzehn Tagen in der Stadt war, besuchte ich die Rittmeisterin +Marloff. Das arme Weib lag krank und jammerte, daß ihr Mann dem Major +vierhundert Taler schuldig geblieben wäre, die sie nicht wüßte, wie +sie sie bezahlen sollte. Heute wollte ich sie wieder besuchen--ich +wollte ihr sagen, wenn ich das Geld für mein Gütchen ausgezahlt +kriegte, daß ich ihr fünfhundert Taler leihen könnte.--Denn ich muß ja +wohl was davon in Sicherheit bringen, wenn's in Persien nicht geht.-- +Aber sie war über alle Berge. Und ganz gewiß wird sie dem Major nicht +haben bezahlen können.--Ja, so will ich's machen; und das je eher, je +lieber.--Das Frauenzimmerchen mag mir's nicht übelnehmen; ich kann +nicht warten. (Geht in Gedanken ab und stößt fast auf den Major, der +ihm entgegenkömmt.) + + + +7. Szene + +(v. Tellheim. Paul Werner) + + +Tellheim +So in Gedanken, Werner? + +Werner +Da sind Sie ja! ich wollte eben gehen und Sie in Ihrem neuen +Quartiere besuchen, Herr Major. + +Tellheim +Um mir auf den Wirt des alten die Ohren vollzufluchen. Gedenke mir +nicht daran. + +Werner +Das hätte ich beiher getan; ja. Aber eigentlich wollte ich mich nur +bei Ihnen bedanken, daß Sie so gut gewesen und mir die hundert +Louisdor aufgehoben. Just hat mir sie wiedergegeben. Es wäre mir +wohl freilich lieb, wenn Sie mir sie noch länger aufheben könnten. +Aber Sie sind in ein neu Quartier gezogen, das weder Sie noch ich +kennen. Wer weiß, wie's da ist. Sie könnten Ihnen da gestohlen +werden, und Sie müßten mir sie ersetzen; da hülfe nichts davor. Also +kann ich's Ihnen freilich nicht zumuten. + +Tellheim +(lächelnd). Seit wenn bist du so vorsichtig, Werner? + +Werner +Es lernt sich wohl. Man kann heutezutage mit seinem Gelde nicht +vorsichtig genug sein.--Darnach hatte ich noch was an Sie zu bestellen, + Herr Major; von der Rittmeisterin Marloff; ich kam eben von ihr her. +Ihr Mann ist Ihnen ja vierhundert Taler schuldig geblieben; hier +schickt sie Ihnen auf Abschlag hundert Dukaten. Das übrige will sie +künftige Woche schicken. Ich mochte wohl selber Ursache sein, daß sie +die Summe nicht ganz schickt. Denn sie war mir auch ein Taler achtzig +schuldig; und weil sie dachte, ich wäre gekommen, sie zu mahnen--wie's +denn auch wohl wahr war--, so gab sie mir sie und gab sie mir aus dem +Röllchen, das sie für Sie schon zurechtgelegt hatte.--Sie können auch +schon eher Ihre hundert Taler ein acht Tage noch missen als ich meine +paar Groschen.--Da nehmen Sie doch! (Reicht ihm die Rolle Dukaten.) + +Tellheim +Werner! + +Werner +Nun? Warum sehen Sie mich so starr an?--So nehmen Sie doch, Herr +Major!-- + +Tellheim +Werner! + +Werner +Was fehlt Ihnen? Was ärgert Sie? + +Tellheim +(bitter, indem er sich vor die Stirne schlägt und mit dem Fuße +auftritt). Daß es--die vierhundert Taler nicht ganz sind! + +Werner +Nun, nun, Herr Major! Haben Sie mich denn nicht verstanden? + +Tellheim +Eben weil ich dich verstanden habe!--Daß mich doch die besten Menschen +heut am meisten quälen müssen! + +Werner +Was sagen Sie? + +Tellheim +Es geht dich nur zur Hälfte an!--Geh, Werner! (Indem er die Hand, mit +der ihm Werner die Dukaten reichet, zurückstößt.) + +Werner +Sobald ich das los bin! + +Tellheim +Werner, wenn du nun von mir hörst, daß die Marloffin heute ganz früh +selbst bei mir gewesen ist? + +Werner +So? + +Tellheim +Daß sie mir nichts mehr schuldig ist? + +Werner +Wahrhaftig? + +Tellheim +Daß sie mich bei Heller und Pfennig bezahlt hat: was wirst du denn +sagen? + +Werner +(der sich einen Augenblick besinnt). Ich werde sagen, daß ich gelogen +habe, und daß es eine hundsfött'sche Sache ums Lügen ist, weil man +drüber ertappt werden kann. + +Tellheim +Und wirst dich schämen? Aber er, der mich so zu lügen zwingt, was +sollte der? Sollte der sich nicht auch schämen? Sehen Sie, Herr +Major, wenn ich sagte, daß mich Ihr Verfahren nicht verdrösse, so +hätte ich wieder gelogen, und ich will nicht mehr lügen.-- + +Tellheim +Sei nicht verdrießlich, Werner! Ich erkenne dein Herz und deine Liebe +zu mir. Aber ich brauche dein Geld nicht. + +Werner +Sie brauchen es nicht? Und verkaufen lieber und versetzen lieber und +bringen sich lieber in der Leute Mäuler? + +Tellheim +Die Leute mögen es immer wissen, daß ich nichts mehr habe. Man muß +nicht reicher scheinen wollen, als man ist. + +Werner +Aber warum ärmer?--Wir haben, solange unser Freund hat. + +Tellheim +Es ziemt sich nicht, daß ich dein Schuldner bin. + +Werner +Ziemt sich nicht?--Wenn an einem heißen Tage, den uns die Sonne und +der Feind heiß machte, sich Ihr Reitknecht mit den Kantinen verloren +hatte, und Sie zu mir kamen und sagten: "Werner, hast du nichts zu +trinken?" und ich Ihnen meine Feldflasche reichte, nicht wahr, Sie +nahmen und tranken?--Ziemte sich das?--Bei meiner armen Seele, wenn +ein Trunk faules Wasser damals nicht oft mehr wert war als alle der +Quark! (Indem er auch den Beutel mit den Louisdoren herauszieht und +ihm beides hinreicht.) Nehmen Sie, lieber Major! Bilden Sie sich ein, +es ist Wasser. Auch das hat Gott für alle geschaffen. + +Tellheim +Du marterst mich; du hörst es ja, ich will dein Schuldner nicht sein. + +Werner +Erst ziemte es sich nicht; nun wollen Sie nicht? Ja, das ist was +anders. (Etwas ärgerlich.) Sie wollen mein Schuldner nicht sein? +Wenn Sie es denn aber schon wären, Herr Major? Oder sind Sie dem +Manne nichts schuldig, der einmal den Hieb auffing, der Ihnen den Kopf +spalten sollte, und ein andermal den Arm vom Rumpfe hieb, der eben +losdrücken und Ihnen die Kugel durch die Brust jagen wollte?--Was +können Sie diesem Manne mehr schuldig werden? Oder hat es mit meinem +Halse weniger zu sagen als mit meinem Beutel?--Wenn das vornehm +gedacht ist, bei meiner armen Seele, so ist es auch sehr abgeschmackt +gedacht! + +Tellheim +Mit wem sprichst du so, Werner? Wir sind allein; jetzt darf ich es +sagen; wenn uns ein Dritter hörte, so wäre es Windbeutelei. Ich +bekenne es mit Vergnügen, daß ich dir zweimal mein Leben zu danken +habe. Aber, Freund, woran fehlte mir es, daß ich bei Gelegenheit +nicht ebensoviel für dich würde getan haben? He! + +Werner +Nur an der Gelegenheit! Wer hat daran gezweifelt, Herr Major? Habe +ich Sie nicht hundertmal für den gemeinsten Soldaten, wenn er ins +Gedränge gekommen war, Ihr Leben wagen sehen? + +Tellheim +Also! + +Werner +Aber-- + +Tellheim +Warum verstehst du mich nicht recht? Ich sage: es ziemt sich nicht, +daß ich dein Schuldner bin; ich will dein Schuldner nicht sein. +Nämlich in den Umständen nicht, in welchen ich mich jetzt befinde. + +Werner +So, so! Sie wollen es versparen bis auf bessre Zeiten; Sie wollen ein +andermal Geld von mir borgen, wenn Sie keines brauchen, wenn Sie +selbst welches haben und ich vielleicht keines. + +Tellheim +Man muß nicht borgen, wenn man nicht widerzugeben weiß. + +Werner +Einem Manne wie Sie kann es nicht immer fehlen. + +Tellheim +Du kennst die Welt!--Am wenigsten muß man sodann von einem borgen, der +sein Geld selbst braucht. + +Werner +O ja, so einer bin ich! Wozu braucht' ich's denn?--Wo man einen +Wachtmeister nötig hat, gibt man ihm auch zu leben. + +Tellheim +Du brauchst es, mehr als Wachtmeister zu werden, dich auf einer Bahn +weiterzubringen, auf der ohne Geld auch der Würdigste zurückbleiben +kann. + +Werner +Mehr als Wachtmeister zu werden? Daran denke ich nicht. Ich bin ein +guter Wachtmeister und dürfte leicht ein schlechter Rittmeister und +sicherlich noch ein schlechtrer General werden. Die Erfahrung hat man. + + +Tellheim +Mache nicht, daß ich etwas Unrechtes von dir denken muß, Werner! Ich +habe es nicht gern gehört, was mir Just gesagt hat. Du hast dein Gut +verkauft und willst wieder herumschwärmen. Laß mich nicht von dir +glauben, daß du nicht sowohl das Metier als die wilde, liederliche +Lebensart liebest, die unglücklicherweise damit verbunden ist. Man +muß Soldat sein für sein Land oder aus Liebe zu der Sache, für die +gefochten wird. Ohne Absicht heute hier, morgen da dienen, heißt wie +ein Fleischerknecht reisen, weiter nichts. + +Werner +Nun ja doch, Herr Major, ich will Ihnen folgen. Sie wissen besser, +was sich gehört. Ich will bei Ihnen bleiben.--Aber, lieber Major, +nehmen Sie doch auch derweile mein Geld. Heut oder morgen muß Ihre +Sache aus sein. Sie müssen Geld die Menge bekommen. Sie sollen mir +es sodann mit Interessen wiedergeben. Ich tu es ja nur der Interessen +wegen. + +Tellheim +Schweig davon! + +Werner +Bei meiner armen Seele, ich tu es nur der Interessen wegen!--Wenn ich +manchmal dachte: Wie wird es mit dir aufs Alter werden? wenn du +zuschanden gehauen bist? wenn du nichts haben wirst? wenn du wirst +betteln gehen müssen? so dachte ich wieder: Nein, du wirst nicht +betteln gehn; du wirst zum Major Tellheim gehn; der wird seinen +letzten Pfennig mit dir teilen; der wird dich zu Tode füttern; bei dem +wirst du als ein ehrlicher Kerl sterben können. + +Tellheim +(indem er Werners Hand ergreift). Und, Kamerad, das denkst du nicht +noch? + +Werner +Nein, das denk ich nicht mehr.--Wer von mir nichts nehmen will, wenn +er's bedarf, und ich's habe, der will mir auch nichts geben, wenn er's +hat, und ich's bedarf.--Schon gut! (Will gehen.) + +Tellheim +Mensch, mache mich nicht rasend! Wo willst du hin? (Hält ihn zurück.) +Wenn ich dich nun auf meine Ehre versichere, daß ich noch Geld habe; +wenn ich dir auf meine Ehre verspreche, daß ich dir es sagen will, +wenn ich keines mehr habe; daß du der erste und einzige sein sollst, +bei dem ich mir etwas borgen will:--bist du dann zufrieden? + +Werner +Muß ich nicht?--Geben Sie mir die Hand darauf, Herr Major. + +Tellheim +Da, Paul!--Und nun genug davon. Ich kam hieher, um ein gewisses +Mädchen zu sprechen-- + + + +8. Szene + +(Franziska, aus dem Zimmer des Fräuleins. v. Tellheim. Paul Werner.) + + +Franziska +(im Hereintreten). Sind Sie noch da, Herr Wachtmeister?--(Indem sie +den Tellheim gewahr wird.) Und Sie sind auch da, Herr Major?--Den +Augenblick bin ich zu Ihren Diensten. (Geht geschwind wieder in das +Zimmer.) + + + +9. Szene + +(v. Tellheim. Paul Werner.) + + +Tellheim +Das war sie!--Aber ich höre ja, du kennst sie, Werner? + +Werner +Ja, ich kenne das Frauenzimmerchen.-- + +Tellheim +Gleichwohl, wenn ich mich recht erinnere, als ich in Thüringen +Winterquartier hatte, warst du nicht bei mir? + +Werner +Nein, da besorgte ich in Leipzig Mundierungsstücke. + +Tellheim +Woher kennst du sie denn also? + +Werner +Unsere Bekanntschaft ist noch blutjung. Sie ist von heute. Aber +junge Bekanntschaft ist warm. + +Tellheim +Also hast du ihr Fräulein wohl auch schon gesehen? + +Werner +Ist ihre Herrschaft ein Fräulein? Sie hat mir gesagt, Sie kennten +ihre Herrschaft. + +Tellheim +Hörst du nicht? aus Thüringen her. + +Werner +Ist das Fräulein jung? + +Tellheim +Ja. + +Werner +Schön? + +Tellheim +Sehr schön. + +Werner +Reich? + +Tellheim +Sehr reich. + +Werner +Ist Ihnen das Fräulein auch so gut wie das Mädchen? Das wäre ja +vortrefflich! + +Tellheim +Wie meinst du? + + + +10. Szene + +(Franziska wieder heraus, mit einem Brief in der Hand. v Tellheim. +Paul Werner.) + + +Franziska +Herr Major-- + +Tellheim +Liebe Franziska, ich habe dich noch nicht willkommen heißen können. + +Franziska +In Gedanken werden Sie es doch schon getan haben. Ich weiß, Sie sind +mir gut. Ich Ihnen auch. Aber das ist gar nicht artig, daß Sie Leute, + die Ihnen gut sind, so ängstigen. + +Werner +(vor sich). Ha, nun merk ich. Es ist richtig! + +Tellheim +Mein Schicksal, Franziska!