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You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Grosse und Kleine Welt + +Author: Honore De Balzac + +Release Date: September, 2005 [EBook #8803] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on August 10, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO Latin-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GROSSE UND KLEINE WELT *** + + + + +Produced by Charles Aldorondo, Tiffany Vergon, Charlie Kirschner and +the Online Distributed Proofreading Team. + + + + +HONORÉ DE BALZAC + + +GROSSE UND KLEINE WELT + + +MIT HOLZSCHNITTEN VON DAUMIER UND GAVARNI + + + + +PIERRE GRASSOU + + + +Wer als ernsthafter Betrachter die Kunstausstellungen, die nach der +Revolution von 1830 stattfanden, besucht hat, wird sich beim Anschauen +der endlosen, überhäuften Galerien kaum eines Gefühls des Unbehagens +und der Langeweile, vielleicht sogar der Trauer haben erwehren können. +Seit 1830 gibt es keinen "Salon" mehr. Der Louvre ist ein zweites Mal +erstürmt worden durch die Künstler; und sie haben es verstanden, sich +dort zu behaupten. Die Zulassung zum "Salon" bedeutete ehemals für den +kleinen Kreis, der in Frage kam, bereits eine hohe Auszeichnung, und +über die bedeutendsten der etwa zweihundert Bilder, die ausgewählt +worden, entspann sich beim Publikum und bei der Kritik ein +leidenschaftlicher Widerstreit der Meinungen. Die Überfülle der +Gemälde, vor die sich heute der Besucher gestellt sieht, erschöpft +seine Aufmerksamkeit, und die Ausstellung wird geschlossen, bevor er +aus der Menge das wenige Gute ausfindig gemacht hat. Statt eines +Ritterspiels haben wir einen Volksjahrmarkt, statt eines künstlerischen +Ereignisses ein lautes Warenhaus, statt sorgfältiger Auslese--alles. +Was ist die Folge? In der Menge verliert sich das Genie. Der Katalog +ist zu einem dicken Buch angewachsen, in dem mancher Name auch dadurch +nicht bekannter wird, daß zehn oder zwölf ausgestellte Bilder dahinter +aufgeführt sind. Unter allen aber am unbekanntesten ist vielleicht +derjenige des Malers Pierre Grassou aus Fougères, den man in der +Künstlerwelt einfach Fougères nennt. + +Fougères wohnte 1832 im vierten Stockwerk eines jener hohen, schmalen +Häuser der Rue de Navarin, die aussehen wie der Obelisk von Luxor. Sie +besitzen einen Hausflur, eine enge, düstere, halsbrecherische +Wendeltreppe, in jedem Stock nicht mehr als drei Fenster und einen Hof, +der nicht mehr als ein viereckiger Schacht ist. + +Über den drei oder vier Räumen, die Grassou von Fougères bewohnte, lag +ein Atelier, dessen Fenster auf Montmartre hinausgingen. Die Wände +waren rot gestrichen, der Boden braun gewächst, auf jedem Stuhl lag ein +gesticktes Deckchen, das altmodische Sofa war sauber wie das im +Schlafzimmer einer Krämerin. Alles ließ auf das wohlgeordnete Dasein +eines gesetzten Bürgers von engem Horizont schließen. Das Atelier +enthielt außerdem eine Kommode zum Aufbewahren der Malgeräte, einen +Frühstückstisch, einen Schreibtisch und einen großen Ofen, ferner die +zum Malen erforderlichen Gegenstände. Alles dies war sauber und in +guter Ordnung. + +Eines Tages zu Anfang Dezember, dieses für den Porträtisten besonders +günstigen Monats, war Pierre Grassou frühzeitig aufgestanden, hatte den +Ofen angezündet, die Palette hergerichtet, und wartete nun, daß die +Scheiben des Atelierfensters auftauen würden, um das Tageslicht +ungehindert einzulassen. Unterdessen verzehrte er gedankenlos sein +Frühstück, ein in Milch getunktes Hörnchen. + +Da klang von der Treppe her ein wohlbekannter Schritt. Als der Maler +eben mit der Arbeit beginnen wollte, überraschte ihn Elias Magus, +Bilderhändler und Leinwandwucherer. + +"Wie gehts, alter Halunke?" begrüßte ihn Grassou. Elias nahm ihm seine +Gemälde ab, das Stück für zweibis dreihundert Francs. Sie liebten es, +im Verkehr mit einander sich des sogenannten Künstlertons zu bedienen. + +"Schlechte Geschäfte," sagte Elias. "Ihr Künstler stellt unverschämte +Forderungen. Wenn Ihr für sechs Sous Farbe auf die Leinwand klext, +verlangt Ihr gleich zweihundert Francs dafür. Aber Sie, Fougères, sind +ein anständiger Kerl. Darum lasse ich Ihnen auch etwas Gutes zukommen." + +"Timeo Danaos et dona ferentes," sagte Fougères; "verstehen Sie +lateinisch?" + +"Nein." + +"Nun, das heißt soviel, als daß die Griechen den Trojanern nichts +anboten, ohne selbst einen Profit dabei zu haben. Und so wirds wohl +auch heute noch sein, Herr Odysseus-Magus!" Diese Worte waren eine +Musterwendung des unter den Malern gebräuchlichen Atelierstils, den +Fougères, wie man sieht, vollkommen beherrschte. + +"Ich verlange doch nicht, daß Sie mir Ihre Bilder umsonst geben sollen! +Sie sind ein ehrenwerter Künstler." + +"Nun--und?" + +"Also kurzum: Ich bringe Ihnen einen Vater, eine Mutter und eine +Tochter." + +"Alle drei auf einen Schlag?" + +"Meiner Treu, ja! Sie wollen sich porträtieren lassen. Diese +Spießbürger, die sich für Kunst begeistern, haben es noch nie gewagt, +ein Atelier zu betreten. Übrigens hat die Tochter eine Mitgift von +hunderttausend Francs zu erwarten. Malen Sie die Leute nur ruhig. +Vielleicht werden es einmal Ihre Familienbilder." Dieser alte Klotz von +Mensch, Elias Magus genannt, unterbrach sich hier mit einem so heiseren +Lachen, daß der Maler erschrak. Es war ihm, als hätte der Teufel selbst +diese Worte vom Heiraten gesprochen. "Fünfhundert Francs sind für jedes +Porträt gezahlt. Sie können also drei Bilder machen." + +"Natürlich, mit Freuden!" rief Fougères. + +"Und sollten Sie die Tochter heiraten, so erinnern Sie sich hoffentlich +meiner." + +"Ich heiraten!?" rief Pierre Grassou. "Wo ich gewohnt bin, ganz allein +schlafen zu gehen und mit der Morgensonne aufzustehen? Ich, der sein +Leben geregelt hat...." + +"Hunderttausend Francs," sagte Magus, "und ein entzückendes Mädchen, +mit Goldton wie ein echter Tizian." + +"Was für Leute sind es?" + +"Der Alte war Kaufmann. Jetzt ist er Kunstliebhaber und Besitzer eines +Landhauses in Ville d'Avray mit zehn--bis zwölftausend Pfund Rente." + +"Und worin bestand sein Handel?" + +"In Flaschen." + +"Beim Himmel, hören Sie auf! Mir ist, als hörte ich schon Pfropfen +knallen...." + +"Darf ich die Leute herbringen?" + +"Drei Porträts.... Ich werde sie in den 'Salon' schicken.... Ich werde +ins Fach des Porträtisten übergehen. Nun denn, in Gottes Namen!" + +Der alte Elias entfernte sich, um die Familie Vervelle zu verständigen. +Werfen wir inzwischen einen Blick auf die Vergangenheit Pierre Grassous +de Fougères, um ermessen zu können, von welcher Bedeutung ein solcher +Auftrag für ihn sein konnte und welchen Eindruck das Ehepaar Vervelle +mit seiner einzigen Tochter auf ihn machen mußte. + +Bei Servin, der in der Künstlerwelt den Ruf als Meister des Stiftes +genoß, hatte Fougères zeichnen gelernt und war dann als Schüler zu +Schinner gegangen, um von ihm in das Geheimnis seiner wunderbaren +Farben eingeweiht zu werden. Aber der Meister gab seinem Schüler nichts +von diesem Geheimnis preis--Pierre entlockte ihm nichts. Hierauf +besuchte er das Atelier Sommervieux, um die Gesetze der Komposition zu +studieren, aber sie blieben ihm ein versiegeltes Buch. Er ging zu +Granet und Drolling, um ihnen die Technik ihrer effektvollen Interieurs +abzusehen, doch vergebens, auch ihnen war nichts zu entreissen. Endlich +beschloß Fougères seine Studienzeit bei Duval-Lecamus. Sein stilles, +gemässigtes Wesen wurde in den Ateliers zur Zielscheibe des Spottes, +doch entwaffnete seine Bescheidenheit und rührende Geduld bald die +Kameraden. Bei den Lehrern fand er wenig Sympathie; sie bevorzugten das +exzentrische, übermütige, sprühende Temperament, oder aber den ernsten, +grüblerischen Charakter, der das Zeichen des Genies ist; bei Fougères +fanden sie nichts als Mittelmäßigkeit. + +Sein Äußeres entsprach seinem Namen, er war fett und plump, mittelgroß +von Gestalt und von blasser Gesichtsfarbe. Er hatte schwarze Haare, +braune Augen, lange Ohren, eine aufwärts gebogene Nase und einen +breiten Mund. Keinem dieser Merkmale seines gesunden aber +ausdruckslosen Gesichtes verlieh sein mildes, leidendes, resigniertes +Wesen irgendwie eine besondere Bedeutung. Ihn beunruhigte weder das +leidenschaftliche Drängen des Blutes, noch die Übermacht der Gedanken, +noch die mächtige Begeisterung, die das Zeichen der genialen Künstler +sind. + +Geboren, ein ehrenwerter Bürger zu sein, war dieser junge Mann nach +Paris gekommen, um hier bei einem Farbenhändler Gehilfe zu werden; aber +in seiner bretonischen Hartnäckigkeit hatte er es sich in den Kopf +gesetzt, Maler zu werden, Gott mag wissen, was er aushielt, wie er es +zuwege brachte, sich durch seine Studienjahre durchzudarben. Er +durchlitt die Entbehrungen der Großen, die das Unglück verfolgt und die +wie wilde Tiere von der Meute der Mittelmäßigkeit und der Neider +verfolgt werden. Kaum meinte er auf eigenen Füßen stehen zu können, so +nahm er ein Atelier in der Rue des Martyrs und fing an, zu arbeiten. Im +Jahre 1819 trat er mit seinem ersten Werk an die Öffentlichkeit. Das +der Jury zur Ausstellung im Louvre eingereichte Gemälde stellte eine +Bauernhochzeit dar und war eine wohlgelungene Nachahmung des bekannten +Bildes von Greuze. Es wurde zurückgewiesen. Fougères, als er diese +enttäuschende Mitteilung erhielt, tobte nicht, wie es die Großen tun, +verfiel auch nicht einer jener epileptischen Anwandlungen, die so +häufig mit einer Herausforderung des Direktors oder des Sekretärs der +Ausstellung oder mit blutdürstigen Drohungen enden. Nichts von alledem +geschah, sondern Fougères nahm seelenruhig seine Leinwand zurück, +bedeckte sie mit seinem Taschentuch und trug sie wieder in sein Atelier +zurück. Aber er schwur es sich zu, ein großer Künstler zu werden. Das +Bild stellte er auf eine Staffelei und begab sich zu seinem früheren +Lehrer Schinner, einem Maler von außerordentlichem Talent, einem +weichen und geduldigen Menschen, dem die letzte Ausstellung des +"Salons" seinen Erfolg garantiert hatte. Grassou bat ihn, er möge das +zurückgewiesene Werk seiner Kritik unterziehen. Der große Maler kam +sofort von seiner Arbeit weg. Kaum hatte er das Bild mit einem Blick +gestreift, drückte er dem armen Fougères die Hand: "Guter Junge, du +hast ein Herz von Gold, man darf dich nicht hintergehen. Also höre: du +hast alles gehalten, was du als Schüler versprachst. Mein lieber +Fougères, statt daß man etwas Derartiges zusammenpinselt, tut man +besser, den andern nicht Farbe und Leinwand zu stehlen. Sattle um, +solange es noch Zeit ist! Zieh dir eine Schlafmütze über und kriech um +neun Uhr ins Bett. Morgen aber, gegen zehn, gehst du zu irgend einem +Bureau und suchst dir einen Posten. Von der Kunst aber laß die Finger!" + +"Mein Freund," sagte Fougères, "mein Werk ist bereits verurteilt +worden, und ich bat dich nicht, es zu tadeln, sondern mir die Gründe +für seine Ablehnung auseinanderzusetzen." + +"Nun also: du hast keine Farbe, du malst alles grau und tot, du siehst +die Natur durch einen Schleier. In der Zeichnung bist du grob und +ungeschickt, in der Komposition kopierst du Greuze, den zu verbessern +du nicht berufen bist." Als Schinner die Fehler des Bildes aufzählte, +bemerkte er in den Zügen des jungen Malers den Ausdruck einer so tiefen +Traurigkeit, daß er ihn zum Mittagessen einlud und ihn zu trösten +suchte. + +Am nächsten Tage saß Fougères schon um sieben in der Frühe vor der +Staffelei und pinselte an seinem verworfenen Bilde herum. Er vertiefte +die Farben, beseitigte die von Schinner gerügten Mängel und arbeitete +die Köpfe besser heraus. Als ihn die Korrekturarbeit anwiderte, trug er +das Bild zu Elias Magus. Dieser Herr Magus war ein holländisch- +belgischer Flame, und in dieser Mischung lag wohl die dreifache +Vorbedingung für das, was er geworden war: geizig und reich. Von +Bordeaux nach Paris gekommen, eröffnete er auf dem Boulevard Bonne- +Nouvelle eine Gemäldehandlung. Das erste Bild, das Pierre ihm brachte, +betrachtete er sehr genau; dann zahlte er ihm fünfzehn Francs dafür. + +Fougères, der von der Palette leben mußte, und, wie es die Jahreszeit +brachte, Brot und Nüsse oder Brot und Milch oder Brot und Kirschen oder +Brot und Käse verzehrte, lächelte und meinte: "Fünfzehn Francs +verdienen und tausend Francs verbrauchen, damit kann man es weit +bringen." + +Elias Magus zuckte die Achseln. Er nagte an den Fingernägeln und +dachte, daß er das Bild auch schon für hundert Sous hätte erhandeln +können. + +Jeden Morgen spazierte Fougères nun von der Rue des Martyrs nach dem +Boulevard Bonnes-Nouvelle hinab und mischte sich der Gemäldehandlung +gegenüber unter die Passanten. Seine Augen hingen an dem Bilde, das +aber selten einmal die Aufmerksamkeit eines Vorübergehenden auf sich +lenkte. Aber eines Morgens, gegen Ende der Woche, war das Bild +verschwunden. Fougères schlenderte die Straße zurück, ging auf die +andere Seite hinüber und schritt gerade auf den Laden zu, indem er tat, +als führe ein Zufall ihn des Weges. Der Händler stand auf der Schwelle. + +"Nun, haben Sie mein Bild verkauft?" + +"Nein," sagte Magus, "ich lasse einen Rahmen darum machen, damit ich es +einem anbieten kann, der glaubt, er verstehe etwas von Bildern." + +Fougères wagte nicht mehr, sich auf dem Boulevard zu zeigen. Er +arbeitete an einem neuen Gemälde. Mit der Unermüdlichkeit eines Mannes +plagte er sich zwei Monate lang wie ein Galeerensklave. Eines Tages +ging er, fast ohne es zu wollen, wieder zum Laden des Magus. Das Bild +war nicht mehr da. + +"Ich habe Ihr Bild verkauft," sagte der Händler. + +"Zu welchem Preise?" + +"Ich habe meine Unkosten eingebracht und noch eine Kleinigkeit daran +verdient. Malen Sie mir flämische Interieurs, eine Anatomiestudie, eine +Landschaft. Ich werde sie Ihnen abkaufen," sagte Magus. + +Fougères wäre dem Alten am liebsten um den Hals gefallen. Er blickte zu +ihm wie zu einem Vater auf. Freude im Herzen, kehrte er heim. Also +hatte der große Schinner sich doch in ihm getäuscht. Noch gab es in +dieser Riesenstadt Herzen, die in gleichem Takt mit seinem eigenen +schlugen. Man erkannte und schätzte seine Begabung. Dieser arme Bursche +von siebenundzwanzig Jahren besaß die Einfalt eines sechzehnjährigen +Jünglings. Jedem andern würde die diabolische Miene des Elias Magus +aufgefallen sein. Das Beben der Bartspitzen, die Haltung des Kopfes +wären ihm nicht entgangen. + +Wie ein Schüler, der eine Dame begleiten darf, stolzierte Fougères mit +freudestrahlendem Gesicht durch die Straßen. Er begegnete seinem +ehemaligen Mitschüler Josef Bridau, einem vom Unglück verfolgten, +vielversprechenden Talente. Da Bridau, wie er erklärte, noch ein paar +Sous in der Tasche hatte, nahm er Fougères mit in die Oper. Aber +Fougères sah nichts von dem Ballet, hörte nichts von der Musik; er +entwarf Bilder, er malte. Noch während der Vorstellung verabschiedete +er sich von seinem Freunde und eilte nach Hause. Er fing an, beim +Schein der Lampe zu skizzieren, erfand dreißig Bilder voll von +Reminiszenzen und hielt sich für ein Genie. + +Gleich am andern Morgen kaufte er Farben und Leinwand in allen Größen. +Brot und Käse stellte er auf den Tisch, füllte den Krug mit frischem +Wasser und häufte Brennholz auf. Dann ging er an die Arbeit. Er hatte +einige Modelle, und Magus lieh ihm ein paar Gewänder. Nach zwei Monaten +vollkommener Zurückgezogenheit hatte der Bretone vier Gemälde +vollendet. Wieder bat er Schinner um sein Urteil und lud auch Josef +Bridau dazu ein. Die beiden Maler bezeichneten die Bilder als treue +Kopien der Holländischen Landschaften und der Interieurs von Metsu, +während das vierte eine mißratene Nachbildung von Rembrandts Anatomie +sei. + +"Nichts als Nachahmungen," sagte Schinner; "Fougères wird es schwerlich +dazu bringen, etwas Eigenes zu geben." + +"Du solltest etwas anderes tun als Bilder malen," sagte Bridau. + +"Was denn?" fragte Fougères. + +"Wirf Dich auf die Literatur," sagte Bridau. + +Fougères ließ den Kopf hängen wie ein Schaf im Regen. Dennoch ließ er +sich einige technische Winke geben und arbeitete danach noch an seinen +Bildern, bevor er sie zu Elias brachte. Dieser zahlte ihm +fünfundzwanzig Francs für das Stück. Fougères verdiente dabei nichts, +verlor aber auch nichts, denn er lebte sehr anspruchslos. + +Wieder nahm er nun seine Spaziergänge auf, um das Schicksal seiner +Bilder zu verfolgen. Da hatte er eine merkwürdige Halluzination: seine +so klar und genau gemalten Bilder, die von der Haltbarkeit des +Eisenblechs und glänzend wie Porzellan waren, schienen wie von einem +grauen Nebel überzogen; sie glichen alten Gemälden. Elias war +ausgegangen, und so konnte sich Fougères keine Erklärung dieses +Phänomens einholen. Er dachte, es müsse eine Täuschung sein. Er kehrte +heim und fing von neuem an, alte Bilder zu malen. + +Nach sieben Jahren unermüdlicher, eifriger Arbeit brachte Fougères es +so weit, daß er erträgliche Bilder komponieren und ausführen konnte. Er +leistete etwas Mittelmäßiges, wie viele andere Maler auch. Elias kaufte +und verkaufte alle diese Bilder des armen Bretonen, der jährlich mühsam +hundert Louis verdiente, während er kaum zwölfhundert Francs +verbrauchte. Bei der Ausstellung des Jahres 1829 wurden Leon de Lora, +Schinner und Bridau, die von großem Einfluß waren und an der Spitze der +künstlerischen Bewegung standen, so ergriffen von der Beharrlichkeit +und der Armut ihres einstigen Kameraden, daß sie eines seiner Bilder +zum großen Salon der Ausstellung zuließen. Dies Gemälde zeigte einen +jungen Sträfling, dem die Haare geschoren wurden. Er saß zwischen einem +Priester und einem jungen und einem alten Weibe, die weinten, während +ein Schreiber ein gestempeltes Schriftstück las. Unberührt standen auf +einem schmutzigen Tische Speisen; zwischen den Gitterstäben eines +hochgelegenen Fensters fiel das erste Tageslicht herein. Ein Etwas in +diesem Bilde mußte die Bürger erschauern lassen--und sie erschauerten. +Unverkennbar war Fougères von Gérard Dous bekanntem Meisterwerk +beeinflußt worden; er hatte die Gruppe im Gemälde "Die wassersüchtige +Frau" zum Fenster gedreht, statt sie von vorne zu zeigen und die +Sterbende durch den Verurteilten ersetzt; es war dasselbe fahle +Gesicht, derselbe Blick, derselbe Aufschrei zu Gott. Statt des +flämischen Arztes hatte er den schwarzgekleideten Schreiber mit seiner +kalten Amtsmiene hingemalt, und dem Mädchen auf dem Bilde Gérard Dous +ein greises Weib zugesellt. Beherrscht wurde die Gruppe von dem brutal +gleichgültigen Gesicht des Henkers. Das Plagiat war raffiniert +ausgeführt, und niemand erkannte es als solches. Der Katalog vermerkte: +"No. 510. Grassou de Fougères, Pierre, 2 Rue de Navarin. Toilette eines +im Jahre 1809 zum Tode verurteilten Verbrechers". + +Trotz seiner Talentlosigkeit wurde dem Bilde ein beispielloser Erfolg +zuteil; erinnerte es doch an den Fall der Heizer von Mortagne. Das +Publikum sammelte sich. Tag für Tag vor dem Bilde, das die Sensation +von Paris bildete. Auch Karl X. blieb davor stehen. Madame, der man von +dem kümmerlichen Dasein des Bretonen erzählt hatte, begeisterte sich +für ihn. Der Herzog von Orleans bemühte sich um das Gemälde. Von +Prälaten hörte Madame la Dauphine, daß das Bild eine gute Moral +enthalte, und es war in der Tat von sympathischen religiösen Gedanken +erfüllt. Monseigneur le Dauphin bewunderte, wie der Staub auf den +Mauersteinen gemalt sei, worin er übrigens irrte, denn Fougères hatte +durch grünliche Reflexe die schimmlige Feuchtigkeit der Wände andeuten +wollen. Madame erwarb das Bild für tausend Francs, und der Dauphin +erteilte dem Künstler den Auftrag auf ein zweites, ähnliches. Fougères, +dessen Vater 1799 für die Sache des Königs gefochten hatte, wurde von +Karl X. durch Verleihung des Ehrenkreuzes ausgezeichnet, während Josef +Bridau, der große Künstler, leer ausging. Der Minister des Innern +übertrug Fougères die Ausführung zweier Kirchengemälde. Somit bedeutete +diese Ausstellung des Salon für Pierre Grassou Reichtum, Ruhm und +Zukunft. Schöpfer sein, heißt am langsamen Feuer schmoren; nachahmen, +das heißt leben! + +Eine Goldquelle hatte sich Grassou eröffnet. In seinem skrupellosen +Mißbrauch der Kunst war er wieder einmal ein Beispiel dafür, daß die +überwältigende Mehrheit der Unfähigen in unseren Tagen überall das +Aufkommen der wahrhaft Begabten erschwert und einen erbarmungslosen +Kampf gegen das wirkliche Talent führt. Fougères wunderte sich selbst +über seinen Erfolg, und seine Bescheidenheit und Schlichtheit ließen +Neid und Mißgunst verstummen. Außerdem hatte er alle Grassous, die +schon ihr Glück gemacht hatten, auf seiner Seite, mehr aber noch jene, +die darauf hofften. Einige waren von der Willenskraft dieses Mannes, +den nichts hatte niederwerfen können, begeistert und sagten: "Man muß +seinen Willen zur Kunst anerkennen! Grassou hat sein Glück nicht +gestohlen; der arme Kerl hat sich zehn Jahre lang hart darum +geschunden!" Alle Glückwünsche, die dem Maler dargebracht wurden, +klangen aus in diesem Ausruf: "Der arme Kerl!" Vom Mitleid wird ja +ebensoviel Mittelmäßigkeit erhoben, als vom Neid Größe und Bedeutung +gestürzt. Die Zeitungen hatten in ihren Kritiken nicht mit bitterer +Schärfe gespart, aber Fougères schluckte sie, ebenso wie die +verbessernden Ratschläge seiner Kameraden, mit Engelsgeduld hinunter. + +Nachdem er sich nun im Besitz von fünfzehntausend Francs sah, die sauer +genug verdient worden waren, richtete er sich in der Rue de Navarin +seine Wohnung und sein Atelier ein und gab sich an das vom Dauphin in +Auftrag gegebene Gemälde. Auch die vom Ministerium bestellten beiden +Kirchenbilder lieferte er so genau am festgesetzten Termin ab, daß der +Minister ebenso wie seine Kasse von der unerwarteten Pünktlichkeit des +Künstlers aufs höchste überrascht und in Verlegenheit gebracht wurde. +Allein den ordnungsliebenden Leuten ist das Glück wohlgesonnen. Hätte +Grassou mit der Ablieferung gesäumt, so wäre er wohl infolge der +Julirevolution niemals bezahlt worden. Mit siebenunddreißig Jahren +hatte Fougères für Elias Magus nahezu zweihundert Bilder fabriziert. +Sie blieben zwar gänzlich unbekannt, aber er war zufrieden damit, und +diese Arbeit hatte sein Schaffen so zum Handwerk gemacht, daß die +Künstler die Achseln zuckten. Die Bürger liebten ihn. Die Freunde +schätzten Fougères wegen seines biederen und mitfühlenden Wesens, wegen +seiner Freundlichkeit und Anhänglichkeit. Während sie seine Palette +mißachteten, achteten sie doch den Mann, der sie hielt. "Ein Jammer, +daß Fougères dem Laster des Malens verfallen ist," sagten die Freunde +untereinander. + +Trotz seiner Talentlosigkeit war Grassou ein schätzenswerter Berater, +wie es auch in der Literatur Leute gibt, die selbst kein brauchbares +Buch zustandebringen, aber einen guten Blick für die Fehler anderer +Werke haben. Dennoch war zwischen dieser Art literarischer Kritik und +der Fougères ein Unterschied; Grassou war im höchsten Grade empfänglich +für das Schöne, er war dankbar dafür, und so kamen seine Ratschläge aus +einem aufrichtigen Empfinden, dem man wirklich vertrauen durfte. + +Seit der Julirevolution schickte Fougères zu jeder Ausstellung ein +Dutzend Bilder, von denen vier oder fünf durch die Jury zugelassen +wurden. Der Maler lebte äußerst bescheiden und hielt sich zur Bedienung +nur eine Haushälterin. Seine einzige Unterhaltung fand er in Besuchen +bei seinen Freunden, im Anschauen von Kunstsammlungen und hin und +wieder in einer kleinen Reise, die ihn aber nie über die Grenzen +Frankreichs hinausführte. Er beabsichtigte aber, sich demnächst in der +Schweiz neue Anregung zu holen. Unser Künstler war ein durchaus +einwandfreier Staatsbürger, der seiner Wehrpflicht genügte, sich zu den +Musterungen einstellte und seine Steuern ebenso wie seine Miete mit +peinlicher Pünktlichkeit entrichtete. + +Da sein Leben in Arbeit und Sorgen aufgegangen war, hatte er keine Zeit +gefunden, an die Liebe zu denken. Dem armen Junggesellen kam es auch +garnicht in den Sinn, sein einsames Leben aufzugeben, und da er nicht +wußte, wie er sein Geld nutzbringend anlegen könne, brachte er jeweils +die Ersparnisse des Quartals zu seinem Notar Cardot. Als die Summe auf +tausend Taler angewachsen war, legte dieser sie als erste Hypothek an. +Der Maler wartete auf den glücklichen Augenblick, wo seine Papiere die +imposante Summe von zweitausend Francs Rente abwerfen würden, um sich +das otium cum dignitate des Künstlers zu geben und Bilder zu malen, oh, +wirkliche, vollendete Kunstwerke. Seine Zukunft, seinen Traum von +Glück, seiner Hoffnungen Superlativ--wollt ihr ihn hören? Mitglied des +Instituts werden und die Rosette der Offiziere der Ehrenlegion +erwerben. Seite an Seite mit Schinner und Leon de Lora sitzen, früher +als Bridau. Eine Rosette im Knopfloch tragen! Welcher Traum!--Welch +kleiner Geist, der nur an diese Dinge denkt!... + +Als Fougères Schritte aus der Treppe vernahm, fuhr er sich durch das +Haar, knöpfte seine flaschengrüne Sammetweste zu und war nicht wenig +entsetzt, als er gleich darauf ein Gesicht vor sich sah, das man in der +Sprache der Ateliers treffend "Melone" nennt. Diese Frucht saß auf +einem mit blauem Tuch bekleideten und mit einem Gehänge klingender +Berlocks geschmückten Kürbis, dem zwei Steckrüben, die man nur +irrtümlicherweise als Beine bezeichnen konnte, zum Gehen dienten. Die +Melone schnaufte wie ein Walroß. Ein echter Künstler hätte den hiermit +charakterisierten kleinen Flaschenhändler unverzüglich vor die Tür +gesetzt, mit dem Bedauern, daß er leider kein Gemüse male. Fougères +aber sah sich seine Kundschaft erst, ohne eine Miene zu verziehen, an, +denn im Vorhemd des Herrn Vervelle prangte ein Diamant von tausend +Talern Wert. Der Blick, den hierauf Fougères dem Magus zuwarf, +bedeutete etwa: "Ein feister Brocken!", während Herr Vervelle die Stirn +runzelte. Der Ehrenmann führte noch zwei andere Gemüsesorten in Gestalt +seiner Frau und seiner Tochter mit sich. Die Gattin glich mit ihrem +mahagonifarbenen Gesicht einer auf unförmlichen Füßen stehenden +Kokosnuß, die nur mit einem Kopf gekrönt und von einem Gürtel +eingeschnürt war. Sie trug ein gelbes Kleid mit schwarzen Streifen. +Ihre geschwollenen Hände staken kokett in unvorstellbaren +Fausthandschuhen, die einem Korporal hätten gehören können. Ihren +riesigen Hut überfluteten mächtige Straußenfedern, und ihre runden +massigen Schultern waren mit Spitzen geschmückt. Dergestalt war die +elfenhafte Erscheinung der Kokosnuß. Die Füße, die man treffender als +Wurzelklötze bezeichnen würde, quollen in sechs Wülsten über die +Lackschuhe hervor. Wie waren sie nur in die Schuhe hineingekommen?! Man +weiß es nicht. + +Ihr folgte ein junger, grün-gelber Spargel, dessen kleinen Kopf eine +von Schleifchen gehaltene, rüben-rote Lockenfrisur zierte. Sie hatte +spindeldürre Arme, einen leidlich weißen Teint, der mit Sommersproßen +übersät war, große Unschuldsaugen mit fahlen Wimpern, fast gar keine +Augenbrauen, einen Florentiner Strohhut, den züchtig zwei von weißen +Satinlitzen eingefaßte Rosetten garnierten, die roten Hände der Tugend +und die Füße der Mutter. + +Aus der beglückten Miene, mit der diese drei Wesen in dem Atelier des +Malers Umschau hielten, verriet sich ihre ehrfürchtige Begeisterung für +die Kunst. + +"Sie also werden uns malen, mein Herr?" fragte der würdige Vater. + +"Ja, mein Herr!" anwortete Grassou. + +"Vervelle, er hat das Ehrenkreuz!" flüsterte die Frau ihrem Manne zu, +als der Maler ihnen den Rücken zuwandte. + +"Glaubst du, ich würde unsere Bilder von einem Maler ohne Auszeichnung +malen lassen?" sagte der gewesene Flaschenhändler. + +Elias Magus verabschiedete sich von der Familie Vervelle und ging. +Grassou begleitete ihn zur Treppe. + +"Das war auch nur Ihnen möglich, solche Kugeln aufzufangen," sagte er. + +"Hunderttausend Francs Mitgift!" sagte Magus. + +"Ja, aber was für eine Familie!" + +"Dreihunderttausend Francs späteres Erbteil, ein Haus in der Rue +Boucherat und ein Landhaus in Ville d'Avray. Sie wären für Lebenszeit +versorgt," sagte Elias. + +Dieser Gedanke durchzuckte Grassous Gehirn wie die Morgensonne seine +Mansarde. + +Während er dem Vater des jungen Mädchens behilflich war, die richtige +Stellung zum Porträtieren einzunehmen, erfreute er sich an dem +gutmütigen Ausdruck dieses Mannes und bewunderte die violetten Farbtöne +dieses Gesichts. Mutter und Tochter flatterten um den Maler herum und +beobachteten voller Entzücken seine Vorbereitungen; er erschien ihnen +wie ein Gott. Fougères gefiel sich in dieser Bewunderung. Das goldne +Kalb strahlte sein phantastisches Licht über diese Familie. + +"Sie müssen unheimliche Summen verdienen, nicht wahr?" sagte die +Mutter. "Aber Sie geben das Geld wahrscheinlich ebenso schnell, wie Sie +es verdienen, wieder aus." + +"Nein, gnädige Frau," erwiderte der Maler, "ich gebe es nicht aus, denn +ich wüßte nicht, wozu. Mein Notar arbeitet mit dem Gelde und führt Buch +darüber; und sobald ich es ihm gegeben habe, denke ich nicht mehr +daran." + +"Ich habe mir sagen lassen," rief Papa Vervelle, "Ihr Künstler wäret +wie die Siebe." + +"Wer ist Ihr Notar, wenn es erlaubt ist?" fragte Frau Vervelle. + +"Oh, ein guter Kerl, der runde Cardot." + +"Aber nein, wie komisch!" lachte Vervelle. "Cardot ist auch unser +Notar." + +"Sie dürfen sich nicht bewegen," sagte der Maler. + +"Aber so bleibe doch ruhig," rief die Gattin. "Du wirst schuld sein, +wenn der Herr einen Fehler macht. Du solltest ihn nur bei der Arbeit +sehen, so würdest Du verstehen...." "Ach Gott! Warum habt Ihr mich +nicht im Malen unterrichten lassen!" sagte Fräulein Vervelle zu den +Eltern. + +"Virginie," rief die Mutter, "es gibt gewisse Dinge, die ein junges +Mädchen nicht kennen darf. Bist Du erst einmal verheiratet--gut! Aber +bis dahin gib Dich zufrieden." + +Diese erste Sitzung genügte, um den ehrenwerten Künstler mit der +Familie Vervelle schon recht befreundet werden zu lassen. In zwei Tagen +sollten die Vervelles wiederkommen. Vater und Mutter ließen Virginie +auf dem Heimweg ein wenig vorausgehen, aber trotz der Entfernung +erlauschte sie folgende Worte, die ihre Neugier erweckten: "Ein +dekorierter Mann ... siebenunddreißig Jahre ... ein Künstler mit +Aufträgen, dessen Geld von unserm Notar verwaltet wird ... wie wäre es, +wenn wir Cardot zu Rate zögen? Ha! Madame de Fougères wäre nicht +übel!... Er sieht nicht aus wie ein übler Mensch.... Du meinst, besser +ein Großhändler? Aber bei einem Kaufmann kannst Du, wenn er sich nicht +bereits vom Geschäft zurückgezogen hat, nie wissen, wie es Deiner +Tochter ergehen wird. Ein sparsamer Künstler dagegen ... außerdem +lieben wir die Kunst ... kurz und gut...." + +Während die Familie Vervelle ihre Eindrücke über den Maler austauschte, +bildete sich auch Fougères seinerseits sein Urteil über die drei. Aber +das Atelier war ihm zu eng und still dazu. Er begab sich auf die Straße +und musterte die rothaarigen Frauen unter den Vorübergehenden, wobei er +die seltsamsten Schlußfolgerungen zog: Gold sei das schönste der +Metalle, und die gelbe Farbe kennzeichne das Gold, die Römer liebten +Frauen mit goldrotem Haar und er fühle wie ein Römer ... und +dergleichen mehr. Welcher Mann kümmert sich, nach zwei Jahren der Ehe +noch um die Haarfarbe seiner Frau? Schönheit vergeht, aber die +Häßlichkeit besteht. Geld ist der halbe Weg zum Glück. + +Als der Maler abends zur Ruhe ging, fand er Virginie Vervelle bereits +entzückend. + +Als die drei Vervelles zur zweiten Sitzung das Atelier betraten, +empfing der Maler sie mit einem liebenswürdigen Lächeln. Der Schelm +hatte heute seinem Bart besondere Aufmerksamkeit gewidmet; seine Wäsche +war blütenweiß; anmutig hatte er sein Haar geordnet, und er trug eine +sehr kleidsame Hose und puterrote Hausschuhe. Sein Gruß wurde von der +Familie ebenfalls mit einem gewinnenden Lächeln beantwortet. Virginie, +die so rot wurde wie ihr Haar, senkte die Augen und wandte den Kopf ab, +als versenke sie sich in die Studien. Pierre Grassou war von diesen +kleinen Zierereien entzückt; er fand Virginie graziös und +glücklicherweise weder ihrem Vater noch ihrer Mutter ähnlich. + +Während der Sitzung entspann sich eine angeregte Unterhaltung zwischen +der Familie und dem Maler, der so kühn war, den Vater Vervelle +geistvoll zu finden. Die Vervelles nahmen mit ihren Schmeichelworten +das Herz des Künstlers im Sturm. Er schenkte Virginie eine seiner +Skizzen und der Mutter eine Studie. "Umsonst?" fragten sie. Pierre +Grassou mußte lachen. "Sie dürfen Ihre Bilder nicht so wegschenken," +sagte Vervelle, "das ist doch so gut wie bares Geld."