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+The Project Gutenberg EBook of Das Maedchen von Treppi, by Paul Heyse
+#5 in our series by Paul Heyse
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+Title: Das Maedchen von Treppi
+
+Author: Paul Heyse
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+Release Date: October, 2005 [EBook #9085]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on September 4, 2003]
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+Edition: 10
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS MAEDCHEN VON TREPPI ***
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+Produced by Delphine Lettau
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
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+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Das Mädchen von Treppi
+
+Paul Heyse
+
+Novelle
+
+(1855)
+
+
+Auf der Höhe des Apennin, wo er sich zwischen Toskana und dem
+nördlichen Teil des Kirchenstaats hinzieht, liegt ein einsames
+Hirtendorf, Treppi genannt. Die Pfade, die hinaufführen, sind für
+Wagen unzugänglich. Viele Stunden weiter nach Süden in großem Umweg
+überschreitet die Straße der Posten und Vetturine* das Gebirge.
+Treppi vorüber ziehen nur Bauern, die mit den Hirten zu handeln haben,
+selten ein Maler oder ein landstraßenscheuer Fußwanderer, und in den
+Nächten die Schmuggler mit ihren Saumtieren, die das öde Dorf, wo sie
+kurze Rast machen, auf noch viel rauheren Felswegen zu erreichen
+wissen, als alle andern.
+
+{ed. * Wagen}
+
+Es war erst gegen die Mitte Oktobers, eine Zeit, wo die Nächte in
+dieser Höhe noch von großer Klarheit zu sein pflegen. Heute aber
+hatte sich nach dem sonnenheißen Tage ein feiner Nebel aus den
+Schluchten heraufgewälzt und breitete sich langsam über die
+edelgeformten nackten Felszüge des Hochlandes. Es mochte gegen neun
+Uhr abends sein. In den zerstreuten niedrigen Steinhütten, die über
+Tag nur von den ältesten Weibern und jüngsten Kindern bewacht werden,
+glommen nur noch schwache Feuerscheine. Um die Herde, über denen die
+großen Kessel wankten, lagen die Hirten mit ihren Familien und
+schliefen; die Hunde hatten sich in die Asche gestreckt; eine
+schlaflose Großmutter saß wohl noch auf einem Haufen Felle und bewegte
+mechanisch die Spindel hin und her, Gebete murmelnd, oder ein unruhig
+schlafendes Kind im Korbe schaukelnd. Die Nachtluft zog feucht und
+herbstlich durch die handgroßen Lücken in der Mauer, und der Rauch der
+ruhig ausbrennenden Herdflamme, der jetzt vom Nebel gedrängt wurde,
+schlug schwerfällig zurück und floß an der Decke der Hütte hin, ohne
+daß es der Alten beschwerlich ward. Hernach schlief auch sie mit
+offenen Augen, soviel sie konnte.
+
+Nur in einem Hause war noch Bewegung. Es hatte auch nur ein Stockwerk
+wie die andern; aber die Steine waren besser gefugt, die Tür breiter
+und höher, und an das weite Viereck, das die eigentliche Wohnung
+ausmachte, lehnten sich mancherlei Schuppen, angebaute Kammern, Ställe
+und ein gut gemauerter Backofen. Vor der Haustür stand ein Trupp
+beladener Pferde, denen ein Bursch eben die geleerten Krippen wegriß,
+während sechs bis sieben bewaffnete Männer aus dem Hause traten, in
+den Nebel hinaus, und eilig ihre Tiere rüsteten. Ein uralter Hund,
+der neben der Tür lag, bewegte nur leicht den Schweif, als sie
+aufbrachen. Dann erhob er sich müde von der Erde und ging langsam in
+das Innere der Hütte, wo das Feuer noch hell brannte. Am Herde stand
+seine Herrin, dem Feuer zugewendet, die stattliche Gestalt regungslos,
+die Arme an den Hüften herabhangend. Als der Hund mit der Schnauze
+sanft gegen ihre Hand rührte, wandte sie sich, als schrecke sie aus
+Träumen auf. "Fuoco", sagte sie, "mein armes Tier, geh schlafen, du
+bist krank!"--Der Hund winselte und bewegte den Schweif dankbar. Dann
+kroch er auf ein altes Fell neben dem Herd und streckte sich hustend
+und winselnd nieder.
+
+Indessen waren auch einige Knechte hereingekommen und hatten sich um
+den großen Tisch an die Schüssel gesetzt, welche die abziehenden
+Schmuggler soeben verlassen hatten. Eine alte Magd füllte sie aus dem
+großen Kessel von neuem mit Polenta, und setzte sich nun ebenfalls mit
+ihrem Löffel zu den andern. Während sie aßen, wurde kein Wort laut;
+die Flamme knisterte, der Hund stöhnte heiser aus dem Schlaf, das
+ernsthafte Mädchen saß auf den Steinplatten des Herdes, ließ das
+Schüsselchen mit der Polenta, das ihr die Magd besonders hingestellt
+hatte, unberührt und sah in der Halle umher, ohne Gedanken in sich
+versunken. Vor der Tür stand der Nebel jetzt schon wie eine weiße
+Wand. Aber zugleich ging der halbe Mond eben hinter dem Rand des
+Felsens in die Höhe.
+
+Da kam es wie Hufschlag und Menschentritte die Straße herauf.--"Pietro!"
+rief die junge Hausherrin mit ruhig erinnerndem Ton. Ein langer
+Bursch stand augenblicklich vom Tisch auf und verschwand im Nebel.
+
+Man hörte jetzt die Schritte und Stimmen näher, endlich hielt das
+Pferd am Hause. Noch eine Weile, dann erschienen drei Männer unter
+der Tür und traten mit kurzem Gruß ein. Pietro näherte sich dem
+Mädchen, das teilnahmlos in die Flamme sah. "Es sind zwei von
+Porretta", sagte er ihr, "Ohne Waren; sie führen einen Signore über
+die Berge, der seine Pässe nicht in Ordnung hat."
+
+"Nina!" rief das Mädchen. Die alte Magd stand auf und kam an den Herd.
+
+"Das ist's nicht allein, daß sie essen wollen, Padrona", fuhr der
+Bursch fort. "Ob der Herr ein Lager haben kann für die Nacht. Er
+will nicht weiter vor Tagesanbruch."
+
+"Mach ihm eine Streu in der Kammer." Pietro nickte und ging wieder an
+den Tisch.
+
+Die drei hatten Platz genommen, ohne daß die Knechte sie einer
+besondern Aufmerksamkeit würdigten. Es waren zwei Contrabbandieri,
+wohlbewaffnet, die Jacken leicht übergeworfen, die Hüte tief über die
+Stirn gedrückt. Sie nickten den andern zu wie guten Bekannten, und
+nachdem sie ihrem Begleiter einen guten Platz eingeräumt hatten,
+schlugen sie das Kreuz und aßen.
+
+Der Signore, der mit ihnen gekommen, aß nicht. Er nahm den Hut von
+der hohen Stirn, strich mit der Hand durchs Haar und ließ die Augen
+über den Ort und die Gesellschaft schweifen. An den Wänden las er die
+mit Kohle gemalten, frommen Sprüche, sah im Winkel das Madonnenbild
+mit dem Lämpchen, daneben die Hühner, die auf der Stange schliefen,
+dann die Maiskolben, die, auf Schnüre gereiht, an der Decke hingen,
+ein Brett mit Krügen und Korbflaschen, übereinandergeschichtete Felle
+und Körbe. Das Mädchen am Herd fesselte endlich seine unruhigen Augen.
+Das dunkle Profil zeichnete sich streng und schön gegen das
+flackernde Rot des Herdfeuers, ein großes Nest schwarzer Flechten lag
+tief auf dem Nacken, die Hände hatte sie ineinanderverschränkt auf das
+eine Knie gelegt, während der andere Fuß auf dem Felsboden des Gemachs
+ruhte. Wie alt sie sein mochte, konnte er nicht erraten. Doch sah er
+an ihrem Gebaren, daß sie die Wirtin des Hauses war.
+
+"Habt Ihr Wein im Hause, Padrona?" fragte er endlich. Er hatte diese
+Worte kaum gesagt, als das Mädchen wie vom Blitz gestreift emporfuhr
+und aufrecht neben dem Herde stand, mit beiden Armen sich auf die
+Platten stützend. In demselben Augenblick fuhr der Hund aus dem
+Schlafe auf. Ein wildes Murren brach aus seiner keuchenden Brust vor.
+Der Fremde sah plötzlich vier funkelnde Augen auf sich gerichtet.
+
+"Darf man nicht fragen, ob Ihr Wein im Hause habt, Padrona?"
+wiederholte er jetzt. Noch aber hatte er das letzte Wort nicht
+geendet, als der Hund in unerklärlicher Wut laut heulend auf ihn
+zusprang, ihm den Mantel mit den Zähnen von der Schulter riß und von
+neuem gegen ihn losgesprungen wäre, wenn nicht ein scharfer Ruf seiner
+Herrin ihn gebändigt hätte.
+
+"Zurück, Fuoco, zurück! Friede, Friede!"--Der Hund stand mitten im
+Zimmer, heftig mit dem Schweife schlagend, den Fremden unverwandt im
+Auge.--"Schließ ihn in den Stall, Pietro!" sagte das Mädchen halblaut.
+Sie stand noch immer wie erstarrt am Herde und wiederholte den Befehl,
+als Pietro zauderte. Denn seit langen Jahren war der nächtliche
+Platz des alten Tiers neben dem Herde gewesen. Die Knechte flüsterten
+untereinander, der Hund folgte widerwillig, und sein Heulen und
+Winseln drang schauerlich von draußen herein, bis es vor Erschöpfung
+nachzulassen schien.
+
+Indessen hatte die Magd auf einen Wink der Wirtin Wein gebracht. Der
+Fremde trank, reichte den Becher seinen Begleitern und sann im stillen
+über den wunderlichen Aufruhr nach, den er unwissentlich angestiftet.
+Ein Knecht nach dem andern legte den Löffel nieder und ging mit einem
+"Gute Nacht, Padrona!" hinaus. Zuletzt waren die drei mit der Wirtin
+und der alten Magd allein.
+
+"Die Sonne geht um vier Uhr auf", sagte der eine Schmuggler halblaut
+zu dem Fremden. "Eccellenza braucht nicht früher aufzubrechen, um bei
+guter Zeit in Pistoja zu sein. Es ist auch wegen des Pferdes, das
+seine sechs Stunden stehen muß."
+
+"Es ist gut, meine Freunde. Geht und schlaft!"
+
+"Wir werden Euch wecken, Eccellenza."
+
+"Auf alle Fälle", erwiderte der Fremde. "Obwohl die Madonna weiß, daß
+ich nicht oft sechs Stunden in einem Strich schlafe. Gute Nacht,
+Carlone; gute Nacht, Meister Giuseppe!"
+
+Die Leute rückten ehrerbietig die Hüte und standen auf. Der eine ging
+nach dem Herd und sagte: "Ich habe einen Gruß, Padrona, vom Costanzo
+aus Bologna, und ob es bei Euch war, wo er sein Messer hat liegen
+lassen letzten Samstag."
+
+"Nein", sagte sie kurz und ungeduldig.
+
+"Ihr hättet's ihm wohl wieder mitgeschickt", sagte ich ihm, "wenn's
+hier gewesen wäre. Und dann--"
+
+"Nina", unterbrach sie ihn, "zeige ihnen den Weg in die Kammer, wenn
+sie ihn vergessen haben."
+
+Die Magd stand auf. "Ich wollte nur noch sagen, Padrona", fuhr der
+Mann mit großer Ruhe und leisem Zwinkern der Augen fort, "daß dieser
+Herr dort das Geld nicht ansähe, wenn Ihr ihm ein sanfteres Bett
+machtet, als unsereinem. Das wollt' ich Euch sagen, Padrona, und nun
+schenk' Euch die Madonna eine gute Nacht, Signora Fenice!"
+
+Damit wandte er sich zu seinem Gesellen, neigte sich, wie dieser, vor
+dem Bilde in der Ecke, kreuzte sich und beide verließen mit der Magd
+das Gemach. "Gute Nacht, Nina!" rief das Mädchen. Die Alte wandte
+sich noch auf der Schwelle und machte ein fragendes Zeichen, zog dann
+aber rasch und gehorsam die Tür hinter sich zu.
+
+
+Sie waren kaum allein, als Fenice eine Messinglampe, die seitwärts am
+Herde stand, ergriff und hastig anzündete. Das Herdfeuer erlosch mehr
+und mehr, die drei roten Flämmchen der Lampe erhellten nur einen
+kleinen Teil des weiten Raumes. Es schien, als habe die Dunkelheit
+den Fremden schläfrig gemacht, denn er saß am Tische, den Kopf auf die
+Arme gelegt, den Mantel dicht um sich gezogen, als gedenke er so die
+Nacht zuzubringen. Da hörte er seinen Namen rufen und sah empor. Die
+Lampe brannte vor ihm auf dem Tisch, ihm gegenüber stand die junge
+Padrona, die ihn gerufen hatte. Ihr Blick traf den seinen mit großer
+Gewalt.
