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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Der Weinhüter + +Paul Heyse + +(1862-63) + + + + + + +Im September eines Jahres, dessen Stadt- und Dorfgeschichten aus +Menschengedenken schon entschwunden sind, saß um die schwüle +Mittagszeit ein junger Bursch mitten in dem wuchernden Rebenwald, der, +dicht an die Stadt Meran herantretend, die Südabhänge des Küchelberges +bedeckt. Die übermannshohen Laubengänge, in denen hier der Wein +gezogen wird, waren mit dem Segen dieses Jahres so beladen, daß ein +dunkelgrünes Zwielicht durch die langen lautlosen Gassen schwebte, +zugleich eine träge stockende Glut, in der kein Luftzug Wellen schlug. +Kaum wo die kleinen Felstreppen zwischen den einzelnen Weingütern +schroff bergan laufen, spürte man, daß man ins Freie auftauchte. Denn +das Meer von Siedeglut, das in dem weiten Talkessel wogte, schlug hier +doppelt schwer über dem unbeschützten Haupte zusammen. Auch sah man +selten einen Menschen des Weges wandern. Nur zahllose Eidechsen +liefen feuerfest treppauf treppab und raschelten durch das zähe +Efeugestrüpp, das die Grundmauern der Rebenäcker reichlich umrankt. +Die dunkelblauen Trauben mit den großen dickschaligen Beeren hingen +dichtgedrängt oben an der Wölbung der Laubengitter, und ein seltsam +perlender Ton ward in der tiefen Mittagsstille dann und wann hörbar, +als kreise vernehmlich der Saft und koche am Sonnenfeuer in dem edlen +Gewächs. + +Der Bursch aber, der in halber Höhe des Berges einsam unter den Reben +saß, schien für diese geheimnisvolle Naturstimmung taub und ganz +seinen eignen düstern Gedanken hingegeben. Er trug die uralte +abenteuerliche Tracht der Weinhüter oder "Saltner", die lederne Joppe, +ärmellos, mit breiten Achselklappen, an denen über den Hemdsärmeln die +ledernen Manschetten durch schmale Riemen oder silberne Kettchen +festgehalten werden, Kniehosen und Hosenträger ebenfalls von Leder und +mit dem breiten, daumdicken Gurt umgürtet, auf dem in weißer Stickerei +der Namenszug des Eigners steht, die weißen Stutzenstrümpfe mit +durchbrochenem Muster, um den Hals allerlei Zierat von Kettchen, Eber- +und Murmeltierzähnen. Aber die Hauptstücke seiner Amtstracht lagen +neben ihm im Grase: der hohe dreieckige Trutzhut, über und über mit +Hahnen- und Pfauenfedern, Fuchs- und Eichhornschwänzen verbrämt, keine +kleine Last zur Zeit der Traubenreife, und die lange wuchtige +Hellebarde, mit der die Saltner ihrer drohenden Erscheinung Nachdruck +zu verleihen wissen, wenn ein unbefugter Eindringling in ihr Gebiet +nicht gutwillig das Pfandgeld erlegen will. + +Tag und Nacht, ohne Ablösung, ohne Sonntagsruhe und Kirchgang, um +einen mäßigen Lohn durchstreifen diese "lebendigen Vogelscheuchen" +jeder das ihm zugewiesene Revier, von der Mitte des Juli, wo die +ersten Beeren süß werden, bis die letzte Traube in die Kelter +gewandert ist. Ihr saurer Dienst in Hitze und Nässe, obdachlos bis +auf den kümmerlichen Schutz ihres Maisstrohschuppens, ist dennoch ein +Ehrenamt, zu dem nur die rechtschaffensten Burschen ausersehen werden. +Auch haben die gelinden sternklaren Nächte in der freien Höhe, +während in den Häusern die Tagesschwüle kaum je verdampft, ihren Reiz, +und die Besitzer der Weingüter lassen sich's angelegen sein, die +Wächter mit Wein und Speisen reichlich zu versorgen, um sie bei +Kräften und guter Laune zu erhalten. + +Es schien jedoch dieses Mittel bei dem finstern Burschen, dem wir uns +genähert haben, nicht anzuschlagen. Er hatte den Krug mit rotem Wein, +das Brot und die großen Schnitte geräucherten Fleisches, die ihm eben +erst zur Mittagskost ein kleiner Knabe heraufgeschleppt hatte, +unberührt neben sich stehen auf dem platten Stein, der seinen Tisch +vorstellte. Eine sehr kleine geschnitzte Pfeife mit silbernem +Kettchen war ihm schon lange ausgegangen, und trübsinnig verbiß er die +Zähne in das weiche Holz. Er mochte etwa dreiundzwanzig Jahre alt +sein, der Bart krauste sich leicht um Kinn und Wangen, die scharfen +Züge des Gesichts deuteten auf frühe Leidenschaften; die Stirn aber +war, nach der Landessitte, von den Haaren verhängt, die, früh schon +dicht über den Augenbrauen abgeschnitten, sich in einzelne Locken +gewöhnt hatten und um Schläfe und Nacken ebenfalls gelockt herabhingen. +Das gab dem Kopf alle Jugendfrische zurück, die ihm die Schatten +unter den dunklen Augen zu nehmen drohten. + +Ein langsamer Schritt, der sich unten auf dem Fußsteige näherte, +machte, daß er plötzlich aufstarrte, den Hut aufsetzte und die +Hellebarde ergriff. Man konnte jetzt sehen, daß sein Wuchs hinter dem +landüblichen etwas zurückgeblieben war, immer noch stattlich genug und +durch das schönste Ebenmaß der gewölbten Brust und der straffen +Schenkel auffallend auf den ersten Blick. Nur der Kopf schien fast zu +klein geraten und Hände und Füße gar mit einem Weibe ausgetauscht. +Geräuschlos glitt die schmiegsame Gestalt unter den Gewölbgittern +entlang, ohne auch nur eine Traube zu streifen, und spähte vom +nächsten Felsenvorsprung hinunter auf den Weg. + +Eine schmale, schwarzröckige Figur mit hohem, sehr abgetragenem +Filzhut kam die breite Gasse zwischen Weinberg und Wiese +dahergewandelt, im Schatten der Weidenbäume, ein offnes Buch in den +gefalteten Händen, über das hinaus der Blick zufrieden und +unbegehrlich nach den schönen Trauben schweifte. Auch ohne den langen +Rock, der fast zu den Knöcheln der schwarzen Strümpfe herabreichte, +hätte jeder in dem bedächtigen Spaziergänger alsbald die geistliche +Person erkannt, und zwar an einigen der liebenswürdigsten Züge, die +der großen und mannigfaltigen Gattung unter gewissen Himmelsstrichen +eigen sind. Damals war der heftige Parteienhader zu Gunsten der +Glaubenseinheit in dem gelobten Lande Tirol, wo die Milch des Glaubens +und der Honig des Aberglaubens so lauter fließen, noch eine unerhörte +Sache, und selbst die Hauptstadt des alten Burggrafenamts Meran, in +der vorzeiten mancherlei Regungen eines neuen Geistes unliebsam die +Ruhe gestört hatten, war wieder in tiefen Frieden zurückgesunken. +Also hatten die Diener der Kirche keine Ursach, ihren Hirtenstab als +Waffe zu schwingen, und konnten mit aller Gemütsruhe die idyllischen +Tugenden ihres Standes pflegen. Damals begegnete man nicht selten +jenen bescheidenen geistlichen Gesichtern, auf denen eine gewisse +Verlegenheit über ihre eigene Würde deutlich zu lesen war, eine stete +Sorge, der Majestät des lieben Gottes, dessen Kleid sie trugen, nichts +zu vergeben, und doch ihren ungeweihten Mitgeschöpfen nicht allzu +unnahbar feierlich gegenüberzustehn. + +Der freundliche kleine Herr im schäbigen Hut war nun auch freilich +keines der hohen Kirchenlichter, sondern nur ein Hilfspriester an der +Pfarrkirche von Meran, der täglich um zehn Uhr eine Messe zu lesen +hatte und dafür, außer einem Stübchen in der Laubengasse und einigen +andern Emolumenten, einen Gulden täglicher Einkünfte besaß. Das Volk, +das ihn seines milden Gemütes wegen sehr in Ehren hielt und nächst den +Kapuzinern ihm das größte Vertrauen zuwendete, nannte ihn nicht anders +als den "Zehnuhrmesser" und bewies ihm auf mannigfache Art seine Gunst. +Es war kein Haus weit und breit, wo, wenn er ansprach, nicht der +Weinkrug und irgend ein Imbiß auf den Tisch gestellt wurde, so daß es +dem wackeren Mann gelungen war, im Laufe der Zeit zwar nicht die +natürliche Hagerkeit seines Wuchses zu verbessern, aber wenigstens der +Würde seiner Erscheinung durch ein schüchternes Bäuchlein aufzuhelfen. +Dasselbe nahm sich, da es sich mit dem übrigen Zuschnitt der Figur +nur um Gotteswillen vertrug, für ein profaneres Auge spaßhaft aus, wie +es schief und ängstlich unter dem dünnen Rocke festgeknöpft saß. Aber +zu dem bescheidenen Ausdruck des Gesichts stimmte die verlegentliche +Bürde ganz wohl, und es fiel keinem seiner Beichtkinder ein, diesen +Spätling der Natur zu belächeln. Auch wußte niemand dem Herrn +Zehnuhrmesser eine Unmäßigkeit nachzusagen, es sei denn etwa im +Almosenspenden. Denn daß man allerorten sich beeilte, ihn mit dem +Besten aus dem eigenen Weinberg zu bewirten, lag zum Teil an dem Rufe, +dessen er genoß, als sei viele Stunden weit keine weltliche oder +geistliche Zunge besser imstande, die Güte des Weins zu schätzen, +seine Dauerhaftigkeit zu bestimmen, und in Fällen, wo ihm durch ein +kleines Mittelchen aufzuhelfen war, das richtige anzugeben. "Eine +Weinzunge haben wie der Zehnuhrmesser", war noch geraume Zeit das +Ehrenvollste, was man von einem Kenner zu rühmen wußte. + +Unter den mancherlei Gaben und Tugenden unseres Ehrenmannes war aber +der Mut nicht eben die stärkste. Seine Nerven, obwohl er aus einer +Bauernfamilie im Passeier stammte, die zu Hofers Kriegen manchen +tapfern Schützen geliefert hatte, ließen seine leicht erschütterte +Seele bei jeder unversehenen Probe im Stich, außer wo es eine fremde +Seele zu retten oder sonst eine hohe Gewissenspflicht zu erfüllen galt. +Auch dann zog er es vor, seiner moralischen Kraft erst mit einer +physischen Stärkung nachzuhelfen, und sorgte dafür, daß ein mäßiges +Fäßchen voll weißem Terlaner, dem er am meisten begeisternde Wirkungen +zuschrieb, im Keller seines Hauses niemals ganz versiegte. Heute nun, +da er von einem Krankenbesuch im Dorf Algund ohne Labung zurückkehren +mußte, war er keiner starken Prüfung gewachsen und erschrak aufs +heftigste, als plötzlich dicht neben ihm eine dunkle Gestalt hoch von +der Weinbergsmauer herabsprang und auf ihn zustürzend seine Hand +ergriff. + +Gelobt sei Jesus Christus! sagte er, am ganzen Leibe zitternd. + +In Ewigkeit! antwortete der Bursch. + +Du bist's, Andree, mein Sohn? Hab' ich doch gemeint, der böse Feind +komme mir mit Macht über den Hals, der ja im Weinberge des Herrn +herumschleicht, zu sehen, wen er verschlinge. Nun, nun, wenn man so +in Gedanken und Meditationen schwebt, kann's einem schon begegnen, daß +euer Hut einem wie das Hörnerhaupt des Leibhaftigen vorkommt. Bist +also hier, Andree? Das ist ja wohl dein eigener Grund und Boden, den +du hütest, ich meine, deiner Mutter? + +Des Burschen Augen wurden finsterer, und das Blut stieg ihm ins +Gesicht. Da sei Gott vor, sagte er, daß ich den Fuß setzte in die +Güter meiner Mutter. Seit sie mir zu Lichtmeß den Schlag ins Gesicht +gegeben hat, weil sie meint', ich hätte Feuer im Stadel angelegt, bin +ich nimmer ihr Sohn und betrete ihre Schwelle weder bei Tag noch bei +Nacht. + +Der geistliche Herr besann sich jetzt erst, daß er einen wunden Fleck +berührt hatte. Er schüttelte ernsthaft und mitleidig den Kopf und +sagte: Ei, Andree, du sprichst, wie es keinem guten Christen geziemt. +Hat nicht unser Herr am Kreuz seinen blutigen Feinden verziehen, und +ein Sohn sollt' es seiner Mutter nachtragen, wenn sie ihn auch +ungerecht gezüchtigt hat? Ich weiß wohl, daß es dir hart ankommen mag, +und daß jenes Mal, wo die Mutter sich vergessen hat, nicht das erste +Mal war. Aber sieben mal siebenzigmal sollen wir verzeihen, Andree. +Hast du das schon vergessen seit der Kinderlehre? + +Nein, Hochwürden, erwiderte der Jüngling fest. Ich hab' mir's auch +angelobt, an jenen Tag nimmer zu denken und kann's über mich bringen, +solang ich vom Hause fernbleibe. Aber wenn ich zurückkäme, würde mich +die Mutter selbst daran mahnen, weil sie mich haßt und nur darauf +sinnt, wie sie mich plagen und tratzen mag. Sie wird mir auch mein +Erbe entziehen im Testament, selbiges weiß ich gewiß, und frage nicht +viel danach. Ich werd' auch ohne das nicht verkommen, und gönn' es +wohl meiner Schwester. Aber geschieden sind wir, und da kann keiner +was dazu tun. Ich hab' mich beim Steirer verdungen, drüben in Gratsch, +als Großknecht, und heuer mach' ich den Saltner und hab' mein +Auskommen, ohne einen Kreuzer von Haus. Aber die Mutter könnte mir +sieben Boten schicken und mich mit vier Rossen zurückholen wollen, ich +ginge nicht. Es hat alles einmal ein End'. + +Der kleine Priester sah nachdenklich vor sich hin und schien der +Meinung, daß es geratener sei, die Dinge gehen zu lassen, anstatt noch +weiter mit geistlicher Mahnung einzugreifen. Er betrachtete jetzt mit +kundigen Augen die Reben oben über der Mauer und sagte: + +Der Steirer hat wohlgetan, statt der Bratreben, die sonst hier standen, +die Hertlinger anzupflanzen. Sie sind noch jung, aber im nächsten +Jahr werden sie das Doppelte tragen. + +Die stehen nur hier am Rande, erwiderte der Bursch. Droben ist meist +roter Farnatsch und einiges von Geißaugen dazwischen. Was er drüben +hat, unterhalb Dorf Tirol, sind rote Ferseilen, aber er wird sie heuer +ausnehmen und Setzlinge pflanzen, denn sie haben sich schier zu Tod +getragen. + +Auf wieviel Uhren rechnet ihr beiläufig? + +Einhundertundvierzig bis--siebenzig immerhin. + +Wie steht dir das Saltnern an, Andree? Es mag hart werden auf die, +Länge. + +Ha, es passiert, Hochwürden. Noch spür' ich's nicht in den Gliedern. + +Hast auch bei Nacht fein die Augen offen? + +Die meinigen wohl. Aber sind nur zwei, und ich müßt' ein Dutzend +haben, um allerorten zugleich nachzuschauen. Die Weißröcke fangen +wieder an, bei Nacht herumzufuragieren; die Weinbeeren sind ihnen grad +saftig genug, um ihr Kommißbrot anzufeuchten. Und es kommen ihrer +immer viele auf einmal, aber einzeln, und wenn wir einen fassen, haben +indes die andern das Feld frei, und es hilft uns nichts, vorm +Hauptmann ist doch kein Recht zu erlangen. + +Die Stadt sollte sich beklagen. + +Ja die Stadt! Da müßten wir Zeugen und Beweise schaffen. Aber wer +will's beschwören, wenn wir am Morgen ganze Strecken lang die besten +Trauben gestohlen und links und rechts die Reben wie ein Unkraut mit +dem Säbel zerhauen finden aus Wüstheit und Schadenfreude, daß das nur +die Soldaten getan haben können? Fassen wir einen am Kragen, so weiß +er so wenig von Weinbeeren wie's Kind im Mutterleib. Da bleibt nichts, +als ihn auf eigene Faust Spießruten laufen zu lassen, daß er's +Wiederkommen vergißt. Den nächsten aber, den hängen wir, mein Eid! an +den Beinen auf, da mag er bis an den lichten Morgen in der Luft +exerzieren. + +Es sind arme Teufel, Andree, und die Versuchung ist groß. Ihr +solltet's menschlich mit ihnen machen. + +Machen sie's denn nicht wie die Bestien? Da seht, Hochwürden--und er +wies auf eine Rebe, die glatt mitten durchgeschnitten war, daß das +Laub schon welk und gelb an den Ranken hing--das Herz blutet einem, so +ein gesundes, friedliches Gewächs, das nur auf der Welt ist, um seinem +Herrn das Faß zu füllen, von den Hundsföttern verheert zu sehen, aus +purer Niedertracht, uns zum Possen. Find' ich einen einmal beim Werk, +so gnad' ihm Gott! + +Er schüttelte, in der Richtung nach der Stadt, drohend die Hellebarde +und bohrte sie darin heftig in den Sand. + +Der geistliche Herr schrak leicht zusammen, vergaß aber seiner Würde +nicht und sagte: Ich will mit dem Hauptmann sprechen, heute noch, daß +er strenger drauf sieht, nach dem Zapfenstreich keinen Mann aus der +Kaserne zu lassen. Du aber bezähme deine Hitze, mein Sohn, und +bedenke, daß du hier im Dienste der Obrigkeit stehest und das Gericht +ihr überlassen sollst. Behüt dich Gott, Andree. Ich gehe heute wohl +auf Goyen hinauf, zum Hirzer. Hast mir was aufzutragen an den Franz +oder die Rosina? Einen Gruß etwa? + +Nein, Hochwürden. 's ist immer noch beim alten zwischen dem Bauern und +mir. Er will nichts von uns wissen, so frag' ich ihm nichts nach. +Die andern sind ganz rechtschaffen, möcht' ihnen beim Vater keinen +Verdruß machen, indem ich sie grüßen ließ'. Aber wenn Ihr etwa meiner +Schwester begegnet--nein, auch der sagt nichts, es war nur ein Einfall. + +Rasch, wie um seine Verwirrung zu verbergen, bückte er sich nach der +Hand des Priesters, küßte sie ehrerbietig und schwang sich an dem +langen Hellebardenschaft auf die Mauer zurück, wo er sogleich hinter +dichtem Rebenlaub verschwand. + +Kopfschüttelnd setzte der Zehnuhrmesser seinen Weg fort, und das +Gespräch mit dem Jüngling beschäftigte sein menschenfreundliches Gemüt +noch eine geraume Zeit. Aber die lange, tägliche Übung einer +ausgebreiteten Seelsorge und die geistliche Pflicht, das Öl der Geduld +in eigene und fremde Stürme zu träufeln, hatten den schärfsten Stachel +des Mitgefühls bereits abgestumpft. Es ahnte ihm nicht von fern, wie +es jetzt im Innern des Burschen aussah, der oben bei seiner Maishütte +lag, das Gesicht gegen den Felsboden gedrückt, als wollte er sich bei +lebendigem Leibe in den Schoß der Mutter Erde vergraben, um vor einem +übergroßen Kummer Zuflucht zu finden, + +Eine volle Stunde mochte er so gelegen haben, zuletzt durch einen +mitleidigen Halbschlaf von seinen hilflosen Gedanken erlöst, als ein +helles Lachen, das unten am Weg erscholl, ihn jählings erweckte. +Einen Augenblick lag er still, sich zu besinnen, ob er's nicht etwa +geträumt habe. Aber eine helle Stimme drang zu ihm herauf und +dasselbe unschuldig trillernde und girrende Mädchenlachen, das sich +von fern fast wie der Gesang eines Vogels ausnahm. Im Nu war der +Jüngling aufgesprungen und an ein Lugloch gestürzt, das den Blick +hinunter freiließ. Auf dem nämlichen Weg unter den Weiden, den der +geistliche Herr vorhin gewandelt war, kam, diesmal aber von der +Stadtseite, ein Mädchen, das nicht über siebzehn Jahr sein konnte, +blond, eher klein als groß, in der dunklen, schwerfälligen +Landestracht. Aber die Bewegungen der zierlichen Gestalt, so langsam +und behaglich sie einherschritt, waren so leicht und anmutig, daß +jedes Auge ihr unwillkürlich folgen mußte. Sie hatte die Hände ruhig +ineinandergelegt, wie es die Art der Mädchen hier zu Lande ist, wenn +sie nichts zu tragen haben. Der runde Kopf aber blieb keinen +Augenblick still auf dem schlanken Nacken, sondern wendete sich wie +bei einem Vogel rastlos nach allen Seiten, am häufigsten freilich zu +ihrem Begleiter, über dessen scherzhafte Reden sie beständig in ein +neues Lachen ausbrach. Das war ein gewandter, rühriger Gesell, dem +die leinene Soldatenjacke, die enganschließenden blauen Hosen und die +schiefe blaue Kappe ohne Schirm nicht übel standen. Sein dunkles +Gesicht und die schwarzen Augen verrieten das welsche Blut. Auch +hatte er große Mühe, sich dem Mädchen in seinem gebrochenen Deutsch +verständlich zu machen. Aber schon der Klang seiner verstümmelten und +verwelschten Worte schien sie höchlich zu belustigen. Mehrmals warf +er forschende Blicke in der Gegend umher. Einen Bauern, der ein Kalb +mit Hilfe seines Hundes nach dem nächsten Dorfe trieb, ließ er mit +absichtlichem Zögern vorankommen, und jetzt, da derselbe um die Ecke +des Weges verschwunden war, rüstete er sich offenbar, mit dem Mädchen +etwas handgreiflicher anzubinden, als sein spähendes Auge plötzlich +die drohende Gestalt des Weinhüters entdeckte, der aus der Öffnung des +Weinganges herausgetreten war und mit erhobener Waffe, noch sprachlos, +hinunterwinkte. + +Der Welsche stand unschlüssig still. Auch das Mädchen hermmte den +gleichmütigen Schritt und sah hinauf. Guten Nachmittag, Andree! rief +sie ohne jede Verlegenheit. Es ist mein Bruder, setzte sie, zu dem +Soldaten gewendet, hinzu. Macht, daß Ihr fortkommt; er versteht +keinen Spaß. + +Der Soldat schien den wohlgemeinten Rat vollkommen zu würdigen, aber +durch die Entfernung seines Feindes sich einstweilen noch sicher zu +fühlen. Nix Furcht, Fralla, sagte er; ihm geben Kreizer a comprar +tabacco; dann still sein, gut Freund.-Er griff in die Tasche und holte +eben seine geringe Barschaft heraus, als er die donnernde Stimme des +Burschen droben vernahm: Zurück, Soldat, oder der Spieß fliegt dir an +den Kopf, daß du bei Nacht und Tag das Wiederkommen vergißt. + +Der Welsche stand wie angewurzelt und maß den Weinhüter mit einem +wütenden Blick. + +Deutsche Bär! murmelte er zwischen den Zähnen. Maledetto!--Aber noch +konnte er sich nicht entschließen, umzukehren und sich vor den Augen +seiner Schönen in so nachteiligem Licht zu zeigen. Diese stand, +offenbar durch seine heftigen und ohnmächtigen Gebärden ergötzt, +gelassen neben ihm und lachte ohne jede Schonung. Aber dem Burschen +oben erschien der Auftritt nichts weniger als lustig. In raschen +Sätzen sprang er, durch schmale Öffnungen der Lauben sich windend, den +Abhang hinab, und ehe der Welsche sich besinnen konnte, sahen zwei +funkelnde Augen unter dem wehenden Trutzhut ihm in das entfärbte +Gesicht. + +Hast du Ohren, Kamerad? herrschte der Zornglühende ihn an. Weißt +nicht, daß der Weg hier für deinesgleichen verboten ist? Soll ich dir +die Jacke vom Leibe reißen, um ein Pfand zu behalten, welscher Fuchs? +Hast wohl Weinbeeren vergessen zu Nacht, und kommst nun zur Marend, +sie zu holen? Den Augenblick scher dich heim, oder-Die Hand weg! +knirschte der Welsche, da er sich ungestüm gepackt und geschüttelt +flühlte. Hätt' ich mein' sdégena-Wurm! rief der Jüngling. Bring nur +deinen Degen mit das nächste Mal, und dein Gewehr dazu; es wär' doch +ein Pfand, das der Müh' verlohnte. Aber nun beim Kreuz! fort mit dir, +oder ich spieße dich auf wie einen Frosch, und werfe dich in deinen +Kasernenhof zurück, daß du das letzte Stoßgebet nimmer zu Ende beten +sollst. + +Damit schleuderte er den langen Gesellen einige Schritte weit fort, +daß er, über einen Stein strauchelnd, in die Knie fiel. Im Augenblick +war er wieder auf den Füßen, und mit beiden Fäusten wie ein Weib gegen +den Feind drohend und eine Flut von welschen Flüchen hervorsprudelnd, +wich er der Gewalt und trollte hinkend und oft zurückblickend im +Schutz der Weiden dem nahen Stadttor zu. + +Du hast's ihm aber arg gemacht, Andree, sagte die Blonde, indem sie +dem geschlagenen Galan ganz kaltblütig nachblickte. Er hat so +g'spaßiges Zeug geredt, daß ich immer hab' lachen müssen. Warum bist +du gleich so wild worden? + +Der Bruder gab keine Antwort, seine Gedanken waren noch bei seinem +Zorn. 's ist noch nicht aus zwischen uns! sagte er vor sich hin. Er +kommt mir schon wieder; meinetwegen! so heb' ich's ihm auf.--Moidi, +fuhr er fort, plötzlich zu dem Mädchen gewendet, und du, immer noch +das alte Lied? Wer mir aufspielt, dem tanz' ich? Schämst du dich +nicht, so einem tückischen Teufel das Wort zu gönnen und neben ihm her +zu gehen? Wenn dir jeder recht ist, der dich lachen macht, so bleib +weg von mir. Denn du weißt wohl, das Lachen ist rar bei mir, wie der +Schnee zu Pfingsten. + +Das Mädchen war still geworden und sah mit zerstreutem Blick vor sich +hin. Sie strich sich mit beiden flachen Händen über das Haar, das von +allen Seiten glatt über den Kopf zurückgekämmt und im Nacken mit einem +großen runden Kamm festgesteckt war, und ihr sehr zartgefärbtes +Gesicht rötete sich vor Verlegenheit. Andree, sagte sie endlich, ohne +ihn anzusehen, soll ich wieder gehn? + +Nein, bleib! erwiderte er kurz. Bist du meinethalben gekommen? + +Freilich, sagte sie eifrig, und wagte es jetzt erst, seinem Blick zu +begegnen. Es ist ja schon eine Woche her, daß ich nicht habe abkommen +können. Du läßt dich ja nimmer sehen. Die Mutter war eingeschlafen, +es war so heiß in der Küche, da hab' ich gedacht, ich will einen +Sprung hinaus tun, zu schauen, wie dir's geht. Und da, einen halben +Weck hab' ich dir mitgebracht; der Hirzerfranz hat ihn mir gekauft, am +Sonntag gestern, nach der Kirch'. Ich mag ihn nimmer, er ist soviel +süß. + +Der Hirzerfranz? Was hat der dir zu schenken? Wenn's sein Vater +wüßte, es gäbe einen Teufelslärm. Hat er dich etwa auch zu lachen +gemacht? + +Der? Dem lacht's nur in der Tasche, wenn er mit seinen Gulden +klappert. Auch war meine Mutter dabei, weißt wohl; wen die anschaut, +dem vergeht der Spaß, wie den Mäusen, wenn sie die Katze spüren. Mich +wundert's selbst, daß ich noch lustig sein kann. Aber ich wär' längst +gestorben ohne das Lachen, so grauslich ist mir's manches Mal, mit ihr +allein droben in der Hütte. + +Sie schwiegen eine Weile.