--Hast du ihr den Brief übergeben? + +Franziska +Ja, und hier übergebe ich Ihnen--(Reicht ihm den Brief.) + +Tellheim +Eine Antwort?-- + +Franziska +Nein, Ihren eignen Brief wieder. + +Tellheim +Was? Sie will ihn nicht lesen? + +Franziska +Sie wollte wohl, aber--wir können Geschriebenes nicht gut lesen. + +Tellheim +Schäkerin! + +Franziska +Und wir denken, daß das Briefschreiben für die nicht erfunden ist, die +sich mündlich miteinander unterhalten können, sobald sie wollen. + +Tellheim +Welcher Vorwand! Sie muß ihn lesen. Er enthält meine Rechtfertigung-- +alle die Gründe und Ursachen-- + +Franziska +Die will das Fräulein von Ihnen selbst hören, nicht lesen. + +Tellheim +Von mir selbst hören? Damit mich jedes Wort, jede Miene von ihr +verwirre; damit ich in jedem ihrer Blicke die ganze Größe meines +Verlusts empfinde?-- + +Franziska +Ohne Barmherzigkeit!--Nehmen Sie! (Sie gibt ihm den Brief.) Sie +erwartet Sie um drei Uhr. Sie will ausfahren und die Stadt besehen. +Sie sollen mit ihr fahren? + +Tellheim +Mit ihr fahren? + +Franziska +Und was geben Sie mir, so laß ich Sie beide ganz allein fahren? Ich +will zu Hause bleiben. + +Tellheim +Ganz allein? + +Franziska +In einem schönen verschloßnen Wagen. + +Tellheim +Unmöglich! + +Franziska +Ja, ja; im Wagen muß der Herr Major Katz aushalten; da kann er uns +nicht entwischen. Darum geschieht es eben.--Kurz, Sie kommen, Herr +Major; und Punkte drei.--Nun? Sie wollten mich ja auch allein +sprechen. Was haben Sie mir denn zu sagen?--Ja so, wir sind nicht +allein. (Indem sie Wernern ansieht.) + +Tellheim +Doch, Franziska, wir wären allein. Aber da das Fräulein den Brief +nicht gelesen hat, so habe ich dir noch nichts zu sagen. + +Franziska +So? wären wir doch allein? Sie haben vor dem Herrn Wachtmeister +keine Geheimnisse? + +Tellheim +Nein, keine. + +Franziska +Gleichwohl, dünkt mich, sollten Sie welche vor ihm haben. + +Tellheim +Wie das? + +Werner +Warum das, Frauenzimmerchen? + +Franziska +Besonders Geheimnisse von einer gewissen Art.--Alle zwanzig, Herr +Wachtmeister? (Indem sie beide Hände mit gespreizten Fingern in die +Höhe hält.) + +Werner +St! st! Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen! + +Tellheim +Was heißt das? + +Franziska +Husch ist's am Finger, Herr Wachtmeister? (Als ob sie einen Ring +geschwind ansteckte.) + +Tellheim +Was habt ihr? + +Werner +Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, Sie wird ja wohl Spaß verstehn? + +Tellheim +Werner, du hast doch nicht vergessen, was ich dir mehrmal gesagt habe, +daß man über einen gewissen Punkt mit dem Frauenzimmer nie scherzen +muß? + +Werner +Bei meiner armen Seele, ich kann's vergessen haben!--Frauenzimmerchen, +ich bitte-- + +Franziska +Nun, wenn es Spaß gewesen ist; dasmal will ich es Ihm verzeihen. + +Tellheim +Wenn ich denn durchaus kommen muß, Franziska: so mache doch nur, daß +das Fräulein den Brief vorher noch lieset. Das wird mir die Peinigung +ersparen, Dinge noch einmal zu denken, noch einmal zu sagen, die ich +so gern vergessen möchte. Da, gib ihr ihn! (Indem er den Brief +umkehrt und ihr ihn zureichen will, wird er gewahr, daß er erbrochen +ist.) Aber sehe ich recht? Der Brief, Franziska, ist ja erbrochen. + +Franziska +Das kann wohl sein. (Besieht ihn.) Wahrhaftig, er ist erbrochen. Wer +muß ihn denn erbrochen haben? Doch gelesen haben wir ihn wirklich +nicht, Herr Major, wirklich nicht. Wir wollen ihn auch nicht lesen, +denn der Schreiber kömmt selbst. Kommen Sie ja; und wissen Sie was, +Herr Major? Kommen Sie nicht so, wie Sie da sind, in Stiefeln, kaum +frisiert. Sie sind zu entschuldigen, Sie haben uns nicht vermutet. +Kommen Sie in Schuhen, und lassen Sie sich frisieren.--So sehen Sie +mir gar zu brav, gar zu preußisch aus! + +Tellheim +Ich danke dir, Franziska. + +Franziska +Sie sehen aus, als ob Sie vorige Nacht kampiert hätten. + +Tellheim +Du kannst es erraten haben. + +Franziska +Wir wollen uns gleich auch putzen und sodann essen. Wir behielten Sie +gern zum Essen, aber Ihre Gegenwart möchte uns an dem Essen hindern; +und sehen Sie, so gar verliebt sind wir nicht, daß uns nicht hungerte. + + +Tellheim +Ich geh! Franziska, bereite sie indes ein wenig vor, damit ich weder +in ihren noch in meinen Augen verächtlich werden darf.--Komm, Werner, +du sollst mit mir essen. + +Werner +An der Wirtstafel hier im Hause? Da wird mir kein Bissen schmecken. + +Tellheim +Bei mir auf der Stube. + +Werner +So folge ich Ihnen gleich. Nur noch ein Wort mit dem Frauenzimmerchen. + + +Tellheim +Das gefällt mir nicht übel! (Geht ab.) + + + +11. Szene + +(Paul Werner. Franziska.) + + +Franziska +Nun, Herr Wachtmeister?-- + +Werner +Frauenzimmerchen, wenn ich wiederkomme, soll ich auch geputzter +kommen? + +Franziska +Komm Er, wie Er will, Herr Wachtmeister; meine Augen werden nichts +wider Ihn haben. Aber meine Ohren werden desto mehr auf ihrer Hut +gegen Ihn sein müssen.--Zwanzig Finger, alle voller Ringe! Ei, ei, +Herr Wachtmeister! + +Werner +Nein, Frauenzimmerchen; eben das wollt' ich Ihr noch sagen: die +Schnurre fuhr mir mir so heraus! Es ist nichts dran. Man hat ja wohl +an einem Ringe genug. Und hundert--und aberhundertmal habe ich den +Major sagen hören: "Das muß ein Schurke von einem Soldaten sein, der +ein Mädchen anführen kann!"--So denk ich auch, Frauenzimmerchen. +Verlaß Sie sich darauf!--Ich muß machen, daß ich ihm nachkomme.--Guten +Appetit, Frauenzimmerchen! (Geht ab.) + +Franziska +Gleichfalls, Herr Wachtmeister!--Ich glaube, der Mann gefällt mir! +(Indem sie hineingehen will, kömmt ihr das Fräulein entgegen.) + + + +12. Szene + +(Das Fräulein. Franziska.) + + +Fräulein +Ist der Major schon wieder fort?--Franziska, ich glaube, ich wäre +jetzt schon wieder ruhig genug, daß ich ihn hätte hierbehalten können. + + +Franziska +Und ich will Sie noch ruhiger machen. + +Fräulein +Desto besser! Sein Brief, oh, sein Brief! Jede Zeile sprach den +ehrlichen, edlen Mann. Jede Weigerung, mich zu besitzen, beteuerte +mir seine Liebe.--Er wird es wohl gemerkt haben, daß wir den Brief +gelesen.--Mag er doch, wenn er nur kömmt. Er kömmt doch gewiß?--Bloß +ein wenig zu viel Stolz, Franziska, scheint mir in seiner Aufführung +zu sein. Denn auch seiner Geliebten sein Glück nicht wollen zu danken +haben, ist Stolz, unverzeihlicher Stolz! Wenn er mir diesen zu stark +merken läßt, Franziska-- + +Franziska +So wollen Sie seiner entsagen? + +Fräulein +Ei, sieh doch! Jammert er dich nicht schon wieder? Nein, liebe +Närrin, eines Fehlers wegen entsagt man keinem Manne. Nein, aber ein +Streich ist mir beigefallen, ihn wegen dieses Stolzes mit ähnlichem +Stolze ein wenig zu martern. + +Franziska +Nun, da müssen Sie ja recht sehr ruhig sein, mein Fräulein, wenn Ihnen +schon wieder Streiche beifallen. + +Fräulein +Ich bin es auch; komm nur. Du wirst deine Rolle dabei zu spielen +haben. (Sie gehen herein.) + + + + +4. Akt + + + +1. Szene + +(Die Szene: Das Zimmer des Fräuleins.) (Das Fräulein völlig und reich, +aber mit Geschmack gekleidet. Franziska. Sie stehen vom Tische auf, +den ein Bedienter abräumt.) + + +Franziska +Sie können unmöglich satt sein, gnädiges Fräulein. + +Fräulein +Meinst du, Franziska? Vielleicht, daß ich mich nicht hungrig +niedersetzte. + +Franziska +Wir hatten ausgemacht, seiner während der Mahlzeit nicht zu erwähnen. +Aber wir hätten uns auch vornehmen sollen, an ihn nicht zu denken. + +Fräulein +Wirklich, ich habe an nichts als an ihn gedacht. + +Franziska +Das merkte ich wohl. Ich fing von hundert Dingen an zu sprechen, und +Sie antworteten mir auf jedes verkehrt. (Ein andrer Bedienter trägt +Kaffee auf.) Hier kömmt eine Nahrung, bei der man eher Grillen machen +kann. Der liebe melancholische Kaffee! + +Fräulein +Grillen? Ich mache keine. Ich denke bloß der Lektion nach, die ich +ihm geben will. Hast du mich recht begriffen, Franziska? + +Franziska +O ja; am besten aber wäre es, er ersparte sie uns. + +Fraülein +Du wirst sehen, daß ich ihn von Grund aus kenne. Der Mann, der mich +jetzt mit allen Reichtümern verweigert, wird mich der ganzen Welt +streitig machen, sobald er hört, daß ich unglücklich und verlassen bin. + + +Franziska +(sehr ernsthaft). Und so was muß die feinste Eigenliebe unendlich +kitzeln. + +Fräulein +Sittenrichterin! Seht doch! Vorhin ertappte sie mich auf Eitelkeit, +jetzt auf Eigenliebe.--Nun, laß mich nur, liebe Franziska. Du sollst +mit deinem Wachtmeister auch machen können, was du willst. + +Franziska +Mit meinem Wachtmeister? + +Fräulein +Ja, wenn du es vollends leugnest, so ist es richtig.--Ich habe ihn +noch nicht gesehen, aber aus jedem Worte, das du mir von ihm gesagt +hast, prophezeie ich dir deinen Mann. + + + +2. Szene + +(Riccaut de la Marliniere. Das Fräulein. Franziska.) Riccaut (noch +innerhalb der Szene). Est-il permis, Monsieur le Major? + + +Franziska +Was ist das? Will das zu uns? (Gegen die Türe gehend.) + +Riccaut +Parbleu! Ik bin unriktig.--Mais non--Ik bin nit unriktig--C'est sa +chambre-- + +Franziska +Ganz gewiß, gnädiges Fräulein, glaubt dieser Herr, den Major von +Tellheim noch hier zu finden. + +Riccaut +Iß so!--Le Major de Tellheim; juste, ma belle enfant, c'est lui que je +cherche. Ou est-il? + +Franziska +Er wohnt nicht mehr hier. + +Riccaut +Comment? nok vor vier un swansik Stund hier logier? Und logier nit +mehr hier? Wo logier er denn? + +Fräulein +(die auf ihn zukömmt). Mein Herr-Riccaut. Ah, Madame--Mademoiselle-- +Ihro Gnad verzeih-- + +Fräulein +Mein Herr, Ihre Irrung ist sehr zu vergeben und Ihre Verwunderung sehr +natürlich. Der Herr Major hat die Güte gehabt, mir als einer Fremden, +die nicht unterzukommen wußte, sein Zimmer zu überlassen. + +Raccaut +Ah, voila de ses politesses! C'est un tres galant-homme que ce Major! + + +Fräulein +Wo er indes hingezogen--wahrhaftig, ich muß mich schämen, es nicht zu +wissen. + +Riccaut +Ihro Gnad nit wiß? C'est dommage; j'en suis fache. + +Fräulein +Ich hätte mich allerdings darnach erkundigen sollen. Freilich werden +ihn seine Freunde noch hier suchen. + +Riccaut +Ik bin sehr von seine Freund, Ihro Gnad-- + +Fräulein +Franziska, wißt du es nicht? + +Franziska +Nein, gnädiges Fräulein. + +Riccaut +Ik hätt ihn zu sprek sehr notwendik. Ik komm ihm bringen eine +Nouvelle, davon er sehr frölik sein wird. + +Fräulein +Ich bedauere um so viel mehr.--Doch hoffe ich, vielleicht bald ihn zu +sprechen. Ist es gleichviel, aus wessen Munde er diese gute Nachricht +erfährt, so erbiete ich mich, mein Herr-- + +Riccaut +Ik versteh.--Mademoiselle parle francais? Mais sans doute; telle que +je la vois!--La demande etait bien impolie; vous me pardonnerez, +Mademoiselle.-- + +Fräulein +Mein Herr-- + +Riccaut +Nit? Sie sprek nit Französisch, Ihro Gnad? + +Fräulein +Mein Herr, in Frankreich würde ich es zu sprechen suchen. Aber warum +hier? Ich höre ja, daß Sie mich verstehen, mein Herr. Und ich, mein +Herr, werde Sie gewiß auch verstehen; sprechen Sie, wie es Ihnen +beliebt. + +Riccaut +Gutt, gutt! Ik kann auk mik auf Deutsch explizier.