+
+"Filippo", sagte sie, "kennt Ihr mich nicht mehr?"
+
+Er sah eine Zeitlang forschend in das schöne Gesicht, das vom Schein
+der Lampe und mehr noch von der Angst zu glühen schien, welche Antwort
+ihrer Frage werden würde. Das Gesicht war wohl des Wiedererinnerns
+wert. Die weichen langen Augenwimpern sänftigten, wie sie langsam auf
+und nieder gingen, die Strenge der Stirn und der schmalgeformten Nase.
+Der Mund blühte in der rötesten Jugend; nur hatte er, wenn er schwieg,
+einen Zug von Entsagung, Schmerz und Wildheit, dem die schwarzen
+Augen nicht widersprachen. Jetzt erst, als sie am Tische stand,
+zeigte sich auch der herbe Reiz der Gestalt, besonders die Schönheit
+des Nackens und Halses. Und dennoch sprach Filippo nach einigem
+Besinnen:
+
+"Ich kenne Euch wahrlich nicht, Padrona!"
+
+"Es ist nicht möglich", sagte sie mit einem wunderbar tiefen Ton der
+Gewißheit. "Ihr habt ja sieben Jahre Zeit gehabt, mich zu behalten.
+Das ist lang; da kann ein Bild sich schon einprägen."
+
+Das seltsame Wort schien ihn jetzt erst völlig aus seinen besondern
+Gedanken loszumachen. "Ja, Mädchen", sagte er, "wer sieben Jahre zu
+nichts anderm braucht, als einem schönen Mädchenkopf nachzudenken, der
+muß ihn wohl zuletzt auswendig wissen."
+
+"Ja", sagte sie nachdenklich, "so ist es, so sagtet Ihr auch damals,
+daß Ihr an nichts anderes denken würdet."
+
+"Vor sieben Jahren? So war ich noch ein scherzhafter Mensch vor
+sieben Jahren. Und du hast das im Ernst geglaubt?"
+
+Sie nickte dreimal sehr ernsthaft. "Warum sollte ich nicht? Ich habe
+es ja an mir selbst erfahren, daß Ihr recht hattet."
+
+"Kind", sagte er mit einer gutmütigen Miene, die seinen entschiedenen
+Zügen wohl stand, "das tut mir leid. Vor sieben Jahren dacht' ich
+wohl noch, es wüßten es alle Weiber, daß zärtliche Männerworte nicht
+viel mehr wert sind als Spielmarken, die man freilich gelegentlich
+gegen klingendes Geld umwechselt, wenn es ausdrücklich ausgemacht ist.
+Was dacht' ich nicht alles vor sieben Jahren von euch Weibern! Jetzt
+denk ich, ehrlich gesagt, selten an euch. Liebes Kind, man hat so
+viel Wichtigeres zu denken."
+
+Sie schwieg, als ob sie das alles nicht verstünde und ruhig abwarten
+wollte, bis er etwas sagte, was sie wirklich anging.
+
+"Es dämmert jetzt freilich in mir auf", sagte er nach einigem Sinnen,
+"daß ich diesen Teil des Gebirges schon einmal durchwandert habe. Ich
+hätte auch vielleicht das Dorf und dieses Haus wieder erkannt, ohne
+den Nebel. Ja, ja, es war allerdings vor sieben Jahren, wo mich der
+Arzt in die Berge schickte, und ich wie ein Narr die steilsten Wege
+auf und ab stürmte."
+
+"Ich wußte es wohl", sagte sie, und ein rührender Glanz der Freude
+erschien auf den Lippen, "ich wußte es wohl, Ihr könnt es nicht
+vergessen haben. Hat es doch der Hund, der Fuoco, nicht vergessen,
+auch nicht seinen alten Haß auf Euch von damals,--noch ich--meine alte
+Liebe."
+
+Das sagte sie mit so großer Festigkeit und Heiterkeit, daß er immer
+erstaunter zu ihr aufsah. "Ich besinne mich nun auch auf ein Mädchen",
+sagte er, "das ich einmal auf der Höhe des Apennin traf, und das mich
+zu seinen Eltern nach Hause brachte. Ich hätte sonst die Nacht auf
+den Klippen zubringen müssen. Ich weiß auch, daß es mir gefiel--"
+
+"Ja", unterbrach sie ihn, "sehr!"
+
+"Aber ich gefiel dem Mädchen nicht. Ich hatte ein langes Gespräch mit
+ihr, zu dem sie nicht viel über zehn Worte beisteuerte. Als ich ihr
+endlich das schlafende finstre Mündchen mit einem Kuß aufzuwecken
+dachte--ich sehe sie noch, wie sie von mir weg auf die Seite sprang
+und mit jeder Hand einen Stein aufhob, daß ich kaum ungesteinigt
+davonkam. Wenn du jenes Mädchen bist, wie kannst du von deiner alten
+Liebe zu mir reden?"
+
+"Ich war funfzehn Jahr', Filippo, und schämte mich sehr. Ich war
+immer so trotzig gewesen und allein, und wußte mich nicht auszudrücken.
+Und dann hatte ich Furcht vor den Eltern, die lebten damals noch,
+wie Ihr wissen werdet. Mein Vater hatte die vielen Hirten und Herden,
+und hier die Schenke. Es ist seitdem nicht viel anders geworden. Nur,
+daß er nicht mehr hier schaltet und schilt--seine Seele sei im
+Paradiese! Und vor der Mutter schämte ich mich am meisten. Wißt Ihr
+noch, gerade an demselben Fleck saßet Ihr damals, Ihr lobtet noch den
+Wein, den wir von Pistoja hatten. Mehr hörte ich nicht, die Mutter
+sah mich scharf an, da ging ich hinaus und stellte mich hinter das
+Fenster, um Euch noch betrachten zu können. Ihr waret jünger,
+natürlich, aber nicht schöner. Ihr habt noch heut dieselben Augen,
+mit denen Ihr damals gewinnen konntet, wen Ihr wolltet; und dieselbe
+dunkle Stimme, die den Hund so aufbrachte vor Eifersucht, armes Tier!
+Bisher hatte ich ihn allein geliebt. Er merkte wohl, daß ich Euch
+mehr liebte, er merkte es besser als Ihr selbst.
+
+"Richtig", sagte er, "er war in jener Nacht wie unsinnig. Eine
+wunderliche Nacht! Du hattest mir's doch sehr angetan, Fenice. Ich
+weiß, daß ich keine Ruhe hatte, als du gar nicht wieder ins Haus
+zurückkommen wolltest, daß ich aufstand und dich draußen suchte. Dein
+weißes Kopftuch sah ich, und dann nichts mehr von dir, denn du
+sprangst in die Kammer neben dem Stall."
+
+"Das war meine Schlafkammer, Filippo. Da durftet Ihr doch nicht
+hinein."
+
+"Aber ich wollt' es. Ich weiß noch, wie lange ich stand und pocht'
+und bettelte, der schlechte Gesell, der ich war, und meinte, der Kopf
+müsse mir springen, wenn ich dich nicht noch einmal sähe."
+
+"Der Kopf? Nein, das Herz, sagtet Ihr. Ich weiß sie noch alle wohl,
+die Worte, alle!"
+
+"Und wolltest doch damals nichts von ihnen wissen."
+
+"Mir war zumut wie zum Sterben. Ich stand im hintersten Winkel und
+dachte, wenn ich mir nur das Herz fassen könnte, an die Tür zu
+schleichen, den Mund an die Spalte zu legen, durch die Ihr spracht,
+daß ich den Hauch empfunden hätte."
+
+"Törichte verliebte Jugend! Wäre deine Mutter nicht gekommen, ich
+stände wohl noch da; du hättest denn inzwischen aufgemacht. Ich
+schäme mich jetzt beinahe, wie ich im hellen Ärger und Grimm davonging
+und die Nacht hindurch einen langen Traum von dir hatte."
+
+"Ich habe im Finstern gesessen und gewacht", sagte sie. "Gegen Morgen
+überfiel mich ein Schlaf, und als ich auffuhr und in die Sonne sah--wo
+wart Ihr? Es sagte mir's keiner und fragen konnt' ich nicht. Ich
+hatte einen solchen Haß, ein menschliches Gesicht zu sehen, als hätten
+sie Euch umgebracht, damit ich Euch nur nicht mehr sähe. Ich lief
+fort, wie ich ging und stand, die Berge auf und ab, zuweilen schrie
+ich nach Euch, zuweilen verwünschte ich Euch, denn um Euch konnte ich
+nun keinen Menschen mehr lieben. Am Ende kam ich unten in der Ebene
+an, da erschrak ich und kehrte wieder um. Zwei Tage war ich weg
+gewesen. Der Vater schlug mich, als ich wiederkam, und die Mutter
+sprach nicht mit mir. Sie wußten wohl, warum ich weggelaufen war.
+Nur der Hund war mit mir gewesen, der Fuoco; aber wenn ich Euern Namen
+rief in der Einsamkeit, heulte er."
+
+Es entstand eine Pause, in der die Blicke der beiden Menschen
+aufeinander ruhten. Dann sagte Filippo: "Wie lange sind deine Eltern
+nun tot?"
+
+"Drei Jahr'. Sie starben in derselben Woche--ihre Seelen seien im
+Paradiese! Dann bin ich nach Florenz gegangen."
+
+"Nach Florenz?"
+
+"Ja, Ihr sagtet ja, Ihr wäret aus Florenz. Die Frau des Caffetiere
+draußen bei San Miniato, an die wiesen mich welche von den
+Contrabbandieri. Einen Monat hab ich da gelebt und sie alle Tage in
+die Stadt geschickt, nach Euch zu fragen. Abends ging ich selbst
+hinunter und suchte Euch. Am Ende hörten wir, daß Ihr längst
+fortgezogen, keiner wollte recht wissen, wohin."
+
+Filippo stand auf und ging mit starken Schritten durch das Gemach.
+Fenice wandte sich nach ihm, ihr Blick folgte ihm, doch verriet sie
+keine Spur einer ähnlichen Unruhe, wie sie ihn umhertrieb. Er kam
+endlich auf sie zu, sah sie eine Weile an und sagte dann: "Und wozu
+gestehst du mir das alles, la Poveretta*?"
+
+{ed. * Du Ärmste}
+
+"Ich habe sieben Jahre Zeit gehabt, mir einen Mut dazu zu fassen. Ach,
+wenn ich es Euch damals gestanden hätte, es hätte mich nicht so
+unglücklich gemacht, dieses feige Herz. Aber ich wußte, daß Ihr
+wiederkommen mußtet, Filippo; nur daß es so lange dauerte, das hatte
+ich nicht gedacht, das tat mir weh.--Ein Kind bin ich, so zu sprechen.
+Was kümmert mich, was nun vorüber ist? Filippo, da seid ihr, und
+hier bin ich und bin Euer, ewig, ewig!"-"Liebes Kind!" sagte er leise,
+und verschwieg dann wieder, was er auf der Zunge hatte. Sie empfand
+es aber nicht, daß er so nachdenklich und schweigsam vor ihr stand und
+über ihre Stirn weg auf die Wand starrte. Sie sprach ruhig weiter; es
+war, als wären ihr ihre Worte seit lange bekannt, als habe sie sich
+tausendmal im stillen vorgestellt: Er wird kommen, und das und das
+wirst du ihm sagen.
+
+"Ich habe schon viele heiraten sollen, hier oben, und als ich in
+Florenz war. Ich wollte nur dich. Wenn mich einer bat und sagte mir
+süße Reden, gleich war deine Stimme da, aus jener Nacht, deine Reden,
+die süßer waren, als alle Worte unterm Monde. Seit manchem Jahr
+lassen sie mich in Ruh, obwohl ich noch nicht alt bin, und so schön
+wie ich immer war. Es ist als ob sie alle wüßten, daß du nun bald
+kommen würdest."--Dann wieder:
+
+"Wo willst du mich nun hinführen? Willst du hier oben bleiben? Nein,
+es taugt nicht für dich. Seit ich in Florenz war, weiß ich, daß es
+traurig auf dem Gebirge ist. Wir wollen das Haus und die Herden
+verkaufen, dann bin ich reich. Ich habe das wilde Wesen mit den
+Leuten hier satt. In Florenz mußten sie mich alles lehren, was eine
+Städterin braucht, und sie verwunderten sich, wie rasch ich jedes
+begriff. Freilich, ich hatte nicht viel Zeit und alle Träume sagten
+mir, daß es hier oben sein würde, wo du mich zu suchen kämest.--Ich
+habe auch eine Zauberin gefragt, und auch das ist alles eingetroffen."
