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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:32:30 -0700 |
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You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Hinzelmeier + eine nachdenkliche Geschichte + +Author: Theodor Stein + +Release Date: September, 2005 [EBook #8915] +[This file was first posted on August 25, 2003] +[Most recently updated March 29, 2004] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HINZELMEIER *** + + + + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau. + + + + +This Etext is in German. + + + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Hinzelmeier + + +beim Theodor Storm + + + + +Eine nachdenkliche Geschichte + + + +Die weiße Wand + +Der Zipfel + +Die Rose + +Krahirius + +Der Eingang zum Rosengarten + +Ein Meisterschuß + +Die Rosenjungfrau + +Nachbars Kasperle + +Der Stein der Weisen + + + + +Die weiße Wand + + +In einem alten weitläufigen Hause wohnten Herr Hinzelmeier und die schöne +Frau Abel: sie waren nun schon ins zwölfte Jahr verheiratet, ja die Leute +in der Stadt zählten ihnen nach, daß sie zusammen schon fast an die +achtzig Jahre auf dem Nacken hätten und noch immer waren sie jung und +schön und hatten weder ein Fältchen vor der Stirn, noch ein Hahnepfötchen +unter den Augen. Daß dies nicht mit rechten Dingen zugehe, war nun +freilich klar genug und wenn die Hinzelmeierschen aufs Tapet kamen, so +tranken die Stadtkaffeetanten drei Näpfchen mehr als am ersten +Ostersonntagnachmittage. Die Eine sagte: "Sie haben einen Jungbrunnen im +Hofe!" Die Andere sagte: "Es ist eine Jungfernmühle!" Die Dritte sagte: +"Ihr Bube, das Hinzelmeierlein, ist mit einer Glückshaube auf die Welt +gekommen und nun tragen die Alten sie wechselweise, Nacht um Nacht!" Das +kleine Hinzelmeierlein dachte nun freilich nicht dergleichen; es kam ihm +im Gegenteil ganz natürlich vor, daß seine Eltern immer jung und schön +waren; aber gleichwohl bekam auch er sein Nüßchen, das er vergeblich zu +knacken suchte. + +Eines Herbstnachmittags, da es schon gegen das Zwielicht ging, saß er in +dem langen Korridor des oberen Stockwerks und spielte Einsiedler; denn +weil die silbergraue Katze, welche sonst bei ihm zur Schule ging, eben in +den Garten hinabgeschlichen war, um nach den Buchfinken zu sehen, so hatte +er mit dem Professorspiel für heute aufhören müssen. Er saß nun als +Einsiedler in einem Winkel und dachte sich Allerhand, wohin wohl die Vögel +flögen und wie die Welt draußen wohl aussehen möge und noch viel +Tiefsinnigeres; denn er wollte der Katze darüber auf den andern Tag einen +Vortrag halten--als er seine Mutter, die schöne Frau Abel, an sich +vorübergehen sah. "Heisa, Mutter!" rief er; aber sie hörte ihn nicht, +sondern ging mit raschen Schritten an das Ende des Korridors; hier blieb +sie stehen und schlug mit dem Schnupftuch dreimal gegen die weiße Wand. +--Hinzelmeier zählte in Gedanken "eins"--"zwei" und kaum hatte er "drei" +gezählt, als er die Wand sich lautlos öffnen und seine Mutter dadurch +verschwinden sah; kaum konnte der Zipfel des Schnupftuches noch mit +hindurchschlüpfen, so ging alles mit einem leisen Klapp wieder zusammen +und der Einsiedler dachte nun auch noch darüber nach, wohin doch wohl +seine Mutter durch die Wand gegangen sei. Darüber ward es allmählich +dunkler und das Dämmern in seinem Winkel war schon so groß geworden, daß +es ihn ganz verschlungen hatte, da machte es, wie zuvor, einen leisen +Klapp, und die schöne Frau Abel trat aus der Wand wieder in den Korridor +hinein. Ein Rosenduft schlug dem Knaben entgegen, wie sie an ihm +vorüberstrich. "Mutter, Mutter!" rief er; aber er hielt sie nicht zurück; +er hörte, wie sie die Treppe hinab und in das Zimmer des Vaters ging. Wo +er am Vormittag sein Schaukelpferd an den messingenen Ofenknopf gebunden +hatte. Nun hielt es ihn nicht länger, er sprang durch den Korridor und +ritt wie der Wind das Treppengeländer hinab. Als er ins Zimmer trat, war +es voller Rosenduft und es schien ihm fast, als wäre seine Mutter selber +eine Rose, so leuchtend war ihr Antlitz. Hinzelmeier wurde ganz +nachdenklich. + +"Liebe Mutter", sagte er endlich, "weshalb gehst du denn immer durch die +Wand?" + +Und als Frau Abel hierauf verstummte, sagte der Vater: "Ei nun, mein Sohn, +weil die anderen Leute immer durch die Tür gehen." + +Das war dem Hinzelmeier schon einleuchtend; bald aber wollte er mehr +erfahren. + +"Wohin gehst du denn, wenn du durch die Wand gehst", fragte er weiter, +"und wo sind die Rosen?" + +Aber ehe er sich's versah, hatte der Vater ihn kopfüber aufs Schaukelpferd +gestülpt und die Mutter sang das schöne Lied: + +"Hatto von Mainz und Poppo von Trier +Ritten zusammen aus Lünebier; +Hatto hott hott! immer im Trott! +Poppo hopp hopp! immer Galopp! + +Eins, zwei, drei! +Zelle vorbei; +Eins, zwei, drei, vier! +Nun sind wir schon hier." + +"Bind es los! bind es los!" rief Hinzelmeier; und der Vater band das +Rößlein vom Ofenknopf und die Mutter sang und der Reiter ritt hopp hinauf +und hopp hinab und hatte bald alle Rosen und weißen Wände in der ganzen +Welt vergessen. + + + + +Der Zipfel + + +Nun gingen manche Jahre hin, ohne daß Hinzelmeier eine Wiederholung des +Wunders erlebt hätte; er dachte daher auch überall nicht mehr daran, +obgleich seine Eltern jung und schön blieben, wie sie es immer gewesen +waren und oftmals auch im Winter der wunderbare Rosenduft sie umgab. + +In dem einsamen Korridor des oberen Stockwerks war Hinzelmeier jetzt nur +selten noch zu finden; denn die Katze war vor Alter gestorben und so war +seine Schule aus Mangel an Schülern von selber eingegangen. + +Es war ihm nun schon fast so, als müßte um einige Jahre der Bart zu +wachsen anfangen; da ging er eines Nachmittags wieder in den alten +Korridor hinauf, um die weißen Wände zu besichtigen, denn er wollte auf +den Abend das berühmte Schattenspiel "Nebukadnezar und sein Nußknacker" +zur Aufführung bringen. In dieser Absicht war er an das Ende des Ganges +gekommen und betrachtete die weiße Querwand von oben bis unten, als er zu +seiner Verwunderung den Zipfel eines Schnupftuches daraus hervorhängen sah. +Er