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diff --git a/79000-0.txt b/79000-0.txt new file mode 100644 index 0000000..c082763 --- /dev/null +++ b/79000-0.txt @@ -0,0 +1,16333 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79000 *** + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der + folgenden Symbole gekennzeichnet: + + ~Gesperrt~ + =Antiqua= + +fett+ + + Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche + und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber + dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht + korrigiert. Poetische Formulierungen sind unverändert geblieben. + + Das Buch enthält mehrere Anekdoten. Ihnen gehen jeweils zwei Leerzeilen + voraus, und sie sind eingerückt. + + + + + Bismarck + + in Geschichte, Karikatur + und Anekdote + + + Ein großes Leben in bunten Bildern + Von =Dr.= Paul Liman + + + Alle Rechte von der Verlagsbuchhandlung vorbehalten + + =Copyright 1915 by Strecker & Schröder, Stuttgart= + + + Druck des Textes und der Kunstbeilagen von + Strecker & Schröder in Stuttgart + + + Bilderdruckpapier der Papierfabrik Niefern (Bohnenberger & Cie.), + Niefern in Baden + +[Illustration: ~Bismarck im Olymp.~ (»Hum. Blätter«, August 1898)] + + + + + Bismarck + + in Geschichte, Karikatur + + und Anekdote + + + Ein großes Leben in bunten Bildern + + Von Dr. Paul Liman + + + Mit 242 Abbildungen + und 20 ein- und mehrfarbigen + Kunstbeilagen + + ~Fünfte Auflage~ + + + Verlegt bei + + Strecker & Schröder in Stuttgart + + im Jahre des hundertjährigen Geburtsfestes Bismarcks + + und des deutschen Krieges + + 1915 + + + + +Vorwort + + +In eine Zeit der ungeheuersten Spannung, in eine Zeit, da +Weltenschicksale entschieden werden, fällt der hundertjährige +Geburtstag des größten Deutschen, ~Otto von Bismarck~. Können wir, +dürfen wir seiner vergessen, auch wenn alle Herzen sich nur dem einen +Ziele spannen: Kunde zu vernehmen von unseren Kämpfen im Osten und +Westen, zu erlauschen, ob der Schlag der deutschen Schwerter heil- und +siegkündend niederfährt auf die gegen uns bewaffnete Welt? + +Wahrlich nein! Denn um Bismarcks Werk wird gerungen, und Bismarcks +starker, furchtloser Geist ist es, der unsere Krieger geleitet, weithin +auf das Schlachtfeld, in die Enge der Schützengräben, in den Sturm +auf feindliche Schanzen, in diesen heiligen Krieg, in dem sich des +deutschen Volkes unverwüstliche Art so unvergleichlich offenbart. Fast +könnte es scheinen, als ob die Geschichte zur Feier ihres größten +Sohnes ein loderndes Fanal entflammt, in dessen Widerschein sich noch +einmal Deutschlands heroische Zeit spiegelt, einen Scheiterhaufen, wie +ihn einst Philoktet dem Herakles schuf, daß er auf seinen Flammen zu +den Unsterblichen steige. Am 1. April sind hundert Jahre vergangen, +seit in dem efeuumsponnenen Schloß von Schönhausen der erste Schrei +des Knaben das Leben grüßte, der Deutschland zur Einigung führen, dem +deutschen Leben einen Inhalt geben sollte. + +Wie hätte man sonst den Tag gefeiert! Er wird auch jetzt seine Feier +haben: Ernst sinnend wird man des Gewaltigen gedenken, der sein Volk +emporriß zu ungeheurer Tat. Aber wie anders hatte man sich das Fest +gedacht! Frohe Fahrten zum Sachsenwalde, Festmähler, klingende Gläser +und stolze Worte, und am Rhein wuchtig emporsteigend das Denkmal +deutschen Dankes. Nur ein Teil hätte abseits gestanden — längst hatten +Freisinn und Zentrum den rechten Maßstab für den toten Helden gefunden. +Aber die sozialistische Arbeiterschaft hielt sich fern, ihr war im +Frieden der vier Jahrzehnte das Verständnis für Bismarcks kühne Politik +und auch für den Wechsel im wirtschaftlichen Leben verloren gegangen, +der doch allein jener Politik entwuchs und auch der Arbeiterschaft +die Grundlagen neuen Gedeihens schuf. Heute werden auch sie, die auf +Bismarck schalten, seines Geistes einen Hauch verspüren, denn dieser +Geist durchweht sie selbst, durchweht uns alle und gibt uns die Kraft, +einer Welt von Feinden zu trotzen. Bismarckscher Geist löste die großen +Fragen der Zeit durch Eisen und Blut, siegte bei Metz und Sedan, zwang +den Völkerfrühling herauf; Bismarckscher Geist setzte Deutschland in +den Sattel, auf daß wir jetzt zeigen, daß wir auch zu reiten verstehen. +Bismarckscher Geist hat uns gelehrt, Gott, nichts sonst in der Welt +zu fürchten. Auch wer einst auf Marx und Bebel schwur, wird jetzt im +Schützengraben, im Sturmangriff, im Sausen der Granaten sich von diesem +Geiste umweht und hingerissen fühlen. + +Hundert Jahre — auch damals, als ~Otto von Bismarck~ erschien, mußte +noch einmal ein großes Werk durch Kampf gefestigt werden. Die Schlacht +von Leipzig war geschlagen, nach Waterloo führte der Weg, noch einmal +mußte durch Blut erworben werden, was in den Schlachten des ersten +Freiheitsjahres das Blut gewann. So mußte jetzt, nach hundert Jahren, +in einem furchtbaren Ringen zum anderen Male erkämpft werden, was Metz +und Sedan uns brachten. Und was uns in all diesen Jahren dieselben +Mächte mißgönnten, gegen die wir heute das Schwert ziehen mußten. Ein +zerrissenes Deutschland, das mochte man dulden, gut genug, den Dünger +anderer Nationen, den Schauplatz ihrer Schlachten zu bilden; ein +einiges, seiner Kraft bewußtes, aufstrebendes Deutschland, das sein +Erbrecht betont und seinen Platz an der Sonne fordert, das durfte nicht +dauern. Und weil es furchtbar war in seinem Waffenstolz, deshalb haben +sich gegen dieses Volk die Völker der Erde verbündet, gegen dieses Volk +und Bismarcks Erbe! + +Denn um dieses ~Erbe geht heute der Kampf~. Der Meister sah es voraus, +daß das Spiel noch nicht aus war, daß wir noch einmal zum Schwert +greifen müssen, uns zu behaupten. So wurden die letzten Jahrzehnte +seines gesegneten Lebens Jahre des Kampfes um unsere militärische und +wirtschaftspolitische Rüstung. Löscht seine Arbeit, sein Vollbringen +aus, folgt den Gedanken derer, die ihn bekämpften, die ihm mehr als +einmal jeden Mann und jeden Groschen versagten, und träumt euch in +eine Gegenwart, die diese Arbeit und ihre Siege entbehrte, und längst +hätte das Bahrtuch Germanias Glieder umhüllt! Das eben ist das Wesen +des Genius, daß er über die Enge der Gegenwart hinaus den Blick auf die +Zukunft richtet und ihre Forderungen erkennt. Es ist nur dem Genius +eigen, daß er den Zusammenhang des Gesamtlebens und auch das Kommende +weiß, daß auch das Ferne schon als Ahnung sein Gemüt durchzittert, +daß er »das letzte Klingen und Singen von künftigem Großen« unter dem +Lebensstrome fühlt. Jedes Genie ist Prophet. + +Wir werden Bismarcks Festtag feiern. Ernster, tiefer als sonst, aber +auch geschlossener. Denn in diesen brausenden Zeiten, im Sturme +unerhörter Ereignisse, in der Offenbarung unseres stärksten und +tüchtigsten Wesens, in Tapferkeit und Aufopferung sind wir sein, erst +wahrhaft sein geworden. Der Heldengesang eines starken Geschlechtes +wird seines Ehrentages Festlied sein. + +Erinnerung aber und Dank werden noch einmal sein Bild heraufbeschwören, +und das Herz wird sich aufrichten an dieser eisernen Gestalt, und die +Gegenwart wird in die blitzenden Augen der Vergangenheit blicken, die +doch ewig Gegenwart bleibt, und ehrfurchtsvoll und zärtlich zugleich +wird deutsches Empfinden bei dem Schöpfer unseres neugeschaffenen +geschichtlichen Lebens weilen. Gedanken und Erinnerungen werden zu +seinem Grabmal im Sachsenwald fliegen, und heimkehrend werden sie das +gewaltige Denkmal des Roland im Hamburger Hafen streifen, das Bismarcks +Züge trägt. + +Und gern wird, mitten im Sturme der Zeit, die Seele unseres Volkes bei +dem Riesen weilen, der nicht nur das Reich erbaute, sondern auch durch +eine weitschauende Bündnispolitik, durch heiße siegreiche Kämpfe um +unsere Rüstung, durch die Steigerung unserer wirtschaftlichen Kraft +und den Schutz der Früchte deutscher Arbeit die Bedingungen für unsere +Siege im Weltkrieg schuf. + +Und kehren die Gedanken zurück in die gewaltige Zeit, die Bismarcks +Prägung trug, dann wird auch das Verlangen sich regen, hineinzuschauen +in die Werkstatt des Riesen, teilzunehmen an seinem Erleben, und dem +Wandern dieses seltsamen märkischen Junkers zu folgen, das durch weite, +reiche Täler und über alle Gipfelhöhen führte, und doch auch an den +kleinen Zügen sich zu erfreuen, die den Giganten uns menschlich so nahe +führen und die wie Schmetterlinge, die über die Wiese gaukeln, dem +ernsten Leben reiche Farbe geben. + +So entstand dieses Buch. Es soll ein Bild zugleich der geschichtlichen +Entwicklung des großen Kanzlers sein und doch auch die kleinen Züge +umfassen, die das Menschliche enthüllen. Mitten in das Brausen +gewaltiger Tage klingt darum die ~Anekdote~ herein, und wenn die +Geschichte ihren Spiegel unparteiisch und ernst vor das Antlitz ihres +großen Sohnes hält, so soll dieses Antlitz sich doch auch in jenem +Spiegel zeigen, in dem die ~Karikatur~ die Züge nicht immer nur +feindlich, sondern oft auch in scherzender Liebe darstellt. Denn auch +sie bildet einen Quell der Geschichte. Sie zeigt uns die Wirkung seines +Handelns auf die Mitwelt, und wer genau hinblickt, und wer auch nur +das ~eine~ erwägt, daß wohl noch keine Persönlichkeit so eifrig, wie +~Otto von Bismarck~, zum Ziel des politischen Künstlerscherzes wurde, +der wird auch hierin einen Beweis seiner oft genug nur mit grimmigem +Widerstreben anerkannten Größe entdecken. Denn die Türme nur werden von +den Dohlen umflattert. + +Hier aber war eines nötig, wenn anders ein würdiges Bild des gewaltigen +Staatsmannes entstehen sollte: Die geschichtliche Darstellung seines +Lebens und seiner Taten mußte den Rahmen bilden, in den Anekdote und +Karikatur sich fügen. Denn Herz und Auge ermatten, wenn sie stets +nur dem gleichen Farbenton begegnen. Aus dem Leben des Mannes muß +die Episode herauswachsen, gleich einer bunten Blume auf saftgrüner +Wiese, und erst dann genießt man die Karikatur, wenn sie, in den großen +Zusammenhang der Taten gestellt, zum Zeugnis der Ernte an Haß und Liebe +gemacht wird. + +Schwer, unendlich schwer ist es hier, den Maßstab zu finden. Denn in +unermeßlicher Fülle bieten sich dort die einzelnen Züge in starker +Prägung, wo die Persönlichkeit ein schlechthin originales Gepräge +trägt. Das gilt auch von der Karikatur. Mehr als zwölftausend dieser +von der Stunde geborenen Bilder lagen mir vor, die wohl die ganze +Stufenleiter des Empfindens umfassen: Schadenfreude, Haß, hämischen +Neid, widerwillige Bewunderung, Anerkennung, Enthusiasmus, Liebe. Sie +alle sind in der Auswahl zur Geltung gekommen. Aber diese Auswahl +stellte noch andere Bedingung. Sie mußte allen Parteien in Preußen und +im Reiche das Wort geben, sie mußte einen Spiegel der Fernwirkung im +Auslande bieten, sie mußte endlich einen Leitfaden für die Entwicklung +der Technik auf diesem Gebiete schaffen. Was heute nicht mehr klar +im Zusammenhange lebt, was nur für den Tag und seinen kleinen Streit +Bedeutung hatte, das mußte weichen. So nur kann das Auge, das über +die Bilder streift, aus ihnen selbst die Geltung und das Wachstum der +Persönlichkeit erkennen. Und jedes Bild gewinnt mit dem künstlerischen +zugleich einen geschichtlichen Wert. + +In der geschichtlichen Darstellung konnte ich auf früheren Arbeiten +fußen. Und auch die unendlich mühsame Arbeit der Sammlung war mir +erleichtert: Herr Buchhändler ~Kabitzsch~ in Würzburg hat seine +unendlich wertvolle Sammlung, die er dem Germanischen Museum in +Nürnberg schenkte, mir hochherzig zur vollen Verfügung gestellt, +Herr Rudolf ~Brockhaus~ in Leipzig seine Sammlung von Blättern aus +dem großen Kriege. Ich habe beiden Herren zu danken. Und auch dem +jugendlichen =Dr.= Benno ~Kettner~, der mit prächtigem Eifer mich bei +der Sammlung und Auswahl unterstützt hat. + +So mag denn dieses Buch in stattlichem Gewande hinausziehen in die Welt +und an seinem Teile helfen, daß im deutschen Hause das Gedächtnis des +gewaltigen Mannes stark und lebendig bleibt. + +~Berlin~ im großen Kriegsjahr + + +=Dr.= Paul Liman+ + + + + +Inhalt + + + Seite + + Vorwort V + + Otto von Bismarck 1 + + Die Kindheit 11 + + Wilhelmine Mencken 12. Ferdinand von Bismarck 13. Er baumelt mit + den Beenekens 14. Weil sie zu sehr stankte 14. Die Kanonenkugel + l4. Die erste Erinnerung 14. Seltsame Bälle 15. Philosophie des + Prügelns 15. Elastisches Fleisch 16. Wie kommt es nur? 16. Der + Telamonier Ajax 16. Sein erster Brief 17. Trine Neumann und der + Eierkuchen 17. Ein nettes Jungchen 18. Der dankbare Schüler + 18. Sein Konfirmandenspruch 18. In Pension 19. Die Kniephofer + Reichsexekutionsarmee 20. + + Als Jurist und Landwirt 21 + + Mensuren 21. Die Wette 23. Göttinger Reminiszenzen 23. Sturm und + Drang 23. Die Dame aus Schweden 26. Der Teufel reitet die alte + Tante 27. Rat Prätorius 28. Merken Sie sich, wie man das macht + 28. Das Hinauswerfen ist meine Sache 29. Das Gardemaß 29. Das + letzte Duell 31. Vom Leben auf Kniephof 32. Die Fuchsjagd 34. Der + erste Orden 35. Die Verlobungsanzeige 36. Johanna 36. Die erste + Rede 37. Der Eindruck bei Hofe 39. + + Im Strome der Politik 41 + + Er unternimmt eine Gegenrevolution 41. Der Berliner Schwindel + 42. Die Nelke 42. Er sagt dem König die Wahrheit 43. Ich muß + ihn vernichten 43. Gehängt wird er doch 44. Der Schreiber des + jüdischen Gelehrten 45. Die Phrasengießkanne 45. Der renitente + Schriftführer 45. Ein Brausekopf 46. + + Frankfurt 49 + + Wir wollen es versuchen 50. »Er wird schön hausen« 50. Sie kochen + alles mit Wasser 50. Die Bundeszigarre 51. Beim alten Metternich + 52. Wie Bismarck eine Depesche absandte 52. Alle vorm Feinde + erworben 52. Der Streit mit Rechberg 53. Bismarck als Hehler 53. + Wie er seine Glocke bekam 53. Amschel Rothschild 54. Wollen wir + ein Geschäftchen machen? 54. Sie sind a scheener Mann 54. Die + Frankfurter 54. Er sagt stets das Unerwartete 55. Otto tanzt mit + Malwine 55. Ein Ball bei Bismarcks 56. Seine Häuslichkeit 56. + Beginnen wir ein neues Leben 56. Sie sind unverbesserlich 57. + Warum nicht nach Leipzig und Roßbach? 58. Reisepech 58. Das Duell + mit Vincke 59. Beim blinden König 60. Pariser Leben 60. In den + Tuilerien 61. Aber dumm, dumm! 62. Ich bin preußisch 62. In Sumpf + und Busch 63. + + Petersburg und Paris 65 + + Nach neune ist alles vorbei 65. Levinstein 66. Das =Enfant + terrible= 68. Merkwürdig viel Talg 68. Die Schildwache 68. + Erwerbssinn 68. Er hält sich Bären 68. Der Entensteiß 70. + Napoleon und Eugenie 71. Babelsberg 73. + + Die Konfliktszeit 77 + + Wann hätte er einen Gedanken gehabt? 77. Eisen und Blut 78. + Der Ölzweig von Avignon 79. Kavalierpolitik 80. Können wir + anständiger umkommen? 80. Waldeck in Bismarcks Beleuchtung 83. + Massenweis dumm 83. Kein feudaler Unhold 85. Ein König als + Kabinettskurier 87. Ein Stoßseufzer Johannas 91. Bettelbriefe + 92. Die Faust aufs Auge 92. Der Seiltänzer 92. Bismarcks feines + Gehör 93. Von Helmerding parodiert 94. Die Dinge verstehe ich + besser 96. Das Duell mit Virchow 98. Pauline Lucca 98. Bismarck + und die Frauen 99. Der Oldenburger Rezeß 99. + + Düppel und Königgrätz 101 + + Der Abjott Deitschlands 101. Beust 102. Wie einst im Mai 102. + Bismarck als Faust 103. Ein Traum 103. In Lebensgefahr 103. Der + Stab Arons 106. Quinze 107. Graf 107. Als Prophet 109. Blinds + Attentat 110. Ein herzbewegendes Bild 111. Moltkes einziger + Witz 112. Beinahe gefangen 113. Der preußische Soldat 114. Den + Besen um die Ohren geschlagen 114. Im Kugelregen 114. Moltkes + Feldherrnblick 114. Noch eine Zigarre 114. Die Geschwulst 115. + Ohne Quartier 115. In Nikolsburg 116. Im Norddeutschen Reichstag + 119. Ein liebenswürdiger Spitzbube 121. Wohlan, kreuzen wir den + Degen 121. Ein schwerer Unfall 121. Auch sonst Glück im Unglück + 122. + + Das Vorspiel zum großen Kriege 125 + + Die Schamade 127. Fanfare 127. Die alte Karkasse 127. + + Über Sedan nach Versailles 131 + + Feldzugsbriefe 131. Er reitet in die Nacht hinaus 133. Bill + als Schweinetreiber 134. Im Granatenfeuer 134. Auf der Suche + nach Quartier 134. Das zähe Huhn 135. Der Brief von Sedan 136. + König Wilhelms Toast 138. Wie beim Kotillon 138. Die Arbeitslast + 139. Ins Geschäft nie 140. =Parjure= und =infâme= + 140. Eine Stunde der Bitterkeit 141. Achill 142. Es denkt, es + spekuliert in mir 142. Wilhelm Tell 143. Wie er Burgunder bezog + 143. Elefantenbraten 144. Von Erschaffung der Welt an 144. Der + Jude mit den zerrissenen Stiefeln 144. Er redet deutsch 145. + Obendrein Propfengeld 145. Garibaldi 145. Alexander von Humboldt + 146. Cerf 146. Der dicke Daumer 147. Marsyas 147. Die Geschichte + vom Schieferdecker 147. Die Türklinke 147. Pferdefleisch 148. Die + Pendule der Madame Jessé 149. Das Bombardement 150. In Ungnade + 152. Halali 153. Und noch eine Zigarre 154. Wurscht 154. Thiers + 155. Er ist doch ein eminenter Mensch 155. Exzellenz, ich bin + geneigt 156. =Peut être= 156. Bismarcks Einzug in Paris 156. + Fürst 157. Der Sachsenwald 158. + + Der Ausbau des Reiches 159 + + Man muß toleranter denken 161. Der Dank 163. Die Wacht am Rhein + 163. Die Franktireure von Osterburg 164. Tableau 164. Er trat mir + einen Sporen ab 164. Die schwarze Perle von Meppen 166. Bismarck + als Dichter 166. =Va banque= 167. Er sieht aus wie ein Koloß + 168. Die dankbare Borussia 169. Vielleicht ein unbrauchbarer + General 171. Graf Harry Arnim 172. Bibelfest 174. Die kostbare + Dose 174. =Adelantador= 175. Ich hatt’ einen Kameraden 176. + Kullmanns Attentat 177. Das Geschäft bringt es so mit sich 178. + Bellachini 178. Pfui! 178. Der Gipfel der Gemeinheit 182. Unser + allergnädigster Kanzler 183. + + Neue Kämpfe und Bekenntnisse 187 + + Die Wirkung des Namens Bismarck 188. Die Alpenblume 190. Ein + bißchen Mazedonien 191. Der letzte Kampf mit Kaiser Wilhelm 191. + Eine Kette von Exzellenzen 194. Der Feuerkopf 196. Wenn Bismarck + sprach 199. Er will kein Telephon 199. Meyer, wie denke ich über + schwedisches Eisen? 202. + + Weitere Kämpfe 203 + + Wie Schweninger Bismarcks Arzt wurde 208. Das ist der =Dr.= + Schweninger 208. Die Brut muß ausgerottet werden 208. Die + Geschichte eines Traumes 209. Die Abrüstung 210. Das fehlende + Hirn 212. Vom durstigen Völk 213. Vom Haarschneiden 214. + Hammelbraten 214. Die naseweisen Damen 215. Hundegeschichten + 215. Schamlos 217. Der =Furor teutonicus= 223. Die Grabrede + auf den alten Kaiser 226. Der Tod des Reitknechtes 228. Ein + Stammbuchvers 228. Fraktur 229. Die Getreuen von Jever 229. + Mondschein 229. Wie er Modell saß 230. Die Ägyptische Frage 230. + Noch ein Vers Bismarcks 230. Wie man lästige Besuche entfernt + 230. Ein löblicher Kanzler 231. Von der öffentlichen Meinung + 231. Vom Werte des Ruhmes 231. Der Sicherheitsknüppel 232. + Die Ahnherren 232. Roß und Reiter 232. Einer, von dem er sich + einschüchtern ließ 232. Er bringt ein Hoch auf sich selbst aus + 233. + + Abendsonne 235 + + Der Fahnenträger der Nation 236. Kein Gedanke daran 238. Das + Kaiserpaar 238. Ehrendoktor der Theologie 241. Abschied von + Berlin 249. Ein Abschiedsgedicht 253. + + Nach der Entlassung 255 + + Der Maulkorb 258. Das Leben in Friedrichsruh 258. Der zweite + Uriasbrief 267. Götz von Berlichingen 267. Eine dicke alte + Forelle 270. Stunden des Glücks 270. In der Politik gibt es kein + Glück 270. Trinkfest 271. Ein kräftiger Kognak 271. Kräheneier + 271. Man kann es aushalten 272. Der konnte es doch noch besser + 272. Nur auf dem Kamel 272. Die Kreter sind faule Bäuche 273. + Philosophie 273. Herr Baurat 274. Gewissermaßen fossil 274. Seine + Tränen 275. Hausmusik habe ich immer geliebt 275. Der »Faust« ist + meine Bibel 275. Das deutsche Lied 275. Wo er ruhen wollte 278. + Ich spielte meine Karten blank aus 278. Sein Heim 279. Einsam + 280. Wir sind alt geworden 281. So siehst du nicht aus 285. Man + brauchte bloß die Register zu ziehen 287. Der Leibmedikus 288. + Sonst tät’ ich’s umsonst 292. Er hält nicht stille 292. Nach + dreitausend Jahren 293. + + Schluß 295 + + + + +Otto von Bismarck + + +Wie fern scheint heute schon die Zeit entschwunden, in der das deutsche +Volk zu heroischer Größe emporwuchs, in der Otto von Bismarck das +gewaltige Werk seines Lebens vollbrachte! Und doch sind jetzt, am +1. April des Jahres 1915, erst hundert Jahre vergangen, seitdem die +Stimme des Knaben, den man einst den Eisernen Kanzler, den Schöpfer +des Reiches, den getreuen Eckart nennen sollte, das Licht dieser +Welt begrüßte, deren spätere Geschichte eine Geschichte seiner Taten +wurde. Und erst siebzehn Jahre zogen dahin, seitdem seine Augen sich +schlossen, und auch an diesem Großen sich das Schicksal erfüllte, +das selbst an den Unsterblichen nicht vorüberschreitet. Und doch +spinnt sich über Leben und Schaffen dieses Mannes schon eine Art von +mythischem Schleier, schon scheint er zu einer Gestalt der Sage zu +werden. Übermenschlich wächst er empor in Wollen und Schaffen, in +Leisten und Vollbringen, und wenn im Hafen von Hamburg sich seine +Gestalt als Roland erhebt, so fließen in unserer Phantasie die Züge und +die Wesensart dieser beiden ragendsten Gestalten der deutschen Legende +und des deutschen geschichtlichen Lebens schon längst ineinander; und +wenn wir in dem Buche, das vor achthundert Jahren der Pfaffe Konrad +schrieb, die Mär von dem Ausgang des Paladins Karls des Großen von +neuem lesen, dann spüren wir erschüttert den Vorhall des Ausgangs Otto +von Bismarcks: »Als Roland von der Welt verschied, vom Himmel ward ein +großes Licht. Die Winde erhoben sich da, sie zerbrachen die herrlichen +Waldbäume. Die Sonne erlosch, und der viel lichte Tag ward finster wie +die Nacht, die Sterne zeigten sich offen, das Gewitter stürmte; und +sie wollten alle glauben, daß die Zeit da wäre, da die Welt sterben +und Gott sein Gericht halten würde.« So wie damals, als Roland starb, +die Welt zu sterben schien, so in den Tagen, da Bismarck schied. Und +so wie der Träger des Schwertes Durendart ein Hüter des Reiches gegen +alle Feinde war, so wie er jetzt im Hamburger Hafen steht, so stand +auch Bismarck in all den Jahren gewaltigen Ringens, weithin sichtbar, +unerschüttert und stark auf deutschem Boden, auch dann noch, als +der Abend über ihn heraufzog und ein junges Geschlecht, begehrend +die Schwingen zu proben, aus eigener Kraft die Zukunft zu zimmern +versuchte. Aufrecht und unbeugsam wie sein Leib blieb seine Seele, und +wiewohl er die größten seiner Taten in der Vollreife des Mannestums +vollbrachte, so blieb in den Herzen seiner Volksgenossen, und so wird +auch in der Zukunft das Bild des Alten vom Sachsenwalde am festesten +haften, des getreuen Mahners und Raters, auf den, wie er es selbst +einmal aussprach, in seinem Gewissen die Pflicht wie eine Pistole +zielte. + +[Illustration: Bismarcks Tod (»Punch«, August 1898)] + +Seltsam genug: So fernhin uns die Gestalt dieses Mannes zu entschweben +scheint, so mächtig sie emporwächst, je mehr die Distanz sich +vergrößert, desto näher tritt sie uns doch menschlich in ihren +einzelnen Zügen, in dieser ganzen Fülle eines urgewaltigen, heißen, +vorwärtsstürmenden, schöpferischen Lebens, in der ganzen Macht des +in ihr wirkenden Gemütes. Wo immer sich ein neuer Zug in Briefen und +Dokumenten offenbart, die erst den Späteren zugänglich wurden, da +wächst noch der Eindruck, der Zauber, den diese Persönlichkeit auf +uns ausübt. Keine andere Gestalt, auch Goethe nicht, weckt in uns +so stark das Verlangen, bis in alle Einzelheiten ihres Lebens zu +dringen, in jede Stunde ihres Wachsens und Werdens zu schauen, wie der +große Sohn der märkischen Erde. Wo der Grund liegt? In dem seltsamen +Zusammenklang von eiserner Entschlossenheit und rücksichtslosem Willen +mit einem tiefen und zarten Gemüt, in der eigentümlichen Harmonie von +todesverachtender Tapferkeit und einem Humor, der wie eine Perle in +der Tiefe ruht. Er schritt nicht, wie Moltke, kühl und gelassen und +unberührbar durch die Welt und das Leben — der unbezwingliche und +unbesiegte Schlachtendenker wurde nie von der Menge umstürmt, die seine +Hand zu fassen und mit Küssen zu bedecken verlangte. All die Großen +der Geschichte ziehen an uns vorüber, seit Alexanders Zeiten und seit +Cäsar: keiner von ihnen trat den Menschen so nahe wie Bismarck, keiner +von den Staatsmännern, den Herren des Schlachtfeldes, den Künstlern. +Die Schranke kühler Überlegenheit trennte Friedrich den Großen von +seinen Preußen und verschloß ihm den Zutritt zur letzten und höchsten +Volkstümlichkeit; die Majestät des Herrschers scheuchte selbst von +Wilhelm dem Einzigen die Vertraulichkeit ab. Aber die dichten Brauen, +der durchdringende Blick, die mächtige Figur eines Bismarck flößen +selbst dem Kinde keine Scheu ein. Mit leichter Hand streicht es über +die Züge, freundlich lächelt es dem Bilde zu: es fühlt das Menschliche +im Wesen dessen, den dieses Bild darstellt. Und dieses Menschliche +wird niemals allzu menschlich, wirkt niemals dürftig und klein; jede +Einzelheit bleibt bedeutend: der ~einzige~ vielleicht, der auch vor +dem Kammerdiener noch ein König war. Wo fällt ein Schatten auch nur +auf sein privates Leben? Wo schleicht sich ein niedriger Zug in die +Tafel seiner Geschichte? Irrtümer mochten auch ihm nicht erspart sein, +weil auch der Genius die Schleier der Vorsehung nicht durchdringt, +aber auch diese Irrtümer entflossen starken und großen Motiven, ob +wir auf die erschütternden Seelenkämpfe der Jungmannszeit, auf das +Ringen im preußischen Konflikte, auf die Arbeit für den Ausbau des +Reiches, auf die letzten Kämpfe des gefesselten Prometheus blicken. +— Wo liegt das Geheimnis der Liebe? Wo das Geheimnis der Größe? Die +Liebe eines Volkes wird dort am sichersten wachsen, wo jeder einzelne +Volksgenosse, wie in Bismarck, ein Stück des eigenen Wesens verkörpert +sieht, wo er alles findet, was in ihm selbst an Gutem und Bedeutendem +schlummert. Und wo dieses sein eigenes Wesen in origineller Prägung +vor seine Augen tritt. Das Volk liebt nicht sie, die wie Griechenlands +Götter in Marmorpalästen wohnen und auf ragenden Höhen, die schweigend +droben über den ewigen Sternen wandeln, es liebt die anderen, die in +dem bunten Gewimmel des Lebens stehen, mit ihm ringen und Kraft aus ihm +ziehen, die seinesgleichen bleiben, auch wenn der Fittich des Genius +sie zu den Wolken erhebt, die mit uns leben und mit uns lieben, die +unsere Freude teilen und mit uns leiden, die mit uns zürnen, wenn wir +zürnen, und die dennoch alles Typische in Besonderheit wandeln und +scharf und klar und unverrückbar als Persönlichkeiten vor unsere Augen +treten. + +Es gibt aber ein Merkzeichen der Volkstümlichkeit: die ~Anekdote~. +Sie umfaßt und ergreift nicht das, was nichtig und zufällig ist, +sondern sie dringt, richtig verstanden und bewertet, in das innerste +Wesen des Menschen, und sie stellt uns in köstlicher Plastik dar, +was die psychologische Analyse oft vergebens zu erläutern sucht. +Sie ist und wirkt durch und durch lebendig; sie malt nicht mit dem +Tintenstift, sondern mit vollen und satten Farben; sie bleibt nicht an +der Oberfläche haften, sondern sie dringt in die letzte Tiefe. Und sie +zeigt zugleich die Eigenart und die Kraft der Persönlichkeit, an die +sie sich kettet. Denn sie entströmt ihr selbst; die Persönlichkeit ist +ihr Schöpfer. Sie wird dort in reichem Strome fließen, wo das Wesen +die originelle Prägung trägt; sie wird versagen, wo selbst ein Mann +von Moltkes Größe doch im letzten Grunde einseitig bleibt. Sie wird +strömen, wo der Humor, die letzte und tiefste Erfassung der Probleme +des Lebens, die Seele erfüllt; sie wird aber versiegen, wo kühles +Erwägen den warmen Blutstrom zurückdrängt. Und sie wird zuletzt auch +dort nur haften, wo ein reiches Menschentum auch gegen den Widerspruch +der Alltäglichen seine eigenen Bahnen wandert. + +[Illustration: ~Zu Bismarcks Geburtstag~ + +Das Komitee des Bismarck-Fonds sollte den Überschuß der Spenden zur +Ausschreibung eines Preises für denjenigen »Kraftmeier« verwenden, der +dem siebzigjährigen Bismarck dieses Kunststück nachmacht. (»Humor. +Blätter«, 1. April 1887)] + +Bismarcks Größe trat dem deutschen Volke nahe, weil sich die Strahlen +seines Geistes in dem Prisma seines Humors brachen. In der Hamburger +Dramaturgie hat Lessing diesen Begriff erläutert. »Ich glaube es +unwidersprechlich beweisen zu können, daß Humor und Laune ganz +verschiedene Dinge, ja in gewissem Verstande ganz entgegengesetzte +Dinge sind. Laune kann zu Humor werden, aber Humor ist, außer in +diesem einzigen Falle, nie Laune.« Es ist in der Tat der Humor nicht +das Produkt einer wechselnden Stimmung, sondern er ist eine stehende +Stimmung, die Grundstimmung des Gemütes; er blüht nur in der Freiheit +des Geistes und ist die reifste Frucht der Bildung. Er trägt die Seele +über Abgründe hinweg und lehrt sie mit ihrem eigenen Leide spielen. Er +ist die Gemütlichkeit, wie wir Deutschen es nennen. Hinter der Komik, +die erscheint, verbirgt sich ein tiefer Ernst und die Weisheit der +umfassendsten Lebensanschauung. Die Alten kannten ihn nicht, so paradox +es klingt, weil sie die Trauer und die Sehnsucht nicht kannten. Der +Humor ist germanisch, wie Luther, Shakespeare und Bismarck; er vereint +den tiefen Ernst und den heiteren Frohsinn in dem Brennpunkt des +Gemütes. Und er löst alle Widersprüche auf. Die Anekdote aber wandert +in seinem Gefolge; sie ist sein legitimer Sprößling gleich dem Witz, +nur wird sie vom Wohlwollen geboren und vom Lächeln empfangen, während +an der Wiege des Witzes und vor allem der Karikatur nur allzuoft die +Bosheit steht. + +[Illustration: Bismarck als Triumphator über den deutschen Michel im +tschechischen Vilde. (»Hum. Listy«, August 1879)] + +Wie weltenfern ist darum Bismarcks Größe von der Größe der anderen, die +gleich ihm das Antlitz der Welt zu wandeln bestimmt waren! Wo fällt +der goldene Schimmer des Humors jemals auf Napoleons eisernes Antlitz? +Wo umstrahlt er Cäsars oder Friedrichs des Großen Werkstatt? Wo packt +uns, wie hier, die tiefe Innigkeit eines Gemütes, in dem die Kraft der +äußersten Liebe sich mit der Kraft des unnachsichtlichen Hasses, die +rücksichtslose Kraft des weltengestaltenden Staatsmannes mit dem zarten +Künstlersinn des Freundes der Natur, mit dem weichen Empfinden des +Schreibers der Briefe an seine Braut zu vereinen verstand? Bismarck war +groß auch in seinem Menschentum. + +Und darum verlangt die Menschheit nach mehr als nur nach dem Rahmen des +Lebens, und sie verlangt auch einen anderen Inhalt als das Register +seiner geschichtlichen Taten. Neben das Bedürfnis des forschenden +Geistes tritt das Bedürfnis der Liebe; neben dem hellen Mittag behält +das Abenddämmern sein Recht mit seinen leisen Gesprächen, seinem +stillen Erzählen von Tat und Geschehen, von Helden und Sagen. Die +Kinder, sie hören es gerne. + +Nur in Bismarck ist das Geheimnis der Größe zugleich das Geheimnis der +ihm dargebrachten Liebe. Er steht dem Volke menschlich nahe wie niemand +sonst. Und als er starb, da war es, als ging uns allen der beste Teil +des Lebens verloren. Wie anders sonst! Als die letze Kunde kam von dem +stillen Eiland im Weltmeer, auf dem Napoleon den Tiefgang seines Lebens +betrauerte, da erzitterte wohl auch die Menschheit in dem Bewußtsein, +daß hier ein Riese der Macht der Natur erlag, aber die Trauer des +Herzens hat gefehlt, das letzte und wertvollste Zeichen menschlicher +Größe. Metternich beherrschte einst durch sein zähes und kluges System +den Kontinent von Europa, Gortschakoff träumte sich als Bismarcks +Meister, Gambetta hatte die Leidenschaftlichkeit seines Volkes zu +dem letzten verzweifelten Kampfe gegen Deutschlands siegreiche +Heere gespornt, Cavour und Viktor Emanuel haben Italiens Einheit in +rühmlichem Kampfe erfochten. Und doch hat, als sie starben, der Werktag +nicht sein Antlitz geändert. Kaiser und Könige schieden, der starken +Hand eines Nikolaus entfiel das Zepter, der dritte Napoleon, der einst +der Welt Gesetze zu geben gedachte, zollte dem Schicksal den letzten +Tribut. Wo aber war die Menschheit so tief erschüttert wie an jenem +Tage, der ihr Bismarck raubte! + +[Illustration: ~Im norddeutschen Parlament~ Entschieden ist er und ein +gewaltiger Redner; das muß man ihm lassen. (»Figaro«, 5. März 1870)] + +Und seltsam beinahe: Solange Bismarck lebte, stand er immer im Kampfe +mit einer Welt. Nirgends betrat er die ebene Bahn, nirgends schritt +er ungehindert dem Ziele zu. Er mußte selbst ringen mit seinem alten +König, mit dem Manne, dem er doch sterbend noch in der Inschrift +seines Grabes das Geschenk seines Lebens vermachte; er mußte ringen +mit dem Vorurteil der deutschen Welt, daß die großen Entscheidungen +des Schicksals durch Resolutionen und Aktenstöße, nicht auf blutigem +Blachfeld gefällt werden. Gegen ihn erhob sich die Masse der Kleinen, +der Ehrgeizigen und der Verkannten. Ihm stellte sich alles entgegen, +was vor der Größe zurückschreckt; an ihm verzagten in böser Zeit +selbst die ältesten und getreuesten Helfer. Parteipolitisches +Hoffen, höfischer Ehrgeiz, Doktrinarismus werden niemals dem Fluge +des Genius vorbehaltslos folgen; sie werden in ihm stets etwas +Feindliches spüren; sie werden versuchen, den Ragenden auf das Maß +der eigenen Kleinheit zurückzuführen. Und feindlich wird ihm auch der +»gesunde Menschenverstand« bleiben, dieser Trost des Philisters, der +selbstgefällig nur die Weisheit der Allgemeinheit schlürft, der nach +Schlußsatz und Kettenregel seine Folgerungen zieht, der aber stets +abgestoßen wird von dem anderen, der intuitiv seine Entschlüsse faßt, +der unregelmäßig erscheint, weil er das gewöhnliche Geleise verschmäht, +der nur der Stimme der Gottheit folgt und den Pedanten verachtet. +Bismarck hatte kein System; er hinterließ auch keine Schüler. Denn +das scheinbar Unregelmäßige, das sich erst in einer höheren Sphäre +gestaltet, läßt sich weder lehren noch lernen. Darum blieben auch sie, +die in den langen Jahren gegen ihn rangen, die zehnfach an ihm irre +wurden, doch redliche, vaterlandstreue Männer. Es ist kein Verbrechen, +dem Genie zu erliegen, wohl aber erhöht es die Qualen des großen +Menschen, wenn er das, was er als Goldmünze von der Vorsehung empfing, +täglich und stündlich in die kleine Münze des Marktverkehrs umsetzen +muß. + +[Illustration: ~Der Baumkraxler~ + +Michel: »Das ist gut, die streiten sich da herunten noch, wer kraxeln +soll, während er schon lange oben ist.« (»Figaro«, August 1864)] + +So hat man gegen den Weg, den Otto von Bismarck einschlug, um +Preußen stark und durch Preußens Stärke Deutschland groß zu machen, +selbst dort gekämpft, wo man in schwungvollen Reden und in hallenden +Beschlüssen dafür eintrat, daß das Vaterland größer sei und die +schwarzrotgoldene Fahne über alle Lande von Memel bis nach Konstanz +flattern muß. Der Doktrinarismus kennt nur ~einen~ Weg: den Weg, den +er selbst approbierte, und jeder Schritt, jedes Abweichen von dieser +Bahn erscheint ihm als ein Verbrechen gegen die eigene Majestät. Was +Bismarck damals, als er eben in den Kampf eintrat, als man ihn als +prahlenden Junker, als hohlen Großsprecher, als Napoleonverehrer und +Städtevertilger begrüßte, als man ihn wechselnd mit Catilina und +Strafford verglich und als Verräter beschimpfte, in seinem Brief an +Motley schrieb, mag hart und ungerecht klingen trotz der humoristischen +Färbung, aber es zeichnet doch den tiefen Unterschied zwischen dem +Tatenmenschen, der schaffen will, und den Doktrinären, die selbst der +Vorsehung ihre Bedingungen vorschreiben möchten: »Eure Gefechte sind +blutig, unsere geschwätzig. Diese Schwätzer können Preußen wirklich +nicht regieren; ich muß dem Widerstand leisten. Sie haben zu wenig +Witz und zu viel Behagen. Dumm in seiner Allgemeinheit ist nicht der +richtige Ausdruck; die Leute sind, einzeln betrachtet, zum Teil recht +gescheit, meist unterrichtet, regelrechte deutsche Universitätsbildung, +aber von der Politik gegenüber den Kirchturminteressen verstehen sie +so wenig wie wir als Studenten davon wußten, ja noch weniger; in +auswärtiger Politik sind sie auch einzeln genommen Kinder; in allen +übrigen Fragen aber werden sie kindisch, sobald sie =in corpore= +zusammentreten. Massenweise dumm, einzeln verständig.« Protestierte +doch sogar, als Bismarck erklärte, nur eine preußische Sprache zu +reden, ein Sybel gegen seine Politik, die »sich hiermit wieder das +Zeugnis ausstellt, daß die Essenz ihres Wesens die Nichtachtung des +Rechtes ist, daß sie weder im Innern noch nach außen handeln, weder +ruhen noch wirken, weder leben noch sterben kann, ohne die Gesetze des +Landes zu verletzen«. Und wie Sybel, so urteilten Twesten, Unruh, +Simson, Waldeck, Vincke und Carlowitz und die anderen, und sie alle, +die tausendmal das Lied von den meerumschlungenen Landen gesungen +hatten, ließen durch den Vertreter der Mehrheit erklären: »Sagen wir +uns von jeder Gemeinschaft mit der Politik dieses Ministeriums los!« +Und sie jubelten Virchow zu, als er ausrief: »Er ist jetzt dem Bösen +verfallen, und er wird von ihm auch nicht mehr loskommen!« Und sie +lehnten die Anleihe für den Dänischen Krieg ab. Und als der Kampf +siegreich beendet war, und als die preußischen Fahnen über Düppel +und Alsen wehten, da füllten sie wiederum die Sitzungen nur mit +Streitigkeiten, Vorwürfen und Anklagen. Da verwarfen sie abermals +das Heeresgesetz und weigerten sich, das Geld für eine Flotte und +für den Lorbeerkranz zu gewähren, der um Preußens Stirne gebunden +war. Und Bismarck mußte ihnen zornig erklären, daß im allgemeinen +wohl die Existenz auf der Basis der Phäaken bequemer sei als auf der +Basis der Spartaner, im Lande der Philister angenehmer als im Lande +der gehärteten Kämpfer, daß er aber hoffe, daß wie Düppel und Alsen +ihnen zum Trotz erobert seien, so Preußen, ungeachtet ihrer impotenten +Negative, auch eine Flotte bekommen werde, deren Bau man ihm eben +versagte. Das Talent bleibt Reflexion, das Genie ist Tat. Dort die +ungeheuren, wimmelnden Scharen, einander treibend und drängend, sich am +Nachbarn erwärmend und von ihm mit neuem Mute begabt; hier der ~eine~, +der mit breiter Brust sich dem Strom entgegenstellt. Und noch in späten +Jahren, als alte Träume längst Wirklichkeit wurden, schrieb Bismarck, +wenn er jener Zeiten gedachte, in neu erwachender Bitterkeit: »Es +liegt im Rückblick auf die Situation ein bedauerlicher Beweis, bis zu +welchem Maße von Unehrlichkeit die politischen Parteien bei uns auf dem +Wege des Parteihasses gelangen. Es mag ähnliches anderswo vorgekommen +sein, doch weiß ich kein Land, wo das allgemeine Nationalgefühl und +die Liebe zum Vaterland den Ausschreitungen der Parteileidenschaft so +geringe Hindernisse bereitet, wie bei uns. Die für apokryph gehaltene +Äußerung, welche Plutarch dem Cäsar in den Mund legt, lieber in einem +elenden Gebirgsdorfe der Erste, als in Rom der Zweite sein zu wollen, +hat mir immer den Eindruck eines echt deutschen Gedankens gemacht. +Nur zu viele unter uns denken im öffentlichen Leben so und suchen +das Dörfchen, und wenn sie es in geographischer Art nicht finden +können, die Fraktion, Unterfraktion und Koterie, wo sie die ersten +sein können. Diese Sinnesrichtung, die man nach Belieben Egoismus und +Unabhängigkeit nennen kann, hat in der ganzen deutschen Geschichte von +den rebellischen Herzögen der ersten Kaiserzeiten an ihre Betätigung +gefunden.« + +[Illustration: Ritter, Tod und Teufel Nach Albrecht Dürer. (»Berliner +Wespen«, Juni 1875)] + +Was ist der Parteigeist anderes, als Doktrinarismus? Sie beide sind +immer beschränkt, durch die Gesetze der Pedanterie beengt, ablehnend +gegen die großen Gedanken, die dem Herzen entstammen, gegen die Kräfte +der Begeisterung und des Gemütes. Sie werden stets unfruchtbar bleiben, +gelenkt durch den Groll gegen die großen schöpferischen Geister, die es +wagen, von der Säule des Prinzips hinabzusteigen in das blühende Leben. +Der Doktrinarismus hat den großen Staatsmann gleich der Parteiwut +verfolgt durch sein ganzes Leben, einer knurrenden Dogge vergleichbar, +die sich an die Spur des Wanderers heftet. Was heute uns einfach und +selbstverständlich erscheint, das wollte und konnte er nicht begreifen, +eben weil es nicht nach seinem eigenen Gesetze erreicht werden sollte. +Er hat zehnmal öfter »Fort mit Bismarck« geschrien, als er »Hoch +Bismarck« rief. + +[Illustration: ~Bismarcks Kopf auf der Guillotine~ + +Auf der Stirne stehen die Worte: »Ehrgeiziger Schuft«. Die Unterschrift +lautete: »Ich habe dich gekriegt, ich hab’s auf deine Stirne +geschrieben, wer du bist, und jetzt drängt man herbei, um dich zu +verspotten.« Die Aasgeier fliegen schon heran. (Französ. Flugbl. 1870)] + +Denn dieser Mann hat die Kühnheit gehabt, nie einer Fraktion +anzugehören. Er ist, wie er es einmal aussprach, =à tour de rôle= +herumgegangen, aber die Doktrin gab er stets wohlfeil: »Wer auf dem +Standpunkt, den er einmal gehabt hat, feststeht, der bleibt zurück! +Doktrinär bin ich in meinem Leben nicht gewesen; alle Systeme, durch +welche die Parteien sich getrennt und gebunden fühlen, kommen für mich +in zweiter Linie; in erster Linie kommt die Nation, ihre Stellung nach +außen, ihre Selbständigkeit, damit wir als große Nation frei atmen +können.« Bismarck hatte keine vorgefaßte Meinung; und die Menschen des +Prinzips glichen ihm Wanderern, die mit quergelegten langen Stangen auf +einem engen Waldweg vorwärts kommen wollten. Er wurde aber Sieger, weil +in ihm die Kraft der Leidenschaft lebte, wie es ja nie eine Genialität +ohne Leidenschaft gibt. Neue, kühne, begeisterte Ideen erzeugt nur +ein heller Kopf, der über einem glühenden Herzen steht, wie der +köstlichste Wein nur auf Vulkanen gedeiht. Und Bismarck war Autodidakt. +Er war nicht über den Paßweg der Examina gegangen, er war nicht die +Stufenleiter zu hohen Ämtern mühsam emporgeklettert, und als er den Weg +nach Frankfurt antrat, auf den wichtigsten Posten, den Preußen kannte, +da mochten ihn die Männer vom Bau als Dilettanten, als »Diplomaten =en +sabots=« begrüßen und auf ihn das Wort anwenden, das einst für Lord +Russel galt: »Der Mensch würde auch das Kommando einer Fregatte oder +eine Steinoperation übernehmen.« Er selbst hat ja gefürchtet, daß er +sich »wegen Unkenntnis der aktenmäßig üblichen Formen blamieren würde«, +er hat, als er zuerst »vom Rade des Lebens gefaßt war«, sich erst +gewöhnen müssen, »ein regelmäßiger Arbeiter und trockener Geschäftsmann +zu sein, viele und feste Arbeitsstunden zu haben und alt zu werden«, +und humoristisch schreibt er an die Gattin, und doch voll leichter +Bitterkeit über die verlorene Freiheit: »Dann muß ich einen großen +Train und Haushalt führen, und Du, mein armes Kind, mußt steife Hecke +spielen, Diners und Bälle geben, schrecklich vornehm tun, Exzellenz +heißen und mit Exzellenzen klug und weise sein.« Aber wenn Spiel +und Tanz auch vorbei sind, so ist er doch entschlossen, ein ernster +Mann zu sein, auszuharren auf dem Fleck, auf den Gott ihn gesetzt, +und dem König und dem Lande seine Schuld zu bezahlen. Es ist das +Selbstbewußtsein, das Kraftgefühl des Genies, das ihn, den Gutsbesitzer +mit mäßigem Vermögen, der erst seit wenigen Jahren als Abgeordneter im +politischen Sturme stand, zum Sieger über die Zunftdiplomaten, über all +die geschäftigen Müßiggänger am deutschen Bundestag erhebt. Nur daß +er die zehn Jahre des tollen Junkertums benutzt hat, in alle Tiefen +des Wissens zu dringen, fertig zu werden an Geist und Charakter, alle +Kultur zu gewinnen, die das Jahrhundert schuf. Kein anderer Staatsmann +gleicht ihm in der Fülle des Erschauten und Erkannten, kein Redner +ist darum so reich wie er an Gleichnissen und Bildern und an lebenden +Zitaten aus den Werken der großen Dichter aller Nationen. Hier ist +nichts künstlich angewandt, sondern alles Erschaute und Erkannte +schmilzt mit dem eigensten Wesen des Mannes zusammen und wird sein +unverlierbares Eigentum. Und das Beste geben ihm nicht die Bücher, +sondern das Leben, in das er mit hellen, schnell erfassenden Augen +blickt. So ward er ein Feind der Reflexion und wurde und blieb ein Mann +des Handelns, und über der Pforte seines Daseins standen die Worte: »Am +Anfang alles männlichen Daseins steht nicht das Wort, sondern die Tat.« + +[Illustration: =In patriae serviendo consumor!= (»Ulk«, 13. November +1896)] + +Und so löschte er von dem Tage an, da er in das geschichtliche Leben +eintrat, von der Tafel die Politik der Perücken und schuf eine neue +Politik der Kühnheit und der Wagnis. Nur die selbstbewußte Kraft des +Genies, das über den Tag und seine Bedürfnisse hinwegblickt, konnte +diesen Weg unbeirrt vorwärtsschreiten, auf dem überall Haß und Hohn +als Hindernisse standen. Bis dann langsam das Verständnis für das +Werden und die Ziele dieses Mannes erwachte, bis Groll und Mißmut sich +beugten und selbst der Fremde, der Feind ausrief, daß kein Pantheon +groß und vornehm genug sei, um ihm als Ruhestatt zu dienen. + +[Illustration: Gehässig wird Bismarck als Tartüff, ehrgeiziger Fälscher +und Betrüger dargestellt. (»Les Célébrités«, Nr. 15, während des +Krieges in Frankreich)] + +Und ein seltsames Eingeständnis machten selbst sie, die ihn bekämpften. +Die ~Karikatur~ wird dort nur lebendig sein, wo Menschen den Rahmen +des Gewöhnlichen verlassen und im Guten oder Bösen aus dem Geleise +des Gewohnten treten. Überall aber, wo der Stift des Spötters den +Lebensweg Bismarcks begleitet hat, dort hemmte ihn ein unbewußter +Respekt vor der geahnten Größe an Exzessen der Phantasie. Der glühende +Haß der Besiegten des großen Jahres und der anderen Kriege mochte ihn +als Frevler auf die Guillotine senden, ihn meineidig oder blutgierig +schelten, aber tritt nicht aus der Wildheit des Hasses sieghaft die +Größe des Gegners hervor? Auf ihn allein und vor allem häufte sich +seit dem Tage von Sedan aller Ingrimm des französischen Volkes. Er +glitt an Roon und Moltke und selbst an König Wilhelm vorüber, um immer +wieder ihn, den Gewaltigen, den Gefürchteten zum Ziele zu wählen. Hier +verschmäht er spöttische Scherze; hier bleibt er heißer Zorn. Hier +sucht er andere Bilder, als sie selbst die preußische Konfliktszeit und +der Kulturkampf gebrauchte. Und eben hiermit neigt er sich doch wider +Willen vor der überlegenen Größe. Und darum spiegelt sich hier wie dort +in diesen Bildern des Spottes und der Ironie wie im Zerrspiegel etwas +vom Wesen des Mannes wider: Auch das Negativ, das Licht und Schatten +umgekehrt verteilt, läßt uns das originale Bild erkennen. + +Und aus Scherz, Satire und Ironie, aus Anekdote und Karikatur soll +hier ein Bild gezeichnet werden. Und wer es mit Fleiß betrachtet, wer +den kraftvollen Hauch verspürt, der aus all dem scheinbar Kleinen und +Nebensächlichen und doch Erlebten zu uns dringt, und wer zugleich +im Negativ zu lesen versteht, vor dem wird doch wieder und wieder, +gewaltig wie der Roland im Hamburger Hafen, die Gestalt dieses einzigen +Mannes erstehen, der, ein geborener Herrscher, die Gemüter der Menschen +regierte, wie der Wind die Wolke regiert, und der mit eiserner Faust +die Geschichte zwang, daß sie seinem Willen folgte. Widerstrebend und +scheu zugleich wie ein Araberhengst, der den Meister verspürt. + +[Illustration: Bismarck als Drachentöter. (»Jugend«, 1908)] + + + + +Die Kindheit + + +Als der Pfarrer von Schönhausen den Namen Otto von Bismarck in das +Kirchenbuch der Gemeinde eintrug, da verhallte eben in der Ferne der +Kanonendonner, der das Jubellied der neuerrungenen deutschen Freiheit +begleitet hat. Da schien auf dem blutgetränkten Felde junge Hoffnung +zu sprießen, der Glaube an ein geeintes deutsches Reich ergriff die +von dem Stolze über die aus eigener Kraft erfochtenen Siege erfüllte +Menschheit; das Tor des Kyffhäuserberges schien gesprengt, alter Glanz +wiederzukehren und junge Freiheit zu wachsen. Aber die Zeit war noch +nicht erfüllt; das Geschlecht, das bei Leipzig und Waterloo siegte, war +noch nicht reif. Die Erziehung, die das deutsche Volk durch Napoleons +eiserne Faust und durch den feurigen Schöpfergeist Scharnhorsts und +des Freiherrn vom Stein erhalten hatte, trug noch nicht die ersehnten +Früchte. Und fast ist es ein Glück: Nicht aus den Händen intriganter +Diplomaten, die in Wien sich um die Landkarte stritten, nicht nach dem +Willen fremder Souveräne sollte das deutsche Volk die besten Gaben +seines Schicksals erhalten, sondern von der eigenen gesteigerten Kraft, +vom eigenen Verdienst. Erst mußte die Nation durch das Fegefeuer einer +neuen harten Prüfungszeit wandern, ehe wirklich die Zeit erfüllt war. +Und wunderlich, daß just in jenen Tagen, die so bittere Enttäuschung +heraufführen sollten, in dem märkischen Dorfe, die Welt begrüßend, die +Stimme des Knaben erklang, der alles Hoffen erfüllen, alles Leid in +Segen verwandeln sollte. Die Zeit aber, die bestimmt war, eine Zeit +des Reifens, des inneren Erstarkens für die deutsche Nation zu werden, +diese Zeit der scheinbaren Erstarrung, in der über dem Weltteil sich +mit schwerem Druck der armselige Ideenschatz der heiligen Allianz +gelegt hat, in der Stein vor Metternich erlag und Hilflosigkeit und +böser Wille in dem Bundesstaate nur die Karikatur eines Staatsgebildes +schufen, diese Zeit der Indolenz, die nur der flammende Mut der Jugend +zuweilen mit Blitzen heiligen Zornes erhellte, ist auch die Zeit des +jugendlichen Reifens jenes Mannes gewesen, der sie ins Grab geleiten +sollte. Bismarcks Jugend stand nicht unter dem Sterne bedeutenden +Geschehens, hinreißender Taten. Philosophie und Empfindsamkeit führten +die Herrschaft; die Tatenmenschen fanden keinen Raum. Der gewaltigen +Periode der Freiheitskämpfe folgte die Reaktion der Ermattung. + +Am 11. April 1815 erschien in der Spenerschen Zeitung zu Berlin +folgende Anzeige: + + Die gestern erfolgte glückliche Entbindung meiner Frau von einem + gesunden Sohn verfehle ich nicht, allen Verwandten und Freunden + unter Verbittung des Glückwunsches bekanntzumachen. + + Schönhausen, den 2. April 1815. Ferd. v. Bismarck. + +Schönhausen — noch steht das alte, efeuumsponnene Haus, noch kann ein +dankbares Volk ehrfürchtig dorthin wallfahren, wo Bismarcks Wiege +stand, noch ist das Zimmer unverändert, in dem Frau Wilhelmine einst in +Nöten rang. + +[Illustration: Geburt Bismarcks] + +Otto von Bismarck war das vierte Kind seiner Eltern, doch war nur +der fünf Jahre ältere Bernhard noch am Leben. Siebenundzwanzig Jahre +zählte die Mutter, fünfundvierzig der Vater, als dem Schöpfer des +neuen deutschen Reiches die Geburtsstunde schlug. Ein schlichter, mit +Glücksgütern nicht reich gesegneter Landwirt, der einst als Rittmeister +das Heer verließ, hatte jene Anzeige in der Zeitung erlassen. Fünf +Fuß zehn Zoll zeigte das Maß des Vaters, kräftig und derb war seine +Erscheinung. Die Mutter aber, Wilhelmine Mencken, war mittelgroß, +zeigte feine Züge und leuchtende Augen. Sie war schön und geistreich, +städtisch erzogen, und sie verlor auch in der Fülle des ländlichen +Lebens niemals die heimliche Sehnsucht nach der großen Welt. In dem +Briefe vom 24. Februar 1847, den später der junge Bräutigam an Johanna +von Puttkamer schrieb, hat er die Mutter geschildert: + + +Wilhelmine Mencken + + »Heute war der Geburtstag meiner verstorbenen Mutter. Wie deutlich + schwebt es mir vor, als meine Eltern in Berlin am Opernplatz + wohnten, dicht neben der Katholischen Kirche, wenn ich des Morgens + durch den Jäger aus der Pension geholt wurde, das Zimmer meiner + Mutter mit Maiblumen, die sie vorzüglich liebte, mit geschenkten + Kleidern, Büchern und interessanten Nippes garniert fand; dann ein + großes Diner mit vielen jungen Offizieren, die jetzt alte Majors + sind, und schlemmenden alten Herrn mit Ordenssternen, die von den + Würmern verzehrt sind. Und wenn man mich als gesättigt vom Tische + geschickt hatte, so nahm mich die Kammerjungfer in Empfang, um mir + mit beiseite gebrachtem Kaviar, Baisers u. dgl. den Magen gründlich + zu verderben. Meine Mutter war eine schöne Frau, die äußere Pracht + liebte, von hellem, lebhaftem Verstand, aber wenig von dem, was + der Berliner Gemüt nennt. Sie wollte, daß ich viel lernen und viel + werden soll, und es schien mir oft, daß sie hart und kalt gegen + mich sei. Was eine Mutter dem Kinde wert ist, lernt man erst, wenn + es zu spät, wenn sie tot ist; die mittelmäßigste Mutterliebe, mit + allen Beimischungen mütterlicher Selbstsucht, ist doch ein Riese + gegen alle kindliche Liebe. ... Von der Religion meiner Mutter + erinnere ich nur, daß sie viel in den ›Stunden der Andacht‹ las, + über meine pantheistische Richtung und meinen gänzlichen Unglauben + an Bibel und Christentum oft erschrocken und zornig war. Zur Kirche + ging sie nicht und hielt viel von Swedenborg, der Seherin von + Prevorst und Mesmerschen Theorien, Schubert, Justinus Kerner. Eine + Schwärmerei, die im seltsamen Widerspruch zu ihrer sonstigen kalten + Verstandesklarheit stand.« In den »Gedanken und Erinnerungen« + schreibt Bismarck weiter von seiner Mutter: »Sie war die Tochter + des in damaligen Hofkreisen für liberal geltenden Kabinettsrats + Friedrich des Großen, Friedrich Wilhelm =II.= und =III.= aus der + Leipziger Professorenfamilie Mencken, welche in ihren letzten, + mir vorhergehenden Generationen nach Preußen in den Auswärtigen + und den Hofdienst geraten war. Der Freiherr vom Stein hat meinen + Großvater Mencken als einen ehrlichen, stark liberalen Beamten + bezeichnet. Unter diesen Umständen waren die Auffassungen, die + ich mit der Muttermilch einsog, eher liberal als reaktionär, und + meine Mutter würde, wenn sie meine ministerielle Tätigkeit erlebt + hätte, mit der Richtung derselben kaum einverstanden gewesen sein, + wenn sie auch an den äußeren Erfolgen meiner amtlichen Laufbahn + große Freude empfunden haben würde. Sie war in bureaukratischen + und Hofkreisen groß geworden; Friedrich Wilhelm =IV.= sprach von + ihr als ›Minchen‹ im Andenken an Kinderspiele.« Über »Minchen« + lag eine gewisse Kühle, auch ihre Briefe an die Söhne strahlen + selten innere Wärme aus. Ihre Briefe sind literarisch, vernünftig, + erfüllt von Sentenzen: »Es wäre das höchste Ziel meines Lebens,« + so schreibt sie an den jungen Sohn, »und ich dachte es mir als + das größte Glück für mich, das ich erreichen könnte, einen + erwachsenen Sohn zu haben, der, unter meinen Augen gebildet, mit + mir übereinstimmen würde, der als Mann berufen wäre, viel weiter in + das Reich des Geistes einzudringen, wie es mir als Frau vergönnt + ist.« Ihre Gedanken sind stets auf ein »Leben im höheren Sinne« und + eine Vervollkommnung des Geistes gerichtet, niemals unmittelbar, + niemals, selbst dem Sohne gegenüber, von rückhaltlosem Mitempfinden + erfüllt. Die Frohnatur und die Lust zu fabulieren, die Goethe der + Frau Rat verdankte, hat Bismarck von der Mutter sicherlich nicht + geerbt. + + +Ferdinand von Bismarck + + »Mein Vater war von aristokratischem Vorurteil frei, und sein + inneres Gleichheitsgefühl war, wenn überhaupt, nur durch + die Offizierseindrücke seiner Jugend, keineswegs aber durch + Überschätzung des Geburtsstandes modifiziert«, so urteilt der + achtzigjährige Staatsmann über den Vater. Er war der Landjunker der + guten alten Zeit, ein eifriger Reiter und Jäger, der Freund eines + guten Trunkes. Über seinem ganzen Wesen liegt ein gewisses robustes + Behagen, ein behäbiger harmloser Humor. Er ist ganz unliterarisch, + aber er umfaßt seine Jungen mit warmer Güte und väterlicher Treue. + Und als sie zu tüchtigen Knaben heranwachsen, da blickt er mit + naivem Stolze auf sie. »Mit Eure Zeugnisse«, schreibt er 1828, + »brüste ich mich noch immer, gestern waren Bülows, Bekedorff und + Blankenburgs hier, wo ich sie zeigte und meine recht innige Freude + hatte, wie sie Euch rühmten; schon im voraus freue ich mich auf + die, so Ihr auf Johanny schicken, und bin ich von Eurer Liebe + überzeugt, daß Ihr unsere Hoffnungen gewiß erfüllen werdet. Ich + bin also berechtigt, Nr. 1 entgegenzusehen.« Wirtschaftsnöte und + manche Sorge blieben ihm nicht erspart, und als er starb, da ließ + der Zustand der Güter vieles zu wünschen übrig. Aber mit einer + gottvertrauenden Sorglosigkeit ließ er die Dinge an sich kommen. + Daß der Sohn über ihn hinauswuchs, hat er wohl kaum gespürt. Aber + das Verhältnis der beiden blieb herzlich und vertraut bis ans Ende. + + Am 15. Mai fand die Taufe statt. Nur das erste Jahr seiner Kindheit + verlebte Bismarck in Schönhausen. Denn schon im Jahr 1816 siedelten + die Eltern nach Kniephof in Pommern über. Sie waren durch Erbschaft + und Vergleich in den Besitz dieses Gutes sowie von Jarchelin und + Külz gekommen. Mancherlei landschaftliche Reize bot die Umgebung, + und wenn auch das Herrenhaus selbst unansehnlich und einfach war, + so waren doch der schöne Garten und der Karpfenteich des Gutes + weithin gerühmt. Hier blieb der Knabe bis zum sechsten Lebensjahre. + Eine Reihe von niedlichen Zügen ist uns schon aus dieser ersten + Periode erhalten. + + +Er baumelt mit den Beenekens + + Aus seiner frühesten Kindheit erzählt eine zur Familie gehörige + Dame: »Otto saß am Nebentisch und wartete mit vorgebundener + Serviette auf das Essen — das ihm von Kindheit an vortrefflich + schmeckte —, den Rücken gegen die Tafel gekehrt, an welcher die + Eltern mit den Gästen Platz genommen hatten. Der glückliche Vater + betrachtete den Sohn mit den zärtlichsten Blicken und rief dann + der Gemahlin entzückt zu: ›Minchen, sieh doch den Jungen, wie er + dasitzt und mit den Beenekens baumelt!‹ Und so baumelte denn der + kleine Otto ganz vergnügt mit den ›Beenekens‹ weiter zur Freude + seines Vaters.« + + +Weil sie zu sehr stankte + + Nach Kinderart hatte Otto die Leidenschaft, alles, was ihm eßbar + dünkte, zu kosten. Die Mutter nahm ihn dann scharf ins Verhör. + »Otto, was hast du gegessen? Du riechst nach Medizin!« rief die + Mutter einst. Das Kind besann sich eine Weile, dann sagte es ruhig: + »In des Vaters Stube stand am Fenster eine Flasche, die nahm ich + an den Mund; ich habe aber nicht davon getrunken, weil sie zu sehr + stankte.« + + +Die Kanonenkugel + + Der Major von Schmeling, Kommandeur des Landwehrbataillons + in Naugard, der in den Freiheitskriegen verwundet wurde und + infolgedessen den linken Arm in der Binde tragen mußte, war + eines Tages bei Bismarcks Eltern zu Tisch geladen. Der immer + noch stattliche Krieger erregte in seiner blanken Uniform des + Knaben ganze Aufmerksamkeit. Mit fragenden Augen schaute dieser + über seinen Suppenteller hin, bald nach dem Eisernen Kreuze auf + der Brust des Majors, bald auf dessen unbeweglichen Arm in der + Binde. Das kindliche Fassungsvermögen vermochte sich wohl an der + Erscheinung des tapferen Offiziers die Konsequenzen von »Blut und + Eisen« noch nicht zu erklären; es mochte aber doch eine Ahnung in + ihm aufsteigen, denn mit plötzlichem Entschlusse sprang er vom + Stuhle, stellte sich in etwas breitbeiniger, doch gerader Haltung, + mit den Händen in die Seiten gestemmt, vor den Major hin und frug + ihn in echt friderizianischer Art zur größten Heiterkeit der + Tischgesellschaft: »Ist Er von einer Kanonenkugel geschossen?« + +[Illustration: Jugendbild I] + +In Versailles erzählte Bismarck einmal von seiner Jugendzeit und +seinen frühesten Erinnerungen. Die erste knüpfte sich an den Brand des +Berliner Schauspielhauses: + + +Die erste Erinnerung + + »Ich bin damals«, so erzählte er, »ungefähr drei Jahre alt gewesen, + und es war am Gendarmenmarkt auf der Mohrenstraße, gegenüber dem + Hotel de Brandebourg, an der Ecke, eine Treppe hoch, da wohnten + damals meine Eltern. Von dem Brande selbst weiß ich nicht, daß + ich ihn gesehen hätte. Aber als Egoist weiß ich — vielleicht auch + nur, weil man mir’s hernach oft erzählt hat, wir hatten da vor den + Fenstern noch so eine Stufe, auf der Stühle und der Nähtisch meiner + Mutter standen. Und wie es brannte, da stieg ich hinauf und hielt + an der einen Seite meine Hände an die Scheiben und zog sie gleich + zurück, weil es heiß war. Hernach ging ich an das rechte Fenster + und machte es ebenso.« — »Dann erinnere ich mich noch, daß ich + einmal fortlief, weil mein älterer Bruder mich schlecht behandelt + hatte. Ich kam bis auf die Linden, da fingen sie mich wieder + ein. Ich hätte eigentlich Strafe bekommen sollen, es wurde aber + Fürsprache für mich eingelegt.« + +Eine andere niedliche Erinnerung aus jener frühen Zeit, die Bismarck +einmal vor Paris bei Tische erzählte: + + +Seltsame Bälle + + »Ich besinne mich, obwohl ich damals noch sehr klein war, es muß + im Jahre 1821 oder 1822 gewesen sein — da waren die Minister noch + sehr große Tiere, angestaunt, geheimnisvoll. Da war einmal bei + Schuckmann große Gesellschaft, was man damals Assemblée nannte. Was + war der als Minister für ein schrecklich großes Tier! Da gingen + meine Eltern auch hin. Ich weiß noch wie heute. Meine Mutter hatte + lange Handschuhe an, bis hierher (er zeigte es am Oberarm), ein + Kleid mit kurzer Taille, aufgebauschte Locken zu beiden Seiten + und auf dem Kopfe eine große Straußenfeder. — Später war da ein + Gesandter in Berlin, der gab auch solche Bälle, wo bis um drei Uhr + getanzt wurde, und wo es nichts zu essen setzte. Da weiß ich, daß + ich und ein paar gute Freunde oft hingingen, zuletzt lehnten wir + jungen Leute uns auf. Als es spät wurde, zogen wir Butterbrote aus + der Tasche und verzehrten sie. Hernach, das nächstemal, gab es zu + essen, aber wir waren nicht wieder eingeladen.« + +[Illustration: Aus einem Schönschreibheft des Knaben (Aus einer +humorist. Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag Bismarcks)] + +Reicher quellen schon die Erinnerungen aus der Zeit, die Otto von +Bismarck in dem Plamannschen Institut zu Berlin verlebte, wohin man +ihn in seinem sechsten Jahre brachte. Dieses Institut war nach den +Grundsätzen Pestalozzis begründet; in dem Hause Wilhelmstraße 139 +lebten etwa dreißig Schüler in der strengen Zucht ihrer Lehrer, nach +den Erziehungsgrundsätzen der eben vergangenen eisernen Zeit. Hier +sollte der Körper gestählt, die Persönlichkeit nach allen Seiten +ausgebildet und zur Selbständigkeit erzogen werden. Hier hat der +Knabe, vielfach vom Heimweh nach den Pferden und Kühen und der freien +Luft der Heimat gefoltert, die erste Lehrzeit des Lebens verbracht. +Vom frühen Morgen bis zum späten Abend war jede Stunde des Tages +geregelt. Unterricht, Gymnastik, einfache Mahlzeiten, Arbeitsstunden +wechselten miteinander, und am Sonntag zog man wohl mit den Lehrern +auf die Wanderfahrt. Aber ganz froh ist der Knabe hier nie geworden. +Das Gärtchen mit Kresse und türkischem Weizen und dem einen Baum, +der breitgeästet im Winkel stand, konnte ihm nicht die Freiheit des +heimatlichen Lebens ersetzen. Noch in späten Jahren hat Bismarck +oft bitter von dieser Zeit seiner Kindheit gesprochen und in einer +vielleicht allzusehr gesteigerten Bitterkeit die Anstalt als ein +Zuchthaus geschildert. So hat er noch im Jahre 1872 geklagt: + + +Philosophie des Prügelns + + »Meine Geschlechtsfolge besteht aus der Abwechslung einer + geprügelten mit einer prügelnden Generation. Die Geprügelten, zu + denen gehöre ich — es waren die Gelehrten, die Büchersammler; — sie + vermehrten die Hausbibliothek. Da sie hart erzogen wurden, machten + sie es an ihren Kindern durch Liberalität wieder gut. Unsere Kinder + natürlich sehen aber wieder ein, daß man sie hätte straffer zügeln + müssen, und prügeln unsere Enkel!« + +Mit Schrecken erinnerte sich der Kanzler auch an die Kost in der +Anstalt. + + +Elastisches Fleisch + + Es habe dort, so erzählte er in Versailles, ein künstliches + Spartanertum geherrscht. Niemals habe er sich satt gegessen, + ausgenommen, wenn er einmal ausgebeten gewesen sei. Immer habe es + im Institut elastisches Fleisch gegeben, nicht gerade hart, aber + der Zahn konnte damit nicht fertig werden. Und Mohrrüben — roh + aß ich sie recht gern, aber gekocht und harte Kartoffeln darin, + viereckige Stücke. + +Um Ostern 1822 traf der Knabe in der Anstalt ein. Einer seiner +Mitschüler, der sich damals in der Knabenschar befand, die den neuen +Zögling begrüßte, hat später über diese Szene erzählt. + + +Wie kommt es nur? + + »Wir befanden uns auf dem Mittelflur, als die nach der Straße + führende Haustüre sich auftat und der Kutscher des Herrn + von Bismarck in dem damals üblichen weiten Mantel mit lang + herabhängendem Rundkragen eintrat, Otto, gleichfalls in einen + solchen Mantel gehüllt, auf dem Arme tragend. Er war schon damals + ein hochaufgeschossener Knabe und ragte weit über das Haupt des + Kutschers hinaus. Wir eilten auf Otto zu, aber er verzog keine + Miene und sah nur mit imponierendem Ernst von oben herab auf uns + nieder. — ›Wie kommt es nur‹ — diese Frage knüpft der Erzähler + an jene Mitteilung —, ›daß dieses Bild mir nach mehr als fünfzig + Jahren klar im Gedächtnis geblieben ist, dieses Bild eines Knaben, + von dem ich sonst aus jener Zeit nichts, durchaus gar nichts weiß? + — War das eine Ahnung davon, daß er einst so hoch über uns gestellt + sein werde?‹« + +[Illustration: Der kleine Bismarck als Pflanzensammler (Aus einer +humorist. Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag Bismarcks)] + +Noch eine andere Schilderung aus jenen Tagen ist uns erhalten. Ernst +Krigar ein Mitschüler Ottos, hat sie uns in einem kleinen Schriftchen +gegeben. + + +Der Telamonier Ajax + + »Zu Weihnachten hatte einer unserer Mitschüler von seinen Eltern + ›Beckers Erzählungen aus der alten Welt‹ zum Geschenk erhalten; das + Buch wurde von uns fleißig gelesen, so daß das eine Exemplar lange + nicht ausreichte, unsere Wißbegierde zu stillen. Jetzt wurde der + Trojanische Krieg vorgenommen. Der erste, welcher diesen ganzen + Teil des Buches auswendig konnte, war Otto von Bismarck. Am Ende + des Gartens der Anstalt, jetzt nach der Königgrätzer Straße zu, + stand ein schöngewachsener Lindenbaum, zu dem hinaufzuklettern wir + die Erlaubnis hatten. Dies war in den Freistunden unser liebster + Aufenthalt. ›Nach der Linde!‹ hieß es, wenn irgend etwas Wichtiges + mitzuteilen oder zu beraten war. Sie bildete den Mittelpunkt des + Gartens für uns. Otto von Bismarck übernahm in der Regel das + Vorlesen des Trojanischen Krieges und wählte sich dazu häufig + seinen Lieblingssitz auf der Linde. Wir Zuhörer, soweit wir Platz + hatten, bestiegen ebenfalls den Baum, die übrigen lagerten sich + unter demselben. Mit welcher Aufmerksamkeit folgten wir dem + Vorleser, mit welcher Begeisterung wurden die Heldentaten der + Griechen vor Troja aufgenommen! Es dauerte nicht lange, so hatte + jeder von uns den Namen eines dieser Helden. Bismarck konnte kein + anderer als der Telamonier Ajax sein.« + +[Illustration: Bismarck in Göttingen als Student (»Jugend«)] + +In der Tat war Otto ein frischer, lieber Junge und ein rechter Sohn +der märkischen Erde. Leicht empfänglich für alle Eindrücke, tapfer und +ein wenig hitzig, stellte er sich gern auf die Seite der Schwachen +und kämpfte manche heiße Fehde. Sechs Jahre ist er in der Anstalt +von Plamann geblieben. Jetzt ist das Haus verschwunden, in dem sie +einst untergebracht war. Ein Prachtbau erhebt sich in der östlichen +Häuserflucht der Königgrätzer Straße. Aber eine Tafel verkündet: »Hier +stand die Bismarcklinde im Garten der Plamannschen Erziehungsanstalt, +deren Zögling der Fürst Bismarck 1822 bis 1827 war.« + +Schon im ersten Zeugnis bescheinigten ihm die Lehrer: »Seine gemütliche +Freundlichkeit und sein kindlicher Frohsinn machen, daß ihn alle gern +haben, so wie er auch seinerseits sich zutraulich anschließt.« Erhalten +ist auch + + +Sein erster Brief + + Liebe Mutter! Ich bin hier glücklich angekommen; es sind die + Zensuren ausgefüllt, und ich hoffe, daß Du Dich freuen wirst. Es + sind kürzlich neue Springer angekommen, die sehr schöne Kunststücke + zu Pferde und zu Fuß machen können. Grüße alles vielmals und bleibe + so gesund wie wir Dich verlassen hatten. + + Ich bin Dein Dich liebender Sohn Otto. + +War aber Otto immer ein Musterknabe? Erhalten blieb die Tatsache, daß +er, als ihn der altdeutsch gescheitelte, langlockige Zeichenlehrer eine +Zierpuppe schalt, ihm blitzschnell die Antwort gab: »Selbst eine!« Und +auch in den Zeugnissen ist zu lesen, daß er im Arbeiten und Denken +zu Übereilung, in allen Handtätigkeiten zur Flüchtigkeit neigte, und +daß er allzu lebhaft und lange beinahe zerstreut war. »Er hat wohl +über sich zu wachen, daß sein natürlicher Frohsinn nicht ausarte und +daß jedes seine rechte Stelle habe, der Ernst bei der Arbeit und die +Fröhlichkeit im geselligen Leben.« + +Im September 1827 ging der junge Bismarck in das Gymnasium über. +Gleichzeitig zogen die Eltern für einen großen Teil des Jahres nach +Berlin und nahmen ihn auch in ihre in der Behrenstraße gelegene Wohnung +mit. Während des Winters lebten Otto und sein Bruder Bernhard mit +den Eltern zusammen, im Sommer zogen Vater und Mutter nach Kniephof, +während die beiden Jungen, von einem Hauslehrer überwacht und von der +getreuen Trine Neumann verpflegt, allein in der Hauptstadt wirtschaften +durften. + + +Trine Neumann und der Eierkuchen + + »Trine Neumann«, so erzählte später der Kanzler, »stammte von + meinem väterlichen Gute Schönhausen in der Altmark. Sie hatte + uns Jungen herzlich lieb und tat alles, was sie uns an den Augen + absehen konnte. So machte sie uns zu Abend fast immer unser + Leibgericht: Eierkuchen. Wenn wir gegen Abend ausgingen, ermahnte + Trine Neumann uns regelmäßig: ›Bliewt hüt nich so lang ut, dat + min Kauken nich afbacken!‹, und regelmäßig, wenn wir endlich nach + Hause kamen, hörten wir die gute Trine schon von weitem wie einen + Rohrsperling schimpfen: ›Na wart, Jungens, ut euch wart in’n Leben + nix Vernünftiges — die Kauken sind all wedder afbackt!‹ Aber der + Zorn der guten Trine war immer bald verraucht, wenn sie sah, wie + vortrefflich ihre ›afbackten Kauken‹ uns Jungens schmeckten.« — + Trompeterlungen-Posaunenstimmen rühmte in jener Zeit der Templiner + Onkel seinen »beiden anderen Neffen nach«. + +Auf der neuen Schule, dem Friedrich-Wilhelms-Gymnasium, in deren +Untertertia der Knabe eintrat, gewann besonders der spätere Direktor +des Grauen Klosters, Professor =Dr.= Bonnell, Einfluß auf ihn. Dieser +ausgezeichnete Pädagoge, dem Bismarck bis in die spätesten Jahre ein +treues Gedenken bewahrte, gewann schon in den ersten Tagen die Haltung +und das Wesen des Knaben lieb. Er erzählt: + + +Ein nettes Jungchen + + »Die Neuaufgenommenen saßen im Schulsaale auf mehreren Bänken + hintereinander, so daß die Lehrer während der Einleitungsfeier + Gelegenheit hatten, die kleine Schar gehörig durchzunehmen. Otto + von Bismarck saß mit sichtlicher Spannung, mit freundlichem + Knabengesicht und helleuchtenden Augen frisch und munter unter + seinen Kameraden, so daß ich bei mir dachte: Das ist ja ein nettes + Jungchen, den will ich besonders ins Auge fassen.« + + +Der dankbare Schüler + + Wie groß die Anhänglichkeit war, die Bismarck noch in späten + Jahren für seinen alten treuen Lehrer bewahrte, beweist folgende + Episode, die wiederum Bonnell erzählt: »Der 17. April 1871 war der + Tag, an welchem die Stadt Berlin die zum erstenmal versammelten + Abgeordneten des Deutschen Reichstages in dem großen Festsaale + des neuen Rathauses begrüßte. Ich war auch dazu eingeladen. In + dem großen Gedränge der Abgeordneten und Notabilitäten jeder Art + zog natürlich Bismarck die Aufmerksamkeit am meisten auf sich. + Plötzlich steht der große Mann vor mir und reicht mir in gewohnter + Freundlichkeit die Hände. Die Hitze des Saales hatte mein Gesicht + gerötet; deshalb drückte er seine Freude darüber aus, mich so wohl + zu finden. ›Ich kann dies Ew. Durchlaucht zurückgeben,‹ sagte ich, + ›und doch haben Sie einen bedeutenden Teil der Weltgeschichte + nicht bloß durchgemacht, sondern gemacht.‹ — ›Nun,‹ erwiderte er, + ›ich habe so etwas an ihren Fäden gesponnen!‹ Darauf folgten noch + andere freundliche Worte, Erkundigungen nach meiner Frau.« Die + Zeitungen schilderten dann in den nächsten Tagen den Eindruck, + den dieser Vorgang auf die im Rathaussaale Versammelten gemacht + hatte. In dem Bericht des einen Blattes hieß es: »Wer ist der + kleine alte Herr, mit dem Bismarck so lange spricht, zu dem er + sich fast herabzubeugen scheint? Es ist der Direktor Bonnell, + der einst des Fürsten Lehrer war. Es tut einem wohl, zu sehen, + wie respektvoll der große Schüler noch heute vor seinem alten + Lehrer steht.« — Bonnell ist auch der Lehrer der beiden Söhne + Bismarcks später geworden. Als sie im März 1869 die Reifeprüfung + bestanden hatten, lud der Vater die Prüfungskommission zu Tische. + Die Unterhaltung bewegte sich so ungezwungen wie immer in diesem + Hause. Da erhob sich der Kanzler mit dem Glase und sprach etwa + folgendes: »Vor achtunddreißig Jahren um dieselbe Zeit habe ich + das Abiturientenexamen bestanden, und zwar vor demselben Mann und + unter Leitung desselben Mannes, der jetzt meine beiden Söhne zu + demselben Ziele geleitet hat. Ich weiß, was ich ihm verdanke. Mögen + auch meine Söhne ihm stets ein dankbares Andenken bewahren. Indem + ich Sie, verehrte Anwesende, auffordere, auf das Wohl meines alten + lieben Lehrers, des Direktors Bonnell, anzustoßen, verbinde ich + zugleich den Dank an die übrigen Lehrer meiner beiden Söhne.« + + +Sein Konfirmandenspruch + + Am 31. März 1831, einen Tag vor seinem sechzehnten Geburtstag, + wurde der junge Otto von dem berühmten Schleiermacher in der + Dreifaltigkeitskirche eingesegnet. Noch als greiser Mann erzählte + Bismarck: »Noch weiß ich genau das Plätzchen in der Kirche, wo ich + unter den Konfirmanden gesessen habe; und als ich dann aufgerufen + wurde und vor den Altar treten sollte, pochte mir gewaltig das + Herz. Den Spruch, welchen Schleiermacher mir mitgegeben hat, glaube + ich ziemlich richtig sagen zu können: ›Was ihr tut, das tut dem + Herrn und nicht den Menschen‹; aber die Stelle, wo er steht, habe + ich vergessen. Nicht wahr, ein besseres Wort konnte mir nicht + mitgegeben werden! Der Spruch soll mein Leitstern bleiben.« Es ist + die Stelle Kolosser 3, 23: »Alles was ihr tut, das tut von Herzen, + als dem Herrn und nicht den Menschen.« + +Superintendent Pank, der an der gleichen Kirche tätig war, sprach im +Jahre 1880 mit dem Reichskanzler von dieser Zeit und berichtet dann: + + »Zu Hause erzählte ich es meinem Küster; dieser durchblätterte + die alten Konfirmandenregister, fand dort richtig den Namen + ›Otto von Bismarck‹ und sagte: ›Am kommenden 31. März sind + seitdem gerade fünfzig Jahre verflossen; da müßten wir + eigentlich dem Reichskanzler einen Jubiläumskonfirmationsschein + schreiben; wer weiß, ob er den früheren noch hat.‹ Gesagt, + getan. Der Konfirmationsschein wurde angefertigt, mit einfachen + Randzeichnungen um den Text, oben das Bild Schleiermachers, unten + den obenerwähnten Denkspruch. Am Morgen des 31. März 1880 legte ihn + die Fürstin auf den Frühstückstisch des Reichskanzlers. Sie sagte + mir nachher, daß er sich kaum über etwas so gefreut habe wie über + diese überraschende ernste Erinnerung an einen Gedenktag seines + Lebens, an dessen fünfzigste Wiederkehr er nicht im entferntesten + gedacht hatte. Als ich einige Zeit darauf dem Fürsten das heilige + Abendmahl reichte, führte er mich nach der Feier zu seinem + Schreibtisch, auf dessen Mitte der Konfirmationsschein aufgestellt + war, und sagte: ›Es hat doch etwas auf sich, wenn man sich + sagen muß: Fünfzig Jahre sind dahingegangen, seitdem du vor dem + Konfirmationsaltar gestanden! Aber der Spruch soll mein Leitstern + bleiben!‹« + + +In Pension + + Bald darauf wurde der Knabe der Pensionär seines Direktors, der + am Königsgraben Nr. 4 wohnte. Auch aus dieser Zeit besitzen wir + ein Urteil des trefflichen Pädagogen über seinen Zögling: »Er + bewegte sich freundlich, anspruchslos und durchaus zutraulich in + meiner einfachen Häuslichkeit, die sich damals auf meine Frau + und meinen einjährigen Sohn beschränkte. Er zeigte sich in jeder + Beziehung liebenswürdig. Er ging des Abends fast niemals aus; wenn + ich zu dieser Zeit zuweilen nicht zu Hause war, so unterhielt er + sich freundlich und harmlos plaudernd mit meiner Frau und verriet + eine starke Neigung zu gemütlicher Häuslichkeit. Er hatte unser + ganzes Herz gewonnen, und wir brachten ihm alle Liebe und Sorgfalt + entgegen, so daß sein Vater später, nach seinem Scheiden von uns, + äußerte, daß der Sohn sich in keinem Hause so wohl wie bei uns + gefühlt habe.« + +[Illustration: Jugendbild =II=] + +Am 14. April 1832 bestand der Jüngling, kaum siebzehn Jahre alt, das +Examen der Reife mit dem Zeugnis Nr. 2. Seine Mitschüler in der Prima +haben ihm später im Festsaal der Anstalt ein Denkmal gesetzt, eine +Büste des Kanzlers auf einem Sockel aus schwarzem Marmor. Der Schüler +hatte vorher seinen Lieblingslehrer, der zum Direktor des Grauen +Klosters ernannt worden war, an die neue Anstalt begleitet. + +Wie hat Bismarck das Gymnasium verlassen? Er schildert es selbst zu +Beginn seines letzten Gedenkbuchs: »Als normales Produkt unseres +staatlichen Unterrichts verließ ich Ostern 1832 die Schule als +Pantheist, und wenn nicht als Republikaner, doch mit der Überzeugung, +daß die Republik die vernünftigste Staatsform sei, und mit Nachdenken +über die Ursachen, welche Millionen von Menschen bestimmen könnten, +~einem~ dauernd zu gehorchen, während ich von Erwachsenen manche +bittere oder geringschätzige Kritik über die Herrscher hören +konnte. Dazu hatte ich von der turnerischen Vorschule mit Jahnschen +Traditionen (Plamann) deutsch-nationale Eindrücke mitgebracht. Diese +blieben im Stadium theoretischer Betrachtungen und waren nicht stark +genug, um angeborene preußisch-monarchische Gefühle auszutilgen. +Meine geschichtlichen Sympathien blieben auf seiten der Autorität. +Harmodios und Aristogeiton sowohl wie Brutus waren für mein kindliches +Rechtsgefühl Verbrecher und Tell ein Rebell und Mörder. Jeder deutsche +Fürst, der vor dem Dreißigjährigen Kriege dem Kaiser widerstrebte, +ärgerte mich, vom Großen Kurfürsten an aber war ich parteiisch +genug, antikaiserlich zu urteilen und natürlich zu finden, daß der +Siebenjährige Krieg sich vorbereitete. Doch blieb mein deutsches +Nationalgefühl so stark, daß ich im Anfang der Universitätszeit +zunächst zur Burschenschaft in Beziehung geriet, welche die Pflege des +nationalen Gefühls als ihren Zweck bezeichnete. Aber bei persönlicher +Bekanntschaft mit ihren Mitgliedern mißfiel mir ihre Weigerung, +Satisfaktion zu geben, und ihr Mangel an äußerlicher Erziehung und +an Formen der guten Gesellschaft, bei näherer Bekanntschaft auch die +Extravaganz ihrer politischen Auffassungen, die auf einem Mangel +an Bildung und an Kenntnis der vorhandenen, historisch gewordenen +Lebensverhältnisse beruhte, von denen ich bei meinen siebzehn Jahren +mehr zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte als die meisten jener +durchschnittlich älteren Studenten. Gleichwohl bewahrte ich innerlich +meine nationalen Empfindungen und den Glauben, daß die Entwicklung der +nächsten Zukunft zur deutschen Einheit führen werde.« + +Wie er sich sonst entwickelt hat? Mannigfache Reisen, vor allem aber +der Ferienaufenthalt auf dem Lande mußten ihre Wirkung üben. Dort +draußen treibt er dann mit der Schwester und Cousine »viel tolles +Zeug«, dort lebt er, »wie Gott in Frankreich«. Er erzählt in seinen +Briefen nur von Jagen und Tanz, übermütig, in keckem Stil, die Brust +erfüllt von Lebensfreude. Und schon spürt man an seinen Briefen aus der +keimenden Jünglingszeit den starken Stilisten mit seiner kraftvollen +Art der Darstellung, mit den drastischen Bildern, mit dem köstlichen +Humor. Hier ein Zitat: + + +Die Kniephofer Reichsexekutionsarmee + + »Am Freitag«, schreibt er in einem Schülerbriefe, »sind drei + hoffnungsvolle junge Leute, ein Brandstifter, ein Straßenräuber + und ein Dieb, kurze Zeit vorher zwei gleichen Gelichters aus der + Anstalt echappiert. Die ganze Gegend wimmelte von Patrouillen, + Gendarmen und Landsturm; man war seines Lebens nicht sicher. + Am Abend rückte gegen die drei Ungeheuer die Kniephofer + Reichsexekutionsarmee aus, bestehend aus fünfundzwanzig Mann + Landsturm, soviel es anging mit Schießgewehren, Flinten, Büchsen, + Musketen, Pistolen, übrigens aber mit Forken und Sensen bewaffnet. + Alle Übergangspunkte über die Zampel wurden besetzt. Unser Militär + war aber erschrecklich in Furcht. Wenn zwei Abteilungen sich + begegneten, riefen sie einander an; aber vor Angst wagte niemand + zu antworten, die einen liefen was sie konnten, die anderen + verkrochen sich hinter die Büsche.« — Es ist zu hoffen, daß die + drei »hoffnungsvollen jungen Leute« doch noch von ihrem Schicksal + ereilt worden sind. + +Als ein befähigter und wohlvorbereiteter Jüngling, geleitet von den +besten Segenswünschen seiner Lehrer und der Hoffnung, »daß er mit +erneutem Eifer an seiner ferneren wissenschaftlichen Ausbildung +arbeiten werde«, zog der junge Fuchs zur Universität. + + + + +Als Jurist und Landwirt + + +Eine flotte und fröhliche Zeit brach für den jungen Studiosus in +Göttingen an. Auch Otto von Bismarck erfaßte das akademische Leben +mit allen seinen Lockungen und Reizen, und von den Kollegien, die er +namentlich im ersten Semester belegte, hat er nur wenige besucht. Noch +sechzig Jahre später hat er, das Haupt mit der roten Mütze des Korps +Hannovera bedeckt, in wehmütig froher Erinnerung versichert, daß hier +in Göttingen seine Gedanken am liebsten weilen. Er trat nicht sofort +in das Korps ein; er verkehrte vielmehr zuerst in einem Kreise von +Mecklenburgern, die keine eigentliche Verbindung bildeten und mit denen +er alsbald eine fröhliche Fahrt in den Harz antrat. Auch seinen Freund +Lothrop Motley lernte er hier kennen, der ihm in seinem Buche »Otto von +Rabenmarck« ein eigenartiges Denkmal der Bewunderung setzte. + +Sein Eintritt in das Korps erfolgte seltsam genug. Vor das +Universitätsgericht geladen, trat er den Weg in hellem, +schlafrockartigem Gewande an, das bis zu den Füßen reichte, »mit +seltsam konstruierter Mütze, ein gedrehtes Eisenstöckchen in der Hand, +von einem mächtigen weißgelben Hunde gefolgt«. Von Mitgliedern des +Korps Hannovera, die ihm begegneten, ob seines Aufzuges verlacht, +antwortete er mit einer Herausforderung. Aber der Konflikt wurde +beigelegt, und der junge Studiosus trat selbst in das Korps ein. +Und hiermit begann das typische Korpsleben: kleine Ordnungsstrafen, +Kneipereien, die Weinkommerse in Weede und in Minden, Mensuren und +Studentenfahrten nach der Rudelsburg, nach Eisenach und Jena. + +Von seinen Mensuren sprach Bismarck noch in späten Zeiten gern und oft. + + +Mensuren + + In Versailles erzählte er bei Tische, daß er bei all seinen + achtundzwanzig Mensuren in Göttingen stets unverletzt davongekommen + sei. Jemand erwiderte: »Aber einmal haben Exzellenz doch etwas + abgekriegt; wie hieß doch der kleine Hannoveraner? — nicht wahr: + Biedenfeld?« — »Biedenweg,« berichtigte Bismarck, »er war auch + nicht klein, sondern beinahe so groß wie ich. Das kam aber nur + davon, weil seine Klinge absprang; sie war wahrscheinlich schlecht + eingeschraubt. Das abspringende Stück fuhr mir ins Gesicht und + schrammte mich« — er faßte nach der linken Wange, wo noch eine + kleine Narbe zu erkennen war — »der Blutige war also nicht + kommentmäßig und wurde auch für ungültig erklärt.« — Ein wenig + anders als in der späten Erinnerung stellt sich das Bild dieses + »Blutigen« in einem Briefe dar, der aus der Studentenzeit selbst + stammt (Januar 1833); da heißt es: »Man hat mir einen ganz kleinen + angemogelt, just die Nasenspitze gespalten; ich bin aber auch seit + Michaeli vierzehnmal auf der Mensur gewesen und habe fast immer + meinen Gegner glänzend abgeführt. Wenigstens bin ich nur das eine + Mal blutig getroffen. Eben deswegen klemmen sich die Leute mit + unbezähmbarer Malice auf mich armen Fuchs.« Bald darauf schrieb + der Vater an den älteren Bruder: »Otto hat geschrieben und ist + ganz wohl, hat aber sechs auf einmal fordern müssen, indem sie + so auf unseren König geschimpft haben und die Preußen wären nie + honorige Studenten. Den anderen Morgen haben sie aber ihr Wort + zurückgenommen und gesagt, sie wären sämtlich betrunken gewesen. + Einen Herrn von Roeder den hat er aber festgehalten, welcher + das von die Studenten gesagt hat.« — Das Paukregister des Korps + Hannovera zählt folgende Mensuren auf: ~Sommersemester~ 1832. + 9. August: Cramer (Braunschweig, Jungbursch) c./a. v. Bismarck. + Forderung: 12 Gänge. Cramer 1 Blutigen. 23. August: Silberschlag + (Jenenser Teutone) c./a. v. Bismarck. Forderung: 24 Gänge; im 21. + Gange Silberschlag abgeführt. 31. August: Mensching (Hildese) + c./a. v. Bismarck. Forderung: 24 Gänge. Mensching 2 Blutige. — + ~Wintersemester~ 1832/33. 10. November: Liebe (Braunschweiger + Brander) c./a. v. Bismarck. Forderung: 12 Gänge. 9 Gänge gemacht + ohne Erfolg. Liebe 1 Blutigen. 13 November: Erlenbach (Hildese) + c./a. v. Bismarck. Ersterer verwundet, 2 Blutige. 15. November: + Liebe (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. (Rest der suspendierten + Partie vom 10. November.) 3 Gänge, kein Anriß, ohne Erfolg. 11. + Dezember: Schlosser (Guestphale) c./a. v. Bismarck. Schlosser 1 + Blutigen. 15. Dezember: Mensching (Hildese) c./a. v. Bismarck. + Jeder 1 Blutigen. 22. Dezember: Cramer (Braunschweiger) c./a. v. + Bismarck. 6 Gänge ohne Erfolg, ohne Anriß. 7. Januar: Erlenbach + (Hildese) c./a. v. Bismarck. Ersterer verwundet, 2 Blutige. 9. + Januar: Rudloff (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. Forderung: + 12 Gänge. Ohne Erfolg. 16. Januar: Bode (Braunschweiger) c./a. + v. Bismarck. 12 Gänge, kein Anriß, ohne Erfolg. 1 Blutiger bei + Bode. 2. Februar: Biedenweg (Bremenser) c./a. v. Bismarck. »=Pro + Patria.=« Forderung: 24 Gänge, kleine Mützen. v. Bismarck im + ersten Gange abgeführt. 3. März: Schotte (Braunschweiger) c./a. v. + Bismarck. Kleine Mützen. Schotte 2 Blutige, v. Bismarck 1 Blutigen. + 6. März: Schütze (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. 12 Gänge, + kein Anriß. v. Bismarck 1 Blutigen, Schütze 3 Blutige. 16. März: + Biedenweg (Bremenser) c./a. v. Bismarck. (Rest der suspendierten + Partie vom 2. Februar.) 23 Gänge. Biedenweg 1 Blutigen, v. + Bismarck 2 Blutige. — ~Sommersemester~ 1833. 24. April: Bode + (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. 1 Gang mit kleinen Mützen. Bode + 2 Blutige ins Gesicht. 6. Mai: Grosse (Hildese) c./a. v. Bismarck. + 24 Gänge, kleine Mützen. v. Bismarck 3 Blutige, Grosse 1 Blutigen + und abgeführt. 7. Mai: Petri (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. + 12 Gänge, kein Anriß. v. Bismarck 1 Blutigen. 10. Mai: Domeier + (Hildese) c./a. v. Bismarck. 24 Gänge, kleine Mützen. Domeier + im fünften Gange abgeführt. 12. Mai: Fischer (Hildese) c./a. v. + Bismarck. 24 Gänge, kleine Mützen. Fischer im siebenten Gange + abgeführt. 7. Juni: Römcke (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. 12 + Gänge, kein Anriß. Ohne Erfolg. + +[Illustration: ~Bismarck als Zeichner~ von Strichen und Linien in den +Gesichtern seiner Kommilitonen (Aus einer humoristischen Biographie des +»Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag Bismarcks)] + +Aus den Universitätsakten ergibt sich ferner, daß Bismarck im Jahre +1833 als Unparteiischer ein Pistolenduell leitete, daß ihm bald darauf +unter Androhung der Relegation eine Mensur mit drei anderen verboten +wurde, und daß er darauf im Mai, wieder aus ähnlichen Gründen, zweimal +Karzer erhielt und das =Consilium abeundi= unterschreiben mußte. Als er +einmal mit mehreren Kommilitonen einen Ausflug nach Jena machte, wurde +er von dem dortigen Universitätsrichter ausgewiesen. Noch nach seinem +Übergange zur Berliner Universität mußte er eine in Göttingen verwirkte +Karzerstrafe absitzen. + + +Die Wette + + Berühmt ist die Wette, und viel zitiert, die Bismarck in Göttingen + im Sommer 1832 mit dem Amerikaner Coffin abschloß. Er hat davon + gern erzählt: »In Göttingen, da wettete ich einmal mit einem + Amerikaner, ob Deutschland in zwanzig Jahren einig sein würde. + Wir wetteten um fünfundzwanzig Flaschen Champagner, die der geben + sollte, der gewinne. Wer verlor, sollte übers Meer kommen. Er hatte + für nicht einig gewettet, ich für einig. Darauf besann ich mich + 1853 und wollte hinüber, um meine verlorene Wette zu bezahlen. + Wie ich mich aber erkundigte, war er tot. Er hatte gleich so + einen Namen, der kein langes Leben versprach — Coffin, Sarg. Das + merkwürdigste dabei ist, daß ich damals — 1833 — schon den Gedanken + und die Hoffnung gehabt haben muß, die jetzt mit Gottes Hilfe wahr + geworden ist, obwohl ich damals mit den Verbindungen, die das + wollten (den Burschenschaften), nur im Gefechtszustande verkehrte.« + + +Göttinger Reminiszenzen + + Ihering, der berühmte Staatsrechtslehrer, erzählt in späten + Zeiten: »Ich wurde am 27. März 1885 vom Fürsten Bismarck in Berlin + empfangen; ich war als Dekan der Juristen-Fakultät von Göttingen + beauftragt, ihm anläßlich seines siebzigsten Geburtstages unser + Doktor-Diplom zu überreichen. Der Fürst lud mich zum Diner ein. + Ich erlaubte mir, Bismarck bei dieser Gelegenheit auf seine + Studienzeit in Göttingen zu bringen und ihn nach seinen Lehrern + zu fragen. Von letzteren, sagte er, habe er wenig gehabt; sie + hätten ihm kein Interesse für die Jurisprudenz abzugewinnen + vermocht; nur der Historiker Heeren hätte ihn angeregt. Mit der + Arbeit sei es in Göttingen nicht viel geworden, insbesondere + seien die Ferien, die der Student damals noch auf der Universität + zuzubringen pflegte, von ihm und seinen Bekannten fast nur dem + Kartenspiel und Trinken gewidmet gewesen. Es sei ein arges Leben + gewesen, das er dort geführt habe. Mit den Pedellen scheint er in + nähere Berührung gekommen zu sein als mit seinen Lehrern. Eines + derselben erinnerte er sich noch sehr genau und nannte ihn mit + Namen. Von seinen Lehrern nannte er nur Hugo und den Privatdozenten + Valett, bei dem er Pandekten gehört hatte; die übrigen schienen + ihm entfallen zu sein. Mit Humor gedachte er noch des kalten + Bades, das er nicht selten, wenn er des Nachts von der Kneipe in + sein am Wall, neben der dort kanalisierten Leine gelegenes Haus + zurückgekehrt sei, in der Leine, um sich abzukühlen, genommen hat. + Dieses Haus steht noch jetzt und ist zur Erinnerung an Bismarck + mit einer Marmortafel versehen. Es ist ein Gartenhaus, aus einem + einzigen Zimmer bestehend; Bismarck war also der einzige Bewohner + desselben und mußte den Haustorschlüssel stets mit sich führen; + kein Hauswirt beaufsichtigte sein Kommen und Gehen; er war völlig + unabhängig. Bei seiner Entfernung von Göttingen war ihm eine + Karzerstrafe zudiktiert, die er in Berlin, wohin er von dort ging, + abzubüßen hatte. Bei dem großen Studentenkommers, der am Vorabend + der Bismarckfeier stattfand und an dem sich Deputationen von + Studierenden aller deutschen Universitäten beteiligten, benutzte + der Rektor der Universität Berlin, Professor Dernburg, diesen + Umstand in launiger Weise, um das Verhalten von Göttingen von einst + und jetzt in ein grelles Licht zu setzen. »Damals« — sagte er — + »hat man Bismarck einen Haftbefehl nachgeschickt, und jetzt sendet + man ihm den =Doctor juris=.« + +Zu den Freunden, die Otto von Bismarck im Korps gewann, gehörte vor +allem Gustav Scharlach, mit dem er eine Anzahl von Briefen gewechselt +hat, die uns das ganze Wesen des kecken und übermütigen Jünglings +enthüllen, zugleich aber auch die Umrisse dieser starken Persönlichkeit +bereits leise erkennen lassen. Hier sei der erste Brief zitiert, den +der Achtzehnjährige an seinen Freund, der den Spitznamen Giesecke +führte, von Berlin aus gerichtet hat: + + +Sturm und Drang + + Lieber Giesecke! Willst Du diesen Brief in derselben Stimmung + lesen, in welcher er geschrieben ist, so trinke erst eine Flasche + Madeira. Ich würde mich wegen meines langen Stillschweigens + entschuldigen, wenn Dir nicht meine angeborene Tintenscheu bekannt + wäre, und wenn Du nicht wüßtest, daß ich in Göttingen lieber zwei + Flaschen Rheinwein trank als einen Brief schrieb, und daß ich + beim Anblick einer Feder Konvulsionen bekam. Wie schlecht es mir + in der letzten Zeit gegangen ist, hast Du wohl gehört; ich habe + auf der Reise noch in Braunschweig, Magdeburg, Schönhausen und + Brandenburg drei bis vier Wochen am Fieber gelegen. Später fanden + sehr unangenehme Szenen zwischen mir und meinem Alten statt, der + sich weigert, meine Schulden zu bezahlen; dieses versetzt mich in + eine etwas menschenfeindliche Stimmung, etwa wie Charles Moor, + als er Räuber wird; doch tröste ich mich wie jener Straßenjunge: + »Et is minem Vater schonst recht, det ick friere, worum koft er + mir keene Hanschen.« Der Mangel ist so arg noch nicht, weil ich + ungeheueren Kredit habe, welches mir Gelegenheit gibt, liederlich + zu leben; die Folge davon ist, daß ich blaß und krank aussehe, + welches mein Alter, wenn ich Weihnachten nach Haus komme, natürlich + meinem Mangel an Subsistenzmitteln zuschreiben wird; dann werde + ich kräftig auftreten, ihm sagen, daß ich lieber Mohammedaner + werden als länger Hunger leiden wolle, und so wird sich die Sache + schon machen. =En attendant= lebe ich hier wie ein Gentleman, + gewöhne mir ein geziertes Wesen an, spreche viel Französisch, + bringe den größten Teil meiner Zeit mit Anziehen, den übrigen mit + Visitenmachen und bei meiner alten Freundin, der Flasche, zu; des + Abends betrage ich mich im ersten Range der Oper so flegelhaft als + möglich. Du würdest erstaunen, wenn Du jetzt einmal Gelegenheit + hättest, meine Garderobe zu sehen — ein Haufen von Manschetten, + Halsbinden, Unterhosen und anderen Luxusartikeln. Dabei langweile + ich mich mit leidlichem Anstande. Doch ein Übel quält mich; der + Knabe Peter fängt an mir fürchterlich zu werden; stehe ich auf, + so ist er da; komme ich von Tisch, so ist er wieder da; er folgt + mir wie ein Schatten an Orte, wo er nichts zu tun hat, zu Leuten, + die er gar nicht kennt, mit seinem versteinerten Frühlingslächeln, + mit seiner gigantischen Mantellippe, an der einst die Blicke von + tausend Wißbegierigen hängen werden, wenn die Weisheit in sieben + verschollenen Sprachen davon fließt, wie jetzt der Speichel in + sieben Kanälen. Schiller hat unrecht, wenn er die Schuld das + größte Übel nennt; Peter ist viel fürchterlicher; lieber von + allen Furien verfolgt, als von diesem ewigen Gesicht. Von diesem + Peter, zu dem der Apostel Paulus sprach: Sei dumm wie die Ochsen + und ohne Falsch wie die Tauben. Motley lebt wieder in offener + Feindschaft mit King; mit jedem Paketboot kreuzen sich Forderungen + auf Doppelbüchsen. Aus Göttingen ist noch hier: Bierbaum, Löhning + und Genossen, das Faultier Sch. und der schlanke Freiheitsbaum der + Aristokratie, dem zum Menschen alles, zum Kammerherrn nichts fehlt + als ein Schloß vors Maul. Er lebt hier in seliger Gemeinschaft mit + dreißig Vettern, denen er allen nichts vorzuwerfen hat und von + deren Beisammensein eine polizeiwidrige Anhäufung von Dummheit die + einzige Folge ist; ›sie essen nicht, sie trinken nicht‹, was tun + sie denn? Sie zählen ihre Ahnen. Bei dem Artikel von Dummheit fällt + mir ein, daß meine Alte ganz ernstlich darauf dringt, ich solle + noch einmal zum Prediger gehen, weil ich sagte, manches in der + Bibel sei bildlich gemeint. Meine Adresse ist bis zum 15. Dezember + Kanonenstraße 44, von da bis zum 10. Januar Kniephof bei Naugard in + Pommern, später beim Pedell zu erfragen. Ich hoffe, Du kannst Dir + von Deinem Staatsdienste nächstens Zeit zu einer Antwort abmüßigen; + nimm kein Beispiel an meiner Faulheit. Übrigens lebe fidel, grüße + alles, was Du siehst, und schreibe bald an Deinen treuen Freund und + Bruder + + Berlin, den 14. November 1833. + O. v. Bismarck. + +Die Ferien verbrachte der junge Student wieder in Kniephof. Auch von +hier schreibt er Briefe von köstlicher Anschaulichkeit, oft voll +karikaturistischer Satire. So wenn er die Kommission zur Abnahme +der Berieselungsanlage schildert, die sich mehr für Rheinwein und +Schnepfenpastete als für Landwirtschaft erwärmt: »Sie schliefen +hier einige Tage recht gut und lange, schlemmten sich über Gebühr +voll und zählten von weitem die gemachten Brücken und Schleusen.« +Und doch leuchtet aus allem Übermut des jungen Akademikers die +Tatsache hervor, daß er innerlich immer mehr zu reifen beginnt, daß +eine starke Lebenserkenntnis in ihm erwacht und daß er trotz des +mangelnden Besuches der Kollegien an positivem Wissen gewinnt. Auch +in Berlin freilich, wohin er mit Albrecht von Roon und Moritz von +Blankenburg reiste, war er nicht sonderlich fleißig. Und besonders die +Juristerei fand in ihm keinen eifrigen Adepten. Erst der Unterricht +bei einem Repetitor verschaffte ihm das zum Examen nötige Wissen. +Neben dem ungebundenen Verkehr mit anderen Studenten, unter denen +Graf Alexander Keyserling ihm dauernd in Freundschaft verbunden +blieb, begann jetzt der Verkehr in vornehmen Häusern. »Des Abends +nehme ich den Tee in irgendeinem achtungswerten Familienzirkel, +höre und führe Wettergespräche mit einem Gesicht, als sagte ich +lange nicht alles, was ich wüßte«, heißt es im Sommer 1835. Schon +in dieser Studentenzeit packt den jugendlichen Stürmer und Dränger +immer wieder die Unzufriedenheit mit dem erwählten Beruf. »Ich glaube +schwerlich, daß mich die vollkommenste Erreichung des erstrebten +Zieles, der längste Titel und der breiteste Orden in Deutschland, die +staunenswerteste Vornehmheit entschädigen wird für die körperlich und +geistig eingeschrumpfte Brust, welche das Resultat dieses Lebens sein +wird.« Immer wieder regt sich der Wunsch, die Feder mit dem Pfluge, die +Mappe mit der Jagdtasche zu vertauschen. Es gärt eben in dem jugendlich +starken Menschen, dem der Gedanke an die übliche Beamtenlaufbahn +Grauen erweckt. Noch bedrängt ihn die Mutter, Offizier zu werden: Er +scheine ihr gar keine Neigung zum Studieren zu haben. Soll er diesen +Weg gehen? Eine Zeitlang spielt er mit dem Gedanken: »Ich werde wohl +das Portefeuille des Auswärtigen ausschlagen, mich einige Jahre mit der +rekrutendressierenden Fuchtelklinge amüsieren, dann ein Weib nehmen +und Kinder zeugen, das Land bauen und die Sitten meiner Bauern durch +unmäßige Branntweinfabrikation untergraben.« Der Bruder werde dann, so +schreibt er ihm, »einen fettgemästeten Landwehroffizier finden, einen +Schnurrbart, der schwört und flucht, daß die Erde zittert, und der +einen gerechten Abscheu vor Juden und Franzosen hegt«. Und weiter malt +er das Bild aus: »Ich werde lederne Hosen tragen, mich zum Wollmarkt +in Stettin aufmachen, und wenn man mich Herr Baron nennt, werde ich +mir gutmütig den Schnurrbart streichen und um zwei Taler wohlfeiler +verkaufen. Kurz, ich werde glücklich sein im ländlichen Kreise meiner +Familie.« Es ist anders gekommen. + +[Illustration: Jugendbild =III=] + +Auch das Examen als Auskultator hat der Zwanzigjährige glücklich +bestanden. + +Ein übermütiger Scherz aus Bismarcks Berliner Studentenzeit wurde erst +später bekannt: + + +Die Dame aus Schweden + + In der schwedischen Zeitung »Göteborgpost« veröffentlichte eine + schwedische Dame folgende Erinnerung: »Als ich noch ein blutjunges + Mädchen war, sollte ich einige Monate in Rom verbringen. Von + einer älteren Gesellschafterin und zwei Kammerjungfern begleitet + reiste ich ab. Es war bestimmt, daß ich in Berlin einen kürzeren + Aufenthalt nehmen sollte. Eine Schwester meines Vaters hatte + einen Deutschen geheiratet, und der Sohn aus dieser Ehe, ›der + deutsche Vetter‹, wie wir ihn bei uns nannten, studierte damals + in Berlin; ich hatte ihn nie gesehen. Mein Vater schickte ihm + einige Tage vor meiner Abreise einen Brief, in welchem er ihn + ersuchte, sich meiner freundlichst anzunehmen. Ich kam glücklich + in Berlin an und wurde bei meiner Ankunft vom deutschen Vetter + herzlichst empfangen. Er war ein hochgewachsener Jüngling mit + großem Schnurrbart und eigentümlich blitzenden Augen. Drei Tage + hindurch war er mein treuer Begleiter. Freilich konnte er kein + Wort Schwedisch sprechen, wohl aber ein elegantes Französisch. + Nie habe ich einen so angenehmen Kavalier gehabt; ich war auf + meinen deutschen Vetter ganz stolz. Gar zu schnell kam die Stunde, + wo ich weiterreisen mußte. ›Cousine,‹ sagte er, als ich eben + wegfahren sollte, ›ich habe Ihnen ein Wort zu sagen. Sehen Sie, + Cousine, ich — ich möchte Ihnen nur mitteilen, daß ich — nicht Ihr + Vetter bin. Mein Freund, Ihr ›deutscher Vetter‹, der richtige, + ist nämlich von den Vorbereitungen zu seinem Examen so stark in + Anspruch genommen, daß er mich bat, an seiner Stelle den von + ihrem Herrn Vater ausgesprochenen Wunsch zu erfüllen. Mein Name + ist Otto von Bismarck.‹ Ich sah ihn erstaunt an, der Wagen setzte + sich in Bewegung, und das Abenteuer war aus. Jahrzehnte vergingen. + Der unbekannte Bismarck war Reichskanzler und Fürst geworden. + Da kam ich, eine alte, seit 40 Jahren verheiratete Frau, wieder + einmal nach Berlin. Ich schrieb einige Worte auf meine Karte und + schickte sie an den Fürsten. Eine Stunde später erhielt ich eine + Einladung, begab mich ins Reichskanzlerpalais, und bald waren wir + im lebhaftesten Gespräch. Bismarck war bei bester Laune. ›Ihnen + habe ich es zu danken‹, sagte er u. a., ›daß ich dazu gekommen bin, + die Berliner Museen zu besuchen; seitdem ist es mir nicht wieder + gelungen.‹« + +[Illustration: ~Bismarck im Kolleg: Man sieht ihn nicht~ (Aus einer +humoristischen Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag +Bismarcks)] + +Bismarcks Leben in dieser Zeit war das eines jungen Kavaliers. Aber +dieses Leben war nicht gedankenlos; politische Fragen haben ihn in +gleichem Maße wie religions-philosophische Kämpfe beschäftigt. Und vor +allem quälte ihn die Ungewißheit der Zukunft. Nur das ~eine~ weiß er +bestimmt, daß er den üblichen Pfad des Juristen nicht wandern kann. +Schon taucht der diplomatische Dienst ihm als Ziel auf, schon bekennt +er dem Freunde den Plan, »hier noch ein Jahr zu verweilen, dann zur +Regierung nach Aachen zu gehen, nach Verlauf eines zweiten Jahres das +diplomatische Examen zu machen und mich hier der Huld des Schicksals +zu empfehlen, wo es mir dann vorderhand gleichgültig sein wird, ob +man mir Petersburg oder Rio Janeiro zum Aufenthalte anweist«. Aber +zum Übergang in den Regierungsdienst bedurfte es eines neuen Examens. +In Schönhausen hat er die schriftlichen Arbeiten vollendet. Das +Thema war: »Über Sparsamkeit im Staatshaushalte, ihr Wesen und ihre +Erfolge, auch durch geschichtliche Beispiele erläutert« und »Über die +Natur und die Zulässigkeit des Eides im allgemeinen und nach seinen +verschiedenen Arten aus dem Gesichtspunkte der philosophischen Rechts- +und Tugendlehre, mit Berücksichtigung der Lehre des Christentums«. +Am 30. Juni wurde Bismarck geprüft, sein Zeugnis erklärte, daß er +»eine vorzügliche Urteilskraft, Schnelligkeit im Auffassen der ihm +vorgelegten Fragen und Gewandtheit im mündlichen Ausdruck zeigte« und +»sehr gut befähigt« zum neuen Amte sei. + +Von seinen Sorgen und Nöten um das Examen erzählt der schöne Brief an +Scharlach vom 4. Mai 1836, der, aus Schönhausen datiert, uns zugleich +einen Blick in sein innerstes Wesen gewährt: + + +Der Teufel reitet die alte Tante + + »Lieber Scharlach! Ich hoffe, Du wirst ernstlich böse werden, + wenn ich mein langes Schweigen nur breche, um ein Versprechen + zu revozieren, durch dessen Erfüllung ich meine Nachlässigkeit + einzig wieder gutzumachen hoffte. Ich gehe im nächsten Monat nach + Aachen, aber nicht über Hannover, und unser Wiedersehen wird auf + einen entfernteren Zeitpunkt hinausgeschoben, wenn Du mich nicht + etwa auf einer Poststation zwischen Dresden oder Karlsbad und + Frankfurt a. M. auffängst. Der Teufel reitet eine alte Tante von + hoher Rasse, daß sie wünscht, ich soll sie als Reisemarschall nach + Böhmen begleiten und dort bei einem Verwandten abliefern. Der + Umweg ist weit, aber eine alte Tante ist dasjenige Tier auf der + Welt, vor welchem ich, nächst einer hübschen Cousine, die größte + Ehrfurcht habe. Ich wage ihrer Ungnade nicht zu trotzen, und + wenn ich anführe, ich hätte einen Freund in Hannover zu besuchen + versprochen, so heißt es: ›Lieber Otto, Du mußt Dich ja schämen, + wenn Du nach Aachen kommst und hast Dresden nicht einmal gesehen, + und Freunde, die findest Du überall.‹ ›Schändliches altes Weib, + das so leichtsinnig spricht!‹ wirst Du hier ausrufen. Sie denkt, + wie’s ihr in der Jugend, so geht es uns auch. — Du würdest über + mich lachen, wenn Du jetzt bei mir wärest. Seit vollen vier Wochen + sitze ich hier in einem alten verwünschten Schlosse, mit Spitzbogen + und vier Fuß dicken Mauern, einigen dreißig Zimmern, wovon zwei + möbliert, prächtigen Damasttapeten, deren Farbe an wenigen Fetzen + noch zu erkennen ist, Ratten in Masse, Kamine, in denen der Wind + heult, kurz, in ›meiner Väter altem Schlosse‹, wo sich alles + vereint, was geeignet ist, einen tüchtigen Spleen zu unterhalten. + Daneben eine prächtige alte Kirche, mein Schlafzimmer mit der + Aussicht nach dem Kirchhof, auf der anderen Seite einer jener alten + Gärten mit geschnittenen Hecken von Taxus und prächtigen alten + Linden. Die einzige lebende Seele in dieser verfallenen Umgebung + ist Dein Freund, der hier von einer vertrockneten Haushälterin, + der Spielgefährtin und Wärterin meines fünfundsechzigjährigen + Vaters, gefüttert und gepflegt wird. Ich bereite mich zum Examen + vor, höre die Nachtigallen, schieße nach der Scheibe, lese Voltaire + und Spinozas Ethicum, die ich in der hiesigen, an Schweinsledern + ziemlich reichen Bibliothek gefunden. Die Berliner meinen, ich + wäre verrückt, und die Bauern sagen: ›Use arm junge Hehr, wat maak + em wull sin?‹, wie mir meine alte Mamsell mitgeteilt hat. Dabei + bin ich nie so zufrieden gewesen wie hier; ich schlafe nur sechs + Stunden und finde große Freude am Studieren, zwei Dinge, die ich + lange Zeit für unmöglich hielt. Ich glaube, der Grund oder besser + die Ursache von allem dem ist der Umstand, daß ich den Winter über + heftig verliebt war; ein recht befremdliches Faktum, eine Torheit, + der ich mich nicht in so hohem Grade für fähig gehalten hätte + (verzeih’, eben fällt mir ein, daß Du versprochen bist), aber es + ist mir doch fatal, wie ich mich so aus meiner philosophischen + Ruhe und Ironie habe bringen lassen; das beste dabei ist aber, + daß ich bei meinen Bekannten beiderlei Geschlechts immer für den + kaltblütigsten Weiberverächter gelte; so täuschen sich die Leute! + ... Eben ›heult die Turmuhr Mitternacht‹; also schlaf wohl!« + +Was dem jungen Bismarck die Freude an der Justiz verdarb, das hat er +deutlich noch in seinem letzten Gedenkbuch erzählt: »Die Personen und +die Einrichtungen unserer Justiz«, so schreibt der Achtzigjährige, +»gaben meiner jugendlichen Auffassung mehr Stoff zur Kritik als zur +Anerkennung. Die praktische Ausbildung des Auskultators begann damit, +daß man auf dem Kriminalgericht das Protokoll zu führen hatte, wozu ich +von dem Rate, dem ich zugewiesen war, einem Herrn von Brauchitsch, über +die Gebühr herangezogen wurde, weil ich damals über den Durchschnitt +schnell und lesbar schrieb. Von den ›Untersuchungen‹, wie die +Kriminalprozesse bei dem damals geltenden Inquisitionsverfahren genannt +wurden, hat mir eine den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen, welche +eine in Berlin weitverzweigte Verbindung zum Zweck der unnatürlichen +Laster betraf. Die Klubeinrichtungen der Beteiligten, die Stammbücher, +die gleichmachende Wirkung des gemeinschaftlichen Betreibens des +Verbotenen durch alle Stände hindurch — alles das bewies schon 1835 +eine Demoralisation, welche hinter den Ergebnissen des Prozesses +gegen die Heinzeschen Eheleute (Oktober 1891) nicht zurückstand. Die +Verzweigungen dieser Gesellschaft reichten bis in hohe Kreise hinein.« + + +Rat Prätorius + + »Nachdem ich«, so erzählt Bismarck weiter, »vier Monate + protokolliert hatte, wurde ich zu dem Stadtgerichte, vor das + die Zivilsachen gehörten, versetzt und aus der mechanischen + Beschäftigung des Schreibens unter Diktat plötzlich zu einer + selbständigen erhoben, der gegenüber meine Unerfahrenheit und mein + Gefühl mir die Stellung erschwerten. Das erste Stadium, in welchem + der juristische Neuling damals zu einer selbständigen Tätigkeit + berufen wurde, waren nämlich die Ehescheidungen. Offenbar als das + Unwichtigste betrachtet, waren sie dem unfähigsten Rate, namens + Prätorius, übertragen und unter ihm der Bearbeitung der ganz grünen + Auskultatoren überlassen worden, die damit =in corpore vili= ihre + ersten Experimente in der Richterrolle zu machen hatten, allerdings + unter nomineller Verantwortlichkeit des Herrn Prätorius, der jedoch + ihren Verhandlungen nicht beiwohnte. Zur Charakterisierung dieses + Herrn wurde uns jungen Leuten erzählt, daß er in den Sitzungen, + wenn behufs der Abstimmung aus einem leichten Schlummer geweckt, + zu sagen pflegte: ›Ich stimme wie der Kollege Tempelhof‹, und + gelegentlich darauf aufmerksam gemacht werden mußte, daß Herr + Tempelhof nicht anwesend sei.« + +Von demselben Rate erzählte Bismarck weiter: + + +Merken Sie sich, wie man das macht + + »Ich trug ihm einmal meine Verlegenheit vor, daß ich, wenige Monate + über 20 Jahre alt, mit einem aufgeregten Ehepaar den Sühneversuch + vornehmen sollte, der für meine Auffassung einen gewissen + kirchlichen und sittlichen Nimbus hatte, dem ich mich in meiner + Seelenstimmung nicht adäquat fühlte. Ich fand Prätorius in der + verdrießlichen Stimmung eines zur Unzeit geweckten älteren Herrn, + der außerdem die Abneigung mancher alten Bureaukraten gegen einen + jungen Edelmann hegte. Er sagte mit geringschätzigem Lächeln: ›Es + ist verdrießlich, Herr Referendarius, wenn man sich auch nicht + ein bißchen zu helfen weiß; ich werde Ihnen zeigen, wie man das + macht.‹ Ich kehrte mit ihm in das Terminzimmer zurück. Der Fall + lag so, daß der Mann geschieden sein wollte, die Frau nicht, der + Mann sie des Ehebruchs beschuldigte, die Frau mit tränenreichen + Deklamationen ihre Unschuld beteuerte und trotz aller Mißhandlung + von seiten des Mannes bei ihm bleiben wollte. Mit seinem lispelnden + Zungenanschlage sprach Prätorius die Frau also an: ›Aber Frau, + sei Sie doch nicht so dumm; was hat Sie denn davon? Wenn Sie + nach Hause kommt, schlägt Ihr der Mann die Jacke voll, bis Sie + es nicht mehr aushalten kann. Sage Sie doch einfach ›ja‹, dann + ist Sie mit dem Säufer kurzerhand auseinander.‹ Darauf die Frau + weinend und schreiend: ›Ich bin eine ehrliche Frau, kann die + Schande nicht auf mich nehmen, will nicht geschieden sein.‹ Nach + mehrfacher Replik und Duplik in dieser Tonart wandte sich Prätorius + zu mir mit den Worten: ›Da sie nicht Vernunft annehmen will, so + schreiben Sie, Herr Referendarius‹, und diktierte mir die Worte, + die ich wegen des tiefen Eindrucks, welchen sie mir machten, noch + heute auswendig weiß: ›Nachdem der Sühneversuch angestellt und + die dafür dem Gebiete der Moral und Religion entnommenen Gründe + erfolglos geblieben waren, wurde wie folgt weiterverhandelt.‹ Mein + Vorgesetzter erhob sich und sagte: ›Nun merken Sie sich, wie man + das macht, und lassen Sie mich künftig mit dergleichen in Ruhe.‹ + Ich begleitete ihn zur Tür und setzte die Verhandlung fort. Die + Station der Ehescheidungen dauerte, soviel ich mich erinnere, vier + bis sechs Wochen; ein Sühneversuch kam mir nicht wieder vor. Es + war ein gewisses Bedürfnis vorhanden für die Verordnung über das + Verfahren in Ehescheidungen, auf welche Friedrich Wilhelm =IV.= + sich beschränken mußte, nachdem sein Versuch, ein Gesetz über + Änderung des materiellen Eherechts zustande zu bringen, an dem + Widerstande des Staatsrates gescheitert war. Dabei mag erwähnt + werden, daß durch jene Verordnung zuerst in den Provinzen des + Allgemeinen Landrechts der Staatsanwalt eingeführt worden ist + als =defensor matrimonii= und zur Verhütung von Kollusionen der + Parteien.« + +Am bekanntesten aber aus jener Zeit ist folgende Anekdote: + + +Das Hinauswerfen ist meine Sache + + Der Auskultator Otto v. Bismarck vernimmt eines Tages einen echten + Berliner zu Protokoll, der durch seine Unverschämtheit endlich die + Fassung des Protokollführers so erschüttert, daß dieser aufspringt + und ihm zuruft: »Herr, menagieren Sie sich, oder ich werfe Sie + hinaus!« Der anwesende Stadtgerichtsrat klopft dem erhitzten + Auskultator freundschaftlich auf die Schulter und flüstert + beruhigend: »Herr Auskultator, das Hinauswerfen ist meine Sache!« + Die Vernehmung wird fortgesetzt; es dauert aber gar nicht lange, + so springt Bismarck wieder auf und donnert: »Herr, menagieren + Sie sich, oder ich lasse Sie durch den Herrn Stadtgerichtsrat + hinauswerfen!« + +Von seinem ersten Auftreten bei Hofe und seiner ersten Begegnung mit +dem Prinzen Wilhelm von Preußen, seinem späteren Kaiserlichen Herrn, +hat dann Bismarck noch erzählt: + + +Das Gardemaß + + »Meine erste Begegnung mit ihm war im Winter 1834/35 auf einem + Hofballe gewesen. Ich stand neben einem Herrn von Schack + aus Mecklenburg, der, wie ich, lang gewachsen und auch in + Justizreferendarien-Uniform war, was den Prinzen zu dem Scherz + veranlaßte, die Justiz suche sich jetzt die Leute wohl nach dem + Gardemaß aus. Dann, zu mir gewandt, fragte er mich, weshalb ich + nicht Soldat geworden sei. ›Ich hatte den Wunsch,‹ erwiderte ich, + ›aber die Eltern waren dagegen, weil die Aussichten zu ungünstig + seien.‹ Worauf der Prinz sagte: ›Brillant ist die Karriere + allerdings nicht, aber bei der Justiz auch nicht.‹ Während des + ersten Vereinigten Landtages, dem er als Mitglied der Herrenkurie + angehörte, redete er mich in den vereinigten Sitzungen wiederholt + in einer Weise an, die sein Wohlgefallen an der damals von mir + angenommenen politischen Haltung bezeugte.« + +In Aachen blieb Otto von Bismarck ein Jahr; hier lernte er zuerst die +preußische Verwaltung kennen; hier traf er aber auch einen ihm fremden, +lebhaften und beweglichen Menschenschlag; hier warf er den ersten Blick +in die Organisation von Industrie und Handel; hier traf der Sohn des +märkischen Adels auf ein selbstbewußtes freies Bürgertum, und zugleich +mußte die Heiterkeit des rheinischen Lebens einen starken Einfluß üben. +Den engsten Anschluß aber suchte er bei der englischen Gesellschaft, +und bald erfaßte ihn eine heiße Leidenschaft zu einer der schönen +Töchter dieses Volkes. Nur in schwerem Kampf überwand er diese erste +große Liebe: »Wer weiß, ob ich nicht künftig das bereue, was ich jetzt +für vernünftig halte!