-- + +Bei der dritten Sitzung erzählte Papa Vervelle von einer schönen + + +Gemäldegalerie, die er sich in seinem Landhaus in Ville d'Avray +zugelegt habe. Sie enthalte Werke von Rubens, Gèrard Dou, Mieris, +Terborch, Rembrandt, Paul Potter, einen Tizian und anderes. "Herr +Vervelle hat sich eine Torheit geleistet," sagte Frau Vervelle sehr +wichtig, "er besitzt für hunderttausend Francs Bilder."--"Ich bin eben +Kunstliebhaber," sagte der ehemalige Flaschenhändler. + +Als der Maler das Porträt der Frau Vervelle begann, nachdem das ihres +Gatten nahezu vollendet war, fand die Bewunderung der Familie kein +Ende. Der Notar hatte von dem Maler eine geradezu glänzende Schilderung +gegeben: Pierre Grassou war in seinen Augen der ehrenwerteste Mann der +Welt, einer der bestsituierten Künstler, der sich bis jetzt +sechsunddreißigtausend Francs zusammengespart habe; die Tage des Elends +seien für ihn vorbei, er habe eine Jahreseinnahme von zehntausend +Francs; alles in allem, es sei ausgeschlossen, daß er eine Frau +unglücklich machen werde. Diese Schlußbemerkung fiel entscheidend in +die Wagschale. Die Vervelles unterhielten ihre Freunde nur noch mit +Gesprächen über den berühmten Fougères. An dem Tage, da Fougères das +Bild Virginiens in Angriff nahm, galt er schon als der zukünftige +Schwiegersohn der Familie. Die drei Vervelles blühten und gediehen in +der Atmosphäre dieses Ateliers, das sie nun schon als eine ihrer +Residenzen ansahen. Eine unerklärliche Anziehungskraft ging von diesem +sauberen, freundlich geordneten Raum auf sie aus. Abyssus, abyssum--der +Bürger zieht den Bürger an. + +Als die Sitzung zu Ende ging, erzitterte die Treppe unter +heraufstürmenden schweren Schritten. Die Türe wurde aufgerissen und +Josef Bridau trat ein. Er war erhitzt und aufgeregt, seine Haare +wehten, sein dicker Schädel glühte. Wie Blitze flogen seine Blicke +umher und er wirbelte alles im Atelier durcheinander, um sich dann +plötzlich an Grassou zu wenden, während er versuchte, den über den +Bauch zusammengezogenen Rock zuzuknöpfen, was nicht gelang, da von dem +betreffenden Knopf nur noch der leere Stoffüberzug vorhanden war. "Das +Holz ist teuer," sagte er zu Grassou. + +"Ah!" + +"Die Gläubiger sind hinter mir her.... Aber sag, malst Du dies Zeug +da?" + +"So schweig doch!" + +"Ach so! Ja!" + +Familie Vervelle fühlte sich durch das ungewöhnliche Auftreten dieses +Menschen im tiefsten verletzt. Ihre natürliche Röte steigerte sich ins +Kirschfarbene und endlich zu flammendem Purpur. + +"Allerdings, so etwas bringt was ein!" begann Bridau wieder. "Hast Du +Geld?" + +"Brauchst Du viel?" + +"Fünfhundert.... Ich bin einem Bluthund von Wucherer in die Finger +gefallen. Wenn so eine Bestie einmal zugepackt hat, so läßt sie nicht +locker, bis sie den Bissen geschluckt hat. Welche Rasse!" + +"Ich werde Dir ein paar Zeilen an meinen Notar mitgeben...." + +"Was, Du hast einen Notar?" + +"Ja!" + +"Nun, dann weiß ich doch wenigstens, warum Du die Wangen mit Rosentönen +malst, die einen Parfümeur begeistern würden." + +Grassou konnte es nicht verhindern, daß er errötete. Virginie verzog +das Gesicht. + +"Warum hältst Du Dich nicht an die Natur?" fuhr der große Maler fort. +"Das Fräulein ist rot--nun also, ist denn das so schlimm? In der Kunst +ist alles schön. Tu Zinnober auf Deine Palette und belebe die Wangen +damit. Pinsele getrost die kleinen braunen Tüpfelchen hin und gib dem +Ganzen etwas mehr Fettglanz. Willst Du mehr Geist haben als die Natur?" + +"Hier...." sagte Fougères, "Du kannst mich ja solange vertreten, +während ich schreibe." + +Vervelle schob seinen Kugelkörper leise an den Tisch heran und beugte +sich zum Ohr des Malers herab. "Dieser Brausekopf wird aber doch alles +verderben!" flüsterte der besorgte Kaufmann. + +"Wenn er das Bild Ihrer Virginie malte," erwiderte Fougères entrüstet, +"so würde es tausendmal besser als meine Arbeit." + +Auf diese Auskunft hin zog Vervelle sich vorsichtig wieder zurück und +begab sich an die Seite seiner Frau, die über diesen Berserker einfach +sprachlos war und sich nur höchst beunruhigt darüber zeigte, daß er an +dem Porträt ihrer Tochter herumwerkelte. + +"So--halte Dich an diese Angaben," sagte Bridau, als er die Palette +gegen das Schreiben eintauschte. "Ich danke Dir nicht weiter! Nun kann +ich doch nach Chateau d'Arthey zurückkehren, wo ich einen Speisesaal +auszuführen habe; Leon de Lora macht die Türfüllungen. Wahre +Meisterwerke! Du solltest uns einmal besuchen!" Er ging ohne Gruß; er +hatte von dem Anblick Virginies genug bekommen. + +"Wer ist denn dieser Mensch?" fragte Madame Vervelle.--"Ein großer +Künstler," antwortete Grassou. Nach einer Minute des Schweigens fragte +Virginie: "Sind Sie auch sicher, daß er an meinem Bilde nichts +verdorben hat? Er hat mich erschreckt!" + +"Er hat es verbessert," antwortete Grassou.--"Wenn dieser ein großer +Künstler ist," sagte Madame Vervelle, "so muß ich doch sagen, daß ich +die großen Künstler Ihrer Art vorziehe."--"Aber Mama, Herr Grassou ist +doch ein viel größerer Maler; er malt mich in ganzer Figur," plapperte +Virginie. Diese braven Leute fühlten sich durch die Allüren des Genies +vor den Kopf gestoßen.-- + +Es war im Spätsommer, als Vervelle sich ein Herz faßte und den Maler +zum nächsten Sonntag auf sein Landhaus einlud. "Ich weiß ja," sagte er +bescheiden, "daß wir Bürgersleute einem Künstler nicht viel Anziehendes +bieten können. Die Künstler brauchen Anregung, Schaugepränge und eine +Umgebung geistvoller Personen. Bei mir werden Sie nichts finden als +einen guten Wein; ich hoffe aber auch, daß meine Gemäldegalerie Ihnen +hilft, die Langeweile zu verscheuchen, die einen Künstler wie Sie unter +so einfachen Leuten befallen könnte." + +Es entzückte den armen Pierre Grassou, der so wenig an Lobeserhebungen +gewöhnt war, sich so gefeiert zu sehen. Dieser gütige Mensch, dieser +kaum mittelmäßige Künstler, dies goldene Herz, diese treue Seele, +dieser miserable Zeichner und brave Junge, den der königliche Orden der +Ehrenlegion zierte, warf sich in Gala, um die letzten schönen Tage des +Jahres in Ville d'Avray zu genießen. Er fuhr bescheiden im Omnibus. Das +Schlößchen des ehemaligen Flaschenhändlers, das auf der Höhe von Ville +d'Avray, dem schönsten Punkt der Ortschaft, mitten in einem fünf Morgen +großen Park lag, erregte Grassous höchste Bewunderung. Virginie +heiraten, hieß also, eines Tages Besitzer dieser schönen Villa werden! + +Von den Vervelles wurde er mit so begeisterter Freude, Liebenswürdigkeit +und ungeschickter Herzlichkeit aufgenommen, daß er sich beschämt fühlte. +Es war ein Tag des Triumphes für ihn. In den zu Ehren des hohen Besuches +sorgfältig geharkten Wegen führte man seine Zukunftspläne spazieren. + +Sogar die Bäume sahen aus, als ob sie gekämmt worden wären. Die +Rasenplätze waren frisch gemäht. Durch die reine Landluft schwebten +verheißungsvoll wunderbare Küchengerüche herüber. Alles im Hause schien +sich zuzuflüstern: "Wir haben einen großen Künstler zu Gast!" Papa +Vervelle kugelte wie ein Apfel durch seinen Park, die Tochter +schlängelte sich wie ein Aal daher, und die Mutter folgte mit +wichtigtuerischer Miene hinterdrein. + +Unermüdlich beschäftigten die drei Leute sich ohne Unterbrechung sieben +Stunden lang um ihren Gast. Auf das Diner, das sich in seiner +köstlichen Reichhaltigkeit sehr in die Länge zog, folgte der große Coup +des Tages, die Besichtigung der Galerie. Drei Nachbarn, ehemalige +Kaufleute, ein Erbonkel, den man zu Ehren des großen Künstlers +eingeladen hatte, ein altes Fräulein Vervelle und die Gastgeber selbst +folgten dem Maler in die Galerie. Sie waren alle begierig, sein Urteil +über die berühmte Sammlung des kleinen Papa Vervelle zu hören und über +den fabelhaften Wert der Bilder Gewißheit zu erlangen. Es schien, daß +der Flaschenhändler mit König Louis Philipp und den Galerien von +Versailles hatte wetteifern wollen. An den kostbaren Rahmen waren +kleine Täfelchen angebracht, die auf goldenem Grund schwarze +Aufschriften trugen. Sie lauteten: "Rubens, Tanz der Faune und +Nymphen."--"Rembrandt, Inneres eines Anatomiesaales.--Dr. Tromp mit +seinen Schülern." Die Galerie wurde durch Lampen erhellt, die besondere +Beleuchtungseffekte erzielen sollten. Sie enthielt hundertfünfzig alte, +verstaubte Gemälde. Vor einigen hingen grüne Vorhänge, die man in +Gegenwart der jungen Leute geschlossen ließ. Der Künstler stand da, die +Arme verschränkt und mit offenem Munde; er war sprachlos: in dieser +Galerie fand er die Hälfte seiner eigenen Bilder wieder. Rubens, Paul +Potter, Mieris, Gerard Dou,--zwanzig der größten Meister waren Werke +seiner Hand. + +"Mein Gott! Was fehlt Ihnen? Wie bleich Sie geworden sind! Schnell ein +Glas Wasser, Kind!" rief Mutter Vervelle. Der Maler zog Papa Vervelle +am Rockknopf in einen Winkel der Galerie, unter dem Vorwand, einen +Murillo betrachten zu wollen; die Bilder der Spanier waren damals in +Mode. "Sagen Sie, haben Sie diese Gemälde bei Elias Magus erstanden?" +--"Ja, lauter Originale!" + +"Unter uns gesagt, zu welchem Preise hat er Ihnen diejenigen verkauft, +die ich Ihnen jetzt bezeichnen werde?" Sie machten nebeneinander einen +Rundgang durch den Raum. Die Gäste waren entzückt davon, mit welchem +Ernst der Künstler sich an der Seite seines Gastgebers dem Studium der +Meisterwerke hingab. "Dreitausend Francs!" sagte Vervelle mit +flüsternder Stimme, als sie vor dem letzten Bilde angelangt waren, +"aber ich gab ihm viertausend dafür."--"Einen Tizian für viertausend +Francs?" sagte der Maler mit erhobener Stimme; "aber das wäre ja +geschenkt!"--"Wie ich Ihnen sagte. Ich besitze hier für zusammen +hunderttausend Taler Bilder!" rief Vervelle. + +"Alle diese Bilder habe ich gemalt," sagte Pierre Grassou ihm ins Ohr, +"und ich habe für alle zusammen nicht mehr als zehntausend Francs +bekommen." "Beweisen Sie mir das," sagte der Flaschenhändler, "und ich +werde die Mitgift meiner Tochter verdoppeln, denn dann sind Sie ja +Rubens, Rembrandt, Terborch, Tizian in einer Person!" + +"Und unser Magus ist ein höchst talentierter Bilderhändler!" meinte der +Maler, der nun endlich begriff, warum seine Bilder im Laden des Elias +ein so merkwürdiges Aussehen bekamen und weshalb der Alte immer so +sonderbare Motive von ihm verlangt hatte. + +Wollte man nun annehmen, daß Herr von Fougères--auf diesen Namen +bestand seine Familie--bei seinen Bewunderern an Hochachtung eingebüßt +hätte, so irrte man darin. Sein Ansehen stieg über alles Maß. Die +Porträts der Familie Vervelle führte der Glückliche aber nun +unentgeltlich aus und brachte sie seinem Schwiegervater, seiner +Schwiegermutter und seiner jungen Gattin als Geschenk dar.... Pierre +Grassou, der heute bei keiner Ausstellung fehlt, gilt in der Welt der +Kleinbürger als ein guter Porträtmaler. Er hat ein Einkommen von +zwölfhundert Francs im Jahre und bekleckst für fünfhundert Francs +Leinwand. Seine Frau hat eine jährliche Rente von sechstausend Francs +als Mitgift bekommen und die Eheleute wohnen im Hause der Schwieger- +eltern. Die Vervelles und die Grassous verstehen sich ganz ausgezeichnet +miteinander; sie halten sich eine gemeinsame Equipage und sind die +glücklichsten Menschen von der Welt. Wo Pierre Grassou in bürgerlicher +Sphäre eine Gesellschaft besucht, wird er als der größte Künstler seiner +Zeit gefeiert. Von der Barrière du Trône bis zur Rue du Temple wird kein +Familienbild in Auftrag gegeben, das nicht dieser große Maler ausführt +und sich mit mindestens fünfhundert Francs bezahlen läßt. Fragt man die +Bürger, warum sie gerade ihm den Vorzug geben, so antworten sie: "Man +mag sagen, was man will, er ist ein Mann, der im Jahre seine zwanzig- +tausend Francs zum Notar bringt!" + +Da Grassou sich bei den Aufständen am 12 Mai trefflich gehalten hatte, +wurde er zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. Er ist Bataillonschef +der Nationalgarde. Es blieb nicht aus, daß das Museum von Versailles +einem so ausgezeichneten Staatsbürger ein Schlachtengemälde in Auftrag +gab. Fougères trug seine Freude vor ganz Paris zur Schau und erzählte +seinen ehemaligen Kameraden, die ihm begegneten, mit gleichgültiger +Miene: "Der König hat ein Schlachtengemälde bei mir bestellt." + +Frau von Fougères, die ihren Gatten mit zwei Kindern beschenkt hat, +betet ihn an. Ein ausgezeichneter Gatte und guter Vater ist dieser +Maler, aber er kann nicht den schmerzlichen Gedanken verwinden, daß die +Künstler sich über ihn lustig machen, sein Name in den Ateliers nur als +abschreckendes Beispiel genannt wird, die Presse sich nicht mit seinen +Werken beschäftigt. Doch er arbeitet unentwegt weiter und hegt die +Hoffnung, daß man ihn in die Akademie aufnehmen werde. Und, ein Akt +herzerfreuender Rache, den berühmten Malern kauft er, wenn sie in +Geldverlegenheit sind, ihre Bilder ab. Auf diese Weise tauscht er die +elenden Schinken der Galerie in Ville d'Avray aus gegen wirkliche +Meisterwerke, die nicht von ihm stammen. + + + + +DIE BÖRSE + + +Es gibt eine köstliche Stunde für Herzen, die sich leicht öffnen, für +frische Herzen, die stets jung und zärtlich bleiben, und diese Stunde, +die unbestimmteste und veränderlichste von allen, aus denen ein Tag +besteht, beginnt in dem Augenblick, wo es noch nicht Nacht und nicht +mehr Tag ist. Die Abenddämmerung wirft ihre matten Färbungen und +wunderlichen Beleuchtungen auf alle Gegenstände, und süße Träumereien +entstehen dann, während Licht und Dunkelheit miteinander kämpfen. Das +Schweigen, das fast stets während dieses an Inspirationen reichen +Augenblickes herrscht, macht ihn besonders den Dichtern, Malern und +Bildhauern teuer. Sie sammeln sich, treten ein wenig von ihren Werken +zurück, und da sie nicht mehr daran arbeiten können, so beurteilen sie +sie und berauschen sich mit Wonne an ihren Schöpfungen, deren ganze +Schönheit sich vor dem inneren Auge ihres Genius entfaltet. + +Derjenige, der noch nie während dieses Augenblicks in poetische +Träumereien versunken neben einem Freunde saß, wird nur schwer die +unnennbaren Wohltaten desselben begreifen. Infolge des Halbdunkels +verschwindet der materielle Trug, den die Kunst anwendet, um an die +Wirklichkeit des Lebens glauben zu machen. Der Schatten wird dann +Schatten, Licht ist Licht, das Fleisch wird lebendig, die Augen +leuchten, Blut fließt durch die Adern und die Gewänder der gemalten +Figuren scheinen zu rauschen. Die Einbildungskraft kommt auf wundersame +Weise zu Hilfe, um an die Natürlichkeit der Einzelheiten glauben zu +machen; man sieht nur noch die Schönheit des Werks, und wenn es sich um +ein Gemälde handelt, so scheint es uns, als ob die dargestellten +Personen redeten und sich bewegten. + +Despotisch herrscht in dieser Stunde die Illusion; sie erhebt sich mit +der Nacht. Und ist sie für den Verstand nicht eine Art von Nacht, an +die wir so gern glauben? Die Illusion hat dann Schwingen, sie führt den +Geist in die Welt der Phantasien, in eine Welt, die fruchtbar an +wollüstigen Launen ist, und in welcher der Künstler ganz und gar die +wirkliche Welt vergißt, die Vergangenheit, die Zukunft, sogar sein +Elend. + +In dieser magischen Stunde war es, als ein junger Maler, ein +talentvoller Mann, der in der Kunst nur die Kunst selbst erblickte, die +Doppelleiter bestiegen hatte, deren er sich bediente, um ein großes und +hohes Gemälde zu entwerfen, das bereits zu einem großen Teile vollendet +war. Er beurteilte sich jetzt selbst, bewunderte sich aufrichtig, +überließ sich dem Strome seiner Gedanken und versank in eine jener +Ueberlegungen, die das Herz entzücken und erheben, die ihm schmeicheln +und es trösten. Seine Träumerei dauerte ohne Zweifel lange Zeit; die +Nacht erschien, und sei es nun, daß er von seiner Leiter herabsteigen +wollte, sei es, daß er eine unvorsichtige Bewegung machte, indem er +sich auf ebener Erde glaubte, denn das Ereignis erlaubte ihm nicht, +sich genau an die Ursachen seines Unglücks zu erinnern.... Er fiel. + +Sein Kopf schlug gegen einen Sessel, so daß er das Bewußtsein verlor +und eine Zeit lang regungslos liegen blieb. Wie lange er in diesem +bewußtlosen Zustande verblieb, konnte er selbst nicht angeben. Eine +sanfte Stimme erweckte ihn aus der Betäubung, in die er versunken war. +Als er die Augen aufschlug, drang ein so lebhaftes Licht durch die +Lider, daß er sie sogleich wieder schließen mußte. Nun vernahm er durch +den Schleier hindurch, der seine Sinne gewissermaßen umhüllte, das +Gespräch zweier weiblichen Personen, und fühlte jugendliche schüchterne +Hände sein Haupt betasten. Als er dann sein Bewußtsein vollkommen +wiedergewonnen, vermochte er beim Schein einer altmodischen Lampe das +wonnigste Köpfchen eines jungen Mädchens zu unterscheiden, das er je +gesehen hatte, einen von jenen Köpfen, die man oft für eine Laune des +Pinsels halten möchte, der aber für ihn sein schönes Ideal plötzlich +verwirklichte, denn jeder Künstler hat ein Ideal, und daher eben +entspringt sein Talent. + +Das Antlitz der Unbekannten gehörte gewissermaßen zu dem feinen und +zarten Typus der Schule von Prudhon und besaß überdies jene +phantastische Poesie, mit der Girodet seine Gestalten bekleidet hat. +Die Frische der Schläfen, die Regelmäßigkeit der Brauen, die Reinheit +der Linien, die in allen Zügen dieser Physiognomie kräftig ausgeprägte +Jungfräulichkeit machten gewissermaßen eine vollendete Schöpfung aus +dem jungen Mädchen. Es hatte einen schlanken und geschmeidigen Wuchs, +hatte zarte Formen. Die einfache und saubere Kleidung deutete weder auf +Reichtum noch auf Armut. + +Als der junge Maler die Besinnung wiedererlangt hatte, drückte er seine +Bewunderung durch einen Blick der Überraschung aus und stotterte +verlegene Worte des Dankes. Er fand seine Stirn mit einem Taschentuch +umwunden und erkannte trotz des Geruchs, der den Malerwerkstätten eigen +ist, den starken Duft des Äthers, der ohne Zweifel angewandt war, um +ihn aus seiner Ohnmacht zu wecken. Dann bemerkte er endlich auch noch +eine alte Dame, die den Marquisen des Ancien Regime glich, die eine +Lampe hielt und der jungen Dame Ratschläge gab. + +"Mein Herr," antwortete das junge Mädchen auf eine der Fragen, die der +Maler an sie richtete, während seine Gedanken noch von dem Falle +verwirrt waren, "meine Mutter und ich, wir hörten den dumpfen Fall +eines Körpers in Ihrem Zimmer und glaubten darauf, ein Seufzen zu +unterscheiden; die schreckliche Stille, die darauf folgte, veranlaßte +uns, zu Ihnen herauf zu eilen. Wir fanden den Schlüssel in der Tür und +erlaubten uns, einzutreten, worauf wir Sie bewegungslos auf der Erde +liegen sahen. Im ersten Augenblick fürchteten wir für ihr Leben. Meine +Mutter holte sogleich alles, was für eine Kompresse und zu Ihrer +Wiederbelebung nötig war. Sie sind an der Stirn verletzt ... hier ... +fühlen Sie's?" + +"Ja ... jetzt ..." sagte er. + +"O! es hat nichts zu sagen ..." versetzte die alte Mutter. "Ihr Kopf +ist zum Glück auf die Gliederpuppe gefallen." + +"Ich fühle mich schon wieder besser," antwortete der Maler, "und bedarf +nur eines Wagens, um nach meiner Wohnung zurückzukehren. Die +Türschließerin wird mir einen besorgen...." + +Er wollte seinen Dank gegen die beiden Unbekannten wiederholen, wurde +aber bei jedem Worte von der alten Dame unterbrochen, die zu ihm sagte: +"Mein Herr, vergessen Sie nicht, morgen Blutegel anzusetzen oder sich +schröpfen zu lassen.... Trinken Sie einige Tassen Arnikatee...." + +Das junge Mädchen schwieg. Es betrachtete auf verstohlene Weise den +Maler und die Gemälde der Werkstätte; in seiner Haltung und seinen +Blicken lag eine vollkommene Schicklichkeit. Seine Neugierde glich nur +der Zerstreuung, und seine Augen schienen jenen Anteil auszudrücken, +den das weibliche Geschlecht an jedem Unglücklichen nimmt. Die beiden +Unbekannten schienen die Werke des Malers zu vergessen, während sie in +Gegenwart des leidenden Malers waren, und als er sie hinsichtlich +seiner Lage ermutigt hatte, gingen sie, indem sie sich nach manchem +noch mit einer sanften Besorgnis erkundigten, die jedoch fern von jeder +Vertraulichkeit blieb. Sie richteten keine unbescheidenen Fragen an ihn +und suchten nicht, in ihm den Wunsch zu erwecken, seine Retterinnen +kennen zu lernen. In allen ihren Handlungen lag eine seltene +Natürlichkeit, ein guter Geschmack, und wenn auch ihr edles und +einfaches Benehmen für den Augenblick wenig Wirkung auf den Maler +hervorbrachte, so überraschte es ihn doch lebhaft, als er sich +hinterher die Einzelheiten dieses Auftritts in sein Gedächtnis +zurückrief. + +Als die alte Dame in das Stockwerk hinabgestiegen war, das sich unter +der Werkstätte des Malers befand, sagte sie mit sanfter Stimme: +"Adelaide, Du hast die Tür offen gelassen." + +"Um mir zu Hilfe zu kommen!" antwortete der Maler mit einem Lächeln des +Danks. + +"Meine Mutter! Sie sind zuletzt unten gewesen!..." entgegnete das junge +Mädchen errötend. + +"Sollen wir Sie hinunter begleiten?..." fragte die Mutter den Maler, +"die Treppe ist sehr dunkel!" + +"Ich danke Ihnen, meine Damen ... ich fühle mich vollkommen besser." + +"Halten Sie sich ja an dem Geländer fest!" + +Die beiden Damen blieben auf dem Absatz der Treppe stehen, leuchteten +dem jungen Manne und lauschten auf das Geräusch seiner Schritte. + +Um zu begreifen, wie überraschend und unerwartet dieser ganze Auftritt +für den Maler sein mußte, dürfen wir nur bemerken, daß er erst seit +wenigen Tagen seine Werkstatt in einen Dachraum dieses Hauses verlegt +hatte, das in dem dunkelsten, engsten und kotigsten Teile der Rue de +Surèsne lag, unweit der Magdalenenkirche, und ebenfalls unfern seiner +Wohnung, die sich in der Rue des Champs-Elysées befand. + +Die Berühmtheit, die ihm sein Talent erworben und aus ihm einen der +beliebtesten Künstler gemacht hatte, ließ ihn seine frühere Armut +vergessen und so kannte er die Not allmählich nicht mehr. Statt daher +fern in einer jener entlegenen Werkstätten in der Nähe der Barrièren zu +arbeiten, deren mäßige Miete vordem im Verhältnis zu der Mäßigkeit +seines Verdienstes stand, hatte er einem Wunsche genügt, der mit jedem +Tage bei ihm wach geworden war, und die näher gelegene Werkstatt +gemietet, die ihm weitere Wege ersparte und somit einen Verlust der +Zeit, die für ihn jetzt kostbarer geworden war als je. Niemand in der +Welt würde mehr Teilnahme eingeflößt haben, als Hippolyt Schinner, wenn +er sich dazu hätte verstehen können, sich zu erkennen zu geben; allein +er offenbarte nicht gern die Geheimnisse seines Lebens. + +Er war der Abgott einer armen Mutter, die sich selbst die härtesten +Entbehrungen aufgelegt hatte, um ihn erziehen zu können. Jungfer +Schinner, die Tochter eines Bauern im Elsaß, war nie verheiratet +gewesen. Ihr empfindsames Herz war grausam geknickt durch einen reichen +Mann, der in der Liebe nicht sehr zartfühlend war. Der Tag, an dem sie +als junges Mädchen und in dem ganzen Glanze ihrer Schönheit auf Kosten +ihres Herzens und ihrer schönsten Illusion jene Entzauberung erlitt, +die uns so langsam erreicht und doch auch so schnell, da wir stets erst +so spät als möglich an das Böse glauben wollen, wie uns das Böse immer +noch zu schnell zu kommen scheint, jener Tag war demnach für sie ein +ganzes Jahrhundert des Nachdenkens, sowie zugleich der Tag der frommen +Gedanken und der Entsagung. Sie verschmähte die Almosen dessen, der sie +betrogen hatte, entsagte der Welt und machte sich einen Ruhm aus ihrem +Fehltritt. Sie widmete sich ganz und gar nur der mütterlichen Liebe und +verlangte von dieser, während sie allen weltlichen Genüssen entsagte, +die geheimen Wonnen eines ruhigen und ungekannten Lebens. Sie lebte von +ihrer Arbeit und häufte sich einen Schatz auf in ihrem Sohne. Ein Tag, +eine Stunde vergalt ihr daher später die langen und langsamen Opfer +ihrer Armut. Bei der letzten Ausstellung hatte ihr Sohn, Hippolyt +Schinner, das Kreuz der Ehrenlegion erhalten, und die Zeitungen, die +einmütig das unbekannte Talent feierten, ergingen sich noch immer in +aufrichtigen Lobsprüchen. Die Künstler selbst erkannten in Schinner +einen Meister, und seine Gemälde wurden mit Gold aufgewogen. In seinem +fünfundzwanzigsten Jahre hatte Hippolyt Schinner, dem seine Mutter eine +weibliche Seele, eine große Zartheit der Organe und unendliche +Reichtümer des Herzens vererbt hatte, besser denn je seine Stellung in +der Welt erkannt. Er wollte seiner Mutter alle die Freuden erstatten, +deren sie so lange Zeit entbehrte, lebte daher nur für sie und hoffte, +durch seinen Ruhm und seinen Reichtum auch sie glücklich, reich und +angesehen zu machen. + +Schinner hatte seine Freunde unter den achtenswertesten und +ausgezeichnetsten Männern gewählt; er war peinlich in der Wahl seiner +Bekannten und wollte durch diese seine Stellung noch mehr erhöhen, die +ohnedies schon durch sein Talent eine hohe war. Die hartnäckige Arbeit, +der er sich von seiner Jugend an weihte, hatte ihm den schönen Glauben +erhalten, der die ersten Tage des Lebens schmückt, indem sie ihn zwang, +in der Einsamkeit zu bleiben, bei dieser Mutter der großen Gedanken. +Sein reifender Geist verkannte das tausendfältige Schamgefühl nicht, +das aus einem junge Manne ein besonderes Wesen macht, dessen Herz reich +ist an Glückseligkeiten, an Poesien und jungfräulichen Hoffnungen, ein +Wesen, das schwach erscheint in den Augen stumpfsinniger Menschen, aber +tief ist, weil es einfach ist. Er besaß jenes sanfte und höfliche +Benehmen, das die Herzen gewinnt und selbst die bezaubert, von denen es +nicht begriffen wird. Er war schön gewachsen und seine Stimme hatte +einen silberreinen Ton. Sah man ihn, so fühlte man sich zu ihm +hingezogen durch eine jener moralischen Anziehungskräfte, die unsere +allwissenden Psychologen glücklicherweise noch nicht zu erklären +verstehen; sie hätten in derselben vielleicht eine Erscheinung des +Galvanismus erkannt oder das Spiel irgend eines Fluidums; denn wir +möchten ja jetzt selbst unsere Gefühle durch elektrische oder +magnetische Strömungen erklären. Diese Einzelheiten machen vielleicht +den Männern von kühnem Charakter mit wohlbestellten Halsbinden +begreiflich, warum Hippolyt Schinner nicht eine Frage inbezug auf die +beiden Damen, deren gutes Herz er kennen gelernt hatte, an die +Türsteherin richtete, während der Mann derselben nach dem Ende der Rue +de la Madelaine geeilt war, um einen Wagen zu holen. Obgleich er nur +mit Ja und Nein auf die bei einer solchen Gelegenheit natürlichen +Fragen antwortete, die die Türsteherin im Hinblick auf seinen Unfall +und auf die Hilfeleistung der Mieterinnen im vierten Stock an ihn +richtete, so konnte er dieselbe doch nicht verhindern, dem Instinkt der +Türsteher zu folgen, und sie erzählte ihm nun nach ihrer Weise, was