bückte sich, um es genauer zu betrachten; in der Ecke stand: 'A.H.'; +das konnte nichts anderes heißen als: 'Abel Hinzelmeier'; es war das +Schnupftuch seiner Mutter. Nun fing's in seinem Kopfe an zu schnurren und +die Gedanken arbeiteten rückwärts, weiter und weiter, bis sie bei dem +ersten Kapitel dieser Geschichte plötzlich Halt machten. Hierauf suchte +er das Schnupftuch aus der Wand herauszuziehen, was ihm auch nach einem +etwas schmerzhaften Experimente glücklich gelang; dann schlug er, wie +einst die schöne Frau Abel, dreimal mit dem Tuche gegen die Wand; und +"eins--zwei--drei--!" tat sie sich lautlos von einander, Hinzelmeier +schlüpfte hindurch und stand--wohin er am wenigsten zu gelangen +dachte--auf dem Hausboden. Aber es war nicht daran zu zweifeln; dort +stand der Urgroßmutterschrank mit den wackelköpfigen Pagoden, daneben +seine eigne Wiege und weiterhin das Schaukelpferd, lauter ausgedientes +Gerät; unter dem Balken längs an eisernen Haken hingen wie immer des +Vaters lange Mäntel und Reisekragen und drehten sich langsam um sich +selbst, wenn der Zug durch die offenen Bodenluken hereinstrich. +"Sonderbar!" sagte Hinzelmeier, "warum ging die Mutter denn doch immer +durch die Wand?" Da er indessen außer den bekannten Gegenständen nichts +bemerken konnte, so wollte er durch die Bodentür wieder ins Haus +hinabgehen. Allein die Tür war nicht da. Er stutzte einen Augenblick und +meinte anfänglich, sich nur geirrt zu haben, weil er von einer anderen +Seite, als gewöhnlich, hinaufgelangt war. Er wandte sich daher und ging +zwischen die Mäntel durch nach dem alten Schranke, um sich von hier aus +zurechtzufinden; und richtig! dort gegenüber war die Tür; er begriff nicht, +wie er sie hatte übersehen können. Als er aber darauf zuging, erschien +ihm plötzlich wieder alles so fremd, daß er zu zweifeln begann, ob er auch +vor der rechten Tür stehe. Allein so viel er wußte, gab es hier keine +andere. Was ihn am meisten verwirrte, war, daß die eiserne Klinke fehlte +und auch der Schlüssel abgezogen war, der sonst immer aufzustecken pflegte. +Er legte daher sein Auge an das Schlüsselloch, ob er vielleicht Jemanden +auf der Treppe oder dem Vorplatz gewahren könne, der ihn herabließe. Zu +seinem Erstaunen sah er aber nicht auf die dunkle Treppe, sondern in ein +helles, geräumiges Zimmer, von dessen Dasein er bisher keine Ahnung gehabt +hatte. + +In der Mitte desselben gewahrte er einen pyramidenförmigen Schrein, der +von zwei goldschimmernden Türen verschlossen und mit wunderlicher +Schnitzarbeit verziert war. Hinzelmeier wußte nicht recht, ob das enge +Schlüsselloch seinen Blick verwirrte, aber es war ihm fast, als wenn die +Gestalten der Schlangen und Eidechsen in der braunen Laubgirlande, welche +sich an den Kanten hinunterzog, auf und ab raschelten, ja mitunter sogar +die geschmeidigen Köpfe auf den Goldgrund der Tür hinüberreckten. Dies +alles beschäftigte den Knaben so, daß er nun erst die schöne Frau Abel und +ihren Eheherrn bemerkte, welche mit geneigtem Haupte vor dem Schreine +niedergekniet waren. Unwillkürlich hielt er den Atem an, um nicht bemerkt +zu werden; und nun hörte er die Stimmen seiner Eltern in leisem Gesange: + +Rinke, ranke, Rosenschein, +Tu dich auf, du goldner Schrein! +Tu dich auf und schließ uns ein, +Rinke, ranke, Rosenschein! + +Während des Gesanges erstarrte in dem Laubwerk das Leben des Gewürmes; die +goldenen Türen gingen langsam auf und zeigten in dem Innern des Schrankes +einen kristallenen Becher, in welchem eine halberschlossene Rose auf +schlankem Schafte stand. Allmählich öffnete sich der Kelch; weiter und +weiter, bis eins der schimmernden Blätter sich ablöste und zwischen die +Knieenden hinabfiel. Ehe es aber den Boden erreichte, zerstob es klingend +in der Luft und füllte das Gemach mit rosenrotem Nebel. Ein starker +Rosenduft quoll durch das Schlüsselloch; der Knabe preßte sein Auge an die +Öffnung, aber er gewahrte nichts, als dann und wann ein Leuchten, das in +der roten Dämmerung aufbrach und wieder verschwand. Nach einer Weile +hörte er Schritte an der Tür; er wollte aufspringen, aber ein heftiger +Schmerz an der Stirn raubte ihm die Besinnung. + + + + +Die Rose + + +Als Hinzelmeier aus der Betäubung erwachte, lag er in seinem Bette; Frau +Abel saß neben ihm und hielt seine Hand in der ihren. Sie lächelte, da er +die Augen zu ihr aufschlug und der Abglanz einer Rose lag auf ihrem +Antlitz. "Du hast zu viel erlauscht, um nicht noch mehr erfahren zu +müssen", sagte sie. "Nur darfst du für heute dein Bett nicht verlassen; +aber währenddessen will ich dir das Geheimnis deiner Familie mitteilen. +Du bist jetzt groß genug, um es zu wissen." + +"Erzähle nur, Mutter", sagte Hinzelmeier und legte den Kopf zurück in die +Kissen; und dann erzählte Frau Abel: + +"Weit von dieser kleinen Stadt liegt der uralte Rosengarten, von dem die +Sage geht, er sei am sechsten Schöpfungstage mit erschaffen worden. +Innerhalb seiner Mauer stehen tausend rote Rosenbüsche, welche nie zu +blühen aufhören; und jedes Mal, wenn in unserem Geschlechte, welches in +vielen Zweigen durch alle Länder der Welt verbreitet, ein Kind geboren +wird, springt eine neue Knospe aus den Blättern. Jeder Knospe ist eine +Jungfrau zur Pflegerin bestellt, welche den Garten nicht verlassen darf, +bis die Rose von dem geholt worden, durch dessen Geburt sie entsprossen +ist. Eine solche Rose, welche du vorhin gesehen hast, besitzt die Kraft, +ihren Eigentümer zeitlebens jung und schön zu erhalten. Daher versäumt +denn nicht leicht Jemand, sich seine Rose zu holen; es kommt nur darauf an, +den rechten Weg zu finden; denn der Eingänge sind viele und oft +verwunderliche. Hier führt es durch einen dicht verwachsenen Zaun, dort +durch ein schmales Winkelpförtchen, mitunter"--und Frau Abel sah ihren +Eheherrn, der eben ins Zimmer trat, mit schelmischen Augen an--"mitunter +auch durch's Fenster!" + +Herr Hinzelmeier lächelte und setzte sich neben das Bett seines Sohnes. +Dann erzählte Frau Abel weiter: + +"Auf diese Weise wird die größte Zahl der Jungfrauen aus ihrer +Gefangenschaft erlöst und verläßt mit dem Besitzer der Rose den Garten. +Auch deine Mutter war eine