summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/old/7mnbh10.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to 'old/7mnbh10.txt')
-rw-r--r--old/7mnbh10.txt5769
1 files changed, 5769 insertions, 0 deletions
diff --git a/old/7mnbh10.txt b/old/7mnbh10.txt
new file mode 100644
index 0000000..0b7a636
--- /dev/null
+++ b/old/7mnbh10.txt
@@ -0,0 +1,5769 @@
+Project Gutenberg's Minna von Barnhelm, by Gotthold Ephraim Lessing
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
+
+This header should be the first thing seen when viewing this Project
+Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
+header without written permission.
+
+Please read the "legal small print," and other information about the
+eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
+important information about your specific rights and restrictions in
+how the file may be used. You can also find out about how to make a
+donation to Project Gutenberg, and how to get involved.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Minna von Barnhelm
+
+Author: Gotthold Ephraim Lessing
+
+Release Date: October, 2005 [EBook #9187]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on September 13, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO Latin-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MINNA VON BARNHELM ***
+
+
+
+
+Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 7-bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+MINNA VON BARNHELM
+
+von GOTTHOLD EPHRAIM LESSING
+
+Die Erstausgabe wurde 1767 bei Christian Friedrich Voss in Berlin
+herausgegeben.
+
+
+Inhalt:
+1. Akt
+2. Akt
+3. Akt
+4. Akt
+5. Akt
+
+
+
+
+1. Akt
+
+
+
+1. Szene
+
+(Just sitzet in einem Winkel, schlummert und redet im Traume.)
+
+
+Just
+Schurke von einem Wirte! Du, uns?--Frisch, Bruder!--Schlag zu, Bruder!
+(Er holt aus und erwacht durch die Bewegung.) Heda! schon wieder?
+Ich mache kein Auge zu, so schlage ich mich mit ihm herum. Haette er
+nur erst die Haelfte von allen den Schlaegen!--Doch sieh, es ist Tag!
+Ich muss nur bald meinen armen Herrn aufsuchen. Mit meinem Willen soll
+er keinen Fuss mehr in das vermaledeite Haus setzen. Wo wird er die
+Nacht zugebracht haben?
+
+
+
+2. Szene
+
+(Der Wirt. Just.)
+
+
+Wirt
+Guten Morgen, Herr Just, guten Morgen! Ei, schon so frueh auf? Oder
+soll ich sagen: noch so spaet auf?
+
+Just
+Sage Er, was Er will.
+
+Wirt
+Ich sage nichts als "Guten Morgen"; und das verdient doch wohl, dass
+Herr Just "Grossen Dank" darauf sagt?
+
+Just
+Grossen Dank!
+
+Wirt
+Man ist verdriesslich, wenn man seine gehoerige Ruhe nicht haben kann.
+Was gilt's, der Herr Major ist nicht nach Hause gekommen, und Er hat
+hier auf ihn gelauert?
+
+Just
+Was der Mann nicht alles erraten kann!
+
+Wirt
+Ich vermute, ich vermute.
+
+Just
+(kehrt sich um und will gehen). Sein Diener!
+
+Wirt
+(haelt ihn). Nicht doch, Herr Just!
+
+Just
+Nun gut; nicht Sein Diener!
+
+Wirt
+Ei, Herr Just! ich will doch nicht hoffen, Herr Just, Dass Er noch von
+gestern her boese ist? Wer wird seinen Zorn ueber Nacht behalten?
+
+Just
+Ich; und ueber alle folgende Naechte.
+
+Wirt
+Ist das christlich?
+
+Just
+Ebenso christlich, als einen ehrlichen Mann, der nicht gleich bezahlen
+kann, aus dem Hause stossen, auf die Strasse werfen.
+
+Wirt
+Pfui, wer koennte so gottlos sein?
+
+Just
+Ein christlicher Gastwirt.--Meinen Herrn! so einen Mann! so einen
+Offizier!
+
+Wirt
+Den haette ich aus dem Hause gestossen? auf die Strasse geworfen? Dazu
+habe ich viel zu viel Achtung fuer einen Offizier und viel zu viel
+Mitleid mit einem abgedankten! Ich habe ihm aus Not ein ander Zimmer
+einraeumen muessen.--Denke Er nicht mehr daran, Herr Just. (Er ruft in
+die Szene.) Holla!--Ich will's auf andere Weise wiedergutmachen. (Ein
+Junge koemmt.) Bring ein Glaeschen; Herr Just will ein Glaeschen haben;
+und was Gutes!
+
+Just
+Mache Er sich keine Muehe, Herr Wirt. Der Tropfen soll zu Gift werden,
+den--Doch ich will nicht schwoeren; ich bin noch nuechtern!
+
+Wirt
+(zu dem Jungen, der eine Flasche Likoer und ein Glas bringt). Gib her;
+geh!--Nun, Herr Just, was ganz Vortreffliches; stark, lieblich, gesund.
+(Er fuellt und reicht ihm zu.) Das kann einen ueberwachten Magen
+wieder in Ordnung bringen!
+
+Just
+Bald duerfte ich nicht!--Doch warum soll ich meiner Gesundheit seine
+Grobheit entgelten lassen?--(Er nimmt und trinkt.)
+
+Wirt
+Wohl bekomm's, Herr Just!
+
+Just
+(indem er das Glaeschen wieder zurueckgibt). Nicht uebel!--Aber, Herr
+Wirt, Er ist doch ein Grobian!
+
+Wirt
+Nicht doch, nicht doch!--Geschwind noch eins; auf einem Beine ist
+nicht gut stehen.
+
+Just
+(nachdem er getrunken). Das muss ich sagen: gut, sehr gut!--Selbst
+gemacht, Herr Wirt?--
+
+Wirt
+Behuete! veritabler Danziger! echter, doppelter Lachs!
+
+Just
+Sieht Er, Herr Wirt; wenn ich heucheln koennte, so wuerde ich fuer so was
+heucheln; aber ich kann nicht; es muss raus:--Er ist doch ein Grobian,
+Herr Wirt!
+
+Wirt
+In meinem Leben hat mir das noch niemand gesagt.--Noch eins, Herr Just;
+aller guten Dinge sind drei!
+
+Just
+Meinetwegen! (Er trinkt.) Gut Ding, wahrlich gut Ding!--Aber auch die
+Wahrheit ist gut Ding.--Herr Wirt, Er ist doch ein Grobian!
+
+Wirt
+Wenn ich es waere, wuerde ich das wohl so mit anhoeren?
+
+Just
+O ja, denn selten hat ein Grobian Galle.
+
+Wirt
+Nicht noch eins, Herr Just? Eine vierfache Schnur haelt desto besser.
+
+Just
+Nein, zu viel ist zu viel! Und was hilft's Ihn, Herr Wirt? Bis auf
+den letzten Tropfen in der Flasche wuerde ich bei meiner Rede bleiben.
+Pfui, Herr Wirt, so guten Danziger zu haben und so schlechte Mores!--
+Einem Manne wie meinem Herrn, der Jahr und Tag bei Ihm gewohnt, von
+dem Er schon so manchen schoenen Taler gezogen, der in seinem Leben
+keinen Heller schuldig geblieben ist; weil er ein paar Monate her
+nicht prompt bezahlt, weil er nicht mehr so viel aufgehen laesst--in der
+Abwesenheit das Zimmer auszuraeumen!
+
+Wirt
+Da ich aber das Zimmer notwendig brauchte? da ich voraussaehe, dass der
+Herr Major es selbst gutwillig wuerde geraeumt haben, wenn wir nur lange
+auf seine Zurueckkunft haetten warten koennen? Sollte ich denn so eine
+fremde Herrschaft wieder von meiner Tuere wegfahren lassen? Sollte ich
+einem andern Wirte so einen Verdienst mutwillig in den Rachen jagen?
+Und ich glaube nicht einmal, dass sie sonstwo unterkommen waere. Die
+Wirtshaeuser sind jetzt alle stark besetzt. Sollte eine so junge,
+schoene, liebenswuerdige Dame auf der Strasse bleiben? Dazu ist Sein
+Herr viel zu galant! Und was verliert er denn dabei? Habe ich ihm
+nicht ein anderes Zimmer dafuer eingeraeumt?
+
+Just
+Hinten an dem Taubenschlage; die Aussicht zwischen des Nachbars
+Feuermauern--
+
+Wirt
+Die Aussicht war wohl sehr schoen, ehe sie der verzweifelte Nachbar
+verbaute. Das Zimmer ist doch sonst galant und tapeziert--
+
+Just
+Gewesen!
+
+Wirt
+Nicht doch, die eine Wand ist es noch. Und Sein Stuebchen darneben,
+Herr Just; was fehlt dem Stuebchen? Es hat einen Kamin, der zwar im
+Winter ein wenig raucht--
+
+Just
+Aber doch im Sommer recht huebsch laesst.--Herr, ich glaube gar, Er
+vexiert uns noch obendrein?--
+
+Wirt
+Nu, nu, Herr Just, Herr Just--
+
+Just
+Mache Er Herr Justen den Kopf nicht warm, oder--
+
+Wirt
+Ich macht' ihn warm? der Danziger tut's!--
+
+Just
+Einen Offizier wie meinen Herrn! Oder meint Er, dass ein abgedankter
+Offizier nicht auch ein Offizier ist, der Ihm den Hals brechen kann?
+Warum waret ihr im Kriege so geschmeidig, ihr Herren Wirte? Warum war
+denn da jeder Offizier ein wuerdiger Mann und jeder Soldat ein
+ehrlicher, braver Kerl? Macht euch das bisschen Friede schon so
+uebermuetig?
+
+Wirt
+Was ereifert Er sich nun, Herr Just?--
+
+Just
+Ich will mich ereifern.--
+
+
+
+3. Szene
+
+(v. Tellheim. Der Wirt. Just.)
+
+
+Tellheim
+(im Hereintreten). Just!
+
+Just
+(in der Meinung, dass ihn der Wirt nenne). Just?--So bekannt sind wir?--
+
+Tellheim
+Just!
+
+Just
+Ich daechte, ich waere wohl Herr Just fuer Ihn!
+
+Wirt
+(der den Major gewahr wird). St! st! Herr, Herr, Herr Just--seh Er
+sich doch um; Sein Herr--
+
+Tellheim
+Just, ich glaube, du zankst? Was habe ich dir befohlen?
+
+Wirt
+Oh, Ihro Gnaden! zanken? da sei Gott vor! Ihr untertaenigster Knecht
+sollte sich unterstehen, mit einem, der die Gnade hat, Ihnen
+anzugehoeren, zu zanken?
+
+Just
+Wenn ich ihm doch eins auf den Katzenbuckel geben duerfte!--
+
+Wirt
+Es ist wahr, Herr Just spricht fuer seinen Herrn, und ein wenig hitzig.
+ Aber daran tut er recht; ich schaetze ihn um so viel hoeher; ich liebe
+ihn darum.--
+
+Just
+Dass ich ihm nicht die Zaehne austreten soll!
+
+Wirt
+Nur schade, dass er sich umsonst erhitzt. Denn ich bin gewiss
+versichert, dass Ihro Gnaden keine Ungnade deswegen auf mich geworfen
+haben, weil--die Not--mich notwendig--
+
+Tellheim
+Schon zuviel, mein Herr! Ich bin Ihnen schuldig; Sie raeumen mir in
+meiner Abwesenheit das Zimmer aus; Sie muessen bezahlt werden; ich muss
+wo anders unterzukommen suchen. Sehr natuerlich!--
+
+Wirt
+Wo anders? Sie wollen ausziehen, gnaediger Herr? Ich ungluecklicher
+Mann! ich geschlagner Mann! Nein, nimmermehr! Eher muss die Dame das
+Quartier wieder raeumen. Der Herr Major kann ihr, will ihr sein Zimmer
+nicht lassen; das Zimmer ist sein; sie muss fort; ich kann ihr nicht
+helfen.--Ich gehe, gnaediger Herr--
+
+Tellheim
+Freund, nicht zwei dumme Streiche fuer einen! Die Dame muss in dem
+Besitze des Zimmers bleiben.--
+
+Wirt
+Und Ihro Gnaden sollten glauben, dass ich aus Misstrauen, aus Sorge fuer
+meine Bezahlung?--Als wenn ich nicht wuesste, dass mich Ihro Gnaden
+bezahlen koennen, sobald Sie nur wollen.--Das versiegelte Beutelchen--
+fuenfhundert Taler Louisdor stehet drauf--welches Ihro Gnaden in dem
+Schreibepulte stehen gehabt--ist in guter Verwahrung.--
+
+Tellheim
+Das will ich hoffen; so wie meine uebrige Sachen.--Just soll sie in
+Empfang nehmen, wenn er Ihnen die Rechnung bezahlt hat.--
+
+Wirt
+Wahrhaftig, ich erschrak recht, als ich das Beutelchen fand.--Ich habe
+immer Ihro Gnaden fuer einen ordentlichen und vorsichtigen Mann
+gehalten, der sich niemals ganz ausgibt.--Aber dennoch--wenn ich bar
+Geld in dem Schreibepulte vermutet haette--
+
+Tellheim
+Wuerden Sie hoeflicher mit mir verfahren sein. Ich verstehe Sie.--Gehen
+Sie nur, mein Herr; lassen Sie mich; ich habe mit meinem Bedienten zu
+sprechen.--
+
+Wirt
+Aber, gnaediger Herr--
+
+Tellheim
+Komm, Just, der Herr will nicht erlauben, dass ich dir in seinem Hause
+sage, was du tun sollst.--
+
+Wirt
+Ich gehe ja schon, gnaediger Herr!--Mein ganzes Haus ist zu Ihren
+Diensten.
+
+
+
+4. Szene
+
+(v. Tellheim. Just.)
+
+
+Just
+(der mit dem Fusse stampft und dem Wirte nachspuckt). Pfui!
+
+Tellheim
+Was gibt's?
+
+Just
+Ich ersticke vor Bosheit.
+
+Tellheim
+Das waere soviel als an Vollbluetigkeit.
+
+Just
+Und Sie--Sie erkenne ich nicht mehr, mein Herr. Ich sterbe vor Ihren
+Augen, wenn Sie nicht der Schutzengel dieses haemischen, unbarmherzigen
+Rackers sind! Trotz Galgen und Schwert und Rad haette ich ihn--haette
+ich ihn mit diesen Haenden erdrosseln, mit diesen Zaehnen zerreissen
+wollen.--
+
+Tellheim
+Bestie!
+
+Just
+Lieber Bestie als so ein Mensch!
+
+Tellheim
+Was willst du aber?
+
+Just
+Ich will, dass Sie es empfinden sollen, wie sehr man Sie beleidiget.
+
+Tellheim
+Und dann?
+
+Just
+Dass Sie sich raechten.--Nein, der Kerl ist Ihnen zu gering.--
+
+Tellheim
+Sondern, dass ich es dir auftruege, mich zu raechen? Das war von Anfang
+mein Gedanke. Er haette mich nicht wieder mit Augen sehen und seine
+Bezahlung aus deinen Haenden empfangen sollen. Ich weiss, dass du eine
+Handvoll Geld mit einer ziemlich veraechtlichen Miene einem hinwerfen
+kannst.--
+
+Just
+So? eine vortreffliche Rache!--
+
+Tellheim
+Aber die wir noch verschieben muessen. Ich habe keinen Heller bares
+Geld mehr; ich weiss auch keines aufzutreiben.
+
+Just
+Kein bares Geld? Und was ist denn das fuer ein Beutel mit fuenfhundert
+Taler Louisdor, den der Wirt in Ihrem Schreibpulte gefunden?
+
+Tellheim
+Das ist Geld, welches mir aufzuheben gegeben worden.
+
+Just
+Doch nicht die hundert Pistolen, die Ihnen Ihr alter Wachtmeister vor
+vier oder fuenf Wochen brachte?
+
+Tellheim
+Die naemlichen, von Paul Wernern. Warum nicht?
+
+Just
+Diese haben Sie noch nicht gebraucht? Mein Herr, mit diesen koennen
+Sie machen, was Sie wollen. Auf meine Verantwortung--
+
+Tellheim
+Wahrhaftig?
+
+Just
+Werner hoerte von mir, wie sehr man Sie mit Ihren Forderungen an die
+Generalkriegskasse aufzieht. Er hoerte--
+
+Tellheim
+Dass ich sicherlich zum Bettler werden wuerde, wenn ich es nicht schon
+waere.--Ich bin dir sehr verbunden, Just.--Und diese Nachricht
+vermochte Wernern, sein bisschen Armut mit mir zu teilen.--Es ist mir
+doch lieb, dass ich es erraten habe.--Hoere, Just, mache mir zugleich
+auch deine Rechnung; wir sind geschiedene Leute.--
+
+Just
+Wie? was?
+
+Tellheim
+Kein Wort mehr; es koemmt jemand.--
+
+
+
+5. Szene
+
+(Eine Dame in Trauer. v. Tellheim. Just.)
+
+
+Dame
+Ich bitte um Verzeihung, mein Herr!--
+
+Tellheim
+Wen suchen Sie, Madame?--
+
+Dame
+Eben den wuerdigen Mann, mit welchem ich die Ehre habe zu sprechen.
+Sie kennen mich nicht mehr? Ich bin die Witwe Ihres ehemaligen
+Stabsrittmeisters--
+
+Tellheim
+Um des Himmels willen, gnaedige Frau! welche Veraenderung!--
+
+Dame
+Ich stehe von dem Krankenbette auf, auf das mich der Schmerz ueber den
+Verlust meines Mannes warf. Ich muss Ihnen frueh beschwerlich fallen,
+Herr Major. Ich reise auf das Land, wo mir eine gutherzige, aber eben
+auch nicht glueckliche Freundin eine Zuflucht vors erste angeboten.--
+
+Tellheim
+(zu Just). Geh, lass uns allein.--
+
+
+
+6. Szene
+
+(Die Dame. v. Tellheim.)
+
+
+Tellheim
+Reden Sie frei, gnaedige Frau! Vor mir duerfen Sie sich Ihres Ungluecks
+nicht schaemen. Kann ich Ihnen worin dienen?
+
+Dame
+Mein Herr Major--
+
+Tellheim
+Ich beklage Sie, gnaedige Frau! Worin kann ich Ihnen dienen? Sie
+wissen, Ihr Gemahl war mein Freund; mein Freund, sage ich; ich war
+immer karg mit diesem Titel.
+
+Dame
+Wer weiss es besser als ich, wie wert Sie seiner Freundschaft waren,
+wie wert er der Ihrigen war? Sie wuerden sein letzter Gedanke, Ihr
+Name der letzte Ton seiner sterbenden Lippen gewesen sein, haette nicht
+die staerkere Natur dieses traurige Vorrecht fuer seinen ungluecklichen
+Sohn, fuer seine unglueckliche Gattin gefordert--
+
+Tellheim
+Hoeren Sie auf, Madame! Weinen wollte ich mit Ihnen gern; aber ich
+habe heute keine Traenen. Verschonen Sie mich! Sie finden mich in
+einer Stunde, wo ich leicht zu verleiten waere, wider die Vorsicht zu
+murren.--O mein rechtschaffner Marloff! Geschwind, gnaedige Frau, was
+haben Sie zu befehlen? Wenn ich Ihnen zu dienen imstande bin, wenn
+ich es bin--
+
+Dame
+Ich darf nicht abreisen, ohne seinen letzten Willen zu vollziehen. Er
+erinnerte sich kurz vor seinem Ende, dass er als Ihr Schuldner sterbe,
+und beschwor mich, diese Schuld mit der ersten Barschaft zu tilgen.
+Ich habe seine Equipage verkauft und komme, seine Handschrift
+einzuloesen.--
+
+Tellheim
+Wie, gnaedige Frau? darum kommen Sie?
+
+Dame
+Darum. Erlauben Sie, dass ich das Geld aufzaehle.
+
+Tellheim
+Nicht doch, Madame! Marloff mir schuldig? das kann schwerlich sein.
+Lassen Sie doch sehen. (Er ziehet sein Taschenbuch heraus und sucht.)
+Ich finde nichts.
+
+Dame
+Sie werden seine Handschrift verlegt haben, und die Handschrift tut
+nichts zur Sache.--Erlauben Sie--
+
+Tellheim
+Nein, Madame! so etwas pflege ich nicht zu verlegen. Wenn ich sie
+nicht habe, so ist es ein Beweis, dass ich nie eine gehabt habe, oder
+dass sie getilgt und von mir schon zurueckgegeben worden.
+
+Dame
+Herr Major!--
+
+Tellheim
+Ganz gewiss, gnaedige Frau. Nein, Marloff ist mir nichts schuldig
+gebleiben. Ich wuesste mich auch nicht zu erinnern, dass er mir jemals
+etwas schuldig gewesen waere. Nicht anders, Madame; er hat mich
+vielmehr als seinen Schuldner hinterlassen. Ich habe nie etwas tun
+koennen, mich mit einem Manne abzufinden, der sechs Jahre Glueck und
+Unglueck, Ehre und Gefahr mit mir geteilet. Ich werde es nicht
+vergessen, dass ein Sohn von ihm da ist. Er wird mein Sohn sein,
+sobald ich sein Vater sein kann. Die Verwirrung, in der ich mich
+jetzt selbst befinde--
+
+Dame
+Edelmuetiger Mann! Aber denken Sie auch von mir nicht zu klein!
+Nehmen Sie das Geld, Herr Major; so bin ich wenigstens beruhiget.--
+
+Tellheim
+Was brauchen Sie zu Ihrer Beruhigung weiter als meine Versicherung,
+dass mir dieses Geld nicht gehoeret? Oder wollen Sie, dass ich die
+unerzogene Waise meines Freundes bestehlen soll? Bestehlen, Madame;
+das wuerde es in dem eigentlichsten Verstande sein. Ihm gehoert es, fuer
+ihn legen Sie es an!--
+
+Dame
+Ich verstehe Sie; verzeihen Sie nur, wenn ich noch nicht recht weiss,
+wie man Wohltaten annehmen muss. Woher wissen es denn aber auch Sie,
+dass eine Mutter mehr fuer ihren Sohn tut, als sie fuer ihr eigen Leben
+tun wuerde? Ich gehe--
+
+Tellheim
+Gehen Sie, Madame, gehen Sie! Reisen Sie gluecklich! Ich bitte Sie
+nicht, mir Nachricht von Ihnen zu geben. Sie moechte mir zu einer Zeit
+kommen, wo ich sie nicht nutzen koennte. Aber noch eines, gnaedige Frau;
+bald haette ich das Wichtigste vergessen. Marloff hat noch an der
+Kasse unsers ehemaligen Regiments zu fordern. Seine Forderungen sind
+so richtig wie die meinigen. Werden meine bezahlt, so muessen auch die
+seinigen bezahlt werden. Ich hafte dafuer.--
+
+Dame
+Oh! Mein Herr--Aber ich schweige lieber.--Kuenftige Wohltaten so
+vorbereiten, heisst sie in den Augen des Himmels schon erwiesen haben.
+Empfangen Sie seine Belohnung und meine Traenen! (Geht ab.)
+
+
+
+7. Szene
+
+(v. Tellheim.)
+
+
+Tellheim
+Armes, braves Weib! Ich muss nicht vergessen, den Bettel zu vernichten.
+(Er nimmt aus seinem Taschenbuche Briefschaften, die er zerreisst.)
+Wer steht mir dafuer, dass eigner Mangel mich nicht einmal verleiten
+koennte, Gebrauch davon zu machen?
+
+
+
+8. Szene
+
+(Just. v. Tellheim.)
+
+
+Tellheim
+Bist du da?
+
+Just
+(indem er sich die Augen wischt). Ja!
+
+Tellheim
+Du hast geweint?
+
+Just
+Ich habe in der Kueche meine Rechnung geschrieben, und die Kueche ist
+voll Rauch. Hier ist sie, mein Herr!
+
+Tellheim
+Gib her.
+
+Just
+Haben Sie Barmherzigkeit mit mir, mein Herr. Ich Weiss wohl, dass die
+Menschen mit Ihnen keine haben, aber--
+
+Tellheim
+Was willst du?
+
+Just
+Ich haette mir ehr den Tod als meinen Abschied vermutet.
+
+Tellheim
+Ich kann dich nicht laenger brauchen; ich muss mich ohne Bedienten
+behelfen lernen. (Schlaegt die Rechnung auf und lieset.) "Was der Herr
+Major mir schuldig: Drei und einen halben Monat Lohn, den Monat 6
+Taler, macht 21 Taler. Seit dem Ersten dieses an Kleinigkeiten
+ausgelegt 1 Taler 7 Gr. 9 Pf. Summa Summarum 22 Taler 7 Gr. 9 Pf."--
+Gut, und es ist billig, dass ich diesen laufenden Monat ganz bezahle.
+
+Just
+Die andere Seite, Herr Major--
+
+Tellheim
+Noch mehr? (Lieset.) Was dem Herrn Major ich schuldig: An den
+Feldscher fuer mich bezahlt 25 Taler. Fuer Wartung und Pflege waehrend
+meiner Kur fuer mich bezahlt 39 Taler. Meinem abgebrannten und
+gepluenderten Vater auf meine Bitte vorgeschossen, ohne die zwei
+Beutepferde zu rechnen, die er ihm geschenkt, 50 Taler. Summa
+Summarum 114 Taler. Davon abgezogen vorstehende 22 Taler 7 Gr. 9 Pf.,
+bleibe dem Herrn Major schuldig 91 Taler 16 Gr. 3 Pf."--Kerl, du
+bist toll!--
+
+Just
+Ich glaube es gern, dass ich Ihnen weit mehr koste. Aber es waere
+verlorne Tinte, es dazuzuschreiben. Ich kann Ihnen das nicht bezahlen,
+und wenn Sie mir vollends die Liverei nehmen, die ich auch noch nicht
+verdient habe--so wollte ich lieber, Sie haetten mich in dem Lazarette
+krepieren lassen.
+
+Tellheim
+Wofuer siehst du mich an? Du bist mir nichts schuldig, und ich will
+dich einem von meinen Bekannten empfehlen, bei dem du es besser haben
+sollst als bei mir.
+
+Just
+Ich bin Ihnen nichts schuldig, und doch wollen Sie mich verstossen?
+
+Tellheim
+Weil ich dir nichts schuldig werden will.
+
+Just
+Darum? nur darum?--So gewiss ich Ihnen schuldig bin, so gewiss Sie mir
+nichts schuldig werden koennen, so gewiss sollen Sie mich nun nicht
+verstossen.--Machen Sie, was Sie wollen, Herr Major; ich bleibe bei
+Ihnen; ich muss bei Ihnen bleiben.--
+
+Tellheim
+Und deine Hartnaeckigkeit, dein Trotz, dein wildes, ungestuemes Wesen
+gegen alle, von denen du meinest, dass sie dir nichts zu sagen haben,
+deine tueckische Schadenfreude, deine Rachsucht--
+
+Just
+Machen Sie mich so schlimm, wie Sie wollen; ich will darum doch nicht
+schlechter von mir denken als von meinem Hunde. Vorigen Winter ging
+ich in der Daemmerung an dem Kanale und hoerte etwas winseln. Ich stieg
+herab und griff nach der Stimme und glaubte, ein Kind zu retten, und
+zog einen Pudel aus dem Wasser. Auch gut, dachte ich. Der Pudel kam
+mir nach, aber ich bin kein Liebhaber von Pudeln. Ich jagte ihn fort,
+umsonst; ich pruegelte ihn von mir, umsonst. Ich liess ihn des Nachts
+nicht in meine Kammer; er blieb vor der Tuere auf der Schwelle. Wo er
+mir zu nahe kam, stiess ich ihn mit dem Fusse; er schrie, sahe mich an
+und wedelte mit dem Schwanze. Noch hat er keinen Bissen Brot aus
+meiner Hand bekommen, und doch bin ich der einzige, dem er hoert, und
+der ihn anruehren darf. Er springt vor mir her und macht mir seine
+Kuenste unbefohlen vor. Es ist ein haesslicher Pudel, aber ein gar zu
+guter Hund. Wenn er es laenger treibt, so hoere ich endlich auf, den
+Pudeln gram zu sein.
+
+Tellheim
+(beiseite). So wie ich ihm! Nein, es gibt keine voelligen Unmenschen!
+--Just, wir bleiben beisammen.
