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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:32:17 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Grosse und Kleine Welt, by Honore De Balzac
+
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+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Grosse und Kleine Welt
+
+Author: Honore De Balzac
+
+Release Date: September, 2005 [EBook #8803]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on August 10, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO Latin-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GROSSE UND KLEINE WELT ***
+
+
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+
+Produced by Charles Aldorondo, Tiffany Vergon, Charlie Kirschner and
+the Online Distributed Proofreading Team.
+
+
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+HONORÉ DE BALZAC
+
+
+GROSSE UND KLEINE WELT
+
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+MIT HOLZSCHNITTEN VON DAUMIER UND GAVARNI
+
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+
+PIERRE GRASSOU
+
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+
+Wer als ernsthafter Betrachter die Kunstausstellungen, die nach der
+Revolution von 1830 stattfanden, besucht hat, wird sich beim Anschauen
+der endlosen, überhäuften Galerien kaum eines Gefühls des Unbehagens
+und der Langeweile, vielleicht sogar der Trauer haben erwehren können.
+Seit 1830 gibt es keinen "Salon" mehr. Der Louvre ist ein zweites Mal
+erstürmt worden durch die Künstler; und sie haben es verstanden, sich
+dort zu behaupten. Die Zulassung zum "Salon" bedeutete ehemals für den
+kleinen Kreis, der in Frage kam, bereits eine hohe Auszeichnung, und
+über die bedeutendsten der etwa zweihundert Bilder, die ausgewählt
+worden, entspann sich beim Publikum und bei der Kritik ein
+leidenschaftlicher Widerstreit der Meinungen. Die Überfülle der
+Gemälde, vor die sich heute der Besucher gestellt sieht, erschöpft
+seine Aufmerksamkeit, und die Ausstellung wird geschlossen, bevor er
+aus der Menge das wenige Gute ausfindig gemacht hat. Statt eines
+Ritterspiels haben wir einen Volksjahrmarkt, statt eines künstlerischen
+Ereignisses ein lautes Warenhaus, statt sorgfältiger Auslese--alles.
+Was ist die Folge? In der Menge verliert sich das Genie. Der Katalog
+ist zu einem dicken Buch angewachsen, in dem mancher Name auch dadurch
+nicht bekannter wird, daß zehn oder zwölf ausgestellte Bilder dahinter
+aufgeführt sind. Unter allen aber am unbekanntesten ist vielleicht
+derjenige des Malers Pierre Grassou aus Fougères, den man in der
+Künstlerwelt einfach Fougères nennt.
+
+Fougères wohnte 1832 im vierten Stockwerk eines jener hohen, schmalen
+Häuser der Rue de Navarin, die aussehen wie der Obelisk von Luxor. Sie
+besitzen einen Hausflur, eine enge, düstere, halsbrecherische
+Wendeltreppe, in jedem Stock nicht mehr als drei Fenster und einen Hof,
+der nicht mehr als ein viereckiger Schacht ist.
+
+Über den drei oder vier Räumen, die Grassou von Fougères bewohnte, lag
+ein Atelier, dessen Fenster auf Montmartre hinausgingen. Die Wände
+waren rot gestrichen, der Boden braun gewächst, auf jedem Stuhl lag ein
+gesticktes Deckchen, das altmodische Sofa war sauber wie das im
+Schlafzimmer einer Krämerin. Alles ließ auf das wohlgeordnete Dasein
+eines gesetzten Bürgers von engem Horizont schließen. Das Atelier
+enthielt außerdem eine Kommode zum Aufbewahren der Malgeräte, einen
+Frühstückstisch, einen Schreibtisch und einen großen Ofen, ferner die
+zum Malen erforderlichen Gegenstände. Alles dies war sauber und in
+guter Ordnung.
+
+Eines Tages zu Anfang Dezember, dieses für den Porträtisten besonders
+günstigen Monats, war Pierre Grassou frühzeitig aufgestanden, hatte den
+Ofen angezündet, die Palette hergerichtet, und wartete nun, daß die
+Scheiben des Atelierfensters auftauen würden, um das Tageslicht
+ungehindert einzulassen. Unterdessen verzehrte er gedankenlos sein
+Frühstück, ein in Milch getunktes Hörnchen.
+
+Da klang von der Treppe her ein wohlbekannter Schritt. Als der Maler
+eben mit der Arbeit beginnen wollte, überraschte ihn Elias Magus,
+Bilderhändler und Leinwandwucherer.
+
+"Wie gehts, alter Halunke?" begrüßte ihn Grassou. Elias nahm ihm seine
+Gemälde ab, das Stück für zweibis dreihundert Francs. Sie liebten es,
+im Verkehr mit einander sich des sogenannten Künstlertons zu bedienen.
+
+"Schlechte Geschäfte," sagte Elias. "Ihr Künstler stellt unverschämte
+Forderungen. Wenn Ihr für sechs Sous Farbe auf die Leinwand klext,
+verlangt Ihr gleich zweihundert Francs dafür. Aber Sie, Fougères, sind
+ein anständiger Kerl. Darum lasse ich Ihnen auch etwas Gutes zukommen."
+
+"Timeo Danaos et dona ferentes," sagte Fougères; "verstehen Sie
+lateinisch?"
+
+"Nein."
+
+"Nun, das heißt soviel, als daß die Griechen den Trojanern nichts
+anboten, ohne selbst einen Profit dabei zu haben. Und so wirds wohl
+auch heute noch sein, Herr Odysseus-Magus!" Diese Worte waren eine
+Musterwendung des unter den Malern gebräuchlichen Atelierstils, den
+Fougères, wie man sieht, vollkommen beherrschte.
+
+"Ich verlange doch nicht, daß Sie mir Ihre Bilder umsonst geben sollen!
+Sie sind ein ehrenwerter Künstler."
+
+"Nun--und?"
+
+"Also kurzum: Ich bringe Ihnen einen Vater, eine Mutter und eine
+Tochter."
+
+"Alle drei auf einen Schlag?"
+
+"Meiner Treu, ja! Sie wollen sich porträtieren lassen. Diese
+Spießbürger, die sich für Kunst begeistern, haben es noch nie gewagt,
+ein Atelier zu betreten. Übrigens hat die Tochter eine Mitgift von
+hunderttausend Francs zu erwarten. Malen Sie die Leute nur ruhig.
+Vielleicht werden es einmal Ihre Familienbilder." Dieser alte Klotz von
+Mensch, Elias Magus genannt, unterbrach sich hier mit einem so heiseren
+Lachen, daß der Maler erschrak. Es war ihm, als hätte der Teufel selbst
+diese Worte vom Heiraten gesprochen. "Fünfhundert Francs sind für jedes
+Porträt gezahlt. Sie können also drei Bilder machen."
+
+"Natürlich, mit Freuden!" rief Fougères.
+
+"Und sollten Sie die Tochter heiraten, so erinnern Sie sich hoffentlich
+meiner."
+
+"Ich heiraten!?" rief Pierre Grassou. "Wo ich gewohnt bin, ganz allein
+schlafen zu gehen und mit der Morgensonne aufzustehen? Ich, der sein
+Leben geregelt hat...."
+
+"Hunderttausend Francs," sagte Magus, "und ein entzückendes Mädchen,
+mit Goldton wie ein echter Tizian."
+
+"Was für Leute sind es?"
+
+"Der Alte war Kaufmann. Jetzt ist er Kunstliebhaber und Besitzer eines
+Landhauses in Ville d'Avray mit zehn--bis zwölftausend Pfund Rente."
+
+"Und worin bestand sein Handel?"
+
+"In Flaschen."
+
+"Beim Himmel, hören Sie auf! Mir ist, als hörte ich schon Pfropfen
+knallen...."
+
+"Darf ich die Leute herbringen?"
+
+"Drei Porträts.... Ich werde sie in den 'Salon' schicken.... Ich werde
+ins Fach des Porträtisten übergehen. Nun denn, in Gottes Namen!"
+
+Der alte Elias entfernte sich, um die Familie Vervelle zu verständigen.
+Werfen wir inzwischen einen Blick auf die Vergangenheit Pierre Grassous
+de Fougères, um ermessen zu können, von welcher Bedeutung ein solcher
+Auftrag für ihn sein konnte und welchen Eindruck das Ehepaar Vervelle
+mit seiner einzigen Tochter auf ihn machen mußte.
+
+Bei Servin, der in der Künstlerwelt den Ruf als Meister des Stiftes
+genoß, hatte Fougères zeichnen gelernt und war dann als Schüler zu
+Schinner gegangen, um von ihm in das Geheimnis seiner wunderbaren
+Farben eingeweiht zu werden. Aber der Meister gab seinem Schüler nichts
+von diesem Geheimnis preis--Pierre entlockte ihm nichts. Hierauf
+besuchte er das Atelier Sommervieux, um die Gesetze der Komposition zu
+studieren, aber sie blieben ihm ein versiegeltes Buch. Er ging zu
+Granet und Drolling, um ihnen die Technik ihrer effektvollen Interieurs
+abzusehen, doch vergebens, auch ihnen war nichts zu entreissen. Endlich
+beschloß Fougères seine Studienzeit bei Duval-Lecamus. Sein stilles,
+gemässigtes Wesen wurde in den Ateliers zur Zielscheibe des Spottes,
+doch entwaffnete seine Bescheidenheit und rührende Geduld bald die
+Kameraden. Bei den Lehrern fand er wenig Sympathie; sie bevorzugten das
+exzentrische, übermütige, sprühende Temperament, oder aber den ernsten,
+grüblerischen Charakter, der das Zeichen des Genies ist; bei Fougères
+fanden sie nichts als Mittelmäßigkeit.
+
+Sein Äußeres entsprach seinem Namen, er war fett und plump, mittelgroß
+von Gestalt und von blasser Gesichtsfarbe. Er hatte schwarze Haare,
+braune Augen, lange Ohren, eine aufwärts gebogene Nase und einen
+breiten Mund. Keinem dieser Merkmale seines gesunden aber
+ausdruckslosen Gesichtes verlieh sein mildes, leidendes, resigniertes
+Wesen irgendwie eine besondere Bedeutung. Ihn beunruhigte weder das
+leidenschaftliche Drängen des Blutes, noch die Übermacht der Gedanken,
+noch die mächtige Begeisterung, die das Zeichen der genialen Künstler
+sind.
+
+Geboren, ein ehrenwerter Bürger zu sein, war dieser junge Mann nach
+Paris gekommen, um hier bei einem Farbenhändler Gehilfe zu werden; aber
+in seiner bretonischen Hartnäckigkeit hatte er es sich in den Kopf
+gesetzt, Maler zu werden, Gott mag wissen, was er aushielt, wie er es
+zuwege brachte, sich durch seine Studienjahre durchzudarben. Er
+durchlitt die Entbehrungen der Großen, die das Unglück verfolgt und die
+wie wilde Tiere von der Meute der Mittelmäßigkeit und der Neider
+verfolgt werden. Kaum meinte er auf eigenen Füßen stehen zu können, so
+nahm er ein Atelier in der Rue des Martyrs und fing an, zu arbeiten. Im
+Jahre 1819 trat er mit seinem ersten Werk an die Öffentlichkeit. Das
+der Jury zur Ausstellung im Louvre eingereichte Gemälde stellte eine
+Bauernhochzeit dar und war eine wohlgelungene Nachahmung des bekannten
+Bildes von Greuze. Es wurde zurückgewiesen. Fougères, als er diese
+enttäuschende Mitteilung erhielt, tobte nicht, wie es die Großen tun,
+verfiel auch nicht einer jener epileptischen Anwandlungen, die so
+häufig mit einer Herausforderung des Direktors oder des Sekretärs der
+Ausstellung oder mit blutdürstigen Drohungen enden. Nichts von alledem
+geschah, sondern Fougères nahm seelenruhig seine Leinwand zurück,
+bedeckte sie mit seinem Taschentuch und trug sie wieder in sein Atelier
+zurück. Aber er schwur es sich zu, ein großer Künstler zu werden. Das
+Bild stellte er auf eine Staffelei und begab sich zu seinem früheren
+Lehrer Schinner, einem Maler von außerordentlichem Talent, einem
+weichen und geduldigen Menschen, dem die letzte Ausstellung des
+"Salons" seinen Erfolg garantiert hatte. Grassou bat ihn, er möge das
+zurückgewiesene Werk seiner Kritik unterziehen. Der große Maler kam
+sofort von seiner Arbeit weg. Kaum hatte er das Bild mit einem Blick
+gestreift, drückte er dem armen Fougères die Hand: "Guter Junge, du
+hast ein Herz von Gold, man darf dich nicht hintergehen. Also höre: du
+hast alles gehalten, was du als Schüler versprachst. Mein lieber
+Fougères, statt daß man etwas Derartiges zusammenpinselt, tut man
+besser, den andern nicht Farbe und Leinwand zu stehlen. Sattle um,
+solange es noch Zeit ist! Zieh dir eine Schlafmütze über und kriech um
+neun Uhr ins Bett. Morgen aber, gegen zehn, gehst du zu irgend einem
+Bureau und suchst dir einen Posten. Von der Kunst aber laß die Finger!"
+
+"Mein Freund," sagte Fougères, "mein Werk ist bereits verurteilt
+worden, und ich bat dich nicht, es zu tadeln, sondern mir die Gründe
+für seine Ablehnung auseinanderzusetzen."
+
+"Nun also: du hast keine Farbe, du malst alles grau und tot, du siehst
+die Natur durch einen Schleier. In der Zeichnung bist du grob und
+ungeschickt, in der Komposition kopierst du Greuze, den zu verbessern
+du nicht berufen bist." Als Schinner die Fehler des Bildes aufzählte,
+bemerkte er in den Zügen des jungen Malers den Ausdruck einer so tiefen
+Traurigkeit, daß er ihn zum Mittagessen einlud und ihn zu trösten
+suchte.
+
+Am nächsten Tage saß Fougères schon um sieben in der Frühe vor der
+Staffelei und pinselte an seinem verworfenen Bilde herum. Er vertiefte
+die Farben, beseitigte die von Schinner gerügten Mängel und arbeitete
+die Köpfe besser heraus. Als ihn die Korrekturarbeit anwiderte, trug er
+das Bild zu Elias Magus. Dieser Herr Magus war ein holländisch-
+belgischer Flame, und in dieser Mischung lag wohl die dreifache
+Vorbedingung für das, was er geworden war: geizig und reich. Von
+Bordeaux nach Paris gekommen, eröffnete er auf dem Boulevard Bonne-
+Nouvelle eine Gemäldehandlung. Das erste Bild, das Pierre ihm brachte,
+betrachtete er sehr genau; dann zahlte er ihm fünfzehn Francs dafür.
+
+Fougères, der von der Palette leben mußte, und, wie es die Jahreszeit
+brachte, Brot und Nüsse oder Brot und Milch oder Brot und Kirschen oder
+Brot und Käse verzehrte, lächelte und meinte: "Fünfzehn Francs
+verdienen und tausend Francs verbrauchen, damit kann man es weit
+bringen."
+
+Elias Magus zuckte die Achseln. Er nagte an den Fingernägeln und
+dachte, daß er das Bild auch schon für hundert Sous hätte erhandeln
+können.
+
+Jeden Morgen spazierte Fougères nun von der Rue des Martyrs nach dem
+Boulevard Bonnes-Nouvelle hinab und mischte sich der Gemäldehandlung
+gegenüber unter die Passanten. Seine Augen hingen an dem Bilde, das
+aber selten einmal die Aufmerksamkeit eines Vorübergehenden auf sich
+lenkte. Aber eines Morgens, gegen Ende der Woche, war das Bild
+verschwunden. Fougères schlenderte die Straße zurück, ging auf die
+andere Seite hinüber und schritt gerade auf den Laden zu, indem er tat,
+als führe ein Zufall ihn des Weges. Der Händler stand auf der Schwelle.
+
+"Nun, haben Sie mein Bild verkauft?"
+
+"Nein," sagte Magus, "ich lasse einen Rahmen darum machen, damit ich es
+einem anbieten kann, der glaubt, er verstehe etwas von Bildern."
+
+Fougères wagte nicht mehr, sich auf dem Boulevard zu zeigen. Er
+arbeitete an einem neuen Gemälde. Mit der Unermüdlichkeit eines Mannes
+plagte er sich zwei Monate lang wie ein Galeerensklave. Eines Tages
+ging er, fast ohne es zu wollen, wieder zum Laden des Magus. Das Bild
+war nicht mehr da.
+
+"Ich habe Ihr Bild verkauft," sagte der Händler.
+
+"Zu welchem Preise?"
+
+"Ich habe meine Unkosten eingebracht und noch eine Kleinigkeit daran
+verdient. Malen Sie mir flämische Interieurs, eine Anatomiestudie, eine
+Landschaft. Ich werde sie Ihnen abkaufen," sagte Magus.
+
+Fougères wäre dem Alten am liebsten um den Hals gefallen. Er blickte zu
+ihm wie zu einem Vater auf. Freude im Herzen, kehrte er heim. Also
+hatte der große Schinner sich doch in ihm getäuscht. Noch gab es in
+dieser Riesenstadt Herzen, die in gleichem Takt mit seinem eigenen
+schlugen. Man erkannte und schätzte seine Begabung. Dieser arme Bursche
+von siebenundzwanzig Jahren besaß die Einfalt eines sechzehnjährigen
+Jünglings. Jedem andern würde die diabolische Miene des Elias Magus
+aufgefallen sein. Das Beben der Bartspitzen, die Haltung des Kopfes
+wären ihm nicht entgangen.
+
+Wie ein Schüler, der eine Dame begleiten darf, stolzierte Fougères mit
+freudestrahlendem Gesicht durch die Straßen. Er begegnete seinem
+ehemaligen Mitschüler Josef Bridau, einem vom Unglück verfolgten,
+vielversprechenden Talente. Da Bridau, wie er erklärte, noch ein paar
+Sous in der Tasche hatte, nahm er Fougères mit in die Oper. Aber
+Fougères sah nichts von dem Ballet, hörte nichts von der Musik; er
+entwarf Bilder, er malte. Noch während der Vorstellung verabschiedete
+er sich von seinem Freunde und eilte nach Hause. Er fing an, beim
+Schein der Lampe zu skizzieren, erfand dreißig Bilder voll von
+Reminiszenzen und hielt sich für ein Genie.
+
+Gleich am andern Morgen kaufte er Farben und Leinwand in allen Größen.
+Brot und Käse stellte er auf den Tisch, füllte den Krug mit frischem
+Wasser und häufte Brennholz auf. Dann ging er an die Arbeit. Er hatte
+einige Modelle, und Magus lieh ihm ein paar Gewänder. Nach zwei Monaten
+vollkommener Zurückgezogenheit hatte der Bretone vier Gemälde
+vollendet. Wieder bat er Schinner um sein Urteil und lud auch Josef
+Bridau dazu ein. Die beiden Maler bezeichneten die Bilder als treue
+Kopien der Holländischen Landschaften und der Interieurs von Metsu,
+während das vierte eine mißratene Nachbildung von Rembrandts Anatomie
+sei.
+
+"Nichts als Nachahmungen," sagte Schinner; "Fougères wird es schwerlich
+dazu bringen, etwas Eigenes zu geben."
+
+"Du solltest etwas anderes tun als Bilder malen," sagte Bridau.
+
+"Was denn?" fragte Fougères.
+
+"Wirf Dich auf die Literatur," sagte Bridau.
+
+Fougères ließ den Kopf hängen wie ein Schaf im Regen. Dennoch ließ er
+sich einige technische Winke geben und arbeitete danach noch an seinen
+Bildern, bevor er sie zu Elias brachte. Dieser zahlte ihm
+fünfundzwanzig Francs für das Stück. Fougères verdiente dabei nichts,
+verlor aber auch nichts, denn er lebte sehr anspruchslos.
+
+Wieder nahm er nun seine Spaziergänge auf, um das Schicksal seiner
+Bilder zu verfolgen. Da hatte er eine merkwürdige Halluzination: seine
+so klar und genau gemalten Bilder, die von der Haltbarkeit des
+Eisenblechs und glänzend wie Porzellan waren, schienen wie von einem
+grauen Nebel überzogen; sie glichen alten Gemälden. Elias war
+ausgegangen, und so konnte sich Fougères keine Erklärung dieses
+Phänomens einholen. Er dachte, es müsse eine Täuschung sein. Er kehrte
+heim und fing von neuem an, alte Bilder zu malen.
+
+Nach sieben Jahren unermüdlicher, eifriger Arbeit brachte Fougères es
+so weit, daß er erträgliche Bilder komponieren und ausführen konnte. Er
+leistete etwas Mittelmäßiges, wie viele andere Maler auch. Elias kaufte
+und verkaufte alle diese Bilder des armen Bretonen, der jährlich mühsam
+hundert Louis verdiente, während er kaum zwölfhundert Francs
+verbrauchte. Bei der Ausstellung des Jahres 1829 wurden Leon de Lora,
+Schinner und Bridau, die von großem Einfluß waren und an der Spitze der
+künstlerischen Bewegung standen, so ergriffen von der Beharrlichkeit
+und der Armut ihres einstigen Kameraden, daß sie eines seiner Bilder
+zum großen Salon der Ausstellung zuließen. Dies Gemälde zeigte einen
+jungen Sträfling, dem die Haare geschoren wurden. Er saß zwischen einem
+Priester und einem jungen und einem alten Weibe, die weinten, während
+ein Schreiber ein gestempeltes Schriftstück las. Unberührt standen auf
+einem schmutzigen Tische Speisen; zwischen den Gitterstäben eines
+hochgelegenen Fensters fiel das erste Tageslicht herein. Ein Etwas in
+diesem Bilde mußte die Bürger erschauern lassen--und sie erschauerten.
+Unverkennbar war Fougères von Gérard Dous bekanntem Meisterwerk
+beeinflußt worden; er hatte die Gruppe im Gemälde "Die wassersüchtige
+Frau" zum Fenster gedreht, statt sie von vorne zu zeigen und die
+Sterbende durch den Verurteilten ersetzt; es war dasselbe fahle
+Gesicht, derselbe Blick, derselbe Aufschrei zu Gott. Statt des
+flämischen Arztes hatte er den schwarzgekleideten Schreiber mit seiner
+kalten Amtsmiene hingemalt, und dem Mädchen auf dem Bilde Gérard Dous
+ein greises Weib zugesellt. Beherrscht wurde die Gruppe von dem brutal
+gleichgültigen Gesicht des Henkers. Das Plagiat war raffiniert
+ausgeführt, und niemand erkannte es als solches. Der Katalog vermerkte:
+"No. 510. Grassou de Fougères, Pierre, 2 Rue de Navarin. Toilette eines
+im Jahre 1809 zum Tode verurteilten Verbrechers".
+
+Trotz seiner Talentlosigkeit wurde dem Bilde ein beispielloser Erfolg
+zuteil; erinnerte es doch an den Fall der Heizer von Mortagne. Das
+Publikum sammelte sich. Tag für Tag vor dem Bilde, das die Sensation
+von Paris bildete. Auch Karl X. blieb davor stehen. Madame, der man von
+dem kümmerlichen Dasein des Bretonen erzählt hatte, begeisterte sich
+für ihn. Der Herzog von Orleans bemühte sich um das Gemälde. Von
+Prälaten hörte Madame la Dauphine, daß das Bild eine gute Moral
+enthalte, und es war in der Tat von sympathischen religiösen Gedanken
+erfüllt. Monseigneur le Dauphin bewunderte, wie der Staub auf den
+Mauersteinen gemalt sei, worin er übrigens irrte, denn Fougères hatte
+durch grünliche Reflexe die schimmlige Feuchtigkeit der Wände andeuten
+wollen. Madame erwarb das Bild für tausend Francs, und der Dauphin
+erteilte dem Künstler den Auftrag auf ein zweites, ähnliches. Fougères,
+dessen Vater 1799 für die Sache des Königs gefochten hatte, wurde von
+Karl X. durch Verleihung des Ehrenkreuzes ausgezeichnet, während Josef
+Bridau, der große Künstler, leer ausging. Der Minister des Innern
+übertrug Fougères die Ausführung zweier Kirchengemälde. Somit bedeutete
+diese Ausstellung des Salon für Pierre Grassou Reichtum, Ruhm und
+Zukunft. Schöpfer sein, heißt am langsamen Feuer schmoren; nachahmen,
+das heißt leben!
+
+Eine Goldquelle hatte sich Grassou eröffnet. In seinem skrupellosen
+Mißbrauch der Kunst war er wieder einmal ein Beispiel dafür, daß die
+überwältigende Mehrheit der Unfähigen in unseren Tagen überall das
+Aufkommen der wahrhaft Begabten erschwert und einen erbarmungslosen
+Kampf gegen das wirkliche Talent führt. Fougères wunderte sich selbst
+über seinen Erfolg, und seine Bescheidenheit und Schlichtheit ließen
+Neid und Mißgunst verstummen. Außerdem hatte er alle Grassous, die
+schon ihr Glück gemacht hatten, auf seiner Seite, mehr aber noch jene,
+die darauf hofften. Einige waren von der Willenskraft dieses Mannes,
+den nichts hatte niederwerfen können, begeistert und sagten: "Man muß
+seinen Willen zur Kunst anerkennen! Grassou hat sein Glück nicht
+gestohlen; der arme Kerl hat sich zehn Jahre lang hart darum
+geschunden!" Alle Glückwünsche, die dem Maler dargebracht wurden,
+klangen aus in diesem Ausruf: "Der arme Kerl!" Vom Mitleid wird ja
+ebensoviel Mittelmäßigkeit erhoben, als vom Neid Größe und Bedeutung
+gestürzt. Die Zeitungen hatten in ihren Kritiken nicht mit bitterer
+Schärfe gespart, aber Fougères schluckte sie, ebenso wie die
+verbessernden Ratschläge seiner Kameraden, mit Engelsgeduld hinunter.
+
+Nachdem er sich nun im Besitz von fünfzehntausend Francs sah, die sauer
+genug verdient worden waren, richtete er sich in der Rue de Navarin
+seine Wohnung und sein Atelier ein und gab sich an das vom Dauphin in
+Auftrag gegebene Gemälde. Auch die vom Ministerium bestellten beiden
+Kirchenbilder lieferte er so genau am festgesetzten Termin ab, daß der
+Minister ebenso wie seine Kasse von der unerwarteten Pünktlichkeit des
+Künstlers aufs höchste überrascht und in Verlegenheit gebracht wurde.
+Allein den ordnungsliebenden Leuten ist das Glück wohlgesonnen. Hätte
+Grassou mit der Ablieferung gesäumt, so wäre er wohl infolge der
+Julirevolution niemals bezahlt worden. Mit siebenunddreißig Jahren
+hatte Fougères für Elias Magus nahezu zweihundert Bilder fabriziert.
+Sie blieben zwar gänzlich unbekannt, aber er war zufrieden damit, und
+diese Arbeit hatte sein Schaffen so zum Handwerk gemacht, daß die
+Künstler die Achseln zuckten. Die Bürger liebten ihn. Die Freunde
+schätzten Fougères wegen seines biederen und mitfühlenden Wesens, wegen
+seiner Freundlichkeit und Anhänglichkeit. Während sie seine Palette
+mißachteten, achteten sie doch den Mann, der sie hielt. "Ein Jammer,
+daß Fougères dem Laster des Malens verfallen ist," sagten die Freunde
+untereinander.
+
+Trotz seiner Talentlosigkeit war Grassou ein schätzenswerter Berater,
+wie es auch in der Literatur Leute gibt, die selbst kein brauchbares
+Buch zustandebringen, aber einen guten Blick für die Fehler anderer
+Werke haben. Dennoch war zwischen dieser Art literarischer Kritik und
+der Fougères ein Unterschied; Grassou war im höchsten Grade empfänglich
+für das Schöne, er war dankbar dafür, und so kamen seine Ratschläge aus
+einem aufrichtigen Empfinden, dem man wirklich vertrauen durfte.
+
+Seit der Julirevolution schickte Fougères zu jeder Ausstellung ein
+Dutzend Bilder, von denen vier oder fünf durch die Jury zugelassen
+wurden. Der Maler lebte äußerst bescheiden und hielt sich zur Bedienung
+nur eine Haushälterin. Seine einzige Unterhaltung fand er in Besuchen
+bei seinen Freunden, im Anschauen von Kunstsammlungen und hin und
+wieder in einer kleinen Reise, die ihn aber nie über die Grenzen
+Frankreichs hinausführte. Er beabsichtigte aber, sich demnächst in der
+Schweiz neue Anregung zu holen. Unser Künstler war ein durchaus
+einwandfreier Staatsbürger, der seiner Wehrpflicht genügte, sich zu den
+Musterungen einstellte und seine Steuern ebenso wie seine Miete mit
+peinlicher Pünktlichkeit entrichtete.
+
+Da sein Leben in Arbeit und Sorgen aufgegangen war, hatte er keine Zeit
+gefunden, an die Liebe zu denken. Dem armen Junggesellen kam es auch
+garnicht in den Sinn, sein einsames Leben aufzugeben, und da er nicht
+wußte, wie er sein Geld nutzbringend anlegen könne, brachte er jeweils
+die Ersparnisse des Quartals zu seinem Notar Cardot. Als die Summe auf
+tausend Taler angewachsen war, legte dieser sie als erste Hypothek an.
+Der Maler wartete auf den glücklichen Augenblick, wo seine Papiere die
+imposante Summe von zweitausend Francs Rente abwerfen würden, um sich
+das otium cum dignitate des Künstlers zu geben und Bilder zu malen, oh,
+wirkliche, vollendete Kunstwerke. Seine Zukunft, seinen Traum von
+Glück, seiner Hoffnungen Superlativ--wollt ihr ihn hören? Mitglied des
+Instituts werden und die Rosette der Offiziere der Ehrenlegion
+erwerben. Seite an Seite mit Schinner und Leon de Lora sitzen, früher
+als Bridau. Eine Rosette im Knopfloch tragen! Welcher Traum!--Welch
+kleiner Geist, der nur an diese Dinge denkt!...
+
+Als Fougères Schritte aus der Treppe vernahm, fuhr er sich durch das
+Haar, knöpfte seine flaschengrüne Sammetweste zu und war nicht wenig
+entsetzt, als er gleich darauf ein Gesicht vor sich sah, das man in der
+Sprache der Ateliers treffend "Melone" nennt. Diese Frucht saß auf
+einem mit blauem Tuch bekleideten und mit einem Gehänge klingender
+Berlocks geschmückten Kürbis, dem zwei Steckrüben, die man nur
+irrtümlicherweise als Beine bezeichnen konnte, zum Gehen dienten. Die
+Melone schnaufte wie ein Walroß. Ein echter Künstler hätte den hiermit
+charakterisierten kleinen Flaschenhändler unverzüglich vor die Tür
+gesetzt, mit dem Bedauern, daß er leider kein Gemüse male. Fougères
+aber sah sich seine Kundschaft erst, ohne eine Miene zu verziehen, an,
+denn im Vorhemd des Herrn Vervelle prangte ein Diamant von tausend
+Talern Wert. Der Blick, den hierauf Fougères dem Magus zuwarf,
+bedeutete etwa: "Ein feister Brocken!", während Herr Vervelle die Stirn
+runzelte. Der Ehrenmann führte noch zwei andere Gemüsesorten in Gestalt
+seiner Frau und seiner Tochter mit sich. Die Gattin glich mit ihrem
+mahagonifarbenen Gesicht einer auf unförmlichen Füßen stehenden
+Kokosnuß, die nur mit einem Kopf gekrönt und von einem Gürtel
+eingeschnürt war. Sie trug ein gelbes Kleid mit schwarzen Streifen.
+Ihre geschwollenen Hände staken kokett in unvorstellbaren
+Fausthandschuhen, die einem Korporal hätten gehören können. Ihren
+riesigen Hut überfluteten mächtige Straußenfedern, und ihre runden
+massigen Schultern waren mit Spitzen geschmückt. Dergestalt war die
+elfenhafte Erscheinung der Kokosnuß. Die Füße, die man treffender als
+Wurzelklötze bezeichnen würde, quollen in sechs Wülsten über die
+Lackschuhe hervor. Wie waren sie nur in die Schuhe hineingekommen?! Man
+weiß es nicht.
+
+Ihr folgte ein junger, grün-gelber Spargel, dessen kleinen Kopf eine
+von Schleifchen gehaltene, rüben-rote Lockenfrisur zierte. Sie hatte
+spindeldürre Arme, einen leidlich weißen Teint, der mit Sommersproßen
+übersät war, große Unschuldsaugen mit fahlen Wimpern, fast gar keine
+Augenbrauen, einen Florentiner Strohhut, den züchtig zwei von weißen
+Satinlitzen eingefaßte Rosetten garnierten, die roten Hände der Tugend
+und die Füße der Mutter.
+
+Aus der beglückten Miene, mit der diese drei Wesen in dem Atelier des
+Malers Umschau hielten, verriet sich ihre ehrfürchtige Begeisterung für
+die Kunst.
+
+"Sie also werden uns malen, mein Herr?" fragte der würdige Vater.
+
+"Ja, mein Herr!" anwortete Grassou.
+
+"Vervelle, er hat das Ehrenkreuz!" flüsterte die Frau ihrem Manne zu,
+als der Maler ihnen den Rücken zuwandte.
+
+"Glaubst du, ich würde unsere Bilder von einem Maler ohne Auszeichnung
+malen lassen?" sagte der gewesene Flaschenhändler.
+
+Elias Magus verabschiedete sich von der Familie Vervelle und ging.
+Grassou begleitete ihn zur Treppe.
+
+"Das war auch nur Ihnen möglich, solche Kugeln aufzufangen," sagte er.
+
+"Hunderttausend Francs Mitgift!" sagte Magus.
+
+"Ja, aber was für eine Familie!"
+
+"Dreihunderttausend Francs späteres Erbteil, ein Haus in der Rue
+Boucherat und ein Landhaus in Ville d'Avray. Sie wären für Lebenszeit
+versorgt," sagte Elias.
+
+Dieser Gedanke durchzuckte Grassous Gehirn wie die Morgensonne seine
+Mansarde.
+
+Während er dem Vater des jungen Mädchens behilflich war, die richtige
+Stellung zum Porträtieren einzunehmen, erfreute er sich an dem
+gutmütigen Ausdruck dieses Mannes und bewunderte die violetten Farbtöne
+dieses Gesichts. Mutter und Tochter flatterten um den Maler herum und
+beobachteten voller Entzücken seine Vorbereitungen; er erschien ihnen
+wie ein Gott. Fougères gefiel sich in dieser Bewunderung. Das goldne
+Kalb strahlte sein phantastisches Licht über diese Familie.
+
+"Sie müssen unheimliche Summen verdienen, nicht wahr?" sagte die
+Mutter. "Aber Sie geben das Geld wahrscheinlich ebenso schnell, wie Sie
+es verdienen, wieder aus."
+
+"Nein, gnädige Frau," erwiderte der Maler, "ich gebe es nicht aus, denn
+ich wüßte nicht, wozu. Mein Notar arbeitet mit dem Gelde und führt Buch
+darüber; und sobald ich es ihm gegeben habe, denke ich nicht mehr
+daran."
+
+"Ich habe mir sagen lassen," rief Papa Vervelle, "Ihr Künstler wäret
+wie die Siebe."
+
+"Wer ist Ihr Notar, wenn es erlaubt ist?" fragte Frau Vervelle.
+
+"Oh, ein guter Kerl, der runde Cardot."
+
+"Aber nein, wie komisch!" lachte Vervelle. "Cardot ist auch unser
+Notar."
+
+"Sie dürfen sich nicht bewegen," sagte der Maler.
+
+"Aber so bleibe doch ruhig," rief die Gattin. "Du wirst schuld sein,
+wenn der Herr einen Fehler macht. Du solltest ihn nur bei der Arbeit
+sehen, so würdest Du verstehen...." "Ach Gott! Warum habt Ihr mich
+nicht im Malen unterrichten lassen!" sagte Fräulein Vervelle zu den
+Eltern.
