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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Das Mädchen von Treppi + +Paul Heyse + +Novelle + +(1855) + + +Auf der Höhe des Apennin, wo er sich zwischen Toskana und dem +nördlichen Teil des Kirchenstaats hinzieht, liegt ein einsames +Hirtendorf, Treppi genannt. Die Pfade, die hinaufführen, sind für +Wagen unzugänglich. Viele Stunden weiter nach Süden in großem Umweg +überschreitet die Straße der Posten und Vetturine* das Gebirge. +Treppi vorüber ziehen nur Bauern, die mit den Hirten zu handeln haben, +selten ein Maler oder ein landstraßenscheuer Fußwanderer, und in den +Nächten die Schmuggler mit ihren Saumtieren, die das öde Dorf, wo sie +kurze Rast machen, auf noch viel rauheren Felswegen zu erreichen +wissen, als alle andern. + +{ed. * Wagen} + +Es war erst gegen die Mitte Oktobers, eine Zeit, wo die Nächte in +dieser Höhe noch von großer Klarheit zu sein pflegen. Heute aber +hatte sich nach dem sonnenheißen Tage ein feiner Nebel aus den +Schluchten heraufgewälzt und breitete sich langsam über die +edelgeformten nackten Felszüge des Hochlandes. Es mochte gegen neun +Uhr abends sein. In den zerstreuten niedrigen Steinhütten, die über +Tag nur von den ältesten Weibern und jüngsten Kindern bewacht werden, +glommen nur noch schwache Feuerscheine. Um die Herde, über denen die +großen Kessel wankten, lagen die Hirten mit ihren Familien und +schliefen; die Hunde hatten sich in die Asche gestreckt; eine +schlaflose Großmutter saß wohl noch auf einem Haufen Felle und bewegte +mechanisch die Spindel hin und her, Gebete murmelnd, oder ein unruhig +schlafendes Kind im Korbe schaukelnd. Die Nachtluft zog feucht und +herbstlich durch die handgroßen Lücken in der Mauer, und der Rauch der +ruhig ausbrennenden Herdflamme, der jetzt vom Nebel gedrängt wurde, +schlug schwerfällig zurück und floß an der Decke der Hütte hin, ohne +daß es der Alten beschwerlich ward. Hernach schlief auch sie mit +offenen Augen, soviel sie konnte. + +Nur in einem Hause war noch Bewegung. Es hatte auch nur ein Stockwerk +wie die andern; aber die Steine waren besser gefugt, die Tür breiter +und höher, und an das weite Viereck, das die eigentliche Wohnung +ausmachte, lehnten sich mancherlei Schuppen, angebaute Kammern, Ställe +und ein gut gemauerter Backofen. Vor der Haustür stand ein Trupp +beladener Pferde, denen ein Bursch eben die geleerten Krippen wegriß, +während sechs bis sieben bewaffnete Männer aus dem Hause traten, in +den Nebel hinaus, und eilig ihre Tiere rüsteten. Ein uralter Hund, +der neben der Tür lag, bewegte nur leicht den Schweif, als sie +aufbrachen. Dann erhob er sich müde von der Erde und ging langsam in +das Innere der Hütte, wo das Feuer noch hell brannte. Am Herde stand +seine Herrin, dem Feuer zugewendet, die stattliche Gestalt regungslos, +die Arme an den Hüften herabhangend. Als der Hund mit der Schnauze +sanft gegen ihre Hand rührte, wandte sie sich, als schrecke sie aus +Träumen auf. "Fuoco", sagte sie, "mein armes Tier, geh schlafen, du +bist krank!"--Der Hund winselte und bewegte den Schweif dankbar. Dann +kroch er auf ein altes Fell neben dem Herd und streckte sich hustend +und winselnd nieder. + +Indessen waren auch einige Knechte hereingekommen und hatten sich um +den großen Tisch an die Schüssel gesetzt, welche die abziehenden +Schmuggler soeben verlassen hatten. Eine alte Magd füllte sie aus dem +großen Kessel von neuem mit Polenta, und setzte sich nun ebenfalls mit +ihrem Löffel zu den andern. Während sie aßen, wurde kein Wort laut; +die Flamme knisterte, der Hund stöhnte heiser aus dem Schlaf, das +ernsthafte Mädchen saß auf den Steinplatten des Herdes, ließ das +Schüsselchen mit der Polenta, das ihr die Magd besonders hingestellt +hatte, unberührt und sah in der Halle umher, ohne Gedanken in sich +versunken. Vor der Tür stand der Nebel jetzt schon wie eine weiße +Wand. Aber zugleich ging der halbe Mond eben hinter dem Rand des +Felsens in die Höhe. + +Da kam es wie Hufschlag und Menschentritte die Straße herauf.--"Pietro!" +rief die junge Hausherrin mit ruhig erinnerndem Ton. Ein langer +Bursch stand augenblicklich vom Tisch auf und verschwand im Nebel. + +Man hörte jetzt die Schritte und Stimmen näher, endlich hielt das +Pferd am Hause. Noch eine Weile, dann erschienen drei Männer unter +der Tür und traten mit kurzem Gruß ein. Pietro näherte sich dem +Mädchen, das teilnahmlos in die Flamme sah. "Es sind zwei von +Porretta", sagte er ihr, "Ohne Waren; sie führen einen Signore über +die Berge, der seine Pässe nicht in Ordnung hat." + +"Nina!" rief das Mädchen. Die alte Magd stand auf und kam an den Herd. + +"Das ist's nicht allein, daß sie essen wollen, Padrona", fuhr der +Bursch fort. "Ob der Herr ein Lager haben kann für die Nacht. Er +will nicht weiter vor Tagesanbruch." + +"Mach ihm eine Streu in der Kammer." Pietro nickte und ging wieder an +den Tisch. + +Die drei hatten Platz genommen, ohne daß die Knechte sie einer +besondern Aufmerksamkeit würdigten. Es waren zwei Contrabbandieri, +wohlbewaffnet, die Jacken leicht übergeworfen, die Hüte tief über die +Stirn gedrückt. Sie nickten den andern zu wie guten Bekannten, und +nachdem sie ihrem Begleiter einen guten Platz eingeräumt hatten, +schlugen sie das Kreuz und aßen. + +Der Signore, der mit ihnen gekommen, aß nicht. Er nahm den Hut von +der hohen Stirn, strich mit der Hand durchs Haar und ließ die Augen +über den Ort und die Gesellschaft schweifen. An den Wänden las er die +mit Kohle gemalten, frommen Sprüche, sah im Winkel das Madonnenbild +mit dem Lämpchen, daneben die Hühner, die auf der Stange schliefen, +dann die Maiskolben, die, auf Schnüre gereiht, an der Decke hingen, +ein Brett mit Krügen und Korbflaschen, übereinandergeschichtete Felle +und Körbe. Das Mädchen am Herd fesselte endlich seine unruhigen Augen. +Das dunkle Profil zeichnete sich streng und schön gegen das +flackernde Rot des Herdfeuers, ein großes Nest schwarzer Flechten lag +tief auf dem Nacken, die Hände hatte sie ineinanderverschränkt auf das +eine Knie gelegt, während der andere Fuß auf dem Felsboden des Gemachs +ruhte. Wie alt sie sein mochte, konnte er nicht erraten. Doch sah er +an ihrem Gebaren, daß sie die Wirtin des Hauses war. + +"Habt Ihr Wein im Hause, Padrona?" fragte er endlich. Er hatte diese +Worte kaum gesagt, als das Mädchen wie vom Blitz gestreift emporfuhr +und aufrecht neben dem Herde stand, mit beiden Armen sich auf die +Platten stützend. In demselben Augenblick fuhr der Hund aus dem +Schlafe auf. Ein wildes Murren brach aus seiner keuchenden Brust vor. +Der Fremde sah plötzlich vier funkelnde Augen auf sich gerichtet. + +"Darf man nicht fragen, ob Ihr Wein im Hause habt, Padrona?" +wiederholte er jetzt. Noch aber hatte er das letzte Wort nicht +geendet, als der Hund in unerklärlicher Wut laut heulend auf ihn +zusprang, ihm den Mantel mit den Zähnen von der Schulter riß und von +neuem gegen ihn losgesprungen wäre, wenn nicht ein scharfer Ruf seiner +Herrin ihn gebändigt hätte. + +"Zurück, Fuoco, zurück! Friede, Friede!"--Der Hund stand mitten im +Zimmer, heftig mit dem Schweife schlagend, den Fremden unverwandt im +Auge.--"Schließ ihn in den Stall, Pietro!" sagte das Mädchen halblaut. +Sie stand noch immer wie erstarrt am Herde und wiederholte den Befehl, +als Pietro zauderte. Denn seit langen Jahren war der nächtliche +Platz des alten Tiers neben dem Herde gewesen. Die Knechte flüsterten +untereinander, der Hund folgte widerwillig, und sein Heulen und +Winseln drang schauerlich von draußen herein, bis es vor Erschöpfung +nachzulassen schien. + +Indessen hatte die Magd auf einen Wink der Wirtin Wein gebracht. Der +Fremde trank, reichte den Becher seinen Begleitern und sann im stillen +über den wunderlichen Aufruhr nach, den er unwissentlich angestiftet. +Ein Knecht nach dem andern legte den Löffel nieder und ging mit einem +"Gute Nacht, Padrona!" hinaus. Zuletzt waren die drei mit der Wirtin +und der alten Magd allein. + +"Die Sonne geht um vier Uhr auf", sagte der eine Schmuggler halblaut +zu dem Fremden. "Eccellenza braucht nicht früher aufzubrechen, um bei +guter Zeit in Pistoja zu sein. Es ist auch wegen des Pferdes, das +seine sechs Stunden stehen muß." + +"Es ist gut, meine Freunde. Geht und schlaft!" + +"Wir werden Euch wecken, Eccellenza." + +"Auf alle Fälle", erwiderte der Fremde. "Obwohl die Madonna weiß, daß +ich nicht oft sechs Stunden in einem Strich schlafe. Gute Nacht, +Carlone; gute Nacht, Meister Giuseppe!" + +Die Leute rückten ehrerbietig die Hüte und standen auf. Der eine ging +nach dem Herd und sagte: "Ich habe einen Gruß, Padrona, vom Costanzo +aus Bologna, und ob es bei Euch war, wo er sein Messer hat liegen +lassen letzten Samstag." + +"Nein", sagte sie kurz und ungeduldig. + +"Ihr hättet's ihm wohl wieder mitgeschickt", sagte ich ihm, "wenn's +hier gewesen wäre. Und dann--" + +"Nina", unterbrach sie ihn, "zeige ihnen den Weg in die Kammer, wenn +sie ihn vergessen haben." + +Die Magd stand auf. "Ich wollte nur noch sagen, Padrona", fuhr der +Mann mit großer Ruhe und leisem Zwinkern der Augen fort, "daß dieser +Herr dort das Geld nicht ansähe, wenn Ihr ihm ein sanfteres Bett +machtet, als unsereinem. Das wollt' ich Euch sagen, Padrona, und nun +schenk' Euch die Madonna eine gute Nacht, Signora Fenice!" + +Damit wandte er sich zu seinem Gesellen, neigte sich, wie dieser, vor +dem Bilde in der Ecke, kreuzte sich und beide verließen mit der Magd +das Gemach. "Gute Nacht, Nina!" rief das Mädchen. Die Alte wandte +sich noch auf der Schwelle und machte ein fragendes Zeichen, zog dann +aber rasch und gehorsam die Tür hinter sich zu. + + +Sie waren kaum allein, als Fenice eine Messinglampe, die seitwärts am +Herde stand, ergriff und hastig anzündete. Das Herdfeuer erlosch mehr +und mehr, die drei roten Flämmchen der Lampe erhellten nur einen +kleinen Teil des weiten Raumes. Es schien, als habe die Dunkelheit +den Fremden schläfrig gemacht, denn er saß am Tische, den Kopf auf die +Arme gelegt, den Mantel dicht um sich gezogen, als gedenke er so die +Nacht zuzubringen. Da hörte er seinen Namen rufen und sah empor. Die +Lampe brannte vor ihm auf dem Tisch, ihm gegenüber stand die junge +Padrona, die ihn gerufen hatte. Ihr Blick traf den seinen mit großer +Gewalt. + +"Filippo", sagte sie, "kennt Ihr mich nicht mehr?" + +Er