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+The Project Gutenberg EBook of Der Weinhueter, by Paul Heyse
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+Title: Der Weinhueter
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+Author: Paul Heyse
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+Release Date: October, 2005 [EBook #9099]
+[This file was first posted on September 6, 2003]
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+Edition: 10
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER WEINHUETER ***
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+E-text prepared by Delphine Lettau and Mike Pullen
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+This Etext is in German.
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
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+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
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+Der Weinhüter
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+Paul Heyse
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+(1862-63)
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+Im September eines Jahres, dessen Stadt- und Dorfgeschichten aus
+Menschengedenken schon entschwunden sind, saß um die schwüle
+Mittagszeit ein junger Bursch mitten in dem wuchernden Rebenwald, der,
+dicht an die Stadt Meran herantretend, die Südabhänge des Küchelberges
+bedeckt. Die übermannshohen Laubengänge, in denen hier der Wein
+gezogen wird, waren mit dem Segen dieses Jahres so beladen, daß ein
+dunkelgrünes Zwielicht durch die langen lautlosen Gassen schwebte,
+zugleich eine träge stockende Glut, in der kein Luftzug Wellen schlug.
+Kaum wo die kleinen Felstreppen zwischen den einzelnen Weingütern
+schroff bergan laufen, spürte man, daß man ins Freie auftauchte. Denn
+das Meer von Siedeglut, das in dem weiten Talkessel wogte, schlug hier
+doppelt schwer über dem unbeschützten Haupte zusammen. Auch sah man
+selten einen Menschen des Weges wandern. Nur zahllose Eidechsen
+liefen feuerfest treppauf treppab und raschelten durch das zähe
+Efeugestrüpp, das die Grundmauern der Rebenäcker reichlich umrankt.
+Die dunkelblauen Trauben mit den großen dickschaligen Beeren hingen
+dichtgedrängt oben an der Wölbung der Laubengitter, und ein seltsam
+perlender Ton ward in der tiefen Mittagsstille dann und wann hörbar,
+als kreise vernehmlich der Saft und koche am Sonnenfeuer in dem edlen
+Gewächs.
+
+Der Bursch aber, der in halber Höhe des Berges einsam unter den Reben
+saß, schien für diese geheimnisvolle Naturstimmung taub und ganz
+seinen eignen düstern Gedanken hingegeben. Er trug die uralte
+abenteuerliche Tracht der Weinhüter oder "Saltner", die lederne Joppe,
+ärmellos, mit breiten Achselklappen, an denen über den Hemdsärmeln die
+ledernen Manschetten durch schmale Riemen oder silberne Kettchen
+festgehalten werden, Kniehosen und Hosenträger ebenfalls von Leder und
+mit dem breiten, daumdicken Gurt umgürtet, auf dem in weißer Stickerei
+der Namenszug des Eigners steht, die weißen Stutzenstrümpfe mit
+durchbrochenem Muster, um den Hals allerlei Zierat von Kettchen, Eber-
+und Murmeltierzähnen. Aber die Hauptstücke seiner Amtstracht lagen
+neben ihm im Grase: der hohe dreieckige Trutzhut, über und über mit
+Hahnen- und Pfauenfedern, Fuchs- und Eichhornschwänzen verbrämt, keine
+kleine Last zur Zeit der Traubenreife, und die lange wuchtige
+Hellebarde, mit der die Saltner ihrer drohenden Erscheinung Nachdruck
+zu verleihen wissen, wenn ein unbefugter Eindringling in ihr Gebiet
+nicht gutwillig das Pfandgeld erlegen will.
+
+Tag und Nacht, ohne Ablösung, ohne Sonntagsruhe und Kirchgang, um
+einen mäßigen Lohn durchstreifen diese "lebendigen Vogelscheuchen"
+jeder das ihm zugewiesene Revier, von der Mitte des Juli, wo die
+ersten Beeren süß werden, bis die letzte Traube in die Kelter
+gewandert ist. Ihr saurer Dienst in Hitze und Nässe, obdachlos bis
+auf den kümmerlichen Schutz ihres Maisstrohschuppens, ist dennoch ein
+Ehrenamt, zu dem nur die rechtschaffensten Burschen ausersehen werden.
+Auch haben die gelinden sternklaren Nächte in der freien Höhe,
+während in den Häusern die Tagesschwüle kaum je verdampft, ihren Reiz,
+und die Besitzer der Weingüter lassen sich's angelegen sein, die
+Wächter mit Wein und Speisen reichlich zu versorgen, um sie bei
+Kräften und guter Laune zu erhalten.
+
+Es schien jedoch dieses Mittel bei dem finstern Burschen, dem wir uns
+genähert haben, nicht anzuschlagen. Er hatte den Krug mit rotem Wein,
+das Brot und die großen Schnitte geräucherten Fleisches, die ihm eben
+erst zur Mittagskost ein kleiner Knabe heraufgeschleppt hatte,
+unberührt neben sich stehen auf dem platten Stein, der seinen Tisch
+vorstellte. Eine sehr kleine geschnitzte Pfeife mit silbernem
+Kettchen war ihm schon lange ausgegangen, und trübsinnig verbiß er die
+Zähne in das weiche Holz. Er mochte etwa dreiundzwanzig Jahre alt
+sein, der Bart krauste sich leicht um Kinn und Wangen, die scharfen
+Züge des Gesichts deuteten auf frühe Leidenschaften; die Stirn aber
+war, nach der Landessitte, von den Haaren verhängt, die, früh schon
+dicht über den Augenbrauen abgeschnitten, sich in einzelne Locken
+gewöhnt hatten und um Schläfe und Nacken ebenfalls gelockt herabhingen.
+Das gab dem Kopf alle Jugendfrische zurück, die ihm die Schatten
+unter den dunklen Augen zu nehmen drohten.
+
+Ein langsamer Schritt, der sich unten auf dem Fußsteige näherte,
+machte, daß er plötzlich aufstarrte, den Hut aufsetzte und die
+Hellebarde ergriff. Man konnte jetzt sehen, daß sein Wuchs hinter dem
+landüblichen etwas zurückgeblieben war, immer noch stattlich genug und
+durch das schönste Ebenmaß der gewölbten Brust und der straffen
+Schenkel auffallend auf den ersten Blick. Nur der Kopf schien fast zu
+klein geraten und Hände und Füße gar mit einem Weibe ausgetauscht.
+Geräuschlos glitt die schmiegsame Gestalt unter den Gewölbgittern
+entlang, ohne auch nur eine Traube zu streifen, und spähte vom
+nächsten Felsenvorsprung hinunter auf den Weg.
+
+Eine schmale, schwarzröckige Figur mit hohem, sehr abgetragenem
+Filzhut kam die breite Gasse zwischen Weinberg und Wiese
+dahergewandelt, im Schatten der Weidenbäume, ein offnes Buch in den
+gefalteten Händen, über das hinaus der Blick zufrieden und
+unbegehrlich nach den schönen Trauben schweifte. Auch ohne den langen
+Rock, der fast zu den Knöcheln der schwarzen Strümpfe herabreichte,
+hätte jeder in dem bedächtigen Spaziergänger alsbald die geistliche
+Person erkannt, und zwar an einigen der liebenswürdigsten Züge, die
+der großen und mannigfaltigen Gattung unter gewissen Himmelsstrichen
+eigen sind. Damals war der heftige Parteienhader zu Gunsten der
+Glaubenseinheit in dem gelobten Lande Tirol, wo die Milch des Glaubens
+und der Honig des Aberglaubens so lauter fließen, noch eine unerhörte
+Sache, und selbst die Hauptstadt des alten Burggrafenamts Meran, in
+der vorzeiten mancherlei Regungen eines neuen Geistes unliebsam die
+Ruhe gestört hatten, war wieder in tiefen Frieden zurückgesunken.
+Also hatten die Diener der Kirche keine Ursach, ihren Hirtenstab als
+Waffe zu schwingen, und konnten mit aller Gemütsruhe die idyllischen
+Tugenden ihres Standes pflegen. Damals begegnete man nicht selten
+jenen bescheidenen geistlichen Gesichtern, auf denen eine gewisse
+Verlegenheit über ihre eigene Würde deutlich zu lesen war, eine stete
+Sorge, der Majestät des lieben Gottes, dessen Kleid sie trugen, nichts
+zu vergeben, und doch ihren ungeweihten Mitgeschöpfen nicht allzu
+unnahbar feierlich gegenüberzustehn.
+
+Der freundliche kleine Herr im schäbigen Hut war nun auch freilich
+keines der hohen Kirchenlichter, sondern nur ein Hilfspriester an der
+Pfarrkirche von Meran, der täglich um zehn Uhr eine Messe zu lesen
+hatte und dafür, außer einem Stübchen in der Laubengasse und einigen
+andern Emolumenten, einen Gulden täglicher Einkünfte besaß. Das Volk,
+das ihn seines milden Gemütes wegen sehr in Ehren hielt und nächst den
+Kapuzinern ihm das größte Vertrauen zuwendete, nannte ihn nicht anders
+als den "Zehnuhrmesser" und bewies ihm auf mannigfache Art seine Gunst.
+Es war kein Haus weit und breit, wo, wenn er ansprach, nicht der
+Weinkrug und irgend ein Imbiß auf den Tisch gestellt wurde, so daß es
+dem wackeren Mann gelungen war, im Laufe der Zeit zwar nicht die
+natürliche Hagerkeit seines Wuchses zu verbessern, aber wenigstens der
+Würde seiner Erscheinung durch ein schüchternes Bäuchlein aufzuhelfen.
+Dasselbe nahm sich, da es sich mit dem übrigen Zuschnitt der Figur
+nur um Gotteswillen vertrug, für ein profaneres Auge spaßhaft aus, wie
+es schief und ängstlich unter dem dünnen Rocke festgeknöpft saß. Aber
+zu dem bescheidenen Ausdruck des Gesichts stimmte die verlegentliche
+Bürde ganz wohl, und es fiel keinem seiner Beichtkinder ein, diesen
+Spätling der Natur zu belächeln. Auch wußte niemand dem Herrn
+Zehnuhrmesser eine Unmäßigkeit nachzusagen, es sei denn etwa im
+Almosenspenden. Denn daß man allerorten sich beeilte, ihn mit dem
+Besten aus dem eigenen Weinberg zu bewirten, lag zum Teil an dem Rufe,
+dessen er genoß, als sei viele Stunden weit keine weltliche oder
+geistliche Zunge besser imstande, die Güte des Weins zu schätzen,
+seine Dauerhaftigkeit zu bestimmen, und in Fällen, wo ihm durch ein
+kleines Mittelchen aufzuhelfen war, das richtige anzugeben. "Eine
+Weinzunge haben wie der Zehnuhrmesser", war noch geraume Zeit das
+Ehrenvollste, was man von einem Kenner zu rühmen wußte.
+
+Unter den mancherlei Gaben und Tugenden unseres Ehrenmannes war aber
+der Mut nicht eben die stärkste. Seine Nerven, obwohl er aus einer
+Bauernfamilie im Passeier stammte, die zu Hofers Kriegen manchen
+tapfern Schützen geliefert hatte, ließen seine leicht erschütterte
+Seele bei jeder unversehenen Probe im Stich, außer wo es eine fremde
+Seele zu retten oder sonst eine hohe Gewissenspflicht zu erfüllen galt.
+Auch dann zog er es vor, seiner moralischen Kraft erst mit einer
+physischen Stärkung nachzuhelfen, und sorgte dafür, daß ein mäßiges
+Fäßchen voll weißem Terlaner, dem er am meisten begeisternde Wirkungen
+zuschrieb, im Keller seines Hauses niemals ganz versiegte. Heute nun,
+da er von einem Krankenbesuch im Dorf Algund ohne Labung zurückkehren
+mußte, war er keiner starken Prüfung gewachsen und erschrak aufs
+heftigste, als plötzlich dicht neben ihm eine dunkle Gestalt hoch von
+der Weinbergsmauer herabsprang und auf ihn zustürzend seine Hand
+ergriff.
+
+Gelobt sei Jesus Christus! sagte er, am ganzen Leibe zitternd.
+
+In Ewigkeit! antwortete der Bursch.
+
+Du bist's, Andree, mein Sohn? Hab' ich doch gemeint, der böse Feind
+komme mir mit Macht über den Hals, der ja im Weinberge des Herrn
+herumschleicht, zu sehen, wen er verschlinge. Nun, nun, wenn man so
+in Gedanken und Meditationen schwebt, kann's einem schon begegnen, daß
+euer Hut einem wie das Hörnerhaupt des Leibhaftigen vorkommt. Bist
+also hier, Andree? Das ist ja wohl dein eigener Grund und Boden, den
+du hütest, ich meine, deiner Mutter?
+
+Des Burschen Augen wurden finsterer, und das Blut stieg ihm ins
+Gesicht. Da sei Gott vor, sagte er, daß ich den Fuß setzte in die
+Güter meiner Mutter. Seit sie mir zu Lichtmeß den Schlag ins Gesicht
+gegeben hat, weil sie meint', ich hätte Feuer im Stadel angelegt, bin
+ich nimmer ihr Sohn und betrete ihre Schwelle weder bei Tag noch bei
+Nacht.
+
+Der geistliche Herr besann sich jetzt erst, daß er einen wunden Fleck
+berührt hatte. Er schüttelte ernsthaft und mitleidig den Kopf und
+sagte: Ei, Andree, du sprichst, wie es keinem guten Christen geziemt.
+Hat nicht unser Herr am Kreuz seinen blutigen Feinden verziehen, und
+ein Sohn sollt' es seiner Mutter nachtragen, wenn sie ihn auch
+ungerecht gezüchtigt hat? Ich weiß wohl, daß es dir hart ankommen mag,
+und daß jenes Mal, wo die Mutter sich vergessen hat, nicht das erste
+Mal war. Aber sieben mal siebenzigmal sollen wir verzeihen, Andree.
+Hast du das schon vergessen seit der Kinderlehre?
+
+Nein, Hochwürden, erwiderte der Jüngling fest. Ich hab' mir's auch
+angelobt, an jenen Tag nimmer zu denken und kann's über mich bringen,
+solang ich vom Hause fernbleibe. Aber wenn ich zurückkäme, würde mich
+die Mutter selbst daran mahnen, weil sie mich haßt und nur darauf
+sinnt, wie sie mich plagen und tratzen mag. Sie wird mir auch mein
+Erbe entziehen im Testament, selbiges weiß ich gewiß, und frage nicht
+viel danach. Ich werd' auch ohne das nicht verkommen, und gönn' es
+wohl meiner Schwester. Aber geschieden sind wir, und da kann keiner
+was dazu tun. Ich hab' mich beim Steirer verdungen, drüben in Gratsch,
+als Großknecht, und heuer mach' ich den Saltner und hab' mein
+Auskommen, ohne einen Kreuzer von Haus. Aber die Mutter könnte mir
+sieben Boten schicken und mich mit vier Rossen zurückholen wollen, ich
+ginge nicht. Es hat alles einmal ein End'.
+
+Der kleine Priester sah nachdenklich vor sich hin und schien der
+Meinung, daß es geratener sei, die Dinge gehen zu lassen, anstatt noch
+weiter mit geistlicher Mahnung einzugreifen. Er betrachtete jetzt mit
+kundigen Augen die Reben oben über der Mauer und sagte:
+
+Der Steirer hat wohlgetan, statt der Bratreben, die sonst hier standen,
+die Hertlinger anzupflanzen. Sie sind noch jung, aber im nächsten
+Jahr werden sie das Doppelte tragen.
+
+Die stehen nur hier am Rande, erwiderte der Bursch. Droben ist meist
+roter Farnatsch und einiges von Geißaugen dazwischen. Was er drüben
+hat, unterhalb Dorf Tirol, sind rote Ferseilen, aber er wird sie heuer
+ausnehmen und Setzlinge pflanzen, denn sie haben sich schier zu Tod
+getragen.
+
+Auf wieviel Uhren rechnet ihr beiläufig?
+
+Einhundertundvierzig bis--siebenzig immerhin.
+
+Wie steht dir das Saltnern an, Andree? Es mag hart werden auf die,
+Länge.
+
+Ha, es passiert, Hochwürden. Noch spür' ich's nicht in den Gliedern.
+
+Hast auch bei Nacht fein die Augen offen?
+
+Die meinigen wohl. Aber sind nur zwei, und ich müßt' ein Dutzend
+haben, um allerorten zugleich nachzuschauen. Die Weißröcke fangen
+wieder an, bei Nacht herumzufuragieren; die Weinbeeren sind ihnen grad
+saftig genug, um ihr Kommißbrot anzufeuchten. Und es kommen ihrer
+immer viele auf einmal, aber einzeln, und wenn wir einen fassen, haben
+indes die andern das Feld frei, und es hilft uns nichts, vorm
+Hauptmann ist doch kein Recht zu erlangen.
+
+Die Stadt sollte sich beklagen.
+
+Ja die Stadt! Da müßten wir Zeugen und Beweise schaffen. Aber wer
+will's beschwören, wenn wir am Morgen ganze Strecken lang die besten
+Trauben gestohlen und links und rechts die Reben wie ein Unkraut mit
+dem Säbel zerhauen finden aus Wüstheit und Schadenfreude, daß das nur
+die Soldaten getan haben können? Fassen wir einen am Kragen, so weiß
+er so wenig von Weinbeeren wie's Kind im Mutterleib. Da bleibt nichts,
+als ihn auf eigene Faust Spießruten laufen zu lassen, daß er's
+Wiederkommen vergißt. Den nächsten aber, den hängen wir, mein Eid! an
+den Beinen auf, da mag er bis an den lichten Morgen in der Luft
+exerzieren.
+
+Es sind arme Teufel, Andree, und die Versuchung ist groß. Ihr
+solltet's menschlich mit ihnen machen.
+
+Machen sie's denn nicht wie die Bestien? Da seht, Hochwürden--und er
+wies auf eine Rebe, die glatt mitten durchgeschnitten war, daß das
+Laub schon welk und gelb an den Ranken hing--das Herz blutet einem, so
+ein gesundes, friedliches Gewächs, das nur auf der Welt ist, um seinem
+Herrn das Faß zu füllen, von den Hundsföttern verheert zu sehen, aus
+purer Niedertracht, uns zum Possen. Find' ich einen einmal beim Werk,
+so gnad' ihm Gott!
+
+Er schüttelte, in der Richtung nach der Stadt, drohend die Hellebarde
+und bohrte sie darin heftig in den Sand.
+
+Der geistliche Herr schrak leicht zusammen, vergaß aber seiner Würde
+nicht und sagte: Ich will mit dem Hauptmann sprechen, heute noch, daß
+er strenger drauf sieht, nach dem Zapfenstreich keinen Mann aus der
+Kaserne zu lassen. Du aber bezähme deine Hitze, mein Sohn, und
+bedenke, daß du hier im Dienste der Obrigkeit stehest und das Gericht
+ihr überlassen sollst. Behüt dich Gott, Andree. Ich gehe heute wohl
+auf Goyen hinauf, zum Hirzer. Hast mir was aufzutragen an den Franz
+oder die Rosina? Einen Gruß etwa?
+
+Nein, Hochwürden. 's ist immer noch beim alten zwischen dem Bauern und
+mir. Er will nichts von uns wissen, so frag' ich ihm nichts nach.
+Die andern sind ganz rechtschaffen, möcht' ihnen beim Vater keinen
+Verdruß machen, indem ich sie grüßen ließ'. Aber wenn Ihr etwa meiner
+Schwester begegnet--nein, auch der sagt nichts, es war nur ein Einfall.
+
+Rasch, wie um seine Verwirrung zu verbergen, bückte er sich nach der
+Hand des Priesters, küßte sie ehrerbietig und schwang sich an dem
+langen Hellebardenschaft auf die Mauer zurück, wo er sogleich hinter
+dichtem Rebenlaub verschwand.
+
+Kopfschüttelnd setzte der Zehnuhrmesser seinen Weg fort, und das
+Gespräch mit dem Jüngling beschäftigte sein menschenfreundliches Gemüt
+noch eine geraume Zeit. Aber die lange, tägliche Übung einer
+ausgebreiteten Seelsorge und die geistliche Pflicht, das Öl der Geduld
+in eigene und fremde Stürme zu träufeln, hatten den schärfsten Stachel
+des Mitgefühls bereits abgestumpft. Es ahnte ihm nicht von fern, wie
+es jetzt im Innern des Burschen aussah, der oben bei seiner Maishütte
+lag, das Gesicht gegen den Felsboden gedrückt, als wollte er sich bei
+lebendigem Leibe in den Schoß der Mutter Erde vergraben, um vor einem
+übergroßen Kummer Zuflucht zu finden,
+
+Eine volle Stunde mochte er so gelegen haben, zuletzt durch einen
+mitleidigen Halbschlaf von seinen hilflosen Gedanken erlöst, als ein
+helles Lachen, das unten am Weg erscholl, ihn jählings erweckte.
+Einen Augenblick lag er still, sich zu besinnen, ob er's nicht etwa
+geträumt habe. Aber eine helle Stimme drang zu ihm herauf und
+dasselbe unschuldig trillernde und girrende Mädchenlachen, das sich
+von fern fast wie der Gesang eines Vogels ausnahm. Im Nu war der
+Jüngling aufgesprungen und an ein Lugloch gestürzt, das den Blick
+hinunter freiließ. Auf dem nämlichen Weg unter den Weiden, den der
+geistliche Herr vorhin gewandelt war, kam, diesmal aber von der
+Stadtseite, ein Mädchen, das nicht über siebzehn Jahr sein konnte,
+blond, eher klein als groß, in der dunklen, schwerfälligen
+Landestracht. Aber die Bewegungen der zierlichen Gestalt, so langsam
+und behaglich sie einherschritt, waren so leicht und anmutig, daß
+jedes Auge ihr unwillkürlich folgen mußte. Sie hatte die Hände ruhig
+ineinandergelegt, wie es die Art der Mädchen hier zu Lande ist, wenn
+sie nichts zu tragen haben. Der runde Kopf aber blieb keinen
+Augenblick still auf dem schlanken Nacken, sondern wendete sich wie
+bei einem Vogel rastlos nach allen Seiten, am häufigsten freilich zu
+ihrem Begleiter, über dessen scherzhafte Reden sie beständig in ein
+neues Lachen ausbrach. Das war ein gewandter, rühriger Gesell, dem
+die leinene Soldatenjacke, die enganschließenden blauen Hosen und die
+schiefe blaue Kappe ohne Schirm nicht übel standen. Sein dunkles
+Gesicht und die schwarzen Augen verrieten das welsche Blut. Auch
+hatte er große Mühe, sich dem Mädchen in seinem gebrochenen Deutsch
+verständlich zu machen. Aber schon der Klang seiner verstümmelten und
+verwelschten Worte schien sie höchlich zu belustigen. Mehrmals warf
+er forschende Blicke in der Gegend umher. Einen Bauern, der ein Kalb
+mit Hilfe seines Hundes nach dem nächsten Dorfe trieb, ließ er mit
+absichtlichem Zögern vorankommen, und jetzt, da derselbe um die Ecke
+des Weges verschwunden war, rüstete er sich offenbar, mit dem Mädchen
+etwas handgreiflicher anzubinden, als sein spähendes Auge plötzlich
+die drohende Gestalt des Weinhüters entdeckte, der aus der Öffnung des
+Weinganges herausgetreten war und mit erhobener Waffe, noch sprachlos,
+hinunterwinkte.
+
+Der Welsche stand unschlüssig still. Auch das Mädchen hermmte den
+gleichmütigen Schritt und sah hinauf. Guten Nachmittag, Andree! rief
+sie ohne jede Verlegenheit. Es ist mein Bruder, setzte sie, zu dem
+Soldaten gewendet, hinzu. Macht, daß Ihr fortkommt; er versteht
+keinen Spaß.
+
+Der Soldat schien den wohlgemeinten Rat vollkommen zu würdigen, aber
+durch die Entfernung seines Feindes sich einstweilen noch sicher zu
+fühlen. Nix Furcht, Fralla, sagte er; ihm geben Kreizer a comprar
+tabacco; dann still sein, gut Freund.-Er griff in die Tasche und holte
+eben seine geringe Barschaft heraus, als er die donnernde Stimme des
+Burschen droben vernahm: Zurück, Soldat, oder der Spieß fliegt dir an
+den Kopf, daß du bei Nacht und Tag das Wiederkommen vergißt.
+
+Der Welsche stand wie angewurzelt und maß den Weinhüter mit einem
+wütenden Blick.
+
+Deutsche Bär! murmelte er zwischen den Zähnen. Maledetto!--Aber noch
+konnte er sich nicht entschließen, umzukehren und sich vor den Augen
+seiner Schönen in so nachteiligem Licht zu zeigen. Diese stand,
+offenbar durch seine heftigen und ohnmächtigen Gebärden ergötzt,
+gelassen neben ihm und lachte ohne jede Schonung. Aber dem Burschen
+oben erschien der Auftritt nichts weniger als lustig. In raschen
+Sätzen sprang er, durch schmale Öffnungen der Lauben sich windend, den
+Abhang hinab, und ehe der Welsche sich besinnen konnte, sahen zwei
+funkelnde Augen unter dem wehenden Trutzhut ihm in das entfärbte
+Gesicht.
+
+Hast du Ohren, Kamerad? herrschte der Zornglühende ihn an. Weißt
+nicht, daß der Weg hier für deinesgleichen verboten ist? Soll ich dir
+die Jacke vom Leibe reißen, um ein Pfand zu behalten, welscher Fuchs?
+Hast wohl Weinbeeren vergessen zu Nacht, und kommst nun zur Marend,
+sie zu holen? Den Augenblick scher dich heim, oder-Die Hand weg!
+knirschte der Welsche, da er sich ungestüm gepackt und geschüttelt
+flühlte. Hätt' ich mein' sdégena-Wurm! rief der Jüngling. Bring nur
+deinen Degen mit das nächste Mal, und dein Gewehr dazu; es wär' doch
+ein Pfand, das der Müh' verlohnte. Aber nun beim Kreuz! fort mit dir,
+oder ich spieße dich auf wie einen Frosch, und werfe dich in deinen
+Kasernenhof zurück, daß du das letzte Stoßgebet nimmer zu Ende beten
+sollst.
+
+Damit schleuderte er den langen Gesellen einige Schritte weit fort,
+daß er, über einen Stein strauchelnd, in die Knie fiel. Im Augenblick
+war er wieder auf den Füßen, und mit beiden Fäusten wie ein Weib gegen
+den Feind drohend und eine Flut von welschen Flüchen hervorsprudelnd,
+wich er der Gewalt und trollte hinkend und oft zurückblickend im
+Schutz der Weiden dem nahen Stadttor zu.
+
+Du hast's ihm aber arg gemacht, Andree, sagte die Blonde, indem sie
+dem geschlagenen Galan ganz kaltblütig nachblickte. Er hat so
+g'spaßiges Zeug geredt, daß ich immer hab' lachen müssen. Warum bist
+du gleich so wild worden?
+
+Der Bruder gab keine Antwort, seine Gedanken waren noch bei seinem
+Zorn. 's ist noch nicht aus zwischen uns! sagte er vor sich hin. Er
+kommt mir schon wieder; meinetwegen! so heb' ich's ihm auf.--Moidi,
+fuhr er fort, plötzlich zu dem Mädchen gewendet, und du, immer noch
+das alte Lied? Wer mir aufspielt, dem tanz' ich? Schämst du dich
+nicht, so einem tückischen Teufel das Wort zu gönnen und neben ihm her
+zu gehen? Wenn dir jeder recht ist, der dich lachen macht, so bleib
+weg von mir. Denn du weißt wohl, das Lachen ist rar bei mir, wie der
+Schnee zu Pfingsten.
+
+Das Mädchen war still geworden und sah mit zerstreutem Blick vor sich
+hin. Sie strich sich mit beiden flachen Händen über das Haar, das von
+allen Seiten glatt über den Kopf zurückgekämmt und im Nacken mit einem
+großen runden Kamm festgesteckt war, und ihr sehr zartgefärbtes
+Gesicht rötete sich vor Verlegenheit. Andree, sagte sie endlich, ohne
+ihn anzusehen, soll ich wieder gehn?
+
+Nein, bleib! erwiderte er kurz. Bist du meinethalben gekommen?
+
+Freilich, sagte sie eifrig, und wagte es jetzt erst, seinem Blick zu
+begegnen. Es ist ja schon eine Woche her, daß ich nicht habe abkommen
+können. Du läßt dich ja nimmer sehen. Die Mutter war eingeschlafen,
+es war so heiß in der Küche, da hab' ich gedacht, ich will einen
+Sprung hinaus tun, zu schauen, wie dir's geht. Und da, einen halben
+Weck hab' ich dir mitgebracht; der Hirzerfranz hat ihn mir gekauft, am
+Sonntag gestern, nach der Kirch'. Ich mag ihn nimmer, er ist soviel
+süß.
+
+Der Hirzerfranz? Was hat der dir zu schenken? Wenn's sein Vater
+wüßte, es gäbe einen Teufelslärm. Hat er dich etwa auch zu lachen
+gemacht?
+
+Der? Dem lacht's nur in der Tasche, wenn er mit seinen Gulden
+klappert. Auch war meine Mutter dabei, weißt wohl; wen die anschaut,
+dem vergeht der Spaß, wie den Mäusen, wenn sie die Katze spüren. Mich
+wundert's selbst, daß ich noch lustig sein kann. Aber ich wär' längst
+gestorben ohne das Lachen, so grauslich ist mir's manches Mal, mit ihr
+allein droben in der Hütte.
+
+Sie schwiegen eine Weile.--Magst du den Wecken nicht? sagte das
+Mädchen. So leg' ich ihn da auf die Bank, er kommt schon nicht um.
+Aber da sind noch ein paar Feigen, von unserm Baum droben, die
+reifsten. Ich hab' sie für dich abgebrochen. Da! sie sind gut in der
+Hitze!
+
+Ich dank' dir, Moidi, erwiderte er. Komm, wir wollen sie zusammen
+essen, droben im Schatten.