sie +von den beiden Unbekannten wußte. + +"Ach!" sagte sie, "das ist ohne Zweifel Fräulein Leseigneur mit ihrer +Mutter gewesen! Sie wohnen hier seit vier Jahren und wir wissen immer +noch nicht, was sie treiben. Nur des Morgens, bis Mittag etwa, +erscheint eine alte Aufwärterin, die halb taub ist und stumm wie eine +Wand, um sie zu bedienen; abends kommen dann zwei oder drei alte +Herren, die ebenfalls Orden tragen, wie Sie, mein Herr. Der eine hat +eine Kutsche, Bediente und gegen fünfzigtausend Livres Rente. Oft +bleiben die alten Herren bis spät in die Nacht. Übrigens sind sie recht +ruhige Mietleute, wie Sie, mein Herr; aber sparsam; o, ich sage Ihnen, +sie leben gleichsam von Nichts!... Wenn ein Brief kommt, so bezahlen +sie ihn auf der Stelle. Wunderlich ist es, mein Herr, daß die Mutter +anders heißt als die Tochter.... Ach! wenn sie in die Tuilerien gehen, +so überstrahlt das Fräulein alle andern jungen Damen, die jungen Herren +laufen ihr bis vor das Haus nach, sie aber schlägt ihnen die Tür vor +der Nase zu. Na, der Hauseigentümer würde aber auch nicht dulden...." + +Der Wagen war jetzt angekommen; Hippolyt hörte nicht weiter auf die +alte Schwätzerin, sondern fuhr sogleich nach Hause. Seine Mutter, der +er seinen Unglücksfall erzählte, verband nochmals die Wunde an der +Stirn und erlaubte ihm am folgenden Tage nicht, in seine Werkstatt zu +gehen. Sie rief einen Arzt herbei; verschiedene Vorschriften wurden von +demselben gegeben und Hippolyt blieb zwei Tage zu Hause. Währenddessen +rief ihm seine unbeschäftigte Einbildungskraft die Einzelheiten des +Auftrittes ins Gedächtnis zurück, der sich nach seiner Ohnmacht vor +seinen Augen zugetragen hatte. Die Züge des jungen Mädchens schwebten +dabei häufig an seinen Blicken vorüber und dann sah er das gewelkte +Antlitz der Mutter, oder fühlte noch Adelaidens sanfte Hände. Manchmal +erinnerte er sich an eine Bewegung oder einen Blick des Mädchens, das +er anfangs unbeachtet gelassen hatte, deren Erinnerung ihm aber jetzt +eine seltene Anmut enthüllte; ein andermal erinnerte er sich an eine +Stellung oder an den Klang ihrer melodischen Stimme; die Erinnerung +verschönerte die geringsten Zufälligkeiten aus diesem Abschnitt seines +Lebens. Als er am dritten Tage frühzeitig nach seiner Werkstatt eilte, +waren nicht seine begonnenen Gemälde, sondern der Besuch, den er bei +seinen Nachbarinnen abstatten mußte, der wahre Grund seiner Eile. In +dem Augenblicke, in dem sich eine Liebe aus ihrem Keime entwickelt, +werden wir von unerklärlichen Wonnen ergriffen. Das wissen alle, die je +geliebt haben. Mancher Leser wird daher begreifen, weshalb der Maler so +langsam die Stufen zum vierten Stock hinanstieg, weshalb sein Herz so +schnell und heftig schlug, als er die braune Tür der bescheidenen +Wohnung erblickte, in der er Fräulein Leseigneur wußte. Dieses Mädchen, +das den Namen seiner Mutter nicht führte, hatte tausend Sympathien in +dem Herzen des jungen Malers erweckt. Er glaubte, eine Ähnlichkeit +zwischen ihrer Lage und der seinigen zu finden, und stattete sie mit +allen Leiden seins eigenen Ursprungs aus. Er arbeitet und überließ sich +dabei wonnigen Gedanken der Liebe, machte in einer Absicht, die er sich +selbst nicht besonders zu erklären wußte, viel Geräusch, gleichsam als +wolle er die beiden Damen dadurch zwingen, ebenso an ihn zu denken, wie +er an sie dachte. Er blieb sehr lange in seiner Werkstatt, speiste dort +und begab sich dann gegen sieben Uhr zu seinen Nachbarinnen. + +Selten haben uns die Sittenschilderer durch ihre Erzählungen oder +Schriften in das wahrhaft merkwürdige Innere eines gewissen Pariser +Daseins eingeweiht, in das Geheimnis jener Wohnungen nämlich, aus denen +so elegante Toiletten, so strahlende Damen hervorgehen, die, reich nach +außen, zuhause allenthalben die Zeichen eines zweifelhaften Vermögens +erblicken lassen. Wenn wir hier das Gemälde einer solchen Häuslichkeit +mit raschen Pinselstrichen entwerfen, so beschuldige man die Erzählung +nicht etwa der Breite; denn diese Beschreibung bildet gewissermaßen ein +wichtiges Glied der Erzählung. Der Anblick der Wohnung, die die beiden +Damen innehatten, erzeugte einen bedeutenden Einfluß auf Hippolyt +Schinners Gefühle und Hoffnungen. Zunächst zwingt uns die +geschichtliche Wahrheit zu dem Bekenntnis, daß der Besitzer des Hauses +zu jenen Leuten gehörte, die einen tiefen Abscheu gegen alle +Ausbesserungen und Verschönerungen hegen, zu jenen Männern, die ihre +Stellung als Pariser Hauseigentümer gleichsam als einen Stand +betrachten, der in der großen Kette der moralischen Spezies zwischen +den Geizhälsen und Wucherern die gerechte Mitte einnimmt. Optimisten +durch Berechnung, sind sie sämtlich dem System des Status quo des Herrn +von Metternich treu. Spricht man davon, eine Tür, irgend eine +Bekleidung sei zu verändern oder auch nur die notwendigste Ausbesserung +vorzunehmen, so beginnen ihre Augen sich zu trüben, ihre Galle kommt in +Aufregung und sie bäumen sich, gleich erschreckten Pferden. Hat der +Wind einige Ziegeln von ihren Dächern herabgeworfen, so werden sie +krank und vermeiden für einige Zeit den Besuch des Theaters oder +Bierhauses, um das wieder zu ersparen, was die Ausbesserung kostet. + +Hippolyt hatte bei Gelegenheit einiger Ausbesserungen und +Verschönerungen, die in seiner Werkstatt vorzunehmen waren, die +Gratisvorstellung einer komischen Szene von seinem Hauswirte bekommen +und wunderte sich daher nicht über die schwarzen und fetten Töne, über +die öligen Färbungen, über die Flecken und das andere widerwärtige +Zubehör, das sich an dem Holzwerk der Wohnung zeigte. Diese Merkmale +der Armut sind in den Augen eines Künstlers nicht ohne Poesie. Fräulein +Leseigneur öffnete selbst die Tür. Als sie den jungen Maler sah, +begrüßte sie ihn, wandte sich aber mit jener Pariser Gewandtheit und +jener durch den Stolz verliebenen Geistesgegenwart um, die Glastüre +eines Verschlages zu schließen, durch die Hippolyt zum Trocknen +aufgehängte Wäsche hätte sehen können, sowie auch ein altes Gurtenbett, +ein Kohlenbecken, Kohlen, Plätteisen und all jenes Gerät, das in +kleinen Wirtschaften stets zur Hand ist. Vorhänge von Musselin, die vor +den Glasscheiben der Tür angebracht waren, verhinderten nun jeden +Einblick in dieses "Kapernaum", wie man jetzt in der Sprache von Paris +solche Arten von Wirtschafts und Vorratskammern nennt; diese hier wurde +durch kleine Fenster erhellt, die auf einen benachbarten Hof führten. +Mit jenem grausamen und schnellen Beobachtungsblick, der den Künstlern +eigen ist, erkannte Hippolyt die Bestimmung, die Möbel und den Zustand +dieses ersten Raumes, der in zwei Abteilungen geschieden war. Der +bessere Teil, der zu gleicher Zeit als Vorzimmer und Speisesaal diente, +war mit einer alten, rosenfarbenen Papiertapete beklebt, deren Flecken +und Löcher ziemlich sorgfältig unter Bildern versteckt waren, von deren +Rahmen das Gold längst geschwunden. In der Mitte dieses Zimmers stand +ein Tisch von altertümlicher Form und mit abgenutzten Rändern. Die +Stühle zeigten einige Spuren verschwundenen Glanzes; allein der rote +Maroquin des Sitzes und die vergoldeten Nägel hatten ebensoviele +Wunden, wie die alten Sergeanten des Kaiserreiches. Überdies befanden +sich in diesem Zimmer noch manche Gegenstände, die man nur in solchen +Wirtschaften antrifft, die man mit Amphibien vergleichen könnte, indem +sie halb an den Glanz und halb an das Elend grenzen. So erblickte +Hippolyt zum Beispiel ein sehr schönes Perspektiv, das über dem kleinen +grünlichen Spiegel hing, der den Kamin zierte. Um dieses wunderliche +Mobiliar vollständig zu machen, stand zwischen dem Kamin und dem +Verschlag noch ein schlechtes Buffet, das nach Acajou-art angestrichen +war, obgleich das Acajou von allen Hölzern dasjenige ist, dessen +Nachahmung am wenigsten gelingt. Der rote und glatte Fußboden, die +schlechten kleinen Teppiche, die vor den Stühlen lagen, die Sauberkeit +der Möbel, das alles zeugte jedoch von jener Aufmerksamkeit, die den +Altertümern einen falschen Glanz verleiht, und deren Gebrechlichkeit, +Alter und Abgenutztheit nur noch mehr hervorhebt. Es herrschte in +diesem Zimmer ein unbeschreiblicher Geruch, der notwendig von den +Ausdünstungen des "Kapernaum" in Verbindung mit den Gerüchen des +Speisezimmers und der Treppe entstehen mußte, abschon ein Fenster halb +geöffnet war. Die Luft von der Straße bewegte die Vorhänge von Perkal, +die mit einer solchen Sorgfalt vorgesteckt waren, daß sie die +Fensterbekleidung den Blicken entzogen, denn an dieser hatten alle +früheren Bewohner des Zimmers durch verschiedene Inkrustationen, +gewissermaßen häusliche Freskogemälde, Beweise ihres Daseins +zurückgelassen. + +Adelaide öffnete rasch die Tür des anderen Zimmers und führte den Maler +mit einer gewissen Freude hinein. Hippolyt hatte einst bei seiner +Mutter dieselben Zeichen der Armut kennen gelernt, und als er sie jetzt +mit jener eigentümlichen Lebhaftigkeit, die die ersten Eindrücke +unseres Gedächtnisses charakterisiert, wahrnahm, erschlossen sich ihm +weit mehr als jedem andern die Einzelheiten dieses Lebens. Er erkannte +hier die Dinge seiner Kindheit wieder und empfand weder Verachtung +gegen diese versteckte Armut, noch Stolz auf den Luxus, mit dem er +neuerdings seine Mutter umgeben hatte.--"Nun, mein Herr, ich hoffe, daß +Sie die Folgen Ihres Sturzes überwunden haben!..." sagte die alte +Mutter zu ihm, während sie sich aus einem altertümlichen Armsessel +erhob, der neben dem Kamin stand, und ihm einen Stuhl herbeizog. +"Vollkommen, meine Dame, und ich komme, Ihnen für die Sorgfalt, die Sie +mir bewiesen haben, meinen Dank zu sagen, besonders dem Fräulein, das +meinen Fall gehört hat...." + +Hippolyt sprach diese Worte mit jener anmutigen Befangenheit aus, die +durch die erste Verwirrung der wahren Liebe hervorgerufen wird, und +blickte zugleich das junge Mädchen an; Adelaide zündete eben eine +Schirmlampe an, um einen großen kupfernen Leuchter entfernen zu können, +der bisher gebrannt hatte. Sie verneigte sich leicht und trug dann den +kupfernen Leuchter in das Vorzimmer, stellte die Schirmlampe auf den +Kamin und nahm darauf neben ihrer Mutter, etwas hinter dem Maler, +Platz, um ihn nach Gefallen betrachten zu können. + +Über dem Kamine befand sich ein großer Spiegel, und da Hippolyt fast +fortwährend seine Augen nach demselben richtete, um Adelaide darin +ansehen zu können, so diente jene kleine Mädchenlist nur dazu, beide +abwechselnd in Verlegenheit zu bringen. Während Hippolyt mit Frau +Leseigneur sprach, denn er erteilte auch ihr diesen Namen, prüfte er +den Salon, aber auf dezente und verstohlene Weise. Der Herd das Kamins +war voll Asche, und auf den Eisenstäben lagen zwei Feuerbrände, die +kaum noch glimmten. Glücklicherweise lag ein alter und vielfach +geflickter Teppich, der abgenutzt war wie der Rock eines Invaliden, auf +dem Fußboden und machte gegen dessen Kälte unempfindlich. Die Wände +waren mit einer Tapete bekleidet, die gelbe Zeichnungen auf rötlichem +Grunde auswies. In der Mitte der Wand, den Fenstern gegenüber, bemerkte +Hippolyt die Spalten einer Tapetentür, die wahrscheinlich nach einem +Alkoven führte, in dem Frau Leseigneur schlief. Ein Kanapee war vor +diese geheime Tür gestellt, verhehlte sie aber nur unvollkommen. Dem +Kamine gegenüber sah man eine sehr schöne Komode von Acajou, deren +Verzierung es weder an Reichtum noch an gutem Geschmack fehlte. Darüber +hing ein Bild, das einen höheren Offizier darstellte, doch vermochte +der Maler bei der geringen Beleuchtung die Waffengattung nicht zu +unterscheiden, der jener angehörte. Übrigens war es auch eine +schreckliche Kleckserei, die mehr chinesischen als Pariser Ursprungs zu +sein schien. Die Vorhänge der Fenster waren von roter Seide, aber +verblichen, wie die Überzüge der Stühle. Auf dem Marmor der Kommode +stand ein kostbares Tablett von grünem Malachit, das ein Dutzend +bemalter Kaffeetassen trug, und auf dem Kamine eine Pendeluhr, darauf +ein Krieger ein Viergespann führte. Die Kerzen der Leuchter, die zu +beiden Seiten der Uhr standen, waren durch den Rauch vergilbt. Die +beiden Ecken des Kaminsimses trugen eine Vase von Porzellan mit einem +Strauß künstlicher Blumen, die mit Moos geschmückt und voll Staub +waren. In der Mitte des Zimmers bemerkte Hippolyt einen aufgeklappten +Spieltisch mit neuen Karten. + +Für den Beobachter lag etwas Trostloses in dem Anblick dieses Elends, +das sich hinter einem gewissen Glanz zu verstecken suchte, wie eine +alte Frau hinter den Spitzen der Haube und der Fülle falscher Locken +die Runzeln ihres Antlitzes zu verbergen bemüht ist. Jeder verständige +Mann hätte sich bei diesem Anblick in einem Dilema befunden: entweder +sind diese beiden Frauen die Rechtschaffenheit selbst, oder sie leben +von Intrigen und vom Spiel. Wenn aber ein junger und unschuldiger Mann, +wie Hippolyt, Adelaide sah, so mußte er an die vollkommenste Unschuld +glauben und den Mängeln des Mobiliars die ehrenvollsten Ursachen +unterlegen. + +"Meine Tochter," sagte die alte Dame zu dem jungen Mädchen, "mich +friert, heize ein wenig ein und gib mir meinen Schal." + +Adelaide ging in eine Kammer, die an das Wohnzimmer stieß, und in der +sie ohne Zweifel schlief. Als sie zurückkehrte, übergab sie ihrer +Mutter einen Schal von Kaschmir, der, als er noch neu war, für eine +Königin nicht zu schlecht gewesen sein mochte. Hippolyt erinnerte sich +nicht, je so reiche Farben, ein so vollendetes Muster gesehen zu haben, +wie in diesem schönen Gewebe, allein der Schal war nun alt, hatte seine +Frische verloren, war voll geschickt eingesetzter Flicken und +harmonierte vollkommen mit dem übrigen Gerät. Frau Leseigneur hüllte +sich kunstvoll hinein und in einer Art, die bewies, daß sie wirklich +friere. Das junge Mädchen eilte darauf schnell in das "Kapernaum" und +kehrte mit einer Hand voll Späne zurück, die sie in den Kamin warf, um +die erloschenen Brände wieder anzufachen. + +Es würde eine schwierige Aufgabe sein, die Unterhaltung wiederzugeben, +die zwischen den drei Personen stattfand. Geleitet durch jenen Takt, +den man fast stets durch Leiden erlangt, unter denen man von Kindheit +an geseufzt hat, erlaubte sich Hippolyt nicht die geringste Bemerkung +bezüglich der Lage seiner beiden Nachbarinnen, während er allenthalben +die Kennzeichen einer großen und schlecht verhehlten Dürftigkeit +erblickte. Auch die einfachste Frage würde unbescheiden gewesen sein +und hätte nur einem alten Freunde verziehen werden können. Dennoch +wurde der Maler sehr von diesem verborgenen Elend gerührt, sein +edelmütiges Herz litt darunter; aber er wußte, daß auch das +freundschaftlichste Mitleid beleidigend sein kann, und fand sich daher +durch den Mißklang beengt, der zwischen seinen Gedanken und seinen +Worten bestand. Die beiden Damen errieten gar leicht die geheime +Verlegenheit, die durch einen ersten Besuch veranlaßt wird, vielleicht, +weil sie dieselbe mitfühlen und die Natur ihres Geistes ihnen tausend +Hilfsquellen gewährt, um jene Verlegenheit aufzuheben. Adelaide und +ihre Mutter fragten den jungen Mann nach dem materiellen Verfahren +seiner Kunst und nach seinen Studien, indem sie ihn allmählich zum +Sprechen aufzumuntern suchten. Die Nichtigkeit ihrer von Wohlwollen +beseelten Unterhaltung führte ohne Zwang dahin, daß er Bemerkungen und +Reflexionen machte, die die Beschaffenheit seiner Sitten und seiner +Seele verrieten. + +Die alte Dame mochte einmal schön gewesen sein, allein ein geheimer +Kummer hatte ihr Antlitz vor der Zeit welken lassen, so daß ihr nur +noch die hervorspringenden Züge, die Umrisse, kurz, das Skelett einer +Physiognomie übrig geblieben war, deren Gesamtheit auf eine große +Feinheit deutete, während besonders das Spiel der Augen viel Anmut und +jenen Ausdruck zeigte, der den Damen des alten französischen Hofes +eigentümlich ist, und den man durch Worte nicht zu beschreiben vermag. +Allein die Gesamtheit dieser feinen und hervortretenden Züge konnte +ebensogut schlechte Gesinnung verraten, weibliche List und Schlauheit, +selbst einen hohen Grad der Verdorbenheit vermuten lassen, als die +Zartheit einer schönen Seele offenbaren. Der gewöhnliche Beobachter +gerät vor weiblichen Gesichtern oft in Verlegenheit und weiß die +Offenheit von der Verstellung, das Talent der Intrige von der +Herzlichkeit nicht zu unterscheiden. Man muß die fast unmerklichen +Nuancen zu erraten wissen. Es ist bald eine mehr oder weniger gekrümmte +Linie, bald ein mehr oder weniger ausgehöhltes Grübchen, eine mehr oder +weniger gewölbte oder hervorspringende Biegung, die man zu würdigen +suchen muß; die Augen allein können uns das entdecken lassen, was ein +jeder zu verstecken sucht, und die Wissenschaft des Beobachters liegt +in der schnellen Wahrnehmungskraft seines Blickes. Es ging demnach mit +dem Antlitz der alten Dame wie mit der Wohnung, die sie innehatte; es +schien ebenso schwierig zu durchblikken, ob dieses Elend Laster berge +oder eine hohe Rechtschaffenheit, sowie es schwierig war, zu erkennen, +ob Adelaidens Mutter eine alte Kokette sei, gewöhnt, alles zu erwägen, +alles zu berechnen, alles zu verkaufen, oder ein liebendes und +schwaches Weib, voll Anmut und Zartgefühl. In jenem Alter, in dem +Hippolyt Schinner stand, glaubt man aber am liebsten an das Gute, und +er glaubte daher gewissermaßen den angenehmen und bescheidenen Duft der +Tugend einzuatmen, indem er Adelaides Stirn sah und in ihre Augen +blickte, die voll Herz und Geist waren. Während der Unterhaltung +ergriff er die Gelegenheit, von den Porträts im allgemeinen zu +sprechen, um dann zu dem schrecklichen Pastellgemälde übergehen zu +können, von dem die Farben größtenteils abgefallen waren. + +"Sie lieben diese Malerei wohl wegen der Ähnlichkeit, meine Damen, denn +die Zeichnung selbst ist schauderhaft ..." sagte er mit einem Blick auf +Adelaide. + +"Es ist in Kalkutta gemalt, und zwar in großer Eile!" antwortete die +Mutter mit bewegter Stimme. Dann betrachtete sie die formlose Skizze +mit jener tiefen Versunkenheit, die die plötzliche Erinnerung an ein +Glück verrät, das wohltuend für das Herz gewesen ist, wie der Tau des +Morgens für die Blumen des Sommers. Zugleich lagen aber in dem +Ausdruck, den die Züge der alten Dame zeigten, die Spuren einer tiefen +Trauer; wenigstens glaubte sich der Maler die Haltung und das Aussehen +seiner Nachbarin so erklären zu müssen. Er setzte sich neben sie und +sagte mit freundschaftlicher Stimme: "Meine Dame, noch kurze Zeit, und +die Farben dieses Pastellbildes werden verschwunden sein. Das Porträt +wird bald nur noch in Ihrer Erinnerung bestehen, und wo Sie geliebte +Züge erblickten, werden andere nichts mehr wahrnehmen können. Wollen +Sie mir erlauben, dieses Bild auf die Leinwand zu übertragen? So wird +es dauerhafter sein, als auf Papier.... Gewähren Sie mir, als ihrem +Nachbar, die Gunst, Ihnen diesen Dienst zu leisten. Es gibt Stunden, +während deren ein Künstler sich gern von seinen großen Kompositionen +erholt und dagegen eine einfachere Arbeit vornimmt. Es wird eine +Zerstreuung für mich sein, dieses Bild zu malen." + +Die alte Dame wurde lebhaft bewegt durch diese Worte, und Adelaide warf +dem Maler einen jener verstohlenen Blicke zu, in denen sich das ganze +Herz widerzuspiegeln scheint. + +Hippolyt wollte auf irgendeine Weise mit seinen beiden Nachbarinnen in +Verbindung treten und das Recht erlangen, an ihrem Leben teilzunehmen. +Das einzige aber, was er tun konnte, war jenes Anerbieten; es +befriedigte seinen Künstlerstolz und hatte nichts Verletzendes für die +beiden Damen.--Frau Leseigneur nahm das Anerbieten an. + +"Es scheint mir," sagte Hippolyt, "als ob die Uniform auf einen +Marineoffizier deutete?" + +"Ja," antwortete sie, "es ist die Uniform der Schiffskapitäne. Herr von +Rouville, mein Mann, starb in Batavia an den Folgen einer Wunde, die er +in einem Gefecht mit einem englischen Schiffe erhielt, dem er an Asiens +Küsten begegnete. Er befehligte eine Fregatte von sechzig Kanonen, +während die Revenge ein Schiff mit sechsundneunzig Kanonen war. Der +Kampf war demnach sehr ungleich, aber Herr von Rouville verteidigte +sich so mutig, daß er sich bis zum Eintritt der Nacht halten konnte, +worauf er seinem Feind durch die Flucht entging. Als ich nach +Frankreich zurückkehrte, war Bonaparte nicht mehr im Besitz der Macht, +und man verweigerte mir eine Pension. Als ich abermals um eine solche +nachsuchte, entgegnete mir der Minister mit Härte, daß der Baron von +Rouville noch leben und ohne Zweifel Kontreadmiral sein würde, wenn er +emigriert wäre. Ich hätte jene demütigenden Schritte gar nicht getan, +hätte ich nicht um meiner armen Adelaide willen sie zu tun müssen +geglaubt, und wäre ich nicht von meinen Freunden dazu veranlaßt worden. +Was mich betrifft, so widerstrebte es mir stets, meine Hand +auszustrecken und mich dabei auf einen Schmerz zu berufen, der einer +Gattin weder Kraft noch Worte lassen kann. Ich hasse diesen Geldlohn +für untadelhaft vergossenes Blut...." + +"Meine Mutter, diese Erinnerung erschüttert Dich...." Nach dieser +Bemerkung ihrer Tochter neigte die Baronin von Rouville ihr Haupt und +schwieg. + +"Mein Herr," sagte das junge Mädchen zu Hippolyt, "ich glaubte, die +Arbeiten der Maler seien im allgemeinen wenig geräuschvoll.... Sie +scheinen aber...." + +Schinner errötete bei diesen Worten und lächelte; Adelaide endete aber +ihre Bemerkung nicht und ersparte ihm eine Lüge, indem sie sich bei dem +Rollen einer Kutsche, die vor der Türe anhielt, rasch erhob. Sie ging +in ihre Kammer und kehrte sogleich mit zwei vergoldeten Leuchtern +zurück, deren Kerzen sie schnell anzündete. Die Lampe stellte sie +darauf in das Vorzimmer und öffnete sofort die Tür, ohne erst zu +warten, daß die Klingel gezogen werde. Hippolyt hörte darauf einen Kuß +empfangen und erwidern, und empfand einen peinlichen Schmerz. Der junge +Mann erwartete mit Ungeduld den zu erblicken, der Adelaide so +vertraulich behandelte; allein die Angekommenen unterhielten sich erst +leise mit dem jungen Mädchen. Das Gespräch kam ihm zu lang vor. Endlich +erschien sie wieder, und ihr folgten zwei Manner, deren Anzug, +Physiognomie und Aussehen eine ganze Geschichte enthielten. + +Der erstere mochte etwa sechzig Jahre alt sein und trug eines jener +Kleider, die unter der Regierung Ludwig XVIII. erfunden wurden, und in +denen der Schneider, der die Unsterblichkeit verdiente, das +schwierigste Kleidungsproblem gelöst hatte. Dieser Meister verstand +sich gewiß auf die Kunst der Übergänge, da jene so politisch bewegte +Zeit überhaupt eine Zeit der Übergänge war. Jedesmal aber müssen wir +demjenigen ein seltenes Verdienst zuerkennen, der seine Zeit zu +beurteilen versteht. Jenes Gewand, an dessen Schnitt sich noch mancher +in unserer Zeit erinnert, war weder bürgerlich noch militärisch, konnte +aber nach dem Bedürfnis abwechselnd für bürgerlich und für militärisch +gelten. Lilien waren auf die Umschläge der beiden Schöße gestickt, die +vergoldeten Knöpfe waren gleichfalls mit Lilien geschmückt, und auf den +Schultern erblickte man Knöpfe, um die Epauletten zu befestigen. Hose +und Rock des Greises waren von königsblauem Tuche, und in dem Knopfloch +erblickte man ein Ludwigskreuz. Das entblößte Haupt des Greises war +gepudert, und in der Hand trug er einen dreieckigen Hut. Übrigens +schien er noch so rüstig wie ein Fünfziger und sich einer kräftigen +Gesundheit zu erfreuen. Seine Züge deuteten gleichzeitig auf den +gesetzten und offenen Charakter der alten Emigranten und auf die freien +und leichten Sitten, auf die heitern und sorglosen Leidenschaften jener +Musketiere, die vordem in den Jahrbüchern der Galanterie so berühmt +waren. Seine Bewegungen, sein Benehmen deuteten darauf, daß er den +Ansprüchen seiner Jugend noch nicht entsagt habe und entschlossen sei, +weder von seinem Royalismus abzulassen, noch von seiner Religion und +seiner Neigung zu Liebeshändeln. + +Ihm folgte eine ganz phantastische Gestalt, die man in den Vordergrund +des Gemäldes heben müßte, um sie richtig zu schildern, die jedoch nur +eine Nebenrolle spielt. Man denke sich eine trockene und hagere Person, +ebenso gekleidet wie ersterer, aber gewissermaßen nur als dessen +Widerschein, oder, wenn man lieber will, als dessen Schatten +auftretend. Der Rock, der bei jenem neu war, erschien bei diesem +abgenutzt, der Puder in den Haaren weniger weiß, die goldenen Lilien +weniger glänzend, der Verstand schwächer, das Leben dem Endziel näher +gerückt. Kurz, er verwirklichte auf bewundernswürdige Weise Rivarols +witzigen Ausspruch in Bezug auf Champcenetz: "Er ist mein Mondschein!" +Er war nur Doppelgänger des andern, aber blaß und arm, und zwischen +beiden war ein Unterschied, wie zwischen dem ersten und dem letzten +Abzuge einer Lithographie. Dieser stumme Greis war ein Geheimnis für +den Maler und blieb auch ein solches, denn er sprach nicht und niemand +sprach von ihm. War er ein Freund, ein armer Verwandter, ein Mann, der +bei dem alten Stutzer blieb, wie ein Gesellschaftsfräulein bei einer +alten Dame? War er ein Mittelding zwischen Hund, Papagei und Freund? +Hatte er das Vermögen oder auch nur das Leben seines Wohltäters +gerettet? War er der Trim eines neuen Kapitän Toby? An anderen Orten, +als bei der Baronin von Rouville erregte er stets Neugierde, ohne sie +je zu befriedigen. + +Der Mann, der von den beiden Ruinen am besten erhalten war, ging +höflich auf die Baronin von Rouville zu, küßte ihre Hand und setzte +sich an ihre Seite; der andere begrüßte dieselbe und setzte sich dann +neben sein Vorbild. Adelaide stützte ihre Ellenbogen auf die +Rückenlehne des Stuhles, den der alte Edelmann eingenommen hatte, und +ahmte so, ohne es zu wissen, die Stellung nach, die Guérin auf seinem +berühmten Gemälde der Schwester Dido's gegeben hat. Die Vertraulichkeit +des Edelmanns war die eines Bruders, und er nahm sich gewisse +Freiheiten gegen Adelaide heraus, die dem jungen Mädchen für den +Augenblick zu mißfallen schienen. + +"Nun, Du schmollst wohl mit mir?" fragte er. + +Dann warf er während seines weiteren Gesprächs auf Hippolyt Schinner +jene schlauen und feinen Seitenblicke, die echt diplomatische Blicke +sind, und deren Ausdruck stets eine kluge Besorgnis verrät. + +"Sie sehen hier unsern Nachbarn," sagte die alte Dame, indem sie auf +Hippolyt Schinner deutete. "Der Herr ist ein bekannter Maler, dessen +Namen Ihnen trotz Ihrer Gleichgültigkeit gegen die Künste bekannt sein +muß." + +Der Edelmann erkannte die Bosheit seiner alten Freundin darin, daß sie +den Namen verschwieg, und begrüßte den jungen Mann. + +"Gewiß!" sagte er, "ich habe schon viel von Ihren Gemälden sprechen +gehört.... Das Talent hat schöne Vorrechte, mein Herr," fuhr er dann +fort, während er auf Hippolyts rotes Band blickte, "und diese +Auszeichnung, die wir durch unser Blut und lange Dienstzeit erwerben +müssen, erlangen Sie schon in der Jugend.... Allein die Arten des Ruhms +sind Schwestern." Der Edelmann faßte dabei an sein Kreuz des heiligen +Ludwig. + +Hippolyt stotterte einige Worte des Danks und schwieg dann wieder, +indem er sich begnügte, mit einer stets wachsenden Begeisterung den +schönen jungfräulichen Kopf zu betrachten, der ihn entzückte. Bald +versenkte er sich ganz und gar in diese Betrachtung und vergaß das +tiefe Elend, das durch die Wohnung angedeutet wurde, denn für ihn war +Adelaides Antlitz von einer leuchtenden Atmosphäre umgeben. Er +antwortete kurz auf die Fragen, die an ihn gerichtet wurden und die er +glücklicherweise hörte, denn es ist eine eigentümliche Fähigkeit +unseres Geistes, daß er sich bisweilen gewissermaßen verdoppeln kann. +Wem ist es nicht schon vorgekommen, daß er in ein angenehmes oder +trauriges Nachdenken versunken, die Stimme seines Innern hörte und doch +zu gleicher Zeit an einer Unterhaltung teilnahm oder ein Buch las? Es +ist das ein wundersamer Dualismus, der oft dazu beiträgt, daß wir die +Langweiligen mit mehr Geduld ertragen. Seine Hoffnung erfüllte ihn mit +tausend Gedanken an das Glück, und er wollte nichts beobachten, was ihn +umgab, denn er hatte noch ein kindliches und vertrauensvolles Herz. + +Nach Verlauf einiger Zeit bemerkte er, daß die alte Dame und ihre +Tochter mit dem alten Edelmann spielten. Der Trabant des Letzteren +blieb seinem Stande als Schatten treu, stand hinter seinem Freunde, +betrachtete dessen Spiel und antwortete auf die stummen Fragen, die der +Spieler an ihn richtete, durch billigende Winke, die nur eine +Wiederholung der fragenden Bewegung seiner doppelgängerischen +Verkörperung waren. + +"Ich verliere immer...!" sagte der Edelmann. + +"Sie werfen falsch ab...!" anwortete die Baronin von Rouville. + +"Seit drei Monaten habe ich Ihnen nicht eine einzige Partie abgewinnen +können..." sagte er. + +"Haben Sie die Aß?" fragte die alte Dame. + +"Ja," antwortete er. + +"Soll ich Ihnen einen Rat geben?" fragte Adelaide. + +"Nein, nein...! Bleib mir gegenüber! Palsambleu! Ich verlöre zu viel, +wenn ich dich nicht mehr vor mir sähe." + +Endlich war das Spiel beendet, der Edelmann zog seine Börse und warf +zwei Louisdor auf den Tisch, während er nicht ohne einigen Unwillen +sagte: "Vierzig Franken! Gerade zwei Louis...! Ha! Teufel! Es ist elf +Uhr...!" "Es ist elf Uhr...!" wiederholte die stumme Person mit einem +Blick auf Hippolyt Schinner. + +Der junge Mann hörte diese Worte etwas deutlicher als alle übrigen und +dachte, daß es Zeit sei, sich zu entfernen. Er kehrte nun in die Welt +der gewöhnlichen Ideen zurück und fand einige Gemeinplätze, um wieder +das Wort nehmen zu können, begrüßte die Baronin, ihre Tochter, die +beiden Unbekannten und ging, während er nur