sah eine Zeitlang forschend in das schöne Gesicht, das vom Schein +der Lampe und mehr noch von der Angst zu glühen schien, welche Antwort +ihrer Frage werden würde. Das Gesicht war wohl des Wiedererinnerns +wert. Die weichen langen Augenwimpern sänftigten, wie sie langsam auf +und nieder gingen, die Strenge der Stirn und der schmalgeformten Nase. +Der Mund blühte in der rötesten Jugend; nur hatte er, wenn er schwieg, +einen Zug von Entsagung, Schmerz und Wildheit, dem die schwarzen +Augen nicht widersprachen. Jetzt erst, als sie am Tische stand, +zeigte sich auch der herbe Reiz der Gestalt, besonders die Schönheit +des Nackens und Halses. Und dennoch sprach Filippo nach einigem +Besinnen: + +"Ich kenne Euch wahrlich nicht, Padrona!" + +"Es ist nicht möglich", sagte sie mit einem wunderbar tiefen Ton der +Gewißheit. "Ihr habt ja sieben Jahre Zeit gehabt, mich zu behalten. +Das ist lang; da kann ein Bild sich schon einprägen." + +Das seltsame Wort schien ihn jetzt erst völlig aus seinen besondern +Gedanken loszumachen. "Ja, Mädchen", sagte er, "wer sieben Jahre zu +nichts anderm braucht, als einem schönen Mädchenkopf nachzudenken, der +muß ihn wohl zuletzt auswendig wissen." + +"Ja", sagte sie nachdenklich, "so ist es, so sagtet Ihr auch damals, +daß Ihr an nichts anderes denken würdet." + +"Vor sieben Jahren? So war ich noch ein scherzhafter Mensch vor +sieben Jahren. Und du hast das im Ernst geglaubt?" + +Sie nickte dreimal sehr ernsthaft. "Warum sollte ich nicht? Ich habe +es ja an mir selbst erfahren, daß Ihr recht hattet." + +"Kind", sagte er mit einer gutmütigen Miene, die seinen entschiedenen +Zügen wohl stand, "das tut mir leid. Vor sieben Jahren dacht' ich +wohl noch, es wüßten es alle Weiber, daß zärtliche Männerworte nicht +viel mehr wert sind als Spielmarken, die man freilich gelegentlich +gegen klingendes Geld umwechselt, wenn es ausdrücklich ausgemacht ist. +Was dacht' ich nicht alles vor sieben Jahren von euch Weibern! Jetzt +denk ich, ehrlich gesagt, selten an euch. Liebes Kind, man hat so +viel Wichtigeres zu denken." + +Sie schwieg, als ob sie das alles nicht verstünde und ruhig abwarten +wollte, bis er etwas sagte, was sie wirklich anging. + +"Es dämmert jetzt freilich in mir auf", sagte er nach einigem Sinnen, +"daß ich diesen Teil des Gebirges schon einmal durchwandert habe. Ich +hätte auch vielleicht das Dorf und dieses Haus wieder erkannt, ohne +den Nebel. Ja, ja, es war allerdings vor sieben Jahren, wo mich der +Arzt in die Berge schickte, und ich wie ein Narr die steilsten Wege +auf und ab stürmte." + +"Ich wußte es wohl", sagte sie, und ein rührender Glanz der Freude +erschien auf den Lippen, "ich wußte es wohl, Ihr könnt es nicht +vergessen haben. Hat es doch der Hund, der Fuoco, nicht vergessen, +auch nicht seinen alten Haß auf Euch von damals,--noch ich--meine alte +Liebe." + +Das sagte sie mit so großer Festigkeit und Heiterkeit, daß er immer +erstaunter zu ihr aufsah. "Ich besinne mich nun auch auf ein Mädchen", +sagte er, "das ich einmal auf der Höhe des Apennin traf, und das mich +zu seinen Eltern nach Hause brachte. Ich hätte sonst die Nacht auf +den Klippen zubringen müssen. Ich weiß auch, daß es mir gefiel--" + +"Ja", unterbrach sie ihn, "sehr!" + +"Aber ich gefiel dem Mädchen nicht. Ich hatte ein langes Gespräch mit +ihr, zu dem sie nicht viel über zehn Worte beisteuerte. Als ich ihr +endlich das schlafende finstre Mündchen mit einem Kuß aufzuwecken +dachte--ich sehe sie noch, wie sie von mir weg auf die Seite sprang +und mit jeder Hand einen Stein aufhob, daß ich kaum ungesteinigt +davonkam. Wenn du jenes Mädchen bist, wie kannst du von deiner alten +Liebe zu mir reden?" + +"Ich war funfzehn Jahr', Filippo, und schämte mich sehr. Ich war +immer so trotzig gewesen und allein, und wußte mich nicht auszudrücken. +Und dann hatte ich Furcht vor den Eltern, die lebten damals noch, +wie Ihr wissen werdet. Mein Vater hatte die vielen Hirten und Herden, +und hier die Schenke. Es ist seitdem nicht viel anders geworden. Nur, +daß er nicht mehr hier schaltet und schilt--seine Seele sei im +Paradiese! Und vor der Mutter schämte ich mich am meisten. Wißt Ihr +noch, gerade an demselben Fleck saßet Ihr damals, Ihr lobtet noch den +Wein, den wir von Pistoja hatten. Mehr hörte ich nicht, die Mutter +sah mich scharf an, da ging ich hinaus und stellte mich hinter das +Fenster, um Euch noch betrachten zu können. Ihr waret jünger, +natürlich, aber nicht schöner. Ihr habt noch heut dieselben Augen, +mit denen Ihr damals gewinnen konntet, wen Ihr wolltet; und dieselbe +dunkle Stimme, die den Hund so aufbrachte vor Eifersucht, armes Tier! +Bisher hatte ich ihn allein geliebt. Er merkte wohl, daß ich Euch +mehr liebte, er merkte es besser als Ihr selbst. + +"Richtig", sagte er, "er war in jener Nacht wie unsinnig. Eine +wunderliche Nacht! Du hattest mir's doch sehr angetan, Fenice. Ich +weiß, daß ich keine Ruhe hatte, als du gar nicht wieder ins Haus +zurückkommen wolltest, daß ich aufstand und dich draußen suchte. Dein +weißes Kopftuch sah ich, und dann nichts mehr von dir, denn du +sprangst in die Kammer neben dem Stall." + +"Das war meine Schlafkammer, Filippo. Da durftet Ihr doch nicht +hinein." + +"Aber ich wollt' es. Ich weiß noch, wie lange ich stand und pocht' +und bettelte, der schlechte Gesell, der ich war, und meinte, der Kopf +müsse mir springen, wenn ich dich nicht noch einmal sähe." + +"Der Kopf? Nein, das Herz, sagtet Ihr. Ich weiß sie noch alle wohl, +die Worte, alle!" + +"Und wolltest doch damals nichts von ihnen wissen." + +"Mir war zumut wie zum Sterben. Ich stand im hintersten Winkel und +dachte, wenn ich mir nur das Herz fassen könnte, an die Tür zu +schleichen, den Mund an die Spalte zu legen, durch die Ihr spracht, +daß ich den Hauch empfunden hätte." + +"Törichte verliebte Jugend! Wäre deine Mutter nicht gekommen, ich +stände wohl noch da; du hättest denn inzwischen aufgemacht. Ich +schäme mich jetzt beinahe, wie ich im hellen Ärger und Grimm davonging +und die Nacht hindurch einen langen Traum von dir hatte." + +"Ich habe im Finstern gesessen und gewacht", sagte sie. "Gegen Morgen +überfiel mich ein Schlaf, und als ich auffuhr und in die Sonne sah--wo +wart Ihr? Es sagte mir's keiner und fragen konnt' ich nicht. Ich +hatte einen solchen Haß, ein menschliches Gesicht zu sehen, als hätten +sie Euch umgebracht, damit ich Euch nur nicht mehr sähe. Ich lief +fort, wie ich ging und stand, die Berge auf und ab, zuweilen schrie +ich nach Euch, zuweilen verwünschte ich Euch, denn um Euch konnte ich +nun keinen Menschen mehr lieben. Am Ende kam ich unten in der Ebene +an, da erschrak ich und kehrte wieder um. Zwei Tage war ich weg +gewesen. Der Vater schlug mich, als ich wiederkam, und die Mutter +sprach nicht mit mir. Sie wußten wohl, warum ich weggelaufen war. +Nur der Hund war mit mir gewesen, der Fuoco; aber wenn ich Euern Namen +rief in der Einsamkeit, heulte er." + +Es entstand eine Pause, in der die Blicke der beiden Menschen +aufeinander ruhten. Dann sagte Filippo: "Wie lange sind deine Eltern +nun tot?" + +"Drei Jahr'. Sie starben in derselben Woche--ihre Seelen seien im +Paradiese! Dann bin ich nach Florenz gegangen." + +"Nach Florenz?" + +"Ja, Ihr sagtet ja, Ihr wäret aus Florenz. Die Frau des Caffetiere +draußen bei San Miniato, an die wiesen mich welche von den +Contrabbandieri. Einen Monat hab ich da gelebt und sie alle Tage in +die Stadt geschickt, nach Euch zu fragen. Abends ging ich selbst +hinunter und suchte Euch. Am Ende hörten wir, daß Ihr längst +fortgezogen, keiner wollte recht wissen, wohin." + +Filippo stand auf und ging mit starken Schritten durch das Gemach. +Fenice wandte sich nach ihm, ihr Blick folgte ihm, doch verriet sie +keine Spur einer ähnlichen Unruhe, wie sie ihn umhertrieb. Er kam +endlich auf sie zu, sah sie eine Weile an und sagte dann: "Und wozu +gestehst du mir das alles, la Poveretta*?" + +{ed. * Du Ärmste} + +"Ich habe sieben Jahre Zeit gehabt, mir einen Mut dazu zu fassen. Ach, +wenn ich es Euch damals gestanden hätte, es hätte mich nicht so +unglücklich gemacht, dieses feige Herz. Aber ich wußte, daß Ihr +wiederkommen mußtet, Filippo; nur daß es so lange dauerte, das hatte +ich nicht gedacht, das tat mir weh.--Ein Kind bin ich, so zu sprechen. +Was kümmert mich, was nun vorüber ist? Filippo, da seid ihr, und +hier bin ich und bin Euer, ewig, ewig!"-"Liebes Kind!" sagte er leise, +und verschwieg dann wieder, was er auf der Zunge hatte. Sie empfand +es aber nicht, daß er so nachdenklich und schweigsam vor ihr stand und +über ihre Stirn weg auf die Wand starrte. Sie sprach ruhig weiter; es +war, als wären ihr ihre Worte seit lange bekannt, als habe sie sich +tausendmal im stillen vorgestellt: Er wird kommen, und das und das +wirst du ihm sagen. + +"Ich habe schon viele heiraten sollen, hier oben, und als ich in +Florenz war. Ich wollte nur dich. Wenn mich einer bat und sagte mir +süße Reden, gleich war deine Stimme da, aus jener Nacht, deine Reden, +die süßer waren, als alle Worte unterm Monde. Seit manchem Jahr +lassen sie mich in Ruh, obwohl ich noch nicht alt bin, und so schön +wie ich immer war. Es ist als ob sie alle wüßten, daß du nun bald +kommen würdest."--Dann wieder: + +"Wo willst du mich nun hinführen? Willst du hier oben bleiben? Nein, +es taugt nicht für dich. Seit ich in Florenz war, weiß ich, daß es +traurig auf dem Gebirge ist. Wir wollen das Haus und die Herden +verkaufen, dann bin ich reich. Ich habe das wilde Wesen mit den +Leuten hier satt. In Florenz mußten sie mich alles lehren, was eine +Städterin braucht, und sie verwunderten sich, wie rasch ich jedes +begriff. Freilich, ich hatte nicht viel Zeit und alle Träume sagten +mir, daß es hier oben sein würde, wo du mich zu suchen kämest.