+
+Er schritt voran die Weinbergsstufen hinauf, und sie folgte ihm,
+allerlei plaudernd, worauf er die Antwort schuldig blieb. Auf seinem
+alten Platz unter dem Rebendach warf er sich nieder, und sie setzte
+sich neben ihn auf den breiten Stein und nötigte ihn, die Feigen zu
+kosten. Mit der Zeit, da keine neue Störung kam, schien ihm wohl zu
+werden. Ein leichter Wind machte sich auf und trug den Schall einer
+fernen Mühle an der Etsch und das Geräusch der Passer bis zu ihnen
+herauf, dann und wann auch einen Knall von den Schützen, die im
+Schießstande drüben nach der Scheibe schossen. Die Zeit wurde ihnen
+nicht lang. Er nötigte sie, von seinem Wein zu trinken, was sie bald
+wieder in die alte lustige Laune brachte. Auch die Heimlichkeit des
+schattigen Verstecks reizte ihren Mutwillen, und er, der einsilbig,
+aber nicht mehr unmutig, sie gewähren ließ, verwandte kein Auge von
+ihr. Endlich setzte sie sich gar den schweren Saltnerhut auf, nahm
+den Spieß in die Hand und ging mit großen Schritten die Laubengasse
+hinauf und hinunter, mit der Linken die beiden Fuchsschwänze unter dem
+Kinn zusammenhaltend, daß ihr Gesicht ganz davon eingerahmt war.
+Andree, sagte sie, mich sollten sie schon fürchten, mein' ich, und
+wenn die Mutter nicht wär', käm' ich alle Nacht zu dir und machte den
+Saltner, während du dich hinlegtest, ein paar Stunden zu schlafen.
+Ich wollt' die Spitzbuben, die Soldaten, schon in Respekt halten, gelt?
+
+Der Jüngling lachte zum erstenmal. Als sie sah, daß sie das Eis
+seines Trübsinns gebrochen hatte, kam sie rasch zu ihm, setzte Hut und
+Hellebarde beiseit und sagte, dicht neben ihm im Grase kauernd: Nun
+schau, Andree, tausendmal hübscher bist du, wenn du auch einmal lachst
+wie andre Buben, als so alleweil Falten in die Stirn ziehst und
+dreinschaust wie unser Herr Christus am Kreuz. Bist du nicht ein
+junger, lebfrischer Bub und brauchst dich von niemand in den Sack
+stecken zu lassen? Mit der Mutter--ja, das ist freilich eine leide
+Geschicht', aber du hast doch keine Schuld daran, das wissen alle
+Leut', und um mich brauchst du dich auch nicht zu grämen, ich komm' zu
+dir, sooft ich kann, und vor mir darf die Mutter kein bös Wort auf
+dich sagen, wenn sie mich nicht zur Tür hinaustreiben will, das weiß
+sie wohl. Was hast also, daß du alleweil den Kopf hängst und mir
+selber so finstre Augen machst, als wär' ich nicht deine liebe
+Schwester, sondern eine Feindin? Und wenn gar ein andrer Bub mir ein
+Wörtel sagt, so ist gleich Feuer im Dach. Sag, möchtest du eine Nonne
+aus mir machen, oder daß ich bei der Mutter ihr Lebtag die Hennendirn
+abgeben und eine steinalte Jungfer werden soll?
+
+Sie war ihm während dieser Worte zutraulich nahe gerückt und hatte den
+Arm leicht um seinen Nacken gelegt. Aber wie wenn ein Gespenst ihn
+angefaßt hätte, fuhr er auf und schüttelte ihre Liebkosung ab. Seine
+Brust arbeitete schwer. Laß mich, keuchte er heftig hervor, rühr mich
+nicht an, frag mich nichts, geh fort von mir, so weit du kannst, und
+komm nie wieder!
+
+Er war aufgesprungen, als wollte er fliehen, aber er konnte sich nicht
+von der Stelle rühren. Er mußte sie ansehen, wie sie, versteinert, im
+Grase kniete, die Hände im Schoß gefaltet, mit einem Blick, der ihm
+ins Herz schnitt. Die Augen schienen größer geworden, der
+halbgeöffnete Mund in einem schmerzlichen Aufschrei erstarrt, die
+feinen Nasenflügel bebten. Es war nicht das erste Mal, daß dieses
+Gesicht ihn an dem Kinde entsetzte. Ja zuweilen mitten in ihrem
+Lachen, das überhaupt oft kindisch klang, ward sie von plötzlichem
+Schrecken überfallen und für eine Zeitlang wie von einem verstörenden
+Krampf entgeistert, der sich dann mehr oder minder heftig zu lösen
+pflegte. Er selbst hatte sich bisher nicht vorzuwerfen, einen solchen
+Auftritt verursacht zu haben. Vielmehr rief man ihn, um den bösen
+Geist zu bannen, und es pflegte ihm ohne Mühe zu gelingen. Als er sie
+aber jetzt in dieser atemlosen Ohnmacht knien sah, durch seine Schuld,
+war ihm einen Augenblick selbst die Besinnung gelähmt.
+
+Er schlug sich vor die Stirn und stöhnte tief auf. Dann bückte er
+sich zu ihr herab, faßte ihre Hände, die eiskalt geworden waren, und
+sah ihr dicht in die Augen. Ich bin's, Maria, sagte er inständig; der
+Andree ist's; sieh mich an, höre mich, verzeih mir, ich bin ein
+Rasender, aber es ist vorbei; laß auch du es gut sein und verzeih
+mir's, du weißt nicht, wie mir ist, sonst hättest du Mitleiden.
+
+Mit seinen heißen Händen drückte er die ihrigen, und ebenfalls
+niedergekniet, dicht ihr gegenüber, wartete er mit leidenschaftlicher
+Angst, daß das Leben in ihren Zügen wieder aufglimmen möchte. Aber
+noch blieb die Starrheit mächtig über ihr, keine Wimper zuckte, kaum
+fühlte er einen Hauch aus ihrem Munde gehen, und die weit offenen
+Augen schienen ihn durch und durch zu blicken wie leere Luft. Da
+setzten mit tiefem Klang die Glocken der Pfarrkirche ein zum
+Vespergeläut und lösten den Bann, langsam, aber wohltätig. Sie
+seufzte schwer aus der Brust, die Augenlider schlossen sich erst, dann,
+als sie sich wieder öffneten und die erwachende Seele sich der Welt
+und ihrer selbst besann, quollen große Tränen hervor, und an seine
+Schulter gelehnt weinte sie, ohne ein Wort hervorzubringen, die
+Erschütterung aus.
+
+Er hielt sie ebenfalls stumm, mit aufatmendem Herzen an sich gedrückt
+und horchte auf den wogenden Ton des Geläuts, verworrene Gebete bei
+sich selbst hersagend. Als die Glocken ausgeklungen hatten, griff er
+nach dem Krug und reichte ihn ihr. Sie näherte ihm die Lippen, wie
+eine Kranke, die das Gefäß nicht selbst zu halten sich getraut, und
+trank einen langen Zug. Dann schloß sie die Augen, ohne sie zu
+trocknen, und schlief neben ihm ein, immer noch auf den Knien und die
+Hände unbeweglich gefaltet.
+
+Als er sie nach einer Weile ruhig atmen hörte, hob er sie auf und
+legte sie bequem auf den abhängigen Boden nieder, seine Jacke unter
+ihren Kopf schiebend, ohne daß sie erwacht wäre. Er selbst, nach
+einem raschen Umblick in seinem Revier, lagerte sich neben ihr, den
+Kopf in die Hand gestützt, und starrte ihr in das schlafende Gesicht,
+das nun ganz friedlich wie aus heiteren Träumen lächelte. Wenn ein
+Blatt sich bewegte und dann das Licht flüchtig auf ihrer Stirn spielte,
+seufzte sie wohl noch leise nach. Aber ihr war wohl, während es in
+ihm von dunklen Schmerzen und schweren Entschlüssen gewaltsam gärte
+und jeder Blick in diese friedlichen Züge ihm neue Nahrung für seine
+Qualen eintrug.
+
+Welch ein rätselvolles Schicksal umgab diese Geschwister?--Wir müssen,
+um es aufzuhellen, um viele Jahre zurück, in eine Zeit, da die Mutter,
+die mit so seltsamer Feindschaft zwischen ihnen stand, nicht viel
+älter war als das blonde Kind, das dort oben unter den Reben schläft,
+freilich in allem übrigen ihr volles Widerspiel. Die Großeltern der
+blonden Moidi besaßen droben auf dem Küchelberg ein schlichtes
+Bauernhaus, das aber schön nach allen Seiten in die Täler hinuntersah,
+links ins Passeier, rechts ins Vintschgau hinein, geradeaus über die
+Stadt Meran weg in die breite Niederung der Etsch bis zu den Bozener
+Bergen. Der alte Ingram hatte das Anwesen schon von Vorvätern ererbt,
+und die liebliche Lage war ihm freilich als Zugabe wert, mehr aber die
+ausgedehnten Weingüter, die sich nach allen Seiten daranschlossen und
+ihm wohl zustatten kamen, seine vielen Kinder zu ernähren. Von denen
+war die jüngste, Maria, oder nach dem Landesausdruck "Moidi", ein
+wahres Sorgenkind, während von den übrigen im Guten oder Schlimmen
+nichts Sonderliches zu berichten wäre. Diese jüngste jedoch, nicht
+allein, daß sie die Häßlichste war, und eher einer Alraune als einem
+Meraner Landkinde ähnlich, die meist sauber und wohlgebildet
+heranwachsen, betrug sich zudem von klein auf so ungehörig, daß sie
+viel Schläge und wenig gute Worte von der Mutter erlebte, und auch der
+Vater, der ein mäßiger und am Hergebrachten hängender Mann war, sich
+mehr und mehr dieser jüngsten zu schämen begann. Mit der Zeit hörten
+die Schläge auf, da es deutlich war, daß sie das Übel nur mehrten, und
+es sich nicht obenein verkennen ließ, selbst für ein Bauernauge, es
+sei nicht alles in Ordnung in diesem armseligen Kopf. Der Pfarrer
+hatte sie zwar genau befragt und ihre Verkehrtheiten nur aus den
+verwilderten Trieben eines eitlen und schwachen Herzens herleiten
+wollen; und wirklich ließ sich ihrem Verstand, wenn man nicht
+sorgfältiger zusah, kein Sprung oder Sparren nachweisen; denn sie
+verstand, sobald man sie katechisierte, sich klug zusammenzunehmen und
+selbst ihre offenbaren Narrheiten halb und halb zu beschönigen. Von
+diesen nun war die ärgste eine ganz unzweckmäßige und mitleidswürdige
+Putzsucht, mit der sie, wo sie ging und stand, recht geflissentlich
+aller Augen auf ihre ohnehin schon auffallende Häßlichkeit lenkte.
+Das trug ihr eine Menge der bösesten Spottnamen ein, und die es am
+besten mit ihr meinten, nannten sie den "schwarzen Pfau", oder die
+"wüste Moidi" schlechtweg, ihre eigenen Brüder aber nur "die Schwarze";
+denn sie war nicht nur von sehr dunkler Gesichtsfarbe und dichten,
+buschigen Augenbrauen, sondern auch ihr Haar krauste sich durch ein
+merkwürdiges Naturspiel wie das der Negerinnen und sträubte sich
+beharrlich gegen Kamm und Flechtenbänder. Ob der König aus Mohrenland
+unter den heiligen Dreien auf einem Bilde, das die Mutter einmal in
+Bozen gesehen, diese befremdliche Spielart auf dem Gewissen habe, wie
+einige behaupteten, lassen wir dahingestellt. Tatsache war, daß die
+"wüste Moidi", anstatt ihr Schicksal mit leidlicher Miene zu ertragen,
+auf die lächerlichsten Mittel verfiel, ihm abzuhelfen und durch
+allerlei Putz und Tand, mit dem sie sich, ganz gegen den Brauch,
+behängte, ihre Person ansehnlicher und liebenswürdiger zu machen. Was
+sie irgend an Geld zusammenbringen konnte, nicht immer auf die
+redlichste Weise, verwandte sie eilig dazu, sich bunte Bänder oder
+gemachte Blumen zu verschaffen, mit denen sie ihr wolliges Haar
+durchflocht und so, zum großen Ärgernis der Alten und Gespött der
+jungen, zuweilen selbst am Sonntag in der Kirche erschien, ungeachtet
+ihr die Mutter, sooft sie ihr so begegnete, den Putz zornig abriß und
+sie mit Hunger und Schlägen dafür büßen ließ.
+
+Ein wenig besserte sich dieser traurige Hang, als sie in die reiferen
+Jahre kam und sich das Gefühl für den Spott der jungen Burschen in ihr
+schärfte. Zum Unglück aber löste eine noch unheilvollere Torheit jene
+erste kindische ab, und sie ließ ihr, freilich mit besserer
+Entschuldigung, noch haltloser den Zügel schießen. Sie warf nämlich
+ihre Augen unter den vielen Burschen, die mit ihren Brüdern verkehrten,
+gerade auf den schönsten, der sie von früh an mit der unverhohlensten
+Abneigung behandelt hatte. Das war an Leib und Seele ein Bursch vom
+guten alten Meraner Schlag, ein etwas träges Gemüt in einem starken,
+herrlich gebildeten Körper, ein eifriger Kirchgänger, kundiger
+Weinbauer, der wenig Worte machte und Gedanken nur für den Hausbedarf
+spann, am wenigsten aber mit unnützen Liebschaften Zeit und Geld
+vertat, da es überhaupt in diesen romantischen Tälern im Punkte der
+Liebe und Ehe meist kaltblütiger und geschäftsmäßiger zugeht, als
+flüchtige Reisende sich träumen lassen. Damals, als die schwarze
+Moidi sich in ihn vergaffte, lebte sein Vater noch, der Aloys Hirzer,
+der eines der alten Herrenschlösser unterm lfinger, auf einer Höhe
+über der Stadt frei gelegen, von dem verschuldeten letzten Stammherrn
+gekauft hatte, um dort seine Weinbauernwirtschaft mitten unter den
+feudalen Trümmern in großem Stile zu errichten. Außer dem Sohne,
+Joseph, hatte er noch eine Tochter, die in Innsbruck bei einem Paten
+feinere Erziehung genoß und sich zur Lehrerin auszubilden dachte, als
+der Vater plötzlich das Zeitliche segnete, und der Bruder sie nun
+heimkommen ließ, um ihm die neue Einrichtung zu erleichtern. Es war
+ein sanftes, blasses, schönäugiges Mädchen, älter als der Joseph, ihr
+Bruder. Dessen Kameraden, von denen wohl mancher ein Gelüsten trug,
+sich ein Stück Burgland anzuheiraten, wagten sich an die Anna nicht
+heran, die ihnen zu fein und leise war und bald fast im Geruch der
+Heiligkeit stand, denn sie war in allen Kirchen und allen Hütten der
+Kranken und Dürftigen zu finden und ging an keinem Kinde vorbei, ohne
+es auf den Arm zu nehmen, ihm ein Bildchen zu schenken oder seine
+Gebetlein hersagen zu lassen. Der Bruder war sehr wohl mit ihr
+zufrieden, da sie sein Haus, die Gemächer nämlich, die noch in
+wohnbarem Stande waren, geräuschlos in Ordnung hielt. Er hatte sich
+von jeher aufs beste mit ihr vertragen. Da er ein guter und durch
+Herzenswallungen nicht leicht zu verwirrender Rechner war, schien es
+ihm zweckmäßig, daß seine Schwester ledig blieb. Wenn er auf dem
+Balkon stand, der wie ein Schwalbennest an der grauen Burgmauer klebte,
+und in seiner Bauerntracht, der rotaufgeschlagenen Lodenjoppe, den
+breiten schwarzen Hut mit roter Schnur auf dem Kopf, die gebräunten
+Hände unter die geschlitzten Hosenträger gesteckt, hinaussah ins weite
+Land, verwellte sein Blick mit Befriedigung auf den kleinen
+Klostertürmen, die hie und da ihr Kreuz aus dem Duft erhoben, und er
+gedachte gern daran, daß die früheren, adligen Burgherren dort ihre
+unversorgten Söhne und Töchter untergebracht hatten. Es wäre ihm
+nicht ungelegen gewesen, wenn seine Schwester ebenfalls vor den
+Gefahren und Anfechtungen der Welt eine beschauliche Zuflucht gesucht
+hätte. Da sie aber hiezu keine Lust bezeigte, auch fürs erste noch im
+Hause völlig nötig war, nahm er einstweilen mit dem Abglanz ihres
+Heiligenscheins, der auch auf ihn herüberstrahlte, vorlieb und war
+nicht wenig stolz, wenn geistliche Herren, der Schwester wegen,
+fleißig auf Goyen vorsprachen und bei einem Glase roten Weins über die
+Angelegenheiten der Kirche erbauliche Reden führten.
+
+An seine eigene eheliche Zukunft dachte er nur gelegentlich, wenn von
+einer reichen Erbtochter einmal die Rede war, auch darin ohne hitzige
+und häßliche Habsucht, mit einem stillen Pflichtgefühl, daß es ihm
+wohl zukomme, das väterliche Gut durch einen schönen runden Zuwachs zu
+mehren. Da er, wie gesagt, einer der schmucksten Burschen der Gegend
+war, trug er die ruhige Zuversicht mit sich herum, daß es ihm gar
+nicht fehlen könne, wenn er überhaupt Ernst mache. Auch nahm er
+anfangs die unverhohlenen Gunstbeweise der schwarzen Moidi nur mit
+einer würdevollen Geringschätzung hin. Auf die Länge aber, als das
+Gerede lauter und stachliger wurde, als er sich an keinem Markt,
+Kirchtag oder bei sonst einer öffentlichen Gelegenheit sehen lassen
+konnte, ohne mit seiner Eroberung gehänselt zu werden, stieg ihm der
+Ärger ernstlich zu Kopf, und er hielt es für passend, durch die
+verächtlichsten Scherze sich die zudringliche Liebeswerbung vom Halse
+zu schaffen.
+
+Manchem andern wäre dieselbe vielleicht mitleidswürdig erschienen;
+denn sie äußerte sich nur in der rührenden Hartnäckigkeit, mit der die
+Augen des Mädchens, sobald der Bursch ihr begegnete, wie durch eine
+Naturgewalt bezwungen an seinem regelmäßigen, rot und weißen Gesichte
+hingen und ihm überallhin folgten, unbekümmert um den Zorn, der statt
+jedes Zeichens von Gegenliebe seine Züge verfinsterte. Selbst in der
+Kirche, wenn er hinter ihr stand, wußte sie's einzurichten, daß sie
+wenigstens das halbe Gesicht nach ihm umkehrte, und sie war dann so
+sehr in ihre bewundernde Andacht versunken, daß sie alles andere
+darüber vergaß. Wer die einfachen und kühlen Sitten des Volkes und
+die ehrbare Gleichgültigkeit, mit der die Geschlechter sich hier
+begegnen, bedenkt, wird das große Ärgernis begreifen, das ein solches
+Betragen erweckt. Auch waren die meisten ganz überzeugt, die Moidi
+sei nur halb bei ihren Sinnen, und man müsse sie gewähren lassen, da
+man sie doch nicht füglich vom Kirchgang zurückhalten könne, ohne den
+bösen Geistern noch größere Macht über sie einzuräumen. Die jungen
+Burschen aber dachten minder christlich und hießen sie einfach
+mannstoll, und da sich auch die Mädchen von ihr zurückzogen, war die
+schon von der Natur Gezeichnete desto auffallender, wenn sie einsam
+und ohne Gesellin den Küchelberg herab in die Messe ging, mit den
+durchdringenden Augen weit voraus unter den versammelten Männern am
+Kirchplatz nach ihrem Erkorenen suchend. Dann geschah es wohl,
+besonders nach der Vesper, wo schon der Wein in den Köpfen den Ton
+angab, daß einer der Hartherzigsten die schöne Passeirer
+Altjungfernklage zu singen anfing:
+
+Was muß ich armes Madl anheben,
+Daß ich grad' einmal bekomm' ein'n Mann?
+Die Buben, die tun kein' Achtung mehr geben,
+Vor mir lauft ein jeder darvon.
+Jetzt ist mir nimmer wohl,
+Weiß nit, was ich tun soll,
+Daß ich halt nur grad' einen erlang'!
+
+
+Und wenn der Refrain des Gelächters ein wenig verschollen war, die
+zweite Strophe:
+
+Fünfundzwanzigmal bin ich schon kirchfahrtengangen,
+Nüchtern, und han mir nicht z' essen getraut.
+Han gemeint bei Gott die Gnad' zu erlangen,
+Daß ich dies Jahr möcht' werden a Braut.
+Jetzt--und ist alles nichts;
+Die Fastnacht ist auch schon für--
+Ach, ich arme verlassene Haut!
+
+Der Joseph, wenn er sich auch zu vornehm hielt, um mit einzustimmen,
+hörte doch mit sichtbarer Befriedigung zu und hoffte, dieses singende
+Gassenlaufen würde der armen Tollen die verliebten Grillen austreiben.
+Sie aber schien, sobald sie ihn nur sah, so völlig taub zu sein, daß
+sie das Schimpflied weder hörte, noch sich zu Gemüte zog. Auch für
+die erbitterten Scheltreden ihrer Brüder war sie ganz unempfindlich,
+erwiderte kein Wort, änderte aber um kein Haar ihr Betragen, und
+selbst das scharfe Vermahnen des Pfarrers, dem etwas davon zu Ohren
+gekommen, vermochte so wenig über diesen seltsamen Zustand, wie beim
+Eisen das Abraten hilft, wenn der Magnet ihm nahe kommt.
+
+Da übernahm es endlich eine mitleidige unter den Mädchen, der Moidi
+den Kopf zurechtzusetzen. Sie hinterbrachte ihr--wahr oder zweckmäßig
+erfunden, wissen wir nicht--, daß der Hirzersepp gesagt habe: Wenn's
+ihm drum zu tun wäre, schwarze Pudel in die Wiege zu bekommen, würde
+er die Moidi heiraten.--Die Predigt über diesen kurzen und bündigen
+Text scheint eindringlich genug gewesen zu sein. Denn seit dem Tage
+war "die Schwarze" wie verwandelt, ließ sich nirgend sehen, stahl sich
+vor Tagesgrauen in die Frühmesse, wo sie im hintersten Winkel der
+Kirche kniete, und wenn droben auf dem Berg ein Bursch ihr begegnete,
+wandte sie das Gesicht ab und schwieg auf alle Anrede. Die Putzsucht
+war vollends verschwunden. Das Schlechteste und Gröbste trug sie am
+liebsten, und ihre krausen Haare flogen, wochenlang ohne Pflege, ihr
+um die Schläfen, daß sie fast unheimlich anzuschauen war und niemand
+mit ihr zu tun haben mochte.
+
+Im übrigen tat sie ihre harte Arbeit ohne Murren, und so waren die
+Eltern wohl mit ihr zufrieden und ließen sie in allem gewähren. Der
+Winter ging so hin. Als im Frühling die Wiesen zu grünen anfingen,
+kam sie eines Tages zum Vater und bat um seine Erlaubnis, auf eine
+Alpe ziehen zu dürfen, die höchste und einsamste im Passeier. Der
+Vater, der von allen noch die klarste Ahnung ihres unseligen
+Gemütszustandes hatte, willigte unbedenklich ein, und so war einen
+Sommer lang die schwarze Moidi völlig verschollen.
+
+Desto heftiger erstaunte alle Welt, als im Herbst die Herden von den
+Bergen heimkamen und das Gerücht mit ihnen ging: des alten Ingram
+Tochter habe einen Buben mitgebracht, ein so sauberes, blühweißes und
+rosenfarbenes Kind, als nur jemals sich ohne Vater beholfen habe, mit
+schwarzen, aber gar nicht mohrenhaften Härlein, ein wahrer Staatsbub.
+Auch sei die Moidi, trotz der Schande, ganz wohlvergnügt, habe die
+Schläge, mit denen die Mutter sie empfangen, ohne Klage hingenommen,
+dem Vater aber auf das härteste Verhör nicht beichten wollen, wer der
+Schuldige sei. In dem Schuppen, wohin die Mutter sie verstoßen, damit
+sie den Schimpf nicht vor Augen hätte, habe die Tochter sich darauf,
+so gut es ging, einen warmen Winkel für ihr Kind zurechtgemacht und
+sei Tag und Nacht nicht von ihm wegzubringen.
+
+Wem dies alles, zumal die gerühmte Schönheit des Knaben, unglaublich
+schien, der hatte am nächsten Sonntag Gelegenheit, sich von der
+Wahrheit des Gerüchts zu überzeugen. Denn am hellen Tage kam die
+Vielgeschmähte vom Küchelberg herab, das Kind wie im Triumph in den
+Armen in ihre besten Linnen und Tücher gewickelt, und trug es mit
+herausforderndem Mutterstolz zur Taufe. Wenn einer sich ihr näherte
+und neugierig nach dem kleinen Weltwunder schielte, stand sie sogleich
+still, schlug den alten Flor zurück, der das schlafende Gesichtlein
+bedeckte, und sagte fast spöttisch: Gelt, möchst den schwarzen Pudel
+anschauen? Da, es ist nix Rares daran. Wo sollt's auch
+herkommen?--und dann lachte sie mit großer Selbstgefälligkeit in sich
+hinein, wenn der Beschauer, von der Zierlichkeit des Kindes überrascht,
+nichts zu sagen wußte, und setzte noch hinzu: 's ist halt nur ein
+schwarzer Pudel; man sollt' ihn in die Passer werfen, das wäre das
+gescheitest'!--und lachte wieder auf eine so wunderliche Art, daß es
+schien, als habe der Muttersegen ihren armen Verstand nicht eben
+verbessert.
+
+Selten wohl ist eine Taufe in Meran unter so großem Zulauf vonstatten
+gegangen. Als aber der Pfarrer nach den Taufpaten fragte, fand es
+sich, daß die Moidi diesen wichtigen Punkt gänzlich übersehen hatte.
+Niemand meldete sich auf die Frage, wer etwa in der versammelten
+Gemeinde dem Kinde diesen Liebesdienst erweisen wolle; denn es drängte
+sich keiner zu einem näheren Verhältnis mit der Mutter, und die
+Großeltern, der Schande auszuweichen, waren ein paar Stunden weit weg
+nach Lana zur Kirche gegangen. Da erhob sich endlich die zu allen
+Opfern der Nächstenliebe Bereite, die Tochter des alten Hirzer, die im
+vordersten Kirchstuhl kniete, trat an den Taufstein heran und nahm der
+Moidi das Kind aus den Armen. Diese Lösung des bedenklichen Knotens
+erschien allen als die einfachste, da die Hirzers-Ann mit dem
+überfließenden Gnadenschatz ihres frommen Wandels der armen Sünderin
+am füglichsten zu Hilfe kommen konnte. Und so wurde der Knabe, weil
+der Mesner, ebenfalls aushelfend, seinen Namen hergab, Andree getauft
+und mit großem Gefolge von der glückstrahlenden Mutter wieder durch
+die Stadt getragen, hinauf in den elenden Schuppen, wo er in der
+Nachbarschaft der Haustiere seine ersten Blicke in die Welt tun sollte.
+
+Es dauerte nicht lange, so sprach kein Mensch mehr von diesen immerhin
+denkwürdigen Ereignissen, zumal da die Moidi sich nirgend sehen ließ,
+nur für das Kind lebte und all ihre früheren Narrheiten in die eine
+Leidenschaft der zärtlichsten Affenliebe versammelt zu haben schien.
+Denn wie früher ihre eigene Person, so putzte und behing sie jetzt den
+kleinen Andree mit allem, was ihr irgend dazu dienlich schien. Man
+konnte sie droben auf einem schattigen Fleck stundenlang sitzen sehen,
+Kränze windend für das Kind und aus alten bunten Seidentüchern
+seltsame Kleider für ihn zurechtstoppelnd, mit denen sie ihn wie eine
+Puppe aufschmückte und stolz jedem Vorübergehenden zeigte. Da dies
+Treiben zwar auffallend, aber doch unschuldig war, ließ man sie
+gewähren. Nur der Joseph Hirzer legte den größten Abscheu gegen sie
+an den Tag und verbot der Anna aufs strengste, mit ihrem Patenkinde
+irgendwelchen Verkehr zu pflegen.
+
+Die Moidi schien wenig danach zu fragen. Als ein Jahr darauf ihr
+einst so schmerzlich Geliebter sich mit einer steinreichen
+Bauerntochter aus Algund verheiratete, blieb sie ganz kalt und gab
+nicht das geringste Zeichen von Herzweh. Die ganze Vergangenheit bis
+zur Stunde, wo der Knabe auf die Welt kam, war aus ihrem Gedächnis wie
+weggewischt, und auch von dem geheimnisvollen namenlosen Vater sprach
+sie nie, schien auch keinen Versuch zu machen, ihm Kunde von sich und
+dem Kinde zu geben.
+
+Da geschah es, daß erst ihre Eltern und dann die Brüder, einer nach
+dem andern, im Lauf eines Jahres hingerafft wurden von einer Seuche,
+die viele Opfer in diesen Tälern forderte. Nun war auf einen Schlag
+das Schicksal der schwarzen Moidi verwandelt. Denn wenn sie bei
+Lebzeiten der Geschwister zwar immerhin keine Armut zu fürchten hatte,
+so war sie jetzt durch den Alleinbesitz des Hauses und der
+ansehnlichen Weingüter zu einer reichen Partie geworden; schade nur,
+daß die Mitgift ihrer dunklen Haut und der noch dunkleren ersten
+Liebschaft manchen Wählerischen abschrecken mußte.
+
+Aber der praktische Trieb, der hier im Volke mächtig ist, kam ihr
+dennoch zu Hilfe; ja sie hatte nicht einmal nötig, bei dem Freier, der
+sich ihr antrug, auch ihrerseits ein Auge zuzudrücken. Es war ein
+ganz schmucker Bauernsohn aus dem Dorfe Tirol, das unfern der
+berühmten Feste gleichen Namens am Ende des Küchelberges liegt wo die
+Wand der Muttspitze steil in die Höhe steigt. Sein Vater hatte ihm
+zugeredet, und obwohl der Sohn nicht von den schnellsten Begriffen war,
+so war doch die ganze wichtige Sache mit wenigen Worten ins reine
+gebracht.
+
+So auch bei der Moidi. Sie schien es ganz in der Ordnung zu finden,
+daß auch sie jetzt, trotz allem Vorangegangenen, an die Reihe kam.
