summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/79000-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
authorwww-data <www-data@mail.pglaf.org>2026-07-02 11:37:53 -0700
committerwww-data <www-data@mail.pglaf.org>2026-07-02 11:37:53 -0700
commite47426a4df77694adef29ee7fcd14574889d76df (patch)
tree1fe996098246937bf0535da23b7134381271077b /79000-0.txt
Initial commit of ebook 79000 filesHEADmain
Diffstat (limited to '79000-0.txt')
-rw-r--r--79000-0.txt16333
1 files changed, 16333 insertions, 0 deletions
diff --git a/79000-0.txt b/79000-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..c082763
--- /dev/null
+++ b/79000-0.txt
@@ -0,0 +1,16333 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79000 ***
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+ Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
+ folgenden Symbole gekennzeichnet:
+
+ ~Gesperrt~
+ =Antiqua=
+ +fett+
+
+ Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
+ und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber
+ dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht
+ korrigiert. Poetische Formulierungen sind unverändert geblieben.
+
+ Das Buch enthält mehrere Anekdoten. Ihnen gehen jeweils zwei Leerzeilen
+ voraus, und sie sind eingerückt.
+
+
+
+
+ Bismarck
+
+ in Geschichte, Karikatur
+ und Anekdote
+
+
+ Ein großes Leben in bunten Bildern
+ Von =Dr.= Paul Liman
+
+
+ Alle Rechte von der Verlagsbuchhandlung vorbehalten
+
+ =Copyright 1915 by Strecker & Schröder, Stuttgart=
+
+
+ Druck des Textes und der Kunstbeilagen von
+ Strecker & Schröder in Stuttgart
+
+
+ Bilderdruckpapier der Papierfabrik Niefern (Bohnenberger & Cie.),
+ Niefern in Baden
+
+[Illustration: ~Bismarck im Olymp.~ (»Hum. Blätter«, August 1898)]
+
+
+
+
+ Bismarck
+
+ in Geschichte, Karikatur
+
+ und Anekdote
+
+
+ Ein großes Leben in bunten Bildern
+
+ Von Dr. Paul Liman
+
+
+ Mit 242 Abbildungen
+ und 20 ein- und mehrfarbigen
+ Kunstbeilagen
+
+ ~Fünfte Auflage~
+
+
+ Verlegt bei
+
+ Strecker & Schröder in Stuttgart
+
+ im Jahre des hundertjährigen Geburtsfestes Bismarcks
+
+ und des deutschen Krieges
+
+ 1915
+
+
+
+
+Vorwort
+
+
+In eine Zeit der ungeheuersten Spannung, in eine Zeit, da
+Weltenschicksale entschieden werden, fällt der hundertjährige
+Geburtstag des größten Deutschen, ~Otto von Bismarck~. Können wir,
+dürfen wir seiner vergessen, auch wenn alle Herzen sich nur dem einen
+Ziele spannen: Kunde zu vernehmen von unseren Kämpfen im Osten und
+Westen, zu erlauschen, ob der Schlag der deutschen Schwerter heil- und
+siegkündend niederfährt auf die gegen uns bewaffnete Welt?
+
+Wahrlich nein! Denn um Bismarcks Werk wird gerungen, und Bismarcks
+starker, furchtloser Geist ist es, der unsere Krieger geleitet, weithin
+auf das Schlachtfeld, in die Enge der Schützengräben, in den Sturm
+auf feindliche Schanzen, in diesen heiligen Krieg, in dem sich des
+deutschen Volkes unverwüstliche Art so unvergleichlich offenbart. Fast
+könnte es scheinen, als ob die Geschichte zur Feier ihres größten
+Sohnes ein loderndes Fanal entflammt, in dessen Widerschein sich noch
+einmal Deutschlands heroische Zeit spiegelt, einen Scheiterhaufen, wie
+ihn einst Philoktet dem Herakles schuf, daß er auf seinen Flammen zu
+den Unsterblichen steige. Am 1. April sind hundert Jahre vergangen,
+seit in dem efeuumsponnenen Schloß von Schönhausen der erste Schrei
+des Knaben das Leben grüßte, der Deutschland zur Einigung führen, dem
+deutschen Leben einen Inhalt geben sollte.
+
+Wie hätte man sonst den Tag gefeiert! Er wird auch jetzt seine Feier
+haben: Ernst sinnend wird man des Gewaltigen gedenken, der sein Volk
+emporriß zu ungeheurer Tat. Aber wie anders hatte man sich das Fest
+gedacht! Frohe Fahrten zum Sachsenwalde, Festmähler, klingende Gläser
+und stolze Worte, und am Rhein wuchtig emporsteigend das Denkmal
+deutschen Dankes. Nur ein Teil hätte abseits gestanden — längst hatten
+Freisinn und Zentrum den rechten Maßstab für den toten Helden gefunden.
+Aber die sozialistische Arbeiterschaft hielt sich fern, ihr war im
+Frieden der vier Jahrzehnte das Verständnis für Bismarcks kühne Politik
+und auch für den Wechsel im wirtschaftlichen Leben verloren gegangen,
+der doch allein jener Politik entwuchs und auch der Arbeiterschaft
+die Grundlagen neuen Gedeihens schuf. Heute werden auch sie, die auf
+Bismarck schalten, seines Geistes einen Hauch verspüren, denn dieser
+Geist durchweht sie selbst, durchweht uns alle und gibt uns die Kraft,
+einer Welt von Feinden zu trotzen. Bismarckscher Geist löste die großen
+Fragen der Zeit durch Eisen und Blut, siegte bei Metz und Sedan, zwang
+den Völkerfrühling herauf; Bismarckscher Geist setzte Deutschland in
+den Sattel, auf daß wir jetzt zeigen, daß wir auch zu reiten verstehen.
+Bismarckscher Geist hat uns gelehrt, Gott, nichts sonst in der Welt
+zu fürchten. Auch wer einst auf Marx und Bebel schwur, wird jetzt im
+Schützengraben, im Sturmangriff, im Sausen der Granaten sich von diesem
+Geiste umweht und hingerissen fühlen.
+
+Hundert Jahre — auch damals, als ~Otto von Bismarck~ erschien, mußte
+noch einmal ein großes Werk durch Kampf gefestigt werden. Die Schlacht
+von Leipzig war geschlagen, nach Waterloo führte der Weg, noch einmal
+mußte durch Blut erworben werden, was in den Schlachten des ersten
+Freiheitsjahres das Blut gewann. So mußte jetzt, nach hundert Jahren,
+in einem furchtbaren Ringen zum anderen Male erkämpft werden, was Metz
+und Sedan uns brachten. Und was uns in all diesen Jahren dieselben
+Mächte mißgönnten, gegen die wir heute das Schwert ziehen mußten. Ein
+zerrissenes Deutschland, das mochte man dulden, gut genug, den Dünger
+anderer Nationen, den Schauplatz ihrer Schlachten zu bilden; ein
+einiges, seiner Kraft bewußtes, aufstrebendes Deutschland, das sein
+Erbrecht betont und seinen Platz an der Sonne fordert, das durfte nicht
+dauern. Und weil es furchtbar war in seinem Waffenstolz, deshalb haben
+sich gegen dieses Volk die Völker der Erde verbündet, gegen dieses Volk
+und Bismarcks Erbe!
+
+Denn um dieses ~Erbe geht heute der Kampf~. Der Meister sah es voraus,
+daß das Spiel noch nicht aus war, daß wir noch einmal zum Schwert
+greifen müssen, uns zu behaupten. So wurden die letzten Jahrzehnte
+seines gesegneten Lebens Jahre des Kampfes um unsere militärische und
+wirtschaftspolitische Rüstung. Löscht seine Arbeit, sein Vollbringen
+aus, folgt den Gedanken derer, die ihn bekämpften, die ihm mehr als
+einmal jeden Mann und jeden Groschen versagten, und träumt euch in
+eine Gegenwart, die diese Arbeit und ihre Siege entbehrte, und längst
+hätte das Bahrtuch Germanias Glieder umhüllt! Das eben ist das Wesen
+des Genius, daß er über die Enge der Gegenwart hinaus den Blick auf die
+Zukunft richtet und ihre Forderungen erkennt. Es ist nur dem Genius
+eigen, daß er den Zusammenhang des Gesamtlebens und auch das Kommende
+weiß, daß auch das Ferne schon als Ahnung sein Gemüt durchzittert,
+daß er »das letzte Klingen und Singen von künftigem Großen« unter dem
+Lebensstrome fühlt. Jedes Genie ist Prophet.
+
+Wir werden Bismarcks Festtag feiern. Ernster, tiefer als sonst, aber
+auch geschlossener. Denn in diesen brausenden Zeiten, im Sturme
+unerhörter Ereignisse, in der Offenbarung unseres stärksten und
+tüchtigsten Wesens, in Tapferkeit und Aufopferung sind wir sein, erst
+wahrhaft sein geworden. Der Heldengesang eines starken Geschlechtes
+wird seines Ehrentages Festlied sein.
+
+Erinnerung aber und Dank werden noch einmal sein Bild heraufbeschwören,
+und das Herz wird sich aufrichten an dieser eisernen Gestalt, und die
+Gegenwart wird in die blitzenden Augen der Vergangenheit blicken, die
+doch ewig Gegenwart bleibt, und ehrfurchtsvoll und zärtlich zugleich
+wird deutsches Empfinden bei dem Schöpfer unseres neugeschaffenen
+geschichtlichen Lebens weilen. Gedanken und Erinnerungen werden zu
+seinem Grabmal im Sachsenwald fliegen, und heimkehrend werden sie das
+gewaltige Denkmal des Roland im Hamburger Hafen streifen, das Bismarcks
+Züge trägt.
+
+Und gern wird, mitten im Sturme der Zeit, die Seele unseres Volkes bei
+dem Riesen weilen, der nicht nur das Reich erbaute, sondern auch durch
+eine weitschauende Bündnispolitik, durch heiße siegreiche Kämpfe um
+unsere Rüstung, durch die Steigerung unserer wirtschaftlichen Kraft
+und den Schutz der Früchte deutscher Arbeit die Bedingungen für unsere
+Siege im Weltkrieg schuf.
+
+Und kehren die Gedanken zurück in die gewaltige Zeit, die Bismarcks
+Prägung trug, dann wird auch das Verlangen sich regen, hineinzuschauen
+in die Werkstatt des Riesen, teilzunehmen an seinem Erleben, und dem
+Wandern dieses seltsamen märkischen Junkers zu folgen, das durch weite,
+reiche Täler und über alle Gipfelhöhen führte, und doch auch an den
+kleinen Zügen sich zu erfreuen, die den Giganten uns menschlich so nahe
+führen und die wie Schmetterlinge, die über die Wiese gaukeln, dem
+ernsten Leben reiche Farbe geben.
+
+So entstand dieses Buch. Es soll ein Bild zugleich der geschichtlichen
+Entwicklung des großen Kanzlers sein und doch auch die kleinen Züge
+umfassen, die das Menschliche enthüllen. Mitten in das Brausen
+gewaltiger Tage klingt darum die ~Anekdote~ herein, und wenn die
+Geschichte ihren Spiegel unparteiisch und ernst vor das Antlitz ihres
+großen Sohnes hält, so soll dieses Antlitz sich doch auch in jenem
+Spiegel zeigen, in dem die ~Karikatur~ die Züge nicht immer nur
+feindlich, sondern oft auch in scherzender Liebe darstellt. Denn auch
+sie bildet einen Quell der Geschichte. Sie zeigt uns die Wirkung seines
+Handelns auf die Mitwelt, und wer genau hinblickt, und wer auch nur
+das ~eine~ erwägt, daß wohl noch keine Persönlichkeit so eifrig, wie
+~Otto von Bismarck~, zum Ziel des politischen Künstlerscherzes wurde,
+der wird auch hierin einen Beweis seiner oft genug nur mit grimmigem
+Widerstreben anerkannten Größe entdecken. Denn die Türme nur werden von
+den Dohlen umflattert.
+
+Hier aber war eines nötig, wenn anders ein würdiges Bild des gewaltigen
+Staatsmannes entstehen sollte: Die geschichtliche Darstellung seines
+Lebens und seiner Taten mußte den Rahmen bilden, in den Anekdote und
+Karikatur sich fügen. Denn Herz und Auge ermatten, wenn sie stets
+nur dem gleichen Farbenton begegnen. Aus dem Leben des Mannes muß
+die Episode herauswachsen, gleich einer bunten Blume auf saftgrüner
+Wiese, und erst dann genießt man die Karikatur, wenn sie, in den großen
+Zusammenhang der Taten gestellt, zum Zeugnis der Ernte an Haß und Liebe
+gemacht wird.
+
+Schwer, unendlich schwer ist es hier, den Maßstab zu finden. Denn in
+unermeßlicher Fülle bieten sich dort die einzelnen Züge in starker
+Prägung, wo die Persönlichkeit ein schlechthin originales Gepräge
+trägt. Das gilt auch von der Karikatur. Mehr als zwölftausend dieser
+von der Stunde geborenen Bilder lagen mir vor, die wohl die ganze
+Stufenleiter des Empfindens umfassen: Schadenfreude, Haß, hämischen
+Neid, widerwillige Bewunderung, Anerkennung, Enthusiasmus, Liebe. Sie
+alle sind in der Auswahl zur Geltung gekommen. Aber diese Auswahl
+stellte noch andere Bedingung. Sie mußte allen Parteien in Preußen und
+im Reiche das Wort geben, sie mußte einen Spiegel der Fernwirkung im
+Auslande bieten, sie mußte endlich einen Leitfaden für die Entwicklung
+der Technik auf diesem Gebiete schaffen. Was heute nicht mehr klar
+im Zusammenhange lebt, was nur für den Tag und seinen kleinen Streit
+Bedeutung hatte, das mußte weichen. So nur kann das Auge, das über
+die Bilder streift, aus ihnen selbst die Geltung und das Wachstum der
+Persönlichkeit erkennen. Und jedes Bild gewinnt mit dem künstlerischen
+zugleich einen geschichtlichen Wert.
+
+In der geschichtlichen Darstellung konnte ich auf früheren Arbeiten
+fußen. Und auch die unendlich mühsame Arbeit der Sammlung war mir
+erleichtert: Herr Buchhändler ~Kabitzsch~ in Würzburg hat seine
+unendlich wertvolle Sammlung, die er dem Germanischen Museum in
+Nürnberg schenkte, mir hochherzig zur vollen Verfügung gestellt,
+Herr Rudolf ~Brockhaus~ in Leipzig seine Sammlung von Blättern aus
+dem großen Kriege. Ich habe beiden Herren zu danken. Und auch dem
+jugendlichen =Dr.= Benno ~Kettner~, der mit prächtigem Eifer mich bei
+der Sammlung und Auswahl unterstützt hat.
+
+So mag denn dieses Buch in stattlichem Gewande hinausziehen in die Welt
+und an seinem Teile helfen, daß im deutschen Hause das Gedächtnis des
+gewaltigen Mannes stark und lebendig bleibt.
+
+~Berlin~ im großen Kriegsjahr
+
+ +=Dr.= Paul Liman+
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ Seite
+
+ Vorwort V
+
+ Otto von Bismarck 1
+
+ Die Kindheit 11
+
+ Wilhelmine Mencken 12. Ferdinand von Bismarck 13. Er baumelt mit
+ den Beenekens 14. Weil sie zu sehr stankte 14. Die Kanonenkugel
+ l4. Die erste Erinnerung 14. Seltsame Bälle 15. Philosophie des
+ Prügelns 15. Elastisches Fleisch 16. Wie kommt es nur? 16. Der
+ Telamonier Ajax 16. Sein erster Brief 17. Trine Neumann und der
+ Eierkuchen 17. Ein nettes Jungchen 18. Der dankbare Schüler
+ 18. Sein Konfirmandenspruch 18. In Pension 19. Die Kniephofer
+ Reichsexekutionsarmee 20.
+
+ Als Jurist und Landwirt 21
+
+ Mensuren 21. Die Wette 23. Göttinger Reminiszenzen 23. Sturm und
+ Drang 23. Die Dame aus Schweden 26. Der Teufel reitet die alte
+ Tante 27. Rat Prätorius 28. Merken Sie sich, wie man das macht
+ 28. Das Hinauswerfen ist meine Sache 29. Das Gardemaß 29. Das
+ letzte Duell 31. Vom Leben auf Kniephof 32. Die Fuchsjagd 34. Der
+ erste Orden 35. Die Verlobungsanzeige 36. Johanna 36. Die erste
+ Rede 37. Der Eindruck bei Hofe 39.
+
+ Im Strome der Politik 41
+
+ Er unternimmt eine Gegenrevolution 41. Der Berliner Schwindel
+ 42. Die Nelke 42. Er sagt dem König die Wahrheit 43. Ich muß
+ ihn vernichten 43. Gehängt wird er doch 44. Der Schreiber des
+ jüdischen Gelehrten 45. Die Phrasengießkanne 45. Der renitente
+ Schriftführer 45. Ein Brausekopf 46.
+
+ Frankfurt 49
+
+ Wir wollen es versuchen 50. »Er wird schön hausen« 50. Sie kochen
+ alles mit Wasser 50. Die Bundeszigarre 51. Beim alten Metternich
+ 52. Wie Bismarck eine Depesche absandte 52. Alle vorm Feinde
+ erworben 52. Der Streit mit Rechberg 53. Bismarck als Hehler 53.
+ Wie er seine Glocke bekam 53. Amschel Rothschild 54. Wollen wir
+ ein Geschäftchen machen? 54. Sie sind a scheener Mann 54. Die
+ Frankfurter 54. Er sagt stets das Unerwartete 55. Otto tanzt mit
+ Malwine 55. Ein Ball bei Bismarcks 56. Seine Häuslichkeit 56.
+ Beginnen wir ein neues Leben 56. Sie sind unverbesserlich 57.
+ Warum nicht nach Leipzig und Roßbach? 58. Reisepech 58. Das Duell
+ mit Vincke 59. Beim blinden König 60. Pariser Leben 60. In den
+ Tuilerien 61. Aber dumm, dumm! 62. Ich bin preußisch 62. In Sumpf
+ und Busch 63.
+
+ Petersburg und Paris 65
+
+ Nach neune ist alles vorbei 65. Levinstein 66. Das =Enfant
+ terrible= 68. Merkwürdig viel Talg 68. Die Schildwache 68.
+ Erwerbssinn 68. Er hält sich Bären 68. Der Entensteiß 70.
+ Napoleon und Eugenie 71. Babelsberg 73.
+
+ Die Konfliktszeit 77
+
+ Wann hätte er einen Gedanken gehabt? 77. Eisen und Blut 78.
+ Der Ölzweig von Avignon 79. Kavalierpolitik 80. Können wir
+ anständiger umkommen? 80. Waldeck in Bismarcks Beleuchtung 83.
+ Massenweis dumm 83. Kein feudaler Unhold 85. Ein König als
+ Kabinettskurier 87. Ein Stoßseufzer Johannas 91. Bettelbriefe
+ 92. Die Faust aufs Auge 92. Der Seiltänzer 92. Bismarcks feines
+ Gehör 93. Von Helmerding parodiert 94. Die Dinge verstehe ich
+ besser 96. Das Duell mit Virchow 98. Pauline Lucca 98. Bismarck
+ und die Frauen 99. Der Oldenburger Rezeß 99.
+
+ Düppel und Königgrätz 101
+
+ Der Abjott Deitschlands 101. Beust 102. Wie einst im Mai 102.
+ Bismarck als Faust 103. Ein Traum 103. In Lebensgefahr 103. Der
+ Stab Arons 106. Quinze 107. Graf 107. Als Prophet 109. Blinds
+ Attentat 110. Ein herzbewegendes Bild 111. Moltkes einziger
+ Witz 112. Beinahe gefangen 113. Der preußische Soldat 114. Den
+ Besen um die Ohren geschlagen 114. Im Kugelregen 114. Moltkes
+ Feldherrnblick 114. Noch eine Zigarre 114. Die Geschwulst 115.
+ Ohne Quartier 115. In Nikolsburg 116. Im Norddeutschen Reichstag
+ 119. Ein liebenswürdiger Spitzbube 121. Wohlan, kreuzen wir den
+ Degen 121. Ein schwerer Unfall 121. Auch sonst Glück im Unglück
+ 122.
+
+ Das Vorspiel zum großen Kriege 125
+
+ Die Schamade 127. Fanfare 127. Die alte Karkasse 127.
+
+ Über Sedan nach Versailles 131
+
+ Feldzugsbriefe 131. Er reitet in die Nacht hinaus 133. Bill
+ als Schweinetreiber 134. Im Granatenfeuer 134. Auf der Suche
+ nach Quartier 134. Das zähe Huhn 135. Der Brief von Sedan 136.
+ König Wilhelms Toast 138. Wie beim Kotillon 138. Die Arbeitslast
+ 139. Ins Geschäft nie 140. =Parjure= und =infâme=
+ 140. Eine Stunde der Bitterkeit 141. Achill 142. Es denkt, es
+ spekuliert in mir 142. Wilhelm Tell 143. Wie er Burgunder bezog
+ 143. Elefantenbraten 144. Von Erschaffung der Welt an 144. Der
+ Jude mit den zerrissenen Stiefeln 144. Er redet deutsch 145.
+ Obendrein Propfengeld 145. Garibaldi 145. Alexander von Humboldt
+ 146. Cerf 146. Der dicke Daumer 147. Marsyas 147. Die Geschichte
+ vom Schieferdecker 147. Die Türklinke 147. Pferdefleisch 148. Die
+ Pendule der Madame Jessé 149. Das Bombardement 150. In Ungnade
+ 152. Halali 153. Und noch eine Zigarre 154. Wurscht 154. Thiers
+ 155. Er ist doch ein eminenter Mensch 155. Exzellenz, ich bin
+ geneigt 156. =Peut être= 156. Bismarcks Einzug in Paris 156.
+ Fürst 157. Der Sachsenwald 158.
+
+ Der Ausbau des Reiches 159
+
+ Man muß toleranter denken 161. Der Dank 163. Die Wacht am Rhein
+ 163. Die Franktireure von Osterburg 164. Tableau 164. Er trat mir
+ einen Sporen ab 164. Die schwarze Perle von Meppen 166. Bismarck
+ als Dichter 166. =Va banque= 167. Er sieht aus wie ein Koloß
+ 168. Die dankbare Borussia 169. Vielleicht ein unbrauchbarer
+ General 171. Graf Harry Arnim 172. Bibelfest 174. Die kostbare
+ Dose 174. =Adelantador= 175. Ich hatt’ einen Kameraden 176.
+ Kullmanns Attentat 177. Das Geschäft bringt es so mit sich 178.
+ Bellachini 178. Pfui! 178. Der Gipfel der Gemeinheit 182. Unser
+ allergnädigster Kanzler 183.
+
+ Neue Kämpfe und Bekenntnisse 187
+
+ Die Wirkung des Namens Bismarck 188. Die Alpenblume 190. Ein
+ bißchen Mazedonien 191. Der letzte Kampf mit Kaiser Wilhelm 191.
+ Eine Kette von Exzellenzen 194. Der Feuerkopf 196. Wenn Bismarck
+ sprach 199. Er will kein Telephon 199. Meyer, wie denke ich über
+ schwedisches Eisen? 202.
+
+ Weitere Kämpfe 203
+
+ Wie Schweninger Bismarcks Arzt wurde 208. Das ist der =Dr.=
+ Schweninger 208. Die Brut muß ausgerottet werden 208. Die
+ Geschichte eines Traumes 209. Die Abrüstung 210. Das fehlende
+ Hirn 212. Vom durstigen Völk 213. Vom Haarschneiden 214.
+ Hammelbraten 214. Die naseweisen Damen 215. Hundegeschichten
+ 215. Schamlos 217. Der =Furor teutonicus= 223. Die Grabrede
+ auf den alten Kaiser 226. Der Tod des Reitknechtes 228. Ein
+ Stammbuchvers 228. Fraktur 229. Die Getreuen von Jever 229.
+ Mondschein 229. Wie er Modell saß 230. Die Ägyptische Frage 230.
+ Noch ein Vers Bismarcks 230. Wie man lästige Besuche entfernt
+ 230. Ein löblicher Kanzler 231. Von der öffentlichen Meinung
+ 231. Vom Werte des Ruhmes 231. Der Sicherheitsknüppel 232.
+ Die Ahnherren 232. Roß und Reiter 232. Einer, von dem er sich
+ einschüchtern ließ 232. Er bringt ein Hoch auf sich selbst aus
+ 233.
+
+ Abendsonne 235
+
+ Der Fahnenträger der Nation 236. Kein Gedanke daran 238. Das
+ Kaiserpaar 238. Ehrendoktor der Theologie 241. Abschied von
+ Berlin 249. Ein Abschiedsgedicht 253.
+
+ Nach der Entlassung 255
+
+ Der Maulkorb 258. Das Leben in Friedrichsruh 258. Der zweite
+ Uriasbrief 267. Götz von Berlichingen 267. Eine dicke alte
+ Forelle 270. Stunden des Glücks 270. In der Politik gibt es kein
+ Glück 270. Trinkfest 271. Ein kräftiger Kognak 271. Kräheneier
+ 271. Man kann es aushalten 272. Der konnte es doch noch besser
+ 272. Nur auf dem Kamel 272. Die Kreter sind faule Bäuche 273.
+ Philosophie 273. Herr Baurat 274. Gewissermaßen fossil 274. Seine
+ Tränen 275. Hausmusik habe ich immer geliebt 275. Der »Faust« ist
+ meine Bibel 275. Das deutsche Lied 275. Wo er ruhen wollte 278.
+ Ich spielte meine Karten blank aus 278. Sein Heim 279. Einsam
+ 280. Wir sind alt geworden 281. So siehst du nicht aus 285. Man
+ brauchte bloß die Register zu ziehen 287. Der Leibmedikus 288.
+ Sonst tät’ ich’s umsonst 292. Er hält nicht stille 292. Nach
+ dreitausend Jahren 293.
+
+ Schluß 295
+
+
+
+
+Otto von Bismarck
+
+
+Wie fern scheint heute schon die Zeit entschwunden, in der das deutsche
+Volk zu heroischer Größe emporwuchs, in der Otto von Bismarck das
+gewaltige Werk seines Lebens vollbrachte! Und doch sind jetzt, am
+1. April des Jahres 1915, erst hundert Jahre vergangen, seitdem die
+Stimme des Knaben, den man einst den Eisernen Kanzler, den Schöpfer
+des Reiches, den getreuen Eckart nennen sollte, das Licht dieser
+Welt begrüßte, deren spätere Geschichte eine Geschichte seiner Taten
+wurde. Und erst siebzehn Jahre zogen dahin, seitdem seine Augen sich
+schlossen, und auch an diesem Großen sich das Schicksal erfüllte,
+das selbst an den Unsterblichen nicht vorüberschreitet. Und doch
+spinnt sich über Leben und Schaffen dieses Mannes schon eine Art von
+mythischem Schleier, schon scheint er zu einer Gestalt der Sage zu
+werden. Übermenschlich wächst er empor in Wollen und Schaffen, in
+Leisten und Vollbringen, und wenn im Hafen von Hamburg sich seine
+Gestalt als Roland erhebt, so fließen in unserer Phantasie die Züge und
+die Wesensart dieser beiden ragendsten Gestalten der deutschen Legende
+und des deutschen geschichtlichen Lebens schon längst ineinander; und
+wenn wir in dem Buche, das vor achthundert Jahren der Pfaffe Konrad
+schrieb, die Mär von dem Ausgang des Paladins Karls des Großen von
+neuem lesen, dann spüren wir erschüttert den Vorhall des Ausgangs Otto
+von Bismarcks: »Als Roland von der Welt verschied, vom Himmel ward ein
+großes Licht. Die Winde erhoben sich da, sie zerbrachen die herrlichen
+Waldbäume. Die Sonne erlosch, und der viel lichte Tag ward finster wie
+die Nacht, die Sterne zeigten sich offen, das Gewitter stürmte; und
+sie wollten alle glauben, daß die Zeit da wäre, da die Welt sterben
+und Gott sein Gericht halten würde.« So wie damals, als Roland starb,
+die Welt zu sterben schien, so in den Tagen, da Bismarck schied. Und
+so wie der Träger des Schwertes Durendart ein Hüter des Reiches gegen
+alle Feinde war, so wie er jetzt im Hamburger Hafen steht, so stand
+auch Bismarck in all den Jahren gewaltigen Ringens, weithin sichtbar,
+unerschüttert und stark auf deutschem Boden, auch dann noch, als
+der Abend über ihn heraufzog und ein junges Geschlecht, begehrend
+die Schwingen zu proben, aus eigener Kraft die Zukunft zu zimmern
+versuchte. Aufrecht und unbeugsam wie sein Leib blieb seine Seele, und
+wiewohl er die größten seiner Taten in der Vollreife des Mannestums
+vollbrachte, so blieb in den Herzen seiner Volksgenossen, und so wird
+auch in der Zukunft das Bild des Alten vom Sachsenwalde am festesten
+haften, des getreuen Mahners und Raters, auf den, wie er es selbst
+einmal aussprach, in seinem Gewissen die Pflicht wie eine Pistole
+zielte.
+
+[Illustration: Bismarcks Tod (»Punch«, August 1898)]
+
+Seltsam genug: So fernhin uns die Gestalt dieses Mannes zu entschweben
+scheint, so mächtig sie emporwächst, je mehr die Distanz sich
+vergrößert, desto näher tritt sie uns doch menschlich in ihren
+einzelnen Zügen, in dieser ganzen Fülle eines urgewaltigen, heißen,
+vorwärtsstürmenden, schöpferischen Lebens, in der ganzen Macht des
+in ihr wirkenden Gemütes. Wo immer sich ein neuer Zug in Briefen und
+Dokumenten offenbart, die erst den Späteren zugänglich wurden, da
+wächst noch der Eindruck, der Zauber, den diese Persönlichkeit auf
+uns ausübt. Keine andere Gestalt, auch Goethe nicht, weckt in uns
+so stark das Verlangen, bis in alle Einzelheiten ihres Lebens zu
+dringen, in jede Stunde ihres Wachsens und Werdens zu schauen, wie der
+große Sohn der märkischen Erde. Wo der Grund liegt? In dem seltsamen
+Zusammenklang von eiserner Entschlossenheit und rücksichtslosem Willen
+mit einem tiefen und zarten Gemüt, in der eigentümlichen Harmonie von
+todesverachtender Tapferkeit und einem Humor, der wie eine Perle in
+der Tiefe ruht. Er schritt nicht, wie Moltke, kühl und gelassen und
+unberührbar durch die Welt und das Leben — der unbezwingliche und
+unbesiegte Schlachtendenker wurde nie von der Menge umstürmt, die seine
+Hand zu fassen und mit Küssen zu bedecken verlangte. All die Großen
+der Geschichte ziehen an uns vorüber, seit Alexanders Zeiten und seit
+Cäsar: keiner von ihnen trat den Menschen so nahe wie Bismarck, keiner
+von den Staatsmännern, den Herren des Schlachtfeldes, den Künstlern.
+Die Schranke kühler Überlegenheit trennte Friedrich den Großen von
+seinen Preußen und verschloß ihm den Zutritt zur letzten und höchsten
+Volkstümlichkeit; die Majestät des Herrschers scheuchte selbst von
+Wilhelm dem Einzigen die Vertraulichkeit ab. Aber die dichten Brauen,
+der durchdringende Blick, die mächtige Figur eines Bismarck flößen
+selbst dem Kinde keine Scheu ein. Mit leichter Hand streicht es über
+die Züge, freundlich lächelt es dem Bilde zu: es fühlt das Menschliche
+im Wesen dessen, den dieses Bild darstellt. Und dieses Menschliche
+wird niemals allzu menschlich, wirkt niemals dürftig und klein; jede
+Einzelheit bleibt bedeutend: der ~einzige~ vielleicht, der auch vor
+dem Kammerdiener noch ein König war. Wo fällt ein Schatten auch nur
+auf sein privates Leben? Wo schleicht sich ein niedriger Zug in die
+Tafel seiner Geschichte? Irrtümer mochten auch ihm nicht erspart sein,
+weil auch der Genius die Schleier der Vorsehung nicht durchdringt,
+aber auch diese Irrtümer entflossen starken und großen Motiven, ob
+wir auf die erschütternden Seelenkämpfe der Jungmannszeit, auf das
+Ringen im preußischen Konflikte, auf die Arbeit für den Ausbau des
+Reiches, auf die letzten Kämpfe des gefesselten Prometheus blicken.
+— Wo liegt das Geheimnis der Liebe? Wo das Geheimnis der Größe? Die
+Liebe eines Volkes wird dort am sichersten wachsen, wo jeder einzelne
+Volksgenosse, wie in Bismarck, ein Stück des eigenen Wesens verkörpert
+sieht, wo er alles findet, was in ihm selbst an Gutem und Bedeutendem
+schlummert. Und wo dieses sein eigenes Wesen in origineller Prägung
+vor seine Augen tritt. Das Volk liebt nicht sie, die wie Griechenlands
+Götter in Marmorpalästen wohnen und auf ragenden Höhen, die schweigend
+droben über den ewigen Sternen wandeln, es liebt die anderen, die in
+dem bunten Gewimmel des Lebens stehen, mit ihm ringen und Kraft aus ihm
+ziehen, die seinesgleichen bleiben, auch wenn der Fittich des Genius
+sie zu den Wolken erhebt, die mit uns leben und mit uns lieben, die
+unsere Freude teilen und mit uns leiden, die mit uns zürnen, wenn wir
+zürnen, und die dennoch alles Typische in Besonderheit wandeln und
+scharf und klar und unverrückbar als Persönlichkeiten vor unsere Augen
+treten.
+
+Es gibt aber ein Merkzeichen der Volkstümlichkeit: die ~Anekdote~.
+Sie umfaßt und ergreift nicht das, was nichtig und zufällig ist,
+sondern sie dringt, richtig verstanden und bewertet, in das innerste
+Wesen des Menschen, und sie stellt uns in köstlicher Plastik dar,
+was die psychologische Analyse oft vergebens zu erläutern sucht.
+Sie ist und wirkt durch und durch lebendig; sie malt nicht mit dem
+Tintenstift, sondern mit vollen und satten Farben; sie bleibt nicht an
+der Oberfläche haften, sondern sie dringt in die letzte Tiefe. Und sie
+zeigt zugleich die Eigenart und die Kraft der Persönlichkeit, an die
+sie sich kettet. Denn sie entströmt ihr selbst; die Persönlichkeit ist
+ihr Schöpfer. Sie wird dort in reichem Strome fließen, wo das Wesen
+die originelle Prägung trägt; sie wird versagen, wo selbst ein Mann
+von Moltkes Größe doch im letzten Grunde einseitig bleibt. Sie wird
+strömen, wo der Humor, die letzte und tiefste Erfassung der Probleme
+des Lebens, die Seele erfüllt; sie wird aber versiegen, wo kühles
+Erwägen den warmen Blutstrom zurückdrängt. Und sie wird zuletzt auch
+dort nur haften, wo ein reiches Menschentum auch gegen den Widerspruch
+der Alltäglichen seine eigenen Bahnen wandert.
+
+[Illustration: ~Zu Bismarcks Geburtstag~
+
+Das Komitee des Bismarck-Fonds sollte den Überschuß der Spenden zur
+Ausschreibung eines Preises für denjenigen »Kraftmeier« verwenden, der
+dem siebzigjährigen Bismarck dieses Kunststück nachmacht. (»Humor.
+Blätter«, 1. April 1887)]
+
+Bismarcks Größe trat dem deutschen Volke nahe, weil sich die Strahlen
+seines Geistes in dem Prisma seines Humors brachen. In der Hamburger
+Dramaturgie hat Lessing diesen Begriff erläutert. »Ich glaube es
+unwidersprechlich beweisen zu können, daß Humor und Laune ganz
+verschiedene Dinge, ja in gewissem Verstande ganz entgegengesetzte
+Dinge sind. Laune kann zu Humor werden, aber Humor ist, außer in
+diesem einzigen Falle, nie Laune.« Es ist in der Tat der Humor nicht
+das Produkt einer wechselnden Stimmung, sondern er ist eine stehende
+Stimmung, die Grundstimmung des Gemütes; er blüht nur in der Freiheit
+des Geistes und ist die reifste Frucht der Bildung. Er trägt die Seele
+über Abgründe hinweg und lehrt sie mit ihrem eigenen Leide spielen. Er
+ist die Gemütlichkeit, wie wir Deutschen es nennen. Hinter der Komik,
+die erscheint, verbirgt sich ein tiefer Ernst und die Weisheit der
+umfassendsten Lebensanschauung. Die Alten kannten ihn nicht, so paradox
+es klingt, weil sie die Trauer und die Sehnsucht nicht kannten. Der
+Humor ist germanisch, wie Luther, Shakespeare und Bismarck; er vereint
+den tiefen Ernst und den heiteren Frohsinn in dem Brennpunkt des
+Gemütes. Und er löst alle Widersprüche auf. Die Anekdote aber wandert
+in seinem Gefolge; sie ist sein legitimer Sprößling gleich dem Witz,
+nur wird sie vom Wohlwollen geboren und vom Lächeln empfangen, während
+an der Wiege des Witzes und vor allem der Karikatur nur allzuoft die
+Bosheit steht.
+
+[Illustration: Bismarck als Triumphator über den deutschen Michel im
+tschechischen Vilde. (»Hum. Listy«, August 1879)]
+
+Wie weltenfern ist darum Bismarcks Größe von der Größe der anderen, die
+gleich ihm das Antlitz der Welt zu wandeln bestimmt waren! Wo fällt
+der goldene Schimmer des Humors jemals auf Napoleons eisernes Antlitz?
+Wo umstrahlt er Cäsars oder Friedrichs des Großen Werkstatt? Wo packt
+uns, wie hier, die tiefe Innigkeit eines Gemütes, in dem die Kraft der
+äußersten Liebe sich mit der Kraft des unnachsichtlichen Hasses, die
+rücksichtslose Kraft des weltengestaltenden Staatsmannes mit dem zarten
+Künstlersinn des Freundes der Natur, mit dem weichen Empfinden des
+Schreibers der Briefe an seine Braut zu vereinen verstand? Bismarck war
+groß auch in seinem Menschentum.
+
+Und darum verlangt die Menschheit nach mehr als nur nach dem Rahmen des
+Lebens, und sie verlangt auch einen anderen Inhalt als das Register
+seiner geschichtlichen Taten. Neben das Bedürfnis des forschenden
+Geistes tritt das Bedürfnis der Liebe; neben dem hellen Mittag behält
+das Abenddämmern sein Recht mit seinen leisen Gesprächen, seinem
+stillen Erzählen von Tat und Geschehen, von Helden und Sagen. Die
+Kinder, sie hören es gerne.
+
+Nur in Bismarck ist das Geheimnis der Größe zugleich das Geheimnis der
+ihm dargebrachten Liebe. Er steht dem Volke menschlich nahe wie niemand
+sonst. Und als er starb, da war es, als ging uns allen der beste Teil
+des Lebens verloren. Wie anders sonst! Als die letze Kunde kam von dem
+stillen Eiland im Weltmeer, auf dem Napoleon den Tiefgang seines Lebens
+betrauerte, da erzitterte wohl auch die Menschheit in dem Bewußtsein,
+daß hier ein Riese der Macht der Natur erlag, aber die Trauer des
+Herzens hat gefehlt, das letzte und wertvollste Zeichen menschlicher
+Größe. Metternich beherrschte einst durch sein zähes und kluges System
+den Kontinent von Europa, Gortschakoff träumte sich als Bismarcks
+Meister, Gambetta hatte die Leidenschaftlichkeit seines Volkes zu
+dem letzten verzweifelten Kampfe gegen Deutschlands siegreiche
+Heere gespornt, Cavour und Viktor Emanuel haben Italiens Einheit in
+rühmlichem Kampfe erfochten. Und doch hat, als sie starben, der Werktag
+nicht sein Antlitz geändert. Kaiser und Könige schieden, der starken
+Hand eines Nikolaus entfiel das Zepter, der dritte Napoleon, der einst
+der Welt Gesetze zu geben gedachte, zollte dem Schicksal den letzten
+Tribut. Wo aber war die Menschheit so tief erschüttert wie an jenem
+Tage, der ihr Bismarck raubte!
+
+[Illustration: ~Im norddeutschen Parlament~ Entschieden ist er und ein
+gewaltiger Redner; das muß man ihm lassen. (»Figaro«, 5. März 1870)]
+
+Und seltsam beinahe: Solange Bismarck lebte, stand er immer im Kampfe
+mit einer Welt. Nirgends betrat er die ebene Bahn, nirgends schritt
+er ungehindert dem Ziele zu. Er mußte selbst ringen mit seinem alten
+König, mit dem Manne, dem er doch sterbend noch in der Inschrift
+seines Grabes das Geschenk seines Lebens vermachte; er mußte ringen
+mit dem Vorurteil der deutschen Welt, daß die großen Entscheidungen
+des Schicksals durch Resolutionen und Aktenstöße, nicht auf blutigem
+Blachfeld gefällt werden. Gegen ihn erhob sich die Masse der Kleinen,
+der Ehrgeizigen und der Verkannten. Ihm stellte sich alles entgegen,
+was vor der Größe zurückschreckt; an ihm verzagten in böser Zeit
+selbst die ältesten und getreuesten Helfer. Parteipolitisches
+Hoffen, höfischer Ehrgeiz, Doktrinarismus werden niemals dem Fluge
+des Genius vorbehaltslos folgen; sie werden in ihm stets etwas
+Feindliches spüren; sie werden versuchen, den Ragenden auf das Maß
+der eigenen Kleinheit zurückzuführen. Und feindlich wird ihm auch der
+»gesunde Menschenverstand« bleiben, dieser Trost des Philisters, der
+selbstgefällig nur die Weisheit der Allgemeinheit schlürft, der nach
+Schlußsatz und Kettenregel seine Folgerungen zieht, der aber stets
+abgestoßen wird von dem anderen, der intuitiv seine Entschlüsse faßt,
+der unregelmäßig erscheint, weil er das gewöhnliche Geleise verschmäht,
+der nur der Stimme der Gottheit folgt und den Pedanten verachtet.
+Bismarck hatte kein System; er hinterließ auch keine Schüler. Denn
+das scheinbar Unregelmäßige, das sich erst in einer höheren Sphäre
+gestaltet, läßt sich weder lehren noch lernen. Darum blieben auch sie,
+die in den langen Jahren gegen ihn rangen, die zehnfach an ihm irre
+wurden, doch redliche, vaterlandstreue Männer. Es ist kein Verbrechen,
+dem Genie zu erliegen, wohl aber erhöht es die Qualen des großen
+Menschen, wenn er das, was er als Goldmünze von der Vorsehung empfing,
+täglich und stündlich in die kleine Münze des Marktverkehrs umsetzen
+muß.
+
+[Illustration: ~Der Baumkraxler~
+
+Michel: »Das ist gut, die streiten sich da herunten noch, wer kraxeln
+soll, während er schon lange oben ist.« (»Figaro«, August 1864)]
+
+So hat man gegen den Weg, den Otto von Bismarck einschlug, um
+Preußen stark und durch Preußens Stärke Deutschland groß zu machen,
+selbst dort gekämpft, wo man in schwungvollen Reden und in hallenden
+Beschlüssen dafür eintrat, daß das Vaterland größer sei und die
+schwarzrotgoldene Fahne über alle Lande von Memel bis nach Konstanz
+flattern muß. Der Doktrinarismus kennt nur ~einen~ Weg: den Weg, den
+er selbst approbierte, und jeder Schritt, jedes Abweichen von dieser
+Bahn erscheint ihm als ein Verbrechen gegen die eigene Majestät. Was
+Bismarck damals, als er eben in den Kampf eintrat, als man ihn als
+prahlenden Junker, als hohlen Großsprecher, als Napoleonverehrer und
+Städtevertilger begrüßte, als man ihn wechselnd mit Catilina und
+Strafford verglich und als Verräter beschimpfte, in seinem Brief an
+Motley schrieb, mag hart und ungerecht klingen trotz der humoristischen
+Färbung, aber es zeichnet doch den tiefen Unterschied zwischen dem
+Tatenmenschen, der schaffen will, und den Doktrinären, die selbst der
+Vorsehung ihre Bedingungen vorschreiben möchten: »Eure Gefechte sind
+blutig, unsere geschwätzig. Diese Schwätzer können Preußen wirklich
+nicht regieren; ich muß dem Widerstand leisten. Sie haben zu wenig
+Witz und zu viel Behagen. Dumm in seiner Allgemeinheit ist nicht der
+richtige Ausdruck; die Leute sind, einzeln betrachtet, zum Teil recht
+gescheit, meist unterrichtet, regelrechte deutsche Universitätsbildung,
+aber von der Politik gegenüber den Kirchturminteressen verstehen sie
+so wenig wie wir als Studenten davon wußten, ja noch weniger; in
+auswärtiger Politik sind sie auch einzeln genommen Kinder; in allen
+übrigen Fragen aber werden sie kindisch, sobald sie =in corpore=
+zusammentreten. Massenweise dumm, einzeln verständig.« Protestierte
+doch sogar, als Bismarck erklärte, nur eine preußische Sprache zu
+reden, ein Sybel gegen seine Politik, die »sich hiermit wieder das
+Zeugnis ausstellt, daß die Essenz ihres Wesens die Nichtachtung des
+Rechtes ist, daß sie weder im Innern noch nach außen handeln, weder
+ruhen noch wirken, weder leben noch sterben kann, ohne die Gesetze des
+Landes zu verletzen«. Und wie Sybel, so urteilten Twesten, Unruh,
+Simson, Waldeck, Vincke und Carlowitz und die anderen, und sie alle,
+die tausendmal das Lied von den meerumschlungenen Landen gesungen
+hatten, ließen durch den Vertreter der Mehrheit erklären: »Sagen wir
+uns von jeder Gemeinschaft mit der Politik dieses Ministeriums los!«
+Und sie jubelten Virchow zu, als er ausrief: »Er ist jetzt dem Bösen
+verfallen, und er wird von ihm auch nicht mehr loskommen!« Und sie
+lehnten die Anleihe für den Dänischen Krieg ab. Und als der Kampf
+siegreich beendet war, und als die preußischen Fahnen über Düppel
+und Alsen wehten, da füllten sie wiederum die Sitzungen nur mit
+Streitigkeiten, Vorwürfen und Anklagen. Da verwarfen sie abermals
+das Heeresgesetz und weigerten sich, das Geld für eine Flotte und
+für den Lorbeerkranz zu gewähren, der um Preußens Stirne gebunden
+war. Und Bismarck mußte ihnen zornig erklären, daß im allgemeinen
+wohl die Existenz auf der Basis der Phäaken bequemer sei als auf der
+Basis der Spartaner, im Lande der Philister angenehmer als im Lande
+der gehärteten Kämpfer, daß er aber hoffe, daß wie Düppel und Alsen
+ihnen zum Trotz erobert seien, so Preußen, ungeachtet ihrer impotenten
+Negative, auch eine Flotte bekommen werde, deren Bau man ihm eben
+versagte. Das Talent bleibt Reflexion, das Genie ist Tat. Dort die
+ungeheuren, wimmelnden Scharen, einander treibend und drängend, sich am
+Nachbarn erwärmend und von ihm mit neuem Mute begabt; hier der ~eine~,
+der mit breiter Brust sich dem Strom entgegenstellt. Und noch in späten
+Jahren, als alte Träume längst Wirklichkeit wurden, schrieb Bismarck,
+wenn er jener Zeiten gedachte, in neu erwachender Bitterkeit: »Es
+liegt im Rückblick auf die Situation ein bedauerlicher Beweis, bis zu
+welchem Maße von Unehrlichkeit die politischen Parteien bei uns auf dem
+Wege des Parteihasses gelangen. Es mag ähnliches anderswo vorgekommen
+sein, doch weiß ich kein Land, wo das allgemeine Nationalgefühl und
+die Liebe zum Vaterland den Ausschreitungen der Parteileidenschaft so
+geringe Hindernisse bereitet, wie bei uns. Die für apokryph gehaltene
+Äußerung, welche Plutarch dem Cäsar in den Mund legt, lieber in einem
+elenden Gebirgsdorfe der Erste, als in Rom der Zweite sein zu wollen,
+hat mir immer den Eindruck eines echt deutschen Gedankens gemacht.
+Nur zu viele unter uns denken im öffentlichen Leben so und suchen
+das Dörfchen, und wenn sie es in geographischer Art nicht finden
+können, die Fraktion, Unterfraktion und Koterie, wo sie die ersten
+sein können. Diese Sinnesrichtung, die man nach Belieben Egoismus und
+Unabhängigkeit nennen kann, hat in der ganzen deutschen Geschichte von
+den rebellischen Herzögen der ersten Kaiserzeiten an ihre Betätigung
+gefunden.«
+
+[Illustration: Ritter, Tod und Teufel Nach Albrecht Dürer. (»Berliner
+Wespen«, Juni 1875)]
+
+Was ist der Parteigeist anderes, als Doktrinarismus? Sie beide sind
+immer beschränkt, durch die Gesetze der Pedanterie beengt, ablehnend
+gegen die großen Gedanken, die dem Herzen entstammen, gegen die Kräfte
+der Begeisterung und des Gemütes. Sie werden stets unfruchtbar bleiben,
+gelenkt durch den Groll gegen die großen schöpferischen Geister, die es
+wagen, von der Säule des Prinzips hinabzusteigen in das blühende Leben.
+Der Doktrinarismus hat den großen Staatsmann gleich der Parteiwut
+verfolgt durch sein ganzes Leben, einer knurrenden Dogge vergleichbar,
+die sich an die Spur des Wanderers heftet. Was heute uns einfach und
+selbstverständlich erscheint, das wollte und konnte er nicht begreifen,
+eben weil es nicht nach seinem eigenen Gesetze erreicht werden sollte.
+Er hat zehnmal öfter »Fort mit Bismarck« geschrien, als er »Hoch
+Bismarck« rief.
+
+[Illustration: ~Bismarcks Kopf auf der Guillotine~
+
+Auf der Stirne stehen die Worte: »Ehrgeiziger Schuft«. Die Unterschrift
+lautete: »Ich habe dich gekriegt, ich hab’s auf deine Stirne
+geschrieben, wer du bist, und jetzt drängt man herbei, um dich zu
+verspotten.« Die Aasgeier fliegen schon heran. (Französ. Flugbl. 1870)]
+
+Denn dieser Mann hat die Kühnheit gehabt, nie einer Fraktion
+anzugehören. Er ist, wie er es einmal aussprach, =à tour de rôle=
+herumgegangen, aber die Doktrin gab er stets wohlfeil: »Wer auf dem
+Standpunkt, den er einmal gehabt hat, feststeht, der bleibt zurück!
+Doktrinär bin ich in meinem Leben nicht gewesen; alle Systeme, durch
+welche die Parteien sich getrennt und gebunden fühlen, kommen für mich
+in zweiter Linie; in erster Linie kommt die Nation, ihre Stellung nach
+außen, ihre Selbständigkeit, damit wir als große Nation frei atmen
+können.« Bismarck hatte keine vorgefaßte Meinung; und die Menschen des
+Prinzips glichen ihm Wanderern, die mit quergelegten langen Stangen auf
+einem engen Waldweg vorwärts kommen wollten. Er wurde aber Sieger, weil
+in ihm die Kraft der Leidenschaft lebte, wie es ja nie eine Genialität
+ohne Leidenschaft gibt. Neue, kühne, begeisterte Ideen erzeugt nur
+ein heller Kopf, der über einem glühenden Herzen steht, wie der
+köstlichste Wein nur auf Vulkanen gedeiht. Und Bismarck war Autodidakt.