an das erste Glück der +wahren Liebe dachte, ohne daß er sich die kleinen Ereignisse zu +erklären suchte, die während dieses Abends unter seinen Augen +vorgegangen waren. Am folgenden Tage fühlte der junge Maler die +heißeste Sehnsucht, Adelaide wiederzusehen, und wäre er seiner +Leidenschaft gefolgt, so hätte er schon um 6 Uhr morgens, als er nach +seiner Werkstatt eilte, seine Nachbarinnen besucht. Er besaß indes noch +Vernunft genug, um den Nachmittag zu erwarten; sobald er aber glaubte, +bei Frau von Rouville eintreten zu dürfen, eilte er die Treppe hinab, +klingelte unter lautem Herzpochen und bat Fräulein Leseigneur, die ihm +die Tür öffnete, schüchtern um das Bild des Barons von Rouville, +während er errötete, wie ein junges Mädchen. + +"Treten Sie doch ein!..." sagte Adelaide zu ihm, die ohne Zweifel +Hippolyt bereits die Treppe von seiner Werkstatt herabkommen gehört und +ihm entgegengeeilt war. Der Maler folgte ihr, beschämt, außer Fassung, +ohne zu wissen, was er sagen sollte, vollkommen verwirrt durch das +Glück, Adelaide zu sehen, das Rauschen ihres Gewandes zu hören, nachdem +er den ganzen Morgen gewünscht hatte, in ihrer Nähe zu sein, nachdem er +sich hundertmal erhoben hatte, um hinabzueilen.... Das Herz besitzt die +wunderbare Macht, auch den unbedeutendsten Dingen einen außerordentlichen +Wert zu verleihen. Welche Freude ist es nicht für einen Reisenden, ein +Kraut, ein unbekanntes Blatt zu finden, nachdem er sein ganzes Leben an +eine solche Nachforschung gewagt hat! Ebenso verhält es sich mit den +Nichtigkeiten in der Liebe! + +Die alte Dame war nicht in dem Salon. Als das junge Mädchen mit dem +Maler allein war, brachte es einen Stuhl, um das Bild herabzunehmen; +als es aber bemerkte, daß es auf die Kommode treten müsse, um das Bild +von dem Nagel abzuhängen, wandte es sich an Hippolyt und sagte +errötend: + +"Ich bin nicht groß genug.... Hätten Sie vielleicht die Güte?" + +Ein Gefühl der Scham, das sich im Ausdruck der Züge und im Ton der +Stimme Adelaidens verriet, war der wahre Grund ihrer Bitte; Hippolyt +begriff sie und warf ihr einen jener verständigen Blicke zu, die die +süßeste Sprache der Liebe sind. Adelaide sah, daß sie von dem Maler +verstanden sei und schlug daher ihre Augen mit einer Bewegung des +Stolzes nieder, dessen Geheimnis allein die jungen Mädchen besitzen. + +Der Maler fand kein Wort zu sagen, war fast eingeschüchtert und nahm +das Gemälde herab, um es mit ernsten Blicken am Fenster zu betrachten. +Dann ging er, ohne etwas anderes zu Fräulein Leseigneur zu sagen, als: +"Ich werde es Ihnen bald wiederbringen." Beide hatten während dieses +flüchtigen Augenblicks eine von jenen lebhaften Herzensregungen +gefühlt, deren Wirkung auf den Geist mit jener Bewegung verglichen +werden kann, die ein Stein hervorbringt, den man in einen See wirft, +die süßesten Gedanken entstehen und folgen einander, endlos, vielfach, +ohne Ziel, und das Herz, ebenso erregt wie jene kreisförmigen Wellen, +die sich noch lange auf der Oberfläche des Wassers zeigen und sämtlich +von dem Punkte ausgehen, wo der Stein hineingeworfen ist. + +Hippolyt Schinner kehrte mit dem Bilde in seine Werkstatt zurück. Daß +eine Leinwand bereits auf der Staffelei lag, daß die Palette bereits +mit Farben bedeckt war, daß er die Pinsel gereinigt, zurechtgelegt, und +das richtige Tageslicht gewählt hatte, brauchen wir wohl nicht erst zu +sagen. Bis zur Essenszeit arbeitete er an dem Bilde mit jenem Eifer, +den die Künstler bei allen ihren Launen beweisen. Abends besuchte er +wieder die Baronin von Rouville und blieb von neun bis elf Uhr; außer +eine Abwechslung in den Gegenständen der Unterhaltung, glich dieser +Abend in allem dem vorhergehenden. Die beiden alten Herren erschienen +wieder zu derselben Stunde; es wurde abermals Pikett gespielt, +dieselben Redensarten wurden von den Spielern ausgesprochen; selbst die +verlorene Summe war die nämliche; nur war Hippolyt etwas kühner und +wagte mit dem jungen Mädchen zu plaudern. + +So vergingen acht Tage, während deren die Gefühle des Malers und +Adelaidens jene wonnigen und süßen Umbildungen erfuhren, durch die die +Herzen zu einem vollkommenen Verständnis geführt werden. Der Blick, mit +dem Adelaide den Maler empfing, wurde von Tag zu Tag inniger, +vertrauensvoller, heiterer und offenherziger, ihre Stimme, ihr Benehmen +nahm etwas Vertrauliches und Inniges an. Beide lachten, plauderten, +teilten sich ihre Gedanken mit und sprachen über sich selbst mit der +Unschuld zweier Kinder, die in einem Tage mit ihrer Bekanntschaft +soweit gediehen, als hätten sie einander seit drei Jahren gekannt. +Hippolyt spielte Pikett, aber wie der Greis verlor auch er fast alle +Partien. Ohne sich noch ihre Liebe gestanden zu haben, wußten die +beiden Liebenden schon, daß sie einander angehörten. Hippolyt hatte mit +Glück eine gewisse Macht über seine schüchterne Freundin erlangt und +manche Zugeständnisse waren ihm durch Adelaide gemacht, die furchtsam +und ergeben war, und durch jenes falsche Schmollen getäuscht wurde, +dessen Geheimnis auch der am wenigsten gewandte Liebhaber, die +kindlichste Jungfrau besitzt und fortwährend anwendet, gleich wie +verhätschelte Kinder die Macht mißbrauchen, die ihnen die Liebe ihrer +Mütter verleiht. Jene Vertraulichkeit zwischen dem Edelmanne und +Adelaide hörte infolgedessen auf. Das junge Mädchen hatte +natürlicherweise die Traurigkeit des Malers erraten und alle die +Gedanken, die in den Falten seiner Stirn verborgen waren oder sich +verrieten durch den kurzen Ton der wenigen Worte, die er sprach, wenn +der Greis ohne Umstände Adelaidens Hände oder Hals küßte. Fräulein +Leseigneur verlangte auch ihrerseits von ihrem Liebhaber eine strenge +Rechenschaft über seine geringsten Handlungen. Sie war so unglücklich, +so besorgt, wenn Hippolyt nicht kam; sie verstand so allerliebst zu +zanken, daß der Maler seine Freunde nicht mehr besuchte und alle +anderen Gesellschaften vermied. Adelaide ließ die dem weiblichen +Geschlecht angeborene Eifersucht durchblicken, als sie erfuhr, daß +Hippolyt, wenn er sich um elf Uhr von Frau von Rouville entfernte, +bisweilen noch in den glänzendsten Salons von Paris Besuche abstattete. +Anfangs gab sie vor, daß diese Lebensart für die Gesundheit nachteilig +sei; dann fand sie Gelegenheit, ihm mit jener tiefen Überzeugung, der +der Ton, das Benehmen und der Blick einer geliebten Person soviel +Gewalt verleihen, zu sagen, "daß ein Mann, der verpflichtet sei, +zwischen so vielen Frauen seine Zeit und die Anmut seines Geistes zu +zersplittern, keiner wahrhaft innigen Zuneigung fähig sei". Nun wurde +Hippolyt sowohl durch den Despotismus der Leidenschaft, wie durch die +Anforderungen des liebenden jungen Mädchens veranlaßt, nur in dieser +kleinen Wohnung zu leben, in der ihm alles gefiel. Kurz, nie gab es +eine reinere und zugleich heißere Liebe. Von beiden Seiten wurde +dasselbe Zutrauen, dasselbe Zartgefühl gezeigt, so daß diese +jungfräuliche Leidenschaft ohne jene Opfer sich entwickelte, durch die +sich viele Leute ihre Liebe zu beweisen suchen. Es bestand zwischen +ihnen ein beständiger Austausch süßer Gefühle, und sie wußten nicht, +wer dabei mehr gab oder empfing; eine unwillkürliche Neigung verband +ihre Herzen immer enger. Die Fortschritte dieses wahren Gefühls +geschahen so schnell, daß schon zwanzig Tage nach dem Zufall, durch den +Hippolyt seine junge Nachbarin kennen gelernt hatte, ihr beiderseitiges +Leben ein einziges geworden war. Vom frühen Morgen an, wenn das junge +Mädchen die Schritte des Malers hörte, konnte es sagen: "Er ist in +meiner Nähe!" Wenn Hippolyt um die Zeit des Mittagessens zu seiner +Mutter zurückkehrte, so verfehlte er nie, seine Nachbarinnen zu +begrüßen, und des Abends erschien er zu der gewöhnlichen Stunde mit +einer Pünktlichkeit, wie sie nur ein Liebhaber zeigen kann. Ein +Mädchen, das die höchsten Anforderungen in der Liebe stellt, hätte dem +jungen Maler nicht den geringsten Vorwurf machen können. Adelaide genoß +daher ein Glück ohne Trübung und ohne Grenzen, als sie das Ideal +verwirklicht sah, das sich jedes junge Mädchen in ihrem Alter träumt. + +Der alte Edelmann erschien jetzt weniger oft, und Hippolyt, der nicht +mehr eifersüchtig auf ihn war, ersetzte ihn beim Spiel, aber auch mit +stets gleichem Unglück. + +Inmitten seines Glücks dachte er jedoch an die unangenehme Lage der +Frau von Rouville, denn er hatte mehr als einen Beweis ihrer Armut +erlangt, und vermochte daher einen unangenehmen Gedanken nicht zu +verbannen; schon öfter hatte er beim Gehen gedacht: "Wie! Alle Abend +zwanzig Franken!?..." Er wagte indes nicht, sich einen so häßlichen +Verdacht einzugestehen. + +Hippolyt verwandte einen ganzen Monat auf die Vollendung des Bildes. +Als es beendet, gefirnißt und eingerahmt war, betrachtete er es als +eines seiner besten Werke. Die Baronin von Rouville hatte nicht wieder +mit ihm darüber gesprochen. War es Sorglosigkeit oder Stolz? Der Maler +wollte sich dieses Schweigen nicht erklären. + +Er kam mit Adelaide dahin überein, daß er das Bild während der +Abwesenheit der Frau von Rouville an seine Stelle hängen wolle. Es +wurde dazu der achte Juli gewählt, und während eines Spazierganges, den +die Mutter täglich nach den Tuilerien unternahm, begab sich Adelaide +allein und zum ersten Male in Hippolyts Werkstatt, unter dem Vorwand, +das Bild in der günstigen Beleuchtung zu sehen, in der es vollendet +war. Sie blieb stumm und unbeweglich stehen und versank in eine wonnige +Betrachtung, während der alle ihre weiblichen Gefühle in ein einziges +verschmolzen, in die gerechte Bewunderung des geliebten Mannes. Als +sich der Maler, beunruhigt durch dieses Schweigen, vorneigte, um dem +jungen Mädchen ins Gesicht zu schauen, reichte sie ihm die Hand, ohne +ein Wort sagen zu können; zwei Tränen rannen aus ihren Augen. Hippolyt +ergriff ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. Einen Augenblick lang +betrachteten sie sich schweigend, wollten sich ihre Liebe gestehen und +wagten es dennoch nicht. Der Maler hatte Adelaidens Hand in der +seinigen behalten und erkannte aus der Gleichheit der Wärme und des +Pulsschlages, daß ihre beiden Herzen gleich stark für einander +schlugen. Das junge Mädchen entfernte sich sanft von Hippolyt und sagte +mit einem kindlichen Blick: "Sie werden meine Mutter sehr glücklich +machen!..." + +"Wie? Nur Ihre Mutter?" fragte er. + +"Oh!... Ich ... ich bin es schon...." + +Der Maler senkte seine Blicke und schwieg, erschreckt durch die +Heftigkeit der Gefühle, die diese Worte in seinem Herzen erweckt +hatten. Beide begriffen die Gefahr dieses Augenblicks und begaben sich +daher hinunter, um das Bild an seinen Platz zu hängen. + +Hippolyt speiste zum ersten Mal mit der Baronin und ihrer Tochter. Frau +von Rouville war so gerührt, daß sie dem Maler hätte um den Hals fallen +können. Abends erschien der alte Emigrierte, der ehemalige Kamerad des +Barons von Rouville, der mit ihm auf brüderlichem Fuße gelebt hatte, +und meldete seinen beiden Freundinnen, daß er zum Kontreadmiral ernannt +sei, da man ihm seine Landfahrten durch Deutschland und Rußland als +ebensoviele im Seedienst verlebte Jahre angerechnet habe. Als er das +Bild sah, drückte er mit Herzlichkeit die Hand des Malers und sagte: +"Meiner Treu! Obgleich mein alter Leichnam nicht der Mühe wert ist, für +die Nachwelt aufbewahrt zu werden, so würde ich doch fünfhundert +Louisdor geben, wenn ich mich ebenso getreu dargestellt sehen könnte, +wie mein alter Rouville!" + +Bei diesem Vorschlag blickte die Baronin ihren Freund an, lächelte und +ließ auf ihrem Antlitz den Ausdruck eines Dankgefühls erscheinen. +Hippolyt glaubte zu erraten, daß ihm der alte Admiral den Wert für +beide Bilder geben wolle, indem er das seinige bezahlte, und +antwortete, weil sich sein Künstlerstolz, sowie auch vielleicht seine +Eifersucht bei diesem Gedanken empörte: "Mein Herr, wenn ich überhaupt +Porträts malte, so würde ich dieses nicht gemacht haben...." + +Der Admiral biß sich auf die Lippen und setzte sich an den Spieltisch. +Hippolyt blieb der Adelaide, die ihm ebenfalls eine Partie vorschlug, +was er auch annahm. Der Maler bemerkte bei Frau von Rouville einen +Eifer für das Spiel, der ihn überraschte. Nie hatte sie so sehr den +Wunsch gezeigt, zu gewinnen, und sie gewann. Während dieses Abends +beunruhigte ein böser Verdacht den Maler, störte sein Glück und flößte +ihm Mißtrauen ein. Frau von Rouville lebte also vom Spiel. Spielte sie +nicht in diesem Augenblick, um irgend eine Schuld abzutragen oder durch +irgend eine Notwendigkeit gedrängt? Vielleicht hatte sie ihre Miete +noch nicht bezahlt? Der Greis schien übrigens schlau genug zu sein, um +sich nicht um nichts und wieder nichts sein Geld abnehmen zu lassen! +Welches Interesse konnte den reichen Mann in dieses arme Haus führen? +Warum war er ehedem so vertraulich gegen Adelaide, und warum hatte er +so plötzlich den Vertraulichkeiten entsagt, die man sich vielfach von +ihm gefallen lassen mußte?--Diese Gedanken kamen ihm unwillkürlich in +den Sinn und veranlaßten ihn, mit neuer Aufmerksamkeit den Greis und +die Baronin zu beobachten. Ihre Blicke des Einverständnisses, die sie +von der Seite auf Adelaide und ihn warfen, mißfielen ihm. "Sollte man +mich hintergehen?" dachte Hippolyt, und es war das für ihn ein +schrecklicher, ein verletzender Gedanke, den er trotzdem nicht +verscheuchen konnte. Um vielleicht eine Gewißheit zu erlangen, blieb er +bis zuletzt. Er hatte hundert Sous verloren und seine Börse gezogen, um +Adelaide zu bezahlen. Doch von seinen peinigenden Gedanken überwältigt, +legte er seine Börse auf den Tisch. Als er aus seinem Nachdenken wieder +erwachte, schämte er sich über sein Schweigen, dachte aber nicht mehr +an seine Börse, sondern erhob sich, antwortete auf eine gleichgültige +Frage, die Frau von Rouville an ihn richtete, und trat ihr näher, um +beim Sprechen ihre alten Züge besser prüfen zu können. Von einer +peinigenden Ungewißheit ergriffen, entfernte er sich, doch war er kaum +einige Stufen der Treppe hinabgeeilt, als er sich erinnerte, seine +Börse auf dem Tisch liegen gelassen zu haben, und er kehrte zurück. + +"Ich habe meine Börse bei Ihnen vergessen," sagte er zu Adelaide. +--"Nein ..." anwortete sie errötend. + +"Ich glaubte sie hier zu finden!" Er zeigte bei diesen Worten auf den +Spieltisch, schämte sich aber im Herzen des jungen Mädchens und der +Baronin, als er seine Börse nicht erblickte, und sah die beiden Frauen +auf eine so verlegene Weise an, daß diese lachten. Dann erbleichte er +und sagte: "Ach, nein, ich habe mich getäuscht!... Ich habe die Börse." +Er empfahl sich und ging. In einem Abteil der Börse befanden sich +dreihundert Franken in Gold und in dem anderen einige kleine Münzen. +Der Diebstahl war so klar, auf eine so kecke Weise geleugnet, daß +Hippolyt keinen Zweifel über die Moralität seiner Nachbarinnen mehr +hegen konnte. Er blieb auf der Treppe stehen, stieg mit Mühe hinab, +seine Beine zitterten, Schwindel ergriff ihn, kalter Schweiß trat ihm +auf die Stirn, und er fühlte sich außerstande, zu gehen und die heftige +Aufregung zu ertragen, die der Zusammenbruch aller seiner Hoffnungen in +ihm hervorgerufen hatte. + +Er erinnerte sich jetzt einer Menge von Beobachtungen, die anscheinend +geringfügig waren, aber dennoch den schrecklichen Verdacht bestärkten, +der ihn ergriffen hatte, und ihm die Augen inbezug auf den Charakter +und das Leben der beiden Frauen öffnete. Sie hatten also gewartet, bis +das Bild beendet und übergeben war, ehe sie ihm die Börse raubten!?... + +Der Diebstahl erschien noch häßlicher, indem er sich als ein +berechneter herausstellte. Der Maler erinnerte sich zu seinem Kummer, +daß Adelaide schon seit zwei oder drei Abenden mit mädchenhafter +Neugierde die kunstreiche Filetarbeit der abgenutzten seidenen Börse +betrachtet habe; allein wahrscheinlich nur, um sich zu überzeugen, +wieviel Geld in dem Beutel enthalten sei. Die anscheinend unschuldigen +Scherze, die sie dabei machte, bezweckten wahrscheinlich nur, den +Augenblick zu erspähen, wo die Summe groß genug sein würde, um eines +Diebstahls wert zu sein.--"Der alte Admiral hat vielleicht seine guten +Gründe, Adelaide nicht zu heiraten, und die Baronin wird daher versucht +haben, mich...." Er wollte eine Vermutung aussprechen, unterbrach sich +aber und vollendete seinen Gedanken nicht, da derselbe zudem durch eine +ganz richtige Betrachtung widerlegt wurde. "Wenn die Baronin," dachte +er nämlich, "mich mit ihrer Tochter hätte verheiraten wollen, so würde +man mich nicht bestohlen haben...." Um nicht ganz aus seinen Illusionen +gerissen zu werden, versuchte dann seine Liebe, die bereits so tief +eingewurzelt war, in einem Zufall irgend eine Rechtfertigung zu finden. +"Meine Börse kann auf die Erde gefallen sein," dachte er, "sie kann +vielleicht auf meinem Stuhle liegen geblieben sein. Ich habe sie +vielleicht in meiner Zerstreuung in die Tasche gestickt...." Und er +durchsuchte hastig alle seine Taschen, fand aber nirgends die +verwünschte Börse. Sein grausames Gedächtnis bestätigte ihm nur die +betrübende Wahrheit. Er sah deutlich seine Börse auf dem Tische liegen, +zweifelte nicht mehr an dem Diebstahl, entschuldigte aber dennoch +Adelaide, indem er dachte, daß man Unglückliche nicht zu schnell +richten dürfe, daß ohne Zweifel irgend ein Geheimnis dieser dem +Anschein nach ehrlosen Handlung zugrunde liege. Es wollte ihm nicht in +den Sinn, daß ein so edles und stolzes Antlitz Lüge sein könne. Dennoch +erschien ihm jetzt die armselige Wohnung als vollkommen entblößt von +der Poesie der Liebe, die alles verschönert; er sah sie jetzt +schmutzig, verwohnt, und betrachtete sie als die Darstellung eines +Lebens ohne Adel, ohne edle Handlungen, denn unsere Gefühle sind +gewissermaßen den Dingen aufgeprägt, die uns umgeben. + +Am folgenden Morgen erhob er sich, ohne geschlafen zu haben. Der +Schmerz seines Herzens, diese schwere moralische Krankheit, hatte +furchtbare Fortschritte bei ihm gemacht. Ein geträumtes Glück zu +verlieren, einer ganzen Zukunft zu entsagen, dies ist ein Leiden, +bitterer als jedes andere, das durch den Untergang eines genossenen +Glücks veranlaßt wird, wie vollkommen dasselbe auch sein mochte. Die +Gedanken, denen sich dann plötzlich unser Geist überläßt, gleichen +einem Meer ohne Ufer, in dem unsere Liebe sich zwar einen Augenblick +schwimmend erhalten kann, aber dennoch endlich untergehen und ertrinken +muß. Das ist ein schrecklicher Tod: sind nicht die Gefühle der +glänzendste Teil unseres Lebens? Aus diesem teilweisen Tode entspringen +bei gewissen zarten oder starken Konstitutionen die großen +Verheerungen, die durch die Entzauberung durch getäuschte Hoffnungen +und Leidenschaften hervorgebracht werden. + +So ging es Hippolyt. Am frühen Morgen ging er aus und wandelte in dem +kühlen Schatten der Tuilerien, während er in seine Gedanken versank und +alles in der Welt vergaß. Ein Zufall, der gar nichts Ungewöhnliches +hatte, ließ ihn einen seiner vertrautesten Freunde treffen, der auf dem +Kollegium und in der Malschule sein Kamerad gewesen war, mit dem er +vertrauter gelebt hatte, als man mit einem Bruder zu leben pflegt. "Was +fehlt Dir?" fragte Daniel Vallier, ein junger Bildhauer, der kürzlich +den ersten Preis erlangt hatte und nächstens nach Italien reisen +sollte. "Ich bin sehr unglücklich ..." antwortete Hippolyt ernst. + +"Nur eine Herzensangelegenheit kann Dich so sehr bekümmern, denn an +Geld, Ruhm und Ansehen fehlt es Dir nicht." Allmählich entspann sich +ein vertrautes Gespräch, und der Maler gestand seine Liebe. Als +Hippolyt von der Rue de Surèsne und von einem jungen Mädchen erzählte, +das in einem vierten Stock wohnte, da rief Daniel mit ungewöhnlicher +Heiterkeit aus: "Halt! das ist das junge Mädchen, das ich jeden Morgen +in der Assomption sehe und dem ich den Hof mache. Aber, mein Lieber, +die kennen wir alle! Ihre Mutter ist eine Baronin! Glaubst Du denn an +Baroninnen, die im vierten Stock wohnen?... Brr!... Du bist ein guter +Junge, der noch im goldenen Zeitalter lebt!... Wir sehen die alte +Mutter alle Tage in dieser Allee; allein sie hat ein Antlitz und eine +Haltung, die alles erraten lassen.... Wie! hast Du an der Art, wie sie +ihren Strickbeutel hält, nicht schon erkannt, was sie ist?" + +Die beiden Freunde lustwandelten lange Zeit, und mehrere junge Männer, +die entweder Daniel oder Hippolyt kannten, gesellten sich zu ihnen. Der +Bildhauer erzählte ihnen das Abenteuer des Malers, weil er es für sehr +unwichtig hielt. Nun wurden Bemerkungen vorgebracht, Spötteleien wurden +unschuldig und mit der ganzen Heiterkeit, die Künstlern eigen ist, zum +besten gegeben. Hippolyt litt furchtbar darunter. Er schämte sich, als +er das Geheimnis seines Herzens so leichtsinnig behandelt, seine Liebe +in Fetzen zerrissen sah, als er hörte, daß man ein junges unbekanntes +Mädchen, dessen Leben ihm so bescheiden geschienen hatte, den +rücksichtslosesten Beurteilungen unterwarf, mochten dieselben richtig +sein oder falsch. Aus einem Gefühl des Widerspruchs verlangte er +ernstlich von einem jeden Beweis für seine Behauptungen; doch gab dies +nur Anlaß zu neuen Spöttereien. + +"Aber, mein lieber, hast Du den Shawl der Baronin gesehen?" fragte +einer. + +"Hast Du die Kleine gesehen, wenn sie des Morgens nach der Assomption +geht?" fragte ein anderer. + +"Die Mutter besitzt unter anderen Tugenden auch ein gewisses graues +Kleid, das ich als einen Typus betrachte." + +"Höre, Hippolyt ..." sagte ein Kupferstecher, "komm um vier Uhr hierher +und beobachte ein wenig den Gang der Mutter und der Tochter.... Wenn Du +dann noch Zweifel hast ... nun, dann wird im Leben nichts aus Dir.... +Du wärest fähig, die Tochter Deiner Türsteherin zu heiraten." + +Hippolyt wurde von den widerstreitendsten Gefühlen ergriffen und +verließ seine Freunde. Adelaide erschien ihm über alle Anklagen +erhaben, und er empfand im Innersten seines Herzens eine gewisse Reue, +daß er an der Reinheit eines so schönen und einfachen jungen Mädchens +gezweifelt habe. Er kehrte nach seiner Werkstatt zurück, ging an der +Tür vor Adelaides Wohnung vorüber und fühlte einen inneren Schmerz, +hinsichtlich dessen sich kein Mann täuscht. Er liebte Fräulein von +Rouville leidenschaftlich und betete sie selbst jetzt noch an, +ungeachtet des Diebstahls seiner Börse. Seine Liebe war wie die des +Chevaliers Desgrieux, der seine Geliebte selbst auf dem Karren, der die +verlorenen Weiber in das Gefängnis fährt, noch bewunderte und für rein +hielt. "Warum sollte sie nicht durch meine Liebe das reinste von allen +weiblichen Wesen werden!... Warum sollte ich sie dem Unglück und dem +Laster überlassen, ohne ihr eine freundschaftliche Hand zu +reichen!?..." Diese Aufgabe gefiel ihm, denn die Liebe weiß alles zu +benutzen, und nichts lockt einen jungen Mann mehr, als die Aussicht, +bei einem jungen Mädchen die Rolle eines guten Engels spielen zu +können. Es liegt etwas Romantisches in diesem Unternehmen, das +empfindsamen Seelen so sehr gefällt. Es ist Aufopferung in ihrer +erhabensten und anmutigsten Form; es liegt soviel geistige Größe darin, +sich bewußt zu sein, daß man hinreichend liebt, um selbst da noch zu +lieben, wo bei anderen die Liebe erlischt und stirbt! + +Hippolyt begab sich in seine Werkstätte und betrachtete seine Gemälde, +ohne daran zu arbeiten; er erblickte die Gestalten nur durch die +Tränen, die ihm in die Augen traten, hielt fortwährend seinen Pinsel in +der Hand und näherte sich der Leinwand, berührte sie aber nicht. Die +Nacht überraschte ihn in seinen Träumereien; er eilte die Treppe hinab, +begegnete dem alten Admiral, warf ihm einen finsteren Blick zu, während +er ihn begrüßte, und eilte hinweg. Es war seine Absicht gewesen, bei +seinen Nachbarinnen einzutreten, aber der Anblick von Adelaides Gönner +ließ ihm das Herz erstarren und ihn seinen Entschluß aufgeben. Er +fragte sich zum hundertsten Male, was den alten reichen Mann, der +fünfzigtausend Livres Renten hatte, so unwiderstehlich in jenen vierten +Stock ziehe, wo er alle Abende zehn bis zwanzig Franken verlor, und er +erriet seinen Zweck. + +An den folgenden Tagen widmete sich Hippolyt mit allem Eifer seinen +Arbeiten, um durch diese und durch die Ablenkung seiner Phantasie auf +einen anderen Gegenstand seine Leidenschaft zu bekämpfen. Seine Absicht +gelang ihm zur Hälfte; die Arbeiten trösteten ihn, vermochten aber die +Erinnerung an so viele glückliche Stunden, die er neben Adelaide +verlebt hatte, nicht zu verbannen. Als er an einem der nächsten Abende +seine Werkstatt verließ, fand er die Tür zu der Wohnung der beiden +Damen halb geöffnet. + +Eine weibliche Gestalt stand in der Brüstung des Fensters, und er +konnte nicht vorübergehen, ohne von Adelaide gesehen zu werden. Er +begrüßte sie kalt und warf ihr einen gleichgültigen Blick zu, schloß +dann aber von seinem Kummer auf den des jungen Mädchens und fühlte eine +heftige Rührung, als er die ganze Bitterkeit erwog, die sein Blick und +seine Kälte in einem liebenden Herzen hervorbringen mußten. + +Eine Wonne, wie die beiden sie genossen, durch so tiefe Vernachlässigung, +durch so tiefe Verachtung zu krönen, das war in der Tat ein schreckliches +Ende! + +Vielleicht hatten sie die Börse wiedergefunden, vielleicht hatte +Adelaide an jenem Abend ihren Freund erwartet! Dieser Gedanke, der so +einfach und natürlich war, erweckte bei Hippolyt eine neue Reue, und er +fragte sich, ob die Beweise von Zartgefühl und Anhänglichkeit, die ihm +das Mädchen gegeben hatte, ob die reizenden und liebevollen Plaudereien, +die ihn entzückt hatten, nicht wenigstens eine Frage, eine Rechtfertigung +verdienten. Er schämte sich, eine ganze Woche lang den Wünschen seines +Herzens widerstanden zu haben, betrachtete sich fast als den schuldigen +Teil und begab sich noch an demselben Abend zu Frau von Rouville. Sein +ganzer Verdacht, alle seine bösen Gedanken entschwanden bei dem Anblick +des jungen Mädchens, das bleich und abgehärmt erschien. + +"Was fehlt Ihnen?" fragte er, nachdem er die Baronin begrüßt hatte. +Adelaide antwortete ihm nicht, sondern richtete nur einen +schwermutsvollen, traurigen und entmutigten Blick auf ihn, der ihm wehe +tat. + +"Sie haben ohne Zweifel viel gearbeitet?" fragte die alte Dame; "Sie +haben sich sehr verändert, und wir sind gewiß die Ursache, weshalb Sie +sich jetzt so beständig in Ihrer Werkstätte einschließen. Das für uns +gemalte Bild hat wahrscheinlich einige Arbeiten verzögert, die für +Ihren Ruf von Wichtigkeit sind." + +Hippolyt freute sich, eine so schöne Entschuldigung seiner +Unhöflichkeit zu finden. "Ja," antwortete er, "ich bin sehr fleißig +gewesen, aber ich habe auch viel gelitten...." Bei diesen Worten erhob +Adelaide den Kopf und blickte Hippolyt an; ihre Augen drückten nur noch +Sorge aus, aber keinen Vorwurf mehr. + +"Haben Sie denn gedacht, wir wären so gleichgültig gegen Ihr Glück oder +Ihr Unglück?" fragte die alte Dame. + +"Ich habe Unrecht gehabt!" versetzte Hippolyt; "aber dennoch gibt es +Leiden, die man nicht mitzuteilen wagt, selbst dann nicht, wenn die +Freundschaft bereits älter ist als die unsrige." + +"Aufrichtigkeit und Stärke der Freundschaft dürfen nicht nach der Dauer +der Zeit gemessen werden. Es gibt alte Freunde, von denen der eine +nicht einmal eine Träne für das Unglück des andern hat," sagte die +Baronin. + +"Aber was fehlt Ihnen?" wandte sich Hippolyt an Adelaide. + +"Oh, gar nichts," antwortete die Mutter. "Sie hat einige Nächte bei +einer weiblichen Arbeit gesessen und nicht auf mich hören wollen, +obgleich ich ihr sagte, daß es auf einen Tag mehr oder weniger nicht +ankomme." + +Hippolyt verlor sich abermals in wunderlichen Gedanken. Wenn er diese +edlen und ruhigen Züge betrachtete, so mußte er über seinen Verdacht +erröten und den Verlust seiner Börse irgend einem unbekannten Zufall +zuschreiben. + +Dieser Abend war ein köstlicher für ihn, und vielleicht auch für +Adelaide. Es gibt Geheimnisse, die jugendliche Herzen so leicht +erraten; das junge Mädchen erriet jedenfalls die Gedanken des Malers. +Der Maler dagegen erriet die Gedanken des Mädchens, kehrte liebevoller +und freundlicher zu seiner Geliebten zurück und suchte sich eine +stillschweigende Verzeihung zu erwerben. Adelaide genoß dagegen so +vollkommene, so süße Freuden, daß es ihr schien, als habe sie dieselben +nicht zu teuer durch das Unglück erkauft, das ihre Liebe so grausam +verletzt hatte. Dieser so aufrichtige Einklang ihrer Herzen, dieses +zauberische gegenseitige Verständnis wurde dennoch durch eine Bemerkung +der Baronin von Rouville gestört. + +"Lassen Sie uns ein Spielchen machen," sagte sie zu Hippolyt. + +Diese Worte erweckten alle Befürchtungen des jungen Mannes von neuem. +Er errötete, während er Adelaidens Mutter anblickte, bemerkte aber auf +ihrem Antlitz nur den Ausdruck einer untrügerischen Herzensgüte. Er +setzte sich an den Spieltisch, und Adelaide wollte mit ihm in +Gemeinschaft spielen, indem sie vorgab, daß er das Pikett nicht +verstehe und daher eines Partners bedürfe. Frau von Rouville und ihre +Tochter gaben sich während des Spieles Zeichen des Einverständnisses, +die Hippolyt umsomehr beunruhigten, da er der gewinnende Teil war; +zuletzt aber wurden die beiden Liebenden Schuldner der Baronin, und der +Maler hob seine Hand empor, um Geld aus seiner Tasche zu nehmen. Da sah +er plötzlich eine Börse vor sich, die Adelaide dort hingelegt hatte, +ohne daß er es bemerkte; sie aber hielt seine alte Börse in der Hand +und nahm Geld daraus, um ihre Mutter zu bezahlen. Hippolyt fühlte, wie +ihm alles Blut zum Herzen strömte und er nahe daran war, das Bewußtsein +zu verlieren. Die neue Börse, die ihm anstatt der alten gegeben war, +enthielt sein Geld; sie war mit Goldperlen durchwirkt, und alles an +derselben war ein Beweis von Adelaidens gutem Geschmack. Es war dies +ein entzückender Dank des jungen Mädchens. Es war unmöglich, auf eine +zartere Weise zu erkennen zu geben, daß das Geschenk des Malers nur +durch ein Pfand der Zärtlichkeit belohnt werden könne. Als Hippolyt im +Übermaß seines Glückes seine Augen auf Adelaide und die Baronin +richtete, sah er beide vor Freude zittern und befriedigt, daß ihnen ihr +Betrug so schön gelungen war. Nun fand er sich selbst kleinlich, +verächtlich, albern und hätte sich strafen mögen; aber ein paar Tränen +traten ihm in die Augen, unwiderstehlich zwang ihn sein Herz, sich zu +erheben, Adelaide in seine Arme zu nehmen, an seine Brust zu drücken, +ihr einen Kuß zu rauben und dann mit der Aufrichtigkeit eines Künstlers +zu der Baronin zu sagen: "Ich erbitte sie mir zur Gattin". + +Adelaide warf dem Maler einen halb zürnenden Blick zu, und Frau von +Rouville suchte in ihrer Bestürzung nach einer Antwort, als diese Szene +durch ein plötzliches Klingeln unterbrochen wurde. Der alte Admiral +erschien, gefolgt von seinem Schatten und von Frau Schinner. + +Hippolyts Mutter hatte den Grund des Kummers erraten, den ihr Sohn ihr +vergebens zu verbergen suchte, und bei einigen ihrer Freunde +Erkundigungen über das junge Mädchen, das er liebte, eingezogen. Als +sie dann in gerechte Besorgnisse durch die Verleumdungen über Adelaide +versetzt war, hatte sie dieselben auch dem alten Emigrierten +mitgeteilt, der in seinem Zorne sagte, daß er "den Neidhammeln die +Ohren abschneiden werde". In seinem Zorneseifer verriet er Frau +Schinner dann auch noch, daß er absichtlich beim Spiel verliere, weil +der Stolz der Baronin es ihm nicht erlaube, sie auf andere Weise zu +unterstützen. + +Als Frau Schinner Frau von Rouville begrüßt hatte, blickte diese den +Kontreadmiral, Adelaide und Hippolyt an und sagte mit unaussprechlicher +Herzensgüte: "Nun sind wir also heute abend im Familienkreise." + + + + +EHELICHER FRIEDEN + + +Unsere Erzählung spielt in der Zeit, in der Napoleons vergängliche +Herrschaft den höchsten Gipfel ihres Glanzes und ihrer Macht erreicht +hatte. Es war gegen Ende des Monats November 1809. Der Kanonendonner +und das Trompetengeschmetter der berühmten Schlacht bei Wagram hallte +noch im Herzen der österreichischen Monarchie wieder. Der Friede war +zwischen Frankreich und den Mächten des Festlandes unterzeichnet, +Könige und Fürsten demütigten sich vor Napoleon, der sich die Freude +machte, ganz Europa in seinem Gefolge zu sehen und eine prachtvolle +Vorfeier der Macht zu veranstalten, die er später in Dresden entfalten +sollte. + +Die Zeitgenossen behaupten, daß Paris nie schönere Feste gesehen habe, +als jene, die der Vermählung Napoleons mit einer Erzherzogin von +Österreich vorangingen und ihr folgten. Nie hatten sich in den +schönsten Tagen der älteren Monarchie so viele gekrönte Häupter an den +Ufern der Seine gedrängt, nie war die französische Aristokratie reicher +und glänzender erschienen als damals. Diamanten waren mit einer solchen +Verschwendung in Schmuckstücken zur Schau getragen, Gold und Silber +strahlte von so vielen Uniformen wieder, daß es schien, als wären alle +Reichtümer des Erdballs in den Salons von Paris angehäuft worden. + +Eine allgemeine Trunkenheit hatte sich gewissermaßen des ganzen Reiches +bemächtigt, und alle Soldaten, den Herrn nicht ausgenommen, erfreuten +sich als Emporkömmlinge der Schätze, die eine Million von Kriegern im +Auslande zusammengerafft hatte. + +Einige Damen aus den höheren Sphären der Gesellschaft trugen damals +jene leichten Sitten und jene Lockerung der Moral zur Schau, die +ehemals der Regierungszeit Ludwigs XV. den Stempel der Schande +aufgedrückt hatten. Wollten sie den alten Ton der gesunkenen Monarchie +nachahmen oder wollten sie das Beispiel befolgen, das gewisse +Mitglieder der kaiserlichen Familie gegeben hatten, wie einige Häupter +der Vorstadt Saint-Germain behaupteten, so viel ist gewiß, daß sich +alle, Männer und Frauen, mit einer Unerschrockenheit in den Strudel der +Genüsse stürzten, die an das Ende der Welt hätte glauben lassen können. +Allein es gab damals einen besonderen Grund für diese Freisinnigkeit. +Die Vorliebe des weiblichen Geschlechts für die Krieger war zu einer +Art von Wahnsinn geworden. Diese Begeisterung, die den Wünschen +Napoleons zusagte, wurde durch keine Zügel gehemmt. Der Kaiser ließ +seinen Armeen selten Ruhe und die vorgeblichen Leidenschaften jener +Zeit entwickelten sich daher mit einer ziemlich erklärlichen +Schnelligkeit; die Ehen wurden auf eine so rasche Weise eingegangen, +wie das oberste Haupt der Kolbacs, der Dolmans und der Epauletten, von +denen die Frauen so sehr entzückt waren, selbst rasch in seinen +Entscheidungen war. Die Herzen waren damals nomadisch, wie die Armeen. +Die häufigen Friedensbrüche, die alle zwischen Europa und Frankreich +abgeschlossenen Bündnisse nur als Waffenstillstand erscheinen ließen, +führten ebenso häufige Trennungen zwischen den Kriegern und ihren +Gattinnen herbei. In der Zeit von einem ersten bis zu einem fünften +Bulletin der großen Armee sah sich daher manches Weib als Braut, +Gattin, Mutter und Witwe. + +War es die Aussicht auf eine nahe Witwenschaft, die Aussicht auf +Mitgift, oder die Hoffnung, den Glanz eines historischen Namens zu +teilen, durch welche die Krieger so verführerische Reize für das +weibliche Geschlecht erlangten? Wurde das schöne Geschlecht durch die +Gewißheit, daß die Toten das Geheimnis der Leidenschaften nicht +ausplaudern können, zu den Kriegern hingezogen? Oder muß man die +Ursache für jenen süßen Fanatismus in dem edlen Reize suchen, den der +Mut für das weibliche Geschlecht besitzt? + +Vielleicht waren es diese Gründe zusammengenommen, die der künftige +Geschichtsschreiber der Sitten des Kaiserreichs ohne Zweifel erwägen +muß, vielleicht trugen alle jene Gründe zu dem Leichtsinn bei, mit dem +sich die Damen der Liebe und der Ehe überlieferten. Wie dem auch sein +mochte, es mag hinreichen, daß wir hier bemerken, wie durch den Ruhm +und die Lorbeeren so manche Fehler geweckt wurden, wie das weibliche +Geschlecht mit Eifer jene kühnen Abenteurer aufsuchte, die ihm damals +als wahre Quellen der Ehre, der Reichtümer und der Freuden erschienen, +und wie damals eine Epaulette in den Augen eines jungen Mädchens einer +Hieroglyphe glich, die Glück und Freiheit bedeutete. Ein Zug, der jene +Epoche charakterisiert, war eine gewisse zügellose Leidenschaft für +alles Glänzende. Nie wurden so viele Feuerwerke veranstaltet; zu keiner +Zeit hatten die Diamanten einen so hohen Wert erreicht. Die Männer +waren ebenso begierig nach jenen klaren Kieseln wie die Frauen und +schmückten sich mit ihnen, gleich diesen. Vielleicht hatte der Wunsch, +die gemachte Beute in der leichtesten Gestalt mit sich führen zu +können, die Juwelen bei der Armee in ein so hohes Ansehen gebracht. Der +Mann erschien damals nicht so lächerlich, wie das jetzt der Fall sein +würde, wenn die Krause seines Hemdes oder die Finger den Blicken +schwere Diamanten darboten, und Murat, dieser echte Südländer, hatte +den Soldaten das Beispiel eines abgeschmackten Luxus gegeben. + +Der Graf von Gondreville, einer der Luculle jenes erhaltenden Senats, +der nichts erhielt, hatte nur darum so lange gezögert, ein Fest zu +Ehren des Friedens zu veranstalten, um desto glänzender Napoleon den +Hof zu machen und alle die Schmeichler zu überstrahlen, die ihm +zuvorgekommen waren. Die Gesandten aller mit Frankreich befreundeten +Mächte, die wichtigsten Persönlichkeiten des Kaiserreichs, selbst +einige Fürsten waren in dem prachtvollen Hotel des reichen Senators +versammelt. Wenn der Tanz noch nicht in Schwung kommen wollte, so +rührte das daher, weil man auf den Kaiser wartete; denn dieser hatte +versprochen, daß er erscheinen werde, und hätte gewiß sein Wort +gehalten, wäre nicht an demselben Abende zwischen ihm und Josephine ein +Auf tritt vorgefallen, der die Scheidung des gekrönten Gattenpaares +voraussehen ließ. Die Nachricht von jenem unangenehmen Auftritt war +noch nicht bis zu den Ohren der Hofleute gelangt, und auf die +Heiterkeit des Festes, das der Graf von Gondreville gab, hatte daher +nur der eine Umstand Einfluß, daß Napoleon nicht erschien. Die +schönsten Frauen von Paris hatten sich in den geschmückten Salons +eingefunden, um durch die Üppigkeit ihres Schmuckes und ihrer Schönheit +vor den Augen des Kaisers zu glänzen. + +Die auf ihre Reichtümer stolze Finanzwelt überstrahlte die glänzenden +Generäle und hohen Offiziere des Kaiserreichs, die mit Kreuzen der +Ehrenlegion und Titeln überhäuft waren; denn solche Feierlichkeiten +waren stets Gelegenheit, die von den reichen Familien ergriffen wurden, +um ihre Erbinnen den Augen der napoleonischen Prätorianer vorzuführen, +in der Hoffnung, daß diese ihre Titel mit der prachtvollen Ausstattung +der Erbinnen verbinden würden. Diejenigen Damen, die sich nur +hinsichtlich ihrer Schönheit stark wußten, erschienen ebenfalls, um die +Macht ihrer Reize zu versuchen. Es war dort, wie fast überall, die +Freude nur eine Maske. Die heiteren und lachenden Gesichter, die +ruhigen Stirnen verdeckten gehässige Berechnungen. Die Freundschafts- +bezeigungen logen, und mehr als einer mißtraute seinen Feinden weniger +als seinen Freunden. + +Diese kurzen Bemerkungen sind bestimmt, nicht nur die kleinen +Verwicklungen des Auftritts, der sich vor unseren Augen entfalten wird, +zu verraten, sondern auch das Fest einigermaßen kennen zu lernen, bei +dem sie sich ereigneten. Zugleich wollten wir den Ton schildern, der +damals in den Salons von Paris herrschte, und das bisherige darf daher +gewissermaßen nur als eine Vorrede oder als ein geschichtlicher Prolog +betrachtet werden, den die andersgestalteten heutigen Sitten +erforderten. + + * * * * * + +"Schauen Sie einmal nach jener gebrochenen Säule, die einen Kandelaber +trägt! Sehen Sie die junge Dame, deren Haar nach chinesischer Art +geflochten ist? Dort, links in der Ecke! Sie hat blaue Glockenblumen in +dem Busche kastanienbrauner Haare, die in Garben über ihren Kopf +herabfallen. Sehen Sie sie nicht? Sie ist so bleich, daß man glauben +sollte, sie sei krank. Sie ist eine allerliebste Kleine. Jetzt richtet +sie die Augen gerade auf uns. Ihre blauen Augen, die mandelartig +gespalten sind und süß zum Entzücken, scheinen ganz besonders zum +Weinen geschaffen. Aber sehen Sie doch! Jetzt beugt sie sich, um Madame +Vaudremont durch die Masse von Köpfen hindurch zu erblicken, die in +beständiger Bewegung sind und ihr die Aussicht abschneiden...." + +"Ja, jetzt habe ich sie, mein Lieber!... Du hättest sie mir nur als die +bleichste von allen hier versammelten Damen bezeichnen sollen, so würde +ich sie schon erkannt haben, denn ich habe sie bereits bemerkt. Sie hat +den schönsten Teint, den ich je bewundert habe. Von hier aus dürftest +Du wohl die weiße Haut ihres Halses nicht genau sehen können und die +Perlen nicht, die die Saphire ihres Halsschmuckes unterbrechen. Aber +von hier aus scheint es, als sähe man Türkise auf Schnee gesät. Sie +besitzt feine Sitten, oder ist sehr kokett. Welche Schultern! Welche +Lilienweiße!..." + +"Wer ist es denn?" fragte jener, der zuerst gesprochen hatte. "Ich weiß +es nicht." + +"Aristokrat! Sie wollen wohl alle für sich behalten...." + +"Das paßt zu Dir, mich zu verspotten!" versetzte der Soldat lächelnd. +"Glaubst Du das Recht zu haben, einen armen Oberst, wie ich bin, zu +verspotten, weil Du als glücklicher Nebenbuhler des armen Soulanges +nicht eine einzige Pirouette machen kannst, ohne daß zugleich das Herz +der Frau von Vaudremont tanzt? Oder deswegen, weil ich erst seit +Monaten in dieses gelobte Land gekommen bin?... Ihr seid ein +unverschämtes Volk, ihr Verwaltungsbeamten, die Ihr auf euren Stühlen +sitzen bleibt, während wir Kommißbrot essen müssen! Wohlan, Herr +Requêtenmeister, lassen Sie uns einmal das Feld rekognoszieren, in dem +Ihr nicht eher wieder ruhig herrschen sollt, bis wir abgezogen sind! +Was Teufel! Jedermann muß leben." "Oberst, da Sie mit Ihrer ganzen +Aufmerksamkeit die schöne Unbekannte beehrt haben, die ich hier zum +ersten Male bemerke, so haben Sie doch die Güte, mir zu sagen, ob Sie +sie bereits tanzen sahen." "Ei! mein lieber Martial, was fällt Dir ein? +Wenn man Dich als Gesandten abschickte, so möchtest Du wohl schlechte +Geschäfte machen. Siehst Du nicht drei Reihen der unerschrockensten +Koketten von Paris zwischen meiner hübschen Dame und dem glänzenden +Schwarm von Tänzern, der unter dem Kronleuchter summt? Hast Du Dich +nicht der Hilfe Deines Lorgnons bedienen müssen, um sie in dem Winkel +jener Säule zu entdecken, wo sie in ein tiefes Dunkel vergraben +scheint? Trotz der fünfzig Kerzen, die um ihr blondes Haupt +herumflackern, denn es ist zwischen ihr und uns eine solche Menge von +Diamanten und funkelnden Blicken, von schwankenden Federn, Spitzen und +Blumen, daß es ein wahres Wunder wäre, wenn irgendein Tänzer sie +inmitten dieser blendenden Gestirne bemerken würde! wie, Martial, hast +Du nicht erraten, daß sie die Gattin irgendeines Unterpräfekten aus +einem entlegenen Departement ist, die hier in Paris versuchen will, +ihren Mann zum Präfekten zu machen?..." + +"O! er soll es werden!" rief lebhaft der Requêtenmeister aus. + +"Ich bezweifle," sagte der Oberst lachend, "denn sie scheint mir in der +Intrige ebenso unbewandert, wie Du in der Diplomatie. Ich wette, +Martial, daß Du nicht weißt, wie sie an ihre Stelle gekommen ist." + +Der Requêtenmeister blickte den Oberst auf seine Weise an, die +ebensoviel Verachtung als Neugierde verriet. + +"Nun," fuhr der Oberst fort, "das arme Kind wird ohne Zweifel pünktlich +neun Uhr gekommen sein. Vielleicht ist sie die Erste gewesen ... +Wahrscheinlich wird sie die Gräfin von Gondreville in große +Verlegenheit versetzt haben, da diese nicht zwei Gedanken +zusammenreimen kann; verstoßen von der Hausfrau, wird sie dann durch +jede Neuangekommene von Stuhl zu Stuhl weiter gedrängt worden sein, bis +in das helle Dunkel jenes kleinen Winkels, wo sie nun als Opfer ihrer +Demut eingeschlossen ist, und als Opfer der Eifersucht jener Damen, +deren eifrigstes Bestreben es gewesen ist, eine so gefährliche und +reizende Gestalt in den Hintergrund zu versetzen. Sie wird keinen +Freund gehabt haben, der sie ermutigt hätte, den Platz zu verteidigen, +den sie dem ersten Plane gemäß eingenommen haben muß, und jede von +diesen treulosen Tänzerinnen hat gewiß unter Androhung der +schrecklichsten Strafe allen ihren Anhängern verboten, unsere schöne +Freundin aufzufordern. Sieh nur, mein Lieber, diese zärtlichen und +offenen Augen haben gewiß eine allgemeine Verschwörung gegen die +Unbekannte veranlaßt!... Diese Verschwörung wird zustande gekommen +sein, ohne daß eine einzige dieser Damen ein Wörtchen gesagt hätte, +als: 'Meine Liebe, kennen Sie diese kleine blaue Dame?'--Höre, Martial, +willst Du binnen einer Viertelstunde von mehr schmeichelhaften Blicken +beglückt werden, als Du vielleicht in Deinem ganzen Leben einernten +kannst, so tue, als wolltest Du den dreifachen Wall durchdringen, der +unsere Andromeda umschließt.... Du wirst sehen, wie auch die Dümmste +von diesen schönen Göttinnen sofort eine List erfindet, die fähig wäre, +den Mann einzuhalten, der sich am entschiedensten zeigte, um die +klagende Unbekannte in das Licht zu ziehen, denn Du wirst gestehen, daß +sie ganz aussieht wie eine Elegie." + +"Sie glauben also, Oberst, daß es eine verheiratete Frau ist?" + +"Nun, vielleicht ist sie Witwe." + +"Dann wäre sie nicht so traurig!" sagte der Requêtenmeister lachend. + +"Vielleicht ist sie Witwe, obgleich ihr Mann noch lebt!" versetzte der +Oberst. + +"In der Tat gibt es unter den Damen viele solcher Witwen seit dem +Frieden ..." antwortete Martial. "Aber, Oberst, wir täuschen uns beide. +Es liegt zu viel Unschuld in diesen Augen, als daß es eine Frau sein +sollte. Es liegt noch zu viel Jugend und Frische auf der Stirn und auf +den Schläfen! Welch kräftige Töne des Fleisches! Nichts ist an Lippen +und Kinn verwelkt. Alles ist noch frisch wie die Knospe einer weißen +Rose, aber auch alles durch Wolken der Trauer verhüllt. Die Dame +weint...." + +"Wie?..." sagte der Oberst. + +"Es kommt mir wenigstens so vor; aber sie weint nicht deshalb, weil sie +ohne zu tanzen da sitzt," versetzte Martial, "Ihr Kummer rührt nicht +von heute her, und man sieht, daß sie sich absichtlich so schön gemacht +hat. Ich möchte wetten, daß sie schon liebt." "Bah! Sie ist vielleicht +die Tochter irgendeines kleinen Fürsten aus Deutschland!" sagte der +Oberst. + +"Ach! wie unglücklich ist doch ein armes Mädchen, das allein und +vergessen dasteht!" versetzte Martial. "Kann man eine größere Anmut +entfalten, als unsere kleine Unbekannte? Sie ist reizend!... Und nicht +eine von den höfischen und häßlichen Megären, die sie umgeben, und die +so empfindsam scheinen möchten, richtet ein Wörtchen an sie!... Spräche +sie, so würden wir wenigstens ihre Zähne sehen!..." + +"O! Du wirst sauer, wie die Milch bei der geringsten +Temperaturveränderung," sagte der Oberst sanft, aber doch etwas +geärgert, einen Nebenbuhler in seinem Freunde zu erkennen. + +"Wie!" sagte der Requêtenmeister, ohne die Bemerkung des Obersten zu +hören und richtete sein Lorgnon auf alle Personen, die in seiner Nähe +standen; "wie, ist denn niemand hier, der uns diese liebliche Blume +nennen könnte, die erst jetzt ganz neu in diesen Garten verpflanzt +ist?..." + +"Nun, es ist vielleicht ein Gesellschaftsfräulein...!" sagte der +Oberst. + +"Herrlich! Ein Gesellschaftsfräulein mit Saphiren, deren sich eine +Königin nicht zu schämen brauchte!... Das machen Sie andern weis, Sie +werden wohl nicht stärker in der Diplomatie sein als ich, wenn Sie eine +deutsche Prinzessin für ein Gesellschaftsfräulein halten." + +Der Oberst, der weniger gesprächig, dafür aber neugieriger war, ergriff +einen kleinen rundlichen Mann beim Arm, dessen graue Haare und +geistreiche Augen man in jedem Augenblicke in einem anderen Teile des +Salons erblickte. Dieses wundersam behende Männchen mischte sich in +alle Gruppen und wurde überall mit einer gewissen Achtung aufgenommen. + +"Gondreville, mein lieber Freund," sagte der Soldat zu ihm, "wer ist +das allerliebste kleine Weibchen dort hinter Deinem gewaltigen +vergoldeten Kandelaber?" + +"Der Kandelaber?... Er ist von Ravrio, mein Lieber, und Isabey hat die +Zeichnung dazu geliefert...." + +"O, ich habe Deinen Geschmack schon anerkannt, und mich an dem +prachtvollen Kandelaber erfreut; ich meine aber die Dame, die Dame...." + +"Ach so, die kenne ich nicht!... Es ist ohne Zweifel eine Freundin +meiner Frau." + +"Oder Deine Geliebte, alter Spitzbube!..." + +"Nein, auf Ehre nicht. Allein nur die Gräfin von Gondreville kann Leute +einladen, die niemand kennt." + +Der kleine dicke Mann sprach diese Bemerkung mit einiger Bitterkeit aus +und entfernte sich dann; aber auf seinen Lippen schwebte doch ein +Lächeln innerer Zufriedenheit, die durch die Vermutung des Obersten +hervorgerufen war. Dieser trat nun wieder zu dem Requêtenmeister, der +sich indes einer benachbarten Gruppe angeschlossen hatte, um +Erkundigungen über die Unbekannte einzuziehen. Der Oberst nahm den +Requêtenmeister beim Arm und flüsterte ihm ins Ohr: "Mein lieber +Martial, nimm Dich in acht. Frau von Vaudremont blickt Dich seit +einigen Minuten mit einer verzweifelten Aufmerksamkeit an. Sie ist +fähig, schon an der Bewegung Deiner Lippen zu erkennen, was Du mir +sagst. Unsere Blicke sind überdies bereits zu bezeichnend gewesen. Sie +hat dieselben bemerkt und ist ihrer Richtung gefolgt. Wenn ich nicht +irre, so zerbricht sie sich in diesem Augenblick den Kopf mehr über +unsere Dame, als wir selbst es tun." + +"Das ist eine alte Kriegslist! Was kümmert mich das übrigens. Ich mache +es wie der Kaiser: wenn ich Eroberungen mache, so behaupte ich +dieselben auch." "Martial, Deine Eitelkeit verdient eine Lehre. Wie, +Schurke, Du hast das Glück, mit Frau von Vaudremont verlobt zu sein, +mit einer Witwe von zweiundzwanzig Jahren, die jährlich zweitausend +doppelte Napoleons zu verzehren und Dir Diamanten von dreitausend Taler +Wert an die Finger gesteckt hat ... und Du willst dennoch den Lovelac +spielen, als wärst Du ein Oberst, der nächstens die Garnison +vertauschen wird?... Pfui!... Bedenke doch wenigstens, was Du verlieren +kannst!..." + +"Dann werde ich wenigstens meine Freiheit nicht verlieren," versetzte +Martial mit einem erzwungenen Lächeln. Er warf einen leidenschaftlichen +Blick auf Frau von Vaudremont, die nur mit einem unruhigen Lächeln +antwortete, denn sie hatte gesehen, wie der Oberst die Hand des +Requêtenmeisters ergriff, um den kostbaren Ring zu betrachten, den sie +diesem geschenkt hatte. + +"Höre, Martial!" versetzte der Oberst. "Wenn Du noch länger um meine +junge Unbekannte herumflatterst, so unternehme ich die Eroberung der +Frau von Vaudremont." + +"Das ist Ihnen erlaubt, reizender Kürassier, allein Sie werden den +Platz nicht einnehmen." + +"Bedenke, daß ich Junggeselle bin," sagte der Oberst, "daß mein Degen +mein einziges Vermögen ist und Du mich durch eine solche Antwort +durchaus herausfordern mußt." + +"Brrr." Diese scherzhafte Häufung von Konsonanten war die einzige +Antwort auf die Drohung des Obersten, den sein Freund vom Kopf bis zu +den Füßen maß, bevor er ihn verließ. Der Oberst war ein Mann von etwa +fünfunddreißig Jahren und trug nach der Mode jener Zeit kurze +Beinkleider von weißem Kaschmir und seidene Strümpfe, die die seltene +Vollendung seiner Formen verrieten. Er hatte jenen hohen Wuchs, der die +Kürassiere der kaiserlichen Garde auszeichnete. Seine Uniform erhöhte +noch die Anmut seines Körpers, der durch den Dienst zu Pferde nicht +entstellt war, sondern vielmehr die nötige Fülle erlangt hatte, die für +seine körperlichen Verhältnisse paßte. Ein schwarzer Schnauzbart +vollendete den aufrichtigen Ausdruck seines nicht militärischen +Antlitzes, dessen Stirn breit und offen war. Unter der Adlernase +zeigten sich die purpurroten Lippen seines Mundes. In dem Benehmen des +Obersten lag ein gewisser Adel, den er der Gewohnheit des Befehlens +verdankte, und der sehr wohl einer Frau gefallen konnte, die keinen +Sklaven aus ihrem Manne zu machen wünschte. Der Oberst lächelte, indem +er dem Requêtenmeister, der einer seiner besten Freunde vom Kollegium +her war, nachblickte und sah, wie wenig gut dieser gewachsen war. + +Der Baron Martial de la Roche-Hugon war ein junger Provençale von etwa +dreißig Jahren, den Napoleon damals mit außerordentlichen Gunstbeweisen +auszeichnete. Martial schien zu irgendeinem wichtigen Gesandtschafts- +posten bestimmt. Er besaß in hohem Grade den Geist der Intrige, jene +Beredsamkeit des Salons und jene Gewandtheit des Benehmens, die so +leicht die weniger glänzenden Eigenschäften eines soliden Mannes +ersetzten. Die lebhaften Züge seines Gesichts, dessen Hautfarbe unter +den dichten Locken eines Waldes von schwarzen Haaren noch weißer erschien, +als sie wirklich war, verrieten viel Geist und Anmut.--Die beiden Freunde +waren gezwungen, sich zu trennen, indem sie sich herzlich die Hände +drückten, denn die Töne des Orchesters gaben den Damen das Zeichen, daß +die Quadrillen des vierten Contretanzes gebildet werden sollten, und alle +Männer mußten sich daher aus dem weiten Raume entfernen, den sie bisher +in der Mitte des Salons +eingenommen hatten. + +Die flüchtige Unterhaltung der Freunde war während der Ruhepause +geführt worden, die stets die Contretänze trennt, und zwar vor einem +Kamin von weißem Marmor, einer prachtvollen Zierde des größten der drei +Salons im Hotel Gondreville. Die meisten Fragen und Antworten dieser +Plauderei hatten die beiden Sprechenden einander ins Ohr geflüstert. +Allein die Girandolen und Leuchter, mit denen der Kamin +verschwenderisch geschmückt war, ergossen so reichliche Ströme von +Licht über den Oberst und den Requêtenmeister, daß ihre zu lebhaft +erleuchteten Gesichter trotz einer diplomatischen Selbstbeherrschung +den Ausdruck der Gefühle den schlauen Augen der Frau von Vaudremont und +den aufrichtigen Blicken der jungen Unbekannten nicht zu verhehlen +vermochten. Bei Leuten, die gern die Gefühle anderer entdecken, bildet +es eines der größten Vergnügen, beim Besuch von Gesellschaften die +Gedanken auszukundschaften, und sie gelangen dadurch oft zu köstlichen +Genüssen, während andere sich langweilen, ohne daß sie es wagen, ihre +Langeweile zu gestehen. Um das geheime Interesse zu begreifen, das in +der Unterhaltung liegt, mit der diese Erzählung beginnt, müssen wir +notwendig ein Ereignis kennen lernen, das ein fast unbedeutendes +scheinen könnte, das aber dennoch durch unsichtbare Bande die Personen +dieses kleinen Dramas vereinigte, obgleich sie in den Salons zerstreut +waren, die von dem Geräusch des glänzenden Festes widerhallten. + +Dieses Ereignis hatte sich einige Minuten früher zugetragen, als der +Oberst und Baron Martial miteinander sprachen. Etwa um elf Uhr abends, +als die Tänzerinnen ihre Plätze einnahmen, sah die glänzende +Versammlung im Hotel Gondreville die schönste Frau von Paris +erscheinen, die Königin der Mode, die einzige, die noch bei der +Versammlung gefehlt hatte. Sie hatte es sich zum Gesetz gemacht, nie +eher zu erscheinen, als in dem Augenblick, wo sich die Salons in +festlicher Erregung befanden, in jenem anmutigen Tumult, währenddessen +es den Damen nicht möglich ist, ihre Aufmerksamkeit lange auf die +Frische der verschiedenen Gesichter oder auf die Schönheit der +Toiletten zu richten. Dieser flüchtige Augenblick ist gleichsam der +Frühling eines Balles, eine Stunde später ist die Freude vergangen, die +Ermattung tritt ein, und alles welkt. Frau von Vaudremont verfiel daher +niemals in den großen Fehler, so lange auf einem Ball zu bleiben, bis +die Blumen sich neigten, die Locken schlaff wurden, der Spitzenbesatz +zerknittert war und das Antlitz jenen Ausdruck annahm, der die Folge +einer durchschwärmten Nacht ist und nie verborgen bleibt. Sie hütete +sich wohl, den Fehler ihrer Nebenbuhlerinnen zu begehen und das +Ablassen ihrer Schönheit bemerken zu lassen. Sie wußte dagegen +geschickt ihren Ruf als die koketteste Dame zu behaupten, indem sie +sich stets ebenso glänzend von einem Ball zurückzog, als sie dort +erschienen war. Die Damen flüsterten einander mit einem gewissen Neide +zu, daß sie ebenso oft ihren Schmuck wechsle, als sie einen neuen Ball +besuche. Diesmal stand es aber der Frau von Vaudremont nicht frei, sich +nach ihrem Belieben von dem Ball wieder zu entfernen, auf dem sie als +Siegesgöttin erschienen war. Einen Augenblick blieb sie an der Schwelle +der Tür stehen, um beobachtende, aber flüchtige Blicke auf die ganze +Damenwelt zu werfen, die Kostüme zu mustern und sich zu überzeugen, daß +sie durch ihren Schmuck alle übrigen verdunkeln würde. Die berühmte und +hübsche Kokette hatte sich dann der Bewunderung aller Anwesenden +dargestellt, indem sie von einem der tapferen Obersten der großen Armee +geführt wurde, der damals Liebling des Kaisers und überdies jung und +schön war. Er hieß Graf von Soulanges. Die zufällige und vorübergehende +Vereinigung dieser beiden Personen bot ohne Zweifel etwas Rätselhaftes +dar; denn als der Diener an der Tür Herrn von Soulanges und Gräfin von +Vaudremont anmeldete, erhoben sich einige Damen, die etwas zu weit +abseits saßen, um neugierige Blicke auf die Eintretenden zu werfen. +Auch einige Herren eilten aus den anstoßenden Salons vorbei und +drängten sich an die Türen des Hauptsaales. Einer von jenen Witzbolden, +an denen es bei so großen Gesellschaften nie fehlt, bemerkte, als er +die Gräfin mit ihrem Kavalier eintreten sah, daß die Damen mit ebenso +großer Neugierde auf einen seiner Geliebten ergebenen Mann schauten, +wie die Männer ein schwer zu fesselndes hübsches Weib betrachteten. + +Graf von Soulanges war ein junger Mann von etwa zweiunddreißig Jahren; +er schien haltlos, war aber nervig. Seine hageren Formen und sein +blasser Teint nahmen wenig zu seinen Gunsten ein. Obgleich seine +schwarzen Augen eine sehr große Lebhaftigkeit besaßen, war er doch +schweigsam. Indes galt er für einen sehr verführerischen Mann, und man +gestand ihm große Beredsamkeit in Verbindung mit vielen Fähigkeiten zu. + +Die Gräfin von Vaudremont war eine ziemlich große Erscheinung von +angenehmer Körperfülle, blendend weißer Haut, trug ihr kleines +anmutiges Köpfchen sehr schön und besaß den gewaltigen Vorteil, durch +die Anmut ihres Benehmens Liebe einflößen zu können. Man empfand stets +eine neue Freude, wenn man sie anblicken oder mit ihr sprechen konnte. +Sie war eine von jenen Frauen, die alle Verheißungen erfüllen, welche +ihre Schönheit gewährt. + +Dieses rätselhafte und glänzende Paar, das für einige Augenblicke +Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden war, erlaubte der +Neugierde nicht lange, sich mit ihm zu beschäftigen, denn der Oberst +und die Dame schienen vollkommen zu begreifen, daß der Zufall sie in +eine schwierige Lage gebracht habe. Als der Baron Martial die Gräfin +und ihren Kavalier miteinander vorwärts schreiten sah, mischte er sich +in eine Gruppe von Männern, die den Kamin umstanden, und beobachtete +zwischen den Köpfen hindurch, die gleichsam einen Wall um ihn bildeten, +Frau von Vaudremont mit der ganzen eifersüchtigen Aufmerksamkeit, die +das erste Feuer der Leidenschaft erregt. Eine innere Stimme schien ihm +zu sagen, daß der Erfolg, auf den er stolz gewesen sei, noch immer +nicht