+
+"Und wenn ich nun schon eine Frau hätte?"
+
+Sie sah ihn groß an. "Du willst mich versuchen, Filippo! Du hast
+keine. Auch das hat mir die Strega* gesagt. Aber wo du wohnest, das
+wußte sie nicht."
+
+{ed. * Hexe}
+
+"Sie hat recht gehabt, Fenice, ich habe kein Weib. Aber woher weiß
+sie oder du, daß ich je eins haben will?"
+
+"Wie könntest du mich nicht wollen?" sagte sie mit unerschütterlichem
+Vertrauen.
+
+"Setz dich hier zu mir her, Fenice! Ich habe dir viel zu sagen. Gib
+mir deine Hand; versprich mir, daß du mich verständig anhören willst
+bis zu Ende, meine arme Freundin!" Als sie nichts von dem allen tat,
+fuhr er mit klopfendem Herzen fort, vor ihr stehenbleibend und das
+Auge traurig auf sie geheftet, während das ihrige wie in Ahnungen, die
+ihr ans Leben gingen, bald geschlossen war, bald am Boden hinirrte.
+
+"Ich habe schon vor Jahren aus Florenz fliehen müssen", erzählte er.
+"Du weißt, da waren jene politischen Tumulte, die so lange hin und her
+schwankten. Ich bin Advokat und kenne eine Menge Menschen, und
+schreibe und empfange einen großen Haufen Briefe das Jahr hindurch.
+Zudem war ich unabhängig, sagte meine Meinung, wo es not tat, und
+wurde verhaßt, obwohl ich die Hände bei ihrem heimlichen Spiel nie
+haben mochte. Am Ende mußte ich auswandern, wenn ich nicht in
+endloses Verhör und Gefängnis gehen wollte, ohne Nutz und Zweck. Ich
+bin nach Bologna gezogen und habe für mich gelebt, meine Prozesse
+geführt, und wenig Menschen gesehen, am wenigsten Weiber; denn von dem
+tollen Burschen, dem du vor sieben Jahren das Herz schwer machtest,
+ist nichts mehr an mir geblieben, als daß mir noch immer der Kopf,
+oder wenn du lieber willst, das Herz springen will, wenn ich irgendwas
+nicht bezwingen kann, freilich heutzutage andere Dinge, als den Riegel
+an der Kammertür eines schönen Mädchens.--Du hast vielleicht gehört,
+daß es auch in Bologna in der letzten Zeit unruhig geworden ist. Man
+hat angesehene Männer verhaftet, darunter einen, dessen Wege und Stege
+ich seit langem kenne, und weiß, daß seine Seele diesen Dingen sehr
+fern war. Denn eine schlechte Regierung bessern sie damit so wenig,
+als wenn eine Krankheit unter euern Schafen ist und ihr schicktet den
+Wolf in den Stall. Aber was soll das hier? Genug, mein Freund bat
+mich, sein Advokat zu sein und ich verhalf ihm zur Freiheit. Es war
+das kaum bekannt worden, als mich eines Tages ein elender Mensch auf
+der Straße anrannte und mich mit Beleidigungen überhäufte. Ich konnte
+mich nicht anders von ihm losmachen, als durch einen Stoß gegen die
+Brust, denn er war berauscht und keiner Erwiderung wert. Kaum hatte
+ich mich aus dem Menschenschwarm herausgewunden und war in ein Café
+getreten, so kam mir schon ein Verwandter jenes Menschen nach,
+nüchtern von Wein, aber trunken von Gift und Zorn, und stellte mich
+zur Rede, daß ich wie ein Ehrloser auf Worte mit Fäusten geantwortet
+hätte, statt zu tun, was jeder Galant'uomo* getan haben würde. Ich
+antwortete so gemäßigt, wie ich konnte, denn schon durchschaute ich's,
+daß alles eine Veranstaltung der Regierung war, mich durch einen
+Zweikampf unschädlich zu machen. Doch gab ein Wort das andere und die
+Feinde hatten endlich das Spiel gewonnen. Der andere gab vor, daß er
+ins Toskanische hinüber müsse, und drang darauf, die Sache drüben
+auszumachen. Ich ging darauf ein, denn es war Zeit, daß einer von uns
+Besonnenen den unruhigen Köpfen bewies, nicht Mangel an Mut sei die
+Ursache unserer Zurückhaltung, sondern einzig die Hoffnungslosigkeit
+aller heimlichen Umtriebe, einer so überlegenen Macht gegenüber. Als
+ich aber vorgestern um einen Paß einkam, wurde er mir verweigert, ohne
+daß man sich herabließ, mir einen Grund dafür anzugeben; es hieß, so
+sei der Befehl der obersten Behörden. Es wurde mir klar, daß sie mir
+entweder den Schimpf zuziehen wollten, das Duell vermieden zu haben,
+oder mich dazu treiben, mich in irgendwelcher Verkleidung über die
+Grenze zu stehlen, wo ich dann sicher von einem Hinterhalt aufgefangen
+worden wäre. Dann hätten sie einen Vorwand gehabt, mir den Prozeß zu
+machen, und ihn hinzuzerren, solange es ihnen nützlich erschienen wäre."
+
+{ed. * Ehrenmann}
+
+"Die Elenden! die Gottlosen!" unterbrach ihn das Mädchen und ballte
+die Faust.
+
+"So blieb nichts übrig, als mich in Porretta den Contrabbandieri
+anzuvertrauen. Wir werden morgen, wie sie mir sagen, noch früh
+Pistoja erreichen. Nachmittags ist das Duell verabredet, in einem
+Garten vor der Stadt."
+
+Sie ergriff plötzlich heftig seine Hand mit ihren beiden. "Geh nicht
+hinunter, Filippo", sagte sie. "Sie wollen dich ermorden."
+
+"Gewiß, das wollen sie, Kind, nichts Geringeres. Woher weißt du das
+aber?"
+
+"Ich sehe es hier und--hier!" Und sie deutete mit dem Finger auf Stirn
+und Herz.
+
+"Du bist auch eine Zauberin, eine Strega", fuhr er mit Lächeln fort.
+"Jawohl, Kind, sie wollen mich morden. Mein Gegner ist der beste
+Schütze in Toskana. Sie haben mir die Ehre angetan, einen stattlichen
+Feind gegen mich zu stellen. Nun, ich werde mir auch keine Schande
+machen. Wer weiß aber, ob alles mit rechten Dingen zugeht? Wer weiß?
+Oder hast du auch Zauberkünste, das vorauszusehen? Was hülf' es,
+Kind! damit wäre nichts geändert."
+
+"Du mußt es dir also schon aus dem Sinn schlagen", fuhr er nach
+einigem Schweigen fort, "deiner törichten alten Liebe ihren Willen zu
+tun. Vielleicht hat alles so kommen müssen, damit ich nicht aus der
+Welt ginge, ohne dich frei zu machen, frei von dir selbst und deiner
+unseligen Treue, armes Kind. Siehst du, wir hätten auch vielleicht
+schlecht für einander getaugt. Du warst einem andern Filippo treu,
+einem jungen Fant mit leichtsinnigen Lippen und außer Liebessorgen
+sorgenlos. Was hättest du mit dem Grübler, dem Einsiedler anfangen
+wollen?"
+
+Nun trat er auf sie zu, da er das letzte halb vor sich hin, auf und ab
+gehend, gesprochen hatte, und wollte eben ihre Hand fassen, als er vor
+dem Ausdruck ihres Gesichts sich entsetzte. Alle Weichheit war aus
+den Zügen gewichen, alle Röte von den Lippen. "Du liebst mich nicht!"
+sagte sie langsam und tonlos, als spräche ein andrer aus ihr und sie
+horchte hin, um zu erfahren, was eigentlich gemeint sei. Dann stieß
+sie seine Hand mit einem Schrei zurück, daß die Flämmchen der Lampe zu
+erlöschen drohten, und von draußen auf einmal ein wütendes Wimmern und
+Toben des Hundes laut wurde.--"Du liebst mich nicht, nein, nein!" rief
+sie wie außer sich. "Kannst du lieber in den Tod wollen, als in meine
+Arme? Kannst du nach sieben Jahren kommen, um Abschied zu nehmen?
+Kannst du so ruhig von deinem Tode sprechen, als wäre er nicht auch
+meiner? So wäre mir besser, diese Augen wären erblindet, eh' sie dich
+wieder sahen, und diese Ohren taub geworden, ehe sie die grausame
+Stimme hören mußten, durch die ich lebe und sterbe. Warum hat der
+Hund dich nicht zerrissen, ehe ich wußte, daß du gekommen bist, mein
+Herz zu zerreißen? Warum ist dein Fuß nicht an den Abgründen
+ausgeglitten? Wehe, wehe! Siehe meinen Jammer, Madonna!"
+
+Sie stürzte nieder vor dem Bilde, lag mit der Stirn gegen den Boden,
+die Hände weit von sich gestreckt, und schien zu beten. Der Mann
+hörte den Lärm des Hundes, dazwischen das Murmeln und Stöhnen des
+unglücklichen Mädchens, während der Mond nun schon Macht gewann und
+das Gemach durchleuchtete. Ehe er aber noch sich fassen und ein Wort
+aussprechen konnte, fühlte er schon wieder ihre Arme an seinem Nacken,
+ihren Mund an seinem Halse und heiße Tränen über sein Gesicht fließen.
+"Geh nicht in den Tod, Filippo!" schluchzte die Arme. "Wenn du bei
+mir bleibst, wer will dich finden? Laß sie reden, was sie wollen, das
+Mördergesindel, die heimtückischen Elenden, schlimmer als die Wölfe
+des Apennin.--Ja", sagte sie und sah durch Tränen strahlend zu ihm auf,
+"du bleibst, die Madonna hat dich mir geschenkt, damit ich dich
+retten sollte. Filippo, ich weiß nicht, was für böse Worte ich
+gesprochen, aber daß sie böse waren, empfand ich an dem eisigen Krampf
+hier am Herzen, der sie mir entrissen. Vergib mir das. Es bringt in
+die Hölle, zu denken, daß die Liebe vergessen und die Treue zertreten
+werden kann. Wir wollen uns nun hersetzen und das alles beraten.
+Willst du ein neues Haus haben? Wir bauen eins. Andere Leute? Wir
+schicken alle fort, auch die Nina, auch der Hund soll fort. Und wenn
+du meinst, daß sie dich dann verraten--so wollen wir selber fort, noch
+heut, jetzt, ich weiß alle Wege, und ehe die Sonne kommt, sind wir
+tief in den Schluchten nach Norden zu und wandern, wandern bis Genua,
+bis Venedig, wohin du willst."
+
+"Halt!" sagte er strenge. "Es ist genug der Torheit. Du kannst mein
+Weib nicht werden, Fenice. Wenn es morgen nicht ist, daß sie mich
+umbringen, so ist es nicht lange, denn ich weiß, wie ich ihnen im Wege
+bin." Er zog sanft, aber entschlossen seinen Hals aus ihren Armen.
+
+"Siehe Kind", fuhr er fort, "das ist nun unglücklich genug und wir
+brauchen es uns nicht noch schwerer zu machen durch Unvernunft.
+Vielleicht, wenn du später einmal von meinem Tode hörst, wirst du
+einen Mann und schöne Kinder ansehen und dich segnen, daß der Tote in
+dieser Nacht mehr Vernunft hatte, als du, wenn es auch in jener ersten
+umgekehrt war. Laß mich nun schlafen gehn, geh du auch und schaffe,
+daß wir uns morgen nicht wiedersehn. Du hast einen guten Ruf, wie ich
+unterwegs von meinen Contrabbandieri erfuhr. Wenn wir uns etwa
+umhalsten, morgen, und du machtest ein Schauspiel--nicht wahr, Kind?
+Und nun--gute Nacht, gute Nacht, Fenice!"
+
+Da bot er ihr noch einmal herzlich die Hand. Aber sie nahm sie nicht.
+Sie sah ganz bleich aus im Mondschein, die Brauen und
+niedergeschlagenen Wimpern um so finsterer. "Hab ich nicht genug
+gebüßt", sprach sie halblaut, "daß ich vor sieben Jahren eine Nacht
+lang zu viel Vernunft hatte? Und nun will er, daß diese tausendmal
+verwünschte Vernunft mich wieder elend machen soll, und diesmal eine
+Ewigkeit lang? Nein, nein, nein! Ich lasse ihn nicht mehr aus den
+Händen--ich müßte mich vor allen Menschen schämen, wenn er ginge und
+stürbe."