--Sachez donc, +Mademoiselle--Ihro Gnad soll also wiß, daß ik komm von die Tafel bei +der Minister--Minister von--Minister von--wie heiß der Minister da +drauß?--in der lange Straß?--auf die breite Platz?-- + +Fräulein +Ich bin hier noch völlig unbekannt. + +Riccaut +Nun, die Minister von der Kriegsdepartement.--Da haben ik zu Mittag +gespeisen--ik speisen a l'ordinaire bei ihm--und da iß man gekommen +reden auf der Major Tellheim; et le ministre m'a dit en confidence, +car Son Excellence est de mes amis, et il n'y a point de mysteres +entre nous--Se. Exzellenz, will ik sag, haben mir vertrau, daß die +Sak von unserm Major sei auf den Point zu enden und gutt zu enden. Er +habe gemakt ein Rapport an den Könik, und der Könik habe darauf +resolvier, tout-a-fait en faveur du Major.--Monsieur, m'a dit Son +Excellence, vous comprenez bien, que tout depend de la maniere, dont +on fait envisager les choses au roi, et vous me connaissez. Cela fait +un tres joli garcon que ce Tellheim, et ne sais-je pas que vous +l'aimez? Les amis de mes amis sont aussi les miens. Il coute un peu +cher au roi ce Tellheim, mais est-ce que l'on sert les rois pour rien? + Il faut s'entr'aider en ce monde; et quand il s'agit de pertes, que +ce soit le roi, qui en fasse, et non pas un honnete-homme de nous +autres. Voila le principe, dont je ne me depars jamais.--Was sag Ihro +Gnad hierzu? Nit wahr, das iß ein brav Mann? Ah que Son Excellence a +le coer bien place! Er hat mir au reste versiker, wenn der Major nit +schon bekommen habe une Lettre de la main--eine Könikliken Handbrief, +daß er heut infailliblement müsse bekommen einen. + +Fräulein +Gewiß, mein Herr, diese Nachricht wird dem Major von Tellheim höchst +angenehm sein. Ich wünschte nur, ihm den Freund zugleich mit Namen +nennen zu können, der so viel Anteil an seinem Glücke nimmt-- + +Riccaut +Mein Namen wünscht Ihro Gnad?--Vous voyez en moi--Ihro Gnad seh in mik +le Chevalier Riccaut de la Marliniere, Seigneur de Pret-au-val, de la +branche de Prensd'or.--Ihro Gnad? steh verwundert, mik aus so ein +groß, groß Familie zu hören, qui est veritablement du sang Royal.--Il +faut le dire; je suis sans doute le cadet le plus avantureux, que la +maison a jamais eu.--Ik dien von meiner elfte Jahr. Ein Affaire +d'honneur makte mik fliehen. Darauf haben ik gedienet Sr. Papstliken +Eilikheit, der Republik St. Marino, der Kron Polen und den Staaten- +General, bis ik endlik bin worden gezogen hierher. Ah, Mademoiselle, +que je voudrais n'avoir jamais vu ce pays-la! Hätte man mik gelaß im +Dienst von den Staaten-General, so müßt ik nun sein aufs wenikst +Oberst. Aber so hier immer und ewik Capitaine geblieben, und nun gar +sein ein abgedankte Capitaine-- + +Fräulein +Das ist viel Unglück. + +Riccaut +Qui, Mademoiselle, me voila reforme, et par-la mis sur le pave! + +Fräulein +Ich beklage sehr. + +Riccaut +Vous etes bien bonne, Mademoiselle.--Nein, man kenn sik hier nit auf +den Verdienst. Einen Mann wie mik su reformir! Einen Mann, der sik +nok dasu in diesem Dienst hat rouinir!--Ik haben dabei sugesetzt mehr +als swansik tausend Livres. Was hab ik nun? Tranchons le mot; je +n'ai pas le sou, et me voila exactement vis-a-vis du rien.-- + +Fräulein +Es tut mir ungemein leid. + +Riccaut +Vous etes bien bonne, Mademoiselle. Aber wie man pfleg su sagen: ein +jeder Unglück schlepp nak sik seine Bruder; qu'un malheur ne vient +jamais seul: so mit mir arrivir. Was ein Honnete-homme von mein +Extraction kann anders haben für Ressource als das Spiel? Nun hab ik +immer gespielen mit Glück, solang ik hatte nit vonnöten der Glück. +Nun ik ihr hätte vonnöten, Mademoiselle, je joue avec un guignon, qui +surpasse toute croyance. Seit funfsehn Tag iß vergangen keine, wo sie +mik nit hab gesprenkt. Nok gestern hab sie mik gesprenkt dreimal. Je +sais bien, qu'il y avait quelque chose de plus que le jeu. Car parmi +mes pontes se trouvaient certaines dames--Ik will niks weiter sag. +Man muß sein galant gegen die Damen. Sie haben auk mik heut invitir, +mir su geben revanche; mais--vous m'entendez, Mademoiselle.--Man muß +erst wiß, wovon leben, ehe man haben kann, wovon su spielen-- + +Fräulein +Ich will nicht hoffen, mein Herr-- + +Riccaut +Vous etes bien bonne, Mademoiselle-- + +Fräulein +(nimmt die Franziska beiseite). Franziska, der Mann dauert mich im +Ernste. Ob er mir es wohl übelnehmen würde, wenn ich ihm etwas +anböte? + +Franziska +Der sieht mir nicht darnach aus. + +Fräulein +Gut!--Mein Herr, ich höre--daß Sie spielen, daß Sie Bank machen; ohne +Zweifel an Orten, wo etwas zu gewinnen ist. Ich muß Ihnen bekennen, +daß ich--gleichfalls das Spiel sehr liebe-- + +Riccaut +Tant mieux, Mademoiselle, tant mieux! Tous les gens d'esprit aiment +le jeu a la fureur. + +Fräulein +Daß ich sehr gern gewinne; sehr gern mein Geld mit einem Mann wage, +der--zu spielen weiß.--Wären Sie wohl geneigt, mein Herr, mich in +Gesellschaft zu nehmen? mir einen Anteil an Ihrer Bank zu gönnen? + +Riccaut +Comment, Mademoiselle, vous voulez etre de moitie avec moi? De tout +mon coeur. + +Fräulein +Vors erste nur mit einer Kleinigkeit--(Geht und langt Geld aus ihrer +Schatulle.) + +Riccaut +Ah, Mademoiselle, que vous etes charmante!-- + +Fräulein +Hier habe ich, was ich ohnlängst gewonnen, nur zehn Pistolen--ich muß +mich zwar schämen, so wenig-- + +Riccaut +Donnez toujours, Mademoiselle, donnez. (Nimmt es.) + +Fräulein +Ohne Zweifel, daß Ihre Bank, mein Herr, sehr ansehnlich ist-- + +Riccaut +Jawohl, sehr ansehnlik. Sehn Pistol? Ihr Gnad soll sein dafür +interessir bei meiner Bank auf ein Dreiteil, pour le tiers. Swar auf +ein Dreiteil sollen sein--etwas mehr. Dok mit einer schöne Damen muß +man es nehmen nit so genau. Ik gratulir mik, su kommen dadurk in +liaison mit Ihro Gnad, et de ce moment je recommence a bien augurer de +ma fortune. + +Fräulein +Ich kann aber nicht dabei sein, wenn Sie spielen, mein Herr. + +Riccaut +Was brauk Ihro Gnad dabei su sein? Wir andern Spieler sind ehrlike +Leut untereinander. + +Fräulein +Wenn wir glücklich sind, mein Herr, so werden Sie mir meinen Anteil +schon bringen. Sind wir aber unglücklich-- + +Riccaut +So komm ik holen Rekruten. Nit wahr, Ihro Gnad? + +Fräulein +Auf die Länge dürften die Rekruten fehlen. Verteidigen Sie unser Geld +daher ja wohl, mein Herr. + +Riccaut +Wofür seh mik Ihro Gnad an? Für ein Einfalspinse? für ein dumme +Teuf? + +Fräulein +Verzeihen Sie mir-- + +Riccaut +Je suis des bons, Mademoiselle. Savez-vous ce que cela veut dire? Ik +bin von die Ausgelernt-- + +Fräulein +Aber doch wohl, mein Herr-- + +Riccaut +Je sais monter un coup-- + +Fräulein +(verwundernd). Sollten Sie? + +Riccaut +Je file la carte avec une adresse-- + +Fräulein +Nimmermehr! + +Riccaut +Je fais sauter la coupe avec une dexterite-- + +Fräulein +Sie werden doch nicht, mein Herr?-- + +Riccaut +Was nit? Ihro Gnade, was nit? Donnez-moi un pigeonneau a plumer, et-- + +Fräulein +Falsch spielen? betrügen? + +Riccaut +Comment, Mademoiselle? Vous appellez cela betrügen? Corriger la +fortune, l'enchainer sous ses doigts, etre sur de son fait, das nenn +die Deutsch betrügen? Betrügen! Oh, was ist die deutsch Sprak für +ein arm Sprak! für ein plump Sprak! + +Fräulein +Nein, mein Herr, wenn Sie so denken-- + +Riccaut +Laissez-moi faire, Mademoiselle, und sein Sie ruhik! Was gehn Sie an, +wie ik spiel?--Gnug, morgen entweder sehn mik wieder Ihro Gnad mit +hundert Pistol, oder seh mik wieder gar nit--Votre tres-humble, +Mademoiselle, votre tres-humble--(Eilends ab.) + +Fräulein +(die ihm mit Erstaunen und Verdruß nachsieht). Ich wünsche das letzte, +mein Herr, das letzte! + + + +3. Szene + +(Das Fräulein. Franziska) + + +Franziska +(erbittert). Kann ich noch reden? O schön! o schön! + +Fräulein +Spotte nur; ich verdiene es. (Nach einem kleinen Nachdenken und +gelassener.) Spotte nicht, Franziska; ich verdiene es nicht. + +Franziska +Vortrefflich! Da haben Sie etwas Allerliebstes getan, einen +Spitzbuben wieder auf die Beine geholfen. + +Fräulein +Es war einem Unglücklichen zugedacht. + +Franziska +Und was das beste dabei ist: der Kerl hält Sie für seinesgleichen.--Oh, +ich muß ihm nach und ihm das Geld wieder abnehmen. (Will fort.) + +Fräulein +Franziska, laß den Kaffee nicht vollends kalt werden, schenk ein. + +Franziska +Er muß es Ihnen wiedergeben; Sie haben spielen. Zehn Pistolen! Sie +hörten ja, Fräulein, daß es ein Bettler war! (Das Fräulein schenkt +indes selbst ein.) Wer wird einem Bettler so viel geben? Und ihm noch +dazu die Erniedrigung, es erbettelt zu haben, zu ersparen suchen? Den +Mildtätigen, der den Bettler aus Großmut verkennen will, verkennt der +Bettler wieder. Nun mögen Sie es haben, Fräulein, wenn er Ihre Gabe, +ich weiß nicht wofür, ansieht.--(Und reicht der Franziska eine Tasse.) +Wollen Sie mir das Blut noch mehr in Wallung bringen? Ich mag nicht +trinken. (Das Fräulein setzt sie wieder weg.) "Parbleu, Ihro Gnad, +man kenn sik hier nit auf den Verdienst." (In dem Tone des Franzosen.) +Freilich nicht, wenn man die Spitzbuben so ungehangen herumlaufen läßt. + + +Fräulein +(kalt und nachdenkend, indem sie trinkt). Mädchen, du verstehst dich +so trefflich auf die guten Menschen: aber, wenn willst du die +schlechten ertragen lernen?--Und sie sind doch auch Menschen.--Und +öfters bei weitem so schlechte Menschen nicht, als sie scheinen.--Man +muß ihre gute Seite nur aufsuchen.--Ich bilde mir ein, dieser Franzose +ist nichts als eitel. Aus bloßer Eitelkeit macht er sich zum falschen +Spieler; er will mir nicht verbunden scheinen, er will sich den Dank +ersparen. Vielleicht, daß er nun hingeht, seine kleine Schulden +bezahlt, von dem Reste, soweit er reicht, still und sparsam lebt und +an das Spiel nicht denkt. Wenn das ist, liebe Franziska, so laß ihn +Rekruten holen, wenn er will.--(Gibt ihr die Tasse.) Da, setz weg!-- +Aber, sage mir, sollte Tellheim nicht schon da sein? + +Franziska +Nein, gnädiges Fräulein, ich kann beides nicht, weder an einem +schlechten Menschen die gute, noch an einem guten Menschen die böse +Seite aufsuchen. + +Fräulein +Er kömmt doch ganz gewiß?-- + +Franziska +Er sollte wegbleiben!--Sie bemerken an ihm, dem besten Manne, ein +wenig Stolz, und darum wollen Sie ihn so grausam necken? + +Fräulein +Kömmst du da wieder hin?--Schweig, das will ich nun einmal so. Wo du +mir diese Lust verdirbst; wo du nicht alles sagst und tust, wie wir es +abgeredet haben!--Ich will dich schon allein mit ihm lassen, und dann-- +Jetzt kömmt er wohl. + + + +4. Szene + +(Paul Werner (der in einer steifen Stellung, gleichsam im Dienste, +hereintritt). Das Fräulein. Franziska.) + + +Franziska +Nein, es ist nur sein lieber Wachtmeister. + +Fräulein +Lieber Wachtmeister? Auf wen bezieht sich dieses Lieber? + +Franziska +Gnädiges Fräulein, machen Sie mir den Mann nicht verwirrt.