als ein ganz gewisser betrachtet werden könne. Allein das Lächeln +kalter Höflichkeit, mit dem die Gräfin Herrn von Soulanges dankte, und +die Verneigung, mit der sie ihn verabschiedete, als sie sich zu Frau +von Gondreville setzte, entspannte die Muskeln wieder, die die +Eifersucht auf dem jugendlichen Antlitz des Requêtenmeisters krampfhaft +zusammengezogen hatte. + +Als indes der eifersüchtige Provençale bemerkte, daß Herr von Soulanges +zwei Schritte von dem Sofa stehen blieb, in dem Frau von Vaudremont +Platz genommen hatte, ohne auf den Blick zu achten, durch den die junge +Kokette ihrem getäuschten Liebhaber zu sagen schien, daß sie beide eine +lächerliche Rolle spielten, da zog er von neuem die schwarzen Brauen +zusammen, die seine blauen Augen beschatteten, fuhr, um sich Haltung zu +geben, mit den Fingern durch die Locken seiner braunen Haare und +beobachtete das Benehmen der Gräfin und des Herrn von Soulanges, ohne +die Aufregung zu verraten, die sein Herz heftiger schlagen ließ. Der +Requêtenmeister schien mit seinen Nachbarn zu plaudern, aber das Feuer +einer heftigen Leidenschaft entflammte sein unruhiges Auge. Nun trat +der Oberst zu ihm und reichte ihm die Hand, um seine Bekanntschaft zu +erneuern, worauf er die kriegerische Odyssee seines Freundes anhörte, +ohne sie zu hören, denn er blickte stets nur auf Herrn von Soulanges. + +Dieser überschaute mit ruhigen Blicken die vierfache Reihe von Damen, +die den gewaltigen Salon des Senators einrahmte. Er schien jene +Einfassung von Diamanten, von Rubinen, von goldenen Ähren und reizenden +Köpfen zu bewundern, deren Glanz fast die Helligkeit der Kerzen, das +Kristall der Kronleuchter, die silberne Stickerei der Tapeten und die +Vergoldung der Bronzen überstrahlte. Die sorglose Ruhe seines +Nebenbuhlers brachte den Requêtenmeister außer Fassung, und unfähig, +länger die aufwallende und geheime Ungeduld zu beherrschen, die sich +seiner bemächtigte, trat er auf Frau von Vaudremont zu, um sie zu +begrüßen. Als der Provençale erschien, richtete Herr von Soulanges +einen finsteren Blick auf ihn und wandte dann ungeduldig den Kopf. + +Ein ernstes Schweigen herrschte in dem Salon. Die Neugierde war auf den +höchsten Gipfel gestiegen. Die emporgereckten Köpfe zeigten die +wunderlichsten Mienen, und jeder befürchtete oder erwartete einen von +jenen Auftritten, vor denen sich jedoch wohlerzogene Leute stets zu +hüten wissen. Plötzlich wurde das bleiche Antlitz des Grafen so rot, +wie der Scharlach seiner Aufschläge, und seine Blicke senkten sich auf +den Fußboden, damit sie den Gegenstand seiner Unruhe nicht erraten +ließen. Gleichsam durch einen Zufall hatte er die Unbekannte erblickt, +die bescheiden am Fuße des Kandelabers saß. Ein finsterer Gedanke +bemächtigte sich seiner, und er ging mit trauriger Miene an dem +Requêtenmeister vorüber, um sich in einen der Spielsalons zu flüchten. +Der Baron Martial sowie die übrigen Versammelten glaubten, daß +Soulanges ihm das Feld räume, um die Lächerlichkeit zu vermeiden, die +sich entthronte Liebhaber stets zuziehen; nun erhob er stolz das Haupt, +blickte ebenfalls nach dem köstlichen Kandelaber und bemerkte die +Unbekannte. Er setzte sich mit gefälligem Anstände neben Frau von +Vaudremont, hörte aber so zerstreut auf die Worte, die die Kokette +hinter dem Fächer ihm zuflüsterte, daß er sie fast gar nicht verstand. + +"Martial, Sie werden mir die Freude machen, den Diamant heute abend +nicht zu tragen, den ich Ihnen geschenkt habe. Ich habe meine Gründe +und werde sie Ihnen erklären, wenn wir uns entfernen; denn Sie werden +mir bald den Arm reichen, um mich zur Fürstin von Wagram zu begleiten." + +"Warum hatten Sie den Arm jenes häßlichen Obersten angenommen?" fragte +der Baron. + +"Ich bin ihm in der Vorhalle begegnet ..." anwortete sie; "aber nun +verlassen Sie mich, man sieht zu uns herüber...." + +"Ich bin stolz darauf!..." sagte Martial, erhob sich aber dennoch und +ging. Nun trat er zu dem Kürassier-Oberst, und jetzt wurde die kleine +blaue Dame das gemeinschaftliche Band der Unruhe, die sich zu gleicher +Zeit, aber auf andere Art, der Gedanken des schönen Kürassier-Obersten +bemächtigt hatte, wie auch des betrübten Herzens des Grafen von +Soulanges und des flatterhaften Sinnes des Barons Martial und der +Gräfin von Vaudremont. + +Als sich die beiden Freunde nach den herausfordernden Schlußworten +ihrer langen Unterhaltung trennten, trat der junge Requêtenmeister auf +die schöne Frau von Vaudremont zu und wußte ihr einen Platz in der +Mitte der glänzendsten Quadrille zu verschaffen. Begünstigt durch jene +Art von Rausch, in die eine Frau fast immer versetzt wird, und durch +das Schauspiel eines Balles, bei dem die Männer wenigstens ebenso +geschmückt sind wie die Damen, glaubte Martial ungestraft dem Anreiz +nachgeben zu können, der seine Blicke stets wieder zu jenem Winkel +hinzog, in dem die Unbekannte gleichsam wie eine Gefangene saß. Es +gelang ihm, der lebhaften Gräfin den ersten und den zweiten Blick zu +entziehen, den er auf die blaue Dame warf, endlich aber wurde er auf +der Tat ertappt. Er wollte sich mit Zerstreuung entschuldigen, +rechtfertigte aber dadurch das ungeziemende Schweigen nicht, mit dem er +auf die meistverführerische aller Fragen antwortete, die eine Frau +aussprechen kann. Je nachdenkender er wurde, desto gereizter zeigte +sich die Gräfin. + +Während Martial nur widerwillig tanzte, ging der Oberst bei den Gruppen +der Zuschauer umher, um Erkundigungen über die junge Unbekannte +einzuziehen. Nachdem er die Gefälligkeit aller Anwesenden, selbst der +Gleichgültigen, gemißbraucht hatte, wollte er einen Augenblick +benützen, in dem die Gräfin von Gondreville frei schien, um sie selbst +nach dem Namen der rätselhaften Dame zu fragen, als er eine leichte +Lücke zwischen der Säule des Kandelabers und den Divans, die zu beiden +Seiten standen, bemerkte. + +Der unerschrockene Kürassier benutzte den Augenblick, währenddessen der +Contretanz einen großen Teil der Stühle leer ließ, die eine dreifache +Festungslinie bildeten, welche jetzt nur noch von Müttern und Frauen +eines gewissen Alters verteidigt wurde, und er wagte durch diese mit +farbigen Schals und gestickten Taschentüchern bedeckten Palisaden +durchzudringen. + +Er begrüßte einige Witwen, und von Dame zu Dame, von Höflichkeit zu +Höflichkeit, gelangte er endlich zu dem Platz der Unbekannten, den er +erspäht hatte. Auf die Gefahr hin, an den Klauen und Chimären des +gewaltigen Leuchters hängen zu bleiben, errang er sich eine Stelle +unter den Flammen der Wachskerzen, während ihn Martial mit großer +Unzufriedenheit anblickte. Der Oberst war zu gewandt, als daß er ohne +weiteres die kleine blaue Dame hätte anreden sollen, die zu seiner +Rechten saß; dagegen wandte er sich zunächst an eine ziemlich häßliche, +links von ihm sitzende Dame und sagte zu ihr: "Das ist ein herrlicher +Ball, meine Dame! Welche Pracht, welches Leben! Auf Ehre, es sind hier +nur schöne Damen versammelt. Warum tanzen Sie aber nicht?... Sie haben +gewiß recht boshafte Körbe ausgeteilt." + +Die geschmacklose Unterhaltung, in die sich der Oberst einließ, hatte +nur den Zweck, seine Nachbarin zur Rechten in ein Gespräch, zu ziehen. +Sie blieb aber stumm und in Gedanken versunken und schenkte ihm nicht +die geringste Aufmerksamkeit. Der Offizier wurde von einem sonderbaren +Staunen ergriffen, als er die Unbekannte wie in einer vollkommenen +Erstarrung sah. Er bemerkte sogar Tränen in dem blauen Kristall ihrer +Augen, und sein Staunen kannte keine Grenzen mehr, als er bemerkte, daß +die Aufmerksamkeit der betrübten jungen Dame nur durch Frau von +Vaudremont gefesselt wurde. + +"Madame ist ohne Zweifel verheiratet?" fragte er endlich. + +"Ja, mein Herr." + +"Ihr Herr Gemahl ist ohne Zweifel ebenfalls hier anwesend?" + +"Ja, mein Herr." + +"Und warum bleiben Sie so an Ihrem Platz? Etwa aus Koketterie?..." + +Die Unbekannte lächelte traurig. + +"Geben Sie mir die Ehre, bei dem nächsten Contretanz meine Tänzerin zu +sein! Ich werde Sie gewiß nicht an diesen Platz zurückführen; ich sehe +neben dem Kamin eine leere Gondole, und dort sollen Sie für den Rest +des Abends ihren Sitz haben. Während so viele Damen hier zu glänzen +suchen und die Narrheit des Tages ihre Krönung feiert, begreife ich Sie +nicht, warum Sie sich weigern wollten, die Königin des Balles zu +werden, wozu Ihnen Ihre Schönheit die gerechtesten Ansprüche bietet." + +"Mein Herr, ich werde nie tanzen." Die sanfte, aber kurze Betonung der +lakonischen Antworten, die die Unbekannte gab, war so entmutigend, daß +sich der Oberst gezwungen sah, den Platz zu verlassen. Martial hatte +während des Tanzens nicht nur die letzte Bitte des Obersten erraten, +sondern auch die abschlägige Antwort, die er erhielt, weshalb er +lächelte und sein Kinn streichelte, indem er dabei den Diamant an +seinem Finger erglänzen ließ. + +"Worüber lachen Sie?" fragte ihn die Gräfin. + +"Über den Mißerfolg des armen Obersten. Er hat einen Holzweg +betreten...." + +"Ich hatte Sie gebeten, den Diamant abzunehmen," bemerkte darauf die +Gräfin. + +"Ich habe es nicht gehört." + +"Sie hören aber heute abend auch gar nichts, Herr Baron!..." antwortete +Frau von Vaudremont sehr gereizt. + +"Sehen Sie den jungen Mann dort, der einen sehr schönen Diamanten am +Finger trägt," sagte in diesem Augenblicke die Unbekannte zu dem +Obersten, der sich eben entfernen wollte. "Es ist ein prachtvoller +Diamant," antwortete dieser. "Der junge Mann ist der Baron Martial de +la Roche-Hugon, einer meiner vertrautesten Freunde." + +"Ich danke Ihnen, daß Sie mir diesen Namen genannt haben," versetzte +die Unbekannte. "Er scheint mir sehr liebenswürdig!..." fuhr sie fort. + +"Ja, allein er ist ein wenig leichtsinnig." + +"Man könnte glauben, daß er mit der Gräfin von Vaudremont sehr vertraut +sei!..." versetzte die junge Dame und sah den Obersten fragend an. + +"Er wird sich mit ihr verheiraten." Die Unbekannte erbleichte. "Zum +Teufel!" dachte der Krieger, "sie liebt diesen verdammten Martial!" + +"Ich glaubte, Frau von Vaudremont stehe seit längerer Zeit in einem +Verhältnis mit Herrn von Soulanges?..." versetzte die junge Dame, indem +sie sich von einem inneren Leiden erholte, das für einen Augenblick den +übernatürlichen Glanz ihres Antlitzes aufgehoben hatte. + +"Seit acht Tagen täuscht ihn die Gräfin," antwortete der Oberst. "Sie +müssen aber den armen Soulanges gesehen haben, als er eintrat.... Er +versucht noch, den Glauben an sein Unglück von sich fernzuhalten...." + +"Ich habe ihn gesehen," sagte die Dame in einem vielsagenden Tone. Dann +fuhr sie fort: "Mein Herr, ich danke Ihnen für Ihre Mitteilung!" Die +Betonung dieser Worte galt einer Verabschiedung gleich.--In diesem +Augenblick ging der Contretanz seinem Ende entgegen, und der aus dem +Felde geschlagene Oberst hatte kaum noch Zeit, sich aus den +Festungslinien der Damen zurückzuziehen, indem er sich gewissermaßen +zum Trost sagte: "Sie ist verheiratet!..." + +"Nun, mutiger Kürassier!" sagte der Baron, indem er den Obersten mit +sich in eine Fensternische zog, um die reine Luft des Gartens +einzuatmen. "Wie weit sind Sie gekommen?" + +"Sie ist verheiratet, mein Lieber." + +"Was schadet das?" + +"Ha, der Teufel, ich halte auf die guten Sitten!..." antwortete der +Oberst. "Ich will mich nur noch an solche Damen wenden, die ich +heiraten kann.... Überdies, Martial, hat sie mir deutlich erklärt, daß +sie nicht tanzen wolle." + +"Oberst, verwetten Sie Ihren Apfelschimmel gegen hundert Napoleons, daß +sie heute abend noch mit mir tanzt?" + +"Abgemacht ..." sagte der Oberst und reichte dem Gecken die Hand. +"Unterdes werde ich zu Soulanges gehen, der vielleicht diese Dame +kennt.... Es schien mir, als wäre sie hinsichtlich mancher Dinge unter +richtet." + +"Mein Tapferer, Sie haben verloren!" sagte Martial lachend; "meine +Augen sind eben mit den ihrigen zusammengetroffen und--ich verstehe +mich darauf.... Aber, Oberst, Sie werden doch nicht böse werden, wenn +sie mit mir tanzt, nachdem Sie einen Korb empfangen haben?" + +"Nein, nein; der lacht am besten, der am längsten lacht!... Übrigens, +Martial, bin ich ein guter Spieler und ein guter Feind, weshalb ich +Dich darauf aufmerksam mache, daß sie Diamanten liebt." + +Nach diesem Gespräch trennten sich die beiden Freunde abermals. Der +Oberst begab sich zum Spielsalon und bemerkte den Grafen von Soulanges +an einem Bouillottetische. + +Obgleich zwischen den beiden Obersten nur jene Freundschaft des +äußerlichen Umgangs bestand, wie sie durch die Gefahren des Krieges und +die Pflichten eines gleichen Dienstes herbeigeführt wird, schmerzte es +den Kürassier-Oberst dennoch, den Grafen von Soulanges, den er als +einen klugen jungen Mann kannte, bei einem Spiel zu finden, das ihn +zugrunde richten konnte. Die Haufen von Gold und Banknoten, die auf dem +unglückseligen grünen Tisch lagen, bezeugten die Wut des Spiels. Ein +Kreis schweigender Männer umstand die ernsten Spieler, die beim +Bouillotte saßen. Einige Worte wurden hier und da laut, wenn man aber +die unbeweglichen Spieler sah, so hätte man glauben sollen, daß sie nur +mit den Augen sich unterhielten. Als der Oberst, der durch die +bleifarbene Blässe des Herrn von Soulanges erschreckt wurde, sich +diesem näherte, war der Graf eben gewinnender Teil. Der österreichische +Gesandte und ein berühmter Bankier erhoben sich, nachdem sie bedeutende +Summen verloren hatten. Der Graf von Soulanges wurde noch finsterer, +als er es vorher gewesen war, während er eine ungeheuere Menge Gold und +Banknoten einstrich. Er zählte seinen Gewinn nicht einmal. Ein bitterer +Spott zeigte sich auf seinen Lippen. Er schien das Glück und das Leben +zu bedrohen, anstatt ihnen zu danken, wie so viele andere getan haben +würden. + +"Mut," sagte der Oberst zu ihm; "Mut, Soulanges!" Dann glaubte er ihm +einen wahren Dienst zu leisten, indem er ihn vom Spiel wegführte und +sagte: "Kommen Sie, ich habe Ihnen eine angenehme Neuigkeit +mitzuteilen, aber nur unter einer Bedingung." + +"Und die ist?" fragte Soulanges. + +"Daß Sie mir auf die Frage antworten, die ich an Sie richten werde." + +Der Graf von Soulanges erhob sich rasch. Er schob seinen ganzen Gewinn +höchst sorglos in sein Taschentuch, das er auf krampfhafte Weise +zusammenzog. Sein Gesicht zeigte einen so verzweifelten Ausdruck, daß +keiner seiner Mitspieler eine Äußerung der Mißbilligung über die +abgebrochene Partie zu tun wagte, und die Züge der übrigen schienen +sich sogar noch zu erheitern, als seine finsteren und unwilligen Blicke +aus dem Kreis verschwanden, den eine Bouillote-Lampe um den Tisch +beschrieb. Ein Diplomat, der bisher unter den Zuschauenden gestanden +hatte, sagte indes, als er den Platz einnahm, den der Oberst verlassen +hatte: "Diese verteufelten Soldaten verstehen sich doch untereinander, +wie die Weißkäufer auf einem Jahrmarkt!" Ein einziges bleiches und +verlebtes Gesicht wandte sich gegen den neuen Teilnehmer am Spiel, +indem es ihm einen Blick zuwarf, der erglänzte und erlosch, wie das +Feuer eines Diamanten, den man spielen läßt. Dieses Gesicht war das des +Fürsten von Bénévent. + +"Mein Lieber!" sagte der Oberst zu Soulanges, den er mit sich in eine +Ecke gezogen hatte, "heute Morgen hat der Kaiser mit großem Lobe von +Ihnen gesprochen, und Ihre Beförderung in der Garde ist nicht mehr +zweifelhaft. Der Herrscher hat ausgesprochen, daß diejenigen, die +während des Feldzuges in Paris zurückgeblieben wären, nicht als in +Ungnade gefallen angesehen werden dürften.... Nun...?" + +Der Graf von Soulanges schien nichts von diesen Worten verstanden zu +haben. + +"Nun hoffe ich," versetzte der Oberst, "daß Sie mir sagen werden, ob +Sie die kleine allerliebste Person kennen, die am Fuße des Kandelabers +sitzt." + +Bei diesen Worten leuchtete aus den Augen des Grafen ein ungewöhnliches +Feuer. Er ergriff mit außerordentlicher Heftigkeit die Hand des +Obersten und sagte mit einer offenbar erregten Stimme zu ihm: "Mein +tapferer Kamerad, wenn Sie es nicht wären ... wenn ein Anderer diese +Frage an mich richtete ... so würde ich ihm mit diesem Haufen Goldes +den Schädel zerschmettern.... Verlassen Sie mich, ich bitte Sie +darum.... Ich möchte mir lieber heute Abend eine Kugel durch das Hirn +jagen, als.... Ich hasse alles, was ich sehe ... daher will ich auch +sogleich fort; denn diese Freude, diese Musik, diese lachenden +Schafgesichter sind mir grauenhaft." + +"Mein armer Freund..." sagte der Oberst mit sanfter Stimme und drückte +freundschaftlich die Hand des Grafen, "Sie sind so aufgeregt... Was +würden Sie sagen, wenn ich Ihnen mitteilte, daß Martial jetzt noch so +wenig an Frau von Vaudremont denkt, daß er sich vielmehr in jene kleine +Dame verliebt hat?" + +"Wenn er mit ihr spricht," sagte Soulanges, indem er vor Wut seine +Worte stotternd vorbrachte, "so werde ich ihn zusammenklappen wie eine +Brieftasche, und verkröche er sich unter dem Rock des Kaisers...." + +Bei diesen Worten sank der Graf halb ohnmächtig in den Armstuhl, zu dem +ihn der Oberst geführt hatte. Dieser zog sich langsam zurück, nachdem +er bemerkt hatte, daß Herr von Soulanges von einem zu heftigen Zorn +ergriffen sei, als daß ihn die Scherze oder die Sorgfalt einer +oberflächlichen Freundschaft zu beruhigen vermöchten. Als sich der +schöne Kürassier in den großen Tanzsaal begab, war Frau von Vaudremont +die erste, auf die seine Blicke fielen. Er gewahrte in ihren gewöhnlich +so ruhigen Zügen einige Spuren einer schlecht verhehlten Aufregung. Der +Oberst bemerkte einen leeren Stuhl neben ihr und eilte zu ihr hin. + +"Ich möchte wetten, daß Sie sehr aufgeregt sind," sagte er. + +"O, es ist eine Kleinigkeit, Oberst. Ich wollte mich eigentlich schon +von hier entfernt haben, denn ich habe versprochen, auf dem Ball der +Großherzogin von Berg zu erscheinen, und vorher muß ich noch einen +Besuch bei der Fürstin von Wagram machen. Herr de la Roche-Hugon weiß +es, aber er belustigt sich damit, noch immer mit den alten Witwen von +früheren Zeiten zu schwatzen." + +"Das ist nicht die Ursache Ihrer Unruhe.... Ich wette hundert +Louisdors, daß Sie hier bleiben." + +"Sie Unverschämter!..." + +"Also habe ich die Wahrheit gesagt." + +"Bösewicht!" versetzte die schöne Gräfin und schlug mit ihrem Fächer +auf die Finger des Oberst. + +"Nun, woran dachte ich denn?... Ich bin fähig, Sie zu belohnen, wenn +Sie die Wahrheit erraten." + +"Ich kann die Wette nicht eingehen, denn ich habe zu viele Vorteile." + +"Anmaßender!..." + +"Sie befürchten, Martial zu den Füßen einer Dame zu sehen...." + +"Welcher Dame?" fragte die Gräfin, indem sie sich überrascht stellte. + +"Der Dame, die neben dem Kandelaber sitzt ..." antwortete der Oberst +und deutete nach der Ecke, in der die schöne Unbekannte saß, die keinen +Blick von der Gräfin wandte. + +"Ja, Sie haben es erraten!" antwortete die Kokette und verbarg ihr +Antlitz hinter ihrem Fächer, indem sie sich stellte, als spiele sie mit +demselben. "Die alte Frau von Marigny, die, wie Sie wissen, boshaft ist +wie ein alter Affe," fuhr sie fort, nachdem sie einen Augenblick +geschwiegen hatte, "hat mir eben gesagt, daß Herr de la Roche-Hugon +einige Gefahr laufen würde, wenn er der Unbekannten den Hof machen +wollte, die sich, wie ein Störenfried, auf diesem Balle gezeigt hat. +Ich möchte lieber den Tod sehen, als dieses Antlitz, das so grausam +schön und zugleich so bleich, so unbeweglich ist, wie eine +Geistererscheinung. Frau von Marigny," fuhr sie dann fort, "die auf den +Bällen erscheint, um alles zu sehen, während sie zu schlafen scheint, +hat mich ungemein beunruhigt. Gewiß, Martial soll mir den Possen, den +er mir gespielt, teuer bezahlen. Ersuchen Sie ihn indes, Oberst, da er +Ihr Freund ist, mir keinen Kummer zu machen." + +"Ich habe eben mit einem Manne gesprochen, der an nichts weniger denkt, +als ihm eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wenn er mit der kleinen +Dame spricht. Und jener Mann, meine Dame, hält sein Wort. Indes kenne +ich Martial. Gefahren ermutigen ihn nur. Überdies haben wir eine Wette +miteinander gemacht...." Diese Worte sprach der Oberst mit leiser +Stimme. + +"Sollte es wahr sein?..." antwortete Frau von Vaudremont, während sie +einen gefallsüchtigen Blick auf ihn richtete. "Würden Sie mir die Ehre +erweisen, bei dem nächsten Contretanz mit mir anzutreten?..." + +"Nicht bei dem ersten, aber bei dem zweiten; jetzt will ich erst sehen, +was aus dieser Intrige werden kann, und will wissen, wer die kleine +blaue Dame ist. Sie sieht sehr geistreich aus." + +Der Oberst erriet, daß Frau von Vaudremont jetzt allein sein wollte, +und entfernte sich, zufrieden, den beabsichtigten Angriff auf +geschickte Weise begonnen zu haben. + +Es gibt bei allen Bällen Damen, die, ähnlich der Frau von Marigny, das +Amt alter Seemänner übernehmen, die am Ufer des Meeres den Stürmen +zuschauen, mit denen sich junge Matrosen herumschlagen. Frau von +Marigny, die an den Personen dieses Auftritts Teil zu nehmen schien, +vermochte nun in diesem Augenblick sehr leicht den grausamen Kampf zu +erraten, der in dem Herzen der Gräfin vor sich ging. Vergebens fächerte +sich die junge Kokette auf die anmutigste Art Kühlung zu, vergebens +lächelte sie den jungen Leuten entgegen, von denen sie begrüßt wurde, +und wandte alle weibliche List an, um ihre Aufregung zu verbergen, die +alte Witwe, eine der klügsten Herzoginnen am Hofe Ludwigs XV., schien +die Geheimnisse zu durchblicken, die sich hinter den Zügen der Gräfin +bargen. Die alte Dame schien fast jene unmerklichen Bewegungen des +Augensterns wahrzunehmen, die die Wallungen des Herzens verraten. Die +leichtesten Falten, die die weiße und reine Stirn runzelten, das +unmerkliche Zittern der Züge, das Spiel der anklägerischen Augenbrauen, +die fast unsichtbare Bewegung der Lippen, dies alles wußte die alte +Herzogin so gut zu lesen, wie die geschriebenen Worte eines Buches. Die +Kokette außer Dienst saß in einem Armstuhl, den sie vollkommen +ausfüllte, und plauderte mit einem Diplomaten, der sie aufgesucht +hatte, weil sie in unvergleichlicher Weise Anekdoten vom alten Hofe +erzählen konnte, aber sie beobachtete dabei mit ununterbrochener +Aufmerksamkeit die junge Kokette, die ihr wie eine neue Auflage ihres +eigenen Ichs vorkam. Sie fand sie ganz nach ihrem Geschmack, als sie +sah, daß sie so gut ihren Kummer verberge und die Schmerzen ihres +Herzens zu verhehlen wisse. + +Frau von Vaudremont fühlte sich in der Tat ebenso schmerzlich +ergriffen, als sie sich heiter stellte. Sie hatte geglaubt, in Martial +einen Mann von Talent anzutreffen, der ihr Leben durch die Genüsse des +Hofes, nach denen sie sich sehnte, verschönern sollte. Sie erkannte in +diesem Augenblick einen Irrtum, der ebenso grausam für ihren Ruf, wie +für ihre Eigenliebe war. Es ging ihr, wie den übrigen Frauen jener +Epoche, indem die plötzliche Regung der Leidenschaften die +Lebhaftigkeit der Gefühle nur vermehren konnte. Die Herzen, die viel +und schnell leben, dulden nicht weniger, als die, die sich in einer +einzigen Leidenschaft verzehren. Mehr als ein Fächer verbarg damals +kurze, aber schreckliche Qualen. Die Vorliebe der Gräfin für Martial +war allerdings erst Tags zuvor entstanden, allein auch der +unerfahrenste Chirurg weiß, daß die Abtrennung eines lebenden Gliedes +weit schmerzhafter ist, als die eines abgestorbenen. Bei Frau von +Vaudremonts Neigung zu Martial kamen die Aussichten auf die Zukunft +hinzu, während ihre frühere Leidenschaft ohne Hoffnung war und durch +die Gewissensbisse des Grafen von Soulanges vergiftet wurde. + +Die alte Herzogin wußte alles zu erraten und beeilte sich nun, den +Gesandten zu entlassen, von dem sie belagert wurde, denn in Gegenwart +entzweiter Geliebten und Liebhaber erbleicht jedes andere Interesse, +selbst bei einer alten Frau. Frau von Marigny richtete daher, um den +Kampf anzufachen, einen sardonischen Blick auf Frau von Vaudremont. +Dieser schreckliche Blick ließ die junge Kokette befürchten, ihr Los +möge in die Hände der Witwe geraten. Es gibt in der Tat Blicke, die ein +Weib dem andern zuwirft, die gleichsam tragische Fackeln sind, welche +den nächtlichen Ausgang eines Dramas beleuchten. Man müßte die +Exherzogin genauer kennen, um den ganzen Schrecken zu würdigen, den das +Spiel ihrer Physiognomie der Gräfin einflößte. Frau von Marigny war +hoch gewachsen, und wenn man sie sah, so mußte man sagen: "Die Frau ist +gewiß hübsch gewesen!" Sie verbarg die Runzeln ihrer Wangen durch eine +so starke Auflage von Rot, daß sie fast gar nicht sichtbar wurden, +allein ihre Augen empfingen keinen künstlichen Glanz durch dieses satte +Karmin, sondern wurden dadurch nur noch düsterer. Sie trug eine Menge +von Diamanten und kleidete sich mit hinreichendem Geschmack, um nicht +lächerlich zu erscheinen. Ihr Mund war durch ein künstliches Gebiß +verschönt und daher keineswegs eingefallen, sondern zeigte nur einen +ironischen Zug, der ihr eine Ähnlichkeit mit Voltaire gab. Ihre spitze +Nase deutete auf scharfen Witz, aber dennoch milderte die ausgesuchte +Feinheit ihres Benehmens den Spott ihrer Einfälle so sehr, daß man sie +nicht der Bosheit beschuldigen konnte. + +Ein triumphierender Blick belebte die beiden grauen Augen der alten +Dame und schien den Salon zu durchfliegen, um das Rot der Hoffnung auf +die bleichen Wangen der kleinen Dame zu ergießen, die zu den Füßen des +Kandelabers seufzte. Diesen durchdringenden Blick begleitete ein +Lächeln, das zu sagen schien: "Das hatte ich Ihnen bereits verheißen!" + +Diese unvorsichtige Enthüllung einer Verbindung, die zwischen Frau von +Marigny und der Unbekannten bestand, vermochte dem geübten Auge der +Gräfin von Voudremont nicht zu entgehen. Sie erblickte ein Geheimnis +und wollte es durchdringen. Die Neugierde verringerte ihren +vorübergehenden Schmerz. + +In diesem Augenblick hatte der Baron de la Roche-Hugon die ganze Reihe +der alten Witwen durchgemacht, um den Namen der blauen Dame zu +erfahren, aber gleich vielen Altertümlern hatte er sein ganzes Latein +bei diesen unglücklichen Nachforschungen verloren. In seiner +Verzweiflung hatte er sich sogar an die Gräfin von Gondreville gewandt; +aber auch von ihr nur wenig befriedigende Antwort erhalten: "Es ist +eine Dame, die mir von der ehemaligen Herzogin von Marigny vorgestellt +wurde...." + +Nun wandte sich der Requêtenmeister schnell zu dem Armstuhle, den die +alte Dame einnahm, und überraschte sie bei jenem Blick des +Einverständnisses, der mit der Unbekannten gewechselt wurde. Die +Färbung, die sich über die Wangen der einsamen Dame ergoß, verlieh ihr +einen solchen Glanz, daß der Requêtenmeister, bewegt durch den Anblick +einer so mächtigen Schönheit, zu Frau von Marigny zu treten beschloß, +obgleich er seit einiger Zeit ziemlich schlecht mit ihr gestanden +hatte. Als die Herzogin den Baron um ihren Armstuhl herumschweifen sah, +lächelte sie mit sardonischer Bosheit und blickte mit einer so +triumphierenden Miene auf Frau von Voudremont, daß der Oberst darüber +lächelte. "Sie nimmt eine freundliche Miene an, die alte Zigeunerin," +dachte er, "sie wird mir ohne Zweifel einen bösen Streich spielen +wollen." "Meine Dame," sagte er, "wie man mir gesagt hat, sind Sie +beauftragt, über einen köstlichen Schatz zu wachen." + +"Sehen Sie mich für einen schwarzen Hund mit glühenden Augen an?" +fragte die alte Dame und ergötzte sich für einen Augenblick an der +Verlegenheit des jungen Mannes. "Aber von welchem Schatze sprechen +Sie?" fuhr sie dann mit einer süßen Stimme fort, durch die Martial neue +Hoffnung erhielt. + +"Von der kleinen unbekannten Dame, die durch den Neid der koketten +Damen in jene Ecke verdrängt ist ... Sie sind ohne Zweifel mit ihr +bekannt?...." + +"Ja," sagte die Herzogin und lächelte wieder boshaft. "Warum tanzt sie +nicht? Sie ist so schön! Wollen Sie, daß wir Friede miteinander +schließen? Wenn Sie mich über das belehren wollen, was ich gern +erfahren möchte, so gebe ich Ihnen mein Ehrenwort darauf, daß Ihr +Gesuch um Zurückgabe der Waldungen von Marigny bei dem Kaiser kräftig +unterstützt werden soll." + +"Herr Baron," antwortete die alte Dame mit einem trügerischen Ernst, +"fuhren Sie mir die Gräfin von Vaudremont zu. Ich verspreche Ihnen, daß +ich ihr das ganze Geheimnis enthüllen will, das unsere Unbekannte so +anziehend macht. Alle Männer, die auf dem Ball anwesend sind, scheinen +ebenso neugierig geworden zu sein, wie Sie. Aller Augen richten sich +unwillkürlich nach jenem Kandelaber, neben dem das arme Kind so +bescheiden sitzt. Sie erntet alle Huldigungen, die man ihr hat +entreißen wollen. Der muß glücklich sein, der mit ihr tanzen wird!..." +Bei diesen Worten unterbrach sie sich, indem sie einen Blick auf die +Gräfin von Vaudremont richtete, der deutlich sagte: "Wir sprechen von +Ihnen." Dann fuhr sie fort: "Ich denke, daß Sie den Namen der +Unbekannten lieber aus dem Munde der schönen Gräfin hören werden, als +aus dem meinigen." Die Haltung der Herzogin war so herausfordernd, daß +Frau von Vaudremont sich erhob, zu ihr kam, sich auf den Stuhl setzte, +den ihr Martial anbot, und dann, ohne auf ihn zu achten, lachend sagte: +"Ich errate, meine Dame, daß Sie von mir sprechen, aber ich muß meine +Schwäche anerkennen und gestehen, daß ich nicht erkenne, ob Sie Gutes +oder Böses von mir reden." + +Frau von Marigny drückte mit ihrer trockenen und verschrumpften Hand +die hübsche Hand der jungen Dame und antwortete mit leiser Stimme und +im Tone des Mitleids: "Arme Kleine!" + +Die beiden Frauen blickten einander an. Frau von Vaudremont begriff, +daß der Baron von Martial überflüssig sei und verabschiedete ihn mit +einem gebieterischen Blick, der ihm sagte: "Verlassen Sie uns +augenblicklich!" + +Den Requêtenmeister freute es wenig, die Gräfin von den Künsten der +gefährlichen Sybille gefesselt zu sehen und richtete einen jener +männlichen Blicke auf sie, die so viel Macht über ein liebendes Herz +besitzen, aber auch einer Frau so lächerlich erscheinen, wenn sie kalt +gegen den geworden sind, in den sie verliebt war. + +"Wollen Sie vielleicht dem Kaiser nachäffen?..." sagte Frau von +Vaudremont und wandte ihren Kopf, um den Requêtenmeister spöttisch +anzusehen. + +Er kannte die Welt zu gut, besaß zu viel Feinheit und guten Geschmack, +als daß er sich einem Bruch mit der hübschen Kokette hätte aussetzen +wollen; überdies rechnete er auf die Eifersucht, die er bei ihr +erwecken wollte, als auf das beste Mittel, das Geheimnis ihrer +plötzlichen Kälte zu entdecken. Er entfernte sich umso williger, als in +diesem Augenblick ein neuer Contretanz alle Tänzerinnen in Bewegung +setzte. Die heiteren Töne des Orchesters erklangen und man hätte die +durcheinander wogende Menge mit einer Wolke tausendfarbiger +Schmetterlinge vergleichen können, die sich bei dem harmonischen +Konzert der Vögel eines Gebüschs über einer Waldwiese erheben. + +Der Baron schien den antretenden Quadrillen zu weichen und stützte sich +auf den Marmor einer Konsole. Er kreuzte die Arme über der Brust und +blieb einige Schritte vor den beiden Damen stehen, die sich heimlich +miteinander unterhielten. Von Zeit zu Zeit folgte er den Blicken, die +beide wiederholt auf die Unbekannte richteten, und der Baron befand +sich in einer schrecklichen Unentschlossenheit, während er die Gräfin +mit jener neuen Schönheit verglich, die noch mehr gehoben wurde durch +das Geheimnis, das sie umgab. Er schwankte, ob er ein reicher Mann +werden oder eine Laune befriedigen solle. + +Der Glanz der Lichter ließ so kräftig das schwermütige und düstere +Antlitz unter seinen schwarzen Haaren hervorstechen, daß man ihn mit +einem bösen Geist hätte vergleichen können, und mehr als ein +fernstehender Beobachter mochte sich wohl sagen, "Der arme Teufel +scheint auch nicht zu seiner Freude hier zu sein!" + +Die rechte Schulter leicht an die vergoldete Einfassung der Tür +zwischen dem Spielzimmer und dem Tanzsaale gestützt, konnte der Oberst +unbemerkt lachen. Er freute sich über den berauschenden Lärm des +Balles. Er sah hundert hübsche Köpfe, die je nach den Launen des Tanzes +hin und her schwebten. Er las in manchen Zügen, ebenso wie in denen der +Gräfin und seines Freundes Martial, die Geheimnisse der Seelen. Dann +wandte er sein Gesicht und verglich das düstere Aussehen des Grafen +Soulanges, der noch immer in dem Armstuhle saß, wo er ihn verlassen +hatte, mit den sanften und klagenden Zügen der unbekannten Dame, auf +deren Antlitz abwechselnd die Freuden der Hoffnung und die Angst eines +unwillkürliehen Schreckens erschienen. Der glückliche Kürassier hatte +soviele Geheimnisse zu erraten, Reichtum von einer keimenden Liebe zu +hoffen, die Lehren zu merken, die der gekränkte Ehrgeiz gibt, das +Schauspiel einer heftigen Leidenschaft zu beobachten und das Lächeln +von hundert hübschen Damen über Soulanges, Martial, die Gräfin oder die +Unbekannte mit seinen Blicken zu erfassen, und er war daher so heiter, +als sei er der König des Festes. Das lebhafte Bild gab ihm ein +vollkommenes Gleichnis der Welt und des Lebens; aber er lachte, ohne +daß er hinter das Wesen dieser Dinge zu kommen versucht hätte. Es war +etwa Mitternacht, und die Unterhaltungen, das Spiel, der Tanz, die +Selbstsucht, die Bosheit und die verschiedenartigsten Pläne, alles war +auf jenem Siedepunkt angelangt, wo sich einem jungen Manne der Ruf +entringt: "Es ist doch eine hübsche Sache um einen Ball!..." + +"Mein kleiner Engel," sagte Frau von Marigny zu der Gräfin, "ich bin +weit älter, als ich scheine, denn ich zähle fünfundsechzig Jahre; ich +habe fast ein Jahrhundert gelebt. Sie, meine Liebe, stehen jetzt in +einem Alter, in dem ich tausend Fehler begangen habe, und da ich Sie +jetzt bittere Qualen erdulden sah, so fiel es mir ein, Ihnen einige +liebevolle Winke zu geben. Wer Fehler im zweiundzwanzigsten Jahre +begeht, verdirbt sich dadurch seine Zukunft, zerreißt das Kleid, das er +erst anziehen soll. Ach, meine Liebe, wir lernen erst zu spät uns des +Gewandes zu bedienen, ohne es zu zerknittern.... Fahren Sie fort, mein +schönes Kind, sich redliche Feinde zu machen und diejenigen als Freunde +zu erwerben, die den Geist der Welt nicht besitzen, und Sie sollen +sehen, was für ein angenehmes Leben Sie führen werden!"... + +"Ach, Herzogin, es macht uns recht viel Mühe, glücklich zu werden! +Nicht wahr?" rief die Gräfin kindlich aus. + +"Meine Kleine, man muß es nur verstehen, in Ihrem Alter zwischen dem +Vergnügen und dem Glück die Wahl treffen zu können. Hören Sie mich an! +Sie wollen Martial heiraten. Er ist aber auf der einen Seite nicht dumm +genug, um ein Ehemann zu werden, und auf der anderen Seite nicht gut +genug, um sie glücklich zu machen. Er hat Schulden, meine Liebe!... Er +ist ganz der Mann, der Ihr Vermögen verzehren könnte. Er ist ein +Ränkeschmied, der sich ausgezeichnet in die Geschäfte einleben kann, er +weiß angenehm zu plaudern, aber er besitzt zu viele Vorteile, als daß +er ein wahres Verdienst haben wollte. Er wird nicht weit gehen. +Überdies, sehen Sie ihn nur an!... Werfen Sie nur einen Blick auf +ihn!... Liest man es nicht auf seiner Stirn, daß er in diesem +Augenblick keineswegs das hübsche junge Weib sieht, sondern nur die +Besitzerin von zwei Millionen?... Er liebt Sie nicht, meine Liebe; er +berechnet Sie, als ob es sich um eine Multiplikation handelte. Wenn Sie +sich verheiraten wollen, so nehmen Sie einen bejahrten Mann, der +zugleich Ansehen genießt. Eine Witwe darf ihre Wiederverheiratung nicht +zu einem Geschäft der Liebe machen. Fängt man je eine Maus zweimal in +derselben Falle? Jetzt muß ein neuer Kontrakt eine Spekulation sein, +und wenn Sie sich wieder verheiraten, so müssen Sie dabei wenigstens +die Hoffnung haben, sich dereinst Frau Marschallin nennen zu hören!" In +diesem Augenblick richteten sich die Augen der beiden Damen natürlich +auf das hübsche Antlitz des Obersten. "Wollen Sie die schwierige Rolle +einer Kokette spielen und sich nicht wieder verheiraten ..." fuhr die +Herzogin gutmütig fort; "ach, meine arme Kleine, dann verstehen Sie +besser als jede andere, die Wolken eines Ungewitters zu häufen und auch +wieder zu zerstreuen.... Allein ich beschwöre Sie, machen Sie sich nie +eine Freude daraus, den ehelichen Frieden zu stören, die Eintracht der +Familien und das Glück der glücklichen Frauen zu vernichten. Ich habe +diese gefährliche Rolle gespielt, meine Liebe ... und etwas zu spät +habe ich erkennen gelernt, daß, wie jener Diplomat gesagt hat, ein +Lachs besser ist als tausend Frösche! Ja, meine Liebe, um einen Triumph +der Eigenliebe zu feiern, meuchelt man oft arme tugendhafte Geschöpfe; +denn es gibt wirklich tugendhafte Frauen, meine Liebe. Lernen Sie +einsehen, daß eine wabrhafte Liebe tausendmal mehr Genüsse gewährt, als +die vergänglichen Leidenschaften, die man erregt. Gewiß, ich bin +hierhergekommen, um Ihnen eine Predigt zu halten.... Ja, Sie, mein +guter kleiner Engel, sind die Ursache, weshalb ich in diesem Salon +erschienen bin, der nach Pöbel stinkt. Sieht man hier nicht sogar +Schauspieler?... Man empfing diese Leute auch sonst, meine Liebe, aber +in seinem Boudoir; in einem Salon jedoch, pfui!... Ja, ja, sehen Sie +mich nicht so erstaunt an.--Hören Sie mich an! Wollen Sie über die +Männer lachen," fuhr die alte Dame fort, "so begeistern Sie nur die +Herzen derer, die keine feste Bestimmung haben, die keine Pflichten zu +erfüllen haben.... Das ist eine Lehre, die ich meiner alten Erfahrung +verdanke; nutzen Sie dieselbe. Dieser arme Soulanges zum Beispiel, dem +Sie den Kopf verdreht haben, den Sie seit fünfzehn Monaten, Gott weiß +wie, berauscht haben ... ihn haben Sie für sein ganzes Leben +unglücklich gemacht. Er ist verheiratet. Er wird von einem kleinen +Weibe angebetet, das er auch liebte, aber getäuscht hat. Soulanges +leidet zuweilen an Gewissensbissen, die grausamer sind, als seine +Freuden süß waren, und Sie, kleiner Schlaukopf, haben ihn getäuscht! +Kommen Sie nun und sehen Sie Ihr Werk!" Die alte Herzogin faßte die +Hand der Frau von Vaudremont, und beide erhoben sich. + +"Sehen Sie!" sagte Frau von Marigny zu ihr, indem sie mit den Augen auf +die bleiche und zitternde Unbekannte zeigte. "Das ist meine Nichte, die +Gräfin Soulanges!... Sie hat heute endlich meinen Bitten nachgegeben +und ihr Schmerzenszimmer verlassen, in dem ihr der Anblick ihres Kindes +nur einen sehr schwachen Trost gewährt.... Sehen Sie sie an.... Sie +erscheint Ihnen reizend. Beurteilen Sie nun, was sie damals war, als +Glück und Liebe noch ihren Glanz über dieses jetzt gewelkte Antlitz +verbreiteten!" + +Die Gräfin wandte schweigend das Haupt und schien in ernstes Nachdenken +versunken. Die Herzogin führte sie allmählich bis an die Tür des +Spielzimmers, blickte hinein, als suche sie jemand, und sagte dann mit +einer fast geisterhaften Stimme zu der jungen Kokette: "Und dort sehen +Sie Soulanges!..." + +Die junge und glänzende Gräfin schauderte zusammen als sie in der am +wenigsten erhellten Ecke des Spielzimmers ein bleiches und verzerrtes +Antlitz erblickte. Herr von Soulanges hatte sich in den, Armstuhl +zurückgelehnt. Die Erschlaffung seiner Glieder und die Bewegungslosigkeit +seiner Stirn deuteten auf einen hohen Grad des Schmerzes. Er war allein. +Die Spieler kamen und gingen an ihm vorüber, ohne ihm mehr Aufmerksamkeit +zu widmen, als einem leblosen Wesen. Er war in der Tat mehr ein Schatten, +als ein Mensch. + +Der Anblick der trauernden Gattin und des düstern und finstern Gatten, +die inmitten dieses Festes von einander getrennt waren, wie die beiden +Hälften eines durch den Blitz getroffenen Baumes, erfüllte die Gräfin +mit großem Schrecken und böser Vorahnung. Sie fürchtete ein Bild dessen +zu sehen, was die eigene Zukunft für sie aufbewahrte. Ihr Herz war noch +nicht so weit verhärtet, daß ihm Empfindsamkeit, und Nachsicht gänzlich +fremd geworden, und sie preßte die Hand der Herzogin, während sie ihr +mit einem freundlichen Lächeln dankte, in dem eine gewisse kindliche +Anmut lag. + +"Mein Kind," sagte ihr jetzt die alte Frau ins Ohr, "bedenken Sie +fortan, daß wir es ebenso gut verstehen müssen, die Huldigungen der +Männer von uns zu weisen, als sie zu erlangen...."-- + +"Sie gehört Ihnen, wenn Sie kein Dummkopf sind!" Diese Worte flüsterte +Frau von Marigny dem Obersten ins Ohr, während sich die schöne Gräfin +ganz dem Mitleid hingab, das der Anblick des Herrn von Soulanges ihr +einflößte. Sie liebte ihn noch aufrichtig genug, um ihn seinem Glücke +wiedergeben zu wollen, und im Herzen versprach sie sich, die +unwiderstehliche Macht anzuwenden, die ihre Verführungskünste noch auf +ihn ausübten, um ihn in die Arme seiner Frau zurückzuführen. "O! die +Strafreden, die ich ihm halten werde!..." sagte sie zu Frau von +Marigny. "Sie werden das nicht tun, meine Schöne, wie ich hoffe!" sagte +die Herzogin, während sie sich zu ihrem Armstuhl zurückbegab. "Wählen +Sie sich dagegen einen braven Ehemann und verschließen Sie meinem +Neffen die Tür. Vermeiden Sie, ihm in Gesellschaften zu begegnen, und +wenn er von seiner Krankheit geheilt ist, so bieten Sie ihm Ihre +Freundschaft.... Glauben Sie mir, mein Engel, eine Frau empfängt nie +von einer anderen Frau das Herz ihres Mannes. Sie wird hundertmal +glücklicher sein, wenn sie glauben kann, es durch sich selbst +wiedererlangt zu haben, und ich glaube, meiner Nichte ein herrliches +Mittel gewährt zu haben, durch das sie die Freundschaft ihres Mannes +wiedererlangen kann, indem ich sie hierherführte.--Ich verlange keine +andere Mithilfe von Ihnen, als daß Sie unsern schönen Kürassier-Oberst +mit Neckereien der Liebe überhäufen." Bei diesen Worten zeigte sie auf +den Freund des Requêtenmeisters, und die Gräfin lachte. + +"Nun, meine Dame, wissen Sie endlich den Namen der Unbekannten?" fragte +der Baron auf etwas gereizte Art die Gräfin, als diese wieder allein +war. + +"Ja," anwortete Frau von Vaudremont. Es lag dabei in ihren Zügen +ebensoviel Schlauheit als Heiterkeit. Das Lächeln, das über ihre Lippen +und ihre Wangen Leben verbreitete, der feuchte Glanz ihrer Augen war +mit jenen Irrlichtern zu vergleichen, die den verspäteten Wanderer +täuschen. Martial glaubte sich noch immer geliebt; er nahm jene kokette +Haltung an, in der sich ein Mann so selbstgefällig in der Nähe der von +ihm Geliebten wiegt, und sagte mit Geckenhaftigkeit: "Werden Sie mir +nicht böse werden, wenn es scheint, als legte ich großen Wert darauf, +den Namen der Unbekannten zu erfahren...." + +"Und werden Sie mir nicht böse werden," versetzte Frau von Vaudremont, +"wenn ich Ihnen infolge einer letzten Spur von Liebe den Namen nicht +sage und Ihnen zugleich verbiete, die geringste Annäherung an jene +junge Dame zu wagen? Sie könnten vielleicht Ihr Leben aufs Spiel +setzen." + +"Meine Dame, Ihre Liebe zu verlieren ist schmerzlicher, als das Leben +zu verlieren...." + +"Martial!..." sagte die Gräfin ernst, "es ist Frau von Soulanges! Und +ihr Mann würde Ihnen eine Kugel durch das Hirn jagen, wenn Sie ein +solches haben, sobald Sie...." + +"Ach!" fiel ihr der Geck lachend in die Rede, "der Oberst läßt den in +Frieden leben, der ihm Ihr Herz entrissen hat, und er sollte sich für +seine Frau schlagen?... Welche Umkehrung der Grundsätze!... Ich bitte +Sie, lassen Sie mich mit der kleinen Dame tanzen. Sie werden auf diese +Weise am schnellsten den Beweis erhalten, wie wenig Liebe das eiskalte +Herz besitzt, das Sie verabschiedet haben, denn wird der Oberst böse +darüber, daß ich seine Gattin zum Tanzen veranlasse...." + +"Sie liebt aber ihren Mann...." + +"Das ist wieder ein Einwurf, der...." + +"Sie ist aber verheiratet...." + +"Köstliche Einwände in Ihrem Munde!" + +"Ach!" sagte die Gräfin mit einem bitteren Lächeln, "Ihr bestraft uns +bitter für unsere Fehltritte und unsere Reue! Dann beklagt Ihr Euch +noch über unsern Leichtsinn! So wirft der Herr seinen Sklaven die +Sklaverei vor. Welche Ungerechtigkeit!" "Betrüben Sie sich nicht!" +sagte Martial lebhaft. "Oh, ich bitte Sie darum, verzeihen Sie mir! +Hören Sie! Ich denke nicht mehr an Frau von Soulanges." + +"Sie verdienten, daß ich Sie zu ihr schickte!" + +"Ich gehe schon...." sagte der Baron lachend; "allein ich werde +verliebter in Sie zurückkehren, als ich es je gewesen bin, und Sie +werden sehen, daß sich auch das hübscheste Weib von der Welt eines +Herzens nicht bemächtigen kann, das Ihnen gehört." + +"Das heißt, Sie wollen das Pferd des Obersten gewinnen?" + +"Ha, der Verräter!" antwortete er lachend und drohte seinem lächelnden +Freunde mit dem Finger. + +Nun näherte sich der Oberst, und der Baron trat ihm seinen Platz neben +der Gräfin ab, zu der er noch spöttisch sagte: "Meine Dame, dieser Herr +hat sich gerühmt daß er an einem Abend Ihre Liebe erwerben könne!" + +Er entfernte sich, während er sich freute, die Eigenliebe der Gräfin +erweckt und dem Obersten ein Bein gestellt zu haben; ungeachtet seiner +gewöhnlichen Schlauheit, hatte er doch nicht den ganzen Spott erraten, +der in den Reden der Frau von Vaudremont lag; er hatte nicht einmal +bemerkt, daß sie ebensoviele Schritte seinem Freunde entgegengetan +habe, als dieser ihr entgegengegangen war. + +Als sich Martial dem glänzenden Kandelaber näherte, hinter dem die +Gräfin von Soulanges saß, trat deren Gemahl mit wilden Blicken in die +Tür des Salons und zeigte zwei Augen, in denen das Feuer der +Leidenschaft flammte. Die alte Herzogin, die auf alles aufmerksam war, +näherte sich ihrem Neffen mit der Lebendigkeit einer jungen Frau und +bat ihn um seinen Arm und um seine Kutsche, um sich entfernen zu +können, indem sie eine schreckliche Langeweile vorschützte und sich +schmeichelte, auf solche Weise ein peinliches Aufsehen zu vermeiden. +Bevor sie ging, gab sie noch ihrer Nichte ein Zeichen des +Einverständnisses, indem sie zugleich auf den kühnen Kavalier deutete, +der sich bereit machte, sie anzureden. Ihr strahlender Blick schien zu +sagen: "Da ist er, räche Dich!" + +Frau von Vaudremont fing den Blick der Tante und den der Nichte auf. +Ein plötzliches Licht fiel in ihr Herz, und die junge Kokette +befürchtete, von der alten, in Ränken so erfahrenen Dame genarrt worden +zu sein. + +"Diese treulose Herzogin," dachte sie, "wird es vielleicht ergötzlich +gefunden haben, mir eine moralische Vorlesung zu halten und zugleich +einen schlechten Streich nach ihrer Weise zu spielen." Bei diesem +Gedanken wurde die Eigenliebe der Frau von Vaudremont vielleicht noch +lebhafter ins Spiel gezogen, als ihre Neugierde, den Knäuel dieser +Intrigen entwirrt zu sehen. Der innere Sturm, von dem sie ergriffen +wurde, raubte ihr die Selbstbeherrschung. Der Oberst erklärte sich nun +zu seinem Vorteil die Verlegenheit, die sich in den Reden und in der +Haltung der Gräfin zeigte, und wurde deshalb noch glühender und +drängender. + +Neue Geheimnisse, gleich anziehend wie die früheren, belebten nun diese +bewegte Szene. Die Leidenschaften der beiden Paare, deren Abenteuer +diese Erzählung wiedergibt, sprangen auf alle Teilnehmer des glänzenden +Balles über und veranlaßten die verschiedensten Färbungen der +Teilnahme. + +Die alten abgestumpften Diplomaten, denen es so viel Freude machte, das +Spiel der Mienen zu beobachten und die angesponnenen Ränke zu erraten +und zu verfolgen, hatten noch nie eine so reiche Ernte der Unterhaltung +gefunden, dennoch ließ das Schauspiel so vieler, lebhafter +Leidenschaften, ließen die Zänkereien der Liebe, diese süßen Äußerungen +der Rache, diese grausamen Gunstbeweise, diese entflammten Blicke, ließ +das ganze glühende Leben, das rund um sie her ergossen war, sie nur +umso lebhafter ihre Ohnmacht erraten. + +Endlich war es dem Baron gelungen, in der Nähe der Gräfin von Soulanges +einen Sitz zu finden. Seine Augen schweiften verstohlen über einen +Hals, der frisch war wie der Tau, wohlduftend wie ein Blumenbeet. Er +bewunderte in der Nähe die Schönheiten, die ihn schon aus der Ferne +überrascht hatten, er konnte einen kleinen, schönbekleideten Fuß sehen, +und eine geschmeidige anmutige Taille mit den Augen messen. Damals +knüpften die Frauen die Gürtel ihrer Kleider dicht unter dem Busen, wie +man es bei den griechischen Statuen erblickt! Diese Mode war grausam +für jene Frauen, deren Wuchs irgendeinen Fehler hatte. Martial warf +flüchtige Blicke auf den Busen und wurde entzückt durch die Vollendung +der himmlischen Formen der Gräfin. Er war trunken vor Liebe und +Hoffnung. "Sie haben heute abend noch nicht ein einziges Mal getanzt?" +fragte er mit sanfter und schmeichelnder Stimme; "hoffentlich ist dies +nicht die Schuld der Herren."--"Es ist nun bald zwei Jahre, daß ich +mich nirgends gezeigt habe, und ich bin unbekannt in der Welt ..." +antwortete Frau von Soulanges; denn sie hatte den Blick nicht +begriffen, durch den ihre Tante sie aufforderte, sich gefällig gegen +den Baron zu zeigen. Dieser ließ aus Gewohnheit den schönen Diamant +spielen, der den Ringfinger seiner linken Hand schmückte. Das Feuer, +das die geschliffenen Flächen des Steines ausstrahlten, schien ein +plötzliches Licht in das Herz der jungen Gräfin zu werfen. Sie errötete +und blickte den Baron mit einem unbeschreiblichen Ausdruck an. + +"Tanzen Sie gern?" fragte der Provençale, um es zu versuchen, die +Unterhaltung wieder anzuknüpfen. + +"Sehr gern, mein Herr." + +Bei dieser Antwort trafen ihre Blicke einander; denn der junge Mann +wurde von dem süßen und zum Herzen sprechenden Tone überrascht, der +eine unbestimmte Hoffnung bei ihm erweckte, und hatte daher schnell die +Augen der Gräfin geprüft. + +"Würden Sie es nicht als eine Verwegenheit von meiner Seite betrachten, +wenn ich Sie bäte, bei dem nächsten Contretanz mit mir anzutreten?" + +Eine kindliche Verlegenheit rötete die bleichen Wangen der Gräfin, wie +einige Tropfen eines roten Weines sich allmählich in einem Glase klaren +Wassers verbreiten und dasselbe röten. + +"Aber, mein Herr ... ich habe bereits einem Tänzer eine abschlägige +Antwort gegeben, einem Oberst...." + +"Vielleicht dem langen Kavallerie-Oberst dort?" + +"Ganz recht." + +"Der ist mein Freund, befürchten Sie nichts. Ich hoffe, Sie werden mir +meine Bitte gewähren." + +"Ja, mein Herr...." + +Der zitternde Klang ihrer wohltönenden Stimme deutete auf eine so neue +und tiefe Bewegung, daß selbst das abgestumpfte Herz Martials dadurch +schwankend gemacht wurde. Er fühlte sich von der Blödigkeit eines +Schulknaben ergriffen. Er verlor seine Sicherheit, und sein +südländisches Blut geriet in Flammen. Er wollte sprechen, allein seine +Ausdrücke erschienen ihm im Vergleich zu den geistreichen und feinen +Antworten der Frau von Soulanges ohne Anmut. Es war ein Glück für ihn, +daß der Contretanz begann, denn als er neben seiner schönen Tänzerin +stand, fühlte er sich wieder erleichert. Es gibt viele Männer, für die +der Tanz eine Art weltmännischer Gewandtheit ist, und die, indem sie +die Anmut ihres Körpers zu entfalten suchen, stärker auf das Herz der +weiblichen Welt einzuwirken glauben, als durch ihren Geist. Der +Provençale wollte ohne Zweifel in diesem Augenblick alle seine +Verführungskünste entfalten, wenn man dies aus der Sorgfalt schließen +darf, die er auf alle seine Bewegungen verwandte. Aus Eitelkeit hatte +er seine Eroberung zu der Quadrille geführt, zu der sich die +glänzendsten Damen des Salons aufgestellt hatten, während sie eine +besondere Wichtigkeit darauf legten, schöner zu tanzen, als die +Tänzerinnen aller anderen Quadrillen. + +Während das Orchester das Vorspiel der ersten Figur beendete, empfand +der Baron eine unglaubliche Befriedigung des Stolzes, als er bemerkte, +daß Frau von Soulanges die schönste Tänzerin unter allen sei, die sich +auf den Linien dieses glänzenden Vierecks aufgestellt hatten. Ihre +Toilette überstrahlte selbst die der Frau von Vaudremont, die sich +infolge eines vielleicht absichtlich gesuchten Zufalles mit dem +Obersten dem Baron und der blauen Dame gegenüber gestellt hatte. Die +Blicke aller Männer hafteten für einen Augenblick auf Frau von +Soulanges, und ein schmeichelhaftes Gemurmel deutete darauf, daß alle +Tänzer mit ihren Damen gegenwärtig von ihr sprachen. Blicke des Neides +und der Bewunderung wurden mit einer solchen Lebhaftigkeit gegen die +junge Dame abgeschossen, daß diese gleichsam beschämt wurde durch einen +Triumph, dem sie sich gern entzogen hätte, bescheiden ihre Augen +senkte, errötete und dadurch noch reizender wurde. Wenn sie ihre weißen +Augenlieder aufschlug, so geschah es nur, um ihren Tänzer anzublicken, +als hätte sie den Ruhm dieser Huldigungen auf ihn zurückzuführen und +ihm sagen wollen, daß sie die seinigen allen anderen vorzöge. Sie legte +Unschuld in ihre Koketterie oder schien sich vielmehr einem neuen +Gefühl, einer kindlichen Bewunderung mit jener Aufrichtigkeit zu +überlassen, die man nur in jugendlichen Herzen antrifft. Wenn sie +tanzte, so konnten die Zuschauer leicht glauben, daß die +Verschlingungen der launenhaften Pas, die sie auf eine reizende Weise +ausführte, nur für Martial vollbracht wären, denn die luftige Sylphide +wußte gleich der verständigen Kokette ihre Augen zu rechter Zeit gegen +ihn zu erheben oder auch mit verstellter Bescheidenheit wieder zu +senken. + +Als eine Bewegung des Tanzes Martial dem Obersten entgegenführte, sagte +er lachend zu ihm: "Ich habe Dein Pferd gewinnen...." + +"Ja, aber Du hast achtzigtausend Livres Rente verloren," entgegnete ihm +der Oberst und zeigte auf die strengen Blicke der Frau von Vaudremont. + +"Was kümmert mich das," antwortete Martial mit leichtem Trotz. "Frau +von Soulanges ist Millionen wert!" + +Nach Schluß des Contretanzes wurde mehr als eine Bemerkung von den +Zuschauern und Mittänzern den Nachbarn und Bekannten ins Ohr +geflüstert. Die weniger hübschen Damen sprachen mit ihren Tänzern über +die Moral und spielten dabei auf die keimende Zuneigung des Barons und +der Gräfin von Soulanges an. Selbst die Schönsten wunderten sich über +den Leichtsinn, mit dem dies Bündnis abgeschlossen war. Die Männer +begriffen umsoweniger das Glück des kleinen Requêtenmeisters, da er gar +nichts Verführerisches an sich zu haben schien. Einige nachsichtigere +Damen sagten, daß man nicht so voreilig urteilen dürfe, und die Jugend +sei sehr zu beklagen, wenn ein ausdrucksvoller Blick und ein anmutiger +Tanz hinreichten, um so ernste Anklagen darauf zu stützen. + +Nur Martial kannte den Umfang seines Glückes. In der letzten Figur +hatten die Damen der Quadrille die Windmühle zu bilden. Seine Finger +drückten die der Gräfin, und er glaubte durch die feinen parfümierten +Handschuhe hindurch zu fühlen, daß die Finger des jungen Weibes seinem +verliebten Druck antworteten. + +"Meine Dame," sagte er in dem Augenblicke zu ihr, als der Contretanz +endete, "kehren Sie nicht in jene abscheuliche Ecke zurück, in der Sie +bis jetzt Ihre Schönheit und Ihren Schmuck verborgen haben. Die +Bewunderung ist der einzige Zoll den Sie durch Ihre Diamanten erreichen +können, die Ihren weißen Hals und Ihre so schön geflochtenen Haare +schmücken. Machen Sie mit mir eine kleine Runde durch die Salons und +genießen Sie einen Anblick des ganzen Festes." + +Frau von Soulanges folgte dem geschickten Verführer, der dachte, daß +sie ihm umso sicherer angehören würde, wenn es ihm gelänge, sie vor der +Welt bloßzustellen. Sie machten nun eine angenehme Wanderung zwischen +den Gruppen hindurch, die die prachtvollen Salons des Hotels erfüllten. +Die Gräfin von Soulanges blieb furchtsam einen Augenblick an der Tür +eines jeden Salons stehen und trat nicht eher ein, bis sie einen +durchdringenden Blick nach allen Männern geworfen hatte. Diese +Besorgnis erfüllte den Requêtenmeister mit noch größerer Freude, denn +er sah, daß sie sich nicht eher beruhigte, bis er gesagt hatte: +"Ermutigen Sie sich, er ist nicht da." + +So gelangten sie bis in eine Gemäldegalerie von ungemeinem Umfange, die +in einem Flügel des Hotels lag, und wo man sich zum Voraus des +großartigsten Anblicks eines Imbißes erfreute, der für dreihundert +Personen aufgetragen war. Der Requêtenmeister erriet, daß das Mahl bald +beginnen werde, und zog daher die Gräfin mit sich nach einem Boudoir, +das er ausfindig gemacht hatte. Es war ein länglich-rundes Zimmer, das +nach dem Garten ging. Die seltensten Blumen und Sträucher bildeten +gewissermaßen ein Dickicht, durch dessen Blätter hindurch das Auge die +glänzenden Tapeten erblickte. Das Geräusch des Festes erstarb hier wie +das Geräusch der Welt in der Nähe eines heiligen Asyls. Die Gräfin +zitterte beim Eintreten und weigerte sich hartnäckig, dem jungen Manne +zu folgen; nachdem sie aber einen Blick in einen Spiegel geworfen und +in demselben ohne Zweifel Verteidiger erblickt hatte, ließ sie sich +anmutig auf eine wollüstige Ottomane nieder. + +"Was für ein köstliches Gemach," sagte sie und bewunderte eine +himmelblaue Tapete, die durch Perlen gehoben wurde. + +"Hier atmet alles Liebe und Wollust ..." sagte Martial. Dann +betrachtete er bei dem geheimnisvollen Halbdunkel, das in dieser süßen +Einsamkeit herrschte, die Gräfin, und bemerkte in ihren stark erregten +Zügen einen Ausdruck der Verwirrung, der Scham und der Sehnsucht, durch +den er bezaubert wurde. Sie lächelte, und dieses Lächeln schien dem +Kampfe aller Gefühle, die in ihrem Herzen miteinander rangen, ein Ende +zu machen; der Baron war entzückt. Auf die verführerischste Weise der +Welt ergriff sie die linke Hand ihres Anbeters und zog den Ring von +seinem Finger, auf den sie bereits so feurige Blicke der Sehnsucht +geworfen hatte. + +"Das ist ein recht schöner Diamant!..." sagte sie sanft und mit dem +unschuldigen Ausdruck eines jungen Mädchens, das die ganze Macht seiner +ersten Lockung fühlen läßt. Martial war durch die unwillkürliche, aber +berauschende Berührung, die ihm von den Fingern der Gräfin beim +Abziehen des Ringes zuteil geworden war, erregt und betrachtete ihn mit +Blicken, die ebensosehr funkelten wie der Ring. + +"Behalten Sie ihn als Erinnerung an diese himmlische Stunde und aus +Liebe für..." + +Er vermochte seine Worte nicht auszusprechen, denn der Ausdruck der +Begeisterung, der in ihren Zügen lag, erregte ihn zu lebhaft. Er küßte +ihre Hand. + +"Sie schenken ihn mir?..." fragte sie mit erstaunten Blicken. + +"Ich möchte Ihnen die ganze Welt darbringen können...." + +"Scherzen Sie nicht vielleicht?..." fragte sie dann abermals, und man +erkannte in dem Ausdruck dieser Worte ihre lebhafte Freude. + +"Nehmen Sie meinen Diamanten nur an!" + +"Und Sie werden ihn nie von mir wieder verlangen?" fragte die Gräfin. + +"Nie!" + +Sie steckte den Ring an ihren Finger. Martial glaubte, daß nun nichts +mehr an seinem Glück fehle und machte eine kühne Bewegung; allein die +Gräfin erhob sich plötzlich und sagte mit einer hellen Stimme, die +durchaus keine Erregung verriet: "Mein Herr, ich nehme diesen Diamanten +mit umsoweniger Bedenken an, da er mir gehört." + +Der Requêtenmeister wußte nicht, was er sagen sollte, und blieb +unbeweglich, mit weitgeöffnetem Munde sitzen. + +"Herr von Soulanges hat ihn vor sechs Monaten aus meinem Schmuckkasten +genommen und dann vorgegeben, daß er ihn verloren habe." + +"Sie irren sich, meine Dame," sagte Martial in gereiztem Tone; "denn +ich habe den Ring von Frau von Vaudremont." + +"Ganz recht!" erwiderte sie lächelnd, "mein Mann hat den Ring entführt, +hat ihn ihr gegeben, und sie hat ihn wieder verschenkt. Gewiß, mein +Herr, ich würde