Rosenjungfrau und pflegte sechzehn Jahre lang +die Rose deines Vaters. Wer aber an dem Garten vorübergeht ohne +einzukehren, der darf niemals dahin zurück; nur der Rosenjungfrau ist es +nach dreimal drei Jahren gestattet, in die Welt hinaus zu gehen, um den +Rosenherrn zu suchen und sich durch die Rose aus der Gefangenschaft zu +erlösen. Findet sie in dieser Zeit ihn nicht, so muß sie in den Garten +zurück und darf erst nach wiederum dreimal drei Jahren noch einmal den +Versuch erneuern; aber Wenige wagen den ersten, fast Keine den zweiten +Gang; denn die Rosenjungfrauen scheuen die Welt und wenn sie ja in ihren +weißen Gewändern hinausgehen, so gehen sie mit niedergeschlagenen Augen +und zitternden Füßen; und unter hundert solcher Kühnen hat kaum eine +einzige den wandernden Rosenherrn gefunden. Für diesen aber ist dann die +Rose verloren; und während die Jungfrau zu ewiger Gefangenschaft +zurückgegangen ist, hat auch er die Gnade seiner Geburt verscherzt und muß +wie die gewöhnliche Menschheit kümmerlich altern und vergehen.--Auch du, +mein Sohn, gehörst zu den Rosenherren und kommst du in die Welt hinaus, +dann vergiß den Rosengarten nicht." + +Herr Hinzelmeier neigte sich zur Frau Abel und küßte ihre seidenen Haare; +dann sagte er, freundlich des Knaben andere Hand ergreifend: "Du bist +jetzt groß genug! Möchtest du wohl in die Welt hinaus und eine Kunst +erlernen?" + +"Ja", sagte Hinzelmeier, "aber es müßte eine große Kunst sein; so eine, +die sonst noch niemand hat erlernen können!" + +Frau Abel schüttelte sorgenvoll den Kopf; der Vater aber sagte: "Ich will +dich zu einem weisen Meister bringen, der viele Meilen von hier in einer +großen Stadt wohnt; da magst du dir selbst eine Kunst erwählen." + +Da war Hinzelmeier zufrieden. + +Einige Tage darauf packte Frau Abel einen großen Koffer mit unzählig +vielen Kleidern und Hinzelmeier selber legte noch ein Rasierzeug hinein, +damit er den Bart, wenn er käme, sogleich wieder abschneiden könne. Dann +fuhr eines Tages der Wagen vor die Tür und als die Mutter ihren Sohn zum +Abschied umarmte, sagte sie unter Tränen zu ihm: "Vergiß die Rose nicht!" + + + + +Krahirius + + +Als Hinzelmeier ein Jahr bei dem weisen Meister gewesen war, schrieb er +seinen Eltern, er habe sich nun eine Kunst erwählt, er wolle den? Stein der +Weisen? suchen; nach zwei Jahren werde der Meister ihn lossprechen, dann +wolle er auf die Wanderschaft und nicht eher zurückkehren, als bis er den +Stein gefunden habe. Dies sei eine Kunst, welche noch von Niemandem +erlernt worden; denn auch der Meister sei eigentlich nur ein Altgesell, da +der Stein noch keineswegs von ihm gefunden sei. + +Als die schöne Frau Abel diesen Brief gelesen hatte, faltete sie ihre +Finger ineinander und rief: "Ach, er wird nimmer in den Rosengarten kommen! +Es wird ihm gehen wie unseres Nachbarn Kasperle, der vor zwanzig Jahren +ausgezogen und nimmer wieder nach Hause gekommen ist!" + +Herr Hinzelmeier aber küßte die schöne Frau und sagte: "Er mußte seinen +Weg gehen! Ich wollte auch einmal den? Stein der Weisen? suchen und habe +statt dessen die Rose gefunden." + +So blieb denn Hinzelmeier bei dem weisen Meister; und allmählich ging die +Zeit herum.-Es war schon tief in der Nacht. Hinzelmeier saß vor einer +qualmenden Lampe über einen Folianten gebückt. Aber es wollte ihm heute +nicht gelingen; er fühlte es in seinen Adern klopfen und gären, es +überfiel ihn eine Angst, als könne ihm auf immer das Verständnis für die +tiefe Weisheit der Formeln und Sprüche verloren gehen, welche das alte +Buch bewahrte. + +Mitunter wandte er sein blasse Gesicht ins Zimmer zurück und starrte +gedankenlos in den Winkel, wo die grämliche Gestalt seines Meisters vor +einem niedrigen Herde zwischen glühenden Kolben und Tiegeln hantierte; +mitunter, wenn die Fledermäuse an den Scheiben vorüberstrichen, sah er +verlangend in die Mondnacht hinaus, die wie ein Zauber draußen über den +Feldern lag. Neben dem Meister kauerte die Kräuterfrau am Boden. Sie +hatte den grauen Hauskater auf dem Schoß und stäubte ihm sanft die Funken +aus dem Pelz. Manchmal, wenn es so recht behaglich knisterte und das Tier +vor angenehmem Grausen maunzte, langte der Meister liebkosend nach ihm +zurück und sagte hustend: "Die Katze ist die Genossin des Weisen!" + +Plötzlich schon von außen her, von der First des Daches, das unter dem +Fenster lag, ein langgezogener, sehnsüchtiger Laut, wie dessen von allen +Tieren nur die Katze und nur im Lenze mächtig ist. Der Kater richtete +sich auf und krallte seine Klauen in die Schürze des alten Weibes. Noch +einmal rief es draußen. Da sprang das Tier mit einem derben Satz auf den +Fußboden und über Hinzelmeiers Schultern durch die Scheiben ins Freie, daß +die Glasscherben klingend hinterdrein stoben. + +Ein süßer Primelduft strich mit dem Zug ins Zimmer. Hinzelmeier sprang +empor. "Es ist Frühling, Meister!" rief er und warf seinen Stuhl zurück. + +Der Alte senkte seine Nase noch tiefer in den Tiegel. Hinzelmeier ging +auf ihn zu und packte ihn an der Schulter. "Hört Ihr's nicht, Meister?" + +Der Meister griff sich in den graugemischten Bart und stierte den Jungen- +blöd durch seine grüne Brille an. + +"Das Eis birst!" rief Hinzelmeier, "es läutet in der Luft!" + +Der Meister faßte ihn ums Handgelenk und begann die Pulsschläge zu zählen. +"Sechsundneunzig!" sagte er bedenklich.