+Er war nicht über den Paßweg der Examina gegangen, er war nicht die
+Stufenleiter zu hohen Ämtern mühsam emporgeklettert, und als er den Weg
+nach Frankfurt antrat, auf den wichtigsten Posten, den Preußen kannte,
+da mochten ihn die Männer vom Bau als Dilettanten, als »Diplomaten =en
+sabots=« begrüßen und auf ihn das Wort anwenden, das einst für Lord
+Russel galt: »Der Mensch würde auch das Kommando einer Fregatte oder
+eine Steinoperation übernehmen.« Er selbst hat ja gefürchtet, daß er
+sich »wegen Unkenntnis der aktenmäßig üblichen Formen blamieren würde«,
+er hat, als er zuerst »vom Rade des Lebens gefaßt war«, sich erst
+gewöhnen müssen, »ein regelmäßiger Arbeiter und trockener Geschäftsmann
+zu sein, viele und feste Arbeitsstunden zu haben und alt zu werden«,
+und humoristisch schreibt er an die Gattin, und doch voll leichter
+Bitterkeit über die verlorene Freiheit: »Dann muß ich einen großen
+Train und Haushalt führen, und Du, mein armes Kind, mußt steife Hecke
+spielen, Diners und Bälle geben, schrecklich vornehm tun, Exzellenz
+heißen und mit Exzellenzen klug und weise sein.« Aber wenn Spiel
+und Tanz auch vorbei sind, so ist er doch entschlossen, ein ernster
+Mann zu sein, auszuharren auf dem Fleck, auf den Gott ihn gesetzt,
+und dem König und dem Lande seine Schuld zu bezahlen. Es ist das
+Selbstbewußtsein, das Kraftgefühl des Genies, das ihn, den Gutsbesitzer
+mit mäßigem Vermögen, der erst seit wenigen Jahren als Abgeordneter im
+politischen Sturme stand, zum Sieger über die Zunftdiplomaten, über all
+die geschäftigen Müßiggänger am deutschen Bundestag erhebt. Nur daß
+er die zehn Jahre des tollen Junkertums benutzt hat, in alle Tiefen
+des Wissens zu dringen, fertig zu werden an Geist und Charakter, alle
+Kultur zu gewinnen, die das Jahrhundert schuf. Kein anderer Staatsmann
+gleicht ihm in der Fülle des Erschauten und Erkannten, kein Redner
+ist darum so reich wie er an Gleichnissen und Bildern und an lebenden
+Zitaten aus den Werken der großen Dichter aller Nationen. Hier ist
+nichts künstlich angewandt, sondern alles Erschaute und Erkannte
+schmilzt mit dem eigensten Wesen des Mannes zusammen und wird sein
+unverlierbares Eigentum. Und das Beste geben ihm nicht die Bücher,
+sondern das Leben, in das er mit hellen, schnell erfassenden Augen
+blickt. So ward er ein Feind der Reflexion und wurde und blieb ein Mann
+des Handelns, und über der Pforte seines Daseins standen die Worte: »Am
+Anfang alles männlichen Daseins steht nicht das Wort, sondern die Tat.«
+
+[Illustration: =In patriae serviendo consumor!= (»Ulk«, 13. November
+1896)]
+
+Und so löschte er von dem Tage an, da er in das geschichtliche Leben
+eintrat, von der Tafel die Politik der Perücken und schuf eine neue
+Politik der Kühnheit und der Wagnis. Nur die selbstbewußte Kraft des
+Genies, das über den Tag und seine Bedürfnisse hinwegblickt, konnte
+diesen Weg unbeirrt vorwärtsschreiten, auf dem überall Haß und Hohn
+als Hindernisse standen. Bis dann langsam das Verständnis für das
+Werden und die Ziele dieses Mannes erwachte, bis Groll und Mißmut sich
+beugten und selbst der Fremde, der Feind ausrief, daß kein Pantheon
+groß und vornehm genug sei, um ihm als Ruhestatt zu dienen.
+
+[Illustration: Gehässig wird Bismarck als Tartüff, ehrgeiziger Fälscher
+und Betrüger dargestellt. (»Les Célébrités«, Nr. 15, während des
+Krieges in Frankreich)]
+
+Und ein seltsames Eingeständnis machten selbst sie, die ihn bekämpften.
+Die ~Karikatur~ wird dort nur lebendig sein, wo Menschen den Rahmen
+des Gewöhnlichen verlassen und im Guten oder Bösen aus dem Geleise
+des Gewohnten treten. Überall aber, wo der Stift des Spötters den
+Lebensweg Bismarcks begleitet hat, dort hemmte ihn ein unbewußter
+Respekt vor der geahnten Größe an Exzessen der Phantasie. Der glühende
+Haß der Besiegten des großen Jahres und der anderen Kriege mochte ihn
+als Frevler auf die Guillotine senden, ihn meineidig oder blutgierig
+schelten, aber tritt nicht aus der Wildheit des Hasses sieghaft die
+Größe des Gegners hervor? Auf ihn allein und vor allem häufte sich
+seit dem Tage von Sedan aller Ingrimm des französischen Volkes. Er
+glitt an Roon und Moltke und selbst an König Wilhelm vorüber, um immer
+wieder ihn, den Gewaltigen, den Gefürchteten zum Ziele zu wählen. Hier
+verschmäht er spöttische Scherze; hier bleibt er heißer Zorn. Hier
+sucht er andere Bilder, als sie selbst die preußische Konfliktszeit und
+der Kulturkampf gebrauchte. Und eben hiermit neigt er sich doch wider
+Willen vor der überlegenen Größe. Und darum spiegelt sich hier wie dort
+in diesen Bildern des Spottes und der Ironie wie im Zerrspiegel etwas
+vom Wesen des Mannes wider: Auch das Negativ, das Licht und Schatten
+umgekehrt verteilt, läßt uns das originale Bild erkennen.
+
+Und aus Scherz, Satire und Ironie, aus Anekdote und Karikatur soll
+hier ein Bild gezeichnet werden. Und wer es mit Fleiß betrachtet, wer
+den kraftvollen Hauch verspürt, der aus all dem scheinbar Kleinen und
+Nebensächlichen und doch Erlebten zu uns dringt, und wer zugleich
+im Negativ zu lesen versteht, vor dem wird doch wieder und wieder,
+gewaltig wie der Roland im Hamburger Hafen, die Gestalt dieses einzigen
+Mannes erstehen, der, ein geborener Herrscher, die Gemüter der Menschen
+regierte, wie der Wind die Wolke regiert, und der mit eiserner Faust
+die Geschichte zwang, daß sie seinem Willen folgte. Widerstrebend und
+scheu zugleich wie ein Araberhengst, der den Meister verspürt.
+
+[Illustration: Bismarck als Drachentöter. (»Jugend«, 1908)]
+
+
+
+
+Die Kindheit
+
+
+Als der Pfarrer von Schönhausen den Namen Otto von Bismarck in das
+Kirchenbuch der Gemeinde eintrug, da verhallte eben in der Ferne der
+Kanonendonner, der das Jubellied der neuerrungenen deutschen Freiheit
+begleitet hat. Da schien auf dem blutgetränkten Felde junge Hoffnung
+zu sprießen, der Glaube an ein geeintes deutsches Reich ergriff die
+von dem Stolze über die aus eigener Kraft erfochtenen Siege erfüllte
+Menschheit; das Tor des Kyffhäuserberges schien gesprengt, alter Glanz
+wiederzukehren und junge Freiheit zu wachsen. Aber die Zeit war noch
+nicht erfüllt; das Geschlecht, das bei Leipzig und Waterloo siegte, war
+noch nicht reif. Die Erziehung, die das deutsche Volk durch Napoleons
+eiserne Faust und durch den feurigen Schöpfergeist Scharnhorsts und
+des Freiherrn vom Stein erhalten hatte, trug noch nicht die ersehnten
+Früchte. Und fast ist es ein Glück: Nicht aus den Händen intriganter
+Diplomaten, die in Wien sich um die Landkarte stritten, nicht nach dem
+Willen fremder Souveräne sollte das deutsche Volk die besten Gaben
+seines Schicksals erhalten, sondern von der eigenen gesteigerten Kraft,
+vom eigenen Verdienst. Erst mußte die Nation durch das Fegefeuer einer
+neuen harten Prüfungszeit wandern, ehe wirklich die Zeit erfüllt war.
+Und wunderlich, daß just in jenen Tagen, die so bittere Enttäuschung
+heraufführen sollten, in dem märkischen Dorfe, die Welt begrüßend, die
+Stimme des Knaben erklang, der alles Hoffen erfüllen, alles Leid in
+Segen verwandeln sollte. Die Zeit aber, die bestimmt war, eine Zeit
+des Reifens, des inneren Erstarkens für die deutsche Nation zu werden,
+diese Zeit der scheinbaren Erstarrung, in der über dem Weltteil sich
+mit schwerem Druck der armselige Ideenschatz der heiligen Allianz
+gelegt hat, in der Stein vor Metternich erlag und Hilflosigkeit und
+böser Wille in dem Bundesstaate nur die Karikatur eines Staatsgebildes
+schufen, diese Zeit der Indolenz, die nur der flammende Mut der Jugend
+zuweilen mit Blitzen heiligen Zornes erhellte, ist auch die Zeit des
+jugendlichen Reifens jenes Mannes gewesen, der sie ins Grab geleiten
+sollte. Bismarcks Jugend stand nicht unter dem Sterne bedeutenden
+Geschehens, hinreißender Taten. Philosophie und Empfindsamkeit führten
+die Herrschaft; die Tatenmenschen fanden keinen Raum. Der gewaltigen
+Periode der Freiheitskämpfe folgte die Reaktion der Ermattung.
+
+Am 11. April 1815 erschien in der Spenerschen Zeitung zu Berlin
+folgende Anzeige:
+
+ Die gestern erfolgte glückliche Entbindung meiner Frau von einem
+ gesunden Sohn verfehle ich nicht, allen Verwandten und Freunden
+ unter Verbittung des Glückwunsches bekanntzumachen.
+
+ Schönhausen, den 2. April 1815. Ferd. v. Bismarck.
+
+Schönhausen — noch steht das alte, efeuumsponnene Haus, noch kann ein
+dankbares Volk ehrfürchtig dorthin wallfahren, wo Bismarcks Wiege
+stand, noch ist das Zimmer unverändert, in dem Frau Wilhelmine einst in
+Nöten rang.
+
+[Illustration: Geburt Bismarcks]
+
+Otto von Bismarck war das vierte Kind seiner Eltern, doch war nur
+der fünf Jahre ältere Bernhard noch am Leben. Siebenundzwanzig Jahre
+zählte die Mutter, fünfundvierzig der Vater, als dem Schöpfer des
+neuen deutschen Reiches die Geburtsstunde schlug. Ein schlichter, mit
+Glücksgütern nicht reich gesegneter Landwirt, der einst als Rittmeister
+das Heer verließ, hatte jene Anzeige in der Zeitung erlassen. Fünf
+Fuß zehn Zoll zeigte das Maß des Vaters, kräftig und derb war seine
+Erscheinung. Die Mutter aber, Wilhelmine Mencken, war mittelgroß,
+zeigte feine Züge und leuchtende Augen. Sie war schön und geistreich,
+städtisch erzogen, und sie verlor auch in der Fülle des ländlichen
+Lebens niemals die heimliche Sehnsucht nach der großen Welt. In dem
+Briefe vom 24. Februar 1847, den später der junge Bräutigam an Johanna
+von Puttkamer schrieb, hat er die Mutter geschildert:
+
+
+Wilhelmine Mencken
+
+ »Heute war der Geburtstag meiner verstorbenen Mutter. Wie deutlich
+ schwebt es mir vor, als meine Eltern in Berlin am Opernplatz
+ wohnten, dicht neben der Katholischen Kirche, wenn ich des Morgens
+ durch den Jäger aus der Pension geholt wurde, das Zimmer meiner
+ Mutter mit Maiblumen, die sie vorzüglich liebte, mit geschenkten
+ Kleidern, Büchern und interessanten Nippes garniert fand; dann ein
+ großes Diner mit vielen jungen Offizieren, die jetzt alte Majors
+ sind, und schlemmenden alten Herrn mit Ordenssternen, die von den
+ Würmern verzehrt sind. Und wenn man mich als gesättigt vom Tische
+ geschickt hatte, so nahm mich die Kammerjungfer in Empfang, um mir
+ mit beiseite gebrachtem Kaviar, Baisers u. dgl. den Magen gründlich
+ zu verderben. Meine Mutter war eine schöne Frau, die äußere Pracht
+ liebte, von hellem, lebhaftem Verstand, aber wenig von dem, was
+ der Berliner Gemüt nennt. Sie wollte, daß ich viel lernen und viel
+ werden soll, und es schien mir oft, daß sie hart und kalt gegen
+ mich sei. Was eine Mutter dem Kinde wert ist, lernt man erst, wenn
+ es zu spät, wenn sie tot ist; die mittelmäßigste Mutterliebe, mit
+ allen Beimischungen mütterlicher Selbstsucht, ist doch ein Riese
+ gegen alle kindliche Liebe. ... Von der Religion meiner Mutter
+ erinnere ich nur, daß sie viel in den ›Stunden der Andacht‹ las,
+ über meine pantheistische Richtung und meinen gänzlichen Unglauben
+ an Bibel und Christentum oft erschrocken und zornig war. Zur Kirche
+ ging sie nicht und hielt viel von Swedenborg, der Seherin von
+ Prevorst und Mesmerschen Theorien, Schubert, Justinus Kerner. Eine
+ Schwärmerei, die im seltsamen Widerspruch zu ihrer sonstigen kalten
+ Verstandesklarheit stand.« In den »Gedanken und Erinnerungen«
+ schreibt Bismarck weiter von seiner Mutter: »Sie war die Tochter
+ des in damaligen Hofkreisen für liberal geltenden Kabinettsrats
+ Friedrich des Großen, Friedrich Wilhelm =II.= und =III.= aus der
+ Leipziger Professorenfamilie Mencken, welche in ihren letzten,
+ mir vorhergehenden Generationen nach Preußen in den Auswärtigen
+ und den Hofdienst geraten war. Der Freiherr vom Stein hat meinen
+ Großvater Mencken als einen ehrlichen, stark liberalen Beamten
+ bezeichnet. Unter diesen Umständen waren die Auffassungen, die
+ ich mit der Muttermilch einsog, eher liberal als reaktionär, und
+ meine Mutter würde, wenn sie meine ministerielle Tätigkeit erlebt
+ hätte, mit der Richtung derselben kaum einverstanden gewesen sein,
+ wenn sie auch an den äußeren Erfolgen meiner amtlichen Laufbahn
+ große Freude empfunden haben würde. Sie war in bureaukratischen
+ und Hofkreisen groß geworden; Friedrich Wilhelm =IV.= sprach von
+ ihr als ›Minchen‹ im Andenken an Kinderspiele.« Über »Minchen«
+ lag eine gewisse Kühle, auch ihre Briefe an die Söhne strahlen
+ selten innere Wärme aus. Ihre Briefe sind literarisch, vernünftig,
+ erfüllt von Sentenzen: »Es wäre das höchste Ziel meines Lebens,«
+ so schreibt sie an den jungen Sohn, »und ich dachte es mir als
+ das größte Glück für mich, das ich erreichen könnte, einen
+ erwachsenen Sohn zu haben, der, unter meinen Augen gebildet, mit
+ mir übereinstimmen würde, der als Mann berufen wäre, viel weiter in
+ das Reich des Geistes einzudringen, wie es mir als Frau vergönnt
+ ist.« Ihre Gedanken sind stets auf ein »Leben im höheren Sinne« und
+ eine Vervollkommnung des Geistes gerichtet, niemals unmittelbar,
+ niemals, selbst dem Sohne gegenüber, von rückhaltlosem Mitempfinden
+ erfüllt. Die Frohnatur und die Lust zu fabulieren, die Goethe der
+ Frau Rat verdankte, hat Bismarck von der Mutter sicherlich nicht
+ geerbt.
+
+
+Ferdinand von Bismarck
+
+ »Mein Vater war von aristokratischem Vorurteil frei, und sein
+ inneres Gleichheitsgefühl war, wenn überhaupt, nur durch
+ die Offizierseindrücke seiner Jugend, keineswegs aber durch
+ Überschätzung des Geburtsstandes modifiziert«, so urteilt der
+ achtzigjährige Staatsmann über den Vater. Er war der Landjunker der
+ guten alten Zeit, ein eifriger Reiter und Jäger, der Freund eines
+ guten Trunkes. Über seinem ganzen Wesen liegt ein gewisses robustes
+ Behagen, ein behäbiger harmloser Humor. Er ist ganz unliterarisch,
+ aber er umfaßt seine Jungen mit warmer Güte und väterlicher Treue.
+ Und als sie zu tüchtigen Knaben heranwachsen, da blickt er mit
+ naivem Stolze auf sie. »Mit Eure Zeugnisse«, schreibt er 1828,
+ »brüste ich mich noch immer, gestern waren Bülows, Bekedorff und
+ Blankenburgs hier, wo ich sie zeigte und meine recht innige Freude
+ hatte, wie sie Euch rühmten; schon im voraus freue ich mich auf
+ die, so Ihr auf Johanny schicken, und bin ich von Eurer Liebe
+ überzeugt, daß Ihr unsere Hoffnungen gewiß erfüllen werdet. Ich
+ bin also berechtigt, Nr. 1 entgegenzusehen.« Wirtschaftsnöte und
+ manche Sorge blieben ihm nicht erspart, und als er starb, da ließ
+ der Zustand der Güter vieles zu wünschen übrig. Aber mit einer
+ gottvertrauenden Sorglosigkeit ließ er die Dinge an sich kommen.
+ Daß der Sohn über ihn hinauswuchs, hat er wohl kaum gespürt. Aber
+ das Verhältnis der beiden blieb herzlich und vertraut bis ans Ende.
+
+ Am 15. Mai fand die Taufe statt. Nur das erste Jahr seiner Kindheit
+ verlebte Bismarck in Schönhausen. Denn schon im Jahr 1816 siedelten
+ die Eltern nach Kniephof in Pommern über. Sie waren durch Erbschaft
+ und Vergleich in den Besitz dieses Gutes sowie von Jarchelin und
+ Külz gekommen. Mancherlei landschaftliche Reize bot die Umgebung,
+ und wenn auch das Herrenhaus selbst unansehnlich und einfach war,
+ so waren doch der schöne Garten und der Karpfenteich des Gutes
+ weithin gerühmt. Hier blieb der Knabe bis zum sechsten Lebensjahre.
+ Eine Reihe von niedlichen Zügen ist uns schon aus dieser ersten
+ Periode erhalten.
+
+
+Er baumelt mit den Beenekens
+
+ Aus seiner frühesten Kindheit erzählt eine zur Familie gehörige
+ Dame: »Otto saß am Nebentisch und wartete mit vorgebundener
+ Serviette auf das Essen — das ihm von Kindheit an vortrefflich
+ schmeckte —, den Rücken gegen die Tafel gekehrt, an welcher die
+ Eltern mit den Gästen Platz genommen hatten. Der glückliche Vater
+ betrachtete den Sohn mit den zärtlichsten Blicken und rief dann
+ der Gemahlin entzückt zu: ›Minchen, sieh doch den Jungen, wie er
+ dasitzt und mit den Beenekens baumelt!‹ Und so baumelte denn der
+ kleine Otto ganz vergnügt mit den ›Beenekens‹ weiter zur Freude
+ seines Vaters.«
+
+
+Weil sie zu sehr stankte
+
+ Nach Kinderart hatte Otto die Leidenschaft, alles, was ihm eßbar
+ dünkte, zu kosten. Die Mutter nahm ihn dann scharf ins Verhör.
+ »Otto, was hast du gegessen? Du riechst nach Medizin!« rief die
+ Mutter einst. Das Kind besann sich eine Weile, dann sagte es ruhig:
+ »In des Vaters Stube stand am Fenster eine Flasche, die nahm ich
+ an den Mund; ich habe aber nicht davon getrunken, weil sie zu sehr
+ stankte.«
+
+
+Die Kanonenkugel
+
+ Der Major von Schmeling, Kommandeur des Landwehrbataillons
+ in Naugard, der in den Freiheitskriegen verwundet wurde und
+ infolgedessen den linken Arm in der Binde tragen mußte, war
+ eines Tages bei Bismarcks Eltern zu Tisch geladen. Der immer
+ noch stattliche Krieger erregte in seiner blanken Uniform des
+ Knaben ganze Aufmerksamkeit. Mit fragenden Augen schaute dieser
+ über seinen Suppenteller hin, bald nach dem Eisernen Kreuze auf
+ der Brust des Majors, bald auf dessen unbeweglichen Arm in der
+ Binde. Das kindliche Fassungsvermögen vermochte sich wohl an der
+ Erscheinung des tapferen Offiziers die Konsequenzen von »Blut und
+ Eisen« noch nicht zu erklären; es mochte aber doch eine Ahnung in
+ ihm aufsteigen, denn mit plötzlichem Entschlusse sprang er vom
+ Stuhle, stellte sich in etwas breitbeiniger, doch gerader Haltung,
+ mit den Händen in die Seiten gestemmt, vor den Major hin und frug
+ ihn in echt friderizianischer Art zur größten Heiterkeit der
+ Tischgesellschaft: »Ist Er von einer Kanonenkugel geschossen?«
+
+[Illustration: Jugendbild I]
+
+In Versailles erzählte Bismarck einmal von seiner Jugendzeit und
+seinen frühesten Erinnerungen. Die erste knüpfte sich an den Brand des
+Berliner Schauspielhauses:
+
+
+Die erste Erinnerung
+
+ »Ich bin damals«, so erzählte er, »ungefähr drei Jahre alt gewesen,
+ und es war am Gendarmenmarkt auf der Mohrenstraße, gegenüber dem
+ Hotel de Brandebourg, an der Ecke, eine Treppe hoch, da wohnten
+ damals meine Eltern. Von dem Brande selbst weiß ich nicht, daß
+ ich ihn gesehen hätte. Aber als Egoist weiß ich — vielleicht auch
+ nur, weil man mir’s hernach oft erzählt hat, wir hatten da vor den
+ Fenstern noch so eine Stufe, auf der Stühle und der Nähtisch meiner
+ Mutter standen. Und wie es brannte, da stieg ich hinauf und hielt
+ an der einen Seite meine Hände an die Scheiben und zog sie gleich
+ zurück, weil es heiß war. Hernach ging ich an das rechte Fenster
+ und machte es ebenso.« — »Dann erinnere ich mich noch, daß ich
+ einmal fortlief, weil mein älterer Bruder mich schlecht behandelt
+ hatte. Ich kam bis auf die Linden, da fingen sie mich wieder
+ ein. Ich hätte eigentlich Strafe bekommen sollen, es wurde aber
+ Fürsprache für mich eingelegt.«
+
+Eine andere niedliche Erinnerung aus jener frühen Zeit, die Bismarck
+einmal vor Paris bei Tische erzählte:
+
+
+Seltsame Bälle
+
+ »Ich besinne mich, obwohl ich damals noch sehr klein war, es muß
+ im Jahre 1821 oder 1822 gewesen sein — da waren die Minister noch
+ sehr große Tiere, angestaunt, geheimnisvoll. Da war einmal bei
+ Schuckmann große Gesellschaft, was man damals Assemblée nannte. Was
+ war der als Minister für ein schrecklich großes Tier! Da gingen
+ meine Eltern auch hin. Ich weiß noch wie heute. Meine Mutter hatte
+ lange Handschuhe an, bis hierher (er zeigte es am Oberarm), ein
+ Kleid mit kurzer Taille, aufgebauschte Locken zu beiden Seiten
+ und auf dem Kopfe eine große Straußenfeder. — Später war da ein
+ Gesandter in Berlin, der gab auch solche Bälle, wo bis um drei Uhr
+ getanzt wurde, und wo es nichts zu essen setzte. Da weiß ich, daß
+ ich und ein paar gute Freunde oft hingingen, zuletzt lehnten wir
+ jungen Leute uns auf. Als es spät wurde, zogen wir Butterbrote aus
+ der Tasche und verzehrten sie. Hernach, das nächstemal, gab es zu
+ essen, aber wir waren nicht wieder eingeladen.«
+
+[Illustration: Aus einem Schönschreibheft des Knaben (Aus einer
+humorist. Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag Bismarcks)]
+
+Reicher quellen schon die Erinnerungen aus der Zeit, die Otto von
+Bismarck in dem Plamannschen Institut zu Berlin verlebte, wohin man
+ihn in seinem sechsten Jahre brachte. Dieses Institut war nach den
+Grundsätzen Pestalozzis begründet; in dem Hause Wilhelmstraße 139
+lebten etwa dreißig Schüler in der strengen Zucht ihrer Lehrer, nach
+den Erziehungsgrundsätzen der eben vergangenen eisernen Zeit. Hier
+sollte der Körper gestählt, die Persönlichkeit nach allen Seiten
+ausgebildet und zur Selbständigkeit erzogen werden. Hier hat der
+Knabe, vielfach vom Heimweh nach den Pferden und Kühen und der freien
+Luft der Heimat gefoltert, die erste Lehrzeit des Lebens verbracht.
+Vom frühen Morgen bis zum späten Abend war jede Stunde des Tages
+geregelt. Unterricht, Gymnastik, einfache Mahlzeiten, Arbeitsstunden
+wechselten miteinander, und am Sonntag zog man wohl mit den Lehrern
+auf die Wanderfahrt. Aber ganz froh ist der Knabe hier nie geworden.
+Das Gärtchen mit Kresse und türkischem Weizen und dem einen Baum,
+der breitgeästet im Winkel stand, konnte ihm nicht die Freiheit des
+heimatlichen Lebens ersetzen. Noch in späten Jahren hat Bismarck
+oft bitter von dieser Zeit seiner Kindheit gesprochen und in einer
+vielleicht allzusehr gesteigerten Bitterkeit die Anstalt als ein
+Zuchthaus geschildert. So hat er noch im Jahre 1872 geklagt:
+
+
+Philosophie des Prügelns
+
+ »Meine Geschlechtsfolge besteht aus der Abwechslung einer
+ geprügelten mit einer prügelnden Generation. Die Geprügelten, zu
+ denen gehöre ich — es waren die Gelehrten, die Büchersammler; — sie
+ vermehrten die Hausbibliothek. Da sie hart erzogen wurden, machten
+ sie es an ihren Kindern durch Liberalität wieder gut. Unsere Kinder
+ natürlich sehen aber wieder ein, daß man sie hätte straffer zügeln
+ müssen, und prügeln unsere Enkel!«
+
+Mit Schrecken erinnerte sich der Kanzler auch an die Kost in der
+Anstalt.
+
+
+Elastisches Fleisch
+
+ Es habe dort, so erzählte er in Versailles, ein künstliches
+ Spartanertum geherrscht. Niemals habe er sich satt gegessen,
+ ausgenommen, wenn er einmal ausgebeten gewesen sei. Immer habe es
+ im Institut elastisches Fleisch gegeben, nicht gerade hart, aber
+ der Zahn konnte damit nicht fertig werden. Und Mohrrüben — roh
+ aß ich sie recht gern, aber gekocht und harte Kartoffeln darin,
+ viereckige Stücke.
+
+Um Ostern 1822 traf der Knabe in der Anstalt ein. Einer seiner
+Mitschüler, der sich damals in der Knabenschar befand, die den neuen
+Zögling begrüßte, hat später über diese Szene erzählt.
+
+
+Wie kommt es nur?
+
+ »Wir befanden uns auf dem Mittelflur, als die nach der Straße
+ führende Haustüre sich auftat und der Kutscher des Herrn
+ von Bismarck in dem damals üblichen weiten Mantel mit lang
+ herabhängendem Rundkragen eintrat, Otto, gleichfalls in einen
+ solchen Mantel gehüllt, auf dem Arme tragend. Er war schon damals
+ ein hochaufgeschossener Knabe und ragte weit über das Haupt des
+ Kutschers hinaus. Wir eilten auf Otto zu, aber er verzog keine
+ Miene und sah nur mit imponierendem Ernst von oben herab auf uns
+ nieder. — ›Wie kommt es nur‹ — diese Frage knüpft der Erzähler
+ an jene Mitteilung —, ›daß dieses Bild mir nach mehr als fünfzig
+ Jahren klar im Gedächtnis geblieben ist, dieses Bild eines Knaben,
+ von dem ich sonst aus jener Zeit nichts, durchaus gar nichts weiß?
+ — War das eine Ahnung davon, daß er einst so hoch über uns gestellt
+ sein werde?‹«
+
+[Illustration: Der kleine Bismarck als Pflanzensammler (Aus einer
+humorist. Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag Bismarcks)]
+
+Noch eine andere Schilderung aus jenen Tagen ist uns erhalten. Ernst
+Krigar ein Mitschüler Ottos, hat sie uns in einem kleinen Schriftchen
+gegeben.
+
+
+Der Telamonier Ajax
+
+ »Zu Weihnachten hatte einer unserer Mitschüler von seinen Eltern
+ ›Beckers Erzählungen aus der alten Welt‹ zum Geschenk erhalten; das
+ Buch wurde von uns fleißig gelesen, so daß das eine Exemplar lange
+ nicht ausreichte, unsere Wißbegierde zu stillen. Jetzt wurde der
+ Trojanische Krieg vorgenommen. Der erste, welcher diesen ganzen
+ Teil des Buches auswendig konnte, war Otto von Bismarck. Am Ende
+ des Gartens der Anstalt, jetzt nach der Königgrätzer Straße zu,
+ stand ein schöngewachsener Lindenbaum, zu dem hinaufzuklettern wir
+ die Erlaubnis hatten. Dies war in den Freistunden unser liebster
+ Aufenthalt. ›Nach der Linde!‹ hieß es, wenn irgend etwas Wichtiges
+ mitzuteilen oder zu beraten war. Sie bildete den Mittelpunkt des
+ Gartens für uns. Otto von Bismarck übernahm in der Regel das
+ Vorlesen des Trojanischen Krieges und wählte sich dazu häufig
+ seinen Lieblingssitz auf der Linde. Wir Zuhörer, soweit wir Platz
+ hatten, bestiegen ebenfalls den Baum, die übrigen lagerten sich
+ unter demselben. Mit welcher Aufmerksamkeit folgten wir dem
+ Vorleser, mit welcher Begeisterung wurden die Heldentaten der
+ Griechen vor Troja aufgenommen! Es dauerte nicht lange, so hatte
+ jeder von uns den Namen eines dieser Helden. Bismarck konnte kein
+ anderer als der Telamonier Ajax sein.«
+
+[Illustration: Bismarck in Göttingen als Student (»Jugend«)]
+
+In der Tat war Otto ein frischer, lieber Junge und ein rechter Sohn
+der märkischen Erde. Leicht empfänglich für alle Eindrücke, tapfer und
+ein wenig hitzig, stellte er sich gern auf die Seite der Schwachen
+und kämpfte manche heiße Fehde. Sechs Jahre ist er in der Anstalt
+von Plamann geblieben. Jetzt ist das Haus verschwunden, in dem sie
+einst untergebracht war. Ein Prachtbau erhebt sich in der östlichen
+Häuserflucht der Königgrätzer Straße. Aber eine Tafel verkündet: »Hier
+stand die Bismarcklinde im Garten der Plamannschen Erziehungsanstalt,
+deren Zögling der Fürst Bismarck 1822 bis 1827 war.«
+
+Schon im ersten Zeugnis bescheinigten ihm die Lehrer: »Seine gemütliche
+Freundlichkeit und sein kindlicher Frohsinn machen, daß ihn alle gern
+haben, so wie er auch seinerseits sich zutraulich anschließt.« Erhalten
+ist auch
+
+
+Sein erster Brief
+
+ Liebe Mutter! Ich bin hier glücklich angekommen; es sind die
+ Zensuren ausgefüllt, und ich hoffe, daß Du Dich freuen wirst. Es
+ sind kürzlich neue Springer angekommen, die sehr schöne Kunststücke
+ zu Pferde und zu Fuß machen können. Grüße alles vielmals und bleibe
+ so gesund wie wir Dich verlassen hatten.
+
+ Ich bin Dein Dich liebender Sohn Otto.
+
+War aber Otto immer ein Musterknabe? Erhalten blieb die Tatsache, daß
+er, als ihn der altdeutsch gescheitelte, langlockige Zeichenlehrer eine
+Zierpuppe schalt, ihm blitzschnell die Antwort gab: »Selbst eine!« Und
+auch in den Zeugnissen ist zu lesen, daß er im Arbeiten und Denken
+zu Übereilung, in allen Handtätigkeiten zur Flüchtigkeit neigte, und
+daß er allzu lebhaft und lange beinahe zerstreut war. »Er hat wohl
+über sich zu wachen, daß sein natürlicher Frohsinn nicht ausarte und
+daß jedes seine rechte Stelle habe, der Ernst bei der Arbeit und die
+Fröhlichkeit im geselligen Leben.«
+
+Im September 1827 ging der junge Bismarck in das Gymnasium über.
+Gleichzeitig zogen die Eltern für einen großen Teil des Jahres nach
+Berlin und nahmen ihn auch in ihre in der Behrenstraße gelegene Wohnung
+mit. Während des Winters lebten Otto und sein Bruder Bernhard mit
+den Eltern zusammen, im Sommer zogen Vater und Mutter nach Kniephof,
+während die beiden Jungen, von einem Hauslehrer überwacht und von der
+getreuen Trine Neumann verpflegt, allein in der Hauptstadt wirtschaften
+durften.
+
+
+Trine Neumann und der Eierkuchen
+
+ »Trine Neumann«, so erzählte später der Kanzler, »stammte von
+ meinem väterlichen Gute Schönhausen in der Altmark. Sie hatte
+ uns Jungen herzlich lieb und tat alles, was sie uns an den Augen
+ absehen konnte. So machte sie uns zu Abend fast immer unser
+ Leibgericht: Eierkuchen. Wenn wir gegen Abend ausgingen, ermahnte
+ Trine Neumann uns regelmäßig: ›Bliewt hüt nich so lang ut, dat
+ min Kauken nich afbacken!‹, und regelmäßig, wenn wir endlich nach
+ Hause kamen, hörten wir die gute Trine schon von weitem wie einen
+ Rohrsperling schimpfen: ›Na wart, Jungens, ut euch wart in’n Leben
+ nix Vernünftiges — die Kauken sind all wedder afbackt!‹ Aber der
+ Zorn der guten Trine war immer bald verraucht, wenn sie sah, wie
+ vortrefflich ihre ›afbackten Kauken‹ uns Jungens schmeckten.« —
+ Trompeterlungen-Posaunenstimmen rühmte in jener Zeit der Templiner
+ Onkel seinen »beiden anderen Neffen nach«.
+
+Auf der neuen Schule, dem Friedrich-Wilhelms-Gymnasium, in deren
+Untertertia der Knabe eintrat, gewann besonders der spätere Direktor
+des Grauen Klosters, Professor =Dr.= Bonnell, Einfluß auf ihn. Dieser
+ausgezeichnete Pädagoge, dem Bismarck bis in die spätesten Jahre ein
+treues Gedenken bewahrte, gewann schon in den ersten Tagen die Haltung
+und das Wesen des Knaben lieb. Er erzählt:
+
+
+Ein nettes Jungchen
+
+ »Die Neuaufgenommenen saßen im Schulsaale auf mehreren Bänken
+ hintereinander, so daß die Lehrer während der Einleitungsfeier
+ Gelegenheit hatten, die kleine Schar gehörig durchzunehmen. Otto
+ von Bismarck saß mit sichtlicher Spannung, mit freundlichem
+ Knabengesicht und helleuchtenden Augen frisch und munter unter
+ seinen Kameraden, so daß ich bei mir dachte: Das ist ja ein nettes
+ Jungchen, den will ich besonders ins Auge fassen.«
+
+
+Der dankbare Schüler
+
+ Wie groß die Anhänglichkeit war, die Bismarck noch in späten
+ Jahren für seinen alten treuen Lehrer bewahrte, beweist folgende
+ Episode, die wiederum Bonnell erzählt: »Der 17. April 1871 war der
+ Tag, an welchem die Stadt Berlin die zum erstenmal versammelten
+ Abgeordneten des Deutschen Reichstages in dem großen Festsaale
+ des neuen Rathauses begrüßte. Ich war auch dazu eingeladen. In
+ dem großen Gedränge der Abgeordneten und Notabilitäten jeder Art
+ zog natürlich Bismarck die Aufmerksamkeit am meisten auf sich.
+ Plötzlich steht der große Mann vor mir und reicht mir in gewohnter
+ Freundlichkeit die Hände. Die Hitze des Saales hatte mein Gesicht
+ gerötet; deshalb drückte er seine Freude darüber aus, mich so wohl
+ zu finden. ›Ich kann dies Ew. Durchlaucht zurückgeben,‹ sagte ich,
+ ›und doch haben Sie einen bedeutenden Teil der Weltgeschichte
+ nicht bloß durchgemacht, sondern gemacht.‹ — ›Nun,‹ erwiderte er,
+ ›ich habe so etwas an ihren Fäden gesponnen!‹ Darauf folgten noch
+ andere freundliche Worte, Erkundigungen nach meiner Frau.« Die
+ Zeitungen schilderten dann in den nächsten Tagen den Eindruck,
+ den dieser Vorgang auf die im Rathaussaale Versammelten gemacht
+ hatte. In dem Bericht des einen Blattes hieß es: »Wer ist der
+ kleine alte Herr, mit dem Bismarck so lange spricht, zu dem er
+ sich fast herabzubeugen scheint? Es ist der Direktor Bonnell,
+ der einst des Fürsten Lehrer war. Es tut einem wohl, zu sehen,
+ wie respektvoll der große Schüler noch heute vor seinem alten
+ Lehrer steht.« — Bonnell ist auch der Lehrer der beiden Söhne
+ Bismarcks später geworden. Als sie im März 1869 die Reifeprüfung
+ bestanden hatten, lud der Vater die Prüfungskommission zu Tische.
+ Die Unterhaltung bewegte sich so ungezwungen wie immer in diesem
+ Hause. Da erhob sich der Kanzler mit dem Glase und sprach etwa
+ folgendes: »Vor achtunddreißig Jahren um dieselbe Zeit habe ich
+ das Abiturientenexamen bestanden, und zwar vor demselben Mann und
+ unter Leitung desselben Mannes, der jetzt meine beiden Söhne zu
+ demselben Ziele geleitet hat. Ich weiß, was ich ihm verdanke. Mögen
+ auch meine Söhne ihm stets ein dankbares Andenken bewahren. Indem
+ ich Sie, verehrte Anwesende, auffordere, auf das Wohl meines alten
+ lieben Lehrers, des Direktors Bonnell, anzustoßen, verbinde ich
+ zugleich den Dank an die übrigen Lehrer meiner beiden Söhne.«
+
+
+Sein Konfirmandenspruch
+
+ Am 31. März 1831, einen Tag vor seinem sechzehnten Geburtstag,
+ wurde der junge Otto von dem berühmten Schleiermacher in der
+ Dreifaltigkeitskirche eingesegnet. Noch als greiser Mann erzählte
+ Bismarck: »Noch weiß ich genau das Plätzchen in der Kirche, wo ich
+ unter den Konfirmanden gesessen habe; und als ich dann aufgerufen
+ wurde und vor den Altar treten sollte, pochte mir gewaltig das
+ Herz. Den Spruch, welchen Schleiermacher mir mitgegeben hat, glaube
+ ich ziemlich richtig sagen zu können: ›Was ihr tut, das tut dem
+ Herrn und nicht den Menschen‹; aber die Stelle, wo er steht, habe
+ ich vergessen. Nicht wahr, ein besseres Wort konnte mir nicht
+ mitgegeben werden! Der Spruch soll mein Leitstern bleiben.« Es ist
+ die Stelle Kolosser 3, 23: »Alles was ihr tut, das tut von Herzen,
+ als dem Herrn und nicht den Menschen.«
+
+Superintendent Pank, der an der gleichen Kirche tätig war, sprach im
+Jahre 1880 mit dem Reichskanzler von dieser Zeit und berichtet dann:
+
+ »Zu Hause erzählte ich es meinem Küster; dieser durchblätterte
+ die alten Konfirmandenregister, fand dort richtig den Namen
+ ›Otto von Bismarck‹ und sagte: ›Am kommenden 31. März sind
+ seitdem gerade fünfzig Jahre verflossen; da müßten wir
+ eigentlich dem Reichskanzler einen Jubiläumskonfirmationsschein
+ schreiben; wer weiß, ob er den früheren noch hat.‹ Gesagt,
+ getan. Der Konfirmationsschein wurde angefertigt, mit einfachen
+ Randzeichnungen um den Text, oben das Bild Schleiermachers, unten
+ den obenerwähnten Denkspruch. Am Morgen des 31. März 1880 legte ihn
+ die Fürstin auf den Frühstückstisch des Reichskanzlers. Sie sagte
+ mir nachher, daß er sich kaum über etwas so gefreut habe wie über
+ diese überraschende ernste Erinnerung an einen Gedenktag seines
+ Lebens, an dessen fünfzigste Wiederkehr er nicht im entferntesten
+ gedacht hatte. Als ich einige Zeit darauf dem Fürsten das heilige
+ Abendmahl reichte, führte er mich nach der Feier zu seinem
+ Schreibtisch, auf dessen Mitte der Konfirmationsschein aufgestellt
+ war, und sagte: ›Es hat doch etwas auf sich, wenn man sich
+ sagen muß: Fünfzig Jahre sind dahingegangen, seitdem du vor dem
+ Konfirmationsaltar gestanden! Aber der Spruch soll mein Leitstern
+ bleiben!‹«
+
+
+In Pension
+
+ Bald darauf wurde der Knabe der Pensionär seines Direktors, der
+ am Königsgraben Nr. 4 wohnte. Auch aus dieser Zeit besitzen wir
+ ein Urteil des trefflichen Pädagogen über seinen Zögling: »Er
+ bewegte sich freundlich, anspruchslos und durchaus zutraulich in
+ meiner einfachen Häuslichkeit, die sich damals auf meine Frau
+ und meinen einjährigen Sohn beschränkte. Er zeigte sich in jeder
+ Beziehung liebenswürdig. Er ging des Abends fast niemals aus; wenn
+ ich zu dieser Zeit zuweilen nicht zu Hause war, so unterhielt er
+ sich freundlich und harmlos plaudernd mit meiner Frau und verriet
+ eine starke Neigung zu gemütlicher Häuslichkeit. Er hatte unser
+ ganzes Herz gewonnen, und wir brachten ihm alle Liebe und Sorgfalt
+ entgegen, so daß sein Vater später, nach seinem Scheiden von uns,
+ äußerte, daß der Sohn sich in keinem Hause so wohl wie bei uns
+ gefühlt habe.«
+
+[Illustration: Jugendbild =II=]
+
+Am 14. April 1832 bestand der Jüngling, kaum siebzehn Jahre alt, das
+Examen der Reife mit dem Zeugnis Nr. 2. Seine Mitschüler in der Prima
+haben ihm später im Festsaal der Anstalt ein Denkmal gesetzt, eine
+Büste des Kanzlers auf einem Sockel aus schwarzem Marmor. Der Schüler
+hatte vorher seinen Lieblingslehrer, der zum Direktor des Grauen
+Klosters ernannt worden war, an die neue Anstalt begleitet.
+
+Wie hat Bismarck das Gymnasium verlassen? Er schildert es selbst zu
+Beginn seines letzten Gedenkbuchs: »Als normales Produkt unseres
+staatlichen Unterrichts verließ ich Ostern 1832 die Schule als
+Pantheist, und wenn nicht als Republikaner, doch mit der Überzeugung,
+daß die Republik die vernünftigste Staatsform sei, und mit Nachdenken
+über die Ursachen, welche Millionen von Menschen bestimmen könnten,
+~einem~ dauernd zu gehorchen, während ich von Erwachsenen manche
+bittere oder geringschätzige Kritik über die Herrscher hören
+konnte. Dazu hatte ich von der turnerischen Vorschule mit Jahnschen
+Traditionen (Plamann) deutsch-nationale Eindrücke mitgebracht. Diese
+blieben im Stadium theoretischer Betrachtungen und waren nicht stark
+genug, um angeborene preußisch-monarchische Gefühle auszutilgen.
+Meine geschichtlichen Sympathien blieben auf seiten der Autorität.
+Harmodios und Aristogeiton sowohl wie Brutus waren für mein kindliches
+Rechtsgefühl Verbrecher und Tell ein Rebell und Mörder. Jeder deutsche
+Fürst, der vor dem Dreißigjährigen Kriege dem Kaiser widerstrebte,
+ärgerte mich, vom Großen Kurfürsten an aber war ich parteiisch
+genug, antikaiserlich zu urteilen und natürlich zu finden, daß der
+Siebenjährige Krieg sich vorbereitete. Doch blieb mein deutsches
+Nationalgefühl so stark, daß ich im Anfang der Universitätszeit
+zunächst zur Burschenschaft in Beziehung geriet, welche die Pflege des
+nationalen Gefühls als ihren Zweck bezeichnete. Aber bei persönlicher
+Bekanntschaft mit ihren Mitgliedern mißfiel mir ihre Weigerung,
+Satisfaktion zu geben, und ihr Mangel an äußerlicher Erziehung und
+an Formen der guten Gesellschaft, bei näherer Bekanntschaft auch die
+Extravaganz ihrer politischen Auffassungen, die auf einem Mangel
+an Bildung und an Kenntnis der vorhandenen, historisch gewordenen
+Lebensverhältnisse beruhte, von denen ich bei meinen siebzehn Jahren
+mehr zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte als die meisten jener
+durchschnittlich älteren Studenten. Gleichwohl bewahrte ich innerlich
+meine nationalen Empfindungen und den Glauben, daß die Entwicklung der
+nächsten Zukunft zur deutschen Einheit führen werde.«
+
+Wie er sich sonst entwickelt hat? Mannigfache Reisen, vor allem aber
+der Ferienaufenthalt auf dem Lande mußten ihre Wirkung üben. Dort
+draußen treibt er dann mit der Schwester und Cousine »viel tolles
+Zeug«, dort lebt er, »wie Gott in Frankreich«. Er erzählt in seinen
+Briefen nur von Jagen und Tanz, übermütig, in keckem Stil, die Brust
+erfüllt von Lebensfreude. Und schon spürt man an seinen Briefen aus der
+keimenden Jünglingszeit den starken Stilisten mit seiner kraftvollen
+Art der Darstellung, mit den drastischen Bildern, mit dem köstlichen
+Humor. Hier ein Zitat:
+
+
+Die Kniephofer Reichsexekutionsarmee
+
+ »Am Freitag«, schreibt er in einem Schülerbriefe, »sind drei
+ hoffnungsvolle junge Leute, ein Brandstifter, ein Straßenräuber
+ und ein Dieb, kurze Zeit vorher zwei gleichen Gelichters aus der
+ Anstalt echappiert. Die ganze Gegend wimmelte von Patrouillen,
+ Gendarmen und Landsturm; man war seines Lebens nicht sicher.
+ Am Abend rückte gegen die drei Ungeheuer die Kniephofer
+ Reichsexekutionsarmee aus, bestehend aus fünfundzwanzig Mann
+ Landsturm, soviel es anging mit Schießgewehren, Flinten, Büchsen,
+ Musketen, Pistolen, übrigens aber mit Forken und Sensen bewaffnet.
+ Alle Übergangspunkte über die Zampel wurden besetzt. Unser Militär
+ war aber erschrecklich in Furcht. Wenn zwei Abteilungen sich
+ begegneten, riefen sie einander an; aber vor Angst wagte niemand
+ zu antworten, die einen liefen was sie konnten, die anderen
+ verkrochen sich hinter die Büsche.« — Es ist zu hoffen, daß die
+ drei »hoffnungsvollen jungen Leute« doch noch von ihrem Schicksal
+ ereilt worden sind.
+
+Als ein befähigter und wohlvorbereiteter Jüngling, geleitet von den
+besten Segenswünschen seiner Lehrer und der Hoffnung, »daß er mit
+erneutem Eifer an seiner ferneren wissenschaftlichen Ausbildung
+arbeiten werde«, zog der junge Fuchs zur Universität.
+
+
+
+
+Als Jurist und Landwirt
+
+
+Eine flotte und fröhliche Zeit brach für den jungen Studiosus in
+Göttingen an. Auch Otto von Bismarck erfaßte das akademische Leben
+mit allen seinen Lockungen und Reizen, und von den Kollegien, die er
+namentlich im ersten Semester belegte, hat er nur wenige besucht. Noch
+sechzig Jahre später hat er, das Haupt mit der roten Mütze des Korps
+Hannovera bedeckt, in wehmütig froher Erinnerung versichert, daß hier
+in Göttingen seine Gedanken am liebsten weilen. Er trat nicht sofort
+in das Korps ein; er verkehrte vielmehr zuerst in einem Kreise von
+Mecklenburgern, die keine eigentliche Verbindung bildeten und mit denen
+er alsbald eine fröhliche Fahrt in den Harz antrat. Auch seinen Freund
+Lothrop Motley lernte er hier kennen, der ihm in seinem Buche »Otto von
+Rabenmarck« ein eigenartiges Denkmal der Bewunderung setzte.
+
+Sein Eintritt in das Korps erfolgte seltsam genug. Vor das
+Universitätsgericht geladen, trat er den Weg in hellem,
+schlafrockartigem Gewande an, das bis zu den Füßen reichte, »mit
+seltsam konstruierter Mütze, ein gedrehtes Eisenstöckchen in der Hand,
+von einem mächtigen weißgelben Hunde gefolgt«. Von Mitgliedern des
+Korps Hannovera, die ihm begegneten, ob seines Aufzuges verlacht,
+antwortete er mit einer Herausforderung. Aber der Konflikt wurde
+beigelegt, und der junge Studiosus trat selbst in das Korps ein.
+Und hiermit begann das typische Korpsleben: kleine Ordnungsstrafen,
+Kneipereien, die Weinkommerse in Weede und in Minden, Mensuren und
+Studentenfahrten nach der Rudelsburg, nach Eisenach und Jena.
+
+Von seinen Mensuren sprach Bismarck noch in späten Zeiten gern und oft.
+
+
+Mensuren
+
+ In Versailles erzählte er bei Tische, daß er bei all seinen
+ achtundzwanzig Mensuren in Göttingen stets unverletzt davongekommen
+ sei. Jemand erwiderte: »Aber einmal haben Exzellenz doch etwas
+ abgekriegt; wie hieß doch der kleine Hannoveraner? — nicht wahr:
+ Biedenfeld?« — »Biedenweg,« berichtigte Bismarck, »er war auch
+ nicht klein, sondern beinahe so groß wie ich. Das kam aber nur
+ davon, weil seine Klinge absprang; sie war wahrscheinlich schlecht
+ eingeschraubt. Das abspringende Stück fuhr mir ins Gesicht und
+ schrammte mich« — er faßte nach der linken Wange, wo noch eine
+ kleine Narbe zu erkennen war — »der Blutige war also nicht
+ kommentmäßig und wurde auch für ungültig erklärt.« — Ein wenig
+ anders als in der späten Erinnerung stellt sich das Bild dieses
+ »Blutigen« in einem Briefe dar, der aus der Studentenzeit selbst
+ stammt (Januar 1833); da heißt es: »Man hat mir einen ganz kleinen
+ angemogelt, just die Nasenspitze gespalten; ich bin aber auch seit
+ Michaeli vierzehnmal auf der Mensur gewesen und habe fast immer
+ meinen Gegner glänzend abgeführt. Wenigstens bin ich nur das eine
+ Mal blutig getroffen. Eben deswegen klemmen sich die Leute mit
+ unbezähmbarer Malice auf mich armen Fuchs.« Bald darauf schrieb
+ der Vater an den älteren Bruder: »Otto hat geschrieben und ist
+ ganz wohl, hat aber sechs auf einmal fordern müssen, indem sie
+ so auf unseren König geschimpft haben und die Preußen wären nie
+ honorige Studenten. Den anderen Morgen haben sie aber ihr Wort
+ zurückgenommen und gesagt, sie wären sämtlich betrunken gewesen.
+ Einen Herrn von Roeder den hat er aber festgehalten, welcher
+ das von die Studenten gesagt hat.« — Das Paukregister des Korps
+ Hannovera zählt folgende Mensuren auf: ~Sommersemester~ 1832.
+ 9. August: Cramer (Braunschweig, Jungbursch) c./a. v. Bismarck.
+ Forderung: 12 Gänge. Cramer 1 Blutigen. 23. August: Silberschlag
+ (Jenenser Teutone) c./a. v. Bismarck. Forderung: 24 Gänge; im 21.
+ Gange Silberschlag abgeführt. 31. August: Mensching (Hildese)
+ c./a. v. Bismarck. Forderung: 24 Gänge. Mensching 2 Blutige. —
+ ~Wintersemester~ 1832/33. 10. November: Liebe (Braunschweiger
+ Brander) c./a. v. Bismarck. Forderung: 12 Gänge. 9 Gänge gemacht
+ ohne Erfolg. Liebe 1 Blutigen. 13 November: Erlenbach (Hildese)
+ c./a. v. Bismarck. Ersterer verwundet, 2 Blutige. 15. November:
+ Liebe (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. (Rest der suspendierten
+ Partie vom 10. November.) 3 Gänge, kein Anriß, ohne Erfolg. 11.
+ Dezember: Schlosser (Guestphale) c./a. v. Bismarck. Schlosser 1
+ Blutigen. 15. Dezember: Mensching (Hildese) c./a. v. Bismarck.
+ Jeder 1 Blutigen. 22. Dezember: Cramer (Braunschweiger) c./a. v.
+ Bismarck. 6 Gänge ohne Erfolg, ohne Anriß. 7. Januar: Erlenbach
+ (Hildese) c./a. v. Bismarck. Ersterer verwundet, 2 Blutige. 9.
+ Januar: Rudloff (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. Forderung:
+ 12 Gänge. Ohne Erfolg. 16. Januar: Bode (Braunschweiger) c./a.
+ v. Bismarck. 12 Gänge, kein Anriß, ohne Erfolg. 1 Blutiger bei
+ Bode. 2. Februar: Biedenweg (Bremenser) c./a. v. Bismarck. »=Pro
+ Patria.=« Forderung: 24 Gänge, kleine Mützen. v. Bismarck im
+ ersten Gange abgeführt. 3. März: Schotte (Braunschweiger) c./a. v.
+ Bismarck. Kleine Mützen. Schotte 2 Blutige, v. Bismarck 1 Blutigen.