+
+Just
+Ganz gewiss!--Sie wollten sich ohne Bedienten behelfen? Sie vergessen
+Ihrer Blessuren und dass Sie nur eines Armes maechtig sind. Sie koennen
+sich ja nicht allein ankleiden. Ich bin Ihnen unentbehrlich; und bin--
+ohne mich selbst zu ruehmen, Herr Major--und bin ein Bedienter, der--
+wenn das Schlimmste zum Schlimmen koemmt--fuer seinen Herrn betteln und
+stehlen kann.
+
+Tellheim
+Just, wir bleiben nicht beisammen.
+
+Just
+Schon gut!
+
+
+
+9. Szene
+
+(Ein Bedienter. v. Tellheim. Just.)
+
+
+Bediente
+Bst! Kamerad!
+
+Just
+Was gibt's?
+
+Bediente
+Kann Er mir nicht den Offizier nachweisen, der gestern noch in diesem
+Zimmer (auf eines an der Seite zeigend, von welcher er herkoemmt)
+gewohnt hat?
+
+Just
+Das duerfte ich leicht koennen. Was bringt Er ihm?
+
+Bediente
+Was wir immer bringen, wenn wir nichts bringen: ein Kompliment. Meine
+Herrschaft hoert, dass er durch sie verdraengt worden. Meine Herrschaft
+weiss zu leben, und ich soll ihn deshalb um Verzeihung bitten.
+
+Just
+Nun, so bitte Er ihn um Verzeihung; da steht er.
+
+Bediente
+Was ist er? Wie nennt man ihn?
+
+Tellheim
+Mein Freund, ich habe Euern Auftrag schon gehoert. Es ist eine
+ueberfluessige Hoeflichkeit von Eurer Herrschaft, die ich erkenne, wie
+ich soll. Macht ihr meinen Empfehl.--Wie heisst Eure Herrschaft?--
+
+Bediente
+Wie sie heisst? Sie laesst sich gnaediges Fraeulein heissen.
+
+Tellheim
+Und ihr Familienname?
+
+Bediente
+Den habe ich noch nicht gehoert, und darnach zu fragen, ist meine Sache
+nicht. Ich richte mich so ein, dass ich meistenteils alle sechs Wochen
+eine neue Herrschaft habe. Der Henker behalte alle ihre Namen!--
+
+Just
+Bravo, Kamerad!
+
+Bediente
+Zu dieser bin ich erst vor wenig Tagen in Dresden gekommen. Sie sucht,
+glaube ich, hier ihren Braeutigam.--
+
+Tellheim
+Genug, mein Freund. Den Namen Eurer Herrschaft wollte ich wissen,
+aber nicht ihre Geheimnisse. Geht nur!
+
+Bediente
+Kamerad, das waere kein Herr fuer mich!
+
+
+
+10. Szene
+
+(v. Tellheim. Just.)
+
+
+Tellheim
+Mache, Just, mache, dass wir aus diesem Hause kommen! Die Hoeflichkeit
+der fremden Dame ist mir empfindlicher als die Grobheit des Wirts.
+Hier, nimm diesen Ring, die einzige Kostbarkeit, die mir uebrig ist,
+von der ich nie geglaubt haette, einen solchen Gebrauch zu machen!--
+Versetze ihn! Lass dir achtzig Friedrichsdor darauf geben; die
+Rechnung des Wirts kann keine dreissig betragen. Bezahle ihn und raeume
+meine Sachen--Ja, wohin?--Wohin du willst. Der wohlfeilste Gasthof
+der beste. Du sollst mich hier nebenan auf dem Kaffeehause treffen.
+Ich gehe, mache deine Sache gut.--
+
+Just
+Sorgen Sie nicht, Herr Major!--
+
+Tellheim
+(koemmt wieder zurueck). Vor allen Dingen, dass meine Pistolen, die
+hinter dem Bette gehangen, nicht vergessen werden.
+
+Just
+Ich will nichts vergessen.
+
+Tellheim
+(koemmt nochmals zurueck). Noch eins: nimm mir auch deinen Pudel mit;
+hoerst du, Just!--
+
+
+
+11. Szene
+
+(Just)
+
+
+Just
+Der Pudel wird nicht zurueckbleiben. Dafuer lass ich den Pudel sorgen.--
+Hm! Auch den kostbaren Ring hat der Herr noch gehabt? Und trug ihn
+in der Tasche, anstatt am Finger?--Guter Wirt, wir sind so kahl noch
+nicht, als wir scheinen. Bei ihm, bei ihm selbst will ich dich
+versetzen, schoenes Ringelchen! Ich weiss, er aergert sich, dass du in
+seinem Hause nicht ganz sollst verzehrt werden!--Ah--
+
+
+
+12. Szene
+
+(Paul Werner. Just.)
+
+
+Just
+Sieh da, Werner! guten Tag, Werner! willkommen in der Stadt!
+
+Werner
+Das verwuenschte Dorf! Ich kann's unmoeglich wieder gewohne werden.
+Lustig, Kinder, lustig; ich bringe frisches Geld! Wo ist der Major?
+
+Just
+Er muss dir begegnet sein; er ging eben die Treppe herab.
+
+Werner
+Ich komme die Hintertreppe herauf. Nun, wie geht's ihm? Ich waere
+schon vorige Woche bei euch gewesen, aber--
+
+Just
+Nun? was hat dich abgehalten?--
+
+Werner
+--Just--hast du von dem Prinzen Heraklius gehoert?
+
+Just
+Heraklius? Ich wuesste nicht.
+
+Werner
+Kennst du den grossen Helden im Morgenlande nicht?
+
+Just
+Die Weisen aus dem Morgenlande kenn ich wohl, die ums Neujahr mit dem
+Sterne herumlaufen.--
+
+Werner
+Mensch, ich glaube, du liesest ebensowenig die Zeitungen als die
+Bibel?--Du kennst den Prinzen Heraklius nicht? den braven Mann nicht,
+der Persien weggenommen und naechster Tage die Ottomanische Pforte
+einsprengen wird? Gott sei Dank, dass doch noch irgendwo in der Welt
+Krieg ist! Ich habe lange genug gehofft, es sollte hier wieder
+losgehen. Aber da sitzen sie und heilen sich die Haut. Nein, Soldat
+war ich, Soldat muss ich wieder sein! Kurz--(indem er sich schuechtern
+umsieht, ob ihn jemand behorcht) im Vertrauen, Just, ich wandere nach
+Persien, um unter Sr. Koeniglichen Hoheit, dem Prinzen Heraklius, ein
+paar Feldzuege wider den Tuerken zu machen.
+
+Just
+Du?
+
+Werner
+Ich, wie du mich hier siehst! Unsere Vorfahren zogen fleissig wider
+den Tuerken, und das sollten wir noch tun, wenn wir ehrliche Kerls und
+gute Christen waeren. Freilich begreife ich wohl, dass ein Feldzug
+wider den Tuerken nicht halb so lustig sein kann, als einer wider den
+Franzosen; aber dafuer muss er auch desto verdienstlicher sein, in
+diesem und in jenem Leben. Die Tuerken haben dir alle Saebels, mit
+Diamanten besetzt--
+
+Just
+Um mir von so einem Saebel den Kopf spalten zu lassen, reise ich nicht
+eine Meile. Du wirst doch nicht toll sein und dein schoenes
+Schulzengerichte verlasen?--
+
+Werner
+Oh, das nehme ich mit!--Merkst du was?--Das Guetchen ist verkauft--
+
+Just
+Verkauft?
+
+Werner
+St!--hier sind hundert Dukaten, die ich gestern auf den Kauf bekommen;
+die bring ich dem Major--
+
+Just
+Und was soll der damit?
+
+Werner
+Was er damit soll? Verzehren soll er sie, verspielen, vertrinken, ver--,
+wie er will. Der Mann muss Geld haben, und es ist schlecht genug,
+dass man ihm das Seinige so sauer macht! Aber ich wuesste schon, was ich
+taete, wenn ich an seiner Stelle waere! Ich daechte: hol euch hier alle
+der Henker, und ginge mit Paul Wernern, nach Persien!--Blitz!--Der
+Prinz Heraklius muss ja wohl von dem Major Tellheim gehoert haben, wenn
+er auch schon seinen gewesenen Wachtmeister, Paul Wernern, nicht kennt.
+Unsere Affaere bei den Katzenhaeusern--
+
+Just
+Soll ich dir die erzaehlen?--
+
+Werner
+Du mir?--Ich merke wohl, dass eine schoene Disposition ueber deinen
+Verstand geht. Ich will meine Perlen nicht vor die Saeue werfen.--Da
+nimm die hundert Dukaten; gib sie dem Major. Sage ihm, er soll mir
+auch die aufheben. Ich muss jetzt auf den Markt; ich habe zwei Winspel
+Roggen hereingeschickt; was ich daraus loese, kann er gleichfalls haben.
+--
+
+Just
+Werner, du meinest es herzlich gut; aber wir moegen dein Geld nicht.
+Behalte deine Dukaten, und deine hundert Pistolen kannst du auch
+unversehrt wiederbekommen, sobald als du willst.--
+
+Werner
+So? Hat denn der Major noch Geld?
+
+Just
+Nein.
+
+Werner
+Hat er sich wo welches geborgt?
+
+Just
+Nein.
+
+Werner
+Und wovon lebt ihr denn?
+
+Just
+Wir lassen anschreiben, und wenn man nicht mehr anschreiben will und
+uns zum Hause hinauswirft, so versetzen wir, was wir noch haben, und
+ziehen weiter.--Hoere nur, Paul; dem Wirte hier muessen wir einen Possen
+spielen.
+
+Werner
+Hat er dem Major was in den Weg gelegt?--Ich bin dabei!--
+
+Just
+Wie waer's, wenn wir ihm des Abends, wenn er aus der Tabagie koemmt,
+aufpassten und ihn brav durchpruegelten?--
+
+Werner
+Des Abends?--aufpassten?--ihre zwei, einem?--Das ist nichts.--
+
+Just
+Oder wenn wir ihm das Haus ueber dem Kopf ansteckten?--
+
+Werner
+Sengen und brennen?--Kerl, man hoert's, dass du Packknecht gewesen bist
+und nicht Soldat--pfui!
+
+Just
+Oder wenn wir ihm seine Tochter zur Hure machten? Sie ist zwar
+verdammt haesslich--
+
+Werner
+Oh, da wird sie's lange schon sein! Und allenfalls brauchst du auch
+hierzu keinen Gehilfen. Aber was hast du denn? Was gibt's denn?
+
+Just
+Komm nur, du sollst dein Wunder hoeren!
+
+Werner
+So ist der Teufel wohl hier gar los?
+
+Just
+Jawohl; komm nur!
+
+Werner
+Desto besser! Nach Persien also, nach Persien!
+
+
+
+
+2. Akt
+
+
+
+1. Szene
+
+(Die Szene ist in dem Zimmer des Fraeuleins.) (Minna von Barnhelm.
+Franziska.)
+
+
+Fraeulein
+(im Neglige, nach ihrer Uhr sehend). Franziska, wir sind auch sehr
+frueh aufgestanden. Die Zeit wird uns lang werden.
+
+Franziska
+Wer kann denn in den verzweifelten grossen Staedten schlafen? Die
+Karossen, die Nachtwaechter, die Trommeln, die Katzen, die Korporals--
+das hoert nicht auf zu rasseln, zu schreien, zu wirbeln, zu mauen, zu
+fluchen; gerade, als ob die Nacht zu nichts weniger waere als zur Ruhe.
+--Eine Tasse Tee, gnaediges Fraeulein?--
+
+Fraeulein
+Der Tee schmeckt mir nicht.--
+
+Franziska
+Ich will von unserer Schokolade machen lassen.
+
+Fraeulein
+Lass machen, fuer dich!
+
+Franziska
+Fuer mich? Ich wollte ebensogern fuer mich allein plaudern als fuer mich
+allein trinken.--Freilich wird uns die Zeit so lang werden.--Wir
+werden vor langer Weile uns putzen muessen und das Kleid versuchen, in
+welchem wir den ersten Sturm geben wollen.
+
+Fraeulein
+Was redest du von Stuermen, da ich bloss herkomme, die Haltung der
+Kapitulation zu fordern?
+
+Franziska
+Und der Herr Offizier, den wir vertrieben, und dem wir das Kompliment
+darueber machen lassen; er muss auch nicht die feinste Lebensart haben;
+sonst haette er wohl um die Ehre koennen bitten lassen, uns seine
+Aufwartung machen zu duerfen.--
+
+Fraeulein
+Es sind nicht alle Offiziere Tellheims. Die Wahrheit zu sagen, ich
+liess ihm das Kompliment auch bloss machen, um Gelegenheit zu haben,
+mich nach diesem bei ihm zu erkundigen.--Franziska, mein Herz sagt es
+mir, dass meine Reise gluecklich sein wird, dass ich ihn finden werde.--
+
+Franziska
+Das Herz, gnaediges Fraeulein? Man traue doch ja seinem Herzen nicht zu
+viel. Das Herz redet uns gewaltig gern nach dem Maule. Wenn das Maul
+ebenso geneigt waere, nach dem Herzen zu reden, so waere die Mode laengst
+aufgekommen, die Maeuler unterm Schlosse zu tragen.
+
+Fraeulein
+Ha! ha! Mit deinen Maeulern unterm Schlosse! Die Mode waere mir eben
+recht!
+
+Franziska
+Lieber die schoensten Zaehne nicht gezeigt, als alle Augenblicke das
+Herz darueber springen lassen!
+
+Fraeulein
+Was? Bist du so zurueckhaltend?--
+
+Franziska
+Nein, gnaediges Fraeulein, sondern ich wollte es gern mehr sein. Man
+spricht selten von der Tugend, die man hat; aber desto oeftrer von der,
+die uns fehlt.
+
+Fraeulein
+Siehst du, Franziska? Da hast du eine sehr gute Anmerkung gemacht.--
+
+Franziska
+Gemacht? Macht man das, was einem so einfaellt?--
+
+Fraeulein
+Und weisst du, warum ich eigentlich diese Anmerkung so gut finde? Sie
+hat viel Beziehung auf meinen Tellheim.
+
+Franziska
+Was haette bei Ihnen nicht auch Beziehung auf ihn?
+
+Fraeulein
+Freund und Feind sagen, dass er der tapferste Mann von der Welt ist.
+Aber wer hat ihn von Tapferkeit jemals reden hoeren? Er hat das
+rechtschaffenste Hertz, aber Rechtschaffenheit und Edelmut sind Worte,
+die er nie auf die Zunge bringt.
+
+Franziska
+Von was fuer Tugenden spricht er denn?
+
+Fraeulein
+Er spricht von keiner; denn ihm fehlt keine.
+
+Franziska
+Das wollte ich nur hoeren.
+
+Fraeulein
+Warte, Franziska, ich besinne mich. Er spricht sehr oft von Oekonomie.
+Im Vertrauen, Franziska, ich glaube, der Mann ist ein Verschwender.
+
+Franziska
+Noch eins, gnaediges Fraeulein. Ich habe ihn auch sehr oft der Treue
+und Bestaendigkeit gegen Sie erwaehnen hoeren. Wie, wenn der Herr auch
+ein Flattergeist waere?
+
+Fraeulein
+Du Unglueckliche!--Aber meinest du das im Ernste, Franziska?
+
+Franziska
+Wie lange hat er Ihnen nun schon nicht geschrieben?
+
+Fraeulein
+Ach! seit dem Frieden hat er mir nur ein einziges Mal geschrieben.
+
+Franziska
+Auch ein Seufzer wider den Frieden! Wunderbar! Der Friede sollte nur
+das Boese wieder gutmachen, das der Krieg gestiftet, und er zerruettet
+auch das Gute, was dieser, sein Gegenpart, etwa noch veranlasset hat.
+Der Friede sollte so eigensinnig nicht sein!--Und wie lange haben wir
+schon Friede? Die Zeit wird einem gewaltig lang, wenn es so wenig
+Neuigkeiten gibt.--Umsonst gehen die Posten wieder richtig; niemand
+schreibt; denn niemand hat was zu schreiben.
+
+Fraeulein
+"Es ist Friede", schrieb er mir, "und ich naehere mich der Erfuellung
+meiner Wuensche." Aber dass er mir dieses nur einmal, nur ein einziges
+Mal geschrieben--
+
+Franziska
+Dass er uns zwingt, dieser Erfuellung der Wuensche selbst entgegenzueilen:
+finden wir ihn nur, das soll er uns entgelten!--Wenn indes der Mann
+doch Wuensche erfuellt haette, und wir erfuehren hier--
+
+Fraeulein
+(aengstlich und hitzig). Dass er tot waere?
+
+Franziska
+Fuer Sie, gnaediges Fraeulein, in den Armen einer andern.--
+
+Fraeulein
+Du Quaelgeist! Warte, Franziska, er soll dir es gedenken!--Doch
+schwatze nur; sonst schlafen wir wieder ein.--Sein Regiment ward nach
+dem Frieden zerrissen. Wer weiss, in welche Verwirrung von Rechnungen
+und Nachweisungen er dadurch geraten? Wer weiss, zu welchem andern
+Regimente, in welche entlegne Provinz er versetzt worden? Wer weiss,
+welche Umstaende--Es pocht jemand.
+
+Franziska
+Herein!
+
+
+
+2. Szene
+
+(Der Wirt. Die Vorigen.)
+
+
+Wirt
+(den Kopf voransteckend). Ist es erlaubt, meine gnaedige Herrschaft?--
+
+Franziska
+Unser Herr Wirt?--Nur vollends herein.
+
+Wirt
+(mit einer Feder hinter dem Ohre, ein Blatt Papier und ein
+Schreibezeug in der Hand). Ich komme, gnaediges Fraeulein, Ihnen einen
+untertaenigen guten Morgen zu wuenschen--(zur Franziska) und auch Ihr,
+mein schoenes Kind--
+
+Franziska
+Ein hoeflicher Mann!
+
+Fraeulein
+Wir bedanken uns.
+
+Franziska
+Und wuenschen Ihm auch einen guten Morgen.
+
+Wirt
+Darf ich mich unterstehen zu fragen, wie Ihro Gnaden diese erste Nacht
+unter meinem schlechten Dache geruhet?--
+
+Franziska
+Das Dach ist so schlecht nicht, Herr Wirt, aber die Betten haetten
+besser sein koennen.
+
+Wirt
+Was hoere ich? Nicht wohl geruht? Vielleicht, dass die gar zu grosse
+Ermuedung von der Reise--
+
+Fraeulein
+Es kann sein.
+
+Wirt
+Gewiss, gewiss! denn sonst--Indes sollte etwas nicht vollkommen nach
+Ihro Gnaden Bequemlichket gewesen sein, so geruhen Ihro Gnaden nur zu
+befehlen.
+
+Franziska
+Gut, Herr Wirt, gut! Wir sind auch nicht bloede; und am wenigsten muss
+man im Gasthofe bloede sein. Wir wollen schon sagen, wie wir es gern
+haetten.
+
+Wirt
+Hiernaechst komme ich zugleich--(indem er die Feder hinter dem Ohr
+hervorzieht).
+
+Franziska
+Nun?--
+
+Wirt
+Ohne Zweifel kennen Ihro Gnaden schon die weisen Verordnungen unserer
+Polizei.
+
+Fraeulein
+Nicht im geringsten, Herr Wirt--
+
+Wirt
+Wir Wirte sind angewiesen, keinen Fremden, wes Standes und Geschlechts
+er auch sei, vierundzwanzig Stunden zu behausen, ohne seinen Namen,
+Heimat, Charakter, hiesige Geschaefte, vermutliche Dauer des
+Aufenthalts und so weiter gehoerigen Orts schriftlich einzureichen.
+
+Fraeulein
+Sehr wohl.
+
+Wirt
+Ihro Gnaden werden also sich gefallen lassen--(indem er an einen Tisch
+tritt und sich fertig macht zu schreiben).
+
+Fraeulein
+Sehr gern--Ich heisse--
+
+Wirt
+Einen kleinen Augenblick Geduld!--(Er schreibt.) "Dato, den 22.
+August a.c. allhier zum Koenige von Spanien angelangt"--Nun Dero Namen,
+gnaediges Fraeulein?
+
+Fraeulein
+Das Fraeulein von Barnhelm.
+
+Wirt
+(schreibt). "von Barnhelm"--Kommend? woher, gnaediges Fraeulein?
+
+Fraeulein
+Von meinen Guetern aus Sachsen.
+
+Wirt
+(schreibt). "Guetern aus Sachsen"--Aus Sachsen! Ei, ei, aus Sachsen,
+gnaediges Fraeulein? aus Sachsen?
+
+Franziska
+Nun? warum nicht? Es ist doch wohl hierzulande keine Suende, aus
+Sachsen zu sein?
+
+Wirt
+Eine Suende? Behuete! das waere ja eine ganz neue Suende!--Aus Sachsen
+also? Ei, ei! aus Sachsen! Das liebe Sachsen!--Aber wo mir recht
+ist, gnaediges Fraeulein, Sachsen ist nicht klein und hat mehrere--wie
+soll ich es nennen?--Distrikte, Provinzen.--Unsere Polizei ist sehr
+exakt, gnaediges Fraeulein.--
+
+Fraeulein
+Ich verstehe: von meinen Guetern aus Thueringen also.
+
+Wirt
+Aus Thueringen! Ja, das ist besser, gnaediges Fraeulein, das ist genauer.
+--(Schreibt und liest.) "Das Fraeulein von Barnhelm, kommend von ihren
+Guetern aus Thueringen, nebst einer Kammerfrau und zwei Bedienten"--
+
+Franziska
+Einer Kammerfrau? das soll ich wohl sein?
+
+Wirt
+Ja, mein schoenes Kind.--
+
+Franziska
+Nun, Herr Wirt, so setzen Sie anstatt Kammerfrau Kammerjungfer.--Ich
+hoere, die Polizei ist sehr exakt; es moechte ein Missverstaendnis geben,
+welches mir bei meinem Aufgebote einmal Haendel machen koennte. Denn
+ich bin wirklich noch Jungfer und heisse Franziska; mit dem
+Geschlechtsnamen Willig; Franziska Willig. Ich bin auch aus Thueringen.
+Mein Vater war Mueller auf einem von den Guetern des gnaedigen
+Fraeuleins. Es heisst Klein-Rammsdorf. Die Muehle hat jetzt mein Bruder.
+Ich kam sehr jung auf den Hof und ward mit dem gnaedigen Fraeulein
+erzogen. Wir sind von einem Alter, kuenftige Lichtmess einundzwanzig
+Jahr. Ich habe alles gelernt, was das gnaedige Fraeulein gelernt hat.
+Es soll mir lieb sein, wenn mich die Polizei recht kennt.
+
+Wirt
+Gut, mein schoenes Kind, das will ich mir auf weitere Nachfrage merken.
+--Aber nunmehr, gnaediges Fraeulein, Dero Verrichtungen allhier?--
+
+Fraeulein
+Meine Verrichtungen?
+
+Wirt
+Suchen Ihro Gnaden etwas bei des Koenigs Majestaet?
+
+Fraeulein
+O nein!
+
+Wirt
+Oder bei unsern hohen Justizkollegiis?
+
+Fraeulein
+Auch nicht.
+
+Wirt
+Oder--
+
+Fraeulein
+Nein, nein. Ich bin lediglich in meinen eigenen Angelegenheiten hier.
+
+Wirt
+Ganz wohl, gnaediges Fraeulein, aber wie nennen sich diese eigne
+Angelegenheiten?
+
+Fraeulein
+Sie nennen sich--Franziska, ich glaube, wir werden vernommen.
+
+Franziska
+Herr Wirt, die Polizei wird doch nicht die Geheimnisse eines
+Frauenzimmers zu wissen verlangen?
+
+Wirt
+Allerdings, mein schoenes Kind: die Polizei will alles, alles wissen;
+und besonders Geheimnisse.
+
+Franziska
+Ja nun, gnaediges Fraeulein; was ist zu tun?--So hoeren Sie nur, Herr
+Wirt--aber dass es ja unter uns und der Polizei bleibt!--
+
+Fraeulein
+Was wird ihm die Naerrin sagen?
+
+Franziska
+Wir kommen, dem Koenige einen Offizier wegzukapern--
+
+Wirt
+Wie? was? Mein Kind! mein Kind!--
+
+Franziska
+Oder uns von dem Offiziere kapern zu lassen. Beides ist eins.
+
+Fraeulein
+Franziska, bist du toll?--Herr Wirt, die Nasenweise hat Sie zum besten.
+--
+
+Wirt
+Ich will nicht hoffen! Zwar mit meiner Wenigkeit kann sie scherzen so
+viel, wie sie will; nur mit einer hohen Polizei--
+
+Fraeulein
+Wissen Sie was, Herr Wirt?--Ich weiss mich in dieser Sache nicht zu
+nehmen. Ich daechte, Sie liessen die ganze Schreiberei bis auf die
+Ankunft meines Oheims. Ich habe Ihnen schon gestern gesagt, warum er
+nicht mit mir zugleich angekommen. Er verunglueckte zwei Meilen von
+hier mit seinem Wagen und wollte durchaus nicht, dass mich dieser
+Zufall eine Nacht mehr kosten sollte. Ich musste also voran. Wenn er
+vierundzwanzig Stunden nach mir eintrifft, so ist es das laengste.
+
+Wirt
+Nun ja, gnaediges Fraeulein, so wollen wir ihn erwarten.
+
+Fraeulein
+Er wird auf Ihre Fragen besser antworten koennen. Er wird wissen, wem
+und wie weit er sich zu entdecken hat; was er von seinen Geschaeften
+anzeigen muss und was er davon verschweigen darf.
+
+Wirt
+Desto besser! Freilich, freilich kann man von einem jungen Maedchen
+(die Franziska mit einer bedeutenden Miene ansehend) nicht verlangen,
+dass es eine ernsthafte Sache mit ernsthaften Leuten ernsthaft
+traktiere--
+
+Fraeulein
+Und die Zimmer fuer ihn sind doch in Bereitschaft, Herr Wirt?
+
+Wirt
+Voellig, gnaediges Fraeulein, voellig; bis auf das eine--
+
+Franziska
+Aus dem Sie vielleicht auch noch erst einen ehrlichen Mann vertreiben
+muessen?
+
+Wirt
+Die Kammerjungfern aus Sachsen, gnaediges Fraeulein, sind wohl sehr
+mitleidig.--
+
+Fraeulein
+Doch, Herr Wirt, das haben Sie nicht gut gemacht. Lieber haetten Sie
+uns nicht einnehmen sollen.
+
+Wirt
+Wieso, gnaediges Fraeulein, wieso?
+
+Fraeulein
+Ich hoere, dass der Offizier, welcher durch uns verdraengt worden--
+
+Wirt
+Ja nur ein abgedankter Offizier ist, gnaediges Fraeulein.--
+
+Fraeulein
+Wenn schon!--
+
+Wirt
+Mit dem es zu Ende geht.--
+
+Fraeulein
+Desto schlimmer! Es soll ein sehr verdienter Mann sein.
+
+Wirt
+Ich sage Ihnen ja, dass er abgedankt ist.
+
+Fraeulein
+Der Koenig kann nicht alle verdiente Maenner kennen.
+
+Wirt
+O gewiss, er kennt sie, er kennt sie alle.--
+
+Fraeulein
+So kann er sie nicht alle belohnen.
+
+Wirt
+Sie waeren alle belohnt, wenn sie darnach gelebt haetten. Aber so
+lebten die Herren waehrend des Krieges, als ob ewig Krieg bleiben wuerde;
+als ob das Dein und Mein ewig aufgehoben sein wuerde. Jetzt liegen
+alle Wirtshaeuser und Gasthoefe von ihnen voll, und ein Wirt hat sich
+wohl mit ihnen in acht zu nehmen. Ich bin mit diesem noch so ziemlich
+weggekommen. Hatte er gleich kein Geld mehr, so hatte er doch noch
+Geldeswert, und zwei, drei Monate haette ich ihn freilich noch ruhig
+koennen sitzen lassen. Doch besser ist besser.--Apropos, gnaediges
+Fraeulein; Sie verstehen sich doch auf Juwelen?--
+
+Fraeulein
+Nicht sonderlich.
+
+Wirt
+Was sollten Ihro Gnaden nicht?--Ich muss Ihnen einen Ring zeigen, einen
+kostbaren Ring. Zwar gnaediges Fraeulein haben da auch einen sehr
+schoenen am Finger, und je mehr ich ihn betrachte, je mehr muss ich mich
+wundern, dass er dem meinigen so aehnlich ist.--Oh! sehen Sie doch,
+sehen Sie doch! (Indem er ihn aus dem Futteral herausnimmt und dem
+Fraeulein zureicht.) Welch ein Feuer! der mittelste Brillant allein
+wiegt ueber fuenf Karat.