--Aber Hinzelmeier achtete dessen +nicht, sondern verlangte seinen Abschied; und noch in selber Stunde. Da +hieß der Meister ihn Stab und Ranzen nehmen und trat mit ihm vor die +Haustür, von wo sie weit ins Land hineingehen konnten. Die unabsehbare +Ebene lag in klarem Mondenlicht zu ihren Füßen. Hier standen sie still; +das Antlitz des Meisters war gefurcht von tausend Runzeln, sein Rücken war +gebeugt, sein Bart hing tief über seinen braunen Talar hinab; er sah +unsäglich alt aus. Auch Hinzelmeiers Gesicht war bloß, aber seine Augen +leuchteten. + +"Deine Zeit ist um", sprach der Meister zu ihm. "Knie nieder, damit du +losgesprochen werdest!" Dann zog er ein weißes Stäbchen aus dem Ärmel und +dem Knieenden dreimal damit den Nacken berührend, sprach er: + +"Das Wort ist gegeben +Unter die Geister; +Ruf es ins Leben, +So bist du der Meister. + +Vorhanden ist es in keinem Reich. +Es ist ein Name, ein Dunst; +Finden und schaffen zugleich, +Das ist die Kunst!" + +Dann hieß er ihn aufstehen. Ein Frösteln durchfuhr den Jüngling, als er +in das greise, feierliche Angesicht des Meisters blickte. Er nahm Stab +und Ranzen vom Boden und wollte von dannen gehen, aber der Meister rief: +"Vergiß den Raben nicht!" Er griff mit der hageren Faust in seinen Bart +und riß ein schwarzes Haar heraus. Das blies er durch die Finger; da +schwang es sich als Rabe in die Luft. + +Nun schwenkte er den Stab im Kreise um sein Haupt und wie er schwenkte, +flog der Rabe; dann streckte er den Arm aus und der Vogel setzte sich auf +seine Faust. Hierauf hob er die grüne Brille von seiner Nase; und während +er sie auf des Raben Schnabel klemmte, sprach er: + +"Wege sollst du weisen, +Krahirius sollst du heißen!-- + +Da schrie der Rabe: "krahira! krahira!" und hüpfte mit ausgespreizten +Flügeln auf Hinzelmeiers Schulter. Der Meister aber sprach zu diesem: + +"Wanderspruch und Wanderbuch +Hast du nun; und nun genug!" + +Dann wies er mit dem Finger in das Tal hinab, wo der unendliche Weg über +die Ebene lief und während Hinzelmeier, mit dem Reisehute grüßend, in die +Frühlingsnacht hinausging, schwang Krahirius sich auf und flog zu seinen +Häupten. + + + + +Der Eingang zum Rosengarten + + +Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Hinzelmeier hatte einen Richtweg +über ein Feld mit grüner Wintersaat eingeschlagen, das sich unabsehbar vor +ihm ausdehnte. Zu Ende desselben führte der Steig durch eine Öffnung des +Walles auf einen geräumigen Platz hinaus und Hinzelmeier stand vor den +Gebäuden eines großen Bauernhofes. Es hatte zuvor geregnet; nun dampften +die Strohdächer in der herben Frühlingssonne. Er stieß seinen Wanderstab +in den Boden und blickte zum First des Wohnhauses hinauf, wo ein Volk von +Sperlingen sein Wesen trieb. Plötzlich sah er aus einem der beiden weißen +Schornsteine eine glänzende Scheibe in die Luft steigen, sich langsam im +Sonnenscheine wenden und darauf wieder in den Schornstein hinabfallen. + +Hinzelmeier zog seine Taschenuhr hervor. "Es ist Mittag!" sagte er, "sie +backen Eierkuchen."--Ein lieblicher Duft verbreitete sich; und wieder +stieg ein Eierkuchen in den Sonnenschein hinauf und sank nach einer kurzen +Weile in den Schornstein zurück. + +Der Hunger meldete sich; Hinzelmeier trat ins Haus und gelangte über einen +breiten Flur in eine hohe, geräumige Küche, wie solche in größeren +Gehöften zu sein pflegen. Am Herde, auf dem ein helles Reisigfeuer +brannte, stand eine stämmige Bäuerin und tat den Teig in die zischende +Pfanne. + +Krahirius, der lautlos hintendrein geflogen war, setzte sich auf den +Herdmantel, während Hinzelmeier fragte, ob er für Geld und gute Worte eine +Mahlzeit hier bekommen könne. + +"Hier ist kein Wirtshaus!" sagte die Frau und schwang ihre Pfanne, daß der +Eierkuchen prasselnd in den schwarzen Schlot hinauffuhr und erst nach +einer ganzen Weile mit der Oberseite in die Pfanne zurückklatschte. + +Hinzelmeier griff nach seinem Stecken, den er beim Eintritt an die Tür +gestellt hatte; allein die Alte fuhr mit der Gabel in den Eierkuchen und +stülpte ihn rasch auf eine Schüssel. "Nun, nun!" sagte sie, "so war es +nicht gemeint; setz Er sich nur; hier ist just einer fertig." Dann schob +sie ihm einen hölzernen Stuhl an den Küchentisch und setzte den dampfenden +Kuchen nebst Brot und einem Kruge jungen Landweins vor ihn hin. + +Das ließ Hinzelmeier sich gefallen und hatte bald die derbe Speise und ein +gut Teil des festen Roggenbrots verzehrt. Dann setzte er den Krug an den +Mund und tat einen herzhaften Zug auf die Gesundheit der Alten und dann zu +seiner eigenen Gesundheit noch manchen anderen hinterher. Das machte ihn +so vergnügt, daß er ganz wie von selber zu singen anhub. "Er ist ja ein +lustiger Mensch!" rief die Alte von ihrem Herde hinüber. Hinzelmeier +nickte; ihm fielen auf einmal alle Lieder wieder ein, die er vor Zeiten im +elterlichen Hause von seiner schönen Mutter gehört hatte. Nun sang er sie, +eines nach dem andern: + +"Das macht, es hat die Nachtigall +Die ganze Nacht gesungen; +Da sind von ihrem süßen Schall, + +Da sind von Hall und Widerhall +Die Rosen aufgesprungen. +Sie war doch sonst ein wildes Blut, +Nun geht sie tief in Sinnen; +Trägt in der Hand den Sommerhut +Und duldet still der Sonne Glut, +Und weiß nicht, was beginnen. + +Das macht, es hat die Nachtigall +Die ganze Nacht gesungen!"-- + +Da wurde in der Wand, dem Herde gegenüber, unter den Reihen der blanken +Zinnteller, ein Schiebefensterchen zurückgezogen und ein schönes blondes +Mädchen, es mochte des Hauswirts Tochter sein, steckte neugierig den Kopf +in die Küche. + +Hinzelmeier, der das Klirren der Fensterscheiben vernommen hatte, hörte +auf zu singen und ließ seine Augen an den Wänden der Küche umherwandern; +über das Butterfaß und die blanken Käsekessel und über den breiten Rücken +der Alten bis an das offene Schiebefensterchen, wo sie an zwei anderen +jungen Augen hängen blieben. + +Das Mädchen wurde ganz rot.--"Er singt schön!" sagte sie endlich. + +"Es kam mir nur so", erwiderte Hinzelmeier. "Ich singe sonst gar nicht." + +Dann schwiegen beide eine Weile und man hörte nur das Zischen der Pfanne +und das Prasseln der Eierkuchen. "Caspar singt auch schön!" hub das +Mädchen wieder an. + +"Freilich wohl!" meinte Hinzelmeier. + +"Ja", sagte das Mädchen, "aber so schön wie Er macht er's doch nicht. Wo +hat Er denn das schöne Lied her?" + +Hinzelmeier antwortete nicht darauf, sondern trat auf einen umgestürzten +Zuber, der unter dem Schiebefenster stand und sah an dem Mädchen vorbei in +die Kammer. Drinnen war voller Sonnenschein. Auf den roten Fliesen der +Diele lagen die Schatten von Nelken- und Rosenstöcken, welche seitwärts +vor einem Fenster stehen mochten. Plötzlich wurde im Hintergrund der +Kammer eine Tür aufgerissen. Der Frühlingswind brauste herein und riß dem +Mädchen ein blauseidenes Band von der Riegelhaube; dann fahr er durchs +Schiebefenster und trieb seine Beute kreiselnd in der Küche umher. +Hinzelmeier aber warf