« Noch einmal packte ihn die Liebe. Ihr Ziel ist +die Tochter eines englischen Geistlichen. Sein »armes, entzündliches +Blut brannte wie Dampf«. Die Geliebte aber reiste ab. Auch Bismarck +nahm einen Urlaub nach Frankfurt und Wiesbaden. Dort traf er beide +Mädchen wieder. Der Erinnerung an sie ist der schönste Brief des jungen +Ehegatten Bismarck vom 3. Juli 1851 geweiht: + + »Vorgestern«, so schreibt er der Gattin, »war ich zu Mittag in + Wiesbaden bei Dewitz und habe mir mit einem Gemisch von Wehmut und + altkluger Weisheit die Stätten früherer Torheit angesehen. Möchte + es Gott gefallen, mit seinem klaren und starken Weine dies Gefäß + zu füllen, in dem damals der Champagner zweiundzwanzigjähriger + Jugend nutzlos verbrauste und schale Neigen zurückließ. Wo und wie + mögen Isabella Loraine und Miß Russel jetzt leben? Wie viele sind + begraben, mit denen ich damals liebelte, becherte und würfelte! Wie + hat meine Weltanschauung doch in den vierzehn Jahren seitdem so + viele Verwandlungen durchgemacht, von denen ich immer gleich die + gerade gegenwärtige für die rechte Gestaltung hielt, und wie vieles + ist mir jetzt klar, was damals groß erschien, wie vieles jetzt + ehrwürdig, was ich damals verspottete! Wie manches Laub mag noch an + unserem inneren Menschen ausgrünen, schatten, rauschen und wertlos + welken, bis wieder vierzehn Jahre vorüber sind! Ich begreife nicht, + wie ein Mensch, der über sich nachdenkt und doch von Gott nichts + weiß oder wissen will, sein Leben vor Verachtung und Langeweile + tragen kann, ein Leben, das dahinfährt wie ein Strom, wie ein + Schlaf, gleich wie ein Gras, das bald welk wird; wir bringen unsere + Jahre zu wie ein Geschwätz. Ich weiß nicht, wie ich das früher + ausgehalten habe; sollte ich jetzt leben wie damals, ohne Gott, + ohne Dich, ohne Kinder — ich wüßte doch in der Tat nicht, warum ich + dies Leben nicht ablegen sollte wie ein schmutziges Hemd.« + +Bismarck folgte seiner Leidenschaft nach Straßburg. Von dort meldet er +sich seinem Freunde Scharlach als den Verlobten »einer jungen Britin +von blondem Haar und seltener Schönheit«. Von dort berichtet er, daß +er die Braut und ihre Familie nach Mailand begleiten und im nächsten +Jahr in England heiraten wolle. Aber die Verlobung wurde gelöst, die +Reisepläne zerfielen; von Bern fuhr der junge Verliebte direkt nach +Hause. + + »Ich nötigte sie endlich zum Beilegen«, so schreibt er später dem + Freunde. »Sie strich die Flagge, doch nach zweimonatigem Besitz + ward mir die Prise von einem einarmigen Obristen mit fünfzig + Jahren, vier Pferden und 15000 rl. Revenuen wieder abgejagt. Arm im + Beutel, krank am Herzen kehrte ich nach Pommern heim.« + +Die selbstherrliche Überschreitung aber seines Urlaubs bot den Anlaß +zum Abschied von Aachen. Der junge Referendar kehrte an die alte Stelle +zurück, mit Schulden reich beladen, und als Referendar in Potsdam +setzte er nun seine Tätigkeit fort. Nur dreieinhalb Monate lang blieb +er jedoch in den Sielen. Er ist von »Ekel« für die ganze Beschäftigung +bei der Regierung erfüllt; er will sich nicht sein ganzes Leben lang +abquälen, um vielleicht zuletzt als Präsident mit zweitausend Taler +Einkommen zu enden. Die Freude an der Landwirtschaft packt ihn von +neuem; Zopf und Perücke schrecken ihn ab; die Vielgeschäftigkeit und +die unpraktischen Pedanterien, die überflüssige Schreiberei und die +vielen »kleinlichen und langweiligen Geschäfte« erwecken ihm Grauen: +»Meine Arbeiten auf dem Gebiete der Wahlsteuerprozesse und der +Beitragspflicht zum Bau des Dammes in Rotzis bei Wusterhausen haben +mir kein Heimweh nach meiner damaligen Tätigkeit hinterlassen.« Schon +erwacht in ihm der Haß gegen die Bureaukratie, der ihn durch sein +ganzes Leben geleitet. Andere Gründe kamen hinzu: Geldsorgen vor allem, +die ihn jetzt bedrücken und die durch lange Jahrzehnte seines Lebens +seine treuen Begleiter sind. Die Lasten, die auf den elterlichen Gütern +aus den Zeiten der Freiheitskriege stammten, die Erziehung der Kinder, +langwierige und schwere Krankheiten der Gattin hatten die Verhältnisse +des alten Herrn von Bismarck so tief zerrüttet, daß die Gefahr, den +Familienbesitz zu verlieren, ernstlich heraufzog. Schon war von einer +Verteilung der Güter an die beiden Söhne die Rede. + +Aber noch ehe die neuen Pläne zur Reife gediehen, mußte Otto von +Bismarck seiner Militärpflicht genügen. Er trat bei den Gardejägern in +Potsdam ein, diente jedoch die zweite Hälfte seiner Militärzeit bei dem +zweiten pommerschen Jägerbataillon in Greifswald ab. Aus dieser Zeit +berichtet ein Studien- und Waffengenosse: + + »Herr von Bismarck schien seine Gründe zu haben, eine etwas + reservierte Haltung zu bewahren, die nur hin und wieder + durch den Verkehr mit älteren Korpsstudenten, seltener durch + gesellschaftliche Berührung mit einer oder der anderen der + geachtetsten Familien in Greifswald unterbrochen wurde. Die vom + Scheitel bis zur Sohle vornehme Erscheinung war gleichsam von einem + unsichtbaren Kreise, einer schwer zu beschreibenden geistigen + Atmosphäre umgeben, welche alle Elemente, die Herr von Bismarck + nicht selbst heranzog oder denen er sich nicht selbst freiwillig + hingab, ohne einen erkennbaren Zwang von sich fern hielt und alles, + was mit niedriger Denkart oder hohler Selbstüberschätzung auch nur + einen entfernten Grad von Verwandtschaft verriet, mit unverhohlenem + Widerwillen und mit Verachtung von sich wies.« + +Hier in Greifswald hatte Bismarck seinen letzten Zweikampf. Wie wenig +blutgierig er aber dabei war, zeigte die Art seines Angriffes. + + +Das letzte Duell + + »Mein Gegner«, erzählte er, »hatte eine sonderbare Mütze auf dem + Kopf, obendrauf ein loser, baumelnder Tüpfel. Das Ding reizte mich; + eine lange Zeit kaprizierte ich mich darauf, ihm diesen Tüpfel von + der Mütze zu schlagen. Ich kam aber nicht dazu; es wollte nicht + glücken. Zuletzt sah ich ein, daß ich bei diesem Unternehmen selber + tüchtig in Gefahr kam — und ich machte der Sache auf andere Weise + ein Ende.« + +Auf die Zeit des Aufenthaltes zu Greifswald warf die Nachricht von dem +Tode der Mutter einen tiefen Schatten. Sie hatte schon lange vorher +gekränkelt, bis endlich ihre Kräfte erloschen. Am 1. Januar 1839 ist +sie, noch nicht fünfzigjährig, in Berlin gestorben. Und die erste große +Trauer des Lebens zog in das Herz der Söhne. + +Noch war Bismarck im Staatsdienst. Nur ein Urlaub war ihm bewilligt +worden. So reichte er am 22. Oktober 1839 endgültig den Antrag auf +Entlassung ein. Das Assessorexamen hat Otto von Bismarck niemals +bestanden; er blieb auch als Staatsmann Autodidakt. Jetzt aber hat +er die Arme frei, jetzt kann er kämpfen, mitspielen bei energischen +politischen Bewegungen, sich selbst durchsetzen, jetzt kann er das +Recht der Individualität, der Meinung und Handlung bewahren, das Recht, +nicht zu gehorchen, sondern zu befehlen. Wird das Land ihm Genüge +geben? Wird der wilde Student in der Einsamkeit des pommerschen Gutes +ausharren können? Die Geschichte hat die Antwort gegeben. Aber noch +sollten Jahre vergehen, ehe er auch nur am bescheidensten Platze auf +der Bühne der Welt erscheint. Es sind die Jahre des »wilden Junkers« +von Kniephof, die umrankt sind von der ganzen Romantik der genialen +Kraftzeit, und die doch für die innere Entwicklung und für das geistige +Ausreifen dieser starken Persönlichkeit von so unendlicher Bedeutung +sind. + +Aber sind die Taten des wilden Junkers nicht in Wahrheit nur +Explosionen eines zurückgedrängten Temperamentes? Steht nicht neben den +tollen Streichen das Bild des ernsthaften Grüblers, der sich in Strauß +und Feuerbach versenkt und immer tiefer »in die Sackgasse des Zweifels« +gerät, der sich in Macchiavelli und Spinoza vertieft und in »trostloser +Niedergeschlagenheit« zu der melancholischen Erkenntnis gelangt, daß +sein und anderer Menschen Dasein zwecklos und unersprießlich sei? Hier +schwärmt Bismarck für Byron, Lenau, Anastasius Grün. Er schreibt sich +ihre Gedichte ab; er wird Pantheist und denkt sich Gott als einen, +»der sich um ein solches Stäubchen nicht bekümmern kann«. Und bei +allem bleibt er der Landedelmann, der auf Entenjagd geht, im Boote +liegt, die Büchse zur Rechten, die Flasche Champagner zur Linken. +Auch in die Fremde treibt es ihn, nach London, nach Norderney, auf +die Seehundsjagd. Sein Augenmaß weitet sich immer mehr; sein Wissen +vertieft sich. + +Und dennoch bleibt er ein sorgsamer Landwirt. Noch ist ein Teil der +von ihm geführten Rechnungsbücher erhalten; Spiritus, Korn, Wolle, +Maschinen und Löhne, Steuern und Kreiskosten lösen einander ab. Aber +das Glücksgefühl, im engen Kreise zu schaffen, sein eigener Herr zu +sein, zu befehlen, wird doch seiner Stimmung nicht Herr. Das Gefühl, +seine schäumende Kraft nicht am rechten Orte zu großen Aufgaben +verwenden zu können, stimmt ihn immer wieder bitter. Und oft genug +mochte es nur ein Versuch sein, sich gegen diese Schwermut, gegen +die aus der Langeweile erwachsende Melancholie zu schützen, wenn er +so recht zum tollen Junker wird, wenn er auf seinem treuen Kaleb +weithin durch das pommersche Land jagt »über manche Meile weg, froh +und traurig, wild und träge, an Heiden und Feldern, Seen und Häusern +und Menschen vorbei«. Das Bedürfnis, sich zu bewegen, sich in tollen +Ritten, in starken Exzessen auszuleben, wo das eigentliche Ziel seiner +Kraft ihm versagt schien, mochte ihn dazu treiben, die Einsamkeit, +die ihn umwob, möglichst oft in Gesellschaft derber Gesellen zu +durchbrechen, zu trinken, zu rauchen und zuweilen auch zu spielen oder +durch Pistolenschüsse die Stille zu zerreißen. + +Herr von Marwitz, ein Gutsnachbar, hat eine anschauliche Schilderung +gegeben: + + +Vom Leben auf Kniephof + + »Wenn ich nach langer Fahrt auf schlechten Wegen bei ihm in + Kniephof ankam, wurde ein einfacher Imbiß aufgetragen; er nahm + Porter und Sekt aus dem Wandschrank, setzte die Flaschen vor + mich hin und sagte: ›=Help yourself=‹. Während ich mich stärkte, + sprach er viel und anregend. Er hatte Reisen in Deutschland, + Frankreich und England gemacht und las gewaltig viel, meistens + Geschichtswerke. Er vertiefte sich auch gern in Spezialkarten, + namentlich von Deutschland und die alte zwanzigbändige + ›Erdbeschreibung‹ von Büsching, welche ausführliche Angaben über + die meisten deutschen Landschaften enthält. Von sehr vielen Gütern + in Pommern, in der Mark und im Magdeburgischen kannte er die + Bodenverhältnisse, die Größen und sogar die zu verschiedenen Zeiten + dafür gezahlten Kaufwerte. Auch über Politik sprach er gern, und + was er sagte, klang manchmal ziemlich oppositionell, weil ihm die + schleppende Geschäftsbehandlung bei den Regierungskollegien in + Aachen und Potsdam mißfallen hatte. Er freute sich immer sehr, + wenn man ihn besuchte; und wenn man fortfuhr, pflegte er die Gäste + zu Pferde bis über seine Gutsgrenzen zu begleiten. Er war der + verwegenste Reiter und stürzte öfters, einmal so gefährlich, daß + ein anderer wohl nicht lebendig davongekommen wäre. Aber seine + Riesennatur trotzte jeder Störung. Die meisten Besuche, auch auf + weite Entfernungen, machte er zu Pferde und brachte lebendigen + Verkehr in die ganze Gegend. Er war ein vorzüglicher Jäger und + oft König der Jagd. In Kniephof war das Jagddiner immer einfach, + doch saßen wir trinkend und rauchend gewöhnlich bis in die tiefe + Nacht. Bismarck war ein starker Zecher, aber niemals hat ihn jemand + berauscht gesehen. Eines Abends wollte ich mit einem Freunde von + Regenwalde nach Naugard fahren. Es war schon spät, als wir durch + Kniephof kamen, und wir beschlossen, dort die Nacht zu bleiben. + Bismarck empfing uns sehr freundlich, sagte aber sogleich, er könne + uns am anderen Morgen keine Gesellschaft leisten, da er schon um + sieben Uhr nach Naugard fahren müßte. Das wollten auch wir. Er + empfahl uns wiederholt, nicht so früh aufzubrechen, sagte aber + endlich: ›Wenn ihr es denn nicht anders wollt, so werde ich euch + um halb sieben wecken.‹ Es war ziemlich spät, als er uns die Treppe + hinauf zum Schlafzimmer geleitete. Vor dem Einschlafen sagte mein + Gefährte: ›Ich habe mehr getrunken, als ich gewohnt bin, und möchte + morgen ausschlafen.‹ ›Das wird nicht gehen,‹ sagte ich, ›denn nach + dem, was wir abgemacht haben, wird Bismarck uns um halb sieben + mobil machen.‹ ›Abwarten‹, sagte der andere, verschloß die Tür + und schob mit äußerster Kraftanstrengung einen schweren Schrank + davor. Um halb sieben, es war schon hell, ruft Bismarck vor der + Tür: ›Seid ihr fertig?‹ Keine Antwort. Er drückt vergebens auf + die Klinke und stößt mit dem Fuße die alte Tür ein, kann aber des + Schrankes wegen nicht weiter. Bald darauf ruft er im Hofe: ›Seid + ihr fertig?‹ Kein Laut. Sogleich krachen zwei Pistolenschüsse, die + Fenster klirren und Kalk von der angeschossenen Decke fällt auf das + Bett meines Gefährten. Da gibt dieser das Spiel verloren, bindet + ein Handtuch an seinen Stock und steckt es als Friedensfahne zum + Fenster hinaus. Bald darauf waren wir unten. Bismarck empfing uns + beim Frühstück mit gewohnter Liebenswürdigkeit, ohne seines kleinen + Sieges zu erwähnen. — Später war ich einmal mit mehreren Bekannten + zur Jagd in Kniephof. Die nach der Jagd erforderliche Reinigung + dauerte bei uns ziemlich lange. Da fielen in kurzen Pausen fünf + Pistolenschüsse; wir hörten, wie die Kugeln in die Fensterkreuze + einschlugen. Otto amüsierte sich, uns zu necken. Niemanden fiel + es ein, daß er hätte vorbeischießen und einen von uns treffen + können, denn wir kannten seine Pistole als unfehlbar sicher; aber + der Effekt der Schüsse war doch eine merkliche Beschleunigung + unserer Vorbereitungen zum Diner. Dann gab es eine scharfe Sitzung. + Am anderen Morgen fanden wir unseren Wirt nicht beim Frühstück, + vermuteten ihn noch schlafend und fuhren ziemlich geräuschlos + fort, um uns zur Jagd bei einem ziemlich entfernt wohnenden + Nachbarn nicht zu verspäten. Dort kam Otto uns lachend entgegen; + er war auf seinem Lieblingspferde Kaleb, einem großen schnellen + Braunen, vorangeritten, um uns zu überraschen. Wegen solcher + lustiger Streiche nannte man ihn damals den ›tollen Bismarck‹; wir + wußten aber genau, daß er viel klüger war als wir alle zusammen. + — Vor längerer Zeit ritt er eines Tages auf Kaleb neun Meilen (63 + =km=), um in dem Badeorte Polzin den Abend zu tanzen und dabei + eine vielumworbene junge Dame kennen zu lernen. Er machte ihr den + Hof, schien ihr zu gefallen und dachte an Verlobung. Am folgenden + Tage aber gab er diesen Gedanken auf, weil er erkannte, daß ihr + Charakter nicht zu dem seinigen paßte. Tief verstimmt ritt er in + der Nacht nach Hause. Quer durch einen Wald galoppierend, stürzte + Kaleb in einen breiten Graben. Bismarck wurde mit dem Kopf gegen + einen Hügel geschleudert und blieb einige Zeit bewußtlos liegen. + Als er erwachte, sah er beim Mondschein den treuen Kaleb neben sich + stehen, stieg auf und ritt ganz langsam nach Hause. Nach dieser + Begebenheit, die ihn, wie er erzählte, einigermaßen erschüttert + hatte, war eine Zeitlang wenig von ihm zu hören.« + +[Illustration: ~Bismarck und die Jakobinermütze~ + +»=C’est un peu haut!=« (Flugblatt 1870)] + +Noch einmal erfaßte den jungen Bismarck, ehe er in den ruhigen Hafen +der Ehe einlaufen konnte, eine heftige Neigung. Ottilie von Puttkamer, +die Tochter der Gutsherrin von Pansin, war ihr Ziel. Auch hier hat er +viel gelitten, aber auch hier hat er die Stimmung besiegt. Lakonisch +schreibt er nach Jahr und Tag an seinen Freund Scharlach: + + »Ich verliebte und verlobte mich abermals, erzürnte mich vierzehn + Tage nachher mit der Mutter meiner Braut, einer Frau, die, um + ihr Gerechtigkeit zu tun, eine der bösesten ist, die ich kenne, + und die das Bedürfnis hat, noch selbst der Gegenstand zärtlicher + Blicke zu sein. Nach fast jahrelangen Intrigen gelang es ihr, + meiner Braut einen höchst lakonischen Absagebrief an mich in die + Feder zu geben. Ich hielt es meiner Würde nicht für angemessen, + die beleidigte Aufgeregtheit eines Gemüts zu zeigen und ihr mit + einigen Schüssen auf Brüder u. dgl. der Ungetreuen Luft zu machen; + ich trat in meiner Eigenschaft als Landwehroffizier auf einige + Monate zur Dienstleistung in ein Ulanenregiment, focht tapfer + gegen Staub und markierte Feinde, und da ich auch im Drange dieser + Taten meine Ruhe nicht fand, so brauchte ich das Universalmittel + für Verliebte, ich ging auf Reisen und wurde wieder liederlich. + Von Edinburg durch England und Frankreich trug ich meinen Kummer + über die Alpen, und war im Begriff über Triest nach dem Orient + zu gehen, eventualiter die Afghanen durch die Lupe zu besehen, + wozu ich mit Empfehlungen ausgerüstet war, als mir mein Vater in + einem tränenfeuchten Brief, der von einsamem Alter (dreiundsiebzig + Jahre, Witwer, taub), Sterben und Wiedersehen sprach, die Heimkehr + anbefahl. Ich kam zurück — er starb nicht — und ich suchte in + diesem Sommer einem Leiden durch Dieffenbach und Norderney + abzuhelfen. Vorher, im Frühjahr, machte ich einen sechswöchigen + Versuch, eine andere Krankheit, eine an Lebensüberdruß grenzende + Gelangweiltheit durch alles, was mich umgibt, zu heilen, indem ich + mich durch besondere Vergünstigung eines unserer Minister wieder + im Staatsdienst beschäftigen ließ und die angestrengte Arbeit in + der insipiden und leeres Stroh dreschenden Schreiberei unserer + Verwaltung als eine Art von geistigem Holzhauen betrachtete, um + meinem teilnahmlos erschlafften Geist wieder etwas von dem gesunden + Zustande zu geben, den einförmige und regelmäßige Tätigkeit für den + Körper herbeizuführen pflegt. Aber teils war mir die krähwinklige + Anmaßung oder lächerliche Herablassung der Vorgesetzten nach langer + Entwöhnung noch fataler als sonst, teils nötigten mich häusliche + Vorfälle, Unordnungen in meiner Verwaltung usw., die Verwaltung + meiner Güter wieder selbst zu übernehmen. Seitdem sitze ich hier, + unverheiratet, sehr einsam, neunundzwanzig Jahre alt, körperlich + wieder gesund, aber geistig ziemlich unempfänglich, treibe meine + Geschäfte mit Pünktlichkeit, aber ohne besondere Teilnahme, suche + meinen Untergebenen das Leben in ihrer Art behaglich zu machen und + sehe ohne Ärger an, wie sie mich dafür betrügen. Des Vormittags bin + ich verdrießlich, nach Tische allen milden Gefühlen zugänglich. + Mein Umgang besteht in Hunden, Pferden und Landjunkern, und bei + letzteren erfreue ich mich einigen Ansehens, weil ich Geschriebenes + mit Leichtigkeit lesen kann, mich zu jeder Zeit wie ein Mensch + kleide und dabei ein Stück Wild mit der Akkuratesse eines Metzgers + zerwirke, ruhig und dreist reite, ganz schwere Zigarren rauche und + meine Gäste mit freundlicher Kaltblütigkeit unter den Tisch trinke. + So vegetiere ich fast wie ein Uhrwerk, ohne besondere Wünsche oder + Befürchtungen zu haben; ein sehr harmonischer und sehr langweiliger + Zustand.« + +Die Enttäuschung in seiner Liebe war zweifellos der stärkste Antrieb +zu Bismarcks großer Reise vom Jahre 1842. Von ihr erzählen uns seine +Briefe aus London, Edinburg, York, Bern und Luzern. Mit seinem späteren +Schwager Oskar von Arnim, den er unterwegs traf, gedachte er sogar nach +Indien zu gehen, »einige Jahre Asiat zu spielen, um etwas Veränderung +in die Dekoration der Komödie zu bringen« und seine Zigarren »am +Ganges statt an der Rega zu rauchen«. Er wollte sogar in Indien unter +englischer Fahne Dienst nehmen. »Indessen,« so schrieb er damals, »was +haben mir die Indier zuleide getan? dachte ich mir.« In Norderney +umgab ihn die große Welt; hier lernte er die Reize der Nordsee kennen; +hier schrieb er die wundervollen Briefe an seine Schwester, in denen +eine rein künstlerische Naturbetrachtung mit lachender Ironie und +Selbstverspottung wechselt. + +Köstlich ist auch ein Brief, in dem er eine phantastische Fuchsjagd mit +seinem Vater schildert. + + +Die Fuchsjagd + + »Nächstdem«, so schreibt er im Dezember 1844 aus Schönhausen an + die Schwester, »lebe ich hier mit dem Vater lesend, rauchend, + spazierengehend, helfe ihm Neunaugen essen und spiele zuweilen + eine Komödie mit ihm, die es ihm gefällt, Fuchsjagd zu nennen; wir + gehen nämlich bei starkem Regen, oder jetzt sechs Grad Frost, mit + Ihle, Bellin und Karl hinaus, umstellen mit aller jägermäßigen + Vorsicht, lautlos unter sorgfältiger Beachtung des Windes einen + Kieferbusch, von dem wir alle, und vielleicht auch der Vater, + unumstößlich überzeugt sind, daß, außer einigen Holz suchenden + Weibern, kein lebendes Geschöpf darin ist. Darauf gehen Ihle, Karl + und zwei Hunde unter Ausstoßung der seltsamsten und schrecklichsten + Töne, besonders von seiten Ihles, durch den Busch; der Vater steht + regungslos und aufmerksam mit schußfertigem Gewehr, genau als wenn + er wirklich ein Tier erwarte, bis Ihle dicht vor ihm schreit: ›hu, + la, la, he, he, faßt, häh, häh!‹ in den sonderbarsten Kehllauten. + Dann fragt mich der Vater ganz unbefangen, ob ich nichts gesehen + habe, und ich sage mit einem möglichst natürlich gegebenen Anflug + von Verwunderung im Tone: nein, nicht das mindeste. Dann gehen + wir, auf das Wetter schimpfend, zu einem anderen Busch, dessen + vermutliche Ergiebigkeit an Wild Ihle mit einer recht natürlich + gespielten Zuversicht zu rühmen pflegt, und spielen =dal segno=. + So geht es drei bis vier Stunden lang, ohne daß in Vater, Ihle und + Fingal die Passion einen Augenblick zu erkalten scheint. Außerdem + besehen wir täglich zweimal das Orangeriehaus und einmal die + Schäferei, vergleichen stündlich die vier Thermometer in der Stube, + rücken die Zeiger des Wetterglases und haben, seit das Wetter klar + ist, die Uhren nach der Sonne in solche Übereinstimmung gebracht, + daß nur die an der Bibliothek noch einen einzigen Schlag nachtut, + wenn die anderen =a tempo= ausgeschlagen haben. Karl =V.= war ein + dummer Kerl!« + +Noch nicht ein Jahr später eilte Bismarck an das Sterbelager seines +Vaters, und wenige Stunden nach seiner Ankunft, am 22. August 1845, +drückte er ihm die Augen zu. Aber auf den schweren Verlust ist mit der +Verlobung bald das glücklichste Ereignis in Bismarcks Leben gefolgt. +Er war nach dem Tode des Vaters nach Schönhausen übergesiedelt, das +er fortan neben Kniephof übernahm. Vorher war er vom Kreise Jericho +zum Deichhauptmann ernannt. Schon vorher hatte er jene Tat vollbracht, +deren Lohn sein erster Orden wurde, die Rettungsmedaille. + +In der Stadtchronik von Lippehne befindet sich, von dem Ortspfarrer +Stöhr niedergeschrieben, folgende Stelle: + + +Der erste Orden + + 1842. Freitag, den 24. Juni (Johannistag), gegen fünf bis sechs + Uhr nachmittags, ließ der zur Übung hier anwesende Leutnant von + Bismarck, zweiter Sohn des Rittmeisters a. D. von Bismarck, + Gutsbesitzer auf Kniephof bei Naugard, in Begleitung des Herrn + Leutnants von Klitzing, von Schneuden usw., seine Pferde im + hiesigen Wendelsee, zwischen der Brücke und der rechts derselben + von der Stadt aus gelegenen Gotthardtschen Gerberbank durch + seinen Bedienten Johann August Ferdinand Hildebrandt und den + Ulanen Wilhelm Kühl, beide aus Jarchelin bei Naugard, schwemmen. + Die Herren Leutnants standen auf der Brücke. Hildebrandt ritt + mit seinem Pferde zuerst in den See. Unstreitig dadurch, daß der + Reiter die Zügel ungleich gefaßt, fing das Pferd an, im Kreise zu + gehen. Indem der Reiter es herumreißen wollte, bäumte es auf und + warf ihn in die Tiefe. Der Ulan Kühl sah dies und ritt schnell + hinzu. Da aber das Vorland unter dem Wasser hier steil endet, so + stürzte er über den Kopf des schnell heruntersinkenden Pferdes. + Nun zog der Herr Leutnant von Bismarck schnell seinen Uniformrock + aus, sprang von dem mindestens fünfzehn Fuß über dem Wasserspiegel + hohen Brückengeländer in den See, riß zuerst den Kühl auf das + Vorland zurück und brachte, im übrigen vollständig bekleidet + und mit Glacéhandschuhen versehen, den Hildebrandt, der schon + Wasser geschöpft hatte, aus der Tiefe wassertretend glücklich auf + das Vorland, stellte, von ihm umfaßt, diesen, sobald er auf dem + Vorland Grund erhalten hatte, auf, brachte ihn, nachdem er stehend + zum Bewußtsein gekommen war, glücklich an das Ufer und bemühte + sich, das eine noch im See schwimmende Pferd um die Gerberbank + nach dem Gotthardtschen Garten zu treiben, was glücklich gelang. + An derselben Stelle des Sees, wo schon mancher beim Schwemmen + der Pferde seinen Tod fand, rettete der edle Otto von Bismarck + mit völliger Verleugnung aller Gefahr des eigenen Lebens, mit + seltenem Mut und ausgezeichneter Kraftanstrengung das Leben zweier + Menschen. — Tatsächlich befinden sich in diesem Bericht einige + Irrtümer, insofern, als Bismarck nicht zwei Menschen, sondern + nur einen, seinen späteren langjährigen Reitknecht Hildebrandt, + rettete, ohne auch vorher seinen Rock abzulegen. — Im Jahre 1866 + schrieb der Pfarrer Stöhr auf das vergilbte Blatt der Chronik noch + folgende Randbemerkung: Was hätte man geurteilt, als ich vor dem + Herrn Leutnant von Bismarck im Hause Nr. 206 in der Stube links + der Eingangstüre saß und ihn nach seinem werten Stand und Namen + fragte, um die nachstehende Tat hier niederschreiben zu können, + wenn ich ihm hätte sagen können: »Wie Sie heute Ihren Reitknecht + aus dem hiesigen Wendelsee gezogen haben, so werden Sie einst + Deutschland aus den trüben Wassern des alle geistige Entwicklung + niederhaltenden Katholizismus und der österreichisch-habsburgischen + Hauspolitik reißen und retten?« + +Am Ufer des Wendelsees ist ein Denkmal errichtet, das Otto von +Bismarcks kühne Tat verherrlicht. Ihm selbst wurde nach dieser Tat +die Rettungsmedaille am Bande verliehen, die später Anlaß zu jener +bekannten Szene in Frankfurt gab. Dort fragte ihn ein mit vielen +Ordenssternen geschmückter österreichischer Staatsmann in spöttischem +Tone, was die seltsame Gestalt der Denkmünze eigentlich bedeute, +worauf Bismarck ihn mit den Worten abfertigte: »Je nun, ich habe die +Gewohnheit, mitunter einem Menschen das Leben zu retten.« + +Am 16. April 1847 konnte Bismarck der Schwester die Verlobung anzeigen. +Er tat dies in der gewohnten humoristischen Form: + + +Die Verlobungsanzeige + + »Malinka! Ich zeige Dir nunmehr alles Ernstes meine Verlobung an, + die kein Geheimnis mehr ist. Ich erhielt in der vorigen Woche einen + Brief von hier, der mir freistellte, herzukommen und die Antwort + zu hören. Am Montag kam ich früh durch Angermünde, fuhr spurlos + durch Naugard, und Dienstag, den 12., um Mittag war ich verlobt. + Alles nähere, das maßlose Erstaunen der Kassuben, von denen die, + welche nicht gleich rundum überschlugen, noch immer haufenweise + auf dem Rücken liegen, den Verdruß der alten Damen, daß auch keine + sagen kann: ich habe eine Silbe davon geahnt usw., will ich Dir + mündlich erzählen. Einstweilen bitte ich nur Dich und Oskar, Euch + in wohlwollende Verfassung für meine zukünftige Frau zu setzen, + die Dir selbst noch schreiben wird. Reinfeld liegt hier dicht bei + Polen, Bütow ist die nächste Stadt, man hört die Wölfe und die + Kassuben allnächtlich heulen, und in diesem und den sechs nächsten + Kreisen wohnen achthundert Menschen auf der Quadratmeile; =polish + spoken here=. Ein sehr freundliches Ländchen. Herzliche Grüße an O. + Dein treuer Bruder.« + +Bismarck hatte die Frau, die ihn durch ein langes großes Leben geleiten +sollte, bei der Hochzeit des ihm befreundeten jungen Ehepaares von +Blankenburg kennen und auf einer gemeinsamen Reise in den Harz lieben +gelernt. Von hier waren sie bereits als stillverlobtes Paar in die +Heimat zurückgekehrt. Aber es hatte noch eine Zeitlang gedauert, ehe +sie an das Ziel ihrer Wünsche gelangten. Denn der Ruf, den der tolle +Junker genoß, machte die Zustimmung der frommen christlichen Eltern +höchst unwahrscheinlich. Als Bismarck brieflich frank und frei um die +Hand der Tochter anhielt, äußerte sich der Vater so wenig erfreulich, +daß er später den Eindruck dieser Stunde in den Ausruf zusammenfaßte: +»Ich war wie mit der Axt vor den Kopf geschlagen.« Die Mutter aber +jammerte, daß der Wolf immer die frömmsten Schafe fresse; sie +protestierte und weinte, bis schließlich Bismarck selbst auf dem Plan +erschien. Mit den Worten »=all right=« zeigte er dann der Schwester den +Sieg an. + + +Johanna + + »Sie ist«, so schildern sie in jener Zeit die Freunde, »ein + einzigfrommes, reines, tiefes Mädchen; in ihren Augen ist ein + balsamischer Friedensglanz. Sie ist ein frischer sprudelnder + Gesundbrunnen, eine schöne pikante Blume, über die noch nie ein + Gifthauch gegangen ist, obwohl sie zwanzig Jahre alt ist. Sie hat + nichts Schönes im Äußeren, als Augen und lange schwarze Locken, + sieht sonst alt aus, spricht viel, witzig und munter mit jedem + Menschen, Mann oder Weib.« »Sie ist äußerst gescheit«, so schreibt + ein anderer Freund, »durch und durch musikalisch, die Züge haben + nichts hervorstechend Antikes, sind aber äußerst lieblich; sie ist + durch und durch ein geistreicher Student, höchst originell mit + einem tiefen frommen Herzen, dem alle Pietisterei fremd ist, das + mit der allerholdesten Kindereinfalt Walzer spielt, wie ich es noch + nie gehört habe.« Und ein Dritter schildert sie: »Ein einzig tiefes + Gemüt zum Glücklichmachen hat das schwarze Mädchen, eine warme, + tiefe, starke, unentweihte Kraft der Liebe.« + +Die Harzreise mit der Geliebten und den Freunden, die zwanglos +fröhlichen Wandertage durch die Täler und über die Berge, die +gemeinsame »grenzenlose Mondscheinhuldigung und Schwärmerei«, die +entzückten Gespräche — niemals vielleicht hat das junge Paar solche +reizvollen Tage voll Poesie erlebt, wie hier. + +Mit der Verlobung steigerte sich Bismarcks Willen zu einem Leben der +Tat, wuchs die Sehnsucht nach der Rückkehr in die Welt. In denselben +Wochen, die jetzt mit den wundervollen Briefen des jungen Bräutigams +an die Braut erfüllt sind, mit Briefen, die uns die ganze poetische +Kraft, das ganze feine und tiefe Künstlerempfinden des großen Mannes +enthüllen, leistet er unermüdliche Arbeit nicht nur als Deichhauptmann, +sondern auch auf dem Kreistage, im Patrimonium, auf allen Gebieten der +Selbstverwaltung, die sich ihm erschließen. Hier atmet er auf, wenn die +Elbe zu tosen beginnt: »Wenn sie alle Jahre so langweilig sanftmütig +sein will, so würde ich das Kommando über ihre Fluten niederlegen. +Ehe ich träge Pferde reite, gehe ich lieber zu Fuß. ... In ergebenem +Gottvertrauen setz’ die Sporen ein und laß das wilde Roß des Lebens mit +Dir fliegen über Stock und Block, gefaßt darauf, den Hals zu brechen, +aber furchtlos, da Du doch einmal scheiden mußt von allem, was Dir auf +Erden teuer ist, und doch nicht auf ewig.« Bald aber naht die Stunde, +da er aus der Enge des Kreises heraustritt in das große politische +Leben: Friedrich Wilhelm hatte den Vereinigten Landtag nach Berlin +berufen; an Stelle des erkrankten Herrn von Brauchitsch zog Bismarck +dorthin. Am 11. April hatte sich der Landtag versammelt, am 17. Mai +ergriff dort bereits der junge Deichhauptmann von Bismarck das Wort. +Seine Rede war kurz, aber sie war ein Glaubensbekenntnis für alle +Zeiten. Sie war der mutige Ausdruck einer starken Persönlichkeit, die +sich bewußt und rücksichtslos gegen die allgemein gültige Auffassung +stemmte. + + +Die erste Rede + + Der Abgeordnete von Saucken hatte behauptet, daß die preußische + Volkserhebung nicht nur aus dem Hasse gegen die napoleonische + Fremdherrschaft hervorgegangen, sondern zum gleichen Teile auf die + Hoffnung zurückzuführen sei, eine Verfassung zu erlangen. Da betrat + der zweiunddreißigjährige Bismarck die Tribüne und rief aus: »Ich + fühle mich gedrungen, dem zu widersprechen, was auf der Tribüne + sowohl als außerhalb dieses Saales so oft laut geworden ist, als + von Ansprüchen auf Verfassung die Rede war: als ob die Bewegung des + Volkes von 1813 anderen Gründen zugeschrieben werden müßte, und es + eines anderen Motivs bedurft hätte, als der Schmach, daß Fremde in + unserem Lande geboten. (Lautes Murren.) Es heißt meines Erachtens + der Nationalehre einen schlechten Dienst erweisen (wiederholtes + Murren), wenn man annimmt, daß die Mißhandlung und Erniedrigung, + die die Preußen durch einen fremden Gewalthaber erlitten, nicht + hinreichend gewesen seien, ihr Blut in Wallung zu bringen und + durch den Haß gegen die Fremdlinge alle anderen Gefühle übertäubt + werden zu lassen.« (Großer Lärm.) — Als die Abgeordneten Krause und + Gier dagegen Verwahrung einlegten, daß jemand, der die Zeit von + 1813 nicht mit durchgekämpft habe, ein derartiges Urteil fälle, + bestieg Abgeordneter von Bismarck unter großem Lärm nochmals die + Tribüne. Als der Lärm aber nicht nachließ, zog er eine Zeitung + aus der Tasche, wandte der Versammlung den Rücken und las dann. + Erst als der Lärm sich legte, nahm er wieder das Wort: »Ich kann + allerdings nicht in Abrede stellen, daß ich zu jener Zeit nicht + gelebt habe, und es tat mir stets aufrichtig leid, daß es mir nicht + vergönnt gewesen, an dieser Bewegung teilzunehmen; ein Bedauern, + das vermindert wird durch die Aufklärung, die ich soeben über die + damalige Bewegung empfangen habe. Ich habe immer geglaubt, daß die + Knechtschaft, gegen die damals gekämpft wurde, im Auslande gelegen + habe; soeben bin ich aber belehrt, daß sie im Inlande gelegen hat, + und ich bin nicht sehr dankbar für diese Aufklärung!« (Einige + Stimmen: Bravo!) + +[Illustration: ~Parlamentarisches Debüt~ + +Am 17. Mai 1847 als jugendlicher Liebhaber in der Rolle des Percy +Heißsporn: »Ich kann nicht schmeicheln, glatte Zungen verschmäh’ ich!« +(Aus einer humorist. Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag +Bismarcks)] + +Bismarck selbst schrieb über diesen Vorgang nach Reinfeld: »Ich erregte +gestern einen unerhörten Sturm des Mißfallens, indem ich durch eine +nicht deutlich genug gefaßte Äußerung über die Natur der Volksbewegung +von 1813 die mißverstandene Eitelkeit vieler von der eigenen Partei +verletzte und natürlich das ganze Hallo der Opposition gegen mich +hatte. Die Erbitterung war groß, vielleicht gerade, weil ich die +Wahrheit sagte. ... Man warf mir meine Jugend und was sonst noch alles +vor.« Und weiter: »Der Vater wird Dir erzählen, wie ich neulich hier +in das Wespennest der Freiwilligen stach und die entrüsteten Hornissen +auf mich her summten.« Ihn ergriff die Aufgabe, die ihm gestellt war. +Aber rasch genug erkannte er doch auch die Schwächen all der Leute, +die ihn umgaben, ihre Eitelkeit, ihre Wichtigtuerei. So schreibt er +kurz vor seinem Debüt: »Die heutige Sitzung war recht langweilig, +unendliches Schwatzen, Wiederholen, Breittreten, Zeittotschlagen. +Es ist merkwürdig, wieviel Dreistigkeit im Auftreten die Redner im +Verhältnis zu ihren Fähigkeiten zeigen, und mit welcher schamlosen +Selbstgefälligkeit sie ihre nichtssagenden Redensarten einer so großen +Versammlung aufzudrängen wagen.« Es ist der Protest des Tatenmenschen +gegen die Männer des Wortes; es ist der Protest eines Mannes, der +die Urgebote des politischen Daseins, die Gebote der Macht, des +Staates, der Volksgesamtheit erkennt und mit selbstverständlicher +Naturgewalt lehrt. Schon hier entdeckt Erich Marcks mit Recht, hier +in dieser harten Ausschließlichkeit und unvermischten, unverbildeten +leidenschaftlichen Kraft den Granit zu Bismarcks historischer Größe. + +Noch dreimal ergriff Otto von Bismarck in dieser ersten Tagung das +Wort, immer im scharfen Gegensatz sich abhebend von der »importierten +Phrasenschablone« des damaligen Liberalismus. Und jene wenigen Reden +genügten, um ihn zur Hoffnung seiner Freunde, zum Grauen seiner Gegner +zu machen. Man sieht in ihm den begabtesten Wortführer der Ultras, den +schamlosen Junker. In Wahrheit aber war er in dieser kurzen Zeit zu +einem Politiker geworden, mit dem die Zukunft rechnen mußte und auch +bald genug gerechnet hat. + +[Illustration: ~Der Junker~ + +Die erste Karikatur des gewalttätigen, nach Blut riechenden Junkers. +(Pausebild aus einer Zeitung 1848)] + +Der Eindruck bei Hofe + + »Bei den Hoffestlichkeiten,« erzählte nach langen Jahren Fürst + Bismarck, »die während des Vereinigten Landtages stattfanden, + wurde ich von dem König und der Prinzessin von Preußen in + augenfälliger Weise gemieden, jedoch aus verschiedenen Gründen, von + der letzteren, weil ich weder liberal noch populär war, von dem + ersteren aus einem Grunde, der mir erst später klar wurde. Wenn + er bei Empfang der Mitglieder vermied, mit mir zu sprechen, wenn + er im Cercle, nachdem er der Reihe nach jeden angeredet hatte, + abbrach, sobald er an mich kam, umkehrte oder quer durch den Saal + abschwenkte: so glaubte ich annehmen zu müssen, daß meine Haltung + als royalistischer Heißsporn die Grenzen überschritt, die er sich + gesteckt hatte. Daß diese Auslegung unrichtig, erkannte ich erst + einige Monate später, als ich auf meiner Hochzeitsreise Venedig + berührte. Der König, der mich im Theater erkannt hatte, befahl + mich folgenden Tags zur Audienz und zur Tafel, mir so unerwartet, + daß mein leichtes Reisegepäck und die Unfähigkeit der Schneider + des Ortes mir nicht die Möglichkeit gewährten, in korrektem + Anzuge zu erscheinen. Mein Empfang war ein so wohlwollender und + die Unterhaltung auch auf politischem Gebiete derart, daß ich + eine aufmunternde Billigung meiner Haltung im Landtage daraus + entnehmen konnte. Der König befahl mir, mich im Laufe des Winters + bei ihm zu melden, was geschah. Bei dieser Gelegenheit und bei + kleineren Diners im Schloß überzeugte ich mich, daß ich bei beiden + allerhöchsten Herrschaften in voller Gnade stand, und daß der + König, wenn er zur Zeit der Landtagssitzungen vermieden hatte, + öffentlich mit mir zu reden, damit nicht eine Kritik meines + politischen Verhaltens geben, sondern nur seine Billigung den + anderen zurzeit nicht zeigen wollte.« + +Am 28. Juli hat Bismarck die Braut heimgeführt. Die Hochzeitsreise +führte die Neuvermählten über Dresden, Prag, Wien und Salzburg nach +Italien und auf der Heimreise durch die Schweiz und das Rheinland. +Friedlich im jungen Eheglück floß dem Paare die nächste Zeit dahin. +Dann aber schäumten die Wellen der Revolution auch hinüber bis in ihr +Heim, und aus dem idyllischen Leben von Schönhausen wurde Bismarck +zum zweitenmal hinausgerissen in die Stürme, die damals die Welt +durchtobten. + +[Illustration: Karikatur aus dem Jahre 1848 (Flugblatt)] + + + + +Im Strome der Politik + + +Die Zeit der deutschen Revolution mußte Otto von Bismarck nach +seiner ganzen Entwicklung in schroffem Gegensatz nicht nur zu den +Barrikadenkämpfern, sondern auch zu den Schwärmern finden, die +später in der Paulskirche die Kaiserkrone schmieden wollten. Für ihn +waren wie für Roon die Männer der Revolution nur eine »schwankende, +ordnungslose, offenbar von fremden Meuterern aufgestachelte Menge«, +eine niederträchtige Partei, die gar keine Wurzeln im eigentlichen +Volke hatte. »Zwei- oder dreihundert Böswillige hetzen, tausend +Hungrige und Trunkene lassen sich hetzen, fünf- bis sechstausend sehen +dem Spektakel zu und bezahlen leider nicht selten mit ihrer Haut, was +jene verschuldet.« Für Bismarck wie für Roon ist in jenen Tagen jede +Konzession des Königs ein Zeichen der Schwäche; nur freiwillig dürfen +Preußens Herrscher geben, nicht gezwungen. + +Bismarck erhielt die erste Kunde von den Ereignissen des 18. und 19. +März 1848 im Haus eines Gutsnachbarn, zu dem sich Berliner Damen +geflüchtet hatten. Es ist charakteristisch für ihn, daß ihn nicht so +die politische Tragweite der Vorgänge, wie die Erbitterung über die +Ermordung der Soldaten in den Straßen in tiefster Seele packte. Bald +aber schlugen die Wellen der Revolution auch bis nach Schönhausen +hinüber. Er erzählt darüber: + + +Er unternimmt eine Gegenrevolution + + »Am 20. meldeten mir die Bauern in Schönhausen, es seien Deputierte + aus dem dreiviertel Meilen entfernten Tangermünde angekommen, mit + der Aufforderung, wie in der genannten Stadt geschehen war, auf + dem Turme die schwarzrotgoldene Fahne aufzuziehen, und mit der + Drohung, im Weigerungsfalle mit Verstärkung wiederzukommen. Ich + fragte die Bauern, ob sie sich wehren wollten; sie antworteten + mit einem einstimmigen und lebhaften ›Ja‹, und ich empfahl + ihnen, die Städter aus dem Dorfe zu treiben, was unter eifriger + Beteiligung der Weiber besorgt wurde. Ich ließ dann eine in der + Kirche vorhandene weiße Fahne mit schwarzem Kreuz, in Form des + eisernen, auf dem Turm aufziehen und ermittelte, was an Gewehren + und Schießbedarf im Dorfe vorhanden war, wobei etwa fünfzig + bäuerliche Jagdgewehre zum Vorschein kamen. Ich selbst besaß mit + Einrechnung der altertümlichen einige zwanzig und ließ Pulver durch + Boten von Jerichow nach Rathenow holen. Dann fuhr ich mit meiner + Frau auf umliegende Dörfer und fand die Bauern eifrig bereit, dem + Könige nach Berlin zu Hilfe zu ziehen, besonders begeistert einen + alten Deichschulzen Krause in Neuermark, der in meines Vaters + Regiment ›Karabiniers‹ Wachtmeister gewesen war. Nur mein nächster + Nachbar sympathisierte mit der Berliner Bewegung, warf mir vor, + eine Brandfackel in das Land zu schleudern, und erklärte, wenn die + Bauern sich wirklich zum Abmarsch anschicken sollten, so werde er + auftreten und abwiegeln. Ich erwiderte: ›Sie kennen mich als einen + ruhigen Mann, aber wenn Sie das tun, so schieße ich Sie nieder.‹ + — ›Das werden Sie nicht‹, meinte er. — ›Ich gebe mein Ehrenwort + darauf,‹ versetzte ich, ›und Sie wissen, daß ich das halte, also + lassen Sie das.‹« + + +Der Berliner Schwindel + + Als die groteske Heldenschar, die Bismarck vereinigt hatte und die + unter seiner Leitung eifrig auf den Sandbergen übte, der Meinung + war, genügend kriegstüchtig ausgebildet zu sein, trat eines schönen + Tages der Ackerbürger Schilling gelegentlich einer Pause aus der + Front, und vor dem Kommandanten salutierend, redete er diesen wie + folgt an: »Herr Deichhauptmann (von Bismarck), nun führen Sie + uns man druf, wir wollen mal ein Ende machen mit dem Berliner + Schwindel!« + + +Die Nelke + + Ein gewisser zorniger Humor verließ Bismarck nicht. Dafür spricht + eine Anekdote von seiner Fahrt nach Potsdam, wohin er eilte, + entschlossen, sich vor der Brust seines Königs niedermetzeln zu + lassen. Er fuhr in einem Coupé zweiter Klasse, in dem sich auch + ein Handlungsreisender, ein frecher und lästiger Mensch, befand, + der fortwährend räsonierte und auf die Regierung und alles + mögliche schimpfte. Als sie angekommen und ausgestiegen waren, + behielt Bismarck den Sohn Merkurs im Auge und trat diesem auf dem + Perron mit vernichtenden Blicken unerwartet nahe, so daß derselbe + erschrocken zurückwich, doch Bismarck folgte ihm mit unheimlichem + Blick, und der geängstigte Kommis fand sich im Zurücktreten + plötzlich mit dem Rücken an einer Wand, seinen Verfolger mit + entsetzten Blicken anstarrend. »Wie heißen Sie?« wetterte Bismarck + ihn an. »Nelke heiße ich.« »Nehmen Sie sich in acht, Sie Nelke Sie! + oder ich werde Sie pflücken, daß es nur so knacken soll.« Sprach’s + und wendete dem Gestraften verächtlich den Rücken. + +Es war Bismarck nicht beschieden, sich für den König zu opfern. +Vergebens bemühte er sich auch, dem König und seinen nächsten +Verwandten etwas von dem Mute zu übertragen, der ihn selbst entflammte. +Er fand keine Stätte für seine Wirksamkeit, keine Neigung zu +energischem Verhalten. Und so kehrte er resultatlos nach seinem Gute +zurück, sein preußisches Herz von Zorn und Empörung erfüllt, aber doch +nicht an der Zukunft verzweifelnd. Der Schmerz, der ihn erschütterte, +brach aus, als er am 2. April im Landtag das Wort ergriff, um mit +wenigen Freunden gegen die Adresse zu stimmen, in der die Abgeordneten +dem König den Dank des Landes für die Märzerrungenschaften aussprechen +wollten. Er konnte seine Erklärung nicht zu Ende bringen; ein +Weinkrampf überfiel ihn und zwang ihn, von der Tribüne herabzusteigen. +Bei dem Satze: »Wenn es wirklich gelingt, auf diesem neuen Weg +ein einiges deutsches Vaterland, einen glücklichen oder auch nur +gesetzmäßigen Zustand zu erlangen, dann wird der Augenblick gekommen +sein, wo ich dem Urheber der neuen Ordnung meinen Dank aussprechen +kann; jetzt aber ist es mir nicht möglich«, brach ihm die Stimme. Die +Adresse wurde fast einstimmig angenommen. Und die Vorgänge verwundeten +das Gefühl des jungen Politikers so stark, daß er sich weder in +den verfassunggebenden preußischen Landtag noch in das Frankfurter +Parlament wählen ließ. Denn er erwartete weder hier noch dort die +Lösung der großen Fragen, die in der Tat erst durch ihn ihre Antwort +finden sollten. Seine politische Tätigkeit beschränkte sich in der +nächsten Zeit auf eine Reihe von Versammlungen und Zeitungsartikeln, +in denen er im monarchischen Sinn Einfluß zu gewinnen suchte. Aber +auch am Königshofe trug sein entschlossenes Auftreten seine Früchte. +Er wurde wiederholt nach Sanssouci berufen, und er durfte als einer +der ersten den aus England heimkehrenden Prinzen von Preußen auf der +Wildparkstation bei Potsdam begrüßen. Und schon jetzt wird er der +Ratgeber der Mächtigen, holt ihn der König herbei, ihn um seine Meinung +zu fragen. Daß er aber kein Schmeichler war, sondern auch dem König +offen und ehrlich seine Meinung sagte, auch wenn sie wenig erfreulich +klang, das bezeugt sein Bericht von einer Audienz im Juni. + + +Er sagt dem König die Wahrheit + + »Nach der Tafel führte mich der König auf die Terrasse und fragte + freundlich: ›Wie geht es bei Ihnen?‹ In der Gereiztheit, die + ich seit den Märztagen in mir trug, antwortete ich: ›Schlecht.‹ + Darauf der König: ›Ich denke, die Stimmung ist gut bei Ihnen.‹ + Darauf ich, unter dem Eindrucke von Anordnungen, deren Inhalt mir + nicht erinnerlich ist: ›Die Stimmung war sehr gut, aber seit die + Revolution uns von den königlichen Behörden unter königlichem + Stempel eingeimpft worden, ist sie schlecht geworden. Das Vertrauen + zu dem Beistande des Königs fehlt.‹ In dem Augenblicke trat die + Königin hinter einem Gebüsche hervor und sagte: ›Wie können Sie so + zu dem Könige sprechen?‹ — ›Laß mich nur, Elise,‹ versetzte der + König, ›ich werde schon mit ihm fertig werden‹; und dann zu mir + gewandt: ›Was werfen Sie mir denn eigentlich vor?‹ — ›Die Räumung + Berlins.‹ — ›Die habe ich nicht gewollt‹, erwiderte der König. Und + die Königin, die noch in Gehörweite geblieben war, setzte hinzu: + ›Daran ist der König ganz unschuldig; er hatte seit drei Tagen + nicht geschlafen.‹ — ›Ein König muß schlafen können‹, versetzte + ich. Unbeirrt durch diese schroffe Äußerung sagte der König: ›Man + ist immer klüger, wenn man von dem Rathause kommt, was wäre denn + damit gewonnen, daß ich zugäbe, ›wie ein Esel‹ gehandelt zu haben? + Vorwürfe sind nicht das Mittel, einen umgestürzten Thron wieder + aufzurichten, dazu bedarf ich des Beistandes und tätiger Hingebung, + nicht der Kritik.‹ Die Güte, mit der er dies und Ähnliches + sagte, überwältigte mich. Ich war gekommen in der Stimmung eines + Frondeurs, dem es ganz recht sein würde, ungnädig weggeschickt zu + werden, und ging vollständig entwaffnet und gewonnen.« + +Auf Bismarcks Rat ist dann der tüchtige Graf Brandenburg an die +Spitze der Regierung berufen worden; seinem Einfluß war auch wohl in +erster Linie der Entschluß des Königs zu verdanken, die Truppen unter +Wrangel in Berlin einrücken zu lassen und so der Revolution ein wenig +rühmliches Ende zu bereiten. Von der Stimmung Bismarcks aber in jener +Zeit zeugt ein Wort, das er damals zu seinem späteren Gegner Beust +gesprochen hat und das dieser uns in seinen Erinnerungen bewahrte: + + +Ich muß ihn vernichten + + »Es war meine erste Begegnung mit Fürst Bismarck. Ich war + befreundet mit dem späteren Gesandten in Dresden, Herrn von + Savigny, dessen Wohnung sich dicht neben dem von mir bewohnten Haus + in der Wilhelmstraße befand. Eines Morgens, als ich ihn besuchte, + empfing er mich mit den Worten: ›Ich habe einen Besuch im Hause, + Herrn von Bismarck, von dessen Auftreten auf dem Vereinigten + Landtage Sie gehört haben müssen.‹ Gleich darauf trat Herr von + Bismarck ein, im Schlafrock, mit der langen Pfeife. Das Gespräch + wandte sich sofort der eben eingegangenen Nachricht von der + Erschießung Robert Blums zu, wobei ich die Ansicht äußerte, es sei + dies vom österreichischen Standpunkt ein politischer Fehler. Als + ich diese Äußerung tat, fiel Bismarck sofort mit den Worten ein: + ›Ganz falsch, wenn ich einen Feind in der Gewalt habe, muß ich + ihn vernichten.‹ Dieses Ausspruchs habe ich mich mehr als einmal + erinnert.« + +So trat Bismarck ein Jahr später, als der Antrag auch in Amnestierung +der Rebellen im Landtag eingebracht war, durchaus folgerichtig gegen +diesen Antrag auf, der ihm ein erneutes Zeichen der Schwächlichkeit +schien. »Die weinerliche Sentimentalität des Jahrhunderts,« so rief +er aus, »die in jedem fanatischen Rebellen, in jedem gedungenen +Barrikadenkämpfer einen Märtyrer findet, werde mehr Blutvergießen +herbeiführen, als eine starre und entschlossene Gerechtigkeit.« +Charakteristisch für die Anschauungen, die der junge Abgeordnete in +jenen Tagen hegte, sind einige Anekdoten, die Temme und von Unruh in +ihren Erinnerungen erzählen: + + +Gehängt wird er doch + + Die Mitglieder der verschiedenen »Abteilungen« des Landtags + wurden durch das Los bestimmt und saßen nicht nach den Parteien + geschieden beieinander, da dort keine politischen Fragen, sondern + rein geschäftliche des Hauses erledigt wurden. In eine dieser + Sitzungen kam der kleine demokratische Abgeordnete d’Ester, der + sich durch Bismarcks Ausfall gegen die »Tyrannenblut«-Sänger + besonders getroffen fühlen mochte, »biergefrühstückt« an und + wandte sich an den Abgeordneten für Westhavelland mit den Worten: + »Herr von Bismarck, Sie sind gegen uns unter allen Leuten Ihrer + Partei immer artig und höflich gewesen. Wir wollen Ihnen darum ein + Kartell vorschlagen: wenn wir die Oberhand behalten, so schonen + wir Sie, ist’s umgekehrt, so tun Sie das mit uns.« Bismarck aber + lehnte freundlich ab, indem er bemerkte: »Wenn Ihre Partei siegt, + d’Esterchen, so ist es nicht mehr der Mühe wert, zu leben; kriegen + wir dagegen die Oberhand, so wird gehenkt, aber Höflichkeit bis + zur letzten Galgensprosse.« In der Erinnerung an diesen Vorfall + sagte von Unruh zu Bismarck: »Nun, wissen Sie was, wenn Ihre Partei + siegt, so nehmen Sie mich in Schutz, und kommt meine Partei oben, + so werde ich Ihnen denselben Dienst leisten. Schlagen Sie ein.« + »Sehr gern«, erwiderte Bismarck, dessen Achtung für Herrn von Unruh + bedeutend höher stand als für Herrn d’Ester, obwohl er auch den + Sieg der Partei Unruh nicht fürchtete. Acht Jahre später sah sich + Unruh veranlaßt, Bismarck an diese scherzhafte Abrede zu erinnern + und seine Vermittlung in Anspruch zu nehmen, und Bismarck hielt + Wort. + +An den Verhandlungen der Idealisten in der Paulskirche hat Bismarck, +wie gesagt, nicht teilgenommen. Er taugte nicht in die Mitte dieser +schwärmerischen, in ihren Hoffnungen zerfließenden Versammlung. Aber +er hat dennoch Stellung genommen zu dem vornehmsten Thema, das dort +beraten wurde, zur deutschen Verfassungsfrage. Und auch hier mußte ihn +die Logik der inneren Entwicklung in die Reihe der Gegner treiben. + +[Illustration: ~Der neue Peter von Amiens und die Kreuzfahrer~ + +Das Bild, das eine der ersten Karikaturen auf Bismarck bildet, zeigt +ihn als Nebenfigur in der Gruppe der Kreuzzeitungspartei, deren +Mittelpunkt die Herren von Gerlach und Stahl bilden, während im +Hintergrunde Wagener und Gödsche als Don Quichotte und Sancho Pansa +figurieren. Auf der rechten Seite Stahls schreitet der Abgeordnete +von Bismarck, dessen Panzer die Form eines Krebses hat, in der Linken +seinen Stammbaum, in der Rechten eine Geißel tragend. Die Verse, die +unterschrieben sind, lauten: »Es hält Sankt Stahl des Esels Zaum, Sankt +Gerlach führt die Truppen, zur Seite steht Herr Bismarck treu, der +Erzschelm in Panzer und Schuppen. Und die sich als Landsknechte mit +ihren Mähren quetschen, das ist Herr Wagener-Don Quichotte mit Sancho +Pansa-Gödschen.« (»Kladderadatsch«, 4. Nov. 1849)] + +So geschah es, daß ihm auf jene Rede, in der er das Recht des +Preußentums mit heißer Leidenschaft vertrat, in der er das wundervolle +Bekenntnis ablegte: »Preußen sind wir und Preußen wollen wir bleiben, +und ich hoffe zu Gott, daß wir auch noch lange Preußen bleiben +werden, wenn dieses Stück Papier vergessen sein wird, wie ein dürres +Herbstblatt,« ein Führer der Liberalen, Herr von Beckerath, zurufen +konnte: »Wo viel Licht ist, da muß auch viel Schatten sein; das große +deutsche Vaterhaus muß auch ~einen verlorenen Sohn~ haben.« + +Bismarck ist auch Mitglied des Parlaments zu Erfurt gewesen, in das +er als das zweitjüngste Mitglied einzog; hier sollte das »Statut« +zwischen Preußen, Hannover und Sachsen beraten werden. Herr von +Bismarck ist hier Schriftführer geworden. Aus späten Zeiten erzählte +August Reichensperger von dieser Tätigkeit des märkischen Junkers einen +niedlichen Scherz. + + +Der Schreiber des jüdischen Gelehrten + + Als der eben zum Präsidenten des Erfurter Volkshauses gewählte + Simson die Liste der unter den Fraktionen vereinbarten Sekretäre + verlas und »Herr von Bismarck« zuletzt verlesen ward, stand + Bismarck am Fuße der Tribüne neben mir und richtete an mich die + Worte: »Mein seliger Vater würde sich dreimal im Grabe herumdrehen, + wenn er hörte, daß ich Schreiber eines jüdischen Gelehrten geworden + sei.« Der Fürst bemerkte lachend, dessen entsinne er sich nicht + mehr, worauf ich sagte: »Diesen jüdischen Gelehrten haben Sie nun + zum Präsidenten des Reichsgerichts gemacht.« Darauf erwiderte er, + mit einer Handbewegung auf seine Person: »Ja, was nicht alles aus + einem werden kann.« + +Noch etwas boshafter stellte sich Herr von Bismarck einem der anderen +Würdenträger der Versammlung, Herrn von Gagern, gegenüber. Er selbst +erzählte einmal, wie Herr von Manteuffel eine Verständigung zwischen +den Konservativen und Gagerns Freunden, den sogenannten Gothaern, +suchte: + + +Die Phrasengießkanne + + »Er nahm mich und Herrn von Gagern dazu, und so wurden wir eines + Tages zu einem =souper à trois= bei ihm eingeladen. Zuerst wurde + wenig oder gar nichts von Politik gesprochen. Dann aber ergriff + Manteuffel einen Vorwand, uns allein zu lassen. Als er hinaus + war, sprach ich sogleich von Politik und setzte Gagern meinen + Standpunkt auseinander, und zwar in ganz nüchterner, sachlicher + Weise. Da hätten Sie aber Freund Gagern hören sollen. Er machte ein + Jupitergesicht, hob die Augenbrauen, sträubte die Haare, rollte mit + den Augen, und schlug sie gen Himmel, daß es ordentlich knackte, + dann sprach er zu mir mit seinen großen Phrasen, wie wenn ich eine + Volksversammlung wäre. Natürlich half ihm das bei mir nichts. + Ich erwiderte kühl, und wir blieben auseinander wie bisher. Als + Manteuffel dann wieder hereingekommen war und der Jupiter sich + entfernt hatte, fragte mich jener: ›Nun, was haben Sie zustande + gebracht miteinander?‹ ›Ach,‹ sagte ich, ›nichts ist zustande + gekommen. Das ist ja ein ganz dummer Kerl. Hält mich für eine + Volksversammlung — die reine Phrasengießkanne! Mit dem ist nicht zu + reden.‹« + +[Illustration: ~Bismarck als Städtezerstörer~ + +Er hatte eine Rede im Landtag mit den Worten geschlossen: »Wenn der +Herr Abgeordnete (Harkort) die Äußerung wiederholt hat, daß die +Regierung dem Volke mißtraue, so kann ich ihm sagen, daß auch ich +allerdings der Bevölkerung der großen Städte mißtraue, solange sie sich +von ehrgeizigen und lügenhaften Demagogen leiten läßt, daß ich aber +dort das wahre preußische Volk nicht finde. Letzteres wird vielmehr, +wenn die großen Städte sich wieder einmal erheben sollten, sie zum +Gehorsam zu bringen suchen, und sollte es sie vom Erdboden vertilgen.« +(»Kladderadatsch«, 28. März 1852)] + +Auch ein heftiges Renkontre mit seinem Präsidenten hatte hier Bismarck: + + +Der renitente Schriftführer + + Auf der Journalistentribüne des Erfurter Volkshauses saßen u. a. + zwei Journalisten, deren österreich-feindliche Berichte Bismarcks + besonderes Mißfallen erregt hatten. Der eine dieser Herren war + der Braunschweiger Ludwig v. Rochau, der begeisterte nationale + Kämpfer und spätere Historiker, der wegen seiner Beteiligung + an den burschenschaftlichen »Umtrieben« und namentlich an dem + Frankfurter Attentat zu zwanzigjähriger Zuchthausstrafe verurteilt, + aber nach Paris entflohen und erst im Jahre 1848 nach Deutschland + zurückgekehrt war, wo er bis 1851 für Zeitungen schrieb. Er war + damals in Erfurt ein ebenso untadeliger deutscher Patriot wie + später, da er als Historiker und Abgeordneter des norddeutschen + Reichstags für Bismarcks Politik in trefflichen Schriften und Reden + eintrat. Der Name des anderen Urhebers von Bismarcks Mißvergnügen + ist von keiner Bedeutung. An diese beiden Herren richtete nun + Bismarck ein amtliches Schreiben, welches unterzeichnet war: »Das + Schriftführeramt des Volkshauses zu Erfurt, von Bismarck.« In + diesem Schreiben zeigte er den Herren an, daß ihnen die Plätze auf + der Journalistentribüne entzogen würden, wenn sie fortführen, ihre + Berichte in einem Österreich feindlichen Sinne zu schreiben. Der + eine Betroffene mit dem minder bekannten Namen wandte sich einfach + an =Dr.= Simson mit der Anfrage, ob denn dieser erstaunliche Erlaß + mit Wissen des Präsidenten des Volkshauses ergangen sei. Rochau + dagegen hielt diese Frage für überflüssig, da er in dem Ukas + des »Schriftführeramtes« nur eine unzweifelhaft ganz ungehörige + Eigenmächtigkeit des ihm damals wenig sympathischen Abgeordneten + von Bismarck-Schönhausen erblickte. Er schrieb daher dem Herrn + von Bismarck einen recht scharfen und beleidigenden Brief. Fast + zu gleicher Zeit empfing Präsident Simson die Nachricht von dem + ungewöhnlichen Vorfall, nämlich durch das Schreiben des minder + Berühmten und durch das persönliche Verlangen Bismarcks, ihm selbst + volle Genugtuung gegen den frechen Rochau zu verschaffen. Simson + richtete darauf an Bismarck vorläufig nur die Frage, ob dieser im + Namen des »Schriftführeramtes des Volkshauses zu Erfurt« die beiden + Schreiben an die beiden Gentlemen gerichtet habe, was Bismarck + mit der Zuversicht einer guten und gerechten Tat bejahte. Darauf + wurde der »Schriftführer des Volkshauses«, der zugleich anklagte + und verklagt war, vom Präsidenten auf eine frühe Abendstunde zu + einer Unterredung unter vier Augen eingeladen. Von dem, was dann + hier weiter vorgegangen ist, war Präsident Simson noch nach fast + zwanzig Jahren, da er dem Verfasser dieses Ereignis erzählte, + einigermaßen erregt: »Bis nach Mitternacht rangen wir förmlich + gegeneinander in Worten, so daß die Wände erdröhnten«, berichtete + er etwa von dieser Szene. »Sie müssen sich eben diesen gewaltigen + Mann um fast zwanzig Jahre jünger denken.« Schließlich fügte sich + aber Bismarck doch den Vorstellungen Simsons, indem er seinen Ukas + zurücknahm. Simson dagegen entzog Herrn v. Rochau den Sitz auf der + Berichterstattertribüne, da er sich zu einem Widerruf der an Herrn + von Bismarck-Schönhausen gerichteten Beleidigungen nicht verstehen + wollte. + +[Illustration: ~Die Kaiserdeputation.~ Karikatur aus der +Revolutionszeit] + +Noch ein anderer Scherz aus jener Zeit ist für Bismarck bezeichnend: + + +Ein Brausekopf + + Die Plätze in der Versammlung waren mit schwarzrotgoldenen + Bändchen geschmückt, die Herr von Hagen besorgt hatte, um auf + den großdeutschen Gedanken anzuspielen. Bismarck kam in den Saal + und ersetzte sofort diese Schleifen durch schwarzweiße Bänder. + Herr von Hagen selbst war Zeuge der Bismarckschen Tätigkeit. Am + anderen Tage schilderte er Herrn von Radowitz den Vorgang mit + der Bemerkung, daß er den betreffenden Herrn, der seine Idee so + nachdrücklich perhorresziert hatte, nicht kenne. Radowitz ließ + sich den Betreffenden schildern und meinte dann: »Ach, das war + der Bismarck, der Brausekopf! Na, er wird die Welt auch nicht + umreißen!« Herr von Radowitz hat sich, wie die Zukunft bewies, + recht stark geirrt. + +Am Schlusse des Erfurter Tages schrieb Bismarck in Stahls Stammbuch +die Worte ein, die dieser selbst in einer Rede gebraucht hatte: +»Darum ist unsere Losung nicht: Bundesstaat um jeden Preis, sondern: +Unversehrtheit der preußischen Krone um jeden Preis.« Aber auch Erfurt +brachte dem jungen preußischen Heißsporn kein Genüge. Er sieht keine +Wirkung auf die Zukunft voraus, und er hat auch keine Freude mehr an +diesem Staate selbst, der den Gang nach Olmütz antreten mußte. Und es +sollte bald die Zeit kommen, wo sich auch manches in seinen innersten +Überzeugungen wandeln sollte. Denn als er in die praktischen Geschäfte +eintrat, da erkannte er, daß aus dem Zuschauerraum die politische Welt +doch anders aussieht, als wenn man hinter die Kulissen tritt, daß +man sie anders beurteilt, solange man als Dilettant, ohne das Gefühl +schwerer persönlicher Verantwortung, an ihr mitwirkt, als wenn man in +jeder Stunde sich der Folgen jedes einzelnen Schrittes bewußt ist. +Er hat, wie er selbst es ausspricht, in Frankfurt im Amte erkannt, +daß viele der Größen, mit denen er einst gerechnet hatte, nicht +existierten, und er hat vor allem die warme Zuneigung für Österreich, +die ihn vorher beseelte, verloren, weil eben das Österreich, an das er +geglaubt hatte, überhaupt nicht existierte. + +Bismarck ging nach Frankfurt; als Mann von sechsunddreißig Jahren hatte +er endlich den Weg gefunden, auf dem sein Genius sich entfalten konnte. + +[Illustration: ~Bei der drohenden Nähe eines Bundes-Preßgesetzes +erlaubt sich Kladderadatsch, seine gehorsamste Vorstellung bei Herrn +von Bismarck-Schönhausen zu machen~ + +»Ein Federzug von dieser Hand, und neu erschaffen wird die Erde. — +Geben Sie Gedankenfreiheit! — !!! —«] + +[Illustration: ~Der Kaisertraum~ + +Karikatur aus der Revolutionszeit] + + + + +Frankfurt + + +Es ist psychologisch merkwürdig, daß gerade der unentschlossenste aller +preußischen Könige es war, der den entschlossensten Charakter seiner +Zeit entdeckte und zu sich heranzog. Schon bei der ersten Begegnung +hat Friedrich Wilhelm =IV.= den tapferen Junker aus der Altmark +ausgezeichnet; das treue und mannhafte Verhalten während der schweren +Tage der Revolution ließ in ihm die beste Stütze der staatlichen +Grundlagen ahnen. Und schon damals hatte man ihm geraten, den jungen +Deichhauptmann zum Minister zu machen. Aber der König mochte fürchten, +durch die Berufung eines solchen Mannes die herrschende Erregung noch +zu schüren. »Roter Reaktionär! Riecht nach Blut! Vielleicht später zu +gebrauchen« oder, wie Bismarck versichert: »Nur zu gebrauchen, wenn das +Bajonett schadenlos waltet«, so lautete das Urteil des Königs. Bismarck +stand damals, so schreibt Sybel, in der vollen Blüte des kräftigsten +Mannesalters. Eine hohe Gestalt, welche die Mehrzahl der Menschenkinder +um eine Kopfeslänge überragte, ein gesundheitsstrahlendes Antlitz, +ein von Intelligenz belebter Blick, in Mund und Kinn der Ausdruck +unbeugsamen Willens, in jedem Gespräch erfüllt von originellen +Gedanken, farbigen Bildern, frappanten Wendungen, von gewinnender +Liebenswürdigkeit im geselligen, von schneidender Überlegenheit im +geschäftlichen Verkehr. Sein Bildungsgang war großenteils der eines +Autodidakten; die frische Ursprünglichkeit hatte er weder durch +mechanische Schulung noch durch äußerlichen Dienstzwang einschnüren +oder umschleifen lassen. Eine freigebige Natur hatte ihn mit allen +Erfordernissen des Herrscherberufes ausgestattet, mit rascher und +durchdringender Auffassung aller Verhältnisse, mit scharfer Erkenntnis +der Stärken und Schwächen jeder Position, mit sicherem Blick für die +Brauchbarkeit der verschiedensten Menschen zur Förderung seiner Zwecke. +Mit einer unerschütterlichen Willenskraft in der Verfolgung seiner +Absichten verband er eine niemals versagende Elastizität des Geistes in +der wechselnden Anwendung des jedesmal zweckmäßigen Verfahrens; ohne +jemals einen systematischen Unterricht durchgemacht zu haben, besaß er +die Fähigkeit, die Thucydides von Themistokles rühmt, durch die Macht +seiner Natur in kurzem Nachdenken das Erforderliche sofort zu treffen. +In der Tat erinnerte Bismarck durch die Frühreife des Talentes und +die Beherrschung der Vorgesetzten lebhaft auch an das Auftreten des +Generals Bonaparte im Jahre 1796. Aber statt der kolossalen, jedes +andere Gefühl erdrückenden Selbstsucht des korsischen Imperators +zeigt sich bei Bismarck die patriotische Hingabe an den Staat, die +unbedingte Pflichttreue gegen König und Vaterland. Aus dem Bedürfnis +heraus, Preußen zu Macht und Blüte zu erheben, wird er, der bisher +nur Parteimann war, im prägnantesten Sinne des Wortes der Diener des +Staates. + +Über die entscheidende Unterredung mit dem König berichtet Bismarck: + + +Wir wollen es versuchen + + »Nachdem ich auf die plötzliche Frage des Ministers Manteuffel, + ob ich die Stelle eines Bundesgesandten annehmen wolle, einfach + mit ja geantwortet hatte, ließ der König mich zu sich bescheiden + und sagte: ›Sie haben viel Mut, daß Sie so ohne weiteres ein + Ihnen fremdes Amt übernehmen.‹ Ich erwiderte: ›Der Mut ist ganz + auf seiten Eurer Majestät, wenn Sie mir eine solche Stellung + anvertrauen, indessen sind Eure Majestät ja nicht gebunden, die + Ernennung aufrechtzuerhalten, sobald sie sich nicht bewährt. Ich + selbst kann keine Gewißheit darüber haben, ob die Aufgabe meine + Fähigkeit übersteigt, ehe ich ihr nähergetreten bin. Wenn ich mich + derselben nicht gewachsen finde, so werde ich der erste sein, meine + Abberufung zu erbitten. Ich habe den Mut zu gehorchen, wenn Eure + Majestät den haben zu befehlen.‹ Worauf der König: ›Dann wollen wir + die Sache versuchen.‹« + + +»Er wird schön hausen« + + Der »Kladderadatsch« begrüßte Herrn von Bismarcks Ernennung mit + den Worten Zwickauers: Also Hörr von Büsmarck würd ßum Bundestag + nach Frankfurt am Mäun geschückt. Ich glaube, sogleuch er würklich + geschückt ist, würd dort Herr von Bismarck schön hausen. + +Bismarcks letzte Erkenntnis aus den Frankfurter Jahren lag in dem +Satze: »Ich sehe in unserem Bundesverhältnis ein Gebrechen Preußens, +welches wir früher oder später =ferro et igni= heilen müssen.« Aber er +hat schon früh die Erkenntnis gewonnen, daß die Trennung von Österreich +die letzte Lösung des Rätsels sei. Und noch früher gewann er die +Überzeugung von der ganzen öden Nichtigkeit und Wichtigtuerei dieser +Zopfdiplomaten, die in Frankfurt wie einst auf dem seligen Regensburger +Reichstag sich über Quisquilien stritten. Schon acht Tage nach seinem +Eintreffen in Frankfurt schrieb er an seine Frau die berühmten Worte: + + +Sie kochen alles mit Wasser + + »Der hiesige Verkehr ist im Grunde nichts als ein gegenseitiges + mißtrauisches Ausspionieren, und wenn man noch etwas + auszuspionieren und zu verbergen hätte! Es sind lauter Lappalien, + mit denen sich die Leute quälen, und diese Diplomaten sind mir + schon jetzt mit ihrer wichtigtuenden Kleinigkeitskrämerei viel + lächerlicher als der Abgeordnete der Zweiten Kammer im Gefühl + seiner Würde. Wenn nicht äußere Ereignisse zutreten, und die + können wir superklugen Bundestagsmenschen weder leiten noch + vorherbestimmen, so weiß ich jetzt ganz genau, was wir in ein, zwei + oder fünf Jahren zustande gebracht haben werden, und will es in + vierundzwanzig Stunden zustande bringen, wenn die anderen nur einen + Tag lang wahrheitsliebend und vernünftig sein wollen. Ich habe nie + daran gezweifelt, daß sie alle mit Wasser kochen; aber eine solche + nüchterne, einfältige Wassersuppe, in der auch nicht ein einziges + Fettauge zu spüren ist, überrascht mich. Schickt den Schulzen X + oder Herrn von ?arsky aus dem Chausseehause her, wenn sie gewaschen + und gekämmt sind, so will ich in der Diplomatie Staat mit ihnen + machen. In der Kunst, mit vielen Worten gar nichts zu sagen, mache + ich reißende Fortschritte, schreibe Berichte von vielen Bogen, die + sich nett und rund wie Leitartikel lesen, und wenn Manteuffel, + nachdem er sie gelesen hat, sagen kann, was drin steht, so kann + er mehr wie ich. Jeder von uns stellt sich, als glaube er vom + anderen, daß er voller Gedanken und Entwürfe stecke, wenn er’s nur + aussprechen wollte, und dabei wissen wir alle zusammen nicht um ein + Haar besser, was aus Deutschland werden wird, als Dutken Sommer. + Kein Mensch, selbst der böswilligste Zweifler von Demokrat, glaubt, + was für Charlatanerie und Wichtigtuerei in dieser Diplomatie hier + steckt.« + + An Hermann Wagner schreibt Bismarck schon wenige Tage später: + »Die Österreicher (am Bundestage) sind intrigant unter der Maske + burschikoser Bonhomie ... und suchen uns bei kleineren Formalien zu + übertölpeln, worin bis jetzt unsere einzige Beschäftigung besteht. + Die von den kleinen Staaten sind meist karikierte Zopfdiplomaten, + die sofort die Berichtphysiognomie aufstecken, wenn ich sie nur + um Feuer zur Zigarre bitte, und Blick und Wort mit Regensburger + Sorgfalt wählen, wenn sie den Schlüssel zum A.... fordern.« + +[Illustration: ~Auftreten im Bundestagstheater zu Frankfurt am Main~ +1851 ~als Mephistopheles in der Hexenküche~: + +»Erkennst du deinen Herrn und Meister?« (»Kladderadatsch«, 1895)] + +Was Bismarck in Frankfurt geleistet hat, das liegt in einer unendlichen +Fülle von Dokumenten vor unseren Augen. Und auch sein inneres Leben +findet durch die köstlichen Briefe an seine Gattin, seine politische +Entwicklung durch seine Briefe an die Brüder von Gerlach und an Herrn +von Manteuffel reiche Beleuchtung. Immer wieder aber begegnen wir den +schärfsten Sarkasmen über die superklugen Bundestagsmenschen, unter +denen er sofort um Haupteslänge hervorragt. Mit Energie nahm er schon +zu Anfang die Aufgabe in die Hand, die untergeordnete Stellung, in die +Preußen nach Olmütz geraten war, und die in den Tagen seines Vorgängers +ihren Ausdruck auch in einer gewissen Gegnerschaft für die Unterordnung +des preußischen Vertreters unter den Grafen Thun, Österreichs +Gesandten, gefunden hatte, zur Gleichberechtigung zu erheben. Insofern +sind jene scheinbar so unbedeutenden Anekdoten, die seinen Eintritt +umschließen, doch von einer gewissen Bedeutung. So auch die kleine +Geschichte aus der Militärkommission: + + +Die Bundeszigarre + + »Bei diesen Sitzungen hatte,« so erzählte Bismarck in Versailles, + »als mein Vorgänger von Rochow Preußen vertrat, Österreich + allein geraucht. Rochow hätte es als leidenschaftlicher Raucher + gewiß auch gern getan, getraute sich’s aber nicht. Als ich nun + hinkam, gelüstete mich’s ebenfalls nach einer Zigarre, und da ich + nicht einsah, warum nicht, ließ ich mir von der Präsidialmacht + Feuer geben, was von ihr und den anderen Herren mit Erstaunen + und Mißvergnügen bemerkt zu werden schien. Es war offenbar für + sie ein Ereignis. Für diesmal rauchten nun bloß Österreich und + Preußen. Aber die anderen Herren hielten das augenscheinlich für + so wichtig, daß sie darüber nach Hause berichteten. Die Sache + erforderte reifliche Überlegung, und es dauerte wohl ein halbes + Jahr, daß nur die beiden Großmächte rauchten. Da begann auch + Schrenkh, der bayerische Gesandte, die Würde seiner Stellung durch + Rauchen zu wahren. Der Sachse Nostitz hatte gewiß auch große + Lust dazu, aber wohl keine Erlaubnis von seinem Minister. Als er + indes das nächstemal sah, daß der Hannoveraner Bothmer sich eine + genehmigte, muß er, der eifrig österreichisch war — er hatte dort + Söhne in der Armee — sich mit Rechberg verständigt haben; denn er + zog jetzt ebenfalls vom Leder und dampfte. Nun waren nur noch der + Württemberger und der Darmstädter übrig, und die rauchten überhaupt + nicht. Aber die Ehre und die Bedeutung ihrer Staaten erforderten + es gebieterisch, und so langte richtig das folgende Mal der + Württemberger eine Zigarre heraus — ich sehe sie noch, es war ein + langes, dünnes, hellgelbes Ding — und rauchte sie als Brandopfer + für das Vaterland wenigstens halb. Nur Hessen-Darmstadt entzieht + sich.« + +Schon diese unscheinbare Geschichte verlieh dem Namen Bismarck in +Preußen eine gewisse Volkstümlichkeit; sie hat später zu einer sehr +ernsten parlamentarischen Szene geführt. Noch eine andere Zigarre aber +spielte eine gewisse Rolle: Als Bismarck den österreichischen Kollegen +besuchte, empfing ihn der hochmütige Herr recht formlos, rauchte seine +Zigarre weiter und hielt es nicht für nötig, seinem Besucher einen +Stuhl anzubieten. Da zog Bismarck eine Zigarre aus der Tasche und +ersuchte den ungastlichen Herrn um Feuer. + +Überhaupt bietet gerade der Aufenthalt in Frankfurt ein besonders +reiches Material an anekdotischen Vorgängen. Sie mögen hier in bunter +Reihe folgen: + + +Beim alten Metternich + + Der greise Staatsmann residierte in jener Zeit auf dem + Johannisberg. Bismarck besuchte ihn dort und gewann ihn schnell. + Wie er aber die rasche Eroberung des alten argwöhnischen + Zuchtmeisters von Europa fertig brachte, das erzählte er später + dem Grafen Thun auf dessen erstaunte Frage: »Ich weiß nicht, was + haben Sie nur dem alten Fürsten angetan, der hat ja in Sie wie in + einen goldenen Kelch hineingesehen?« »Ja,« erwiderte Bismarck, »das + will ich Ihnen erklären; ich habe seine Geschichten ruhig angehört + und nur manchmal an die Glocke gestoßen, daß sie weiter klang. Das + gefällt solchen redseligen Leuten.« + + +Wie Bismarck eine Depesche absandte + + Der Vertreter Hannovers hatte die Besorgnis, daß seine + Briefschaften durch »Konnivenz der Post« zur Kenntnis des + Bundestagspräsidiums gelangten, und richtete an seinen preußischen + Kollegen die Frage, wie er es anfange, seine Depeschen ungeöffnet + passieren zu lassen. Bismarck forderte ihn auf, einen Spaziergang + mit ihm zu machen, und führte ihn in eine entlegene Gasse, + wo nur kleine Leute und Gewerbetreibende der bescheidensten + Art ihre Wohnung hatten. Dort angelangt, zog er zum Erstaunen + seines Begleiters Handschuhe an und trat dann mit ihm in einen + Krämerladen. Hier fragte er den Heringsbändiger: »Habt Ihr hier + auch Seife?« — »Jawohl.« — »Welche Sorten?« — Der Kommis nannte + verschiedene und legte Bismarck einige Stücke vor, von denen dieser + ein besonders stark riechendes wählte und in seine Tasche gleiten + ließ. Dann fragte er nach Briefkuverten, und der Verkäufer legte + ihm einige solche der ordinärsten Art vor. Darauf zog Bismarck + eine Depesche aus der Brusttasche seines Rockes, steckte sie in + das Kuvert, forderte Tinte und Feder und fing an, die Adresse + zu schreiben. Aber mit den Handschuhen ging das nicht, er bat + daher den Krämerkommis, diese Arbeit für ihn zu besorgen, und + der junge Mann tat dies willig genug. Nun steckte Bismarck die + Depesche in die Tasche zu der Seife und sagte auf der Straße zu + dem Hannoveraner: »So, unter dieser Aufschrift und diesem aus den + Düften von Seife, Heringen, Talg und Käse zusammengesetzten Parfüm + sollen sie nun einmal meine Depesche herausschnüffeln!« + + +Alle vorm Feinde erworben + + Bei einer Parade, zu der auch ein österreichischer General in + vollem Ordensschmuck erschienen war, war auch Bismarck anwesend + und hatte zu Ehren des Gastes seine preußische Landwehruniform + mit sämtlichen Orden angelegt, die ihm die Höflichkeit der + Bundesstaaten zugedacht hatte. Der General begrüßte auch Bismarck + und frug ihn, indem er auf dessen Orden zeigte, mit leiser Ironie + und feiner Anspielung auf die damals drohende Kriegsgefahr und die + passive Rolle, die Preußen während der Kriegsereignisse im letzten + Jahrzehnt gespielt hatte: »Schaun S’, Exzellenz! alle vorm Feinde + erworben?« »Jawohl,« entgegnete Bismarck gewandt, »alle vorm Feinde + in Frankfurt a. M. erworben!« + + +Der Streit mit Rechberg + + Mit dem Nachfolger des Grafen Thun, dem Grafen Rechberg, geriet + Herr von Bismarck wiederholt in Konflikte. Einmal in Rechbergs + Zimmer wurde der Streit so heftig, daß der Graf ausrief: »Ich + werde Ihnen meinen Sekundanten schicken.« »Wozu diese Umstände,« + erwiderte Bismarck, »Sie haben hier ja wohl Pistolen, dann machen + wir die Sache sogleich in Ihrem Garten ab. Während Sie das + Schießgerät zurechtmachen, schreibe ich einen Bericht über den + Handel, den ich eintretendenfalls nach Berlin zu schicken bitte.« + So geschah es. Als der Bericht geschrieben war, ersuchte Bismarck + den Grafen, die Richtigkeit zu prüfen. Rechberg las und sagte, + jetzt wieder kälteren Blutes, »es ist alles richtig — aber«, rief + er dann aus, »uns deshalb die Hälse zu brechen, wäre doch über die + Maßen töricht.« — »Ganz einverstanden«, schloß Bismarck. Etwas + später kam Rechberg zu Bismarck, um diesem in einer Wiener Depesche + den ihm erteilten Auftrag zu zeigen, in der nächsten Sitzung bei + einer wichtigen Frage ebenso wie Preußen zu stimmen. Bismarck + überflog das Schreiben und gab es mit den Worten zurück: hier ist + wohl ein Irrtum vorgefallen. Rechberg sah in das Blatt hinein, + erschrak, wurde blaß: es war ein vertraulicher Begleitbrief mit der + Weisung, zwar selbst für Preußen zu stimmen, aber alles zu tun, + um das gemeinsame Votum durch die übrigen Gesandten verwerfen zu + lassen. Er hatte die beiden Schreiben verwechselt. »Beruhigen Sie + sich,« sagte Bismarck, »Sie haben mir den Brief nicht geben wollen, + also haben Sie ihn mir nicht gegeben, also ist sein Inhalt mir + völlig unbekannt.« In der Tat hat er ihn nie nach Berlin berichtet, + um so mehr aber Rechbergs Vertrauen für alle Zeit gewonnen. + + +Bismarck als Hehler + + Herrn von Keudell erzählte Bismarck einmal, wie er einem + polizeilich verfolgten jungen Mann zur Flucht verhalf: »Ich + erhielt vor kurzem von Berlin den Auftrag, die hiesige Polizei + zu veranlassen, einen politisch kompromittierten Jüngling zu + verhaften. Nun ist es wirklich nicht wohlgetan, einen fähigen + jungen Menschen, der auf einen falschen Weg geraten ist, durch + Verfolgung und Bestrafung als Umstürzler abzustempeln. Es ist sehr + möglich, daß er von selbst zur Vernunft kommt, wie es manchen + Achtundvierzigern ergangen ist. Ich erstieg also frühmorgens die + drei Treppen zu der Wohnung des jungen Mannes und sagte ihm: + »Reisen Sie so schnell als möglich ins Ausland.« Er sah mich etwas + verwundert an. Ich sagte: »Sie scheinen mich nicht zu kennen; + vielleicht fehlt es Ihnen auch an Reisegeld? Nehmen Sie hier einige + Goldstücke und machen Sie, daß Sie schnell über die Grenze kommen, + damit man nicht sagt, daß die Polizei wirksamer operiert als die + Diplomatie. Am folgenden Tage hat die Polizei ihn natürlich nicht + mehr gefunden.« + + +Wie er seine Glocke bekam + + In seiner Mietwohnung vermißte Bismarck einen Glockenzug, durch den + es ihm möglich gewesen wäre, seinen Diener aus dem oberen Stockwerk + in das Arbeitszimmer herabzurufen. Er ließ den Hausherrn ersuchen, + eine solche Klingel beizustellen, allein der Patrizier, ohnehin dem + »Preußen« nicht sehr grün, gab zur Antwort, daß seine Mietparteien + in der Regel derartige besondere Wünsche auf eigene Kosten + befriedigen müßten, und er wüßte nicht, warum in diesem Falle eine + Ausnahme gemacht werden solle. Einige Tage später knallte ein + Pistolenschuß durch das Haus. Erschreckt durcheilte der Eigentümer + alle Räume und kam endlich in Bismarcks Arbeitszimmer, wo die noch + rauchende Pistole auf dem Tische lag, der ebenfalls rauchende + Bismarck aber ruhig hinter seinen Akten saß. »Um Himmels willen, + was ist geschehen?« rief der Hausherr. »Gar nichts,« versetzte + Bismarck, »seien Sie ganz unbesorgt. Ich habe nur meinem Diener + oben ein Zeichen geben wollen, daß er kommen soll. Es ist ein ganz + harmloses Signal, an das Sie sich hoffentlich gewöhnen werden.« Man + braucht wohl nicht erst hinzuzufügen, daß Bismarck in kürzester + Zeit seine Glocke bekam. + + +Amschel Rothschild + + Vom Ahnherrn der Rothschilds, dem alten Amschel, erzählte Bismarck + gern Anekdoten. Er wurde hierzu besonders vor Paris angeregt, wo + er im Hause eines Rothschild wohnte. So erzählte er: Rothschild + habe einmal in seiner Gegenwart mit einem Getreidehändler über + einen Weizenverkauf gesprochen. Dabei sagte der Händler zu ihm, + als reicher Mann habe er doch nicht nötig, den Preis des Weizens + so hoch zu stellen. — »Was, reicher Mann?« erwiderte der alte + Herr. »Ist mein Weizen darum weniger wert, weil ich ein reicher + Mann bin?« — Er gab übrigens Diners, die seinem Reichtum alle + Ehre machten. Ich erinnere mich: einmal war der jetzige König in + Frankfurt, und ich lud ihn zu Tische. Darauf hatte ihn Rothschild + auch einladen wollen. Der Prinz aber hatte ihm gesagt, das möchte + er mit mir ausmachen, er äße sonst ebenso gern bei ihm als bei + mir. Er kam nun und wollte, ich sollte ihm Seine Königliche + Hoheit abtreten, ich könnte ja bei ihm mitessen. Ich schlug’s + ihm ab. Da hatte er die Naivität, zu meinen, sein Diner könnte + ja zu mir ins Haus gebracht werden, er äße doch nicht mit — er + genoß nämlich nur Koscheres. Ich lehnte auch diesen Vorschlag zur + Güte ab — natürlich, obwohl sein Diner ohne Zweifel besser war + als das meinige. — Ferner habe ihm der alte Metternich — der mir + beiläufig sehr wohl wollte, schaltete er ein — mitgeteilt, als er + einst bei Rothschild gewohnt, habe ihm der bei der Abreise nach + dem Johannisberg ein Dejeuner mit auf den Weg gegeben, bei dem + sich auch sechs Flaschen Johannisberger Schloß befanden. Auf dem + Johannisberg wären sie ungeöffnet ausgepackt worden, und der Fürst + hätte seinen Weinverwalter kommen lassen und ihn gefragt, was + die Flasche bei ihm koste. — Zwölf Gulden, hätte er geantwortet. + — So, nun dann schicken Sie dem Baron Rothschild die sechs bei + der nächsten Bestellung wieder zu, berechnen Sie sie ihm aber zu + fünfzehn Gulden, weil sie dann älter geworden sind. + + +Wollen wir ein Geschäftchen machen? + + Als die Nachricht von der Abberufung des russischen Gesandten in + Paris eintraf, schrieb Bismarck an Gerlach am 3. Februar 1854: + »Gestern erhielt ich die telegraphische Nachricht, daß Kisseleff + Paris verlasse. Ich war gerade auf dem Klub und besann mich, wen + ich wohl am besten damit erschrecken könnte. Mein Auge fiel auf + Rothschild; er wurde kreidebleich, als ich es ihm zu lesen gab. + Sein erster Ausruf war: ›Hätte ich das heute früh gewußt‹, sein + zweiter: ›Wollen wir morgen ein Geschäftchen zusammen machen? + Exzellenz riskieren nichts dabei!‹ Ich lehnte es freundlich dankend + ab und überließ ihn seiner erregten Stimmung.« + + +Sie sind a scheener Mann + + In einem Briefe an seinen »Liebling« Johanna schildert Bismarck in + liebenswürdig drastischer Form den alten Amschel: »Er gefällt mir, + weil er eben ganz Schacherjude ist und nichts anderes vorstellen + will, dabei ein streng orthodoxer Jude, der bei seinen Diners + nichts anrührt und nur Gekauschertes ißt. ›Johann, nimm dir epps + Brot, vor die Rehcher‹, sagte er zu seinem Diener, als er ging, + mir seinen Garten zu zeigen, in dem zahmes Damwild ist. ›Herr + Beraun, die Pflanze koscht mich zweitausend Gülden, uff Ehre, + zweitausend baare Gülden, laß se Ihne vor tausend. Oder wolle Se + habe geschenkt, so soll er se Ihne bringe in Ihr Haus, waiß Kott, + ich schätze Se aufrichtig, Herr Beraun, Se sind a scheener Mann, + e braver Mann‹; dabei ist er ein kleines, mageres, eisgraues + Männchen, der älteste seines Stammes, aber ein armer Mann in seinem + Palaste, kinderlos, Witwer, betrogen von seinen Leuten und schlecht + behandelt von vornehm französierten und englisierten Neffen und + Nichten, die seine Schätze erben, ohne Dank und ohne Liebe.« + + +Die Frankfurter + + Sehr ergötzlich schildert Bismarck die revolutionäre Gefährlichkeit + der Frankfurter: »Die hiesige Bevölkerung wäre ein politischer + Vulkan, wenn sich Revolutionen mit dem Munde machen ließen. Wenn + ich hier auf einem Feldweg im Trabe reite, so springen erwachsene + Männer schon auf dreißig Schritte von mir eine Rute weit ins Korn, + um jedenfalls außer Bereich des Pferdes zu sein. — Ich habe hier + in zwei Jahren noch nie zwei Leute sich prügeln sehen, wohl aber + auf Steinwurfsentfernung sich gründlich schimpfen. — Jeder Schuh, + der sie drückt, wird natürlich ›dene Ferschte‹ (den Fürsten) zur + Last geschrieben, und wenn man die erst los wäre, so würde Milch + und Honig fließen. Nur müßten andere das Fortjagen besorgen und + die etwaigen Kopfnüsse dabei aushalten.« — Ihm war auch sonst das + Wesen der Frankfurter nicht gerade sympathisch, und der maßlose + Geselligkeitstrieb des Völkchens der Bundesphäaken erweckte seinen + Spott. Ein Frankfurter Diner schildert er mal mit den drastischen + Worten: »Ich habe gestern dem neuen Russen zu Ehren ein offizielles + Diner in echt Frankfurter Stile gegeben: über zwanzig Nummern auf + dem Menü und ein Dutzend der sonderbarsten Weine. Ich verabscheue + eigentlich diese Stoff- und Geldverwüstungen, aber ob Christian + oder Itzig, ’s Geschäft bringt’s halt so mit sich.« + +Bismarcks Tätigkeit war namentlich zu Anfang nicht anstrengend +genug, um ihn von Ausflügen in die Umgebung abzuhalten. Er reiste +nach Wiesbaden und vielfach an den Rhein, schwelgte in der frischen +Bergluft des Taunus, fuhr nach Mainz und an die kleinen Höfe von +Darmstadt und Nassau, wurde von Gerlach nach Heidelberg entführt und +verlebte mit ihm reizende Stunden in Wolfsbrunn und Neckar-Steinach. +Von überallher sendet er stimmungsvolle Briefe an die Lieben daheim, +bis es ihm endlich möglich wurde, die Seinen nach Frankfurt zu holen +und mit ihnen »unter erschwerten Umständen und mit dem Intermezzo +langer Ausschußsitzungen« sich in der Bockenheimer Allee häuslich +niederzulassen. »Sie würden«, schreibt er an Gerlach, »mich nachsichtig +beurteilen, wenn Sie wüßten, wie jemand zumute ist, der, nachdem er +zwölf Jahre lang ein unabhängiger Landjunker, das heißt bodenlos faul +gewesen ist, nun plötzlich vom Aufstehen bis zum Niederlegen Galérien +des Dienstes ist. Eine Viertelstunde bei meiner Frau zu sitzen und mit +väterlichem Wohlgefallen dem Gebrüll der unnützesten beiden Kinder +auf der Welt zuzuhören, ist mir ein seltener Genuß, wenn ›aus dem +schrecklichen Gewühle ein süßbekannter Ton mich zieht‹.« + + +Er sagt stets das Unerwartete + + Die gemütvolle Wärme und Innigkeit der Bismarckschen Häuslichkeit + hatte von Anfang an eine »gewählte Schar geistig regsamer Freunde + angezogen«. Hier fand auch Bismarck selbst »nach Arbeit und + geschäftlichem Mißbehagen die liebste Erholung in der Musik, durch + welche ihn seine Gemahlin im Verein mit den Töchtern des bekannten + Malers Jakob Becker von Worms zu erfreuen pflegte«. »Am Teetisch«, + schildert es uns ein Gast des Bismarckschen Hauses in Frankfurt, + der abends die Heimgekehrten im lauschigen Gemach zu vereinigen + pflegte, »erschien mitunter auch der preußische Gesandte, lächelnd, + wenn die Hausfrau statt des chinesischen Trankes ein Glas mit + jener vortrefflichen Mischung aus Porterbier und Champagner ihm + vorsetzte, die von den Studenten ›Menschenfreund‹ genannt wird. + Neckend oder ernst wußte er dann, oft nur mit einem hingeworfenen + Wort, das Gespräch in seiner originellen Weise zu färben, und + die ihm eigene sprühende Unterhaltungsgabe war in Frankfurt bald + sprichwörtlich. ›Er sagt stets das Unerwartete!‹, pflegten die + Damen auszurufen, indem ihr Gesicht zugleich Stolz und weibliche + Bewunderung für ihn ausdrückte. Auch bedurfte es dort, wo er im + kleinen Kreise zugegen war, längst nach Mitternacht noch eines + kräftigen Entschlusses, um das Behagen der Stunde durch den + Aufbruch zu stören.« + + +Otto tanzt mit Malwine + + Über den Verlauf der Mittagessen bei dem preußischen + Bundestagsgesandten schreibt ein der Gesandtschaft als Attaché + beigegebener Kavallerie-Offizier: »Hier gab es besondere + Gemütlichkeit, namentlich wenn etwa die Rüljer Geschwister kamen + oder gar die Kröchelndorfer Arnims. Wer, der die Frau Malwine von + Arnim in ihren jüngeren Jahren gekannt, hat sich je dem Zauber + dieser vornehmen und geistvoll anmutigen Weiblichkeit zu entziehen + vermocht? Noch steht mir ein Vorgang vor Augen, der sie eben in + jenen Eigenschaften unendlich reizvoll hervortreten ließ. Die + Mittagstafel war beendet. Während derselben hatten die Geschwister + förmlich und für die übrigen Anwesenden sehr ergötzlich sich + geneckt und fuhren damit fort, bis sie, der Bruder die Schwester + am Arm führend, einen schmalen langen Gang erreicht hatten, der + das Speisezimmer mit den übrigen Wohnräumen verband. Hier faßte + Bismarck plötzlich das schlanke Frauenbild, und nun flogen die + beiden in einer Walzergaloppade vor uns übrigen her den Korridor + hinab. Frau von Arnim stieß sich beim Halt ziemlich empfindlich die + Hand am Türrahmen, und nun mußte man die ritterliche Art des um + seine Schwester bemühten Bruders sehen und die Grazie, mit welcher + diese jenem zulieb ihr schmerzhaftes Unbehagen hinwegleugnete. Ein + allerliebster Augenblick.« + + +Ein Ball bei Bismarcks + + Etwa vierhundert Personen waren bei dem Ball im Februar 1855 + erschienen, den Bismarcks gaben, darunter die Mitglieder des + diplomatischen Korps, die regierenden Bürgermeister, das + Offizierkorps sowie die Frankfurter Hautevolee. Auch aus Mainz + waren Offiziere der dortigen Garnison sowie mehrere Fremde von + Distinktion anwesend. Auf dem Feste waren Karneval und kriegerische + Zeit durch ein Menuett vertreten, das von jüngeren Mitgliedern des + diplomatischen Korps sowie von preußischen und österreichischen + Offizieren in den verschiedenen Militärtrachten des vorigen + Jahrhunderts ausgeführt wurde. Die mitwirkenden Damen waren in + der entsprechenden Hoftracht der Rokokozeit kostümiert. Es boten + sich Kontraste von einst und jetzt der Ost- und Westmächte. + Auf raschen Galopp und Polka-Masurka in schnellem Takt folgte + in der gemessenen Weise des alten Dessauer ein Menuett, dessen + eine Kolonne von einem preußischen Offizier, die andere von + einem Attaché der französischen Gesandtschaft geführt wurde. Der + angenehme Eindruck, den diese Überraschung auf die Stimmung der + Gesellschaft hervorbrachte, gab dem Feste ebensosehr einen erhöhten + Reiz, wie der Anblick der reichen und geschmackvollen Kostüme der + Vergangenheit, die sich mit den glänzenden Toiletten des Tages zu + einem heiteren Ganzen vereinigten. Die Musik zu den Tänzen wurde + von dem Musikkorps des 38. Infanterie-Regiments ausgeführt. Um + ein Uhr begab sich die Gesellschaft zum Souper, dem ein Kotillon + folgte, welcher das Ballfest beschloß. + +Über Bismarcks Frankfurter Haus schreibt Motley in einem Brief an seine +Frau: + + +Seine Häuslichkeit + + »Es ist eines der Häuser, wo jeder tut, was er will. Die + Empfangszimmer liegen in der Vorderseite des Hauses. Die von der + Familie benutzten Räume, ein Salon und das Speisezimmer, sind nach + hinten hinaus gelegen und haben die Aussicht in den Garten. Hier + ist alles versammelt: jung und alt, Großeltern und Kinder und + Hunde; da wird gegessen, getrunken, geraucht, Piano gespielt und + Pistolen geschossen (im Garten). Alles zu gleicher Zeit. Es ist + ein Haushalt, wo einem alles angeboten wird, was auf Erden nur + immer gegessen oder getrunken werden kann: Portwein, Sodawasser, + Lagerbier, Champagner, Burgunder, Bordeauxwein sind immer + vorhanden, und jeder raucht beständig die besten Havannazigarren.« + +Wenig konnte sich Bismarck mit Herrn von Prokesch, einem der späteren +Vertreter Österreichs, verstehen. Als er noch einmal nach Frankfurt +zurückkehrte, obwohl man an seine Abberufung geglaubt hatte, begrüßte +ihn Bismarck mit sanftem Hohn: + + +Beginnen wir ein neues Leben + + »Mein erstes Wiedersehen mit Prokesch«, so schreibt der preußische + Staatsmann nach Hause, »war beiderseits frei von Verlegenheit. Die + sanfte Heiterkeit, deren Maske er trug, fand ihren Ausdruck auch + in der Farbe seiner Handschuhe, die von zartestem Himmelblau und + ausnahmsweise ganz neu waren. Es schlug gerade zwölf am 2. Juli, + und ich bemerkte beiläufig, daß dieser Augenblick genau die Mitte + des Jahres sei, worauf er mit durchbrechender Herzlichkeit meine + Hand ergriff und sagte: ›Wohlan, so vergessen wir die Leiden und + Sorgen des alten Jahres, und beginnen wir ein ganz neues.‹« + +[Illustration: Frankreich im Januar 1870 — Im November + +~Bismarck, Frankreich die Haare strählend.~ (Der »Floh«, November 1870)] + + +Sie sind unverbesserlich + + In den Plenarversammlungen des Bundestages war das Protokoll so + geführt worden, daß Bismarck sich öfter zu Beschwerden veranlaßt + sah. Einmal zwang er Herrn von Prokesch sogar zu einer Änderung + des Protokolls, auf das sich dieser in einer Versammlung mit den + Worten berufen hatte: »Wenn das nicht wahr wäre, so hätte ich ja + im Namen der Kaiserlich Königlichen Regierung gelogen.« Dabei sah + er Bismarck an, dieser sieht ihn wieder an und sagte gelassen: + »Allerdings, Exzellenz.« Prokesch war offenbar erschrocken, und als + er sich umblickte und lauter niedergeschlagenen Augen begegnete + und einem tiefen Schweigen, das Bismarck recht gab, wendete er + sich still ab und ging ins Speisezimmer, wo gedeckt war. »Nach + Tisch hatte er sich erholt«, erzählt Bismarck den Vorfall weiter. + »Da kam er auf mich zu — mit einem gefüllten Glase — sonst hätte + ich gedacht, er wolle mich fordern — und sagte: ›Na, lassen Sie + uns Frieden machen.‹ — ›Warum denn nicht?‹ sagte ich. ›Aber das + Protokoll muß doch geändert werden!‹ — ›Sie sind unverbesserlich‹, + erwiderte er lächelnd, und damit war’s gut. Das Protokoll wurde + geändert und damit anerkannt, daß es die Unwahrheit enthalten + hatte.« + +Die Frankfurter Zeit ist vielfach durch große Reisen unterbrochen +worden, die Bismarck nicht nur zur Erholung, sondern auch aus +dienstlichen Gründen unternahm. Sie führten ihn auch nach Wien und +Pest und so zur intimen Kenntnis all der Persönlichkeiten, die in +der Doppelmonarchie eine Rolle spielten. Auch diese Reisen mußten +den Blick des Staatsmannes, der stets die Psychologie, die Kenntnis +der Menschen zur Grundlage seines politischen Handelns machte, nach +jeder Richtung erweitern. Seine Briefe, besonders von diesen Reisen +in den Kaiserstaat, atmen aber alles andere als politische Sorgen. +Sie zeigen vielmehr eine außerordentliche Beobachtung der Dinge, eine +kräftige Erfassung des Lebens und eine Plastik der Darstellung, die +das Urteil rechtfertigt, daß Bismarck einer der größten Meister der +deutschen Sprachkunst war. In Wien hatte Bismarck den Auftrag, statt +des Zollvereins einen Handelsvertrag mit Österreich zu vereinbaren. +Es gelang ihm, durch Offenheit und Entgegenkommen in der Form, bei +unerschütterlicher Festigkeit in der Sache, die Stellung Preußens +gegenüber den österreichischen Ansprüchen in sicherer Weise zu wahren +und auch hier dem Ziele näher zu kommen, das ihm für die Zukunft +überaus klar vor Augen stand: Preußen nicht nur gleichwertig neben +den Kaiserstaat zu stellen, sondern diesem Lande selbst durch einen +blutigen Konflikt mit Österreich die Führung in Deutschland zu +sichern. Schon hier hat er bewirkt, daß der Widerstand, den man in +Potsdam nur zögernd zu leisten wagte, gefestigt und die Gefahr einer +schwächlichen Nachgiebigkeit beseitigt wurde. Allerdings geriet er +hierdurch in Konflikt mit der Kreuzzeitungspartei, mit seinen eigenen +alten Freunden, die seine Tätigkeit in einer Weise kritisierten, als +ob der Staat durch ihn an den Rand des Verderbens gebracht worden sei. +Bald genug sah sich Bismarck genötigt, auch sonst den konservativen +Heißspornen, die an Österreich hingen und am liebsten zu einem Bruch +mit dem revolutionären Kaisertum Napoleons gedrängt hätten, mit aller +Schärfe entgegenzutreten. Er hege zwar keine Sympathien für ein +französisches Bündnis, aber er sehe nur dann die Möglichkeit gegeben, +sich von dem östlichen Nachbarn unabhängig zu erhalten, wenn man +möglichst freundliche Beziehungen nach Westen hin pflege; man dürfe +die Möglichkeit, unter Umständen ein Bündnis mit Frankreich als das +kleinere von zwei Übeln zu wählen, sich nicht abschneiden, wenn man +auch niemals Gebrauch davon machen sollte. Vor allem warnte Bismarck, +durch eine Pressepolemik gegen die Heirat Napoleons mit der Gräfin +Eugenie von Montijo nicht unnütze Bitterkeit zu erregen. Napoleon möge +heiraten, wen oder wie er Lust habe; auch wenn er seinen verliebten +Gelüsten den Mantel der Volkstümlichkeit umzuhängen suche, so sei das +für Preußen gleichgültig. Es ist schon hier »die Politik der zwei Eisen +im Feuer«, die Bismarck später mit so gewaltigem Erfolge zur Grundlage +seines Systems erwählte. + +Mehr und mehr gewann überhaupt der Frankfurter Bundesgesandte Einfluß +auf die Grundlinien der Berliner Politik. Immer wieder ließ ihn +der König nach Potsdam kommen: »Ich habe auf den Reisen zwischen +Frankfurt und Berlin über Guntershausen in einem Jahre zweitausend +Meilen gemacht, damals stets die neue Zigarre an der vorhergehenden +anzündend oder gut schlafend.« Der König verlangte von ihm nicht nur +ein Urteil über Fragen der deutschen und der auswärtigen Politik, +sondern beauftragte ihn auch mit der Ausarbeitung von Gegenprojekten +gegen die Entwürfe des Auswärtigen Amtes. In der Zeit, als der Konflikt +zwischen Frankreich und Rußland drohte, der zum Krimkriege führte, war +es Bismarck vor allem, der davor warnte, den langjährigen Frieden mit +Rußland für andere als preußische Interessen in Frage zu stellen. + + +Warum nicht nach Leipzig und Roßbach? + + Über diese Haltung und den Einfluß Bismarcks auf den König war der + Vertreter Frankreichs natürlich in hohem Maß erbittert. Marquis + Moustier, so hieß er, ließ sich bei einem Besuche, den Bismarck + ihm machte, durch die Lebhaftigkeit seines Temperamentes zu der + bedrohlichen Äußerung hinreißen: »=La politique que vous faites, va + vous conduire à Jena=«, worauf Bismarck erwiderte: »=Pourquoi pas + à Leipzig ou à Roßbach?=« Moustier war eine so unabhängige Sprache + in Berlin nicht gewohnt und wurde stumm und bleich vor Zorn. Nach + einigem Schweigen setzte Bismarck hinzu: »=Enfin toute nation a + perdu et gagné des batailles. Je ne suis pas venu pour faire avec + vous un cours d’histoire.=« Die Unterhaltung kam nicht wieder in + Fluß. Der Gesandte beschwerte sich bei dem Minister von Manteuffel, + der die Beschwerde an den König brachte. Aber dieser lobte Bismarck + laut wegen der richtigen Antwort, die er dem Franzosen gegeben habe. + +Auch den Landtagsverhandlungen mußte Bismarck wiederholt beiwohnen. Von +einer dieser Reisen berichtet er in einem amüsanten Brief aus Halle. + + +Reisepech + + ... Von hier habe ich Dir, soviel ich weiß, noch nicht geschrieben, + und hoffe, daß es auch künftig nicht wieder vorkommt. Ich habe + mich so viel besonnen, ob doch gestern nicht am Ende Freitag war, + als ich abreiste; ein =dies nefastus= war es sicherlich; in Gießen + kam ich in ein hundekaltes Zimmer mit drei nicht schließenden + Fenstern, zu kurzes, zu schmales Bett, schmutzig, Wanzen; infamer + Kaffee, noch nie gekannt so schlecht. In Guntershausen kamen + Damen in die erste Klasse, und das Rauchen hörte auf, eine + höhere Geschäftsdame mit zwei Kammerjungfern, Zobelpelz; sprach + abwechselnd mit russischem und englischem Akzent Deutsch, sehr gut + Französisch, etwas Englisch, war aber meiner Ansicht nach aus der + Reezenjasse in Berlin, und die eine Kammerfrau ihre Mutter oder + ältere Geschäftsfreundin. Zwischen Guntershausen und Gerstungen + platzte ganz sanft eine Röhre an der Lokomotive; das Wasser lief + aus; da saßen wir einundeinhalb Stunden lang im Freien, recht + hübsche Gegend und warme Sonne. Ich hatte mich in die zweite Klasse + gesetzt, um zu rauchen, da fiel ich einem Berliner Kammer- und + Geh.-Rats-Kollegen in die Hände, der jetzt vierzehn Tage Homburg + getrunken hatte und mich im Beisein einiger Meßjuden fragte und + zur Rede stellte, bis ich verzweifelt wieder zur Prinzessin aus + der Reezenjasse heimkehrte; durch den Aufenthalt kamen wir drei + Stunden zu spät nach Halle; der Berliner Zug war längst fort; ich + muß hier schlafen und morgen früh per Güterzug um halb eins reisen, + um zwei ankommen. Hier am Bahnhof sind zwei Gasthöfe, aus Versehen + bin ich in den falschen geraten; ein Gendarm ging im Saal auf und + ab und musterte bedenklich meinen Bart, während ich ein müffiges + Beefsteak aß. Ich bin sehr unglücklich, werde nun aber noch den + Rest Spickgans zu mir nehmen, etwas Portwein trinken und dann zu + Bette gehen ... + +An den Landtagsverhandlungen selbst nahm Bismarck nur mit großer +Zurückhaltung teil, doch geriet er trotzdem einmal in einen schweren +Konflikt. + + +Das Duell mit Vincke + + Der bekannte Abgeordnete von Vincke hatte die Herabsetzung des + Militäretats beantragt, die preußischen Rüstungen scharf verurteilt + und ausgerufen, man solle nicht daran denken, die Landwehr etwa + dazu zu benutzen, bei einem diplomatischen Rückzug, wie den + von Olmütz, Parade zu machen; Ereignisse wie die Schlacht von + Bronzell könnten ohne Benachteiligung nicht vorübergehen. In + seiner Erbitterung sagte Bismarck: »Es kommt vor, daß militärische + Talente angeboren werden, es ist auch möglich, daß einzelne + Kammermitglieder in der Eigenschaft als Landwehroffiziere sich + hohe kriegswissenschaftliche Kenntnisse erwerben. Ich würde aber, + ehe wir darauf Kammerbeschlüsse gründen, doch wohl bitten, eine + Probe davon abzuwarten.« Er fügte hinzu: »Es ist möglich, daß trotz + der friedlichen Disposition aller Staaten Europas wir vielleicht + innerhalb sechs Monaten in Verhältnisse kommen, in welchen die + Herren Gelegenheit haben könnten, ihre militärischen Talente auf + einem anderen Feld als hier darzutun!« Die Anspielung Bismarcks + auf den Charakter Vinckes als Landwehroffizier führte diesen + wieder auf die Tribüne. Er ersuchte Herrn von Bismarck, dessen + witzige Talente ja hinreichend bekannt seien, nicht immer die alten + Kammerwitze vorzutragen, und rief: »Denkt man etwa, die Landwehr + dazu zu benutzen, bei einem diplomatischen Rückzuge, wie den von + Olmütz, Parade zu machen, oder mutet man ihr Schlachten zu, wie + die bei Bronzell?« Bismarck entgegnete, es sei nicht seine Absicht + gewesen, Witze zu machen, denn er halte Vinckes Situation, wenn + er ihn im Felde sehen sollte, gar nicht für witzig, sondern für + sehr ernst; wer übrigens zum neunzehnten Male den müdegerittenen + Trompeterschimmel von Bronzell tummelt, der dürfe sich nicht über + alte abgetragene Witze beklagen. Zwei Tage darauf erneuerte Herr + von Vincke den persönlichen Kampf. Er bekämpfte eine Etatforderung + für die Burg Hohenzollern mit der Begründung, daß man dieses Geld + für Kriegszwecke in nächster Zeit jedenfalls nötiger brauche, seit + ein »namhafter Diplomat« es ausgesprochen habe, daß man vielleicht + schon in sechs Monaten Krieg haben werde. Wenn dies von einem + Diplomaten, bei dem doch eine diskrete Zurückhaltung notwendig sei, + gesagt werde, so müsse die Besorgnis eines europäischen Krieges + doch weit näher liegen, als man bisher angenommen habe. Bismarck + verwahrte sich gegen die Bosheiten Vinckes und schloß seine + Erwiderung mit der Bemerkung, daß er nicht den Krieg angekündigt, + sondern nur die Möglichkeit eines Krieges behauptet habe: »Ich + glaube, durch diese Äußerung die Diskretion, welche mein Amt mir + auferlegt, nicht verletzt zu haben, ebensowenig als dadurch, daß + ich hinzufüge, daß es meine feste Überzeugung ist, daß wir in sechs + Monaten Krieg haben oder Frieden.« Der Abgeordnete von Vincke + bemerkt hierauf ungefähr: Ich kann nur annehmen, daß der persönlich + gereizte Ton, wozu der Herr Abgeordnete keine Veranlassung hatte, + da ich seine Leistungen dankbar anerkannt habe, nur aus verletzter + Bescheidenheit herrührt, weil ich ihn einen namhaften Diplomaten + genannt habe. Ich will daher, um ihn zu befriedigen, diese Äußerung + hiermit förmlich zurücknehmen, da allerdings alles, was ich von + seinen diplomatischen Leistungen weiß, sich nur auf die bekannte + brennende Zigarre beschränkt. Die Folge dieses Zwistes war das + Duell zwischen Bismarck und Vincke, über das General von Gerlach + in seinem Tagebuch verzeichnete: »23. März. Es kommt nun doch zum + Duell von Vincke und Bismarck. Gestern abend war Bismarck bei + mir, sehr liebenswürdig über sein Duell; vorher Stollberg, der + davon sehr bewegt, es dennoch für notwendig erklärte. Büchsel (der + Hofprediger) hatte Bismarck das heilige Abendmahl verweigert — er + (Bismarck) war mit Hans Kleist bei ihm gewesen; ich kann das nicht + richtig finden; er ist im Stande der Notwehr und gerechten Krieges. + Kleist hat Büchsel vergebens zugeredet. Heut morgen schrieb ich an + Alvensleben, um auf Schulenburg-Wolfsburg (Vinckes Schwiegervater) + zu wirken, und an Eberhard Stollberg, Bismarcks Sekundant, + um dem, was von dort kommen könnte, eine günstige Aufnahme zu + verschaffen. — 28. März. Seitdem ist Bismarcks Duell, ohne daß + etwas herausgekommen, vorübergegangen, und zwar am 25. März. + Büchsel hat ihm das heilige Abendmahl am Tage vorher gereicht, + und er hat vor dem ersten Schuß ein Gebet gesprochen. Auf Vincke + soll dies doch Eindruck gemacht haben.« Als Vincke seinen Gegner + beten sah, mochten die Vorstellungen seines Schwiegervaters von + der Schulenburg, daß dieser Ehrenhandel nicht blutig verlaufen + dürfe, in seiner Seele Wurzel fassen, und da er als Geforderter den + ersten Schuß hatte, ließ er an der Ziellosigkeit dieses Schusses + seine Versöhnung erkennen. Darauf schoß auch Bismarck in die Luft. + Bei dem Leibesumfang des Herrn von Vincke und Bismarcks Geübtheit + im Schießen würde er den Gegner bei ernstlichem Willen schwerlich + gefehlt haben.« + +Bismarck hielt es zwar für notwendig, bei den nächsten Wahlen auf +ein Mandat zu verzichten, doch präsentierte ihn alsbald der alte und +befestigte Grundbesitz im Herzogtum Stettin für das Herrenhaus, wo +er jedoch bis zu seinem Eintritt in das Ministerium niemals das Wort +ergriff. + +Wieder führte ihn eine Fülle von Reisen in das Ausland, nach Holland, +Norderney, den Genfer See und Oberitalien. Und immer findet er Zeit, in +überaus plastischen Bildern das, was er sieht und erlebt, den Freunden +und den Seinen darzustellen. Als er von Norderney heimgekehrt war, da +traf ihn ein seltsames Angebot: er sollte Minister des Königs Georg von +Hannover werden. Aber »er konnte sein Preußentum nicht ausziehen wie +einen Rock« — welche Wendung hätte wohl die Geschichte genommen, wenn +er damals den Antrag angenommen hätte! + + +Beim blinden König + + Die Verhandlungen mit König Georg führten zu einer langen + Unterredung zwischen dem jungen Staatsmann und dem Könige. Die + Audienz fand ohne Zeugen statt. »Während derselben«, so erzählte + später Bismarck, »nahm ich mit Erstaunen wahr, wie nachlässig + der blinde Herr bedient war. Die ganze Beleuchtung des großen + Zimmers bestand in einem Doppelleuchter mit zwei Wachskerzen, an + denen schwere metallene Lichtschirme angeklemmt waren. Der eine + fiel infolge Niederbrennens der Kerze mit einem Geräusch, wie der + Schlag auf ein Gong, zu Boden; es erschien aber niemand, befand + sich auch niemand im Nebenzimmer, und ich mußte mir von dem hohen + Herrn die Stelle der Klingel bezeichnen lassen, die ich zu ziehen + hatte. Diese Verlassenheit des Königs war mir um so auffälliger, + als der Tisch, an dem wir saßen, mit allen möglichen amtlichen + oder privaten Papieren so bedeckt war, daß einzelne bei Bewegungen + des Königs herunterfielen und von mir aufgehoben werden mußten. + Nicht weniger auffällig war es, daß der blinde Herr mit einem + fremden Diplomaten, wie ich, ohne jede ministerielle Kenntnisnahme + stundenlang verhandelte.« + +Im Sommer 1855 kam Bismarck auf Einladung des preußischen Gesandten +Grafen Hatzfeldt zum Besuch der Industrieausstellung nach Paris. Dort +lernte er den künftigen Gegner von Sedan und Kaiserin Eugenie sowie die +Paladine des neuen Kaiserreiches, aber auch die Königin Viktoria und +den Prinzgemahl Albert von Koburg kennen. Die Eindrücke jener Reise +haben lange in seinem Gedächtnis gehaftet. + +Sehr anmutig plaudert er noch in späten Jahren von den Eindrücken, die +er von den Parisern und vom Hofe gewann: + + +Pariser Leben + + »Es ist wahr,« so schreibt er aus der französischen Hauptstadt an + Gerlach, »wenn ich an meinen letzten Besuch in Paris unter Louis + Philipp denke, so finde ich die Pariser wunderbar fortgeschritten + in der Disziplin und dem äußeren Anstande. Der einzige Mensch, + der mit Selbstbewußtsein über die Straße geht, ist der Soldat, + vom General bis zum Trainknecht, und wer gar nichts von der + neuesten Geschichte wüßte, würde doch aus einem Vergleich + der Physiognomie des Straßenlebens entnehmen können, daß die + Herrschaft von der Juli-Bourgeoisie auf die Armee übergegangen + ist. Die Beleuchtung ist glänzend, aber doch sieht man noch mehr + Polizisten als Laternen; es gibt keinen Winkel in allen Straßen, + wo man nicht sicher wäre, in irgendeiner Richtung wenigstens, + dem beobachtenden Blick eines uniformierten =agent de police=, + =gendarmes=, =municipal=, und wie sie alle heißen, zu begegnen; + man kann nicht stillstehen, ohne neben sich zu hören: =circulez, + s’il vous plaît=. Ich würde mich gar nicht gewundert haben, beim + Aufwachen des Morgens in ein Gesicht mit drei Bärten und schiefem + Hut zu blicken, welches mir mit der gelangweilten Höflichkeit eines + Gefängnisschließers sagte: =Pissez, s’il vous plaît, changez de + chemise, s. v. pl.= Man hört auf, nach eigenem Willen zu niesen + oder zu schnauben, wenn man den Fuß in diese Tretmühle gesetzt + hat. Der Franzose sagt: =c’est précisément ce qu’il nous faut; + le despotisme est la seule forme de gouvernement compatible avec + l’esprit français=. Das mag richtig sein, ist aber eine scharfe + Selbstkritik. Merkwürdig war die Gleichgültigkeit gegen den Krieg + und die Nachrichten aus der Krim. Die Aufnahme der Königin von + England im Publikum war unzweifelhaft kalt; man sah das an, wie man + eine Menagerie oder eine Parade sieht, machte seine Witze, und der + Enthusiasmus war allein auf seiten der Engländer.« + + +In den Tuilerien + + »Bei dem Souper«, so erzählt Bismarck in seinen Erinnerungen, + »war mir im Vergleich mit Berlin die Einrichtung merkwürdig, daß + die Gesellschaft in drei Klassen mit Abstufungen in dem Menü + speiste und denjenigen Gästen, die überhaupt speisen sollten, die + Zusicherung durch Überreichung einer Karte mit der Nummer beim + Eintreten gegeben wurde. Die Karten der ersten Klasse enthielten + auch den Namen der an dem betreffenden Tische vorsitzenden Dame. + Diese Tische waren auf fünfzehn bis zwanzig Personen eingerichtet. + Ich erhielt beim Eintreten eine solche Karte zu dem Tische der + Gräfin Walewska und später im Saale noch zwei von zwei anderen + =Patronesses=-Damen der Diplomatie und des Hofes. Es war also kein + genauer Plan für die Placierung der Gäste gemacht worden. Ich + wählte den Tisch der Gräfin Walewska, zu deren Departement ich als + auswärtiger Diplomat gehörte. Auf dem Wege zu dem betreffenden + Saale stieß ich auf einen preußischen Offizier in der Uniform eines + Garde-Infanterie-Regiments, der eine französische Dame führte und + sich in lebhaftem Streit mit einem der kaiserlichen Haushofmeister + befand, der beide, weil sie mit Karten nicht versehen waren, + nicht passieren lassen wollte. Nachdem mir der Offizier auf mein + Befragen die Sachlage erklärt und mir die Dame als eine Herzogin + mit italienischem Titel aus dem ersten =Empire= bezeichnet hatte, + sagte ich dem Hofbeamten, ich hätte die Karte des Herrn, und gab + ihm eine der meinigen. Der Beamte wollte nun aber die Dame nicht + passieren lassen, ich gab daher dem Offizier meine zweite Karte + für seine Herzogin. Der Beamte bedeutete mich, »=mais vous ne + passerez pas sans carte=«; als ich ihm die dritte vorgezeigt hatte, + machte er ein verwundertes Gesicht und ließ uns alle drei durch. + Ich empfahl meinen beiden Schützlingen, sich nicht an die Tische + zu setzen, die auf den Karten angegeben waren, sondern zu sehen, + wo sie sonst unterkämen, habe auch keine Reklamation über meine + Kartenverteilung zu hören bekommen. Die Unregelmäßigkeit war so + groß, daß unser Tisch nicht voll besetzt wurde, was sich aus dem + Mangel einer Verabredung der =dames patronesses= erklärt. Der alte + Fürst Pückler hatte entweder keine Karte erhalten oder seinen Tisch + nicht finden können; nachdem er sich an mein ihm bekanntes Gesicht + gewandt hatte, wurde er von der Gräfin Walewska auf einen der leer + gebliebenen Plätze eingeladen. Das Souper war trotz der Dreiteilung + weder nach dem Material noch nach der Zubereitung auf der Höhe + dessen, was in Berlin bei ähnlichen Massenfesten geleistet wird; + nur die Bedienung war ausreichend und prompt. Am auffallendsten + war mir der Unterschied in den Anordnungen für die Zirkulation. + Das Versailler Schloß bietet dafür eine viel größere Leichtigkeit + als das Berliner vermöge der größeren Zahl und, abgesehen von dem + Weißen Saale, der größeren Ausdehnung der Räume. Hier war den + Soupierenden Nr. 1 für ihren Rückzug derselbe Weg angewiesen wie + den Hungrigen Nr. 2, deren stürmischer Anmarsch schon eine weniger + höfische gesellschaftliche Gewöhnung verriet. Es kamen körperliche + Zusammenstöße der gestickten und bebänderten Herren und reich + eleganten Damen vor, die in Handgreiflichkeiten und Verbalinjurien + übergingen, wie sie bei uns im Schlosse unmöglich wären. Ich zog + mich mit dem befriedigenden Eindruck zurück, daß trotz alles + Glanzes des Kaiserlichen Hofes der Hofdienst, die Erziehung und die + Manieren der Hofgesellschaft bei uns wie in Petersburg und Wien + höher standen als in Paris, und daß die Zeiten hinter uns lagen, da + man in Frankreich und am Pariser Hof eine Schule der Höflichkeit + und des guten Benehmens durchmachen konnte.« + +Aber die Reise nach Paris machte Bismarck nicht nur den +Altkonservativen doppelt verdächtig, sondern erregte auch das Mißtrauen +des Königs. + + +Aber dumm, dumm! + + »Der König«, so erzählt Bismarck, »fragte mich einmal bei Tafel + quer über den Tisch nach meiner Meinung über Louis Napoleon; + sein Ton war ironisch. Ich antwortete: ›Ich habe den Eindruck, + daß der Kaiser Napoleon ein gescheiter und liebenswürdiger Mann, + aber so klug nicht ist, wie die Welt ihn schätzt, die alles, was + vorgeht, auf seine Rechnung schreibt, und wenn es in Ostasien zur + unrechten Zeit regnet, das aus einer übelwollenden Machination + des Kaisers erklären will. Man hat sich besonders bei uns daran + gewöhnt, ihn als eine Art =génie du mal= zu betrachten, das immer + nur darüber nachdenke, wie es in der Welt Unfug anrichten könne. + Ich glaube, daß er froh ist, wenn er etwas Gutes in Ruhe genießen + kann; sein Verstand wird auf Kosten seines Herzens überschätzt; er + ist im Grunde gutmütig, und es ist ihm ein ungewöhnliches Maß von + Dankbarkeit für jeden geleisteten Dienst eigen.‹ Der König lachte + dazu in einer Weise, die mich verdroß und zu der Frage veranlaßte, + ob ich mir gestatten dürfe, die augenblicklichen Gedanken Sr. + Majestät zu erraten. Der König bejahte und ich sagte: ›General + von Canitz hielt den jungen Offizieren in der Kriegsakademie + Vorträge über Napoleons Feldzüge. Ein strebsamer Zuhörer fragte + ihn, warum Napoleon diese oder jene Bewegung unterlassen haben + könne. Canitz antwortete: ›Ja, sehen Sie, wie dieser Napoleon eben + war, ein seelensguter Kerl, aber dumm, dumm‹ — was natürlich die + große Heiterkeit der Kriegsschüler erregte. Ich fürchte, daß Eurer + Majestät Gedanken über mich denen des Generals von Canitz über + Napoleon ähnlich sind.