--Ihre +Dienerin, Herr Wachtmeister; was bringen Sie uns? + +Werner +(geht, ohne auf die Franziska zu achten, an das Fräulein). Der Major +von Tellheim läßt an das gnädige Fräulein von Barnhelm durch mich, den +Wachtmeister Werner, seinen untertänigen Respekt vermelden und sagen, +daß er sogleich hier sein werde. + +Fräulein +Wo bleibt er denn? + +Werner +Ihro Gnaden werden verzeihen; wir sind noch vor dem Schlage drei aus +dem Quartier gegangen, aber da hat ihn der Kriegszahlmeister +unterwegens angeredt, und weil mit dergleichen Herren des Redens immer +kein Ende ist: so gab er mir einen Wink, dem gnädigen Fräulein den +Vorfall zu rapportieren. + +Fräulein +Recht wohl, Herr Wachtmeister. Ich wünsche nur, daß der +Kriegszahlmeister dem Major etwas Angenehmes möge zu sagen haben. + +Werner +Das haben dergleichen Herren den Offizieren selten.--Haben Ihro Gnaden +etwas zu befehlen? (Im Begriffe wieder zu gehen.) + +Franziska +Nun, wo denn schon wieder hin, Herr Wachtmeister? Hätten wir denn +nichts miteinander zu plaudern? + +Werner +(sachte zur Franziska und ernsthaft). Hier nicht, Frauenzimmerchen. +Es ist wider den Respekt, wider die Subordination.--Gnädiges Fräulein-- + +Fräulein +Ich danke für Seine Bemühung, Herr Wachtmeister.--Es ist mir lieb +gewesen, Ihn kennenzulernen. Franziska hat mir viel Gutes von Ihm +gesagt. (Werner macht eine steife Verbeugung und geht ab.) + + + +5. Szene + +(Das Fräulein. Franziska.) + + +Fräulein +Das ist dein Wachtmeister, Franziska? + +Franziska +Wegen des spöttischen Tones habe ich nicht Zeit, dieses dein nochmals +aufzumutzen.--Ja, gnädiges Fräulein, das ist mein Wachtmeister. Sie +finden ihn ohne Zweifel ein wenig steif und hölzern. Jetzt kam er mir +fast auch so vor. Aber ich merke wohl, er glaubte, vor Ihro Gnaden +auf die Parade ziehen zu müssen. Und wenn die Soldaten paradieren--ja +freilich scheinen sie da mehr Drechslerpuppen als Männer. Sie sollten +ihn hingegen nur sehn und hören, wenn er sich selbst gelassen ist. + +Fräulein +Das müßte ich denn wohl! + +Franziska +Er wird noch auf dem Saale sein. Darf ich nicht gehn und ein wenig +mit ihm plaudern? + +Fräulein +Ich versage dir ungern dieses Vergnügen. Du mußt hierbleiben, +Franziska. Du muß bei unserer Unterredung gegenwärtig sein!--Es fällt +mir noch etwas bei. (Sie zieht ihren Ring vom Finger.) Da, nimm +meinen Ring, verwahre ihn, und gib mir des Majors seinen dafür. + +Franziska +Warum das? + +Fräulein +(indem Franziska den andern Ring holt). Recht weiß ich es selbst +nicht, aber mich dünkt, ich sehe so etwas voraus, wo ich ihn brauchen +könnte.--Man pocht--Geschwind gib her! (Sie steckt ihn an.) Er ist's! + + + + +6. Szene + +(v. Tellheim in dem nämlichen Kleide, aber sonst so, wie es Franziska +verlangt. Das Fräulein. Franziska.) + + +Tellheim +Gnädiges Fräulein, Sie werden mein Verweilen entschuldigen-- + +Fräulein +Oh, Herr Major, so gar militärisch wollen wir es miteinander nicht +nehmen. Sie sind ja da! Und ein Vergnügen erwarten, ist auch ein +Vergnügen.--Nun? (indem sie ihm lächelnd ins Gesicht sieht) lieber +Tellheim, waren wir nicht vorhin Kinder? + +Tellheim +Jawohl, Kinder, gnädiges Fräulein; Kinder, die sich sperren, wo sie +gelassen folgen sollten. + +Fräulein +Wir wollen ausfahren, lieber Major--die Stadt ein wenig zu besehen--, +und hernach meinem Oheim entgegen. + +Tellheim +Wie? + +Fräulein +Sehen Sie, auch das Wichtigste haben wir einander noch nicht sagen +können. Ja, er trifft noch heut hier ein. Ein Zufall ist schuld, daß +ich einen Tag früher ohne ihn angekommen bin. + +Tellheim +Der Graf von Bruchsall? Ist er zurück? + +Fräulein +Die Unruhen des Krieges verscheuchten ihn nach Italien; der Friede hat +ihn wieder zurückgebracht.--Machen Sie sich keine Gedanken, Tellheim. +Besorgten wir schon ehemals das stärkste Hindernis unsrer Verbindung +von seiner Seite-- + +Tellheim +Unserer Verbindung? + +Fräulein +Er ist Ihr Freund. Er hat von zu vielen zu viel Gutes von Ihnen +gehört, um es nicht zu sein. Er brennet, den Mann von Antlitz zu +kennen, den seine einzige Erbin gewählt hat. Er kömmt als Oheim, als +Vormund, als Vater, mich Ihnen zu übergeben. + +Tellheim +Ah, Fräulein, warum haben Sie meinen Brief nicht gelesen? Warum haben +Sie ihn nicht lesen wollen? + +Fräulein +Ihren Brief? Ja, ich erinnere mich, Sie schickten mir einen. Wie war +es denn mit diesem Briefe, Franziska? Haben wir ihn gelesen, oder +haben wir ihn nicht gelesen? Was schrieben Sie mir denn, lieber +Tellheim?-- + +Tellheim +Nichts, als was mir die Ehre befiehlt. + +Fräulein +Das ist, ein ehrliches Mädchen, die Sie liebt, nicht sitzen zu lassen. + Freilich befiehlt das die Ehre. Gewiß, ich hätte den Brief lesen +sollen. Aber was ich nicht gelesen habe, das höre ich ja. + +Tellheim +Ja, Sie sollen es hören-- + +Fräulein +Nein, ich brauch es auch nicht einmal zu hören. Es versteht sich von +selbst. Sie könnten eines so häßlichen Streiches fähig sein, daß Sie +mich nun nicht wollten? Wissen Sie, daß ich auf Zeit meines Lebens +beschimpft wäre? Meine Landsmänninnen würden mit Fingern auf mich +weisen.--"Das ist sie", würde es heißen, "das ist das Fräulein von +Barnhelm, die sich einbildete, weil sie reich sei, den wackern +Tellheim zu bekommen: als ob die wackern Männer für Geld zu haben +wären!" So würde es heißen: denn meine Landsmänninnen sind alle +neidisch auf mich. Daß ich reich bin, können sie nicht leugnen; aber +davon wollen sie nichts wissen, daß ich auch sonst noch ein ziemlich +gutes Mädchen bin, das seines Mannes wert ist. Nicht wahr, Tellheim? + +Tellheim +Ja, ja, gnädiges Fräulein, daran erkenne ich Ihr Landsmanninnen. Sie +werden Ihnen einen abgedankten, an seiner Ehre gekränkten Offizier, +einen Krüppel, einen Bettler, trefflich beneiden. + +Fräulein +Und das alles wären Sie? Ich hörte so was, wenn ich mich nicht irre, +schon heute vormittage. Da ist Böses und Gutes untereinander. Lassen +Sie uns doch jedes näher beleuchten.--Verabschiedet sind Sie? So höre +ich. Ich glaubte, Ihr Regiment sei bloß untergesteckt worden. Wie +ist es gekommen, daß man einen Mann von Ihren Verdiensten nicht +beibehalten? + +Tellheim +Es ist gekommen, wie es kommen müssen. Die Großen haben sich +überzeugt, daß ein Soldat aus Neigung für sie ganz wenig, aus Pflicht +nicht viel mehr, aber alles seiner eignen Ehre wegen tut. Was können +sie ihm also schuldig zu sein glauben? Der Friede hat ihnen mehrere +meinesgleichen entbehrlich gemacht, und am Ende ist ihnen niemand +unentbehrlich. + +Fräulein +Sie sprechen, wie ein Mann sprechen muß, dem die Großen hinwiederum +sehr entbehrlich sind. Und niemals waren sie es mehr als jetzt. Ich +sage den Großen meinen großen Dank, daß sie ihre Ansprüche auf einen +Mann haben fahren lassen, den ich doch nur sehr ungern mit ihnen +geteilet hätte.--Ich bin Ihre Gebieterin, Tellheim; Sie brauchen +weiter keinen Herrn.--Sie verabschiedet zu finden, das Glück hätte ich +mir kaum träumen lassen!--Doch Sie sind nicht bloß verabschiedet: Sie +sind noch mehr. Was sind Sie noch mehr? Ein Krüppel: sagten Sie? +Nun (indem sie ihn von oben bis unten betrachtet), der Krüppel ist +doch noch ziemlich ganz und gerade; scheinet doch noch ziemlich gesund +und stark.--Lieber Tellheim, wenn Sie auf den Verlust Ihrer gesunden +Gliedmaßen betteln zu gehen denken: so prophezeie ich Ihnen voraus, +daß Sie vor den wenigsten Türen etwas bekommen werden; ausgenommen vor +den Türen der gutherzigen Mädchen wie ich. + +Tellheim +Jetzt höre ich nur das mutwillige Mädchen, liebe Minna. + +Fräulein +Und ich höre in Ihrem Verweise nur das Liebe Minna--Ich will nicht +mehr mutwillig sein. Denn ich besinne mich, daß Sie allerdings ein +kleiner Krüppel sind. Ein Schuß hat Ihnen den rechten Arm ein wenig +gelähmt.--Doch alles wohl überlegt: so ist auch das so schlimm nicht. +Um soviel sichrer bin ich vor Ihren Schlägen. + +Tellheim +Fräulein! + +Fräulein +Sie wollen sagen: Aber Sie um soviel weniger vor meinen. Nun, nun, +lieber Tellheim, ich hoffe, Sie werden es nicht dazu kommen lassen. + +Tellheim +Sie wollen lachen, mein Fräulein. Ich beklage nur, daß ich nicht +mitlachen kann. + +Fräulein +Warum nicht? Was haben Sie denn gegen das Lachen? Kann man denn auch +nicht lachend sehr ernsthaft sein? Lieber Major, das Lachen erhält +uns vernünftiger als der Verdruß. Der Beweis liegt vor uns. Ihre +lachende Freundin beurteilet Ihre Umstände weit richtiger als Sie +selbst. Weil Sie verabschiedet sind, nennen Sie sich an Ihrer Ehre +gekränkt; weil Sie einen Schuß in dem Arme haben, machen Sie sich zu +einem Krüppel. Ist das so recht? Ist das keine Übertreibung? Und +ist es meine Einrichtung, daß alle Übertreibungen des Lächerlichen so +fähig sind? Ich wette, wenn ich Ihren Bettler nun vornehme, daß auch +dieser ebensowenig Stich halten wird. Sie werden einmal, zweimal, +dreimal Ihre Equipage verloren haben; bei dem oder jenem Bankier +werden einige Kapitale jetzt mitschwinden; Sie werden diesen und jenen +Vorschuß, den Sie im Dienste getan, keine Hoffnung haben +wiederzuerhalten: aber sind Sie darum ein Bettler? Wenn Ihnen auch +nichts übriggeblieben ist, als was mein Oheim für Sie mitbringt-- + +Tellheim +Ihr Oheim, gnädiges Fräulein, wird für mich nichts mitbringen. + +Fräulein +Nichts als die zweitausend Pistolen, die Sie unsern Ständen so +großmütig vorschossen. + +Tellheim +Hätten Sie doch nur meinen Brief gelesen, gnädiges Fräulein! + +Fräulein +Nun ja, ich habe ihn gelesen. Aber was ich über diesen Punkt darin +gelesen, ist mir ein wahres Rätsel. Unmöglich kann man Ihnen aus +einer edlen Handlung ein Verbrechen machen wollen.--Erklären Sie mir +doch, lieber Major-- + +Tellheim +Sie erinnern sich, gnädiges Fräulein, daß ich Ordre hatte, in den +Ämtern Ihrer Gegend die Kontribution mit der äußersten Strenge bar +beizutreiben. Ich wollte mir diese Strenge ersparen und schoß die +fehlende Summe selbst vor.-- + +Fräulein +Jawohl erinnere ich mich.--Ich liebte Sie um dieser Tat willen, ohne +Sie noch gesehen zu haben. + +Tellheim +Die Stände gaben mir ihren Wechsel, und diesen wollte ich bei +Zeichnung des Friedens unter die zu ratihabierende Schulden eintragen +lassen. Der Wechsel ward für gültig erkannt, aber mir ward das +Eigentum desselben streitig gemacht. Man zog spöttisch das Maul, als +ich versicherte, die Valute bar hergegeben zu haben. Man erklärte ihn +für eine Bestechung, für das Gratial der Stände, weil ich so bald mit +ihnen auf die niedrigste Summe einig geworden war, mit der ich mich +nur im äußersten Notfalle zu begnügen Vollmacht hatte. So kam der +Wechsel aus meinen Händen, und wenn er bezahlt wird, wird er +sicherlich nicht an mich bezahlt.--Hierdurch, mein Fräulein, halte ich +meine Ehre für gekränkt; nicht durch den Abschied, den ich gefordert +haben würde, wenn ich ihn nicht bekommen hätte.--Sie sind ernsthaft, +mein Fräulein? Warum lachen Sie nicht? Ha, ha, ha! Ich lache ja. + +Fräulein +Oh, ersticken Sie dieses Lachen, Tellheim! Ich beschwöre Sie! Es ist +das schreckliche Lachen des Menschenhasses! Nein, Sie sind der Mann +nicht, den eine gute Tat reuen kann, weil sie üble Folgen für ihn hat. + Nein, unmöglich können diese üble Folgen dauren! Die Wahrheit muß an +den Tag kommen. Das Zeugnis meines Oheims, aller unsrer Stände-- + +Tellheim +Ihres Oheims! Ihrer Stände! Ha, Ha, ha! + +Fräulein +Ihr Lachen tötet mich, Tellheim! Wenn Sie an Tugend und Vorsicht +glauben, Tellheim, so lachen Sie so nicht! Ich habe nie +fürchterlicher fluchen hören, als Sie lachen.