seinen Hut danach und fing es wie einen Sommervogel. + +Das Fenster war ein wenig hoch. Er wollte es dem Mädchen hinauflangen, +sie bückte sich zu ihm heraus; da fahren beide mit den Köpfen aneinander, +daß es krachte. Das Mädchen schrie; die Zinnteller klirrten, Hinzelmeier +wurde ganz konfus. + +"Er hat einen gar wackeren Kopf!" sagte das Mädchen und wischte sich mit +ihrer Hand die Tränen von den Wangen. Als aber Hinzelmeier sich das Haar +aus der Stirn strich und ihr herzhaft ins Gesicht schaute, da schlug sie +die Augen nieder und fragte: "Er hat sich doch kein Leid's getan?" + +Hinzelmeier lachte. "Nein, Jungfer!" rief er--er wußte selbst nicht, wie +es ihm auf einmal einfallen mußte--"nehm Sie mir's nicht übel, aber Sie +hat gewiß schon einen Schatz?" + +Sie setzte die Faust unters Kinn und wollte ihn trotzig ansehen, aber ihre +Augen blieben an den seinen hängen. "Er faselt wohl", sagte sie leise. + +Hinzelmeier schüttelte den Kopf; es wurde ganz still zwischen den Beiden. + +"Jungfer!" sagte nach einer Weile Hinzelmeier, "ich möchte Ihr das Band in +die Kammer bringen!" + +Das Mädchen nickte. + +"Wo geht denn aber der Weg?" + +Es klang ihm in den Ohren: "Mitunter auch durchs Fenster!"--Das war die +Stimme seiner Mutter. Er sah sie an seinem Bette sitzen; er sah sie +lächeln; es war ihm plötzlich, als stehe er in einem rosenroten Nebel, der +aus dem offenen Schiebefenster in die Küche hereinzog. Er trat wieder auf +den Zuber und legte seine Hände um den Nacken des Mädchens. Da sah er +durch die offene Kammertür in einen Garten, darinnen standen die blühenden +Rosenbüsche wie ein rotes Meer und in der Ferne sangen kristallne +Mädchenstimmen: + +"Rinke, ranke, Rosenschein, +Tu dich auf und schließ uns ein!"-- + +Hinzelmeier drängte das Mädchen sanft in die Kammer zurück und stemmte die +Hände auf das Fensterbrett, um sich mit einem Satz hineinzuschwingen; da +hÖrte er es: "krahira, krahira!" über seinem Kopfe schwirren; und ehe er +sich's versah, ließ der Rabe die grüne Brille aus der Luft und gerade auf +seine Nase fallen. Nur wie im Traume sah er noch das Mädchen die Arme +nach ihm ausstrecken; dann war auf einmal alles vor seinen Augen +verschwunden; aber in weiter Ferne sah er durch die grünen Gläser eine +dunkle Gestalt in einem tiefen Felsenkessel sitzen, welche mit einem +Stemmeisen eifrig in den Grund zu bohren schien. + + + + +Ein Meisterschuß + + +"Der sucht den Stein der Weisen!" dachte Hinzelmeier; und seine Wangen +begannen zu brennen; er schritt wacker auf die Erscheinung los; aber es +war weiter, als es durch die Brillengläser aussah; er rief dem Raben, der +mußte mit seinen Flügeln ihm die Schläfe fächeln. Erst nach Stunden hatte +er den Grund der Schlucht erreicht. Nun sah er eine schwarze, rauhe +Gestalt vor sich, die hatte zwei Hörner an der Stirn und einen langen +Schwanz, den ließ sie hinter sich über das Gestein hinabhängen. Bei +Hinzelmeiers Ankunft nahm sie das Stemmeisen zwischen die Zähne und +begrüßte ihn mit dem verbindlichsten Kopfnicken, während sie mit der +Schwanzquaste den Bohrstaub zusammenfegte. Hinzelmeier wurde fast um die +Anrede verlegen, deshalb nickte er jedesmal mit gleicher Verbindlichkeit +wieder, so daß also diese Komplimente von beiden Seiten eine Zeitlang +fortdauerten. Endlich sagte der Andere: "Sie kennen mich wohl nicht?" + +"Nein", sagte Hinzelmeier. "Sind Sie vielleicht ein Pumpenmeister?" + +"Ja", sagte der Andere, "so etwas ähnliches; ich bin der Teufel." + +Das wollte Hinzelmeier nicht glauben; aber der Teufel sah ihn mit zwei +solchen Eulenaugen an, daß er am Ende gründlich überzeugt wurde und ganz +bescheiden sagte: "Dürfte ich mir die Frage erlauben, ob Sie mit diesem +ungeheueren Loche ein physikalisches Experiment beabsichtigen?" + +"Kennen Sie die ultima ratio regum?" fragte der Teufel. + +"Nein", sagte Hinzelmeier. "Die ratio regum hat nichts mit meiner Kunst +zu schaffen." + +Der Teufel kratzte sich mit dem Pferdehuf hinter den Ohren und sagte dann, +einen überlegenen Ton annehmend: "Mein Kind, weißt du, was eine Kanone +ist?" + +"Freilich", sagte Hinzelmeier lächelnd; denn das ganze hölzerne Arsenal +aus seiner Knabenzeit sah er plötzlich im Geiste vor sich aufgepflanzt. + +Der Teufel klatschte vor Vergnügen mit seinem Schwanze auf den Felsen. +"Drei Pfund Schießpulver, ein Fünkchen Höllenfeuer dazu; dann--!" Hier +steckte er die eine Tatze in das Bohrloch und indem er die andere auf +Hinzelmeiers Schulter legte, sagte er vertraulich: "Die Welt ist +unregierbar geworden. Ich will sie in die Luft sprengen." + +"Alle Wetter!" schrie Hinzelmeier, "das ist ja aber eine Radikalkur, eine +wahr Pferdekur!" + +"Ja", sagte der Teufel, "ultima ratio regum! versichere Sie, es gehört +eine übermenschlich gute Natur dazu, um so etwas auszuhalten! Aber nun +entschuldigen Sie ein Weilchen; ich muß ein wenig inspizieren." Mit diesen +Worten zog er den Schwanz zwischen die Schenkel und sprang in das Bohrloch +hinab. Da überfiel den Hinzelmeier auf einmal eine ganz übernatürliche +Courage, so daß er bei sich beschloß, den Teufel aus der Welt zu schießen. +Mit fester Hand zog er seine Zunderbüchse aus der Tasche, pinkte Feuer +und warf es in das Bohrloch; dann zählte er: "eins zwei--"; aber er hatte +noch nicht "drei" gezählt, so entlud sich diese grundlose Pistole ihres +Schusses samt ihrer Vorladung. Die Erde machte einen fürchterlichen +Seitensprung durch den Himmel. Hinzelmeier stürzte in die Knie; der +Teufel aber flog wie eine Bombe durch die Luft, von einem Planetensystem +in das andere, wo ihn die Anziehungskraft unseres Weltkörpers nicht mehr +erreichen konnte. Hinzelmeier blickte ihm eine Weile nach; als er aber +immer weiter und weiter flog und gar nicht damit aufhören wollte, so +gingen ihm endlich die Augen über. Sobald daher die Erde sich insoweit +beruhigt hatte, daß mit zwei Beinen wieder auf ihr zu stehen war, sprang +er auf und blickte um sich her. Zu seinen Füßen gähnte ihn der schwarze +ausgebrannte Mörser an; von Zeit zu Zeit quoll eine Wolke braunen Rauchs +heraus und zog sich träge an den Felsen hin. Aber schon brach die Sonne +durch den Dunst und vergoldete überall die Spitzen