+
+"Virginie," rief die Mutter, "es gibt gewisse Dinge, die ein junges
+Mädchen nicht kennen darf. Bist Du erst einmal verheiratet--gut! Aber
+bis dahin gib Dich zufrieden."
+
+Diese erste Sitzung genügte, um den ehrenwerten Künstler mit der
+Familie Vervelle schon recht befreundet werden zu lassen. In zwei Tagen
+sollten die Vervelles wiederkommen. Vater und Mutter ließen Virginie
+auf dem Heimweg ein wenig vorausgehen, aber trotz der Entfernung
+erlauschte sie folgende Worte, die ihre Neugier erweckten: "Ein
+dekorierter Mann ... siebenunddreißig Jahre ... ein Künstler mit
+Aufträgen, dessen Geld von unserm Notar verwaltet wird ... wie wäre es,
+wenn wir Cardot zu Rate zögen? Ha! Madame de Fougères wäre nicht
+übel!... Er sieht nicht aus wie ein übler Mensch.... Du meinst, besser
+ein Großhändler? Aber bei einem Kaufmann kannst Du, wenn er sich nicht
+bereits vom Geschäft zurückgezogen hat, nie wissen, wie es Deiner
+Tochter ergehen wird. Ein sparsamer Künstler dagegen ... außerdem
+lieben wir die Kunst ... kurz und gut...."
+
+Während die Familie Vervelle ihre Eindrücke über den Maler austauschte,
+bildete sich auch Fougères seinerseits sein Urteil über die drei. Aber
+das Atelier war ihm zu eng und still dazu. Er begab sich auf die Straße
+und musterte die rothaarigen Frauen unter den Vorübergehenden, wobei er
+die seltsamsten Schlußfolgerungen zog: Gold sei das schönste der
+Metalle, und die gelbe Farbe kennzeichne das Gold, die Römer liebten
+Frauen mit goldrotem Haar und er fühle wie ein Römer ... und
+dergleichen mehr. Welcher Mann kümmert sich, nach zwei Jahren der Ehe
+noch um die Haarfarbe seiner Frau? Schönheit vergeht, aber die
+Häßlichkeit besteht. Geld ist der halbe Weg zum Glück.
+
+Als der Maler abends zur Ruhe ging, fand er Virginie Vervelle bereits
+entzückend.
+
+Als die drei Vervelles zur zweiten Sitzung das Atelier betraten,
+empfing der Maler sie mit einem liebenswürdigen Lächeln. Der Schelm
+hatte heute seinem Bart besondere Aufmerksamkeit gewidmet; seine Wäsche
+war blütenweiß; anmutig hatte er sein Haar geordnet, und er trug eine
+sehr kleidsame Hose und puterrote Hausschuhe. Sein Gruß wurde von der
+Familie ebenfalls mit einem gewinnenden Lächeln beantwortet. Virginie,
+die so rot wurde wie ihr Haar, senkte die Augen und wandte den Kopf ab,
+als versenke sie sich in die Studien. Pierre Grassou war von diesen
+kleinen Zierereien entzückt; er fand Virginie graziös und
+glücklicherweise weder ihrem Vater noch ihrer Mutter ähnlich.
+
+Während der Sitzung entspann sich eine angeregte Unterhaltung zwischen
+der Familie und dem Maler, der so kühn war, den Vater Vervelle
+geistvoll zu finden. Die Vervelles nahmen mit ihren Schmeichelworten
+das Herz des Künstlers im Sturm. Er schenkte Virginie eine seiner
+Skizzen und der Mutter eine Studie. "Umsonst?" fragten sie. Pierre
+Grassou mußte lachen. "Sie dürfen Ihre Bilder nicht so wegschenken,"
+sagte Vervelle, "das ist doch so gut wie bares Geld."--
+
+Bei der dritten Sitzung erzählte Papa Vervelle von einer schönen
+
+
+Gemäldegalerie, die er sich in seinem Landhaus in Ville d'Avray
+zugelegt habe. Sie enthalte Werke von Rubens, Gèrard Dou, Mieris,
+Terborch, Rembrandt, Paul Potter, einen Tizian und anderes. "Herr
+Vervelle hat sich eine Torheit geleistet," sagte Frau Vervelle sehr
+wichtig, "er besitzt für hunderttausend Francs Bilder."--"Ich bin eben
+Kunstliebhaber," sagte der ehemalige Flaschenhändler.
+
+Als der Maler das Porträt der Frau Vervelle begann, nachdem das ihres
+Gatten nahezu vollendet war, fand die Bewunderung der Familie kein
+Ende. Der Notar hatte von dem Maler eine geradezu glänzende Schilderung
+gegeben: Pierre Grassou war in seinen Augen der ehrenwerteste Mann der
+Welt, einer der bestsituierten Künstler, der sich bis jetzt
+sechsunddreißigtausend Francs zusammengespart habe; die Tage des Elends
+seien für ihn vorbei, er habe eine Jahreseinnahme von zehntausend
+Francs; alles in allem, es sei ausgeschlossen, daß er eine Frau
+unglücklich machen werde. Diese Schlußbemerkung fiel entscheidend in
+die Wagschale. Die Vervelles unterhielten ihre Freunde nur noch mit
+Gesprächen über den berühmten Fougères. An dem Tage, da Fougères das
+Bild Virginiens in Angriff nahm, galt er schon als der zukünftige
+Schwiegersohn der Familie. Die drei Vervelles blühten und gediehen in
+der Atmosphäre dieses Ateliers, das sie nun schon als eine ihrer
+Residenzen ansahen. Eine unerklärliche Anziehungskraft ging von diesem
+sauberen, freundlich geordneten Raum auf sie aus. Abyssus, abyssum--der
+Bürger zieht den Bürger an.
+
+Als die Sitzung zu Ende ging, erzitterte die Treppe unter
+heraufstürmenden schweren Schritten. Die Türe wurde aufgerissen und
+Josef Bridau trat ein. Er war erhitzt und aufgeregt, seine Haare
+wehten, sein dicker Schädel glühte. Wie Blitze flogen seine Blicke
+umher und er wirbelte alles im Atelier durcheinander, um sich dann
+plötzlich an Grassou zu wenden, während er versuchte, den über den
+Bauch zusammengezogenen Rock zuzuknöpfen, was nicht gelang, da von dem
+betreffenden Knopf nur noch der leere Stoffüberzug vorhanden war. "Das
+Holz ist teuer," sagte er zu Grassou.
+
+"Ah!"
+
+"Die Gläubiger sind hinter mir her.... Aber sag, malst Du dies Zeug
+da?"
+
+"So schweig doch!"
+
+"Ach so! Ja!"
+
+Familie Vervelle fühlte sich durch das ungewöhnliche Auftreten dieses
+Menschen im tiefsten verletzt. Ihre natürliche Röte steigerte sich ins
+Kirschfarbene und endlich zu flammendem Purpur.
+
+"Allerdings, so etwas bringt was ein!" begann Bridau wieder. "Hast Du
+Geld?"
+
+"Brauchst Du viel?"
+
+"Fünfhundert.... Ich bin einem Bluthund von Wucherer in die Finger
+gefallen. Wenn so eine Bestie einmal zugepackt hat, so läßt sie nicht
+locker, bis sie den Bissen geschluckt hat. Welche Rasse!"
+
+"Ich werde Dir ein paar Zeilen an meinen Notar mitgeben...."
+
+"Was, Du hast einen Notar?"
+
+"Ja!"
+
+"Nun, dann weiß ich doch wenigstens, warum Du die Wangen mit Rosentönen
+malst, die einen Parfümeur begeistern würden."
+
+Grassou konnte es nicht verhindern, daß er errötete. Virginie verzog
+das Gesicht.
+
+"Warum hältst Du Dich nicht an die Natur?" fuhr der große Maler fort.
+"Das Fräulein ist rot--nun also, ist denn das so schlimm? In der Kunst
+ist alles schön. Tu Zinnober auf Deine Palette und belebe die Wangen
+damit. Pinsele getrost die kleinen braunen Tüpfelchen hin und gib dem
+Ganzen etwas mehr Fettglanz. Willst Du mehr Geist haben als die Natur?"
+
+"Hier...." sagte Fougères, "Du kannst mich ja solange vertreten,
+während ich schreibe."
+
+Vervelle schob seinen Kugelkörper leise an den Tisch heran und beugte
+sich zum Ohr des Malers herab. "Dieser Brausekopf wird aber doch alles
+verderben!" flüsterte der besorgte Kaufmann.
+
+"Wenn er das Bild Ihrer Virginie malte," erwiderte Fougères entrüstet,
+"so würde es tausendmal besser als meine Arbeit."
+
+Auf diese Auskunft hin zog Vervelle sich vorsichtig wieder zurück und
+begab sich an die Seite seiner Frau, die über diesen Berserker einfach
+sprachlos war und sich nur höchst beunruhigt darüber zeigte, daß er an
+dem Porträt ihrer Tochter herumwerkelte.
+
+"So--halte Dich an diese Angaben," sagte Bridau, als er die Palette
+gegen das Schreiben eintauschte. "Ich danke Dir nicht weiter! Nun kann
+ich doch nach Chateau d'Arthey zurückkehren, wo ich einen Speisesaal
+auszuführen habe; Leon de Lora macht die Türfüllungen. Wahre
+Meisterwerke! Du solltest uns einmal besuchen!" Er ging ohne Gruß; er
+hatte von dem Anblick Virginies genug bekommen.
+
+"Wer ist denn dieser Mensch?" fragte Madame Vervelle.--"Ein großer
+Künstler," antwortete Grassou. Nach einer Minute des Schweigens fragte
+Virginie: "Sind Sie auch sicher, daß er an meinem Bilde nichts
+verdorben hat? Er hat mich erschreckt!"
+
+"Er hat es verbessert," antwortete Grassou.--"Wenn dieser ein großer
+Künstler ist," sagte Madame Vervelle, "so muß ich doch sagen, daß ich
+die großen Künstler Ihrer Art vorziehe."--"Aber Mama, Herr Grassou ist
+doch ein viel größerer Maler; er malt mich in ganzer Figur," plapperte
+Virginie. Diese braven Leute fühlten sich durch die Allüren des Genies
+vor den Kopf gestoßen.--
+
+Es war im Spätsommer, als Vervelle sich ein Herz faßte und den Maler
+zum nächsten Sonntag auf sein Landhaus einlud. "Ich weiß ja," sagte er
+bescheiden, "daß wir Bürgersleute einem Künstler nicht viel Anziehendes
+bieten können. Die Künstler brauchen Anregung, Schaugepränge und eine
+Umgebung geistvoller Personen. Bei mir werden Sie nichts finden als
+einen guten Wein; ich hoffe aber auch, daß meine Gemäldegalerie Ihnen
+hilft, die Langeweile zu verscheuchen, die einen Künstler wie Sie unter
+so einfachen Leuten befallen könnte."
+
+Es entzückte den armen Pierre Grassou, der so wenig an Lobeserhebungen
+gewöhnt war, sich so gefeiert zu sehen. Dieser gütige Mensch, dieser
+kaum mittelmäßige Künstler, dies goldene Herz, diese treue Seele,
+dieser miserable Zeichner und brave Junge, den der königliche Orden der
+Ehrenlegion zierte, warf sich in Gala, um die letzten schönen Tage des
+Jahres in Ville d'Avray zu genießen. Er fuhr bescheiden im Omnibus. Das
+Schlößchen des ehemaligen Flaschenhändlers, das auf der Höhe von Ville
+d'Avray, dem schönsten Punkt der Ortschaft, mitten in einem fünf Morgen
+großen Park lag, erregte Grassous höchste Bewunderung. Virginie
+heiraten, hieß also, eines Tages Besitzer dieser schönen Villa werden!
+
+Von den Vervelles wurde er mit so begeisterter Freude, Liebenswürdigkeit
+und ungeschickter Herzlichkeit aufgenommen, daß er sich beschämt fühlte.
+Es war ein Tag des Triumphes für ihn. In den zu Ehren des hohen Besuches
+sorgfältig geharkten Wegen führte man seine Zukunftspläne spazieren.
+
+Sogar die Bäume sahen aus, als ob sie gekämmt worden wären. Die
+Rasenplätze waren frisch gemäht. Durch die reine Landluft schwebten
+verheißungsvoll wunderbare Küchengerüche herüber. Alles im Hause schien
+sich zuzuflüstern: "Wir haben einen großen Künstler zu Gast!" Papa
+Vervelle kugelte wie ein Apfel durch seinen Park, die Tochter
+schlängelte sich wie ein Aal daher, und die Mutter folgte mit
+wichtigtuerischer Miene hinterdrein.
+
+Unermüdlich beschäftigten die drei Leute sich ohne Unterbrechung sieben
+Stunden lang um ihren Gast. Auf das Diner, das sich in seiner
+köstlichen Reichhaltigkeit sehr in die Länge zog, folgte der große Coup
+des Tages, die Besichtigung der Galerie. Drei Nachbarn, ehemalige
+Kaufleute, ein Erbonkel, den man zu Ehren des großen Künstlers
+eingeladen hatte, ein altes Fräulein Vervelle und die Gastgeber selbst
+folgten dem Maler in die Galerie. Sie waren alle begierig, sein Urteil
+über die berühmte Sammlung des kleinen Papa Vervelle zu hören und über
+den fabelhaften Wert der Bilder Gewißheit zu erlangen. Es schien, daß
+der Flaschenhändler mit König Louis Philipp und den Galerien von
+Versailles hatte wetteifern wollen. An den kostbaren Rahmen waren
+kleine Täfelchen angebracht, die auf goldenem Grund schwarze
+Aufschriften trugen. Sie lauteten: "Rubens, Tanz der Faune und
+Nymphen."--"Rembrandt, Inneres eines Anatomiesaales.--Dr. Tromp mit
+seinen Schülern." Die Galerie wurde durch Lampen erhellt, die besondere
+Beleuchtungseffekte erzielen sollten. Sie enthielt hundertfünfzig alte,
+verstaubte Gemälde. Vor einigen hingen grüne Vorhänge, die man in
+Gegenwart der jungen Leute geschlossen ließ. Der Künstler stand da, die
+Arme verschränkt und mit offenem Munde; er war sprachlos: in dieser
+Galerie fand er die Hälfte seiner eigenen Bilder wieder. Rubens, Paul
+Potter, Mieris, Gerard Dou,--zwanzig der größten Meister waren Werke
+seiner Hand.
+
+"Mein Gott! Was fehlt Ihnen? Wie bleich Sie geworden sind! Schnell ein
+Glas Wasser, Kind!" rief Mutter Vervelle. Der Maler zog Papa Vervelle
+am Rockknopf in einen Winkel der Galerie, unter dem Vorwand, einen
+Murillo betrachten zu wollen; die Bilder der Spanier waren damals in
+Mode. "Sagen Sie, haben Sie diese Gemälde bei Elias Magus erstanden?"
+--"Ja, lauter Originale!"
+
+"Unter uns gesagt, zu welchem Preise hat er Ihnen diejenigen verkauft,
+die ich Ihnen jetzt bezeichnen werde?" Sie machten nebeneinander einen
+Rundgang durch den Raum. Die Gäste waren entzückt davon, mit welchem
+Ernst der Künstler sich an der Seite seines Gastgebers dem Studium der
+Meisterwerke hingab. "Dreitausend Francs!" sagte Vervelle mit
+flüsternder Stimme, als sie vor dem letzten Bilde angelangt waren,
+"aber ich gab ihm viertausend dafür."--"Einen Tizian für viertausend
+Francs?" sagte der Maler mit erhobener Stimme; "aber das wäre ja
+geschenkt!"--"Wie ich Ihnen sagte. Ich besitze hier für zusammen
+hunderttausend Taler Bilder!" rief Vervelle.
+
+"Alle diese Bilder habe ich gemalt," sagte Pierre Grassou ihm ins Ohr,
+"und ich habe für alle zusammen nicht mehr als zehntausend Francs
+bekommen." "Beweisen Sie mir das," sagte der Flaschenhändler, "und ich
+werde die Mitgift meiner Tochter verdoppeln, denn dann sind Sie ja
+Rubens, Rembrandt, Terborch, Tizian in einer Person!"
+
+"Und unser Magus ist ein höchst talentierter Bilderhändler!" meinte der
+Maler, der nun endlich begriff, warum seine Bilder im Laden des Elias
+ein so merkwürdiges Aussehen bekamen und weshalb der Alte immer so
+sonderbare Motive von ihm verlangt hatte.
+
+Wollte man nun annehmen, daß Herr von Fougères--auf diesen Namen
+bestand seine Familie--bei seinen Bewunderern an Hochachtung eingebüßt
+hätte, so irrte man darin. Sein Ansehen stieg über alles Maß. Die
+Porträts der Familie Vervelle führte der Glückliche aber nun
+unentgeltlich aus und brachte sie seinem Schwiegervater, seiner
+Schwiegermutter und seiner jungen Gattin als Geschenk dar.... Pierre
+Grassou, der heute bei keiner Ausstellung fehlt, gilt in der Welt der
+Kleinbürger als ein guter Porträtmaler. Er hat ein Einkommen von
+zwölfhundert Francs im Jahre und bekleckst für fünfhundert Francs
+Leinwand. Seine Frau hat eine jährliche Rente von sechstausend Francs
+als Mitgift bekommen und die Eheleute wohnen im Hause der Schwieger-
+eltern. Die Vervelles und die Grassous verstehen sich ganz ausgezeichnet
+miteinander; sie halten sich eine gemeinsame Equipage und sind die
+glücklichsten Menschen von der Welt. Wo Pierre Grassou in bürgerlicher
+Sphäre eine Gesellschaft besucht, wird er als der größte Künstler seiner
+Zeit gefeiert. Von der Barrière du Trône bis zur Rue du Temple wird kein
+Familienbild in Auftrag gegeben, das nicht dieser große Maler ausführt
+und sich mit mindestens fünfhundert Francs bezahlen läßt. Fragt man die
+Bürger, warum sie gerade ihm den Vorzug geben, so antworten sie: "Man
+mag sagen, was man will, er ist ein Mann, der im Jahre seine zwanzig-
+tausend Francs zum Notar bringt!"
+
+Da Grassou sich bei den Aufständen am 12 Mai trefflich gehalten hatte,
+wurde er zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. Er ist Bataillonschef
+der Nationalgarde. Es blieb nicht aus, daß das Museum von Versailles
+einem so ausgezeichneten Staatsbürger ein Schlachtengemälde in Auftrag
+gab. Fougères trug seine Freude vor ganz Paris zur Schau und erzählte
+seinen ehemaligen Kameraden, die ihm begegneten, mit gleichgültiger
+Miene: "Der König hat ein Schlachtengemälde bei mir bestellt."
+
+Frau von Fougères, die ihren Gatten mit zwei Kindern beschenkt hat,
+betet ihn an. Ein ausgezeichneter Gatte und guter Vater ist dieser
+Maler, aber er kann nicht den schmerzlichen Gedanken verwinden, daß die
+Künstler sich über ihn lustig machen, sein Name in den Ateliers nur als
+abschreckendes Beispiel genannt wird, die Presse sich nicht mit seinen
+Werken beschäftigt. Doch er arbeitet unentwegt weiter und hegt die
+Hoffnung, daß man ihn in die Akademie aufnehmen werde. Und, ein Akt
+herzerfreuender Rache, den berühmten Malern kauft er, wenn sie in
+Geldverlegenheit sind, ihre Bilder ab. Auf diese Weise tauscht er die
+elenden Schinken der Galerie in Ville d'Avray aus gegen wirkliche
+Meisterwerke, die nicht von ihm stammen.
+
+
+
+
+DIE BÖRSE
+
+
+Es gibt eine köstliche Stunde für Herzen, die sich leicht öffnen, für
+frische Herzen, die stets jung und zärtlich bleiben, und diese Stunde,
+die unbestimmteste und veränderlichste von allen, aus denen ein Tag
+besteht, beginnt in dem Augenblick, wo es noch nicht Nacht und nicht
+mehr Tag ist. Die Abenddämmerung wirft ihre matten Färbungen und
+wunderlichen Beleuchtungen auf alle Gegenstände, und süße Träumereien
+entstehen dann, während Licht und Dunkelheit miteinander kämpfen. Das
+Schweigen, das fast stets während dieses an Inspirationen reichen
+Augenblickes herrscht, macht ihn besonders den Dichtern, Malern und
+Bildhauern teuer. Sie sammeln sich, treten ein wenig von ihren Werken
+zurück, und da sie nicht mehr daran arbeiten können, so beurteilen sie
+sie und berauschen sich mit Wonne an ihren Schöpfungen, deren ganze
+Schönheit sich vor dem inneren Auge ihres Genius entfaltet.
+
+Derjenige, der noch nie während dieses Augenblicks in poetische
+Träumereien versunken neben einem Freunde saß, wird nur schwer die
+unnennbaren Wohltaten desselben begreifen. Infolge des Halbdunkels
+verschwindet der materielle Trug, den die Kunst anwendet, um an die
+Wirklichkeit des Lebens glauben zu machen. Der Schatten wird dann
+Schatten, Licht ist Licht, das Fleisch wird lebendig, die Augen
+leuchten, Blut fließt durch die Adern und die Gewänder der gemalten
+Figuren scheinen zu rauschen. Die Einbildungskraft kommt auf wundersame
+Weise zu Hilfe, um an die Natürlichkeit der Einzelheiten glauben zu
+machen; man sieht nur noch die Schönheit des Werks, und wenn es sich um
+ein Gemälde handelt, so scheint es uns, als ob die dargestellten
+Personen redeten und sich bewegten.
+
+Despotisch herrscht in dieser Stunde die Illusion; sie erhebt sich mit
+der Nacht. Und ist sie für den Verstand nicht eine Art von Nacht, an
+die wir so gern glauben? Die Illusion hat dann Schwingen, sie führt den
+Geist in die Welt der Phantasien, in eine Welt, die fruchtbar an
+wollüstigen Launen ist, und in welcher der Künstler ganz und gar die
+wirkliche Welt vergißt, die Vergangenheit, die Zukunft, sogar sein
+Elend.
+
+In dieser magischen Stunde war es, als ein junger Maler, ein
+talentvoller Mann, der in der Kunst nur die Kunst selbst erblickte, die
+Doppelleiter bestiegen hatte, deren er sich bediente, um ein großes und
+hohes Gemälde zu entwerfen, das bereits zu einem großen Teile vollendet
+war. Er beurteilte sich jetzt selbst, bewunderte sich aufrichtig,
+überließ sich dem Strome seiner Gedanken und versank in eine jener
+Ueberlegungen, die das Herz entzücken und erheben, die ihm schmeicheln
+und es trösten. Seine Träumerei dauerte ohne Zweifel lange Zeit; die
+Nacht erschien, und sei es nun, daß er von seiner Leiter herabsteigen
+wollte, sei es, daß er eine unvorsichtige Bewegung machte, indem er
+sich auf ebener Erde glaubte, denn das Ereignis erlaubte ihm nicht,
+sich genau an die Ursachen seines Unglücks zu erinnern.... Er fiel.
+
+Sein Kopf schlug gegen einen Sessel, so daß er das Bewußtsein verlor
+und eine Zeit lang regungslos liegen blieb. Wie lange er in diesem
+bewußtlosen Zustande verblieb, konnte er selbst nicht angeben. Eine
+sanfte Stimme erweckte ihn aus der Betäubung, in die er versunken war.
+Als er die Augen aufschlug, drang ein so lebhaftes Licht durch die
+Lider, daß er sie sogleich wieder schließen mußte. Nun vernahm er durch
+den Schleier hindurch, der seine Sinne gewissermaßen umhüllte, das
+Gespräch zweier weiblichen Personen, und fühlte jugendliche schüchterne
+Hände sein Haupt betasten. Als er dann sein Bewußtsein vollkommen
+wiedergewonnen, vermochte er beim Schein einer altmodischen Lampe das
+wonnigste Köpfchen eines jungen Mädchens zu unterscheiden, das er je
+gesehen hatte, einen von jenen Köpfen, die man oft für eine Laune des
+Pinsels halten möchte, der aber für ihn sein schönes Ideal plötzlich
+verwirklichte, denn jeder Künstler hat ein Ideal, und daher eben
+entspringt sein Talent.
+
+Das Antlitz der Unbekannten gehörte gewissermaßen zu dem feinen und
+zarten Typus der Schule von Prudhon und besaß überdies jene
+phantastische Poesie, mit der Girodet seine Gestalten bekleidet hat.
+Die Frische der Schläfen, die Regelmäßigkeit der Brauen, die Reinheit
+der Linien, die in allen Zügen dieser Physiognomie kräftig ausgeprägte
+Jungfräulichkeit machten gewissermaßen eine vollendete Schöpfung aus
+dem jungen Mädchen. Es hatte einen schlanken und geschmeidigen Wuchs,
+hatte zarte Formen. Die einfache und saubere Kleidung deutete weder auf
+Reichtum noch auf Armut.
+
+Als der junge Maler die Besinnung wiedererlangt hatte, drückte er seine
+Bewunderung durch einen Blick der Überraschung aus und stotterte
+verlegene Worte des Dankes. Er fand seine Stirn mit einem Taschentuch
+umwunden und erkannte trotz des Geruchs, der den Malerwerkstätten eigen
+ist, den starken Duft des Äthers, der ohne Zweifel angewandt war, um
+ihn aus seiner Ohnmacht zu wecken. Dann bemerkte er endlich auch noch
+eine alte Dame, die den Marquisen des Ancien Regime glich, die eine
+Lampe hielt und der jungen Dame Ratschläge gab.
+
+"Mein Herr," antwortete das junge Mädchen auf eine der Fragen, die der
+Maler an sie richtete, während seine Gedanken noch von dem Falle
+verwirrt waren, "meine Mutter und ich, wir hörten den dumpfen Fall
+eines Körpers in Ihrem Zimmer und glaubten darauf, ein Seufzen zu
+unterscheiden; die schreckliche Stille, die darauf folgte, veranlaßte
+uns, zu Ihnen herauf zu eilen. Wir fanden den Schlüssel in der Tür und
+erlaubten uns, einzutreten, worauf wir Sie bewegungslos auf der Erde
+liegen sahen. Im ersten Augenblick fürchteten wir für ihr Leben. Meine
+Mutter holte sogleich alles, was für eine Kompresse und zu Ihrer
+Wiederbelebung nötig war. Sie sind an der Stirn verletzt ... hier ...
+fühlen Sie's?"
+
+"Ja ... jetzt ..." sagte er.
+
+"O! es hat nichts zu sagen ..." versetzte die alte Mutter. "Ihr Kopf
+ist zum Glück auf die Gliederpuppe gefallen."
+
+"Ich fühle mich schon wieder besser," antwortete der Maler, "und bedarf
+nur eines Wagens, um nach meiner Wohnung zurückzukehren. Die
+Türschließerin wird mir einen besorgen...."
+
+Er wollte seinen Dank gegen die beiden Unbekannten wiederholen, wurde
+aber bei jedem Worte von der alten Dame unterbrochen, die zu ihm sagte:
+"Mein Herr, vergessen Sie nicht, morgen Blutegel anzusetzen oder sich
+schröpfen zu lassen.... Trinken Sie einige Tassen Arnikatee...."
+
+Das junge Mädchen schwieg. Es betrachtete auf verstohlene Weise den
+Maler und die Gemälde der Werkstätte; in seiner Haltung und seinen
+Blicken lag eine vollkommene Schicklichkeit. Seine Neugierde glich nur
+der Zerstreuung, und seine Augen schienen jenen Anteil auszudrücken,
+den das weibliche Geschlecht an jedem Unglücklichen nimmt. Die beiden
+Unbekannten schienen die Werke des Malers zu vergessen, während sie in
+Gegenwart des leidenden Malers waren, und als er sie hinsichtlich
+seiner Lage ermutigt hatte, gingen sie, indem sie sich nach manchem
+noch mit einer sanften Besorgnis erkundigten, die jedoch fern von jeder
+Vertraulichkeit blieb. Sie richteten keine unbescheidenen Fragen an ihn
+und suchten nicht, in ihm den Wunsch zu erwecken, seine Retterinnen
+kennen zu lernen. In allen ihren Handlungen lag eine seltene
+Natürlichkeit, ein guter Geschmack, und wenn auch ihr edles und
+einfaches Benehmen für den Augenblick wenig Wirkung auf den Maler
+hervorbrachte, so überraschte es ihn doch lebhaft, als er sich
+hinterher die Einzelheiten dieses Auftritts in sein Gedächtnis
+zurückrief.
+
+Als die alte Dame in das Stockwerk hinabgestiegen war, das sich unter
+der Werkstätte des Malers befand, sagte sie mit sanfter Stimme:
+"Adelaide, Du hast die Tür offen gelassen."
+
+"Um mir zu Hilfe zu kommen!" antwortete der Maler mit einem Lächeln des
+Danks.
+
+"Meine Mutter! Sie sind zuletzt unten gewesen!..." entgegnete das junge
+Mädchen errötend.
+
+"Sollen wir Sie hinunter begleiten?..." fragte die Mutter den Maler,
+"die Treppe ist sehr dunkel!"
+
+"Ich danke Ihnen, meine Damen ... ich fühle mich vollkommen besser."
+
+"Halten Sie sich ja an dem Geländer fest!"
+
+Die beiden Damen blieben auf dem Absatz der Treppe stehen, leuchteten
+dem jungen Manne und lauschten auf das Geräusch seiner Schritte.
+
+Um zu begreifen, wie überraschend und unerwartet dieser ganze Auftritt
+für den Maler sein mußte, dürfen wir nur bemerken, daß er erst seit
+wenigen Tagen seine Werkstatt in einen Dachraum dieses Hauses verlegt
+hatte, das in dem dunkelsten, engsten und kotigsten Teile der Rue de
+Surèsne lag, unweit der Magdalenenkirche, und ebenfalls unfern seiner
+Wohnung, die sich in der Rue des Champs-Elysées befand.
+
+Die Berühmtheit, die ihm sein Talent erworben und aus ihm einen der
+beliebtesten Künstler gemacht hatte, ließ ihn seine frühere Armut
+vergessen und so kannte er die Not allmählich nicht mehr. Statt daher
+fern in einer jener entlegenen Werkstätten in der Nähe der Barrièren zu
+arbeiten, deren mäßige Miete vordem im Verhältnis zu der Mäßigkeit
+seines Verdienstes stand, hatte er einem Wunsche genügt, der mit jedem
+Tage bei ihm wach geworden war, und die näher gelegene Werkstatt
+gemietet, die ihm weitere Wege ersparte und somit einen Verlust der
+Zeit, die für ihn jetzt kostbarer geworden war als je. Niemand in der
+Welt würde mehr Teilnahme eingeflößt haben, als Hippolyt Schinner, wenn
+er sich dazu hätte verstehen können, sich zu erkennen zu geben; allein
+er offenbarte nicht gern die Geheimnisse seines Lebens.
+
+Er war der Abgott einer armen Mutter, die sich selbst die härtesten
+Entbehrungen aufgelegt hatte, um ihn erziehen zu können. Jungfer
+Schinner, die Tochter eines Bauern im Elsaß, war nie verheiratet
+gewesen. Ihr empfindsames Herz war grausam geknickt durch einen reichen
+Mann, der in der Liebe nicht sehr zartfühlend war. Der Tag, an dem sie
+als junges Mädchen und in dem ganzen Glanze ihrer Schönheit auf Kosten
+ihres Herzens und ihrer schönsten Illusion jene Entzauberung erlitt,
+die uns so langsam erreicht und doch auch so schnell, da wir stets erst
+so spät als möglich an das Böse glauben wollen, wie uns das Böse immer
+noch zu schnell zu kommen scheint, jener Tag war demnach für sie ein
+ganzes Jahrhundert des Nachdenkens, sowie zugleich der Tag der frommen
+Gedanken und der Entsagung. Sie verschmähte die Almosen dessen, der sie
+betrogen hatte, entsagte der Welt und machte sich einen Ruhm aus ihrem
+Fehltritt. Sie widmete sich ganz und gar nur der mütterlichen Liebe und
+verlangte von dieser, während sie allen weltlichen Genüssen entsagte,
+die geheimen Wonnen eines ruhigen und ungekannten Lebens. Sie lebte von
+ihrer Arbeit und häufte sich einen Schatz auf in ihrem Sohne. Ein Tag,
+eine Stunde vergalt ihr daher später die langen und langsamen Opfer
+ihrer Armut. Bei der letzten Ausstellung hatte ihr Sohn, Hippolyt
+Schinner, das Kreuz der Ehrenlegion erhalten, und die Zeitungen, die
+einmütig das unbekannte Talent feierten, ergingen sich noch immer in
+aufrichtigen Lobsprüchen. Die Künstler selbst erkannten in Schinner
+einen Meister, und seine Gemälde wurden mit Gold aufgewogen. In seinem
+fünfundzwanzigsten Jahre hatte Hippolyt Schinner, dem seine Mutter eine
+weibliche Seele, eine große Zartheit der Organe und unendliche
+Reichtümer des Herzens vererbt hatte, besser denn je seine Stellung in
+der Welt erkannt. Er wollte seiner Mutter alle die Freuden erstatten,
+deren sie so lange Zeit entbehrte, lebte daher nur für sie und hoffte,
+durch seinen Ruhm und seinen Reichtum auch sie glücklich, reich und
+angesehen zu machen.
+
+Schinner hatte seine Freunde unter den achtenswertesten und
+ausgezeichnetsten Männern gewählt; er war peinlich in der Wahl seiner
+Bekannten und wollte durch diese seine Stellung noch mehr erhöhen, die
+ohnedies schon durch sein Talent eine hohe war. Die hartnäckige Arbeit,
+der er sich von seiner Jugend an weihte, hatte ihm den schönen Glauben
+erhalten, der die ersten Tage des Lebens schmückt, indem sie ihn zwang,
+in der Einsamkeit zu bleiben, bei dieser Mutter der großen Gedanken.
+Sein reifender Geist verkannte das tausendfältige Schamgefühl nicht,
+das aus einem junge Manne ein besonderes Wesen macht, dessen Herz reich
+ist an Glückseligkeiten, an Poesien und jungfräulichen Hoffnungen, ein
+Wesen, das schwach erscheint in den Augen stumpfsinniger Menschen, aber
+tief ist, weil es einfach ist. Er besaß jenes sanfte und höfliche
+Benehmen, das die Herzen gewinnt und selbst die bezaubert, von denen es
+nicht begriffen wird. Er war schön gewachsen und seine Stimme hatte
+einen silberreinen Ton. Sah man ihn, so fühlte man sich zu ihm
+hingezogen durch eine jener moralischen Anziehungskräfte, die unsere
+allwissenden Psychologen glücklicherweise noch nicht zu erklären
+verstehen; sie hätten in derselben vielleicht eine Erscheinung des
+Galvanismus erkannt oder das Spiel irgend eines Fluidums; denn wir
+möchten ja jetzt selbst unsere Gefühle durch elektrische oder
+magnetische Strömungen erklären. Diese Einzelheiten machen vielleicht
+den Männern von kühnem Charakter mit wohlbestellten Halsbinden
+begreiflich, warum Hippolyt Schinner nicht eine Frage inbezug auf die
+beiden Damen, deren gutes Herz er kennen gelernt hatte, an die
+Türsteherin richtete, während der Mann derselben nach dem Ende der Rue
+de la Madelaine geeilt war, um einen Wagen zu holen. Obgleich er nur
+mit Ja und Nein auf die bei einer solchen Gelegenheit natürlichen
+Fragen antwortete, die die Türsteherin im Hinblick auf seinen Unfall
+und auf die Hilfeleistung der Mieterinnen im vierten Stock an ihn
+richtete, so konnte er dieselbe doch nicht verhindern, dem Instinkt der
+Türsteher zu folgen, und sie erzählte ihm nun nach ihrer Weise, was sie
+von den beiden Unbekannten wußte.