--Und lassen Sie uns das +Schlimmste setzen! Wenn man Sie hier durchaus verkennen will: so kann +man Sie bei uns nicht verkennen. Nein, wir können, wir werden Sie +nicht verkennen, Tellheim. Und wenn unsere Stände die geringste +Empfindung von Ehre haben, so weiß ich, was sie tun müssen. Doch ich +bin nicht klug: was wäre das nötig? Bilden Sie sich ein, Tellheim, +Sie hätten die zweitausend Pistolen an einem wilden Abende verloren. +Der König war eine unglückliche Karte für Sie: die Dame (auf sich +weisend) wird Ihnen desto günstiger sein.--Die Vorsicht, glauben Sie +mir, hält den ehrlichen Mann immer schadlos; und öfters schon im +voraus. Die Tat, die Sie einmal um zweitausend Pistolen bringen +sollte, erwarb mich Ihnen. Ohne diese Tat würde ich nie begierig +gewesen sein, Sie kennenzulernen. Sie wissen, ich kam uneingeladen in +die erste Gesellschaft, wo ich Sie zu finden glaubte. Ich kam bloß +Ihrentwegen. Ich kam in dem festen Vorsatze, Sie zu lieben--ich +liebte Sie schon!--in dem festen Vorsatze, Sie zu besitzen, wenn ich +Sie auch so schwarz und häßlich finden sollte als den Mohr von Venedig. +Sie sind so schwarz und häßlich nicht; auch so eifersüchtig werden +Sie nicht sein. Aber Tellheim, Tellheim, Sie haben doch noch viel +Ähnliches mit ihm! Oh, über die wilden, unbiegsamen Männer, die nur +immer ihr stieres Auge auf das Gespenst der Ehre heften! für alles +andere Gefühl sich verhärten!--Hierher Ihr Auge! auf mich, Tellheim! +(Der indes vertieft und unbeweglich mit starren Augen immer auf eine +Stelle gesehen.) Woran denken Sie? Sie hören mich nicht? + +Tellheim +(zerstreut). O ja! Aber sagen Sie mir doch, mein Fräulein: wie kam +der Mohr in venetianische Dienste? Hatte der Mohr kein Vaterland? +Warum vermietete er seinen Arm und sein Blut einem fremden Staate?-- + +Fräulein +(erschrocken). Wo sind Sie, Tellheim?--Nun ist es Zeit, daß wir +abbrechen.--Kommen Sie! (Indem sie ihn bei der Hand ergreift.)-- +Franziska, laß den Wagen vorfahren. + +Tellheim +(der sich von dem Fräulein losreißt und der Franziska nachgeht). Nein, +Franziska, ich kann nicht die Ehre haben, das Fräulein zu begleiten.-- +Mein Fräulein, lassen Sie mir noch heute meinen gesunden Verstand, und +beurlauben Sie mich. Sie sind auf dem besten Wege, mich darum zu +bringen. Ich stemme mich, soviel ich kann.--Aber weil ich noch bei +Verstande bin: so hören Sie, mein Fräulein, was ich fest beschlossen +habe, wovon mich nichts in der Welt abbringen soll.--Wenn nicht noch +ein glücklicher Wurf für mich im Spiele ist, wenn sich das Blatt nicht +völlig wendet, wenn-- + +Fräulein +Ich muß Ihnen ins Wort fallen, Herr Major.--Das hätten wir ihm gleich +sagen sollen, Franziska. Du erinnerst mich auch an gar nichts.--Unser +Gespräch würde ganz anders gefallen sein, Tellheim, wenn ich mit der +guten Nachricht angefangen hätte, die Ihnen der Chevalier de la +Marliniere nur eben zu bringen kam. + +Tellheim +Der Chevalier de la Marliniere? Wer ist das? + +Franziska +Es mag ein ganz guter Mann sein, Herr Major, bis auf-- + +Fräulein +Schweig, Franziska!--Gleichfalls ein verabschiedeter Offizier, der aus +holländischen Diensten-- + +Tellheim +Ha! der Leutnant Riccaut! + +Fräulein +Er versicherte, daß er Ihr Freund sei. + +Tellheim +Ich versichere, daß ich seiner nicht bin. + +Fräulein +Und daß ihm, ich weiß nicht welcher Minister, vertrauet habe, Ihre +Sache sei dem glücklichsten Ausgange nahe. Es müsse ein königliches +Handschreiben an Sie unterwegens sein-- + +Tellheim +Wie kämen Riccaut und ein Minister zusammen?--Etwas zwar muß in meiner +Sache geschehen sein. Denn nur jetzt erklärte mir der Kriegszahlmeister, +daß der König alles niedergeschlagen habe, was wider mich urgieret +worden, und daß ich mein schriftlich gegebenes Ehrenwort, nicht eher +von hier zu gehen, als bis man mich völlig entladen habe, wieder zurück- +nehmen könne.--Das wird es aber auch alles sein. Man wird mich wollen +laufen lassen. Allein man irrt sich; ich werde nicht laufen. Eher soll +mich hier das äußerste Elend vor den Augen meiner Verleumder verzehren-- + +Fräulein +Hartnäckiger Mann! + +Tellheim +Ich brauche keine Gnade, ich will Gerechtigkeit. Meine Ehre-- + +Fräulein +Die Ehre eines Mannes wie Sie-- + +Tellheim +(hitzig). Nein, mein Fräulein, Sie werden von allen Dingen recht gut +urteilen können, nur hierüber nicht. Die Ehre ist nicht die Stimme +unsers Gewissen, nicht das Zeugnis weniger Rechtschaffnen-- + +Fräulein +Nein, nein, ich weiß wohl.--Die Ehre ist--die Ehre. + +Tellheim +Kurz, mein Fräulein--Sie haben mich nicht ausreden lassen.--Ich wollte +sagen: wenn man mir das Meinige so schimpflich vorenthält, wenn meiner +Ehre nicht die vollkommenste Genugtuung geschieht, so kann ich, mein +Fräulein, der Ihrige nicht sein. Denn ich bin es in den Augen der +Welt nicht wert zu sein. Das Fräulein von Barnhelm verdienet einen +unbescholtenen Mann. Es ist eine nichtswürdige Liebe, die kein +Bedenken trägt, ihren Gegenstand der Verachtung auszusetzen. Es ist +ein nichtswürdiger Mann, der sich nicht schämet, sein ganzes Glück +einem Frauenzimmer zu verdanken, dessen blinde Zärtlichkeit-- + +Fräulein +Und das ist Ihr Ernst, Herr Major?--(Indem sie ihm plötzlich den +Rücken wendet.) Franziska! + +Tellheim +Werden Sie nicht ungehalten, mein Fräulein-- + +Fräulein +(beiseite zur Franziska). Jetzt wäre es Zeit! Was rätst du mir, +Franziska?-- + +Franziska +Ich rate nichts. Aber freilich macht er es Ihnen ein wenig zu bunt.-- + +Tellheim +(der sie zu unterbrechen kömmt). Sie sind ungehalten, mein Fräulein-- + +Fräulein +(höhnisch). Ich? im geringsten nicht. + +Tellheim +Wenn ich Sie weniger liebte, mein Fräulein-- + +Fräulein +(noch in diesem Tone). O gewiß, es wäre mein Unglück!--Und sehen Sie, +Herr Major, ich will Ihr Unglück auch nicht.--Mann muß ganz +uneigennützig lieben.--Ebensogut, daß ich nicht offenherziger gewesen +bin! Vielleicht würde mir Ihr Mitleid gewähret haben, was mir Ihre +Liebe versagt.--(Indem sie den Ring langsam vom Finger zieht.) + +Tellheim +Was meinen Sie damit, Fräulein? + +Fräulein +Nein, keines muß das andere weder glücklicher noch unglücklicher +machen. So will es die wahre Liebe! Ich glaube Ihnen, Herr Major; +und Sie haben zuviel Ehre, als daß Sie die Liebe verkennen sollten. + +Tellheim +Spotten Sie, mein Fräulein? + +Fräulein +Hier! Nehmen Sie den Ring wieder zurück, mit dem Sie mir Ihre Treue +verpflichtet. (Überreicht ihm den Ring.) Es sei drum! Wir wollen +einander nicht gekannt haben! + +Tellheim +Was höre ich? + +Fräulein +Und das befremdet Sie?--Nehmen Sie, mein Herr.--Sie haben sich doch +wohl nicht bloß gezieret? + +Tellheim +(indem er den Ring aus ihrer Hand nimmt). Gott! So kann Minna +sprechen!-- + +Fräulein +Sie können der Meinige in einem Falle nicht sein: ich kann die Ihrige +in keinem sein. Ihr Unglück ist wahrscheinlich; meines ist gewiß.-- +Leben Sie wohl! (Will fort.) + +Tellheim +Wohin, liebste Minna? + +Fräulein +Mein Herr, Sie beschimpfen mich jetzt mit dieser vertraulichen +Benennung. + +Tellheim +Was ist Ihnen, mein Fräulein? Wohin? + +Fräulein +Lassen Sie mich.--Meine Tränen vor Ihnen zu verbergen, Verräter! +(Geht ab.) + + + +7. Szene + +(v. Tellheim. Franziska.) + + +Tellheim +Ihre Tränen? Und ich sollte sie lassen? (Will ihr nach.) + +Franziska +(die ihn zurückhält). Nicht doch, Herr Major! Sie werden ihr ja +nicht in ihr Schlafzimmer folgen wollen? + +Tellheim +Ihr Unglück? Sprach sie nicht von Unglück? + +Franziska +Nun freilich, das Unglück, Sie zu verlieren, nachdem-- + +Tellheim +Nachdem? was nachdem? Hierhinter steckt mehr. Was ist es, +Franziska? Rede, sprich-- + +Franziska +Nachdem sie, wollte ich sagen--Ihnen so vieles aufgeopfert. + +Tellheim +Mir aufgeopfert? + +Franziska +Hören Sie nur kurz.--Es ist für Sie recht gut, Herr Major, daß Sie auf +diese Art von ihr losgekommen sind.--Warum soll ich es Ihnen nicht +sagen? Es kann doch länger kein Geheimnis bleiben.--Wir sind +entflohen!--Der Graf von Bruchsall hat das Fräulein enterbt, weil sie +keinen Mann von seiner Hand annehmen wollte. Alles verließ, alles +verachtete sie hierauf. Was sollten wir tun? Wir entschlossen uns, +denjenigen aufzusuchen, dem wir-- + +Tellheim +Ich habe genug!--Komm, ich muß mich zu ihren Füßen werfen. + +Franziska +Was denken Sie? Gehen Sie vielmehr und danken Ihrem guten Geschicke-- + +Tellheim +Elende! für wen hältst du mich?--Nein, liebe Franziska, der Rat kam +nicht aus deinem Herzen. Vergib meinem Unwillen! + +Franziska +Halten Sie mich nicht länger auf. Ich muß sehen, was sie macht. Wie +leicht könnte ihr etwas zugestoßen sein.--Gehen Sie! Kommen Sie +lieber wieder, wenn Sie wiederkommen wollen. (Geht dem Fräulein nach.) + + + +8. Szene + +(v. Tellheim) + + +Tellheim +Aber, Franziska!--Oh, ich erwarte euch hier!--Nein, das ist dringender! +--Wenn sie Ernst sieht, kann mir ihre Vergebung nicht entstehen.--Nun +brauch ich dich, ehrlicher Werner!--Nein, Minna, ich bin kein Verräter! +(Eilends ab.) + + + + +5. Akt + + + +1. Szene + +(Die Szene: Der Saal.) (v. Tellheim von der einen und Werner von der +andern Seite.) + + +Tellheim +Ha, Werner! ich suche dich überall. Wo steckst du? + +Werner +Und ich habe Sie gesucht, Herr Major; so geht's mit dem Suchen.--Ich +bringe Ihnen gar eine gute Nachricht. + +Tellheim +Ah, ich brauche jetzt nicht deine Nachrichten: ich brauche dein Geld. +Geschwind, Werner, gib mir, soviel du hast; und denn suche so viel +aufzubringen, als du kannst. + +Werner +Herr Major?--Nun, bei meiner armen Seele, habe ich's doch gesagt: er +wird Geld von mir borgen, wenn er selber welches zu verleihen hat. + +Tellheim +Du suchst doch nicht Ausflüchte? + +Werner +Damit ich ihm nichts vorzuwerfen habe, so nimmt er mir's mit der +Rechten und gibt mir's mit der Linken wieder. + +Tellheim +Halte mich nicht auf, Werner!--Ich habe den guten Willen, dir es +wiederzugeben, aber wenn und wie?--Das weiß Gott! + +Werner +Sie wissen es also noch nicht, daß die Hofstaatskasse Ordre hat, Ihnen +Ihre Gelder zu bezahlen? Eben erfuhr ich es bei-- + +Tellheim +Was plauderst du? Was lässest du dir weismachen? Begreifst du denn +nicht, daß, wenn es wahr wäre, ich es doch wohl am ersten wissen +müßte?--Kurz, Werner, Geld! Geld! + +Werner +Je nu, mit Freuden! hier ist was!--das sind die hundert Louisdor und +das die hundert Dukaten. / (gibt ihm beides.) + +Tellheim +Die hundert Louisdor, Werner, geh und bringe Justen. Er soll sogleich +den Ring wieder einlösen, den er heute früh versetzt hat.--Aber wo +wirst du mehr hernehmen, Werner?--Ich brauche weit mehr. + +Werner +Dafür lassen Sie mich sorgen.--Der Mann, der mein Gut gekauft hat, +wohnt in der Stadt. Der Zahlungstermin wäre zwar erst in vierzehn +Tagen, aber das Geld liegt parat, und ein halb Prozentchen Abzug-- + +Tellheim +Nun ja, lieber Werner!--Siehst du, daß ich meine einzige Zuflucht zu +dir nehme?