des Gesteins. Da nahm +Hinzelmeier seine Tabakspfeife aus der Tasche und die blauen Wolken vor +sich hinblasend, rief er triumphierend: "Den Stein des Anstoßes habe ich +aus der Welt geschossen; wohlan! der Stein der Weisen kann mir nicht +entgehen!" + +Dann setzte er seine Wanderung fort und Krahirius flog zu seinen Häuptern. + + + + +Die Rosenjungfrau + + +Aber er wanderte hin und her, kreuz und quer, er wurde müder und müder, +sein Rücken wurde gekrümmt; aber immer fand er doch den Stein der Weisen +nicht. So waren neun Jahre dahingegangen, als er eines Abends in ein +Wirtshaus einkehrte, welches am Eingange einer großen Stadt gelegen war. +Krahirius nahm sich mit der Klaue die Brille herunter und putzte sie an +seinen Flügeln; dann setzte er sie wieder auf und hüpfte in die Küche. +Als die Hausleute ihn sahen, lachten sie über seine Brille, nannten +ihn? Herr Professor? und warfen ihm die fettsten Bissen vor. + +"Wenn Ihr der Herr des Vogels seid", sagte der Wirt zu Hinzelmeier, "so +ist nach Euch gefragt worden." + +"Freilich bin ich das--" sagte Hinzelmeier. + +"Wie heißt Ihr denn?" + +"Ich heiße Hinzelmeier." + +"Ei, ei", sagte der Wirt, "Ihren Herrn Sohn, den Gemahl der schönen Frau +Abel, den kenne ich recht wohl." + +"Das ist mein Vater", sagte Hinzelmeier verdrießlich, "und die schöne Frau +Abel ist meine Mutter." + +Da lachten die Leute und sagten, der Herr sei außerordentlich spaßhaft. +Hinzelmeier aber sah vor Zorn in einen blanken Kessel. + +Da starrte ihm ein grämliches Angesicht entgegen, voll Runzeln und +Hahnepfötchen und er gewahrte nun wohl, daß er abscheulich alt geworden +sei. + +"Ja. ja!" rief er und schüttelte sich, als gelte es aus einem schweren +Traum zu kommen; "wo war es doch? Ich war ja dicht davor." Dann +erkundigte er sich bei dem Wirte, wer nach ihm gefragt habe. + +"Es war nur eine arme Dirne", sagte der Wirt, "sie trug ein weißes Kleid +und ging mit nackten Füßen." + +"Das war die Rosenjungfrau!" rief Hinzelmeier. + +"Ja", antwortete der Wirt, "ein Sträußermädel mag es wohl sein, sie hatte +aber nur noch eine Rose in ihrem Körbchen." + +"Wohin ist sie gegangen?" rief Hinzelmeier. + +"Wenn Ihr sie sprechen müßt", sagte der Wirt, "so werdet Ihr sie schon in +der Stadt an einer Straßenecke finden können." + +Als Hinzelmeier das gehört hatte, schritt er eilig zum Hause hinaus und in +die Stadt hinein; Krahirius, die Brille auf dem Schnabel, flog krächzend +hinterher. Es ging aus einer Straße in die andere und an allen Ecksteinen +standen Blumenmädchen; aber sie trugen plumpe Schnallenschuhe und boten +schreiend ihre Ware feil. Das waren keine Rosenjungfrauen.--Endlich, als +schon die Sonne hinter den Häusern hinab war, gelangte Hinzelmeier an ein +altes Haus, aus dessen offener Tür ein zartes Leuchten auf die dämmerige +Gasse herausdrang. Krahirius warf den Kopf zurück und schlug ängstlich +mit den Flügeln; Hinzelmeier aber achtete dessen nicht und trat über die +Schwelle in einen weiten Hausflur, der ganz von rotem Schimmer erfüllt war. +Tief im Hintergrunde, auf der untersten Stufe einer Wendeltreppe, sah er +ein blasses Mädchen sitzen; in einem Körbchen, das sie auf ihrem Schoße +hielt, lag eine rote Rose, aus deren Kelch das zarte Licht hervorbrach. +Das Mädchen schien ermüdet; denn sie setzte eben die Lippen von einem +irdenen Wasserkruge, der ihr von einem kleinen Knaben mit beiden Händen +vorgehalten wurde. Ein großer Hund, der neben ihr an der Treppe lag und +wie das Kind, hier zu Hause zu gehören schien, legte den Kopf an ihr +weißes Gewand und leckte ihre nackten Füße.--"Das ist sie!" sagte +Hinzelmeier; und seine Schritte wurden unsicher vor Hoffen und Erwarten. +Und als die Jungfrau nun ihr Antlitz gegen ihn erhob, da fiel es ihm wie +Schuppen von den Augen und er erkannte mit einem Mal das Mädchen aus der +Bauernküche; nur trug sie heute nicht das bunte Nfieder und das Rot auf +ihren Wangen war nur der Abglanz von dem Rosenlichte. + +"O du!" rief Hinzelmeier, "nun wird noch alles, alles gut!" + +Sie streckte die Arme nach ihm aus; sie wollte lächeln, aber die Tränen +sprangen ihr in die Augen. "Wo ist Er denn so lange in der Welt +umhergelaufen?" sagte sie. + +Und als er nun in ihre Augen sah, da erschrak er vor lauter Freude; denn +dort stand sein eigenes Bild, aber kein Bild, wie es ihn kurz vorher aus +dem kupfernen Kessel angeglotzt hatte; nein, ein Gesicht, so jung und +frisch und lustig, daß er laut aufjauchzen mußte; er hätte es um alle Welt +nicht lassen können.-Da quoll von der Straße her ein Menschenstrom ins +Haus, schreiend und mit den Händen fechtend. "Hier steht der Herr des +Vogels!" rief ein untersetztes Männlein; dann drangen alle auf Hinzelmeier +ein. + +Dieser faßte die Hand des Mädchens und fragte: "Was ist es mit dem Raben?" + +"Was es ist?" sagte der Dicke, "dem Herrn Bürgermeister hat er die Perücke +gestohlen!"--"Ja, ja!" riefen Alle, "und nun sitzt es draußen auf der +Dachrinne, das Ungetüm und hat die Perücke in den Klauen und glotzt ihre +Wohlweisheit durch seine grünen Brillengläser an!" + +Hinzelmeier wollte reden, aber sie nahmen ihn in ihre Mitte und schoben +ihn gegen die Tür. Mit Schrecken fühlte er die Hand der Rosenjungfrau aus +der seinen gleiten. So kam er auf die Straße. + +Droben auf der Dachrinne des Hauses saß noch immer der Rabe und sah mit +seinen schwarzen Augen lauernd auf die aus dem Hause Kommenden hinab. +Plötzlich öffnete er die Klaue; und während die Bürger mit Stöcken und +Schirmen nach der Perücke ihres Bürgermeisters in der Luft umherlangten, +hörte Hinzelmeier es "krahira, krahira!" über seinem Haupte schwirren und +in demselben Augenblicke saß auch die grüne Brille schon auf seiner Nase. + +Da war auf einmal die Stadt vor seinen Augen verschwunden; aber durch die +Brillengläser sah er zu seinen Füßen ein grünes Tal mit Meierhöfen und +Dörfern. Sonnenbeschienene Wiesen zogen sich rings umher, auf welchen +barfüßige Dirnen mit blanken Milcheimer durch das Gras schritten, während +in weiterer Entfernung von den Dörfern junge Kerle die Sense schwangen. +Was aber Hinzelmeiers Augen fesselte, war die Gestalt eines Menschen in +rot und weißer Bluse, mit einer