+Sie scherzte während der Werbung mit dem kleinen Andree, der schon im
+vierten Jahre war und den fremden Burschen mit scheuen und trotzigen
+Augen betrachtete. Als aber dieser, wie ihm seine Mutter geraten
+hatte, eine große Tüte mit Zuckerwerk aus der Tasche zog und dem Kinde
+reichte, war das letzte Bedenken der Moidi besiegt. Zwar bei einem
+Vergleich mit dem Hirzerjoseph mußte des Wolfharts Franz den kürzeren
+ziehen. Sein flaches, rundes, behagliches Gesicht, mit weißblonden
+Haaren eingerahmt, erinnerte stark an die Madonnenbilder, die, wie
+durch die Schablone gemalt, an Häusern, Torwegen und vollends in den
+Kirchen zahlreich uns begegnen. Aber die Moidi besaß Schwarz genug,
+um in seine übermäßige Helle Schatten zu werfen, und schien nicht zum
+wenigsten gerade durch die Werbung des Blonden sich geehrt zu fühlen.
+Nach dem raschen, durchaus geschäftsmäßigen Gang, den diese Dinge hier
+nehmen, zog der Franz schon vier Wochen später als junger Ehemann in
+das Haus seiner Neuvermählten auf dem Küchelberg, und damit war zum
+zweitenmal das wiedererwachte Gerede über die Schicksale der schwarzen
+Moidi verstummt und verschallt.
+
+Nicht für allzu lange Zeit. Über Jahr und Tag entsproß dieser Ehe
+ein Mädchen, das nicht minder als damals der kleine Andree den
+teilnehmenden Nachbarn zu reden gab. Es war das leibhaftige Ebenbild
+des Vaters, schön weiß und rot, mit schlichtem blondem Haar, der
+Mutter in keinem Zuge ähnlich, als daß sich früh Anwandlungen einer
+phantastischen Gemütsart, einer leicht beweglichen Einbildungskraft
+und weiblicher Eitelkeit an ihr zeigten, nur weniger ausschweifend als
+bei der Mutter und durch die große Anmut ihrer kleinen Person ins
+Liebenswürdige gemildert, aber immerhin gefährlich, da es dem Kinde an
+einer festen Hand fehlte, die seinen Leichtsinn gezügelt und die
+schönen Wucherblumen aus der jungen Seele sorgsam ausgereutet hätte.
+
+Denn kaum konnte die kleine Maria die ersten kindischen
+Schmeichelkünste spielen lassen, so stahl sie der Mutter das Herz so
+vollständig, daß sie dem älteren Bruder selbst das Pflichtteil der
+Barmherzigkeit mit entwendete. Er, der früher der Abgott seiner
+Mutter gewesen, war nun auf einmal nicht allein ihrer Gleichgültigkeit,
+sondern einer entschiedenen Abneigung, die sich mit den Jahren zu
+offenem Hasse steigerte, wehrlos preisgegeben. Es half nicht viel,
+daß der gutmütige Pflegevater sich des Knaben annahm. Ja selbst, als
+die kleine Schwester heranwuchs und sich mit stürmischer Zärtlichkeit
+an den Bruder anschloß, vermochte sie, die sonst alles durchsetzte,
+den Widergeist der Mutter nicht zu bezähmen. Vielmehr schien gerade
+ihre Fürsprache den unnatürlichen Haß zu schüren, da sich nun eine Art
+von Eifersucht hinzugesellte, eine harte und böse Mißgunst auf die
+liebliche Vertraulichkeit, mit der die Kleine dem plötzlich
+Verstoßenen begegnete.
+
+So viel freilich war durch das Dazwischenstehen der kleinen Maria dem
+armen Knaben gewonnen, daß er vor leiblicher Mißhandlung geschützt
+wurde. Denn das erste Mal, wo sich die entartete Mutter an ihrem
+einstigen Liebling tätlich vergriff, war auch das letzte. Damals
+zuerst wurde die Kleine von jenem seltsamen Nervenkrampf befallen, von
+dem wir im Beginn unserer Erzählung ein Beispiel erlebt haben. Zum
+Glück war der Vater zu Hause, um die widersinnigen Heilversuche zu
+hindern, mit denen die erschrockene Mutter auf das Kind einstürmte.
+Es gelang dem Bruder, durch sanftes Streichen mit seinen zitternden
+Händen die Starrheit zu bezwingen, bis ihm das Kind schluchzend um den
+Hals fiel und endlich schlafend von ihm in die Bettkammer getragen
+werden konnte.
+
+Seit diesem Vorfall, dem bei anderen jähen Anlässen ähnliche folgten,
+erhob die alte Moidi bis zu jenem verhängnisvollen Tage der Trennung
+nicht wieder die Hand gegen den Sohn. Ihre Abneigung wurde aber nur
+finsterer und gewaltsamer, weil sie nicht mehr in heftigen Szenen sich
+Luft zu machen wagte. Sie schien das Dasein des Knaben völlig
+verleugnen zu wollen, um sich einzig dem Mädchen zu widmen. Für diese
+war sie unermüdlich, Ärzte und Kräuterwelber zu Rat zu ziehen,
+Wallfahrten zu machen, Messen lesen zu lassen und durch die
+schrankenlose Nachgiebigkeit ihr womöglich jeden Anstoß aus dem Wege
+zu räumen. Der schwache und weichmütige Vater ließ alles geschehen.
+Es war ihm nicht wohl in seinem Hause. Aber die Stadt lag ja so nahe
+zu seinen Füßen, daß er die grünen Büsche vor den Schenktüren bis
+herauf winken sah. So heiligte er gewissenhaft die zahlreichen
+Bauernfeiertage, von denen der tirolische Kalender über und über rot
+wird, und erzählte jedem, der es hören wollte, mit ahnenstolzer
+Gemütsruhe, daß drei aus seiner Familie in den letzten fünfzig Jahren
+am Delirium gestorben seien, was nicht die schlimmste Todesart sei.
+
+Seinem Weibe war er längst gleichgültig. Sie liebte niemand auf der
+Welt als das blonde Kind. Auch wurde sie dem Verkehr mit Nachbarn und
+Verwandten mehr und mehr entfremdet, da ihre unnatürlichen Schrullen
+den Leuten vollends ein Grauen erweckten. Das Haus lag einsam auf dem
+nackten Felsgrunde, ganz abseits von der Straße, die sich um den
+Küchelberg hinauf nach Dorf Tirol windet. Niemand sprach sie im
+Vorübergehen an; zu niemand ging sie; in der Kirche, die sie vor Tage
+besuchte, blieb der Platz neben ihr leer.
+
+Es war unter solchen Umständen nicht zu verwundern, daß der Joseph
+Hirzer jede Annäherung an die Moidi und ihr Haus von Jahr zu Jahr
+standhafter vermied, seiner Schwester unerbittlich den Weg abschnitt,
+wenn ihr Gewissen sie antrieb, sich nach ihrem Taufpaten umzusehen,
+und seinen eigenen Kindern, die mit Andree und der blonden Moidi in
+der Schule zusammentrafen, aufs strengste verbot, zu Hause von ihnen
+zu erzählen. Er selbst war in allen Stücken mächtig emporgekommen,
+galt für einen der wackersten Haushälter, eifrigsten Weinzüchter und
+rechtschaffensten Ehrenmänner, während seine Schwester in gleicher
+Weise zunahm an Gnade bei Gott und den Menschen, zumal sie ihr ganzes
+Vermögen im Testament an Kirchen und Klöster vermacht hatte, wofür die
+Priester ihr verhießen, daß sie unfehlbar "von Mund auf in den Himmel
+kommen würde". Ihr Bruder hatte da wohl nicht einreden dürfen. Sein
+Sohn und die drei stattlichen Töchter waren auch ohne jede Erbschaft
+von der Tante hinlänglich versorgt durch die blühenden weiten Güter
+beider Eltern. Und als ihre Mutter, die Erbin von Algund, noch in
+guten Jahren starb, trat die Tante Anna an ihre Stelle und sorgte
+durch liebevolle Pflege dafür, daß ihres Bruders Kinder auch ohne
+jedes klingende Vermächtnis sie in gutem Andenken behalten mußten.
+
+Die Kinder aber, obwohl sie den Vater fürchteten, konnten ihm doch
+nicht so blindlings gehorchen, daß sie auch in der Schule zu Meran dem
+Andree und seiner Schwester ausgewichen wären. Moidi, mit ihrem
+leichten, lachlustigen Sinn, kam ihnen, wie allen, die sich ihr
+freundlich zeigten, ganz ungebunden entgegen; Andree duldete sie
+wenigstens, da er von der Tante Anna, seiner Pate, wußte, daß sie so
+heilig sei und nur der Mutter wegen sich nicht um ihn bekümmern dürfe.
+Im übrigen war er ein schweigsamer, sinnender, leicht aufbrausender
+Knabe, der am liebsten sein Wesen für sich hatte und früh eine ganz
+befremdliche Eifersucht auf die Schwester an den Tag legte. Es war
+ihm am wohlsten an Feiertagen, wenn sie droben in der luftigen
+Einsamkeit ohne fremde Kinder den ganzen Tag beisammen blieben und die
+Kleine sich für niemand putzte als für ihn allein. Sie hatten unter
+einem überhangenden Felsstück, wo wilde Beeren in Fülle wuchsen und
+die rauhe Wand dicht mit Efeu verkleidet war, ihre Einsiedelei
+errichtet, mit vielen wichtig behüteten und nur von den Eidechsen
+ausgespürten Verstecken für ihre kindischen Siebensachen. lm
+Hochsommer, wenn das Rebenlaub bis an den Fuß ihres Schlupfwinkeis
+wucherte, saßen sie da halbe Tage lang, und die Kleine reihte
+unermüdlich mit spitzer Nadel die blanken gelben Maiskörner auf lange
+Fäden, woraus ein lustiges Geschmeide entstand. Waren die. Ketten
+fertig, so kniete der Bruder vor Moidi hin und schlang ihr den Schmuck
+in künstlichen Ringen um Stirne, Hals und Arme. Dabei hatten sie
+allerlei konfuse, andächtige Vorstellungen, und die Geschmückte fühlte
+eine dunkle Wonne, sich angeschaut und bewundert zu wissen, wohl gar
+etwas vom Heiligenschein um ihren törichten Kindskopf zu tragen. Der
+Bub war noch feierlicher, und wehe dem, der in solchem Augenblick dazu
+gekommen wäre und seine Huldigung gestört hätte. Der Schwester selbst
+nahm er es jedesmal übel, wenn sie plötzlich zu lachen anfing und aus
+Übermut und Langeweile die gelben Kettchen zerriß, daß die Körner
+eilfertig den Berg hinabrollten, und sie sich nach einem andern Spiel
+umsehen mußten.
+
+Die ersten Jahre ließ sie die Mutter bei all ihren Heimlichkeiten und
+vertrauten Schleich- und Schlupfwegen ungestört. Als aber der Andree
+größer wurde und mit seinem scharfen Auge und seinen fragenden Mienen
+immer verwundener und vorwurfsvoller ihrem Haß gegenüberstand, suchte
+sie ihn der Kleinen durch allerlei böse Reden und schwarze
+Verdächtigungen zu verleiden und ergriff jede Gelegenheit, die Kinder
+zu trennen, mit gehässiger Schadenfreude. Sie lag ihrem Manne sogar
+an, den unnützen Buben, der doch keine Lust am Arbeiten habe, zu dem
+Zehnuhrmesscr zu tun, daß der ihm Unterricht gebe und einen
+Geistlichen aus ihm mache. Da der Knabe einen aufgeweckten Verstand
+und großen lerneifer in der Schule gezeigt hatte, leuchtete der Plan
+beiden Männern ein, und Andree zog in die Stadt hinunter zu dem
+geistlichen Herrn. Er war sehr still und traurig beim Abschiede von
+der Kleinen, die aber lachte und von der Trennung nichts begriff.--Der
+Hilfspriester wohnte unten in der langen Laubengasse Merans, die ihren
+Namen hat von den zwei Reihen steinerner Arkaden, in welche die Sonne
+keinen Zugang findet. Die schmalen Häuser mit winkligen engen Höfen
+und düsteren Treppenfluren, meist uralt und die wenigsten sauber
+gehalten, haben eine beträchtliche Tiefe, und an die Hintergebäude
+stoßen nach Norden zu weite Weingärten, bis an den Fuß des
+Küchelberges, nach Süden öffnen sie sich gegen die Stadtmauer. Hier
+sind hellere Räume, und man blickt aus den Fenstern auf die
+Wassermauer und über den Fluß hinweg ins breite Etschtal hinaus. Auch
+das bescheidene Quartier des Hilfspriesters genoß diesen Vorzug. Aber
+der Knabe, an die freie Luft oben auf der Höhe gewöhnt, schien sich
+dennoch ein Gefangener. Ja, er hätte wohl gern seine sonnige
+Dachkammer mit einem finsteren Nordfensterchen vertauscht, von dem aus
+er den Berg und die kleine Felshöhle oben über den letzten Reben, den
+Ort seiner Kinderspiele, hätte sehen können. Er verstummte noch mehr
+als sonst, trotz alles Zuredens seines freundlichen Lehrmeisters. Das
+Lernen war ihm plötzlich verleidet; er aß wenig und schlief schlecht,
+so daß er in vier Wochen blaß und hohläugig wurde. Und eines Tags kam
+er zu seinem Lehrer und erklärte ihm, er werde sterben, wenn man ihn
+länger in der Stadt halte. Den Namen seiner Schwester hatte er nie
+genannt. Aber es war dem mitleidigen Seelsorger klar, daß ihn ein
+brennendes Heimweh nach ihr nage, und bestürzt übernahm er es, der
+Mutter die Notwendigkeit der Rückkehr vorzustellen. Die Alte wütete
+und schalt und wollte nichts davon hören. Am Abend desselben Tages
+aber klopfte der Knabe drohen in der Hütte wieder an, und nach einem
+leidenschaftlichen Auftritt, der wieder mit einem Krampfanfall der
+kleinen Marie endigte, ergab sich die Mutter in das Unabänderliche,
+unter der Bedingung, daß der entlaufene Student dem Vater
+Knechtsdienste tun und sein Lager in einem Winkel des Schuppens hinter
+dem Hause aufschlagen mußte.
+
+Die Kleine war sehr glücklich, ihn wieder zu haben, und er selbst
+schien um diesen Preis keine Entbehrung und Zurücksetzung zu hart zu
+finden. Er war nun anstellig zu allem, was ihm der Pflegevater
+auftrug, arbeitete in den Weinbergen, ließ sich willig über Land
+schicken und sah die Mutter nur bei den Mahlzeiten, wo zwischen beiden
+nie ein Wort gewechselt wurde. Da er kein Geld erhielt und an
+Kleidern nur das Notdürftigste, blieb er von den anderen Burschen
+seines Alters, von den Schenken und Kegelbahnen ein für allemal weg
+und schien nichts daran zu entbehren. Denn an den Feiertagen pflegte
+er mit der Schwester nach wie vor lange Stunden hindurch
+zusammenzusitzen, und obwohl beide heranwuchsen, er ein kräftiger
+Jüngling wurde und sie längst den Burschen ein Ziel mancher
+zaghafteren oder dreisteren Werbung, war ihr Verkehr doch noch ein
+kindischer, ihr Gespräch ein törichtes Geplauder. Sie tat, was sie
+nur wußte und konnte, sein hartes Leben zu erleichtern, brachte ihm
+von allem, was sie etwa an guten Bissen von der Mutter erhielt oder,
+da sie näschig war, sich in der Stadt kaufte, seinen brüderlichen
+Anteil, und wenn er jenes verschmähte, nahm er doch ihre eigenen Gaben
+mit sichtbarer Freude. Oft nach einem schweren Arbeitstag, besonders
+in der Zeit der Lese, wenn die Sonntagssonne in seinem fensterlosen
+Schuppen ihn nicht zu wecken vermochte, schlich sie zu ihm hinein und
+saß im Dunkeln neben seiner Streu, die nur durch ein schlechtes Laken
+und eine Pferdedecke zu einem Bette wurde. Sie hatte ihren Spaß, wenn
+er im Dunkeln nicht begriff, daß sie bei ihm war, und ihre Hand, die
+ihm in den Haaren zauste, schlaftrunken abzuwehren suchte, als komme
+ihm etwa eine Feldmaus zu nahe. Wachte er dann auf, so hörte er ihr
+helles Lachen neben sich und lag nun wohl noch eine Weile in
+verstelltem Schlaf, um ihre Neckereien. länger zu erleiden. Sie tat
+es nicht anders, als daß er sie zur Kirche begleiten mußte, wo er dann
+von den Burschen, die sich ihr näherten und die sie zu verscheuchen
+gar keine Lust bezeigte, manchen eifersüchtigen Stich ins Herz empfing.
+Hier begegnete er auch oft seiner Patin, der Tante Anna, und hätte
+sich ihr, da sie ihn stets mit einem stillen und freundlichen Auge
+grüßte, gern genähert. Aber der Joseph Hirzer, der dann Wache hielt,
+ließ durch sein starres Anblicken deutlich erkennen, daß er sich jede
+Annäherung des vaterlosen Burschen verbitte. Und so blieb es auch
+zwischen den Kindern bei einem gelegentlichen Gruß, obwohl die Moidi
+öfters dem Bruder mit Lachen erzählte, daß die Rosina, des Hirzers
+jüngste Tochter, die nach der Verheiratung ihrer beiden Schwestern
+noch allein im Hause blieb, wieder einen so langen Blick nach ihm
+getan habe und sicherlich in ihn verliebt sei.
+
+Jedesmal, wenn hiervon die Rede zwischen ihnen kam, oder eine Hochzeit
+das Tagesgespräch war, wurde der Jüngling doppelt nachdenklich und
+brach eilig ab. Ihm selbst schienen alle Mädchen eher unbequem und
+alle Liebesscherzreden ein Abscheu zu sein. Ob er darüber nachdachte,
+jemals ein eigenes Hauswesen zu gründen, war nicht zu enträtseln.
+Aber mit einem seltsamen Ausdruck tiefer Angst sah er der Schwester
+ins Gesicht, sooft deren leichtsinnige Gedanken bei ihrer Zukunft
+verweilten und eine Trennung von ihm ihr als eine Möglichkeit erschien,
+die doch wohl zu verwinden wäre. Du bist ein Kind, sagte er dann.
+Wer darf dich heiraten? Die Männer sind alle schlecht und Ehstand ist
+Wehstand. Du sollst bei mir bleiben, ich will schon für dich schaffen
+und dir ein gutes Leben machen. Was schwatzest du von anderen? Eh'
+mir einer gut genug ist für dich, muß die Passer den Ifinger
+hinanfließen.
+
+Sie lachte zu solchen Reden und ließ sie sich gefallen, weil sie ihr
+schmeichelten. Auch schien keine ernste Neigung in ihrem leichten
+Sinn wurzeln zu können. Die Mutter tat das ihrige, Freier, die sich
+von ferne blicken ließen, zurückzuschrecken. Und so blieb durch viele
+Jahre droben auf dem Küchelberg die wunderliche Gesellschaft beisammen,
+und keine Änderung war abzusehen.
+
+Da erlag eines Tages der Mann dem Einflusse jenes Sterns, der schon
+seinen würdigen Vorfahren zu Grabe geleuchtet hatte. Er starb im
+Säuferwahnsinn. Von dem Tage an war das eifrigste Bestreben der Witwe
+darauf gerichtet, den Sohn aus dem Hause zu schaffen. Eine nähere
+Schilderung jenes bösen wilden Auftrittes, der ihr zum Ziele verhalf,
+wird uns gern erlassen werden. Die Geschwister trennten sich; die
+blonde Moidi hatte keinen Mut, dem Bruder zuzureden, sich einer
+zweiten Mißhandlung auszusetzen. Geh nur, sagte sie. Es ist besser
+so. Ich verlass' dich schon nicht. Du weißt ja, ich mach' mit ihr,
+was ich will, und wenn sie mir das Türl versperrt, spring' ich zum
+Fenster hinaus und lauf zu dir.
+
+Auch hielt sie Wort. Aber was half's ihm, daß keine Woche verging, wo
+sie ihn nicht aufsuchte, ungerechnet ihr Wiedersehen an den Sonntagen?
+Täglich, stündlich war er ihre Nähe gewohnt gewesen. Jenes kindische
+Heimweh, das ihn vom Zehnuhrmesser fortgetrieben hatte, wuchs ihm oft
+genug, wenn er nach heißer Arbeit unter den Kastanienzweigen saß, so
+unbezwinglich über den Kopf, daß er den schroffen Abhang des Berges
+dicht über dem Dorfe Gratsch hinanstürmte, um nur vor Schlafengehen
+noch das Dach des Häuschens zu sehen, oder gar etwas, das dem Mädchen
+selber glich. Auch geschah es mehr als einmal, zumal an Feiertagen,
+wenn sie an den verabredeten Ort nicht kam, daß er in fiebernder
+Eifersucht die Wege nach ihrem Hause bewachte, ob etwa ein Besuch sie
+zurückhalte. Er lag dann förmlich im Hinterhalt. Kam ein Bursch
+vorbei, bergab schreitend, so stellte er sich schlafend, um seine
+Mienen auszukundschaften. Ihm war unselig dabei zu Mut. Eine Ahnung
+dämmerte in ihm auf, dies alles sei nicht recht und löblich. Warum
+gönnte er der Schwester nicht, was allen Mädchen zukam, Freiheit in
+Wünschen und Neigungen? Mit heißer Angst jagte er diese Gedanken von
+dannen, die immer zudringlicher zurückkamen. Freilich ihr Vater war
+nicht der seine. Aber waren sie darum weniger Geschwister?
+
+Oft genug kam es ihm auch, daß er fort müsse, daß es ihm draußen
+leichter ums Herz werden würde. Was stand ihm auch im Wege? Was
+hielt ihn? Hier nicht besser als in der weiten Welt mußte er sich
+hart durchs Leben schlagen. Und wer weiß, er konnte wohl seinen Vater
+draußen antreffen; es war in aller Weise das ratsamste, die Luft zu
+verändern. Wenn er nur zum ersten Schritt die Kraft erschwungen hätte!
+
+Von neuem wälzte er diese Gedanken, als er heut unter den Reben bei
+der Schlafenden saß und das Spiel des Sonnenstrahls auf ihrer Stirn
+bewachte. Die Erschütterung, von der sie nun erquicklich und
+erinnerungslos ausruhte, zitterte ihm noch durch alle Adern, und der
+Anblick ihrer unschuldigen Ruhe mehrte nur seine Verwirrung. Er
+suchte in sich nach dem Mut, jetzt ein feierliches Gelübde zu tun, das
+ihn forttriebe von hier, wo die natürlichsten Bande sich so unheilvoll
+verstrickt hatten. Neben ihr begriff er nur zu gut, wie nötig es sei,
+zu fliehen. Aber wenn er darin wieder allein war, fühlte er, daß es
+unmöglich sei.
+
+Er rührte die Schlafende nicht an, er hatte seit seinen Kinderjahren
+nicht mehr gewagt, ihren roten lachlustigen Mund zu küssen. Aber die
+Scheu, mit der er sie betrachtete, war mit einer dumpfen,
+leidenschaftlichen Qual gemischt, und ihr leichter Atem, der sein
+Gesicht streifte, trieb ihm das Blut heftig zum Herzen.
+
+Es ward schon abendlicher draußen, denn der Marlinger Berg im Westen
+verbirgt die Sonne früh. Die Schläferin erinnerte sich jetzt,
+richtete sich im Grase auf und sah mit großen Augen umher. Als sie
+den Bruder neben sich erblickte, lachte sie ihn freundlich an. Wie
+lange hab' ich geschlafen? sagte sie verwundert. Wie kam es denn, daß
+ich mich hier niedergelegt hab'?
+
+Es war heiß, sagte er. Nun aber geh nach Haus, Moidi. Ich muß drüben
+nachschauen, ob alles in Ordnung ist.
+
+Sie stand auf und gab ihm die Hand. Gute Nacht, Andree, sagte sie
+hastig, denn eine Erinnerung an das Vorgefallene stieg dunkel in ihr
+auf. Übermorgen ist Sonntag. Du kommst doch in die Kirche?
+
+Nein, Moidi. Du weißt ja, daß ich auf dem Posten bleiben muß, solang'
+ich den Saltner mache.
+
+Es ist wahr, erwiderte sie nachdenklich. Ich komm' aber schon wieder
+zu dir. Gute Nacht!
+
+Er kämpfte mit sich, ob er sie bitten solle, nicht mehr zu kommen.
+Aber ehe er sich entschließen konnte, war sie schon auf und davon. Am
+Ausgang der Laube stand er und sah ihr nach, wie sie behende das
+steile Treppchen hinanstieg. Der lange hundertfaltige Rock bewegte
+sich zierlich um ihre Knöchel, bei jedem Schritt wie ein Fächer die
+Falten öffnend und wieder zusammenschlagend. Von oben winkte sie noch
+einmal zurück mit der Hand. Er grüßte nicht hinauf; das Geländer
+zitterte, an dem er angelehnt stand, und ein Seufzer, den er lange
+verhalten hatte, befreite ihm doch nicht seine beklommene Brust.
+
+In diesem Augenblick hörte er einen raschen Männerschritt von unten
+heraufkommen und erkannte einen seiner Kameraden, einen langbärtigen
+starken Burschen, ebenfalls mit dem Trutzhut ausgerüstet, statt der
+Hellebarde eine große Fichtenkeule in der rauhen Faust, deren
+wuchtiges Ende er lustig winkend schwang. Andree! sagte er, als er
+ihm nahe genug war, wie ist's auf die Nacht? Soll ich mit dir wachen?
+Du hast mit dem Welschen zu tun gehabt, hab's wohl gemerkt. Und sei
+gewiß, er schenkt dir's nicht und bringt auch wohl Verstärkung mit.
+Schau, da hab' ich was, um den Hunden den Spaß zu versalzen!--und er
+zog aus der Brusttasche seiner Lederjoppe eine kleine Pistole und ließ
+den Hahn knacken.
+
+Ich dank', Köbele, erwiderte Andree. Der Welsche ist feige wie die
+Sünde. Allein kommt er einmal nicht, und wenn's ein ganzer Haufen ist,
+sind wir zwei doch zu schwach gegen sie. Ich gebe dann das Zeichen,
+und du magst's den andern sagen, daß sie fein aufpassen. Das Ding
+da--er wies auf die Taschenpistole--laß aber in Frieden. Bei der
+Dunkelheit hat's keinen Schick, und du verpuffst bloß das Kraut.
+Fassen wir einen, so taugt ihm die Jacke voll Schläge besser als so
+ein Loch in der Haut, das er nachher vorweisen kann gegen uns.
+
+Wie du meinst, gab der Bursch zur Antwort. Es ist halt nur auf alle
+Fälle. Ich wollt' aber, sie kämen. Sie haben eine schöne Rechnung
+bei mir auf der Kerbe, und der Hans ist auch ganz fuchtig auf die
+Halunken. Einmal müssen wir's ihnen eintränken.
+
+Andree schwieg, und der Bärtige stieg mit einem kurzen Gruß wieder
+hinab. Man war schon gewohnt, den Verschlossenen gewähren zu lassen
+und sich ihm nicht aufzudrängen.
+
+Nun war die Sonne hinter den Berg gegangen, aber noch Stunden währte
+es, bis die Nacht die Herrschaft gewann. Denn zur Rechten hoch aus
+dem Vintschgau zuströmend und drüben bis an den Gürtel des Ifinger
+hinab waltete noch die Tageshelle, und ein bläulicher Duft wölkte sich
+über dem Flusse hin, hie und da von einem Sonnenstreifen durchschossen,
+der hinter der Bergwand sich in die Täler hereinstahl. Die Hirten
+trieben unten in den Wiesen ihre Herden zusammen, und alle Wege zu den
+Dörfern hinauf belebten sich mit schönen falben Kühen, die über Tag an
+den Bächen unten geweidet hatten. Im Süden aber die Trientiner Berge
+und die schöne, kühn hereinblickende Mendelspitz verschleierten sich
+unter den feuchten Dünsten, die der Schirokko ins Tal heraufwehte.
+
+Spät erst kam ein schmales Stück des Mondes hervor, warf einen
+unsicheren Blick in die stille Tiefe und verschwand alsbald hinter der
+schweren Feuchte, die sich träge an den Bergen hintrieb. Das letzte
+Geräusch in der Stadt, wo der Feierabend frühzeitig eintritt, das
+letzte Geläut von den Türmen hüben und drüben verklang. Nur die
+raschen Bergwässer rauschten, und von ferne summte der Südwind daher,
+trieb den Staub am Wege in leichten Wirbeln auf und raschelte durch
+die Blätter des vergangenen Herbstes. Auch das ward still, als es
+gegen elf Uhr ging, und nun hing die regungslose schwarze Nacht, ohne
+Sterne, ohne einen Hauch, feucht und warm über der Erde und goß ihren
+Schlaftau auf die tausend Augen.
+
+Die Weinhüter schliefen nicht, und sie wußten warum. Es war nicht die
+erste mondlose Nacht, in der freche Diebe Einbruch in die Rebengänge
+versucht und schweren Schaden verübt hatten. Oben bei seiner
+Maisstrohhütte saß Andree, rauchte aus der kleinen Pfeife und griff im
+Dunkeln öfters nach dem Kruge, den sein Herr ihm auf die Nacht frisch
+hatte füllen lassen. Die schweren Regentropfen, die einzeln durch das
+Blätterdach auf ihn eindrangen, fühlte er kaum in seinen dichten
+Haaren. Er horchte aber unverwandt nach der Stadt hin, und als es elf
+geschlagen, hob er sich leise empor und schlich an eine Stelle dicht
+über der Straße, wo die Laube durch grobe Kürbisblätter und ein
+vortretendes Mäuerchen zu einem Spähewinkel ausgebaut war. Hier
+duckte er sich hinter die Steine, die Hellebarde bequem zur Hand, und
+zündete eine neue Pfeife an. Sein Blut war viel ruhiger als über Tag.
+Es tat ihm wohl, daß er zu tun bekam, daß er seine heiße Unruhe an
+einer Gefahr austoben konnte. Denn daß der Welsche die Nacht nicht
+vorüberlassen würde, ohne Rache zu versuchen, stand ihm fest.