+
+"Hörst du nicht, daß es mein Wille ist?" unterbrach er sie mit
+Heftigkeit, "daß ich jetzt schlafen will, Mädchen, und allein? Was
+redest du irre und machst dich kränker? Wenn du nicht fühlst, daß
+meine Ehre mich von dir reißt, so hättest du nie für mich getaugt.
+Ich bin keine Puppe auf deinem Schoß, zum Hätscheln und Possentreiben.
+Ich habe meine Wege vor mir gezeichnet, und sie sind zu enge für zwei.
+Zeige mir das Fell, auf dem ich die Nacht zubringen soll, und
+dann--laß uns einander vergessen!"
+
+"Und wenn du mich mit Schlägen von dir triebest, ich ginge nicht!
+Wenn sich der Tod zwischen uns stellte, ich jagte dich ihm ab mit
+diesen guten Armen. Auf Tod und Leben--du bist mein, Filippo!"
+
+"Still!" rief er überlaut. Die Röte stieg ihm jählings in die Stirn,
+indem er mit beiden Armen die heftige Gestalt von sich drängte.
+"Still! Und nun ist's aus für heut und immer. Bin ich ein Ding, das
+an sich reißen kann, wer will, und wem es in die Augen sticht? Ein
+Mensch bin ich, und wer mich haben soll, dem muß ich mich geschenkt
+haben. Du hast sieben Jahre nach mir geseufzt--hast du darum ein
+Recht, mich im achten ehrlos vor mir selbst zu machen? Wenn du mich
+bestechen willst, so war das Mittel schlecht gewählt. Vor sieben
+Jahren liebt' ich dich, weil du anders warst als heut. Wärst du mir
+damals an den Hals geflogen und hättest mein Herz mir abtrotzen wollen,
+ich hätte Trotz gegen Trotz gesetzt, wie heut. Nun ist alles aus
+zwischen uns und ich weiß, daß das Mitleid, das mich vorhin anwandelte,
+nicht Liebe war. Zum letztenmal, wo ist die Kammer?"
+
+Das hatte er hart und schneidend gesagt, und wie er nun schwieg,
+schien ihm der Ton der eignen Stimme weh zu tun. Doch fügte er kein
+Wort hinzu, sich im stillen verwundernd, daß sie es ruhiger hinnahm,
+als er selber gefürchtet hatte. Er hätte nun gern einen stürmischen
+Ausbruch ihres Schmerzes mit gütigeren Worten beschwichtigt. Sie ging
+aber kalt an ihm vorbei, öffnete eine schwere Holztür nicht weit vom
+Herde, deutete stumm auf die Eisenriegel an derselben und trat dann an
+den Herd zurück.
+
+Er schritt denn auch hinein und riegelte hinter sich zu. Doch blieb
+er eine Zeitlang dicht neben der Tür stehen, um zu horchen, was sie
+beginne. Es wurde keine Bewegung im Gemache laut, und im ganzen Hause
+hörte man nichts als die Unruhe des Hundes, das Scharren des Pferdes
+im Stall und das Singen des Windes, der draußen die letzten
+Nebelstreifen verwehte. Denn der Mond war in aller Pracht am Himmel,
+und die Kammer hell, nachdem Filippo einen großen Büschel Heidekraut
+aus dem Mauerloch gezogen hatte, das als Fenster diente. Er sah nun,
+daß er offenbar in Fenicens Kammer war. Da stand ihr schmales,
+sauberes Bett an der Wand, eine Lade unverschlossen daneben, ein
+Tischchen, eine kleine Holzbank, die Wände waren mit Bildern behangen,
+Heiligen und Madonnen, ein Weihkesselchen unter dem Kruzifix neben der
+Tür.
+
+Er setzte sich jetzt auf das harte Bett und fühlte, wie es in ihm
+stürmte. Ein paarmal hob er schon den Fuß, um wieder hinauszueilen
+und ihr zu sagen, daß er ihr nur weh getan habe, um sie zu heilen.
+Dann stampfte er gegen den Boden, unmutig über seine weichherzige
+Regung. "Es ist das einzige, was bleibt", sprach er für sich, "wenn
+Schuld und Fluch nicht noch wachsen sollen. Sieben Jahre, armes Kind!
+"--Ein starker Kamm, mit kleinen Metallstückchen verziert, lag auf dem
+Tischchen, den nahm er mechanisch in die Hand. Das volle Haar kam ihm
+dabei wieder in den Sinn, der stolze Nacken, auf dem es lag, die edle
+Stirn, um die es sich ringelte, und die bräunliche Wange. Er warf
+endlich den Versucher in die Lade, worin er saubere Röcke, Kopftücher
+und allerlei kleine Schmuckstücke ordentlich zusammen verwahrt sah.
+Langsam ließ er den Deckel wieder fallen, und ging nun an die
+Mauerlücke und sah hinaus.
+
+Die Kammer lag an der hintern Seite des Hauses und keine der andern
+Hütten von Treppi wehrte ihm die Aussicht über das zerklüftete
+Hochland. Gegenüber, hinter der Schlucht aufsteigend, der nackte
+Felsrücken, vom Monde angeschienen, der jetzt über dem Hause stehen
+mußte. Seitwärts sah er einige Schuppen, an denen der Weg vorüber in
+die Tiefe führte. Eine verlorene kleine Fichte mit kahlen Zweigen
+wurzelte zwischen dem Gestein, sonst bedeckte den Boden nur Heidekraut
+und hie und da ein kümmerlicher Busch.--"Hier ist freilich kein Ort",
+sagte er im stillen, "zu vergessen, was man geliebt hat.--Ich wollte,
+es wäre anders! Ja ja, sie wäre am Ende die rechte Frau für mich
+gewesen, die mich mehr geliebt hätte, als Putz und Spazierengehen und
+das Geflüster der Stutzer. Was für Augen mein alter Marco machen
+würde, wenn ich plötzlich mit einer schönen Frau von der Reise
+zurückkäme! Man brauchte nicht einmal die Wohnung zu ändern, die
+vielen öden Winkel waren ohnehin unheimlich. Und mir altem Grämler
+würde es zuweilen gut sein, ein lachendes Kind--aber Torheit, Torheit,
+Filippo! Was soll das arme Ding als Witwe in Bologna! Nein, nein!
+nichts davon! Keine neue Sünde auf die alte häufen! Ich will eine
+Stunde früher die Leute wecken und mich fortstehlen, ehe ein Mensch in
+Treppi wacht."
+
+Eben wollte er das Fenster verlassen, und die vom langen Ritt
+ermüdeten Glieder aufs Lager strecken, als er eine weibliche Gestalt
+aus dem Schatten des Hauses in den Mondschein vortreten sah. Sie
+blickte nicht um, aber es blieb ihm kein Zweifel, daß es Fenice war.
+Sie entfernte sich vom Hause auf dem Wege, der in die Schlucht
+hinunterführte, mit ruhigen großen Schritten. Ein Schauder überlief
+ihm die Haut, denn im selben Augenblick fuhr ihm der Gedanke in den
+Kopf: sie will sich ein Leid antun. Ohne Besinnung sprang er nach der
+Tür und zerrte gewaltsam an dem Riegel. Aber das alte rostige Eisen
+hatte sich so eigensinnig in die Klammer vertieft, daß er vergebens
+alle Kraft aufbot. Ein kalter Schweiß trat ihm vor die Stirn, er
+schrie, rüttelte und stieß mit Fäusten und Füßen gegen die Tür und
+bezwang sie nicht. Endlich ließ er ab und stürzte wieder an die
+Fensterlücke. Schon gab der eine Stein seinem Wüten nach, da
+plötzlich sah er die Gestalt des Mädchens wieder auftauchen auf dem
+Wege und sich der Hütte zuwenden. Sie trug etwas in der Hand, das er
+bei dem unsichern Licht nicht erkennen konnte, nur ihr Gesicht sah er
+deutlich, das war ernsthaft und gedankenvoll, aber ohne Leidenschaft.
+Keinen Blick warf sie auf sein Fenster und verschwand wieder im
+Schatten.
+
+Noch stand er und atmete tief nach der Angst und Anstrengung, da
+vernahm er großen Lärm, der von dem alten Hunde herzurühren schien,
+doch kein Bellen oder Winseln. Das Rätsel beklemmte ihn immer
+unheimlicher; er bog den Kopf weit zu der Öffnung hinaus, konnte aber
+nichts sehen als die regungslose Nacht im Gebirge. Auf einmal
+erscholl ein kurzes scharfes Heulen, darauf ein tieferschütterndes
+Stöhnen des Hundes und dann, solange und ängstlich er hinhorchte, kein
+Laut mehr die ganze Nacht, als daß noch einmal die Tür des Gemachs
+nebenan klappte und Fenices Schritte über den Steinboden sich
+vernehmen ließen. Umsonst stand er lange an der verriegelten Tür,
+horchte erst, bat und fragte dann und beschwor das Mädchen nur um ein
+kurzes Wort--es blieb still nebenan. Er warf sich nun auf das Bett,
+wie im Fieber und lag wachend und sinnend, bis endlich eine Stunde
+nach Mitternacht der Mond unterging, und die Ermüdung über seine
+tausend wogenden Gedanken Herr wurde.
+
+Eine Dämmerung war um Filippo, als ihn der Schlaf verließ; doch als er
+seine Sinne völlig ermuntert und sich vom Bett aufgerichtet hatte,
+ward er wohl inne, daß es nicht ein Zwielicht wie vor Sonnenaufgang
+war. Von einer Seite her traf ihn ein schwacher Sonnenstrahl und bald
+sah er, daß die Mauerlücke, die er vor dem Einschlafen offengelassen,
+dennoch fest mit Gestrüpp verstopft worden war. Er stieß es hinaus,
+und die volle Morgensonne blendete ihn. Im höchsten Zorn auf die
+Contrabbandieri, seinen Schlaf und vor allem auf das Mädchen, dem er
+diese Hinterlist zuschreiben mußte, ging er augenblicklich nach der
+Tür, deren Riegel jetzt einem besonnenen Druck leicht nachgab, und
+trat in das Nebengemach.
+
+Er traf Fenice allein, gelassen am Herde sitzend, als habe sie ihn
+längst erwartet. Aus ihrem Gesicht war jede Spur der gestrigen Stürme
+verschwunden, ja sogar keine Regung der Trauer und kein Zug einer
+gewaltsamen Fassung begegnete seinem finstern Auge.
+
+"Du hast es veranstaltet, daß ich die Stunde verschlafen mußte",
+herrschte er sie an.
+
+"Ja", sagte sie gleichgültig. "Ihr waret müde. Ihr kommt immer noch
+früh genug nach Pistoja, wenn Ihr am Nachmittag erst den Mördern
+begegnen müßt."
+
+"Ich hatte dich nicht geheißen, um meine Müdigkeit besorgt zu sein.
+Drängst du dich noch immer an mich an? Es soll dir nichts helfen,
+Mädchen. Wo sind meine Leute?"
+
+"Fort."
+
+"Fort? willst du mich narren? Wo sind sie? Törin, als ob sie
+fortgingen, ehe ich sie bezahlt habe!" Und er schritt rasch auf die
+Tür zu, um hinauszugehn.
+
+Fenice blieb unbeweglich sitzen und sagte in demselben harmlosen Ton:
+"Ich habe sie bezahlt. Ich sagte ihnen, daß Ihr Schlaf brauchtet und
+dann, daß ich selbst Euch hinunterbegleiten würde; denn der Weinvorrat
+ist zu Ende und ich muß neuen kaufen, eine Stunde vor Pistoja."
+
+Der Zorn verwehrte ihm einen Augenblick zu sprechen. "Nein", brach er
+endlich heraus, "mit dir nicht, mit dir nimmermehr! Heimtückische
+Schlange! Es ist lächerlich, daß du noch immer denkst, mit deinen
+glatten Windungen mich umstricken zu können. Nun sind wir völliger
+geschieden als je. Ich verachte dich, daß du mich für blöde und
+armselig genug hältst, mit diesen kleinen Künsten es mir abgewinnen zu
+können. Mit dir geh ich nicht! Gib mir einen deiner Knechte mit und
+da--mache dich bezahlt für deine Auslagen an die Contrabbandieri."
+
+Er warf ihr eine Börse hin und öffnete die Tür, selbst jemand zu
+suchen, der ihn hinunterführte. "Macht Euch keine Mühe", sagte sie,
+"Ihr findet von den Knechten keinen, sie sind alle in die Berge. Auch
+sonst ist in Treppi niemand, der Euch dienen könnte. Arme
+gebrechliche Mütterchen, Greise und Kinder, die noch gehütet werden.
+Wenn Ihr mir nicht glaubt--seht nach!"