nie gewagt haben, ihn um denselben Preis +wiederzuerwerben, um den ihn die Gräfin erworben hat, wenn er nicht mir +gehörte.... Aber, sehen Sie hier," fuhr sie dann fort und ließ eine +kleine Feder aufspringen, die unter dem Steine verborgen war, "hier +befinden sich noch die Haare des Herrn von Soulanges." + +Sie brach in ein lautes und spöttisches Gelächter aus und eilte dann +mit einer solchen Schnelligkeit in den Garten, daß jeder Versuch, sie +wieder einzuholen, überflüssig erscheinen mußte. Überdies war Martial +so niedergeschlagen, daß er keine Lust hatte, das Abenteuer +fortzusetzen. In der Tat hatte das Lachen der Frau von Soulanges ein +Echo in dem Boudoir gefunden, und der junge Geck bemerkte zwischen zwei +Orangenbäumen den Obersten und Frau von Vaudremont, die ebenfalls +herzlich lachten. + +"Willst Du mein Pferd haben, um dieser boshaften Person nachzusetzen?" +fragte der Oberst. + +Der Baron stimmte in dies Lachen ein, denn es war offenbar das Klügste, +was er tun konnte. Er erkaufte das vollkommene Schweigen der beiden +Zeugen dieses Auftritts durch die Demut, mit der er die Scherze der +künftigen Gattin des Obersten und des Obersten selbst ertrug, nachdem +dieser an dem heutigen Abend sein Kampfroß gegen eine junge, reiche und +hübsche Frau eingetauscht hatte. + + * * * * * + +Die Gräfin von Soulanges erreichte es mit einiger Mühe, daß ihr Wagen +vorfuhr, und kehrte nun, gegen zwei Uhr morgens, nach Hause zurück. +Während sie von der Chaussée d'Antin nach der Vorstadt Saint-Germain +fuhr, in der sie wohnte, wurde sie von einer lebhaften Unruhe +ergriffen. + +Bevor sie das Hotel de Gondreville verließ, hatte sie nochmals die +Salons durchsucht, ohne ihre Tante oder ihren Mann anzutreffen, deren +Abfahrt ihr unbekannt geblieben war. Schreckliche Ahnungen quälten ihr +edles Herz. Sie hatte die Leiden erkannt, die ihr Mann seit dem Tage +fühlte, an dem ihn Frau von Voudremont an ihren Triumphwagen spannte, +und hoffte vertrauensvoll, daß ihr die Reue bald ihren Mann wieder +zuführen würde. Mit einem unglaublichen Widerstreben hatte sie daher in +den Plan eingewilligt, den ihre Tante, Frau von Marigny, entworfen, und +befürchtete jetzt, einen Fehler begangen zu haben. + +Der Besuch des Balles hatte ihr aufrichtiges Herz betrübt. Erst war sie +durch das leidende und finstere Aussehen des Grafen von Soulanges +erschreckt worden, dann aber noch mehr durch die Schönheit ihrer +Nebenbuhlerin. Zuletzt hatte noch die Verderbnis der Welt ihr Herz +beengt. Während sie über den Pont-Royal fuhr, warf sie die entweihten +Haare, die unter dem Diamant lagen und ihr ehedem als ein Unterpfand +reiner Liebe waren dargebracht worden, weg. Sie weinte, indem sie sich +der lebhaften Leiden entsann, deren Beute sie seit langer Zeit gewesen, +und mehr als einmal seufzte sie, wenn sie daran dachte, daß Frauen, die +den ehelichen Frieden erlangen wollen, ohne Klagen im Innersten ihres +Herzens Qualen verschließen mußten, die so grausam waren wie die +ihrigen. + +"Ach!" dachte sie, "wie mögen es die Frauen haben, die nicht lieben? +Worin beruht die Quelle ihrer Gleichgültigkeit? Ich möchte meiner Tante +nicht glauben, daß die Vernunft hinreicht, um sie bei einer solchen +Ergebenheit zu erhalten." Sie seufzte nochmals, als ihr Jäger den +eleganten Tritt niederschlug, von dem sie unter das Vordach ihres +Hotels sprang. Hastig eilte sie die Treppe hinauf und trat in ihr +Zimmer, zuckte aber vor Schrecken zusammen, als sie ihren Mann auf +einem Stuhl neben dem Kamin sitzen sah. Er zeigte ihr ein erzürntes +Antlitz. "Seit wann besuchen Sie die Bälle ohne mich, meine Liebe?... +Ohne mich davon zu benachrichtigen?..." fragte er mit erregter Stimme. +"Wissen Sie, daß eine Frau nie den gebührenden Platz findet, wenn sie +ohne ihren Mann irgendwo erscheint?... Sie wurden außerordentlich +zurückgesetzt, indem man Sie in jenen dunklen Winkel drängte!..." + +"O mein guter Leon," sagte sie in einem schmeichelnden Ton. "Ich +vermochte dem Glück nicht zu widerstehen, Dich zu sehen, ohne daß Du +mich sähest. Meine Tante hat mich auf den Ball geführt und ich war dort +sehr glücklich!" + +Diese Worte verbannten plötzlich aus den Blicken des Grafen die +erzwungene Strenge. Es war leicht zu erraten, daß er sich selbst die +lebhaftesten Vorwürfe mache, daß er die Rückkehr seiner Frau gefürchtet +habe und überzeugt sei, sie habe auf dem Balle sich von einer Untreue +überzeugt, die er ihr hoffte verbergen zu können. Er folgte daher dem +Gebrauch solcher Liebenden, die ihre Schuld erkennen, und versuchte den +gerechten Zorn der Gräfin zu vermeiden, indem er sich erzürnt gegen sie +stellte. Überrascht blickte er nun schweigend seine Gattin an. Sie +schien ihm schöner als je, in dem glänzenden Schmuck, der in diesem +Augenblick ihre Reize hob. + +Was dagegen die Gräfin betraf, so freute sie sich, ihren Mann lächeln +zu sehen und ihn zu dieser nächtlichen Stunde in einem Zimmer zu +finden, das er seit einiger Zeit weniger häufig besucht hatte. Sie +errötete und richtete verstohlene Blicke auf ihn, in denen aber ein +Reichtum der Liebe und Hoffnung lag. Soulanges wurde umso trunkener +durch sein Glück und seine Liebe, da dieser Auftritt auf die Qualen +folgte, die er während des Balles erlitten hatte, und ergriff die Hand +seiner Frau, um sie dankbar zu küssen. + +"Hortense, was trägst Du denn an Deinem Finger, das mich so hart an die +Lippen drückt?" fragte er lachend. + +"Es ist mein Diamant, den Du verloren zu haben glaubtest. Ich habe ihn +heute Abend in einem Schubfach meiner Toilette wiedergefunden." + +Der Graf bewunderte eine so große Nachsicht, und am folgenden Morgen +konnte Frau von Soulanges unter den wiedergefundenen Diamanten neue +Haare legen, die nicht wieder weggeworfen wurden, wie die früheren. + + + + +DER ARM + + +In einer Gesellschaft erzählte einer der Anwesenden folgende +Geschichte: + +Einige Zeit nach seinem Einzug in Madrid lud der Großherzog von Berg +die vornehmsten Familien dieser Stadt zu einem Balle ein, den die +französische Armee der neuerworbenen Hauptstadt gab. Ungeachtet des +Galaglanzes waren die Spanier sehr ernst, ihre Frauen tanzten wenig, +und der größte Teil der Geladenen setzte sich an die Spieltische. Die +Gärten des Palastes waren glänzend genug erleuchtet, daß sich die Damen +mit derselben Sicherheit in ihnen ergehen konnten, als wäre es heller +Tag gewesen. Das Fest war kaiserlich schön. Nichts wurde aber auch +gespart, um den Spaniern einen hohen Begriff von dem Kaiser zu geben, +wenn es ihnen beliebte, von seinen Offizieren auf ihn zu urteilen. In +einem Boskett nahe dem Palaste unterhielten sich zwischen ein und zwei +Uhr morgens mehrere französische Krieger von den Wechselfällen des +Krieges und von der Zukunft, die wenig erbaulich sein konnte, wenn man +aus der Haltung der bei diesem Feste anwesenden Spanier einen Schluß +ziehen durfte. + +"Meiner Treu," sagte der Ober-Chirurg des Armeekorps, bei dem ich +Generalzahlmeister war, "gestern habe ich den Fürsten Murat förmlich um +meine Zurückberufung gebeten. Ohne gerade zu fürchten, daß ich meine +Gebeine auf der Halbinsel zurücklassen müsse, ziehe ich es doch vor, +die Wunden zu verbinden, die unsere guten deutschen Nachbarn geschlagen +haben; ihre Säbel dringen nicht so tief in den Leib, wie die +kastilianischen Dolche. Dazu kommt noch, daß die Furcht vor Spanien bei +mir gleichsam zu einem Aberglauben geworden ist. Seit meiner Kindheit +habe ich spanische Bücher gelesen, einen Haufen düsterer +Nachtgeschichten und tausend Erzählungen von diesem Lande, die mich +lebhaft gegen seine Sitten eingenommen haben. Und was meint Ihr wohl! +Schon in der kurzen Zeit unseres Hierseins bin ich, wenn nicht der +Held, doch wenigstens der Mitschuldige einer gefährlichen Intrige +geworden, die so schwarz und finster ist, wie nur ein Roman der Lady +Redcliffe sein kann. Ich folge gern meinen Vorgefühlen, und schon +morgen mache ich mich aus dem Staube. Murat wird mir gewiß meinen +Abschied nicht verweigern, denn Dank den Diensten, die wir leisten, +haben wir immer wirksame Fürsprecher." + +"Da Du Dich sobald davon machst, erzähle uns doch Dein Abenteuer," +forderte ihn ein Obrist auf, ein alter Republikaner, der sich um die +schöne Sprache und Höflichkeiten der Kaiserzeit wenig kümmerte. + +Der Chirurg blickte sorgfältig um sich, als wolle er jeden prüfen, der +in seiner Nähe stände, und erst, als er sicher war, kein Spanier sei in +seiner Nachbarschaft, begann er: "Gern, Obrist Hulot, denn wir sind +hier nur Franzosen. Es sind nun sechs Tage her, daß ich gegen elf Uhr +abends vom General Montcornet kam und mich nach meiner Wohnung +zurückbegab, die nur wenige Schritte von der Wohnung des Generals +entfernt ist. Da warfen sich plötzlich an der Ecke einer kleinen Straße +zwei Unbekannte oder vielmehr zwei Teufel über mich her und hüllten mir +Kopf und Arme mit einem großen Mantel ein. Ihr könnt es mir glauben, +daß ich schrie wie ein getretener Hund; aber das Tuch erstickte meine +Stimme, und ich wurde mit einer außerordentlichen Gewandtheit in einen +Wagen gehoben. Als mich meine Gefährten von dem Mantel wieder +befreiten, richtete eine weibliche Stimme folgende Worte in schlechtem +Französisch an mich: + +'Wenn Ihr um Hilfe ruft oder Miene macht, zu entfliehen, wenn Ihr Euch +nur die geringste zweideutige Bewegung erlaubt, so ist der Herr, der +Euch gegenübersitzt, imstande, Euch ohne Bedenken niederzustoßen. +Haltet Euch also ruhig. Die Ursache Eurer Entführung sollt Ihr jetzt +erfahren. Wollt Ihr Euch die Mühe geben, Eure Hände gegen mich +auszustrekken, so werdet Ihr finden, daß Eure chirurgischen Instrumente +zwischen uns beiden liegen, denn wir haben sie aus Eurer Wohnung holen +lassen; sie werden Euch notwendig sein, denn wir führen Euch in ein +Haus, wo Ihr die Ehre einer Dame retten sollt, die eben im Begriff ist, +ein Kind zu gebären, das sie, ohne daß ihr Gemahl es weiß, diesem Euch +gegenübersitzenden Edelmanne schenkt. Obgleich mein Herr seine Frau +selten verläßt, da er noch immer leidenschaftlich in sie verliebt ist +und sie mit der Aufmerksamkeit spanischer Eifersucht bewacht, so hat +sie ihm dennoch ihre Schwangerschaft zu verbergen gewußt, und er hält +sie für krank. Ihr sollt sie jetzt entbinden. Die Gefahren des +Unternehmens gehen Euch nichts an, nur habt Ihr uns zu gehorchen, sonst +würde der Geliebte, der, wie schon bemerkt, Euch gegenüber im Wagen +sitzt und kein Wort Französisch versteht, Euch bei der geringsten +Unbedachtsamkeit erdolchen.' + +'Und wer seid Ihr?' fragte ich, und suchte die Hand der Sprecherin, +deren Arm in den Ärmel eines Mantels gehüllt war. + +'Ich bin die Kammerfrau meiner Herrin, ihre Vertraute, und bereit, Euch +durch mich selbst zu belohnen, wenn Ihr uns in unserer mißlichen Lage +unterstützen wollt.' + +'Gern,' antwortete ich, als ich mich mit Gewalt in ein gefährliches +Abenteuer hineingezogen sah. Unter dem Schutze der Dunkelheit +überzeugte ich mich, ob Gesicht und Umrisse dieses Mädchens im +Einklange ständen mit der Vorstellung, die ihre Stimme bei mir gebildet +hatte. Dieses gute Geschöpf hatte sich ohne Zweifel gleich im voraus +allen Zufälligkeiten dieser sonderbaren Entführung geopfert, denn sie +beobachtete das gefälligste Schweigen, und der Wagen war kaum zehn +Minuten durch die Straßen von Madrid gerollt, als sie schon einen Kuß +von mir erhielt und mir denselben freundlich wiedergab. Der Liebhaber, +der mir gegenüber saß, schien sich nichts daraus zu machen, daß ich ihn +gegen meinen Willen mit einigen Fußtritten bedachte. Ich glaube, er +beachtete sie nicht, weil er kein Französisch verstand. + +'Nur unter einer Bedingung kann ich Eure Geliebte sein,' antwortete mir +die Kammerfrau auf die Dummheiten, mit denen ich sie in der Hitze +meiner improvisierten und auf Hindernisse aller Art stoßenden +Leidenschaft unterhielt. + +'Und welches ist die Bedingung?' + +'Ihr dürft nie zu erfahren suchen, wem ich angehöre. Wenn ich zu Euch +komme, so wird das Nachts geschehen, und Ihr werdet mich ohne Licht +empfangen.' + +'Gut,' erwiderte ich. + +Unsere Unterhaltung war bis zu diesem Punkt gediehen, als der Wagen an +der Mauer eines Gartens hielt. + +'Jetzt werde ich Euch die Augen verbinden,' sagte die Kammerfrau zu +mir, 'und dann stützt Euch auf meinen Arm, damit ich Euch führen kann.' + +Sie schlang ein Taschentuch um meine Augen und band es fest an meinem +Hinterhaupte zu. Ich hörte das Geräusch eines Schlüssels, der mit +Vorsicht von dem schweigenden Geliebten, der mir gegenüber gesessen +hatte, in das Schloß einer kleinen Pforte gesteckt wurde. Gleich darauf +führte mich die Kammerfrau mit gebeugtem Körper durch die sandigen +Gänge eines großen Gartens, bis zu einem gewissen Platz, wo sie stehen +blieb. An dem Widerhall unserer Schritte bemerkte ich, daß wir vor +einem Hause standen. + +'Jetzt still,' sagte sie mir ins Ohr, 'und wacht wohl über Euch selbst. +Laßt kein einziges meiner Zeichen Euch entgehen; ich kann ohne Gefahr +für uns beide nicht mehr zu Euch sprechen, und es handelt sich in +diesem Augenblicke darum, Euer eigenes Leben zu retten.' Dann fuhr sie +mit lauter Stimme fort: 'Meine Frau ist in einem Zimmer im Erdgeschoß; +um in dieses zu gelangen, müssen wir durch das Zimmer ihres Gatten und +an seinem Bette vorüber; hustet nicht, geht leise und folgt genau +meinen Schritten, damit Ihr nirgends anstoßt, noch mit dem Fuße von dem +Teppich tretet, den ich auf den Boden gelegt habe.' Der Liebhaber +murrte, wie ein Mann, der unwillig über zu langes Zögern ist. Die +Kammerfrau schwieg, ich hörte eine Tür öffnen und fühlte die warme Luft +eines Zimmers; wir schlichen mit Wolfsschritten, wie Diebe bei einem +Einbruch. Endlich nahm mir die sanfte Hand des Mädchens meine Binde ab. +Ich befand mich in einem großen und hohen Zimmer, das von einer +dampfenden Lampe schlecht erleuchtet wurde. Das Fenster war offen, aber +durch den eifersüchtigen Edelmann mit starken Eisenstäben versehen. Ich +stak in diesem Zimmer wie in einem Sacke. Auf der Erde, auf einer +Decke, lag eine Frau, deren Haupt mit einem Schleier von Musselin +bedeckt war; aber durch diesen Schleier leuchteten mit dem Glanze +zweier Sterne ihre tränenvollen Augen, vor den Mund drückte sie mit +Kraft ein Taschentuch und biß so fest darauf, daß ihre Zähne +hineindrangen; nie hatte ich einen so schönen Körper gesehen, aber +dieser Körper krümmte sich unter den Schmerzen, wie eine ins Feuer +geworfene Harfensaite. Die Unglückliche hatte zwei Bogen aus ihren +Beinen gemacht und stützte sich gegen eine Art Kommode, mit ihren +Händen hielt sie sich an zwei Stuhlbeinen, und alle Adern ihrer Arme +waren schrecklich angeschwollen. So glich sie einem Verbrecher, der auf +einer Folterbank gemartert wird. Übrigens ließ sie keinen Schrei hören, +und das dumpfe Krachen ihrer Knochen war das einzige Geräusch, das die +Stille unterbrach. Wir drei standen stumm und unbeweglich. Das +Schnarchen des Ehemannes verhallte in tröstender Regelmäßigkeit. Ich +wollte die Kammerfrau anblicken, aber sie hatte die Maske wieder +vorgelegt, die sie ohne Zweifel auf dem Wege abgenommen gehabt hatte, +und sah weiter nichts als zwei schwarze Augen und liebliche Umrisse. +Der Liebhaber warf sogleich Tücher über die Beine seiner Geliebten und +legte den Schleier, der ihre Züge verhüllte, doppelt zusammen. Als ich +die Frau sorgfältig beobachtet hatte, erkannte ich an gewissen Zeichen, +die ich erst unlängst bei einem der traurigsten Ereignisse meines +Lebens bemerkt hatte, daß das Kind tot war. Ich neigte mich gegen die +Kammerfrau, um ihr meine Bemerkung mitzuteilen. In diesem Augenblick +zog der mißtrauische Unbekannte seinen Dolch, allein ich hatte noch +Zeit, der Kammerfrau alles zu sagen, die ihm darauf zwei Worte mit +leiser Stimme zuflüsterte. Als der Liebhaber die Ursache meines +Zauderns erkannt hatte, durchfuhr ihn ein leichter Schauder von den +Füßen bis zum Kopfe, und ich glaubte durch die Maske von schwarzem +Sammt hindurch zu erkennen, wie sein Antlitz bleich wurde. Die +Kammerfrau benutzte einen Augenblick, wo der verzweifelte Mann die +schon blau werdende Sterbende betrachtete, um mich mit einem warnenden +Zeichen auf mehrere Gläser Limonade aufmerksam zu machen, die fertig +zubereitet auf einem Tische standen. Ich begriff, daß ich, ungeachtet +der schrecklichen Hitze, die meine Kehle austrocknete, nicht trinken +dürfte. Der Liebhaber hatte Durst; er nahm ein leeres Glas, füllte es +mit Limonade und trank. In diesem Augenblick bekam die Dame +schreckliche Krämpfe, die mir den günstigen Augenblick zur Operation +andeuteten; ich ergriff meine Lanzette und ließ sie schnell und mit +Geschick am rechten Arm zur Ader. Die Kammerfrau fing das reichlich +hervorspringende Blut mit Tüchern auf, und die Unbekannte fiel dann in +eine willkommene Ohnmacht. Ich waffnete mich mit Mut und konnte, +nachdem ich eine Stunde gearbeitet hatte, das Kind in Stücken +herausziehen. Als der Spanier begriff, daß ich seine Geliebte gerettet +hatte, dachte er nicht mehr daran, mich zu vergiften. Dicke Tränen +fielen in Zwischenräumen auf seinen Mantel. Die Frau stieß nicht einen +Laut aus, aber sie zitterte wie ein wildes Tier, das in einer Schlinge +gefangen ist, und der Schweiß rann in starken Tropfen von ihr. In einem +furchtbar kritischen Augenblicke machte sie ein Zeichen, um uns auf das +Zimmer ihres Gatten aufmerksam zu machen. Dieser hatte sich eben in +seinem Bette gewälzt. Von uns vieren hatte sie allein das Geräusch der +Decke oder des Vorhangs gehört. Wir lauschten, und durch die Oeffnungen +ihrer Masken hindurch warfen sich die Kammerfrau und der Liebhaber +Flammenblicke zu, die zu fragen schienen: 'Sollen wir ihn töten?' Dann +streckte ich meine Hand aus, als wollte ich ein Glas der Limonade +nehmen, die der Unbekannte vergiftet hatte. Der Spanier glaubte, daß +ich eins der vollen Gläser trinken wollte; leicht wie eine Katze sprang +er hinzu, legte seinen langen Dolch über die beiden vergifteten Gläser +und ließ mir das seinige, indem er mir andeutete, den Rest aus +demselben zu trinken. In diesem Zeichen und in seiner lebhaften +Bewegung lagen so viele Gedanken, so viel Gefühl, daß ich ihm verzieh, +wenn er auf meinen Tod gesonnen hat, um so jede Erinnerung an dieses +Ereignis zu begraben. Als ich getrunken hatte, drückte er mir die Hand +und hüllte selbst die Trümmer seines Kindes sorgfältig ein. Nach zwei +Stunden voll Sorge und Furcht brachten wir, die Kammerfrau und ich, die +Unbekannte wieder in ihr Bett. Der Liebhaber hatte bei einer so +abenteuerlichen Unternehmung alle Hilfsmittel zu einer Flucht bedacht +und seine Diamanten daher auf ein Papier gelegt; jetzt steckte er sie, +ohne daß ich es wußte, in meine Tasche. Nebenbei muß ich bemerken, daß +ich das wertvolle Geschenk des Spaniers garnicht kannte und mein +Bedienter am folgenden Tage den Schatz raubte, um mit diesem großen +Vermögen zu entfliehen. Ich sprach mit der Kammerfrau noch über die +Vorsichtsmaßregeln, die sie zu treffen hätte, und wollte gehen. Die +Kammerfrau blieb bei ihrer Herrin, allerdings ein Umstand, der mich +nicht sehr ermutigte; ich beschloß indes auf meiner Hut zu sein. Der +Liebhaber packte das tote Kind und die Wäsche, mit der die Kammerfrau +das Blut ihrer Herrin aufgefangen hatte, in ein Bündel zusammen. Er +band es fest zusammen, nahm es unter seinen Mantel, fuhr mit der Hand +über meine Augen, als wollte er mir sagen, daß ich sie schließen +sollte, und ging dann voraus, mich durch ein Zeichen auffordernd, den +Zipfel seines Rockes zu ergreifen; ich gehorchte ihm, warf aber noch +einen letzten Blick auf meine so zufällig erlangte Geliebte. Die +Kammerfrau riß ihre Maske ab, als sie den Spanier draußen sah, und +zeigte mir das lieblichste Gesicht von der Welt. Als ich mich wieder im +Garten befand und die freie Luft einatmete, da, ich gestehe es, war +mir, als fiele ein ungeheures Gewicht von meiner Brust. Ich ging in +achtungsvoller Entfernung hinter meinem Führer her und beobachtete die +geringste seiner Bewegungen mit der größten Aufmerksamkeit. Als wir an +der kleinen Pforte wieder angekommen waren, faßte er meine Hand und +drückte mir das Petschaft eines Ringes, den ich an einem Finger seiner +linken Hand gesehen hatte, auf den Mund, ich aber gab ihm zu verstehen, +daß ich dieses beredte Zeichen begriffe. Auf der Straße warteten unsere +zwei Pferde; jeder von uns bestieg eins; mein Spanier bemächtigte sich +meines Zügels, und nahm den seinigen zwischen die Zähne, denn in seiner +Rechten hatte er das blutige Paket. Mit der Schnelligkeit des Blitzes +ritten wir davon. Es war mir unmöglich, auch nur den geringsten +Gegenstand zu merken, an dem ich später den Weg wieder hätte erkennen +können, den wir gekommen waren. Mit Tagesanbruch befand ich mich vor +meiner Tür und der Spanier entfloh nach dem Tore von Atocha hin." + +"Und Du konntest gar nichts entdecken, woran man später jene Frau hätte +wiedererkennen können?" fragte der Obrist den Chirurgen. + +"Nur ein einziges Mal," antwortete dieser. + +"Als ich die Unbekannte zur Ader ließ, bemerkte ich an ihrem Arm, ein +wenig über der Mitte desselben, ein kleines Mal, etwa wie eine Linse +groß und von braunen Haaren umgeben." + +In diesem Augenblicke erbleichte der Chirurg, der die gelobte +Verschwiegenheit verletzt hatte; aller Augen hefteten sich auf die +seinigen und folgten dann der Richtung seines Blickes. Die Franzosen +sahen einen Spanier, der in einen Mantel gehüllt war, und dessen Augen +durch ein Gebüsch von Orangen blitzten. Kaum hatten indes die Offiziere +ihre Blicke auf diesen Mann gerichtet, als er mit der Leichtigkeit +einer Sylphe entfloh. Ein Hauptmann verfolgte ihn schnell. "Teufel, +meine Freunde!" rief der Chirurg aus, "dieses Basiliskenauge hat mich +zu Eis erstarrt. Ist es mir doch, als hörte ich Totenglocken läuten! +Empfangt mein Lebewohl, Ihr werdet mich hier begraben!" + +"Bist Du dumm," meinte der Obrist Hulot. "Falcon verfolgt den Spanier +und wird uns schon Rechenschaft zu geben wissen." + +"Da kommt er!" riefen die Offiziere aus, als sie den Hauptmann atemlos +zurückkehren sahen. + +"Zum Teufel!" versetzte Falcon, "der ist, glaube ich, über die Mauer +gesprungen. Ein Hexenmeister kann er nicht sein, also muß er hier ins +Haus gehören! Der kennt hier alle Wege und Schliche, deswegen ist er +mir so leicht entgangen." + +"Ich bin verloren!" versetzte der Chirurg mit trüber Stimme. + +"Beruhige Dich," antwortete ich, "wir werden der Reihe nach bis zu +Deiner Abreise bei Dir wachen. Heute Abend begleiten wir Dich!" + +In der Tat führten drei junge Offiziere, die ihr Geld beim Spiel +verloren hatten, den Chirurg in seine Wohnung zurück, und einer von +ihnen erbot sich, bei ihm zu bleiben. Am zweiten Tage darauf hatte der +Chirurg seine Versetzung zu einem in Frankreich stehenden Heere erlangt +und traf alle Vorbereitungen, um in Gesellschaft einer Dame abzureisen, +die von Murat eine starke Bedeckung erhielt. Zuletzt speiste er noch +einmal in Gesellschaft seiner Freunde, als ihn sein Bedienter +benachrichtigte, daß eine junge Dame mit ihm sprechen wolle. Der +Chirurg ging sogleich mit drei Offizieren hinaus, da er irgend eine +Falle befürchtete, und die Unbekannte konnte ihrem Geliebten nur noch +zurufen: "Nimm Dich in acht!" und stürzte tot nieder. Es war die +Kammerfrau, die, als sie sich vergiftet fühlte, noch zur rechten Zeit +anzukommen gehofft hatte, um den Chirurg zu warnen. + +"Teufel, Teufel!" rief der Hauptmann Falcon aus, "das heißt lieben. +Aber auch nur eine Spanierin kann noch zu ihrem Geliebten laufen, wenn +ihr der Tod schon auf der Zunge sitzt." + +Der Chirurg versank in tiefes Nachdenken. Um die unheilvollen +Vorgefühle, die ihn quälten, zu ersticken, setzte er sich wieder an den +Tisch und trank unmäßig, wie auch seine Gäste taten. Als alle halb +berauscht waren, begaben sie sich frühzeitig zur Ruhe. Mitten in der +Nacht wurde der Chirurg durch ein schrillendes Geräusch erweckt, das +von den Ringen seiner Bettvorhänge herrührte, die heftig an den Stäben +zurückgerissen wurden. Er richtete sich von seinem Lager auf und war +eine Beute jenes mechanischen Zitterns, das uns bei einem solchen +Erwachen zu ergreifen pflegt. Da sah er vor sich einen Spanier, der in +einen Mantel gehüllt war und ihm denselben Flammenblick zuwarf, der am +Abend des Balles durch das Orangengebüsch geleuchtet hatte. Der Chirurg +schrie auf: "Zu Hilfe, zu Hilfe! Zu mir, meine Freunde!" Der Spanier +antwortete auf dieses Angstgeschrei nur mit einem bittern Lächeln. + +"Das Opium wächst für jedermann!" versetzte er dann. Als er diese Worte +gesagt hatte, zeigte er auf die drei in festem Schlaf liegenden Freunde +und zog dann unter seinem Mantel einen frisch abgeschnittenen Frauenarm +hervor, den er mit einer lebhaften Bewegung dem Chirurg zeigte, um ihn +auf ein Mal aufmerksam zu machen, welches jenem ähnlich war, das dieser +so unklugerweise beschrieben hatte. + +"Ist es derselbe?" fragte er. + +Beim Scheine einer Laterne, die neben das Bett gestellt war, erkannte +der Chirurg den Arm wieder und antwortete durch sein Staunen. Ohne +weitere Erörterungen senkte der Gatte der Unbekannten seinen Dolch in +das Herz des Chirurgen."-- + +"Ihre Erzählung ist furchtbar schwer zu glauben," sagte ein Zuhörer zu +dem Erzähler. "Können Sie mir wohl erklären, wer sie Ihnen erzählt hat, +ob der Tote oder der Spanier?" + +"Mein Herr," antwortete der Erzähler, "ich habe den armen Mann +gepflegt, da er erst fünf Tage später unter schrecklichen Leiden starb. +Zur Zeit des Feldzuges, der unternommen wurde, um Ferdinand VII. wieder +einzusetzen, wurde ich zu einem Posten in Spanien ernannt, kam aber +glücklicherweise nicht weiter, als nach Tours, denn man machte mir +Hoffnung auf die Einnehmerstelle von Sancerre. Am Abend vor meiner +Abreise war ich auf einem Ball bei Frau von Listomére, wo sich auch +mehrere angesehene Spanier eingefunden hatten. Als ich den Spieltisch +verließ, bemerkte ich einen spanischen Grande, einen Afrancesado im +Exil, der seit fünfzehn Tagen in der Touraine angekommen war. Erst sehr +spät war er zu diesem Ball gekommen. Er erschien zum ersten Male vor +Leuten und besuchte die Salons in Begleitung seiner Frau, deren Arm +durchaus unbeweglich war. Wir wichen schweigend auseinander, um dieses +Paar hindurchgehen zu lassen, das wir nicht ohne tiefe Bewegung sahen. +Denkt Euch, ein lebendiges Gemälde von Murillo. Unter gewölbten und +schwarzen Brauen zeigte der Mann ein starres Flammenauge; sein Antlitz +war eingefallen, und sein kahler Scheitel zeigte glühende Tinten; sein +Körper war so leidend, daß man ihn nur mit Beben ansehen konnte. Und +diese Frau! Man kann sie sich gar nicht vorstellen, ohne sie gesehen zu +haben. Sie hatte jenen bewunderungswürdigen Wuchs, für den die +spanische Sprache ein besonderes Wort geschaffen hat; obgleich bleich, +war sie noch immer schön; ihre Gesichtsfarbe war blendend, infolge +eines für eine Spanierin sonst unerhörten Privilegiums; aber aus ihren +Blicken strahlte die ganze Sonne Spaniens, und sie trafen den, der sie +ansah, wie geschmolzenes Blei. + +"Meine Dame," fragte ich die Dame gegen Ende der Soirée, "durch welchen +Zufall haben Sie Ihren Arm verloren?" + +"Im Unabhängigkeitskriege," antwortete sie mir. + + + + +NACHWORT + + +Die Holzschnitte von Honoré Daumier und Paul Gavarni, welche die +vorliegende Ausgabe schmücken, sind nicht ursprünglich zu diesen +Novellen Balzacs geschaffen worden. Sie wurden vom Herausgeber aus dem +reichen Werk der beiden bedeutendsten Graphiker ihrer Zeit ausgewählt, +weil sie sich einerseits zwanglos dem Text anpassen und ihn trefflich +illustrieren, anderseits ihren Wert als selbständige Kunstwerke +behaupten. Wie Balzac als Romandichter aus engem Verbundensein mit +seiner Zeit heraus die großen Menschheitskomödien und tragödien +gestaltete, so schuf mit gleicher Genialität der Zeichner Daumier sein +Werk und gab dem Gesicht der bürgerlichen Welt die letzte, gültige +Prägung. Balzac war in seinem Werk der miterlebende und dennoch kühl +betrachtende Geschichtsschreiber der Gesellschaft und der Chronist der +von allen Leidenschaften erschütterten Seele; Daumier enthüllt in +seinen Physigonomien mit unbekümmerter Künstler-objektivität das +Innenleben des Bürgers und entlarvt ihn mit genialem Federzug bis zur +Karikatur. Zu diesen großen Beiden gesellt sich Gavarni, leichteren +Blutes und von beweglicherem, spielerischem Geiste, als graziöser, +spöttischer Sittenschilderer. Balzac selbst gehörte zu den Bewunderern +Daumiers, und von ihm soll die Äußerung herrühren: "Dieser Kerl hat +Michelangelo im Leibe!" Und Baudelaire schreibt in seinen Aufsätzen +über Maler und Malerei: "Der wahre Ruhm und die wirkliche Sendung +Gavarnis und Daumiers bestand darin, Balzac zu ergänzen, der dies +übrigens bald erkannte und Bundesgenossen und Dolmetscher in ihnen +erblickte und sie als solche ehrte." + + +CURT MORECK + + + + + INHALTSVERZEICHNIS + + Pierre Grassou + Die Börse + Ehelicher Frieden + Der Arm + + +Balzacs Novellen wurden im Auftrag von G. Hirth's Verlag, München, ins +Deutsche übertragen und herausgegeben von Gurt Moreck. Gedruckt und +gebunden in der Offizin Knorr & Hirth in München. + + + + + +End of Project Gutenberg's Grosse und Kleine Welt, by Honore De Balzac + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GROSSE UND KLEINE WELT *** + +This file should be named 8803-8.txt or 8803-8.zip + +Produced by Charles Aldorondo, Tiffany Vergon, Charlie Kirschner and the Online Distributed Proofreading Team. + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. 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