--Ich muß dir auch alles vertrauen. Das Fräulein hier--du +hast sie gesehn--ist unglücklich-- + +Werner +O Jammer! + +Tellheim +Aber morgen ist sie meine Frau-- + +Werner +O Freude! + +Tellheim +Und übermorgen geh ich mit ihr fort. Ich darf fort, ich will fort. +Lieber hier alles im Stiche gelassen! Wer weiß, wo mir sonst ein +Glück aufgehoben ist. Wenn du willst, Werner, so komm mit. Wir +wollen wieder Dienste nehmen. + +Werner +Wahrhaftig?--Aber doch wo's Krieg gibt, Herr Major? + +Tellheim +Wo sonst?--Geh, lieber Werner, wir sprechen davon weiter. + +Werner +O Herzensmajor!--Übermorgen? Warum nicht lieber morgen?--Ich will +schon alles zusammenbringen--In Persien, Herr Major, gibt's einen +trefflichen Krieg; was meinen Sie? + +Tellheim +Wir wollen das überlegen; geh nur, Werner!-- + +Werner +Juchhe! es lebe der Prinz Heraklius! (Geht ab.) + + + +2. Szene + +(v. Tellheim) + + +Tellheim +Wie is mir?--Meine ganze Seele hat neue Triebfedern bekommen. Mein +eignes Unglück schlug mich nieder, machte mich ärgerlich, kurzsichtig, +schüchtern, lässig: ihr Unglück hebt mich empor, ich sehe wieder frei +um mich und fühle mich willig und stark, alles für sie zu unternehmen-- +Was verweile ich? (Will nach dem Zimmer des Fräuleins, aus dem ihm +Franziska entgegenkömmt.) + + + +3. Szene + +(Franziska. v. Tellheim.) + + +Franziska +Sind Sie es doch?--Es war mir, als ob ich Ihre Stimme hörte.--Was +wollen Sie, Herr Major? + +Tellheim +Was ich will?--Was macht dein Fräulein?--Komm!-- + +Franziska +Sie will den Augenblick ausfahren. + +Tellheim +Und allein? ohne mich? wohin? + +Franziska +Haben Sie vergessen, Herr Major?-- + +Tellheim +Bist du nicht klug, Franziska?--Ich habe sie gereizt, und sie ward +empfindlich: ich werde sie um Vergebung bitten, und sie wird mir +vergeben. + +Franziska +Wie?--Nachdem Sie den Ring zurückgenommen, Herr Major? + +Tellheim +Ha!--Das tat ich in der Betäubung.--Jetzt denk ich erst wieder an den +Ring.--Wo habe ich ihn hingesteckt?--(Er sucht ihn.) Hier ist er. + +Franziska +Ist er das? (Indem er ihn wieder einsteckt, beiseite.) Wenn er ihn +doch genauer besehen wollte! + +Tellheim +Sie drang mir ihn auf mit einer Bitterkeit--Ich habe diese Bitterkeit +schon vergessen. Ein volles Herz kann die Worte nicht wägen.--Aber +sie wird sich auch keinen Augenblick weigern, den Ring wieder +anzunehmen.--Und habe ich nicht noch ihren? + +Franziska +Den erwartet sie dafür zurück.--Wo haben Sie ihn denn, Herr Major? +Zeigen Sie mir ihn doch. + +Tellheim +(etwas verlegen). Ich habe--ihn anzustecken vergessen.--Just--Just +wird mir ihn gleich nachbringen. + +Franziska +Es ist wohl einer ziemlich wie der andere; lassen Sie mich doch diesen +sehen; ich sehe so was gar zu gern. + +Tellheim +Ein andermal, Franziska. Jetzt komm--Franziska (beiseite). Er will +sich durchaus nicht aus seinem Irrtume bringen lassen. + +Tellheim +Was sagst du? Irrtume? + +Franziska +Es ist ein Irrtum, sag ich, wenn Sie meinen, daß das Fräulein doch +noch eine gute Partie sei. Ihr eigenes Vermögen ist gar nicht +beträchtlich; durch ein wenig eigennützige Rechnungen können es ihr +die Vormünder völlig zu Wasser machen. Sie erwartete alles von dem +Oheim, aber dieser grausame Oheim-- + +Tellheim +Laß ihn doch!--Bin ich nicht Manns genug, ihr einmal alles zu +ersetzen?-- + +Franziska +Hören Sie? Sie klingelt; ich muß herein. + +Tellheim +Ich gehe mit dir. + +Franziska +Um des Himmels willen nicht! Sie hat mir ausdrücklich verboten, mit +Ihnen zu sprechen. Kommen Sie wenigstens mir erst nach.--(Geht herein.) + + + +4. Szene + +(v. Tellheim ihr nachrufend.) Melde mich ihr!--Sprich für mich, +Franziska!--Ich folge dir sogleich!--Was werde ich ihr sagen?--Wo das +Herz reden darf, braucht es keiner Vorbereitung.--Das einzige möchte +eine studierte Wendung bedürfen: ihre Zurückhaltung, ihre +Bedenklichkeit, sich als unglücklich in meine Arme zu werfen; ihre +Beflissenheit, mir ein Glück vorzuspiegeln, das sie durch mich +verloren hat. Dieses Mißtrauen in meine Ehre, in ihren eigenen Wert +vor ihr selbst zu entschuldigen, vor ihr selbst--Vor mir ist es schon +entschuldiget!--Ha! hier kömmt sie.-- + + + +5. Szene + +(Das Fräulein. Franziska. v. Tellheim.) + + +Fräulein +(im Heraustreten, als ob sie den Major nicht gewahr würde). Der Wagen +ist doch vor der Türe, Franziska?--Meinen Fächer! + +Tellheim +(auf sie zu). Wohin, mein Fräulein? + +Fräulein +(mit einer affektierten Kälte). Aus, Herr Major.--Ich errate, warum +Sie sich nochmals herbemühet haben: mir auch meinen Ring wieder +zurückzugeben.--Wohl, Herr Major; haben Sie nur die Güte, ihn der +Franziska einzuhändigen.--Franziska, nimm dem Herrn Major den Ring ab! +--Ich habe keine Zeit zu verlieren. (Will fort.) + +Tellheim +(der ihr vortritt). Mein Fräulein!--Ah, was habe ich erfahren, mein +Fräulein! Ich war so vieler Liebe nicht wert. + +Fräulein +So, Franziska? Du hast dem Herrn Major-- + +Franziska +Alles entdeckt. + +Tellheim. +Zürnen Sie nicht auf mich, mein Fräulein. Ich bin kein Verräter. Sie +haben um mich in den Augen der Welt viel verloren, aber nicht in den +meinen. In meinen Augen haben Sie unendlich durch diesen Verlust +gewonnen. Er war Ihnen noch zu neu; Sie fürchteten, er möchte einen +allzu nachteiligen Eindruck auf mich machen; Sie wollten mir ihn vors +erste verbergen. Ich beschwere mich nicht über dieses Mißtrauen. Es +entsprang aus dem Verlangen, mich zu erhalten. Dieses Verlangen ist +mein Stolz! Sie fanden mich selbst unglücklich; und Sie wollten +Unglück nicht mit Unglück häufen. Sie konnten nicht vermuten, wie +sehr mich Ihr Unglück über das meinige hinaussetzen würde. + +Fräulein +Alles recht gut, Herr Major! Aber es ist nun einmal geschehen. Ich +habe Sie Ihrer Verbindlichkeit erlassen; Sie haben durch Zurücknehmung +des Ringes-- + +Tellheim +In nichts gewilliget!--Vielmehr halte ich mich jetzt für gebundener +als jemals.--Sie sind die Meinige, Minna, auf ewig die Meinige. +(Zieht den Ring heraus.) Hier, empfangen Sie es zum zweiten Male, das +Unterpfand meiner Treue-- + +Fräulein +Ich diesen Ring wiedernehmen? diesen Ring? + +Tellheim +Ja, liebste Minna, ja! + +Fräulein +Was muten Sie mir zu? diesen Ring? + +Tellheim +Diesen Ring nahmen Sie das erstemal aus meiner Hand, als unser beider +Umstände einander gleich und glücklich waren. Sie sind nicht mehr +glücklich, aber wiederum einander gleich. Gleichheit ist immer das +festeste Band der Liebe.--Erlauben Sie, liebste Minna!--(Ergreift ihre +Hand, um ihr den Ring anzustecken.) + +Fräulein +Wie? mit Gewalt, Herr Major?--Nein, da ist keine Gewalt in der Welt, +die mich zwingen soll, diesen Ring wieder anzunehmen!--Meinen Sie etwa, + daß es mir an einem Ringe fehlt?--Oh, Sie sehen ja wohl (auf ihren +Ring zeigend), daß ich hier noch einen habe, der Ihrem nicht das +geringste nachgibt?-- + +Franziska +Wenn er es noch nicht merkt!-- + +Tellheim +(indem er die Hand des Fräuleins fahren läßt). Was ist das?--Ich sehe +das Fräulein von Barnhelm, aber ich höre es nicht.--Sie zieren sich, +mein Fräulein.--Vergeben Sie, daß ich Ihnen dieses Wort nachbrauche. + +Fräulein +(in ihrem wahren Tone). Hat Sie dieses Wort beleidiget, Herr, Major? + +Tellheim +Es hat mir weh getan. + +Fräulein +(gerührt). Das sollte es nicht, Tellheim.--Verzeihen Sie mir, +Tellheim. + +Tellheim +Ha, dieser vertrauliche Ton sagt mir, daß Sie wieder zu sich kommen, +mein Fräulein, daß Sie mich noch lieben, Minna.-- + +Franziska +(herausplatzend). Bald wäre der Spaß auch zu weit gegangen.-- + +Fräulein +(gebieterisch). Ohne dich in unser Spiel zu mengen, Franziska, wenn +ich bitten darf! + +Franziska +(beiseite und betroffen). Noch nicht genug? + +Fräulein +Ja, mein Herr, es wäre weibliche Eitelkeit, mich kalt und höhnisch zu +stellen. Weg damit! Sie verdienen es, mich ebenso wahrhaft zu finden, +als Sie selbst sind.--Ich liebe Sie noch, Tellheim, ich liebe Sie +noch, aber demohngeachtet-- + +Tellheim +Nicht weiter, liebste Minna, nicht weiter! (Ergreift ihre Hand +nochmals, ihr den Ring anzustecken.) + +Fräulein +(die ihre Hand zurückzieht). Demohngeachtet--um so viel mehr werde +ich dieses nimmermehr geschehen lassen; nimmermehr!--Wo denken Sie hin, +Herr Major?--Ich meinte, Sie hätten an Ihrem eigenen Unglücke genug.-- +Sie müssen hierbleiben; Sie müssen sich die allervollständigste +Genugtuung--ertrotzen. Ich weiß in der Geschwindigkeit kein ander +Wort.--Ertrotzen--und sollte Sie auch das äußerste Elend, vor den +Augen Ihrer Verleumder, darüber verzehren! + +Tellheim +So dacht' ich, so sprach ich, als ich nicht wußte, was ich dachte und +sprach. Ärgernis und verbissene Wut hatten meine ganze Seele umnebelt; +die Liebe selbst in dem vollesten Glanze des Glückes konnte sich +darin nicht Tag schaffen. Aber sie sendet ihre Tochter, das Mitleid, +die, mit dem finstern Schmerze vertrauter, die Nebel zerstreuet und +alle Zugänge meiner Seele den Eindrücken der Zärtlichkeit wiederum +öffnet. Der Trieb der Selbsterhaltung erwacht, da ich etwas +Kostbarers zu erhalten habe als mich und es durch mich zu erhalten +habe. Lassen Sie mich, mein Fräulein, das Wort Mitleid nicht +beleidigen. Von der unschuldigen Ursache unsers Unglücks können wir +es ohne Erniedrigung hören. Ich bin diese Ursache; durch mich, Minna, +verlieren Sie Freunde und Anverwandte, Vermögen und Vaterland. Durch +mich, in mir müssen Sie alles dieses wiederfinden, oder ich habe das +Verderben der Liebenswürdigsten Ihres Geschlechts auf meiner Seele. +Lassen Sie mich keine Zukunft denken, wo ich mich selbst hassen müßte. +--Nein, nichts soll mich hier länger halten. Von diesem Augenblicke an +will ich dem Unrechte, das mir hier widerfährt, nichts als Verachtung +entgegensetzen. Ist dieses Land die Welt? Geht hier allein die Sonne +auf? Wo darf ich nicht hinkommen? Welche Dienste wird man mir +verweigern? Und müßte ich sie unter dem entferntesten Himmel suchen: +folgen Sie mir nur getrost, liebste Minna; es soll uns an nichts +fehlen.--Ich habe einen Freund, der mich gern unterstützet. + + + +6. Szene + +(Ein Feldjäger. v. Tellheim. Das Fräulein. Franziska.) + + +Franziska +(indem sie den Feldjäger gewahr wird). St! Herr Major-- + +Tellheim +(gegen den Feldjäger). Zu wem wollen Sie? + +Feldjäger +Ich suche den Herrn Major von Tellheim.--Ah, Sie sind es ja selbst. +Mein Herr Major, dieses königliche Handschreiben (das er aus seiner +Brieftasche nimmt) habe ich an Sie zu übergeben. + +Tellheim +An mich? + +Feldjäger +Zufolge der Aufschrift-- + +Fräulein +Franziska, hörst du?--Der Chevalier hat doch wahr geredet! + +Feldjäger +(indem Tellheim den Brief nimmt). Ich bitte um Verzeihung, Herr Major; +Sie hätten es bereits gestern erhalten sollen, aber es ist mir nicht +möglich gewesen, Sie auszufragen. Erst heute auf der Parade habe ich +Ihre Wohnung von dem Leutnant Riccaut erfahren. + +Franziska +Gnädiges Fräulein, hören Sie?--Das ist des Chevaliers Minister.--"Wie +heißen der Minister da drauß auf die breite Platz?"-- + +Tellheim +Ich bin Ihnen für Ihre Mühe sehr verbunden. + +Feldjäger +Es ist meine Schuldigkeit, Herr Major. (Geht ab.) + + + +7. Szene + +(v. Tellheim. Das Fräulein. Franziska.) + + +Tellheim +Ah, mein Fräulein, was habe ich hier? Was enthält dieses Schreiben? + +Fräulein. +Ich bin nicht befugt, meine Neugierde so weit zu erstrecken. + +Tellheim +Wie? Sie trennen mein Schicksal noch von dem Ihrigen?