+
+"Und überhaupt", fuhr sie fort, als er unentschlossen in Grimm und
+Ärger auf der Schwelle stand und ihr den Rücken zugekehrt hatte,
+"warum dünkt es Euch so unmöglich und gefährlich, wenn ich Euch führe?
+Ich habe die Nacht Träume gehabt, aus denen ich sehe, daß Ihr nicht
+für mich seid. Es ist wahr, ich habe Euch noch immer ein wenig gern
+und es wird mir Freude machen, noch ein paar Stunden mit Euch zu
+plaudern. Muß ich Euch darum nachstellen? Ihr seid frei, von mir zu
+gehn auf immer, wohin Ihr wollt, in den Tod oder ins Leben. Nur, daß
+ich es so eingerichtet habe, daß ich noch eine Strecke neben Euch
+hergehe. Ich will Euch zuschwören, wenn Euch das beruhigen kann, daß
+es nur eine Strecke sein wird, beileibe nicht bis Pistoja. Nur so
+lange, bis Ihr den rechten Weg habt. Denn wenn Ihr auf Eure eigne
+Hand fortginget, verstieget Ihr Euch bald, daß Ihr weder vor noch
+zurück könntet. Ihr müßt das ja noch wissen von Eurer ersten Reise
+durch die Berge."
+
+"Pest!" murmelte er und biß sich die Lippen. Er sah indes, wie die
+Sonne stieg, und alles wohl erwogen,--was hatte er im Grunde
+Ernstliches zu besorgen? Das Ernstlichste wollte er sich nicht
+gestehen. Er wandte sich zu ihr um und glaubte von dem gleichmütigen
+Blick ihrer großen Augen Zeugnis annehmen zu dürfen, daß keinerlei
+Falsch hinter ihren Worten sei. Sie schien ihm wirklich seit gestern
+eine ganz andere geworden zu sein, und fast mischte sich ein Gefühl
+von Unzufriedenheit in sein Staunen, da er sich sagen mußte, daß der
+gestrige Anfall von schmerzlicher Leidenschaft so bald und spurlos
+vorübergegangen sei. Er sah sie länger an, aber sie gab
+schlechterdings zu keinem Argwohn Anlaß.
+
+"Wenn du denn so vernünftig geworden bist", sagte er jetzt trocken,
+"so mag es sein, so komm!"
+
+Ohne eine sonderliche Äußerung der Freude stand sie auf und sagte:
+"Wir wollen erst essen; auf Stunden finden wir nichts." Sie stellte
+ihm eine Schüssel hin und einen Krug und aß dann selbst, am Herde
+stehend, aber von dem Wein genoß sie keinen Tropfen. Er dagegen, um
+es abzumachen, aß einige Löffel voll, stürzte den Wein hinunter und
+zündete an den Kohlen des Herdes seine Zigarre an. Währenddessen
+hatte er ihr keinen Blick gegönnt und als er nun zufällig, da er ihr
+nahe stand, sie ansah, war eine wunderliche Röte auf ihren Wangen und
+etwas wie Triumph in den Augen. Sie stand rasch auf, ergriff den Krug
+und zerschellte ihn mit einem Wurf gegen den Steinboden. "Es soll
+keiner mehr daraus trinken", sagte sie, "seit Eure Lippen daran
+gehangen!"
+
+Betroffen fuhr er auf, ein Argwohn stand eine Sekunde lang vor seinem
+Geist: "Ob sie dir Gift gegeben?" dann zog er es vor zu glauben, daß
+es noch ein Rest des verliebten Götzendienstes sei, den sie
+abgeschworen, und ohne weitere Worte ging er ihr nach zum Hause hinaus.
+
+"Das Pferd haben sie wieder nach Porretta mitgenommen", sagte sie
+draußen zu ihm, als er es mit den Augen zu suchen schien. "Ihr hättet
+auch nicht hinabreiten können ohne Gefahr. Die Wege sind steiler als
+gestern."
+
+Sie ging ihm nun voran und bald hatten sie die Hütten hinter sich, die
+tot und selbst ohne ein Wölkchen Rauch aus den Schornsteinen in der
+scharfen Sonne standen. Jetzt erst sah Filippo die ganze Majestät
+dieser Einöde, über der ein reiner, durchsichtiger Himmel hing. Der
+Weg, kaum in dem harten Felsen durch eine dunklere Spur erkennbar,
+lief auf dem breiten Rücken nordwärts, und dann und wann, wenn der
+gegenüberliegende parallele Zug sich senkte, blitzte am fernen
+Horizont zur Linken ein Streif des Meeres herauf. Noch war von
+Vegetation weit und breit keine Spur, außer den harten, niederen
+Bergkräutern und Flechtengestrüpp. Nun aber verließen sie die Höhe
+und vertieften sich in die Schlucht, die zu durchwandern war, um auch
+den Felsrücken gegenüber zu ersteigen. Hier begegneten sie bald
+Nadelholz und Quellen, die in die Schlucht sprangen, und hörten in der
+Tiefe das Toben des Wassers. Fenice ging jetzt voran, mit sicherm Fuß
+auf die sichersten Steine tretend, ohne umzublicken oder ein Wort zu
+sagen. Er konnte nicht anders, als die Augen dicht an ihr hängen
+lassen, und die schlanke Kraft der Glieder bewundern. Das Gesicht
+verdeckte ihm gänzlich ihr großes, weißes Kopftuch, aber wenn es sich
+fügte, daß sie wieder nebeneinander gehen konnten, mußte er sich
+zwingen, vor sich hin und von ihr weg zu sehen, so sehr fesselte ihn
+die großartige Bildung der Züge. Er bemerkte jetzt erst im vollen
+Sonnenlicht einen seltsam kindlichen Ausdruck, ohne sich sagen zu
+können, worin er besonders liege. Als sei etwas in diesem Gesicht
+seit sieben Jahren stehengeblieben, während alles andere sich
+entwickelte.
+
+Endlich fing er von selbst zu sprechen an, und sie gab unbefangen
+verständige Antworten. Nur daß ihre Stimme, die sonst nicht so hart
+und dumpf war, wie den Weibern im Gebirg eigen zu sein pflegt, heute
+eintönig und bei den gleichgültigsten Dingen am traurigsten klang.
+Diese Wege, die sie jetzt gingen, waren in den letzten Jahren vielfach
+von politischen Flüchtlingen betreten worden, von denen die meisten
+gewiß in Treppi gerastet hatten. Filippo fragte das Mädchen nach
+diesem und jenem seiner Bekannten, die er beschrieb; aber sie entsann
+sich ihrer selten, obwohl sie wußte, daß die Contrabbandieri viele
+Fremde in ihrem Hause hatten übernachten lassen. Nur auf einen besann
+sie sich nur zu klar. Bei der Beschreibung stieg ihr das Blut ins
+Gesicht und sie blieb stehn. "Der ist schlecht!" sagte sie finster.
+"Ich habe die Knechte in der Nacht wecken und ihm das Haus
+verschließen müssen."
+
+Unter diesen Gesprächen merkte der Advokat nicht, wie die Sonne stieg
+und noch immer kein Blick in die toskanische Flur sich auftat. Auch
+dachte er mit keinem Gedanken an das bevorstehende Ende dieses Tages.
+Es war so erquickend, funfzig Schritt über dem Gießbach auf dem ganz
+überbuschten Wege hinzugehn, zuweilen den Staub des Sturzes
+heraufwehen zu fühlen, die Eidechsen über die Steine schlüpfen und die
+behenden Schmetterlinge den verstohlenen Sonnenlichtern nachjagen zu
+sehn, daß er nicht einmal inne wurde, wie sie dem Bach
+entgegenwanderten, und noch immer nicht westlich einlenkten. Es war
+eine Magie in der Stimme seiner Begleiterin, die ihn alles vergessen
+machte, was gestern in Gesellschaft der Contrabbandieri ihn
+unaufhörlich beschäftigt hatte. Als sie nun aber aus der Schlucht
+heraustreten und jetzt ein unabsehbares wildfremdes Bergland mit neuen
+Höhen und Klüften wüst und versengt vor ihnen lag, erwachte er auf
+einmal aus dem Zauberschlaf, blieb stehen und blickte gen Himmel. Er
+erkannte klar, daß sie in der völlig entgegengesetzten Richtung
+gewandert und wohl zwei Stunden von seinem Ziele ferner waren, als da
+sie ausgingen.
+
+"Halt!" sagte Filippo. "Ich sehe es noch beizeiten, daß du mich
+dennoch betrügst. Ist das der Weg nach Pistoja, du Heimtückische?"
+
+"Nein", sagte sie furchtlos, aber den Blick zu Boden gesenkt.
+
+"Nun denn, bei allen Mächten der Hölle, so können die Teufel bei dir
+in die Schule gehn und Heucheln von dir lernen. Fluch über meine
+Verblendung!"
+
+"Man kann alles, man ist mächtiger als Teufel und Engel, wenn man
+liebt", sagte sie mit tiefem, traurigem Ton.
+
+"Nein!" schrie er in hellem Jähzorn, "noch frohlocke nicht, Übermütige,
+noch nicht! den Willen eines Mannes kann das nicht brechen, was eine
+verrückte Dirne Liebe nennt. Kehre um mit mir, auf der Stelle und
+weise mir die kürzesten Wege--oder ich erdroßle dich mit diesen Händen,
+--du Törin, die nicht einsieht, daß ich die hassen muß, die mich vor
+der Welt zu einem Nichtswürdigen machen will."
+
+Er trat mit geballten Fäusten dicht vor sie hin, er kannte sich nicht
+mehr. "Erwürge mich nur!" sprach sie mit zitternder, lauter Stimme,
+"tu's nur, Filippo. Aber wenn du es getan hast, wirst du dich über
+meinen Leichnam werfen und Blut aus deinen Augen weinen, daß du mich
+nicht wieder lebendig machen kannst. Dein Lager wird hier neben mir
+sein, mit den Geiern wirst du kämpfen, die mich zerfleischen wollen,
+die Sonne des Tags wird dich dörren, der Tau der Nacht dich feuchten,
+bis du hinfällst gleich mir--denn von mir lassen kannst du nun nicht
+mehr. Meinst du, das arme, törichte Ding, das auf den Bergen
+aufgewachsen ist, werde sieben Jahre wegwerfen wie einen Tag? Ich
+weiß, was sie mich gekostet haben, wie teuer sie waren, und daß ich
+einen ehrlichen Preis zahle, wenn ich dich mit ihnen kaufen will.
+Dich in den Tod lassen? Es wäre zum Lachen. Wende dich nur weg von
+mir, du wirst es schon innewerden, daß ich dich zu mir zurückzwinge
+auf ewig. Denn in den Wein, den du heute getrunken, war ein
+Liebeszauber gemischt, dem noch kein Mensch unter der Sonne
+widerstanden hat!"
+
+Sie sah königlich aus, als sie diese Worte rief, den Arm nach ihm
+ausgestreckt, als hielte ihre Hand ein Szepter über einem, der ihr
+verfallen sei. Er aber lachte trotzig auf und rief: "Dein
+Liebeszauber leistet dir schlechte Dienste, denn ich habe dich nie
+mehr gehaßt, als in diesem Augenblick. Aber ich bin ein Narr, eine
+Närrin zu hassen. Möge es dich, wie von dem Wahn, so auch von der
+Liebe heilen, wenn du mich nicht wieder siehst. Ich brauche deine
+Führung nicht. Ich sehe da drüben am Abhang eine Hirtenhütte und die
+Herde umher. Ein Feuer blinkt herauf. Man wird mich dort wohl
+zurechtweisen. Lebe wohl, arme Schlange, lebe wohl!"
+
+Sie antwortete nichts, als er ging, und setzte sich ruhig in den
+Schatten eines Felsens neben der Schlucht, in das dunkle Grün der
+Tannen, die unten am Bach wurzelten, ihre großen Augen versenkend.
+
+Er war noch nicht lange von ihr gegangen, als er sich pfadlos zwischen
+Klippen und Gebüsch befand; denn wie sehr er sich's verleugnen mochte,
+hatten doch die Worte des wunderbaren Mädchens eine beunruhigende
+Wirkung auf sein Herz ausgeübt, die all seine Gedanken nach innen
+kehrte. Indessen sah er gegenüber auf der Matte noch immer das
+Hirtenfeuer und arbeitete sich rüstig durch, damit er nur erst die
+Tiefe erreichte. Er rechnete nach dem Stande der Sonne, daß es gegen
+die zehnte Stunde sein mußte. Wie er aber die Bergsteile
+hinabgeklettert war, fand er unten einen sonnenlosen Weg und bald auch
+einen Steg über einen neuen Wildbach, der auf der andern Seite
+hinaufzuführen und endlich an der Matte auszumünden versprach. Er
+verfolgte ihn, und der Weg lief anfangs steil hinan, dann aber in
+großer Windung eben am Berge hin. Er sah wohl, daß er ihn nicht
+zunächst zu seinem Ziele bringen würde; aber in geraderer Richtung
+hingen unüberwindlich jähe Felsstücke vor, und wollte er nicht zurück,
+mußte er sich schon seinem Wege vertrauen. Nun schritt er rasch und
+anfangs wie aus Banden erlöst dahin, und spähte zuweilen nach der
+Hütte aus, die sich immer noch zurückzog. Nach und nach, wie sein
+Blut gelinder floß, fielen ihm alle Einzelheiten des eben erlebten
+Auftrittes wieder ein. Das schöne Mädchenbild sah er leibhaftig vor
+sich, und nicht wie zuvor durch den Nebel seines Jähzorns. Er konnte
+sich eines tiefen Mitleidens nicht erwehren. "Nun sitzt sie droben",
+sagte er vor sich hin, "die arme Irre, und baut auf ihre Zauberkünste.