‹ Der König sagte lachend: ›Sie mögen recht + haben; aber ich kenne den jetzigen Napoleon nicht hinreichend, um + Ihren Eindruck bestreiten zu können, daß sein Herz besser sei als + sein Kopf.‹« + +Schon in den nächsten Jahren traten an Bismarck sowohl durch den +König selbst wie durch Manteuffel wiederholte Anträge heran, in das +Ministerium einzutreten. Friedrich Wilhelm gebrauchte sogar einmal die +Wendung ihm gegenüber: »Wenn Sie sich an der Erde winden, es hilft +Ihnen nichts, Sie müssen Minister werden.« Aber zu einem entscheidenden +Schritt ist es unter dem ältesten Sohne der Königin Luise nicht mehr +gekommen. Noch stand dem jungen Staatsmann eine ernste Lehrzeit in +Petersburg und Paris bevor, noch sollte es ihm vergönnt sein, all die +Schauplätze der großen Politik, in der er selbst einst der Meister +werden sollte, mit eigenen Augen kennen zu lernen und so über Völker +und Menschen ein eigenes Urteil zu gewinnen. Daß er noch einmal nach +Paris ging, daß er nicht einseitig sich für Österreich erklären wollte, +entfernte ihn immer weiter von den alten Freunden. Er war eben auch +damals nicht Doktrinär. Das sprach er in geradezu klassischer Weise in +einem der letzten vertraulichen Briefe aus, die er mit seinem alten +Freunde Gerlach wechselte: + + +Ich bin preußisch + + »Berliner Nachrichten«, so schrieb er, »sagen mir, daß man mich am + Hof als Bonapartisten bezeichnet. Man tut mir unrecht damit. Im + Jahre 50 wurde ich von unseren Gegnern verräterischer Hinneigung + zu Österreich angeklagt, und man nannte uns die Wiener in Berlin; + später fand man, daß wir nach Juchten rochen, und nannte uns + Spree-Kosaken. Ich habe damals auf die Frage, ob ich russisch oder + westmächtlich sei, stets geantwortet, ich bin preußisch, und mein + Ideal für auswärtige Politiker ist die Vorurteilsfreiheit, die + Unabhängigkeit der Entschließungen von den Eindrücken der Abneigung + oder der Vorliebe für fremde Staaten und deren Regenten. Ich habe, + was das Ausland anbelangt, in meinem Leben nur für England und + seine Bewohner Sympathie gehabt und bin stundenweis noch nicht frei + davon; aber die Leute wollen sich ja von uns nicht lieben lassen, + und ich würde, sobald man mir nachweist, daß es im Interesse + einer gesunden und wohldurchdachten preußischen Politik liegt, + unsere Truppen mit derselben Genugtuung auf die französischen, + russischen, englischen oder österreichischen feuern sehen. In + Friedenszeiten halte ich es für mutwillige Selbstschwächung, sich + Verstimmungen zuzuziehen oder solche zu unterhalten, ohne daß + man einen praktischen politischen Zweck damit verbindet, und die + Freiheit seiner künftigen Entschließungen und Verbindungen vagen + und unerwiderten Sympathien zu opfern.« + +Es ist ein wundervolles Bild, das sich schon in diesen wenigen +Sätzen vor unseren Augen entrollt. Klar und sicher schöpft Bismarck +aus seinem weitsehenden und umfassenden Geiste die Grundsätze einer +rücksichtslos nach dem Erfolge strebenden Politik, und unbekümmert +um alle Feindseligkeiten selbst der besten Freunde hält er an diesen +Grundsätzen fest, und er führt sie zum Siege. + +Auch nach Kopenhagen und dem skandinavischen Norden führt ihn der Weg. +Wieder kommt die Jagdlust über ihn, selbst aus Näsbyholm und Tomsjonäs +und später aus Kurland fliegen die Briefe in die Heimat. Ein Ausschnitt: + + +In Sumpf und Busch + + Aus Tomsjonäs, am 16. August 1857, schreibt Bismarck: »Etwa + fünfzehn Meilen bin ich ununterbrochen im wüstesten Walde gefahren, + um hierher zu gelangen, und vor mir liegen noch fünfundzwanzig + Meilen, ehe man wieder in ackerbauende Provinzen gelangt. Keine + Stadt, kein Dorf weit und breit, nur einzelne Ansiedler und + bretterne Hütten mit wenig Gerste und Kartoffeln, die unregelmäßig + zwischen abgestorbenen Bäumen, Felsstücken und Buschwerk einige + Ruten angebautes Land finden. Denke Dir von der wüstesten Gegend + bei Viartlum etwa hundert Quadratmeilen aneinander, hohes + Heidekraut mit kurzem Gras und Moor wechselnd, und mit Birken, + Wacholder, Tannen, Buchen, Eichen, Ellern, bald undurchdringlich + dick, bald öde und dünn besetzt, das Ganze mit zahllosen Steinen, + bis zur Größe von hausdicken Felsblöcken besät, nach wildem + Rosmarin und Harz riechend; dazwischen wunderlich gestaltete + Seen, von Heidehügeln und Wald umgeben, so hast Du Småland, wo + ich mich dermalen befinde. Eigentlich das Land meiner Träume, + unerreichbar für Depeschen, Kollegen und (Manteuffel), leider + aber auch für Dich. Ich möchte wohl an einem dieser stillen Seen + ein Jagdschlößchen haben und es mit allen Lieben, die ich mir + jetzt in Reinfeld versammelt denke, auf einige Monate bevölkern. + Der Winter wäre allerdings hier nicht auszudauern, besonders + im Regenschmutz. Gestern rückten wir um fünf aus, suchten in + brennender Hitze, bergauf, bergab, durch Sumpf und Busch bis elf + und fanden gar nichts; das Gehen in Mooren und undurchdringlichen + Wacholderdickungen, auf großen Steinen und Lagerholz ist sehr + ermüdend. Dann schliefen wir in einem Heuschuppen bis zwei Uhr, + tranken viel Milch und jagten bis Sonnenuntergang, wobei wir + fünfundzwanzig Birkhühner und zwei Auer erlegten. Dann dinierten + wir auf dem Jagdhaus, einem wunderlichen Gebäude von Holz, auf + einer Halbinsel im See. Meine Kammer und deren drei Stühle, zwei + Tische und Bettstelle bieten keine andere Farbe als die roher + Fichtenbretter, wie das ganze Haus, dessen Wände daraus bestehen. + Bett sehr hart, aber nach diesen Strapazen schläft man ungewiegt. + Aus meinem Fenster sehe ich einen blühenden Heidehügel, darauf + Birken, die sich im Winde schaukeln, zwischen ihnen durch den + Seespiegel, jenseits Tannenwald. Neben dem Haus ist ein Zeltlager + für Jäger, Kutscher, Diener und Bauern aufgeschlagen, dann die + Wagenburg und eine kleine Hundestadt, achtzehn oder zwanzig Hütten + zu beiden Seiten einer Gasse, die sie bilden, aus jeder schaut ein + Gischperl müde von der gestrigen Jagd. In dieser Wüstenei denke + ich bis Mittwoch oder Donnerstag zu weilen, dann zu einer anderen + Jagd nach dem Strande zu gehen, heute über acht Tage wieder in + Kopenhagen zu sein, um der leidigen Politik willen. Was dann wird, + weiß ich noch nicht.« + +Die Zeit aber, die Bismarck in Frankfurt verleben sollte, nahte ihrem +Ende. Langsam begannen in König Friedrich Wilhelm =IV.= sich die +ersten Spuren der Geisteskrankheit zu zeigen, in der er bald völlig +versinken sollte. Ein anderer trat, zuerst als Prinzregent, an seine +Stelle: Der Mann, der alsbald Otto von Bismarck als Steuermann des +preußischen Staatsschiffes berufen und mit dem er die Fahrt antreten +sollte in Glanz und Ewigkeit. Von ihm hat später, rückblickend auf +zwei Jahrzehnte gemeinsamer Arbeit, Fürst Bismarck geurteilt: »Er +unterscheidet sich ganz und gar von den in so hoher Stellung geborenen +Menschen oder doch von den meisten derselben. Sie legen wenig Gewicht +auf die Empfindungen und Wünsche anderer; sie meinen, Menschen ihrer +Abstammung sei vieles erlaubt, ihre ganze Erziehung scheint dahin zu +zielen, in ihnen die menschliche Stimme zu ersticken; mein alter Herr +hält sich nicht für einen solchen Olympier, im Gegenteil, er ist in +jeder Beziehung Mensch und unterzieht sich jeder menschlichen Pflicht. +Er hat nie in seinem Leben jemand unrecht getan, nie das Gefühl eines +anderen verletzt, nie sich einer Härte schuldig gemacht. Er ist einer +jener Menschen, deren gütiges Naturell die Herzen gewinnt, der sich +fort und fort mit dem Wohle seiner Umgebung und seiner Untertanen +beschäftigt, geschmückt mit allen hohen Eigenschaften eines Fürsten, +mit allen Tugenden eines Menschen. Es ist unmöglich, sich einen +schöneren und wohltuenderen Typus eines Edelmannes zu denken.« Schon +seine Mutter hatte von dem Knaben geurteilt, er sei »einfach, bieder +und verständig«. Frühzeitig war ihm Bismarck nahegetreten, seiner +Bemühung und seiner steten Arbeit war es wohl zu verdanken, daß +die langen Jahre der Verbannung des Prinzen nach Koblenz ein Ende +nahmen, und wenn auch in einzelnen Fragen zwischen den beiden Männern +Gegensätze der Meinung bestanden, und wenn auch die leidenschaftliche +Art Bismarcks zuweilen die ruhige Art des Prinzen Wilhelm verletzen +oder gar abstoßen mochte, so blieb doch die Grundlage ihrer Beziehungen +schon aus den Frankfurter Zeiten her ein tiefes Vertrauen. + +[Illustration: ~Kreuzigung.~ (Französisches Flugblatt 1870)] + + + + +Petersburg und Paris + + +In Frankfurt hat sich Bismarck aus dem jungen konservativen Heißsporn, +als der er dorthin ging, nicht nur zu einem Staatsmann entwickelt, +der das ganze Gebiet der diplomatischen Routine beherrschte, sondern +er hat auch einen tiefen Einblick in die inneren Zusammenhänge, in +die Persönlichkeiten und Notwendigkeiten gewonnen. Immer fester war +seine Überzeugung geworden, daß die nationale Entwicklung Preußens +und Deutschlands auf eine kriegerische Entscheidung mit Österreich +drängte. Noch widerstreiten die Ideen, die in Berlin lebendig wurden, +seinen eigenen Auffassungen in schroffer Weise, und doch fällt schon +am Schluß seiner Tätigkeit in dem Briefe an Schleinitz das Wort vom +»Blut und Eisen«, und die scheinbaren Sympathien, die ihn an Napoleon +knüpfen, sind im Grunde nichts anderes als das Ergebnis einer kühlen +realpolitischen Auffassung. + +Aber noch trat Bismarck nicht auf seinen geschichtlichen Posten. Herr +von Schleinitz übernahm die Nachfolgerschaft Manteuffels, ein Mann, +der frühzeitig von einer grimmigen Eifersucht auf Bismarck erfüllt war +und der doch nur, als er ihn in Petersburg »kaltzustellen« suchte, die +Bahnen verfolgte, auf denen die Vorsehung ihren Liebling zum höchsten +Ziele zu geleiten gedachte. Aber die Schwierigkeiten, die er überall +fand, wirkten doch tief auf seine Stimmung, zumal da er erkannte, daß +fast alle, die im Rate des Prinzregenten saßen, nur mittelmäßige Köpfe, +vielfach auch nur Höflinge waren, daß sich unter ihnen aber keine +einzige staatsmännische Kapazität befand. In dieser Stimmung schrieb er +wohl melancholisch an die Schwester: + + +Nach neune ist alles vorbei + + »Will man mich lediglich aus Gefälligkeit für Stellenjäger + disponieren, so werde ich mich unter die Kanonen von Schönhausen + zurückziehen und zusehen, wie man in Preußen auf linke Majoritäten + gestützt regiert, mich auch im Herrenhause bestreben, meine + Schuldigkeit zu tun. Abwechslung ist die Seele des Lebens, und + hoffentlich werde ich mich um zehn Jahre verjüngt fühlen, wenn ich + mich wieder in derselben Gefechtsposition befinde wie 1848/49. + Wenn ich die Rollen des Gentleman und des Diplomaten nicht mehr + miteinander verträglich finde, so wird mich das Vergnügen oder die + Last, ein hohes Gehalt mit Anstand zu depensieren, keine Minute in + der Wahl beirren. Zu leben habe ich nach meinen Bedürfnissen, und + wenn mir Gott Frau und Kind gesund erhält wie bisher, so sage ich: + ›=vogue la galère=‹, in welchem Fahrwasser es auch sein mag. Nach + vierzig Jahren wird es mir wohl gleichgültig sein, ob ich jetzt + Diplomat oder Landjunker spiele, und bisher hat die Aussicht auf + frischen ehrlichen Kampf, ohne durch irgendeine amtliche Fessel + geniert zu sein (gewissermaßen in politischen Schwimmhosen), fast + ebensoviel Reiz für mich als die Aussicht auf ein fortgesetztes + Regime von Trüffeln, Depeschen und Großkreuzen. Nach neune ist + alles vorbei, sagt der Schauspieler.« + +Die Ernennung Bismarcks zum Gesandten am Petersburger Hofe erfolgte +erst am 29. Januar 1859. Sein letzter Bericht aus Frankfurt +beschäftigt sich mit italienischen Fragen, deren Entwicklung alsbald +so außerordentliche Konsequenzen nach sich ziehen sollte. Aber erst im +März verließ er die Stadt am Main, um seinen neuen Posten anzutreten. +Sehr hoffnungsvoll sah er, namentlich in materieller Beziehung, der +neuen Stellung nicht entgegen. So schreibt er an den Bruder: »Eine +Wohnung ist in Petersburg überhaupt nicht. Werther gab bisher 4600 +Taler Miete, ohne Möbel. Für den Umzug und die neue Einrichtung gibt +man mir 3000 Taler; darüber hinaus werde ich meinen baren Schaden auf +über 10000 anschlagen können. Ich muß sehen, wie ich später durch +Ersparnisse wieder zu meiner Auslage komme.« Auf der Durchreise +durch Berlin sprach Bismarck auch den Präsidenten der preußischen +Nationalversammlung, Herrn von Unruh. In dieser charakteristischen +Unterhaltung enthüllte Bismarck zum Erstaunen des liberalen Politikers +offen das Programm, dem er in Zukunft folgen werde. Wir staunen +vor der Klarheit und Treffsicherheit seiner Auffassung. Denn hier +bekannte Bismarck, daß er nicht mehr der Junker sei, als den ihn Unruh +in der Kammer kennen lernte, daß er den Deutschen Bund mit seiner +Kleinstaaterei aufs härteste verdamme und daß er in der Zukunft, wenn +es gelten werde auch Österreich zu überwinden, nur ~einen~ Aliierten +kenne, auf den er außer auf sein altes Preußen rechne: das deutsche +Volk. + +Ehe Bismarck nach Petersburg abreiste, hatte er noch ein merkwürdiges +Erlebnis: + + +Levinstein + + Bismarck erzählt: »Während des Aufenthalts in Berlin hatte ich + Gelegenheit, von der Verwendung der österreichischen geheimen + Fonds, der ich bis dahin nur in der Presse begegnet war, einen + praktischen Eindruck zu gewinnen. Der Bankier Levinstein, welcher + seit Jahrzehnten bei meinen Vorgesetzten und in deren vertraulichen + Aufträgen in Wien und Paris mit den Leitern der auswärtigen Politik + und mit dem Kaiser Napoleon in Person verkehrt hatte, richtete + am Morgen des Tages, auf den meine Abreise festgesetzt war, das + nachstehende Schreiben an mich: ›Ew. Exzellenz erlaube ich mir + noch hiermit ganz ergebenst gutes Glück zu Ihrer Reise und Ihrer + Mission zu wünschen, hoffend, daß wir Sie bald wieder hier begrüßen + werden, da Sie im Vaterlande wohl nützlicher zu wirken vermögen + als in der Ferne. Unsere Zeit bedarf der Männer, bedarf Tatkraft, + das wird man hier vielleicht etwas zu spät einsehen. Aber die + Ereignisse in unserer Zeit gehen rasch, und ich fürchte, daß für + die Dauer doch der Friede kaum zu erhalten sein wird, wie man auch + für einige Monate kitten wird. Ich habe heute eine kleine Operation + gemacht, die, wie ich hoffe, gute Früchte tragen soll, ich werde + später die Ehre haben, sie Ihnen mitzuteilen. — In Wien ist man + sehr unbehaglich wegen Ihrer Petersburger Mission, weil man Sie + für prinzipiellen Gegner hält. Sehr gut wäre es, dort ausgesöhnt + zu sein, weil doch früher oder später jene Mächte sich mit uns gut + verstehen werden. Wollen Ew. Exzellenz nur in einigen beliebigen + Zeilen an mich sagen, daß Sie persönlich nicht gegen Österreich + eingenommen sind, so würde das von unberechenbarem Nutzen sein. + Herr von Manteuffel sagt immer, ich sei zähe in der Ausführung + einer Idee und ruhe nicht, bis ich zum Ziele gekommen — doch fügte + er hinzu, ich wäre weder ehr- noch geldgeizig. Bis jetzt, Gott sei + Dank, ist es mein Stolz, daß noch niemand aus einer Verbindung mit + mir irgendeinen Nachteil gehabt. Für die Dauer Ihrer Abwesenheit + biete ich Ihnen meine Dienste zur Besorgung Ihrer Angelegenheiten, + sei es hier oder sonstwo, mit Vergnügen an. Uneigennütziger und + redlicher sollen Sie gewiß anderswo nicht bedient werden. + + Mit aufrichtiger Hochachtung bin ich + + Ew. Exzellenz + ganz ergebenster + B., 23. März 1859. Levinstein.‹ + + Ich ließ den Brief unbeantwortet und erhielt im Laufe des Tages + vor meiner Abfahrt zum Hotel Royal, wo ich logierte, den Besuch + des Herrn Levinstein. Nachdem er sich durch Vorzeigung eines + eigenhändigen Einführungsschreibens des Grafen Buol legitimiert + hatte, machte er mir den Vorschlag zur Beteiligung an einem + Finanzgeschäft, welches mir ›jährlich 20000 Taler mit Sicherheit‹ + abwerfen würde. Auf meine Erwiderung, daß ich keine Kapitalien + anzulegen hatte, erfolgte die Antwort, daß Geldeinschüsse zu dem + Geschäft nicht erforderlich seien, sondern daß meine Einlage + darin bestehen würde, daß ich mit der preußischen auch die + österreichische Politik am russischen Hofe befürwortete, weil die + fraglichen Geschäfte nur gelingen könnten, wenn die Beziehungen + zwischen Rußland und Österreich günstig wären. Mir war daran + gelegen, irgendwelches schriftliches Zeugnis über dieses Anerbieten + in die Hand zu bekommen, um dadurch dem Regenten den Beweis zu + liefern, wie gerechtfertigt mein Mißtrauen gegen die Politik des + Grafen Buol war. Ich hielt deshalb dem Levinstein vor, daß ich + bei einem so bedenklichen Geschäft doch eine stärkere Sicherheit + haben müßte als seine mündliche Äußerung auf Grund der wenigen + Zeilen von der Hand des Grafen Buol, die er an sich behalten + habe. Er wollte sich nicht dazu verstehen, mir eine schriftliche + Zusage zu beschaffen, erhöhte aber sein Anerbieten auf 30000 Taler + jährlich. Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß ich schriftliches + Beweismaterial nicht erlangen würde, ersuchte ich Levinstein, mich + zu verlassen, und schickte mich zum Ausgehen an. Er folgte mir auf + die Treppe unter beweglichen Redensarten über das Thema: ›Sehen + Sie sich vor, es ist nicht angenehm, die Kaiserliche Regierung zum + Feinde zu haben.‹ Erst als ich ihn auf die Steilheit der Treppe und + auf meine körperliche Überlegenheit aufmerksam machte, stieg er vor + mir schnell die Treppe hinab und verließ mich. Dieser Unterhändler + war mir persönlich bekannt geworden durch die Vertrauensstellung, + welche er seit Jahren im Auswärtigen Ministerium eingenommen, + und durch die Aufträge, welche er von dort für mich zur Zeit + Manteuffels erhielt. Er pflegte seine Beziehungen in den unteren + Stellen durch übermäßige Trinkgelder. Als ich Minister geworden war + und das Verhältnis des Auswärtigen Amts zu Levinstein abgebrochen + hatte, wurden wiederholt Versuche gemacht, dasselbe wieder in + Gang zu bringen, namentlich von dem Konsul Bamberg in Paris, der + mehrmals zu mir kam und mir Vorwürfe darüber machte, daß ich + einen ›so ausgezeichneten Mann‹, der eine solche Stellung an den + europäischen Höfen habe, wie Levinstein, so schlecht behandeln + könnte.« + +[Illustration: ~Bismarck in Petersburg kaltgestellt~ 1858 + +Auf der Flasche, deren Hals Bismarck darstellt, steht geschrieben: +»Geist der Wahrheit«, und auf den Sternen: »Einigkeit, Gerechtigkeit, +Treue, Moral«. Der alte deutsche Bund, Österreich und die heilige +Allianz tanzen um den Kübel. (Vignette von Daelen aus: »Bismarcks +Himmelfahrt«)] + +Am 23. März trat Bismarck seine beschwerliche Reise nach Petersburg +an. Die Verbindungen in jener Zeit waren nicht gerade erfreulich. Denn +die Eisenbahn führte nur bis Königsberg, von wo aus die Fahrt im Wagen +fortgesetzt werden mußte. Aber an der neuen Stätte seines Wirkens hat +sich Bismarck doch schnell zurechtgefunden. Er war bald ein ständiger +Gast des Zaren, der mit ihm eine Reihe von vertraulichen Gesprächen +führte und ihm vor allen anderen Vertretern der fremden Mächte den +Vorzug gab. Auch führte ihn Jagdlust und das Bedürfnis, Land und +Leute kennen zu lernen, immer wieder tiefer in das Innere des Landes. +»Geschäftlich«, so schrieb er einmal, »ist meine Stellung hier sehr +angenehm, habe viel zu tun mit vierzigtausend Preußen, deren Polizei, +Advokat, Richter, Aushebungsbehörde und Landrat man ist, täglich +zwanzig bis fünfzig Unterschriften, ohne Pässe. Ich bin noch immer wie +im Biwak, mit einigen in der Eile gekauften Betten, Handtüchern und +Tassen, ohne Koch und Küche, weil alles Geschirr fehlt, und bei der +Hitze ohne Sommerzeug.« Aber auch manches artige Erlebnis hatte der +Staatsmann zu verzeichnen. So erzählte er später: + + +Das =Enfant terrible= + + »Ich erinnere mich, daß einmal eine vierjährige Großfürstin sich + um den Tisch von vier Personen bewegte und sich weigerte, einem + hohen General die gleiche Höflichkeit wie mir zu erweisen. Es war + mir sehr schmeichelhaft, daß dieses großfürstliche Kind auf die + großmütterliche Vorhaltung in bezug auf mich sagte: =on milü= (er + ist lieb), in bezug auf den General hatte sie die Naivität, zu + sagen: =on wonajet= (er stinkt), worauf das großfürstliche =enfant + terrible= entfernt wurde.« + + +Merkwürdig viel Talg + + Bekannt ist, daß dem Kaiser einmal das ungewöhnliche Quantum + von Talg aufgefallen war, welches jedesmal in den Rechnungen + erschien, wenn der Prinz von Preußen zum Besuche dort war, und daß + schließlich ermittelt wurde, daß er bei seinem ersten Besuche sich + durchgeritten und am Abend das Verlangen nach etwas Talg gestellt + hatte. Das verlangte Lot dieses Stoffes hatte sich bei späteren + Besuchen in Pud verwandelt. Die Aufklärung erfolgte zwischen den + hohen Herrschaften persönlich und hatte eine Heiterkeit zur Folge, + welche den beteiligten Sündern zugute kam. + + +Die Schildwache + + Bismarck war einmal im Sommergarten zu Petersburg und traf dort + den Kaiser, mit dem er als immer gern gesehener Gesandter wenig + beschränkt verkehren konnte. Sie gingen eine Strecke miteinander + und kamen dabei an einen freien Rasenplatz, in dessen Mitte eine + Schildwache stand. Bismarck erlaubte sich die Frage, was die da + solle. Er wußte es nicht. Der Kaiser wandte sich an den Adjutanten, + der es aber auch nicht wußte. So fragen sie die Schildwache. Die + Schildwache sagt nur: =priks= — er brauchte hier das russische + Wort — es ist befohlen. Damit war uns ebensowenig geholfen, und + der Adjutant muß sich weiter erkundigen, auf der Wache beim + Offizier und dann weiter hinauf. Aber immer dieselbe Antwort: es + ist befohlen. Es wird in den Akten nachgesehen und nichts über + die Sache gefunden — es hat immer eine Schildwache dagestanden. + Endlich findet sich ein alter Lakai, der sich erinnert, daß sein + Vater, auch ein alter Lakai, ihm einmal gesagt habe, die Kaiserin + Katharina habe dort einst ein frühzeitiges Schneeglöckchen entdeckt + und Befehl gegeben, zu sorgen, daß es nicht abgepflückt werde. Man + wußte sich nicht besser zu helfen, als daß man eine Schildwache + dazu stellte, und das pflanzte sich fort. + + +Erwerbssinn + + Labouchère, der namentlich in englischen Hofkreisen gefürchtete + Herausgeber des »Truth«, erzählt folgende Bismarck-Anekdote: »Als + ich in Petersburg war, befand sich auch dort als preußischer + Gesandter Herr von Bismarck. Eines Abends dinierten wir zusammen + bei dem spanischen Gesandten, dem Herzog von Ossuna. Als wir eben + hinausgehen wollten, wandte sich Herr von Bismarck zu mir und + sagte: ›Sie haben schon soviel von preußischer Begehrlichkeit + gehört — nun können Sie sehen, was holländischer Erwerbssinn + ist.‹ Er zog mich in eine Fensternische und zeigte mir den + niederländischen Gesandten, der in die Zigarrenkiste, die zum + Gebrauch der Gäste dastand, mit zwei Händen tief hineingriff und + sich die Taschen vollstopfte.« + + +Er hält sich Bären + + Der verstorbene General Astaschew erzählte häufig, wie Bismarck in + den frühesten Morgenstunden oft auf Schneeschuhen über die Newa zu + ihm gekommen wäre und sie zusammen zur Hasenjagd gefahren seien. + Namentlich die Bärenjagd liebte Bismarck leidenschaftlich und fuhr + jährlich an zehnmal nach Luban. Auf einer solchen Jagd setzte er + selbst die großfürstlichen Förster durch seine Kaltblütigkeit in + Erstaunen. Sogar in seinem Hause hielt er junge Bären, die er oft + zum Ergötzen seiner Gäste in das Speisezimmer führen ließ, wo sie + durch ihre drollige Plumpheit Lachen erregten. Später schenkte er + die Tiere den zoologischen Gärten von Köln und Frankfurt a. M. + +In Petersburg erlitt Bismarcks Gesundheit einen schweren Stoß. Das +Venenleiden, das ihn später durch so lange Jahre furchtbar quälte, +stammte zweifellos aus jener Zeit und hat eine verhängnisvolle Rolle +wohl noch an jenem Tage gespielt, der ihn dem deutschen Volke rauben +sollte. Er schreibt an seine Schwester, er sei schon seit Monaten +nie wieder gesund geworden. Ärger, Klima und Erkältung hätten ein +ursprünglich unscheinbares Gliederreißen auf solche Höhe gebracht, daß +ihm der Atem ausbliebe und nur unter den schmerzhaftesten Anstrengungen +eingezogen werden könnte. Das Übel sei rheumatisch-gastrisch-nervös, +habe sich in der Lebergegend eingenistet und werde »mit massenhaften +Schröpfköpfen wie Untertassen und spanischen Fliegen und Senf über +den ganzen Leib bekämpft, bis es mir gelang, nachdem ich schon halb +für eine bessere Welt gewonnen war, die Ärzte zu überzeugen, daß +meine Nerven durch achtjährigen ununterbrochenen Ärger und stete +Aufregung geschwächt wären und weiteres Blutabzapfen mich mutmaßlich +typhös und blödsinnig machen würde. Gestern vor acht Tagen war es am +schlimmsten, meine gute Natur hat sich aber rasch geholfen, seitdem man +mir Sekt in mäßigen Quantitäten verordnet hat.« Später hat Bismarck +mit tiefer Bitterkeit die Schuld an seinem schmerzhaften Leiden auf +einen Charlatan zurückgeführt, einen sogenannten »Professor« Walz, +der ihm ein Pflaster in die Kniekehle legte, das ihm furchtbare +Schmerzen brachte und das er, da die Qual unerträglich wurde, abriß, +ohne daß er seine Bestandteile von der schon wundgerissenen Kniekehle +entfernen konnte. Augenscheinlich war eine schwere Blutvergiftung durch +die Unwissenheit und die Gewissenlosigkeit des Arztes herbeigeführt +worden. Es kam so weit, daß der berühmte Chirurg Pirogoff Bismarck +den Rat gab, sich das Bein hoch über dem Knie amputieren zu lassen. +Erst zu Anfang März 1860, nach langen Qualen, war Bismarck so weit +gesundet, daß er nach Berlin reisen konnte, um an den Sitzungen +des Herrenhauses teilzunehmen. Das Bein blieb noch lange schwach, +die Nerven rebellierten, und der Schlaf blieb aus. Ein schweres +rheumatisches Fieber mit Affektion der Brustmuskeln folgte noch auf dem +Wege nach Petersburg, und monatelang mußte er bei seinem Freunde Below +in Hohendorf auf Gesundung harren. Es war so weit, daß er nach einem +halben Jahre an den Freund schreiben konnte: »Ich glaubte vor sechs +Monaten nicht, noch einmal blühenden Rasen von oben ansehen zu können.« + +Endlich traf er wieder in Petersburg ein, jetzt in Begleitung der +Seinen. Sein Befinden besserte sich ungemein schnell, und die Aufnahme +in der russischen Gesellschaft war mehr als herzlich. Nur die Intrigen +seiner früheren Gesinnungsgenossen gegen den »Abtrünnigen«, die es ihm +schwer verargten, daß er mit den Einheitsbestrebungen der Italiener +sympathisierte, machten ihm schweren Ärger. Aus jenen Tagen stammt +sein Wort: »Wenn ich einem Teufel verschrieben bin, so ist es ein +teutonischer und kein gallischer.« Eine Begegnung mit dem leitenden +preußischen Minister, Fürsten von Hohenzollern, von der der Fürst +berichtet, daß die Kühnheit der Ansichten Bismarcks, sein Feuer +und seine Wahrheitsliebe auf ihn einen tiefen und unauslöschlichen +Eindruck machten, führte zu erneuter Prüfung des Planes, ihn in das +Ministerium zu berufen. Bismarck wurde nach Berlin befohlen, aber nur +einer der Minister, Albrecht von Roon, trat außer dem Fürsten von +Hohenzollern für ihn ein, nachdem er sein Programm dargelegt, die +Führung mit Rußland empfohlen und die unausbleibliche Notwendigkeit +einer endgültigen Auseinandersetzung mit Österreich bewiesen hatte. So +mußte Bismarck noch einmal nach Petersburg zurückkehren, zumal da auch +der Prinzregent befürchten mochte, daß in dem soeben entbrannten Kampfe +um die Heeresreform die scharfausgeprägte Persönlichkeit des Diplomaten +die Gegnerschaft verstärken und die Leidenschaften noch heißer +entfesseln würde. Am 28. Juni 1861 ist dann das erste Telegramm Roons +an den Freund gelangt: »Es ist nötig, die beabsichtigte Urlaubsreise +unverzüglich anzutreten, =periculum in mora=.« Aber auch da war der +Moment noch nicht gekommen für Bismarcks Wirksamkeit. In seiner Antwort +an Roon schrieb er mit einer Art von melancholischer Ironie, wie ihn +sein Kommando »an die Pferde« mit schrillem Mißklang »in dem Streit +wohltuender Gefühle für junge Auerhühner einerseits und Wiedersehen von +Frau und Kindern andererseits« getroffen habe; er sei geistesträge, +matt und kleinmütig geworden, seitdem ihm das Fundament der Gesundheit +abhanden kam. Aber selbst wenn er gesund wäre, würde er eine Politik +nicht vertreten können, die liberal in Preußen und konservativ im +Auslande sei, die des eigenen Königs Rechte wohlfeil gibt, die Rechte +fremder Fürsten aber hochhält. Er müsse eine andere Färbung der +auswärtigen Politik fordern. Und nun folgte das vielzitierte Wort: »Ich +bin meinem Fürsten ~treu bis in die Vendée~, aber gegen alle anderen +fühle ich in keinem Blutstropfen eine Spur von Verbindlichkeit, den +Finger für sie aufzuheben.« Auch der Kammer gegenüber verlangte er +eine stramme Haltung und, wenn es nötig ist, die Auflösung selbst auf +die Gefahr hin, zu schlechte Wahlen zu erlangen. In einer Nachschrift +schreibt er dann: + + +Der Entensteiß + + »Wenn ich den Newaspiegel in der hellen Nacht vor mir sehe, über + den Brief hinweg, so wird der Wunsch in mir lebhaft, daß ich + nächstes Jahr noch hier sitze. Der Mensch gewöhnt sich an alles, + auch an sechzig Grad Breite, und Umziehen, Streiten, Ärgern und + die ganze Knechtschaft Tag und Nacht bilden eine Perspektive, bei + der ich schon heute Heimweh nach Petersburg oder Reinfeld habe. + In besserer Gesellschaft, wie in der Ihrigen, kann ich niemals in + den Schwindel hineingeraten; aber auf der Sabower Heide hinter den + Rebhühnern war es für uns beide behaglicher. Ich werde mich nicht + drücken, denn ich mag mir keiner Feigheit bewußt sein, aber wenn + in vierzehn Tagen dieses Gewitter spurlos an mir vorübergegangen + und ich ruhig bei Muttern wäre, so würde ich mir einen Entensteiß + wünschen, um vor Befriedigung damit wackeln zu können.« + +In jene Zeiten fällt, als eine Folge der Unterhaltungen mit seinem +alten Herrn, Bismarcks Denkschrift über die deutsche Frage, die den +maßgebenden Einfluß auf die nächste Gestaltung der Dinge ausüben sollte +und die auch heute noch ein Meisterwerk des politischen Fernblicks und +der intuitiven Erkenntnis der möglichen Mittel ist. Aber Bismarck blieb +auch nach dem Rücktritt des Herrn von Schleinitz von der Leitung des +Auswärtigen Amtes auf seinem Petersburger Posten; erst im April war +seine Abberufung entschieden. Dennoch blieb seine Zukunft unsicher, +und Freund Roon bekam nur die resignierten Zeilen: »In vierzehn Tagen +hoffe ich bei Ihnen zu sein und diesem Leiden von Abschiedsaudienz, +Visiten, schlechten Verkäufen und packenden Hammerschlägen ein Ende zu +machen. Ich weiß nur, daß ich nach Paris oder London gehe, nicht nach +welchen von beiden.« Und wieder einen Monat später mußte er der Gattin +schreiben: »Unsere Zukunft ist noch ebenso unklar wie in Petersburg; +Berlin steht mehr in dem Vordergrund. Ich tue nichts dazu und nichts +dagegen, trinke mir aber einen Rausch, wenn ich erst meine Beglaubigung +für Paris in der Tasche habe.« + +Ob Bismarck sich diesen Rausch angetrunken hat, vermeldet die +Geschichte nicht; Tatsache aber ist es, daß er zum großen Erstaunen +seiner Freunde nach Paris gesandt wurde, und daß König Wilhelm abermals +die Entscheidung bis zu schlimmeren Tagen aufschob. Der Aufenthalt in +Paris trug also von vornherein den Charakter des Interimistischen; +was aber Roon erwartet und mit aller Sorglichkeit vorbereitet hatte, +das geschah dennoch. Bismarck verließ Paris, um an die Spitze des +Kampfministeriums zu treten. Welchen Ruf er aber schon damals in der +europäischen Diplomatie genoß und wie man ihn dennoch verkannte, +beweist ein Ausspruch, den Graf Rechberg gegen den französischen +Gesandten, Herzog von Grammont, tat: »Wenn Herr von Bismarck eine +vollkommene diplomatische Erziehung gehabt hätte, so wäre er einer der +ersten Staatsmänner Deutschlands, wenn nicht der erste. Er ist mutig, +fest, erregt, voll feurigen Eifers; aber unfähig, eine vorgefaßte Idee, +ein Vorurteil, eine Parteimeinung irgendwelcher Erwägung einer höheren +Ordnung zu opfern; er hat nicht den praktischen Sinn für Politik; er +ist ein Parteimann in des Wortes verwegener Bedeutung, und da er Reiz +und Einfluß in den Geschäften hat und außerdem uns feindlich gesinnt +ist, so betrachten wir seine Ernennung zum Gesandten in Paris nicht +ohne Mißvergnügen und Unruhe. Jedenfalls ist es kein Freund, den wir +dort haben werden.« Der Adressat der Worte Rechbergs, Herzog von +Grammont, hat es später erproben dürfen, wie dieses Urteil zugleich +richtig und doch im letzten Sinne auch völlig falsch gewesen ist. + +[Illustration: ~Bismarck und Borussia~ + +Borussia: »Es jeht nicht, jutester Bismarck, aus des Junkerjewand bin +ick doch schonst herausjewachsen.« (»Figaro«, 1862)] + + +Napoleon und Eugenie + + »Napoleon empfing mich freundlich, sieht wohl aus, ist etwas + stärker geworden, aber keineswegs dick und gealtert, wie man + ihn zu karikieren pflegt. Die Kaiserin ist noch immer eine der + schönsten Frauen, die ich kenne trotz Petersburg; sie hat sich + eher emballiert. Unseren freundschaftlichen Nachbarn habe ich + ruhig, sehr wohlwollend für uns und sehr geneigt gefunden, die + Schwierigkeiten der deutschen Frage zu besprechen. Ich kam + aber beim Kaiser etwas in die Lage Josephs bei der Frau von + Potiphar. Er hatte die unzüchtigsten Bündnisvorschläge auf der + Zunge; wenn ich etwas entgegengekommen wäre, so hätte er sich + deutlicher ausgesprochen. Er ist ein eifriger Verfechter deutscher + Einheitspläne, d. h. kleindeutscher, nur kein Österreich darin; wie + schon einmal vor fünf Jahren mir gegenüber, wollte er, daß Preußen + eine Seemacht wenigstens zweiten Ranges werden und die dazu nötigen + Häfen besitzen müsse. Er ließ sich von mir den Jadebusen auf der + Karte zeigen und fand die Einschachtelung in Oldenburg und dann in + Hannover eine »Absurdität«. Merkwürdig ist die abweichende Politik + der Kaiserin; sie ist katholisch, päpstlich, konservativ für das + Ausland: sogar österreichisch. + +Während der Pariser Zeit, die durch ihren interimistischen Charakter +dem Gesandten jede Möglichkeit raubte sich einzurichten und Ruhe zu +finden, die ihm die Klage in den Mund gab, daß er sich einsam fühle +mitten in dem großen Paris, ist Bismarck auch nach London gereist, +wo er sowohl Disraeli wie Palmerston kennen lernte. Der spätere Lord +Beaconsfield soll damals die Äußerung getan haben: »Geben Sie wohl +acht auf diesen Mann, ~er meint, was er sagt~.« Im übrigen klagt er +immer wieder darüber, daß er in Paris gar nichts zu tun habe, er könne +dieses »Nichtwohnen« auf die Länge nicht aushalten, dazu sei er nicht +Fähnrich genug. Wenn er aber in die Galeere eintreten solle, so müsse +er etwas Gesundheitsvorrat sammeln, Paris sei ihm bis jetzt schlecht +genug bekommen mit dem Hundebummelleben als Garçon. Immer verzweifelter +klingen die Briefe Roons, immer heftiger drängt er den König zur +Berufung des Mannes, der allein die Rettung bringen könnte. Aber noch +sollten Wochen vergehen. Noch mußte er im September der Gattin klagen: +»Gewißheit ist jetzt nötig, oder ich nehme Knall und Fall meinen +Abschied«, und dem Freunde verzweifelt schreiben: »Schaffen Sie mir +endlich diese oder jede andere Gewißheit, und ich male Engelsflügel an +Ihre Photographie.« Da traf ihn in Avignon, wohin ihn die Urlaubsreise +führte, Roons weltgeschichtlich berühmte Depesche: »~Die Birne ist +reif~«, das Stichwort, das ihn nach Berlin berief. Denn dort hatte die +Krisis ihren Höhepunkt erreicht, dort steuerte man der Entscheidung +zu. In Babelsberg war es, wo Roon dem Könige den Rat gab: »Berufen +Ew. Majestät doch Bismarck!« Auf die zaghafte Antwort des Monarchen: +»Er wird nicht wollen, wird es jetzt auch nicht übernehmen; er ist +auch nicht da, es kann mit ihm nichts besprochen werden«, konnte Roon +erwidern: »Er ist hier, er wird Ew. Majestät Ruf bereitwillig folgen.« +Als noch an demselben Tage Bismarck in Babelsberg erschien, hatte der +König bereits seine Abdankung unterschrieben: Er bebte vor dem Kampfe +mit dem eigenen Volke zurück. Als das letzte Mittel der Verzweiflung +sollte Bismarcks Berufung dienen. + +[Illustration: ~Bismarcks Abschied von Napoleon nach seiner Berufung +als Minister~ + +»=Monsieur le comte Bismarck=, Sie reisen? Nun wenden Sie hübsch an +auf Preußen, was Sie dahier bei mir gesehn! Und im Land der deutschen +Eiche, da können die Dezemberstreiche auch im Oktober schon geschehn.« +(»Frankf. Laterne«, Oktober 1862)] + +Über die entscheidende Begegnung hat dieser später selbst berichtet: +Als er erschienen sei, habe der König bereits die Urkunde der Abdankung +vor sich liegen gehabt und beabsichtigt, den Kronprinzen rufen zu +lassen, um die Regierung in seine Hände zu legen, falls Bismarck seine +Hilfe versagen sollte. Da ist es geschehen, daß Bismarck seinen greisen +Herrn »am Portepee und an der preußischen Offiziersehre faßte«. + +In seinen letzten Erinnerungen stellt Bismarck die erschütternde Szene +von Babelsberg in folgender Weise dar: + + +Babelsberg + + »Am 20. September morgens in Berlin angelangt, wurde ich zu dem + Kronprinzen beschieden. Auf seine Frage, wie ich die Situation + ansähe, konnte ich nur sehr zurückhaltend antworten, weil ich + während der letzten Wochen keine deutschen Zeitungen gelesen und + in einer Art von =dépit= mich über heimische Angelegenheiten nicht + informiert hatte. Ich war mit der Situation in ihren Einzelheiten + nicht so vertraut, daß ich dem Kronprinzen ein programmartiges + Urteil hätte abgeben können; außerdem hielt ich mich auch nicht + für berechtigt, mich gegen ihn früher zu äußern als gegen den + König. Den Eindruck, den die Tatsache meiner Audienz gemacht hatte, + ersah ich zunächst aus der Mitteilung Roons, daß der König mit + Bezug auf mich zu ihm gesagt habe: ›Mit dem ist es auch nichts; er + ist ja schon bei meinem Sohne gewesen.‹ In der Tat war mir jeder + Gedanke an Abdikation des Königs fremd, als ich am 22. September + in Babelsberg empfangen wurde, und die Situation wurde mir erst + klar, als Se. Majestät sie ungefähr mit den Worten präzisierte: + ›Ich will nicht regieren, wenn ich es nicht so vermag, wie ich + es vor Gott, meinem Gewissen und meinen Untertanen verantworten + kann. Das kann ich aber nicht, wenn ich nach dem Willen der + heutigen Majorität des Landtages regieren soll, und ich finde keine + Minister mehr, die bereit wären, meine Regierung zu führen, ohne + sich und mich der parlamentarischen Mehrheit zu unterwerfen. Ich + habe mich deshalb entschlossen, die Regierung niederzulegen, und + meine Abdikationsurkunde, durch die angeführten Gründe motiviert, + bereits entworfen.‹ Der König zeigte mir das auf dem Tische + liegende Aktenstück in seiner Handschrift, ob bereits vollzogen + oder nicht, weiß ich nicht. Seine Majestät schloß, indem er + wiederholte, ohne geeignete Minister könne er nicht regieren. Ich + erwiderte, es sei Sr. Majestät schon seit dem Mai bekannt, daß + ich bereit sei, in das Ministerium einzutreten, ich sei gewiß, + daß Roon mit mir bei ihm bleiben werde, und ich zweifelte nicht, + daß die weitere Vervollständigung des Kabinetts gelingen werde, + falls andere Mitglieder sich durch meinen Eintritt zum Rücktritt + bewogen finden sollten. Der König stellte nach einigem Erwägen und + Hin- und Herreden die Frage, ob ich bereit sei, als Minister für + die Militär-Reorganisation einzutreten, und nach meiner Bejahung + die weitere Frage, ob auch gegen die Majorität des Landtages und + deren Beschlüsse. Auf meine Zusage erklärte er schließlich: ›Dann + ist es meine Pflicht, mit Ihnen die Weiterführung des Kampfes zu + versuchen, und ich abdiziere nicht.‹« + +[Illustration: ~Bismarck-Schönhausen~: + +»Es gibt eine Grenze dessen, was ein König von Preußen anhören kann.« — +Im Oktober 1862 hatte Bismarck zum ersten Male den Landtag heimgesandt +und jedes Entgegenkommen in der Heeresfrage schroff zurückgewiesen. +(»Frankf. Laterne«, Okt. 1862)] + +Ein Bericht über diese entscheidende Szene, der gleichfalls auf den +Fürsten Bismarck zurückzuführen ist, stellt sie in folgender, ähnlicher +Weise dar: + + Als Bismarck die Abdankungsurkunde ansah und bemerkte, dahin dürfe + es in Preußen nicht kommen, erwiderte der König: »Ich habe alles + versucht und sehe nirgends einen Ausweg. Gegen meine Überzeugung + kann ich nicht regieren, meine Minister sind gegen mich, mein + Sohn hat sich auf ihre Seite gestellt. Auch Sie sind ja bereits + bei ihm gewesen. Komme ich mit Ihnen zu keiner Verständigung, + so lasse ich dies hier in den Staatsanzeiger setzen und dann + mag mein Sohn zusehen, wie er fertig wird. Die Preisgebung der + Armeereorganisation ist gegen meine Überzeugung, und gegen diese + zu handeln, würde mir als eine Pflichtwidrigkeit erscheinen.« + Bismarck entgegnete: Er sei bei dem Kronprinzen nur gewesen, + weil Se. Königliche Hoheit ihn sofort nach seiner Ankunft in + Berlin zu sich befohlen habe. Auf Befragen des Kronprinzen über + seine Absichten habe er erwidert: er müsse zuvor die Wünsche Sr. + Majestät kennen lernen. Vor allen Dingen aber bitte er den König, + die Abdankungsurkunde und alle auf Abdankung bezüglichen Gedanken + aufzugeben. Der König wog das Blatt in der Hand und fragte: »Wollen + Sie es versuchen, ohne Majorität zu regieren?« — »Ja.« — »Ohne + Budget?« — »Ja.« — »Dann sehen Sie hier mein Programm.« Der König + wies dann auf einem Spaziergang durch den Park Herrn von Bismarck + nun ein sechs oder mehr Quartseiten umfassendes, mit seiner kleinen + Handschrift eng beschriebenes Schriftstück. Bismarck fing an zu + lesen. Obenan stand die Frage der Kreisordnung, bei welcher über + die Vertretung der Rittergüter und der Städte auf den Kreistagen + ein harter Kampf entbrannt war. Bismarck sagte zum König: »Ew. + Majestät, es handelt sich jetzt doch nicht um die Frage, ob auf + den Kreistagen der Städter oder der Junker das Übergewicht haben + soll, sondern ob in Preußen die Krone oder die Majorität des + Abgeordnetenhauses regieren soll. Ist diese Frage entschieden, + so ordnen sich die anderen von selbst. Wenn Ew. Majestät mir + das Vertrauen schenken, so bin ich bereit, die Geschäfte zu + übernehmen, aber ohne Programm. In einer so schwierigen Lage ist + ein geschriebenes Programm für Ew. Majestät wie für mich bindend + und kann unter Umständen erschwerend wirken. Zunächst gilt es doch, + die Hauptfrage zu entscheiden.« + +[Illustration: ~In der Konfliktszeit als Koriolan~ + + »Wir zeihen dich böslichen Versuchs, + Behörden Roms und gültig Recht zu stürzen...« + Koriolan: »Verräter ich ... du lügst!« + Sicinius: »Hörst du es, Volk?« + Die Bürger: »Zum Fels, zum Fels mit ihm!« + + (»Kladderadatsch«, März 1895)] + +Bismarck sagt dann weiter: + + »Es gelang, den König zu überzeugen, daß es sich für ihn nicht + um konservativ oder liberal in dieser oder jener Schattierung, + sondern um Königliches Regiment oder Parlamentsherrschaft handle, + und daß die letztere unbedingt und auch durch eine Periode der + Diktatur abzuwenden sei. Ich sagte: ›In dieser Lage werde ich, + selbst wenn Ew. Majestät mir Dinge befehlen sollten, die ich nicht + für richtig hielte, Ihnen zwar diese Meinung offen entwickeln, + aber wenn Sie auf der Ihrigen schließlich beharren, lieber mit dem + Könige untergehen, als Ew. Majestät im Kampfe mit dem Parlament + im Stiche lassen.‹ Diese Auffassung war damals durchaus lebendig + und maßgebend in mir, weil ich die Negation und die Phrase der + damaligen Opposition für politisch verderblich hielt im Angesicht + der nationalen Aufgaben Preußens, und weil ich für Wilhelm =I.= + persönlich so starke Gefühle der Hingebung und Anhänglichkeit + hegte, daß mir der Gedanke, in Gemeinschaft mit ihm zugrunde + zu gehen, als ein nach Umständen natürlicher und sympathischer + Abschluß des Lebens erschien. Nach einigem Nachdenken willigte der + König ein. Man befand sich auf einer Brücke über einer kleinen + Schlucht im Park; der Monarch begann das Programm zu zerreißen + und die Stücke fallen zu lassen. Bismarck nahm sie wieder auf, + indem er sagte: ›Wollen Ew. Majestät das Papier nicht lieber dem + Kamin anvertrauen? Hier könnte es doch aufgefunden werden, und ein + jeder kennt hier Ew. Majestät Handschrift.‹ Der König steckte das + Programm in die Brusttasche seines Interimsrockes, besprach mit + Bismarck die behufs der Erneuerung zu erledigenden Formalitäten, + wobei er u. a. betonte, dem Fürsten Hohenzollern, der damals noch + formell Ministerpräsident war, selbst schreiben zu wollen, und + wandte sich dann zum Gehen. War seine Haltung vor der Unterredung + die eines tiefgebeugten Mannes gewesen, so schritt er jetzt + aufrecht, fest und straff von dannen.« + +Wer hat damals wohl geahnt, daß mit diesem Tage eine neue Ära für +Preußen und Deutschland und auch für Europa begann! Wie wenige wußten +etwas von Bismarcks Entwicklung! Alle Welt sah in ihm den kecksten +Vorkämpfer der feudalen Partei, den frechsten Gegner alles liberalen +Strebens, den Redner, der alle großen Städte vom Erdboden vertilgen +wollte, der den Liberalen den drohenden Zuruf entgegengeschleudert +hatte: »Das stolze Roß Borussia wird bald genug die parlamentarischen +Sonntagsreiter in den Sand setzen«, und prophezeit hatte, daß +das Narrenschiff der Zeit an dem Felsen der christlichen Kirche +scheitern werde. Sein Name steigerte die Aufregung der Gemüter in das +grenzenlose. Jetzt sei der letzte Schleier zerrissen; dieser märkische +Junker, der einst den ersten Schritten zur Verfassung widersprach, +der in Erfurt sich gegen die deutsche Einheit erhob, der die ehrlose +Politik von Olmütz verteidigt habe, um dann im Bundestag eine seiner +Gesinnung entsprechende nahrhafte Unterkunft zu finden, dieser +servile Aristokrat habe sich jetzt von Napoleon in den Künsten des +Staatsstreiches unterrichten lassen und hoffe, mit Kartätschensalven +die Fetzen der Verfassung in alle Winde zu jagen. Hier heiße es also, +fest auf dem Boden des Gesetzes zusammenzustehen, jede unwürdige +Schwäche abzuwerfen und an keiner Stelle das geringste Atom des +beschworenen Verfassungsrechtes mit feiger Nachgiebigkeit zu opfern. + +Steil und steinig lag jetzt Bismarcks Weg vor ihm. Aber das Bündnis +zwischen dem König und dem Minister, das damals in der Glut heißer +Seelennöte und höchster Gefahren geschweißt worden ist, hielt aus. +Fortan trug nicht mehr König Wilhelm, sondern Otto von Bismarck die +Last des deutschen Schicksals. + +[Illustration: Wie Bismarck die Opposition einfängt. (»La Lune, 7. +April 1863«)] + +[Illustration: »Bismarck ist der Staatsstreich«, riefen seine Gegner. — +Er zeigt, daß er von seinem Lehrmeister Napoleon gelernt hat. + +~Fibelvers für Berliner Kinder~: + +Wenn man mit Leim die Stiefel schmiert, der Affe leicht gefangen wird. + +(»Figaro«, Januar 1863)] + + + + +Die Konfliktszeit + + +Als Otto von Bismarck vom Kaiser Napoleon in denselben Gemächern zu +St. Cloud Abschied nahm, in denen einst Karl =X.= die verhängnisvollen +Juli-Ordonnanzen unterschrieb, war der Abschiedsgruß des französischen +Herrschers, das Schicksal Polignacs nicht zu vergessen. Und als er in +der preußischen Hauptstadt eintraf, da empfing ihn die Frage: »Wer +in Himmels Namen ist dieser Bismarck, daß man ihn auf einen so hohen +Posten stellt?« Und die Antwort hieß: Ein »prahlender Junker«, ein +»hohler Großsprecher«, der »Napoleonverehrer« und »Städtevertilger«. +Und nur wenige Getreue traten vertrauend an seine Seite. + + +Wann hätte er einen Gedanken gehabt! + + Die »Berliner Allgemeine Zeitung« entwarf von Bismarck folgende + Charakteristik: »Als ein Landedelmann von mäßiger politischer + Bildung, dessen Einsichten und Kenntnisse sich nicht über das + erheben, was das Gemeingut aller Gebildeten ist, begann er seine + Laufbahn. Den Höhepunkt seines parlamentarischen Ruhmes erreichte + er in der Revisionskammer von 1849 und im Unionsparlamente 1850. Er + trat in seinen Reden schroff und rücksichtslos auf, nonchalant bis + zur Frivolität, mitunter witzig bis zur Derbheit, aber wann hätte + er einen politischen Gedanken geäußert?« + +Vier lange Jahre hatte der Konflikt bereits gedauert. Nicht den Kampf +allein um die Heeresmacht, um die Schlagfertigkeit Preußens galt es zu +führen, sondern auch den Kampf um das Königtum und sein Recht. Es galt, +Deiche und Dämme zu schaffen, daß nicht die parlamentarische Welle +hinüberflute und das Königsrecht verderbe. Und schon glaubten König +Wilhelms Getreue, daß alles verloren sei, und doch war gerade jetzt +alles gewonnen. Denn eine neue Armee zog heran, und diese Armee hieß — +Bismarck. Welcher Geist ihn beseelte, welche Gefahren ihm drohten, das +zeigen deutlicher als alles zwei Worte, die er in jenen Tagen sprach: +»Der Tod auf dem Schafott ist unter Umständen ebenso ehrenvoll wie der +auf dem Schlachtfelde«, und »Ich kann mir schlimmere Todesarten denken +als die Hinrichtung«. Und das erste Wort, das er zu den Volksvertretern +sprach, war das Wort vom »Eisen und Blut«. + +Wie der Konflikt entstand? Nur wenige Daten: Im Juli 1858 hatte Roon +seine »Bemerkungen und Entwürfe zur vaterländischen Heeresverfassung« +an den Prinzregenten nach Baden-Baden gesandt. Sie waren die Antwort +auf die Frage, durch welche Mittel Preußen seine welthistorische +Aufgabe zu behaupten, seine politische Mission zu erfüllen vermag. Die +Antwort forderte die Herstellung und Erhaltung eines schlagfertigen +Heeres, die Umwandlung des preußischen Volkes in ein Volk in Waffen. +Der Landtag opponierte, die Liberalen und Minister neigten zu +schwächlichen Kompromissen. Man war bereit, einen einmaligen Kredit zu +bewilligen, wollte jedoch nicht, daß die neuen Truppen einen ständigen +unanfechtbaren Posten im Budget einnehmen sollten. Der Konflikt war vor +allem heftig entbrannt, als Roon erklärte, daß die Regierung nicht von +der dreijährigen Dienstzeit lassen werde, und als er der Kammer das +Recht bestritt, die Mittel für die neuen Regimenter stets von neuem zu +bewilligen oder nach Willkür abzulehnen. Hier sahen die Volksvertreter +ihr vornehmstes Recht, das Budgetrecht, in schwerer Gefahr. So lehnten +sie jeden Mann und jeden Groschen, die Kosten der Heeresreform und des +neuen Flottengründungsplanes ab, strichen mit 273 gegen 68 Stimmen +die gesamten Heeresforderungen aus dem Budget für 1862 und nahmen +dieses verstümmelte Budget mit 308 gegen 11 Stimmen an. Ein Kabinett +war dem anderen gefolgt, da erschien die königliche Order, die den +Prinzen Hohenlohe-Ingelfingen von dem Vorsitz entband und zunächst +interimistisch, wenige Tage darauf dauernd Herrn von Bismarck jenes Amt +übertrug, das er durch ein Menschenalter zu Deutschlands Segen geführt +hat. Scherz und Spiel waren vorbei, der grimme Männerkampf begann. + +Mit unbeschreiblicher Energie ging Bismarck vor. Er war fest +entschlossen, die Armee, wie sie der König organisierte, nicht um einen +Mann vermindern zu lassen, und er blieb dem Ziele getreu, auch als +man ihn mit Verbannung und Schafott bedrohte. »Was liegt daran,« so +sagte er zu dem den Gegnern geneigten Kronprinzen, »wenn man mich auch +hängt, wenn nur der Strick Ihren Thron fest an das geeinte Deutschland +bindet.« Wer ahnte damals, daß er den Kampf schon führte, um für die +Einigung Deutschlands den Grundbau zu schaffen. Bismarck wollte Preußen +instandsetzen, den Deutschen das Gesetz aufzuerlegen, nicht aber, es +von ihnen zu empfangen. In der Armee lag der Hebel der Macht; ihr +verdankte Preußen seine europäische Stellung; sie war das Bollwerk in +der Revolutionszeit gewesen; sie durfte nicht dem populären Andrang +und dem Parteileben überliefert werden. Hier galt der liberale Einwurf +von der unerschwinglichen Höhe der Kosten nichts mehr. Die Zukunft +bewies schon nach dem ersten Waffengange, daß auf dieser Seite ein +unübersteigliches Hemmnis nicht gegeben war. + +Und nun begann der Kampf mit allen seinen Wechselfällen, ein Kampf, +in dem ein Einzelner gegen Tausende rang. Die Worte, mit denen schon +Roon sein Amt angetreten hatte: »Es gilt Großes zu leisten, nur ein +Schelm denkt allein an sich; das Reformwerk ist eine Existenzfrage +für Preußen, es muß vollbracht werden«, blieben auch der Leitfaden +Bismarcks. Schwer hatte sich König Wilhelm zu ihm bekehrt. Seine +eigene gerade milde Art, die so fern war von jeder Verwegenheit, seine +sittlich empfindliche Natur mußte von Bismarcks dämonischer Kraft +zurückgestoßen werden; sie mußte sich selbst erst überwinden, ehe sie +sich dem Manne der Leidenschaft, des zwingenden Willens hingab. + +Am 29. September 1862 begann der Kampf. Da führte sich Bismarck in der +Budgetkommission mit den vielzitierten Worten ein: + + +Eisen und Blut + + Der Konflikt wird zu tragisch aufgefaßt und von der Presse zu + tragisch dargestellt; die Regierung sucht keinen Kampf. Kann die + Krisis mit Ehren beendigt werden, so bietet die Regierung gern die + Hand dazu. Die große Selbständigkeit des einzelnen macht es in + Preußen schwierig, mit der Verfassung zu regieren; in Frankreich + ist das anders: da fehlt die individuelle Selbständigkeit. Eine + Verfassungskrisis ist aber keine Schande, sondern eine Ehre. Wir + sind vielleicht zu gebildet, um eine Verfassung zu ertragen — wir + sind zu kritisch! Die öffentliche Meinung wechselt; die Presse + ist nicht die öffentliche Meinung: man weiß, wie sie entsteht. + Es gibt zu viel katilinarische Existenzen, die ein Interesse an + Umwälzungen haben; die Abgeordneten aber haben die Aufgabe, die + Stimmung zu leiten, über ihr zu stehen. — Wir haben zu heißes + Blut, wir haben die Vorliebe, eine zu große Rüstung für unsern + schmalen Leib zu tragen, nur sollten wir sie auch nützen. Nicht auf + Preußens Liberalismus sieht Deutschland, sondern auf seine Macht. + Bayern, Württemberg und Baden mögen deren Liberalismus indulgieren, + darum wird ihnen doch niemand Preußens Rolle anweisen. Preußen + muß seine Macht zusammenhalten auf den günstigen Augenblick, der + schon einige Augenblicke verpaßt ist; Preußens Grenzen sind zu + einem gesunden Staatskörper nicht günstig. Nicht durch Reden und + Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden + — das ist der Fehler von 1848 und 1849 gewesen —, sondern ~durch + Eisen und Blut~. Diesen Olivenzweig (der Minister zog ihn aus + seinem Notizbuche) habe ich in Avignon gepflückt, um ihn der + Volkspartei als Friedenszeichen anzubieten; ich sehe jedoch, daß es + noch nicht Zeit dazu ist. + +Man hat den Zweig von Avignon nicht angenommen. Woher dieser Zweig +stammte? Man hat es dreißig Jahre später erfahren. + + +Der Ölzweig von Avignon + + Am 5. September 1862 speiste Herr von Bismarck, damals auf einer + Reise durch die Pyrenäen begriffen, mit Herrn Lüning, einem + Frankfurter Patrizier, und seiner jungen Frau im Hotel Beau Séjour + in Avignon und machte nach der gemeinsamen Table d’hote mit dem + Hochzeitspaar einen Ausflug in die Umgebung. Hier empfing Bismarck, + als er neben der jungen Dame im Fond der Equipage Platz genommen + hatte, eine Depesche aus Berlin. Man fuhr über die prächtige + Kettenbrücke am Rhoneufer entlang bis hinaus, wo zwischen reizenden + kleinen Besitzungen die Weinberge mit den Olivenhainen wechseln. + Hier stieg man aus und promenierte in der balsamischen Luft. + Madame Lüning brach einen Doppelzweig von einem jungen Ölbaum, + überreichte ihn graziös Herrn von Bismarck und meinte: »Möchte er + Ihnen als Friedenskündiger mit Ihren Gegnern nützlich sein.« — »Ich + akzeptiere nur die Hälfte«, erwiderte dieser lächelnd, und eine + Rose brechend und ihr die andere Hälfte des Zweiges als dunkle + Folie gebend, fügte er hinzu: »Die andere Hälfte hinter dieser Rose + künde Ihnen, gnädige Frau, den ewigen Frieden in Ihrer glücklichen + Ehe!« Herr von Bismarck zog eine kleine Brieftasche hervor und + barg darin sorgfältig den Ölzweig. Als man aber in der Kommission + nur ein Lächeln für seine Worte hatte, da zerdrückte seine Rechte + krampfhaft das Zweiglein mit den welken Blättern und ließ den Staub + zur Erde sinken. + +Nur wenige verstanden Bismarck, nur wenige folgten ihm. Und doch konnte +schon damals ein kluges Auge erkennen, daß es seine Absicht war, den +»Souveränitätsschwindel des Parlamentes durch eine starke Auswärtige +Politik aus dem Sattel zu heben«. Wie er sie durchführen wollte? +Vorsichtig bei aller Leidenschaft. »Ich treibe jetzt«, so sagte er +einmal, »Auswärtige Politik, wie ich früher auf die Schnepfenjagd ging, +und setze nicht eher den Fuß vorwärts, als bis ich den Dülten, auf den +ich treten will, als sicher und tragfähig erprobt habe.« + +Bismarcks Wort von Blut und Eisen traf nur auf Hohn. In der »Kölnischen +Zeitung« war über die Sitzung und die »geflügelten Worte« des neuen +Ministers zu lesen: »Zunächst tat das eine überraschende Wirkung; wir +sind von preußischen Ministern lange nicht mehr an viel Geist gewöhnt. +Hier nun sprudelte etwas davon. Aber als man dazu kam, da war’s kein +Wein, höchstens Soda.« Und der »Kladderadatsch« brachte folgendes +Gedicht: + + +Kavalier-Politik + + Wohl hab’ ich einst manch ernstes Wort gehört, + Und zwar in »sonst gut unterrichteten« Kreisen: + Der eine drohte »mit gezogenem Schwert«, + Der andere prophezeit von »Blut und Eisen«. + Ernst und bedenklich glaubt’ ich anfangs dran; + Jetzt weiß ich’s besser und will mich nicht grämen. + Hat uns ein Weiser doch geraten: man + Muß die Konflikte nicht zu tragisch nehmen! + + Zwar stehn in nie versöhntem Gegensatz + Zum Kampf bereit die Träger zweier Zeiten; + Nur einer kann behaupten noch den Platz, + Auf Tod und Leben gilt’s, ein hartes Streiten. + Zwar immer bittrer wird der alte Groll, + Und immer schwieriger der Haß zu zähmen; + Er aber spricht, harmlosen Scherzes voll: + Man muß die Sachen nicht zu tragisch nehmen! + + Man muß nur etwa nicht als Staatsphantast + Noch träumen groß von idealen Zielen; + Das einz’ge, was dem wahren Staatsmann paßt: + Die große Kunst ist’s, mit dem Volk zu spielen. + Mein Spruch: =Toujours fidèle et sans souci!= + Und wenn mir gar zu ernst die Dinge kämen, + Dann — nun, dann — nimmt Manteuffel die Partie. + Man muß die Sachen nicht zu tragisch nehmen! + + Er lebe hoch, der weise Staatsmann, der + Dies große Wort gelassen ausgesprochen! + Als »Zivilisationsstaatssekretär« + Hat er dem Frieden neue Bahn gebrochen. + Die Sachen freilich müssen leider wir + Zu nehmen, wie sie sind, uns schon bequemen. + Ihn selber aber, Sohn, das rat’ ich dir — + Ihn selber mußt du niemals tragisch nehmen! + +Selbst König Wilhelm war über Bismarcks Äußerung so erschreckt, +daß der Minister sich genötigt sah, seinem Souverän, der in Baden +den Geburtstag seiner Gemahlin im engsten Familienkreise feierte, +entgegenzufahren. So ist es zu einer der erschütterndsten Szenen +unserer neuen Geschichte gekommen, zugleich zu einem jener steilen +Gipfelpunkte im Dasein Bismarcks, die noch höher ragen als all die +gewaltigen Kuppen, über die ihn sein Weg geführt hat. Hier mag +Bismarcks Erinnerung sprechen! + +[Illustration: ~Bismarck~ (=Marrons sculptes=). (Französisches +Flugblatt)] + + +»Können wir anständiger umkommen?« + + »In den ersten Tagen des Oktobers fuhr ich dem Könige, der sich zum + 30. September, dem Geburtstage seiner Gemahlin, nach Baden-Baden + begeben hatte, bis Jüterbog entgegen und erwartete ihn in dem noch + unfertigen, von Reisenden dritter Klasse und Handwerkern gefüllten + Bahnhofe, im Dunkeln auf einer umgestürzten Schiebkarre sitzend. + Ich hatte einige Mühe, durch Erkundigungen bei kurz angebundenen + Schaffnern des fahrplanmäßigen Zuges den Wagen zu ermitteln, in + dem der König allein in einem gewöhnlichen Coupé erster Klasse + saß. Er war unter der Nachwirkung des Verkehrs mit seiner Gemahlin + sichtlich in gedrückter Stimmung, und als ich um die Erlaubnis + bat, die Vorgänge während seiner Abwesenheit darzulegen, unterbrach + er mich mit den Worten: ›Ich sehe ganz genau voraus, wie das alles + endigen wird. Da vor dem Opernplatz, unter meinen Fenstern, wird + man Ihnen den Kopf abschlagen und etwas später mir.‹ Ich erriet, + und es ist mir später von Zeugen bestätigt worden, daß er während + des achttägigen Aufenthaltes in Baden mit Variationen über das + Thema Polignac, Strafford, Ludwig =XVI.= bearbeitet worden war. + Als er schwieg, antwortete ich mit der kurzen Phrase ›=Et après, + Sire?=‹ — ›Ja, =après=, dann sind wir tot!‹ erwiderte der König. + ›Ja,‹ fuhr ich fort, ›dann sind wir tot, aber sterben müssen wir + früher oder später doch, und können wir anständiger umkommen? Ich + selbst im Kampfe für die Sache meines Königs, und Eure Majestät, + indem Sie Ihre königlichen Rechte von Gottes Gnaden mit dem eigenen + Blute besiegeln, ob auf dem Schafott oder auf dem Schlachtfelde, + ändert nichts an dem rühmlichen Einsetzen von Leib und Leben für + die von Gottes Gnaden verliehenen Rechte. Eure Majestät müssen + nicht an Ludwig =XVI.= denken; der lebte und starb in einer + schwächlichen Gemütsverfassung und macht kein gutes Bild in der + Geschichte. Karl =I.= dagegen, wird er nicht immer eine vornehme + historische Erscheinung bleiben, wie er, nachdem er für sein + Recht das Schwert gezogen, die Schlacht verloren hatte, ungebeugt + seine königliche Gesinnung mit seinem Blute bekräftigte? Eure + Majestät sind in der Notwendigkeit, zu fechten; Sie können nicht + kapitulieren; Sie müssen, und wenn es mit körperlicher Gefahr wäre, + der Vergewaltigung entgegentreten.‹ + + [Illustration: ~Politischer Eiertanz~ + + Und den politischen Eiertanz hält Bismarck sehr vonnöten; er + glaubt, sie blieben alle ganz, und keines ging zertreten, + zertreten, nein! wie ihr ja seht, dieweil er jedes — Recht — umgeht. + + (»Frankfurter Laterne«, September 1863)] + + Je länger ich in diesem Sinne sprach, desto mehr belebte sich der + König und fühlte sich in die Rolle des für Königtum und Vaterland + kämpfenden Offiziers hinein. Er war äußeren und persönlichen + Gefahren gegenüber von einer seltenen und ihm absolut natürlichen + Furchtlosigkeit, auf dem Schlachtfelde, wie Attentaten gegenüber; + seine Haltung in jeder äußeren Gefahr hatte etwas Herzerhebendes + und Begeisterndes. Der ideale Typus des preußischen Offiziers, der + dem sicheren Tode im Dienste mit dem einfachen Worte ›Zu Befehl‹ + selbstlos und furchtlos entgegengeht, der aber, wenn er auf eigene + Verantwortung handeln soll, die Kritik des Vorgesetzten oder der + Welt mehr als den Tod und dergestalt fürchtet, daß die Energie und + Richtigkeit seiner Entschließung durch die Furcht vor Verweis und + Tadel beeinträchtigt wird, dieser Typus war in ihm im höchsten + Grad ausgebildet. Er hatte sich bis dahin auf seiner Fahrt nur + gefragt, ob er vor der überlegenen Kritik seiner Frau Gemahlin + und vor der öffentlichen Meinung in Preußen mit dem Wege, den er + mit mir einschlug, würde bestehen können. Demgegenüber war die + Wirkung unserer Unterredung in dem dunkeln Coupé, daß er die ihm + nach der Situation zufallende Rolle mehr von dem Standpunkte des + Offiziers auffaßte. Er fühlte sich bei dem Portepee gefaßt und in + der Lage eines Offiziers, der die Aufgabe hat, einen bestimmten + Posten auf Leben und Tod zu behaupten, gleichviel ob er darauf + umkommt oder nicht. Damit war er auf einen seinem Gedankengange + vertrauten Weg gestellt und fand in wenigen Minuten die Sicherheit + wieder, um die er in Baden gebracht worden war, und selbst seine + Heiterkeit. Das Leben für König und Vaterland einzusetzen, war die + Pflicht des preußischen Offiziers, um so mehr die des Königs, + als des ersten Offiziers im Lande. Sobald er seine Stellung unter + dem Gesichtspunkte der Offiziersehre betrachtete, hatte sie für + ihn ebensowenig Bedenkliches, wie für jeden normalen preußischen + Offizier die instruktionsmäßige Verteidigung eines vielleicht + verlorenen Postens. Er war der Sorge vor der ›Manöverkritik‹, + welche von der öffentlichen Meinung, der Geschichte und der + Gemahlin an seinem politischen Manöver geübt werden könnte, + überhoben. Er fühlte sich ganz in der Aufgabe des ersten Offiziers + der Preußischen Monarchie, für den der Untergang im Dienste ein + ehrenvoller Abschluß der ihm gestellten Aufgabe ist. Der Beweis + der Richtigkeit meiner Beurteilung ergab sich daraus, daß der + König, den ich in Jüterbog matt, niedergeschlagen und entmutigt + gefunden hatte, schon vor der Ankunft in Berlin in eine heitere, + man kann sagen fröhliche und kampflustige Stimmung geriet, die + sich den empfangenden Ministern und Beamten gegenüber auf das + unzweideutigste erkennbar machte.« + +So hatte sich des Königs angeborene Furchtlosigkeit an dem großen +Paladin neu aufgerichtet, und auch Bismarck war fortan seines +alten Herrn sicher. Und das war um so wichtiger, als mit der +Fortschrittspartei sich auch die Gemäßigten verbanden und bald auch +der Thronerbe offen in die Reihe seiner Gegner eintrat. Zunächst zog +Bismarck das verstümmelte Budget zurück. Die Antwort war der Beschluß +der Volksvertreter, die Regierung sei verpflichtet, den Etat für 1863 +vor Beginn des Jahres vorzulegen, jede Ausgabe vor seiner Genehmigung +sei verfassungswidrig. Damit war der Konflikt auf das Gebiet des +Verfassungsrechtes übertragen. Hier ging Bismarcks Standpunkt dahin, +daß nach der Verfassung »alle Ausgaben und Einnahmen des Staates für +jedes Jahr im voraus veranschlagt und auf den Staatshaushalt gebracht +werden müssen, der jährlich durch ein Gesetz festzustellen sei«, +daß aber nach derselben Verfassung auch die »gesetzgebende Gewalt +gemeinschaftlich durch den König und die beiden Kammern ausgeübt wird«, +daß ferner die Übereinstimmung des Königs und beider Kammern zu jedem +Gesetz erforderlich sei und daß wohl »jeder Finanzentwurf und auch +das Haushaltsgesetz zuerst der Zweiten Kammer vorzulegen, dann aber +von der Ersten Kammer anzunehmen oder abzulehnen sei«. Und auf diese +Prämissen baute er die Konklusion, daß, wenn ein Widerspruch innerhalb +der einzelnen entscheidenden Faktoren vorlag, ein Vakuum gegeben +sei und daß in solchem Falle »die bestehenden Steuern und Abgaben +fortzuerheben sind, bis sie durch ein Gesetz abgeändert werden«. Die +Zustimmung des Herrenhauses, das mit hundertfünfzig gegen siebzehn +Stimmen das verstümmelte Budget der Zweiten Kammer verwarf, bot ihm +den Rechtsgrund für seine Ansicht. Der Landtag aber gab die Antwort, +indem er seinerseits den Beschluß des Herrenhauses für null und nichtig +erklärte. Sofort schloß Bismarck die Session mit der Erklärung: »Die +Regierung würde sich einer schweren Pflichtverletzung schuldig machen, +wenn sie die auf Grund der früheren Bewilligungen der Landesvertretung +ausgeführte Umformung der Heeresverfassung unter Preisgebung der +dafür gebrachten beträchtlichen Opfer und mit Beeinträchtigung der +Machtstellung Preußens dem Beschluß des Hauses gemäß rückgängig machen +wollte.« Erst am 27. Januar des nächsten Jahres wurde der Landtag von +neuem einberufen. + +In den Kammerdebatten war Bismarck stolz, selbstbewußt, schneidend, +sarkastisch, aber stets vornehm in seiner Politik, gesellschaftlich +gewandt. Wenn die Doktrinäre dort unten gegen ihn donnerten, dann +blieb er kühl, und wenn sie ihm Sottisen sagten oder auch wohl von +Anklage und Schafott lärmten, dann schrieb er amüsante Briefe an +seine Frau, dann klagte er ihr auch wohl humoristisch: »Wenn Roon +und die Fuchsstute nicht wären, so würde ich mir etwas vereinsamt +vorkommen, obwohl ich nie allein bin ...«, oder er rühmt der Schwester +die gute Blut- und Leberwurst und schildert ihr in drastischer Weise +den Verlauf seines Tages: »Die Arbeitslast wächst hier täglich. Heute +von 8 bis 11 Diplomatie, von 11 bis 2½ verschiedene streitsüchtige +Ministerkonferenzen, dann bis 4 Vortrag beim König, von ¼5 bis ¾5 +Galopp im Regen bis Hippodrom, um 5 zur Tafel, von 7 bis 10 Uhr Arbeit +aller Art, aber gesund und guten Schlaf, starken Durst!« + +Seine Gegner überschätzte er in keiner Weise, oft genug erfaßte er die +Gelegenheit, sie in derbhumoristischer Weise zu schildern. So fällte +er über Benedikt Waldeck, den Führer und Abgott der Demokratie, einmal +folgendes Urteil: + + +Waldeck in Bismarcks Beleuchtung + + »Ähnliche Anlage wie Jules Favre, immer konsequent, prinzipientreu, + fertig mit seiner Ansicht und seinem Entschluß von vornherein; + dazu stattliche Gestalt, weißer ehrwürdiger Bart, Phrase im + Brustton der Überzeugung auch in Kleinigkeiten — das imponierte. + Er hielt mit einer Stimme, die von tiefster Überzeugungsfreude und + Zuversichtlichkeit bebte, eine Rede darüber, daß der Löffel hier + im Glase stecke (es war beim Tee), und proklamierte, daß jeder ein + Schuft sei, der das nicht glauben wolle, und alle glaubten es ihm + und priesen in allen Tonarten seine energische Gesinnung.« + +Am bekanntesten ist die Darstellung, die Bismarck in seinem Briefe an +Freund Motley gab. Sie mag schon hier ihren Platz finden. Der Brief +ist im Landtag geschrieben, während draußen die Wilden vor den Mauern +tobten: + +[Illustration: Wie der Bey von Tunis den preußischen Konflikt lösen +würde. + +(»Eulenspiegel«, 30. Mai 1863)] + + +Massenweis dumm + + »=I hate politics=, aber, wie Du sehr richtig sagst, =like the + grocer hating figs= (ich hasse die Politik, wie die Krämer die + Feigen), aber ich bin nichtsdestoweniger genötigt, meine Gedanken + unablässig mit jenen =figs= zu befassen. Auch in diesem Augenblick, + während ich Dir schreibe, habe ich die Ohren davon voll. Ich + bin genötigt, ungewöhnlich abgeschmackte Reden aus dem Munde + ungewöhnlich kindischer und aufgeregter Politiker anzuhören, und + habe dadurch einen Augenblick unfreiwilliger Muße, die ich nicht + besser benützen kann, als indem ich Dir von meinem Wohlbefinden + Nachricht gebe. Ich habe niemals geglaubt, daß ich in meinen reifen + Jahren genötigt werden soll, ein so unwürdiges Gewerbe wie das + eines parlamentarischen Ministers zu betreiben. Als Gesandter hatte + ich, obschon Beamter, doch das Gefühl, ein =gentleman= zu sein. + Als Minister ist man Helot. Ich bin heruntergekommen und weiß doch + selber nicht wie. + + April 18. — So weit schrieb ich gestern, dann schloß die Sitzung; + fünf Stunden Kammer bis drei Uhr, dann eine Stunde Reiten, eine + Stunde Vortrag bei Seiner Majestät, drei Stunden auf einem + langweiligen Diner, =old important Whigs=, dann zwei Stunden + Arbeit, schließlich ein Souper bei einem Kollegen, der es mir + übel genommen hätte, wenn ich seinen Fisch verschmäht hätte. Heut + früh kaum gefrühstückt, da saß mir Karolyi schon gegenüber; ihn + lösten ohne Unterbrechung Dänemark, England, Portugal, Rußland, + Frankreich ab, dessen Botschafter ich darauf aufmerksam machen + mußte, daß es für mich Zeit sei, in das Haus der Phrasen zu gehen. + In diesem sitze ich nun wieder, höre die Leute Unsinn reden und + beendige meinen Brief; die Leute sind alle darüber einig, unsere + Verträge with Belgien gutzuheißen, und doch sprechen zwanzig + Redner, schelten einander mit der größten Heftigkeit, als ob jeder + den anderen umbringen wollte; sie sind über die Motive nicht einig, + aus denen sie übereinstimmen, darum der Zank; echt deutsch, + leider, Streit um des Kaisers Bart, =querelle d’Allemand=; etwas + davon habt Ihr =Anglo-Saxon Yankees= auch. Wißt Ihr eigentlich, + aber genau, warum Ihr so wütend Krieg miteinander führt? Alle + wissen es gewiß nicht; aber man schlägt sich =con amore= tot, + das Geschäft bringt’s halt so mit sich. Euere Gefechte sind + blutig, unsere geschwätzig; die Schwätzer können Preußen wirklich + nicht regieren, ich muß dem Widerstand leisten, sie haben zu + wenig Witz und zu viel Behagen, dumm und dreist. Dumm in seiner + Allgemeinheit ist nicht der richtige Ausdruck; die Leute sind, + einzeln betrachtet, zum Teil recht gescheit, meist unterrichtet, + regelrechte deutsche Universitätsbildung, aber von der Politik, + über die Kirchturminteressen hinaus, wissen sie so wenig wie wir + als Studenten davon wußten, ja noch weniger, in auswärtiger Politik + sind sie auch einzeln genommen Kinder; in allen übrigen Fragen + aber werden sie kindisch, sobald sie =in corpore= zusammentreten, + massenweis dumm, einzeln verständig.« — Der übrige Teil des Briefes + ist englisch geschrieben, in der Nacht, ehe Bismarck im Bett »des + müden Leibes süßen Krafterneuerer« aufsucht. Er will den Brief + zerreißen, da dieser unter dem lärmenden Getöse des Parlamentes + doch nur eine Folge trauriger Gemeinplätze festgelegt habe, aber + da er in seinem dornenvollen Schicksale doch keinen ungestörten + Augenblick und keine passendere Gemütsstimmung zu finden wagt, + so denkt er, wie Pontius Pilatus: »Was ich schrieb, das schrieb + ich.« — »Diese Tropfen meiner eigenen Tinte«, fährt er englisch + fort, »sollen Dir wenigstens beweisen, daß meine Gedanken, wenn + allein gelassen, hurtig zu Dir eilen. Ich gehe nie an unserem alten + Logierhause in der Friedrichstraße vorüber, ohne zu den Fenstern + aufzuschauen, die einst geschmückt zu sein pflegten mit einem Paar + roter Pantoffeln, die auf dem Fensterbrett aufrechtgehalten wurden + von den Füßen eines Herrn (gentleman), der in Yankee-Weise dasaß + (d. h. während er die Beine hochhielt), mit dem Kopf drunten und + außer Sicht. Meine Frau ist sehr verbunden für Dein freundliches + Gedenken. Die Meinen sind leidlich wohl.« »Gott sei Dank«, schließt + der Brief deutsch. »Nun leb herzlich wohl. Ich kann so spät am + Abend eine so unorthographische Sprache wie Englisch nicht länger + schreiben. Aber, bitte, versuche Du es bald wieder. Deine Hand + sieht aus wie Krähenfüße, ist aber sehr leserlich; meine auch? Dein + treuer alter Freund v. Bismarck.« + +[Illustration: Man verhöhnt Bismarck, der doch durch die berühmte +Entsendung eines Feldjägers nach Kassel den Kurfürsten zur +Nachgiebigkeit gegen die Stände gezwungen und dem Willkürregiment ein +Ende gemacht hatte. (»Frankfurter Laterne«, Januar 1863)] + +Noch einmal mußte Bismarck auch nach Paris zurückkehren, um sich von +dem Kaiser Napoleon zu verabschieden. Kurz vorher hatte er seinen +Einzug in das Haus in der Wilhelmstraße gehalten, das ihm länger +als ein Vierteljahrhundert ein Heim bieten sollte. In Paris hat er +wiederholte Besprechungen mit den leitenden Ministern gehabt. Am 1. +November hat er sich dann in Saint-Cloud vom Kaiser nach einer langen +Unterredung verabschiedet, auf die man später wohl das Versprechen +Napoleons zurückgeführt hat, in einem Kriege Preußens gegen Österreich +die Neutralität zu wahren. Als er heimgekehrt war, bot sich ihm +dann sofort die Gelegenheit, in einen deutschen Hader mit solcher +Schneidigkeit einzugreifen, daß noch heute die Episode, die sich +hieran knüpfte, als ein Glanzpunkt seines Wirkens bezeichnet wird. +Es handelte sich um die ~Hessische Frage~. Auch hier stritt die +Regierung gegen die Stände, und sicherlich rechnete der Kurfürst +auf die Wendung der Dinge in Berlin, als er versuchte, den Ständen +die verfassungsmäßigen Rechte zu verkürzen. Dreimal war die Kammer +aufgelöst, aber immer wieder gewählt worden. Preußen hatte gedroht, +hatte zwei Armeekorps mobilisiert, aber der Kurfürst blieb hartnäckig, +und erst als mit der Okkupation gedroht wurde, stellte er zwar die +Verfassung wieder her, löste aber dennoch die jetzt neugewählte +Kammer wieder auf. Da sandte Bismarck am 26. November 1862, da ja der +diplomatische Verkehr abgebrochen sei, einen Feldjäger Litt nach Kassel +mit einem energischen Schreiben, und der Konflikt war gelöst. Friedrich +Ötker, der damals den Rat Bismarcks einzuholen ging, schildert ihn in +diesen Tagen: + +[Illustration: ~Die verfolgte Unschuld~ + +»Ach! ach! ach! Man will uns unsere Machtstellung in Deutschland +verkümmern.« (»Frankfurter Laterne«, September 1863)] + + +Kein feudaler Unhold + + »Man kann sich vorstellen, mit welchen Gedanken und mit welcher + Zurückhaltung ich mich dem Manne näherte, der damals liberalerseits + als der wahre aristokratisch-feudale Unhold angesehen wurde. + Serviler Landjunker, eingefleischter Aristokrat, Jagdbummler, + leichtsinniger Spieler — das waren so etwa die Bezeichnungen, mit + denen man den neuen Ersten Minister Preußens bedachte. Und ich + selbst, wenn ich auch mein Urteil weit freier gehalten hatte, + stand doch unter dem Eindruck der allgemeinen Meinung. Wie war + ich daher erstaunt, in wenig Minuten ein ganz anderes Bild in der + Seele zu haben, als womit ich das Zimmer des Ministers betreten + hatte. Keine Spur von aristokratischem Übermut, borniertem + Junkertum, feudaler Einseitigkeit, prinzipieller Verranntheit, + diplomatischer Zurückhaltung. Eine hohe, starke, aber geschmeidige + Kraftgestalt kam mir freundlichst bis an die Tür entgegen, reichte + mir die Hand, rückte mir einen Sessel zurecht und sagte mit dem + gewinnendsten Lächeln: ›Na, Sie werden ja auch schon mißliebig bei + den Demokraten.‹« + +Jetzt trat auch die ~Deutsche Frage~ an Bismarck heran. Die +Möglichkeiten, die sich boten, mußten entweder in der gemeinsamen +Beherrschung Deutschlands durch die beiden Großmächte gipfeln, +oder in einer Teilung Deutschlands nach der Mainlinie, oder in der +gänzlichen Ausschließung Österreichs. Bismarck wog sie ab, prüfte sie +nach Kosten und Gefahren, sprach aber schon in seiner weltberühmten +Unterredung mit dem Grafen Karolyi es offen aus, daß er mit einer +kriegerischen Entscheidung rechne, daß selbst ein Bündnis Preußens mit +einem Gegner Österreichs nicht ausgeschlossen sei. Wie frappierend +war jene Offenheit, mit der er hier schon die Entscheidung der +großen, zwischen Preußen und Österreich schwebenden Fragen auf das +Schlachtfeld verwies! Mit der er die Annexion Hannovers als Bedingung +künftigen Gedeihens aufstellte! Schon dem Botschafter Österreichs in +Paris, dem jüngeren Metternich, hatte Bismarck erklärt, er sehe keinen +Grund, warum Preußen in Österreich etwas anderes sehen solle als eine +fremde Macht; gegen die Phrasen vom »Bruderkrieg« sei er stichfest, +er kenne keine andere als ungemütliche Interessenpolitik, Zug um Zug +und bar. Als aber Graf Karolyi von den traditionellen Einflüssen des +Kaiserhauses auf die deutsche Regierung sprach, da rief ihm Bismarck +das schneidende Wort entgegen: »Nun, so verlegt euren Schwerpunkt nach +Ofen.« + +Es hatte sich hier um das österreichische Projekt einer +Delegiertenversammlung zum Bundestage gehandelt, das die Berliner +Regierung entschlossen bekämpfte. Am 22. Januar sollte die Entscheidung +in Frankfurt fallen, und Bismarck siegte. Als er allerdings die +nationale Forderung eines aus dem Volkswillen hervorgehenden +Parlamentes aufnahm, da wurde dieses Versprechen in ganz Deutschland +mit Hohn begrüßt, und ein Leipziger Gelehrter nannte Bismarck überzeugt +eine »frivole Bestie«. + +Bismarcks Tendenz war deutlich: Er wollte die Kompetenz des +Bundesstaates auf ein möglichst geringes Maß beschränken; wer +auf deutschem Boden Besseres verlange, könne es nur durch freie +Vereinbarung gleichartiger Staaten zu einer engeren Gemeinschaft +innerhalb des Bundes, also durch die Errichtung eines Bundesstaates im +Staatenbunde erlangen. Eine bestimmte Entschließung freilich über die +Art und Form der für die Zukunft anzustrebenden deutschen Verfassung +hatte Bismarck damals schwerlich schon gefaßt. Nur wußte er, daß +eine friedliche Umgestaltung unmöglich sei: »Jeder andere Krieg,« +sagte er wohl, »den Preußen vor diesem österreichischen führte, wäre +die reinste Munitionsverschwendung.« In voller Klarheit eben dieser +Notwendigkeit ging er mit einer ungeheueren Folgerichtigkeit vor, +immer nur das Gesetz im Auge, daß Preußen vorwärtsschreiten muß, +niemals zurückweichen darf. Daß die Spannung zwischen den beiden +deutschen Großmächten immer schärfer wurde, berührte ihn nicht, und +als Kaiser Franz Joseph noch einmal den Versuch machte, auf dem +Fürstentage zu Frankfurt, wohin er alle deutschen Fürsten lud, in die +Beratung über eine neue deutsche Bundesverfassung zu treten, die ein +Bundesdirektorium von fünf Mitgliedern und ein Bundesparlament aus +Delegierten der deutschen Kammern mit beratender Stimme vorsah, da +war es Bismarck, der das Gelingen dieses Planes mit eisernem Willen +durchkreuzte und auch den widerstrebenden König von Preußen in seine +Gefolgschaft zwang. Er war zum Bruch entschlossen. »Ich betrachte«, +schrieb er an Herrn von Sydow, »das österreichische Reformprojekt als +eine Schaumwelle, mit welcher Schmerling dem Kaiser eine glänzende +Geburtstagsfeier mit weißgekleideten Fürsten arrangiert. Von dem +Dampf der Phrasen entkleidet, ist des Pudels Kern ein so dürftiger, +daß man dem Volke lieber nicht praktisch vordemonstrieren sollte, wie +nicht einmal das zustande kommt.« Und in einer Denkschrift an den +König stellte Bismarck den deutschen Bund als einen altersschwachen +Greis dar: Die deutschen Regierungen könnten nebeneinander nur noch +fortleben im Vorgefühl naher Katastrophen. Der Boden der Bundesverträge +schwanke unter den Füßen dessen, der sich auf ihn stelle. Der Bau der +vertragsmäßigen Ordnung der Dinge zeige überall Risse und Spalten, +und der bloße Wunsch, daß die morschen Wände den nächsten Sturm noch +aushalten mögen, könne ihm die dazu nötige Festigkeit nimmermehr +zurückgeben. + +Der Fürstentag hat dennoch stattgefunden. Er wurde von Kaiser Franz +Joseph am 17. August eröffnet, obwohl Bismarck erklärte, rücksichtslos +und schroff, es entspreche der Würde seines Herrn nicht, an einer +Versammlung teilzunehmen, deren wichtiger Zweck nicht vorher mit ihm +beraten worden wäre. Noch einmal aber suchte man auf König Wilhelm +zu wirken. Vor allem erhoben sich die weiblichen Einflüsse, um +seinen Entschluß zu durchbrechen. Die bayrische Königin Marie, die +Königinwitwe Elisabeth faßten ihn »beim Rüssel der Weltgeschichte«, von +Koburg, von London aus wurden Einflüsse auf ihn geltend gemacht, aber +zum zweitenmal faßte der kühne Staatsmann seinen König beim preußischen +Portepee, indem er ihm erklärte, wenn der König nach Frankfurt gehe, +so werde er ihm zwar folgen, aber nicht mehr als Minister nach Berlin +zurückkehren. Der ablehnende Brief wurde geschrieben und von Bismarck +dem König Johann von Sachsen, der persönlich nach Baden gekommen war, +König Wilhelm zu überreden, überreicht. Wie aber in seinem Inneren der +Zorn über die lange Spannung kochte, beweist die Tatsache, daß er, +als hinter dem Sachsen sich die Türe geschlossen hatte, einen auf dem +Tische stehenden Teller mit Gläsern zusammenschlug. »Ich mußte etwas +zerstören,« sagte er, »jetzt habe ich wieder Atem.« + +[Illustration: König Wilhelm und Bismarck als Totengräber des Deutschen +Bundes + +(»Figaro«, August 1866)] + +Über die Schwierigkeiten, die ihm die Neigung des Königs, nach +Frankfurt zu wandern, bereitet hatte, berichtet Bismarck in seinem +Gedenkbuch: + + +Ein König als Kabinettskurier + + »Es wurde mir nicht leicht, den König zum Fernbleiben von Frankfurt + zu bestimmen. Ich bemühte mich darum auf der Fahrt von Wildbad + nach Baden, wo wir im offenen kleinen Wagen, wegen der Leute vor + uns auf dem Bock, die Deutsche Frage französisch verhandelten. + Ich glaubte den Herrn überzeugt zu haben, als wir in Baden + anlangten. Dort aber fanden wir den König von Sachsen, der im + Auftrage aller Fürsten die Einladung nach Frankfurt erneuerte (19. + August). Diesem Schachzug zu widerstehen, wurde meinem Herrn nicht + leicht. Er wiederholte mehrmals die Erwägung: »Dreißig regierende + Herren und ein König als Kurier!« und er liebte und verehrte den + König von Sachsen, der unter den Fürsten für diese Mission auch + persönlich der berufenste war. Erst um Mitternacht gelang es mir, + die Unterschrift des Königs zu erhalten für die Absage an den + König von Sachsen. Als ich den Herrn verließ, waren wir beide + infolge der nervösen Spannung der Situation krankhaft erschöpft, + und meine sofortige mündliche Mitteilung an den sächsischen + Minister von Beust trug noch den Stempel dieser Erregung. Die + Krisis war aber überwunden, und der König von Sachsen reiste + ab, ohne meinen Herrn, wie ich es befürchtet hatte, nochmals + aufzusuchen. — Die durch die Ablehnung erzeugte Verstimmung war + nach meinen Eindrücken hauptsächlich der Antrieb, der das Wiener + Kabinett zu einer Verständigung mit Preußen im Widerspruche mit der + bundestägigen Auffassung leitete. Diese neue Richtung entsprach + dem österreichischen Interesse, auch wenn sie länger beibehalten + worden wäre. Dazu wäre vor allem erforderlich gewesen, daß Rechberg + am Ruder blieb. Wäre damit eine dualistische Führung des Deutschen + Bundes hergestellt worden, der sich die übrigen Staaten nicht + versagt haben würden, sobald sie die Überzeugung gewonnen hätten, + daß die Verständigung der beiden Vormächte ehrlich und dauerhaft + war, so würden auch die Rheinbundgelüste einzelner süddeutscher + Minister, die am schärfsten, was auch Graf Beust in seinen + Denkwürdigkeiten sagen mag, in Darmstadt zum Ausdruck kamen, dem + österreichisch-preußischen Einfluß gegenüber verstummt sein.« + +In diesen heißen Tagen schrieb Bismarck der Gattin: »Was auch die +Nachwehen des Frankfurter Fürstentages noch zu tun geben, kannst Du +wohl denken. Wenn Könige bauen, haben die Kärrner zu tun, und wenn +sie niederreißen, denn viel mehr ist ihr gegenwärtiger Bauversuch +leider noch nicht, auch. Wenn die Fürsten ein Wettlaufen mit dem +Nationalverein anstellen, dann kriegen wir armen Diplomaten und +Halbdiplomaten viel Staub zu schlucken.« Ist es ein Wunder, daß +er an diesen Tagen den Wunsch ausspricht, irgendeine Intrige möge +jetzt ein anderes Ministerium durchsetzen, damit er mit Ehren diesem +ununterbrochenen Tintensturm den Rücken drehen und still auf dem +Lande leben könne? »Die Ruhelosigkeit der Existenz«, so schreibt er, +»ist unerträglich; seit zehn Wochen im Wirtshause Schreiberdienste +und in Berlin wieder; das ist kein Leben für einen rechtschaffenen +Landedelmann, und ich sehe einen Wohltäter in dem, der mich zu +stürzen sucht. Dabei brummen und kitzeln und stechen die Fliegen hier +im Zimmer, daß ich dringend Änderung meiner Lage wünsche, die mir +allerdings in wenig Minuten mit dem Berliner Zug ein Feldjäger mit +fünfzig inhaltlosen Depeschen bringen wird.« + +An den Frankfurter Fürstentag knüpfte sich Bismarcks großes deutsches +Programm vom 15. September. Es war der Gegenschlag gegen die Politik +von Wien. Ihr Kernpunkt ist der Zwiespalt zwischen Preußens Stellung +als Großmacht und einer Verfassung Deutschlands, der jeder Bundesstaat +sich unterwerfen muß. Preußen bedarf voller Selbständigkeit, jetzt soll +eine Mehrheitsabstimmung die Bundesglieder dem Bund unterwerfen. Das +vernichte die preußische Souveränität und bedrohe Preußens Stellung +als Großmacht. Das Element, das berufen sei, die Sonderinteressen +der einzelnen Staaten im Interesse der Gesamtheit zu vermitteln, +werde wesentlich nur in der Vertretung der deutschen Nation gefunden +werden können. Nicht in einer Versammlung von Bundesabgeordneten aus +den einzelnen Landtagen, sondern nur »in einer wahren, aus direkter +Beteiligung der ganzen Nation hervorgehenden Volksvertretung«. »Jedes +Wort in dieser Denkschrift«, sagt Max Lenz, »glich einer Schwertspitze, +die auf die Brust des Rivalen gerichtet war.« Und in der Tat war in +einer solchen Verfassung für Österreich kein Raum mehr, war ein Keil in +den Bund geschoben, der ihn auseinandertreiben mußte und den nur das +Eisen wieder zusammenfügen konnte. + +Aber die Verkündung Bismarcks wurde in Deutschland und vor allem in +Preußen, wie gesagt, mit dem lautesten Hohn aufgenommen. War doch im +preußischen Parlamente der Konflikt immer heißer entbrannt. Jeder +Versuch, eine Versöhnung zu schaffen, scheiterte an dem Doktrinarismus +der Gegner. Und auch die Weisheit, daß das ganze Verfassungsleben eine +Reihe von Kompromissen sein muß und daß, wenn der Kompromiß dadurch +vereitelt wird, daß eine der beteiligten Gewalten ihre eigene Ansicht +mit doktrinärem Absolutismus durchführen will, daß dann Konflikte +entstehen und solche Konflikte, da das Staatsleben nicht stillzustehen +vermag, zu Machtfragen werden, überzeugte die Volksvertreter nicht von +der Schwäche ihrer Situation. Schon die Rede, mit der Präsident Grabow +das Hoch auf den König ausbrachte, war mit den schwersten Anklagen +erfüllt, und die Antwort auf die Thronrede waren zwei Adressen, von +denen die des Herrn Virchow in den schärfsten Wendungen von einer +Verfassungsverletzung sprach. Schon in der Kommission erklärte darum +Bismarck sofort, es gebe eine Grenze für das, was ein König von +Preußen anhören könne. Werde die Adresse angenommen, so würde er dem +König raten, sie abzulehnen. Leidenschaftlich erregt war auch die +Debatte im Plenum. Der preußische Landtag, so rief Bismarck aus, sei +kein englisches Parlament. Er sei nicht berechtigt, dem königlichen +Hause seine verfassungsmäßigen Regierungsrechte abzufordern, um +sie der Majorität des Parlamentes zu übertragen. »Das preußische +Königtum hat seine Mission noch nicht erfüllt, es ist noch nicht +reif dazu, einen rein ornamentalen Schmuck Ihres Verfassungsgebäudes +zu bilden, noch nicht reif, sich als ein toter Maschinenteil dem +Mechanismus des parlamentarischen Regimentes eingefügt zu wissen.« +Als aber Herr Virchow höhnte: »Ja, meine Herren, es gibt eine Art +von preußischer Sprache, das ist diejenige, welche die Herren vom +Ministertische gegenwärtig reden; es ist aber die Sprache, welche +man in der ganzen Welt nicht versteht«, da verwahrte sich der stolze +preußische Junker dagegen, daß man das Wort »preußisch« als eine Art +von Schimpfwort benutze, und schneidend rief er in den Saal: »Meine +Herren, ich bin stolz darauf, eine preußische Sprache zu reden, und +Sie werden dieselbe noch oft von mir hören.« Die Adresse wurde mit +zweihundertfünfundfünfzig gegen achtundsechzig Stimmen angenommen. +Der König aber ließ durch seinen Minister erklären, daß er sich nicht +bewogen fühle, eine Deputation des Hauses zu empfangen. König Wilhelm +trat mit Würde und Kraft seinen Ministern bei; er übernahm in gewissem +Sinn auch äußerlich die volle Verantwortung für das, was geschah. + +[Illustration: ~Der deutsche Jordan~ + +Bismarck, hinabtauchend in die düsteren Fluten der deutschen +Bundesreform, die das allgemeine Stimmrecht bringen sollte und durch +das berühmte Rundschreiben vom 24. März angekündigt worden war. (»Hum. +Listy«, April 1866)] + +Nun aber trat noch eine neue Verschärfung in das Verhältnis zwischen +Regierung und Volksvertretern: Die polnische Rebellion warf neuen +Zündstoff in das Feuer. Schon vorher hatte man die Auswärtige Politik +auf das schärfste bekämpft, und selbst ein Mann wie Sybel verstieg +sich zu der Bemerkung, die Kleinodien unserer Vergangenheit würden +unter den Händen Bismarcks verfälscht, und der Blick in die Zukunft +sei von Grund auf verdüstert; eine preußische Regierung, die den +Aufgaben des Volkes im neunzehnten Jahrhundert gewachsen sein solle, +müsse verstehen, große und ideale Ziele aufzustecken und so das Volk +um ihr Banner zu versammeln! Und ein anderer Volksvertreter rief aus, +daß, was auch dieses Ministerium in der Auswärtigen Politik unternehmen +möge, jede seiner Unternehmungen mit Unfruchtbarkeit geplagt sein wird, +denn es zählen nur die neugeschaffenen Bataillone und nicht die Herzen +des Volkes. Preußen stehe geschwächt durch innere Zerwürfnisse und +belastet mit dem Mißtrauen Deutschlands isoliert in der Welt, ~ohne +einen schöpferischen Gedanken~; es werde gezwungen sein, unter das +kaudinische Joch zu wandern und sich Österreichs Führung unterzuordnen. +Erst eine spätere Zeit werde Preußens guten Genius von neuem enthüllen, +aber nicht mit Blut und Eisen, und nicht mit Donner und Blitz, sondern +mit dem friedlichen Sonnenschein eines verfassungstreuen, auf Freiheit +und Recht begründeten Regimentes. Da hat Bismarck seinen Anklägern +zugerufen, daß, wenn die Notwendigkeit eintreten sollte, die Ehre und +Unabhängigkeit Preußens zu wahren, sie selbst gar nicht in der Lage +wären, die Mittel der Abwehr gegen das Ausland zu verweigern, in deren +Mangel sie jetzt eine Schwäche der Auswärtigen Politik erblickten. + +[Illustration: ~Die neue Allianz zwischen Rußland und Preußen oder: +Endlich eine Aktion nach außen~ + +Am 1. Februar 1863 sandte Bismarck den General von Alvensleben nach +Petersburg zum Abschluß der »Punktationen« zu gegenseitiger Hilfe gegen +die polnische Revolution. (»Figaro«, Februar 1863)] + +Die Volksvertreter aber wollten Preußen zunächst durch die Förderung +Polens zur Größe führen. In der Hoffnung auf Napoleons Unterstützung, +verhetzt vom kleinen und großen Adel, waren die Polen in Warschau +zur Rebellion geschritten. Mieroslawski war ihr Führer. Bald war der +Aufstand bis an die Grenzen verbreitet. Bismarck warnte zuerst die +preußischen Polen mit allem Nachdruck vor der Teilnahme, und als die +Unruhen dennoch sich herüberzuziehen drohten, da schloß er am 8. +Februar eine Konvention mit Rußland ab zum gemeinsamen Handeln gegen +die Rebellen. Denn seinem klaren, realpolitischen Blick konnte es nicht +entgehen, daß ein Sieg der Polen in Rußland eine Kette von Unruhen +auch in den preußischen Ostprovinzen hervorrufen und daß bald auch +der Anspruch auf Westpreußen, Posen und ein Teil von Pommern erhoben +werden würde. Er wußte ebenso, welche Folgen für die russische Politik +eine Begünstigung der Polen durch das Berliner Kabinett hervorrufen +werde, und daß in allen kommenden Zeiten und Kämpfen die wohlwollende +Neutralität Rußlands durch direkte Feindseligkeit ersetzt werden +würde. Was der Dilettant, der als Kanzler sein Nachfolger wurde, +leichtsinnig erwirkte, das hat Bismarck drei Jahrzehnte verhindert: die +enge Fühlung zwischen Rußland und Frankreich. Gustav von Alvensleben +schloß im Auftrage Bismarcks das Abkommen mit Rußland, tat den +Schachzug, der die Partie entschied: Der Zar nahm von Anfang an seine +Stellung neben Preußen, die Pariser Diplomatie jedoch, die sich von +Bismarck abgedrängt sah, war tief entrüstet und drohte sogar, daß nur +die Entlassung Bismarcks das Kaiserliche Kabinett zufriedenstellen +werde. Auch der Zorn Englands war groß. Europa, so sagte der britische +Vertreter am Berliner Hofe, werde es nicht dulden, daß die Konvention, +die Preußens Kraft dem Zaren zur Unterdrückung der Rebellen zur +Verfügung stellte, ausgeführt würde. Bismarcks Antwort war die kurze +Frage: »Wer ist Europa?« Als der Engländer, etwas verlegen, erwiderte: +»Verschiedene große Nationen«, replizierte der preußische Staatsmann: +»Sind sie bereits darüber einig?« + + +Ein Stoßseufzer Johannas + + Wie gewaltig Bismarcks Arbeitslast in dieser Kampfzeit war, beweist + der Stoßseufzer Johannas in einem Brief an Herrn von Keudell vom + 27. Januar 1863: »Diesen Schwirr von früh bis spät jeden und jeden + Tag vertrage ich kaum. Ich werde allgemach unausstehlich dabei, und + die Sorge um Bismarck seufzt ununterbrochen in den kläglichsten + Mollauten durch mein Herz. ... Man sieht ihn nie und nie — morgens + beim Frühstück fünf Minuten während Zeitungsdurchfliegens, also + ganz stumme Szene. Darauf verschwindet er in sein Kabinett, nachher + zum König, Ministerrat, Kammerscheusal, bis gegen fünf Uhr, wo er + gewöhnlich bei irgendeinem Diplomaten speist, bis acht Uhr, wo er + nur en passant guten Abend sagt, sich wieder in seine gräßlichen + Schreibereien vertieft, bis er um halb zehn zu irgendeiner Soiree + gerufen wird, nach welcher er wieder arbeitet bis gegen ein Uhr und + dann natürlich schlecht schläft. Und so geht’s Tag für Tag. Soll + man dabei nicht elend werden vor Angst und Sorge um seine armen + Nerven? Wie sich das Demokratenvolk gegen meinen besten Freund + benimmt, lesen Sie hinlänglich in allen Zeitungen. Er sagt, es + sei ihm ›=nitschewo=‹ (absolut gleichgültig), aber ganz kalt läßt + es ihn doch nicht.« — Ein kleiner Trost mochte es sein, daß doch, + wie die Gattin ein anderes Mal schreibt, »aus allen Provinzen + auch viele freundliche Adressen und Depeschen, Säbel, Kuchen, + Lorbeerkränze und Gedichte« als Zeichen der Liebe kamen. Gar + mancher erkannte ihn. So sagte Graf Limburg zu dem jungen Keudell: + »Es muß schön sein, der Fahne eines Mannes wie Bismarck zu folgen, + wenn sie auch in den Tod führen mag.« + +[Illustration: ~Bismarck, der russisch-preußische Grenzgendarm~ + +Während des polnischen Aufstandes gilt Bismarck, der jedem Eintreten +für die Polen widerstrebt, als ein »Bedienter des Zaren«, als ein +Gendarm. (»Frankfurter Laterne«, März 1863)] + +Die preußische Opposition machte sofort gegen Bismarck mobil. Die +Sentimentalität oder, wie Bismarck alsbald sagte, die Neigung, sich +für fremde Nationalitäten und Nationalbestrebungen zu begeistern, auch +dann, wenn sie nur auf Kosten des eigenen Vaterlandes verwirklicht +werden können, diese politische Krankheitsform, deren Verbreitung +sich auf Deutschland leider beschränkt, verlangte nach dem Worte. +Nicht einen Taler werde man zu einer solchen Politik diesen Ministern +bewilligen, erklärte der eine; der Gendarmendienst, den Preußen dem +Zaren leiste, müßte jedem Deutschen die Schamröte ins Angesicht +treiben, dozierte der zweite; Bismarck stecke ein Dorf an, um einen +Brief dabei zu lesen, meinte der dritte. Von dem Ausdruck »kurzsichtig« +bis zu dem Worte »verrucht« wurde jedes Epitheton gewählt, das den +Übergang vom Dummkopf zum Verbrecher bildet. + + +Bettelbriefe + + »Auffallend«, schreibt Bismarcks Gehilfe von Keudell, »war + mir die Behandlung der zahlreichen Bettelbriefe. Wenn solche + den Eindruck wirklicher Not machten, wurde ich beauftragt die + Bittsteller aufzusuchen und kleine Unterstützungen zu spenden, + nicht etwa aus irgendeinem staatlichen Dispositionsfonds, + sondern aus den Privatmitteln des Ministers. Einmal mußte ich + einer in der Köpenicker Straße vier Treppen hoch wohnenden Witwe + fünfundzwanzig Taler (fünfundsiebzig Mark) überbringen, was mir für + die Privatverhältnisse des Gebers sehr hoch gegriffen schien. Ich + erlaubte mir abzuraten von dieser dilettantischen Armenpflege, die + immer neue unerfüllbare Ansprüche hervorrufen müßte. Die Antwort + lautete: »Wer sich in Not bittend an mich wendet, dem helfe ich, + soweit ich es mit meinen geringen Mitteln vermag.« + +So rief Waldeck aus: »Wenn wir leider ein Staat sind, der bei +diesem Ministerium auf eine große Politik in Europa so wenig wie +auf eine klare und wahre und freie und redliche Politik im Inneren +irgendeinen Anspruch machen kann, so lassen Sie uns doch wenigstens zur +Menschlichkeit und Humanität halten.« Simson bezeichnete die Politik +der Regierung als »Donquichotterie«; Twesten erklärte, die Ehre der +Regierung sei nicht mehr die Ehre des Staates und des Landes. Aus der +Rede aber, die Bismarck am 6. Februar 1888 gehalten hat, wissen wir +es, daß es nur seiner Entschlossenheit zu verdanken war, daß damals +an Frankreich und Österreich von russischer Seite aus nicht der Krieg +erklärt wurde, in den Preußen unweigerlich hineingerissen werden mußte. + +Es ist zu mancher heftigen Szene gekommen, vor allem, als der +Vizepräsident Behrend auf die Anklage Bismarcks gegen Herrn von +Unruh, daß er dem Auslande zurufe: »Kommt her, der Augenblick ist +günstig, Preußen zu überfallen«, den Minister zur Ruhe verweisen +wollte. Bismarck lehnte es ab, schroff und fast verletzend, sich der +Disziplinargewalt des Präsidenten zu fügen: Er ergreife das Wort kraft +der von Sr. Majestät ihm verliehenen Autorität; er könne das Wort zu +jeder Zeit verlangen und müsse es erhalten und gehört werden. Niemand +habe das Recht, ihn zu unterbrechen. Unter stürmischer Empörung des +Hauses wiederholte Bismarck seine Anklage. Der Haß gegen ihn schien den +Zenit erreicht zu haben. + + +Die Faust aufs Auge + + Ein Beispiel für die treffsichere Schlagfertigkeit Bismarcks: Bei + der Debatte über die polnische Frage meinte der Abg. von Hennig: + »Denken Sie sich einmal Herrn von Bismarck und ein englisches + Unterhaus! Das würde zusammenpassen wie die Faust aufs Auge; aber + ich darf wohl glauben, daß Herr von Bismarck die Rolle des Auges + übernehmen würde.« — Bismarck erwiderte sofort: »Ich bin dem Herrn + Vorredner für diesen Vergleich sehr dankbar; denn das Auge ist + unzweifelhaft der edlere Teil, das Auge leitet die Faust.« + + +Der Seiltänzer + + Sogar ein Mann wie der sonst so maßvolle Simson erhob gegen + Bismarck den Vorwurf der Unfähigkeit: »Ich verlange nicht,« äußerte + er, »denn das Verlangen wäre ein übermäßiges, daß eine Regierung + allezeit den kühnen Flug des Genies einzuhalten imstande sein soll. + Mehr gerechtfertigt wäre schon die mildere Forderung, daß sie den + ruhigen, sicheren Gang des Talentes und der Erfahrung zu gehen + verstände. Aber in jedem Falle wird die Bewunderung dafür, daß + jemand nicht fällt, die Bewunderung, die man jedem Seiltänzer würde + zuwenden müssen, eine Bewunderung sein, nach der nicht jedermanns + Gaumen und jedermanns Appetit stände.« Bismarck hielt es nicht für + seiner Würde entsprechend, hierauf die entsprechende Antwort zu + geben. + +In jenen Zeiten langten auch die ersten »Todesurteile« gegen +Bismarck an; das erste am 3. April aus Warschau, angeblich von einem +Polenkomitee mit der Anzeige, daß er wegen seines Auftretens gegen +die polnische Nation zum Tode verurteilt sei und auf offener Straße +ermordet werden solle. Am 21. Mai empfing er dann aus »Ost-Coczya bei +Thoren« ein von der »Warschauer Henkerkommission« unterzeichnetes +Schreiben in Begleitung eines Holzkastens, in dem ein mit schwarzweißer +Schleife gezierter Strang lag. Auch Regreßansprüche wollte man gegen +ihn geltend machen: Die Minister seien für die von ihnen ohne Budget +verausgabten Summen mit ihrer Person und ihrem Vermögen haftbar. Man +riet Bismarck, seinen Grundbesitz im Interesse der Seinen an einen +Verwandten abzutreten. Er lehnte das entschieden ab, um den Schein +einer Besorgnis für sein Vermögen zu vermeiden. Ein Nachbar aber +von Schönhausen, ein Herr von Katte, hatte tatsächlich Vorkehrungen +getroffen, um im Fall eines Regresses dem Minister ein ansehnliches +Kapital zur Verfügung zu stellen. + +Seine Stimmung wurde jedoch hierdurch nicht in besonderem Maße +verdüstert. Dafür zeugte auch die kleine Episode vom 17. April, +die Herr Virchow heraufbeschwor, weil Bismarck sich für kurze Zeit +aus dem Sitzungssaale in das von ihm nur durch eine Türe getrennte +Ministerzimmer begeben hatte. Herr Virchow beantragte deshalb die +Vertagung der Debatte und die Einladung der Minister auf Grund des +Artikels 60 der Verfassung. Da ereignete sich folgende Szene: + + +Bismarcks feines Gehör + + Als Virchow geendet, trat der Minister, der im Nebenraume wohl den + schon erwähnten hübschen Brief an Motley schrieb, in dem er von + den ungewöhnlich abgeschmackten Reden aus dem Mund ungewöhnlich + kindischer und aufgeregter Politiker sprach, in den Saal zurück + und erklärte ironisch: »Ich wollte zur Beruhigung der Herren nur + bemerken, daß sowohl der Herr Vorredner als der letzte Herr Redner + im Nebenzimmer vollkommen verständlich waren.« Der Abgeordnete + Parisius rief hierauf in die gewaltige Aufregung hinein: »Es ist + bekannt, daß der Deutsche eine ungeheuere Portion Geduld hat, und + auch dieses Haus hat es in einem hohen Maße bewiesen. Wenn aber + der Herr Ministerpräsident in einer so wegwerfenden und ganz und + gar der Würde des Hauses und den Verhandlungen unangemessenen + Weise hier auftritt, seinen Sitz verläßt, ins Nebenzimmer + geht und hinterher mit der Bemerkung kommt, daß der Redner im + Nebenzimmer gehört sei, dann, meine Herren, muß ich bemerken, + ist es Sache des Herrn Präsidenten, wenigstens zu konstatieren, + wie wir hier behandelt werden. Wir sitzen hier nicht zu unserem + Vergnügen; wir führen eine ernste Debatte und suchen das Beste + des Vaterlandes zu fördern.« Herr von Bismarck erwiderte: »Ich + muß dem Herrn Abgeordneten jedes Urteil über das, was für mich + gehörig oder ungehörig ist, absprechen. Wir sitzen hier alle nicht + zu unserem Vergnügen. Ich habe noch sehr viel andere Aufgaben + außer der, Ihnen zuzuhören. Ich habe mit Leuten zu sprechen, die + nicht warten können. Es ist mir nicht möglich, ununterbrochen + Ihren Verhandlungen beizuwohnen. Wenn ich den Vorteil habe, bei + der sonoren Stimme der Herren Vorredner im dortigen Zimmer, am + Tische arbeitend, Ihre Rede hören zu können, so weiß ich nicht, + wie Sie darin eine Veranlassung zu diesem Aufwande von sittlicher + Entrüstung finden können.« + +Diese Szene führte zu einem niedlichen Intermezzo im Theater. + + +Von Helmerding parodiert + + Der Königlich Sächsische Ministerpräsident von Beust war mehrfach + zu Tisch bei Bismarck. Beust war nach Berlin gekommen, um über den + Beitritt Sachsens zu dem französisch-preußischen Handelsvertrag + Unterhandlungen zu pflegen. Natürlich wurde er auf das gastlichste + aufgenommen; Bismarck erwies ihm alle Aufmerksamkeit und geleitete + ihn eines Abends auch in das »Wallnertheater«. Sie sahen einen + kleinen Soloscherz, betitelt: »Eine neue Bluette«, welchen + Helmerding ausführte. In dieser Rolle hatte er eine inmitten der + Bühne freistehende Theaterflügeltür anzubohren und sich darauf + hinter dieselbe zu begeben, um den Auftritt eines Schauspielers + anzudeuten. Kurz vorher sang der beliebte Komiker ein Couplet, das + die strengen Maßregeln der Regierung wider die Presse geißelte. + Der Beifall war frenetisch. Auch die beiden Minister stimmten ein. + Als man aber den Komiker immer und immer wieder zu sehen begehrte, + weigerte er sich lange, dem Hervorruf Folge zu leisten. Unbeweglich + blieb er hinter seiner Theatertür. Endlich trat er hervor und sagte + mit gesetzter Miene: »Es ist nicht nötig, mich zu rufen! Ich höre + auch hinter der Tür alles, was hier vorgeht!« Der Beifallssturm + brach von neuem los. Aller Augen richteten sich auf die Loge, wo + Bismarck saß. Und dieser selbst soll am lautesten applaudiert haben. + +Es kam im Mai zur Auflösung des Landtags. Auch Herr von Roon war in +einen scharfen Konflikt mit dem Präsidenten geraten. Als man dem +Ministerium Verfassungsbruch und Erregung von Unfrieden im Lande +vorwarf, da hatte er dies eine »ganz unberechtigte Anmaßung« genannt +und auf die Unterbrechung durch den Präsidenten von Bockum-Dolffs +zornig erklärt: »Ich lasse mich nicht unterbrechen, ich kann sprechen +nach der Verfassung, wann ich will. Die Befugnis des Präsidenten +geht bis an den Ministertisch und nicht weiter!« Unter großem Lärm +des Hauses bedeckte der Präsident sein Haupt mit einem ihm übrigens +aus Versehen gebrachten fremden und viel zu großen Hut und erklärte +die Sitzung für suspendiert. König Wilhelm selbst aber trat in einer +Botschaft für seinen Minister ein, und als das Abgeordnetenhaus in +einer Adresse erklärte, es habe kein Mittel der Verständigung mehr +mit diesem Ministerium und lehne jede Mitwirkung bei seiner Politik +ab, da erklärte der tapfere alte Herr: »Meine Minister besitzen +mein Vertrauen, ihre amtlichen Handlungen sind mit meiner Billigung +geschehen, und ich weiß es ihnen Dank, daß sie es sich angelegen sein +lassen, dem verfassungswidrigen Streben des Abgeordnetenhauses nach +Machterweiterung entgegenzutreten.« Am 27. Mai 1863 wurde die Session +geschlossen, am 2. September das Abgeordnetenhaus aufgelöst. Es folgten +das Preßedikt, Preußens »Juliordonnanzen« und das Wahlregulativ. Und +es folgte das Auftreten des Kronprinzen gegen den Vater, die »Danziger +Episode«. Und so schroff hier Friedrich Wilhelm gegen den Minister +seines Vaters Stellung nahm, so ist doch gerade der Angegriffene es +gewesen, der den König von jeder harten Maßregel zurückhielt, der +ihn mahnte, säuberlich mit dem Knaben Absalom zu verfahren, der ihn +daran erinnerte, daß in dem Konflikte zwischen Friedrich Wilhelm =I.= +und seinem Sohne dem letzteren die Sympathie der Zeitgenossen und +der Nachwelt gehöre und daß es nicht ratsam sei, den Kronprinzen zum +Märtyrer zu machen. Auch hier hat Bismarck gesiegt, und er konnte +später einmal rufen, wie einer seiner Vertrauten berichtet: »Beim +König wurde ich von allen Seiten als verkappter Demokrat verdächtigt. +Dieser Kampf kostete mir meine Nerven, meine Lebenskraft. Aber +besiegt habe ich alle, alle!« Selbst ein Heinrich von Treitschke +konnte damals schreiben, daß die Verfassung verletzt sei in ihren +wesentlichen Bestimmungen, und fortfahren: »Wir haben sie ja selber +redlich mitgekostet, die brennende Empfindung der Scham, wir von der +preußischen Partei außerhalb Preußens, die wir unsere stolzesten +deutschen Hoffnungen auf diesen Staat auch dann noch stützen werden, +wenn ein Bismarck der Zehnte in Preußen regierte, die wir ihn heute +umhergehen sehen gleich dem Schlafwandler, dem die gesunden Leute +schwindelnd nachschauen auf seiner halsbrechenden Bahn.« Und auch gegen +den König war ein solcher Haß erwacht, daß der Berliner Witz, als +er nach Karlsbad reiste, das Schmähwort fand, Lehmann — das war der +Spitzname des Monarchen — sei leberleidend abgereist und leider lebend +wiedergekommen. + +Bismarck folgte dem König nach Karlsbad; er traf ihn später in +Regensburg und begab sich dann über Dresden, wo er mit Beust +verhandelte, um Sachsen für seine Politik zu gewinnen, über Salzburg +nach Gastein. Hier folgte alsbald die Entscheidung über den Fürstentag. + +»Nun geht der Wahlschwindel los«, schrieb im September Bismarck an +Johanna. Die Wahlen haben die Opposition von neuem verstärkt. Gerade +in der Geburtsstunde der neuen Zeit, in der das Schleswig-Holsteinsche +Problem sich mit Macht in den Vordergrund drängen sollte, hat eine +Volksvertretung gestanden, die nichts von dem Flügelschlag dieser Zeit +verspürte und im öden Doktrinarismus so weit vorwärtsschreiten sollte, +daß sie die Mittel zum Kriege gegen Dänemark versagte. + +[Illustration: (»Figaro«, Oktober 1863)] + +Am 15. November 1863 starb König Friedrich =VII.= von Dänemark als +der Letzte seines Hauses; drei Tage später wurde sein Nachfolger, der +Glücksburger Christian =IX.=, durch Ministerium und Volk gezwungen, +die Verfassung zu unterzeichnen, die Schleswig von Holstein losreißen +und dauernd dem Dänenjoch unterwerfen sollte. — Konnte Deutschland +diese Herausforderung, diesen Bruch der Londoner Verträge ruhig +ertragen? Noch hatte man, als ein Patent des Königs Friedrich im März +für Holstein eine neue Verfassung oktroyierte, aus allgemeinen Gründen +der europäischen Lage einzugreifen vermieden, aber schon damals hatte +Bismarck den Volksvertretern erklärt: »Ich kann Ihnen versichern und +dem Ausland versichern, wenn wir es für nötig halten, Krieg zu führen, +so werden wir ihn führen mit oder ohne Ihr Gutheißen!« Aber es stand +für Bismarck von Anbeginn fest, daß er einen Krieg nicht führen werde, +um »im günstigsten Fall in Schleswig-Holstein einen neuen Großherzog +einzusetzen, der aus Furcht vor preußischen Annexionsgelüsten im +Bunde gegen uns steht und dessen Regierung ein bereitwilliges Objekt +österreichischer Umtriebe sein würde, ungeachtet aller Dankbarkeit, +die er Preußen für seine Erhebung schulden müßte.« Jetzt war der +psychologische Moment gekommen. In Holstein entstand eine gewaltige +Erregung, bewaffnete Freischaren standen auf, Adel und Bürgertum, +Demokraten und Legitimisten standen zusammen. Bismarck aber blieb +mitten in der Erregung kaltblütig und ruhig. Während die öffentliche +Meinung sich von Schlagworten leiten ließ, hielt er daran fest, daß nur +im Einvernehmen mit Österreich und den europäischen Mächten die Gefahr +eines allgemeinen Krieges vermieden werden könnte, bei dem Deutschland +seine Existenz einsetzen würde. Griff er aber zum Schwerte, so galt +es auch, die Länder für Preußen zu erwerben. Es war ein Meisterstück +Bismarcks, daß er Österreich mit sich verknüpfte, daß er es dazu +brachte, beim Bundestage die möglichst schnelle Exekution zu fordern. +Allerdings blieb Preußen das Land der Initiative, während Österreich +sich nur widerwillig forttreiben ließ. + +[Illustration: Eisenblut: »Wer wird denn noch viel Umstände machen? +Marsch, in die Butte mit euch, ihr Fratzen, das ist die beste und +nationalste Lösung!« (»Figaro«, Juni 1863)] + +Und der preußische Landtag? Bismarck forderte eine Staatsanleihe von +zwölf Millionen Talern. Eine Adresse war die Antwort, in der man +»ehrfurchtsvoll und dringend« bat, den Erbprinzen von Augustenburg als +Herzog von Schleswig-Holstein anzuerkennen und dahin zu wirken, daß der +deutsche Bund ihm in der Besitzergreifung und Befreiung seiner Erblande +wirksamen Beistand leiste. Am 22. Januar wurde die Anleihe mit 275 +gegen 51 Stimmen verworfen. + +Es war einer der heißesten Kämpfe, die Bismarck hier führte, reich an +scharfen Konflikten mit den Volksvertretern. + +[Illustration: ~Bismarck am Pfahl mit Napoleon und Kaiser Wilhelm.~ +1870. Nach einem Gemälde von A. Marie] + + +Die Dinge verstehe ich besser + + Hier war es auch, wo er mit Virchow von neuem zusammentraf und ihn + auf die Beschäftigung mit der Anatomie verwies; hier war es, wo er + ihm auf die Bemerkung: »Ich will nur wünschen, daß es dem Herrn + Ministerpräsidenten gelingen möge, unter den Diplomaten Europas + eine ähnlich anerkannte Stellung zu finden, wie ich wenigstens + sagen kann, daß ich sie unter meinen Spezialkollegen gefunden + habe«, die Antwort gab: »Der Herr Vorredner hat gesagt, er wünsche, + daß ich dereinst in meinem Fache mich derselben Anerkennung + erfreuen möge wie er in dem seinigen. Ich unterschreibe diesen + Wunsch mit voller Aufrichtigkeit. Ich erkenne die hohe Bedeutung + des Herrn Vorredners in seinem Fache vollkommen an und gebe zu, + daß er in dieser Beziehung einen Vorsprung vor mir hat. Wenn aber + der Herr Vorredner sich aus seinem Gebiet entfernt und auf mein + Feld unzünftig übergeht, so muß ich ihm sagen, daß über Politik + sein Urteil ziemlich leicht für mich wiegt. Ich glaube wirklich, + meine Herren, ohne Überhebung, die Dinge verstehe ich besser. + (Große Heiterkeit.) Der Herr Vorredner hat gesagt, mir fehle das + Verständnis für die nationale Politik; ich kann ihm den Vorwurf + nur mit der Unterdrückung des Epithetons zurückgeben. Ich finde + bei dem Herrn Vorredner Verständnis für Politik überhaupt nicht. + Dieses Verständnis ist gewiß auch in anderen Ländern nicht weiter + verbreitet als bei uns (Unruhe), aber es findet sich in anderen + Parlamenten doch selten dieser Grad von Entschlossenheit im Bilden + und Aussprechen von Ansichten gepaart mit demselben Maße von + Unkenntnis der Dinge wie bei uns.« + +Überhaupt ging Bismarck gerade in dieser Zeit mit aller Schroffheit +gegen die politischen Dilettanten vor, die ihm aus dem Wust ihrer +Theorien heraus und ohne irgendwelche Kenntnis der praktischen +Möglichkeiten täglich Steine in den Weg rollten. Hier prägte er den +klassischen Satz. »Es ist ein gefährlicher Irrtum, aber heute weit +verbreitet, daß in der Politik dasjenige, was kein Verstand der +Verständigen sieht, dem politischen Dilettanten durch naive Intuition +offenbar wird.