+ 6. März: Schütze (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. 12 Gänge,
+ kein Anriß. v. Bismarck 1 Blutigen, Schütze 3 Blutige. 16. März:
+ Biedenweg (Bremenser) c./a. v. Bismarck. (Rest der suspendierten
+ Partie vom 2. Februar.) 23 Gänge. Biedenweg 1 Blutigen, v.
+ Bismarck 2 Blutige. — ~Sommersemester~ 1833. 24. April: Bode
+ (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. 1 Gang mit kleinen Mützen. Bode
+ 2 Blutige ins Gesicht. 6. Mai: Grosse (Hildese) c./a. v. Bismarck.
+ 24 Gänge, kleine Mützen. v. Bismarck 3 Blutige, Grosse 1 Blutigen
+ und abgeführt. 7. Mai: Petri (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck.
+ 12 Gänge, kein Anriß. v. Bismarck 1 Blutigen. 10. Mai: Domeier
+ (Hildese) c./a. v. Bismarck. 24 Gänge, kleine Mützen. Domeier
+ im fünften Gange abgeführt. 12. Mai: Fischer (Hildese) c./a. v.
+ Bismarck. 24 Gänge, kleine Mützen. Fischer im siebenten Gange
+ abgeführt. 7. Juni: Römcke (Braunschweiger) c./a. v. Bismarck. 12
+ Gänge, kein Anriß. Ohne Erfolg.
+
+[Illustration: ~Bismarck als Zeichner~ von Strichen und Linien in den
+Gesichtern seiner Kommilitonen (Aus einer humoristischen Biographie des
+»Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag Bismarcks)]
+
+Aus den Universitätsakten ergibt sich ferner, daß Bismarck im Jahre
+1833 als Unparteiischer ein Pistolenduell leitete, daß ihm bald darauf
+unter Androhung der Relegation eine Mensur mit drei anderen verboten
+wurde, und daß er darauf im Mai, wieder aus ähnlichen Gründen, zweimal
+Karzer erhielt und das =Consilium abeundi= unterschreiben mußte. Als er
+einmal mit mehreren Kommilitonen einen Ausflug nach Jena machte, wurde
+er von dem dortigen Universitätsrichter ausgewiesen. Noch nach seinem
+Übergange zur Berliner Universität mußte er eine in Göttingen verwirkte
+Karzerstrafe absitzen.
+
+
+Die Wette
+
+ Berühmt ist die Wette, und viel zitiert, die Bismarck in Göttingen
+ im Sommer 1832 mit dem Amerikaner Coffin abschloß. Er hat davon
+ gern erzählt: »In Göttingen, da wettete ich einmal mit einem
+ Amerikaner, ob Deutschland in zwanzig Jahren einig sein würde.
+ Wir wetteten um fünfundzwanzig Flaschen Champagner, die der geben
+ sollte, der gewinne. Wer verlor, sollte übers Meer kommen. Er hatte
+ für nicht einig gewettet, ich für einig. Darauf besann ich mich
+ 1853 und wollte hinüber, um meine verlorene Wette zu bezahlen.
+ Wie ich mich aber erkundigte, war er tot. Er hatte gleich so
+ einen Namen, der kein langes Leben versprach — Coffin, Sarg. Das
+ merkwürdigste dabei ist, daß ich damals — 1833 — schon den Gedanken
+ und die Hoffnung gehabt haben muß, die jetzt mit Gottes Hilfe wahr
+ geworden ist, obwohl ich damals mit den Verbindungen, die das
+ wollten (den Burschenschaften), nur im Gefechtszustande verkehrte.«
+
+
+Göttinger Reminiszenzen
+
+ Ihering, der berühmte Staatsrechtslehrer, erzählt in späten
+ Zeiten: »Ich wurde am 27. März 1885 vom Fürsten Bismarck in Berlin
+ empfangen; ich war als Dekan der Juristen-Fakultät von Göttingen
+ beauftragt, ihm anläßlich seines siebzigsten Geburtstages unser
+ Doktor-Diplom zu überreichen. Der Fürst lud mich zum Diner ein.
+ Ich erlaubte mir, Bismarck bei dieser Gelegenheit auf seine
+ Studienzeit in Göttingen zu bringen und ihn nach seinen Lehrern
+ zu fragen. Von letzteren, sagte er, habe er wenig gehabt; sie
+ hätten ihm kein Interesse für die Jurisprudenz abzugewinnen
+ vermocht; nur der Historiker Heeren hätte ihn angeregt. Mit der
+ Arbeit sei es in Göttingen nicht viel geworden, insbesondere
+ seien die Ferien, die der Student damals noch auf der Universität
+ zuzubringen pflegte, von ihm und seinen Bekannten fast nur dem
+ Kartenspiel und Trinken gewidmet gewesen. Es sei ein arges Leben
+ gewesen, das er dort geführt habe. Mit den Pedellen scheint er in
+ nähere Berührung gekommen zu sein als mit seinen Lehrern. Eines
+ derselben erinnerte er sich noch sehr genau und nannte ihn mit
+ Namen. Von seinen Lehrern nannte er nur Hugo und den Privatdozenten
+ Valett, bei dem er Pandekten gehört hatte; die übrigen schienen
+ ihm entfallen zu sein. Mit Humor gedachte er noch des kalten
+ Bades, das er nicht selten, wenn er des Nachts von der Kneipe in
+ sein am Wall, neben der dort kanalisierten Leine gelegenes Haus
+ zurückgekehrt sei, in der Leine, um sich abzukühlen, genommen hat.
+ Dieses Haus steht noch jetzt und ist zur Erinnerung an Bismarck
+ mit einer Marmortafel versehen. Es ist ein Gartenhaus, aus einem
+ einzigen Zimmer bestehend; Bismarck war also der einzige Bewohner
+ desselben und mußte den Haustorschlüssel stets mit sich führen;
+ kein Hauswirt beaufsichtigte sein Kommen und Gehen; er war völlig
+ unabhängig. Bei seiner Entfernung von Göttingen war ihm eine
+ Karzerstrafe zudiktiert, die er in Berlin, wohin er von dort ging,
+ abzubüßen hatte. Bei dem großen Studentenkommers, der am Vorabend
+ der Bismarckfeier stattfand und an dem sich Deputationen von
+ Studierenden aller deutschen Universitäten beteiligten, benutzte
+ der Rektor der Universität Berlin, Professor Dernburg, diesen
+ Umstand in launiger Weise, um das Verhalten von Göttingen von einst
+ und jetzt in ein grelles Licht zu setzen. »Damals« — sagte er —
+ »hat man Bismarck einen Haftbefehl nachgeschickt, und jetzt sendet
+ man ihm den =Doctor juris=.«
+
+Zu den Freunden, die Otto von Bismarck im Korps gewann, gehörte vor
+allem Gustav Scharlach, mit dem er eine Anzahl von Briefen gewechselt
+hat, die uns das ganze Wesen des kecken und übermütigen Jünglings
+enthüllen, zugleich aber auch die Umrisse dieser starken Persönlichkeit
+bereits leise erkennen lassen. Hier sei der erste Brief zitiert, den
+der Achtzehnjährige an seinen Freund, der den Spitznamen Giesecke
+führte, von Berlin aus gerichtet hat:
+
+
+Sturm und Drang
+
+ Lieber Giesecke! Willst Du diesen Brief in derselben Stimmung
+ lesen, in welcher er geschrieben ist, so trinke erst eine Flasche
+ Madeira. Ich würde mich wegen meines langen Stillschweigens
+ entschuldigen, wenn Dir nicht meine angeborene Tintenscheu bekannt
+ wäre, und wenn Du nicht wüßtest, daß ich in Göttingen lieber zwei
+ Flaschen Rheinwein trank als einen Brief schrieb, und daß ich
+ beim Anblick einer Feder Konvulsionen bekam. Wie schlecht es mir
+ in der letzten Zeit gegangen ist, hast Du wohl gehört; ich habe
+ auf der Reise noch in Braunschweig, Magdeburg, Schönhausen und
+ Brandenburg drei bis vier Wochen am Fieber gelegen. Später fanden
+ sehr unangenehme Szenen zwischen mir und meinem Alten statt, der
+ sich weigert, meine Schulden zu bezahlen; dieses versetzt mich in
+ eine etwas menschenfeindliche Stimmung, etwa wie Charles Moor,
+ als er Räuber wird; doch tröste ich mich wie jener Straßenjunge:
+ »Et is minem Vater schonst recht, det ick friere, worum koft er
+ mir keene Hanschen.« Der Mangel ist so arg noch nicht, weil ich
+ ungeheueren Kredit habe, welches mir Gelegenheit gibt, liederlich
+ zu leben; die Folge davon ist, daß ich blaß und krank aussehe,
+ welches mein Alter, wenn ich Weihnachten nach Haus komme, natürlich
+ meinem Mangel an Subsistenzmitteln zuschreiben wird; dann werde
+ ich kräftig auftreten, ihm sagen, daß ich lieber Mohammedaner
+ werden als länger Hunger leiden wolle, und so wird sich die Sache
+ schon machen. =En attendant= lebe ich hier wie ein Gentleman,
+ gewöhne mir ein geziertes Wesen an, spreche viel Französisch,
+ bringe den größten Teil meiner Zeit mit Anziehen, den übrigen mit
+ Visitenmachen und bei meiner alten Freundin, der Flasche, zu; des
+ Abends betrage ich mich im ersten Range der Oper so flegelhaft als
+ möglich. Du würdest erstaunen, wenn Du jetzt einmal Gelegenheit
+ hättest, meine Garderobe zu sehen — ein Haufen von Manschetten,
+ Halsbinden, Unterhosen und anderen Luxusartikeln. Dabei langweile
+ ich mich mit leidlichem Anstande. Doch ein Übel quält mich; der
+ Knabe Peter fängt an mir fürchterlich zu werden; stehe ich auf,
+ so ist er da; komme ich von Tisch, so ist er wieder da; er folgt
+ mir wie ein Schatten an Orte, wo er nichts zu tun hat, zu Leuten,
+ die er gar nicht kennt, mit seinem versteinerten Frühlingslächeln,
+ mit seiner gigantischen Mantellippe, an der einst die Blicke von
+ tausend Wißbegierigen hängen werden, wenn die Weisheit in sieben
+ verschollenen Sprachen davon fließt, wie jetzt der Speichel in
+ sieben Kanälen. Schiller hat unrecht, wenn er die Schuld das
+ größte Übel nennt; Peter ist viel fürchterlicher; lieber von
+ allen Furien verfolgt, als von diesem ewigen Gesicht. Von diesem
+ Peter, zu dem der Apostel Paulus sprach: Sei dumm wie die Ochsen
+ und ohne Falsch wie die Tauben. Motley lebt wieder in offener
+ Feindschaft mit King; mit jedem Paketboot kreuzen sich Forderungen
+ auf Doppelbüchsen. Aus Göttingen ist noch hier: Bierbaum, Löhning
+ und Genossen, das Faultier Sch. und der schlanke Freiheitsbaum der
+ Aristokratie, dem zum Menschen alles, zum Kammerherrn nichts fehlt
+ als ein Schloß vors Maul. Er lebt hier in seliger Gemeinschaft mit
+ dreißig Vettern, denen er allen nichts vorzuwerfen hat und von
+ deren Beisammensein eine polizeiwidrige Anhäufung von Dummheit die
+ einzige Folge ist; ›sie essen nicht, sie trinken nicht‹, was tun
+ sie denn? Sie zählen ihre Ahnen. Bei dem Artikel von Dummheit fällt
+ mir ein, daß meine Alte ganz ernstlich darauf dringt, ich solle
+ noch einmal zum Prediger gehen, weil ich sagte, manches in der
+ Bibel sei bildlich gemeint. Meine Adresse ist bis zum 15. Dezember
+ Kanonenstraße 44, von da bis zum 10. Januar Kniephof bei Naugard in
+ Pommern, später beim Pedell zu erfragen. Ich hoffe, Du kannst Dir
+ von Deinem Staatsdienste nächstens Zeit zu einer Antwort abmüßigen;
+ nimm kein Beispiel an meiner Faulheit. Übrigens lebe fidel, grüße
+ alles, was Du siehst, und schreibe bald an Deinen treuen Freund und
+ Bruder
+
+ Berlin, den 14. November 1833.
+ O. v. Bismarck.
+
+Die Ferien verbrachte der junge Student wieder in Kniephof. Auch von
+hier schreibt er Briefe von köstlicher Anschaulichkeit, oft voll
+karikaturistischer Satire. So wenn er die Kommission zur Abnahme
+der Berieselungsanlage schildert, die sich mehr für Rheinwein und
+Schnepfenpastete als für Landwirtschaft erwärmt: »Sie schliefen
+hier einige Tage recht gut und lange, schlemmten sich über Gebühr
+voll und zählten von weitem die gemachten Brücken und Schleusen.«
+Und doch leuchtet aus allem Übermut des jungen Akademikers die
+Tatsache hervor, daß er innerlich immer mehr zu reifen beginnt, daß
+eine starke Lebenserkenntnis in ihm erwacht und daß er trotz des
+mangelnden Besuches der Kollegien an positivem Wissen gewinnt. Auch
+in Berlin freilich, wohin er mit Albrecht von Roon und Moritz von
+Blankenburg reiste, war er nicht sonderlich fleißig. Und besonders die
+Juristerei fand in ihm keinen eifrigen Adepten. Erst der Unterricht
+bei einem Repetitor verschaffte ihm das zum Examen nötige Wissen.
+Neben dem ungebundenen Verkehr mit anderen Studenten, unter denen
+Graf Alexander Keyserling ihm dauernd in Freundschaft verbunden
+blieb, begann jetzt der Verkehr in vornehmen Häusern. »Des Abends
+nehme ich den Tee in irgendeinem achtungswerten Familienzirkel,
+höre und führe Wettergespräche mit einem Gesicht, als sagte ich
+lange nicht alles, was ich wüßte«, heißt es im Sommer 1835. Schon
+in dieser Studentenzeit packt den jugendlichen Stürmer und Dränger
+immer wieder die Unzufriedenheit mit dem erwählten Beruf. »Ich glaube
+schwerlich, daß mich die vollkommenste Erreichung des erstrebten
+Zieles, der längste Titel und der breiteste Orden in Deutschland, die
+staunenswerteste Vornehmheit entschädigen wird für die körperlich und
+geistig eingeschrumpfte Brust, welche das Resultat dieses Lebens sein
+wird.« Immer wieder regt sich der Wunsch, die Feder mit dem Pfluge, die
+Mappe mit der Jagdtasche zu vertauschen. Es gärt eben in dem jugendlich
+starken Menschen, dem der Gedanke an die übliche Beamtenlaufbahn
+Grauen erweckt. Noch bedrängt ihn die Mutter, Offizier zu werden: Er
+scheine ihr gar keine Neigung zum Studieren zu haben. Soll er diesen
+Weg gehen? Eine Zeitlang spielt er mit dem Gedanken: »Ich werde wohl
+das Portefeuille des Auswärtigen ausschlagen, mich einige Jahre mit der
+rekrutendressierenden Fuchtelklinge amüsieren, dann ein Weib nehmen
+und Kinder zeugen, das Land bauen und die Sitten meiner Bauern durch
+unmäßige Branntweinfabrikation untergraben.« Der Bruder werde dann, so
+schreibt er ihm, »einen fettgemästeten Landwehroffizier finden, einen
+Schnurrbart, der schwört und flucht, daß die Erde zittert, und der
+einen gerechten Abscheu vor Juden und Franzosen hegt«. Und weiter malt
+er das Bild aus: »Ich werde lederne Hosen tragen, mich zum Wollmarkt
+in Stettin aufmachen, und wenn man mich Herr Baron nennt, werde ich
+mir gutmütig den Schnurrbart streichen und um zwei Taler wohlfeiler
+verkaufen. Kurz, ich werde glücklich sein im ländlichen Kreise meiner
+Familie.« Es ist anders gekommen.
+
+[Illustration: Jugendbild =III=]
+
+Auch das Examen als Auskultator hat der Zwanzigjährige glücklich
+bestanden.
+
+Ein übermütiger Scherz aus Bismarcks Berliner Studentenzeit wurde erst
+später bekannt:
+
+
+Die Dame aus Schweden
+
+ In der schwedischen Zeitung »Göteborgpost« veröffentlichte eine
+ schwedische Dame folgende Erinnerung: »Als ich noch ein blutjunges
+ Mädchen war, sollte ich einige Monate in Rom verbringen. Von
+ einer älteren Gesellschafterin und zwei Kammerjungfern begleitet
+ reiste ich ab. Es war bestimmt, daß ich in Berlin einen kürzeren
+ Aufenthalt nehmen sollte. Eine Schwester meines Vaters hatte
+ einen Deutschen geheiratet, und der Sohn aus dieser Ehe, ›der
+ deutsche Vetter‹, wie wir ihn bei uns nannten, studierte damals
+ in Berlin; ich hatte ihn nie gesehen. Mein Vater schickte ihm
+ einige Tage vor meiner Abreise einen Brief, in welchem er ihn
+ ersuchte, sich meiner freundlichst anzunehmen. Ich kam glücklich
+ in Berlin an und wurde bei meiner Ankunft vom deutschen Vetter
+ herzlichst empfangen. Er war ein hochgewachsener Jüngling mit
+ großem Schnurrbart und eigentümlich blitzenden Augen. Drei Tage
+ hindurch war er mein treuer Begleiter. Freilich konnte er kein
+ Wort Schwedisch sprechen, wohl aber ein elegantes Französisch.
+ Nie habe ich einen so angenehmen Kavalier gehabt; ich war auf
+ meinen deutschen Vetter ganz stolz. Gar zu schnell kam die Stunde,
+ wo ich weiterreisen mußte. ›Cousine,‹ sagte er, als ich eben
+ wegfahren sollte, ›ich habe Ihnen ein Wort zu sagen. Sehen Sie,
+ Cousine, ich — ich möchte Ihnen nur mitteilen, daß ich — nicht Ihr
+ Vetter bin. Mein Freund, Ihr ›deutscher Vetter‹, der richtige,
+ ist nämlich von den Vorbereitungen zu seinem Examen so stark in
+ Anspruch genommen, daß er mich bat, an seiner Stelle den von
+ ihrem Herrn Vater ausgesprochenen Wunsch zu erfüllen. Mein Name
+ ist Otto von Bismarck.‹ Ich sah ihn erstaunt an, der Wagen setzte
+ sich in Bewegung, und das Abenteuer war aus. Jahrzehnte vergingen.
+ Der unbekannte Bismarck war Reichskanzler und Fürst geworden.
+ Da kam ich, eine alte, seit 40 Jahren verheiratete Frau, wieder
+ einmal nach Berlin. Ich schrieb einige Worte auf meine Karte und
+ schickte sie an den Fürsten. Eine Stunde später erhielt ich eine
+ Einladung, begab mich ins Reichskanzlerpalais, und bald waren wir
+ im lebhaftesten Gespräch. Bismarck war bei bester Laune. ›Ihnen
+ habe ich es zu danken‹, sagte er u. a., ›daß ich dazu gekommen bin,
+ die Berliner Museen zu besuchen; seitdem ist es mir nicht wieder
+ gelungen.‹«
+
+[Illustration: ~Bismarck im Kolleg: Man sieht ihn nicht~ (Aus einer
+humoristischen Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag
+Bismarcks)]
+
+Bismarcks Leben in dieser Zeit war das eines jungen Kavaliers. Aber
+dieses Leben war nicht gedankenlos; politische Fragen haben ihn in
+gleichem Maße wie religions-philosophische Kämpfe beschäftigt. Und vor
+allem quälte ihn die Ungewißheit der Zukunft. Nur das ~eine~ weiß er
+bestimmt, daß er den üblichen Pfad des Juristen nicht wandern kann.
+Schon taucht der diplomatische Dienst ihm als Ziel auf, schon bekennt
+er dem Freunde den Plan, »hier noch ein Jahr zu verweilen, dann zur
+Regierung nach Aachen zu gehen, nach Verlauf eines zweiten Jahres das
+diplomatische Examen zu machen und mich hier der Huld des Schicksals
+zu empfehlen, wo es mir dann vorderhand gleichgültig sein wird, ob
+man mir Petersburg oder Rio Janeiro zum Aufenthalte anweist«. Aber
+zum Übergang in den Regierungsdienst bedurfte es eines neuen Examens.
+In Schönhausen hat er die schriftlichen Arbeiten vollendet. Das
+Thema war: Ȇber Sparsamkeit im Staatshaushalte, ihr Wesen und ihre
+Erfolge, auch durch geschichtliche Beispiele erläutert« und »Über die
+Natur und die Zulässigkeit des Eides im allgemeinen und nach seinen
+verschiedenen Arten aus dem Gesichtspunkte der philosophischen Rechts-
+und Tugendlehre, mit Berücksichtigung der Lehre des Christentums«.
+Am 30. Juni wurde Bismarck geprüft, sein Zeugnis erklärte, daß er
+»eine vorzügliche Urteilskraft, Schnelligkeit im Auffassen der ihm
+vorgelegten Fragen und Gewandtheit im mündlichen Ausdruck zeigte« und
+»sehr gut befähigt« zum neuen Amte sei.
+
+Von seinen Sorgen und Nöten um das Examen erzählt der schöne Brief an
+Scharlach vom 4. Mai 1836, der, aus Schönhausen datiert, uns zugleich
+einen Blick in sein innerstes Wesen gewährt:
+
+
+Der Teufel reitet die alte Tante
+
+ »Lieber Scharlach! Ich hoffe, Du wirst ernstlich böse werden,
+ wenn ich mein langes Schweigen nur breche, um ein Versprechen
+ zu revozieren, durch dessen Erfüllung ich meine Nachlässigkeit
+ einzig wieder gutzumachen hoffte. Ich gehe im nächsten Monat nach
+ Aachen, aber nicht über Hannover, und unser Wiedersehen wird auf
+ einen entfernteren Zeitpunkt hinausgeschoben, wenn Du mich nicht
+ etwa auf einer Poststation zwischen Dresden oder Karlsbad und
+ Frankfurt a. M. auffängst. Der Teufel reitet eine alte Tante von
+ hoher Rasse, daß sie wünscht, ich soll sie als Reisemarschall nach
+ Böhmen begleiten und dort bei einem Verwandten abliefern. Der
+ Umweg ist weit, aber eine alte Tante ist dasjenige Tier auf der
+ Welt, vor welchem ich, nächst einer hübschen Cousine, die größte
+ Ehrfurcht habe. Ich wage ihrer Ungnade nicht zu trotzen, und
+ wenn ich anführe, ich hätte einen Freund in Hannover zu besuchen
+ versprochen, so heißt es: ›Lieber Otto, Du mußt Dich ja schämen,
+ wenn Du nach Aachen kommst und hast Dresden nicht einmal gesehen,
+ und Freunde, die findest Du überall.‹ ›Schändliches altes Weib,
+ das so leichtsinnig spricht!‹ wirst Du hier ausrufen. Sie denkt,
+ wie’s ihr in der Jugend, so geht es uns auch. — Du würdest über
+ mich lachen, wenn Du jetzt bei mir wärest. Seit vollen vier Wochen
+ sitze ich hier in einem alten verwünschten Schlosse, mit Spitzbogen
+ und vier Fuß dicken Mauern, einigen dreißig Zimmern, wovon zwei
+ möbliert, prächtigen Damasttapeten, deren Farbe an wenigen Fetzen
+ noch zu erkennen ist, Ratten in Masse, Kamine, in denen der Wind
+ heult, kurz, in ›meiner Väter altem Schlosse‹, wo sich alles
+ vereint, was geeignet ist, einen tüchtigen Spleen zu unterhalten.
+ Daneben eine prächtige alte Kirche, mein Schlafzimmer mit der
+ Aussicht nach dem Kirchhof, auf der anderen Seite einer jener alten
+ Gärten mit geschnittenen Hecken von Taxus und prächtigen alten
+ Linden. Die einzige lebende Seele in dieser verfallenen Umgebung
+ ist Dein Freund, der hier von einer vertrockneten Haushälterin,
+ der Spielgefährtin und Wärterin meines fünfundsechzigjährigen
+ Vaters, gefüttert und gepflegt wird. Ich bereite mich zum Examen
+ vor, höre die Nachtigallen, schieße nach der Scheibe, lese Voltaire
+ und Spinozas Ethicum, die ich in der hiesigen, an Schweinsledern
+ ziemlich reichen Bibliothek gefunden. Die Berliner meinen, ich
+ wäre verrückt, und die Bauern sagen: ›Use arm junge Hehr, wat maak
+ em wull sin?‹, wie mir meine alte Mamsell mitgeteilt hat. Dabei
+ bin ich nie so zufrieden gewesen wie hier; ich schlafe nur sechs
+ Stunden und finde große Freude am Studieren, zwei Dinge, die ich
+ lange Zeit für unmöglich hielt. Ich glaube, der Grund oder besser
+ die Ursache von allem dem ist der Umstand, daß ich den Winter über
+ heftig verliebt war; ein recht befremdliches Faktum, eine Torheit,
+ der ich mich nicht in so hohem Grade für fähig gehalten hätte
+ (verzeih’, eben fällt mir ein, daß Du versprochen bist), aber es
+ ist mir doch fatal, wie ich mich so aus meiner philosophischen
+ Ruhe und Ironie habe bringen lassen; das beste dabei ist aber,
+ daß ich bei meinen Bekannten beiderlei Geschlechts immer für den
+ kaltblütigsten Weiberverächter gelte; so täuschen sich die Leute!
+ ... Eben ›heult die Turmuhr Mitternacht‹; also schlaf wohl!«
+
+Was dem jungen Bismarck die Freude an der Justiz verdarb, das hat er
+deutlich noch in seinem letzten Gedenkbuch erzählt: »Die Personen und
+die Einrichtungen unserer Justiz«, so schreibt der Achtzigjährige,
+»gaben meiner jugendlichen Auffassung mehr Stoff zur Kritik als zur
+Anerkennung. Die praktische Ausbildung des Auskultators begann damit,
+daß man auf dem Kriminalgericht das Protokoll zu führen hatte, wozu ich
+von dem Rate, dem ich zugewiesen war, einem Herrn von Brauchitsch, über
+die Gebühr herangezogen wurde, weil ich damals über den Durchschnitt
+schnell und lesbar schrieb. Von den ›Untersuchungen‹, wie die
+Kriminalprozesse bei dem damals geltenden Inquisitionsverfahren genannt
+wurden, hat mir eine den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen, welche
+eine in Berlin weitverzweigte Verbindung zum Zweck der unnatürlichen
+Laster betraf. Die Klubeinrichtungen der Beteiligten, die Stammbücher,
+die gleichmachende Wirkung des gemeinschaftlichen Betreibens des
+Verbotenen durch alle Stände hindurch — alles das bewies schon 1835
+eine Demoralisation, welche hinter den Ergebnissen des Prozesses
+gegen die Heinzeschen Eheleute (Oktober 1891) nicht zurückstand. Die
+Verzweigungen dieser Gesellschaft reichten bis in hohe Kreise hinein.«
+
+
+Rat Prätorius
+
+ »Nachdem ich«, so erzählt Bismarck weiter, »vier Monate
+ protokolliert hatte, wurde ich zu dem Stadtgerichte, vor das
+ die Zivilsachen gehörten, versetzt und aus der mechanischen
+ Beschäftigung des Schreibens unter Diktat plötzlich zu einer
+ selbständigen erhoben, der gegenüber meine Unerfahrenheit und mein
+ Gefühl mir die Stellung erschwerten. Das erste Stadium, in welchem
+ der juristische Neuling damals zu einer selbständigen Tätigkeit
+ berufen wurde, waren nämlich die Ehescheidungen. Offenbar als das
+ Unwichtigste betrachtet, waren sie dem unfähigsten Rate, namens
+ Prätorius, übertragen und unter ihm der Bearbeitung der ganz grünen
+ Auskultatoren überlassen worden, die damit =in corpore vili= ihre
+ ersten Experimente in der Richterrolle zu machen hatten, allerdings
+ unter nomineller Verantwortlichkeit des Herrn Prätorius, der jedoch
+ ihren Verhandlungen nicht beiwohnte. Zur Charakterisierung dieses
+ Herrn wurde uns jungen Leuten erzählt, daß er in den Sitzungen,
+ wenn behufs der Abstimmung aus einem leichten Schlummer geweckt,
+ zu sagen pflegte: ›Ich stimme wie der Kollege Tempelhof‹, und
+ gelegentlich darauf aufmerksam gemacht werden mußte, daß Herr
+ Tempelhof nicht anwesend sei.«
+
+Von demselben Rate erzählte Bismarck weiter:
+
+
+Merken Sie sich, wie man das macht
+
+ »Ich trug ihm einmal meine Verlegenheit vor, daß ich, wenige Monate
+ über 20 Jahre alt, mit einem aufgeregten Ehepaar den Sühneversuch
+ vornehmen sollte, der für meine Auffassung einen gewissen
+ kirchlichen und sittlichen Nimbus hatte, dem ich mich in meiner
+ Seelenstimmung nicht adäquat fühlte. Ich fand Prätorius in der
+ verdrießlichen Stimmung eines zur Unzeit geweckten älteren Herrn,
+ der außerdem die Abneigung mancher alten Bureaukraten gegen einen
+ jungen Edelmann hegte. Er sagte mit geringschätzigem Lächeln: ›Es
+ ist verdrießlich, Herr Referendarius, wenn man sich auch nicht
+ ein bißchen zu helfen weiß; ich werde Ihnen zeigen, wie man das
+ macht.‹ Ich kehrte mit ihm in das Terminzimmer zurück. Der Fall
+ lag so, daß der Mann geschieden sein wollte, die Frau nicht, der
+ Mann sie des Ehebruchs beschuldigte, die Frau mit tränenreichen
+ Deklamationen ihre Unschuld beteuerte und trotz aller Mißhandlung
+ von seiten des Mannes bei ihm bleiben wollte. Mit seinem lispelnden
+ Zungenanschlage sprach Prätorius die Frau also an: ›Aber Frau,
+ sei Sie doch nicht so dumm; was hat Sie denn davon? Wenn Sie
+ nach Hause kommt, schlägt Ihr der Mann die Jacke voll, bis Sie
+ es nicht mehr aushalten kann. Sage Sie doch einfach ›ja‹, dann
+ ist Sie mit dem Säufer kurzerhand auseinander.‹ Darauf die Frau
+ weinend und schreiend: ›Ich bin eine ehrliche Frau, kann die
+ Schande nicht auf mich nehmen, will nicht geschieden sein.‹ Nach
+ mehrfacher Replik und Duplik in dieser Tonart wandte sich Prätorius
+ zu mir mit den Worten: ›Da sie nicht Vernunft annehmen will, so
+ schreiben Sie, Herr Referendarius‹, und diktierte mir die Worte,
+ die ich wegen des tiefen Eindrucks, welchen sie mir machten, noch
+ heute auswendig weiß: ›Nachdem der Sühneversuch angestellt und
+ die dafür dem Gebiete der Moral und Religion entnommenen Gründe
+ erfolglos geblieben waren, wurde wie folgt weiterverhandelt.‹ Mein
+ Vorgesetzter erhob sich und sagte: ›Nun merken Sie sich, wie man
+ das macht, und lassen Sie mich künftig mit dergleichen in Ruhe.‹
+ Ich begleitete ihn zur Tür und setzte die Verhandlung fort. Die
+ Station der Ehescheidungen dauerte, soviel ich mich erinnere, vier
+ bis sechs Wochen; ein Sühneversuch kam mir nicht wieder vor. Es
+ war ein gewisses Bedürfnis vorhanden für die Verordnung über das
+ Verfahren in Ehescheidungen, auf welche Friedrich Wilhelm =IV.=
+ sich beschränken mußte, nachdem sein Versuch, ein Gesetz über
+ Änderung des materiellen Eherechts zustande zu bringen, an dem
+ Widerstande des Staatsrates gescheitert war. Dabei mag erwähnt
+ werden, daß durch jene Verordnung zuerst in den Provinzen des
+ Allgemeinen Landrechts der Staatsanwalt eingeführt worden ist
+ als =defensor matrimonii= und zur Verhütung von Kollusionen der
+ Parteien.«
+
+Am bekanntesten aber aus jener Zeit ist folgende Anekdote:
+
+
+Das Hinauswerfen ist meine Sache
+
+ Der Auskultator Otto v. Bismarck vernimmt eines Tages einen echten
+ Berliner zu Protokoll, der durch seine Unverschämtheit endlich die
+ Fassung des Protokollführers so erschüttert, daß dieser aufspringt
+ und ihm zuruft: »Herr, menagieren Sie sich, oder ich werfe Sie
+ hinaus!« Der anwesende Stadtgerichtsrat klopft dem erhitzten
+ Auskultator freundschaftlich auf die Schulter und flüstert
+ beruhigend: »Herr Auskultator, das Hinauswerfen ist meine Sache!«
+ Die Vernehmung wird fortgesetzt; es dauert aber gar nicht lange,
+ so springt Bismarck wieder auf und donnert: »Herr, menagieren
+ Sie sich, oder ich lasse Sie durch den Herrn Stadtgerichtsrat
+ hinauswerfen!«
+
+Von seinem ersten Auftreten bei Hofe und seiner ersten Begegnung mit
+dem Prinzen Wilhelm von Preußen, seinem späteren Kaiserlichen Herrn,
+hat dann Bismarck noch erzählt:
+
+
+Das Gardemaß
+
+ »Meine erste Begegnung mit ihm war im Winter 1834/35 auf einem
+ Hofballe gewesen. Ich stand neben einem Herrn von Schack
+ aus Mecklenburg, der, wie ich, lang gewachsen und auch in
+ Justizreferendarien-Uniform war, was den Prinzen zu dem Scherz
+ veranlaßte, die Justiz suche sich jetzt die Leute wohl nach dem
+ Gardemaß aus. Dann, zu mir gewandt, fragte er mich, weshalb ich
+ nicht Soldat geworden sei. ›Ich hatte den Wunsch,‹ erwiderte ich,
+ ›aber die Eltern waren dagegen, weil die Aussichten zu ungünstig
+ seien.‹ Worauf der Prinz sagte: ›Brillant ist die Karriere
+ allerdings nicht, aber bei der Justiz auch nicht.‹ Während des
+ ersten Vereinigten Landtages, dem er als Mitglied der Herrenkurie
+ angehörte, redete er mich in den vereinigten Sitzungen wiederholt
+ in einer Weise an, die sein Wohlgefallen an der damals von mir
+ angenommenen politischen Haltung bezeugte.«
+
+In Aachen blieb Otto von Bismarck ein Jahr; hier lernte er zuerst die
+preußische Verwaltung kennen; hier traf er aber auch einen ihm fremden,
+lebhaften und beweglichen Menschenschlag; hier warf er den ersten Blick
+in die Organisation von Industrie und Handel; hier traf der Sohn des
+märkischen Adels auf ein selbstbewußtes freies Bürgertum, und zugleich
+mußte die Heiterkeit des rheinischen Lebens einen starken Einfluß üben.
+Den engsten Anschluß aber suchte er bei der englischen Gesellschaft,
+und bald erfaßte ihn eine heiße Leidenschaft zu einer der schönen
+Töchter dieses Volkes. Nur in schwerem Kampf überwand er diese erste
+große Liebe: »Wer weiß, ob ich nicht künftig das bereue, was ich jetzt
+für vernünftig halte!« Noch einmal packte ihn die Liebe. Ihr Ziel ist
+die Tochter eines englischen Geistlichen. Sein »armes, entzündliches
+Blut brannte wie Dampf«. Die Geliebte aber reiste ab. Auch Bismarck
+nahm einen Urlaub nach Frankfurt und Wiesbaden. Dort traf er beide
+Mädchen wieder. Der Erinnerung an sie ist der schönste Brief des jungen
+Ehegatten Bismarck vom 3. Juli 1851 geweiht:
+
+ »Vorgestern«, so schreibt er der Gattin, »war ich zu Mittag in
+ Wiesbaden bei Dewitz und habe mir mit einem Gemisch von Wehmut und
+ altkluger Weisheit die Stätten früherer Torheit angesehen. Möchte
+ es Gott gefallen, mit seinem klaren und starken Weine dies Gefäß
+ zu füllen, in dem damals der Champagner zweiundzwanzigjähriger
+ Jugend nutzlos verbrauste und schale Neigen zurückließ. Wo und wie
+ mögen Isabella Loraine und Miß Russel jetzt leben? Wie viele sind
+ begraben, mit denen ich damals liebelte, becherte und würfelte! Wie
+ hat meine Weltanschauung doch in den vierzehn Jahren seitdem so
+ viele Verwandlungen durchgemacht, von denen ich immer gleich die
+ gerade gegenwärtige für die rechte Gestaltung hielt, und wie vieles
+ ist mir jetzt klar, was damals groß erschien, wie vieles jetzt
+ ehrwürdig, was ich damals verspottete! Wie manches Laub mag noch an
+ unserem inneren Menschen ausgrünen, schatten, rauschen und wertlos
+ welken, bis wieder vierzehn Jahre vorüber sind! Ich begreife nicht,
+ wie ein Mensch, der über sich nachdenkt und doch von Gott nichts
+ weiß oder wissen will, sein Leben vor Verachtung und Langeweile
+ tragen kann, ein Leben, das dahinfährt wie ein Strom, wie ein
+ Schlaf, gleich wie ein Gras, das bald welk wird; wir bringen unsere
+ Jahre zu wie ein Geschwätz. Ich weiß nicht, wie ich das früher
+ ausgehalten habe; sollte ich jetzt leben wie damals, ohne Gott,
+ ohne Dich, ohne Kinder — ich wüßte doch in der Tat nicht, warum ich
+ dies Leben nicht ablegen sollte wie ein schmutziges Hemd.«
+
+Bismarck folgte seiner Leidenschaft nach Straßburg. Von dort meldet er
+sich seinem Freunde Scharlach als den Verlobten »einer jungen Britin
+von blondem Haar und seltener Schönheit«. Von dort berichtet er, daß
+er die Braut und ihre Familie nach Mailand begleiten und im nächsten
+Jahr in England heiraten wolle. Aber die Verlobung wurde gelöst, die
+Reisepläne zerfielen; von Bern fuhr der junge Verliebte direkt nach
+Hause.
+
+ »Ich nötigte sie endlich zum Beilegen«, so schreibt er später dem
+ Freunde. »Sie strich die Flagge, doch nach zweimonatigem Besitz
+ ward mir die Prise von einem einarmigen Obristen mit fünfzig
+ Jahren, vier Pferden und 15000 rl. Revenuen wieder abgejagt. Arm im
+ Beutel, krank am Herzen kehrte ich nach Pommern heim.«
+
+Die selbstherrliche Überschreitung aber seines Urlaubs bot den Anlaß
+zum Abschied von Aachen. Der junge Referendar kehrte an die alte Stelle
+zurück, mit Schulden reich beladen, und als Referendar in Potsdam
+setzte er nun seine Tätigkeit fort. Nur dreieinhalb Monate lang blieb
+er jedoch in den Sielen. Er ist von »Ekel« für die ganze Beschäftigung
+bei der Regierung erfüllt; er will sich nicht sein ganzes Leben lang
+abquälen, um vielleicht zuletzt als Präsident mit zweitausend Taler
+Einkommen zu enden. Die Freude an der Landwirtschaft packt ihn von
+neuem; Zopf und Perücke schrecken ihn ab; die Vielgeschäftigkeit und
+die unpraktischen Pedanterien, die überflüssige Schreiberei und die
+vielen »kleinlichen und langweiligen Geschäfte« erwecken ihm Grauen:
+»Meine Arbeiten auf dem Gebiete der Wahlsteuerprozesse und der
+Beitragspflicht zum Bau des Dammes in Rotzis bei Wusterhausen haben
+mir kein Heimweh nach meiner damaligen Tätigkeit hinterlassen.« Schon
+erwacht in ihm der Haß gegen die Bureaukratie, der ihn durch sein
+ganzes Leben geleitet. Andere Gründe kamen hinzu: Geldsorgen vor allem,
+die ihn jetzt bedrücken und die durch lange Jahrzehnte seines Lebens
+seine treuen Begleiter sind. Die Lasten, die auf den elterlichen Gütern
+aus den Zeiten der Freiheitskriege stammten, die Erziehung der Kinder,
+langwierige und schwere Krankheiten der Gattin hatten die Verhältnisse
+des alten Herrn von Bismarck so tief zerrüttet, daß die Gefahr, den
+Familienbesitz zu verlieren, ernstlich heraufzog. Schon war von einer
+Verteilung der Güter an die beiden Söhne die Rede.
+
+Aber noch ehe die neuen Pläne zur Reife gediehen, mußte Otto von
+Bismarck seiner Militärpflicht genügen. Er trat bei den Gardejägern in
+Potsdam ein, diente jedoch die zweite Hälfte seiner Militärzeit bei dem
+zweiten pommerschen Jägerbataillon in Greifswald ab. Aus dieser Zeit
+berichtet ein Studien- und Waffengenosse:
+
+ »Herr von Bismarck schien seine Gründe zu haben, eine etwas
+ reservierte Haltung zu bewahren, die nur hin und wieder
+ durch den Verkehr mit älteren Korpsstudenten, seltener durch
+ gesellschaftliche Berührung mit einer oder der anderen der
+ geachtetsten Familien in Greifswald unterbrochen wurde. Die vom
+ Scheitel bis zur Sohle vornehme Erscheinung war gleichsam von einem
+ unsichtbaren Kreise, einer schwer zu beschreibenden geistigen
+ Atmosphäre umgeben, welche alle Elemente, die Herr von Bismarck
+ nicht selbst heranzog oder denen er sich nicht selbst freiwillig
+ hingab, ohne einen erkennbaren Zwang von sich fern hielt und alles,
+ was mit niedriger Denkart oder hohler Selbstüberschätzung auch nur
+ einen entfernten Grad von Verwandtschaft verriet, mit unverhohlenem
+ Widerwillen und mit Verachtung von sich wies.«
+
+Hier in Greifswald hatte Bismarck seinen letzten Zweikampf. Wie wenig
+blutgierig er aber dabei war, zeigte die Art seines Angriffes.
+
+
+Das letzte Duell
+
+ »Mein Gegner«, erzählte er, »hatte eine sonderbare Mütze auf dem
+ Kopf, obendrauf ein loser, baumelnder Tüpfel. Das Ding reizte mich;
+ eine lange Zeit kaprizierte ich mich darauf, ihm diesen Tüpfel von
+ der Mütze zu schlagen. Ich kam aber nicht dazu; es wollte nicht
+ glücken. Zuletzt sah ich ein, daß ich bei diesem Unternehmen selber
+ tüchtig in Gefahr kam — und ich machte der Sache auf andere Weise
+ ein Ende.«
+
+Auf die Zeit des Aufenthaltes zu Greifswald warf die Nachricht von dem
+Tode der Mutter einen tiefen Schatten. Sie hatte schon lange vorher
+gekränkelt, bis endlich ihre Kräfte erloschen. Am 1. Januar 1839 ist
+sie, noch nicht fünfzigjährig, in Berlin gestorben. Und die erste große
+Trauer des Lebens zog in das Herz der Söhne.
+
+Noch war Bismarck im Staatsdienst. Nur ein Urlaub war ihm bewilligt
+worden. So reichte er am 22. Oktober 1839 endgültig den Antrag auf
+Entlassung ein. Das Assessorexamen hat Otto von Bismarck niemals
+bestanden; er blieb auch als Staatsmann Autodidakt. Jetzt aber hat
+er die Arme frei, jetzt kann er kämpfen, mitspielen bei energischen
+politischen Bewegungen, sich selbst durchsetzen, jetzt kann er das
+Recht der Individualität, der Meinung und Handlung bewahren, das Recht,
+nicht zu gehorchen, sondern zu befehlen. Wird das Land ihm Genüge
+geben? Wird der wilde Student in der Einsamkeit des pommerschen Gutes
+ausharren können? Die Geschichte hat die Antwort gegeben. Aber noch
+sollten Jahre vergehen, ehe er auch nur am bescheidensten Platze auf
+der Bühne der Welt erscheint. Es sind die Jahre des »wilden Junkers«
+von Kniephof, die umrankt sind von der ganzen Romantik der genialen
+Kraftzeit, und die doch für die innere Entwicklung und für das geistige
+Ausreifen dieser starken Persönlichkeit von so unendlicher Bedeutung
+sind.
+
+Aber sind die Taten des wilden Junkers nicht in Wahrheit nur
+Explosionen eines zurückgedrängten Temperamentes? Steht nicht neben den
+tollen Streichen das Bild des ernsthaften Grüblers, der sich in Strauß
+und Feuerbach versenkt und immer tiefer »in die Sackgasse des Zweifels«
+gerät, der sich in Macchiavelli und Spinoza vertieft und in »trostloser
+Niedergeschlagenheit« zu der melancholischen Erkenntnis gelangt, daß
+sein und anderer Menschen Dasein zwecklos und unersprießlich sei? Hier
+schwärmt Bismarck für Byron, Lenau, Anastasius Grün. Er schreibt sich
+ihre Gedichte ab; er wird Pantheist und denkt sich Gott als einen,
+»der sich um ein solches Stäubchen nicht bekümmern kann«. Und bei
+allem bleibt er der Landedelmann, der auf Entenjagd geht, im Boote
+liegt, die Büchse zur Rechten, die Flasche Champagner zur Linken.
+Auch in die Fremde treibt es ihn, nach London, nach Norderney, auf
+die Seehundsjagd. Sein Augenmaß weitet sich immer mehr; sein Wissen
+vertieft sich.
+
+Und dennoch bleibt er ein sorgsamer Landwirt. Noch ist ein Teil der
+von ihm geführten Rechnungsbücher erhalten; Spiritus, Korn, Wolle,
+Maschinen und Löhne, Steuern und Kreiskosten lösen einander ab. Aber
+das Glücksgefühl, im engen Kreise zu schaffen, sein eigener Herr zu
+sein, zu befehlen, wird doch seiner Stimmung nicht Herr. Das Gefühl,
+seine schäumende Kraft nicht am rechten Orte zu großen Aufgaben
+verwenden zu können, stimmt ihn immer wieder bitter. Und oft genug
+mochte es nur ein Versuch sein, sich gegen diese Schwermut, gegen
+die aus der Langeweile erwachsende Melancholie zu schützen, wenn er
+so recht zum tollen Junker wird, wenn er auf seinem treuen Kaleb
+weithin durch das pommersche Land jagt ȟber manche Meile weg, froh
+und traurig, wild und träge, an Heiden und Feldern, Seen und Häusern
+und Menschen vorbei«. Das Bedürfnis, sich zu bewegen, sich in tollen
+Ritten, in starken Exzessen auszuleben, wo das eigentliche Ziel seiner
+Kraft ihm versagt schien, mochte ihn dazu treiben, die Einsamkeit,
+die ihn umwob, möglichst oft in Gesellschaft derber Gesellen zu
+durchbrechen, zu trinken, zu rauchen und zuweilen auch zu spielen oder
+durch Pistolenschüsse die Stille zu zerreißen.
+
+Herr von Marwitz, ein Gutsnachbar, hat eine anschauliche Schilderung
+gegeben:
+
+
+Vom Leben auf Kniephof
+
+ »Wenn ich nach langer Fahrt auf schlechten Wegen bei ihm in
+ Kniephof ankam, wurde ein einfacher Imbiß aufgetragen; er nahm
+ Porter und Sekt aus dem Wandschrank, setzte die Flaschen vor
+ mich hin und sagte: ›=Help yourself=‹. Während ich mich stärkte,
+ sprach er viel und anregend. Er hatte Reisen in Deutschland,
+ Frankreich und England gemacht und las gewaltig viel, meistens
+ Geschichtswerke. Er vertiefte sich auch gern in Spezialkarten,
+ namentlich von Deutschland und die alte zwanzigbändige
+ ›Erdbeschreibung‹ von Büsching, welche ausführliche Angaben über
+ die meisten deutschen Landschaften enthält. Von sehr vielen Gütern
+ in Pommern, in der Mark und im Magdeburgischen kannte er die
+ Bodenverhältnisse, die Größen und sogar die zu verschiedenen Zeiten
+ dafür gezahlten Kaufwerte. Auch über Politik sprach er gern, und
+ was er sagte, klang manchmal ziemlich oppositionell, weil ihm die
+ schleppende Geschäftsbehandlung bei den Regierungskollegien in
+ Aachen und Potsdam mißfallen hatte. Er freute sich immer sehr,
+ wenn man ihn besuchte; und wenn man fortfuhr, pflegte er die Gäste
+ zu Pferde bis über seine Gutsgrenzen zu begleiten. Er war der
+ verwegenste Reiter und stürzte öfters, einmal so gefährlich, daß
+ ein anderer wohl nicht lebendig davongekommen wäre. Aber seine
+ Riesennatur trotzte jeder Störung. Die meisten Besuche, auch auf
+ weite Entfernungen, machte er zu Pferde und brachte lebendigen
+ Verkehr in die ganze Gegend. Er war ein vorzüglicher Jäger und
+ oft König der Jagd. In Kniephof war das Jagddiner immer einfach,
+ doch saßen wir trinkend und rauchend gewöhnlich bis in die tiefe
+ Nacht. Bismarck war ein starker Zecher, aber niemals hat ihn jemand
+ berauscht gesehen. Eines Abends wollte ich mit einem Freunde von
+ Regenwalde nach Naugard fahren. Es war schon spät, als wir durch
+ Kniephof kamen, und wir beschlossen, dort die Nacht zu bleiben.
+ Bismarck empfing uns sehr freundlich, sagte aber sogleich, er könne
+ uns am anderen Morgen keine Gesellschaft leisten, da er schon um
+ sieben Uhr nach Naugard fahren müßte. Das wollten auch wir. Er
+ empfahl uns wiederholt, nicht so früh aufzubrechen, sagte aber
+ endlich: ›Wenn ihr es denn nicht anders wollt, so werde ich euch
+ um halb sieben wecken.‹ Es war ziemlich spät, als er uns die Treppe
+ hinauf zum Schlafzimmer geleitete. Vor dem Einschlafen sagte mein
+ Gefährte: ›Ich habe mehr getrunken, als ich gewohnt bin, und möchte
+ morgen ausschlafen.‹ ›Das wird nicht gehen,‹ sagte ich, ›denn nach
+ dem, was wir abgemacht haben, wird Bismarck uns um halb sieben
+ mobil machen.‹ ›Abwarten‹, sagte der andere, verschloß die Tür
+ und schob mit äußerster Kraftanstrengung einen schweren Schrank
+ davor. Um halb sieben, es war schon hell, ruft Bismarck vor der
+ Tür: ›Seid ihr fertig?‹ Keine Antwort. Er drückt vergebens auf
+ die Klinke und stößt mit dem Fuße die alte Tür ein, kann aber des
+ Schrankes wegen nicht weiter. Bald darauf ruft er im Hofe: ›Seid
+ ihr fertig?‹ Kein Laut. Sogleich krachen zwei Pistolenschüsse, die
+ Fenster klirren und Kalk von der angeschossenen Decke fällt auf das
+ Bett meines Gefährten. Da gibt dieser das Spiel verloren, bindet
+ ein Handtuch an seinen Stock und steckt es als Friedensfahne zum
+ Fenster hinaus. Bald darauf waren wir unten. Bismarck empfing uns
+ beim Frühstück mit gewohnter Liebenswürdigkeit, ohne seines kleinen
+ Sieges zu erwähnen. — Später war ich einmal mit mehreren Bekannten
+ zur Jagd in Kniephof. Die nach der Jagd erforderliche Reinigung
+ dauerte bei uns ziemlich lange. Da fielen in kurzen Pausen fünf
+ Pistolenschüsse; wir hörten, wie die Kugeln in die Fensterkreuze
+ einschlugen. Otto amüsierte sich, uns zu necken. Niemanden fiel
+ es ein, daß er hätte vorbeischießen und einen von uns treffen
+ können, denn wir kannten seine Pistole als unfehlbar sicher; aber
+ der Effekt der Schüsse war doch eine merkliche Beschleunigung
+ unserer Vorbereitungen zum Diner. Dann gab es eine scharfe Sitzung.
+ Am anderen Morgen fanden wir unseren Wirt nicht beim Frühstück,
+ vermuteten ihn noch schlafend und fuhren ziemlich geräuschlos
+ fort, um uns zur Jagd bei einem ziemlich entfernt wohnenden
+ Nachbarn nicht zu verspäten. Dort kam Otto uns lachend entgegen;
+ er war auf seinem Lieblingspferde Kaleb, einem großen schnellen
+ Braunen, vorangeritten, um uns zu überraschen. Wegen solcher
+ lustiger Streiche nannte man ihn damals den ›tollen Bismarck‹; wir
+ wußten aber genau, daß er viel klüger war als wir alle zusammen.
+ — Vor längerer Zeit ritt er eines Tages auf Kaleb neun Meilen (63
+ =km=), um in dem Badeorte Polzin den Abend zu tanzen und dabei
+ eine vielumworbene junge Dame kennen zu lernen. Er machte ihr den
+ Hof, schien ihr zu gefallen und dachte an Verlobung. Am folgenden
+ Tage aber gab er diesen Gedanken auf, weil er erkannte, daß ihr
+ Charakter nicht zu dem seinigen paßte. Tief verstimmt ritt er in
+ der Nacht nach Hause. Quer durch einen Wald galoppierend, stürzte
+ Kaleb in einen breiten Graben. Bismarck wurde mit dem Kopf gegen
+ einen Hügel geschleudert und blieb einige Zeit bewußtlos liegen.