+
+Aber der Feind ließ sich Zeit; er schien die Wächter sicher machen zu
+wollen. Man hörte die Mitternacht vorn Turm schlagen, und noch regte
+sich nichts. Einer der Saltner, der das Nachbargut hütete, strich bei
+seiner Runde an Andree vorbei. Heut kommen sie nicht, sagte er. Ich
+geh' hinauf in die Hütten. Passiert was, so brauchst nur pfeifen.
+Gute Nacht! murmelte Andree. Es war ihm lieb, daß der Kamerad zu
+schlafen vorzog. Er hätte am liebsten ganz allein Mann an Mann mit
+dem Welschen zu tun gehabt.
+
+Wieder eine halbe Stunde verging, da horchte plötzlich der Einsame
+hoch auf. Unfern von ihm, wo ein Bauernhof zwischen den Weingütern
+sich an den Berg lehnte, erscholl ein gewaltiges Brüllen, und gleich
+darauf stürmte unter heftigem Krachen zersplitternder Geländerstäbe
+eine dunkle Masse heran, die nichts Menschlichem glich. Der
+Lauschende sprang auf seine Füße, das Herz klopfte ihm, unwillkürlich
+schlug er ein Kreuz. Stufen und Mauerwerk trennten ihn von der Laube
+drüben, im Nu stand er auf dem Rande der Brustwehr und spähte, auf die
+Hellebarde gestützt, atemlos in das nachbarliche Revier, aus dem der
+Lärm erscholl. Es kam näher und näher, ein Geheul wie von einem
+angeschossenen Tier in der Wildnis, das wütend den Jäger sucht. Und
+jetzt donnerte es drüben dumpf gegen die Mauer, die Steine wichen aus
+den Fugen, stürzten prasselnd die Stufen hinab, und nach stürzte durch
+die Bresche, sich überschlagend im Fall, das rätselhafte Ungetüm mit
+solcher Gewalt in den Treppenhohlweg hinunter, daß die Mauer, auf der
+Andree stand, wie von einem Erdbeben erschwankte.
+
+Sofort wurde alles still, nur ein schwaches Gestöhn drang zu den Ohren
+des Lauschenden aus der Tiefe herauf, wo die schwere Masse
+zusammengestürzt war. Der Bursch war nicht mehr im Zweifel darüber,
+daß es eine von den Kühen des Nachbarn sei, deren Stall an den
+Rebengarten grenzte. Ein grimmiger Verdacht loderte in ihm auf. Er
+pfiff zweimal gellend auf den Fingern, sprang dann hinab und schwang
+sich über die Mauer auf die Straße.
+
+Das gestürzte Tier lag am Rande des Weges halb zwischen den Steinen
+eingeklemmt und schlug mit den Beinen um sich, die Hörner in den Boden
+einwühlend. Doch schien es von der Qual befreit, die es vorhin durch
+die Lauben gehetzt hatte; es stieß nur dann und wann ein dumpfes
+Brüllen aus, als wollte es Hilfe herbeilocken, und war zahm und
+geduldig, als Andree herantrat.
+
+Drei oder vier von den anderen Burschen kamen jetzt von verschiedenen
+Seiten herbei, sie wechselten heftige halblaute Reden, ehe sie
+Anstalten machten, dem Tier wieder auf die Beine zu helfen. Andree
+schwieg und spähte am Boden umher. Plötzlich hob er mit dem Eisen
+seiner Waffe etwas Glimmendes vom Boden auf. Es ist richtig! sagte er,
+ich dachte mir's gleich und roch es, wie ich herunterkam. 's ist eins
+ihrer Bubenstücke. Da seht!
+
+Er hielt ihnen ein Stück Zunder hin, das trotz der Feuchte immer noch
+fortbrannte. Schandvolk! brauste er auf. Sie haben's der
+unschuldigen Kreatur ins Ohr gesteckt, um sie rasend zu machen. Wäre
+sie nicht zu Fall gekommen, so hätt' sich's durchgebrannt, bis ins
+Hirn, und sie wär' jetzt für den Schindanger reif. So hat sich's
+herausgeschüttelt, und der Bauer kann von Glück sagen. Hätt' ich den
+Buben, heiliges Kreuz--!
+
+Der Köbele knackte am Hahn seiner Pistole. Willst du mit mir kommen,
+Andree?
+
+Nein. Laß das Ding da in Ruh, gab der Bursch finster zur Antwort.
+Macht, daß ihr die Kuh wieder zum Stehen bringt und schafft, sie heim.
+Ich will allein gehen.
+
+Er sprang mit großen Sätzen geräuschlos durch die Weiden gegenüber und
+über das Wiesen- und Sumpfland; eine wilde Kampflust glühte in ihm,
+die alle seine Sinne schärfte. Der Regen fiel jetzt gleichmäßig und
+mit starkem Rauschen herab, und der Wind sauste stärker. Dennoch
+hörte Andree, als er dem Stadttor näher kam, ferne Schritte unter den
+Weiden und sah jetzt auch, weit voraus, zwei fliehende Gestalten und
+erkannte mit kaum verhaltenem Jauchzen die weißen Jacken der verhaßten
+Feinde. Kaum hundert Schritte noch, so hatten sie das Tor erreicht.
+Aber sie kamen langsam von der Stelle. Der eine--er war jetzt nahe
+genug, es deutlich zu unterscheiden--hinkte mühsam am Arme seines
+Kameraden hin. Das Tier mochte sich mit seinen scharfen Hörnern zur
+Wehr gesetzt haben. Sie sprachen im Gehen von ihrer Untat, der
+Hinkende lachte eben mit einer Stimme, die dem Rächer vom Morgen her
+nur zu gut bekannt war. Aber das Lachen ward jählings zu einem Schrei
+des Entsetzens. Denn von einem wütenden Schlag der Hellebarde
+getroffen, stürzte der Elende in die Knie und winselte um Pardon. Ein
+neuer Stoß streckte ihn stumm zu Boden. Sein Geselle, der ihm
+beispringen wollte, wurde von zwei stählernen Fäusten gepackt, ein
+wildes Ringen begann in der Finsternis, keiner sprach ein Wort, nur
+die Zähne der erbitterten Gegner knirschten, und sie starrten einander
+dicht ins Weiße der Augen. Da sah der Soldat seinen Vorteil und
+drängte den Feind dicht an den Rand des Grabens, daß ihm der Fuß auf
+dem schlüpfrigen Boden ausglitt und er rücklings niedertaumelte. Ehe
+er sich wieder aufgerafft hatte, war der Weißrock entsprungen, und
+Andree stand einsam neben dem regungslos daliegenden Welschen, der auf
+alles Rufen und Rütteln kein Lebenszeichen mehr von sich gab.
+
+Er ist hin! sagte der Bursch laut für sich, da ihm die leblose Masse
+wieder aus den Armen glitt. Bei dem Ton seiner eigenen Worte
+schauderte er unwillkürlich zusammen. Sein ganzes elendes Leben stand
+ihm plötzlich vor der Seele.
+
+Nicht der Totschlag war es, der ihm so grauenvoll aufs Gewissen fiel.
+Sie waren als ruchlose Räuber bei nächtlicher Weile eingebrochen, und
+was sie traf, war gerechte Rache für ihre Heimtücke. Wenn der andere
+Weißrock, der entflohene, der ihm völlig fremd war, so vor ihm
+dagelegen hätte mit zerschelltem Hinterhaupt, das Gesicht in die Lache
+seines eigenen Blutes gedrückt, wär' es dem trotzigen Burschen wohl
+schwerlich nahegegangen. Aber daß es dieser sein mußte, den er gehaßt
+hatte, gehaßt, weil die Moidi ihm freundlich gewesen war--seine
+Schwester--!--Das Blut schien ihm zu Eisklumpen zu gerinnen, wie er es
+jetzt zum erstenmal mit unbarmherziger Klarheit vor sich stehen sah,
+sein fluchwürdiges Schicksal. Mit Rache- und Blutgedanken hatte er am
+Wege gelauert den ganzen Tag und die halbe Nacht. Was war ihm der
+Frevel an den Rebstöcken und dem unschuldigen Tier? Einen ganz
+anderen Frevel hatte er zu rächen: daß dieser verwegene Gesell mit dem
+Mädchen schön getan, daß das Mädchen über seine Reden gelacht, daß sie
+ihn gegen den Zorn des Bruders jetzt so verteidigt hatte. Darum hatte
+er büßen müssen, darum lag er jetzt so still in seinem Blut, und der
+vor ihm stand, war kein Hüter des Gesetzes, sondern ein Mörder,
+geächtet von seinem eigenen Gewissen.
+
+Der Köbele kam jetzt heran, und sein Schritt schreckte den
+hoffnungslos Brütenden auf. Er sprach kein Wort auf alles, was der
+andere redete und rannte. Er bedeutete ihm mit stummen Gebärden, daß
+sie den Toten aufheben und in das Kapuzinerkloster tragen wollten, das
+hart am Tor von Meran über die Mauer blickt. Erst dort an der
+Klosterpforte, als sie ihre Last auf der Schwelle abluden, sagte er
+dumpf: Zieh an der Glocke, Köbele, und wart, bis sie aufmachen.
+Kannst ihnen sagen, daß ich's getan hab'. Und behüt dich Gott; mich
+wirst nimmer wiedersehen.--Damit wandte er sich kurz ab und verschwand
+in der dunklen Straße.
+
+Es war ihm eilig mit dem, was er vorhatte, doch konnte er nur langsam
+seine Glieder weiterschleppen, so schwer lähmten ihn seine Gedanken.
+Als er die finstern Bogengänge der "langen Lauben" betrat, wo er vor
+dem Regen geschützt war, setzte er sich auf einen der Steinsitze und
+lehnte das schwere Haupt gegen den Pfeiler. Hier saß über Tag das
+alte Mütterchen, das auf seinem Kohlenofen Kastanien briet. Die Erde
+war noch mit Schalen bestreut, die unter Andrees schweren Nägelschuhen
+krachten. Wie oft hatte er hier seinen Hunger gestillt, wenn er zu
+stolz gewesen war, die eigene Mutter um Essen zu bitten! Und dort,
+wenige Häuser aufwärts, war der Laden des Zuckerbäckers, dem die Moidi
+ihre Sparkreuzer hinzutragen pflegte. Er sah noch deutlich das große
+Herz von Biskuit, das erste Naschwerk, das sie sich selber gekauft.
+Sie hatte es mit ihm teilen wollen und, da er's ausschlug, in die
+Passer geworfen, obwohl sie es sehr gern gegessen hätte; denn sie
+weinte, als sie es getan hatte. Noch jetzt, da er an diese kindischen
+Tränen zurückdachte, fühlte er eine triumphierende Freude, daß er so
+viel Gewalt über ihr leichtsinniges, trotziges Herzchen gehabt hatte,
+und in demselben Augenblicke erschrak er über diese seine Freude. Er
+sprang verstört wieder auf und tappte sich vorwärts in dem öden
+Hallengang, bis er an das Haus kam, wo der Zehnuhrmesser wohnte. Die
+Haustür war unverschlossen, der Flur mit der morschen winkligen Treppe
+so dunkel, daß jeder fremde Eindringling Gefahr lief, den Hals zu
+brechen. Andree stieg auf den Zehen hinauf, er kannte jede Stufe.
+Die Fledermäuse schwirrten auf, als er oben unters Dach trat, wo der
+geistliche Herr sein Quartier hatte. Da stand er eine Weile an der
+Tür und horchte, ob er ihn drinnen im Schlaf atmen hörte. Darin
+entschloß er sich einzutreten.
+
+Das Zimmer aber war leer; auch in der anstoßenden Kammer, wo er selbst
+als Knabe gehaust hatte, fand er ihn nicht. Und als ob er sich jetzt
+erst recht von Gott und Menschen verlassen fühlte, setzte er sich auf
+das unberührte Bett und dachte von neuem an all die Jahre zurück und
+brütete über finsteren Entschlüssen.
+
+Die große Katze, die Haushälterin des Zehnuhrmessers, schlich sacht
+heran, denn sie hatte ihn wohl erkannt, und knurrte schmeichelnd um
+ihn herum. Jetzt sprang sie ihm auf den Schoß und rieb ihren weichen
+Rücken gegen seine Brust. Da stürzten ihm die Tränen mit Gewalt aus
+den Augen, und er begrub das Gesicht in das seidene Fell des alten
+Lieblings. Als er sich so erleichtert hatte, hob er das Tier sanft
+von den Knien herab, richtete sich auf und tastete die schwanke Stiege
+wieder hinunter. Denn draußen schlug es ein Uhr, und er durfte nicht
+zaudern, wenn er sein Vorhaben ungehindert ins Werk setzen wollte.
+
+Er schlug den Weg ein, den sein geistlicher Freund am Morgen hatte
+gehen wollen, nach dem Schloß hinauf, wo der Hirzer wohnte. Der
+Zehnuhrmesser war dort besonders gern gesehen; er mochte sich droben
+in geistlichen Gesprächen mit der Tante Anna oder bei einer Weinprobe
+verspätet haben und über Nacht geblieben sein. Wenigstens würden sie
+dort wissen, wohin er sich gewendet habe. So durchschritt der
+Flüchtling mit freierem Fuße die Laubengasse und das Passeirer Tor und
+betrat den steinernen Steg über die wilde Passer. Der Regen rieselte
+jetzt weicher herab, das Gewölk wurde luftiger, und der Wind kam
+lebhaft aus Nordost und klärte schon ein Stück des Himmels, daß
+schwache Mondstrahlen in die schäumenden Wellen der Felsschlucht
+fielen. Da zur Linken den Berg hinauf, eine Viertelstunde Wegs, und
+er hätte in das Fenster spähen können, hinter dem seine Schwester
+schlief. Und hier über die steinerne Brustwehr hinab--ein letztes
+Gebet und ein rascher Sprung--und er wäre aller irdischen Qual
+entrückt gewesen. Aber als ob ihm vor beiden Versuchungen gleich sehr
+graute, schritt er nun hastiger über die hallenden Steinplatten der
+Brücke und trocknete sich den Schweiß von der Stirn, als er drüben die
+Abhänge von Obermais betrat.
+
+Die Saltner riefen ihn an, als er durch Gassen und Fußpfade
+hinaufstieg. Er wechselte das Zeichen mit ihnen, stand aber nicht Rede
+auf weitere Fragen. Immer ungeduldiger sah er zu der Höhe auf, von
+der die alte Burg herniederwinkte, ein schwarzer, unförmlicher
+Steinhaufen, um den die Kastanienwipfel rauschten und ringsum durch
+die Weingärten die Bäche zu Tale flossen. Dieses Weges war Andree
+nicht mehr gegangen seit seinem siebenten Jahr, wo er einmal die
+Kinder des Hirzers droben aufgesucht hatte, im stillen danach
+verlangend, seine sanfte, blasse, schönäugige Pate zu sehen, die Tante
+Anna. Damals hatte ihn der Bauer mit unholden Worten vom Hofe
+weggescholten und ihm verboten, sich je wieder blicken zu lassen.
+Knirschend war er gegangen, und nichts hätte ihn vermocht, die
+Schwelle wieder zu betreten. Aber die Not, in der er war, ließ ihn
+all den alten Hader vergessen.
+
+Erst wie er droben war, nach mühseligen Irrwegen über die Felsen, fiel
+es ihm aufs Herz, daß er in dem Gewinkel des alten Baues nicht
+Bescheid wußte, und er stand einen Augenblick ratlos unter dem
+Bogentor, das in den untern Hof einführt. Er sah wohl die schmale
+Holzstiege, die unter freiem Himmel an der verfallenen Mauer klebte
+und die man hinaufstieg, um in die noch wohnlich erhaltenen Gemächer
+zu gelangen. Wenn er die feindseligen Männer umsonst weckte und den
+geistlichen Herrn nicht fand, in welchem Lichte mußte er dastehen, und
+was sollte er ihnen sagen, den nächtlichen Besuch zu entschuldigen?
+Sein Kopf war so wüst und leer, daß er Mühe hatte, sich alles
+zurechtzulegen. Und fast wäre er wieder umgekehrt, wenn nicht das
+Geheul des Haushundes, der droben auf der Stiege in einem Loch der
+Mauer geschlafen hatte, ihn aus aller Verlegenheit gezogen hätte.
+
+Denn kaum hatte der alte Wächter, der mit den Jahren zu träge geworden
+war, sich von der Stelle zu rühren, aber in seinem leisen Schlaf jeden
+fremden Schritt im Hofe vernahm, ein paar Minuten lang verdrossen vor
+sich hin gebellt, so öffnete sich dicht neben seinem Lager die kleine
+Tür, und eine weibliche Gestalt erschien oben auf der Treppe. Andree
+hörte, wie sie mit dem Hunde sprach und ihm seine unruhigen Träume
+verwies und den Lärm, der die Tante Anna nicht schlafen lasse. Rosine!
+rief er hinauf. Das Mädchen erschrak und trat in die Tür zurück.
+Einen Augenblick horchte sie, auch der Hund schwieg. Als zum
+zweitenmal ihr Name gerufen wurde, trat sie spähend an das
+Stiegengeländer vor. Wer ist drunten? rief sie mit zitternder Stimme.
+Bist du's, Andree?
+
+Ich bin's, gab der Jüngling zur Antwort. Ist der Zehnuhrmesser droben
+im Haus?
+
+Sie schien die Frage überhört zu haben. Im Nu war sie in das Haus
+zurückgesprungen und ließ ihn in zorniger Ungeduld drunten harren.
+Rosine! rief er überlaut, daß die Trümmerwölbungen widerhallten. Da
+trat sie schon wieder heraus, ein Tuch übergeworfen, und huschte an
+dem Hunde vorbei, die steile Treppe hinab. Andree! Ist's möglich?
+flüsterte sie, hastig auf ihn zueilend. Was suchst du hier zu dieser
+Zeit? Ist was passiert, mit der Moidi, oder-Den Zehnuhrmesser such'
+ich, unterbrach er sie. Sag, ob er oben ist, oder wo ich ihn finden
+kann.
+
+Er ist droben, antwortete sie rasch. Komm hinauf. Ich bring' dich zu
+ihm, der Vater schläft fest, niemand soll's wissen als die Tante.
+
+Auch die nicht, herrschte der Bursch. Ich habe keine Zeit übrig. Gut,
+daß du bei der Hand warst. Ich war drauf und dran umzukehren.
+
+Sie stiegen die Treppen hinauf, der Hund winselte unwirsch, aber ließ
+sie unangefochten eintreten.
+
+Ich hab' von dir geträumt, grad' eh' du kamst, sagte das Mädchen,
+während sie in der Küche, dicht neben dem Hausgang, ein Lämpchen
+anzündete. Es war schrecklich. Du lagst tot auf der Wassermauer; sie
+hatten dich aus der Passer gezogen und wollten dich wieder zum Leben
+bringen, und ich stand dabei und sagte immerfort: Laßt ihn doch, es
+hilft ja alles nichts! Und dabei wurde ich selber eiskalt übern
+ganzen Leib und erschrak vor meiner eigenen Stimme, aber ich mußte
+immer wieder sagen: Es hilft alles nichts, er ist tot--und da bellte
+der Hund, und nun stehst du lebendig neben mir, Andree, Gott sei
+gelobt!
+
+Traum kann Wahrheit werden, murmelte er zwischen den Zähnen, aber er
+wollte sie nicht noch mehr ängstigen und setzte laut hinzu: Ich lebe
+noch, Rosine, aber ich muß fort von hier, du wirst bald genug hören,
+warum. Und diese Nacht noch muß ich gehn, sobald ich den hochwürdigen
+Herrn gesprochen habe.
+
+Das Mädchen ließ die Lampe aus der Hand gleiten, daß das Öl auf den
+Herd floß. Ihr feines blasses Gesicht rötete sich heftig, und die
+schönen braunen Augen blickten verstört auf, als hätten sie ein
+Gespenst gesehn. Fort willst du? sagte sie. Ist es möglich, Andree?
+Die Moidi willst du verlassen und uns alle, und wann wirst du
+wiederkommen? Was ist denn geschehen? Hat die Mutter wieder-Schweig
+von der Mutter, fiel er ihr hastig ins Wort. Frag nicht weiter, es
+kommt alles an den Tag. Und jetzt sag, wo der geistliche Herr schläft.
+Ich habe keine Minute übrig.
+
+Sie nahm das Lämpchen mit demütigem Stillschweigen vom Herd und ging
+ihm voran, durch den reinlichen Flur, von dessen weißgetünchten Wänden
+ein paar uralte braune Heiligenfiguren, die der Tüncher geschont hatte,
+aus traurigen langgeschlitzten Augen auf sie herabsahen. Eine enge
+Steintreppe lief hinauf zu den oberen Räumen; alles war durchduftet
+von dem Geruch schöner reifer Äpfel, die droben im Winkel
+aufgeschichtet lagen. Eine alte Wanduhr tickte mit hartem
+Pendelschlag, und die Mäuse liefen, durch die nahenden Schritte
+aufgeschreckt, kollernd und rappelnd in ihre Schlupflöcher zurück.
+
+Hier! sagte das Mädchen, auf eine große altertümliche Tür zeigend.
+Sie gab dem Jüngling die Lampe in die Hand und blieb draußen im
+Hausgang stehn, bis er eingetreten war. Einen Augenblick fühlte sie
+sich versucht, das Ohr ans Schlüsselloch zu legen. Darin schüttelte
+sie traurig den Kopf und schlich die Stufen wieder hinab in die öde
+Küche, zu warten, bis er wiederkäme.
+
+Er aber stand droben eine ganze Weile in dem ungeheuren, rings mit
+dunklem Holz ausgetäfelten Saal, wo in einer Nische dem geistlichen
+Herrn ein Bett bereitet war, und konnte sich nicht entschließen, den
+friedlich Schlafenden zu wecken. Zum erstenmal fühlte er es dunkel,
+daß sein teurer Lehrer und Seelsorger nicht die Macht hatte, Stürme zu
+beschwichtigen, wie sie in seinem Gemüte tobten. Eine dunkle Angst,
+mit seinem beladenen Gewissen an eine sichere Stelle zu flüchten,
+hatte ihn hierher getrieben. Aber der Frieden, der auf diesem ruhig
+atmenden, leicht geröteten Gesichte lag, war nicht für ihn. Wozu
+sollte er seine Notklagen, da niemand ihm helfen konnte.
+
+Er zog schon den Fuß zurück, um die Halle sacht, wie er gekommen war,
+wieder zu verlassen, als der Schlafende, von der Flamme des Lämpchens
+beunruhigt, eine Bewegung machte und mit noch geschlossenen Augen vor
+sich hin sagte: Der heurige wird gut, aber der ferndige war besser.
+Schau nur fleißig zu, Andree; der rote Farnatsch-Hochwürdiger Herr,
+sagte der Bursch mit erhobener Stimme; ich bin hier und bitt' um
+Entschuldigung, wenn ich Ihre Nachtruh' störe. Aber ich möcht' doch
+nicht weggehen, ohne Abschied von Ihnen zu nehmen.
+
+Erschrocken fuhr der Träumende in die Höhe und starrte mit weit
+aufgerissenen Augen den nächtlichen Besucher an. Himmlische
+Barmherzigkeit! rief er, was ist geschehen? Andree--bist du's
+wirklich, hier oben auf Schloß Goyen, bei nachtschlafender Zeit, und
+mit einem Gesicht, mehr tot als lebendig?
+
+'s ist mir auch danach zu Mut, Hochwürden, erwiderte der Jüngling.
+Ich muß mich fortmachen, wie Kain, ich habe einen Menschen erschlagen
+und keine Ruhe mehr auf Erden.
+
+Andree! rief der entsetzte Hörer. Du hast--Das Wort erstarb ihm auf
+der Zunge; mit entgeistertem Gesicht saß er im Bette da und faltete
+mechanisch die Hände über der rotgewürfelten Decke. Der Jüngling
+erzählte mit scharfer Kürze, wie sich alles zugetragen. Von der
+Schwester sagte er kein Wort.
+
+Er schloß damit, daß er nun zunächst in einem Kloster Zuflucht suchen
+wolle und den hochwürdigen Herrn bitte, ihm eine Empfehlung mitzugeben,
+daß man ihn nicht abwiese, wenn er ohne allen Ausweis anklopfte.
+Dann schwieg er und wartete mit Ungeduld, was sein Seelsorger dazu
+sagen würde.
+
+Der aber starrte in tiefen Gedanken vor sich hin. Das geht nicht an,
+mein Sohn, sagte er endlich mit bekümmerter Miene. Die Gerichte
+werden deine Auslieferung verlangen, und da du noch keine Weihen
+erhalten hast, wirst du wieder zurückgebracht werden. Und was können
+sie dir auch so Schlimmes antun? Du warst nicht der Angreifer und
+hast im Finstern zugeschlagen, und die arme Seele des schändlichen
+Räubers kann dich nicht verklagen vor Gottes Thron. Also mein' ich,
+du gehst ruhig aufs Amt und machst Anzeige und wartest ab, was das
+Gericht dazu sagt. Denk, wenn du landflüchtig würdest, was sollt'
+deine Schwester anfangen, die keine Stütze hat als dich, wenn die
+Mutter die Augen schließt.
+
+Die Glut schoß dem Jüngling ins Gesicht, und er wandte sich ab. Es
+ist einmal nicht zu ändern, sagte er dumpf. Hier bleiben, Rede stehen,
+bestraft und bedauert werden? Lieber gleich in die Hölle fahren,
+--Gott verzeih' mir die Sünde! Wenn Sie mir nicht beistehen wollen,
+Hochwürden, so sag' ich behüt' Gott! und geh' meiner Wege. 's ist
+was--fuhr er zögernder fort--, was ich Ihnen nicht sagen kann, das
+stößt mich fort von hier, daß mir ist, als müßt' ich grad' ersticken,
+wenn ich zwischen diesen Bergen noch länger Odem holen sollt'. Und
+wenn auch alles glatt abginge beim Amt, ich bliebe doch nicht, ich
+ginge ins Kloster sowieso, da's unser Herrgott verboten hat, sich
+selbst aus der Welt zu helfen, was ich freilich am liebsten tät'.
+Aber irgendwo muß ich hin, wo ich für alle und jedermann wie tot und
+begraben bin und auch ganz vergesse, daß noch Menschen auf der Welt
+sind. Dann kann ich's vielleicht aushalten, sonst nicht, so wahr ich
+hier vor Ihnen stehe.
+
+Der Priester zog die dünnen Augenbrauen mit einem lauschenden Ausdruck
+von Wichtigkeit in die Höhe und wiegte den Kopf hin und her. Was sind
+das für secreta mysteria? sagte er mißbilligend. Auch deinem
+Beichtvater willst du's nicht sagen?
+
+Dem wohl, erwiderte der Jüngling ausweichend und immer tiefer errötend.
+Aber erst wenn ich im Kloster bin. Und darum bitt' ich inständig,
+Hochwürden, daß Sie mir zur Ruhe verhelfen und mich nicht ohne
+Empfehlung gehen lassen.
+
+Mag's drum sein, armer Sohn, sagte der kleine Priester mitleidig. Du
+hast früher einen guten Anfang gemacht in den geistlichen Studien, und
+ich meine, vom Latein wird dir noch einiges hängengeblieben sein. Ich
+will dich an den Pater Benediktus empfehlen--und er nannte ihm den
+Namen eines hoch im Vintschgau gelegenen Kapuzinerklosters, das wegen
+seiner rauhen Luft wenig besucht ward--dem sage einen Gruß von mir,
+und morgen will ich einen Brief nachschicken, der ihm deine Lage
+auseinandersetzt. Und so befehle ich dich einstweilen in den heiligen
+Schutz unsers Herrn Jesus und seiner gnadenreichen Mutter, und wenn
+dir's ums Herz ist, Andree, deine heimlichen Nöte auszuschütten, so
+weißt du, daß du mir schreiben kannst und jederzeit eine willige
+Fürsorge und Teilnahme bei mir finden wirst. Gott sei mit dir, mein
+Sohn!
+
+Er gab ihm in sichtbarer Bewegung die Hand, die der Jüngling statt
+aller Antwort ehrfurchtsvoll an seine Lippen drückte. Dann ging er
+mit erleichtertem Herzen hinweg und zog die schwere Tür sacht hinter
+sich zu.
+
+Aber so leise er den gewölbten Gang hinunterschritt--denn er scheute
+sich, obwohl er sonst keine Menschenfurcht kannte, dem alten Bauern zu
+begegnen--, unten horchten doch zwei klopfende Herzen auf seinen Tritt,
+eine schmale, blasse Hand öffnete die Tür einer Kammer, die neben der
+Küche lag, und ein zartes, frühgealtertes Gesicht spähte dem
+Lichtschein entgegen, der über die enge Steintreppe herunterfiel. Die
+Tante Anna war aufgewacht, da sie das Mädchen am Herde hantieren hörte,
+und hatte sie zu sich hereingerufen. Er will niemand sehen als den
+hochwürdigen Herrn, hatte die Rosine gesagt.--Mich wird er schon sehen
+müssen, war die leise, aber nachdrückliche Antwort gewesen. Und dann
+hatte sich die Tante mit Hilfe der Nichte in Eile angekleidet und,
+ohne weiter ein Wort zu sprechen, auf dem Lehnstuhl am Bett gewartet,
+bis der späte Gast die Stufen herabkäme. Sie hatten kein Licht in dem
+engen Gemach als den schwachen Schein des Mondes, der durch die
+kleinen Scheiben hereindrang. Das Kruzifix über dem Bett, der
+Betschemel in der Ecke, das saubere Gerät, das an den Wänden
+herumstand, alles hatte eine wehmütige Heimlichkeit, wie sie eine alte
+Jungfer um ihr Tun und Wesen zu verbreiten pflegt, wenn sie mit allen
+Lebenshoffnungen abgeschlossen hat. Diese Kammer hatte manche Träne
+fallen sehen und manches heiße Gebet flüstern hören. Und die Rosine
+sah auch jetzt, daß sich die stillen Lippen der Tante bewegten, und
+wagte nicht, ihre andächtigen Gedanken zu stören.
+
+Da erklang droben der Schritt; die Betende stand auf und trat in die
+Tür. Andree! rief sie leise in den Flur hinaus.