+
+Fraeulein
+(ihn betrachtend). Wo bin ich? Was seh ich? Dieser Ring--
+
+Wirt
+Ist seine fuenfzehnhundert Taler unter Bruedern wert.
+
+Fraeulein
+Franziska!--Sieh doch!--
+
+Wirt
+Ich habe mich auch nicht einen Augenblick bedacht, achtzig Pistolen
+darauf zu leihen.
+
+Fraeulein
+Erkennst du ihn nicht, Franziska?
+
+Franziska
+Der naemliche!--Herr Wirt, wo haben Sie diesen Ring her?--
+
+Wirt
+Nun, mein Kind? Sie hat doch wohl kein Recht daran?
+
+Franziska
+Wir kein Recht an diesem Ringe?--Inwaerts auf dem Kasten muss des
+Fraeuleins verzogener Name stehn.--Weisen Sie doch, Fraeulein.
+
+Fraeulein
+Er ist's er ist's!--Wie kommen Sie zu diesem Ringe, Herr Wirt?
+
+Wirt
+Ich? auf die ehrlichste Weise von der Welt.--Gnaediges Fraeulein,
+gnaediges Fraeulein, Sie werden mich nicht in Schaden und Unglueck
+bringen wollen? Was weiss ich, wo sich der Ring eigentlich
+herschreibt? Waehrend des Krieges hat manches seinen Herrn sehr oft,
+mit und ohne Vorbewusst des Herrn, veraendert. Und Krieg war Krieg. Es
+werden mehr Ringe aus Sachsen ueber die Grenze gegangen sein.--Geben
+Sie mir ihn wieder, gnaediges Fraeulein, geben Sie mir ihn wieder!
+
+Franziska
+Erst geantwortet: von wem haben Sie ihn?
+
+Wirt
+Von einem Manne, dem ich so was nicht zutrauen kann, von einem sonst
+guten Manne--
+
+Fraeulein
+Von dem besten Manne unter der Sonne, wenn Sie ihn von seinem
+Eigentuemer haben.--Geschwind, bringen Sie mir den Mann! Er ist es
+selbst, oder wenigstens muss er ihn kennen.
+
+Wirt
+Wer denn? wen denn, gnaediges Fraeulein?
+
+Franziska
+Hoeren Sie denn nicht? unsern Major.
+
+Wirt
+Major? Recht, er ist Major, der dieses Zimmer vor Ihnen bewohnt hat,
+und von dem ich ihn habe.
+
+Fraeulein
+Major von Tellheim.
+
+Wirt
+Von Tellheim, ja! Kennen Sie ihn?
+
+Fraeulein
+Ob ich ihn kenne? Er ist hier? Tellheim ist hier? Er? er hat in
+diesem Zimmer gewohnt? Er, er hat Ihnen diesen Ring versetzt? Wie
+kommt der Mann in diese Verlegenheit? Wo ist er? Er ist Ihnen
+schuldig?--Franziska, die Schatulle her! Schliess auf! (Indem sie
+Franziska auf den Tisch setzet und oeffnet.) Was ist er Ihnen schuldig?
+Wem ist er mehr schuldig? Bringen Sie mir alle seine Schuldner.
+Hier ist Geld. Hier sind Wechsel. Alles ist sein!
+
+Wirt
+Was hoere ich?
+
+Fraeulein
+Wo ist er? wo ist er?
+
+Wirt
+Noch vor einer Stunde war er hier.
+
+Fraeulein
+Haesslicher Mann, wie konnten Sie gegen ihn so unfreundlich, so hart, so
+grausam sein?
+
+Wirt
+Ihro Gnaden verzeihen--
+
+Fraeulein
+Geschwind, schaffen Sie mir ihn zur Stelle.
+
+Wirt
+Sein Bedienter ist vielleicht noch hier. Wollen Ihro Gnaden, dass er
+ihn aufsuchen soll?
+
+Fraeulein
+Ob ich will? Eilen Sie, laufen Sie; fuer diesen Dienst allein will ich
+es vergessen, wie schlecht Sie mit ihm umgegangen sind.--
+
+Franziska
+Fix, Herr Wirt, hurtig, fort, fort! (Stoesst ihn heraus.)
+
+
+
+3. Szene
+
+(Das Fraeulein. Franziska)
+
+
+Fraeulein
+Nun habe ich ihn wieder, Franziska! Siehst du, nun habe ich ihn
+wieder! Ich weiss nicht, wo ich vor Freuden bin! Freue dich doch mit,
+liebe Franziska. Aber freilich, warum du? Doch du sollst dich, du
+musst dich mit mir freuen. Komm, Liebe, ich will dich beschenken,
+damit du dich mit mir freuen kannst. Sprich, Franziska, was soll ich
+dir geben? Was steht dir von meinen Sachen an? Was haettest du gern?
+Nimm, was du willst, aber freue dich nur. Ich sehe wohl, du wirst dir
+nichts nehmen. Warte! (sie fasst in die Schatulle) da, liebe
+Franziska (und gibt ihr Geld), kaufe dir, was du gern haettest.
+Fordere mehr, wenn es nicht zulangt. Aber freue dich nur mit mir. Es
+ist so traurig, sich allein zu freuen. Nun, so nimm doch--
+
+Franziska
+Ich stehle es Ihnen, Fraeulein; Sie sind trunken, von Froehlichkeit
+trunken.--
+
+Fraeulein
+Maedchen, ich habe einen zaenkischen Rausch, nimm oder--(Sie zwingt ihr
+das Geld in die Hand.) Und wenn du dich bedankest!--Warte; gut, dass
+ich daran denke. (Sie greift nochmals in die Schatulle nach Geld.)
+Das, liebe Franziska, stecke beiseite, fuer den ersten blessierten
+armen Soldaten, der uns anspricht.--
+
+
+
+4. Szene
+
+(Der Wirt. Das Fraeulein. Franziska.)
+
+
+Fraeulein
+Nun? Wird er kommen?
+
+Wirt
+Der widerwaertige, ungeschliffene Kerl!
+
+Fraeulein
+Wer?
+
+Wirt
+Sein Bedienter. Er weigert sich, nach ihm zu gehen.
+
+Franziska
+Bringen Sie doch den Schurken her.--Des Majors Bediente kenne ich ja
+wohl alle. Welcher waere denn das?
+
+Fraeulein
+Bringen Sie ihn geschwind her. Wenn er uns sieht, wird er schon gehen.
+(Der Wirt geht ab.)
+
+
+
+5. Szene
+
+(Das Fraeulein. Franziska.)
+
+
+Fraeulein
+Ich kann den Augenblick nicht erwarten. Aber, Franziska, du bist noch
+immer so kalt? Du willst dich noch nicht mit mir freuen?
+
+Franziska
+Ich wollte von Herzen gern, wenn nur--
+
+Fraeulein
+Wenn nur?
+
+Franziska
+Wir haben den Mann wiedergefunden; aber wie haben wir ihn
+wiedergefunden? Nach allem, was wir von ihm hoeren, muss es ihm uebel
+gehn. Er muss ungluecklich sein, das jammert mich.
+
+Fraeulein
+Jammert dich?--Lass dich dafuer umarmen, meine liebste Gespielin! das
+will ich dir nie vergessen!--Ich bin nur verliebt, und du bist gut.--
+
+
+
+6. Szene
+
+(Der Wirt. Just. Die Vorigen.)
+
+
+Wirt
+Mit genauer Not bring ich ihn.
+
+Franziska
+Ein fremdes Gesicht! Ich kenne ihn nicht.
+
+Fraeulein
+Mein Freund, ist Er bei dem Major von Tellheim?
+
+Just
+Ja.
+
+Fraeulein
+Wo ist Sein Herr?
+
+Just
+Nicht hier.
+
+Fraeulein
+Aber Er weiss ihn zu finden?
+
+Just
+Ja.
+
+Fraeulein
+Will Er ihn nicht geschwind herholen?
+
+Just
+Nein.
+
+Fraeulein
+Er erweiset mir damit einen Gefallen.--
+
+Just
+Ei!
+
+Fraeulein
+Und Seinem Herrn einen Dienst.--
+
+Just
+Vielleicht auch nicht.--
+
+Fraeulein
+Woher vermutet Er das?
+
+Just
+Sie sind doch die fremde Herrschaft, die ihn schon diesen Morgen
+komplimentieren lassen?
+
+Fraeulein
+Ja.
+
+Just
+So bin ich schon recht.
+
+Fraeulein
+Weiss Sein Herr meinen Namen?
+
+Just
+Nein; aber er kann die allzu hoeflichen Damen ebensowenig leiden als
+die allzu groben Wirte.
+
+Wirt
+Das soll wohl mit auf mich gehn?
+
+Just
+Ja.
+
+Wirt
+So lass Er es doch dem gnaedigen Fraeulein nicht entgelten, und hole Er
+ihn geschwind her.
+
+Fraeulein
+(leise zur Franziska). Franziska, gib ihm etwas--
+
+Franziska
+(die dem Just Geld in die Hand druecken will). Wir verlangen Seine
+Dienste nicht umsonst.--
+
+Just
+Und ich Ihr Geld nicht ohne Dienste.
+
+Franziska
+Eines fuer das andere.
+
+Just
+Ich kann nicht. Mein Herr hat mir befohlen, auszuraeumen. Das tu ich
+jetzt, und daran bitte ich, mich nicht weiter zu verhindern. Wenn ich
+fertig bin, so will ich es ihm ja wohl sagen, dass er herkommen kann.
+Er ist nebenan auf dem Kaffeehause; und wenn er da nichts Bessers zu
+tun findet, wird er auch wohl kommen. (Will fortgehen.)
+
+Franziska
+So warte Er doch.--Das gnaedige Fraeulein ist des Herrn Majors--
+Schwester.--
+
+Fraeulein
+Ja, ja, seine Schwester.
+
+Just
+Das weiss ich besser, dass der Major keine Schwestern hat. Er hat mich
+in sechs Monaten zweimal an seine Familie nach Kurland geschickt.--
+Zwar es gibt mancherlei Schwestern--
+
+Franziska
+Unverschaemter!
+
+Just
+Muss man es nicht sein, wenn einen die Leute sollen gehn lassen? (Geht
+ab.)
+
+Franziska
+Das ist ein Schlingel!
+
+Wirt
+Ich sagt' es ja. Aber lassen Sie ihn nur! Weiss ich doch nunmehr, wo
+sein Herr ist. Ich will ihn gleich selbst holen.--Nur, gnaediges
+Fraeulein, bitte ich untertaenigst, sodann ja mich bei dem Herrn Major
+zu entschuldigen, dass ich so ungluecklich gewesen, wider meinen Willen
+einen Mann von seinen Verdiensten--
+
+Fraeulein
+Gehen Sie nur geschwind, Herr Wirt. Das will ich alles wieder
+gutmachen. (Der Wirt geht ab und hierauf) Franziska, lauf ihm nach:
+er soll ihm meinen Namen nicht nennen! (Franziska, dem Wirte nach.)
+
+
+
+7. Szene
+
+(Das Fraeulein und hierauf Franziska)
+
+
+Fraeulein
+Ich habe ihn wieder!--Bin ich allein?--Ich will nicht umsonst allein
+sein.(Sie faltet die Haende.) Auch bin ich nicht allein! (Und blickt
+aufwaerts.) Ein einziger dankbarer Gedanke gen Himmel ist das
+willkommenste Gebet!--Ich hab ihn, ich hab ihn! (Mit ausgebreiteten
+Armen.) Ich bin gluecklich! und froehlich! Was kann der Schoepfer
+lieber sehen als ein froehliches Geschoepf!--(Franziska koemmt.) Bist du
+wieder da, Franziska?--Er jammert dich? Mich jammert er nicht.
+Unglueck ist auch gut. Vielleicht, dass ihm der Himmel alles nahm, um
+ihm in mir alles wiederzugeben!
+
+Franziska
+Er kann den Augenblick hier sein.--Sie sind noch in Ihrem Neglige,
+gnaediges Fraeulein. Wie, wenn Sie sich geschwind ankleideten?
+
+Fraeulein
+Geh! ich bitte dich. Er wird mich von nun an oeftrer so als geputzt
+sehen.
+
+Franziska
+Oh, Sie kennen sich, mein Fraeulein.
+
+Fraeulein
+(nach einem kurzen Nachdenken). Wahrhaftig, Maedchen, du hast es
+wiederum getroffen.
+
+Franziska
+Wenn wir schoen sind, sind wir ungeputzt am schoensten.
+
+Fraeulein
+Muessen wir denn schoen sein?--Aber dass wir uns schoen glauben, war
+vielleicht notwendig.--Nein, wenn ich ihm, ihm nur schoen bin!--
+Franziska, wenn alle Maedchens so sind, wie ich mich jetzt fuehle, so
+sind wir--sonderbare Dinger.--Zaertlich und stolz, tugendhaft und eitel,
+wolluestig und fromm--Du wirst mich nicht verstehen. Ich verstehe
+mich wohl selbst nicht.--Die Freude macht drehend, wirblicht.--
+
+Franziska
+Fassen Sie sich, mein Fraeulein; ich hoere kommen--
+
+Fraeulein
+Mich fassen? Ich sollte ihn ruhig empfangen?
+
+
+
+8. Szene
+
+(v. Tellheim. Der Wirt. Die Vorigen.)
+
+
+Tellheim
+(tritt herein, und indem er sie erblickt, flieht er auf sie zu). Ah!
+meine Minna!--
+
+Fraeulein
+(ihm entgegenfliehend). Ah! mein Tellheim!--
+
+Tellheim
+(stutzt auf einmal und tritt wieder zurueck). Verzeihen Sie, gnaediges
+Fraeulein--das Fraeulein von Barnhelm hier zu finden--
+
+Fraeulein
+Kann Ihnen doch so gar unerwartet nicht sein?--(Indem sie ihm naeher
+tritt und er mehr zurueckweicht.) Verzeihen? Ich soll Ihnen verzeihen,
+dass ich noch Ihre Minna bin? Verzeih' Ihnen der Himmel, dass ich noch
+das Fraeulein von Barnhelm bin!--
+
+Tellheim
+Gnaediges Fraeulein--(Sieht starr auf den Wirt und zuckt die Schultern.)
+
+Fraeulein
+(wird den Wirt gewahr und winkt der Franziska). Mein Herr--
+
+Tellheim
+Wenn wir uns beiderseits nicht irren--Franziska. Je, Herr Wirt, wen
+bringen Sie uns denn da? Geschwind, kommen Sie, lassen Sie uns den
+Rechten suchen.
+
+Wirt
+Ist es nicht der Rechte? Ei ja doch!
+
+Franziska
+Ei nicht doch! Geschwind, kommen Sie; ich habe Ihrer Jungfer Tochter
+noch keinen guten Morgen gesagt.
+
+Wirt
+Oh! viel Ehre--(Doch ohne von der Stelle zu gehn.)
+
+Franziska
+(fasst ihn an). Kommen Sie, wir wollen den Kuechenzettel machen.--
+Lassen Sie sehen, was wir haben werden--
+
+Wirt
+Sie sollen haben, vors erste--
+
+Franziska
+Still, ja stille! Wenn das Fraeulein jetzt schon weiss, was sie zu
+Mittag speisen soll, so ist es um ihren Appetit geschehen. Kommen Sie,
+das muessen Sie mir allein sagen. (Fuehret ihn mit Gewalt ab.)
+
+
+
+9. Szene
+
+(v. Tellheim. Das Fraeulein)
+
+
+Fraeulein
+Nun? irren wir uns noch?
+
+Tellheim
+Dass es der Himmel wollte!--Aber es gibt nur eine, und Sie sind es.--
+
+Fraeulein
+Welche Umstaende! Was wir uns zu sagen haben, kann jedermann hoeren.
+
+Tellheim
+Sie hier? Was suchen Sie hier, gnaediges Fraeulein?
+
+Fraeulein
+Nichts suche ich mehr. (Mit offnen Armen auf ihn zugehend.) Alles,
+was ich suchte, habe ich gefunden.
+
+Tellheim
+(zurueckweichend). Sie suchten einen gluecklichen, einen Ihrer Liebe
+wuerdigen Mann, und finden--einen Elenden.
+
+Fraeulein
+So lieben Sie mich nicht mehr?--Und lieben eine andere?
+
+Tellheim
+Ah! der hat Sie nie geliebt, mein Fraeulein, der eine andere nach
+Ihnen lieben kann.
+
+Fraeulein
+Sie reissen nur einen Stachel aus meiner Seele.--Wenn ich Ihr Herz
+verloren habe, was liegt daran, ob mich Gleichgueltigkeit oder
+maechtigere Reize darum gebracht?--Sie lieben mich nicht mehr: und
+lieben auch keine andere?--Ungluecklicher Mann, wenn Sie gar nichts
+lieben!--
+
+Tellheim
+Recht, gnaediges Fraeulein; der Unglueckliche muss gar nichts lieben. Er
+verdient sein Unglueck, wenn er diesen Sieg nicht ueber sich selbst zu
+erhalten weiss; wenn er es sich gefallen lassen kann, dass die, welche
+er liebt, an seinem Unglueck Anteil nehmen duerfen.--Wie schwer ist
+dieser Sieg!--Seitdem mir Vernunft und Notwendigkeit befehlen, Minna
+von Barnhelm zu vergessen: was fuer Muehe habe ich angewandt! Eben
+wollte ich anfangen zu hoffen, dass diese Muehe nicht ewig vergebens
+sein wuerde:--und Sie erscheinen, mein Fraeulein!--
+
+Fraeulein
+Versteh ich Sie recht?--Halten Sie, mein Herr; lassen Sie sehen, wo
+wir sind, ehe wir uns weiter verirren!--Wollen Sie mir die einzige
+Frage beantworten?
+
+Tellheim
+Jede, mein Fraeulein--
+
+Fraeulein
+Wollen Sie mir auch ohne Wendung, ohne Winkelzug antworten? Mit
+nichts als einem trockenen Ja oder Nein?
+
+Tellheim
+Ich will es--wenn ich kann.
+
+Fraeulein
+Sie koennen es.--Gut: ohngeachtet der Muehe, die Sie angewendet, mich zu
+vergessen--lieben Sie mich noch, Tellheim?
+
+Tellheim
+Mein Fraeulein, diese Frage--
+
+Fraeulein
+Sie haben versprochen, mit nichts als Ja oder Nein zu antworten.
+
+Tellheim
+Und hinzugesetzt: wenn ich kann.
+
+Fraeulein
+Sie koennen; Sie muessen wissen, was in Ihrem Herzen vorgeht.--Lieben
+Sie mich noch, Tellheim?--Ja oder Nein.
+
+Tellheim
+Wenn mein Herz--
+
+Fraeulein
+Ja oder Nein!
+
+Tellheim
+Nun, Ja!
+
+Fraeulein
+Ja?
+
+Tellheim
+Ja, ja!--Allein--
+
+Fraeulein
+Geduld!--Sie lieben mich noch: genug fuer mich.--In was fuer einen Ton
+bin ich mit Ihnen gefallen! ein widriger, melancholischer,
+ansteckender Ton.--Ich nehme den meinigen wieder an.--Nun, mein lieber
+Ungluecklicher, Sie lieben mich noch und haben Ihre Minna noch und sind
+ungluecklich? Hoeren Sie doch, was Ihre Minna fuer ein eingebildetes,
+albernes Ding war--ist. Sie liess, sie lasst sich traeumen, Ihr ganzes
+Glueck sei sie.--Geschwind, kramen Sie Ihr Unglueck aus. Sie mag
+versuchen, wieviel sie dessen aufwiegt.--Nun?
+
+Tellheim
+Mein Fraeulein, ich bin nicht gewohnt zu klagen.
+
+Fraeulein
+Sehr wohl. Ich wuesste auch nicht, was mir an einem Soldaten, nach dem
+Prahlen, weniger gefiele als das Klagen. Aber es gibt eine gewisse
+kalte, nachlaessige Art, von seiner Tapferkeit und von seinem Ungluecke
+zu sprechen--
+
+Tellheim
+Die im Grunde doch auch geprahlt und geklagt ist.
+
+Fraeulein
+Oh, mein Rechthaber, so haetten Sie sich auch gar nicht ungluecklich
+nennen sollen.--Ganz geschwiegen oder ganz mit der Sprache heraus.--
+Eine Vernunft, eine Notwendigkeit, die Ihnen mich zu vergessen
+befiehlt?--Ich bin eine grosse Liebhaberin von Vernunft, ich habe sehr
+viel Ehrerbietung fuer die Notwendigkeit.--Aber lassen Sie doch hoeren,
+wie vernuenftig diese Vernunft, wie notwendig diese Notwendigkeit ist.
+
+Tellheim
+Wohl denn; so hoeren Sie, mein Fraeulein.--Sie nennen mich Tellheim; der
+Name trifft ein.--Aber Sie meinen, ich sei der Tellheim, den Sie in
+Ihrem Vaterlande gekannt haben; der bluehende Mann, voller Ansprueche,
+voller Ruhmbegierde; der seines ganzen Koerpers, seiner ganzen Seele
+maechtig war, vor dem die Schranken der Ehre und des Glueckes eroeffnet
+standen, der Ihres Herzens und Ihrer Hand, wenn er schon Ihrer noch
+nicht wuerdig war, taeglich wuerdiger zu werden hoffen durfte.--Dieser
+Tellheim bin ich ebensowenig, als ich mein Vater bin. Beide sind
+gewesen.--Ich bin Tellheim, der Verabschiedete, der an seiner Ehre
+Gekraenkte, der Krueppel, der Bettler.--Jenem, mein Fraeulein,
+versprachen Sie sich: wollen Sie diesem Wort halten?--
+
+Fraeulein
+Das klingt sehr tragisch!--Doch, mein Herr, bis ich jenen wiederfinde--
+in die Tellheims bin ich nun einmal vernarret--, dieser wird mir schon
+aus der Not helfen muessen.--Deine Hand, lieber Bettler! (Indem sie
+ihn bei der Hand ergreift.)
+
+Tellheim
+(der die andere Hand mit dem Hute vor das Gesicht schlaegt und sich von
+ihr abwendet). Das ist zu viel!--Wo bin ich?--Lassen Sie mich,
+Fraeulein! Ihre Guete foltert mich!--Lassen Sie mich.
+
+Fraeulein
+Was ist Ihnen? Wo wollen Sie hin?
+
+Tellheim
+Von Ihnen!--
+
+Fraeulein
+Von mir? (Indem sie seine Hand an ihre Brust zieht.) Traeumer!
+
+Tellheim
+Die Verzweiflung wird mich tot zu Ihren Fuessen werfen.
+
+Fraeulein
+Von mir?
+
+Tellheim
+Von Ihnen.--Sie nie, nie wiederzusehen.--Oder doch so entschlossen, so
+fest entschlossen--keine Niedertraechtigkeit zu begehen--Sie keine
+Unbesonnenheit begehen zu lasen.--Lassen Sie mich, Minna! (Reisst sich
+los und ab.)
+
+Fraeulein
+(ihm nach). Minna Sie lasen? Tellheim! Tellheim!
+
+
+
+
+3. Akt
+
+
+
+1. Szene
+
+(Die Szene: Der Saal.) (Just, einen Brief in der Hand)
+
+
+Just
+Muss ich doch noch einmal in das verdammte Haus kommen!--Ein Briefchen
+von meinem Herrn an das gnaedige Fraeulein, das seine Schwester sein
+will.--Wenn sich nur da nichts anspinnt!--Sonst wird des Brieftragens
+kein Ende werden.--Ich waer es gern los, aber ich moechte auch nicht
+gern ins Zimmer hinein.--Das Frauenszeug fragt so viel, und ich
+antworte so ungern!--Ha, die Tuere geht auf. Wie gewuenscht! das
+Kammerkaetzchen!
+
+
+
+2. Szene
+
+(Franziska. Just)
+
+
+Franziska
+(zur Tuere herein, aus der sie koemmt). Sorgen Sie nicht; ich will
+schon aufpassen.--Sieh! (indem sie Justen gewahr wird) da stiesse mir
+ja gleich was auf. Aber mit dem Vieh ist nichts anzufangen.
+
+Just
+Ihr Diener, Jungfer--
+
+Franziska
+Ich wollte so einen Diener nicht--
+
+Just
+Nu, nu, verzeih Sie mir die Redensart!--Da bring ich ein Briefchen von
+meinem Herrn an Ihre Herrschaft, das gnaedige Fraeulein--Schwester.--
+War's nicht so? Schwester.
+
+Franziska
+Geb Er her! (Reisst ihm den Brief aus der Hand.)
+
+Just
+Sie soll so gut sein, laesst mein Herr bitten, und es uebergeben.
+Hernach soll Sie so gut sein, laesst mein Herr bitten--dass Sie nicht
+etwa denkt, ich bitte was!--
+
+Franziska
+Nun denn?
+
+Just
+Mein Herr versteht den Rummel. Er weiss, dass der Weg zu den Fraeuleins
+durch die Kammermaedchen geht:--bild ich mir ein!--Die Jungfer soll
+also so gut sein--laesst mein Herr bitten--und ihm sagen lassen, ob er
+nicht das Vergnuegen haben koennte, die Jungfer auf ein Viertelstuendchen
+zu sprechen.
+
+Franziska
+Mich?
+
+Just
+Verzeih Sie mir, wenn ich Ihr einen unrechten Titel gebe.--Ja, Sie!--
+Nur auf ein Viertelstuendchen; aber allein, ganz allein, insgeheim,
+unter vier Augen. Er haette Ihr was sehr Notwendiges zu sagen.
+
+Franziska
+Gut! ich habe ihm auch viel zu sagen.--Er kann nur kommen, ich werde
+zu seinem Befehle sein.
+
+Just
+Aber, wenn kann er kommen? Wenn ist es Ihr am gelegensten, Jungfer?
+So in der Daemmerung?--
+
+Franziska
+Wie meint Er das?--Sein Herr kann kommen, wenn er will--und damit
+packe Er sich nur!
+
+Just
+Herzlich gern! (Will fortgehen.)
+
+Franziska
+Hoer Er doch; noch auf ein Wort.--Wo sind denn die andern Bedienten des
+Majors?
+
+Just
+Die andern? Dahin, dorthin, ueberallhin.
+
+Franziska
+Wo ist Wilhelm?
+
+Just
+Der Kammerdiener? den laesst der Major reisen.
+
+Franziska
+So? Und Philipp, wo ist der?
+
+Just
+Der Jaeger? den hat der Herr aufzuheben gegeben.
+
+Franziska
+Weil er jetzt keine Jagd hat, ohne Zweifel.--Aber Martin?
+
+Just
+Der Kutscher? der ist weggeritten.
+
+Franziska
+Und Fritz?
+
+Just
+Der Laeufer? der ist avanciert.
+
+Franziska
+Wo war Er denn, als der Major bei uns in Thueringen im Winterquartiere
+stand? Er war wohl noch nicht bei ihm?
+
+Just
+O ja, ich war Reitknecht bei ihm, aber ich lag im Lazarett.
+
+Franziska
+Reitknecht? Und jetzt is Er?
+
+Just
+Alles in allem; Kammerdiener und Jaeger, Laeufer und Reitknecht.
+
+Franziska
+Das muss ich gestehen! So viele gute, tuechtige Leute von sich zu
+lassen und gerade den Allerschlechtesten zu behalten! Ich moechte doch
+wissen, was Sein Herr an Ihm faende!
+
+Just
+Vielleicht findet er, dass ich ein ehrlicher Kerl bin.
+
+Franziska
+Oh, man ist auch verzweifelt wenig, wenn man weiter nichts ist als
+ehrlich.--Wilhelm war ein andrer Mensch--Reisen laesst ihn der Herr?
+
+Just
+Ja, er laesst ihn--da er's nicht hindern kann.
+
+Franziska
+Wie?
+
+Just
+Oh, Wilhelm wird sich alle Ehre auf seinen Reisen machen. Er hat des
+Herrn ganze Garderobe mit.
+
+Franziska
+Was? Er ist doch nicht damit durchgegangen?
+
+Just
+Das kann man nun eben nicht sagen; sondern als wir von Nuernberg
+weggingen, ist er uns nur nicht damit nachgekommen.
+
+Franziska
+Oh, der Spitzbube!
+
+Just
+Es war ein ganzer Mensch! Er konnte frisieren und rasieren und
+parlieren--und scharmieren--Nicht wahr?