+
+"Ach!" sagte sie, "das ist ohne Zweifel Fräulein Leseigneur mit ihrer
+Mutter gewesen! Sie wohnen hier seit vier Jahren und wir wissen immer
+noch nicht, was sie treiben. Nur des Morgens, bis Mittag etwa,
+erscheint eine alte Aufwärterin, die halb taub ist und stumm wie eine
+Wand, um sie zu bedienen; abends kommen dann zwei oder drei alte
+Herren, die ebenfalls Orden tragen, wie Sie, mein Herr. Der eine hat
+eine Kutsche, Bediente und gegen fünfzigtausend Livres Rente. Oft
+bleiben die alten Herren bis spät in die Nacht. Übrigens sind sie recht
+ruhige Mietleute, wie Sie, mein Herr; aber sparsam; o, ich sage Ihnen,
+sie leben gleichsam von Nichts!... Wenn ein Brief kommt, so bezahlen
+sie ihn auf der Stelle. Wunderlich ist es, mein Herr, daß die Mutter
+anders heißt als die Tochter.... Ach! wenn sie in die Tuilerien gehen,
+so überstrahlt das Fräulein alle andern jungen Damen, die jungen Herren
+laufen ihr bis vor das Haus nach, sie aber schlägt ihnen die Tür vor
+der Nase zu. Na, der Hauseigentümer würde aber auch nicht dulden...."
+
+Der Wagen war jetzt angekommen; Hippolyt hörte nicht weiter auf die
+alte Schwätzerin, sondern fuhr sogleich nach Hause. Seine Mutter, der
+er seinen Unglücksfall erzählte, verband nochmals die Wunde an der
+Stirn und erlaubte ihm am folgenden Tage nicht, in seine Werkstatt zu
+gehen. Sie rief einen Arzt herbei; verschiedene Vorschriften wurden von
+demselben gegeben und Hippolyt blieb zwei Tage zu Hause. Währenddessen
+rief ihm seine unbeschäftigte Einbildungskraft die Einzelheiten des
+Auftrittes ins Gedächtnis zurück, der sich nach seiner Ohnmacht vor
+seinen Augen zugetragen hatte. Die Züge des jungen Mädchens schwebten
+dabei häufig an seinen Blicken vorüber und dann sah er das gewelkte
+Antlitz der Mutter, oder fühlte noch Adelaidens sanfte Hände. Manchmal
+erinnerte er sich an eine Bewegung oder einen Blick des Mädchens, das
+er anfangs unbeachtet gelassen hatte, deren Erinnerung ihm aber jetzt
+eine seltene Anmut enthüllte; ein andermal erinnerte er sich an eine
+Stellung oder an den Klang ihrer melodischen Stimme; die Erinnerung
+verschönerte die geringsten Zufälligkeiten aus diesem Abschnitt seines
+Lebens. Als er am dritten Tage frühzeitig nach seiner Werkstatt eilte,
+waren nicht seine begonnenen Gemälde, sondern der Besuch, den er bei
+seinen Nachbarinnen abstatten mußte, der wahre Grund seiner Eile. In
+dem Augenblicke, in dem sich eine Liebe aus ihrem Keime entwickelt,
+werden wir von unerklärlichen Wonnen ergriffen. Das wissen alle, die je
+geliebt haben. Mancher Leser wird daher begreifen, weshalb der Maler so
+langsam die Stufen zum vierten Stock hinanstieg, weshalb sein Herz so
+schnell und heftig schlug, als er die braune Tür der bescheidenen
+Wohnung erblickte, in der er Fräulein Leseigneur wußte. Dieses Mädchen,
+das den Namen seiner Mutter nicht führte, hatte tausend Sympathien in
+dem Herzen des jungen Malers erweckt. Er glaubte, eine Ähnlichkeit
+zwischen ihrer Lage und der seinigen zu finden, und stattete sie mit
+allen Leiden seins eigenen Ursprungs aus. Er arbeitet und überließ sich
+dabei wonnigen Gedanken der Liebe, machte in einer Absicht, die er sich
+selbst nicht besonders zu erklären wußte, viel Geräusch, gleichsam als
+wolle er die beiden Damen dadurch zwingen, ebenso an ihn zu denken, wie
+er an sie dachte. Er blieb sehr lange in seiner Werkstatt, speiste dort
+und begab sich dann gegen sieben Uhr zu seinen Nachbarinnen.
+
+Selten haben uns die Sittenschilderer durch ihre Erzählungen oder
+Schriften in das wahrhaft merkwürdige Innere eines gewissen Pariser
+Daseins eingeweiht, in das Geheimnis jener Wohnungen nämlich, aus denen
+so elegante Toiletten, so strahlende Damen hervorgehen, die, reich nach
+außen, zuhause allenthalben die Zeichen eines zweifelhaften Vermögens
+erblicken lassen. Wenn wir hier das Gemälde einer solchen Häuslichkeit
+mit raschen Pinselstrichen entwerfen, so beschuldige man die Erzählung
+nicht etwa der Breite; denn diese Beschreibung bildet gewissermaßen ein
+wichtiges Glied der Erzählung. Der Anblick der Wohnung, die die beiden
+Damen innehatten, erzeugte einen bedeutenden Einfluß auf Hippolyt
+Schinners Gefühle und Hoffnungen. Zunächst zwingt uns die
+geschichtliche Wahrheit zu dem Bekenntnis, daß der Besitzer des Hauses
+zu jenen Leuten gehörte, die einen tiefen Abscheu gegen alle
+Ausbesserungen und Verschönerungen hegen, zu jenen Männern, die ihre
+Stellung als Pariser Hauseigentümer gleichsam als einen Stand
+betrachten, der in der großen Kette der moralischen Spezies zwischen
+den Geizhälsen und Wucherern die gerechte Mitte einnimmt. Optimisten
+durch Berechnung, sind sie sämtlich dem System des Status quo des Herrn
+von Metternich treu. Spricht man davon, eine Tür, irgend eine
+Bekleidung sei zu verändern oder auch nur die notwendigste Ausbesserung
+vorzunehmen, so beginnen ihre Augen sich zu trüben, ihre Galle kommt in
+Aufregung und sie bäumen sich, gleich erschreckten Pferden. Hat der
+Wind einige Ziegeln von ihren Dächern herabgeworfen, so werden sie
+krank und vermeiden für einige Zeit den Besuch des Theaters oder
+Bierhauses, um das wieder zu ersparen, was die Ausbesserung kostet.
+
+Hippolyt hatte bei Gelegenheit einiger Ausbesserungen und
+Verschönerungen, die in seiner Werkstatt vorzunehmen waren, die
+Gratisvorstellung einer komischen Szene von seinem Hauswirte bekommen
+und wunderte sich daher nicht über die schwarzen und fetten Töne, über
+die öligen Färbungen, über die Flecken und das andere widerwärtige
+Zubehör, das sich an dem Holzwerk der Wohnung zeigte. Diese Merkmale
+der Armut sind in den Augen eines Künstlers nicht ohne Poesie. Fräulein
+Leseigneur öffnete selbst die Tür. Als sie den jungen Maler sah,
+begrüßte sie ihn, wandte sich aber mit jener Pariser Gewandtheit und
+jener durch den Stolz verliebenen Geistesgegenwart um, die Glastüre
+eines Verschlages zu schließen, durch die Hippolyt zum Trocknen
+aufgehängte Wäsche hätte sehen können, sowie auch ein altes Gurtenbett,
+ein Kohlenbecken, Kohlen, Plätteisen und all jenes Gerät, das in
+kleinen Wirtschaften stets zur Hand ist. Vorhänge von Musselin, die vor
+den Glasscheiben der Tür angebracht waren, verhinderten nun jeden
+Einblick in dieses "Kapernaum", wie man jetzt in der Sprache von Paris
+solche Arten von Wirtschafts und Vorratskammern nennt; diese hier wurde
+durch kleine Fenster erhellt, die auf einen benachbarten Hof führten.
+Mit jenem grausamen und schnellen Beobachtungsblick, der den Künstlern
+eigen ist, erkannte Hippolyt die Bestimmung, die Möbel und den Zustand
+dieses ersten Raumes, der in zwei Abteilungen geschieden war. Der
+bessere Teil, der zu gleicher Zeit als Vorzimmer und Speisesaal diente,
+war mit einer alten, rosenfarbenen Papiertapete beklebt, deren Flecken
+und Löcher ziemlich sorgfältig unter Bildern versteckt waren, von deren
+Rahmen das Gold längst geschwunden. In der Mitte dieses Zimmers stand
+ein Tisch von altertümlicher Form und mit abgenutzten Rändern. Die
+Stühle zeigten einige Spuren verschwundenen Glanzes; allein der rote
+Maroquin des Sitzes und die vergoldeten Nägel hatten ebensoviele
+Wunden, wie die alten Sergeanten des Kaiserreiches. Überdies befanden
+sich in diesem Zimmer noch manche Gegenstände, die man nur in solchen
+Wirtschaften antrifft, die man mit Amphibien vergleichen könnte, indem
+sie halb an den Glanz und halb an das Elend grenzen. So erblickte
+Hippolyt zum Beispiel ein sehr schönes Perspektiv, das über dem kleinen
+grünlichen Spiegel hing, der den Kamin zierte. Um dieses wunderliche
+Mobiliar vollständig zu machen, stand zwischen dem Kamin und dem
+Verschlag noch ein schlechtes Buffet, das nach Acajou-art angestrichen
+war, obgleich das Acajou von allen Hölzern dasjenige ist, dessen
+Nachahmung am wenigsten gelingt. Der rote und glatte Fußboden, die
+schlechten kleinen Teppiche, die vor den Stühlen lagen, die Sauberkeit
+der Möbel, das alles zeugte jedoch von jener Aufmerksamkeit, die den
+Altertümern einen falschen Glanz verleiht, und deren Gebrechlichkeit,
+Alter und Abgenutztheit nur noch mehr hervorhebt. Es herrschte in
+diesem Zimmer ein unbeschreiblicher Geruch, der notwendig von den
+Ausdünstungen des "Kapernaum" in Verbindung mit den Gerüchen des
+Speisezimmers und der Treppe entstehen mußte, abschon ein Fenster halb
+geöffnet war. Die Luft von der Straße bewegte die Vorhänge von Perkal,
+die mit einer solchen Sorgfalt vorgesteckt waren, daß sie die
+Fensterbekleidung den Blicken entzogen, denn an dieser hatten alle
+früheren Bewohner des Zimmers durch verschiedene Inkrustationen,
+gewissermaßen häusliche Freskogemälde, Beweise ihres Daseins
+zurückgelassen.
+
+Adelaide öffnete rasch die Tür des anderen Zimmers und führte den Maler
+mit einer gewissen Freude hinein. Hippolyt hatte einst bei seiner
+Mutter dieselben Zeichen der Armut kennen gelernt, und als er sie jetzt
+mit jener eigentümlichen Lebhaftigkeit, die die ersten Eindrücke
+unseres Gedächtnisses charakterisiert, wahrnahm, erschlossen sich ihm
+weit mehr als jedem andern die Einzelheiten dieses Lebens. Er erkannte
+hier die Dinge seiner Kindheit wieder und empfand weder Verachtung
+gegen diese versteckte Armut, noch Stolz auf den Luxus, mit dem er
+neuerdings seine Mutter umgeben hatte.--"Nun, mein Herr, ich hoffe, daß
+Sie die Folgen Ihres Sturzes überwunden haben!..." sagte die alte
+Mutter zu ihm, während sie sich aus einem altertümlichen Armsessel
+erhob, der neben dem Kamin stand, und ihm einen Stuhl herbeizog.
+"Vollkommen, meine Dame, und ich komme, Ihnen für die Sorgfalt, die Sie
+mir bewiesen haben, meinen Dank zu sagen, besonders dem Fräulein, das
+meinen Fall gehört hat...."
+
+Hippolyt sprach diese Worte mit jener anmutigen Befangenheit aus, die
+durch die erste Verwirrung der wahren Liebe hervorgerufen wird, und
+blickte zugleich das junge Mädchen an; Adelaide zündete eben eine
+Schirmlampe an, um einen großen kupfernen Leuchter entfernen zu können,
+der bisher gebrannt hatte. Sie verneigte sich leicht und trug dann den
+kupfernen Leuchter in das Vorzimmer, stellte die Schirmlampe auf den
+Kamin und nahm darauf neben ihrer Mutter, etwas hinter dem Maler,
+Platz, um ihn nach Gefallen betrachten zu können.
+
+Über dem Kamine befand sich ein großer Spiegel, und da Hippolyt fast
+fortwährend seine Augen nach demselben richtete, um Adelaide darin
+ansehen zu können, so diente jene kleine Mädchenlist nur dazu, beide
+abwechselnd in Verlegenheit zu bringen. Während Hippolyt mit Frau
+Leseigneur sprach, denn er erteilte auch ihr diesen Namen, prüfte er
+den Salon, aber auf dezente und verstohlene Weise. Der Herd das Kamins
+war voll Asche, und auf den Eisenstäben lagen zwei Feuerbrände, die
+kaum noch glimmten. Glücklicherweise lag ein alter und vielfach
+geflickter Teppich, der abgenutzt war wie der Rock eines Invaliden, auf
+dem Fußboden und machte gegen dessen Kälte unempfindlich. Die Wände
+waren mit einer Tapete bekleidet, die gelbe Zeichnungen auf rötlichem
+Grunde auswies. In der Mitte der Wand, den Fenstern gegenüber, bemerkte
+Hippolyt die Spalten einer Tapetentür, die wahrscheinlich nach einem
+Alkoven führte, in dem Frau Leseigneur schlief. Ein Kanapee war vor
+diese geheime Tür gestellt, verhehlte sie aber nur unvollkommen. Dem
+Kamine gegenüber sah man eine sehr schöne Komode von Acajou, deren
+Verzierung es weder an Reichtum noch an gutem Geschmack fehlte. Darüber
+hing ein Bild, das einen höheren Offizier darstellte, doch vermochte
+der Maler bei der geringen Beleuchtung die Waffengattung nicht zu
+unterscheiden, der jener angehörte. Übrigens war es auch eine
+schreckliche Kleckserei, die mehr chinesischen als Pariser Ursprungs zu
+sein schien. Die Vorhänge der Fenster waren von roter Seide, aber
+verblichen, wie die Überzüge der Stühle. Auf dem Marmor der Kommode
+stand ein kostbares Tablett von grünem Malachit, das ein Dutzend
+bemalter Kaffeetassen trug, und auf dem Kamine eine Pendeluhr, darauf
+ein Krieger ein Viergespann führte. Die Kerzen der Leuchter, die zu
+beiden Seiten der Uhr standen, waren durch den Rauch vergilbt. Die
+beiden Ecken des Kaminsimses trugen eine Vase von Porzellan mit einem
+Strauß künstlicher Blumen, die mit Moos geschmückt und voll Staub
+waren. In der Mitte des Zimmers bemerkte Hippolyt einen aufgeklappten
+Spieltisch mit neuen Karten.
+
+Für den Beobachter lag etwas Trostloses in dem Anblick dieses Elends,
+das sich hinter einem gewissen Glanz zu verstecken suchte, wie eine
+alte Frau hinter den Spitzen der Haube und der Fülle falscher Locken
+die Runzeln ihres Antlitzes zu verbergen bemüht ist. Jeder verständige
+Mann hätte sich bei diesem Anblick in einem Dilema befunden: entweder
+sind diese beiden Frauen die Rechtschaffenheit selbst, oder sie leben
+von Intrigen und vom Spiel. Wenn aber ein junger und unschuldiger Mann,
+wie Hippolyt, Adelaide sah, so mußte er an die vollkommenste Unschuld
+glauben und den Mängeln des Mobiliars die ehrenvollsten Ursachen
+unterlegen.
+
+"Meine Tochter," sagte die alte Dame zu dem jungen Mädchen, "mich
+friert, heize ein wenig ein und gib mir meinen Schal."
+
+Adelaide ging in eine Kammer, die an das Wohnzimmer stieß, und in der
+sie ohne Zweifel schlief. Als sie zurückkehrte, übergab sie ihrer
+Mutter einen Schal von Kaschmir, der, als er noch neu war, für eine
+Königin nicht zu schlecht gewesen sein mochte. Hippolyt erinnerte sich
+nicht, je so reiche Farben, ein so vollendetes Muster gesehen zu haben,
+wie in diesem schönen Gewebe, allein der Schal war nun alt, hatte seine
+Frische verloren, war voll geschickt eingesetzter Flicken und
+harmonierte vollkommen mit dem übrigen Gerät. Frau Leseigneur hüllte
+sich kunstvoll hinein und in einer Art, die bewies, daß sie wirklich
+friere. Das junge Mädchen eilte darauf schnell in das "Kapernaum" und
+kehrte mit einer Hand voll Späne zurück, die sie in den Kamin warf, um
+die erloschenen Brände wieder anzufachen.
+
+Es würde eine schwierige Aufgabe sein, die Unterhaltung wiederzugeben,
+die zwischen den drei Personen stattfand. Geleitet durch jenen Takt,
+den man fast stets durch Leiden erlangt, unter denen man von Kindheit
+an geseufzt hat, erlaubte sich Hippolyt nicht die geringste Bemerkung
+bezüglich der Lage seiner beiden Nachbarinnen, während er allenthalben
+die Kennzeichen einer großen und schlecht verhehlten Dürftigkeit
+erblickte. Auch die einfachste Frage würde unbescheiden gewesen sein
+und hätte nur einem alten Freunde verziehen werden können. Dennoch
+wurde der Maler sehr von diesem verborgenen Elend gerührt, sein
+edelmütiges Herz litt darunter; aber er wußte, daß auch das
+freundschaftlichste Mitleid beleidigend sein kann, und fand sich daher
+durch den Mißklang beengt, der zwischen seinen Gedanken und seinen
+Worten bestand. Die beiden Damen errieten gar leicht die geheime
+Verlegenheit, die durch einen ersten Besuch veranlaßt wird, vielleicht,
+weil sie dieselbe mitfühlen und die Natur ihres Geistes ihnen tausend
+Hilfsquellen gewährt, um jene Verlegenheit aufzuheben. Adelaide und
+ihre Mutter fragten den jungen Mann nach dem materiellen Verfahren
+seiner Kunst und nach seinen Studien, indem sie ihn allmählich zum
+Sprechen aufzumuntern suchten. Die Nichtigkeit ihrer von Wohlwollen
+beseelten Unterhaltung führte ohne Zwang dahin, daß er Bemerkungen und
+Reflexionen machte, die die Beschaffenheit seiner Sitten und seiner
+Seele verrieten.
+
+Die alte Dame mochte einmal schön gewesen sein, allein ein geheimer
+Kummer hatte ihr Antlitz vor der Zeit welken lassen, so daß ihr nur
+noch die hervorspringenden Züge, die Umrisse, kurz, das Skelett einer
+Physiognomie übrig geblieben war, deren Gesamtheit auf eine große
+Feinheit deutete, während besonders das Spiel der Augen viel Anmut und
+jenen Ausdruck zeigte, der den Damen des alten französischen Hofes
+eigentümlich ist, und den man durch Worte nicht zu beschreiben vermag.
+Allein die Gesamtheit dieser feinen und hervortretenden Züge konnte
+ebensogut schlechte Gesinnung verraten, weibliche List und Schlauheit,
+selbst einen hohen Grad der Verdorbenheit vermuten lassen, als die
+Zartheit einer schönen Seele offenbaren. Der gewöhnliche Beobachter
+gerät vor weiblichen Gesichtern oft in Verlegenheit und weiß die
+Offenheit von der Verstellung, das Talent der Intrige von der
+Herzlichkeit nicht zu unterscheiden. Man muß die fast unmerklichen
+Nuancen zu erraten wissen. Es ist bald eine mehr oder weniger gekrümmte
+Linie, bald ein mehr oder weniger ausgehöhltes Grübchen, eine mehr oder
+weniger gewölbte oder hervorspringende Biegung, die man zu würdigen
+suchen muß; die Augen allein können uns das entdecken lassen, was ein
+jeder zu verstecken sucht, und die Wissenschaft des Beobachters liegt
+in der schnellen Wahrnehmungskraft seines Blickes. Es ging demnach mit
+dem Antlitz der alten Dame wie mit der Wohnung, die sie innehatte; es
+schien ebenso schwierig zu durchblikken, ob dieses Elend Laster berge
+oder eine hohe Rechtschaffenheit, sowie es schwierig war, zu erkennen,
+ob Adelaidens Mutter eine alte Kokette sei, gewöhnt, alles zu erwägen,
+alles zu berechnen, alles zu verkaufen, oder ein liebendes und
+schwaches Weib, voll Anmut und Zartgefühl. In jenem Alter, in dem
+Hippolyt Schinner stand, glaubt man aber am liebsten an das Gute, und
+er glaubte daher gewissermaßen den angenehmen und bescheidenen Duft der
+Tugend einzuatmen, indem er Adelaides Stirn sah und in ihre Augen
+blickte, die voll Herz und Geist waren. Während der Unterhaltung
+ergriff er die Gelegenheit, von den Porträts im allgemeinen zu
+sprechen, um dann zu dem schrecklichen Pastellgemälde übergehen zu
+können, von dem die Farben größtenteils abgefallen waren.
+
+"Sie lieben diese Malerei wohl wegen der Ähnlichkeit, meine Damen, denn
+die Zeichnung selbst ist schauderhaft ..." sagte er mit einem Blick auf
+Adelaide.
+
+"Es ist in Kalkutta gemalt, und zwar in großer Eile!" antwortete die
+Mutter mit bewegter Stimme. Dann betrachtete sie die formlose Skizze
+mit jener tiefen Versunkenheit, die die plötzliche Erinnerung an ein
+Glück verrät, das wohltuend für das Herz gewesen ist, wie der Tau des
+Morgens für die Blumen des Sommers. Zugleich lagen aber in dem
+Ausdruck, den die Züge der alten Dame zeigten, die Spuren einer tiefen
+Trauer; wenigstens glaubte sich der Maler die Haltung und das Aussehen
+seiner Nachbarin so erklären zu müssen. Er setzte sich neben sie und
+sagte mit freundschaftlicher Stimme: "Meine Dame, noch kurze Zeit, und
+die Farben dieses Pastellbildes werden verschwunden sein. Das Porträt
+wird bald nur noch in Ihrer Erinnerung bestehen, und wo Sie geliebte
+Züge erblickten, werden andere nichts mehr wahrnehmen können. Wollen
+Sie mir erlauben, dieses Bild auf die Leinwand zu übertragen? So wird
+es dauerhafter sein, als auf Papier.... Gewähren Sie mir, als ihrem
+Nachbar, die Gunst, Ihnen diesen Dienst zu leisten. Es gibt Stunden,
+während deren ein Künstler sich gern von seinen großen Kompositionen
+erholt und dagegen eine einfachere Arbeit vornimmt. Es wird eine
+Zerstreuung für mich sein, dieses Bild zu malen."
+
+Die alte Dame wurde lebhaft bewegt durch diese Worte, und Adelaide warf
+dem Maler einen jener verstohlenen Blicke zu, in denen sich das ganze
+Herz widerzuspiegeln scheint.
+
+Hippolyt wollte auf irgendeine Weise mit seinen beiden Nachbarinnen in
+Verbindung treten und das Recht erlangen, an ihrem Leben teilzunehmen.
+Das einzige aber, was er tun konnte, war jenes Anerbieten; es
+befriedigte seinen Künstlerstolz und hatte nichts Verletzendes für die
+beiden Damen.--Frau Leseigneur nahm das Anerbieten an.
+
+"Es scheint mir," sagte Hippolyt, "als ob die Uniform auf einen
+Marineoffizier deutete?"
+
+"Ja," antwortete sie, "es ist die Uniform der Schiffskapitäne. Herr von
+Rouville, mein Mann, starb in Batavia an den Folgen einer Wunde, die er
+in einem Gefecht mit einem englischen Schiffe erhielt, dem er an Asiens
+Küsten begegnete. Er befehligte eine Fregatte von sechzig Kanonen,
+während die Revenge ein Schiff mit sechsundneunzig Kanonen war. Der
+Kampf war demnach sehr ungleich, aber Herr von Rouville verteidigte
+sich so mutig, daß er sich bis zum Eintritt der Nacht halten konnte,
+worauf er seinem Feind durch die Flucht entging. Als ich nach
+Frankreich zurückkehrte, war Bonaparte nicht mehr im Besitz der Macht,
+und man verweigerte mir eine Pension. Als ich abermals um eine solche
+nachsuchte, entgegnete mir der Minister mit Härte, daß der Baron von
+Rouville noch leben und ohne Zweifel Kontreadmiral sein würde, wenn er
+emigriert wäre. Ich hätte jene demütigenden Schritte gar nicht getan,
+hätte ich nicht um meiner armen Adelaide willen sie zu tun müssen
+geglaubt, und wäre ich nicht von meinen Freunden dazu veranlaßt worden.
+Was mich betrifft, so widerstrebte es mir stets, meine Hand
+auszustrecken und mich dabei auf einen Schmerz zu berufen, der einer
+Gattin weder Kraft noch Worte lassen kann. Ich hasse diesen Geldlohn
+für untadelhaft vergossenes Blut...."
+
+"Meine Mutter, diese Erinnerung erschüttert Dich...." Nach dieser
+Bemerkung ihrer Tochter neigte die Baronin von Rouville ihr Haupt und
+schwieg.
+
+"Mein Herr," sagte das junge Mädchen zu Hippolyt, "ich glaubte, die
+Arbeiten der Maler seien im allgemeinen wenig geräuschvoll.... Sie
+scheinen aber...."
+
+Schinner errötete bei diesen Worten und lächelte; Adelaide endete aber
+ihre Bemerkung nicht und ersparte ihm eine Lüge, indem sie sich bei dem
+Rollen einer Kutsche, die vor der Türe anhielt, rasch erhob. Sie ging
+in ihre Kammer und kehrte sogleich mit zwei vergoldeten Leuchtern
+zurück, deren Kerzen sie schnell anzündete. Die Lampe stellte sie
+darauf in das Vorzimmer und öffnete sofort die Tür, ohne erst zu
+warten, daß die Klingel gezogen werde. Hippolyt hörte darauf einen Kuß
+empfangen und erwidern, und empfand einen peinlichen Schmerz. Der junge
+Mann erwartete mit Ungeduld den zu erblicken, der Adelaide so
+vertraulich behandelte; allein die Angekommenen unterhielten sich erst
+leise mit dem jungen Mädchen. Das Gespräch kam ihm zu lang vor. Endlich
+erschien sie wieder, und ihr folgten zwei Manner, deren Anzug,
+Physiognomie und Aussehen eine ganze Geschichte enthielten.
+
+Der erstere mochte etwa sechzig Jahre alt sein und trug eines jener
+Kleider, die unter der Regierung Ludwig XVIII. erfunden wurden, und in
+denen der Schneider, der die Unsterblichkeit verdiente, das
+schwierigste Kleidungsproblem gelöst hatte. Dieser Meister verstand
+sich gewiß auf die Kunst der Übergänge, da jene so politisch bewegte
+Zeit überhaupt eine Zeit der Übergänge war. Jedesmal aber müssen wir
+demjenigen ein seltenes Verdienst zuerkennen, der seine Zeit zu
+beurteilen versteht. Jenes Gewand, an dessen Schnitt sich noch mancher
+in unserer Zeit erinnert, war weder bürgerlich noch militärisch, konnte
+aber nach dem Bedürfnis abwechselnd für bürgerlich und für militärisch
+gelten. Lilien waren auf die Umschläge der beiden Schöße gestickt, die
+vergoldeten Knöpfe waren gleichfalls mit Lilien geschmückt, und auf den
+Schultern erblickte man Knöpfe, um die Epauletten zu befestigen. Hose
+und Rock des Greises waren von königsblauem Tuche, und in dem Knopfloch
+erblickte man ein Ludwigskreuz. Das entblößte Haupt des Greises war
+gepudert, und in der Hand trug er einen dreieckigen Hut. Übrigens
+schien er noch so rüstig wie ein Fünfziger und sich einer kräftigen
+Gesundheit zu erfreuen. Seine Züge deuteten gleichzeitig auf den
+gesetzten und offenen Charakter der alten Emigranten und auf die freien
+und leichten Sitten, auf die heitern und sorglosen Leidenschaften jener
+Musketiere, die vordem in den Jahrbüchern der Galanterie so berühmt
+waren. Seine Bewegungen, sein Benehmen deuteten darauf, daß er den
+Ansprüchen seiner Jugend noch nicht entsagt habe und entschlossen sei,
+weder von seinem Royalismus abzulassen, noch von seiner Religion und
+seiner Neigung zu Liebeshändeln.
+
+Ihm folgte eine ganz phantastische Gestalt, die man in den Vordergrund
+des Gemäldes heben müßte, um sie richtig zu schildern, die jedoch nur
+eine Nebenrolle spielt. Man denke sich eine trockene und hagere Person,
+ebenso gekleidet wie ersterer, aber gewissermaßen nur als dessen
+Widerschein, oder, wenn man lieber will, als dessen Schatten
+auftretend. Der Rock, der bei jenem neu war, erschien bei diesem
+abgenutzt, der Puder in den Haaren weniger weiß, die goldenen Lilien
+weniger glänzend, der Verstand schwächer, das Leben dem Endziel näher
+gerückt. Kurz, er verwirklichte auf bewundernswürdige Weise Rivarols
+witzigen Ausspruch in Bezug auf Champcenetz: "Er ist mein Mondschein!"
+Er war nur Doppelgänger des andern, aber blaß und arm, und zwischen
+beiden war ein Unterschied, wie zwischen dem ersten und dem letzten
+Abzuge einer Lithographie. Dieser stumme Greis war ein Geheimnis für
+den Maler und blieb auch ein solches, denn er sprach nicht und niemand
+sprach von ihm. War er ein Freund, ein armer Verwandter, ein Mann, der
+bei dem alten Stutzer blieb, wie ein Gesellschaftsfräulein bei einer
+alten Dame? War er ein Mittelding zwischen Hund, Papagei und Freund?
+Hatte er das Vermögen oder auch nur das Leben seines Wohltäters
+gerettet? War er der Trim eines neuen Kapitän Toby? An anderen Orten,
+als bei der Baronin von Rouville erregte er stets Neugierde, ohne sie
+je zu befriedigen.
+
+Der Mann, der von den beiden Ruinen am besten erhalten war, ging
+höflich auf die Baronin von Rouville zu, küßte ihre Hand und setzte
+sich an ihre Seite; der andere begrüßte dieselbe und setzte sich dann
+neben sein Vorbild. Adelaide stützte ihre Ellenbogen auf die
+Rückenlehne des Stuhles, den der alte Edelmann eingenommen hatte, und
+ahmte so, ohne es zu wissen, die Stellung nach, die Guérin auf seinem
+berühmten Gemälde der Schwester Dido's gegeben hat. Die Vertraulichkeit
+des Edelmanns war die eines Bruders, und er nahm sich gewisse
+Freiheiten gegen Adelaide heraus, die dem jungen Mädchen für den
+Augenblick zu mißfallen schienen.
+
+"Nun, Du schmollst wohl mit mir?" fragte er.
+
+Dann warf er während seines weiteren Gesprächs auf Hippolyt Schinner
+jene schlauen und feinen Seitenblicke, die echt diplomatische Blicke
+sind, und deren Ausdruck stets eine kluge Besorgnis verrät.
+
+"Sie sehen hier unsern Nachbarn," sagte die alte Dame, indem sie auf
+Hippolyt Schinner deutete. "Der Herr ist ein bekannter Maler, dessen
+Namen Ihnen trotz Ihrer Gleichgültigkeit gegen die Künste bekannt sein
+muß."
+
+Der Edelmann erkannte die Bosheit seiner alten Freundin darin, daß sie
+den Namen verschwieg, und begrüßte den jungen Mann.
+
+"Gewiß!" sagte er, "ich habe schon viel von Ihren Gemälden sprechen
+gehört.... Das Talent hat schöne Vorrechte, mein Herr," fuhr er dann
+fort, während er auf Hippolyts rotes Band blickte, "und diese
+Auszeichnung, die wir durch unser Blut und lange Dienstzeit erwerben
+müssen, erlangen Sie schon in der Jugend.... Allein die Arten des Ruhms
+sind Schwestern." Der Edelmann faßte dabei an sein Kreuz des heiligen
+Ludwig.
+
+Hippolyt stotterte einige Worte des Danks und schwieg dann wieder,
+indem er sich begnügte, mit einer stets wachsenden Begeisterung den
+schönen jungfräulichen Kopf zu betrachten, der ihn entzückte. Bald
+versenkte er sich ganz und gar in diese Betrachtung und vergaß das
+tiefe Elend, das durch die Wohnung angedeutet wurde, denn für ihn war
+Adelaides Antlitz von einer leuchtenden Atmosphäre umgeben. Er
+antwortete kurz auf die Fragen, die an ihn gerichtet wurden und die er
+glücklicherweise hörte, denn es ist eine eigentümliche Fähigkeit
+unseres Geistes, daß er sich bisweilen gewissermaßen verdoppeln kann.
+Wem ist es nicht schon vorgekommen, daß er in ein angenehmes oder
+trauriges Nachdenken versunken, die Stimme seines Innern hörte und doch
+zu gleicher Zeit an einer Unterhaltung teilnahm oder ein Buch las? Es
+ist das ein wundersamer Dualismus, der oft dazu beiträgt, daß wir die
+Langweiligen mit mehr Geduld ertragen. Seine Hoffnung erfüllte ihn mit
+tausend Gedanken an das Glück, und er wollte nichts beobachten, was ihn
+umgab, denn er hatte noch ein kindliches und vertrauensvolles Herz.
+
+Nach Verlauf einiger Zeit bemerkte er, daß die alte Dame und ihre
+Tochter mit dem alten Edelmann spielten. Der Trabant des Letzteren
+blieb seinem Stande als Schatten treu, stand hinter seinem Freunde,
+betrachtete dessen Spiel und antwortete auf die stummen Fragen, die der
+Spieler an ihn richtete, durch billigende Winke, die nur eine
+Wiederholung der fragenden Bewegung seiner doppelgängerischen
+Verkörperung waren.
+
+"Ich verliere immer...!" sagte der Edelmann.
+
+"Sie werfen falsch ab...!" anwortete die Baronin von Rouville.
+
+"Seit drei Monaten habe ich Ihnen nicht eine einzige Partie abgewinnen
+können..." sagte er.
+
+"Haben Sie die Aß?" fragte die alte Dame.
+
+"Ja," antwortete er.
+
+"Soll ich Ihnen einen Rat geben?" fragte Adelaide.
+
+"Nein, nein...! Bleib mir gegenüber! Palsambleu! Ich verlöre zu viel,
+wenn ich dich nicht mehr vor mir sähe."
+
+Endlich war das Spiel beendet, der Edelmann zog seine Börse und warf
+zwei Louisdor auf den Tisch, während er nicht ohne einigen Unwillen
+sagte: "Vierzig Franken! Gerade zwei Louis...! Ha! Teufel! Es ist elf
+Uhr...!" "Es ist elf Uhr...!" wiederholte die stumme Person mit einem
+Blick auf Hippolyt Schinner.
+
+Der junge Mann hörte diese Worte etwas deutlicher als alle übrigen und
+dachte, daß es Zeit sei, sich zu entfernen. Er kehrte nun in die Welt
+der gewöhnlichen Ideen zurück und fand einige Gemeinplätze, um wieder
+das Wort nehmen zu können, begrüßte die Baronin, ihre Tochter, die
+beiden Unbekannten und ging, während er nur an das erste Glück der
+wahren Liebe dachte, ohne daß er sich die kleinen Ereignisse zu
+erklären suchte, die während dieses Abends unter seinen Augen
+vorgegangen waren. Am folgenden Tage fühlte der junge Maler die
+heißeste Sehnsucht, Adelaide wiederzusehen, und wäre er seiner
+Leidenschaft gefolgt, so hätte er schon um 6 Uhr morgens, als er nach
+seiner Werkstatt eilte, seine Nachbarinnen besucht. Er besaß indes noch
+Vernunft genug, um den Nachmittag zu erwarten; sobald er aber glaubte,
+bei Frau von Rouville eintreten zu dürfen, eilte er die Treppe hinab,
+klingelte unter lautem Herzpochen und bat Fräulein Leseigneur, die ihm
+die Tür öffnete, schüchtern um das Bild des Barons von Rouville,
+während er errötete, wie ein junges Mädchen.