+ Als er erwachte, sah er beim Mondschein den treuen Kaleb neben sich
+ stehen, stieg auf und ritt ganz langsam nach Hause. Nach dieser
+ Begebenheit, die ihn, wie er erzählte, einigermaßen erschüttert
+ hatte, war eine Zeitlang wenig von ihm zu hören.«
+
+[Illustration: ~Bismarck und die Jakobinermütze~
+
+»=C’est un peu haut!=« (Flugblatt 1870)]
+
+Noch einmal erfaßte den jungen Bismarck, ehe er in den ruhigen Hafen
+der Ehe einlaufen konnte, eine heftige Neigung. Ottilie von Puttkamer,
+die Tochter der Gutsherrin von Pansin, war ihr Ziel. Auch hier hat er
+viel gelitten, aber auch hier hat er die Stimmung besiegt. Lakonisch
+schreibt er nach Jahr und Tag an seinen Freund Scharlach:
+
+ »Ich verliebte und verlobte mich abermals, erzürnte mich vierzehn
+ Tage nachher mit der Mutter meiner Braut, einer Frau, die, um
+ ihr Gerechtigkeit zu tun, eine der bösesten ist, die ich kenne,
+ und die das Bedürfnis hat, noch selbst der Gegenstand zärtlicher
+ Blicke zu sein. Nach fast jahrelangen Intrigen gelang es ihr,
+ meiner Braut einen höchst lakonischen Absagebrief an mich in die
+ Feder zu geben. Ich hielt es meiner Würde nicht für angemessen,
+ die beleidigte Aufgeregtheit eines Gemüts zu zeigen und ihr mit
+ einigen Schüssen auf Brüder u. dgl. der Ungetreuen Luft zu machen;
+ ich trat in meiner Eigenschaft als Landwehroffizier auf einige
+ Monate zur Dienstleistung in ein Ulanenregiment, focht tapfer
+ gegen Staub und markierte Feinde, und da ich auch im Drange dieser
+ Taten meine Ruhe nicht fand, so brauchte ich das Universalmittel
+ für Verliebte, ich ging auf Reisen und wurde wieder liederlich.
+ Von Edinburg durch England und Frankreich trug ich meinen Kummer
+ über die Alpen, und war im Begriff über Triest nach dem Orient
+ zu gehen, eventualiter die Afghanen durch die Lupe zu besehen,
+ wozu ich mit Empfehlungen ausgerüstet war, als mir mein Vater in
+ einem tränenfeuchten Brief, der von einsamem Alter (dreiundsiebzig
+ Jahre, Witwer, taub), Sterben und Wiedersehen sprach, die Heimkehr
+ anbefahl. Ich kam zurück — er starb nicht — und ich suchte in
+ diesem Sommer einem Leiden durch Dieffenbach und Norderney
+ abzuhelfen. Vorher, im Frühjahr, machte ich einen sechswöchigen
+ Versuch, eine andere Krankheit, eine an Lebensüberdruß grenzende
+ Gelangweiltheit durch alles, was mich umgibt, zu heilen, indem ich
+ mich durch besondere Vergünstigung eines unserer Minister wieder
+ im Staatsdienst beschäftigen ließ und die angestrengte Arbeit in
+ der insipiden und leeres Stroh dreschenden Schreiberei unserer
+ Verwaltung als eine Art von geistigem Holzhauen betrachtete, um
+ meinem teilnahmlos erschlafften Geist wieder etwas von dem gesunden
+ Zustande zu geben, den einförmige und regelmäßige Tätigkeit für den
+ Körper herbeizuführen pflegt. Aber teils war mir die krähwinklige
+ Anmaßung oder lächerliche Herablassung der Vorgesetzten nach langer
+ Entwöhnung noch fataler als sonst, teils nötigten mich häusliche
+ Vorfälle, Unordnungen in meiner Verwaltung usw., die Verwaltung
+ meiner Güter wieder selbst zu übernehmen. Seitdem sitze ich hier,
+ unverheiratet, sehr einsam, neunundzwanzig Jahre alt, körperlich
+ wieder gesund, aber geistig ziemlich unempfänglich, treibe meine
+ Geschäfte mit Pünktlichkeit, aber ohne besondere Teilnahme, suche
+ meinen Untergebenen das Leben in ihrer Art behaglich zu machen und
+ sehe ohne Ärger an, wie sie mich dafür betrügen. Des Vormittags bin
+ ich verdrießlich, nach Tische allen milden Gefühlen zugänglich.
+ Mein Umgang besteht in Hunden, Pferden und Landjunkern, und bei
+ letzteren erfreue ich mich einigen Ansehens, weil ich Geschriebenes
+ mit Leichtigkeit lesen kann, mich zu jeder Zeit wie ein Mensch
+ kleide und dabei ein Stück Wild mit der Akkuratesse eines Metzgers
+ zerwirke, ruhig und dreist reite, ganz schwere Zigarren rauche und
+ meine Gäste mit freundlicher Kaltblütigkeit unter den Tisch trinke.
+ So vegetiere ich fast wie ein Uhrwerk, ohne besondere Wünsche oder
+ Befürchtungen zu haben; ein sehr harmonischer und sehr langweiliger
+ Zustand.«
+
+Die Enttäuschung in seiner Liebe war zweifellos der stärkste Antrieb
+zu Bismarcks großer Reise vom Jahre 1842. Von ihr erzählen uns seine
+Briefe aus London, Edinburg, York, Bern und Luzern. Mit seinem späteren
+Schwager Oskar von Arnim, den er unterwegs traf, gedachte er sogar nach
+Indien zu gehen, »einige Jahre Asiat zu spielen, um etwas Veränderung
+in die Dekoration der Komödie zu bringen« und seine Zigarren »am
+Ganges statt an der Rega zu rauchen«. Er wollte sogar in Indien unter
+englischer Fahne Dienst nehmen. »Indessen,« so schrieb er damals, »was
+haben mir die Indier zuleide getan? dachte ich mir.« In Norderney
+umgab ihn die große Welt; hier lernte er die Reize der Nordsee kennen;
+hier schrieb er die wundervollen Briefe an seine Schwester, in denen
+eine rein künstlerische Naturbetrachtung mit lachender Ironie und
+Selbstverspottung wechselt.
+
+Köstlich ist auch ein Brief, in dem er eine phantastische Fuchsjagd mit
+seinem Vater schildert.
+
+
+Die Fuchsjagd
+
+ »Nächstdem«, so schreibt er im Dezember 1844 aus Schönhausen an
+ die Schwester, »lebe ich hier mit dem Vater lesend, rauchend,
+ spazierengehend, helfe ihm Neunaugen essen und spiele zuweilen
+ eine Komödie mit ihm, die es ihm gefällt, Fuchsjagd zu nennen; wir
+ gehen nämlich bei starkem Regen, oder jetzt sechs Grad Frost, mit
+ Ihle, Bellin und Karl hinaus, umstellen mit aller jägermäßigen
+ Vorsicht, lautlos unter sorgfältiger Beachtung des Windes einen
+ Kieferbusch, von dem wir alle, und vielleicht auch der Vater,
+ unumstößlich überzeugt sind, daß, außer einigen Holz suchenden
+ Weibern, kein lebendes Geschöpf darin ist. Darauf gehen Ihle, Karl
+ und zwei Hunde unter Ausstoßung der seltsamsten und schrecklichsten
+ Töne, besonders von seiten Ihles, durch den Busch; der Vater steht
+ regungslos und aufmerksam mit schußfertigem Gewehr, genau als wenn
+ er wirklich ein Tier erwarte, bis Ihle dicht vor ihm schreit: ›hu,
+ la, la, he, he, faßt, häh, häh!‹ in den sonderbarsten Kehllauten.
+ Dann fragt mich der Vater ganz unbefangen, ob ich nichts gesehen
+ habe, und ich sage mit einem möglichst natürlich gegebenen Anflug
+ von Verwunderung im Tone: nein, nicht das mindeste. Dann gehen
+ wir, auf das Wetter schimpfend, zu einem anderen Busch, dessen
+ vermutliche Ergiebigkeit an Wild Ihle mit einer recht natürlich
+ gespielten Zuversicht zu rühmen pflegt, und spielen =dal segno=.
+ So geht es drei bis vier Stunden lang, ohne daß in Vater, Ihle und
+ Fingal die Passion einen Augenblick zu erkalten scheint. Außerdem
+ besehen wir täglich zweimal das Orangeriehaus und einmal die
+ Schäferei, vergleichen stündlich die vier Thermometer in der Stube,
+ rücken die Zeiger des Wetterglases und haben, seit das Wetter klar
+ ist, die Uhren nach der Sonne in solche Übereinstimmung gebracht,
+ daß nur die an der Bibliothek noch einen einzigen Schlag nachtut,
+ wenn die anderen =a tempo= ausgeschlagen haben. Karl =V.= war ein
+ dummer Kerl!«
+
+Noch nicht ein Jahr später eilte Bismarck an das Sterbelager seines
+Vaters, und wenige Stunden nach seiner Ankunft, am 22. August 1845,
+drückte er ihm die Augen zu. Aber auf den schweren Verlust ist mit der
+Verlobung bald das glücklichste Ereignis in Bismarcks Leben gefolgt.
+Er war nach dem Tode des Vaters nach Schönhausen übergesiedelt, das
+er fortan neben Kniephof übernahm. Vorher war er vom Kreise Jericho
+zum Deichhauptmann ernannt. Schon vorher hatte er jene Tat vollbracht,
+deren Lohn sein erster Orden wurde, die Rettungsmedaille.
+
+In der Stadtchronik von Lippehne befindet sich, von dem Ortspfarrer
+Stöhr niedergeschrieben, folgende Stelle:
+
+
+Der erste Orden
+
+ 1842. Freitag, den 24. Juni (Johannistag), gegen fünf bis sechs
+ Uhr nachmittags, ließ der zur Übung hier anwesende Leutnant von
+ Bismarck, zweiter Sohn des Rittmeisters a. D. von Bismarck,
+ Gutsbesitzer auf Kniephof bei Naugard, in Begleitung des Herrn
+ Leutnants von Klitzing, von Schneuden usw., seine Pferde im
+ hiesigen Wendelsee, zwischen der Brücke und der rechts derselben
+ von der Stadt aus gelegenen Gotthardtschen Gerberbank durch
+ seinen Bedienten Johann August Ferdinand Hildebrandt und den
+ Ulanen Wilhelm Kühl, beide aus Jarchelin bei Naugard, schwemmen.
+ Die Herren Leutnants standen auf der Brücke. Hildebrandt ritt
+ mit seinem Pferde zuerst in den See. Unstreitig dadurch, daß der
+ Reiter die Zügel ungleich gefaßt, fing das Pferd an, im Kreise zu
+ gehen. Indem der Reiter es herumreißen wollte, bäumte es auf und
+ warf ihn in die Tiefe. Der Ulan Kühl sah dies und ritt schnell
+ hinzu. Da aber das Vorland unter dem Wasser hier steil endet, so
+ stürzte er über den Kopf des schnell heruntersinkenden Pferdes.
+ Nun zog der Herr Leutnant von Bismarck schnell seinen Uniformrock
+ aus, sprang von dem mindestens fünfzehn Fuß über dem Wasserspiegel
+ hohen Brückengeländer in den See, riß zuerst den Kühl auf das
+ Vorland zurück und brachte, im übrigen vollständig bekleidet
+ und mit Glacéhandschuhen versehen, den Hildebrandt, der schon
+ Wasser geschöpft hatte, aus der Tiefe wassertretend glücklich auf
+ das Vorland, stellte, von ihm umfaßt, diesen, sobald er auf dem
+ Vorland Grund erhalten hatte, auf, brachte ihn, nachdem er stehend
+ zum Bewußtsein gekommen war, glücklich an das Ufer und bemühte
+ sich, das eine noch im See schwimmende Pferd um die Gerberbank
+ nach dem Gotthardtschen Garten zu treiben, was glücklich gelang.
+ An derselben Stelle des Sees, wo schon mancher beim Schwemmen
+ der Pferde seinen Tod fand, rettete der edle Otto von Bismarck
+ mit völliger Verleugnung aller Gefahr des eigenen Lebens, mit
+ seltenem Mut und ausgezeichneter Kraftanstrengung das Leben zweier
+ Menschen. — Tatsächlich befinden sich in diesem Bericht einige
+ Irrtümer, insofern, als Bismarck nicht zwei Menschen, sondern
+ nur einen, seinen späteren langjährigen Reitknecht Hildebrandt,
+ rettete, ohne auch vorher seinen Rock abzulegen. — Im Jahre 1866
+ schrieb der Pfarrer Stöhr auf das vergilbte Blatt der Chronik noch
+ folgende Randbemerkung: Was hätte man geurteilt, als ich vor dem
+ Herrn Leutnant von Bismarck im Hause Nr. 206 in der Stube links
+ der Eingangstüre saß und ihn nach seinem werten Stand und Namen
+ fragte, um die nachstehende Tat hier niederschreiben zu können,
+ wenn ich ihm hätte sagen können: »Wie Sie heute Ihren Reitknecht
+ aus dem hiesigen Wendelsee gezogen haben, so werden Sie einst
+ Deutschland aus den trüben Wassern des alle geistige Entwicklung
+ niederhaltenden Katholizismus und der österreichisch-habsburgischen
+ Hauspolitik reißen und retten?«
+
+Am Ufer des Wendelsees ist ein Denkmal errichtet, das Otto von
+Bismarcks kühne Tat verherrlicht. Ihm selbst wurde nach dieser Tat
+die Rettungsmedaille am Bande verliehen, die später Anlaß zu jener
+bekannten Szene in Frankfurt gab. Dort fragte ihn ein mit vielen
+Ordenssternen geschmückter österreichischer Staatsmann in spöttischem
+Tone, was die seltsame Gestalt der Denkmünze eigentlich bedeute,
+worauf Bismarck ihn mit den Worten abfertigte: »Je nun, ich habe die
+Gewohnheit, mitunter einem Menschen das Leben zu retten.«
+
+Am 16. April 1847 konnte Bismarck der Schwester die Verlobung anzeigen.
+Er tat dies in der gewohnten humoristischen Form:
+
+
+Die Verlobungsanzeige
+
+ »Malinka! Ich zeige Dir nunmehr alles Ernstes meine Verlobung an,
+ die kein Geheimnis mehr ist. Ich erhielt in der vorigen Woche einen
+ Brief von hier, der mir freistellte, herzukommen und die Antwort
+ zu hören. Am Montag kam ich früh durch Angermünde, fuhr spurlos
+ durch Naugard, und Dienstag, den 12., um Mittag war ich verlobt.
+ Alles nähere, das maßlose Erstaunen der Kassuben, von denen die,
+ welche nicht gleich rundum überschlugen, noch immer haufenweise
+ auf dem Rücken liegen, den Verdruß der alten Damen, daß auch keine
+ sagen kann: ich habe eine Silbe davon geahnt usw., will ich Dir
+ mündlich erzählen. Einstweilen bitte ich nur Dich und Oskar, Euch
+ in wohlwollende Verfassung für meine zukünftige Frau zu setzen,
+ die Dir selbst noch schreiben wird. Reinfeld liegt hier dicht bei
+ Polen, Bütow ist die nächste Stadt, man hört die Wölfe und die
+ Kassuben allnächtlich heulen, und in diesem und den sechs nächsten
+ Kreisen wohnen achthundert Menschen auf der Quadratmeile; =polish
+ spoken here=. Ein sehr freundliches Ländchen. Herzliche Grüße an O.
+ Dein treuer Bruder.«
+
+Bismarck hatte die Frau, die ihn durch ein langes großes Leben geleiten
+sollte, bei der Hochzeit des ihm befreundeten jungen Ehepaares von
+Blankenburg kennen und auf einer gemeinsamen Reise in den Harz lieben
+gelernt. Von hier waren sie bereits als stillverlobtes Paar in die
+Heimat zurückgekehrt. Aber es hatte noch eine Zeitlang gedauert, ehe
+sie an das Ziel ihrer Wünsche gelangten. Denn der Ruf, den der tolle
+Junker genoß, machte die Zustimmung der frommen christlichen Eltern
+höchst unwahrscheinlich. Als Bismarck brieflich frank und frei um die
+Hand der Tochter anhielt, äußerte sich der Vater so wenig erfreulich,
+daß er später den Eindruck dieser Stunde in den Ausruf zusammenfaßte:
+»Ich war wie mit der Axt vor den Kopf geschlagen.« Die Mutter aber
+jammerte, daß der Wolf immer die frömmsten Schafe fresse; sie
+protestierte und weinte, bis schließlich Bismarck selbst auf dem Plan
+erschien. Mit den Worten »=all right=« zeigte er dann der Schwester den
+Sieg an.
+
+
+Johanna
+
+ »Sie ist«, so schildern sie in jener Zeit die Freunde, »ein
+ einzigfrommes, reines, tiefes Mädchen; in ihren Augen ist ein
+ balsamischer Friedensglanz. Sie ist ein frischer sprudelnder
+ Gesundbrunnen, eine schöne pikante Blume, über die noch nie ein
+ Gifthauch gegangen ist, obwohl sie zwanzig Jahre alt ist. Sie hat
+ nichts Schönes im Äußeren, als Augen und lange schwarze Locken,
+ sieht sonst alt aus, spricht viel, witzig und munter mit jedem
+ Menschen, Mann oder Weib.« »Sie ist äußerst gescheit«, so schreibt
+ ein anderer Freund, »durch und durch musikalisch, die Züge haben
+ nichts hervorstechend Antikes, sind aber äußerst lieblich; sie ist
+ durch und durch ein geistreicher Student, höchst originell mit
+ einem tiefen frommen Herzen, dem alle Pietisterei fremd ist, das
+ mit der allerholdesten Kindereinfalt Walzer spielt, wie ich es noch
+ nie gehört habe.« Und ein Dritter schildert sie: »Ein einzig tiefes
+ Gemüt zum Glücklichmachen hat das schwarze Mädchen, eine warme,
+ tiefe, starke, unentweihte Kraft der Liebe.«
+
+Die Harzreise mit der Geliebten und den Freunden, die zwanglos
+fröhlichen Wandertage durch die Täler und über die Berge, die
+gemeinsame »grenzenlose Mondscheinhuldigung und Schwärmerei«, die
+entzückten Gespräche — niemals vielleicht hat das junge Paar solche
+reizvollen Tage voll Poesie erlebt, wie hier.
+
+Mit der Verlobung steigerte sich Bismarcks Willen zu einem Leben der
+Tat, wuchs die Sehnsucht nach der Rückkehr in die Welt. In denselben
+Wochen, die jetzt mit den wundervollen Briefen des jungen Bräutigams
+an die Braut erfüllt sind, mit Briefen, die uns die ganze poetische
+Kraft, das ganze feine und tiefe Künstlerempfinden des großen Mannes
+enthüllen, leistet er unermüdliche Arbeit nicht nur als Deichhauptmann,
+sondern auch auf dem Kreistage, im Patrimonium, auf allen Gebieten der
+Selbstverwaltung, die sich ihm erschließen. Hier atmet er auf, wenn die
+Elbe zu tosen beginnt: »Wenn sie alle Jahre so langweilig sanftmütig
+sein will, so würde ich das Kommando über ihre Fluten niederlegen.
+Ehe ich träge Pferde reite, gehe ich lieber zu Fuß. ... In ergebenem
+Gottvertrauen setz’ die Sporen ein und laß das wilde Roß des Lebens mit
+Dir fliegen über Stock und Block, gefaßt darauf, den Hals zu brechen,
+aber furchtlos, da Du doch einmal scheiden mußt von allem, was Dir auf
+Erden teuer ist, und doch nicht auf ewig.« Bald aber naht die Stunde,
+da er aus der Enge des Kreises heraustritt in das große politische
+Leben: Friedrich Wilhelm hatte den Vereinigten Landtag nach Berlin
+berufen; an Stelle des erkrankten Herrn von Brauchitsch zog Bismarck
+dorthin. Am 11. April hatte sich der Landtag versammelt, am 17. Mai
+ergriff dort bereits der junge Deichhauptmann von Bismarck das Wort.
+Seine Rede war kurz, aber sie war ein Glaubensbekenntnis für alle
+Zeiten. Sie war der mutige Ausdruck einer starken Persönlichkeit, die
+sich bewußt und rücksichtslos gegen die allgemein gültige Auffassung
+stemmte.
+
+
+Die erste Rede
+
+ Der Abgeordnete von Saucken hatte behauptet, daß die preußische
+ Volkserhebung nicht nur aus dem Hasse gegen die napoleonische
+ Fremdherrschaft hervorgegangen, sondern zum gleichen Teile auf die
+ Hoffnung zurückzuführen sei, eine Verfassung zu erlangen. Da betrat
+ der zweiunddreißigjährige Bismarck die Tribüne und rief aus: »Ich
+ fühle mich gedrungen, dem zu widersprechen, was auf der Tribüne
+ sowohl als außerhalb dieses Saales so oft laut geworden ist, als
+ von Ansprüchen auf Verfassung die Rede war: als ob die Bewegung des
+ Volkes von 1813 anderen Gründen zugeschrieben werden müßte, und es
+ eines anderen Motivs bedurft hätte, als der Schmach, daß Fremde in
+ unserem Lande geboten. (Lautes Murren.) Es heißt meines Erachtens
+ der Nationalehre einen schlechten Dienst erweisen (wiederholtes
+ Murren), wenn man annimmt, daß die Mißhandlung und Erniedrigung,
+ die die Preußen durch einen fremden Gewalthaber erlitten, nicht
+ hinreichend gewesen seien, ihr Blut in Wallung zu bringen und
+ durch den Haß gegen die Fremdlinge alle anderen Gefühle übertäubt
+ werden zu lassen.« (Großer Lärm.) — Als die Abgeordneten Krause und
+ Gier dagegen Verwahrung einlegten, daß jemand, der die Zeit von
+ 1813 nicht mit durchgekämpft habe, ein derartiges Urteil fälle,
+ bestieg Abgeordneter von Bismarck unter großem Lärm nochmals die
+ Tribüne. Als der Lärm aber nicht nachließ, zog er eine Zeitung
+ aus der Tasche, wandte der Versammlung den Rücken und las dann.
+ Erst als der Lärm sich legte, nahm er wieder das Wort: »Ich kann
+ allerdings nicht in Abrede stellen, daß ich zu jener Zeit nicht
+ gelebt habe, und es tat mir stets aufrichtig leid, daß es mir nicht
+ vergönnt gewesen, an dieser Bewegung teilzunehmen; ein Bedauern,
+ das vermindert wird durch die Aufklärung, die ich soeben über die
+ damalige Bewegung empfangen habe. Ich habe immer geglaubt, daß die
+ Knechtschaft, gegen die damals gekämpft wurde, im Auslande gelegen
+ habe; soeben bin ich aber belehrt, daß sie im Inlande gelegen hat,
+ und ich bin nicht sehr dankbar für diese Aufklärung!« (Einige
+ Stimmen: Bravo!)
+
+[Illustration: ~Parlamentarisches Debüt~
+
+Am 17. Mai 1847 als jugendlicher Liebhaber in der Rolle des Percy
+Heißsporn: »Ich kann nicht schmeicheln, glatte Zungen verschmäh’ ich!«
+(Aus einer humorist. Biographie des »Kladderadatsch« zum 80. Geburtstag
+Bismarcks)]
+
+Bismarck selbst schrieb über diesen Vorgang nach Reinfeld: »Ich erregte
+gestern einen unerhörten Sturm des Mißfallens, indem ich durch eine
+nicht deutlich genug gefaßte Äußerung über die Natur der Volksbewegung
+von 1813 die mißverstandene Eitelkeit vieler von der eigenen Partei
+verletzte und natürlich das ganze Hallo der Opposition gegen mich
+hatte. Die Erbitterung war groß, vielleicht gerade, weil ich die
+Wahrheit sagte. ... Man warf mir meine Jugend und was sonst noch alles
+vor.« Und weiter: »Der Vater wird Dir erzählen, wie ich neulich hier
+in das Wespennest der Freiwilligen stach und die entrüsteten Hornissen
+auf mich her summten.« Ihn ergriff die Aufgabe, die ihm gestellt war.
+Aber rasch genug erkannte er doch auch die Schwächen all der Leute,
+die ihn umgaben, ihre Eitelkeit, ihre Wichtigtuerei. So schreibt er
+kurz vor seinem Debüt: »Die heutige Sitzung war recht langweilig,
+unendliches Schwatzen, Wiederholen, Breittreten, Zeittotschlagen.
+Es ist merkwürdig, wieviel Dreistigkeit im Auftreten die Redner im
+Verhältnis zu ihren Fähigkeiten zeigen, und mit welcher schamlosen
+Selbstgefälligkeit sie ihre nichtssagenden Redensarten einer so großen
+Versammlung aufzudrängen wagen.« Es ist der Protest des Tatenmenschen
+gegen die Männer des Wortes; es ist der Protest eines Mannes, der
+die Urgebote des politischen Daseins, die Gebote der Macht, des
+Staates, der Volksgesamtheit erkennt und mit selbstverständlicher
+Naturgewalt lehrt. Schon hier entdeckt Erich Marcks mit Recht, hier
+in dieser harten Ausschließlichkeit und unvermischten, unverbildeten
+leidenschaftlichen Kraft den Granit zu Bismarcks historischer Größe.
+
+Noch dreimal ergriff Otto von Bismarck in dieser ersten Tagung das
+Wort, immer im scharfen Gegensatz sich abhebend von der »importierten
+Phrasenschablone« des damaligen Liberalismus. Und jene wenigen Reden
+genügten, um ihn zur Hoffnung seiner Freunde, zum Grauen seiner Gegner
+zu machen. Man sieht in ihm den begabtesten Wortführer der Ultras, den
+schamlosen Junker. In Wahrheit aber war er in dieser kurzen Zeit zu
+einem Politiker geworden, mit dem die Zukunft rechnen mußte und auch
+bald genug gerechnet hat.
+
+[Illustration: ~Der Junker~
+
+Die erste Karikatur des gewalttätigen, nach Blut riechenden Junkers.
+(Pausebild aus einer Zeitung 1848)]
+
+Der Eindruck bei Hofe
+
+ »Bei den Hoffestlichkeiten,« erzählte nach langen Jahren Fürst
+ Bismarck, »die während des Vereinigten Landtages stattfanden,
+ wurde ich von dem König und der Prinzessin von Preußen in
+ augenfälliger Weise gemieden, jedoch aus verschiedenen Gründen, von
+ der letzteren, weil ich weder liberal noch populär war, von dem
+ ersteren aus einem Grunde, der mir erst später klar wurde. Wenn
+ er bei Empfang der Mitglieder vermied, mit mir zu sprechen, wenn
+ er im Cercle, nachdem er der Reihe nach jeden angeredet hatte,
+ abbrach, sobald er an mich kam, umkehrte oder quer durch den Saal
+ abschwenkte: so glaubte ich annehmen zu müssen, daß meine Haltung
+ als royalistischer Heißsporn die Grenzen überschritt, die er sich
+ gesteckt hatte. Daß diese Auslegung unrichtig, erkannte ich erst
+ einige Monate später, als ich auf meiner Hochzeitsreise Venedig
+ berührte. Der König, der mich im Theater erkannt hatte, befahl
+ mich folgenden Tags zur Audienz und zur Tafel, mir so unerwartet,
+ daß mein leichtes Reisegepäck und die Unfähigkeit der Schneider
+ des Ortes mir nicht die Möglichkeit gewährten, in korrektem
+ Anzuge zu erscheinen. Mein Empfang war ein so wohlwollender und
+ die Unterhaltung auch auf politischem Gebiete derart, daß ich
+ eine aufmunternde Billigung meiner Haltung im Landtage daraus
+ entnehmen konnte. Der König befahl mir, mich im Laufe des Winters
+ bei ihm zu melden, was geschah. Bei dieser Gelegenheit und bei
+ kleineren Diners im Schloß überzeugte ich mich, daß ich bei beiden
+ allerhöchsten Herrschaften in voller Gnade stand, und daß der
+ König, wenn er zur Zeit der Landtagssitzungen vermieden hatte,
+ öffentlich mit mir zu reden, damit nicht eine Kritik meines
+ politischen Verhaltens geben, sondern nur seine Billigung den
+ anderen zurzeit nicht zeigen wollte.«
+
+Am 28. Juli hat Bismarck die Braut heimgeführt. Die Hochzeitsreise
+führte die Neuvermählten über Dresden, Prag, Wien und Salzburg nach
+Italien und auf der Heimreise durch die Schweiz und das Rheinland.
+Friedlich im jungen Eheglück floß dem Paare die nächste Zeit dahin.
+Dann aber schäumten die Wellen der Revolution auch hinüber bis in ihr
+Heim, und aus dem idyllischen Leben von Schönhausen wurde Bismarck
+zum zweitenmal hinausgerissen in die Stürme, die damals die Welt
+durchtobten.
+
+[Illustration: Karikatur aus dem Jahre 1848 (Flugblatt)]
+
+
+
+
+Im Strome der Politik
+
+
+Die Zeit der deutschen Revolution mußte Otto von Bismarck nach
+seiner ganzen Entwicklung in schroffem Gegensatz nicht nur zu den
+Barrikadenkämpfern, sondern auch zu den Schwärmern finden, die
+später in der Paulskirche die Kaiserkrone schmieden wollten. Für ihn
+waren wie für Roon die Männer der Revolution nur eine »schwankende,
+ordnungslose, offenbar von fremden Meuterern aufgestachelte Menge«,
+eine niederträchtige Partei, die gar keine Wurzeln im eigentlichen
+Volke hatte. »Zwei- oder dreihundert Böswillige hetzen, tausend
+Hungrige und Trunkene lassen sich hetzen, fünf- bis sechstausend sehen
+dem Spektakel zu und bezahlen leider nicht selten mit ihrer Haut, was
+jene verschuldet.« Für Bismarck wie für Roon ist in jenen Tagen jede
+Konzession des Königs ein Zeichen der Schwäche; nur freiwillig dürfen
+Preußens Herrscher geben, nicht gezwungen.
+
+Bismarck erhielt die erste Kunde von den Ereignissen des 18. und 19.
+März 1848 im Haus eines Gutsnachbarn, zu dem sich Berliner Damen
+geflüchtet hatten. Es ist charakteristisch für ihn, daß ihn nicht so
+die politische Tragweite der Vorgänge, wie die Erbitterung über die
+Ermordung der Soldaten in den Straßen in tiefster Seele packte. Bald
+aber schlugen die Wellen der Revolution auch bis nach Schönhausen
+hinüber. Er erzählt darüber:
+
+
+Er unternimmt eine Gegenrevolution
+
+ »Am 20. meldeten mir die Bauern in Schönhausen, es seien Deputierte
+ aus dem dreiviertel Meilen entfernten Tangermünde angekommen, mit
+ der Aufforderung, wie in der genannten Stadt geschehen war, auf
+ dem Turme die schwarzrotgoldene Fahne aufzuziehen, und mit der
+ Drohung, im Weigerungsfalle mit Verstärkung wiederzukommen. Ich
+ fragte die Bauern, ob sie sich wehren wollten; sie antworteten
+ mit einem einstimmigen und lebhaften ›Ja‹, und ich empfahl
+ ihnen, die Städter aus dem Dorfe zu treiben, was unter eifriger
+ Beteiligung der Weiber besorgt wurde. Ich ließ dann eine in der
+ Kirche vorhandene weiße Fahne mit schwarzem Kreuz, in Form des
+ eisernen, auf dem Turm aufziehen und ermittelte, was an Gewehren
+ und Schießbedarf im Dorfe vorhanden war, wobei etwa fünfzig
+ bäuerliche Jagdgewehre zum Vorschein kamen. Ich selbst besaß mit
+ Einrechnung der altertümlichen einige zwanzig und ließ Pulver durch
+ Boten von Jerichow nach Rathenow holen. Dann fuhr ich mit meiner
+ Frau auf umliegende Dörfer und fand die Bauern eifrig bereit, dem
+ Könige nach Berlin zu Hilfe zu ziehen, besonders begeistert einen
+ alten Deichschulzen Krause in Neuermark, der in meines Vaters
+ Regiment ›Karabiniers‹ Wachtmeister gewesen war. Nur mein nächster
+ Nachbar sympathisierte mit der Berliner Bewegung, warf mir vor,
+ eine Brandfackel in das Land zu schleudern, und erklärte, wenn die
+ Bauern sich wirklich zum Abmarsch anschicken sollten, so werde er
+ auftreten und abwiegeln. Ich erwiderte: ›Sie kennen mich als einen
+ ruhigen Mann, aber wenn Sie das tun, so schieße ich Sie nieder.‹
+ — ›Das werden Sie nicht‹, meinte er. — ›Ich gebe mein Ehrenwort
+ darauf,‹ versetzte ich, ›und Sie wissen, daß ich das halte, also
+ lassen Sie das.‹«
+
+
+Der Berliner Schwindel
+
+ Als die groteske Heldenschar, die Bismarck vereinigt hatte und die
+ unter seiner Leitung eifrig auf den Sandbergen übte, der Meinung
+ war, genügend kriegstüchtig ausgebildet zu sein, trat eines schönen
+ Tages der Ackerbürger Schilling gelegentlich einer Pause aus der
+ Front, und vor dem Kommandanten salutierend, redete er diesen wie
+ folgt an: »Herr Deichhauptmann (von Bismarck), nun führen Sie
+ uns man druf, wir wollen mal ein Ende machen mit dem Berliner
+ Schwindel!«
+
+
+Die Nelke
+
+ Ein gewisser zorniger Humor verließ Bismarck nicht. Dafür spricht
+ eine Anekdote von seiner Fahrt nach Potsdam, wohin er eilte,
+ entschlossen, sich vor der Brust seines Königs niedermetzeln zu
+ lassen. Er fuhr in einem Coupé zweiter Klasse, in dem sich auch
+ ein Handlungsreisender, ein frecher und lästiger Mensch, befand,
+ der fortwährend räsonierte und auf die Regierung und alles
+ mögliche schimpfte. Als sie angekommen und ausgestiegen waren,
+ behielt Bismarck den Sohn Merkurs im Auge und trat diesem auf dem
+ Perron mit vernichtenden Blicken unerwartet nahe, so daß derselbe
+ erschrocken zurückwich, doch Bismarck folgte ihm mit unheimlichem
+ Blick, und der geängstigte Kommis fand sich im Zurücktreten
+ plötzlich mit dem Rücken an einer Wand, seinen Verfolger mit
+ entsetzten Blicken anstarrend. »Wie heißen Sie?« wetterte Bismarck
+ ihn an. »Nelke heiße ich.« »Nehmen Sie sich in acht, Sie Nelke Sie!
+ oder ich werde Sie pflücken, daß es nur so knacken soll.« Sprach’s
+ und wendete dem Gestraften verächtlich den Rücken.
+
+Es war Bismarck nicht beschieden, sich für den König zu opfern.
+Vergebens bemühte er sich auch, dem König und seinen nächsten
+Verwandten etwas von dem Mute zu übertragen, der ihn selbst entflammte.
+Er fand keine Stätte für seine Wirksamkeit, keine Neigung zu
+energischem Verhalten. Und so kehrte er resultatlos nach seinem Gute
+zurück, sein preußisches Herz von Zorn und Empörung erfüllt, aber doch
+nicht an der Zukunft verzweifelnd. Der Schmerz, der ihn erschütterte,
+brach aus, als er am 2. April im Landtag das Wort ergriff, um mit
+wenigen Freunden gegen die Adresse zu stimmen, in der die Abgeordneten
+dem König den Dank des Landes für die Märzerrungenschaften aussprechen
+wollten. Er konnte seine Erklärung nicht zu Ende bringen; ein
+Weinkrampf überfiel ihn und zwang ihn, von der Tribüne herabzusteigen.
+Bei dem Satze: »Wenn es wirklich gelingt, auf diesem neuen Weg
+ein einiges deutsches Vaterland, einen glücklichen oder auch nur
+gesetzmäßigen Zustand zu erlangen, dann wird der Augenblick gekommen
+sein, wo ich dem Urheber der neuen Ordnung meinen Dank aussprechen
+kann; jetzt aber ist es mir nicht möglich«, brach ihm die Stimme. Die
+Adresse wurde fast einstimmig angenommen. Und die Vorgänge verwundeten
+das Gefühl des jungen Politikers so stark, daß er sich weder in
+den verfassunggebenden preußischen Landtag noch in das Frankfurter
+Parlament wählen ließ. Denn er erwartete weder hier noch dort die
+Lösung der großen Fragen, die in der Tat erst durch ihn ihre Antwort
+finden sollten. Seine politische Tätigkeit beschränkte sich in der
+nächsten Zeit auf eine Reihe von Versammlungen und Zeitungsartikeln,
+in denen er im monarchischen Sinn Einfluß zu gewinnen suchte. Aber
+auch am Königshofe trug sein entschlossenes Auftreten seine Früchte.
+Er wurde wiederholt nach Sanssouci berufen, und er durfte als einer
+der ersten den aus England heimkehrenden Prinzen von Preußen auf der
+Wildparkstation bei Potsdam begrüßen. Und schon jetzt wird er der
+Ratgeber der Mächtigen, holt ihn der König herbei, ihn um seine Meinung
+zu fragen. Daß er aber kein Schmeichler war, sondern auch dem König
+offen und ehrlich seine Meinung sagte, auch wenn sie wenig erfreulich
+klang, das bezeugt sein Bericht von einer Audienz im Juni.
+
+
+Er sagt dem König die Wahrheit
+
+ »Nach der Tafel führte mich der König auf die Terrasse und fragte
+ freundlich: ›Wie geht es bei Ihnen?‹ In der Gereiztheit, die
+ ich seit den Märztagen in mir trug, antwortete ich: ›Schlecht.‹
+ Darauf der König: ›Ich denke, die Stimmung ist gut bei Ihnen.‹
+ Darauf ich, unter dem Eindrucke von Anordnungen, deren Inhalt mir
+ nicht erinnerlich ist: ›Die Stimmung war sehr gut, aber seit die
+ Revolution uns von den königlichen Behörden unter königlichem
+ Stempel eingeimpft worden, ist sie schlecht geworden. Das Vertrauen
+ zu dem Beistande des Königs fehlt.‹ In dem Augenblicke trat die
+ Königin hinter einem Gebüsche hervor und sagte: ›Wie können Sie so
+ zu dem Könige sprechen?‹ — ›Laß mich nur, Elise,‹ versetzte der
+ König, ›ich werde schon mit ihm fertig werden‹; und dann zu mir
+ gewandt: ›Was werfen Sie mir denn eigentlich vor?‹ — ›Die Räumung
+ Berlins.‹ — ›Die habe ich nicht gewollt‹, erwiderte der König. Und
+ die Königin, die noch in Gehörweite geblieben war, setzte hinzu:
+ ›Daran ist der König ganz unschuldig; er hatte seit drei Tagen
+ nicht geschlafen.‹ — ›Ein König muß schlafen können‹, versetzte
+ ich. Unbeirrt durch diese schroffe Äußerung sagte der König: ›Man
+ ist immer klüger, wenn man von dem Rathause kommt, was wäre denn
+ damit gewonnen, daß ich zugäbe, ›wie ein Esel‹ gehandelt zu haben?
+ Vorwürfe sind nicht das Mittel, einen umgestürzten Thron wieder
+ aufzurichten, dazu bedarf ich des Beistandes und tätiger Hingebung,
+ nicht der Kritik.‹ Die Güte, mit der er dies und Ähnliches
+ sagte, überwältigte mich. Ich war gekommen in der Stimmung eines
+ Frondeurs, dem es ganz recht sein würde, ungnädig weggeschickt zu
+ werden, und ging vollständig entwaffnet und gewonnen.«
+
+Auf Bismarcks Rat ist dann der tüchtige Graf Brandenburg an die
+Spitze der Regierung berufen worden; seinem Einfluß war auch wohl in
+erster Linie der Entschluß des Königs zu verdanken, die Truppen unter
+Wrangel in Berlin einrücken zu lassen und so der Revolution ein wenig
+rühmliches Ende zu bereiten. Von der Stimmung Bismarcks aber in jener
+Zeit zeugt ein Wort, das er damals zu seinem späteren Gegner Beust
+gesprochen hat und das dieser uns in seinen Erinnerungen bewahrte:
+
+
+Ich muß ihn vernichten
+
+ »Es war meine erste Begegnung mit Fürst Bismarck. Ich war
+ befreundet mit dem späteren Gesandten in Dresden, Herrn von
+ Savigny, dessen Wohnung sich dicht neben dem von mir bewohnten Haus
+ in der Wilhelmstraße befand. Eines Morgens, als ich ihn besuchte,
+ empfing er mich mit den Worten: ›Ich habe einen Besuch im Hause,
+ Herrn von Bismarck, von dessen Auftreten auf dem Vereinigten
+ Landtage Sie gehört haben müssen.‹ Gleich darauf trat Herr von
+ Bismarck ein, im Schlafrock, mit der langen Pfeife. Das Gespräch
+ wandte sich sofort der eben eingegangenen Nachricht von der
+ Erschießung Robert Blums zu, wobei ich die Ansicht äußerte, es sei
+ dies vom österreichischen Standpunkt ein politischer Fehler. Als
+ ich diese Äußerung tat, fiel Bismarck sofort mit den Worten ein:
+ ›Ganz falsch, wenn ich einen Feind in der Gewalt habe, muß ich
+ ihn vernichten.‹ Dieses Ausspruchs habe ich mich mehr als einmal
+ erinnert.«
+
+So trat Bismarck ein Jahr später, als der Antrag auch in Amnestierung
+der Rebellen im Landtag eingebracht war, durchaus folgerichtig gegen
+diesen Antrag auf, der ihm ein erneutes Zeichen der Schwächlichkeit
+schien. »Die weinerliche Sentimentalität des Jahrhunderts,« so rief
+er aus, »die in jedem fanatischen Rebellen, in jedem gedungenen
+Barrikadenkämpfer einen Märtyrer findet, werde mehr Blutvergießen
+herbeiführen, als eine starre und entschlossene Gerechtigkeit.«
+Charakteristisch für die Anschauungen, die der junge Abgeordnete in
+jenen Tagen hegte, sind einige Anekdoten, die Temme und von Unruh in
+ihren Erinnerungen erzählen:
+
+
+Gehängt wird er doch
+
+ Die Mitglieder der verschiedenen »Abteilungen« des Landtags
+ wurden durch das Los bestimmt und saßen nicht nach den Parteien
+ geschieden beieinander, da dort keine politischen Fragen, sondern
+ rein geschäftliche des Hauses erledigt wurden. In eine dieser
+ Sitzungen kam der kleine demokratische Abgeordnete d’Ester, der
+ sich durch Bismarcks Ausfall gegen die »Tyrannenblut«-Sänger
+ besonders getroffen fühlen mochte, »biergefrühstückt« an und
+ wandte sich an den Abgeordneten für Westhavelland mit den Worten:
+ »Herr von Bismarck, Sie sind gegen uns unter allen Leuten Ihrer
+ Partei immer artig und höflich gewesen. Wir wollen Ihnen darum ein
+ Kartell vorschlagen: wenn wir die Oberhand behalten, so schonen
+ wir Sie, ist’s umgekehrt, so tun Sie das mit uns.« Bismarck aber
+ lehnte freundlich ab, indem er bemerkte: »Wenn Ihre Partei siegt,
+ d’Esterchen, so ist es nicht mehr der Mühe wert, zu leben; kriegen
+ wir dagegen die Oberhand, so wird gehenkt, aber Höflichkeit bis
+ zur letzten Galgensprosse.« In der Erinnerung an diesen Vorfall
+ sagte von Unruh zu Bismarck: »Nun, wissen Sie was, wenn Ihre Partei
+ siegt, so nehmen Sie mich in Schutz, und kommt meine Partei oben,
+ so werde ich Ihnen denselben Dienst leisten. Schlagen Sie ein.«
+ »Sehr gern«, erwiderte Bismarck, dessen Achtung für Herrn von Unruh
+ bedeutend höher stand als für Herrn d’Ester, obwohl er auch den
+ Sieg der Partei Unruh nicht fürchtete. Acht Jahre später sah sich
+ Unruh veranlaßt, Bismarck an diese scherzhafte Abrede zu erinnern
+ und seine Vermittlung in Anspruch zu nehmen, und Bismarck hielt
+ Wort.
+
+An den Verhandlungen der Idealisten in der Paulskirche hat Bismarck,
+wie gesagt, nicht teilgenommen. Er taugte nicht in die Mitte dieser
+schwärmerischen, in ihren Hoffnungen zerfließenden Versammlung. Aber
+er hat dennoch Stellung genommen zu dem vornehmsten Thema, das dort
+beraten wurde, zur deutschen Verfassungsfrage. Und auch hier mußte ihn
+die Logik der inneren Entwicklung in die Reihe der Gegner treiben.
+
+[Illustration: ~Der neue Peter von Amiens und die Kreuzfahrer~
+
+Das Bild, das eine der ersten Karikaturen auf Bismarck bildet, zeigt
+ihn als Nebenfigur in der Gruppe der Kreuzzeitungspartei, deren
+Mittelpunkt die Herren von Gerlach und Stahl bilden, während im
+Hintergrunde Wagener und Gödsche als Don Quichotte und Sancho Pansa
+figurieren. Auf der rechten Seite Stahls schreitet der Abgeordnete
+von Bismarck, dessen Panzer die Form eines Krebses hat, in der Linken
+seinen Stammbaum, in der Rechten eine Geißel tragend. Die Verse, die
+unterschrieben sind, lauten: »Es hält Sankt Stahl des Esels Zaum, Sankt
+Gerlach führt die Truppen, zur Seite steht Herr Bismarck treu, der
+Erzschelm in Panzer und Schuppen. Und die sich als Landsknechte mit
+ihren Mähren quetschen, das ist Herr Wagener-Don Quichotte mit Sancho
+Pansa-Gödschen.« (»Kladderadatsch«, 4. Nov. 1849)]
+
+So geschah es, daß ihm auf jene Rede, in der er das Recht des
+Preußentums mit heißer Leidenschaft vertrat, in der er das wundervolle
+Bekenntnis ablegte: »Preußen sind wir und Preußen wollen wir bleiben,
+und ich hoffe zu Gott, daß wir auch noch lange Preußen bleiben
+werden, wenn dieses Stück Papier vergessen sein wird, wie ein dürres
+Herbstblatt,« ein Führer der Liberalen, Herr von Beckerath, zurufen
+konnte: »Wo viel Licht ist, da muß auch viel Schatten sein; das große
+deutsche Vaterhaus muß auch ~einen verlorenen Sohn~ haben.«
+
+Bismarck ist auch Mitglied des Parlaments zu Erfurt gewesen, in das
+er als das zweitjüngste Mitglied einzog; hier sollte das »Statut«
+zwischen Preußen, Hannover und Sachsen beraten werden. Herr von
+Bismarck ist hier Schriftführer geworden. Aus späten Zeiten erzählte
+August Reichensperger von dieser Tätigkeit des märkischen Junkers einen
+niedlichen Scherz.
+
+
+Der Schreiber des jüdischen Gelehrten
+
+ Als der eben zum Präsidenten des Erfurter Volkshauses gewählte
+ Simson die Liste der unter den Fraktionen vereinbarten Sekretäre
+ verlas und »Herr von Bismarck« zuletzt verlesen ward, stand
+ Bismarck am Fuße der Tribüne neben mir und richtete an mich die
+ Worte: »Mein seliger Vater würde sich dreimal im Grabe herumdrehen,
+ wenn er hörte, daß ich Schreiber eines jüdischen Gelehrten geworden
+ sei.« Der Fürst bemerkte lachend, dessen entsinne er sich nicht
+ mehr, worauf ich sagte: »Diesen jüdischen Gelehrten haben Sie nun
+ zum Präsidenten des Reichsgerichts gemacht.« Darauf erwiderte er,
+ mit einer Handbewegung auf seine Person: »Ja, was nicht alles aus
+ einem werden kann.«
+
+Noch etwas boshafter stellte sich Herr von Bismarck einem der anderen
+Würdenträger der Versammlung, Herrn von Gagern, gegenüber. Er selbst
+erzählte einmal, wie Herr von Manteuffel eine Verständigung zwischen
+den Konservativen und Gagerns Freunden, den sogenannten Gothaern,
+suchte:
+
+
+Die Phrasengießkanne
+
+ »Er nahm mich und Herrn von Gagern dazu, und so wurden wir eines
+ Tages zu einem =souper à trois= bei ihm eingeladen. Zuerst wurde
+ wenig oder gar nichts von Politik gesprochen. Dann aber ergriff
+ Manteuffel einen Vorwand, uns allein zu lassen. Als er hinaus
+ war, sprach ich sogleich von Politik und setzte Gagern meinen
+ Standpunkt auseinander, und zwar in ganz nüchterner, sachlicher
+ Weise. Da hätten Sie aber Freund Gagern hören sollen. Er machte ein
+ Jupitergesicht, hob die Augenbrauen, sträubte die Haare, rollte mit
+ den Augen, und schlug sie gen Himmel, daß es ordentlich knackte,
+ dann sprach er zu mir mit seinen großen Phrasen, wie wenn ich eine
+ Volksversammlung wäre. Natürlich half ihm das bei mir nichts.
+ Ich erwiderte kühl, und wir blieben auseinander wie bisher. Als
+ Manteuffel dann wieder hereingekommen war und der Jupiter sich
+ entfernt hatte, fragte mich jener: ›Nun, was haben Sie zustande
+ gebracht miteinander?‹ ›Ach,‹ sagte ich, ›nichts ist zustande
+ gekommen. Das ist ja ein ganz dummer Kerl. Hält mich für eine
+ Volksversammlung — die reine Phrasengießkanne! Mit dem ist nicht zu
+ reden.‹«
+
+[Illustration: ~Bismarck als Städtezerstörer~
+
+Er hatte eine Rede im Landtag mit den Worten geschlossen: »Wenn der
+Herr Abgeordnete (Harkort) die Äußerung wiederholt hat, daß die
+Regierung dem Volke mißtraue, so kann ich ihm sagen, daß auch ich
+allerdings der Bevölkerung der großen Städte mißtraue, solange sie sich
+von ehrgeizigen und lügenhaften Demagogen leiten läßt, daß ich aber
+dort das wahre preußische Volk nicht finde. Letzteres wird vielmehr,
+wenn die großen Städte sich wieder einmal erheben sollten, sie zum
+Gehorsam zu bringen suchen, und sollte es sie vom Erdboden vertilgen.«
+(»Kladderadatsch«, 28. März 1852)]
+
+Auch ein heftiges Renkontre mit seinem Präsidenten hatte hier Bismarck:
+
+
+Der renitente Schriftführer
+
+ Auf der Journalistentribüne des Erfurter Volkshauses saßen u. a.
+ zwei Journalisten, deren österreich-feindliche Berichte Bismarcks
+ besonderes Mißfallen erregt hatten. Der eine dieser Herren war
+ der Braunschweiger Ludwig v. Rochau, der begeisterte nationale
+ Kämpfer und spätere Historiker, der wegen seiner Beteiligung
+ an den burschenschaftlichen »Umtrieben« und namentlich an dem
+ Frankfurter Attentat zu zwanzigjähriger Zuchthausstrafe verurteilt,
+ aber nach Paris entflohen und erst im Jahre 1848 nach Deutschland
+ zurückgekehrt war, wo er bis 1851 für Zeitungen schrieb. Er war
+ damals in Erfurt ein ebenso untadeliger deutscher Patriot wie
+ später, da er als Historiker und Abgeordneter des norddeutschen
+ Reichstags für Bismarcks Politik in trefflichen Schriften und Reden
+ eintrat. Der Name des anderen Urhebers von Bismarcks Mißvergnügen
+ ist von keiner Bedeutung. An diese beiden Herren richtete nun
+ Bismarck ein amtliches Schreiben, welches unterzeichnet war: »Das
+ Schriftführeramt des Volkshauses zu Erfurt, von Bismarck.« In
+ diesem Schreiben zeigte er den Herren an, daß ihnen die Plätze auf
+ der Journalistentribüne entzogen würden, wenn sie fortführen, ihre
+ Berichte in einem Österreich feindlichen Sinne zu schreiben. Der
+ eine Betroffene mit dem minder bekannten Namen wandte sich einfach
+ an =Dr.= Simson mit der Anfrage, ob denn dieser erstaunliche Erlaß
+ mit Wissen des Präsidenten des Volkshauses ergangen sei. Rochau
+ dagegen hielt diese Frage für überflüssig, da er in dem Ukas
+ des »Schriftführeramtes« nur eine unzweifelhaft ganz ungehörige
+ Eigenmächtigkeit des ihm damals wenig sympathischen Abgeordneten
+ von Bismarck-Schönhausen erblickte. Er schrieb daher dem Herrn
+ von Bismarck einen recht scharfen und beleidigenden Brief. Fast
+ zu gleicher Zeit empfing Präsident Simson die Nachricht von dem
+ ungewöhnlichen Vorfall, nämlich durch das Schreiben des minder
+ Berühmten und durch das persönliche Verlangen Bismarcks, ihm selbst
+ volle Genugtuung gegen den frechen Rochau zu verschaffen. Simson
+ richtete darauf an Bismarck vorläufig nur die Frage, ob dieser im
+ Namen des »Schriftführeramtes des Volkshauses zu Erfurt« die beiden
+ Schreiben an die beiden Gentlemen gerichtet habe, was Bismarck
+ mit der Zuversicht einer guten und gerechten Tat bejahte. Darauf
+ wurde der »Schriftführer des Volkshauses«, der zugleich anklagte
+ und verklagt war, vom Präsidenten auf eine frühe Abendstunde zu
+ einer Unterredung unter vier Augen eingeladen. Von dem, was dann
+ hier weiter vorgegangen ist, war Präsident Simson noch nach fast
+ zwanzig Jahren, da er dem Verfasser dieses Ereignis erzählte,
+ einigermaßen erregt: »Bis nach Mitternacht rangen wir förmlich
+ gegeneinander in Worten, so daß die Wände erdröhnten«, berichtete
+ er etwa von dieser Szene. »Sie müssen sich eben diesen gewaltigen
+ Mann um fast zwanzig Jahre jünger denken.« Schließlich fügte sich
+ aber Bismarck doch den Vorstellungen Simsons, indem er seinen Ukas
+ zurücknahm. Simson dagegen entzog Herrn v. Rochau den Sitz auf der
+ Berichterstattertribüne, da er sich zu einem Widerruf der an Herrn
+ von Bismarck-Schönhausen gerichteten Beleidigungen nicht verstehen
+ wollte.