+
+Franziska
+Sonach haette ich den Jaeger nicht von mir getan, wenn ich wie der Major
+gewesen waere. Konnte er ihn schon nicht als Jaeger nuetzen, so war es
+doch sonst ein tuechtiger Bursche.--Wem hat er ihn denn aufzuheben
+gegeben?
+
+Just
+Dem Kommandanten von Spandau.
+
+Franziska
+Der Festung? Die Jagd auf den Waellen kann doch da auch nicht gross
+sein.
+
+Just
+Oh, Philipp jagt auch da nicht.
+
+Franziska
+Was tut er denn?
+
+Just
+Er karrt.
+
+Franziska
+Er karrt?
+
+Just
+Aber nur auf drei Jahr. Er machte ein kleines Komplott unter des
+Herrn Kompanie und wollte sechs Mann durch die Vorposten bringen.--
+
+Franziska
+Ich erstaune, der Boesewicht!
+
+Just
+Oh, es ist ein tuechtiger Kerl! Ein Jaeger, der funfzig Meilen in der
+Runde durch Waelder und Moraeste alle Fusssteige, alle Schleifwege kennt.
+ Und schiessen kann er!
+
+Franziska
+Gut, dass der Major nur noch den braven Kutscher hat!
+
+Just
+Hat er ihn noch?
+
+Franziska
+Ich denke, Er sagte, Martin waere weggeritten? So wird er doch wohl
+wiederkommen?
+
+Just
+Meint Sie?
+
+Franziska
+Wo ist er denn hingeritten?
+
+Just
+Es geht nun in die zehnte Woche, da ritt er mit des Herrn einzigem und
+letztem Reitpferde--nach der Schwemme.
+
+Franziska
+Und ist noch nicht wieder da? Oh, der Galgenstrick!
+
+Just
+Die Schwemme kann den braven Kutscher auch wohl verschwemmt haben!--Es
+war gar ein rechter Kutscher! Er hatte in Wien zehn Jahre gefahren.
+So einen kriegt der Herr gar nicht wieder. Wenn die Pferde im vollen
+Rennen waren, so durfte er nur machen: "Burr!" und auf einmal standen
+sie wie die Mauern. Dabei war er ein ausgelernter Rossarzt!
+
+Franziska
+Nun ist mir fuer das Avancement des Laeufers bange.
+
+Just
+Nein, nein, damit hat's seine Richtigkeit. Er ist Trommelschlaeger bei
+einem Garnisonregimente geworden.
+
+Franziska
+Dacht ich's doch!
+
+Just
+Fritz hing sich an ein liederliches Mensch, kam des Nachts niemals
+nach Hause, machte auf des Herrn Namen ueberall Schulden und tausend
+infame Streiche. Kurz, der Major sahe, dass er mit aller Gewalt hoeher
+wollte: (das Haengen pantomimisch anzeigend) er brachte ihn also auf
+guten Weg.
+
+Franziska
+Oh, der Bube!
+
+Just
+Aber ein perfekter Laeufer ist er, das ist gewiss. Wenn ihm der Herr
+funfzig Schritte vorgab, so konnte er ihn mit seinem besten Renner
+nicht einholen. Fritz hingegen kann dem Galgen tausend Schritte
+vorgeben und, ich wette mein Leben, er holt ihn ein.--Es waren wohl
+alles Ihre guten Freunde, Jungfer? Der Wilhelm und der Philipp, der
+Martin und der Fritz?--Nun, Just empfiehlt sich! (Geht ab.)
+
+
+
+3. Szene
+
+(Franziska und hernach der Wirt.)
+
+
+Franziska
+(die ihm ernsthaft nachsieht). Ich verdiene den Biss!--Ich bedanke
+mich, Just. Ich setzte die Ehrlichkeit zu tief herab. Ich will die
+Lehre nicht vergessen.--Ah! der unglueckliche Mann! (Kehrt sich um
+und will nach dem Zimmer des Fraeuleins gehen, indem der Wirt koemmt.)
+
+Wirt
+Warte Sie doch, mein schoenes Kind.
+
+Franziska
+Ich habe jetzt nicht Zeit, Herr Wirt--
+
+Wirt
+Nun ein kleines Augenblickchen!--Noch keine Nachricht weiter von dem
+Herrn Major? Das konnte doch unmoeglich sein Abschied sein!--
+
+Franziska
+Was denn?
+
+Wirt
+Hat es Ihr das gnaedige Fraeulein nicht erzaehlt?--Als ich Sie, mein
+schoenes Kind, unten in der Kueche verliess, so kam ich von ungefaehr
+wieder hier in den Saal--
+
+Franziska
+Von ungefaehr, in der Absicht, ein wenig zu horchen.
+
+Wirt
+Ei, mein Kind, wie kann Sie das von mir denken? Einem Wirte laesst
+nichts uebler als Neugierde.--Ich war nicht lange hier, so prellte auf
+einmal die Tuere bei dem gnaedigen Fraeulein auf. Der Major stuerzte
+heraus, das Fraeulein ihm nach, beide in einer Bewegung, mit Blicken,
+in einer Stellung--so was laesst sich nur sehen. Sie ergriff ihn, er
+riss sich los, sie ergriff ihn wieder. "Tellheim!"--Fraeulein, lassen
+Sie mich!"--"Wohin?"--So zog er sie bis an die Treppe. Mir war schon
+bange, er wuerde sie mit herabreissen. Aber er wand sich noch los. Das
+Fraeulein blieb an der obersten Schwelle stehn, sah ihm nach, rief ihm
+nach, rang die Haende. Auf einmal wandte sie sich um, lief nach dem
+Fenster, von dem Fenster wieder zur Treppe, von der Treppe in dem
+Saale hin und wider. Hier stand ich, hier ging sie dreimal bei mir
+vorbei, ohne mich zu sehen. Endlich war es, als ob sie mich saehe,
+aber, Gott sei bei uns! ich glaube, das Fraeulein sahe mich fuer Sie an,
+mein Kind. "Franziska", rief sie, die Augen auf mich gerichtet, "bin
+ich nun gluecklich?" Darauf sahe sie steif an die Decke und wiederum:
+"Bin ich nun gluecklich?" Darauf wischte sie sich Traenen aus dem Auge
+und laechelte und fragte mich wiederum: "Franziska, bin ich nun
+gluecklich?"--Wahrhaftig, ich wusste nicht, wie mir war. Bis sie nach
+ihrer Tuere lief, da kehrte sie sich nochmals nach mir um: "So komm
+doch, Franziska; wer jammert dich nun?"--Und damit hinein.
+
+Franziska
+Oh, Herr Wirt, das hat Ihnen getraeumt.
+
+Wirt
+Getraeumt? Nein, mein schoenes Kind, so umstaendlich traeumt man nicht.--
+Ja, ich wollte wieviel drum geben--ich bin nicht neugierig--aber ich
+wollte wieviel drum geben, wenn ich den Schluessel dazu haette.
+
+Franziska
+Den Schluessel? zu unsrer Tuere? Herr Wirt, der steckt innerhalb; wir
+haben ihn zur Nacht hereingezogen; wir sind furchtsam.
+
+Wirt
+Nicht so einen Schluessel; ich will sagen, mein schoenes Kind, den
+Schluessel, die Auslegung gleichsam, so den eigentlichen Zusammenhang
+von dem, was ich gesehen.--
+
+Franziska
+Ja so!--Nun, adieu, Herr Wirt. Werden wir bald essen, Herr Wirt?
+
+Wirt
+Mein schoenes Kind, nicht zu vergessen, was ich eigentlich sagen wollte.
+
+
+Franziska
+Nun? aber nur kurz--
+
+Wirt
+Das gnaedige Fraeulein hat noch meinen Ring; ich nenne ihn meinen--
+
+Franziska
+Er soll Ihnen unverloren sein.
+
+Wirt
+Ich trage darum auch keine Sorge; ich will's nur erinnern, sieht Sie,
+ich will ihn gar nicht einmal wiederhaben. Ich kann mir doch wohl an
+den Fingern abzaehlen, woher sie den Ring kannte, und woher er dem
+ihrigen so aehnlich sah. Er ist in ihren Haenden am besten aufgehoben.
+Ich mag ihn gar nicht mehr und will indes die hundert Pistolen, die
+ich darauf gegeben habe, auf des gnaedigen Fraeuleins Rechnung setzen.
+Nicht so recht, mein schoenes Kind?
+
+
+
+4. Szene
+
+(Paul Werner. Der Wirt. Franziska.)
+
+
+Werner
+Da ist er ja!
+
+Franziska
+Hundert Pistolen? Ich meinte, nur achtzig.
+
+Wirt
+Es ist wahr, nur neunzig, nur neunzig. Das will ich tun, mein schoenes
+Kind, das will ich tun.
+
+Franziska
+Alles das wird sich finden, Herr Wirt.
+
+Werner
+(der ihnen hinterwaerts naeher koemmt und auf einmal der Franziska auf
+die Schulter klopft). Frauenzimmerchen! Frauenzimmerchen!
+
+Franziska
+(erschrickt). He!
+
+Werner
+Erschrecke Sie nicht!--Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, ich sehe,
+Sie ist huebsch und ist wohl gar fremd--Und huebsche fremde Leute muessen
+gewarnet werden--Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, nehm Sie sich vor
+dem Manne in acht! (Auf den Wirt zeigend.)
+
+Wirt
+Je, unvermutete Freude! Herr Paul Werner! Willkommen bei uns,
+willkommen!--Ah, es ist doch immer noch der lustige, spasshafte,
+ehrliche Werner!--Sie soll sich vor mir in acht nehmen, mein schoenes
+Kind! Ha, ha, ha!
+
+Werner
+Geh Sie ihm ueberall aus dem Wege!
+
+Wirt
+Mir! mir!--Bin ich denn so gefaehrlich?--Ha, ha, ha! Hoer' Sie doch,
+mein schoenes Kind! Wie gefaellt Ihr der Spass?
+
+Werner
+Dass es doch immer Seinesgleichen fuer Spass erklaeren, wenn man ihnen die
+Wahrheit sagt.
+
+Wirt
+Die Wahrheit! ha, ha, ha!--Nicht wahr, mein schoenes Kind, immer
+besser! Der Mann kann spassen! Ich gefaehrlich?--ich?--So vor zwanzig
+Jahren war was dran. Ja, ja, mein schoenes Kind, da war ich gefaehrlich;
+ da wusste manche davon zu sagen; aber jetzt--
+
+Werner
+Oh, ueber den alten Narrn!
+
+Wirt
+Da steckt's eben! Wenn wir alt werden, ist es mit unsrer
+Gefaehrlichkeit aus. Es wird Ihm auch nicht besser gehen, Herr Werner!
+
+
+Werner
+Potz Geck und kein Ende!--Frauenzimmerchen, so viel Verstand wird Sie
+mir wohl zutrauen, dass ich von der Gefaehrlichkeit nicht rede. Der
+eine Teufel hat ihn verlassen, aber es sind dafuer sieben andre in ihn
+gefahren--
+
+Wirt
+Oh, hoer Sie doch, hoer Sie doch! Wie er das nun wieder so
+herumzubringen weiss!--Spass ueber Spass und immer was Neues! Oh, es ist
+ein vortrefflicher Mann, der Herr Paul Werner!--(Zur Franziska, als
+ins Ohr.) Ein wohlhabender Mann und noch ledig. Er hat drei Meilen
+von hier ein schoenes Freischulzengerichte. Der hat Beute gemacht im
+Kriege!--Und ist Wachtmeister bei unserm Herrn Major gewesen. Oh, das
+ist ein Freund von unserm Herrn Major! das ist ein Freund! der sich
+fuer ihn totschlagen liesse!--
+
+Werner
+Ja! und das ist ein Freund von meinem Major! das ist ein Freund!--
+den der Major sollte totschlagen lassen.
+
+Wirt
+Wie? was?--Nein, Herr Werner, das ist nicht guter Spass.--Ich kein
+Freund vom Herrn Major?--Nein, den Spass versteh ich nicht.
+
+Werner
+Just hat mir schoene Dinge erzaehlt.
+
+Wirt
+Just? Ich dacht's wohl, dass Just durch Sie spraeche. Just ist ein
+boeser, garstiger Mensch. Aber hier ist ein schoenes Kind zur Stelle;
+das kann reden; das mag sagen, ob ich kein Freund von dem Herrn Major
+bin? Ob ich ihm keine Dienste erwiesen habe? Und warum sollte ich
+nicht sein Freund sein? Ist er nicht ein verdienter Mann? Es ist
+wahr, er hat das Unglueck gehabt, abgedankt zu werden: aber was tut
+das? Der Koenig kann nicht alle verdiente Maenner kennen, und wenn er
+sie auch alle kennte, so kann er sie nicht alle belohnen.
+
+Werner
+Das heisst Ihn Gott sprechen!--Aber Just--freilich ist an Justen auch
+nicht viel Besonders, doch ein Luegner ist Just nicht; und wenn das
+wahr waere, was er mir gesagt hat--
+
+Wirt
+Ich will von Justen nichts hoeren! Wie gesagt: das schoene Kind hier
+mag sprechen! (Zu ihr ins Ohr.) Sie weiss, mein Kind, den Ring!--
+Erzaehl' Sie es doch Herrn Wernern. Da wird er mich besser
+kennenlernen. Und damit es nicht herauskoemmt, als ob Sie mir nur zu
+Gefallen rede, so will ich nicht einmal dabei sein. Ich will nicht
+dabei sein; ich will gehn; aber Sie sollen mir es wiedersagen, Herr
+Werner, Sie sollen mir es wiedersagen, ob Just nicht ein garstiger
+Verleumder ist.
+
+
+
+5. Szene
+
+(Paul Werner. Franziska)
+
+
+Werner
+Frauenzimmerchen, kennt Sie denn meinen Major?
+
+Franziska
+Den Major von Tellheim? Jawohl kenn ich den braven Mann.
+
+Werner
+Ist es nicht ein braver Mann? Ist Sie dem Manne wohl gut?--
+
+Franziska
+Vom Grund meines Herzens.
+
+Werner
+Wahrhaftig? Sieht Sie, Frauenzimmerchen; nun koemmt Sie mir noch
+einmal so schoen vor.--Aber was sind denn das fuer Dienste, die der Wirt
+unserm Major will erwiesen haben?
+
+Franziska
+Ich wuesste eben nicht; es waere denn, dass er sich das Gute zuschreiben
+wollte, welches gluecklicherweise aus seinem schurkischen Betragen
+entstanden.
+
+Werner
+So waere es ja wahr, was mir Just gesagt hat?--(Gegen die Seite, wo der
+Wirt abgegangen.) Dein Glueck, dass du gegangen bist!--Er hat ihm
+wirklich die Zimmer ausgeraeumt?--So einem Manne so einen Streich zu
+spielen, weil sich das Eselsgehirn einbildet, dass der Mann kein Geld
+mehr habe! Der Major kein Geld?
+
+Franziska
+So? Hat der Major Geld?
+
+Werner
+Wie Heu! Er weiss nicht, wieviel er hat. Er weiss nicht, wer ihm alles
+schuldig ist. Ich bin ihm selber schuldig und bringe ihm hier ein
+altes Restchen. Sieht Sie, Frauenzimmerchen, hier in diesem
+Beutelchen (das er aus der einen Tasche zieht) sind hundert Louisdor
+und in diesem Roellchen (das er aus der andern zieht) hundert Dukaten.
+Alles sein Geld!
+
+Franziska
+Wahrhaftig? Aber warum versetzt denn der Major? Er hat ja einen Ring
+versetzt--
+
+Werner
+Versetzt! Glaub Sie doch so was nicht. Vielleicht, dass er den Bettel
+hat gern wollen los sein.
+
+Franziska
+Es ist kein Bettel! Es ist ein sehr kostbarer Ring, den er wohl noch
+dazu von lieben Haenden hat.
+
+Werner
+Das wird's auch sein. Von lieben Haenden; ja, ja! So was erinnert
+einen manchmal, woran man nicht gern erinnert sein will. Drum schafft
+man's aus den Augen.
+
+Franziska
+Wie?
+
+Werner
+Dem Soldaten geht's in Winterquartieren wunderlich. Da hat er nichts
+zu tun und pflegt sich und macht vor langer Weile Bekanntschaften, die
+er nur auf den Winter meinet und die das gute Herz, mit dem er sie
+macht, fuer zeitlebens annimmt. Husch ist ihm denn ein Ringelchen an
+den Finger praktiziert; er weiss selbst nicht, wie es dran koemmt. Und
+nicht selten gaeb' er gern den Finger mit drum, wenn er es nur wieder
+loswerden koennte.
+
+Franziska
+Ei! und sollte es dem Major auch so gegangen sein?
+
+Werner
+Ganz gewiss. Besonders in Sachsen; wenn er zehn Finger an jeder Hand
+gehabt haette, er haette sie alle zwanzig voller Ringe gekriegt.
+
+Franziska
+(beiseite). Das klingt ja ganz besonders und verdient untersucht zu
+werden.--Herr Freischulze oder Herr Wachmeister--
+
+Werner
+Frauenzimmerchen, wenn's Ihr nichts verschlaegt:--Herr Wachtmeister,
+hoere ich am liebsten.
+
+Franziska
+Nun, Herr Wachtmeister, hier habe ich ein Briefchen von dem Herrn
+Major an meine Herrschaft. Ich will es nur geschwind hereintragen und
+bin gleich wieder da. Will Er wohl so gut sein und so lange hier
+warten? Ich moechte gar zu gern mehr mit Ihm plaudern.
+
+Werner
+Plaudert Sie gern, Frauenzimmerchen? Nun meinetwegen: geh Sie nur;
+ich plaudre auch gern; ich will warten.
+
+Franziska
+Oh, warte Er doch ja! (Geht ab.)
+
+
+
+6. Szene
+
+(Paul Werner.)
+
+
+Werner
+Das ist kein unebenes Frauenzimmerchen!--Aber ich haette ihr doch nicht
+versprechen sollen zu warten.--Denn das Wichtigste waere wohl, ich
+suchte den Major auf.--Er will mein Geld nicht und versetzt lieber?--
+Daran kenn ich ihn.--Es faellt mir ein Schneller ein.--Als ich vor
+vierzehn Tagen in der Stadt war, besuchte ich die Rittmeisterin
+Marloff. Das arme Weib lag krank und jammerte, dass ihr Mann dem Major
+vierhundert Taler schuldig geblieben waere, die sie nicht wuesste, wie
+sie sie bezahlen sollte. Heute wollte ich sie wieder besuchen--ich
+wollte ihr sagen, wenn ich das Geld fuer mein Guetchen ausgezahlt
+kriegte, dass ich ihr fuenfhundert Taler leihen koennte.--Denn ich muss ja
+wohl was davon in Sicherheit bringen, wenn's in Persien nicht geht.--
+Aber sie war ueber alle Berge. Und ganz gewiss wird sie dem Major nicht
+haben bezahlen koennen.--Ja, so will ich's machen; und das je eher, je
+lieber.--Das Frauenzimmerchen mag mir's nicht uebelnehmen; ich kann
+nicht warten. (Geht in Gedanken ab und stoesst fast auf den Major, der
+ihm entgegenkoemmt.)
+
+
+
+7. Szene
+
+(v. Tellheim. Paul Werner)
+
+
+Tellheim
+So in Gedanken, Werner?
+
+Werner
+Da sind Sie ja! ich wollte eben gehen und Sie in Ihrem neuen
+Quartiere besuchen, Herr Major.
+
+Tellheim
+Um mir auf den Wirt des alten die Ohren vollzufluchen. Gedenke mir
+nicht daran.
+
+Werner
+Das haette ich beiher getan; ja. Aber eigentlich wollte ich mich nur
+bei Ihnen bedanken, dass Sie so gut gewesen und mir die hundert
+Louisdor aufgehoben. Just hat mir sie wiedergegeben. Es waere mir
+wohl freilich lieb, wenn Sie mir sie noch laenger aufheben koennten.
+Aber Sie sind in ein neu Quartier gezogen, das weder Sie noch ich
+kennen. Wer weiss, wie's da ist. Sie koennten Ihnen da gestohlen
+werden, und Sie muessten mir sie ersetzen; da huelfe nichts davor. Also
+kann ich's Ihnen freilich nicht zumuten.
+
+Tellheim
+(laechelnd). Seit wenn bist du so vorsichtig, Werner?
+
+Werner
+Es lernt sich wohl. Man kann heutezutage mit seinem Gelde nicht
+vorsichtig genug sein.--Darnach hatte ich noch was an Sie zu bestellen,
+ Herr Major; von der Rittmeisterin Marloff; ich kam eben von ihr her.
+Ihr Mann ist Ihnen ja vierhundert Taler schuldig geblieben; hier
+schickt sie Ihnen auf Abschlag hundert Dukaten. Das uebrige will sie
+kuenftige Woche schicken. Ich mochte wohl selber Ursache sein, dass sie
+die Summe nicht ganz schickt. Denn sie war mir auch ein Taler achtzig
+schuldig; und weil sie dachte, ich waere gekommen, sie zu mahnen--wie's
+denn auch wohl wahr war--, so gab sie mir sie und gab sie mir aus dem
+Roellchen, das sie fuer Sie schon zurechtgelegt hatte.--Sie koennen auch
+schon eher Ihre hundert Taler ein acht Tage noch missen als ich meine
+paar Groschen.--Da nehmen Sie doch! (Reicht ihm die Rolle Dukaten.)
+
+Tellheim
+Werner!
+
+Werner
+Nun? Warum sehen Sie mich so starr an?--So nehmen Sie doch, Herr
+Major!--
+
+Tellheim
+Werner!
+
+Werner
+Was fehlt Ihnen? Was aergert Sie?
+
+Tellheim
+(bitter, indem er sich vor die Stirne schlaegt und mit dem Fusse
+auftritt). Dass es--die vierhundert Taler nicht ganz sind!
+
+Werner
+Nun, nun, Herr Major! Haben Sie mich denn nicht verstanden?
+
+Tellheim
+Eben weil ich dich verstanden habe!--Dass mich doch die besten Menschen
+heut am meisten quaelen muessen!
+
+Werner
+Was sagen Sie?
+
+Tellheim
+Es geht dich nur zur Haelfte an!--Geh, Werner! (Indem er die Hand, mit
+der ihm Werner die Dukaten reichet, zurueckstoesst.)
+
+Werner
+Sobald ich das los bin!
+
+Tellheim
+Werner, wenn du nun von mir hoerst, dass die Marloffin heute ganz frueh
+selbst bei mir gewesen ist?
+
+Werner
+So?
+
+Tellheim
+Dass sie mir nichts mehr schuldig ist?
+
+Werner
+Wahrhaftig?
+
+Tellheim
+Dass sie mich bei Heller und Pfennig bezahlt hat: was wirst du denn
+sagen?
+
+Werner
+(der sich einen Augenblick besinnt). Ich werde sagen, dass ich gelogen
+habe, und dass es eine hundsfoett'sche Sache ums Luegen ist, weil man
+drueber ertappt werden kann.
+
+Tellheim
+Und wirst dich schaemen? Aber er, der mich so zu luegen zwingt, was
+sollte der? Sollte der sich nicht auch schaemen? Sehen Sie, Herr
+Major, wenn ich sagte, dass mich Ihr Verfahren nicht verdroesse, so
+haette ich wieder gelogen, und ich will nicht mehr luegen.--
+
+Tellheim
+Sei nicht verdriesslich, Werner! Ich erkenne dein Herz und deine Liebe
+zu mir. Aber ich brauche dein Geld nicht.
+
+Werner
+Sie brauchen es nicht? Und verkaufen lieber und versetzen lieber und
+bringen sich lieber in der Leute Maeuler?
+
+Tellheim
+Die Leute moegen es immer wissen, dass ich nichts mehr habe. Man muss
+nicht reicher scheinen wollen, als man ist.
+
+Werner
+Aber warum aermer?--Wir haben, solange unser Freund hat.
+
+Tellheim
+Es ziemt sich nicht, dass ich dein Schuldner bin.
+
+Werner
+Ziemt sich nicht?--Wenn an einem heissen Tage, den uns die Sonne und
+der Feind heiss machte, sich Ihr Reitknecht mit den Kantinen verloren
+hatte, und Sie zu mir kamen und sagten: "Werner, hast du nichts zu
+trinken?" und ich Ihnen meine Feldflasche reichte, nicht wahr, Sie
+nahmen und tranken?--Ziemte sich das?--Bei meiner armen Seele, wenn
+ein Trunk faules Wasser damals nicht oft mehr wert war als alle der
+Quark! (Indem er auch den Beutel mit den Louisdoren herauszieht und
+ihm beides hinreicht.) Nehmen Sie, lieber Major! Bilden Sie sich ein,
+es ist Wasser. Auch das hat Gott fuer alle geschaffen.
+
+Tellheim
+Du marterst mich; du hoerst es ja, ich will dein Schuldner nicht sein.
+
+Werner
+Erst ziemte es sich nicht; nun wollen Sie nicht? Ja, das ist was
+anders. (Etwas aergerlich.) Sie wollen mein Schuldner nicht sein?
+Wenn Sie es denn aber schon waeren, Herr Major? Oder sind Sie dem
+Manne nichts schuldig, der einmal den Hieb auffing, der Ihnen den Kopf
+spalten sollte, und ein andermal den Arm vom Rumpfe hieb, der eben
+losdruecken und Ihnen die Kugel durch die Brust jagen wollte?--Was
+koennen Sie diesem Manne mehr schuldig werden? Oder hat es mit meinem
+Halse weniger zu sagen als mit meinem Beutel?--Wenn das vornehm
+gedacht ist, bei meiner armen Seele, so ist es auch sehr abgeschmackt
+gedacht!
+
+Tellheim
+Mit wem sprichst du so, Werner? Wir sind allein; jetzt darf ich es
+sagen; wenn uns ein Dritter hoerte, so waere es Windbeutelei. Ich
+bekenne es mit Vergnuegen, dass ich dir zweimal mein Leben zu danken
+habe. Aber, Freund, woran fehlte mir es, dass ich bei Gelegenheit
+nicht ebensoviel fuer dich wuerde getan haben? He!
+
+Werner
+Nur an der Gelegenheit! Wer hat daran gezweifelt, Herr Major? Habe
+ich Sie nicht hundertmal fuer den gemeinsten Soldaten, wenn er ins
+Gedraenge gekommen war, Ihr Leben wagen sehen?
+
+Tellheim
+Also!
+
+Werner
+Aber--
+
+Tellheim
+Warum verstehst du mich nicht recht? Ich sage: es ziemt sich nicht,
+dass ich dein Schuldner bin; ich will dein Schuldner nicht sein.
+Naemlich in den Umstaenden nicht, in welchen ich mich jetzt befinde.
+
+Werner
+So, so! Sie wollen es versparen bis auf bessre Zeiten; Sie wollen ein
+andermal Geld von mir borgen, wenn Sie keines brauchen, wenn Sie
+selbst welches haben und ich vielleicht keines.
+
+Tellheim
+Man muss nicht borgen, wenn man nicht widerzugeben weiss.
+
+Werner
+Einem Manne wie Sie kann es nicht immer fehlen.
+
+Tellheim
+Du kennst die Welt!--Am wenigsten muss man sodann von einem borgen, der
+sein Geld selbst braucht.
+
+Werner
+O ja, so einer bin ich! Wozu braucht' ich's denn?--Wo man einen
+Wachtmeister noetig hat, gibt man ihm auch zu leben.
+
+Tellheim
+Du brauchst es, mehr als Wachtmeister zu werden, dich auf einer Bahn
+weiterzubringen, auf der ohne Geld auch der Wuerdigste zurueckbleiben
+kann.
+
+Werner
+Mehr als Wachtmeister zu werden? Daran denke ich nicht. Ich bin ein
+guter Wachtmeister und duerfte leicht ein schlechter Rittmeister und
+sicherlich noch ein schlechtrer General werden. Die Erfahrung hat man.
+
+
+Tellheim
+Mache nicht, dass ich etwas Unrechtes von dir denken muss, Werner! Ich
+habe es nicht gern gehoert, was mir Just gesagt hat. Du hast dein Gut
+verkauft und willst wieder herumschwaermen. Lass mich nicht von dir
+glauben, dass du nicht sowohl das Metier als die wilde, liederliche
+Lebensart liebest, die ungluecklicherweise damit verbunden ist. Man
+muss Soldat sein fuer sein Land oder aus Liebe zu der Sache, fuer die
+gefochten wird. Ohne Absicht heute hier, morgen da dienen, heisst wie
+ein Fleischerknecht reisen, weiter nichts.