+Darum also verließ sie in Nacht und Mondschein gestern die Hütte, um
+wer weiß welch ein harmloses Kraut zu pflücken. Jawohl; wiesen mir
+nicht auch meine braven Contrabbandieri die sonderbaren weißen Blüten
+zwischen den Felsen und sagten, das sei mächtig für Gegenliebe?
+Unschuldiges Gewächs, was sie dir nachsagen!--Und darum zerschellte
+sie den Krug, und darum war mir der Wein so bitter auf der Zunge.
+Wird doch das Kindische je älter desto stärker und ehrwürdiger.--Wie
+eine Sibylle stand sie vor mir, so wahrheitsgewiß, wie schwerlich jene
+römische, die ihre Bücher ins Feuer warf. Armes Weiberherz, wie schön
+und elend macht dich dein Wahn!"
+
+Je weiter er ging, um so stärker fühlte er die rührende Herrlichkeit
+ihrer Liebe und die Gewalt ihrer Schönheit, die ihm die Trennung nur
+noch verklärte. "Ich hätte es sie nicht entgelten lassen sollen, daß
+sie mich im besten Glauben, mich zu retten, von meinen unabwendbaren
+Pflichten losmachen will. Ich hätte ihr die Hand geben sollen und
+sagen: Ich habe dich lieb, Fenice, und wenn ich leben bleibe, komme
+ich zu dir zurück und hole dich heim. Wie blind war ich, daß mir
+diese Auskunft nicht einfiel! eine Schande für den Advokaten! Ich
+hätte mit Küssen wie ein Bräutigam Abschied nehmen sollen, so hätte
+sie kein Arg gehabt, daß ich sie täuschte. Statt dessen hab ich
+gerade durch gewollt mit dem Trotzkopf und alles verschlimmert."
+
+Nun vertiefte er sich in das Bild eines solchen Abschiedes und meinte
+ihren Atem zu fühlen und den Druck der frischen Lippen auf den seinen.
+Es war ihm, als höre er seinen Namen rufen. "Fenice!" antwortete er
+inbrünstig und stand mit heftig klopfendem Herzen still. Der Bach
+rauschte unter ihm, die Zweige der Tannen hingen ohne Bewegung, weit
+und breit schattige Wildnis.
+
+Schon war ihm der Name wieder auf den Lippen, als ihm noch zur rechten
+Zeit die Scham den Mund versiegelte. Scham und ein Grauen zugleich.
+Er schlug sich vor die Stirn. "Ist es schon so weit mit mir, daß ich
+im Wachen von ihr träume?" rief er. "Soll sie recht behalten, daß
+diesem Zauber kein Mensch unter der Sonne widerstehen kann? So wäre
+ich nichts Besseres, als sie aus mir zu machen gedachte, wert, ein
+Weiberknecht zu heißen mein Leben lang. Nein, in die Hölle mit dir,
+schöne betrogene Teufelin!"
+
+Er hatte für den Augenblick seine Fassung wieder, aber er sah nun auch,
+daß er von dem Wege völlig in der Irre herumgeführt war. Zurück
+konnte er nicht, wenn er der Gefahr nicht in die Arme laufen wollte.
+So beschloß er, jetzt um jeden Preis wieder eine Höhe zu erreichen,
+von der er sich nach der verlornen Hirtenstelle umschauen könnte. Das
+eine Ufer des tief unten rauschenden Bachs, an dem er ging, war allzu
+jäh. Also schlang er den Mantel über den Nacken, wählte eine sichere
+Stelle und war mit einem Sprung an der andern Seite der Kluft, deren
+Wände hier dicht zusammentraten. Mit besserem Mut erklomm er den
+Abhang drüben, und erreichte bald die Sonne.
+
+Sie sengte schwer sein Haupt, und die Zunge lechzte ihm, als er sich
+mit großer Anstrengung emporarbeitete. Jetzt überfiel ihn auf einmal
+die Angst, daß er dennoch mit allen Mühen das Ziel nicht mehr
+erreichen möchte. Das Blut stieg ihm mehr und mehr zu Kopf, er schalt
+auf den Teufelswein, den er am Morgen hinuntergestürzt, und wieder
+mußte er an die weißen Blüten denken, die man ihm gestern unterwegs
+gezeigt. Hier wuchsen sie wieder--ihm schauderte die Haut. Wenn es
+doch wahr wäre, dachte er, wenn es Kräfte gäbe, die unser Herz und
+unsre Sinne bemeistern und einen Manneswillen unter die Laune eines
+Mädchens beugen könnten--lieber das Äußerste als diesen Schimpf!
+lieber Tod als Knechtschaft! Aber nein, nein, nur den bezwingt die
+Lüge, der an sie glaubt. Sei ein Mann, Filippo, vorwärts, da ist die
+Höhe vor dir; noch eine kurze Frist--und dies maledeite Gebirge mit
+seinem Spuk liegt für immer hinter dir!
+
+Und dennoch konnte er das Fieber in seinem Blut nicht besänftigen.
+Jeder Stein, jede schlüpfrige Stelle, jeder vor ihm hängende starre
+Tannenzweig war ihm ein Widerstand, den er mit unverhältnismäßigem
+Aufbieten des Willens gewaltsam besiegte. Als er endlich oben, sich
+an den letzten Büschen haltend, ankam und mit einem Schwung die Höhe
+gewann, konnte er erst nicht um sich sehen, so war ihm das Blut in die
+Augen geschossen, und so plötzlich blendete ihn die Sonne von den
+gelben Felsen ringsum. Wütend rieb er sich die Stirn und fuhr sich
+durch das verworrene Haar, den Hut lüftend. Da aber hörte er wahrlich
+wieder seinen Namen und starrte entsetzt nach der Stelle, von wo man
+rief. Und wenige Schritte ihm gegenüber, am Felsen, wie er sie
+verlassen, saß Fenice und sah ihn mit stillen, glücklichen Augen an.
+
+"Kommst du endlich, Filippo!" sagte sie innig. "Ich habe dich schon
+früher erwartet."
+
+"Gespenst der Hölle", schrie er außer sich, während Grausen und alle
+Leidenschaften der Sehnsucht sich in ihm bekämpften, "höhnst du mich
+noch, da ich mit Qualen in der Irre laufe und die Sonne mir alles Hirn
+schmilzt? Triumphierst du, daß ich dich noch einmal sehen muß, um
+dich noch einmal zu verfluchen? Wenn ich dich gefunden habe, beim
+allmächtigen Gott, so hab ich dich doch nicht gesucht, und du sollst
+mich dennoch verlieren."
+
+Sie schüttelte seltsam lächelnd den Kopf. "Es zieht dich ohne daß
+du's weißt", sagte sie. "Du fändest mich, wenn alle Berge der Welt
+zwischen uns wären, denn ich mischte sieben Tropfen von dem Herzblut
+des Hundes in deinen Wein. Armer Fuoco! Er liebte mich und haßte
+dich. So wirst du den Filippo hassen, der du früher warst, als du
+mich verstießest, und nur ruhig sein in dir, wenn du mich liebst.
+Filippo, siehst du nun, daß ich endlich dich erobert habe? Komm, nun
+will ich dir wieder die Wege zeigen, nach Genua zu, mein Geliebter,
+mein Mann, mein Holder!"
+
+Damit stand sie auf und wollte mit beiden Armen ihn umfangen, als sie
+plötzlich vor seinem Gesicht erschrak. Er war wie mit einem Schlage
+totenblaß geworden, nur das Weiße in seinen Augen rot, seine Lippen
+bewegten sich lautlos, der Hut war vom Haupt gefallen, mit den Händen
+wehrte er heftig jede Annäherung ab.
+
+"Ein Hund! ein Hund!" waren die ersten mühsam vorbrechenden Worte.
+"Nein, nein, nein! du sollst nicht siegen--Dämon! Besser ein toter
+Mann, als ein lebendiger Hund!"--Darauf erscholl ein furchtbares
+Lachen von seinen Lippen, und langsam, wie wenn er sich gewaltsam
+jeden Schritt erkämpfte, die Augen stier auf das Mädchen geheftet,
+wich er taumelnd zurück und stürzte rücklings in die Schlucht hinab,
+die er eben verlassen hatte.-Vor ihren Augen wurde es Nacht, mit
+beiden Händen fuhr sie sich ans Herz und stieß einen Schrei aus, der
+wie ein Falkenschrei über die Schlucht klang, als sie die hohe Gestalt
+hinter dem Rande des Felsens verschwinden sah. Ein paar wankende
+Schritte tat sie, dann stand sie fest und aufrecht, immer die Hände
+gegen das Herz gepreßt. "Madonna!", sagte sie, ohne etwas zu denken.
+Immer vor sich niedersehend, näherte sie sich jetzt rasch der Schlucht
+und begann die steinige Wand zwischen den Tannen hinabzuklimmen.
+Worte ohne Sinn murmelten ihre heftig atmenden Lippen, mit der einen
+Hand hielt sie das Herz fest, mit der andern half sie sich an den
+Steinen und Zweigen hinab. So kam sie bis an die Wurzeln der
+Tannen--da lag er. Er hatte die Augen geschlossen, Stirn und Haar von
+Blut überströmt, den Rücken wider einen Stamm gelehnt. Der Rock war
+zerrissen und das rechte Bein schien auch verwundet. Ob er lebe,
+konnte sie nicht unterscheiden. Sie lud ihn auf ihre beiden Arme, da
+empfand sie, daß er sich noch regte. Der Mantel, den er über den
+Schultern dicht gefaltet trug, schien die Gewalt des Falles gebrochen
+zu haben. "Gelobt sei Jesus!" sagte sie aufatmend. Es war, als
+wüchsen ihr Riesenkräfte, wie sie, den hülflosen Mann an ihrer Brust,
+die Steile wieder hinaufzuklimmen begann. Es dauerte lange, viermal
+legte sie ihn nieder zwischen Moos und Felsen, noch immer schlief das
+Leben in ihm.
+
+Als sie endlich auf der Höhe war mit ihrer unseligen Last, brach sie
+selber in die Kniee und lag einen Moment in völliger Vergessenheit und
+Ohnmacht. Dann stand sie auf und entfernte sich nach der Richtung, in
+der die Hütte des Hirten lag. Als sie hinlänglich nahe war, ließ sie
+einen gellenden Ruf über die Weite des Tals erschallen. Das Echo
+antwortete zuerst, bald eine Menschenstimme. Sie rief zum zweiten Mal
+und wandte sich dann, ohne die Antwort abzuwarten. Als sie wieder bei
+dem leblosen Mann anlangte, stöhnte sie heftig auf und trug ihn dann
+in den Schatten des Felsens, wo sie selbst vorher gesessen und ihn
+erwartet hatte.
+
+Dort fand er sich noch, als ihm das Bewußtsein schwach zurückkehrte
+und er die Augen zuerst wieder aufschlug. Er sah zwei Hirten neben
+sich, einen Alten und einen Burschen von siebzehn Jahren. Sie
+sprengten ihm Wasser ins Gesicht und rieben ihm die Schläfe. Sein
+Kopf ruhte weich, er wußte nicht, daß er auf dem Schoß des Mädchens
+lag.
+
+Er schien sie überhaupt ganz vergessen zu haben. Er tat einen Atemzug,
+der ihn bis in die Fußspitzen erschütterte und schloß dann wieder die
+Augen. Endlich bat er mit stockender Stimme: "Einer von euch, brave
+Leute, möge hinuntergehen--rasch, nach Pistoja. Man wartet auf mich.
+Gottes Barmherzigkeit lohne es dem, der dem Wirt zur Fortuna sagt--wie
+es um mich steht. Ich heiße--" da schwanden ihm wieder Stimme und
+Bewußtsein.
+
+"Ich werde gehen", sagte das Mädchen, "ihr tragt den Herrn indessen
+nach Treppi und legt ihn in das Bett, das die Nina euch zeigen wird.