+
+[Illustration: ~Die Kaiserdeputation.~ Karikatur aus der
+Revolutionszeit]
+
+Noch ein anderer Scherz aus jener Zeit ist für Bismarck bezeichnend:
+
+
+Ein Brausekopf
+
+ Die Plätze in der Versammlung waren mit schwarzrotgoldenen
+ Bändchen geschmückt, die Herr von Hagen besorgt hatte, um auf
+ den großdeutschen Gedanken anzuspielen. Bismarck kam in den Saal
+ und ersetzte sofort diese Schleifen durch schwarzweiße Bänder.
+ Herr von Hagen selbst war Zeuge der Bismarckschen Tätigkeit. Am
+ anderen Tage schilderte er Herrn von Radowitz den Vorgang mit
+ der Bemerkung, daß er den betreffenden Herrn, der seine Idee so
+ nachdrücklich perhorresziert hatte, nicht kenne. Radowitz ließ
+ sich den Betreffenden schildern und meinte dann: »Ach, das war
+ der Bismarck, der Brausekopf! Na, er wird die Welt auch nicht
+ umreißen!« Herr von Radowitz hat sich, wie die Zukunft bewies,
+ recht stark geirrt.
+
+Am Schlusse des Erfurter Tages schrieb Bismarck in Stahls Stammbuch
+die Worte ein, die dieser selbst in einer Rede gebraucht hatte:
+»Darum ist unsere Losung nicht: Bundesstaat um jeden Preis, sondern:
+Unversehrtheit der preußischen Krone um jeden Preis.« Aber auch Erfurt
+brachte dem jungen preußischen Heißsporn kein Genüge. Er sieht keine
+Wirkung auf die Zukunft voraus, und er hat auch keine Freude mehr an
+diesem Staate selbst, der den Gang nach Olmütz antreten mußte. Und es
+sollte bald die Zeit kommen, wo sich auch manches in seinen innersten
+Überzeugungen wandeln sollte. Denn als er in die praktischen Geschäfte
+eintrat, da erkannte er, daß aus dem Zuschauerraum die politische Welt
+doch anders aussieht, als wenn man hinter die Kulissen tritt, daß
+man sie anders beurteilt, solange man als Dilettant, ohne das Gefühl
+schwerer persönlicher Verantwortung, an ihr mitwirkt, als wenn man in
+jeder Stunde sich der Folgen jedes einzelnen Schrittes bewußt ist.
+Er hat, wie er selbst es ausspricht, in Frankfurt im Amte erkannt,
+daß viele der Größen, mit denen er einst gerechnet hatte, nicht
+existierten, und er hat vor allem die warme Zuneigung für Österreich,
+die ihn vorher beseelte, verloren, weil eben das Österreich, an das er
+geglaubt hatte, überhaupt nicht existierte.
+
+Bismarck ging nach Frankfurt; als Mann von sechsunddreißig Jahren hatte
+er endlich den Weg gefunden, auf dem sein Genius sich entfalten konnte.
+
+[Illustration: ~Bei der drohenden Nähe eines Bundes-Preßgesetzes
+erlaubt sich Kladderadatsch, seine gehorsamste Vorstellung bei Herrn
+von Bismarck-Schönhausen zu machen~
+
+»Ein Federzug von dieser Hand, und neu erschaffen wird die Erde. —
+Geben Sie Gedankenfreiheit! — !!! —«]
+
+[Illustration: ~Der Kaisertraum~
+
+Karikatur aus der Revolutionszeit]
+
+
+
+
+Frankfurt
+
+
+Es ist psychologisch merkwürdig, daß gerade der unentschlossenste aller
+preußischen Könige es war, der den entschlossensten Charakter seiner
+Zeit entdeckte und zu sich heranzog. Schon bei der ersten Begegnung
+hat Friedrich Wilhelm =IV.= den tapferen Junker aus der Altmark
+ausgezeichnet; das treue und mannhafte Verhalten während der schweren
+Tage der Revolution ließ in ihm die beste Stütze der staatlichen
+Grundlagen ahnen. Und schon damals hatte man ihm geraten, den jungen
+Deichhauptmann zum Minister zu machen. Aber der König mochte fürchten,
+durch die Berufung eines solchen Mannes die herrschende Erregung noch
+zu schüren. »Roter Reaktionär! Riecht nach Blut! Vielleicht später zu
+gebrauchen« oder, wie Bismarck versichert: »Nur zu gebrauchen, wenn das
+Bajonett schadenlos waltet«, so lautete das Urteil des Königs. Bismarck
+stand damals, so schreibt Sybel, in der vollen Blüte des kräftigsten
+Mannesalters. Eine hohe Gestalt, welche die Mehrzahl der Menschenkinder
+um eine Kopfeslänge überragte, ein gesundheitsstrahlendes Antlitz,
+ein von Intelligenz belebter Blick, in Mund und Kinn der Ausdruck
+unbeugsamen Willens, in jedem Gespräch erfüllt von originellen
+Gedanken, farbigen Bildern, frappanten Wendungen, von gewinnender
+Liebenswürdigkeit im geselligen, von schneidender Überlegenheit im
+geschäftlichen Verkehr. Sein Bildungsgang war großenteils der eines
+Autodidakten; die frische Ursprünglichkeit hatte er weder durch
+mechanische Schulung noch durch äußerlichen Dienstzwang einschnüren
+oder umschleifen lassen. Eine freigebige Natur hatte ihn mit allen
+Erfordernissen des Herrscherberufes ausgestattet, mit rascher und
+durchdringender Auffassung aller Verhältnisse, mit scharfer Erkenntnis
+der Stärken und Schwächen jeder Position, mit sicherem Blick für die
+Brauchbarkeit der verschiedensten Menschen zur Förderung seiner Zwecke.
+Mit einer unerschütterlichen Willenskraft in der Verfolgung seiner
+Absichten verband er eine niemals versagende Elastizität des Geistes in
+der wechselnden Anwendung des jedesmal zweckmäßigen Verfahrens; ohne
+jemals einen systematischen Unterricht durchgemacht zu haben, besaß er
+die Fähigkeit, die Thucydides von Themistokles rühmt, durch die Macht
+seiner Natur in kurzem Nachdenken das Erforderliche sofort zu treffen.
+In der Tat erinnerte Bismarck durch die Frühreife des Talentes und
+die Beherrschung der Vorgesetzten lebhaft auch an das Auftreten des
+Generals Bonaparte im Jahre 1796. Aber statt der kolossalen, jedes
+andere Gefühl erdrückenden Selbstsucht des korsischen Imperators
+zeigt sich bei Bismarck die patriotische Hingabe an den Staat, die
+unbedingte Pflichttreue gegen König und Vaterland. Aus dem Bedürfnis
+heraus, Preußen zu Macht und Blüte zu erheben, wird er, der bisher
+nur Parteimann war, im prägnantesten Sinne des Wortes der Diener des
+Staates.
+
+Über die entscheidende Unterredung mit dem König berichtet Bismarck:
+
+
+Wir wollen es versuchen
+
+ »Nachdem ich auf die plötzliche Frage des Ministers Manteuffel,
+ ob ich die Stelle eines Bundesgesandten annehmen wolle, einfach
+ mit ja geantwortet hatte, ließ der König mich zu sich bescheiden
+ und sagte: ›Sie haben viel Mut, daß Sie so ohne weiteres ein
+ Ihnen fremdes Amt übernehmen.‹ Ich erwiderte: ›Der Mut ist ganz
+ auf seiten Eurer Majestät, wenn Sie mir eine solche Stellung
+ anvertrauen, indessen sind Eure Majestät ja nicht gebunden, die
+ Ernennung aufrechtzuerhalten, sobald sie sich nicht bewährt. Ich
+ selbst kann keine Gewißheit darüber haben, ob die Aufgabe meine
+ Fähigkeit übersteigt, ehe ich ihr nähergetreten bin. Wenn ich mich
+ derselben nicht gewachsen finde, so werde ich der erste sein, meine
+ Abberufung zu erbitten. Ich habe den Mut zu gehorchen, wenn Eure
+ Majestät den haben zu befehlen.‹ Worauf der König: ›Dann wollen wir
+ die Sache versuchen.‹«
+
+
+»Er wird schön hausen«
+
+ Der »Kladderadatsch« begrüßte Herrn von Bismarcks Ernennung mit
+ den Worten Zwickauers: Also Hörr von Büsmarck würd ßum Bundestag
+ nach Frankfurt am Mäun geschückt. Ich glaube, sogleuch er würklich
+ geschückt ist, würd dort Herr von Bismarck schön hausen.
+
+Bismarcks letzte Erkenntnis aus den Frankfurter Jahren lag in dem
+Satze: »Ich sehe in unserem Bundesverhältnis ein Gebrechen Preußens,
+welches wir früher oder später =ferro et igni= heilen müssen.« Aber er
+hat schon früh die Erkenntnis gewonnen, daß die Trennung von Österreich
+die letzte Lösung des Rätsels sei. Und noch früher gewann er die
+Überzeugung von der ganzen öden Nichtigkeit und Wichtigtuerei dieser
+Zopfdiplomaten, die in Frankfurt wie einst auf dem seligen Regensburger
+Reichstag sich über Quisquilien stritten. Schon acht Tage nach seinem
+Eintreffen in Frankfurt schrieb er an seine Frau die berühmten Worte:
+
+
+Sie kochen alles mit Wasser
+
+ »Der hiesige Verkehr ist im Grunde nichts als ein gegenseitiges
+ mißtrauisches Ausspionieren, und wenn man noch etwas
+ auszuspionieren und zu verbergen hätte! Es sind lauter Lappalien,
+ mit denen sich die Leute quälen, und diese Diplomaten sind mir
+ schon jetzt mit ihrer wichtigtuenden Kleinigkeitskrämerei viel
+ lächerlicher als der Abgeordnete der Zweiten Kammer im Gefühl
+ seiner Würde. Wenn nicht äußere Ereignisse zutreten, und die
+ können wir superklugen Bundestagsmenschen weder leiten noch
+ vorherbestimmen, so weiß ich jetzt ganz genau, was wir in ein, zwei
+ oder fünf Jahren zustande gebracht haben werden, und will es in
+ vierundzwanzig Stunden zustande bringen, wenn die anderen nur einen
+ Tag lang wahrheitsliebend und vernünftig sein wollen. Ich habe nie
+ daran gezweifelt, daß sie alle mit Wasser kochen; aber eine solche
+ nüchterne, einfältige Wassersuppe, in der auch nicht ein einziges
+ Fettauge zu spüren ist, überrascht mich. Schickt den Schulzen X
+ oder Herrn von ?arsky aus dem Chausseehause her, wenn sie gewaschen
+ und gekämmt sind, so will ich in der Diplomatie Staat mit ihnen
+ machen. In der Kunst, mit vielen Worten gar nichts zu sagen, mache
+ ich reißende Fortschritte, schreibe Berichte von vielen Bogen, die
+ sich nett und rund wie Leitartikel lesen, und wenn Manteuffel,
+ nachdem er sie gelesen hat, sagen kann, was drin steht, so kann
+ er mehr wie ich. Jeder von uns stellt sich, als glaube er vom
+ anderen, daß er voller Gedanken und Entwürfe stecke, wenn er’s nur
+ aussprechen wollte, und dabei wissen wir alle zusammen nicht um ein
+ Haar besser, was aus Deutschland werden wird, als Dutken Sommer.
+ Kein Mensch, selbst der böswilligste Zweifler von Demokrat, glaubt,
+ was für Charlatanerie und Wichtigtuerei in dieser Diplomatie hier
+ steckt.«
+
+ An Hermann Wagner schreibt Bismarck schon wenige Tage später:
+ »Die Österreicher (am Bundestage) sind intrigant unter der Maske
+ burschikoser Bonhomie ... und suchen uns bei kleineren Formalien zu
+ übertölpeln, worin bis jetzt unsere einzige Beschäftigung besteht.
+ Die von den kleinen Staaten sind meist karikierte Zopfdiplomaten,
+ die sofort die Berichtphysiognomie aufstecken, wenn ich sie nur
+ um Feuer zur Zigarre bitte, und Blick und Wort mit Regensburger
+ Sorgfalt wählen, wenn sie den Schlüssel zum A.... fordern.«
+
+[Illustration: ~Auftreten im Bundestagstheater zu Frankfurt am Main~
+1851 ~als Mephistopheles in der Hexenküche~:
+
+»Erkennst du deinen Herrn und Meister?« (»Kladderadatsch«, 1895)]
+
+Was Bismarck in Frankfurt geleistet hat, das liegt in einer unendlichen
+Fülle von Dokumenten vor unseren Augen. Und auch sein inneres Leben
+findet durch die köstlichen Briefe an seine Gattin, seine politische
+Entwicklung durch seine Briefe an die Brüder von Gerlach und an Herrn
+von Manteuffel reiche Beleuchtung. Immer wieder aber begegnen wir den
+schärfsten Sarkasmen über die superklugen Bundestagsmenschen, unter
+denen er sofort um Haupteslänge hervorragt. Mit Energie nahm er schon
+zu Anfang die Aufgabe in die Hand, die untergeordnete Stellung, in die
+Preußen nach Olmütz geraten war, und die in den Tagen seines Vorgängers
+ihren Ausdruck auch in einer gewissen Gegnerschaft für die Unterordnung
+des preußischen Vertreters unter den Grafen Thun, Österreichs
+Gesandten, gefunden hatte, zur Gleichberechtigung zu erheben. Insofern
+sind jene scheinbar so unbedeutenden Anekdoten, die seinen Eintritt
+umschließen, doch von einer gewissen Bedeutung. So auch die kleine
+Geschichte aus der Militärkommission:
+
+
+Die Bundeszigarre
+
+ »Bei diesen Sitzungen hatte,« so erzählte Bismarck in Versailles,
+ »als mein Vorgänger von Rochow Preußen vertrat, Österreich
+ allein geraucht. Rochow hätte es als leidenschaftlicher Raucher
+ gewiß auch gern getan, getraute sich’s aber nicht. Als ich nun
+ hinkam, gelüstete mich’s ebenfalls nach einer Zigarre, und da ich
+ nicht einsah, warum nicht, ließ ich mir von der Präsidialmacht
+ Feuer geben, was von ihr und den anderen Herren mit Erstaunen
+ und Mißvergnügen bemerkt zu werden schien. Es war offenbar für
+ sie ein Ereignis. Für diesmal rauchten nun bloß Österreich und
+ Preußen. Aber die anderen Herren hielten das augenscheinlich für
+ so wichtig, daß sie darüber nach Hause berichteten. Die Sache
+ erforderte reifliche Überlegung, und es dauerte wohl ein halbes
+ Jahr, daß nur die beiden Großmächte rauchten. Da begann auch
+ Schrenkh, der bayerische Gesandte, die Würde seiner Stellung durch
+ Rauchen zu wahren. Der Sachse Nostitz hatte gewiß auch große
+ Lust dazu, aber wohl keine Erlaubnis von seinem Minister. Als er
+ indes das nächstemal sah, daß der Hannoveraner Bothmer sich eine
+ genehmigte, muß er, der eifrig österreichisch war — er hatte dort
+ Söhne in der Armee — sich mit Rechberg verständigt haben; denn er
+ zog jetzt ebenfalls vom Leder und dampfte. Nun waren nur noch der
+ Württemberger und der Darmstädter übrig, und die rauchten überhaupt
+ nicht. Aber die Ehre und die Bedeutung ihrer Staaten erforderten
+ es gebieterisch, und so langte richtig das folgende Mal der
+ Württemberger eine Zigarre heraus — ich sehe sie noch, es war ein
+ langes, dünnes, hellgelbes Ding — und rauchte sie als Brandopfer
+ für das Vaterland wenigstens halb. Nur Hessen-Darmstadt entzieht
+ sich.«
+
+Schon diese unscheinbare Geschichte verlieh dem Namen Bismarck in
+Preußen eine gewisse Volkstümlichkeit; sie hat später zu einer sehr
+ernsten parlamentarischen Szene geführt. Noch eine andere Zigarre aber
+spielte eine gewisse Rolle: Als Bismarck den österreichischen Kollegen
+besuchte, empfing ihn der hochmütige Herr recht formlos, rauchte seine
+Zigarre weiter und hielt es nicht für nötig, seinem Besucher einen
+Stuhl anzubieten. Da zog Bismarck eine Zigarre aus der Tasche und
+ersuchte den ungastlichen Herrn um Feuer.
+
+Überhaupt bietet gerade der Aufenthalt in Frankfurt ein besonders
+reiches Material an anekdotischen Vorgängen. Sie mögen hier in bunter
+Reihe folgen:
+
+
+Beim alten Metternich
+
+ Der greise Staatsmann residierte in jener Zeit auf dem
+ Johannisberg. Bismarck besuchte ihn dort und gewann ihn schnell.
+ Wie er aber die rasche Eroberung des alten argwöhnischen
+ Zuchtmeisters von Europa fertig brachte, das erzählte er später
+ dem Grafen Thun auf dessen erstaunte Frage: »Ich weiß nicht, was
+ haben Sie nur dem alten Fürsten angetan, der hat ja in Sie wie in
+ einen goldenen Kelch hineingesehen?« »Ja,« erwiderte Bismarck, »das
+ will ich Ihnen erklären; ich habe seine Geschichten ruhig angehört
+ und nur manchmal an die Glocke gestoßen, daß sie weiter klang. Das
+ gefällt solchen redseligen Leuten.«
+
+
+Wie Bismarck eine Depesche absandte
+
+ Der Vertreter Hannovers hatte die Besorgnis, daß seine
+ Briefschaften durch »Konnivenz der Post« zur Kenntnis des
+ Bundestagspräsidiums gelangten, und richtete an seinen preußischen
+ Kollegen die Frage, wie er es anfange, seine Depeschen ungeöffnet
+ passieren zu lassen. Bismarck forderte ihn auf, einen Spaziergang
+ mit ihm zu machen, und führte ihn in eine entlegene Gasse,
+ wo nur kleine Leute und Gewerbetreibende der bescheidensten
+ Art ihre Wohnung hatten. Dort angelangt, zog er zum Erstaunen
+ seines Begleiters Handschuhe an und trat dann mit ihm in einen
+ Krämerladen. Hier fragte er den Heringsbändiger: »Habt Ihr hier
+ auch Seife?« — »Jawohl.« — »Welche Sorten?« — Der Kommis nannte
+ verschiedene und legte Bismarck einige Stücke vor, von denen dieser
+ ein besonders stark riechendes wählte und in seine Tasche gleiten
+ ließ. Dann fragte er nach Briefkuverten, und der Verkäufer legte
+ ihm einige solche der ordinärsten Art vor. Darauf zog Bismarck
+ eine Depesche aus der Brusttasche seines Rockes, steckte sie in
+ das Kuvert, forderte Tinte und Feder und fing an, die Adresse
+ zu schreiben. Aber mit den Handschuhen ging das nicht, er bat
+ daher den Krämerkommis, diese Arbeit für ihn zu besorgen, und
+ der junge Mann tat dies willig genug. Nun steckte Bismarck die
+ Depesche in die Tasche zu der Seife und sagte auf der Straße zu
+ dem Hannoveraner: »So, unter dieser Aufschrift und diesem aus den
+ Düften von Seife, Heringen, Talg und Käse zusammengesetzten Parfüm
+ sollen sie nun einmal meine Depesche herausschnüffeln!«
+
+
+Alle vorm Feinde erworben
+
+ Bei einer Parade, zu der auch ein österreichischer General in
+ vollem Ordensschmuck erschienen war, war auch Bismarck anwesend
+ und hatte zu Ehren des Gastes seine preußische Landwehruniform
+ mit sämtlichen Orden angelegt, die ihm die Höflichkeit der
+ Bundesstaaten zugedacht hatte. Der General begrüßte auch Bismarck
+ und frug ihn, indem er auf dessen Orden zeigte, mit leiser Ironie
+ und feiner Anspielung auf die damals drohende Kriegsgefahr und die
+ passive Rolle, die Preußen während der Kriegsereignisse im letzten
+ Jahrzehnt gespielt hatte: »Schaun S’, Exzellenz! alle vorm Feinde
+ erworben?« »Jawohl,« entgegnete Bismarck gewandt, »alle vorm Feinde
+ in Frankfurt a. M. erworben!«
+
+
+Der Streit mit Rechberg
+
+ Mit dem Nachfolger des Grafen Thun, dem Grafen Rechberg, geriet
+ Herr von Bismarck wiederholt in Konflikte. Einmal in Rechbergs
+ Zimmer wurde der Streit so heftig, daß der Graf ausrief: »Ich
+ werde Ihnen meinen Sekundanten schicken.« »Wozu diese Umstände,«
+ erwiderte Bismarck, »Sie haben hier ja wohl Pistolen, dann machen
+ wir die Sache sogleich in Ihrem Garten ab. Während Sie das
+ Schießgerät zurechtmachen, schreibe ich einen Bericht über den
+ Handel, den ich eintretendenfalls nach Berlin zu schicken bitte.«
+ So geschah es. Als der Bericht geschrieben war, ersuchte Bismarck
+ den Grafen, die Richtigkeit zu prüfen. Rechberg las und sagte,
+ jetzt wieder kälteren Blutes, »es ist alles richtig — aber«, rief
+ er dann aus, »uns deshalb die Hälse zu brechen, wäre doch über die
+ Maßen töricht.« — »Ganz einverstanden«, schloß Bismarck. Etwas
+ später kam Rechberg zu Bismarck, um diesem in einer Wiener Depesche
+ den ihm erteilten Auftrag zu zeigen, in der nächsten Sitzung bei
+ einer wichtigen Frage ebenso wie Preußen zu stimmen. Bismarck
+ überflog das Schreiben und gab es mit den Worten zurück: hier ist
+ wohl ein Irrtum vorgefallen. Rechberg sah in das Blatt hinein,
+ erschrak, wurde blaß: es war ein vertraulicher Begleitbrief mit der
+ Weisung, zwar selbst für Preußen zu stimmen, aber alles zu tun,
+ um das gemeinsame Votum durch die übrigen Gesandten verwerfen zu
+ lassen. Er hatte die beiden Schreiben verwechselt. »Beruhigen Sie
+ sich,« sagte Bismarck, »Sie haben mir den Brief nicht geben wollen,
+ also haben Sie ihn mir nicht gegeben, also ist sein Inhalt mir
+ völlig unbekannt.« In der Tat hat er ihn nie nach Berlin berichtet,
+ um so mehr aber Rechbergs Vertrauen für alle Zeit gewonnen.
+
+
+Bismarck als Hehler
+
+ Herrn von Keudell erzählte Bismarck einmal, wie er einem
+ polizeilich verfolgten jungen Mann zur Flucht verhalf: »Ich
+ erhielt vor kurzem von Berlin den Auftrag, die hiesige Polizei
+ zu veranlassen, einen politisch kompromittierten Jüngling zu
+ verhaften. Nun ist es wirklich nicht wohlgetan, einen fähigen
+ jungen Menschen, der auf einen falschen Weg geraten ist, durch
+ Verfolgung und Bestrafung als Umstürzler abzustempeln. Es ist sehr
+ möglich, daß er von selbst zur Vernunft kommt, wie es manchen
+ Achtundvierzigern ergangen ist. Ich erstieg also frühmorgens die
+ drei Treppen zu der Wohnung des jungen Mannes und sagte ihm:
+ »Reisen Sie so schnell als möglich ins Ausland.« Er sah mich etwas
+ verwundert an. Ich sagte: »Sie scheinen mich nicht zu kennen;
+ vielleicht fehlt es Ihnen auch an Reisegeld? Nehmen Sie hier einige
+ Goldstücke und machen Sie, daß Sie schnell über die Grenze kommen,
+ damit man nicht sagt, daß die Polizei wirksamer operiert als die
+ Diplomatie. Am folgenden Tage hat die Polizei ihn natürlich nicht
+ mehr gefunden.«
+
+
+Wie er seine Glocke bekam
+
+ In seiner Mietwohnung vermißte Bismarck einen Glockenzug, durch den
+ es ihm möglich gewesen wäre, seinen Diener aus dem oberen Stockwerk
+ in das Arbeitszimmer herabzurufen. Er ließ den Hausherrn ersuchen,
+ eine solche Klingel beizustellen, allein der Patrizier, ohnehin dem
+ »Preußen« nicht sehr grün, gab zur Antwort, daß seine Mietparteien
+ in der Regel derartige besondere Wünsche auf eigene Kosten
+ befriedigen müßten, und er wüßte nicht, warum in diesem Falle eine
+ Ausnahme gemacht werden solle. Einige Tage später knallte ein
+ Pistolenschuß durch das Haus. Erschreckt durcheilte der Eigentümer
+ alle Räume und kam endlich in Bismarcks Arbeitszimmer, wo die noch
+ rauchende Pistole auf dem Tische lag, der ebenfalls rauchende
+ Bismarck aber ruhig hinter seinen Akten saß. »Um Himmels willen,
+ was ist geschehen?« rief der Hausherr. »Gar nichts,« versetzte
+ Bismarck, »seien Sie ganz unbesorgt. Ich habe nur meinem Diener
+ oben ein Zeichen geben wollen, daß er kommen soll. Es ist ein ganz
+ harmloses Signal, an das Sie sich hoffentlich gewöhnen werden.« Man
+ braucht wohl nicht erst hinzuzufügen, daß Bismarck in kürzester
+ Zeit seine Glocke bekam.
+
+
+Amschel Rothschild
+
+ Vom Ahnherrn der Rothschilds, dem alten Amschel, erzählte Bismarck
+ gern Anekdoten. Er wurde hierzu besonders vor Paris angeregt, wo
+ er im Hause eines Rothschild wohnte. So erzählte er: Rothschild
+ habe einmal in seiner Gegenwart mit einem Getreidehändler über
+ einen Weizenverkauf gesprochen. Dabei sagte der Händler zu ihm,
+ als reicher Mann habe er doch nicht nötig, den Preis des Weizens
+ so hoch zu stellen. — »Was, reicher Mann?« erwiderte der alte
+ Herr. »Ist mein Weizen darum weniger wert, weil ich ein reicher
+ Mann bin?« — Er gab übrigens Diners, die seinem Reichtum alle
+ Ehre machten. Ich erinnere mich: einmal war der jetzige König in
+ Frankfurt, und ich lud ihn zu Tische. Darauf hatte ihn Rothschild
+ auch einladen wollen. Der Prinz aber hatte ihm gesagt, das möchte
+ er mit mir ausmachen, er äße sonst ebenso gern bei ihm als bei
+ mir. Er kam nun und wollte, ich sollte ihm Seine Königliche
+ Hoheit abtreten, ich könnte ja bei ihm mitessen. Ich schlug’s
+ ihm ab. Da hatte er die Naivität, zu meinen, sein Diner könnte
+ ja zu mir ins Haus gebracht werden, er äße doch nicht mit — er
+ genoß nämlich nur Koscheres. Ich lehnte auch diesen Vorschlag zur
+ Güte ab — natürlich, obwohl sein Diner ohne Zweifel besser war
+ als das meinige. — Ferner habe ihm der alte Metternich — der mir
+ beiläufig sehr wohl wollte, schaltete er ein — mitgeteilt, als er
+ einst bei Rothschild gewohnt, habe ihm der bei der Abreise nach
+ dem Johannisberg ein Dejeuner mit auf den Weg gegeben, bei dem
+ sich auch sechs Flaschen Johannisberger Schloß befanden. Auf dem
+ Johannisberg wären sie ungeöffnet ausgepackt worden, und der Fürst
+ hätte seinen Weinverwalter kommen lassen und ihn gefragt, was
+ die Flasche bei ihm koste. — Zwölf Gulden, hätte er geantwortet.
+ — So, nun dann schicken Sie dem Baron Rothschild die sechs bei
+ der nächsten Bestellung wieder zu, berechnen Sie sie ihm aber zu
+ fünfzehn Gulden, weil sie dann älter geworden sind.
+
+
+Wollen wir ein Geschäftchen machen?
+
+ Als die Nachricht von der Abberufung des russischen Gesandten in
+ Paris eintraf, schrieb Bismarck an Gerlach am 3. Februar 1854:
+ »Gestern erhielt ich die telegraphische Nachricht, daß Kisseleff
+ Paris verlasse. Ich war gerade auf dem Klub und besann mich, wen
+ ich wohl am besten damit erschrecken könnte. Mein Auge fiel auf
+ Rothschild; er wurde kreidebleich, als ich es ihm zu lesen gab.
+ Sein erster Ausruf war: ›Hätte ich das heute früh gewußt‹, sein
+ zweiter: ›Wollen wir morgen ein Geschäftchen zusammen machen?
+ Exzellenz riskieren nichts dabei!‹ Ich lehnte es freundlich dankend
+ ab und überließ ihn seiner erregten Stimmung.«
+
+
+Sie sind a scheener Mann
+
+ In einem Briefe an seinen »Liebling« Johanna schildert Bismarck in
+ liebenswürdig drastischer Form den alten Amschel: »Er gefällt mir,
+ weil er eben ganz Schacherjude ist und nichts anderes vorstellen
+ will, dabei ein streng orthodoxer Jude, der bei seinen Diners
+ nichts anrührt und nur Gekauschertes ißt. ›Johann, nimm dir epps
+ Brot, vor die Rehcher‹, sagte er zu seinem Diener, als er ging,
+ mir seinen Garten zu zeigen, in dem zahmes Damwild ist. ›Herr
+ Beraun, die Pflanze koscht mich zweitausend Gülden, uff Ehre,
+ zweitausend baare Gülden, laß se Ihne vor tausend. Oder wolle Se
+ habe geschenkt, so soll er se Ihne bringe in Ihr Haus, waiß Kott,
+ ich schätze Se aufrichtig, Herr Beraun, Se sind a scheener Mann,
+ e braver Mann‹; dabei ist er ein kleines, mageres, eisgraues
+ Männchen, der älteste seines Stammes, aber ein armer Mann in seinem
+ Palaste, kinderlos, Witwer, betrogen von seinen Leuten und schlecht
+ behandelt von vornehm französierten und englisierten Neffen und
+ Nichten, die seine Schätze erben, ohne Dank und ohne Liebe.«
+
+
+Die Frankfurter
+
+ Sehr ergötzlich schildert Bismarck die revolutionäre Gefährlichkeit
+ der Frankfurter: »Die hiesige Bevölkerung wäre ein politischer
+ Vulkan, wenn sich Revolutionen mit dem Munde machen ließen. Wenn
+ ich hier auf einem Feldweg im Trabe reite, so springen erwachsene
+ Männer schon auf dreißig Schritte von mir eine Rute weit ins Korn,
+ um jedenfalls außer Bereich des Pferdes zu sein. — Ich habe hier
+ in zwei Jahren noch nie zwei Leute sich prügeln sehen, wohl aber
+ auf Steinwurfsentfernung sich gründlich schimpfen. — Jeder Schuh,
+ der sie drückt, wird natürlich ›dene Ferschte‹ (den Fürsten) zur
+ Last geschrieben, und wenn man die erst los wäre, so würde Milch
+ und Honig fließen. Nur müßten andere das Fortjagen besorgen und
+ die etwaigen Kopfnüsse dabei aushalten.« — Ihm war auch sonst das
+ Wesen der Frankfurter nicht gerade sympathisch, und der maßlose
+ Geselligkeitstrieb des Völkchens der Bundesphäaken erweckte seinen
+ Spott. Ein Frankfurter Diner schildert er mal mit den drastischen
+ Worten: »Ich habe gestern dem neuen Russen zu Ehren ein offizielles
+ Diner in echt Frankfurter Stile gegeben: über zwanzig Nummern auf
+ dem Menü und ein Dutzend der sonderbarsten Weine. Ich verabscheue
+ eigentlich diese Stoff- und Geldverwüstungen, aber ob Christian
+ oder Itzig, ’s Geschäft bringt’s halt so mit sich.«
+
+Bismarcks Tätigkeit war namentlich zu Anfang nicht anstrengend
+genug, um ihn von Ausflügen in die Umgebung abzuhalten. Er reiste
+nach Wiesbaden und vielfach an den Rhein, schwelgte in der frischen
+Bergluft des Taunus, fuhr nach Mainz und an die kleinen Höfe von
+Darmstadt und Nassau, wurde von Gerlach nach Heidelberg entführt und
+verlebte mit ihm reizende Stunden in Wolfsbrunn und Neckar-Steinach.
+Von überallher sendet er stimmungsvolle Briefe an die Lieben daheim,
+bis es ihm endlich möglich wurde, die Seinen nach Frankfurt zu holen
+und mit ihnen »unter erschwerten Umständen und mit dem Intermezzo
+langer Ausschußsitzungen« sich in der Bockenheimer Allee häuslich
+niederzulassen. »Sie würden«, schreibt er an Gerlach, »mich nachsichtig
+beurteilen, wenn Sie wüßten, wie jemand zumute ist, der, nachdem er
+zwölf Jahre lang ein unabhängiger Landjunker, das heißt bodenlos faul
+gewesen ist, nun plötzlich vom Aufstehen bis zum Niederlegen Galérien
+des Dienstes ist. Eine Viertelstunde bei meiner Frau zu sitzen und mit
+väterlichem Wohlgefallen dem Gebrüll der unnützesten beiden Kinder
+auf der Welt zuzuhören, ist mir ein seltener Genuß, wenn ›aus dem
+schrecklichen Gewühle ein süßbekannter Ton mich zieht‹.«
+
+
+Er sagt stets das Unerwartete
+
+ Die gemütvolle Wärme und Innigkeit der Bismarckschen Häuslichkeit
+ hatte von Anfang an eine »gewählte Schar geistig regsamer Freunde
+ angezogen«. Hier fand auch Bismarck selbst »nach Arbeit und
+ geschäftlichem Mißbehagen die liebste Erholung in der Musik, durch
+ welche ihn seine Gemahlin im Verein mit den Töchtern des bekannten
+ Malers Jakob Becker von Worms zu erfreuen pflegte«. »Am Teetisch«,
+ schildert es uns ein Gast des Bismarckschen Hauses in Frankfurt,
+ der abends die Heimgekehrten im lauschigen Gemach zu vereinigen
+ pflegte, »erschien mitunter auch der preußische Gesandte, lächelnd,
+ wenn die Hausfrau statt des chinesischen Trankes ein Glas mit
+ jener vortrefflichen Mischung aus Porterbier und Champagner ihm
+ vorsetzte, die von den Studenten ›Menschenfreund‹ genannt wird.
+ Neckend oder ernst wußte er dann, oft nur mit einem hingeworfenen
+ Wort, das Gespräch in seiner originellen Weise zu färben, und
+ die ihm eigene sprühende Unterhaltungsgabe war in Frankfurt bald
+ sprichwörtlich. ›Er sagt stets das Unerwartete!‹, pflegten die
+ Damen auszurufen, indem ihr Gesicht zugleich Stolz und weibliche
+ Bewunderung für ihn ausdrückte. Auch bedurfte es dort, wo er im
+ kleinen Kreise zugegen war, längst nach Mitternacht noch eines
+ kräftigen Entschlusses, um das Behagen der Stunde durch den
+ Aufbruch zu stören.«
+
+
+Otto tanzt mit Malwine
+
+ Über den Verlauf der Mittagessen bei dem preußischen
+ Bundestagsgesandten schreibt ein der Gesandtschaft als Attaché
+ beigegebener Kavallerie-Offizier: »Hier gab es besondere
+ Gemütlichkeit, namentlich wenn etwa die Rüljer Geschwister kamen
+ oder gar die Kröchelndorfer Arnims. Wer, der die Frau Malwine von
+ Arnim in ihren jüngeren Jahren gekannt, hat sich je dem Zauber
+ dieser vornehmen und geistvoll anmutigen Weiblichkeit zu entziehen
+ vermocht? Noch steht mir ein Vorgang vor Augen, der sie eben in
+ jenen Eigenschaften unendlich reizvoll hervortreten ließ. Die
+ Mittagstafel war beendet. Während derselben hatten die Geschwister
+ förmlich und für die übrigen Anwesenden sehr ergötzlich sich
+ geneckt und fuhren damit fort, bis sie, der Bruder die Schwester
+ am Arm führend, einen schmalen langen Gang erreicht hatten, der
+ das Speisezimmer mit den übrigen Wohnräumen verband. Hier faßte
+ Bismarck plötzlich das schlanke Frauenbild, und nun flogen die
+ beiden in einer Walzergaloppade vor uns übrigen her den Korridor
+ hinab. Frau von Arnim stieß sich beim Halt ziemlich empfindlich die
+ Hand am Türrahmen, und nun mußte man die ritterliche Art des um
+ seine Schwester bemühten Bruders sehen und die Grazie, mit welcher
+ diese jenem zulieb ihr schmerzhaftes Unbehagen hinwegleugnete. Ein
+ allerliebster Augenblick.«
+
+
+Ein Ball bei Bismarcks
+
+ Etwa vierhundert Personen waren bei dem Ball im Februar 1855
+ erschienen, den Bismarcks gaben, darunter die Mitglieder des
+ diplomatischen Korps, die regierenden Bürgermeister, das
+ Offizierkorps sowie die Frankfurter Hautevolee. Auch aus Mainz
+ waren Offiziere der dortigen Garnison sowie mehrere Fremde von
+ Distinktion anwesend. Auf dem Feste waren Karneval und kriegerische
+ Zeit durch ein Menuett vertreten, das von jüngeren Mitgliedern des
+ diplomatischen Korps sowie von preußischen und österreichischen
+ Offizieren in den verschiedenen Militärtrachten des vorigen
+ Jahrhunderts ausgeführt wurde. Die mitwirkenden Damen waren in
+ der entsprechenden Hoftracht der Rokokozeit kostümiert. Es boten
+ sich Kontraste von einst und jetzt der Ost- und Westmächte.
+ Auf raschen Galopp und Polka-Masurka in schnellem Takt folgte
+ in der gemessenen Weise des alten Dessauer ein Menuett, dessen
+ eine Kolonne von einem preußischen Offizier, die andere von
+ einem Attaché der französischen Gesandtschaft geführt wurde. Der
+ angenehme Eindruck, den diese Überraschung auf die Stimmung der
+ Gesellschaft hervorbrachte, gab dem Feste ebensosehr einen erhöhten
+ Reiz, wie der Anblick der reichen und geschmackvollen Kostüme der
+ Vergangenheit, die sich mit den glänzenden Toiletten des Tages zu
+ einem heiteren Ganzen vereinigten. Die Musik zu den Tänzen wurde
+ von dem Musikkorps des 38. Infanterie-Regiments ausgeführt. Um
+ ein Uhr begab sich die Gesellschaft zum Souper, dem ein Kotillon
+ folgte, welcher das Ballfest beschloß.
+
+Über Bismarcks Frankfurter Haus schreibt Motley in einem Brief an seine
+Frau:
+
+
+Seine Häuslichkeit
+
+ »Es ist eines der Häuser, wo jeder tut, was er will. Die
+ Empfangszimmer liegen in der Vorderseite des Hauses. Die von der
+ Familie benutzten Räume, ein Salon und das Speisezimmer, sind nach
+ hinten hinaus gelegen und haben die Aussicht in den Garten. Hier
+ ist alles versammelt: jung und alt, Großeltern und Kinder und
+ Hunde; da wird gegessen, getrunken, geraucht, Piano gespielt und
+ Pistolen geschossen (im Garten). Alles zu gleicher Zeit. Es ist
+ ein Haushalt, wo einem alles angeboten wird, was auf Erden nur
+ immer gegessen oder getrunken werden kann: Portwein, Sodawasser,
+ Lagerbier, Champagner, Burgunder, Bordeauxwein sind immer
+ vorhanden, und jeder raucht beständig die besten Havannazigarren.«
+
+Wenig konnte sich Bismarck mit Herrn von Prokesch, einem der späteren
+Vertreter Österreichs, verstehen. Als er noch einmal nach Frankfurt
+zurückkehrte, obwohl man an seine Abberufung geglaubt hatte, begrüßte
+ihn Bismarck mit sanftem Hohn:
+
+
+Beginnen wir ein neues Leben
+
+ »Mein erstes Wiedersehen mit Prokesch«, so schreibt der preußische
+ Staatsmann nach Hause, »war beiderseits frei von Verlegenheit. Die
+ sanfte Heiterkeit, deren Maske er trug, fand ihren Ausdruck auch
+ in der Farbe seiner Handschuhe, die von zartestem Himmelblau und
+ ausnahmsweise ganz neu waren. Es schlug gerade zwölf am 2. Juli,
+ und ich bemerkte beiläufig, daß dieser Augenblick genau die Mitte
+ des Jahres sei, worauf er mit durchbrechender Herzlichkeit meine
+ Hand ergriff und sagte: ›Wohlan, so vergessen wir die Leiden und
+ Sorgen des alten Jahres, und beginnen wir ein ganz neues.‹«
+
+[Illustration: Frankreich im Januar 1870 — Im November
+
+~Bismarck, Frankreich die Haare strählend.~ (Der »Floh«, November 1870)]
+
+
+Sie sind unverbesserlich
+
+ In den Plenarversammlungen des Bundestages war das Protokoll so
+ geführt worden, daß Bismarck sich öfter zu Beschwerden veranlaßt
+ sah. Einmal zwang er Herrn von Prokesch sogar zu einer Änderung
+ des Protokolls, auf das sich dieser in einer Versammlung mit den
+ Worten berufen hatte: »Wenn das nicht wahr wäre, so hätte ich ja
+ im Namen der Kaiserlich Königlichen Regierung gelogen.« Dabei sah
+ er Bismarck an, dieser sieht ihn wieder an und sagte gelassen:
+ »Allerdings, Exzellenz.« Prokesch war offenbar erschrocken, und als
+ er sich umblickte und lauter niedergeschlagenen Augen begegnete
+ und einem tiefen Schweigen, das Bismarck recht gab, wendete er
+ sich still ab und ging ins Speisezimmer, wo gedeckt war. »Nach
+ Tisch hatte er sich erholt«, erzählt Bismarck den Vorfall weiter.
+ »Da kam er auf mich zu — mit einem gefüllten Glase — sonst hätte
+ ich gedacht, er wolle mich fordern — und sagte: ›Na, lassen Sie
+ uns Frieden machen.‹ — ›Warum denn nicht?‹ sagte ich. ›Aber das
+ Protokoll muß doch geändert werden!‹ — ›Sie sind unverbesserlich‹,
+ erwiderte er lächelnd, und damit war’s gut. Das Protokoll wurde
+ geändert und damit anerkannt, daß es die Unwahrheit enthalten
+ hatte.«
+
+Die Frankfurter Zeit ist vielfach durch große Reisen unterbrochen
+worden, die Bismarck nicht nur zur Erholung, sondern auch aus
+dienstlichen Gründen unternahm. Sie führten ihn auch nach Wien und
+Pest und so zur intimen Kenntnis all der Persönlichkeiten, die in
+der Doppelmonarchie eine Rolle spielten. Auch diese Reisen mußten
+den Blick des Staatsmannes, der stets die Psychologie, die Kenntnis
+der Menschen zur Grundlage seines politischen Handelns machte, nach
+jeder Richtung erweitern. Seine Briefe, besonders von diesen Reisen
+in den Kaiserstaat, atmen aber alles andere als politische Sorgen.
+Sie zeigen vielmehr eine außerordentliche Beobachtung der Dinge, eine
+kräftige Erfassung des Lebens und eine Plastik der Darstellung, die
+das Urteil rechtfertigt, daß Bismarck einer der größten Meister der
+deutschen Sprachkunst war. In Wien hatte Bismarck den Auftrag, statt
+des Zollvereins einen Handelsvertrag mit Österreich zu vereinbaren.
+Es gelang ihm, durch Offenheit und Entgegenkommen in der Form, bei
+unerschütterlicher Festigkeit in der Sache, die Stellung Preußens
+gegenüber den österreichischen Ansprüchen in sicherer Weise zu wahren
+und auch hier dem Ziele näher zu kommen, das ihm für die Zukunft
+überaus klar vor Augen stand: Preußen nicht nur gleichwertig neben
+den Kaiserstaat zu stellen, sondern diesem Lande selbst durch einen
+blutigen Konflikt mit Österreich die Führung in Deutschland zu
+sichern. Schon hier hat er bewirkt, daß der Widerstand, den man in
+Potsdam nur zögernd zu leisten wagte, gefestigt und die Gefahr einer
+schwächlichen Nachgiebigkeit beseitigt wurde. Allerdings geriet er
+hierdurch in Konflikt mit der Kreuzzeitungspartei, mit seinen eigenen
+alten Freunden, die seine Tätigkeit in einer Weise kritisierten, als
+ob der Staat durch ihn an den Rand des Verderbens gebracht worden sei.
+Bald genug sah sich Bismarck genötigt, auch sonst den konservativen
+Heißspornen, die an Österreich hingen und am liebsten zu einem Bruch
+mit dem revolutionären Kaisertum Napoleons gedrängt hätten, mit aller
+Schärfe entgegenzutreten. Er hege zwar keine Sympathien für ein
+französisches Bündnis, aber er sehe nur dann die Möglichkeit gegeben,
+sich von dem östlichen Nachbarn unabhängig zu erhalten, wenn man
+möglichst freundliche Beziehungen nach Westen hin pflege; man dürfe
+die Möglichkeit, unter Umständen ein Bündnis mit Frankreich als das
+kleinere von zwei Übeln zu wählen, sich nicht abschneiden, wenn man
+auch niemals Gebrauch davon machen sollte. Vor allem warnte Bismarck,
+durch eine Pressepolemik gegen die Heirat Napoleons mit der Gräfin
+Eugenie von Montijo nicht unnütze Bitterkeit zu erregen. Napoleon möge
+heiraten, wen oder wie er Lust habe; auch wenn er seinen verliebten
+Gelüsten den Mantel der Volkstümlichkeit umzuhängen suche, so sei das
+für Preußen gleichgültig. Es ist schon hier »die Politik der zwei Eisen
+im Feuer«, die Bismarck später mit so gewaltigem Erfolge zur Grundlage
+seines Systems erwählte.
+
+Mehr und mehr gewann überhaupt der Frankfurter Bundesgesandte Einfluß
+auf die Grundlinien der Berliner Politik. Immer wieder ließ ihn
+der König nach Potsdam kommen: »Ich habe auf den Reisen zwischen
+Frankfurt und Berlin über Guntershausen in einem Jahre zweitausend
+Meilen gemacht, damals stets die neue Zigarre an der vorhergehenden
+anzündend oder gut schlafend.« Der König verlangte von ihm nicht nur
+ein Urteil über Fragen der deutschen und der auswärtigen Politik,
+sondern beauftragte ihn auch mit der Ausarbeitung von Gegenprojekten
+gegen die Entwürfe des Auswärtigen Amtes. In der Zeit, als der Konflikt
+zwischen Frankreich und Rußland drohte, der zum Krimkriege führte, war
+es Bismarck vor allem, der davor warnte, den langjährigen Frieden mit
+Rußland für andere als preußische Interessen in Frage zu stellen.
+
+
+Warum nicht nach Leipzig und Roßbach?
+
+ Über diese Haltung und den Einfluß Bismarcks auf den König war der
+ Vertreter Frankreichs natürlich in hohem Maß erbittert. Marquis
+ Moustier, so hieß er, ließ sich bei einem Besuche, den Bismarck
+ ihm machte, durch die Lebhaftigkeit seines Temperamentes zu der
+ bedrohlichen Äußerung hinreißen: »=La politique que vous faites, va
+ vous conduire à Jena=«, worauf Bismarck erwiderte: »=Pourquoi pas
+ à Leipzig ou à Roßbach?=« Moustier war eine so unabhängige Sprache
+ in Berlin nicht gewohnt und wurde stumm und bleich vor Zorn. Nach
+ einigem Schweigen setzte Bismarck hinzu: »=Enfin toute nation a
+ perdu et gagné des batailles. Je ne suis pas venu pour faire avec
+ vous un cours d’histoire.=« Die Unterhaltung kam nicht wieder in
+ Fluß. Der Gesandte beschwerte sich bei dem Minister von Manteuffel,
+ der die Beschwerde an den König brachte. Aber dieser lobte Bismarck
+ laut wegen der richtigen Antwort, die er dem Franzosen gegeben habe.
+
+Auch den Landtagsverhandlungen mußte Bismarck wiederholt beiwohnen. Von
+einer dieser Reisen berichtet er in einem amüsanten Brief aus Halle.
+
+
+Reisepech
+
+ ... Von hier habe ich Dir, soviel ich weiß, noch nicht geschrieben,
+ und hoffe, daß es auch künftig nicht wieder vorkommt. Ich habe
+ mich so viel besonnen, ob doch gestern nicht am Ende Freitag war,
+ als ich abreiste; ein =dies nefastus= war es sicherlich; in Gießen
+ kam ich in ein hundekaltes Zimmer mit drei nicht schließenden
+ Fenstern, zu kurzes, zu schmales Bett, schmutzig, Wanzen; infamer
+ Kaffee, noch nie gekannt so schlecht. In Guntershausen kamen
+ Damen in die erste Klasse, und das Rauchen hörte auf, eine
+ höhere Geschäftsdame mit zwei Kammerjungfern, Zobelpelz; sprach
+ abwechselnd mit russischem und englischem Akzent Deutsch, sehr gut
+ Französisch, etwas Englisch, war aber meiner Ansicht nach aus der
+ Reezenjasse in Berlin, und die eine Kammerfrau ihre Mutter oder
+ ältere Geschäftsfreundin. Zwischen Guntershausen und Gerstungen
+ platzte ganz sanft eine Röhre an der Lokomotive; das Wasser lief
+ aus; da saßen wir einundeinhalb Stunden lang im Freien, recht
+ hübsche Gegend und warme Sonne. Ich hatte mich in die zweite Klasse
+ gesetzt, um zu rauchen, da fiel ich einem Berliner Kammer- und
+ Geh.-Rats-Kollegen in die Hände, der jetzt vierzehn Tage Homburg
+ getrunken hatte und mich im Beisein einiger Meßjuden fragte und
+ zur Rede stellte, bis ich verzweifelt wieder zur Prinzessin aus
+ der Reezenjasse heimkehrte; durch den Aufenthalt kamen wir drei
+ Stunden zu spät nach Halle; der Berliner Zug war längst fort; ich
+ muß hier schlafen und morgen früh per Güterzug um halb eins reisen,
+ um zwei ankommen. Hier am Bahnhof sind zwei Gasthöfe, aus Versehen
+ bin ich in den falschen geraten; ein Gendarm ging im Saal auf und
+ ab und musterte bedenklich meinen Bart, während ich ein müffiges
+ Beefsteak aß. Ich bin sehr unglücklich, werde nun aber noch den
+ Rest Spickgans zu mir nehmen, etwas Portwein trinken und dann zu
+ Bette gehen ...
+
+An den Landtagsverhandlungen selbst nahm Bismarck nur mit großer
+Zurückhaltung teil, doch geriet er trotzdem einmal in einen schweren
+Konflikt.