--Ich +habe auch eine Zauberin gefragt, und auch das ist alles eingetroffen." + +"Und wenn ich nun schon eine Frau hätte?" + +Sie sah ihn groß an. "Du willst mich versuchen, Filippo! Du hast +keine. Auch das hat mir die Strega* gesagt. Aber wo du wohnest, das +wußte sie nicht." + +{ed. * Hexe} + +"Sie hat recht gehabt, Fenice, ich habe kein Weib. Aber woher weiß +sie oder du, daß ich je eins haben will?" + +"Wie könntest du mich nicht wollen?" sagte sie mit unerschütterlichem +Vertrauen. + +"Setz dich hier zu mir her, Fenice! Ich habe dir viel zu sagen. Gib +mir deine Hand; versprich mir, daß du mich verständig anhören willst +bis zu Ende, meine arme Freundin!" Als sie nichts von dem allen tat, +fuhr er mit klopfendem Herzen fort, vor ihr stehenbleibend und das +Auge traurig auf sie geheftet, während das ihrige wie in Ahnungen, die +ihr ans Leben gingen, bald geschlossen war, bald am Boden hinirrte. + +"Ich habe schon vor Jahren aus Florenz fliehen müssen", erzählte er. +"Du weißt, da waren jene politischen Tumulte, die so lange hin und her +schwankten. Ich bin Advokat und kenne eine Menge Menschen, und +schreibe und empfange einen großen Haufen Briefe das Jahr hindurch. +Zudem war ich unabhängig, sagte meine Meinung, wo es not tat, und +wurde verhaßt, obwohl ich die Hände bei ihrem heimlichen Spiel nie +haben mochte. Am Ende mußte ich auswandern, wenn ich nicht in +endloses Verhör und Gefängnis gehen wollte, ohne Nutz und Zweck. Ich +bin nach Bologna gezogen und habe für mich gelebt, meine Prozesse +geführt, und wenig Menschen gesehen, am wenigsten Weiber; denn von dem +tollen Burschen, dem du vor sieben Jahren das Herz schwer machtest, +ist nichts mehr an mir geblieben, als daß mir noch immer der Kopf, +oder wenn du lieber willst, das Herz springen will, wenn ich irgendwas +nicht bezwingen kann, freilich heutzutage andere Dinge, als den Riegel +an der Kammertür eines schönen Mädchens.--Du hast vielleicht gehört, +daß es auch in Bologna in der letzten Zeit unruhig geworden ist. Man +hat angesehene Männer verhaftet, darunter einen, dessen Wege und Stege +ich seit langem kenne, und weiß, daß seine Seele diesen Dingen sehr +fern war. Denn eine schlechte Regierung bessern sie damit so wenig, +als wenn eine Krankheit unter euern Schafen ist und ihr schicktet den +Wolf in den Stall. Aber was soll das hier? Genug, mein Freund bat +mich, sein Advokat zu sein und ich verhalf ihm zur Freiheit. Es war +das kaum bekannt worden, als mich eines Tages ein elender Mensch auf +der Straße anrannte und mich mit Beleidigungen überhäufte. Ich konnte +mich nicht anders von ihm losmachen, als durch einen Stoß gegen die +Brust, denn er war berauscht und keiner Erwiderung wert. Kaum hatte +ich mich aus dem Menschenschwarm herausgewunden und war in ein Café +getreten, so kam mir schon ein Verwandter jenes Menschen nach, +nüchtern von Wein, aber trunken von Gift und Zorn, und stellte mich +zur Rede, daß ich wie ein Ehrloser auf Worte mit Fäusten geantwortet +hätte, statt zu tun, was jeder Galant'uomo* getan haben würde. Ich +antwortete so gemäßigt, wie ich konnte, denn schon durchschaute ich's, +daß alles eine Veranstaltung der Regierung war, mich durch einen +Zweikampf unschädlich zu machen. Doch gab ein Wort das andere und die +Feinde hatten endlich das Spiel gewonnen. Der andere gab vor, daß er +ins Toskanische hinüber müsse, und drang darauf, die Sache drüben +auszumachen. Ich ging darauf ein, denn es war Zeit, daß einer von uns +Besonnenen den unruhigen Köpfen bewies, nicht Mangel an Mut sei die +Ursache unserer Zurückhaltung, sondern einzig die Hoffnungslosigkeit +aller heimlichen Umtriebe, einer so überlegenen Macht gegenüber. Als +ich aber vorgestern um einen Paß einkam, wurde er mir verweigert, ohne +daß man sich herabließ, mir einen Grund dafür anzugeben; es hieß, so +sei der Befehl der obersten Behörden. Es wurde mir klar, daß sie mir +entweder den Schimpf zuziehen wollten, das Duell vermieden zu haben, +oder mich dazu treiben, mich in irgendwelcher Verkleidung über die +Grenze zu stehlen, wo ich dann sicher von einem Hinterhalt aufgefangen +worden wäre. Dann hätten sie einen Vorwand gehabt, mir den Prozeß zu +machen, und ihn hinzuzerren, solange es ihnen nützlich erschienen wäre." + +{ed. * Ehrenmann} + +"Die Elenden! die Gottlosen!" unterbrach ihn das Mädchen und ballte +die Faust. + +"So blieb nichts übrig, als mich in Porretta den Contrabbandieri +anzuvertrauen. Wir werden morgen, wie sie mir sagen, noch früh +Pistoja erreichen. Nachmittags ist das Duell verabredet, in einem +Garten vor der Stadt." + +Sie ergriff plötzlich heftig seine Hand mit ihren beiden. "Geh nicht +hinunter, Filippo", sagte sie. "Sie wollen dich ermorden." + +"Gewiß, das wollen sie, Kind, nichts Geringeres. Woher weißt du das +aber?" + +"Ich sehe es hier und--hier!" Und sie deutete mit dem Finger auf Stirn +und Herz. + +"Du bist auch eine Zauberin, eine Strega", fuhr er mit Lächeln fort. +"Jawohl, Kind, sie wollen mich morden. Mein Gegner ist der beste +Schütze in Toskana. Sie haben mir die Ehre angetan, einen stattlichen +Feind gegen mich zu stellen. Nun, ich werde mir auch keine Schande +machen. Wer weiß aber, ob alles mit rechten Dingen zugeht? Wer weiß? +Oder hast du auch Zauberkünste, das vorauszusehen? Was hülf' es, +Kind! damit wäre nichts geändert." + +"Du mußt es dir also schon aus dem Sinn schlagen", fuhr er nach +einigem Schweigen fort, "deiner törichten alten Liebe ihren Willen zu +tun. Vielleicht hat alles so kommen müssen, damit ich nicht aus der +Welt ginge, ohne dich frei zu machen, frei von dir selbst und deiner +unseligen Treue, armes Kind. Siehst du, wir hätten auch vielleicht +schlecht für einander getaugt. Du warst einem andern Filippo treu, +einem jungen Fant mit leichtsinnigen Lippen und außer Liebessorgen +sorgenlos. Was hättest du mit dem Grübler, dem Einsiedler anfangen +wollen?" + +Nun trat er auf sie zu, da er das letzte halb vor sich hin, auf und ab +gehend, gesprochen hatte, und wollte eben ihre Hand fassen, als er vor +dem Ausdruck ihres Gesichts sich entsetzte. Alle Weichheit war aus +den Zügen gewichen, alle Röte von den Lippen. "Du liebst mich nicht!" +sagte sie langsam und tonlos, als spräche ein andrer aus ihr und sie +horchte hin, um zu erfahren, was eigentlich gemeint sei. Dann stieß +sie seine Hand mit einem Schrei zurück, daß die Flämmchen der Lampe zu +erlöschen drohten, und von draußen auf einmal ein wütendes Wimmern und +Toben des Hundes laut wurde.--"Du liebst mich nicht, nein, nein!" rief +sie wie außer sich. "Kannst du lieber in den Tod wollen, als in meine +Arme? Kannst du nach sieben Jahren kommen, um Abschied zu nehmen? +Kannst du so ruhig von deinem Tode sprechen, als wäre er nicht auch +meiner? So wäre mir besser, diese Augen wären erblindet, eh' sie dich +wieder sahen, und diese Ohren taub geworden, ehe sie die grausame +Stimme hören mußten, durch die ich lebe und sterbe. Warum hat der +Hund dich nicht zerrissen, ehe ich wußte, daß du gekommen bist, mein +Herz zu zerreißen? Warum ist dein Fuß nicht an den Abgründen +ausgeglitten? Wehe, wehe! Siehe meinen Jammer, Madonna!" + +Sie stürzte nieder vor dem Bilde, lag mit der Stirn gegen den Boden, +die Hände weit von sich gestreckt, und schien zu beten. Der Mann +hörte den Lärm des Hundes, dazwischen das Murmeln und Stöhnen des +unglücklichen Mädchens, während der Mond nun schon Macht gewann und +das Gemach durchleuchtete. Ehe er aber noch sich fassen und ein Wort +aussprechen konnte, fühlte er schon wieder ihre Arme an seinem Nacken, +ihren Mund an seinem Halse und heiße Tränen über sein Gesicht fließen. +"Geh nicht in den Tod, Filippo!" schluchzte die Arme. "Wenn du bei +mir bleibst, wer will dich finden? Laß sie reden, was sie wollen, das +Mördergesindel, die heimtückischen Elenden, schlimmer als die Wölfe +des Apennin.--Ja", sagte sie und sah durch Tränen strahlend zu ihm auf, +"du bleibst, die Madonna hat dich mir geschenkt, damit ich dich +retten sollte. Filippo, ich weiß nicht, was für böse Worte ich +gesprochen, aber daß sie böse waren, empfand ich an dem eisigen Krampf +hier am Herzen, der sie mir entrissen. Vergib mir das. Es bringt in +die Hölle, zu denken, daß die Liebe vergessen und die Treue zertreten +werden kann. Wir wollen uns nun hersetzen und das alles beraten. +Willst du ein neues Haus haben? Wir bauen eins. Andere Leute? Wir +schicken alle fort, auch die Nina, auch der Hund soll fort. Und wenn +du meinst, daß sie dich dann verraten--so wollen wir selber fort, noch +heut, jetzt, ich weiß alle Wege, und ehe die Sonne kommt, sind wir +tief in den Schluchten nach Norden zu und wandern, wandern bis Genua, +bis Venedig, wohin du willst." + +"Halt!" sagte er strenge. "Es ist genug der Torheit. Du kannst mein +Weib nicht werden, Fenice. Wenn es morgen nicht ist, daß sie mich +umbringen, so ist es nicht lange, denn ich weiß, wie ich ihnen im Wege +bin." Er zog sanft, aber entschlossen seinen Hals aus ihren Armen. + +"Siehe Kind", fuhr er fort, "das ist nun unglücklich genug und wir +brauchen es uns nicht noch schwerer zu machen durch Unvernunft. +Vielleicht, wenn du später einmal von meinem Tode hörst, wirst du +einen Mann und schöne Kinder ansehen und dich segnen, daß der Tote in +dieser Nacht mehr Vernunft hatte, als du, wenn es auch in jener ersten +umgekehrt war. Laß mich nun schlafen gehn, geh du auch und schaffe, +daß wir uns morgen nicht wiedersehn. Du hast einen guten Ruf, wie ich +unterwegs von meinen Contrabbandieri erfuhr. Wenn wir uns etwa +umhalsten, morgen, und du machtest ein Schauspiel--nicht wahr, Kind? +Und nun--gute Nacht, gute Nacht, Fenice!" + +Da bot er ihr noch einmal herzlich die Hand. Aber sie nahm sie nicht. +Sie sah ganz bleich aus im Mondschein, die Brauen und +niedergeschlagenen Wimpern um so finsterer. "Hab ich nicht genug +gebüßt", sprach sie halblaut, "daß ich vor sieben Jahren eine Nacht +lang zu viel Vernunft hatte? Und nun will er, daß diese tausendmal +verwünschte Vernunft mich wieder elend machen soll, und diesmal eine +Ewigkeit lang? Nein, nein, nein! Ich lasse ihn nicht mehr aus den +Händen--ich müßte mich vor allen Menschen schämen, wenn er ginge und +stürbe." + +"Hörst du nicht, daß es mein Wille ist?" unterbrach er sie mit +Heftigkeit, "daß ich jetzt schlafen will, Mädchen, und allein? Was +redest du irre und machst dich kränker? Wenn du nicht fühlst, daß +meine Ehre mich von dir reißt, so hättest du nie für mich getaugt. +Ich bin keine Puppe auf deinem Schoß, zum Hätscheln und Possentreiben. +Ich habe meine Wege vor mir gezeichnet, und sie sind zu enge für zwei. +Zeige mir das Fell, auf dem ich die Nacht zubringen soll, und +dann--laß uns einander vergessen!" + +"Und wenn du mich mit Schlägen von dir triebest, ich ginge nicht! +Wenn sich der Tod zwischen uns stellte, ich jagte dich ihm ab mit +diesen guten Armen. Auf Tod und Leben--du bist mein, Filippo!" + +"Still!" rief er überlaut. Die Röte