+
+Der Jüngling blieb unschlüssig an der Treppe stehen. Es trieb ihn,
+ohne Aufenthalt seine nächtliche Wanderung anzutreten, und doch konnte
+er nicht mit einem flüchtigen Gruß vorübereilen, zumal da er diese
+stillen, liebevollen Augen nie im Leben wiederzusehen dachte. Ihr
+seid wach, Pate, sagte er endlich. Ich bat die Rosine doch-Ich bin
+voll selbst aufgewacht, antwortete sie. Aber komm herein, Andree--und
+sie zog ihn in die Kammer? Und jetzt sage mir, was du vorhast, und
+was geschehen ist, daß du zu dieser Stunde hier heraufkommst. Bist du
+nicht auch Saltner unten am Küchelberg, und wie kommt's, daß du deinen
+Posten verlassen hast?
+
+Sie hatte seine Hand gefaßt und diese Worte hastig an ihn
+hingesprochen, als wollte sie eine innere Angst zur Ruhe sprechen. Er
+sah trübsinnig zu Boden und überlegte, wie viel er ihr vertrauen
+sollte. Seit Jahren hatte er nicht mehr ein Wort mit ihr gewechselt,
+aber viel an sie gedacht und sehnlich gewünscht, sie einmal allein zu
+treffen und ihr recht von Herzen zu sagen, wie er an ihr hänge, und
+wie es ihm bitter sei, sie vermeiden zu sollen. Und jetzt fühlte er,
+wenn er sein heimliches Leiden irgend einem Menschen vertrauen könnte,
+so wäre es niemand als sie. Aber die Rosine stand am Fenster, und die
+Zeit drängte, und überdies--was sollte es helfen? Auch diese Heilige
+hatte keine Macht, ihm den Frieden wiederzugeben.
+
+Pate, sagte er, der hochwürdige Herr wird Euch morgen alles erzählen,
+um was ich ans der Gegend fort muß. Ich war ein elender Mensch von
+Geburt an, ohne Vater und Mutter, ohne Glück und Stern. Es ist das
+beste, daß ich der Welt absterbe, ehe ich auch ein schlechter Mensch
+geworden bin. Und darum will ich in ein Kloster gehen, und es ist mir
+lieb, daß ich Euch noch vorher gesehen habe; denn ich habe allezeit
+eine große Liebe und Verehrung zu Euch gefühlt, und der Himmel weiß,
+es stünde wohl besser um mich, wenn ich Euch öfter hätte sehen und
+sprechen dürfen. Denn bei Euch ist mir allein auf der ganzen Welt
+friedfertig und stille zu Mut gewesen, und ich dank' Euch, Pate, daß
+Ihr mich damals, da ich ein hilfloses Kind war, aus der heiligen Taufe
+gehoben habt, und bitte, daß Ihr für mich beten wollt auch in Zukunft,
+damit sich der Herrgott meiner erbarme. Denn wahrlich, ich habe es
+nötig.
+
+Damit drückte er ihre Hände und wollte mit einem Behüt' Euch Gott! aus
+der Kammer. Aber die Alte hielt ihn zurück und sagte: Ins Kloster?
+Und ich soll dich nimmer wiedersehen? Ich muß alles wissen, Andree.
+Geh hinaus, Rosine; hol ihm auch ein Glas Wein, er ist ganz blaß und
+kalt wie der Tod. Heilige Mutter Gottes, was ist geschehen?
+
+Schickt die Rosine nicht weg, Pate, erwiderte er ängstlich, denn er
+fühlte, wenn er mit der Alten allein bliebe, würde sie ihm das
+innerste Herz auf die Zunge locken, so viel vermochte über ihn die
+sanfte Stimme und das große schmerzliche Auge. Seid mir nicht böse,
+fuhr er fort, aber Ihr könnt nichts ändern, und wenn ich denken müßte,
+daß ich auch Euch das Herz schwer gemacht hätte mit meiner Trübsal,
+würde ich noch elender sein. Aber wenn Ihr mir was Liebes tun wollt,
+legt mir die Hand aufs Haupt und gebt mir Euren Segen mit, weil es ein
+Abschied ist für die Ewigkeit.
+
+Er warf sich vor ihr auf die Knie, und sie tat, um was er sie gebeten
+hatte. Dann hob sie ihn auf, und wie sie ihm mit Tränen in das blasse
+Gesicht sah, hielt sie sich nicht zurück, zog ihn fest in ihre Arme
+und küßte ihn lange und heiß auf Mund und Augen, daß auch er wie ein
+Kind in Schluchzen ausbrach. Sie standen eine geraumie Weile in
+dieser inbrünstigen Trauer, und über der Wohltat, sich so zu halten
+und zu haben, vergaß die Alte ganz, was kommen sollte, und der
+Jüngling, was hinter ihm lag.
+
+Pate, sagte er endlich, ich werd's nie vergessen, wie gut Ihr zu mir
+gewesen. Vergeßt auch Ihr mich nicht, und so sei's genug. Die Hähne
+krähen bald. Ich darf nicht weilen.
+
+Andree, mein armes Kind! hauchte die Alte und sank in den Sessel
+zurück, als er über die Schwelle schritt. Plötzlich fuhr sie auf, ein
+Gedanke schoß ihr durch den Sinn, sie rief seinen Namen, als hätte sie
+ihm noch etwas mit auf den Weg zu geben; dann fiel ihr Blick auf das
+Kruzifix über dem Bett, sie stand still, wie plötzlich vor einer
+drohenden Gefahr zurückbebend, schüttelte traurig den Kopf und ging
+mit müden Schritten ans Fenster, um durch die Nacht zu spähen, ob sie
+seinen Weg verfolgen könnte. Ins Kloster! sprach sie vor sich hin.
+Barmherziger Gott, dein Wille geschehe!
+
+Draußen unter der Haustür im Dunkeln stand die Rosine, die vorhin aus
+der Kammer geschlichen war. Andree, sagte sie, als der Bursch sich
+ihr näherte, du bist ja ohne Hut und in der Saltnerjacke. Ich habe
+dir ein Gewand von meinem Bruder geholt und einen alten Hut von ihm.
+Er ist in Innsbruck und braucht's nimmer.
+
+Der Jüngling griff hastig nach der Lodenjoppe und vertauschte sein
+Lederwams dagegen. Ich dank' dir, Rosel, sagte er. Auch du bist gut,
+du bist wie die Tante. Denk fein an mich, wenn ich fort bin. Die
+Sachen da schick' ich bald einmal zurück.
+
+Das Mädchen schwieg, bis sie ihre ausbrechenden Tränen wieder
+bezwungen hatte. Weiß es die Moidi? sagte sie endlich.
+
+Nein. Du kannst es ihr sagen, Rosel. Grüß sie noch ein letztes Mal
+und dann--gute Nacht für immer, Rosel!
+
+Und er schritt, ihre zitternde Hand flüchtig berührend, die Freitreppe
+an der Mauer hinunter, eilte über den düsteren Hof und verschwand in
+der lautlosen Nacht, die nun klar und abgekühlt über Bergen und
+Schluchten stand und einen heiteren Morgen ankündigte.
+
+In aller Frühe sah man den Zehnuhrmesser eilfertig von Schloß Goyen
+heruntersteigen, die Rosine mit ihm, die der Tante Anna über das
+blutige Abenteuer der Nacht nähere Nachrichten und der Moidi den
+letzten Gruß des Entflohenen bringen sollte. Sie fanden unten in
+Meran keine geringe Aufregung, das Landvolk stand auf der Straße
+beisammen und wechselte feindselige Reden gegen die Soldaten, und
+Andrees Name war auf aller Lippen. Wo sich eine Uniform blicken ließ,
+wurde das Gespräch leiser, aber die Blicke wilder und die Fäuste
+drohend geballt.
+
+Der kleine Mann des Friedens setzte seinen Weg mit wachsender
+Bekümmernis fort. Aber sein Gesicht heiterte sich wieder auf, als er
+bei den Kapuzinern hörte, daß der Welsche nicht tot sei, vielmehr nach
+stundenlanger Ohnmacht Augen und Lippen wieder geöffnet habe, und daß
+der Arzt alle Hoffnung gebe, ihn nächstens wieder marschfertig auf die
+Beine zu stellen. Auch der Bescheid, den er auf der Kommandantur
+erhielt, war befriedigend. Man war dort sehr geneigt, die Sache
+niederzuschlagen, falls der Flüchtling sich einstweilen im Kloster
+still verhalten oder gar Profeß tun würde. Eine schärfere Mannszucht
+sollte die Wiederkehr ähnlicher böser Händel verhüten. Der
+Spießgesell des Welschen saß im Arrest; der Bauer, dem das Weingut
+verwüstet war, sollte entschädigt werden. Und so ließ sich alles
+tröstlich und versöhnlich an, und der sorgenvolle Menschenfreund
+konnte der Tante Anna gute Zeitung schicken und zwei schöne und
+erbauliche Briefe ins Vintschgau hinauf entsenden, den einen an seinen
+Freund, den Prior, den andern an sein Beichtkind, dem er ernstlich ins
+Gewissen sprach, falls er sich mit schwerer Sünde belastet fühle,
+nicht zu säumen, sondern dem geistlichen Freunde seiner Jugend in
+einem umgehenden Schreiben offene Beichte abzulegen.
+
+Ein solches Schreiben aber blieb nicht nur in nächster Zeit, sondern
+alle Wochen und Monate hindurch beharrlich aus. Vom Prior freilich
+lief bald darauf eine freundschaftliche Antwort ein, des Inhalts, daß
+der Andree Ingram richtig eingetroffen, auch bereits in die Laienkutte
+gesteckt sei, da er seinen Entschluß, im Kloster zu leben und zu
+sterben, auf die dringendste Art wiederholt ausgesprochen habe. Ein
+späterer Brief, erst um Weihnachten geschrieben, erwähnte nur kurz,
+daß sich der Noviz Andreas zu aller Zufriedenheit aufführte,
+schweigsam und bescheiden seinen Dienst tue und in den Stunden der
+Muße in den Klosterbüchern studiere, zu einem Schreiben an die
+Seinigen aber nicht zu bewegen sei. Von einem gebeichteten Geheimnis
+stand natürlich in dem geistlichen Briefe nichts zu lesen.
+
+Über diese Zeitung schüttelte der kleine Hilfspriester nachdenklich
+den Kopf, die Tante Anna schloß sich einen ganzen Tag in ihre Kammer
+ein, um ungestört unter Fasten und Gebet das Seelenheil ihres
+Patenkindes dem Himmel zu empfehlen, Rosine ging mit geröteten Augen
+und abwesenden Gedanken im Hause herum, selbst die Mutter, die
+schwarze Moidi, verriet, daß sie eine menschliche Regung fühlte und
+sich im stillen über ihre Härte und Bosheit gegen den armen
+Ausgestoßenen anklagte. Nur die Schwester selbst, die doch am meisten
+an ihm verlor, schien am wenigsten um sein Schicksal bekümmert zu sein.
+Sie behauptete, es sei ihr zum Totlachen, wenn sie sich den Andree
+in der Kutte mit geschorener Platte vorstellen solle. Auch könne
+sie's nicht glauben, daß er wirklich im Kloster hause. Er habe gar
+keine geistliche Gemütsart, und das alles sei nur ausgedacht, um dem
+Militärgericht Sand in die Augen zu streuen. Er werde drohen im
+Vintschgau sitzen, Gemsen schießen und neuen Wein trinken, und eines
+schönen Tages wieder zum Vorschein kommen, ohne langen Kapuzinerbart
+und so weltlich, als er gegangen sei.
+
+Der Weihnachtsbrief des Priors machte sie zuerst stutzig. Drei Tage
+lang ging sie herum, ohne zu lachen, und setzte sich endlich hin, dem
+Bruder einen Brief zu schreiben, der voller Possen war, aber zum
+Schluß die ernsthafte Mahnung enthielt, bald wiederzukommen, da sie es
+"sehr notwendig nach ihm habe". Sie zeigte den Brief der Rosine, mit
+der sie jetzt öfter zusammenkam; denn seit der Andree ins Kloster
+gegangen, hatte der Bauer auf Goyen nichts mehr einzuwenden gegen den
+Verkehr seiner Kinder mit dem einsamen Mädchen, das ihm ganz
+gleichgültig war. Rosine las den Brief stillschweigend und legte ihn
+wieder hin. Er war ihr lange nicht herzlich genug. Wenn er darauf
+nicht kommt, sagte die Moidi, so muß er einen Schatz haben, droben in
+den Vintschgerbergen.--Wo denkst du hin? erwiderte die andere. Der
+Bote von Algund hat ihn selbst in der Kutte gesehen.--Moidi wurde blaß.
+Wenn's wirklich wäre, ich grämte mich halbtot, sagte sie. Dann wäre
+niemand dran schuld als--die Mutter, wollte sie sagen; aber sie
+schwieg. Denn sie hörte die Alte im Nebenzimmer husten und stöhnen, da
+sie von einem jähen Fall auf dem Glatteis schwer daniederlag. Es
+waren böse Tage, und jede Nacht kam das Fieber und lockte wilde,
+wunderliche Reden aus ihr heraus, über denen ihr Kind glücklicherweise
+einzuschlafen pflegte. Der Zehnuhrmesser sprach fleißig vor, auch die
+Tante Anna stieg, da es sich auf das Frühjahr verschlimmerte, einige
+Male den Küchelberg hinauf. Dann ging ihr Neffe, der Hirzerfranz, der
+wieder von Innsbruck zurückgekehrt war, bis an die Tür des kleinen
+Hauses mit, und während sich die Alten drinnen besprachen, führte er
+in der üblichen Weise ansehnlicher junger Burschen einen nachlässigen
+Diskurs mit der blonden Moidi, die viel dabei zu lachen fand, obwohl
+alles von seiner Seite ganz ernstlich gemeint war. Moidi, sagte die
+Rosine eines Tages zu ihr, ist's wahr, daß du mit dem Franz im reinen
+bist? Er sagt's, und ich würde es ja gewiß wünschen, aber ich weiß
+nicht, ich kann es nicht glauben.--Warum nicht? sagte die Moidi
+trutzig und strich sich mit gleichgültiger Miene die Haare hinters Ohr.
+Einen muß ich doch einmal nehmen, und der Franz ist so gut wie ein
+anderer. Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, und du weißt,
+Rosel, ich kann nicht fort von der Mutter. Mir eilt's auch gar nicht,
+'s ist nur so langweilig auf der Welt, seit der Andree fort ist, und
+wenn der Franz kommt und mir was Neues erzählt, oder auch nur da auf
+die Bank hinsitzt und mich verliebt anschaut und sich dabei die
+Nasenspitze fast verbrennt mit dem Pfeifel, hab' ich doch dabei was zu
+lachen.
+
+Die andere hörte das still mit an. Sie begriff nicht, wie einem die
+Liebe so lustig vorkommen könne.
+
+Darüber ward es Frühling, die Wiesen waren längst wieder grün, die
+Kastanienbäume trugen frische Sprossen, und die Passer rauschte mit so
+hohen Schneewassern unten am Damm vorbei, daß man den Lärm bis oben in
+dem kleinen Hause auf dem Küchelberge donnern hörte und die letzten
+Nächte der schwarzen Moidi auch für ihre arme Tochter schlaflos
+vergingen. Sie hatte dem Bruder nicht gemeldet, daß es mit der Mutter
+trübselig stehe. Sie wußte, er werde doch nicht kommen, und auch die
+Mutter bezeigte kein Verlangen, ihn vor ihrem Ende noch einmal zu
+sehen, obwohl sie seinen Namen in ihren Fieberträumen oft genug nannte.
+Ja, er war fast das letzte Wort, das von ihren Lippen kam, als sie
+in einer stürmischen Aprilnacht nach schwerem Kampfe verschied.
+
+Ihrem Kinde graute, mit der Toten die einsame Wohnung zu teilen. Sie
+drückte ihr die Augen zu, betete ein paar Vaterunser und den
+englischen Gruß und schlich dann hinaus mit klopfendem Herzen in die
+gewitternde Frühlingsnacht. Da stand sie droben und sah in das weite
+Etschtal hinaus, wo über den hochgehenden Strömen das wetterleuchtende
+Nachtgewölk hinjagte, und fühlte sich so armselig und allein, daß sie
+in bitterliches Weinen ausbrach. Ein heftiger Zorn auf Andree überkam
+sie. Er konnte jetzt wohlgeborgen in seiner Klosterzelle sitzen und
+die hilflose Schwester, die niemand in der Welt lieber hatte als ihn,
+unter allen Schrecken und Nöten ihres jungen Lebens allein lassen!
+--Der Regen rauschte stärker herab, und der Wind strich kalt um die
+freien Berglehnen. Zitternd tappte das verwaiste Mädchen an den
+Wänden entlang bis in, den Schuppen, wo Andree als Knabe sein Lager
+gehabt hatte. Da in der Finsternis legte sie sich auf dieselbe Stelle,
+und wie sie daran dachte, mußte sie heftiger weinen und schlief
+endlich schluchzend, hungrig und in abergläubischem Grauen vor der
+Nähe der toten Mutter auf dem Maisstrohlager ein.
+
+Aber sie verschlief mit dem Leichtsinn ihrer achtzehn Jahre alles, was
+sie quälte, und als sie spät am andern Morgen aufwachte, mußte sie
+sich erst besinnen, daß die Mutter wirklich gestorben war. Auch
+konnte sie, so gern sie es gewollt hätte, keine rechte Trauer
+erschwingen, nur ein unheimliches Gefühl hielt sie lange zurück, die
+Tür zu öffnen und das Haus wieder zu betreten. Sie fand aber drinnen
+den Zehnuhrmesser und ihre Freundin, die Rosine, und war froh, daß ihr
+alle weitere Sorge abgenommen wurde. Am Tage nach dem Begräbnis
+sonnte sie sich schon wieder auf der Bank vor dem Hause und lachte
+hell auf über ihre jungen Katzen, die sich mit einem Maiskolben auf
+dem Boden herumtummelten. Vierzehn Tage später saß sie im leichten
+Wägelchen neben der Rosel; der Franz auf dem Bock kutschierte; sie
+fuhren die Vintschgauerstraße hinauf, und wer ihnen begegnete, stand
+still, um dem schönen blonden Mädchen nachzusehen, das in
+Trauerkleidern dahinfuhr, aber die lustigsten Augen von der Welt in
+der grünen Frühlingslandschaft herumschweifen ließ.
+
+Erst als sie das alte Kloster droben am Berg liegen sah, auf einem
+kahlen, dunklen Granitkegel, ringsum nur spärlicher Baumwuchs, und die
+Schlucht dahinter schon am frühen Nachmittag schwarz und schauerlich
+wie ein Tor der Hölle, wurde sie still und ernsthaft und sprach kein
+Wort mehr mit der Rosine, die nicht minder schweigsam zu dem
+schwalbenumflogenen Glockenturm emporsah. Ein armes Dorf lag unten am
+Fuß des Abhangs, nicht mehr mit edlen Kastanien, Weingärten und
+Feigenbäumen so lustig umwachsen wie die Dörfer um Meran. Auch das
+fiel der Moidi aufs Herz. Sie war nie eine Tagereise weit von Hause
+entfernt gewesen und hatte sich die Welt je weiter weg, je herrlicher
+vorgestellt. Ganz blöde und traurig stieg sie vom Wagen herab, als
+sie vor der Tür der unsäuberlichen Dorfschenke hielten. Sie mochte
+nicht erst hinein, sondern trieb die Rosine, sogleich mit ihr den
+Bergweg hinaufzugehen, um den Bruder noch vor der Nacht zu sprechen.
+Franz blieb bei den Pferden zurück. Er war dem Andree schon früher
+lieber aus dem Wege gegangen, als daß er ihn gesucht hätte.
+
+So gingen die Mädchen allein, ihren gleichen, bequemen Bauernschritt,
+sich an der Hand fassend, aber beide den Kopf gesenkt und ohne ein
+Wort zu wechseln. Nur als sie dem grauen alten Kloster so nahe
+gekommen waren, daß sie das Gras sehen konnten, das auf dem Dache
+wuchs, stand die Moidi plötzlich still, blickte wie ein furchtsames
+Kind die kahlen Mauern an und sagte tief atmend: Möchtest du da hausen,
+Rosel?--Ihre Freundin schüttelte nur den Kopf.--Das Herz würde mir's
+abdrücken, fuhr die andere fort; nichts Grünes herum, keine Weinrebe,
+kein Kornfeld. Du wirst sehen, es ist nicht wahr, daß er den Winter
+über hier gewesen ist. Wir finden ihn gar nicht. Wer weiß, wo er
+steckt in der weiten Welt!
+
+Auch darauf erwiderte die Rosine nichts. Sie wußte nur zu gut, daß
+sie ihn finden würden, und fürchtete sich davor, ohne recht zu wissen,
+warum. Als sie oben am Klostertor die Glocke läuteten und den Bruder
+Pförtner nach dem Andreas Ingram fragten, nickte der Alte und sah die
+hübschen Kinder forschend an. Er soll herauskommen, warf die Moidi
+rasch hin. Es sei ein Bote da von Meran. Aber sagt ihm nicht, wer.
+
+Sie setzten sich auf eine steinerne Bank neben der Pforte und warteten.
+Es ist richtig, Rosel, er ist doch hier; wie er's nur überstanden
+hat! sagte die Schwester. Sie strich sich mit den Händen über die
+Stirn, die ihr glühte, und machte sich an ihrem Anzug zu schaffen, um
+ihre Unruhe zu verbergen. Die Rosine saß still an die Mauer gelehnt,
+beide Hände im Schoß, die Augen zugedrückt, als blende sie das
+Abendrot drüben an den Berggipfeln.
+
+Da klang die Pforte wieder, und mit einem Schrei: Andree, grüß dich
+Gott, ich bin's! stürzte die Moidi dem Heraustretenden an den Hals.
+In demselben Augenblick fuhr sie aber erschrocken zurück. Er war es
+und war es doch nicht mehr; der eine Winter schien ihn um zehn Jahre
+gealtert zu haben. Auch blieb er sprachlos vor ihr stehen und sah sie
+unverwandt mit finstern, angstvollen Augen an, als warte er, daß sie
+in den Boden versinken möchte wie ein Spukbild, oder er selber aus
+einem Traume erwachen. Sie hatte sich's wohl spaßhaft gedacht, ihn zu
+necken, wenn sie ihn wirklich in der Kutte sähe. Jetzt war ihr das
+Weinen näher als das Lachen.
+
+Andree, sagte sie endlich, du schaust mich so wild an. Hab' ich's
+ungeschickt gemacht, daß ich selber gekommen bin? Da ist auch die
+Rosel; sagst du ihr nicht einmal "grüß Gott"? Der Franz hat uns
+gefahren; morgen wollen wir wieder heim, es ist so wüst und traurig
+hier herum, wie hast du's nur ausgehalten? Freilich, man sieht dir's
+auch an, ganz hager und blaß bist du worden, als hättst du schon
+einmal unterm Rasen gelegen. Aber es wird schon wieder werden, die
+Luft ist hier so herb, du mußt nun wieder nach Meran kommen, der
+Zehnuhrmesser will's auch dein Herrn Prior schreiben, das Jahr ist ja
+noch lang nicht um, und dann wohnst du in unserm Häusel droben, denn
+du weißt noch nicht, Andree, die Mutter ist tot.
+
+Während sie sprach, hatte sich ihre Beklommenheit wieder gelöst und
+ihre Züge erheitert, daß es wunderlich war, wie sie das letzte, die
+Todesnachricht, fast mit lachendem Munde vorbrachte. Er schien sich
+ebenfalls gesammelt zu haben und sagte jetzt mit seinem alten Ton: Ich
+danke dir, Moidi, daß du selbst gekommen bist, und dir auch, Rosine.
+Aber daß die Mutter tot ist, ändert die Sache nicht, und heimkommen
+und wieder in Meran leben, daran ist kein Gedanke, eher daß ich noch
+weiter wegkomme, in ein Kloster drüben in Italien, oder gar nach
+Frankreich hinein. Denn du hast freilich recht, die Luft hier taugt
+mir nicht.
+
+Er sah düster und scheu vor sich hin auf den grauen Felsboden.
+
+Andree, fing sie wieder an, du darfst nicht so sprechen, wenn du mich
+nicht ganz traurig machen willst und böse dazu. Ich hab' gar keine
+Freud' gehabt ohne dich den ganzen Winter, und jetzt, sobald ich
+gekonnt hab', hab' ich alles im Stich gelassen und bin zu dir gereist,
+und nun sprichst du von Weggehen nach fremden Ländern, als wenn ich
+dich gar nichts anging'. Wenn ich so Reden von dir hör', könnt' ich
+fast denken, die Mutter hätt' recht gehabt, als sie im Fieber immer
+vor sich hin redete, du seist gar nicht ihr Kind, sie hätt' dich ja
+nur einer andern abgenommen, um mit einem sauberen Buben Staat zu
+machen, da sie selber so wüst war. Ja denk, davon konnte sie halbe
+Stunden lang reden, und wenn ich sehen muß, wie wenig du auf mich
+hältst, fang' ich wahrhaftig an zu fürchten, du wärst gar mein Bruder
+nicht, weil du so hartherzig zu mir sein kannst.
+
+Er war unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten und starrte sie mit
+weit aufgerissenen Augen an. Moidi! stammelte er mit schwerer Zunge,
+ist das wahr? Kannst du's beschwören, daß das wahrhaftig der Mutter
+Reden gewesen sind?
+
+Sie suchte seine Hand zu ergreifen und wurde von neuem traurig, als er
+sie ihr hastig entzog. Er warf einen scheuen Blick auf Rosine, die
+vor dem Bänkchen stehen geblieben war, um die beiden erst allein sich
+unterreden zu lassen. Dann sah er wieder die Moidi mit einem Blicke
+an, der sie zittern machte. Rosel, sagte er jetzt, ich hab' mit der
+Moidi was zu sprechen, wir sind gleich wieder zurück.--Damit winkte er
+der Schwester, daß sie mit ihm gehen solle, schritt eilig um die Ecke
+der hohen Klostermauer und trat durch eine andere Tür in einen
+Krautgarten, wo nur drüben unter den Apfelbäumen ein dienender Bruder
+grub und pflanzte. Sein Wesen war plötzlich verwandelt, sein Gesicht
+glühte über und über, er schien wieder um zehn Jahre verjüngt und
+schritt rüstig aus, wie damals, als er unter den Weinlauben die Wacht
+hatte.
+
+Jetzt, da sie allein in dein Gärtchen standen, wandte er sich zu ihr
+um. Moidi, sagte er mit zitternder Stimme, sag das alles noch einmal,
+was du von der Mutter gehört hast, alles, und so lieb dir deine
+Seligkeit ist, tu nichts davon, noch dazu; Tod und Leben hängen daran.
+
+Er hatte jetzt ihre Hand ergriffen und drückte sie fieberhaft. Ich
+weiß nicht, wie wunderlich du redest, sagte sie gelassen. Was ist es
+denn, wenn sie es auch gesagt hat? Und gesagt hat sie's freilich,
+Wort für Wort und mehr als einmal. Aber du weißt ja, daß sie einen
+Haß auf dich hatte. Vielleicht hat sie's nur gesagt, damit du keinen
+Teil an der Erbschaft bekämst, weil sie mir alles allein gönnte.
+Vielleicht war's auch nur so ein Geschwätz, weil sie Reue hatte über
+das Böse, das sie dir ihr Lebtag angetan. Sie hat sich selber
+einreden wollen, du wärst ein fremdes Kind gewesen, weil sie dich
+nicht wie ihr eigenes gehalten hat. Was liegt aber daran?
+
+Besinne dich, drängte er; hat sie nicht gesagt, wer ihr das Kind
+übergeben hat? Ist kein andrer dabei gewesen, als sie's gesagt hat?
+War's immer im Fieber, oder auch wenn sie nachts aufgewacht ist und
+geglaubt hat, du schliefest, und sie sprach dann mit sich selbst, wie
+sie ja auch sonst getan hat, als der Vater noch lebte?
+
+Wer dich zu ihr gebracht hat? Nein, davon hat sie nie geredet,
+erwiderte das Mädchen und suchte sich ernsthaft auf alles
+zurückzubesinnen. Aber wart, es fällt mir ein, daß der Zehnuhrmesser
+einmal an ihrem Bette gesessen ist, als sie grad' wieder so irre
+sprach, und da ist sie aufgefahren und hat ihre Kleider begehrt, sie
+wollte zum Herrn Dekan hinunter, zum Gericht, bis an den Kaiser wollte
+sie gehen, daß es überall ausgerufen würde, du seiest nicht ihr Sohn.
+Ich kam aus der Küche hereingelaufen, da sah ich, wie der hochwürdige
+Herr ganz erschrocken bei ihr stand und sie zurückhielt, und als er
+mich eintreten sah, hat er sich zu ihr niedergebeugt und ihr lange was
+ins Ohr gesagt, was ich nicht hab' verstehen können; darauf ist sie
+still geworden. Ob es im Fieber gewesen war oder sonst so in der
+Einbildung, was kann es dich kümmern, Andree? Und wenn's wirklich so
+wäre, mußt du mich darum nimmer liebhaben? Sind wir nicht doch wie
+Bruder und Schwester gewesen, seit wir denken können, und nun wär's
+auf einmal aus mit uns beiden? Schau, Andree, ich könnt' mich nit so
+ändern. Und wenn's der Kaiser selbst ausrufen ließe, wie's die Mutter
+gewollt hat, du bliebst doch allezeit mein Bruder, und das Häusel wär'
+dein und der Weinberg und alles. Zudem, ich werde doch nicht da
+wohnen bleiben. Denn du mußt nur wissen, ich hab' mich mit dem
+Hirzerfranz versprochen, und auf den Herbst halten wir Hochzeit, und
+ich wohne dann droben auf Goyen. Du bist doch nicht bös darüber, daß
+ich dich nicht erst gefragt hab'.