+
+Werner
+Nun ja doch, Herr Major, ich will Ihnen folgen. Sie wissen besser,
+was sich gehoert. Ich will bei Ihnen bleiben.--Aber, lieber Major,
+nehmen Sie doch auch derweile mein Geld. Heut oder morgen muss Ihre
+Sache aus sein. Sie muessen Geld die Menge bekommen. Sie sollen mir
+es sodann mit Interessen wiedergeben. Ich tu es ja nur der Interessen
+wegen.
+
+Tellheim
+Schweig davon!
+
+Werner
+Bei meiner armen Seele, ich tu es nur der Interessen wegen!--Wenn ich
+manchmal dachte: Wie wird es mit dir aufs Alter werden? wenn du
+zuschanden gehauen bist? wenn du nichts haben wirst? wenn du wirst
+betteln gehen muessen? so dachte ich wieder: Nein, du wirst nicht
+betteln gehn; du wirst zum Major Tellheim gehn; der wird seinen
+letzten Pfennig mit dir teilen; der wird dich zu Tode fuettern; bei dem
+wirst du als ein ehrlicher Kerl sterben koennen.
+
+Tellheim
+(indem er Werners Hand ergreift). Und, Kamerad, das denkst du nicht
+noch?
+
+Werner
+Nein, das denk ich nicht mehr.--Wer von mir nichts nehmen will, wenn
+er's bedarf, und ich's habe, der will mir auch nichts geben, wenn er's
+hat, und ich's bedarf.--Schon gut! (Will gehen.)
+
+Tellheim
+Mensch, mache mich nicht rasend! Wo willst du hin? (Haelt ihn zurueck.)
+Wenn ich dich nun auf meine Ehre versichere, dass ich noch Geld habe;
+wenn ich dir auf meine Ehre verspreche, dass ich dir es sagen will,
+wenn ich keines mehr habe; dass du der erste und einzige sein sollst,
+bei dem ich mir etwas borgen will:--bist du dann zufrieden?
+
+Werner
+Muss ich nicht?--Geben Sie mir die Hand darauf, Herr Major.
+
+Tellheim
+Da, Paul!--Und nun genug davon. Ich kam hieher, um ein gewisses
+Maedchen zu sprechen--
+
+
+
+8. Szene
+
+(Franziska, aus dem Zimmer des Fraeuleins. v. Tellheim. Paul Werner.)
+
+
+Franziska
+(im Hereintreten). Sind Sie noch da, Herr Wachtmeister?--(Indem sie
+den Tellheim gewahr wird.) Und Sie sind auch da, Herr Major?--Den
+Augenblick bin ich zu Ihren Diensten. (Geht geschwind wieder in das
+Zimmer.)
+
+
+
+9. Szene
+
+(v. Tellheim. Paul Werner.)
+
+
+Tellheim
+Das war sie!--Aber ich hoere ja, du kennst sie, Werner?
+
+Werner
+Ja, ich kenne das Frauenzimmerchen.--
+
+Tellheim
+Gleichwohl, wenn ich mich recht erinnere, als ich in Thueringen
+Winterquartier hatte, warst du nicht bei mir?
+
+Werner
+Nein, da besorgte ich in Leipzig Mundierungsstuecke.
+
+Tellheim
+Woher kennst du sie denn also?
+
+Werner
+Unsere Bekanntschaft ist noch blutjung. Sie ist von heute. Aber
+junge Bekanntschaft ist warm.
+
+Tellheim
+Also hast du ihr Fraeulein wohl auch schon gesehen?
+
+Werner
+Ist ihre Herrschaft ein Fraeulein? Sie hat mir gesagt, Sie kennten
+ihre Herrschaft.
+
+Tellheim
+Hoerst du nicht? aus Thueringen her.
+
+Werner
+Ist das Fraeulein jung?
+
+Tellheim
+Ja.
+
+Werner
+Schoen?
+
+Tellheim
+Sehr schoen.
+
+Werner
+Reich?
+
+Tellheim
+Sehr reich.
+
+Werner
+Ist Ihnen das Fraeulein auch so gut wie das Maedchen? Das waere ja
+vortrefflich!
+
+Tellheim
+Wie meinst du?
+
+
+
+10. Szene
+
+(Franziska wieder heraus, mit einem Brief in der Hand. v Tellheim.
+Paul Werner.)
+
+
+Franziska
+Herr Major--
+
+Tellheim
+Liebe Franziska, ich habe dich noch nicht willkommen heissen koennen.
+
+Franziska
+In Gedanken werden Sie es doch schon getan haben. Ich weiss, Sie sind
+mir gut. Ich Ihnen auch. Aber das ist gar nicht artig, dass Sie Leute,
+ die Ihnen gut sind, so aengstigen.
+
+Werner
+(vor sich). Ha, nun merk ich. Es ist richtig!
+
+Tellheim
+Mein Schicksal, Franziska!--Hast du ihr den Brief uebergeben?
+
+Franziska
+Ja, und hier uebergebe ich Ihnen--(Reicht ihm den Brief.)
+
+Tellheim
+Eine Antwort?--
+
+Franziska
+Nein, Ihren eignen Brief wieder.
+
+Tellheim
+Was? Sie will ihn nicht lesen?
+
+Franziska
+Sie wollte wohl, aber--wir koennen Geschriebenes nicht gut lesen.
+
+Tellheim
+Schaekerin!
+
+Franziska
+Und wir denken, dass das Briefschreiben fuer die nicht erfunden ist, die
+sich muendlich miteinander unterhalten koennen, sobald sie wollen.
+
+Tellheim
+Welcher Vorwand! Sie muss ihn lesen. Er enthaelt meine Rechtfertigung--
+alle die Gruende und Ursachen--
+
+Franziska
+Die will das Fraeulein von Ihnen selbst hoeren, nicht lesen.
+
+Tellheim
+Von mir selbst hoeren? Damit mich jedes Wort, jede Miene von ihr
+verwirre; damit ich in jedem ihrer Blicke die ganze Groesse meines
+Verlusts empfinde?--
+
+Franziska
+Ohne Barmherzigkeit!--Nehmen Sie! (Sie gibt ihm den Brief.) Sie
+erwartet Sie um drei Uhr. Sie will ausfahren und die Stadt besehen.
+Sie sollen mit ihr fahren?
+
+Tellheim
+Mit ihr fahren?
+
+Franziska
+Und was geben Sie mir, so lass ich Sie beide ganz allein fahren? Ich
+will zu Hause bleiben.
+
+Tellheim
+Ganz allein?
+
+Franziska
+In einem schoenen verschlossnen Wagen.
+
+Tellheim
+Unmoeglich!
+
+Franziska
+Ja, ja; im Wagen muss der Herr Major Katz aushalten; da kann er uns
+nicht entwischen. Darum geschieht es eben.--Kurz, Sie kommen, Herr
+Major; und Punkte drei.--Nun? Sie wollten mich ja auch allein
+sprechen. Was haben Sie mir denn zu sagen?--Ja so, wir sind nicht
+allein. (Indem sie Wernern ansieht.)
+
+Tellheim
+Doch, Franziska, wir waeren allein. Aber da das Fraeulein den Brief
+nicht gelesen hat, so habe ich dir noch nichts zu sagen.
+
+Franziska
+So? waeren wir doch allein? Sie haben vor dem Herrn Wachtmeister
+keine Geheimnisse?
+
+Tellheim
+Nein, keine.
+
+Franziska
+Gleichwohl, duenkt mich, sollten Sie welche vor ihm haben.
+
+Tellheim
+Wie das?
+
+Werner
+Warum das, Frauenzimmerchen?
+
+Franziska
+Besonders Geheimnisse von einer gewissen Art.--Alle zwanzig, Herr
+Wachtmeister? (Indem sie beide Haende mit gespreizten Fingern in die
+Hoehe haelt.)
+
+Werner
+St! st! Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen!
+
+Tellheim
+Was heisst das?
+
+Franziska
+Husch ist's am Finger, Herr Wachtmeister? (Als ob sie einen Ring
+geschwind ansteckte.)
+
+Tellheim
+Was habt ihr?
+
+Werner
+Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, Sie wird ja wohl Spass verstehn?
+
+Tellheim
+Werner, du hast doch nicht vergessen, was ich dir mehrmal gesagt habe,
+dass man ueber einen gewissen Punkt mit dem Frauenzimmer nie scherzen
+muss?
+
+Werner
+Bei meiner armen Seele, ich kann's vergessen haben!--Frauenzimmerchen,
+ich bitte--
+
+Franziska
+Nun, wenn es Spass gewesen ist; dasmal will ich es Ihm verzeihen.
+
+Tellheim
+Wenn ich denn durchaus kommen muss, Franziska: so mache doch nur, dass
+das Fraeulein den Brief vorher noch lieset. Das wird mir die Peinigung
+ersparen, Dinge noch einmal zu denken, noch einmal zu sagen, die ich
+so gern vergessen moechte. Da, gib ihr ihn! (Indem er den Brief
+umkehrt und ihr ihn zureichen will, wird er gewahr, dass er erbrochen
+ist.) Aber sehe ich recht? Der Brief, Franziska, ist ja erbrochen.
+
+Franziska
+Das kann wohl sein. (Besieht ihn.) Wahrhaftig, er ist erbrochen. Wer
+muss ihn denn erbrochen haben? Doch gelesen haben wir ihn wirklich
+nicht, Herr Major, wirklich nicht. Wir wollen ihn auch nicht lesen,
+denn der Schreiber koemmt selbst. Kommen Sie ja; und wissen Sie was,
+Herr Major? Kommen Sie nicht so, wie Sie da sind, in Stiefeln, kaum
+frisiert. Sie sind zu entschuldigen, Sie haben uns nicht vermutet.
+Kommen Sie in Schuhen, und lassen Sie sich frisieren.--So sehen Sie
+mir gar zu brav, gar zu preussisch aus!
+
+Tellheim
+Ich danke dir, Franziska.
+
+Franziska
+Sie sehen aus, als ob Sie vorige Nacht kampiert haetten.
+
+Tellheim
+Du kannst es erraten haben.
+
+Franziska
+Wir wollen uns gleich auch putzen und sodann essen. Wir behielten Sie
+gern zum Essen, aber Ihre Gegenwart moechte uns an dem Essen hindern;
+und sehen Sie, so gar verliebt sind wir nicht, dass uns nicht hungerte.
+
+
+Tellheim
+Ich geh! Franziska, bereite sie indes ein wenig vor, damit ich weder
+in ihren noch in meinen Augen veraechtlich werden darf.--Komm, Werner,
+du sollst mit mir essen.
+
+Werner
+An der Wirtstafel hier im Hause? Da wird mir kein Bissen schmecken.
+
+Tellheim
+Bei mir auf der Stube.
+
+Werner
+So folge ich Ihnen gleich. Nur noch ein Wort mit dem Frauenzimmerchen.
+
+
+Tellheim
+Das gefaellt mir nicht uebel! (Geht ab.)
+
+
+
+11. Szene
+
+(Paul Werner. Franziska.)
+
+
+Franziska
+Nun, Herr Wachtmeister?--
+
+Werner
+Frauenzimmerchen, wenn ich wiederkomme, soll ich auch geputzter
+kommen?
+
+Franziska
+Komm Er, wie Er will, Herr Wachtmeister; meine Augen werden nichts
+wider Ihn haben. Aber meine Ohren werden desto mehr auf ihrer Hut
+gegen Ihn sein muessen.--Zwanzig Finger, alle voller Ringe! Ei, ei,
+Herr Wachtmeister!
+
+Werner
+Nein, Frauenzimmerchen; eben das wollt' ich Ihr noch sagen: die
+Schnurre fuhr mir mir so heraus! Es ist nichts dran. Man hat ja wohl
+an einem Ringe genug. Und hundert--und aberhundertmal habe ich den
+Major sagen hoeren: "Das muss ein Schurke von einem Soldaten sein, der
+ein Maedchen anfuehren kann!"--So denk ich auch, Frauenzimmerchen.
+Verlass Sie sich darauf!--Ich muss machen, dass ich ihm nachkomme.--Guten
+Appetit, Frauenzimmerchen! (Geht ab.)
+
+Franziska
+Gleichfalls, Herr Wachtmeister!--Ich glaube, der Mann gefaellt mir!
+(Indem sie hineingehen will, koemmt ihr das Fraeulein entgegen.)
+
+
+
+12. Szene
+
+(Das Fraeulein. Franziska.)
+
+
+Fraeulein
+Ist der Major schon wieder fort?--Franziska, ich glaube, ich waere
+jetzt schon wieder ruhig genug, dass ich ihn haette hierbehalten koennen.
+
+
+Franziska
+Und ich will Sie noch ruhiger machen.
+
+Fraeulein
+Desto besser! Sein Brief, oh, sein Brief! Jede Zeile sprach den
+ehrlichen, edlen Mann. Jede Weigerung, mich zu besitzen, beteuerte
+mir seine Liebe.--Er wird es wohl gemerkt haben, dass wir den Brief
+gelesen.--Mag er doch, wenn er nur koemmt. Er koemmt doch gewiss?--Bloss
+ein wenig zu viel Stolz, Franziska, scheint mir in seiner Auffuehrung
+zu sein. Denn auch seiner Geliebten sein Glueck nicht wollen zu danken
+haben, ist Stolz, unverzeihlicher Stolz! Wenn er mir diesen zu stark
+merken laesst, Franziska--
+
+Franziska
+So wollen Sie seiner entsagen?
+
+Fraeulein
+Ei, sieh doch! Jammert er dich nicht schon wieder? Nein, liebe
+Naerrin, eines Fehlers wegen entsagt man keinem Manne. Nein, aber ein
+Streich ist mir beigefallen, ihn wegen dieses Stolzes mit aehnlichem
+Stolze ein wenig zu martern.
+
+Franziska
+Nun, da muessen Sie ja recht sehr ruhig sein, mein Fraeulein, wenn Ihnen
+schon wieder Streiche beifallen.
+
+Fraeulein
+Ich bin es auch; komm nur. Du wirst deine Rolle dabei zu spielen
+haben. (Sie gehen herein.)
+
+
+
+
+4. Akt
+
+
+
+1. Szene
+
+(Die Szene: Das Zimmer des Fraeuleins.) (Das Fraeulein voellig und reich,
+aber mit Geschmack gekleidet. Franziska. Sie stehen vom Tische auf,
+den ein Bedienter abraeumt.)
+
+
+Franziska
+Sie koennen unmoeglich satt sein, gnaediges Fraeulein.
+
+Fraeulein
+Meinst du, Franziska? Vielleicht, dass ich mich nicht hungrig
+niedersetzte.
+
+Franziska
+Wir hatten ausgemacht, seiner waehrend der Mahlzeit nicht zu erwaehnen.
+Aber wir haetten uns auch vornehmen sollen, an ihn nicht zu denken.
+
+Fraeulein
+Wirklich, ich habe an nichts als an ihn gedacht.
+
+Franziska
+Das merkte ich wohl. Ich fing von hundert Dingen an zu sprechen, und
+Sie antworteten mir auf jedes verkehrt. (Ein andrer Bedienter traegt
+Kaffee auf.) Hier koemmt eine Nahrung, bei der man eher Grillen machen
+kann. Der liebe melancholische Kaffee!
+
+Fraeulein
+Grillen? Ich mache keine. Ich denke bloss der Lektion nach, die ich
+ihm geben will. Hast du mich recht begriffen, Franziska?
+
+Franziska
+O ja; am besten aber waere es, er ersparte sie uns.
+
+Frauelein
+Du wirst sehen, dass ich ihn von Grund aus kenne. Der Mann, der mich
+jetzt mit allen Reichtuemern verweigert, wird mich der ganzen Welt
+streitig machen, sobald er hoert, dass ich ungluecklich und verlassen bin.
+
+
+Franziska
+(sehr ernsthaft). Und so was muss die feinste Eigenliebe unendlich
+kitzeln.
+
+Fraeulein
+Sittenrichterin! Seht doch! Vorhin ertappte sie mich auf Eitelkeit,
+jetzt auf Eigenliebe.--Nun, lass mich nur, liebe Franziska. Du sollst
+mit deinem Wachtmeister auch machen koennen, was du willst.
+
+Franziska
+Mit meinem Wachtmeister?
+
+Fraeulein
+Ja, wenn du es vollends leugnest, so ist es richtig.--Ich habe ihn
+noch nicht gesehen, aber aus jedem Worte, das du mir von ihm gesagt
+hast, prophezeie ich dir deinen Mann.
+
+
+
+2. Szene
+
+(Riccaut de la Marliniere. Das Fraeulein. Franziska.) Riccaut (noch
+innerhalb der Szene). Est-il permis, Monsieur le Major?
+
+
+Franziska
+Was ist das? Will das zu uns? (Gegen die Tuere gehend.)
+
+Riccaut
+Parbleu! Ik bin unriktig.--Mais non--Ik bin nit unriktig--C'est sa
+chambre--
+
+Franziska
+Ganz gewiss, gnaediges Fraeulein, glaubt dieser Herr, den Major von
+Tellheim noch hier zu finden.
+
+Riccaut
+Iss so!--Le Major de Tellheim; juste, ma belle enfant, c'est lui que je
+cherche. Ou est-il?
+
+Franziska
+Er wohnt nicht mehr hier.
+
+Riccaut
+Comment? nok vor vier un swansik Stund hier logier? Und logier nit
+mehr hier? Wo logier er denn?
+
+Fraeulein
+(die auf ihn zukoemmt). Mein Herr-Riccaut. Ah, Madame--Mademoiselle--
+Ihro Gnad verzeih--
+
+Fraeulein
+Mein Herr, Ihre Irrung ist sehr zu vergeben und Ihre Verwunderung sehr
+natuerlich. Der Herr Major hat die Guete gehabt, mir als einer Fremden,
+die nicht unterzukommen wusste, sein Zimmer zu ueberlassen.
+
+Raccaut
+Ah, voila de ses politesses! C'est un tres galant-homme que ce Major!
+
+
+Fraeulein
+Wo er indes hingezogen--wahrhaftig, ich muss mich schaemen, es nicht zu
+wissen.
+
+Riccaut
+Ihro Gnad nit wiss? C'est dommage; j'en suis fache.
+
+Fraeulein
+Ich haette mich allerdings darnach erkundigen sollen. Freilich werden
+ihn seine Freunde noch hier suchen.
+
+Riccaut
+Ik bin sehr von seine Freund, Ihro Gnad--
+
+Fraeulein
+Franziska, wisst du es nicht?
+
+Franziska
+Nein, gnaediges Fraeulein.
+
+Riccaut
+Ik haett ihn zu sprek sehr notwendik. Ik komm ihm bringen eine
+Nouvelle, davon er sehr froelik sein wird.
+
+Fraeulein
+Ich bedauere um so viel mehr.--Doch hoffe ich, vielleicht bald ihn zu
+sprechen. Ist es gleichviel, aus wessen Munde er diese gute Nachricht
+erfaehrt, so erbiete ich mich, mein Herr--
+
+Riccaut
+Ik versteh.--Mademoiselle parle francais? Mais sans doute; telle que
+je la vois!--La demande etait bien impolie; vous me pardonnerez,
+Mademoiselle.--
+
+Fraeulein
+Mein Herr--
+
+Riccaut
+Nit? Sie sprek nit Franzoesisch, Ihro Gnad?
+
+Fraeulein
+Mein Herr, in Frankreich wuerde ich es zu sprechen suchen. Aber warum
+hier? Ich hoere ja, dass Sie mich verstehen, mein Herr. Und ich, mein
+Herr, werde Sie gewiss auch verstehen; sprechen Sie, wie es Ihnen
+beliebt.
+
+Riccaut
+Gutt, gutt! Ik kann auk mik auf Deutsch explizier.--Sachez donc,
+Mademoiselle--Ihro Gnad soll also wiss, dass ik komm von die Tafel bei
+der Minister--Minister von--Minister von--wie heiss der Minister da
+drauss?--in der lange Strass?--auf die breite Platz?--
+
+Fraeulein
+Ich bin hier noch voellig unbekannt.
+
+Riccaut
+Nun, die Minister von der Kriegsdepartement.--Da haben ik zu Mittag
+gespeisen--ik speisen a l'ordinaire bei ihm--und da iss man gekommen
+reden auf der Major Tellheim; et le ministre m'a dit en confidence,
+car Son Excellence est de mes amis, et il n'y a point de mysteres
+entre nous--Se. Exzellenz, will ik sag, haben mir vertrau, dass die
+Sak von unserm Major sei auf den Point zu enden und gutt zu enden. Er
+habe gemakt ein Rapport an den Koenik, und der Koenik habe darauf
+resolvier, tout-a-fait en faveur du Major.--Monsieur, m'a dit Son
+Excellence, vous comprenez bien, que tout depend de la maniere, dont
+on fait envisager les choses au roi, et vous me connaissez. Cela fait
+un tres joli garcon que ce Tellheim, et ne sais-je pas que vous
+l'aimez? Les amis de mes amis sont aussi les miens. Il coute un peu
+cher au roi ce Tellheim, mais est-ce que l'on sert les rois pour rien?
+ Il faut s'entr'aider en ce monde; et quand il s'agit de pertes, que
+ce soit le roi, qui en fasse, et non pas un honnete-homme de nous
+autres. Voila le principe, dont je ne me depars jamais.--Was sag Ihro
+Gnad hierzu? Nit wahr, das iss ein brav Mann? Ah que Son Excellence a
+le coer bien place! Er hat mir au reste versiker, wenn der Major nit
+schon bekommen habe une Lettre de la main--eine Koenikliken Handbrief,
+dass er heut infailliblement muesse bekommen einen.
+
+Fraeulein
+Gewiss, mein Herr, diese Nachricht wird dem Major von Tellheim hoechst
+angenehm sein. Ich wuenschte nur, ihm den Freund zugleich mit Namen
+nennen zu koennen, der so viel Anteil an seinem Gluecke nimmt--
+
+Riccaut
+Mein Namen wuenscht Ihro Gnad?--Vous voyez en moi--Ihro Gnad seh in mik
+le Chevalier Riccaut de la Marliniere, Seigneur de Pret-au-val, de la
+branche de Prensd'or.--Ihro Gnad? steh verwundert, mik aus so ein
+gross, gross Familie zu hoeren, qui est veritablement du sang Royal.--Il
+faut le dire; je suis sans doute le cadet le plus avantureux, que la
+maison a jamais eu.--Ik dien von meiner elfte Jahr. Ein Affaire
+d'honneur makte mik fliehen. Darauf haben ik gedienet Sr. Papstliken
+Eilikheit, der Republik St. Marino, der Kron Polen und den Staaten-
+General, bis ik endlik bin worden gezogen hierher. Ah, Mademoiselle,
+que je voudrais n'avoir jamais vu ce pays-la! Haette man mik gelass im
+Dienst von den Staaten-General, so muesst ik nun sein aufs wenikst
+Oberst. Aber so hier immer und ewik Capitaine geblieben, und nun gar
+sein ein abgedankte Capitaine--
+
+Fraeulein
+Das ist viel Unglueck.
+
+Riccaut
+Qui, Mademoiselle, me voila reforme, et par-la mis sur le pave!
+
+Fraeulein
+Ich beklage sehr.
+
+Riccaut
+Vous etes bien bonne, Mademoiselle.--Nein, man kenn sik hier nit auf
+den Verdienst. Einen Mann wie mik su reformir! Einen Mann, der sik
+nok dasu in diesem Dienst hat rouinir!--Ik haben dabei sugesetzt mehr
+als swansik tausend Livres. Was hab ik nun? Tranchons le mot; je
+n'ai pas le sou, et me voila exactement vis-a-vis du rien.--
+
+Fraeulein
+Es tut mir ungemein leid.
+
+Riccaut
+Vous etes bien bonne, Mademoiselle. Aber wie man pfleg su sagen: ein
+jeder Unglueck schlepp nak sik seine Bruder; qu'un malheur ne vient
+jamais seul: so mit mir arrivir. Was ein Honnete-homme von mein
+Extraction kann anders haben fuer Ressource als das Spiel? Nun hab ik
+immer gespielen mit Glueck, solang ik hatte nit vonnoeten der Glueck.
+Nun ik ihr haette vonnoeten, Mademoiselle, je joue avec un guignon, qui
+surpasse toute croyance. Seit funfsehn Tag iss vergangen keine, wo sie
+mik nit hab gesprenkt. Nok gestern hab sie mik gesprenkt dreimal. Je
+sais bien, qu'il y avait quelque chose de plus que le jeu. Car parmi
+mes pontes se trouvaient certaines dames--Ik will niks weiter sag.
+Man muss sein galant gegen die Damen. Sie haben auk mik heut invitir,
+mir su geben revanche; mais--vous m'entendez, Mademoiselle.--Man muss
+erst wiss, wovon leben, ehe man haben kann, wovon su spielen--
+
+Fraeulein
+Ich will nicht hoffen, mein Herr--
+
+Riccaut
+Vous etes bien bonne, Mademoiselle--
+
+Fraeulein
+(nimmt die Franziska beiseite). Franziska, der Mann dauert mich im
+Ernste. Ob er mir es wohl uebelnehmen wuerde, wenn ich ihm etwas
+anboete?
+
+Franziska
+Der sieht mir nicht darnach aus.
+
+Fraeulein
+Gut!--Mein Herr, ich hoere--dass Sie spielen, dass Sie Bank machen; ohne
+Zweifel an Orten, wo etwas zu gewinnen ist. Ich muss Ihnen bekennen,
+dass ich--gleichfalls das Spiel sehr liebe--
+
+Riccaut
+Tant mieux, Mademoiselle, tant mieux! Tous les gens d'esprit aiment
+le jeu a la fureur.
+
+Fraeulein
+Dass ich sehr gern gewinne; sehr gern mein Geld mit einem Mann wage,
+der--zu spielen weiss.--Waeren Sie wohl geneigt, mein Herr, mich in
+Gesellschaft zu nehmen? mir einen Anteil an Ihrer Bank zu goennen?
+
+Riccaut
+Comment, Mademoiselle, vous voulez etre de moitie avec moi? De tout
+mon coeur.
+
+Fraeulein
+Vors erste nur mit einer Kleinigkeit--(Geht und langt Geld aus ihrer
+Schatulle.)
+
+Riccaut
+Ah, Mademoiselle, que vous etes charmante!--
+
+Fraeulein
+Hier habe ich, was ich ohnlaengst gewonnen, nur zehn Pistolen--ich muss
+mich zwar schaemen, so wenig--
+
+Riccaut
+Donnez toujours, Mademoiselle, donnez. (Nimmt es.)
+
+Fraeulein
+Ohne Zweifel, dass Ihre Bank, mein Herr, sehr ansehnlich ist--
+
+Riccaut
+Jawohl, sehr ansehnlik. Sehn Pistol? Ihr Gnad soll sein dafuer
+interessir bei meiner Bank auf ein Dreiteil, pour le tiers. Swar auf
+ein Dreiteil sollen sein--etwas mehr. Dok mit einer schoene Damen muss
+man es nehmen nit so genau. Ik gratulir mik, su kommen dadurk in
+liaison mit Ihro Gnad, et de ce moment je recommence a bien augurer de
+ma fortune.
+
+Fraeulein
+Ich kann aber nicht dabei sein, wenn Sie spielen, mein Herr.
+
+Riccaut
+Was brauk Ihro Gnad dabei su sein? Wir andern Spieler sind ehrlike
+Leut untereinander.
+
+Fraeulein
+Wenn wir gluecklich sind, mein Herr, so werden Sie mir meinen Anteil
+schon bringen. Sind wir aber ungluecklich--
+
+Riccaut
+So komm ik holen Rekruten. Nit wahr, Ihro Gnad?
+
+Fraeulein
+Auf die Laenge duerften die Rekruten fehlen. Verteidigen Sie unser Geld
+daher ja wohl, mein Herr.
+
+Riccaut
+Wofuer seh mik Ihro Gnad an? Fuer ein Einfalspinse? fuer ein dumme
+Teuf?
+
+Fraeulein
+Verzeihen Sie mir--
+
+Riccaut
+Je suis des bons, Mademoiselle. Savez-vous ce que cela veut dire? Ik
+bin von die Ausgelernt--
+
+Fraeulein
+Aber doch wohl, mein Herr--
+
+Riccaut
+Je sais monter un coup--
+
+Fraeulein
+(verwundernd). Sollten Sie?