stieg ihm jählings in die Stirn, +indem er mit beiden Armen die heftige Gestalt von sich drängte. +"Still! Und nun ist's aus für heut und immer. Bin ich ein Ding, das +an sich reißen kann, wer will, und wem es in die Augen sticht? Ein +Mensch bin ich, und wer mich haben soll, dem muß ich mich geschenkt +haben. Du hast sieben Jahre nach mir geseufzt--hast du darum ein +Recht, mich im achten ehrlos vor mir selbst zu machen? Wenn du mich +bestechen willst, so war das Mittel schlecht gewählt. Vor sieben +Jahren liebt' ich dich, weil du anders warst als heut. Wärst du mir +damals an den Hals geflogen und hättest mein Herz mir abtrotzen wollen, +ich hätte Trotz gegen Trotz gesetzt, wie heut. Nun ist alles aus +zwischen uns und ich weiß, daß das Mitleid, das mich vorhin anwandelte, +nicht Liebe war. Zum letztenmal, wo ist die Kammer?" + +Das hatte er hart und schneidend gesagt, und wie er nun schwieg, +schien ihm der Ton der eignen Stimme weh zu tun. Doch fügte er kein +Wort hinzu, sich im stillen verwundernd, daß sie es ruhiger hinnahm, +als er selber gefürchtet hatte. Er hätte nun gern einen stürmischen +Ausbruch ihres Schmerzes mit gütigeren Worten beschwichtigt. Sie ging +aber kalt an ihm vorbei, öffnete eine schwere Holztür nicht weit vom +Herde, deutete stumm auf die Eisenriegel an derselben und trat dann an +den Herd zurück. + +Er schritt denn auch hinein und riegelte hinter sich zu. Doch blieb +er eine Zeitlang dicht neben der Tür stehen, um zu horchen, was sie +beginne. Es wurde keine Bewegung im Gemache laut, und im ganzen Hause +hörte man nichts als die Unruhe des Hundes, das Scharren des Pferdes +im Stall und das Singen des Windes, der draußen die letzten +Nebelstreifen verwehte. Denn der Mond war in aller Pracht am Himmel, +und die Kammer hell, nachdem Filippo einen großen Büschel Heidekraut +aus dem Mauerloch gezogen hatte, das als Fenster diente. Er sah nun, +daß er offenbar in Fenicens Kammer war. Da stand ihr schmales, +sauberes Bett an der Wand, eine Lade unverschlossen daneben, ein +Tischchen, eine kleine Holzbank, die Wände waren mit Bildern behangen, +Heiligen und Madonnen, ein Weihkesselchen unter dem Kruzifix neben der +Tür. + +Er setzte sich jetzt auf das harte Bett und fühlte, wie es in ihm +stürmte. Ein paarmal hob er schon den Fuß, um wieder hinauszueilen +und ihr zu sagen, daß er ihr nur weh getan habe, um sie zu heilen. +Dann stampfte er gegen den Boden, unmutig über seine weichherzige +Regung. "Es ist das einzige, was bleibt", sprach er für sich, "wenn +Schuld und Fluch nicht noch wachsen sollen. Sieben Jahre, armes Kind! +"--Ein starker Kamm, mit kleinen Metallstückchen verziert, lag auf dem +Tischchen, den nahm er mechanisch in die Hand. Das volle Haar kam ihm +dabei wieder in den Sinn, der stolze Nacken, auf dem es lag, die edle +Stirn, um die es sich ringelte, und die bräunliche Wange. Er warf +endlich den Versucher in die Lade, worin er saubere Röcke, Kopftücher +und allerlei kleine Schmuckstücke ordentlich zusammen verwahrt sah. +Langsam ließ er den Deckel wieder fallen, und ging nun an die +Mauerlücke und sah hinaus. + +Die Kammer lag an der hintern Seite des Hauses und keine der andern +Hütten von Treppi wehrte ihm die Aussicht über das zerklüftete +Hochland. Gegenüber, hinter der Schlucht aufsteigend, der nackte +Felsrücken, vom Monde angeschienen, der jetzt über dem Hause stehen +mußte. Seitwärts sah er einige Schuppen, an denen der Weg vorüber in +die Tiefe führte. Eine verlorene kleine Fichte mit kahlen Zweigen +wurzelte zwischen dem Gestein, sonst bedeckte den Boden nur Heidekraut +und hie und da ein kümmerlicher Busch.--"Hier ist freilich kein Ort", +sagte er im stillen, "zu vergessen, was man geliebt hat.--Ich wollte, +es wäre anders! Ja ja, sie wäre am Ende die rechte Frau für mich +gewesen, die mich mehr geliebt hätte, als Putz und Spazierengehen und +das Geflüster der Stutzer. Was für Augen mein alter Marco machen +würde, wenn ich plötzlich mit einer schönen Frau von der Reise +zurückkäme! Man brauchte nicht einmal die Wohnung zu ändern, die +vielen öden Winkel waren ohnehin unheimlich. Und mir altem Grämler +würde es zuweilen gut sein, ein lachendes Kind--aber Torheit, Torheit, +Filippo! Was soll das arme Ding als Witwe in Bologna! Nein, nein! +nichts davon! Keine neue Sünde auf die alte häufen! Ich will eine +Stunde früher die Leute wecken und mich fortstehlen, ehe ein Mensch in +Treppi wacht." + +Eben wollte er das Fenster verlassen, und die vom langen Ritt +ermüdeten Glieder aufs Lager strecken, als er eine weibliche Gestalt +aus dem Schatten des Hauses in den Mondschein vortreten sah. Sie +blickte nicht um, aber es blieb ihm kein Zweifel, daß es Fenice war. +Sie entfernte sich vom Hause auf dem Wege, der in die Schlucht +hinunterführte, mit ruhigen großen Schritten. Ein Schauder überlief +ihm die Haut, denn im selben Augenblick fuhr ihm der Gedanke in den +Kopf: sie will sich ein Leid antun. Ohne Besinnung sprang er nach der +Tür und zerrte gewaltsam an dem Riegel. Aber das alte rostige Eisen +hatte sich so eigensinnig in die Klammer vertieft, daß er vergebens +alle Kraft aufbot. Ein kalter Schweiß trat ihm vor die Stirn, er +schrie, rüttelte und stieß mit Fäusten und Füßen gegen die Tür und +bezwang sie nicht. Endlich ließ er ab und stürzte wieder an die +Fensterlücke. Schon gab der eine Stein seinem Wüten nach, da +plötzlich sah er die Gestalt des Mädchens wieder auftauchen auf dem +Wege und sich der Hütte zuwenden. Sie trug etwas in der Hand, das er +bei dem unsichern Licht nicht erkennen konnte, nur ihr Gesicht sah er +deutlich, das war ernsthaft und gedankenvoll, aber ohne Leidenschaft. +Keinen Blick warf sie auf sein Fenster und verschwand wieder im +Schatten. + +Noch stand er und atmete tief nach der Angst und Anstrengung, da +vernahm er großen Lärm, der von dem alten Hunde herzurühren schien, +doch kein Bellen oder Winseln. Das Rätsel beklemmte ihn immer +unheimlicher; er bog den Kopf weit zu der Öffnung hinaus, konnte aber +nichts sehen als die regungslose Nacht im Gebirge. Auf einmal +erscholl ein kurzes scharfes Heulen, darauf ein tieferschütterndes +Stöhnen des Hundes und dann, solange und ängstlich er hinhorchte, kein +Laut mehr die ganze Nacht, als daß noch einmal die Tür des Gemachs +nebenan klappte und Fenices Schritte über den Steinboden sich +vernehmen ließen. Umsonst stand er lange an der verriegelten Tür, +horchte erst, bat und fragte dann und beschwor das Mädchen nur um ein +kurzes Wort--es blieb still nebenan. Er warf sich nun auf das Bett, +wie im Fieber und lag wachend und sinnend, bis endlich eine Stunde +nach Mitternacht der Mond unterging, und die Ermüdung über seine +tausend wogenden Gedanken Herr wurde. + +Eine Dämmerung war um Filippo, als ihn der Schlaf verließ; doch als er +seine Sinne völlig ermuntert und sich vom Bett aufgerichtet hatte, +ward er wohl inne, daß es nicht ein Zwielicht wie vor Sonnenaufgang +war. Von einer Seite her traf ihn ein schwacher Sonnenstrahl und bald +sah er, daß die Mauerlücke, die er vor dem Einschlafen offengelassen, +dennoch fest mit Gestrüpp verstopft worden war. Er stieß es hinaus, +und die volle Morgensonne blendete ihn. Im höchsten Zorn auf die +Contrabbandieri, seinen Schlaf und vor allem auf das Mädchen, dem er +diese Hinterlist zuschreiben mußte, ging er augenblicklich nach der +Tür, deren Riegel jetzt einem besonnenen Druck leicht nachgab, und +trat in das Nebengemach. + +Er traf Fenice allein, gelassen am Herde sitzend, als habe sie ihn +längst erwartet. Aus ihrem Gesicht war jede Spur der gestrigen Stürme +verschwunden, ja sogar keine Regung der Trauer und kein Zug einer +gewaltsamen Fassung begegnete seinem finstern Auge. + +"Du hast es veranstaltet, daß ich die Stunde verschlafen mußte", +herrschte er sie an. + +"Ja", sagte sie gleichgültig. "Ihr waret müde. Ihr kommt immer noch +früh genug nach Pistoja, wenn Ihr am Nachmittag erst den Mördern +begegnen müßt." + +"Ich hatte dich nicht geheißen, um meine Müdigkeit besorgt zu sein. +Drängst du dich noch immer an mich an? Es soll dir nichts helfen, +Mädchen. Wo sind meine Leute?" + +"Fort." + +"Fort? willst du mich narren? Wo sind sie? Törin, als ob sie +fortgingen, ehe ich sie bezahlt habe!" Und er schritt rasch auf die +Tür zu, um hinauszugehn. + +Fenice blieb unbeweglich sitzen und sagte in demselben harmlosen Ton: +"Ich habe sie bezahlt. Ich sagte ihnen, daß Ihr Schlaf brauchtet und +dann, daß ich selbst Euch hinunterbegleiten würde; denn der Weinvorrat +ist zu Ende und ich muß neuen kaufen, eine Stunde vor Pistoja." + +Der Zorn verwehrte ihm einen Augenblick zu sprechen. "Nein", brach er +endlich heraus, "mit dir nicht, mit dir nimmermehr! Heimtückische +Schlange! Es ist lächerlich, daß du noch immer denkst, mit deinen +glatten Windungen mich umstricken zu können. Nun sind wir völliger +geschieden als je. Ich verachte dich, daß du mich für blöde und +armselig genug hältst, mit diesen kleinen Künsten es mir abgewinnen zu +können. Mit dir geh ich nicht! Gib mir einen deiner Knechte mit und +da--mache dich bezahlt für deine Auslagen an die Contrabbandieri." + +Er warf ihr eine Börse hin und öffnete die Tür, selbst jemand zu +suchen, der ihn hinunterführte. "Macht Euch keine Mühe", sagte sie, +"Ihr findet von den Knechten keinen, sie sind alle in die Berge. Auch +sonst ist in Treppi niemand, der Euch dienen könnte. Arme +gebrechliche Mütterchen, Greise und Kinder, die noch gehütet werden. +Wenn Ihr mir nicht glaubt--seht nach!" + +"Und überhaupt", fuhr sie fort, als er unentschlossen in Grimm und +Ärger auf der Schwelle stand und ihr den Rücken zugekehrt hatte, +"warum dünkt es Euch so unmöglich und gefährlich, wenn ich Euch führe? +Ich habe die Nacht Träume gehabt, aus denen ich sehe, daß Ihr nicht +für mich seid. Es ist wahr, ich habe Euch noch immer ein wenig gern +und es wird mir Freude machen, noch ein paar Stunden mit Euch zu +plaudern. Muß ich Euch darum nachstellen? Ihr seid frei, von mir zu +gehn auf immer, wohin Ihr wollt, in den Tod oder ins Leben. Nur, daß +ich es so eingerichtet habe, daß ich noch eine Strecke neben Euch +hergehe. Ich will Euch zuschwören, wenn Euch das beruhigen kann, daß +es nur eine Strecke sein wird, beileibe nicht bis Pistoja. Nur so +lange, bis Ihr den rechten Weg habt. Denn wenn Ihr auf Eure eigne +Hand fortginget, verstieget Ihr Euch