+
+Sie wagte ihn nicht anzusehn, als sie das sagte, sie wußte selbst
+nicht warum, aber es schien ihr in diesem Augenblick wie eine schwere
+Sünde, daß sie dem Franz ihr Wort gegeben, und sie hätt' es gern
+ungeschehen gemacht; denn sie wußte ja, daß er mit ihrem Bruder nicht
+gut Freund war. Sie stand zitternd und demütig wie ein Kind, das
+gescholten zu werden erwartet. Doch als er immer noch schwieg, wurde
+es ihr nur banger und trauriger ums Herz. Sie hätte lieber gescholten
+sein wollen, und sich dann verteidigen und ihn endlich wieder gut
+machen. Aber die tödliche Stille zwischen ihnen war ihr schauerlich,
+und endlich traten ihr die großen Tropfen in die Augen und rollten
+über das junge Gesicht. Da brach er das Schweigen.
+
+Moidi, sagte er, hast du's gern getan, oder haben sie dir so lange
+zugeredet, ihn zu nehmen, bis du endlich ja gesagt hast?
+
+Sie sah schüchtern und immer noch weinend zu ihm auf Ach Andree, sagte
+sie, verzeih mir's nur. Ich weiß selber nicht, wie es gekommen ist.
+Sie haben mich nach Goyen hinaufgeholt, als die Mutter tot war, und da
+hab' ich bei der Rosel geschlafen und war wie 's Kind im Haus. Und
+die Tante Anna hat auch gesagt, der Franz wär' ein braver Bursch, und
+wenn ich ihn nähm', wär's für alle das beste, zumal da er so unsinnig
+vernarrt tut, und du warst ja nicht da, daß ich dich hätte fragen
+können.
+
+Und wenn ich nein gesagt hätte, würdst du dich daruin gegrämt haben?
+fragte er hastig.
+
+Sie legte ihre Arme um seinen Hals und sah ihn mit rührender
+Heiterkeit und Liebe an. Ich hab'ihn ja nicht so lieb wie dich, sagte
+sie, und tu' lieber, was du mir sagst, als was er von mir bittet. Nun
+ist es ein mal so gekommen, Andree, und es gäb' eine neue
+Todfeindschaft, wenn ich jetzt käm' und sagte: Ich mag ihn nicht. Sei
+nur wieder gut und komm selber herüber, die Tante Anna läßt dich so
+vielmals schön grüßen und es verlangte sie sehr, daß du kämst, sie
+hätt' dir viel zu sagen, und ich mein', so heilig sie ist, wär' sie
+doch gar froh, wenn du die garstige Kutte wieder auszögst, in der du
+gar nimmer wie der schmucke Andree ausschaust, der du ehemals gewesen
+bist. Tu mir's zulieb', ich hab' doch keine Freud', wenn ich denken
+muß, du lebst hier so traurig, und wenn dir was zustößt, Krankheit
+oder so, bin ich nicht da, für dich zu sorgen. Versprich mir's,
+Andree, daß du wenigstens zur Hochzeit hinunterkommen willst und alles
+mit der Tante bereden.
+
+Sie streichelte ihm bei diesen Worten zutraulich das Gesicht, und er
+duldete es mit eingedrückten Augen, während ein leises Zittern seines
+Mundes den inneren Kampf verriet. Kein Wort mehr jetzt! brach er
+endlich schweratmend heraus. Ich komme morgen früh ins Wirtshaus
+hinunter, dich noch einmal zu sehn. Dann sag' ich dir, was werden
+soll. Tu deine Hände weg von meinem Gesicht. Sei guten Muts, Moidi.
+Es wird alles werden, wie Gott will. Hab gute Nacht!
+
+Er sah sie nicht mehr an, sondern entzog sich ihr rasch, ging durch
+den kleinen Garten den Klostergebäuden zu und verschwand in der Tür,
+ohne nur nach ihr umzublicken. Sie aber sah ihm nach in schweren
+Gedanken und dachte an die wenigen Worte, die er zu ihr gesagt, ob sie
+nicht erraten könne, wie er es meine, und was er vorhabe.
+Kopfschüttelnd und in großer Betrübnis verließ sie endlich den Garten
+und suchte die Rosel wieder auf, die in ängstlichem Kummer draußen
+gewartet hatte. Daß die Moidi allein kam, der Andree nicht einmal
+daran dachte, ihr eine gute Nacht mitzugeben, schnitt ihr durchs Herz.
+
+Ich weiß nicht, was er hat, sagte die Blonde. Ich hab's wohl gewußt,
+ihm ist's nicht halb recht, daß ich den Franz nehme. Aber was soll
+ich machen? Morgen in der Früh will er hinunterkommen und mir
+Bescheid sagen. Er hat mich kaum angeschaut, und von Heimkehren will
+er nichts wissen. Wenn ich nur wüßt', warum ich mir's so annehmen
+muß? Ich könnt' ihn ja machen lassen und auch tun, was ich will, ohne
+ihn zu fragen. Aber ich bin's so gewohnt gewesen, solange ich denken
+kann, und er war immer gut zu mir. Ach, warum hat alles so kommen
+müssen!
+
+In solchen fruchtlosen Reden stiegen sie miteinander den Berg hinab,
+und der Rest des Tages verging beklommen und einsilbig.
+
+Der Franz war nie ein großer Redner gewesen, und was mit dem Andree
+geschehen würde, kümmerte ihn nicht im geringsten. Er rauchte und
+trank noch wohlgemut mit den wenigen Bauern in der Schenkstube, als
+die Mädchen schon lange in ihren Betten lagen.
+
+Freilich schlief nur die eine, die Moidi. Rosine tat die ganze Nacht
+kein Auge zu.
+
+Als der Tag noch lange nicht graute, hörte sie einen Schritt draußen
+über den Hof kommen und sich dem niedern Fenster ihrer Schlafkammer
+nähern. Die Hunde schlugen an, wurden aber sogleich beschwichtigt.
+Ihr klopfte das Herz, und sie sprang eilig aus dem Bett in banger
+Ahnung. Die Moidi schlief ruhig fort.
+
+Die Schritte hielten richtig am Fenster still, und eine Hand pochte
+leise an die Scheiben. Moidi! rief die wohlbekannte Stimme.
+
+Ich bin wach, Andree, erwiderte das Mädchen verstohlen; die Moidi
+schläft noch. Soll ich sie wecken?
+
+Tu's, Rosel. Sie soll sich fertig anziehen und geschwind machen; ich
+hab' ihr noch viel zu sagen, eh' ihr heimfahrt.
+
+Eine Viertelstunde verging, dann öffnete sich leise die hintere Tür
+der Schenke, und die Moidi trat heraus, das Gesicht zwischen
+Verschlafenheit, Neugier und Furcht gegen den Bruder gewendet. Guten
+Tag, sagte sie. Du kommst aber früh. Wenn du nur Gutes bringst,
+Andree, wird's mich schon munter machen.
+
+Tu deinen Mantel um, sagte er statt aller Antwort. Es ist frisch, und
+du bist die Luft hier nicht gewohnt. Wir wollen ein paar Schritte
+weit gehen.
+
+Sie gehorchte willig und trat lachend in der winterlichen Vermummung
+wieder zu ihm hinaus. Das Schweigen ringsum, der fremde Ort, die
+nächtliche Öde über den Bergen, der Bruder ihr gegenüber in der
+Kapuzinerkutte, alles kam ihr abenteuerlich vor und weckte ihre alte
+Lachlust. Sie zog einen Zipfel des faltigen Mantels über den Kopf.
+Jetzt bin ich deine Kapuzinerin, sagte sie und nickte ihm mutwillig zu.
+Er faßte ihre Hand und ging schweigend mit ihr durch den Hof.
+
+Die Pferde im Stalle rührten sich, das Federvieh sträubte die Flügel,
+ein junger Hahn krähte voreilig den Morgen an. Die Menschen aber in
+den niedrigen Hütten schliefen noch, bis auf eine arme junge Seele,
+die in Schmerzen durch das trübe Fenster in den Hof starrte und sich
+mit schweren Seufzern, glühend und fröstelnd wieder zu Bett legte, um
+den Tag heranzuwachen.
+
+Die Sonne stand aber schon hoch, und noch waren die Geschwister nicht
+zurück. Der Hirzerfranz saß mit gerunzelter Stirn im Schenkzimmer
+hinter der Flasche, lief alle Augenblicke auf die Straße hinaus, ob
+von seiner Braut noch immer nichts zu erspähen sei, und schirrte
+endlich die Pferde wieder ab, mit drohenden Flüchen gegen den Andree.
+Die Rosel sprach kein Wort, es war ihr zum Sterben traurig ums Herz;
+es mochte nun geschehen, was da wollte, für sie war es mit aller
+Freude und Hoffnung vorbei.
+
+Endlich gegen zehn Uhr brachte einer der Klosterbrüder einen Brief,
+den Andree schon in der Nacht an die Rosel geschrieben, drin stand,
+daß er einen Bußgang zu einem Gnadenbilde gelobt habe, für die Seele
+seiner Mutter zu beten. Er denke wohl, die Moidi werde ihn begleiten,
+sie sollten daher ihre Zurückkunft nicht abwarten, sondern nach Haus
+fahren. Seinerzeit werde sie schon wieder in Meran eintreffen.
+
+Als der Franz den Brief gelesen hatte, schlug er mit der Faust auf den
+Tisch, daß die Gläser klirrten, und wollte im ersten Jähzorn auf und
+davon und dem Andree nachsetzen. Da aber die Kirche, zu der sich der
+Büßer verlobt, nicht in dem Brief angezeigt war, auch der Kapuziner
+nichts anderes wußte, als daß der Prior dem Bruder Andreas Urlaub
+gegeben habe, mußte der Grimm und Haß des Burschen sich auf eine
+spätere Gelegenheit vertrösten und einstweilen an den Rückzug denken.
+
+Es war eine harte Reise für die arme Rosine, neben dem zornmütigen
+Bruder, der immer von neuem gegen den heimtückischen Verführer
+loswütete und sich hoch verschwor, wenn die Moidi erst seine Frau sei,
+dem Andree die Tür zu verschließen, wie es auch sein Vater all die
+Jahre her gehalten habe. Er habe gleich Einspruch getan gegen die
+dumme Reise zu dem nichtsnutzigen Findling, da er ja nicht einmal sein
+rechter Schwager werden würde. Aber die Weiber hätten sich's in den
+Kopf gesetzt, die Tante Anna an der Spitze. Ein Narr sei er gewesen,
+daß er nachgegeben habe. Aber die Moidi würde es noch zu hören
+bekommen, und der Tante schenk' er es auch nicht. Vor allem aber sei
+sie, die Rosine, daran schuld; sie hätte schon am Morgen nicht leiden
+dürfen, daß er mit der Moidi abzog--und dann eine Flut von
+brüderlichen Scheltreden, die freilich der Schwester nicht tief gingen.
+Denn ein viel härterer Kummer hatte ihre Seele gepanzert.
+
+Der Sommer kam, die Reben am Küchelberg hatten längst abgeblüht, und
+die Weinbeeren schwollen und röteten sich, die erste Feigenernte war
+vorüber, und noch immer blieben die beiden Wallfahrer aus. Als auch
+die Weinlese verging und keine Spur der Entflohenen irgendwo zu Tage
+kam, gab es wenige, die noch geglaubt hätten, sie würden überhaupt
+jemals wieder auftauchen. Da niemand so recht sich vorstellen konnte,
+was den Andree in die Welt hinausgelockt habe, auch die meisten an
+seinem Tun und Lassen nur geringen Anteil genommen hatten, war bald
+von dem Schicksal der Geschwister nicht mehr die Rede. Anfangs
+freilich hatte man viel darüber hin und her gerätselt. Denn das
+befremdlichste war nicht die vorgespiegelte Wallfahrt, da die Tiroler
+ein bußwanderungslustiges Völkchen sind, sondern daß eine Stunde über
+das Kloster hinaus jede Spur der beiden jungen Leute wie weggeblasen
+war. Der Ziegenhirt des Dorfes hatte sie noch gesehen, wie sie
+langsam und in eifrigem Gespräch einen Saumpfad die Höhen hinangingen.
+Das Paar war auffallend genug, der blasse junge Novize mit dem
+ernsthaften Gesicht und das schöne blonde Mädchen im Bauernmantel an
+seiner Seite. Und doch als nach einigen Wochen auf des Zehnuhrmessers
+Andringen in den nächsten Gebirgsdörfern nachgeforscht wurde, wohin
+die zwei ihre Schritte gelenkt hätten, entsann sich kein Schankwirt
+und kein Bauer, daß ein solches Paar an seine Tür geklopft habe. Die
+Hilfe der Landpolizei wurde in Anspruch genommen, mit nicht besserem
+Erfolg. Die Geschwister blieben verschwunden, als hätte sich der Berg
+gespalten, um sie für immer in seinen geheimen Kammern dem Blick der
+Menschen zu entziehen.
+
+Als diese wundersamen Nachrichten von dem kleinen Hilfspriester auf
+Schloß Goyen hinaufgetragen wurden, erregten sie einen Aufruhr der
+verschiedensten Leidenschaften. Nur der alte Hirzer trank ruhig
+seinen Wein aus und sagte, es sei ihm lieb, daß er nun hoffentlich von
+der ganzen Ingrams-Sippschaft sein Lebtag kein Wort mehr hören werde.
+Wenn das leichtsinnige Ding, die Moidi, sich je unterstünde, wieder
+über seine Schwelle zu treten, so solle sie ihn kennenlernen--und ein
+Fluch dazu, mit dem er sonst in der Nähe des Zehnuhrmessers sich nicht
+gern versündigte. Dem Sohn befahl er gleich morgenden Tags sich
+aufzumachen und um eine reiche junge Witwe in der Nachbarschaft zu
+freien, deren Güter ihm gerade bequem lagen. Franz nahm die Sache
+nicht so kaltblütig auf Die Moidi hatte es ihm wirklich angetan; sie
+war der einzige Gedanke, der seine träge Natur jemals in Flammen
+gebracht hatte. Also ließ er den Befehl des Vaters einstweilen auf
+sich beruhen und lüftete seinen Grimm auf alle erdenkliche Art, so daß
+die Seinigen viel Not mit ihm hatten. Die Tante Anna verschwand auf
+mehrere Tage in ihrer Kammer, legte Trauerkleider an, denn es stand
+ihr fest, daß die beiden verunglückt seien, wo sie nicht gar Hand an
+sich selbst gelegt hätten, und so weinte sie Tag und Nacht und wollte
+niemand sehen als den hochwürdigen Herrn und die Rosine. Mit dieser
+stillen Dulderin saß sie schlaflose Nächte hindurch am Herde, einen
+Rosenkranz zwischen den blassen Fingern, halb im Gebet, halb im
+Gespräch die Stunden hinbringend. Das Mädchen allein blieb steif und
+fest dabei, daß die beiden noch am Leben seien, und suchte es der
+Tante immer wieder glaubhaft zu machen. Daß sie freilich je
+wiederkommen würden, hatte sie seit dem Abschied im Vintschgau keinen
+Augenblick mehr geglaubt.
+
+Am gelassensten blieb trotz seiner alten seelsorgenden Freundschaft
+der kleine geistliche Herr. Ja, es schien förmlich, als wäre ihm
+durch diese Selbstverbannung seines Zöglings eine Last vom Herzen
+genommen. Er sprach noch immer fleißig vor auf Goyen, hörte jeden
+nach seiner verschiedenen Gemütsart mit Wohlwollen an, sprach überall
+zum Guten und wußte das Gespräch bald auf die heurige Lese und die
+Hoffnungen auf einen ausgesucht edlen Jahrgang zu lenken, ein
+Gegenstand, den er mit tiefster Wissenschaft ergründet hatte und
+selbst den theologischen Erörterungen mit der Tante Anna entschieden
+vorzog.
+
+Und so war es hoher November geworden, das leere Haus oben auf dem
+Küchelberg stand winterlich zwischen den kahlen Rebengärten, unten in
+der Stadt Meran wogte das geschäftige Treiben eines der jährlichen
+Schlacht- und Viehmärkte durch die engen Gassen, das Samstagsgeläut
+war verhallt, und der Zehnuhrmesser, der den Abend nicht mehr
+auszugehen dachte, hatte seine alte Geige von der Wand genommen, um in
+der Dämmerung noch ein Stück vor sich hin zu phantasieren, ehe die
+Magd mit dem Nachtessen ihm das Licht heraufbrachte. Der Kater lag
+behaglich schnurrend im Lehnstuhl, ein erstes Feuerchen knisterte im
+Ofen, da die Nacht kühl zu werden versprach, vom Fenster her, wo ein
+paar schöne Geraniumtöpfe standen, kam ein süßer Duft, den die feine
+Nase des geistlichen Herrn behaglich einsog, und während er in den
+glücklichsten Flageolettönen alle Waldvögel auf seiner Geige überbot
+und taktmäßig zwischen seinen niedrigen vier Wänden auf und ab schritt,
+hatte er so seine gottwohlgefälligen Gedanken, wie ihm doch
+eigentlich zur vollkommenen Glückseligkeit nichts Wesentliches mangle,
+zumal da ihm einer seiner Amtsbrüder drunten in Sankt Valentin eine
+Probe des kostbaren Roten heraufgeschickt hatte, den die frommen
+Brüder in ihrem sonnigen Tal am Fuß des Ifinger ziehen, und der heute
+abend sein bescheidenes Mahl verherrlichen sollte.
+
+Da klopfte es an seiner Tür, und in der Meinung, es sei eben nur die
+Magd mit dem Gast von Sankt Valentin, rief er "Herein!", ohne sein
+Spiel zu unterbrechen. Aber der Bogen fiel ihm fast aus der Hand, als
+die Tür aufging und wie ein Schatten aus einer andern Welt die Gestalt
+des verschollenen Andree vor ihm stand.
+
+Erschrecken Sie nicht, Hochwürden, ich bin's, sagte der Jüngling,
+indem er vollends hereintrat. Da sehen Sie, der Kater kennt mich
+wieder, der würde wohl das Fell sträuben, wenn ich nur ein Spuk wäre.
+Ich hätte mich angemeldet, aber von wo wir kommen, gibt's halt keine
+Briefpost.
+
+Er beugte sich zu dem schmeichelnden Tier herab, um seine Bewegung zu
+verbergen. Es war eine Weichheit und Sanftmut in seinem Wesen, die
+ihn ganz verwandelt erscheinen ließen.
+
+Der geistliche Herr war mitten im Zimmer stehen geblieben; es überlief
+ihn kalt und heiß. Alles, was er in der ersten Bestürzung sagen
+konnte, war: Und die Moidi?
+
+Sie ist auch hier, Sie sollen alles wissen, denn ich habe niemand als
+Sie, und wenn Sie mir nicht raten können, bin ich ein elender Mensch
+in dieser und in jener Welt.
+
+Indem hörten sie die Schritte der Magd auf der Treppe, und während die
+Alte, die den Andree mit nicht geringerem Schrecken, aber freudiger,
+wiedererkannte, den Tisch zum Nachtmahl rüstete, die Kerze hinstellte
+und ihrer Überraschung in wunderlichen Ausrufungen Luft machte, hatten
+die beiden Männer Zeit, sich zu sammeln und auf das Gespräch, das nun
+folgen sollte, im stillen vorzubereiten. Die Magd ging zögernd wieder
+hinaus. Sie hätte gern auf hundert Fragen Bescheid gehabt. Indessen
+fürchtete sie sich vor der ungewöhnlich feierlichen Miene ihres
+hochwürdigen Herrn, der hinter dem Tische Platz genommen hatte, sich
+öfters die Stirn mit dem bunten Taschentuch trocknete und stumm das
+erste Glas des roten Valentiners einschenkte, aber ohne es mit dem
+gewohnten Kennerzug an die Lippen zu führen. Denn seine Zunge war
+bitter von dem Vorgeschmack vieler unliebsamer Worte, die nun in der
+nächsten Zeit gesprochen werden mußten.
+
+Andree aber brach das Schweigen und sagte: Sie verzeihen wohl,
+hochwürdiger Herr, wenn ich mich setzen muß. Aber wir sind heut
+vierzehn Stunden über die Berge gewandert, und dazu die Angst und Not
+mit dem armen Weib, und Hunger und Kummer,--die Knie wollen mich
+nimmer tragen. Wenn Sie wüßten, Hochwürden, was wir ausgestanden
+haben, so sähen Sie wohl nicht so strenge von nur weg, denn Sie sind
+allezeit ein barmherziger Herr gewesen und haben keinen reuigen Sünder
+ohne Trost und Stärkung von sich gelassen.
+
+Der kleine Seelsorger schien von diesen demütigen Worten getroffen zu
+werden. Er hob das Glas, ließ es erst gegen die Kerze in seiner roten
+Glut spielen, trank einen bedächtigen Schluck, und reichte es dann
+seinem Zögling, dem er jetzt zum erstenmal gerade ins Gesicht zu sehen
+wagte. Trink einmal, Andree, sagte er; du wirst's brauchen können. 's
+ist Valentiner aus den besten Lagen, kaum vier Wochen von der Kelter
+weg, ich hab' ihn heut erst bekommen.
+
+Andree nahm das Glas, trank es mit einer ehrerbietigen Verbeugung
+gegen den geistlichen Herrn auf einen Zug aus und sagte, indem er es
+wieder über den Tisch reichte: Ich dank' Ihnen, Hochwürden. Aber was
+ich fragen wollte, und worauf Sie mir vor Gottes Angesicht antworten
+müssen: Bin ich der Maria Ingram--Gott hab' sie selig!--ihr Sohn, oder
+bin ich's nicht?
+
+Damit war er wieder aufgestanden, trotz seiner Erschöpfung litt es ihn
+nicht in der Ruhe, er stemmte die geballten Fäuste beide auf einen
+Teller, der vor ihm stand, und heftete den traurigen Blick gespannt
+auf das Gesicht seines geistlichen Freundes, der in nicht geringer
+Unruhe auf seinem Armsessel hin und her rückte.
+
+Mein Sohn, sagte er jetzt, wenn du mir versprechen willst, keine
+weiteren Fragen zu tun, will ich die eine dir beantworten: Deine
+Mutter hat nur ein Kind zur Welt gebracht, die Moidi. Nun du das
+weißt, gib dich über alles andere zufrieden; denn mehr zu sagen,
+verbietet mir mein kirchlicher Gehorsam, und würde dir auch zu nichts
+frommen.
+
+Die Spannung auf dem Gesicht des jungen Mannes ließ plötzlich nach,
+und die Züge wurden nur kummervoll und hoffnungslos. Ich dank' Ihnen,
+sagte er, aber es hilft mir nicht viel, denn das hab' ich schon gewußt.
+Auch wenn mir's niemand gesagt hätt', meine Mutter könnt's nicht
+gewesen sein. Und ich würde mich auch damit zufriedengeben, denn am
+Ende, wenn meine Eltern ohne mich fertig werden können, muß ich mich
+wohl auch ohne sie behelfen lernen, und hab's schon lange genug getan.
+Aber das arme Weib, Hochwürden, das Tag und Nacht keine Ruh' hat,
+weil sie meint, es wär' alles nur gelogen von der Mutter, weil sie
+mich zu sehr gehaßt hat, und von mir, weil ich meine Schwester zu lieb
+gehabt hätte--nein, Hochwürden, da hilft nichts als Brief und Siegel,
+sonst fürcht' ich, sie macht's nimmer lang, denn es ist gar erbärmlich,
+wie sie sich's zu Gemüte gezogen, und Sie wissen wohl, sie hat eine
+schwache Stelle irgendwo in ihrem Kopf, mit der nichts anzufangen ist.
+
+Er setzte sich wieder mit dem Ausdruck tiefer Ermüdung. Der
+Hilfspriester aß und trank mechanisch, mehr um seine Verwirrung zu
+verbergen, als weil ihn die Speisen gelockt hätten, von denen er
+keinen Bissen schmeckte. Erzähl erst, sagte er, wie's so weit
+gekommen ist. Hernach wollen wir dann schauen, was sich noch
+gutmachen läßt. Wo hast du die Monate her gesteckt, daß kein Hahn
+nach dir krähen konnte?
+
+Nicht in der Kutte, hochwürdiger Herr, sagte der Bursch, und seine
+Züge heiterten sich in der Erinnerung an gefährliche und listige
+Abenteuer ein wenig auf. Sehen Sie, fuhr er fort, als mir die Moidi
+zuerst sagte, ihre Mutter habe mich als einen Findling oder Gott weiß
+woher von der Alm mit heruntergebracht, da war mir's, als käme ich
+plötzlich aus glühenden Ketten und Banden los, die ich allezeit mit
+mir geschleppt hatte, und die auch im Kloster droben nicht von mir
+abfallen wollten. Denn nicht einmal in der heiligen Beicht' hat mir's
+über die Zunge gewollt, was ich die letzten Jahre her von wegen der
+Moidi ausgestanden hab', und daß ich's nicht überleben würde, wenn ein
+anderer sie heimführte. Und das wußt' ich ja wohl, daß es eine
+Todsünde war, wenn ich wirklich der Sohn ihrer Mutter gewesen wäre;
+und doch konnt' ich's nicht von mir abtun, denn es war stärker als
+mein bißchen Verstand und Religion und alles, was ich von Ihnen
+gelernt und in den heiligen Büchern gelesen hatte. Als ich's aber mit
+Händen greifen konnte, daß ich mich die langen Jahre unnütz abgehärmt
+hatte und gar nichts Sündhaftes dabei sei, wenn ich das Mädchen lieber
+als mein Leben hätte, da bin ich plötzlich ganz lustig in mir geworden
+und hab' mir sogleich vorgesetzt, mein müßt sie werden, und wenn der
+Kaiser selbst uns wollt' auseinanderreißen lassen. Denselben Abend
+aber hab' ich mir noch nichts merken lassen, nur wie ich in meiner
+Zellen gesessen bin, da hätt' ich singen und jauchzen mögen so laut,
+daß man's bis nach Meran hinunter hätte hören sollen. Ich hab' aber
+allerhand Sachen herzurichten gehabt, auch den Brief geschrieben an
+die Rosine, und so ist die Nacht auch endlich herumgegangen. Und dann,
+da es noch kaum dämmerig war, stand ich schon unten und holte das
+arme Ding ab, das keine Ahnung hatte, was werden sollte. Ich tat auch
+zu Anfang ganz vernünftig, bis wir ein paar Stunden weit weg waren,
+redete immer von der Wallfahrt, und sie war nicht böse drüber, daß ich
+sie mit mir nahm. Denn sie hätte gern noch ein Stück weiter in die
+Welt hineingeschaut. Als wir aber hoch oben zwischen den Bergen waren
+und sie immer neugieriger fragte, wo's denn hinginge, ließ ich sie ein
+wenig niedersitzen ins Moos, trat hinter einen Felsen und kam gleich
+darauf wieder hervor, aber nicht mehr als Kapuziner, sondern in der
+Jacke und Hosen und allem, wie ich's getragen hatte in der Nacht, als
+ich von Goyen wegfloh; denn die Sachen, die dem Franz gehörten, hatte
+ich noch immer nicht wieder zurückgeschickt. Da lachte sie erst über
+die Maßen und sagte, ich gefiele ihr viel besser so als in dem langen
+Klosterrock, und wir aßen zusammen auf, was ich heimlich mitgenommen
+hatte. Dann aber wurde sie auf einmal still, und ich mußte ihr wohl
+ganz besonders vorkommen, denn sie nahm mich scharf ins Gebet, und als
+ich endlich in meiner Herzensfreude damit herausplatzte, ich würde
+nimmermehr in die Kutte zurückkriechen, auch gar nicht wallfahrten
+gehen, sondern sie als mein Weib in die weite Welt entführen, erschrak
+sie gewaltig und fing heftig an zu weinen. Ich aber gab ihr die
+besten Worte und blieb ganz ruhig, damit sie nur nicht wieder einen
+Anfall bekäme von ihren alten Krämpfen; und so, während ihr die Tränen
+immer langsamer flossen, setzte ich ihr auseinander, daß es gar nicht
+anginge, erst wieder nach Meran zu gehen und bei Pontius und Pilatus
+anzufragen, ob sie auch nichts dagegen hätten. Das gäbe einen noch
+viel größeren Lärm, als wenn wir gar nicht wiederkämen, und wenn wir
+endlich doch einmal Heimweh nach unserm Häusel erleiden sollten und
+kämen in Meran wieder zum Vorschein als Mann und Frau, so müßten's
+eben alle hinnehmen, wie's wäre. Sie sollt' nur einmal an den alten
+Hirzer denken und den Franz, wie die aufbegehren würden, wenn ich
+plötzlich vor sie hinträte und sagte: Die Moidi ist mein, und ich geb'
+sie nimmer heraus. Und die Tante Anna und der Herr Dekan und die
+ganze Stadt, die uns so lang' als Bruder und Schwester gekannt hatten,
+und das Geschrei und Geschreibe beim Amt und allen Teufeln! Und
+zuletzt spielt' ich den besten Trumpf aus und sagte: Wenn ihr freilich
+der Franz lieber wäre als ich, so möcht' sie's nur dreist sagen, es
+wär' noch nicht zu spät, umzukehren und dann Abschied zu nehmen auf
+Nimmerwiedersehen.
+
+Da hielt sie's nicht länger aus und fiel mir uni den Hals und rief
+unter Lachen und Weinen, daß sie keinen andern Willen hätte als den
+meinigen, und hernach half sie mir selbst große Steine über die Kutte
+wälzen, daß niemand sie finden und unsern Weg darnach aufspüren sollte.
+Und denselben Tag sind wir noch viele Stunden weit gewandert,
+seelenvergnügt und immer in der Einsamkeit, und haben manchmal
+zurückgeschaut nach der Gegend, wo Meran liegen mußte, und über den
+Franz unsere Schadenfreude gehabt, der nun ohne Braut nach Hause
+fahren und den Spott aller Leute erdulden mußte. Ich hab' auch wohl
+an Sie gedacht, Hochwürden, daß Sie mir's übelnehmen könnten, und an
+meine Pate und die Rosel, die es immer gut mit mir gemeint haben.