+
+Riccaut
+Je file la carte avec une adresse--
+
+Fraeulein
+Nimmermehr!
+
+Riccaut
+Je fais sauter la coupe avec une dexterite--
+
+Fraeulein
+Sie werden doch nicht, mein Herr?--
+
+Riccaut
+Was nit? Ihro Gnade, was nit? Donnez-moi un pigeonneau a plumer, et--
+
+Fraeulein
+Falsch spielen? betruegen?
+
+Riccaut
+Comment, Mademoiselle? Vous appellez cela betruegen? Corriger la
+fortune, l'enchainer sous ses doigts, etre sur de son fait, das nenn
+die Deutsch betruegen? Betruegen! Oh, was ist die deutsch Sprak fuer
+ein arm Sprak! fuer ein plump Sprak!
+
+Fraeulein
+Nein, mein Herr, wenn Sie so denken--
+
+Riccaut
+Laissez-moi faire, Mademoiselle, und sein Sie ruhik! Was gehn Sie an,
+wie ik spiel?--Gnug, morgen entweder sehn mik wieder Ihro Gnad mit
+hundert Pistol, oder seh mik wieder gar nit--Votre tres-humble,
+Mademoiselle, votre tres-humble--(Eilends ab.)
+
+Fraeulein
+(die ihm mit Erstaunen und Verdruss nachsieht). Ich wuensche das letzte,
+mein Herr, das letzte!
+
+
+
+3. Szene
+
+(Das Fraeulein. Franziska)
+
+
+Franziska
+(erbittert). Kann ich noch reden? O schoen! o schoen!
+
+Fraeulein
+Spotte nur; ich verdiene es. (Nach einem kleinen Nachdenken und
+gelassener.) Spotte nicht, Franziska; ich verdiene es nicht.
+
+Franziska
+Vortrefflich! Da haben Sie etwas Allerliebstes getan, einen
+Spitzbuben wieder auf die Beine geholfen.
+
+Fraeulein
+Es war einem Ungluecklichen zugedacht.
+
+Franziska
+Und was das beste dabei ist: der Kerl haelt Sie fuer seinesgleichen.--Oh,
+ich muss ihm nach und ihm das Geld wieder abnehmen. (Will fort.)
+
+Fraeulein
+Franziska, lass den Kaffee nicht vollends kalt werden, schenk ein.
+
+Franziska
+Er muss es Ihnen wiedergeben; Sie haben spielen. Zehn Pistolen! Sie
+hoerten ja, Fraeulein, dass es ein Bettler war! (Das Fraeulein schenkt
+indes selbst ein.) Wer wird einem Bettler so viel geben? Und ihm noch
+dazu die Erniedrigung, es erbettelt zu haben, zu ersparen suchen? Den
+Mildtaetigen, der den Bettler aus Grossmut verkennen will, verkennt der
+Bettler wieder. Nun moegen Sie es haben, Fraeulein, wenn er Ihre Gabe,
+ich weiss nicht wofuer, ansieht.--(Und reicht der Franziska eine Tasse.)
+Wollen Sie mir das Blut noch mehr in Wallung bringen? Ich mag nicht
+trinken. (Das Fraeulein setzt sie wieder weg.) "Parbleu, Ihro Gnad,
+man kenn sik hier nit auf den Verdienst." (In dem Tone des Franzosen.)
+Freilich nicht, wenn man die Spitzbuben so ungehangen herumlaufen laesst.
+
+
+Fraeulein
+(kalt und nachdenkend, indem sie trinkt). Maedchen, du verstehst dich
+so trefflich auf die guten Menschen: aber, wenn willst du die
+schlechten ertragen lernen?--Und sie sind doch auch Menschen.--Und
+oefters bei weitem so schlechte Menschen nicht, als sie scheinen.--Man
+muss ihre gute Seite nur aufsuchen.--Ich bilde mir ein, dieser Franzose
+ist nichts als eitel. Aus blosser Eitelkeit macht er sich zum falschen
+Spieler; er will mir nicht verbunden scheinen, er will sich den Dank
+ersparen. Vielleicht, dass er nun hingeht, seine kleine Schulden
+bezahlt, von dem Reste, soweit er reicht, still und sparsam lebt und
+an das Spiel nicht denkt. Wenn das ist, liebe Franziska, so lass ihn
+Rekruten holen, wenn er will.--(Gibt ihr die Tasse.) Da, setz weg!--
+Aber, sage mir, sollte Tellheim nicht schon da sein?
+
+Franziska
+Nein, gnaediges Fraeulein, ich kann beides nicht, weder an einem
+schlechten Menschen die gute, noch an einem guten Menschen die boese
+Seite aufsuchen.
+
+Fraeulein
+Er koemmt doch ganz gewiss?--
+
+Franziska
+Er sollte wegbleiben!--Sie bemerken an ihm, dem besten Manne, ein
+wenig Stolz, und darum wollen Sie ihn so grausam necken?
+
+Fraeulein
+Koemmst du da wieder hin?--Schweig, das will ich nun einmal so. Wo du
+mir diese Lust verdirbst; wo du nicht alles sagst und tust, wie wir es
+abgeredet haben!--Ich will dich schon allein mit ihm lassen, und dann--
+Jetzt koemmt er wohl.
+
+
+
+4. Szene
+
+(Paul Werner (der in einer steifen Stellung, gleichsam im Dienste,
+hereintritt). Das Fraeulein. Franziska.)
+
+
+Franziska
+Nein, es ist nur sein lieber Wachtmeister.
+
+Fraeulein
+Lieber Wachtmeister? Auf wen bezieht sich dieses Lieber?
+
+Franziska
+Gnaediges Fraeulein, machen Sie mir den Mann nicht verwirrt.--Ihre
+Dienerin, Herr Wachtmeister; was bringen Sie uns?
+
+Werner
+(geht, ohne auf die Franziska zu achten, an das Fraeulein). Der Major
+von Tellheim laesst an das gnaedige Fraeulein von Barnhelm durch mich, den
+Wachtmeister Werner, seinen untertaenigen Respekt vermelden und sagen,
+dass er sogleich hier sein werde.
+
+Fraeulein
+Wo bleibt er denn?
+
+Werner
+Ihro Gnaden werden verzeihen; wir sind noch vor dem Schlage drei aus
+dem Quartier gegangen, aber da hat ihn der Kriegszahlmeister
+unterwegens angeredt, und weil mit dergleichen Herren des Redens immer
+kein Ende ist: so gab er mir einen Wink, dem gnaedigen Fraeulein den
+Vorfall zu rapportieren.
+
+Fraeulein
+Recht wohl, Herr Wachtmeister. Ich wuensche nur, dass der
+Kriegszahlmeister dem Major etwas Angenehmes moege zu sagen haben.
+
+Werner
+Das haben dergleichen Herren den Offizieren selten.--Haben Ihro Gnaden
+etwas zu befehlen? (Im Begriffe wieder zu gehen.)
+
+Franziska
+Nun, wo denn schon wieder hin, Herr Wachtmeister? Haetten wir denn
+nichts miteinander zu plaudern?
+
+Werner
+(sachte zur Franziska und ernsthaft). Hier nicht, Frauenzimmerchen.
+Es ist wider den Respekt, wider die Subordination.--Gnaediges Fraeulein--
+
+Fraeulein
+Ich danke fuer Seine Bemuehung, Herr Wachtmeister.--Es ist mir lieb
+gewesen, Ihn kennenzulernen. Franziska hat mir viel Gutes von Ihm
+gesagt. (Werner macht eine steife Verbeugung und geht ab.)
+
+
+
+5. Szene
+
+(Das Fraeulein. Franziska.)
+
+
+Fraeulein
+Das ist dein Wachtmeister, Franziska?
+
+Franziska
+Wegen des spoettischen Tones habe ich nicht Zeit, dieses dein nochmals
+aufzumutzen.--Ja, gnaediges Fraeulein, das ist mein Wachtmeister. Sie
+finden ihn ohne Zweifel ein wenig steif und hoelzern. Jetzt kam er mir
+fast auch so vor. Aber ich merke wohl, er glaubte, vor Ihro Gnaden
+auf die Parade ziehen zu muessen. Und wenn die Soldaten paradieren--ja
+freilich scheinen sie da mehr Drechslerpuppen als Maenner. Sie sollten
+ihn hingegen nur sehn und hoeren, wenn er sich selbst gelassen ist.
+
+Fraeulein
+Das muesste ich denn wohl!
+
+Franziska
+Er wird noch auf dem Saale sein. Darf ich nicht gehn und ein wenig
+mit ihm plaudern?
+
+Fraeulein
+Ich versage dir ungern dieses Vergnuegen. Du musst hierbleiben,
+Franziska. Du muss bei unserer Unterredung gegenwaertig sein!--Es faellt
+mir noch etwas bei. (Sie zieht ihren Ring vom Finger.) Da, nimm
+meinen Ring, verwahre ihn, und gib mir des Majors seinen dafuer.
+
+Franziska
+Warum das?
+
+Fraeulein
+(indem Franziska den andern Ring holt). Recht weiss ich es selbst
+nicht, aber mich duenkt, ich sehe so etwas voraus, wo ich ihn brauchen
+koennte.--Man pocht--Geschwind gib her! (Sie steckt ihn an.) Er ist's!
+
+
+
+
+6. Szene
+
+(v. Tellheim in dem naemlichen Kleide, aber sonst so, wie es Franziska
+verlangt. Das Fraeulein. Franziska.)
+
+
+Tellheim
+Gnaediges Fraeulein, Sie werden mein Verweilen entschuldigen--
+
+Fraeulein
+Oh, Herr Major, so gar militaerisch wollen wir es miteinander nicht
+nehmen. Sie sind ja da! Und ein Vergnuegen erwarten, ist auch ein
+Vergnuegen.--Nun? (indem sie ihm laechelnd ins Gesicht sieht) lieber
+Tellheim, waren wir nicht vorhin Kinder?
+
+Tellheim
+Jawohl, Kinder, gnaediges Fraeulein; Kinder, die sich sperren, wo sie
+gelassen folgen sollten.
+
+Fraeulein
+Wir wollen ausfahren, lieber Major--die Stadt ein wenig zu besehen--,
+und hernach meinem Oheim entgegen.
+
+Tellheim
+Wie?
+
+Fraeulein
+Sehen Sie, auch das Wichtigste haben wir einander noch nicht sagen
+koennen. Ja, er trifft noch heut hier ein. Ein Zufall ist schuld, dass
+ich einen Tag frueher ohne ihn angekommen bin.
+
+Tellheim
+Der Graf von Bruchsall? Ist er zurueck?
+
+Fraeulein
+Die Unruhen des Krieges verscheuchten ihn nach Italien; der Friede hat
+ihn wieder zurueckgebracht.--Machen Sie sich keine Gedanken, Tellheim.
+Besorgten wir schon ehemals das staerkste Hindernis unsrer Verbindung
+von seiner Seite--
+
+Tellheim
+Unserer Verbindung?
+
+Fraeulein
+Er ist Ihr Freund. Er hat von zu vielen zu viel Gutes von Ihnen
+gehoert, um es nicht zu sein. Er brennet, den Mann von Antlitz zu
+kennen, den seine einzige Erbin gewaehlt hat. Er koemmt als Oheim, als
+Vormund, als Vater, mich Ihnen zu uebergeben.
+
+Tellheim
+Ah, Fraeulein, warum haben Sie meinen Brief nicht gelesen? Warum haben
+Sie ihn nicht lesen wollen?
+
+Fraeulein
+Ihren Brief? Ja, ich erinnere mich, Sie schickten mir einen. Wie war
+es denn mit diesem Briefe, Franziska? Haben wir ihn gelesen, oder
+haben wir ihn nicht gelesen? Was schrieben Sie mir denn, lieber
+Tellheim?--
+
+Tellheim
+Nichts, als was mir die Ehre befiehlt.
+
+Fraeulein
+Das ist, ein ehrliches Maedchen, die Sie liebt, nicht sitzen zu lassen.
+ Freilich befiehlt das die Ehre. Gewiss, ich haette den Brief lesen
+sollen. Aber was ich nicht gelesen habe, das hoere ich ja.
+
+Tellheim
+Ja, Sie sollen es hoeren--
+
+Fraeulein
+Nein, ich brauch es auch nicht einmal zu hoeren. Es versteht sich von
+selbst. Sie koennten eines so haesslichen Streiches faehig sein, dass Sie
+mich nun nicht wollten? Wissen Sie, dass ich auf Zeit meines Lebens
+beschimpft waere? Meine Landsmaenninnen wuerden mit Fingern auf mich
+weisen.--"Das ist sie", wuerde es heissen, "das ist das Fraeulein von
+Barnhelm, die sich einbildete, weil sie reich sei, den wackern
+Tellheim zu bekommen: als ob die wackern Maenner fuer Geld zu haben
+waeren!" So wuerde es heissen: denn meine Landsmaenninnen sind alle
+neidisch auf mich. Dass ich reich bin, koennen sie nicht leugnen; aber
+davon wollen sie nichts wissen, dass ich auch sonst noch ein ziemlich
+gutes Maedchen bin, das seines Mannes wert ist. Nicht wahr, Tellheim?
+
+Tellheim
+Ja, ja, gnaediges Fraeulein, daran erkenne ich Ihr Landsmanninnen. Sie
+werden Ihnen einen abgedankten, an seiner Ehre gekraenkten Offizier,
+einen Krueppel, einen Bettler, trefflich beneiden.
+
+Fraeulein
+Und das alles waeren Sie? Ich hoerte so was, wenn ich mich nicht irre,
+schon heute vormittage. Da ist Boeses und Gutes untereinander. Lassen
+Sie uns doch jedes naeher beleuchten.--Verabschiedet sind Sie? So hoere
+ich. Ich glaubte, Ihr Regiment sei bloss untergesteckt worden. Wie
+ist es gekommen, dass man einen Mann von Ihren Verdiensten nicht
+beibehalten?
+
+Tellheim
+Es ist gekommen, wie es kommen muessen. Die Grossen haben sich
+ueberzeugt, dass ein Soldat aus Neigung fuer sie ganz wenig, aus Pflicht
+nicht viel mehr, aber alles seiner eignen Ehre wegen tut. Was koennen
+sie ihm also schuldig zu sein glauben? Der Friede hat ihnen mehrere
+meinesgleichen entbehrlich gemacht, und am Ende ist ihnen niemand
+unentbehrlich.
+
+Fraeulein
+Sie sprechen, wie ein Mann sprechen muss, dem die Grossen hinwiederum
+sehr entbehrlich sind. Und niemals waren sie es mehr als jetzt. Ich
+sage den Grossen meinen grossen Dank, dass sie ihre Ansprueche auf einen
+Mann haben fahren lassen, den ich doch nur sehr ungern mit ihnen
+geteilet haette.--Ich bin Ihre Gebieterin, Tellheim; Sie brauchen
+weiter keinen Herrn.--Sie verabschiedet zu finden, das Glueck haette ich
+mir kaum traeumen lassen!--Doch Sie sind nicht bloss verabschiedet: Sie
+sind noch mehr. Was sind Sie noch mehr? Ein Krueppel: sagten Sie?
+Nun (indem sie ihn von oben bis unten betrachtet), der Krueppel ist
+doch noch ziemlich ganz und gerade; scheinet doch noch ziemlich gesund
+und stark.--Lieber Tellheim, wenn Sie auf den Verlust Ihrer gesunden
+Gliedmassen betteln zu gehen denken: so prophezeie ich Ihnen voraus,
+dass Sie vor den wenigsten Tueren etwas bekommen werden; ausgenommen vor
+den Tueren der gutherzigen Maedchen wie ich.
+
+Tellheim
+Jetzt hoere ich nur das mutwillige Maedchen, liebe Minna.
+
+Fraeulein
+Und ich hoere in Ihrem Verweise nur das Liebe Minna--Ich will nicht
+mehr mutwillig sein. Denn ich besinne mich, dass Sie allerdings ein
+kleiner Krueppel sind. Ein Schuss hat Ihnen den rechten Arm ein wenig
+gelaehmt.--Doch alles wohl ueberlegt: so ist auch das so schlimm nicht.
+Um soviel sichrer bin ich vor Ihren Schlaegen.
+
+Tellheim
+Fraeulein!
+
+Fraeulein
+Sie wollen sagen: Aber Sie um soviel weniger vor meinen. Nun, nun,
+lieber Tellheim, ich hoffe, Sie werden es nicht dazu kommen lassen.
+
+Tellheim
+Sie wollen lachen, mein Fraeulein. Ich beklage nur, dass ich nicht
+mitlachen kann.
+
+Fraeulein
+Warum nicht? Was haben Sie denn gegen das Lachen? Kann man denn auch
+nicht lachend sehr ernsthaft sein? Lieber Major, das Lachen erhaelt
+uns vernuenftiger als der Verdruss. Der Beweis liegt vor uns. Ihre
+lachende Freundin beurteilet Ihre Umstaende weit richtiger als Sie
+selbst. Weil Sie verabschiedet sind, nennen Sie sich an Ihrer Ehre
+gekraenkt; weil Sie einen Schuss in dem Arme haben, machen Sie sich zu
+einem Krueppel. Ist das so recht? Ist das keine Uebertreibung? Und
+ist es meine Einrichtung, dass alle Uebertreibungen des Laecherlichen so
+faehig sind? Ich wette, wenn ich Ihren Bettler nun vornehme, dass auch
+dieser ebensowenig Stich halten wird. Sie werden einmal, zweimal,
+dreimal Ihre Equipage verloren haben; bei dem oder jenem Bankier
+werden einige Kapitale jetzt mitschwinden; Sie werden diesen und jenen
+Vorschuss, den Sie im Dienste getan, keine Hoffnung haben
+wiederzuerhalten: aber sind Sie darum ein Bettler? Wenn Ihnen auch
+nichts uebriggeblieben ist, als was mein Oheim fuer Sie mitbringt--
+
+Tellheim
+Ihr Oheim, gnaediges Fraeulein, wird fuer mich nichts mitbringen.
+
+Fraeulein
+Nichts als die zweitausend Pistolen, die Sie unsern Staenden so
+grossmuetig vorschossen.
+
+Tellheim
+Haetten Sie doch nur meinen Brief gelesen, gnaediges Fraeulein!
+
+Fraeulein
+Nun ja, ich habe ihn gelesen. Aber was ich ueber diesen Punkt darin
+gelesen, ist mir ein wahres Raetsel. Unmoeglich kann man Ihnen aus
+einer edlen Handlung ein Verbrechen machen wollen.--Erklaeren Sie mir
+doch, lieber Major--
+
+Tellheim
+Sie erinnern sich, gnaediges Fraeulein, dass ich Ordre hatte, in den
+Aemtern Ihrer Gegend die Kontribution mit der aeussersten Strenge bar
+beizutreiben. Ich wollte mir diese Strenge ersparen und schoss die
+fehlende Summe selbst vor.--
+
+Fraeulein
+Jawohl erinnere ich mich.--Ich liebte Sie um dieser Tat willen, ohne
+Sie noch gesehen zu haben.
+
+Tellheim
+Die Staende gaben mir ihren Wechsel, und diesen wollte ich bei
+Zeichnung des Friedens unter die zu ratihabierende Schulden eintragen
+lassen. Der Wechsel ward fuer gueltig erkannt, aber mir ward das
+Eigentum desselben streitig gemacht. Man zog spoettisch das Maul, als
+ich versicherte, die Valute bar hergegeben zu haben. Man erklaerte ihn
+fuer eine Bestechung, fuer das Gratial der Staende, weil ich so bald mit
+ihnen auf die niedrigste Summe einig geworden war, mit der ich mich
+nur im aeussersten Notfalle zu begnuegen Vollmacht hatte. So kam der
+Wechsel aus meinen Haenden, und wenn er bezahlt wird, wird er
+sicherlich nicht an mich bezahlt.--Hierdurch, mein Fraeulein, halte ich
+meine Ehre fuer gekraenkt; nicht durch den Abschied, den ich gefordert
+haben wuerde, wenn ich ihn nicht bekommen haette.--Sie sind ernsthaft,
+mein Fraeulein? Warum lachen Sie nicht? Ha, ha, ha! Ich lache ja.
+
+Fraeulein
+Oh, ersticken Sie dieses Lachen, Tellheim! Ich beschwoere Sie! Es ist
+das schreckliche Lachen des Menschenhasses! Nein, Sie sind der Mann
+nicht, den eine gute Tat reuen kann, weil sie ueble Folgen fuer ihn hat.
+ Nein, unmoeglich koennen diese ueble Folgen dauren! Die Wahrheit muss an
+den Tag kommen. Das Zeugnis meines Oheims, aller unsrer Staende--
+
+Tellheim
+Ihres Oheims! Ihrer Staende! Ha, Ha, ha!
+
+Fraeulein
+Ihr Lachen toetet mich, Tellheim! Wenn Sie an Tugend und Vorsicht
+glauben, Tellheim, so lachen Sie so nicht! Ich habe nie
+fuerchterlicher fluchen hoeren, als Sie lachen.--Und lassen Sie uns das
+Schlimmste setzen! Wenn man Sie hier durchaus verkennen will: so kann
+man Sie bei uns nicht verkennen. Nein, wir koennen, wir werden Sie
+nicht verkennen, Tellheim. Und wenn unsere Staende die geringste
+Empfindung von Ehre haben, so weiss ich, was sie tun muessen. Doch ich
+bin nicht klug: was waere das noetig? Bilden Sie sich ein, Tellheim,
+Sie haetten die zweitausend Pistolen an einem wilden Abende verloren.
+Der Koenig war eine unglueckliche Karte fuer Sie: die Dame (auf sich
+weisend) wird Ihnen desto guenstiger sein.--Die Vorsicht, glauben Sie
+mir, haelt den ehrlichen Mann immer schadlos; und oefters schon im
+voraus. Die Tat, die Sie einmal um zweitausend Pistolen bringen
+sollte, erwarb mich Ihnen. Ohne diese Tat wuerde ich nie begierig
+gewesen sein, Sie kennenzulernen. Sie wissen, ich kam uneingeladen in
+die erste Gesellschaft, wo ich Sie zu finden glaubte. Ich kam bloss
+Ihrentwegen. Ich kam in dem festen Vorsatze, Sie zu lieben--ich
+liebte Sie schon!--in dem festen Vorsatze, Sie zu besitzen, wenn ich
+Sie auch so schwarz und haesslich finden sollte als den Mohr von Venedig.
+Sie sind so schwarz und haesslich nicht; auch so eifersuechtig werden
+Sie nicht sein. Aber Tellheim, Tellheim, Sie haben doch noch viel
+Aehnliches mit ihm! Oh, ueber die wilden, unbiegsamen Maenner, die nur
+immer ihr stieres Auge auf das Gespenst der Ehre heften! fuer alles
+andere Gefuehl sich verhaerten!--Hierher Ihr Auge! auf mich, Tellheim!
+(Der indes vertieft und unbeweglich mit starren Augen immer auf eine
+Stelle gesehen.) Woran denken Sie? Sie hoeren mich nicht?
+
+Tellheim
+(zerstreut). O ja! Aber sagen Sie mir doch, mein Fraeulein: wie kam
+der Mohr in venetianische Dienste? Hatte der Mohr kein Vaterland?
+Warum vermietete er seinen Arm und sein Blut einem fremden Staate?--
+
+Fraeulein
+(erschrocken). Wo sind Sie, Tellheim?--Nun ist es Zeit, dass wir
+abbrechen.--Kommen Sie! (Indem sie ihn bei der Hand ergreift.)--
+Franziska, lass den Wagen vorfahren.
+
+Tellheim
+(der sich von dem Fraeulein losreisst und der Franziska nachgeht). Nein,
+Franziska, ich kann nicht die Ehre haben, das Fraeulein zu begleiten.--
+Mein Fraeulein, lassen Sie mir noch heute meinen gesunden Verstand, und
+beurlauben Sie mich. Sie sind auf dem besten Wege, mich darum zu
+bringen. Ich stemme mich, soviel ich kann.--Aber weil ich noch bei
+Verstande bin: so hoeren Sie, mein Fraeulein, was ich fest beschlossen
+habe, wovon mich nichts in der Welt abbringen soll.--Wenn nicht noch
+ein gluecklicher Wurf fuer mich im Spiele ist, wenn sich das Blatt nicht
+voellig wendet, wenn--
+
+Fraeulein
+Ich muss Ihnen ins Wort fallen, Herr Major.--Das haetten wir ihm gleich
+sagen sollen, Franziska. Du erinnerst mich auch an gar nichts.--Unser
+Gespraech wuerde ganz anders gefallen sein, Tellheim, wenn ich mit der
+guten Nachricht angefangen haette, die Ihnen der Chevalier de la
+Marliniere nur eben zu bringen kam.
+
+Tellheim
+Der Chevalier de la Marliniere? Wer ist das?
+
+Franziska
+Es mag ein ganz guter Mann sein, Herr Major, bis auf--
+
+Fraeulein
+Schweig, Franziska!--Gleichfalls ein verabschiedeter Offizier, der aus
+hollaendischen Diensten--
+
+Tellheim
+Ha! der Leutnant Riccaut!
+
+Fraeulein
+Er versicherte, dass er Ihr Freund sei.
+
+Tellheim
+Ich versichere, dass ich seiner nicht bin.
+
+Fraeulein
+Und dass ihm, ich weiss nicht welcher Minister, vertrauet habe, Ihre
+Sache sei dem gluecklichsten Ausgange nahe. Es muesse ein koenigliches
+Handschreiben an Sie unterwegens sein--
+
+Tellheim
+Wie kaemen Riccaut und ein Minister zusammen?--Etwas zwar muss in meiner
+Sache geschehen sein. Denn nur jetzt erklaerte mir der Kriegszahlmeister,
+dass der Koenig alles niedergeschlagen habe, was wider mich urgieret
+worden, und dass ich mein schriftlich gegebenes Ehrenwort, nicht eher
+von hier zu gehen, als bis man mich voellig entladen habe, wieder zurueck-
+nehmen koenne.--Das wird es aber auch alles sein. Man wird mich wollen
+laufen lassen. Allein man irrt sich; ich werde nicht laufen. Eher soll
+mich hier das aeusserste Elend vor den Augen meiner Verleumder verzehren--
+
+Fraeulein
+Hartnaeckiger Mann!
+
+Tellheim
+Ich brauche keine Gnade, ich will Gerechtigkeit. Meine Ehre--
+
+Fraeulein
+Die Ehre eines Mannes wie Sie--
+
+Tellheim
+(hitzig). Nein, mein Fraeulein, Sie werden von allen Dingen recht gut
+urteilen koennen, nur hierueber nicht. Die Ehre ist nicht die Stimme
+unsers Gewissen, nicht das Zeugnis weniger Rechtschaffnen--
+
+Fraeulein
+Nein, nein, ich weiss wohl.--Die Ehre ist--die Ehre.
+
+Tellheim
+Kurz, mein Fraeulein--Sie haben mich nicht ausreden lassen.--Ich wollte
+sagen: wenn man mir das Meinige so schimpflich vorenthaelt, wenn meiner
+Ehre nicht die vollkommenste Genugtuung geschieht, so kann ich, mein
+Fraeulein, der Ihrige nicht sein. Denn ich bin es in den Augen der
+Welt nicht wert zu sein. Das Fraeulein von Barnhelm verdienet einen
+unbescholtenen Mann. Es ist eine nichtswuerdige Liebe, die kein
+Bedenken traegt, ihren Gegenstand der Verachtung auszusetzen. Es ist
+ein nichtswuerdiger Mann, der sich nicht schaemet, sein ganzes Glueck
+einem Frauenzimmer zu verdanken, dessen blinde Zaertlichkeit--
+
+Fraeulein
+Und das ist Ihr Ernst, Herr Major?--(Indem sie ihm ploetzlich den
+Ruecken wendet.) Franziska!
+
+Tellheim
+Werden Sie nicht ungehalten, mein Fraeulein--
+
+Fraeulein
+(beiseite zur Franziska). Jetzt waere es Zeit! Was raetst du mir,
+Franziska?--
+
+Franziska
+Ich rate nichts. Aber freilich macht er es Ihnen ein wenig zu bunt.--
+
+Tellheim
+(der sie zu unterbrechen koemmt). Sie sind ungehalten, mein Fraeulein--
+
+Fraeulein
+(hoehnisch). Ich? im geringsten nicht.