--Aber warum +steh ich an, es zu erbrechen?--Es kann mich nicht unglücklicher machen, +als ich bin; nein, liebste Minna, es kann uns nicht unglücklicher +machen--wohl aber glücklicher!--Erlauben Sie, mein Fräulein! +(Erbricht und lieset den Brief, indes daß der Wirt an die Szene +geschlichen kömmt.) + + + +8. Szene + +(Der Wirt. Die Vorigen.) + + +Wirt +(gegen die Franziska). Bst! mein schönes Kind! auf ein Wort! + +Franziska +(die sich ihm nähert). Herr Wirt?--Gewiß, wir wissen selbst noch +nicht, was in dem Briefe steht. + +Wirt +Wer will vom Briefe wissen?--Ich komme des Ringes wegen. Das gnädige +Fräulein muß mir ihn gleich wiedergeben. Just ist da, er soll ihn +wieder einlösen. + +Fräulein +(das sich indes gleichfalls dem Wirte genähert). Sagen Sie Justen nur, +daß er schon eingelöset sei; und sagen Sie ihm nur, von wem; von mir. + + +Wirt +Aber-- + +Fräulein +Ich nehme alles auf mich; gehen Sie doch! (Der Wirt geht ab.) + + + +9. Szene + +(v. Tellheim. Das Fräulein. Franziska.) + + +Franziska +Und nun, gnädiges Fräulein, lassen Sie es mit dem armen Major gut sein. + + +Fräulein +Oh, über die Vorbitterin! Als ob der Knoten sich nicht von selbst +bald lösen müßte. + +Tellheim +(nachdem er gelesen, mit der lebhaftesten Rührung). Ha! er hat sich +auch hier nicht verleugnet!--Oh, mein Fräulein, welche Gerechtigkeit!-- +welche Gnade!--Das ist mehr, als ich erwartet!--Mehr, als ich verdiene! +--Mein Glück, meine Ehre, alles ist wiederhergestellt!--Ich träume +doch nicht? (Indem er wieder in den Brief sieht, als um sich nochmals +zu überzeugen.) Nein, kein Blendwerk meiner Wünsche!--Lesen Sie selbst, + mein Fräulein, lesen Sie selbst! + +Fräulein +Ich bin nicht so unbescheiden, Herr Major. + +Tellheim +Unbescheiden? Der Brief ist an mich, an Ihren Tellheim, Minna. Er +enthält--was Ihnen Ihr Oheim nicht nehmen kann. Sie müssen ihn lesen; +lesen Sie doch! + +Fräulein +Wenn Ihnen ein Gefalle damit geschieht, Herr Major--(Sie nimmt den +Brief und lieset.) ("Mein lieber Major von Tellheim!) Ich tue Euch zu +wissen, daß der Handel, der mich um Eure Ehre besorgt machte, sich zu +Eurem Vorteil aufgekläret hat. Mein Bruder war des nähern davon +unterrichtet, und sein Zeugnis hat Euch für mehr als unschuldig +erkläret. Die Hofstaatskasse hat Ordre, Euch den bewußten Wechsel +wieder auszuliefern und die getanen Vorschüsse zu bezahlen; auch habe +ich befohlen, daß alles, was die Feldkriegskassen wider Eure +Rechnungen urgieren, niedergeschlagen werde. Meldet mir, ob Euch Eure +Gesundheit erlaubet, wieder Dienste zu nehmen. Ich möchte nicht gern +einen Mann von Eurer Bravour und Denkungsart entbehren. Ich bin Euer +wohlaffektionierter König" etc. + +Tellheim +Nun, was sagen Sie hierzu, mein Fräulein? + +Fräulein +(indem sie den Brief wieder zusammenschlägt und zurückgibt). Ich? +Nichts. + +Tellheim +Nichts? + +Fräulein +Doch ja: daß Ihr König, der ein großer Mann ist, auch wohl ein guter +Mann sein mag.--Aber was geht mich das an? Er ist nicht mein König. + +Tellheim +Und sonst sagen Sie nichts? Nichts in Rücksicht auf uns selbst? + +Fräulein +Sie treten wieder in seine Dienste; der Herr Major wird Oberstleutnant, +Oberster vielleicht. Ich gratuliere von Herzen. + +Tellheim +Und Sie kennen mich nicht besser?--Nein, da mir das Glück so viel +zurückgibt, als genug ist, die Wünsche eines vernünftigen Mannes zu +befriedigen, soll es einzig von meiner Minna abhangen, ob ich sonst +noch jemanden wieder zugehören soll als ihr. Ihrem Dienste allein sei +mein ganzes Leben gewidmet! Die Dienste der Großen sind gefährlich +und lohnen der Mühe, des Zwanges, der Erniedrigung nicht, die sie +kosten. Minna ist keine von den Eiteln, die in ihren Männern nichts +als den Titel und die Ehrenstelle lieben. Sie wird mich um mich +selbst lieben; und ich werde um sie die ganze Welt vergessen. Ich +ward Soldat aus Parteilichkeit, ich weiß selbst nicht für welche +politische Grundsätze, und aus der Grille, daß es für jeden ehrlichen +Mann gut sei, sich in diesem Stande eine Zeitlang zu versuchen, um +sich mit allem, was Gefahr heißt, vertraulich zu machen und Kälte und +Entschlossenheit zu lernen. Nur die äußerste Not hätte mich zwingen +können, aus diesem Versuche eine Bestimmung, aus dieser gelegentlichen +Beschäftigung ein Handwerk zu machen. Aber nun, da mich nichts mehr +zwingt, nun ist mein ganzer Ehrgeiz wiederum einzig und allein, ein +ruhiger und zufriedener Mensch zu sein. Der werde ich mit Ihnen, +liebste Minna, unfehlbar werden; der werde ich in Ihrer Gesellschaft +unveränderlich bleiben.--Morgen verbinde uns das heiligste Band; und +sodann wollen wir um uns sehen und wollen in der ganzen weiten +bewohnten Welt den stillsten, heitersten, lachendsten Winkel suchen, +dem zum Paradiese nichts fehlt als ein glückliches Paar. Da wollen +wir wohnen; da soll jeder unserer Tage--Was ist Ihnen, mein Fräulein? +(Die sich unruhig hin und her wendet und ihre Rührung zu verbergen +sucht.) + +Fräulein +(sich fassend). Sie sind sehr grausam, Tellheim, mir ein Glück so +reizend darzustellen, dem ich entsagen muß. Mein Verlust-- + +Tellheim +Ihr Verlust?--Was nennen Sie Ihren Verlust? Alles, was Minna +verlieren konnte, ist nicht Minna. Sie sind noch das süßeste, +lieblichste, holdseligste, beste Geschöpf unter der Sonne, ganz Güte +und Großmut, ganz Unschuld und Freude!--Dann und wann ein kleiner +Mutwille; hier und da ein wenig Eigensinn--Desto besser! desto besser! +Minna wäre sonst ein Engel, den ich mit Schaudern verehren müßte, +den ich nicht lieben könnte. (Ergreift ihre Hand, sie zu küssen.) + +Fräulein +(die ihre Hand zurückzieht). Nicht so, mein Herr!--(Wie auf einmal so +verändert?--Ist dieser schmeichelnde, stürmische Liebhaber der kalte +Tellheim?--Konnte nur sein wiederkehrendes Glück ihn in dieses Feuer +setzen?--Er erlaube mir, daß ich bei seiner fliegenden Hitze für uns +beide Überlegung behalte.--Als er selbst überlegen konnte, hörte ich +ihn sagen, es sei eine nichtswürdige Liebe, die kein Bedenken trage, +ihren Gegenstand der Verachtung auszusetzen.--Recht, aber ich bestrebe +mich einer ebenso reinen und edeln Liebe als er.--Jetzt, da ihn die +Ehre ruft, da sich ein großer Monarch um ihn bewirbt, sollte ich +zugeben, daß er sich verliebten Träumereien mit mir überließe? daß +der ruhmvolle Krieger in einen tändelnden Schäfer ausarte?--Nein, Herr +Major, folgen Sie dem Wink Ihres bessern Schicksals--) + +Tellheim +Nun wohl! Wenn Ihnen die große Welt reizender ist, Minna--wohl! so +behalte uns die große Welt!--Wie klein, wie armselig ist diese große +Welt!--Sie kennen sie nur erst von ihrer Flitterseite. Aber gewiß, +Minna, Sie werden--Es sei! Bis dahin, wohl! Es soll Ihren +Vollkommenheiten nicht an Bewundrern fehlen, und meinem Glücke wird es +nicht an Neidern gebrechen. + +Fräulein +Nein, Tellheim, so ist es nicht gemeint! Ich weise Sie in die große +Welt, auf die Bahn der Ehre zurück, ohne Ihnen dahin folgen zu wollen. +--Dort braucht Tellheim eine unbescholtene Gattin! Ein sächsisches +verlaufenes Fräulein, das sich ihm an den Kopf geworfen-- + +Tellheim +(auffahrend und wild um sich sehend). Wer darf so sprechen?--Ah, +Minna, ich erschrecke vor mir selbst, wenn ich mir vorstelle, daß +jemand anders dieses gesagt hätte als Sie. Meine Wut gegen ihn würde +ohne Grenzen sein. + +Fräulein +Nun da! Das eben besorge ich. Sie würden nicht die geringste +Spötterei über mich dulden, und doch würden Sie täglich die bittersten +einzunehmen haben.--Kurz, hören Sie also, Tellheim, was ich fest +beschlossen, wovon mich nichts in der Welt abbringen soll-- + +Tellheim +Ehe Sie ausreden, Fräulein--ich beschwöre Sie, Minna!--überlegen Sie +es noch einen Augenblick, daß Sie mir das Urteil über Leben und Tod +sprechen!-- + +Fräulein +Ohne weitere Überlegung!--So gewiß ich Ihnen den Ring zurückgegeben, +mit welchem Sie mir ehemals Ihre Treue verpflichtet, so gewiß Sie +diesen nämlichen Ring zurückgenommen: so gewiß soll die unglückliche +Barnhelm die Gattin des glücklichern Tellheims nie werden! + +Tellheim +Und hiermit brechen Sie den Stab, Fräulein? + +Fräulein +Gleichheit ist allein das feste Band der Liebe.--Die glückliche +Barnhelm wünschte, nur für den glücklichen Tellheim zu leben. Auch +die unglückliche Minna hätte sich endlich überreden lassen, das +Unglück ihres Freundes durch sich, es sei zu vermehren oder zu lindern. +--Er bemerkte es ja wohl, ehe dieser Brief ankam, der alle Gleichheit +zwischen uns wieder aufhebt, wie sehr zum Schein ich mich nur noch +weigerte. + +Tellheim +Ist das wahr, mein Fräulein?--Ich danke Ihnen, Minna, daß Sie den Stab +noch nicht gebrochen.--Sie wollen nur den unglücklichen Tellheim? Er +ist zu haben. (Kalt.) Ich empfinde eben, daß es mir unanständig ist, +diese späte Gerechtigkeit anzunehmen, daß es besser sein wird, wenn +ich das, was man durch einen so schimpflichen Verdacht entehrt hat, +gar nicht wiederverlange.--Ja, ich will den Brief nicht bekommen haben. +Das sei alles, was ich darauf antworte und tue! (Im Begriffe, ihn +zu zerreißen.) + +Fräulein +(das ihm in die Hände greift). Was wollen Sie, Tellheim? + +Tellheim +Sie besitzen. + +Fräulein +Halten Sie! + +Tellheim +Fräulein, er ist unfehlbar zerrissen, wenn Sie nicht bald sich anders +erklären.--Alsdann wollen wir doch sehen, was Sie noch wider mich +einzuwenden haben! + +Fräulein +Wie? In diesem Tone?--So soll ich, so muß ich in meinen eigenen Augen +verächtlich werden? Nimmermehr! Es ist eine nichtswürdige Kreatur, +die sich nicht schämet, ihr ganzes Glück der blinden Zärtlichkeit +eines Mannes zu verdanken! + +Tellheim +Falsch, grundfalsch! + +Fräulein +Wollen Sie es wagen, Ihre eigene Rede in meinem Munde zu schelten? + +Tellheim +Sophistin! So entehrt sich das schwächere Geschlecht durch alles, was +dem stärkern nicht ansteht? So soll sich der Mann alles erlauben, was +dem Weibe geziemet? Welches bestimmte die Natur zur Stütze des +andern? + +Fräulein +Beruhigen Sie sich, Tellheim!--Ich werde nicht ganz ohne Schutz sein, +wenn ich schon die Ehre des Ihrigen ausschlagen muß. So viel muß mir +immer noch werden, als die Not erfordert. Ich habe mich bei unserm +Gesandten melden lassen. Er will mich noch heute sprechen. +Hoffentlich wird er sich meiner annehmen. Die Zeit verfließt. +Erlauben Sie, Herr Major-- + +Tellheim +Ich werde Sie begleiten, gnädiges Fräulein.-- + +Fräulein +Nicht doch, Herr Major, lassen Sie mich-- + +Tellheim +Eher soll Ihr Schatten Sie verlassen! Kommen Sie nur, mein Fräulein, +wohin Sie wollen, zu wem Sie wollen. Überall, an Bekannte und +Unbekannte, will ich es erzählen, in Ihrer Gegenwart des Tages +hundertmal erzählen, welche Bande Sie an mich verknüpfen, aus welchem +grausamen Eigensinne Sie diese Bande trennen wollen-- + + + +10. Szene + +(Just. Die Vorigen.) + + +Just +(mit Ungestüm). Herr Major! Herr Major! + +Tellheim +Nun? + +Just +Kommen Sie doch geschwind, geschwind! + +Tellheim +Was soll ich? Zu mir her! Sprich, was ist's? + +Just +Hören Sie nur--(Redet ihm heimlich ins Ohr.) + +Fräulein +(indes beiseite zur Franziska). Merkst du was, Franziska? + +Franziska +Oh, Sie Unbarmherzige! Ich habe hier gestanden wie auf Kohlen! + +Tellheim +(zu Justen). Was sagst du?