« Mit den Worten: »Sagen wir uns von jeder Gemeinschaft +mit der Politik dieses Ministeriums los! Verwahren wir uns vor jedem +seiner Schritte, und geben wir dieser Verwahrung und Lossagung die +erste praktische Folge durch die Verwerfung der Anleihevorlage!«, +empfahl dennoch die Kommission des Landtags dem Plenum die Verwerfung +der Mittel für den Kampf um Schleswig-Holstein. Daß Bismarck »jetzt dem +Bösen verfallen ist und von ihm nicht wieder loskommen wird«, dieser +Satz des Herrn Virchow zeugte von der gleichen prophetischen Erkenntnis +wie die Behauptung des Grafen Schwerin, daß das eigentliche Motiv für +die Haltung Bismarcks die Furcht vor der Demokratie und die Besorgnis +vor dem Auslande sei. + +Schwerer noch war der Kampf, den Bismarck mit seinem alten Herrn +führen mußte. »Ich weiß eigentlich nicht,« schrieb er an Roon, bevor +er zur entscheidenden Sitzung des Landtags ging, »was ich Ihnen sagen +soll, nachdem so gut wie klar ist, daß Se. Majestät auf die Gefahr +hin, mit Europa zu brechen und ein schlimmeres Olmütz zu erleben, +sich schließlich der Demokratie und den Würzburgern fügen will, um +Augustenburg einzusetzen und einen neuen Mittelstaat zu schaffen. Was +soll man da noch reden und schimpfen? Ohne Gottes Wunder ist das Spiel +verloren, und auf uns wird die Schuld von Mit- und Nachwelt geworfen. +Wie Gott will. Er wird wissen, wie lange Preußen bestehen soll. Aber +leid ist mir’s sehr, wenn’s aufhört, das weiß Gott!« + +[Illustration: »~Störe ich?~« + +Bismarck und Pauline Lucca. (»Kladderadatsch«, Okt. 1865)] + +Der Krieg wurde siegreich geführt; uralte deutsche Träume fanden +Erfüllung, aber der Konflikt währte weiter. Nur leise begann sich neue +Erkenntnis zu regen, nur langsam wuchs der Glaube an Bismarck. Erst +ein neuer siegreicher Krieg sollte den völligen Umschwung bringen. +Unbelehrbar aber blieben die um Virchow, und gerade mit diesem Manne +kam es zu einem der schärfsten Renkontres, die Bismarck auf dem +parlamentarischen Feld erlebte. + + +Das Duell mit Virchow + + In einer Debatte über die Schleswigsche Politik bemerkte Virchow, + daß er, wenn der Minister die Berichte wirklich gelesen hätte, + nicht mehr wisse, was er von seiner Wahrheitsliebe halten solle. + Hierauf erwiderte Bismarck: »Der Herr Abgeordnete hat lange genug + in der Welt gelebt, um zu wissen, daß er sich damit der technischen + und spezialen Wendung gegen mich bedient hat, vermöge deren man + einen Streit auf das rein persönliche Gebiet zu werfen pflegt, um + denjenigen, gegen den man den Zweifel an seiner Wahrheitsliebe + gerichtet hat, zu zwingen, daß er sich persönliche Genugtuung + fordert. Ich frage Sie, meine Herren, wohin soll man mit diesem + Tone kommen? Wollen Sie den politischen Streit zwischen uns + auf dem Wege der Horatier und Curiatier erledigen? Es ließe + sich davon reden, wenn es Ihnen erwünscht ist!« Als Virchow es + ablehnte, seine Worte zurückzunehmen, sandte ihm Bismarck durch + den Hauptmann von Puttkamer eine Pistolenforderung, deren Annahme + das Abgeordnetenhaus, an das Herr Virchow appellierte, verbot. + Über diese Angelegenheit schrieb Bismarck an den ihm befreundeten + Roman-Andrae: »Was die Virchowsche Sache anbelangt, so bin ich über + die Jahre hinaus, wo man in dergleichen von Fleisch und Blut Rat + annimmt. Wenn ich mein Leben an eine Sache setze, so tue ich es in + demjenigen Glauben, den ich mir in langem, schwerem Kampfe, aber in + ehrlichem und demütigem Gebete vor Gott gestärkt habe, und den mir + Menschenwort, auch das eines Freundes im Herrn und eines Dieners + seiner Kirche, nicht umstößt.« + +In diesem Briefe geht Bismarck auch auf eine Affäre ein, die, an sich +völlig harmlos, ihm doch manchen Ärger bereitet hat. + + +Pauline Lucca + + In Ischl war es passiert, daß Pauline Lucca, die berühmte Sängerin, + ihre Ferien gleichzeitig mit dem König Wilhelm und Bismarck + verlebte. Eines Tages blieb die Sängerin einen Augenblick vor dem + Hotel Elisabeth stehen, in dem der König und Bismarck abzusteigen + pflegten. Da trat letzterer aus dem Hause, eilte auf »Paulinchen« + zu und begrüßte sie herzlich. »Exzellenz, kommen Sie mit,« bat die + Lucca, »ich will mich eben photographieren lassen.« — »Ich kann + nicht,« antwortete der Minister, »ich erwarte meine Chiffreure, die + scheinen spazieren gegangen zu sein.« — »Gengen S’, Exzellenz, Sie + können die Depeschen später lesen«, sagte die Lucca in ihrem Wiener + Dialekt, und Bismarck, galant wie immer, ging mit zum Photographen. + Dort ließ sich erst die Sängerin, dann der Minister allein + photographieren, als mit einmal die kleine Teufelin aufsprang und + rief: »Exzellenz, ich habe eine süperbe Idee! Wie wär’s, wenn wir + uns zusammen photographieren ließen?« Bismarck stimmte wieder zu, + und der Photograph ging ans Werk. Auf dem sehr selten gewordenen + Bilde sitzt die Sängerin, den Kopf in die linke Hand gestützt, + den Beschauer voll ansehend, an der einen Ecke des Tisches, ihr + gegenüber an der anderen Ecke Bismarck, die Lucca anblickend, den + rechten Arm auf dem Tische, die linke Hand auf dem Knie ruhend. + Nach einigen Tagen war das Bild in hundert Händen, und ganz Ischl + sprach von nichts anderem. Doch einige Zeit später fanden beide + Abkonterfeite, daß es besser sei, das Bild aus dem Kunsthandel zu + ziehen, und so mußte sich der Photograph verpflichten, keine neuen + Abzüge zu machen, sowie die Platten zu vernichten. — In dem Briefe + an Andrae schreibt nun Bismarck: »Über die Lucca-Photographie + würden auch Sie vermutlich weniger streng urteilen, wenn Sie + wüßten, welchen Zufälligkeiten sie ihre Entstehung verdankt hat. + Außerdem ist die jetzige Frau von Rahden, wenn auch Sängerin, doch + eine Dame, der man ebensowenig wie mir selbst ~jemals~ unerlaubte + Beziehungen geschlechtlicher Art nachgesagt hat. Demungeachtet + würde ich, wenn ich in dem richtigen Augenblick das Ärgernis + erwogen hätte, welches viele und treue Freunde an diesem Scherze + genommen haben, aus dem Bereiche des auf uns gerichteten Glases + zurückgetreten sein.« + +Es mag hier ein Urteil angefügt werden, das ein Freund Bismarcks über +ihn und seine Beziehungen zu der Frauenwelt gefällt hat: + + +Bismarck und die Frauen + + »Es gibt in der Geschichte soviel große Männer, deren überquellende + Naturkraft sich nicht nur im Genialen und Hohen, sondern auch im + allzumenschlich Ewig-Weiblichen dokumentiert hat. Ich erinnere nur + an Napoleon =I.=, Cäsar und Alexander. Mit um so größerem Stolze + können wir Bismarck als absolut sittenreinen Mann auch in dieser + Beziehung als Vorbild seines Volkes darstellen. Ihm, dem so viele + Möglichkeiten von Frauenliebe und Anbetung geboten wurden, lag das + Gefühl des tiefen Ernstes der Liebe zu sehr im Herzen, als daß + er je flüchtig daran gestreift hätte. Er war eben durchaus ein + Teutone, ein keuscher Mann, der sich selbst für zu würdig hielt, um + sich nur auszuleihen. Ohne prüde zu sein oder der Natur ihr Recht + verwehren zu wollen, war er jeder Frivolität feind und duldete in + der behaglichen Atmosphäre seines Hauses auch keinen Anflug von + Zynismus.« + +[Illustration: ~Preußisch-Patriarchalisches~ + +»Gnädigster Herr, ick melde jehorsamst, daß ick soeben aus der Kammer +komme, und daß allens glücklich verrungeniert ist.« — Am 22. Februar +1866 schloß Bismarck plötzlich den preußischen Landtag, dem er +dreifache Überschreitung seiner Befugnisse vorwarf. »Angesichts der +Übergriffe und Überhebungen dieses Hauses«, so hieß es im Abschied. Es +folgten die Siege in Böhmen. (»Figaro«, März 1866)] + +Nur noch einmal flammte der Konflikt empor: Noch zu Beginn des Jahres +1863 stellte Herr Virchow den Antrag, die Vereinigung Lauenburgs mit +Preußen für rechtsungültig zu erklären, weil der König ohne Zustimmung +des Landtags nicht Herrscher fremder Reiche sein dürfe. Hier stimmten +bereits zweihunderteinundfünfzig gegen vierundvierzig Stimmen für +Bismarcks Politik. Längst hatte ja auch der König Besitz von Lauenburg +ergriffen, die für den Erwerb von Österreich geforderte Summe von +zweieinhalb Millionen Talern hatte er aus eigenem Vermögen bezahlt, +und am 26. September schon hatte im Auftrage des Königs Bismarck die +Erbhuldigung der dortigen Stände in Ratzeburg entgegengenommen. Diese +Handlung aber hatte ein charakteristisches Vorspiel: + + +Der Oldenburger Rezeß + + In dem Ländchen besaß der Adel einen verbrieften »Rezeß«; er + hatte den Wunsch, daß dieses vergilbte Vorrecht, das ihm die + Alleinherrschaft und die Ausbeutung gewährleistete, auch in + Zukunft bestehen bleibe. Von einem Junker wie Bismarck glaubten + sie sicher, die Erfüllung ihres Wunsches erwarten zu können. + Aber es kam anders. Während einer Kahnfahrt auf dem schönen + Landsee bei Ratzeburg am Nachmittage des 25. Septembers meinte + ein hervorragendes Mitglied der Lauenburger Ständeversammlung + an Bismarcks Seite, diese noch schwebende Herzensfrage der + Ritterschaft bereinigen zu müssen, und fragte leicht: »Apropos, + Exzellenz, wie steht es mit unserem Rezeß? Ich hoffe, daß + Se. Majestät ihn bewilligen werden, ehe Sie unsere Huldigung + verlangen.« — »Ich vermute, daß der König dies nicht tun wird«, + versetzte Bismarck. — »Dann werden wir uns morgen mitten in der + Kirche weigern, zu schwören«, entgegnete sein Kahnnachbar. — »Je + nun,« erwiderte Bismarck kühl, »da werden die Herren morgen mitten + in der Kirche zu hören bekommen, daß sie der nächsten preußischen + Provinz einverleibt sind.« Fortan war im Kahn nur von den Reizen + der Landschaft noch die Rede. Nach Ratzeburg zurückgekehrt, + entwarf Bismarck aber sofort ein Dekret, welches die Einverleibung + Lauenburgs in die Provinz Brandenburg verkündigte und das verlesen + werden sollte, falls die Stände die »rechte Erbhuldigung« weigern + würden. Diesem Dekrete gab der König seine Zustimmung, und Bismarck + steckte es in die Tasche, ehe er am nächsten Morgen die Kirche + betrat. Nach der Predigt forderte er die Ritter- und Landschaft + zum Schwur auf, und siehe da, sie schwuren alle ohne Anstand. Vom + »Rezeß« und den Vorrechten der Junker war in Lauenburg fortan keine + Rede mehr. + +Jetzt aber brausten die Stürme der Weltgeschichte immer gewaltiger +daher; sie fuhren auch über die Häupter der Gegner Bismarcks dahin +und beugten sie tief zu Boden. In dem Antrag auf Indemnität hat dann +Bismarck mit der Geste des Kavaliers der bösen Zeit den Schlußstein +gesetzt. + +[Illustration: »Na, nu kann’s anjeh’n!« (Aus »Horning, Deutsches +Militär«)] + + + + +Düppel und Königgrätz + + +Der Krieg gegen Dänemark begann. Auch Österreich ging vor, nachdem +Bismarck der eigentlich leitende Minister seiner Politik geworden +war. Die kleineren deutschen Staaten freilich zogen sich in den +Schmollwinkel zurück; dem Starken allein blieb der Weg frei. + +Hier aber waren zum erstenmal die drei Männer vereint, die für die +Zukunft Deutschlands so ungeheuere Bedeutung erlangen sollten, +Bismarck, Roon und Moltke. Mit Roon hat den großen Staatsmann durch +alle Zeiten ein inniges Verhältnis verknüpft, Moltke dagegen war +eine kühle Natur, die sich auch ihm gegenüber niemals unbefangen +erschloß. Er hat vor allem es nie ertragen, daß Bismarck auch in +militärischen Fragen den Blick des Genies besaß. Welcher Gegensatz auch +der Charaktere! Kalt, stahlhart und stets ein Mann der Berechnung, +hatte Moltke frühe gelernt, jedes warme Gefühl zu unterdrücken und +sich ganz in den Dienst seines Berufes zu stellen; Bismarck aber war +leidenschaftlich, temperamentvoll; er hatte ein glühend empfindendes +Herz; sein Gemütsleben war reich und tief. + +Im Dänischen Kriege hat Bismarck, wie auch später immer, den Schauplatz +der Entscheidungen betreten. In den Kugelregen allerdings ist er nicht +mehr gekommen; er ist erst mit dem Könige zusammen nach Schleswig +geeilt, um an dem Vorbeimarsch der Düppelstürmer vor dem obersten +Kriegsherrn teilzunehmen. Schon damals durfte er sagen: »Sie werden +sehen, in ganz kurzer Zeit bin ich der populärste Mann in ganz +Deutschland.« Die Streitigkeiten, die unter den im Felde stehenden +Generalen ausbrachen, führten auch einmal zu einem Eingreifen Bismarcks: + + +Der Abjott Deitschlands + + Wrangel hatte die Grenze von Jütland überschreiten wollen, + war jedoch dabei auf den Widerstand des österreichischen + Zivilkommissars gestoßen, der aus diplomatischen Bedenken gegen + diesen Schritt protestierte. Die Angelegenheit wurde Bismarck + telegraphisch mitgeteilt, und er entschied sich gegen die + Auffassung Wrangels, weil er das Einverständnis Österreichs hierzu + zu bedürfen glaubte. Wrangel sandte hierauf an den König ein + entrüstetes Telegramm, in dem er von Diplomaten sprach, die die + schönsten Situationen verdürben und den Galgen verdienten. Bismarck + war darüber natürlich nicht erbaut, und er hat lange Zeit hindurch + den alten Haudegen übersehen und als eitel Luft behandelt. Es + kursiert eine Anekdote über die Art, wie beide Männer sich wieder + versöhnten. Sie saßen einmal bei der Hoftafel nebeneinander, als + Wrangel fragte: »Mein Sohn, kannst du nicht vergessen?« — »Nein.« + Nach einer Pause fragte der alte General: »Mein Sohn, kannst du + nicht vergeben?« — »Von ganzem Herzen«, rief Bismarck. So sind sie + wieder gute Freunde geworden. In einem Brief an Roon vom 26. Januar + nannte Bismarck den alten General »den Abjott Deitschlands«, vor + dessen bedenklichen Sprüngen man sich hüten solle. + +Während aber die deutschen Truppen siegreich vorwärts stürmten, +suchte die europäische Diplomatie, vor allem England, ihnen in den +Arm zu fallen. Indem er hier den Widerstand besiegte und die Bahn +für seine Pläne befreite, hat Bismarck, wie er später gern erklärte, +sein schwierigstes diplomatisches Meisterstück vollbracht. Als die +von England nach London berufene Konferenz zusammentrat, da war +Düppel bereits erstürmt, da hatte Bismarck aber auch in schwierigen +Geheimverhandlungen sich Frankreichs Beistand gesichert. Da hatte man +den Gedanken, um Dänemarks willen mit Deutschland Krieg zu beginnen, +überall in seiner vollen Absurdität erkannt. Bismarck hat damals, wie +er an Motley schrieb, »wie ein Nigger« gearbeitet: »Es kommt bei mir +vor, daß ich in fünf Tagen keine Viertelstunde zu einem Spaziergang +finden kann!« Unter den Gegnern seiner Politik fand er auch jetzt +wie so oft Herrn von Beust, der noch zuletzt die Anerkennung des +Augustenburgers verlangte. Bismarck rächte sich, indem er später +folgendes Urteil fällte: + + +Beust + + »Wenn ich mir ein Urteil über die Gefährlichkeit eines Gegners + bilden will, so subtrahiere ich zunächst von dessen Fähigkeiten + seine Eitelkeit. Wende ich dieses Verfahren auf Beust an, so bleibt + als Rest wenig oder nichts.« + +Das Ende des Krieges hatte nach unendlichem Wirrwarr und einer Fülle +der kompliziertesten diplomatischen Verhandlungen zur Übertragung +der Souveränität über Schleswig und Holstein an die beiden deutschen +Großmächte geführt. Die Verhandlungen mit Österreich lenkten damals die +Schritte des leitenden Ministers auch wieder nach Wien, nach Schönbrunn +und Baden. Wie anders aber das Bild, als in jenen Tagen, da er von +Frankfurt her zum Wiener Hofe kam! Wie anders auch seit damals, da er +mit Johanna hier auf der Hochzeitsreise weilte! + + +Wie einst im Mai + + Welche köstliche Reminiszenz an die erste Zeit der jungen Liebe + erweckt ein Brief aus diesen reich belasteten Tagen, der am + 20. August 1864 aus Schönbrunn zur Gattin flog! »Es ist zu + verwunderlich, daß ich gerade in den Zimmern zu ebener Erde wohne, + die auf den heimlichen, reservierten Garten stoßen, in den wir vor + ziemlich genau siebzehn Jahren beim Mondschein hier eindrangen! + Wenn ich über die rechte Schulter blicke, so sehe ich durch eine + Glastüre gerade den dunkeln Buchenheckengang entlang, in welchem + wir mit dem heimlichen Behagen am Verbotenen bis an die Glasfenster + wanderten, unter denen ich jetzt wohne. Es war damals eine Wohnung + der Kaiserin, und jetzt wiederhole ich im Mondschein unsere + damalige Wanderung mit mehr Bequemlichkeit. ...« Ob auch mit mehr + Behagen? »Feldjäger, Tintenfaß, Audienzen und Besuche umschwirren + mich ohne Unterlaß«, so schreibt er; »auf der Promenade mag ich + mich gar nicht zeigen; kein Mensch läßt mich in Ruhe.« + +Und doch war das Ziel noch längst nicht erreicht. Denn das, was er +als notwendig für Deutschlands Heilung erkannte, die entscheidende +Auseinandersetzung mit Österreich, war auch jetzt noch nicht +erfüllt. Ja, in der Lösung der Nordischen Frage selbst lag schon +der Keim für künftige Konflikte. Nur durch die Gewalt der Umstände +war ja schließlich Österreich dazu gelangt, den eigenen Standpunkt +preiszugeben. Fast in jeder Einzelheit in den weiteren Verhandlungen +zeigten sich Differenzen zwischen Bismarck und der kaiserlichen +Regierung, mochte es sich nun um die Frage handeln, ob der Bund von den +Beratungen unterrichtet werden solle, mochte Österreich verlangen, daß +die Verwaltung der Herzogtümer einem dreiköpfigen Kollegium übergeben +werden solle, oder mochte man hier die Forderung stellen, zuerst das +Recht der Thronfolge zu ordnen. Aus jener Zeit stammt Bismarcks Klage: + + +Bismarck als Faust + + »Faust«, so sagte er, »klagt über die zwei Seelen in seiner Brust; + ich beherberge aber eine ganze Menge, die sich zanken. Es geht da + zu wie in einer Republik. Das meiste, was sie sagen, teile ich mit. + Es sind da aber auch ganze Provinzen, in die ich nie einen anderen + Menschen werde hineinsehen lassen.« + + +Ein Traum + + Seinem alten Lehrer =Dr.= Bonnell erzählte in jenen Tagen Bismarck + einen Traum. Er sei auf einem Gebirgspfad in die Höhe gestiegen, + der immer enger geworden sei, bis er endlich vor einer hohen Wand + gestanden und neben sich in einen tiefen Abgrund geblickt habe. + Einen Augenblick habe er überlegt, ob er umkehren solle, dann habe + er sich entschlossen und mit seiner Gerte einen Schlag gegen die + Wand geführt; augenblicklich sei diese verschwunden und der Weg + frei gewesen. + +Das Bedürfnis nach Erholung faßte jetzt auch einmal diesen starken +Mann. Es treibt ihn von neuem nach dem Süden Frankreichs, nach +Biarritz und den Pyrenäen. Dort in dem schönen Badeorte sitzt er am +offenen Fenster, den Blick auf die blaue, sonnige See gerichtet, deren +Rauschen von dem Schellengeklingel der Wagen auf der Bayonner Straße +begleitet ist. »In so behaglichen Zuständen habe ich mich klimatisch +und geschäftlich lange nicht befunden, und doch hat die üble Gewohnheit +des Arbeitens schon so tiefe Wurzeln bei mir geschlagen, daß ich einige +Gewissensunruhe über mein Nichtstun fühle, fast Heimweh nach der +Wilhelmstraße, wenigstens wenn die Meinen dort wären.« + +[Illustration: Was aber nanu? — Nach den Siegen über die Dänen +beherrschte die Frage jedes Interesse: welches wird das Schicksal +der befreiten Lande sein? Graf Rechberg und Herr von Bismarck sinnen +darüber. (»Figaro«, Mai 1864)] + + +In Lebensgefahr + + Hier unten ist Bismarck auch einmal in ernster Lebensgefahr + gewesen. »Da erinnere ich mich,« so hat er später in Versailles + erzählt, »ich war einmal mit einer Gesellschaft, unter der sich + auch die Orloffs befanden, im südlichen Frankreich beim Point du + Gard. Es ist das eine alte Wasserleitung aus römischer Zeit, die + in mehreren Etagen über ein Tal weggeht. Da sagte die Fürstin + Orloff, eine lebhafte Frau, wir wollen oben darüber gehen. Das war + ein sehr schmaler Gang neben der Rinne, nur etwa anderthalb Fuß + breit, dann die tief eingeschnittene Rinne und auf der anderen + Seite wieder eine Mauer mit Platten darauf. — Die Sache war nicht + unbedenklich, aber ich konnte mich doch von einem Frauenzimmer + nicht an Mut übertreffen lassen. So unternahmen wir beide denn das + Kunststück. Er aber ging mit den anderen unten im Tale hin. Eine + Weile schritten wir auf den Platten fort, und da ging es gut auf + der schmalen Kante, von der man in eine Tiefe von mehreren hundert + Fuß hinabsah. Dann aber waren die Platten weggefallen, und man ging + über eine bloße schmale Mauer. Eine Strecke weiterhin kamen wir + zwar wieder auf ein Stück mit Platten, und dann gab’s wieder nur + die unsichere Mauer mit ihren schmalen Steinen. Da faßte ich mir + ein Herz, schritt rasch auf sie zu, faßte sie mit dem einen Arm + und sprang mit ihr in die vier bis fünf Fuß tiefe Rinne hinunter. + Aber die unten, die uns nun plötzlich nicht mehr sahen, hatten die + größte Angst, bis wir endlich drüben wieder erschienen.« + + »Auch sonst«, erzählte er weiter, »bin ich noch ein paarmal in + Lebensgefahr gewesen. Zum Beispiel, als die Semmeringbahn noch + nicht fertig war — ich glaube, es war 1852 —, da ging ich mit + einer Gesellschaft durch einen von den Tunneln oben. Ich erinnere + mich, Graf Octavio Kinsky war dabei, etwas älter als ich, mit + gelockten Haaren. Es war ganz finster drin. Ich ging den anderen + mit einer Laterne voran. Nun zog sich da quer über den Boden + eine Schlucht oder Spalte hin, die war wohl fünfzig Fuß tief und + etwa anderthalbmal so breit wie der Tisch hier. Darüber hatten + sie ein Brett gelegt, welches zu beiden Seiten Leisten hatte, + damit die Karren nicht abrutschten. Dieses Brett mußte morsch + sein; denn wie ich in der Mitte bin, bricht es ein, und ich fahre + hinunter, bleibe aber, da ich unwillkürlich die Arme ausgebreitet + hatte, an den Leisten hängen. Die hinter mir kamen, dachten nun + — die Laterne war mir nämlich entfallen und erloschen — ich wäre + hinabgestürzt, und waren nicht wenig erstaunt, als sie fragten: + ›Leben Sie noch?‹ statt von tief unten her ganz oben vor sich — + als sie da die Antwort erhielten: ›Ja, hier bin ich.‹ — Ich hatte + mich inzwischen auch mit den Beinen angeklammert und fragte, ob + ich zurück oder hinüber sollte. Der Führer meinte, es wäre besser, + hinüber, und so arbeitete ich mich denn dahin. Der Arbeiter, der + uns führte, zündete nun ein Licht an, suchte ein anderes Brett und + brachte so die Gesellschaft nach. — Man sah mit dem Brette recht, + wie liederlich und leichtsinnig solche Dinge zu der Zeit genommen + wurden. — Hernach, als wir aus dem Tunnel heraus waren, fuhren wir + in einem niedrigen Karren sausend die Bahn hinab. Wir hatten dicke + Stöcke, um zu hemmen, und taten es auch, wenn es um die Kurven + ging. Bei der stärksten brachten wir’s aber nur mit großer Mühe + fertig, daß der Karren nicht aus dem Geleise geriet und in einen + der beiden Abgründe fiel, die da waren. In den ganz tiefen konnten + wir freilich nicht hinunterfahren, aber in den anderen ging’s auch + gegen sechzig Fuß hinab.« + +[Illustration: ~Ein neuer Diogenes zu Kiel~ + +»Annexander«-Bismarck mit König Wilhelm vor dem Augustenburger +Diogenes, der leer ausgeht. Oldenburg hatte seine Ansprüche auf +Schleswig-Holstein für eine Million Taler aufgegeben. (»Figaro«, +Februar 1865)] + + Ein andermal hatte Bismarck mit einigen Begleitern bei einer + Tour in der Schweiz — wohl bei einem Ausfluge nach dem + Rosenlauigletscher — einen schmalen Grat passieren müssen. Eine + Dame und der eine ihrer beiden Führer waren schon drüben gewesen. + Nach ihnen kam ein Franzose, dann Bismarck und hierauf der andere + Führer. In der Mitte der Kante sagte der Franzose: »=Je ne peux + plus=«, und wollte durchaus nicht weiter. Ich war gleich hinter ihm + und fragte den Führer: »Was machen wir nun?« — »Steigen Sie über + ihn weg, dann schieben wir ihm die Alpenstöcke unter die Arme und + tragen ihn hinüber.« — »Sehr schön,« sagte ich, »aber ich steige + nicht über ihn hinweg; denn der Mann ist krank und packt mich in + seiner Verzweiflung, und wir fallen beide hinunter.« — »Nun, so + drehen Sie um.« — Das war schwer genug, aber ich versuchte es, und + es ging, und nun machte er das Manöver mit den Alpenstöcken mit + Hilfe des anderen Führers. + +[Illustration: ~Die Entscheidung naht!~ + +Der neue Zusammenstoß zwischen dem Landtag, dessen Präsident Grabow +ist, und dem Ministerium steht bevor. Bismarck bereitet seinen Gegnern +das »innere Düppel«. (»Kladderadatsch«, März 1865)] + +Allmählich wuchsen die Differenzen mit Österreich. Es kam sogar von +Wien aus zu einer Drohung mit dem Bruch der Allianz, wenn Preußen nicht +auf Österreichs Programm eingehe. Bismarck faßte allerdings, wie er +dem Grafen Karolyi offen sagte, die Frage sehr einfach auf. »Sehen +Sie, wir stehen da vor der Frage der Herzogtümer wie zwei Gäste, die +ein treffliches Gericht vor sich haben; der eine aber, welcher keinen +Appetit hat und es nicht verzehren will, verbietet energisch dem +anderen, den der Leckerbissen reizt, zuzulangen und zu schmausen.« Auch +der Bund trat gegen Bismarcks Forderungen auf. Er »erwarte nunmehr +vertrauensvoll die Einsetzung des Augustenburgers«, worauf Bismarck +erklärte, daß Preußen in keiner Weise dieses Vertrauen rechtfertigen +werde. Zugleich ging an den preußischen Landtag eine Vorlage über +Flottenbedürfnisse, in der auch die Kosten für eine Station in Kiel +verlangt wurden. Bei der Verteidigung erklärte Roon, Preußen werde nie +den Besitz des Kieler Hafens aufgeben. Trotz des lauten Protestes von +Wien führte in der Tat auch Preußen seine Arbeiten in der Kieler Bucht +ungestört fort. Aber noch suchte Bismarck den Bruch zu vermeiden. Noch +einmal faßte er alle Beschwerden gegen Österreich zusammen und ließ +durch den Gesandten in Wien erklären, daß ein bewaffneter Konflikt bei +einer Fortsetzung des bisherigen Verfahrens unvermeidlich sei. Auch +die Abneigung des Königs gegen den Bruch mit Österreich war noch nicht +überwunden. Am 29. Mai berief er das gesamte Staatsministerium unter +Teilnahme des Kronprinzen und Moltkes zu einer Beratung unter seinem +eigenen Vorsitz. Hier stellte Bismarck die Annexion der Herzogtümer als +notwendig dar, indem er zugleich erklärte, daß sie nur, früher oder +später, durch einen Krieg zu erreichen sei: »Den Rat dazu können wir +jedoch Ew. Majestät nicht erteilen; der Entschluß dazu kann nur aus der +freien königlichen Überzeugung hervorgehen. Würde ein solcher gefaßt, +so würde das gesamte preußische Volk ihm freudig folgen.« Die meisten +Minister erklärten sich mit Bismarck einverstanden, in entschiedenen +Gegensatz aber stellte sich der Kronprinz, der die Sorge aussprach, daß +der Krieg mit Österreich Deutschland zerfleischen und die Einmischung +der Fremden herbeiführen werde, und der zugleich versicherte, der +Erbprinz von Augustenburg sei »durchaus preußisch« gesinnt. Ehe der +König die denkwürdige Sitzung schloß, fragte er noch Moltke: »Was ist +die Meinung der Armee?« »Nach meiner persönlichen Ansicht«, war die +Antwort, »ist die Annexion die einzige heilsame Lösung für Preußen +und Schleswig-Holstein. Der Gewinn ist so groß, daß er einen Krieg +verlohnt. Auch die Meinung des Heeres geht auf Annexion. Ich halte eine +siegreiche Durchführung des Krieges für möglich, auch die numerische +Übermacht am entscheidenden Punkte kann erreicht werden.« Der König +aber behielt sich die Entschließung vor; die Verhandlungen gingen +weiter. Österreich mochte hierbei in seinem Widerstand auch durch die +Haltung des preußischen Abgeordnetenhauses bestärkt werden, das auch +jetzt der Regierung alle Forderungen versagte. Trotzdem war Bismarck +»politisch zufrieden, in stiller Kammerverachtung«: »Ich kann nicht +leugnen,« so rief er aus, »daß es mir einen peinlichen Eindruck macht, +wenn ich sehe, daß angesichts einer großen nationalen Frage, die seit +zwanzig Jahren die öffentliche Meinung beschäftigt hat, diejenige +Versammlung, die in Europa für die Konzentration der Intelligenz und +des Patriotismus in Preußen gilt, zu keiner anderen Haltung als zu +einer impotenten Negative sich erheben kann.« Im Hinblick auf diese +Haltung hat noch nach langen Jahren Fürst Bismarck die Unehrlichkeit +und Vaterlandslosigkeit der politischen Parteien in Deutschland auf +das härteste angeklagt. Und doch war schon der Weg nach Damaskus auch +für den Landtag abgesteckt, und schon kam aus altliberalem Lager +der Antrag, die unlösliche Verbindung der Herzogtümer mit Preußen +auszusprechen. Aber noch mußte die Zeit reifen. + +In späteren Jahren schrieb Moltke einmal: »Der Krieg von 1866 ist nicht +aus Notwehr entsprungen gegen die Bedrohung der eigenen Existenz; es +war ein im Kabinett als notwendig erkannter, längst beabsichtigter und +ruhig vorbereiteter Kampf nicht für Ländererwerb, Gebietserweiterung +und materiellen Gewinn, sondern für ein ideales Gut, für Machtstellung. +In der Tat hat es sich um Preußens völliges Reifen zur Großmacht +gehandelt. Symbolisch hat dies in jenen Tagen auch Bismarck +ausgedrückt, als er das Geschenk eines kräftigen Handstocks, das ihm +der König machte, mit folgendem Briefe quittierte: + + +Der Stab Arons + + »Ew. Majestät sage ich meinen ehrfurchtsvollen und wärmsten + Dank dafür, daß Allerhöchstdieselben meiner heute in Gnaden + gedacht haben. Möge Gott mir so viel Kraft geben, als ich guten + Willen habe, den Stab, dessen Symbol Ew. Majestät mir als ein + lebenslänglich teures Andenken heute schenken, nach Allerhöchst + Ihrem Willen zum Heile unseres Vaterlandes zu führen. Ich habe das + gläubige Vertrauen zu Gott, daß Ew. Majestät Stab im deutschen + Lande blühen werde wie der Stecken Arons laut dem vierten Buch + Mosis im siebzehnten Kapitel, und daß er sich zur Not auch in die + Schlange verwandeln werde, welche die übrigen Stäbe verschlingt, + wie im siebten Kapitel des zweiten Buches erzählt ist. Verzeihen + Ew. Majestät meinem dankbaren Gefühl diese Bezugnahme. Angesichts + des Weihnachtsfestes habe ich das Bedürfnis, Ew. Majestät zu + versichern, daß meine Treue und mein Gehorsam gegen den Herrn, den + Gott mir auf Erden gesetzt hat, auf derselben festen Grundlage + beruhen wie mein Glaube.« + +Aber König Wilhelm hatte sich noch nicht vertraut gemacht mit der +Entscheidung auf blutiger Heide; er wollte den Frieden wahren, solange +es in Ehren möglich war. So trat an die Stelle des Schwertes wieder die +Feder. Doch wurde in dem Ministerrat, den der König auf der Reise von +Karlsbad nach Gastein nach Regensburg berief, einstimmig beschlossen, +ein Ultimatum an Österreich zu senden, in dem jede Verhandlung über +die Zukunft der Herzogtümer abgelehnt wurde, bis dort die Autorität +wieder hergestellt und die Agitation beseitigt sein würde. »Mit dem +Frieden sieht es faul aus, in Gastein muß es sich entscheiden«, schrieb +der Minister an seine Schwester. »Die Firma Halbhuber-Augustenburg«, +schreibt er in einem anderen Briefe, »treibt es so arg, daß wir werden +nächstens einseitig Gewalt anwenden müssen. Das wird in Wien böses +Blut machen, und dann hängt sich Gewicht an Gewicht bis zum vollen +Bruch. Österreich läßt uns nur die Wahl, in Holstein zum Kinderspott zu +werden. Dann schon lieber Krieg, der doch nur eine Zeitfrage bleibt.« + +Österreich aber zeigte sich jetzt entgegenkommend. Gerade damals hatte +Graf Blome dem Gesandten in München den Vorschlag gemacht, Österreich +solle Holstein, Preußen Schleswig annektieren. Dieser Plan wurde in +Wien dahin geändert, daß Preußen beide Herzogtümer übernehmen solle, +wenn eine angemessene Gegenleistung für Österreich gefunden wird. Blome +erhielt den Auftrag, zunächst für den Augustenburger zu wirken und nur +bei dauerndem Widerstande den Teilungsplan vorzunehmen. Bismarck wies +diesen Gedanken zurück, war aber zu weiterem Verhandeln bereit. Blome +reiste daher nach Ischl, um dem Kaiser Bericht zu erstatten. Bismarck +aber schrieb an seinen Freund Blankenburg: »Politisch dauert die +Schwebe zwischen Krieg und Frieden fort, Neigung für letzteren tritt +aber in Wien doch mehr in den Vordergrund. Auf der Rückreise des Königs +wahrscheinlich Begegnung mit dem Kaiser in Salzburg. Bis dahin muß ich +lavieren; denn von hier aus können wir nicht grob werden.« + + +Quinze + + »Es war, wie ich den Vertrag mit Blome schloß. Damals«, so plaudert + Bismarck, »habe ich zum letztenmal in meinem Leben Quinze gespielt. + Obwohl ich sonst gar nicht mehr spiele — schon lange nicht mehr —, + spielte ich da so leichtsinnig darauf los, daß sich die anderen + nicht genug verwundern konnten. Ich wußte aber, was ich wollte. + Blome hatte gehört, daß man beim Quinze die beste Gelegenheit + hätte, die Menschen kennen zu lernen, und wollte das jetzt + versuchen. Ich dachte, sollst ihn schon kennen lernen. Ich verlor + damals ein paar hundert Taler, die ich eigentlich, als im Dienste + Sr. Majestät verwendet, hätte liquidieren können. Aber ich machte + ihn damit irre; er hielt mich für waghalsig und gab nach.« + +[Illustration: »Einer auf dem Eroberungszuge durch den Norden +Deutschlands.« Frei nach der Viktoria auf dem Brandenburger Tor. +(»Kladderadatsch«, September 1865)] + +Kaiser Franz Joseph sandte von Ischl tatsächlich ein entgegenkommendes +Schreiben an den König. Österreich gestand jetzt die Teilung im +Sinne Blomes zu und machte bedeutende Konzessionen hinsichtlich der +preußischen Wünsche auf den Durchzug durch Holstein; Rendsburg sollte +gemeinsam besetzt, Lauenburg gegen eine Geldsumme an Preußen abgetreten +werden. Die Risse im Bau waren verklebt. Die beiden Monarchen trafen +sich in Salzburg und setzten ihre Unterschriften unter den Vertrag. +König Wilhelm aber gab seiner Freude dadurch Ausdruck, daß er am 15. +September Bismarck in den Grafenstand erhob. Folgender Brief begleitete +die Ernennung. + + +Graf + + »Mit dem heutigen Tage vollzieht sich ein Akt, die Besitzergreifung + des Herzogtums Lauenburg, als eine Folge meiner, von Ihnen mit + so großer und ausgezeichneter Umsicht und Einsicht befolgten + Regierung. Preußen hat in den vier Jahren, seit welchen ich + Sie an die Spitze der Staatsregierung berief, eine Stellung + eingenommen, die seiner Geschichte würdig ist und demselben auch + eine fernere glückliche und glorreiche Zukunft verheißt. Um Ihrem + hohen Verdienste, dem ich so oft Gelegenheit hatte, meinen Dank + auszusprechen, auch einen öffentlichen Beweis desselben zu geben, + erhebe ich Sie hiermit mit Ihrer Deszendenz in den Grafenstand, + eine Auszeichnung, welche auch immerhin beweisen wird, wie hoch + ich Ihre Leistungen um das Vaterland zu würdigen wußte. Ihr + wohlgeneigter König Wilhelm.« + +[Illustration: Das sind die zwei Planeten, die abwechselnd auf- und +untergehen. (»Kikeriki«)] + +Bismarck selbst glaubte nicht an die Dauer des Ausgleichs. Schon +die Tatsache, daß er alsbald nach Frankreich ging und mit Napoleon +lange Besprechungen hatte, erweckte in Wien neuen Verdruß. In dieser +Gereiztheit schritt man dazu, die Agitation des Augustenburgers, die +schon vorher jedes Maß überstieg, heimlich noch zu verstärken. Man +billigte es sogar, daß die Gattin des Erbprinzen auf einer Reise +von Altona nach Kiel überall mit amtlichem Gepränge empfangen und +als Landesherrin gefeiert wurde. Es kam so weit, daß Manteuffel als +Gouverneur von Schleswig Bismarck riet, in Wien die Wahl zu stellen, +entweder mit Preußen oder mit dem Augustenburger zu brechen. Bismarck +erkannte die Richtigkeit dieses Standpunktes sofort. Er sandte zwar +noch kein Ultimatum nach Wien, aber die Notwendigkeit des Krieges +erhob sich für ihn immer drängender: Die preußische Machtstellung +stand auf dem Spiele und zugleich die Krongewalt. Denn der Konflikt +ging ununterbrochen weiter, und ein ruhmloser Rückzug im Äußeren +bedeutete auch die moralische Niederlage im Inneren. Der Kampf im +Herzen des Königs aber war um so schwerer, als der eigene Sohn die +Partei des Augustenburgers hielt und mit seinen Angehörigen in scharfe +Gegnerschaft gegen Bismarcks Pläne trat. Auch die Königin Augusta war +die Gegnerin des Staatsmannes, und von den Konservativen wandten sich +Gerlach und seine Freunde erschreckt von der revolutionären Tatkraft +Bismarcks ab, als sie sich offen gegen Österreich und den Bund kehrte. +Und auch das ganze Wesen des greisen Königs, der fast ein Siebziger +war, sträubte sich gegen den Krieg. Er empfand die volle Verantwortung +für das Blut, das vergossen werden sollte, für den Staat der +Hohenzollern, den er aufs Spiel setzte. Die alten preußischen Kräfte, +die er in sich trug, wurden durch seinen Staatsmann, der freilich +selber ganz Preuße war, auf ein neues Feld hinausgeführt, das sich noch +ganz fremd und unabsehbar dehnte. Sollte König Wilhelm die Kraft haben, +sich diesem ungeheueren Zuge der Bismarckschen Politik hinzugeben? + +Er entschied nach Bismarcks Rat. Schon im September hatte er in +Merseburg bei der Feier der fünfzigjährigen Vereinigung der Provinz +Sachsen mit Preußen gesagt, als er den Besitzer von Schönhausen unter +den Provinzialständen sah: »Diesem Manne verdanke ich und das Vaterland +sehr viel.« + + +Als Prophet + + Bei einem Mittagessen bei dem sächsischen Gesandten Grafen + Hohenthal fragte im Laufe der Unterhaltung die Hausfrau den neben + ihr sitzenden preußischen Ministerpräsidenten: »Sagen Sie mir doch, + Exzellenz, ist es wirklich wahr, daß Sie Österreich bekriegen + und Sachsen erobern wollen?« Bismarck erwiderte mit größter + Freundlichkeit: »Ganz gewiß ist das wahr, teuerste Gräfin; vom + ersten Tage meines Ministeriums an habe ich keinen anderen Gedanken + gehabt; unsere Kanonen sind heute gegossen, und Sie sollen bald + sehen, wie sie der österreichischen Artillerie überlegen sind.« + — »Entsetzlich!« rief die Dame; »aber« — fuhr sie fort — »dann + geben Sie mir einen Freundesrat, da Sie einmal in offenherziger + Laune sind: ich habe zwei Besitzungen, auf welche soll ich mich + flüchten, auf mein Gut in Böhmen oder auf mein Schloß bei Leipzig?« + — »Wenn Sie mir glauben wollen« — antwortete Bismarck — »reisen + Sie nicht nach Böhmen; eben dort, und wenn ich nicht irre, gerade + in der Nähe ihres Gutes, werden wir die Österreicher schlagen; Sie + könnten dort also schreckliche Abenteuer erleben. Gehen Sie ruhig + nach Sachsen; bei Leipzig wird nichts vorfallen, und Sie werden + nicht einmal durch Einquartierung belästigt werden, denn Ihr Schloß + Knauthayn liegt an keiner Etappenstraße.« Als bald nachher Bismarck + von anderen Diplomaten über diese Äußerung besorglich interpelliert + wurde, lachte er, daß man von der Verspottung einer unpassenden + Frage Notiz nähme. Herr von Beust aber nahm, in Erinnerung an + seine langjährige Feindseligkeit gegen Preußens Politik, die Sache + äußerst ernsthaft, sandte die wichtige Enthüllung nach Wien, + rief Österreichs mächtigen Schutz an und erklärte, daß, wenn + Österreich jetzt rüste, sämtliche Mittelstaaten fest zu ihm stehen, + anderenfalls aber der Freundschaft Österreichs für immer den Rücken + kehren würden. + +Es war, wie Sybel sagt, die entscheidende Epoche in Bismarcks mächtigem +Lebensgang. Ein neues Preußen war nicht denkbar ohne ein neues +Deutschland, die Kräftigung Preußens hing eng zusammen mit der Lösung +der deutschen Frage. Jetzt gab es von allen Alternativen nur noch die +eine: Ein Hinausdrängen Österreichs aus dem Bunde und Vereinigung +des übrigen Deutschland unter preußischer Leitung. Bei Bismarck +fielen Vorsicht und Kühnheit, Vorwärtsdrängen und Mäßigung untrennbar +zusammen. Jetzt aber, wo nur auf dem Wege über Olmütz ein Ausweichen +möglich war, blieb nur, wenn Preußens Ehre nicht verletzt werden +sollte, der steile Pfad der kriegerischen Entscheidung. + +[Illustration: »Dieses alles will ich dir geben, wenn du mir hilfst, +Belgien und Luxemburg zu gewinnen.« (Spottblatt)] + +Schriften und Gegenschriften flogen herüber und hinüber, das Bündnis +mit Italien wurde geschlossen, Napoleon, der Kompensationen forderte, +durch ein dilatorisches Verhalten beruhigt. Die Volksstimmung suchte +Bismarck durch die Ankündigung eines allgemeinen deutschen Parlaments +und des allgemeinen Stimmrechts zu gewinnen, überzeugt, daß die Massen +ehrlicher an der Erhaltung der staatlichen Ordnung interessiert seien +als die Führer jener Klassen, die man durch die Einführung eines Zensus +privilegiert hatte. Er glaubte, wie er dem Grafen Bernstorff schrieb, +daß in einem Lande mit monarchischen Traditionen und loyaler Gesinnung +das allgemeine Stimmrecht, indem es die Einflüsse der liberalen +Bourgeoisie beseitigt, auch zu monarchischen Wahlen führen werde. In +Preußen seien neun Zehntel des Volkes dem Könige treu und nur durch +den künstlichen Mechanismus der Wahl um den Ausdruck ihrer Meinung +gebracht. Später sah Bismarck seinen Irrtum ein. Aber »er konnte nicht +ganze Bibliotheken studieren, um ein besseres Wahlrecht auszuklügeln«. +Überdies war dieses Wahlrecht eine Hinterlassenschaft der Paulskirche; +es wurde von Bismarck nicht erschaffen, sondern als Erbe übernommen. +»Die Karte war ausgespielt, und wir haben sie als auf dem Tische +liegende Hinterlassenschaft vorgefunden.« + +Die Anträge auf die Einberufung einer deutschen Nationalversammlung +wurden in Frankfurt eingebracht. Die Abstimmung wurde ausgesetzt — sie +ist nie vollzogen worden. Die Ereignisse gingen einen zu raschen Weg. +Aber blieb auch das Reformwerk ein Torso, so wurde es doch gegenüber +dem tobenden Unglauben der Parteien das feste Wahrzeichen, daß +Deutschlands Einheit unter Preußens Führung auf dem Boden politischer +Freiheit gegründet werden sollte. Es war der Tropfen demokratischen +Öles, mit dem einst Uhland die Stirn des künftigen Deutschen Kaisers +gesalbt wissen wollte. + +Während Preußen und Österreich mit aller Macht rüsteten, betonten +sie noch immer ihre Friedensliebe in höflichen Worten. Bayern und +Württemberg, Nassau und Hessen mobilisierten; am 20. Mai verlangte +Preußen von Hannover und Kurhessen die Zusage unbewaffneter +Neutralität. Als beide ablehnten, ließ Bismarck erklären, Preußen werde +fortan die beiden Länder als seine Gegner ansehen. Auch nach Sachsen +erfolgte eine gleiche Erklärung. Überhaupt sorgte Bismarck mit Energie +und Umsicht an den norddeutschen Höfen für unbedingte Klarheit. + + +Blinds Attentat + + In jener Zeit der mühevollsten Arbeit richtete sich gegen Bismarck + die Mordwaffe eines Fanatikers. Am 7. Mai hatte er Vortrag beim + Könige gehalten; er schritt die Linden entlang, als er plötzlich + in der Nähe der Schadowstraße zweimal hinter sich schießen + hörte. Er blickte sich um und sah, wie ein kleiner Mensch von + jüdischem Aussehen einen Revolver auf ihn anlegte. Bismarck + sprang hinzu und packte ihn mit ehernem Griff am Faustgelenk, + so daß auch der dritte Schuß fehlging. Der Attentäter wurde + ergriffen, während Bismarck, der nur leichte Kontusionen erlitten + hatte, ruhig nach Hause ging. Der Täter hieß Karl Cohen, er war + der Stiefsohn des bekannten badischen Flüchtlings Karl Blind. + Später erzählte Bismarck von jenem Vorgange: »Ich hatte Mühe, den + kräftigen jungen Mann von mir abzuwehren, und lange hätte das + Ringen mit ihm nicht dauern dürfen, denn ich fühlte mich einer + Ohnmacht nahe. In diesem entscheidenden Augenblick erhob sich + ein Gewehrkolben über meinem Haupte, der Soldat, welcher in der + Nähe Posten stand, wollte nämlich intervenieren. Da wurde eine + lederbehandschuhte Hand sichtbar, welche den Gewehrkolben faßte, + und eine Stentorstimme, die einem Offizier gehörte, schrie: + ›Rindvieh‹. Die Erregung in Berlin war groß.« — An jenem Tage fand + im Hause des Ministers ein Familiendiner statt. Als Bismarck nicht + rechtzeitig erschien, war man kaum verwundert. Denn es war in der + Zeit vor dem Kriege gegen Österreich nichts Ungewöhnliches, daß + der Ministerpräsident länger als sonst bei dem König blieb, so daß + häufig das für fünf Uhr bestimmte Diner um eine halbe Stunde und + länger hinausgeschoben werden mußte. Niemand im Hause hatte auch + nur eine Ahnung von dem meuchlerischen Mordanfall Unter den Linden + und von der wunderbaren Rettung des Hausherrn. Es war eine kleine + Gesellschaft im Salon der Frau von Bismarck versammelt, die den + Ministerpräsidenten erwartete; dieser trat endlich ein, niemand + merkte ihm irgendwelche Unruhe oder Aufregung an, nur schien es + einigen, als ob er freundlicher noch als sonst grüßte. Mit den + Worten: »Ei! wie eine liebe Gesellschaft!« nahm er seinen Weg + nach seinem Arbeitszimmer, wo er in der Regel noch einige Minuten + verweilte, bevor er zu Tische ging. Heute berichtete er kurz den + Vorfall dem Könige. Darauf kam er zurück zu der Tischgesellschaft + und sagte, wie er das häufig zu tun pflegte, wenn er sehr spät + kam, in spaßhaft vorwurfsvollem Tone zu seiner Gemahlin: »Warum + essen wir denn heute gar nicht?« Er näherte sich einer Dame, um + dieselbe zu Tisch zu führen; da erst, beim Ausgang aus dem Salon, + trat er auf seine Gemahlin zu, küßte sie auf die Stirn und sprach: + »Mein Kind! sie haben auf mich geschossen, aber es ist nichts!« + So zart und vorsichtig nun auch diese Mitteilung gemacht wurde, + so malte sich doch begreiflicherweise das Erschrecken auf allen + Gesichtern, dann drängte sich alles um Bismarck in Freude um die + wunderbare Errettung. Dieser aber ließ sich nicht aufhalten, ging + zum Speisesaal und saß nach dem kurzen Tischgebet vor seiner + Suppe, die ihm um so trefflicher munden mochte, je weniger er, + nach Menschengedanken, noch eine halbe Stunde zuvor ein Anrecht + auf sie zu haben schien. Der hinzugekommene Arzt sagte nachher, + als man allerlei Theorien darüber aufstellte, wie das Attentat so + unschädlich habe verlaufen können, mit Recht: »Meine Herren, es ist + hier nur eine Erklärung: Gott hat seine Hand dazwischen gehabt!« + +Auch der letzte Versuch einer Verständigung, den Anton von Gabelenz +machte, ist gescheitert, ebenso alle Versuche, die Höfe von Hannover +und Kassel zur Vernunft zu mahnen. Vergebens suchte auch Napoleon den +Vorschlag einer Konferenz, die Frage vor einem europäischen Areopag. Am +1. Juni fiel im Bunde die erste wichtige Entscheidung. Österreich hatte +gefordert, daß die Schleswig-Holsteinische Frage nach Recht und Gesetz +des Deutschen Bundes, nicht von den beiden Großmächten entschieden +werde; es hatte also offen und deutlich den Vertrag von Gastein +gebrochen. In der schärfsten Weise wies Bismarck dieses Vorgehen +zurück, indem er zugleich erklärte, daß jetzt der König von Preußen +den General von Manteuffel mit der Wahrung seiner Souveränitätsrechte +in Holstein beauftragen werde. Zugleich sandte er an alle deutschen +Regierungen seinen Entwurf einer künftigen deutschen Bundesverfassung. +Manteuffel aber erließ eine Bekanntmachung, daß er Holstein besetzt +habe und genötigt sei, die Regierung in die Hand zu nehmen; die Truppen +Österreichs zogen sich alsbald nach Altona und von dort über Hannover, +Hessen und Bayern nach Böhmen zurück. Da stellte Österreich beim Bunde +den Antrag auf Mobilmachung des ganzen Bundesheeres und die Ernennung +eines Bundesfeldherrn. Bismarck erklärte, als mit neun gegen sechs +Stimmen der Antrag angenommen war, den Bundesvertrag für gebrochen, den +Bund für aufgelöst und lud die Freunde der nationalen Sache ein, die +preußische Bundesreform anzunehmen. Damit endete die letzte Sitzung des +Bundestages; er starb ruhmlos, wie er ruhmlos gelebt hatte. Für König +Wilhelm aber war jetzt die Stunde des letzten Entschlusses gekommen. +Als Bismarck sie forderte, weil die letzte Friedenshoffnung erloschen +sei, da erklärte er dem Minister den Wunsch, sich auf kurze Zeit in +sein Zimmer zurückziehen zu dürfen. Bismarck erzählt über diese Szene: + + +Ein herzbewegendes Bild + + Als Bismarck allein war, warf er von ungefähr einen Blick in den + Spiegel, in welchem ein Teil des Nebengemaches sich abzeichnete, da + der König beim Eintritt in dieses Zimmer die Verbindungstüre nicht + völlig geschlossen hatte. Da erblickte Bismarck ein herzbewegendes + Bild! Sein König lag auf den Knien und flehte in heißem Gebet zu + dem Herrn aller Heerscharen, zum König aller Könige. Bismarck + wandte das Haupt ab, und Tränen rollten über dieses eherne + Antlitz. Inzwischen trat der König wieder lautlos ein, und dessen + milde Stimme sprach jetzt zu Bismarck: »Ich habe die Entscheidung + getroffen. Ich genehmige Ihre Vorschläge.« + + +Moltkes einziger Witz + + Am Abend des Tages, an dem die entscheidende Nachricht über die + Abstimmung im Bunde eintraf, bat Bismarck den General Moltke zu + sich. Beide Herren zogen sich alsbald zurück, um die militärischen + Maßnahmen zu besprechen, die durch die politische Lage bedingt + waren. Nach Verlauf einer Stunde traten beide bereits wieder + aus dem Arbeitszimmer Bismarcks heraus. Nunmehr gab Bismarck + den Auftrag, daß die chiffrierten Depeschen, betreffend die + Sommationen, an Sachsen, Hannover und Kurhessen abgehen sollten. + Gegen zwei Uhr nachts zog Bismarck die Uhr heraus und sagte: »In + zweiundzwanzig Stunden werden unsere Truppen in Sachsen, Hannover + und Kurhessen einrücken!« Moltke war in heiterster Laune und + bemerkte: »Heute ist die Brücke bei Dresden gesprengt worden.« + Als er das allgemeine Erstaunen der Tischgesellschaft wahrnahm — + Bismarck nicht ausgenommen, welcher meinte, das sei doch nicht + möglich —, lachte er verschmitzt und sagte: »Ich meine, es war + ein heißer und staubiger Tag, an dem wohl der Sprengwagen auf der + Dresdener Brücke in Funktion war.« Der anwesende Graf Lehndorff + meinte: wenn Moltke Witze macht, dann müssen die Chancen des + Krieges gut stehen. — Der Erfolg gab ihm bald recht. Eine drollige + Charakteristik hat übrigens einmal Fürst Bismarck von dem alten + Feldherrn zum besten gegeben. Wenn eine Kriegserklärung in der Luft + schwebe — sagte der Kanzler —, werde selbst Moltke gesprächig, + und als es im Jahre 1870 losging, sei derselbe mit einem Schlage + um zehn Jahre jünger geworden. Vorher sauertöpfisch und mürrisch, + hätte er nun aufgeräumt geplaudert, sogar wieder Appetit auf + Champagner und schwere Zigarren bekommen und den letzten Rest von + Zipperlein verloren, das er sich beim Ausruhen auf kalt gewordenen + Lorbeeren geholt. + +[Illustration: + + Stolz — Stolzer — Am stolzesten + +(»Figaro«, September 1866)] + +Anders allerdings und ernster hat Bismarck sonst über seinen Gefährten +in Walhall geurteilt: + + »Das war ein ganz seltener Mensch, ein Mann der systematischen + Pflichterfüllung,« läßt Bismarck im Tone wärmster Anerkennung sich + vernehmen, »eine eigenartige Natur, immer fertig und unbedingt + zuverlässig, dabei kühl bis ans Herz hinan. Er würde sich schon + im Anzuge die kleinste Ordnungswidrigkeit nicht verziehen haben,« + sei immer »=á quatre épingles=« gewesen, und es habe von ihm das + Wort von des Dienstes ewig gleichgestellter Uhr gegolten, bei Tage + wie des Nachts. Er, Bismarck, habe, was das Äußere anlange, ihm + weit nachgestanden. »Es kam öfters vor, daß ich Moltke wecken und + mit ihm zum König gehen mußte, wenn besonders wichtige Nachrichten + angekommen waren. In solchem Falle hatte ich das Recht, den alten + Herrn zu jeder Nachtstunde zu sprechen. Wenn ich dann durch alle + Wachen und sonstige Hindernisse bis zu Moltke vorgedrungen war, so + brauchte ich nur fünf bis höchstens zehn Minuten zu warten; dann + war er fertig: gewaschen, tadellos vorschriftsmäßig angezogen und + sogar in frischgewichsten Stiefeln.« + +[Illustration: ~Der müde Kanzler~ + +Bismarck: »Meine Herren, ich sage Ihnen, ich bin todesmüde — — —« + +Kikeriki: »So? Na, da möcht’ ich den Herrn erst seg’n, wann er +ausg’rast’t is!« + +(»Kikeriki«, Mai 1880)] + +Der Krieg brach aus. Das Schicksal ging seinen Weg. Der König aber +durfte seinen Preußen zurufen: »Nicht mein ist die Schuld, wenn mein +Volk schweren Kampf kämpfen und vielleicht harte Bedrängnis wird +erdulden müssen: Aber es ist uns keine Wahl mehr geblieben! Wir müssen +fechten um unsere Existenz! ... Flehen wir den Allmächtigen, den Lenker +der Geschicke der Völker, den Lenker der Schlachten an, daß er unsere +Waffen segne!« + + * * * * * + +Schon im April hatte Roon an seinen Freund Perthes geschrieben: +»Ich zweifle nicht, daß unsere Wege zu erwünschten Zielen führen +unter der Voraussetzung, daß Graf Bismarcks Gesundheit ihn nicht +lahmlegt. Das freilich heißt nach meiner Überzeugung die Schlacht von +Kollin zum zweitenmal verlieren.« Aber Bismarck blieb gesund, sein +Körper versagte nur dann, wenn seiner rastlosen Energie und seiner +dämonischen Leidenschaftlichkeit sich die Zaghaftigkeit als Hindernis +entgegenstellte. Der Schlaflose konnte jetzt »zwei Nächte hindurch gut +und viel schlafen«. + +[Illustration: ~Die Legende vom Menschenfresser und vom Däumling~ + +Eine französische Verdächtigung Bismarcks, der angeblich die Aufsaugung +der kleineren deutschen Staaten im Auge hat. (»=Le philosophe=«, +September 1865)] + +Bismarck war von vornherein entschlossen, seinen König ins +Hauptquartier zu begleiten. Am Abend noch, ehe er abreiste, wurde ihm +von den einst so feindlich gesinnten Berlinern eine begeisterte Ovation +gebracht. Die ersten Siegesnachrichten waren bereits eingetroffen, der +preußische Elan war erwacht, und in den Gehirnen begann es zu dämmern, +daß tatsächlich jetzt durch Blut und Eisen das ersehnte Ziel erreicht +werden könne. Und so wandelte sich auch sonst im ganzen preußischen +Volke die Stimmung. Am 30. Juni reiste Bismarck mit dem König ab. Spät +abends traf er mit dem Hauptquartier in Reichenberg ein. Schon hier war +das Hauptquartier und mit ihm der König von ernster Gefahr bedroht. +Noch nach Jahrzehnten erzählte der Staatsmann: + + +Beinahe gefangen + + »Am 30. Juni 1866 abends traf Se. Majestät mit dem Hauptquartier + in Reichenberg ein. Die Stadt von 28000 Einwohnern beherbergte + 1800 österreichische Gefangene und war nur von 500 preußischen + Trainsoldaten mit alten Karabinern besetzt; nur einige Meilen + davon lag die sächsische Reiterei. Diese konnte in einer Nacht + Reichenberg erreichen und das ganze Hauptquartier mit Sr. Majestät + aufheben. Daß wir in Reichenberg Quartier hatten, war telegraphisch + publiziert worden. Ich erlaubte mir, den König hierauf aufmerksam + zu machen, und infolge dieser Anregung wurde befohlen, daß die + Trainsoldaten sich einzeln und unauffällig nach dem Schlosse + begeben sollten, wo der König Quartier genommen hatte. Die Militärs + waren über diese meine Einmischung empfindlich, und um ihnen zu + beweisen, daß ich um meine Sicherheit nicht besorgt sei, verließ + ich das Schloß, wohin Se. Majestät mich befohlen hatte, und behielt + mein Quartier in der Stadt.« + +Von Hohenmauth, wohin er über Siechrow und Jitschin gelangte, schrieb +Bismarck seinen prächtigen Brief über den Geist der Armee: + + +Der preußische Soldat + + »Unsere Leute sind inzwischen, jeder, so todesmutig, ruhig, + folgsam, gesittet, mit leerem Magen, nassen Kleidern, nassem + Lager, wenig Schlaf, abfallenden Stiefelsohlen, freundlich gegen + alle, kein Plündern und Sengen, bezahlen was sie können und essen + verschimmeltes Brot. Es muß doch ein tiefer Fonds von Gottesfurcht + im gemeinen Manne bei uns sitzen, sonst könnte dies alles nicht + sein.« + +Am 3. Juli fiel bei Königgrätz die Entscheidung, und am Abend, +auf dem Schlachtfelde, konnte Roon dem langjährigen Kampfgenossen +zurufen: »Bismarck, diesmal hat uns der brave Musketier noch einmal +herausgerissen.« Roon hatte recht. Bismarck wußte, daß auch für ihn der +geschichtliche Name von dem Ausfall des Kampfes abhängen würde. + + +Den Besen um die Ohren geschlagen + + Als Bismarck in den Krieg von 1866 auszog, befand sich unter den + Diplomaten, die sich von ihm verabschiedeten, auch der belgische + Gesandte. »Auf glückliches Wiedersehen«, rief ihm dieser zu, die + entgegengestreckte Hand ergreifend. »Auf Wiedersehen,« entgegnete + Bismarck, »wenn alles gut geht; sonst lasse ich mich in der letzten + Attacke niederreiten.« Im Anschluß hieran erzählte Bismarck einmal + dem Präsidenten Simson über den Tag der entscheidenden Schlacht: + Sie sei bereits entschieden gewesen, und der Kreis der Männer + um den König hätte sich bereits gelöst. Bismarck sei allein + davongeritten. Da sei ihm ein General nachgekommen und habe ihm + gesagt: »Sie können heute lachen. Wenn es schief gegangen wäre, + hätten Ihnen die Kehrweiber ihre Besen um die Ohren geschlagen.« + + +Im Kugelregen + + In der Schlacht von Königgrätz hatte König Wilhelm sich gewaltig + exponiert. »Es war sehr gut,« schreibt Bismarck darüber an die + Gattin, »daß ich mit war. Denn alle Mahnungen anderer fruchteten + nicht, und niemand hätte gewagt, so zu reden, wie ich es mir beim + letztenmal, welches half, erlaubte, nachdem ein Knäuel von zehn + Kürassieren und fünfzehn Pferden vom sechsten Kürassierregiment + neben uns sich blutend wälzte, und die Granaten den Herrn in + unangenehmster Nähe umschwirrten. Die schlimmste sprang zum Glücke + nicht. Es ist mir aber doch lieber so, als wenn er die Vorsicht + übertriebe. Er war enthusiasmiert über seine Truppen und mit Recht, + so daß er das Sausen und Einschlagen neben sich gar nicht zu merken + schien, ruhig und behaglich wie am Kreuzberg, und fand immer wieder + Bataillone, denen er danken und guten Abend sagen mußte, bis wir + denn richtig wieder ins Feuer hineingeraten waren. Er hat aber so + viel darüber hören müssen, daß er es künftig lassen wird, und Du + kannst beruhigt sein: ich glaube auch kaum noch an eine wirkliche + Schlacht.« + + +Moltkes Feldherrnblick + + Als Bismarck während der Schlacht in der bösesten Stunde mit Moltke + zusammentraf, hielt er dem Schlachtendenker seine Zigarrentasche + hin, in der sich nur noch zwei Exemplare vorfanden. Moltke griff zu + und wählte mit Feldherrnblick ~die bessere~. »Ich schloß hieraus,« + erzählte Bismarck, »daß unsere Aussichten keineswegs schlecht sein + konnten.« + + +Noch eine Zigarre + + »Bei Königgrätz,« so erzählte Bismarck, »hatte ich nur noch eine + einzige Zigarre in der Tasche, und die hütete ich während der + ganzen Schlacht wie ein Geizhals seinen Schatz. Ich gönnte sie mir + augenblicklich selbst noch nicht. Mit glühenden Farben malte ich + mir die wonnige Stunde aus, in der ich sie nach der Schlacht in + Siegesruhe rauchen wollte. Aber ich hatte mich verrechnet. Ich sah + einen armen verwundeten Dragoner. Hilflos lag er da, beide Arme + waren ihm zerschmettert, und er wimmerte nach einer Erquickung; + ich suchte in allen Taschen nach, und das nützte ihm nichts. Doch + halt, ich hatte ja noch eine kostbare Zigarre! Die rauchte ich ihm + an und steckte sie ihm zwischen die Zähne. Das dankbare Lächeln des + Unglücklichen hätte man sehen sollen. ~So köstlich hat mir keine + Zigarre geschmeckt, als diese, die ich — nicht rauchte!~« + + +Die Geschwulst + + »Da erinnere ich mich,« erzählte Graf Bismarck in Versailles, »nach + der Schlacht bei Königgrätz — ich war den ganzen Tag im Sattel + gewesen auf dem großen Pferde. Ich wollte es eigentlich dort nicht + reiten, da es zu hoch war und das Aufsteigen soviel Mühe machte. + Zuletzt tat ich’s doch, und ich bereute es nicht. Aber das lange + Halten oben über dem Tale hatte mich doch sehr müde gemacht, + und das Sitzfleisch und die Beine taten sehr weh. Durchgeritten + hatte ich mich nicht; ich habe mich in meinem ganzen Leben nicht + durchgeritten; aber als ich dann später auf einer Holzbank saß und + schrieb, da hatte ich das Gefühl, als ob ich auf etwas anderem + säße, auf einem fremden Gegenstande zwischen mir und der Bank. Es + war aber nur die Geschwulst, die von dem langen Reiten entstanden + war.« + + +Ohne Quartier + + »Wir kamen«, so erzählt Bismarck weiter, »spät abends nach Horsitz + auf den Marktplatz. Da hieß es, die Herren werden ersucht, sich + selbst einzuquartieren. Das war aber leichter gesagt als getan. + Die Häuser waren verschlossen, und man hätte Pioniere zur Hand + haben müssen, um die Türen einzuschlagen. Aber die wären wohl + erst früh um fünf angekommen. Ich ging denn an mehrere Häuser, + drei, vier, und zuletzt fand ich eine offene Tür. Wie ich aber + ein paar Schritt auf der dunkeln Hausflur gegangen war, fiel ich + in eine Art Wolfsgrube. Zum Glück war es nicht tief, und wie ich + mich überzeugte, war Pferdedünger darin. Ich dachte zuerst: wie + wär’s, wenn man hier bliebe, — wurde aber doch gewahr, durch den + Geruch, daß noch anderes dabei war. Wie das sich doch mitunter + seltsam trifft. Wenn die Grube zwanzig Fuß tief war und voll, da + hätten sie am anderen Morgen ihren Minister lange suchen sollen. — + Ich ging nun wieder hinaus und fand einen Platz unter den Arkaden + am Marktplatze. Da legte ich mir ein paar Kutschkissen hin und + machte mir ein Kopfkissen von einem dritten und streckte mich zum + Schlafen hin. Als ich mich hingelegt hatte, kam ich mit der Hand + neben mir in etwas Nasses, und als ich es untersuchte, war es + etwas Ländliches — von einer Kuh. Später weckte mich einer. Es war + Perponcher, der sagte mir, der Großherzog von Mecklenburg hätte + noch ein Unterkommen für mich und ein Bett übrig. Das war richtig. + Nur war das Bett ein Kinderbett. Ich machte mir’s zurecht, indem + ich mir zu Füßen eine Stuhllehne hinstellte, klappte mich wie ein + Taschenmesser zusammen und schlief ein. Aber früh konnte ich kaum + aufstehen, da ich mit den Knien auf der Lehne gelegen hatte. — Wenn + man nur einen Strohsack hat, kann man sich’s recht bequem machen, + auch wenn er sehr schmal ist, wie das oft vorkommt. Man schneidet + ihn nämlich in der Mitte auf, schiebt das Stroh zurück und legt + sich dann in die auf diese Weise entstandene Mulde. Ich habe das + mitunter in Rußland so gemacht, auf der Jagd.« + +Als Moltke am Abend der Schlacht von Königgrätz über das Leichenfeld +ritt, hatte er zum König gesagt: »Ew. Majestät haben nicht bloß +die Schlacht, sondern den Feldzug gewonnen.« Bismarck aber hatte +hinzugefügt: »Die Streitfrage ist also entschieden; jetzt gilt es, die +alte Freundschaft mit Österreich wieder zu gewinnen!« Welche Fernsicht! +Welche weitgehende Berechnung! Welche tiefe Erkenntnis, daß das Bündnis +mit Österreich der letzte Zweck des Krieges war! + +Schon als noch die Waffen ihre ernste Weise sangen, mußte für den +Staatsmann die Zukunft die Weise bestimmen, durfte er den klaren +Sinn sich nicht durch Siegesjubel verdunkeln lassen. So hat er es +verhindert, daß die preußischen Truppen gegen Wien vordrangen und in +der alten Kaiserstadt ihren Einmarsch hielten. Nicht nur, weil er +Österreichs Eigenliebe aus Gründen der Zukunft verschonen wollte, +sondern auch, weil der letzte Widerstand an den Floridsdorfer +Befestigungen eine Zeit von Wochen in Anspruch nehmen konnte, die +Napoleons Intervention auf das Feld rufen mußte. Hier lag ja die +schwerste Gefahr, zumal seit dem Tage, da Kaiser Franz Joseph an +Napoleon Venetien abgetreten und seine Vermittlung angerufen hatte. +Unter dem gleichen Gesichtspunkt hat Graf Bismarck später auch, bei den +Friedensverhandlungen von Nikolsburg, nach Kräften vorwärtsgedrängt +und trotz des Unwillens des Königs und seiner Generale das Gebiet des +Kaiserstaates geschont. + + +In Nikolsburg + + »Der Widerstand,« so erzählt Bismarck in seinem Gedenkbuch, »den + ich in den Absichten Sr. Majestät in betreff der Ausnutzung + der militärischen Erfolge und seiner Neigung, den Siegeslauf + fortzusetzen, meiner Überzeugung gemäß leisten mußte, führte eine + so lebhafte Erregung des Königs herbei, daß eine Verlängerung + der Erörterung unmöglich war und ich mit dem Eindruck, meine + Auffassung sei abgelehnt, das Zimmer verließ mit dem Gedanken, + den König zu bitten, daß er mir erlauben möge, in meiner + Eigenschaft als Offizier in mein Regiment einzutreten. In mein + Zimmer zurückgekehrt, war ich in der Stimmung, daß mir der + Gedanke nahetrat, ob es nicht besser sei, aus dem offenstehenden, + vier Stock hohen Fenster zu fallen, und ich sah mich nicht um, + als ich die Tür öffnen hörte, obwohl ich vermutete, daß der + Eintretende der Kronprinz sei, an dessen Zimmer ich auf dem + Korridor vorübergegangen war. Ich fühlte seine Hand auf meiner + Schulter, während er sagte: ›Sie wissen, daß ich gegen den Krieg + gewesen bin; Sie haben ihn für notwendig gehalten und tragen die + Verantwortlichkeit dafür. Wenn Sie nun überzeugt sind, daß der + Zweck erreicht ist und jetzt Friede geschlossen werden muß, so + bin ich bereit, Ihnen beizustehen und Ihre Meinung bei meinem + Vater zu vertreten.‹ Er begab sich dann zum Könige, kam nach + einer kleinen halben Stunde zurück in derselben ruhigen und + freundlichen Stimmung, aber mit den Worten: ›Es hat sehr schwer + gehalten, aber mein Vater hat zugestimmt.‹ Diese Zustimmung hatte + ihren Ausdruck gefunden in einem mit Bleistift an den Rand einer + meiner letzten Eingaben geschriebenen Marginale ungefähr des + Inhaltes: ›Nachdem mein Ministerpräsident mich vor dem Feind im + Stiche läßt und ich hier außerstande bin, ihn zu ersetzen, habe + ich die Frage mit meinem Sohn erörtert, und da sich derselbe der + Auffassung des Ministerpräsidenten angeschlossen hat, sehe ich + mich zu meinem Schmerze gezwungen, nach so glänzenden Siegen der + Armee in diesen sauren Apfel zu beißen und einen so schmachvollen + Frieden anzunehmen.‹ — Ich glaube mich nicht im Wortlaut zu irren, + obschon mir das Aktenstück gegenwärtig nicht zugänglich ist; der + Sinn war jedenfalls der angegebene und mir damals trotz der Schärfe + der Ausdrücke eine erfreuliche Lösung der für mich unerträglichen + Spannung. Ich nahm die königliche Zustimmung zu dem von mir als + politisch notwendig Erkannten gern entgegen, ohne mich an ihrer + unverbindlichen Form zu stoßen. Im Geiste des Königs waren eben + die militärischen Eindrücke damals die vorherrschenden, und das + Bedürfnis, die bis dahin so glänzende Siegeslaufbahn fortzusetzen, + war vielleicht stärker als die politischen und diplomatischen + Erwägungen. Von dem erwähnten Marginale des Königs, das mir + der Kronprinz überbrachte, blieb mir als einziges Residuum die + Erinnerung an die heftige Gemütsbewegung, in die ich meinen alten + Herrn hatte versetzen müssen, um zu erlangen, was ich im Interesse + des Vaterlandes für geboten hielt, wenn ich verantwortlich bleiben + sollte. Noch heute haben diese und analoge Vorgänge bei mir keinen + anderen Eindruck hinterlassen als die schmerzliche Erinnerung, daß + ich einen Herrn, den ich persönlich liebte wie diesen, so habe + verstimmen müssen.« + +Wie oft hat Bismarck später dieser Kämpfe gedacht! Des Kriegsrates +in seiner Krankenstube, und wie er, zurückgewiesen, in die Kammer +nebenan gegangen sei, sich aufs Bett geworfen und laut geweint habe +vor nervöser Aufregung, wie er am Fenster des Schlosses gestanden und +ihm der Gedanke gekommen sei: besser, er läge da unten, wie der König +ihm grollte und das Wort von einem »schmachvollen Frieden« an den Rand +seiner Eingabe schrieb. Auch hier das Bild, das auch später noch +wiederkehrt: Bismarcks Körper erliegt der geistigen Qual, dem Schmerze +um das Vaterland. + +Auch König Wilhelm gelangte zu anderer Meinung; in seinem +nachdenklichen Geiste wirkten Bismarcks Gründe nach, und als der +Frieden unterzeichnet war, da sprang er auf, umarmte, wie Roon nach +Hause schreibt, und küßte dankend und weinend mit viel beweglichen +Worten zuerst Bismarck, dann Roon und Moltke. Napoleons Gesandter kam +zu spät. Als Bismarck eben unterzeichnen wollte, ließ sich Benedetti +melden, um für Frankreich erneut eine Entschädigung zu fordern. Der +preußische Staatsmann erwiderte freundlich, er sei bereit, diese +Vorschläge zu erwägen. Als aber der Gesandte vom linken Rheinufer zu +sprechen anfing, fiel ihm Bismarck ins Wort: »Machen Sie mir heute +keine amtlichen Mitteilungen dieser Art«, darauf wandte er sich +zur Unterzeichnung des Friedensvertrages. Er hatte »die Stirnlocke +Fortunas« mit fester Hand ergriffen. In Frankreich aber erhob sich +fortan der Schrei nach Revanche für Sadowa. + +[Illustration: Es ist ein fröhlich Wandern, wenn einer führt den +andern! (»Figaro«, November 1867)] + +Noch stand eine dreifache Arbeit für Bismarck bevor. Zuerst galt es, +mit den feindlichen deutschen Staaten nicht nur Frieden zu schließen, +sondern sie auch für die Zukunft zu gewinnen. Dann galt es, Frankreich, +das jetzt Belgien forderte, in Schranken zu halten — damals vollzog +Bismarck in der Verhandlung mit Benedetti jenes Meisterstück, das ihm +vier Jahre später so große Dienste leisten sollte: Er behielt das von +des Franzosen Hand geschriebene Entwurfskonzept im Besitz, um es im +Juli des Kriegsjahres in die Welt zu schleudern und die heuchlerische +Politik Napoleons der allgemeinen Entrüstung preiszugeben. Und die +dritte Aufgabe war, das Volk und die Volksvertretung zu versöhnen, dem +Könige Frieden mit der Nation zu schaffen, die nationale Flut schon aus +Rücksicht auf das Ausland mit fester Hand in das rechte Bett zu leiten. +Am 9. Mai war der Landtag aufgelöst worden, noch vor dem Ausbruch des +Krieges waren die Neuwahlen ausgeschrieben, und am Tage der Schlacht +von Königgrätz maßen sich im Wahlkampf die Parteien. Die Rechte ging +um das Vierfache verstärkt aus diesem Kampfe hervor, noch behielten +die Liberalen die Mehrheit. Aber die Stimmung war verändert, auch die +Liberalen waren bereit, in die Wege Bismarcks zu lenken. Sollte nun der +Sieger die Besiegten strafen oder Schonung üben? Sollte er, wie die +Konservativen es wollten, starr auf seinem Rechtspunkt stehen oder ein +Kompromiß schließen? Wieder nur unter schweren Kämpfen bewog Bismarck +seinen König dazu, durch Nachsuchen der Indemnität den alten Streit +zu begraben. Er sah eben weiter als alle. »Die Leutchen haben alle +nicht genug zu tun, sehen nichts als ihre eigene Nase und üben ihre +Schwimmkunst auf der stürmischen Welle der Phrasen. Mit den Feinden +wird man fertig, aber die Freunde! Sie tragen fast alle Scheuklappen +und sehen nur einen Fleck von der Welt!« Als am 5. August König +Wilhelm an der Spitze der Prinzen seines Hauses den Landtag eröffnet +hatte, begrüßt von begeistertem Jubel, und als dann Bismarck im +Parlament mit der Mahnung, daß die Feder nicht verderben solle, was das +Schwert gewonnen hat, die Versöhnung empfahl, da betraten bereits 230 +Volksvertreter die goldene Brücke, und alsbald vollzog sich innerhalb +der Opposition die Trennung der Nationalliberalen vom Fortschritt. + +So war alles erreicht, was einst der Frühling an Hoffen brachte. Und +es war erreicht ohne jede Konzession, ohne den Verlust einer Handbreit +Erde an Frankreich. Das letzte, was Benedetti vor seiner Heimkehr aus +Bismarcks Munde auf Napoleons Drohen vernahm, war das Wort: »Machen +Sie den Kaiser darauf aufmerksam, daß ein Krieg mit uns unter gewissen +Umständen ein Krieg mit revolutionären Donnerschlägen werden könnte, +und daß angesichts revolutionärer Gefahren die deutschen Dynastien +doch wohl eine größere Festigkeit bewähren würden als die des Kaisers +Napoleon.« + + * * * * * + +Die heißen Kämpfe der Konfliktszeit sind vorüber; der +Entscheidungskampf um die deutsche Zukunft ist geschlagen. Aber die +furchtbare Spannung dieser Zeiten und die rastlose Arbeit führte zu +Bismarcks körperlichem Zusammenbruch. An dem Siegeseinzug nahm er +noch teil, zwischen Moltke und Roon ritt er seinem König voran. Dann +aber versagte die Kraft. In Putbus, wo er sich erholen wollte, befiel +ihn eine schwere Krankheit. Seine Nerven, die auch die Kämpfe der +nächsten Zeiten immer wieder aufwühlten, wie seit Jahren, in denen das +Einigungswerk erst wachsen sollte, in denen aber mangelnde Einsicht, +Mißgunst, Intrige, partikularistische Neigung ihr Unkraut säten, +und auch das Ausland sich mühte, störend in das neue werdende Leben +zu greifen, gewannen erst ihre Vollkraft wieder, als es zur letzten +Entscheidung, zum Kampfe mit Frankreich ging. + +Gewiß, das Zündnadelgewehr hatte die Doktrinäre widerlegt, aber es +hatte den Hader und den Haß der Parteien nicht vernichtet und auch dem +erfolggekrönten Mann den Weg zu neuen Erfolgen nicht befreit. Zwar +haben ihn Männer wie Treitschke, Sybel, Fritz Reuter mit jubelnder +Zustimmung geleitet, aber er mußte dennoch in zerreibender Arbeit +Schritt für Schritt sich das Terrain erkämpfen, dessen er bedurfte. +Es galt vor allem, Zeit zu gewinnen für die innere Konsolidierung, +damit in dem sicher vorausgesehenen Kampfe gegen Napoleon sich die +deutsche Kraft nicht wieder zersplittere; es mußte die Überlegenheit +auf militärischem Gebiete gesichert werden, es galt die Verfassung +des Norddeutschen Bundes zu schaffen, mit den süddeutschen Staaten +zu verhandeln, im Zollparlament einen neuen Reifen um die Einheit zu +schmieden und die Nation gegen die Übergriffe Frankreichs zu sichern. +Was Bismarck später einmal sagte: »Meine politische Laufbahn war +ein Hetzen und Jagen, bei dem man zum Genuß nie gekommen ist; viel +glücklicher als der Staatsmann ist der Landmann, wenn er seine Felder +und Rieselwiesen gedeihen sieht«, das galt auch damals. + +Das Deutsche Reich wurde als Torso gegründet. Die neuen Provinzen +mußten geordnet, die Bewohner an die neue Lage gewöhnt werden. Die +Hauptarbeit galt darum zuerst der Verfassung. Sie war das eigenste +Werk des großen Staatsmannes, der am Nachmittag des 13. Dezembers sie +aus dem Kopfe seinem vertrauten Rate Lothar Bucher diktierte und im +Gegensatz zu aller Schulmeinung die Bedingungen schuf, die auch heute +noch den Kern und Inhalt unseres Verfassungslebens bilden. Noch in der +Nacht arbeitete Lothar Bucher die Skizze aus, am nächsten Tage kam sie +an den Kronrat, und am 15. abends wurde sie den Bevollmächtigten der +Verbündeten vorgelegt. »So frisch kamen die Abzüge aus der Druckerei, +daß während der Sitzung immer noch Exemplare hereingebracht wurden.« Zu +einem konstituierenden Reichstage wurden die Wahlen ausgeschrieben. Am +24. Februar trat er zusammen. + + +Im Norddeutschen Reichstag + + »Es war«, so schreibt ein Mitglied dieses Parlamentes, »ein + Sonnentag in der Geschichte der Hohenzollern, wie er noch nie + dagewesen war. Vor dem Throne stand der greise Vater, der nach + schwerer Mühe das Werk vollbracht sah; ihm zur Rechten, eine Stufe + höher als die übrigen Prinzen, stand in vollster männlicher Kraft + der Sohn und nächste Erbe der jetzt so reich begnadeten Krone, und + von der Tribüne oben schaute als zartes Kind der Enkel dem Werke + zu, dessen Grundstein zu legen Vater und Sohn da unten im Begriffe + standen. Es stand noch ein Mann bei der Eröffnung des Reichstags + dem Könige näher als alle anderen. Er stand nicht auf einer Stufe + des Thrones wie der Kronprinz und auch nicht zur Rechten wie die + übrigen Prinzen, denn er war kein Prinz. Er stand links im Saal, + dem Throne zunächst, in weißer Kürassieruniform und mit einem + Gesicht so bleich, daß man zweifelhaft sein konnte, was weißer + sei, ob das Tuch des Rockes oder das Gesicht des Mannes. Man sah + es wohl, der Mann war körperlich schwer leidend, aber die Muskeln + waren doch noch stark genug, um die hohe kräftige Gestalt in voller + militärischer Straffheit aufrecht zu halten. Das war Graf Otto + von Bismarck-Schönhausen, des Königs Wilhelm Ministerpräsident. + Er hatte den größten Anteil an dem Gelingen des Werkes, und darum + stand er ja wohl mit vollem Recht dem Thron ein paar Schritte näher + als alle anderen.« + +[Illustration: ~Napoleon wirft auf Italien ein Auge~ + +Bismarck: »Was? Eine Frau schlagen?« + +Louis: »Sie kann ja nicht widerschlagen. Warum hilfst du ihr denn +nicht?« (»Punch«, November 1867)] + +Mit den Worten: »Arbeiten wir rasch! Setzen wir Deutschland sozusagen +in den Sattel! Reiten wird es schon können!« suchte Bismarck die +Volksvertreter zu raschem Werke zu treiben, sie über kleine Bedenken +hinauszuführen. — Endlich war das Werk der neuen Bundesverfassung +beendet; mit 227 gegen 93 Stimmen wurde sie vom preußischen Landtag +beschlossen, während im Norddeutschen Reichstag sich nur 53 Stimmen +dagegen erhoben. Am 14. Juli wurde Graf Bismarck zum Bundeskanzler +ernannt. Nicht weniger als siebenundzwanzigmal hatte er in den +Parlamenten das Wort ergriffen. + +Zugleich hat der Streit um Luxemburg alle Kraft und Geschicklichkeit +des Staatsmanns gefordert. Hier war der erste Prüfstein gegeben, ob +das Gefühl für die Ehre der Nation ganz Deutschland erfüllte, denn als +hier die Wellen zu Berge stiegen, da schien auch die Stunde eines neuen +furchtbaren Krieges gekommen. Es sind die Schatten, die schon über +Nikolsburg lagen, die auch jetzt auf die neue Zeit sich senkten. + +[Illustration: ~Deutsche Weide~ + +Napoleon versucht vergebens Luxemburg zu gewinnen und wirft sein Auge +auf deutsches Gebiet. »Ein guter Schäfer läßt kein Schaf verloren +gehen« (»Kladderadatsch«, März 1867)] + +Napoleon war bitter enttäuscht. Er hatte gehofft, das sinkende Ansehen +seiner Dynastie durch Gewinn an deutschem Boden zu steigern; er +hatte geglaubt, daß ihm, wenn die beiden kriegführenden Mächte aus +dem Ringen geschwächt hervorgehen würden, das linke Rheinufer als +Lohn anheimfallen würde. Dann war sein Blick nach Belgien geschweift +und dann nach Luxemburg, das, in Personalunion mit den Niederlanden +vereint, aus der Verbindung mit Deutschland gelöst war. Er bot +dem König von Holland ein Kaufgeschäft an, obwohl Bismarck schon +vorher keinen Zweifel ließ, daß die Abtretung des Landes niemals im +Einverständnis mit Preußen erfolgen werde. Im Zusammenhang hiermit, +als ein =avis au lecteur= hat Bismarck die Schutzverträge mit den +süddeutschen Staaten veröffentlicht. Aber ihm schien die Stunde noch +nicht reif, ihm schien auch der Rechtsgrund für ein kriegerisches +Einschreiten nicht genügend gesichert; der König wollte den Frieden. +Den Zwang zum Krieg erkannte auch Bismarck noch nicht an. Hier fiel das +Wort: »Man darf nicht Krieg führen, wenn es mit Ehren zu vermeiden ist; +die Chance günstigen Erfolges ist keine gerechte Ursache, einen großen +Krieg anzufangen.« Und es gelang ihm, indem er diplomatische Vorsicht +und souveränes Machtbewußtsein verband, indem er zugleich die nationale +Leidenschaft im deutschen Volke erweckte und doch mäßigend lenkte, +zu einem Ausgleich zu kommen, der die Ehre Deutschlands in vollem +Maße wahrte. Luxemburg wurde neutralisiert, der Abzug der preußischen +Besatzung und die Schleifung der Festung bestimmt. Vergebens hatte man +in Frankreich gerüstet, vergebens hatte auch König Georg von Hannover +die Sendung einer Legion von 20 000 Mann angeboten. + +Im Juni darauf ist Bismarck bereits mit König Wilhelm nach Paris zur +Weltausstellung gereist. Sein Empfang durch den Pöbel war so wenig +erfreulich, daß die besonnene Presse an den ritterlichen Sinn der +Nation appellieren mußte. Um so freundlicher war der Empfang durch +Napoleon am Hofe. Prachtvolle Feste wechselten miteinander, und eine +fromme Sage erzählt, daß Bismarck damals seinen letzten Walzer tanzte. + + +Ein liebenswürdiger Spitzbube + + In Paris fand Bismarck besonderes Wohlgefallen an dem alten + Marschall Vaillant. »Wissen Sie, Graf,« sagte dieser nach einigen + Tagen zu ihm, »daß Sie auf uns alle einen süperben Eindruck machen? + Jedermann sagt, das ist doch ein liebenswürdiger Spitzbube.« + + +Wohlan, kreuzen wir den Degen + + Als Bismarck nach einer Parade bei Longchamps die schönen Truppen + bewunderte, meinte der liebenswürdige Marschall: »Besten Dank, + Herr Graf. Das ist alles sehr schön. Aber Sie Deutschen sind uns + gegenüber zu groß geworden. Wir werden eines Tages den Degen + miteinander kreuzen müssen.« — »Nun gut,« sagte Bismarck, »kreuzen + wir!« + +[Illustration: ~Der zugrunde gegangene Tanzmeister~ + +»Seitdem der dort oben seine Tanzschule aufgemacht hat, bin ich mit +meiner Tanzschule — =perdu!=« (»Brumm-Brumm«, Januar 1868)] + +Dem Zollparlament galt Bismarcks nächstes großes Schaffen. Hier fiel, +laut in Frankreich vernehmbar, schon das Wort, daß ein Appell an die +Furcht im deutschen Herzen niemals ein Echo findet. Hier hatte er +vor allem gegen partikularistische Verbissenheit zu kämpfen, gegen +das Bemühen, daß die preußische deutsche Lokomotive am Main ihren +Stillstand finde. Aber auch hier siegte nach einer »langen, schweren +Woche« der Wille des großen Staatsmannes. + + +Ein schwerer Unfall + + In Gesellschaft Keudells und Blanckenburgs machte Bismarck am 22. + August von Varzin aus einen Spazierritt. Die drei Reiter bewegten + sich im Trab längs einer großen Rieselei im Walde auf einem + aufgeschütteten, anscheinend ganz ebenen und festen Rasenwege — + Bismarck voran, unmittelbar hinter ihm Blanckenburg, dann Keudell. + »Denke Dir mein Erstarren,« schreibt Blanckenburg am 24. August + an Roon, »als ich ganz plötzlich folgendes Bild vor mir abspinnen + sehe: der kleine breite Fuchs, den er (Bismarck) ritt, tritt mit + dem rechten Vorderfuß durch die Rasendecke, und zwar so tief und + energisch, daß er gleich, mit dem linken sich vergebens stützend, + nach einigem Stolpern mit der Nase die Erde wühlte. Natürlich + flog Otto über den Hals fort und war meines Erachtens erst mit + der rechten Hand und dem Gesicht an der Erde, als der zweite + Akt erfolgte — nämlich daß der Fuchs vollständig ›heesterkopp‹ + schlug und mit dem dicken Pferderücken (zehn Zentner Gewicht!) + auf die bundeskanzlerischen Schultern prallte. Der dritte Akt + folgte ebenso schnell — nämlich daß der Fuchs rechts abfiel und + Otto schnell aufsprang und leichenblaß, ohne Atem, ein dumpfes + Gestöhn ausstoßend, halb Gewimmer, sich den Magen krampfhaft + haltend umherging. Ich war in dem Augenblicke vom Pferde, als er + aufsprang, und überzeugte mich bald, daß Knochen nicht zertrümmert + waren« — indessen waren drei Rippen gebrochen —, »auch erfolgte + kein Blutsturz, auch nicht das leiseste Blutspucken, so daß wir + bis jetzt hoffen, alles sei ohne weitere Folgen abgegangen. Er + ritt noch Schritt eine Viertelstunde und hatte die ersten heftigen + Schmerzen, als er einen Wagen nahm. Der Arzt kann nichts finden. — + Natürlich wird dies seine Nerven nicht gerade sehr stärken. Vorher + machte er mir eigentlich einen guten Eindruck, wenngleich er über + Schlaflosigkeit klagte. Er trank, wie er sagt, am Tage vor dem + Sturz zum erstenmal mit Appetit Sekt und rauchte drei Zigarren.« + +Der Unfall hat Bismarck nicht geschadet. Nach einigen Tagen konnte +vielmehr Frau von Bismarck an Blanckenburg schreiben, daß »Otto nach +dem Sturze besser schlafe als vorher; er sei und bleibe der Meinung, +daß Gott ihm diesen Sturz geschickt habe, damit seine Nerven besser +werden«. + +[Illustration: ~Das schwarze Gespenst~ + + ~hüben — und — drüben~ + +als ein Mittel, die Völker militärfromm zu erhalten und in ihnen die +Steuerzahl-Lust zu erwecken (»Kladderadatsch«, Juni 1869)] + + +Auch sonst Glück im Unglück + + Noch von zwei anderen gefährlichen Stürzen mit dem Pferde erzählte + Bismarck in Versailles. »Ich glaube,« so bemerkte er, »daß es nicht + reicht, wenn ich sage, daß ich wohl fünfzigmal vom Pferde gestürzt + bin. Vom Pferde fallen ist nichts, aber mit dem Pferde, so daß es + auf einem liegt, das ist schlimm. Zuletzt noch in Varzin, wo ich + drei Rippen brach. Da dachte ich: jetzt ist’s aus. Es war nicht so + viel Gefahr, wie es schien, aber es tat doch ganz erschrecklich + weh. — Früher aber, da hatte ich einen merkwürdigen Zufall, der + zeigt, wie das Denken des Menschen doch von seinem körperlichen + Gehirn abhängt. Ich war mit meinem Bruder eines Abends auf dem + Heimwege, und wir ritten, was die Pferde laufen wollten. Da hört + mein Bruder, der etwas voraus ist, auf einmal einen fürchterlichen + Knall. Es war mein Kopf, der auf die Chaussee aufschlug. Mein + Pferd hatte vor der Laterne eines uns entgegenkommenden Wagens + gescheut und war mit mir rückwärts überschlagen und auch auf den + Kopf gefallen. Ich verlor die Besinnung, und als ich wieder zu mir + kam, da hatt’ ich sie nur halb wieder. Das heißt, ein Teil meines + Denkvermögens war ganz gut und klar, die andere Hälfte war weg. + Ich untersuchte mein Pferd und fand, daß der Sattel gebrochen war. + Da rief ich den Reitknecht und ließ mir sein Pferd geben und ritt + nach Hause. Als mich da die Hunde anbellten — zur Begrüßung —, + hielt ich sie für fremde Hunde, ärgerte mich und schalt auf sie. + Dann sagte ich, der Reitknecht sei mit dem Pferde gestürzt, man + solle ihn doch mit einer Bahre holen, und war sehr böse, als sie + das auf einen Wink meines Bruders nicht tun wollten. Ob sie denn + den armen Menschen auf der Straße liegen lassen wollten? Ich wußte + nicht, daß ich ich war, und daß ich mich zu Hause befand, oder + vielmehr, ich war ich selber und auch der Reitknecht. Ich verlangte + nun zu essen, und dann ging ich zu Bette, und als ich ausgeschlafen + hatte am Morgen, war alles gut. — Es war ein seltsamer Fall: den + Sattel hatte ich untersucht, mir ein anderes Pferd geben lassen und + dergleichen mehr — alles praktisch Notwendige tat ich also. Hierin + war durch den Sturz keine Verwirrung der Begriffe herbeigeführt. + Ein eigentümliches Beispiel, wie das Gehirn verschiedene + Geisteskräfte beherbergt; nur eine davon war durch den Fall länger + betäubt worden. — Ich erinnere mich noch eines anderen Sturzes. Da + ritt ich rasch durch junges Holz in einem großen Walde, weit weg + von zu Hause. Wie ich über einen Hohlweg weg wollte, stürze ich mit + dem Pferde und verliere das Bewußtsein. Ich muß wohl drei Stunden + ohne Bewußtsein dagelegen haben; denn es war schon dämmerig, als + ich aufwachte. Das Pferd stand neben mir. Die Gegend war, wie + gesagt, weit weg von unserem Gut und mir ganz unbekannt. Ich hatte + meine Geisteskräfte noch nicht außerordentlich wieder. Aber das + Notwendige tat ich auch hier. Ich machte die Martingale ab, die + entzwei war, steckte sie ein und ritt auf einem Wege, der, wie + ich dann erfuhr, der nächste war — es ging da auf einer ziemlich + langen Brücke über einen Fluß — nach einem nahe gelegenen Gute, + wo die Pachtersfrau, als sie den großen Mann mit dem Gesicht voll + Blut vor sich stehen sah, davonlief. Der Mann kam dann herbei und + wusch mir das Blut ab, und ich sagte ihm, wer ich wäre, und daß + ich die zwei oder drei Meilen nach Hause wohl nicht würde reiten + können; er möchte mich fahren, was er denn auch tat. Ich muß wohl + fünfundzwanzig Schritte fortgeflogen sein bei der Lerche, die ich + schoß, und war an eine Baumwurzel gefallen, und als der Doktor den + Schaden besah, sagte er, es wäre gegen alle Regeln der Kunst, daß + ich nicht den Hals gebrochen hätte.« + +[Illustration: ~Die bösen Buben und der böse Drache~ + +»Endlich ist die Zeit gekommen, in der sie ihn steigen lassen können« +(»Brumm-Brumm«, November 1869)] + +Bismarck wurde am 18. Oktober 1868 zum Chef des ersten Magdeburger +Landwehrregimentes ernannt und =à la suite= des Magdeburger +Kürassierregimentes Nummer sieben gestellt. Seit jener Zeit sind wir +gewohnt gewesen, ihn in der historischen Uniform mit Helm und Küraß zu +erblicken. + +Das Jahr 1869 ging zu Ende, das Schicksalsjahr zog herauf. Schon in die +Zeiten des Norddeutschen Bundes ragten tief die Ahnungen der künftigen +Entscheidungen hinein. Vielleicht — wer kann die Möglichkeiten +ermessen! — hätte schon damals, als die Luxemburger Frage den Krieg +auf des Messers Schneide führte, die Entscheidung gefällt werden +können. Sicher aber ist es, daß jetzt, wo die Arbeit von vier Jahren +ihre Wirkung ausgeübt hatte, das Fundament des Sieges ungleich fester +gefügt war. Denn als der Frühling des Schicksalsjahres heraufzog, stand +Deutschland gerüstet da, nicht nur mit seinen militärischen Waffen, +sondern auch mit jenem neuen Geiste, der aus Bismarcks Heldenseele +hinübergeflutet war über die Nation bis hinauf an die Gestade der +Ostsee und fernhin zu den ragenden Firnen der Alpen. + +[Illustration: ~Das verschleierte Bild zu Saïs~ + +Der Alt-Reichskanzler (indem er die verhüllende Emser Depesche +fortzieht): »Seht, so habe ich im Jahre 1870 Fanfare geblasen!« +(»Lustige Blätter«, 1892)] + + + + +Das Vorspiel zum großen Kriege + + +Im Frühling des Jahres 1870 hatte Bismarck schon zu dem +Staatsrechtslehrer Bluntschli gesagt, daß die Scheu vor Frankreich ihn +keinen Augenblick von dem Vorgehen in der deutschen Sache abhalten +werde. Er fürchte Frankreich nicht. Deutschland sei den Franzosen +weit überlegen. Zugeständnisse werde er nicht machen: »Wenn nicht +Gott uns ungünstig und den Franzosen günstig ist, so werden wir +einen französischen Angriff abschlagen und nach dem Siege nach Paris +marschieren.« Österreich, so war er überzeugt, werde unter allen +Umständen neutral bleiben; im Notfall werden wir mit Rußland dieses +Land gänzlich im Schach halten. Sie werden nicht wagen, das Schwert +aus der Scheide zu ziehen. Seine Hauptarbeit war, schon aus dieser +Erkenntnis heraus, die Brücke über den Main auch für die kommende +schwere Belastung tragfähig zu erhalten. + +Aber das Antlitz des Jahres schien freundlich. Noch am 30. Juni hat +ja Frankreichs Minister Ollivier im gesetzgebenden Körper erklärt: +»Zu keiner Zeit war die Aufrechterhaltung des Friedens mehr gesichert +als jetzt. Wohin man auch blickt, kann man nirgends eine Frage +entdecken, die Gefahr bringen könnte.« Da wurde die Hohenzollernsche +Kronkandidatur von Spanien noch einmal angeregt. Unter Zuziehung Roons +und Moltkes in einer Konferenz, die schon am 15. März im Königlichen +Schlosse stattfand und an der auch der Kronprinz und die Träger der +wichtigsten Staatsämter teilnahmen, war einstimmig die Annahme der +Krone durch den Erbprinzen Leopold beschlossen worden. Aber Bismarck +riet den Spaniern, um zunächst nicht Preußen zu engagieren, mit dem +Fürstenhause von Hohenzollern direkt zu verhandeln. Am 14. Juni ging +ein neuer Unterhändler zum Fürsten Anton nach Sigmaringen; dort wurde +das Anerbieten angenommen, ohne daß offiziell die Zustimmung des +Familienhauptes, des Königs von Preußen, eingeholt wurde. In Paris +aber entstand sofort eine heftige Erregung. Am 5. Juli folgte in der +Kammer eine Interpellation, und Herr von Grammont gab unter stürmischem +Beifall die Antwort: »Wir glauben nicht, daß die Achtung vor den +Rechten eines Nachbarvolkes (Spanien) uns verpflichtet, zu dulden, +daß eine fremde Macht (Preußen), indem sie einen ihrer Prinzen auf +den Thron Karls =V.= setzt, dadurch zu ihrem Vorteil das gegenwärtige +Gleichgewicht der Mächte derangieren und so die Interessen und die +Ehre Frankreichs gefährden könnte. Wir hoffen, daß diese Eventualität +sich nicht verwirklichen wird. Sollte es aber anders kommen, so würden +wir unsere Pflicht ohne Zaudern und ohne Schwäche zu erfüllen haben.« +Und Ollivier fügte hinzu: »Wenn Sie über diese Erklärung nachgedacht +haben, so werden Sie sich überzeugen, daß sie keine Ungewißheit über +den Gedanken der Regierung läßt, insofern es sich darum handelt, ob +sie den Frieden will oder den Krieg herbeiführt.« Ganz Paris tönte +von Kriegsgeschrei wider. Bismarcks erster Gedanke aber, als er die +Pariser Telegramme las, war der, das sei der Krieg; sein zweiter, jetzt +müsse man die ganze Armee mobil machen und über Frankreich herfallen; +das wäre der Sieg. »Leider«, fügte er hinzu, »geht das nicht — aus +verschiedenen Gründen.« + +[Illustration: =~Le roi s’amuse~= + +Bismarck und der König, der sich an Soldatenspielerei ergötzt und einen +Humpen Emser Wasser dabei leert. (»L’Eclipse«, 24. Juni 1870)] + +Am 8. Juli abends traf Benedetti aus Wildbad in Ems ein. Er hatte die +Order, den König aufzufordern, wenn nicht durch einen Befehl, so doch +durch einen ernsten Ratschlag den Prinzen Leopold zum Rücktritt zu +bewegen. Ein Geheimschreiben Grammonts erklärte jedoch schon jetzt, +die einzige Antwort, die den Krieg verhindern könnte, wäre diese: Die +Königliche Regierung billigt die Annahme durch den Prinzen nicht und +befiehlt ihm, diesen Entschluß zurückzunehmen. — König Wilhelm erklärte +zunächst mit würdevoller Bestimmtheit, er habe als Familienhaupt nur +eine negative Rolle gespielt, indem er die Annahme nicht untersagte, er +könne jetzt seine Stellung nicht dahin geltend machen, den Prinzen zum +Rücktritt zu zwingen. Unter der Hand erklärte er sich jedoch bereit, +sich mit dem Vater des Prinzen in Verbindung zu setzen. In Paris jedoch +genügte dies nicht; die Hitze, die in den Köpfen der Pariser herrschte, +schlug auch in die Ministerien hinüber. Benedetti verstärkte seine +Sprache, König Wilhelm sah sich indessen genötigt, den preußischen +Gesandten aus dem Urlaub sofort auf seinen Posten zurückzusenden und +Bismarck sobald als möglich von Varzin nach Ems zu entbieten. Bismarck +reiste sofort ab. In Berlin besprach er sich mit Roon und dem Grafen +Eulenburg, den er sofort nach Ems absandte. Schon am Abend jedoch +traf eine Botschaft des Herrn von Werther ein, daß der spanische +Gesandte amtlich den Verzicht Leopolds der französischen Regierung +angezeigt habe. Da gab Bismarck die Reise nach Ems auf und schrieb +der Gattin, sie möge nicht nachkommen, vermutlich werde er in einigen +Tagen nach Varzin zurückkehren, ob noch als Minister, sei eine andere +Frage. Bismarck hatte eine schlaflose Nacht. Am folgenden Tage aber +ging ein Bericht des Herrn von Werther ein, wonach die französische +Regierung wünsche, der König möge an den Kaiser Napoleon einen für die +Öffentlichkeit geeigneten Entschuldigungsbrief richten. Dieser Bericht +führte zur sofortigen Abberufung des preußischen Gesandten, der eine so +beleidigende Zumutung zu überbringen bereit gewesen war. An demselben +Tage aber stellte Graf Benedetti auf der Brunnenpromenade in Ems, wo +keiner der Minister gegenwärtig war, an den König das Ansinnen eines +Versprechens, niemals in Zukunft der Erhebung eines hohenzollerischen +Prinzen auf den spanischen Thron zuzustimmen. + +Vorher schon hatte Bismarck seine Entlassung als Ministerpräsident und +Bundeskanzler eingereicht. Am Abend des 14. Juli hatte er dann Moltke +und Roon zu Tische geladen. Da traf Abekens Depesche ein: + + +Die Schamade + + Sie hatte folgenden Wortlaut: »Seine Majestät der König schreibt + mir: Graf Benedetti fing mich auf der Promenade ab, um auf + zuletzt sehr zudringliche Art von mir zu verlangen, ich sollte + ihn autorisieren, sofort zu telegraphieren, daß ich mich für alle + Zukunft verpflichtete, niemals wieder meine Zustimmung zu geben, + wenn die Hohenzollern auf ihre Kandidatur zurückkämen. Ich wies + ihn zuletzt etwas ernst zurück, da man =à tout jamais= dergleichen + Engagements nicht nehmen dürfe noch könne. Natürlich sagte ich + ihm, daß ich noch nichts erhalten hätte, und, da er über Paris + und Madrid früher benachrichtigt sei, er wohl einsähe, daß mein + Gouvernement wiederum außer Spiel sei. — Seine Majestät hat seitdem + ein Schreiben des Fürsten Karl Anton bekommen. Da Seine Majestät + dem Grafen Benedetti gesagt, daß er Nachricht vom Fürsten erwarte, + hat Allerhöchstderselbe mit Rücksicht auf die obige Zumutung auf + des Grafen Eulenburg und meinen Vortrag beschlossen, den Grafen + Benedetti nicht mehr zu empfangen, sondern ihm nur durch seinen + Adjutanten sagen zu lassen, daß Seine Majestät jetzt vom Fürsten + die Bestätigung der Nachricht erhalten, die Benedetti aus Paris + schon gehabt, und dem Botschafter nichts weiter zu sagen habe. — + Seine Majestät stellt Eurer Exzellenz anheim, ob nicht die neue + Forderung Benedettis und ihre Zurückweisung sogleich sowohl unserem + Gesandten als der Presse mitgeteilt werden sollte.« + +Sie erhielt durch Bismarck in der nachstehend geschilderten Szene +folgende Fassung: + + +Fanfare + + Nachdem die Nachrichten von der Entsagung des Erbprinzen von + Hohenzollern der Kaiserlich Französischen Regierung von der + Königlich Spanischen amtlich mitgeteilt worden sind, hat der + französische Botschafter in Ems an Seine Majestät den König + noch die Forderung gestellt, ihn zu autorisieren, daß er nach + Paris telegraphiere, daß Seine Majestät der König sich für + alle Zukunft verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu + geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Kandidatur zurückkommen + sollten. Seine Majestät der König hat es darauf abgelehnt, den + französischen Botschafter nochmals zu empfangen und demselben durch + den Adjutanten vom Dienst sagen lassen, daß Seine Majestät dem + Botschafter nichts weiter mitzuteilen habe. + +[Illustration: Bismarck als Fälscher an die Tür genagelt: »Das ist sein +Platz.« + +(»Don Quichotte«, 4. September 1892) + +(Das Bild bezieht sich auf die Debatten, die damals über die Emser +Depesche stattfanden.)] + +[Illustration: Bismarck als Esel schreitet durch einen Engpaß; auf ihm +sitzt General Prim und rückwärts König Wilhelm. Napoleon und die Mächte +stellen sich ihnen drohend entgegen. König Wilhelm, der den Eselschwanz +in der Hand hält, sagt: »Wenn ihr uns rüberbringt nach Spanien, so +ist’s mir recht, aber ich weiß von nichts, weil alles hinter meinem +Rücken geschieht.« (»Figaro«, 14. Juli 1870)] + + +Die alte Karkasse + + »Bei dem gemeinsamen Abendessen an jenem historischen Tage«, so + erzählt Bismarck, »waren beide sehr niedergeschlagen und machten + mir indirekt Vorwürfe, daß ich die im Vergleiche mit ihnen größere + Leichtigkeit des Rückzuges aus dem Dienste egoistisch benutzte. + Ich vertrat die Meinung, daß ich mein Ehrgefühl nicht der Politik + opfern könne, daß sie beide als Berufssoldaten wegen der Unfreiheit + ihrer Entschließung nicht dieselben Gesichtspunkte zu nehmen + brauchten als ein verantwortlicher Auswärtiger Minister. Während + der Unterhaltung wurde mir gemeldet, daß ein Ziffertelegramm, wenn + ich mich recht erinnere, von ungefähr zweihundert Gruppen, aus + Ems, von dem Geheimrat Abeken unterzeichnet, in der Übersetzung + begriffen sei. Nachdem mir die Entzifferung überbracht war, + welche ergab, daß Abeken das Telegramm auf Befehl Seiner Majestät + redigiert und unterzeichnet hatte, las ich dasselbe meinen + Gästen vor, deren Niedergeschlagenheit so tief wurde, daß sie + Speise und Trank verschmähten. Bei wiederholter Prüfung des + Aktenstückes verweilte ich bei der einen Auftrag involvierenden + Ermächtigung Seiner Majestät, die neue Forderung Benedettis und + ihre Zurückweisung sogleich sowohl unseren Gesandten als in der + Presse mitzuteilen. Ich stellte an Moltke einige Fragen in bezug + auf das Maß seines Vertrauens auf den Stand unserer Rüstungen, + respektive auf die Zeit, deren dieselben bei der überraschend + aufgetauchten Kriegsgefahr noch bedürfen würden. Er antwortete, daß + er, wenn Krieg werden sollte, von einem Aufschub des Ausbruches + keinen Vorteil für uns erwarte; selbst wenn wir zunächst + nicht stark genug sein sollten, sofort alle linksrheinischen + Landesteile gegen französische Invasion zu decken, so würde unsere + Kriegsbereitschaft die französische sehr bald überholen, während + in einer späteren Periode dieser Vorteil sich abschwächen würde; + er halte den schnellen Ausbruch im ganzen für uns vorteilhafter + als eine Verschleppung ... Nachdem ich die Depesche redigiert + hatte, bemerkte Moltke: ›So hat das einen anderen Klang, vorher + klang es wie Schamade, jetzt wie eine Fanfare in Antwort auf + eine Herausforderung.‹ Ich erläuterte: ›Wenn ich diesen Text, + welcher keine Änderungen und keinen Zusatz des Telegramms + enthält, in Ausführung des Allerhöchsten Auftrages sofort nicht + nur an die Zeitungen, sondern auch telegraphisch an alle unsere + Gesandtschaften mitteile, so wird er vor Mitternacht in Paris + bekannt sein und dort nicht nur wegen des Inhaltes, sondern auch + wegen der Art der Verbreitung den Eindruck des roten Tuches auf + den gallischen Stier machen. Schlagen müssen wir, wenn wir nicht + die Rolle des Geschlagenen ohne Kampf auf uns nehmen wollen. + Der Erfolg hängt aber doch wesentlich von den Eindrücken bei + uns und anderen ab, die der Ursprung des Krieges hervorruft; es + ist wichtig, daß wir die Angegriffenen seien, und die gallische + Überhebung und Reizbarkeit wird uns dazu machen, wenn wir mit + europäischer Öffentlichkeit, soweit es uns ohne das Sprachrohr + des Reichstags möglich ist, verkünden, daß wir den öffentlichen + Drohungen Frankreichs furchtlos entgegentreten ...‹ Diese meine + Auseinandersetzung erzeugte bei den beiden Generalen einen Umschlag + zu freudiger Stimmung, dessen Lebhaftigkeit mich überraschte. Sie + hatten plötzlich die Lust zu essen und zu trinken wiedergefunden + und sprachen in heiterer Laune. Roon sagte: ›Der alte Gott lebt + noch und wird uns nicht in Schande verkommen lassen.‹ Moltke trat + so weit aus seiner gleichmütigen Passivität heraus, daß er sich, + mit freudigem Blick gegen die Zimmerdecke und mit Verzicht auf + seine sonstige Gemessenheit in Worten, mit der Hand vor die Brust + schlug und sagte: ›Wenn ich das noch erlebe, in solchem Krieg + unsere Heere zu führen, so mag gleich nachher ›die alte Karkasse‹ + der Teufel holen.‹ Er war damals hinfälliger als später und hatte + Zweifel, ob er die Strapazen des Feldzugs überleben werde.« + +[Illustration: ~Bismarck im Parlament~ + +Bismarcks »letzte Faser«. (»Figaro«, September 1881)] + +Am 14. Mai 1891 veröffentlichte Roons Sohn eine Erklärung aus den +Aktenstücken des Vaters, in der er feststellt, daß der König selbst +Bismarck ermächtigt habe, den Text nach Ermessen ganz oder teilweise +zu veröffentlichen. Nicht Bismarck, sondern Grammont hatte, wie sich +der preußische Staatsmann einmal ausdrückte, »die Laus zum Skorpion +aufgeblasen«. + +Aber auch diese Erklärung mindert nicht die gewaltige Größe jener +Stunde, in der Otto von Bismarck die Last der Verantwortung für +Deutschlands Zukunft entschlossen auf seine Schultern nahm, erfüllt +von derselben rücksichtslosen Kraft der Aufopferung, wie sie einst +York in der Mühle von Tauroggen bewährte. Hier ist nach Babelsberg der +zweite hohe Gipfel auf Bismarcks Tatenwege gegeben. Was König Wilhelm +versäumte, holte Bismarck im rechten Augenblick nach. Dort die Hoheit +und die Würde, schwerbeleidigt und herausgefordert, hier der treue +deutsche Diener, der die Last der Verantwortung auf sich lädt, der +Träger deutscher Notwehr gegen einen in das Tiefste unseres Lebens +frevelhaft hineingreifenden Feind. Eines der erschütterndsten Dramen +unserer deutschen Geschichte. + +[Illustration: ~Wettrennen von 1870, Großer Preis von Berlin~ + +Bismarck als Oberst und König Wilhelm als Korporal jagen in wilder Hast +vor den Franzosen her. + +»Sie können nur im Rennen siegen.« (»Actualités«, Juli 1870)] + +[Illustration: ~Bismarck beim Essen~ + +Auf der Platte neben dem Glase Sodawasser steht zu seinem Entsetzen ein +voll ausgerüsteter Piou-Piou. »Diesmal, mein Lieber, find’st du aber +eine Gräte im Essen.« (»Charivari«, Juli 1870)] + + + + +Über Sedan nach Versailles + + +Die Wirkung der Emser Depesche ist bekannt; der nationale Strom +erbrauste und ergriff die ganze Nation. Am 15. Juli 1870 kehrte +König Wilhelm von Ems nach Berlin zurück; die ganze Reise war ein +beispielloser Triumphzug. Der Kronprinz, Bismarck, Roon und Moltke +reisten ihm bis Brandenburg entgegen; am Potsdamer Bahnhof harrte an +der Spitze der Generale der greise Wrangel, unten drängte sich die +begeisterte Volksmasse Kopf an Kopf. Nach der Ankunft trat der König +in den unscheinbaren Wartesaal; um ihn waren Bismarck, Moltke und +Roon gruppiert, der Kronprinz, halb seitwärts neben dem König, stand +da wie ein flammender Kriegsgott, das Urbild des teutonischen Zornes. +Nur wenige Minuten, dann eilte er hinaus zu der brausenden Menge, die +seinen Zuruf: »Die Mobilmachung der Armee ist befohlen!« mit Tausenden +von Stimmen weiter fortgab. Der Reichstag wurde einberufen und mit +einem Gottesdienst eröffnet. Der Text der Predigt hat gelautet: »Mit +Gott wollen wir Taten tun.« Die Thronrede aber schloß mit den Worten: +»Wir werden nach dem Beispiel unserer Väter für unsere Freiheit und +für unser Recht gegen die Gewalttat fremder Eroberer kämpfen, und in +diesem Kampfe, in dem wir kein anderes Ziel verfolgen, als den Frieden +Europas dauernd zu sichern, wird Gott mit uns sein, wie er mit unseren +Vätern war!« Am nächsten Tage nahm der Reichstag ohne Diskussion die +von Miquel verfaßte Adresse an. In flammender Rede hatte Bismarck noch +einmal alle Schuld und alle Lüge der französischen Vergangenheit und +Gegenwart zusammengefaßt. + +Wieder zog er mit seinem Könige in den Krieg. Am 11. August überschritt +er mit dem Großen Hauptquartier die französische Grenze. Nach wenigen +Tagen schon kam er bis an die Nähe von Metz, und als der Kanonendonner +von Vionville und Mars-la-Tour verhallte, da drang die Kunde zu ihm, +daß seine Söhne gefallen seien. Die Vorsehung hatte es anders bestimmt: +Der ältere Sohn hatte im Kampfe wohl drei Schüsse erhalten, aber er +war lebend davongekommen; der zweite Sohn war bei dem Todesritt mit +seinem Pferde gestürzt, ohne ernsteren Schaden zu nehmen. Und auch +Bismarck ist gleich dem König in jenen fürchterlichen Tagen in schwere +Lebensgefahr geraten. + + +Feldzugsbriefe + + Köstlich in ihrer Plastik, in ihrer darstellerischen Kraft, + zugleich charakteristisch für das Eindringen des großen + Staatsmannes in alle Details, für seine Sorge um jede Einzelheit + sind seine Feldzugsbriefe, vor allem an die Gattin. Hier einige + Proben daraus: + + Aus Herny schreibt er am 14. August: »Mein Liebling! Einige + Stunden östlich von Metz in der Richtung nach Falkenberg zu + findest Du vielleicht auf der Karte das Dorf, wo wir heute sind, + aber nicht die vielen Fliegen, die mich zwingen, kopfschüttelnd + zu schreiben. Ich liege in einem von den Einwohnern verlassenen + Bauernhause; die Nachbarin ist geblieben und hat mich gestern mit + einem Huhne regaliert, welches zwei Stunden vor Tisch noch lebend + meine Bekanntschaft machte; seiner Leiche vermochten meine guten + Zähne nichts anzuhaben. Dagegen erfuhr ich, daß ein =civet= von + einem zahmen Kaninchen für hungrige Leute sehr eßbar ist, selbst + dann, wenn die Bestandteile uns noch eine Stunde zuvor durch ihre + munteren Sprünge ergötzt haben. Daneben esse ich wie ein gesunder + Mensch gebratenen und rohen Speck mit so viel Knoblauch, daß mir + mein Atem schon wie ein Salpeterkeller zu riechen scheint. Das + alles bekommt mir sehr gut, und ich wäre recht zufrieden, wenn + ich nur einmal ein Wort von Bill und Herbert hören könnte. Gott + schütze die geliebten Jungen vor Krankheit und Wunden ... Eiserne + Kreuze noch keine ausgegeben, wahrscheinlich nicht fertig. Es + ist vielleicht recht gut, denn wenn erst einige damit gehen, so + sind die anderen gar nicht mehr zu halten und stecken die Köpfe + in die Mündung der französischen Kanonen: sie sind so schon wie + die Berserker. Der Franzose meint, die Unseren wären so an das + Manöverschießen gewöhnt, daß sie ganz vergäßen, daß hier mit Kugeln + geschossen würde! Ein schönes Lob der Tapferkeit. Nun lebwohl, mein + Herz, umarme unsere Tochter für mich und bete für unsere Söhne mit + mir.« + + In einem Briefe aus Pont-à-Mousson, zwei Tage später: »Die Leute + müssen mich hier für einen Bluthund halten; die alten Weiber, wenn + sie meinen Namen hören, fallen auf die Knie und bitten mich um ihr + Leben. Attila war ein Lamm gegen mich.« + + Am 17. August: Bismarcks Söhne in der Schlacht. Am 17. August + schreibt der Kanzler an Johanna: »Ich fand Herbert mit + zweihundertfünfzig Verwundeten in einem Pachthof, Bill zum Besuch + bei ihm unter dem Vorwande, sich ein anderes Pferd zu requirieren; + er fand wirklich eine magere Mähre. Herbert sah aus wie sonst, nur + zwei Löcher in der linken Lende, Aus- und Einschuß gut verbunden. + Ich bestellte meinen Wagen hin, blieb vier Stunden, um ihn zu + erwarten, und als er kam, fand sich, daß ihn das Sitzen schmerzte, + und die Hitze zu groß. Ich requirierte einen Liegewagen, in dem + er heute bei kühler Nacht ankommen wird. Er hatte noch zwei + Kleiderstreifschüsse, deren einer an meiner schwarzen Holzuhr unter + Zertrümmerung derselben abgeglitten. Ich nahm sie mit und ließ ihm + meine in St. Avold gekaufte Zehn-Franken-Uhr dafür. Die schwarze + bringe ich Dir mit und kaufe mir hier wieder eine neue. Bills Pferd + wurde bei der Attacke erschossen, so daß er kopfüber ging und erst + totgesagt wurde. Er ist aber dick und lustig, sah sehr schmierig + aus. Für Herbert ist nun der Feldzug hiermit vorbei und er, wenn + Gott kein Unglück schickt, in Deckung gegen Weiteres, denn einige + Wochen wird er doch daran heilen. Ich will ihn gleich mit Eisenbahn + nach Deutschland schicken. Wenn er nicht das Kreuz bekommt, so will + ich nie wieder Orden tragen ...« + + [Illustration: Die Kapitulation von Metz. (»Zündnadeln«, Oktober + 1870)] + + Aus einem späteren Briefe: »Bills Erlebnis am 16. ist nicht, wie + ich früher schrieb; sein Pferd wurde nicht unter ihm erschossen, + sondern stürzte fünfzig Schritt vor dem feindlichen Karree über + ein vor ihm erschossenes. Wieder aufgestanden, hat er es im vollen + Kugelregen unter Gottes Schutz am Zaume zu Fuß fortgeführt, nachdem + er vorher einen verwundet daneben liegenden Dragoner in den Sattel + gesetzt, statt selbst aufzusitzen. Er zu Fuß und sein Kamerad zu + Pferde haben von allen nachgesandten Kugeln keine weiter bekommen, + das Pferd aber viele, so daß es totgestürzt, nachdem Bill es mit + dem geretteten Kameraden aus dem Feuer geführt. Er hat sich sehr + unverzagt und kameradschaftlich benommen. Ich danke Gott, daß er + mich diese Freude an beiden Jungen erleben läßt und sie uns dennoch + erhalten hat. Seine Gnade wird ja auch ferner mit ihnen und uns + bleiben ...« + + Aus Clermont: »... sehr nett ist es hier nicht, mit dem einzigen + Binsenstuhl, Generalstab mit Nachtdienst unter mir, Bureau mit + =ditto= über mir, zwanzig Leute, die in dem dünnen schallenden + Hause wohnen; fünf schreiende Kinder neben mir, und nicht einmal + ein — —; man muß sich daran gewöhnen, angesichts des Publikums + schamlos zu verfahren, wie es eben geht, und die Schildwachen + zu bewegen, daß sie wenigstens nicht mit präsentiertem Gewehr + dabeistehen. Verzeih’ dieses Detail, aber es ist mir die + unangenehmste der kriegerischen Entbehrungen.« + + Aus Versailles am 8. Oktober: »... Bill überfiel mich am 2. Oktober + im Bette, mit Blumenthals Uniform und fremden Hosen an, dazu hängte + er Karls Landwehrkartusche um, setzte meinen, nur in der Spitze + nicht richtigen Generalshelm auf, und so nahm ich ihn mit zur + Kirche, wo er sich vor Sr. Majestät meldete, der über den Anzug + nichts sagte. Zu Tisch tranken wir Sekt, aus Rothschilds Keller + gekauft, bis Dein Sohn einen roten Sattel auf der Nase hatte, und + dann ritt er mit Philipp wieder in sein drei Meilen entferntes + Quartier, nicht ohne mir mein Gold aus der Westentasche und zwei + Paar Handschuhe abgenommen zu haben, auch mit Kognak und Zigarren + versehen ... ich entfloh heute der Plage, um in der weichen stillen + Herbstluft durch Louis =XIV.= lange gerade Parkgänge, durch + rauschendes Laub und geschnittene Hecken, an stillen Teichflächen + und Marmorgöttinnen vorbei Röschen eine Stunde zu galoppieren + und nichts Menschliches als Josephs klappernden Trainsäbel + hinter mir zu hören und dem Heimweh nachzuhängen, wie es der + Blätterfall und die Einsamkeit in der Fremde mit sich bringen, mit + Kindererinnerungen an geschorene Hecken, die nicht mehr sind ...« + +[Illustration: »Napoleon, Napoleon! Siehst du wohl, das kommt davon!« +(»Zündnadeln«, August 1870)] + + +Er reitet in die Nacht hinaus + + Die schwerste Stunde in Bismarcks Leben ist wohl jene späte + Abendstunde gewesen, am 16. August, in der ihm irrtümlich der Tod + seiner beiden Söhne gemeldet wurde. Herr von Keudell berichtet + darüber: »Der Kanzler befand sich zusammen mit Moltke noch beim + König. Da tritt ein Ordonnanzoffizier ein und macht in leisem + Tone dem General eine Meldung, die ihn zu erschrecken scheint. + Bismarck versteht seinen Blick und fragt: ›Geht es mich an?‹ + Darauf meldet der Offizier laut: ›Bei der letzten Attacke des 1. + Garde-Dragoner-Regimentes ist Graf Herbert Bismarck gefallen, + Graf Bill tödlich verwundet worden.‹ Und auf Befragen gibt er + an, die Nachricht komme von dem Kommandierenden General des =X.= + Armeekorps von Voigts-Rhetz, dessen augenblicklicher Aufenthalt + nicht bekannt sei, da der General umherreite, um alle Lazarette + zu besichtigen. Bismarck läßt sofort satteln, und ~ohne ein Wort + zu sagen, reitet er in die Nacht hinaus. Kein Reitknecht darf ihm + folgen~. Beim ersten Morgengrauen kommt er in das Dorf Troville. + Im Johanniter-Hospital am Ende des Dorfes findet der Kanzler + den General und erhält Geleit nach dem Gehöft in Mariaville, + wo mehrere Verwundete liegen. Beim Eintreten in das Haus kommt + ihm sein jüngster Sohn unverletzt entgegen; Herbert aber liegt + verwundet auf einem Strohlager. Er war von einer Kugel an der Brust + gestreift worden, eine zweite hatte seine Uhr zerschmettert, die + dritte aber war in das Fleisch des Oberschenkels eingedrungen.« + + +Bill als Schweinetreiber + + Über eine spätere Begegnung mit seinem jüngeren Sohne, dessen + stets fröhliches Temperament ihn übrigens zum allgemeinen Liebling + machte, erzählte später der Vater: »Ich entdeckte an ihm eine neue + rühmliche Eigenschaft: er besitzt ausnehmende Geschicklichkeit im + Schweinetreiben. Er hatte sich das fetteste ausgesucht, da die + am langsamsten gehen und nicht leicht entwischen. Zuletzt trug + er’s fort auf dem Arme wie ein Kind ... Es wird den gefangenen + französischen Offizieren komisch vorgekommen sein, einen + preußischen General einen gemeinen Dragoner umarmen zu sehen.« + + +Im Granatenfeuer + + Am 18. August gerieten auch König Wilhelm und sein Kanzler in + schwere Lebensgefahr. »Sie hatten eben«, erzählt Graf Bismarck, + »die Pferde zu Wasser geschickt, und wir standen in der Dämmerung + bei einer Batterie, die feuerte. Die Franzosen schwiegen, + aber während wir dachten, ihre Geschütze wären demontiert, + konzentrierten sie nur ihre Kanonen und Mitrailleusen seit einer + Stunde zu einem letzten großen Vorstoße. Plötzlich fingen sie + ein ganz fürchterliches Feuern an mit Granaten und ähnlichen + Geschossen, ein unaufhörliches Krachen und Rollen, Sausen und + Heulen in der Luft. Wir wurden vom Könige, den Roon zurückschickte, + abgeklemmt. Ich blieb bei der Batterie und dachte, wenn wir + zurückgehen müssen, setzest du dich auf den nächsten Protzkasten. + Wir erwarteten nun, daß französische Infanterie den Vorstoß + unterstützen würde, und da hätten sie mich gefangennehmen können, + wenn ich auch ein rollendes Revolverfeuer auf sie unterhalten hätte + — ich hatte sechs Schuß für sie und noch sechs Reservepatronen. + Endlich kamen die Pferde wieder, und nun machte ich mich fort, + wieder zum König. Aber wir waren aus dem Regen in die Traufe + geraten. An der Stelle, wo wir hinritten, schlugen gerade die + Granaten ein, die vorher über uns weggeflogen waren. Am anderen + Morgen sahen wir die Schweinskulen, die sie gewühlt hatten. — So + mußte denn der König noch weiter zurück, was ich ihm sagte, nachdem + die Offiziere mir das vorgestellt hatten.