+
+"Treten Sie doch ein!..." sagte Adelaide zu ihm, die ohne Zweifel
+Hippolyt bereits die Treppe von seiner Werkstatt herabkommen gehört und
+ihm entgegengeeilt war. Der Maler folgte ihr, beschämt, außer Fassung,
+ohne zu wissen, was er sagen sollte, vollkommen verwirrt durch das
+Glück, Adelaide zu sehen, das Rauschen ihres Gewandes zu hören, nachdem
+er den ganzen Morgen gewünscht hatte, in ihrer Nähe zu sein, nachdem er
+sich hundertmal erhoben hatte, um hinabzueilen.... Das Herz besitzt die
+wunderbare Macht, auch den unbedeutendsten Dingen einen außerordentlichen
+Wert zu verleihen. Welche Freude ist es nicht für einen Reisenden, ein
+Kraut, ein unbekanntes Blatt zu finden, nachdem er sein ganzes Leben an
+eine solche Nachforschung gewagt hat! Ebenso verhält es sich mit den
+Nichtigkeiten in der Liebe!
+
+Die alte Dame war nicht in dem Salon. Als das junge Mädchen mit dem
+Maler allein war, brachte es einen Stuhl, um das Bild herabzunehmen;
+als es aber bemerkte, daß es auf die Kommode treten müsse, um das Bild
+von dem Nagel abzuhängen, wandte es sich an Hippolyt und sagte
+errötend:
+
+"Ich bin nicht groß genug.... Hätten Sie vielleicht die Güte?"
+
+Ein Gefühl der Scham, das sich im Ausdruck der Züge und im Ton der
+Stimme Adelaidens verriet, war der wahre Grund ihrer Bitte; Hippolyt
+begriff sie und warf ihr einen jener verständigen Blicke zu, die die
+süßeste Sprache der Liebe sind. Adelaide sah, daß sie von dem Maler
+verstanden sei und schlug daher ihre Augen mit einer Bewegung des
+Stolzes nieder, dessen Geheimnis allein die jungen Mädchen besitzen.
+
+Der Maler fand kein Wort zu sagen, war fast eingeschüchtert und nahm
+das Gemälde herab, um es mit ernsten Blicken am Fenster zu betrachten.
+Dann ging er, ohne etwas anderes zu Fräulein Leseigneur zu sagen, als:
+"Ich werde es Ihnen bald wiederbringen." Beide hatten während dieses
+flüchtigen Augenblicks eine von jenen lebhaften Herzensregungen
+gefühlt, deren Wirkung auf den Geist mit jener Bewegung verglichen
+werden kann, die ein Stein hervorbringt, den man in einen See wirft,
+die süßesten Gedanken entstehen und folgen einander, endlos, vielfach,
+ohne Ziel, und das Herz, ebenso erregt wie jene kreisförmigen Wellen,
+die sich noch lange auf der Oberfläche des Wassers zeigen und sämtlich
+von dem Punkte ausgehen, wo der Stein hineingeworfen ist.
+
+Hippolyt Schinner kehrte mit dem Bilde in seine Werkstatt zurück. Daß
+eine Leinwand bereits auf der Staffelei lag, daß die Palette bereits
+mit Farben bedeckt war, daß er die Pinsel gereinigt, zurechtgelegt, und
+das richtige Tageslicht gewählt hatte, brauchen wir wohl nicht erst zu
+sagen. Bis zur Essenszeit arbeitete er an dem Bilde mit jenem Eifer,
+den die Künstler bei allen ihren Launen beweisen. Abends besuchte er
+wieder die Baronin von Rouville und blieb von neun bis elf Uhr; außer
+eine Abwechslung in den Gegenständen der Unterhaltung, glich dieser
+Abend in allem dem vorhergehenden. Die beiden alten Herren erschienen
+wieder zu derselben Stunde; es wurde abermals Pikett gespielt,
+dieselben Redensarten wurden von den Spielern ausgesprochen; selbst die
+verlorene Summe war die nämliche; nur war Hippolyt etwas kühner und
+wagte mit dem jungen Mädchen zu plaudern.
+
+So vergingen acht Tage, während deren die Gefühle des Malers und
+Adelaidens jene wonnigen und süßen Umbildungen erfuhren, durch die die
+Herzen zu einem vollkommenen Verständnis geführt werden. Der Blick, mit
+dem Adelaide den Maler empfing, wurde von Tag zu Tag inniger,
+vertrauensvoller, heiterer und offenherziger, ihre Stimme, ihr Benehmen
+nahm etwas Vertrauliches und Inniges an. Beide lachten, plauderten,
+teilten sich ihre Gedanken mit und sprachen über sich selbst mit der
+Unschuld zweier Kinder, die in einem Tage mit ihrer Bekanntschaft
+soweit gediehen, als hätten sie einander seit drei Jahren gekannt.
+Hippolyt spielte Pikett, aber wie der Greis verlor auch er fast alle
+Partien. Ohne sich noch ihre Liebe gestanden zu haben, wußten die
+beiden Liebenden schon, daß sie einander angehörten. Hippolyt hatte mit
+Glück eine gewisse Macht über seine schüchterne Freundin erlangt und
+manche Zugeständnisse waren ihm durch Adelaide gemacht, die furchtsam
+und ergeben war, und durch jenes falsche Schmollen getäuscht wurde,
+dessen Geheimnis auch der am wenigsten gewandte Liebhaber, die
+kindlichste Jungfrau besitzt und fortwährend anwendet, gleich wie
+verhätschelte Kinder die Macht mißbrauchen, die ihnen die Liebe ihrer
+Mütter verleiht. Jene Vertraulichkeit zwischen dem Edelmanne und
+Adelaide hörte infolgedessen auf. Das junge Mädchen hatte
+natürlicherweise die Traurigkeit des Malers erraten und alle die
+Gedanken, die in den Falten seiner Stirn verborgen waren oder sich
+verrieten durch den kurzen Ton der wenigen Worte, die er sprach, wenn
+der Greis ohne Umstände Adelaidens Hände oder Hals küßte. Fräulein
+Leseigneur verlangte auch ihrerseits von ihrem Liebhaber eine strenge
+Rechenschaft über seine geringsten Handlungen. Sie war so unglücklich,
+so besorgt, wenn Hippolyt nicht kam; sie verstand so allerliebst zu
+zanken, daß der Maler seine Freunde nicht mehr besuchte und alle
+anderen Gesellschaften vermied. Adelaide ließ die dem weiblichen
+Geschlecht angeborene Eifersucht durchblicken, als sie erfuhr, daß
+Hippolyt, wenn er sich um elf Uhr von Frau von Rouville entfernte,
+bisweilen noch in den glänzendsten Salons von Paris Besuche abstattete.
+Anfangs gab sie vor, daß diese Lebensart für die Gesundheit nachteilig
+sei; dann fand sie Gelegenheit, ihm mit jener tiefen Überzeugung, der
+der Ton, das Benehmen und der Blick einer geliebten Person soviel
+Gewalt verleihen, zu sagen, "daß ein Mann, der verpflichtet sei,
+zwischen so vielen Frauen seine Zeit und die Anmut seines Geistes zu
+zersplittern, keiner wahrhaft innigen Zuneigung fähig sei". Nun wurde
+Hippolyt sowohl durch den Despotismus der Leidenschaft, wie durch die
+Anforderungen des liebenden jungen Mädchens veranlaßt, nur in dieser
+kleinen Wohnung zu leben, in der ihm alles gefiel. Kurz, nie gab es
+eine reinere und zugleich heißere Liebe. Von beiden Seiten wurde
+dasselbe Zutrauen, dasselbe Zartgefühl gezeigt, so daß diese
+jungfräuliche Leidenschaft ohne jene Opfer sich entwickelte, durch die
+sich viele Leute ihre Liebe zu beweisen suchen. Es bestand zwischen
+ihnen ein beständiger Austausch süßer Gefühle, und sie wußten nicht,
+wer dabei mehr gab oder empfing; eine unwillkürliche Neigung verband
+ihre Herzen immer enger. Die Fortschritte dieses wahren Gefühls
+geschahen so schnell, daß schon zwanzig Tage nach dem Zufall, durch den
+Hippolyt seine junge Nachbarin kennen gelernt hatte, ihr beiderseitiges
+Leben ein einziges geworden war. Vom frühen Morgen an, wenn das junge
+Mädchen die Schritte des Malers hörte, konnte es sagen: "Er ist in
+meiner Nähe!" Wenn Hippolyt um die Zeit des Mittagessens zu seiner
+Mutter zurückkehrte, so verfehlte er nie, seine Nachbarinnen zu
+begrüßen, und des Abends erschien er zu der gewöhnlichen Stunde mit
+einer Pünktlichkeit, wie sie nur ein Liebhaber zeigen kann. Ein
+Mädchen, das die höchsten Anforderungen in der Liebe stellt, hätte dem
+jungen Maler nicht den geringsten Vorwurf machen können. Adelaide genoß
+daher ein Glück ohne Trübung und ohne Grenzen, als sie das Ideal
+verwirklicht sah, das sich jedes junge Mädchen in ihrem Alter träumt.
+
+Der alte Edelmann erschien jetzt weniger oft, und Hippolyt, der nicht
+mehr eifersüchtig auf ihn war, ersetzte ihn beim Spiel, aber auch mit
+stets gleichem Unglück.
+
+Inmitten seines Glücks dachte er jedoch an die unangenehme Lage der
+Frau von Rouville, denn er hatte mehr als einen Beweis ihrer Armut
+erlangt, und vermochte daher einen unangenehmen Gedanken nicht zu
+verbannen; schon öfter hatte er beim Gehen gedacht: "Wie! Alle Abend
+zwanzig Franken!?..." Er wagte indes nicht, sich einen so häßlichen
+Verdacht einzugestehen.
+
+Hippolyt verwandte einen ganzen Monat auf die Vollendung des Bildes.
+Als es beendet, gefirnißt und eingerahmt war, betrachtete er es als
+eines seiner besten Werke. Die Baronin von Rouville hatte nicht wieder
+mit ihm darüber gesprochen. War es Sorglosigkeit oder Stolz? Der Maler
+wollte sich dieses Schweigen nicht erklären.
+
+Er kam mit Adelaide dahin überein, daß er das Bild während der
+Abwesenheit der Frau von Rouville an seine Stelle hängen wolle. Es
+wurde dazu der achte Juli gewählt, und während eines Spazierganges, den
+die Mutter täglich nach den Tuilerien unternahm, begab sich Adelaide
+allein und zum ersten Male in Hippolyts Werkstatt, unter dem Vorwand,
+das Bild in der günstigen Beleuchtung zu sehen, in der es vollendet
+war. Sie blieb stumm und unbeweglich stehen und versank in eine wonnige
+Betrachtung, während der alle ihre weiblichen Gefühle in ein einziges
+verschmolzen, in die gerechte Bewunderung des geliebten Mannes. Als
+sich der Maler, beunruhigt durch dieses Schweigen, vorneigte, um dem
+jungen Mädchen ins Gesicht zu schauen, reichte sie ihm die Hand, ohne
+ein Wort sagen zu können; zwei Tränen rannen aus ihren Augen. Hippolyt
+ergriff ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. Einen Augenblick lang
+betrachteten sie sich schweigend, wollten sich ihre Liebe gestehen und
+wagten es dennoch nicht. Der Maler hatte Adelaidens Hand in der
+seinigen behalten und erkannte aus der Gleichheit der Wärme und des
+Pulsschlages, daß ihre beiden Herzen gleich stark für einander
+schlugen. Das junge Mädchen entfernte sich sanft von Hippolyt und sagte
+mit einem kindlichen Blick: "Sie werden meine Mutter sehr glücklich
+machen!..."
+
+"Wie? Nur Ihre Mutter?" fragte er.
+
+"Oh!... Ich ... ich bin es schon...."
+
+Der Maler senkte seine Blicke und schwieg, erschreckt durch die
+Heftigkeit der Gefühle, die diese Worte in seinem Herzen erweckt
+hatten. Beide begriffen die Gefahr dieses Augenblicks und begaben sich
+daher hinunter, um das Bild an seinen Platz zu hängen.
+
+Hippolyt speiste zum ersten Mal mit der Baronin und ihrer Tochter. Frau
+von Rouville war so gerührt, daß sie dem Maler hätte um den Hals fallen
+können. Abends erschien der alte Emigrierte, der ehemalige Kamerad des
+Barons von Rouville, der mit ihm auf brüderlichem Fuße gelebt hatte,
+und meldete seinen beiden Freundinnen, daß er zum Kontreadmiral ernannt
+sei, da man ihm seine Landfahrten durch Deutschland und Rußland als
+ebensoviele im Seedienst verlebte Jahre angerechnet habe. Als er das
+Bild sah, drückte er mit Herzlichkeit die Hand des Malers und sagte:
+"Meiner Treu! Obgleich mein alter Leichnam nicht der Mühe wert ist, für
+die Nachwelt aufbewahrt zu werden, so würde ich doch fünfhundert
+Louisdor geben, wenn ich mich ebenso getreu dargestellt sehen könnte,
+wie mein alter Rouville!"
+
+Bei diesem Vorschlag blickte die Baronin ihren Freund an, lächelte und
+ließ auf ihrem Antlitz den Ausdruck eines Dankgefühls erscheinen.
+Hippolyt glaubte zu erraten, daß ihm der alte Admiral den Wert für
+beide Bilder geben wolle, indem er das seinige bezahlte, und
+antwortete, weil sich sein Künstlerstolz, sowie auch vielleicht seine
+Eifersucht bei diesem Gedanken empörte: "Mein Herr, wenn ich überhaupt
+Porträts malte, so würde ich dieses nicht gemacht haben...."
+
+Der Admiral biß sich auf die Lippen und setzte sich an den Spieltisch.
+Hippolyt blieb der Adelaide, die ihm ebenfalls eine Partie vorschlug,
+was er auch annahm. Der Maler bemerkte bei Frau von Rouville einen
+Eifer für das Spiel, der ihn überraschte. Nie hatte sie so sehr den
+Wunsch gezeigt, zu gewinnen, und sie gewann. Während dieses Abends
+beunruhigte ein böser Verdacht den Maler, störte sein Glück und flößte
+ihm Mißtrauen ein. Frau von Rouville lebte also vom Spiel. Spielte sie
+nicht in diesem Augenblick, um irgend eine Schuld abzutragen oder durch
+irgend eine Notwendigkeit gedrängt? Vielleicht hatte sie ihre Miete
+noch nicht bezahlt? Der Greis schien übrigens schlau genug zu sein, um
+sich nicht um nichts und wieder nichts sein Geld abnehmen zu lassen!
+Welches Interesse konnte den reichen Mann in dieses arme Haus führen?
+Warum war er ehedem so vertraulich gegen Adelaide, und warum hatte er
+so plötzlich den Vertraulichkeiten entsagt, die man sich vielfach von
+ihm gefallen lassen mußte?--Diese Gedanken kamen ihm unwillkürlich in
+den Sinn und veranlaßten ihn, mit neuer Aufmerksamkeit den Greis und
+die Baronin zu beobachten. Ihre Blicke des Einverständnisses, die sie
+von der Seite auf Adelaide und ihn warfen, mißfielen ihm. "Sollte man
+mich hintergehen?" dachte Hippolyt, und es war das für ihn ein
+schrecklicher, ein verletzender Gedanke, den er trotzdem nicht
+verscheuchen konnte. Um vielleicht eine Gewißheit zu erlangen, blieb er
+bis zuletzt. Er hatte hundert Sous verloren und seine Börse gezogen, um
+Adelaide zu bezahlen. Doch von seinen peinigenden Gedanken überwältigt,
+legte er seine Börse auf den Tisch. Als er aus seinem Nachdenken wieder
+erwachte, schämte er sich über sein Schweigen, dachte aber nicht mehr
+an seine Börse, sondern erhob sich, antwortete auf eine gleichgültige
+Frage, die Frau von Rouville an ihn richtete, und trat ihr näher, um
+beim Sprechen ihre alten Züge besser prüfen zu können. Von einer
+peinigenden Ungewißheit ergriffen, entfernte er sich, doch war er kaum
+einige Stufen der Treppe hinabgeeilt, als er sich erinnerte, seine
+Börse auf dem Tisch liegen gelassen zu haben, und er kehrte zurück.
+
+"Ich habe meine Börse bei Ihnen vergessen," sagte er zu Adelaide.
+--"Nein ..." anwortete sie errötend.
+
+"Ich glaubte sie hier zu finden!" Er zeigte bei diesen Worten auf den
+Spieltisch, schämte sich aber im Herzen des jungen Mädchens und der
+Baronin, als er seine Börse nicht erblickte, und sah die beiden Frauen
+auf eine so verlegene Weise an, daß diese lachten. Dann erbleichte er
+und sagte: "Ach, nein, ich habe mich getäuscht!... Ich habe die Börse."
+Er empfahl sich und ging. In einem Abteil der Börse befanden sich
+dreihundert Franken in Gold und in dem anderen einige kleine Münzen.
+Der Diebstahl war so klar, auf eine so kecke Weise geleugnet, daß
+Hippolyt keinen Zweifel über die Moralität seiner Nachbarinnen mehr
+hegen konnte. Er blieb auf der Treppe stehen, stieg mit Mühe hinab,
+seine Beine zitterten, Schwindel ergriff ihn, kalter Schweiß trat ihm
+auf die Stirn, und er fühlte sich außerstande, zu gehen und die heftige
+Aufregung zu ertragen, die der Zusammenbruch aller seiner Hoffnungen in
+ihm hervorgerufen hatte.
+
+Er erinnerte sich jetzt einer Menge von Beobachtungen, die anscheinend
+geringfügig waren, aber dennoch den schrecklichen Verdacht bestärkten,
+der ihn ergriffen hatte, und ihm die Augen inbezug auf den Charakter
+und das Leben der beiden Frauen öffnete. Sie hatten also gewartet, bis
+das Bild beendet und übergeben war, ehe sie ihm die Börse raubten!?...
+
+Der Diebstahl erschien noch häßlicher, indem er sich als ein
+berechneter herausstellte. Der Maler erinnerte sich zu seinem Kummer,
+daß Adelaide schon seit zwei oder drei Abenden mit mädchenhafter
+Neugierde die kunstreiche Filetarbeit der abgenutzten seidenen Börse
+betrachtet habe; allein wahrscheinlich nur, um sich zu überzeugen,
+wieviel Geld in dem Beutel enthalten sei. Die anscheinend unschuldigen
+Scherze, die sie dabei machte, bezweckten wahrscheinlich nur, den
+Augenblick zu erspähen, wo die Summe groß genug sein würde, um eines
+Diebstahls wert zu sein.--"Der alte Admiral hat vielleicht seine guten
+Gründe, Adelaide nicht zu heiraten, und die Baronin wird daher versucht
+haben, mich...." Er wollte eine Vermutung aussprechen, unterbrach sich
+aber und vollendete seinen Gedanken nicht, da derselbe zudem durch eine
+ganz richtige Betrachtung widerlegt wurde. "Wenn die Baronin," dachte
+er nämlich, "mich mit ihrer Tochter hätte verheiraten wollen, so würde
+man mich nicht bestohlen haben...." Um nicht ganz aus seinen Illusionen
+gerissen zu werden, versuchte dann seine Liebe, die bereits so tief
+eingewurzelt war, in einem Zufall irgend eine Rechtfertigung zu finden.
+"Meine Börse kann auf die Erde gefallen sein," dachte er, "sie kann
+vielleicht auf meinem Stuhle liegen geblieben sein. Ich habe sie
+vielleicht in meiner Zerstreuung in die Tasche gestickt...." Und er
+durchsuchte hastig alle seine Taschen, fand aber nirgends die
+verwünschte Börse. Sein grausames Gedächtnis bestätigte ihm nur die
+betrübende Wahrheit. Er sah deutlich seine Börse auf dem Tische liegen,
+zweifelte nicht mehr an dem Diebstahl, entschuldigte aber dennoch
+Adelaide, indem er dachte, daß man Unglückliche nicht zu schnell
+richten dürfe, daß ohne Zweifel irgend ein Geheimnis dieser dem
+Anschein nach ehrlosen Handlung zugrunde liege. Es wollte ihm nicht in
+den Sinn, daß ein so edles und stolzes Antlitz Lüge sein könne. Dennoch
+erschien ihm jetzt die armselige Wohnung als vollkommen entblößt von
+der Poesie der Liebe, die alles verschönert; er sah sie jetzt
+schmutzig, verwohnt, und betrachtete sie als die Darstellung eines
+Lebens ohne Adel, ohne edle Handlungen, denn unsere Gefühle sind
+gewissermaßen den Dingen aufgeprägt, die uns umgeben.
+
+Am folgenden Morgen erhob er sich, ohne geschlafen zu haben. Der
+Schmerz seines Herzens, diese schwere moralische Krankheit, hatte
+furchtbare Fortschritte bei ihm gemacht. Ein geträumtes Glück zu
+verlieren, einer ganzen Zukunft zu entsagen, dies ist ein Leiden,
+bitterer als jedes andere, das durch den Untergang eines genossenen
+Glücks veranlaßt wird, wie vollkommen dasselbe auch sein mochte. Die
+Gedanken, denen sich dann plötzlich unser Geist überläßt, gleichen
+einem Meer ohne Ufer, in dem unsere Liebe sich zwar einen Augenblick
+schwimmend erhalten kann, aber dennoch endlich untergehen und ertrinken
+muß. Das ist ein schrecklicher Tod: sind nicht die Gefühle der
+glänzendste Teil unseres Lebens? Aus diesem teilweisen Tode entspringen
+bei gewissen zarten oder starken Konstitutionen die großen
+Verheerungen, die durch die Entzauberung durch getäuschte Hoffnungen
+und Leidenschaften hervorgebracht werden.
+
+So ging es Hippolyt. Am frühen Morgen ging er aus und wandelte in dem
+kühlen Schatten der Tuilerien, während er in seine Gedanken versank und
+alles in der Welt vergaß. Ein Zufall, der gar nichts Ungewöhnliches
+hatte, ließ ihn einen seiner vertrautesten Freunde treffen, der auf dem
+Kollegium und in der Malschule sein Kamerad gewesen war, mit dem er
+vertrauter gelebt hatte, als man mit einem Bruder zu leben pflegt. "Was
+fehlt Dir?" fragte Daniel Vallier, ein junger Bildhauer, der kürzlich
+den ersten Preis erlangt hatte und nächstens nach Italien reisen
+sollte. "Ich bin sehr unglücklich ..." antwortete Hippolyt ernst.
+
+"Nur eine Herzensangelegenheit kann Dich so sehr bekümmern, denn an
+Geld, Ruhm und Ansehen fehlt es Dir nicht." Allmählich entspann sich
+ein vertrautes Gespräch, und der Maler gestand seine Liebe. Als
+Hippolyt von der Rue de Surèsne und von einem jungen Mädchen erzählte,
+das in einem vierten Stock wohnte, da rief Daniel mit ungewöhnlicher
+Heiterkeit aus: "Halt! das ist das junge Mädchen, das ich jeden Morgen
+in der Assomption sehe und dem ich den Hof mache. Aber, mein Lieber,
+die kennen wir alle! Ihre Mutter ist eine Baronin! Glaubst Du denn an
+Baroninnen, die im vierten Stock wohnen?... Brr!... Du bist ein guter
+Junge, der noch im goldenen Zeitalter lebt!... Wir sehen die alte
+Mutter alle Tage in dieser Allee; allein sie hat ein Antlitz und eine
+Haltung, die alles erraten lassen.... Wie! hast Du an der Art, wie sie
+ihren Strickbeutel hält, nicht schon erkannt, was sie ist?"
+
+Die beiden Freunde lustwandelten lange Zeit, und mehrere junge Männer,
+die entweder Daniel oder Hippolyt kannten, gesellten sich zu ihnen. Der
+Bildhauer erzählte ihnen das Abenteuer des Malers, weil er es für sehr
+unwichtig hielt. Nun wurden Bemerkungen vorgebracht, Spötteleien wurden
+unschuldig und mit der ganzen Heiterkeit, die Künstlern eigen ist, zum
+besten gegeben. Hippolyt litt furchtbar darunter. Er schämte sich, als
+er das Geheimnis seines Herzens so leichtsinnig behandelt, seine Liebe
+in Fetzen zerrissen sah, als er hörte, daß man ein junges unbekanntes
+Mädchen, dessen Leben ihm so bescheiden geschienen hatte, den
+rücksichtslosesten Beurteilungen unterwarf, mochten dieselben richtig
+sein oder falsch. Aus einem Gefühl des Widerspruchs verlangte er
+ernstlich von einem jeden Beweis für seine Behauptungen; doch gab dies
+nur Anlaß zu neuen Spöttereien.
+
+"Aber, mein lieber, hast Du den Shawl der Baronin gesehen?" fragte
+einer.
+
+"Hast Du die Kleine gesehen, wenn sie des Morgens nach der Assomption
+geht?" fragte ein anderer.
+
+"Die Mutter besitzt unter anderen Tugenden auch ein gewisses graues
+Kleid, das ich als einen Typus betrachte."
+
+"Höre, Hippolyt ..." sagte ein Kupferstecher, "komm um vier Uhr hierher
+und beobachte ein wenig den Gang der Mutter und der Tochter.... Wenn Du
+dann noch Zweifel hast ... nun, dann wird im Leben nichts aus Dir....
+Du wärest fähig, die Tochter Deiner Türsteherin zu heiraten."
+
+Hippolyt wurde von den widerstreitendsten Gefühlen ergriffen und
+verließ seine Freunde. Adelaide erschien ihm über alle Anklagen
+erhaben, und er empfand im Innersten seines Herzens eine gewisse Reue,
+daß er an der Reinheit eines so schönen und einfachen jungen Mädchens
+gezweifelt habe. Er kehrte nach seiner Werkstatt zurück, ging an der
+Tür vor Adelaides Wohnung vorüber und fühlte einen inneren Schmerz,
+hinsichtlich dessen sich kein Mann täuscht. Er liebte Fräulein von
+Rouville leidenschaftlich und betete sie selbst jetzt noch an,
+ungeachtet des Diebstahls seiner Börse. Seine Liebe war wie die des
+Chevaliers Desgrieux, der seine Geliebte selbst auf dem Karren, der die
+verlorenen Weiber in das Gefängnis fährt, noch bewunderte und für rein
+hielt. "Warum sollte sie nicht durch meine Liebe das reinste von allen
+weiblichen Wesen werden!... Warum sollte ich sie dem Unglück und dem
+Laster überlassen, ohne ihr eine freundschaftliche Hand zu
+reichen!?..." Diese Aufgabe gefiel ihm, denn die Liebe weiß alles zu
+benutzen, und nichts lockt einen jungen Mann mehr, als die Aussicht,
+bei einem jungen Mädchen die Rolle eines guten Engels spielen zu
+können. Es liegt etwas Romantisches in diesem Unternehmen, das
+empfindsamen Seelen so sehr gefällt. Es ist Aufopferung in ihrer
+erhabensten und anmutigsten Form; es liegt soviel geistige Größe darin,
+sich bewußt zu sein, daß man hinreichend liebt, um selbst da noch zu
+lieben, wo bei anderen die Liebe erlischt und stirbt!
+
+Hippolyt begab sich in seine Werkstätte und betrachtete seine Gemälde,
+ohne daran zu arbeiten; er erblickte die Gestalten nur durch die
+Tränen, die ihm in die Augen traten, hielt fortwährend seinen Pinsel in
+der Hand und näherte sich der Leinwand, berührte sie aber nicht. Die
+Nacht überraschte ihn in seinen Träumereien; er eilte die Treppe hinab,
+begegnete dem alten Admiral, warf ihm einen finsteren Blick zu, während
+er ihn begrüßte, und eilte hinweg. Es war seine Absicht gewesen, bei
+seinen Nachbarinnen einzutreten, aber der Anblick von Adelaides Gönner
+ließ ihm das Herz erstarren und ihn seinen Entschluß aufgeben. Er
+fragte sich zum hundertsten Male, was den alten reichen Mann, der
+fünfzigtausend Livres Renten hatte, so unwiderstehlich in jenen vierten
+Stock ziehe, wo er alle Abende zehn bis zwanzig Franken verlor, und er
+erriet seinen Zweck.
+
+An den folgenden Tagen widmete sich Hippolyt mit allem Eifer seinen
+Arbeiten, um durch diese und durch die Ablenkung seiner Phantasie auf
+einen anderen Gegenstand seine Leidenschaft zu bekämpfen. Seine Absicht
+gelang ihm zur Hälfte; die Arbeiten trösteten ihn, vermochten aber die
+Erinnerung an so viele glückliche Stunden, die er neben Adelaide
+verlebt hatte, nicht zu verbannen. Als er an einem der nächsten Abende
+seine Werkstatt verließ, fand er die Tür zu der Wohnung der beiden
+Damen halb geöffnet.
+
+Eine weibliche Gestalt stand in der Brüstung des Fensters, und er
+konnte nicht vorübergehen, ohne von Adelaide gesehen zu werden. Er
+begrüßte sie kalt und warf ihr einen gleichgültigen Blick zu, schloß
+dann aber von seinem Kummer auf den des jungen Mädchens und fühlte eine
+heftige Rührung, als er die ganze Bitterkeit erwog, die sein Blick und
+seine Kälte in einem liebenden Herzen hervorbringen mußten.
+
+Eine Wonne, wie die beiden sie genossen, durch so tiefe Vernachlässigung,
+durch so tiefe Verachtung zu krönen, das war in der Tat ein schreckliches
+Ende!
+
+Vielleicht hatten sie die Börse wiedergefunden, vielleicht hatte
+Adelaide an jenem Abend ihren Freund erwartet! Dieser Gedanke, der so
+einfach und natürlich war, erweckte bei Hippolyt eine neue Reue, und er
+fragte sich, ob die Beweise von Zartgefühl und Anhänglichkeit, die ihm
+das Mädchen gegeben hatte, ob die reizenden und liebevollen Plaudereien,
+die ihn entzückt hatten, nicht wenigstens eine Frage, eine Rechtfertigung
+verdienten. Er schämte sich, eine ganze Woche lang den Wünschen seines
+Herzens widerstanden zu haben, betrachtete sich fast als den schuldigen
+Teil und begab sich noch an demselben Abend zu Frau von Rouville. Sein
+ganzer Verdacht, alle seine bösen Gedanken entschwanden bei dem Anblick
+des jungen Mädchens, das bleich und abgehärmt erschien.
+
+"Was fehlt Ihnen?" fragte er, nachdem er die Baronin begrüßt hatte.
+Adelaide antwortete ihm nicht, sondern richtete nur einen
+schwermutsvollen, traurigen und entmutigten Blick auf ihn, der ihm wehe
+tat.
+
+"Sie haben ohne Zweifel viel gearbeitet?" fragte die alte Dame; "Sie
+haben sich sehr verändert, und wir sind gewiß die Ursache, weshalb Sie
+sich jetzt so beständig in Ihrer Werkstätte einschließen. Das für uns
+gemalte Bild hat wahrscheinlich einige Arbeiten verzögert, die für
+Ihren Ruf von Wichtigkeit sind."
+
+Hippolyt freute sich, eine so schöne Entschuldigung seiner
+Unhöflichkeit zu finden. "Ja," antwortete er, "ich bin sehr fleißig
+gewesen, aber ich habe auch viel gelitten...." Bei diesen Worten erhob
+Adelaide den Kopf und blickte Hippolyt an; ihre Augen drückten nur noch
+Sorge aus, aber keinen Vorwurf mehr.
+
+"Haben Sie denn gedacht, wir wären so gleichgültig gegen Ihr Glück oder
+Ihr Unglück?" fragte die alte Dame.
+
+"Ich habe Unrecht gehabt!" versetzte Hippolyt; "aber dennoch gibt es
+Leiden, die man nicht mitzuteilen wagt, selbst dann nicht, wenn die
+Freundschaft bereits älter ist als die unsrige."
+
+"Aufrichtigkeit und Stärke der Freundschaft dürfen nicht nach der Dauer
+der Zeit gemessen werden. Es gibt alte Freunde, von denen der eine
+nicht einmal eine Träne für das Unglück des andern hat," sagte die
+Baronin.
+
+"Aber was fehlt Ihnen?" wandte sich Hippolyt an Adelaide.
+
+"Oh, gar nichts," antwortete die Mutter. "Sie hat einige Nächte bei
+einer weiblichen Arbeit gesessen und nicht auf mich hören wollen,
+obgleich ich ihr sagte, daß es auf einen Tag mehr oder weniger nicht
+ankomme."
+
+Hippolyt verlor sich abermals in wunderlichen Gedanken. Wenn er diese
+edlen und ruhigen Züge betrachtete, so mußte er über seinen Verdacht
+erröten und den Verlust seiner Börse irgend einem unbekannten Zufall
+zuschreiben.
+
+Dieser Abend war ein köstlicher für ihn, und vielleicht auch für
+Adelaide. Es gibt Geheimnisse, die jugendliche Herzen so leicht
+erraten; das junge Mädchen erriet jedenfalls die Gedanken des Malers.
+Der Maler dagegen erriet die Gedanken des Mädchens, kehrte liebevoller
+und freundlicher zu seiner Geliebten zurück und suchte sich eine
+stillschweigende Verzeihung zu erwerben. Adelaide genoß dagegen so
+vollkommene, so süße Freuden, daß es ihr schien, als habe sie dieselben
+nicht zu teuer durch das Unglück erkauft, das ihre Liebe so grausam
+verletzt hatte. Dieser so aufrichtige Einklang ihrer Herzen, dieses
+zauberische gegenseitige Verständnis wurde dennoch durch eine Bemerkung
+der Baronin von Rouville gestört.
+
+"Lassen Sie uns ein Spielchen machen," sagte sie zu Hippolyt.
+
+Diese Worte erweckten alle Befürchtungen des jungen Mannes von neuem.
+Er errötete, während er Adelaidens Mutter anblickte, bemerkte aber auf
+ihrem Antlitz nur den Ausdruck einer untrügerischen Herzensgüte. Er
+setzte sich an den Spieltisch, und Adelaide wollte mit ihm in
+Gemeinschaft spielen, indem sie vorgab, daß er das Pikett nicht
+verstehe und daher eines Partners bedürfe. Frau von Rouville und ihre
+Tochter gaben sich während des Spieles Zeichen des Einverständnisses,
+die Hippolyt umsomehr beunruhigten, da er der gewinnende Teil war;
+zuletzt aber wurden die beiden Liebenden Schuldner der Baronin, und der
+Maler hob seine Hand empor, um Geld aus seiner Tasche zu nehmen. Da sah
+er plötzlich eine Börse vor sich, die Adelaide dort hingelegt hatte,
+ohne daß er es bemerkte; sie aber hielt seine alte Börse in der Hand
+und nahm Geld daraus, um ihre Mutter zu bezahlen. Hippolyt fühlte, wie
+ihm alles Blut zum Herzen strömte und er nahe daran war, das Bewußtsein
+zu verlieren. Die neue Börse, die ihm anstatt der alten gegeben war,
+enthielt sein Geld; sie war mit Goldperlen durchwirkt, und alles an
+derselben war ein Beweis von Adelaidens gutem Geschmack. Es war dies
+ein entzückender Dank des jungen Mädchens. Es war unmöglich, auf eine
+zartere Weise zu erkennen zu geben, daß das Geschenk des Malers nur
+durch ein Pfand der Zärtlichkeit belohnt werden könne. Als Hippolyt im
+Übermaß seines Glückes seine Augen auf Adelaide und die Baronin
+richtete, sah er beide vor Freude zittern und befriedigt, daß ihnen ihr
+Betrug so schön gelungen war. Nun fand er sich selbst kleinlich,
+verächtlich, albern und hätte sich strafen mögen; aber ein paar Tränen
+traten ihm in die Augen, unwiderstehlich zwang ihn sein Herz, sich zu
+erheben, Adelaide in seine Arme zu nehmen, an seine Brust zu drücken,
+ihr einen Kuß zu rauben und dann mit der Aufrichtigkeit eines Künstlers
+zu der Baronin zu sagen: "Ich erbitte sie mir zur Gattin".