--Magst du den Wecken nicht? sagte das +Mädchen. So leg' ich ihn da auf die Bank, er kommt schon nicht um. +Aber da sind noch ein paar Feigen, von unserm Baum droben, die +reifsten. Ich hab' sie für dich abgebrochen. Da! sie sind gut in der +Hitze! + +Ich dank' dir, Moidi, erwiderte er. Komm, wir wollen sie zusammen +essen, droben im Schatten. + +Er schritt voran die Weinbergsstufen hinauf, und sie folgte ihm, +allerlei plaudernd, worauf er die Antwort schuldig blieb. Auf seinem +alten Platz unter dem Rebendach warf er sich nieder, und sie setzte +sich neben ihn auf den breiten Stein und nötigte ihn, die Feigen zu +kosten. Mit der Zeit, da keine neue Störung kam, schien ihm wohl zu +werden. Ein leichter Wind machte sich auf und trug den Schall einer +fernen Mühle an der Etsch und das Geräusch der Passer bis zu ihnen +herauf, dann und wann auch einen Knall von den Schützen, die im +Schießstande drüben nach der Scheibe schossen. Die Zeit wurde ihnen +nicht lang. Er nötigte sie, von seinem Wein zu trinken, was sie bald +wieder in die alte lustige Laune brachte. Auch die Heimlichkeit des +schattigen Verstecks reizte ihren Mutwillen, und er, der einsilbig, +aber nicht mehr unmutig, sie gewähren ließ, verwandte kein Auge von +ihr. Endlich setzte sie sich gar den schweren Saltnerhut auf, nahm +den Spieß in die Hand und ging mit großen Schritten die Laubengasse +hinauf und hinunter, mit der Linken die beiden Fuchsschwänze unter dem +Kinn zusammenhaltend, daß ihr Gesicht ganz davon eingerahmt war. +Andree, sagte sie, mich sollten sie schon fürchten, mein' ich, und +wenn die Mutter nicht wär', käm' ich alle Nacht zu dir und machte den +Saltner, während du dich hinlegtest, ein paar Stunden zu schlafen. +Ich wollt' die Spitzbuben, die Soldaten, schon in Respekt halten, gelt? + +Der Jüngling lachte zum erstenmal. Als sie sah, daß sie das Eis +seines Trübsinns gebrochen hatte, kam sie rasch zu ihm, setzte Hut und +Hellebarde beiseit und sagte, dicht neben ihm im Grase kauernd: Nun +schau, Andree, tausendmal hübscher bist du, wenn du auch einmal lachst +wie andre Buben, als so alleweil Falten in die Stirn ziehst und +dreinschaust wie unser Herr Christus am Kreuz. Bist du nicht ein +junger, lebfrischer Bub und brauchst dich von niemand in den Sack +stecken zu lassen? Mit der Mutter--ja, das ist freilich eine leide +Geschicht', aber du hast doch keine Schuld daran, das wissen alle +Leut', und um mich brauchst du dich auch nicht zu grämen, ich komm' zu +dir, sooft ich kann, und vor mir darf die Mutter kein bös Wort auf +dich sagen, wenn sie mich nicht zur Tür hinaustreiben will, das weiß +sie wohl. Was hast also, daß du alleweil den Kopf hängst und mir +selber so finstre Augen machst, als wär' ich nicht deine liebe +Schwester, sondern eine Feindin? Und wenn gar ein andrer Bub mir ein +Wörtel sagt, so ist gleich Feuer im Dach. Sag, möchtest du eine Nonne +aus mir machen, oder daß ich bei der Mutter ihr Lebtag die Hennendirn +abgeben und eine steinalte Jungfer werden soll? + +Sie war ihm während dieser Worte zutraulich nahe gerückt und hatte den +Arm leicht um seinen Nacken gelegt. Aber wie wenn ein Gespenst ihn +angefaßt hätte, fuhr er auf und schüttelte ihre Liebkosung ab. Seine +Brust arbeitete schwer. Laß mich, keuchte er heftig hervor, rühr mich +nicht an, frag mich nichts, geh fort von mir, so weit du kannst, und +komm nie wieder! + +Er war aufgesprungen, als wollte er fliehen, aber er konnte sich nicht +von der Stelle rühren. Er mußte sie ansehen, wie sie, versteinert, im +Grase kniete, die Hände im Schoß gefaltet, mit einem Blick, der ihm +ins Herz schnitt. Die Augen schienen größer geworden, der +halbgeöffnete Mund in einem schmerzlichen Aufschrei erstarrt, die +feinen Nasenflügel bebten. Es war nicht das erste Mal, daß dieses +Gesicht ihn an dem Kinde entsetzte. Ja zuweilen mitten in ihrem +Lachen, das überhaupt oft kindisch klang, ward sie von plötzlichem +Schrecken überfallen und für eine Zeitlang wie von einem verstörenden +Krampf entgeistert, der sich dann mehr oder minder heftig zu lösen +pflegte. Er selbst hatte sich bisher nicht vorzuwerfen, einen solchen +Auftritt verursacht zu haben. Vielmehr rief man ihn, um den bösen +Geist zu bannen, und es pflegte ihm ohne Mühe zu gelingen. Als er sie +aber jetzt in dieser atemlosen Ohnmacht knien sah, durch seine Schuld, +war ihm einen Augenblick selbst die Besinnung gelähmt. + +Er schlug sich vor die Stirn und stöhnte tief auf. Dann bückte er +sich zu ihr herab, faßte ihre Hände, die eiskalt geworden waren, und +sah ihr dicht in die Augen. Ich bin's, Maria, sagte er inständig; der +Andree ist's; sieh mich an, höre mich, verzeih mir, ich bin ein +Rasender, aber es ist vorbei; laß auch du es gut sein und verzeih +mir's, du weißt nicht, wie mir ist, sonst hättest du Mitleiden. + +Mit seinen heißen Händen drückte er die ihrigen, und ebenfalls +niedergekniet, dicht ihr gegenüber, wartete er mit leidenschaftlicher +Angst, daß das Leben in ihren Zügen wieder aufglimmen möchte. Aber +noch blieb die Starrheit mächtig über ihr, keine Wimper zuckte, kaum +fühlte er einen Hauch aus ihrem Munde gehen, und die weit offenen +Augen schienen ihn durch und durch zu blicken wie leere Luft. Da +setzten mit tiefem Klang die Glocken der Pfarrkirche ein zum +Vespergeläut und lösten den Bann, langsam, aber wohltätig. Sie +seufzte schwer aus der Brust, die Augenlider schlossen sich erst, dann, +als sie sich wieder öffneten und die erwachende Seele sich der Welt +und ihrer selbst besann, quollen große Tränen hervor, und an seine +Schulter gelehnt weinte sie, ohne ein Wort hervorzubringen, die +Erschütterung aus. + +Er hielt sie ebenfalls stumm, mit aufatmendem Herzen an sich gedrückt +und horchte auf den wogenden Ton des Geläuts, verworrene Gebete bei +sich selbst hersagend. Als die Glocken ausgeklungen hatten, griff er +nach dem Krug und reichte ihn ihr. Sie näherte ihm die Lippen, wie +eine Kranke, die das Gefäß nicht selbst zu halten sich getraut, und +trank einen langen Zug. Dann schloß sie die Augen, ohne sie zu +trocknen, und schlief neben ihm ein, immer noch auf den Knien und die +Hände unbeweglich gefaltet. + +Als er sie nach einer Weile ruhig atmen hörte, hob er sie auf und +legte sie bequem auf den abhängigen Boden nieder, seine Jacke unter +ihren Kopf schiebend, ohne daß sie erwacht wäre. Er selbst, nach +einem raschen Umblick in seinem Revier, lagerte sich neben ihr, den +Kopf in die Hand gestützt, und starrte ihr in das schlafende Gesicht, +das nun ganz friedlich wie aus heiteren Träumen lächelte. Wenn ein +Blatt sich bewegte und dann das Licht flüchtig auf ihrer Stirn spielte, +seufzte sie wohl noch leise nach. Aber ihr war wohl, während es in +ihm von dunklen Schmerzen und schweren Entschlüssen gewaltsam gärte +und jeder Blick in diese friedlichen Züge ihm neue Nahrung für seine +Qualen eintrug. + +Welch ein rätselvolles Schicksal umgab diese Geschwister?--Wir müssen, +um es aufzuhellen, um viele Jahre zurück, in eine Zeit, da die Mutter, +die mit so seltsamer Feindschaft zwischen ihnen stand, nicht viel +älter war als das blonde Kind, das dort oben unter den Reben schläft, +freilich in allem übrigen ihr volles Widerspiel. Die Großeltern der +blonden Moidi besaßen droben auf dem Küchelberg ein schlichtes +Bauernhaus, das aber schön nach allen Seiten in die Täler hinuntersah, +links ins Passeier, rechts ins Vintschgau hinein, geradeaus über die +Stadt Meran weg in die breite Niederung der Etsch bis zu den Bozener +Bergen. Der alte Ingram hatte das Anwesen schon von Vorvätern ererbt, +und die liebliche Lage war ihm freilich als Zugabe wert, mehr aber die +ausgedehnten Weingüter, die sich nach allen Seiten daranschlossen und +ihm wohl zustatten kamen, seine vielen Kinder zu ernähren. Von denen +war die jüngste, Maria, oder nach dem Landesausdruck "Moidi", ein +wahres Sorgenkind, während von den übrigen im Guten oder Schlimmen +nichts Sonderliches zu berichten wäre. Diese jüngste jedoch, nicht +allein, daß sie die Häßlichste war, und eher einer Alraune als einem +Meraner Landkinde ähnlich, die meist sauber und wohlgebildet +heranwachsen, betrug sich zudem von klein auf so ungehörig, daß sie +viel Schläge und wenig gute Worte von der Mutter erlebte, und auch der +Vater, der ein mäßiger und am Hergebrachten hängender Mann war, sich +mehr und mehr dieser jüngsten zu schämen begann. Mit der Zeit hörten +die Schläge auf, da es deutlich war, daß sie das Übel nur mehrten, und +es sich nicht obenein verkennen ließ, selbst für ein Bauernauge, es +sei nicht alles in Ordnung in diesem armseligen Kopf. Der Pfarrer +hatte sie zwar genau befragt und ihre Verkehrtheiten nur aus den +verwilderten Trieben eines eitlen und schwachen Herzens herleiten +wollen; und wirklich ließ sich ihrem Verstand, wenn man nicht +sorgfältiger zusah, kein Sprung oder Sparren nachweisen; denn sie +verstand, sobald man sie katechisierte, sich klug zusammenzunehmen und +selbst ihre offenbaren Narrheiten halb und halb zu beschönigen. Von +diesen nun war die ärgste eine ganz unzweckmäßige und mitleidswürdige +Putzsucht, mit der sie, wo sie ging und stand, recht geflissentlich +aller Augen auf ihre ohnehin schon auffallende Häßlichkeit lenkte. +Das trug ihr eine Menge der bösesten Spottnamen ein, und die es am +besten mit ihr meinten, nannten sie den "schwarzen Pfau", oder die +"wüste Moidi" schlechtweg, ihre eigenen Brüder aber nur "die Schwarze"; +denn sie war nicht nur von sehr dunkler Gesichtsfarbe und dichten, +buschigen Augenbrauen, sondern auch ihr Haar krauste sich durch ein +merkwürdiges Naturspiel wie das der Negerinnen und sträubte sich +beharrlich gegen Kamm und Flechtenbänder. Ob der König aus Mohrenland +unter den heiligen Dreien auf einem Bilde, das die Mutter einmal in +Bozen gesehen, diese befremdliche Spielart auf dem Gewissen habe, wie +einige behaupteten, lassen wir dahingestellt. Tatsache war, daß die +"wüste Moidi", anstatt ihr Schicksal mit leidlicher Miene zu ertragen, +auf die lächerlichsten Mittel verfiel, ihm abzuhelfen und durch +allerlei Putz und Tand, mit dem sie sich, ganz gegen den Brauch, +behängte, ihre Person ansehnlicher und liebenswürdiger zu machen. Was +sie irgend an Geld zusammenbringen konnte, nicht immer auf die +redlichste Weise, verwandte sie eilig dazu, sich bunte Bänder oder +gemachte Blumen zu verschaffen, mit denen sie ihr wolliges Haar +durchflocht und so, zum großen Ärgernis der Alten und Gespött der +jungen, zuweilen selbst am Sonntag in der Kirche erschien, ungeachtet +ihr die Mutter, sooft sie ihr so begegnete, den Putz zornig abriß und +sie mit Hunger und Schlägen dafür büßen ließ. + +Ein wenig besserte sich dieser traurige Hang, als sie in die reiferen +Jahre kam und sich das Gefühl für den Spott der jungen Burschen in ihr +schärfte. Zum Unglück aber löste eine noch unheilvollere Torheit jene +erste kindische ab, und sie ließ ihr, freilich mit besserer +Entschuldigung, noch haltloser den Zügel schießen. Sie warf nämlich +ihre Augen unter den vielen Burschen, die mit ihren Brüdern verkehrten, +gerade auf den schönsten, der sie von früh an mit der unverhohlensten +Abneigung behandelt hatte. Das war an Leib und Seele ein Bursch vom +guten alten Meraner Schlag, ein etwas träges Gemüt in einem starken, +herrlich gebildeten Körper, ein eifriger Kirchgänger, kundiger +Weinbauer, der wenig Worte machte und Gedanken nur für den Hausbedarf +spann, am wenigsten aber mit unnützen Liebschaften Zeit und Geld +vertat, da es überhaupt in diesen romantischen Tälern im Punkte der +Liebe und Ehe meist kaltblütiger und geschäftsmäßiger zugeht, als +flüchtige Reisende sich träumen lassen. Damals, als die schwarze +Moidi sich in ihn vergaffte, lebte sein Vater noch, der Aloys Hirzer, +der eines der alten Herrenschlösser unterm lfinger, auf einer Höhe +über der Stadt frei gelegen, von dem verschuldeten letzten Stammherrn +gekauft hatte, um dort seine Weinbauernwirtschaft mitten unter den +feudalen Trümmern in großem Stile zu errichten. Außer dem Sohne, +Joseph, hatte er noch eine Tochter, die in Innsbruck bei einem Paten +feinere Erziehung genoß und sich zur Lehrerin auszubilden dachte, als +der Vater plötzlich das Zeitliche segnete, und der Bruder sie nun +heimkommen ließ, um ihm die neue Einrichtung zu erleichtern. Es war +ein sanftes, blasses, schönäugiges Mädchen, älter als der Joseph, ihr +Bruder. Dessen Kameraden, von denen wohl mancher ein Gelüsten trug, +sich ein Stück Burgland anzuheiraten, wagten sich an die Anna nicht +heran, die ihnen zu fein und leise war und bald fast im Geruch der +Heiligkeit stand, denn sie war in allen Kirchen und allen Hütten der +Kranken und Dürftigen zu finden und ging an keinem Kinde vorbei, ohne +es auf den Arm zu nehmen, ihm ein Bildchen zu schenken oder seine +Gebetlein hersagen zu lassen. Der Bruder war sehr wohl mit ihr +zufrieden, da sie sein Haus, die Gemächer nämlich, die noch in +wohnbarem Stande waren, geräuschlos in Ordnung hielt. Er hatte sich +von jeher aufs beste mit ihr vertragen. Da er ein guter und durch +Herzenswallungen nicht leicht zu verwirrender Rechner war, schien es +ihm zweckmäßig, daß seine Schwester ledig blieb. Wenn er auf dem +Balkon stand, der wie ein Schwalbennest an der grauen Burgmauer klebte, +und in seiner Bauerntracht, der rotaufgeschlagenen Lodenjoppe, den +breiten schwarzen Hut mit roter Schnur auf dem Kopf, die gebräunten +Hände unter die geschlitzten Hosenträger gesteckt, hinaussah ins weite +Land, verwellte sein Blick mit Befriedigung auf den kleinen +Klostertürmen, die hie und da ihr Kreuz aus dem Duft erhoben, und er +gedachte gern daran, daß die früheren, adligen Burgherren dort ihre +unversorgten Söhne und Töchter untergebracht hatten. Es wäre ihm +nicht ungelegen gewesen, wenn seine Schwester ebenfalls vor den +Gefahren und Anfechtungen der Welt eine beschauliche Zuflucht gesucht +hätte. Da sie aber hiezu keine Lust bezeigte, auch fürs erste noch im +Hause völlig nötig war, nahm er einstweilen mit dem Abglanz ihres +Heiligenscheins, der auch auf ihn herüberstrahlte, vorlieb und war +nicht wenig stolz, wenn geistliche Herren, der Schwester wegen, +fleißig auf Goyen vorsprachen und bei einem Glase roten Weins über die +Angelegenheiten der Kirche erbauliche Reden führten. + +An seine eigene eheliche Zukunft dachte er nur gelegentlich, wenn von +einer reichen Erbtochter einmal die Rede war, auch darin ohne hitzige +und häßliche Habsucht, mit einem stillen Pflichtgefühl, daß es ihm +wohl zukomme, das väterliche Gut durch einen schönen runden Zuwachs zu +mehren. Da er, wie gesagt, einer der schmucksten Burschen der Gegend +war, trug er die ruhige Zuversicht mit sich herum, daß es ihm gar +nicht fehlen könne, wenn er überhaupt Ernst mache. Auch nahm er +anfangs die unverhohlenen Gunstbeweise der schwarzen Moidi nur mit +einer würdevollen Geringschätzung hin. Auf die Länge aber, als das +Gerede lauter und stachliger wurde, als er sich an keinem Markt, +Kirchtag oder bei sonst einer öffentlichen Gelegenheit sehen lassen +konnte, ohne mit seiner Eroberung gehänselt zu werden, stieg ihm der +Ärger ernstlich zu Kopf, und er hielt es für passend, durch die +verächtlichsten Scherze sich die zudringliche Liebeswerbung vom Halse +zu schaffen. + +Manchem andern wäre dieselbe vielleicht mitleidswürdig erschienen; +denn sie äußerte sich nur in der rührenden Hartnäckigkeit, mit der die +Augen des Mädchens, sobald der Bursch ihr begegnete, wie durch eine +Naturgewalt bezwungen an seinem regelmäßigen, rot und weißen Gesichte +hingen und ihm überallhin folgten, unbekümmert um den Zorn, der statt +jedes Zeichens von Gegenliebe seine Züge verfinsterte. Selbst in der +Kirche, wenn er hinter ihr stand, wußte sie's einzurichten, daß sie +wenigstens das halbe Gesicht nach ihm umkehrte, und sie war dann so +sehr in ihre bewundernde Andacht versunken, daß sie alles andere +darüber vergaß. Wer die einfachen und kühlen Sitten des Volkes und +die ehrbare Gleichgültigkeit, mit der die Geschlechter sich hier +begegnen, bedenkt, wird das große Ärgernis begreifen, das ein solches +Betragen erweckt. Auch waren die meisten ganz überzeugt, die Moidi +sei nur halb bei ihren Sinnen, und man müsse sie gewähren lassen, da +man sie doch nicht füglich vom Kirchgang zurückhalten könne, ohne den +bösen Geistern noch größere Macht über sie einzuräumen. Die jungen +Burschen aber dachten minder christlich und hießen sie einfach +mannstoll, und da sich auch die Mädchen von ihr zurückzogen, war die +schon von der Natur Gezeichnete desto auffallender, wenn sie einsam +und ohne Gesellin den Küchelberg herab in die Messe ging, mit den +durchdringenden Augen weit voraus unter den versammelten Männern am +Kirchplatz nach ihrem Erkorenen suchend. Dann geschah es wohl, +besonders nach der Vesper, wo schon der Wein in den Köpfen den Ton +angab, daß einer der Hartherzigsten die schöne Passeirer +Altjungfernklage zu singen anfing: + +Was muß ich armes Madl anheben, +Daß ich grad' einmal bekomm' ein'n Mann? +Die Buben, die tun kein' Achtung mehr geben, +Vor mir lauft ein jeder darvon. +Jetzt ist mir nimmer wohl, +Weiß nit, was ich tun soll, +Daß ich halt nur grad' einen erlang'! + + +Und wenn der Refrain des Gelächters ein wenig verschollen war, die +zweite Strophe: + +Fünfundzwanzigmal bin ich schon kirchfahrtengangen, +Nüchtern, und han mir nicht z' essen getraut. +Han gemeint bei Gott die Gnad' zu erlangen, +Daß ich dies Jahr möcht' werden a Braut. +Jetzt--und ist alles nichts; +Die Fastnacht ist auch schon für-- +Ach, ich arme verlassene Haut! + +Der Joseph, wenn er sich auch zu vornehm hielt, um mit einzustimmen, +hörte doch mit sichtbarer Befriedigung zu und hoffte, dieses singende +Gassenlaufen würde der armen Tollen die verliebten Grillen austreiben. +Sie aber schien, sobald sie ihn nur sah, so völlig taub zu sein, daß +sie das Schimpflied weder hörte, noch sich zu Gemüte zog. Auch für +die erbitterten Scheltreden ihrer Brüder war sie ganz unempfindlich, +erwiderte kein Wort, änderte aber um kein Haar ihr Betragen, und +selbst das scharfe Vermahnen des Pfarrers, dem etwas davon zu Ohren +gekommen, vermochte so wenig über diesen seltsamen Zustand, wie beim +Eisen das Abraten hilft, wenn der Magnet ihm nahe kommt. + +Da übernahm es endlich eine mitleidige unter den Mädchen, der Moidi +den Kopf zurechtzusetzen. Sie hinterbrachte ihr--wahr oder zweckmäßig +erfunden, wissen wir nicht--, daß der Hirzersepp gesagt habe: Wenn's +ihm drum zu tun wäre, schwarze Pudel in die Wiege zu bekommen, würde +er die Moidi heiraten.--Die Predigt über diesen kurzen und bündigen +Text scheint eindringlich genug gewesen zu sein. Denn seit dem Tage +war "die Schwarze" wie verwandelt, ließ sich nirgend sehen, stahl sich +vor Tagesgrauen in die Frühmesse, wo sie im hintersten Winkel der +Kirche kniete, und wenn droben auf dem Berg ein Bursch ihr begegnete, +wandte sie das Gesicht ab und schwieg auf alle Anrede. Die Putzsucht +war vollends verschwunden. Das Schlechteste und Gröbste trug sie am +liebsten, und ihre krausen Haare flogen, wochenlang ohne Pflege, ihr +um die Schläfen, daß sie fast unheimlich anzuschauen war und niemand +mit ihr zu tun haben mochte. + +Im übrigen tat sie ihre harte Arbeit ohne Murren, und so waren die +Eltern wohl mit ihr zufrieden und ließen sie in allem gewähren. Der +Winter ging so hin. Als im Frühling die Wiesen zu grünen anfingen, +kam sie eines Tages zum Vater und bat um seine Erlaubnis, auf eine +Alpe ziehen zu dürfen, die höchste und einsamste im Passeier. Der +Vater, der von allen noch die klarste Ahnung ihres unseligen +Gemütszustandes hatte, willigte unbedenklich ein, und so war einen +Sommer lang die schwarze Moidi völlig verschollen. + +Desto heftiger erstaunte alle Welt, als im Herbst die Herden von den +Bergen heimkamen und das Gerücht mit ihnen ging: des alten Ingram +Tochter habe einen Buben mitgebracht, ein so sauberes, blühweißes und +rosenfarbenes Kind, als nur jemals sich ohne Vater beholfen habe, mit +schwarzen, aber gar nicht mohrenhaften Härlein, ein wahrer Staatsbub. +Auch sei die Moidi, trotz der Schande, ganz wohlvergnügt, habe die +Schläge, mit denen die Mutter sie empfangen, ohne Klage hingenommen, +dem Vater aber auf das härteste Verhör nicht beichten wollen, wer der +Schuldige sei. In dem Schuppen, wohin die Mutter sie verstoßen, damit +sie den Schimpf nicht vor Augen hätte, habe die Tochter sich darauf, +so gut es ging, einen warmen Winkel für ihr Kind zurechtgemacht und +sei Tag und Nacht nicht von ihm wegzubringen. + +Wem dies alles, zumal die gerühmte Schönheit des Knaben, unglaublich +schien, der hatte am nächsten Sonntag Gelegenheit, sich von der +Wahrheit des Gerüchts zu überzeugen. Denn am hellen Tage kam die +Vielgeschmähte vom Küchelberg herab, das Kind wie im Triumph in den +Armen in ihre besten Linnen und Tücher gewickelt, und trug es mit +herausforderndem Mutterstolz zur Taufe. Wenn einer sich ihr näherte +und neugierig nach dem kleinen Weltwunder schielte, stand sie sogleich +still, schlug den alten Flor zurück, der das schlafende Gesichtlein +bedeckte, und sagte fast spöttisch: Gelt, möchst den schwarzen Pudel +anschauen? Da, es ist nix Rares daran. Wo sollt's auch +herkommen?--und dann lachte sie mit großer Selbstgefälligkeit in sich +hinein, wenn der Beschauer, von der Zierlichkeit des Kindes überrascht, +nichts zu sagen wußte, und setzte noch hinzu: 's ist halt nur ein +schwarzer Pudel; man sollt' ihn in die Passer werfen, das wäre das +gescheitest'!--und lachte wieder auf eine so wunderliche Art, daß es +schien, als habe der Muttersegen ihren armen Verstand nicht eben +verbessert. + +Selten wohl ist eine Taufe in Meran unter so großem Zulauf vonstatten +gegangen. Als aber der Pfarrer nach den Taufpaten fragte, fand es +sich, daß die Moidi diesen wichtigen Punkt gänzlich übersehen hatte. +Niemand meldete sich auf die Frage, wer etwa in der versammelten +Gemeinde dem Kinde diesen Liebesdienst erweisen wolle; denn es drängte +sich keiner zu einem näheren Verhältnis mit der Mutter, und die +Großeltern, der Schande auszuweichen, waren ein paar Stunden weit weg +nach Lana zur Kirche gegangen. Da erhob sich endlich die zu allen +Opfern der Nächstenliebe Bereite, die Tochter des alten Hirzer, die im +vordersten Kirchstuhl kniete, trat an den Taufstein heran und nahm der +Moidi das Kind aus den Armen. Diese Lösung des bedenklichen Knotens +erschien allen als die einfachste, da die Hirzers-Ann mit dem +überfließenden Gnadenschatz ihres frommen Wandels der armen Sünderin +am füglichsten zu Hilfe kommen konnte. Und so wurde der Knabe, weil +der Mesner, ebenfalls aushelfend, seinen Namen hergab, Andree getauft +und mit großem Gefolge von der glückstrahlenden Mutter wieder durch +die Stadt getragen, hinauf in den elenden Schuppen, wo er in der +Nachbarschaft der Haustiere seine ersten Blicke in die Welt tun sollte. + +Es dauerte nicht lange, so sprach kein Mensch mehr von diesen immerhin +denkwürdigen Ereignissen, zumal da die Moidi sich nirgend sehen ließ, +nur für das Kind lebte und all ihre früheren Narrheiten in die eine +Leidenschaft der zärtlichsten Affenliebe versammelt zu haben schien. +Denn wie früher ihre eigene Person, so putzte und behing sie jetzt den +kleinen Andree mit allem, was ihr irgend dazu dienlich schien. Man +konnte sie droben auf einem schattigen Fleck stundenlang sitzen sehen, +Kränze windend für das Kind und aus alten bunten Seidentüchern +seltsame Kleider für ihn zurechtstoppelnd, mit denen sie ihn wie eine +Puppe aufschmückte und stolz jedem Vorübergehenden zeigte. Da dies +Treiben zwar auffallend, aber doch unschuldig war, ließ man sie +gewähren. Nur der Joseph Hirzer legte den größten Abscheu gegen sie +an den Tag und verbot der Anna aufs strengste, mit ihrem Patenkinde +irgendwelchen Verkehr zu pflegen. + +Die Moidi schien wenig danach zu fragen. Als ein Jahr darauf ihr +einst so schmerzlich Geliebter sich mit einer steinreichen +Bauerntochter aus Algund verheiratete, blieb sie ganz kalt und gab +nicht das geringste Zeichen von Herzweh. Die ganze Vergangenheit bis +zur Stunde, wo der Knabe auf die Welt kam, war aus ihrem Gedächnis wie +weggewischt, und auch von dem geheimnisvollen namenlosen Vater sprach +sie nie, schien auch keinen Versuch zu machen, ihm Kunde von sich und +dem Kinde zu geben. + +Da geschah es, daß erst ihre Eltern und dann die Brüder, einer nach +dem andern, im Lauf eines Jahres hingerafft wurden von einer Seuche, +die viele Opfer in diesen Tälern forderte. Nun war auf einen Schlag +das Schicksal der schwarzen Moidi verwandelt. Denn wenn sie bei +Lebzeiten der Geschwister zwar immerhin keine Armut zu fürchten hatte, +so war sie jetzt durch den Alleinbesitz des Hauses und der +ansehnlichen Weingüter zu einer reichen Partie geworden; schade nur, +daß die Mitgift ihrer dunklen Haut und der noch dunkleren ersten +Liebschaft manchen Wählerischen abschrecken mußte. + +Aber der praktische Trieb, der hier im Volke mächtig ist, kam ihr +dennoch zu Hilfe; ja sie hatte nicht einmal nötig, bei dem Freier, der +sich ihr antrug, auch ihrerseits ein Auge zuzudrücken. Es war ein +ganz schmucker Bauernsohn aus dem Dorfe Tirol, das unfern der +berühmten Feste gleichen Namens am Ende des Küchelberges liegt wo die +Wand der Muttspitze steil in die Höhe steigt. Sein Vater hatte ihm +zugeredet, und obwohl der Sohn nicht von den schnellsten Begriffen war, +so war doch die ganze wichtige Sache mit wenigen Worten ins reine +gebracht. + +So auch bei der Moidi. Sie schien es ganz in der Ordnung zu finden, +daß auch sie jetzt, trotz allem Vorangegangenen, an die Reihe kam. +Sie scherzte während der Werbung mit dem kleinen Andree, der schon im +vierten Jahre war und den fremden Burschen mit scheuen und trotzigen +Augen betrachtete. Als aber dieser, wie ihm seine Mutter geraten +hatte, eine große Tüte mit Zuckerwerk aus der Tasche zog und dem Kinde +reichte, war das letzte Bedenken der Moidi besiegt. Zwar bei einem +Vergleich mit dem Hirzerjoseph mußte des Wolfharts Franz den kürzeren +ziehen. Sein flaches, rundes, behagliches Gesicht, mit weißblonden +Haaren eingerahmt, erinnerte stark an die Madonnenbilder, die, wie +durch die Schablone gemalt, an Häusern, Torwegen und vollends