+Aber das hielt nicht lange vor. Denn wenn ich die Moidi neben mir
+ansah, die ich nun herzen und küssen durfte, soviel ich wollte, und
+die geduldig dazu stillhielt--nun, Sie können das freilich nicht
+wissen, Hochwürden, wie's einem ist, wenn er mit seinem Schatz so
+mutterseelenallein unter freiem Himmel hinwandert; aber wenn Sie es
+auch einmal so gut gehabt hätten, zumal nach so langer Not, würden Sie
+uns beiden die Sünde nicht so schwer anrechnen, sondern uns das
+bißchen Glück wohl gönnen, das so nicht lange gedauert hat.-Er
+verstummte wieder und sah traurig vor sich hin. Der Hilfspriester
+schob den Teller zurück, seufzte einmal recht von Herzen auf und
+schenkte das Glas wieder voll, um es seinem Beichtkind hinzureichen.
+Der Bursch trank, seufzte dann ebenfalls und fuhr in seiner stillen,
+eintönigen Weise fort:
+
+Die erste Nacht haben wir auf einer Alm geschlafen, wo uns der Senner
+zu essen gab, auch nicht weiter fragte, wer wir wären; denn wie es
+zwischen uns stand, mochte er leicht erraten. Er hat uns auch am
+andern Morgen versprochen, keiner Menschenseele zu sagen, daß er uns
+in seiner Hütte beherbergt habe, und so gingen wir guten Muts weiter
+im Hochgebirg und waren noch glückseliger und verliebter als den Tag
+vorher. Die Gegend war mir ganz fremd, ich wußte aber, wenn wir immer
+gegen Westen zu wanderten, kämen wir zuletzt in die Schweiz, und weil
+sie da Freiheit haben, zu leben, wie sie wollen, und keine Polizei,
+dacht' ich einstweilen da zu bleiben, hatte auch keine Furcht, daß sie
+uns an der Grenze um unsern Paß fragen würden; denn wo wir gingen,
+hoch unter der Schneide der Berge hin, von Sennhütte zu Sennhütte,
+ist's den Herren Landjägern zu abschüssig, und wir sind auch kein
+einzig Mal angehalten worden. Nun muß ich aber noch sagen, daß wir an
+jenem zweiten Tag an eine Stelle kamen, wo ein steiler Grat mitten aus
+den Wiesen aufsteigt, weit höher als die Muttspitz oder der Ifinger.
+Da redete ich der Moidi zu, hinaufzuklettern und von da oben in die
+Welt hinauszuschauen. Ich hatte aber eine Absicht dabei; denn um die
+Ferner und Schneefelder war mir's gar nicht zu tun. Auf der Spitze
+nämlich stand ein Kreuz, und hing auch der Herr Christus daran, ein
+grobes Schnitzwerk, wie's einmal ein Senner mit dem Brotmesser
+zustande gebracht haben mochte. Mir aber war's gut genug. Denn als
+wir droben waren und die Moidi still und zufrieden um sich schaute,
+nehm' ich sie sacht bei der Hand und knie mit ihr vor dem Kreuz hin.
+Zuerst beten wir miteinander, hernach wollte sie aufstehen. Ich aber
+sag': Bleib noch knien, Moidi; 's ist noch nicht zu Ende. Und da
+fang' ich an und sage auf Lateinisch alles her, was notwendig ist, um
+eine richtige Ehe zu schließen, und hernach zieh' ich ihren silbernen
+Ring vom Finger und geb' ihr den meinigen dafür und lege meine Hand
+auf ihren Kopf und ihre auf meinen, während ich den Segen spreche; ich
+dacht' eben, man muß sich zu helfen wissen, und wie's eine Nottaufe
+gibt, mag's ja auch einmal eine Nottrauung geben, nichts für ungut,
+Hochwürden, und späterhin könnt's immer noch ordentlich und richtig
+gemacht werden. Sie mochte das auch bei sich denken, denn sie ließ
+mich machen, was ich wollte, und kniete andächtig vor dem Kreuz. Wie
+ich nun mit meinem Latein zu Ende war, küßte ich sie von Herzen und
+sagte: Nun bin ich dein Mann und du bist mein Weib, und nur der Tod
+soll uns scheiden!--Sie nickte, und das Herz lachte ihr aus den Augen,
+und darauf standen wir von den Knien auf und blieben noch eine Weile
+droben stehen, und es war uns wundervoll zu Mut in der großen Stille
+und Heimlichkeit, wie wir da mitsammen an die hundert Meilen weit auf
+Länder, Städte und Flüsse hinuntersahen, und niemand war bei uns als
+unser Herrgott, vor dessen Angesicht wir uns eben Treue bis in den Tod
+gelobt hatten.
+
+Sie kennen ja die Moidi, Hochwürden, und daß sie lieber lacht als
+weint, auch für ihr Alter noch immer zu viel Kinderpossen im Kopf
+hatte. Aber an unserm ganzen Hochzeitstag haben wir gar nicht gelacht,
+auch nicht viel geredt miteinander, sondern sind so feierlich, als
+wenn das ganze Gebirg nur eine große Kirche wäre, in der schönen Sonne
+hingewandert, nur daß die Moidi im Gehen Blumen pflückte und mir einen
+hochzeitlichen Strauß an die Jacke steckte, sich selbst aber ein
+Kränzel band und an den Arm hing. Geld hatten wir auch noch und
+konnten in der nächsten Hütte uns auftragen lassen, was der Senner nur
+hergeben wollte. So war's eine ganz lustige Hochzeit, und weder sie
+noch ich dachten mehr daran, was dahinter lag und was noch kommen
+sollte.
+
+Das fiel uns alles zuerst wieder ein, als unser Geld auf die Neige
+gegangen war; es mocht' eine Woche inzwischen verstrichen sein, und
+von der Schweiz waren wir noch weit, da wir keine Straße einhielten,
+sondern gingen, wo es uns lustig schien. Am ersten Abend, als wir uns
+mit leeren Taschen nach einem Nachtlager umsahen und wollten eben in
+einen Heustadel kriechen, fiel mir ein großer Einödhof in die Augen,
+und ich dacht': Da versuchst noch einmal dein Heil. Wir fanden da
+auch richtig ein Unterkommen, aber aus der einen Nacht wurde ein
+halbes Jahr. Denn der Hof gehörte einer Witfrau zu, die dort mit ein
+paar Knechten und Mägden hauste, und den Oberknecht hatte sie eben
+heiraten wollen, da hatte er sich beim Holzmachen verfallen, und die
+Bäuerin trauerte um ihn wie um ihren ersten Mann. Als ich ihr nun
+erzählte, ich hätte flüchtig gehen müssen, weil ich einen Welschen
+erschlagen, und meine Schwester da--denn dafür gab ich sie aus, weil
+die Bäuerin sich mit Eheleuten wohl nicht beladen hätte--die Moidi
+also hätte mich nicht allein ziehen lassen wollen, und nun seien wir
+ohne einen Kreuzer, da bot sie mir an, bei ihr in. Dienst zu treten,
+und für meine Schwester gebe es auch Arbeit. Das waren wir natürlich
+zufrieden, und nur die Moidi machte mir hernach Vorwürfe, daß ich sie
+nicht für mein Weib anerkannt' hätt', und ich hatte Mühe, sie wieder
+zu versöhnen. Also blieben wir, und der Sommer verging, und wir
+hatten über nichts zu klagen. Denn daß die Bäuerin ein Auge auf mich
+geworfen hatte, wie ich nach und nach merkte, und mich zum Oberknecht
+machte, um mich hernach wohl auch noch weiter zu befördern, konnte ich
+mir ja ruhig gefallen lassen und zur rechten Zeit noch immer nein
+sagen. Aber auf einmal wurde es mit der Moidi so traurig, daß ich Tag
+und Nacht keine Ruhe mehr hatte. Es war vor etwa einer Woche, da
+mähte ich auf der obersten Wiese und sehe plötzlich mein Weib
+heraufkommen, mit einem ganz verwilderten Gesicht. Und wie sie droben
+ist, fällt sie vor mir nieder und beschwört mich mit aufgehobenen
+Händen, ich sollt' sie umbringen aus Gnad' und Barmherzigkeit, sie
+könne nicht leben mit der Sünde auf dem Gewissen, sie trage ein Kind
+unterm Herzen, und diese Nacht sei ihre Mutter ihr im Traum erschienen
+und habe ihr zugeraunt: Der Andree ist doch mein Sohn, und dein und
+sein Kind wird verflucht sein in alle Ewigkeit.
+
+Sie können sich nun denken, Hochwürden, wie ich erschrocken bin; denn
+da sie steif und fest dabei blieb, ist mir's selber zuletzt ganz angst
+und bange worden, weil ich keine rechten und klaren Beweise hatte, es
+sei alles doch so, wie wir's bisher geglaubt, und der Traum nur eine
+Einbildung gewesen. Herrgott, dacht' ich, wenn's dennoch wahr wäre!
+Und es überlief mich eiskalt, und ich dachte wahrhaftig einen
+Augenblick, wie ich das arme händeringende Weib vor mir auf der Erde
+liegen sah: Das beste wär', du gingest mit ihr auf und davon, und wo's
+recht jäh in einen Abgrund hinunterschießt, drücktet ihr die Augen ein
+und spränget geradewegs in die Hölle. Hernach wurde ich freilich für
+meinen Part wieder ruhig; ich überlegte alles noch einmal und blieb
+zuletzt dabei: Es kann nicht sein! Aber das arme Weib war nicht damit
+zu getrösten. Sie verlangte nicht mehr zu sterben, da's eine doppelte
+Sünde wär' wegen des Kindes, aber nach Meran zurück, und hier müsse
+sich's entscheiden. Mir selbst war's ein saurer Gedanke; ich wußte
+wohl, daß es ohne Lärm hier zu Hause nicht abgehen würde. Aber da die
+Moidi immer verwirrter aus den Augen schaute, zudem auch die Bäuerin
+was Unrechts witterte und mir antrug, die Schwester wegzuschicken,
+mich aber zu behalten, da war schon nichts anderes zu machen, als
+unser Bündel zu schnüren und den harten Bußweg anzutreten.
+
+Ich will Sie nicht damit langweilen, Hochwürden, wie jämmerlich uns
+unterwegs zu Mut war, wenn wir an so manche Stelle kamen, die uns vor
+sechs Monaten angelacht hatte, und wo nun das arme Weib in jedem Wind
+Stimmen zu hören glaubte, die sie anklagten und verdammten. Wenn wir
+Sünde getan hatten, daß wir ohne jemand zu fragen und ohne den Segen
+der Kirche als Mann und Frau in die Welt gegangen waren, so haben
+wir's auf dem Heimweg hundertfach abgebüßt, zumal ich selber, da ich's
+für sie mitzutragen hatte. Und denken Sie nur, als wir wieder an die
+Bergspitze kamen, wo ich uns im Frühling zusammengegeben hatte, war
+das Kreuz verschwunden. Wahrscheinlich haben's die Stürme
+hinuntergerissen. Aber der Moidi fiel es aufs Herz, wie wenn das
+damals nur ein Blendwerk des Teufels gewesen wäre, der uns in die
+sündhafte Ehe hätte verlocken wollen, und sie fiel mir ohnmächtig in
+die Arme, und eine Stunde lang hatt' ich zu tun, sie wieder zu sich zu
+bringen.-Er schwieg, und es überschauerte ihn sichtbar wie ein
+Fieberfrost, in der Erinnerung an alle überstandenen Drangsale. Der
+geistliche Herr war längst aufgestanden und hatte hin und her wandelnd
+die Beichte mit angehört, während er in immer kürzeren Pausen aus
+seinem Döschen von Birkenrinde schnupfte. Die letzte Prise hielt er
+lange zwischen Daumen und Zeigefinger und stand dabei still vor einem
+großen Kupferstich, die Magdalene in der Wüste darstellend, dem
+einzigen Schmuck seiner kahlen vier Wände. Er getraute sich nicht,
+dem Rat- und Hilfesuchenden das Gesicht zuzuwenden, denn der Fall war
+so schwierig, daß er wenig Hoffnung hatte, alles glücklich
+hinauszuführen.
+
+Wo ist sie jetzt? fragte er endlich kleinlaut.
+
+Droben in unserm Häusel auf dem Küchelberg, versetzte der Bursch. Wir
+sind vor ein paar Stunden angekommen, über Dorf Tirol, und die Leute
+haben uns wiedererkannt und mit Fingern auf uns gezeigt, und wie ich
+allein unten durch die Lauben kam, mochten sie's schon wissen, denn
+sie sind mir ausgewichen, als hätte ich eine Seuche und Pestilenz an
+mir. Droben aber sitzt das arme Weib und wartet, daß ich Sie mit
+heraufbringe, und wenn Sie keinen Trost für sie haben, steh' ich für
+nichts. Denn es ist ein verzweifelter Geist, der ihr aus den Augen
+sieht, und ihr armer Verstand hängt an einem dünnen Faden. Noch ein
+Riß, so fällt er ins Bodenlose; darauf verlassen Sie sich, Hochwürden.
+Drei Wochen können's weit bringen mit so einem armen Weib.
+
+Er stand nun auch auf, als wollte er dadurch den schweigsamen
+geistlichen Herrn zu einem Entschlusse treiben. Der aber blieb noch
+eine ganze Zeitlang vor dem Kupferstich, obwohl er kaum einen Strich
+davon an der dunklen Wand unterscheiden konnte. Erst die achte Stunde,
+die es vom Turm schlug, schien ihn zu mahnen, daß Gefahr im Verzuge
+sei. Er kehrte sich von der Wand ab, machte dem Andree ein Zeichen,
+daß er sogleich wiederkommen würde, und stieg, das einzige Licht vom
+Tisch mitnehmend, die Treppe hinab, immer tiefer und tiefer, bis der
+letzte Schimmer verschwand.
+
+Aber kein Vaterunser lang währte es, so tauchte der Lichtschein wieder
+auf, und der würdige Herr erschien mit eilfertigem Keuchen und trug
+eine Maßflasche, mit einem zartgelben Wein gefüllt, wie einen Säugling
+im Arm, die Magd hinter ihm mit reinen Gläsern. Siehe, sagte er zu
+Andree, der zerstreut und ungeduldig dareinschaute, dieses ist der
+wahre Seelentrost und Mitstreiter, und ehe wir andere trösten, geziemt
+es, unser eigenes Gemüt zu kräftigen. Trink, armer Sohn; du wirst ihn
+noch wiederkennen. Er ist herber geworden seit den zehn Jahren, aber
+reifer und gesetzter; da schau, er wirft keine Bläschen mehr.
+
+Und mit heiterem Gesicht hielt er das reine Gold gegen das Licht, ehe
+er trank, und stieß mit seinem bekümmerten Pflegling herzlich an. Ich
+hoff', es soll noch gut werden, sagte er, denn schon übte die Nähe des
+edlen Trunkes ihre ermutigende Wirkung. Gaudete in Domino semper,
+stehet geschrieben, und darum trink, mein Sohn, und hernach wollen wir
+auch der armen Büßerin ein Fläschlein füllen, denn sie wird es
+brauchen können.
+
+Nun sprachen sie kein Wort mehr zusammen, sondern der Zehnuhrmesser
+ging immer auf und ab, wie ein General in seinem Zelt, der über den
+Schlachtplan nachdenkt, und trank dazwischen in großen Zügen und
+setzte das Glas jedesmal mit einem herzhafteren Ruck wieder auf den
+Tisch. Als die große Flasche halb leer war, nahm er mit einem raschen
+Griff die Geige von der Wand und fing an, immer auf und ab wandelnd,
+eine schöne alte italienische Kantate zu streichen, mit vielen krausen
+Fiorituren verbrämt, ein Stück, das er immer an wichtigen und
+bedeutsamen Tagen zu spielen pflegte, auch des Katers Leibstück, der
+mit freudigem Schnurren auf den Tisch sprang, um das Licht
+herumwandelte und mit den großen grünen Augen den Andree ansah, als
+wollte er ihn auffordern, ebenfalls guter Dinge zu sein. Dem aber
+brannte vor Ungeduld der Boden unter den Füßen, und nur seine
+Ehrfurcht und das eigene Schuldbewußtsein hielten ihn ab, den
+geistlichen Herrn in seinem Konzert zu unterbrechen und daran zu
+erinnern, daß die Moidi die Minuten zähle, bis er ihr Trost brächte.
+
+Endlich aber legte der geistliche Herr die Geige weg, trocknete sich
+mit dem Ärmel seines Hauskleides die Stirn und fuhr dann rasch in sein
+schwarzes Gewand. Die Magd kam, goß den Rest des Terlaners in ein
+Fläschchen, das Andree einstecken mußte, brachte dem Herrn seinen Hut
+und leuchtete ihnen die Treppe hinunter. In der Laubengasse war es
+indessen stiller geworden, nur aus den Schenken hörte man das Singen
+und Lachen der welschen Maurer und Tagelöhner und hie und da Streit
+und heftige Reden, und die Wächter saßen bei den offenen Buden und
+rüsteten sich auf die Nacht, die kalt zu werden versprach. Als sie
+auf den Platz kamen, wo die Kirche steht, blieb der Zehnuhrmesser
+stehen und sagte: Geh jetzt voraus, mein Sohn; ich hab' erst noch beim
+Herrn Dekan ein Geschäft, zu dem ich dich nicht mitnehmen kann. In
+einer halben Stunde komm' ich nach; und sag einstweilen der Moidi, daß
+ich gesagt hätt', es wird noch alles gut.
+
+Er reichte dem Andree die Hand, die dieser ehrerbietig küßte, und
+stand dann noch eine Weile unten am Pfarrhaus, ehe er sich
+entschließen konnte, hinaufzugehen. Aber der Terlaner half ihm, und
+nur mit einigem Herzklopfen, wegen der steilen Steintreppe, langte er
+droben in der Pfarrwohnung an.
+
+Was er dort an jenem Abend gesprochen, und was ihm geantwortet worden,
+hat er niemand verraten wollen. Als er aber eine Viertelstunde später
+wieder hinunterstieg, war sein Wesen sehr verwandelt, der Geist des
+Terlaners von ihm gewichen und eine tiefe Niedergeschlagenheit dafür
+eingetreten. Er seufzte oft, während er die rauhe Straße zum
+Küchelberg hinanstieg, und als er endlich droben das Häuschen liegen
+sah, ans dessen kleinen Fenstern ein schwacher Lichtschein dämmerte,
+seufzte er noch stärker und wäre am liebsten wieder umgekehrt. Aber
+wenn er nicht helfen konnte, wollte er die Armen wenigstens nicht
+allein lassen in ihrem Unglück, und so öffnete er ohne anzuklopfen die
+niedrige Tür und trat über die wohlbekannte Schwelle.
+
+Er fand das junge Paar in der Küche, wo die Mutter gestorben war; der
+Andree stand am Herd und blies eben das Feuer an, um eine Polenta zu
+kochen, die Moidi saß still und teilnahmslos auf dem Bett drüben an
+der Wand, den Mantel noch umgeschlagen, in welchem sie die weite
+Wanderung gemacht hatte, als sei sie noch nicht zu Hause und werde
+auch nirgends wieder eine Heimat finden. Als der geistliche Herr an
+sie herantrat und ihr guten Abend sagte, fuhr sie zusammen, machte ein
+Bewegung, als wollte sie aufstehn, sank aber wieder auf das Bett
+zurück und saß in sich geschmiegt, die Hände vors Gesicht gedrückt,
+ohne einen Laut von sich zu geben.
+
+Moidi, sagte der kleine Herr, kennst du mich nicht mehr?
+
+Sie nickte hastig vor sich hin.
+
+Willst du mir nicht einmal ins Gesicht sehen, und hast kein Vertrauen
+zu mir?
+
+Sie antwortete nicht, aber er sah, wie ihr ganzer Leib zitterte. Er
+schüttelte traurig den Kopf. Andree, sagte er, geh einstweilen in die
+Kammer, ich habe mit der Moidi allein zu reden.
+
+Der Bursch gehorchte ohne Verzug, trat aber nicht in die Kammer,
+sondern ging ins Freie; es war ihm zu eng und schwül in dem Hause, wo
+er so viel Leids erfahren hatte.
+
+Nun, meine Tochter, fing der Zehnuhrmesser wieder an, nun fasse ein
+Herz zu mir und höre, was ich dir sage. Ihr habt freilich Sünde getan,
+und wenn es euch hart ergangen ist, so habt ihr's als eine gerechte
+Zucht und Buße vom Herrn hinzunehmen. Aber so schwer ist eure Sünde
+nicht, daß ihr sie nicht wieder gutmachen könnt, und was dich am
+meisten ängstigt und dein Gewissen beschwert, kann ich--dem Himmel sei
+Dank--von dir nehmen, indem ich sage und bezeuge: Andree ist nicht
+deiner Mutter Sohn, und der Segen der Kirche darf und wird euch zu
+christlichen Eheleuten machen. Also sei getrost und erhebe dein
+Angesicht und betrübe mich und den Andree nicht mit deinen
+Einbildungen, die das Übel nur ärger machen und dem bösen Feind
+entstammen, der die Seelen verderben will.
+
+Er erwartete, daß sie auf diese Worte ruhiger werden und endlich ein
+Wort sprechen würde. Aber sie blieb unbeweglich sitzen, als gälte
+alles, was er sagte, nicht ihr. Er trat noch näher zu ihr heran und
+nahm ihr mit sanfter Gewalt die Hände, die kalt und feucht waren, vom
+Gesicht. Da sah er, daß ihre weichen, kindlichen Züge in den kurzen
+Monden schmerzlich verwandelt waren. Sie hielt die Augen fest
+geschlossen, die Augenbrauen waren gespannt, wie von einem heftigen
+Seelenkampf, die Lippen halb offen, und die blassen Wangen, deren
+Umrisse feiner und schärfer erschienen, übergoß plötzlich eine tiefe
+Röte, als der geistliche Herr ihr die Hände wegzog.
+
+Er betrachtete sie mit tiefem Mitleiden. Sprich ein Wort, Moidi,
+sagte er mit Nachdruck. Ich kann dir nicht helfen, wenn ich nicht
+weiß, wo es dir fehlt. Ist es dir nicht genug, daß ich dir beteure,
+der Andree ist nicht dein Bruder?
+
+Da schüttelte sie heftig den Kopf und öffnete die Augen mit einem
+starren, wilden Wesen, das ihn erschreckte. Ich weiß es besser, sagte
+sie dumpf vor sich hin. Die Mutter hat mir's gesagt, ich soll mich
+nicht irremachen lassen, sie hätte alle betrogen, die geistlichen
+Herren und das Amt und alle. Aber den Herrgott betrügt niemand. Wie
+sollt's auch anders sein? Wo ist denn seine Mutter, und warum hilft
+sie ihm nicht, jetzt da er elend ist? Ich weiß es besser, uns hilft
+niemand, niemand wird uns zusammengeben als der Tod, und nun geht und
+laßt mich allein, was sucht Ihr hier? Ich muß nur erst das Kind-Da
+stockte sie, und es schüttelte sie wieder über den ganzen Leib, und
+sie schloß die Augen von neuem. Plötzlich wurde sie wieder stiller,
+als sinne sie über etwas nach. Ist es wahr, sagte sie mit furchtsamem
+Ton, in die Kirche soll ich mit ihm, und Ihr wollt den Segen über uns
+sprechen? Ja, wenn das anginge, das wäre wohl schön. Aber ich weiß
+es besser, ihr seid alle betrogen; wenn Ihr's tun wolltet und es käm'
+die Stelle, ob jemand Einspruch zu tun hätte, daß der Andree und die
+Moidi ein Paar werden sollen, da würdet Ihr's erleben, da würde
+plötzlich die Mutter am Hochaltar stehn und lachen, daß sie Euch
+betrogen hat, und Ihr könntet den Segen nicht sprechen. So wird es
+kommen; ich weiß es besser!
+
+Moidi, sagte der geistliche Herr mit fester Stimme, du bist ein
+unwissendes Ding, und was du da schwatzest, ist alles eine
+Vorspiegelung des bösen Feindes, um dich in noch größere Sünde zu
+verstricken. Ist es dir nicht genug, wenn ich dir sage, ich weiß, wer
+des Andree Mutter und Vater sind, und ich darf's nur nicht sagen, weil
+es mir von denen verboten ist, denen ich Gehorsam schuldig bin?
+
+Sie sah plötzlich groß auf zu ihm, ohne ein Wort über die Lippen zu
+bringen. Aber in ihrem Gesicht lag ein so angstvolles Flehen, daß er
+tief davon erschüttert wurde und sich abwenden mußte, um sich wieder
+zu fassen. Da hörte er, wie sie leise höhnisch vor sich hinlachte.
+Seht Ihr wohl, sagte sie, Ihr könnt mir nicht dabei ins Gesicht sehn,
+es ist alles erlogen, nur damit ich wieder froh werden soll; der
+Andree wird Euch darum gebeten haben, es geht ihm so zu Herzen, aber
+wer kann uns helfen? Wenn Ihr wüßtet, wer seine Eltern sind, würdet
+Ihr wohl zu ihnen gehn und ihnen davon sagen, daß man mit Fingern auf
+die Moidi und den Andree zeigt, weil die Leute sagen, sie seien Bruder
+und Schwester und hätten doch ein Kind. Aber Ihr könnt die Eltern
+nicht rufen, denn wo sind sie? Die Mutter kenne ich wohl, sie hat
+mir's im Traum gesagt, mich macht niemand irre, ich weiß es besser!-Da
+widerstand er nicht länger. Höre mich an, sagte er und trat dicht an
+ihr Bette. Ich kann deine armseligen Reden nicht mehr hören und will
+dir sagen, was ich weiß, und was so wahr ist, wie daß ein barmherziger
+Gott im Himmel wohnt. Aber gelobe nur erst bei deiner armen Seele,
+daß du nie einem Menschen, am wenigsten dem Andree, das wiedersagen
+willst, was ich dir gegen meine Pflicht und kirchlichen Gehorsam
+vertrauen werde, weil dein Geist schwer verstört ist und es noch
+schlimmer werden möchte, wofern ich schwiege. Willst du mir auf das
+heilige Sakrament versprechen, es für dich zu behalten?
+
+Sie nickte dreimal mit aufmerksamer Miene, in der ein schwacher
+Schimmer von Hoffnung aufdämmerte. Siehe, fuhr er fort, der Andree
+bedarf's nicht; er hat keine Zweifel und Gewissensqual und wird dich
+ohne Furcht in die Kirche führen. Und ich denke wohl auch, daß dann
+seine Mutter mit unter den anderen sitzen und im stillen den Segen
+mitbeten wird, aber nicht der abgeschiedene Geist der Maria Ingram,
+deiner armen Mutter, sondern--und er neigte seinen Mund dicht an ihr
+Ohr--die Tante der Rosine, die Anna Hirzer, die ihn aus der Taufe
+gehoben, die wird mitbeten und wahrlich keinen Einspruch tun.
+
+Er hatte die Worte mit hastigem Flüstern herausgestoßen und fuhr, wie
+von seiner eigenen Rede erschreckt, in die Höhe, ob kein dritter sie
+gehört habe. Das junge Weib saß still und starr; es war, als hätte
+die Enthüllung dieses Geheimnisses keinen Eindruck auf ihre verstörte
+Seele gemacht.
+
+Nun du so viel weißt, meine Tochter, fing der kleine Priester nach
+einer Pause wieder an, sollst du auch wissen, wie das alles gekommen
+ist, denn sonst dächtest du, auch das sei nur eine Vorspiegelung. Du
+weißt aber wohl, daß deine Mutter den kleinen Andree damals von der
+Alm mit heruntergebracht hat. Auf selbiger Alm hat ihn die Anna
+Hirzer geboren. Ein Jahr zuvor nämlich ist ein fremder Herr aus
+Deutschland nach Innsbruck gekommen, ein Offizier, der hatte einen
+Feldzug gegen den Napoleon mitgemacht, und wie seine Wunden geheilt
+waren, schickten ihn die Ärzte ins Tirol hinein, weil die Luft droben,
+wo er zu Hause war, ihm nicht guttat. Nun, da hat er die Anna Hirzer
+auf der Straße gesehen, und es ist bald richtig zwischen ihnen
+geworden, denn er war ein rascher und ritterlicher Herr, und was er
+sich in den Kopf gesetzt hatte, das mußte geschehen, grad wie der
+Andree es von klein auf gemacht hat. Aber die Sache hatte noch einen
+schlimmen Haken, denn der Offizier--du hörst doch, was ich sage, Moidi?
+
+Sie nickte rasch mit dem Kopf und hob beide Hände auf, als wollte sie
+ihn bitten, sich nicht über ihr starres Wesen zu verwundern, sondern
+ruhig fortzuerzählen.