bald, daß Ihr weder vor noch +zurück könntet. Ihr müßt das ja noch wissen von Eurer ersten Reise +durch die Berge." + +"Pest!" murmelte er und biß sich die Lippen. Er sah indes, wie die +Sonne stieg, und alles wohl erwogen,--was hatte er im Grunde +Ernstliches zu besorgen? Das Ernstlichste wollte er sich nicht +gestehen. Er wandte sich zu ihr um und glaubte von dem gleichmütigen +Blick ihrer großen Augen Zeugnis annehmen zu dürfen, daß keinerlei +Falsch hinter ihren Worten sei. Sie schien ihm wirklich seit gestern +eine ganz andere geworden zu sein, und fast mischte sich ein Gefühl +von Unzufriedenheit in sein Staunen, da er sich sagen mußte, daß der +gestrige Anfall von schmerzlicher Leidenschaft so bald und spurlos +vorübergegangen sei. Er sah sie länger an, aber sie gab +schlechterdings zu keinem Argwohn Anlaß. + +"Wenn du denn so vernünftig geworden bist", sagte er jetzt trocken, +"so mag es sein, so komm!" + +Ohne eine sonderliche Äußerung der Freude stand sie auf und sagte: +"Wir wollen erst essen; auf Stunden finden wir nichts." Sie stellte +ihm eine Schüssel hin und einen Krug und aß dann selbst, am Herde +stehend, aber von dem Wein genoß sie keinen Tropfen. Er dagegen, um +es abzumachen, aß einige Löffel voll, stürzte den Wein hinunter und +zündete an den Kohlen des Herdes seine Zigarre an. Währenddessen +hatte er ihr keinen Blick gegönnt und als er nun zufällig, da er ihr +nahe stand, sie ansah, war eine wunderliche Röte auf ihren Wangen und +etwas wie Triumph in den Augen. Sie stand rasch auf, ergriff den Krug +und zerschellte ihn mit einem Wurf gegen den Steinboden. "Es soll +keiner mehr daraus trinken", sagte sie, "seit Eure Lippen daran +gehangen!" + +Betroffen fuhr er auf, ein Argwohn stand eine Sekunde lang vor seinem +Geist: "Ob sie dir Gift gegeben?" dann zog er es vor zu glauben, daß +es noch ein Rest des verliebten Götzendienstes sei, den sie +abgeschworen, und ohne weitere Worte ging er ihr nach zum Hause hinaus. + +"Das Pferd haben sie wieder nach Porretta mitgenommen", sagte sie +draußen zu ihm, als er es mit den Augen zu suchen schien. "Ihr hättet +auch nicht hinabreiten können ohne Gefahr. Die Wege sind steiler als +gestern." + +Sie ging ihm nun voran und bald hatten sie die Hütten hinter sich, die +tot und selbst ohne ein Wölkchen Rauch aus den Schornsteinen in der +scharfen Sonne standen. Jetzt erst sah Filippo die ganze Majestät +dieser Einöde, über der ein reiner, durchsichtiger Himmel hing. Der +Weg, kaum in dem harten Felsen durch eine dunklere Spur erkennbar, +lief auf dem breiten Rücken nordwärts, und dann und wann, wenn der +gegenüberliegende parallele Zug sich senkte, blitzte am fernen +Horizont zur Linken ein Streif des Meeres herauf. Noch war von +Vegetation weit und breit keine Spur, außer den harten, niederen +Bergkräutern und Flechtengestrüpp. Nun aber verließen sie die Höhe +und vertieften sich in die Schlucht, die zu durchwandern war, um auch +den Felsrücken gegenüber zu ersteigen. Hier begegneten sie bald +Nadelholz und Quellen, die in die Schlucht sprangen, und hörten in der +Tiefe das Toben des Wassers. Fenice ging jetzt voran, mit sicherm Fuß +auf die sichersten Steine tretend, ohne umzublicken oder ein Wort zu +sagen. Er konnte nicht anders, als die Augen dicht an ihr hängen +lassen, und die schlanke Kraft der Glieder bewundern. Das Gesicht +verdeckte ihm gänzlich ihr großes, weißes Kopftuch, aber wenn es sich +fügte, daß sie wieder nebeneinander gehen konnten, mußte er sich +zwingen, vor sich hin und von ihr weg zu sehen, so sehr fesselte ihn +die großartige Bildung der Züge. Er bemerkte jetzt erst im vollen +Sonnenlicht einen seltsam kindlichen Ausdruck, ohne sich sagen zu +können, worin er besonders liege. Als sei etwas in diesem Gesicht +seit sieben Jahren stehengeblieben, während alles andere sich +entwickelte. + +Endlich fing er von selbst zu sprechen an, und sie gab unbefangen +verständige Antworten. Nur daß ihre Stimme, die sonst nicht so hart +und dumpf war, wie den Weibern im Gebirg eigen zu sein pflegt, heute +eintönig und bei den gleichgültigsten Dingen am traurigsten klang. +Diese Wege, die sie jetzt gingen, waren in den letzten Jahren vielfach +von politischen Flüchtlingen betreten worden, von denen die meisten +gewiß in Treppi gerastet hatten. Filippo fragte das Mädchen nach +diesem und jenem seiner Bekannten, die er beschrieb; aber sie entsann +sich ihrer selten, obwohl sie wußte, daß die Contrabbandieri viele +Fremde in ihrem Hause hatten übernachten lassen. Nur auf einen besann +sie sich nur zu klar. Bei der Beschreibung stieg ihr das Blut ins +Gesicht und sie blieb stehn. "Der ist schlecht!" sagte sie finster. +"Ich habe die Knechte in der Nacht wecken und ihm das Haus +verschließen müssen." + +Unter diesen Gesprächen merkte der Advokat nicht, wie die Sonne stieg +und noch immer kein Blick in die toskanische Flur sich auftat. Auch +dachte er mit keinem Gedanken an das bevorstehende Ende dieses Tages. +Es war so erquickend, funfzig Schritt über dem Gießbach auf dem ganz +überbuschten Wege hinzugehn, zuweilen den Staub des Sturzes +heraufwehen zu fühlen, die Eidechsen über die Steine schlüpfen und die +behenden Schmetterlinge den verstohlenen Sonnenlichtern nachjagen zu +sehn, daß er nicht einmal inne wurde, wie sie dem Bach +entgegenwanderten, und noch immer nicht westlich einlenkten. Es war +eine Magie in der Stimme seiner Begleiterin, die ihn alles vergessen +machte, was gestern in Gesellschaft der Contrabbandieri ihn +unaufhörlich beschäftigt hatte. Als sie nun aber aus der Schlucht +heraustreten und jetzt ein unabsehbares wildfremdes Bergland mit neuen +Höhen und Klüften wüst und versengt vor ihnen lag, erwachte er auf +einmal aus dem Zauberschlaf, blieb stehen und blickte gen Himmel. Er +erkannte klar, daß sie in der völlig entgegengesetzten Richtung +gewandert und wohl zwei Stunden von seinem Ziele ferner waren, als da +sie ausgingen. + +"Halt!" sagte Filippo. "Ich sehe es noch beizeiten, daß du mich +dennoch betrügst. Ist das der Weg nach Pistoja, du Heimtückische?" + +"Nein", sagte sie furchtlos, aber den Blick zu Boden gesenkt. + +"Nun denn, bei allen Mächten der Hölle, so können die Teufel bei dir +in die Schule gehn und Heucheln von dir lernen. Fluch über meine +Verblendung!" + +"Man kann alles, man ist mächtiger als Teufel und Engel, wenn man +liebt", sagte sie mit tiefem, traurigem Ton. + +"Nein!" schrie er in hellem Jähzorn, "noch frohlocke nicht, Übermütige, +noch nicht! den Willen eines Mannes kann das nicht brechen, was eine +verrückte Dirne Liebe nennt. Kehre um mit mir, auf der Stelle und +weise mir die kürzesten Wege--oder ich erdroßle dich mit diesen Händen, +--du Törin, die nicht einsieht, daß ich die hassen muß, die mich vor +der Welt zu einem Nichtswürdigen machen will." + +Er trat mit geballten Fäusten dicht vor sie hin, er kannte sich nicht +mehr. "Erwürge mich nur!" sprach sie mit zitternder, lauter Stimme, +"tu's nur, Filippo. Aber wenn du es getan hast, wirst du dich über +meinen Leichnam werfen und Blut aus deinen Augen weinen, daß du mich +nicht wieder lebendig machen kannst. Dein Lager wird hier neben mir +sein, mit den Geiern wirst du kämpfen, die mich zerfleischen wollen, +die Sonne des Tags wird dich dörren, der Tau der Nacht dich feuchten, +bis du hinfällst gleich mir--denn von mir lassen kannst du nun nicht +mehr. Meinst du, das arme, törichte Ding, das auf den Bergen +aufgewachsen ist, werde sieben Jahre wegwerfen wie einen Tag? Ich +weiß, was sie mich gekostet haben, wie teuer sie waren, und daß ich +einen ehrlichen Preis zahle, wenn ich dich mit ihnen kaufen will. +Dich in den Tod lassen? Es wäre zum Lachen. Wende dich nur weg von +mir, du wirst es schon innewerden, daß ich dich zu mir zurückzwinge +auf ewig. Denn in den Wein, den du heute getrunken, war ein +Liebeszauber gemischt, dem noch kein Mensch unter der Sonne +widerstanden hat!" + +Sie sah königlich aus, als sie diese Worte rief, den Arm nach ihm +ausgestreckt, als hielte ihre Hand ein Szepter über einem, der ihr +verfallen sei. Er aber lachte trotzig auf und rief: "Dein +Liebeszauber leistet dir schlechte Dienste, denn ich habe dich nie +mehr gehaßt, als in diesem Augenblick. Aber ich bin ein Narr, eine +Närrin zu hassen. Möge es dich, wie von dem Wahn, so auch von der +Liebe heilen, wenn du mich nicht wieder siehst. Ich brauche deine +Führung nicht. Ich sehe da drüben am Abhang eine Hirtenhütte und die +Herde umher. Ein Feuer blinkt herauf. Man wird mich dort wohl +zurechtweisen. Lebe wohl, arme Schlange, lebe wohl!" + +Sie antwortete nichts, als er ging, und setzte sich ruhig in den +Schatten eines Felsens neben der Schlucht, in das dunkle Grün der +Tannen, die unten am Bach wurzelten, ihre großen Augen versenkend. + +Er war noch nicht lange von ihr gegangen, als er sich pfadlos zwischen +Klippen und Gebüsch befand; denn wie sehr er sich's verleugnen mochte, +hatten doch die Worte des wunderbaren Mädchens eine beunruhigende +Wirkung auf sein Herz ausgeübt, die all seine Gedanken nach innen +kehrte. Indessen sah er gegenüber auf der Matte noch immer das +Hirtenfeuer und arbeitete sich rüstig durch, damit er nur erst die +Tiefe erreichte. Er rechnete nach dem Stande der Sonne, daß es gegen +die zehnte Stunde sein mußte. Wie er aber die Bergsteile +hinabgeklettert war, fand er unten einen sonnenlosen Weg und bald auch +einen Steg über einen neuen Wildbach, der auf der andern Seite +hinaufzuführen und endlich an der Matte auszumünden versprach. Er +verfolgte ihn, und der Weg lief anfangs steil hinan, dann aber in +großer Windung eben am Berge hin. Er sah wohl, daß er ihn nicht +zunächst zu seinem Ziele bringen würde; aber in geraderer Richtung +hingen unüberwindlich jähe Felsstücke vor, und wollte er nicht zurück, +mußte er sich schon seinem Wege vertrauen. Nun schritt er rasch und +anfangs wie aus Banden erlöst dahin, und spähte zuweilen nach der +Hütte aus, die sich immer noch zurückzog. Nach und nach, wie sein +Blut gelinder floß, fielen ihm alle Einzelheiten des eben erlebten +Auftrittes wieder ein. Das schöne Mädchenbild sah er leibhaftig vor +sich, und nicht wie zuvor durch den Nebel seines Jähzorns. Er konnte +sich eines tiefen Mitleidens nicht erwehren. "Nun sitzt sie droben", +sagte er vor sich hin, "die arme Irre, und baut auf ihre Zauberkünste. +Darum also verließ sie in Nacht und Mondschein gestern die Hütte, um +wer weiß welch ein harmloses Kraut zu pflücken. Jawohl; wiesen mir +nicht auch meine braven Contrabbandieri die sonderbaren weißen Blüten +zwischen den Felsen und sagten, das sei mächtig für Gegenliebe? +Unschuldiges Gewächs, was sie dir nachsagen!