in den +Kirchen zahlreich uns begegnen. Aber die Moidi besaß Schwarz genug, +um in seine übermäßige Helle Schatten zu werfen, und schien nicht zum +wenigsten gerade durch die Werbung des Blonden sich geehrt zu fühlen. +Nach dem raschen, durchaus geschäftsmäßigen Gang, den diese Dinge hier +nehmen, zog der Franz schon vier Wochen später als junger Ehemann in +das Haus seiner Neuvermählten auf dem Küchelberg, und damit war zum +zweitenmal das wiedererwachte Gerede über die Schicksale der schwarzen +Moidi verstummt und verschallt. + +Nicht für allzu lange Zeit. Über Jahr und Tag entsproß dieser Ehe +ein Mädchen, das nicht minder als damals der kleine Andree den +teilnehmenden Nachbarn zu reden gab. Es war das leibhaftige Ebenbild +des Vaters, schön weiß und rot, mit schlichtem blondem Haar, der +Mutter in keinem Zuge ähnlich, als daß sich früh Anwandlungen einer +phantastischen Gemütsart, einer leicht beweglichen Einbildungskraft +und weiblicher Eitelkeit an ihr zeigten, nur weniger ausschweifend als +bei der Mutter und durch die große Anmut ihrer kleinen Person ins +Liebenswürdige gemildert, aber immerhin gefährlich, da es dem Kinde an +einer festen Hand fehlte, die seinen Leichtsinn gezügelt und die +schönen Wucherblumen aus der jungen Seele sorgsam ausgereutet hätte. + +Denn kaum konnte die kleine Maria die ersten kindischen +Schmeichelkünste spielen lassen, so stahl sie der Mutter das Herz so +vollständig, daß sie dem älteren Bruder selbst das Pflichtteil der +Barmherzigkeit mit entwendete. Er, der früher der Abgott seiner +Mutter gewesen, war nun auf einmal nicht allein ihrer Gleichgültigkeit, +sondern einer entschiedenen Abneigung, die sich mit den Jahren zu +offenem Hasse steigerte, wehrlos preisgegeben. Es half nicht viel, +daß der gutmütige Pflegevater sich des Knaben annahm. Ja selbst, als +die kleine Schwester heranwuchs und sich mit stürmischer Zärtlichkeit +an den Bruder anschloß, vermochte sie, die sonst alles durchsetzte, +den Widergeist der Mutter nicht zu bezähmen. Vielmehr schien gerade +ihre Fürsprache den unnatürlichen Haß zu schüren, da sich nun eine Art +von Eifersucht hinzugesellte, eine harte und böse Mißgunst auf die +liebliche Vertraulichkeit, mit der die Kleine dem plötzlich +Verstoßenen begegnete. + +So viel freilich war durch das Dazwischenstehen der kleinen Maria dem +armen Knaben gewonnen, daß er vor leiblicher Mißhandlung geschützt +wurde. Denn das erste Mal, wo sich die entartete Mutter an ihrem +einstigen Liebling tätlich vergriff, war auch das letzte. Damals +zuerst wurde die Kleine von jenem seltsamen Nervenkrampf befallen, von +dem wir im Beginn unserer Erzählung ein Beispiel erlebt haben. Zum +Glück war der Vater zu Hause, um die widersinnigen Heilversuche zu +hindern, mit denen die erschrockene Mutter auf das Kind einstürmte. +Es gelang dem Bruder, durch sanftes Streichen mit seinen zitternden +Händen die Starrheit zu bezwingen, bis ihm das Kind schluchzend um den +Hals fiel und endlich schlafend von ihm in die Bettkammer getragen +werden konnte. + +Seit diesem Vorfall, dem bei anderen jähen Anlässen ähnliche folgten, +erhob die alte Moidi bis zu jenem verhängnisvollen Tage der Trennung +nicht wieder die Hand gegen den Sohn. Ihre Abneigung wurde aber nur +finsterer und gewaltsamer, weil sie nicht mehr in heftigen Szenen sich +Luft zu machen wagte. Sie schien das Dasein des Knaben völlig +verleugnen zu wollen, um sich einzig dem Mädchen zu widmen. Für diese +war sie unermüdlich, Ärzte und Kräuterwelber zu Rat zu ziehen, +Wallfahrten zu machen, Messen lesen zu lassen und durch die +schrankenlose Nachgiebigkeit ihr womöglich jeden Anstoß aus dem Wege +zu räumen. Der schwache und weichmütige Vater ließ alles geschehen. +Es war ihm nicht wohl in seinem Hause. Aber die Stadt lag ja so nahe +zu seinen Füßen, daß er die grünen Büsche vor den Schenktüren bis +herauf winken sah. So heiligte er gewissenhaft die zahlreichen +Bauernfeiertage, von denen der tirolische Kalender über und über rot +wird, und erzählte jedem, der es hören wollte, mit ahnenstolzer +Gemütsruhe, daß drei aus seiner Familie in den letzten fünfzig Jahren +am Delirium gestorben seien, was nicht die schlimmste Todesart sei. + +Seinem Weibe war er längst gleichgültig. Sie liebte niemand auf der +Welt als das blonde Kind. Auch wurde sie dem Verkehr mit Nachbarn und +Verwandten mehr und mehr entfremdet, da ihre unnatürlichen Schrullen +den Leuten vollends ein Grauen erweckten. Das Haus lag einsam auf dem +nackten Felsgrunde, ganz abseits von der Straße, die sich um den +Küchelberg hinauf nach Dorf Tirol windet. Niemand sprach sie im +Vorübergehen an; zu niemand ging sie; in der Kirche, die sie vor Tage +besuchte, blieb der Platz neben ihr leer. + +Es war unter solchen Umständen nicht zu verwundern, daß der Joseph +Hirzer jede Annäherung an die Moidi und ihr Haus von Jahr zu Jahr +standhafter vermied, seiner Schwester unerbittlich den Weg abschnitt, +wenn ihr Gewissen sie antrieb, sich nach ihrem Taufpaten umzusehen, +und seinen eigenen Kindern, die mit Andree und der blonden Moidi in +der Schule zusammentrafen, aufs strengste verbot, zu Hause von ihnen +zu erzählen. Er selbst war in allen Stücken mächtig emporgekommen, +galt für einen der wackersten Haushälter, eifrigsten Weinzüchter und +rechtschaffensten Ehrenmänner, während seine Schwester in gleicher +Weise zunahm an Gnade bei Gott und den Menschen, zumal sie ihr ganzes +Vermögen im Testament an Kirchen und Klöster vermacht hatte, wofür die +Priester ihr verhießen, daß sie unfehlbar "von Mund auf in den Himmel +kommen würde". Ihr Bruder hatte da wohl nicht einreden dürfen. Sein +Sohn und die drei stattlichen Töchter waren auch ohne jede Erbschaft +von der Tante hinlänglich versorgt durch die blühenden weiten Güter +beider Eltern. Und als ihre Mutter, die Erbin von Algund, noch in +guten Jahren starb, trat die Tante Anna an ihre Stelle und sorgte +durch liebevolle Pflege dafür, daß ihres Bruders Kinder auch ohne +jedes klingende Vermächtnis sie in gutem Andenken behalten mußten. + +Die Kinder aber, obwohl sie den Vater fürchteten, konnten ihm doch +nicht so blindlings gehorchen, daß sie auch in der Schule zu Meran dem +Andree und seiner Schwester ausgewichen wären. Moidi, mit ihrem +leichten, lachlustigen Sinn, kam ihnen, wie allen, die sich ihr +freundlich zeigten, ganz ungebunden entgegen; Andree duldete sie +wenigstens, da er von der Tante Anna, seiner Pate, wußte, daß sie so +heilig sei und nur der Mutter wegen sich nicht um ihn bekümmern dürfe. +Im übrigen war er ein schweigsamer, sinnender, leicht aufbrausender +Knabe, der am liebsten sein Wesen für sich hatte und früh eine ganz +befremdliche Eifersucht auf die Schwester an den Tag legte. Es war +ihm am wohlsten an Feiertagen, wenn sie droben in der luftigen +Einsamkeit ohne fremde Kinder den ganzen Tag beisammen blieben und die +Kleine sich für niemand putzte als für ihn allein. Sie hatten unter +einem überhangenden Felsstück, wo wilde Beeren in Fülle wuchsen und +die rauhe Wand dicht mit Efeu verkleidet war, ihre Einsiedelei +errichtet, mit vielen wichtig behüteten und nur von den Eidechsen +ausgespürten Verstecken für ihre kindischen Siebensachen. lm +Hochsommer, wenn das Rebenlaub bis an den Fuß ihres Schlupfwinkeis +wucherte, saßen sie da halbe Tage lang, und die Kleine reihte +unermüdlich mit spitzer Nadel die blanken gelben Maiskörner auf lange +Fäden, woraus ein lustiges Geschmeide entstand. Waren die. Ketten +fertig, so kniete der Bruder vor Moidi hin und schlang ihr den Schmuck +in künstlichen Ringen um Stirne, Hals und Arme. Dabei hatten sie +allerlei konfuse, andächtige Vorstellungen, und die Geschmückte fühlte +eine dunkle Wonne, sich angeschaut und bewundert zu wissen, wohl gar +etwas vom Heiligenschein um ihren törichten Kindskopf zu tragen. Der +Bub war noch feierlicher, und wehe dem, der in solchem Augenblick dazu +gekommen wäre und seine Huldigung gestört hätte. Der Schwester selbst +nahm er es jedesmal übel, wenn sie plötzlich zu lachen anfing und aus +Übermut und Langeweile die gelben Kettchen zerriß, daß die Körner +eilfertig den Berg hinabrollten, und sie sich nach einem andern Spiel +umsehen mußten. + +Die ersten Jahre ließ sie die Mutter bei all ihren Heimlichkeiten und +vertrauten Schleich- und Schlupfwegen ungestört. Als aber der Andree +größer wurde und mit seinem scharfen Auge und seinen fragenden Mienen +immer verwundener und vorwurfsvoller ihrem Haß gegenüberstand, suchte +sie ihn der Kleinen durch allerlei böse Reden und schwarze +Verdächtigungen zu verleiden und ergriff jede Gelegenheit, die Kinder +zu trennen, mit gehässiger Schadenfreude. Sie lag ihrem Manne sogar +an, den unnützen Buben, der doch keine Lust am Arbeiten habe, zu dem +Zehnuhrmesscr zu tun, daß der ihm Unterricht gebe und einen +Geistlichen aus ihm mache. Da der Knabe einen aufgeweckten Verstand +und großen lerneifer in der Schule gezeigt hatte, leuchtete der Plan +beiden Männern ein, und Andree zog in die Stadt hinunter zu dem +geistlichen Herrn. Er war sehr still und traurig beim Abschiede von +der Kleinen, die aber lachte und von der Trennung nichts begriff.--Der +Hilfspriester wohnte unten in der langen Laubengasse Merans, die ihren +Namen hat von den zwei Reihen steinerner Arkaden, in welche die Sonne +keinen Zugang findet. Die schmalen Häuser mit winkligen engen Höfen +und düsteren Treppenfluren, meist uralt und die wenigsten sauber +gehalten, haben eine beträchtliche Tiefe, und an die Hintergebäude +stoßen nach Norden zu weite Weingärten, bis an den Fuß des +Küchelberges, nach Süden öffnen sie sich gegen die Stadtmauer. Hier +sind hellere Räume, und man blickt aus den Fenstern auf die +Wassermauer und über den Fluß hinweg ins breite Etschtal hinaus. Auch +das bescheidene Quartier des Hilfspriesters genoß diesen Vorzug. Aber +der Knabe, an die freie Luft oben auf der Höhe gewöhnt, schien sich +dennoch ein Gefangener. Ja, er hätte wohl gern seine sonnige +Dachkammer mit einem finsteren Nordfensterchen vertauscht, von dem aus +er den Berg und die kleine Felshöhle oben über den letzten Reben, den +Ort seiner Kinderspiele, hätte sehen können. Er verstummte noch mehr +als sonst, trotz alles Zuredens seines freundlichen Lehrmeisters. Das +Lernen war ihm plötzlich verleidet; er aß wenig und schlief schlecht, +so daß er in vier Wochen blaß und hohläugig wurde. Und eines Tags kam +er zu seinem Lehrer und erklärte ihm, er werde sterben, wenn man ihn +länger in der Stadt halte. Den Namen seiner Schwester hatte er nie +genannt. Aber es war dem mitleidigen Seelsorger klar, daß ihn ein +brennendes Heimweh nach ihr nage, und bestürzt übernahm er es, der +Mutter die Notwendigkeit der Rückkehr vorzustellen. Die Alte wütete +und schalt und wollte nichts davon hören. Am Abend desselben Tages +aber klopfte der Knabe drohen in der Hütte wieder an, und nach einem +leidenschaftlichen Auftritt, der wieder mit einem Krampfanfall der +kleinen Marie endigte, ergab sich die Mutter in das Unabänderliche, +unter der Bedingung, daß der entlaufene Student dem Vater +Knechtsdienste tun und sein Lager in einem Winkel des Schuppens hinter +dem Hause aufschlagen mußte. + +Die Kleine war sehr glücklich, ihn wieder zu haben, und er selbst +schien um diesen Preis keine Entbehrung und Zurücksetzung zu hart zu +finden. Er war nun anstellig zu allem, was ihm der Pflegevater +auftrug, arbeitete in den Weinbergen, ließ sich willig über Land +schicken und sah die Mutter nur bei den Mahlzeiten, wo zwischen beiden +nie ein Wort gewechselt wurde. Da er kein Geld erhielt und an +Kleidern nur das Notdürftigste, blieb er von den anderen Burschen +seines Alters, von den Schenken und Kegelbahnen ein für allemal weg +und schien nichts daran zu entbehren. Denn an den Feiertagen pflegte +er mit der Schwester nach wie vor lange Stunden hindurch +zusammenzusitzen, und obwohl beide heranwuchsen, er ein kräftiger +Jüngling wurde und sie längst den Burschen ein Ziel mancher +zaghafteren oder dreisteren Werbung, war ihr Verkehr doch noch ein +kindischer, ihr Gespräch ein törichtes Geplauder. Sie tat, was sie +nur wußte und konnte, sein hartes Leben zu erleichtern, brachte ihm +von allem, was sie etwa an guten Bissen von der Mutter erhielt oder, +da sie näschig war, sich in der Stadt kaufte, seinen brüderlichen +Anteil, und wenn er jenes verschmähte, nahm er doch ihre eigenen Gaben +mit sichtbarer Freude. Oft nach einem schweren Arbeitstag, besonders +in der Zeit der Lese, wenn die Sonntagssonne in seinem fensterlosen +Schuppen ihn nicht zu wecken vermochte, schlich sie zu ihm hinein und +saß im Dunkeln neben seiner Streu, die nur durch ein schlechtes Laken +und eine Pferdedecke zu einem Bette wurde. Sie hatte ihren Spaß, wenn +er im Dunkeln nicht begriff, daß sie bei ihm war, und ihre Hand, die +ihm in den Haaren zauste, schlaftrunken abzuwehren suchte, als komme +ihm etwa eine Feldmaus zu nahe. Wachte er dann auf, so hörte er ihr +helles Lachen neben sich und lag nun wohl noch eine Weile in +verstelltem Schlaf, um ihre Neckereien. länger zu erleiden. Sie tat +es nicht anders, als daß er sie zur Kirche begleiten mußte, wo er dann +von den Burschen, die sich ihr näherten und die sie zu verscheuchen +gar keine Lust bezeigte, manchen eifersüchtigen Stich ins Herz empfing. +Hier begegnete er auch oft seiner Patin, der Tante Anna, und hätte +sich ihr, da sie ihn stets mit einem stillen und freundlichen Auge +grüßte, gern genähert. Aber der Joseph Hirzer, der dann Wache hielt, +ließ durch sein starres Anblicken deutlich erkennen, daß er sich jede +Annäherung des vaterlosen Burschen verbitte. Und so blieb es auch +zwischen den Kindern bei einem gelegentlichen Gruß, obwohl die Moidi +öfters dem Bruder mit Lachen erzählte, daß die Rosina, des Hirzers +jüngste Tochter, die nach der Verheiratung ihrer beiden Schwestern +noch allein im Hause blieb, wieder einen so langen Blick nach ihm +getan habe und sicherlich in ihn verliebt sei. + +Jedesmal, wenn hiervon die Rede zwischen ihnen kam, oder eine Hochzeit +das Tagesgespräch war, wurde der Jüngling doppelt nachdenklich und +brach eilig ab. Ihm selbst schienen alle Mädchen eher unbequem und +alle Liebesscherzreden ein Abscheu zu sein. Ob er darüber nachdachte, +jemals ein eigenes Hauswesen zu gründen, war nicht zu enträtseln. +Aber mit einem seltsamen Ausdruck tiefer Angst sah er der Schwester +ins Gesicht, sooft deren leichtsinnige Gedanken bei ihrer Zukunft +verweilten und eine Trennung von ihm ihr als eine Möglichkeit erschien, +die doch wohl zu verwinden wäre. Du bist ein Kind, sagte er dann. +Wer darf dich heiraten? Die Männer sind alle schlecht und Ehstand ist +Wehstand. Du sollst bei mir bleiben, ich will schon für dich schaffen +und dir ein gutes Leben machen. Was schwatzest du von anderen? Eh' +mir einer gut genug ist für dich, muß die Passer den Ifinger +hinanfließen. + +Sie lachte zu solchen Reden und ließ sie sich gefallen, weil sie ihr +schmeichelten. Auch schien keine ernste Neigung in ihrem leichten +Sinn wurzeln zu können. Die Mutter tat das ihrige, Freier, die sich +von ferne blicken ließen, zurückzuschrecken. Und so blieb durch viele +Jahre droben auf dem Küchelberg die wunderliche Gesellschaft beisammen, +und keine Änderung war abzusehen. + +Da erlag eines Tages der Mann dem Einflusse jenes Sterns, der schon +seinen würdigen Vorfahren zu Grabe geleuchtet hatte. Er starb im +Säuferwahnsinn. Von dem Tage an war das eifrigste Bestreben der Witwe +darauf gerichtet, den Sohn aus dem Hause zu schaffen. Eine nähere +Schilderung jenes bösen wilden Auftrittes, der ihr zum Ziele verhalf, +wird uns gern erlassen werden. Die Geschwister trennten sich; die +blonde Moidi hatte keinen Mut, dem Bruder zuzureden, sich einer +zweiten Mißhandlung auszusetzen. Geh nur, sagte sie. Es ist besser +so. Ich verlass' dich schon nicht. Du weißt ja, ich mach' mit ihr, +was ich will, und wenn sie mir das Türl versperrt, spring' ich zum +Fenster hinaus und lauf zu dir. + +Auch hielt sie Wort. Aber was half's ihm, daß keine Woche verging, wo +sie ihn nicht aufsuchte, ungerechnet ihr Wiedersehen an den Sonntagen? +Täglich, stündlich war er ihre Nähe gewohnt gewesen. Jenes kindische +Heimweh, das ihn vom Zehnuhrmesser fortgetrieben hatte, wuchs ihm oft +genug, wenn er nach heißer Arbeit unter den Kastanienzweigen saß, so +unbezwinglich über den Kopf, daß er den schroffen Abhang des Berges +dicht über dem Dorfe Gratsch hinanstürmte, um nur vor Schlafengehen +noch das Dach des Häuschens zu sehen, oder gar etwas, das dem Mädchen +selber glich. Auch geschah es mehr als einmal, zumal an Feiertagen, +wenn sie an den verabredeten Ort nicht kam, daß er in fiebernder +Eifersucht die Wege nach ihrem Hause bewachte, ob etwa ein Besuch sie +zurückhalte. Er lag dann förmlich im Hinterhalt. Kam ein Bursch +vorbei, bergab schreitend, so stellte er sich schlafend, um seine +Mienen auszukundschaften. Ihm war unselig dabei zu Mut. Eine Ahnung +dämmerte in ihm auf, dies alles sei nicht recht und löblich. Warum +gönnte er der Schwester nicht, was allen Mädchen zukam, Freiheit in +Wünschen und Neigungen? Mit heißer Angst jagte er diese Gedanken von +dannen, die immer zudringlicher zurückkamen. Freilich ihr Vater war +nicht der seine. Aber waren sie darum weniger Geschwister? + +Oft genug kam es ihm auch, daß er fort müsse, daß es ihm draußen +leichter ums Herz werden würde. Was stand ihm auch im Wege? Was +hielt ihn? Hier nicht besser als in der weiten Welt mußte er sich +hart durchs Leben schlagen. Und wer weiß, er konnte wohl seinen Vater +draußen antreffen; es war in aller Weise das ratsamste, die Luft zu +verändern. Wenn er nur zum ersten Schritt die Kraft erschwungen hätte! + +Von neuem wälzte er diese Gedanken, als er heut unter den Reben bei +der Schlafenden saß und das Spiel des Sonnenstrahls auf ihrer Stirn +bewachte. Die Erschütterung, von der sie nun erquicklich und +erinnerungslos ausruhte, zitterte ihm noch durch alle Adern, und der +Anblick ihrer unschuldigen Ruhe mehrte nur seine Verwirrung. Er +suchte in sich nach dem Mut, jetzt ein feierliches Gelübde zu tun, das +ihn forttriebe von hier, wo die natürlichsten Bande sich so unheilvoll +verstrickt hatten. Neben ihr begriff er nur zu gut, wie nötig es sei, +zu fliehen. Aber wenn er darin wieder allein war, fühlte er, daß es +unmöglich sei. + +Er rührte die Schlafende nicht an, er hatte seit seinen Kinderjahren +nicht mehr gewagt, ihren roten lachlustigen Mund zu küssen. Aber die +Scheu, mit der er sie betrachtete, war mit einer dumpfen, +leidenschaftlichen Qual gemischt, und ihr leichter Atem, der sein +Gesicht streifte, trieb ihm das Blut heftig zum Herzen. + +Es ward schon abendlicher draußen, denn der Marlinger Berg im Westen +verbirgt die Sonne früh. Die Schläferin erinnerte sich jetzt, +richtete sich im Grase auf und sah mit großen Augen umher. Als sie +den Bruder neben sich erblickte, lachte sie ihn freundlich an. Wie +lange hab' ich geschlafen? sagte sie verwundert. Wie kam es denn, daß +ich mich hier niedergelegt hab'? + +Es war heiß, sagte er. Nun aber geh nach Haus, Moidi. Ich muß drüben +nachschauen, ob alles in Ordnung ist. + +Sie stand auf und gab ihm die Hand. Gute Nacht, Andree, sagte sie +hastig, denn eine Erinnerung an das Vorgefallene stieg dunkel in ihr +auf. Übermorgen ist Sonntag. Du kommst doch in die Kirche? + +Nein, Moidi. Du weißt ja, daß ich auf dem Posten bleiben muß, solang' +ich den Saltner mache. + +Es ist wahr, erwiderte sie nachdenklich. Ich komm' aber schon wieder +zu dir. Gute Nacht! + +Er kämpfte mit sich, ob er sie bitten solle, nicht mehr zu kommen. +Aber ehe er sich entschließen konnte, war sie schon auf und davon. Am +Ausgang der Laube stand er und sah ihr nach, wie sie behende das +steile Treppchen hinanstieg. Der lange hundertfaltige Rock bewegte +sich zierlich um ihre Knöchel, bei jedem Schritt wie ein Fächer die +Falten öffnend und wieder zusammenschlagend. Von oben winkte sie noch +einmal zurück mit der Hand. Er grüßte nicht hinauf; das Geländer +zitterte, an dem er angelehnt stand, und ein Seufzer, den er lange +verhalten hatte, befreite ihm doch nicht seine beklommene Brust. + +In diesem Augenblick hörte er einen raschen Männerschritt von unten +heraufkommen und erkannte einen seiner Kameraden, einen langbärtigen +starken Burschen, ebenfalls mit dem Trutzhut ausgerüstet, statt der +Hellebarde eine große Fichtenkeule in der rauhen Faust, deren +wuchtiges Ende er lustig winkend schwang. Andree! sagte er, als er +ihm nahe genug war, wie ist's auf die Nacht? Soll ich mit dir wachen? +Du hast mit dem Welschen zu tun gehabt, hab's wohl gemerkt. Und sei +gewiß, er schenkt dir's nicht und bringt auch wohl Verstärkung mit. +Schau, da hab' ich was, um den Hunden den Spaß zu versalzen!--und er +zog aus der Brusttasche seiner Lederjoppe eine kleine Pistole und ließ +den Hahn knacken. + +Ich dank', Köbele, erwiderte Andree. Der Welsche ist feige wie die +Sünde. Allein kommt er einmal nicht, und wenn's ein ganzer Haufen ist, +sind wir zwei doch zu schwach gegen sie. Ich gebe dann das Zeichen, +und du magst's den andern sagen, daß sie fein aufpassen. Das Ding +da--er wies auf die Taschenpistole--laß aber in Frieden. Bei der +Dunkelheit hat's keinen Schick, und du verpuffst bloß das Kraut. +Fassen wir einen, so taugt ihm die Jacke voll Schläge besser als so +ein Loch in der Haut, das er nachher vorweisen kann gegen uns. + +Wie du meinst, gab der Bursch zur Antwort. Es ist halt nur auf alle +Fälle. Ich wollt' aber, sie kämen. Sie haben eine schöne Rechnung +bei mir auf der Kerbe, und der Hans ist auch ganz fuchtig auf die +Halunken. Einmal müssen wir's ihnen eintränken. + +Andree schwieg, und der Bärtige stieg mit einem kurzen Gruß wieder +hinab. Man war schon gewohnt, den Verschlossenen gewähren zu lassen +und sich ihm nicht aufzudrängen. + +Nun war die Sonne hinter den Berg gegangen, aber noch Stunden währte +es, bis die Nacht die Herrschaft gewann. Denn zur Rechten hoch aus +dem Vintschgau zuströmend und drüben bis an den Gürtel des Ifinger +hinab waltete noch die Tageshelle, und ein bläulicher Duft wölkte sich +über dem Flusse hin, hie und da von einem Sonnenstreifen durchschossen, +der hinter der Bergwand sich in die Täler hereinstahl. Die Hirten +trieben unten in den Wiesen ihre Herden zusammen, und alle Wege zu den +Dörfern hinauf belebten sich mit schönen falben Kühen, die über Tag an +den Bächen unten geweidet hatten. Im Süden aber die Trientiner Berge +und die schöne, kühn hereinblickende Mendelspitz verschleierten sich +unter den feuchten Dünsten, die der Schirokko ins Tal heraufwehte. + +Spät erst kam ein schmales Stück des Mondes hervor, warf einen +unsicheren Blick in die stille Tiefe und verschwand alsbald hinter der +schweren Feuchte, die sich träge an den Bergen hintrieb. Das letzte +Geräusch in der Stadt, wo der Feierabend frühzeitig eintritt, das +letzte Geläut von den Türmen hüben und drüben verklang. Nur die +raschen Bergwässer rauschten, und von ferne summte der Südwind daher, +trieb den Staub am Wege in leichten Wirbeln auf und raschelte durch +die Blätter des vergangenen Herbstes. Auch das ward still, als es +gegen elf Uhr ging, und nun hing die regungslose schwarze Nacht, ohne +Sterne, ohne einen Hauch, feucht und warm über der Erde und goß ihren +Schlaftau auf die tausend Augen. + +Die Weinhüter schliefen nicht, und sie wußten warum. Es war nicht die +erste mondlose Nacht, in der freche Diebe Einbruch in die Rebengänge +versucht und schweren Schaden verübt hatten. Oben bei seiner +Maisstrohhütte saß Andree, rauchte aus der kleinen Pfeife und griff im +Dunkeln öfters nach dem Kruge, den sein Herr ihm auf die Nacht frisch +hatte füllen lassen. Die schweren Regentropfen, die einzeln durch das +Blätterdach auf ihn eindrangen, fühlte er kaum in seinen dichten +Haaren. Er horchte aber unverwandt nach der Stadt hin, und als es elf +geschlagen, hob er sich leise empor und schlich an eine Stelle dicht +über der Straße, wo die Laube durch grobe Kürbisblätter und ein +vortretendes Mäuerchen zu einem Spähewinkel ausgebaut war. Hier +duckte er sich hinter die Steine, die Hellebarde bequem zur Hand, und +zündete eine neue Pfeife an. Sein Blut war viel ruhiger als über Tag. +Es tat ihm wohl, daß er zu tun bekam, daß er seine heiße Unruhe an +einer Gefahr austoben konnte. Denn daß der Welsche die Nacht nicht +vorüberlassen würde, ohne Rache zu versuchen, stand ihm fest. + +Aber der Feind ließ sich Zeit; er schien die Wächter sicher machen zu +wollen. Man hörte die Mitternacht vorn Turm schlagen, und noch regte +sich nichts. Einer der Saltner, der das Nachbargut hütete, strich bei +seiner Runde an Andree vorbei. Heut kommen sie nicht, sagte er. Ich +geh' hinauf in die Hütten. Passiert was, so brauchst nur pfeifen. +Gute Nacht! murmelte Andree. Es war ihm lieb, daß der Kamerad zu +schlafen vorzog. Er hätte am liebsten ganz allein Mann an Mann mit +dem Welschen zu tun gehabt. + +Wieder eine halbe Stunde verging, da horchte plötzlich der Einsame +hoch auf. Unfern von ihm, wo ein Bauernhof zwischen den Weingütern +sich an den Berg lehnte, erscholl ein gewaltiges Brüllen, und gleich +darauf stürmte unter heftigem Krachen zersplitternder Geländerstäbe +eine dunkle Masse heran, die nichts Menschlichem glich. Der +Lauschende sprang auf seine Füße, das Herz klopfte ihm, unwillkürlich +schlug er ein Kreuz. Stufen und Mauerwerk trennten ihn von der Laube +drüben, im Nu stand er auf dem Rande der Brustwehr und spähte, auf die +Hellebarde gestützt, atemlos in das nachbarliche Revier, aus dem der +Lärm erscholl. Es kam näher und näher, ein Geheul wie von einem +angeschossenen Tier in der Wildnis, das wütend den Jäger sucht. Und +jetzt donnerte es drüben dumpf gegen die Mauer, die Steine wichen aus +den Fugen, stürzten prasselnd die Stufen hinab, und nach stürzte durch +die Bresche, sich überschlagend im Fall, das rätselhafte Ungetüm mit +solcher Gewalt in den Treppenhohlweg hinunter, daß die Mauer, auf der +Andree stand, wie von einem Erdbeben erschwankte. + +Sofort wurde alles still, nur ein schwaches Gestöhn drang zu den Ohren +des Lauschenden aus der Tiefe herauf, wo die schwere Masse +zusammengestürzt war. Der Bursch war nicht mehr im Zweifel darüber, +daß es eine von den Kühen des Nachbarn sei, deren Stall an den +Rebengarten grenzte. Ein grimmiger Verdacht loderte in ihm auf. Er +pfiff zweimal gellend auf den Fingern, sprang dann hinab und schwang +sich über die Mauer auf die Straße. + +Das gestürzte Tier lag am Rande des Weges halb zwischen den Steinen +eingeklemmt und schlug mit den Beinen um sich, die Hörner in den Boden +einwühlend. Doch schien es von der Qual befreit, die es vorhin durch +die Lauben gehetzt hatte; es stieß nur dann und wann ein dumpfes +Brüllen aus, als wollte es Hilfe herbeilocken, und war zahm und +geduldig, als Andree herantrat. + +Drei oder vier von den anderen Burschen kamen jetzt von verschiedenen +Seiten herbei, sie wechselten heftige halblaute Reden, ehe sie +Anstalten machten, dem Tier wieder auf die Beine zu helfen. Andree +schwieg und spähte am Boden umher. Plötzlich hob er mit dem Eisen +seiner Waffe etwas Glimmendes vom Boden auf. Es ist richtig! sagte er, +ich dachte mir's gleich und roch es, wie ich herunterkam. 