+
+
+Das Duell mit Vincke
+
+ Der bekannte Abgeordnete von Vincke hatte die Herabsetzung des
+ Militäretats beantragt, die preußischen Rüstungen scharf verurteilt
+ und ausgerufen, man solle nicht daran denken, die Landwehr etwa
+ dazu zu benutzen, bei einem diplomatischen Rückzug, wie den
+ von Olmütz, Parade zu machen; Ereignisse wie die Schlacht von
+ Bronzell könnten ohne Benachteiligung nicht vorübergehen. In
+ seiner Erbitterung sagte Bismarck: »Es kommt vor, daß militärische
+ Talente angeboren werden, es ist auch möglich, daß einzelne
+ Kammermitglieder in der Eigenschaft als Landwehroffiziere sich
+ hohe kriegswissenschaftliche Kenntnisse erwerben. Ich würde aber,
+ ehe wir darauf Kammerbeschlüsse gründen, doch wohl bitten, eine
+ Probe davon abzuwarten.« Er fügte hinzu: »Es ist möglich, daß trotz
+ der friedlichen Disposition aller Staaten Europas wir vielleicht
+ innerhalb sechs Monaten in Verhältnisse kommen, in welchen die
+ Herren Gelegenheit haben könnten, ihre militärischen Talente auf
+ einem anderen Feld als hier darzutun!« Die Anspielung Bismarcks
+ auf den Charakter Vinckes als Landwehroffizier führte diesen
+ wieder auf die Tribüne. Er ersuchte Herrn von Bismarck, dessen
+ witzige Talente ja hinreichend bekannt seien, nicht immer die alten
+ Kammerwitze vorzutragen, und rief: »Denkt man etwa, die Landwehr
+ dazu zu benutzen, bei einem diplomatischen Rückzuge, wie den von
+ Olmütz, Parade zu machen, oder mutet man ihr Schlachten zu, wie
+ die bei Bronzell?« Bismarck entgegnete, es sei nicht seine Absicht
+ gewesen, Witze zu machen, denn er halte Vinckes Situation, wenn
+ er ihn im Felde sehen sollte, gar nicht für witzig, sondern für
+ sehr ernst; wer übrigens zum neunzehnten Male den müdegerittenen
+ Trompeterschimmel von Bronzell tummelt, der dürfe sich nicht über
+ alte abgetragene Witze beklagen. Zwei Tage darauf erneuerte Herr
+ von Vincke den persönlichen Kampf. Er bekämpfte eine Etatforderung
+ für die Burg Hohenzollern mit der Begründung, daß man dieses Geld
+ für Kriegszwecke in nächster Zeit jedenfalls nötiger brauche, seit
+ ein »namhafter Diplomat« es ausgesprochen habe, daß man vielleicht
+ schon in sechs Monaten Krieg haben werde. Wenn dies von einem
+ Diplomaten, bei dem doch eine diskrete Zurückhaltung notwendig sei,
+ gesagt werde, so müsse die Besorgnis eines europäischen Krieges
+ doch weit näher liegen, als man bisher angenommen habe. Bismarck
+ verwahrte sich gegen die Bosheiten Vinckes und schloß seine
+ Erwiderung mit der Bemerkung, daß er nicht den Krieg angekündigt,
+ sondern nur die Möglichkeit eines Krieges behauptet habe: »Ich
+ glaube, durch diese Äußerung die Diskretion, welche mein Amt mir
+ auferlegt, nicht verletzt zu haben, ebensowenig als dadurch, daß
+ ich hinzufüge, daß es meine feste Überzeugung ist, daß wir in sechs
+ Monaten Krieg haben oder Frieden.« Der Abgeordnete von Vincke
+ bemerkt hierauf ungefähr: Ich kann nur annehmen, daß der persönlich
+ gereizte Ton, wozu der Herr Abgeordnete keine Veranlassung hatte,
+ da ich seine Leistungen dankbar anerkannt habe, nur aus verletzter
+ Bescheidenheit herrührt, weil ich ihn einen namhaften Diplomaten
+ genannt habe. Ich will daher, um ihn zu befriedigen, diese Äußerung
+ hiermit förmlich zurücknehmen, da allerdings alles, was ich von
+ seinen diplomatischen Leistungen weiß, sich nur auf die bekannte
+ brennende Zigarre beschränkt. Die Folge dieses Zwistes war das
+ Duell zwischen Bismarck und Vincke, über das General von Gerlach
+ in seinem Tagebuch verzeichnete: »23. März. Es kommt nun doch zum
+ Duell von Vincke und Bismarck. Gestern abend war Bismarck bei
+ mir, sehr liebenswürdig über sein Duell; vorher Stollberg, der
+ davon sehr bewegt, es dennoch für notwendig erklärte. Büchsel (der
+ Hofprediger) hatte Bismarck das heilige Abendmahl verweigert — er
+ (Bismarck) war mit Hans Kleist bei ihm gewesen; ich kann das nicht
+ richtig finden; er ist im Stande der Notwehr und gerechten Krieges.
+ Kleist hat Büchsel vergebens zugeredet. Heut morgen schrieb ich an
+ Alvensleben, um auf Schulenburg-Wolfsburg (Vinckes Schwiegervater)
+ zu wirken, und an Eberhard Stollberg, Bismarcks Sekundant,
+ um dem, was von dort kommen könnte, eine günstige Aufnahme zu
+ verschaffen. — 28. März. Seitdem ist Bismarcks Duell, ohne daß
+ etwas herausgekommen, vorübergegangen, und zwar am 25. März.
+ Büchsel hat ihm das heilige Abendmahl am Tage vorher gereicht,
+ und er hat vor dem ersten Schuß ein Gebet gesprochen. Auf Vincke
+ soll dies doch Eindruck gemacht haben.« Als Vincke seinen Gegner
+ beten sah, mochten die Vorstellungen seines Schwiegervaters von
+ der Schulenburg, daß dieser Ehrenhandel nicht blutig verlaufen
+ dürfe, in seiner Seele Wurzel fassen, und da er als Geforderter den
+ ersten Schuß hatte, ließ er an der Ziellosigkeit dieses Schusses
+ seine Versöhnung erkennen. Darauf schoß auch Bismarck in die Luft.
+ Bei dem Leibesumfang des Herrn von Vincke und Bismarcks Geübtheit
+ im Schießen würde er den Gegner bei ernstlichem Willen schwerlich
+ gefehlt haben.«
+
+Bismarck hielt es zwar für notwendig, bei den nächsten Wahlen auf
+ein Mandat zu verzichten, doch präsentierte ihn alsbald der alte und
+befestigte Grundbesitz im Herzogtum Stettin für das Herrenhaus, wo
+er jedoch bis zu seinem Eintritt in das Ministerium niemals das Wort
+ergriff.
+
+Wieder führte ihn eine Fülle von Reisen in das Ausland, nach Holland,
+Norderney, den Genfer See und Oberitalien. Und immer findet er Zeit, in
+überaus plastischen Bildern das, was er sieht und erlebt, den Freunden
+und den Seinen darzustellen. Als er von Norderney heimgekehrt war, da
+traf ihn ein seltsames Angebot: er sollte Minister des Königs Georg von
+Hannover werden. Aber »er konnte sein Preußentum nicht ausziehen wie
+einen Rock« — welche Wendung hätte wohl die Geschichte genommen, wenn
+er damals den Antrag angenommen hätte!
+
+
+Beim blinden König
+
+ Die Verhandlungen mit König Georg führten zu einer langen
+ Unterredung zwischen dem jungen Staatsmann und dem Könige. Die
+ Audienz fand ohne Zeugen statt. »Während derselben«, so erzählte
+ später Bismarck, »nahm ich mit Erstaunen wahr, wie nachlässig
+ der blinde Herr bedient war. Die ganze Beleuchtung des großen
+ Zimmers bestand in einem Doppelleuchter mit zwei Wachskerzen, an
+ denen schwere metallene Lichtschirme angeklemmt waren. Der eine
+ fiel infolge Niederbrennens der Kerze mit einem Geräusch, wie der
+ Schlag auf ein Gong, zu Boden; es erschien aber niemand, befand
+ sich auch niemand im Nebenzimmer, und ich mußte mir von dem hohen
+ Herrn die Stelle der Klingel bezeichnen lassen, die ich zu ziehen
+ hatte. Diese Verlassenheit des Königs war mir um so auffälliger,
+ als der Tisch, an dem wir saßen, mit allen möglichen amtlichen
+ oder privaten Papieren so bedeckt war, daß einzelne bei Bewegungen
+ des Königs herunterfielen und von mir aufgehoben werden mußten.
+ Nicht weniger auffällig war es, daß der blinde Herr mit einem
+ fremden Diplomaten, wie ich, ohne jede ministerielle Kenntnisnahme
+ stundenlang verhandelte.«
+
+Im Sommer 1855 kam Bismarck auf Einladung des preußischen Gesandten
+Grafen Hatzfeldt zum Besuch der Industrieausstellung nach Paris. Dort
+lernte er den künftigen Gegner von Sedan und Kaiserin Eugenie sowie die
+Paladine des neuen Kaiserreiches, aber auch die Königin Viktoria und
+den Prinzgemahl Albert von Koburg kennen. Die Eindrücke jener Reise
+haben lange in seinem Gedächtnis gehaftet.
+
+Sehr anmutig plaudert er noch in späten Jahren von den Eindrücken, die
+er von den Parisern und vom Hofe gewann:
+
+
+Pariser Leben
+
+ »Es ist wahr,« so schreibt er aus der französischen Hauptstadt an
+ Gerlach, »wenn ich an meinen letzten Besuch in Paris unter Louis
+ Philipp denke, so finde ich die Pariser wunderbar fortgeschritten
+ in der Disziplin und dem äußeren Anstande. Der einzige Mensch,
+ der mit Selbstbewußtsein über die Straße geht, ist der Soldat,
+ vom General bis zum Trainknecht, und wer gar nichts von der
+ neuesten Geschichte wüßte, würde doch aus einem Vergleich
+ der Physiognomie des Straßenlebens entnehmen können, daß die
+ Herrschaft von der Juli-Bourgeoisie auf die Armee übergegangen
+ ist. Die Beleuchtung ist glänzend, aber doch sieht man noch mehr
+ Polizisten als Laternen; es gibt keinen Winkel in allen Straßen,
+ wo man nicht sicher wäre, in irgendeiner Richtung wenigstens,
+ dem beobachtenden Blick eines uniformierten =agent de police=,
+ =gendarmes=, =municipal=, und wie sie alle heißen, zu begegnen;
+ man kann nicht stillstehen, ohne neben sich zu hören: =circulez,
+ s’il vous plaît=. Ich würde mich gar nicht gewundert haben, beim
+ Aufwachen des Morgens in ein Gesicht mit drei Bärten und schiefem
+ Hut zu blicken, welches mir mit der gelangweilten Höflichkeit eines
+ Gefängnisschließers sagte: =Pissez, s’il vous plaît, changez de
+ chemise, s. v. pl.= Man hört auf, nach eigenem Willen zu niesen
+ oder zu schnauben, wenn man den Fuß in diese Tretmühle gesetzt
+ hat. Der Franzose sagt: =c’est précisément ce qu’il nous faut;
+ le despotisme est la seule forme de gouvernement compatible avec
+ l’esprit français=. Das mag richtig sein, ist aber eine scharfe
+ Selbstkritik. Merkwürdig war die Gleichgültigkeit gegen den Krieg
+ und die Nachrichten aus der Krim. Die Aufnahme der Königin von
+ England im Publikum war unzweifelhaft kalt; man sah das an, wie man
+ eine Menagerie oder eine Parade sieht, machte seine Witze, und der
+ Enthusiasmus war allein auf seiten der Engländer.«
+
+
+In den Tuilerien
+
+ »Bei dem Souper«, so erzählt Bismarck in seinen Erinnerungen,
+ »war mir im Vergleich mit Berlin die Einrichtung merkwürdig, daß
+ die Gesellschaft in drei Klassen mit Abstufungen in dem Menü
+ speiste und denjenigen Gästen, die überhaupt speisen sollten, die
+ Zusicherung durch Überreichung einer Karte mit der Nummer beim
+ Eintreten gegeben wurde. Die Karten der ersten Klasse enthielten
+ auch den Namen der an dem betreffenden Tische vorsitzenden Dame.
+ Diese Tische waren auf fünfzehn bis zwanzig Personen eingerichtet.
+ Ich erhielt beim Eintreten eine solche Karte zu dem Tische der
+ Gräfin Walewska und später im Saale noch zwei von zwei anderen
+ =Patronesses=-Damen der Diplomatie und des Hofes. Es war also kein
+ genauer Plan für die Placierung der Gäste gemacht worden. Ich
+ wählte den Tisch der Gräfin Walewska, zu deren Departement ich als
+ auswärtiger Diplomat gehörte. Auf dem Wege zu dem betreffenden
+ Saale stieß ich auf einen preußischen Offizier in der Uniform eines
+ Garde-Infanterie-Regiments, der eine französische Dame führte und
+ sich in lebhaftem Streit mit einem der kaiserlichen Haushofmeister
+ befand, der beide, weil sie mit Karten nicht versehen waren,
+ nicht passieren lassen wollte. Nachdem mir der Offizier auf mein
+ Befragen die Sachlage erklärt und mir die Dame als eine Herzogin
+ mit italienischem Titel aus dem ersten =Empire= bezeichnet hatte,
+ sagte ich dem Hofbeamten, ich hätte die Karte des Herrn, und gab
+ ihm eine der meinigen. Der Beamte wollte nun aber die Dame nicht
+ passieren lassen, ich gab daher dem Offizier meine zweite Karte
+ für seine Herzogin. Der Beamte bedeutete mich, »=mais vous ne
+ passerez pas sans carte=«; als ich ihm die dritte vorgezeigt hatte,
+ machte er ein verwundertes Gesicht und ließ uns alle drei durch.
+ Ich empfahl meinen beiden Schützlingen, sich nicht an die Tische
+ zu setzen, die auf den Karten angegeben waren, sondern zu sehen,
+ wo sie sonst unterkämen, habe auch keine Reklamation über meine
+ Kartenverteilung zu hören bekommen. Die Unregelmäßigkeit war so
+ groß, daß unser Tisch nicht voll besetzt wurde, was sich aus dem
+ Mangel einer Verabredung der =dames patronesses= erklärt. Der alte
+ Fürst Pückler hatte entweder keine Karte erhalten oder seinen Tisch
+ nicht finden können; nachdem er sich an mein ihm bekanntes Gesicht
+ gewandt hatte, wurde er von der Gräfin Walewska auf einen der leer
+ gebliebenen Plätze eingeladen. Das Souper war trotz der Dreiteilung
+ weder nach dem Material noch nach der Zubereitung auf der Höhe
+ dessen, was in Berlin bei ähnlichen Massenfesten geleistet wird;
+ nur die Bedienung war ausreichend und prompt. Am auffallendsten
+ war mir der Unterschied in den Anordnungen für die Zirkulation.
+ Das Versailler Schloß bietet dafür eine viel größere Leichtigkeit
+ als das Berliner vermöge der größeren Zahl und, abgesehen von dem
+ Weißen Saale, der größeren Ausdehnung der Räume. Hier war den
+ Soupierenden Nr. 1 für ihren Rückzug derselbe Weg angewiesen wie
+ den Hungrigen Nr. 2, deren stürmischer Anmarsch schon eine weniger
+ höfische gesellschaftliche Gewöhnung verriet. Es kamen körperliche
+ Zusammenstöße der gestickten und bebänderten Herren und reich
+ eleganten Damen vor, die in Handgreiflichkeiten und Verbalinjurien
+ übergingen, wie sie bei uns im Schlosse unmöglich wären. Ich zog
+ mich mit dem befriedigenden Eindruck zurück, daß trotz alles
+ Glanzes des Kaiserlichen Hofes der Hofdienst, die Erziehung und die
+ Manieren der Hofgesellschaft bei uns wie in Petersburg und Wien
+ höher standen als in Paris, und daß die Zeiten hinter uns lagen, da
+ man in Frankreich und am Pariser Hof eine Schule der Höflichkeit
+ und des guten Benehmens durchmachen konnte.«
+
+Aber die Reise nach Paris machte Bismarck nicht nur den
+Altkonservativen doppelt verdächtig, sondern erregte auch das Mißtrauen
+des Königs.
+
+
+Aber dumm, dumm!
+
+ »Der König«, so erzählt Bismarck, »fragte mich einmal bei Tafel
+ quer über den Tisch nach meiner Meinung über Louis Napoleon;
+ sein Ton war ironisch. Ich antwortete: ›Ich habe den Eindruck,
+ daß der Kaiser Napoleon ein gescheiter und liebenswürdiger Mann,
+ aber so klug nicht ist, wie die Welt ihn schätzt, die alles, was
+ vorgeht, auf seine Rechnung schreibt, und wenn es in Ostasien zur
+ unrechten Zeit regnet, das aus einer übelwollenden Machination
+ des Kaisers erklären will. Man hat sich besonders bei uns daran
+ gewöhnt, ihn als eine Art =génie du mal= zu betrachten, das immer
+ nur darüber nachdenke, wie es in der Welt Unfug anrichten könne.
+ Ich glaube, daß er froh ist, wenn er etwas Gutes in Ruhe genießen
+ kann; sein Verstand wird auf Kosten seines Herzens überschätzt; er
+ ist im Grunde gutmütig, und es ist ihm ein ungewöhnliches Maß von
+ Dankbarkeit für jeden geleisteten Dienst eigen.‹ Der König lachte
+ dazu in einer Weise, die mich verdroß und zu der Frage veranlaßte,
+ ob ich mir gestatten dürfe, die augenblicklichen Gedanken Sr.
+ Majestät zu erraten. Der König bejahte und ich sagte: ›General
+ von Canitz hielt den jungen Offizieren in der Kriegsakademie
+ Vorträge über Napoleons Feldzüge. Ein strebsamer Zuhörer fragte
+ ihn, warum Napoleon diese oder jene Bewegung unterlassen haben
+ könne. Canitz antwortete: ›Ja, sehen Sie, wie dieser Napoleon eben
+ war, ein seelensguter Kerl, aber dumm, dumm‹ — was natürlich die
+ große Heiterkeit der Kriegsschüler erregte. Ich fürchte, daß Eurer
+ Majestät Gedanken über mich denen des Generals von Canitz über
+ Napoleon ähnlich sind.‹ Der König sagte lachend: ›Sie mögen recht
+ haben; aber ich kenne den jetzigen Napoleon nicht hinreichend, um
+ Ihren Eindruck bestreiten zu können, daß sein Herz besser sei als
+ sein Kopf.‹«
+
+Schon in den nächsten Jahren traten an Bismarck sowohl durch den
+König selbst wie durch Manteuffel wiederholte Anträge heran, in das
+Ministerium einzutreten. Friedrich Wilhelm gebrauchte sogar einmal die
+Wendung ihm gegenüber: »Wenn Sie sich an der Erde winden, es hilft
+Ihnen nichts, Sie müssen Minister werden.« Aber zu einem entscheidenden
+Schritt ist es unter dem ältesten Sohne der Königin Luise nicht mehr
+gekommen. Noch stand dem jungen Staatsmann eine ernste Lehrzeit in
+Petersburg und Paris bevor, noch sollte es ihm vergönnt sein, all die
+Schauplätze der großen Politik, in der er selbst einst der Meister
+werden sollte, mit eigenen Augen kennen zu lernen und so über Völker
+und Menschen ein eigenes Urteil zu gewinnen. Daß er noch einmal nach
+Paris ging, daß er nicht einseitig sich für Österreich erklären wollte,
+entfernte ihn immer weiter von den alten Freunden. Er war eben auch
+damals nicht Doktrinär. Das sprach er in geradezu klassischer Weise in
+einem der letzten vertraulichen Briefe aus, die er mit seinem alten
+Freunde Gerlach wechselte:
+
+
+Ich bin preußisch
+
+ »Berliner Nachrichten«, so schrieb er, »sagen mir, daß man mich am
+ Hof als Bonapartisten bezeichnet. Man tut mir unrecht damit. Im
+ Jahre 50 wurde ich von unseren Gegnern verräterischer Hinneigung
+ zu Österreich angeklagt, und man nannte uns die Wiener in Berlin;
+ später fand man, daß wir nach Juchten rochen, und nannte uns
+ Spree-Kosaken. Ich habe damals auf die Frage, ob ich russisch oder
+ westmächtlich sei, stets geantwortet, ich bin preußisch, und mein
+ Ideal für auswärtige Politiker ist die Vorurteilsfreiheit, die
+ Unabhängigkeit der Entschließungen von den Eindrücken der Abneigung
+ oder der Vorliebe für fremde Staaten und deren Regenten. Ich habe,
+ was das Ausland anbelangt, in meinem Leben nur für England und
+ seine Bewohner Sympathie gehabt und bin stundenweis noch nicht frei
+ davon; aber die Leute wollen sich ja von uns nicht lieben lassen,
+ und ich würde, sobald man mir nachweist, daß es im Interesse
+ einer gesunden und wohldurchdachten preußischen Politik liegt,
+ unsere Truppen mit derselben Genugtuung auf die französischen,
+ russischen, englischen oder österreichischen feuern sehen. In
+ Friedenszeiten halte ich es für mutwillige Selbstschwächung, sich
+ Verstimmungen zuzuziehen oder solche zu unterhalten, ohne daß
+ man einen praktischen politischen Zweck damit verbindet, und die
+ Freiheit seiner künftigen Entschließungen und Verbindungen vagen
+ und unerwiderten Sympathien zu opfern.«
+
+Es ist ein wundervolles Bild, das sich schon in diesen wenigen
+Sätzen vor unseren Augen entrollt. Klar und sicher schöpft Bismarck
+aus seinem weitsehenden und umfassenden Geiste die Grundsätze einer
+rücksichtslos nach dem Erfolge strebenden Politik, und unbekümmert
+um alle Feindseligkeiten selbst der besten Freunde hält er an diesen
+Grundsätzen fest, und er führt sie zum Siege.
+
+Auch nach Kopenhagen und dem skandinavischen Norden führt ihn der Weg.
+Wieder kommt die Jagdlust über ihn, selbst aus Näsbyholm und Tomsjonäs
+und später aus Kurland fliegen die Briefe in die Heimat. Ein Ausschnitt:
+
+
+In Sumpf und Busch
+
+ Aus Tomsjonäs, am 16. August 1857, schreibt Bismarck: »Etwa
+ fünfzehn Meilen bin ich ununterbrochen im wüstesten Walde gefahren,
+ um hierher zu gelangen, und vor mir liegen noch fünfundzwanzig
+ Meilen, ehe man wieder in ackerbauende Provinzen gelangt. Keine
+ Stadt, kein Dorf weit und breit, nur einzelne Ansiedler und
+ bretterne Hütten mit wenig Gerste und Kartoffeln, die unregelmäßig
+ zwischen abgestorbenen Bäumen, Felsstücken und Buschwerk einige
+ Ruten angebautes Land finden. Denke Dir von der wüstesten Gegend
+ bei Viartlum etwa hundert Quadratmeilen aneinander, hohes
+ Heidekraut mit kurzem Gras und Moor wechselnd, und mit Birken,
+ Wacholder, Tannen, Buchen, Eichen, Ellern, bald undurchdringlich
+ dick, bald öde und dünn besetzt, das Ganze mit zahllosen Steinen,
+ bis zur Größe von hausdicken Felsblöcken besät, nach wildem
+ Rosmarin und Harz riechend; dazwischen wunderlich gestaltete
+ Seen, von Heidehügeln und Wald umgeben, so hast Du Småland, wo
+ ich mich dermalen befinde. Eigentlich das Land meiner Träume,
+ unerreichbar für Depeschen, Kollegen und (Manteuffel), leider
+ aber auch für Dich. Ich möchte wohl an einem dieser stillen Seen
+ ein Jagdschlößchen haben und es mit allen Lieben, die ich mir
+ jetzt in Reinfeld versammelt denke, auf einige Monate bevölkern.
+ Der Winter wäre allerdings hier nicht auszudauern, besonders
+ im Regenschmutz. Gestern rückten wir um fünf aus, suchten in
+ brennender Hitze, bergauf, bergab, durch Sumpf und Busch bis elf
+ und fanden gar nichts; das Gehen in Mooren und undurchdringlichen
+ Wacholderdickungen, auf großen Steinen und Lagerholz ist sehr
+ ermüdend. Dann schliefen wir in einem Heuschuppen bis zwei Uhr,
+ tranken viel Milch und jagten bis Sonnenuntergang, wobei wir
+ fünfundzwanzig Birkhühner und zwei Auer erlegten. Dann dinierten
+ wir auf dem Jagdhaus, einem wunderlichen Gebäude von Holz, auf
+ einer Halbinsel im See. Meine Kammer und deren drei Stühle, zwei
+ Tische und Bettstelle bieten keine andere Farbe als die roher
+ Fichtenbretter, wie das ganze Haus, dessen Wände daraus bestehen.
+ Bett sehr hart, aber nach diesen Strapazen schläft man ungewiegt.
+ Aus meinem Fenster sehe ich einen blühenden Heidehügel, darauf
+ Birken, die sich im Winde schaukeln, zwischen ihnen durch den
+ Seespiegel, jenseits Tannenwald. Neben dem Haus ist ein Zeltlager
+ für Jäger, Kutscher, Diener und Bauern aufgeschlagen, dann die
+ Wagenburg und eine kleine Hundestadt, achtzehn oder zwanzig Hütten
+ zu beiden Seiten einer Gasse, die sie bilden, aus jeder schaut ein
+ Gischperl müde von der gestrigen Jagd. In dieser Wüstenei denke
+ ich bis Mittwoch oder Donnerstag zu weilen, dann zu einer anderen
+ Jagd nach dem Strande zu gehen, heute über acht Tage wieder in
+ Kopenhagen zu sein, um der leidigen Politik willen. Was dann wird,
+ weiß ich noch nicht.«
+
+Die Zeit aber, die Bismarck in Frankfurt verleben sollte, nahte ihrem
+Ende. Langsam begannen in König Friedrich Wilhelm =IV.= sich die
+ersten Spuren der Geisteskrankheit zu zeigen, in der er bald völlig
+versinken sollte. Ein anderer trat, zuerst als Prinzregent, an seine
+Stelle: Der Mann, der alsbald Otto von Bismarck als Steuermann des
+preußischen Staatsschiffes berufen und mit dem er die Fahrt antreten
+sollte in Glanz und Ewigkeit. Von ihm hat später, rückblickend auf
+zwei Jahrzehnte gemeinsamer Arbeit, Fürst Bismarck geurteilt: »Er
+unterscheidet sich ganz und gar von den in so hoher Stellung geborenen
+Menschen oder doch von den meisten derselben. Sie legen wenig Gewicht
+auf die Empfindungen und Wünsche anderer; sie meinen, Menschen ihrer
+Abstammung sei vieles erlaubt, ihre ganze Erziehung scheint dahin zu
+zielen, in ihnen die menschliche Stimme zu ersticken; mein alter Herr
+hält sich nicht für einen solchen Olympier, im Gegenteil, er ist in
+jeder Beziehung Mensch und unterzieht sich jeder menschlichen Pflicht.
+Er hat nie in seinem Leben jemand unrecht getan, nie das Gefühl eines
+anderen verletzt, nie sich einer Härte schuldig gemacht. Er ist einer
+jener Menschen, deren gütiges Naturell die Herzen gewinnt, der sich
+fort und fort mit dem Wohle seiner Umgebung und seiner Untertanen
+beschäftigt, geschmückt mit allen hohen Eigenschaften eines Fürsten,
+mit allen Tugenden eines Menschen. Es ist unmöglich, sich einen
+schöneren und wohltuenderen Typus eines Edelmannes zu denken.« Schon
+seine Mutter hatte von dem Knaben geurteilt, er sei »einfach, bieder
+und verständig«. Frühzeitig war ihm Bismarck nahegetreten, seiner
+Bemühung und seiner steten Arbeit war es wohl zu verdanken, daß
+die langen Jahre der Verbannung des Prinzen nach Koblenz ein Ende
+nahmen, und wenn auch in einzelnen Fragen zwischen den beiden Männern
+Gegensätze der Meinung bestanden, und wenn auch die leidenschaftliche
+Art Bismarcks zuweilen die ruhige Art des Prinzen Wilhelm verletzen
+oder gar abstoßen mochte, so blieb doch die Grundlage ihrer Beziehungen
+schon aus den Frankfurter Zeiten her ein tiefes Vertrauen.
+
+[Illustration: ~Kreuzigung.~ (Französisches Flugblatt 1870)]
+
+
+
+
+Petersburg und Paris
+
+
+In Frankfurt hat sich Bismarck aus dem jungen konservativen Heißsporn,
+als der er dorthin ging, nicht nur zu einem Staatsmann entwickelt,
+der das ganze Gebiet der diplomatischen Routine beherrschte, sondern
+er hat auch einen tiefen Einblick in die inneren Zusammenhänge, in
+die Persönlichkeiten und Notwendigkeiten gewonnen. Immer fester war
+seine Überzeugung geworden, daß die nationale Entwicklung Preußens
+und Deutschlands auf eine kriegerische Entscheidung mit Österreich
+drängte. Noch widerstreiten die Ideen, die in Berlin lebendig wurden,
+seinen eigenen Auffassungen in schroffer Weise, und doch fällt schon
+am Schluß seiner Tätigkeit in dem Briefe an Schleinitz das Wort vom
+»Blut und Eisen«, und die scheinbaren Sympathien, die ihn an Napoleon
+knüpfen, sind im Grunde nichts anderes als das Ergebnis einer kühlen
+realpolitischen Auffassung.
+
+Aber noch trat Bismarck nicht auf seinen geschichtlichen Posten. Herr
+von Schleinitz übernahm die Nachfolgerschaft Manteuffels, ein Mann,
+der frühzeitig von einer grimmigen Eifersucht auf Bismarck erfüllt war
+und der doch nur, als er ihn in Petersburg »kaltzustellen« suchte, die
+Bahnen verfolgte, auf denen die Vorsehung ihren Liebling zum höchsten
+Ziele zu geleiten gedachte. Aber die Schwierigkeiten, die er überall
+fand, wirkten doch tief auf seine Stimmung, zumal da er erkannte, daß
+fast alle, die im Rate des Prinzregenten saßen, nur mittelmäßige Köpfe,
+vielfach auch nur Höflinge waren, daß sich unter ihnen aber keine
+einzige staatsmännische Kapazität befand. In dieser Stimmung schrieb er
+wohl melancholisch an die Schwester:
+
+
+Nach neune ist alles vorbei
+
+ »Will man mich lediglich aus Gefälligkeit für Stellenjäger
+ disponieren, so werde ich mich unter die Kanonen von Schönhausen
+ zurückziehen und zusehen, wie man in Preußen auf linke Majoritäten
+ gestützt regiert, mich auch im Herrenhause bestreben, meine
+ Schuldigkeit zu tun. Abwechslung ist die Seele des Lebens, und
+ hoffentlich werde ich mich um zehn Jahre verjüngt fühlen, wenn ich
+ mich wieder in derselben Gefechtsposition befinde wie 1848/49.
+ Wenn ich die Rollen des Gentleman und des Diplomaten nicht mehr
+ miteinander verträglich finde, so wird mich das Vergnügen oder die
+ Last, ein hohes Gehalt mit Anstand zu depensieren, keine Minute in
+ der Wahl beirren. Zu leben habe ich nach meinen Bedürfnissen, und
+ wenn mir Gott Frau und Kind gesund erhält wie bisher, so sage ich:
+ ›=vogue la galère=‹, in welchem Fahrwasser es auch sein mag. Nach
+ vierzig Jahren wird es mir wohl gleichgültig sein, ob ich jetzt
+ Diplomat oder Landjunker spiele, und bisher hat die Aussicht auf
+ frischen ehrlichen Kampf, ohne durch irgendeine amtliche Fessel
+ geniert zu sein (gewissermaßen in politischen Schwimmhosen), fast
+ ebensoviel Reiz für mich als die Aussicht auf ein fortgesetztes
+ Regime von Trüffeln, Depeschen und Großkreuzen. Nach neune ist
+ alles vorbei, sagt der Schauspieler.«
+
+Die Ernennung Bismarcks zum Gesandten am Petersburger Hofe erfolgte
+erst am 29. Januar 1859. Sein letzter Bericht aus Frankfurt
+beschäftigt sich mit italienischen Fragen, deren Entwicklung alsbald
+so außerordentliche Konsequenzen nach sich ziehen sollte. Aber erst im
+März verließ er die Stadt am Main, um seinen neuen Posten anzutreten.
+Sehr hoffnungsvoll sah er, namentlich in materieller Beziehung, der
+neuen Stellung nicht entgegen. So schreibt er an den Bruder: »Eine
+Wohnung ist in Petersburg überhaupt nicht. Werther gab bisher 4600
+Taler Miete, ohne Möbel. Für den Umzug und die neue Einrichtung gibt
+man mir 3000 Taler; darüber hinaus werde ich meinen baren Schaden auf
+über 10000 anschlagen können. Ich muß sehen, wie ich später durch
+Ersparnisse wieder zu meiner Auslage komme.« Auf der Durchreise
+durch Berlin sprach Bismarck auch den Präsidenten der preußischen
+Nationalversammlung, Herrn von Unruh. In dieser charakteristischen
+Unterhaltung enthüllte Bismarck zum Erstaunen des liberalen Politikers
+offen das Programm, dem er in Zukunft folgen werde. Wir staunen
+vor der Klarheit und Treffsicherheit seiner Auffassung. Denn hier
+bekannte Bismarck, daß er nicht mehr der Junker sei, als den ihn Unruh
+in der Kammer kennen lernte, daß er den Deutschen Bund mit seiner
+Kleinstaaterei aufs härteste verdamme und daß er in der Zukunft, wenn
+es gelten werde auch Österreich zu überwinden, nur ~einen~ Aliierten
+kenne, auf den er außer auf sein altes Preußen rechne: das deutsche
+Volk.
+
+Ehe Bismarck nach Petersburg abreiste, hatte er noch ein merkwürdiges
+Erlebnis:
+
+
+Levinstein
+
+ Bismarck erzählt: »Während des Aufenthalts in Berlin hatte ich
+ Gelegenheit, von der Verwendung der österreichischen geheimen
+ Fonds, der ich bis dahin nur in der Presse begegnet war, einen
+ praktischen Eindruck zu gewinnen. Der Bankier Levinstein, welcher
+ seit Jahrzehnten bei meinen Vorgesetzten und in deren vertraulichen
+ Aufträgen in Wien und Paris mit den Leitern der auswärtigen Politik
+ und mit dem Kaiser Napoleon in Person verkehrt hatte, richtete
+ am Morgen des Tages, auf den meine Abreise festgesetzt war, das
+ nachstehende Schreiben an mich: ›Ew. Exzellenz erlaube ich mir
+ noch hiermit ganz ergebenst gutes Glück zu Ihrer Reise und Ihrer
+ Mission zu wünschen, hoffend, daß wir Sie bald wieder hier begrüßen
+ werden, da Sie im Vaterlande wohl nützlicher zu wirken vermögen
+ als in der Ferne. Unsere Zeit bedarf der Männer, bedarf Tatkraft,
+ das wird man hier vielleicht etwas zu spät einsehen. Aber die
+ Ereignisse in unserer Zeit gehen rasch, und ich fürchte, daß für
+ die Dauer doch der Friede kaum zu erhalten sein wird, wie man auch
+ für einige Monate kitten wird. Ich habe heute eine kleine Operation
+ gemacht, die, wie ich hoffe, gute Früchte tragen soll, ich werde
+ später die Ehre haben, sie Ihnen mitzuteilen. — In Wien ist man
+ sehr unbehaglich wegen Ihrer Petersburger Mission, weil man Sie
+ für prinzipiellen Gegner hält. Sehr gut wäre es, dort ausgesöhnt
+ zu sein, weil doch früher oder später jene Mächte sich mit uns gut
+ verstehen werden. Wollen Ew. Exzellenz nur in einigen beliebigen
+ Zeilen an mich sagen, daß Sie persönlich nicht gegen Österreich
+ eingenommen sind, so würde das von unberechenbarem Nutzen sein.
+ Herr von Manteuffel sagt immer, ich sei zähe in der Ausführung
+ einer Idee und ruhe nicht, bis ich zum Ziele gekommen — doch fügte
+ er hinzu, ich wäre weder ehr- noch geldgeizig. Bis jetzt, Gott sei
+ Dank, ist es mein Stolz, daß noch niemand aus einer Verbindung mit
+ mir irgendeinen Nachteil gehabt. Für die Dauer Ihrer Abwesenheit
+ biete ich Ihnen meine Dienste zur Besorgung Ihrer Angelegenheiten,
+ sei es hier oder sonstwo, mit Vergnügen an. Uneigennütziger und
+ redlicher sollen Sie gewiß anderswo nicht bedient werden.
+
+ Mit aufrichtiger Hochachtung bin ich
+
+ Ew. Exzellenz
+ ganz ergebenster
+ B., 23. März 1859. Levinstein.‹
+
+ Ich ließ den Brief unbeantwortet und erhielt im Laufe des Tages
+ vor meiner Abfahrt zum Hotel Royal, wo ich logierte, den Besuch
+ des Herrn Levinstein. Nachdem er sich durch Vorzeigung eines
+ eigenhändigen Einführungsschreibens des Grafen Buol legitimiert
+ hatte, machte er mir den Vorschlag zur Beteiligung an einem
+ Finanzgeschäft, welches mir ›jährlich 20000 Taler mit Sicherheit‹
+ abwerfen würde. Auf meine Erwiderung, daß ich keine Kapitalien
+ anzulegen hatte, erfolgte die Antwort, daß Geldeinschüsse zu dem
+ Geschäft nicht erforderlich seien, sondern daß meine Einlage
+ darin bestehen würde, daß ich mit der preußischen auch die
+ österreichische Politik am russischen Hofe befürwortete, weil die
+ fraglichen Geschäfte nur gelingen könnten, wenn die Beziehungen
+ zwischen Rußland und Österreich günstig wären. Mir war daran
+ gelegen, irgendwelches schriftliches Zeugnis über dieses Anerbieten
+ in die Hand zu bekommen, um dadurch dem Regenten den Beweis zu
+ liefern, wie gerechtfertigt mein Mißtrauen gegen die Politik des
+ Grafen Buol war. Ich hielt deshalb dem Levinstein vor, daß ich
+ bei einem so bedenklichen Geschäft doch eine stärkere Sicherheit
+ haben müßte als seine mündliche Äußerung auf Grund der wenigen
+ Zeilen von der Hand des Grafen Buol, die er an sich behalten
+ habe. Er wollte sich nicht dazu verstehen, mir eine schriftliche
+ Zusage zu beschaffen, erhöhte aber sein Anerbieten auf 30000 Taler
+ jährlich. Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß ich schriftliches
+ Beweismaterial nicht erlangen würde, ersuchte ich Levinstein, mich
+ zu verlassen, und schickte mich zum Ausgehen an. Er folgte mir auf
+ die Treppe unter beweglichen Redensarten über das Thema: ›Sehen
+ Sie sich vor, es ist nicht angenehm, die Kaiserliche Regierung zum
+ Feinde zu haben.‹ Erst als ich ihn auf die Steilheit der Treppe und
+ auf meine körperliche Überlegenheit aufmerksam machte, stieg er vor
+ mir schnell die Treppe hinab und verließ mich. Dieser Unterhändler
+ war mir persönlich bekannt geworden durch die Vertrauensstellung,
+ welche er seit Jahren im Auswärtigen Ministerium eingenommen,
+ und durch die Aufträge, welche er von dort für mich zur Zeit
+ Manteuffels erhielt. Er pflegte seine Beziehungen in den unteren
+ Stellen durch übermäßige Trinkgelder. Als ich Minister geworden war
+ und das Verhältnis des Auswärtigen Amts zu Levinstein abgebrochen
+ hatte, wurden wiederholt Versuche gemacht, dasselbe wieder in
+ Gang zu bringen, namentlich von dem Konsul Bamberg in Paris, der
+ mehrmals zu mir kam und mir Vorwürfe darüber machte, daß ich
+ einen ›so ausgezeichneten Mann‹, der eine solche Stellung an den
+ europäischen Höfen habe, wie Levinstein, so schlecht behandeln
+ könnte.«
+
+[Illustration: ~Bismarck in Petersburg kaltgestellt~ 1858
+
+Auf der Flasche, deren Hals Bismarck darstellt, steht geschrieben:
+»Geist der Wahrheit«, und auf den Sternen: »Einigkeit, Gerechtigkeit,
+Treue, Moral«. Der alte deutsche Bund, Österreich und die heilige
+Allianz tanzen um den Kübel. (Vignette von Daelen aus: »Bismarcks
+Himmelfahrt«)]
+
+Am 23. März trat Bismarck seine beschwerliche Reise nach Petersburg
+an. Die Verbindungen in jener Zeit waren nicht gerade erfreulich. Denn
+die Eisenbahn führte nur bis Königsberg, von wo aus die Fahrt im Wagen
+fortgesetzt werden mußte. Aber an der neuen Stätte seines Wirkens hat
+sich Bismarck doch schnell zurechtgefunden. Er war bald ein ständiger
+Gast des Zaren, der mit ihm eine Reihe von vertraulichen Gesprächen
+führte und ihm vor allen anderen Vertretern der fremden Mächte den
+Vorzug gab. Auch führte ihn Jagdlust und das Bedürfnis, Land und
+Leute kennen zu lernen, immer wieder tiefer in das Innere des Landes.
+»Geschäftlich«, so schrieb er einmal, »ist meine Stellung hier sehr
+angenehm, habe viel zu tun mit vierzigtausend Preußen, deren Polizei,
+Advokat, Richter, Aushebungsbehörde und Landrat man ist, täglich
+zwanzig bis fünfzig Unterschriften, ohne Pässe. Ich bin noch immer wie
+im Biwak, mit einigen in der Eile gekauften Betten, Handtüchern und
+Tassen, ohne Koch und Küche, weil alles Geschirr fehlt, und bei der
+Hitze ohne Sommerzeug.« Aber auch manches artige Erlebnis hatte der
+Staatsmann zu verzeichnen. So erzählte er später:
+
+
+Das =Enfant terrible=
+
+ »Ich erinnere mich, daß einmal eine vierjährige Großfürstin sich
+ um den Tisch von vier Personen bewegte und sich weigerte, einem
+ hohen General die gleiche Höflichkeit wie mir zu erweisen. Es war
+ mir sehr schmeichelhaft, daß dieses großfürstliche Kind auf die
+ großmütterliche Vorhaltung in bezug auf mich sagte: =on milü= (er
+ ist lieb), in bezug auf den General hatte sie die Naivität, zu
+ sagen: =on wonajet= (er stinkt), worauf das großfürstliche =enfant
+ terrible= entfernt wurde.«
+
+
+Merkwürdig viel Talg
+
+ Bekannt ist, daß dem Kaiser einmal das ungewöhnliche Quantum
+ von Talg aufgefallen war, welches jedesmal in den Rechnungen
+ erschien, wenn der Prinz von Preußen zum Besuche dort war, und daß
+ schließlich ermittelt wurde, daß er bei seinem ersten Besuche sich
+ durchgeritten und am Abend das Verlangen nach etwas Talg gestellt
+ hatte. Das verlangte Lot dieses Stoffes hatte sich bei späteren
+ Besuchen in Pud verwandelt. Die Aufklärung erfolgte zwischen den
+ hohen Herrschaften persönlich und hatte eine Heiterkeit zur Folge,
+ welche den beteiligten Sündern zugute kam.
+
+
+Die Schildwache
+
+ Bismarck war einmal im Sommergarten zu Petersburg und traf dort
+ den Kaiser, mit dem er als immer gern gesehener Gesandter wenig
+ beschränkt verkehren konnte. Sie gingen eine Strecke miteinander
+ und kamen dabei an einen freien Rasenplatz, in dessen Mitte eine
+ Schildwache stand. Bismarck erlaubte sich die Frage, was die da
+ solle. Er wußte es nicht. Der Kaiser wandte sich an den Adjutanten,
+ der es aber auch nicht wußte. So fragen sie die Schildwache. Die
+ Schildwache sagt nur: =priks= — er brauchte hier das russische
+ Wort — es ist befohlen. Damit war uns ebensowenig geholfen, und
+ der Adjutant muß sich weiter erkundigen, auf der Wache beim
+ Offizier und dann weiter hinauf. Aber immer dieselbe Antwort: es
+ ist befohlen. Es wird in den Akten nachgesehen und nichts über
+ die Sache gefunden — es hat immer eine Schildwache dagestanden.
+ Endlich findet sich ein alter Lakai, der sich erinnert, daß sein
+ Vater, auch ein alter Lakai, ihm einmal gesagt habe, die Kaiserin
+ Katharina habe dort einst ein frühzeitiges Schneeglöckchen entdeckt
+ und Befehl gegeben, zu sorgen, daß es nicht abgepflückt werde. Man
+ wußte sich nicht besser zu helfen, als daß man eine Schildwache
+ dazu stellte, und das pflanzte sich fort.
+
+
+Erwerbssinn
+
+ Labouchère, der namentlich in englischen Hofkreisen gefürchtete
+ Herausgeber des »Truth«, erzählt folgende Bismarck-Anekdote: »Als
+ ich in Petersburg war, befand sich auch dort als preußischer
+ Gesandter Herr von Bismarck. Eines Abends dinierten wir zusammen
+ bei dem spanischen Gesandten, dem Herzog von Ossuna. Als wir eben
+ hinausgehen wollten, wandte sich Herr von Bismarck zu mir und
+ sagte: ›Sie haben schon soviel von preußischer Begehrlichkeit
+ gehört — nun können Sie sehen, was holländischer Erwerbssinn
+ ist.‹ Er zog mich in eine Fensternische und zeigte mir den
+ niederländischen Gesandten, der in die Zigarrenkiste, die zum
+ Gebrauch der Gäste dastand, mit zwei Händen tief hineingriff und
+ sich die Taschen vollstopfte.«
+
+
+Er hält sich Bären
+
+ Der verstorbene General Astaschew erzählte häufig, wie Bismarck in
+ den frühesten Morgenstunden oft auf Schneeschuhen über die Newa zu
+ ihm gekommen wäre und sie zusammen zur Hasenjagd gefahren seien.
+ Namentlich die Bärenjagd liebte Bismarck leidenschaftlich und fuhr
+ jährlich an zehnmal nach Luban. Auf einer solchen Jagd setzte er
+ selbst die großfürstlichen Förster durch seine Kaltblütigkeit in
+ Erstaunen. Sogar in seinem Hause hielt er junge Bären, die er oft
+ zum Ergötzen seiner Gäste in das Speisezimmer führen ließ, wo sie
+ durch ihre drollige Plumpheit Lachen erregten. Später schenkte er
+ die Tiere den zoologischen Gärten von Köln und Frankfurt a. M.
+
+In Petersburg erlitt Bismarcks Gesundheit einen schweren Stoß. Das
+Venenleiden, das ihn später durch so lange Jahre furchtbar quälte,
+stammte zweifellos aus jener Zeit und hat eine verhängnisvolle Rolle
+wohl noch an jenem Tage gespielt, der ihn dem deutschen Volke rauben
+sollte. Er schreibt an seine Schwester, er sei schon seit Monaten
+nie wieder gesund geworden. Ärger, Klima und Erkältung hätten ein
+ursprünglich unscheinbares Gliederreißen auf solche Höhe gebracht, daß
+ihm der Atem ausbliebe und nur unter den schmerzhaftesten Anstrengungen
+eingezogen werden könnte. Das Übel sei rheumatisch-gastrisch-nervös,
+habe sich in der Lebergegend eingenistet und werde »mit massenhaften
+Schröpfköpfen wie Untertassen und spanischen Fliegen und Senf über
+den ganzen Leib bekämpft, bis es mir gelang, nachdem ich schon halb
+für eine bessere Welt gewonnen war, die Ärzte zu überzeugen, daß
+meine Nerven durch achtjährigen ununterbrochenen Ärger und stete
+Aufregung geschwächt wären und weiteres Blutabzapfen mich mutmaßlich
+typhös und blödsinnig machen würde. Gestern vor acht Tagen war es am
+schlimmsten, meine gute Natur hat sich aber rasch geholfen, seitdem man
+mir Sekt in mäßigen Quantitäten verordnet hat.« Später hat Bismarck
+mit tiefer Bitterkeit die Schuld an seinem schmerzhaften Leiden auf
+einen Charlatan zurückgeführt, einen sogenannten »Professor« Walz,
+der ihm ein Pflaster in die Kniekehle legte, das ihm furchtbare
+Schmerzen brachte und das er, da die Qual unerträglich wurde, abriß,
+ohne daß er seine Bestandteile von der schon wundgerissenen Kniekehle
+entfernen konnte. Augenscheinlich war eine schwere Blutvergiftung durch
+die Unwissenheit und die Gewissenlosigkeit des Arztes herbeigeführt
+worden. Es kam so weit, daß der berühmte Chirurg Pirogoff Bismarck
+den Rat gab, sich das Bein hoch über dem Knie amputieren zu lassen.
+Erst zu Anfang März 1860, nach langen Qualen, war Bismarck so weit
+gesundet, daß er nach Berlin reisen konnte, um an den Sitzungen
+des Herrenhauses teilzunehmen. Das Bein blieb noch lange schwach,
+die Nerven rebellierten, und der Schlaf blieb aus. Ein schweres
+rheumatisches Fieber mit Affektion der Brustmuskeln folgte noch auf dem
+Wege nach Petersburg, und monatelang mußte er bei seinem Freunde Below
+in Hohendorf auf Gesundung harren. Es war so weit, daß er nach einem
+halben Jahre an den Freund schreiben konnte: »Ich glaubte vor sechs
+Monaten nicht, noch einmal blühenden Rasen von oben ansehen zu können.«
+
+Endlich traf er wieder in Petersburg ein, jetzt in Begleitung der
+Seinen. Sein Befinden besserte sich ungemein schnell, und die Aufnahme
+in der russischen Gesellschaft war mehr als herzlich. Nur die Intrigen
+seiner früheren Gesinnungsgenossen gegen den »Abtrünnigen«, die es ihm
+schwer verargten, daß er mit den Einheitsbestrebungen der Italiener
+sympathisierte, machten ihm schweren Ärger. Aus jenen Tagen stammt
+sein Wort: »Wenn ich einem Teufel verschrieben bin, so ist es ein
+teutonischer und kein gallischer.« Eine Begegnung mit dem leitenden
+preußischen Minister, Fürsten von Hohenzollern, von der der Fürst
+berichtet, daß die Kühnheit der Ansichten Bismarcks, sein Feuer
+und seine Wahrheitsliebe auf ihn einen tiefen und unauslöschlichen
+Eindruck machten, führte zu erneuter Prüfung des Planes, ihn in das
+Ministerium zu berufen. Bismarck wurde nach Berlin befohlen, aber nur
+einer der Minister, Albrecht von Roon, trat außer dem Fürsten von
+Hohenzollern für ihn ein, nachdem er sein Programm dargelegt, die
+Führung mit Rußland empfohlen und die unausbleibliche Notwendigkeit
+einer endgültigen Auseinandersetzung mit Österreich bewiesen hatte. So
+mußte Bismarck noch einmal nach Petersburg zurückkehren, zumal da auch
+der Prinzregent befürchten mochte, daß in dem soeben entbrannten Kampfe
+um die Heeresreform die scharfausgeprägte Persönlichkeit des Diplomaten
+die Gegnerschaft verstärken und die Leidenschaften noch heißer
+entfesseln würde. Am 28. Juni 1861 ist dann das erste Telegramm Roons
+an den Freund gelangt: »Es ist nötig, die beabsichtigte Urlaubsreise
+unverzüglich anzutreten, =periculum in mora=.« Aber auch da war der
+Moment noch nicht gekommen für Bismarcks Wirksamkeit. In seiner Antwort
+an Roon schrieb er mit einer Art von melancholischer Ironie, wie ihn
+sein Kommando »an die Pferde« mit schrillem Mißklang »in dem Streit
+wohltuender Gefühle für junge Auerhühner einerseits und Wiedersehen von
+Frau und Kindern andererseits« getroffen habe; er sei geistesträge,
+matt und kleinmütig geworden, seitdem ihm das Fundament der Gesundheit
+abhanden kam. Aber selbst wenn er gesund wäre, würde er eine Politik
+nicht vertreten können, die liberal in Preußen und konservativ im
+Auslande sei, die des eigenen Königs Rechte wohlfeil gibt, die Rechte
+fremder Fürsten aber hochhält. Er müsse eine andere Färbung der
+auswärtigen Politik fordern. Und nun folgte das vielzitierte Wort: »Ich
+bin meinem Fürsten ~treu bis in die Vendée~, aber gegen alle anderen
+fühle ich in keinem Blutstropfen eine Spur von Verbindlichkeit, den
+Finger für sie aufzuheben.« Auch der Kammer gegenüber verlangte er
+eine stramme Haltung und, wenn es nötig ist, die Auflösung selbst auf
+die Gefahr hin, zu schlechte Wahlen zu erlangen. In einer Nachschrift
+schreibt er dann:
+
+
+Der Entensteiß
+
+ »Wenn ich den Newaspiegel in der hellen Nacht vor mir sehe, über
+ den Brief hinweg, so wird der Wunsch in mir lebhaft, daß ich
+ nächstes Jahr noch hier sitze. Der Mensch gewöhnt sich an alles,
+ auch an sechzig Grad Breite, und Umziehen, Streiten, Ärgern und
+ die ganze Knechtschaft Tag und Nacht bilden eine Perspektive, bei
+ der ich schon heute Heimweh nach Petersburg oder Reinfeld habe.