« + + +Auf der Suche nach Quartier + + Am Abend fand dann das berühmte »Rendezvous« statt. König Wilhelm + saß auf einer Leiter, deren eines Ende auf einem toten Pferde + lag, und diktierte Bismarck das Telegramm an die Königin, das der + Welt Kunde von dem Siege gab. Dann aber gestand der König, daß + er Hunger leide und gern etwas essen möchte. Doch nur Wein und + schlechter Rum von einem Marketender nebst trockenem Brot war zur + Stelle. Endlich trieb man im Dorfe Rézonville ein paar Kotelette + für ihn auf, aber nichts für seine Umgebung. Bismarck hatte den + ganzen Tag nur etwas Soldatenbrot und Speck gehabt. Als endlich + ein paar Eier kamen, zerschlug er sie an seinem Degenknopf und + schlürfte sie roh. Und nun: Majestät wollte im Wagen schlafen, + zwischen toten Pferden und Schwerverwundeten. Er fand später ein + Unterkommen in einer Kabache. Der Bundeskanzler mußte sich wo + anders unter Dach zu bringen suchen. Wir ließen den Erben eines + der mächtigsten deutschen Potentaten (der junge Erbgroßherzog von + Mecklenburg war gemeint) bei dem Wagen Wache stehen, daß nichts + gestohlen würde, und ich machte mich mit Sheridan auf, um nach + einer Schlafstelle zu rekognoszieren. Wir kamen an ein Haus, das + noch brannte, und da war es zu heiß. Ich fragte in einem anderen + nach — voll von Verwundeten. In einem dritten — auch voll von + Verwundeten. Ebenso hieß es in einem vierten; ich ließ mich aber + hier nicht abweisen. Ich sah oben ein Fenster, wo es dunkel war. + ›Was ist denn da oben?‹ erkundigte ich mich. ›Lauter Verwundete.‹ + ›Das wollen wir doch untersuchen!‹ Und ich ging hinauf, und siehe + da, drei leere Bettstellen mit guten und, wie es schien, ziemlich + reinen Strohmatratzen. Wir machten also hier Nachtquartier, und ich + schlief ganz gut.« — »Ja,« hatte sein Vetter Graf Bismarck-Bohlen + gesagt, als der Kanzler uns die Historie in Pont-à-Mousson das + erstemal und kürzer erzählte, »du schliefst gleich ein und ebenso + Sheridan, der sich — ich weiß nicht, wo er’s hergekriegt — ganz + in weiße Leinwand eingewickelt hatte und der in der Nacht von + dir geträumt haben muß, denn ich hörte verschiedenemal, wie er + murmelte: ›=O dear count!=‹« — »Hm, hm, der Erbgroßherzog, der sich + mit guter Manier in die Sache fand und überhaupt ein angenehmer + und liebenswürdiger junger Herr ist«, bemerkte der Minister. — + »Das beste war übrigens bei der Geschichte,« sagte Bohlen, »daß + eigentlich gar keine solche Not um Unterkommen gewesen wäre. Denn + unterdessen hatten sie entdeckt, daß nahe dabei ein elegantes + Landhaus für Bazaine instand gesetzt worden war, mit guten Betten, + Sekt im Keller und was weiß ich alles —, höchst fein, und da + hatte der Kriegsminister sich einlogiert und hatte ein opulentes + Abendmahl mit seiner Gesellschaft gefunden.« + + +Das zähe Huhn + + Von der Fahrt nach Busaney erzählt der Kanzler eine ähnliche + Szene: »Ich hatte den ganzen Tag nichts als Kommißbrot und Speck + gehabt. Jetzt kriegten wir ein paar Eier — fünf oder sechs. Die + anderen wollten sie gekocht; ich aber esse sie gern roh, und so + unterschlug ich ein paar und zerschlug sie an meinem Degenknopf, + was mich sehr erfrischte. Als es dann wieder Tag geworden war, + genoß ich das erste Warme seit sechsunddreißig Stunden — es war + nur eine Erbswurstsuppe, die mir General Göben gab; sie schmeckte + aber ganz vortrefflich. Später hatte es noch ein gebratenes Huhn + gegeben, an dessen Zähigkeit aber der beste Zahn verzweifelte.« Es + war dem Minister von einem Marketender angeboten worden, nachdem er + von einem Soldaten ein ungekochtes gekauft hatte. Bismarck hatte + jenes angenommen, dafür bezahlt und dem Manne noch obendrein das + von dem Soldaten erworbene gereicht. »Wenn wir uns im Kriege wieder + treffen,« sagte er, »so geben Sie mir’s gebraten wieder. Wo nicht, + so hoffe ich, daß Sie mir’s in Berlin zurückerstatten.« + +[Illustration: ~Preußische Fanfaronaden~ + +Wilhelm: »Ich weiß nicht recht — wann denkst du, werde ich mit +Frankreich fertig sein?« + +Bismarck: »Nur zu bald, gnädiger Herr, wie ich mit dieser Flasche.« +(»Actualités«, November 1870)] + +Allmählich drängten die Dinge dem Gipfelpunkte von Sedan entgegen. Mit +dem Morgengrauen des 1. September begann die Schlacht, und zur selben +Stunde brach auch der König mit Bismarck auf, um Zeuge der Entscheidung +zu sein. Mit ihnen zusammen standen auf der Höhe von Fresnois Moltke, +Roon und zahlreiche Prinzen und Generale. Als aber das gewaltige +Ringen zu Ende war, da erschien der General Reille als Parlamentär mit +dem bekannten Briefe Napoleons bei König Wilhelm: »Mein Herr Bruder! +Nachdem mir nicht vergönnt war, in der Mitte meiner Truppen zu sterben, +bleibt mir nur noch übrig, meinen Degen in die Hände Ew. Majestät +niederzulegen. Ich bin Ew. Majestät Vetter Napoleon.« Der König reichte +das Schreiben zunächst Bismarck und ersuchte ihn, die Antwort zu +entwerfen. Dieser las den Brief dem Kronprinzen, Roon und Moltke vor +und diktierte dann dem Grafen Hatzfeld die Antwort: »Mein Herr Bruder! +Mit Bedauern über die Umstände, unter denen wir zusammentreffen, nehme +ich den Degen Ew. Majestät an und bitte Sie, einen Ihrer Offiziere +ernennen zu wollen, der bevollmächtigt wird, über die Ergebung der +Armee zu unterhandeln, die sich unter Ihren Befehlen so tapfer +geschlagen hat. Meinerseits habe ich den General von Moltke dazu +bestimmt. Ew. Majestät Bruder Wilhelm.« Als Reille mit dieser Antwort +fort war, umarmte der König den Kronprinzen und reichte dann Bismarck +die Hand mit den Worten: »Dieses weltgeschichtliche Ereignis, fürchte +ich, bringt uns den Frieden noch nicht.« Bismarck fuhr mit Moltke nach +Donchéry, um hier die französischen Unterhändler zu erwarten. Die +Tragödie von Sedan war ausgespielt; es konnte nur noch ein Nachspiel +geben. + +In Donchéry hat Bismarck übernachtet. Am Morgen um sechs Uhr erschien +bereits ein französischer General; Bismarck zog sich hastig an, setzte +sich, ohne zu frühstücken, eiligst zu Pferde und ritt davon. In der +Stube aber fand Moritz Busch alles in Unordnung umhergeworfen: Am Boden +lagen die »Täglichen Losungen und Lehrtexte der Brüdergemeinde für +1870«, auf dem Nachttischchen befand sich ein anderes Andachtsbuch: +»Die tägliche Erquickung für gläubige Christen«, Schriften, in denen +der Kanzler des Nachts zu lesen pflegte. + +Über die Einzelheiten der weltgeschichtlichen Vorgänge der nächsten +Stunden hat Bismarck an die Gattin berichtet. Dieser Brief ist von den +Franzosen aufgefangen und später vom »Figaro« veröffentlicht worden. +Selbst das französische Blatt aber sprach mit Staunen und Ergriffenheit +von diesen schlichten Worten, in denen der Sieger des großen Krieges +von einem Ereignis spricht, dessen weltgeschichtliche Bedeutung jeder +erfaßte, von der liebenswürdigen Art, wie er mitten in den Schauern +und dem Brausen der Weltgeschichte Zeit findet, von Marie und Karl, +von Hans, Fritz, Herbert und Bill zu sprechen. Wie hätte wohl der +französische Sieger geschrieben! Der Brief ist in der Tat eines der +rührendsten Dokumente menschlicher Demut und schlichter Größe. + +[Illustration: Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu +Tisch. (»Der Floh«, September 1870)] + + +Der Brief von Sedan + + Mein liebes Herz! Vorgestern vor Tagesgrauen verließ ich mein + hiesiges Quartier, kehre heut zurück und habe in der Zwischenzeit + die große Schlacht von Sedan am 1. erlebt, in der wir gegen 30 000 + Gefangene machten und den Rest der französischen Armee, der wir + seit Bar-le-Duc nachjagten, in die Festung warfen, wo sie sich + mit dem Kaiser kriegsgefangen ergeben mußte. Gestern früh fünf + Uhr, nachdem ich bis ein Uhr früh mit Moltke und den französischen + Generalen über die abzuschließende Kapitulation verhandelt hatte, + weckte mich der General Reille, den ich kenne, um mir zu sagen, + daß Napoleon mich zu sprechen wünschte. Ich ritt ungewaschen und + ungefrühstückt gegen Sedan, fand den Kaiser im offenen Wagen mit + drei Adjutanten und drei zu Pferde daneben auf der Landstraße + vor Sedan haltend. Ich saß ab, grüßte ihn ebenso höflich wie + in den Tuilerien und fragte nach seinen Befehlen. Er wünschte + den König zu sehen; ich sagte ihm der Wahrheit gemäß, daß Seine + Majestät drei Meilen davon, an dem Orte, wo ich jetzt schreibe, + sein Quartier habe. Auf Napoleons Frage, wohin er sich begeben + solle, bot ich ihm, da ich der Gegend unkundig, mein Quartier in + Donchéry an, einem kleinen Ort an der Maas dicht bei Sedan; er nahm + es an und fuhr, von seinen sechs Franzosen, von mir und von Karl + (Bismarck-Bohlen), der mir inzwischen nachgeritten war, geleitet, + durch den einsamen Morgen nach unserer Seite zu. Vor dem Ort wurde + es ihm leid, wegen der möglichen Menschenmenge, und er fragte mich, + ob er in einem einsamen Arbeiterhause am Wege absteigen könne; + ich ließ es besehen durch Karl, der meldete, es sei ärmlich und + unrein. »=N’importe=«, meinte Napoleon, und ich stieg mit ihm + eine gebrechliche enge Stiege hinauf. In einer Kammer von zehn Fuß + Gevierte, mit einem fichtnen Tische und zwei Binsenstühlen, saßen + wir eine Stunde; die anderen waren unten. Ein gewaltiger Kontrast + mit unserem letzten Beisammensein, 1867 in den Tuilerien. Unsere + Unterhaltung war schwierig, wenn ich nicht Dinge berühren wollte, + die den von Gottes gewaltiger Hand Niedergeworfenen schmerzlich + berühren mußten. Ich hatte durch Karl Offiziere aus der Stadt holen + und Moltke bitten lassen zu kommen. Wir schickten dann einen der + ersten auf Rekognoszierung und entdeckten eine halbe Meile davon in + Fresnois ein kleines Schloß mit Park. Dorthin geleitete ich ihn mit + einer inzwischen herangeholten Eskorte vom Leib-Kürassierregiment, + und dort schlossen wir mit dem französischen Obergeneral Wimpffen + die Kapitulation, vermöge derer 40 000 bis 60 000 Franzosen, + genauer weiß ich es noch nicht, mit allem, was sie haben, unsere + Gefangenen wurden. Der vor- und gestrige Tag kosten Frankreich + 100 000 Mann und einen Kaiser. Heute früh ging letzterer mit + allen seinen Hofleuten, Pferden und Wagen nach Wilhelmshöhe bei + Kassel ab. Es ist ein weltgeschichtliches Ereignis, ein Sieg, + für den wir Gott dem Herrn in Demut danken wollen, und der den + Krieg entscheidet, wenn wir auch letzteren gegen das kaiserlose + Frankreich noch fortführen müssen. Ich muß schließen. Mit + herzlicher Freude ersah ich heut aus Deinen und Maries Briefen + Herberts Eintreffen bei Euch. Bill sprach ich gestern, wie schon + telegraphiert, und umarmte ihn angesichts Sr. Majestät vom Pferde + herunter, während er stramm im Gliede stand. Er ist sehr gesund und + vergnügt. Hans und Fritz Karl sah ich, beide Bülow b. 2. G. Dr. + wohl und munter. + + Leb wohl, mein Herz. Grüße die Kinder. Dein v. B. + + +König Wilhelms Toast + + Am nächsten Tage, beim Mittagsmahle des Großen Hauptquartiers, + brachte der König folgenden Trinkspruch aus: »Wir müssen heut + aus Dankbarkeit auf das Wohl Meiner braven Armee trinken. Sie, + Kriegsminister von Roon, haben unser Schwert geschärft; Sie, + General von Moltke, haben es geleitet, und Sie, Graf von Bismarck, + haben seit Jahren durch die Leitung der Politik Preußen auf seinen + jetzigen Höhepunkt gebracht. Lassen Sie Uns also auf das Wohl der + Armee, der drei von Mir Genannten und jedes einzelnen unter den + Anwesenden trinken, der nach seinen Kräften zu den bisherigen + Erfolgen beigetragen hat.« + +[Illustration: Eine Satire auf die französischen Unterhändler. »Umarmen +Sie mich, und alles ist erledigt.« (Franz. Flugblatt 1870)] + + +Wie beim Kotillon + + An einem parlamentarischen Abend erzählte Bismarck: »Als ich dem + Kaiser Napoleon in dem Stübchen des Weberhauses bei Donchéry + beinahe eine Stunde gegenüber saß, war es mir gerade so zumute + wie als jungem Menschen auf dem Balle, wenn ich ein Mädchen zum + Kotillon engagiert hatte, mit der ich kein Wort zu sprechen wußte, + und die niemand abholen wollte.« + +Der Krieg ging weiter; das Ende war noch nicht da. Zwar wurde die +Dynastie Napoleons entthront, und die Kaiserin mußte mit ihrem Sohne +nach England ziehen, aber die neue Republik führte den Krieg fort, und +ihr Wahlspruch lautete: Wir überlassen keinen Finger breit Erde und +keinen Stein unserer Festungen den Deutschen. + +[Illustration: ~Vor Paris~ + +Wilhelm zu Bismarck, der nach dem Monde (Paris) greift: »Du fehlst ihn +wieder! Ich habe es dir schon so oft gesagt, mein Gott, mein Gott, in +welche Klemme du mich bringst!« (»Actualités«, 1870)] + +Die Haltung Frankreichs war beeinflußt auch durch die Hoffnung auf +die Einwirkung der neutralen Mächte. Vor allem war es Beust, der +die Hoffnung hegte, mit Hilfe eines Kongresses den Deutschen den +Siegespreis zu kürzen. Auch England, das schon zu Anfang die Ausfuhr +von Kohlen und Waffen nach Frankreich mit den Pflichten einer neutralen +Macht für vereinbar hielt, zeigte sich den Siegern wenig freundlich +gesinnt. Beust regte sogar ein gemeinsames Vorgehen der Mächte an, um, +wie er sagte, die Forderungen der Sieger zu mäßigen und die Gefühle +des Besiegten zu schonen. Aber das Schwert war rascher als die Feder; +erst in Versailles kam es zu ernsthafter Verhandlung, und in der +Tat hatte hier Bismarck schwer um die Ernte aller Kämpfe zu ringen. +»Aber schon jetzt«, so schreibt er einmal nach Hause, »haben sich +die diplomatischen Korrespondenzen wieder gemehrt. Der aufgestaute +Tintenbach hat sich über mich ergossen, falsche Friedenstauben +schwirren umher und girren mich heuchlerisch an.« Auch die Organisation +der Verwaltung machte ihm viel Plage: »Wenn ich mit solcher +Ressortverwirrung im Zivil haushalten sollte, so wäre ich längst +gesprungen wie eine Granate. Hier aber denkt keiner daran, ob das Ganze +leidet, jeder tut, was ihm befohlen wird, und was nicht befohlen wird, +darüber tröstet er sich wie der Junge, dem sein Vater keine Handschuhe +kaufte. Vor dem Feinde lauter Helden, aber an ihren Schreibtischen wie +ein Rattenkönig mit den Zöpfen zusammengewachsen.« + + +Die Arbeitslast + + Die fast übermenschliche Befähigung des Kanzlers zu arbeiten, + schöpferisch aufnehmend, kritisch zu arbeiten, die schwierigsten + Aufgaben zu lösen, überall ohne Verzug das Rechte zu finden und das + allein Geeignete anzuordnen, war vielleicht nie so bewundernswert + wie während dieser Zeit, und sie war in ihrer Unerschöpflichkeit um + so erstaunlicher, als nur wenig Schlaf die bei solcher Tätigkeit + aufgewandten Kräfte ersetzte. Wie daheim stand der Minister auch + im Felde, wenn ihn nicht eine zu erwartende Schlacht schon vor + Tagesanbruch an die Seite des Königs und zum Heere rief, meist + spät, in der Regel gegen zehn Uhr auf. Aber er hatte dann die + Nacht durchwacht und war erst mit dem durchs Fenster scheinenden + Morgenlichte eingeschlafen. Oft kaum aus dem Bette und noch nicht + in den Kleidern, begann er schon wieder zu denken und zu schaffen, + zu studieren, den Räten und anderen Mitarbeitern Instruktionen + zu erteilen, Fragen vorzulegen und Aufgaben der verschiedensten + Art zu stellen, selbst zu schreiben oder zu diktieren. Später + waren Besuche zu empfangen oder Audienzen zu geben, oder es war + dem König Vortrag zu halten. Dann wieder Studium von Depeschen + und Landkarten, Korrektur von befohlenen Aufsätzen, Niederschrift + von Konzepten mit den bekannten großen Bleistiften, Abfassung + von Briefen, Information zu Telegrammen oder Äußerungen in der + Presse, und dazwischen mitunter abermals Empfang unabweislicher + Besuche, die zuweilen nicht willkommen sein konnten. Erst nach + zwei, manchmal erst nach drei Uhr gönnte sich der Kanzler an Orten, + wo für längere Zeit haltgemacht worden war, einige Erholung, + indem er einen Spazierritt in die Nachbarschaft unternahm. Darauf + wurde nochmals gearbeitet, bis man zwischen fünf und sechs Uhr zum + Mittagsmahl ging. Spätestens anderthalb Stunden nachher war er + wieder in seinem Zimmer am Schreibtisch, und häufig sah ihn noch + die Mitternacht lesen oder Gedanken zu Papier bringen. + + Wie der Graf es mit dem Schlafen hielt, anders als unter + gewöhnlichen Menschen üblich, so lebte er auch hinsichtlich seiner + Mahlzeiten in eigner Weise. Früh genoß er eine Tasse Tee und wohl + auch ein oder zwei Eier, dann aber in der Regel nichts bis zu dem + in die Abendstunden verlegten Mittagsmahl. Sehr selten nahm er am + zweiten Frühstück und nur dann und wann am Tee teil, der zwischen + neun und zehn Uhr serviert wurde. Er aß somit, gelegentliche + Ausnahmen abgerechnet, innerhalb der vierundzwanzig Stunden des + Tages eigentlich nur einmal, dann aber — beiläufig wie Friedrich + der Große — reichlich. + +Am 13. September erließ Bismarck das berühmte Rundschreiben an die +deutschen Vertreter im Ausland, in dem er erklärte, man dürfe sich +nicht darüber täuschen, daß Deutschland, auch wenn die siegreichen +Heere ohne jede Gebietsabtretung aus Frankreich fortzögen, doch +keinen dauernden Frieden genießen werde; Deutschland müßte sichere +Bürgschaften für die Verteidigung der westlichen Grenzen haben. In +Meaux erfuhr er dann von der Rundreise des Herrn Thiers, der eine +diplomatische Einmischung herbeiführen wollte, aber, wie er selbst +sich ausgedrückt hat, »Europa nicht finden konnte«. Zu gleicher Zeit +erschien bereits Jules Favre zur Unterhandlung bei Bismarck. Aber die +Besprechung verlief resultatlos. Und auch weitere Versuche, einen +Waffenstillstand oder den Frieden herbeizuführen, mißlangen. + + +Ins Geschäft nie + + In dem vertrauten Kreise seiner Tafelrunde erzählte Bismarck + belustigt, daß Favre sich bei der Erwähnung von Landverlust höchst + erregt gebärdet, Seufzer ausgestoßen, die Augen gen Himmel gewendet + und patriotische Tränen zu vergießen versucht und anscheinend + weggewischt habe. Da Favre dieser Tränen sich in seinem amtlichen + Berichte vom 21. September besonders rühmte, so sagte Bismarck + am 27. vor seinen Tafelgästen weiter: »Es ist wahr, er sah so + aus, und ich versuchte ihn einigermaßen zu trösten. Wie ich mir + ihn aber genauer betrachtete — ich glaube ganz bestimmt, daß er + nicht eine Träne herausgebracht hatte. Er dachte vermutlich, mit + Schauspielerei auf mich zu wirken wie die Pariser Advokaten auf + ihr Publikum. Ich bin fest überzeugt, daß er in Ferrières auch + weiß geschminkt war — besonders das zweitemal. An diesem Morgen + sah er viel grauer aus, um den Angegriffenen und Tiefleidenden + vorzustellen. Es ist auch möglich, daß es ihm wirklich nahegeht, + aber er ist kein Politiker, er sollte wissen, daß Gefühlsausbrüche + nicht in die Politik gehören. Als ich was von Straßburg und Metz + fallen ließ, machte er ein Gesicht, als ob das Scherz von mir wäre. + Ich hätte ihm da erzählen können, wie ich einmal mit meiner Frau + zu dem großen Kürschner in Berlin ging — wie heißt er gleich? —, + um nach einem Pelz zu fragen, und da nannte er mir für den, der + mir gefiel, einen hohen Preis. ›Sie scherzen wohl‹, versetzte ich. + ›Nein,‹ erwiderte er, ›ins Geschäft nie.‹« + + +=Parjure= und =infâme= + + Es wurde einmal erwähnt, daß der bei Sedan in Gefangenschaft + geratene General Ducrot zum Danke dafür, daß man ihm gegen sein + Ehrenwort mehr Freiheit als anderen gestattet, auf dem Wege nach + Deutschland schmählicherweise durchgebrannt sei. Bismarck bemerkte + dazu: »Wenn man solche Schurken, die ihr Wort gegeben haben — + andere, die ausreißen, sind nicht zu tadeln —, wiederkriegt, so + sollte man sie hängen in ihren roten Hosen und auf das eine Bein + =parjure= und auf das andere =infâme= schreiben.« + +Am 5. Oktober wurde das Hauptquartier nach Versailles verlegt. Ein +weiter Ring um Paris war von den deutschen Truppen geschlossen worden. +Hier aber begann frühzeitig der große historische Streit um die Frage, +ob die französische Hauptstadt, wie Moltke und der Kronprinz und die +Generale wollten, durch Hunger zerniert oder, wie Bismarck und Roon es +verlangten, mit schweren Geschützen beschossen werden sollte. Dieser +Streit, in dem Bismarck erst nach langen Mühen den Sieg davontragen +sollte, hat ihm zahllose bittere Stunden bereitet. Denn für ihn, der +den politischen Gesichtspunkt niemals vergessen durfte, der vor allem +einen Eingriff der Neutralen verhindern wollte, war die Schnelligkeit +der Erfolge von entscheidender Bedeutung. Er wußte, wie gefährlich +jede Verzögerung war. Nie haben auch die Klagen Bismarcks über die +Eifersucht der Generale herber geklungen, als in jenen Wochen, da +»die Halbgötter« sich sogar bemühten, ihm jeden Einblick in den Gang +der Operationen zu verwehren. Oft genug hat Bismarck das Erschwernis +gespürt, das ihm hieraus erwuchs. War er doch verantwortlich für die +richtige politische Ausnutzung der militärischen wie der auswärtigen +Situation, verantwortlich dafür, ob die militärische Lage irgendwelche +politischen Schritte oder die Ablehnung irgendeiner Zumutung anderer +Mächte ratsam machte. Hatte Bismarck nicht recht? Wenn es die Aufgabe +der Heeresleitung war, die feindlichen Streitkräfte zu vernichten, so +war doch der Zweck des Krieges die Erkämpfung des Friedens und der +Bedingungen, die der vom Staate befolgten Politik entsprechen. So hat +vor allem die Frage, ob Paris bombardiert werden solle oder nicht, +einen tiefen Einfluß auch auf die politischen Verhältnisse geübt. Denn +stärker als je regten sich jetzt die Neutralen, um den Krieg so zu +begrenzen, daß Preußen seine Forderungen möglichst einschränken mußte. +Bismarck wußte aber auch, daß dieser gewaltige Krieg mit seinen Siegen +und seiner Begeisterung nicht ohne Wirkung für die nationale Einigung +bleiben durfte: »Es war mir niemals zweifelhaft, daß der Herstellung +des Deutschen Reiches der Sieg über Frankreich vorhergehen mußte, und +wenn es uns nicht gelang, ihn diesmal zum vollen Abschluß zu bringen, +so waren weitere Kriege ohne vorherige Sicherstellung unserer völligen +Einigung in Sicht.« + +[Illustration: ~Bismarck als Kugelläufer~ + +»Deibel noch mal, ich weeß nich, was das bedeitet! Ich gloobe sogar, +ich habe die Palance verloren, mel eenes Been glitscht schon!« (Franz. +Flugblatt 1870) + +(Das französische Flugblatt läßt Bismarck sächsisch sprechen, wohl in +der Vorstellung, daß er als Niedersachse den Dresdener Dialekt redet. +Dies wiederholt sich oft.)] + + +Eine Stunde der Bitterkeit + + In den Tagen, da Bismarck und Roon vergebens um das Bombardement + von Paris rangen, schrieb Bismarck einmal mit tiefer Bitterkeit an + die Gattin: »Der gute Roon ist vor Ärger über unsere Passivität + und seine vergeblichen Versuche, uns zum Angriff zu bringen, recht + krank gewesen, jetzt besser, resigniert, nur darf man nicht von + der Sache reden; er wird gleich unwohl vor Bitterkeit. Er bleibt + eigentlich nur mir zu Gefallen hier, weil ich sonst politisch und + gemütlich ganz vereinsame. Ich meine nicht, daß ich Widerstand + aller auf ~politischem~ Gebiete zu bekämpfen hätte, im Gegenteil, + aber ich habe keine menschliche Seele hier zum Reden über + Vergangenheit oder Zukunft. Wenn man zu lange Minister ist, und + dabei nach Gottes Fügung Erfolge hat, so fühlt man deutlich, wie + der kalte Sumpf von Mißgunst und Haß einem allmählich höher und + höher bis ans Herz steigt. Man gewinnt keine neuen Freunde, die + alten sterben oder treten in verstimmter Bescheidenheit zurück, + und die Kälte von oben wächst, wie das die Naturgeschichte der + Fürsten, auch der besten, so mit sich bringt; alle Zuneigungen aber + bedürfen der Gegenseitigkeit, wenn sie dauern sollen. Kurz, mich + friert, geistig, und ich sehne mich, bei Dir zu sein und mit Dir + in Einsamkeit auf dem Lande. Dieses Leben erträgt kein gesundes + Herz auf die Dauer. Gesund an Körper aber bin ich, mehr als seit + Jahr und Tag, und grüße Dich und die Kinder in herzlicher Liebe mit + etwas Heimweh.« + +[Illustration: Bismarck als Jesuit, der immer doppelzüngig ist, aber +von den Franzosen wünscht er nur Gutes: Elsaß, Lothringen und fünf +Milliarden. (»Actualités«, 1871)] + + +Achill + + Von ähnlicher Stimmung berichtet Busch: Eines Abends klagte der + Fürst, daß er von seiner politischen Tätigkeit wenig Freude und + Befriedigung gehabt. Er habe damit niemand glücklich gemacht, + sich selbst nicht, seine Familie nicht, auch andere nicht, wohl + aber viele unglücklich. »Ohne mich hätte es drei große Kriege + nicht gegeben, wären achtzigtausend Menschen nicht umgekommen, und + Eltern, Brüder, Schwestern, Witwen trauerten nicht. Das habe ich + indes mit Gott abgemacht. Aber Freude habe ich wenig oder gar keine + gehabt von allem, was ich getan habe, dagegen viel Verdruß, Sorge + und Mühe.« — Man konnte an Achill denken, wenn er im Zelte des + Lagers vor Ilion zu König Priamus sagt: + + »Wir schaffen ja nichts mit unserer starrenden Schwermut; + Also bestimmten der Sterblichen Los, der armen, die Götter, + Trübe in Gram zu leben, allein sie selber sind sorglos.« + +Aber trotz aller Bitternis trieb gerade in jenen Zeiten der Humor +Bismarcks die köstlichsten Blüten. In den Tischgesprächen, deren wir +dem fleißigen Moritz Busch eine Fülle verdanken, offenbarte er zuweilen +sogar eine übermütige Stimmung, stets aber erscheinen vor unseren +Augen wie in einem Panorama, oft nur in kurzen Strichen gezeichnet, +lebensvolle Gestalten, packende Bilder, Episoden von Reiz und Stimmung. +Die Vergangenheit steigt wieder empor, helle Lichter fallen auf die +Gegenwart, und mit prophetischem Geiste wird die Zukunft erfaßt. Am +tiefsten aber scheint ein Wort, das er einmal ganz flüchtig prägte, als +er über seine Schlaflosigkeit klagte: + + +Es denkt, es spekuliert in mir + + »Schon als Kind,« so erzählte er da, »und seitdem immer bin ich + spät zu Bett gegangen, niemals vor Mitternacht. Ich schlafe dann + gewöhnlich schnell ein, wache aber bald wieder auf und finde, + daß es höchstens um eins oder halb zwei ist, und dann fällt mir + allerhand ein, besonders wo mir unrecht geschehen ist, was dann + überlegt werden muß. Darauf schreibe ich Briefe, auch Depeschen, + natürlich ohne aufzustehen, bloß im Kopfe. Früher, als ich noch + nicht lange Minister war, stand ich auf und schrieb es wirklich + nieder. Wenn ich’s aber am Morgen überlas, war es nichts wert, + lauter Platitüden, konfuses, triviales Zeug, wie es etwa in der + ›Vossischen‹ gestanden haben könnte.« — — »Ich will nicht, ich + möchte lieber schlafen. Aber es denkt, ~es spekuliert in mir~. + Kommt dann der erste Morgenschimmer auf meine Bettdecke, so + schlummere ich wieder ein, und dann wird bis zehn Uhr oder noch + länger fortgeschlafen.« + +»Es spekuliert in mir« — es ist das Daimonion, das Dämonische in ihm, +das hier seine eigene Sprache führt, das über ihn kommt und ihn zwingt, +das ihn heraushebt über die Enge des Menschentums und seinen Blick +hinüberlenkt in die unendlichen Weiten, die nur des Künstlers Seele +ergreift. + +Aus der überaus reichen Fülle von Anekdoten, von Erlebtem und +Erzähltem, die jene Tage von Versailles umfassen, mögen hier in bunter +Wahl einige Proben ihren Platz finden. + + +Wilhelm Tell + + Bei Tisch kam man einmal auf Wilhelm Tell zu sprechen, und der + Minister bekannte, daß er den schon als Knabe nicht habe leiden + können, und zwar erstens, weil er auf seinen Sohn geschossen, dann + weil er Geßler auf meuchlerische Weise getötet habe. »Natürlicher + und nobler wäre es nach meinen Begriffen gewesen,« setzte er hinzu, + »wenn er, statt auf den Jungen abzudrücken — den doch der beste + Schütze statt des Apfels treffen konnte —, wenn er da lieber gleich + den Landvogt erschossen hätte. Das wäre gerechter Zorn über eine + grausame Zumutung gewesen. Das Verstecken und Auflauern gefällt + mir nicht, das paßt sich nicht für Helden — nicht einmal für + Franktireure.« + +[Illustration: Bismarcks geschwollene Backe. Ein Vexierbild, dessen +Sinn beim Umdrehen deutlich wird. (Franz. Flugblatt 1870)] + + +Wie er Burgunder bezog + + Es erwähnte jemand bei Tisch den guten Weinkeller Bismarcks in + Berlin. »Ein ausgezeichneter Keller« — sagte er darauf —, »denn ich + habe einen außerordentlichen Lieferanten, den Marquis de T....., + welchen Sie in Paris kennen gelernt haben müssen. Das ist ein + Diplomat, welcher Talleyrand einmal in seinem Leben ausgestochen + hat, indem er den Minister der Auswärtigen Angelegenheiten des + Kaisers zwang, ihn zum Marquis zu machen, ohne dies zu wissen. Er + ist der Sohn eines reichen Landwirts und hieß einfach Lemarquis. + Nachdem er erreicht hatte, daß er als Attaché der französischen + Gesandtschaft nach Frankfurt geschickt worden war, fügte er seinem + Namen den Namen eines seinem Vater gehörenden Landgutes hinzu, das + machte Lemarquis de T.....; dann gewöhnte er sich allmählich daran, + daß man seinen Namen in zwei Worten schrieb; endlich schrieb er ihn + selbst so. Er kam nach Berlin; ich kannte die Geschichte; als ich + das Vergnügen bemerkte, mit welchem er sich Marquis anreden ließ, + schmeichelte ich dieser Manier und ließ bei einem diplomatischen + Diner unter sein Gedeck eine Speisekarte legen, auf welcher sein + Titel auf die aristokratischste Weise schön rund geschrieben stand. + Er war hierüber gerührt und schickte mir am nächsten Tage einen + Korb ausgezeichneter Burgunderweine, welche er von seinen Gütern in + Frankreich bezog. Seitdem ist er mein Lieferant geblieben, und ich + befinde mich wohl dabei.« + + +Elefantenbraten + + Bei Tisch war Lauer Gast des Chefs. Es wurde davon gesprochen, daß + man in Paris bereits alle eßbaren Tiere des =Jardin des Plantes= + verspeist haben soll, und Hatzfeld erzählte, daß man die Kamele + für viertausend Franken verkauft habe, und daß der Rüssel des + Elefanten von einer Gesellschaft von Feinschmeckern gegessen + worden sei; derselbe soll ein vortreffliches Gericht abgeben. + »Ach,« versetzte Lauer, »das ist wohl möglich. Es ist eine Masse + von zusammengefilzten Muskeln, woher die Gewandtheit und Kraft + kommt, mit der er ihn gebraucht. Etwas wie die Zunge; er muß wie + Zunge schmecken.« — Jemand bemerkte, auch die Kamele sollten + nicht übel sein, und namentlich behaupte man, daß die Höcker eine + große Delikatesse wären. Der Chef hörte dem eine Weile zu, dann + sagte er wie nachdenklich, erst etwas vorgebeugt, dann aufatmend + und sich aufrichtend, wie das bei Scherzen seine Gewohnheit: + »Hm, die buckligen Menschen — man sollte denken, die Buckel!« + — laute allgemeine Heiterkeit unterbrach ihn. Lauer bemerkte + trocken und wissenschaftlich, die Buckel wären eine Verbildung der + Rippen oder Knochen oder auch eine Verkrümmung des Rückgrates, + und so würden sie sich nicht zum Essen eignen, wohingegen die + Kamelhöcker bewegliche Knorpelansätze wären, die möglicherweise + nicht schlecht schmeckten. Dieser Faden spann sich dann weiter, es + war die Rede von Bärenfleisch, dann von Bärentatzen, zuletzt von + den Feinschmeckern unter den Kannibalen, wobei der Minister eine + anmutige Geschichte zu erzählen wußte. Er begann: »Ein Kind, ein + junges frisches Mädchen, nun ja, aber so ein alter, ausgewachsner + harter Kerl — der muß doch nicht zu essen sein.« Dann fuhr er fort: + »Ich erinnere mich, eine alte Kaffern- oder Hottentottenfrau, die + lange schon Christin geworden war, als der Missionar sie auf den + Tod vorbereitete und sie ganz für die Seligkeit bereit fand, — da + fragte er sie, ob sie wohl noch einen Wunsch hätte. Nein, sagte + sie, es wäre alles ganz gut, aber wenn sie noch einmal ein paar + Hände von einem kleinen Kinde zu essen bekäme, das wäre doch was + sehr Delikates.« + + +Von Erschaffung der Welt an + + Bei den Verhandlungen über die Kriegsentschädigung zwischen Jules + Favre und Bismarck war auch der Bankier Gerson von Bleichröder als + Sachverständiger zugegen. Favre war außer sich über die Forderung + von fünf Milliarden und meinte, um seinem Gegner das Übertriebene + derselben einleuchtend zu machen, selbst wenn man von Christi + Zeiten bis auf diese Stunde zählen wollte, so würde man mit einer + solch ungeheuren Summe nicht zustande kommen. »O,« erwiderte Graf + Bismarck, »seien Sie außer Sorgen. Dafür habe ich diesen Herrn + mitgebracht« — er deutete dabei auf Bleichröder — »der zählt von + Erschaffung der Welt an.« + + +Der Jude mit den zerrissenen Stiefeln + + »In Petersburg«, so erzählte Bismarck einmal bei Tisch, »kam in + unsere Kanzlei ein Jude, der nach Preußen zurückbefördert sein + wollte. Er war aber sehr abgerissen und hatte besonders schlechte + Stiefel an. Man sagte ihm, ja, er sollte befördert werden; aber + er wollte vorher andere Stiefel haben, und beanspruchte das als + ein Recht und trat so dreist und unverschämt auf, schrie und + schimpfte, daß die Herren sich vor ihm nicht zu helfen wußten. + Auch die Diener getrauten sich nicht an den wütenden Menschen. + Da wurde endlich, als der Spektakel zu arg geworden war, ich zu + körperlicher Hilfe herbeigerufen. Ich sagte ihm, er sollte ruhig + sein, sonst würde ich ihn einsperren lassen. Er erwiderte trotzig: + ›Das können Sie nicht, dazu haben Sie in Rußland gar kein Recht!‹ + — ›Das wollen wir sehen‹, sagte ich. ›Ich muß Sie allerdings nach + Hause schaffen, aber Stiefel brauche ich Ihnen nicht zu geben, + wenn ich’s auch vielleicht getan hätte, wenn Sie sich nicht so + ungebührlich aufgeführt hätten.‹ Darauf machte ich das Fenster auf + und winkte einem Gorodowoy, einem russischen Polizeimanne, der ein + Stück davon seine Station hatte. Mein Jude fuhr fort, zu schreien + und zu schelten, bis der Polizeimann, ein großer starker Mensch, + hereinkam. Zu dem sagte ich: [russische Worte, die unübersetzt + bleiben]. Und der große Schutzmann nahm den kleinen Juden mit und + steckte ihn ein. Den anderen Vormittag aber kam der wieder an, + ganz umgewandelt, und erklärte sich zur Abreise ohne neue Stiefel + bereit. Ich fragte, wie es ihm ergangen wäre inzwischen. — Schlecht + wäre es ihm gegangen, sehr schlecht. — Nun, was sie ihm denn getan + hätten? — Ja, sie hätten ihn — nun, sie hätten ihn — körperlich + mißhandelt. Ich sprach ihm mein Bedauern aus und fragte, ob er sich + beschweren wolle. Er zog vor, schnell abzureisen, und ich habe + nichts wieder von ihm gehört.« + +[Illustration: ~Der beschränkte Untertanenverstand~ + +Bismarck: »Undankbares Volk! Beschränkter Untertanenverstand! Für +jede Steuer und jedes Monopol, das sie mir bewilligen, und für jeden +Belagerungszustand, den sie mir verlängern, gebe ich ihnen einen +Bischof, und noch sind die Leute nicht zufrieden.« (»Figaro«, Oktober +1881)] + + +Er redet deutsch + + Von seiner zweiten Zusammenkunft mit Thiers erzählte der Kanzler: + »Als ich eine vielleicht ihm hart erscheinende Forderung an ihn + stellte, fuhr er, der sich sonst sehr wohl zu beherrschen weiß, + in die Höhe und sagte: ›=Mais, c’est une indignité!=‹ Ich ließ + mich dadurch nicht irremachen, sprach aber von jetzt an deutsch + zu ihm. Er hörte eine Weile zu und wußte augenscheinlich nicht, + was er davon halten sollte. Dann fing er an in kläglichem Tone: + ›=Mais, Monsieur le comte, vous savez bien, que je ne sais point + l’allemand.=‹ Ich erwiderte ihm — jetzt wieder französisch: ›Als + Sie vorhin von =indignité= redeten, fand ich, daß ich nicht genug + Französisch verstehe, und so zog ich vor, deutsch zu sprechen, wo + ich weiß, was ich sage und höre.‹ Sogleich begriff er, was ich + wollte, und schrieb als Zugeständnis hin, was ich gefordert hatte, + und was er vorher als eine Unwürdigkeit hingestellt hatte.« + + +Obendrein Propfengeld + + In Ferrières war Bismarck in dem Schlosse des Herrn von Rothschild + einquartiert. Sehr gastlich wurde er hier nicht aufgenommen, + wenigstens erzählt Moritz Busch: »Während des Essens hatten wir + auch eine Probe von der Gastlichkeit und dem Anstandsgefühl + des Herrn Baron zu bewundern, dessen Haus der König mit seiner + Gegenwart beehrte, und dessen Besitz infolgedessen in jeder Weise + geschont wurde. Herr von Rothschild, der hundertfache Millionär und + überdies bis vor kurzem Generalkonsul Preußens in Paris gewesen, + ließ uns durch seinen ›Regisseur‹ oder Haushofmeister patzig den + Wein verweigern, dessen wir bedurften, wozu ich bemerkte, daß + derselbe wie jede andere Lieferung bezahlt werden sollte. Vor + den Chef zitiert, setzte der dreiste Mensch seine Renitenz fort, + leugnete erst ganz und gar, überhaupt Wein im Hause zu haben, und + gab dann zwar zu, daß er ›ein paar hundert Flaschen Petit Bordeaux + im Keller habe‹ — in Wahrheit lagen 17000 darin —, erklärte aber, + uns davon nichts abtreten zu wollen. Der Minister machte ihm + jedoch den Standpunkt in sehr kräftiger Rede klar, hob hervor, was + das für eine unartige und filzige Art sei, mit der sein Herr die + Ehre erwidere, die ihm der König dadurch erwiesen, daß er bei ihm + abgestiegen sei, und fragte, als der vierschrötige Patron Miene + machte, sich wieder aufzubäumen, kurz und bündig, ob er wisse, was + ein Strohbund sei. Jener schien das zu ahnen; denn er wurde blaß, + sagte aber nichts. Es wurde ihm dann bemerkt, daß ein Strohbund ein + Ding sei, auf welches halsstarrige und freche Regisseure so gelegt + würden, daß ihre Rückseite oben sei, und das weitere könne er sich + vielleicht vorstellen. — Andern Tags hatten wir, was wir verlangt, + und auch später kam meines Wissens keine Klage vor. Der Herr Baron + aber erhielt für seinen Wein nicht nur den geforderten Preis, + sondern, wie man hörte, obendrein Propfengeld, so daß er an uns + noch etwas Anständiges verdiente. — Herr von Rothschild hat später + behauptet, sein Koch sei von Preußen geprügelt worden, weil die + Fasanen, die er ihnen vorsetzte, nicht getrüffelt gewesen seien.« + + +Garibaldi + + Als Garibaldi geschlagen war und zahlreiche Italiener in deutsche + Gefangenschaft geraten waren, sagte Bismarcks Vetter Bohlen: + man solle sie in Käfige setzen und öffentlich zeigen. »Nein,« + erwiderte der Kanzler, »ich hätte einen anderen Plan. Man sollte + die Gefangenen nach Berlin bringen, dort müßte ihnen ein Plakat + von Pappe angehängt werden, auf dem stünde: ›Dankbarkeit‹ — oder: + ›Venedig — Spandau‹ — und so würden sie durch die Stadt geführt und + dann nach Spandau geschafft.« + + +Alexander von Humboldt + + »Bei unserem hochseligen Herrn«, so erzählte Bismarck, »war ich das + einzige Schlachtopfer, wenn Humboldt des Abends die Gesellschaft + in seiner Weise unterhielt. Er las dann gewöhnlich vor, oft + stundenlang, eine Lebensbeschreibung von einem französischen + Gelehrten oder einem Baumeister, die keinen Menschen interessierte. + Dabei stand er und hielt das Blatt dicht vor die Lampe. Mitunter + ließ er es fallen, um sich mit einer gelehrten Bemerkung darüber + zu verbreiten. Niemand hörte ihm zu, aber er hatte doch das Wort. + Die Königin nähte in einem fort an einer Tapisserie und hörte + gewiß nichts von seinem Vortrag. Der König besah sich Bilder + — Kupferstiche und Holzschnitte — und blätterte geräuschvoll + darin, in der schönen Absicht, nichts davon hören zu wollen. Die + jungen Leute seitwärts und im Hintergrunde unterhielten sich + ganz ungeniert, kicherten und übertäubten damit förmlich seine + Vorlesung. Der aber murmelte, ohne abzureißen, fort wie ein Bach. + Gerlach, der gewöhnlich auch dabei war, saß auf einem kleinen + runden Stuhle, über dessen Rand sein fetter Hinterer auf allen + Seiten herabhing, und schlief, daß er schnarchte, so daß ihn der + König einmal weckte und zu ihm sagte: ›Gerlach, so schnarchen + Sie doch nicht.‹ — Ich war sein einziger geduldiger Zuhörer, das + heißt, ich schwieg, tat, als ob ich seinem Vortrage lauschte, und + hatte dabei meine eigenen Gedanken, bis es endlich kalte Küche und + weißen Wein gab. — Es war dem alten Herrn sehr verdrießlich, wenn + er nicht das Wort führen durfte. Ich erinnere mich, einmal war + einer da, der die Rede an sich riß, und zwar auf ganz natürliche + Weise, indem er Dinge, die alle interessierten, hübsch zu erzählen + wußte. Humboldt war außer sich. Mürrisch füllte er sich den Teller + mit einem Haufen — so hoch — (der Kanzler zeigt es mit der Hand) + von Gänseleberpastete, fettem Aal, Hummerschwanz oder anderen + Unverdaulichkeiten — ein wahrer Berg! — es war erstaunlich, was + der alte Mann essen konnte. — Als er nicht mehr konnte, ließ es + ihm keine Ruhe mehr, und er machte einen Versuch, sich das Wort + zu erobern. ›Auf dem Gipfel des Popokatepetl‹, fing er an. Aber + es war nichts, der Erzähler ließ sich seinem Thema nicht abwendig + machen und fuhr gelassen mit dem zweiten Kapitel der Geschichte, + die er zum besten gab, fort. Humboldt sah sich mißmutig nach ihm + um, hustete kurz und trocken und setzte noch einmal an. ›Auf dem + Gipfel des Popokatepetl, siebentausend Toisen über‹ — wieder drang + er nicht durch, der Erzähler sprach ruhig weiter. ›Auf dem Gipfel + des Popokatepetl, siebentausend Toisen über dem Niveau des Stillen + Meeres‹ — er stieß es mit lauter, erregter Stimme hervor, halb + wehmütig, halb zornig, die ersten Worte feierlich, die letzten + hastig; jedoch gelang es ihm auch damit nicht; der Erzähler redete + fort, wie vorher, und die Gesellschaft hörte nur auf ihn. — Das + war unerhört — Frevel! Wütend setzte Humboldt sich nieder und + versank in Betrachtungen über die Undankbarkeit der Menschheit, + auch am Hofe. — Die Liberalen haben viel aus ihm gemacht, ihn zu + ihren Leuten gezählt. Aber er war ein Mensch, dem Fürstengunst + unentbehrlich war, und der sich nur wohl fühlte, wenn ihn die Sonne + des Hofes beschien.« + + +Cerf + + Einmal erzählte der Fürst auch von einer früher in Berlin sehr + bekannten Persönlichkeit, dem alten Theaterdirektor Cerf; derselbe + sei ein höchst merkwürdiger Herr gewesen, Geschriebenes habe + er überhaupt nicht lesen können. Einmal sei ihm bei Tisch ein + eiliger Brief übergeben worden, der sofort Antwort erheischt + habe. Cerf habe sich die Aufschrift eine Weile besehen, daran + wohl den Absender erkannt und dann den Brief seinem Nachbar mit + der Bemerkung übergeben: »Aha, der ist ja von dem komischen Kerl, + dem X.; ich kann seine Handschrift nicht lesen, sehen Sie doch + mal nach, was er eigentlich von mir will.« Im Anschlusse hieran + erzählte der Fürst folgende Anekdote von Cerf: Ein Tischgast habe + im Hause von Cerf folgendes Rätsel aufgegeben: »Das erste ist unser + Wirt, das zweite ist der Name unserer Wirtin und das Ganze steht + auf dem Tisch.« Da sei Cerf doch indigniert gewesen, daß man an + seiner eigenen Tafel derartige Rätsel aufgebe. Die Lösung sei ja + ganz klar: »Assiette«. Seine Frau hieß nämlich Jette, und was da + für ihn übrig bleibe (Aas), dafür müsse er sich doch bedanken. + Infolge seiner mangelhaften orthographischen Kenntnisse war ihm + das Fehlen des einen A ganz entgangen, worauf der Rätselaufgeber, + der ungefähr ebenso stark in der Orthographie war, ganz entrüstet + erklärte, er habe nicht Assiette, sondern ~Cerfiette~ (Serviette) + gemeint. + + +Der dicke Daumer + + Das war ein biederer Nassauer, der wegen seiner lächerlichen + Todesfurcht bekannt war und von dem Bismarck ein niedliches + Abenteuer aus der Frankfurter Zeit erzählte: »Mit diesem ›dicken + Daumer‹ war ich eines schönen Herbstmorgens in der Nähe von + Frankfurt auf der Jagd gewesen. Als wir uns am Rande des Waldes + hoch im Gebirge zur Rast niedersetzten, entdeckte ich zu meinem + Schrecken, daß ich kein Frühstück mit hatte. Der ›dicke Daumer‹ + dagegen zog eine mächtige ›Wurscht‹ hervor, die für mich allein + gerade ausgereicht hätte, und von der er mir edelmütig die Hälfte + offerierte. Das Mahl begann; ich sah das Ende meines Wurstteils + herannahen. Ich hätte vor Wehmut frankfurterisch reden mögen. Da + frage ich den ›dicken Daumer‹ von ungefähr: ›Ach, sage Sie mir, + Herr Daumer, was is doch das Weiße da unne, was aus de Zwetschebaum + herausschaut?‹ — ›Gott, Exzellenz, da möchte eim ja der Appetit + vergehe — das is der Kirchhof.‹ — ›Aber, lieber Herr Daumer, da + wollen wir uns doch beizeiten ein Plätzchen suchen, da muß sich’s + wunderbar friedlich ruhen.‹ — ›Nu, Exzellenz, nu leg i awer die + Wurscht weg!‹ Der ›dicke Daumer‹ blieb bei diesem Entschlusse, und + ich hatte mein ordentliches Frühstück.« + + +Marsyas + + Er habe, so äußerte Bismarck, niemals Apollo leiden können. Der + hätte einen aus Einbildung und Neid geschunden, den Marsyas, und + aus ähnlichen Gründen die Kinder der Niobe totgeschossen. »Er + ist der echte Typus eines Franzosen; ’s ist einer, der es nicht + ertragen kann, daß jemand besser oder ebenso gut die Flöte spielt + wie er.« Auch daß er es mit den Trojanern gehalten habe, hätte ihm + nie zugesagt. Sein Mann wäre der ehrliche Vulkan gewesen, und noch + besser hätte ihm wegen des =Quos ego= Neptun gefallen. + +[Illustration: Der eiserne Junggesell, als Seitenstück zur berühmten +»eisernen Jungfrau«. (»Kikeriki«, November 1870)] + + +Die Geschichte vom Schieferdecker + + Bismarck war beim König zu Gaste. Graf Beust, der Adjutant des + Großherzogs von Weimar, gratulierte Bismarck zu seinem guten + Verhältnis zu seinem Namensvetter, dem österreichischen Minister + Grafen Beust. »Ja,« sagte Bismarck, »das ist ganz gut, aber mir + fällt dabei immer die Geschichte vom Schieferdecker, der vom Turm + fällt, ein. An jedem Stockwerk, an dem er vorüberfällt, sagt er: + ›Na, bis daher ist es gut gegangen!‹« + + +Die Türklinke + + Im Anschluß an die kleine Anekdote von Beust sei hier an Äußerungen + erinnert, die dieser Staatsmann nach einem längeren Beisammensein + mit Bismarck im Hotel Straubinger zu München erzählt und auf + die auch Bismarck in Versailles wiederholt zurückkam: »Wenn + man«, so erzählte Graf Beust, »mit Bismarck in guten Beziehungen + steht, gibt es auf der Welt keinen besseren Gesellschafter. Die + Originalität der Gedanken wird nur von der Originalität des + Ausdrucks übertroffen. Dabei eine ungesuchte, daher ansprechende + Bonhomie, welche das oft scharfe Urteil über andere mildert. + Ein Lieblingswort war: ›Der ist ein ganz dummer Kerl‹, ohne ihn + damit kränken zu wollen. Verschiedene seiner Äußerungen waren zu + charakteristisch und teilweise zu interessant, um sie hier nicht + zu erwähnen. ›Was tun Sie,‹ fragte er einmal, ›wenn Sie sich + ärgern? Ich glaube, Sie ärgern sich nicht soviel wie ich.‹ — ›Nun,‹ + erwiderte ich, ›bloß über die Dummheit der Menschen, über deren + Bosheit nie.‹ — ›Nein,‹ fuhr er fort, ›finden Sie nicht, daß es + dann eine große Erleichterung ist, einen Gegenstand zu zerstören?‹ + — ›Wie gut,‹ entgegnete ich, ›daß Sie nicht an meinem Platz sind; + dann bliebe im Hause kein Möbel ganz!‹ — ›Sehen Sie,‹ dies war + der Schluß, ›ich war einmal drüben‹ — dabei wies er auf die mir + gegenüber im Badschloß befindlichen Zimmer des Kaisers Wilhelm — + ›und habe mich schwarz geärgert; ich schließe die Türe heftig, der + Schlüssel bleibt mir in der Hand, ich trete bei Lehndorff ein und + werfe ihn in das Waschbecken, das in tausend Stücke geht.‹ ›Mein + Gott,‹ sagt dieser, ›sind Sie krank?‹ — ›Gewesen, jetzt bin ich + wieder ganz wohl.‹« + + +Pferdefleisch + + Als Paris umschlossen war und von dort die Nachrichten kamen, daß + man dort bereits zum Pferde- und anderem Fleisch greifen müsse, + fragte Bismarck bei Tisch, als der Braten kam: »Ist das =du + cheval=?« Einer der Anwesenden antwortete, nein, es wäre Rind. + Er sagte: »Es ist doch eigen, daß man kein Pferdefleisch ißt, + wenn man nicht muß, wie die in Paris drinnen, die nun bald nichts + anderes mehr haben werden. Es kommt wohl davon, daß uns das Pferd + nähersteht als andere Tiere. Man ist als Reiter gleichsam eins + mit ihm. Es ist uns auch an Verstand am nächsten. Mit dem Hunde + ist’s ebenso. =Du chien= soll ganz gut schmecken, und doch essen + wir es nicht. Je ähnlicher uns etwas ist, desto weniger mögen + wir es. Es muß sehr ekelhaft sein, Affen zu essen, wo die Hände + wie menschliche aussehen. Sonst ißt man von Tieren nicht gern + Fleischfresser — Raubzeug, Wölfe, Löwen — nun ja, Bären, aber die + leben doch weniger von Fleisch als von Pflanzen. Ich mag nicht + einmal von einem Huhn essen, das mit Fleisch gefüttert ist — nicht + einmal die Eier.« + +[Illustration: »Möge euer unreines Blut unsere Fluren tränken.« (Franz. +Spottblatt aus dem Jahre 1870)] + +Es ist selbstverständlich, daß gerade in einer Zeit, in der +die französische Volksseele nicht nur durch die endlose Kette +von Niederlagen ins Kochen geraten war, sondern auch im jungen +republikanischen Selbstbewußtsein wild emporflammte, gegen ihn eine +Fülle von Drohungen ausgestoßen, ihm fast täglich ein naher gewaltsamer +Tod angekündigt wurde, daß andererseits sich der wild entflammte Haß +in den bösartigsten Karikaturen zu entladen suchte. Zahlreiche Blätter +sind längst vernichtet. Die französische Beschämung mochte selbst +keinen Wert darauf legen, der Nachwelt diese Zeugen eines kleinlichen +Fanatismus zu erhalten. Aber was wir aus diesen Bildern erkennen, das +zeugt doch noch genügend von der damals Frankreich beherrschenden +Stimmung, ob nun Bismarck als doppelzüngiger Jesuit dargestellt oder +auf der Guillotine geköpft oder ob sein blutiges Haupt in einen Sumpf +von Unrat gestoßen wird, ob man ihn kreuzigt oder an den Marterpfahl +bindet. Bismarck hatte dafür selbst nur ein Lächeln. So hat er einmal +sogar scherzend eines der Bilder nach Hause gesandt. Nachdem er von +einer Spickgans berichtet, die er seinem jüngeren, mit Appetit begabten +Sohne Bill mitgegeben, schreibt er der Gattin: »So sehe ich jetzt aus +wie Anlage.« Nachstehend (S. 149) das immerhin noch harmlose Konterfei, +das Frau Johanna wohl kaum zu sehr erschreckt haben dürfte. + +Aber wie die gehässige Karikatur, wie die Todesdrohung sich über +Bismarck ergoß, so suchte auch die Verleumdung an seiner Ehre zu +zehren. Für lange Zeit hatte Bismarck im Hause der wohlhabenden Witwe +Jessé Quartier genommen, die mit ihren Söhnen geflüchtet war und zum +Schutze ihres Eigentums nur das Gärtnerpaar zurückgelassen hatte. +Hier vollzog Bismarck die ungeheuere Arbeit, die sich für ihn aus den +Kämpfen um das Bombardement, aus den Verhandlungen mit den deutschen +Fürsten und Parlamenten über die Erhebung seines Königs zum Deutschen +Kaiser, aus der Gefahr einer Einmischung des Auslandes und den +Beratungen über den Frieden ergab. Bismarck hat das Eigentum der Madame +Jessé natürlich auf das peinlichste geschont. Trotzdem konnte man im +März 1871 in einem französischen Blatte folgende Niedertracht lesen: + +[Illustration] + + +Die Pendule der Madame Jessé + + Über die wahrhaft schändliche Räuberei der Preußen vom gemeinen + Soldaten an bis hinauf zum Kaiser-König, der aus seiner Wohnung in + Versailles die Leuchter mitnahm, kann man unzählige Geschichten + erzählen. Eine ziemlich merkwürdige, die wir aus glaubhafter Quelle + haben, teilen wir im nachstehenden mit: Herr von Bismarck bewohnte + in Versailles ein Haus in der Rue de Provence. Als der Kanzler + abreisen wollte, machte er der Frau J., der Eigentümerin seiner + Wohnung, einen Besuch und drückte ihr den lebhaften Wunsch aus, + die Pendeluhr, welche sein Arbeitszimmer schmückte, mitnehmen zu + dürfen. Frau J. schlägt es ihm rund ab, indem sie bemerkt, die Uhr + sei ihr sehr wert und teuer, sie habe sie schon seit langer Zeit + und wünsche sie ihren Kindern zu hinterlassen. Herr von Bismarck + aber besteht darauf. »Es würde mir sehr lieb sein,« sagt er, »wenn + ich diese Uhr mitnehmen könnte, welche die Stunde zeigte, in der + ich mit Herrn Thiers diesen für mein Land so ruhmreichen Frieden + verhandelte und unterzeichnete.« Frau J., die so in ihrem Besitztum + und zugleich in ihrer Vaterlandsliebe bedroht ist, erteilt von + neuem eine abschlägige Antwort. Herr von Bismarck zieht sich nach + wiederholtem vergeblichem Bitten zurück. Bald darauf kommen zwei + Beamte, die zu dem Gefolge des Kanzlers gehören, zu Frau J., machen + ihr Vorwürfe, daß sie auf die Bitten ihres Herrn und Meisters nicht + eingegangen sei, und erklären ihr, daß sie unrecht getan habe, ihn + so zu reizen. Die Hausbesitzerin läßt sich dadurch nicht beirren. + Nun denn, die Uhr hat sie behalten. Dagegen sind ihr alle ihre + Wäsche und ihr Silberzeug von den Beamten im Gefolge des Kanzlers + gestohlen worden. + +Busch stellt diese Schauergeschichte in folgender Weise richtig: + + Madame Jessé ließ sich erst in den letzten Tagen unserer + Wiederabreise sehen und machte, wie bemerkt, keinen vorteilhaften + Eindruck. Sie hat dann allerhand Räubergeschichten über uns + verbreitet, die von der französischen Presse, und zwar selbst von + solchen Blättern, die sonst Kritik üben und Gefühl für Anstand + besitzen, mit Wohlgefallen nacherzählt worden sind. Unter anderem + sollten wir ihr Silberzeug und ihre Tischwäsche eingepackt und + mitgenommen haben. Auch habe ihr Graf Bismarck eine wertvolle + Pendule abdrücken wollen. Die erste Behauptung war eine einfache + Abgeschmacktheit, da das Haus kein Silberzeug enthielt, es müßte + sich denn in einer vermauerten Ecke des Kellers befunden haben, + die auf ausdrücklichen Befehl des Chefs ungeöffnet blieb. Die + Geschichte von der Pendule aber verlief in ganz anderer Weise, als + Madame sie unter die Leute gebracht hat. Die Uhr war die mit dem + kleinen bronzenen Dämon im Salon. Die Jessé bot dieses an sich + ziemlich wertlose Möbel dem Kanzler in der Voraussetzung, es werde + ihm als Zeuge und Zeitmesser bei wichtigen Verhandlungen von Wert + sein, zu einem exorbitanten Preise an. Ich glaube, sie verlangte + fünftausend Franken dafür. Sie erreichte aber ihre Absicht, + damit ein gutes Geschäft zu machen, nicht, da das Anerbieten der + habgierigen und für die rücksichtsvolle Behandlung ihres Hauses + durchaus nicht dankbaren Frau abgelehnt wurde. »Ich erinnere mich,« + so erzählte der Minister später in Berlin, »daß ich dabei die + Bemerkung machte, das koboldartige Bildchen an der Uhr, welches + eine Grimasse schnitt, könnte ihr als Familienporträt ein liebes + Besitztum sein, und eines solchen wollte ich sie nicht berauben.« + +Die Schwierigkeiten, die dem Gedanken des Bombardements entgegentraten, +hat Bismarck ebenso wie Roon mit tiefem Groll hauptsächlich auf die +Haltung der Damen zurückgeführt. Nach seiner Überzeugung waren es +eben nicht rein militärische Gesichtspunkte, aus denen die Generale +außer Roon sich gegen das Bombardement erklärten. Denn die preußische +Stellung zwischen der in Paris eingeschlossenen Armee und den +französischen Streitkräften in der Provinz war stark bedroht, und das +Bedürfnis, der Lage ein Ende zu machen, mußte auch in den Kreisen der +Militärs vorhanden sein. Nach Bismarcks Meinung ist die Vorstellung, +daß Paris, obwohl es befestigt und das stärkste Bollwerk der Gegner +war, nicht wie jede andere Festung angegriffen werden dürfe, aus +England auf dem Umwege über Berlin, zugleich mit der Phrase von dem +»Mekka der Zivilisation« in das Lager gekommen. Der Königin Augusta, +der Kronprinzessin und ihrer Mutter schob Bismarck einen großen Teil +der Schuld zu, aber er wies auch darauf hin, daß die verstorbene Frau +Moltkes, die Frau des Generalstabschefs von Blumenthal und des nächst +ihm maßgebenden Generals von Gottberg sämtlich Engländerinnen waren. + + +Das Bombardement + + Schon gegen Ende November äußerte Bismarck: »Gebe man mir + den Oberbefehl auf vierundzwanzig Stunden, und ich nehme die + Verantwortung auf mich. Ich würde dann bloß einen einzigen Befehl + geben: Es wird gefeuert! Die Villa Coublay ist ein Ort, nicht weit + von hier, wo der herbeigeschaffte Belagerungspark noch immer steht, + statt in die Schanzen und Batterien gebracht zu sein. Auch habe + ich bereits in einer Immediatvorstellung um Beschleunigung des + Bombardements gebeten. ... Ich habe mit Artilleristen gesprochen, + die sagen, bei Straßburg hätten sie nicht die Hälfte gebraucht + von dem, was hier schon aufgehäuft ist, und Straßburg war gegen + Paris ein Gibraltar. ... Sie haben dreihundert Kanonen beisammen,« + so fuhr er fort, »und fünfzig oder sechzig Mörser und für jedes + Geschütz fünfhundert Schuß. Das ist gewiß genug. ... Eine Kaserne + auf dem Mont Valerien wäre vielleicht in Brand zu schießen, + und wenn man die Forts Issy und Banvres gehörig mit Granaten + überschüttete, daß sie herauslaufen müßten — die Enceinte ist von + geringer Stärke, ihr Graben war sonst nicht breiter als dieses + Zimmer lang ist —, ich bin überzeugt, wenn wir ihnen hier vier + oder fünf Tage lang Granaten hineinwerfen in die Stadt selber und + sie gewahr werden, daß wir weiter schießen als sie — neuntausend + Schritt nämlich —, so werden sie in Paris klein beigeben. Freilich + liegen auf dieser Seite die vornehmeren Quartiere, und da ist + es denen in Belleville ganz einerlei, ob die zusammengeschossen + werden, ja, sie freuen sich darüber, wenn wir die Häuser der + reichen Leute zerstören. ... Wir hätten überhaupt wohl Paris liegen + lassen und weitergehen können; nun wir’s aber einmal angefangen + haben, sollte auch Ernst gemacht werden. Mit dem Aushungern kann es + noch lange dauern, vielleicht bis zum Frühjahr, jedenfalls haben + sie Mehl bis zum Januar. ... Hätten wir vor vier Wochen angefangen + zu bombardieren, so wären wir jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach + in Paris, und das ist die Hauptsache. So aber bilden die Pariser + sich ein, es ist uns von London, Petersburg und Wien verboten zu + schießen, und die Neutralen wieder glauben, daß wir’s nicht können. + Die wahren Ursachen aber werden wohl einmal bekannt werden.« + +Ob nicht in jenen Tagen der Stoßseufzer, den er einst in Frankfurt +ausstieß, ihm oft über die Lippen kam: »Ja, wenn man so über das Ganze +disponieren könnte! Ja, wenn man selbst beschließen und befehlen +könnte!« Auch in Versailles klagte er wohl: »Ach, ich dachte eben +wieder einmal, was ich oft schon gedacht habe: wenn ich doch nur einmal +die Gewalt hätte, zu sagen: So wird es, und so wird es nicht! Daß man +nicht zu beweisen und zu betteln hätte bei den einfachsten Dingen! Das +ging doch viel rascher bei Leuten wie Friedrich dem Großen, die selber +Militärs waren und zugleich was vom Gange der Verwaltung verstanden und +ihre eigenen Minister waren. Auch mit Napoleon. Aber hier! Dieses ewige +Reden- und Bettelnmüssen. Ja, wenn man Landgraf wäre! Das Hartsein +traue ich mir zu. Aber Landgraf ist man nicht!« + +Hier ist in der Tat die Tragik eines Mannes gegeben, der zum Herrscher +berufen war und doch nicht Herrscher sein durfte, der abhängig blieb +vom Willen eines anderen und nie die Macht empfing, in letzter Instanz +zu entscheiden. Und diese Tragik stieg zur letzten und steilsten Höhe +am Tage der Entlassung empor. + +[Illustration: Merkwürdige Friedensflöte des Deutschen Kaisers. +(»Kikeriki«, November 1874)] + +Selbst dann, als Bismarck die Sehnsucht der Nation erfüllen wollte, +als er mit eisernem Hammer an das Tor des Kyffhäuser schlug, damit es +sich öffne und die alte Kaiserherrlichkeit wieder erstehe, hat er nicht +nur in mühsamen Verhandlungen mit den Fürsten der Macht des künftigen +Kaisers Ausdehnung und Grenze bestimmen müssen, sondern er hatte den +schwersten Kampf mit König Wilhelm selbst zu führen, der den Untergang +oder doch das Versinken Preußens von dem Erstehen des Reiches besorgte. + +Am schwersten von den deutschen Fürsten entschloß sich König Ludwig von +Bayern dazu, einem »gleichgestellten« Monarchen einen Teil der ererbten +Rechte preiszugeben. Als es hier dem Kanzler gelang, mit der Sendung +des Grafen Holnstein den Widerstand des Königs zu brechen, da wußte er, +daß die Form des künftigen Reiches wohl noch manche Gebrechen zeigen, +aber dennoch fest genug gefugt sein werde, um allen Stürmen zu trotzen. + +Aber fast härter noch war der Kampf, den der Staatsmann mit dem +Altpreußentum zu führen hatte, wie es auch in König Wilhelm verkörpert +war, im Gegensatz allerdings zum Kronprinzen Friedrich Wilhelm, der +weit über Bismarcks Wünsche hinausging und mit der Kaiserwürde zugleich +die höhere Gewalt gegenüber dem Fürsten ersehnte, wie sie einst von +den Unitariern der Paulskirche erträumt sein mochte. Bismarck sah +in der Annahme des Kaisertitels durch seinen König ein politisches +Bedürfnis, ein werbendes Element für die Zentralisation; er wußte aber +auch, daß ihr Träger das gefährliche Bestreben vermeiden mußte, den +anderen Dynastien die Überlegenheit der eigenen Dynastie unter die +Augen zu rücken. Von solcher Neigung war König Wilhelm nicht frei, +und sein Widerstreben gegen den Titel war nicht ohne Zusammenhang +mit dem Bedürfnis, gerade das angestammte Ansehen des preußischen +Königtums mehr als das des Kaisertitels zur Anerkennung zu bringen. Die +Kaiserkrone erschien ihm im Lichte eines übertragenen modernen Amtes, +dessen Autorität von Friedrich dem Großen bekämpft war und den Großen +Kurfürsten bedrückt hatte. Bei den ersten Erörterungen sagte er: »Was +soll mir der Charakter-Major?«, worauf der Kanzler erwiderte: »Euere +Majestät wollen doch nicht ewig ein Neutrum bleiben, das Präsidium? +In dem Ausdruck Präsidium liegt eine Abstraktion, in dem Worte Kaiser +eine große Schwungkraft.« Dem Könige schien es eben, als ob ein mit der +Führung eines Regimentes beauftragter Offizier definitiv zum Kommandeur +ernannt würde; für sein dynastisches Gefühl war es schmeichelhafter, +gerade als geborener König von Preußen und nicht als erwählter und +»durch ein Verfassungsgesetz hergestellter Kaiser« die betreffende +Macht auszuüben, analog wie ein prinzlicher Regimentskommandeur es +vorzieht, nicht Herr Oberst, sondern Königliche Hoheit genannt zu +werden, und der gräfliche Leutnant nicht Herr Leutnant, sondern Herr +Graf. + +Die letzte und größte Schwierigkeit in der Haltung des Königs Wilhelm +bot noch im letzten Moment die Formulierung des Titels. Denn König +Wilhelm wollte, wenn er schon Kaiser hieß, Kaiser von Deutschland +heißen. Noch in der Schlußberatung am 17. Januar 1871 lehnte er die +Bezeichnung Deutscher Kaiser ab und erklärte, er wolle Kaiser von +Deutschland oder gar nicht Kaiser sein. Die Erörterung der Titelfrage +kam zu keinem klaren Abschluß. Trotzdem hielt sich Bismarck doch für +berechtigt, die Zeremonie der Kaiserproklamation anzuberaumen, obwohl +der König befahl, daß nicht von dem Deutschen Kaiser, sondern von dem +Kaiser von Deutschland die Rede sei. Als der Großherzog von Baden +später im Krönungssaale das Wort ergriff, da wich er dadurch aus, daß +er ein Hoch weder auf den Deutschen Kaiser, noch auf den Kaiser von +Deutschland, sondern auf »Kaiser Wilhelm« ausbrachte. + + +In Ungnade + + Bismarck schließt die Darstellung seiner Kämpfe um die Krone mit + den Worten: »Seine Majestät hatte mir diesen Verlauf so übel + genommen, daß er beim Herabtreten von dem erhöhten Stande der + Fürsten mich, der ich allein auf dem freien Platze davor stand, + ignorierte, an mir vorüberging, um den hinter mir stehenden + Generalen die Hand zu bieten, und in dieser Haltung mehrere Tage + verharrte, bis allmählich die gegenseitigen Beziehungen wieder in + das alte Geleise kamen.« — Nüchtern und ruhig erzählt Busch am + Abend dieses glorreichen Tages: »Zwischen zwölf und halb zwei Uhr + im großen Saale des Schlosses Ordensfest und Proklamierung des + Deutschen Reichs und Kaisers unter militärischem Gepränge. Soll + ein sehr stattliches und feierliches Schauspiel gewesen sein. Bei + Tische fehlte der Chef, der beim Kaiser zum Diner war. Abends + wurde ich zweimal zu ihm gerufen, um Aufträge zu erhalten. Er + sprach dabei mit ungewöhnlich schwacher Stimme und sah ermüdet und + abgespannt aus.« + +Am Mittag desselben Tages war Otto von Bismarck zum Reichskanzler +ernannt worden. Der Kaiser hatte diese Ernennung in eigentümlicher +Weise vollzogen. Er pflegte nämlich die Briefumschläge, in denen die +Minister ihm dienstliche Mitteilungen sandten, in seiner sparsamen Art +zu benutzen, indem er die Aufschrift nur durch Umstellung der Worte +»an« und »von« änderte. Bismarck hatte ihm die auf die Ereignisse des +Tages bezüglichen Papiere in einem Umschlag gesandt, der die Aufschrift +trug: »An des Kaisers Majestät vom Bundeskanzler.« Der Kaiser sandte +sie ihm zurück, indem er die Aufschrift dahin abänderte: »Von des +Kaisers Majestät an den Reichskanzler.« Dieser Titel war Bismarck schon +tags zuvor in den Beratungen über die neuen Titulaturen zugeteilt +worden, und da hatte er mit seiner gewohnten Offenheit geäußert: +»Eine mit dem Grafen Beust gleichnamige Bezeichnung sei ihm höchst +widerwärtig; er käme dadurch in eine zu schlechte Gesellschaft.« + +Es liegt ein tragisches Moment in der Darstellung, die Bismarck gibt: +In dem Augenblick, da durch ihn das Ziel erreicht war, das von dem +deutschen Volke durch lange Jahrhunderte ersehnt und erträumt war, als +seine Kraft und Weisheit, als die Treue des Lehnsmannes dem Lehnsherrn +eine Krone zum Geschenk gab, als sein Herz von dem Frohgefühl eines +Mannes erfüllt war, der nach mühsamer Arbeit die Ernte heimbringt, +in diesem Augenblick, da alle froh waren und dennoch sein König ihn +»ignorierte«, fühlte er nur das, was seine Grabschrift sagt: Er blieb +ein treuer deutscher Diener seines alten Königs. + +Am 23. Januar erschien Jules Favre bei Bismarck, um mit ihm über die +Kapitulation von Paris und den Friedensschluß in Unterhandlung zu +treten. Bismarck war hierzu bereit. Noch um elf Uhr abends begab er +sich zum König, die nötigen Vollmachten zu erhalten. + +[Illustration: Am 25. Gründungstage des Reiches. (»Jugend«, 18. Januar +1896)] + + +Halali + + Als Bismarck vom König zurückkehrte, sah er ungemein vergnügt + aus, ließ sich eine Tasse Tee einschenken und aß ein paar Bissen + trockenes Brot dazu. Nach einer Weile fragte er seinen Vetter + Bismarck-Bohlen, der anwesend war, indem er eine kurze Melodie + pfiff: »Kennst du das?« Bohlen antwortete: »Ja, gute Jagd.« + Hierauf der Kanzler: »Nein, das geht so«, worauf er eine andere + Weise pfeift. »Es war das Halali«, sagte er dann. »Ich denke, + die Sache ist gemacht.« Bohlen meinte dann, Favre habe »recht + ruppig« ausgesehen. Der Kanzler erwiderte: »Ich finde, daß er viel + grauer geworden ist als in Ferrières — auch dicker, vermutlich + vom Pferdefleisch. Sonst aber sieht er aus wie einer, der in der + letzten Zeit viel Verdruß und Aufregung erlebt hat, und dem jetzt + alles wurscht ist. Übrigens war er sehr aufrichtig und gestand zu, + daß es schlecht gehe drinnen.« + +Am nächsten Tage wurden die Verhandlungen fortgesetzt. Hierbei +ereignete sich folgende Episode: + + +Und noch eine Zigarre + + Nach dem Mittagessen bot Bismarck auf einer Untertasse + Havannazigarren an. Favre erklärte, er rauche nie. Bismarck + entgegnete: »Sie haben unrecht. Die Zigarre ist eine Ablenkung; + der blaue Rauch, der in Ringeln aufsteigt, erfreut uns, stimmt + uns versöhnlicher, man ist glücklich, das Auge ist gefesselt, + die Hand ist beschäftigt, der Geruchssinn befriedigt. Man ist + geneigt, sich Zugeständnisse zu machen. Und unser, der Diplomaten, + ganzes Geschäft besteht ja darin, sich fortwährend gegenseitig + Zugeständnisse zu machen. Wenn Sie nicht rauchen, haben Sie + vor mir einen Vorteil: Sie sind geweckter; Sie haben aber auch + einen Nachteil vor mir: Sie sind geneigter aufzubrausen und + der ersten Bewegung nachzugeben.« Nach diesen Worten kam die + Rede auf Garibaldi und dessen bei Dijon stehende Armee. Mit + blitzenden, zornfunkelnden Augen verlangte Bismarck, ihm »den da + und seine Armee zu überlassen. Er ist keiner der Ihrigen. Möge + er sich gegen unsere Truppen allein herauswickeln.« Favre rief, + das sei unmöglich. Man habe Garibaldis freiwillig angebotene + Dienste anfangs abgelehnt, aber nachdem er nun einmal zum + französischen General ernannt und in die Falten der dreifarbigen + Fahne aufgenommen sei, könne man ihn nicht im Stiche lassen. + Bismarck wurde erregter. Er legte die Zigarre weg, schlug mit dem + Zeigefinger auf den Tisch und rief: »Und ich muß ihn doch haben, + denn ich will ihn in Berlin umherführen lassen mit der Inschrift + auf dem Rücken: Das ist die Dankbarkeit Italiens. Wie! Nach + allem, was wir für diese Leute getan haben. Es ist unanständig!« + Da reichte Graf d’Hérisson, Favres Begleiter, dem Zürnenden, mit + halb lächelndem, halb bittendem Ausdruck, die Untertasse mit + den zwei übrigen Zigarren hin. Einige Augenblicke sah Bismarck + erstaunt auf diese Bewegung. Dann verstand er, was der Graf + meinte. Die Zornesflamme erlosch in seinem Auge. »Sie haben recht, + Herr Hauptmann,« sagte er, »es ist überflüssig, sich zu ärgern. + Das führt zu nichts — im Gegenteil!« Bekanntlich wurde dann der + südöstliche Kriegsschauplatz, also die Armee Garibaldis und + Bourbakis, in der Tat vom Waffenstillstand ausgenommen, wenigstens + bis zum 1. Februar, wo sich ihr Schicksal bereits entschieden hatte. + +[Illustration: Jules Favre: »Da soll man Friedensverhandlungen pflegen! +Wo soll ich den Mann nur anfassen!« (»Figaro«, Sept. 1870)] + + +Wurscht + + In diesen Tagen kam die Unterhaltung einmal auf eine Erörterung + über die Titulaturen »Deutscher Kaiser« und »Kaiser von + Deutschland«, und auch die Möglichkeit eines »Kaisers der + Deutschen« wurde erwähnt. Als ein Weilchen darüber verhandelt + worden war, fragte der Minister, der bisher zu der Debatte + geschwiegen: »Weiß einer von den Herren, was auf Lateinisch Wurscht + heißt?« — »=Farcimentum=,« erwiderte Abeken. — »=Farcimen=,« sagte + ein Anwesender, worauf Bismarck lächelnd bemerkte: »=Farcimentum= + oder =farcimen=, einerlei. =Nescio quid mihi magis farcimentum + esset.=« + +Am 26. Januar gelangten die Verhandlungen zu dem vorläufigen Ergebnis, +daß die Beschießung von Paris auf sechs Stunden eingestellt wurde. Zwei +Tage darauf wurden die Bedingungen des Waffenstillstandes festgestellt +und unterschrieben. Die Proteste Gambettas blieben ohne Wirkung: +Thiers, der in sechsundzwanzig Departements gewählt worden war, +wurde zum Haupte der vollziehenden Gewalt der französischen Republik +ernannt. Am 21. Februar kam er nach Versailles, wo er als endgültige +Friedensbedingungen die Abtretung des Elsaß, der Stadt und Festung Metz +und eines beträchtlichen Teils von Lothringen und die Bezahlung von +fünf Milliarden erfuhr. Einer der Teilnehmer an diesen Verhandlungen, +der badische Staatsminister Jolly, hat darüber berichtet. Kürzer aber +und doch mit packenden Farben schildert der Kanzler selbst das große +Ereignis in einigen nach Hause gerichteten Zeilen: + +[Illustration: ~Selbsterhaltung~ + +»Man muß der Bestie die Krallen abschneiden, damit man künftig Ruhe vor +ihr hat.« (»Kladderadatsch«, September 1870)] + + +Thiers + + »Mein kleiner Freund Thiers ist sehr geistreich und liebenswürdig, + aber kein Geschäftsmann für mündliche Unterhandlungen. Der + Gedankenschaum quillt aus ihm unaufhaltsam wie aus einer geöffneten + Flasche und ermüdet die Geduld, weil er hindert, zu dem trinkbaren + Stoffe zu gelangen, auf den es ankommt. Dabei ist er ein braver + kleiner Kerl, weißhaarig, achtbar und liebenswürdig, gute + altfranzösische Formen, und es wurde mir sehr schwer, so hart + gegen ihn zu sein, wie ich mußte. Das wußten die Bösewichter, und + deshalb hatten sie ihn vorgeschoben. Gestern haben wir endlich + unterzeichnet, mehr erreicht, als ich für meine persönliche + politische Berechnung nützlich halte. Aber ich muß nach oben und + nach unten Stimmungen berücksichtigen, die eben nicht rechnen. + Wir nehmen Elsaß und Deutsch-Lothringen, dazu auch Metz mit sehr + unverdaulichen Elementen, und über 1300 Millionen Taler. Die letzte + Schwierigkeit wird nun sein, diese Bedingungen in Bordeaux durch + die 700 Köpfe starke Versammlung zu bringen. Aber Gott hat uns + mit seiner starken Hand soweit geführt; er wird uns ja auch den + Frieden fest machen, für den neben vielem Gesindel in Frankreich + so viele ehrliche Leute bei uns und auch bei den Gegnern gefallen, + verkrüppelt und in Trauer sind. Mein Herz ist voll demütigen + Dankes, und ich hoffe, mit Deinen beiden blauen Jungen bald bei + Dir zu sein, in etwa vierzehn Tagen. Gott behüte Dich und gebe uns + schnelles Wiedersehen. Wegen Einzug nicht mehr Gefahr als überall + im Leben unter Gottes Obhut. Herzliche Grüße vor allem an Marie und + an Deine treue Trösterin Frau von Eisendecher. Dein v. B.« + +Aus Jollys Bericht noch einzelne Züge: + + +Er ist doch ein eminenter Mensch + + »Bismarck«, so erzählt der badische Staatsmann, »war geradezu + bezaubernd, von großartiger Liebenswürdigkeit und liebenswürdiger + Größe. Wenn Thiers sich zu sehr in langen Klageliedern erging, + ohne bestimmte Gegenvorschläge zu machen, kam zu rechter Zeit ein + seufzendes Stöhnen über die unerträglichen nervösen Schmerzen, + die ihn fürchten ließen, die Verhandlungen nicht fortführen zu + können; oder auch einmal in verbindlichster Form ein scharfer + Sarkasmus, z. B.: Ich würde mich im Vertrauen auf Herrn Thiers + gerne mit geringeren Garantien begnügen, wenn er erblicher König + von Frankreich wäre; oder: Herr Thiers ist durch seine Beredsamkeit + verwöhnt, durch welche er stundenlang große Versammlungen fesseln + kann; wir werden aber, wenn wir uns nicht einigen, in dreißig + Stunden wieder schießen, und dergleichen mehr. Wirklich imponierend + war aber der Hüne zwei-, dreimal, wenn er vollkommen chevaleresk + und ohne jegliche persönliche Härte, um zum Abschluß zu kommen, + erklärte, nicht der Sieger, sondern der Besiegte hat nachzugeben. + Er ist doch ein ganz eminenter Mensch, der trotz manchem wunderlich + Bizarren doch als echtes Genie bei aller Kraft innerlich maßvoll + ist.« + + +Exzellenz, ich bin geneigt + + Zu den Beratungen war auch Baron Rothschild hinzugezogen. Die + Szene im Versammlungssaal, so schreibt weiter Jolly, ist das + Grandioseste, was die Phantasie eines Dichters ersinnen, der + Pinsel des genialsten Meisters darstellen könnte. Letzterer müßte + sich als Mittelpunkt den Augenblick wählen, wie Rothschild, ein + kleines, schmächtiges Männchen, mit schlotternden Knien vor dem + etwas geneigten Bismarck steht, der, ärgerlich, daß die Sache + nicht fertig wird, mit lauter Stimme und trotz Hexenschuß hoch + aufgerichtet erklärt: »Wenn der Herr Baron keine Neigung hat, die + gewünschten Vorschläge zu machen, müssen wir sehen, wie wir sonst + fertig werden.« Stammelnde Antwort: »Exzellenz, ich bin geneigt.« + Mein bayrischer Kollege war sehr ängstlich, die Sache konnte + scheitern; die wildesten Borussen fingen an zu hoffen, sie werde + scheitern. Das deutsche Lager fühlte sich sicher, das herrliche + Ziel werde morgen erreicht sein, trotz der letzten schmerzlichen + Zuckungen des machtlosen Gegners; die Franzosen wahrten mühsam die + Fassung. Gebe Gott, daß nie ein deutscher Staatsmann ähnliches zu + erleben habe. + +[Illustration: ~Der Schlaf des Gerechten~ + +»Träume was Süßes von Kissen umhüllt, von seidenen Kissen mit Urlaub +gefüllt!« + +(»Frankf. Laterne«, Juni 1875)] + + +=Peut être= + + Als Thiers noch am Schluß eine abweichende Fassung des Vertrages + vorschlug, kam es zu einem eigenartigen Dialog. Bismarck: »Sie + zerpflücken mir ja wieder die deutsche Einheit.« Thiers: »=Ah, + c’est nous qui l’avons faite!=« (»Wir haben sie ja gerade + gemacht!«) Bismarck achselzuckend: »=Peut être.=« So wurde der + glorreichste Vertrag, den Deutschland geschlossen, unterzeichnet. + Die Franzosen eilten sofort weg, Thiers, den Bismarck beim + Weggehen wegen aller ungern ihm bereiteten Qualen verbindlichst + um Entschuldigung bat, in erbittertem Ungestüm, Favre in stillem + Schmerz. + +Am 1. März fand der Einzug der deutschen Truppen in Paris statt. + + +Bismarcks Einzug in Paris + + Über die etwas bestrittene Frage berichtet Graf Fred Frankenberg: + »Mit dem sechsten (schlesischen) Armeekorps hielt ich meinen Einzug + in Paris durch die =Grande Avenue de Neuilly= oder =de la grande + armée=. Plötzlich kam Graf Bismarck in gelber Kürassieruniform + angetrabt. Als er mich freundlich grüßte, konnte ich es mir + nicht versagen, dem Manne, den ich über alles verehre, zu sagen: + ›Exzellenz, am Abend von Königgrätz haben Sie mir die Rechte + geschüttelt, lassen Sie mich in dem Tore von Paris auch wieder Ihre + Hand drücken!‹ Der Kanzler antwortete kein Wort, aber er preßte + meine Hand so kräftig zwischen seine mächtigen Finger, daß ich + seine innere Erregung sehr deutlich und fast schmerzlich verspürte. + Am Rande des Weges stand gedrängt französisches Gesindel. Bismarck + ritt dicht an dieser Bande entlang, und ich bemerkte, daß er sehr + wohl erkannt wurde. ›=Voilà Bismarck, c’est lui!=‹ schrie manche + Stimme, und ich sah viele Blusenmänner, die, so rasch es anging, + voranliefen, um den gehaßten Gegner nochmals vorbeireiten zu sehen. + Mir wurde bange um ihn. Ich drängte mein Pferd möglichst zwischen + ihn und die Menge und paßte genau auf, ob nicht ein Revolver oder + Dolch blitzen werde. Am =Arc de Triomphe= wurde das Gedränge immer + ärger, so daß wir zum Stillhalten kamen. Da wendete Bismarck in + eine Nebenstraße ein, seine Herren begleiteten ihn, und als ich + ihn in der Richtung nach Versailles zu unbehelligt forttraben + sah, wandte ich mich zurück und durchritt den ganzen Raum der + Elysäischen Felder, welcher allein den deutschen Heeren eingeräumt + worden war.« + +An demselben Tage wurde von der französischen Nationalversammlung der +Vorfrieden mit 546 gegen 107 Stimmen angenommen. Der Kaiser meldete +der Gemahlin das Ereignis und fügte hinzu: »Der Herr der Heerscharen +hat überall unsere Unternehmungen sichtlich gesegnet und daher diesen +ehrenvollen Frieden in seiner Gnade gelingen lassen. Ihm sei die Ehre! +Der Armee und dem Vaterlande mit tief erregtem Herzen meinen Dank.« + +[Illustration: »Ein Wanderbursch’, mit dem Stab in der Hand, kehrt +wieder heim aus fremdem Land!« (»Humoristische Blätter«, November 1873)] + +So konnte Bismarck sich zur Heimreise rüsten. Am 6. März verließ er +Versailles, um sich mit den Seinigen zu vereinen. An jedem Haltepunkte +wurden ihm stürmische Ovationen dargebracht, und am 9. März frühmorgens +durfte er mit den Worten: »Da habt Ihr Euren Ollen wieder« Frau und +Tochter auf dem Berliner Bahnhof begrüßen. Am 17. März traf Kaiser +Wilhelm in Berlin ein, und Bismarck konnte mit ihm, mit Roon und Moltke +an dem Jubel teilnehmen, mit dem die Hauptstadt des neuen Reiches den +ersten Kaiser begrüßte. Am 21. März, am Tage der Reichstagseröffnung, +wurde Bismarck zum Fürsten ernannt. + +Aber er war der neuen Gnade nicht recht froh: + + +Fürst + + »Als mir ein eigenhändiges Schreiben des Kaisers«, so erzählt er, + »die Erhebung in den Fürstenstand anzeigte, war ich entschlossen, + Seine Majestät um Verzicht auf seine Absicht zu bitten, weil diese + Standeserhöhung in die Basis meines Vermögens und in meine ganzen + Lebensverhältnisse eine mir unsympathische Änderung bringe. So gern + ich mir meine Söhne als bequem situierte Landedelleute dachte, so + unwillkommen war mir der Gedanke an Fürsten mit unzulänglichem + Einkommen nach dem Beispiel von Hardenberg und Blücher, deren + Söhne die Erbschaft des Titels nicht antraten — der Blüchersche + wurde Jahrzehnte später (1861) erst infolge einer reichen und + katholischen Heirat erneuert. In Erwägung aller Gründe gegen eine + Standeserhöhung, die ganz außerhalb des Bereichs meines Ehrgeizes + lag, langte ich auf den oberen Stufen der Schloßtreppe an und + fand dort zu meiner Überraschung den Kaiser an der Spitze der + königlichen Familie, der mich herzlich und mit Tränen in seine Arme + schloß, indem er mich als Fürsten begrüßte und seine Freude, mir + diese Auszeichnung gewähren zu können, laut äußerte. Demgegenüber + und unter den lebhaften Glückwünschen der königlichen Familie blieb + mir keine Möglichkeit, meine Bedenken anzubringen. Das Gefühl, daß + man als Graf wohlhabend sein kann, ohne unangenehm aufzufallen, als + Fürst aber, wenn man letzteres vermeiden will, reich sein muß, hat + mich seitdem nie wieder verlassen.« + + +Der Sachsenwald + + Kaiser Wilhelm hatte die Sorgen und Bedenken seines treuen Dieners + verstanden. Nur wenige Wochen vergingen, und der Kanzler empfing + folgenden Erlaß seines alten Herrn: »Ich habe Mich veranlaßt + gefunden, den zu dem Domänium des Herzogtums Lauenburg gehörigen + Grundbesitz im Amte Schwarzenbeck, welcher Mir zum freien und + unbeschränkten Eigentum durch den mit der Ritter- und Landschaft + des Herzogtums unterm 19. d. M., von Mir am 21. d. M. genehmigten + Rezeß überlassen worden ist, mit allen daraus sich ergebenden + Privatrechten und Verbindlichkeiten dem Kanzler des Deutschen + Reiches, Fürsten von Bismarck, in Anerkennung seiner Verdienste als + eine Dotation zum Eigentum zu übereignen.« + +So hat Bismarck ein neues Heim gefunden, die Stätte, die jetzt schon +von tiefer Poesie umwoben ist, die durch alle Zeiten der Wallfahrtsort +treuer Männer bleiben wird, die Stätte, wo ihm die Abendsonne des +Lebens geleuchtet hat und wo sein Sterbliches im Schatten der Buchen +und Eichen seinen Ruheplatz fand. + +[Illustration: + + »Fest wie der Erde Grund + Gegen des Unglücks Macht + Steht mir des Hauses Pracht!« + +(»Der Floh«, November 1888)] + + + + +Der Ausbau des Reiches + + +[Illustration: ~Bismarck in der Debatte~ + +Und der Leu mit Gebrüll richtet sich auf, da wird’s still. +(»Kladderadatsch«, 10. Februar 1872)] + +Eine kurze Pause des Atemholens — dann begann die neue gewaltige +Arbeit, das Reich, dessen Mauern nun standen, aufzubauen und wohnlich +zu gestalten. Tausend Widerstände regten sich; die gewaltigen Taten, +deren Zeuge der Boden Böhmens wie der französische Boden waren, haben +die Gegner, haben Haß und Intrige nicht entwaffnet. Auch die neue +Gestaltung der Dinge hat den alten Stammessinn der Deutschen, die +partikularistischen Tendenzen, nicht ausgelöscht. Noch bestand der +Gegensatz zwischen dem Norden und dem Süden, noch bestand auch und +erwachte gerade jetzt in neuer Stärke der Gegensatz der Konfessionen. +Und noch war der radikale Liberalismus innerlich unversöhnt, daß nicht +nach dem eigenen Rezepte, nicht auf Schützenfahrten und Turnerfesten +das Kaisertum geschaffen war, sondern unter den ehernen Klängen +der Kriegstrompete. Der Kulturkampf entbrannte, und mit ihm erhob +sich der Zwang, in der Ostmark, wo die Polen das Haupt erhoben, dem +Reiche neue Sicherheit zu schaffen, die eroberte Westmark galt es +zu gewinnen, der gesamten Nation gemeinsame Institutionen zu geben. +»Wir haben erreicht,« so hieß es in der Thronrede, mit der Kaiser +Wilhelm den Reichstag begrüßte, »was seit der Zeit unserer Väter +für Deutschland erstrebt wurde, die Einheit und deren organische +Gestaltung, die Sicherung unserer Grenzen, die Unabhängigkeit unserer +nationalen Rechtsentwicklung. Der Geist, welcher in dem deutschen +Volke lebt und seine Bildung und Gesittung durchdringt, nicht minder +die Verfassung des Reiches und seine Heereseinrichtungen bewahren +Deutschland inmitten seiner Erfolge vor jeder Versuchung zum Mißbrauch +seiner durch seine Einigung gewonnenen Kraft. Die Achtung, welche +Deutschland für seine eigene Selbständigkeit in Anspruch nimmt, zollt +es bereitwillig der Unabhängigkeit aller anderen Staaten und Völker, +der schwachen wie der starken. Das neue Deutschland, wie es aus der +Feuerprobe des gegenwärtigen Krieges hervorgegangen ist, wird ein +zuverlässiger Bürge des europäischen Friedens sein, weil es stark und +selbstbewußt genug ist, um sich die Ordnung seiner Angelegenheiten als +ein ausschließliches, aber auch ausreichendes und zufriedenstellendes +Erbteil zu bewahren ... Möge dem deutschen Reichskriege, den wir so +ruhmreich geführt, ein nicht minder glorreicher Reichsfrieden folgen, +und möge die Aufgabe des deutschen Volkes fortan darin beschlossen +sein, sich in dem Wettkampf um die Güter des Friedens als Sieger +zu erweisen. Das walte Gott!« Länger als vierzig Jahre hat der +Reichsfrieden gewährt, aber es war dennoch nicht Frieden im Reiche, und +in Bismarcks Leben ist kein Tag ohne Kampf geblieben! + +[Illustration: ~Biblisches~ + +Bismarck als Moses, gestützt von Lasker und Falck. Das Bild deutet auf +2. Moses 17 Vers 11 und 12: »Und dieweil Moses seine Hände emporhielt, +siegte Israel; wenn er aber seine Hände niederließ, siegte Amalek. Aber +die Hände Mose waren schwer, darum nahmen sie einen Stein und legten +ihn unter ihn, daß er sich darauf setzte. Aron (Lasker) aber und Chur +(Falck) stützten seine Hände, auf jeglicher Seite einer. Also wurden +seine Hände nicht müde, bis die Sonne unterging.« (Der »Floh«, Februar +1875)] + +Gerade der Partikularismus in seiner Unzufriedenheit und in seinen +zentrifugalen Neigungen fand eine starke Stütze an dem neu erstarkenden +Klerikalismus, dessen Wortführer in Bayern bereits gegen den Krieg +mit Frankreich opponierten und dessen Wortführer selbst ein Welfe +wurde, der Vertrauensmann des Königs Georg, Ludwig Windthorst. Um +ihn kristallisierten sich die Reichsverdrossenen aller Farben, die +Protestler der Reichslande, die Polen und Dänen. Der Kampf, der jetzt +begann, unmittelbar nachdem die Sieger heimgekehrt waren, lebt unter +dem Namen »~Kulturkampf~« in dem Gedächtnis der Geschichte. Dieser +Kampf hat fortgedauert bis tief hinein in die folgenden Jahrzehnte, +er hat zu jenen Faktoren gehört, die an der Freude am neuen Deutschen +Reiche am schärfsten nagten. Ihn zu führen hat Bismarck sich nur +entschlossen unter dem Gesichtspunkt der polnischen Politik, nicht aber +aus Haß gegen den katholischen Glauben. + +Schon während des Krieges hatte Bismarck eine Reihe von Verhandlungen +mit dem Erzbischof von Posen, Grafen Ledochowski, gehabt, aber +wenn er auch überzeugt war, daß von Rom aus heftige Treibereien +gegen Deutschland versucht würden, daß überhaupt der Krieg im +Einverständnis mit der römischen Politik begonnen worden sei, daß +jesuitische Einflüsse für den Entschluß des Kaisers Napoleon, trotz +alles Widerstrebens in den Kampf einzutreten, maßgebend waren, hat +er doch den Papst mit äußerster Schonung behandelt. Es widerstrebte +ihm auch später, von den Gesetzen gegen den politischen Katholizismus +Gebrauch zu machen, und noch stärker war seine Abneigung, den alten +Gegensatz, der seit Luthers Zeiten auf religiösem Gebiete im deutschen +Volke bestand, noch zu vertiefen. Als nach der Eroberung Roms durch +Italien und die Vernichtung des Kirchenstaates die Frage drängend +wurde, ob der Papst die alte Hauptstadt verlassen solle und ob er +auf die Unterstützung des Königs von Preußen rechnen könne, daß man +ihn ungehindert und in schicklicher Weise abreisen lasse, da hat er +nicht nur bejahend geantwortet, sondern ihm auch willig ein Asyl in +Deutschland geboten. + +[Illustration: ~=Les coiffures.=~ (»Le Grelot«, 8. Juli 1883)] + + +Man muß toleranter denken + + Bismarck erzählte an seiner Tafelrunde: »Der Papst wird vielleicht + doch aus Rom gehen müssen. Wohin aber? Nach Frankreich kann er + nicht, da ist Garibaldi. Nach Österreich mag er nicht. Nach + Spanien? Ich habe ihm — Bayern vorgeschlagen.« Nach einem + Augenblick des Nachsinnens fuhr er fort: »Es bleibt ihm nichts als + Belgien — oder Norddeutschland. Es ist in der Tat schon angefragt, + ob wir ihm ein Asyl gewähren könnten. Ich habe nichts dagegen + einzuwenden — Köln oder Fulda. Es wäre eine unerhörte Wendung, aber + doch nicht so unerklärlich, und für uns wäre es recht nützlich, + wenn wir den Katholiken als das erschienen, was wir in Wirklichkeit + sind, als die einzige Macht gegenwärtig, die dem obersten Fürsten + ihrer Kirche Schutz gewähren könnte und wollte. Für die Opposition + der Ultramontanen hörte jeder Vorwand auf — in Belgien, in Bayern. + Mallinckrodt träte auf die Seite der Regierung. In Deutschland, wo + man den Papst vor Augen hätte als hilfesuchenden Greis, als guten + alten Herrn, als einen der Bischöfe, der wie die anderen ißt und + trinkt, eine Prise nimmt, wohl gar auch seine Zigarre raucht — + da hat’s keine große Gefahr. Na, und schließlich, wenn nun auch + etliche Leute in Deutschland wieder katholisch würden — ich werd’s + nicht — so hätte das nicht viel zu bedeuten, wenn sie nur gläubige + Christen wären. Die Konfessionen machen’s nicht, sondern der + Glaube. Man muß toleranter denken.« + +[Illustration: Wie Bismarck den Jesuiten den Kopf wäscht und Herr +von Stremayr, der österreichische Minister, ihnen die Stiefel putzt. +(»Figaro«, März 1872)] + +Im neuen Reichstag erschien das Zentrum bereits als ein Heerhaufen von +57 Abgeordneten; an ihrer Spitze standen die beiden Reichensperger, +Mallinckrodt, Karl von Savigny und der Minister des Königs Georg; in +ihre Reihen mischten sich Polen und Welfen, Demokraten und Feudale, +Westfalen und Rheinländer, Bayern und Schlesier. Wenn aber auch ihre +Führer erklärten, nicht konfessionell zu sein, und wenn hier und da +sogar ein Protestant, wie der Welfe Brüel und der alte verbitterte +Gerlach, einen Platz fand, so blieb doch das Zentrum nichts anderes als +die Repräsentation der streitenden Kirche. Und schon vorher hatte die +Kirche sich selbst und alle ihre Kraft organisiert, indem sie durch +das Dogma von der Unfehlbarkeit dem theokratischen Absolutismus die +letzte Weihe gab. Aber die Ansprüche Roms gingen weit und weiter, sie +gipfelten zuletzt in dem Anspruch, der Kirche die Verfügung über den +weltlichen Arm zu gewähren, und im geheimen auch in der Hoffnung, daß +die Romfahrten der alten Kaiser über die Alpen wieder erwachen und der +deutsche Arm dem Papste die Hauptstadt und die Herrschaft zurückgeben +werde. Hier konnte Bismarck sich so wenig fügen wie dem Wunsche des +Zentrums, den staatlichen Willen der Kirche unterzuordnen, natürliche +Rechte des Königs preiszugeben. Indem aber hier die alten Freunde von +der rechten Seite versagten, indem sie ihm die Heeresfolge verweigerten +und den großen Staatsmann auf die Seite des Liberalismus drängten, +läuteten sie eine neue Ära ein, in der sie, die einst mit ihm zu den +stolzesten Höhen gezogen waren, sich selbst ihrer Macht beraubten und +zu mißvergnügten Zuschauern wurden. + +[Illustration: Einige Blitze zucken von Rom nach Berlin, ohne zu +zünden. (»Figaro«, Januar 1875)] + +Aber ehe der Staatsmann sich noch mit voller Kraft in all die neuen +Kämpfe stürzen konnte, die ihm jetzt drohten, hatte er doch dem +großen Werke, das er dort draußen in Versailles schon zur Vollendung +gebracht, den letzten Stempel zu geben. Es galt noch, den Frieden mit +Frankreich endgültig abzuschließen. Im Hotel zum Schwan in Frankfurt +am Main wurde das Werk der Einigung Deutschlands zum letzten Abschluß +gebracht. Fünfzehn Stunden mußte Bismarck auch hier noch mit den +Franzosen verhandeln. Am 12. Mai des Jahres erschien er dann wieder +im Reichstag, von der Versammlung mit stürmischem Jubel begrüßt. Hier +legte er dar, was wir erreichten: Nicht jeder werde zufrieden sein, +nicht jeder persönliche Wunsch sei erfüllt worden; die Trennung alter +Verbindungen, der Abschluß neuer Beziehungen seien ohne Verlust und +Nachteil niemals durchzuführen. Aber wir dürften hoffen, so schloß er, +daß dieser Frieden dauerhaft und segensreich sein wird und daß wir +der Bürgschaften, deren wir uns versichert haben, um gegen einen etwa +wiederholten Angriff beschützt zu sein, auf lange Zeit nicht bedürfen +werden. Und da sang dann der treue Diener das hohe Lied seines alten +Herrn und seines Verdienstes: »Stellen Sie sich nur indirekt die Frage, +wie alles hätte verlaufen können, wenn auf dem Throne Preußens ein +anderer Monarch saß! War es nicht möglich, daß dieser große Krieg, +der größte unseres Zeitalters, der ein Menschenalter, ein halbes +Jahrhundert hindurch wie eine drohende Wolke am Horizonte Deutschlands +schwebte, bei dem Monarchen, der auf dem mächtigsten Throne +Deutschlands saß, nicht die gleiche Entschlossenheit, den gleichen Mut, +diesen hohen Mut, der Krone, Reich und Leben einsetzt, vereinigt fand? +War es nicht möglich, daß dann der Krieg im Augenblick vermieden wurde +unter Umständen, die das deutsche Nationalgefühl tief geschädigt und +gekränkt hätten? War es nicht möglich, daß er aufgeschoben worden wäre, +bis der Feind Bundesgenossen fand? War es nicht möglich, daß dieser +Krieg mit weniger Geschick, mit weniger Entschlossenheit, vor allen +Dingen mit weniger sorgfältig gewählten Mitteln geführt wurde? Daß er +so geführt wurde, wie geschehen, verdanken wir in erster Linie unserm +kaiserlichen Feldherrn, dem Könige von Preußen, in zweiter Linie der +echtdeutschen entschlossenen Hingebung seiner erhabenen Bundesgenossen +für die nationale Sache.« Bismarck fuhr fort: + + +Der Dank + + »Wenn ein Monarch, an Jahren und an Ehren reich, mit dieser + Entschlossenheit seine nach irdischem Maßstab bemessen glückliche, + befriedigte, ruhmvolle Existenz einsetzt für sein Volk, wenn er + in seinem hohen Alter einen Kampf durchkämpft, der ganz anders + verlaufen konnte, wenn er dann zurückkehrt und sich fragt: wem + verdanke ich, daß ich siegreich zurückkehre, daß unser Volk + geschützt worden ist vor den Leiden und Drangsalen des Krieges im + Lande, vor dem Druck des Eroberers, ja daß darüber hinaus Gott + seinen Segen gegeben hat, das deutsche Volk in diesem Kriege, + wo man es böse mit uns vorhatte, und es gut wurde durch Gottes + Hilfe, zu einigen und ihm Kaiser und Reich wiederzugeben? Ich + sage, wenn dieser erste Deutsche Kaiser zurückkehrt, nach einem + langen Interregnum im Besitze der größten Vollgewalt, der größten + Macht, die augenblicklich in der Welt dasteht, und sich fragt: + wie, durch welche Werkzeuge hat Gott dies alles verwirklicht? wie + habe ich dies gewonnen? wem bin ich Dank schuldig?, so trifft sein + Dank natürlich zuerst sein Heer, die Tapferkeit der Truppen, die + Intelligenz der Führer, und es muß ihm ein Herzensbedürfnis sein, + hier zu lohnen, hier zu danken. Tapferkeit, meine Herren, läßt sich + im einzelnen nicht belohnen; sie ist Gott sei Dank ein Gemeingut + der deutschen Soldaten, daß man sie alle und jeden einzelnen dafür + zu belohnen hätte, wenn man sie belohnen wollte. (Beifall.) Aber + die Tapferkeit, meine Herren, allein reicht nicht hin zu diesem + Erfolge. Mut haben auch die Franzosen bewiesen, tapfer haben auch + die französischen Soldaten sich geschlagen; was ihnen fehlte, war + die Führung, war die Pflichttreue und die Einsicht der Führer, war + die entschlossene Leitung eines kaiserlichen, eines monarchischen + Feldherrn, der in voller Verantwortung und sich bewußt, daß er + um Krone und Reich schlug, an ihrer Spitze stand. Jene Führer zu + belohnen, muß ein Herzensbedürfnis des Kaisers sein. In diesem + Sinne möchte ich bitten, meine Herren, denken Sie daran, dieses + Herzensbedürfnis Seiner Majestät des Kaisers zu befriedigen, geben + Sie ihm die Zufriedenheit, die er durch seine Hingabe, durch seinen + Mut um Deutschland wohl verdient hat.« + +[Illustration: Bismarck weist dänische Ansprüche zurück. (»Figaro«, +Oktober 1874)] + + +Die Wacht am Rhein + + Noch einen anderen Dank hat Bismarck in jenen Zeiten ausgesprochen, + den Dank an den Komponisten der »Wacht am Rhein«, Karl Wilhelm + in Schmalkalden: »Sie haben durch die Komposition von Max + Schneckenburgers Gedicht ›Die Wacht am Rhein‹ dem deutschen Volk + ein Lied gegeben, welches mit der Geschichte des eben beendeten + Krieges untrennbar verwachsen ist. Entstanden zu einer Zeit, wo + die deutschen Rheinlande in ähnlicher Weise wie vor einem Jahre + von Frankreich bedroht erschienen, hat ›Die Wacht am Rhein‹ ein + Menschenalter später, als die Drohung sich verwirklichte, in + der begeisterten Entschlossenheit, mit der unser Volk den ihm + aufgedrungenen Kampf aufgenommen und bestanden hat, ihren vollen + Anklang gefunden. Ihr Verdienst, Herr Musikdirektor, ist es, + unserer letzten großen Erhebung die Volksweise geboten zu haben, + welche daheim wie im Felde dem nationalen Gemeingefühle zum + Ausdruck gedient hat. Ich folge mit Vergnügen einer mir von dem + geschäftsführenden Ausschuß des Deutschen Sängerbundes gewordenen + Anregung, indem ich der Anerkennung, welche Ihnen von allen Seiten + zuteil geworden ist, auch dadurch Ausdruck gebe, daß ich Sie bitte, + die Summe von eintausend Talern aus dem Dispositionsfonds des + Reichskanzleramts anzunehmen. Ich hoffe, daß es mir möglich sein + wird, Ihnen alljährlich den gleichen Betrag anbieten zu können. Die + Reichshauptkasse ist angewiesen, Ihnen die für das laufende Jahr + bestimmte Summe alsbald gegen Quittung auszuzahlen. v. Bismarck.« + + +Die Franktireure von Osterburg + + Zwei Tage später war bei einem Festzuge in Osterburg der + Schuhmachermeister Otto Bismarck Schützenkönig geworden. Die + Übereinstimmung seines Namens mit dem des Reichskanzlers gab + Veranlassung zur Absendung folgenden Telegramms: »Sr. Durchl. Fürst + Bismarck, Berlin, sendet Schützenkönig Otto Bismarck, Osterburg, + am heutigen Schützenfest als Landsmann, Namensvetter, seinen + schützenköniglichen Gruß.« Der Fürst antwortete telegraphisch: + »Herrn Otto Bismarck, Osterburg, meinem hohen Namensvetter, danke + ich freundlichst für den landsmannschaftlichen Gruß.« Die kleine + Geschichte kam selbst in französische Blätter, und die Pariser + Zeitung »=Le Siècle=« machte aus den Schützen die »=Franc-tireurs=« + von Osterburg. + +In jener Zeit haben auch die ersten Verhandlungen des deutschen +Kanzlers mit seinem Rivalen, dem Grafen Beust, stattgefunden, +dem Leiter der Politik Österreichs, die das künftige Verhältnis +Deutschlands zum Kaiserstaate und die Möglichkeit eines Bündnisses +betrafen. In Salzburg kamen die beiden Monarchen, einst die Gegner +von Königgrätz, zusammen. Hier wurde zuerst ernsthaft der Gedanke +verhandelt, auf neuem Boden die neue Freundschaft zu schaffen. In +Gastein wurde dann weiter beraten. + + +Tableau + + Unter den damaligen Gasteiner Badegästen befand sich auch ein + Herr Christ, verheiratet mit einer Nichte der Gräfin Meran, Witwe + des Erzherzogs Johann. Dieser Herr Christ war ein wohlhabender + und wohllebender Frankfurter und hatte in der Zeit, als Bismarck + Bundestagsgesandter war, viel mit ihm verkehrt. Herr Christ gab + ihm nun in der Restauration von Hofgastein ein Diner, zu dem noch + einige andere Österreicher geladen waren. Gegen den Schluß des + Diners richtete der Gastfreund an Bismarck im besten Frankfurter + Dialekt die Frage: »Aber, sage Sie, warum sind Sie 1866 nicht nach + Wien neingange?« — Eine etwas mürrische Antwort hielt ihn nicht ab, + fortzufahren: »Ja, Sie hawwe es ja uns in Frankfurt immer gsagt, + es würd der schönste Tag Ihres Lebens, wenn Sie in Wien einreite + würde!« — Tableau ist leicht auszumalen. + +[Illustration: ~Bismarck und Beust~ + +Beust hatte in einem Schreiben an Bismarck seine besten Wünsche zu dem +Werke in Versailles ausgesprochen und eine freundschaftliche Annäherung +beider Reiche in Aussicht gestellt. (»Kikeriki«, 6. Februar 1871)] + + +Er trat mir einen Sporen ab + + Die »Volkszeitung« brachte in diesen Tagen folgendes Schreiben: + »Um bei Seiner Durchlaucht dem Fürsten Bismarck eine Audienz zu + erlangen, wollte ich mir die Erlaubnis bei demselben einholen, + als er gerade vorüberging. Kaum hatte ich aber den Fürsten + angesprochen, als zwei geheime Polizeiagenten mich bei den + Armen anfaßten und arretieren wollten. Auf meinen Protest und + entschiedene Erklärung, daß ich mit Zivilpersonen nicht zu gehen + brauche und auch nichts verbrochen habe, wurde ich doch durch die + Straßen geschleppt auf das Polizeibureau der Taubenstraße; von + da ging ich mit einem Schutzmann nach dem Molkenmarkte, wo ich + die ganze Nacht in Polizeigewahrsam gehalten und anderen Tages + um elf Uhr mit der Erklärung entlassen wurde, daß die Verhaftung + wohl aus Mißverständnis geschehen sein muß. Ich überlasse jedoch + das ganze Verfahren dem Urteil des Publikums. H. L. Back.« Hierzu + gab Fürst Bismarck seinem getreuen Busch folgenden Kommentar: + »Ein ungewöhnlich schmieriger Mensch, offenbar ein Jude, kam, als + ich aus dem Reichstag nach Hause ging, auf mich zu und sagte, er + wollte Audienz bei mir. Ich wies ihn ab. Er blieb aber neben mir + und redete weiter auf mich hinein, ich würde doch einem deutschen + Schriftsteller so was nicht abschlagen; er hätte mir Wichtiges + mitzuteilen. Doch,« sagte ich, »ich gebe deutschen Schriftstellern + niemals Audienzen. Er folgte mir aber mit der fliegenhaften + beharrlichen Zudringlichkeit und Dummdreistigkeit des Judenjungen + immer noch und rückte mir, indem er weiter sprach, so dicht auf den + Leib, daß er mir einen Sporen abtrat. Ich drehte mich um und wollte + tätlich werden; dann nahmen ihn die Schutzleute in Empfang. Er war + wirklich ungewöhnlich schmierig, so voll Kneipenfett, wenn das + einer mit sich abgeschabt hat.« + +[Illustration: ~Der Helfer in der Not~ + +Eine Satire auf Laskers Wichtigtuerei. (»Ulk«, Dez. 1874)] + +Nach der Rückkehr zur Heimat harrten des Kanzlers zahllose neue +Arbeiten. Zuerst griff er im Reichstag in die Debatte über den +Reichskriegschatz ein; eingehend begründete er seine Auffassung über +die Stellung der Botschafter und Gesandten; die Münzfrage fand in ihm +einen beredten Anwalt. Aber was war alles dies gegen die Kämpfe, die +seiner im preußischen Landtag harrten! Die Bischöfe hatten in Fulda +mobil gemacht, sie hatten die katholische Kirche in Preußen als recht- +und schutzlos bezeichnet und vom Könige Abhilfe gefordert gegen allen +und jeden Eingriff in das innere Glaubensgebiet der katholischen +Kirche. Zugleich hatten sie den Kampf gegen alle Katholiken begonnen, +die sich dem Dogma von der Unfehlbarkeit nicht fügten. In diesem Kampfe +trat =Dr.= Falck als Kultusminister an Bismarcks Seite. Dieser Mann hat +tatsächlich die Detailarbeit der Maigesetze geleistet. Er hat durch +Jahre entschlossen den Kampf geführt, bis er schließlich der Fülle +der Einflüsse erlag, die durch die katholische Umgebung der Kaiserin +Augusta genährt und von seinen Gegnern skrupellos ausgenutzt wurden. +Hier hat Bismarck nur die oberste Leitung geführt; hier hat er aber +auch mit einer Fülle von großen Bildern und Gedanken den scheinbar +kleinlichen Kampf zu weltgeschichtlicher Höhe erhoben. Am 8. Februar +bereits, bei der Debatte über die Schulaufsicht, stürzte er sich in +das Getümmel. Und schon damals kreuzte er mit dem verbissensten seiner +Gegner, mit Windthorst, die Klinge: »Der Herr Abgeordnete beteiligt +sich viel an den Debatten, aber das Öl seiner Worte ist nicht von der +Sorte, die Wunden heilt, sondern von der, die Flammen nährt, Flammen +des Zornes. Ich habe selten gehört, daß er zu überreden oder zu +versöhnen bemüht war; seine Reden waren von der Beschaffenheit, daß +sie einen beunruhigenden und befremdlichen Eindruck auf die Gemüter +weniger urteilsfähiger Leute machen können, den Eindruck, als ob hier +auch von der Regierung des Königs aus dem Hause Hohenzollern Dinge +bestritten und bekämpft würden, die ganz selbstverständlich sind. +Denjenigen, welche die Reden lesen, könnte es sehr wohl den Eindruck +machen, als sei dieses Gesetz nun wirklich bestimmt, das Heidentum bei +uns einzuführen, als seien der Herr Abgeordnete und die Seinigen hier +noch die alleinigen Verteidiger Gottes. Der Gott, an den ich glaube, +möge mich davor bewahren, daß der Herr Abgeordnete für Meppen je die +Disposition über die Spendung seiner Gnaden für mich haben sollte. Ich +würde dabei nicht gut wegkommen.« + + +Die schwarze Perle von Meppen + + Am folgenden Tage sprach Herr von Mallinckrodt mit äußerster + Schärfe gegen Bismarck und erwähnte hierbei in der Verteidigung + seines Freundes Windthorst, man habe eine Perle annektiert, und das + Zentrum habe sie in die richtige Fassung gebracht. Darauf erwiderte + Bismarck: »Der Herr Vorredner nannte den Herrn Abgeordneten für + Meppen eine Perle. Ich teile dies in seinem Sinne vollständig; für + mich aber hängt der Wert einer Perle sehr von ihrer Farbe ab, ich + bin darin etwas wählerisch.« + +In dem Kampfe, der nun immer heftiger tobte, haben nun, wie gesagt, die +Konservativen Bismarck verlassen. + +In Wirklichkeit ging dieser Bruch in seinen ersten Anfängen schon +bis auf die Tage zurück, als die Konservativen schroffen Widerstand +gegen die Indemnitätsvorlage nach dem Kriege gegen Österreich erhoben. +Jahrelang hat dieser Konflikt zwischen Bismarck und seinen alten +Freunden gedauert, und in diesem Konflikt haben sich selbst die +ältesten Kampfgefährten, wie Hans von Kleist-Retzow und Moritz von +Blankenburg, von ihm getrennt. + + +Bismarck als Dichter + + Kleist-Retzow ist bei beiden Söhnen Bismarcks Pate gewesen. Von der + Innigkeit der Beziehungen dieser beiden Männer, die in Bismarcks + Jugendzeit auch die Wohnung miteinander teilten, zeugt ein + scherzhaftes Gedicht aus der Feder des jungen Bismarck, mit dem er + einst das Geschenk einer großen braunen Kaffeetasse an den Freund + begleitet hat. Das Gedicht lautet: + + »Nicht ganz so schwarz wie Ebenholz, doch braun wie Mahagoni + Wünsch’ ich Dir, aller Pommern Stolz, ein Leben süß wie Honig. + Wenn Wenzel Dich gelangweilt hat, Schwerin den Zorn erregt in Dir, + Wenn übel Dir vom Doktorat, dann, Hans, erhole Dich bei mir. + Wenn dann der Kaffee Dir behagt und Du, um streng Dich zu kastein, + Die zweite Tasse Dir versagt, dann, Hans, laß mich die erste sein. + Und schein’ ich Dir zu groß und weit für ein so kleines Landrätlein, + So denk’, es ist die höchste Zeit, Dir eine Gattin anzufrei’n. + Ihr trinkt dann aus mir alle beide Kaffee, Schokolade oder Tee, + Zu Tante Adelgundens Freude, in Kieckon auf dem Kanapee. + Geliebter Onkel Schievelbein, schaff bald uns eine Tante, + Dann wirst Du alles hoch erfreun, was jemals Hans Dich nannte. + Ingleichen Belgard und Polzin, Schievelbein und Tempelburg, + Ratzebur und Neu-Stettin, Kallies nebst Dramburg, Falkenburg. + Sie und die Leute all nicht minder aus Kieckon, Tychow und Krössin, + Sowie die beiden Typhuskinder woll’n all zu Landrats Hochzeit ziehn. + Aber Hochzeit, hohe Zeit! Hans, schon ist Dein Härchen grau, + Wart’ nicht länger, es wird Dir leid, Du kriegst wahrhaftig keine Frau. + Und uns wär’ es großer Jammer, wenn die Art aus sollt sterben! + Wem willst dann in Stadt und Kreis Deine Stelle Du vererben?« + + +=Va banque= + + Unter den Konservativen hatte Bismarck schon in den älteren Zeiten + heftige Gegner. Zu ihnen gehörte vor allem Herr von Bethmann + Hollweg, der noch kurz vor dem Kriege gegen Österreich an den König + ein Schreiben richtete, in dem er ihn auf das dringendste bat, + sich von Bismarck zu trennen. »Gegen den Urheber unserer Politik«, + schreibt Herr von Bethmann, »hege ich keine feindliche Gesinnung. + Im März 1862 riet ich selbst Ew. Majestät, einen Steuermann von + konservativen Antezedenzien zu wählen, der Ehrgeiz, Kühnheit und + Geschick genug besitze, um das Staatsschiff aus den Klippen, in + die es geraten, herauszuführen, und ich würde Herrn von Bismarck + genannt haben, hätte ich geglaubt, daß er mit jenen Eigenschaften + die Besonnenheit und Folgerichtigkeit des Denkens und Handelns + verbände, deren Mangel der Jugend kaum verziehen wird, bei einem + Manne aber für den Staat, den er führt, lebensgefährlich ist. + In der Tat war des Grafen Bismarck Tun von Anfang an voller + Widersprüche. ... Viele betrachten diese und ähnliche Maßregeln, + die stets, weil in sich widersprechend, in das Gegenteil des + Bezweckten umschlugen, als Fehler der Unbesonnenheit. Anderen + erscheinen sie als Schritte eines Mannes, der auf Abenteuer + ausgeht, alles durcheinanderwirft und es darauf ankommen läßt, was + ihm zur Beute wird, oder eines Spielers, der nach jedem Verlust + höher pointiert und endlich va banque sagt. Dies alles ist schlimm, + aber noch viel schlimmer in meinen Augen, daß Graf Bismarck sich + in dieser Handlungsweise mit der Gesinnung und den Zielen seines + Königs in Widerspruch setzte und sein größtes Geschick darin + bewies, daß er ihn Schritt für Schritt dem entgegengesetzten Ziel + näher führte, bis die Umkehr unmöglich schien, während es nach + meinem Dafürhalten die erste Pflicht eines Ministers ist, seinen + Fürsten treu zu beraten, ihm die Mittel zur Ausführung seiner + Absichten darzureichen und vor allem dessen Bild vor der Welt rein + zu erhalten. ... Graf Bismarck hat es dahin gebracht, daß Ew. + Majestät edelste Worte dem eigenen Lande gegenüber, weil nicht + geglaubt, wirkungslos verhallen und weil das Vertrauen durch eine + ränkevolle Politik zerstört worden ist. ... Aber jede Verständigung + ist unmöglich, so lange der Mann an Ew. Majestät Seite steht, + Ihr entschiedenes Vertrauen besitzt, der dieses Ew. Majestät bei + allen anderen Mächten geraubt hat.« König Wilhelm eröffnete den + Brief erst in Nikolsburg im Juli 1866. Seine Antwort begann: »In + Nikolsburg eröffnete ich erst Ihren Brief, und Ort und Datum der + Antwort wären Antwort genug.« + +[Illustration: ~Gegen welfisches Gelüst~ + +»Zurück! Für euch wird hier nichts verschenkt!« (»Ulk«, April 1873)] + +Die schwerste Anklage aber muß heute noch gegen jenen Teil der +Rechten erhoben werden, der in den Kampf eine ungeheure persönliche +Verbitterung trug, der seine Führer in Perrot, Diest-Daber und seinen +publizistischen Vertreter in Joachim Gehlsen fand. Jetzt hatte Bismarck +den Kampf gegen zwei Fronten zu führen, jetzt mußte er ebenso gegen die +Konservativen wie gegen das Zentrum auf dem Wachtposten stehen. Und +waren die Gehilfen, die ihm zur Seite traten, durchweg verläßlich? +Zu ihnen gehörten ja auch die Fortschrittler unter Virchows Führung. +Sie jubelten ihm wohl zu, als er den Sturmlauf gegen den Klerikalismus +begann und wenn er das Wort für liberale Gesetze ergriff. Aber im +schwierigsten Augenblick haben sie ihn dennoch verlassen. + +Doch Bismarck ließ sich nicht entmutigen; er ging seinen Weg gerade und +fest. Und so hielt er am 14. Mai 1872 jene gewaltige Rede, die in dem +Rufe ausklang: »Seien Sie außer Sorge — nach Kanossa gehen wir nicht, +weder körperlich noch geistig!« + +Bald darauf begab sich Bismarck zur Erholung nach Varzin, so daß er an +der Beratung des Jesuitengesetzes nicht mehr teilnahm. Hier fand er +auch seinen alten Humor wieder, und hier durfte er, als er am 28. Juli +die Silberne Hochzeit feierte, seinen Jugendfreund Motley mit Frau und +Tochter begrüßen. + +[Illustration: ~Durchaus glaubwürdig~ + +Fürst Bismarck: »Das Ideal des Herrn Richter, ein schwächlicher, +schüchterner Kanzler, werde ich wohl nie werden.« (»Ulk«, März 1881)] + + +Er sieht aus wie ein Koloß + + Aus der Feder des Gastes haben wir eine überaus reizvolle + Schilderung des Bismarck von damals in einem nach der Heimat + gerichteten Briefe: »Liebe Mary! Wir verließen Berlin gestern + morgen ¾9 Uhr und kamen auf Station Schlawe um ½5 Uhr an. Wir + hatten bis Varzin anderthalb Stunden zu fahren. Als der Postillon + sein Horn blies und an der Tür vorfuhr, kamen Bismarck, seine Frau, + Marie und Herbert alle heraus und bewillkommneten uns schon am + Wagen in der herzlichsten Weise. Ich fand seine Erscheinung wenig + verändert seit 1864, was mich überrascht hat. Er ist etwas stärker + geworden und sein Gesicht verwitterter, aber ebenso ausdrucksvoll + und gewaltig wie immer. Frau v. Bismarck hat sich noch weniger + verändert in den vierzehn Jahren, seit ich sie gesehen. Sie + sind beide so gütig und liebenswürdig gegen Lilli, daß es ihr + vorkommt, als hätte sie sie zeit ihres Lebens gekannt. Marie ist + ein niedliches Mädchen mit schönem dunklem Haar und grauen Augen — + einfach, ungeziert und gleich Vater und Mutter voll Übermut. Die + Lebensweise ist höchst ungeniert, wie Du Dir denken wirst, wenn + ich Dir sage, daß wir direkt vom Wagen in den Speisesaal geführt + wurden (nach einer staubigen, heißen Reise, in Eisenbahn und + Wagen zehn Stunden unterwegs) und uns niedersetzen und das Essen + nachholen mußten, welches schon halb vorüber war, da wir durch + irgendein contretemps eine Stunde später anlangten als wir erwartet + wurden. Nach Tisch machte Bismarck mit mir einen Spaziergang in + den Wald, wobei er die ganze Zeit in der einfachsten, lustigsten + und interessantesten Weise über alles sprach, was sich in diesen + furchtbaren Jahren ereignet hat; aber er sprach davon, wie + alltägliche Leute von den alltäglichsten Dingen reden, ohne jede + Affektation. Und gerade weil er so einfach ist, sich so gehen läßt, + muß man innerlich zu sich selbst sagen: Das ist der große Bismarck, + der größte der jetzt lebenden Menschen und einer der größten + Charaktere, die es je gegeben hat. Wenn man im vertrauten Umgange + mit Brobdingnags (Riesen aus Gullivers Reisen von Swift) lebt, so + scheint es augenblicklich, als wären wir alle auch Brobdingnags, + und das wäre überhaupt so die Regel, man vergißt den Vergleich mit + der eigenen Kleinheit. Es gibt dagegen viele Leute in gewissen + Dörfern, die uns bekannt sind, welche über ihre Umgebung einen viel + erkältenderen Hauch wegblasen, als wenn sie Bismarck wären. — Am + Abend saßen wir wieder als gemischte Gesellschaft beisammen, indem + die einen Tee tranken, die anderen Bier und einige Selterwasser, + während Bismarck eine Pfeife rauchte. Er raucht jetzt aber wenig + und nur ganz leichten Tabak in der Pfeife. Früher, als ich ihn + kannte, rauchte er unaufhörlich die stärksten Zigarren, und jetzt, + sagte er, könne er nicht mehr, um sein Leben zu retten, Zigarren + rauchen, solchen Widerwillen erregen sie ihm. Ein Gutsnachbar, + Herr v. Thadden und Frau, waren die einzigen Gäste, und sie gehen + heute nachmittag wieder fort. Dieser Freund hatte die Schlacht von + Königgrätz mitgemacht, und Bismarck erzählte eine Menge Anekdoten + von jener Schlacht. ... Ich wünschte, Du hättest ihm zuhören + können. Du kennst seine Art und Weise. Von allen Männern, die + ich je gesehen, klein oder groß, ist er am wenigsten =poseur=. + Alles kommt so nebenbei und nachlässig heraus. Ich fragte ihn, ob + er nun mit dem Kaiser von Österreich gut Freund wäre. Er sagte + ja, und der Kaiser wäre im vorigen Jahre in Salzburg ausnehmend + höflich gegen ihn gewesen und durch den ganzen Saal sogleich auf + ihn zugekommen, als er sich in der Türe gezeigt. Er sagte, als + er noch jünger war, habe er sich für einen ganz klugen Burschen + gehalten, aber sich allmählich überzeugt, daß niemand wirklich + mächtig oder groß sei, und er müsse darüber lachen, wenn er sich + preisen höre als weise, vorherrschend und als übe er große Macht + aus in der Welt. Ein Mann in seiner Stellung sei genötigt, während + Unbeteiligte erwägen, ob es morgen Regen oder Sonnenschein geben + würde, prompt zu entscheiden: es wird regnen oder es wird schön + Wetter sein, und demgemäß zu handeln mit allen ihm zu Gebote + stehenden Mitteln. Hatte er recht geraten, so rief alle Welt: + welche Weisheit, welche Prophetengabe! Hatte er unrecht, so möchten + alle alten Weiber mit Besenstielen nach ihm schlagen. — Wenn er + weiter nichts gelernt hätte, so hätte er Bescheidenheit gelernt. + Ganz gewiß lebte nie ein Sterblicher, der so unaffektiert war, + und auch kein genialerer. Er sieht aus wie ein Koloß, aber seine + Gesundheit ist schon erschüttert. Er kann nie vor vier oder fünf + Uhr morgens einschlafen. Natürlich folgt ihm seine Arbeit hierher + nach, doch schien sie ihn wenig zu belästigen. Er sieht aus wie ein + Landedelmann, der vollkommen Muße hat. ...« + +[Illustration: ~Das Berliner Friedenskonzert~ + +»Lieber Gortschakow, mir scheint, der Bismarck bläst falsch.