's ist eins +ihrer Bubenstücke. Da seht! + +Er hielt ihnen ein Stück Zunder hin, das trotz der Feuchte immer noch +fortbrannte. Schandvolk! brauste er auf. Sie haben's der +unschuldigen Kreatur ins Ohr gesteckt, um sie rasend zu machen. Wäre +sie nicht zu Fall gekommen, so hätt' sich's durchgebrannt, bis ins +Hirn, und sie wär' jetzt für den Schindanger reif. So hat sich's +herausgeschüttelt, und der Bauer kann von Glück sagen. Hätt' ich den +Buben, heiliges Kreuz--! + +Der Köbele knackte am Hahn seiner Pistole. Willst du mit mir kommen, +Andree? + +Nein. Laß das Ding da in Ruh, gab der Bursch finster zur Antwort. +Macht, daß ihr die Kuh wieder zum Stehen bringt und schafft, sie heim. +Ich will allein gehen. + +Er sprang mit großen Sätzen geräuschlos durch die Weiden gegenüber und +über das Wiesen- und Sumpfland; eine wilde Kampflust glühte in ihm, +die alle seine Sinne schärfte. Der Regen fiel jetzt gleichmäßig und +mit starkem Rauschen herab, und der Wind sauste stärker. Dennoch +hörte Andree, als er dem Stadttor näher kam, ferne Schritte unter den +Weiden und sah jetzt auch, weit voraus, zwei fliehende Gestalten und +erkannte mit kaum verhaltenem Jauchzen die weißen Jacken der verhaßten +Feinde. Kaum hundert Schritte noch, so hatten sie das Tor erreicht. +Aber sie kamen langsam von der Stelle. Der eine--er war jetzt nahe +genug, es deutlich zu unterscheiden--hinkte mühsam am Arme seines +Kameraden hin. Das Tier mochte sich mit seinen scharfen Hörnern zur +Wehr gesetzt haben. Sie sprachen im Gehen von ihrer Untat, der +Hinkende lachte eben mit einer Stimme, die dem Rächer vom Morgen her +nur zu gut bekannt war. Aber das Lachen ward jählings zu einem Schrei +des Entsetzens. Denn von einem wütenden Schlag der Hellebarde +getroffen, stürzte der Elende in die Knie und winselte um Pardon. Ein +neuer Stoß streckte ihn stumm zu Boden. Sein Geselle, der ihm +beispringen wollte, wurde von zwei stählernen Fäusten gepackt, ein +wildes Ringen begann in der Finsternis, keiner sprach ein Wort, nur +die Zähne der erbitterten Gegner knirschten, und sie starrten einander +dicht ins Weiße der Augen. Da sah der Soldat seinen Vorteil und +drängte den Feind dicht an den Rand des Grabens, daß ihm der Fuß auf +dem schlüpfrigen Boden ausglitt und er rücklings niedertaumelte. Ehe +er sich wieder aufgerafft hatte, war der Weißrock entsprungen, und +Andree stand einsam neben dem regungslos daliegenden Welschen, der auf +alles Rufen und Rütteln kein Lebenszeichen mehr von sich gab. + +Er ist hin! sagte der Bursch laut für sich, da ihm die leblose Masse +wieder aus den Armen glitt. Bei dem Ton seiner eigenen Worte +schauderte er unwillkürlich zusammen. Sein ganzes elendes Leben stand +ihm plötzlich vor der Seele. + +Nicht der Totschlag war es, der ihm so grauenvoll aufs Gewissen fiel. +Sie waren als ruchlose Räuber bei nächtlicher Weile eingebrochen, und +was sie traf, war gerechte Rache für ihre Heimtücke. Wenn der andere +Weißrock, der entflohene, der ihm völlig fremd war, so vor ihm +dagelegen hätte mit zerschelltem Hinterhaupt, das Gesicht in die Lache +seines eigenen Blutes gedrückt, wär' es dem trotzigen Burschen wohl +schwerlich nahegegangen. Aber daß es dieser sein mußte, den er gehaßt +hatte, gehaßt, weil die Moidi ihm freundlich gewesen war--seine +Schwester--!--Das Blut schien ihm zu Eisklumpen zu gerinnen, wie er es +jetzt zum erstenmal mit unbarmherziger Klarheit vor sich stehen sah, +sein fluchwürdiges Schicksal. Mit Rache- und Blutgedanken hatte er am +Wege gelauert den ganzen Tag und die halbe Nacht. Was war ihm der +Frevel an den Rebstöcken und dem unschuldigen Tier? Einen ganz +anderen Frevel hatte er zu rächen: daß dieser verwegene Gesell mit dem +Mädchen schön getan, daß das Mädchen über seine Reden gelacht, daß sie +ihn gegen den Zorn des Bruders jetzt so verteidigt hatte. Darum hatte +er büßen müssen, darum lag er jetzt so still in seinem Blut, und der +vor ihm stand, war kein Hüter des Gesetzes, sondern ein Mörder, +geächtet von seinem eigenen Gewissen. + +Der Köbele kam jetzt heran, und sein Schritt schreckte den +hoffnungslos Brütenden auf. Er sprach kein Wort auf alles, was der +andere redete und rannte. Er bedeutete ihm mit stummen Gebärden, daß +sie den Toten aufheben und in das Kapuzinerkloster tragen wollten, das +hart am Tor von Meran über die Mauer blickt. Erst dort an der +Klosterpforte, als sie ihre Last auf der Schwelle abluden, sagte er +dumpf: Zieh an der Glocke, Köbele, und wart, bis sie aufmachen. +Kannst ihnen sagen, daß ich's getan hab'. Und behüt dich Gott; mich +wirst nimmer wiedersehen.--Damit wandte er sich kurz ab und verschwand +in der dunklen Straße. + +Es war ihm eilig mit dem, was er vorhatte, doch konnte er nur langsam +seine Glieder weiterschleppen, so schwer lähmten ihn seine Gedanken. +Als er die finstern Bogengänge der "langen Lauben" betrat, wo er vor +dem Regen geschützt war, setzte er sich auf einen der Steinsitze und +lehnte das schwere Haupt gegen den Pfeiler. Hier saß über Tag das +alte Mütterchen, das auf seinem Kohlenofen Kastanien briet. Die Erde +war noch mit Schalen bestreut, die unter Andrees schweren Nägelschuhen +krachten. Wie oft hatte er hier seinen Hunger gestillt, wenn er zu +stolz gewesen war, die eigene Mutter um Essen zu bitten! Und dort, +wenige Häuser aufwärts, war der Laden des Zuckerbäckers, dem die Moidi +ihre Sparkreuzer hinzutragen pflegte. Er sah noch deutlich das große +Herz von Biskuit, das erste Naschwerk, das sie sich selber gekauft. +Sie hatte es mit ihm teilen wollen und, da er's ausschlug, in die +Passer geworfen, obwohl sie es sehr gern gegessen hätte; denn sie +weinte, als sie es getan hatte. Noch jetzt, da er an diese kindischen +Tränen zurückdachte, fühlte er eine triumphierende Freude, daß er so +viel Gewalt über ihr leichtsinniges, trotziges Herzchen gehabt hatte, +und in demselben Augenblicke erschrak er über diese seine Freude. Er +sprang verstört wieder auf und tappte sich vorwärts in dem öden +Hallengang, bis er an das Haus kam, wo der Zehnuhrmesser wohnte. Die +Haustür war unverschlossen, der Flur mit der morschen winkligen Treppe +so dunkel, daß jeder fremde Eindringling Gefahr lief, den Hals zu +brechen. Andree stieg auf den Zehen hinauf, er kannte jede Stufe. +Die Fledermäuse schwirrten auf, als er oben unters Dach trat, wo der +geistliche Herr sein Quartier hatte. Da stand er eine Weile an der +Tür und horchte, ob er ihn drinnen im Schlaf atmen hörte. Darin +entschloß er sich einzutreten. + +Das Zimmer aber war leer; auch in der anstoßenden Kammer, wo er selbst +als Knabe gehaust hatte, fand er ihn nicht. Und als ob er sich jetzt +erst recht von Gott und Menschen verlassen fühlte, setzte er sich auf +das unberührte Bett und dachte von neuem an all die Jahre zurück und +brütete über finsteren Entschlüssen. + +Die große Katze, die Haushälterin des Zehnuhrmessers, schlich sacht +heran, denn sie hatte ihn wohl erkannt, und knurrte schmeichelnd um +ihn herum. Jetzt sprang sie ihm auf den Schoß und rieb ihren weichen +Rücken gegen seine Brust. Da stürzten ihm die Tränen mit Gewalt aus +den Augen, und er begrub das Gesicht in das seidene Fell des alten +Lieblings. Als er sich so erleichtert hatte, hob er das Tier sanft +von den Knien herab, richtete sich auf und tastete die schwanke Stiege +wieder hinunter. Denn draußen schlug es ein Uhr, und er durfte nicht +zaudern, wenn er sein Vorhaben ungehindert ins Werk setzen wollte. + +Er schlug den Weg ein, den sein geistlicher Freund am Morgen hatte +gehen wollen, nach dem Schloß hinauf, wo der Hirzer wohnte. Der +Zehnuhrmesser war dort besonders gern gesehen; er mochte sich droben +in geistlichen Gesprächen mit der Tante Anna oder bei einer Weinprobe +verspätet haben und über Nacht geblieben sein. Wenigstens würden sie +dort wissen, wohin er sich gewendet habe. So durchschritt der +Flüchtling mit freierem Fuße die Laubengasse und das Passeirer Tor und +betrat den steinernen Steg über die wilde Passer. Der Regen rieselte +jetzt weicher herab, das Gewölk wurde luftiger, und der Wind kam +lebhaft aus Nordost und klärte schon ein Stück des Himmels, daß +schwache Mondstrahlen in die schäumenden Wellen der Felsschlucht +fielen. Da zur Linken den Berg hinauf, eine Viertelstunde Wegs, und +er hätte in das Fenster spähen können, hinter dem seine Schwester +schlief. Und hier über die steinerne Brustwehr hinab--ein letztes +Gebet und ein rascher Sprung--und er wäre aller irdischen Qual +entrückt gewesen. Aber als ob ihm vor beiden Versuchungen gleich sehr +graute, schritt er nun hastiger über die hallenden Steinplatten der +Brücke und trocknete sich den Schweiß von der Stirn, als er drüben die +Abhänge von Obermais betrat. + +Die Saltner riefen ihn an, als er durch Gassen und Fußpfade +hinaufstieg. Er wechselte das Zeichen mit ihnen, stand aber nicht Rede +auf weitere Fragen. Immer ungeduldiger sah er zu der Höhe auf, von +der die alte Burg herniederwinkte, ein schwarzer, unförmlicher +Steinhaufen, um den die Kastanienwipfel rauschten und ringsum durch +die Weingärten die Bäche zu Tale flossen. Dieses Weges war Andree +nicht mehr gegangen seit seinem siebenten Jahr, wo er einmal die +Kinder des Hirzers droben aufgesucht hatte, im stillen danach +verlangend, seine sanfte, blasse, schönäugige Pate zu sehen, die Tante +Anna. Damals hatte ihn der Bauer mit unholden Worten vom Hofe +weggescholten und ihm verboten, sich je wieder blicken zu lassen. +Knirschend war er gegangen, und nichts hätte ihn vermocht, die +Schwelle wieder zu betreten. Aber die Not, in der er war, ließ ihn +all den alten Hader vergessen. + +Erst wie er droben war, nach mühseligen Irrwegen über die Felsen, fiel +es ihm aufs Herz, daß er in dem Gewinkel des alten Baues nicht +Bescheid wußte, und er stand einen Augenblick ratlos unter dem +Bogentor, das in den untern Hof einführt. Er sah wohl die schmale +Holzstiege, die unter freiem Himmel an der verfallenen Mauer klebte +und die man hinaufstieg, um in die noch wohnlich erhaltenen Gemächer +zu gelangen. Wenn er die feindseligen Männer umsonst weckte und den +geistlichen Herrn nicht fand, in welchem Lichte mußte er dastehen, und +was sollte er ihnen sagen, den nächtlichen Besuch zu entschuldigen? +Sein Kopf war so wüst und leer, daß er Mühe hatte, sich alles +zurechtzulegen. Und fast wäre er wieder umgekehrt, wenn nicht das +Geheul des Haushundes, der droben auf der Stiege in einem Loch der +Mauer geschlafen hatte, ihn aus aller Verlegenheit gezogen hätte. + +Denn kaum hatte der alte Wächter, der mit den Jahren zu träge geworden +war, sich von der Stelle zu rühren, aber in seinem leisen Schlaf jeden +fremden Schritt im Hofe vernahm, ein paar Minuten lang verdrossen vor +sich hin gebellt, so öffnete sich dicht neben seinem Lager die kleine +Tür, und eine weibliche Gestalt erschien oben auf der Treppe. Andree +hörte, wie sie mit dem Hunde sprach und ihm seine unruhigen Träume +verwies und den Lärm, der die Tante Anna nicht schlafen lasse. Rosine! +rief er hinauf. Das Mädchen erschrak und trat in die Tür zurück. +Einen Augenblick horchte sie, auch der Hund schwieg. Als zum +zweitenmal ihr Name gerufen wurde, trat sie spähend an das +Stiegengeländer vor. Wer ist drunten? rief sie mit zitternder Stimme. +Bist du's, Andree? + +Ich bin's, gab der Jüngling zur Antwort. Ist der Zehnuhrmesser droben +im Haus? + +Sie schien die Frage überhört zu haben. Im Nu war sie in das Haus +zurückgesprungen und ließ ihn in zorniger Ungeduld drunten harren. +Rosine! rief er überlaut, daß die Trümmerwölbungen widerhallten. Da +trat sie schon wieder heraus, ein Tuch übergeworfen, und huschte an +dem Hunde vorbei, die steile Treppe hinab. Andree! Ist's möglich? +flüsterte sie, hastig auf ihn zueilend. Was suchst du hier zu dieser +Zeit? Ist was passiert, mit der Moidi, oder-Den Zehnuhrmesser such' +ich, unterbrach er sie. Sag, ob er oben ist, oder wo ich ihn finden +kann. + +Er ist droben, antwortete sie rasch. Komm hinauf. Ich bring' dich zu +ihm, der Vater schläft fest, niemand soll's wissen als die Tante. + +Auch die nicht, herrschte der Bursch. Ich habe keine Zeit übrig. Gut, +daß du bei der Hand warst. Ich war drauf und dran umzukehren. + +Sie stiegen die Treppen hinauf, der Hund winselte unwirsch, aber ließ +sie unangefochten eintreten. + +Ich hab' von dir geträumt, grad' eh' du kamst, sagte das Mädchen, +während sie in der Küche, dicht neben dem Hausgang, ein Lämpchen +anzündete. Es war schrecklich. Du lagst tot auf der Wassermauer; sie +hatten dich aus der Passer gezogen und wollten dich wieder zum Leben +bringen, und ich stand dabei und sagte immerfort: Laßt ihn doch, es +hilft ja alles nichts! Und dabei wurde ich selber eiskalt übern +ganzen Leib und erschrak vor meiner eigenen Stimme, aber ich mußte +immer wieder sagen: Es hilft alles nichts, er ist tot--und da bellte +der Hund, und nun stehst du lebendig neben mir, Andree, Gott sei +gelobt! + +Traum kann Wahrheit werden, murmelte er zwischen den Zähnen, aber er +wollte sie nicht noch mehr ängstigen und setzte laut hinzu: Ich lebe +noch, Rosine, aber ich muß fort von hier, du wirst bald genug hören, +warum. Und diese Nacht noch muß ich gehn, sobald ich den hochwürdigen +Herrn gesprochen habe. + +Das Mädchen ließ die Lampe aus der Hand gleiten, daß das Öl auf den +Herd floß. Ihr feines blasses Gesicht rötete sich heftig, und die +schönen braunen Augen blickten verstört auf, als hätten sie ein +Gespenst gesehn. Fort willst du? sagte sie. Ist es möglich, Andree? +Die Moidi willst du verlassen und uns alle, und wann wirst du +wiederkommen? Was ist denn geschehen? Hat die Mutter wieder-Schweig +von der Mutter, fiel er ihr hastig ins Wort. Frag nicht weiter, es +kommt alles an den Tag. Und jetzt sag, wo der geistliche Herr schläft. +Ich habe keine Minute übrig. + +Sie nahm das Lämpchen mit demütigem Stillschweigen vom Herd und ging +ihm voran, durch den reinlichen Flur, von dessen weißgetünchten Wänden +ein paar uralte braune Heiligenfiguren, die der Tüncher geschont hatte, +aus traurigen langgeschlitzten Augen auf sie herabsahen. Eine enge +Steintreppe lief hinauf zu den oberen Räumen; alles war durchduftet +von dem Geruch schöner reifer Äpfel, die droben im Winkel +aufgeschichtet lagen. Eine alte Wanduhr tickte mit hartem +Pendelschlag, und die Mäuse liefen, durch die nahenden Schritte +aufgeschreckt, kollernd und rappelnd in ihre Schlupflöcher zurück. + +Hier! sagte das Mädchen, auf eine große altertümliche Tür zeigend. +Sie gab dem Jüngling die Lampe in die Hand und blieb draußen im +Hausgang stehn, bis er eingetreten war. Einen Augenblick fühlte sie +sich versucht, das Ohr ans Schlüsselloch zu legen. Darin schüttelte +sie traurig den Kopf und schlich die Stufen wieder hinab in die öde +Küche, zu warten, bis er wiederkäme. + +Er aber stand droben eine ganze Weile in dem ungeheuren, rings mit +dunklem Holz ausgetäfelten Saal, wo in einer Nische dem geistlichen +Herrn ein Bett bereitet war, und konnte sich nicht entschließen, den +friedlich Schlafenden zu wecken. Zum erstenmal fühlte er es dunkel, +daß sein teurer Lehrer und Seelsorger nicht die Macht hatte, Stürme zu +beschwichtigen, wie sie in seinem Gemüte tobten. Eine dunkle Angst, +mit seinem beladenen Gewissen an eine sichere Stelle zu flüchten, +hatte ihn hierher getrieben. Aber der Frieden, der auf diesem ruhig +atmenden, leicht geröteten Gesichte lag, war nicht für ihn. Wozu +sollte er seine Notklagen, da niemand ihm helfen konnte. + +Er zog schon den Fuß zurück, um die Halle sacht, wie er gekommen war, +wieder zu verlassen, als der Schlafende, von der Flamme des Lämpchens +beunruhigt, eine Bewegung machte und mit noch geschlossenen Augen vor +sich hin sagte: Der heurige wird gut, aber der ferndige war besser. +Schau nur fleißig zu, Andree; der rote Farnatsch-Hochwürdiger Herr, +sagte der Bursch mit erhobener Stimme; ich bin hier und bitt' um +Entschuldigung, wenn ich Ihre Nachtruh' störe. Aber ich möcht' doch +nicht weggehen, ohne Abschied von Ihnen zu nehmen. + +Erschrocken fuhr der Träumende in die Höhe und starrte mit weit +aufgerissenen Augen den nächtlichen Besucher an. Himmlische +Barmherzigkeit! rief er, was ist geschehen? Andree--bist du's +wirklich, hier oben auf Schloß Goyen, bei nachtschlafender Zeit, und +mit einem Gesicht, mehr tot als lebendig? + +'s ist mir auch danach zu Mut, Hochwürden, erwiderte der Jüngling. +Ich muß mich fortmachen, wie Kain, ich habe einen Menschen erschlagen +und keine Ruhe mehr auf Erden. + +Andree! rief der entsetzte Hörer. Du hast--Das Wort erstarb ihm auf +der Zunge; mit entgeistertem Gesicht saß er im Bette da und faltete +mechanisch die Hände über der rotgewürfelten Decke. Der Jüngling +erzählte mit scharfer Kürze, wie sich alles zugetragen. Von der +Schwester sagte er kein Wort. + +Er schloß damit, daß er nun zunächst in einem Kloster Zuflucht suchen +wolle und den hochwürdigen Herrn bitte, ihm eine Empfehlung mitzugeben, +daß man ihn nicht abwiese, wenn er ohne allen Ausweis anklopfte. +Dann schwieg er und wartete mit Ungeduld, was sein Seelsorger dazu +sagen würde. + +Der aber starrte in tiefen Gedanken vor sich hin. Das geht nicht an, +mein Sohn, sagte er endlich mit bekümmerter Miene. Die Gerichte +werden deine Auslieferung verlangen, und da du noch keine Weihen +erhalten hast, wirst du wieder zurückgebracht werden. Und was können +sie dir auch so Schlimmes antun? Du warst nicht der Angreifer und +hast im Finstern zugeschlagen, und die arme Seele des schändlichen +Räubers kann dich nicht verklagen vor Gottes Thron. Also mein' ich, +du gehst ruhig aufs Amt und machst Anzeige und wartest ab, was das +Gericht dazu sagt. Denk, wenn du landflüchtig würdest, was sollt' +deine Schwester anfangen, die keine Stütze hat als dich, wenn die +Mutter die Augen schließt. + +Die Glut schoß dem Jüngling ins Gesicht, und er wandte sich ab. Es +ist einmal nicht zu ändern, sagte er dumpf. Hier bleiben, Rede stehen, +bestraft und bedauert werden? Lieber gleich in die Hölle fahren, +--Gott verzeih' mir die Sünde! Wenn Sie mir nicht beistehen wollen, +Hochwürden, so sag' ich behüt' Gott! und geh' meiner Wege. 's ist +was--fuhr er zögernder fort--, was ich Ihnen nicht sagen kann, das +stößt mich fort von hier, daß mir ist, als müßt' ich grad' ersticken, +wenn ich zwischen diesen Bergen noch länger Odem holen sollt'. Und +wenn auch alles glatt abginge beim Amt, ich bliebe doch nicht, ich +ginge ins Kloster sowieso, da's unser Herrgott verboten hat, sich +selbst aus der Welt zu helfen, was ich freilich am liebsten tät'. +Aber irgendwo muß ich hin, wo ich für alle und jedermann wie tot und +begraben bin und auch ganz vergesse, daß noch Menschen auf der Welt +sind. Dann kann ich's vielleicht aushalten, sonst nicht, so wahr ich +hier vor Ihnen stehe. + +Der Priester zog die dünnen Augenbrauen mit einem lauschenden Ausdruck +von Wichtigkeit in die Höhe und wiegte den Kopf hin und her. Was sind +das für secreta mysteria? sagte er mißbilligend. Auch deinem +Beichtvater willst du's nicht sagen? + +Dem wohl, erwiderte der Jüngling ausweichend und immer tiefer errötend. +Aber erst wenn ich im Kloster bin. Und darum bitt' ich inständig, +Hochwürden, daß Sie mir zur Ruhe verhelfen und mich nicht ohne +Empfehlung gehen lassen. + +Mag's drum sein, armer Sohn, sagte der kleine Priester mitleidig. Du +hast früher einen guten Anfang gemacht in den geistlichen Studien, und +ich meine, vom Latein wird dir noch einiges hängengeblieben sein. Ich +will dich an den Pater Benediktus empfehlen--und er nannte ihm den +Namen eines hoch im Vintschgau gelegenen Kapuzinerklosters, das wegen +seiner rauhen Luft wenig besucht ward--dem sage einen Gruß von mir, +und morgen will ich einen Brief nachschicken, der ihm deine Lage +auseinandersetzt. Und so befehle ich dich einstweilen in den heiligen +Schutz unsers Herrn Jesus und seiner gnadenreichen Mutter, und wenn +dir's ums Herz ist, Andree, deine heimlichen Nöte auszuschütten, so +weißt du, daß du mir schreiben kannst und jederzeit eine willige +Fürsorge und Teilnahme bei mir finden wirst. Gott sei mit dir, mein +Sohn! + +Er gab ihm in sichtbarer Bewegung die Hand, die der Jüngling statt +aller Antwort ehrfurchtsvoll an seine Lippen drückte. Dann ging er +mit erleichtertem Herzen hinweg und zog die schwere Tür sacht hinter +sich zu. + +Aber so leise er den gewölbten Gang hinunterschritt--denn er scheute +sich, obwohl er sonst keine Menschenfurcht kannte, dem alten Bauern zu +begegnen--, unten horchten doch zwei klopfende Herzen auf seinen Tritt, +eine schmale, blasse Hand öffnete die Tür einer Kammer, die neben der +Küche lag, und ein zartes, frühgealtertes Gesicht spähte dem +Lichtschein entgegen, der über die enge Steintreppe herunterfiel. Die +Tante Anna war aufgewacht, da sie das Mädchen am Herde hantieren hörte, +und hatte sie zu sich hereingerufen. Er will niemand sehen als den +hochwürdigen Herrn, hatte die Rosine gesagt.