spitzen Kappe auf dem Kopfe, welcher +inmitten einer Wiese mit auf den Knien gestutzten Armen in nachdenklicher +Stellung auf einem Steine zu sitzen schien. + + + + +Nachbars Kasperle + + +Da dachte Hinzelmeier: "Das ist der Stein der Weisen!" und ging geradewegs +auf ihn zu. Der Mensch aber beharrte in seiner nachdenklichen Stellung, +nur daß er zu Hinzelmeiers Erstaunen seine große Nase wie Gummi elasticum +über das Kinn herabzog. + +"Ei, lieber Herr, was treibt Ihr denn da?" rief Hinzelmeier. + +"Das weiß ich nicht", sagte der Mann, "aber ich habe da eine verwünschte +Glocke an der Mütze, die mich abscheulich im Denken stört." + +"Warum zupft Ihr Euch denn aber so entsetzlich an der Nase?" + +Oh", sagte der Mensch und ließ den Nasenzipfel fahren, daß er mit einem +Klapps wieder in seine alte Form zurückschnellte--"da bitte ich um +Entschuldigung; aber ich leide oftmals an Gedanken, denn ich suche den +Stein der Weisen." + +"Mein Gott!" sagte Hinzelmeier, "da seid Ihr wohl, gar des Nachbars +Kasperle; der gar nicht wieder nach Haus gekommen ist?" + +"Ja", sagte der Mensch und reichte Hinzelmeier die Hand, "der bin ich." + +"Und ich bin Nachbars Hinzelmeier", sagte dieser, "und suche auch den +Stein der Weisen." + +Hierauf reichten sie sich noch einmal die Hände und kreuzten dabei die +Finger auf eine Weise, woran sie sich gegenseitig als Eingeweihte +erkannten. Dann sagte Kasperle: "Ich suche den Stein der Weisen jetzt +nicht mehr." + +"Da reist Ihr vielleicht nach dem Rosengarten?" rief Hinzelmeier. + +"Nein", sagte Kasperle, "ich suche den Stein nicht mehr; aber ich habe ihn +bereits gefunden." + +Da verstummte Hinzelmeier eine ganze Zeit lang; endlich faltete er +andächtig die Hände und sagte feierlich: "Es mußte schon so kommen, ich +wußte es wohl; denn ich habe vor neun Jahren den Teufel aus der Welt +geschossen." + +"Das muß sein Sohn gewesen sein", sagte der Andere, "dem alten Teufel bin +ich noch vorgestern begegnet." + +"Nein", sagte Hinzelmeier, "es war der alte Teufel; denn er hatte Hörner +vor der Stirn und einen Schwanz mit schwarzer Quaste. Aber erzählt mir +doch, wie Ihr den Stein gefunden habt. + +"Das ist einfach", sagte Kasperle; "dort unten im Dorfe wohnen lauter +dumme Leute, die nur mit Schafen und Rindvieh verkehren; sie wußten nicht, +welchen Schatz sie besaßen; da habe ich ihn in einem alten Keller gefunden +und mit drei Sechslingen das Pfund bezahlt. Und nun denke ich bereits +seit gestern darüber nach, wozu er nütze sei und hätte es vermutlich schon +gefunden, wenn mich die verwünschte Glocke nicht dabei gestört hätte." + +"Lieber Herr Kollege!" sagte Hinzelmeier, "das ist eine höchst kritische +Frage, woran vor Euch wohl noch kein Mensch gedacht hat! Aber wo habt Ihr +denn den Stein?" + +"Ich sitze darauf", sagte Kasperle und zeigte aufstehend Hinzelmeiern den +runden, wachsgelben Körper, worauf er bisher gesessen hatte. + +"Ja", sagte Hinzelmeier, "es ist kein Zweifel, Ihr habt ihn wirklich +gefunden; aber nun laßt uns bedenken, wozu er nütze sei." + +Damit setzten sie sich einander gegenüber auf den Boden, indem sie den +Stein zwischen sich nahmen und die Ellenbogen auf ihre Knie stützten. + +So saßen und saßen sie; die Sonne ging unter, der Mond ging auf und noch +immer hatten sie nichts gefunden. Mitunter fragte der Eine: "Habt Ihr's" +aber der Andere schüttelte immer mit dem Kopfe und sagte: "Nein, ich nicht; +habt Ihr's?" und dann antwortete der Andere: "Ich auch nicht." + +Krahirius ging ganz vergnügt im Grase auf und nieder und fing sich Frösche. +Kasperle zupfte sich schon wieder an seiner schönen, großen Nase; da +ging der Mond unter und die Sonne kam herauf; und Hinzelmeier fragte +wieder: "Habt Ihr's?" und Kasperle schüttelte wieder den Kopf und sagte: +"Nein, ich nicht, habt Ihr's?" und Hinzelmeier antwortete trübselig: "Ich +auch nicht." + +Dann dachten sie wieder eine ganze Weile nach; endlich sagte Hinzelmeier: +"So müssen wir erst die Brille polieren, dann werden wir hernach schon +sehen, wozu er nütze sei." Und kaum hatte Hinzelmeier seine Brille +abgenommen, so ließ er sie vor Erstaunen ins Gras fallen und rief: "Ich +hab es! Herr Kollege, man muß ihn essen! Nehmt nur gefälligst die Brille +von Eurer schönen Nase." + +Da nahm auch Kasperle die Brille herunter und nachdem er seinen Stein eine +Weile betrachtet hatte, sagte er: "Dieses ist ein sogenannter Lederkäse +und muß mit des Himmels Hilfe gegessen werden. Bedienen Sie sich, Herr +Kollege!" + +Und nun zogen beide ihre Messer aus der Tasche und hieben wacker in den +Käse ein. Krahirius kam herbeigeflogen und nachdem er die Brille aus dem +Grase aufgesammelt und über seinen Schnabel geklemmt hatte, setzte er sich +gemächlich zwischen die Essenden und schnappte nach den Rinden. + +"Ich weiß nicht", sagte Hinzelmeier, nachdem der Käse verzehrt war, "mir +ist unmaßgeblich zumute, als wäre ich dem Stein der Weisen um ein +Erkleckliches näher gerückt." + +"Wertester Herr Kollege", erwiderte Kasperle, "Ihr sprecht mir aus der +Seele. So laßt uns denn ungesäumt unsere Wanderung fortsetzen." + +Nach diesen Worten umarmten sie sich; Kasperle ging nach Westen, +Hinzelmeier nach Osten und zu seinen Häupten, die Brille auf dem Schnabel, +flog Krahirius. + + + + +Der Stein der Weisen + + +Aber er wanderte hin und her, kreuz und quer, sein Haar ergraute, seine +Beine wurden wankend; am Stabe ging er von Land zu Land und immer fand er +doch den Stein der Weisen nicht. So waren noch einmal neun Jahre +vergangen, als er eines Abends, wie er es jeden Abend zu tun pflegte, in +ein Wirtshaus trat. Krahirius putzte wie gewöhnlich seine Brille und +hüpfte dann in die Küche um sich sein Abendbrot zu betteln. Hinzelmeier +trat in die Stube und lehnte seinen Stab in die Kachelofenecke; dann +setzte er sich still und müde in den großen Lehnstuhl. Der Wirt stellte +einen Krug Wein vor ihn hin und sagte freundlich: "Ihr scheint müde, +lieber Herr; trinket nur, das wird Euch stärken!" + +"Ja", sagte Hinzelmeier und faßte den Krug mit beiden Händen, "sehr müde; +ich bin lange gewandert, sehr lange." Dann schloß er die Augen und tat +einen durstigen Zug aus dem Weinkruge. + +"Wenn