+ In besserer Gesellschaft, wie in der Ihrigen, kann ich niemals in
+ den Schwindel hineingeraten; aber auf der Sabower Heide hinter den
+ Rebhühnern war es für uns beide behaglicher. Ich werde mich nicht
+ drücken, denn ich mag mir keiner Feigheit bewußt sein, aber wenn
+ in vierzehn Tagen dieses Gewitter spurlos an mir vorübergegangen
+ und ich ruhig bei Muttern wäre, so würde ich mir einen Entensteiß
+ wünschen, um vor Befriedigung damit wackeln zu können.«
+
+In jene Zeiten fällt, als eine Folge der Unterhaltungen mit seinem
+alten Herrn, Bismarcks Denkschrift über die deutsche Frage, die den
+maßgebenden Einfluß auf die nächste Gestaltung der Dinge ausüben sollte
+und die auch heute noch ein Meisterwerk des politischen Fernblicks und
+der intuitiven Erkenntnis der möglichen Mittel ist. Aber Bismarck blieb
+auch nach dem Rücktritt des Herrn von Schleinitz von der Leitung des
+Auswärtigen Amtes auf seinem Petersburger Posten; erst im April war
+seine Abberufung entschieden. Dennoch blieb seine Zukunft unsicher,
+und Freund Roon bekam nur die resignierten Zeilen: »In vierzehn Tagen
+hoffe ich bei Ihnen zu sein und diesem Leiden von Abschiedsaudienz,
+Visiten, schlechten Verkäufen und packenden Hammerschlägen ein Ende zu
+machen. Ich weiß nur, daß ich nach Paris oder London gehe, nicht nach
+welchen von beiden.« Und wieder einen Monat später mußte er der Gattin
+schreiben: »Unsere Zukunft ist noch ebenso unklar wie in Petersburg;
+Berlin steht mehr in dem Vordergrund. Ich tue nichts dazu und nichts
+dagegen, trinke mir aber einen Rausch, wenn ich erst meine Beglaubigung
+für Paris in der Tasche habe.«
+
+Ob Bismarck sich diesen Rausch angetrunken hat, vermeldet die
+Geschichte nicht; Tatsache aber ist es, daß er zum großen Erstaunen
+seiner Freunde nach Paris gesandt wurde, und daß König Wilhelm abermals
+die Entscheidung bis zu schlimmeren Tagen aufschob. Der Aufenthalt in
+Paris trug also von vornherein den Charakter des Interimistischen;
+was aber Roon erwartet und mit aller Sorglichkeit vorbereitet hatte,
+das geschah dennoch. Bismarck verließ Paris, um an die Spitze des
+Kampfministeriums zu treten. Welchen Ruf er aber schon damals in der
+europäischen Diplomatie genoß und wie man ihn dennoch verkannte,
+beweist ein Ausspruch, den Graf Rechberg gegen den französischen
+Gesandten, Herzog von Grammont, tat: »Wenn Herr von Bismarck eine
+vollkommene diplomatische Erziehung gehabt hätte, so wäre er einer der
+ersten Staatsmänner Deutschlands, wenn nicht der erste. Er ist mutig,
+fest, erregt, voll feurigen Eifers; aber unfähig, eine vorgefaßte Idee,
+ein Vorurteil, eine Parteimeinung irgendwelcher Erwägung einer höheren
+Ordnung zu opfern; er hat nicht den praktischen Sinn für Politik; er
+ist ein Parteimann in des Wortes verwegener Bedeutung, und da er Reiz
+und Einfluß in den Geschäften hat und außerdem uns feindlich gesinnt
+ist, so betrachten wir seine Ernennung zum Gesandten in Paris nicht
+ohne Mißvergnügen und Unruhe. Jedenfalls ist es kein Freund, den wir
+dort haben werden.« Der Adressat der Worte Rechbergs, Herzog von
+Grammont, hat es später erproben dürfen, wie dieses Urteil zugleich
+richtig und doch im letzten Sinne auch völlig falsch gewesen ist.
+
+[Illustration: ~Bismarck und Borussia~
+
+Borussia: »Es jeht nicht, jutester Bismarck, aus des Junkerjewand bin
+ick doch schonst herausjewachsen.« (»Figaro«, 1862)]
+
+
+Napoleon und Eugenie
+
+ »Napoleon empfing mich freundlich, sieht wohl aus, ist etwas
+ stärker geworden, aber keineswegs dick und gealtert, wie man
+ ihn zu karikieren pflegt. Die Kaiserin ist noch immer eine der
+ schönsten Frauen, die ich kenne trotz Petersburg; sie hat sich
+ eher emballiert. Unseren freundschaftlichen Nachbarn habe ich
+ ruhig, sehr wohlwollend für uns und sehr geneigt gefunden, die
+ Schwierigkeiten der deutschen Frage zu besprechen. Ich kam
+ aber beim Kaiser etwas in die Lage Josephs bei der Frau von
+ Potiphar. Er hatte die unzüchtigsten Bündnisvorschläge auf der
+ Zunge; wenn ich etwas entgegengekommen wäre, so hätte er sich
+ deutlicher ausgesprochen. Er ist ein eifriger Verfechter deutscher
+ Einheitspläne, d. h. kleindeutscher, nur kein Österreich darin; wie
+ schon einmal vor fünf Jahren mir gegenüber, wollte er, daß Preußen
+ eine Seemacht wenigstens zweiten Ranges werden und die dazu nötigen
+ Häfen besitzen müsse. Er ließ sich von mir den Jadebusen auf der
+ Karte zeigen und fand die Einschachtelung in Oldenburg und dann in
+ Hannover eine »Absurdität«. Merkwürdig ist die abweichende Politik
+ der Kaiserin; sie ist katholisch, päpstlich, konservativ für das
+ Ausland: sogar österreichisch.
+
+Während der Pariser Zeit, die durch ihren interimistischen Charakter
+dem Gesandten jede Möglichkeit raubte sich einzurichten und Ruhe zu
+finden, die ihm die Klage in den Mund gab, daß er sich einsam fühle
+mitten in dem großen Paris, ist Bismarck auch nach London gereist,
+wo er sowohl Disraeli wie Palmerston kennen lernte. Der spätere Lord
+Beaconsfield soll damals die Äußerung getan haben: »Geben Sie wohl
+acht auf diesen Mann, ~er meint, was er sagt~.« Im übrigen klagt er
+immer wieder darüber, daß er in Paris gar nichts zu tun habe, er könne
+dieses »Nichtwohnen« auf die Länge nicht aushalten, dazu sei er nicht
+Fähnrich genug. Wenn er aber in die Galeere eintreten solle, so müsse
+er etwas Gesundheitsvorrat sammeln, Paris sei ihm bis jetzt schlecht
+genug bekommen mit dem Hundebummelleben als Garçon. Immer verzweifelter
+klingen die Briefe Roons, immer heftiger drängt er den König zur
+Berufung des Mannes, der allein die Rettung bringen könnte. Aber noch
+sollten Wochen vergehen. Noch mußte er im September der Gattin klagen:
+»Gewißheit ist jetzt nötig, oder ich nehme Knall und Fall meinen
+Abschied«, und dem Freunde verzweifelt schreiben: »Schaffen Sie mir
+endlich diese oder jede andere Gewißheit, und ich male Engelsflügel an
+Ihre Photographie.« Da traf ihn in Avignon, wohin ihn die Urlaubsreise
+führte, Roons weltgeschichtlich berühmte Depesche: »~Die Birne ist
+reif~«, das Stichwort, das ihn nach Berlin berief. Denn dort hatte die
+Krisis ihren Höhepunkt erreicht, dort steuerte man der Entscheidung
+zu. In Babelsberg war es, wo Roon dem Könige den Rat gab: »Berufen
+Ew. Majestät doch Bismarck!« Auf die zaghafte Antwort des Monarchen:
+»Er wird nicht wollen, wird es jetzt auch nicht übernehmen; er ist
+auch nicht da, es kann mit ihm nichts besprochen werden«, konnte Roon
+erwidern: »Er ist hier, er wird Ew. Majestät Ruf bereitwillig folgen.«
+Als noch an demselben Tage Bismarck in Babelsberg erschien, hatte der
+König bereits seine Abdankung unterschrieben: Er bebte vor dem Kampfe
+mit dem eigenen Volke zurück. Als das letzte Mittel der Verzweiflung
+sollte Bismarcks Berufung dienen.
+
+[Illustration: ~Bismarcks Abschied von Napoleon nach seiner Berufung
+als Minister~
+
+»=Monsieur le comte Bismarck=, Sie reisen? Nun wenden Sie hübsch an
+auf Preußen, was Sie dahier bei mir gesehn! Und im Land der deutschen
+Eiche, da können die Dezemberstreiche auch im Oktober schon geschehn.«
+(»Frankf. Laterne«, Oktober 1862)]
+
+Über die entscheidende Begegnung hat dieser später selbst berichtet:
+Als er erschienen sei, habe der König bereits die Urkunde der Abdankung
+vor sich liegen gehabt und beabsichtigt, den Kronprinzen rufen zu
+lassen, um die Regierung in seine Hände zu legen, falls Bismarck seine
+Hilfe versagen sollte. Da ist es geschehen, daß Bismarck seinen greisen
+Herrn »am Portepee und an der preußischen Offiziersehre faßte«.
+
+In seinen letzten Erinnerungen stellt Bismarck die erschütternde Szene
+von Babelsberg in folgender Weise dar:
+
+
+Babelsberg
+
+ »Am 20. September morgens in Berlin angelangt, wurde ich zu dem
+ Kronprinzen beschieden. Auf seine Frage, wie ich die Situation
+ ansähe, konnte ich nur sehr zurückhaltend antworten, weil ich
+ während der letzten Wochen keine deutschen Zeitungen gelesen und
+ in einer Art von =dépit= mich über heimische Angelegenheiten nicht
+ informiert hatte. Ich war mit der Situation in ihren Einzelheiten
+ nicht so vertraut, daß ich dem Kronprinzen ein programmartiges
+ Urteil hätte abgeben können; außerdem hielt ich mich auch nicht
+ für berechtigt, mich gegen ihn früher zu äußern als gegen den
+ König. Den Eindruck, den die Tatsache meiner Audienz gemacht hatte,
+ ersah ich zunächst aus der Mitteilung Roons, daß der König mit
+ Bezug auf mich zu ihm gesagt habe: ›Mit dem ist es auch nichts; er
+ ist ja schon bei meinem Sohne gewesen.‹ In der Tat war mir jeder
+ Gedanke an Abdikation des Königs fremd, als ich am 22. September
+ in Babelsberg empfangen wurde, und die Situation wurde mir erst
+ klar, als Se. Majestät sie ungefähr mit den Worten präzisierte:
+ ›Ich will nicht regieren, wenn ich es nicht so vermag, wie ich
+ es vor Gott, meinem Gewissen und meinen Untertanen verantworten
+ kann. Das kann ich aber nicht, wenn ich nach dem Willen der
+ heutigen Majorität des Landtages regieren soll, und ich finde keine
+ Minister mehr, die bereit wären, meine Regierung zu führen, ohne
+ sich und mich der parlamentarischen Mehrheit zu unterwerfen. Ich
+ habe mich deshalb entschlossen, die Regierung niederzulegen, und
+ meine Abdikationsurkunde, durch die angeführten Gründe motiviert,
+ bereits entworfen.‹ Der König zeigte mir das auf dem Tische
+ liegende Aktenstück in seiner Handschrift, ob bereits vollzogen
+ oder nicht, weiß ich nicht. Seine Majestät schloß, indem er
+ wiederholte, ohne geeignete Minister könne er nicht regieren. Ich
+ erwiderte, es sei Sr. Majestät schon seit dem Mai bekannt, daß
+ ich bereit sei, in das Ministerium einzutreten, ich sei gewiß,
+ daß Roon mit mir bei ihm bleiben werde, und ich zweifelte nicht,
+ daß die weitere Vervollständigung des Kabinetts gelingen werde,
+ falls andere Mitglieder sich durch meinen Eintritt zum Rücktritt
+ bewogen finden sollten. Der König stellte nach einigem Erwägen und
+ Hin- und Herreden die Frage, ob ich bereit sei, als Minister für
+ die Militär-Reorganisation einzutreten, und nach meiner Bejahung
+ die weitere Frage, ob auch gegen die Majorität des Landtages und
+ deren Beschlüsse. Auf meine Zusage erklärte er schließlich: ›Dann
+ ist es meine Pflicht, mit Ihnen die Weiterführung des Kampfes zu
+ versuchen, und ich abdiziere nicht.‹«
+
+[Illustration: ~Bismarck-Schönhausen~:
+
+»Es gibt eine Grenze dessen, was ein König von Preußen anhören kann.« —
+Im Oktober 1862 hatte Bismarck zum ersten Male den Landtag heimgesandt
+und jedes Entgegenkommen in der Heeresfrage schroff zurückgewiesen.
+(»Frankf. Laterne«, Okt. 1862)]
+
+Ein Bericht über diese entscheidende Szene, der gleichfalls auf den
+Fürsten Bismarck zurückzuführen ist, stellt sie in folgender, ähnlicher
+Weise dar:
+
+ Als Bismarck die Abdankungsurkunde ansah und bemerkte, dahin dürfe
+ es in Preußen nicht kommen, erwiderte der König: »Ich habe alles
+ versucht und sehe nirgends einen Ausweg. Gegen meine Überzeugung
+ kann ich nicht regieren, meine Minister sind gegen mich, mein
+ Sohn hat sich auf ihre Seite gestellt. Auch Sie sind ja bereits
+ bei ihm gewesen. Komme ich mit Ihnen zu keiner Verständigung,
+ so lasse ich dies hier in den Staatsanzeiger setzen und dann
+ mag mein Sohn zusehen, wie er fertig wird. Die Preisgebung der
+ Armeereorganisation ist gegen meine Überzeugung, und gegen diese
+ zu handeln, würde mir als eine Pflichtwidrigkeit erscheinen.«
+ Bismarck entgegnete: Er sei bei dem Kronprinzen nur gewesen,
+ weil Se. Königliche Hoheit ihn sofort nach seiner Ankunft in
+ Berlin zu sich befohlen habe. Auf Befragen des Kronprinzen über
+ seine Absichten habe er erwidert: er müsse zuvor die Wünsche Sr.
+ Majestät kennen lernen. Vor allen Dingen aber bitte er den König,
+ die Abdankungsurkunde und alle auf Abdankung bezüglichen Gedanken
+ aufzugeben. Der König wog das Blatt in der Hand und fragte: »Wollen
+ Sie es versuchen, ohne Majorität zu regieren?« — »Ja.« — »Ohne
+ Budget?« — »Ja.« — »Dann sehen Sie hier mein Programm.« Der König
+ wies dann auf einem Spaziergang durch den Park Herrn von Bismarck
+ nun ein sechs oder mehr Quartseiten umfassendes, mit seiner kleinen
+ Handschrift eng beschriebenes Schriftstück. Bismarck fing an zu
+ lesen. Obenan stand die Frage der Kreisordnung, bei welcher über
+ die Vertretung der Rittergüter und der Städte auf den Kreistagen
+ ein harter Kampf entbrannt war. Bismarck sagte zum König: »Ew.
+ Majestät, es handelt sich jetzt doch nicht um die Frage, ob auf
+ den Kreistagen der Städter oder der Junker das Übergewicht haben
+ soll, sondern ob in Preußen die Krone oder die Majorität des
+ Abgeordnetenhauses regieren soll. Ist diese Frage entschieden,
+ so ordnen sich die anderen von selbst. Wenn Ew. Majestät mir
+ das Vertrauen schenken, so bin ich bereit, die Geschäfte zu
+ übernehmen, aber ohne Programm. In einer so schwierigen Lage ist
+ ein geschriebenes Programm für Ew. Majestät wie für mich bindend
+ und kann unter Umständen erschwerend wirken. Zunächst gilt es doch,
+ die Hauptfrage zu entscheiden.«
+
+[Illustration: ~In der Konfliktszeit als Koriolan~
+
+ »Wir zeihen dich böslichen Versuchs,
+ Behörden Roms und gültig Recht zu stürzen...«
+ Koriolan: »Verräter ich ... du lügst!«
+ Sicinius: »Hörst du es, Volk?«
+ Die Bürger: »Zum Fels, zum Fels mit ihm!«
+
+ (»Kladderadatsch«, März 1895)]
+
+Bismarck sagt dann weiter:
+
+ »Es gelang, den König zu überzeugen, daß es sich für ihn nicht
+ um konservativ oder liberal in dieser oder jener Schattierung,
+ sondern um Königliches Regiment oder Parlamentsherrschaft handle,
+ und daß die letztere unbedingt und auch durch eine Periode der
+ Diktatur abzuwenden sei. Ich sagte: ›In dieser Lage werde ich,
+ selbst wenn Ew. Majestät mir Dinge befehlen sollten, die ich nicht
+ für richtig hielte, Ihnen zwar diese Meinung offen entwickeln,
+ aber wenn Sie auf der Ihrigen schließlich beharren, lieber mit dem
+ Könige untergehen, als Ew. Majestät im Kampfe mit dem Parlament
+ im Stiche lassen.‹ Diese Auffassung war damals durchaus lebendig
+ und maßgebend in mir, weil ich die Negation und die Phrase der
+ damaligen Opposition für politisch verderblich hielt im Angesicht
+ der nationalen Aufgaben Preußens, und weil ich für Wilhelm =I.=
+ persönlich so starke Gefühle der Hingebung und Anhänglichkeit
+ hegte, daß mir der Gedanke, in Gemeinschaft mit ihm zugrunde
+ zu gehen, als ein nach Umständen natürlicher und sympathischer
+ Abschluß des Lebens erschien. Nach einigem Nachdenken willigte der
+ König ein. Man befand sich auf einer Brücke über einer kleinen
+ Schlucht im Park; der Monarch begann das Programm zu zerreißen
+ und die Stücke fallen zu lassen. Bismarck nahm sie wieder auf,
+ indem er sagte: ›Wollen Ew. Majestät das Papier nicht lieber dem
+ Kamin anvertrauen? Hier könnte es doch aufgefunden werden, und ein
+ jeder kennt hier Ew. Majestät Handschrift.‹ Der König steckte das
+ Programm in die Brusttasche seines Interimsrockes, besprach mit
+ Bismarck die behufs der Erneuerung zu erledigenden Formalitäten,
+ wobei er u. a. betonte, dem Fürsten Hohenzollern, der damals noch
+ formell Ministerpräsident war, selbst schreiben zu wollen, und
+ wandte sich dann zum Gehen. War seine Haltung vor der Unterredung
+ die eines tiefgebeugten Mannes gewesen, so schritt er jetzt
+ aufrecht, fest und straff von dannen.«
+
+Wer hat damals wohl geahnt, daß mit diesem Tage eine neue Ära für
+Preußen und Deutschland und auch für Europa begann! Wie wenige wußten
+etwas von Bismarcks Entwicklung! Alle Welt sah in ihm den kecksten
+Vorkämpfer der feudalen Partei, den frechsten Gegner alles liberalen
+Strebens, den Redner, der alle großen Städte vom Erdboden vertilgen
+wollte, der den Liberalen den drohenden Zuruf entgegengeschleudert
+hatte: »Das stolze Roß Borussia wird bald genug die parlamentarischen
+Sonntagsreiter in den Sand setzen«, und prophezeit hatte, daß
+das Narrenschiff der Zeit an dem Felsen der christlichen Kirche
+scheitern werde. Sein Name steigerte die Aufregung der Gemüter in das
+grenzenlose. Jetzt sei der letzte Schleier zerrissen; dieser märkische
+Junker, der einst den ersten Schritten zur Verfassung widersprach,
+der in Erfurt sich gegen die deutsche Einheit erhob, der die ehrlose
+Politik von Olmütz verteidigt habe, um dann im Bundestag eine seiner
+Gesinnung entsprechende nahrhafte Unterkunft zu finden, dieser
+servile Aristokrat habe sich jetzt von Napoleon in den Künsten des
+Staatsstreiches unterrichten lassen und hoffe, mit Kartätschensalven
+die Fetzen der Verfassung in alle Winde zu jagen. Hier heiße es also,
+fest auf dem Boden des Gesetzes zusammenzustehen, jede unwürdige
+Schwäche abzuwerfen und an keiner Stelle das geringste Atom des
+beschworenen Verfassungsrechtes mit feiger Nachgiebigkeit zu opfern.
+
+Steil und steinig lag jetzt Bismarcks Weg vor ihm. Aber das Bündnis
+zwischen dem König und dem Minister, das damals in der Glut heißer
+Seelennöte und höchster Gefahren geschweißt worden ist, hielt aus.
+Fortan trug nicht mehr König Wilhelm, sondern Otto von Bismarck die
+Last des deutschen Schicksals.
+
+[Illustration: Wie Bismarck die Opposition einfängt. (»La Lune, 7.
+April 1863«)]
+
+[Illustration: »Bismarck ist der Staatsstreich«, riefen seine Gegner. —
+Er zeigt, daß er von seinem Lehrmeister Napoleon gelernt hat.
+
+~Fibelvers für Berliner Kinder~:
+
+Wenn man mit Leim die Stiefel schmiert, der Affe leicht gefangen wird.
+
+(»Figaro«, Januar 1863)]
+
+
+
+
+Die Konfliktszeit
+
+
+Als Otto von Bismarck vom Kaiser Napoleon in denselben Gemächern zu
+St. Cloud Abschied nahm, in denen einst Karl =X.= die verhängnisvollen
+Juli-Ordonnanzen unterschrieb, war der Abschiedsgruß des französischen
+Herrschers, das Schicksal Polignacs nicht zu vergessen. Und als er in
+der preußischen Hauptstadt eintraf, da empfing ihn die Frage: »Wer
+in Himmels Namen ist dieser Bismarck, daß man ihn auf einen so hohen
+Posten stellt?« Und die Antwort hieß: Ein »prahlender Junker«, ein
+»hohler Großsprecher«, der »Napoleonverehrer« und »Städtevertilger«.
+Und nur wenige Getreue traten vertrauend an seine Seite.
+
+
+Wann hätte er einen Gedanken gehabt!
+
+ Die »Berliner Allgemeine Zeitung« entwarf von Bismarck folgende
+ Charakteristik: »Als ein Landedelmann von mäßiger politischer
+ Bildung, dessen Einsichten und Kenntnisse sich nicht über das
+ erheben, was das Gemeingut aller Gebildeten ist, begann er seine
+ Laufbahn. Den Höhepunkt seines parlamentarischen Ruhmes erreichte
+ er in der Revisionskammer von 1849 und im Unionsparlamente 1850. Er
+ trat in seinen Reden schroff und rücksichtslos auf, nonchalant bis
+ zur Frivolität, mitunter witzig bis zur Derbheit, aber wann hätte
+ er einen politischen Gedanken geäußert?«
+
+Vier lange Jahre hatte der Konflikt bereits gedauert. Nicht den Kampf
+allein um die Heeresmacht, um die Schlagfertigkeit Preußens galt es zu
+führen, sondern auch den Kampf um das Königtum und sein Recht. Es galt,
+Deiche und Dämme zu schaffen, daß nicht die parlamentarische Welle
+hinüberflute und das Königsrecht verderbe. Und schon glaubten König
+Wilhelms Getreue, daß alles verloren sei, und doch war gerade jetzt
+alles gewonnen. Denn eine neue Armee zog heran, und diese Armee hieß —
+Bismarck. Welcher Geist ihn beseelte, welche Gefahren ihm drohten, das
+zeigen deutlicher als alles zwei Worte, die er in jenen Tagen sprach:
+»Der Tod auf dem Schafott ist unter Umständen ebenso ehrenvoll wie der
+auf dem Schlachtfelde«, und »Ich kann mir schlimmere Todesarten denken
+als die Hinrichtung«. Und das erste Wort, das er zu den Volksvertretern
+sprach, war das Wort vom »Eisen und Blut«.
+
+Wie der Konflikt entstand? Nur wenige Daten: Im Juli 1858 hatte Roon
+seine »Bemerkungen und Entwürfe zur vaterländischen Heeresverfassung«
+an den Prinzregenten nach Baden-Baden gesandt. Sie waren die Antwort
+auf die Frage, durch welche Mittel Preußen seine welthistorische
+Aufgabe zu behaupten, seine politische Mission zu erfüllen vermag. Die
+Antwort forderte die Herstellung und Erhaltung eines schlagfertigen
+Heeres, die Umwandlung des preußischen Volkes in ein Volk in Waffen.
+Der Landtag opponierte, die Liberalen und Minister neigten zu
+schwächlichen Kompromissen. Man war bereit, einen einmaligen Kredit zu
+bewilligen, wollte jedoch nicht, daß die neuen Truppen einen ständigen
+unanfechtbaren Posten im Budget einnehmen sollten. Der Konflikt war vor
+allem heftig entbrannt, als Roon erklärte, daß die Regierung nicht von
+der dreijährigen Dienstzeit lassen werde, und als er der Kammer das
+Recht bestritt, die Mittel für die neuen Regimenter stets von neuem zu
+bewilligen oder nach Willkür abzulehnen. Hier sahen die Volksvertreter
+ihr vornehmstes Recht, das Budgetrecht, in schwerer Gefahr. So lehnten
+sie jeden Mann und jeden Groschen, die Kosten der Heeresreform und des
+neuen Flottengründungsplanes ab, strichen mit 273 gegen 68 Stimmen
+die gesamten Heeresforderungen aus dem Budget für 1862 und nahmen
+dieses verstümmelte Budget mit 308 gegen 11 Stimmen an. Ein Kabinett
+war dem anderen gefolgt, da erschien die königliche Order, die den
+Prinzen Hohenlohe-Ingelfingen von dem Vorsitz entband und zunächst
+interimistisch, wenige Tage darauf dauernd Herrn von Bismarck jenes Amt
+übertrug, das er durch ein Menschenalter zu Deutschlands Segen geführt
+hat. Scherz und Spiel waren vorbei, der grimme Männerkampf begann.
+
+Mit unbeschreiblicher Energie ging Bismarck vor. Er war fest
+entschlossen, die Armee, wie sie der König organisierte, nicht um einen
+Mann vermindern zu lassen, und er blieb dem Ziele getreu, auch als
+man ihn mit Verbannung und Schafott bedrohte. »Was liegt daran,« so
+sagte er zu dem den Gegnern geneigten Kronprinzen, »wenn man mich auch
+hängt, wenn nur der Strick Ihren Thron fest an das geeinte Deutschland
+bindet.« Wer ahnte damals, daß er den Kampf schon führte, um für die
+Einigung Deutschlands den Grundbau zu schaffen. Bismarck wollte Preußen
+instandsetzen, den Deutschen das Gesetz aufzuerlegen, nicht aber, es
+von ihnen zu empfangen. In der Armee lag der Hebel der Macht; ihr
+verdankte Preußen seine europäische Stellung; sie war das Bollwerk in
+der Revolutionszeit gewesen; sie durfte nicht dem populären Andrang
+und dem Parteileben überliefert werden. Hier galt der liberale Einwurf
+von der unerschwinglichen Höhe der Kosten nichts mehr. Die Zukunft
+bewies schon nach dem ersten Waffengange, daß auf dieser Seite ein
+unübersteigliches Hemmnis nicht gegeben war.
+
+Und nun begann der Kampf mit allen seinen Wechselfällen, ein Kampf,
+in dem ein Einzelner gegen Tausende rang. Die Worte, mit denen schon
+Roon sein Amt angetreten hatte: »Es gilt Großes zu leisten, nur ein
+Schelm denkt allein an sich; das Reformwerk ist eine Existenzfrage
+für Preußen, es muß vollbracht werden«, blieben auch der Leitfaden
+Bismarcks. Schwer hatte sich König Wilhelm zu ihm bekehrt. Seine
+eigene gerade milde Art, die so fern war von jeder Verwegenheit, seine
+sittlich empfindliche Natur mußte von Bismarcks dämonischer Kraft
+zurückgestoßen werden; sie mußte sich selbst erst überwinden, ehe sie
+sich dem Manne der Leidenschaft, des zwingenden Willens hingab.
+
+Am 29. September 1862 begann der Kampf. Da führte sich Bismarck in der
+Budgetkommission mit den vielzitierten Worten ein:
+
+
+Eisen und Blut
+
+ Der Konflikt wird zu tragisch aufgefaßt und von der Presse zu
+ tragisch dargestellt; die Regierung sucht keinen Kampf. Kann die
+ Krisis mit Ehren beendigt werden, so bietet die Regierung gern die
+ Hand dazu. Die große Selbständigkeit des einzelnen macht es in
+ Preußen schwierig, mit der Verfassung zu regieren; in Frankreich
+ ist das anders: da fehlt die individuelle Selbständigkeit. Eine
+ Verfassungskrisis ist aber keine Schande, sondern eine Ehre. Wir
+ sind vielleicht zu gebildet, um eine Verfassung zu ertragen — wir
+ sind zu kritisch! Die öffentliche Meinung wechselt; die Presse
+ ist nicht die öffentliche Meinung: man weiß, wie sie entsteht.
+ Es gibt zu viel katilinarische Existenzen, die ein Interesse an
+ Umwälzungen haben; die Abgeordneten aber haben die Aufgabe, die
+ Stimmung zu leiten, über ihr zu stehen. — Wir haben zu heißes
+ Blut, wir haben die Vorliebe, eine zu große Rüstung für unsern
+ schmalen Leib zu tragen, nur sollten wir sie auch nützen. Nicht auf
+ Preußens Liberalismus sieht Deutschland, sondern auf seine Macht.
+ Bayern, Württemberg und Baden mögen deren Liberalismus indulgieren,
+ darum wird ihnen doch niemand Preußens Rolle anweisen. Preußen
+ muß seine Macht zusammenhalten auf den günstigen Augenblick, der
+ schon einige Augenblicke verpaßt ist; Preußens Grenzen sind zu
+ einem gesunden Staatskörper nicht günstig. Nicht durch Reden und
+ Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden
+ — das ist der Fehler von 1848 und 1849 gewesen —, sondern ~durch
+ Eisen und Blut~. Diesen Olivenzweig (der Minister zog ihn aus
+ seinem Notizbuche) habe ich in Avignon gepflückt, um ihn der
+ Volkspartei als Friedenszeichen anzubieten; ich sehe jedoch, daß es
+ noch nicht Zeit dazu ist.
+
+Man hat den Zweig von Avignon nicht angenommen. Woher dieser Zweig
+stammte? Man hat es dreißig Jahre später erfahren.
+
+
+Der Ölzweig von Avignon
+
+ Am 5. September 1862 speiste Herr von Bismarck, damals auf einer
+ Reise durch die Pyrenäen begriffen, mit Herrn Lüning, einem
+ Frankfurter Patrizier, und seiner jungen Frau im Hotel Beau Séjour
+ in Avignon und machte nach der gemeinsamen Table d’hote mit dem
+ Hochzeitspaar einen Ausflug in die Umgebung. Hier empfing Bismarck,
+ als er neben der jungen Dame im Fond der Equipage Platz genommen
+ hatte, eine Depesche aus Berlin. Man fuhr über die prächtige
+ Kettenbrücke am Rhoneufer entlang bis hinaus, wo zwischen reizenden
+ kleinen Besitzungen die Weinberge mit den Olivenhainen wechseln.
+ Hier stieg man aus und promenierte in der balsamischen Luft.
+ Madame Lüning brach einen Doppelzweig von einem jungen Ölbaum,
+ überreichte ihn graziös Herrn von Bismarck und meinte: »Möchte er
+ Ihnen als Friedenskündiger mit Ihren Gegnern nützlich sein.« — »Ich
+ akzeptiere nur die Hälfte«, erwiderte dieser lächelnd, und eine
+ Rose brechend und ihr die andere Hälfte des Zweiges als dunkle
+ Folie gebend, fügte er hinzu: »Die andere Hälfte hinter dieser Rose
+ künde Ihnen, gnädige Frau, den ewigen Frieden in Ihrer glücklichen
+ Ehe!« Herr von Bismarck zog eine kleine Brieftasche hervor und
+ barg darin sorgfältig den Ölzweig. Als man aber in der Kommission
+ nur ein Lächeln für seine Worte hatte, da zerdrückte seine Rechte
+ krampfhaft das Zweiglein mit den welken Blättern und ließ den Staub
+ zur Erde sinken.
+
+Nur wenige verstanden Bismarck, nur wenige folgten ihm. Und doch konnte
+schon damals ein kluges Auge erkennen, daß es seine Absicht war, den
+»Souveränitätsschwindel des Parlamentes durch eine starke Auswärtige
+Politik aus dem Sattel zu heben«. Wie er sie durchführen wollte?
+Vorsichtig bei aller Leidenschaft. »Ich treibe jetzt«, so sagte er
+einmal, »Auswärtige Politik, wie ich früher auf die Schnepfenjagd ging,
+und setze nicht eher den Fuß vorwärts, als bis ich den Dülten, auf den
+ich treten will, als sicher und tragfähig erprobt habe.«
+
+Bismarcks Wort von Blut und Eisen traf nur auf Hohn. In der »Kölnischen
+Zeitung« war über die Sitzung und die »geflügelten Worte« des neuen
+Ministers zu lesen: »Zunächst tat das eine überraschende Wirkung; wir
+sind von preußischen Ministern lange nicht mehr an viel Geist gewöhnt.
+Hier nun sprudelte etwas davon. Aber als man dazu kam, da war’s kein
+Wein, höchstens Soda.« Und der »Kladderadatsch« brachte folgendes
+Gedicht:
+
+
+Kavalier-Politik
+
+ Wohl hab’ ich einst manch ernstes Wort gehört,
+ Und zwar in »sonst gut unterrichteten« Kreisen:
+ Der eine drohte »mit gezogenem Schwert«,
+ Der andere prophezeit von »Blut und Eisen«.
+ Ernst und bedenklich glaubt’ ich anfangs dran;
+ Jetzt weiß ich’s besser und will mich nicht grämen.
+ Hat uns ein Weiser doch geraten: man
+ Muß die Konflikte nicht zu tragisch nehmen!
+
+ Zwar stehn in nie versöhntem Gegensatz
+ Zum Kampf bereit die Träger zweier Zeiten;
+ Nur einer kann behaupten noch den Platz,
+ Auf Tod und Leben gilt’s, ein hartes Streiten.
+ Zwar immer bittrer wird der alte Groll,
+ Und immer schwieriger der Haß zu zähmen;
+ Er aber spricht, harmlosen Scherzes voll:
+ Man muß die Sachen nicht zu tragisch nehmen!
+
+ Man muß nur etwa nicht als Staatsphantast
+ Noch träumen groß von idealen Zielen;
+ Das einz’ge, was dem wahren Staatsmann paßt:
+ Die große Kunst ist’s, mit dem Volk zu spielen.
+ Mein Spruch: =Toujours fidèle et sans souci!=
+ Und wenn mir gar zu ernst die Dinge kämen,
+ Dann — nun, dann — nimmt Manteuffel die Partie.
+ Man muß die Sachen nicht zu tragisch nehmen!
+
+ Er lebe hoch, der weise Staatsmann, der
+ Dies große Wort gelassen ausgesprochen!
+ Als »Zivilisationsstaatssekretär«
+ Hat er dem Frieden neue Bahn gebrochen.
+ Die Sachen freilich müssen leider wir
+ Zu nehmen, wie sie sind, uns schon bequemen.
+ Ihn selber aber, Sohn, das rat’ ich dir —
+ Ihn selber mußt du niemals tragisch nehmen!
+
+Selbst König Wilhelm war über Bismarcks Äußerung so erschreckt,
+daß der Minister sich genötigt sah, seinem Souverän, der in Baden
+den Geburtstag seiner Gemahlin im engsten Familienkreise feierte,
+entgegenzufahren. So ist es zu einer der erschütterndsten Szenen
+unserer neuen Geschichte gekommen, zugleich zu einem jener steilen
+Gipfelpunkte im Dasein Bismarcks, die noch höher ragen als all die
+gewaltigen Kuppen, über die ihn sein Weg geführt hat. Hier mag
+Bismarcks Erinnerung sprechen!
+
+[Illustration: ~Bismarck~ (=Marrons sculptes=). (Französisches
+Flugblatt)]
+
+
+»Können wir anständiger umkommen?«
+
+ »In den ersten Tagen des Oktobers fuhr ich dem Könige, der sich zum
+ 30. September, dem Geburtstage seiner Gemahlin, nach Baden-Baden
+ begeben hatte, bis Jüterbog entgegen und erwartete ihn in dem noch
+ unfertigen, von Reisenden dritter Klasse und Handwerkern gefüllten
+ Bahnhofe, im Dunkeln auf einer umgestürzten Schiebkarre sitzend.
+ Ich hatte einige Mühe, durch Erkundigungen bei kurz angebundenen
+ Schaffnern des fahrplanmäßigen Zuges den Wagen zu ermitteln, in
+ dem der König allein in einem gewöhnlichen Coupé erster Klasse
+ saß. Er war unter der Nachwirkung des Verkehrs mit seiner Gemahlin
+ sichtlich in gedrückter Stimmung, und als ich um die Erlaubnis
+ bat, die Vorgänge während seiner Abwesenheit darzulegen, unterbrach
+ er mich mit den Worten: ›Ich sehe ganz genau voraus, wie das alles
+ endigen wird. Da vor dem Opernplatz, unter meinen Fenstern, wird
+ man Ihnen den Kopf abschlagen und etwas später mir.‹ Ich erriet,
+ und es ist mir später von Zeugen bestätigt worden, daß er während
+ des achttägigen Aufenthaltes in Baden mit Variationen über das
+ Thema Polignac, Strafford, Ludwig =XVI.= bearbeitet worden war.
+ Als er schwieg, antwortete ich mit der kurzen Phrase ›=Et après,
+ Sire?=‹ — ›Ja, =après=, dann sind wir tot!‹ erwiderte der König.
+ ›Ja,‹ fuhr ich fort, ›dann sind wir tot, aber sterben müssen wir
+ früher oder später doch, und können wir anständiger umkommen? Ich
+ selbst im Kampfe für die Sache meines Königs, und Eure Majestät,
+ indem Sie Ihre königlichen Rechte von Gottes Gnaden mit dem eigenen
+ Blute besiegeln, ob auf dem Schafott oder auf dem Schlachtfelde,
+ ändert nichts an dem rühmlichen Einsetzen von Leib und Leben für
+ die von Gottes Gnaden verliehenen Rechte. Eure Majestät müssen
+ nicht an Ludwig =XVI.= denken; der lebte und starb in einer
+ schwächlichen Gemütsverfassung und macht kein gutes Bild in der
+ Geschichte. Karl =I.= dagegen, wird er nicht immer eine vornehme
+ historische Erscheinung bleiben, wie er, nachdem er für sein
+ Recht das Schwert gezogen, die Schlacht verloren hatte, ungebeugt
+ seine königliche Gesinnung mit seinem Blute bekräftigte? Eure
+ Majestät sind in der Notwendigkeit, zu fechten; Sie können nicht
+ kapitulieren; Sie müssen, und wenn es mit körperlicher Gefahr wäre,
+ der Vergewaltigung entgegentreten.‹
+
+ [Illustration: ~Politischer Eiertanz~
+
+ Und den politischen Eiertanz hält Bismarck sehr vonnöten; er
+ glaubt, sie blieben alle ganz, und keines ging zertreten,
+ zertreten, nein! wie ihr ja seht, dieweil er jedes — Recht — umgeht.
+
+ (»Frankfurter Laterne«, September 1863)]
+
+ Je länger ich in diesem Sinne sprach, desto mehr belebte sich der
+ König und fühlte sich in die Rolle des für Königtum und Vaterland
+ kämpfenden Offiziers hinein. Er war äußeren und persönlichen
+ Gefahren gegenüber von einer seltenen und ihm absolut natürlichen
+ Furchtlosigkeit, auf dem Schlachtfelde, wie Attentaten gegenüber;
+ seine Haltung in jeder äußeren Gefahr hatte etwas Herzerhebendes
+ und Begeisterndes. Der ideale Typus des preußischen Offiziers, der
+ dem sicheren Tode im Dienste mit dem einfachen Worte ›Zu Befehl‹
+ selbstlos und furchtlos entgegengeht, der aber, wenn er auf eigene
+ Verantwortung handeln soll, die Kritik des Vorgesetzten oder der
+ Welt mehr als den Tod und dergestalt fürchtet, daß die Energie und
+ Richtigkeit seiner Entschließung durch die Furcht vor Verweis und
+ Tadel beeinträchtigt wird, dieser Typus war in ihm im höchsten
+ Grad ausgebildet. Er hatte sich bis dahin auf seiner Fahrt nur
+ gefragt, ob er vor der überlegenen Kritik seiner Frau Gemahlin
+ und vor der öffentlichen Meinung in Preußen mit dem Wege, den er
+ mit mir einschlug, würde bestehen können. Demgegenüber war die
+ Wirkung unserer Unterredung in dem dunkeln Coupé, daß er die ihm
+ nach der Situation zufallende Rolle mehr von dem Standpunkte des
+ Offiziers auffaßte. Er fühlte sich bei dem Portepee gefaßt und in
+ der Lage eines Offiziers, der die Aufgabe hat, einen bestimmten
+ Posten auf Leben und Tod zu behaupten, gleichviel ob er darauf
+ umkommt oder nicht. Damit war er auf einen seinem Gedankengange
+ vertrauten Weg gestellt und fand in wenigen Minuten die Sicherheit
+ wieder, um die er in Baden gebracht worden war, und selbst seine
+ Heiterkeit. Das Leben für König und Vaterland einzusetzen, war die
+ Pflicht des preußischen Offiziers, um so mehr die des Königs,
+ als des ersten Offiziers im Lande. Sobald er seine Stellung unter
+ dem Gesichtspunkte der Offiziersehre betrachtete, hatte sie für
+ ihn ebensowenig Bedenkliches, wie für jeden normalen preußischen
+ Offizier die instruktionsmäßige Verteidigung eines vielleicht
+ verlorenen Postens. Er war der Sorge vor der ›Manöverkritik‹,
+ welche von der öffentlichen Meinung, der Geschichte und der
+ Gemahlin an seinem politischen Manöver geübt werden könnte,
+ überhoben. Er fühlte sich ganz in der Aufgabe des ersten Offiziers
+ der Preußischen Monarchie, für den der Untergang im Dienste ein
+ ehrenvoller Abschluß der ihm gestellten Aufgabe ist. Der Beweis
+ der Richtigkeit meiner Beurteilung ergab sich daraus, daß der
+ König, den ich in Jüterbog matt, niedergeschlagen und entmutigt
+ gefunden hatte, schon vor der Ankunft in Berlin in eine heitere,
+ man kann sagen fröhliche und kampflustige Stimmung geriet, die
+ sich den empfangenden Ministern und Beamten gegenüber auf das
+ unzweideutigste erkennbar machte.«
+
+So hatte sich des Königs angeborene Furchtlosigkeit an dem großen
+Paladin neu aufgerichtet, und auch Bismarck war fortan seines
+alten Herrn sicher. Und das war um so wichtiger, als mit der
+Fortschrittspartei sich auch die Gemäßigten verbanden und bald auch
+der Thronerbe offen in die Reihe seiner Gegner eintrat. Zunächst zog
+Bismarck das verstümmelte Budget zurück. Die Antwort war der Beschluß
+der Volksvertreter, die Regierung sei verpflichtet, den Etat für 1863
+vor Beginn des Jahres vorzulegen, jede Ausgabe vor seiner Genehmigung
+sei verfassungswidrig. Damit war der Konflikt auf das Gebiet des
+Verfassungsrechtes übertragen. Hier ging Bismarcks Standpunkt dahin,
+daß nach der Verfassung »alle Ausgaben und Einnahmen des Staates für
+jedes Jahr im voraus veranschlagt und auf den Staatshaushalt gebracht
+werden müssen, der jährlich durch ein Gesetz festzustellen sei«,
+daß aber nach derselben Verfassung auch die »gesetzgebende Gewalt
+gemeinschaftlich durch den König und die beiden Kammern ausgeübt wird«,
+daß ferner die Übereinstimmung des Königs und beider Kammern zu jedem
+Gesetz erforderlich sei und daß wohl »jeder Finanzentwurf und auch
+das Haushaltsgesetz zuerst der Zweiten Kammer vorzulegen, dann aber
+von der Ersten Kammer anzunehmen oder abzulehnen sei«. Und auf diese
+Prämissen baute er die Konklusion, daß, wenn ein Widerspruch innerhalb
+der einzelnen entscheidenden Faktoren vorlag, ein Vakuum gegeben
+sei und daß in solchem Falle »die bestehenden Steuern und Abgaben
+fortzuerheben sind, bis sie durch ein Gesetz abgeändert werden«. Die
+Zustimmung des Herrenhauses, das mit hundertfünfzig gegen siebzehn
+Stimmen das verstümmelte Budget der Zweiten Kammer verwarf, bot ihm
+den Rechtsgrund für seine Ansicht. Der Landtag aber gab die Antwort,
+indem er seinerseits den Beschluß des Herrenhauses für null und nichtig
+erklärte. Sofort schloß Bismarck die Session mit der Erklärung: »Die
+Regierung würde sich einer schweren Pflichtverletzung schuldig machen,
+wenn sie die auf Grund der früheren Bewilligungen der Landesvertretung
+ausgeführte Umformung der Heeresverfassung unter Preisgebung der
+dafür gebrachten beträchtlichen Opfer und mit Beeinträchtigung der
+Machtstellung Preußens dem Beschluß des Hauses gemäß rückgängig machen
+wollte.« Erst am 27. Januar des nächsten Jahres wurde der Landtag von
+neuem einberufen.
+
+In den Kammerdebatten war Bismarck stolz, selbstbewußt, schneidend,
+sarkastisch, aber stets vornehm in seiner Politik, gesellschaftlich
+gewandt. Wenn die Doktrinäre dort unten gegen ihn donnerten, dann
+blieb er kühl, und wenn sie ihm Sottisen sagten oder auch wohl von
+Anklage und Schafott lärmten, dann schrieb er amüsante Briefe an
+seine Frau, dann klagte er ihr auch wohl humoristisch: »Wenn Roon
+und die Fuchsstute nicht wären, so würde ich mir etwas vereinsamt
+vorkommen, obwohl ich nie allein bin ...«, oder er rühmt der Schwester
+die gute Blut- und Leberwurst und schildert ihr in drastischer Weise
+den Verlauf seines Tages: »Die Arbeitslast wächst hier täglich. Heute
+von 8 bis 11 Diplomatie, von 11 bis 2½ verschiedene streitsüchtige
+Ministerkonferenzen, dann bis 4 Vortrag beim König, von ¼5 bis ¾5
+Galopp im Regen bis Hippodrom, um 5 zur Tafel, von 7 bis 10 Uhr Arbeit
+aller Art, aber gesund und guten Schlaf, starken Durst!«
+
+Seine Gegner überschätzte er in keiner Weise, oft genug erfaßte er die
+Gelegenheit, sie in derbhumoristischer Weise zu schildern. So fällte
+er über Benedikt Waldeck, den Führer und Abgott der Demokratie, einmal
+folgendes Urteil:
+
+
+Waldeck in Bismarcks Beleuchtung
+
+ Ȁhnliche Anlage wie Jules Favre, immer konsequent, prinzipientreu,
+ fertig mit seiner Ansicht und seinem Entschluß von vornherein;
+ dazu stattliche Gestalt, weißer ehrwürdiger Bart, Phrase im
+ Brustton der Überzeugung auch in Kleinigkeiten — das imponierte.
+ Er hielt mit einer Stimme, die von tiefster Überzeugungsfreude und
+ Zuversichtlichkeit bebte, eine Rede darüber, daß der Löffel hier
+ im Glase stecke (es war beim Tee), und proklamierte, daß jeder ein
+ Schuft sei, der das nicht glauben wolle, und alle glaubten es ihm
+ und priesen in allen Tonarten seine energische Gesinnung.«
+
+Am bekanntesten ist die Darstellung, die Bismarck in seinem Briefe an
+Freund Motley gab. Sie mag schon hier ihren Platz finden. Der Brief
+ist im Landtag geschrieben, während draußen die Wilden vor den Mauern
+tobten:
+
+[Illustration: Wie der Bey von Tunis den preußischen Konflikt lösen
+würde.
+
+(»Eulenspiegel«, 30. Mai 1863)]
+
+
+Massenweis dumm
+
+ »=I hate politics=, aber, wie Du sehr richtig sagst, =like the
+ grocer hating figs= (ich hasse die Politik, wie die Krämer die
+ Feigen), aber ich bin nichtsdestoweniger genötigt, meine Gedanken
+ unablässig mit jenen =figs= zu befassen. Auch in diesem Augenblick,
+ während ich Dir schreibe, habe ich die Ohren davon voll. Ich
+ bin genötigt, ungewöhnlich abgeschmackte Reden aus dem Munde
+ ungewöhnlich kindischer und aufgeregter Politiker anzuhören, und
+ habe dadurch einen Augenblick unfreiwilliger Muße, die ich nicht
+ besser benützen kann, als indem ich Dir von meinem Wohlbefinden
+ Nachricht gebe. Ich habe niemals geglaubt, daß ich in meinen reifen
+ Jahren genötigt werden soll, ein so unwürdiges Gewerbe wie das
+ eines parlamentarischen Ministers zu betreiben. Als Gesandter hatte
+ ich, obschon Beamter, doch das Gefühl, ein =gentleman= zu sein.
+ Als Minister ist man Helot. Ich bin heruntergekommen und weiß doch
+ selber nicht wie.
+
+ April 18. — So weit schrieb ich gestern, dann schloß die Sitzung;
+ fünf Stunden Kammer bis drei Uhr, dann eine Stunde Reiten, eine
+ Stunde Vortrag bei Seiner Majestät, drei Stunden auf einem
+ langweiligen Diner, =old important Whigs=, dann zwei Stunden
+ Arbeit, schließlich ein Souper bei einem Kollegen, der es mir
+ übel genommen hätte, wenn ich seinen Fisch verschmäht hätte. Heut
+ früh kaum gefrühstückt, da saß mir Karolyi schon gegenüber; ihn
+ lösten ohne Unterbrechung Dänemark, England, Portugal, Rußland,
+ Frankreich ab, dessen Botschafter ich darauf aufmerksam machen
+ mußte, daß es für mich Zeit sei, in das Haus der Phrasen zu gehen.
+ In diesem sitze ich nun wieder, höre die Leute Unsinn reden und
+ beendige meinen Brief; die Leute sind alle darüber einig, unsere
+ Verträge with Belgien gutzuheißen, und doch sprechen zwanzig
+ Redner, schelten einander mit der größten Heftigkeit, als ob jeder
+ den anderen umbringen wollte; sie sind über die Motive nicht einig,
+ aus denen sie übereinstimmen, darum der Zank; echt deutsch,
+ leider, Streit um des Kaisers Bart, =querelle d’Allemand=; etwas
+ davon habt Ihr =Anglo-Saxon Yankees= auch. Wißt Ihr eigentlich,
+ aber genau, warum Ihr so wütend Krieg miteinander führt? Alle
+ wissen es gewiß nicht; aber man schlägt sich =con amore= tot,
+ das Geschäft bringt’s halt so mit sich. Euere Gefechte sind
+ blutig, unsere geschwätzig; die Schwätzer können Preußen wirklich
+ nicht regieren, ich muß dem Widerstand leisten, sie haben zu
+ wenig Witz und zu viel Behagen, dumm und dreist. Dumm in seiner
+ Allgemeinheit ist nicht der richtige Ausdruck; die Leute sind,
+ einzeln betrachtet, zum Teil recht gescheit, meist unterrichtet,
+ regelrechte deutsche Universitätsbildung, aber von der Politik,
+ über die Kirchturminteressen hinaus, wissen sie so wenig wie wir
+ als Studenten davon wußten, ja noch weniger, in auswärtiger Politik
+ sind sie auch einzeln genommen Kinder; in allen übrigen Fragen
+ aber werden sie kindisch, sobald sie =in corpore= zusammentreten,
+ massenweis dumm, einzeln verständig.« — Der übrige Teil des Briefes
+ ist englisch geschrieben, in der Nacht, ehe Bismarck im Bett »des
+ müden Leibes süßen Krafterneuerer« aufsucht. Er will den Brief
+ zerreißen, da dieser unter dem lärmenden Getöse des Parlamentes
+ doch nur eine Folge trauriger Gemeinplätze festgelegt habe, aber
+ da er in seinem dornenvollen Schicksale doch keinen ungestörten
+ Augenblick und keine passendere Gemütsstimmung zu finden wagt,
+ so denkt er, wie Pontius Pilatus: »Was ich schrieb, das schrieb
+ ich.« — »Diese Tropfen meiner eigenen Tinte«, fährt er englisch
+ fort, »sollen Dir wenigstens beweisen, daß meine Gedanken, wenn
+ allein gelassen, hurtig zu Dir eilen. Ich gehe nie an unserem alten
+ Logierhause in der Friedrichstraße vorüber, ohne zu den Fenstern
+ aufzuschauen, die einst geschmückt zu sein pflegten mit einem Paar
+ roter Pantoffeln, die auf dem Fensterbrett aufrechtgehalten wurden
+ von den Füßen eines Herrn (gentleman), der in Yankee-Weise dasaß
+ (d. h. während er die Beine hochhielt), mit dem Kopf drunten und
+ außer Sicht. Meine Frau ist sehr verbunden für Dein freundliches
+ Gedenken. Die Meinen sind leidlich wohl.« »Gott sei Dank«, schließt
+ der Brief deutsch. »Nun leb herzlich wohl. Ich kann so spät am
+ Abend eine so unorthographische Sprache wie Englisch nicht länger
+ schreiben. Aber, bitte, versuche Du es bald wieder. Deine Hand
+ sieht aus wie Krähenfüße, ist aber sehr leserlich; meine auch? Dein
+ treuer alter Freund v. Bismarck.«
+
+[Illustration: Man verhöhnt Bismarck, der doch durch die berühmte
+Entsendung eines Feldjägers nach Kassel den Kurfürsten zur
+Nachgiebigkeit gegen die Stände gezwungen und dem Willkürregiment ein
+Ende gemacht hatte. (»Frankfurter Laterne«, Januar 1863)]
+
+Noch einmal mußte Bismarck auch nach Paris zurückkehren, um sich von
+dem Kaiser Napoleon zu verabschieden. Kurz vorher hatte er seinen
+Einzug in das Haus in der Wilhelmstraße gehalten, das ihm länger
+als ein Vierteljahrhundert ein Heim bieten sollte. In Paris hat er
+wiederholte Besprechungen mit den leitenden Ministern gehabt. Am 1.