--Mich wird er schon sehen +müssen, war die leise, aber nachdrückliche Antwort gewesen. Und dann +hatte sich die Tante mit Hilfe der Nichte in Eile angekleidet und, +ohne weiter ein Wort zu sprechen, auf dem Lehnstuhl am Bett gewartet, +bis der späte Gast die Stufen herabkäme. Sie hatten kein Licht in dem +engen Gemach als den schwachen Schein des Mondes, der durch die +kleinen Scheiben hereindrang. Das Kruzifix über dem Bett, der +Betschemel in der Ecke, das saubere Gerät, das an den Wänden +herumstand, alles hatte eine wehmütige Heimlichkeit, wie sie eine alte +Jungfer um ihr Tun und Wesen zu verbreiten pflegt, wenn sie mit allen +Lebenshoffnungen abgeschlossen hat. Diese Kammer hatte manche Träne +fallen sehen und manches heiße Gebet flüstern hören. Und die Rosine +sah auch jetzt, daß sich die stillen Lippen der Tante bewegten, und +wagte nicht, ihre andächtigen Gedanken zu stören. + +Da erklang droben der Schritt; die Betende stand auf und trat in die +Tür. Andree! rief sie leise in den Flur hinaus. + +Der Jüngling blieb unschlüssig an der Treppe stehen. Es trieb ihn, +ohne Aufenthalt seine nächtliche Wanderung anzutreten, und doch konnte +er nicht mit einem flüchtigen Gruß vorübereilen, zumal da er diese +stillen, liebevollen Augen nie im Leben wiederzusehen dachte. Ihr +seid wach, Pate, sagte er endlich. Ich bat die Rosine doch-Ich bin +voll selbst aufgewacht, antwortete sie. Aber komm herein, Andree--und +sie zog ihn in die Kammer? Und jetzt sage mir, was du vorhast, und +was geschehen ist, daß du zu dieser Stunde hier heraufkommst. Bist du +nicht auch Saltner unten am Küchelberg, und wie kommt's, daß du deinen +Posten verlassen hast? + +Sie hatte seine Hand gefaßt und diese Worte hastig an ihn +hingesprochen, als wollte sie eine innere Angst zur Ruhe sprechen. Er +sah trübsinnig zu Boden und überlegte, wie viel er ihr vertrauen +sollte. Seit Jahren hatte er nicht mehr ein Wort mit ihr gewechselt, +aber viel an sie gedacht und sehnlich gewünscht, sie einmal allein zu +treffen und ihr recht von Herzen zu sagen, wie er an ihr hänge, und +wie es ihm bitter sei, sie vermeiden zu sollen. Und jetzt fühlte er, +wenn er sein heimliches Leiden irgend einem Menschen vertrauen könnte, +so wäre es niemand als sie. Aber die Rosine stand am Fenster, und die +Zeit drängte, und überdies--was sollte es helfen? Auch diese Heilige +hatte keine Macht, ihm den Frieden wiederzugeben. + +Pate, sagte er, der hochwürdige Herr wird Euch morgen alles erzählen, +um was ich ans der Gegend fort muß. Ich war ein elender Mensch von +Geburt an, ohne Vater und Mutter, ohne Glück und Stern. Es ist das +beste, daß ich der Welt absterbe, ehe ich auch ein schlechter Mensch +geworden bin. Und darum will ich in ein Kloster gehen, und es ist mir +lieb, daß ich Euch noch vorher gesehen habe; denn ich habe allezeit +eine große Liebe und Verehrung zu Euch gefühlt, und der Himmel weiß, +es stünde wohl besser um mich, wenn ich Euch öfter hätte sehen und +sprechen dürfen. Denn bei Euch ist mir allein auf der ganzen Welt +friedfertig und stille zu Mut gewesen, und ich dank' Euch, Pate, daß +Ihr mich damals, da ich ein hilfloses Kind war, aus der heiligen Taufe +gehoben habt, und bitte, daß Ihr für mich beten wollt auch in Zukunft, +damit sich der Herrgott meiner erbarme. Denn wahrlich, ich habe es +nötig. + +Damit drückte er ihre Hände und wollte mit einem Behüt' Euch Gott! aus +der Kammer. Aber die Alte hielt ihn zurück und sagte: Ins Kloster? +Und ich soll dich nimmer wiedersehen? Ich muß alles wissen, Andree. +Geh hinaus, Rosine; hol ihm auch ein Glas Wein, er ist ganz blaß und +kalt wie der Tod. Heilige Mutter Gottes, was ist geschehen? + +Schickt die Rosine nicht weg, Pate, erwiderte er ängstlich, denn er +fühlte, wenn er mit der Alten allein bliebe, würde sie ihm das +innerste Herz auf die Zunge locken, so viel vermochte über ihn die +sanfte Stimme und das große schmerzliche Auge. Seid mir nicht böse, +fuhr er fort, aber Ihr könnt nichts ändern, und wenn ich denken müßte, +daß ich auch Euch das Herz schwer gemacht hätte mit meiner Trübsal, +würde ich noch elender sein. Aber wenn Ihr mir was Liebes tun wollt, +legt mir die Hand aufs Haupt und gebt mir Euren Segen mit, weil es ein +Abschied ist für die Ewigkeit. + +Er warf sich vor ihr auf die Knie, und sie tat, um was er sie gebeten +hatte. Dann hob sie ihn auf, und wie sie ihm mit Tränen in das blasse +Gesicht sah, hielt sie sich nicht zurück, zog ihn fest in ihre Arme +und küßte ihn lange und heiß auf Mund und Augen, daß auch er wie ein +Kind in Schluchzen ausbrach. Sie standen eine geraumie Weile in +dieser inbrünstigen Trauer, und über der Wohltat, sich so zu halten +und zu haben, vergaß die Alte ganz, was kommen sollte, und der +Jüngling, was hinter ihm lag. + +Pate, sagte er endlich, ich werd's nie vergessen, wie gut Ihr zu mir +gewesen. Vergeßt auch Ihr mich nicht, und so sei's genug. Die Hähne +krähen bald. Ich darf nicht weilen. + +Andree, mein armes Kind! hauchte die Alte und sank in den Sessel +zurück, als er über die Schwelle schritt. Plötzlich fuhr sie auf, ein +Gedanke schoß ihr durch den Sinn, sie rief seinen Namen, als hätte sie +ihm noch etwas mit auf den Weg zu geben; dann fiel ihr Blick auf das +Kruzifix über dem Bett, sie stand still, wie plötzlich vor einer +drohenden Gefahr zurückbebend, schüttelte traurig den Kopf und ging +mit müden Schritten ans Fenster, um durch die Nacht zu spähen, ob sie +seinen Weg verfolgen könnte. Ins Kloster! sprach sie vor sich hin. +Barmherziger Gott, dein Wille geschehe! + +Draußen unter der Haustür im Dunkeln stand die Rosine, die vorhin aus +der Kammer geschlichen war. Andree, sagte sie, als der Bursch sich +ihr näherte, du bist ja ohne Hut und in der Saltnerjacke. Ich habe +dir ein Gewand von meinem Bruder geholt und einen alten Hut von ihm. +Er ist in Innsbruck und braucht's nimmer. + +Der Jüngling griff hastig nach der Lodenjoppe und vertauschte sein +Lederwams dagegen. Ich dank' dir, Rosel, sagte er. Auch du bist gut, +du bist wie die Tante. Denk fein an mich, wenn ich fort bin. Die +Sachen da schick' ich bald einmal zurück. + +Das Mädchen schwieg, bis sie ihre ausbrechenden Tränen wieder +bezwungen hatte. Weiß es die Moidi? sagte sie endlich. + +Nein. Du kannst es ihr sagen, Rosel. Grüß sie noch ein letztes Mal +und dann--gute Nacht für immer, Rosel! + +Und er schritt, ihre zitternde Hand flüchtig berührend, die Freitreppe +an der Mauer hinunter, eilte über den düsteren Hof und verschwand in +der lautlosen Nacht, die nun klar und abgekühlt über Bergen und +Schluchten stand und einen heiteren Morgen ankündigte. + +In aller Frühe sah man den Zehnuhrmesser eilfertig von Schloß Goyen +heruntersteigen, die Rosine mit ihm, die der Tante Anna über das +blutige Abenteuer der Nacht nähere Nachrichten und der Moidi den +letzten Gruß des Entflohenen bringen sollte. Sie fanden unten in +Meran keine geringe Aufregung, das Landvolk stand auf der Straße +beisammen und wechselte feindselige Reden gegen die Soldaten, und +Andrees Name war auf aller Lippen. Wo sich eine Uniform blicken ließ, +wurde das Gespräch leiser, aber die Blicke wilder und die Fäuste +drohend geballt. + +Der kleine Mann des Friedens setzte seinen Weg mit wachsender +Bekümmernis fort. Aber sein Gesicht heiterte sich wieder auf, als er +bei den Kapuzinern hörte, daß der Welsche nicht tot sei, vielmehr nach +stundenlanger Ohnmacht Augen und Lippen wieder geöffnet habe, und daß +der Arzt alle Hoffnung gebe, ihn nächstens wieder marschfertig auf die +Beine zu stellen. Auch der Bescheid, den er auf der Kommandantur +erhielt, war befriedigend. Man war dort sehr geneigt, die Sache +niederzuschlagen, falls der Flüchtling sich einstweilen im Kloster +still verhalten oder gar Profeß tun würde. Eine schärfere Mannszucht +sollte die Wiederkehr ähnlicher böser Händel verhüten. Der +Spießgesell des Welschen saß im Arrest; der Bauer, dem das Weingut +verwüstet war, sollte entschädigt werden. Und so ließ sich alles +tröstlich und versöhnlich an, und der sorgenvolle Menschenfreund +konnte der Tante Anna gute Zeitung schicken und zwei schöne und +erbauliche Briefe ins Vintschgau hinauf entsenden, den einen an seinen +Freund, den Prior, den andern an sein Beichtkind, dem er ernstlich ins +Gewissen sprach, falls er sich mit schwerer Sünde belastet fühle, +nicht zu säumen, sondern dem geistlichen Freunde seiner Jugend in +einem umgehenden Schreiben offene Beichte abzulegen. + +Ein solches Schreiben aber blieb nicht nur in nächster Zeit, sondern +alle Wochen und Monate hindurch beharrlich aus. Vom Prior freilich +lief bald darauf eine freundschaftliche Antwort ein, des Inhalts, daß +der Andree Ingram richtig eingetroffen, auch bereits in die Laienkutte +gesteckt sei, da er seinen Entschluß, im Kloster zu leben und zu +sterben, auf die dringendste Art wiederholt ausgesprochen habe. Ein +späterer Brief, erst um Weihnachten geschrieben, erwähnte nur kurz, +daß sich der Noviz Andreas zu aller Zufriedenheit aufführte, +schweigsam und bescheiden seinen Dienst tue und in den Stunden der +Muße in den Klosterbüchern studiere, zu einem Schreiben an die +Seinigen aber nicht zu bewegen sei. Von einem gebeichteten Geheimnis +stand natürlich in dem geistlichen Briefe nichts zu lesen. + +Über diese Zeitung schüttelte der kleine Hilfspriester nachdenklich +den Kopf, die Tante Anna schloß sich einen ganzen Tag in ihre Kammer +ein, um ungestört unter Fasten und Gebet das Seelenheil ihres +Patenkindes dem Himmel zu empfehlen, Rosine ging mit geröteten Augen +und abwesenden Gedanken im Hause herum, selbst die Mutter, die +schwarze Moidi, verriet, daß sie eine menschliche Regung fühlte und +sich im stillen über ihre Härte und Bosheit gegen den armen +Ausgestoßenen anklagte. Nur die Schwester selbst, die doch am meisten +an ihm verlor, schien am wenigsten um sein Schicksal bekümmert zu sein. +Sie behauptete, es sei ihr zum Totlachen, wenn sie sich den Andree +in der Kutte mit geschorener Platte vorstellen solle. Auch könne +sie's nicht glauben, daß er wirklich im Kloster hause. Er habe gar +keine geistliche Gemütsart, und das alles sei nur ausgedacht, um dem +Militärgericht Sand in die Augen zu streuen. Er werde drohen im +Vintschgau sitzen, Gemsen schießen und neuen Wein trinken, und eines +schönen Tages wieder zum Vorschein kommen, ohne langen Kapuzinerbart +und so weltlich, als er gegangen sei. + +Der Weihnachtsbrief des Priors machte sie zuerst stutzig. Drei Tage +lang ging sie herum, ohne zu lachen, und setzte sich endlich hin, dem +Bruder einen Brief zu schreiben, der voller Possen war, aber zum +Schluß die ernsthafte Mahnung enthielt, bald wiederzukommen, da sie es +"sehr notwendig nach ihm habe". Sie zeigte den Brief der Rosine, mit +der sie jetzt öfter zusammenkam; denn seit der Andree ins Kloster +gegangen, hatte der Bauer auf Goyen nichts mehr einzuwenden gegen den +Verkehr seiner Kinder mit dem einsamen Mädchen, das ihm ganz +gleichgültig war. Rosine las den Brief stillschweigend und legte ihn +wieder hin. Er war ihr lange nicht herzlich genug. Wenn er darauf +nicht kommt, sagte die Moidi, so muß er einen Schatz haben, droben in +den Vintschgerbergen.--Wo denkst du hin? erwiderte die andere. Der +Bote von Algund hat ihn selbst in der Kutte gesehen.--Moidi wurde blaß. +Wenn's wirklich wäre, ich grämte mich halbtot, sagte sie. Dann wäre +niemand dran schuld als--die Mutter, wollte sie sagen; aber sie +schwieg. Denn sie hörte die Alte im Nebenzimmer husten und stöhnen, da +sie von einem jähen Fall auf dem Glatteis schwer daniederlag. Es +waren böse Tage, und jede Nacht kam das Fieber und lockte wilde, +wunderliche Reden aus ihr heraus, über denen ihr Kind glücklicherweise +einzuschlafen pflegte. Der Zehnuhrmesser sprach fleißig vor, auch die +Tante Anna stieg, da es sich auf das Frühjahr verschlimmerte, einige +Male den Küchelberg hinauf. Dann ging ihr Neffe, der Hirzerfranz, der +wieder von Innsbruck zurückgekehrt war, bis an die Tür des kleinen +Hauses mit, und während sich die Alten drinnen besprachen, führte er +in der üblichen Weise ansehnlicher junger Burschen einen nachlässigen +Diskurs mit der blonden Moidi, die viel dabei zu lachen fand, obwohl +alles von seiner Seite ganz ernstlich gemeint war. Moidi, sagte die +Rosine eines Tages zu ihr, ist's wahr, daß du mit dem Franz im reinen +bist? Er sagt's, und ich würde es ja gewiß wünschen, aber ich weiß +nicht, ich kann es nicht glauben.--Warum nicht? sagte die Moidi +trutzig und strich sich mit gleichgültiger Miene die Haare hinters Ohr. +Einen muß ich doch einmal nehmen, und der Franz ist so gut wie ein +anderer. Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, und du weißt, +Rosel, ich kann nicht fort von der Mutter. Mir eilt's auch gar nicht, +'s ist nur so langweilig auf der Welt, seit der Andree fort ist, und +wenn der Franz kommt und mir was Neues erzählt, oder auch nur da auf +die Bank hinsitzt und mich verliebt anschaut und sich dabei die +Nasenspitze fast verbrennt mit dem Pfeifel, hab' ich doch dabei was zu +lachen. + +Die andere hörte das still mit an. Sie begriff nicht, wie einem die +Liebe so lustig vorkommen könne. + +Darüber ward es Frühling, die Wiesen waren längst wieder grün, die +Kastanienbäume trugen frische Sprossen, und die Passer rauschte mit so +hohen Schneewassern unten am Damm vorbei, daß man den Lärm bis oben in +dem kleinen Hause auf dem Küchelberge donnern hörte und die letzten +Nächte der schwarzen Moidi auch für ihre arme Tochter schlaflos +vergingen. Sie hatte dem Bruder nicht gemeldet, daß es mit der Mutter +trübselig stehe. Sie wußte, er werde doch nicht kommen, und auch die +Mutter bezeigte kein Verlangen, ihn vor ihrem Ende noch einmal zu +sehen, obwohl sie seinen Namen in ihren Fieberträumen oft genug nannte. +Ja, er war fast das letzte Wort, das von ihren Lippen kam, als sie +in einer stürmischen Aprilnacht nach schwerem Kampfe verschied. + +Ihrem Kinde graute, mit der Toten die einsame Wohnung zu teilen. Sie +drückte ihr die Augen zu, betete ein paar Vaterunser und den +englischen Gruß und schlich dann hinaus mit klopfendem Herzen in die +gewitternde Frühlingsnacht. Da stand sie droben und sah in das weite +Etschtal hinaus, wo über den hochgehenden Strömen das wetterleuchtende +Nachtgewölk hinjagte, und fühlte sich so armselig und allein, daß sie +in bitterliches Weinen ausbrach. Ein heftiger Zorn auf Andree überkam +sie. Er konnte jetzt wohlgeborgen in seiner Klosterzelle sitzen und +die hilflose Schwester, die niemand in der Welt lieber hatte als ihn, +unter allen Schrecken und Nöten ihres jungen Lebens allein lassen! +--Der Regen rauschte stärker herab, und der Wind strich kalt um die +freien Berglehnen. Zitternd tappte das verwaiste Mädchen an den +Wänden entlang bis in, den Schuppen, wo Andree als Knabe sein Lager +gehabt hatte. Da in der Finsternis legte sie sich auf dieselbe Stelle, +und wie sie daran dachte, mußte sie heftiger weinen und schlief +endlich schluchzend, hungrig und in abergläubischem Grauen vor der +Nähe der toten Mutter auf dem Maisstrohlager ein. + +Aber sie verschlief mit dem Leichtsinn ihrer achtzehn Jahre alles, was +sie quälte, und als sie spät am andern Morgen aufwachte, mußte sie +sich erst besinnen, daß die Mutter wirklich gestorben war. Auch +konnte sie, so gern sie es gewollt hätte, keine rechte Trauer +erschwingen, nur ein unheimliches Gefühl hielt sie lange zurück, die +Tür zu öffnen und das Haus wieder zu betreten. Sie fand aber drinnen +den Zehnuhrmesser und ihre Freundin, die Rosine, und war froh, daß ihr +alle weitere Sorge abgenommen wurde. Am Tage nach dem Begräbnis +sonnte sie sich schon wieder auf der Bank vor dem Hause und lachte +hell auf über ihre jungen Katzen, die sich mit einem Maiskolben auf +dem Boden herumtummelten. Vierzehn Tage später saß sie im leichten +Wägelchen neben der Rosel; der Franz auf dem Bock kutschierte; sie +fuhren die Vintschgauerstraße hinauf, und wer ihnen begegnete, stand +still, um dem schönen blonden Mädchen nachzusehen, das in +Trauerkleidern dahinfuhr, aber die lustigsten Augen von der Welt in +der grünen Frühlingslandschaft herumschweifen ließ. + +Erst als sie das alte Kloster droben am Berg liegen sah, auf einem +kahlen, dunklen Granitkegel, ringsum nur spärlicher Baumwuchs, und die +Schlucht dahinter schon am frühen Nachmittag schwarz und schauerlich +wie ein Tor der Hölle, wurde sie still und ernsthaft und sprach kein +Wort mehr mit der Rosine, die nicht minder schweigsam zu dem +schwalbenumflogenen Glockenturm emporsah. Ein armes Dorf lag unten am +Fuß des Abhangs, nicht mehr mit edlen Kastanien, Weingärten und +Feigenbäumen so lustig umwachsen wie die Dörfer um Meran. Auch das +fiel der Moidi aufs Herz. Sie war nie eine Tagereise weit von Hause +entfernt gewesen und hatte sich die Welt je weiter weg, je herrlicher +vorgestellt. Ganz blöde und traurig stieg sie vom Wagen herab, als +sie vor der Tür der unsäuberlichen Dorfschenke hielten. Sie mochte +nicht erst hinein, sondern trieb die Rosine, sogleich mit ihr den +Bergweg hinaufzugehen, um den Bruder noch vor der Nacht zu sprechen. +Franz blieb bei den Pferden zurück. Er war dem Andree schon früher +lieber aus dem Wege gegangen, als daß er ihn gesucht hätte. + +So gingen die Mädchen allein, ihren gleichen, bequemen Bauernschritt, +sich an der Hand fassend, aber beide den Kopf gesenkt und ohne ein +Wort zu wechseln. Nur als sie dem grauen alten Kloster so nahe +gekommen waren, daß sie das Gras sehen konnten, das auf dem Dache +wuchs, stand die Moidi plötzlich still, blickte wie ein furchtsames +Kind die kahlen Mauern an und sagte tief atmend: Möchtest du da hausen, +Rosel?--Ihre Freundin schüttelte nur den Kopf.--Das Herz würde mir's +abdrücken, fuhr die andere fort; nichts Grünes herum, keine Weinrebe, +kein Kornfeld. Du wirst sehen, es ist nicht wahr, daß er den Winter +über hier gewesen ist. Wir finden ihn gar nicht. Wer weiß, wo er +steckt in der weiten Welt! + +Auch darauf erwiderte die Rosine nichts. Sie wußte nur zu gut, daß +sie ihn finden würden, und fürchtete sich davor, ohne recht zu wissen, +warum. Als sie oben am Klostertor die Glocke läuteten und den Bruder +Pförtner nach dem Andreas Ingram fragten, nickte der Alte und sah die +hübschen Kinder forschend an. Er soll herauskommen, warf die Moidi +rasch hin. Es sei ein Bote da von Meran. Aber sagt ihm nicht, wer. + +Sie setzten sich auf eine steinerne Bank neben der Pforte und warteten. +Es ist richtig, Rosel, er ist doch hier; wie er's nur überstanden +hat! sagte die Schwester. Sie strich sich mit den Händen über die +Stirn, die ihr glühte, und machte sich an ihrem Anzug zu schaffen, um +ihre Unruhe zu verbergen. Die Rosine saß still an die Mauer gelehnt, +beide Hände im Schoß, die Augen zugedrückt, als blende sie das +Abendrot drüben an den Berggipfeln. + +Da klang die Pforte wieder, und mit einem Schrei: Andree, grüß dich +Gott, ich bin's! stürzte die Moidi dem Heraustretenden an den Hals. +In demselben Augenblick fuhr sie aber erschrocken zurück. Er war es +und war es doch nicht mehr; der eine Winter schien ihn um zehn Jahre +gealtert zu haben. Auch blieb er sprachlos vor ihr stehen und sah sie +unverwandt mit finstern, angstvollen Augen an, als warte er, daß sie +in den Boden versinken möchte wie ein Spukbild, oder er selber aus +einem Traume erwachen. Sie hatte sich's wohl spaßhaft gedacht, ihn zu +necken, wenn sie ihn wirklich in der Kutte sähe. Jetzt war ihr das +Weinen näher als das Lachen. + +Andree, sagte sie endlich, du schaust mich so wild an. Hab' ich's +ungeschickt gemacht, daß ich selber gekommen bin? Da ist auch die +Rosel; sagst du ihr nicht einmal "grüß Gott"? Der Franz hat uns +gefahren; morgen wollen wir wieder heim, es ist so wüst und traurig +hier herum, wie hast du's nur ausgehalten? Freilich, man sieht dir's +auch an, ganz hager und blaß bist du worden, als hättst du schon +einmal unterm Rasen gelegen. Aber es wird schon wieder werden, die +Luft ist hier so herb, du mußt nun wieder nach Meran kommen, der +Zehnuhrmesser will's auch dein Herrn Prior schreiben, das Jahr ist ja +noch lang nicht um, und dann wohnst du in unserm Häusel droben, denn +du weißt noch nicht, Andree, die Mutter ist tot. + +Während sie sprach, hatte sich ihre Beklommenheit wieder gelöst und +ihre Züge erheitert, daß es wunderlich war, wie sie das letzte, die +Todesnachricht, fast mit lachendem Munde vorbrachte. Er schien sich +ebenfalls gesammelt zu haben und sagte jetzt mit seinem alten Ton: Ich +danke dir, Moidi, daß du selbst gekommen bist, und dir auch, Rosine. +Aber daß die Mutter tot ist, ändert die Sache nicht, und heimkommen +und wieder in Meran leben, daran ist kein Gedanke, eher daß ich noch +weiter wegkomme, in ein Kloster drüben in Italien, oder gar nach +Frankreich hinein. Denn du hast freilich recht, die Luft hier taugt +mir nicht. + +Er sah düster und scheu vor sich hin auf den grauen Felsboden. + +Andree, fing sie wieder an, du darfst nicht so sprechen, wenn du mich +nicht ganz traurig machen willst und böse dazu. Ich hab' gar keine +Freud' gehabt ohne dich den ganzen Winter, und jetzt, sobald ich +gekonnt hab', hab' ich alles im Stich gelassen und bin zu dir gereist, +und nun sprichst du von Weggehen nach fremden Ländern, als wenn ich +dich gar nichts anging'. Wenn ich so Reden von dir hör', könnt' ich +fast denken, die Mutter hätt' recht gehabt, als sie im Fieber immer +vor sich hin redete, du seist gar nicht ihr Kind, sie hätt' dich ja +nur einer andern abgenommen, um mit einem sauberen Buben Staat zu +machen, da sie selber so wüst war. Ja denk, davon konnte sie halbe +Stunden lang reden, und wenn ich sehen muß, wie wenig du auf mich +hältst, fang' ich wahrhaftig an zu fürchten, du wärst gar mein Bruder +nicht, weil du so hartherzig zu mir sein kannst. + +Er war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten und starrte sie mit +weit aufgerissenen Augen an. Moidi! stammelte er mit schwerer Zunge, +ist das wahr? Kannst du's beschwören, daß das wahrhaftig der Mutter +Reden gewesen sind? + +Sie suchte seine Hand zu ergreifen und wurde von neuem traurig, als er +sie ihr hastig entzog. Er warf einen scheuen Blick auf Rosine, die +vor dem Bänkchen stehen geblieben war, um die beiden erst allein sich +unterreden zu lassen. Dann sah er wieder die Moidi mit einem Blicke +an, der sie zittern machte. Rosel, sagte er jetzt, ich hab' mit der +Moidi was zu sprechen, wir sind gleich wieder zurück.--Damit winkte er +der Schwester, daß sie mit ihm gehen solle, schritt eilig um die Ecke +der hohen Klostermauer und trat durch eine andere Tür in einen +Krautgarten, wo nur drüben unter den Apfelbäumen ein dienender Bruder +grub und pflanzte. Sein Wesen war plötzlich verwandelt, sein Gesicht +glühte über und über, er schien wieder um zehn Jahre verjüngt und +schritt rüstig aus, wie damals, als er unter den Weinlauben die Wacht +hatte. + +Jetzt, da sie allein in dein Gärtchen standen, wandte er sich zu ihr +um. Moidi, sagte er mit zitternder Stimme, sag das alles noch einmal, +was du von der Mutter gehört hast, alles, und so lieb dir deine +Seligkeit ist, tu nichts davon, noch dazu; Tod und Leben hängen daran. + +Er hatte jetzt ihre Hand ergriffen und drückte sie fieberhaft. Ich +weiß nicht, wie wunderlich du redest, sagte sie gelassen. Was ist es +denn, wenn sie es auch gesagt hat? Und gesagt hat sie's freilich, +Wort für Wort und mehr als einmal. Aber du weißt ja, daß sie einen +Haß auf dich hatte. Vielleicht hat sie's nur gesagt, damit du keinen +Teil an der Erbschaft bekämst, weil sie mir alles allein gönnte. +Vielleicht war's auch nur so ein Geschwätz, weil sie Reue hatte über +das Böse, das sie dir ihr Lebtag angetan. Sie hat sich selber +einreden wollen, du wärst ein fremdes Kind gewesen, weil sie dich +nicht wie ihr eigenes gehalten hat. Was liegt aber daran? + +Besinne dich, drängte er; hat sie nicht gesagt, wer ihr das Kind +übergeben hat? Ist kein andrer dabei gewesen, als sie's gesagt hat? +War's immer im Fieber, oder auch wenn sie nachts aufgewacht ist und +geglaubt hat, du schliefest, und sie sprach dann mit sich selbst, wie +sie ja auch sonst getan hat, als der Vater noch lebte? + +Wer dich zu ihr gebracht hat? Nein, davon hat sie nie geredet, +erwiderte das Mädchen und suchte sich ernsthaft auf alles +zurückzubesinnen. Aber wart, es fällt mir ein, daß der Zehnuhrmesser +einmal an ihrem Bette gesessen ist, als sie grad' wieder so irre +sprach, und da ist sie aufgefahren und hat ihre Kleider begehrt, sie +wollte zum Herrn Dekan hinunter, zum Gericht, bis an den Kaiser wollte +sie gehen, daß es überall ausgerufen würde, du seiest nicht ihr Sohn. +Ich kam aus der Küche hereingelaufen, da sah ich, wie der hochwürdige +Herr ganz erschrocken bei ihr stand und sie zurückhielt, und als er +mich eintreten sah, hat er sich zu ihr niedergebeugt und ihr lange was +ins Ohr gesagt, was ich nicht hab' verstehen können; darauf ist sie +still geworden. Ob es im Fieber gewesen war oder sonst so in der +Einbildung, was kann es dich kümmern, Andree? Und wenn's wirklich so +wäre, mußt du mich darum nimmer liebhaben? Sind wir nicht doch wie +Bruder und Schwester gewesen, seit wir denken können, und nun wär's +auf einmal aus mit uns beiden? Schau, Andree, ich könnt' mich nit so +ändern. Und wenn's der Kaiser selbst ausrufen ließe, wie's die Mutter +gewollt hat, du bliebst doch allezeit mein Bruder, und das Häusel wär' +dein und der Weinberg und alles. Zudem, ich werde doch nicht da +wohnen bleiben. Denn du mußt nur wissen, ich hab' mich mit dem +Hirzerfranz versprochen, und auf den Herbst halten wir Hochzeit, und +ich wohne dann droben auf Goyen. Du bist doch nicht bös darüber, daß +ich dich nicht erst gefragt hab'. + +Sie wagte ihn nicht anzusehn, als sie das sagte, sie wußte selbst +nicht warum, aber es schien ihr in diesem Augenblick wie eine schwere +Sünde, daß sie dem Franz ihr Wort gegeben, und sie hätt' es gern +ungeschehen gemacht; denn sie wußte ja, daß er mit ihrem Bruder nicht +gut Freund war. Sie stand zitternd und demütig wie ein Kind, das +gescholten zu werden erwartet. Doch als er immer noch schwieg, wurde +es ihr nur banger und trauriger ums Herz. Sie hätte lieber gescholten +sein wollen, und sich dann verteidigen und ihn endlich wieder gut +machen. Aber die tödliche Stille zwischen ihnen war ihr schauerlich, +und endlich traten ihr die großen Tropfen in die Augen und rollten +über das junge Gesicht. Da brach er das Schweigen. + +Moidi, sagte er, hast du's gern getan, oder haben sie dir so lange +zugeredet, ihn zu nehmen, bis du endlich ja gesagt hast? + +Sie sah schüchtern und immer noch weinend zu ihm auf Ach Andree, sagte +sie, verzeih mir's nur. Ich weiß selber nicht, wie es gekommen ist. +Sie haben mich nach Goyen hinaufgeholt, als die Mutter tot war, und da +hab' ich bei der Rosel geschlafen und war wie 's Kind im Haus. Und +die Tante Anna