--Und darum zerschellte +sie den Krug, und darum war mir der Wein so bitter auf der Zunge. +Wird doch das Kindische je älter desto stärker und ehrwürdiger.--Wie +eine Sibylle stand sie vor mir, so wahrheitsgewiß, wie schwerlich jene +römische, die ihre Bücher ins Feuer warf. Armes Weiberherz, wie schön +und elend macht dich dein Wahn!" + +Je weiter er ging, um so stärker fühlte er die rührende Herrlichkeit +ihrer Liebe und die Gewalt ihrer Schönheit, die ihm die Trennung nur +noch verklärte. "Ich hätte es sie nicht entgelten lassen sollen, daß +sie mich im besten Glauben, mich zu retten, von meinen unabwendbaren +Pflichten losmachen will. Ich hätte ihr die Hand geben sollen und +sagen: Ich habe dich lieb, Fenice, und wenn ich leben bleibe, komme +ich zu dir zurück und hole dich heim. Wie blind war ich, daß mir +diese Auskunft nicht einfiel! eine Schande für den Advokaten! Ich +hätte mit Küssen wie ein Bräutigam Abschied nehmen sollen, so hätte +sie kein Arg gehabt, daß ich sie täuschte. Statt dessen hab ich +gerade durch gewollt mit dem Trotzkopf und alles verschlimmert." + +Nun vertiefte er sich in das Bild eines solchen Abschiedes und meinte +ihren Atem zu fühlen und den Druck der frischen Lippen auf den seinen. +Es war ihm, als höre er seinen Namen rufen. "Fenice!" antwortete er +inbrünstig und stand mit heftig klopfendem Herzen still. Der Bach +rauschte unter ihm, die Zweige der Tannen hingen ohne Bewegung, weit +und breit schattige Wildnis. + +Schon war ihm der Name wieder auf den Lippen, als ihm noch zur rechten +Zeit die Scham den Mund versiegelte. Scham und ein Grauen zugleich. +Er schlug sich vor die Stirn. "Ist es schon so weit mit mir, daß ich +im Wachen von ihr träume?" rief er. "Soll sie recht behalten, daß +diesem Zauber kein Mensch unter der Sonne widerstehen kann? So wäre +ich nichts Besseres, als sie aus mir zu machen gedachte, wert, ein +Weiberknecht zu heißen mein Leben lang. Nein, in die Hölle mit dir, +schöne betrogene Teufelin!" + +Er hatte für den Augenblick seine Fassung wieder, aber er sah nun auch, +daß er von dem Wege völlig in der Irre herumgeführt war. Zurück +konnte er nicht, wenn er der Gefahr nicht in die Arme laufen wollte. +So beschloß er, jetzt um jeden Preis wieder eine Höhe zu erreichen, +von der er sich nach der verlornen Hirtenstelle umschauen könnte. Das +eine Ufer des tief unten rauschenden Bachs, an dem er ging, war allzu +jäh. Also schlang er den Mantel über den Nacken, wählte eine sichere +Stelle und war mit einem Sprung an der andern Seite der Kluft, deren +Wände hier dicht zusammentraten. Mit besserem Mut erklomm er den +Abhang drüben, und erreichte bald die Sonne. + +Sie sengte schwer sein Haupt, und die Zunge lechzte ihm, als er sich +mit großer Anstrengung emporarbeitete. Jetzt überfiel ihn auf einmal +die Angst, daß er dennoch mit allen Mühen das Ziel nicht mehr +erreichen möchte. Das Blut stieg ihm mehr und mehr zu Kopf, er schalt +auf den Teufelswein, den er am Morgen hinuntergestürzt, und wieder +mußte er an die weißen Blüten denken, die man ihm gestern unterwegs +gezeigt. Hier wuchsen sie wieder--ihm schauderte die Haut. Wenn es +doch wahr wäre, dachte er, wenn es Kräfte gäbe, die unser Herz und +unsre Sinne bemeistern und einen Manneswillen unter die Laune eines +Mädchens beugen könnten--lieber das Äußerste als diesen Schimpf! +lieber Tod als Knechtschaft! Aber nein, nein, nur den bezwingt die +Lüge, der an sie glaubt. Sei ein Mann, Filippo, vorwärts, da ist die +Höhe vor dir; noch eine kurze Frist--und dies maledeite Gebirge mit +seinem Spuk liegt für immer hinter dir! + +Und dennoch konnte er das Fieber in seinem Blut nicht besänftigen. +Jeder Stein, jede schlüpfrige Stelle, jeder vor ihm hängende starre +Tannenzweig war ihm ein Widerstand, den er mit unverhältnismäßigem +Aufbieten des Willens gewaltsam besiegte. Als er endlich oben, sich +an den letzten Büschen haltend, ankam und mit einem Schwung die Höhe +gewann, konnte er erst nicht um sich sehen, so war ihm das Blut in die +Augen geschossen, und so plötzlich blendete ihn die Sonne von den +gelben Felsen ringsum. Wütend rieb er sich die Stirn und fuhr sich +durch das verworrene Haar, den Hut lüftend. Da aber hörte er wahrlich +wieder seinen Namen und starrte entsetzt nach der Stelle, von wo man +rief. Und wenige Schritte ihm gegenüber, am Felsen, wie er sie +verlassen, saß Fenice und sah ihn mit stillen, glücklichen Augen an. + +"Kommst du endlich, Filippo!" sagte sie innig. "Ich habe dich schon +früher erwartet." + +"Gespenst der Hölle", schrie er außer sich, während Grausen und alle +Leidenschaften der Sehnsucht sich in ihm bekämpften, "höhnst du mich +noch, da ich mit Qualen in der Irre laufe und die Sonne mir alles Hirn +schmilzt? Triumphierst du, daß ich dich noch einmal sehen muß, um +dich noch einmal zu verfluchen? Wenn ich dich gefunden habe, beim +allmächtigen Gott, so hab ich dich doch nicht gesucht, und du sollst +mich dennoch verlieren." + +Sie schüttelte seltsam lächelnd den Kopf. "Es zieht dich ohne daß +du's weißt", sagte sie. "Du fändest mich, wenn alle Berge der Welt +zwischen uns wären, denn ich mischte sieben Tropfen von dem Herzblut +des Hundes in deinen Wein. Armer Fuoco! Er liebte mich und haßte +dich. So wirst du den Filippo hassen, der du früher warst, als du +mich verstießest, und nur ruhig sein in dir, wenn du mich liebst. +Filippo, siehst du nun, daß ich endlich dich erobert habe? Komm, nun +will ich dir wieder die Wege zeigen, nach Genua zu, mein Geliebter, +mein Mann, mein Holder!" + +Damit stand sie auf und wollte mit beiden Armen ihn umfangen, als sie +plötzlich vor seinem Gesicht erschrak. Er war wie mit einem Schlage +totenblaß geworden, nur das Weiße in seinen Augen rot, seine Lippen +bewegten sich lautlos, der Hut war vom Haupt gefallen, mit den Händen +wehrte er heftig jede Annäherung ab. + +"Ein Hund! ein Hund!" waren die ersten mühsam vorbrechenden Worte. +"Nein, nein, nein! du sollst nicht siegen--Dämon! Besser ein toter +Mann, als ein lebendiger Hund!"--Darauf erscholl ein furchtbares +Lachen von seinen Lippen, und langsam, wie wenn er sich gewaltsam +jeden Schritt erkämpfte, die Augen stier auf das Mädchen geheftet, +wich er taumelnd zurück und stürzte rücklings in die Schlucht hinab, +die er eben verlassen hatte.-Vor ihren Augen wurde es Nacht, mit +beiden Händen fuhr sie sich ans Herz und stieß einen Schrei aus, der +wie ein Falkenschrei über die Schlucht klang, als sie die hohe Gestalt +hinter dem Rande des Felsens verschwinden sah. Ein paar wankende +Schritte tat sie, dann stand sie fest und aufrecht, immer die Hände +gegen das Herz gepreßt. "Madonna!", sagte sie, ohne etwas zu denken. +Immer vor sich niedersehend, näherte sie sich jetzt rasch der Schlucht +und begann die steinige Wand zwischen den Tannen hinabzuklimmen. +Worte ohne Sinn murmelten ihre heftig atmenden Lippen, mit der einen +Hand hielt sie das Herz fest, mit der andern half sie sich an den +Steinen und Zweigen hinab. So kam sie bis an die Wurzeln der +Tannen--da lag er. Er hatte die Augen geschlossen, Stirn und Haar von +Blut überströmt, den Rücken wider einen Stamm gelehnt. Der Rock war +zerrissen und das rechte Bein schien auch verwundet. Ob er lebe, +konnte sie nicht unterscheiden. Sie lud ihn auf ihre beiden Arme, da +empfand sie, daß er sich noch regte. Der Mantel, den er über den +Schultern dicht gefaltet trug, schien die Gewalt des Falles gebrochen +zu haben. "Gelobt sei Jesus!" sagte sie aufatmend. Es war, als +wüchsen ihr Riesenkräfte, wie sie, den hülflosen Mann an ihrer Brust, +die Steile wieder hinaufzuklimmen begann. Es dauerte lange, viermal +legte sie ihn nieder zwischen Moos und Felsen, noch immer schlief das +Leben in ihm. + +Als sie endlich auf der Höhe war mit ihrer unseligen Last, brach sie +selber in die Kniee und lag einen Moment in völliger Vergessenheit und +Ohnmacht. Dann stand sie auf und entfernte sich nach der Richtung, in +der die Hütte des Hirten lag. Als sie hinlänglich nahe war, ließ sie +einen gellenden Ruf über die Weite des Tals erschallen. Das Echo +antwortete zuerst, bald eine Menschenstimme. Sie rief zum zweiten Mal +und wandte sich dann, ohne die Antwort abzuwarten. Als sie wieder bei +dem leblosen Mann anlangte, stöhnte sie heftig auf und trug ihn dann +in den Schatten des Felsens, wo sie selbst vorher gesessen und ihn +erwartet hatte. + +Dort fand er sich noch, als ihm das Bewußtsein schwach zurückkehrte +und er die Augen zuerst wieder aufschlug. Er sah zwei Hirten neben +sich, einen Alten und einen Burschen von siebzehn Jahren. Sie +sprengten ihm Wasser ins Gesicht und rieben ihm die Schläfe. Sein +Kopf ruhte weich, er wußte nicht, daß er auf dem Schoß des Mädchens +lag. + +Er schien sie überhaupt ganz vergessen zu haben. Er tat einen Atemzug, +der ihn bis in die Fußspitzen erschütterte und schloß dann wieder die +Augen. Endlich bat er mit stockender Stimme: "Einer von euch, brave +Leute, möge hinuntergehen--rasch, nach Pistoja. Man wartet auf mich. +Gottes Barmherzigkeit lohne es dem, der dem Wirt zur Fortuna sagt--wie +es um mich steht. Ich heiße--" da schwanden ihm wieder Stimme und +Bewußtsein. + +"Ich werde gehen", sagte das Mädchen, "ihr tragt den Herrn indessen +nach Treppi und legt ihn in das Bett, das die Nina euch zeigen wird. +Sie soll die Chiaruccia rufen, die Alte, und den Herrn von ihr heilen +und verbinden lassen. Hebt ihn auf, du an den Schultern, Tommaso, du, +Bippo, an den Beinen. Wenn ihr bergan geht, mußt du voran, Tommaso. +So, hebt ihn! Sanft, sanft! Und halt--das taucht ihr in Wasser und +legt es auf seine Stirn, und netzt es wieder an jeder Quelle. Habt +ihr verstanden?" + +Sie riß ein großes Stück von ihrem leinenen Kopftuch herunter, tauchte +es ein und wand es um die blutigen Haare Filippos. Dann ward er +aufgehoben, die Männer trugen ihn nach Treppi zu, und das Mädchen, +nachdem es ihnen mit völlig erloschenen Blicken nachgesehen, schürzte +sich hastig und stieg auf rauhen Pfaden das Gebirg hinab. + +Es war gegen drei Uhr nachmittags, als sie Pistoja erreichte. Die +Schenke zur Fortuna lag einige hundert Schritte vor der Stadt und zu +dieser Stunde der Siesta war wenig Leben in ihr. Im Schatten des +weiten Vordachs standen ausgeschirrte Wagen, die Fuhrleute schliefen +auf den Polstern, in der großen Schmiede gegenüber ruhte die Arbeit +und durch die dickbestaubten Bäume längs der Landstraße rührte sich +kein Luftzug. Fenice trat an den Brunnen vor dem Hause, dessen Strahl, +allein geschäftig, in den großen Steintrog niederrauschte, und +erfrischte sich Hände und Gesicht. Dann trank sie langsam und lange, +um Durst und Hunger zugleich zu stillen, und trat in die Schenke. + +Der Wirt erhob sich schläfrig von der Bank in der Schenkstube und +legte sich wieder hin, als er sah, daß es ein Mädchen von den Bergen +war, die seine Ruhe störte. + +"Was willst du?" fuhr er sie an. "Wenn du zu essen haben willst oder +Wein, geh in die Küche." + +"Ihr seid der Wirt?" fragte sie ruhig. + +"Wer anders als ich? Man kennt mich, sollt' ich denken, Baldassare +Tizzi von der Fortuna. Was bringst du mir, schöne Tochter?" + +"Eine Botschaft vom Signor Avvocato Filippo Mannini." + +"Eh, eh, ist's das? Ja, das ist freilich was anders", und er stand +eilig auf. "Kommt er nicht selber, Kind? Es sind Herren da, die ihn +erwarten." + +"So bringt mich zu ihnen." + +"Ei ei, die Heimliche! darf man nicht wissen, was er den Herren sagen +läßt?" + +"Nein." + +"Nun nun, schon gut Kind, schon gut. Es hat jeder seine eignen +Geheimnisse, dieser hübsche Trotzkopf da so gut wie der harte Schädel +des alten Baldassare. Eh, eh, er kommt also nicht; das wird den +Herren sehr unangenehm sein; sie scheinen wichtige Geschäfte mit ihm +zu haben." + +Er schwieg und sah das Mädchen blinzelnd von der Seite an. Als sie +aber nicht Miene machte, ihn weiter ins Vertrauen zu ziehn, sondern +die Tür öffnete, stülpte er den Strohhut auf und ging kopfschüttelnd +mit ihr. + +Ein kleiner Weingarten lag hinter dem Hofe, den durchschritten sie, +der Alte in fortwährenden Fragen und Ausrufungen, auf die das Mädchen +keine Silbe erwiderte. Am Ende des mittelsten Laubenganges lag ein +unscheinbares Gartenhaus, die Läden waren verschlossen und innen +hinter der Glastür hing ein dichter Vorhang herab. Einige Schritte +vor diesem Pavillon hieß der Wirt Fenice stehenbleiben und ging allein +nach der Tür, die auf sein Klopfen geöffnet wurde. Fenice sah, wie +der Vorhang dann zurückgeschoben wurde und ein Paar Augen nach ihr +heraussahen. Dann kam der Alte wieder zu ihr und sagte, daß die +Herren sie sprechen wollten. + +Als Fenice in den Pavillon trat, erhob sich ein Mann, der am Tisch mit +dem Rücken nach der Tür gesessen hatte, und richtete einen +durchdringenden kurzen Blick auf sie. Zwei andere blieben auf den +Stühlen sitzen. Auf dem Tische sah sie Weinflaschen und Gläser. + +"Der Signor Avvocato kommt nicht, wie er versprochen?"--sagte der Mann, +vor dem sie stand. "Wer bist du und was hast du zur Beglaubigung +deiner Botschaft?" + +"Eine Jungfrau aus Treppi bin ich, Fenice Cattaneo, Herr. +Beglaubigung? Ich habe keine, als daß ich die Wahrheit sage." + +"Warum kommt der Signor Avvocato nicht? Wir dachten, er sei ein +Ehrenmann." + +"Er ist es nicht minder, weil er einen Sturz vom Felsen getan und sich +Stirn und Bein verwundet hat, daß er das Bewußtsein verloren." + +Der Frager wechselte Blicke mit den andern Männern und sagte dann +wieder: + +"Du sagst allerdings die Wahrheit, Fenice Cattaneo, weil du schlecht +zu lügen verstehst. Wenn er das Bewußtsein verlor, wie kann er dich +hieherschicken, es uns ansagen zu lassen?" + +"Die Sprache kam ihm wieder auf Augenblicke. Da sagte er, daß er in +der Fortuna erwartet werde; man solle es dort zu wissen tun, was ihm +begegnet." + +Ein trocknes Lachen ward von einem der andern Männer hörbar. "Du +siehst", sagte der Sprecher, "auch diese Herren hier glauben nicht +sonderlich an dein Märchen. Es ist freilich bequemer, den Poeten zu +machen als den Ehrenmann." + +"Wenn das heißen soll, Signor, daß Signor Filippo aus Feigheit nicht +hergekommen ist, so ist dies eine abscheuliche Lüge, die Euch der +Himmel anrechnen möge", sagte sie fest und sah alle drei nach der +Reihe an. + +"Du wirst warm, Kleine", höhnte der Mann. "Du bist wohl die gute +Freundin des Herrn Avvocato, he?" + +"Nein, die Madonna weiß es!" sagte sie mit ihrer tiefsten Stimme. Die +Männer flüsterten untereinander und sie hörte, wie einer sagte: "Das +Nest ist noch toskanisch."--"Ihr glaubt doch nicht im Ernst an diese +Schliche?" fiel ihm der dritte ein. "Der liegt sowenig in Treppi, +wie--" + +"Kommt und seht ihn selbst!" unterbrach Fenice das Geflüster. "Aber +Waffen dürft ihr nicht tragen, wenn ich euch führen soll." + +"Närrchen", sagte der erste Sprecher, "meinst du, daß wir einer so +schmucken Kreatur, wie du bist, ans Leben wollen?" + +"Nein, aber ihm; ich weiß es." + +"Hast du sonst noch etwas dir auszubedingen, Fenice Cattaneo?" + +"Ja, daß ein Wundarzt mitgehe. Ist er schon unter euch, Signori?" + +Sie erhielt keine Antwort. Statt dessen steckten die drei Männer die +Köpfe zusammen. "Als wir kamen, sah ich ihn zufällig vorn im Hause; +hoffentlich ist er noch nicht nach der Stadt zurück", sagte der eine +und verließ dann den Pavillon. Er kam nach kurzer Zeit mit einem +vierten wieder, der die Gesellschaft nicht zu kennen schien. + +"Ihr erweist uns wohl die Gefälligkeit, mit uns nach Treppi +hinaufzugehen?" redete ihn der Sprecher an. "Man wird Euch inzwischen +unterrichtet haben, um was es sich handelt." + +Der andere verneigte sich schweigend, und alle verließen den Pavillon. +Als sie an der Küche vorbeigingen, ließ sich Fenice ein Brot geben +und nahm einige Bissen davon. Dann ging sie wieder der Gesellschaft +voran und schlug den Weg in die Berge ein. Sie gab unterwegs nicht +acht auf ihre Begleiter, die eifrig miteinander redeten, sondern eilte, +soviel sie konnte, und mußte zuweilen angerufen werden, damit man sie +nicht aus den Augen verlor. Dann stand sie und wartete, und sah in +hoffnungslosem Brüten ins Leere hinaus, die Hand fest ans Herz gepreßt. +So ward es Abend, bis sie die Höhen erreichten. + +Das Dorf Treppi sah nicht lebendiger aus, als gewöhnlich. Nur einige +Kindergesichter fuhren neugierig an die offnen Fenster, und einige +Weiber traten unter die Türen, als Fenice mit ihrer Begleitung +vorüberging. Sie sprach mit niemand, sondern näherte sich, den +Nachbarn ihren Gruß mit kurzem Händewinken erwidernd, ihrem Hause. +Hier stand eine Gruppe von Männern im Gespräch vor der Tür, Knechte +waren mit bepackten Pferden beschäftigt, und Contrabbandieri gingen ab +und zu. Als man die Fremden kommen sah, wurde es still unter den +Leuten. Sie traten beiseit und ließen die Gesellschaft vorüber. +Fenice wechselte einige Worte mit Nina in dem großen Gemach und +öffnete dann die Tür ihrer Kammer. + +Man sah drin in der Dämmerung den Verwundeten auf dem Bett +ausgestreckt, neben ihm auf der Erde hockend ein uraltes Weib aus +Treppi. + +"Wie steht's, Chiaruccia?" fragte Fenice. + +"Nicht schlecht, die Madonna sei gepriesen!" antwortete die Alte und +musterte mit raschen Blicken die Herren, die hinter dem Mädchen +eintraten. + +Filippo fuhr aus einem Halbschlaf auf und sein blasses Gesicht glühte +plötzlich. "Du bist's!" sagte er. + +"Ja, ich bringe den Herrn, mit dem Ihr den Kampf vorhattet, damit er +selbst sehe, daß Ihr nicht kommen konntet. Und da ist auch ein +Wundarzt." + +Das matte Auge des Liegenden glitt langsam über die vier fremden +Gesichter. "Er ist nicht darunter", sagte er. "Ich kenne keinen von +diesen Herren." + +Als er das gesprochen und schon wieder das Auge schließen wollte, trat +der Sprecher unter den dreien vor und sagte: "Es genügt, daß man Euch +kennt, Signor Filippo Mannini. Wir hatten Befehl, Euch zu erwarten +und zu verhaften. Es sind Briefe von Euch aufgefangen, aus denen +hervorgeht, daß Ihr nicht allein um das Duell auszumachen Toskana +wieder betreten habt, sondern um gewisse Verbindungen wieder +anzuknüpfen, die Eurer Partei in Bologna Vorschub leisten sollen. Ihr +seht den Kommissär der Polizei vor Euch und hier meine Instruktion." + +Er zog ein Blatt aus der Tasche und hielt es Filippo vors Gesicht. +Der aber starrte darauf, als habe er von allem nichts verstanden, und +fiel wieder in seine schlafähnliche Betäubung zurück. + +"Untersucht die Wunden, Herr Dottore", wandte sich nun der Kommissär +an den Arzt. "Wenn der Zustand es irgend erlaubt, müssen wir diesen +Herrn unverzüglich hinunterschaffen. Ich habe draußen Pferde gesehn. +Wir tun zwei gesetzliche Taten auf einmal, wenn wir uns derselben +bemächtigen, denn sie sind mit Schleichwaren beladen. Es ist gut, daß +man weiß, welches Volk dies Treppi besucht, wenn man es einmal wissen +will." + +Während er dies sagte und der Arzt sich Filippo näherte, war Fenice +aus der Kammer verschwunden. Die alte Chiaruccia blieb ruhig sitzen +und murmelte vor sich hin. Man hörte Stimmen draußen und eine +seltsame Unruhe von Kommenden und Gehenden, und zu dem Mauerloch sahen +Gesichter herein, die rasch wieder verschwanden.