+
+Adelaide warf dem Maler einen halb zürnenden Blick zu, und Frau von
+Rouville suchte in ihrer Bestürzung nach einer Antwort, als diese Szene
+durch ein plötzliches Klingeln unterbrochen wurde. Der alte Admiral
+erschien, gefolgt von seinem Schatten und von Frau Schinner.
+
+Hippolyts Mutter hatte den Grund des Kummers erraten, den ihr Sohn ihr
+vergebens zu verbergen suchte, und bei einigen ihrer Freunde
+Erkundigungen über das junge Mädchen, das er liebte, eingezogen. Als
+sie dann in gerechte Besorgnisse durch die Verleumdungen über Adelaide
+versetzt war, hatte sie dieselben auch dem alten Emigrierten
+mitgeteilt, der in seinem Zorne sagte, daß er "den Neidhammeln die
+Ohren abschneiden werde". In seinem Zorneseifer verriet er Frau
+Schinner dann auch noch, daß er absichtlich beim Spiel verliere, weil
+der Stolz der Baronin es ihm nicht erlaube, sie auf andere Weise zu
+unterstützen.
+
+Als Frau Schinner Frau von Rouville begrüßt hatte, blickte diese den
+Kontreadmiral, Adelaide und Hippolyt an und sagte mit unaussprechlicher
+Herzensgüte: "Nun sind wir also heute abend im Familienkreise."
+
+
+
+
+EHELICHER FRIEDEN
+
+
+Unsere Erzählung spielt in der Zeit, in der Napoleons vergängliche
+Herrschaft den höchsten Gipfel ihres Glanzes und ihrer Macht erreicht
+hatte. Es war gegen Ende des Monats November 1809. Der Kanonendonner
+und das Trompetengeschmetter der berühmten Schlacht bei Wagram hallte
+noch im Herzen der österreichischen Monarchie wieder. Der Friede war
+zwischen Frankreich und den Mächten des Festlandes unterzeichnet,
+Könige und Fürsten demütigten sich vor Napoleon, der sich die Freude
+machte, ganz Europa in seinem Gefolge zu sehen und eine prachtvolle
+Vorfeier der Macht zu veranstalten, die er später in Dresden entfalten
+sollte.
+
+Die Zeitgenossen behaupten, daß Paris nie schönere Feste gesehen habe,
+als jene, die der Vermählung Napoleons mit einer Erzherzogin von
+Österreich vorangingen und ihr folgten. Nie hatten sich in den
+schönsten Tagen der älteren Monarchie so viele gekrönte Häupter an den
+Ufern der Seine gedrängt, nie war die französische Aristokratie reicher
+und glänzender erschienen als damals. Diamanten waren mit einer solchen
+Verschwendung in Schmuckstücken zur Schau getragen, Gold und Silber
+strahlte von so vielen Uniformen wieder, daß es schien, als wären alle
+Reichtümer des Erdballs in den Salons von Paris angehäuft worden.
+
+Eine allgemeine Trunkenheit hatte sich gewissermaßen des ganzen Reiches
+bemächtigt, und alle Soldaten, den Herrn nicht ausgenommen, erfreuten
+sich als Emporkömmlinge der Schätze, die eine Million von Kriegern im
+Auslande zusammengerafft hatte.
+
+Einige Damen aus den höheren Sphären der Gesellschaft trugen damals
+jene leichten Sitten und jene Lockerung der Moral zur Schau, die
+ehemals der Regierungszeit Ludwigs XV. den Stempel der Schande
+aufgedrückt hatten. Wollten sie den alten Ton der gesunkenen Monarchie
+nachahmen oder wollten sie das Beispiel befolgen, das gewisse
+Mitglieder der kaiserlichen Familie gegeben hatten, wie einige Häupter
+der Vorstadt Saint-Germain behaupteten, so viel ist gewiß, daß sich
+alle, Männer und Frauen, mit einer Unerschrockenheit in den Strudel der
+Genüsse stürzten, die an das Ende der Welt hätte glauben lassen können.
+Allein es gab damals einen besonderen Grund für diese Freisinnigkeit.
+Die Vorliebe des weiblichen Geschlechts für die Krieger war zu einer
+Art von Wahnsinn geworden. Diese Begeisterung, die den Wünschen
+Napoleons zusagte, wurde durch keine Zügel gehemmt. Der Kaiser ließ
+seinen Armeen selten Ruhe und die vorgeblichen Leidenschaften jener
+Zeit entwickelten sich daher mit einer ziemlich erklärlichen
+Schnelligkeit; die Ehen wurden auf eine so rasche Weise eingegangen,
+wie das oberste Haupt der Kolbacs, der Dolmans und der Epauletten, von
+denen die Frauen so sehr entzückt waren, selbst rasch in seinen
+Entscheidungen war. Die Herzen waren damals nomadisch, wie die Armeen.
+Die häufigen Friedensbrüche, die alle zwischen Europa und Frankreich
+abgeschlossenen Bündnisse nur als Waffenstillstand erscheinen ließen,
+führten ebenso häufige Trennungen zwischen den Kriegern und ihren
+Gattinnen herbei. In der Zeit von einem ersten bis zu einem fünften
+Bulletin der großen Armee sah sich daher manches Weib als Braut,
+Gattin, Mutter und Witwe.
+
+War es die Aussicht auf eine nahe Witwenschaft, die Aussicht auf
+Mitgift, oder die Hoffnung, den Glanz eines historischen Namens zu
+teilen, durch welche die Krieger so verführerische Reize für das
+weibliche Geschlecht erlangten? Wurde das schöne Geschlecht durch die
+Gewißheit, daß die Toten das Geheimnis der Leidenschaften nicht
+ausplaudern können, zu den Kriegern hingezogen? Oder muß man die
+Ursache für jenen süßen Fanatismus in dem edlen Reize suchen, den der
+Mut für das weibliche Geschlecht besitzt?
+
+Vielleicht waren es diese Gründe zusammengenommen, die der künftige
+Geschichtsschreiber der Sitten des Kaiserreichs ohne Zweifel erwägen
+muß, vielleicht trugen alle jene Gründe zu dem Leichtsinn bei, mit dem
+sich die Damen der Liebe und der Ehe überlieferten. Wie dem auch sein
+mochte, es mag hinreichen, daß wir hier bemerken, wie durch den Ruhm
+und die Lorbeeren so manche Fehler geweckt wurden, wie das weibliche
+Geschlecht mit Eifer jene kühnen Abenteurer aufsuchte, die ihm damals
+als wahre Quellen der Ehre, der Reichtümer und der Freuden erschienen,
+und wie damals eine Epaulette in den Augen eines jungen Mädchens einer
+Hieroglyphe glich, die Glück und Freiheit bedeutete. Ein Zug, der jene
+Epoche charakterisiert, war eine gewisse zügellose Leidenschaft für
+alles Glänzende. Nie wurden so viele Feuerwerke veranstaltet; zu keiner
+Zeit hatten die Diamanten einen so hohen Wert erreicht. Die Männer
+waren ebenso begierig nach jenen klaren Kieseln wie die Frauen und
+schmückten sich mit ihnen, gleich diesen. Vielleicht hatte der Wunsch,
+die gemachte Beute in der leichtesten Gestalt mit sich führen zu
+können, die Juwelen bei der Armee in ein so hohes Ansehen gebracht. Der
+Mann erschien damals nicht so lächerlich, wie das jetzt der Fall sein
+würde, wenn die Krause seines Hemdes oder die Finger den Blicken
+schwere Diamanten darboten, und Murat, dieser echte Südländer, hatte
+den Soldaten das Beispiel eines abgeschmackten Luxus gegeben.
+
+Der Graf von Gondreville, einer der Luculle jenes erhaltenden Senats,
+der nichts erhielt, hatte nur darum so lange gezögert, ein Fest zu
+Ehren des Friedens zu veranstalten, um desto glänzender Napoleon den
+Hof zu machen und alle die Schmeichler zu überstrahlen, die ihm
+zuvorgekommen waren. Die Gesandten aller mit Frankreich befreundeten
+Mächte, die wichtigsten Persönlichkeiten des Kaiserreichs, selbst
+einige Fürsten waren in dem prachtvollen Hotel des reichen Senators
+versammelt. Wenn der Tanz noch nicht in Schwung kommen wollte, so
+rührte das daher, weil man auf den Kaiser wartete; denn dieser hatte
+versprochen, daß er erscheinen werde, und hätte gewiß sein Wort
+gehalten, wäre nicht an demselben Abende zwischen ihm und Josephine ein
+Auf tritt vorgefallen, der die Scheidung des gekrönten Gattenpaares
+voraussehen ließ. Die Nachricht von jenem unangenehmen Auftritt war
+noch nicht bis zu den Ohren der Hofleute gelangt, und auf die
+Heiterkeit des Festes, das der Graf von Gondreville gab, hatte daher
+nur der eine Umstand Einfluß, daß Napoleon nicht erschien. Die
+schönsten Frauen von Paris hatten sich in den geschmückten Salons
+eingefunden, um durch die Üppigkeit ihres Schmuckes und ihrer Schönheit
+vor den Augen des Kaisers zu glänzen.
+
+Die auf ihre Reichtümer stolze Finanzwelt überstrahlte die glänzenden
+Generäle und hohen Offiziere des Kaiserreichs, die mit Kreuzen der
+Ehrenlegion und Titeln überhäuft waren; denn solche Feierlichkeiten
+waren stets Gelegenheit, die von den reichen Familien ergriffen wurden,
+um ihre Erbinnen den Augen der napoleonischen Prätorianer vorzuführen,
+in der Hoffnung, daß diese ihre Titel mit der prachtvollen Ausstattung
+der Erbinnen verbinden würden. Diejenigen Damen, die sich nur
+hinsichtlich ihrer Schönheit stark wußten, erschienen ebenfalls, um die
+Macht ihrer Reize zu versuchen. Es war dort, wie fast überall, die
+Freude nur eine Maske. Die heiteren und lachenden Gesichter, die
+ruhigen Stirnen verdeckten gehässige Berechnungen. Die Freundschafts-
+bezeigungen logen, und mehr als einer mißtraute seinen Feinden weniger
+als seinen Freunden.
+
+Diese kurzen Bemerkungen sind bestimmt, nicht nur die kleinen
+Verwicklungen des Auftritts, der sich vor unseren Augen entfalten wird,
+zu verraten, sondern auch das Fest einigermaßen kennen zu lernen, bei
+dem sie sich ereigneten. Zugleich wollten wir den Ton schildern, der
+damals in den Salons von Paris herrschte, und das bisherige darf daher
+gewissermaßen nur als eine Vorrede oder als ein geschichtlicher Prolog
+betrachtet werden, den die andersgestalteten heutigen Sitten
+erforderten.
+
+ * * * * *
+
+"Schauen Sie einmal nach jener gebrochenen Säule, die einen Kandelaber
+trägt! Sehen Sie die junge Dame, deren Haar nach chinesischer Art
+geflochten ist? Dort, links in der Ecke! Sie hat blaue Glockenblumen in
+dem Busche kastanienbrauner Haare, die in Garben über ihren Kopf
+herabfallen. Sehen Sie sie nicht? Sie ist so bleich, daß man glauben
+sollte, sie sei krank. Sie ist eine allerliebste Kleine. Jetzt richtet
+sie die Augen gerade auf uns. Ihre blauen Augen, die mandelartig
+gespalten sind und süß zum Entzücken, scheinen ganz besonders zum
+Weinen geschaffen. Aber sehen Sie doch! Jetzt beugt sie sich, um Madame
+Vaudremont durch die Masse von Köpfen hindurch zu erblicken, die in
+beständiger Bewegung sind und ihr die Aussicht abschneiden...."
+
+"Ja, jetzt habe ich sie, mein Lieber!... Du hättest sie mir nur als die
+bleichste von allen hier versammelten Damen bezeichnen sollen, so würde
+ich sie schon erkannt haben, denn ich habe sie bereits bemerkt. Sie hat
+den schönsten Teint, den ich je bewundert habe. Von hier aus dürftest
+Du wohl die weiße Haut ihres Halses nicht genau sehen können und die
+Perlen nicht, die die Saphire ihres Halsschmuckes unterbrechen. Aber
+von hier aus scheint es, als sähe man Türkise auf Schnee gesät. Sie
+besitzt feine Sitten, oder ist sehr kokett. Welche Schultern! Welche
+Lilienweiße!..."
+
+"Wer ist es denn?" fragte jener, der zuerst gesprochen hatte. "Ich weiß
+es nicht."
+
+"Aristokrat! Sie wollen wohl alle für sich behalten...."
+
+"Das paßt zu Dir, mich zu verspotten!" versetzte der Soldat lächelnd.
+"Glaubst Du das Recht zu haben, einen armen Oberst, wie ich bin, zu
+verspotten, weil Du als glücklicher Nebenbuhler des armen Soulanges
+nicht eine einzige Pirouette machen kannst, ohne daß zugleich das Herz
+der Frau von Vaudremont tanzt? Oder deswegen, weil ich erst seit
+Monaten in dieses gelobte Land gekommen bin?... Ihr seid ein
+unverschämtes Volk, ihr Verwaltungsbeamten, die Ihr auf euren Stühlen
+sitzen bleibt, während wir Kommißbrot essen müssen! Wohlan, Herr
+Requêtenmeister, lassen Sie uns einmal das Feld rekognoszieren, in dem
+Ihr nicht eher wieder ruhig herrschen sollt, bis wir abgezogen sind!
+Was Teufel! Jedermann muß leben." "Oberst, da Sie mit Ihrer ganzen
+Aufmerksamkeit die schöne Unbekannte beehrt haben, die ich hier zum
+ersten Male bemerke, so haben Sie doch die Güte, mir zu sagen, ob Sie
+sie bereits tanzen sahen." "Ei! mein lieber Martial, was fällt Dir ein?
+Wenn man Dich als Gesandten abschickte, so möchtest Du wohl schlechte
+Geschäfte machen. Siehst Du nicht drei Reihen der unerschrockensten
+Koketten von Paris zwischen meiner hübschen Dame und dem glänzenden
+Schwarm von Tänzern, der unter dem Kronleuchter summt? Hast Du Dich
+nicht der Hilfe Deines Lorgnons bedienen müssen, um sie in dem Winkel
+jener Säule zu entdecken, wo sie in ein tiefes Dunkel vergraben
+scheint? Trotz der fünfzig Kerzen, die um ihr blondes Haupt
+herumflackern, denn es ist zwischen ihr und uns eine solche Menge von
+Diamanten und funkelnden Blicken, von schwankenden Federn, Spitzen und
+Blumen, daß es ein wahres Wunder wäre, wenn irgendein Tänzer sie
+inmitten dieser blendenden Gestirne bemerken würde! wie, Martial, hast
+Du nicht erraten, daß sie die Gattin irgendeines Unterpräfekten aus
+einem entlegenen Departement ist, die hier in Paris versuchen will,
+ihren Mann zum Präfekten zu machen?..."
+
+"O! er soll es werden!" rief lebhaft der Requêtenmeister aus.
+
+"Ich bezweifle," sagte der Oberst lachend, "denn sie scheint mir in der
+Intrige ebenso unbewandert, wie Du in der Diplomatie. Ich wette,
+Martial, daß Du nicht weißt, wie sie an ihre Stelle gekommen ist."
+
+Der Requêtenmeister blickte den Oberst auf seine Weise an, die
+ebensoviel Verachtung als Neugierde verriet.
+
+"Nun," fuhr der Oberst fort, "das arme Kind wird ohne Zweifel pünktlich
+neun Uhr gekommen sein. Vielleicht ist sie die Erste gewesen ...
+Wahrscheinlich wird sie die Gräfin von Gondreville in große
+Verlegenheit versetzt haben, da diese nicht zwei Gedanken
+zusammenreimen kann; verstoßen von der Hausfrau, wird sie dann durch
+jede Neuangekommene von Stuhl zu Stuhl weiter gedrängt worden sein, bis
+in das helle Dunkel jenes kleinen Winkels, wo sie nun als Opfer ihrer
+Demut eingeschlossen ist, und als Opfer der Eifersucht jener Damen,
+deren eifrigstes Bestreben es gewesen ist, eine so gefährliche und
+reizende Gestalt in den Hintergrund zu versetzen. Sie wird keinen
+Freund gehabt haben, der sie ermutigt hätte, den Platz zu verteidigen,
+den sie dem ersten Plane gemäß eingenommen haben muß, und jede von
+diesen treulosen Tänzerinnen hat gewiß unter Androhung der
+schrecklichsten Strafe allen ihren Anhängern verboten, unsere schöne
+Freundin aufzufordern. Sieh nur, mein Lieber, diese zärtlichen und
+offenen Augen haben gewiß eine allgemeine Verschwörung gegen die
+Unbekannte veranlaßt!... Diese Verschwörung wird zustande gekommen
+sein, ohne daß eine einzige dieser Damen ein Wörtchen gesagt hätte,
+als: 'Meine Liebe, kennen Sie diese kleine blaue Dame?'--Höre, Martial,
+willst Du binnen einer Viertelstunde von mehr schmeichelhaften Blicken
+beglückt werden, als Du vielleicht in Deinem ganzen Leben einernten
+kannst, so tue, als wolltest Du den dreifachen Wall durchdringen, der
+unsere Andromeda umschließt.... Du wirst sehen, wie auch die Dümmste
+von diesen schönen Göttinnen sofort eine List erfindet, die fähig wäre,
+den Mann einzuhalten, der sich am entschiedensten zeigte, um die
+klagende Unbekannte in das Licht zu ziehen, denn Du wirst gestehen, daß
+sie ganz aussieht wie eine Elegie."
+
+"Sie glauben also, Oberst, daß es eine verheiratete Frau ist?"
+
+"Nun, vielleicht ist sie Witwe."
+
+"Dann wäre sie nicht so traurig!" sagte der Requêtenmeister lachend.
+
+"Vielleicht ist sie Witwe, obgleich ihr Mann noch lebt!" versetzte der
+Oberst.
+
+"In der Tat gibt es unter den Damen viele solcher Witwen seit dem
+Frieden ..." antwortete Martial. "Aber, Oberst, wir täuschen uns beide.
+Es liegt zu viel Unschuld in diesen Augen, als daß es eine Frau sein
+sollte. Es liegt noch zu viel Jugend und Frische auf der Stirn und auf
+den Schläfen! Welch kräftige Töne des Fleisches! Nichts ist an Lippen
+und Kinn verwelkt. Alles ist noch frisch wie die Knospe einer weißen
+Rose, aber auch alles durch Wolken der Trauer verhüllt. Die Dame
+weint...."
+
+"Wie?..." sagte der Oberst.
+
+"Es kommt mir wenigstens so vor; aber sie weint nicht deshalb, weil sie
+ohne zu tanzen da sitzt," versetzte Martial, "Ihr Kummer rührt nicht
+von heute her, und man sieht, daß sie sich absichtlich so schön gemacht
+hat. Ich möchte wetten, daß sie schon liebt." "Bah! Sie ist vielleicht
+die Tochter irgendeines kleinen Fürsten aus Deutschland!" sagte der
+Oberst.
+
+"Ach! wie unglücklich ist doch ein armes Mädchen, das allein und
+vergessen dasteht!" versetzte Martial. "Kann man eine größere Anmut
+entfalten, als unsere kleine Unbekannte? Sie ist reizend!... Und nicht
+eine von den höfischen und häßlichen Megären, die sie umgeben, und die
+so empfindsam scheinen möchten, richtet ein Wörtchen an sie!... Spräche
+sie, so würden wir wenigstens ihre Zähne sehen!..."
+
+"O! Du wirst sauer, wie die Milch bei der geringsten
+Temperaturveränderung," sagte der Oberst sanft, aber doch etwas
+geärgert, einen Nebenbuhler in seinem Freunde zu erkennen.
+
+"Wie!" sagte der Requêtenmeister, ohne die Bemerkung des Obersten zu
+hören und richtete sein Lorgnon auf alle Personen, die in seiner Nähe
+standen; "wie, ist denn niemand hier, der uns diese liebliche Blume
+nennen könnte, die erst jetzt ganz neu in diesen Garten verpflanzt
+ist?..."
+
+"Nun, es ist vielleicht ein Gesellschaftsfräulein...!" sagte der
+Oberst.
+
+"Herrlich! Ein Gesellschaftsfräulein mit Saphiren, deren sich eine
+Königin nicht zu schämen brauchte!... Das machen Sie andern weis, Sie
+werden wohl nicht stärker in der Diplomatie sein als ich, wenn Sie eine
+deutsche Prinzessin für ein Gesellschaftsfräulein halten."
+
+Der Oberst, der weniger gesprächig, dafür aber neugieriger war, ergriff
+einen kleinen rundlichen Mann beim Arm, dessen graue Haare und
+geistreiche Augen man in jedem Augenblicke in einem anderen Teile des
+Salons erblickte. Dieses wundersam behende Männchen mischte sich in
+alle Gruppen und wurde überall mit einer gewissen Achtung aufgenommen.
+
+"Gondreville, mein lieber Freund," sagte der Soldat zu ihm, "wer ist
+das allerliebste kleine Weibchen dort hinter Deinem gewaltigen
+vergoldeten Kandelaber?"
+
+"Der Kandelaber?... Er ist von Ravrio, mein Lieber, und Isabey hat die
+Zeichnung dazu geliefert...."
+
+"O, ich habe Deinen Geschmack schon anerkannt, und mich an dem
+prachtvollen Kandelaber erfreut; ich meine aber die Dame, die Dame...."
+
+"Ach so, die kenne ich nicht!... Es ist ohne Zweifel eine Freundin
+meiner Frau."
+
+"Oder Deine Geliebte, alter Spitzbube!..."
+
+"Nein, auf Ehre nicht. Allein nur die Gräfin von Gondreville kann Leute
+einladen, die niemand kennt."
+
+Der kleine dicke Mann sprach diese Bemerkung mit einiger Bitterkeit aus
+und entfernte sich dann; aber auf seinen Lippen schwebte doch ein
+Lächeln innerer Zufriedenheit, die durch die Vermutung des Obersten
+hervorgerufen war. Dieser trat nun wieder zu dem Requêtenmeister, der
+sich indes einer benachbarten Gruppe angeschlossen hatte, um
+Erkundigungen über die Unbekannte einzuziehen. Der Oberst nahm den
+Requêtenmeister beim Arm und flüsterte ihm ins Ohr: "Mein lieber
+Martial, nimm Dich in acht. Frau von Vaudremont blickt Dich seit
+einigen Minuten mit einer verzweifelten Aufmerksamkeit an. Sie ist
+fähig, schon an der Bewegung Deiner Lippen zu erkennen, was Du mir
+sagst. Unsere Blicke sind überdies bereits zu bezeichnend gewesen. Sie
+hat dieselben bemerkt und ist ihrer Richtung gefolgt. Wenn ich nicht
+irre, so zerbricht sie sich in diesem Augenblick den Kopf mehr über
+unsere Dame, als wir selbst es tun."
+
+"Das ist eine alte Kriegslist! Was kümmert mich das übrigens. Ich mache
+es wie der Kaiser: wenn ich Eroberungen mache, so behaupte ich
+dieselben auch." "Martial, Deine Eitelkeit verdient eine Lehre. Wie,
+Schurke, Du hast das Glück, mit Frau von Vaudremont verlobt zu sein,
+mit einer Witwe von zweiundzwanzig Jahren, die jährlich zweitausend
+doppelte Napoleons zu verzehren und Dir Diamanten von dreitausend Taler
+Wert an die Finger gesteckt hat ... und Du willst dennoch den Lovelac
+spielen, als wärst Du ein Oberst, der nächstens die Garnison
+vertauschen wird?... Pfui!... Bedenke doch wenigstens, was Du verlieren
+kannst!..."
+
+"Dann werde ich wenigstens meine Freiheit nicht verlieren," versetzte
+Martial mit einem erzwungenen Lächeln. Er warf einen leidenschaftlichen
+Blick auf Frau von Vaudremont, die nur mit einem unruhigen Lächeln
+antwortete, denn sie hatte gesehen, wie der Oberst die Hand des
+Requêtenmeisters ergriff, um den kostbaren Ring zu betrachten, den sie
+diesem geschenkt hatte.
+
+"Höre, Martial!" versetzte der Oberst. "Wenn Du noch länger um meine
+junge Unbekannte herumflatterst, so unternehme ich die Eroberung der
+Frau von Vaudremont."
+
+"Das ist Ihnen erlaubt, reizender Kürassier, allein Sie werden den
+Platz nicht einnehmen."
+
+"Bedenke, daß ich Junggeselle bin," sagte der Oberst, "daß mein Degen
+mein einziges Vermögen ist und Du mich durch eine solche Antwort
+durchaus herausfordern mußt."
+
+"Brrr." Diese scherzhafte Häufung von Konsonanten war die einzige
+Antwort auf die Drohung des Obersten, den sein Freund vom Kopf bis zu
+den Füßen maß, bevor er ihn verließ. Der Oberst war ein Mann von etwa
+fünfunddreißig Jahren und trug nach der Mode jener Zeit kurze
+Beinkleider von weißem Kaschmir und seidene Strümpfe, die die seltene
+Vollendung seiner Formen verrieten. Er hatte jenen hohen Wuchs, der die
+Kürassiere der kaiserlichen Garde auszeichnete. Seine Uniform erhöhte
+noch die Anmut seines Körpers, der durch den Dienst zu Pferde nicht
+entstellt war, sondern vielmehr die nötige Fülle erlangt hatte, die für
+seine körperlichen Verhältnisse paßte. Ein schwarzer Schnauzbart
+vollendete den aufrichtigen Ausdruck seines nicht militärischen
+Antlitzes, dessen Stirn breit und offen war. Unter der Adlernase
+zeigten sich die purpurroten Lippen seines Mundes. In dem Benehmen des
+Obersten lag ein gewisser Adel, den er der Gewohnheit des Befehlens
+verdankte, und der sehr wohl einer Frau gefallen konnte, die keinen
+Sklaven aus ihrem Manne zu machen wünschte. Der Oberst lächelte, indem
+er dem Requêtenmeister, der einer seiner besten Freunde vom Kollegium
+her war, nachblickte und sah, wie wenig gut dieser gewachsen war.
+
+Der Baron Martial de la Roche-Hugon war ein junger Provençale von etwa
+dreißig Jahren, den Napoleon damals mit außerordentlichen Gunstbeweisen
+auszeichnete. Martial schien zu irgendeinem wichtigen Gesandtschafts-
+posten bestimmt. Er besaß in hohem Grade den Geist der Intrige, jene
+Beredsamkeit des Salons und jene Gewandtheit des Benehmens, die so
+leicht die weniger glänzenden Eigenschäften eines soliden Mannes
+ersetzten. Die lebhaften Züge seines Gesichts, dessen Hautfarbe unter
+den dichten Locken eines Waldes von schwarzen Haaren noch weißer erschien,
+als sie wirklich war, verrieten viel Geist und Anmut.--Die beiden Freunde
+waren gezwungen, sich zu trennen, indem sie sich herzlich die Hände
+drückten, denn die Töne des Orchesters gaben den Damen das Zeichen, daß
+die Quadrillen des vierten Contretanzes gebildet werden sollten, und alle
+Männer mußten sich daher aus dem weiten Raume entfernen, den sie bisher
+in der Mitte des Salons
+eingenommen hatten.
+
+Die flüchtige Unterhaltung der Freunde war während der Ruhepause
+geführt worden, die stets die Contretänze trennt, und zwar vor einem
+Kamin von weißem Marmor, einer prachtvollen Zierde des größten der drei
+Salons im Hotel Gondreville. Die meisten Fragen und Antworten dieser
+Plauderei hatten die beiden Sprechenden einander ins Ohr geflüstert.
+Allein die Girandolen und Leuchter, mit denen der Kamin
+verschwenderisch geschmückt war, ergossen so reichliche Ströme von
+Licht über den Oberst und den Requêtenmeister, daß ihre zu lebhaft
+erleuchteten Gesichter trotz einer diplomatischen Selbstbeherrschung
+den Ausdruck der Gefühle den schlauen Augen der Frau von Vaudremont und
+den aufrichtigen Blicken der jungen Unbekannten nicht zu verhehlen
+vermochten. Bei Leuten, die gern die Gefühle anderer entdecken, bildet
+es eines der größten Vergnügen, beim Besuch von Gesellschaften die
+Gedanken auszukundschaften, und sie gelangen dadurch oft zu köstlichen
+Genüssen, während andere sich langweilen, ohne daß sie es wagen, ihre
+Langeweile zu gestehen. Um das geheime Interesse zu begreifen, das in
+der Unterhaltung liegt, mit der diese Erzählung beginnt, müssen wir
+notwendig ein Ereignis kennen lernen, das ein fast unbedeutendes
+scheinen könnte, das aber dennoch durch unsichtbare Bande die Personen
+dieses kleinen Dramas vereinigte, obgleich sie in den Salons zerstreut
+waren, die von dem Geräusch des glänzenden Festes widerhallten.
+
+Dieses Ereignis hatte sich einige Minuten früher zugetragen, als der
+Oberst und Baron Martial miteinander sprachen. Etwa um elf Uhr abends,
+als die Tänzerinnen ihre Plätze einnahmen, sah die glänzende
+Versammlung im Hotel Gondreville die schönste Frau von Paris
+erscheinen, die Königin der Mode, die einzige, die noch bei der
+Versammlung gefehlt hatte. Sie hatte es sich zum Gesetz gemacht, nie
+eher zu erscheinen, als in dem Augenblick, wo sich die Salons in
+festlicher Erregung befanden, in jenem anmutigen Tumult, währenddessen
+es den Damen nicht möglich ist, ihre Aufmerksamkeit lange auf die
+Frische der verschiedenen Gesichter oder auf die Schönheit der
+Toiletten zu richten. Dieser flüchtige Augenblick ist gleichsam der
+Frühling eines Balles, eine Stunde später ist die Freude vergangen, die
+Ermattung tritt ein, und alles welkt. Frau von Vaudremont verfiel daher
+niemals in den großen Fehler, so lange auf einem Ball zu bleiben, bis
+die Blumen sich neigten, die Locken schlaff wurden, der Spitzenbesatz
+zerknittert war und das Antlitz jenen Ausdruck annahm, der die Folge
+einer durchschwärmten Nacht ist und nie verborgen bleibt. Sie hütete
+sich wohl, den Fehler ihrer Nebenbuhlerinnen zu begehen und das
+Ablassen ihrer Schönheit bemerken zu lassen. Sie wußte dagegen
+geschickt ihren Ruf als die koketteste Dame zu behaupten, indem sie
+sich stets ebenso glänzend von einem Ball zurückzog, als sie dort
+erschienen war. Die Damen flüsterten einander mit einem gewissen Neide
+zu, daß sie ebenso oft ihren Schmuck wechsle, als sie einen neuen Ball
+besuche. Diesmal stand es aber der Frau von Vaudremont nicht frei, sich
+nach ihrem Belieben von dem Ball wieder zu entfernen, auf dem sie als
+Siegesgöttin erschienen war. Einen Augenblick blieb sie an der Schwelle
+der Tür stehen, um beobachtende, aber flüchtige Blicke auf die ganze
+Damenwelt zu werfen, die Kostüme zu mustern und sich zu überzeugen, daß
+sie durch ihren Schmuck alle übrigen verdunkeln würde. Die berühmte und
+hübsche Kokette hatte sich dann der Bewunderung aller Anwesenden
+dargestellt, indem sie von einem der tapferen Obersten der großen Armee
+geführt wurde, der damals Liebling des Kaisers und überdies jung und
+schön war. Er hieß Graf von Soulanges. Die zufällige und vorübergehende
+Vereinigung dieser beiden Personen bot ohne Zweifel etwas Rätselhaftes
+dar; denn als der Diener an der Tür Herrn von Soulanges und Gräfin von
+Vaudremont anmeldete, erhoben sich einige Damen, die etwas zu weit
+abseits saßen, um neugierige Blicke auf die Eintretenden zu werfen.
+Auch einige Herren eilten aus den anstoßenden Salons vorbei und
+drängten sich an die Türen des Hauptsaales. Einer von jenen Witzbolden,
+an denen es bei so großen Gesellschaften nie fehlt, bemerkte, als er
+die Gräfin mit ihrem Kavalier eintreten sah, daß die Damen mit ebenso
+großer Neugierde auf einen seiner Geliebten ergebenen Mann schauten,
+wie die Männer ein schwer zu fesselndes hübsches Weib betrachteten.
+
+Graf von Soulanges war ein junger Mann von etwa zweiunddreißig Jahren;
+er schien haltlos, war aber nervig. Seine hageren Formen und sein
+blasser Teint nahmen wenig zu seinen Gunsten ein. Obgleich seine
+schwarzen Augen eine sehr große Lebhaftigkeit besaßen, war er doch
+schweigsam. Indes galt er für einen sehr verführerischen Mann, und man
+gestand ihm große Beredsamkeit in Verbindung mit vielen Fähigkeiten zu.
+
+Die Gräfin von Vaudremont war eine ziemlich große Erscheinung von
+angenehmer Körperfülle, blendend weißer Haut, trug ihr kleines
+anmutiges Köpfchen sehr schön und besaß den gewaltigen Vorteil, durch
+die Anmut ihres Benehmens Liebe einflößen zu können. Man empfand stets
+eine neue Freude, wenn man sie anblicken oder mit ihr sprechen konnte.
+Sie war eine von jenen Frauen, die alle Verheißungen erfüllen, welche
+ihre Schönheit gewährt.
+
+Dieses rätselhafte und glänzende Paar, das für einige Augenblicke
+Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden war, erlaubte der
+Neugierde nicht lange, sich mit ihm zu beschäftigen, denn der Oberst
+und die Dame schienen vollkommen zu begreifen, daß der Zufall sie in
+eine schwierige Lage gebracht habe. Als der Baron Martial die Gräfin
+und ihren Kavalier miteinander vorwärts schreiten sah, mischte er sich
+in eine Gruppe von Männern, die den Kamin umstanden, und beobachtete
+zwischen den Köpfen hindurch, die gleichsam einen Wall um ihn bildeten,
+Frau von Vaudremont mit der ganzen eifersüchtigen Aufmerksamkeit, die
+das erste Feuer der Leidenschaft erregt. Eine innere Stimme schien ihm
+zu sagen, daß der Erfolg, auf den er stolz gewesen sei, noch immer
+nicht als ein ganz gewisser betrachtet werden könne. Allein das Lächeln
+kalter Höflichkeit, mit dem die Gräfin Herrn von Soulanges dankte, und
+die Verneigung, mit der sie ihn verabschiedete, als sie sich zu Frau
+von Gondreville setzte, entspannte die Muskeln wieder, die die
+Eifersucht auf dem jugendlichen Antlitz des Requêtenmeisters krampfhaft
+zusammengezogen hatte.