hat auch gesagt, der Franz wär' ein braver Bursch, und +wenn ich ihn nähm', wär's für alle das beste, zumal da er so unsinnig +vernarrt tut, und du warst ja nicht da, daß ich dich hätte fragen +können. + +Und wenn ich nein gesagt hätte, würdst du dich daruin gegrämt haben? +fragte er hastig. + +Sie legte ihre Arme um seinen Hals und sah ihn mit rührender +Heiterkeit und Liebe an. Ich hab'ihn ja nicht so lieb wie dich, sagte +sie, und tu' lieber, was du mir sagst, als was er von mir bittet. Nun +ist es ein mal so gekommen, Andree, und es gäb' eine neue +Todfeindschaft, wenn ich jetzt käm' und sagte: Ich mag ihn nicht. Sei +nur wieder gut und komm selber herüber, die Tante Anna läßt dich so +vielmals schön grüßen und es verlangte sie sehr, daß du kämst, sie +hätt' dir viel zu sagen, und ich mein', so heilig sie ist, wär' sie +doch gar froh, wenn du die garstige Kutte wieder auszögst, in der du +gar nimmer wie der schmucke Andree ausschaust, der du ehemals gewesen +bist. Tu mir's zulieb', ich hab' doch keine Freud', wenn ich denken +muß, du lebst hier so traurig, und wenn dir was zustößt, Krankheit +oder so, bin ich nicht da, für dich zu sorgen. Versprich mir's, +Andree, daß du wenigstens zur Hochzeit hinunterkommen willst und alles +mit der Tante bereden. + +Sie streichelte ihm bei diesen Worten zutraulich das Gesicht, und er +duldete es mit eingedrückten Augen, während ein leises Zittern seines +Mundes den inneren Kampf verriet. Kein Wort mehr jetzt! brach er +endlich schweratmend heraus. Ich komme morgen früh ins Wirtshaus +hinunter, dich noch einmal zu sehn. Dann sag' ich dir, was werden +soll. Tu deine Hände weg von meinem Gesicht. Sei guten Muts, Moidi. +Es wird alles werden, wie Gott will. Hab gute Nacht! + +Er sah sie nicht mehr an, sondern entzog sich ihr rasch, ging durch +den kleinen Garten den Klostergebäuden zu und verschwand in der Tür, +ohne nur nach ihr umzublicken. Sie aber sah ihm nach in schweren +Gedanken und dachte an die wenigen Worte, die er zu ihr gesagt, ob sie +nicht erraten könne, wie er es meine, und was er vorhabe. +Kopfschüttelnd und in großer Betrübnis verließ sie endlich den Garten +und suchte die Rosel wieder auf, die in ängstlichem Kummer draußen +gewartet hatte. Daß die Moidi allein kam, der Andree nicht einmal +daran dachte, ihr eine gute Nacht mitzugeben, schnitt ihr durchs Herz. + +Ich weiß nicht, was er hat, sagte die Blonde. Ich hab's wohl gewußt, +ihm ist's nicht halb recht, daß ich den Franz nehme. Aber was soll +ich machen? Morgen in der Früh will er hinunterkommen und mir +Bescheid sagen. Er hat mich kaum angeschaut, und von Heimkehren will +er nichts wissen. Wenn ich nur wüßt', warum ich mir's so annehmen +muß? Ich könnt' ihn ja machen lassen und auch tun, was ich will, ohne +ihn zu fragen. Aber ich bin's so gewohnt gewesen, solange ich denken +kann, und er war immer gut zu mir. Ach, warum hat alles so kommen +müssen! + +In solchen fruchtlosen Reden stiegen sie miteinander den Berg hinab, +und der Rest des Tages verging beklommen und einsilbig. + +Der Franz war nie ein großer Redner gewesen, und was mit dem Andree +geschehen würde, kümmerte ihn nicht im geringsten. Er rauchte und +trank noch wohlgemut mit den wenigen Bauern in der Schenkstube, als +die Mädchen schon lange in ihren Betten lagen. + +Freilich schlief nur die eine, die Moidi. Rosine tat die ganze Nacht +kein Auge zu. + +Als der Tag noch lange nicht graute, hörte sie einen Schritt draußen +über den Hof kommen und sich dem niedern Fenster ihrer Schlafkammer +nähern. Die Hunde schlugen an, wurden aber sogleich beschwichtigt. +Ihr klopfte das Herz, und sie sprang eilig aus dem Bett in banger +Ahnung. Die Moidi schlief ruhig fort. + +Die Schritte hielten richtig am Fenster still, und eine Hand pochte +leise an die Scheiben. Moidi! rief die wohlbekannte Stimme. + +Ich bin wach, Andree, erwiderte das Mädchen verstohlen; die Moidi +schläft noch. Soll ich sie wecken? + +Tu's, Rosel. Sie soll sich fertig anziehen und geschwind machen; ich +hab' ihr noch viel zu sagen, eh' ihr heimfahrt. + +Eine Viertelstunde verging, dann öffnete sich leise die hintere Tür +der Schenke, und die Moidi trat heraus, das Gesicht zwischen +Verschlafenheit, Neugier und Furcht gegen den Bruder gewendet. Guten +Tag, sagte sie. Du kommst aber früh. Wenn du nur Gutes bringst, +Andree, wird's mich schon munter machen. + +Tu deinen Mantel um, sagte er statt aller Antwort. Es ist frisch, und +du bist die Luft hier nicht gewohnt. Wir wollen ein paar Schritte +weit gehen. + +Sie gehorchte willig und trat lachend in der winterlichen Vermummung +wieder zu ihm hinaus. Das Schweigen ringsum, der fremde Ort, die +nächtliche Öde über den Bergen, der Bruder ihr gegenüber in der +Kapuzinerkutte, alles kam ihr abenteuerlich vor und weckte ihre alte +Lachlust. Sie zog einen Zipfel des faltigen Mantels über den Kopf. +Jetzt bin ich deine Kapuzinerin, sagte sie und nickte ihm mutwillig zu. +Er faßte ihre Hand und ging schweigend mit ihr durch den Hof. + +Die Pferde im Stalle rührten sich, das Federvieh sträubte die Flügel, +ein junger Hahn krähte voreilig den Morgen an. Die Menschen aber in +den niedrigen Hütten schliefen noch, bis auf eine arme junge Seele, +die in Schmerzen durch das trübe Fenster in den Hof starrte und sich +mit schweren Seufzern, glühend und fröstelnd wieder zu Bett legte, um +den Tag heranzuwachen. + +Die Sonne stand aber schon hoch, und noch waren die Geschwister nicht +zurück. Der Hirzerfranz saß mit gerunzelter Stirn im Schenkzimmer +hinter der Flasche, lief alle Augenblicke auf die Straße hinaus, ob +von seiner Braut noch immer nichts zu erspähen sei, und schirrte +endlich die Pferde wieder ab, mit drohenden Flüchen gegen den Andree. +Die Rosel sprach kein Wort, es war ihr zum Sterben traurig ums Herz; +es mochte nun geschehen, was da wollte, für sie war es mit aller +Freude und Hoffnung vorbei. + +Endlich gegen zehn Uhr brachte einer der Klosterbrüder einen Brief, +den Andree schon in der Nacht an die Rosel geschrieben, drin stand, +daß er einen Bußgang zu einem Gnadenbilde gelobt habe, für die Seele +seiner Mutter zu beten. Er denke wohl, die Moidi werde ihn begleiten, +sie sollten daher ihre Zurückkunft nicht abwarten, sondern nach Haus +fahren. Seinerzeit werde sie schon wieder in Meran eintreffen. + +Als der Franz den Brief gelesen hatte, schlug er mit der Faust auf den +Tisch, daß die Gläser klirrten, und wollte im ersten Jähzorn auf und +davon und dem Andree nachsetzen. Da aber die Kirche, zu der sich der +Büßer verlobt, nicht in dem Brief angezeigt war, auch der Kapuziner +nichts anderes wußte, als daß der Prior dem Bruder Andreas Urlaub +gegeben habe, mußte der Grimm und Haß des Burschen sich auf eine +spätere Gelegenheit vertrösten und einstweilen an den Rückzug denken. + +Es war eine harte Reise für die arme Rosine, neben dem zornmütigen +Bruder, der immer von neuem gegen den heimtückischen Verführer +loswütete und sich hoch verschwor, wenn die Moidi erst seine Frau sei, +dem Andree die Tür zu verschließen, wie es auch sein Vater all die +Jahre her gehalten habe. Er habe gleich Einspruch getan gegen die +dumme Reise zu dem nichtsnutzigen Findling, da er ja nicht einmal sein +rechter Schwager werden würde. Aber die Weiber hätten sich's in den +Kopf gesetzt, die Tante Anna an der Spitze. Ein Narr sei er gewesen, +daß er nachgegeben habe. Aber die Moidi würde es noch zu hören +bekommen, und der Tante schenk' er es auch nicht. Vor allem aber sei +sie, die Rosine, daran schuld; sie hätte schon am Morgen nicht leiden +dürfen, daß er mit der Moidi abzog--und dann eine Flut von +brüderlichen Scheltreden, die freilich der Schwester nicht tief gingen. +Denn ein viel härterer Kummer hatte ihre Seele gepanzert. + +Der Sommer kam, die Reben am Küchelberg hatten längst abgeblüht, und +die Weinbeeren schwollen und röteten sich, die erste Feigenernte war +vorüber, und noch immer blieben die beiden Wallfahrer aus. Als auch +die Weinlese verging und keine Spur der Entflohenen irgendwo zu Tage +kam, gab es wenige, die noch geglaubt hätten, sie würden überhaupt +jemals wieder auftauchen. Da niemand so recht sich vorstellen konnte, +was den Andree in die Welt hinausgelockt habe, auch die meisten an +seinem Tun und Lassen nur geringen Anteil genommen hatten, war bald +von dem Schicksal der Geschwister nicht mehr die Rede. Anfangs +freilich hatte man viel darüber hin und her gerätselt. Denn das +befremdlichste war nicht die vorgespiegelte Wallfahrt, da die Tiroler +ein bußwanderungslustiges Völkchen sind, sondern daß eine Stunde über +das Kloster hinaus jede Spur der beiden jungen Leute wie weggeblasen +war. Der Ziegenhirt des Dorfes hatte sie noch gesehen, wie sie +langsam und in eifrigem Gespräch einen Saumpfad die Höhen hinangingen. +Das Paar war auffallend genug, der blasse junge Novize mit dem +ernsthaften Gesicht und das schöne blonde Mädchen im Bauernmantel an +seiner Seite. Und doch als nach einigen Wochen auf des Zehnuhrmessers +Andringen in den nächsten Gebirgsdörfern nachgeforscht wurde, wohin +die zwei ihre Schritte gelenkt hätten, entsann sich kein Schankwirt +und kein Bauer, daß ein solches Paar an seine Tür geklopft habe. Die +Hilfe der Landpolizei wurde in Anspruch genommen, mit nicht besserem +Erfolg. Die Geschwister blieben verschwunden, als hätte sich der Berg +gespalten, um sie für immer in seinen geheimen Kammern dem Blick der +Menschen zu entziehen. + +Als diese wundersamen Nachrichten von dem kleinen Hilfspriester auf +Schloß Goyen hinaufgetragen wurden, erregten sie einen Aufruhr der +verschiedensten Leidenschaften. Nur der alte Hirzer trank ruhig +seinen Wein aus und sagte, es sei ihm lieb, daß er nun hoffentlich von +der ganzen Ingrams-Sippschaft sein Lebtag kein Wort mehr hören werde. +Wenn das leichtsinnige Ding, die Moidi, sich je unterstünde, wieder +über seine Schwelle zu treten, so solle sie ihn kennenlernen--und ein +Fluch dazu, mit dem er sonst in der Nähe des Zehnuhrmessers sich nicht +gern versündigte. Dem Sohn befahl er gleich morgenden Tags sich +aufzumachen und um eine reiche junge Witwe in der Nachbarschaft zu +freien, deren Güter ihm gerade bequem lagen. Franz nahm die Sache +nicht so kaltblütig auf Die Moidi hatte es ihm wirklich angetan; sie +war der einzige Gedanke, der seine träge Natur jemals in Flammen +gebracht hatte. Also ließ er den Befehl des Vaters einstweilen auf +sich beruhen und lüftete seinen Grimm auf alle erdenkliche Art, so daß +die Seinigen viel Not mit ihm hatten. Die Tante Anna verschwand auf +mehrere Tage in ihrer Kammer, legte Trauerkleider an, denn es stand +ihr fest, daß die beiden verunglückt seien, wo sie nicht gar Hand an +sich selbst gelegt hätten, und so weinte sie Tag und Nacht und wollte +niemand sehen als den hochwürdigen Herrn und die Rosine. Mit dieser +stillen Dulderin saß sie schlaflose Nächte hindurch am Herde, einen +Rosenkranz zwischen den blassen Fingern, halb im Gebet, halb im +Gespräch die Stunden hinbringend. Das Mädchen allein blieb steif und +fest dabei, daß die beiden noch am Leben seien, und suchte es der +Tante immer wieder glaubhaft zu machen. Daß sie freilich je +wiederkommen würden, hatte sie seit dem Abschied im Vintschgau keinen +Augenblick mehr geglaubt. + +Am gelassensten blieb trotz seiner alten seelsorgenden Freundschaft +der kleine geistliche Herr. Ja, es schien förmlich, als wäre ihm +durch diese Selbstverbannung seines Zöglings eine Last vom Herzen +genommen. Er sprach noch immer fleißig vor auf Goyen, hörte jeden +nach seiner verschiedenen Gemütsart mit Wohlwollen an, sprach überall +zum Guten und wußte das Gespräch bald auf die heurige Lese und die +Hoffnungen auf einen ausgesucht edlen Jahrgang zu lenken, ein +Gegenstand, den er mit tiefster Wissenschaft ergründet hatte und +selbst den theologischen Erörterungen mit der Tante Anna entschieden +vorzog. + +Und so war es hoher November geworden, das leere Haus oben auf dem +Küchelberg stand winterlich zwischen den kahlen Rebengärten, unten in +der Stadt Meran wogte das geschäftige Treiben eines der jährlichen +Schlacht- und Viehmärkte durch die engen Gassen, das Samstagsgeläut +war verhallt, und der Zehnuhrmesser, der den Abend nicht mehr +auszugehen dachte, hatte seine alte Geige von der Wand genommen, um in +der Dämmerung noch ein Stück vor sich hin zu phantasieren, ehe die +Magd mit dem Nachtessen ihm das Licht heraufbrachte. Der Kater lag +behaglich schnurrend im Lehnstuhl, ein erstes Feuerchen knisterte im +Ofen, da die Nacht kühl zu werden versprach, vom Fenster her, wo ein +paar schöne Geraniumtöpfe standen, kam ein süßer Duft, den die feine +Nase des geistlichen Herrn behaglich einsog, und während er in den +glücklichsten Flageolettönen alle Waldvögel auf seiner Geige überbot +und taktmäßig zwischen seinen niedrigen vier Wänden auf und ab schritt, +hatte er so seine gottwohlgefälligen Gedanken, wie ihm doch +eigentlich zur vollkommenen Glückseligkeit nichts Wesentliches mangle, +zumal da ihm einer seiner Amtsbrüder drunten in Sankt Valentin eine +Probe des kostbaren Roten heraufgeschickt hatte, den die frommen +Brüder in ihrem sonnigen Tal am Fuß des Ifinger ziehen, und der heute +abend sein bescheidenes Mahl verherrlichen sollte. + +Da klopfte es an seiner Tür, und in der Meinung, es sei eben nur die +Magd mit dem Gast von Sankt Valentin, rief er "Herein!", ohne sein +Spiel zu unterbrechen. Aber der Bogen fiel ihm fast aus der Hand, als +die Tür aufging und wie ein Schatten aus einer andern Welt die Gestalt +des verschollenen Andree vor ihm stand. + +Erschrecken Sie nicht, Hochwürden, ich bin's, sagte der Jüngling, +indem er vollends hereintrat. Da sehen Sie, der Kater kennt mich +wieder, der würde wohl das Fell sträuben, wenn ich nur ein Spuk wäre. +Ich hätte mich angemeldet, aber von wo wir kommen, gibt's halt keine +Briefpost. + +Er beugte sich zu dem schmeichelnden Tier herab, um seine Bewegung zu +verbergen. Es war eine Weichheit und Sanftmut in seinem Wesen, die +ihn ganz verwandelt erscheinen ließen. + +Der geistliche Herr war mitten im Zimmer stehen geblieben; es überlief +ihn kalt und heiß. Alles, was er in der ersten Bestürzung sagen +konnte, war: Und die Moidi? + +Sie ist auch hier, Sie sollen alles wissen, denn ich habe niemand als +Sie, und wenn Sie mir nicht raten können, bin ich ein elender Mensch +in dieser und in jener Welt. + +Indem hörten sie die Schritte der Magd auf der Treppe, und während die +Alte, die den Andree mit nicht geringerem Schrecken, aber freudiger, +wiedererkannte, den Tisch zum Nachtmahl rüstete, die Kerze hinstellte +und ihrer Überraschung in wunderlichen Ausrufungen Luft machte, hatten +die beiden Männer Zeit, sich zu sammeln und auf das Gespräch, das nun +folgen sollte, im stillen vorzubereiten. Die Magd ging zögernd wieder +hinaus. Sie hätte gern auf hundert Fragen Bescheid gehabt. Indessen +fürchtete sie sich vor der ungewöhnlich feierlichen Miene ihres +hochwürdigen Herrn, der hinter dem Tische Platz genommen hatte, sich +öfters die Stirn mit dem bunten Taschentuch trocknete und stumm das +erste Glas des roten Valentiners einschenkte, aber ohne es mit dem +gewohnten Kennerzug an die Lippen zu führen. Denn seine Zunge war +bitter von dem Vorgeschmack vieler unliebsamer Worte, die nun in der +nächsten Zeit gesprochen werden mußten. + +Andree aber brach das Schweigen und sagte: Sie verzeihen wohl, +hochwürdiger Herr, wenn ich mich setzen muß. Aber wir sind heut +vierzehn Stunden über die Berge gewandert, und dazu die Angst und Not +mit dem armen Weib, und Hunger und Kummer,--die Knie wollen mich +nimmer tragen. Wenn Sie wüßten, Hochwürden, was wir ausgestanden +haben, so sähen Sie wohl nicht so strenge von nur weg, denn Sie sind +allezeit ein barmherziger Herr gewesen und haben keinen reuigen Sünder +ohne Trost und Stärkung von sich gelassen. + +Der kleine Seelsorger schien von diesen demütigen Worten getroffen zu +werden. Er hob das Glas, ließ es erst gegen die Kerze in seiner roten +Glut spielen, trank einen bedächtigen Schluck, und reichte es dann +seinem Zögling, dem er jetzt zum erstenmal gerade ins Gesicht zu sehen +wagte. Trink einmal, Andree, sagte er; du wirst's brauchen können. 's +ist Valentiner aus den besten Lagen, kaum vier Wochen von der Kelter +weg, ich hab' ihn heut erst bekommen. + +Andree nahm das Glas, trank es mit einer ehrerbietigen Verbeugung +gegen den geistlichen Herrn auf einen Zug aus und sagte, indem er es +wieder über den Tisch reichte: Ich dank' Ihnen, Hochwürden. Aber was +ich fragen wollte, und worauf Sie mir vor Gottes Angesicht antworten +müssen: Bin ich der Maria Ingram--Gott hab' sie selig!--ihr Sohn, oder +bin ich's nicht? + +Damit war er wieder aufgestanden, trotz seiner Erschöpfung litt es ihn +nicht in der Ruhe, er stemmte die geballten Fäuste beide auf einen +Teller, der vor ihm stand, und heftete den traurigen Blick gespannt +auf das Gesicht seines geistlichen Freundes, der in nicht geringer +Unruhe auf seinem Armsessel hin und her rückte. + +Mein Sohn, sagte er jetzt, wenn du mir versprechen willst, keine +weiteren Fragen zu tun, will ich die eine dir beantworten: Deine +Mutter hat nur ein Kind zur Welt gebracht, die Moidi. Nun du das +weißt, gib dich über alles andere zufrieden; denn mehr zu sagen, +verbietet mir mein kirchlicher Gehorsam, und würde dir auch zu nichts +frommen. + +Die Spannung auf dem Gesicht des jungen Mannes ließ plötzlich nach, +und die Züge wurden nur kummervoll und hoffnungslos. Ich dank' Ihnen, +sagte er, aber es hilft mir nicht viel, denn das hab' ich schon gewußt. +Auch wenn mir's niemand gesagt hätt', meine Mutter könnt's nicht +gewesen sein. Und ich würde mich auch damit zufriedengeben, denn am +Ende, wenn meine Eltern ohne mich fertig werden können, muß ich mich +wohl auch ohne sie behelfen lernen, und hab's schon lange genug getan. +Aber das arme Weib, Hochwürden, das Tag und Nacht keine Ruh' hat, +weil sie meint, es wär' alles nur gelogen von der Mutter, weil sie +mich zu sehr gehaßt hat, und von mir, weil ich meine Schwester zu lieb +gehabt hätte--nein, Hochwürden, da hilft nichts als Brief und Siegel, +sonst fürcht' ich, sie macht's nimmer lang, denn es ist gar erbärmlich, +wie sie sich's zu Gemüte gezogen, und Sie wissen wohl, sie hat eine +schwache Stelle irgendwo in ihrem Kopf, mit der nichts anzufangen ist. + +Er setzte sich wieder mit dem Ausdruck tiefer Ermüdung. Der +Hilfspriester aß und trank mechanisch, mehr um seine Verwirrung zu +verbergen, als weil ihn die Speisen gelockt hätten, von denen er +keinen Bissen schmeckte. Erzähl erst, sagte er, wie's so weit +gekommen ist. Hernach wollen wir dann schauen, was sich noch +gutmachen läßt. Wo hast du die Monate her gesteckt, daß kein Hahn +nach dir krähen konnte? + +Nicht in der Kutte, hochwürdiger Herr, sagte der Bursch, und seine +Züge heiterten sich in der Erinnerung an gefährliche und listige +Abenteuer ein wenig auf. Sehen Sie, fuhr er fort, als mir die Moidi +zuerst sagte, ihre Mutter habe mich als einen Findling oder Gott weiß +woher von der Alm mit heruntergebracht, da war mir's, als käme ich +plötzlich aus glühenden Ketten und Banden los, die ich allezeit mit +mir geschleppt hatte, und die auch im Kloster droben nicht von mir +abfallen wollten. Denn nicht einmal in der heiligen Beicht' hat mir's +über die Zunge gewollt, was ich die letzten Jahre her von wegen der +Moidi ausgestanden hab', und daß ich's nicht überleben würde, wenn ein +anderer sie heimführte. Und das wußt' ich ja wohl, daß es eine +Todsünde war, wenn ich wirklich der Sohn ihrer Mutter gewesen wäre; +und doch konnt' ich's nicht von mir abtun, denn es war stärker als +mein bißchen Verstand und Religion und alles, was ich von Ihnen +gelernt und in den heiligen Büchern gelesen hatte. Als ich's aber mit +Händen greifen konnte, daß ich mich die langen Jahre unnütz abgehärmt +hatte und gar nichts Sündhaftes dabei sei, wenn ich das Mädchen lieber +als mein Leben hätte, da bin ich plötzlich ganz lustig in mir geworden +und hab' mir sogleich vorgesetzt, mein müßt sie werden, und wenn der +Kaiser selbst uns wollt' auseinanderreißen lassen. Denselben Abend +aber hab' ich mir noch nichts merken lassen, nur wie ich in meiner +Zellen gesessen bin, da hätt' ich singen und jauchzen mögen so laut, +daß man's bis nach Meran hinunter hätte hören sollen. Ich hab' aber +allerhand Sachen herzurichten gehabt, auch den Brief geschrieben an +die Rosine, und so ist die Nacht auch endlich herumgegangen. Und dann, +da es noch kaum dämmerig war, stand ich schon unten und holte das +arme Ding ab, das keine Ahnung hatte, was werden sollte. Ich tat auch +zu Anfang ganz vernünftig, bis wir ein paar Stunden weit weg waren, +redete immer von der Wallfahrt, und sie war nicht böse drüber, daß ich +sie mit mir nahm. Denn sie hätte gern noch ein Stück weiter in die +Welt hineingeschaut. Als wir aber hoch oben zwischen den Bergen waren +und sie immer neugieriger fragte, wo's denn hinginge, ließ ich sie ein +wenig niedersitzen ins Moos, trat hinter einen Felsen und kam gleich +darauf wieder hervor, aber nicht mehr als Kapuziner, sondern in der +Jacke und Hosen und allem, wie ich's getragen hatte in der Nacht, als +ich von Goyen wegfloh; denn die Sachen, die dem Franz gehörten, hatte +ich noch immer nicht wieder zurückgeschickt. Da lachte sie erst über +die Maßen und sagte, ich gefiele ihr viel besser so als in dem langen +Klosterrock, und wir aßen zusammen auf, was ich heimlich mitgenommen +hatte. Dann aber wurde sie auf einmal still, und ich mußte ihr wohl +ganz besonders vorkommen, denn sie nahm mich scharf ins Gebet, und als +ich endlich in meiner Herzensfreude damit herausplatzte, ich würde +nimmermehr in die Kutte zurückkriechen, auch gar nicht wallfahrten +gehen, sondern sie als mein Weib in die weite Welt entführen, erschrak +sie gewaltig und fing heftig an zu weinen. Ich aber gab ihr die +besten Worte und blieb ganz ruhig, damit sie nur nicht wieder einen +Anfall bekäme von ihren alten Krämpfen; und so, während ihr die Tränen +immer langsamer flossen, setzte ich ihr auseinander, daß es gar nicht +anginge, erst wieder nach Meran zu gehen und bei Pontius und Pilatus +anzufragen, ob sie auch nichts dagegen hätten. Das gäbe einen noch +viel größeren Lärm, als wenn wir gar nicht wiederkämen, und wenn wir +endlich doch einmal Heimweh nach unserm Häusel erleiden sollten und +kämen in Meran wieder zum Vorschein als Mann und Frau, so müßten's +eben alle hinnehmen, wie's wäre. Sie sollt' nur einmal an den alten +Hirzer denken und den Franz, wie die aufbegehren würden, wenn ich +plötzlich vor sie hinträte und sagte: Die Moidi ist mein, und ich geb' +sie nimmer heraus. Und die Tante Anna und der Herr Dekan und die +ganze Stadt, die uns so lang' als Bruder und Schwester gekannt hatten, +und das Geschrei und Geschreibe beim Amt und allen Teufeln! Und +zuletzt spielt' ich den besten Trumpf aus und sagte: Wenn ihr freilich +der Franz lieber wäre als ich, so möcht' sie's nur dreist sagen, es +wär' noch nicht zu spät, umzukehren und dann Abschied zu nehmen auf +Nimmerwiedersehen. + +Da hielt sie's nicht länger aus und fiel mir uni den Hals und rief +unter Lachen und Weinen, daß sie keinen andern Willen hätte als den +meinigen, und hernach half sie mir selbst große Steine über die Kutte +wälzen, daß niemand sie finden und unsern Weg darnach aufspüren sollte. +Und denselben Tag sind wir noch viele Stunden weit gewandert, +seelenvergnügt und immer in der Einsamkeit, und haben manchmal +zurückgeschaut nach der Gegend, wo Meran liegen mußte, und über den +Franz unsere Schadenfreude gehabt, der nun ohne Braut nach Hause +fahren und den Spott aller Leute erdulden mußte. Ich hab' auch wohl +an Sie gedacht, Hochwürden, daß Sie mir's übelnehmen könnten, und an +meine Pate und die Rosel, die es immer gut mit mir gemeint haben. +Aber das hielt nicht lange vor. Denn wenn ich die Moidi neben mir +ansah, die ich nun herzen und küssen durfte, soviel ich wollte, und +die geduldig dazu stillhielt--nun, Sie können das freilich nicht +wissen, Hochwürden, wie's einem ist, wenn er mit seinem Schatz so +mutterseelenallein unter freiem Himmel hinwandert; aber wenn Sie es +auch einmal so gut gehabt hätten, zumal nach so langer Not, würden Sie +uns beiden die Sünde nicht so schwer anrechnen, sondern uns das +bißchen Glück wohl gönnen, das so nicht lange gedauert hat.