--"Es ist möglich", +sagte jetzt der Wundarzt, "daß wir ihn hinunterschaffen, wenn er fest +und doppelt verbunden ist. Schneller würde er freilich wieder +aufkommen, ließe man ihn hier in der Ruhe, und in der Pflege dieser +alten Hexe, deren Wundkräuter den besten gelernten Arzt zuschanden +machen. Es kann das Wundfieber unterwegs ihm ans Leben treten, und +eine Verantwortung übernehme ich keinesfalls, Signor Commissario." + +"Unnötig, unnötig", erwiderte der andere. "Wie man ihn los wird, kann +nicht in Betracht kommen. Legt ihm Euern Verband an, so fest Ihr +vermögt, damit nichts versäumt werde, und dann vorwärts. Wir haben +Mondschein und nehmen einen Burschen mit. Geht indessen hinaus, Molza, +und versichert Euch der Pferde." + +Der eine der Sbirren*, dem dieser Befehl galt, öffnete rasch die +Kammertür und wollte hinaus, als ein unerwarteter Anblick ihn +versteinerte. Das Gemach nebenan war mit einer Schar von Dorfleuten +besetzt, an deren Spitze zwei Contrabbandieri standen. Fenice hatte +noch mit ihnen gesprochen, als die Tür sich öffnete. Nun trat sie an +die Schwelle der Kammer und sagte mit großem Nachdruck: + +{ed. * Scherge, Häscher} + +"Ihr verlaßt diese Kammer unverzüglich, Signori, und ohne den +Verwundeten, oder ihr seht Pistoja nicht wieder. In diesem Hause ist +noch kein Blut geflossen, solange Fenice Cattaneo seine Herrin ist, +und die Madonna verhüte solchen Greuel in alle Zukunft. Versucht auch +nicht wiederzukommen, etwa mit mehreren. Ihr habt die Stelle noch im +Sinn, wo man einzeln die Felstreppe zwischen den Wänden hinaufklimmt. +Ein Kind kann diesen Paß verteidigen, wenn es die Steine den Abhang +herabrollt, die droben wie gesät liegen. Wir werden dort eine Wache +stellen, bis dieser Herr in Sicherheit ist. Nun geht und rühmt euch +der Heldentat, daß ihr ein Mädchen betrogen habt und einen verwundeten +Mann ermorden wolltet." + +Die Gesichter der Sbirren entfärbten sich mehr und mehr und es +entstand eine Pause nach den letzten Worten. Dann zogen alle drei wie +auf Kommando bisher verborgene Pistolen aus der Tasche, und der +Kommissär sagte kaltblütig: "Wir kommen im Namen des Gesetzes. Wenn +ihr selbst es nicht respektiert, wollt ihr auch noch andere hindern, +es zu vollziehn? Es kann sechsen von euch das Leben kosten, wenn ihr +uns zwingt, dem Gesetz mit Gewalt Achtung zu verschaffen." + +Ein Murren durchlief die Schar der andern. "Still, Freunde!" rief das +entschlossene Mädchen. "Sie wagen es nicht. Sie wissen, daß jeder, +den sie erschießen, dem Mörder einen sechsfachen Tod einbringt. Ihr +redet wie ein Tor", wandte sie sich wieder an den Kommissär. "Die +Furcht, die auf euern Stirnen sitzt, redet wenigstens klüger. Tut, +was sie euch anrät. Der Weg ist offen, Signori!" + +Sie trat zurück und wies mit der Linken nach der Tür des Hauses. Die +in der Kammer flüsterten wenige Worte zusammen, dann schritten sie mit +leidlicher Haltung durch die aufgeregte Schar, die ihnen immer lautere +und lautere Verwünschungen mit auf den Weg gab. Der Wundarzt war +unschlüssig, ob er folgen dürfe; aber auf einen gebieterischen Wink +des Mädchens schloß er sich seinen Begleitern eilfertig an. + +Diese ganze Szene hatte der Kranke in der Kammer halb aufgerichtet mit +großen Augen mitangesehn. Jetzt trat die Alte wieder zu ihm und +rückte ihm das Kissen. "Still liegen, mein Sohn!" sagte sie. "Es ist +keine Gefahr. Schlafen, schlafen, armer Sohn! die alte Chiaruccia +wacht, und daß Ihr sicher seid, dafür sorgt unsre Fenice, das +benedeite Kind! Schlaft, schlaft!" + +Sie summte ihn dann mit eintönigen Liedern ein wie ein Kind. Er aber +nahm den Namen Fenice mit in seine Träume. + +Filippo war zehn Tage droben im Gebirg und in der Pflege der Alten, +schlief viel in den Nächten und genoß am Tage, vor der Tür sitzend, +die reine Luft und die Einsamkeit. Sobald er wieder schreiben konnte, +schickte er einen Boten mit einem Brief nach Bologna und erhielt am +andern Tage Antwort, ob erwünscht oder unerwünscht, war auf seinem +blassen Gesicht nicht zu lesen. Außer mit seiner Pflegerin und den +Kindern von Treppi sprach er mit niemand, und Fenice sah er nur des +Abends, wenn sie am Herde schaltete. Denn sie verließ das Haus mit +Sonnenaufgang und blieb über Tag im Gebirg. Das war sonst anders +gewesen, wie er aus zufälligen Äußerungen entnahm. Aber auch wenn sie +zu Hause war, fand sich nie eine Gelegenheit, mit ihr zu sprechen. +Sie tat überhaupt, als merke sie seine Anwesenheit gar nicht, und +schien das Leben wie früher zu tragen. Doch war ihr Gesicht wie +steinern geworden und ihre Augen wie erstorben. + +Als Filippo eines Tages, von dem herrlichen Wetter gelockt, weiter als +sonst sich vom Hause entfernte und zum erstenmal wieder im Gefühl +neuer Kraft eine sanfte Höhe hinabstieg, erschrak er, als er um einen +Felsen bog und unerwartet Fenice im Moos neben einer Quelle sitzen sah. +Sie hatte Wocken und Spindel in Händen und schien während des +Spinnens sehr in sich vertieft. Bei Filippos Schritten sah sie auf, +sprach aber kein Wort, noch veränderte sich der Ausdruck ihres +Gesichts, und rasch erhob sie sich samt ihrem Gerät. Dann ging sie, +ohne auf seinen Ruf zu achten, davon und war ihm bald aus den Augen. + +Am Morgen nach dieser Begegnung war er eben aufgestanden und seine +ersten Gedanken gingen wieder zu ihr, als die Tür seiner Kammer +geöffnet wurde und das Mädchen ruhig zu ihm eintrat. Sie blieb an der +Schwelle stehen und winkte ihm gebieterisch mit der Hand, als er vom +Fenster ihr näher eilen wollte. + +"Ihr seid wieder geheilt", sagte sie kalt. "Ich habe mit der Alten +gesprochen. Sie meint, Ihr hättet wieder die Kraft zu reisen, in +kleinen Tagereisen und zu Pferde. Ihr werdet morgen früh Treppi +verlassen und nie dahin zurückkehren. Dies Versprechen fordre ich von +Euch." + +"Ich verspreche es, Fenice, unter einer Bedingung." + +Sie schwieg. + +"Daß du mit mir gehst, Fenice!" sprach er in großer, unverhaltener +Bewegung. + +Ein dunkler Zorn überflog ihre Brauen. Doch hielt sie an sich und +sagte, den Türgriff fassend: "Womit habe ich Spott verdient? Ihr +verspreche es ohne Bedingung, von Eurer Ehre erwarte ich's, Signor." + +"Willst du mich so verstoßen, nachdem du mir den Liebestrank bis ins +innerste Mark geflößt und mich für immer dir zu eigen gemacht hast, +Fenice?" + +Sie schüttelte ruhig das Haupt. "Es ist hinfort kein Zauber mehr +zwischen uns", sagte sie dumpf. "Ihr habt Blut verloren, ehe der +Trank gewirkt hatte, der Bann ist gelöst. Und es ist gut so, denn ich +habe unrecht getan. Laßt uns nicht mehr davon reden und sagt nur, daß +Ihr gehen werdet. Ein Pferd wird bereit sein und ein Führer, wohin +Ihr wollt." + +"Wenn es denn dieser Zauber nicht mehr sein kann, der mich an dich +bindet, so muß es wohl ein anderer sein, für den du nicht kannst, +Mädchen. So wahr mir Gott gnade--" + +"Still!" unterbrach sie ihn und schürzte finster die Lippe. "Ich bin +taub für solche Worte, wie Ihr sie sagen wollt. Wenn Ihr meint, mir +etwas schuldig zu sein, und Euch mein erbarmen möchtet--so geht, und +die Rechnung ist damit ausgeglichen. Ihr sollt nicht denken, daß +dieser mein armer Kopf nichts lernen kann. Ich weiß jetzt, daß man +einen Menschen nicht erkaufen kann, sowenig mit armseligen Diensten, +die sich von selbst verstehen, als mit sieben Jahren des Wartens--die +sich auch von selbst verstehen vor Gott. Ihr sollt nicht denken, daß +Ihr mich elend gemacht habt Ihr habt mich geheilt! Geht! und nehmt +meinen Dank mit Euch!" + +"Antworte mir vor Gott!" rief er außer sich und trat ihr näher, "habe +ich dich auch geheilt von deiner Liebe?" + +"Nein", sagte sie fest. "Was fragt Ihr danach? Sie ist mein, Ihr +habt kein Recht und keine Macht über sie. Geht!" + +Damit trat sie zurück und über die Schwelle. Im nächsten Augenblick +lag er hingestürzt auf den Steinen zu ihren Füßen und umfaßte ihre +Kniee. + +"Wenn es wahr ist, was du sagst", rief er im höchsten Schmerz, "so +rette mich, so nimm mich an, nimm mich auf zu dir, oder dieser Kopf, +den ein Wunder in seinen Fugen erhalten hat, wird in Scherben gehen +samt diesem Herzen, das du verstoßen willst. Meine Welt ist leer, +mein Leben eine Beute des Hasses, meine alte und meine neue Heimat +verbannt mich, was soll ich noch leben, wenn ich auch dich verlieren +muß!" + +Da sah er auf zu ihr und sah aus den geschlossenen Augen helle Ströme +brechen. Noch war ihr Antlitz regungslos, dann atmete sie tief auf, +ihre Augen öffneten sich, ihre Lippen bewegten sich, noch ohne Worte; +das Leben blühte wie auf einen Schlag in ihr auf. Sie beugte sich +herab zu ihm, ihre kräftigen Arme hoben ihn auf--"du bist mein!" sagte +sie bebend. "So will ich dein sein!"-Als die Sonne des andern Tages +aufging, sah sie das Paar auf dem Wege nach Genua, wohin Filippo vor +den Nachstellungen seiner Feinde sich zurückzuziehen beschlossen hatte. +Der hohe blasse Mann ritt auf einem sicheren Pferde, das seine Braut +am Zügel führte. Zu beiden Seiten zogen sich Höhen und Gründe des +schönen Apennin in der Klarheit des Herbstes, die Adler kreisten über +den Schluchten und fern blitzte das Meer. Und still und leuchtend wie +dort das Meer, lag vor den Wanderern die Zukunft. + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Das Mädchen von Treppi, von Paul +Heyse. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das Maedchen von Treppi, by Paul Heyse + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS MAEDCHEN VON TREPPI *** + +This file should be named 9085-8.txt or 9085-8.zip + +Produced by Delphine Lettau + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. 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If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + +Project Gutenberg Literary Archive Foundation +PMB 113 +1739 University Ave. +Oxford, MS 38655-4109 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information online at: + +https://www.gutenberg.org/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. So, among other things, this "Small Print!" statement +disclaims most of our liability to you. It also tells you how +you may distribute copies of this eBook if you want to. + +*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK +By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm +eBook, you indicate that you understand, agree to and accept +this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive +a refund of the money (if any) you paid for this eBook by +sending a request within 30 days of receiving it to the person +you got it from. If you received this eBook on a physical +medium (such as a disk), you must return it with your request. + +ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS +This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks, +is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart +through the Project Gutenberg Association (the "Project"). +Among other things, this means that no one owns a United States copyright +on or for this work, so the Project (and you!) can copy and +distribute it in the United States without permission and +without paying copyright royalties. Special rules, set forth +below, apply if you wish to copy and distribute this eBook +under the "PROJECT GUTENBERG" trademark. + +Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market +any commercial products without permission. + +To create these eBooks, the Project expends considerable +efforts to identify, transcribe and proofread public domain +works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any +medium they may be on may contain "Defects". 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