+
+Tellheim
+Wenn ich Sie weniger liebte, mein Fraeulein--
+
+Fraeulein
+(noch in diesem Tone). O gewiss, es waere mein Unglueck!--Und sehen Sie,
+Herr Major, ich will Ihr Unglueck auch nicht.--Mann muss ganz
+uneigennuetzig lieben.--Ebensogut, dass ich nicht offenherziger gewesen
+bin! Vielleicht wuerde mir Ihr Mitleid gewaehret haben, was mir Ihre
+Liebe versagt.--(Indem sie den Ring langsam vom Finger zieht.)
+
+Tellheim
+Was meinen Sie damit, Fraeulein?
+
+Fraeulein
+Nein, keines muss das andere weder gluecklicher noch ungluecklicher
+machen. So will es die wahre Liebe! Ich glaube Ihnen, Herr Major;
+und Sie haben zuviel Ehre, als dass Sie die Liebe verkennen sollten.
+
+Tellheim
+Spotten Sie, mein Fraeulein?
+
+Fraeulein
+Hier! Nehmen Sie den Ring wieder zurueck, mit dem Sie mir Ihre Treue
+verpflichtet. (Ueberreicht ihm den Ring.) Es sei drum! Wir wollen
+einander nicht gekannt haben!
+
+Tellheim
+Was hoere ich?
+
+Fraeulein
+Und das befremdet Sie?--Nehmen Sie, mein Herr.--Sie haben sich doch
+wohl nicht bloss gezieret?
+
+Tellheim
+(indem er den Ring aus ihrer Hand nimmt). Gott! So kann Minna
+sprechen!--
+
+Fraeulein
+Sie koennen der Meinige in einem Falle nicht sein: ich kann die Ihrige
+in keinem sein. Ihr Unglueck ist wahrscheinlich; meines ist gewiss.--
+Leben Sie wohl! (Will fort.)
+
+Tellheim
+Wohin, liebste Minna?
+
+Fraeulein
+Mein Herr, Sie beschimpfen mich jetzt mit dieser vertraulichen
+Benennung.
+
+Tellheim
+Was ist Ihnen, mein Fraeulein? Wohin?
+
+Fraeulein
+Lassen Sie mich.--Meine Traenen vor Ihnen zu verbergen, Verraeter!
+(Geht ab.)
+
+
+
+7. Szene
+
+(v. Tellheim. Franziska.)
+
+
+Tellheim
+Ihre Traenen? Und ich sollte sie lassen? (Will ihr nach.)
+
+Franziska
+(die ihn zurueckhaelt). Nicht doch, Herr Major! Sie werden ihr ja
+nicht in ihr Schlafzimmer folgen wollen?
+
+Tellheim
+Ihr Unglueck? Sprach sie nicht von Unglueck?
+
+Franziska
+Nun freilich, das Unglueck, Sie zu verlieren, nachdem--
+
+Tellheim
+Nachdem? was nachdem? Hierhinter steckt mehr. Was ist es,
+Franziska? Rede, sprich--
+
+Franziska
+Nachdem sie, wollte ich sagen--Ihnen so vieles aufgeopfert.
+
+Tellheim
+Mir aufgeopfert?
+
+Franziska
+Hoeren Sie nur kurz.--Es ist fuer Sie recht gut, Herr Major, dass Sie auf
+diese Art von ihr losgekommen sind.--Warum soll ich es Ihnen nicht
+sagen? Es kann doch laenger kein Geheimnis bleiben.--Wir sind
+entflohen!--Der Graf von Bruchsall hat das Fraeulein enterbt, weil sie
+keinen Mann von seiner Hand annehmen wollte. Alles verliess, alles
+verachtete sie hierauf. Was sollten wir tun? Wir entschlossen uns,
+denjenigen aufzusuchen, dem wir--
+
+Tellheim
+Ich habe genug!--Komm, ich muss mich zu ihren Fuessen werfen.
+
+Franziska
+Was denken Sie? Gehen Sie vielmehr und danken Ihrem guten Geschicke--
+
+Tellheim
+Elende! fuer wen haeltst du mich?--Nein, liebe Franziska, der Rat kam
+nicht aus deinem Herzen. Vergib meinem Unwillen!
+
+Franziska
+Halten Sie mich nicht laenger auf. Ich muss sehen, was sie macht. Wie
+leicht koennte ihr etwas zugestossen sein.--Gehen Sie! Kommen Sie
+lieber wieder, wenn Sie wiederkommen wollen. (Geht dem Fraeulein nach.)
+
+
+
+8. Szene
+
+(v. Tellheim)
+
+
+Tellheim
+Aber, Franziska!--Oh, ich erwarte euch hier!--Nein, das ist dringender!
+--Wenn sie Ernst sieht, kann mir ihre Vergebung nicht entstehen.--Nun
+brauch ich dich, ehrlicher Werner!--Nein, Minna, ich bin kein Verraeter!
+(Eilends ab.)
+
+
+
+
+5. Akt
+
+
+
+1. Szene
+
+(Die Szene: Der Saal.) (v. Tellheim von der einen und Werner von der
+andern Seite.)
+
+
+Tellheim
+Ha, Werner! ich suche dich ueberall. Wo steckst du?
+
+Werner
+Und ich habe Sie gesucht, Herr Major; so geht's mit dem Suchen.--Ich
+bringe Ihnen gar eine gute Nachricht.
+
+Tellheim
+Ah, ich brauche jetzt nicht deine Nachrichten: ich brauche dein Geld.
+Geschwind, Werner, gib mir, soviel du hast; und denn suche so viel
+aufzubringen, als du kannst.
+
+Werner
+Herr Major?--Nun, bei meiner armen Seele, habe ich's doch gesagt: er
+wird Geld von mir borgen, wenn er selber welches zu verleihen hat.
+
+Tellheim
+Du suchst doch nicht Ausfluechte?
+
+Werner
+Damit ich ihm nichts vorzuwerfen habe, so nimmt er mir's mit der
+Rechten und gibt mir's mit der Linken wieder.
+
+Tellheim
+Halte mich nicht auf, Werner!--Ich habe den guten Willen, dir es
+wiederzugeben, aber wenn und wie?--Das weiss Gott!
+
+Werner
+Sie wissen es also noch nicht, dass die Hofstaatskasse Ordre hat, Ihnen
+Ihre Gelder zu bezahlen? Eben erfuhr ich es bei--
+
+Tellheim
+Was plauderst du? Was laessest du dir weismachen? Begreifst du denn
+nicht, dass, wenn es wahr waere, ich es doch wohl am ersten wissen
+muesste?--Kurz, Werner, Geld! Geld!
+
+Werner
+Je nu, mit Freuden! hier ist was!--das sind die hundert Louisdor und
+das die hundert Dukaten. / (gibt ihm beides.)
+
+Tellheim
+Die hundert Louisdor, Werner, geh und bringe Justen. Er soll sogleich
+den Ring wieder einloesen, den er heute frueh versetzt hat.--Aber wo
+wirst du mehr hernehmen, Werner?--Ich brauche weit mehr.
+
+Werner
+Dafuer lassen Sie mich sorgen.--Der Mann, der mein Gut gekauft hat,
+wohnt in der Stadt. Der Zahlungstermin waere zwar erst in vierzehn
+Tagen, aber das Geld liegt parat, und ein halb Prozentchen Abzug--
+
+Tellheim
+Nun ja, lieber Werner!--Siehst du, dass ich meine einzige Zuflucht zu
+dir nehme?--Ich muss dir auch alles vertrauen. Das Fraeulein hier--du
+hast sie gesehn--ist ungluecklich--
+
+Werner
+O Jammer!
+
+Tellheim
+Aber morgen ist sie meine Frau--
+
+Werner
+O Freude!
+
+Tellheim
+Und uebermorgen geh ich mit ihr fort. Ich darf fort, ich will fort.
+Lieber hier alles im Stiche gelassen! Wer weiss, wo mir sonst ein
+Glueck aufgehoben ist. Wenn du willst, Werner, so komm mit. Wir
+wollen wieder Dienste nehmen.
+
+Werner
+Wahrhaftig?--Aber doch wo's Krieg gibt, Herr Major?
+
+Tellheim
+Wo sonst?--Geh, lieber Werner, wir sprechen davon weiter.
+
+Werner
+O Herzensmajor!--Uebermorgen? Warum nicht lieber morgen?--Ich will
+schon alles zusammenbringen--In Persien, Herr Major, gibt's einen
+trefflichen Krieg; was meinen Sie?
+
+Tellheim
+Wir wollen das ueberlegen; geh nur, Werner!--
+
+Werner
+Juchhe! es lebe der Prinz Heraklius! (Geht ab.)
+
+
+
+2. Szene
+
+(v. Tellheim)
+
+
+Tellheim
+Wie is mir?--Meine ganze Seele hat neue Triebfedern bekommen. Mein
+eignes Unglueck schlug mich nieder, machte mich aergerlich, kurzsichtig,
+schuechtern, laessig: ihr Unglueck hebt mich empor, ich sehe wieder frei
+um mich und fuehle mich willig und stark, alles fuer sie zu unternehmen--
+Was verweile ich? (Will nach dem Zimmer des Fraeuleins, aus dem ihm
+Franziska entgegenkoemmt.)
+
+
+
+3. Szene
+
+(Franziska. v. Tellheim.)
+
+
+Franziska
+Sind Sie es doch?--Es war mir, als ob ich Ihre Stimme hoerte.--Was
+wollen Sie, Herr Major?
+
+Tellheim
+Was ich will?--Was macht dein Fraeulein?--Komm!--
+
+Franziska
+Sie will den Augenblick ausfahren.
+
+Tellheim
+Und allein? ohne mich? wohin?
+
+Franziska
+Haben Sie vergessen, Herr Major?--
+
+Tellheim
+Bist du nicht klug, Franziska?--Ich habe sie gereizt, und sie ward
+empfindlich: ich werde sie um Vergebung bitten, und sie wird mir
+vergeben.
+
+Franziska
+Wie?--Nachdem Sie den Ring zurueckgenommen, Herr Major?
+
+Tellheim
+Ha!--Das tat ich in der Betaeubung.--Jetzt denk ich erst wieder an den
+Ring.--Wo habe ich ihn hingesteckt?--(Er sucht ihn.) Hier ist er.
+
+Franziska
+Ist er das? (Indem er ihn wieder einsteckt, beiseite.) Wenn er ihn
+doch genauer besehen wollte!
+
+Tellheim
+Sie drang mir ihn auf mit einer Bitterkeit--Ich habe diese Bitterkeit
+schon vergessen. Ein volles Herz kann die Worte nicht waegen.--Aber
+sie wird sich auch keinen Augenblick weigern, den Ring wieder
+anzunehmen.--Und habe ich nicht noch ihren?
+
+Franziska
+Den erwartet sie dafuer zurueck.--Wo haben Sie ihn denn, Herr Major?
+Zeigen Sie mir ihn doch.
+
+Tellheim
+(etwas verlegen). Ich habe--ihn anzustecken vergessen.--Just--Just
+wird mir ihn gleich nachbringen.
+
+Franziska
+Es ist wohl einer ziemlich wie der andere; lassen Sie mich doch diesen
+sehen; ich sehe so was gar zu gern.
+
+Tellheim
+Ein andermal, Franziska. Jetzt komm--Franziska (beiseite). Er will
+sich durchaus nicht aus seinem Irrtume bringen lassen.
+
+Tellheim
+Was sagst du? Irrtume?
+
+Franziska
+Es ist ein Irrtum, sag ich, wenn Sie meinen, dass das Fraeulein doch
+noch eine gute Partie sei. Ihr eigenes Vermoegen ist gar nicht
+betraechtlich; durch ein wenig eigennuetzige Rechnungen koennen es ihr
+die Vormuender voellig zu Wasser machen. Sie erwartete alles von dem
+Oheim, aber dieser grausame Oheim--
+
+Tellheim
+Lass ihn doch!--Bin ich nicht Manns genug, ihr einmal alles zu
+ersetzen?--
+
+Franziska
+Hoeren Sie? Sie klingelt; ich muss herein.
+
+Tellheim
+Ich gehe mit dir.
+
+Franziska
+Um des Himmels willen nicht! Sie hat mir ausdruecklich verboten, mit
+Ihnen zu sprechen. Kommen Sie wenigstens mir erst nach.--(Geht herein.)
+
+
+
+4. Szene
+
+(v. Tellheim ihr nachrufend.) Melde mich ihr!--Sprich fuer mich,
+Franziska!--Ich folge dir sogleich!--Was werde ich ihr sagen?--Wo das
+Herz reden darf, braucht es keiner Vorbereitung.--Das einzige moechte
+eine studierte Wendung beduerfen: ihre Zurueckhaltung, ihre
+Bedenklichkeit, sich als ungluecklich in meine Arme zu werfen; ihre
+Beflissenheit, mir ein Glueck vorzuspiegeln, das sie durch mich
+verloren hat. Dieses Misstrauen in meine Ehre, in ihren eigenen Wert
+vor ihr selbst zu entschuldigen, vor ihr selbst--Vor mir ist es schon
+entschuldiget!--Ha! hier koemmt sie.--
+
+
+
+5. Szene
+
+(Das Fraeulein. Franziska. v. Tellheim.)
+
+
+Fraeulein
+(im Heraustreten, als ob sie den Major nicht gewahr wuerde). Der Wagen
+ist doch vor der Tuere, Franziska?--Meinen Faecher!
+
+Tellheim
+(auf sie zu). Wohin, mein Fraeulein?
+
+Fraeulein
+(mit einer affektierten Kaelte). Aus, Herr Major.--Ich errate, warum
+Sie sich nochmals herbemuehet haben: mir auch meinen Ring wieder
+zurueckzugeben.--Wohl, Herr Major; haben Sie nur die Guete, ihn der
+Franziska einzuhaendigen.--Franziska, nimm dem Herrn Major den Ring ab!
+--Ich habe keine Zeit zu verlieren. (Will fort.)
+
+Tellheim
+(der ihr vortritt). Mein Fraeulein!--Ah, was habe ich erfahren, mein
+Fraeulein! Ich war so vieler Liebe nicht wert.
+
+Fraeulein
+So, Franziska? Du hast dem Herrn Major--
+
+Franziska
+Alles entdeckt.
+
+Tellheim.
+Zuernen Sie nicht auf mich, mein Fraeulein. Ich bin kein Verraeter. Sie
+haben um mich in den Augen der Welt viel verloren, aber nicht in den
+meinen. In meinen Augen haben Sie unendlich durch diesen Verlust
+gewonnen. Er war Ihnen noch zu neu; Sie fuerchteten, er moechte einen
+allzu nachteiligen Eindruck auf mich machen; Sie wollten mir ihn vors
+erste verbergen. Ich beschwere mich nicht ueber dieses Misstrauen. Es
+entsprang aus dem Verlangen, mich zu erhalten. Dieses Verlangen ist
+mein Stolz! Sie fanden mich selbst ungluecklich; und Sie wollten
+Unglueck nicht mit Unglueck haeufen. Sie konnten nicht vermuten, wie
+sehr mich Ihr Unglueck ueber das meinige hinaussetzen wuerde.
+
+Fraeulein
+Alles recht gut, Herr Major! Aber es ist nun einmal geschehen. Ich
+habe Sie Ihrer Verbindlichkeit erlassen; Sie haben durch Zuruecknehmung
+des Ringes--
+
+Tellheim
+In nichts gewilliget!--Vielmehr halte ich mich jetzt fuer gebundener
+als jemals.--Sie sind die Meinige, Minna, auf ewig die Meinige.
+(Zieht den Ring heraus.) Hier, empfangen Sie es zum zweiten Male, das
+Unterpfand meiner Treue--
+
+Fraeulein
+Ich diesen Ring wiedernehmen? diesen Ring?
+
+Tellheim
+Ja, liebste Minna, ja!
+
+Fraeulein
+Was muten Sie mir zu? diesen Ring?
+
+Tellheim
+Diesen Ring nahmen Sie das erstemal aus meiner Hand, als unser beider
+Umstaende einander gleich und gluecklich waren. Sie sind nicht mehr
+gluecklich, aber wiederum einander gleich. Gleichheit ist immer das
+festeste Band der Liebe.--Erlauben Sie, liebste Minna!--(Ergreift ihre
+Hand, um ihr den Ring anzustecken.)
+
+Fraeulein
+Wie? mit Gewalt, Herr Major?--Nein, da ist keine Gewalt in der Welt,
+die mich zwingen soll, diesen Ring wieder anzunehmen!--Meinen Sie etwa,
+ dass es mir an einem Ringe fehlt?--Oh, Sie sehen ja wohl (auf ihren
+Ring zeigend), dass ich hier noch einen habe, der Ihrem nicht das
+geringste nachgibt?--
+
+Franziska
+Wenn er es noch nicht merkt!--
+
+Tellheim
+(indem er die Hand des Fraeuleins fahren laesst). Was ist das?--Ich sehe
+das Fraeulein von Barnhelm, aber ich hoere es nicht.--Sie zieren sich,
+mein Fraeulein.--Vergeben Sie, dass ich Ihnen dieses Wort nachbrauche.
+
+Fraeulein
+(in ihrem wahren Tone). Hat Sie dieses Wort beleidiget, Herr, Major?
+
+Tellheim
+Es hat mir weh getan.
+
+Fraeulein
+(geruehrt). Das sollte es nicht, Tellheim.--Verzeihen Sie mir,
+Tellheim.
+
+Tellheim
+Ha, dieser vertrauliche Ton sagt mir, dass Sie wieder zu sich kommen,
+mein Fraeulein, dass Sie mich noch lieben, Minna.--
+
+Franziska
+(herausplatzend). Bald waere der Spass auch zu weit gegangen.--
+
+Fraeulein
+(gebieterisch). Ohne dich in unser Spiel zu mengen, Franziska, wenn
+ich bitten darf!
+
+Franziska
+(beiseite und betroffen). Noch nicht genug?
+
+Fraeulein
+Ja, mein Herr, es waere weibliche Eitelkeit, mich kalt und hoehnisch zu
+stellen. Weg damit! Sie verdienen es, mich ebenso wahrhaft zu finden,
+als Sie selbst sind.--Ich liebe Sie noch, Tellheim, ich liebe Sie
+noch, aber demohngeachtet--
+
+Tellheim
+Nicht weiter, liebste Minna, nicht weiter! (Ergreift ihre Hand
+nochmals, ihr den Ring anzustecken.)
+
+Fraeulein
+(die ihre Hand zurueckzieht). Demohngeachtet--um so viel mehr werde
+ich dieses nimmermehr geschehen lassen; nimmermehr!--Wo denken Sie hin,
+Herr Major?--Ich meinte, Sie haetten an Ihrem eigenen Ungluecke genug.--
+Sie muessen hierbleiben; Sie muessen sich die allervollstaendigste
+Genugtuung--ertrotzen. Ich weiss in der Geschwindigkeit kein ander
+Wort.--Ertrotzen--und sollte Sie auch das aeusserste Elend, vor den
+Augen Ihrer Verleumder, darueber verzehren!
+
+Tellheim
+So dacht' ich, so sprach ich, als ich nicht wusste, was ich dachte und
+sprach. Aergernis und verbissene Wut hatten meine ganze Seele umnebelt;
+die Liebe selbst in dem vollesten Glanze des Glueckes konnte sich
+darin nicht Tag schaffen. Aber sie sendet ihre Tochter, das Mitleid,
+die, mit dem finstern Schmerze vertrauter, die Nebel zerstreuet und
+alle Zugaenge meiner Seele den Eindruecken der Zaertlichkeit wiederum
+oeffnet. Der Trieb der Selbsterhaltung erwacht, da ich etwas
+Kostbarers zu erhalten habe als mich und es durch mich zu erhalten
+habe. Lassen Sie mich, mein Fraeulein, das Wort Mitleid nicht
+beleidigen. Von der unschuldigen Ursache unsers Ungluecks koennen wir
+es ohne Erniedrigung hoeren. Ich bin diese Ursache; durch mich, Minna,
+verlieren Sie Freunde und Anverwandte, Vermoegen und Vaterland. Durch
+mich, in mir muessen Sie alles dieses wiederfinden, oder ich habe das
+Verderben der Liebenswuerdigsten Ihres Geschlechts auf meiner Seele.
+Lassen Sie mich keine Zukunft denken, wo ich mich selbst hassen muesste.
+--Nein, nichts soll mich hier laenger halten. Von diesem Augenblicke an
+will ich dem Unrechte, das mir hier widerfaehrt, nichts als Verachtung
+entgegensetzen. Ist dieses Land die Welt? Geht hier allein die Sonne
+auf? Wo darf ich nicht hinkommen? Welche Dienste wird man mir
+verweigern? Und muesste ich sie unter dem entferntesten Himmel suchen:
+folgen Sie mir nur getrost, liebste Minna; es soll uns an nichts
+fehlen.--Ich habe einen Freund, der mich gern unterstuetzet.
+
+
+
+6. Szene
+
+(Ein Feldjaeger. v. Tellheim. Das Fraeulein. Franziska.)
+
+
+Franziska
+(indem sie den Feldjaeger gewahr wird). St! Herr Major--
+
+Tellheim
+(gegen den Feldjaeger). Zu wem wollen Sie?
+
+Feldjaeger
+Ich suche den Herrn Major von Tellheim.--Ah, Sie sind es ja selbst.
+Mein Herr Major, dieses koenigliche Handschreiben (das er aus seiner
+Brieftasche nimmt) habe ich an Sie zu uebergeben.
+
+Tellheim
+An mich?
+
+Feldjaeger
+Zufolge der Aufschrift--
+
+Fraeulein
+Franziska, hoerst du?--Der Chevalier hat doch wahr geredet!
+
+Feldjaeger
+(indem Tellheim den Brief nimmt). Ich bitte um Verzeihung, Herr Major;
+Sie haetten es bereits gestern erhalten sollen, aber es ist mir nicht
+moeglich gewesen, Sie auszufragen. Erst heute auf der Parade habe ich
+Ihre Wohnung von dem Leutnant Riccaut erfahren.
+
+Franziska
+Gnaediges Fraeulein, hoeren Sie?--Das ist des Chevaliers Minister.--"Wie
+heissen der Minister da drauss auf die breite Platz?"--
+
+Tellheim
+Ich bin Ihnen fuer Ihre Muehe sehr verbunden.
+
+Feldjaeger
+Es ist meine Schuldigkeit, Herr Major. (Geht ab.)
+
+
+
+7. Szene
+
+(v. Tellheim. Das Fraeulein. Franziska.)
+
+
+Tellheim
+Ah, mein Fraeulein, was habe ich hier? Was enthaelt dieses Schreiben?
+
+Fraeulein.
+Ich bin nicht befugt, meine Neugierde so weit zu erstrecken.
+
+Tellheim
+Wie? Sie trennen mein Schicksal noch von dem Ihrigen?--Aber warum
+steh ich an, es zu erbrechen?--Es kann mich nicht ungluecklicher machen,
+als ich bin; nein, liebste Minna, es kann uns nicht ungluecklicher
+machen--wohl aber gluecklicher!--Erlauben Sie, mein Fraeulein!
+(Erbricht und lieset den Brief, indes dass der Wirt an die Szene
+geschlichen koemmt.)
+
+
+
+8. Szene
+
+(Der Wirt. Die Vorigen.)
+
+
+Wirt
+(gegen die Franziska). Bst! mein schoenes Kind! auf ein Wort!
+
+Franziska
+(die sich ihm naehert). Herr Wirt?--Gewiss, wir wissen selbst noch
+nicht, was in dem Briefe steht.
+
+Wirt
+Wer will vom Briefe wissen?--Ich komme des Ringes wegen. Das gnaedige
+Fraeulein muss mir ihn gleich wiedergeben. Just ist da, er soll ihn
+wieder einloesen.
+
+Fraeulein
+(das sich indes gleichfalls dem Wirte genaehert). Sagen Sie Justen nur,
+dass er schon eingeloeset sei; und sagen Sie ihm nur, von wem; von mir.
+
+
+Wirt
+Aber--
+
+Fraeulein
+Ich nehme alles auf mich; gehen Sie doch! (Der Wirt geht ab.)
+
+
+
+9. Szene
+
+(v. Tellheim. Das Fraeulein. Franziska.)
+
+
+Franziska
+Und nun, gnaediges Fraeulein, lassen Sie es mit dem armen Major gut sein.
+
+
+Fraeulein
+Oh, ueber die Vorbitterin! Als ob der Knoten sich nicht von selbst
+bald loesen muesste.
+
+Tellheim
+(nachdem er gelesen, mit der lebhaftesten Ruehrung). Ha! er hat sich
+auch hier nicht verleugnet!--Oh, mein Fraeulein, welche Gerechtigkeit!--
+welche Gnade!--Das ist mehr, als ich erwartet!--Mehr, als ich verdiene!
+--Mein Glueck, meine Ehre, alles ist wiederhergestellt!--Ich traeume
+doch nicht? (Indem er wieder in den Brief sieht, als um sich nochmals
+zu ueberzeugen.) Nein, kein Blendwerk meiner Wuensche!--Lesen Sie selbst,
+ mein Fraeulein, lesen Sie selbst!
+
+Fraeulein
+Ich bin nicht so unbescheiden, Herr Major.
+
+Tellheim
+Unbescheiden? Der Brief ist an mich, an Ihren Tellheim, Minna. Er
+enthaelt--was Ihnen Ihr Oheim nicht nehmen kann. Sie muessen ihn lesen;
+lesen Sie doch!
+
+Fraeulein
+Wenn Ihnen ein Gefalle damit geschieht, Herr Major--(Sie nimmt den
+Brief und lieset.) ("Mein lieber Major von Tellheim!) Ich tue Euch zu
+wissen, dass der Handel, der mich um Eure Ehre besorgt machte, sich zu
+Eurem Vorteil aufgeklaeret hat. Mein Bruder war des naehern davon
+unterrichtet, und sein Zeugnis hat Euch fuer mehr als unschuldig
+erklaeret. Die Hofstaatskasse hat Ordre, Euch den bewussten Wechsel
+wieder auszuliefern und die getanen Vorschuesse zu bezahlen; auch habe
+ich befohlen, dass alles, was die Feldkriegskassen wider Eure
+Rechnungen urgieren, niedergeschlagen werde. Meldet mir, ob Euch Eure
+Gesundheit erlaubet, wieder Dienste zu nehmen. Ich moechte nicht gern
+einen Mann von Eurer Bravour und Denkungsart entbehren. Ich bin Euer
+wohlaffektionierter Koenig" etc.
+
+Tellheim
+Nun, was sagen Sie hierzu, mein Fraeulein?
+
+Fraeulein
+(indem sie den Brief wieder zusammenschlaegt und zurueckgibt). Ich?
+Nichts.
+
+Tellheim
+Nichts?
+
+Fraeulein
+Doch ja: dass Ihr Koenig, der ein grosser Mann ist, auch wohl ein guter
+Mann sein mag.--Aber was geht mich das an? Er ist nicht mein Koenig.
+
+Tellheim
+Und sonst sagen Sie nichts? Nichts in Ruecksicht auf uns selbst?
+
+Fraeulein
+Sie treten wieder in seine Dienste; der Herr Major wird Oberstleutnant,
+Oberster vielleicht. Ich gratuliere von Herzen.
+
+Tellheim
+Und Sie kennen mich nicht besser?--Nein, da mir das Glueck so viel
+zurueckgibt, als genug ist, die Wuensche eines vernuenftigen Mannes zu
+befriedigen, soll es einzig von meiner Minna abhangen, ob ich sonst
+noch jemanden wieder zugehoeren soll als ihr. Ihrem Dienste allein sei
+mein ganzes Leben gewidmet! Die Dienste der Grossen sind gefaehrlich
+und lohnen der Muehe, des Zwanges, der Erniedrigung nicht, die sie
+kosten. Minna ist keine von den Eiteln, die in ihren Maennern nichts
+als den Titel und die Ehrenstelle lieben. Sie wird mich um mich
+selbst lieben; und ich werde um sie die ganze Welt vergessen. Ich
+ward Soldat aus Parteilichkeit, ich weiss selbst nicht fuer welche
+politische Grundsaetze, und aus der Grille, dass es fuer jeden ehrlichen
+Mann gut sei, sich in diesem Stande eine Zeitlang zu versuchen, um
+sich mit allem, was Gefahr heisst, vertraulich zu machen und Kaelte und
+Entschlossenheit zu lernen. Nur die aeusserste Not haette mich zwingen
+koennen, aus diesem Versuche eine Bestimmung, aus dieser gelegentlichen
+Beschaeftigung ein Handwerk zu machen. Aber nun, da mich nichts mehr
+zwingt, nun ist mein ganzer Ehrgeiz wiederum einzig und allein, ein
+ruhiger und zufriedener Mensch zu sein. Der werde ich mit Ihnen,
+liebste Minna, unfehlbar werden; der werde ich in Ihrer Gesellschaft
+unveraenderlich bleiben.--Morgen verbinde uns das heiligste Band; und
+sodann wollen wir um uns sehen und wollen in der ganzen weiten
+bewohnten Welt den stillsten, heitersten, lachendsten Winkel suchen,
+dem zum Paradiese nichts fehlt als ein glueckliches Paar. Da wollen
+wir wohnen; da soll jeder unserer Tage--Was ist Ihnen, mein Fraeulein?