« +Gortschakow und Andrassy weilten im September 1872 mit ihren Souveränen +in Berlin. Hier wurde auch die Versöhnung zwischen Rußland und +Österreich besiegelt. (»Kikeriki«, Oktober 1872)] + + +Die dankbare Borussia + + Von seinem alten Herrn erhielt Bismarck zum Silberfeste eine + kostbare Vase in Begleitung des folgenden Handschreibens aus + Koblenz vom 26. Juli: »Sie werden am 28. ein schönes Familienfest + begehen, das Ihnen der Allmächtige in seiner Gnade beschert. Daher + darf und kann Ich mit Meiner Teilnahme an diesem Feste nicht + zurückbleiben, und so wollen Sie und die Fürstin, Ihre Gemahlin, + hier Meinen innigsten und herzlichsten Glückwunsch zu diesem + erhebenden Feste entgegennehmen! Daß Ihnen beiden, unter so vielen + Glücksgütern, die Ihnen die Vorsehung für Sie erkoren hat, doch + immer das häusliche Glück obenan stand, das ist es, wofür unsere + Dankgebete zum Himmel steigen! Unsere und Meine Dankbarkeit gehen + aber weiter, indem sie den Dank in sich schließen, daß Gott Sie + Mir in entscheidender Stunde zur Seite stellte und damit eine + Laufbahn Meiner Regierung eröffnete, die weit über Denken und + Verstehen geht. Aber auch hierfür werden Sie Ihre Dankgebete nach + oben senden, daß Gott Sie begnadigte, so Hohes zu leisten! Und in + und nach allen Ihren Mühen fanden Sie stets in der Häuslichkeit + Erholung und Frieden, — das erhielt Sie Ihrem schweren Berufe! Für + diesen sich zu erhalten und zu kräftigen, ist Mein stetes Anliegen + an Sie, und freue Ich mich, aus Ihrem Briefe durch Oberst Graf + Lehndorff und von diesem selbst zu hören, daß Sie jetzt mehr an + sich als an die Papiere denken werden. — Zur Erinnerung an Ihre + Silberne Hochzeit wird Ihnen eine Vase übergeben werden, die eine + dankbare Borussia darstellt, und die, so zerbrechlich ihr Material + auch sein mag, doch selbst in jeder Scherbe dereinst aussprechen + soll, was Preußen Ihnen durch die Erhebung auf die Höhe, auf + welcher es jetzt steht, verdankt. Ihr treuergebener, dankbarer + König Wilhelm.« + +Im Spätsommer kehrte Bismarck nach Berlin zurück und stürzte sich +mitten in den Trubel, den der Besuch der Kaiser von Österreich und +Rußland und ihrer Minister in Berlin heraufbeschwor. In täglichen +Beratungen erreichte er ein außerordentlich herzliches Verhältnis zu +diesen beiden Monarchen, das Einverständnis der drei Kaiser und ihrer +Staatsmänner umfaßte den gesamten Inhalt der Politik. Bismarck hatte +in der Tat die Achtung und das Vertrauen aller Völker für Deutschland +gewonnen. + +In der Fülle der Erfolge aber traf den großen Staatsmann ein besonderer +Kummer: Sein alter Kampfgenosse Roon reichte dem Kaiser die Bitte um +Entlassung aus all seinen Staatsämtern ein. + +[Illustration: ~Der beurlaubte Bismarck~ + +»Welch ein Verlust für die Witzblätter, wenn sich der gekränkte Mann +am Ende gar die berühmten drei Haare ausreißt.« Es ist die Zeit, in +der verbissene Konservative auf Bismarcks »erzwungenen Rücktritt« +hinarbeiten, voran Graf Harry von Arnim. Der Urlaub, den der Kanzler +genommen hatte, wurde ohnehin durch eine Erkrankung gestört. +(»Kikeriki«, April 1874)] + +Dieser Schlag traf Bismarck ungeheuer hart, wenn er auch die von dem +alten Gefährten angegebene Begründung, die in seinem zerrütteten +Gesundheitszustand lag, durchaus anerkennen mußte. In diesen Tagen ist +in ihm stärker als je zuvor der Wunsch lebendig geworden, einen Teil +der Bürde, die auf ihm lag, von den Schultern zu werfen und nur noch +Minister des Auswärtigen zu bleiben. Dieser Dienst, so schreibt er in +dem Briefe an Roon, nehme eine volle Manneskraft in Anspruch, er könne +nicht auch noch die volle Verantwortung für die innere Politik tragen. +Auch habe er im Innern den Boden, der ihm annehmbar sei, durch die +Desertion der Konservativen Partei in der katholischen Frage verloren: +»Meine Federn sind durch Überspannung erlahmt, der König als Reiter +im Sattel weiß wohl kaum, daß und wie er in mir ein braves Pferd +zuschanden geritten hat; die Faulen halten länger aus, aber =ultra +posse nemo obligatur=.« + +Der Roon-Krisis folgte eine Bismarck-Krisis. Aber Roon nahm schließlich +sein Entlassungsgesuch zurück, und da er unter den Ministern allein das +volle Vertrauen des Königs besaß, so übernahm er sogar an Bismarcks +Stelle den Vorsitz im Ministerrat und die Leitung der preußischen +Geschäfte. Jetzt wäre sicher die günstigste Gelegenheit für die +Konservativen gewesen, die Versöhnung mit dem großen Kanzler zu +suchen. Solche Schritte sind leider unterblieben; die Aktion wurde +sogar mit verstärkter Heftigkeit fortgeführt, und tausend Versuche +wurden gemacht, dem Staatsmann das Vertrauen des Königs zu rauben. +Aber König Wilhelm hielt fest in Treuen, und niemals sind die Beweise +seiner Freundschaft und Huld so zahlreich gewesen wie eben in diesen +Tagen. So durfte der Minister am Weihnacht-Heiligabend von seinem +königlichen Freunde die Nachbildung des Standbildes Friedrichs des +Großen entgegennehmen, für die er in einem wundervollen Briefe seinen +Dank aussprach: + +[Illustration: ~Der Vogelfänger bin ich ja, stets lustig — heisa +hopsasa!~ + +General Lamarmora hatte Fälschungen in Gestalt von diplomatischen +Aktenstücken veröffentlicht, die sich gegen Bismarck richteten. Der +Kanzler trägt hier als Papageno die drei von ihm eingefangenen Vögel +Napoleon, Beust und Lamarmora auf seiner Stange. (»Kladderadatsch«, +September 1873)] + + +Vielleicht ein unbrauchbarer General + + »Ich habe jederzeit bedauert, daß es mir nach dem Willen meiner + Eltern nicht erlaubt war, lieber vor der Front als hinter dem + Schreibtisch meine Anhänglichkeit an das angestammte Königshaus und + meine Begeisterung für die Größe und den Ruhm des Vaterlandes zu + betätigen. Auch heute, nachdem Eure Majestät mich zu den höchsten + staatsmännischen Ehren erhoben hat, vermag ich das Bedauern, + ähnliche Stufen nicht als Soldat mir erstritten zu haben, nicht + ganz zu unterdrücken. Verzeihen Eure Majestät am heiligen Abend + einem Manne, der gewohnt ist, an christlichen Gedenktagen auf + seine Vergangenheit zu blicken, diese Aussprache persönlicher + Empfindungen. Ich wäre vielleicht ein unbrauchbarer General + geworden, aber nach meiner eigenen Neigung hätte ich lieber + Schlachten für Eure Majestät gewonnen, wie die Generale, die das + Denkmal zieren, als diplomatische Kampagnen. Nach Gottes Willen + und nach Eurer Majestät Gnade habe ich die Aussicht, in Schrift + und Erz genannt zu werden, wenn die Nachwelt die Erinnerung an + Eurer Majestät glorreiche Regierung verewigt. Aber die herzliche + Anhänglichkeit, die ich, unabhängig von der Treue jedes ehrlichen + Edelmannes für seinen Landesherrn, für Eurer Majestät Person + fühle, der Schmerz und die Sorge, die ich darüber empfinde, daß + ich Eurer Majestät nicht immer nach Wunsch dienen kann, werden in + keinem Denkmal Ausdruck finden können; und doch ist es nur dieses + persönliche Gefühl in letzter Instanz, welches die Diener ihrem + Monarchen, die Soldaten ihrem Führer, auf Wegen, wie Friedrich + =II.= und Eure Majestät nach Gottes Ratschluß gegangen sind, in + rücksichtsloser Hingebung nachzieht. Meine Arbeitskraft entspricht + nicht mehr meinem Willen, aber der Wille wird bis zum letzten Atem + Eurer Majestät gehören. v. Bismarck.« + +Schon jetzt trat ein Mann in den Vordergrund mit einem Namen, der bald +recht oft und recht wenig rühmlich hervortreten sollte: Graf Harry +von Arnim. Er stand mit allen dem Kanzler feindlichen Elementen in +Verbindung, und gerade jetzt drängte er sich an ihre Spitze in der +Hoffnung, sein Nachfolger zu werden. + +[Illustration: ~Fürstbischof Förster, der Gepfändete, und die Hydra~ + +Fürstbischof Förster von Breslau war wegen Vergehens gegen die +Maigesetze mehrfach gepfändet, zu Geldstrafen verurteilt und der +Temporalien beraubt worden. (»Kikeriki« Januar, 1874)] + + +Graf Harry Arnim + + Von ihm erzählt Bismarck in seinem Gedenkbuch: Graf Harry Arnim + vertrug wenig Wein und sagte mir einmal nach einem Frühstücksglase: + »In jedem Vordermanne in der Karriere sehe ich einen persönlichen + Feind und behandle ihn dementsprechend. Nur darf er es nicht + merken, solange er mein Vorgesetzter ist.« Es war dies in der Zeit, + als er, nach dem Tode seiner ersten Frau aus Rom zurückgekommen, + durch eine italienische Amme seines Sohnes in rot und gold Aufsehen + auf den Promenaden erregte und in politischen Gesprächen gern + Macchiavell und die Werke italienischer Jesuiten und Biographen + zitierte. Er posierte damals in der Rolle eines Ehrgeizigen, der + keine Skrupel kannte, spielte hinreißend Klavier und war vermöge + seiner Schönheit und Gewandtheit gefährlich für die Damen, denen er + den Hof machte. Diese Gewandtheit auszubilden, hatte er frühzeitig + begonnen, indem er als Schüler des Neustettiner Gymnasiums von + den Damen einer wandernden Schauspielertruppe sich in die Lehre + nehmen ließ und das mangelnde Orchester am Klavier ersetzte. Unter + den Persönlichkeiten, die neben ausländischen Einflüssen, neben + der »Reichsglocke« und ihren Mitarbeitern in aristokratischen + und Hofkreisen und in den Ministerien meiner Kollegen, neben dem + verstimmten Junkertum und dessen Ära-Artikeln in der »Kreuzzeitung« + daran arbeiteten, mir das Vertrauen des Kaisers zu entziehen, + spielte Graf Harry Arnim eine hervorragende Rolle. Am 23. August + 1871 wurde er auf meinen Antrag zum Gesandten, demnächst zum + Botschafter in Paris ernannt, wo ich seine hohe Begabung trotz + seiner Fehler im Interesse des Dienstes nützlich zu verwerten + hoffte; er sah in seiner Stellung dort aber nur eine Stufe, von der + aus er mit mehr Erfolg daran arbeiten konnte, mich zu beseitigen + und mein Nachfolger zu werden. Nachdem Arnim sich 1873 in Berlin + überzeugt hatte, daß seine Aussichten, an meine Stelle zu treten, + noch nicht so reif waren, wie er angenommen hatte, versuchte er + einstweilen das frühere gute Verhältnis herzustellen, suchte mich + auf, bedauerte, daß wir durch Mißverständnisse und Intrigen anderer + auseinandergekommen wären, und erinnerte an Beziehungen, die er + einst mit mir gehabt und gesucht hatte. Zu gut von seinem Treiben + und von dem Ernst seines Angriffes auf mich unterrichtet, um mich + täuschen zu lassen, sprach ich ganz offen mit ihm, hielt ihm vor, + daß er mit allen mir feindlichen Elementen in Verbindung getreten + sei, um meine politische Stellung zu erschüttern, in der irrigen + Annahme, er werde mein Nachfolger werden, und daß ich an seine + versöhnliche Gesinnung nicht glaube. Er verließ mich, indem er + mit der ihm eigenen Leichtigkeit des Weinens eine Träne im Auge + zerdrückte. Ich kannte ihn von seiner Kindheit an. + +[Illustration: ~Bismarck als Figaro singt das »Largo an das Faktotum«~ + + »=Bizzimarck here, + Bizzimarck there, + Bizzimarck, Bizzimarck everywhere!!=« + (»Punch«, 31. Oktober 1874)] + +Inzwischen tobte der Kulturkampf weiter. Auch der Papst hatte +öffentlich Stellung genommen und die herrschende Erregung noch +aufgestachelt. Ja, er hatte sogar in einer Ansprache an deutsche Pilger +die Wendung gebraucht, im Reiche herrsche eine Verfolgung gegen die +Kirche, an deren Spitze der erste Minister stehe, und er hatte mit +den Worten geschlossen: »Wer weiß, ob nicht bald das Steinchen sich +von der Höhe löst, daß es den Fuß des Kolosses zertrümmert.« Und im +Parlament war einer der Führer des Zentrums, Herr von Schorlemer-Alst, +so weit gegangen, Anklagen gegen den Kanzler zu erheben, daß er nicht +nur den Umsturz der Bundesverfassung vorbereitet und durchgeführt +habe, sondern daß er auch im Jahre 1866, verbündet mit Garibaldi und +Klapka, die ungarischen und kroatischen Regimenter zum Bruch ihres +Fahneneides zu verführen versuchte. Herr von Mallinckrodt fügte +hinzu, daß Bismarck bereit war, einen Teil des linken Rheinlandes, +den die bayrische Pfalz und Koblenz und Trier bilden, an Frankreich +abzutreten. Er habe dies »in amtlichen Aktenstücken gelesen und sich +bisher vergeblich nach einem Widerspruch umgesehen«. Es waren die +Fälschungen des Generals Lamarmora, die den Zentrumsführern den Stoff +zu ihren wilden Angriffen boten. Sie mußten aber aus Bismarcks Munde +die grimmige Antwort vernehmen, daß sie sich auf dreiste, lügenhafte +Erfindungen stützen, gemacht in gehässiger Absicht gegen ihn, der sich +rühmen dürfe, in Europa der bestgehaßte Mann zu sein. »Ich habe niemals +irgend jemandem«, so rief Bismarck, »die Abtretung auch nur eines +Dorfes oder eines Kleefeldes zugesichert oder in Aussicht gestellt.« +Auch hier sollte die persönliche Verdächtigung den Mann fällen, der +auch in diesem schweren Kampfe immer und immer wieder versuchte, aus +der Niederung der persönlichen Gehässigkeit den Streit auf die Höhen +des Prinzips zu tragen. Niemals in so gewaltiger Weise wie in jener +Rede, in der er den Streit des Tages hinstellte als eine Episode in +dem uralten Machtstreit zwischen Königtum und Priestertum, der viel +älter sei als die Erscheinung unseres Erlösers in der Welt, in dem +Agamemnon bereits in Aulis mit seinen Sehern lag, der die deutsche +Geschichte des Mittelalters unter dem Namen der Kämpfe der Päpste mit +den Kaisern erfüllte und seinen Abschluß damit fand, daß der letzte +Vertreter des erlauchten schwäbischen Kaiserstammes unter dem Beile +eines französischen Eroberers auf dem Schafott starb. Das Papsttum, +so rief er aus, sei eine politische Macht zu jeder Zeit gewesen, +die mit der größten Entschiedenheit und dem größten Erfolge in die +Verhältnisse dieser Zeit eingriff. Das Ziel sei die Unterwerfung der +weltlichen unter die geistliche Gewalt. Der Kampf aber des Priestertums +mit dem Königtum sei zu beurteilen wie jeder andere Kampf: er hat +seine Bündnisse, seine Friedensschlüsse, seine Haltepunkte und +Waffenstillstände. »Es handelt sich um die Verteidigung des Staates, es +handelt sich um die Abgrenzung, wie weit die Priesterherrschaft und +wie weit die Königsherrschaft gehen soll; aber diese Abgrenzung muß so +gefunden werden, daß der Staat seinerseits dabei bestehen kann. Denn in +dem Reiche dieser Welt hat er das Regiment und den Vortritt. ... Die +Zentrumspartei in ihren Wirkungen ist eine Breschbatterie, aufgeführt +gegen den Staat; die Artilleristen, die sie leiten, die Ingenieure, die +sie erbauten, wissen genau, was sie beabsichtigten.« + + +Bibelfest + + Die Konservativen haben damals sogar durch die Waffen des Gebetes + auf Bismarck einzuwirken gesucht. So schrieb noch vor der Annahme + der Maigesetze der alte Oberpräsident Senfft von Pilsach an + ihn, er solle sich ermannen, denn wenn er Gottes Mahnungen zur + Buße beharrlich widerstrebe, so werde er ohne Zweifel seinem + Gerichte verfallen. Bismarck antwortete mit der Versicherung, + daß das Interesse, welches der alte Herr an seinem geistigen und + geistlichen Leben nehme, durchaus auf Gegenseitigkeit beruhe: Aber + ich hätte gern die Gewißheit darüber, daß Ihre mahnende Stimme + auch den Ihnen nahestehenden Gegnern Seiner Majestät des Königs + nicht vorenthalten werde, welchen die Demut unseres Erlösers so + fremd geworden ist, daß sie im zornigen Dünkel eigener Weisheit + und in heidnischer Priesterherrschaft es als ihre Aufgabe + ansehen, das Land und die Kirche zu meistern und die Grundlagen + beider zum Vorteil ausländischer und dem Evangelium feindlicher + Gewalten tatsächlich zu erschüttern. Ich bitte Ew. Exzellenz, + sich Ihrerseits vorzusehen, daß Sie dem Gericht Gottes nicht eben + durch die Überhebung Ihrer an mich gerichteten Warnung verfallen. + Ich empfehle Ihnen, den 4. und 5. Vers des 12. Psalms zu lesen — + »Der Herr wolle ausrotten alle Heuchelei und die Zunge, die da + stolz redet, die da sagen: Unsere Zunge soll überhand nehmen, + uns gebühret zu reden; wer ist unser Herr?« — und will mich im + Vertrauen auf den Schluß des 3. Psalms an diesen halten — »Ich + fürchte mich nicht vor viel hundert Tausenden, die sich umher wider + mich legen. Auf, Herr, und hilf mir, mein Gott; denn du schlägst + alle meine Feinde auf den Backen und zerschmetterst der Gottlosen + Zähne. Bei dem Herrn findet man Hilfe.« + +Es ist vielleicht das dunkelste Blatt in der Geschichte des politischen +Konservativismus, daß aus seinen Reihen Männer erstanden, die selbst +vor dem Versuche nicht zurückschreckten, den Namen des Fürsten Bismarck +mit jenen wüsten Spekulationen und Börsenmanövern in Verbindung +zu bringen, die der Segen der fünf Milliarden nach Deutschland +verpflanzte. Die Reichstagswahlen vom Januar 1874 haben dann die +konservativen Gegner Bismarcks fast vollständig hinweggefegt. + +In jene Zeit fallen auch die ersten Zeichen jener inneren Verständigung +mit Italien, die später zu dem engen Zusammenschluß der beiden +mitteleuropäischen Kaiserreiche mit diesem Staate führen sollten. +Viktor Emanuel ist damals persönlich nach Berlin gekommen, und in +langen vertraulichen Gesprächen mit dem Fürsten Bismarck hatte er den +Anschluß seines Landes an die nordischen Mächte vorzubereiten gesucht. + + +Die kostbare Dose + + Bei diesem Besuche hat sich eine Episode ereignet, von der die + Welt erst durch Bismarcks letztes Gedenkbuch erfuhr: »Ich hatte«, + so erzählt der Kanzler, »durch Herrn v. Keudell erfahren, daß + der König eine Dose mit Brillanten, deren Wert auf 50000–60000 + Franken, ungefähr auf das Sechs- bis Achtfache des bei solchen + Gelegenheiten Üblichen, angegeben wurde, hatte anfertigen und + dem Grafen Launay zur Überreichung an mich zustellen lassen. + Gleichzeitig kam es zu meiner Kenntnis, daß Launay die Dose mit + Angabe des Wertes seinem Hausnachbarn, dem bayrischen Gesandten + Baron Pergler von Perglas, gezeigt hatte, der unseren Gegnern + in dem Kulturkampfe persönlich nahestand. Der hohe Wert des mir + zugedachten Geschenkes konnte also Anlaß geben, es in Verbindung + zu bringen mit der Anlehnung, die der König von Italien bei dem + Deutschen Reiche damals erstrebte und erlangte. Als ich dem Kaiser + meine Bedenken gegen die Annahme des Geschenkes vortrug, hatte + er zunächst den Eindruck, als ob ich es überhaupt unter meiner + Würde fände, eine Porträtdose anzunehmen, und sah darin eine + Verschiebung der Traditionen, an die er gewöhnt war. Ich sagte: + ›Gegenüber einem solchen Geschenke von durchschnittlichem Werte + würde ich auf den Gedanken der Ablehnung nicht gekommen sein. In + diesem Falle aber hätte nicht das fürstliche Bildnis, sondern + hätten die verkäuflichen Diamanten das für die Beurteilung des + Vorgangs entscheidende Gewicht; mit Rücksicht auf die Lage des + Kulturkampfes müßte ich Anknüpfungspunkte für Verdächtigungen + vermeiden, nachdem der den Umständen nach übertriebene Wert der + Dose durch die nachbarlichen Beziehungen von Perglas konstatiert + und in der Gesellschaft hervorgehoben worden sei.‹ Der Kaiser + wurde schließlich meiner Auseinandersetzung zugänglich und schloß + den Vortrag mit den Worten: ›Sie haben recht, nehmen Sie die Dose + nicht an.‹ Nachdem ich meine Auffassung durch Herrn v. Keudell zur + Kenntnis des Grafen Launay gebracht hatte, wurde der Dose ein sehr + hübsches und ähnliches Porträt des Königs substituiert mit seiner + eigenhändigen Unterschrift. Der König behielt jedoch das Bedürfnis, + mir einen verstärkten Ausdruck seines Wohlwollens zu geben durch + ein dem ursprünglich beabsichtigten im Werte analoges, aber + nicht verkäufliches Geschenk, und ich erhielt als Zugabe zu der + schmeichelhaften Unterschrift des Porträts eine Alabastervase von + ungewöhnlicher Größe und Schönheit, deren sichere Verpackung und + Beförderung bei der überstürzten Räumung meiner Amtswohnung, zu der + mein Nachfolger mich nötigte, nicht ohne Schwierigkeit war. Anderer + Ansicht über die Annahme einer mit Brillanten gefüllten Dose war + übrigens Gortschakow. Bei unserem Besuch in Petersburg fragte mich + Seine Majestät: ›Was kann ich nur dem Fürsten Gortschakow geben? + Er hat schon alles, auch Porträt; vielleicht eine Büste oder Dose + mit Brillanten?‹ Ich erhob gegen eine teuere Dose Einwendungen, + die ich aus der Stellung und dem Reichtum des Fürsten Gortschakow + herleitete, und der Kaiser gab mir recht. Ich sondierte darauf den + Fürsten vertraulich und erhielt sofort die Antwort: ›Laß Er mir + (Russizismus) eine tüchtige Dose geben mit guten Steinen (=avec + de grosses bonnes pierres=).‹ Ich meldete dies Seiner Majestät + etwas beschämt über meine Menschenkenntnis; wir lachten beide, und + Gortschakow bekam seine Dose.« + +[Illustration: ~Kullmanns Attentat~ + +Darauf haben die Attentatsfreunde nicht gedacht, daß bei dem Schusse +auf Bismarck — eigentlich doch wieder nur die stolze Kirche getroffen +ward. (»Kikeriki«, 27. Juli 1874)] + +Am schwersten traf den Fürsten Bismarck der Verlust seines alten +Kampfgenossen Roon, der jetzt endgültig vom Schauplatz seiner Taten +Abschied nahm. Die Briefe, die in diesen Tagen die beiden heldenmütigen +Männer tauschten, bilden vielleicht eines der ergreifendsten Dokumente +eines wahrhaft großen und darum innerlich stets bescheidenen +Menschentums. + + +=Adelantador= + + In seinem Abschiedsbriefe an Bismarck schrieb Roon: »Zum Schlusse + dieser Zeilen erlauben Sie mir, Ihnen aus vollem Herzen nochmals + mein ›=Adelante, adelantador atrevido!=‹ (Vorwärts, immer vorwärts, + kühner Held) zuzurufen und Gottes Segen für Ihr ferneres + gedeihliches und großartiges Wirken zu erflehen; und das werde ich + immer tun, bis an mein vielleicht nicht mehr fernes Lebensende, + gleichviel ob ich auf der Bühne oder im Zuschauerraum meinen Platz + habe!« + + +Ich hatt’ einen Kameraden + + In seiner Antwort schrieb Bismarck: »... Gott hat die Fahnenflucht + unserer Junker von Thron und Evangelium zugelassen und dadurch + unser Rüstzeug schwer geschädigt; aber ich schöpfe auch hier wie + 63, 66, 70 in allen den Kämpfen, die wir, lieber alter Freund, + Schulter an Schulter siegreich bestanden haben, Mut aus dem + mich innerlich tief berührenden Worte: ›Gott widersteht den + Hoffärtigen.‹ Und auch im Kampfe mit Kleist, Waldow und Gerlach, + wie mit den ehrgeizigen Priestern des römischen Götzendienstes + sehe ich die Hoffart zu meinem Trost im feindlichen Lager. + Gefochten soll sein, das ist mir so klar, als ob Gott mir es auf + deutsch befohlen hätte. Ich stehe dienstlich auf der Bresche, + und mein irdischer Herr hat keine Rückzugslinie, also: =vexilla + regis prodeunt=, und ich will, krank oder gesund, die Fahne + meines Lehnsherrn halten, gegen meine faktiösen Vettern so fest + wie gegen Papst, Türken und Franzosen. Vermüde ich, so bin ich + anschlagmäßig verwendet, und der Verbrauch meiner Person ist vor + jedem Rechnungshofe justifiziert. Durch Ihren Rücktritt bin ich + vereinsamt, unter Philistern die einzig fühlende Brust. Der alte + Rest vom alten Stamm, der bleibt, ist faul. Ich will nicht zu ihm + sagen: ›Heinrich, mir graut vor dir‹, aber ich habe mitunter Lust, + falls ich noch körperlich stärker bin, es ihn empfinden zu lassen. + Ich wollte Ihnen nur ein herzliches Lebewohl schreiben, und nun + komme ich auf sechs Seiten solcher Abirrungen. Sehen werden wir uns + ja doch im Winter, und persönlich also nehme ich nicht Abschied. + Wir werden mündlich doch noch manchen Rückblick auf die elf + Geschichtsjahre tun können, die Gott uns zusammen hat durchkämpfen + lassen, und in denen wir mehr von seiner Gnade erlebt haben, als + wenigstens mein Verstehen und Erwarten faßte. Im Amte aber wird es + einsam um mich sein, je länger je mehr; die alten Freunde sterben + oder werden Feinde, und neue erwirbt man nicht mehr. Wie Gott will: + Im gelben Sitzungszimmer werde ich die Lücke auf Ihrem Sofaplatze + nicht ausgefüllt finden und dabei denken: ›Ich hatt’ einen + Kameraden.‹ — Man wird alt, das hat sein Gutes; man ist zufrieden + mit Knochen und Leder, an sich und anderen. Der Postbote mahnt. + Herzlichen Gruß und auf baldiges Wiedersehen. Ihr getreuer Freund + von Bismarck.« + +[Illustration: ~Der Sturz der Titanen~ + +Skizze zu einem Deckengemälde für das Zentrum. Zum Andenken an die +Sitzung des Reichstags am 4. Dezember 1874 + +Es handelt sich um die Sitzung, in der Bismarck den Attentäter Kullmann +an die Rockschöße des Zentrums gehängt hat. Windthorst, Jörg, Majunke, +Kullmann stürmen gegen ihn an. (»Berliner Wespen«, Dezember 1874)] + +[Illustration: ~In Friedrichsruhe~ + + Bismarck: »Ick soll Ihnen wegen der Reformen in Rußland raten? Det is + wohl ganz einfach: Jeben Sie die Freiheit wie in Preußen! He? Wat sagen + Sie?« + Der Zar: »Geniale Idee!« + + (»Humoristische Blätter«, 2. März 1884)] + +In Kissingen, wo der Kanzler, dessen Gesundheit unter all den Kämpfen +wiederholt zusammenbrach, auch im Sommer 1874 Genesung suchte, +entlud sich nun der gegen ihn gesammelte Haß in dem Mordversuch +des Böttchergesellen Kullmann. Er war ein roher und gewalttätiger +Bursche, Mitglied in einem katholischen Gesellenverein, aufgereizt +durch Flugblätter und Reden, aber sicherlich nicht in das Verständnis +der großen Gegensätze gedrungen, die nach der großen Kriegszeit das +deutsche Volk erschütterten. Bei ihm wie bei all den anderen, die zur +Mordwaffe griffen, mündet der weite Strom der Ideen in den engen Kanal +der geistigen Beschränktheit, und während große Männer in wundervollem +erregendem Kampfe ihre Kräfte messen, sitzt irgendwo in der engen +Kammer einer von den ganz Dumpfen und ganz Engen, nur eines einzigen +Gedankens fähig, und zähe an diesem Gedanken haftend, bis er zur Tat +wird. Er begreift es nicht, worin die Größe des Daseins besteht, und er +greift mit plumper Hand in das feine Gewebe der Gottheit. + +[Illustration: ~Jahresregent Jupiter~ + +Jupiter (Bismarck) als Stier, der Europa trägt. An den Schwanz des +Tieres klammern sich Russen, Franzosen und andere Völker. (Der »Floh«, +Januar 1875)] + + +Kullmanns Attentat + + Der 13. Juli war gekommen. Bismarck fuhr gegen Mittag aus. Aber + der Wagen hatte von der Ausfahrt des Wohnhauses an nur erst etwa + fünfzehn Schritte langsam zurückgelegt — da ein katholischer + Landgeistlicher in der Fahrbahn stand und nicht ausweichen wollte + —, als plötzlich aus nächster Nähe eine Pistole auf den Fürsten + Bismarck abgefeuert wurde. Er hatte zufällig gerade die Hand zu + militärischer Begrüßung der ihn umjubelnden Menge an seine Schläfe + erhoben, als der Schuß krachte. Diese Bewegung rettete sein Leben. + Der Mörder gestand es später selbst ein mit den ihn bezeichnenden + Worten: »Ich habe mich einexerziert, schon öfter, ja hundertmal aus + der Pistole geschossen, aber der Kerl hat eine Bewegung gemacht, + und so habe ich ihn gefehlt.« Die zum Gruß erhobene Hand entzog dem + Mörder das edle Ziel, das Haupt des Fürsten. Die Kugel streifte + nur den Knöchel seiner Rechten. Der Kutscher, fast starr vor + Schrecken, hatte doch die Geistesgegenwart, sich umzudrehen. Er + sieht den Fürsten anscheinend unversehrt, will also weiterfahren + und wendet sein Auge wieder den Pferden zu. Da bemerkt er den + Mörder, der die Pistole fortwirft und in der dichten Menschenmenge + verschwinden will. Durch einen wuchtigen Peitschenhieb über + das Gesicht des Mörders bringt der Kutscher diesen zum Stehen. + Gleichzeitig wirft sich der als Badegast in Kissingen anwesende + Hofschauspieler Lederer aus Darmstadt auf den Mörder und packt ihn + an der Kehle, hält ihn auch — obwohl der Mensch um sich beißt — + fest, bis hundert Arme ihn dingfest machen, zu zerreißen drohen. Da + springt Fürst Bismarck aus dem Wagen, und rettet den Mörder vor der + Volksvergeltung mit dem Worte: man solle den Menschen dem Gesetze + überlassen. Nun wird der Täter nach dem Stadtgefängnis geschleift. + Nachdem er verbunden war, suchte Bismarck den Attentäter selbst + auf und hatte mit ihm im Gefängnis eine Unterredung. Die Frage + des Fürsten: »Kennt Ihr mich?« beantwortete Kullmann mit lautem + »Ja«, dagegen mit »Nein« die Frage, ob er Bismarck schon früher + gekannt habe. Auf die Frage, weshalb er die Tat begangen, + antwortete er ziemlich rasch: »Wegen der Maigesetze!« — Auch + nannte er, wie Bismarck später im Reichstag erzählte, das Zentrum + »seine Fraktion«. — Alle an ihn gestellten Fragen beantwortete + Kullmann mit großer Frechheit und ohne jeden Versuch irgendeiner + Beschönigung seiner Tat. Doch war interessant, zu sehen, daß der + freche Mensch den festen Blick des Fürsten nicht ertragen konnte, + sondern immer sofort die Augen niederschlug. Der Fürst schloß mit + den Worten: »Das ist nicht schön, wenn Landsleute aufeinander + schießen.« + + +Das Geschäft bringt es so mit sich + + Nach dem mißlungenen Attentat Kullmanns bemerkte der Fürst bei + der Abendtafel mit köstlichem Humor: »Die Sache ist zwar nicht + kurgemäß, aber das Geschäft bringt es so mit sich.« + + +Bellachini + + Nach dem Attentat befand sich in der Deputation gratulierender + Kurgäste auch Bellachini, der Magieprofessor. Fürst Bismarck + drückte ihm huldvollst die Hand und bemerkte dabei: »Hätten Sie + denn, da Sie in der Nähe standen, die Kugel nicht auffangen können?« + +Zahllose Ovationen wurden dem Geretteten dargebracht. Über zweitausend +Glückwunschdepeschen und -schreiben trafen ein. Fürst Bismarck hat +Schädigungen von der Wunde nicht davongetragen, nur eine gewisse +Schwäche im Handgelenk blieb zurück. Aber dieses Attentat hat in +den folgenden Kämpfen eine ernste Rolle gespielt. Im Dezember rief +Fürst Bismarck dem Klerikalen Jörg, der erklärt hatte, daß »wegen des +verwegenen Verbrechens eines halbverrückten Menschen ein guter Teil +der Deutschen geradezu ins Delirieren geraten sei«, die heftigen Worte +entgegen: »Mögen Sie sich lossagen von diesem Mörder, wie Sie wollen, +er hängt sich an Ihre Rockschöße fest, er nennt Sie seine Fraktion!« + +[Illustration: ~=Pater peccavi=~ + +Gern säh’ den Bismarck mal als =Pater peccavi= jetzt der Heilige Vater. +(»Berliner Wespen«, Februar 1874)] + + +Pfui! + + Auf Bismarcks Rede erklang von links und rechts ein stürmisches + Bravo, aus dem Zentrum aber rief eine schrille Stimme »Pfui!«. + Dem Rufer, Graf Ballestrem, diente Bismarck mit folgenden Worten: + »Meine Herren! Der Herr Präsident hat schon gerügt, was ich von + dem Herrn Abgeordneten, der dort auf der zweiten Bank sitzt, + rügen wollte — oder vielmehr, rügen ist nicht mein Beruf, aber + ich wollte meine Meinung darüber äußern. ›Pfui!‹ ist ein Ausdruck + des Ekels und der Verachtung. Meine Herren, glauben Sie nicht, + daß mir diese Gefühle fernliegen; ich bin nur zu höflich, um sie + auszusprechen.« — Noch einmal wurde später dem Fürsten Bismarck im + Reichstag ein »Pfui!« entgegengeschrien: Als er im Mai 1889 seine + letzte Rede über die Altersversicherung hielt und die Freisinnigen + anklagte, daß sie ihm stets ihre Zustimmung versagten, ob aus + Abneigung gegen seine Person oder aus fraktionellen Gründen, da + erklang aus dem Munde des Herrn Struwe dieses Schmähwort. Bismarck + aber schritt in seiner ganzen Größe bis an den Rand der Tribüne: + »Erlauben Sie, daß ich da ganz offen rede; wer mir ›Pfui!‹ sagt, + denn nenne ich unverschämt. Ich will den Herrn gar nicht fragen — + Sie mögen die Wahrheit nicht hören; ich bin aber hier, um Ihnen + die Wahrheit zu sagen. Insultieren lasse ich mich nicht, dann + insultiere ich wieder. ›Pfui!‹ — ich weiß nicht, worauf sich + das bezog, ich kann deshalb darauf nicht erwidern. Ich betrachte + es als einen allgemeinen Ausdruck des Hasses, dessen Gegenstand + ich seit Jahren hier an dieser Stelle für die Herren, die dort + sitzen, gewesen bin. Als Christ kann ich das hinnehmen, aber als + Kanzler, solange ich hier stehe, kämpfe ich dagegen und lasse + mir dergleichen nicht sagen, ohne darauf zu reagieren.« Später + hat auf einem parlamentarischen Abend Fürst Bismarck diese Szene + kommentiert: »Ja, was soll man machen, wenn einem jemand sozusagen + vor versammeltem Kriegsvolk ›Pfui!‹ zuruft? Es ist doch gerade, als + ob mich jemand anspuckt. Das erstemal war es ein Herr vom Zentrum, + der mir das Wort zurief. Es war noch die Zeit, wo ich immer einen + Revolver in der Tasche trug. Als der Zwischenruf erscholl, dachte + ich zunächst: ›Du gehst hin und schießt ihn nieder!‹ Nach einer + halben Minute Überlegung aber habe ich mir gesagt: ›Nein, das ist + denn doch nicht dein Metier!‹« + +[Illustration: ~Herrn Ludwig Bamberger gewidmet~ + +»Wir Liberalen werden nicht den Ast absägen, auf dem wir sitzen.« +(»Frankfurter Laterne«, März 1873)] + +Immer noch höher stiegen die Wellen des Kulturkampfes. Die Maigesetze, +das Brotkorbgesetz, die Aufhebung der Artikel 15, 16 und 18 der +Verfassung, die Unterordnung der Religionsgesellschaften unter die +staatlichen Gesetze, der Kampf gegen die Jesuiten — immer wieder trat +Fürst Bismarck in die Bresche, um die Rechte des Staates zu schützen. +Bis dann die Zeit kam, wo der Staatsmann der Steuergesetzgebung im +Reiche und bald auch der neuen Wirtschaftspolitik den Weg zu öffnen +suchte, und wo er, da der Liberalismus sich sträubte, gezwungen war, +Wege des Friedens mit dem Zentrum zu betreten. Ihm galt ja auch der +Kulturkampf nicht als Selbstzweck; er fühlte es, daß doch vielleicht +die Gesetzgebung der Ära Falck zu weit gegangen war, und indem er dann +an die Revision der Maigesetze ging, suchte er einen =modus vivendi= +mit Rom und der römischen Kirche zu schaffen. Allerdings innerlich +auch jetzt überzeugt, daß ein ewiger Friede mit der römischen Kurie +niemals eintreten wird. Denn in der Kurie erkannte er eine unabhängige +politische Macht, zu deren unabänderlichen Eigenschaften der Trieb +zum Umsichgreifen gehöre. Während aber die Wogen des Kulturkampfes +allmählich sich zu glätten begannen, erhoben sich neue Hindernisse +und Schwierigkeiten nach anderer Richtung: In der Auswärtigen Politik +ballte sich plötzlich eine dunkle Wolke zusammen, und die Abneigung der +extremen Konservativen stieg bis zu einer unerhörten Maßlosigkeit empor. + +Der Gedanke, daß ein neuer Krieg mit Frankreich notwendig werde, +dessen Kraft schnell erstarkt war, beherrschte den größten Teil der +siebziger Jahre. Besonders der Generalstab ging von der Anschauung +aus, daß ein Krieg auch aus prophylaktischen Gründen geführt werden +könne, und daß es geraten sei, den Kampf gegen Frankreich aufzunehmen, +solange man noch die Gewißheit habe, dem Gegner überlegen zu sein. +Auch Moltke war dieser Meinung. Aber Fürst Bismarck trat ihm mit +voller Entschlossenheit entgegen. Denn er hielt jeden Krieg für eine +Ruchlosigkeit, der uns nicht aufgezwungen und aufgedrungen würde. Aber +gerade gegen Bismarcks Friedensliebe richtete sich das Komplott, das +von dem französischen Botschafter in Berlin, Herrn von Gontaut-Biron, +und dem russischen Kanzler Gortschakow gesponnen wurde und das seine +Fäden bis an den Hof der Kaiserin Augusta zog. Dieses Komplott trat +zutage, als Kaiser Alexander nach Berlin kam und während eines +dreitägigen Aufenthaltes die Wahrheit erkannte. Das Entlassungsgesuch, +das Fürst Bismarck abermals eingereicht hatte, wurde von seinem +»tieferschütterten Freunde Wilhelm« abgelehnt und ihm ein längerer +Urlaub zur Herstellung seiner Gesundheit bewilligt. + +[Illustration: »~=O lovely peace!=~« + +Bismarck als Bärenführer, läßt den russischen Bären tanzen. Er zitiert +das Wort von Goldsmith: »Mein Bär tanzt immer nach artigen Tönen.« +(»Punch«, Mai 1875)] + +Aber auch über diese Zeit brachen die Sorgen herein: Im Juli erhob sich +der Aufstand in der Herzegowina. Die Gefahr, daß der ganze Balkan zu +einem Brandherd werden und die dort entfesselten Flammen auf Europa +niederschlagen würden, erhob sich in fürchterlicher Nähe. Im nächsten +Frühjahr schon ergriff bereits das Feuer Serbien und Bulgarien, und +wieder nach einem Jahre führte der Zar selbst seine Armeen über die +Donau. Mußte hier nicht die Sorge erwachen, daß Rußland und Österreich +im blutigen Zwiste aneinander geraten? Nahm Fürst Bismarck für den +einen Staat Partei, dann würde sich Frankreich sofort auf die Seite des +anderen schlagen, und ein europäischer Krieg stände vor der Tür. »Ich +habe«, so sagte er damals im Gespräch, »zwei mächtige Wappentiere an +ihren Halsbändern. Ich halte sie auseinander; erstens damit sie sich +nicht zerfleischen, zweitens damit sie sich nicht auf unsere Kosten +verständigen können. Ich glaube damit nicht nur jedem derselben, +sondern auch Deutschland und Europa einen Dienst zu erweisen. ... Dem, +der zum Hieb ausholt, in die Klinge zu fahren, ist ein schlechtes +Geschäft. Man erwirbt sich damit keine Freunde, und der Behinderte wird +einen dieses Dazwischentreten bei anderer Gelegenheit entgelten lassen.« + +Auch in den folgenden Zeiten, als die orientalische Frage immer +brennender wurde, hielt Fürst Bismarck Deutschland nicht für +verpflichtet, aktiv in den Zwist einzutreten. »Ich werde«, so rief +er im Reichstag aus, »zu irgendwelcher aktiven Beteiligung an diesen +Dingen nicht raten, solange ich in dem Ganzen für Deutschland kein +Interesse sehe, welches auch nur die gesunden Knochen eines einzigen +pommerschen Musketiers wert wäre.« Unter Leitung des ehrlichen Maklers +Bismarck kam es denn auch auf der Berliner Konferenz zunächst zu +einem Verständnis der europäischen Mächte, zu einer Einigung aller +christlichen Völker gegenüber den Osmanen. Erleichtert allerdings wurde +dem Staatsmann die Aufgabe dadurch, daß am 6. Mai 1876 in Saloniki der +deutsche und der französische Konsul von fanatisierten mohammedanischen +Pöbelhaufen unter Mitwirkung der Behörden ermordet wurden. Im nächsten +Frühjahr hat dann, da auch die Konferenz der Mächte in Konstantinopel +resultatlos verlief, Rußland der Pforte den Krieg erklärt, und bei +Plewna und am Schipkapaß wurden blutige Schlachten geschlagen. Dem +Frieden von San Stefano ist dann der Berliner Kongreß gefolgt, und seit +diesem Kongreß, der den Russen nicht alle erwünschten Früchte trug, +erhob sich lärmend und rachedurstig gegen Deutschland der Panslawismus. +Als aber auch das amtliche Rußland, vor allem Gortschakow, sich gegen +Deutschland feindselig zeigte, da schloß sich Bismarck mit Österreich +zusammen. + +[Illustration: ~Die Konferenzarbeit~ + +»Blut ist genug geflossen, jetzt kommt die Tinte ’ran.« (»Kikeriki«, +Mai 1875)] + +Während nun draußen harte Konflikte den Frieden der Welt bedrohten, +war Bismarck gezwungen, auch im Inneren seinen Gegnern die gepanzerte +Faust zu weisen. Der erste, den sie traf und den sie zu Boden schlug, +war Graf Harry von Arnim, der in seiner Brandschrift »=Pro nihilo=« die +schwersten Anklagen gegen den großen Staatsmann erhob: Er habe in ihm, +dem Grafen Arnim, nur den Rivalen gesehen und es deshalb veranlaßt, +daß er in seinem ersten Prozeß, der ihm neun Monate Gefängnis eintrug, +rechtswidrig verurteilt wurde. Es fehlte auch der Vorwurf nicht, Fürst +Bismarck habe seine amtliche Stellung zu Geldgeschäften mit Bleichröder +gemißbraucht; er habe dem Kaiser nur eine Scheinherrschaft übrig +gelassen, und er sei so der allmächtigste Minister seit Stilichos und +Pipins Zeiten geworden. Auf diese Schrift erfolgte gegen den einstigen +Botschafter in Rom und Paris eine neue Anklage wegen Landesverrates, +Majestätsbeleidigung und Verleumdung des Reichskanzlers. Das Ergebnis +war das Urteil des Staatsgerichtshofes, das den Grafen in allen Punkten +für schuldig erklärte und unter Aberkennung der Ehrenrechte zu fünf +Jahren Zuchthaus verurteilte. Arnim hatte sich dem Richter nicht +gestellt; er ist, ein Verschollener, im Mai 1881 zu Nizza gestorben. +Aber seine Gesinnungsgenossen und Freunde setzten mit erneutem Eifer +ihren Feldzug gegen Bismarck fort. Hier traf die »Kreuzzeitung« sich +mit der »Reichsglocke« Joachim Gehlsens auf dem gleichen Pfade. Und +hier sah Bismarck, wie er in seinem Gedenkbuch berichtet, unter seinen +schroffsten, aber keineswegs ehrlichsten Gegnern den Obersten von +Caprivi, der später sein Nachfolger wurde. + +Schon ein Jahr vorher hatte mit den sogenannten Ära-Artikeln Perrots +der Verleumdungsfeldzug gegen Bismarck begonnen. Lügen aller Art +wurden verbreitet. Keine Roheit und Gemeinheit der Sprache wurde +vermieden. Und als Fürst Bismarck im Reichstag Protest erhob, als +er vor allem die »Kreuzzeitung« anklagte, daß sie ehrenrührige, +unbewiesene, anonyme Verleumdungen verbreite, als er die Konservativen +aufrief, von diesem Blatte sich loszusagen, das die christliche +Gesinnung nur als Aushängeschild für politische Zwecke benutze, da +hat ein Teil der konservativen Partei den Mut gefunden, sich in +einer öffentlichen Erklärung auf die Seite des Blattes zu stellen. +Es waren die »Deklaranten«. Schon vor den Ära-Artikeln hatte einer +dieser Herren auf einem pommerschen Woll- und Pferdemarkt sich damit +gebrüstet, er werde Bismarck so klein machen, daß er »jedem ehrlichen +pommerschen Krautjunker aus der Hand fressen müsse«. Fürst Bismarck +hat die Namen der Deklaranten im »Reichsanzeiger« zum Gedächtnis +der Mit- und Nachwelt abdrucken lassen. Es waren die Namen alter +Freunde darunter, aber auch die Namen vieler Diener der Kirche, und +noch in späten Jahren hat er nur mit Zorn an jene Episode und ihre +Helden denken können. Den edlen Herren der Kirche vor allem hat er +in seinem Gedenkbuch ein Denkmal gesetzt: »Ich habe gegen Politiker +in langen Kleidern, weiblichen und priesterlichen, immer Mißtrauen +gehegt, und dieses Pronunziamento einiger hundert evangelischer +Pfarrer zugunsten einer der frivolsten, gegen den ersten Beamten des +Landes gerichteten Verleumdung war nicht geeignet, mein Vertrauen zu +Politikern, die im Priesterrock, auch in einem evangelischen, stecken, +zu stärken.« Die Nerven Bismarcks drohten unter dieser harten Probe +zusammenzubrechen. War er doch gezwungen, plötzlich mit allen oder fast +allen Freunden und Bekannten den bisherigen Umgang einzustellen. — Ein +Teil der Konservativen und Klerikalen ging noch weiter. Sie hatten +die »Reichsglocke« begründet, um Bismarck zu vernichten. Hinter ihr +standen nicht nur Politiker, sondern auch Hofbeamte, namentlich aus der +Umgebung der Kaiserin Augusta. Ihnen gelang es, das Verleumderblatt +täglich in die Hände des Monarchen zu spielen, wie es ja auch in +dreizehn Exemplaren an die verschiedenen Höfe kolportiert wurde. + +[Illustration: ~Die pommerschen Knochen~ + + Wilhelm: »Ich weeß, wo du mit deiner knochigen Rede hinjezielt hast; + na, da mache ich dir =anticipando= zum Herzog.« + Bismarck: »Majestät verkennen meine friedlichen Absichten.« + Wilhelm: »Männeken, keene Verstellung, wir sind unter uns.« + +Am 5. Dezember hatte Bismarck im Reichstag es abgelehnt, in Sachen +des Orients auch nur »die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen +Musketiers« einzusetzen. (»Hum. Blätter«, Dezember 1876)] + + +Der Gipfel der Gemeinheit + + Die Kaiserin Augusta ließ in jener Zeit den Kanzler ihre Ungnade + andauernd fühlen, und ihre unmittelbaren Untergebenen, die höchsten + Beamten des Hofes, gingen in ihrem Mangel an Formen so weit, daß + Fürst Bismarck sich zu schriftlichen Beschwerden beim Kaiser + selbst veranlaßt sah. Man war perfide genug, durch diese Angriffe + die Gesundheit des verhaßten großen Staatsmannes untergraben zu + wollen; während des Prozesses gegen die »Reichsglocke« wurde ein + an Gehlsen gerichteter Brief des Herrn von Loë verlesen, in dem es + hieß: »Ich schlage vor, die nächste Nummer der ›Reichsglocke‹ zu + einer Benefizvorstellung zugunsten des Reichskanzlers zu erheben. + Vom psychologisch-medizinischen Standpunkt scheint es mir wichtig, + bezüglich der Reihenfolge der Artikel zuerst das Pathetische + und dann das Komische zu bringen. Die Hauptsache ist, daß von + vornherein gleich die Verdauung auf einige Tage gestört wird, und + das geschieht nur durch leidenschaftliche Erregung.« + + +Unser allergnädigster Kanzler + + »Als ich einmal«, schreibt Bismarck, »den geärgerten und darüber + erkrankten Kaiser des Morgens aufsuchen mußte, um über eine + höfische Demonstration zugunsten des Zentrums eine unter den + obwaltenden Umständen dringliche Beschwerde zu führen, fand ich ihn + im Bette und neben ihm die Kaiserin in einer Toilette, die darauf + schließen ließ, daß sie erst auf meine Anmeldung herunter gekommen + war. Auf meine Bitte, mit dem Kaiser allein sprechen zu dürfen, + entfernte sie sich, aber nur bis zu einem dicht außerhalb der von + ihr nicht ganz geschlossenen Türe stehenden Stuhle, und trug Sorge, + durch Bewegungen mich erkennen zu lassen, daß sie alles hörte. Ich + ließ mich durch diesen, nicht den ersten, Einschüchterungsversuch + nicht abhalten, meinen Vortrag zu erstatten. An dem Abende + desselben Tages war ich in einer Gesellschaft im Palais. Ihre + Majestät redete mich in einer Weise an, die mich vermuten ließ, + daß der Kaiser meine Beschwerde ihr gegenüber vertreten hatte. + Die Unterhaltung nahm die Wendung, daß ich die Kaiserin bat, + die schon bedenkliche Gesundheit ihres Gemahls zu schonen und + ihn nicht zwiespältigen politischen Einwirkungen auszusetzen. + Diese nach höfischen Traditionen unerwartete Andeutung hatte + einen merkwürdigen Effekt. Ich habe die Kaiserin Augusta in dem + letzten Jahrzehnt ihres Lebens nie so schön gesehen wie in diesem + Augenblicke; ihre Haltung richtete sich auf, ihr Auge belebte + sich zu einem Feuer, wie ich es weder vorher noch nachher erlebt + habe. Sie brach ab, ließ mich stehen und hat, wie ich von einem + befreundeten Hofmanne erfuhr, gesagt: ›Unser allergnädigster + Reichskanzler ist heute sehr ungnädig.‹ — Alle Gegner,« fügt + Bismarck hinzu, »die ich mir in den verschiedensten Regionen im + Laufe meiner politischen Kämpfe notwendigerweise und im Interesse + des Dienstes zugezogen hatte, fanden in ihrem gemeinsamen Hasse + gegen mich ein Band, das einstweilen stärker war als ihre + gegenseitigen Abneigungen gegeneinander. Sie vertagten ihre + Feindschaft, um einstweilen der stärkeren gegen mich zu dienen. + Den Kristallisationspunkt für diese Übereinstimmung bildete die + Kaiserin Augusta, deren Temperament, wenn es galt, ihren Willen + durchzusetzen, auch in der Rücksicht auf Alter und Gesundheit des + Gemahls nicht immer Grenze fand.« + +[Illustration: ~Landtagsabschied~ + +»Ihr habt jetzt leeres Stroh genug gedroschen und könnt nach Haus +gehn.« (»Frankf. Laterne«, Juni 1875)] + +In alter Treue aber standen zwei Männer auch in diesen schweren +Tagen auf Bismarcks Seite: König Wilhelm und Albrecht von Roon. In +seinem letzten Briefe hat der alte Kampfgefährte, der jetzt dem Tode +entgegenging, an Bismarck noch geschrieben, er möge nicht erlahmen, +er möge über alle Bitternisse der Gegenwart sich das Bewußtsein +erhalten, daß er dem Vaterlande noch vieles und Großes schulde, +aber er hatte dem »verwegenen Steuermann« auch zugerufen, daß »die +Triumphe und Erfolge menschlicher Größe, daß alle Freude, aller Glanz +und Schimmer dieses unseres dunstigen, frönerischen Erdendaseins +nichts ist im Vergleich mit der uns in Jesu Christo verheißenen +dereinstigen Herrlichkeit«. Auch König Wilhelm hat nicht an seinem +getreuen Diener gezweifelt. Und auch das deutsche Volk und auch das +Ausland hat gerade in jener Zeit ihm am eifrigsten gehuldigt. Eine +Fülle von Ehrenbürgerbriefen kam in sein Haus, zahllose vornehme +Körperschaften machten ihn zum Ehrenmitglied; von England, aus Amerika +kamen tausend Zeichen der Verehrung. Und zuletzt haben sie alle, +die als Deklaranten gegen Bismarck aufgestanden waren, den Weg nach +Kanossa betreten und des Schwergekränkten Verzeihung erfleht. In einer +neuen »deutschkonservativen« Partei gewann Fürst Bismarck alsbald für +seine neuen großen Pläne eine feste Stütze, die er zugleich gegen den +wachsenden Übermut und die zunehmende Nörgelei der »Fraktion Lasker« +ins Feld führen konnte. + +Es war zuerst das gewaltige Projekt der Reichseisenbahn, an dessen +Verwirklichung Fürst Bismarck herantrat. Hier hatte er nicht nur gegen +die Parlamente, sondern auch gegen das Mißtrauen der Bundesstaaten +zu kämpfen. Der erste aber, der sich gegen ihn erhob, war Herr Eugen +Richter, der die Prophezeiung aussprach, dieses Projekt werde das Reich +wie Preußen zerstören. Unter der Heiterkeit des Hauses hat hierauf +der Kanzler erwidert: »Daß uns die deutsche Einheit und Freiheit auf +der ersten Reichslokomotive davonfahren werde, das glaube ich nicht.« +Es war dieses Projekt in der Tat gleich den Justizgesetzen ein neuer +starker Nagel, der das eiserne Band der Einheit zusammenhielt. Nur +215 gegen 160 Stimmen traten auf die Seite Bismarcks — wer möchte +sich heute wohl noch zu denen bekennen, die damals für die Ablehnung +sprachen? + +[Illustration: »Mit dem Engländer werde ich es wohl ein bißchen schwer +haben, aber ich hoffe, ihn endlich doch noch kaltzustellen.« Bismarck +hat durch den Dreibund England kaltgestellt. (»Figaro«, November 1880)] + +Wenn aber jetzt Fürst Bismarck zurückschaute auf das Werk seiner Hände, +auf die ersten sechs Jahre im neuen Deutschen Reiche, dann konnte +er allen Bitternissen der ihm aufgezwungenen Kämpfe zum Trotz doch +befriedigt erkennen, daß das deutsche Gemeingefühl durch eine Fülle +neuer Reichsgesetze gefördert war, daß das junge Deutsche Reich in +seinen auswärtigen Beziehungen eine Reihe von Freunden gewonnen hatte, +daß gewaltige Aufgaben gelöst worden waren. Wohl dachte Bismarck +zuweilen daran, sich auf das Altenteil zu setzen, aber er fühlte es +doch, daß seine Kraft und seine Erfahrung noch notwendig seien, um das +Schiff, das er erbaut und ausgerüstet, noch durch manche wilde Brandung +zu leiten. Und so hielt er aus in den Sielen, noch weit hinaus bis über +den Tag, der ihm in König Wilhelm den treuesten Freund, den tapferen +Lehnsherrn und Kriegsfürsten raubte. + +[Illustration: ~Bismarck-Cäsar und Arnim-Brutus~ + + »Nur ein Cäsar mochte Rom verderben, + Nur nicht Brutus mochte Cäsar stehn, + Wo ein Brutus lebt, muß Cäsar sterben, + Geh du linkwärts, laß mich rechtwärts gehn.« (Schiller) + +(»Ulk«, April 1874)] + +[Illustration: ~Was der Bismarck alles imstand ist~ + +Eine Anspielung auf den Prozeß des Grafen Arnim, der zu schwerer Strafe +verurteilt worden war. Der Scherz geht dahin, daß Bismarck bei seiner +großen Macht selbst Kaiser Wilhelm in die Stadtvogtei abführen lassen +könnte. Dort harren seiner bereits Generale und Minister. (»Kikeriki«, +Oktober 1874)] + + + + +Neue Kämpfe und Bekenntnisse + + +Es war in den folgenden Jahren Bismarcks vornehmstes Werk, durch ein +System von Bündnissen dafür zu sorgen, daß das Deutsche Reich, wenn +neue Konflikte nahten, nicht nur auf die Macht seiner Bajonette, +sondern auch auf die Freundschaft anderer Völker bauen durfte. +Vielleicht ist es die größte politische Tat, jedenfalls aber der +Beweis einer in alle Fernen blickenden Weisheit gewesen, daß der große +Staatsmann einst in Nikolsburg selbst dem tiefen Groll seines geliebten +Herrn widerstand und die Schonung des Habsburger Kaiserstaates +durchsetzte. Schon damals, das ist längst bezeugt, erkannte er die +Notwendigkeit eines engen Zusammenschlusses der beiden zentralen +Kaisermächte, sah er voraus, daß das russische Expansionsbedürfnis +gegen Österreich-Ungarn vordringen, nach der Adria verlangen und so +Deutschland in der Flanke bedrohen würde, und klar stand ihm die Gefahr +einer Verbindung dieses Riesenreiches mit dem westlichen Nachbar vor +Augen. Zwischen diesen beiden Staaten jeden Brückenbau zu verhindern, +ihrer Macht für alle Fälle, wenn einmal das traditionelle Band zwischen +Berlin und Petersburg zerriß, ein Gegengewicht zu schaffen, hielt +er für eine Lebensbedingung des Deutschen Reiches, wie er in diesem +Bündnis die machtvollste Bürgschaft für den Frieden des Weltteils +erkannte. Erwog er doch sogar den Plan, einen organischen Verband +zwischen dem Deutschen Reiche und Österreich-Ungarn zu schaffen, der +nicht kündbar, sondern der Gesetzgebung beider Reiche einverleibt +werden sollte. Hier hat später das in Polen gemeinsam vergossene Blut +einen stärkeren Kitt als alle Verträge geschaffen. + +[Illustration: ~Bismarck als Reichslokomotive~ + +Zurufe: »Fahr zu, Kutscher, wenn du Herz hast!« (Wird er bremsen?) +Die ersten Entwürfe des Reichseisenbahnprojektes waren eben im Kopfe +Bismarcks entstanden. (»Berliner Wespen«, März 1876)] + +Es ist bereits darauf hingewiesen worden, wie die Fragen des Orients +sich drohend in das europäische Leben drängten, wie dort unten am +Balkan unterdrückte Völker um ihre Freiheit rangen, wie die Herrschaft +der Türken durch Serben, Bulgaren und Rumänen eingeengt wurde, wie +Rußland auf dem Plan erschien, nicht nur um als Schutzmacht slawischer +Brüder den Kampf zu führen, sondern auch um sich den heiß ersehnten +Weg zum Goldenen Horne und zum Meere zu erobern. Hier hat Fürst +Bismarck allem Drängen der Liberalen zum Trotz die Ruhe des Maklers +bewahrt. Denn wieder erhob sich, wie in der Konfliktszeit im Sinne +der Polen, so jetzt im Interesse der Türken die Fortschrittspartei, +um dem großen Staatsmann von ihrem winzigen Standpunkte aus Lehren +zu geben, wie er das Schiff zu lenken und zum Hafen zu führen hat. +Nach Virchow — Eugen Richter. Es war dieselbe Weisheit, jetzt wie +damals. Und sie wird wiederkehren und unsere Ohren betäuben, wenn +abermals der Name Bulgarien uns an die Ohren klingt und Alexander von +Battenberg den rührenden Roman mit der deutschen Kaisertochter beginnt. +Wäre es nach dem Willen der Fortschrittspartei geschehen, so wäre +damals, in der Mitte der siebziger Jahre, der Weltkrieg entbrannt. +Nur der unvergleichlichen Staatskunst des großen Kanzlers verdankte +es Deutschland, daß das Gewitter sich immer tiefer gegen Südosten +verzog. Hatte aber Rußland auf einen aktiven Anteil Deutschlands an +den orientalischen Händeln gehofft, und war es verstimmt, weil dieser +Wunsch unerfüllt blieb, so wußte Bismarck doch, daß, wenn das eine +Eisen im Feuer versagte, sich ihm noch ein anderes bot. Österreich +blieb neutral, Bosnien und die Herzegowina waren sein Lohn. Den Russen +blieb freilich der Weg zum Goldenen Horne versagt, aber am Balkan wie +in Asien wuchs seine Macht gewaltig, und wenn es auch dem ehrlichen +Makler Dank und Lohn vorenthielt, so hat doch Bismarcks Politik es +erreicht, daß noch durch lange Jahrzehnte der Weltenbrand vermieden +wurde. + +[Illustration: Der Reichskanzler teilte dem Ministerpräsidenten nichts +mit und umgekehrt. Nun kam der Erboberjägermeister hinzu. Der Arme! Mit +dem reden beide nichts. + +Kaiser Wilhelm hatte an seinem 80. Geburtstag seinen Kanzler zum +Erboberlandjägermeister des Herzogtums Pommern ernannt. (»Berliner +Wespen«, März 1877)] + + +Wirkung des Namens Bismarck + + In dieser Zeit machte ein Gelehrter, der, Mecklenburger von Geburt, + eine Professur an einer englischen Universität bekleidete, eine + Reise nach Griechenland, und auf dem klassischen Boden war es, + wo Preußens König und Fürst Bismarck ihm das Leben retteten. Der + Professor kam nach Mykenä auf Morea, wo er die alten zyklopischen + Mauern besuchte. Ganz versunken in die Betrachtung dieses + gewaltigen Denkmals grauer Vorzeit, merkte der Gelehrte nicht, + daß die Sonne sich dem Untergange näherte. Plötzlich war sie + hinter den Bergen verschwunden. Die Heimkehr in Dunkelheit ist auf + griechischem Boden etwas mißlich, ein räuberischer Überfall nicht + ausgeschlossen. Im Sturmschritt eilte unser Professor Mykenä zu, + als ihm auf einmal zwei robuste Ziegenhirten den Weg versperrten. + Diese Begegnung erzählt unser Professor nun folgendermaßen: »Wer + bist du?« fragt der eine, indem er drohend seinen Stock erhebt. + — »Ich bin ein Deutscher«, gab ich ihm zur Antwort. — »Unter + welchem Könige?« fragte der Hirte weiter. — »Unter Preußens König«, + erwiderte ich in der Voraussetzung, daß dieser dem Griechen besser + bekannt sein werde als mein eigentlicher Landesherr, der Großherzog + von Mecklenburg. »Vater Bismarck!« rufen darauf beide Hirten wie + aus einem Munde, staunend ziehen sie ihre Hüte und verschwinden. So + rettete mir Bismarck nicht nur meine Börse, sondern vielleicht auch + das Leben. + +[Illustration: Bismarck als Äolus. Der Gott der Stürme bläst gen Osten, +und Rußland lenkt ein. (»Punch«, 5. April 1878)] + +[Illustration: »Bange machen gilt nicht!« + +Die orientalische Frage war akut geworden, die Verständigung der drei +Kaiser war jedoch nicht nach dem Wunsche des Panslawismus. Er rückt als +Wetterfrosch gegen Bismarck an. (»Figaro«, Juli 1876)] + + +Die Alpenblume + + In einer Rede, die im Februar 1878 Bismarck zur Verteidigung seiner + Politik hielt, hatte er die etwas drastische Wendung gebraucht: + »In früheren Zeiten habe ich österreichische Kollegen im Bunde mir + gegenüber gehabt, vor allem den Herrn von Prokesch, denen habe + ich gesagt: ›Es ist mir gleichgültig, ob Sie reden oder ob der + Wind durch den Schornstein geht, ich glaube kein Wort von dem, was + Sie sagen.‹« Graf Beust, damals Botschafter in London, glaubte + in diesen Worten eine Anspielung auf sich zu finden und richtete + daher am 26. Februar folgende Zeilen aus London an den deutschen + Reichskanzler: »Ew. Durchlaucht erlaube ich mir in Erinnerung an + unseren letzten Gasteiner Aufenthalt im Anschluß eine Alpenblume + zu überreichen. In gewohnter Verehrung Beust.« Die »angeschlossene + Alpenblume« bestand aus folgendem, vom 24. Februar datierten + Gedicht: + + Soll ich das Kompliment auf mich beziehn? + Wenn früher sprachen Österreichs Minister, + So glaubte Deutschlands Kanzler im Kamin + Zu hören nur ein windiges Geflüster. + + Ich bin ein Freund des Scherzes, der verträgt + Den Scherz auch dann, wenn um ihn selbst sich’s handelt, + Denn seht, der Wind, der durch den Schornstein fegt, + Hat manches Feuer schon in Rauch verwandelt. + + Und ward der Rauch zum Weihrauch dann für ihn, + Den Sieger, ich von Herzen ihm mich beuge, + Und wünsch’ ich nur, daß künftig im Kamin + Kein Wind je einen schlimmern Qualm erzeuge. + + Fürst Bismarck antwortete aus Berlin am 2. März: »Ich bin dem + Mißverständnis dankbar, welches mir ein so freundliches und + witziges Autograph wie das vom 26. verschafft hat. Im Interesse + der Wahrheit und des Wertes, den ich auf unsere persönlichen + Beziehungen lege, muß ich aber feststellen, daß meine unüberlegte + Einschaltung sich auf Prokesch bezog, mit dem ich, und er so + gut wie ich, einigemal zu bundesfreundlichen Expektorationen + außerhalb der Grenzlinie des diplomatischen Sprachgebrauchs gelangt + bin. Der stenographische Bericht meiner Rede hat die Wendung: + »Kollegen im Bunde«. Jedenfalls ist es eine angenehme Erfahrung für + mich, daß der Verdacht einer unüberlegten Äußerung mir nur eine + liebenswürdige Erinnerung an Gastein und einen eleganten Versbau + als Strafe ins Haus bringt. In Hoffnung auf Wiedersehen in Gastein + der Ihrige v. Bismarck.« + +[Illustration: ~Der neue Paris.~ Frei nach Carlyle + +Fürst Bismarck sollte nach dem Vorschlag Carlyles den orientalischen +Streit durch einen Schiedsrichterspruch schlichten. (»Kladderadatsch«, +24. Dezember 1876)] + +Am 13. Juni 1878 trat der Berliner Kongreß unter Bismarcks Vorsitz +zusammen. Gortschakow, Disraeli, Andrassy, Crispi nahmen an der Tafel +im Kongreßsaal Platz, Träger der stolzesten Namen der europäischen +Diplomatie. Und als nach einem Monat die Arbeit vollendet war, da +konnte im Namen der Teilnehmer Graf Andrassy der hohen Weisheit und +der unermüdlichen Tatkraft des Fürsten Bismarck den Dank aussprechen. + + +Ein bißchen Mazedonien + + Bei einem gemeinsamen Diner der Mitglieder des Berliner Kongresses + lautete die Parole: »Kein Wort von Politik!« Trotzdem gelang es dem + griechischen Gesandten Rhangabé, eine Gelegenheit zu erhaschen, + das, was ihm und seinem Vaterlande am Herzen lag, zum Ausdruck + zu bringen. Die Speisekarte spiegelte gleich der Tafelmusik den + internationalen Charakter der Veranstaltung wider. So gab es denn + auch einen Gang, der auf den Namen »Mazedonien« getauft war; als + dies Gericht, eine Gemüseart, Rhangabé gereicht wurde, wies er die + Schüssel zurück. »Aber Exzellenz,« rief Bismarck, der ihm gegenüber + saß, »weshalb nehmen Sie nicht ein bißchen Mazedonien?« Darauf die + Exzellenz zu allgemeinem Ergötzen: »Nur ein bißchen, Durchlaucht? + Das Ganze möchte ich.« + +[Illustration: ~Eine Liebeserklärung~ + + Fürst Bismarck: »O teure Austria, Sie ahnen nicht, wie ich Sie liebe!« + Die Austria: »Möchten S’ schon wieder wem anschmieren?« + Bismarck, der in den Augen des Wiener Witzblattes um Österreichs Liebe + wirbt. (»Kikeriki«, Dezember 1876)] + +Unter dem Eindruck des russischen Verhaltens, das mehr und mehr dem +panslawistischen Drängen nachgab, hielt Bismarck es für erwünscht, +die Brücke nach Österreich hin noch zu befestigen, um die Möglichkeit +einer antideutschen Koalition durch vertragsmäßige Sicherstellung +der Beziehungen wenigstens zu einer der Großmächte einzuschränken. +Ursprünglich war er durchaus für ein Bündnis mit Rußland gewesen; +zahlreiche und große Bedenken stellten sich ihm für eine Verbindung mit +Österreich entgegen. Vor allem machte ihm die eigentümliche nationale +Zusammensetzung dieses Staates Sorgen. Aber er bekämpfte alle Bedenken, +und in Gastein traf er zur Beratung mit dem Grafen Andrassy zusammen. +Die Verständigung war leicht, soweit es sich um ein rein defensives +Bündnis gegen einen russischen Angriff auf einen von beiden Teilen +handelte; dagegen fand Bismarcks Vorschlag, das Bündnis auch auf andere +als russische Angriffe auszudehnen, keinen Anklang. Nach erneuten +Verhandlungen, die Fürst Bismarck in Wien mit Andrassy und Tisza pflog, +entstand der Bund zwischen dem Sieger und dem Besiegten von Königgrätz, +der auch heute noch seine Tragkraft behauptet. + +Aber das Werk gelang nicht, ohne daß bis zu dem letzten Schritt der +Unterzeichnung sich noch neue Hemmnisse türmten. Es bedurfte noch +harter Arbeit, ehe es dem Staatsmann gelang, seinen alten Kaiser für +den neuen Plan zu gewinnen. In einer ausführlichen Denkschrift hat er +erst den Beweis für die Richtigkeit seiner Ansicht erbracht und die +Zustimmung des Monarchen geerntet. + + +Der letzte Kampf mit Kaiser Wilhelm + + Um mich der Zustimmung meines allergnädigsten Herrn zu versichern, + hatte ich schon in Gastein täglich einen Teil der für die Kur + bestimmten Zeit am Schreibtische zugebracht und auseinandergesetzt, + daß es notwendig sei, den Kreis der möglichen gegen uns + gerichteten Koalitionen einzuschränken, und daß der zweckmäßigste + Weg dazu ein Bündnis mit Österreich sei. Ich hatte freilich + wenig Hoffnung, daß der tote Buchstabe meiner Abhandlungen die + mehr auf Gemütsregungen als auf politischer Erwägung beruhende + Auffassung Seiner Majestät ändern werde. Der Abschluß eines + Vertrages, dessen wenn auch defensives doch kriegerisches Ziel ein + Ausdruck des Mißtrauens gegen den Freund und Neffen war, mit dem + er eben in Alexandrowo von neuem unter Tränen und in der vollsten + Aufrichtigkeit des Herzens die Versicherungen der althergebrachten + Freundschaft ausgetauscht hatte, lief zu sehr gegen die + ritterlichen Gefühle, mit denen der Kaiser sein Verhältnis zu einem + ebenbürtigen Freunde auffaßte. ... Alle Erwägungen und Argumente, + die ich dem in Baden befindlichen Kaiser schriftlich aus Gastein, + aus Wien und demnächst aus Berlin unterbreitete, waren ohne die + gewünschte Wirkung. Um die Zustimmung des Kaisers zu dem von mir + mit Andrassy vereinbarten und von dem Kaiser Franz Joseph unter der + Voraussetzung, daß Kaiser Wilhelm dasselbe tun würde, genehmigten + Vertragsentwurfe herbeizuführen, war ich genötigt, zu dem für + mich sehr peinlichen Mittel der Kabinettsfrage zu greifen, und + es gelang mir, meine Kollegen für mein Vorhaben zu gewinnen. Da + ich selbst von den Anstrengungen der letzten Wochen und von der + Unterbrechung der Gasteiner Kur zu angegriffen war, um die Reise + nach Baden-Baden zu machen, so übernahm sie Graf Stolberg; er + führte die Verhandlungen, wenn auch unter starkem Widerstreben + Seiner Majestät, glücklich zu Ende. Der Kaiser war von den + politischen Argumenten nicht überzeugt worden, sondern erteilte das + Versprechen, den Vertrag zu ratifizieren, nur aus Abneigung gegen + einen Personenwechsel in dem Ministerium. Der Kronprinz war von + Hause aus für das österreichische Bündnis lebhaft eingenommen, aber + ohne Einfluß auf seinen Vater. + +[Illustration: Bismarck am Strumpf des Friedens strickend, das Schwert +im Munde, auf der Kanone sitzend. (»Hum. Listy«, 10. November 1877)] + +Graf Andrassy wurde unmittelbar nach dem Abschluß des Vertrages +durch die Torheit des deutschen Liberalismus in Österreich, der +»Herbstzeitlosen«, gestürzt. Sein letzter Abschiedsgruß galt dem +Fürsten Bismarck und der Hoffnung, daß dieser von ihm so hoch verehrte +Freund mit Kraft und Ausdauer seine dornenvolle Bahn zum Heile seines +Landes und zu seinem stets wachsenden Ruhme weiter verfolgen werde. +Vier Jahre später hat sich durch Italiens Beitritt das Bündnis zu +einem Dreibund gewandelt. Kaiser Franz Joseph aber hat durch einen +persönlichen Besuch dem Staatsmann gehuldigt, der ihm die Hegemonie +entrissen hatte. + +[Illustration: ~Das Meerungeheuer.~ (Franz. Flugblatt 1887)] + +Jetzt sollte auch in Deutschland, wo inzwischen jede Wahl zum Reichstag +eine neue Verstärkung der sozialistischen Mandate gebracht hatte, mit +aller Kraft der Kampf gegen die Partei der Revolution begonnen werden. +Hier war es Bismarcks Überzeugung, daß mit dem auf dem Boden der +Staatsmacht zu führenden Kampfe eine Reihe von Arbeiten parallel gehen +müsse, in denen der rechtmäßige Kern der Bewegung herausgeschält würde +und berechtigte Forderungen Befriedigung fänden. Mit der Abneigung +gegen die Agitatoren verband Fürst Bismarck ein ehrliches Mitleid mit +dem Schicksal der Enterbten, den Invaliden des Alters und der Arbeit, +und schon im Jahre 1877 trat er für eine umfassende soziale Reform +ein. Aber in diesem friedlichen Streben wurde er gestört durch die Tat +des Maurergesellen Max Hödel aus Leipzig, der Unter den Linden eine +Kugel gegen das ehrwürdige Haupt des Kaisers sandte. Während jedoch +durch ganz Europa nur ein Schrei der Entrüstung hallte, war Bismarck +sofort der Mann der Tat. Schon neun Tage nach dem Attentat wurde +dem Reichstag ein Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen +der Sozialdemokratie vorgelegt. Aber Bismarck war in den Tagen, in +denen es zur Beratung kam, an der Gürtelrose erkrankt; er konnte an +den Verhandlungen nicht teilnehmen, und weil die Fassung einzelner +Bestimmungen den Volksvertretern zu kautschukartig erschien, wurde das +Gesetz mit großer Mehrheit abgelehnt. Unmittelbar darauf wurde der +Reichstag geschlossen. + +Da erfolgte wenige Tage später, am 2. Juli, nachmittags drei Uhr, ein +zweites Attentat auf das Leben des ehrwürdigen Kaisers. Der Ausgang +war entsetzlich; die Schrotschüsse, die Nobiling gegen den greisen +Monarchen abgefeuert hatte, verwundeten ihn schwer am Kopf, an beiden +Armen und im Rücken. Bismarck erhielt die erschütternde Nachricht in +Friedrichsruh bei der Rückkehr von einer Spazierfahrt; er blieb einen +Augenblick wie erstarrt stehen, stieß den Spazierstock in die Erde und +bemerkte dann plötzlich: »Jetzt wird der Reichstag aufgelöst.« Sofort +reiste er nach Berlin, um einem Ministerrat zu präsidieren, in dem die +Berufung des Kronprinzen zur Stellvertretung des schwerverwundeten +Kaisers beschlossen wurde, dann eilte der Kanzler zu seinem greisen +Herrn, um ihm sein schmerzlichstes Beileid auszusprechen. Vom +Kronprinzen erhielt er sofort die Genehmigung zur Auflösung des +Parlamentes. + +[Illustration: ~Don Juan-Bismarck~ + +Bismarck um Italien werbend. (»Der Floh«, Oktober 1877)] + +Die Wahlen ergaben eine klerikal-konservative Mehrheit, eine starke +Verminderung aller Liberalen und geringe Verluste der Sozialisten. +Damit war die Machtstellung, deren sich die Nationalliberalen seit der +Begründung des Reiches erfreut hatten, für lange Zeit durchbrochen. +Ihr Rückgang ist zum großen Teil auf eine Art von parteipolitischem +Doktrinarismus zurückzuführen, wie er namentlich während der +Verhandlung des Kanzlers mit Herrn von Bennigsen hervorgetreten war. +Man hatte es überdies versäumt, dem Fürsten Bismarck in dem Kampfe +mit den Konservativen einen starken Rückhalt zu schaffen. Allzu +stark war eben der Einfluß Laskers in der Partei gewesen. Weil aber +Bennigsen Freunde dieses Mannes, Vertreter des linken Flügels, die +später durch die Sezession selbst die Brücke zum Fortschritt schlugen, +als Minister empfahl und seinen eigenen Entschluß von ihrem Eintritt +abhängig machte, weil er also dem gesamten Ministerium eine liberale +Färbung geben wollte, deshalb mißlang der Versuch, und der Niedergang +des Liberalismus begann. Allerdings hat die letzte Entscheidung die +unüberwindliche Abneigung des Kaisers gegen die Liberalen gebracht. + +Die Haltung der Nationalliberalen mochte vielleicht halb bewußt, halb +unbewußt beeinflußt worden sein durch den Glauben, daß Bismarcks +Stellung schwankend sei. War es doch in jener Zeit zu einer schweren +Krisis gekommen, die sich an den Namen des Generals von Stosch +anknüpfte und die, als der Kaiser Bismarcks Verlangen, diesen Mann, +der an der Spitze der Marine stand, zu entlassen, abgelehnt hatte, den +Kanzler zur Ankündigung seines Rücktritts trieb. Auch hier führte er +den letzten Anstoß auf die Politiker im Unterrock, auf französische +Verbindungen, auf den Einfluß der Kaplanokratie zurück. In überaus +scharfen Artikeln, die in den »Grenzboten« unter dem Zeichen eines +Kometen erschienen, hat sich Bismarck gegen diese Strömung gewandt. + +[Illustration: ~Bismarck als Frosch~ + +»Jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank.« (»Berliner Wespen«, April +1874)] + + +Eine Kette von Exzellenzen + + Es hieß in einem dieser Artikel: »Der Fürst hat mit Ministern + zu rechnen, deren Chef er nicht in dem Sinne ist, in dem er + es sein sollte, und deren Selbständigkeit, deren Widerstreben + ihn oft sehr gehemmt hat. Es konnte ferner vorkommen, daß hohe + Beamte seines speziellen Ressorts eine völlig andere Meinung + als er hatten, ihm offen und versteckt Opposition machten, ja + seine Stellung zu untergraben versuchten. Eine ganze Kette + von Exzellenzen und Nicht-Exzellenzen, wegen Unfähigkeit oder + anderer Mängel, ultramontaner oder reaktionärer Velleitäten a. D. + kaltgestellt, frondierte, konspirierte, intrigierte, immer mit + Eifer, oft mit den unlautersten Mitteln, bisweilen im Verein mit + recht ordinären Elementen, gegen die Größe, die sie überragte + und in ihrer bequemen Herkömmlichkeit störte, versuchte dem + Kanzler seine Pläne zu kreuzen, seinen Charakter zu verdunkeln + oder ihn wenigstens zu ärgern und so seiner Gesundheit zu + schaden. Die Hauptschranke desselben aber ist und bleibt das + Unwesen am Hofe, wo um eine gewisse hochgelegene Stelle der + Bodensatz der Kreuzzeitungsgesellschaft und der inveterierten + Herrenhausopposition mit dem ultramontanen Gifte aus den Kanälen + Roms zusammengeflossen ist, und von wo aus der Politik des Kanzlers + unaufhörlich Steine in den Weg gewälzt werden ...« + +[Illustration: ~Das norddeutsche Osterei~ + +»Auf dieses heurige Backhändl (das Sozialisten- und ›Maulkorb‹ gesetz) +waren die Sieger von Sedan nicht vorbereitet.« (»Kikeriki«, April 1879)] + +[Illustration: ~Reichstagsprognostikon~ + +»Friß, Vogel, oder stirb!« Der Reichstag nahm das Sozialistengesetz an. +(»Kladderadatsch«, August 1878)] + +Der Fürst verglich sich damals mit einem müden Jäger, der von +tagelanger ergebnisloser Pirsch abgemattet und fast verschmachtend +im Begriff ist, zu Boden zu sinken und die Jagd ganz aufzugeben. +Und doch trug er auch jetzt den Sieg davon. Am 1. April, an seinem +Geburtstag, erschienen der Kaiser, der Kronprinz und der Großherzog von +Baden zum Glückwunsch bei ihm, und am 7. April erfolgte die Ablehnung +des Entlassungsgesuches. An den Rand der Eingabe hatte Kaiser Wilhelm +in den Worten »~Niemals, niemals~« das neue Bekenntnis seiner Treue +abgelegt. + + +Der Feuerkopf + + Vielleicht mochte gerade im Gedenken an diese Zeit Fürst Bismarck + über die Kaiserin Augusta das Urteil fällen, das er in seinem + Gedenkbuch niedergelegt hat: »Der Kaiser machte in den letzten + Jahren seines Lebens mir gegenüber kein Geheimnis aus seinen + häuslichen Beziehungen, beriet mit mir, welche Wege und Formen zu + wählen seien, um seinen häuslichen Frieden ohne Schädigung der + Staatsinteressen zu schonen; »den Feuerkopf« pflegte der hohe Herr + in vertraulichen, aus Verdruß, Respekt und Wohlwollen gemischten + Stimmungen die Gemahlin zu bezeichnen und diesen Ausdruck mit einer + Handbewegung zu begleiten, die etwa sagen wollte: ›Ich kann nichts + ändern.‹ Ich fand diese Bezeichnung außerordentlich treffend; die + Königin war, solange nicht physische Gefahren drohten, eine mutige + Frau, getragen von einem hohen Pflichtgefühl, aber auf Grund ihres + königlichen Empfindens abgeneigt, andere Autoritäten als die ihrige + gewähren zu lassen.« + +Das neue Gesetz fand im Reichstag eine völlig veränderte Aufnahme. Der +Eindruck des zweiten Attentates, der Gedanke an die Leiden des greisen +Monarchen führten zur Annahme des Entwurfs, 221 Stimmen hatten dafür, +mit der Fortschrittspartei aber auch das Zentrum dagegen gestimmt. +In diesem Kampfe war aus dem Munde des Kanzlers das Wort gefallen, +daß der Fortschritt eine sehr gute Vorfrucht für den Sozialismus +als Bodenbereiter sei. Und es fiel das andere Wort: »Ich konnte +nicht glauben, daß ein Monarch, der mehr als irgendein Lebender, und +ich möchte wohl sagen, auch als ein der Vergangenheit Angehöriger, +mit Einsetzung seines Lebens, seiner Krone, seiner monarchischen +Existenz getan hat, um die Wünsche und Bestrebungen seiner Nation +zu verwirklichen, der dies mit einem gewaltigen Erfolge und dabei +doch ohne jede Überhebung getan hat, der ein milder, vollkommener, +volkstümlicher Regent geblieben ist, eine populäre Figur — wenn der von +hinten mit Hasenschrot zusammengeschossen wird, ja, meine Herren, an +dieses Verbrechen reicht kein anderes heran.« + +[Illustration: ~Unsere Parlamentsnubier~ + +Der Kampf um das Sozialistengesetz ist beendet, Bismarck hat gesiegt. +Die Opposition der Nationalliberalen war angeblich nur ein Scherz, der +Kampf ein Kampfspiel. (»Ulk«, Oktober 1878)] + +Als Staatsmann, der stets realpolitische Ziele im Auge behielt, +zugleich erfüllt von wogenden Gedanken über die Notwendigkeit einer +neuen Steuer- und Wirtschaftspolitik, suchte Fürst Bismarck innere +Fühlung mit der neuen Mehrheit, auf die allein er sich mit seinen +Plänen stützen wollte. Erleichtert wurde ihm der Versuch, sich mit +dem Zentrum zu stellen, durch den Tod des Papstes Pio Nono, der am +7. Februar 1878 die Augen geschlossen hatte. Sein Nachfolger Leo +=XIII.= galt als friedliebend; er hatte auch dem Deutschen Kaiser +seine Erhebung auf den päpstlichen Stuhl in den freundlichsten Worten +angezeigt und es bedauert, »nicht die guten Beziehungen vorzufinden, +die einst zwischen Preußen und dem päpstlichen Stuhle bestanden«. +Darauf hatte der Kaiser in seiner Antwort die Hoffnung ausgesprochen, +daß der Papst mit dem mächtigen Einfluß, den die Verfassung der Kirche +ihm auf alle ihre Diener gewähre, dahin wirken werde, daß auch die +Priester, die es bisher unterließen, nunmehr dem Beispiel der ihrer +geistlichen Pflege befohlenen Bevölkerung folgen und den Gesetzen des +Landes, in dem sie wohnen, sich fügen würden. In der Antwort nannte +der Papst die Mittel, durch die nach seiner Ansicht der alte Friede +erreicht werden könnte. Schlimm genug hatte in der Tat der Kulturkampf +gewütet: Von zwölf preußischen Bistümern waren acht ohne Bischöfe, 1400 +Pfarreien waren ohne Pfarrer, sämtliche katholische Lehrerseminare +waren geschlossen. + +[Illustration: ~Herkules am Scheidewege~ + +Nach den Wahlen, die eine Schwächung des Liberalismus brachten, treten +die ersten Absichten einer Beseitigung des Kulturkampfes hervor. (»Der +Floh«, April 1877)] + +Allerdings konnte der Staat den Wünschen des Papstes im vollen +Umfang niemals entsprechen. Gipfelten sie doch in dem Verlangen, +die Verfassung und die Gesetze Preußens nach den Satzungen der +römisch-katholischen Kirche abzuändern. Aber die Brücke zur Verhandlung +war doch geschlagen, und alsbald erschien als Unterhändler des +Papstes der Kardinal Masella bei Bismarck in Kissingen. Aber nach +Kanossa ging Bismarck auch jetzt nicht. Er folgte allerdings dem +Gedanken, der ihn stets geleitet hat, daß Konflikte nur auf dem Wege +des Kompromisses, durch Zugeständnisse gelöst werden können, und er +war der Meinung, die Wiederherstellung des diplomatischen Verkehrs +durch einen Gesandten getrost einräumen zu können, wenn man von Rom +aus die Anzeigepflicht bei der Anstellung von Geistlichen anerkannte. +Aber zunächst brachte der Tod des versöhnlichen Kardinals Franchi +die Verhandlungen erneut zum Stocken, zumal da die klerikale Presse +in scharfem Widerspruch zum Papste alle friedlichen Absichten zu +durchkreuzen suchte. Diese seltsame Erscheinung führte Fürst Bismarck +in einem grimmigen Artikel auf den Charakter, die Zusammensetzung und +die Leitung der Zentrumspartei unter welfischer Führung zurück, »deren +leidenschaftliche Geltendmachung rein politischer Gesichtspunkte von +vornherein den kirchlichen Kampf vergiftet und damit der katholischen +Bevölkerung unsäglichen Schaden bereitet hat«. Der Artikel schloß mit +der Mahnung, daß durch die berufenen kirchlichen Autoritäten und aus +der katholischen Bevölkerung heraus dem verwirrenden und vergiftenden +Treiben der Partei ein Ziel gesetzt werden möge, deren einflußreichsten +Führern das Interesse der Kirche nur der Deckmantel für politisch +unterwühlende Zwecke sei und die der Erwartung des Papstes in bezug auf +die Treue der katholischen Untertanen des Deutschen Reiches durch ihr +ganzes Verhalten offen Hohn sprächen. + +[Illustration: ~=Modus vivendi=~ + +Pontifex: »Nun, bitte, genieren Sie sich nicht!« + +Kanzler: »Bitte, gleichfalls!« + +Der Papst reicht Bismarck den Pantoffel, dieser ihm den +Kürassierstiefel zum Kuß. Hinter dem Vorhang lugt Windthorst. +(»Kladderadatsch«, März 1878)] + +In der Tat erreichte das Zentrum durch seinen Einfluß in Rom, daß die +Kurie ihre Forderungen immer mehr verschärfte, so daß Bismarck die +persönlichen Verhandlungen abbrach und dem Wiener Botschafter, Prinzen +Reuß, übertrug. Aber auch hier ist nichts zum Abschluß gekommen. Erst +nach einer Reihe heftiger Kämpfe mit dem Zentrum, das allmählich zum +Kristallisationspunkt der Opposition geworden war, wurde die Brücke zu +einem neuen Kompromiß gezogen, als zu Beginn des Jahres 1880 der Papst +in einem Breve seinen guten Willen betonte und die Absicht aussprach, +die Anzeigepflicht zu akzeptieren. Falk war inzwischen aus seinem Amte +geschieden, Puttkamer an seine Stelle getreten, die Stimmung in Berlin +versöhnlich geworden. Aber auch hier ließ der Kanzler sich weder durch +Versprechungen noch durch Drohungen bestimmen, auch nur einen Zollbreit +der staatlichen Rechte aufzugeben. So stimmte das Zentrum noch +geschlossen gegen das erste kirchliche Friedensgesetz, dessen Zweck +es doch war, in den verwaisten Pfarreien und Bistümern die Seelsorge +wiederherzustellen, den Orden, die sich der Krankenpflege widmen, neue +Niederlassungen zu gestatten. Immerhin erreichte es die Regierung, daß +gerade jene Paragraphen Gesetzeskraft erhielten, die den katholischen +Gemeinden neue Seelsorger brachten. Die endgültige Errichtung +der Gesandtschaft am Vatikan schuf nicht nur neue Neigung zum +Friedensschluß, sondern brachte dem Kanzler in Herrn von Schloezer auch +einen Gehilfen, dem er die Hauptarbeit in den weiteren Verhandlungen +mit Rom getrost überlassen durfte. Ein zweites Friedensgesetz fand +jetzt auch die Zustimmung des Zentrums: Das sogenannte »Kulturexamen« +wurde beseitigt, die »Staatspfarrer« verschwanden, und in seiner +Thronrede vom November 1882 konnte Kaiser Wilhelm seine Freude über +die Befestigung freundlicher Beziehungen zu dem Oberhaupte der +katholischen Kirche und die Hoffnung aussprechen, daß die versöhnliche +Gesinnung seiner Regierung auch ferner einen günstigen Einfluß auf die +Gestaltung der kirchenpolitischen Verhältnisse ausüben werde. Noch ein +drittes Friedensgesetz ist gefolgt. Es beseitigte die Staatsprüfung, +die bisher zur Bekleidung eines geistlichen Amtes notwendig war, +gab die kirchlichen Seminare und Konvikte frei, hob den Gerichtshof +für die kirchlichen Angelegenheiten auf, schaffte die Berufung gegen +den Mißbrauch geistlicher Amtsgewalt ab, befreite die Verweigerung +der Absolution von Strafe und gab das Lesen stiller Messen und das +Spenden der Sterbesakramente frei. Der Frieden war geschlossen, und die +politische Ernte stand dem Staatsmann bereit. + + +Wenn Bismarck sprach + + Von seinem Auftreten im Reichstag entwarf der »Schwäb. Merkur« + in jener Zeit folgendes Bild: »Der große stattliche Mann in der + kleidsamen blauen Generalsuniform mit den gelben Aufschlägen hat + das beste, gesundeste Aussehen von der Sommerfrische mitgebracht. + Er überschaut zuerst mit der Lorgnette die Situation, die er im + Reichstage vorfindet, öffnet sodann sein Portefeuille und liest + verschiedene Akten, wobei er seinen großen Bleistift anmerkend + oder durchstreichend mit Energie handhabt. Doch jetzt ist Hänel + zu Ende, und Fürst Bismarck erhebt sich, indem er sich gegen + den Präsidenten des Hauses verneigt. Der letztere ruft: ›Fürst + Bismarck hat das Wort!‹, und plötzlich kehrt eine lautlose Stille + im Saale ein. Die Abgeordneten drängen sich mit Macht in die Nähe + des Reichskanzlers. Selbst Bebel macht sich auf den Weg und setzt + sich zur Notierung alles Wichtigen in Bereitschaft. Doch wie + erstaunen gemeiniglich diejenigen, die den Fürsten zum erstenmal + sprechen hören! Statt einer kräftigen, sonoren Stimme, statt des + vermuteten Pathos, statt einer vom Feuer klassischer Beredsamkeit + durchglühten Philippika fließt das so leise und sacht, fast im + Konversationstone hervor über die Lippen des großen Mannes, und + stockt zuweilen und windet sich, bis der rechte Ausdruck gefunden + ist. Ja, fast eine Art Verlegenheit ist anfänglich dem Redner + anzuspüren. Sein Oberkörper ist in wiegender Bewegung, und alle + Augenblicke holt der Kanzler sein Taschentuch aus der hinteren + Rocktasche, wischt sich das Gesicht, steckt das Tuch in die Tasche + und holt es wieder hervor. Doch ohne jegliche Beklemmung folgt der + Hörer den zögernden Ausführungen des Redners. Denn dieser fällt nie + aus der Konstruktion, und ein hoher, geistvoller Gedanke um den + anderen wirft Licht auf den Weg. So fließt das murmelnde Bächlein + dahin bis zum gewaltigen Fluß, oft unterbrochen vom homerischen + Gelächter der Hörer über den eingestreuten attischen Witz, aber + ohne jegliches Pathos, selbst bei seinen letzten hochernsten Worten + von ›den Opfern, die der Kampf noch fordern könnte‹. Doch gerade + dieser Verzicht auf jeden Effekt, diese sachliche Ruhe verleiht den + leise gesprochenen Worten eine durchschlagende Wirkung, und das + beruhigende Gefühl, das Steuerruder des Staatsschiffes in diesen + nervigen Händen zu wissen, kehrt nach Bismarcks Rede in neuer + Stärke ein in jeder deutschen Brust.« + +[Illustration: Bismarck verhandelt mit Rom über die Beilegung des +Kulturkampfes. (»Le Grelot«, 15. September 1878)] + + +Er will kein Telephon + + Während der Kanzler einmal im Urlaub verweilte, erschienen in + Varzin drei Beamte der Telegraphenverwaltung, um dem Reichskanzler + die damals neue Einrichtung zu erläutern und die Anlage einer + Telephonverbindung zwischen Varzin und Berlin auszuführen. Bismarck + aber hatte keine Neigung, sich während seiner friedlichen Varziner + Abgeschiedenheit in die »Rufweite« der Reichshauptstadt bringen + zu lassen. Ergötzlich schilderte der »Kladderadatsch« die Szene, + bei welcher der Dichter den Kanzler in Varzin durch das Telephon + eine Sitzung im Abgeordnetenhause anhören läßt, in der Windthorst, + Schorlemer, Bennigsen, Lasker reden: + + — — — »Ich danke, Ihr Herrn, für diese Erfindung, + Welche die friedlichen Tage mir stört des erquicklichen Urlaubs!« — + Sprach’s und warf auf den Boden mit Macht die gedrechselte Röhre, + Daß sie zerbarst und in Wimmern erstarb die gediegene Rede. + »Packen Sie ein, meine Herren, und sagen Sie Stephan, ich danke, + Danke recht sehr für das Ding! Adieu und glückliche Reise!« + +[Illustration: ~Zur Beendigung des deutschen Kulturkampfes~ + + Der olle Wilhelm sitzt im Bad gemütlich drin + Und schreibt an seinen lieben braven Bismarck hin: + Jeh’ Du zum Papste nach Kanossa nur jeschwind + Und tue dort für mir der König Heinrich sind. + +(»Humoristische Blätter«, August 1881)] + +Es kam jetzt die Zeit, in der Bismarck weit hinübergreifen sollte +in das Feld der wirtschaftlichen und sozialen, der rechtlichen und +steuerpolitischen Fragen, in der er unserem ganzen wirtschaftlichen +Leben eine neue Grundlage schuf. Auch hier ist er nirgends ein +Nachbeter gewesen; stets entsprangen seinem Geiste, der überall den +Kern erfaßte, neue Anregungen und Gedanken, und wenn er auch lange, der +Autorität Camphausens und Delbrücks vertrauend, die gewohnten Wege des +Freihandels nicht verließ, so wagte er doch auch den mutigen Schritt +zur Umkehr, ohne Rücksicht darauf, daß ihn nun abermals alte Freunde +verließen. + +[Illustration: »Justament bleibe ich! Ihr werdet mich nicht vom Platze +kitzeln!« + +Bismarcks Antwort auf Eugen Richters Sturmlauf gegen seine +Finanzpolitik. (»Figaro«, Februar 1881)] + +Hier trat zu dem rein wirtschaftlichen Bedürfnis entscheidend der +politische Gesichtspunkt hinzu: Deutschland sollte fähig bleiben, +unabhängig von der Zufuhr des Auslandes sich durch seine eigene Kraft +zu erhalten, sich die Notdurft und Nahrung des täglichen Lebens +zu sichern. Denn Deutschlands geographische Lage konnte, wenn die +»=Coalition à la Kaunitz=« sich wiederholte, oder wenn gar, wie wir +es heute erleben, England sich unseren Feinden anschloß, zu völliger +wirtschaftlicher Isolierung, zur Trennung von allen Zufuhren und so +zur Aushungerung führen. Ein anderer, entscheidender Gesichtspunkt +entsprang dem Verlangen, das Reich finanzpolitisch möglichst unabhängig +zu machen von den Zuschüssen der Einzelstaaten, es sozusagen auf die +eigenen Füße zu stellen. Denn die Bedürfnisse des Reiches wuchsen, und +nur der Partikularismus konnte seine Freude daran haben, daß die vom +Reiche geforderten Lasten dem Steuerzahler und der einzelstaatlichen +Finanzwirtschaft direkt die Schultern drückten. Auch hier haben die +harten Ereignisse der späteren Zeiten den Fernblick des Sehers erwiesen. + +[Illustration: Botho Eulenburg und Hobrecht sind preußische Minister +geworden; sie tanzen angeblich nach Bismarcks Pfeife. (»Hum. Blätter«, +April 1878)] + +[Illustration: ~Das Mädchen aus der Fremde~ + + Sie teilte jedem eine Gabe, + Dem Hiebe, jenem Stöße aus, + Der Jüngling und der Greis am Stabe, + Ein jeder ging gepufft nach Haus. + +Bismarck hat soeben in seiner großen Rede vom 8. Mai sich scharf sowohl +gegen die Liberalen wie gegen das Zentrum gewandt. Eugen Richter, +Miguel, Windthorst und die Freihändler empfingen jeder »eine Gabe«. +(»Ulk«, Mai 1880)] + +Den ersten Anstoß zum Wechsel der wirtschaftlichen Überzeugungen bot +dem Kanzler die Katastrophe, die durch die Aufhebung der Eisenzölle +über die deutsche Schwerindustrie hereinbrach. Die Maßregeln waren ohne +die Teilnahme des Kanzlers getroffen worden, und eben deshalb hatte er +das Vertrauen zu seinen bisherigen Gehilfen, Camphausen und Delbrück, +verloren. Als er aber den neuen Weg einschlug, da scharten sich doch +bereits im Reichstag zahlreiche Männer um ihn, die gleich ihm bereit +waren, die deutsche Arbeit durch erhöhte Zollschranken zu schützen, +den geltenden Tarif gründlich zu revidieren. Mitglieder des Zentrums, +der konservativen und auch der nationalliberalen Partei traten ihm +zur Seite in dem Bestreben, den deutschen Markt der nationalen +Produktion zu erhalten. Diese Tat ward uns zum Heile: sie hat uns die +wirtschaftliche Rüstung für den Weltkrieg geschaffen! + + +Meyer, wie denke ich über schwedisches Eisen? + + Freimütig bemerkte Bismarck an einem seiner parlamentarischen + Abende: Die Zollpolitik sei mit der Medizin zu vergleichen; es gebe + darin keine absolute Wissenschaft. Zur Zeit, als er sich Delbrücks + Führung überlassen, habe er sich allerdings um volkswirtschaftliche + Fragen nicht gekümmert und nichts zu antworten gewußt. Das erinnere + ihn an einen Vorfall. Zu Rothschild sei ein Geschäftsfreund + gekommen mit der Frage: »Wie ist Ihre Ansicht über schwedisches + Eisen?« Rothschild wandte sich verwundert an seinen Kommis und + fragte: »Meyer, wie denke ich über schwedisches Eisen?« + +[Illustration: ~Die Steuerfrage oder das kaudinische Joch~ + +Bismarck hatte soeben die neue Steuerpolitik eingeleitet, die u. a. +das Tabakmonopol vorschlug. Sie führte zu Camphausens Rücktritt, wurde +jedoch im Reichstag mit einer winzigen Ausnahme abgelehnt. Die »Frankf. +Laterne« (Januar 1878) irrte also, wenn sie schrieb: + + »Wenn der Ast nicht brechen soll, + Gehet durch das Joch! + Ludwig, blase du in Moll: + Hunde sind wir doch!« +] + + + + +Weitere Kämpfe + + +Es ist das Eigentümliche in dem Wesen des Genius, daß er nie und +nirgends Ruhe finden kann. Fürst Bismarck hat so Gewaltiges vollbracht, +daß er längst ein =Otium cum dignitate= verdiente. Aber wie seine Sorge +um das Wohl des Reiches, das er geschaffen, keine Grenzen kennt, so +auch sein Drang zur Tätigkeit. Und noch viel später, als die Abendsonne +über sein Leben gesunken war, hat er es immer und immer wieder in +tiefer Bitterkeit beklagt, daß ihm, seit er von seinem Werk entfernt +war, auch der Inhalt und der Wert seines Lebens genommen sei. + +[Illustration: ~Bismarck als Lemberger Jude.~ + +Eine Bombe fliegt aus dem Reichstag gegen ihn, trifft aber die +Reichsbank. (Reichstagssitzung vom 19. Juni 1879.) (»Ulk«, Juni 1879)] + +Jetzt griff er tief hinein in die sich drängenden wirtschaftlichen und +sozialen Probleme, und während er der Meister der auswärtigen Politik +blieb und das Schiff des Reiches durch die heranbrausenden Stürme +sicher führte, hat er die gewaltige Reform unseres wirtschaftlichen +und sozialen Lebens begonnen, die einen tiefen Einschnitt nicht nur in +das deutsche Leben, sondern auch in die gesamte Auffassung der Welt +gemacht hat. Er ist, als er die soziale Frage berührte, nicht der Angst +vor der revolutionären Partei gefolgt, er hat auch nicht, als er der +wirtschaftlichen Politik eine neue Wendung gab, sich mit seiner Arbeit +irgendeiner mächtigen Kaste verschrieben, er erkannte nur, daß die Zeit +des freien Wettbewerbs der Kräfte endgültig vorüber sei, er spürte es, +daß eine neue Zeit heraufgezogen war, in der andere stark nach Leben, +nach Luft und Licht verlangende Faktoren sich mit gerechtem Anspruch +herandrängten. Die Welt der Maschinen und der Maschinenarbeit, die +Zeit einer neuen erblühenden deutschen Industrie war gekommen; die +alten Bestimmungen des Daseins reichten nicht mehr aus, sie mußten +dazu führen, daß, wenn der Staat nicht eingriff, die große Masse der +Nation in den Fluten des Proletariats versank. Er kannte die Wahrheit +des Satzes, den einst Viktor Cousin gesprochen, daß der Staat ein +fühlendes Herz haben muß, und er erkannte in diesem Satz zugleich eine +rettende Staatsweisheit. Bismarck ist hier auf wirtschaftlichem wie +auf sozialem Gebiete kein Nachbeter gewesen. Er darf den Anspruch der +Originalität wohl überall erheben, wo er, tastend zuerst, dann mit +wachsender Sicherheit, seines Weges dahinzog. + +Manches der Gebiete war ihm fremd, lag dem Arbeitsfeld der +Vergangenheit vollständig fern, und doch hat er stets das Rechte +ergriffen, und während er die auswärtige Politik auch ferner +meisterhaft führte, zeigte er doch die Kraft, auch das innerpolitische +Leben Deutschlands völlig neu zu gestalten. — Wohin wir noch heute +blicken, stets zeigt die Entwicklung des Reiches die Spuren von +Bismarcks genialer Hand. Das Ende der siebziger Jahre hat die Grenze +gebildet, und als er sie überschritt, da löste er sich zugleich von +alten, da gewann er nur mühsam neue Freunde. Denn schon als er das +wirtschaftliche Leben auf ein neues Feld zu stellen versuchte, mußte +er die entschlossene Gegnerschaft jener liberalen Kreise finden, +die allerdings zuletzt bereits voller Argwohn neben ihm schritten, +die aber doch in dem harten Kampfe gegen die Konservativen ihm die +Stütze geboten hatten. Und auch die Rechte folgte ihm nicht sofort mit +klingender Musik und flatternden Fahnen: Der Rest der Deklarantenzeit +haftete noch in manchen Herzen, und der Kreis um Diest-Daber hat sich +innerlich wohl niemals mit ihm versöhnt. Am heftigsten aber schäumte +unter Eugen Richters und Bambergers Führung das Manchestertum gegen +ihn auf, das wir bald in geschlossenen Reihen gegen ihn gewaffnet +sehen, als er die ersten Versuche auf kolonialem Gebiete wagte und für +Deutschlands überschäumende Kraft jenseits des Ozeans eine neue Stätte +suchte. + +[Illustration: ~Eine Verstoßene~ + + Kordelia: »Ich lieb’ Eu’r Hoheit, + Wie’s meiner Pflicht geziemt, nicht mehr, nicht minder.« + (König Lear 1, 1) + +Goneril, das Zentrum, und Regan, die konservative Partei, umschmeicheln +Lear-Bismarck, während die nationalliberale Kordelia zur Seite steht. +Es ist die Zeit des wirtschaftspolitischen Umschwungs. Alsbald treten +die Minister Falk und Hobrecht zurück. (»Ulk«, Juni 1879)] + +Und so sehen wir Bismarck, vielbewundert und vielgescholten, tätig +auf zahllosen Gebieten des öffentlichen Lebens, wir sehen ihn in +seinem Ringen mit der Sozialdemokratie, wir hören seine Reden über die +Handelsverträge, er fällt sachverständige Urteile über Getreide- und +Holzzölle, über Währungsfragen und Auswanderungswesen, über Steuer und +Elbschiffahrtsakte, über Fabrikgesetze und Hamburgs Schicksal. Nicht +immer ist ihm ein rascher Sieg beschieden, weil die Alltäglichkeit dem +Fluge des Genies nur ungern folgt, weil sie tausend Hindernisse sah, +die der große Geist verachten durfte. + +[Illustration: ~Nach den deutschen Reichstagswahlen~ + +»Na, nu hab’ ick, dem Wahlresultat zu Ehren, ooch Toilette jemacht!« + +Bei den Reichstagswahlen waren nur 157 Anhänger der Regierung +gegen 240 Oppositionelle gewählt worden. Es begann die Ära +Richter-Windthorst-Grillenberger. (»Hum. Blätter«, 9. November 1884)] + +Auf diesem Wege zu einer vollen Umgestaltung des wirtschaftlichen +Lebens brauchte Fürst Bismarck neue Gehilfen, mußte er die Trennung +von Männern vollziehen, die einst in bedeutender Zeit seine Gefährten +waren. Delbrück und Camphausen hatten ihren Namen mit den wichtigsten +Stationen der Entwicklung vereint, Delbrück war es sogar gewesen, der +einst im Parlament als Herold des neuen Kaisertums erschienen war. +Keiner von beiden wollte die wirtschaftlichen Überzeugungen, mit denen +sie durch das Leben gegangen waren, verleugnen, und so traten an ihre +Stelle der Nationalliberale Hobrecht und Graf Botho Eulenburg, und auf +dem Gebiete des Verkehrs erschien in Maybach wohl der bedeutendste +Organisator, den bisher das Eisenbahnwesen in Deutschland gehabt hat. + +Die Enttäuschung packte jetzt vor allem die liberale Mittelpartei, die +unter Führung Bennigsens ihm bei der Reichsgründung so treu zur Seite +gestanden und ihm auch in den Kämpfen mit den Deklaranten den Schild +getragen hatte. Besonders heftig erhob sich fortan gegen den Staatsmann +Eduard Lasker, der in seinem Groll immer radikalere Töne anschlug und +alsbald auch die Spaltung der Partei organisierte. Bald hallte die +ganze liberale Presse von dem Rufe »Fort mit Bismarck!« wider. Hatte er +doch durch den Satz, daß niedrige Getreidepreise keineswegs immer als +ein wirtschaftliches Glück anzusehen seien, durch den Hinweis auf eine +Zeit, in der die Landwirtschaft nicht mehr produzieren kann und deshalb +das Reich dem Abgrunde zutreiben muß, alles umgestoßen, was bisher als +Evangelium galt. Und er setzte sich durch. Wohl noch nie ist es einem +Staatsmann gelungen, in so rascher Fahrt jedes Hemmnis zu besiegen und +jedes Vorurteil zu bezwingen. Er war auch hier niemals Parteimann. Er +rühmte es ausdrücklich, daß er nie einer Fraktion angehörte, daß er, +»sukzessive von allen gehaßt, von einigen geliebt« worden sei. Er habe +sich dadurch nie beirren lassen und auch nie versucht, sich dafür zu +rächen. + +[Illustration: ~Der Sturz der Titanen~ + +Wie aus der »Norddeutschen Allgemeinen Mythologie« hervorgeht, hat +Jupiter keinen einzigen »gestürzt«, sie sind einfach zurückgetreten. +Anspielung auf den Sturz von Kameke, Falk, Bitter, Achenbach und +Friedrich Eulenburg. (»Berliner Wespen«, März 1883)] + +Daß er jetzt freilich oft die Stimmung der Resignation empfand, daß der +stete Kampf an seinen Nerven riß, ist natürlich. Aber jetzt, wie immer, +zielte sein Gewissen wie mit einer Pistole auf ihn. Und so wich er +jeder Lockung, als Landedelmann sein Leben zu beschließen, beharrlich +aus. Nur brach es zuweilen mit elementarer Gewalt aus ihm, wenn er die +Fülle des Hasses sah, die sich gegen ihn häufte. »Ich habe nunmehr den +Kampf für die deutsche Einheit seit dreißig Jahren geführt,« rief er +am 8. Mai 1879. »Es sind nahezu dreißig Jahre, daß ich im Bundestag +zuerst dafür eingetreten bin, und es sind achtzehn Jahre, daß ich in +meiner Stellung bin, in der ich mit einem französischen Historiker, +den ich vor einiger Zeit in einer schlaflosen Nacht las, wohl sagen +kann: ›Er muß der Gewalt des ungesättigten Hasses erliegen, der sich +auf das Haupt jedes Ministers häuft, wenn er zu lange am Ruder bleibt.‹ +Ich fürchte, daß ich nach achtzehn Jahren längst in dieser Lage war. +Ich hatte alle Parteien wechselnd zu bekämpfen, gegen jede hatte ich +einen heftigen Strauß zu führen. Nein, ich bin nicht mehr jung, ich +habe gelebt und geliebt, gefochten auch, und ich habe keine Abneigung +mehr gegen ein ruhiges Leben. Das einzige, was mich in meiner Stellung +hält, ist der Wille des Kaisers, den ich in seinem hohen Alter gegen +seinen Willen nicht verlassen kann. Versucht habe ich es mehrmals. Aber +ich kann Ihnen sagen: ›Ich bin müde, todmüde, und namentlich, wenn ich +erwäge, gegen was für Hindernisse ich kämpfen mußte, wenn ich für das +Deutsche Reich, für die deutsche Nation, für ihre Einheit eintreten +soll ... In meinem Alter wird man ruhiger und stiller; ich habe ein +Bedürfnis nach beschaulicher Einsamkeit. Dann richten Sie das Reich +sich ein, wie Sie wollen, aber verlangen Sie meine Mitwirkung nicht, +wenn jeder sich für berechtigt und berufen hält, die Grundlagen des +Reiches in Frage zu stellen.‹« + +[Illustration: Bismarck als Schachspieler: Die Könige sind seine +Schachfiguren] + +Bismarck setzte seine Reform durch, fast zwei Drittel des deutschen +Reichstages hatte er für seinen Kampf gegen das herrschende +Wirtschaftssystem gewonnen. Allerdings hat er wiederholt sich gezwungen +gesehen, selbst mit der äußersten Maßregel seines Rücktrittes zu +drohen, innerlich allerdings wohl immer gewiß, daß so, wie er selbst in +Treuen zu seinem Kaiser stand, so auch sein alter Herr dem Gefolgsmann +die Treue bewahren werde. Zu den politischen Schwierigkeiten aber, +die ihm wie Disteln auf einem Felde erwuchsen, gesellten sich dauernd +höfische Friktionen, die ihm die Freude am Amt vergällten. Es war auch +hier die Kaiserin Augusta, »der Feuerkopf«, die es nicht ertragen +konnte, andere Autoritäten gewähren zu lassen, und die, wie Bismarck +in seinen »Erinnerungen« klagt, ohne Rücksicht auf das Alter und +die Gesundheit des Gemahls und im Vertrauen auf die ritterlichen +Empfindungen, die ihn der Kaiserin gegenüber beseelten, sich an +die Spitze der frondierenden Elemente stellte. Gerade diese Kämpfe +persönlicher Natur wirkten schädigend auf des Kanzlers Gesundheit, so +daß er in eine Art von »Gesundheitsbankrott« fiel, aus dem ihn dann +Schweninger gerettet hat, der Mann, der bis in die letzten Jahre seines +Lebens sein treuester und ehrlichster Freund geblieben ist. + + +Wie Schweninger Bismarcks Arzt wurde + + In ärztlichen Kreisen war eine Angabe bekannt, der nie + widersprochen wurde und der man, im Hinblick auf die originelle + Art der beiden beteiligten Persönlichkeiten, eine gewisse + innere Glaubwürdigkeit nicht wird absprechen können. Danach + hätte Schweninger die Sympathie seines großen Patienten durch + das diesem selbst sehr geläufige Mittel besonderer Derbheit + erweckt. Der Kanzler liebte es, als mit dem zunehmenden Alter + auch sein leidender Zustand wuchs, durchaus nicht, von dem ihn + behandelnden Arzt mit Fragen belästigt zu werden. So riß ihm auch + gegenüber Schweninger, als sich dieser auf Empfehlung befreundeter + Persönlichkeiten zum erstenmal bei ihm einstellte, die Geduld, + und er gab auf die innerhalb weniger Minuten wiederholt gestellte + Frage nach seinem Befinden eine kurze abweisende Antwort. Aber + Schweninger ließ sich nicht abschrecken und antwortete nicht + weniger kurz angebunden: »Ich stehe zu Ihren Diensten, Durchlaucht, + wünschen Sie jedoch behandelt zu werden, ohne daß man an Sie Fragen + stellt, so täten Sie besser, nach dem Tierarzt zu schicken, der + an diese Methode gewöhnt ist.« Seit dieser Zeit war Bismarck von + seiner Abneigung gegen Fragen des Arztes völlig kuriert. + +[Illustration: + + Schön Wetter — Veränderlich — Sturm + +Sollte bei keinem Minister, Reichs- oder Landboten fehlen. +(»Kladderadatsch«, 1881)] + + +Das ist der =Dr.= Schweninger + + Ein Dienstmann führt einen Landsmann in München herum und zeigt ihm + unter anderem die Universität daselbst. Der Landsmann will wissen, + was die Figuren an der Fassade bedeuten. Der Dienstmann nennt + ihm, um seine Unwissenheit nicht merken zu lassen, verschiedene + volkstümliche Münchner Gelehrte der neuesten Zeit als Originale; + bei einem halbnackten griechischen Denker am linken Flügel + angelangt, sagt er keck: »Das ist der =Dr.= Schweninger!« — Bauer: + »Aha, ’m Bismarck sei Leibarzt! Aber warum hat denn der kan Rock + an?« — Dienstmann: »Ja woaßt, Seppel, seit er den Reichskanzler + kuriert hat, tun sich die Leut’ so um ihn reißen, daß der beste + Rock dabei z’grund gehn müßt!« + +Sicherlich ist es allein der Kunst =Dr.= Schweningers zu danken, daß +Fürst Bismarck die schweren Anfälle von Krankheit, die ihn vor allem +dann plagten, wenn seine Seele durch harte Kämpfe erregt war, durch +lange Jahre siegreich überwand. Kaiser Wilhelm hat ihm wiederholt +den Dank dafür ausgesprochen, daß er ihm und dem Vaterlande den +unentbehrlichsten Diener erhalten habe. Was aber die Kunst des Arztes +allein noch nicht erreichte, das ergänzte die Luft von Varzin und +Friedrichsruh und die Kissinger Kur. + +[Illustration: ~Die offiziöse Presse.~ (»Le Grelot«, Nr. 141 vom 6. +Februar 1887)] + + +Die Brut muß ausgerottet werden + + In Kissingen erhielt Fürst Bismarck einen mehr amüsanten als + fürchterlichen Drohbrief: »O großer eiserner, resp. einfältiger + Reichskanzler, was hört und liest man bloß von Dir! Nichts als + Lächerliches. Glaubst Du etwa, daß Du Deiner gefällten Strafe + entgehen kannst? Nein! Nein! + + Was wir Dir einst zugeschworen haben, wird für Dich sicher in + Erfüllung gehen, und wenn Du den Polizeiring um das Zehnfache + vermehrst, der Dich etwa schützen soll vor dem Bestrafer Deiner + verübten Tyrannei. Wie es bei Dir in Kissingen aussieht, wissen + wir ganz gut. Traurig genug, daß Du es so weit gebracht hast mit + Deiner elenden Tyrannenpolitik, daß Du jetzt nicht einmal Deines + Lebens sicher bist. Weise nur immer Mitmenschen aus Deutschland« + (d. h. in Anwendung des Sozialistengesetzes). »Desto eher kannst Du + Dich mit dem Totengräber bekannt machen ... Deinem Sohn Wilhelm mit + seinen bisherigen maskierten und lächerlichen Redensarten werden + wir auch bald was zuschwören, wenn er nicht aufhört, zu wühlen. Die + Bismarcksbrut muß ausgerottet werden. D. E. C.« (soll wohl heißen: + das Exekutivkomitee). — Eine ähnliche Büberei traf wenige Tage + später aus Frankfurt ein. + +Auch von manchen seiner Gehilfen mußte sich Bismarck wieder trennen. So +von den Eulenburgs, die vielfach das Bestreben zeigten, den überlegenen +Mann, der ihnen unbequem war, aus seiner Stellung zu drängen. Die +Szene, die zu dem Sturze des begabten Grafen Botho Eulenburg führte, +ist als der »Fall Rommel« in der Geschichte verzeichnet: Als das Gesetz +über die Zuständigkeit der Verwaltungsbehörden vor dem preußischen +Landtag stand und sich Graf Eulenburg mit gewissen Änderungen +einverstanden erklärte, die des Kanzlers Mißbilligung fanden, ließ er +durch den Geheimrat Rommel, ohne den Minister zu verständigen, von +der Tribüne herab seinen Widerspruch erklären. Graf Eulenburg nahm +unverzüglich seinen Abschied. An seinen Namen aber hat sich gerade +zu jener Zeit ein Briefwechsel zwischen Kaiser Wilhelm und Bismarck +geknüpft, der zugleich das vertrauliche Verhältnis bekundet, das +zwischen den beiden Männern bestand. + +[Illustration: »So! Jetzt kann ich wieder ein bißchen ausruhen.« (»Hum. +Blätter«, Februar 1888)] + + +Die Geschichte eines Traumes + + Am 18. Dezember 1881 schrieb Kaiser Wilhelm an den Kanzler + folgenden Brief: »Einen eigentümlichen Traum muß ich Ihnen + erzählen, den ich diese Nacht träumte, so klar, wie ich ihn hier + mitteile. — Der Reichstag trat nach den jetzigen Ferien zum + erstenmal zusammen. Während der Diskussion trat der Graf Eulenburg + ein; sogleich schwieg die Diskussion; nach einer langen Pause + erteilte der Präsident dem letzten Redner von neuem das Wort. + Schweigen! Der Präsident hebt die Sitzung auf. Nun entsteht ein + Tumult und Geschrei. Keinem Mitgliede darf ein Orden während der + Session des Reichstages erteilt werden; der Monarch darf nicht + in der Session genannt werden. Andern Tages Sitzung. Eulenburg + erscheint und wird mit solchem Zischen und Lärm empfangen — darüber + erwache in einer nervösen Agitation, daß ich lange mich nicht + erholen konnte und zwei Stunden von ½5 bis ½7 Uhr nicht schlafen + konnte. — Das alles geschah in meiner Gegenwart im Hause so klar, + wie ich es hier niederschreibe. — Ich will nicht hoffen, daß der + Traum sich realisiere, aber eigentümlich bleibt die Sache. Da + dieser Traum erst nach dem sechsstündigen ruhigen Schlafe eintrat, + so könnte er doch keine unmittelbare Folge unserer Unterredung sein. + + =Enfin= ich mußte Ihnen diese Kuriosität doch erzählen. + + Ihr + Wilhelm.« + +In seiner Antwort sagte Fürst Bismarck: + + »Die Bilder des Wachens tauchen im Spiegel des Traumes nicht + sofort, sondern erst dann wieder auf, wenn der Geist durch Schlaf + und Ruhe still geworden ist. Eurer Majestät Mitteilung ermutigt + mich zur Erzählung eines Traumes, den ich Frühjahr 1863 in den + schwersten Konfliktstagen hatte, aus denen ein menschliches Auge + keinen gangbaren Ausweg sah. Mir träumte, und ich erzählte es + sofort am Morgen meiner Frau und anderen Zeugen, daß ich auf + einem schmalen Alpenpfade ritt, rechts Abgrund, links Felsen; der + Pfad wurde schmaler, so daß das Pferd sich weigerte, und Umkehr + und Absitzen wegen Mangel an Platz unmöglich; da schlug ich mit + meiner Gerte in der linken Hand gegen die glatte Felswand und rief + Gott an; die Gerte wurde unendlich lang, die Felswand stürzte wie + eine Kulisse und eröffnete einen breiten Weg mit dem Blick auf + Hügel und Waldland wie in Böhmen, preußische Truppen mit Fahnen + und in mir noch im Traume der Gedanke, wie ich das schleunig + Ew. Majestät melden könnte. Dieser Traum erfüllte sich, und ich + erwachte froh und gestärkt aus ihm. — Der böse Traum, aus dem Eure + Majestät nervös und agitiert erwachten, kann doch nur so weit + in Erfüllung gehen, daß wir noch manche stürmische und lärmende + Parlamentssitzung haben werden, durch welche die Parlamente ihr + Ansehen leider untergraben und die Staatsgeschäfte hemmen; aber + Ew. Majestät Gegenwart dabei ist nicht möglich, und ich halte + dergleichen Erscheinungen wie die letzten Reichstagssitzungen zwar + für bedauerlich als Maßstab unserer Sitten und unserer politischen + Bildung, vielleicht unserer politischen Befähigung, aber für kein + Unglück an sich: =l’excès du mal en devient le remède=. + +[Illustration: ~Der Reichstag als Karnickel~ + +»Was? Du Bestie willst beißen?« + +Der Reichstag hatte in Sachen der Abänderung der Reichsverfassung +opponiert. (»Figaro«, Mai 1881)] + +Zu der unendlichen Fülle von Fragen, die sich dem großen Kanzler zur +Beantwortung stellten, hat sich in jenen Tagen auch eine Frage gesellt, +die in viel späteren Jahren eine ernste Wirkung auf Deutschlands +Geschicke ausüben sollte, die aber Fürst Bismarck schon von der +Schwelle zurückwies: + + +Die Abrüstung + + Auf ein Schreiben des demokratischen süddeutschen Abgeordneten von + Bühler, das ihn ermahnte, zum Wohle der Menschheit hochherzig mit + der Abrüstung zu beginnen, gab Fürst Bismarck mit feiner Ironie + folgende Antwort: »Ew. Hochwohlgeboren danke ich ergebenst für + die Mitteilung Ihres Abrüstungsantrages. Ich bin leider durch + die praktischen und dringlichen Geschäfte der Gegenwart so in + Anspruch genommen, daß ich mich mit der Möglichkeit einer Zukunft + nicht befassen kann, die, wie ich fürchte, wir beide nicht erleben + werden. Erst nachdem es Ew. Hochwohlgeboren gelungen sein wird, + unsere Nachbarn für Ihre Pläne zu gewinnen, könnte ich oder ein + anderer deutscher Kanzler für unser stets defensives Vaterland die + Verantwortlichkeit für analoge Anregungen übernehmen. Aber auch + dann fürchte ich, daß die gegenseitige Kontrolle der Völker über + den Rüstungszustand der Nachbarn schwierig und unsicher bleiben, + und daß ein Forum, welches sie wirksam handhaben könnte, schwer zu + beschaffen sein wird.« + +Und trotz dieser Fülle der verschiedensten, auf ihn eindrängenden +Probleme fand Fürst Bismarck den Mut und die Kraft, die soziale +Politik in völlig neue Bahnen zu lenken. Er hatte die Verlängerung des +Sozialistengesetzes gegen eine Opposition, zu der wieder das Zentrum +einen großen Teil der Mannschaft stellte, mühsam erkämpfen müssen. Er +mußte es sehen, wie ein großer Teil der Nationalliberalen, unter ihnen +Lasker, Forckenbeck, Bamberger und Rickert, sich von der alten Partei +trennten, um unter dem Namen der Sezession sich in die Schlachtreihen +der Feinde zu stellen, und dauernd blieb ihm auch trotz der friedlichen +Äußerungen des Papstes das Zentrum abgeneigt. + +[Illustration: ~Operette in der Politik~ + + »Da jammern sie. + Die von der Infanterie + Und von der Kavallerie + Geniert das nie.« + +Soeben war der Erlaß des Kaisers erschienen über sein +»verfassungsmäßiges Recht zur persönlichen Leitung der Politik«, der +gegen die fortschrittlichen Theorien vom »wahren Konstitutionalismus« +gerichtet war. (»Kikeriki«, Januar 1882)] + +Die Gedanken aber, die Fürst Bismarck in seinem Kopfe wälzte, um dem +sozialen Geiste der Zeit gerecht zu werden, hat er in klassischer Form +in der »großen Botschaft« niedergelegt, mit der er am 17. November +1881 im kaiserlichen Auftrag den Reichstag begrüßte. Hier erklärte +er im Namen des ehrwürdigen Oberhauptes der deutschen Nation, daß +der Kaiser nur dann mit Befriedigung auf alle Erfolge, mit der Gott +seine Regierung gesegnet, zurückblicken werde, wenn er dem Vaterlande +neue Bürgschaften des inneren Friedens und den Hilfsbedürftigen +größere Sicherheit und Ergiebigkeit des Beistandes hinterlassen könne. +Die einzelnen Phasen, die später durchlaufen wurden, waren hier +vorgezeichnet. Zugleich war aber darauf hingewiesen, daß die Mittel +für die Durchführung des Planes am sichersten durch das Tabakmonopol +zu gewinnen seien. Das Ziel, das Bismarck sich gestellt hat, ist aber +nur zum Teil erreicht worden; die Kathederweisheit hat auch hier wieder +verdorben, was der praktische Blick und die weitschauende Weisheit +des Staatsmanns als richtig erkannte. Daß die Masse zuerst vor dem +neuen Gedanken zurückgeschreckt ist, daß sie sich nicht in eine Reform +hineinfinden mochte, für die bis dahin noch jede Erfahrung fehlte, daß +sie den Sprung ins Dunkle und die Größe der Opfer scheute, ist gewiß +verständlich. Heute ist dennoch der soziale Gedanke tief in die Nation +gedrungen. Er hat viele Helfer gefunden, viele überzeugte Vertreter, +und doch waren die anderen nur Handlanger, die mühsam die Steine +herbeischafften. Der Grundriß und der künstlerische Plan wurden von +Bismarck geschaffen. + +Fürst Bismarck glaubte nicht, daß selbst die Söhne und Enkel die +soziale Frage lösen würden; aber diese Gewißheit schreckte ihn nicht +zurück; er wollte die Gefahr abwenden, die von der gärenden Masse des +vierten Standes aus drohte, und er wollte zugleich durch praktisches +Christentum in gesetzlicher Betätigung den Arbeitern das Gefühl +menschlicher Würde sichern. + +[Illustration: Bei den Wahlen in Metz hatte der Französling Antoine mit +Hilfe der Geistlichkeit gesiegt. (»Le Grelot«, 26. Oktober 1884)] + +Auf den parlamentarischen Abenden, die Fürst Bismarck damals noch +veranstaltet hat, fanden sich auch einfache Handwerksmeister und +Arbeiter ein, Mitglieder des Volkswirtschaftsrates, den der Kanzler +berufen hatte. Dieses Bild ist bezeichnend für die Welt, die er +erschließen wollte. Aber gerade in dieser Zeit wurde die Gegnerschaft +gegen Bismarck, namentlich auch von seiten des Zentrums, so heftig, +daß er der Gepflogenheit der parlamentarischen Abende, die ihm nicht +nur die Anregung zu mancher geistreichen Bemerkung, sondern auch +die Möglichkeit boten, in nicht offizieller Form Widersprüche zu +beseitigen, Bedenken zu heben, für immer entsagte. + +Jene Abende, die jedem Teilnehmer bis zum Abend seines Lebens tief im +Gedächtnis blieben, weil sie den großen Mann gewissermaßen im Hausrock +zeigten, frei von aller majestätischen Würde, sind der Schauplatz +mancher köstlichen Szene, die Geburtsstunde vieler prächtigen Einfälle +und reizender Anekdoten gewesen. + +Hier ein paar Beispiele: + + +Das fehlende Hirn + + Einmal erzählte der Fürst: »Meine Frau wurde einst in Varzin + plötzlich nicht unbedenklich unwohl, und da gerade der Hausarzt + nicht anwesend war, wurde von Schlawe ein =Dr.= B. zur Konsultation + berufen. Dieser fand den Zustand der Patientin nicht gefährlich, + blieb aber auf Wunsch des Fürsten den Tag über in Varzin und + wurde selbstverständlich auch zur Tafel geladen. Der starke Wein + mag den guten Doktor etwas aufgemuntert haben, denn er wurde + immer gesprächiger und erzählte auch folgendes Geschichtchen: + ›Bei einer großen Schlägerei in einem benachbarten Dorfe wurde + ein Bauernbursche derart verletzt, daß die Schädeldecke ganz + zertrümmert und das Hirn vollständig bloßgelegt war. Ich war + alsbald an Ort und Stelle und brauchte nicht weniger als 25 Nadeln, + um den Kopf nur einigermaßen wieder zusammenzuflicken; aber dank + meiner Kunst konnte der Bursche schon nach drei Tagen wieder seiner + Arbeit nachgehen.‹« Der Fürst, der dies ungefähr so erzählte, + machte jetzt eine kleine Pause und sagte dann zu seinen Gästen: + »Meine Herren, bevor ich weiter erzähle, muß ich Sie fragen, ob + vielleicht einer der Herren ›Stadtrat‹ ist, denn sonst kann ich + meine Geschichte nicht beenden.