+
+Ja siehe, Kind, sagte er, der Herr war sonst ein wackrer Herr, von
+Adel und reich, und gedachte die Anna auch zu heiraten. Aber er war
+ein Lutheraner und wollte von unserer heiligen Kirche nichts wissen,
+und die Anna weinte Tage und Nächte, daß sie ihn in der Verdammnis
+wissen und ihm nicht helfen sollte. Und als sie merkte, daß ihr
+Bitten und Beten nichts über ihn vermochte, ist sie zu ihrem
+Beichtvater gegangen, der hat ihr geraten, ihr Herz Gott zum Opfer zu
+bringen und vor dem Versucher zu fliehen. Und weil sie ein frommes
+und heiliges Gemüt hatte, ist sie auch wirklich von Innsbruck weg,
+ganz heimlich, daß es ihr Bräutigam erst erfuhr, als sie schon wieder
+auf Goyen angekommen war, bei ihrem Bruder. Der hat sie sehr gelobt,
+daß sie lieber geflohen war, als das schwere Ärgernis zu geben; denn
+du weißt, daß die Hirzers allezeit eifrig gewesen sind für unsern
+katholischen Glauben, und der Joseph pflegte zu sagen, lieber den
+rechten Arm wollt' er missen, als ein Glied seiner Familie
+verlorengeben an die Ketzer und Widerchristen. Die Anna aber hatte
+sich doch zuviel zugetraut, denn schon nach ein paar Tagen glich sie
+sich selber nicht mehr und ging wie ein Schatten herum, nahm auch kaum
+einen Mund voll Speise, daß ich dachte, sie wird ausgehn wie eine
+Lampe, der man kein Öl nachschüttet. Sie hing schon allzusehr an dem
+Fremden, und Gott weiß, was ich drum gegeben hätte, wenn sich die
+armen Leutchen hätten ehelich verbinden können. Ich hab' auch mit dem
+Herrn Dekan damals viel verhandelt, aber zuletzt zerschlug sich's
+immer wieder, weil die Kinder nicht auch verdammt sein sollten, das
+hätte auch die Anna nicht übers Herz gebracht. Und so vergingen sechs
+oder sieben Tage; da kommt der Joseph eines Morgens zu mir, feuerrot
+vor Wut und Ärger, und erzählt mir, der Ketzer, der Bräutigam, sei ihr
+nun wirklich nachgereist und wohne auf Schloß Trautmannsdorf, weil er
+mit dem Grafen bekannt sei. Was nun werden solle?--Ich wieder zum
+Dekan, und wieder der alte Bescheid; und dann zur Anna hinauf und von
+der zu dem Fremden--an die Tage will ich denken, so alt ich werden mag,
+die haben mich nicht wenig Schweiß und Herzblut gekostet. Aber
+während wir noch alle mit Sorgen und Reden und Raten zu schaffen
+hatten und ich fast glaubte, wir würden an dem Fremden, der ein sehr
+ehrerbietiges Benehmen gegen mich hatte, der Kirche einen verlornen
+Sohn zuführen, wußte sich der trotzige und wagehalsige Mann heimlich
+des Nachts auf Schloß Goyen zu schleichen und trotz der Wachsamkeit
+des Joseph seine Liebste wiederzusehen. Wohl vier Wochen lang dauerte
+die Heimlichkeit. Eines Morgens aber, noch lang vor der ersten Messe,
+als er in der grauen Dämmerung eben wieder fortwollte und zwar wie
+immer zum Fenster hinaus, wo neben der rauhen Burgmauer die Fichte so
+dicht stand, daß er sich wie an einer Leiter hinunterschwingen konnte,
+da war der Joseph Hirzer früher als sonst aufgewacht und sah die
+Gestalt herabklimmen und wußte alles. Da gab es einen wilden Kampf in
+der stillen Schlucht droben, wo's nach der Naif zu steil abfällt, und
+die Anna mußte aus ihrem Fenster mit ansehn, wie der Bruder den
+Bräutigam zuletzt niederrang und ihn mit den Füßen trat. Der Fremde
+war aber gegen einen Felsen gefallen und hatte sich so schwer verletzt,
+daß er sich nur mühselig, eh' es Tag wurde, bis nach Trautmannsdorf
+schleppen konnte und dort elendiglich darniederlag. Er verlangte
+gleich, sobald er zur Besinnung kam, fort, und so ließ ihn der Graf in
+seinem eigenen Wagen nach Venedig bringen, und kaum drei Wochen war er
+dort, so kam die Nachricht, daß er gestorben sei.
+
+Der kleine Priester schwieg ein wenig, nahm bedächtig eine Prise aus
+dem Rindendöschen und sagte dann, vor sich hin blickend: Friede sei
+seiner Seele! Er war ein feiner und edelmütiger Kavalier und
+stattlich von Gesicht und Statur. Der Andree ist sein wahres Ebenbild,
+nur daß er kleiner ist und die Augen von der Mutter hat. Niemals ist
+mir's so nah gegangen wie damals, zu denken, warum doch der
+verschiedene Glaube unter den Menschen bestehen muß und der eine
+verdammen, der andere selig machen. Aber Gott hat es so eingesetzt,
+und wir kurzsichtigen Menschen müssen es hinnehmen. Ich war es selbst,
+der aus Venedig die Nachricht der Anna bringen mußte. Das war auch
+ein saurer Gang, meine Tochter! Es ist aber hernach wieder friedlich
+droben zugegangen, der Joseph und die Anna haben sich kein böses Wort
+drüber sagen dürfen, sie hatten sich beide was zu vergeben. Und wie
+der Sommer kam, ist die Anna zum Schein nach Bozen abgereist, heimlich
+aber ging sie auf die Alm zu deiner Mutter, denn außer uns fünfen hat
+nie eine lebendige Seele erfahren, was in jener Nacht geschehen.
+Nicht einmal auf Trautmannsdorf wußten sie, zu wem der fremde Herr bei
+Nacht auf Besuch ging. Und als alles vorbei war und deine Mutter den
+Knaben von der Alm mit nach Hause gebracht hatte, da ließ die Anna ihr
+Testament aufsetzen und verschrieb ihr halbes Vermögen der Kirche von
+Meran und die andere Hälfte der Kirche in Innsbruck, wo sie ihren
+Bräutigam zum erstenmal gesprochen hatte, und stiftete jährlich eine
+Anzahl heiliger Messen für die Seele des Toten, ob der Herrgott sich
+seiner erbarmen möchte. Das ist nun alles so gekommen und nicht mehr
+zu ändern, und ist besser, das alte Ärgernis, das nunmehr
+eingeschlafen ist, nicht aufzuwecken. Auch würde es dem Andree übel
+anstehn, das Testament anzufechten und die Seele seines Vaters der
+kirchlichen Gnaden zu berauben. Also ist es auch für ihn heilsamer,
+er erfährt sein Lebtag nichts von Vater und Mutter, zumal er ja auch
+kein Verlangen danach trägt. Du aber, meine Tochter, wirst dessen
+eingedenk sein, was du mir gelobt hast, und dann wird die heilige
+Mutter Gottes Fürbitte tun, daß eure Sünden euch vergeben werden und
+ihr ein friedliches und Gott wohlgefälliges Leben miteinander führen
+könnt nach so mancherlei Prüfung. Amen!
+
+Er hatte die letzten Worte in feierlich ermahnendem Ton mit erhobener
+Stimme gesagt und wartete jetzt, ob sie noch eine Frage zu tun oder
+einen Einwand vorzubringen hatte. Sie aber saß mit geschlossenen
+Augen ganz still auf dem Bette, den Kopf an die Wand zurückgelehnt,
+die Hände im Schoß gefaltet. Die ängstliche Wildheit war aus ihrem
+Gesicht gewichen, die Stirn unter dem wirren blonden Haar geglättet
+und heiter, ihre Brust atmete friedlich. Nach einer kleinen Weile
+neigte sich das Haupt auf die Schulter, und die verschlungenen Hände
+lösten sich. Die Erzählung des kleinen Seelsorgers hatte sie wie ein
+Wiegenlied eingelullt, und sie war nach den Mühen und Beschwerden der
+letzten Zeit zum erstenmal wieder in einen tiefen, traumlosen Schlaf
+gesunken.
+
+Der Hilfspriester stand auf, mit zweifelhafter Miene; eine solche
+Wirkung seiner Seelsorge hatte er nicht erwartet. Es fiel ihm jetzt
+erst wieder aufs Gewissen, daß er einem armen gestörten Wesen, das
+schwerlich ganz zurechnungsfähig sei, das bedenkliche Geheimnis in die
+Hand geliefert habe. Und sie hatte nicht einmal ihr Gelübde, zu
+schweigen, selber abgelegt und nur zu allem genickt mit zerstreutem
+Blick und vielleicht tauben Ohren. Aber was geschehen, war nicht zu
+ändern, und so viel wenigstens gewonnen, daß sie schlief und also für
+diese Nacht kein Unheil stiften konnte. Morgen ließ sich dann weiter
+sorgen.
+
+Leise trat er von dem Bette zurück und ging aus der Tür. Andree saß
+noch draußen auf der Bank, stand aber nicht auf, als der geistliche
+Freund herauskam. Auch er, da er sein armes Weib in treuer Flut wußte,
+hatte die überwachten Sinne nach so langer Anspannung endlich wieder
+sich selbst überlassen, und so war der Schlaf über ihn gekommen, der
+beste Seelsorger der Jugend.
+
+Zu derselben Stunde dachte droben auf Schloß Goyen niemand an Schlaf.
+Am späten Abend war ein Bursch aus Dorf Tirol, der auch vorzeiten der
+Moidi nachgegangen war, zum Franz gekommen und hatte ihm die Neuigkeit
+von der Heimkehr der beiden Verschollenen und wie es um die Moidi
+stehe, hinterbracht. Es sei ein großer Zorn unter allen Leuten und
+ein allgemeines Gerede, das dürfe, nicht geduldet werden, die
+Geistlichkeit müsse einschreiten und solchen Greuel mit Bann und Feuer
+von der Erde tilgen, zum furchtbaren Exempel für alle Zeiten.
+
+Den Franz traf diese Nachricht gerade in der übelsten Laune. Er war
+frischweg von einem Bräutigamszwist mit der jungen Witwe nach Haus
+gekommen, und da man ihm droben in solchen Stimmungen sorgfältig aus
+dem Wege ging, griff er begierig nach dem neuen Anlaß, seine Galle zu
+erleichtern. Er konnte sich's nicht versagen, in das Zimmer zu treten,
+wo der Vater hinter der Flasche und einem alten Zeitungsblatt, die
+Tante und die Rosine an ihren Spinnrädern saßen, um hier im derbsten
+Stil die saubere Historie von den beiden Landfahrern zum besten zu
+geben. Niemand erwiderte ihm ein Wort, es war ihm aber schon eine
+Genugtuung zu sehen, daß die Tante totenblaß wurde und der Rosel in
+die Arme sank. Sie hatte immer dem Andree das Wort geredet; nun
+mochte sie's erleben, daß er auf die elendste Art zu Grunde ging. Mit
+einem höhnischen Gute Nacht! ging er aus der Tür und strich mit seinem
+Gesellen die steilen Pfade hinab durch die laublosen Kastanienwälder
+der Stadt zu, um dort die Nacht zu verzechen und finstere Pläne zu
+schmieden.
+
+Die drei, die auf Goyen zurückblieben, saßen wohl eine Viertelstunde
+schweigend beisammen, die Tante, die sich rasch wieder erholt hatte,
+schien zu beten, Rosel sah, keines eigenen Gedankens fähig, auf den
+Vater, der unverändert auf das Zeitungsblatt starrte und heftig
+rauchte. Endlich stand er auf, klopfte die kleine Holzpfeife
+bedächtig aus und befahl der Tochter, zu Bett zu gehen.
+
+Als er mit der Anna allein war, trat er dicht vor sie hin und sagte:
+Laß einmal das Beten! Man betet nichts weg, was einem der Teufel auf
+den Weg gelegt hat. Du hast gehört, daß der Landstreicher--ich mag
+ihn nicht nennen--wieder einpassiert ist. Kann wohl sein, daß er Wind
+davon hat, wie er auf die Welt gekommen ist, und Lärm machen will, um
+sich aus der Klemme zu helfen. Ich sag' dir aber, über meine Schwelle
+darf er mir nicht, weder er noch seine Dirne. Unsere Familie soll
+nicht an die vierzig Jahre in Ehren bestanden haben, um über Nacht den
+Schimpf zu erfahren, daß solch ein lutherischer Findling sich bei uns
+eingedrängt und des Joseph Hirzer eigene Schwester auf ihre alten Tage
+in der Leute Mäuler bringt. Wenn all dein Beten und Heiligsein zu
+weiter nichts gut gewesen wär', als dich nach zwanzig Jahren zum
+Kinderspott zu machen, so wollt' ich, du--Er schluckte die Fluchrede
+hinunter, die er schon auf der Zunge hatte, denn sie sah ihm geradeaus
+und mit ernsthaftem stolzen Blick in die Augen.--Es ist schon gut,
+fuhr er in etwas gelinderem Tone fort, wir brauchen darüber nicht viel
+Redens zu machen, du weißt so gut wie ich, was alles kommen wird, wenn
+du nicht Vernunft behältst. Ich lasse morgen früh anspannen und fahre
+mit dir nach Lana, erst in die Messe, hernach zu unserm Vetter, wo du
+so lange bleiben kannst, bis hier wieder reine Luft ist. Denn ich
+denke, es soll nicht lange hergehen. Ich will die Hand in die Tasche
+stecken und ihm ein Abstandsgeld anbieten lassen, wenn er sich
+verpflichtet, das Weite zu suchen und nimmer heimzukommen. Allenfalls
+könnte man ihm das Haus samt den Gütern abkaufen und die Dirne in den
+Kauf geben, so wäre man ihn los und hätte sich nichts gegen ihn
+vorzuwerfen. Ich will das noch überlegen, 's ist Zeit genug morgen
+auf der Fahrt, und zu Mittag komm' ich dann heim und kann mit dem
+Zehnuhrmesser den Handel abkarten, der vermag noch das meiste über den
+Tollkopf und wird selber einsehen, daß alles Aufsehen vermieden werden
+muß. Handelst du aber meinem Willen zuwider, Schwester, so laß dir's
+gesagt sein: Ich treib's, soweit ich kann, damit ich dir nicht einen
+Kreuzer herauszuzahlen brauch', und müßt' ich mich unter die Erde
+prozessieren. Nun weißt du's, und nun sei gescheit und rede mir
+nichts drein und such keine Finten und Umwege. Denn es wäre umsonst;
+darauf magst du das Sakrament nehmen.
+
+Er ging aus dem Zimmer, ohne eine Antwort abzuwarten, und sie hörte,
+wie er noch einmal in den Keller hinabstieg, um sich einen Schlaftrunk
+zu holen, den er trotz seiner festen und zuversichtlichen Rede wohl
+brauchen mochte. Die Rosine schlich wieder herein und sah die Tante
+mit scheuen, verweinten Augen an. Komm, sagte die Alte, wir wollen in
+meine Kammer gehen; ich habe dir was zu sagen.
+
+Sie stand ruhig auf von ihrem Spinnrad, und ihre Hand, die das Licht
+ergriff, um es über den Flur an ihr Bett zu tragen, zitterte nicht.
+Während der Bruder ihr seinen harten Willen eröffnet hatte, war auch
+in ihr ein unerschütterlicher Wille erstarkt. Sie war auch eine
+Hirzerin, und der Bruder wußte es wohl. Und darum brauchte er den
+Schlaftrunk, denn trotz seiner drohenden Sicherheit ahnte ihm nichts
+Gutes. So hatte ihn die Anna nur einmal im Leben angeblickt: als er
+ihr zum erstenmal nach jenem nächtlichen Kampf wieder unter die Augen
+zu treten wagte.
+
+Der Schlaftrunk aber tat seine Schuldigkeit. Als unten in Meran die
+Glocken zur Frühmesse geläutet wurden, lag der Herr von Schloß Goyen
+noch im tiefen Schlaf und überhörte es auch, daß der alte Hofhund
+freudig aufbellte und mit der Kette rasselte. Auch der Franz konnte
+es nicht hören, er hatte die Nacht in Meran zugebracht. So stiegen
+die beiden weiblichen Gestalten in ihren dunklen Sonntagsgewändern
+unbemerkt die Holzstufen an der Mauer herab und traten ihren Weg durch
+die neblige Winterfrühe schweigend und eilfertig an.
+
+Sie hatten beide die Nacht durchwacht und den Morgen herbeigesehnt.
+Denn die Alte hatte der Jungen alles erzählt, was diese bisher nur
+dunkel ahnte und aus einzelnen aufgefangenen Worten des Vaters, wenn
+er im Rausch war, sich zusammenreimen konnte. Das geheimste Fach
+ihres großen Wandschrankes war aufgeschlossen worden, und alte Briefe,
+ein kleines Bildnis des Toten und die verblichenen Geschenke, die sie
+von ihm bewahrte, kamen zum erstenmal vor andere Augen als die beiden,
+die nicht müde wurden, über sie zu weinen. Nur in dieser Nacht
+vergossen sie keine Träne; sie leuchteten vielmehr von einem schönen
+Heldenmut, der das ganze Gesicht wunderbar verjüngte, die Wangen
+rötete und auch jetzt, da sie durch den Morgen hinschritt, ihren Gang
+jugendlich beflügelte, daß die Junge der Alten nur mit Mühe zur Seite
+bleiben konnte.
+
+Es lag aber ein Nebel über den Tälern der Naif und Passer, daß sie wie
+in einer Wolke wandelten und drüben den Küchelberg und die Trümmer der
+alten Zenoburg nur mit den obersten Zinnen über den Dunst heraufragen
+sahen. Noch immer klang das Geläut und dazwischen das Tosen der
+Passer, und auf den vielen Fußpfaden links und rechts hörten sie
+Kirchgänger, die ihnen im Nebelduft unsichtbar blieben, eifrig
+miteinander reden und dann und wann die beiden Namen nennen, die ihnen
+das Herz klopfen machten. Unten am steinernen Steg war es bereits
+lebhaft von Männern und Weibern, die ehrfurchtsvoll grüßten, als die
+Anna Hirzer, die Heilige, in ungewohnter Hast durch sie
+hindurchschritt. Auch standen alle still und steckten die Köpfe
+zusammen. Denn die Alte wandelte nicht wie sonst mit dem Strome der
+übrigen links durch das graue Stadttor der Kirche zu, sondern man sah
+sie in die steile Straße zur Rechten einbiegen, die auf den Küchelberg
+führt. Viele gingen ihr nach, zumal die Straße ungewöhnlich belebt
+war, als seien droben wundersame Dinge zu schauen. Stieg doch die
+Anna Hirzer hinauf, die Heilige, des Andree Pate. Was wird sie dem
+verirrten Paar, das in Schmach und Sünde wieder heimgekommen ist, zu
+sagen haben? Will sie mit ihrer Heiligkeit die armen Sünder gegen
+geistliches und weltliches Gericht beschützen, oder selbst das Wort
+der Verdammnis über sie aussprechen?
+
+So raunten die Bauern und ihre Weiber untereinander. Die Anna aber
+sah nicht rechts noch links, erwiderte auch die Grüße kaum mit einem
+leisen Kopfnicken, sondern ging die steinige Fahrstraße hinan, als
+wäre sie schon ein abgeschiedener Geist, der weder irdische Beschwerde
+fühlen, noch Menschenrede achten könne. Dicht hinter ihr schritt die
+Rosine mit de in stillen Gesicht, das alle gewohnt waren. Nur war es
+heute so bleich, daß mitleidige Weiber es sich mit Achselzucken und
+Kopfschütteln zeigten, während das Gesicht der Alten von einem
+frischen Rot angehaucht war. Sie nahm sich auch nicht die Zeit, auf
+der halben Höhe auszurasten, wo eine Bank am Felsen stand. Es war,
+als triebe sie die Ahnung vorwärts, daß sie keine Minute zu verlieren
+habe.
+
+Und freilich hatte die Nacht Unheil gebraut und gegen Morgen ein
+drohendes Gewitter um das kleine Haus auf dem Küchelberg
+zusammengezogen. Bald nach Mitternacht war der Schläfer vor der Tür
+aufgewacht, von der Kälte geschüttelt. Er hatte sich sacht in den
+Flur geschlichen, und als er sein armes Weib sanft eingeschlafen fand,
+vor den Herd gestreckt, um noch ein paar Stunden auszuruhen. Als er
+von seinen bangen Träumen im Zwielicht des weißen Morgennebels
+erwachte, hörte er Stimmen vor dem Fenster und sah Gestalten durch die
+Scheiben hereinspähen, die dann wieder verschwanden, um anderen Platz
+zu machen. Er horchte durch die Haustür, die er zum Glück in der
+Nacht verriegelt hatte, und vernahm abgerissene Worte, die ihn nicht
+zweifelhaft ließen, was draußen umgehe. Aber wenn er erst durch den
+Nebel hätte blicken und die Straßen und Gärten überschauen können,
+wäre ihm vollends das Herz gesunken und das Haar zu Berg gestanden.
+
+Denn draußen hatte sich die halbe Bevölkerung der Dörfer Tirol,
+Gratsch und Algund, durch welche sie tags zuvor in ihrem elenden
+Aufzug gewandert waren, in dichten Massen angesammelt, und keinem kam
+es darauf an, die erste Messe zu versäumen. Was sie hier suchten und
+weshalb sie das Haus umstanden, wußte so eigentlich niemand. Bei
+allen regte sich nur das dunkle Gefühl, daß sich etwas Unerhörtes mit
+zwei Menschen ereignen müsse, die so unerhört sich versündigt, die
+Neugier, wie sich die Obrigkeit dem Greuel gegenüber benehmen würde,
+bei sehr wenigen das Mitleiden. Denn was die blonde Moidi etwa an
+Teilnahme der Nachbarn genoß, wurde durch die geringe Gunst, die sich
+der wortkarge Andree erworben, ja durch die Feindseligkeit, zu der
+sein herrisches Wesen die jungen Burschen gereizt hatte, völlig wieder
+aufgewogen.
+
+Und so hörte man unter den Haufen der Neugierigen nur finstere Reden
+und sah nur strenge Gesichter. Von Meran herauf gesellten sich nicht
+wenige hinzu, auch ein stattlicher Trupp von den Weißjacken, die des
+Andree Abenteuer mit ihrem welschen Kameraden noch nicht vergessen
+hatten, und je länger das Geläut zur Kirche anhielt, desto zahlreicher
+strömte drüben aus den Passeirer Dörfern das Landvolk die steilen
+Bergpfade herauf Denn seitdem man Reben am Küchelberg gezogen und Wein
+gekeltert hatte, war manche wilde und blutige Tat und mancher
+empörende Frevel geschehen, aber einer Todsünde, die so frei und frank
+sich vor das Auge der Menschen gewagt hätte, konnte sich niemand
+entsinnen.
+
+Während nun das Summen und Murren der Volksmenge immer noch anwuchs
+und doch keiner wußte, was werden sollte, hörte man plötzlich, da
+gerade die Glocken eben verhallten, eine rauhe Stimme überlaut rufen:
+Schlagt die Tür ein! Mit den Fäusten will ich ihn herausschleppen,
+den Lump, den elenden, in Stücke will ich ihn zerfetzen, hin muß er
+werden, 's ist ihm geschworen, so wahr ich der Hirzerfranz bin, mit
+vier Rossen soll er zerrissen werden und Glied vor Glied in die Passer
+geschmissen, so gehört sich's dem Höllenhund, und wer was dawider hat,
+der soll's mit mir zu tun kriegen.
+
+Eine lautlose Stille hatte sich auf einen Schlag über die Kopf an Kopf
+gedrängte Menge gelagert. Die tausend neugierigen Augen richteten
+sich auf die Straße, auf der der Hirzerfranz daherschwankte, rechts
+und links von einem seiner Zechkumpane geführt, mit denen er die Nacht
+drunten in der Schenke zusammengesessen hatte. Er war ohne Hut, das
+Gesicht stark gerötet, aber sein Gang und Wesen nicht wie eines
+Trunkenen. Der Haß und das Bewußtsein, der Wortführer der großen
+Menge zu sein und eine preiswürdige Rachetat zu vollziehen, hatten ihn
+nach kurzem Schlaf völlig wieder ernüchtert.
+
+Der Gefangene im Hause drinnen hörte die wütenden Worte deutlich und
+gleich darauf das orkanartige Brausen der tausend Zurufe, die von
+allen Seiten losbrachen und den Vollstrecker des Strafgerichts
+ermunterten. Er hörte, wie das Gewühl näher heranschwoll, und es
+überlief ihn todeskalt. Sein eigenes Leben hätte er immerhin
+darangegeben; die Welt war ihm feindlich gewesen von Jugend auf. Aber
+das arme junge Geschöpf, das drinnen so ahnungslos von der
+wochenlangen Mühsal ausruhte, wie konnte er es retten, wie ertragen,
+daß es um seinetwillen ein furchtbares Martyrium erlitt? Sollte er
+hinaustreten, um sich zu opfern und alle Schuld auf sich allein zu
+nehmen? Aber wer würde ihn anhören, wer ihm glauben, selbst wenn er
+sich auf das Zeugnis seines geistlichen Freundes berief? Und doch
+mußte es versucht werden, auf alle Gefahr, denn das Getümmel draußen
+erhitzte sich mit jeder Minute. Er hörte jetzt auch, wie sein alter
+Geselle, der Köbele, sich ins Mittel zu legen und den Franz
+wegzudrängen versuchte. Sie sollten warten, was das Amt beschließen
+würde, der Herr Dekan solle gerufen werden oder der Zehnuhrmesser, der
+der Beichtvater der schwarzen Moidi gewesen sei, es sei nicht richtig
+mit dem Handel, die Gerichte würden's schon ausweisen. Und dann
+wieder die überlaute Fluch- und Greuelrede des Franz, und dazwischen
+Geschrei welscher Soldaten, das Ruheheischen einiger alter Männer,
+Zeter und Wehklage der Weiber und bis zu den fernsten Gruppen hinüber
+der dumpfe Widerhall einer empörten Menschenmenge, die von blinden
+Leidenschaften hin und her gerissen wurde.
+
+Der Gefangene gab sich verloren. Schon bedachte er, ob er nicht die
+Moidi wecken und dann seinen Stutzen von der Wand nehmen und sie und
+sich erschießen sollte, um sie vor Ärgerem zu bewahren; da wurde es
+draußen auf einmal stiller, und er hörte ein vielfaches Beschwichtigen
+und Ruhegebieten, dem nur der Franz nicht gehorchte. Aber auch dessen
+Stimme verstummte plötzlich, und statt ihrer vernahm der Lauscher
+drinnen im Flur die sanfte, aber feste Stimme der Tante Anna, die
+jetzt nur noch wenige Schritte von dem Hause entfernt sein konnte.
+
+Du solltest dich schämen, Franz, hörte er sie sagen, hier am heiligen
+Sonntag zu toben und zu fluchen und die anderen Leute aufzuhetzen, die
+alle nicht wissen, was sie hier tun. Geh heim, auf der Stelle, und
+zieh dein Feiertagsgewand an, und dann komm wieder herab zur Kirche
+und bete zu unserm Heiland auf den Knien, daß er dir deine Sünden
+nicht schwerer anrechne als dem Andree und der Moidi da drinnen, die
+du armseliger Mensch zu Gericht ziehen willst, als wärest du der
+Richter, und bist selbst nur ein unwissender, sündiger Mensch, wie wir
+alle sind. Steh mir hier nicht länger im Weg, fuhr sie mit erhobener
+Stimme fort, und ihr andern geht auch eurer Wege; nur ich habe ein
+Recht, an diese Tür zu klopfen, denn daß ihr es nur wißt, da drinnen
+wohnt mein Sohn, den ich mit Schmerzen geboren und lange Jahre
+verleugnet habe, weil ich ein schwaches Weib gewesen bin und die
+Schande vor der Welt gefürchtet habe. Jetzt aber sage und bezeuge ich
+vor dem Angesicht Gottes des Vaters und des Sohnes und des heiligen
+Geistes und vor den Ohren aller, die hier versammelt sind: Mein ist er,
+und wer ihn anklagen oder schmähen will, der klage mich an, denn ich
+habe es verschuldet, daß er in Schuld und Elend gefallen ist, weil ich
+ihn nicht an meiner Hand gehalten habe, wie eine Mutter ihr Kind
+halten soll, sondern habe ihn einer Fremden überlassen, die ihn nicht
+lieben konnte. Nun wisset ihr's, und nun gehet in die Kirche hinunter
+und betet für eine große Sünderin, die ihr für fromm und gerecht
+gehalten und geehrt habt, und die von allen Frauen die letzte und
+verachtetste sein muß, wenn Gott sich ihrer Reu' und Leiden nicht in
+Gnaden erbarmen will.
+
+Als sie das gesprochen hatte, blieb alles stumm, und niemand regte
+sich von der Stelle, außer dem Franz, der verstört zurückwich und
+jetzt unter der Menge verschwand. Die Anna aber pochte an die Tür des
+Hauses, die sich alsbald öffnete. Auf der Schwelle stand der Andree
+wie ein Träumender. Da sah er die Augen der Mutter auf ihn gerichtet
+und sah, wie sie überflossen und wie ihr die Knie wankten, als sie
+einen Schritt ihm entgegen tat, und sie wäre vor ihm niedergefallen,
+wenn er nicht beide Arme fest um sie geschlungen und sie wieder
+aufgerichtet hätte, daß sie an seiner Brust sicher ruhen und sich
+ausweinen konnte. Jetzt erst kam wieder Leben unter die Volkshaufen;
+aber sie lösten sich geräuschlos auf, untereinander flüsternd, die
+Weiber drückten ihre Tücher gegen die Augen, die Männer gingen
+schweigsam hinweg. Viele blieben zurück und starrten in die offene
+Türe, in der die Mutter mit ihrem Sohn verschwunden war.
+
+Es währte auch nicht lange, so traten sie wieder heraus, die Mutter in
+der Mitte, der Andree zu ihrer Rechten, die Moidi zur Linken, alle
+drei Hand in Hand. Sie sprachen nicht miteinander, sie blickten mit
+stillen Gesichtern wie verklärt vor sich hin. Und als die Moidi
+draußen der Rosel ansichtig wurde, ließ sie auf einen Augenblick die
+Hand der Mutter los und fiel der Getreuen mit weinenden Augen um den
+Hals. Dann zog sie die Freundin mit sich fort, und die vier wundersam
+verbundenen Menschen gingen durch die stillen Haufen des Volks die
+Straße hin, die nach der Stadt hinunterführt. Ein lautloser Strom
+Andächtiger schloß sich ihnen an.
+
+Unten aber, wo der Marktplatz von Menschen wimmelte, öffnete sich
+ihnen eine breite Gasse. Das Gerücht war ihnen vorausgeeilt, an allen
+Haustüren und Fenstern standen die Bürger und Bauern, um die Anna
+Hirzer zu sehen, die Heilige, die ihren Sohn einherführte, um ihn der
+ganzen Stadt zu zeigen und Zeugnis abzulegen, daß sie große Sünde
+getan und der Barmherzigkeit ihres Gottes bedürftiger sei als mancher,
+der sie heilig gesprochen.
+
+Und eine Stunde später, als die Zehnuhrmesse eingeläutet wurde, kniete
+die Mutter mit ihren beiden Kindern ganz vorn zwischen den Stühlen auf
+dem kalten Stein. Der Geistliche am Altar sah sie wohl. Seine Stimme
+zitterte, als er die ersten Worte sprach. Dann tönte sie immer voller
+und freudiger durch den hohen Raum, und als die Orgel zum Schluß
+einfiel, sah er mit einem Blick nach oben, als wolle er allen Segen
+des Himmels auf das gebeugte graue Haupt und die beiden jugendlichen
+ihm zur Seite herabflehen.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Weinhüter, von Paul Heyse.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER WEINHUETER ***
+
+This file should be named 9099-8.txt or 9099-8.zip
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+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
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+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
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+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
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+and editing by those who wish to do so.
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+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
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+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
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+91 or 90
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
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+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
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+which is only about 4% of the present number of computer users.
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