-Er +verstummte wieder und sah traurig vor sich hin. Der Hilfspriester +schob den Teller zurück, seufzte einmal recht von Herzen auf und +schenkte das Glas wieder voll, um es seinem Beichtkind hinzureichen. +Der Bursch trank, seufzte dann ebenfalls und fuhr in seiner stillen, +eintönigen Weise fort: + +Die erste Nacht haben wir auf einer Alm geschlafen, wo uns der Senner +zu essen gab, auch nicht weiter fragte, wer wir wären; denn wie es +zwischen uns stand, mochte er leicht erraten. Er hat uns auch am +andern Morgen versprochen, keiner Menschenseele zu sagen, daß er uns +in seiner Hütte beherbergt habe, und so gingen wir guten Muts weiter +im Hochgebirg und waren noch glückseliger und verliebter als den Tag +vorher. Die Gegend war mir ganz fremd, ich wußte aber, wenn wir immer +gegen Westen zu wanderten, kämen wir zuletzt in die Schweiz, und weil +sie da Freiheit haben, zu leben, wie sie wollen, und keine Polizei, +dacht' ich einstweilen da zu bleiben, hatte auch keine Furcht, daß sie +uns an der Grenze um unsern Paß fragen würden; denn wo wir gingen, +hoch unter der Schneide der Berge hin, von Sennhütte zu Sennhütte, +ist's den Herren Landjägern zu abschüssig, und wir sind auch kein +einzig Mal angehalten worden. Nun muß ich aber noch sagen, daß wir an +jenem zweiten Tag an eine Stelle kamen, wo ein steiler Grat mitten aus +den Wiesen aufsteigt, weit höher als die Muttspitz oder der Ifinger. +Da redete ich der Moidi zu, hinaufzuklettern und von da oben in die +Welt hinauszuschauen. Ich hatte aber eine Absicht dabei; denn um die +Ferner und Schneefelder war mir's gar nicht zu tun. Auf der Spitze +nämlich stand ein Kreuz, und hing auch der Herr Christus daran, ein +grobes Schnitzwerk, wie's einmal ein Senner mit dem Brotmesser +zustande gebracht haben mochte. Mir aber war's gut genug. Denn als +wir droben waren und die Moidi still und zufrieden um sich schaute, +nehm' ich sie sacht bei der Hand und knie mit ihr vor dem Kreuz hin. +Zuerst beten wir miteinander, hernach wollte sie aufstehen. Ich aber +sag': Bleib noch knien, Moidi; 's ist noch nicht zu Ende. Und da +fang' ich an und sage auf Lateinisch alles her, was notwendig ist, um +eine richtige Ehe zu schließen, und hernach zieh' ich ihren silbernen +Ring vom Finger und geb' ihr den meinigen dafür und lege meine Hand +auf ihren Kopf und ihre auf meinen, während ich den Segen spreche; ich +dacht' eben, man muß sich zu helfen wissen, und wie's eine Nottaufe +gibt, mag's ja auch einmal eine Nottrauung geben, nichts für ungut, +Hochwürden, und späterhin könnt's immer noch ordentlich und richtig +gemacht werden. Sie mochte das auch bei sich denken, denn sie ließ +mich machen, was ich wollte, und kniete andächtig vor dem Kreuz. Wie +ich nun mit meinem Latein zu Ende war, küßte ich sie von Herzen und +sagte: Nun bin ich dein Mann und du bist mein Weib, und nur der Tod +soll uns scheiden!--Sie nickte, und das Herz lachte ihr aus den Augen, +und darauf standen wir von den Knien auf und blieben noch eine Weile +droben stehen, und es war uns wundervoll zu Mut in der großen Stille +und Heimlichkeit, wie wir da mitsammen an die hundert Meilen weit auf +Länder, Städte und Flüsse hinuntersahen, und niemand war bei uns als +unser Herrgott, vor dessen Angesicht wir uns eben Treue bis in den Tod +gelobt hatten. + +Sie kennen ja die Moidi, Hochwürden, und daß sie lieber lacht als +weint, auch für ihr Alter noch immer zu viel Kinderpossen im Kopf +hatte. Aber an unserm ganzen Hochzeitstag haben wir gar nicht gelacht, +auch nicht viel geredt miteinander, sondern sind so feierlich, als +wenn das ganze Gebirg nur eine große Kirche wäre, in der schönen Sonne +hingewandert, nur daß die Moidi im Gehen Blumen pflückte und mir einen +hochzeitlichen Strauß an die Jacke steckte, sich selbst aber ein +Kränzel band und an den Arm hing. Geld hatten wir auch noch und +konnten in der nächsten Hütte uns auftragen lassen, was der Senner nur +hergeben wollte. So war's eine ganz lustige Hochzeit, und weder sie +noch ich dachten mehr daran, was dahinter lag und was noch kommen +sollte. + +Das fiel uns alles zuerst wieder ein, als unser Geld auf die Neige +gegangen war; es mocht' eine Woche inzwischen verstrichen sein, und +von der Schweiz waren wir noch weit, da wir keine Straße einhielten, +sondern gingen, wo es uns lustig schien. Am ersten Abend, als wir uns +mit leeren Taschen nach einem Nachtlager umsahen und wollten eben in +einen Heustadel kriechen, fiel mir ein großer Einödhof in die Augen, +und ich dacht': Da versuchst noch einmal dein Heil. Wir fanden da +auch richtig ein Unterkommen, aber aus der einen Nacht wurde ein +halbes Jahr. Denn der Hof gehörte einer Witfrau zu, die dort mit ein +paar Knechten und Mägden hauste, und den Oberknecht hatte sie eben +heiraten wollen, da hatte er sich beim Holzmachen verfallen, und die +Bäuerin trauerte um ihn wie um ihren ersten Mann. Als ich ihr nun +erzählte, ich hätte flüchtig gehen müssen, weil ich einen Welschen +erschlagen, und meine Schwester da--denn dafür gab ich sie aus, weil +die Bäuerin sich mit Eheleuten wohl nicht beladen hätte--die Moidi +also hätte mich nicht allein ziehen lassen wollen, und nun seien wir +ohne einen Kreuzer, da bot sie mir an, bei ihr in. Dienst zu treten, +und für meine Schwester gebe es auch Arbeit. Das waren wir natürlich +zufrieden, und nur die Moidi machte mir hernach Vorwürfe, daß ich sie +nicht für mein Weib anerkannt' hätt', und ich hatte Mühe, sie wieder +zu versöhnen. Also blieben wir, und der Sommer verging, und wir +hatten über nichts zu klagen. Denn daß die Bäuerin ein Auge auf mich +geworfen hatte, wie ich nach und nach merkte, und mich zum Oberknecht +machte, um mich hernach wohl auch noch weiter zu befördern, konnte ich +mir ja ruhig gefallen lassen und zur rechten Zeit noch immer nein +sagen. Aber auf einmal wurde es mit der Moidi so traurig, daß ich Tag +und Nacht keine Ruhe mehr hatte. Es war vor etwa einer Woche, da +mähte ich auf der obersten Wiese und sehe plötzlich mein Weib +heraufkommen, mit einem ganz verwilderten Gesicht. Und wie sie droben +ist, fällt sie vor mir nieder und beschwört mich mit aufgehobenen +Händen, ich sollt' sie umbringen aus Gnad' und Barmherzigkeit, sie +könne nicht leben mit der Sünde auf dem Gewissen, sie trage ein Kind +unterm Herzen, und diese Nacht sei ihre Mutter ihr im Traum erschienen +und habe ihr zugeraunt: Der Andree ist doch mein Sohn, und dein und +sein Kind wird verflucht sein in alle Ewigkeit. + +Sie können sich nun denken, Hochwürden, wie ich erschrocken bin; denn +da sie steif und fest dabei blieb, ist mir's selber zuletzt ganz angst +und bange worden, weil ich keine rechten und klaren Beweise hatte, es +sei alles doch so, wie wir's bisher geglaubt, und der Traum nur eine +Einbildung gewesen. Herrgott, dacht' ich, wenn's dennoch wahr wäre! +Und es überlief mich eiskalt, und ich dachte wahrhaftig einen +Augenblick, wie ich das arme händeringende Weib vor mir auf der Erde +liegen sah: Das beste wär', du gingest mit ihr auf und davon, und wo's +recht jäh in einen Abgrund hinunterschießt, drücktet ihr die Augen ein +und spränget geradewegs in die Hölle. Hernach wurde ich freilich für +meinen Part wieder ruhig; ich überlegte alles noch einmal und blieb +zuletzt dabei: Es kann nicht sein! Aber das arme Weib war nicht damit +zu getrösten. Sie verlangte nicht mehr zu sterben, da's eine doppelte +Sünde wär' wegen des Kindes, aber nach Meran zurück, und hier müsse +sich's entscheiden. Mir selbst war's ein saurer Gedanke; ich wußte +wohl, daß es ohne Lärm hier zu Hause nicht abgehen würde. Aber da die +Moidi immer verwirrter aus den Augen schaute, zudem auch die Bäuerin +was Unrechts witterte und mir antrug, die Schwester wegzuschicken, +mich aber zu behalten, da war schon nichts anderes zu machen, als +unser Bündel zu schnüren und den harten Bußweg anzutreten. + +Ich will Sie nicht damit langweilen, Hochwürden, wie jämmerlich uns +unterwegs zu Mut war, wenn wir an so manche Stelle kamen, die uns vor +sechs Monaten angelacht hatte, und wo nun das arme Weib in jedem Wind +Stimmen zu hören glaubte, die sie anklagten und verdammten. Wenn wir +Sünde getan hatten, daß wir ohne jemand zu fragen und ohne den Segen +der Kirche als Mann und Frau in die Welt gegangen waren, so haben +wir's auf dem Heimweg hundertfach abgebüßt, zumal ich selber, da ich's +für sie mitzutragen hatte. Und denken Sie nur, als wir wieder an die +Bergspitze kamen, wo ich uns im Frühling zusammengegeben hatte, war +das Kreuz verschwunden. Wahrscheinlich haben's die Stürme +hinuntergerissen. Aber der Moidi fiel es aufs Herz, wie wenn das +damals nur ein Blendwerk des Teufels gewesen wäre, der uns in die +sündhafte Ehe hätte verlocken wollen, und sie fiel mir ohnmächtig in +die Arme, und eine Stunde lang hatt' ich zu tun, sie wieder zu sich zu +bringen.-Er schwieg, und es überschauerte ihn sichtbar wie ein +Fieberfrost, in der Erinnerung an alle überstandenen Drangsale. Der +geistliche Herr war längst aufgestanden und hatte hin und her wandelnd +die Beichte mit angehört, während er in immer kürzeren Pausen aus +seinem Döschen von Birkenrinde schnupfte. Die letzte Prise hielt er +lange zwischen Daumen und Zeigefinger und stand dabei still vor einem +großen Kupferstich, die Magdalene in der Wüste darstellend, dem +einzigen Schmuck seiner kahlen vier Wände. Er getraute sich nicht, +dem Rat- und Hilfesuchenden das Gesicht zuzuwenden, denn der Fall war +so schwierig, daß er wenig Hoffnung hatte, alles glücklich +hinauszuführen. + +Wo ist sie jetzt? fragte er endlich kleinlaut. + +Droben in unserm Häusel auf dem Küchelberg, versetzte der Bursch. Wir +sind vor ein paar Stunden angekommen, über Dorf Tirol, und die Leute +haben uns wiedererkannt und mit Fingern auf uns gezeigt, und wie ich +allein unten durch die Lauben kam, mochten sie's schon wissen, denn +sie sind mir ausgewichen, als hätte ich eine Seuche und Pestilenz an +mir. Droben aber sitzt das arme Weib und wartet, daß ich Sie mit +heraufbringe, und wenn Sie keinen Trost für sie haben, steh' ich für +nichts. Denn es ist ein verzweifelter Geist, der ihr aus den Augen +sieht, und ihr armer Verstand hängt an einem dünnen Faden. Noch ein +Riß, so fällt er ins Bodenlose; darauf verlassen Sie sich, Hochwürden. +Drei Wochen können's weit bringen mit so einem armen Weib. + +Er stand nun auch auf, als wollte er dadurch den schweigsamen +geistlichen Herrn zu einem Entschlusse treiben. Der aber blieb noch +eine ganze Zeitlang vor dem Kupferstich, obwohl er kaum einen Strich +davon an der dunklen Wand unterscheiden konnte. Erst die achte Stunde, +die es vom Turm schlug, schien ihn zu mahnen, daß Gefahr im Verzuge +sei. Er kehrte sich von der Wand ab, machte dem Andree ein Zeichen, +daß er sogleich wiederkommen würde, und stieg, das einzige Licht vom +Tisch mitnehmend, die Treppe hinab, immer tiefer und tiefer, bis der +letzte Schimmer verschwand. + +Aber kein Vaterunser lang währte es, so tauchte der Lichtschein wieder +auf, und der würdige Herr erschien mit eilfertigem Keuchen und trug +eine Maßflasche, mit einem zartgelben Wein gefüllt, wie einen Säugling +im Arm, die Magd hinter ihm mit reinen Gläsern. Siehe, sagte er zu +Andree, der zerstreut und ungeduldig dareinschaute, dieses ist der +wahre Seelentrost und Mitstreiter, und ehe wir andere trösten, geziemt +es, unser eigenes Gemüt zu kräftigen. Trink, armer Sohn; du wirst ihn +noch wiederkennen. Er ist herber geworden seit den zehn Jahren, aber +reifer und gesetzter; da schau, er wirft keine Bläschen mehr. + +Und mit heiterem Gesicht hielt er das reine Gold gegen das Licht, ehe +er trank, und stieß mit seinem bekümmerten Pflegling herzlich an. Ich +hoff', es soll noch gut werden, sagte er, denn schon übte die Nähe des +edlen Trunkes ihre ermutigende Wirkung. Gaudete in Domino semper, +stehet geschrieben, und darum trink, mein Sohn, und hernach wollen wir +auch der armen Büßerin ein Fläschlein füllen, denn sie wird es +brauchen können. + +Nun sprachen sie kein Wort mehr zusammen, sondern der Zehnuhrmesser +ging immer auf und ab, wie ein General in seinem Zelt, der über den +Schlachtplan nachdenkt, und trank dazwischen in großen Zügen und +setzte das Glas jedesmal mit einem herzhafteren Ruck wieder auf den +Tisch. Als die große Flasche halb leer war, nahm er mit einem raschen +Griff die Geige von der Wand und fing an, immer auf und ab wandelnd, +eine schöne alte italienische Kantate zu streichen, mit vielen krausen +Fiorituren verbrämt, ein Stück, das er immer an wichtigen und +bedeutsamen Tagen zu spielen pflegte, auch des Katers Leibstück, der +mit freudigem Schnurren auf den Tisch sprang, um das Licht +herumwandelte und mit den großen grünen Augen den Andree ansah, als +wollte er ihn auffordern, ebenfalls guter Dinge zu sein. Dem aber +brannte vor Ungeduld der Boden unter den Füßen, und nur seine +Ehrfurcht und das eigene Schuldbewußtsein hielten ihn ab, den +geistlichen Herrn in seinem Konzert zu unterbrechen und daran zu +erinnern, daß die Moidi die Minuten zähle, bis er ihr Trost brächte. + +Endlich aber legte der geistliche Herr die Geige weg, trocknete sich +mit dem Ärmel seines Hauskleides die Stirn und fuhr dann rasch in sein +schwarzes Gewand. Die Magd kam, goß den Rest des Terlaners in ein +Fläschchen, das Andree einstecken mußte, brachte dem Herrn seinen Hut +und leuchtete ihnen die Treppe hinunter. In der Laubengasse war es +indessen stiller geworden, nur aus den Schenken hörte man das Singen +und Lachen der welschen Maurer und Tagelöhner und hie und da Streit +und heftige Reden, und die Wächter saßen bei den offenen Buden und +rüsteten sich auf die Nacht, die kalt zu werden versprach. Als sie +auf den Platz kamen, wo die Kirche steht, blieb der Zehnuhrmesser +stehen und sagte: Geh jetzt voraus, mein Sohn; ich hab' erst noch beim +Herrn Dekan ein Geschäft, zu dem ich dich nicht mitnehmen kann. In +einer halben Stunde komm' ich nach; und sag einstweilen der Moidi, daß +ich gesagt hätt', es wird noch alles gut. + +Er reichte dem Andree die Hand, die dieser ehrerbietig küßte, und +stand dann noch eine Weile unten am Pfarrhaus, ehe er sich +entschließen konnte, hinaufzugehen. Aber der Terlaner half ihm, und +nur mit einigem Herzklopfen, wegen der steilen Steintreppe, langte er +droben in der Pfarrwohnung an. + +Was er dort an jenem Abend gesprochen, und was ihm geantwortet worden, +hat er niemand verraten wollen. Als er aber eine Viertelstunde später +wieder hinunterstieg, war sein Wesen sehr verwandelt, der Geist des +Terlaners von ihm gewichen und eine tiefe Niedergeschlagenheit dafür +eingetreten. Er seufzte oft, während er die rauhe Straße zum +Küchelberg hinanstieg, und als er endlich droben das Häuschen liegen +sah, ans dessen kleinen Fenstern ein schwacher Lichtschein dämmerte, +seufzte er noch stärker und wäre am liebsten wieder umgekehrt. Aber +wenn er nicht helfen konnte, wollte er die Armen wenigstens nicht +allein lassen in ihrem Unglück, und so öffnete er ohne anzuklopfen die +niedrige Tür und trat über die wohlbekannte Schwelle. + +Er fand das junge Paar in der Küche, wo die Mutter gestorben war; der +Andree stand am Herd und blies eben das Feuer an, um eine Polenta zu +kochen, die Moidi saß still und teilnahmslos auf dem Bett drüben an +der Wand, den Mantel noch umgeschlagen, in welchem sie die weite +Wanderung gemacht hatte, als sei sie noch nicht zu Hause und werde +auch nirgends wieder eine Heimat finden. Als der geistliche Herr an +sie herantrat und ihr guten Abend sagte, fuhr sie zusammen, machte ein +Bewegung, als wollte sie aufstehn, sank aber wieder auf das Bett +zurück und saß in sich geschmiegt, die Hände vors Gesicht gedrückt, +ohne einen Laut von sich zu geben. + +Moidi, sagte der kleine Herr, kennst du mich nicht mehr? + +Sie nickte hastig vor sich hin. + +Willst du mir nicht einmal ins Gesicht sehen, und hast kein Vertrauen +zu mir? + +Sie antwortete nicht, aber er sah, wie ihr ganzer Leib zitterte. Er +schüttelte traurig den Kopf. Andree, sagte er, geh einstweilen in die +Kammer, ich habe mit der Moidi allein zu reden. + +Der Bursch gehorchte ohne Verzug, trat aber nicht in die Kammer, +sondern ging ins Freie; es war ihm zu eng und schwül in dem Hause, wo +er so viel Leids erfahren hatte. + +Nun, meine Tochter, fing der Zehnuhrmesser wieder an, nun fasse ein +Herz zu mir und höre, was ich dir sage. Ihr habt freilich Sünde getan, +und wenn es euch hart ergangen ist, so habt ihr's als eine gerechte +Zucht und Buße vom Herrn hinzunehmen. Aber so schwer ist eure Sünde +nicht, daß ihr sie nicht wieder gutmachen könnt, und was dich am +meisten ängstigt und dein Gewissen beschwert, kann ich--dem Himmel sei +Dank--von dir nehmen, indem ich sage und bezeuge: Andree ist nicht +deiner Mutter Sohn, und der Segen der Kirche darf und wird euch zu +christlichen Eheleuten machen. Also sei getrost und erhebe dein +Angesicht und betrübe mich und den Andree nicht mit deinen +Einbildungen, die das Übel nur ärger machen und dem bösen Feind +entstammen, der die Seelen verderben will. + +Er erwartete, daß sie auf diese Worte ruhiger werden und endlich ein +Wort sprechen würde. Aber sie blieb unbeweglich sitzen, als gälte +alles, was er sagte, nicht ihr. Er trat noch näher zu ihr heran und +nahm ihr mit sanfter Gewalt die Hände, die kalt und feucht waren, vom +Gesicht. Da sah er, daß ihre weichen, kindlichen Züge in den kurzen +Monden schmerzlich verwandelt waren. Sie hielt die Augen fest +geschlossen, die Augenbrauen waren gespannt, wie von einem heftigen +Seelenkampf, die Lippen halb offen, und die blassen Wangen, deren +Umrisse feiner und schärfer erschienen, übergoß plötzlich eine tiefe +Röte, als der geistliche Herr ihr die Hände wegzog. + +Er betrachtete sie mit tiefem Mitleiden. Sprich ein Wort, Moidi, +sagte er mit Nachdruck. Ich kann dir nicht helfen, wenn ich nicht +weiß, wo es dir fehlt. Ist es dir nicht genug, daß ich dir beteure, +der Andree ist nicht dein Bruder? + +Da schüttelte sie heftig den Kopf und öffnete die Augen mit einem +starren, wilden Wesen, das ihn erschreckte. Ich weiß es besser, sagte +sie dumpf vor sich hin. Die Mutter hat mir's gesagt, ich soll mich +nicht irremachen lassen, sie hätte alle betrogen, die geistlichen +Herren und das Amt und alle. Aber den Herrgott betrügt niemand. Wie +sollt's auch anders sein? Wo ist denn seine Mutter, und warum hilft +sie ihm nicht, jetzt da er elend ist? Ich weiß es besser, uns hilft +niemand, niemand wird uns zusammengeben als der Tod, und nun geht und +laßt mich allein, was sucht Ihr hier? Ich muß nur erst das Kind-Da +stockte sie, und es schüttelte sie wieder über den ganzen Leib, und +sie schloß die Augen von neuem. Plötzlich wurde sie wieder stiller, +als sinne sie über etwas nach. Ist es wahr, sagte sie mit furchtsamem +Ton, in die Kirche soll ich mit ihm, und Ihr wollt den Segen über uns +sprechen? Ja, wenn das anginge, das wäre wohl schön. Aber ich weiß +es besser, ihr seid alle betrogen; wenn Ihr's tun wolltet und es käm' +die Stelle, ob jemand Einspruch zu tun hätte, daß der Andree und die +Moidi ein Paar werden sollen, da würdet Ihr's erleben, da würde +plötzlich die Mutter am Hochaltar stehn und lachen, daß sie Euch +betrogen hat, und Ihr könntet den Segen nicht sprechen. So wird es +kommen; ich weiß es besser! + +Moidi, sagte der geistliche Herr mit fester Stimme, du bist ein +unwissendes Ding, und was du da schwatzest, ist alles eine +Vorspiegelung des bösen Feindes, um dich in noch größere Sünde zu +verstricken. Ist es dir nicht genug, wenn ich dir sage, ich weiß, wer +des Andree Mutter und Vater sind, und ich darf's nur nicht sagen, weil +es mir von denen verboten ist, denen ich Gehorsam schuldig bin? + +Sie sah plötzlich groß auf zu ihm, ohne ein Wort über die Lippen zu +bringen. Aber in ihrem Gesicht lag ein so angstvolles Flehen, daß er +tief davon erschüttert wurde und sich abwenden mußte, um sich wieder +zu fassen. Da hörte er, wie sie leise höhnisch vor sich hinlachte. +Seht Ihr wohl, sagte sie, Ihr könnt mir nicht dabei ins Gesicht sehn, +es ist alles erlogen, nur damit ich wieder froh werden soll; der +Andree wird Euch darum gebeten haben, es geht ihm so zu Herzen, aber +wer kann uns helfen? Wenn Ihr wüßtet, wer seine Eltern sind, würdet +Ihr wohl zu ihnen gehn und ihnen davon sagen, daß man mit Fingern auf +die Moidi und den Andree zeigt, weil die Leute sagen, sie seien Bruder +und Schwester und hätten doch ein Kind. Aber Ihr könnt die Eltern +nicht rufen, denn wo sind sie? Die Mutter kenne ich wohl, sie hat +mir's im Traum gesagt, mich macht niemand irre, ich weiß es besser!-Da +widerstand er nicht länger. Höre mich an, sagte er und trat dicht an +ihr Bette. Ich kann deine armseligen Reden nicht mehr hören und will +dir sagen, was ich weiß, und was so wahr ist, wie daß ein barmherziger +Gott im Himmel wohnt. Aber gelobe nur erst bei deiner armen Seele, +daß du nie einem Menschen, am wenigsten dem Andree, das wiedersagen +willst, was ich dir gegen meine Pflicht und kirchlichen Gehorsam +vertrauen werde, weil dein Geist schwer verstört ist und es noch +schlimmer werden möchte, wofern ich schwiege. Willst du mir auf das +heilige Sakrament versprechen, es für dich zu behalten? + +Sie nickte dreimal mit aufmerksamer Miene, in der ein schwacher +Schimmer von Hoffnung aufdämmerte. Siehe, fuhr er fort, der Andree +bedarf's nicht; er hat keine Zweifel und Gewissensqual und wird dich +ohne Furcht in die Kirche führen. Und ich denke wohl auch, daß dann +seine Mutter mit unter den anderen sitzen und im stillen den Segen +mitbeten wird, aber nicht der abgeschiedene Geist der Maria Ingram, +deiner armen Mutter, sondern--und er neigte seinen Mund dicht an ihr +Ohr--die Tante der Rosine, die Anna Hirzer, die ihn aus der Taufe +gehoben, die wird mitbeten und wahrlich keinen Einspruch tun. + +Er hatte die Worte mit hastigem Flüstern herausgestoßen und fuhr, wie +von seiner eigenen Rede erschreckt, in die Höhe, ob kein dritter sie +gehört habe. Das junge Weib saß still und starr; es war, als hätte +die Enthüllung dieses Geheimnisses keinen Eindruck auf ihre verstörte +Seele gemacht. + +Nun du so viel weißt, meine Tochter, fing der kleine Priester nach +einer Pause wieder an, sollst du auch wissen, wie das alles gekommen +ist, denn sonst dächtest du, auch das sei nur eine Vorspiegelung. Du +weißt aber wohl, daß deine Mutter den kleinen Andree damals von der +Alm mit heruntergebracht hat. Auf selbiger Alm hat ihn die Anna +Hirzer geboren. Ein Jahr zuvor nämlich ist ein fremder Herr aus +Deutschland nach Innsbruck gekommen, ein Offizier, der hatte einen +Feldzug gegen den Napoleon mitgemacht, und wie seine Wunden geheilt +waren, schickten ihn die Ärzte ins Tirol hinein, weil die Luft droben, +wo er zu Hause war, ihm nicht guttat. Nun, da hat er die Anna Hirzer +auf der Straße gesehen, und es ist bald richtig zwischen ihnen +geworden, denn er war ein rascher und ritterlicher Herr, und was er +sich in den Kopf gesetzt hatte, das mußte geschehen, grad wie der +Andree es von klein auf gemacht hat. Aber die Sache hatte noch einen +schlimmen Haken, denn der Offizier--du hörst doch, was ich sage, Moidi? + +Sie nickte rasch mit dem Kopf und hob beide Hände auf, als wollte sie +ihn bitten, sich nicht über ihr starres Wesen zu verwundern, sondern +ruhig fortzuerzählen. + +Ja siehe, Kind, sagte er, der Herr war sonst ein wackrer Herr, von +Adel und reich, und gedachte die Anna auch zu heiraten. Aber er war +ein Lutheraner und wollte von unserer heiligen Kirche nichts wissen, +und die Anna weinte Tage und Nächte, daß sie ihn in der Verdammnis +wissen und ihm nicht helfen sollte. Und als sie merkte, daß ihr +Bitten und Beten nichts über ihn vermochte, ist sie zu ihrem +Beichtvater gegangen, der hat ihr geraten, ihr Herz Gott zum Opfer zu +bringen und vor dem Versucher zu fliehen. Und weil sie ein frommes +und heiliges Gemüt hatte, ist sie auch wirklich von Innsbruck weg, +ganz heimlich, daß es ihr Bräutigam erst erfuhr, als sie schon wieder +auf Goyen angekommen war, bei ihrem Bruder. Der hat sie sehr gelobt, +daß sie lieber geflohen war, als das schwere Ärgernis zu geben; denn +du weißt, daß die Hirzers allezeit eifrig gewesen sind für unsern +katholischen Glauben, und der Joseph pflegte zu sagen, lieber den +rechten Arm wollt' er missen, als ein Glied seiner Familie +verlorengeben an die Ketzer und Widerchristen. Die Anna aber hatte +sich doch zuviel zugetraut, denn schon nach ein paar Tagen glich sie +sich selber nicht mehr und ging wie ein Schatten herum, nahm auch kaum +einen Mund voll Speise, daß ich dachte, sie wird ausgehn wie eine +Lampe, der man kein Öl nachschüttet. Sie hing schon allzusehr an dem +Fremden, und Gott weiß, was ich drum gegeben hätte, wenn sich die +armen Leutchen hätten ehelich verbinden können. Ich hab' auch mit dem +Herrn Dekan damals viel verhandelt, aber zuletzt zerschlug sich's +immer wieder, weil die Kinder nicht auch verdammt sein sollten, das +hätte auch die Anna nicht übers Herz gebracht. Und so vergingen sechs +oder sieben Tage; da kommt der Joseph eines Morgens zu mir, feuerrot +vor Wut und Ärger, und erzählt mir, der Ketzer, der Bräutigam, sei ihr +nun wirklich nachgereist und wohne auf Schloß Trautmannsdorf, weil er +mit dem Grafen bekannt sei. Was nun werden solle?