« Nachdem dies verneint wurde, + fuhr der Fürst fort, weiter zu erzählen: »Natürlich stellte ich + mich, als wenn ich an der Geschicklichkeit des =Dr.= B. gar keinen + Zweifel hegte, und sagte nur: ›Nun, lieber Herr Doktor, lassen + Sie sich von mir auch eine kleine Geschichte erzählen, die ebenso + wahr ist als die Ihrige.‹ Zu einem bekannten Doktor in Berlin kam + einst ein Mann, der über fürchterliche Kopfschmerzen klagte, die + er gar nicht los werden könne. ›O, da können wir leicht helfen,‹ + sagte der berühmte Operateur, ›das kommt vom Hirn, an dem etwas + zu fehlen scheint.‹ Er löste hierauf die Schädeldecke, nahm das + Hirn des Mannes heraus und sagte zu ihm: ›So, jetzt werden Sie + keine Schmerzen mehr haben, kommen Sie in einigen Tagen wieder, + dann können Sie Ihr Hirn frisch hergerichtet wieder eingesetzt + bekommen.‹ Ganz erleichtert und vergnügt ging der gute Mann + nach Hause. Es währte einige Tage, der Mann kam nicht mehr. Da + schickte der Arzt zu ihm und ließ ihm sagen, er möge doch sein Hirn + holen, es fange schon an zu riechen. Der Mann aber ließ dem Arzte + zurückmelden: ›Ich bin jetzt Stadtrat geworden; ich brauche kein + Hirn mehr.‹ Unser =Dr.= B. lachte zwar auch mit, aber er beeilte + sich doch, sobald als möglich nach dem Diner heimzukommen, und hat + in Zukunft kein Jägerlatein mehr an der Tafel gesprochen.« + +[Illustration: Bismarck als Vogelfänger ist begierig, ob ihm »so’n +liberaler Gimpel uff’n Leim geht«. Durch die »Heidelberger Erklärung« +hatte die Nationalliberale Partei zur Erbitterung des durch die +Sezession verstärkten Freisinns sich auf Bismarcks Seite gestellt. +(»Humor. Blätter«, 20. April 1884)] + + +Vom durstigen Völk + + Der bekannte liebenswürdige Abgeordnete aus Bayern erzählte gern + beide folgenden Scherze von Bismarcks parlamentarischen Abenden: + »Die dem Reichskanzler Gegenübersitzenden unterhielten sich über + den ›Reichshund‹, der neben seinem Gebieter ausgestreckt dalag. + Man sprach über die Schönheit des Tieres und seine sonstigen + trefflichen Eigenschaften, endlich auch über seine Vorgänger. + Einer der an der Unterhaltung Beteiligten behauptete, daß Bismarck + schon mehrere Hunde dieser Rasse gehabt habe, und um darüber + genauen Bescheid zu erhalten, wendete er sich mit seiner Frage + unmittelbar an den Reichskanzler. Da er glaubte, daß Bismarck den + vorhergehenden Teil des Gesprächs mitangehört habe, wies er mit + einer Handbewegung auf dessen Hund hin und sagte: ›Durchlaucht + gestatten die Frage, der wievielte von dieser Sorte ist dies + schon?‹ Durchlaucht aber hatte von dem vorausgehenden Gespräch + nichts gehört, verstand Handbewegung und Frage falsch und + erwiderte, indem er nach dem Bierglase griff und dessen Inhalt mit + wohlgefälligem Schmunzeln prüfte: ›Dies ist heute mein achter, aber + gestern habe ich zwölf Schoppen getrunken und es hat mir auch nicht + geschadet.‹ Ein andermal wollte das Champagnertrinken gar nicht + aufhören, oder, richtiger ausgedrückt, das Bier wollte ewig nicht + kommen, während es sonst immer ziemlich bald aufgetragen wurde. + Meine Nachbarn und ich hatten einen Heidendurst nach Bier, und + endlich wurde ich auserkoren, unser Verlangen beim Reichskanzler + anzubringen. Ich begab mich auch sogleich zu ihm, und sobald ich, + ohne zu stören, mich mit einer Frage an ihn wenden konnte, fragte + ich, ob ich ihm ein Rätsel aufgeben dürfe. Lachend bejahte er + und fügte hinzu: ›Es wird wahrscheinlich wieder eins sein, das + nicht herauszubringen ist.‹ Ich fragte ihn nun, was das Beste am + Champagner sei? ›Na, sehen Sie, lieber Doktor, da steckt wieder was + dahinter. Ich weiß zwar viele gute Eigenschaften des Champagners, + aber das weiß ich auch, daß ich die nicht errate, die Sie im Auge + haben. Also geben Sie gleich selbst die Lösung.‹ So sagte ich + denn: ›Das Beste am Champagner, Durchlaucht, ist, daß das Bier so + gut darauf schmeckt!‹ Und es dauerte keine fünf Minuten, da saßen + wir alle beim trefflichen Münchener ›Stoff‹, den Bismarck hatte + unverweilt anzapfen lassen.« + + +Vom Haarschneiden + + An einem der Abende erinnerte man sich auch an eine Äußerung des + Kanzlers über den Einfluß des Mondes auf das Wachstum von Haaren + und Pflanzen. Man müsse sich, meinte der Kanzler, bei zunehmendem + Monde die Haare schneiden lassen: »Es ist wie mit den Bäumen, wenn + die wieder wachsen sollen, fällt man sie auch im ersten Viertel, + wenn man sie aber roden will, schlägt man sie bei abnehmendem + Monde, da vermodert der Stumpf eher. Es gibt Leute, die nicht daran + glauben, Gelehrte, aber selbst der Staat verfährt danach, obwohl + er’s nicht eingestehen will. Es wird keinem Förster einfallen, eine + Birke, die wieder Schößlinge treiben soll, bei abnehmendem Monde zu + fällen.« + +[Illustration: ~Zum Spiritusmonopol~ + +Bismarck: »Nanu, Michel, wat ist’s! Komm herein, mein Junge, und +begeistere dir für mein neuestes Monopolprojekt.« (»Humor. Blätter«, +Februar 1886)] + +[Illustration: Bismarck als Stierkämpfer bezwingt den Reichstag. (»Le +Pilori«, 23. Januar 1887)] + + +Hammelbraten + + »Ich will eines Tages«, erzählte der Fürst, »gegen den Grunewald + zu in die Umgebung Berlins und sah mich plötzlich gegenüber einer + Herde Schafe, deren gutes Aussehen mich bestimmte, haltzumachen + und mich nach dem Züchter zu erkundigen. Ich erfuhr, daß die + Herde einem Berliner Stadtrat gehörte, fragte dann, ob ich einen + Hammel kaufen könne, und schloß, da der Schäfer die Frage bejahte, + das Geschäft alsbald ab. Wenige Tage später stand der Hammel bei + Gelegenheit eines diplomatischen Diners auf meiner Tafel. Ich hatte + meiner Frau erzählt, wie ich in den Besitz des Tieres gekommen war, + und von ihr muß die Kunde in die Küche gedrungen sein. Genug, der + Gang war auf der Speisenkarte verzeichnet als ›=Southown Battard à + la Municipal=‹. Es dauerte nicht lange und ich besuchte ein Diner + bei dem russischen Botschafter und fand auf dem Menü zu meiner + großen Überraschung als Braten ›=Southown Battard à la Municipal=‹. + Ich konnte mich eines Lächelns nicht enthalten und erfuhr später, + der Koch des russischen Botschafters habe sich das Menü meines + Diners zu verschaffen gewußt und schlankweg, ohne den Zusammenhang + zu ahnen, die auf meiner Karte stehende Bezeichnung auch für sein + Hammelbraten-Gericht gewählt.« + + +Die naseweisen Damen + + An diesen Abenden tauchte auch ein scherzhaftes Vorkommnis aus + der Vergangenheit auf, das Herr von Bismarck erlebte, als er noch + Gesandter beim Deutschen Bundestage war: Er hatte seinerzeit + von seinem Universitätsgenossen, dem Grafen Keyserlingk, und + bei gelegentlichen Reisen durch Kurland auch ein paar lettische + Redensarten gelernt und jagte damit einmal zwei kurländischen Damen + einen nicht geringen Schrecken ein. Er saß nämlich eines Tages in + Frankfurt a. M. an der Table d’hote zwei jungen Damen gegenüber, + welche sehr lebhaft und ungeniert miteinander konversierten. Sie + lachten sehr häufig; die Tischgesellschaft mochte wohl nicht in + eben schmeichelhafter Weise von ihnen durchgenommen werden, und + aus manchen Anzeichen entnahm Bismarck, daß er der ganz besondere + Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit war. Er verstand so viel, daß die + Sprache die lettische war. Die Damen hielten sich natürlich für + ganz sicher, in einem so barbarischen Idiom von niemand verstanden + zu werden, und ließen daher ihrem Humor immer mehr die Zügel + schießen. Inzwischen hatte Bismarck zu einem neben ihm sitzenden + Freunde leise gesagt: »Wenn Sie einige fremde Worte von mir + hören, reichen Sie mir einen Schlüssel.« Als nun beim Dessert die + Ausgelassenheit der beiden jungen Damen immer ärger wurde, hörten + sie zu ihrem größten Schrecken, wie ihr Visavis ruhig zu seinem + Nachbar sagte: »=Dohd man to Azlek=« (gib mir den Schlüssel). Er + erhielt seinen Schlüssel, aber die Damen sprangen flammenrot von + ihren Sitzen auf und stürmten zum Saal hinaus! + +[Illustration: »In Deutschland suchen sie noch immer vergebens die +Stelle, wo der dreihaarige Achilles sterblich ist.« (»Figaro«, Mai +1882)] + + +Hundegeschichten + + Vielfach war da der »Reichshund«, der natürlich seine + Persönlichkeit mehrfach gewechselt hat, der Gegenstand + anekdotischer Erzählungen. So erzählte Bismarck, als das Gespräch + auf die Intelligenz der Hunde kam, wie einmal, als er durch seinen + Garten ging, um ihn durch das nach der Königgrätzer Straße führende + Tor zu verlassen, unvermutet mitten im Garten der Reichshund + auf ihn zugesprungen sei, in der Absicht, ihn zu begleiten. Bei + dem Gartentor habe sich der Hund dicht an die Öffnung gedrängt, + um womöglich noch vor seinem Herrn das Freie zu gewinnen. + Zurücktreiben habe er sich nicht lassen. Da habe er, Bismarck, + nur die Worte gesagt: »In den Reichstag«, worauf der Hund den + Schweif eingezogen und schleunigst nach Hause gerannt sei. Bismarck + erzählte die Geschichte, umgeben von einer Korona von Mitgliedern + des Bundesrats und des Reichstags, von welch letzteren der + fortschrittliche Vizepräsident Professor Hänel aus Kiel unmittelbar + in der Nähe des Kanzlers stand. Man kann sich sein Gesicht denken + und das Gelächter der übrigen Anwesenden, in das Bismarck herzlich + einstimmte. + + Vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 befand sich + Kaiser Alexander =II.= von Rußland bei unserem König in Ems. Die + beiden Monarchen mit großem Gefolge waren eines Abends beisammen. + Am entgegengesetzten Ende des Saales stand Graf Bismarck und + beobachtete den Zaren in sorgenvoller Erwägung, wie schwer es ins + Gewicht falle, welche mehr oder minder freundliche Haltung Rußland + gegenüber unserer Politik einnähme. Da erhob sich der große Hund + des Kaisers, der unter seinem Stuhl gelegen, und durchwanderte den + Saal; von einem Souverän würde man gesagt haben: »er macht Cercle«. + Der Hund blieb vor Bismarck stehen, schaute zu ihm empor, wedelte + zutunlich und leckte die vorgestreckte Hand des Grafen. In diesem + Augenblick ertönte durch den ganzen Saal die Stimme des russischen + Kaisers, der den Bewegungen seines Hundes offenbar gefolgt war, zu + Bismarck herüber: »Da sehen Sie, daß der Hund die Freunde seines + Herrn kennt.« Bismarck schloß seine denkwürdige Mitteilung mit den + Worten: »Ich fühlte mich erleichtert. Das war ein geschichtlicher + Moment für unsere Politik.« + +[Illustration: + + +Gast (Bismarck): »Zahlen!« + +Kellner (Minister Heemskerk): »Eure Hoheit zahlen wohl am besten mit +einem Traktat!« + +Bezieht sich auf die Beschwerden Hollands über den deutschen Lachsfang +im Rhein. (»Holländ. Witzblatt«, März 1886)] + + »Sultan« war nach einem Worte der Fürstin Bismarck der rührendste + Hund, den ihr Gemahl besessen. »Wenn ich verreiste,« erzählte + der Kanzler, »so suchte er mich überall mit großer Traurigkeit. + Endlich ergriff er dann zu seinem Troste meine weiße Militärmütze + und meine hirschledernen Handschuhe, trug diese in den Zähnen + nach meinem Arbeitszimmer und blieb dort, mit der Nase an meinen + Sachen, liegen, bis ich wiederkam. — Auch der alte Tyras war sehr + intelligent und treu. Einst hatte ich meinen Stock, den ich auf + die Straße nicht mitnehmen konnte, da ich in Uniform ging, an die + Innenmauer des Gartens gestellt, ehe ich durch die Pforte schritt. + Nach vier Stunden kam ich aus dem Reichstag zurück. Tyras begrüßte + mich nicht beim Eintritt ins Haus, wie sonst stets, und ich fragte + daher den Schutzmann, wo der Hund sei: ›Der steht seit vier Stunden + hinten an der Gartenmauer und läßt niemand zu Eurer Durchlaucht + Stock‹, erwiderte der Wachtposten. Ein andermal ging ich hier in + Varzin in Begleitung von Tyras spazieren und sehe auf einer Karre + eine Fuhre Holz liegen, das ich für gestohlen hielt, weil es aus + grünem Holze gehauen war. Ich gebot dem Hund, bei der Fuhre zu + bleiben, und entfernte mich, um einen Mann zu holen, der die Sache + aufklären könne. Als ich zurücksah, gewahrte ich aber, daß Tyras + mir leise und geduckt nachschlich. Ich kehrte zurück und legte + einen Handschuh auf die Karre. Da blieb mein Tyras dort stehen wie + angewurzelt.« Über das Ende des tüchtigen Tieres erzählte der Fürst + später: »Er war nicht krank; er ist an Altersschwäche eingegangen. + Einen Tag vor seinem Tode war er schon so steif, daß ich ihn wie + einen Hammel von oben in mein Arbeitszimmer tragen lassen mußte. + Dann, als ich nach Hause kam, wedelte er noch. Das nächstemal, an + seinem Todestage, konnte er auch nicht mehr wedeln und gab nur + durch seinen Ausdruck zu verstehen, daß er mich erkannt habe. + Während ich dann am Tische schrieb, sah ich ihn plötzlich sich + lautlos in mein Schlafzimmer schleppen, und gleich darauf sagte mir + der Diener, der ins Schlafzimmer getreten war: ›Der Tyras liegt + ausgestreckt im Schlafzimmer.‹ Von meinen jetzigen Hunden kann ich + dagegen rühmen, daß sie wie wild aus ihren verschiedenen Winkeln + auffahren und gegen die Tür stürmen, sobald der Diener meldet: ›Das + Essen ist aufgetragen.‹« + +Von der Heftigkeit des Kampfes, der namentlich von fortschrittlicher +Seite aus gegen den Kanzler geführt wurde, von der Gehässigkeit, mit +der man ihm zu begegnen wagte, bildet das beredteste Zeugnis jene +Szene im Reichstag, in der ihm das beschimpfende Wort »schamlos« +entgegenhallte. Sie erinnert lebhaft an die erregte Zeit, in der Graf +Ballestrem ihn durch den Zuruf »Pfui« in die Schranken rief. + + +Schamlos + + Bei der Beratung über die Mietsteuer war jenes Wort gefallen. + Sofort erwiderte Fürst Bismarck unter großer Unruhe: »Meine Herren, + das Wort ›schamlos‹ ist ein ganz unverschämter Ausdruck, den ich + hiermit zurückweise.« Präsident von Goßler, der eben von einem + Schriftführer um etwas gefragt wurde, hatte den Ausdruck »schamlos« + überhört. Er fragte nun amtlich, ob dieser Ausdruck gefallen + sei. Bejahende Rufe antworteten. Der Täter fand sich aber nicht + bemüßigt, sich zu melden. Da rief Bismarck: »Er (der Ausdruck) + ist gefallen, ich habe ihn gehört, dort (links) ein Herr, der + selbst keine Scham kennt, hat ihn gebraucht (Unruhe).« Präsident + von Goßler erklärte: »Ich bedauere aufs tiefste, daß ich den + Ausdruck nicht gehört habe, ich würde unter allen Umständen mit der + allergrößten Schärfe eingeschritten sein.« Noch immer hielt es der + unbekannte Schreier für angemessen, sich nicht zu nennen. Da rief + Bismarck: »Der Herr wird sich gewiß melden — die Herren, die neben + ihm sitzen, werden es ja wissen. Der Herr wird doch den Mut haben, + sich zu nennen?« Nun erhob sich endlich der Abgeordnete Struve mit + den Worten: »Jawohl! Ich bin es gewesen, Struve!« Unverzüglich + erteilte ihm Präsident von Goßler, unter lebhaftem Beifall, + den Ordnungsruf. Bismarck aber erklärte: »Nun, ich bin nicht + überrascht, von Herrn Struve da wundert es mich nicht.« Zur Sache + bemerkte er dann nur noch: »Ich und mit mir wahrscheinlich die + meisten Reichsbeamten gehören zu der Klasse von Leuten, die weniger + auf hohes Gehalt als auf gute Behandlung sehen, und wenn wir dafür + eine Garantie bekommen könnten, wenn wir gegen eine ungleiche + Behandlung eine Deckung durch die Reichsgesetzgebung bekommen + könnten, würden wir sehr dankbar sein.« Nach dem Schluß dieser + Rede aber erhob sich der Abg. Struve zu folgender Bemerkung »zur + Geschäftsordnung«: Nachdem der Präsident gegen ihn wegen des Rufes + »schamlos« den Ordnungsruf verhängt habe, frage er an, »welchen + Schritt er gegenüber dem Reichskanzler tun wird, der hier gesagt + hat, der Ausdruck ist von einem Abgeordneten gefallen, welcher + selbst keine Scham hat«? Noch ehe Präsident von Goßler antworten + konnte, erklärte Fürst Bismarck: »Ich habe zu meiner Rechtfertigung + zu bemerken, daß ich diese Äußerung getan habe, bevor der Herr + Abgeordnete die Güte gehabt, sich zu nennen (Heiterkeit rechts). + Nachdem er sich genannt hat, nehme ich den Ausdruck zurück. — Der + Herr Abgeordnete kennt gewiß Scham (Heiterkeit).« + +[Illustration: ~Die afrikanische Venus~ + +Bismarck beginnt die deutsche Kolonialpolitik. (»Punch«, 20. Dez. 1884)] + +[Illustration: ~Die Zeit der erwachenden Kolonialbewegung~ + +Bismarck stellt die Frage: »Wohin werden wir jetzt gehen?« (»Punch«, +29. August 1885)] + +So wie Fürst Bismarck den ersten Schritt auf das weite Gebiet der +sozialen Fürsorge wagte, so war er es auch, der den alten Gedanken des +Großen Kurfürsten wieder aufnahm und in den Wettbewerb um das reiche +Erbe der Welt eintrat. Er war es, der eine deutsche Kolonialmacht zu +begründen versuchte und trotz aller Schwierigkeiten, die sich ihm +vom Auslande her wie aus der Verständnislosigkeit der Fraktionen +entgegenstellten, siegreich überwand. Er war es, dem wir es verdanken, +daß die deutsche Flagge in fernen Weltteilen weht, daß der deutsche +Name geachtet ist, wo immer es Menschen gibt, daß dem deutschen Handel +und Gewerbefleiß sich neue weite Gefilde eröffneten, daß dem Überschuß +an Volkskraft sich die Möglichkeit erschloß, unter dem Schutze des +Reiches auch in die Ferne zu schweifen und nicht mehr wie bisher den +Kulturdünger für fremde Nationen zu liefern. Das Parlament unter +Bambergers Führung widerstrebte zwar den ersten Versuchen, aber im +Volke hat der Gedanke schnell Wurzel geschlagen, und als der Kaufmann +Lüderitz für seine Besitzung in Afrika den Schutz des Reiches erbat, +da setzte der Kanzler, unbekümmert um den englischen Einspruch, die +Anerkennung der deutschen Schutzherrschaft über Angra Pequena und +Lüderitzland durch: Deutsche Schiffe wurden beauftragt, dem Entschluß +Nachdruck zu verleihen, und nach London gingen so scharfe Noten, daß +die englischen Minister es für richtig hielten, ihre drohende Sprache +aufzugeben und die deutschen Rechte anzuerkennen. Aber im eigenen +Lande fand schon die Dampfervorlage, die uns die Verbindung der fernen +Erdteile mit dem Mutterlande sichern sollte, scharfe Opposition, obwohl +Fürst Bismarck alsbald erklärte, daß es nicht seine Absicht sei, +Provinzen zu gründen, sondern nur kaufmännische Unternehmungen in ihrer +freien Entwicklung gegen Angriffe aus der unmittelbaren Nachbarschaft, +gegen die Bedrückung und Schädigung durch andere europäische Mächte zu +schützen. Man warf ihm frivole Abenteuerlust vor, man stellte sich etwa +auf den Standpunkt, den einst der preußische Verkehrsminister gegen +die Begründung der ersten Eisenbahnen einnahm, und stemmte sich jedem +einzelnen Schritt, den der Kanzler versuchte, hartnäckig entgegen. So +der Ausdehnung deutscher Gewalt auf einige Küstenpunkte von Guinea +und auf Kamerun. Auch Windthorst, der Führer des Zentrums, wies immer +wieder darauf hin, daß Deutschland, rings von Feinden umgeben, nicht +auch die Kosten einer schweren maritimen Rüstung ertragen könne. Gewiß +ahnte Bismarck, daß Albion jedem Versuche Deutschlands, sein Erbrecht +an der Welt zu fordern, widerstehen werde; er wußte es auch, daß +ein künftiger Waffengang mit dieser Nation, die für sich allein die +Herrschaft über die Meere beansprucht, nicht zu vermeiden sei. Aber +dieser Gedanke schreckte ihn nicht; er vertraute dem Sterne seines +Volkes und der Kraft des von ihm geschaffenen Staates. Und wahrlich, +dreißig Jahre später hat sich seine Hoffnung und sein Glaube bestätigt. + +[Illustration: Papst: »Hier hast du deine Karoline! Herr Kanzler, ich +empfehl’ mich Ihne.« Der Papst, als Schiedsrichter angerufen, überweist +die Karolinen an die Spanier. (»Frankfurter Laterne«, November 1885)] + +Hier in diesem Kampfe um das neue Deutschland hat Bismarck jenes +wundervolle Gleichnis vom Völkerfrühling gebraucht, das noch immer in +allen Herzen lebt. In seiner Rede vom 2. März 1885 hat er es angewandt: +»Bei den fremden Nationen machen die Vorgänge in Deutschland ja sehr +leicht den Eindruck, daß bei uns zwar unter Umständen, wie 1870, wie +1813, die geharnischten Männer aus der Erde wachsen wie aus der Saat +der Drachenzähne in der griechischen Mythe in Kolchis, aber daß sich +dann auch stets irgendein Zaubersteinchen der Medea findet, welches man +zwischen sie werfen kann, worauf sie übereinander herfallen und sich so +raufen, daß der fremde Jason ganz ruhig dabeistehen kann und zusehen, +wie die deutschen gewaffneten Recken sich untereinander bekämpfen. Es +liegt eine eigentümliche prophetische Voraussicht in unserem alten +nationalen Mythus, daß sich, sooft es den Deutschen gut geht, wenn +ein deutscher Völkerfrühling wieder, wie der verstorbene Kollege Völk +sich ausdrückte, anbricht, daß dann auch stets der Loki nicht fehlt, +der seinen Hödur findet, einen blöden dämlichen Menschen, den er +mit Geschick veranlaßt, den deutschen Völkerfrühling zu erschlagen, +respektive niederzustimmen.« Und dann zehn Tage später: »Ich habe mir +neulich gestattet, eine Analogie aus der altgermanischen Mythologie +zu zitieren, bei der ich das Wort ›Völkerfrühling‹ gebrauchte. Ich +fürchte, daß ich dabei dunkler geblieben bin, als ich zu sein wünschte, +und daß ich nicht deutlich ausgedrückt habe, was ich meinte; aber es +liegt nicht in meiner Gewohnheit, mythologische Anspielungen weit +auszuspinnen. Es war nur etwas, was — ich kann es nicht leugnen — mich +in den letzten zwanzig Jahren ununterbrochen gequält und beunruhigt +hat, diese Analogie unserer deutschen Geschichte mit unserer deutschen +Göttersage. Ich habe unter dem Begriff ›Völkerfrühling‹ mehr verstanden +als die Kolonialpolitik, ich habe meine Auffassung — ich will nicht +sagen, so niedrig — aber so kurz in Zeit und Raum nicht gegriffen. +Ich habe unter dem Frühling, der uns Deutschen geblüht hat, die ganze +Zeit verstanden, in der sich — ich kann wohl sagen: — Gottes Segen +über Deutschlands Politik seit 1866 ausgeschüttet hat, eine Periode, +die begann mit einem bedauerlichen Bürgerkriege, der zur Lösung eines +verschürzten gordischen Knotens unabweisbar und unentbehrlich war, +der überstanden wurde, und zwar ohne die Nachwehen, die man davon +zu befürchten hatte. Die Begeisterung für den nationalen Gedanken +war im Süden wie im Norden so groß, daß die Überzeugung, daß diese +— ich möchte sagen — ›chirurgische Operation‹ zur Heilung der alten +deutschen Erbkrankheiten notwendig war: sobald sie sich Bahn brach, +war auch aller Groll vergessen, und wir konnten schon im Jahre 1870 uns +überzeugen, daß das Gefühl der nationalen Einheit durch das Andenken +dieses Bürgerkrieges nicht gestört war, und daß wir alle als ›ein +einig Volk von Brüdern‹ den Angriffen des Auslandes entgegentreten +konnten. Das schwebte mir als ›Völkerfrühling‹ vor; daß wir darauf +die deutschen Grenzländer wiedergewannen, die nationale Einheit des +Reichs begründeten, einen deutschen Reichstag um uns versammelt, den +Deutschen Kaiser wieder erstehen sahen, das alles schwebte mir als +›Völkerfrühling‹ vor. Dieser Völkerfrühling hielt nur wenige Jahre +nach dem großen Siege vor. Aber dann kam, was ich unter dem Begriff +›Loki‹ verstand: der alte deutsche Erbfeind, der Parteihader, der +in dynastischen und in konfessionellen, in Stammesverschiedenheiten +und in den Fraktionskämpfen seine Nahrung findet, — der übertrug +sich auf unser öffentliches Leben, auf unsere Parlamente, und wir +sind angekommen in einem Zustand unseres öffentlichen Lebens, wo die +Regierungen zwar treu zusammenhalten, im deutschen Reichstag aber +der Hort der Einheit, den ich darin gesucht und gehofft hatte, nicht +zu finden ist, sondern der Parteigeist überwuchert uns; und der +Parteigeist, wenn er mit seiner Lokistimme den Urwähler Hödur, der die +Tragweite der Dinge nicht beurteilen kann, verleitet, daß er das eigene +Vaterland erschlage, der ist es, den ich anklage vor Gott und der +Geschichte, wenn das ganze herrliche Werk unserer Nation von 1866 und +1870 wieder in Verfall gerät und durch die Feder hier verdorben wird, +nachdem es durch das Schwert geschaffen wurde.« + +[Illustration: Bismarck hatte in der »Norddeutschen Allgemeinen +Zeitung« einen »kalten Wasserstrahl« nach Frankreich gesandt. (»Le +Grelot«, 2. Dezember 1883)] + +Wenn nun auch die Politik des Fürsten Bismarck oft und stark gegen +Interessen verstieß, die andere Nationen vertraten, und wenn +andererseits das »heilige Feuer der Revanche« in Frankreich immer +noch hell zum Himmel lohte, so ist es ihm dennoch gelungen, mit Würde +und Größe das Schiff, das die Germania trug, durch alle Fährnisse zu +lenken. Seine große Schöpfung des Dreibundes hat sich durch lange +Jahrzehnte bewährt; zu Rußland fand Fürst Bismarck trotz aller +panslawistischen Umtriebe doch ein glückliches, fast freundschaftliches +Verhältnis, nachdem Skobelew und Ignatiew beseitigt waren. Niemals +waren vielleicht die Dreikaisermächte einander so nahe gekommen, wie +im Anfang der achtziger Jahre. Niemals aber hat auf der anderen Seite +England eine so scharfe Sprache vernommen, wie aus Bismarcks Munde, +zumal als die britische Gewaltpolitik sich in Ägypten eine neue Beute +suchte. + +[Illustration: ~Bismarcks Schützling~ + +Im Rüssel des Elefanten sitzt König Alfonso von Spanien. Er war als +Gast des ersten Kaisers in Berlin gewesen, wurde Chef eines Straßburger +Ulanenregiments und als Roi-Ulan auf der Rückreise in Paris auf das +schwerste beschimpft. (»Puck«, November 1883)] + +[Illustration: Bismarck führt Österreich und Italien trotz der +Erregung, die durch die irredentistischen Umtriebe entstand, wieder +zusammen. (»Figaro«, Februar 1881)] + +Das Verhältnis zu Frankreich erhielt seine äußerste Schärfe in +den Tagen, da General Boulanger davon träumte, gleich dem großen +Korsen durch einen glücklichen Krieg zur Macht und vielleicht zum +Kaiserthron zu gelangen. Hatte sich schon vorher die Stimmung in +Frankreich unter dem Einfluß der hinterhaltigen Politik Gortschakows +und der orleanistischen Fälschungen so verschärft, daß man gegen den +König Alfonso von Spanien, als er als Gast in Frankreich weilte, die +Pflichten der Gastlichkeit schnöde verletzte, nur weil er zum Chef +eines preußischen Ulanenregimentes ernannt worden war, so spitzten sich +die Beziehungen in gefährlichster Weise zu, als Boulanger in Frankreich +Kriegsminister wurde. Drohungen klangen fast täglich über den Rhein, +der Stil der Presse erhob sich zu wilder Leidenschaft, der Krieg stand +auf des Messers Schneide. Vergessen war es, daß in den Jahren vorher +das Verhältnis der beiden Nationen sich so günstig gestaltet hatte, daß +man in einer Reihe von Fragen freundschaftlich zusammenging. Vergessen +waren die Mahnungen Jules Ferrys, von einer Politik des Schmollens +und Grollens abzulassen — der Revanchegedanke ergriff das ganze +französische Volk und zwang den Fürsten Bismarck zur schärfsten Abwehr. +Eine neue große Wehrvorlage war die erste Antwort auf das Gesetz +Boulangers, das die allgemeine dreijährige Dienstzeit und zugleich eine +ungeheure Summe für Heereszwecke verlangte. Als aber der Reichstag +das, was der Kanzler verlangte, verwarf, als er das Septennat ablehnte +und nur einen begrenzten Teil der Forderungen an Geld und Mannschaft +bewilligen wollte, da löste Bismarck das widerspenstige Parlament auf, +und noch einmal stürzte er sich in einen Wahlkampf, wie er ihn einst in +der Konfliktszeit durchgefochten hatte. Der Kartellreichstag war der +Lohn. Einer gesicherten Mehrheit von 222 standen nur 174 Stimmen der +Opposition entgegen. In Sachsen war kein einziger Sozialist gewählt +worden. Der Freisinn sank von 67 auf 32 Mandate. Hatte die unnationale +Haltung des Reichstags vorher die Hoffnung Boulangers auf das äußerste +belebt, so war die indirekte Folge dieses Wahlausganges das ruhmlose +Ende des abenteuernden Generals, der zuletzt durch die eigene Hand auf +dem Grabe seiner Mätresse in Brüssel sich das Leben nehmen sollte. + +[Illustration: ~Boulanger vor dem Spiegel~ + +Boulanger: »=Sacré Dieu!= Frappante Ähnlichkeit! Bald wird es heißen +›Boulanger =I.=, Kaiser von Frankreich‹.« + +Bismarck: »Jejen die Generalprobe hätte ich nu jar nischt einzuwenden. +Die Aufführung von det Spektakelstück dürfte jedoch wejen +unvorherjesehener Hindernisse abgesagt werden.« (»Der Floh«, 27. Juni +1886)] + +Aber noch ehe sein Schicksal besiegelt wurde, drohten seine +kriegerischen Absichten dennoch der Erfüllung entgegenzureifen. Ein +französischer Spion mit Namen Schnäbele hatte deutschen Boden in der +Nähe der Grenze betreten und war von Gendarmen festgenommen worden. +Gegen ihn lagen die überzeugendsten Beweise vor. Aber in Frankreich, +wo man der Lüge Boulangers glaubte, daß Schnäbele völkerrechtswidrig +herübergelockt oder gar auf französischem Boden gefangen genommen +worden sei, erhob sich alsbald eine ungeheure Erregung. Fürst Bismarck +aber lehnte es ab, um einer Lappalie willen einen Weltkrieg zu +entflammen. + +In jenen Zeiten der nahen Gefahr hat Bismarck eine Reihe von Reden +gehalten, so gewaltig, so staatsmännisch tief und so wuchtig, daß sie +auch heute noch als Meisterstücke deutscher Redekunst gelten. Und +doppelt stark wirkt ihr Gewicht gerade in einer Zeit, in der all die +Gefahren, die einstmals drohten, heraufgezogen sind und sich zu einem +schweren und schwarzen Gewitter ballten, das sich heute auf Europas +Fluren entladet. Niemals aber hat eine Rede eine solche Wirkung +erzielt wie jener Aufruf an die deutsche Nation vom 6. Februar 1888, +deren Leitwort: »Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts in +der Welt!« das Leitwort des Volkes geworden ist. In einem grandiosen +Überblick über die Geschichte der letzten Jahrzehnte stellte Fürst +Bismarck hier fest, daß Deutschland wiederholt dem Ausbruch des Krieges +viel näher war, als die parlamentarische Schulweisheit es träumen +mochte, daß durch lange Jahrzehnte eine ununterbrochene Kriegsgefahr +bestand, die nur mit aller Anstrengung vermieden werden konnte. Das +Verhältnis zu Rußland sei allerdings immer günstig gewesen, aber +schon nach dem Berliner Kongreß hätten die Intrigen Gortschakows ihm +den Zwang auferlegt, sich nach einem Verbündeten umzusehen, da sogar +»Kriegsdrohungen von der kompetentesten Seite« erfolgten. So sei das +Bündnis mit Österreich entstanden, dessen Publikation vor wenigen Tagen +erfolgt war. Dann fuhr Bismarck fort: + +[Illustration: Bismarck als Bulldogge auf Jules Ferry reitend. Unter +dem Ministerium dieses Mannes gelang es Bismarck, mit Frankreich in +einer Reihe von Fragen (Bulgarien, Ägypten, Kolonialpolitik) friedlich +zusammenzugehen. (»Le Grelot«, 19. Oktober 1884)] + +[Illustration: ~Die belgische Neutralität~ + +»Mit welcher Sauce möchtest du gegessen werden?« — »Aber ich will ja +gar nicht gegessen werden.« — »Du hast gar nichts zu sagen.« Die Zeit +der Größe Boulangers. Im Mittelpunkt der Erörterung für den Fall eines +Krieges steht die Frage der belgischen Neutralität. (»Le Grelot«, 20. +Februar 1887)] + + +Der =Furor teutonicus= + + »Auch eine bessere Bewaffnung müssen wir anschaffen, denn wenn wir + eine Armee von Triariern bilden, von dem besten Menschenmaterial, + das wir überhaupt in unserem Volke haben, von den Familienvätern + über dreißig Jahre, dann müssen wir auch für sie die besten + Waffen haben, die es überhaupt gibt (Bravo!); wir müssen sie + nicht mit dem in den Kampf schicken, was wir für unsere jungen + Linientruppen nicht für gut genug halten (sehr gut!), sondern der + feste Mann, der Familienvater, diese Hünengestalten, deren wir + uns noch erinnern können aus der alten Zeit, wo sie die Brücke + von Versailles besetzt hatten, müssen auch das beste Gewehr an + der Schulter haben, die vollste Bewaffnung und die ausgiebigste + Kleidung zum Schutz gegen Witterung und alle äußeren Vorkommnisse. + (Lebhaftes Bravo.) Da dürfen wir nicht sparen. Aber ich hoffe, + es wird unsere Mitbürger beruhigen, wenn sie sich nun wirklich + den Fall denken, an den ich nicht glaube, daß wir von zwei Seiten + gleichzeitig überfallen würden — die Möglichkeit ist ja, wie ich + Ihnen vorhin an dem vierzigjährigen Zeitraum entwickelt habe, + für alle möglichen Koalitionen doch immer vorhanden —, wenn das + eintritt, so können wir an jeder unserer Grenzen eine Million + guter Soldaten in Defensive haben. Wir können dabei Reserven von + einer halben Million und höher, auch von einer ganzen Million, + im Hinterlande behalten und nach Bedürfnis vorschieben. Man hat + mir gesagt: das wird nur die Folge haben, daß die anderen auch + noch höher steigen. Das können sie nicht. (Bravo! — Heiterkeit.) + Die Ziffer haben sie längst erreicht ... Die Tapferkeit ist ja + bei allen zivilisierten Nationen gleich; der Russe, der Franzose + schlagen sich so tapfer wie der Deutsche; aber unsere Leute, unsere + 700000 Mann sind kriegsgedient, =rompus au métier=, ausgediente + Soldaten, und die noch nichts verlernt haben. Und was uns kein Volk + in der Welt nachmachen kann: wir haben das Material an Offizieren + und Unteroffizieren, um diese ungeheure Armee zu kommandieren. + (Bravo!) Das ist, was man nicht nachmachen kann. Dazu gehört + das ganz eigentümliche Maß der Verbreitung der Volksbildung in + Deutschland, wie es in keinem anderen Lande wieder vorkommt. Das + Maß von Bildung, welches erforderlich ist, um einen Offizier und + Unteroffizier zum Kommando zu befähigen nach den Ansprüchen, die + der Soldat an ihn macht, existiert bei uns in sehr viel breiteren + Schichten als in irgendeinem anderen Lande. Wir haben mehr + Offiziermaterial und Unteroffiziermaterial als irgendein anderes + Land, und wir haben ein Offizierkorps, welches uns kein anderes + Land der Welt nachmachen kann. (Bravo!) Wenn wir in Deutschland + einen Krieg mit der vollen Wirkung unserer Nationalkraft führen + wollen, so muß es ein Krieg sein, mit dem alle, die ihn mitmachen, + alle, die ihm Opfer bringen, kurz und gut, mit dem die ganze Nation + einverstanden ist; es muß ein Volkskrieg sein; es muß ein Krieg + sein, der mit dem Enthusiasmus geführt wird, wie der von 1870, + wo wir ruchlos angegriffen wurden. Es ist mir noch erinnerlich + der ohrengellende freudige Zuruf am Kölner Bahnhofe, und so war + es von Berlin bis Köln, so war es hier in Berlin. Die Wogen der + Volkszustimmung trugen uns in den Krieg hinein, wir hätten wollen + mögen oder nicht. So muß es auch sein, wenn eine Volkskraft wie die + unsere zur vollen Geltung kommen soll. Es wird aber sehr schwer + sein, den Provinzen, den Bundesstaaten und ihren Bevölkerungen + das klarzumachen: Der Krieg ist unvermeidlich; er muß sein. Man + wird fragen: Ja, seid ihr denn dessen so sicher? Wer weiß? Kurz, + wenn wir schließlich zum Angriff kommen, so wird das ganze Gewicht + der Imponderabilien, die viel schwerer wiegen als die materiellen + Gewichte, auf der Seite unserer Gegner sein, die wir angegriffen + haben. Das ›heilige Rußland‹ wird entrüstet sein über den Angriff. + Frankreich wird bis an die Pyrenäen hin in Waffen starren. Ganz + dasselbe wird überall geschehen. Ein Krieg, zu dem wir nicht + vom Volkswillen getragen werden, der wird geführt werden, wenn + schließlich die verordneten Obrigkeiten ihn für nötig halten und + erklärt haben; er wird auch mit vollem Schneid und vielleicht + siegreich geführt werden, wenn man erst einmal Feuer bekommen und + Blut gesehen hat. Aber es wird nicht von Hause aus der Elan und + das Feuer dahinter sein wie in einem Kriege, wenn wir angegriffen + werden. Dann wird das ganze Deutschland von der Memel bis zum + Bodensee wie eine Pulvermine aufbrennen und von Gewehren starren, + und es wird kein Feind wagen, mit diesem =Furor teutonicus=, der + sich bei dem Angriff entwickelt, es aufzunehmen. (Bravo!) Es ist + nicht die Furcht, die uns friedfertig stimmt, sondern gerade + das Bewußtsein unserer Stärke, das Bewußtsein, auch dann, wenn + wir in einem minder günstigen Augenblicke angegriffen werden, + stark genug zu sein zur Abwehr und doch die Möglichkeit zu haben, + der göttlichen Vorsehung es zu überlassen, ob sie nicht in der + Zwischenzeit doch noch die Notwendigkeit eines Krieges aus dem + Wege räumen wird ... Wir können durch Liebe und Wohlwollen leicht + bestochen werden — vielleicht zu leicht —, aber durch Drohungen + ganz gewiß nicht! (Bravo!) Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst + nichts in der Welt (lebhaftes Bravo), und die Gottesfurcht ist es + schon, die uns den Frieden lieben und pflegen läßt. Wer ihn aber + trotzdem bricht, der wird sich überzeugen, daß die kampfesfreudige + Vaterlandsliebe, welche 1813 die gesamte Bevölkerung des damals + schwachen, kleinen und ausgesogenen Preußens unter die Fahnen rief, + heutzutage ein Gemeingut der ganzen deutschen Nation ist, und daß + derjenige, welcher die deutsche Nation irgendwie angreift, sie + einheitlich gewaffnet finden wird und jeden Wehrmann mit dem festen + Glauben im Herzen: ›Gott wird mit uns sein!‹« + +[Illustration: ~Der Dreibund im Hypodrom~ (»Le Grelot«, 30. Juni 1889)] + +Und die Vorlage wurde unter dem Eindruck dieser gewaltigen Rede +einstimmig angenommen. Und doch war der Kanzler schwerleidend gewesen, +als er sie hielt, mehrmals mußte er sich, um sich zu erholen, auf +seinen Platz niederlassen. Aber je weiter er sprach, desto höher wuchs +er selbst empor, und mit ihm die Hörer, desto durchgeistigter wurden +seine Züge, desto tiefer der Eindruck, daß er in Wahrheit des Gottes +voll sei. Ohne Beratung in der Kommission ging das Gesetz durch. Wie +eine Flamme aber war die Rede durch die Welt geflogen. Als Fürst +Bismarck hinausschritt unter die harrende Menge, um eines Hauptes Länge +sie überragend, den Prophetenblick in unendliche Fernen gerichtet, da +entblößten alle schweigend den Kopf, und er schritt dahin, gleich einem +Seher altvergangener Zeit, bis er im Tore seines Hauses verschwand. +Und auch durch die Welt zuckte der Strahl — diese Rede war in Wahrheit +eine Tat geworden. Und sie wirkte weit hin und vertrieb das Gewölk, +das am Horizonte sich ballte, und friedlich konnte Kaiser Wilhelm den +Abend seines Lebens beschließen. Es war die letzte große Freude, die +Kaiser Wilhelm noch erlebte. Wenig mehr als ein Monat verging, und das +deutsche Volk trauerte um seinen geliebten und gütigen Herrn. Am 1. +März war Kaiser Wilhelm noch bei voller Gesundheit gewesen, zwei Tage +darauf aber erkrankte er an einer leichten Erkältung, und bald trat +ein ernstes Nierenleiden hinzu. Am 7. März nahm die Krankheit eine +ernste Wendung. Es mochte den greisen Herrn auch die Trauernachricht +tief bedrücken, die von seinem Sohne aus dem Süden und von seinem +unheilbaren Leiden kam. An diesem Tage eilte Fürst Bismarck in das +Palais seines alten Herrn und verweilte dort länger als drei Stunden. +In dieser Audienz genehmigte der Kaiser den Erlaß, dem Prinzen Wilhelm, +der später Deutschlands dritter Kaiser wurde, seine Stellvertretung +zu übertragen; hier gab er auch die letzte Unterschrift seines +Lebens, durch die der Reichstag geschlossen werden sollte. Auch am +Mittag des nächsten Tages äußerte der Kaiser den Wunsch, den Gefährten +seiner Kämpfe zu sehen. Sofort eilte Bismarck herbei zu der letzten +Unterredung mit seinem teuren Herrn. Noch einmal erörterte mit ihm der +Kaiser klar und sicher die politische Lage und richtete Worte heißen +Dankes an den Mann, der sein Ratgeber zu Glück und Größe gewesen war. +Als dann der Kanzler noch einmal an das schlichte Eisenbett herantrat, +erkannte der Kaiser den Freund nicht mehr; die letzten Worte, die von +seinen Lippen drangen, haben gelautet: »Ich habe jetzt keine Zeit, müde +zu sein!« + +[Illustration: »~Der Zerschmetterer~« + +Österreich und Italien lecken Bismarck die Stiefel. Er selbst ruft aus: +»Fürchtet Gott und — den Humpen.« (»Le Grelot«, 19. März 1888)] + +Am 9. März morgens ½9 Uhr ist Kaiser Wilhelm entschlafen. + +Mittags trat der Reichstag zusammen; der Kanzler erbat sich das Wort, +und während er mit zitternder Stimme und mit tiefer Bewegung zu reden +begann, erhob sich das ganze Haus von seinen Sitzen. Und Bismarck +sprach: + +[Illustration: Bismarck am Marterpfahl, der die Inschrift trägt: »Die +Eroberung von Elsaß-Lothringen ist ein Raub, nichts anderes. Gewiß, +sie ist eine Tatsache, aber Tatsachen schaffen noch kein Recht. Victor +Hugo.« (»Le Pilori«, 1887)] + +[Illustration: Bismarcks Alp. (»Le Forum«, Mai 1887)] + + +Die Grabrede auf den alten Kaiser + + »Es steht mir nicht zu, meine Herren, von dieser amtlichen Stelle + aus den persönlichen Gefühlen Ausdruck zu geben, mit welchen + mich das Hinscheiden meines Herrn erfüllt, das Ausscheiden des + ersten Deutschen Kaisers aus unserer Mitte. Es ist dafür auch + kein Bedürfnis, denn die Gefühle, die mich bewegen, die leben in + den Herzen eines jeden Deutschen; es hat deshalb keinen Zweck, + sie auszusprechen. Aber das eine glaube ich Ihnen doch nicht + vorenthalten zu dürfen, nicht von meinen Empfindungen, sondern + von meinen Erlebnissen: daß inmitten der schweren Schickungen, + welche der von uns geschiedene Herr in seinem Hause noch erlebt + hat, es zwei Tatsachen waren, welche ihn mit Befriedigung und + Trost erfüllten. Die eine war die, daß die Leiden seines einzigen + Sohnes und Nachfolgers, unseres jetzigen regierenden Herrn, die + ganze Welt — nicht nur Deutschland, sondern alle Weltteile, kann + man sagen; ich habe noch heute ein Telegramm aus Neuyork in + dieser Beziehung erhalten — mit einer Teilnahme erfüllt haben, + die beweist, welches Vertrauen sich die Dynastie des deutschen + Kaiserhauses bei allen Nationen erworben hat. Es ist dies ein + Erbteil, kann ich wohl sagen, welches des Kaisers lange Regierung + dem deutschen Volke hinterläßt. Das Vertrauen, das die Dynastie + erworben hat, wird sich auf die Nation übertragen, trotz allem, + was dagegen versucht wird. Die zweite Tatsache, in der Seine + Majestät einen Trost in manchen schweren Schickungen empfand, war + die, daß der Kaiser auf die Entwicklung seiner Hauptlebensaufgabe, + der Herstellung und Befestigung der Nationalität des Volkes, dem + er als deutscher Fürst angehört hatte, — daß der Kaiser auf die + Entwicklung, welche die Lösung dieser Aufgabe inzwischen genommen + hatte, mit einer Befriedigung zurückblickte, welche den Abend + seines Lebens verschönt und beleuchtet hat. Es trug dazu namentlich + in den letzten Wochen die Tatsache bei, daß mit einer seltenen + Einstimmigkeit aller Dynastien, aller verbündeten Regierungen, + aller Stämme in Deutschland, aller Abteilungen des Reichstags + dasjenige beschlossen wurde, was für die Sicherstellung der Zukunft + des Deutschen Reiches auf jede Gefahr hin, die uns bedrohen könnte, + als Bedürfnis von den verbündeten Regierungen empfunden wurde. + Diese Wahrnehmung hat Seine Majestät mit großem Troste erfüllt, und + noch in der letzten Beziehung, die ich zu meinem dahingeschiedenen + Herrn gehabt habe — es war gestern — hat er darauf Bezug genommen, + wie ihn dieser Beweis der Einheit der gesamten deutschen Nation, + wie er durch die Volksvertretung hier verkündet worden ist, + gestärkt und erfreut hat. Ich glaube, meine Herren, es wird für + Sie alle erwünscht sein, dieses Zeugnis, das ich aus eigener + Wahrnehmung für die letzten Stimmungen unseres dahingeschiedenen + Herrn ablegen kann, mit in Ihre Heimat zu nehmen, weil jeder + einzelne von Ihnen einen Anteil an dem Verdienste hat, welches + dem zugrunde liegt. Meine Herren, die heldenmütige Tapferkeit, + das nationale hochgespannte Ehrgefühl und vor allen Dingen die + treue, arbeitsame Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes und + die Liebe zum Vaterlande, die in unserem dahingeschiedenen Herrn + verkörpert waren, mögen sie ein unzerstörbares Erbteil unserer + Nation sein, welches der aus unserer Mitte geschiedene Kaiser uns + hinterlassen hat! Das hoffe ich zu Gott, daß dieses Erbteil von + allen, die wir an den Geschäften unseres Vaterlandes mitzuwirken + haben, in Krieg und in Frieden, in Heldenmut, in Hingebung, in + Arbeitsamkeit, in Pflichttreue treu bewahrt bleibe.« + +[Illustration: Bismarck im Reichstag. Der Friedensengel und der +Kriegsgott sind gleicherweise erstaunt, als sie seine Rede vernehmen: +»Wir Deutschen fürchten Gott ...« (»Figaro«, 7. April 1888)] + +Mit den Worten: »Keines Menschen Mund kann dem Schmerze Ausdruck geben, +der ganz Deutschland erfüllt«, schloß der Präsident die Sitzung. Das +tiefe und warme Urteil aber, das Bismarck in seinem letzten Nachruf +seinem alten Herrn gewidmet hat, hielt er fest in all den Bitternissen +der späteren Zeit, und noch die Grabschrift, die er sich gewählt, ist +ein rührendes Zeugnis der Treue und ein ergreifendes Bekenntnis zu +Kaiser Wilhelm dem Ersten. + + * * * * * + +[Illustration: ~Die deutsche Küche~ + +Bismarck zu seinem Gretchen: »Man muß die Eier zerschlagen, wenn man +eine Omelette backen will.« Bismarck als Koch, Kaiser Wilhelm als +Gretchen, daneben auf dem Küchenstuhle Moltke als Kater. (»Triboulet«, +1888)] + +Die Sonne Bismarcks war hinabgesunken; ein langes Leben gemeinsamer +großer Arbeit war vorüber. Aber sternenklar blieb auch der Abend. Und +auch der Inhalt dieses letzten Teiles eines heroischen Daseins ist +bedeutend gewesen, ja, es konnte geschehen, daß zuletzt Fürst Bismarck, +als er des Amtes entlassen war, noch über die eigene Größe hinauswuchs. +Nur ein kurzer Abschnitt noch — zwei Jahre, dann hat das »Niemals« +des alten Kaisers seine Geltung verloren, und nur aus der Ferne des +Sachsenwaldes vernahm die Nation noch die Stimme des getreuen Eckart. + + * * * * * + +Den ganzen Reichtum zu erschöpfen, den das Leben des Fürsten Bismarck +in der Zeit all der vergangenen Kämpfe bot, ist unmöglich. Nur hier +und da mag aus der Fülle seines Erlebens noch ein einzelner Zug +herausgehoben und anekdotenartig verzeichnet werden. + +[Illustration: + + Faust: »Ich grüße dich, du einzige Phiole, + Die ich mit Andacht nun herunterhole! + — — — — — — — — — — — — — + Erweise deinem Meister deine Gunst.« + +Bismarck als Faust vor der Wahlurne, aus der der Kartellreichstag +hervorgehen soll. (»Kladderadatsch«, Februar 1887)] + + +Der Tod des Reitknechtes + + Als des Kanzlers einstiger Reitknecht Hildebrandt gestorben + war, den er einst vom Tode des Ertrinkens gerettet, empfing er + die Nachricht durch den Bruder, der gleichfalls lange in seinen + Diensten gestanden hatte und dann nach Chikago ausgewandert + war. Ihm schrieb Fürst Bismarck folgenden eigenhändigen Brief: + »Lieber Hildebrandt! Ihren Brief vom 9. habe ich erhalten und mich + gefreut, daß es Ihnen gut geht, wenn Sie auch im Laufe der Zeit von + Trauerfällen nicht verschont geblieben sind. Ihr Bruder war danach + älter, wie ich glaubte. Ihre erste Frau war 1851 ein ganz junges + Mädchen, ist also nicht alt geworden. Ich freue mich, daß Sie auch + mit der jetzigen glücklich leben und daß sie noch an Deutschland + denkt. August wird wohl ein feiner Yankee geworden sein. Mir geht + es insoweit gut, als die Meinigen nach Gottes Gnade leben und + gesund sind und meine Tochter mir zwei Enkel geschenkt hat; meine + Söhne sind leider noch nicht verheiratet; Herbert ist bei der + Botschaft in London; der Jüngste arbeitet hier unter mir; beide + sind Gott sei Dank gesund, was ich von meiner Frau leider nicht + immer sagen kann, und von mir gar nicht; ich jage nicht mehr und + reite selten, weil ich zu matt bin, und wenn ich nicht bald mich + zur Ruhe setze, so wird meine Lebenskraft verbraucht sein. Wie alt + sind Sie jetzt? und was für ein Geschäft treiben Sie, oder haben + Sie sich schon zur Ruhe gesetzt? Ihrer Frau können Sie sagen, daß + Lauenburg sich sehr aufnimmt; ich bin im Herbst seit dreißig Jahren + wieder dort gewesen, bin auch Ehrenbürger der Stadt und grüße als + solcher Ihre Frau besonders.« + + +Ein Stammbuchvers + + Das Album einer fürstlichen Frau fand, nachdem Moltke sich darin + eingetragen, mit den Worten »Schein vergeht, Wahrheit besteht« auch + Zugang zu Bismarck, der unter Moltkes Worte den Vers schrieb: + + »Ich glaube, daß in jener Welt + Die Wahrheit stets den Sieg behält, + Doch mit der Lüge dieses Lebens + Kämpft unser Marschall selbst vergebens.« + + +Fraktur + + Sehr kräftig hat der Kanzler seine Abneigung gegen deutsche + in lateinischer Schrift gedruckte Bücher und auch gegen die + neue, von dem Minister von Puttkamer eingeführte Orthographie + ausgesprochen. Es geschah dies in einem Dankschreiben aus Varzin + an die Naturforscher Karl und Adolf Müller in Kassel, die ihm ein + Werk über die Tiere der Heimat zugesandt hatten. »Die fesselnde + Schilderung und die naturgetreuen Abbildungen haben die Abneigung + überwunden,« schrieb er ihnen, »welche mich sonst abhält, + deutsche Bücher mit lateinischen Lettern zu lesen, weil ich mit + der Zeit, welche Geschäfte und Gesundheit zu meiner Verfügung + lassen, haushälterisch umgehen muß. Ich brauche erfahrungsmäßig + 80 Minuten, um die Seitenzahl in lateinischer Schrift zu lesen, + die =more vernaculo= (nach allgemeiner Sitte) gedruckt, eine + Stunde erfordert. Französisch oder Englisch mit deutschen + Lettern gedruckt, oder Deutsch mit griechischen, wird jedem + Leser, auch dem mit allen Alphabeten gleichmäßig vertrauten, die + gleichen Schwierigkeiten machen. Der gebildete Leser liest nicht + Buchstabenzeichen, sondern Wortzeichen. Ein deutsches Wort in + lateinischen Buchstaben ist ihm eine ebenso fremde Erscheinung, als + Ihnen ein griechisches Wort in deutschen Buchstaben sein würde, + und nötigt zu langsamerem Lesen, geradeso wie die neuerdings + eingeführte willkürliche Entstellung unserer hergebrachten + Orthographie. Verzeihen Sie diesen Ausbruch verhaltenen Unbehagens + eines einsamen Lesers und sehen Sie in demselben kein Symptom von + Undankbarkeit für Ihre freundliche Gabe, bei deren ansprechender + Lektüre ich die Nationalität der Typen gern vergesse.« + +[Illustration: Ein Neujahrsgeschenk. (»Don Quichotte«, 31. Dezember +1887)] + + +Die Getreuen von Jever + + Bekanntlich schickten die Getreuen von Jever dem Kanzler jährlich + zu seinem Geburtstage 101 Kiebitzeier. Dies geschah am 68. + Geburtstage mit folgenden Vers: + + Fast as de Diek üm Jeverland + Schlungst Du üm’t dütsche Land dat Band. + As üm dat Jeverland den Diek — + Schütz Gott den Diekhauptmann von’t Riek! + + Die Getreuen in Jever. + + Fürst Bismarck ließ den freundlichen Spendern diesmal durch den + preußischen Gesandten in Oldenburg eine Gegengabe übermitteln. Es + war ein silberner Becher in Gestalt eines Kiebitzeies. Außen hatte + er die Farbe des Kiebitzeies, innen war er vergoldet. Den Deckel + bildete ein Kiebitzkopf; die innere Fläche war mit dem Wappen des + Reichskanzlers geziert. Das Ganze ruhte auf einem Kiebitzfuß. + Diese Gegengabe begleitete Bismarck mit folgendem Schreiben vom + 22. April: »Den ›Getreuen in Jever‹ danke ich herzlichst für die + Kiebitzeier und die guten Wünsche, mit denen Sie mich auch in + diesem Jahre zu meinem Geburtstage erfreut haben. Gestatten Sie + mir, meinem Dank wenigstens durch ~ein~ Ei Ausdruck zu geben, + von einem Berliner Kiebitz gelegt. Ich bitte Sie, dasselbe als + Andenken zur Benutzung bei gelegentlichem Umtrunk der ›Getreuen‹ + freundlich entgegenzunehmen, und ich würde mich freuen, wenn ich + einem Mitgliede Ihres liebenswürdigen Kreises für das Wohlwollen, + welches Sie mir zehn Jahre hindurch bewiesen haben, meinen Dank + bei gelegentlicher Anwesenheit in Berlin auch mündlich aussprechen + könnte.« + + +Mondschein + + Zu einem seiner Geburtstage hatte der berühmte humoristische + Charakterdarsteller Karl Helmerding dem Fürsten folgendes + Glückwunschtelegramm gesandt: »Goethe soll im Sterben ausgerufen + haben: ›Mehr Licht!‹ Möge die ~Sonne~, welche seinem Wunsche + Erfüllung gab, uns noch recht lange leuchten!« — Bismarck + erwiderte, gleichfalls telegraphisch: »An den Schauspieler + Helmerding! 1. April 1875. Herzlichen Dank! Aber die lieblose + Anspielung mit ~Mondschein~ gerade heut’, bei sechzig voll? von + Bismarck.« + + +Wie er Modell saß + + Professor Fritz Schaper sollte das Kanzlerdenkmal für Köln + ausführen, mußte sich aber damit begnügen, ihn einigemal in der + Nähe zu sehen, ohne daß ihm der Fürst als Modell saß. Dafür aber + erhielt der Künstler den vollständigen Anzug des Kanzlers, und in + diesen wurde ein Berliner Schutzmann gesteckt, der die gleiche + Körperbildung wie Bismarck besaß. Fünf Jahre später hatte der + Bildhauer eine Büste für den 70. Geburtstag des Reichskanzlers + herzustellen. Damals traf er es besser. Er war von Bismarck zu + Tisch geladen, aber der Kanzler mochte wohl geglaubt haben, daß die + Betrachtung bei der Tafel genüge. Doch als nach Ende des Mahls der + Fürst seine Pfeife angezündet hatte, zog plötzlich Schaper sein + Handwerkszeug hervor, sagte nur: »Erlauben Sie, Durchlaucht«, und + begann den Kopf abzumessen. Dabei hatte er freilich einen Umstand + nicht berücksichtigt, nämlich — Tyras, der wütend auf den Künstler + lossprang, jedoch schnell zur Ruhe verwiesen wurde. So konnte + Schaper, maßgeblich für alle Kollegen, die Größenverhältnisse des + gewaltigen Kopfes feststellen. Damit der Fürst bei dieser für ihn + langweiligen Messung nicht ungeduldig würde, suchte ihn Schaper + nach Kräften zu unterhalten und erzählte dabei ein Histörchen, zu + dessen Verständnis daran erinnert sei, daß Bismarck sich einmal den + weißen Vollbart hatte wachsen lassen. Ein Schalk — so erzählte nun + Schaper — sei während des Karnevals auf das Standbild geklettert + und habe dem Kopfe mit — Schlagsahne den Vollbart verliehen; das + sei dem Übermütigen freilich schlecht bekommen, denn man habe ihn + eingesperrt. Bismarck bemerkte: »Das hätte man mir telegraphieren + sollen, ich hätte sofort seine Freilassung verfügt!« + + +Die Ägyptische Frage + + Fürst Bismarck wurde einst von einem gern das große Wort führenden + Industriellen, der sich sehr vertraulich zu dem Reichskanzler zu + gebärden pflegte, gefragt: »Nun, Durchlaucht, wie wird es jetzt mit + der Ägyptischen Frage?« Sehr ruhig antwortete ihm der Fürst mit + seiner »wurstigen« Miene: »Daß weiß ich nicht, Herr Kommerzienrat, + ich habe heute die Zeitungen noch nicht gelesen.« + + +Noch ein Vers Bismarcks + + Einmal erhielt der Fürst zum Geburtstage von den Stammgästen im + »Halben Monde« zu Weißenfels folgenden Glückwunsch: + + »Durchlaucht, wir gratulieren. + Sie sind das zwar gewohnt, + Doch selten mag’s passieren + Von Gästen aus dem Mond.« + + Umgehend erfolgte Bismarcks Antwort: + + »Daß mir Gratulationen + Vom Monde zugedacht, + Wo selten Gäste wohnen, + Das hätt’ ich nie gedacht.« + +[Illustration: ~Zeus und die polnische Danaë~ + +Nicht um sie zu besitzen, sondern um sie mit guter Manier loszuwerden, +versetzt er der (Polenvorlage) Danaë eins mit dem gütererwerbenden +Dreihundert-Millionen-Goldregen. (»Ulk«, Februar 1886)] + + +Wie man lästige Besuche entfernt + + Lord Odo Russell, der englische Gesandte am deutschen Hofe, + besuchte eines Tages den Fürsten Bismarck in dessen Palais in der + Wilhelmstraße in Berlin. Im Laufe der Unterredung meinte der Lord, + daß ein Mann wie der Reichskanzler wohl recht oft von lästigen + Menschen heimgesucht werde. »Das sei Gott geklagt«, versetzte + seufzend der Fürst. »Sie haben aber doch jedenfalls das eine oder + andere Mittel, sich solche Leute schnell vom Halse zu schaffen?« + »Ei freilich«, schmunzelte Bismarck. »Eines meiner besten ist, daß + ich mich durch meine Frau unter diesem oder jenem Vorwande abrufen + lasse. Natürlich darf dann der Besucher auch nicht länger bleiben.« + Diese Worte waren kaum gesprochen, als die Fürstin hereintrat und + mit harmloser Miene bemerkte: »Otto, es ist an der Zeit, deine + Medizin zu nehmen, vergiß es nicht.« Der Lord faßte die Sache von + der heiteren Seite auf; er brach in ein schallendes Gelächter aus + und empfahl sich. + + +Ein löblicher Kanzler + + Einen bemerkenswerten Glückwunsch erhielt Fürst Bismarck zu + seinem 70. Geburtstage von den Lehrern der Kreisschulinspektion + zu Lüdenscheid. Es war wohl das originellste Telegramm, welches + der Fürst unter den Tausenden von Depeschen am 1. April empfing. + Dasselbe lautete: + + Fürst Bismarck, Berlin. Sirach 10, Vers 5. + Die Schulinspektion zu Lüdenscheid. + + Die zitierte Bibelstelle enthält die Worte: »Es stehet in Gottes + Händen, daß es einem Regenten gerate; derselbige gibt ihm einen + löblichen Kanzler.« + + +Von der öffentlichen Meinung + + »Sie kennen,« so sagte der Kanzler einmal zu Wagener, + »unzweifelhaft den Ausspruch des alten Napoleons, daß drei + schreiende Weiber mehr Lärm machen als tausend schweigende Männer. + Man tut deshalb auch sehr unrecht, den schreienden Weibern der + öffentlichen Meinung irgendeine größere Bedeutung beizulegen. + Die wahre öffentliche Meinung ist die, welche sich aus gewissen + politischen, religiösen und sozialen Vordersätzen in einfachster + Fassung in der Tiefe des Volkslebens erzeugt und regt, und diese + zu erkennen und zum Durchbruch zu bringen, das ist die eigentliche + Begabung und Aufgabe des starken Mannes. Ich möchte sie die + Unterströmung der öffentlichen Meinung nennen. Ich habe deshalb + auch nie mit den eigentlichen Parlamentsschreiern gerechnet und + habe gerade deshalb die Genugtuung gehabt, die öffentliche Meinung, + auf die ich Wert lege, in nachhaltiger Weise für mich zu gewinnen. + Die Paulskirche in Frankfurt und das Unionsparlament in Erfurt + waren in der Tat eine Versammlung ausgezeichneter Redner, und doch, + was ist von denselben übrig geblieben? Versunken und vergessen, das + ist des Sängers Fluch.« + +[Illustration: Deutschland hat auf der Pariser Ausstellung einen +Riesenglobus ausgestellt. Der Globus gefiele den Franzosen schon, aber +das, was oben sitzt, nicht. (»Hum. Blätter«, Febr. 1888)] + + +Vom Werte des Ruhmes + + »Es ist nicht gerade sehr angenehm,« sagte Bismarck einmal zum + Geheimrat Wagener, »weder auf vierzehn Schritt belorgnettiert, noch + auf vier Schritt beschossen zu werden, und das bißchen Eitelkeit, + das in dem Angestauntwerden seine Befriedigung findet, hält nicht + lange vor. Alle die kleinen Eitelkeiten des Lebens haben nur so + lange Reiz, wie man sie nicht besitzt. Sobald man sie erreicht + hat, gilt von allen der Ausspruch des Königs Salomo, daß es eitel + ist und keine wahre Befriedigung gewährt. Ich begreife deshalb auch + nicht, wie ein Mensch dieses Leben ertragen kann, der nicht an ein + anderes und besseres glaubt.« + + +Der Sicherheitsknüppel + + Nach dem Kullmannschen Attentat trug Herr von Rottenburg, wenn + er den Kanzler in Kissingen begleitete, stets einen Revolver bei + sich, Bismarck gleichfalls. Eines Tages traf dort aus London ein + mächtiger Knüppel ein, wie ihn die Londoner Policemen tragen, mit + der Zuschrift: »Haben Sie acht.« Als Rottenburg den Fürsten hierauf + aufmerksam machte, lehnte dieser seine Begleitung mit den Worten + ab: »Ich bin in Gottes Hand!« + +[Illustration: Bismarck als Drachen zwischen dem als kriegerisch +gedachten Kronprinzen Wilhelm und dem Frieden. (»Don Quichotte«, 23. +Juni 1888)] + + +Die Ahnherren + + Keiner seiner Vorväter, so erzählte einmal Fürst Bismarck, habe + seit den Hugenottenkriegen gelebt, der nicht den Degen gegen + Frankreich gezogen hätte: »Mein Vater und drei seiner Brüder. + Dann war mein Großvater mit bei Roßbach, mein Eltervater gegen + Ludwig =XIV.=, und dessen Vater ebenfalls gegen Ludwig =XIV.= in + den kleinen Kriegen am Rhein 1672 oder 1673. Dann fochten mehrere + von uns im Dreißigjährigen Kriege auf kaiserlicher Seite, andere + freilich bei den Schweden. Zuletzt noch einer, der unter den + Deutschen war, die als Mietvölker auf der Seite der Hugenotten + standen. — Einer — ’s ist der auf dem Bilde in Schönhausen — das + war ein origineller Mensch. Ich habe da noch einen Brief von ihm + an seinen Schwager, da heißt es: ›Das Faß Rheinwein hat mir selber + achtzig Reichstaler gekostet; wenn der Herr Schwager das zu teuer + findet, so will ich, so Gott mir das Leben läßt, es selbsten + austrinken.‹ Dann: ›Wenn der Herr Schwager das und das behauptet, + so hoffe ich, daß ich ihm, so Gott mir das Leben läßt, einmal noch + näher an den Leib kommen werde, als ihm lieb ist.‹ Und an einer + anderen Stelle: ›Ich habe zwölftausend Reichstaler auf das Regiment + verwendet, und die verhoffe ich, so Gott mir das Leben läßt, mit + der Zeit wieder herauszuwirtschaften.‹ — Das Herauswirtschaften, + damit meinte er vermutlich, daß man sich damals auch für die + Beurlaubten und für die sonst nicht vorhandenen Mannschaften den + Sold bezahlen ließ. Ja, ein Regimentskommandeur stand sich zu jenen + Zeiten anders wie heute.« + + +Roß und Reiter + + Der Fürst hatte infolge seiner Nervosität seit einigen Wochen auf + das Rauchen und Weintrinken vollständig verzichtet. Als er dies + einmal dem Kaiser Wilhelm mitteilte, sagte dieser: »Sehen Sie, da + bin ich doch anders. Ich bin um so vieles älter als Sie, rauche + aber dennoch meine Zigarre, trinke mein Glas Wein und befinde mich + recht wohl dabei.« »Ja freilich, Majestät,« entgegnete der Kanzler, + »das ist eine alte Geschichte, der Reiter hält’s immer leichter aus + als das Roß.« + + +Einer, von dem er sich einschüchtern ließ + + Als die Bahn durch den Sachsenwald geführt wurde, besah sich der + Fürst fast täglich auf seinem Morgenspaziergange die Bahnarbeiten. + Es war ihm wohl nicht lieb, daß der altehrwürdige Wald auf eine + weite Strecke hin durchbrochen und die Axt an die Eichen gelegt + wurde; aber der Fürst fügte sich den gebieterischen Forderungen der + Zeit und hieß sein Herz, das Herz des naturliebenden Landwirts, + schweigen. Da kam er einst dazu, als die Arbeiter gerade eine + mächtige Eiche gefällt hatten. Sie war der schönsten eine, eine + Riesin des Waldes, voll Kraft im tausendjährigen Alter. Da + übermannte den Fürsten sein heftiges Temperament, und er befahl + den Übeltäter, der des Baumes Todesurteil gesprochen hatte und + vollziehen ließ, einen Ingenieur der Bahnbaubehörde, zu sich aufs + Schloß. Wütend ging er in seinem Zimmer mit wuchtigen Schritten + auf und ab, hastig trat er, als der Diener den Missetäter meldete, + dem Eintretenden entgegen. Und als er ihm gegenüberstand, da + erstarb ihm der zornigen Worte Schwall auf den Lippen, die finster + zusammengezogenen Brauen glätteten sich, und verlegen, ja verlegen + bot er dem baumlangen Ingenieur, einem gemessen neun Schuh hohen, + breitschulterigen Sohne Mecklenburgs, eine Zigarre und entließ ihn + nach einem Gespräche über die gleichgültigsten Dinge der Welt. Im + Kreise seiner Familie aber erzählte der Fürst am gleichen Tage noch + den Vorgang: »Ich konnte tatsächlich nach ›oben‹ den Ton nicht + finden,« meinte er, »der Mensch war ja größer als ich!« + + +Er bringt ein Hoch auf sich selbst aus + + »Es war 1866,« so erzählte der Kanzler einmal, »nach dem Einzug der + Truppen, abends. Ich war gerade krank, und meine Frau wollte mich + nicht ausgehen lassen. Ich ging aber doch — heimlich —, und wie ich + beim Palais des Prinzen Karl wieder über die Straße will, ist da + ein großer Haufen Menschen beisammen, der mir eine Ovation bringen + will. Ich war in Zivil und muß ihnen mit meinem breiten Hute, den + ich in die Stirn gedrückt hatte, ich weiß nicht wessen, verdächtig + vorgekommen sein, und einige machten eine feindliche Miene, so daß + ich’s für das beste hielt, in ihr Hurra einzustimmen.« + +[Illustration: Bismarck als Leuchter dargestellt. Er lauert +heimtückisch, welches Insekt nun wieder sich an der Flamme verbrennen +wird. (»Le Triboulet«, 1888)] + +[Illustration: Bismarck als Hamlet am Sarge Kaiser Wilhelms I. »Sein +oder Nichtsein ...« (»Don Quichotte«, 17. März 1888)] + + + + +Abendsonne + + +Als Kaiser Wilhelm geschieden war, hat die ganze Schar der Gegner +des Kanzlers, haben vor allem die Vertreter des Liberalismus, die +in dem neuen Herrn einen Freund ihrer Weltanschauung und in der +Kaiserin Friedrich eine erbitterte Feindin seiner Politik zu erkennen +vermeinten, mit Sicherheit auf seinen Sturz gerechnet. Und obwohl der +todestraurige Anblick des sterbenden Mannes, der jetzt die Kaiserkrone +trug, den Gottesfrieden gebieten sollte, ist doch gerade die Zeit +der neunundneunzig Tage überaus reich an Intrigen aller Art, an +Feindseligkeiten gegen den großen Staatsmann gewesen. + +[Illustration: + +Friedrich: »Na, sagen Sie mal, Otto, warum wollen Sie denn eigentlich +das Geschäft verlassen?« + +Otto: »Es kommt mich da mit eenmal zu viel Weiblichkeit in die Firma.« + +Es handelt sich um die Zeit der Battenbergschen Hochzeit. Prinzeß +Viktoria sollte Herrin von Bulgarien werden. Bismarck widerstrebte +energisch dem Plane in hartem Kampfe gegen die herbeigeeilte Königin +Viktoria von England und die Kaiserin Viktoria, ihre Tochter. +(»Figaro«, April 1888)] + +Sie haben sich geirrt. Kaiser Friedrich hat festgehalten an dem +treuen Diener seines Vaters, so eifrige Einflüsse auch sich auf ihn +geltend machten, und so zweifelhafte Elemente ihn umdrängten. Schon +aus San Remo hat der neue Herrscher an den ersten Beamten des Reiches +telegraphiert: »Ich rechne auf Ihren Beistand bei der schweren Aufgabe, +die mir wird.« Fürst Bismarck fuhr dem Kaiser in Begleitung seines +Sohnes bis nach Leipzig entgegen. Dort begrüßte er ihn, wurde vom +Kaiser umarmt und wiederholt geküßt, und in seinem Salonwagen fuhr er +mit ihm nach Berlin. In einem Erlaß vom nächsten Tage an den Kanzler +stellte dann der Kaiser die Gesichtspunkte auf, nach denen er seine +Regierung zu führen gedachte. Dieser Erlaß begann mit den Worten: +»Mein lieber Fürst! Bei dem Antritt Meiner Regierung ist es Mir ein +Bedürfnis, Mich an Sie, den langjährigen vielbewährten ersten Diener +Meines in Gott ruhenden Vaters, zu wenden. Sie sind der treue und +mutvolle Ratgeber gewesen, der den Zielen seiner Politik die Form +gegeben und deren erfolgreiche Durchführung gesichert hat. Ihnen bin +Ich und bleibt Mein Haus zu warmem Danke verpflichtet. Sie haben daher +ein Recht, vor allem zu wissen, welches die Gesichtspunkte sind, die +für die Haltung Meiner Regierung maßgebend sein sollen.« Wort für Wort +konnte Fürst Bismarck das Programm des neuen Herrschers unterschreiben. + +So blieb er zur bitteren Enttäuschung seiner Gegner im Amte, noch weit +hinaus über den Tag, der dem zweiten Kaiser des neuen Reiches das Auge +brach. Und noch bitterer war die Enttäuschung, als auch der künftige +Erbe der Krone, Kronprinz Wilhelm, in seiner berühmten Rede zum 73. +Geburtstage des Kanzlers sich begeistert zu ihm als dem Fahnenträger +der Nation bekannte: + + +Der Fahnenträger der Nation + + »Eure Durchlaucht! Unter den vierzig Jahren, welche Sie soeben + erwähnten, ist wohl keins so ernst und schwerwiegend gewesen + als das jetzige. Der Kaiser Wilhelm ist heimgegangen, dem Sie + 27 Jahre lang treu gedient! Mit Begeisterung jubelt das Volk + unserem jetzigen Hohen Herrn zu, der Mitbegründer der Größe des + jetzigen Vaterlandes ist. Eure Durchlaucht werden ihm, wie wir + alle, mit derselben altdeutschen Mannestreue dienen wie dem + Dahingeschiedenen. Um mich eines militärischen Bildes zu bedienen, + so sehe ich unsere jetzige Lage an wie ein Regiment, das zum Sturm + schreitet. Der Regimentskommandeur ist gefallen, der Nächste + im Kommando reitet, obwohl schwer getroffen, noch kühn voran. + Da richten sich die Blicke auf die Fahne, die der Träger hoch + emporschwenkt. So halten Eure Durchlaucht das Reichspanier empor. + Möge es, das ist unser innigster Herzenswunsch, Ihnen noch lange + vergönnt sein, in Gemeinschaft mit unserem geliebten und verehrten + Kaiser das Reichsbanner hochzuhalten. Gott segne und schütze + denselben und Eure Durchlaucht!« + +[Illustration: + +Bismarck: »Habe schon so viele Ministerportefeuilles mit Wonne +begraben, aber bei dieser Leich’ habe ick mir gar nicht unterhalten.« + +Zum Sturze Puttkamers, der unter Kaiser Friedrich fiel. (»Hum. +Blätter«, 17. Juni 1888)] + +Einer der giftigsten Pfeile, die man gegen den Kanzler geschleudert +hat, war die Verleumdung, daß er die Einsetzung einer Regentschaft +plane und beabsichtigt habe, den kranken Fürsten als regierungsunfähig +bezeichnen zu lassen. Es ist längst festgestellt, daß Fürst Bismarck +einen solchen Gedanken niemals gehegt hat. In seinem letzten +Vermächtnis hat er dies noch einmal festgestellt. Er hat es hier +auch als eine Fabel bezeichnet, daß ein Thronerbe, der an einer +unheilbaren Krankheit leide, nach preußischem Hausgesetz nicht +sukzessionsfähig sei. Gerade eine Frage staatsrechtlicher Art hat +ihn, den Kanzler, vielmehr genötigt, in das Geschick des Dulders +einzugreifen: Die behandelnden Ärzte waren Ende Mai 1887 entschlossen +gewesen, den Kronprinzen bewußtlos zu machen und die Exstirpation des +Kehlkopfes auszuführen, ohne ihm ihre Absicht angekündigt zu haben. +Da erhob Fürst Bismarck Einspruch, da verlangte er, daß nicht ohne +die Einwilligung des Patienten vorgegangen und, da es sich um den +Thronfolger handelt, auch die Zustimmung des Familienhauptes eingeholt +werde. Der Kaiser hat dann, durch ihn unterrichtet, den Ärzten +verboten, die Operation ohne Einwilligung seines Sohnes vorzunehmen. + +[Illustration: Kaiser Friedrich ist gestorben, sein Tagebuch +erschienen. Den Franzosen erscheint Bismarck winzig, an dem Schatten +des Toten gemessen. (»Don Quichotte«, 6. Oktober 1888)] + +Der härteste Kampf zog herauf, als ganz Deutschland in helle Erregung +durch die Nachricht geriet, daß die Prinzessin Viktoria, Kaiser +Friedrichs Tochter, sich mit dem Prinzen Alexander von Battenberg +verloben würde, dem zugleich das Kommando über ein preußisches +Armeekorps verliehen werden solle. Das Projekt ging zurück auf die +Königin Viktoria von England, bei der das allen Frauen eigentümliche +Gelüst, Ehen zu stiften, sich mit der politischen Absicht vereinigen +mochte, Rußland und Deutschland voneinander zu trennen. War doch der +einstige Fürst von Bulgarien gerade durch die Abneigung des Zaren +vom Throne gestürzt worden. Aber dieser Plan entsprach zugleich +einem Lieblingswunsch der Kaiserin Friedrich, so daß, als Bismarck +sich zu scharfem Widerspruch genötigt sah, sein Protest zugleich die +einflußreiche hohe Frau auf die Schanzen rief. Am Ostertage sollte +Prinz Alexander in Berlin erscheinen. Da überreichte Fürst Bismarck +dem Kaiser eine Denkschrift von dreißig Seiten, die später durch eine +Indiskretion, wenn auch in apokrypher Form, in französischen Blättern +veröffentlicht wurde. Königin Viktoria kam selbst in Charlottenburg an; +die Erregung im Volke war jedoch schon so hoch gestiegen, daß bei ihrer +Ankunft auf dem Bahnhofe Vorsichtsmaßregeln getroffen werden mußten. +Trotz alles heißen Bemühens der Königin lehnte Kaiser Friedrich den +Heiratsplan ab. Unerhört aber war der Sturm in der Presse, der sich +damals gegen den Eisernen Kanzler erhob. Fürst Bismarck werfe sich, so +lärmte man, zum Vormund des Kaiserhauses auf! Wie könne er sich berufen +fühlen, in einer solchen inneren Angelegenheit der kaiserlichen Familie +sein Veto zu sprechen? Er nehme nur Rücksicht auf den Zaren, er krieche +vor Rußland und schiebe deshalb sogar das Selbstbestimmungsrecht seines +Kaisers zur Seite. Jetzt sei die Frage zu entscheiden, ob in Preußen +und im Reich der Kaiser oder sein Majordomus regiere. Gewaltig war aber +auch die Erregung der anderen Teile des Volkes, die mit Schrecken die +Stellung des unersetzlichen Staatsmannes gefährdet sahen und treffend +die Frage stellten, ob die Verbindung einer Kaisertochter mit dem +Sprößling der Nebenlinie eines deutschen Fürstenhauses wichtiger sei, +als die Erhaltung des Fürsten Bismarck in der Leitung des Deutschen +Reiches. + +Die Kanzlerkrisis ging zu Ende. Fürst Bismarck blieb auf seinem Posten. +Der Kaiser dankte ihm für seinen Dienst sogar durch eine Reihe von +Gnadenbeweisen, vor allem durch die Ernennung seines ältesten Sohnes +Herbert zum Mitglied des Staatsministeriums. Er hatte erkannt, daß +nie und nimmermehr die deutsche Politik von England bestimmt und +abhängig werden darf. Er lehnte es ab, wie Fürst Bismarck es nannte, +für England die bulgarischen Alarmquartiere zu beziehen und von dort +auf Englands Signal gegen Rußland zu marschieren, wobei dann England im +weiteren Verlaufe des gewaltigen Ringens mit dem wohlwollenden Gedanken +zugeschaut hätte: »Schade für jeden Hieb, der auf beiden Seiten +vorbeigeht!« + +Über sein Verhältnis zu Kaiser Friedrich und seine Gemahlin hat Fürst +Bismarck sich in seinem letzten Vermächtnis noch ausgesprochen: + + +Kein Gedanke daran + + »Als der Gesundheitszustand Wilhelms =I.= im Jahre 1885 Anlaß zu + ernsten Besorgnissen gab, berief der Kronprinz mich nach Potsdam + und fragte, ob ich im Falle eines Thronwechsels im Dienst bleiben + würde. Ich erklärte mich dazu unter zwei Bedingungen bereit: + keine Parlamentsregierung und keine auswärtigen Einflüsse in + der Politik. Der Kronprinz erwiderte mit einer entsprechenden + Handbewegung: ›Kein Gedanke daran!‹ Bei seiner Frau Gemahlin + konnte ich nicht dasselbe Wohlwollen für mich voraussetzen; ihre + natürliche und angeborene Sympathie für ihre Heimat hatte sich + von Hause aus gekennzeichnet in dem Bestreben, das Gewicht des + preußisch-deutschen Einflusses in europäischen Gruppierungen in die + Wagschale ihres Vaterlandes, als welches sie England zu betrachten + niemals aufgehört hat, hinüberzuschieben und im Bewußtsein der + Interessenverschiedenheit der beiden asiatischen Hauptmächte, + England und Rußland, bei eintretendem Bruche die deutsche Macht im + Sinne Englands verwendet zu sehen. Dieser auf der Verschiedenheit + der Nationalität beruhende Dissens hat in der orientalischen Frage, + mit Einschluß der Battenbergischen, manche Erörterung zwischen + Ihrer Kaiserlichen Hoheit und mir veranlaßt. Ihr Einfluß auf + ihren Gemahl war zu allen Zeiten groß und wurde stärker mit den + Jahren, um zu kulminieren in der Zeit, wo er Kaiser war. Aber auch + bei ihr bestand die Überzeugung, daß meine Beibehaltung bei dem + Thronwechsel im Interesse der Dynastie liege.« + +Zu dem Verfasser hat Fürst Bismarck sich über das Kaiserpaar mehrfach +geäußert: + +[Illustration: Geffckens Veröffentlichungen aus dem Tagebuch Kaiser +Friedrichs als Steinwurf gegen Bismarcks Haupt. (»La Charge«, 7. +Oktober 1888)] + + +Das Kaiserpaar + + »Man hat die Willenskraft des Kaisers Friedrich vielfach + unterschätzt. Man glaubte ihn abhängig von Schürzen und + Weiberröcken. Das ist ganz falsch. Er hatte ein hohes Bewußtsein + von seiner Souveränität, und die guten Leute, die von ihm eine + starke Wendung nach links erwarteten und in ihm eine besondere + Schwäche für den Konstitutionalismus witterten, hätten sich + arg getäuscht, wenn er länger regiert hätte. Er war äußerlich + verbindlich, aber durchaus selbstherrlich. Ich hätte selbst gegen + Weiberintrigen leicht mit ihm regiert. — Na, Kronprinzen schillern + ja immer ein bißchen liberal, das ist nun mal so, sie stehen auch + immer ein bißchen in Opposition, weil sie zu wenig zu tun haben, + wenn sie nicht ganz in den Gamaschen aufgehen, aber das schleift + sich ab. Kaiser Friedrich wäre eher ein Autokrat geworden als + ein Richterscher. — Die Kaiserin Friedrich ist eine kluge Frau, + aber sie ist im Grunde stets Engländerin geblieben. Wenn sie von + ›unseren‹ Truppen, von ›unserem‹ Botschafter spricht, so meinte sie + stets die englischen Truppen und Lord Loftus oder wer gerade da + ist. Ich wünschte, deutsche Prinzessinnen, die sich wegverheiraten, + hätten auch was davon. Daß ich bei meiner Verabschiedung sie um + ihre Vermittlung bat — gar mit Tränen — ist natürlich Schwindel. + Aber sonst standen wir recht gut miteinander, besonders in den + letzten Jahren, wenn ich sie auch oft ärgern mußte, wie beim + Battenberger. Unser Verhältnis beruhte ja nicht auf Liebe, aber + auf gegenseitiger Hochachtung. Einmal, als ich zum Vortrag in + Charlottenburg war, rückte sie mir sogar einen Sessel heran. Kaiser + Friedrich hielt überhaupt immer darauf, auf meine Bequemlichkeit + Rücksicht zu nehmen. Das wurde freilich später anders.« + +[Illustration: Aus Geffckens Tagen. (»Punch«, 16. Februar 1889)] + +Ein harter Konflikt erhob sich alsbald auch auf dem Boden der inneren +Politik Preußens. In seinem Mittelpunkte stand der Minister des +Inneren, der hochkonservative Herr von Puttkamer, dem die öffentliche +Meinung allzu starke Wahlbeeinflussungen vorwarf. Auch der Kaiser nahm +gegen ihn Stellung und ersuchte ihn, »in Zukunft die Wahlfreiheit durch +amtliche Beeinflussung nicht einzuschränken«. Alle Versuche des Fürsten +Bismarck, den Konflikt auszugleichen, sind jedoch gescheitert, zumal +da der Minister durch das Verbot eines Lutherfestspieles, in dessen +Aufführung er eine Störung des konfessionellen Friedens erkannte, die +Verstimmung des Kaisers noch zu steigern verstand. Am 8. Juni erhielt +er die Entlassung. + +Am 15. Juni 1888 ist dann Kaiser Friedrich gestorben. Die kurze Zeit +seiner Regierung ist eine Zeit der tiefsten Tragik gewesen. Entsetzlich +war das Erlöschen der Lebenskräfte dieses hochgesinnten Mannes, war +die Geschichte der furchtbaren Krankheit, vor der es kein Entrinnen +gab. Entsetzlich war auch der Streit der Ärzte am Krankenlager des +bedauernswerten Mannes. Und der Fluch, der dem britischen Arzte Sir +Morell Mackenzie nach seinem fluchtartigen Scheiden über das Meer +folgte, war sicherlich wohlverdient. Für Bismarck vor allem waren +diese neunundneunzig Tage nur Tage der Qual. Denn er, der täglich +dem Kranken Vortrag halten mußte, war einer der nächsten Zeugen der +Qualen, unter denen das Leben des Kaisers versiegte. Als dann ohne +eigentlichen Todeskampf Kaiser Friedrich dahingeschieden war, da hat +der Kanzler auch ihm den Nachruf gehalten: »Der Königliche Dulder hat +vollendet. Nach Gottes Ratschluß ist Seine Majestät der Kaiser und +König Friedrich, unser allergnädigster Herr, nach langem, schwerem, +mit bewunderungswürdiger Standhaftigkeit und Ergebung in den göttlichen +Willen getragenem Leiden heute kurz nach 11 Uhr zur ewigen Ruhe +eingegangen. Tief betrauert das Königliche Haus und unser in so kurzer +Zeit zum zweitenmal verwaistes Volk den allzufrühen Hintritt des +geliebten Herrschers.« + +Der dritte Kaiser, Wilhelm =II.=, Friedrichs des Dulders Sohn, bestieg +den Thron. Eine neue Zeit brach für den großen Staatsmann an. Eine +starke, auf sich selbst ruhende, eigenwillige Persönlichkeit ergriff +die Zügel der Regierung. Und kaum zwei Jahre hindurch sollte das Band +dauern, das die beiden Männer miteinander verknüpfte. + +Zunächst freilich schien es, als ob das Vertrauen, das der Kronprinz +eben dem Fahnenträger der Nation ausgesprochen hatte, auch die +Grundlage für alle Zukunft bilden werde. Schon die Thronrede, die +sich durchaus zu der Politik des Fürsten Bismarck bekannte, die das +Versprechen gab, daß auch künftig die soziale Politik »im Anschluß +an die Grundsätze der christlichen Sittenlehre« geführt werden soll, +um den Schwachen und Bedrängten im Kampfe um das Dasein Schutz zu +gewähren, die weiter den Grundsatz aussprach, dem Lande niemals die +Wohltaten des Friedens verkümmern zu wollen, wenn der Krieg nicht +eine durch den Angriff auf das Reich oder auf seine Verbündeten uns +aufgedrungene Notwendigkeit sei, bewies das Bedürfnis des Monarchen, +den Boden des Vorgängers nicht zu verlassen. Ostentativ reichte der +Kaiser nach Verlesung der Rede gleich vom Throne herab dem Kanzler die +Hand, um das herzliche Einvernehmen mit dem ersten Beamten des Reiches +offen zu bekunden. Hoffnungsvoll und freudig sah das deutsche Volk der +Zukunft entgegen, zumal da auch der Monarch sich nachdrücklich für +die Kartellpolitik, für den Zusammenschluß aller nationalen Elemente +erklärte und alle Versuche, namentlich von kirchlicher Seite, die +Stellung des Fürsten Bismarck zu erschüttern, kraftvoll zurückwies. + +[Illustration: ~Duldsamkeit~ + +Bismarck war an Luthers Geburtstag, am 10. November 1888, wegen seines +Eintretens für Harnack, von der Universität Gießen zum Ehrendoktor +ernannt worden. In seiner Antwort hatte er gesagt: »Meinem Eintreten +für duldsames und praktisches Christentum verdanke ich diese +Auszeichnung.« (»Ulk«, Dezember 1888)] + +Einen Schatten eigener Art warf nun über diese ersten Sonnentage der +unerquickliche Streich, den Professor Geffcken mit der Veröffentlichung +des Tagebuches spielte, das Kaiser Friedrich während des Krieges +gegen Frankreich geführt hatte, und das eine Reihe von Tatsachen +enthüllte, die wahrlich nicht dem eigentlichen Zwecke, die Gestalt des +verblichenen Kaisers mit einer strahlenden Krone zu umgeben, gedient, +sondern in Wahrheit den toten Kaiser und vor allem sein politisches +Verhalten im Kriegsjahr in ein unerfreuliches Licht gestellt hat: +Seine überschwengliche Vorstellung von der deutschen Kaiserwürde, die +das Recht und die Würde der deutschen Bundesfürsten tief herabdrücken +mußte, der seltsame Gedanke, den süddeutschen Fürsten die Verkümmerung +ihrer Kronrechte, wenn es not tat, mit Gewalt abzutrotzen, die +Darstellung der Differenzen mit dem Fürsten Bismarck — alles das +erweckte einen überaus peinlichen Eindruck, zumal auch geheime +Verhandlungen mit der Kurie und den süddeutschen Staaten preisgegeben +wurden. Fürst Bismarck hielt dieses Tagebuch für gefälscht; er sprach +es in einem Bericht, den der Kaiser von ihm verlangte, ausdrücklich +aus und betrieb das strafrechtliche Einschreiten gegen den Professor +Geffcken. Es ist zu einem Prozeß dann nicht gekommen, weil das +Reichsgericht das Strafverfahren eingestellt hat. + +[Illustration: ~Der Teufel macht sich zum Einsiedler.~ (»Le Don +Quichotte«, 29. März 1890)] + +Ob dieser Vorgang einen Einfluß auf das innere Verhältnis des Monarchen +zu seinem Kanzler übte? Wer kann es wissen! Zunächst hat jedenfalls +der Kaiser sich weiter bemüht, in zahlreichen Kundgebungen dem Fürsten +Bismarck sein Vertrauen und seine herzliche Freundschaft auszusprechen, +so starke Einflüsse sich auch dauernd gegen den Staatsmann geltend +machten. Vor allem die kirchliche Orthodoxie stand auf dem Kampfplatz, +zumal seit der Zeit, da Bismarck für den Professor Harnack, einen +Schüler Ritschls, und für seine Berufung in die Theologische Fakultät +der Berliner Hochschule eintrat. Ein Verhalten, das ihm aus Gießen den +Titel eines Ehrendoktors der Theologie eintrug. + +[Illustration: Der Kanzler in Friedrichsruh. Er klebt ein Plakat +an, daß der Eintritt für Kolporteure, Musikanten und Anwärter auf +Ministerstellen verboten sei. Im Hintergrunde Bennigsen. (»Lustige +Blätter«, 30. August 1888)] + + +Ehrendoktor der Theologie + + In dem Diplom, das von Gießen aus dem Kanzler zugesandt wurde, + war gesagt worden: »Dem reichbewährten, vornehmsten Ratgeber + der evangelischen Könige von Preußen, der erlauchten Stütze + der evangelischen Sache in aller Welt, welcher darüber wacht, + daß die evangelische Kirche gemäß ihrer Eigenart und nicht + nach fremdartigem, für sie verderblichem Vorbilde regiert + werde; dem tiefblickenden Staatsmanne, der erkannt hat, daß die + christliche Religion allein Heil bringen kann der sozialen Not, + die christliche Religion, die ihm die Religion der tatkräftigen + Liebe, nicht der Worte, des Herzens und Willens, nicht der + bloßen Spekulation ist; dem einsichtigen Freunde aller deutschen + Universitäten, der zumal den evangelischen Fakultäten teuer + geworden ist durch die Entschlossenheit, mit welcher er für die + Freiheit derselben eingetreten ist, ohne welche sie dem Evangelium + und der Kirche nicht dienen können.« Bismarck erwiderte am 22. + November dankend: »Meinem Eintreten für duldsames und praktisches + Christentum verdanke ich diese Auszeichnung. Wer sich der eigenen + Unzulänglichkeit bewußt ist, wird in dem Maße, in welchem Alter und + Erfahrung seine Kenntnis der Menschen und Dinge erweitern, duldsam + für die Meinung anderer.« + +[Illustration: Bismarck im »Arabic Punch«] + +Für das Verhältnis zwischen dem Kaiser und seinem ersten Diener war vor +allem der Neujahrswunsch bezeichnend, den der Monarch, der im Sommer +den Staatsmann in seinem Heim zu Friedrichsruh aufgesucht hatte, am +Ende des Jahres 1889 an ihn gerichtet hat: »Lieber Fürst! Das Jahr, +welches uns so schwere Heimsuchungen und unersetzliche Verluste +gebracht hat, geht zu Ende. Mit Freude und Trost zugleich erfüllt Mich +der Gedanke, daß Sie Mir treu zur Seite stehen und mit frischer Kraft +in das neue Jahr eintreten. Von ganzem Herzen erflehe Ich für Sie +Glück, Segen und vor allem andauernde Gesundheit, und hoffe zu Gott, +daß es Mir noch recht lange vergönnt sein möge, mit Ihnen zusammen für +die Wohlfahrt und Größe unseres Vaterlandes zu wirken.« + +Eine sachliche Differenz trat erst ein, als während des großen +Bergarbeiterstreiks des Jahres 1889 der Kaiser sich entschloß, die +drei Führer der Ausständigen im Schlosse zu Berlin zu empfangen. Fürst +Bismarck sah hier den Grundsatz durchbrochen, daß ein Monarch sich +niemals ohne ministerielle Bekleidungsstücke in das öffentliche Leben +hinauswagen soll; er wußte auch, daß die Delegierten Sozialdemokraten +seien und daß ihre Berufung zum Kaiser nicht nur keine Frucht tragen, +sondern die Stimmung nur verschärfen und neue Begierden wachrufen werde. + +[Illustration: ~Bismarck und der Tod~ + +»Scher dich zum Teufel!« + +»Laß mich noch hier, du Lieber, bis ich Englands Herze wiedergewonnen +habe!« (»Djabel«, Krakau, März 1889)] + +Durchaus in Übereinstimmung mit dem Kaiser befand sich Fürst Bismarck +zunächst in der äußeren Politik, vor allem in dem Bemühen, den in +dem ganzen Weltteil herrschenden Argwohn zu zerstören, daß der junge +Herrscher nach kriegerischer Betätigung verlange. Hier hatte Fürst +Bismarck freilich schon früh gewisse Widerstände zu besiegen, die sich +aus der Neigung des Kaisers ergaben, das kühle Verhältnis zu England +möglichst freundschaftlich zu gestalten. Gewiß hat der Kanzler es +gebilligt, daß Kaiser Wilhelm eine weite Rundreise an die europäischen +Höfe unternahm, aber gerade aus der Überschätzung, die der neue Herr +solchen Besuchen und der persönlichen Wirkung seiner Persönlichkeit +entgegenbrachte, sollte später einer der entscheidenden Gründe für die +Trennung der beiden Männer erwachsen. Nach Wien und Rom ging der Kaiser +unter voller Zustimmung des Kanzlers, aber Bedenken erhoben sich schon, +als der Monarch auch Athen und Konstantinopel besuchte, und als er +auf der Rückreise von Petersburg seine Flotte auch in Stockholm und +Kopenhagen anlaufen ließ. Es entsprang dem Bedürfnis des neuen Herrn, +sein Verhältnis zum Fürsten Bismarck deutlich zu erweisen, daß er auf +allen diesen Reisen sich den Grafen Herbert Bismarck zum Begleiter +erkor. + +Aber die neue Zeit zeigte doch hier und da schon Spuren eines neu in +das Leben der Nation eingreifenden Willens: der Wunsch des Kaisers, als +der selbständige Leiter der deutschen Politik zu erscheinen, trat immer +schärfer hervor, und um diesem Wunsche zu genügen, zog Fürst Bismarck +sich mehr und mehr in sein Heim im Sachsenwalde zurück. Man hat es ihm +später vielfach zum Vorwurf gemacht, daß er durch lange Monate der +Reichshauptstadt fern blieb. Aber er folgte hier nur der Rücksicht +auf die Wünsche seines kaiserlichen Herrn, unbekümmert darum, daß er +den Intriganten so den Weg frei gab, die jetzt in der Tat mit allem +Nachdruck den Sturmlauf gegen den verhaßten Kanzler begannen. + +Nur sollte die Absicht nicht so schnell, wie die Ungeduld hoffte, +zur Erfüllung reifen. Wiederholt besuchte der Kaiser den Fürsten im +Sachsenwalde, und er nahm auch mit Vorliebe an den parlamentarischen +Abenden teil, die wieder im Kanzlerhause veranstaltet wurden. + +[Illustration: ~Naturgetreue Darstellung der letzten partiellen +Mondfinsternis~ + +Gerüchte tauchen auf, daß Graf Waldersee der Nachfolger Bismarcks +werden soll. (»Ulk«, Juli 1889)] + +Noch schwebten keine Differenzen zwischen dem Kaiser und seinem Kanzler +in den Fragen, die schon nach wenigen Monaten sie voneinander trennen +sollten. Auch in dem Urteil über das Verhältnis zu Rußland, das doch +so bald zu scharfer Meinungsverschiedenheit führte, stimmten sie +noch zusammen. Noch im Oktober des Jahres 1889 zeigte Zar Alexander +in mannigfacher Weise, wie hoch er den großen Staatsmann schätze: +Bei seinem Besuche in Berlin zeichnete er ihn in jeder Weise aus +und gab auch äußerlich seiner Freundschaft für den Kanzler durch +die Überreichung seines Miniaturbildes in Form einer geschmackvoll +gearbeiteten, überaus wertvollen Dose Ausdruck. Und in seinem +Neujahrsglückwunsch hat Kaiser Wilhelm noch besonders betont, daß es +vor allem der Tatkraft und Weisheit des Fürsten Bismarck zu danken +sei, wenn der äußere Frieden erhalten blieb und die Bürgschaften für +seine Wahrung noch verstärkt worden seien. — Hier mochte er zunächst +an die Vorgänge denken, die sich an die widerrechtliche Verhaftung des +deutschen Polizeikommissars Wohlgemuth aus Mülhausen im Elsaß knüpften. +Diesen Vorgang hatte Fürst Bismarck sehr ernst aufgefaßt; er hatte +deshalb den Niederlassungsvertrag mit der Schweiz gekündigt und darauf +hingewirkt, daß dieses Land endlich durch einen Bundesanwalt und die +Zentralisation der politischen Polizei in der Hand des Bundesrates +dem beunruhigenden Treiben revolutionärer Elemente und dem Mißbrauch +des Schweizer Asylrechtes die nötigen Schranken zog. Der Konflikt ist +beigelegt worden. Die Bürgschaften der Schweiz wurden in erwünschter +Weise verstärkt. — Ein anderes Faktum, das dem Kaiser jenen Dank für +die Sicherung des Friedens in den Mund gelegt haben mochte, hatte sich +an den Versuch der Panslawisten geknüpft, den deutschen Kanzler dem +Zaren als den Urheber des plötzlichen Todes seiner »Hauptgegner«, des +Kronprinzen Rudolf von Österreich, des Generals Chancy, Gambettas, +Skobelews und des Königs Ludwig von Bayern zu denunzieren. In einer +persönlichen Unterredung mit dem Zaren gelang es dem Staatsmann, +nicht nur diese Verleumdungen zu entkräften, sondern auch das letzte +Mißtrauen gegen seine Friedensliebe zu zerstören. Aber schon in jener +Unterredung, so hat man später erfahren, hat der Zar zu Bismarck +die Worte gesprochen: »Ja, Ihnen glaube ich, und in Sie setze ich +Vertrauen, aber sind Sie auch sicher, daß Sie im Amte bleiben?« Fürst +Bismarck sah, so erzählte er später, den Zaren erstaunt an und sagte: +»Gewiß, Majestät, ich bin dessen ganz sicher, ich werde mein Leben +lang Minister bleiben. Ich hatte«, so fügte er später hinzu, »keine +Ahnung davon, daß eine Änderung bevorstand, während der Zar selbst, wie +die Frage zeigt, von der Wandlung, die sich vollziehen würde, bereits +unterrichtet sein mußte.« + +[Illustration: ~Stille Betrachtung~ + +»Da haben sie mir die Spitzel rausgeschmissen, und dort bei dem hohen +Turm spitzeln sie über die Schmisse, die sie von mir erhalten haben. +Soll man da nicht ärgerlich sein?« + +Es handelt sich um die Affäre Wohlgemut. Ein deutscher Polizeibeamter +dieses Namens war aus der Schweiz ausgewiesen worden. (»Nebelspalter«, +15. Juni 1889)] + +[Illustration: »Halt, mein Alter, hier hast du etwas zur Beruhigung. +Und wenn du weiter drängst, dann werden dir meine Freunde da im Westen +etwas auf die Hand geben.« (»La Chanson«, Mai 1889)] + +[Illustration: ~Der Dreibund~ + +Orpheus lullt Cerberus in den Schlaf. (»Punch«, 19. Okt. 1889)] + +Daß aber die ersten ernsthaften Differenzen zwischen dem Kaiser und +seinem Kanzler gerade auf diesem Gebiete und auch sonst bis in den +Sommer des Jahres 1889 zurückgehen, ist historisch festgestellt. Wenn +später ein Pester Blatt erzählte: »Der Gegenbesuch des Zaren in Berlin +schloß mit der Aussicht, daß Kaiser Wilhelm im Sommer 1890 wieder Gast +in St. Petersburg sein und den russischen Manövern beiwohnen werde; +Fürst Bismarck aber war von dieser Aussicht nicht so erfreut, wie es +der Kaiser wünschte«, so ist diese Auffassung leider wohlbegründet +gewesen. Und zutreffend war auch die Versicherung: »Daß der frühere +Kanzler bestrebt war, mit Rußland, wenn nicht Freundschaft, aber so +doch ein erträgliches Auskommen zu unterhalten, hat man aus seinem +Munde oft genug gehört, ebenso aber auch, daß die Bundestreue jener +traditionellen Freundschaft voranstehen muß.« Denn es ist kein Zufall, +daß die letzten Jahre seines Lebens erfüllt waren von sorgenvollen +Betrachtungen über die Ausgestaltung unserer Beziehungen zu dem +östlichen Nachbarn, und kein Zufall ist es, sondern eine wundersame +Schickung, daß ebenso wie der verewigte Kaiser, so auch sein treuer +deutscher Diener noch am letzten Tage des Lebens die Notwendigkeit +eines Einvernehmens mit Rußland hervorhob. Gerade deshalb sah er es +als ein Glück für Deutschland an, daß die orientalische Frage nicht +in den Kreis unserer Interessen fiel: »Die ist für uns mehr als für +die anderen Mächte mit dem Gravitieren der russischen Macht nach Süden +verträglich; wir können die Lösung eines von Rußland geschürzten +Knotens länger als andere abwarten.« Darum hat er auch später unsere +Initiative in der griechischen Frage mit Sorge verfolgt. + +Immerhin blieb das Verhältnis zwischen Kaiser und Kanzler nach außen +hin noch durchaus herzlich. Von seiner Orientreise aus sandte der +Monarch nach Friedrichsruh begeisterte Telegramme, und stets zeigte +er ihm eine fast ängstliche Sorge um seine Gesundheit, bis dann die +verschiedenartige Auffassung der sozialen Frage und der Zusammenbruch +des Kartells zu immer schärferer Spannung führten. Am 30. September +nämlich war das Sozialistengesetz abgelaufen, und es wurde nicht nur +seine Verschärfung, sondern auch seine Verlängerung für ewige Zeiten +gefordert. Nach dem neuen Vorschlag sollten sozialistische Agitatoren +der Ausweisung unterliegen und ihre Organe nach zweimaliger Verwarnung +verboten werden können. Der alte Kämpfer war eben der Ansicht, daß +die sozialistische Bewegung in ihrer letzten Wirkung keine Rechts-, +sondern eine Kriegsfrage sei. Er hielt den Kampf mit dieser Richtung +für unvermeidlich und wollte ihn je eher je lieber führen und eben +deshalb die Staatsgewalt in den Besitz aller Mittel setzen, um sich als +Herrin im Lande zu erhalten. Im Reichstag jedoch widerstrebte man. Hier +war man nur bereit, das alte Gesetz zu verlängern, und erst später, in +der zweiten Lesung, entschloß man sich, es wohl als dauernd anzunehmen, +strich jedoch die geplante Verschärfung. + +[Illustration: ~Die besorgte Erzieherin~ + +Direktrice: »Gefälligst für sich schauen, meine Damen. Nur keine +Zerstreuungen und Seitenblicke, wenn ich bitten darf!« (»Nebelspalter«, +20. Oktober 1889)] + +Am Tage vor der dritten Lesung traf nun Fürst Bismarck in Berlin +ein, um den Vorsitz in einer Sitzung des Staatsministeriums zu +übernehmen, in der man sich über die Haltung der Regierung schlüssig +machen sollte. Sein Eintreffen war herbeigeführt worden durch eine +Depesche des Sohnes, die ihn gleichzeitig über die Schwierigkeiten +der Lage aufgeklärt hat. Schon damals stieß Fürst Bismarck bei den +Ministern auf Stimmungen, die es ihm deutlich machten, daß der Wind +an höchster Stelle umgeschlagen sei. Von der Sitzung ging dann der +Kanzler zum Kaiser und trug ihm den Wunsch vor, von der Leitung des +Handelsministeriums entbunden zu werden. Unmittelbar darauf fand +ein lang andauernder Kronrat unter dem Vorsitz des Kaisers statt. +Hier wurden zur Überraschung des leitenden Staatsmannes von dem +Minister von Bötticher die bekannten Erlasse über den Arbeiterschutz +vorgetragen, die durchaus nicht mit den Anschauungen des Kanzlers +in Einklang standen. Fürst Bismarck erklärte sich entschieden gegen +ihre Veröffentlichung. Er fürchtete, daß sie nur die Begehrlichkeit +steigern, keineswegs aber der Agitation ein Ziel setzen würden; +er war auch der Meinung, daß sie einen zu tiefen Eingriff in das +Selbstbestimmungsrecht des einzelnen machen und daß sie vor allem von +der deutschen Industrie nicht getragen werden könnten. Aber diese +Erlasse beruhten auf einer Lieblingsidee des Kaisers, und so war +Bismarck genötigt, ihnen nach Kräften eine Form zu geben, die seinen +Bedenken Rechnung trug. Vergebens hat er sich immer wieder bemüht, +den Kaiser umzustimmen, ihn gebeten, sie ins Feuer zu werfen. Hatte +aber der Monarch gemeint, durch sie einen wohltätigen Einfluß auf den +Ausfall der nahen Wahlen zu üben, so sah er sich rasch genug bitter +getäuscht. Denn diese Wahlen brachten den vollen Zusammenbruch der +staatstreuen Mehrheit. Am 4. Februar 1890 sind dann die Erlasse ohne +die Gegenzeichnung des Kanzlers erschienen. + +[Illustration: »Potz Spandau, die roten Blumen sind mir gar zu sehr in +die Höhe geschossen! Da können Sie, lieber Herr Obergärtner, noch nicht +gehen, Ihr Tagewerk ist noch nicht vollbracht.« (»Figaro«, Anfang März +1890)] + +Hier aber setzten vor allem die Intrigen ein, die auf seinen Sturz +zielten. Fürst Bismarck sprach sich ein Jahr später darüber aus: Ihm +sei das Aushalten wesentlich erschwert worden durch die Bestrebungen +anderer, sich zwischen ihn und den Kaiser zu schieben und dem Kaiser +näherzutreten als ihm der Kanzler stand, der nach der Verfassung der +alleinige Ratgeber des Kaisers und der dem preußischen Staat für die +Gesamtpolitik vorzugsweise verantwortliche Ministerpräsident war. +Diese Gegenströmungen waren es zunächst, die die Haltbarkeit der +verfassungsmäßigen Stellung des Reichskanzlers beeinträchtigten. »Sie +fanden von mannigfachen Seiten her statt: von militärischer Seite, +von Privatleuten, die das Ohr des Kaisers suchten, von Kollegen des +Kanzlers, von konservativen Fraktionsführern und auch von höheren +Stellen aus. Am wirksamsten waren die Beziehungen, welche Kollegen +des Kanzlers und der Umgebung des letzteren, unter Bekämpfung seiner +Politik und unter Benutzung ihres amtlichen Zutritts zur höchsten +Stelle, erlangten.« Hier hat der Kanzler wohl auf die Minister +von Heyden und von Bötticher, auf den Erzieher des Kaisers, =Dr.= +Hintzpeter, auf die Herren von Helldorff und Stöcker, auf den Grafen +Waldersee, den General von Caprivi und Herrn von Hammerstein gewiesen. +Von welcher Seite aber die üble Verleumdung dem Kaiser zugetragen +wurde, daß Fürst Bismarck dem Morphinismus und der Trunksucht in +solchem Maße verfallen sei, daß er bereits den Zusammenhang seiner +Gedanken verloren habe, ist nie erwiesen worden. Daß man sie erhoben +hat, steht aber schon deshalb fest, weil der Kaiser es für notwendig +hielt, den Hausarzt des Fürsten zu berufen, um sich vom Tatbestand zu +überzeugen. Die Antwort des derben bayrischen Arztes ließ allerdings +an Klarheit nichts zu wünschen übrig: »Majestät, das ist eine elende +Verleumdung, und ich kenne die, von denen sie ausgeht.« + +[Illustration: Bei den Reichstagswahlen war das Kartell zersprengt +worden, und die Sozialdemokraten gewannen 35 Mandate. (»Hum. Blätter«, +1890)] + +Die Geschichte der Entlassung des Fürsten Bismarck in jeder Einzelheit +zu verfolgen, all den Fäden nachzugehen, mit denen die Zwerge den +Riesen zu umschlingen versuchten, ist hier nicht der Ort. Es genügt der +Hinweis, daß die Differenzen über die soziale Frage, das Verhältnis +zu Rußland und die Kabinettsorder vom Jahre 1852, die den Verkehr der +Minister beim Landesherrn regelte, den Anlaß boten, und daß die Krise +ihre letzte Spitze durch den Empfang erhielt, den Fürst Bismarck dem +Führer des Zentrums, Herrn Windthorst, gewährte. + +Am Abend des 19. März hat Fürst Bismarck auf das wiederholte Ersuchen +des Kaisers das Schriftstück eingesandt, das als sein Entlassungsgesuch +bezeichnet wird. In dem Handschreiben aber, mit dem der Monarch sich +von dem Berater der Nation trennte, war es noch einmal ausgesprochen, +was Deutschland, was das Haus der Hohenzollern diesem unvergleichlichen +Manne verdankte. »Gott segne Sie, mein lieber Fürst, und schenke Ihnen +noch viele Jahre eines ungetrübten und durch das Bewußtsein treu +erfüllter Pflicht verklärten Alters«, so schloß das Schriftstück. +Zugleich wurde dem großen Staatsmann der Titel eines Herzogs von +Lauenburg verliehen. Zwei Tage später telegraphierte der Kaiser an +einen Freund: »Mir ist so weh ums Herz, als hätte ich meinen Großvater +noch einmal verloren! Es ist mir aber von Gott einmal bestimmt, also +habe ich es zu tragen, wenn ich auch darüber zugrunde gehen sollte. Das +Amt des wachhabenden Offiziers auf dem Staatsschiff ist mir zugefallen. +Der Kurs bleibt der alte, und nun Volldampf voraus!« + +Der Kurs ist leider nicht der alte geblieben. Gerade hieraus hat sich +dann die ungeheure Tragödie entwickelt, die mit ihren Schatten und +ihrer Qual die letzten acht Lebensjahre des Fürsten Bismarck bedeckte +und die einen Vergleich nur in dem Schicksal des Themistokles findet. +Die Entlassung Bismarcks war die schicksalsschwerste Tat Kaiser +Wilhelms =II.= Er selbst hat es später empfunden, als er wiederholt +dem treuesten Diener des deutschen Volkes die Hand zur Versöhnung bot. +Aber mit diesem Tage, der das deutsche Volk seines weisesten Beraters +beraubte, begann zugleich eine Zeit schwerer innerer Konflikte für +viele, die mit der tiefen Dankbarkeit für den Schöpfer des Reiches +auch die Ehrerbietung für den Träger der Krone vereinen wollten und +durch die wachsende Schärfe der Gegensätze immer tiefer sich verwundet +fühlten. So wurde der 20. März 1890 ein Trauertag für ganz Deutschland, +ein Tag des Jubels für alle Feinde. Er wurde von den Volksgenossen um +so schmerzlicher empfunden, als die Umstände, die ihn begleiteten, +den Eindruck erweckten, daß neben dem Unrecht auch die Kränkung nicht +fehlte. Fürst Bismarck hat später von jenen Tagen gesagt, daß er sich +mit den Seinen »etwa wie eine deutsche Familie erschien, die im Jahre +1870 aus Paris ausgewiesen wurde«. Ehe er fortging, empfing ihn der +Kaiser. Was zwischen den beiden Männern gesprochen wurde, ist nicht +bekannt. Überaus herzlich zeigte sich die Kaiserin, die ihre Knaben zum +Abschiednehmen herbeirief. Am Vormittag des 28. März fuhr dann Bismarck +hinaus zum Mausoleum und legte auf den Sarg seines alten Herrn als +letzten Gruß drei blühende Rosen. Welche Gedanken mögen damals durch +sein Haupt gegangen sein! Noch niemals hat die Künstlerin Geschichte +ein so ergreifendes Bild gezeichnet wie an diesem Tage, da der treueste +Diener sich dem treuesten Herrn zum letztenmal huldigend neigte. + +[Illustration: Die tschechische Umschrift zu dem Bilde lautet: »Der +böse Geist des Berliner ›Freischützen‹ soll im Hintergrunde warten, bis +der Kaspar in der ›Marterhöhle‹ rufen wird: ›Samiel, hilf — Geschütze +zu beschaffen.‹« Die Inschrift auf dem Kessel lautet: »Deutschlands +Hegemonie.« Der Kessel ist von Totenköpfen umgeben. Im Hintergrunde +drohen Frankreich und Rußland als Fledermaus und Drache. (»Hum. Listy«, +März 1890)] + +Am Tage darauf verließ Fürst Bismarck Berlin. + +[Illustration: »Adieu, Kinder, gehabt euch wohl.« (»Strekosa«, März +1890)] + +[Illustration: + + Der neue Barbarossa, + Der grollend seitwärts schlich, + Im Friedrichsruher Schlosse + Hält er verborgen sich. + + Er hat hinabgenommen + Die Kanzlerherrlichkeit + Und möchte wiederkommen + Zu ihm geleg’ner Zeit. + + Der Stuhl ist elfenbeinern, + Darauf Fürst Bismarck sitzt, + Der Tisch ist marmelsteinern, + Worauf sein Haupt er stützt. + + Aus seiner Tabakspfeife + Saugt er die Wolken ein, + Es wuchs sein Haar, das steife, + Dreiteilig durchs Gestein. + + Er spricht zum Arzt: Nun blicke + Durchs Fenster in die Welt + Und melde mir zurücke, + Was dir ins Auge fällt. + + Und wenn das Volk der Raben + Noch diesen Berg umschwirrt, + Dann muß Geduld ich haben, + Bis daß es anders wird. + + (»Lustige Blätter«, 1890)] + + +Abschied von Berlin + + Heller, warmer Sonnenschein durchflutete die Straßen, ein maienhaft + schöner Frühlingstag begünstigte die Ansammlung der vielen + Tausende, welche dem scheidenden großen Staatsmann ein Lebewohl + zurufen wollten. Die Menge konzentrierte sich von vier Uhr ab + in den Straßen, durch welche der Weg nach dem Bahnhof führt, in + der Wilhelmstraße, Unter den Linden, am Brandenburger Tor, auf + dem Königsplatz bis zum Lehrter Bahnhof. Unter den Linden waren + der südliche Bürgersteig, die Fahrdämme und die Mittelpromenade + von dichtgedrängten Menschenreihen besetzt; Fenster und Balkone + waren dicht gefüllt; ein größeres Aufgebot von Schutzleuten hatte + alle Mühe, die Fahrwege freizuhalten und den Verkehr zu regeln. + Auf dem Pariser Platz waren zu beiden Seiten mehrfache Reihen + von Equipagen und Droschken aufgefahren, deren Insassen sämtlich + darauf harrten, dem Fürsten Bismarck ihren Scheidegruß zuzurufen. + Ein dunkles, dichtes Menschengewühl erfüllte die Wilhelmstraße von + den Linden bis zum Wilhelmsplatz. Hier bemerkte man viele Damen in + schwarzer Kleidung, mit Blumenbuketts und Kränzen in den Händen. + Zahlreiche Schutzleute zu Fuß und zu Pferde hatten den Bürgersteig + und die Straße vor dem Reichskanzlerpalais freigehalten; gleichwohl + gelang es mit Blumenspenden beladenen Damen und Herren, die + Schutzmannskette zu durchbrechen und vor dem Gittertor des Palais + Aufstellung zu nehmen. Schweigend und in tiefer Bewegung harrten + die Tausende des Moments der Abfahrt. — Fünf Minuten nach fünf + Uhr kam Bewegung in die Menschenmenge. Der erste der auf dem + Hofe des Palais haltenden Wagen war vor dem Portal vorgefahren, + und Fürst Bismarck in seiner Kürassieruniform mit den Abzeichen + seiner neuen Würde trat heraus, hinter ihm Graf Herbert Bismarck + in Zivilkleidung. Der Fürst hatte noch einen letzten Abschied + von seinen nächsten Gehilfen genommen. Er warf auf die ihm so + vertrauten Räume vor dem Einsteigen noch einen langen Blick. Schon + aber hatten die brausenden Hurras und Hochrufe eingesetzt, Tücher + wurden geschwenkt, und ein wahrer Regen von Blumen und Kränzen + flog in den offenen Wagen hinein, als der einfache Wagen zum + Ehrenhof hinausfuhr. Eine unbeschreibliche Begeisterung war in die + Menschenmassen beim Anblick des scheidenden Kanzlers gekommen; die + Menge warf sich dem Wagen entgegen, stürzte zu beiden Seiten vor + und brachte die Pferde zum Stehen. Einen Augenblick schien es, + als ob man die Pferde ausschirren wollte. Fürst Bismarck dankte + nach allen Seiten grüßend; ein freundliches Lächeln war über seine + ernsten Züge geflogen. Langsam nur konnte der Wagen vorwärts + kommen; wie widerwillig nur machten die Menschenmassen vor dem + Wagen Platz. Die begeisterten Hochrufe, das Tücherschwenken, die + Abschiedsrufe, die Blumenspenden wiederholten sich Unter den Linden + bis zum Brandenburger Tor hinaus. Ein nachdrängender unendlicher + Menschenstrom wälzte sich, immer anschwellend und alles mit sich + ziehend, dicht hinter dem Wagen des Fürsten einher, so daß die + anderen Wagen bald weit von dem Wagen des Fürsten getrennt waren. + In dem zweiten Wagen saßen die Fürstin Bismarck mit dem Grafen und + der Gräfin Wilhelm Bismarck, im dritten Professor Schweninger, + im vierten Wagen — was viel bemerkt wurde — Reichskanzler von + Caprivi. Die Fahrt gestaltete sich zu einem Triumphzuge, wie ihn + Berlin lange nicht gesehen hat. Auf den Bürgersteigen der Straßen + standen Kopf an Kopf Männer aus dem Volke, elegant gekleidete Damen + und Herren aus den besten Gesellschaftsschichten, darunter sehr + viele Offiziere; es schien, als ob sie alle in der Herzlichkeit + der Huldigungen wetteiferten, welche sie dem Fürsten Bismarck + darzubringen bemüht waren. Die Großartigkeit dieser unvorbereiteten + Huldigung verfehlte auf den Fürsten ihre Wirkung nicht. Der Schmelz + aufrichtiger Rührung verklärte die Züge des eisernen Mannes, und + die zuckenden Winkel seines lächelnden Mundes verrieten tiefe + Bewegung. — Auf dem vom hellen Sonnenlicht übergossenen Lehrter + Bahnhof, von dem aus die Abreise nach Friedrichsruh mit dem + Expreßzuge um fünf Uhr vierzig Minuten erfolgte, herrschte bereits + in den ersten Nachmittagsstunden ein außergewöhnliches Leben. Die + Wartesäle waren bereits um drei Uhr überfüllt; alle Schichten der + Bevölkerung waren vertreten; neben den Damen der Aristokratie, die + meistens in tiefste Trauer gehüllt waren, hatten sich zahlreiche + Frauen aus dem Handwerkerstand und aus den arbeitenden Klassen + eingefunden. Noch bunter zusammengesetzt war womöglich das + Männerpublikum: Generale in goldstrotzender Uniform, Offiziere der + Gardetruppen und der Linie. Zu ihnen gesellten sich Parlamentarier, + bekannte Rechtsanwälte, Ärzte, Studenten, Kaufleute, Handwerker, + Arbeiter; jeder Stand schien vertreten. Vor dem Bahnhofe hatten + zahlreiche Blumenverkäufer Posto gefaßt; so voll ihre Körbe auch + von Blumen waren, ein Augenblick genügte, und sie waren entleert. + Alle Frauen trugen Blumensträuße; der Wartesaal schien in einen + einzigen Blumenhain verwandelt; die Vorsitzenden und Leiter + zahlreicher Vereine hatten gleichfalls Blumenstücke von seltener + Pracht und Größe mitgebracht. Bemerkenswert war besonders eine + von englischen Damen dem Fürsten bei seiner Abfahrt überreichte + Gabe: aus florüberzogenem Veilchenkissen hob sich der Erdball, + ebenfalls mit schwarzer Gaze umzogen, hervor. — Die vierte Stunde + war herangekommen; in den Wandelgängen des Bahnhofes schob sich + die Menge; alles drängte nach den Ausgangstüren, aber dieselben + waren verschlossen, und an der Billetthalle prangte ein Plakat, + laut welchem nur denjenigen Personen, die Fahrkarten gelöst + hätten, der Eintritt zum Perron gestattet sei. Nun galt es, sich + mit Billetten zu versehen, und die Schalter wurden gestürmt: »Ich + bin ein Preuße«, so schmetterte mit einemmal die Musik; eine + Ehreneskadron der Gardekürassiere mit Fahnen rückte heran; das + gesamte Offizierkorps des stolzen Regiments befand sich bei der + Eskadron. In zwei Gliedern nahmen die Mannschaften mit gezogenem + Pallasch auf dem Bahnhof Aufstellung. Vor dem Fürstenzimmer + stellten sich zwei Gardekürassiere als Ehrenwache auf. — Als der + Fürst auf dem Lehrter Bahnhofe anlangte, stürzte sich von allen + Seiten die Menge unter Hochrufen auf den Wagen. Die Schutzleute, + welche zur Absperrung des Bahnhofes aufgeboten waren, konnten oder + wollten diesen Sturmlauf nicht hemmen; halb stieg der Fürst aus + dem Wagen, halb wurde er hinausgehoben, und hinter ihm her stürzte + die Menge auf den Bahnsteig. Mit so überwältigender Kraft vollzog + sich die Kundgebung, daß gar nicht an einen Versuch gedacht werden + konnte, ihr Einhalt zu gebieten. Der Kanzler empfing sodann aus + den Händen des Offiziers, der die Ehrenwache befehligte, unter + den Klängen des Präsentiermarsches den Rapport und schritt die + Front ab. — Es war zwanzig Minuten nach fünf Uhr; Fürst Bismarck + betrat den Perron; alle Häupter entblößten sich; tief gerührt und + freundlich lächelnd reichte der Fürst allen die Hand und schritt + dann langsam die Ehreneskadron ab. Vor dem Coupé seines Salonwagens + nahm der Fürst Aufstellung; nun spielten sich Szenen ab, geradezu + überwältigend, unbeschreiblich. Von einer Begeisterung, Glut, von + einer Wärme, von einem Feuer, von einer Nachhaltigkeit, die wie mit + elementarer Wucht hervorbrachen. Hinter den Gardekürassieren, in + den Fenstern der Wartesalons stand in dichter, undurchbrechbarer + Kette die Menge; ein Hurrarufen ohne Ende brach los; wenn die + Hochs auf der einen Stelle zu ersterben drohten, dann setzten sie + an der anderen gewaltiger wieder ein. Da erhob sich mit einemmal + eine laute, schrille Stimme mit dem Ruf: »Auf Wiedersehen!«, und + »Auf Wiedersehen!« fielen Hunderte und Tausende in diesen Ruf ein. + »Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!« so hallte es durch den weiten + Raum. »Der Begründer des Deutschen Reiches, Fürst Bismarck, lebe!« + ließ sich eine Stimme vernehmen, »er lebe hoch«; alle, alle ohne + Ausnahme fielen ein. Es stand der Fürst noch über fünf Minuten auf + dem Perron, umbraust, umstürmt von den Hoch- und Hurrarufen; der + ganze Salonwagen glich einem duftenden Hain; da fingen die Rufe: + »Auf Wiedersehen!« von neuem an; sie wurden stärker, mächtiger. Die + Glocke erklang; die Truppen präsentierten; die Musik spielte; ihre + Klänge erstarben in den Hoch- und Hurrarufen. Die »Wacht am Rhein« + wurde nochmals gesungen, und langsam fuhr der Zug aus der Halle. + Fortwährend winkte der Fürst Abschiedsgrüße zu; die Damen wehten + mit den Tüchern. Es war ein überwältigender Moment; man sah rings + tränende Gesichter, hörte lautes Schluchzen: »Auf Wiedersehen! + Auf Wiedersehen!« donnerten die Rufe hinter dem nun schnell + fortdampfenden Zuge. + +[Illustration: Bismarck vor dem Bilde Kaiser Karls =V.= (»Der Floh«, +23. März 1890)] + +[Illustration: Bismarck als Napoleon auf St. Helena. (»Figaro«, 1. +April 1890)] + +[Illustration: ~Die Gedanken eines Eremiten~ + +»Der Kaiser wurde Sozialist — da werde ich Nihilist!« + +(Eine ungedruckte Karikatur von 1890)] + + +Ein Abschiedsgedicht + + Am 1. April des Trauerjahres hat der »Kladderadatsch« an den + Fürsten Bismarck folgendes Abschiedsgedicht gerichtet: + + Wenn einsam heut im Sachsenwald du dich ergehst, + So lässest die Gedanken rückwärts wandern du + In alte Zeit. Der Jugend stürmische Tage ziehn + Vorüber dir, da kühne Pläne schon du trugst + Im hohen Sinn, erwägend, wie das Vaterland + Zu retten sei aus schimpflicher Ohnmacht schwerem Bann. + Und weiter denkst du, wie begonnen du das Werk, + Und wie gefügt mit starker Hand du Stein zu Stein, + Bis endlich stand vollendet da der Riesenbau, + Die Welt mit Staunen füllend und Bewunderung. + Wenn also rückwärts schauend heute du erwägst, + Was du vollbracht, dich weihend ganz dem Vaterland, + Darfst sagen du: »Noch größer ist’s und herrlicher, + Als ich in kühnem Jugendmut dereinst geträumt!