+Sie soll die Chiaruccia rufen, die Alte, und den Herrn von ihr heilen
+und verbinden lassen. Hebt ihn auf, du an den Schultern, Tommaso, du,
+Bippo, an den Beinen. Wenn ihr bergan geht, mußt du voran, Tommaso.
+So, hebt ihn! Sanft, sanft! Und halt--das taucht ihr in Wasser und
+legt es auf seine Stirn, und netzt es wieder an jeder Quelle. Habt
+ihr verstanden?"
+
+Sie riß ein großes Stück von ihrem leinenen Kopftuch herunter, tauchte
+es ein und wand es um die blutigen Haare Filippos. Dann ward er
+aufgehoben, die Männer trugen ihn nach Treppi zu, und das Mädchen,
+nachdem es ihnen mit völlig erloschenen Blicken nachgesehen, schürzte
+sich hastig und stieg auf rauhen Pfaden das Gebirg hinab.
+
+Es war gegen drei Uhr nachmittags, als sie Pistoja erreichte. Die
+Schenke zur Fortuna lag einige hundert Schritte vor der Stadt und zu
+dieser Stunde der Siesta war wenig Leben in ihr. Im Schatten des
+weiten Vordachs standen ausgeschirrte Wagen, die Fuhrleute schliefen
+auf den Polstern, in der großen Schmiede gegenüber ruhte die Arbeit
+und durch die dickbestaubten Bäume längs der Landstraße rührte sich
+kein Luftzug. Fenice trat an den Brunnen vor dem Hause, dessen Strahl,
+allein geschäftig, in den großen Steintrog niederrauschte, und
+erfrischte sich Hände und Gesicht. Dann trank sie langsam und lange,
+um Durst und Hunger zugleich zu stillen, und trat in die Schenke.
+
+Der Wirt erhob sich schläfrig von der Bank in der Schenkstube und
+legte sich wieder hin, als er sah, daß es ein Mädchen von den Bergen
+war, die seine Ruhe störte.
+
+"Was willst du?" fuhr er sie an. "Wenn du zu essen haben willst oder
+Wein, geh in die Küche."
+
+"Ihr seid der Wirt?" fragte sie ruhig.
+
+"Wer anders als ich? Man kennt mich, sollt' ich denken, Baldassare
+Tizzi von der Fortuna. Was bringst du mir, schöne Tochter?"
+
+"Eine Botschaft vom Signor Avvocato Filippo Mannini."
+
+"Eh, eh, ist's das? Ja, das ist freilich was anders", und er stand
+eilig auf. "Kommt er nicht selber, Kind? Es sind Herren da, die ihn
+erwarten."
+
+"So bringt mich zu ihnen."
+
+"Ei ei, die Heimliche! darf man nicht wissen, was er den Herren sagen
+läßt?"
+
+"Nein."
+
+"Nun nun, schon gut Kind, schon gut. Es hat jeder seine eignen
+Geheimnisse, dieser hübsche Trotzkopf da so gut wie der harte Schädel
+des alten Baldassare. Eh, eh, er kommt also nicht; das wird den
+Herren sehr unangenehm sein; sie scheinen wichtige Geschäfte mit ihm
+zu haben."
+
+Er schwieg und sah das Mädchen blinzelnd von der Seite an. Als sie
+aber nicht Miene machte, ihn weiter ins Vertrauen zu ziehn, sondern
+die Tür öffnete, stülpte er den Strohhut auf und ging kopfschüttelnd
+mit ihr.
+
+Ein kleiner Weingarten lag hinter dem Hofe, den durchschritten sie,
+der Alte in fortwährenden Fragen und Ausrufungen, auf die das Mädchen
+keine Silbe erwiderte. Am Ende des mittelsten Laubenganges lag ein
+unscheinbares Gartenhaus, die Läden waren verschlossen und innen
+hinter der Glastür hing ein dichter Vorhang herab. Einige Schritte
+vor diesem Pavillon hieß der Wirt Fenice stehenbleiben und ging allein
+nach der Tür, die auf sein Klopfen geöffnet wurde. Fenice sah, wie
+der Vorhang dann zurückgeschoben wurde und ein Paar Augen nach ihr
+heraussahen. Dann kam der Alte wieder zu ihr und sagte, daß die
+Herren sie sprechen wollten.
+
+Als Fenice in den Pavillon trat, erhob sich ein Mann, der am Tisch mit
+dem Rücken nach der Tür gesessen hatte, und richtete einen
+durchdringenden kurzen Blick auf sie. Zwei andere blieben auf den
+Stühlen sitzen. Auf dem Tische sah sie Weinflaschen und Gläser.
+
+"Der Signor Avvocato kommt nicht, wie er versprochen?"--sagte der Mann,
+vor dem sie stand. "Wer bist du und was hast du zur Beglaubigung
+deiner Botschaft?"
+
+"Eine Jungfrau aus Treppi bin ich, Fenice Cattaneo, Herr.
+Beglaubigung? Ich habe keine, als daß ich die Wahrheit sage."
+
+"Warum kommt der Signor Avvocato nicht? Wir dachten, er sei ein
+Ehrenmann."
+
+"Er ist es nicht minder, weil er einen Sturz vom Felsen getan und sich
+Stirn und Bein verwundet hat, daß er das Bewußtsein verloren."
+
+Der Frager wechselte Blicke mit den andern Männern und sagte dann
+wieder:
+
+"Du sagst allerdings die Wahrheit, Fenice Cattaneo, weil du schlecht
+zu lügen verstehst. Wenn er das Bewußtsein verlor, wie kann er dich
+hieherschicken, es uns ansagen zu lassen?"
+
+"Die Sprache kam ihm wieder auf Augenblicke. Da sagte er, daß er in
+der Fortuna erwartet werde; man solle es dort zu wissen tun, was ihm
+begegnet."
+
+Ein trocknes Lachen ward von einem der andern Männer hörbar. "Du
+siehst", sagte der Sprecher, "auch diese Herren hier glauben nicht
+sonderlich an dein Märchen. Es ist freilich bequemer, den Poeten zu
+machen als den Ehrenmann."
+
+"Wenn das heißen soll, Signor, daß Signor Filippo aus Feigheit nicht
+hergekommen ist, so ist dies eine abscheuliche Lüge, die Euch der
+Himmel anrechnen möge", sagte sie fest und sah alle drei nach der
+Reihe an.
+
+"Du wirst warm, Kleine", höhnte der Mann. "Du bist wohl die gute
+Freundin des Herrn Avvocato, he?"
+
+"Nein, die Madonna weiß es!" sagte sie mit ihrer tiefsten Stimme. Die
+Männer flüsterten untereinander und sie hörte, wie einer sagte: "Das
+Nest ist noch toskanisch."--"Ihr glaubt doch nicht im Ernst an diese
+Schliche?" fiel ihm der dritte ein. "Der liegt sowenig in Treppi,
+wie--"
+
+"Kommt und seht ihn selbst!" unterbrach Fenice das Geflüster. "Aber
+Waffen dürft ihr nicht tragen, wenn ich euch führen soll."
+
+"Närrchen", sagte der erste Sprecher, "meinst du, daß wir einer so
+schmucken Kreatur, wie du bist, ans Leben wollen?"
+
+"Nein, aber ihm; ich weiß es."
+
+"Hast du sonst noch etwas dir auszubedingen, Fenice Cattaneo?"
+
+"Ja, daß ein Wundarzt mitgehe. Ist er schon unter euch, Signori?"
+
+Sie erhielt keine Antwort. Statt dessen steckten die drei Männer die
+Köpfe zusammen. "Als wir kamen, sah ich ihn zufällig vorn im Hause;
+hoffentlich ist er noch nicht nach der Stadt zurück", sagte der eine
+und verließ dann den Pavillon. Er kam nach kurzer Zeit mit einem
+vierten wieder, der die Gesellschaft nicht zu kennen schien.
+
+"Ihr erweist uns wohl die Gefälligkeit, mit uns nach Treppi
+hinaufzugehen?" redete ihn der Sprecher an. "Man wird Euch inzwischen
+unterrichtet haben, um was es sich handelt."
+
+Der andere verneigte sich schweigend, und alle verließen den Pavillon.
+Als sie an der Küche vorbeigingen, ließ sich Fenice ein Brot geben
+und nahm einige Bissen davon. Dann ging sie wieder der Gesellschaft
+voran und schlug den Weg in die Berge ein. Sie gab unterwegs nicht
+acht auf ihre Begleiter, die eifrig miteinander redeten, sondern eilte,
+soviel sie konnte, und mußte zuweilen angerufen werden, damit man sie
+nicht aus den Augen verlor. Dann stand sie und wartete, und sah in
+hoffnungslosem Brüten ins Leere hinaus, die Hand fest ans Herz gepreßt.
+So ward es Abend, bis sie die Höhen erreichten.
+
+Das Dorf Treppi sah nicht lebendiger aus, als gewöhnlich. Nur einige
+Kindergesichter fuhren neugierig an die offnen Fenster, und einige
+Weiber traten unter die Türen, als Fenice mit ihrer Begleitung
+vorüberging. Sie sprach mit niemand, sondern näherte sich, den
+Nachbarn ihren Gruß mit kurzem Händewinken erwidernd, ihrem Hause.
+Hier stand eine Gruppe von Männern im Gespräch vor der Tür, Knechte
+waren mit bepackten Pferden beschäftigt, und Contrabbandieri gingen ab
+und zu. Als man die Fremden kommen sah, wurde es still unter den
+Leuten. Sie traten beiseit und ließen die Gesellschaft vorüber.
+Fenice wechselte einige Worte mit Nina in dem großen Gemach und
+öffnete dann die Tür ihrer Kammer.
+
+Man sah drin in der Dämmerung den Verwundeten auf dem Bett
+ausgestreckt, neben ihm auf der Erde hockend ein uraltes Weib aus
+Treppi.
+
+"Wie steht's, Chiaruccia?" fragte Fenice.
+
+"Nicht schlecht, die Madonna sei gepriesen!" antwortete die Alte und
+musterte mit raschen Blicken die Herren, die hinter dem Mädchen
+eintraten.
+
+Filippo fuhr aus einem Halbschlaf auf und sein blasses Gesicht glühte
+plötzlich. "Du bist's!" sagte er.
+
+"Ja, ich bringe den Herrn, mit dem Ihr den Kampf vorhattet, damit er
+selbst sehe, daß Ihr nicht kommen konntet. Und da ist auch ein
+Wundarzt."
+
+Das matte Auge des Liegenden glitt langsam über die vier fremden
+Gesichter. "Er ist nicht darunter", sagte er. "Ich kenne keinen von
+diesen Herren."
+
+Als er das gesprochen und schon wieder das Auge schließen wollte, trat
+der Sprecher unter den dreien vor und sagte: "Es genügt, daß man Euch
+kennt, Signor Filippo Mannini. Wir hatten Befehl, Euch zu erwarten
+und zu verhaften. Es sind Briefe von Euch aufgefangen, aus denen
+hervorgeht, daß Ihr nicht allein um das Duell auszumachen Toskana
+wieder betreten habt, sondern um gewisse Verbindungen wieder
+anzuknüpfen, die Eurer Partei in Bologna Vorschub leisten sollen. Ihr
+seht den Kommissär der Polizei vor Euch und hier meine Instruktion."
+
+Er zog ein Blatt aus der Tasche und hielt es Filippo vors Gesicht.
+Der aber starrte darauf, als habe er von allem nichts verstanden, und
+fiel wieder in seine schlafähnliche Betäubung zurück.
+
+"Untersucht die Wunden, Herr Dottore", wandte sich nun der Kommissär
+an den Arzt. "Wenn der Zustand es irgend erlaubt, müssen wir diesen
+Herrn unverzüglich hinunterschaffen. Ich habe draußen Pferde gesehn.
+Wir tun zwei gesetzliche Taten auf einmal, wenn wir uns derselben
+bemächtigen, denn sie sind mit Schleichwaren beladen. Es ist gut, daß
+man weiß, welches Volk dies Treppi besucht, wenn man es einmal wissen
+will."
+
+Während er dies sagte und der Arzt sich Filippo näherte, war Fenice
+aus der Kammer verschwunden. Die alte Chiaruccia blieb ruhig sitzen
+und murmelte vor sich hin. Man hörte Stimmen draußen und eine
+seltsame Unruhe von Kommenden und Gehenden, und zu dem Mauerloch sahen
+Gesichter herein, die rasch wieder verschwanden.--"Es ist möglich",
+sagte jetzt der Wundarzt, "daß wir ihn hinunterschaffen, wenn er fest
+und doppelt verbunden ist. Schneller würde er freilich wieder
+aufkommen, ließe man ihn hier in der Ruhe, und in der Pflege dieser
+alten Hexe, deren Wundkräuter den besten gelernten Arzt zuschanden
+machen. Es kann das Wundfieber unterwegs ihm ans Leben treten, und
+eine Verantwortung übernehme ich keinesfalls, Signor Commissario."