+
+Als indes der eifersüchtige Provençale bemerkte, daß Herr von Soulanges
+zwei Schritte von dem Sofa stehen blieb, in dem Frau von Vaudremont
+Platz genommen hatte, ohne auf den Blick zu achten, durch den die junge
+Kokette ihrem getäuschten Liebhaber zu sagen schien, daß sie beide eine
+lächerliche Rolle spielten, da zog er von neuem die schwarzen Brauen
+zusammen, die seine blauen Augen beschatteten, fuhr, um sich Haltung zu
+geben, mit den Fingern durch die Locken seiner braunen Haare und
+beobachtete das Benehmen der Gräfin und des Herrn von Soulanges, ohne
+die Aufregung zu verraten, die sein Herz heftiger schlagen ließ. Der
+Requêtenmeister schien mit seinen Nachbarn zu plaudern, aber das Feuer
+einer heftigen Leidenschaft entflammte sein unruhiges Auge. Nun trat
+der Oberst zu ihm und reichte ihm die Hand, um seine Bekanntschaft zu
+erneuern, worauf er die kriegerische Odyssee seines Freundes anhörte,
+ohne sie zu hören, denn er blickte stets nur auf Herrn von Soulanges.
+
+Dieser überschaute mit ruhigen Blicken die vierfache Reihe von Damen,
+die den gewaltigen Salon des Senators einrahmte. Er schien jene
+Einfassung von Diamanten, von Rubinen, von goldenen Ähren und reizenden
+Köpfen zu bewundern, deren Glanz fast die Helligkeit der Kerzen, das
+Kristall der Kronleuchter, die silberne Stickerei der Tapeten und die
+Vergoldung der Bronzen überstrahlte. Die sorglose Ruhe seines
+Nebenbuhlers brachte den Requêtenmeister außer Fassung, und unfähig,
+länger die aufwallende und geheime Ungeduld zu beherrschen, die sich
+seiner bemächtigte, trat er auf Frau von Vaudremont zu, um sie zu
+begrüßen. Als der Provençale erschien, richtete Herr von Soulanges
+einen finsteren Blick auf ihn und wandte dann ungeduldig den Kopf.
+
+Ein ernstes Schweigen herrschte in dem Salon. Die Neugierde war auf den
+höchsten Gipfel gestiegen. Die emporgereckten Köpfe zeigten die
+wunderlichsten Mienen, und jeder befürchtete oder erwartete einen von
+jenen Auftritten, vor denen sich jedoch wohlerzogene Leute stets zu
+hüten wissen. Plötzlich wurde das bleiche Antlitz des Grafen so rot,
+wie der Scharlach seiner Aufschläge, und seine Blicke senkten sich auf
+den Fußboden, damit sie den Gegenstand seiner Unruhe nicht erraten
+ließen. Gleichsam durch einen Zufall hatte er die Unbekannte erblickt,
+die bescheiden am Fuße des Kandelabers saß. Ein finsterer Gedanke
+bemächtigte sich seiner, und er ging mit trauriger Miene an dem
+Requêtenmeister vorüber, um sich in einen der Spielsalons zu flüchten.
+Der Baron Martial sowie die übrigen Versammelten glaubten, daß
+Soulanges ihm das Feld räume, um die Lächerlichkeit zu vermeiden, die
+sich entthronte Liebhaber stets zuziehen; nun erhob er stolz das Haupt,
+blickte ebenfalls nach dem köstlichen Kandelaber und bemerkte die
+Unbekannte. Er setzte sich mit gefälligem Anstände neben Frau von
+Vaudremont, hörte aber so zerstreut auf die Worte, die die Kokette
+hinter dem Fächer ihm zuflüsterte, daß er sie fast gar nicht verstand.
+
+"Martial, Sie werden mir die Freude machen, den Diamant heute abend
+nicht zu tragen, den ich Ihnen geschenkt habe. Ich habe meine Gründe
+und werde sie Ihnen erklären, wenn wir uns entfernen; denn Sie werden
+mir bald den Arm reichen, um mich zur Fürstin von Wagram zu begleiten."
+
+"Warum hatten Sie den Arm jenes häßlichen Obersten angenommen?" fragte
+der Baron.
+
+"Ich bin ihm in der Vorhalle begegnet ..." anwortete sie; "aber nun
+verlassen Sie mich, man sieht zu uns herüber...."
+
+"Ich bin stolz darauf!..." sagte Martial, erhob sich aber dennoch und
+ging. Nun trat er zu dem Kürassier-Oberst, und jetzt wurde die kleine
+blaue Dame das gemeinschaftliche Band der Unruhe, die sich zu gleicher
+Zeit, aber auf andere Art, der Gedanken des schönen Kürassier-Obersten
+bemächtigt hatte, wie auch des betrübten Herzens des Grafen von
+Soulanges und des flatterhaften Sinnes des Barons Martial und der
+Gräfin von Vaudremont.
+
+Als sich die beiden Freunde nach den herausfordernden Schlußworten
+ihrer langen Unterhaltung trennten, trat der junge Requêtenmeister auf
+die schöne Frau von Vaudremont zu und wußte ihr einen Platz in der
+Mitte der glänzendsten Quadrille zu verschaffen. Begünstigt durch jene
+Art von Rausch, in die eine Frau fast immer versetzt wird, und durch
+das Schauspiel eines Balles, bei dem die Männer wenigstens ebenso
+geschmückt sind wie die Damen, glaubte Martial ungestraft dem Anreiz
+nachgeben zu können, der seine Blicke stets wieder zu jenem Winkel
+hinzog, in dem die Unbekannte gleichsam wie eine Gefangene saß. Es
+gelang ihm, der lebhaften Gräfin den ersten und den zweiten Blick zu
+entziehen, den er auf die blaue Dame warf, endlich aber wurde er auf
+der Tat ertappt. Er wollte sich mit Zerstreuung entschuldigen,
+rechtfertigte aber dadurch das ungeziemende Schweigen nicht, mit dem er
+auf die meistverführerische aller Fragen antwortete, die eine Frau
+aussprechen kann. Je nachdenkender er wurde, desto gereizter zeigte
+sich die Gräfin.
+
+Während Martial nur widerwillig tanzte, ging der Oberst bei den Gruppen
+der Zuschauer umher, um Erkundigungen über die junge Unbekannte
+einzuziehen. Nachdem er die Gefälligkeit aller Anwesenden, selbst der
+Gleichgültigen, gemißbraucht hatte, wollte er einen Augenblick
+benützen, in dem die Gräfin von Gondreville frei schien, um sie selbst
+nach dem Namen der rätselhaften Dame zu fragen, als er eine leichte
+Lücke zwischen der Säule des Kandelabers und den Divans, die zu beiden
+Seiten standen, bemerkte.
+
+Der unerschrockene Kürassier benutzte den Augenblick, währenddessen der
+Contretanz einen großen Teil der Stühle leer ließ, die eine dreifache
+Festungslinie bildeten, welche jetzt nur noch von Müttern und Frauen
+eines gewissen Alters verteidigt wurde, und er wagte durch diese mit
+farbigen Schals und gestickten Taschentüchern bedeckten Palisaden
+durchzudringen.
+
+Er begrüßte einige Witwen, und von Dame zu Dame, von Höflichkeit zu
+Höflichkeit, gelangte er endlich zu dem Platz der Unbekannten, den er
+erspäht hatte. Auf die Gefahr hin, an den Klauen und Chimären des
+gewaltigen Leuchters hängen zu bleiben, errang er sich eine Stelle
+unter den Flammen der Wachskerzen, während ihn Martial mit großer
+Unzufriedenheit anblickte. Der Oberst war zu gewandt, als daß er ohne
+weiteres die kleine blaue Dame hätte anreden sollen, die zu seiner
+Rechten saß; dagegen wandte er sich zunächst an eine ziemlich häßliche,
+links von ihm sitzende Dame und sagte zu ihr: "Das ist ein herrlicher
+Ball, meine Dame! Welche Pracht, welches Leben! Auf Ehre, es sind hier
+nur schöne Damen versammelt. Warum tanzen Sie aber nicht?... Sie haben
+gewiß recht boshafte Körbe ausgeteilt."
+
+Die geschmacklose Unterhaltung, in die sich der Oberst einließ, hatte
+nur den Zweck, seine Nachbarin zur Rechten in ein Gespräch, zu ziehen.
+Sie blieb aber stumm und in Gedanken versunken und schenkte ihm nicht
+die geringste Aufmerksamkeit. Der Offizier wurde von einem sonderbaren
+Staunen ergriffen, als er die Unbekannte wie in einer vollkommenen
+Erstarrung sah. Er bemerkte sogar Tränen in dem blauen Kristall ihrer
+Augen, und sein Staunen kannte keine Grenzen mehr, als er bemerkte, daß
+die Aufmerksamkeit der betrübten jungen Dame nur durch Frau von
+Vaudremont gefesselt wurde.
+
+"Madame ist ohne Zweifel verheiratet?" fragte er endlich.
+
+"Ja, mein Herr."
+
+"Ihr Herr Gemahl ist ohne Zweifel ebenfalls hier anwesend?"
+
+"Ja, mein Herr."
+
+"Und warum bleiben Sie so an Ihrem Platz? Etwa aus Koketterie?..."
+
+Die Unbekannte lächelte traurig.
+
+"Geben Sie mir die Ehre, bei dem nächsten Contretanz meine Tänzerin zu
+sein! Ich werde Sie gewiß nicht an diesen Platz zurückführen; ich sehe
+neben dem Kamin eine leere Gondole, und dort sollen Sie für den Rest
+des Abends ihren Sitz haben. Während so viele Damen hier zu glänzen
+suchen und die Narrheit des Tages ihre Krönung feiert, begreife ich Sie
+nicht, warum Sie sich weigern wollten, die Königin des Balles zu
+werden, wozu Ihnen Ihre Schönheit die gerechtesten Ansprüche bietet."
+
+"Mein Herr, ich werde nie tanzen." Die sanfte, aber kurze Betonung der
+lakonischen Antworten, die die Unbekannte gab, war so entmutigend, daß
+sich der Oberst gezwungen sah, den Platz zu verlassen. Martial hatte
+während des Tanzens nicht nur die letzte Bitte des Obersten erraten,
+sondern auch die abschlägige Antwort, die er erhielt, weshalb er
+lächelte und sein Kinn streichelte, indem er dabei den Diamant an
+seinem Finger erglänzen ließ.
+
+"Worüber lachen Sie?" fragte ihn die Gräfin.
+
+"Über den Mißerfolg des armen Obersten. Er hat einen Holzweg
+betreten...."
+
+"Ich hatte Sie gebeten, den Diamant abzunehmen," bemerkte darauf die
+Gräfin.
+
+"Ich habe es nicht gehört."
+
+"Sie hören aber heute abend auch gar nichts, Herr Baron!..." antwortete
+Frau von Vaudremont sehr gereizt.
+
+"Sehen Sie den jungen Mann dort, der einen sehr schönen Diamanten am
+Finger trägt," sagte in diesem Augenblicke die Unbekannte zu dem
+Obersten, der sich eben entfernen wollte. "Es ist ein prachtvoller
+Diamant," antwortete dieser. "Der junge Mann ist der Baron Martial de
+la Roche-Hugon, einer meiner vertrautesten Freunde."
+
+"Ich danke Ihnen, daß Sie mir diesen Namen genannt haben," versetzte
+die Unbekannte. "Er scheint mir sehr liebenswürdig!..." fuhr sie fort.
+
+"Ja, allein er ist ein wenig leichtsinnig."
+
+"Man könnte glauben, daß er mit der Gräfin von Vaudremont sehr vertraut
+sei!..." versetzte die junge Dame und sah den Obersten fragend an.
+
+"Er wird sich mit ihr verheiraten." Die Unbekannte erbleichte. "Zum
+Teufel!" dachte der Krieger, "sie liebt diesen verdammten Martial!"
+
+"Ich glaubte, Frau von Vaudremont stehe seit längerer Zeit in einem
+Verhältnis mit Herrn von Soulanges?..." versetzte die junge Dame, indem
+sie sich von einem inneren Leiden erholte, das für einen Augenblick den
+übernatürlichen Glanz ihres Antlitzes aufgehoben hatte.
+
+"Seit acht Tagen täuscht ihn die Gräfin," antwortete der Oberst. "Sie
+müssen aber den armen Soulanges gesehen haben, als er eintrat.... Er
+versucht noch, den Glauben an sein Unglück von sich fernzuhalten...."
+
+"Ich habe ihn gesehen," sagte die Dame in einem vielsagenden Tone. Dann
+fuhr sie fort: "Mein Herr, ich danke Ihnen für Ihre Mitteilung!" Die
+Betonung dieser Worte galt einer Verabschiedung gleich.--In diesem
+Augenblick ging der Contretanz seinem Ende entgegen, und der aus dem
+Felde geschlagene Oberst hatte kaum noch Zeit, sich aus den
+Festungslinien der Damen zurückzuziehen, indem er sich gewissermaßen
+zum Trost sagte: "Sie ist verheiratet!..."
+
+"Nun, mutiger Kürassier!" sagte der Baron, indem er den Obersten mit
+sich in eine Fensternische zog, um die reine Luft des Gartens
+einzuatmen. "Wie weit sind Sie gekommen?"
+
+"Sie ist verheiratet, mein Lieber."
+
+"Was schadet das?"
+
+"Ha, der Teufel, ich halte auf die guten Sitten!..." antwortete der
+Oberst. "Ich will mich nur noch an solche Damen wenden, die ich
+heiraten kann.... Überdies, Martial, hat sie mir deutlich erklärt, daß
+sie nicht tanzen wolle."
+
+"Oberst, verwetten Sie Ihren Apfelschimmel gegen hundert Napoleons, daß
+sie heute abend noch mit mir tanzt?"
+
+"Abgemacht ..." sagte der Oberst und reichte dem Gecken die Hand.
+"Unterdes werde ich zu Soulanges gehen, der vielleicht diese Dame
+kennt.... Es schien mir, als wäre sie hinsichtlich mancher Dinge unter
+richtet."
+
+"Mein Tapferer, Sie haben verloren!" sagte Martial lachend; "meine
+Augen sind eben mit den ihrigen zusammengetroffen und--ich verstehe
+mich darauf.... Aber, Oberst, Sie werden doch nicht böse werden, wenn
+sie mit mir tanzt, nachdem Sie einen Korb empfangen haben?"
+
+"Nein, nein; der lacht am besten, der am längsten lacht!... Übrigens,
+Martial, bin ich ein guter Spieler und ein guter Feind, weshalb ich
+Dich darauf aufmerksam mache, daß sie Diamanten liebt."
+
+Nach diesem Gespräch trennten sich die beiden Freunde abermals. Der
+Oberst begab sich zum Spielsalon und bemerkte den Grafen von Soulanges
+an einem Bouillottetische.
+
+Obgleich zwischen den beiden Obersten nur jene Freundschaft des
+äußerlichen Umgangs bestand, wie sie durch die Gefahren des Krieges und
+die Pflichten eines gleichen Dienstes herbeigeführt wird, schmerzte es
+den Kürassier-Oberst dennoch, den Grafen von Soulanges, den er als
+einen klugen jungen Mann kannte, bei einem Spiel zu finden, das ihn
+zugrunde richten konnte. Die Haufen von Gold und Banknoten, die auf dem
+unglückseligen grünen Tisch lagen, bezeugten die Wut des Spiels. Ein
+Kreis schweigender Männer umstand die ernsten Spieler, die beim
+Bouillotte saßen. Einige Worte wurden hier und da laut, wenn man aber
+die unbeweglichen Spieler sah, so hätte man glauben sollen, daß sie nur
+mit den Augen sich unterhielten. Als der Oberst, der durch die
+bleifarbene Blässe des Herrn von Soulanges erschreckt wurde, sich
+diesem näherte, war der Graf eben gewinnender Teil. Der österreichische
+Gesandte und ein berühmter Bankier erhoben sich, nachdem sie bedeutende
+Summen verloren hatten. Der Graf von Soulanges wurde noch finsterer,
+als er es vorher gewesen war, während er eine ungeheuere Menge Gold und
+Banknoten einstrich. Er zählte seinen Gewinn nicht einmal. Ein bitterer
+Spott zeigte sich auf seinen Lippen. Er schien das Glück und das Leben
+zu bedrohen, anstatt ihnen zu danken, wie so viele andere getan haben
+würden.
+
+"Mut," sagte der Oberst zu ihm; "Mut, Soulanges!" Dann glaubte er ihm
+einen wahren Dienst zu leisten, indem er ihn vom Spiel wegführte und
+sagte: "Kommen Sie, ich habe Ihnen eine angenehme Neuigkeit
+mitzuteilen, aber nur unter einer Bedingung."
+
+"Und die ist?" fragte Soulanges.
+
+"Daß Sie mir auf die Frage antworten, die ich an Sie richten werde."
+
+Der Graf von Soulanges erhob sich rasch. Er schob seinen ganzen Gewinn
+höchst sorglos in sein Taschentuch, das er auf krampfhafte Weise
+zusammenzog. Sein Gesicht zeigte einen so verzweifelten Ausdruck, daß
+keiner seiner Mitspieler eine Äußerung der Mißbilligung über die
+abgebrochene Partie zu tun wagte, und die Züge der übrigen schienen
+sich sogar noch zu erheitern, als seine finsteren und unwilligen Blicke
+aus dem Kreis verschwanden, den eine Bouillote-Lampe um den Tisch
+beschrieb. Ein Diplomat, der bisher unter den Zuschauenden gestanden
+hatte, sagte indes, als er den Platz einnahm, den der Oberst verlassen
+hatte: "Diese verteufelten Soldaten verstehen sich doch untereinander,
+wie die Weißkäufer auf einem Jahrmarkt!" Ein einziges bleiches und
+verlebtes Gesicht wandte sich gegen den neuen Teilnehmer am Spiel,
+indem es ihm einen Blick zuwarf, der erglänzte und erlosch, wie das
+Feuer eines Diamanten, den man spielen läßt. Dieses Gesicht war das des
+Fürsten von Bénévent.
+
+"Mein Lieber!" sagte der Oberst zu Soulanges, den er mit sich in eine
+Ecke gezogen hatte, "heute Morgen hat der Kaiser mit großem Lobe von
+Ihnen gesprochen, und Ihre Beförderung in der Garde ist nicht mehr
+zweifelhaft. Der Herrscher hat ausgesprochen, daß diejenigen, die
+während des Feldzuges in Paris zurückgeblieben wären, nicht als in
+Ungnade gefallen angesehen werden dürften.... Nun...?"
+
+Der Graf von Soulanges schien nichts von diesen Worten verstanden zu
+haben.
+
+"Nun hoffe ich," versetzte der Oberst, "daß Sie mir sagen werden, ob
+Sie die kleine allerliebste Person kennen, die am Fuße des Kandelabers
+sitzt."
+
+Bei diesen Worten leuchtete aus den Augen des Grafen ein ungewöhnliches
+Feuer. Er ergriff mit außerordentlicher Heftigkeit die Hand des
+Obersten und sagte mit einer offenbar erregten Stimme zu ihm: "Mein
+tapferer Kamerad, wenn Sie es nicht wären ... wenn ein Anderer diese
+Frage an mich richtete ... so würde ich ihm mit diesem Haufen Goldes
+den Schädel zerschmettern.... Verlassen Sie mich, ich bitte Sie
+darum.... Ich möchte mir lieber heute Abend eine Kugel durch das Hirn
+jagen, als.... Ich hasse alles, was ich sehe ... daher will ich auch
+sogleich fort; denn diese Freude, diese Musik, diese lachenden
+Schafgesichter sind mir grauenhaft."
+
+"Mein armer Freund..." sagte der Oberst mit sanfter Stimme und drückte
+freundschaftlich die Hand des Grafen, "Sie sind so aufgeregt... Was
+würden Sie sagen, wenn ich Ihnen mitteilte, daß Martial jetzt noch so
+wenig an Frau von Vaudremont denkt, daß er sich vielmehr in jene kleine
+Dame verliebt hat?"
+
+"Wenn er mit ihr spricht," sagte Soulanges, indem er vor Wut seine
+Worte stotternd vorbrachte, "so werde ich ihn zusammenklappen wie eine
+Brieftasche, und verkröche er sich unter dem Rock des Kaisers...."
+
+Bei diesen Worten sank der Graf halb ohnmächtig in den Armstuhl, zu dem
+ihn der Oberst geführt hatte. Dieser zog sich langsam zurück, nachdem
+er bemerkt hatte, daß Herr von Soulanges von einem zu heftigen Zorn
+ergriffen sei, als daß ihn die Scherze oder die Sorgfalt einer
+oberflächlichen Freundschaft zu beruhigen vermöchten. Als sich der
+schöne Kürassier in den großen Tanzsaal begab, war Frau von Vaudremont
+die erste, auf die seine Blicke fielen. Er gewahrte in ihren gewöhnlich
+so ruhigen Zügen einige Spuren einer schlecht verhehlten Aufregung. Der
+Oberst bemerkte einen leeren Stuhl neben ihr und eilte zu ihr hin.
+
+"Ich möchte wetten, daß Sie sehr aufgeregt sind," sagte er.
+
+"O, es ist eine Kleinigkeit, Oberst. Ich wollte mich eigentlich schon
+von hier entfernt haben, denn ich habe versprochen, auf dem Ball der
+Großherzogin von Berg zu erscheinen, und vorher muß ich noch einen
+Besuch bei der Fürstin von Wagram machen. Herr de la Roche-Hugon weiß
+es, aber er belustigt sich damit, noch immer mit den alten Witwen von
+früheren Zeiten zu schwatzen."
+
+"Das ist nicht die Ursache Ihrer Unruhe.... Ich wette hundert
+Louisdors, daß Sie hier bleiben."
+
+"Sie Unverschämter!..."
+
+"Also habe ich die Wahrheit gesagt."
+
+"Bösewicht!" versetzte die schöne Gräfin und schlug mit ihrem Fächer
+auf die Finger des Oberst.
+
+"Nun, woran dachte ich denn?... Ich bin fähig, Sie zu belohnen, wenn
+Sie die Wahrheit erraten."
+
+"Ich kann die Wette nicht eingehen, denn ich habe zu viele Vorteile."
+
+"Anmaßender!..."
+
+"Sie befürchten, Martial zu den Füßen einer Dame zu sehen...."
+
+"Welcher Dame?" fragte die Gräfin, indem sie sich überrascht stellte.
+
+"Der Dame, die neben dem Kandelaber sitzt ..." antwortete der Oberst
+und deutete nach der Ecke, in der die schöne Unbekannte saß, die keinen
+Blick von der Gräfin wandte.
+
+"Ja, Sie haben es erraten!" antwortete die Kokette und verbarg ihr
+Antlitz hinter ihrem Fächer, indem sie sich stellte, als spiele sie mit
+demselben. "Die alte Frau von Marigny, die, wie Sie wissen, boshaft ist
+wie ein alter Affe," fuhr sie fort, nachdem sie einen Augenblick
+geschwiegen hatte, "hat mir eben gesagt, daß Herr de la Roche-Hugon
+einige Gefahr laufen würde, wenn er der Unbekannten den Hof machen
+wollte, die sich, wie ein Störenfried, auf diesem Balle gezeigt hat.
+Ich möchte lieber den Tod sehen, als dieses Antlitz, das so grausam
+schön und zugleich so bleich, so unbeweglich ist, wie eine
+Geistererscheinung. Frau von Marigny," fuhr sie dann fort, "die auf den
+Bällen erscheint, um alles zu sehen, während sie zu schlafen scheint,
+hat mich ungemein beunruhigt. Gewiß, Martial soll mir den Possen, den
+er mir gespielt, teuer bezahlen. Ersuchen Sie ihn indes, Oberst, da er
+Ihr Freund ist, mir keinen Kummer zu machen."
+
+"Ich habe eben mit einem Manne gesprochen, der an nichts weniger denkt,
+als ihm eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wenn er mit der kleinen
+Dame spricht. Und jener Mann, meine Dame, hält sein Wort. Indes kenne
+ich Martial. Gefahren ermutigen ihn nur. Überdies haben wir eine Wette
+miteinander gemacht...." Diese Worte sprach der Oberst mit leiser
+Stimme.
+
+"Sollte es wahr sein?..." antwortete Frau von Vaudremont, während sie
+einen gefallsüchtigen Blick auf ihn richtete. "Würden Sie mir die Ehre
+erweisen, bei dem nächsten Contretanz mit mir anzutreten?..."
+
+"Nicht bei dem ersten, aber bei dem zweiten; jetzt will ich erst sehen,
+was aus dieser Intrige werden kann, und will wissen, wer die kleine
+blaue Dame ist. Sie sieht sehr geistreich aus."
+
+Der Oberst erriet, daß Frau von Vaudremont jetzt allein sein wollte,
+und entfernte sich, zufrieden, den beabsichtigten Angriff auf
+geschickte Weise begonnen zu haben.
+
+Es gibt bei allen Bällen Damen, die, ähnlich der Frau von Marigny, das
+Amt alter Seemänner übernehmen, die am Ufer des Meeres den Stürmen
+zuschauen, mit denen sich junge Matrosen herumschlagen. Frau von
+Marigny, die an den Personen dieses Auftritts Teil zu nehmen schien,
+vermochte nun in diesem Augenblick sehr leicht den grausamen Kampf zu
+erraten, der in dem Herzen der Gräfin vor sich ging. Vergebens fächerte
+sich die junge Kokette auf die anmutigste Art Kühlung zu, vergebens
+lächelte sie den jungen Leuten entgegen, von denen sie begrüßt wurde,
+und wandte alle weibliche List an, um ihre Aufregung zu verbergen, die
+alte Witwe, eine der klügsten Herzoginnen am Hofe Ludwigs XV., schien
+die Geheimnisse zu durchblicken, die sich hinter den Zügen der Gräfin
+bargen. Die alte Dame schien fast jene unmerklichen Bewegungen des
+Augensterns wahrzunehmen, die die Wallungen des Herzens verraten. Die
+leichtesten Falten, die die weiße und reine Stirn runzelten, das
+unmerkliche Zittern der Züge, das Spiel der anklägerischen Augenbrauen,
+die fast unsichtbare Bewegung der Lippen, dies alles wußte die alte
+Herzogin so gut zu lesen, wie die geschriebenen Worte eines Buches. Die
+Kokette außer Dienst saß in einem Armstuhl, den sie vollkommen
+ausfüllte, und plauderte mit einem Diplomaten, der sie aufgesucht
+hatte, weil sie in unvergleichlicher Weise Anekdoten vom alten Hofe
+erzählen konnte, aber sie beobachtete dabei mit ununterbrochener
+Aufmerksamkeit die junge Kokette, die ihr wie eine neue Auflage ihres
+eigenen Ichs vorkam. Sie fand sie ganz nach ihrem Geschmack, als sie
+sah, daß sie so gut ihren Kummer verberge und die Schmerzen ihres
+Herzens zu verhehlen wisse.
+
+Frau von Vaudremont fühlte sich in der Tat ebenso schmerzlich
+ergriffen, als sie sich heiter stellte. Sie hatte geglaubt, in Martial
+einen Mann von Talent anzutreffen, der ihr Leben durch die Genüsse des
+Hofes, nach denen sie sich sehnte, verschönern sollte. Sie erkannte in
+diesem Augenblick einen Irrtum, der ebenso grausam für ihren Ruf, wie
+für ihre Eigenliebe war. Es ging ihr, wie den übrigen Frauen jener
+Epoche, indem die plötzliche Regung der Leidenschaften die
+Lebhaftigkeit der Gefühle nur vermehren konnte. Die Herzen, die viel
+und schnell leben, dulden nicht weniger, als die, die sich in einer
+einzigen Leidenschaft verzehren. Mehr als ein Fächer verbarg damals
+kurze, aber schreckliche Qualen. Die Vorliebe der Gräfin für Martial
+war allerdings erst Tags zuvor entstanden, allein auch der
+unerfahrenste Chirurg weiß, daß die Abtrennung eines lebenden Gliedes
+weit schmerzhafter ist, als die eines abgestorbenen. Bei Frau von
+Vaudremonts Neigung zu Martial kamen die Aussichten auf die Zukunft
+hinzu, während ihre frühere Leidenschaft ohne Hoffnung war und durch
+die Gewissensbisse des Grafen von Soulanges vergiftet wurde.
+
+Die alte Herzogin wußte alles zu erraten und beeilte sich nun, den
+Gesandten zu entlassen, von dem sie belagert wurde, denn in Gegenwart
+entzweiter Geliebten und Liebhaber erbleicht jedes andere Interesse,
+selbst bei einer alten Frau. Frau von Marigny richtete daher, um den
+Kampf anzufachen, einen sardonischen Blick auf Frau von Vaudremont.
+Dieser schreckliche Blick ließ die junge Kokette befürchten, ihr Los
+möge in die Hände der Witwe geraten. Es gibt in der Tat Blicke, die ein
+Weib dem andern zuwirft, die gleichsam tragische Fackeln sind, welche
+den nächtlichen Ausgang eines Dramas beleuchten. Man müßte die
+Exherzogin genauer kennen, um den ganzen Schrecken zu würdigen, den das
+Spiel ihrer Physiognomie der Gräfin einflößte. Frau von Marigny war
+hoch gewachsen, und wenn man sie sah, so mußte man sagen: "Die Frau ist
+gewiß hübsch gewesen!" Sie verbarg die Runzeln ihrer Wangen durch eine
+so starke Auflage von Rot, daß sie fast gar nicht sichtbar wurden,
+allein ihre Augen empfingen keinen künstlichen Glanz durch dieses satte
+Karmin, sondern wurden dadurch nur noch düsterer. Sie trug eine Menge
+von Diamanten und kleidete sich mit hinreichendem Geschmack, um nicht
+lächerlich zu erscheinen. Ihr Mund war durch ein künstliches Gebiß
+verschönt und daher keineswegs eingefallen, sondern zeigte nur einen
+ironischen Zug, der ihr eine Ähnlichkeit mit Voltaire gab. Ihre spitze
+Nase deutete auf scharfen Witz, aber dennoch milderte die ausgesuchte
+Feinheit ihres Benehmens den Spott ihrer Einfälle so sehr, daß man sie
+nicht der Bosheit beschuldigen konnte.
+
+Ein triumphierender Blick belebte die beiden grauen Augen der alten
+Dame und schien den Salon zu durchfliegen, um das Rot der Hoffnung auf
+die bleichen Wangen der kleinen Dame zu ergießen, die zu den Füßen des
+Kandelabers seufzte. Diesen durchdringenden Blick begleitete ein
+Lächeln, das zu sagen schien: "Das hatte ich Ihnen bereits verheißen!"
+
+Diese unvorsichtige Enthüllung einer Verbindung, die zwischen Frau von
+Marigny und der Unbekannten bestand, vermochte dem geübten Auge der
+Gräfin von Voudremont nicht zu entgehen. Sie erblickte ein Geheimnis
+und wollte es durchdringen. Die Neugierde verringerte ihren
+vorübergehenden Schmerz.
+
+In diesem Augenblick hatte der Baron de la Roche-Hugon die ganze Reihe
+der alten Witwen durchgemacht, um den Namen der blauen Dame zu
+erfahren, aber gleich vielen Altertümlern hatte er sein ganzes Latein
+bei diesen unglücklichen Nachforschungen verloren. In seiner
+Verzweiflung hatte er sich sogar an die Gräfin von Gondreville gewandt;
+aber auch von ihr nur wenig befriedigende Antwort erhalten: "Es ist
+eine Dame, die mir von der ehemaligen Herzogin von Marigny vorgestellt
+wurde...."
+
+Nun wandte sich der Requêtenmeister schnell zu dem Armstuhle, den die
+alte Dame einnahm, und überraschte sie bei jenem Blick des
+Einverständnisses, der mit der Unbekannten gewechselt wurde. Die
+Färbung, die sich über die Wangen der einsamen Dame ergoß, verlieh ihr
+einen solchen Glanz, daß der Requêtenmeister, bewegt durch den Anblick
+einer so mächtigen Schönheit, zu Frau von Marigny zu treten beschloß,
+obgleich er seit einiger Zeit ziemlich schlecht mit ihr gestanden
+hatte. Als die Herzogin den Baron um ihren Armstuhl herumschweifen sah,
+lächelte sie mit sardonischer Bosheit und blickte mit einer so
+triumphierenden Miene auf Frau von Voudremont, daß der Oberst darüber
+lächelte. "Sie nimmt eine freundliche Miene an, die alte Zigeunerin,"
+dachte er, "sie wird mir ohne Zweifel einen bösen Streich spielen
+wollen." "Meine Dame," sagte er, "wie man mir gesagt hat, sind Sie
+beauftragt, über einen köstlichen Schatz zu wachen."
+
+"Sehen Sie mich für einen schwarzen Hund mit glühenden Augen an?"
+fragte die alte Dame und ergötzte sich für einen Augenblick an der
+Verlegenheit des jungen Mannes. "Aber von welchem Schatze sprechen
+Sie?" fuhr sie dann mit einer süßen Stimme fort, durch die Martial neue
+Hoffnung erhielt.
+
+"Von der kleinen unbekannten Dame, die durch den Neid der koketten
+Damen in jene Ecke verdrängt ist ... Sie sind ohne Zweifel mit ihr
+bekannt?...."
+
+"Ja," sagte die Herzogin und lächelte wieder boshaft. "Warum tanzt sie
+nicht? Sie ist so schön! Wollen Sie, daß wir Friede miteinander
+schließen? Wenn Sie mich über das belehren wollen, was ich gern
+erfahren möchte, so gebe ich Ihnen mein Ehrenwort darauf, daß Ihr
+Gesuch um Zurückgabe der Waldungen von Marigny bei dem Kaiser kräftig
+unterstützt werden soll."
+
+"Herr Baron," antwortete die alte Dame mit einem trügerischen Ernst,
+"fuhren Sie mir die Gräfin von Vaudremont zu. Ich verspreche Ihnen, daß
+ich ihr das ganze Geheimnis enthüllen will, das unsere Unbekannte so
+anziehend macht. Alle Männer, die auf dem Ball anwesend sind, scheinen
+ebenso neugierig geworden zu sein, wie Sie. Aller Augen richten sich
+unwillkürlich nach jenem Kandelaber, neben dem das arme Kind so
+bescheiden sitzt. Sie erntet alle Huldigungen, die man ihr hat
+entreißen wollen. Der muß glücklich sein, der mit ihr tanzen wird!..."
+Bei diesen Worten unterbrach sie sich, indem sie einen Blick auf die
+Gräfin von Vaudremont richtete, der deutlich sagte: "Wir sprechen von
+Ihnen." Dann fuhr sie fort: "Ich denke, daß Sie den Namen der
+Unbekannten lieber aus dem Munde der schönen Gräfin hören werden, als
+aus dem meinigen." Die Haltung der Herzogin war so herausfordernd, daß
+Frau von Vaudremont sich erhob, zu ihr kam, sich auf den Stuhl setzte,
+den ihr Martial anbot, und dann, ohne auf ihn zu achten, lachend sagte:
+"Ich errate, meine Dame, daß Sie von mir sprechen, aber ich muß meine
+Schwäche anerkennen und gestehen, daß ich nicht erkenne, ob Sie Gutes
+oder Böses von mir reden."
+
+Frau von Marigny drückte mit ihrer trockenen und verschrumpften Hand
+die hübsche Hand der jungen Dame und antwortete mit leiser Stimme und
+im Tone des Mitleids: "Arme Kleine!"
+
+Die beiden Frauen blickten einander an. Frau von Vaudremont begriff,
+daß der Baron von Martial überflüssig sei und verabschiedete ihn mit
+einem gebieterischen Blick, der ihm sagte: "Verlassen Sie uns
+augenblicklich!"
+
+Den Requêtenmeister freute es wenig, die Gräfin von den Künsten der
+gefährlichen Sybille gefesselt zu sehen und richtete einen jener
+männlichen Blicke auf sie, die so viel Macht über ein liebendes Herz
+besitzen, aber auch einer Frau so lächerlich erscheinen, wenn sie kalt
+gegen den geworden sind, in den sie verliebt war.
+
+"Wollen Sie vielleicht dem Kaiser nachäffen?..." sagte Frau von
+Vaudremont und wandte ihren Kopf, um den Requêtenmeister spöttisch
+anzusehen.