--Das ist nicht möglich!--Sie? (Indem er +das Fräulein wild anblickt.)--sag es laut; sag es ihr ins Gesicht!-- +Hören Sie doch, mein Fräulein!-- + +Just +Der Wirt sagt, das Fräulein von Barnhelm habe den Ring, welchen ich +bei ihm versetzt, zu sich genommen; sie habe ihn für den ihrigen +erkannt und wolle ihn nicht wieder herausgeben.-- + +Tellheim +Ist das wahr, mein Fräulein?--Nein, das kann nicht wahr sein! + +Fräulein +(lächelnd). Und warum nicht, Tellheim?--Warum kann es nicht wahr +sein? + +Tellheim +(heftig). Nun, so sei es wahr!--Welch schreckliches Licht, das mir +auf einmal aufgegangen!--Nun erkenne ich Sie, die Falsche, die +Ungetreue! + +Fräulein +(erschrocken). Wer? wer ist diese Ungetreue? + +Tellheim +Sie, die ich nicht mehr nennen will! + +Fräulein +Tellheim! + +Tellheim +Vergessen Sie meinen Namen!--Sie kamen hierher, mit mir zu brechen. +Es ist klar!--Daß der Zufall so gern dem Treulosen zustatten kömmt! +Er führte Ihnen Ihren Ring in die Hände. Ihre Arglist wußte mir den +meinigen zuzuschanzen. + +Fräulein +Tellheim, was für Gespenster sehen Sie! Fassen Sie sich doch, und +hören Sie mich. + +Franziska +(vor sich). Nun mag sie es haben! + + + +11. Szene + +(Werner mit einem Beutel Gold. v. Tellheim. (Das Fräulein. +Franziska. Just.) + + +Werner +Hier bin ich schon, Herr Major!-- + +Tellheim +(ohne ihn anzusehen). Wer verlangt dich?-- + +Werner +Hier ist Geld! tausend Pistolen! + +Tellheim +Ich will sie nicht! + +Werner +Morgen können Sie, Herr Major, über noch einmal so viel befehlen. + +Tellheim +Behalte dein Geld! + +Werner +Es ist ja Ihr Geld, Herr Major.--Ich glaube, Sie sehen nicht, mit wem +Sie sprechen? + +Tellheim +Weg damit! sag ich. + +Werner +Was fehlt Ihnen?--Ich bin Werner. + +Tellheim +Alle Güte ist Verstellung, alle Dienstfertigkeit Betrug. + +Werner +Gilt das mir? + +Tellheim +Wie du willst! + +Werner +Ich habe ja nur Ihren Befehl vollzogen.-- + +Tellheim +So vollziehe auch den und packe dich! + +Werner +Herr Major! (ärgerlich) ich bin ein Mensch-- + +Tellheim +Da bist du was Rechts! + +Werner +Der auch Galle hat-- + +Tellheim +Gut! Galle ist noch das Beste, was wir haben. + +Werner +Ich bitte Sie, Herr Major-- + +Tellheim +Wievielmal soll ich dir es sagen? Ich brauche dein Geld nicht! + +Werner +(zornig). Nun, so brauch es, wer da will! (Indem er ihm den Beutel +vor die Füße wirft und beiseite geht.) + +Fräulein +(zur Franziska). Ah, liebe Franziska, ich hätte dir folgen sollen. +Ich habe den Scherz zu weit getrieben.--Doch er darf mich ja nur hören +--(Auf ihn zugehend.) + +Franziska +(die, ohne dem Fräulein zu antworten, sich Wernern nähert). Herr +Wachtmeister!-- + +Werner +(mürrisch). Geh Sie!-- + +Franziska +Hu! was sind das für Männer! + +Fräulein +Tellheim!--Tellheim! (Der vor Wut an den Fingern naget, das Gesicht +wegwendet und nichts höret.)--Nein, das ist zu arg!--Hören Sie mich +doch!--Sie betrügen sich!--Ein bloßes Mißverständnis--Tellheim!--Sie +wollen Ihre Minna nicht hören?--Können Sie einen solchen Verdacht +fassen?--Ich mit Ihnen brechen wollen?--Ich darum hergekommen?-- +Tellheim! + + + +12. Szene + +(Zwei Bediente nacheinander, von verschiedenen Seiten über den Saal +laufend. Die Vorigen.) + + +eine Bediente +Gnädiges Fräulein, Ihro Exzellenz, der Graf!-- + +andere Bediente +Er kömmt, gnädiges Fräulein!-- + +Franziska +(die ans Fenster gelaufen). Er ist es! er ist es! + +Fräulein +Ist er's?--Oh, nun geschwind, Tellheim-- + +Tellheim +(auf einmal zu sich selbst kommend). Wer? wer kömmt? Ihr Oheim, +Fräulein? dieser grausame Oheim?--Lassen Sie ihn nur kommen, lassen +Sie ihn nur kommen!--Fürchten Sie nichts! Er soll Sie mit keinem +Blicke beleidigen dürfen! Er hat es mit mir zu tun.--Zwar verdienen +Sie es um mich nicht-- + +Fräulein +Geschwind umarmen Sie mich, Tellheim, und vergessen Sie alles-- + +Tellheim +Ha, wenn ich wüßte, daß Sie es bereuen könnten!-- + +Fräulein +Nein, ich kann es nicht bereuen, mir den Anblick Ihres ganzen Herzens +verschafft zu haben!--Ah, was sind Sie für ein Mann!--Umarmen Sie Ihre +Minna, Ihre glückliche Minna; aber durch nichts glücklicher als durch +Sie! (Sie fällt ihm in die Arme.) Und nun, ihm entgegen!-- + +Tellheim +Wem entgegen? + +Fräulein +Dem besten Ihrer unbekannten Freunde. + +Tellheim +Wie? + +Fräulein +Dem Grafen, meinem Oheim, meinem Vater, Ihrem Vater--Meine Flucht, +sein Unwille, meine Enterbung--hören Sie denn nicht, daß alles +erdichtet ist?--Leichtgläubiger Ritter! + +Tellheim +Erdichtet?--Aber der Ring? der Ring? + +Fräulein +Wo haben Sie den Ring, den ich Ihnen zurückgegeben? + +Tellheim +Sie nehmen ihn wieder?--Oh, so bin ich glücklich!--Hier, Minna!--(Ihn +herausziehend.) + +Fräulein +So besehen Sie ihn doch erst!--Oh, über die Blinden, die nicht sehen +wollen!--Welcher Ring ist es denn? Den ich von Ihnen habe, oder den +Sie von mir?--Ist es denn nicht eben der, den ich in den Händen des +Wirts nicht lassen wollen? + +Tellheim +Gott! was seh ich? was hör ich? + +Fräulein +Soll ich ihn nun wiedernehmen? soll ich?--Geben Sie her, geben Sie +her! (Reißt ihn ihm aus der Hand und steckt ihn ihm selbst an den +Finger.) Nun? ist alles richtig? + +Tellheim +Wo bin ich?--(Ihre Hand küssend.) O boshafter Engel!--mich so zu +quälen! + +Fräulein +Dieses zur Probe, mein lieber Gemahl, daß Sie mir nie einen Streich +spielen sollen, ohne daß ich Ihnen nicht gleich darauf wieder einen +spiele.--Denken Sie, daß Sie mich nicht auch gequälet hatten? + +Tellheim +O Komödiantinnen, ich hätte euch doch kennen sollen. + +Franziska +Nein, wahrhaftig; ich bin zur Komödiantin verdorben. Ich habe +gezittert und gebebt und mir mit der Hand das Maul zuhalten müssen. + +Fräulein +Leicht ist mir meine Rolle auch nicht geworden.--Aber so kommen Sie +doch! + +Tellheim +Noch kann ich mich nicht erholen.--Wie wohl, wie ängstlich ist mir! +So erwacht man plötzlich aus einem schreckhaften Traume! + +Fräulein +Wir zaudern.--Ich höre ihn schon. + + + +13. Szene + +(Der Graf von Bruchsall, von verschiedenen Bedienten und dem Wirte +begleitet. Die Vorigen.) + + +Graf +(im Hereintreten). Sie ist doch glücklich angelangt? + +Fräulein +(die ihm entgegenspringt). Ah, mein Vater!-- + +Graf +Da bin ich, liebe Minna! (Sie umarmend.) Aber was, Mädchen? (Indem +er den Tellheim gewahr wird.) Vierundzwanzig Stunden erst hier und +schon Bekanntschaft und schon Gesellschaft? + +Fräulein +Raten Sie, wer es ist?-- + +Graf +Doch nicht dein Tellheim? + +Fräulein +Wer sonst als er?--Kommen Sie, Tellheim! (Ihn dem Grafen zuführend.) + +Graf +Mein Herr, wir haben uns nie gesehen, aber bei dem ersten Anblicke +glaubte ich, Sie zu erkennen. Ich wünschte, daß Sie es sein möchten.-- +Umarmen Sie mich.--Sie haben meine völlige Hochachtung. Ich bitte um +Ihre Freundschaft.--Meine Nichte, meine Tochter liebet Sie.-- + +Fräulein +Das wissen Sie, mein Vater!--Und ist sie blind, meine Liebe? + +Graf +Nein, Minna, deine Liebe ist nicht blind, aber dein Liebhaber--ist +stumm. + +Tellheim +(sich ihm in die Arme werfend). Lassen Sie mich zu mir selbst kommen, +mein Vater!-- + +Graf +So recht, mein Sohn! Ich höre es; wenn dein Mund nicht plaudern kann, +so kann dein Herz doch reden.--Ich bin sonst den Offizieren von dieser +Farbe (auf Tellheims Uniform weisend) eben nicht gut. Doch Sie sind +ein ehrlicher Mann, Tellheim; und ein ehrlicher Mann mag stecken, in +welchem Kleide er will, man muß ihn lieben. + +Fräulein +Oh, wenn Sie alles wüßten!-- + +Graf +Was hindert's, daß ich nicht alles erfahre?--Wo sind meine Zimmer, +Herr Wirt? + +Wirt +Wollen Ihro Exzellenz nur die Gnade haben, hier hereinzutreten. + +Graf +Komm, Minna! Kommen Sie, Herr Major! (Geht mit dem Wirte und den +Bedienten ab.) + +Fräulein +Kommen Sie, Tellheim! + +Tellheim +Ich folge Ihnen den Augenblick, mein Fräulein. Nur noch ein Wort mit +diesem Manne! (Gegen Wernern sich wendend.) + +Fräulein +Und ja ein recht gutes; mich dünkt, Sie haben es nötig.--Franziska, +nicht wahr? (Dem Grafen nach.) + + + +14. Szene + +(v. Tellheim. Werner. Just. Franziska.) + + +Tellheim +(auf den Beutel weisend, den Werner weggeworfen). Hier, Just!--Hebe +den Beutel auf, und trage ihn nach Hause. Geh!--(Just damit ab.) + +Werner +(der noch immer mürrisch im Winkel gestanden und an nichts +teilzunehmen geschienen, indem er das hört). Ja, nun! + +Tellheim +(vertraulich auf ihn zugehend). Werner, wann kann ich die andern +tausend Pistolen haben? + +Werner +(auf einmal wieder in seiner guten Laune). Morgen, Herr Major, morgen. +-- + +Tellheim +Ich brauche dein Schuldner nicht zu werden, aber ich will dein +Rentmeister sein. Euch gutherzigen Leuten sollte man allen einen +Vormund setzen. Ihr seid eine Art Verschwender.--Ich habe dich vorhin +erzürnt, Werner!-- + +Werner +Bei meiner armen Seele, ja!--Ich hätte aber doch so ein Tölpel nicht +sein sollen. Nun seh ich's wohl. Ich verdiente hundert Fuchtel. +Lassen Sie mir sie auch schon geben; nur weiter Keinen Groll, lieber +Major!-- + +Tellheim +Groll?--(Ihm die Hand drückend.) Lies es in meinen Augen, was ich dir +nicht alles sagen kann.--Ha! wer ein besseres Mädchen und einen +redlichern Freund hat als ich, den will ich sehen!--Franziska, nicht +wahr? (Geht ab.) + + + +15. Szene + +(Werner. Franziska) + + +Franziska +(vor sich). Ja gewiß, es ist ein gar zu guter Mann!--So einer kömmt +mir nicht wieder vor.--Es muß heraus! (Schüchtern und verschämt sich +Wernern nähernd.) Herr Wachtmeister!-- + +Werner +(der sich die Augen wischt). Nu?-- + +Franziska +Herr Wachtmeister-- + +Werner +Was will Sie denn, Frauenzimmerchen? + +Franziska +Seh Er mich einmal an, Herr Wachtmeister.-- + +Werner +Ich kann noch nicht; ich weiß nicht, was mir in die Augen gekommen. + +Franziska +So seh Er mich doch an! + +Werner +Ich fürchte, ich habe Sie schon zuviel angesehen, Frauenzimmerchen!-- +Nun, da seh ich Sie ja! Was gibt's denn? + +Franziska +Herr Wachtmeister--braucht Er keine Frau Wachtmeisterin? + +Werner +Ist das Ihr Ernst, Frauenzimmerchen? + +Franziska +Mein völliger! + +Werner +Zöge Sie wohl auch mit nach Persien? + +Franziska +Wohin Er will! + +Werner +Gewiß?--Holla! Herr Major! nicht groß getan! Nun habe ich +wenigstens ein ebenso gutes Mädchen und einen ebenso redlichen Freund +als Sie!--Geben Sie mir Ihre Hand, Frauenzimmerchen! Topp!--Über zehn +Jahr' ist Sie Frau Generalin oder Witwe! + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Minna von Barnhelm, von Gotthold +Ephraim Lessing. + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Minna von Barnhelm, by Gotthold Ephraim Lessing + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MINNA VON BARNHELM *** + +This file should be named 8mnbh10.txt or 8mnbh10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8mnbh11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8mnbh10a.txt + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau. + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. 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