--Ich wieder zum +Dekan, und wieder der alte Bescheid; und dann zur Anna hinauf und von +der zu dem Fremden--an die Tage will ich denken, so alt ich werden mag, +die haben mich nicht wenig Schweiß und Herzblut gekostet. Aber +während wir noch alle mit Sorgen und Reden und Raten zu schaffen +hatten und ich fast glaubte, wir würden an dem Fremden, der ein sehr +ehrerbietiges Benehmen gegen mich hatte, der Kirche einen verlornen +Sohn zuführen, wußte sich der trotzige und wagehalsige Mann heimlich +des Nachts auf Schloß Goyen zu schleichen und trotz der Wachsamkeit +des Joseph seine Liebste wiederzusehen. Wohl vier Wochen lang dauerte +die Heimlichkeit. Eines Morgens aber, noch lang vor der ersten Messe, +als er in der grauen Dämmerung eben wieder fortwollte und zwar wie +immer zum Fenster hinaus, wo neben der rauhen Burgmauer die Fichte so +dicht stand, daß er sich wie an einer Leiter hinunterschwingen konnte, +da war der Joseph Hirzer früher als sonst aufgewacht und sah die +Gestalt herabklimmen und wußte alles. Da gab es einen wilden Kampf in +der stillen Schlucht droben, wo's nach der Naif zu steil abfällt, und +die Anna mußte aus ihrem Fenster mit ansehn, wie der Bruder den +Bräutigam zuletzt niederrang und ihn mit den Füßen trat. Der Fremde +war aber gegen einen Felsen gefallen und hatte sich so schwer verletzt, +daß er sich nur mühselig, eh' es Tag wurde, bis nach Trautmannsdorf +schleppen konnte und dort elendiglich darniederlag. Er verlangte +gleich, sobald er zur Besinnung kam, fort, und so ließ ihn der Graf in +seinem eigenen Wagen nach Venedig bringen, und kaum drei Wochen war er +dort, so kam die Nachricht, daß er gestorben sei. + +Der kleine Priester schwieg ein wenig, nahm bedächtig eine Prise aus +dem Rindendöschen und sagte dann, vor sich hin blickend: Friede sei +seiner Seele! Er war ein feiner und edelmütiger Kavalier und +stattlich von Gesicht und Statur. Der Andree ist sein wahres Ebenbild, +nur daß er kleiner ist und die Augen von der Mutter hat. Niemals ist +mir's so nah gegangen wie damals, zu denken, warum doch der +verschiedene Glaube unter den Menschen bestehen muß und der eine +verdammen, der andere selig machen. Aber Gott hat es so eingesetzt, +und wir kurzsichtigen Menschen müssen es hinnehmen. Ich war es selbst, +der aus Venedig die Nachricht der Anna bringen mußte. Das war auch +ein saurer Gang, meine Tochter! Es ist aber hernach wieder friedlich +droben zugegangen, der Joseph und die Anna haben sich kein böses Wort +drüber sagen dürfen, sie hatten sich beide was zu vergeben. Und wie +der Sommer kam, ist die Anna zum Schein nach Bozen abgereist, heimlich +aber ging sie auf die Alm zu deiner Mutter, denn außer uns fünfen hat +nie eine lebendige Seele erfahren, was in jener Nacht geschehen. +Nicht einmal auf Trautmannsdorf wußten sie, zu wem der fremde Herr bei +Nacht auf Besuch ging. Und als alles vorbei war und deine Mutter den +Knaben von der Alm mit nach Hause gebracht hatte, da ließ die Anna ihr +Testament aufsetzen und verschrieb ihr halbes Vermögen der Kirche von +Meran und die andere Hälfte der Kirche in Innsbruck, wo sie ihren +Bräutigam zum erstenmal gesprochen hatte, und stiftete jährlich eine +Anzahl heiliger Messen für die Seele des Toten, ob der Herrgott sich +seiner erbarmen möchte. Das ist nun alles so gekommen und nicht mehr +zu ändern, und ist besser, das alte Ärgernis, das nunmehr +eingeschlafen ist, nicht aufzuwecken. Auch würde es dem Andree übel +anstehn, das Testament anzufechten und die Seele seines Vaters der +kirchlichen Gnaden zu berauben. Also ist es auch für ihn heilsamer, +er erfährt sein Lebtag nichts von Vater und Mutter, zumal er ja auch +kein Verlangen danach trägt. Du aber, meine Tochter, wirst dessen +eingedenk sein, was du mir gelobt hast, und dann wird die heilige +Mutter Gottes Fürbitte tun, daß eure Sünden euch vergeben werden und +ihr ein friedliches und Gott wohlgefälliges Leben miteinander führen +könnt nach so mancherlei Prüfung. Amen! + +Er hatte die letzten Worte in feierlich ermahnendem Ton mit erhobener +Stimme gesagt und wartete jetzt, ob sie noch eine Frage zu tun oder +einen Einwand vorzubringen hatte. Sie aber saß mit geschlossenen +Augen ganz still auf dem Bette, den Kopf an die Wand zurückgelehnt, +die Hände im Schoß gefaltet. Die ängstliche Wildheit war aus ihrem +Gesicht gewichen, die Stirn unter dem wirren blonden Haar geglättet +und heiter, ihre Brust atmete friedlich. Nach einer kleinen Weile +neigte sich das Haupt auf die Schulter, und die verschlungenen Hände +lösten sich. Die Erzählung des kleinen Seelsorgers hatte sie wie ein +Wiegenlied eingelullt, und sie war nach den Mühen und Beschwerden der +letzten Zeit zum erstenmal wieder in einen tiefen, traumlosen Schlaf +gesunken. + +Der Hilfspriester stand auf, mit zweifelhafter Miene; eine solche +Wirkung seiner Seelsorge hatte er nicht erwartet. Es fiel ihm jetzt +erst wieder aufs Gewissen, daß er einem armen gestörten Wesen, das +schwerlich ganz zurechnungsfähig sei, das bedenkliche Geheimnis in die +Hand geliefert habe. Und sie hatte nicht einmal ihr Gelübde, zu +schweigen, selber abgelegt und nur zu allem genickt mit zerstreutem +Blick und vielleicht tauben Ohren. Aber was geschehen, war nicht zu +ändern, und so viel wenigstens gewonnen, daß sie schlief und also für +diese Nacht kein Unheil stiften konnte. Morgen ließ sich dann weiter +sorgen. + +Leise trat er von dem Bette zurück und ging aus der Tür. Andree saß +noch draußen auf der Bank, stand aber nicht auf, als der geistliche +Freund herauskam. Auch er, da er sein armes Weib in treuer Flut wußte, +hatte die überwachten Sinne nach so langer Anspannung endlich wieder +sich selbst überlassen, und so war der Schlaf über ihn gekommen, der +beste Seelsorger der Jugend. + +Zu derselben Stunde dachte droben auf Schloß Goyen niemand an Schlaf. +Am späten Abend war ein Bursch aus Dorf Tirol, der auch vorzeiten der +Moidi nachgegangen war, zum Franz gekommen und hatte ihm die Neuigkeit +von der Heimkehr der beiden Verschollenen und wie es um die Moidi +stehe, hinterbracht. Es sei ein großer Zorn unter allen Leuten und +ein allgemeines Gerede, das dürfe, nicht geduldet werden, die +Geistlichkeit müsse einschreiten und solchen Greuel mit Bann und Feuer +von der Erde tilgen, zum furchtbaren Exempel für alle Zeiten. + +Den Franz traf diese Nachricht gerade in der übelsten Laune. Er war +frischweg von einem Bräutigamszwist mit der jungen Witwe nach Haus +gekommen, und da man ihm droben in solchen Stimmungen sorgfältig aus +dem Wege ging, griff er begierig nach dem neuen Anlaß, seine Galle zu +erleichtern. Er konnte sich's nicht versagen, in das Zimmer zu treten, +wo der Vater hinter der Flasche und einem alten Zeitungsblatt, die +Tante und die Rosine an ihren Spinnrädern saßen, um hier im derbsten +Stil die saubere Historie von den beiden Landfahrern zum besten zu +geben. Niemand erwiderte ihm ein Wort, es war ihm aber schon eine +Genugtuung zu sehen, daß die Tante totenblaß wurde und der Rosel in +die Arme sank. Sie hatte immer dem Andree das Wort geredet; nun +mochte sie's erleben, daß er auf die elendste Art zu Grunde ging. Mit +einem höhnischen Gute Nacht! ging er aus der Tür und strich mit seinem +Gesellen die steilen Pfade hinab durch die laublosen Kastanienwälder +der Stadt zu, um dort die Nacht zu verzechen und finstere Pläne zu +schmieden. + +Die drei, die auf Goyen zurückblieben, saßen wohl eine Viertelstunde +schweigend beisammen, die Tante, die sich rasch wieder erholt hatte, +schien zu beten, Rosel sah, keines eigenen Gedankens fähig, auf den +Vater, der unverändert auf das Zeitungsblatt starrte und heftig +rauchte. Endlich stand er auf, klopfte die kleine Holzpfeife +bedächtig aus und befahl der Tochter, zu Bett zu gehen. + +Als er mit der Anna allein war, trat er dicht vor sie hin und sagte: +Laß einmal das Beten! Man betet nichts weg, was einem der Teufel auf +den Weg gelegt hat. Du hast gehört, daß der Landstreicher--ich mag +ihn nicht nennen--wieder einpassiert ist. Kann wohl sein, daß er Wind +davon hat, wie er auf die Welt gekommen ist, und Lärm machen will, um +sich aus der Klemme zu helfen. Ich sag' dir aber, über meine Schwelle +darf er mir nicht, weder er noch seine Dirne. Unsere Familie soll +nicht an die vierzig Jahre in Ehren bestanden haben, um über Nacht den +Schimpf zu erfahren, daß solch ein lutherischer Findling sich bei uns +eingedrängt und des Joseph Hirzer eigene Schwester auf ihre alten Tage +in der Leute Mäuler bringt. Wenn all dein Beten und Heiligsein zu +weiter nichts gut gewesen wär', als dich nach zwanzig Jahren zum +Kinderspott zu machen, so wollt' ich, du--Er schluckte die Fluchrede +hinunter, die er schon auf der Zunge hatte, denn sie sah ihm geradeaus +und mit ernsthaftem stolzen Blick in die Augen.--Es ist schon gut, +fuhr er in etwas gelinderem Tone fort, wir brauchen darüber nicht viel +Redens zu machen, du weißt so gut wie ich, was alles kommen wird, wenn +du nicht Vernunft behältst. Ich lasse morgen früh anspannen und fahre +mit dir nach Lana, erst in die Messe, hernach zu unserm Vetter, wo du +so lange bleiben kannst, bis hier wieder reine Luft ist. Denn ich +denke, es soll nicht lange hergehen. Ich will die Hand in die Tasche +stecken und ihm ein Abstandsgeld anbieten lassen, wenn er sich +verpflichtet, das Weite zu suchen und nimmer heimzukommen. Allenfalls +könnte man ihm das Haus samt den Gütern abkaufen und die Dirne in den +Kauf geben, so wäre man ihn los und hätte sich nichts gegen ihn +vorzuwerfen. Ich will das noch überlegen, 's ist Zeit genug morgen +auf der Fahrt, und zu Mittag komm' ich dann heim und kann mit dem +Zehnuhrmesser den Handel abkarten, der vermag noch das meiste über den +Tollkopf und wird selber einsehen, daß alles Aufsehen vermieden werden +muß. Handelst du aber meinem Willen zuwider, Schwester, so laß dir's +gesagt sein: Ich treib's, soweit ich kann, damit ich dir nicht einen +Kreuzer herauszuzahlen brauch', und müßt' ich mich unter die Erde +prozessieren. Nun weißt du's, und nun sei gescheit und rede mir +nichts drein und such keine Finten und Umwege. Denn es wäre umsonst; +darauf magst du das Sakrament nehmen. + +Er ging aus dem Zimmer, ohne eine Antwort abzuwarten, und sie hörte, +wie er noch einmal in den Keller hinabstieg, um sich einen Schlaftrunk +zu holen, den er trotz seiner festen und zuversichtlichen Rede wohl +brauchen mochte. Die Rosine schlich wieder herein und sah die Tante +mit scheuen, verweinten Augen an. Komm, sagte die Alte, wir wollen in +meine Kammer gehen; ich habe dir was zu sagen. + +Sie stand ruhig auf von ihrem Spinnrad, und ihre Hand, die das Licht +ergriff, um es über den Flur an ihr Bett zu tragen, zitterte nicht. +Während der Bruder ihr seinen harten Willen eröffnet hatte, war auch +in ihr ein unerschütterlicher Wille erstarkt. Sie war auch eine +Hirzerin, und der Bruder wußte es wohl. Und darum brauchte er den +Schlaftrunk, denn trotz seiner drohenden Sicherheit ahnte ihm nichts +Gutes. So hatte ihn die Anna nur einmal im Leben angeblickt: als er +ihr zum erstenmal nach jenem nächtlichen Kampf wieder unter die Augen +zu treten wagte. + +Der Schlaftrunk aber tat seine Schuldigkeit. Als unten in Meran die +Glocken zur Frühmesse geläutet wurden, lag der Herr von Schloß Goyen +noch im tiefen Schlaf und überhörte es auch, daß der alte Hofhund +freudig aufbellte und mit der Kette rasselte. Auch der Franz konnte +es nicht hören, er hatte die Nacht in Meran zugebracht. So stiegen +die beiden weiblichen Gestalten in ihren dunklen Sonntagsgewändern +unbemerkt die Holzstufen an der Mauer herab und traten ihren Weg durch +die neblige Winterfrühe schweigend und eilfertig an. + +Sie hatten beide die Nacht durchwacht und den Morgen herbeigesehnt. +Denn die Alte hatte der Jungen alles erzählt, was diese bisher nur +dunkel ahnte und aus einzelnen aufgefangenen Worten des Vaters, wenn +er im Rausch war, sich zusammenreimen konnte. Das geheimste Fach +ihres großen Wandschrankes war aufgeschlossen worden, und alte Briefe, +ein kleines Bildnis des Toten und die verblichenen Geschenke, die sie +von ihm bewahrte, kamen zum erstenmal vor andere Augen als die beiden, +die nicht müde wurden, über sie zu weinen. Nur in dieser Nacht +vergossen sie keine Träne; sie leuchteten vielmehr von einem schönen +Heldenmut, der das ganze Gesicht wunderbar verjüngte, die Wangen +rötete und auch jetzt, da sie durch den Morgen hinschritt, ihren Gang +jugendlich beflügelte, daß die Junge der Alten nur mit Mühe zur Seite +bleiben konnte. + +Es lag aber ein Nebel über den Tälern der Naif und Passer, daß sie wie +in einer Wolke wandelten und drüben den Küchelberg und die Trümmer der +alten Zenoburg nur mit den obersten Zinnen über den Dunst heraufragen +sahen. Noch immer klang das Geläut und dazwischen das Tosen der +Passer, und auf den vielen Fußpfaden links und rechts hörten sie +Kirchgänger, die ihnen im Nebelduft unsichtbar blieben, eifrig +miteinander reden und dann und wann die beiden Namen nennen, die ihnen +das Herz klopfen machten. Unten am steinernen Steg war es bereits +lebhaft von Männern und Weibern, die ehrfurchtsvoll grüßten, als die +Anna Hirzer, die Heilige, in ungewohnter Hast durch sie +hindurchschritt. Auch standen alle still und steckten die Köpfe +zusammen. Denn die Alte wandelte nicht wie sonst mit dem Strome der +übrigen links durch das graue Stadttor der Kirche zu, sondern man sah +sie in die steile Straße zur Rechten einbiegen, die auf den Küchelberg +führt. Viele gingen ihr nach, zumal die Straße ungewöhnlich belebt +war, als seien droben wundersame Dinge zu schauen. Stieg doch die +Anna Hirzer hinauf, die Heilige, des Andree Pate. Was wird sie dem +verirrten Paar, das in Schmach und Sünde wieder heimgekommen ist, zu +sagen haben? Will sie mit ihrer Heiligkeit die armen Sünder gegen +geistliches und weltliches Gericht beschützen, oder selbst das Wort +der Verdammnis über sie aussprechen? + +So raunten die Bauern und ihre Weiber untereinander. Die Anna aber +sah nicht rechts noch links, erwiderte auch die Grüße kaum mit einem +leisen Kopfnicken, sondern ging die steinige Fahrstraße hinan, als +wäre sie schon ein abgeschiedener Geist, der weder irdische Beschwerde +fühlen, noch Menschenrede achten könne. Dicht hinter ihr schritt die +Rosine mit de in stillen Gesicht, das alle gewohnt waren. Nur war es +heute so bleich, daß mitleidige Weiber es sich mit Achselzucken und +Kopfschütteln zeigten, während das Gesicht der Alten von einem +frischen Rot angehaucht war. Sie nahm sich auch nicht die Zeit, auf +der halben Höhe auszurasten, wo eine Bank am Felsen stand. Es war, +als triebe sie die Ahnung vorwärts, daß sie keine Minute zu verlieren +habe. + +Und freilich hatte die Nacht Unheil gebraut und gegen Morgen ein +drohendes Gewitter um das kleine Haus auf dem Küchelberg +zusammengezogen. Bald nach Mitternacht war der Schläfer vor der Tür +aufgewacht, von der Kälte geschüttelt. Er hatte sich sacht in den +Flur geschlichen, und als er sein armes Weib sanft eingeschlafen fand, +vor den Herd gestreckt, um noch ein paar Stunden auszuruhen. Als er +von seinen bangen Träumen im Zwielicht des weißen Morgennebels +erwachte, hörte er Stimmen vor dem Fenster und sah Gestalten durch die +Scheiben hereinspähen, die dann wieder verschwanden, um anderen Platz +zu machen. Er horchte durch die Haustür, die er zum Glück in der +Nacht verriegelt hatte, und vernahm abgerissene Worte, die ihn nicht +zweifelhaft ließen, was draußen umgehe. Aber wenn er erst durch den +Nebel hätte blicken und die Straßen und Gärten überschauen können, +wäre ihm vollends das Herz gesunken und das Haar zu Berg gestanden. + +Denn draußen hatte sich die halbe Bevölkerung der Dörfer Tirol, +Gratsch und Algund, durch welche sie tags zuvor in ihrem elenden +Aufzug gewandert waren, in dichten Massen angesammelt, und keinem kam +es darauf an, die erste Messe zu versäumen. Was sie hier suchten und +weshalb sie das Haus umstanden, wußte so eigentlich niemand. Bei +allen regte sich nur das dunkle Gefühl, daß sich etwas Unerhörtes mit +zwei Menschen ereignen müsse, die so unerhört sich versündigt, die +Neugier, wie sich die Obrigkeit dem Greuel gegenüber benehmen würde, +bei sehr wenigen das Mitleiden. Denn was die blonde Moidi etwa an +Teilnahme der Nachbarn genoß, wurde durch die geringe Gunst, die sich +der wortkarge Andree erworben, ja durch die Feindseligkeit, zu der +sein herrisches Wesen die jungen Burschen gereizt hatte, völlig wieder +aufgewogen. + +Und so hörte man unter den Haufen der Neugierigen nur finstere Reden +und sah nur strenge Gesichter. Von Meran herauf gesellten sich nicht +wenige hinzu, auch ein stattlicher Trupp von den Weißjacken, die des +Andree Abenteuer mit ihrem welschen Kameraden noch nicht vergessen +hatten, und je länger das Geläut zur Kirche anhielt, desto zahlreicher +strömte drüben aus den Passeirer Dörfern das Landvolk die steilen +Bergpfade herauf Denn seitdem man Reben am Küchelberg gezogen und Wein +gekeltert hatte, war manche wilde und blutige Tat und mancher +empörende Frevel geschehen, aber einer Todsünde, die so frei und frank +sich vor das Auge der Menschen gewagt hätte, konnte sich niemand +entsinnen. + +Während nun das Summen und Murren der Volksmenge immer noch anwuchs +und doch keiner wußte, was werden sollte, hörte man plötzlich, da +gerade die Glocken eben verhallten, eine rauhe Stimme überlaut rufen: +Schlagt die Tür ein! Mit den Fäusten will ich ihn herausschleppen, +den Lump, den elenden, in Stücke will ich ihn zerfetzen, hin muß er +werden, 's ist ihm geschworen, so wahr ich der Hirzerfranz bin, mit +vier Rossen soll er zerrissen werden und Glied vor Glied in die Passer +geschmissen, so gehört sich's dem Höllenhund, und wer was dawider hat, +der soll's mit mir zu tun kriegen. + +Eine lautlose Stille hatte sich auf einen Schlag über die Kopf an Kopf +gedrängte Menge gelagert. Die tausend neugierigen Augen richteten +sich auf die Straße, auf der der Hirzerfranz daherschwankte, rechts +und links von einem seiner Zechkumpane geführt, mit denen er die Nacht +drunten in der Schenke zusammengesessen hatte. Er war ohne Hut, das +Gesicht stark gerötet, aber sein Gang und Wesen nicht wie eines +Trunkenen. Der Haß und das Bewußtsein, der Wortführer der großen +Menge zu sein und eine preiswürdige Rachetat zu vollziehen, hatten ihn +nach kurzem Schlaf völlig wieder ernüchtert. + +Der Gefangene im Hause drinnen hörte die wütenden Worte deutlich und +gleich darauf das orkanartige Brausen der tausend Zurufe, die von +allen Seiten losbrachen und den Vollstrecker des Strafgerichts +ermunterten. Er hörte, wie das Gewühl näher heranschwoll, und es +überlief ihn todeskalt. Sein eigenes Leben hätte er immerhin +darangegeben; die Welt war ihm feindlich gewesen von Jugend auf. Aber +das arme junge Geschöpf, das drinnen so ahnungslos von der +wochenlangen Mühsal ausruhte, wie konnte er es retten, wie ertragen, +daß es um seinetwillen ein furchtbares Martyrium erlitt? Sollte er +hinaustreten, um sich zu opfern und alle Schuld auf sich allein zu +nehmen? Aber wer würde ihn anhören, wer ihm glauben, selbst wenn er +sich auf das Zeugnis seines geistlichen Freundes berief? Und doch +mußte es versucht werden, auf alle Gefahr, denn das Getümmel draußen +erhitzte sich mit jeder Minute. Er hörte jetzt auch, wie sein alter +Geselle, der Köbele, sich ins Mittel zu legen und den Franz +wegzudrängen versuchte. Sie sollten warten, was das Amt beschließen +würde, der Herr Dekan solle gerufen werden oder der Zehnuhrmesser, der +der Beichtvater der schwarzen Moidi gewesen sei, es sei nicht richtig +mit dem Handel, die Gerichte würden's schon ausweisen. Und dann +wieder die überlaute Fluch- und Greuelrede des Franz, und dazwischen +Geschrei welscher Soldaten, das Ruheheischen einiger alter Männer, +Zeter und Wehklage der Weiber und bis zu den fernsten Gruppen hinüber +der dumpfe Widerhall einer empörten Menschenmenge, die von blinden +Leidenschaften hin und her gerissen wurde. + +Der Gefangene gab sich verloren. Schon bedachte er, ob er nicht die +Moidi wecken und dann seinen Stutzen von der Wand nehmen und sie und +sich erschießen sollte, um sie vor Ärgerem zu bewahren; da wurde es +draußen auf einmal stiller, und er hörte ein vielfaches Beschwichtigen +und Ruhegebieten, dem nur der Franz nicht gehorchte. Aber auch dessen +Stimme verstummte plötzlich, und statt ihrer vernahm der Lauscher +drinnen im Flur die sanfte, aber feste Stimme der Tante Anna, die +jetzt nur noch wenige Schritte von dem Hause entfernt sein konnte. + +Du solltest dich schämen, Franz, hörte er sie sagen, hier am heiligen +Sonntag zu toben und zu fluchen und die anderen Leute aufzuhetzen, die +alle nicht wissen, was sie hier tun. Geh heim, auf der Stelle, und +zieh dein Feiertagsgewand an, und dann komm wieder herab zur Kirche +und bete zu unserm Heiland auf den Knien, daß er dir deine Sünden +nicht schwerer anrechne als dem Andree und der Moidi da drinnen, die +du armseliger Mensch zu Gericht ziehen willst, als wärest du der +Richter, und bist selbst nur ein unwissender, sündiger Mensch, wie wir +alle sind. Steh mir hier nicht länger im Weg, fuhr sie mit erhobener +Stimme fort, und ihr andern geht auch eurer Wege; nur ich habe ein +Recht, an diese Tür zu klopfen, denn daß ihr es nur wißt, da drinnen +wohnt mein Sohn, den ich mit Schmerzen geboren und lange Jahre +verleugnet habe, weil ich ein schwaches Weib gewesen bin und die +Schande vor der Welt gefürchtet habe. Jetzt aber sage und bezeuge ich +vor dem Angesicht Gottes des Vaters und des Sohnes und des heiligen +Geistes und vor den Ohren aller, die hier versammelt sind: Mein ist er, +und wer ihn anklagen oder schmähen will, der klage mich an, denn ich +habe es verschuldet, daß er in Schuld und Elend gefallen ist, weil ich +ihn nicht an meiner Hand gehalten habe, wie eine Mutter ihr Kind +halten soll, sondern habe ihn einer Fremden überlassen, die ihn nicht +lieben konnte. Nun wisset ihr's, und nun gehet in die Kirche hinunter +und betet für eine große Sünderin, die ihr für fromm und gerecht +gehalten und geehrt habt, und die von allen Frauen die letzte und +verachtetste sein muß, wenn Gott sich ihrer Reu' und Leiden nicht in +Gnaden erbarmen will. + +Als sie das gesprochen hatte, blieb alles stumm, und niemand regte +sich von der Stelle, außer dem Franz, der verstört zurückwich und +jetzt unter der Menge verschwand. Die Anna aber pochte an die Tür des +Hauses, die sich alsbald öffnete. Auf der Schwelle stand der Andree +wie ein Träumender. Da sah er die Augen der Mutter auf ihn gerichtet +und sah, wie sie überflossen und wie ihr die Knie wankten, als sie +einen Schritt ihm entgegen tat, und sie wäre vor ihm niedergefallen, +wenn er nicht beide Arme fest um sie geschlungen und sie wieder +aufgerichtet hätte, daß sie an seiner Brust sicher ruhen und sich +ausweinen konnte. Jetzt erst kam wieder Leben unter die Volkshaufen; +aber sie lösten sich geräuschlos auf, untereinander flüsternd, die +Weiber drückten ihre Tücher gegen die Augen, die Männer gingen +schweigsam hinweg. Viele blieben zurück und starrten in die offene +Türe, in der die Mutter mit ihrem Sohn verschwunden war. + +Es währte auch nicht lange, so traten sie wieder heraus, die Mutter in +der Mitte, der Andree zu ihrer Rechten, die Moidi zur Linken, alle +drei Hand in Hand. Sie sprachen nicht miteinander, sie blickten mit +stillen Gesichtern wie verklärt vor sich hin. Und als die Moidi +draußen der Rosel ansichtig wurde, ließ sie auf einen Augenblick die +Hand der Mutter los und fiel der Getreuen mit weinenden Augen um den +Hals. Dann zog sie die Freundin mit sich fort, und die vier wundersam +verbundenen Menschen gingen durch die stillen Haufen des Volks die +Straße hin, die nach der Stadt hinunterführt. Ein lautloser Strom +Andächtiger schloß sich ihnen an. + +Unten aber, wo der Marktplatz von Menschen wimmelte, öffnete sich +ihnen eine breite Gasse. Das Gerücht war ihnen vorausgeeilt, an allen +Haustüren und Fenstern standen die Bürger und Bauern, um die Anna +Hirzer zu sehen, die Heilige, die ihren Sohn einherführte, um ihn der +ganzen Stadt zu zeigen und Zeugnis abzulegen, daß sie große Sünde +getan und der Barmherzigkeit ihres Gottes bedürftiger sei als mancher, +der sie heilig gesprochen. + +Und eine Stunde später, als die Zehnuhrmesse eingeläutet wurde, kniete +die Mutter mit ihren beiden Kindern ganz vorn zwischen den Stühlen auf +dem kalten Stein. Der Geistliche am Altar sah sie wohl. Seine Stimme +zitterte, als er die ersten Worte sprach. Dann tönte sie immer voller +und freudiger durch den hohen Raum, und als die Orgel zum Schluß +einfiel, sah er mit einem Blick nach oben, als wolle er allen Segen +des Himmels auf das gebeugte graue Haupt und die beiden jugendlichen +ihm zur Seite herabflehen. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Weinhüter, von Paul Heyse. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER WEINHUETER *** + +This file should be named 9099-8.txt or 9099-8.zip + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + + PROJECT GUTENBERG LITERARY ARCHIVE FOUNDATION + 809 North 1500 West + Salt Lake City, UT 84116 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information online at: + +https://www.gutenberg.org/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. 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