+
+Er kannte die Welt zu gut, besaß zu viel Feinheit und guten Geschmack,
+als daß er sich einem Bruch mit der hübschen Kokette hätte aussetzen
+wollen; überdies rechnete er auf die Eifersucht, die er bei ihr
+erwecken wollte, als auf das beste Mittel, das Geheimnis ihrer
+plötzlichen Kälte zu entdecken. Er entfernte sich umso williger, als in
+diesem Augenblick ein neuer Contretanz alle Tänzerinnen in Bewegung
+setzte. Die heiteren Töne des Orchesters erklangen und man hätte die
+durcheinander wogende Menge mit einer Wolke tausendfarbiger
+Schmetterlinge vergleichen können, die sich bei dem harmonischen
+Konzert der Vögel eines Gebüschs über einer Waldwiese erheben.
+
+Der Baron schien den antretenden Quadrillen zu weichen und stützte sich
+auf den Marmor einer Konsole. Er kreuzte die Arme über der Brust und
+blieb einige Schritte vor den beiden Damen stehen, die sich heimlich
+miteinander unterhielten. Von Zeit zu Zeit folgte er den Blicken, die
+beide wiederholt auf die Unbekannte richteten, und der Baron befand
+sich in einer schrecklichen Unentschlossenheit, während er die Gräfin
+mit jener neuen Schönheit verglich, die noch mehr gehoben wurde durch
+das Geheimnis, das sie umgab. Er schwankte, ob er ein reicher Mann
+werden oder eine Laune befriedigen solle.
+
+Der Glanz der Lichter ließ so kräftig das schwermütige und düstere
+Antlitz unter seinen schwarzen Haaren hervorstechen, daß man ihn mit
+einem bösen Geist hätte vergleichen können, und mehr als ein
+fernstehender Beobachter mochte sich wohl sagen, "Der arme Teufel
+scheint auch nicht zu seiner Freude hier zu sein!"
+
+Die rechte Schulter leicht an die vergoldete Einfassung der Tür
+zwischen dem Spielzimmer und dem Tanzsaale gestützt, konnte der Oberst
+unbemerkt lachen. Er freute sich über den berauschenden Lärm des
+Balles. Er sah hundert hübsche Köpfe, die je nach den Launen des Tanzes
+hin und her schwebten. Er las in manchen Zügen, ebenso wie in denen der
+Gräfin und seines Freundes Martial, die Geheimnisse der Seelen. Dann
+wandte er sein Gesicht und verglich das düstere Aussehen des Grafen
+Soulanges, der noch immer in dem Armstuhle saß, wo er ihn verlassen
+hatte, mit den sanften und klagenden Zügen der unbekannten Dame, auf
+deren Antlitz abwechselnd die Freuden der Hoffnung und die Angst eines
+unwillkürliehen Schreckens erschienen. Der glückliche Kürassier hatte
+soviele Geheimnisse zu erraten, Reichtum von einer keimenden Liebe zu
+hoffen, die Lehren zu merken, die der gekränkte Ehrgeiz gibt, das
+Schauspiel einer heftigen Leidenschaft zu beobachten und das Lächeln
+von hundert hübschen Damen über Soulanges, Martial, die Gräfin oder die
+Unbekannte mit seinen Blicken zu erfassen, und er war daher so heiter,
+als sei er der König des Festes. Das lebhafte Bild gab ihm ein
+vollkommenes Gleichnis der Welt und des Lebens; aber er lachte, ohne
+daß er hinter das Wesen dieser Dinge zu kommen versucht hätte. Es war
+etwa Mitternacht, und die Unterhaltungen, das Spiel, der Tanz, die
+Selbstsucht, die Bosheit und die verschiedenartigsten Pläne, alles war
+auf jenem Siedepunkt angelangt, wo sich einem jungen Manne der Ruf
+entringt: "Es ist doch eine hübsche Sache um einen Ball!..."
+
+"Mein kleiner Engel," sagte Frau von Marigny zu der Gräfin, "ich bin
+weit älter, als ich scheine, denn ich zähle fünfundsechzig Jahre; ich
+habe fast ein Jahrhundert gelebt. Sie, meine Liebe, stehen jetzt in
+einem Alter, in dem ich tausend Fehler begangen habe, und da ich Sie
+jetzt bittere Qualen erdulden sah, so fiel es mir ein, Ihnen einige
+liebevolle Winke zu geben. Wer Fehler im zweiundzwanzigsten Jahre
+begeht, verdirbt sich dadurch seine Zukunft, zerreißt das Kleid, das er
+erst anziehen soll. Ach, meine Liebe, wir lernen erst zu spät uns des
+Gewandes zu bedienen, ohne es zu zerknittern.... Fahren Sie fort, mein
+schönes Kind, sich redliche Feinde zu machen und diejenigen als Freunde
+zu erwerben, die den Geist der Welt nicht besitzen, und Sie sollen
+sehen, was für ein angenehmes Leben Sie führen werden!"...
+
+"Ach, Herzogin, es macht uns recht viel Mühe, glücklich zu werden!
+Nicht wahr?" rief die Gräfin kindlich aus.
+
+"Meine Kleine, man muß es nur verstehen, in Ihrem Alter zwischen dem
+Vergnügen und dem Glück die Wahl treffen zu können. Hören Sie mich an!
+Sie wollen Martial heiraten. Er ist aber auf der einen Seite nicht dumm
+genug, um ein Ehemann zu werden, und auf der anderen Seite nicht gut
+genug, um sie glücklich zu machen. Er hat Schulden, meine Liebe!... Er
+ist ganz der Mann, der Ihr Vermögen verzehren könnte. Er ist ein
+Ränkeschmied, der sich ausgezeichnet in die Geschäfte einleben kann, er
+weiß angenehm zu plaudern, aber er besitzt zu viele Vorteile, als daß
+er ein wahres Verdienst haben wollte. Er wird nicht weit gehen.
+Überdies, sehen Sie ihn nur an!... Werfen Sie nur einen Blick auf
+ihn!... Liest man es nicht auf seiner Stirn, daß er in diesem
+Augenblick keineswegs das hübsche junge Weib sieht, sondern nur die
+Besitzerin von zwei Millionen?... Er liebt Sie nicht, meine Liebe; er
+berechnet Sie, als ob es sich um eine Multiplikation handelte. Wenn Sie
+sich verheiraten wollen, so nehmen Sie einen bejahrten Mann, der
+zugleich Ansehen genießt. Eine Witwe darf ihre Wiederverheiratung nicht
+zu einem Geschäft der Liebe machen. Fängt man je eine Maus zweimal in
+derselben Falle? Jetzt muß ein neuer Kontrakt eine Spekulation sein,
+und wenn Sie sich wieder verheiraten, so müssen Sie dabei wenigstens
+die Hoffnung haben, sich dereinst Frau Marschallin nennen zu hören!" In
+diesem Augenblick richteten sich die Augen der beiden Damen natürlich
+auf das hübsche Antlitz des Obersten. "Wollen Sie die schwierige Rolle
+einer Kokette spielen und sich nicht wieder verheiraten ..." fuhr die
+Herzogin gutmütig fort; "ach, meine arme Kleine, dann verstehen Sie
+besser als jede andere, die Wolken eines Ungewitters zu häufen und auch
+wieder zu zerstreuen.... Allein ich beschwöre Sie, machen Sie sich nie
+eine Freude daraus, den ehelichen Frieden zu stören, die Eintracht der
+Familien und das Glück der glücklichen Frauen zu vernichten. Ich habe
+diese gefährliche Rolle gespielt, meine Liebe ... und etwas zu spät
+habe ich erkennen gelernt, daß, wie jener Diplomat gesagt hat, ein
+Lachs besser ist als tausend Frösche! Ja, meine Liebe, um einen Triumph
+der Eigenliebe zu feiern, meuchelt man oft arme tugendhafte Geschöpfe;
+denn es gibt wirklich tugendhafte Frauen, meine Liebe. Lernen Sie
+einsehen, daß eine wabrhafte Liebe tausendmal mehr Genüsse gewährt, als
+die vergänglichen Leidenschaften, die man erregt. Gewiß, ich bin
+hierhergekommen, um Ihnen eine Predigt zu halten.... Ja, Sie, mein
+guter kleiner Engel, sind die Ursache, weshalb ich in diesem Salon
+erschienen bin, der nach Pöbel stinkt. Sieht man hier nicht sogar
+Schauspieler?... Man empfing diese Leute auch sonst, meine Liebe, aber
+in seinem Boudoir; in einem Salon jedoch, pfui!... Ja, ja, sehen Sie
+mich nicht so erstaunt an.--Hören Sie mich an! Wollen Sie über die
+Männer lachen," fuhr die alte Dame fort, "so begeistern Sie nur die
+Herzen derer, die keine feste Bestimmung haben, die keine Pflichten zu
+erfüllen haben.... Das ist eine Lehre, die ich meiner alten Erfahrung
+verdanke; nutzen Sie dieselbe. Dieser arme Soulanges zum Beispiel, dem
+Sie den Kopf verdreht haben, den Sie seit fünfzehn Monaten, Gott weiß
+wie, berauscht haben ... ihn haben Sie für sein ganzes Leben
+unglücklich gemacht. Er ist verheiratet. Er wird von einem kleinen
+Weibe angebetet, das er auch liebte, aber getäuscht hat. Soulanges
+leidet zuweilen an Gewissensbissen, die grausamer sind, als seine
+Freuden süß waren, und Sie, kleiner Schlaukopf, haben ihn getäuscht!
+Kommen Sie nun und sehen Sie Ihr Werk!" Die alte Herzogin faßte die
+Hand der Frau von Vaudremont, und beide erhoben sich.
+
+"Sehen Sie!" sagte Frau von Marigny zu ihr, indem sie mit den Augen auf
+die bleiche und zitternde Unbekannte zeigte. "Das ist meine Nichte, die
+Gräfin Soulanges!... Sie hat heute endlich meinen Bitten nachgegeben
+und ihr Schmerzenszimmer verlassen, in dem ihr der Anblick ihres Kindes
+nur einen sehr schwachen Trost gewährt.... Sehen Sie sie an.... Sie
+erscheint Ihnen reizend. Beurteilen Sie nun, was sie damals war, als
+Glück und Liebe noch ihren Glanz über dieses jetzt gewelkte Antlitz
+verbreiteten!"
+
+Die Gräfin wandte schweigend das Haupt und schien in ernstes Nachdenken
+versunken. Die Herzogin führte sie allmählich bis an die Tür des
+Spielzimmers, blickte hinein, als suche sie jemand, und sagte dann mit
+einer fast geisterhaften Stimme zu der jungen Kokette: "Und dort sehen
+Sie Soulanges!..."
+
+Die junge und glänzende Gräfin schauderte zusammen als sie in der am
+wenigsten erhellten Ecke des Spielzimmers ein bleiches und verzerrtes
+Antlitz erblickte. Herr von Soulanges hatte sich in den, Armstuhl
+zurückgelehnt. Die Erschlaffung seiner Glieder und die Bewegungslosigkeit
+seiner Stirn deuteten auf einen hohen Grad des Schmerzes. Er war allein.
+Die Spieler kamen und gingen an ihm vorüber, ohne ihm mehr Aufmerksamkeit
+zu widmen, als einem leblosen Wesen. Er war in der Tat mehr ein Schatten,
+als ein Mensch.
+
+Der Anblick der trauernden Gattin und des düstern und finstern Gatten,
+die inmitten dieses Festes von einander getrennt waren, wie die beiden
+Hälften eines durch den Blitz getroffenen Baumes, erfüllte die Gräfin
+mit großem Schrecken und böser Vorahnung. Sie fürchtete ein Bild dessen
+zu sehen, was die eigene Zukunft für sie aufbewahrte. Ihr Herz war noch
+nicht so weit verhärtet, daß ihm Empfindsamkeit, und Nachsicht gänzlich
+fremd geworden, und sie preßte die Hand der Herzogin, während sie ihr
+mit einem freundlichen Lächeln dankte, in dem eine gewisse kindliche
+Anmut lag.
+
+"Mein Kind," sagte ihr jetzt die alte Frau ins Ohr, "bedenken Sie
+fortan, daß wir es ebenso gut verstehen müssen, die Huldigungen der
+Männer von uns zu weisen, als sie zu erlangen...."--
+
+"Sie gehört Ihnen, wenn Sie kein Dummkopf sind!" Diese Worte flüsterte
+Frau von Marigny dem Obersten ins Ohr, während sich die schöne Gräfin
+ganz dem Mitleid hingab, das der Anblick des Herrn von Soulanges ihr
+einflößte. Sie liebte ihn noch aufrichtig genug, um ihn seinem Glücke
+wiedergeben zu wollen, und im Herzen versprach sie sich, die
+unwiderstehliche Macht anzuwenden, die ihre Verführungskünste noch auf
+ihn ausübten, um ihn in die Arme seiner Frau zurückzuführen. "O! die
+Strafreden, die ich ihm halten werde!..." sagte sie zu Frau von
+Marigny. "Sie werden das nicht tun, meine Schöne, wie ich hoffe!" sagte
+die Herzogin, während sie sich zu ihrem Armstuhl zurückbegab. "Wählen
+Sie sich dagegen einen braven Ehemann und verschließen Sie meinem
+Neffen die Tür. Vermeiden Sie, ihm in Gesellschaften zu begegnen, und
+wenn er von seiner Krankheit geheilt ist, so bieten Sie ihm Ihre
+Freundschaft.... Glauben Sie mir, mein Engel, eine Frau empfängt nie
+von einer anderen Frau das Herz ihres Mannes. Sie wird hundertmal
+glücklicher sein, wenn sie glauben kann, es durch sich selbst
+wiedererlangt zu haben, und ich glaube, meiner Nichte ein herrliches
+Mittel gewährt zu haben, durch das sie die Freundschaft ihres Mannes
+wiedererlangen kann, indem ich sie hierherführte.--Ich verlange keine
+andere Mithilfe von Ihnen, als daß Sie unsern schönen Kürassier-Oberst
+mit Neckereien der Liebe überhäufen." Bei diesen Worten zeigte sie auf
+den Freund des Requêtenmeisters, und die Gräfin lachte.
+
+"Nun, meine Dame, wissen Sie endlich den Namen der Unbekannten?" fragte
+der Baron auf etwas gereizte Art die Gräfin, als diese wieder allein
+war.
+
+"Ja," anwortete Frau von Vaudremont. Es lag dabei in ihren Zügen
+ebensoviel Schlauheit als Heiterkeit. Das Lächeln, das über ihre Lippen
+und ihre Wangen Leben verbreitete, der feuchte Glanz ihrer Augen war
+mit jenen Irrlichtern zu vergleichen, die den verspäteten Wanderer
+täuschen. Martial glaubte sich noch immer geliebt; er nahm jene kokette
+Haltung an, in der sich ein Mann so selbstgefällig in der Nähe der von
+ihm Geliebten wiegt, und sagte mit Geckenhaftigkeit: "Werden Sie mir
+nicht böse werden, wenn es scheint, als legte ich großen Wert darauf,
+den Namen der Unbekannten zu erfahren...."
+
+"Und werden Sie mir nicht böse werden," versetzte Frau von Vaudremont,
+"wenn ich Ihnen infolge einer letzten Spur von Liebe den Namen nicht
+sage und Ihnen zugleich verbiete, die geringste Annäherung an jene
+junge Dame zu wagen? Sie könnten vielleicht Ihr Leben aufs Spiel
+setzen."
+
+"Meine Dame, Ihre Liebe zu verlieren ist schmerzlicher, als das Leben
+zu verlieren...."
+
+"Martial!..." sagte die Gräfin ernst, "es ist Frau von Soulanges! Und
+ihr Mann würde Ihnen eine Kugel durch das Hirn jagen, wenn Sie ein
+solches haben, sobald Sie...."
+
+"Ach!" fiel ihr der Geck lachend in die Rede, "der Oberst läßt den in
+Frieden leben, der ihm Ihr Herz entrissen hat, und er sollte sich für
+seine Frau schlagen?... Welche Umkehrung der Grundsätze!... Ich bitte
+Sie, lassen Sie mich mit der kleinen Dame tanzen. Sie werden auf diese
+Weise am schnellsten den Beweis erhalten, wie wenig Liebe das eiskalte
+Herz besitzt, das Sie verabschiedet haben, denn wird der Oberst böse
+darüber, daß ich seine Gattin zum Tanzen veranlasse...."
+
+"Sie liebt aber ihren Mann...."
+
+"Das ist wieder ein Einwurf, der...."
+
+"Sie ist aber verheiratet...."
+
+"Köstliche Einwände in Ihrem Munde!"
+
+"Ach!" sagte die Gräfin mit einem bitteren Lächeln, "Ihr bestraft uns
+bitter für unsere Fehltritte und unsere Reue! Dann beklagt Ihr Euch
+noch über unsern Leichtsinn! So wirft der Herr seinen Sklaven die
+Sklaverei vor. Welche Ungerechtigkeit!" "Betrüben Sie sich nicht!"
+sagte Martial lebhaft. "Oh, ich bitte Sie darum, verzeihen Sie mir!
+Hören Sie! Ich denke nicht mehr an Frau von Soulanges."
+
+"Sie verdienten, daß ich Sie zu ihr schickte!"
+
+"Ich gehe schon...." sagte der Baron lachend; "allein ich werde
+verliebter in Sie zurückkehren, als ich es je gewesen bin, und Sie
+werden sehen, daß sich auch das hübscheste Weib von der Welt eines
+Herzens nicht bemächtigen kann, das Ihnen gehört."
+
+"Das heißt, Sie wollen das Pferd des Obersten gewinnen?"
+
+"Ha, der Verräter!" antwortete er lachend und drohte seinem lächelnden
+Freunde mit dem Finger.
+
+Nun näherte sich der Oberst, und der Baron trat ihm seinen Platz neben
+der Gräfin ab, zu der er noch spöttisch sagte: "Meine Dame, dieser Herr
+hat sich gerühmt daß er an einem Abend Ihre Liebe erwerben könne!"
+
+Er entfernte sich, während er sich freute, die Eigenliebe der Gräfin
+erweckt und dem Obersten ein Bein gestellt zu haben; ungeachtet seiner
+gewöhnlichen Schlauheit, hatte er doch nicht den ganzen Spott erraten,
+der in den Reden der Frau von Vaudremont lag; er hatte nicht einmal
+bemerkt, daß sie ebensoviele Schritte seinem Freunde entgegengetan
+habe, als dieser ihr entgegengegangen war.
+
+Als sich Martial dem glänzenden Kandelaber näherte, hinter dem die
+Gräfin von Soulanges saß, trat deren Gemahl mit wilden Blicken in die
+Tür des Salons und zeigte zwei Augen, in denen das Feuer der
+Leidenschaft flammte. Die alte Herzogin, die auf alles aufmerksam war,
+näherte sich ihrem Neffen mit der Lebendigkeit einer jungen Frau und
+bat ihn um seinen Arm und um seine Kutsche, um sich entfernen zu
+können, indem sie eine schreckliche Langeweile vorschützte und sich
+schmeichelte, auf solche Weise ein peinliches Aufsehen zu vermeiden.
+Bevor sie ging, gab sie noch ihrer Nichte ein Zeichen des
+Einverständnisses, indem sie zugleich auf den kühnen Kavalier deutete,
+der sich bereit machte, sie anzureden. Ihr strahlender Blick schien zu
+sagen: "Da ist er, räche Dich!"
+
+Frau von Vaudremont fing den Blick der Tante und den der Nichte auf.
+Ein plötzliches Licht fiel in ihr Herz, und die junge Kokette
+befürchtete, von der alten, in Ränken so erfahrenen Dame genarrt worden
+zu sein.
+
+"Diese treulose Herzogin," dachte sie, "wird es vielleicht ergötzlich
+gefunden haben, mir eine moralische Vorlesung zu halten und zugleich
+einen schlechten Streich nach ihrer Weise zu spielen." Bei diesem
+Gedanken wurde die Eigenliebe der Frau von Vaudremont vielleicht noch
+lebhafter ins Spiel gezogen, als ihre Neugierde, den Knäuel dieser
+Intrigen entwirrt zu sehen. Der innere Sturm, von dem sie ergriffen
+wurde, raubte ihr die Selbstbeherrschung. Der Oberst erklärte sich nun
+zu seinem Vorteil die Verlegenheit, die sich in den Reden und in der
+Haltung der Gräfin zeigte, und wurde deshalb noch glühender und
+drängender.
+
+Neue Geheimnisse, gleich anziehend wie die früheren, belebten nun diese
+bewegte Szene. Die Leidenschaften der beiden Paare, deren Abenteuer
+diese Erzählung wiedergibt, sprangen auf alle Teilnehmer des glänzenden
+Balles über und veranlaßten die verschiedensten Färbungen der
+Teilnahme.
+
+Die alten abgestumpften Diplomaten, denen es so viel Freude machte, das
+Spiel der Mienen zu beobachten und die angesponnenen Ränke zu erraten
+und zu verfolgen, hatten noch nie eine so reiche Ernte der Unterhaltung
+gefunden, dennoch ließ das Schauspiel so vieler, lebhafter
+Leidenschaften, ließen die Zänkereien der Liebe, diese süßen Äußerungen
+der Rache, diese grausamen Gunstbeweise, diese entflammten Blicke, ließ
+das ganze glühende Leben, das rund um sie her ergossen war, sie nur
+umso lebhafter ihre Ohnmacht erraten.
+
+Endlich war es dem Baron gelungen, in der Nähe der Gräfin von Soulanges
+einen Sitz zu finden. Seine Augen schweiften verstohlen über einen
+Hals, der frisch war wie der Tau, wohlduftend wie ein Blumenbeet. Er
+bewunderte in der Nähe die Schönheiten, die ihn schon aus der Ferne
+überrascht hatten, er konnte einen kleinen, schönbekleideten Fuß sehen,
+und eine geschmeidige anmutige Taille mit den Augen messen. Damals
+knüpften die Frauen die Gürtel ihrer Kleider dicht unter dem Busen, wie
+man es bei den griechischen Statuen erblickt! Diese Mode war grausam
+für jene Frauen, deren Wuchs irgendeinen Fehler hatte. Martial warf
+flüchtige Blicke auf den Busen und wurde entzückt durch die Vollendung
+der himmlischen Formen der Gräfin. Er war trunken vor Liebe und
+Hoffnung. "Sie haben heute abend noch nicht ein einziges Mal getanzt?"
+fragte er mit sanfter und schmeichelnder Stimme; "hoffentlich ist dies
+nicht die Schuld der Herren."--"Es ist nun bald zwei Jahre, daß ich
+mich nirgends gezeigt habe, und ich bin unbekannt in der Welt ..."
+antwortete Frau von Soulanges; denn sie hatte den Blick nicht
+begriffen, durch den ihre Tante sie aufforderte, sich gefällig gegen
+den Baron zu zeigen. Dieser ließ aus Gewohnheit den schönen Diamant
+spielen, der den Ringfinger seiner linken Hand schmückte. Das Feuer,
+das die geschliffenen Flächen des Steines ausstrahlten, schien ein
+plötzliches Licht in das Herz der jungen Gräfin zu werfen. Sie errötete
+und blickte den Baron mit einem unbeschreiblichen Ausdruck an.
+
+"Tanzen Sie gern?" fragte der Provençale, um es zu versuchen, die
+Unterhaltung wieder anzuknüpfen.
+
+"Sehr gern, mein Herr."
+
+Bei dieser Antwort trafen ihre Blicke einander; denn der junge Mann
+wurde von dem süßen und zum Herzen sprechenden Tone überrascht, der
+eine unbestimmte Hoffnung bei ihm erweckte, und hatte daher schnell die
+Augen der Gräfin geprüft.
+
+"Würden Sie es nicht als eine Verwegenheit von meiner Seite betrachten,
+wenn ich Sie bäte, bei dem nächsten Contretanz mit mir anzutreten?"
+
+Eine kindliche Verlegenheit rötete die bleichen Wangen der Gräfin, wie
+einige Tropfen eines roten Weines sich allmählich in einem Glase klaren
+Wassers verbreiten und dasselbe röten.
+
+"Aber, mein Herr ... ich habe bereits einem Tänzer eine abschlägige
+Antwort gegeben, einem Oberst...."
+
+"Vielleicht dem langen Kavallerie-Oberst dort?"
+
+"Ganz recht."
+
+"Der ist mein Freund, befürchten Sie nichts. Ich hoffe, Sie werden mir
+meine Bitte gewähren."
+
+"Ja, mein Herr...."
+
+Der zitternde Klang ihrer wohltönenden Stimme deutete auf eine so neue
+und tiefe Bewegung, daß selbst das abgestumpfte Herz Martials dadurch
+schwankend gemacht wurde. Er fühlte sich von der Blödigkeit eines
+Schulknaben ergriffen. Er verlor seine Sicherheit, und sein
+südländisches Blut geriet in Flammen. Er wollte sprechen, allein seine
+Ausdrücke erschienen ihm im Vergleich zu den geistreichen und feinen
+Antworten der Frau von Soulanges ohne Anmut. Es war ein Glück für ihn,
+daß der Contretanz begann, denn als er neben seiner schönen Tänzerin
+stand, fühlte er sich wieder erleichert. Es gibt viele Männer, für die
+der Tanz eine Art weltmännischer Gewandtheit ist, und die, indem sie
+die Anmut ihres Körpers zu entfalten suchen, stärker auf das Herz der
+weiblichen Welt einzuwirken glauben, als durch ihren Geist. Der
+Provençale wollte ohne Zweifel in diesem Augenblick alle seine
+Verführungskünste entfalten, wenn man dies aus der Sorgfalt schließen
+darf, die er auf alle seine Bewegungen verwandte. Aus Eitelkeit hatte
+er seine Eroberung zu der Quadrille geführt, zu der sich die
+glänzendsten Damen des Salons aufgestellt hatten, während sie eine
+besondere Wichtigkeit darauf legten, schöner zu tanzen, als die
+Tänzerinnen aller anderen Quadrillen.
+
+Während das Orchester das Vorspiel der ersten Figur beendete, empfand
+der Baron eine unglaubliche Befriedigung des Stolzes, als er bemerkte,
+daß Frau von Soulanges die schönste Tänzerin unter allen sei, die sich
+auf den Linien dieses glänzenden Vierecks aufgestellt hatten. Ihre
+Toilette überstrahlte selbst die der Frau von Vaudremont, die sich
+infolge eines vielleicht absichtlich gesuchten Zufalles mit dem
+Obersten dem Baron und der blauen Dame gegenüber gestellt hatte. Die
+Blicke aller Männer hafteten für einen Augenblick auf Frau von
+Soulanges, und ein schmeichelhaftes Gemurmel deutete darauf, daß alle
+Tänzer mit ihren Damen gegenwärtig von ihr sprachen. Blicke des Neides
+und der Bewunderung wurden mit einer solchen Lebhaftigkeit gegen die
+junge Dame abgeschossen, daß diese gleichsam beschämt wurde durch einen
+Triumph, dem sie sich gern entzogen hätte, bescheiden ihre Augen
+senkte, errötete und dadurch noch reizender wurde. Wenn sie ihre weißen
+Augenlieder aufschlug, so geschah es nur, um ihren Tänzer anzublicken,
+als hätte sie den Ruhm dieser Huldigungen auf ihn zurückzuführen und
+ihm sagen wollen, daß sie die seinigen allen anderen vorzöge. Sie legte
+Unschuld in ihre Koketterie oder schien sich vielmehr einem neuen
+Gefühl, einer kindlichen Bewunderung mit jener Aufrichtigkeit zu
+überlassen, die man nur in jugendlichen Herzen antrifft. Wenn sie
+tanzte, so konnten die Zuschauer leicht glauben, daß die
+Verschlingungen der launenhaften Pas, die sie auf eine reizende Weise
+ausführte, nur für Martial vollbracht wären, denn die luftige Sylphide
+wußte gleich der verständigen Kokette ihre Augen zu rechter Zeit gegen
+ihn zu erheben oder auch mit verstellter Bescheidenheit wieder zu
+senken.
+
+Als eine Bewegung des Tanzes Martial dem Obersten entgegenführte, sagte
+er lachend zu ihm: "Ich habe Dein Pferd gewinnen...."
+
+"Ja, aber Du hast achtzigtausend Livres Rente verloren," entgegnete ihm
+der Oberst und zeigte auf die strengen Blicke der Frau von Vaudremont.
+
+"Was kümmert mich das," antwortete Martial mit leichtem Trotz. "Frau
+von Soulanges ist Millionen wert!"
+
+Nach Schluß des Contretanzes wurde mehr als eine Bemerkung von den
+Zuschauern und Mittänzern den Nachbarn und Bekannten ins Ohr
+geflüstert. Die weniger hübschen Damen sprachen mit ihren Tänzern über
+die Moral und spielten dabei auf die keimende Zuneigung des Barons und
+der Gräfin von Soulanges an. Selbst die Schönsten wunderten sich über
+den Leichtsinn, mit dem dies Bündnis abgeschlossen war. Die Männer
+begriffen umsoweniger das Glück des kleinen Requêtenmeisters, da er gar
+nichts Verführerisches an sich zu haben schien. Einige nachsichtigere
+Damen sagten, daß man nicht so voreilig urteilen dürfe, und die Jugend
+sei sehr zu beklagen, wenn ein ausdrucksvoller Blick und ein anmutiger
+Tanz hinreichten, um so ernste Anklagen darauf zu stützen.
+
+Nur Martial kannte den Umfang seines Glückes. In der letzten Figur
+hatten die Damen der Quadrille die Windmühle zu bilden. Seine Finger
+drückten die der Gräfin, und er glaubte durch die feinen parfümierten
+Handschuhe hindurch zu fühlen, daß die Finger des jungen Weibes seinem
+verliebten Druck antworteten.
+
+"Meine Dame," sagte er in dem Augenblicke zu ihr, als der Contretanz
+endete, "kehren Sie nicht in jene abscheuliche Ecke zurück, in der Sie
+bis jetzt Ihre Schönheit und Ihren Schmuck verborgen haben. Die
+Bewunderung ist der einzige Zoll den Sie durch Ihre Diamanten erreichen
+können, die Ihren weißen Hals und Ihre so schön geflochtenen Haare
+schmücken. Machen Sie mit mir eine kleine Runde durch die Salons und
+genießen Sie einen Anblick des ganzen Festes."
+
+Frau von Soulanges folgte dem geschickten Verführer, der dachte, daß
+sie ihm umso sicherer angehören würde, wenn es ihm gelänge, sie vor der
+Welt bloßzustellen. Sie machten nun eine angenehme Wanderung zwischen
+den Gruppen hindurch, die die prachtvollen Salons des Hotels erfüllten.
+Die Gräfin von Soulanges blieb furchtsam einen Augenblick an der Tür
+eines jeden Salons stehen und trat nicht eher ein, bis sie einen
+durchdringenden Blick nach allen Männern geworfen hatte. Diese
+Besorgnis erfüllte den Requêtenmeister mit noch größerer Freude, denn
+er sah, daß sie sich nicht eher beruhigte, bis er gesagt hatte:
+"Ermutigen Sie sich, er ist nicht da."
+
+So gelangten sie bis in eine Gemäldegalerie von ungemeinem Umfange, die
+in einem Flügel des Hotels lag, und wo man sich zum Voraus des
+großartigsten Anblicks eines Imbißes erfreute, der für dreihundert
+Personen aufgetragen war. Der Requêtenmeister erriet, daß das Mahl bald
+beginnen werde, und zog daher die Gräfin mit sich nach einem Boudoir,
+das er ausfindig gemacht hatte. Es war ein länglich-rundes Zimmer, das
+nach dem Garten ging. Die seltensten Blumen und Sträucher bildeten
+gewissermaßen ein Dickicht, durch dessen Blätter hindurch das Auge die
+glänzenden Tapeten erblickte. Das Geräusch des Festes erstarb hier wie
+das Geräusch der Welt in der Nähe eines heiligen Asyls. Die Gräfin
+zitterte beim Eintreten und weigerte sich hartnäckig, dem jungen Manne
+zu folgen; nachdem sie aber einen Blick in einen Spiegel geworfen und
+in demselben ohne Zweifel Verteidiger erblickt hatte, ließ sie sich
+anmutig auf eine wollüstige Ottomane nieder.
+
+"Was für ein köstliches Gemach," sagte sie und bewunderte eine
+himmelblaue Tapete, die durch Perlen gehoben wurde.
+
+"Hier atmet alles Liebe und Wollust ..." sagte Martial. Dann
+betrachtete er bei dem geheimnisvollen Halbdunkel, das in dieser süßen
+Einsamkeit herrschte, die Gräfin, und bemerkte in ihren stark erregten
+Zügen einen Ausdruck der Verwirrung, der Scham und der Sehnsucht, durch
+den er bezaubert wurde. Sie lächelte, und dieses Lächeln schien dem
+Kampfe aller Gefühle, die in ihrem Herzen miteinander rangen, ein Ende
+zu machen; der Baron war entzückt. Auf die verführerischste Weise der
+Welt ergriff sie die linke Hand ihres Anbeters und zog den Ring von
+seinem Finger, auf den sie bereits so feurige Blicke der Sehnsucht
+geworfen hatte.
+
+"Das ist ein recht schöner Diamant!..." sagte sie sanft und mit dem
+unschuldigen Ausdruck eines jungen Mädchens, das die ganze Macht seiner
+ersten Lockung fühlen läßt. Martial war durch die unwillkürliche, aber
+berauschende Berührung, die ihm von den Fingern der Gräfin beim
+Abziehen des Ringes zuteil geworden war, erregt und betrachtete ihn mit
+Blicken, die ebensosehr funkelten wie der Ring.
+
+"Behalten Sie ihn als Erinnerung an diese himmlische Stunde und aus
+Liebe für..."
+
+Er vermochte seine Worte nicht auszusprechen, denn der Ausdruck der
+Begeisterung, der in ihren Zügen lag, erregte ihn zu lebhaft. Er küßte
+ihre Hand.
+
+"Sie schenken ihn mir?..." fragte sie mit erstaunten Blicken.
+
+"Ich möchte Ihnen die ganze Welt darbringen können...."
+
+"Scherzen Sie nicht vielleicht?..." fragte sie dann abermals, und man
+erkannte in dem Ausdruck dieser Worte ihre lebhafte Freude.
+
+"Nehmen Sie meinen Diamanten nur an!"
+
+"Und Sie werden ihn nie von mir wieder verlangen?" fragte die Gräfin.
+
+"Nie!"
+
+Sie steckte den Ring an ihren Finger. Martial glaubte, daß nun nichts
+mehr an seinem Glück fehle und machte eine kühne Bewegung; allein die
+Gräfin erhob sich plötzlich und sagte mit einer hellen Stimme, die
+durchaus keine Erregung verriet: "Mein Herr, ich nehme diesen Diamanten
+mit umsoweniger Bedenken an, da er mir gehört."
+
+Der Requêtenmeister wußte nicht, was er sagen sollte, und blieb
+unbeweglich, mit weitgeöffnetem Munde sitzen.
+
+"Herr von Soulanges hat ihn vor sechs Monaten aus meinem Schmuckkasten
+genommen und dann vorgegeben, daß er ihn verloren habe."
+
+"Sie irren sich, meine Dame," sagte Martial in gereiztem Tone; "denn
+ich habe den Ring von Frau von Vaudremont."
+
+"Ganz recht!" erwiderte sie lächelnd, "mein Mann hat den Ring entführt,
+hat ihn ihr gegeben, und sie hat ihn wieder verschenkt. Gewiß, mein
+Herr, ich würde nie gewagt haben, ihn um denselben Preis
+wiederzuerwerben, um den ihn die Gräfin erworben hat, wenn er nicht mir
+gehörte.... Aber, sehen Sie hier," fuhr sie dann fort und ließ eine
+kleine Feder aufspringen, die unter dem Steine verborgen war, "hier
+befinden sich noch die Haare des Herrn von Soulanges."