+(Die sich unruhig hin und her wendet und ihre Ruehrung zu verbergen
+sucht.)
+
+Fraeulein
+(sich fassend). Sie sind sehr grausam, Tellheim, mir ein Glueck so
+reizend darzustellen, dem ich entsagen muss. Mein Verlust--
+
+Tellheim
+Ihr Verlust?--Was nennen Sie Ihren Verlust? Alles, was Minna
+verlieren konnte, ist nicht Minna. Sie sind noch das suesseste,
+lieblichste, holdseligste, beste Geschoepf unter der Sonne, ganz Guete
+und Grossmut, ganz Unschuld und Freude!--Dann und wann ein kleiner
+Mutwille; hier und da ein wenig Eigensinn--Desto besser! desto besser!
+Minna waere sonst ein Engel, den ich mit Schaudern verehren muesste,
+den ich nicht lieben koennte. (Ergreift ihre Hand, sie zu kuessen.)
+
+Fraeulein
+(die ihre Hand zurueckzieht). Nicht so, mein Herr!--(Wie auf einmal so
+veraendert?--Ist dieser schmeichelnde, stuermische Liebhaber der kalte
+Tellheim?--Konnte nur sein wiederkehrendes Glueck ihn in dieses Feuer
+setzen?--Er erlaube mir, dass ich bei seiner fliegenden Hitze fuer uns
+beide Ueberlegung behalte.--Als er selbst ueberlegen konnte, hoerte ich
+ihn sagen, es sei eine nichtswuerdige Liebe, die kein Bedenken trage,
+ihren Gegenstand der Verachtung auszusetzen.--Recht, aber ich bestrebe
+mich einer ebenso reinen und edeln Liebe als er.--Jetzt, da ihn die
+Ehre ruft, da sich ein grosser Monarch um ihn bewirbt, sollte ich
+zugeben, dass er sich verliebten Traeumereien mit mir ueberliesse? dass
+der ruhmvolle Krieger in einen taendelnden Schaefer ausarte?--Nein, Herr
+Major, folgen Sie dem Wink Ihres bessern Schicksals--)
+
+Tellheim
+Nun wohl! Wenn Ihnen die grosse Welt reizender ist, Minna--wohl! so
+behalte uns die grosse Welt!--Wie klein, wie armselig ist diese grosse
+Welt!--Sie kennen sie nur erst von ihrer Flitterseite. Aber gewiss,
+Minna, Sie werden--Es sei! Bis dahin, wohl! Es soll Ihren
+Vollkommenheiten nicht an Bewundrern fehlen, und meinem Gluecke wird es
+nicht an Neidern gebrechen.
+
+Fraeulein
+Nein, Tellheim, so ist es nicht gemeint! Ich weise Sie in die grosse
+Welt, auf die Bahn der Ehre zurueck, ohne Ihnen dahin folgen zu wollen.
+--Dort braucht Tellheim eine unbescholtene Gattin! Ein saechsisches
+verlaufenes Fraeulein, das sich ihm an den Kopf geworfen--
+
+Tellheim
+(auffahrend und wild um sich sehend). Wer darf so sprechen?--Ah,
+Minna, ich erschrecke vor mir selbst, wenn ich mir vorstelle, dass
+jemand anders dieses gesagt haette als Sie. Meine Wut gegen ihn wuerde
+ohne Grenzen sein.
+
+Fraeulein
+Nun da! Das eben besorge ich. Sie wuerden nicht die geringste
+Spoetterei ueber mich dulden, und doch wuerden Sie taeglich die bittersten
+einzunehmen haben.--Kurz, hoeren Sie also, Tellheim, was ich fest
+beschlossen, wovon mich nichts in der Welt abbringen soll--
+
+Tellheim
+Ehe Sie ausreden, Fraeulein--ich beschwoere Sie, Minna!--ueberlegen Sie
+es noch einen Augenblick, dass Sie mir das Urteil ueber Leben und Tod
+sprechen!--
+
+Fraeulein
+Ohne weitere Ueberlegung!--So gewiss ich Ihnen den Ring zurueckgegeben,
+mit welchem Sie mir ehemals Ihre Treue verpflichtet, so gewiss Sie
+diesen naemlichen Ring zurueckgenommen: so gewiss soll die unglueckliche
+Barnhelm die Gattin des gluecklichern Tellheims nie werden!
+
+Tellheim
+Und hiermit brechen Sie den Stab, Fraeulein?
+
+Fraeulein
+Gleichheit ist allein das feste Band der Liebe.--Die glueckliche
+Barnhelm wuenschte, nur fuer den gluecklichen Tellheim zu leben. Auch
+die unglueckliche Minna haette sich endlich ueberreden lassen, das
+Unglueck ihres Freundes durch sich, es sei zu vermehren oder zu lindern.
+--Er bemerkte es ja wohl, ehe dieser Brief ankam, der alle Gleichheit
+zwischen uns wieder aufhebt, wie sehr zum Schein ich mich nur noch
+weigerte.
+
+Tellheim
+Ist das wahr, mein Fraeulein?--Ich danke Ihnen, Minna, dass Sie den Stab
+noch nicht gebrochen.--Sie wollen nur den ungluecklichen Tellheim? Er
+ist zu haben. (Kalt.) Ich empfinde eben, dass es mir unanstaendig ist,
+diese spaete Gerechtigkeit anzunehmen, dass es besser sein wird, wenn
+ich das, was man durch einen so schimpflichen Verdacht entehrt hat,
+gar nicht wiederverlange.--Ja, ich will den Brief nicht bekommen haben.
+Das sei alles, was ich darauf antworte und tue! (Im Begriffe, ihn
+zu zerreissen.)
+
+Fraeulein
+(das ihm in die Haende greift). Was wollen Sie, Tellheim?
+
+Tellheim
+Sie besitzen.
+
+Fraeulein
+Halten Sie!
+
+Tellheim
+Fraeulein, er ist unfehlbar zerrissen, wenn Sie nicht bald sich anders
+erklaeren.--Alsdann wollen wir doch sehen, was Sie noch wider mich
+einzuwenden haben!
+
+Fraeulein
+Wie? In diesem Tone?--So soll ich, so muss ich in meinen eigenen Augen
+veraechtlich werden? Nimmermehr! Es ist eine nichtswuerdige Kreatur,
+die sich nicht schaemet, ihr ganzes Glueck der blinden Zaertlichkeit
+eines Mannes zu verdanken!
+
+Tellheim
+Falsch, grundfalsch!
+
+Fraeulein
+Wollen Sie es wagen, Ihre eigene Rede in meinem Munde zu schelten?
+
+Tellheim
+Sophistin! So entehrt sich das schwaechere Geschlecht durch alles, was
+dem staerkern nicht ansteht? So soll sich der Mann alles erlauben, was
+dem Weibe geziemet? Welches bestimmte die Natur zur Stuetze des
+andern?
+
+Fraeulein
+Beruhigen Sie sich, Tellheim!--Ich werde nicht ganz ohne Schutz sein,
+wenn ich schon die Ehre des Ihrigen ausschlagen muss. So viel muss mir
+immer noch werden, als die Not erfordert. Ich habe mich bei unserm
+Gesandten melden lassen. Er will mich noch heute sprechen.
+Hoffentlich wird er sich meiner annehmen. Die Zeit verfliesst.
+Erlauben Sie, Herr Major--
+
+Tellheim
+Ich werde Sie begleiten, gnaediges Fraeulein.--
+
+Fraeulein
+Nicht doch, Herr Major, lassen Sie mich--
+
+Tellheim
+Eher soll Ihr Schatten Sie verlassen! Kommen Sie nur, mein Fraeulein,
+wohin Sie wollen, zu wem Sie wollen. Ueberall, an Bekannte und
+Unbekannte, will ich es erzaehlen, in Ihrer Gegenwart des Tages
+hundertmal erzaehlen, welche Bande Sie an mich verknuepfen, aus welchem
+grausamen Eigensinne Sie diese Bande trennen wollen--
+
+
+
+10. Szene
+
+(Just. Die Vorigen.)
+
+
+Just
+(mit Ungestuem). Herr Major! Herr Major!
+
+Tellheim
+Nun?
+
+Just
+Kommen Sie doch geschwind, geschwind!
+
+Tellheim
+Was soll ich? Zu mir her! Sprich, was ist's?
+
+Just
+Hoeren Sie nur--(Redet ihm heimlich ins Ohr.)
+
+Fraeulein
+(indes beiseite zur Franziska). Merkst du was, Franziska?
+
+Franziska
+Oh, Sie Unbarmherzige! Ich habe hier gestanden wie auf Kohlen!
+
+Tellheim
+(zu Justen). Was sagst du?--Das ist nicht moeglich!--Sie? (Indem er
+das Fraeulein wild anblickt.)--sag es laut; sag es ihr ins Gesicht!--
+Hoeren Sie doch, mein Fraeulein!--
+
+Just
+Der Wirt sagt, das Fraeulein von Barnhelm habe den Ring, welchen ich
+bei ihm versetzt, zu sich genommen; sie habe ihn fuer den ihrigen
+erkannt und wolle ihn nicht wieder herausgeben.--
+
+Tellheim
+Ist das wahr, mein Fraeulein?--Nein, das kann nicht wahr sein!
+
+Fraeulein
+(laechelnd). Und warum nicht, Tellheim?--Warum kann es nicht wahr
+sein?
+
+Tellheim
+(heftig). Nun, so sei es wahr!--Welch schreckliches Licht, das mir
+auf einmal aufgegangen!--Nun erkenne ich Sie, die Falsche, die
+Ungetreue!
+
+Fraeulein
+(erschrocken). Wer? wer ist diese Ungetreue?
+
+Tellheim
+Sie, die ich nicht mehr nennen will!
+
+Fraeulein
+Tellheim!
+
+Tellheim
+Vergessen Sie meinen Namen!--Sie kamen hierher, mit mir zu brechen.
+Es ist klar!--Dass der Zufall so gern dem Treulosen zustatten koemmt!
+Er fuehrte Ihnen Ihren Ring in die Haende. Ihre Arglist wusste mir den
+meinigen zuzuschanzen.
+
+Fraeulein
+Tellheim, was fuer Gespenster sehen Sie! Fassen Sie sich doch, und
+hoeren Sie mich.
+
+Franziska
+(vor sich). Nun mag sie es haben!
+
+
+
+11. Szene
+
+(Werner mit einem Beutel Gold. v. Tellheim. (Das Fraeulein.
+Franziska. Just.)
+
+
+Werner
+Hier bin ich schon, Herr Major!--
+
+Tellheim
+(ohne ihn anzusehen). Wer verlangt dich?--
+
+Werner
+Hier ist Geld! tausend Pistolen!
+
+Tellheim
+Ich will sie nicht!
+
+Werner
+Morgen koennen Sie, Herr Major, ueber noch einmal so viel befehlen.
+
+Tellheim
+Behalte dein Geld!
+
+Werner
+Es ist ja Ihr Geld, Herr Major.--Ich glaube, Sie sehen nicht, mit wem
+Sie sprechen?
+
+Tellheim
+Weg damit! sag ich.
+
+Werner
+Was fehlt Ihnen?--Ich bin Werner.
+
+Tellheim
+Alle Guete ist Verstellung, alle Dienstfertigkeit Betrug.
+
+Werner
+Gilt das mir?
+
+Tellheim
+Wie du willst!
+
+Werner
+Ich habe ja nur Ihren Befehl vollzogen.--
+
+Tellheim
+So vollziehe auch den und packe dich!
+
+Werner
+Herr Major! (aergerlich) ich bin ein Mensch--
+
+Tellheim
+Da bist du was Rechts!
+
+Werner
+Der auch Galle hat--
+
+Tellheim
+Gut! Galle ist noch das Beste, was wir haben.
+
+Werner
+Ich bitte Sie, Herr Major--
+
+Tellheim
+Wievielmal soll ich dir es sagen? Ich brauche dein Geld nicht!
+
+Werner
+(zornig). Nun, so brauch es, wer da will! (Indem er ihm den Beutel
+vor die Fuesse wirft und beiseite geht.)
+
+Fraeulein
+(zur Franziska). Ah, liebe Franziska, ich haette dir folgen sollen.
+Ich habe den Scherz zu weit getrieben.--Doch er darf mich ja nur hoeren
+--(Auf ihn zugehend.)
+
+Franziska
+(die, ohne dem Fraeulein zu antworten, sich Wernern naehert). Herr
+Wachtmeister!--
+
+Werner
+(muerrisch). Geh Sie!--
+
+Franziska
+Hu! was sind das fuer Maenner!
+
+Fraeulein
+Tellheim!--Tellheim! (Der vor Wut an den Fingern naget, das Gesicht
+wegwendet und nichts hoeret.)--Nein, das ist zu arg!--Hoeren Sie mich
+doch!--Sie betruegen sich!--Ein blosses Missverstaendnis--Tellheim!--Sie
+wollen Ihre Minna nicht hoeren?--Koennen Sie einen solchen Verdacht
+fassen?--Ich mit Ihnen brechen wollen?--Ich darum hergekommen?--
+Tellheim!
+
+
+
+12. Szene
+
+(Zwei Bediente nacheinander, von verschiedenen Seiten ueber den Saal
+laufend. Die Vorigen.)
+
+
+eine Bediente
+Gnaediges Fraeulein, Ihro Exzellenz, der Graf!--
+
+andere Bediente
+Er koemmt, gnaediges Fraeulein!--
+
+Franziska
+(die ans Fenster gelaufen). Er ist es! er ist es!
+
+Fraeulein
+Ist er's?--Oh, nun geschwind, Tellheim--
+
+Tellheim
+(auf einmal zu sich selbst kommend). Wer? wer koemmt? Ihr Oheim,
+Fraeulein? dieser grausame Oheim?--Lassen Sie ihn nur kommen, lassen
+Sie ihn nur kommen!--Fuerchten Sie nichts! Er soll Sie mit keinem
+Blicke beleidigen duerfen! Er hat es mit mir zu tun.--Zwar verdienen
+Sie es um mich nicht--
+
+Fraeulein
+Geschwind umarmen Sie mich, Tellheim, und vergessen Sie alles--
+
+Tellheim
+Ha, wenn ich wuesste, dass Sie es bereuen koennten!--
+
+Fraeulein
+Nein, ich kann es nicht bereuen, mir den Anblick Ihres ganzen Herzens
+verschafft zu haben!--Ah, was sind Sie fuer ein Mann!--Umarmen Sie Ihre
+Minna, Ihre glueckliche Minna; aber durch nichts gluecklicher als durch
+Sie! (Sie faellt ihm in die Arme.) Und nun, ihm entgegen!--
+
+Tellheim
+Wem entgegen?
+
+Fraeulein
+Dem besten Ihrer unbekannten Freunde.
+
+Tellheim
+Wie?
+
+Fraeulein
+Dem Grafen, meinem Oheim, meinem Vater, Ihrem Vater--Meine Flucht,
+sein Unwille, meine Enterbung--hoeren Sie denn nicht, dass alles
+erdichtet ist?--Leichtglaeubiger Ritter!
+
+Tellheim
+Erdichtet?--Aber der Ring? der Ring?
+
+Fraeulein
+Wo haben Sie den Ring, den ich Ihnen zurueckgegeben?
+
+Tellheim
+Sie nehmen ihn wieder?--Oh, so bin ich gluecklich!--Hier, Minna!--(Ihn
+herausziehend.)
+
+Fraeulein
+So besehen Sie ihn doch erst!--Oh, ueber die Blinden, die nicht sehen
+wollen!--Welcher Ring ist es denn? Den ich von Ihnen habe, oder den
+Sie von mir?--Ist es denn nicht eben der, den ich in den Haenden des
+Wirts nicht lassen wollen?
+
+Tellheim
+Gott! was seh ich? was hoer ich?
+
+Fraeulein
+Soll ich ihn nun wiedernehmen? soll ich?--Geben Sie her, geben Sie
+her! (Reisst ihn ihm aus der Hand und steckt ihn ihm selbst an den
+Finger.) Nun? ist alles richtig?
+
+Tellheim
+Wo bin ich?--(Ihre Hand kuessend.) O boshafter Engel!--mich so zu
+quaelen!
+
+Fraeulein
+Dieses zur Probe, mein lieber Gemahl, dass Sie mir nie einen Streich
+spielen sollen, ohne dass ich Ihnen nicht gleich darauf wieder einen
+spiele.--Denken Sie, dass Sie mich nicht auch gequaelet hatten?
+
+Tellheim
+O Komoediantinnen, ich haette euch doch kennen sollen.
+
+Franziska
+Nein, wahrhaftig; ich bin zur Komoediantin verdorben. Ich habe
+gezittert und gebebt und mir mit der Hand das Maul zuhalten muessen.
+
+Fraeulein
+Leicht ist mir meine Rolle auch nicht geworden.--Aber so kommen Sie
+doch!
+
+Tellheim
+Noch kann ich mich nicht erholen.--Wie wohl, wie aengstlich ist mir!
+So erwacht man ploetzlich aus einem schreckhaften Traume!
+
+Fraeulein
+Wir zaudern.--Ich hoere ihn schon.
+
+
+
+13. Szene
+
+(Der Graf von Bruchsall, von verschiedenen Bedienten und dem Wirte
+begleitet. Die Vorigen.)
+
+
+Graf
+(im Hereintreten). Sie ist doch gluecklich angelangt?
+
+Fraeulein
+(die ihm entgegenspringt). Ah, mein Vater!--
+
+Graf
+Da bin ich, liebe Minna! (Sie umarmend.) Aber was, Maedchen? (Indem
+er den Tellheim gewahr wird.) Vierundzwanzig Stunden erst hier und
+schon Bekanntschaft und schon Gesellschaft?
+
+Fraeulein
+Raten Sie, wer es ist?--
+
+Graf
+Doch nicht dein Tellheim?
+
+Fraeulein
+Wer sonst als er?--Kommen Sie, Tellheim! (Ihn dem Grafen zufuehrend.)
+
+Graf
+Mein Herr, wir haben uns nie gesehen, aber bei dem ersten Anblicke
+glaubte ich, Sie zu erkennen. Ich wuenschte, dass Sie es sein moechten.--
+Umarmen Sie mich.--Sie haben meine voellige Hochachtung. Ich bitte um
+Ihre Freundschaft.--Meine Nichte, meine Tochter liebet Sie.--
+
+Fraeulein
+Das wissen Sie, mein Vater!--Und ist sie blind, meine Liebe?
+
+Graf
+Nein, Minna, deine Liebe ist nicht blind, aber dein Liebhaber--ist
+stumm.
+
+Tellheim
+(sich ihm in die Arme werfend). Lassen Sie mich zu mir selbst kommen,
+mein Vater!--
+
+Graf
+So recht, mein Sohn! Ich hoere es; wenn dein Mund nicht plaudern kann,
+so kann dein Herz doch reden.--Ich bin sonst den Offizieren von dieser
+Farbe (auf Tellheims Uniform weisend) eben nicht gut. Doch Sie sind
+ein ehrlicher Mann, Tellheim; und ein ehrlicher Mann mag stecken, in
+welchem Kleide er will, man muss ihn lieben.
+
+Fraeulein
+Oh, wenn Sie alles wuessten!--
+
+Graf
+Was hindert's, dass ich nicht alles erfahre?--Wo sind meine Zimmer,
+Herr Wirt?
+
+Wirt
+Wollen Ihro Exzellenz nur die Gnade haben, hier hereinzutreten.
+
+Graf
+Komm, Minna! Kommen Sie, Herr Major! (Geht mit dem Wirte und den
+Bedienten ab.)
+
+Fraeulein
+Kommen Sie, Tellheim!
+
+Tellheim
+Ich folge Ihnen den Augenblick, mein Fraeulein. Nur noch ein Wort mit
+diesem Manne! (Gegen Wernern sich wendend.)
+
+Fraeulein
+Und ja ein recht gutes; mich duenkt, Sie haben es noetig.--Franziska,
+nicht wahr? (Dem Grafen nach.)
+
+
+
+14. Szene
+
+(v. Tellheim. Werner. Just. Franziska.)
+
+
+Tellheim
+(auf den Beutel weisend, den Werner weggeworfen). Hier, Just!--Hebe
+den Beutel auf, und trage ihn nach Hause. Geh!--(Just damit ab.)
+
+Werner
+(der noch immer muerrisch im Winkel gestanden und an nichts
+teilzunehmen geschienen, indem er das hoert). Ja, nun!
+
+Tellheim
+(vertraulich auf ihn zugehend). Werner, wann kann ich die andern
+tausend Pistolen haben?
+
+Werner
+(auf einmal wieder in seiner guten Laune). Morgen, Herr Major, morgen.
+--
+
+Tellheim
+Ich brauche dein Schuldner nicht zu werden, aber ich will dein
+Rentmeister sein. Euch gutherzigen Leuten sollte man allen einen
+Vormund setzen. Ihr seid eine Art Verschwender.--Ich habe dich vorhin
+erzuernt, Werner!--
+
+Werner
+Bei meiner armen Seele, ja!--Ich haette aber doch so ein Toelpel nicht
+sein sollen. Nun seh ich's wohl. Ich verdiente hundert Fuchtel.
+Lassen Sie mir sie auch schon geben; nur weiter Keinen Groll, lieber
+Major!--
+
+Tellheim
+Groll?--(Ihm die Hand drueckend.) Lies es in meinen Augen, was ich dir
+nicht alles sagen kann.--Ha! wer ein besseres Maedchen und einen
+redlichern Freund hat als ich, den will ich sehen!--Franziska, nicht
+wahr? (Geht ab.)
+
+
+
+15. Szene
+
+(Werner. Franziska)
+
+
+Franziska
+(vor sich). Ja gewiss, es ist ein gar zu guter Mann!--So einer koemmt
+mir nicht wieder vor.--Es muss heraus! (Schuechtern und verschaemt sich
+Wernern naehernd.) Herr Wachtmeister!--
+
+Werner
+(der sich die Augen wischt). Nu?--
+
+Franziska
+Herr Wachtmeister--
+
+Werner
+Was will Sie denn, Frauenzimmerchen?
+
+Franziska
+Seh Er mich einmal an, Herr Wachtmeister.--
+
+Werner
+Ich kann noch nicht; ich weiss nicht, was mir in die Augen gekommen.
+
+Franziska
+So seh Er mich doch an!
+
+Werner
+Ich fuerchte, ich habe Sie schon zuviel angesehen, Frauenzimmerchen!--
+Nun, da seh ich Sie ja! Was gibt's denn?
+
+Franziska
+Herr Wachtmeister--braucht Er keine Frau Wachtmeisterin?
+
+Werner
+Ist das Ihr Ernst, Frauenzimmerchen?
+
+Franziska
+Mein voelliger!
+
+Werner
+Zoege Sie wohl auch mit nach Persien?
+
+Franziska
+Wohin Er will!
+
+Werner
+Gewiss?--Holla! Herr Major! nicht gross getan! Nun habe ich
+wenigstens ein ebenso gutes Maedchen und einen ebenso redlichen Freund
+als Sie!--Geben Sie mir Ihre Hand, Frauenzimmerchen! Topp!--Ueber zehn
+Jahr' ist Sie Frau Generalin oder Witwe!
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Minna von Barnhelm, von Gotthold
+Ephraim Lessing.
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Minna von Barnhelm, by Gotthold Ephraim Lessing
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MINNA VON BARNHELM ***
+
+This file should be named 7mnbh10.txt or 7mnbh10.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7mnbh11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7mnbh10a.txt
+
+Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+http://gutenberg.net or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03
+
+Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
+
+Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+PMB 113
+1739 University Ave.
+Oxford, MS 38655-4109
+
+Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
+method other than by check or money order.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
+the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
+
+You can get up to date donation information online at:
+
+http://www.gutenberg.net/donation.html
+
+
+***
+
+If you can't reach Project Gutenberg,
+you can always email directly to:
+
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+
+Prof. Hart will answer or forward your message.
+
+We would prefer to send you information by email.
+
+
+**The Legal Small Print**
+
+
+(Three Pages)
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
+Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
+They tell us you might sue us if there is something wrong with
+your copy of this eBook, even if you got it for free from
+someone other than us, and even if what's wrong is not our
+fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
+disclaims most of our liability to you. It also tells you how
+you may distribute copies of this eBook if you want to.
+
+*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
+By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
+eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
+this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
+a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
+sending a request within 30 days of receiving it to the person
+you got it from. If you received this eBook on a physical
+medium (such as a disk), you must return it with your request.
+
+ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
+This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
+is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
+through the Project Gutenberg Association (the "Project").
+Among other things, this means that no one owns a United States copyright
+on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
+distribute it in the United States without permission and
+without paying copyright royalties. Special rules, set forth
+below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
+under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.
+
+Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
+any commercial products without permission.
+
+To create these eBooks, the Project expends considerable
+efforts to identify, transcribe and proofread public domain
+works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
+medium they may be on may contain "Defects". Among other
+things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged
+disk or other eBook medium, a computer virus, or computer
+codes that damage or cannot be read by your equipment.
+
+LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
+But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
+[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may
+receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
+all liability to you for damages, costs and expenses, including
+legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
+UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
+INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
+OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
+POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.
+
+If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
+receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
+you paid for it by sending an explanatory note within that
+time to the person you received it from. If you received it
+on a physical medium, you must return it with your note, and
+such person may choose to alternatively give you a replacement
+copy. If you received it electronically, such person may
+choose to alternatively give you a second opportunity to
+receive it electronically.
+
+THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
+TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
+PARTICULAR PURPOSE.
+
+Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
+the exclusion or limitation of consequential damages, so the
+above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
+may have other legal rights.
+
+INDEMNITY
+You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation,
+and its trustees and agents, and any volunteers associated
+with the production and distribution of Project Gutenberg-tm
+texts harmless, from all liability, cost and expense, including
+legal fees, that arise directly or indirectly from any of the
+following that you do or cause: [1] distribution of this eBook,
+[2] alteration, modification, or addition to the eBook,
+or [3] any Defect.
+
+DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
+You may distribute copies of this eBook electronically, or by
+disk, book or any other medium if you either delete this
+"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
+or:
+
+[1] Only give exact copies of it. Among other things, this
+ requires that you do not remove, alter or modify the
+ eBook or this "small print!" statement. You may however,
+ if you wish, distribute this eBook in machine readable
+ binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
+ including any form resulting from conversion by word
+ processing or hypertext software, but only so long as
+ *EITHER*:
+
+ [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and
+ does *not* contain characters other than those
+ intended by the author of the work, although tilde
+ (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
+ be used to convey punctuation intended by the
+ author, and additional characters may be used to
+ indicate hypertext links; OR
+
+ [*] The eBook may be readily converted by the reader at
+ no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
+ form by the program that displays the eBook (as is
+ the case, for instance, with most word processors);
+ OR
+
+ [*] You provide, or agree to also provide on request at
+ no additional cost, fee or expense, a copy of the
+ eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
+ or other equivalent proprietary form).
+
+[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this
+ "Small Print!" statement.
+
+[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
+ gross profits you derive calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. If you
+ don't derive profits, no royalty is due. Royalties are
+ payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
+ the 60 days following each date you prepare (or were
+ legally required to prepare) your annual (or equivalent
+ periodic) tax return. Please contact us beforehand to
+ let us know your plans and to work out the details.
+
+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
+Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
+public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form.
+
+The Project gratefully accepts contributions of money, time,
+public domain materials, or royalty free copyright licenses.
+Money should be paid to the:
+"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+If you are interested in contributing scanning equipment or
+software or other items, please contact Michael Hart at:
+hart@pobox.com
+
+[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
+when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
+used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
+they hardware or software or any other related product without
+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+