« + Heil dir, o Fürst! So lange auf dem Erdenrund + Noch Deutsche wohnen, wird die stolze Kunde nicht + Von dem ersterben, was du für dein Volk getan. + + Von langer Arbeit ruhe nun in Frieden aus! + Was in vergangenen Tagen oftmals du ersehnt, + Beschieden ist es jetzo dir: auf eignem Grund + Als schlichter Gutsherr sitzest du. Du siehst, wie sich + Dein Wald mit frischem Laube schmückt im jungen Lenz; + Durch deine Felder schreitest täglich du und siehst + Die reichen Saaten fröhlich wachsen und gedeihen; + Und wenn im Herbst die Schnitter sich beim Erntefest + Im Tanze mit den drallen Mägden drehn, so trittst + Du unter sie, von lautem Jubelruf begrüßt, + Und fühlst als Herr in deinem kleinen Reiche dich + Beglückter, als gewesen du zur Zeit, da noch + Gespannt Europas Völker deinem Wort gelauscht. + Doch ob du auch geflüchtet vor der Hauptstadt Lärm + Dich in die Stille deiner Wälder, nimmermehr + Magst du entfliehn der Liebe und der Dankbarkeit. + In alter Treue denken dein unzählige, + Und heut erbraust durchs ganze Reich der laute Ruf: + Heil dir, o Fürst! Beschieden sei dir’s lange noch, + Mit rüst’gem Schritt im Sachsenwald dich zu ergehn. + Und oftmals magst du feiern noch den frohen Tag, + Der uns den besten Deutschen hat dereinst geschenkt! + +[Illustration: ~Abschied~ + +Der Reichskanzler legt alle seine Ämter nieder, gibt alle seine +Insignien zurück und begibt sich in die wohlverdiente »Friedrichsruh«. +(»Kladderadatsch«, März 1890)] + + + + +Nach der Entlassung + + +Der Tag der Entlassung, Deutschlands Trauertag, war vorübergegangen. +Da aber hat sich das Wundersame ereignet: der Stein, der von dem +Baumeister verworfen wurde, ist zum Eckstein geworden; der Mann, dem +ein kaiserlicher Machtspruch das Amt genommen, wurde Deutschlands +heimlicher Kanzler, sein Berater in Freud und in Leid. Man hat +versucht, ihn aus dem Gedächtnis zu löschen, in Vergessenheit zu +bringen, was er geleistet, und selbst das Wort vom Handlanger fiel +kränkend in sein Herz. Er blieb dennoch, der er war. + +[Illustration: Die Verstoßenen (Bismarck und Gladstone). (»Moonshine«, +5. April 1890)] + +Wer in der Ordnung der Welt nicht ein loses Gefüge des Zufalls +erblickt, sondern dem großen Gedanken des Ewig-Zweckmäßigen nachsinnt, +der wird auch erkennen, daß die weltgeschichtliche Aufgabe Otto von +Bismarcks noch nicht an jenem Tage gelöst und beendet war, da ihm +das Steuer aus den arbeitsgewohnten treuen Händen entrissen wurde. +Es hieße den Weltgeist meistern, ihn, der auch die Könige nach ihrem +Pfunde fragt, wenn man verlangte, daß jene ungemeine Kraft, die sich +in dem greisen Staatsmann verkörperte, auf ein irdisches Machtwort hin +zerstört sei. Die Kleinen der Menschheit mögen so handeln, wie es der +zweite Kanzler später tat; der Genius aber kennt nur selbstgeschaffene +Gesetze, denen er folgt, auch wenn des Philisters befangener Sinn ihm +das eigene Wesen als Muster und Richtschnur empfiehlt. Ein Bismarck, +der ruhig den Geschicken sich beugte, der, des Amtes beraubt, sich auch +der Verantwortung für ledig erkannte, der die Tage der sinkenden Sonne +des Lebens still und ruhig auf seinem Gute verträumte, ein Bismarck, +der nicht mehr schaffend tätig war, der wäre ein Widerspruch gewesen +gegen sich selbst, gegen seine Vergangenheit und seine Taten; er wäre +in Wahrheit nur jener brave Handlanger geworden, als den ihn eine +irrende Legende darstellen wollte. Indem er fortan das bürgerliche +Recht der Kritik ausübte, indem er zum Türmer wurde, der auf nahende +Gefahren weist, erhob er dieses Recht zu einer Bedeutung, die das +Volk freudig anerkannt hat, als es ihm die glänzende Fahrt nach Wien, +Kissingen und Jena schuf, die ein paar Erlasse des Nachfolgers +vergebens zu beschränken sich mühten. Nur ein Mann, der anders war als +die Wanderer auf der Heerstraße des Gewöhnlichen, konnte schaffen, was +ihm die deutsche Welt verdankt: So mußte er auch anders sein, als all +die Kleinen, auch in den Jahren des Alters, in denen dennoch das Blut +seine Adern jünglingsheiß durchwallte. So ist die Geschichte Bismarcks +in acht Jahren nichts anderes gewesen als der Kampf des Genies gegen +den Durchschnitt. Und eine gewaltige Tragik lag in dem allen. In dem +»Zauberlehrling« ist die Allegorie gegeben: Die Wasser drängen und +brausen; der Meister weilt abseits. Nur daß die Wirklichkeit schärfer +zeichnet: In Fingerhüten suchten die Schüler die Wogen zu schöpfen, um +die Gefahr zu vermindern, und die Stimme des Meisters verhallte. Aber +der Meister war von Fleisch und Blut, und es zehrte an ihm, daß er +die Hand nicht mehr rühren sollte. Nicht für sich wollte er schaffen; +er brauchte nicht mehr des Ruhmes und des Erfolges; aber für sein +deutsches Volk und für das Deutsche Reich wollte er noch Hammer und +Meißel gebrauchen. + +[Illustration: Dem Fürsten Bismarck wird nächstens von amtlicher Seite +Stillschweigen auferlegt werden. (»Kladderadatsch«, Sept. 1890)] + +Es war das Martyrium des Genies, das Bismarck durch acht Jahre +trug. Daß er es in Größe ertrug, ja, daß er über sich selbst noch +hinauswuchs, daß er, auf sich allein gestellt, doch nicht wankte und +nicht wich, daß er den Mut der Einsamkeit besaß, hob ihn hinaus weit in +die Sphären, in denen das Kleinlich-Menschliche verschwindet. Zagend +stand die Welt, als er aus dem Amte schied; die Instinkte der Masse +sahen beklommen einen Gegensatz zwischen der Kaisertreue und der Treue +zu Bismarck, und der stürmenden Jugend wandte sich die Neigung zu. Aber +die Zeiten zogen dahin, und ein Wandel trat ein: Die Bismarckfahrten +sind das Merkmal der Stimmung geworden; sie wurden Ehrenmale des +deutschen Volkes. + +[Illustration: ~Bismarck als Wotan.~ (»Figaro«, März 1890)] + +Auch wer die Ereignisse nicht nur mit dem Maßstab der Nützlichkeit +mißt, wer nur dort von Erfolgen spricht, wo die Bilanz mit einem +greifbaren Plus abschließt, wer die augenblickliche Wirkung berechnet +und nicht die Früchte, die langsam aus der Saat emporreifen, wird den +Gewinn der Bismarckfahrten hoch einschätzen müssen. Die Jahre der Ära +Caprivi hatten den nationalen Gedanken verdunkelt; sie hatten die +Fortentwicklung gelähmt; sie hatten dort, wo die berufensten Träger +dieses Gedankens waren, Mißverstehen und Entmutigung geschaffen. +Auch die Träger der späteren Politik vermochten selbst da, wo ihre +Maßregeln gebilligt werden durften, das Defizit nicht zu decken, das +diese Jahre erzeugten. Die Freudigkeit der Arbeit war geschwunden, der +Pessimismus war geblieben. Da zogen denn Tausende und wieder Tausende +zum Sachsenwalde. Und während der Fahrt steigen die Erinnerungen auf +an die Tage von einst, und die Herzen wurden warm, und man sprach +vom Kaiser Weißbart und vom Versailler Schloß und von Sedan und von +den Schlachtfeldern allen, und die Augen begannen zu leuchten, wenn +einer, der dabei war, erzählte, wie er den Eisernen Kanzler damals +gesehen, als er gen Donchery ritt, und wenn ein anderer sich entsann, +wie er vor dem Reichstage stand, als Bismarck eben für die deutsche +Furchtlosigkeit gezeugt hatte, und daß er ihn heraustreten sah, ernst +und bleich, und wie das Volk schwieg, weil kein Ton das auszudrücken +vermochte, was alle beherrschte. Und war man am Ziele, blickten die +Mauern von Friedrichsruh durch das Grün, harrten die Scharen schweigend +des Augenblicks, um dessetwillen sie kamen, und schritt dann langsam, +ernst, den Blick nach innen gekehrt, der greise Kanzler heran, um sich +schweigend zu neigen und zu horchen, was die Westpreußen und Schlesier, +Schleswiger und Sachsen zu sagen haben, dann war die drängende Masse +nicht nur ergriffen, sie war erschüttert: Hier steht die große +Vergangenheit lebendig vor uns, hier blickt sie auf uns nieder mit +der ernsten Frage: Werdet ihr euch wert erzeigen dessen, was wir für +euch schufen? In dem brausenden Hoch, das dann ertönte, lag mehr als +die Liebe zu dem einen Mann, da lag auch das Gelöbnis: Wir werden uns +würdig erzeigen, wenn es gefordert wird, gleich unseren Vätern und +Brüdern freudig unser Blut auf dem Schlachtfelde zu verspritzen. Und +sie haben es später gezeigt, bei Lüttich und vor Antwerpen, an der +Aisne wie an den Masurischen Seen und vor Warschau, daß der Geist +Bismarcks lebendig blieb und daß diese Jahre, in denen die Deutschen +gen Friedrichsruh wallten, reiche Früchte in ihrem Schoße trugen. + +[Illustration: Die Märchenerzählerin in Friedrichsruhe. (»Frankfurter +Laterne«, Juli 1890)] + +So hat Bismarck auch nach der Entlassung das große Werk seines Lebens +weitergeführt. Er hat keine Ruhe gekannt, er hat gekämpft, auch als man +ihn vom Kampfplatz trieb, und er ist, wie stets, der Sieger geblieben. +Und wenn auch die Jüngeren versuchten, die Bahnen zu verlassen, auf +denen er glorreich dahingeschritten war, wenn sie sich klüger dünkten +als der Vielerfahrene, so hat doch die Geschichte ihnen unrecht +gegeben, und beschämt mußten sie zurückkehren zu seinen Bahnen. + +Aber jeder Kampf hat seine Bitterkeit, vor allem der Kampf des Genies +gegen das Vorurteil und die Selbstgefälligkeit der Masse. Unter dem +Eindruck des Ungeheuren, das am 20. März 1890 geschah, haben selbst +Männer in ihrem redlichen Empfinden geschwankt, die sonst in treuer +Gesinnung zu dem nationalen Werke Bismarcks gestanden haben. Er war +verlassen fast von allen, und als er es wagte, noch das Recht der +freien Meinung zu fordern, zu warnen, wo es ihm Pflicht schien, da hat +man ihn geschmäht, ihn mit Gefängnis und Zuchthaus bedroht. + +[Illustration: ~Der Traum Bismarcks~ + +Dem Schloßherrn von Friedrichsruh spiegelt die Phantasie die +triumphierende Rückkehr vor. (»Strekoza«, 1891)] + + +Der Maulkorb + + Schon im Juli 1890 konnte Fürst Bismarck sagen: »Ja, mir gibt man + beim Leben die Ehren des Todes. Mich begräbt man wie Marlborough. + Man wünscht nicht bloß, daß Marlborough nicht wiederkehre, sondern + man wünscht, daß er wirklich sterben möge oder wenigstens auf den + Rest seiner Tage schweige. Mit meiner Lage söhne ich mich aus. + Alles hat sich in so legalen Formen vollzogen, daß ich auch gar + nicht daran denken kann, zu protestieren. Wenn ich frühmorgens + inmitten dieser Natur aufwache, so fühle ich sogar eine große + Freude darin, daß keine Verantwortlichkeit auf mir liegt; man fühlt + sich frei, unabhängig, so wie ein rechtschaffener Landedelmann + sein soll. Aber zugleich damit kann ich nicht vergessen, daß ich + mich 40 Jahre mit der Politik beschäftigt habe — und auf einmal + darauf verzichten, ist unmöglich. In der Tat hilft man mir darin + eifrig — und niemand von meinen Gefährten in der Politik, niemand + von meinen zahlreichen Bekannten führt mich durch seine Besuche + in Versuchung. Man ruft mir ›Halt!‹ zu, mich meidet man wie einen + Pestkranken, indem man sich fürchtet, sich durch einen Besuch + bei mir zu kompromittieren, und nur meine Frau besuchen noch von + Zeit zu Zeit ihre Bekanntinnen. Deshalb bin ich immer erfreut + über die Repräsentanten der Presse, welche sich für Fragen der + Politik interessieren, und mit welchen ich über Dinge sprechen + kann, die fortfahren, mich zu beschäftigen. Aber auch das ruft + Unzufriedenheit hervor. Man kann mir nicht verbieten, zu denken, + aber man möchte mich gerne hindern, meinen Gedanken Worte zu geben, + und wenn es möglich wäre, hätte man mir längst ein =silence cap=, + einen Maulkorb, angelegt.« + + +Das Leben in Friedrichsruh + + Der Verfasser hat nach einer Reihe von Besuchen in nachstehender + Weise einen Ausschnitt aus dem Leben in Friedrichsruh zu zeichnen + versucht: Es ist natürlich, daß auch heute noch die Politik den + Fürsten Bismarck fast ausschließlich beschäftigt, daß er mit + intensivem Interesse den Wandlungen der Gegenwart folgt. Er selbst + sagte einmal, daß so manche Nebenbeschäftigung, wie die Jagd und + die Fischzucht, an denen er sonst Freude hatte, ihr Interesse + verloren, seitdem ihm die Hauptbeschäftigung genommen ist. Wer an + große Erregungen gewöhnt ist, wer über Völkerschicksale entschied, + der empfindet die Idylle als Fessel, der sträubt sich dagegen, + daß die Ruhe zum Selbstzweck werde. Ein Mann von 81 Jahren — + und welche gewaltige Kraft! Wie harmoniert selbst das Physische + an ihm mit dem Geistigen! Gewaltig von Statur, aufrecht, festen + Schrittes, so wandert er durch den Park von Varzin oder unter den + Bäumen von Friedrichsruh, so tritt er dem Besuchenden im Innern + des Hauses entgegen. Das Auge, das wunderbare, ist noch immer so + durchdringend und klar, daß es scheint, als ginge der Blick bis + in die tiefsten Falten des Herzens. Keine Spur von Ermüdung auf + dem Spaziergang oder des Abends, wenn nach der Mahlzeit durch + Stunden der Fürst das Gespräch führt. Es ist etwas Eigenes mit + diesen Gesprächen. Die meisten, die namentlich als Mitglieder + von Deputationen bei Bismarck weilten, glauben dem Hofton folgen + und stets die Anrede abwarten zu sollen — das ist falsch. Fürst + Bismarck will angeregt sein, er will das Thema erfahren, das den + anderen interessiert, und man darf sicher sein, man wird ihn nicht + in Verlegenheit setzen. Formell besitzt er die leichte Art des + Franzosen, die Kunst des Plauderns; inhaltlich aber hat selbst das + anscheinend leichte Gespräch eine solche Fülle von Beobachtung + und Urteil, daß man immer von neuem über die Reichhaltigkeit + dieses Geistes erstaunt. Ich habe nie ein so prägnantes Urteil + über Zolas »=Débâcle=« gehört, wie einst von ihm. Ihm fehlt »der + Pulverrauch in dem Buche, den eben nur der schildern kann, der + ihn selbst gerochen hat«; er nennt es phantastisch und unwahr + und führt zum Belege die Einzelheiten der Schlacht von Sedan an, + obwohl er das Buch vor langer Zeit schon gelesen. So zitiert er im + Plaudern englische und französische Dichter und Forscher; auch dem + italienischen Sprachschatz entlehnt er Vergleiche, und stets wendet + er die Ursprache an. In Erinnerung ist mir geblieben, wie er einmal + nach einem Exkurse über die oft recht geringe Verwendbarkeit seiner + Beamten scherzend das Wort Talbots anwandte, indem er es durch + die Betonung variierte: »Mit der Dummheit« — im Bunde mit ihr — + »kämpfen Götter selbst vergebens.« + +[Illustration: ~Luzifer~ + +»Das sind die Tage, von denen Wir sagen, sie gefallen Uns nicht.« +(»Wahrer Jakob«, Juli 1892)] + +[Illustration: Bismarck schickt sich an, seine Memoiren zu schreiben. +(Silhouette von B. Moloch)] + +[Illustration: + +Interviewer: »Bitte, Durchlaucht, sagen Sie mir nur dies eine: Was +bezwecken Sie mit Ihrem jetzigen Journalkampf?« + +Fürst Bismarck: »Einjesperrt will ick werden, einjesperrt!« + +(»Der Floh«, Juli 1892)] + + Es ist ein großer Irrtum, sich den Fürsten Bismarck als erbittert + vorzustellen. Zwar von einzelnen Persönlichkeiten, die nach + seiner Überzeugung einst gegen ihn erfolgreiche Intrigen spannen, + spricht er nur mit Erbitterung oder mit scharfem Spott, aber + die Grundstimmung ist doch die Resignation, die zuweilen nicht + ohne einen melancholischen Zug ist. Diese leise Melancholie ist + erst bemerkbar geworden, seitdem ihm die treue Lebensgefährtin + starb. Seine Umgebung ist jedoch eifrig bemüht, solche Wolken + von seiner Stirn zu bannen. Überhaupt hat die Sorgfalt, mit der + ihn die Seinen umgeben, etwas innerlich Ergreifendes. Vor allem + ist es die Tochter, Gräfin Rantzau, die mit außerordentlicher + Zartheit um den Vater bemüht ist. Aber besonderen Dank schuldet + wohl die Mitwelt ihrem Gatten, der seine Karriere mitten in + ihrer Entwicklung unterbrach und jede Wallung eines natürlichen + Ehrgeizes niederkämpfte, um das Bedürfnis des greisen Helden + nach einem freundlichen Familienleben zu erfüllen. Graf Rantzau + hat da ein Opfer gebracht, das sich in dem steten Verkehr mit + dem Fürsten selbst belohnen mag, das aber nicht hoch genug + geschätzt werden kann, zumal ihm doch auch das Gefühl nicht fremd + bleiben mag, im Hause eines Bismarck mit dem eigenen Werte stets + zurückstehen zu müssen. Von den Rantzauschen Kindern weilen + zwei in Friedrichsruh, der älteste Sohn befindet sich auf der + Ritterakademie in Brandenburg. Es sind bildhübsche, schlanke, + hochgewachsene Jungen, von denen namentlich der jüngste am meisten + Bismarcksche Schädel- und Gesichtsbildung zeigt. Entzückend ist + es, das Verhältnis des Großvaters zu den Enkeln zu beobachten. + Welch tiefe Zärtlichkeit liegt in seinem Blick, wenn die frischen + Jungen zu den Mahlzeiten ins Zimmer treten, wenn sie dem Großvater + die Hand küssen, die dann liebevoll über ihre frischen jungen + Wangen streicht! Sie haben es nicht nötig, mäuschenstill auf ihren + Plätzen zu sitzen, gar manchesmal hört man ihr munteres Lachen vom + anderen Ende der Tafel. Die Jungen werden nicht verzärtelt, sie + werden zu tüchtigen Landjunkern herangebildet. In Varzin bestand + ihr Hauptgenuß darin, in der »Schafwäsche« mit den Dorfjungen zu + baden und nachher sich an weißen Rüben, frisch aus dem Felde, zu + delektieren. Der Fürst ist in seinen Bedürfnissen mäßig; das stets + wiederkehrende Gesichtsreißen mit seinen quälenden Schmerzen mag + ihm wohl auch die Freude des Genießens stören. Indessen nimmt + er immerhin noch die Speisen und Getränke zu sich, die etwa ein + rüstiger Sechziger zu seines Leibes Nahrung und Notdurft gebraucht. + Spaßhaft war es, wie er einmal sich entschuldigen wollte, daß er + ein paar kleine Glas Bier als Ganze hinunterstürzte, und wie ihn + Professor Schweninger auf seine Bemerkung, daß der Kaviar heute + früh doch gar zu salzig gewesen sei, darauf aufmerksam machte, daß + es »den schon gestern früh gegeben habe«. Bei der Mahlzeit ist + der Fürst äußerst lebendig, doch mag ihn die Rücksicht auf die + Dienerschaft veranlassen, hier die Politik möglichst zu vermeiden + und sich hauptsächlich in Reminiszenzen zu ergehen. Bei solchen + Gelegenheiten bewunderte ich stets die Sicherheit, mit der er + die entlegensten Namen zur Hand hatte, zugleich aber auch die + Prägnanz, mit der er durch irgendein Beiwort, durch die Erwähnung + irgendeines charakteristischen Merkmals die Persönlichkeiten, von + denen er spricht, uns lebendig vor das Auge zaubert. Den Hauptgenuß + bilden die Stunden nach dem um sieben Uhr stattfindenden Diner, + in denen der Fürst, die lange Pfeife rauchend, sich ohne Zwang + in politischen Gesprächen ergeht. Er verfolgt die Ereignisse des + Tages mit gespannter Aufmerksamkeit, ist über alles orientiert und + fällt sein Urteil mit erstaunlicher Treffsicherheit. Vor allem + betont er auch immer mit Nachdruck die Notwendigkeit eines guten + Einvernehmens mit Rußland. Einmal erwähnte ich die mir bekannte + Absicht des chinesischen Gesandten, den Fürsten um seinen Rat zu + fragen: »O nein, ich danke, ich gebe einen Rat nur dann, wenn ich + ihn auch verantworten muß. Ratgeber ohne Verantwortung — von der + Sorte gibt es schon Leute genug.« Auch auf den Plan, den Grafen + Herbert zum Führer einer neuen, großen nationalen Partei zu machen, + kam das Gespräch: »Ich würde meine Zustimmung dazu nie geben; zum + Parteiführer ist mein Sohn nicht Intrigant genug.« Im lebhaften + Gespräch geht wohl einmal die Pfeife aus; da will aber der Fürst + keine Hilfe haben: »Das Nachstopfen ist auch ein Teil des Genusses + beim Rauchen.« Nur das lange Streichholz — sechs Zoll lang — + darf man gerade noch anzünden. Der Fürst steht verhältnismäßig + spät auf; das ist eine alte Gewohnheit, die noch aus seiner + Amtszeit stammt und in der weiteren Gewohnheit begründet ist, bis + tief in die Nacht hinein zu arbeiten. Das erste Frühstück, nach + englischer Art, wird im Sommer auf einer Veranda eingenommen, + und hierbei werden die eingegangenen Zeitungen durchflogen. Von + den Briefen und Zusendungen, die selbst an gewöhnlichen Tagen + eintreffen, läßt sich schwer eine Vorstellung machen. Da sendet ein + Fabrikant eine Tuchprobe mit der Bitte, den Stoff als Bismarcktuch + in den Handel bringen zu dürfen, da schickt eine glückliche + Pastorenfrau die Photographie — ihrer fünf Sprößlinge; es sind die + heterogensten Themen, die in den Briefen angeschlagen werden, und + es ist selbstredend, daß auch zahllose Gesuche um Unterstützung + nicht fehlen. Dem ersten Frühstück folgt bei erträglichem Wetter + ein Spaziergang, sonst wohl beschäftigt sich der Fürst mit + Angelegenheiten der Verwaltung, die ihn oft recht stark in Anspruch + nehmen. Das zweite Frühstück vereinigt zum erstenmal die ganze + Familie: einige leichte, warme Speisen, Bier, Wein, ein leichter + Schaumwein. Wenn Gäste anwesend sind, wird wohl ein besonderer Gang + eingeschoben. Bei schönem Wetter erfolgt eine Ausfahrt und nach + der Rückkehr erneute Arbeit. An Zeitungen sind anscheinend etwa + sechs bis sieben dauernd abonniert; am sorgfältigsten liest der + Fürst die »Hamburger Nachrichten«, in deren lokalen Teil er sogar + hineinblickt. Den speziellen Dienst beim Fürsten hat noch immer der + treue Kammerdiener Pinnow, der mit außerordentlicher Sorgfalt um + seinen greisen Herrn bemüht ist, dem aber, nach der freundlichen + Rundung seines äußeren Menschen zu urteilen, sein Dienst recht gut + bekommt. So gestaltet sich das Leben des greisen Staatsmannes ganz + in der Art des vornehmen Landedelmannes. Es ist ein =otium cum + dignitate=, was er genießt. + +[Illustration: ~Koriolan~ + + »Ich wollt’, er hätte für sein Vaterland gehandelt, + Wie er begann. Und nicht das aufgetrennt, + Was er mit eigner Hand geknüpft.« + + (»Punch«, 16. Juli 1892) +] + +Es war das schlichte, aber trotz seiner Schlichtheit zugleich vornehme +und behagliche Heim eines Landedelmannes, in dem Fürst Bismarck +den Abend seines Lebens verbrachte. Aber es war kein schlichter +Landedelmann, der dort der Hausherr war; wer immer zu ihm in +Beziehungen trat, der schied voll ehrfürchtiger Bewunderung; wem es +beschieden war, ihm näherzutreten und sein Vertrauen zu gewinnen, der +schied von ihm voll leidenschaftlicher Liebe. Wie hingen sie alle an +ihm, Lothar Bucher, Schweninger, Lenbach und die anderen — selbst der +Nüchternste empfand es, daß hier die Natur ein Meisterwerk geschaffen, +und mit einer Art heiliger Scheu blickte er auf das Antlitz des Großen. +»Es ist ein unbegreifliches, geheimnisvolles Leben in diesem mächtig +aufgebauten Kopfe, das auf den Beschauer geradezu überwältigend in den +Augenblicken wirkt, da er den Blick über die Personen und Gegenstände +seiner näheren Umgebung hinweg und in die Ferne schweifen läßt«, so +schildert die Malerin Vilma Parlaghy den Eindruck, den sie empfing. +Und der Dichter Adolf Wilbrandt erzählt aus dem Dezember des Jahres +1890, wie ihm der Fürst zuerst, als er ihn in der Tiefe des Saales auf +einem Sofa ruhen sah, als ein alter Mann erschien: »Doch nun erhob +sich der ›Alte‹, und lässig aufgereckt, in ruhiger, behaglicher Würde +stand die volle, hohe Gestalt vor mir, ins Leben zurückgekehrt. Wenige +Augenblicke hatten ihn verjüngt; mit freundlichem Hausherrnblick begann +er das Gespräch, mit dem ruhigen wartenden Blick der vordringenden +Augen, der zwischen seinem durchbohrenden Naheblick und seinem +Denkerfernblick gleichsam in der Mitte schwebt. Nie habe ich an einem +Menschen einen so erstaunlichen und leichten Wechsel vom zugreifenden +Naheblick des Tatmenschen und vom tiefen, geisterhaften Fernblick +des vorausschauenden Weisen gesehen. Wie sich in ihm so viele und +verschiedene Kräfte der deutschen Volksart zu einem mächtigen Akkord +vereinigt haben: wilde, dreinschlagende Tatkraft, bedächtige Zähigkeit, +strahlender Humor, plattdeutsche Gemütlichkeit, selbstwilliger +Herrschersinn, hingebende Mannestreue, tiefgrabende Klugheit — so gehen +von seinem Auge in oft unmerklichem Übergang brüderliche Strahlen +der widersprechendsten Menschenformen aus: des Kämpfers, der sich +mit allen Kräften durchzusetzen sucht, der in dich hineinbohrt, vor +dessen Scharfblick du dich vielleicht gern verstecken möchtest, und +des Denkers, der dich gar nicht sieht, der durch dich hindurch in +irgendeine Ferne schaut, eine vergangene oder zukünftige, der auf der +Welt nichts zu wollen scheint, als aus der Nichtigkeit des Augenblicks +in das Wesen der Dinge zu tauchen.« + +[Illustration: ~Der Kanzlerstreit~ + +Bauer (dem die Finger in der Coupétür gequetscht worden sind): »Aber +dös tuet weh!« + +Schaffner: »Dös glaab’ i. Wann’s guet tät, dann tätet ihr die Pratzen +den ganzen Tag net aus de Tür außi.« + +Graf Caprivi fühlt sich durch den Ton der Preßpolemik beschwert, die +Fürst Bismarck in seinen Blättern anschlagen läßt. (»Kladderadatsch«, +August 1892)] + +Als im Frühjahre des Jahres 1896 eine Wiesbadener Deputation erschien, +schrieb eines ihrer Mitglieder: »Wir alle hatten das Gefühl, daß man +diesem Manne immerfort zuhören könnte, ohne auch nur im geringsten +zu ermüden. Wer je des Glückes und der Ehre der Gastfreundschaft in +seinem Hause teilhaftig geworden ist, wird rückhaltlos zugeben, daß es +seit Luther einen fesselnderen Erzähler in Deutschland nicht gegeben +hat. Jeder, der mit diesem Manne in einer ähnlichen Lage zusammen +ist, der in seine großen, hervortretenden, wunderbaren blauen Augen +mit dem unbeschreiblich ruhigen und durchbohrenden Blick geschaut und +ihn sprechen und erzählen gehört hat, wird mir recht geben, daß man +bald in dem Banne seiner Genialität gefangen ist und einem Wesen aus +einer anderen Welt gegenüberzustehen glaubt. So überragt er alle seine +Zeitgenossen.« + +Unvergleichlich ist auch in diesen letzten ernsten Jahren die +Plauderkunst des Fürsten Bismarck gewesen. Nur daß über ihr dauernd +ein Schatten der Melancholie ruhte, der selbst dem goldenen Humor +einen tiefen schwarzen Rand verlieh. Reich wie vorher war sein Arsenal +plastischer Bilder, durchdringend blieb seine Menschenkenntnis, +wunderbar sein Gedächtnis. Und trotz allem blieb die Persönlichkeit +einfach, man spürte nichts von dem Übermenschen, man vergaß das +Riesenhafte dieser Gestalt. Das Haar wurde allmählich weiß, aber +die Gesichtsfarbe blieb hell, gesund und fast von jugendlicher +Frische bis zuletzt. Zuweilen zuckten Blitze des Grolls und auch des +leidenschaftlichen Hasses über sein Antlitz, die Grundstimmung aber +blieb dennoch eine von Humor verklärte Resignation. Aber auch hier +war dennoch etwas Eigenes zu spüren: der Mann, der die Geschicke der +Menschheit bestimmt hatte, konnte sich nicht plötzlich mit dem Lose +des Landmannes begnügen, der seinen Kohl baut, seine Wälder pflegt, +seine Steuern zahlt; er konnte sich nicht plötzlich und unvermittelt +losreißen von dem Boden, auf dem er so lange gestanden, und wenn er +auch das Scherzwort brauchte: »Ich bin schön ’raus«, so zeigten doch +die Kämpfe all dieser Jahre, daß er in den Sielen blieb und sich in +Wahrheit bis zum letzten Atemzuge als Kämpfer fühlte. — Und er hatte +Anlaß dazu. Denn wenn auch der Kurs der alte bleiben sollte, so suchten +doch die neuen Männer und auch der junge Kaiser das Heil auf anderen, +neuen Wegen, auf denen Fürst Bismarck, wenn er sein Werk erhalten +wollte, ihnen nicht nachfolgen konnte, vor denen zu warnen die Pflicht +»wie mit einer Pistole auf ihn zielte«. Er konnte kein »stummer Hund« +sein. Auch als man ihm den Maulkorb umlegen, den Mund versiegeln +wollte, auch als sein Nachfolger in dem ersten Uriasbriefe erklärte, +daß »den Anschauungen des Fürsten Bismarck ein aktueller Wert nicht +beigelegt werden könne«. Gerade weil die Kleineren, die ihm folgten, +seine Bahnen verließen und sich gegen ihn wandten, deshalb fühlte er +sich auf den Kampfplatz gerufen, deshalb hat der alte Recke noch einmal +das Schwert umgürtet und den Schild ergriffen und sich hinausgestellt, +um für sein Volk zu ringen. Und vielleicht wuchs er gerade damals und +gerade deshalb, weil er nicht verzichten, sich der höfischen Lehre +nicht fügen wollte, noch über sich selbst hinaus. + +[Illustration: Der neue Phaeton oder das Aufbäumen des Partikularismus. +(Oben Bismarck, unten Caprivi.) Vorschlag zu einem Wandgemälde für den +Reichstag. (»Kladderadatsch«, Mai 1893)] + +Und es geschah, was geschehen mußte: die ewig Zagenden, die Leisetreter +und Ängstlichen wandten sich von ihm ab, sandten nach Friedrichsruh +guten Rat, abzulassen und als geduldiger Zuschauer den Ereignissen zu +folgen. Sie kannten nicht den kategorischen Imperativ der Pflicht, der +das ganze Leben des großen Kanzlers und auch den Abend beherrschte; +sie ahnten nicht, daß er das Amt, daß aber nicht das Amt ihn groß +gemacht, und sie mußten es vernehmen, daß aus dem heiligen Walde von +Friedrichsruh ihnen das Scheltwort »Angstprodukte« entgegenklang. + +[Illustration: ~Banquos Geist~ + +»Wer auch Reichskanzler werden mag, immer wird er auf seinem Sessel den +Schatten Bismarcks sitzen sehen. (»Ulk«, November 1894)] + +Einmal hat auch Fürst Bismarck geglaubt, sich die Reichstagstribüne als +Plattform verschaffen zu müssen, damit sein Wort noch weiter vernommen +werde, sein Rat auch durch die äußerliche Verantwortung des Mandates +gedeckt sei. In Geestemünde hat er kandidiert, bis er in der Stichwahl +mit einem sozialistischen Handwerksgesellen Sieger geworden. Aber er +hat dennoch das Mandat niemals benutzt, nur der äußerste Zwang hätte +ihn getrieben, sowohl seine tiefe Abneigung gegen das im Reichstage +herrschende Fraktionswesen zu überwinden, wie die Abneigung gegen die +Rolle eines Frondeurs, der gegen seinen eigenen Nachfolger Oppositionen +macht. »Ich bin«, so erklärte er einer Deputation seiner Wähler, »im +siebenundsiebzigsten Jahr nun nicht mehr rüstig genug, um der Aufgabe +so zu entsprechen, wie ich glaube, daß sie erfüllt werden sollte. +Nicht bloß die Unbequemlichkeit, außerhalb der eigenen Häuslichkeit zu +wohnen und zu schlafen, hält mich zurück, sondern auch die Aussicht auf +peinliche Begegnungen mit früheren Freunden, die solche zu sein seit +meinem Abgang aufgehört haben. Ich hoffe von Ihnen, daß niemand die +schlimme Erfahrung selbst gemacht hat, mit seiner geschiedenen Frau +unversöhnt unter einem Dache zu wohnen. Ähnlich ist das Wiedersehen mit +geschiedenen Freunden. Natürlich kann ich nach meiner Vergangenheit +nicht einer Partei angehören; wenn ich im gewissen Sinne auch +Parteimann bin, so bin ich jetzt für das alte Kartell, dafür, daß die +staatserhaltenden Parteien sich so weit verständigen, wie es ihnen +möglich ist, und die Dornen ihrer Programme nicht gegeneinander kehren. +Der Gedanke einer prinzipiellen Opposition gegen meinen Amtsnachfolger +und die Regierung liegt mir außerordentlich fern; ebenso fern aber +liegt es mir, still zu sein gegen Vorlagen, die ich für schädlich +halte. Wenn ich glaube, daß das Vaterland mit seiner Politik vor einem +Sumpfe steht, der besser vermieden wird, und ich kenne den Sumpf, +und die anderen irren sich über die Beschaffenheit des Terrains, so +ist es fast Verrat, wenn ich schweige. Was sollte ich für andere +Zwecke haben, als dem Lande zu dienen? Ehrgeiz etwa? Das wäre doch +töricht anzunehmen. Was sollte ich denn werden? Mein Avancement ist +abgeschlossen.« + +[Illustration: ~Der Steuermann verläßt das Schiff.~ (»Punch«, 29. März +1890)] + +[Illustration: ~Proteus in Friedrichsruh~ + +Gegenüber dem deputierten Bürger und Bauersmann + +Vor den Handelskammersekretären + +Bei der Studentenpauke + +Zur Künstlerdeputation + +Speech an die Schuljugend + +Gegen den »Neuen Kurs« + +(»Ulk«, August 1893)] + +[Illustration: ~Bismarcks Zuflucht~ + + »Ich fasse dich mit beiden Armen an! + So klammert sich der Schiffer endlich noch + Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte!« + +Bezieht sich auf die Stichwahl in Geestemünde, in der Bismarck mit dem +Sozialdemokraten Schmalfeld um das Mandat rang. (»Lustige Blätter«, 30. +April 1891)] + +[Illustration: ~Hamlet, =III.= Akt, 4. Szene~ + +Polonius-Caprivi (hinter der Szene): Hilfe! he! herbei! + +Hamlet: Wie? was? eine Ratte? (Er zieht.) Tot! für ’nen Dukaten, tot! +(Tut einen Stoß durch die Tapete.) + +Polonius (hinter der Tapete): Oh, ich bin umgebracht! usw. usw. usw. + +(»Kladderadatsch«, Juni 1892)] + +Aber wenn Fürst Bismarck auch den parlamentarischen Verhandlungen +fernblieb, so suchte und fand er doch einen Kampfplatz, auf dem er mit +voller Verantwortung seinem Volke sagen konnte, was er zu sagen hatte. +Je maßloser die Angriffe seiner Gegner wurden, je schamloser sie sein +ehrwürdiges Haupt beschimpften, je lauter sie nach dem Staatsanwalt +riefen, um so schneller besann sich das deutsche Volk auf seine Pflicht +zur Dankbarkeit. Es sind Jahre des Sturmes gekommen, und es kamen +Zeiten, in denen der Nibelungenzorn schrankenlos emporgebraust ist. Vor +allem damals, als die Reise zur Hochzeit seines älteren Sohnes nach +Wien in dem zweiten Uriasbrief ein Dokument der Verirrung schuf, wie es +sonst die Geschichte wohl kaum noch kennt. + + +Der zweite Uriasbrief + + Dieses zweite Schriftstück war an den deutschen Botschafter in + Wien, den Prinzen Reuß, gerichtet und hatte folgenden Wortlaut: + »Im Hinblick auf die bevorstehende Vermählung des Grafen Herbert + Bismarck in Wien teile ich Eurer Durchlaucht nach Vortrag bei + Seiner Majestät folgendes ergebenst mit: Falls der Fürst oder + seine Familie sich Eurer Durchlaucht Hause nähern sollten, ersuche + ich Sie, sich auf die Erwiderung der konventionellen Formen + zu beschränken, einer etwaigen Einladung zur Hochzeit jedoch + auszuweichen. Diese Verhaltungsmaßregeln gelten zugleich für + das Botschaftspersonal. Ich füge hinzu, daß Seine Majestät von + der Hochzeit keine Notiz nehmen werden. Eure Durchlaucht sind + beauftragt, in der Ihnen geeignet erscheinenden Weise sofort + hiervon dem Grafen Kalnoky Mitteilung zu machen.« — Neben der + deutschfreisinnigen und ultramontanen Presse fühlte sich auch + die edle »Kreuzzeitung« gedrungen, dem Grafen Caprivi für diese + »Tat« den Dank des Vaterlandes auszusprechen. »Uriasbriefe« nannte + dagegen Bismarck verächtlich diese Erlasse. In den »Hamburger + Nachrichten« vom 5. Juli wurden sie mit den Worten vernichtet: + »Wir sind der Ansicht, daß die Kontrolle privater Geselligkeit im + Auslande und die Einwirkung auf private Dinereinladungen nicht zu + den Aufgaben gehören, zu deren Lösung hochgestellte Staatsmänner + berufen und Botschaftsgehalte bewilligt werden. Wir glauben nicht, + daß die auswärtigen Akten einer anderen Großmacht, wenn sie + veröffentlicht würden, ein Gegenstück dieses deutschen Vorgangs + aufzuweisen hätten.« + +[Illustration: Im besten Falle wird er ein äußerst unbequemer +Fraktionsgenosse sein. (»Ulk«, Mai 1891)] + + +Götz von Berlichingen + + Auf dem Marktplatz von Jena gab Fürst Bismarck die Antwort, + umjubelt von den Besten seines Volkes: »Ich habe als Reichskanzler + nach meinem Gewissen gehandelt, bin auch fest entschlossen, + als Privatmann nach meinem Gewissen und meinem politischen + Pflichtgefühl zu handeln, was auch immer die Folgen für mich sein + könnten. Die sind mir völlig gleichgültig. Ich bin eingeschworen + auf eine weltliche Leitung eines evangelischen Kaisertums, und + dem hänge ich treu an, und wenn man mir in jedem Falle, wo ich + nach meiner fünfzigjährigen Erfahrung in der Politik glaube, daß + die Ratgeber meines Monarchen besser andere Wege einschlagen + würden, den Vorwurf macht, ich treibe antimonarchische Politik, + so möchte ich doch einmal auf unsere bestehende Verfassung + aufmerksam machen, nach welcher die Verantwortlichkeit für alle + Regierungsmaßregeln nicht bei dem Monarchen, sondern bei dem + Reichskanzler und den Ministern ruht. Ich möchte außerdem darauf + aufmerksam machen, daß diese Auffassung — ich will nicht sagen + eine altgermanische, aber — eine uns in Fleisch und Blut liegende, + lange, ehe wir Verfassungen hatten, gewesen ist. Ich will Sie nur + an ein Beispiel aus den Werken des großen Geistes, dessen Manen + hier auf dieser Stätte uns umschweben, erinnern. Goethe stellt uns + in seinem Götz von Berlichingen einen kaisertreuen Ritter dar, der + für seinen Kaiser eine solche Verehrung und Anhänglichkeit hat, + daß er einen kaiserlichen Rat mit den Worten bedrohte: ›Trügest + du nicht das Ebenbild des Kaisers, das ich in dem gesudeltsten + Konterfei verehre!‹ Dieser Ritter trug kein Bedenken, als ihn + der Hauptmann zur Übergabe auffordern ließ, diesem eine scharfe + Kritik aus dem Fenster entgegenzurufen. Es zeigt das klar, daß Götz + von Berlichingen und Goethe beide Sachen nicht zusammengeworfen + und identifiziert haben. Man kann ein treuer Anhänger seiner + Dynastie, des Königs und des Kaisers sein, ohne von der Weisheit + der Maßregeln seiner Kommissare — wie es im Götz heißt — überzeugt + zu sein. Ich bin letzteres nicht und werde diese meine Überzeugung + auch nicht zurückhalten.« + +Volle Befriedigung konnte natürlich dieser Kampf dem Fürsten Bismarck +nicht gewähren. Ihm fehlte die Arbeit, die schaffende, nützende +Arbeit, ihm fehlte das Leben, er fühlte sich einsam. »Das Interesse, +welches ich früher an der Politik nahm, ist im Schwinden begriffen; +es geht mir wie einem Wanderer im Schnee, er fängt allmählich an zu +erstarren, er sinkt nieder und die Schneeflocken bedecken ihn, es +ist ein angenehmes Lustgefühl. So erstarre auch ich allmählich, mein +Interesse an der Politik nimmt ab, aber ich fühle mich wohl dabei«, +so sagte er wohl. Überdies begannen die Spuren des Alters sich auch +dieser gewaltigen Gestalt zu nahen; die Erregungen und Bitterkeiten, +die ihm geworden, beugten die Eiche zu Boden. Im August 1893 erkrankte +er schwer in Kissingen. Da zog in das Herz des Kaisers plötzlich der +Gedanke, daß er nicht unversöhnt scheiden, daß er, wenn der Kanzler +zur Ewigkeit zog, nicht ausgeschlossen bleiben dürfe von denen, die +ihn in der letzten Stunde umgeben. Dem herzlichen Beileidstelegramm +und der Sendung einer Flasche Steinberger Kabinetts ist ein Besuch des +Kaisers in Friedrichsruh gefolgt. Aber Kaiser Wilhelm hat damals und +auch später nicht den Gedanken gehegt, von neuem den Rat des großen +Staatsmannes einzuholen, auch die Kundgebung von Kissingen war nur eine +rein menschliche Tat, nicht aber ein politisch wichtiges Ereignis. + +[Illustration: ~Draußen in der Kälte~ + +»Ich bin gleich einem Wanderer, der sich im Schnee verlief und der nun +erstarrt, während ihn die Schneeflocken bedecken.« (»Punch«, 6. Februar +1892)] + +Später hat dann Fürst Bismarck selbst seinen Einzug in die Stadt +gehalten, aus der er vier Jahre vorher geschieden war und in der auch +jetzt noch der Mann als Kanzler weilte, der ihn gesellschaftlich zu +ächten versuchte, in der dieselben Männer noch Minister waren, die er +bekämpfte. Sie alle verstanden die Zeit und gaben bei dem Gaste des +Kaisers mit höflichen Lächeln ihre Karte ab. Und dennoch lag in jenem +Festtage und in dem Gruß, den der Kaiser mit seinem alten Ratgeber +tauschte, ein tief bedeutsamer und für die Zukunft wichtiger Kern: +Auch die Bosheit konnte fortan nicht mehr behaupten, daß die Kritik +des Fürsten Bismarck sich gegen die Person des Monarchen richte. +Zeigte doch Kaiser Wilhelm der Welt, daß er auch in dem rückhaltlosen +Bekämpfer der von seinen Ministern vertretenen Politik den treuen +Royalisten zu ehren verstand. Die Tat des Kaisers hat in der Nation +einen erhebenden Eindruck erweckt, und ihre Wirkung blieb auch dann +noch bestehen, als neue Wolken den Horizont verdunkelten und neue +Konflikte zwischen dem Sachsenwalde in dem Kaiserschloß entstanden. + +Aber es war eine tröstliche Wirkung jener Tage, daß Kaiser Wilhelm auch +äußerlich Anteil an dem großen Ehrentage des Fürsten Bismarck und des +deutschen Volkes nehmen konnte, der mit dem achtzigsten Geburtstage +des großen Mannes heraufzog, und daß er, indem er sich in scharfen +Gegensatz zu dem Beschlusse des Reichstages stellte, der dem Gründer +des Reiches den Glückwunsch versagte, der Wortführer der nationalen +Mehrheit werden durfte. In der Tat ist dieser Ehrentag ein Tag der +Schande für die Erwählten des Volkes geworden, und als der Kaiser nach +dem Sachsenwalde die Depesche sandte: »Eurer Durchlaucht spreche ich +den Ausdruck tiefster Entrüstung über den eben gefaßten Beschluß des +Reichstages aus. Derselbe steht im vollsten Gegensatz zu den Gefühlen +aller deutschen Fürsten und Völker«, da fühlte man es voll Genugtuung +und Freude, daß hier eine Brücke geschlagen war, die auch künftige +Kämpfe nicht mehr völlig zerstören konnten. Es hat ja noch Kämpfe +gegeben, bald stiegen die Wellen zu Berge und bald zum Tal. Denn für +Bismarck gab es kein Leben ohne Kampf; ihm war der Kampf das Leben +selbst. Aber mit Recht konnte er sich dagegen wehren, daß er »ein +grollender Brummbär« sei, der »von dem Ast des Baumes, auf dem er saß +und den man ihm meuchlings abgesägt hat, herunterpurzelte und von den +Bienen arg zerstochen wurde«. Ihn stachen bloß die Drohnen, und ihre +Stiche »gingen durch sein Fell nicht mehr durch«. + +[Illustration: ~Bismarck und der Tod~ + +»Trotz der Kälte bleibe ich der Hirte dieser Herde! Tod, mach’ dich +davon.« (Ein Bild von Wilette, das doch die Ehrfurcht der Franzosen vor +dem greisen Staatsmann ausspricht.)] + +In jenen ersten Jahren konnte der Fürst sein Leben noch wechselnd in +Friedrichsruh und Varzin verbringen; er konnte dem Rate des getreuen +Arztes folgen und das stärkende Bad aufsuchen; er konnte reisen, und +er fand so manche äußere Anregung, die ihm das Einerlei und die +Einsamkeit der ersten Verbannungszeit in Vergessenheit brachte. Er +konnte das Leben eines vornehmen Landedelmannes führen. + +Hier zeigte er wieder den ganzen Reiz eines Plauderers, der alle Saiten +des Instrumentes als Virtuose beherrscht. Bei jeder Wendung auf noch +so abliegende Gebiete oder Gegenstände setzte er seine Zuhörer durch +seine Sachkenntnis, die Schärfe seines Urteils, seine epigrammatischen +Aussprüche, seine charakteristischen Vergleiche und sein wunderbares +Gedächtnis in Erstaunen. Und bis zuletzt hatte man von ihm den +Eindruck, als ob selbst die Zeit, die alles überwindet, seiner niemals +Herr werden könne. + + +Eine dicke alte Forelle + + Während der Mahlzeit in Friedrichsruh kam das Gespräch einmal auf + die Jagd. Einer der Gäste fragte den Fürsten, warum er dieser + Leidenschaft so gänzlich entsagt habe. »Mit den Leidenschaften«, + antwortete Fürst Bismarck, »verhält es sich wie mit den Forellen + in meinem Teich: eine frißt die andere auf, bis nur mehr eine + dicke alte Forelle übrig bleibt. Bei mir hat im Laufe der Zeit die + Leidenschaft zur Politik alle anderen Leidenschaften aufgefressen.« + Graf Kayserling bemerkte nach einer Pause: »Du wirst doch wieder + die Jagd aufnehmen.« Worauf Bismarck erwiderte: »Ich glaube nicht; + es täte mir heute leid, auf Wild zu schießen.« + +[Illustration: ~Am Bahnhof in Tetschen~ + + Bismarck-Mignon: »Heißt mich nicht reden, heißt mich schweigen, + Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht. + Ich möcht’ euch meinen Zorn und meine Galle zeigen, + Allein — das Schicksal will es nicht.« + + (»Der Floh«, Juni 1892)] + + +Stunden des Glücks + + Als ein Gast den Fürsten als einen glücklichen Mann gefeiert + hatte, antwortete der Hausherr: »Meine Herren, was nennen Sie + glücklich? Ein glücklicher Mensch bin ich in meinem Leben nur + selten gewesen. Wenn ich die spärlichen Minuten wahren Glückes + zusammenzähle, so kommen wohl nicht mehr als vierundzwanzig Stunden + im ganzen heraus.« Es war charakteristisch, zu vernehmen, was er + als Augenblicke ungetrübten Glückes bezeichnet hat: Zum erstenmal + habe er sich glücklich gefühlt, als er als Knabe den ersten Hasen + geschossen habe, das seien aber nur wenige Sekunden gewesen; dann, + als er seine Liebeserklärung gemacht habe. Die innige Liebe, + die ihn mit seiner heimgegangenen Gattin verbunden, kam hier zu + ergreifendem Ausdruck. + + +In der Politik gibt es kein Glück + + Von besonderem Interesse waren die Äußerungen über seine politische + Tätigkeit: »In der Politik gibt es für den, der sie treibt, wie + ich sie habe treiben müssen, kein Glück. Der Staatsmann ist wie + ein Börsenspieler. Wenn der heute eine Million gewonnen hat, + und er denkt, sich darüber zu freuen, so kommt auch schon die + Sorge, wie er die gewonnenen Millionen zu weiteren Spekulationen + anlegen könne. So auch mit meinen Unternehmungen! Wenn mir die + eine gelungen, so mußte ich sogleich wieder darauf sinnen, wie + der Erfolg festzuhalten und auszunützen sei. Der Staatsmann + wirtschaftet mit fremdem Vermögen; das fällt um so schwerer + ins Gewicht, je mehr man Ehrgefühl im Leibe hat. — Meine + politische Laufbahn war ein Hetzen und Jagen, bei dem man zum + Genuß nie gekommen ist. Viel glücklicher als der Staatsmann ist + beispielsweise der Landmann, der Forstmann, jener, wenn er seine + Felder und Rieselwiesen, dieser, wenn er seine Forstkulturen und + den Wildstand gedeihen sieht.« + + +Trinkfest + + Bis in die letzten Jahre ist Fürst Bismarck ein recht trinkfester + Herr gewesen. Daß er schon in der Jugend einen vollen Pokal liebte, + davon hat er oft und gerne geplaudert. So redete man einmal von + Ärzten und der Art, wie die Natur sich zuweilen helfe. Er hatte + einmal bei einem hohen Herrn gejagt, und da »sei ihm um seinen + inneren Menschen recht schlecht gewesen. — Auch die zwei Tage Jagd + und die freie Luft halfen nicht. Da kam ich den Tag darauf zu + den Kürassieren in Brandenburg, die einen neuen Becher bekommen + hatten. Ich sollte daraus trinken und ihn einweihen, dann sollte + er herumgehen. Es war etwa eine Flasche drin. Ich aber hielt + eine Rede und trank und setzte ihn leer wieder hin, was sie sehr + verwunderte, da man den Leuten von der Feder nicht viel zutraut. + Es war aber noch Göttinger Übung. — Merkwürdiger- oder vielleicht + nicht merkwürdigerweise war mir darauf vier Wochen lang so wohl + um den Magen wie nie. Ich versuchte es später, mich ebenso zu + kurieren, aber niemals mit so erfreulichem Erfolge. — Da erinnere + ich mich auch einmal, bei der Letzlinger Jagd unter Friedrich + Wilhelm =IV.=, da sollte ein Vexierbecher aus der Zeit Friedrich + Wilhelms =I.= getrunken werden. Es war ein Hirschgeweih, welches so + gemacht war, daß man die Höhlung, in die etwa drei Viertel einer + Flasche gingen, nicht an die Lippen setzen konnte, während man doch + nichts verschütten sollte. Ich nahm es und trank es aus, obwohl + es sehr kalter Champagner war, und meine weiße Weste zeigte nicht + einen verschütteten Tropfen. Die Gesellschaft machte große Augen, + ich aber sagte: ›Noch einen!‹ — Der König aber, den es offenbar + ärgerte, daß ich’s so gut gemacht hatte, rief: ›Nein, das geschieht + nicht!‹, und so mußte es unterbleiben. — Früher waren solche + Kunststücke notwendiges Erfordernis zum diplomatischen Gewerbe. Da + tranken sie die Schwachen unter den Tisch, fragten sie aus nach + allerlei Dingen, die sie wissen wollten, und ließen sie in Sachen + willigen, zu welchen sie keine Vollmacht hatten. Sie mußten auch + gleich unterschreiben, und wenn sie dann nüchtern wurden, wußten + sie nicht, wie sie dazu gekommen waren.« + + +Ein kräftiger Kognak + + »Ich liebe die Liköre und das süße Zeug nicht,« meinte einmal + der Fürst, »aber bei der hochseligen Kaiserin Augusta gab’s nur + solches. Ein kräftiger Kognak, das ist eher etwas für mich. + Glücklicherweise waren aber unter den bedienenden Lakaien ein paar + gerissene Jungen, vor allem ein langer ehemaliger Artillerist — + ich sehe ihn noch vor mir. Wenn er dann vor mich hintrat und ich + zwinkerte mit dem rechten Auge — und dabei veranschaulichte der + Fürst das drastische Mienenspiel in größter Lebhaftigkeit — dann + kniff er das linke zu, und ich wußte nun ganz genau, auf der Seite + steht ein fester Kognak für mich!« Und dabei ergötzte sich der + Fürst an dem wohlgelungenen Anschlage und lachte, daß ihm die Träne + im Auge stand. + +[Illustration: ~Der stille Zecher daheim~ + +»Een Glas hebe ick uff ihn, eens uff mir ..., nu noch eens uff uns +beede.« Der Kaiser hatte dem Fürsten Bismarck nach seiner Erkrankung +eine Flasche Steinberger Kabinett gesandt. (»Der Floh«, 4. Februar +1894)] + + +Kräheneier + + »Die Zeit zwischen meinem Geburtstag und dem meiner Frau«, sagte + der Fürst einmal lächelnd, »ist meine Feistzeit, da gibt es + Muscheln — meine Tochter ist in dem Punkte das Kind ihres Vaters + —, Kiebitzeier, Saatkräheneier und andere gute Dinge. Diese + Saatkräheneier erinnern mich an meine Knabenzeit. Damals machte es + mir Scherz, Krähennester auszunehmen und die Eier brütenden Tauben + unterzulegen, um zu sehen, was wohl aus der Geschichte würde.« — + »Und das haben Eure Durchlaucht später in der Politik fortgesetzt«, + meinte einer der Gäste scherzend, und der Fürst lächelte gutmütig + dazu, um dann die Pfeife anzuschmauchen. + + +Man kann es aushalten + + Als einst eine neue Weinsorte am Frühstückstisch in Friedrichsruh + probiert wurde, fragte der Fürst einen gerade zu Besuch weilenden + Hamburger Herrn, wie ihm der Wein gefalle. Als der Gefragte meinte: + »Man kann es dabei einige Stunden aushalten, ohne andere Gelüste + zu bekommen«, sagte Fürst Bismarck: »Sie erinnern mich mit Ihrer + Antwort an jene beiden katholischen Geistlichen, die einen guten + Tropfen zu schätzen wußten, ohne beim Trinken redselig zu werden. + Sie saßen eines Vormittags in einer kühlen Laube bei einer guten + Sorte Rheinweins beisammen. Da bemerkte der eine: ›Der Win is + guat‹, und dann kneipten sie gemächlich weiter, bis die Sonne + sich zum Horizont hinabsenkte; da erst erwiderte der andere: ›Und + ooch chesund!‹ Beide waren während der ganzen Zeit durchaus bei + der Sache gewesen und empfanden beim seligen Zechen nicht das + Bedürfnis, an etwas anderes zu denken als an die gute Sorte, die + sie tranken.« + +[Illustration: ~Die Aussöhnung des Kaisers mit dem Fürsten Bismarck~ + +Und Achilles sprach zu König Agamemnon: Sohn des Atreus, laß uns +versöhnt sein, denn das war ja längst unser aller Wunsch! Laß das +Vergangene vergessen sein, wie bitter kränkend es auch war. Meinen +Zorn habe ich besänftigt, denn Unversöhnlichkeit ziemt dem edlen Manne +nicht. (»Lustige Blätter«, 1. Februar 1894)] + + +Der konnte es doch noch besser + + Als ein Gast seine Bewunderung über die große Anzahl von Pfeifen + aussprach, die der Fürst mit Behagen rauche, erzählte dieser in + überaus komischer Weise von einem alten hannoverschen Offizier, + der an der damaligen Zollgrenze an einem ziemlich einsamen + Posten funktioniert hätte. Den habe er einmal getroffen und im + Gespräch mit ihm gefragt: er besuche wohl, um sich Zerstreuung zu + verschaffen, häufig die Gutsbesitzer in der Umgegend. »Nein,« habe + er geantwortet, »die besuchen wir nicht.« »Na,« habe er (der Fürst) + weiter gefragt, »dann spielen Sie wohl hier viel Karten?« Antwort: + »Nein, Karten spielen wir hier nicht.« »Dann trinken Sie wohl?« + »Nee, trinken tun wir auch nicht.« »Ja, was fangen Sie da denn mit + Ihrer dienstfreien Zeit eigentlich an?«, worauf die in klassischer + Ruhe erteilte Antwort: »Immer roochen (rauchen)!« gelautet habe. + »Der konnte es doch noch besser als ich.« + +[Illustration: ~Der Bismarck kommt!~ (»Der Floh«, Mai 1891)] + + +Nur auf dem Kamel + + Irgend jemand hatte die Mär erfunden, Fürst Bismarck beabsichtige + an die Südwestküste von Afrika zu reisen, um die neuen deutschen + Erwerbungen in Augenschein zu nehmen. Auf die Frage einer ihm + nahestehenden Persönlichkeit, ob es wahr sei, daß er nach Angra + Pequena reisen wollte, antwortete Bismarck schlagfertig wie immer: + »Ja, aber nur auf dem Kamel, das diese Nachricht überbracht hat.« + + +Die Kreter sind faule Bäuche + + Als wieder einmal das Schicksal der Insel Kreta auf der + Tagesordnung stand, meinte der Fürst: »Was Kreta anbetrifft, + so kann ich Ihnen versichern, daß ich an dieser Insel weniger + Interesse nehme als an irgendeinem kleinen Erdhaufen in meinem + Garten. Die Kretenser sind, wie ich glaube, leicht abgeschätzt, + und unter normalen Bedingungen sollten sie sich weit besser + unter türkischer als eventuell unter griechischer Herrschaft + befinden.« Diese Äußerung veranlaßte einen Herrn Ogilvy zu Dundee + in Schottland, an den Fürsten einen Brief zu schreiben, in welchem + er diesen unter Berufung auf sein Christentum und seine Humanität + beschwor, ihm die Gründe mitzuteilen, weshalb er die unglücklichen + Kreter so hart und unglimpflich behandelt habe. Hierzu schrieben + die »Hamburger Nachrichten«: Wir können diese Angaben bestätigen + und auch den Wortlaut der Erwiderung mitteilen, die Herrn Ogilvy + zugegangen ist: + + Friedrichsruh, den 25. Juli 1896. + + Geehrter Herr! + + Ich danke Ihnen für Ihren freundlichen Brief und für die gute + Meinung, welche Sie von mir haben. Zu meiner Entschuldigung + gegenüber den Kretern bitte ich aber, zu berücksichtigen, was der + Apostel Paulus im Briefe an Titus Kap. 1 Vers 12 und 13 sagt. + + v. Bismarck. + + In den biblischen Stellen, die dieser Kreterbrief des Fürsten + anzieht, heißt es Vers 12: »Es hat einer aus ihnen gesagt, ihr + eigener Prophet: die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule + Bäuche;« und Vers 13: »Dies Zeugnis ist wahr. Um der Sache willen + strafe sie scharf, auf daß sie gesund seien im Glauben.« + +[Illustration: ~Gemütlich wieder beisammen~ + +»Nanu, lieber Bismarck, immer nur ringehauen in det Pichelsteiner +Fleisch und die zwanzig Pfund wieder hereingebracht, die verloren +gegangen sind.« — »Ach nee, mich jehen die zwanzig Pfund nich ab, +aberit Caprivin möchte ich sie jönnen — dem däten zwanzig Pfund +›Bismarck‹ jetzt jut bekommen.« (»Der Floh«, 1. Oktober 1893)] + + +Philosophie + + »Hegel«, meinte einmal der Fürst, »wurde ja zu meiner Zeit + überall doziert, ich habe mir aber von ihm nur angeeignet, was + ich für das Examen brauchte. Eines inneren Eindrucks bin ich mir + nicht bewußt geworden. Wie ich allmählich Jurist bei Bier und + auf dem Paukboden wurde, so hat auch das betrachtende Leben in + der Natur mehr Einfluß auf mich gehabt als die Philosophen. In + dieser natürlichen Neigung fühlte ich mich mehr zu Spinoza als + zu Hegel hingezogen. Hegel dachte ja eigentlich in erster Linie + für sein Auditorium, um etwas vortragen zu können. Im Vergleich + zu Spinoza arbeitete er auf kultiviertem Boden, während Spinozas + Gedanken unmittelbar aus der Natur herauswuchsen. Spinoza habe ich + an der Hand deutscher Hilfsbücher im lateinischen Text studiert. + Er war ein aristokratischer Jude, wie sich ja überhaupt die + holländischen Juden vorwiegend aus dem portugiesischen Judenadel + rekrutiert haben.« Auf die Frage, ob Spinozas pantheistische + Philosophie Einfluß auf ihn gewonnen habe, erwiderte der Fürst: + »Das Christentum einen viel, viel höheren, den höchsten! Durch + Kant«, fuhr dann der Fürst fort, »habe ich mich nicht völlig + durchbringen können; was er über das Moralische sagt, zumal das + vom kategorischen Imperativ, ist sehr schön; aber ich lebe am + liebsten ohne das Gefühl des Imperativs; ich habe überhaupt nie + nach Grundsätzen gelebt; wenn ich zu handeln hatte, habe ich mich + niemals gefragt: nach welchen Grundsätzen handelst du nun?, sondern + ich habe zugriffen und getan, was ich für gut hielt. Man hat mir ja + oft vorgehalten, daß ich keine Grundsätze habe. In meiner Jugend + pflog ich mit einer philosophisch angehauchten Cousine, die mich + gerne betanten wollte, oftmals Gespräche darüber, ob ich Grundsätze + annehmen müsse oder nicht. Schließlich sagte ich ihr, und damit + waren alle unsere Streitigkeiten zu Ende: ›Wenn ich mit Grundsätzen + durchs Leben gehen soll, so komme ich mir vor, als wenn ich durch + einen engen Waldweg gehen sollte und müßte eine lange Stange im + Munde halten!‹« + + +Herr Baurat + + »Als ich noch keine andere Auszeichnung besaß«, plauderte der + Fürst, »als die Lebensrettungsmedaille, deren Band genau so + aussieht wie das Band des Roten Adlerordens vierter Klasse, und in + Berlin rasch in der Richtung eines Bahnhofs dahinschritt, rief mir + ein Junge zu: ›Kann ick Ihnen nich eene Droschke besorjen, Herr + Baurat!‹ — Als ich dann den Majorsrang erworben hatte und einmal in + Uniform ausging, hielt mich ein Schutzmann für einen ernsthaften + Major und ersuchte mich, dienstlich gegen eine Menschenansammlung + einzuschreiten, die den Verkehr sperrte und mit der er allein nicht + fertig wurde. Ich tat das bereitwillig, erklärte ihm dann aber, + als er noch andere derartige Wünsche zu haben schien, doch, daß es + mir leid tue, nebenher noch preußischer Ministerpräsident zu sein + und als solcher nicht weiter zur Verfügung des Herrn Schutzmannes + stehen zu können. — Später habe ich es dann allerdings auch zum + General gebracht und komme in Berlin an einem Schutzmann vorbei, + der mich nicht grüßt. ›Grüßen Sie denn nicht Offiziere?‹ fragte ich + ihn. ›O ja, Herr,‹ versetzte er treuherzig, ›aber nur die höheren.‹ + ›Na, rechnen Sie einen General nicht zu den höheren Offizieren, + guter Mann?‹ ›Das wohl, aber Sie sind doch —‹ ›Sie wissen wohl + nicht, daß ich der Reichskanzler bin?‹ ›Nein, woher sollte ich das + wissen?‹ rief er betroffen, ›ich bin eben erst vom äußersten Osten + nach Berlin versetzt worden.‹ Ich war so erfreut, daß mich einmal + jemand in Berlin nicht erkannte, daß ich gegen den Mann durchaus + keine Anzeige erstattete.« + +[Illustration: ~Beim Frühschoppen des 80. Geburtstages~ + +»So ’ne Reichstagsgratulationsablehnung ist denn doch zu wat gut.« +Der Reichstag hatte zum 80. Geburtstag den Glückwunsch abgelehnt. +(»Humoristische Blätter«, 31. März 1895)] + + +Gewissermaßen fossil + + »Was Statuen anlangt,« meinte einmal der Fürst, »so muß ich doch + sagen, daß ich für diese Art von Dank gar nicht empfänglich bin. + Ich wäre in der größten Verlegenheit, wenn ich beispielsweise + in Köln wäre, mit welchem Gesicht ich an meiner Statue + vorbeigehen sollte. Ich erlebe das in Kissingen; es stört mich in + Promenadeverhältnissen, wenn ich gewissermaßen fossil neben mir + dastehe.« + +[Illustration: Nach Bismarcks Rede gegen die Streber und Drohnen. +(»Hum. Listy«, August 1895)] + + +Seine Tränen + + Als einer der Gäste hervorhob, daß Lenbach wie kein zweiter es + verstanden habe, den Glanz von Bismarcks Augen wiederzugeben, + bemerkte der Fürst: »Ja — nur meint man häufig, ich sei gerührt + zu Tränen, aber diese Tränen, das ist wohl ein Erbstück meiner + Vorfahren, die zu tief in den Becher geschaut haben, und nun muß + ich das Wasser aus den Augen wiedergeben!« Als einer der Tischgäste + meinte, Graf Herbert habe das auch, und die Fürstin Bismarck dies + nicht gelten lassen wollte, bemerkte der Altreichskanzler: »Doch, + der muß die Tränen über meine Sünden weinen.« + + +Hausmusik habe ich immer geliebt + + Jemand fragte den Fürsten, ob er Musik liebe. »Über alles,« + antwortete er, »besonders Beethoven. Mir ein Billett zu nehmen + und auf engem Sitz Musik anzuhören, dafür bin ich aber nicht + gemacht. Aber Hausmusik habe ich immer geliebt. Bis zu meinen + ersten dreißiger Jahren, wo ich meine Frau kennen lernte, die sehr + musikalisch ist, habe ich immer bedauert, daß ich die auf meinem + Lehrplan angesetzte Musikstunde nicht einhalten konnte. Ich hatte, + da man doch jetzt viel von Überbürdung der Jugend spricht, täglich + dreizehn Stunden zu arbeiten, neben dem gewöhnlichen Unterricht + noch eine Stunde Französisch und Englisch. Da mußte ich die Musik + leider aufgeben. Ich habe das immer beklagt, denn der Deutsche ist + nun einmal von Natur auf Musik gestimmt.« + + +Der »Faust« ist meine Bibel + + »Für Goethes Gedichte«, sagte Fürst Bismarck, »habe ich von Jugend + an viel Schwärmerei gehabt; noch jetzt lese ich abends im Bette, + wenn ich nicht einschlafen kann, Gedichte von ihm, auch Schiller, + Uhland, Chamisso ist mein Geschmack treu geblieben. Der ›Faust‹ ist + jedoch von der ganzen profanen Literatur meine Bibel. ›Clavigo‹, + ›Stella‹, die ›Wahlverwandtschaften‹ sind mir ihres schlaffen + Helden wegen unsympathisch, aber sonst ist Goethe ganz mein + Geschmack.« + +[Illustration: ~Der Kanzler in dreierlei Format~ + + Nicht länger läßt es sich verbergen, + Was durch den Tatbestand erwiesen: + Erst war’s ein Riese unter Zwergen, + Heut ist’s ein Zwerg nur unter Riesen! + +(»Lustige Blätter«)] + + +Das deutsche Lied + + Über das Thema der Musik schrieb ein Mitarbeiter der »Neuen + Musikzeitung« im Jahre 1895: »Bismarck hat einmal geäußert: ›Die + bezahlte Musik zieht mich wenig an, aber nichts lieber weiß ich + mir als die Musik im Hause.‹ Er konnte nicht müde werden, sich von + seiner Frau, einer ausgezeichneten Klavierspielerin, Beethoven + vorspielen zu lassen und aus dieser erhabenen Tonsprache Erquickung + und Erhebung zu schöpfen. Besonders in den letzten Jahren, seitdem + Bismarck in Friedrichsruh lebt, hat er in Ansprachen an diejenigen, + die sich huldigend ihm genaht, mehrfach sehr bemerkenswerte + Äußerungen über sein persönliches Verhältnis zur Tonkunst getan. + So bemerkte er einer Abordnung gegenüber: ›Bei der Überbürdung + mit Unterricht in meiner Jugend ist die Musik zu kurz gekommen. + Trotzdem fühle ich nicht weniger Liebe zu ihr. Dankbar bin ich + der Musik, daß sie mich in meinen politischen Bestrebungen + wirkungsvoll unterstützt hat. Des deutschen Liedes Klang hat die + Herzen gewonnen. Ich zähle es zu den Imponderabilien, die den + Erfolg unserer Einheitsbestrebungen vorbereitet und erleichtert + haben. Wenige von Ihnen dürften alt genug sein, um sich der + Wirkung zu erinnern, die 1841 das Beckersche Rheinlied erzielte. + Damals war dies Lied mächtig, und bei der Schnelligkeit, mit der + es von der Bevölkerung aufgegriffen wurde, hatte es die Wirkung, + als ob wir ein paar Armeekorps mehr am Rhein stehen hätten. Näher + liegt uns der Erfolg der ›~Wacht am Rhein~‹. Wie manchem Soldaten + hat das Anstimmen des Liedes auf dem winterlichen Kriegsfelde + und bei materiellem Mangel eine wahre Herzstärkung gewährt, und + das Herz und dessen Stimmung ist ja alles beim Gefecht. Die + Kopfzahl machte es nicht, wohl aber die Begeisterung machte es, + daß wir die Schlachten gewonnen haben. Und so möchte ich das Lied + als Kriegsverbündeten auch für die Zukunft nicht unterschätzt + wissen. Unsere Beziehungen zum verbündeten Österreich beruhen + doch wesentlich auf Unterlagen im kulturellen Gebiet und nicht + am wenigsten auf den musikalischen Beziehungen. Wir wären kaum + in gleich enger Verbindung mit Wien geblieben, wenn nicht Haydn, + Mozart, Beethoven dort gelebt und ein gemeinsames Band der Kunst + zwischen uns geschaffen hätten. Ja, selbst die Verbindungen + zu unserem dritten Bundesgenossen, Italien, waren früher mehr + musikalischer Natur als politischer. Die ersten Eroberungen, die + Italien bei uns gemacht hat, sind musikalische gewesen. Ich bin + kein Gegner der italienischen Musik, trotz meiner Vorliebe für + die deutsche: im Gegenteil, ich bin ein großer Freund derselben.‹ + Zu Hamburger Gymnasiasten, die ihn mit einem Liede begrüßt + hatten, sagte Bismarck: ›Sie haben eben ein sehr schönes Stück + gesungen; ich habe früher auch Musik getrieben, doch bin ich + nur ein mittelmäßiger Klavierspieler gewesen und war froh, als + ich den lästigen Zwang abschütteln konnte. Das hat mir später + außerordentlich leid getan, denn die Musik ist eine treue Gefährtin + im Leben. Sie hat mir oft gefehlt, und wer von Ihnen Talent dazu + hat, dem empfehle ich ganz besonders, die Musik zu pflegen, und + ich erinnere Sie an mein Beispiel, um Sie abzuschrecken von dem + Fehler, den ich mir vorzuwerfen habe.‹ Bismarck verhimmelt nicht + die Triller einer Primadonna, er stürzt sich nicht in den Kampf + der Wagnerianer mit ihren Gegnern — er betrachtet die Kunst, + die Musik insbesondere, in ihrer Gesamtheit als ein großes, von + zeitlichen Strömungen nicht abhängiges Gemeingut des Volkes in + allen seinen Schichten. Die Musik ist ihm nicht nur ein Gemüts- + und Herzensbedürfnis, ein edler Schmuck des Familienlebens von + erhebender und bildender Kraft, sie ist ihm auch ein wichtiger + politischer Faktor, ein wertvoller Verbündeter, ein Band zwischen + den Nationen, eine moralische Stütze und Kräftigung für den + Krieger; ein Lied ist ihm unter Umständen einige Armeekorps wert. + Dringend empfiehlt er der Jugend die Pflege der Musik als einer + treuen Gefährtin im Leben und bereut selbst, sie vernachlässigt zu + haben.« + +[Illustration: ~Warum der Gründer des Deutschen Reiches der Jubelfeier +fernblieb~ + +Bismarck: »Nanu, die Spur war nicht wegzubringen, und mit so ’nem +Mantel konnte ich doch nicht in die Festlichkeiten nach Berlin kommen!« +(»Hum. Blätter«, 26. Januar 1896)] + +[Illustration: Fürst Bismarck war von der Universität Jena zum =Dr. +med.= ernannt worden, findet aber heimkehrend keinen Patienten. +(»Punch«, August 1896)] + +[Illustration: Der alte Steuermann, der Schiffbruch leidet. (Nach den +Hamburger Enthüllungen.) (»Punch«, 7. November 1896)] + + +Wo er ruhen wollte + + Sidney Whitman erzählt: »Nach dem ›Lunch‹ fuhr der Fürst allein + mit seinem Gast durch den Sachsenwald, und zwar tief in denselben + auf einsamen Wegen hinein, um ihm soviel Wild wie möglich zeigen + zu können. Als der Kutscher sich dabei verirrt hatte und absteigen + mußte, um den Hauptweg wieder aufzusuchen, wandte Bismarck sich + plötzlich an Whitman, indem er auf zwei stattliche Fichten zeigte, + mit den Worten: ›Dort in der Luft zwischen jenen Bäumen möchte + ich meine letzte Ruhestätte finden, wo die frische Luft und das + Sonnenlicht noch zu mir dringen können. Der Gedanke, dort unten + in einem Kasten erstickt zu liegen, hat doch seine Schrecken.‹« + Von ähnlicher Stimmung erzählt ein anderer Gast: »Auf dem Heimweg + wurde er still und ließ dicht vor dem Herrenhaus halten. Er wies + mit der Krücke des Stockes auf einen Hügel gegenüber dem Hause, + das man töricht ein Schloß genannt hat, und sagte: ›Da, denke ich, + werde ich mich einmal mit meiner Frau begraben lassen. Ich hatte + auch an Schönhausen gedacht; aber hier ist’s wohl paßlicher, denn + in Schönhausen bin ich doch eigentlich schon lange ein Fremder.‹ + Der Gast hatte zu schweigen. Abends, als die altfränkische Öllampe + freundlich brannte und die kränkelnde Fürstin auf ihrem Sofa, neben + Lenbachs Meisterbild des alten Kaisers, eingenickt war, schlug + der Sinnende wieder das Thema an, verarbeitete es nach seiner + Weise und schien sich in humoristischer Ausmalung des feierlichen + Lärmes, der nach seinem Tod losbrechen würde, nicht genug tun + zu können. Frau Johanna schrak auf und rief ganz ärgerlich: + ›Aber, Ottochen, wie kannst du nur so traurige Sachen reden!‹ + ›Liebes Kind,‹ war die Antwort, ›gestorben muß einmal sein, trotz + Schweninger, und ich will wenigstens rechtzeitig dafür sorgen, daß + mit meinem Leichnam kein Unfug getrieben wird. Ich möchte nicht, + wie die Berliner sagen, eine schöne Leiche sein, und eine von der + bekannten Aufrichtigkeit, die heimlich ›Uff!‹ macht, inszenierte + Trauerkomödie, so zwischen Vogelwiese und Prozession, wäre so + ziemlich das einzige, was mich noch schrecken könnte.‹« + + +Ich spielte meine Karten blank aus + + »Viele haben schon«, so plauderte der Fürst, »von meinen + politischen Grundsätzen gesprochen. Den Professoren und ihren + Nachbetern in den Zeitungen tut es unendlich leid, daß ich ihnen + nicht ein Symbolum von Prinzipien geoffenbart habe, nach denen + ich meine Politik eingerichtet habe. Die Deutschen können sich, + weil sie eben noch kaum der politischen Kinderstube entwachsen + sind, nicht daran gewöhnen, die Politik als eine Wissenschaft + des Möglichen zu betrachten, wie mein intimer Gegner Papst Pius + =IX.= mit Recht gesagt hat. Die Politik ist keine Mathematik + oder Arithmetik. Man hat wohl auch in der Politik mit gegebenen + und unbekannten Größen zugleich zu rechnen, aber es gibt keine + Formeln und Regeln, um im voraus das Fazit ziehen zu können. + Darum habe ich mich nicht an die Meinungen und Mittel anderer + Staatsmänner gehalten, sondern mir ihre Rechnungsfehler zur Warnung + dienen lassen. Napoleon =I.= verdarb, weil er pochend auf seine + kriegerischen Erfolge mit allen Staaten Händel anfing, statt den + Frieden zu erhalten. Das Kriegsglück machte ihn rauflustig und + übermütig. Er begab sich in seinem Allerwelts-Herrscherdünkel in + Gefahren ohne Ende und kam darin um. Seine große Schöpfung ging + nach kurzem Bestand in die Brüche, weil er die erste Tugend des + Staatsmannes — die weise Mäßigung nach den größten Erfolgen — + gegenüber den anderen Völkern nicht übte und Europa in einen Krieg + nach dem anderen verwickelte, während ich nach 1871 den Frieden zu + erhalten mich bemühte. Aber nicht bloß zu Napoleon =I.= stellte ich + mich in einen bewußten Gegensatz, auch zu Napoleon =III.= Dieser + bemühte sich allerdings, nur die günstigeren Seiten seines Onkels + nachzuahmen; doch indem er in der Rolle des ›ehrlichen Maklers‹ + immer ein Stück für sich abzubekommen versuchte, verfiel er in + die Gewohnheit jener italienischen Diplomaten des vergangenen + Jahrhunderts, welche Schlauheit mit Falschheit verwechselten. Ich + spielte meine Karten blank aus. Ich setzte der vermeintlichen + Schlauheit die frappierende Wahrheit gegenüber. Daß man mir öfter + nicht glaubte und sich dann hintennach schwer betroffen und + enttäuscht fühlte, das ist nicht meine Schuld.« + +[Illustration: Bismarck vor Gericht. (Politischer Bilderbogen Nr. 221)] + + +Sein Heim + + Das Heim, in dem Fürst Bismarck größtenteils den Abend seines + Lebens verbrachte, war überaus einfach und schlicht. Ein Schloß? + Eine Fürstenwohnung? Nein; das einfache Haus eines großen Menschen, + den die Eitelkeit der Welt nie besessen hat, der nur für seinen + gewaltigen Körper eine gute Küche, einen guten Keller und für + sein rastloses Gehirn einen geräumigen Arbeitstisch braucht. + »Es war mir«, erzählt Adolf Wilbrandt, »wunderbar ›preußisch‹ + zumute, als ich durch das Haus ging, zuerst zu Lenbachs Zimmer + hinauf, dann nach unten zurück. Nichts von Prunk und Pracht, + nichts von ›Eleganz‹. An den Türen im ersten Stock sah ich noch + die Nummern, offenbar aus der Zeit, als dieses Haus ein Gasthof + am Sachsenwald war. Alles hell, die Türen, die Fenster, die + Wände; große, lichte Räume, von ruhigster Einfachheit, gutes, + warmes Obdach bei der ›Hundekälte‹, behaglich und weiter nichts. + So vornehm und schlicht stand dann auch die Hausfrau vor mir; + die ruhige, scheinlos-würdevolle Gestalt mit den klugen, milden, + menschenfreundlichen Augen; ein großer, unvergeßlicher Kopf, wie + vom Schicksal dazu bestellt, den Mann, der so hohe Wege ging, frei + von aller Eitelkeit und mit dem reinen, sachlichen Verstand eines + hingebenden Herzens zu begleiten.« + +[Illustration: ~Stille Arbeit in Friedrichsruh~ + +Simson-Bismarck: »Et jeht nich! Entweder ist der Bau zu stark, oder +ich bin schon zu schwach. Na, wartet nur, bis mir die Haare wieder +nachgewachsen sind.« (»Der Floh«, Jan. 1897)] + + +Einsam + + Vom 19. Dezember 1894, als die Fürstin Johanna von seiner Seite + gerissen war, stammt der folgende Brief des Fürsten Bismarck an + seine bejahrte Schwester, die einst in der Jugend sein Liebling + gewesen ist: + + Meine geliebte Malle! + + Wenn ich in meiner Einsamkeit darüber nachdenke, was mir an + Herzensbeziehungen in dieser Welt bleibt, so stehst Du in erster + Linie, und ich beklage die räumliche Trennung, die unser Lebenslauf + über uns verhängt hat. Das gleiche ist der Fall mit meinen + Söhnen, die, seit sie erwachsen sind, außerhalb des Schattens des + väterlichen Hauses ihre Selbständigkeit gesucht haben. Marie ist + bei mir als liebende Tochter, aber doch auch nur als Anleihe, außer + ihr Helene Külz eine freundliche und leicht zu liebende Nichte; sie + reist morgen zum Fest nach Haus und ich mit Marie und zwei Kindern + übermorgen nach Friedrichsruh. Die Reise liegt wie ein Alp auf mir. + Einmal bringt sie die Trennung von Johanna und von den Stätten + unseres letzten Zusammenlebens zum definitiven Abschluß, dann auch + bin ich noch nicht in der Fassung, mit Fremden zu verkehren, und + das kann ich unterwegs und in Friedrichsruh nicht vermeiden. Ich + würde am liebsten hier einwintern, aber meine Leute sind meist + verheiratet, ihre Frauen und Kinder dort, und Weihnachten vor der + Tür; auch bestehen Schweninger und meine Söhne auf dem Wechsel, da + ich dort für sie leichter erreichbar bin als hier im Hinterwalde, + ohne Schnell- und Nachtzüge. Ich reise also und werde mich unter + Menschen noch einsamer fühlen wie hier ... Was mir blieb, war + Johanna, der Verkehr mit ihr, die tägliche Frage ihres Behagens, + die Betätigung der Dankbarkeit, mit der ich auf achtundvierzig + Jahre zurückblicke. Und heut alles öde und leer; das Gefühl ist + ungerecht, aber =I can not help it=. Ich schelte mich undankbar + gegen so viel Liebe und Anerkennung, wie mir im Volke über + Verdienst geworden ist; ich habe mich vier Jahre hindurch darüber + gefreut, weil sie sich auch freute, wenn auch mit Zorn gegen meine + Gegner, hoch und niedrig. Heut aber ist auch diese Kohle in mir + verglimmt, hoffentlich nicht für immer, falls mir Gott noch Leben + beschert; aber die drei Wochen, die gestern verlaufen waren, + haben über das Gefühl der Verödung noch kein Gras wachsen lassen. + Verzeih, mein Schwesterherz, daß ich mich ausklage; aus noch + lange nicht. Ich bin noch müder geworden, seit der Katastrophe, + =tic douloureux= hat zugenommen, hindert mich am Schlafen und am + Aufenthalt im Freien. Verbrauchte Nerven ... + + Dein treuer Bruder + + v. B. + + Frau v. Arnim geb. v. Bismarck + Berlin, + Matthäi-Kirchstraße 12. + +[Illustration: ~Die beiden Großen~ + +Preußischer Hofhistoriograph: »Es ist doch eigentümlich, je länger +man hinblickt, desto mächtiger scheint dieser Schatten zu werden!« +(»Jugend«, 1906)] + + +Wir sind alt geworden + + Eine ähnliche trübe Resignation spricht aus folgendem Briefe des + Achtzigjährigen an seinen Schwager: + + Friedrichsruh, 18. Mai 1895. + + Lieber Oskar! + + Wir sind beide so alt geworden, daß wir lange wohl nicht mehr leben + werden. Können wir uns nicht noch einmal sehn und sprechen, ehe wir + abgehen? Es ist sechsundsechzig oder siebenundsechzig Jahre her, + daß wir auf dem Gymnasium den ersten Tropfen Bier zusammen aus der + Flasche tranken; es war auf der Treppe neben der Obertertia. Wollen + wir nicht den letzten trinken, ehe es zu spät wird? Wir sind beide + alt, matt und verdrießlich, aber ich habe doch das Verlangen, Deine + Stimme noch einmal zu hören, ehe ich —. Du steigst doch in die + Bahn, wenn Du Berlin verläßt, warum nicht in die Hamburger statt + der Stettiner? + + Dein + v. Bismarck. + +[Illustration: ~Nächtlicher Spuk.~ (Nach den Hamburger Enthüllungen) + + Es regt sich was im Sachsenwald, rum, plum, plum, + Und durch die Wipfel hallt’s und schallt’s, rum, plum, plum, + Rum, plum, plumvididum, rum, plum, plum. + Der alte Herr vom Sachsenwald zieht um, zieht um. + +(Nach den Rodensteinliedern)] + +[Illustration: ~Bismarck, gemessen am Eiffelturm~ + + Wenn die Franzosen den Bismarck hätten, + Wenn er ein Franzmann, kein Deutscher wär’, + Gott, was täten sie dem für Ehr’, + Könnt’ sich vor all der Liebe kaum retten, + Die ihn bedrängte, den großen Mann! + + Gesetzt den Fall, der Bismarck wäre + Franzos’, und es hätten Frankreichs Heere + Damals vor fünfundzwanzig Jahren + Die deutsche Armee getrieben zu Paaren, + Und Bismarck hätte dann kühnen Mutes + Die Ufer des Rheins oder sonst was Gutes + Den Seinen gewonnen: dann glaub’ ich dies: + Es stünd’ auf dem schönsten Platz in Paris + Ein Monument aus Erz und Stein, + Würd’ nirgends auf Erden ein schön’res sein. + Den Eiffelturm müßt’ es übersteigen, + Mannshohe Lettern die Inschrift zeigen: + »Blickt auf, Franzosen, und bewundert + Den Riesen da — in dem Jahrhundert + Ist wohl kein größerer zu finden!« + (Bei uns ist’s anders, wie sie künden.) + + (»Jugend«, 6. Februar 1897)] + +So wie die Fahrt des Fürsten Bismarck nach Wien, wie die Feier +seines achtzigsten Geburtstages, so haben die sogenannten »Hamburger +Enthüllungen« einen gewaltigen Sturm in ganz Deutschland erregt. Am +24. Oktober 1896, zu einer Zeit, in der in Frankreich der Russentaumel +die giftigsten Blüten trieb, erschien in dem Organ des greisen +Staatsmannes, in den »Hamburger Nachrichten«, ein Artikel über seine +Beziehungen zu Rußland. Hier wies er in einer Polemik gegen die +freisinnigen Blätter den Vorwurf zurück, daß schon zu seiner Zeit der +Draht zwischen Berlin und Petersburg zerrissen worden sei. Bis zu +seiner Entlassung, so hieß es dort, waren beide Reiche im vollsten +Einverständnis darüber, daß, wenn eines von ihnen angegriffen würde, +das andere wohlwollend neutral bleiben solle. »Dieses Einverständnis +ist nach dem Ausscheiden Bismarcks nicht erneuert worden, und wenn +wir über die Vorgänge in Berlin richtig unterrichtet sind, so war es +nicht etwa Rußland, in Verstimmung über den Kanzlerwechsel, sondern +Graf Caprivi war es, der die Fortsetzung jener gegenseitigen Assekuranz +ablehnte, während Rußland dazu bereit war.« Diesen Ausführungen war die +Bemerkung hinzugefügt: »So entstand Kronstadt mit der Marseillaise, +und die erste Annäherung zwischen dem absoluten Zarentum und der +französischen Republik wurde unserer Ansicht nach ausschließlich +durch die Mißgriffe der Caprivischen Politik herbeigeführt. Dieselbe +hat Rußland genötigt, die Assekuranz, die ein vorsichtiger Politiker +in den großmächtlichen Beziehungen Europas gern nimmt, in Frankreich +zu suchen.« Diese kurzen Bemerkungen erweckten, wie gesagt, einen +furchtbaren Sturm, und auch in dem Kaiser erwachte eine so tiefe +Verstimmung gegen den Einsiedler von Friedrichsruh, daß er in einem +amtlichen Erlaß als ein Mann hingestellt wurde, der die strengsten +Staatsgeheimnisse preisgegeben und die wichtigsten Amtspflichten +verletzt habe. Diese Kundgebung rief sofort die sämtlichen Gegner des +greisen Fürsten auf den Plan, um ihn als einen Landesverräter, als +einen Verbrecher am Vaterlande zu beschimpfen, der hinter Schloß und +Riegel, in das Zuchthaus gehört. Sie standen hierin in voller Harmonie +mit den Franzosen, die sich nicht genugtun konnten in den infamsten +Angriffen gegen ihren alten Bezwinger. »Gewissenlos, zynisch noch +in seinem Greisenalter,« so schrieb ein Pariser Blatt, »will dieser +Mensch, daß die Weltgeschichte seine Übeltaten in ihrem vollen Umfange +kennen lerne: die Geheimnisse seines doppelten Spieles, den Schlüssel +zu seinen verbrecherischen Kombinationen. Welches Schauspiel, daß er +seine waghalsige Herausforderung an der Schwelle seines Grabes an die +menschliche Gerechtigkeit in Erwartung der göttlichen gerichtet hat! +Aber der Coup ist mißglückt, das alte Ungeheuer stolpert mehr und mehr +seinem endlichen Untergang zu, den es so reichlich verdient hat.« +Der Ingrimm des Gegners bedeutet stets die Anerkennung der eigenen +Verdienste. — Aber es schien, als wenn in den Kreisen der Regierung +wiederum der Argwohn bestand, daß Fürst Bismarck die Absicht habe, +in einer weitangelegten Intrige die Stellung seiner Nachfolger zu +gefährden, ihre Unfähigkeit zu erweisen und sich selbst der Krone +wieder als Ratgeber aufzudrängen. Die Folgezeit hat leider bewiesen, +daß es gelang, auch den Blick des Kaisers zu trüben. Eben erst hatte +er, am Erinnerungstage des Friedensschlusses mit Frankreich, dem +Fürsten Bismarck ein außerordentlich herzliches Telegramm gesandt, +das mit den Worten schloß: »Welche unvergeßliche Verdienste Sie, +mein lieber Fürst, sich in der gewaltigen Zeit erwarben, in welcher +Deutschland seine Einigkeit und Größe wieder errang, Ihnen heute von +neuem in Dankbarkeit und Verehrung auszusprechen, ist mir Bedürfnis. +Neben dem Namen des großen Kaisers Wilhelm wird der Name seines großen +Kanzlers in der Geschichte aller Zeiten glänzen, und in Meinem Herzen +wird das Gefühl unauslöschlicher Dankbarkeit gegen Sie nie erstarren.« +Und doch konnte es geschehen, daß am hundertsten Geburtstage unseres +ersten Kaisers der Blick vergebens unter all den zahlreichen Gästen die +Gestalt des großen Kanzlers suchte, daß das Ohr vergebens lauschte, +ob von den Lippen des Kaisers sein Name erklinge. Wieder blieb beim +Wechsel des Jahres in Friedrichsruh der kaiserliche Glückwunsch aus. +Und selbst die Erinnerung an die Vorgänge in Wien wurde von neuem +erweckt, als Kaiser Wilhelm als Hochzeitsgast des Ministers Graf Wedel +darauf drang, daß eine Einladung, die Graf Herbert Bismarck schon +angenommen, von seinen Verwandten widerrufen wurde. Die harte Abweisung +mochte in der Form gegen den Sohn gerichtet sein, sie hat in Wahrheit +das Haus des großen Kanzlers und ihn selbst getroffen. + +[Illustration: ~In Ungnade~ + +Der Alte vom Sachsenwalde (vor dem Nationaldenkmal): »Komm, Tyras!« +(»Lustige Blätter«, Mai 1897)] + +Bald aber zeigten die politischen Prozesse, in deren Mittelpunkt ein +Berliner Kriminalkommissar gestanden hat, auch dem Kaiser, daß nur +die Verleumdung den alten Waldsitz im Sachsenwalde in einen Herd +gewissenloser Intrigen umwandeln konnte. So schlug auch die Stimmung +des Kaisers völlig um: ein Panzerkreuzer wurde auf den Namen des ersten +Kanzlers getauft, Telegramme wurden gewechselt, und ein Modell des +Schiffes fand als Gabe des Kaisers in Friedrichsruh seinen Platz. Auf +der Ausfahrt nach China hat Prinz Heinrich, der Bruder des Deutschen +Kaisers, Abschied von dem greisen Staatsmann genommen, und zwei Tage +darauf zog mit dem Prinzen Adalbert, der gleichfalls einst der Führer +der deutschen Flotte werden soll, der Kaiser selbst zum Sachsenwalde. +Und so setzten er und seine Ratgeber sich von neuem mit jenen +wertvollen Elementen in harmonischen Einklang, die mit Begeisterung und +Tatkraft durch Jahrzehnte die Politik des ersten Kanzlers unterstützten. + +Dann hat Kaiser Wilhelm das Antlitz des Fürsten nicht wieder und auch +im Tode nicht erblickt. + +Fürst Bismarck aber hat unbekümmert um den Groll der Mächtigen und +die Stimmungen der Menge seinen Kampf gegen alles, was ihm die +Wohlfahrt des Reiches zu gefährden schien, bis zur letzten Stunde +geführt. Er kannte keine »Phäaken-Behaglichkeit«, und noch aus seinen +letzten Tagen konnte der vertraute Arzt berichten: »Noch nicht lange +ist es her« — bei einem Gespräch über Politik —, »da griff er mit +beiden Händen nach dem Kopf und brauste auf: ›Könnte ich doch in die +Schweinerei einmal hineinfahren und ihnen sagen, wohin das führt. Aber +Sie wissen, Schweninger, meine Trompete gibt keinen Ton mehr; sie ist +durchlöchert.‹« + +[Illustration: Roland in Nöten. (»Jugend«, 1896)] + +Von den Getreuen, die den alten Helden in seinen letzten Jahren +umgaben, ist Fürstin Johanna zuerst geschieden. Sie ist ihrem Gatten +nicht nur das schmückende und gemütvolle Element seines Hauses, sondern +eine starke, fürsorgende Gefährtin des Lebens gewesen. »Ihr Geist«, so +schildert sie Max Bewer, »erscheint, ob sie nun über häusliche oder +schöngeistige Dinge sprach, von einer festen, bestimmten Klarheit; +es ist ein Geist in ihr, der Wärme ausstrahlt, aber selbst keiner +Liebkosung bedarf, wie das Gemüt so vieler anderer Frauen. Sie schien +mir in allem, was sie sagte und tat, Gutes und Freundliches zu geben, +ohne zu erwarten, daß ihr auch selbst gegeben werden müsse. Sie ist +eine selbständige Natur, eine Frau, die trotz Gräfin, trotz Fürstin und +Herzogin immer nur in erster Linie Frau und Hausfrau blieb, häuslich +denkend, häuslich schaffend, von der Weichheit und Güte, aber ohne die +Schwäche und Prätension des Weibes. Von kräftiger, stark mittelgroßer +Figur, hat sie sich in den stürmischen geschichtlichen Ereignissen, +die ihre Wellen aus der Politik nur zu häufig bis in ihre Häuslichkeit +geschlagen haben mögen, gesund, frisch, klar und heiter erhalten. Für +ihre Gäste hatte sie eine lautlose und doch stets überaus wachsame +Sorge. Man hat nie einen Wunsch, man bekommt alles von selbst. Es ist +die stillste und doch die wärmste und beredteste Gastfreundschaft, +die man in der Fürstin Hause genießen kann.« Der Fürst erfuhr den +Heimgang seiner Gemahlin, als er nach dem Erwachen ihr Schlafzimmer +betrat und die weinenden Enkel am Sterbebette der Großmutter fand. Sie +war am Abend vorher reger gewesen als während der letzten Tage und +hatte auch auf freundlichen Zuspruch des Arztes wiederholt Nahrung +genommen. Die Erschütterung, verdoppelt durch das Unvermittelte des +Eindrucks, war gewaltig, obwohl der Fürst durch seinen Arzt durchaus +vorbereitet worden war, daß der schwerste Schlag, der ihn treffen +konnte, unvermeidlich in naher Zeit bevorstand. Die Beerdigung hat in +den schlichtesten Formen stattgefunden. + + +So siehst du nicht aus + + Ein kleiner Zug mag die rührende Zartheit bezeichnen, die in + dem Verhältnis des fürstlichen Paares bestand: Die letzte + photographische Aufnahme der Fürstin, der unverkennbar der Stempel + stark fortgeschrittenen Leidens aufgedrückt war, wurde bei Tische + besichtigt. »Lieber Otto, sehe ich wirklich so aus?« fragte die + Fürstin. Mit einem zärtlich besorgten Blick in die ängstlich + fragenden Augen seiner Gemahlin antwortete der Fürst ruhig und + bestimmt: »Nein, liebes Kind, so siehst du nicht aus.« Kurz darauf + siedelte die fürstliche Familie nach Varzin über, und einige Wochen + nachher erlag die Fürstin ihrem schweren Leiden. + +[Illustration: ~Der verlorene Sohn~ + +Neutestamentarisches in neuer Beleuchtung. (»Wahrer Jakob«, September +1896)] + +Mit unermüdlicher Treue und voll Hingebung, die auch vor schweren +Opfern nicht erschrak, hat die Tochter des Fürsten, Gräfin Marie +Rantzau, die Sorge für das Wohlbefinden des Vaters und für die +Leitung des Hauses übernommen. Sie hat gleich ihrem Gatten auf das +Leben in der großen Gesellschaft Verzicht geleistet, um dem Hause des +Vaters behagliche Gemütlichkeit zu verleihen. Durch und durch Dame, +außerordentlich belesen und voll Verständnis für die politischen +Fragen, war sie doch zugleich die zärtlichste Mutter für ihre drei +blühenden Knaben und die rücksichtsvollste Tochter gegen ihren +vergötterten Vater. Graf Rantzau selbst mußte es sich gefallen lassen, +der »Vizewirt von Friedrichsruh« genannt zu werden. Man darf überzeugt +sein, daß das letzte Wort, das Fürst Bismarck gesprochen hat, und das, +an die Tochter gerichtet, den schlichten Wortlaut hatte: »Ich danke +dir, mein Kind«, auch ihrem Gatten galt. Und es ist ein freundlicher +Gedanke, daß durch die Bereitwilligkeit des gräflichen Paares, auf +die große Welt dort draußen zu verzichten, die Möglichkeit geschaffen +wurde, den Lebensabend des greisen Helden mit dem Jugendglanz, mit der +Freude an dem frohen Treiben der Enkelkinder zu umrahmen. Es waren drei +schlanke, hochgewachsene Jungen, und entzückend war das Verhältnis +des Großvaters zu den Enkeln. Welch tiefe Zärtlichkeit lag in seinem +Blick, wenn die frischen Jungen zu den Mahlzeiten in das Zimmer traten, +wenn sie dem Großvater die Hand küßten, die dann liebevoll über ihre +frischen Wangen strich. Sie waren nicht dazu verurteilt, wie es der +Jugend zu oft geschieht, bei Tische mäuschenstill auf ihren Plätzen +zu sitzen, und gar manchmal hörte man ihr munteres Lachen vom anderen +Ende der Tafel. Zuweilen erschienen auch die anderen Enkelkinder, die +Töchter des früh verstorbenen Sohnes Wilhelm, denen der Großpapa bei +Tisch gern in scherzhafter Weise wie der Kavalier den erwachsenen +jungen Damen entgegenkam, während er sich mit feinem Lächeln an der +Wirkung seiner Aufmerksamkeiten auf die harmlosen jungen Gemüter +erfreute. Charakteristisch ist die Antwort, die der Fürst einmal auf +die Frage nach den Kindern seines jüngeren Sohnes gab: »Ja, er hat zwei +ganz nette Gören; wenn ich nur jetzt schon wüßte, was für ein Lump die +einmal heiratet und mein Geld durchbringt.« Das Erscheinen des ersten +männlichen Enkels, der den Namen Bismarck fortsetzte, ist eine der +größten Freuden seines sinkenden Lebens gewesen. + +[Illustration: ~Das Lied der Parzen~ + + — — — — — — — — + Sie aber, Sie bleiben + In ewigen Festen + An goldenen Tischen. + — — — — — — — — + Es horcht der Verbannte + In nächtlichen Höhlen, + Der Alte, die Lieder, + Denkt Kinder und Enkel, + Und schüttelt das Haupt. + +Die Kapitäle der Säulen tragen die Namen des Fürsten Hohenlohe und der +süddeutschen Minister Mittnacht, Crailsheim, Nokk. (»Kladderadatsch«, +März 1897)] + +Von tiefer Innigkeit war auch das Verhältnis des Helden von +Friedrichsruh zu seinen beiden Söhnen Herbert und Wilhelm. Sie +standen dauernd in dem lebhaftesten Briefwechsel mit ihren Eltern. +Unvergessen wird die Treue bleiben, mit der damals, als der Vater aus +dem Amte schied, der ältere Sohn, um ihm Gefolgschaft zu leisten, +seine glänzende Laufbahn preisgab. Auch Herbert Bismarck hat das Exil +seines Vaters geteilt. Er war ein ruhiger, ernster, arbeitsamer, +kenntnisreicher Mann, der auch dann die vollen Fähigkeiten für einen +preußischen Minister besessen hätte, wenn er nicht als der Sohn seines +großen Vaters tief in das Räderwerk der politischen und diplomatischen +Maschine hineingeblickt hätte. Graf Wilhelm Bismarck, der in gewissen +Äußerlichkeiten noch mehr als sein Bruder dem Vater glich, war +vielleicht geistig beweglicher als der ältere und besaß wohl auch eine +größere Fähigkeit, sich volkstümlich zu machen, aber es fehlte ihm die +ernste Lebensauffassung und die Arbeitskraft des Bruders. Er war ein +wohlwollender Mann, schlicht, gerechtigkeitsliebend und mit einem +offenen Sinn für die Freuden des Daseins. + +[Illustration: ~Bei der Sonne Gluten~ + +Die französische Presse beschimpft den toten Bismarck. »Rache ist süß!« +(»Der Nebelspalter«, August 1898)] + +Die Männer aber, die neben der Familie dem greisen Staatsmann +persönlich besonders nahestanden, waren Bucher, Schweninger +und Lenbach. Lothar Bucher war aus dem Steuerverweigerer des +Revolutionsjahres, aus dem politischen Flüchtling einer der +hervorragendsten Mitarbeiter an dem Werke geworden, das Bismarck schuf. +Nach seinem Sturze wurde er in Friedrichsruh wie ein Hausgenosse, fast +wie ein Mitglied der Familie betrachtet, auf dessen Eigenheiten und +Wünsche man jede Rücksicht nahm. Wiederholt hat sich der Fürst über +die Bedeutung seines Mitarbeiters ausgesprochen: »Ja, ich habe viel +an ihm verloren«, so äußerte er einmal nach Buchers Tode. »Lothar +Bucher war eine stille, bescheidene, tiefe Natur, mein treuer Freund, +manchmal mein Zensor, mein Mitarbeiter an allem, was Herzblut, +gesunden Menschenverstand, klares, scharfes Denken erfordert. Er war +viel zu gut für die gewöhnliche Depeschenarbeit. Dafür hatten wir +die diplomatische Häckselmaschine Abeken. Für alles, was Phrasen +erforderte, wie Thronreden und dergleichen, war Bucher absolut nicht +zu haben. Er verstand sich nicht nur nicht auf Phrasen, er haßte sie +geradezu. Auch war er ganz unglücklich darüber, daß das Publikum sich +mit ihm beschäftigte. Ja, ich fühle mich sehr vereinsamt durch Lothar +Buchers Tod. Meine Freunde, die es wirklich waren, gehen, einer nach +dem anderen, mir voraus in den Tod, und diejenigen, die meine Freunde +zu sein behaupteten, wendeten sich ab von mir.« + +[Illustration: ~Neuer Totentanz~ + +»Es ist ein Trost, daß es von dem Ort, wo er weilt, kein Retourbillett +gibt.« (Aus »Le petit Provençal«.) (»Süddeutscher Postillon«, Oktober +1898)] + + +Man brauchte bloß die Register zu ziehen + + »Was war mir Bucher!« so rief der Fürst einmal. »Solche Männer + wachsen nicht aus dem Holz der Geheimräte; er war wie eine Orgel, + man brauchte bloß die Register zu ziehen, und sie spielte von + selbst alle Akkorde und Stücke, die man wünschen mochte. Ihm + hätte noch eine ganz andere Stellung gebührt, doch war er nicht + entbehrlich, und so beschied er sich als ein getreuer Knecht vor + dem Herrn.« + +Noch anders geartet war das Verhältnis, das zwischen dem Fürsten +Bismarck und seinem getreuen Hausarzte Professor Schweninger bestand. +Der Schloßherr von Friedrichsruh hatte diesen frischen, natürlichen und +klugen Mann wirklich lieb, und stets erhellten sich seine Züge, wenn +der schwarzbärtige Doktor in das Zimmer trat. Dafür brachte der Arzt +seinem erlauchten Patienten eine Verehrung entgegen, eine Hingebung und +Liebe wie kaum ein anderer. Er dachte nichts anderes, er fühlte nichts +als nur die Sorge um seinen alten Fürsten. Es war ihm nicht leicht +geworden, alle Widerstände zu überwinden, die im Bismarckschen Hause +seine derbe, nicht immer auf höfische Formen bedachte, aber aufrechte +und ehrliche Natur hervorrief. Aber bald genug trug er einen glänzenden +Sieg davon. + +Überaus charakteristisch für diese Entwicklung ist ein Gespräch, das im +Jahre 1893 der ebenfalls recht derbe bayerische Redakteur Memminger mit +der Fürstin Bismarck hatte: + +[Illustration: ~Auf den Haufen~ + +Die »Menschlichkeit« wirft Bismarcks Totenschädel auf einen Haufen, in +dem sich die Schädel von Loyola, Alexander, Napoleon, Ludwig =XIV.=, +Cesare Borgia, Cartouche, Karl =IX.=, Cäsar und anderer »Blutmenschen« +befinden. (»Le Grelot«, August 1898)] + +[Illustration: ~Schmücken wir uns!~ + +Er beleidigte unsere Toten durch sein Siegerlächeln ... Franzosen, über +seinen Tod können wir uns nur freuen. (»La Silhouette«, August 1898)] + + +Der Leibmedikus + + »Die Fürstin frug mich in Kissingen,« so erzählt Memminger, »wie + ich zu der Bekanntschaft des Arztes gekommen sei. Ich erwiderte: + ›Er ist ein Altbayer wie ich, er war viel im Auslande wie ich + auch, er spricht und denkt altbayerisch wie ich selber — also + hat sich die Bekanntschaft leicht angebandelt, als mich vor drei + Jahren Seine Durchlaucht, Ihr Herr Gemahl, zu sich rufen ließ; wir + Altbayern wissen uns schon untereinander zu verstehen.‹ Die Fürstin + lächelte und meinte: ›Ich habe mich auf diesen Altbayern nicht so + leicht verstanden. Schweninger war so ganz anders als die anderen + Ärzte, die auf die Lebensgewohnheiten meines Mannes mehr Rücksicht + genommen hatten. Er erklärte, daß der Fürst, wenn er wieder gesund + werden wolle, ganz nach seinen Vorschriften die Diät halten und bis + auf weiteres gar nichts von Alkohol genießen dürfe. Das war für + meinen Mann kaum zum aushalten; er hatte zudem Schmerzen, und es + quälte ihn die Schlaflosigkeit; dabei war er immer ein ruheloser + Geist, der arbeiten wollte und mußte, also zeigte er bald wieder + Verlangen nach einem Erfrischungs- und Beruhigungsmittel; ich gab + ihm, weil er mich dauerte, einen Trunk. Aber da kam ich schlecht + weg. Als ihn Schweninger wieder besuchte, merkte er sofort, daß + etwas gegen seine strengen Vorschriften geschehen war, und er + stürmte sozusagen mit fliegender Mähne und den wilden Augen eines + Berbers zu mir und erklärte mir ungefähr: ›Wenn Sie Ihren Mann + umbringen wollen, dann geben Sie dem Fürsten den Schnaps weiter!‹ + Ich mußte lachen, die Fürstin aber fuhr lebhaft fort: ›Ja, das + war mir gar nicht zum lachen, denn das war echter, unverfälschter + altbayerischer Dialekt, und ich muß schon sagen, daß ich von dieser + ungewohnten und unerhörten Anrede ebenso betroffen wie beleidigt + war. Aber was konnte ich machen? Mein Mann war recht krank, die + Professoren und Kurpfuscher hatten sich vergeblich an ihm versucht, + der Zustand war äußerst bedenklich, das nachdrückliche Auftreten + Schweningers und seine unaufhörliche Fürsorge für den Patienten + bei Tag und Nacht sagten mir alles übrige. Gleichwohl deutete ich + es meinem Mann an, was mir widerfahren war: der winkte jedoch ab + und meinte: ›Ich probiere es nun einmal mit diesem Doktor; er + imponiert mir mehr als die übrigen; er kennt offenbar meine Natur + besser und darum auch die Heilmittel.‹ Also ließ ich den neuen + Arzt fortmachen, wenn er auch noch einigemal meinen ernsten Groll + reizte; einmal hat Schweninger gar ein Glas, das ich meinem Mann + wieder so zwischenhinein zugesteckt hatte, und das er erwischte, + einfach zum Fenster hinausgegossen. Indessen hat Schweninger Wort + gehalten; mein Mann ist wider Erwarten gesund und arbeitsfähig + geworden, und er erhält ihn heute noch, so gut es eben in diesen + Jahren und nach solchen Plagen und Affären geht.‹ — Die Fürstin, + die asthmatisch war, hielt ein wenig an und fuhr dann mit + gedämpfter Stimme fort: ›Auch meine Mißstimmung gegen Schweninger + ist verraucht, und ich bin recht froh, daß wir den Arzt im Hause + haben. Er bringt immer muntere Laune mit, kann äußerst angenehm, + erheiternd und anregend plaudern; er ist überall zu Hause und + kein so steifleinener, affektierter Manschettenprofessor und + geheimnisvoller ›Zauberer‹. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb + weiß er mich über meine Leiden und Bedenken hinwegzuleiten oder + hinwegzufoppen, wie die Altbayern sagen. Mein Mann schätzt Ihren + Landsmann ungemein hoch, und zwar auch deswegen, weil er keinen + Doktor Wichtig spielt und seine Vertrauensstellung nicht in der + Weise gebraucht oder mißbraucht, wie es zum Beispiel der Engländer + Mackenzie getan hat. Schweninger ist in erster und letzter Linie + Arzt und verfolgt beim Patienten auch in und mit der Unterhaltung + nur den ärztlichen Zweck. Von Politik fängt er gar nicht an + und spricht nur mit meinem Mann beiläufig darüber, wenn dieser + einen Anstoß dazu gibt.‹ — ›Freilich, Durchlaucht,‹ bemerkte ich + dazwischen, ›wollen das die Leute nicht glauben; sie meinen, der + Doktor sei in die geheimsten Falten des Diplomatenrockes und in + die geheimsten Fächer des Fürstlichen Archivs eingeweiht.‹ — Die + Fürstin wiederholte darauf: ›Ich versichere jedem, der es hören + will, der Vorzug dieses Arztes ist, daß er bloß Arzt sein will + und all sein Können darein verlegt. Das mag ebenso Bescheidenheit + oder Berechnung sein, ich achte beides und verstehe ihn ganz. + Ärgern kann ich mich nur über die unverschämten Zeitungen, + welche dem Schweninger jetzt nachrechnen, was er durch seinen + ›Fürstlichen Hausarzt‹ verdient. Gar nichts, sage ich Ihnen, gar + nichts verdient er, denn er nimmt nichts an. Uns ist das gar + nicht angenehm, weil wir ihm so sehr verpflichtet sind, aber ich + fürchte, er würde bei wiederholtem Drängen wieder rückfällig ins + Altbayerische, das er mit mir einmal gesprochen hat. Ja, ja, die + Altbayern sind sonderbare Käuze! Mein Mann hat sie recht gerne; + auch die bayerischen Beamten, die er in seinem Dienste hatte, + lobte er immer, sie seien keine Gecken und Einfaltspinsel und + hätten noch eine Freude an der Arbeit; sie fragten nicht so nach + der Uhr wie die Maurergesellen und preußischen Bureaukraten, + denen er nie recht grün war. Schon als der Fürst Bundesgesandter + in Frankfurt war, hatte er Zuneigung zu den Altbayern und hielt + beispielsweise den bayerischen Gesandten Baron Schrenk für einen + der ehrlichsten, fähigsten und arbeitsamsten Köpfe in der ganzen + bunten Gesandtengesellschaft.‹« + +[Illustration: Der Handlanger. (Politischer Bilderbogen 1897)] + +[Illustration: ~Resultat der Memoiren~ + + Der große wog, der kleine wog — + Hoch lebe der große »Großherzog«! + +Der Kaiser hatte in einer scherzhaften Rede von dem großen und kleinen +»Woog« in Hessen-Darmstadt gesprochen. (»Jugend«, November 1906)] + +Zu den Hausgenossen des Fürsten Bismarck in den letzten Jahren +gehörte auch der junge Doktor Chrysander, der gleich allen, die dem +großen Staatsmann nähertraten, in abgöttischer Verehrung an ihm +hing. Sein stilles bescheidenes Wesen und seine erprobte Diskretion +bewirkten es, daß er in dem lebhaften Kreise von Friedrichsruh +äußerlich wenig hervortrat. Ungleich schärfer hob sich dagegen die +Silhouette des großen Malers Franz von Lenbach ab, dessen ehrliches +und kräftiges, altbayerisches Wesen jeder Schmeichelei und Kriecherei +abhold war. Vielleicht bestand zwischen den beiden Männern auch +eine gewisse Seelenverwandtschaft. So wie Fürst Bismarck jeden, mit +dem ihn das Geschick zusammenführte, alsbald bis auf den Grund der +Seele durchschaute, wie ihm weder Rang, noch Geburt oder Reichtum +zu imponieren vermochten, so enkleidet auch Lenbach in seinem +künstlerischen Schaffen jeden Gegenstand seiner äußeren Hülle, um tief +in das eigentliche Wesen einzudringen; nicht auf die Schale, sondern +auf den Kern kommt es ihm an. Zahllos sind die Bilder, die er von +Bismarck schuf, und kein anderer hat ihn, den deutschen Rembrandt, in +dieser Kunst erreicht. Und fast jedes dieser Bilder zeigt wieder einen +neuen, feinen Zug, immer tiefer dringt der Künstler in die Psyche +des gewaltigen Mannes, und die Schätze, die er aus dem Goldschacht +herausholt, breitet er mit freigebiger Hand vor uns aus. + + +Sonst tät’ ich’s umsonst + + Bezeichnend für Lenbach ist seine Antwort auf die Frage, ob er + geneigt wäre, einen bekannten Politiker zu malen, und für welches + Honorar. »Malen will ich ihn, und es soll ihn nicht viel kosten, + wär’ er aber nicht immer ein so verbissener Gegner Bismarcks + gewesen, so tät’ ich’s umsonst.« + +[Illustration: ~Der Nachfolger~ + +»Wenn ick so in Bismarcks Spuren wandle, dann merke ick erst richtig, +wat ick jejen ~den~ für ’n distinguierter Mensch bin!« (»Jugend«, +Januar 1907)] + +[Illustration: ~Andere Zeiten~ + +»Hier haben Sie so viel pommersche Grenadierknochen, als Sie wollen.« +Es ist die Zeit der bosnischen Krisis, in der Bülow Österreich die +Nibelungentreue versprach. (»Simplicissimus«, 1909)] + + +Er hält nicht stille + + Von seinen Bismarckporträts hat Lenbach geäußert: »Vielleicht hätte + ich ihm gerecht werden können, aber Sie wissen, wie es in der Kunst + geht, um was Ordentliches zu leisten, bedarf es der Gegenliebe. Was + liegt aber einem Bismarck an seinen Porträts? Aus Höflichkeit tut + er zwar so, aber ich weiß, daß beim Sitzen seine Gedanken in die + Weite schweifen, und doch könnte ich etwas zuwege bringen, wenn + er nur fünf Minuten stillhalten wollte. Das genaue Gegenteil von + Moltke hierin wie auch sonst: Moltke war Kunstschwärmer und hätte, + wenn es nötig gewesen wäre, einen halben Tag ausgehalten.« + +Manchen hat der greise Fürst scheiden sehen von denen, die ihm einst +teuer gewesen. Und dennoch hat seinem Lebensabend jener köstliche +Glanz nicht gefehlt, den die Liebe verbreitet. Jeden seiner Schritte +hat die Sorge der Kinder, die Hingebung der Freunde überwacht, und er +starb nicht, wie die Feinde hofften, einsam und von Gewissensqualen +gefoltert, sondern die zärtliche Hand der Liebe hat den Todesschweiß +von seiner Stirn getrocknet, und der Freund hat ihm die Augen +geschlossen. Durch seine Seele aber zitterte kein Schrecken der +selbstanklagenden Reue. — In der Nacht des 30. Juli ist Fürst Otto +von Bismarck nach kurzem Todeskampf entschlafen. Die Flammen sind +erloschen, und dem Riesen, dem die Welt zu eng war, blieb nur noch +ein Grab. Aber wie zu dem Lebenden, so pilgern auch zu dem Toten die +Söhne Deutschlands, und heilig ist die Stätte, geheiligt durch des +Volkes Dank und Liebe, an der Otto von Bismarck ruht. Man hat ihn +begraben unter den Bäumen, die ihm Schatten gaben, in dem Boden, +der ihn gastlich trug, denen nahe, die ihm nahestanden; er schied, +wie er gelebt, und er ruht, wie er geschieden. Und gerade in dieser +Schlichtheit liegt etwas Gewaltiges: er, der einst mitten in dem +brausenden Treiben der Welt gestanden, wählte sich einen Abschluß +seiner Taten, wie ihn der Landmann findet, der das Feld bestellte, und +der Reitersmann, der nach beendetem Kriege den Abend unter den Seinen +verbrachte. + +Und kein wortreiches Epitaph verkündet rühmend seine Taten. Seines +Wesens Art und seine Treue, sein Streben und sein Leid sind +ausgesprochen in den selbstgewählten Worten: »Ein treuer deutscher +Diener Kaiser Wilhelms =I.=« Diese Worte, die seine Grabstätte +zieren, sind einfach und gerade; die Grabschrift ist ein Lebensinhalt +zugleich und ein Buch, aus dessen Tiefe die Enkel schöpfen werden; +es ist in aller Schlichtheit ein die Jahrhunderte überragendes Stück +Weltgeschichte. Es klingt zugleich aus diesen Worten die Musik des +heiligen Trotzes, die Stimme des Prometheus, der den Menschen das Licht +gab und an den Felsen geschmiedet wurde. Es ist das Vermächtnis seines +Lebens an den bei den Vätern ruhenden vielgeliebten alten Herrn. — Und +schlicht und ergreifend hat der Dichter des preußischen Lebens, Theodor +Fontane, das Wesen Bismarcks geschildert: + +[Illustration: ~Reichstag und Kanzler~ + +»Dieser Mann hat eine zu eiserne Faust! Zum Teufel mit ihm!« + +»Dieser Kerl redet zu viel! Raus mit dem Schwätzer!« + +»Dieser Mensch redet nichts, rein gar nichts! Raus aus der Bude!« + +(»Jugend«, 1910)] + + +Nach dreitausend Jahren + + Theodor Fontane, der empfindungsreiche Dichter der Mark, besingt + Bismarck in folgenden Versen: + + + ~Wo Bismarck liegen soll.~ + + Nicht in Dom oder Fürstengruft, + Er ruh’ in Gottes freier Luft + Draußen auf Berg und Halde, + Noch besser tief, tief im Walde. + Widukind lädt ihn zu sich ein: + »Ein Sachse war er, drum ist er mein; + Im ~Sachsenwald~ soll er begraben sein.« + Der Leib zerfällt, der ~Stein~ zerfällt, + Aber der Sachsenwald, der hält, + Und kommen nach dreitausend Jahren + Fremde hier des Weges gefahren + Und sehen, geborgen vorm Licht der Sonnen, + Den Waldgrund in Efeu tief eingesponnen, + Und staunen der Schönheit und jauchzen froh, + So gebietet einer: »Lärmt nicht so; — + ~Hier unten liegt Bismarck irgendwo~.« + +Und noch einmal hat der Tote zu uns gesprochen; aus den Fernen der +Ewigkeit drang seine Stimme zu uns herüber. Mit scheuer Ehrfurcht nahm +das deutsche Volk das letzte Vermächtnis entgegen, das Fürst Bismarck +in seinen »Gedanken und Erinnerungen« uns bot. Zum letztenmal vernahmen +wir hier seine Lehren, zum letztenmal seine Weisheit, die so oft, so +lange er unter uns weilte, in Treuen uns mahnte und schützte. Und +nach Jahrhunderten noch, und wenn unsere Zeit in weltfernes Vergessen +gehüllt sein wird, dann werden die Enkel ehrfürchtig und scheu in den +Büchern nachschlagen und werden forschend und flüsternd sagen: So hat +Bismarck gesprochen! Er hat nicht Geschichte geschrieben nach der Art +der Gelehrten; er hat nicht eine Darstellung gegeben, die objektiv die +Dinge ergründen soll. Sein Buch ist auch keine Verteidigungsschrift, +denn seine ~Taten~ verteidigen ihn. Wohl aber treten in seinem letzten +Werke die Leidenschaften zurück, die der Kampf erweckte; wie von der +Höhe herab, die einst der Prophet erstieg, schaut er hinter sich die +kampfdurchwühlten Gefilde, über denen milde die Abendsonne herabsinkt. +Vor ihm aber breitet sich ein anderes, weites Gefilde, und auch hier +drohen Gefahren und Kämpfe. Da hebt er warnend den Arm und zeigt uns +die Wege, die zu künftigem Heile führen. Es sind Worte eines Toten, die +zu uns dringen, und doch Worte eines ewig unter uns Lebenden, Worte der +Weisheit und Trauer, Worte der sorgenden Liebe. Sie sind ein Evangelium +für das deutsche Volk und für die Führer geworden, die das Schicksal +ihm aufruft. Und in der gewaltigen Krisis, die jetzt heraufzog, die +eine Welt von Feinden gegen das Deutschland bewaffnet, gleichen sie +einem leuchtenden Stern, der uns durch alle Fährnisse führt. + +[Illustration: Es spukt! (»Jugend«, Oktober 1906)] + + + + +Schluß + + +Ein Vierteljahrhundert war vergangen, seitdem das Steuer der stolzen +Fregatte Germania den Händen Bismarcks entglitt. Andere hatten es +ergriffen; neue Gedanken, neue Ziele zogen herauf. Und bald ging die +Saat auf, die Otto von ~Bismarck~ einst in die Furchen deutschen Lebens +streute. Deutsches Wirtschaftsleben erblühte, Technik und Wissenschaft +feierten reiche Triumphe, der deutsche Handel sandte seine Schiffe +in alle Meere, deutscher Gewerbefleiß gewann die Märkte der Welt. +Und ehrfurchtgebietend stand in eiserner Rüstung Germania, und noch +lauschte die Welt auf ihr Wort. Bismarcks Erbe! + +Aber er, der einst dem deutschen Elend ein Ende schuf, der die +Kyffhäusertore sprengte und die Kaiserkrone aus den Flammen hob, hat +uns gemahnt, stets auf der Wacht zu sein, das Geschaffene gegen eine +Welt von Neid und Feindschaft zu schützen. Er wußte, die Stunde würde +kommen, da wir noch einmal in Kampf und Not erwerben müßten, was wir +von den Vätern ererbten. Denn gar zu feurig und gar zu kühn hatte sich +der Deutsche aus der Verschlafenheit vergangener Zeiten erhoben und +seine natürlichen Rechte gefordert. Sein Land sollte nicht mehr als +Schauplatz aller europäischen Kriege von den Feinden zerstampft werden! +Seine Söhne nicht mehr die willfährigen Diener fremder Interessen sein! +Seine Arme sollten sich ausstrecken nach fernem Kolonialland! Seine +Arbeitsfreude fremden Rivalen Lohn und Ruhe kürzen! Deutschland wollte +sein eigenes Dasein leben! + +In der Tat: Was Bismarck schuf, das hat einen Umsturz aller +altgewohnten politischen Regeln, eine Umwälzung aller hergebrachten +Begriffe bedeutet. Der Kaisertraum der Sachsen und Hohenstaufen sollte +ausgeträumt sein, längst schon, ehe Napoleon den Händen des letzten +Kaisers aus Habsburgs Hause das Zepter entriß — und nun sollte dieser +Traum von neuem lebendig werden! Nun sorgte ein starkes Geschlecht, daß +er nie wieder zerfließe! Nur ~eine~ Macht in Europa sah neidlos das +Werden des Neuen. Nur Österreich-Ungarn, der Besiegte von Königgrätz. +Es ist vielleicht das erstaunlichste Werk aus Bismarcks Meisterhand, +daß er, unter Kampfeslärm und Schlachtendonner, schon die Grundlage +für dieses Bündnis schuf, das jetzt auf hundert Schlachtfeldern seine +Kraft und seinen tiefen Sinn erhärtet. Hier schuf er für beide Völker +die Basis der Sicherheit, einen Grund, der jedem Stoß und jedem Angriff +standhalten sollte, selbst dann, als ganz Europa sich gegen uns wandte +und im fernen Indien, in Australien, in Kanada, in Japan, am Kongo +sich Helfer suchte. »Gestützt auf unsere Einheit und in Freundschaft +mit Österreich-Ungarn«, so rief er einmal, »können wir der weiteren +Entwicklung mit aller Gemütsruhe entgegensehen und mit ihm der +Überzeugung sein, daß unser Gott keinen Deutschen zugrunde gehen läßt, +am wenigsten Deutschland selbst.« + +Es war des Fürsten Bismarck stete Sorge, daß in Österreich und Ungarn +der slawische Keil sich zwischen das Bündnis drängen und andere, vor +allem polnische Tendenzen den Frieden stören könnten. Gerade deshalb +trieb er die Politik der »zwei Eisen im Feuer«, schloß er mit Rußland +den Rückversicherungsvertrag. Aber er sah auch die Gefahr einer +Vereinigung von Rußland und Frankreich schon lange voraus, ehe sie in +Kronstadt besiegelt wurde; er kannte den Ehrgeiz der Militärs; er sah +das Wachstum des Panslawismus; er wußte, daß die Politik ein flüssiges +Element ist und daß auch die stärksten historischen Beziehungen sich +lösen. Und so klingt uns noch aus seinem Testamente die Warnung +entgegen: =Toujours en vedette!= Darum hat er Deutschland auch +wirtschaftlich auf sich selbst und seine Kraft gestellt — wenn heute +unser Volk vor dem Hunger geschützt ist, so ist es Bismarcks Verdienst. +Und wenn seine Waffen gut und stark sind, so ist es der Lohn seiner +Mühen und Sorgen um Deutschlands Zukunft. + + * * * * * + +~Götterdämmerung~ und ~Völkerfrühling~! Nach mehr als vierzig +Jahren eines ungestörten Friedens, der dem deutschen Volke eine +reiche Entwicklung aller seiner Kräfte, einen reichen Lohn aller +seiner redlichen Arbeit brachte, bricht plötzlich mit Wolkenbruch +und Hagelschlag ein schweres Gewitter herein, und erschauernd +blickt die Menschheit auf das furchtbare Ringen und Werden. Von +wissenschaftlichem Streben, vom Werk des Poeten, vom Fortschritt der +Technik, von blühendem Handel, von ertragreichen Fluren, von den +gewaltigen Schiffen, die unter der Flagge des Friedens die weiten Meere +durchkreuzen, erzählt seit mehr als vierzig Jahren die Chronik. Und +jetzt? + +Jetzt schlägt Klio im Buche der Wahrheit und des Lebens die Blätter +um und verzeichnet mit ehernem, in Tausender Herzblut getauchtem +Griffel neues, fremdes Geschehen. Ein Zar hatte den ewigen Frieden +diktiert, derselbe, der jetzt vom fahlen Antlitz die Maske riß; +Abrüstungsvorschläge wurden in England gemacht, von demselben Volke, +das jetzt aus jämmerlicher Profitwut die Welt in Flammen setzte; +ein stolzer Palast erhob sich im Haag, in dem Schiedsrichter in +hohen Perücken der Völker Schicksal berieten — und jetzt stürmt die +Geschichte über sie alle, die Toren, hinweg, die den Krieg aus dem +Völkerleben auslöschen und Blut und Eisen entwerten wollten. Das aber +darf die Chronik dieser Zeit und dieses Krieges bekunden: Deutschland +ist schuldlos an dem Blute, das jetzt in Gewitterbächen über die Erde +dahinströmt. Tausendmal beleidigt, tausendmal vom Hochmut der Fremden +herausgefordert, hat Deutschland im Bewußtsein seiner Kraft stolz +geschwiegen. Ein Weltreich des Friedens sollte unter Kaiser Wilhelms +des Zweiten Zepter das Deutsche Reich werden, nur in Werken des +Friedens sollte sein Volk um den Lorbeer ringen. Und auch jetzt, als +das Grauen von Serajewo über die Welt zog, als das Blut der gemordeten +Fürstenkinder von Österreich nach Rache schrie und als sich Rußland, +auf Frankreich und England gestützt, dem Werke der Gerechtigkeit +widersetzte, hat Kaiser Wilhelm in Selbstverleugnung dem Frieden zu +dienen gesucht. Er ist nicht zum Ziele gelangt. + +Wir wissen es jetzt — die Akten beweisen es klar —, daß seit Jahr und +Tag, schon in König Eduards Zeiten, zwischen den Männern, die uns +heute bekriegen, eine Verschwörung zu unserer Vernichtung bestand. +In der letzten Stunde erst haben wir, damit wir nicht Luft und Atem +verlieren, hat die deutsche Faust das listig gesponnene Gewebe mit +dem Schwerte zerhauen. Und es kam, als es herniedersauste, ein großes +Gefühl der Befreiung über das ganze deutsche Volk, ein Gefühl der +Freude, endlich einmal aufräumen zu dürfen mit diesen in der Finsternis +schleichenden Mächten, es kam die alte ~Germanenfreude~ am blutigen +Ringen auf grüner Heide. + +[Illustration: Bismarck als Wotan. (»Jugend«, 1908)] + +Und das Volk stand auf. Vergessen war aller Hader, aller Streit der +Parteien. Blitzenden Auges konnte der Kaiser verkünden: »Es gibt +keine Parteien mehr«, und bald dröhnte der Boden vom Schritt der +deutschen Heere. Schulter an Schulter zogen sie, getreue Kameraden, +der Grafensohn und der Bauernknecht, der weltberühmte Gelehrte und der +schlichte Volksschüler ins Feld, der Student und sein Professor — der +Kaiser rief, und alle, alle kamen. + +Denn sie alle wußten es, was es gilt: Daß heute die eisernen Würfel +rollen um Deutschlands Zukunft, Ehre und Recht, um Haus und Heimat, um +Freiheit und Glück! + +Wahrlich, Zeiten zogen herauf, erfüllt von Ungeheurem, wie sie uralter +nordischer Heldensang schildert: »Steinberge stürzen, Riesenleiber +straucheln, zu Hel fahren Helden, der Himmel klafft!« Wo kennt die +Geschichte in tausendjährigem Lauf ein Schicksal, wie es heute den +Deutschen bestimmt ist? Baschkiren und Tungusen, die wilden Söhne +der sibirischen Steppe, die Reiter der glutstarrenden afrikanischen +Wüste, schlitzäugige Söhne Ostasiens, kanadische Jäger, indische +Sepoys, Bengalen und dunkelhäutige Gurkhas, Turkos und Zuaven und +Senegalschützen, belgische Mörder, schmutzige Kosaken — sie alle wagen +im Namen der Kultur, der Menschlichkeit, unser altes, heiliges, großes, +gesegnetes Deutschland zu verderben. Vor ihnen, über ihren Köpfen weht +das in das Blut der Opfer von Serajewo getauchte düsterrote Banner des +Mordes. + +Sie strömen hervor aus allen Winkeln der Erde, beutelüstern, +raffgierig. Aber sieghaft erhebt sich, weithin durch die Ewigkeit +leuchtend, deutsche Treue und deutsche Todesverachtung. Hei, wie +die Mauern barsten von Lüttich, Namur und Maubeuge! Wie der alte +Hindenburg das Russenpack in die Masurischen Seen trieb! Wie die +deutschen Armeen über Frankreichs Boden brausten! Hie Schwert des +Herrn und Gideon! Mögen sie kommen, mag der schrille Schlachtruf des +Asiaten mit dem Gebrüll des Basutos, Zuaven-Wildheit sich mit dem +Zischen der Dum-Dum-Kugeln vereinen — vergebenes Mühen! Denn fest und +unerschütterlich stehen Deutschlands Söhne. Sie ketten den Sieg an +ihre Fahnen, mit ihnen reitet das Recht, reitet Gott ins Feld. Der +Völkerfrühling, der Frühling Deutschlands naht, schon leuchtet fernher +über den Wäldern das Morgenrot einer neuen, glücklichen, von unseren +Brüdern erkämpften Zukunft. Die Nebel weichen dem Schwerterglanz, der +Lorbeer senkt sich auf Heldenstirnen — unsterbliches, deutsches Volk! + +Und so berichtet das Buch der Zeit, wie einst das Lied der Nibelungen, +von deutschen Heldentaten ohne Zahl, von frohem Kampf und jauchzendem +Sterben. Und von ewigem Ruhm und ewig grünendem Lorbeer. Ja, der +deutsche Völkerfrühling bricht an! Und hell leuchtet in ihm und über +ihm, schützend und segnend und Früchte treibend, die Sonne des Mannes, +um dessen Lebenswerk wir ringen: + + +des eisernen Kanzlers Otto von Bismarck!+ + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79000 *** |