Ihr der Herr des Vogels seid, so glaube ich fast, es ist nach Euch +gefragt worden", sagte der Wirt. "Wie heißt Ihr denn, lieber Herr?" + +"Ich heiße Hinzelmeier." + +"Nun", sagte der Wirt, "Euren Enkel, den Gemahl der schönen Frau Abel, den +kenne ich recht wohl." + +"Das ist mein Vater", sagte Hinzelmeier, "und die schöne Frau Abel ist +meine Mutter." + +Der Wirt zuckte mit den Achseln und indem er sich nach seiner Schenke +wandte, sagte er bei sich selber: "Der arme alte Mann ist kindisch +geworden." + +Hinzelmeier ließ den Kopf auf seine Brust sinken und erkundigte sich, wer +nach ihm gefragt habe. + +"Es war nur eine arme Dirne", sagte der Wirt, "sie trug ein weißes Kleid +und ging mit nackten Füßen." Da lächelte Hinzelmeier und sagte leise: "Das +war die Rosenjungfrau, nun wird es bald besser werden. Wohin ist sie +gegangen?" + +"Es schien ein Blumenmädchen zu sein", sagte der Wirt, "wenn Ihr sie +sprechen wollt, Ihr werdet sie leicht an den Straßenecken finden können." + +"Ich muß ein Weilchen schlafen", sagte Hinzelmeier, "gebt mir eine Kammer +und wenn der Hahn kräht, dann klopft an meine Tür." + +Nun gab der Wirt ihm eine Kammer und Hinzelmeier legte sich zur Ruhe. Er +träumte von seiner schönen Mutter; er lächelte, sie sprach im Traum zu ihm. +Da flog Krahirius durch das offene Fenster und setzte sich zu seinen +Häupten auf das Bett. Er sträubte seine schwarzen Federn und hackte mit +seiner Klaue sich die Brille von dem Schnabel. Dann stand er unbeweglich +auf einem Bein und sah auf den Schlafenden hinunter. Der träumte weiter +und seine schöne Mutter sprach zu ihm: "Vergiß die Rose nicht!" Der +Schlafende nickte leise mit dem Kopfe; der Rabe aber öffnete die Klaue und +ließ die Brille auf seine Nase fallen. + +Da verwandelten sich seine Träume; seine eingefallenen Wangen begannen zu +zucken, er streckte sich lang aus und stöhnte.--So kam die Nacht. + +Als im Zwielicht der Hahn gekräht hatte, klopfte der Wirt an die Kammertür; +Krahirius reckte die Flügel und zupfte seinen Federbalg zurecht; dann +schrie er "krahira! krahira!" Hinzelmeier richtete sich mühsam auf und +starrte um sich her; da sah er durch die Brille, die noch auf seiner Nase +saß, zur Kammertür hinaus, über ein weites, ödes Feld; dann weiterhin auf +einen mählich ansteigenden Hügel; auf diesem, unter dem Rumpfe einer alten +Weide, lag ein grauer, flacher Stein; die Gegend war einsam, kein Mensch +zu sehen. + +"Das ist der Stein der Weisen!" sagte Hinzelmeier zu sich selber. +"Endlich, endlich wird er dennoch mein werden!" + +Hastig warf er seine Kleider über, nahm Stab und Ranzen und schritt zur +Tür hinaus. Krahirius flog zu seinen Häupten, knappte mit dem Schnabel +und schlug beim Fliegen Purzelbäume in der Luft. So wanderten sie viele +Stunden. Endlich schienen sie ihrem Ziele näher zu kommen; aber +Hinzelmeier war ermüdet, seine Brust keuchte, der Schweiß troff von seinen +weißen Haaren; er stand still und stützte sich auf seinen Stab. Da kam +aus der Ferne, hinter ihm, ganz aus der Ferne, fast wie ein Traum, ein +Gesang zu ihm herüber: + +Rinke, ranke, Rosenschein, +Laß ihn nicht allein, allein! +Halt ihn fest und hol ihn ein, +Rinke, ranke, Rosenschein. + +Das spann sich wie ein goldenes Netz um ihn her; er ließ den Kopf auf +seine Brust sinken; aber Krahirius schrie: "krahira! krahira!" da war das +Lied verschollen und als Hinzelmeier die Augen wieder aufschlug, stand er +am Fuße des Hügels. + +"Nur eine kleine Weile noch", sagte er zu sich selber und ließ noch einmal +seine müden Füße wandern. Als er aber den großen, breiten Stein +allmählich in der Nähe sah, da dachte er: "Den wirst du nimmer heben." + +Endlich hatten sie die Höhe erreicht, Krahirius flog voran mit +ausgebreiteten Schwingen und ließ sich auf den Baumstamm nieder; +Hinzelmeier wankte zitternd hinterher. Als er aber den Baum erreicht +hatte, brach er zusammen, der Wanderstab glatt aus seiner Hand, sein Kopf +sank auf den Stein zurück; doch in demselben Augenblick fiel auch die +Brille von seiner Nase. Da sah er tief am Horizonte, am Rande der öden +Ebene, die er durchwandert hatte, die weiße Gestalt der Rosenjungfrau; und +noch einmal hörte er aus weiter Ferne: + +Rinke--ranke--Rosenschein. + +Er wollte aufstehen, aber er vermochte es nicht mehr; er streckte seine +Arme aus, aber ein Frösteln lief über seine Glieder; der Himmel wurde grau +und grauer, der Schnee fing an zu fallen, Flocke um Flocke, es schimmerte +und flirrte und zog weiße Schleier zwischen ihm und der fernen, +nebelhaften Gestalt. Er ließ die Arme fallen, seine Augen sanken ein, +sein Atem hörte auf. Auf dem Weidenstumpf zu seinen Häupten steckte der +Rabe den Schnabel zum Schlaf in seine Flügeldecken.--Der Schnee fiel über +sie beide. + +Die Nacht kam und nach der Nacht kam der Morgen und mit dem Morgen kam die +Sonne, die schmolz den Schnee hinweg und mit der Sonne kam die +Rosenjungfrau; die löste ihre Flechten und kniete neben dem Toten, daß die +blonden Haare sein bleiches Antlitz ganz bedeckten und weinte, bis der Tag +verging. Als aber die Sonne erlosch, gurrte der Rabe im Schlaf und +rauschte mit den Federn. Da richtete die zarte Gestalt der Jungfrau sich +vom Boden auf, mit ihrer weißen Hand ergriff sie den Raben bei den Flügeln +und schleuderte ihn in die Luft, daß er krächzend in den grauen Himmel +hineinflog, sie pflanzte die rote Rose an den Stein und sang dazu: + +"Nun streck die Würzlein tief hinab, +Nun wirf die Blättlein übers Grab, +Und singt der Wind im Abendschein, +Dann sprich auch du ein Wort darein, +Mit rinke, ranke, Rosenschein!" + +Dann zerriß sie ihr weißes Kleid vom Saum bis an den Gürtel und ging zu +ewiger Gefangenschaft in den Rosengarten zurück. + + + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Hinzelmeier, von Theodor Storm. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Hinzelmeier, by Theodor Stein + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HINZELMEIER *** + +This file should be named 8915-8.txt or 8915-8.zip + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau. + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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