+
+"Unnötig, unnötig", erwiderte der andere. "Wie man ihn los wird, kann
+nicht in Betracht kommen. Legt ihm Euern Verband an, so fest Ihr
+vermögt, damit nichts versäumt werde, und dann vorwärts. Wir haben
+Mondschein und nehmen einen Burschen mit. Geht indessen hinaus, Molza,
+und versichert Euch der Pferde."
+
+Der eine der Sbirren*, dem dieser Befehl galt, öffnete rasch die
+Kammertür und wollte hinaus, als ein unerwarteter Anblick ihn
+versteinerte. Das Gemach nebenan war mit einer Schar von Dorfleuten
+besetzt, an deren Spitze zwei Contrabbandieri standen. Fenice hatte
+noch mit ihnen gesprochen, als die Tür sich öffnete. Nun trat sie an
+die Schwelle der Kammer und sagte mit großem Nachdruck:
+
+{ed. * Scherge, Häscher}
+
+"Ihr verlaßt diese Kammer unverzüglich, Signori, und ohne den
+Verwundeten, oder ihr seht Pistoja nicht wieder. In diesem Hause ist
+noch kein Blut geflossen, solange Fenice Cattaneo seine Herrin ist,
+und die Madonna verhüte solchen Greuel in alle Zukunft. Versucht auch
+nicht wiederzukommen, etwa mit mehreren. Ihr habt die Stelle noch im
+Sinn, wo man einzeln die Felstreppe zwischen den Wänden hinaufklimmt.
+Ein Kind kann diesen Paß verteidigen, wenn es die Steine den Abhang
+herabrollt, die droben wie gesät liegen. Wir werden dort eine Wache
+stellen, bis dieser Herr in Sicherheit ist. Nun geht und rühmt euch
+der Heldentat, daß ihr ein Mädchen betrogen habt und einen verwundeten
+Mann ermorden wolltet."
+
+Die Gesichter der Sbirren entfärbten sich mehr und mehr und es
+entstand eine Pause nach den letzten Worten. Dann zogen alle drei wie
+auf Kommando bisher verborgene Pistolen aus der Tasche, und der
+Kommissär sagte kaltblütig: "Wir kommen im Namen des Gesetzes. Wenn
+ihr selbst es nicht respektiert, wollt ihr auch noch andere hindern,
+es zu vollziehn? Es kann sechsen von euch das Leben kosten, wenn ihr
+uns zwingt, dem Gesetz mit Gewalt Achtung zu verschaffen."
+
+Ein Murren durchlief die Schar der andern. "Still, Freunde!" rief das
+entschlossene Mädchen. "Sie wagen es nicht. Sie wissen, daß jeder,
+den sie erschießen, dem Mörder einen sechsfachen Tod einbringt. Ihr
+redet wie ein Tor", wandte sie sich wieder an den Kommissär. "Die
+Furcht, die auf euern Stirnen sitzt, redet wenigstens klüger. Tut,
+was sie euch anrät. Der Weg ist offen, Signori!"
+
+Sie trat zurück und wies mit der Linken nach der Tür des Hauses. Die
+in der Kammer flüsterten wenige Worte zusammen, dann schritten sie mit
+leidlicher Haltung durch die aufgeregte Schar, die ihnen immer lautere
+und lautere Verwünschungen mit auf den Weg gab. Der Wundarzt war
+unschlüssig, ob er folgen dürfe; aber auf einen gebieterischen Wink
+des Mädchens schloß er sich seinen Begleitern eilfertig an.
+
+Diese ganze Szene hatte der Kranke in der Kammer halb aufgerichtet mit
+großen Augen mitangesehn. Jetzt trat die Alte wieder zu ihm und
+rückte ihm das Kissen. "Still liegen, mein Sohn!" sagte sie. "Es ist
+keine Gefahr. Schlafen, schlafen, armer Sohn! die alte Chiaruccia
+wacht, und daß Ihr sicher seid, dafür sorgt unsre Fenice, das
+benedeite Kind! Schlaft, schlaft!"
+
+Sie summte ihn dann mit eintönigen Liedern ein wie ein Kind. Er aber
+nahm den Namen Fenice mit in seine Träume.
+
+Filippo war zehn Tage droben im Gebirg und in der Pflege der Alten,
+schlief viel in den Nächten und genoß am Tage, vor der Tür sitzend,
+die reine Luft und die Einsamkeit. Sobald er wieder schreiben konnte,
+schickte er einen Boten mit einem Brief nach Bologna und erhielt am
+andern Tage Antwort, ob erwünscht oder unerwünscht, war auf seinem
+blassen Gesicht nicht zu lesen. Außer mit seiner Pflegerin und den
+Kindern von Treppi sprach er mit niemand, und Fenice sah er nur des
+Abends, wenn sie am Herde schaltete. Denn sie verließ das Haus mit
+Sonnenaufgang und blieb über Tag im Gebirg. Das war sonst anders
+gewesen, wie er aus zufälligen Äußerungen entnahm. Aber auch wenn sie
+zu Hause war, fand sich nie eine Gelegenheit, mit ihr zu sprechen.
+Sie tat überhaupt, als merke sie seine Anwesenheit gar nicht, und
+schien das Leben wie früher zu tragen. Doch war ihr Gesicht wie
+steinern geworden und ihre Augen wie erstorben.
+
+Als Filippo eines Tages, von dem herrlichen Wetter gelockt, weiter als
+sonst sich vom Hause entfernte und zum erstenmal wieder im Gefühl
+neuer Kraft eine sanfte Höhe hinabstieg, erschrak er, als er um einen
+Felsen bog und unerwartet Fenice im Moos neben einer Quelle sitzen sah.
+Sie hatte Wocken und Spindel in Händen und schien während des
+Spinnens sehr in sich vertieft. Bei Filippos Schritten sah sie auf,
+sprach aber kein Wort, noch veränderte sich der Ausdruck ihres
+Gesichts, und rasch erhob sie sich samt ihrem Gerät. Dann ging sie,
+ohne auf seinen Ruf zu achten, davon und war ihm bald aus den Augen.
+
+Am Morgen nach dieser Begegnung war er eben aufgestanden und seine
+ersten Gedanken gingen wieder zu ihr, als die Tür seiner Kammer
+geöffnet wurde und das Mädchen ruhig zu ihm eintrat. Sie blieb an der
+Schwelle stehen und winkte ihm gebieterisch mit der Hand, als er vom
+Fenster ihr näher eilen wollte.
+
+"Ihr seid wieder geheilt", sagte sie kalt. "Ich habe mit der Alten
+gesprochen. Sie meint, Ihr hättet wieder die Kraft zu reisen, in
+kleinen Tagereisen und zu Pferde. Ihr werdet morgen früh Treppi
+verlassen und nie dahin zurückkehren. Dies Versprechen fordre ich von
+Euch."
+
+"Ich verspreche es, Fenice, unter einer Bedingung."
+
+Sie schwieg.
+
+"Daß du mit mir gehst, Fenice!" sprach er in großer, unverhaltener
+Bewegung.
+
+Ein dunkler Zorn überflog ihre Brauen. Doch hielt sie an sich und
+sagte, den Türgriff fassend: "Womit habe ich Spott verdient? Ihr
+verspreche es ohne Bedingung, von Eurer Ehre erwarte ich's, Signor."
+
+"Willst du mich so verstoßen, nachdem du mir den Liebestrank bis ins
+innerste Mark geflößt und mich für immer dir zu eigen gemacht hast,
+Fenice?"
+
+Sie schüttelte ruhig das Haupt. "Es ist hinfort kein Zauber mehr
+zwischen uns", sagte sie dumpf. "Ihr habt Blut verloren, ehe der
+Trank gewirkt hatte, der Bann ist gelöst. Und es ist gut so, denn ich
+habe unrecht getan. Laßt uns nicht mehr davon reden und sagt nur, daß
+Ihr gehen werdet. Ein Pferd wird bereit sein und ein Führer, wohin
+Ihr wollt."
+
+"Wenn es denn dieser Zauber nicht mehr sein kann, der mich an dich
+bindet, so muß es wohl ein anderer sein, für den du nicht kannst,
+Mädchen. So wahr mir Gott gnade--"
+
+"Still!" unterbrach sie ihn und schürzte finster die Lippe. "Ich bin
+taub für solche Worte, wie Ihr sie sagen wollt. Wenn Ihr meint, mir
+etwas schuldig zu sein, und Euch mein erbarmen möchtet--so geht, und
+die Rechnung ist damit ausgeglichen. Ihr sollt nicht denken, daß
+dieser mein armer Kopf nichts lernen kann. Ich weiß jetzt, daß man
+einen Menschen nicht erkaufen kann, sowenig mit armseligen Diensten,
+die sich von selbst verstehen, als mit sieben Jahren des Wartens--die
+sich auch von selbst verstehen vor Gott. Ihr sollt nicht denken, daß
+Ihr mich elend gemacht habt Ihr habt mich geheilt! Geht! und nehmt
+meinen Dank mit Euch!"
+
+"Antworte mir vor Gott!" rief er außer sich und trat ihr näher, "habe
+ich dich auch geheilt von deiner Liebe?"
+
+"Nein", sagte sie fest. "Was fragt Ihr danach? Sie ist mein, Ihr
+habt kein Recht und keine Macht über sie. Geht!"
+
+Damit trat sie zurück und über die Schwelle. Im nächsten Augenblick
+lag er hingestürzt auf den Steinen zu ihren Füßen und umfaßte ihre
+Kniee.
+
+"Wenn es wahr ist, was du sagst", rief er im höchsten Schmerz, "so
+rette mich, so nimm mich an, nimm mich auf zu dir, oder dieser Kopf,
+den ein Wunder in seinen Fugen erhalten hat, wird in Scherben gehen
+samt diesem Herzen, das du verstoßen willst. Meine Welt ist leer,
+mein Leben eine Beute des Hasses, meine alte und meine neue Heimat
+verbannt mich, was soll ich noch leben, wenn ich auch dich verlieren
+muß!"
+
+Da sah er auf zu ihr und sah aus den geschlossenen Augen helle Ströme
+brechen. Noch war ihr Antlitz regungslos, dann atmete sie tief auf,
+ihre Augen öffneten sich, ihre Lippen bewegten sich, noch ohne Worte;
+das Leben blühte wie auf einen Schlag in ihr auf. Sie beugte sich
+herab zu ihm, ihre kräftigen Arme hoben ihn auf--"du bist mein!" sagte
+sie bebend. "So will ich dein sein!"-Als die Sonne des andern Tages
+aufging, sah sie das Paar auf dem Wege nach Genua, wohin Filippo vor
+den Nachstellungen seiner Feinde sich zurückzuziehen beschlossen hatte.
+Der hohe blasse Mann ritt auf einem sicheren Pferde, das seine Braut
+am Zügel führte. Zu beiden Seiten zogen sich Höhen und Gründe des
+schönen Apennin in der Klarheit des Herbstes, die Adler kreisten über
+den Schluchten und fern blitzte das Meer. Und still und leuchtend wie
+dort das Meer, lag vor den Wanderern die Zukunft.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Das Mädchen von Treppi, von Paul
+Heyse.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Das Maedchen von Treppi, by Paul Heyse
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS MAEDCHEN VON TREPPI ***
+
+This file should be named 9085-8.txt or 9085-8.zip
+
+Produced by Delphine Lettau
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+https://gutenberg.org or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03
+
+Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
+
+Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+PMB 113
+1739 University Ave.
+Oxford, MS 38655-4109
+
+Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
+method other than by check or money order.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
+the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
+
+You can get up to date donation information online at:
+
+https://www.gutenberg.org/donation.html
+
+
+***
+
+If you can't reach Project Gutenberg,
+you can always email directly to:
+
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+
+Prof. Hart will answer or forward your message.
+
+We would prefer to send you information by email.
+
+
+**The Legal Small Print**
+
+
+(Three Pages)
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
+Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
+They tell us you might sue us if there is something wrong with
+your copy of this eBook, even if you got it for free from
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+eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
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+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
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+ including any form resulting from conversion by word
+ processing or hypertext software, but only so long as
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+ does *not* contain characters other than those
+ intended by the author of the work, although tilde
+ (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
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+ author, and additional characters may be used to
+ indicate hypertext links; OR
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+ [*] The eBook may be readily converted by the reader at
+ no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
+ form by the program that displays the eBook (as is
+ the case, for instance, with most word processors);
+ OR
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+ or other equivalent proprietary form).
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+
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+
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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