+
+Sie brach in ein lautes und spöttisches Gelächter aus und eilte dann
+mit einer solchen Schnelligkeit in den Garten, daß jeder Versuch, sie
+wieder einzuholen, überflüssig erscheinen mußte. Überdies war Martial
+so niedergeschlagen, daß er keine Lust hatte, das Abenteuer
+fortzusetzen. In der Tat hatte das Lachen der Frau von Soulanges ein
+Echo in dem Boudoir gefunden, und der junge Geck bemerkte zwischen zwei
+Orangenbäumen den Obersten und Frau von Vaudremont, die ebenfalls
+herzlich lachten.
+
+"Willst Du mein Pferd haben, um dieser boshaften Person nachzusetzen?"
+fragte der Oberst.
+
+Der Baron stimmte in dies Lachen ein, denn es war offenbar das Klügste,
+was er tun konnte. Er erkaufte das vollkommene Schweigen der beiden
+Zeugen dieses Auftritts durch die Demut, mit der er die Scherze der
+künftigen Gattin des Obersten und des Obersten selbst ertrug, nachdem
+dieser an dem heutigen Abend sein Kampfroß gegen eine junge, reiche und
+hübsche Frau eingetauscht hatte.
+
+ * * * * *
+
+Die Gräfin von Soulanges erreichte es mit einiger Mühe, daß ihr Wagen
+vorfuhr, und kehrte nun, gegen zwei Uhr morgens, nach Hause zurück.
+Während sie von der Chaussée d'Antin nach der Vorstadt Saint-Germain
+fuhr, in der sie wohnte, wurde sie von einer lebhaften Unruhe
+ergriffen.
+
+Bevor sie das Hotel de Gondreville verließ, hatte sie nochmals die
+Salons durchsucht, ohne ihre Tante oder ihren Mann anzutreffen, deren
+Abfahrt ihr unbekannt geblieben war. Schreckliche Ahnungen quälten ihr
+edles Herz. Sie hatte die Leiden erkannt, die ihr Mann seit dem Tage
+fühlte, an dem ihn Frau von Voudremont an ihren Triumphwagen spannte,
+und hoffte vertrauensvoll, daß ihr die Reue bald ihren Mann wieder
+zuführen würde. Mit einem unglaublichen Widerstreben hatte sie daher in
+den Plan eingewilligt, den ihre Tante, Frau von Marigny, entworfen, und
+befürchtete jetzt, einen Fehler begangen zu haben.
+
+Der Besuch des Balles hatte ihr aufrichtiges Herz betrübt. Erst war sie
+durch das leidende und finstere Aussehen des Grafen von Soulanges
+erschreckt worden, dann aber noch mehr durch die Schönheit ihrer
+Nebenbuhlerin. Zuletzt hatte noch die Verderbnis der Welt ihr Herz
+beengt. Während sie über den Pont-Royal fuhr, warf sie die entweihten
+Haare, die unter dem Diamant lagen und ihr ehedem als ein Unterpfand
+reiner Liebe waren dargebracht worden, weg. Sie weinte, indem sie sich
+der lebhaften Leiden entsann, deren Beute sie seit langer Zeit gewesen,
+und mehr als einmal seufzte sie, wenn sie daran dachte, daß Frauen, die
+den ehelichen Frieden erlangen wollen, ohne Klagen im Innersten ihres
+Herzens Qualen verschließen mußten, die so grausam waren wie die
+ihrigen.
+
+"Ach!" dachte sie, "wie mögen es die Frauen haben, die nicht lieben?
+Worin beruht die Quelle ihrer Gleichgültigkeit? Ich möchte meiner Tante
+nicht glauben, daß die Vernunft hinreicht, um sie bei einer solchen
+Ergebenheit zu erhalten." Sie seufzte nochmals, als ihr Jäger den
+eleganten Tritt niederschlug, von dem sie unter das Vordach ihres
+Hotels sprang. Hastig eilte sie die Treppe hinauf und trat in ihr
+Zimmer, zuckte aber vor Schrecken zusammen, als sie ihren Mann auf
+einem Stuhl neben dem Kamin sitzen sah. Er zeigte ihr ein erzürntes
+Antlitz. "Seit wann besuchen Sie die Bälle ohne mich, meine Liebe?...
+Ohne mich davon zu benachrichtigen?..." fragte er mit erregter Stimme.
+"Wissen Sie, daß eine Frau nie den gebührenden Platz findet, wenn sie
+ohne ihren Mann irgendwo erscheint?... Sie wurden außerordentlich
+zurückgesetzt, indem man Sie in jenen dunklen Winkel drängte!..."
+
+"O mein guter Leon," sagte sie in einem schmeichelnden Ton. "Ich
+vermochte dem Glück nicht zu widerstehen, Dich zu sehen, ohne daß Du
+mich sähest. Meine Tante hat mich auf den Ball geführt und ich war dort
+sehr glücklich!"
+
+Diese Worte verbannten plötzlich aus den Blicken des Grafen die
+erzwungene Strenge. Es war leicht zu erraten, daß er sich selbst die
+lebhaftesten Vorwürfe mache, daß er die Rückkehr seiner Frau gefürchtet
+habe und überzeugt sei, sie habe auf dem Balle sich von einer Untreue
+überzeugt, die er ihr hoffte verbergen zu können. Er folgte daher dem
+Gebrauch solcher Liebenden, die ihre Schuld erkennen, und versuchte den
+gerechten Zorn der Gräfin zu vermeiden, indem er sich erzürnt gegen sie
+stellte. Überrascht blickte er nun schweigend seine Gattin an. Sie
+schien ihm schöner als je, in dem glänzenden Schmuck, der in diesem
+Augenblick ihre Reize hob.
+
+Was dagegen die Gräfin betraf, so freute sie sich, ihren Mann lächeln
+zu sehen und ihn zu dieser nächtlichen Stunde in einem Zimmer zu
+finden, das er seit einiger Zeit weniger häufig besucht hatte. Sie
+errötete und richtete verstohlene Blicke auf ihn, in denen aber ein
+Reichtum der Liebe und Hoffnung lag. Soulanges wurde umso trunkener
+durch sein Glück und seine Liebe, da dieser Auftritt auf die Qualen
+folgte, die er während des Balles erlitten hatte, und ergriff die Hand
+seiner Frau, um sie dankbar zu küssen.
+
+"Hortense, was trägst Du denn an Deinem Finger, das mich so hart an die
+Lippen drückt?" fragte er lachend.
+
+"Es ist mein Diamant, den Du verloren zu haben glaubtest. Ich habe ihn
+heute Abend in einem Schubfach meiner Toilette wiedergefunden."
+
+Der Graf bewunderte eine so große Nachsicht, und am folgenden Morgen
+konnte Frau von Soulanges unter den wiedergefundenen Diamanten neue
+Haare legen, die nicht wieder weggeworfen wurden, wie die früheren.
+
+
+
+
+DER ARM
+
+
+In einer Gesellschaft erzählte einer der Anwesenden folgende
+Geschichte:
+
+Einige Zeit nach seinem Einzug in Madrid lud der Großherzog von Berg
+die vornehmsten Familien dieser Stadt zu einem Balle ein, den die
+französische Armee der neuerworbenen Hauptstadt gab. Ungeachtet des
+Galaglanzes waren die Spanier sehr ernst, ihre Frauen tanzten wenig,
+und der größte Teil der Geladenen setzte sich an die Spieltische. Die
+Gärten des Palastes waren glänzend genug erleuchtet, daß sich die Damen
+mit derselben Sicherheit in ihnen ergehen konnten, als wäre es heller
+Tag gewesen. Das Fest war kaiserlich schön. Nichts wurde aber auch
+gespart, um den Spaniern einen hohen Begriff von dem Kaiser zu geben,
+wenn es ihnen beliebte, von seinen Offizieren auf ihn zu urteilen. In
+einem Boskett nahe dem Palaste unterhielten sich zwischen ein und zwei
+Uhr morgens mehrere französische Krieger von den Wechselfällen des
+Krieges und von der Zukunft, die wenig erbaulich sein konnte, wenn man
+aus der Haltung der bei diesem Feste anwesenden Spanier einen Schluß
+ziehen durfte.
+
+"Meiner Treu," sagte der Ober-Chirurg des Armeekorps, bei dem ich
+Generalzahlmeister war, "gestern habe ich den Fürsten Murat förmlich um
+meine Zurückberufung gebeten. Ohne gerade zu fürchten, daß ich meine
+Gebeine auf der Halbinsel zurücklassen müsse, ziehe ich es doch vor,
+die Wunden zu verbinden, die unsere guten deutschen Nachbarn geschlagen
+haben; ihre Säbel dringen nicht so tief in den Leib, wie die
+kastilianischen Dolche. Dazu kommt noch, daß die Furcht vor Spanien bei
+mir gleichsam zu einem Aberglauben geworden ist. Seit meiner Kindheit
+habe ich spanische Bücher gelesen, einen Haufen düsterer
+Nachtgeschichten und tausend Erzählungen von diesem Lande, die mich
+lebhaft gegen seine Sitten eingenommen haben. Und was meint Ihr wohl!
+Schon in der kurzen Zeit unseres Hierseins bin ich, wenn nicht der
+Held, doch wenigstens der Mitschuldige einer gefährlichen Intrige
+geworden, die so schwarz und finster ist, wie nur ein Roman der Lady
+Redcliffe sein kann. Ich folge gern meinen Vorgefühlen, und schon
+morgen mache ich mich aus dem Staube. Murat wird mir gewiß meinen
+Abschied nicht verweigern, denn Dank den Diensten, die wir leisten,
+haben wir immer wirksame Fürsprecher."
+
+"Da Du Dich sobald davon machst, erzähle uns doch Dein Abenteuer,"
+forderte ihn ein Obrist auf, ein alter Republikaner, der sich um die
+schöne Sprache und Höflichkeiten der Kaiserzeit wenig kümmerte.
+
+Der Chirurg blickte sorgfältig um sich, als wolle er jeden prüfen, der
+in seiner Nähe stände, und erst, als er sicher war, kein Spanier sei in
+seiner Nachbarschaft, begann er: "Gern, Obrist Hulot, denn wir sind
+hier nur Franzosen. Es sind nun sechs Tage her, daß ich gegen elf Uhr
+abends vom General Montcornet kam und mich nach meiner Wohnung
+zurückbegab, die nur wenige Schritte von der Wohnung des Generals
+entfernt ist. Da warfen sich plötzlich an der Ecke einer kleinen Straße
+zwei Unbekannte oder vielmehr zwei Teufel über mich her und hüllten mir
+Kopf und Arme mit einem großen Mantel ein. Ihr könnt es mir glauben,
+daß ich schrie wie ein getretener Hund; aber das Tuch erstickte meine
+Stimme, und ich wurde mit einer außerordentlichen Gewandtheit in einen
+Wagen gehoben. Als mich meine Gefährten von dem Mantel wieder
+befreiten, richtete eine weibliche Stimme folgende Worte in schlechtem
+Französisch an mich:
+
+'Wenn Ihr um Hilfe ruft oder Miene macht, zu entfliehen, wenn Ihr Euch
+nur die geringste zweideutige Bewegung erlaubt, so ist der Herr, der
+Euch gegenübersitzt, imstande, Euch ohne Bedenken niederzustoßen.
+Haltet Euch also ruhig. Die Ursache Eurer Entführung sollt Ihr jetzt
+erfahren. Wollt Ihr Euch die Mühe geben, Eure Hände gegen mich
+auszustrekken, so werdet Ihr finden, daß Eure chirurgischen Instrumente
+zwischen uns beiden liegen, denn wir haben sie aus Eurer Wohnung holen
+lassen; sie werden Euch notwendig sein, denn wir führen Euch in ein
+Haus, wo Ihr die Ehre einer Dame retten sollt, die eben im Begriff ist,
+ein Kind zu gebären, das sie, ohne daß ihr Gemahl es weiß, diesem Euch
+gegenübersitzenden Edelmanne schenkt. Obgleich mein Herr seine Frau
+selten verläßt, da er noch immer leidenschaftlich in sie verliebt ist
+und sie mit der Aufmerksamkeit spanischer Eifersucht bewacht, so hat
+sie ihm dennoch ihre Schwangerschaft zu verbergen gewußt, und er hält
+sie für krank. Ihr sollt sie jetzt entbinden. Die Gefahren des
+Unternehmens gehen Euch nichts an, nur habt Ihr uns zu gehorchen, sonst
+würde der Geliebte, der, wie schon bemerkt, Euch gegenüber im Wagen
+sitzt und kein Wort Französisch versteht, Euch bei der geringsten
+Unbedachtsamkeit erdolchen.'
+
+'Und wer seid Ihr?' fragte ich, und suchte die Hand der Sprecherin,
+deren Arm in den Ärmel eines Mantels gehüllt war.
+
+'Ich bin die Kammerfrau meiner Herrin, ihre Vertraute, und bereit, Euch
+durch mich selbst zu belohnen, wenn Ihr uns in unserer mißlichen Lage
+unterstützen wollt.'
+
+'Gern,' antwortete ich, als ich mich mit Gewalt in ein gefährliches
+Abenteuer hineingezogen sah. Unter dem Schutze der Dunkelheit
+überzeugte ich mich, ob Gesicht und Umrisse dieses Mädchens im
+Einklange ständen mit der Vorstellung, die ihre Stimme bei mir gebildet
+hatte. Dieses gute Geschöpf hatte sich ohne Zweifel gleich im voraus
+allen Zufälligkeiten dieser sonderbaren Entführung geopfert, denn sie
+beobachtete das gefälligste Schweigen, und der Wagen war kaum zehn
+Minuten durch die Straßen von Madrid gerollt, als sie schon einen Kuß
+von mir erhielt und mir denselben freundlich wiedergab. Der Liebhaber,
+der mir gegenüber saß, schien sich nichts daraus zu machen, daß ich ihn
+gegen meinen Willen mit einigen Fußtritten bedachte. Ich glaube, er
+beachtete sie nicht, weil er kein Französisch verstand.
+
+'Nur unter einer Bedingung kann ich Eure Geliebte sein,' antwortete mir
+die Kammerfrau auf die Dummheiten, mit denen ich sie in der Hitze
+meiner improvisierten und auf Hindernisse aller Art stoßenden
+Leidenschaft unterhielt.
+
+'Und welches ist die Bedingung?'
+
+'Ihr dürft nie zu erfahren suchen, wem ich angehöre. Wenn ich zu Euch
+komme, so wird das Nachts geschehen, und Ihr werdet mich ohne Licht
+empfangen.'
+
+'Gut,' erwiderte ich.
+
+Unsere Unterhaltung war bis zu diesem Punkt gediehen, als der Wagen an
+der Mauer eines Gartens hielt.
+
+'Jetzt werde ich Euch die Augen verbinden,' sagte die Kammerfrau zu
+mir, 'und dann stützt Euch auf meinen Arm, damit ich Euch führen kann.'
+
+Sie schlang ein Taschentuch um meine Augen und band es fest an meinem
+Hinterhaupte zu. Ich hörte das Geräusch eines Schlüssels, der mit
+Vorsicht von dem schweigenden Geliebten, der mir gegenüber gesessen
+hatte, in das Schloß einer kleinen Pforte gesteckt wurde. Gleich darauf
+führte mich die Kammerfrau mit gebeugtem Körper durch die sandigen
+Gänge eines großen Gartens, bis zu einem gewissen Platz, wo sie stehen
+blieb. An dem Widerhall unserer Schritte bemerkte ich, daß wir vor
+einem Hause standen.
+
+'Jetzt still,' sagte sie mir ins Ohr, 'und wacht wohl über Euch selbst.
+Laßt kein einziges meiner Zeichen Euch entgehen; ich kann ohne Gefahr
+für uns beide nicht mehr zu Euch sprechen, und es handelt sich in
+diesem Augenblicke darum, Euer eigenes Leben zu retten.' Dann fuhr sie
+mit lauter Stimme fort: 'Meine Frau ist in einem Zimmer im Erdgeschoß;
+um in dieses zu gelangen, müssen wir durch das Zimmer ihres Gatten und
+an seinem Bette vorüber; hustet nicht, geht leise und folgt genau
+meinen Schritten, damit Ihr nirgends anstoßt, noch mit dem Fuße von dem
+Teppich tretet, den ich auf den Boden gelegt habe.' Der Liebhaber
+murrte, wie ein Mann, der unwillig über zu langes Zögern ist. Die
+Kammerfrau schwieg, ich hörte eine Tür öffnen und fühlte die warme Luft
+eines Zimmers; wir schlichen mit Wolfsschritten, wie Diebe bei einem
+Einbruch. Endlich nahm mir die sanfte Hand des Mädchens meine Binde ab.
+Ich befand mich in einem großen und hohen Zimmer, das von einer
+dampfenden Lampe schlecht erleuchtet wurde. Das Fenster war offen, aber
+durch den eifersüchtigen Edelmann mit starken Eisenstäben versehen. Ich
+stak in diesem Zimmer wie in einem Sacke. Auf der Erde, auf einer
+Decke, lag eine Frau, deren Haupt mit einem Schleier von Musselin
+bedeckt war; aber durch diesen Schleier leuchteten mit dem Glanze
+zweier Sterne ihre tränenvollen Augen, vor den Mund drückte sie mit
+Kraft ein Taschentuch und biß so fest darauf, daß ihre Zähne
+hineindrangen; nie hatte ich einen so schönen Körper gesehen, aber
+dieser Körper krümmte sich unter den Schmerzen, wie eine ins Feuer
+geworfene Harfensaite. Die Unglückliche hatte zwei Bogen aus ihren
+Beinen gemacht und stützte sich gegen eine Art Kommode, mit ihren
+Händen hielt sie sich an zwei Stuhlbeinen, und alle Adern ihrer Arme
+waren schrecklich angeschwollen. So glich sie einem Verbrecher, der auf
+einer Folterbank gemartert wird. Übrigens ließ sie keinen Schrei hören,
+und das dumpfe Krachen ihrer Knochen war das einzige Geräusch, das die
+Stille unterbrach. Wir drei standen stumm und unbeweglich. Das
+Schnarchen des Ehemannes verhallte in tröstender Regelmäßigkeit. Ich
+wollte die Kammerfrau anblicken, aber sie hatte die Maske wieder
+vorgelegt, die sie ohne Zweifel auf dem Wege abgenommen gehabt hatte,
+und sah weiter nichts als zwei schwarze Augen und liebliche Umrisse.
+Der Liebhaber warf sogleich Tücher über die Beine seiner Geliebten und
+legte den Schleier, der ihre Züge verhüllte, doppelt zusammen. Als ich
+die Frau sorgfältig beobachtet hatte, erkannte ich an gewissen Zeichen,
+die ich erst unlängst bei einem der traurigsten Ereignisse meines
+Lebens bemerkt hatte, daß das Kind tot war. Ich neigte mich gegen die
+Kammerfrau, um ihr meine Bemerkung mitzuteilen. In diesem Augenblick
+zog der mißtrauische Unbekannte seinen Dolch, allein ich hatte noch
+Zeit, der Kammerfrau alles zu sagen, die ihm darauf zwei Worte mit
+leiser Stimme zuflüsterte. Als der Liebhaber die Ursache meines
+Zauderns erkannt hatte, durchfuhr ihn ein leichter Schauder von den
+Füßen bis zum Kopfe, und ich glaubte durch die Maske von schwarzem
+Sammt hindurch zu erkennen, wie sein Antlitz bleich wurde. Die
+Kammerfrau benutzte einen Augenblick, wo der verzweifelte Mann die
+schon blau werdende Sterbende betrachtete, um mich mit einem warnenden
+Zeichen auf mehrere Gläser Limonade aufmerksam zu machen, die fertig
+zubereitet auf einem Tische standen. Ich begriff, daß ich, ungeachtet
+der schrecklichen Hitze, die meine Kehle austrocknete, nicht trinken
+dürfte. Der Liebhaber hatte Durst; er nahm ein leeres Glas, füllte es
+mit Limonade und trank. In diesem Augenblick bekam die Dame
+schreckliche Krämpfe, die mir den günstigen Augenblick zur Operation
+andeuteten; ich ergriff meine Lanzette und ließ sie schnell und mit
+Geschick am rechten Arm zur Ader. Die Kammerfrau fing das reichlich
+hervorspringende Blut mit Tüchern auf, und die Unbekannte fiel dann in
+eine willkommene Ohnmacht. Ich waffnete mich mit Mut und konnte,
+nachdem ich eine Stunde gearbeitet hatte, das Kind in Stücken
+herausziehen. Als der Spanier begriff, daß ich seine Geliebte gerettet
+hatte, dachte er nicht mehr daran, mich zu vergiften. Dicke Tränen
+fielen in Zwischenräumen auf seinen Mantel. Die Frau stieß nicht einen
+Laut aus, aber sie zitterte wie ein wildes Tier, das in einer Schlinge
+gefangen ist, und der Schweiß rann in starken Tropfen von ihr. In einem
+furchtbar kritischen Augenblicke machte sie ein Zeichen, um uns auf das
+Zimmer ihres Gatten aufmerksam zu machen. Dieser hatte sich eben in
+seinem Bette gewälzt. Von uns vieren hatte sie allein das Geräusch der
+Decke oder des Vorhangs gehört. Wir lauschten, und durch die Oeffnungen
+ihrer Masken hindurch warfen sich die Kammerfrau und der Liebhaber
+Flammenblicke zu, die zu fragen schienen: 'Sollen wir ihn töten?' Dann
+streckte ich meine Hand aus, als wollte ich ein Glas der Limonade
+nehmen, die der Unbekannte vergiftet hatte. Der Spanier glaubte, daß
+ich eins der vollen Gläser trinken wollte; leicht wie eine Katze sprang
+er hinzu, legte seinen langen Dolch über die beiden vergifteten Gläser
+und ließ mir das seinige, indem er mir andeutete, den Rest aus
+demselben zu trinken. In diesem Zeichen und in seiner lebhaften
+Bewegung lagen so viele Gedanken, so viel Gefühl, daß ich ihm verzieh,
+wenn er auf meinen Tod gesonnen hat, um so jede Erinnerung an dieses
+Ereignis zu begraben. Als ich getrunken hatte, drückte er mir die Hand
+und hüllte selbst die Trümmer seines Kindes sorgfältig ein. Nach zwei
+Stunden voll Sorge und Furcht brachten wir, die Kammerfrau und ich, die
+Unbekannte wieder in ihr Bett. Der Liebhaber hatte bei einer so
+abenteuerlichen Unternehmung alle Hilfsmittel zu einer Flucht bedacht
+und seine Diamanten daher auf ein Papier gelegt; jetzt steckte er sie,
+ohne daß ich es wußte, in meine Tasche. Nebenbei muß ich bemerken, daß
+ich das wertvolle Geschenk des Spaniers garnicht kannte und mein
+Bedienter am folgenden Tage den Schatz raubte, um mit diesem großen
+Vermögen zu entfliehen. Ich sprach mit der Kammerfrau noch über die
+Vorsichtsmaßregeln, die sie zu treffen hätte, und wollte gehen. Die
+Kammerfrau blieb bei ihrer Herrin, allerdings ein Umstand, der mich
+nicht sehr ermutigte; ich beschloß indes auf meiner Hut zu sein. Der
+Liebhaber packte das tote Kind und die Wäsche, mit der die Kammerfrau
+das Blut ihrer Herrin aufgefangen hatte, in ein Bündel zusammen. Er
+band es fest zusammen, nahm es unter seinen Mantel, fuhr mit der Hand
+über meine Augen, als wollte er mir sagen, daß ich sie schließen
+sollte, und ging dann voraus, mich durch ein Zeichen auffordernd, den
+Zipfel seines Rockes zu ergreifen; ich gehorchte ihm, warf aber noch
+einen letzten Blick auf meine so zufällig erlangte Geliebte. Die
+Kammerfrau riß ihre Maske ab, als sie den Spanier draußen sah, und
+zeigte mir das lieblichste Gesicht von der Welt. Als ich mich wieder im
+Garten befand und die freie Luft einatmete, da, ich gestehe es, war
+mir, als fiele ein ungeheures Gewicht von meiner Brust. Ich ging in
+achtungsvoller Entfernung hinter meinem Führer her und beobachtete die
+geringste seiner Bewegungen mit der größten Aufmerksamkeit. Als wir an
+der kleinen Pforte wieder angekommen waren, faßte er meine Hand und
+drückte mir das Petschaft eines Ringes, den ich an einem Finger seiner
+linken Hand gesehen hatte, auf den Mund, ich aber gab ihm zu verstehen,
+daß ich dieses beredte Zeichen begriffe. Auf der Straße warteten unsere
+zwei Pferde; jeder von uns bestieg eins; mein Spanier bemächtigte sich
+meines Zügels, und nahm den seinigen zwischen die Zähne, denn in seiner
+Rechten hatte er das blutige Paket. Mit der Schnelligkeit des Blitzes
+ritten wir davon. Es war mir unmöglich, auch nur den geringsten
+Gegenstand zu merken, an dem ich später den Weg wieder hätte erkennen
+können, den wir gekommen waren. Mit Tagesanbruch befand ich mich vor
+meiner Tür und der Spanier entfloh nach dem Tore von Atocha hin."
+
+"Und Du konntest gar nichts entdecken, woran man später jene Frau hätte
+wiedererkennen können?" fragte der Obrist den Chirurgen.
+
+"Nur ein einziges Mal," antwortete dieser.
+
+"Als ich die Unbekannte zur Ader ließ, bemerkte ich an ihrem Arm, ein
+wenig über der Mitte desselben, ein kleines Mal, etwa wie eine Linse
+groß und von braunen Haaren umgeben."
+
+In diesem Augenblicke erbleichte der Chirurg, der die gelobte
+Verschwiegenheit verletzt hatte; aller Augen hefteten sich auf die
+seinigen und folgten dann der Richtung seines Blickes. Die Franzosen
+sahen einen Spanier, der in einen Mantel gehüllt war, und dessen Augen
+durch ein Gebüsch von Orangen blitzten. Kaum hatten indes die Offiziere
+ihre Blicke auf diesen Mann gerichtet, als er mit der Leichtigkeit
+einer Sylphe entfloh. Ein Hauptmann verfolgte ihn schnell. "Teufel,
+meine Freunde!" rief der Chirurg aus, "dieses Basiliskenauge hat mich
+zu Eis erstarrt. Ist es mir doch, als hörte ich Totenglocken läuten!
+Empfangt mein Lebewohl, Ihr werdet mich hier begraben!"
+
+"Bist Du dumm," meinte der Obrist Hulot. "Falcon verfolgt den Spanier
+und wird uns schon Rechenschaft zu geben wissen."
+
+"Da kommt er!" riefen die Offiziere aus, als sie den Hauptmann atemlos
+zurückkehren sahen.
+
+"Zum Teufel!" versetzte Falcon, "der ist, glaube ich, über die Mauer
+gesprungen. Ein Hexenmeister kann er nicht sein, also muß er hier ins
+Haus gehören! Der kennt hier alle Wege und Schliche, deswegen ist er
+mir so leicht entgangen."
+
+"Ich bin verloren!" versetzte der Chirurg mit trüber Stimme.
+
+"Beruhige Dich," antwortete ich, "wir werden der Reihe nach bis zu
+Deiner Abreise bei Dir wachen. Heute Abend begleiten wir Dich!"
+
+In der Tat führten drei junge Offiziere, die ihr Geld beim Spiel
+verloren hatten, den Chirurg in seine Wohnung zurück, und einer von
+ihnen erbot sich, bei ihm zu bleiben. Am zweiten Tage darauf hatte der
+Chirurg seine Versetzung zu einem in Frankreich stehenden Heere erlangt
+und traf alle Vorbereitungen, um in Gesellschaft einer Dame abzureisen,
+die von Murat eine starke Bedeckung erhielt. Zuletzt speiste er noch
+einmal in Gesellschaft seiner Freunde, als ihn sein Bedienter
+benachrichtigte, daß eine junge Dame mit ihm sprechen wolle. Der
+Chirurg ging sogleich mit drei Offizieren hinaus, da er irgend eine
+Falle befürchtete, und die Unbekannte konnte ihrem Geliebten nur noch
+zurufen: "Nimm Dich in acht!" und stürzte tot nieder. Es war die
+Kammerfrau, die, als sie sich vergiftet fühlte, noch zur rechten Zeit
+anzukommen gehofft hatte, um den Chirurg zu warnen.
+
+"Teufel, Teufel!" rief der Hauptmann Falcon aus, "das heißt lieben.
+Aber auch nur eine Spanierin kann noch zu ihrem Geliebten laufen, wenn
+ihr der Tod schon auf der Zunge sitzt."
+
+Der Chirurg versank in tiefes Nachdenken. Um die unheilvollen
+Vorgefühle, die ihn quälten, zu ersticken, setzte er sich wieder an den
+Tisch und trank unmäßig, wie auch seine Gäste taten. Als alle halb
+berauscht waren, begaben sie sich frühzeitig zur Ruhe. Mitten in der
+Nacht wurde der Chirurg durch ein schrillendes Geräusch erweckt, das
+von den Ringen seiner Bettvorhänge herrührte, die heftig an den Stäben
+zurückgerissen wurden. Er richtete sich von seinem Lager auf und war
+eine Beute jenes mechanischen Zitterns, das uns bei einem solchen
+Erwachen zu ergreifen pflegt. Da sah er vor sich einen Spanier, der in
+einen Mantel gehüllt war und ihm denselben Flammenblick zuwarf, der am
+Abend des Balles durch das Orangengebüsch geleuchtet hatte. Der Chirurg
+schrie auf: "Zu Hilfe, zu Hilfe! Zu mir, meine Freunde!" Der Spanier
+antwortete auf dieses Angstgeschrei nur mit einem bittern Lächeln.
+
+"Das Opium wächst für jedermann!" versetzte er dann. Als er diese Worte
+gesagt hatte, zeigte er auf die drei in festem Schlaf liegenden Freunde
+und zog dann unter seinem Mantel einen frisch abgeschnittenen Frauenarm
+hervor, den er mit einer lebhaften Bewegung dem Chirurg zeigte, um ihn
+auf ein Mal aufmerksam zu machen, welches jenem ähnlich war, das dieser
+so unklugerweise beschrieben hatte.
+
+"Ist es derselbe?" fragte er.
+
+Beim Scheine einer Laterne, die neben das Bett gestellt war, erkannte
+der Chirurg den Arm wieder und antwortete durch sein Staunen. Ohne
+weitere Erörterungen senkte der Gatte der Unbekannten seinen Dolch in
+das Herz des Chirurgen."--
+
+"Ihre Erzählung ist furchtbar schwer zu glauben," sagte ein Zuhörer zu
+dem Erzähler. "Können Sie mir wohl erklären, wer sie Ihnen erzählt hat,
+ob der Tote oder der Spanier?"
+
+"Mein Herr," antwortete der Erzähler, "ich habe den armen Mann
+gepflegt, da er erst fünf Tage später unter schrecklichen Leiden starb.
+Zur Zeit des Feldzuges, der unternommen wurde, um Ferdinand VII. wieder
+einzusetzen, wurde ich zu einem Posten in Spanien ernannt, kam aber
+glücklicherweise nicht weiter, als nach Tours, denn man machte mir
+Hoffnung auf die Einnehmerstelle von Sancerre. Am Abend vor meiner
+Abreise war ich auf einem Ball bei Frau von Listomére, wo sich auch
+mehrere angesehene Spanier eingefunden hatten. Als ich den Spieltisch
+verließ, bemerkte ich einen spanischen Grande, einen Afrancesado im
+Exil, der seit fünfzehn Tagen in der Touraine angekommen war. Erst sehr
+spät war er zu diesem Ball gekommen. Er erschien zum ersten Male vor
+Leuten und besuchte die Salons in Begleitung seiner Frau, deren Arm
+durchaus unbeweglich war. Wir wichen schweigend auseinander, um dieses
+Paar hindurchgehen zu lassen, das wir nicht ohne tiefe Bewegung sahen.
+Denkt Euch, ein lebendiges Gemälde von Murillo. Unter gewölbten und
+schwarzen Brauen zeigte der Mann ein starres Flammenauge; sein Antlitz
+war eingefallen, und sein kahler Scheitel zeigte glühende Tinten; sein
+Körper war so leidend, daß man ihn nur mit Beben ansehen konnte. Und
+diese Frau! Man kann sie sich gar nicht vorstellen, ohne sie gesehen zu
+haben. Sie hatte jenen bewunderungswürdigen Wuchs, für den die
+spanische Sprache ein besonderes Wort geschaffen hat; obgleich bleich,
+war sie noch immer schön; ihre Gesichtsfarbe war blendend, infolge
+eines für eine Spanierin sonst unerhörten Privilegiums; aber aus ihren
+Blicken strahlte die ganze Sonne Spaniens, und sie trafen den, der sie
+ansah, wie geschmolzenes Blei.
+
+"Meine Dame," fragte ich die Dame gegen Ende der Soirée, "durch welchen
+Zufall haben Sie Ihren Arm verloren?"
+
+"Im Unabhängigkeitskriege," antwortete sie mir.
+
+
+
+
+NACHWORT
+
+
+Die Holzschnitte von Honoré Daumier und Paul Gavarni, welche die
+vorliegende Ausgabe schmücken, sind nicht ursprünglich zu diesen
+Novellen Balzacs geschaffen worden. Sie wurden vom Herausgeber aus dem
+reichen Werk der beiden bedeutendsten Graphiker ihrer Zeit ausgewählt,
+weil sie sich einerseits zwanglos dem Text anpassen und ihn trefflich
+illustrieren, anderseits ihren Wert als selbständige Kunstwerke
+behaupten. Wie Balzac als Romandichter aus engem Verbundensein mit
+seiner Zeit heraus die großen Menschheitskomödien und tragödien
+gestaltete, so schuf mit gleicher Genialität der Zeichner Daumier sein
+Werk und gab dem Gesicht der bürgerlichen Welt die letzte, gültige
+Prägung. Balzac war in seinem Werk der miterlebende und dennoch kühl
+betrachtende Geschichtsschreiber der Gesellschaft und der Chronist der
+von allen Leidenschaften erschütterten Seele; Daumier enthüllt in
+seinen Physigonomien mit unbekümmerter Künstler-objektivität das
+Innenleben des Bürgers und entlarvt ihn mit genialem Federzug bis zur
+Karikatur. Zu diesen großen Beiden gesellt sich Gavarni, leichteren
+Blutes und von beweglicherem, spielerischem Geiste, als graziöser,
+spöttischer Sittenschilderer. Balzac selbst gehörte zu den Bewunderern
+Daumiers, und von ihm soll die Äußerung herrühren: "Dieser Kerl hat
+Michelangelo im Leibe!" Und Baudelaire schreibt in seinen Aufsätzen
+über Maler und Malerei: "Der wahre Ruhm und die wirkliche Sendung
+Gavarnis und Daumiers bestand darin, Balzac zu ergänzen, der dies
+übrigens bald erkannte und Bundesgenossen und Dolmetscher in ihnen
+erblickte und sie als solche ehrte."
+
+
+CURT MORECK
+
+
+
+
+ INHALTSVERZEICHNIS
+
+ Pierre Grassou
+ Die Börse
+ Ehelicher Frieden
+ Der Arm
+
+
+Balzacs Novellen wurden im Auftrag von G. Hirth's Verlag, München, ins
+Deutsche übertragen und herausgegeben von Gurt Moreck. Gedruckt und
+gebunden in der Offizin Knorr & Hirth in München.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Grosse und Kleine Welt, by Honore De Balzac
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GROSSE UND KLEINE WELT ***
+
+This file should be named 8803-8.txt or 8803-8.zip
+
+Produced by Charles Aldorondo, Tiffany Vergon, Charlie Kirschner and the Online Distributed Proofreading Team.
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
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+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
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+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03
+
+Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
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+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
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+ 100 1994 January
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