+November hat er sich dann in Saint-Cloud vom Kaiser nach einer langen
+Unterredung verabschiedet, auf die man später wohl das Versprechen
+Napoleons zurückgeführt hat, in einem Kriege Preußens gegen Österreich
+die Neutralität zu wahren. Als er heimgekehrt war, bot sich ihm
+dann sofort die Gelegenheit, in einen deutschen Hader mit solcher
+Schneidigkeit einzugreifen, daß noch heute die Episode, die sich
+hieran knüpfte, als ein Glanzpunkt seines Wirkens bezeichnet wird.
+Es handelte sich um die ~Hessische Frage~. Auch hier stritt die
+Regierung gegen die Stände, und sicherlich rechnete der Kurfürst
+auf die Wendung der Dinge in Berlin, als er versuchte, den Ständen
+die verfassungsmäßigen Rechte zu verkürzen. Dreimal war die Kammer
+aufgelöst, aber immer wieder gewählt worden. Preußen hatte gedroht,
+hatte zwei Armeekorps mobilisiert, aber der Kurfürst blieb hartnäckig,
+und erst als mit der Okkupation gedroht wurde, stellte er zwar die
+Verfassung wieder her, löste aber dennoch die jetzt neugewählte
+Kammer wieder auf. Da sandte Bismarck am 26. November 1862, da ja der
+diplomatische Verkehr abgebrochen sei, einen Feldjäger Litt nach Kassel
+mit einem energischen Schreiben, und der Konflikt war gelöst. Friedrich
+Ötker, der damals den Rat Bismarcks einzuholen ging, schildert ihn in
+diesen Tagen:
+
+[Illustration: ~Die verfolgte Unschuld~
+
+»Ach! ach! ach! Man will uns unsere Machtstellung in Deutschland
+verkümmern.« (»Frankfurter Laterne«, September 1863)]
+
+
+Kein feudaler Unhold
+
+ »Man kann sich vorstellen, mit welchen Gedanken und mit welcher
+ Zurückhaltung ich mich dem Manne näherte, der damals liberalerseits
+ als der wahre aristokratisch-feudale Unhold angesehen wurde.
+ Serviler Landjunker, eingefleischter Aristokrat, Jagdbummler,
+ leichtsinniger Spieler — das waren so etwa die Bezeichnungen, mit
+ denen man den neuen Ersten Minister Preußens bedachte. Und ich
+ selbst, wenn ich auch mein Urteil weit freier gehalten hatte,
+ stand doch unter dem Eindruck der allgemeinen Meinung. Wie war
+ ich daher erstaunt, in wenig Minuten ein ganz anderes Bild in der
+ Seele zu haben, als womit ich das Zimmer des Ministers betreten
+ hatte. Keine Spur von aristokratischem Übermut, borniertem
+ Junkertum, feudaler Einseitigkeit, prinzipieller Verranntheit,
+ diplomatischer Zurückhaltung. Eine hohe, starke, aber geschmeidige
+ Kraftgestalt kam mir freundlichst bis an die Tür entgegen, reichte
+ mir die Hand, rückte mir einen Sessel zurecht und sagte mit dem
+ gewinnendsten Lächeln: ›Na, Sie werden ja auch schon mißliebig bei
+ den Demokraten.‹«
+
+Jetzt trat auch die ~Deutsche Frage~ an Bismarck heran. Die
+Möglichkeiten, die sich boten, mußten entweder in der gemeinsamen
+Beherrschung Deutschlands durch die beiden Großmächte gipfeln,
+oder in einer Teilung Deutschlands nach der Mainlinie, oder in der
+gänzlichen Ausschließung Österreichs. Bismarck wog sie ab, prüfte sie
+nach Kosten und Gefahren, sprach aber schon in seiner weltberühmten
+Unterredung mit dem Grafen Karolyi es offen aus, daß er mit einer
+kriegerischen Entscheidung rechne, daß selbst ein Bündnis Preußens mit
+einem Gegner Österreichs nicht ausgeschlossen sei. Wie frappierend
+war jene Offenheit, mit der er hier schon die Entscheidung der
+großen, zwischen Preußen und Österreich schwebenden Fragen auf das
+Schlachtfeld verwies! Mit der er die Annexion Hannovers als Bedingung
+künftigen Gedeihens aufstellte! Schon dem Botschafter Österreichs in
+Paris, dem jüngeren Metternich, hatte Bismarck erklärt, er sehe keinen
+Grund, warum Preußen in Österreich etwas anderes sehen solle als eine
+fremde Macht; gegen die Phrasen vom »Bruderkrieg« sei er stichfest,
+er kenne keine andere als ungemütliche Interessenpolitik, Zug um Zug
+und bar. Als aber Graf Karolyi von den traditionellen Einflüssen des
+Kaiserhauses auf die deutsche Regierung sprach, da rief ihm Bismarck
+das schneidende Wort entgegen: »Nun, so verlegt euren Schwerpunkt nach
+Ofen.«
+
+Es hatte sich hier um das österreichische Projekt einer
+Delegiertenversammlung zum Bundestage gehandelt, das die Berliner
+Regierung entschlossen bekämpfte. Am 22. Januar sollte die Entscheidung
+in Frankfurt fallen, und Bismarck siegte. Als er allerdings die
+nationale Forderung eines aus dem Volkswillen hervorgehenden
+Parlamentes aufnahm, da wurde dieses Versprechen in ganz Deutschland
+mit Hohn begrüßt, und ein Leipziger Gelehrter nannte Bismarck überzeugt
+eine »frivole Bestie«.
+
+Bismarcks Tendenz war deutlich: Er wollte die Kompetenz des
+Bundesstaates auf ein möglichst geringes Maß beschränken; wer
+auf deutschem Boden Besseres verlange, könne es nur durch freie
+Vereinbarung gleichartiger Staaten zu einer engeren Gemeinschaft
+innerhalb des Bundes, also durch die Errichtung eines Bundesstaates im
+Staatenbunde erlangen. Eine bestimmte Entschließung freilich über die
+Art und Form der für die Zukunft anzustrebenden deutschen Verfassung
+hatte Bismarck damals schwerlich schon gefaßt. Nur wußte er, daß
+eine friedliche Umgestaltung unmöglich sei: »Jeder andere Krieg,«
+sagte er wohl, »den Preußen vor diesem österreichischen führte, wäre
+die reinste Munitionsverschwendung.« In voller Klarheit eben dieser
+Notwendigkeit ging er mit einer ungeheueren Folgerichtigkeit vor,
+immer nur das Gesetz im Auge, daß Preußen vorwärtsschreiten muß,
+niemals zurückweichen darf. Daß die Spannung zwischen den beiden
+deutschen Großmächten immer schärfer wurde, berührte ihn nicht, und
+als Kaiser Franz Joseph noch einmal den Versuch machte, auf dem
+Fürstentage zu Frankfurt, wohin er alle deutschen Fürsten lud, in die
+Beratung über eine neue deutsche Bundesverfassung zu treten, die ein
+Bundesdirektorium von fünf Mitgliedern und ein Bundesparlament aus
+Delegierten der deutschen Kammern mit beratender Stimme vorsah, da
+war es Bismarck, der das Gelingen dieses Planes mit eisernem Willen
+durchkreuzte und auch den widerstrebenden König von Preußen in seine
+Gefolgschaft zwang. Er war zum Bruch entschlossen. »Ich betrachte«,
+schrieb er an Herrn von Sydow, »das österreichische Reformprojekt als
+eine Schaumwelle, mit welcher Schmerling dem Kaiser eine glänzende
+Geburtstagsfeier mit weißgekleideten Fürsten arrangiert. Von dem
+Dampf der Phrasen entkleidet, ist des Pudels Kern ein so dürftiger,
+daß man dem Volke lieber nicht praktisch vordemonstrieren sollte, wie
+nicht einmal das zustande kommt.« Und in einer Denkschrift an den
+König stellte Bismarck den deutschen Bund als einen altersschwachen
+Greis dar: Die deutschen Regierungen könnten nebeneinander nur noch
+fortleben im Vorgefühl naher Katastrophen. Der Boden der Bundesverträge
+schwanke unter den Füßen dessen, der sich auf ihn stelle. Der Bau der
+vertragsmäßigen Ordnung der Dinge zeige überall Risse und Spalten,
+und der bloße Wunsch, daß die morschen Wände den nächsten Sturm noch
+aushalten mögen, könne ihm die dazu nötige Festigkeit nimmermehr
+zurückgeben.
+
+Der Fürstentag hat dennoch stattgefunden. Er wurde von Kaiser Franz
+Joseph am 17. August eröffnet, obwohl Bismarck erklärte, rücksichtslos
+und schroff, es entspreche der Würde seines Herrn nicht, an einer
+Versammlung teilzunehmen, deren wichtiger Zweck nicht vorher mit ihm
+beraten worden wäre. Noch einmal aber suchte man auf König Wilhelm
+zu wirken. Vor allem erhoben sich die weiblichen Einflüsse, um
+seinen Entschluß zu durchbrechen. Die bayrische Königin Marie, die
+Königinwitwe Elisabeth faßten ihn »beim Rüssel der Weltgeschichte«, von
+Koburg, von London aus wurden Einflüsse auf ihn geltend gemacht, aber
+zum zweitenmal faßte der kühne Staatsmann seinen König beim preußischen
+Portepee, indem er ihm erklärte, wenn der König nach Frankfurt gehe,
+so werde er ihm zwar folgen, aber nicht mehr als Minister nach Berlin
+zurückkehren. Der ablehnende Brief wurde geschrieben und von Bismarck
+dem König Johann von Sachsen, der persönlich nach Baden gekommen war,
+König Wilhelm zu überreden, überreicht. Wie aber in seinem Inneren der
+Zorn über die lange Spannung kochte, beweist die Tatsache, daß er,
+als hinter dem Sachsen sich die Türe geschlossen hatte, einen auf dem
+Tische stehenden Teller mit Gläsern zusammenschlug. »Ich mußte etwas
+zerstören,« sagte er, »jetzt habe ich wieder Atem.«
+
+[Illustration: König Wilhelm und Bismarck als Totengräber des Deutschen
+Bundes
+
+(»Figaro«, August 1866)]
+
+Über die Schwierigkeiten, die ihm die Neigung des Königs, nach
+Frankfurt zu wandern, bereitet hatte, berichtet Bismarck in seinem
+Gedenkbuch:
+
+
+Ein König als Kabinettskurier
+
+ »Es wurde mir nicht leicht, den König zum Fernbleiben von Frankfurt
+ zu bestimmen. Ich bemühte mich darum auf der Fahrt von Wildbad
+ nach Baden, wo wir im offenen kleinen Wagen, wegen der Leute vor
+ uns auf dem Bock, die Deutsche Frage französisch verhandelten.
+ Ich glaubte den Herrn überzeugt zu haben, als wir in Baden
+ anlangten. Dort aber fanden wir den König von Sachsen, der im
+ Auftrage aller Fürsten die Einladung nach Frankfurt erneuerte (19.
+ August). Diesem Schachzug zu widerstehen, wurde meinem Herrn nicht
+ leicht. Er wiederholte mehrmals die Erwägung: »Dreißig regierende
+ Herren und ein König als Kurier!« und er liebte und verehrte den
+ König von Sachsen, der unter den Fürsten für diese Mission auch
+ persönlich der berufenste war. Erst um Mitternacht gelang es mir,
+ die Unterschrift des Königs zu erhalten für die Absage an den
+ König von Sachsen. Als ich den Herrn verließ, waren wir beide
+ infolge der nervösen Spannung der Situation krankhaft erschöpft,
+ und meine sofortige mündliche Mitteilung an den sächsischen
+ Minister von Beust trug noch den Stempel dieser Erregung. Die
+ Krisis war aber überwunden, und der König von Sachsen reiste
+ ab, ohne meinen Herrn, wie ich es befürchtet hatte, nochmals
+ aufzusuchen. — Die durch die Ablehnung erzeugte Verstimmung war
+ nach meinen Eindrücken hauptsächlich der Antrieb, der das Wiener
+ Kabinett zu einer Verständigung mit Preußen im Widerspruche mit der
+ bundestägigen Auffassung leitete. Diese neue Richtung entsprach
+ dem österreichischen Interesse, auch wenn sie länger beibehalten
+ worden wäre. Dazu wäre vor allem erforderlich gewesen, daß Rechberg
+ am Ruder blieb. Wäre damit eine dualistische Führung des Deutschen
+ Bundes hergestellt worden, der sich die übrigen Staaten nicht
+ versagt haben würden, sobald sie die Überzeugung gewonnen hätten,
+ daß die Verständigung der beiden Vormächte ehrlich und dauerhaft
+ war, so würden auch die Rheinbundgelüste einzelner süddeutscher
+ Minister, die am schärfsten, was auch Graf Beust in seinen
+ Denkwürdigkeiten sagen mag, in Darmstadt zum Ausdruck kamen, dem
+ österreichisch-preußischen Einfluß gegenüber verstummt sein.«
+
+In diesen heißen Tagen schrieb Bismarck der Gattin: »Was auch die
+Nachwehen des Frankfurter Fürstentages noch zu tun geben, kannst Du
+wohl denken. Wenn Könige bauen, haben die Kärrner zu tun, und wenn
+sie niederreißen, denn viel mehr ist ihr gegenwärtiger Bauversuch
+leider noch nicht, auch. Wenn die Fürsten ein Wettlaufen mit dem
+Nationalverein anstellen, dann kriegen wir armen Diplomaten und
+Halbdiplomaten viel Staub zu schlucken.« Ist es ein Wunder, daß
+er an diesen Tagen den Wunsch ausspricht, irgendeine Intrige möge
+jetzt ein anderes Ministerium durchsetzen, damit er mit Ehren diesem
+ununterbrochenen Tintensturm den Rücken drehen und still auf dem
+Lande leben könne? »Die Ruhelosigkeit der Existenz«, so schreibt er,
+»ist unerträglich; seit zehn Wochen im Wirtshause Schreiberdienste
+und in Berlin wieder; das ist kein Leben für einen rechtschaffenen
+Landedelmann, und ich sehe einen Wohltäter in dem, der mich zu
+stürzen sucht. Dabei brummen und kitzeln und stechen die Fliegen hier
+im Zimmer, daß ich dringend Änderung meiner Lage wünsche, die mir
+allerdings in wenig Minuten mit dem Berliner Zug ein Feldjäger mit
+fünfzig inhaltlosen Depeschen bringen wird.«
+
+An den Frankfurter Fürstentag knüpfte sich Bismarcks großes deutsches
+Programm vom 15. September. Es war der Gegenschlag gegen die Politik
+von Wien. Ihr Kernpunkt ist der Zwiespalt zwischen Preußens Stellung
+als Großmacht und einer Verfassung Deutschlands, der jeder Bundesstaat
+sich unterwerfen muß. Preußen bedarf voller Selbständigkeit, jetzt soll
+eine Mehrheitsabstimmung die Bundesglieder dem Bund unterwerfen. Das
+vernichte die preußische Souveränität und bedrohe Preußens Stellung
+als Großmacht. Das Element, das berufen sei, die Sonderinteressen
+der einzelnen Staaten im Interesse der Gesamtheit zu vermitteln,
+werde wesentlich nur in der Vertretung der deutschen Nation gefunden
+werden können. Nicht in einer Versammlung von Bundesabgeordneten aus
+den einzelnen Landtagen, sondern nur »in einer wahren, aus direkter
+Beteiligung der ganzen Nation hervorgehenden Volksvertretung«. »Jedes
+Wort in dieser Denkschrift«, sagt Max Lenz, »glich einer Schwertspitze,
+die auf die Brust des Rivalen gerichtet war.« Und in der Tat war in
+einer solchen Verfassung für Österreich kein Raum mehr, war ein Keil in
+den Bund geschoben, der ihn auseinandertreiben mußte und den nur das
+Eisen wieder zusammenfügen konnte.
+
+Aber die Verkündung Bismarcks wurde in Deutschland und vor allem in
+Preußen, wie gesagt, mit dem lautesten Hohn aufgenommen. War doch im
+preußischen Parlamente der Konflikt immer heißer entbrannt. Jeder
+Versuch, eine Versöhnung zu schaffen, scheiterte an dem Doktrinarismus
+der Gegner. Und auch die Weisheit, daß das ganze Verfassungsleben eine
+Reihe von Kompromissen sein muß und daß, wenn der Kompromiß dadurch
+vereitelt wird, daß eine der beteiligten Gewalten ihre eigene Ansicht
+mit doktrinärem Absolutismus durchführen will, daß dann Konflikte
+entstehen und solche Konflikte, da das Staatsleben nicht stillzustehen
+vermag, zu Machtfragen werden, überzeugte die Volksvertreter nicht von
+der Schwäche ihrer Situation. Schon die Rede, mit der Präsident Grabow
+das Hoch auf den König ausbrachte, war mit den schwersten Anklagen
+erfüllt, und die Antwort auf die Thronrede waren zwei Adressen, von
+denen die des Herrn Virchow in den schärfsten Wendungen von einer
+Verfassungsverletzung sprach. Schon in der Kommission erklärte darum
+Bismarck sofort, es gebe eine Grenze für das, was ein König von
+Preußen anhören könne. Werde die Adresse angenommen, so würde er dem
+König raten, sie abzulehnen. Leidenschaftlich erregt war auch die
+Debatte im Plenum. Der preußische Landtag, so rief Bismarck aus, sei
+kein englisches Parlament. Er sei nicht berechtigt, dem königlichen
+Hause seine verfassungsmäßigen Regierungsrechte abzufordern, um
+sie der Majorität des Parlamentes zu übertragen. »Das preußische
+Königtum hat seine Mission noch nicht erfüllt, es ist noch nicht
+reif dazu, einen rein ornamentalen Schmuck Ihres Verfassungsgebäudes
+zu bilden, noch nicht reif, sich als ein toter Maschinenteil dem
+Mechanismus des parlamentarischen Regimentes eingefügt zu wissen.«
+Als aber Herr Virchow höhnte: »Ja, meine Herren, es gibt eine Art
+von preußischer Sprache, das ist diejenige, welche die Herren vom
+Ministertische gegenwärtig reden; es ist aber die Sprache, welche
+man in der ganzen Welt nicht versteht«, da verwahrte sich der stolze
+preußische Junker dagegen, daß man das Wort »preußisch« als eine Art
+von Schimpfwort benutze, und schneidend rief er in den Saal: »Meine
+Herren, ich bin stolz darauf, eine preußische Sprache zu reden, und
+Sie werden dieselbe noch oft von mir hören.« Die Adresse wurde mit
+zweihundertfünfundfünfzig gegen achtundsechzig Stimmen angenommen.
+Der König aber ließ durch seinen Minister erklären, daß er sich nicht
+bewogen fühle, eine Deputation des Hauses zu empfangen. König Wilhelm
+trat mit Würde und Kraft seinen Ministern bei; er übernahm in gewissem
+Sinn auch äußerlich die volle Verantwortung für das, was geschah.
+
+[Illustration: ~Der deutsche Jordan~
+
+Bismarck, hinabtauchend in die düsteren Fluten der deutschen
+Bundesreform, die das allgemeine Stimmrecht bringen sollte und durch
+das berühmte Rundschreiben vom 24. März angekündigt worden war. (»Hum.
+Listy«, April 1866)]
+
+Nun aber trat noch eine neue Verschärfung in das Verhältnis zwischen
+Regierung und Volksvertretern: Die polnische Rebellion warf neuen
+Zündstoff in das Feuer. Schon vorher hatte man die Auswärtige Politik
+auf das schärfste bekämpft, und selbst ein Mann wie Sybel verstieg
+sich zu der Bemerkung, die Kleinodien unserer Vergangenheit würden
+unter den Händen Bismarcks verfälscht, und der Blick in die Zukunft
+sei von Grund auf verdüstert; eine preußische Regierung, die den
+Aufgaben des Volkes im neunzehnten Jahrhundert gewachsen sein solle,
+müsse verstehen, große und ideale Ziele aufzustecken und so das Volk
+um ihr Banner zu versammeln! Und ein anderer Volksvertreter rief aus,
+daß, was auch dieses Ministerium in der Auswärtigen Politik unternehmen
+möge, jede seiner Unternehmungen mit Unfruchtbarkeit geplagt sein wird,
+denn es zählen nur die neugeschaffenen Bataillone und nicht die Herzen
+des Volkes. Preußen stehe geschwächt durch innere Zerwürfnisse und
+belastet mit dem Mißtrauen Deutschlands isoliert in der Welt, ~ohne
+einen schöpferischen Gedanken~; es werde gezwungen sein, unter das
+kaudinische Joch zu wandern und sich Österreichs Führung unterzuordnen.
+Erst eine spätere Zeit werde Preußens guten Genius von neuem enthüllen,
+aber nicht mit Blut und Eisen, und nicht mit Donner und Blitz, sondern
+mit dem friedlichen Sonnenschein eines verfassungstreuen, auf Freiheit
+und Recht begründeten Regimentes. Da hat Bismarck seinen Anklägern
+zugerufen, daß, wenn die Notwendigkeit eintreten sollte, die Ehre und
+Unabhängigkeit Preußens zu wahren, sie selbst gar nicht in der Lage
+wären, die Mittel der Abwehr gegen das Ausland zu verweigern, in deren
+Mangel sie jetzt eine Schwäche der Auswärtigen Politik erblickten.
+
+[Illustration: ~Die neue Allianz zwischen Rußland und Preußen oder:
+Endlich eine Aktion nach außen~
+
+Am 1. Februar 1863 sandte Bismarck den General von Alvensleben nach
+Petersburg zum Abschluß der »Punktationen« zu gegenseitiger Hilfe gegen
+die polnische Revolution. (»Figaro«, Februar 1863)]
+
+Die Volksvertreter aber wollten Preußen zunächst durch die Förderung
+Polens zur Größe führen. In der Hoffnung auf Napoleons Unterstützung,
+verhetzt vom kleinen und großen Adel, waren die Polen in Warschau
+zur Rebellion geschritten. Mieroslawski war ihr Führer. Bald war der
+Aufstand bis an die Grenzen verbreitet. Bismarck warnte zuerst die
+preußischen Polen mit allem Nachdruck vor der Teilnahme, und als die
+Unruhen dennoch sich herüberzuziehen drohten, da schloß er am 8.
+Februar eine Konvention mit Rußland ab zum gemeinsamen Handeln gegen
+die Rebellen. Denn seinem klaren, realpolitischen Blick konnte es nicht
+entgehen, daß ein Sieg der Polen in Rußland eine Kette von Unruhen
+auch in den preußischen Ostprovinzen hervorrufen und daß bald auch
+der Anspruch auf Westpreußen, Posen und ein Teil von Pommern erhoben
+werden würde. Er wußte ebenso, welche Folgen für die russische Politik
+eine Begünstigung der Polen durch das Berliner Kabinett hervorrufen
+werde, und daß in allen kommenden Zeiten und Kämpfen die wohlwollende
+Neutralität Rußlands durch direkte Feindseligkeit ersetzt werden
+würde. Was der Dilettant, der als Kanzler sein Nachfolger wurde,
+leichtsinnig erwirkte, das hat Bismarck drei Jahrzehnte verhindert: die
+enge Fühlung zwischen Rußland und Frankreich. Gustav von Alvensleben
+schloß im Auftrage Bismarcks das Abkommen mit Rußland, tat den
+Schachzug, der die Partie entschied: Der Zar nahm von Anfang an seine
+Stellung neben Preußen, die Pariser Diplomatie jedoch, die sich von
+Bismarck abgedrängt sah, war tief entrüstet und drohte sogar, daß nur
+die Entlassung Bismarcks das Kaiserliche Kabinett zufriedenstellen
+werde. Auch der Zorn Englands war groß. Europa, so sagte der britische
+Vertreter am Berliner Hofe, werde es nicht dulden, daß die Konvention,
+die Preußens Kraft dem Zaren zur Unterdrückung der Rebellen zur
+Verfügung stellte, ausgeführt würde. Bismarcks Antwort war die kurze
+Frage: »Wer ist Europa?« Als der Engländer, etwas verlegen, erwiderte:
+»Verschiedene große Nationen«, replizierte der preußische Staatsmann:
+»Sind sie bereits darüber einig?«
+
+
+Ein Stoßseufzer Johannas
+
+ Wie gewaltig Bismarcks Arbeitslast in dieser Kampfzeit war, beweist
+ der Stoßseufzer Johannas in einem Brief an Herrn von Keudell vom
+ 27. Januar 1863: »Diesen Schwirr von früh bis spät jeden und jeden
+ Tag vertrage ich kaum. Ich werde allgemach unausstehlich dabei, und
+ die Sorge um Bismarck seufzt ununterbrochen in den kläglichsten
+ Mollauten durch mein Herz. ... Man sieht ihn nie und nie — morgens
+ beim Frühstück fünf Minuten während Zeitungsdurchfliegens, also
+ ganz stumme Szene. Darauf verschwindet er in sein Kabinett, nachher
+ zum König, Ministerrat, Kammerscheusal, bis gegen fünf Uhr, wo er
+ gewöhnlich bei irgendeinem Diplomaten speist, bis acht Uhr, wo er
+ nur en passant guten Abend sagt, sich wieder in seine gräßlichen
+ Schreibereien vertieft, bis er um halb zehn zu irgendeiner Soiree
+ gerufen wird, nach welcher er wieder arbeitet bis gegen ein Uhr und
+ dann natürlich schlecht schläft. Und so geht’s Tag für Tag. Soll
+ man dabei nicht elend werden vor Angst und Sorge um seine armen
+ Nerven? Wie sich das Demokratenvolk gegen meinen besten Freund
+ benimmt, lesen Sie hinlänglich in allen Zeitungen. Er sagt, es
+ sei ihm ›=nitschewo=‹ (absolut gleichgültig), aber ganz kalt läßt
+ es ihn doch nicht.« — Ein kleiner Trost mochte es sein, daß doch,
+ wie die Gattin ein anderes Mal schreibt, »aus allen Provinzen
+ auch viele freundliche Adressen und Depeschen, Säbel, Kuchen,
+ Lorbeerkränze und Gedichte« als Zeichen der Liebe kamen. Gar
+ mancher erkannte ihn. So sagte Graf Limburg zu dem jungen Keudell:
+ »Es muß schön sein, der Fahne eines Mannes wie Bismarck zu folgen,
+ wenn sie auch in den Tod führen mag.«
+
+[Illustration: ~Bismarck, der russisch-preußische Grenzgendarm~
+
+Während des polnischen Aufstandes gilt Bismarck, der jedem Eintreten
+für die Polen widerstrebt, als ein »Bedienter des Zaren«, als ein
+Gendarm. (»Frankfurter Laterne«, März 1863)]
+
+Die preußische Opposition machte sofort gegen Bismarck mobil. Die
+Sentimentalität oder, wie Bismarck alsbald sagte, die Neigung, sich
+für fremde Nationalitäten und Nationalbestrebungen zu begeistern, auch
+dann, wenn sie nur auf Kosten des eigenen Vaterlandes verwirklicht
+werden können, diese politische Krankheitsform, deren Verbreitung
+sich auf Deutschland leider beschränkt, verlangte nach dem Worte.
+Nicht einen Taler werde man zu einer solchen Politik diesen Ministern
+bewilligen, erklärte der eine; der Gendarmendienst, den Preußen dem
+Zaren leiste, müßte jedem Deutschen die Schamröte ins Angesicht
+treiben, dozierte der zweite; Bismarck stecke ein Dorf an, um einen
+Brief dabei zu lesen, meinte der dritte. Von dem Ausdruck »kurzsichtig«
+bis zu dem Worte »verrucht« wurde jedes Epitheton gewählt, das den
+Übergang vom Dummkopf zum Verbrecher bildet.
+
+
+Bettelbriefe
+
+ »Auffallend«, schreibt Bismarcks Gehilfe von Keudell, »war
+ mir die Behandlung der zahlreichen Bettelbriefe. Wenn solche
+ den Eindruck wirklicher Not machten, wurde ich beauftragt die
+ Bittsteller aufzusuchen und kleine Unterstützungen zu spenden,
+ nicht etwa aus irgendeinem staatlichen Dispositionsfonds,
+ sondern aus den Privatmitteln des Ministers. Einmal mußte ich
+ einer in der Köpenicker Straße vier Treppen hoch wohnenden Witwe
+ fünfundzwanzig Taler (fünfundsiebzig Mark) überbringen, was mir für
+ die Privatverhältnisse des Gebers sehr hoch gegriffen schien. Ich
+ erlaubte mir abzuraten von dieser dilettantischen Armenpflege, die
+ immer neue unerfüllbare Ansprüche hervorrufen müßte. Die Antwort
+ lautete: »Wer sich in Not bittend an mich wendet, dem helfe ich,
+ soweit ich es mit meinen geringen Mitteln vermag.«
+
+So rief Waldeck aus: »Wenn wir leider ein Staat sind, der bei
+diesem Ministerium auf eine große Politik in Europa so wenig wie
+auf eine klare und wahre und freie und redliche Politik im Inneren
+irgendeinen Anspruch machen kann, so lassen Sie uns doch wenigstens zur
+Menschlichkeit und Humanität halten.« Simson bezeichnete die Politik
+der Regierung als »Donquichotterie«; Twesten erklärte, die Ehre der
+Regierung sei nicht mehr die Ehre des Staates und des Landes. Aus der
+Rede aber, die Bismarck am 6. Februar 1888 gehalten hat, wissen wir
+es, daß es nur seiner Entschlossenheit zu verdanken war, daß damals
+an Frankreich und Österreich von russischer Seite aus nicht der Krieg
+erklärt wurde, in den Preußen unweigerlich hineingerissen werden mußte.
+
+Es ist zu mancher heftigen Szene gekommen, vor allem, als der
+Vizepräsident Behrend auf die Anklage Bismarcks gegen Herrn von
+Unruh, daß er dem Auslande zurufe: »Kommt her, der Augenblick ist
+günstig, Preußen zu überfallen«, den Minister zur Ruhe verweisen
+wollte. Bismarck lehnte es ab, schroff und fast verletzend, sich der
+Disziplinargewalt des Präsidenten zu fügen: Er ergreife das Wort kraft
+der von Sr. Majestät ihm verliehenen Autorität; er könne das Wort zu
+jeder Zeit verlangen und müsse es erhalten und gehört werden. Niemand
+habe das Recht, ihn zu unterbrechen. Unter stürmischer Empörung des
+Hauses wiederholte Bismarck seine Anklage. Der Haß gegen ihn schien den
+Zenit erreicht zu haben.
+
+
+Die Faust aufs Auge
+
+ Ein Beispiel für die treffsichere Schlagfertigkeit Bismarcks: Bei
+ der Debatte über die polnische Frage meinte der Abg. von Hennig:
+ »Denken Sie sich einmal Herrn von Bismarck und ein englisches
+ Unterhaus! Das würde zusammenpassen wie die Faust aufs Auge; aber
+ ich darf wohl glauben, daß Herr von Bismarck die Rolle des Auges
+ übernehmen würde.« — Bismarck erwiderte sofort: »Ich bin dem Herrn
+ Vorredner für diesen Vergleich sehr dankbar; denn das Auge ist
+ unzweifelhaft der edlere Teil, das Auge leitet die Faust.«
+
+
+Der Seiltänzer
+
+ Sogar ein Mann wie der sonst so maßvolle Simson erhob gegen
+ Bismarck den Vorwurf der Unfähigkeit: »Ich verlange nicht,« äußerte
+ er, »denn das Verlangen wäre ein übermäßiges, daß eine Regierung
+ allezeit den kühnen Flug des Genies einzuhalten imstande sein soll.
+ Mehr gerechtfertigt wäre schon die mildere Forderung, daß sie den
+ ruhigen, sicheren Gang des Talentes und der Erfahrung zu gehen
+ verstände. Aber in jedem Falle wird die Bewunderung dafür, daß
+ jemand nicht fällt, die Bewunderung, die man jedem Seiltänzer würde
+ zuwenden müssen, eine Bewunderung sein, nach der nicht jedermanns
+ Gaumen und jedermanns Appetit stände.« Bismarck hielt es nicht für
+ seiner Würde entsprechend, hierauf die entsprechende Antwort zu
+ geben.
+
+In jenen Zeiten langten auch die ersten »Todesurteile« gegen
+Bismarck an; das erste am 3. April aus Warschau, angeblich von einem
+Polenkomitee mit der Anzeige, daß er wegen seines Auftretens gegen
+die polnische Nation zum Tode verurteilt sei und auf offener Straße
+ermordet werden solle. Am 21. Mai empfing er dann aus »Ost-Coczya bei
+Thoren« ein von der »Warschauer Henkerkommission« unterzeichnetes
+Schreiben in Begleitung eines Holzkastens, in dem ein mit schwarzweißer
+Schleife gezierter Strang lag. Auch Regreßansprüche wollte man gegen
+ihn geltend machen: Die Minister seien für die von ihnen ohne Budget
+verausgabten Summen mit ihrer Person und ihrem Vermögen haftbar. Man
+riet Bismarck, seinen Grundbesitz im Interesse der Seinen an einen
+Verwandten abzutreten. Er lehnte das entschieden ab, um den Schein
+einer Besorgnis für sein Vermögen zu vermeiden. Ein Nachbar aber
+von Schönhausen, ein Herr von Katte, hatte tatsächlich Vorkehrungen
+getroffen, um im Fall eines Regresses dem Minister ein ansehnliches
+Kapital zur Verfügung zu stellen.
+
+Seine Stimmung wurde jedoch hierdurch nicht in besonderem Maße
+verdüstert. Dafür zeugte auch die kleine Episode vom 17. April,
+die Herr Virchow heraufbeschwor, weil Bismarck sich für kurze Zeit
+aus dem Sitzungssaale in das von ihm nur durch eine Türe getrennte
+Ministerzimmer begeben hatte. Herr Virchow beantragte deshalb die
+Vertagung der Debatte und die Einladung der Minister auf Grund des
+Artikels 60 der Verfassung. Da ereignete sich folgende Szene:
+
+
+Bismarcks feines Gehör
+
+ Als Virchow geendet, trat der Minister, der im Nebenraume wohl den
+ schon erwähnten hübschen Brief an Motley schrieb, in dem er von
+ den ungewöhnlich abgeschmackten Reden aus dem Mund ungewöhnlich
+ kindischer und aufgeregter Politiker sprach, in den Saal zurück
+ und erklärte ironisch: »Ich wollte zur Beruhigung der Herren nur
+ bemerken, daß sowohl der Herr Vorredner als der letzte Herr Redner
+ im Nebenzimmer vollkommen verständlich waren.« Der Abgeordnete
+ Parisius rief hierauf in die gewaltige Aufregung hinein: »Es ist
+ bekannt, daß der Deutsche eine ungeheuere Portion Geduld hat, und
+ auch dieses Haus hat es in einem hohen Maße bewiesen. Wenn aber
+ der Herr Ministerpräsident in einer so wegwerfenden und ganz und
+ gar der Würde des Hauses und den Verhandlungen unangemessenen
+ Weise hier auftritt, seinen Sitz verläßt, ins Nebenzimmer
+ geht und hinterher mit der Bemerkung kommt, daß der Redner im
+ Nebenzimmer gehört sei, dann, meine Herren, muß ich bemerken,
+ ist es Sache des Herrn Präsidenten, wenigstens zu konstatieren,
+ wie wir hier behandelt werden. Wir sitzen hier nicht zu unserem
+ Vergnügen; wir führen eine ernste Debatte und suchen das Beste
+ des Vaterlandes zu fördern.« Herr von Bismarck erwiderte: »Ich
+ muß dem Herrn Abgeordneten jedes Urteil über das, was für mich
+ gehörig oder ungehörig ist, absprechen. Wir sitzen hier alle nicht
+ zu unserem Vergnügen. Ich habe noch sehr viel andere Aufgaben
+ außer der, Ihnen zuzuhören. Ich habe mit Leuten zu sprechen, die
+ nicht warten können. Es ist mir nicht möglich, ununterbrochen
+ Ihren Verhandlungen beizuwohnen. Wenn ich den Vorteil habe, bei
+ der sonoren Stimme der Herren Vorredner im dortigen Zimmer, am
+ Tische arbeitend, Ihre Rede hören zu können, so weiß ich nicht,
+ wie Sie darin eine Veranlassung zu diesem Aufwande von sittlicher
+ Entrüstung finden können.«
+
+Diese Szene führte zu einem niedlichen Intermezzo im Theater.
+
+
+Von Helmerding parodiert
+
+ Der Königlich Sächsische Ministerpräsident von Beust war mehrfach
+ zu Tisch bei Bismarck. Beust war nach Berlin gekommen, um über den
+ Beitritt Sachsens zu dem französisch-preußischen Handelsvertrag
+ Unterhandlungen zu pflegen. Natürlich wurde er auf das gastlichste
+ aufgenommen; Bismarck erwies ihm alle Aufmerksamkeit und geleitete
+ ihn eines Abends auch in das »Wallnertheater«. Sie sahen einen
+ kleinen Soloscherz, betitelt: »Eine neue Bluette«, welchen
+ Helmerding ausführte. In dieser Rolle hatte er eine inmitten der
+ Bühne freistehende Theaterflügeltür anzubohren und sich darauf
+ hinter dieselbe zu begeben, um den Auftritt eines Schauspielers
+ anzudeuten. Kurz vorher sang der beliebte Komiker ein Couplet, das
+ die strengen Maßregeln der Regierung wider die Presse geißelte.
+ Der Beifall war frenetisch. Auch die beiden Minister stimmten ein.
+ Als man aber den Komiker immer und immer wieder zu sehen begehrte,
+ weigerte er sich lange, dem Hervorruf Folge zu leisten. Unbeweglich
+ blieb er hinter seiner Theatertür. Endlich trat er hervor und sagte
+ mit gesetzter Miene: »Es ist nicht nötig, mich zu rufen! Ich höre
+ auch hinter der Tür alles, was hier vorgeht!« Der Beifallssturm
+ brach von neuem los. Aller Augen richteten sich auf die Loge, wo
+ Bismarck saß. Und dieser selbst soll am lautesten applaudiert haben.
+
+Es kam im Mai zur Auflösung des Landtags. Auch Herr von Roon war in
+einen scharfen Konflikt mit dem Präsidenten geraten. Als man dem
+Ministerium Verfassungsbruch und Erregung von Unfrieden im Lande
+vorwarf, da hatte er dies eine »ganz unberechtigte Anmaßung« genannt
+und auf die Unterbrechung durch den Präsidenten von Bockum-Dolffs
+zornig erklärt: »Ich lasse mich nicht unterbrechen, ich kann sprechen
+nach der Verfassung, wann ich will. Die Befugnis des Präsidenten
+geht bis an den Ministertisch und nicht weiter!« Unter großem Lärm
+des Hauses bedeckte der Präsident sein Haupt mit einem ihm übrigens
+aus Versehen gebrachten fremden und viel zu großen Hut und erklärte
+die Sitzung für suspendiert. König Wilhelm selbst aber trat in einer
+Botschaft für seinen Minister ein, und als das Abgeordnetenhaus in
+einer Adresse erklärte, es habe kein Mittel der Verständigung mehr
+mit diesem Ministerium und lehne jede Mitwirkung bei seiner Politik
+ab, da erklärte der tapfere alte Herr: »Meine Minister besitzen
+mein Vertrauen, ihre amtlichen Handlungen sind mit meiner Billigung
+geschehen, und ich weiß es ihnen Dank, daß sie es sich angelegen sein
+lassen, dem verfassungswidrigen Streben des Abgeordnetenhauses nach
+Machterweiterung entgegenzutreten.« Am 27. Mai 1863 wurde die Session
+geschlossen, am 2. September das Abgeordnetenhaus aufgelöst. Es folgten
+das Preßedikt, Preußens »Juliordonnanzen« und das Wahlregulativ. Und
+es folgte das Auftreten des Kronprinzen gegen den Vater, die »Danziger
+Episode«. Und so schroff hier Friedrich Wilhelm gegen den Minister
+seines Vaters Stellung nahm, so ist doch gerade der Angegriffene es
+gewesen, der den König von jeder harten Maßregel zurückhielt, der
+ihn mahnte, säuberlich mit dem Knaben Absalom zu verfahren, der ihn
+daran erinnerte, daß in dem Konflikte zwischen Friedrich Wilhelm =I.=
+und seinem Sohne dem letzteren die Sympathie der Zeitgenossen und
+der Nachwelt gehöre und daß es nicht ratsam sei, den Kronprinzen zum
+Märtyrer zu machen. Auch hier hat Bismarck gesiegt, und er konnte
+später einmal rufen, wie einer seiner Vertrauten berichtet: »Beim
+König wurde ich von allen Seiten als verkappter Demokrat verdächtigt.
+Dieser Kampf kostete mir meine Nerven, meine Lebenskraft. Aber
+besiegt habe ich alle, alle!« Selbst ein Heinrich von Treitschke
+konnte damals schreiben, daß die Verfassung verletzt sei in ihren
+wesentlichen Bestimmungen, und fortfahren: »Wir haben sie ja selber
+redlich mitgekostet, die brennende Empfindung der Scham, wir von der
+preußischen Partei außerhalb Preußens, die wir unsere stolzesten
+deutschen Hoffnungen auf diesen Staat auch dann noch stützen werden,
+wenn ein Bismarck der Zehnte in Preußen regierte, die wir ihn heute
+umhergehen sehen gleich dem Schlafwandler, dem die gesunden Leute
+schwindelnd nachschauen auf seiner halsbrechenden Bahn.« Und auch gegen
+den König war ein solcher Haß erwacht, daß der Berliner Witz, als
+er nach Karlsbad reiste, das Schmähwort fand, Lehmann — das war der
+Spitzname des Monarchen — sei leberleidend abgereist und leider lebend
+wiedergekommen.
+
+Bismarck folgte dem König nach Karlsbad; er traf ihn später in
+Regensburg und begab sich dann über Dresden, wo er mit Beust
+verhandelte, um Sachsen für seine Politik zu gewinnen, über Salzburg
+nach Gastein. Hier folgte alsbald die Entscheidung über den Fürstentag.
+
+»Nun geht der Wahlschwindel los«, schrieb im September Bismarck an
+Johanna. Die Wahlen haben die Opposition von neuem verstärkt. Gerade
+in der Geburtsstunde der neuen Zeit, in der das Schleswig-Holsteinsche
+Problem sich mit Macht in den Vordergrund drängen sollte, hat eine
+Volksvertretung gestanden, die nichts von dem Flügelschlag dieser Zeit
+verspürte und im öden Doktrinarismus so weit vorwärtsschreiten sollte,
+daß sie die Mittel zum Kriege gegen Dänemark versagte.
+
+[Illustration: (»Figaro«, Oktober 1863)]
+
+Am 15. November 1863 starb König Friedrich =VII.= von Dänemark als
+der Letzte seines Hauses; drei Tage später wurde sein Nachfolger, der
+Glücksburger Christian =IX.=, durch Ministerium und Volk gezwungen,
+die Verfassung zu unterzeichnen, die Schleswig von Holstein losreißen
+und dauernd dem Dänenjoch unterwerfen sollte. — Konnte Deutschland
+diese Herausforderung, diesen Bruch der Londoner Verträge ruhig
+ertragen? Noch hatte man, als ein Patent des Königs Friedrich im März
+für Holstein eine neue Verfassung oktroyierte, aus allgemeinen Gründen
+der europäischen Lage einzugreifen vermieden, aber schon damals hatte
+Bismarck den Volksvertretern erklärt: »Ich kann Ihnen versichern und
+dem Ausland versichern, wenn wir es für nötig halten, Krieg zu führen,
+so werden wir ihn führen mit oder ohne Ihr Gutheißen!« Aber es stand
+für Bismarck von Anbeginn fest, daß er einen Krieg nicht führen werde,
+um »im günstigsten Fall in Schleswig-Holstein einen neuen Großherzog
+einzusetzen, der aus Furcht vor preußischen Annexionsgelüsten im
+Bunde gegen uns steht und dessen Regierung ein bereitwilliges Objekt
+österreichischer Umtriebe sein würde, ungeachtet aller Dankbarkeit,
+die er Preußen für seine Erhebung schulden müßte.« Jetzt war der
+psychologische Moment gekommen. In Holstein entstand eine gewaltige
+Erregung, bewaffnete Freischaren standen auf, Adel und Bürgertum,
+Demokraten und Legitimisten standen zusammen. Bismarck aber blieb
+mitten in der Erregung kaltblütig und ruhig. Während die öffentliche
+Meinung sich von Schlagworten leiten ließ, hielt er daran fest, daß nur
+im Einvernehmen mit Österreich und den europäischen Mächten die Gefahr
+eines allgemeinen Krieges vermieden werden könnte, bei dem Deutschland
+seine Existenz einsetzen würde. Griff er aber zum Schwerte, so galt
+es auch, die Länder für Preußen zu erwerben. Es war ein Meisterstück
+Bismarcks, daß er Österreich mit sich verknüpfte, daß er es dazu
+brachte, beim Bundestage die möglichst schnelle Exekution zu fordern.
+Allerdings blieb Preußen das Land der Initiative, während Österreich
+sich nur widerwillig forttreiben ließ.
+
+[Illustration: Eisenblut: »Wer wird denn noch viel Umstände machen?
+Marsch, in die Butte mit euch, ihr Fratzen, das ist die beste und
+nationalste Lösung!« (»Figaro«, Juni 1863)]
+
+Und der preußische Landtag? Bismarck forderte eine Staatsanleihe von
+zwölf Millionen Talern. Eine Adresse war die Antwort, in der man
+»ehrfurchtsvoll und dringend« bat, den Erbprinzen von Augustenburg als
+Herzog von Schleswig-Holstein anzuerkennen und dahin zu wirken, daß der
+deutsche Bund ihm in der Besitzergreifung und Befreiung seiner Erblande
+wirksamen Beistand leiste. Am 22. Januar wurde die Anleihe mit 275
+gegen 51 Stimmen verworfen.
+
+Es war einer der heißesten Kämpfe, die Bismarck hier führte, reich an
+scharfen Konflikten mit den Volksvertretern.
+
+[Illustration: ~Bismarck am Pfahl mit Napoleon und Kaiser Wilhelm.~
+1870. Nach einem Gemälde von A. Marie]
+
+
+Die Dinge verstehe ich besser
+
+ Hier war es auch, wo er mit Virchow von neuem zusammentraf und ihn
+ auf die Beschäftigung mit der Anatomie verwies; hier war es, wo er
+ ihm auf die Bemerkung: »Ich will nur wünschen, daß es dem Herrn
+ Ministerpräsidenten gelingen möge, unter den Diplomaten Europas
+ eine ähnlich anerkannte Stellung zu finden, wie ich wenigstens
+ sagen kann, daß ich sie unter meinen Spezialkollegen gefunden
+ habe«, die Antwort gab: »Der Herr Vorredner hat gesagt, er wünsche,
+ daß ich dereinst in meinem Fache mich derselben Anerkennung
+ erfreuen möge wie er in dem seinigen. Ich unterschreibe diesen
+ Wunsch mit voller Aufrichtigkeit. Ich erkenne die hohe Bedeutung
+ des Herrn Vorredners in seinem Fache vollkommen an und gebe zu,
+ daß er in dieser Beziehung einen Vorsprung vor mir hat. Wenn aber
+ der Herr Vorredner sich aus seinem Gebiet entfernt und auf mein
+ Feld unzünftig übergeht, so muß ich ihm sagen, daß über Politik
+ sein Urteil ziemlich leicht für mich wiegt. Ich glaube wirklich,
+ meine Herren, ohne Überhebung, die Dinge verstehe ich besser.
+ (Große Heiterkeit.) Der Herr Vorredner hat gesagt, mir fehle das
+ Verständnis für die nationale Politik; ich kann ihm den Vorwurf
+ nur mit der Unterdrückung des Epithetons zurückgeben. Ich finde
+ bei dem Herrn Vorredner Verständnis für Politik überhaupt nicht.
+ Dieses Verständnis ist gewiß auch in anderen Ländern nicht weiter
+ verbreitet als bei uns (Unruhe), aber es findet sich in anderen
+ Parlamenten doch selten dieser Grad von Entschlossenheit im Bilden
+ und Aussprechen von Ansichten gepaart mit demselben Maße von
+ Unkenntnis der Dinge wie bei uns.«
+
+Überhaupt ging Bismarck gerade in dieser Zeit mit aller Schroffheit
+gegen die politischen Dilettanten vor, die ihm aus dem Wust ihrer
+Theorien heraus und ohne irgendwelche Kenntnis der praktischen
+Möglichkeiten täglich Steine in den Weg rollten. Hier prägte er den
+klassischen Satz. »Es ist ein gefährlicher Irrtum, aber heute weit
+verbreitet, daß in der Politik dasjenige, was kein Verstand der
+Verständigen sieht, dem politischen Dilettanten durch naive Intuition
+offenbar wird.« Mit den Worten: »Sagen wir uns von jeder Gemeinschaft
+mit der Politik dieses Ministeriums los! Verwahren wir uns vor jedem
+seiner Schritte, und geben wir dieser Verwahrung und Lossagung die
+erste praktische Folge durch die Verwerfung der Anleihevorlage!«,
+empfahl dennoch die Kommission des Landtags dem Plenum die Verwerfung
+der Mittel für den Kampf um Schleswig-Holstein. Daß Bismarck »jetzt dem
+Bösen verfallen ist und von ihm nicht wieder loskommen wird«, dieser
+Satz des Herrn Virchow zeugte von der gleichen prophetischen Erkenntnis
+wie die Behauptung des Grafen Schwerin, daß das eigentliche Motiv für
+die Haltung Bismarcks die Furcht vor der Demokratie und die Besorgnis
+vor dem Auslande sei.
+
+Schwerer noch war der Kampf, den Bismarck mit seinem alten Herrn
+führen mußte. »Ich weiß eigentlich nicht,« schrieb er an Roon, bevor
+er zur entscheidenden Sitzung des Landtags ging, »was ich Ihnen sagen
+soll, nachdem so gut wie klar ist, daß Se. Majestät auf die Gefahr
+hin, mit Europa zu brechen und ein schlimmeres Olmütz zu erleben,
+sich schließlich der Demokratie und den Würzburgern fügen will, um
+Augustenburg einzusetzen und einen neuen Mittelstaat zu schaffen. Was
+soll man da noch reden und schimpfen? Ohne Gottes Wunder ist das Spiel
+verloren, und auf uns wird die Schuld von Mit- und Nachwelt geworfen.
+Wie Gott will. Er wird wissen, wie lange Preußen bestehen soll. Aber
+leid ist mir’s sehr, wenn’s aufhört, das weiß Gott!«
+
+[Illustration: »~Störe ich?~«
+
+Bismarck und Pauline Lucca. (»Kladderadatsch«, Okt. 1865)]
+
+Der Krieg wurde siegreich geführt; uralte deutsche Träume fanden
+Erfüllung, aber der Konflikt währte weiter. Nur leise begann sich neue
+Erkenntnis zu regen, nur langsam wuchs der Glaube an Bismarck. Erst
+ein neuer siegreicher Krieg sollte den völligen Umschwung bringen.
+Unbelehrbar aber blieben die um Virchow, und gerade mit diesem Manne
+kam es zu einem der schärfsten Renkontres, die Bismarck auf dem
+parlamentarischen Feld erlebte.
+
+
+Das Duell mit Virchow
+
+ In einer Debatte über die Schleswigsche Politik bemerkte Virchow,
+ daß er, wenn der Minister die Berichte wirklich gelesen hätte,
+ nicht mehr wisse, was er von seiner Wahrheitsliebe halten solle.
+ Hierauf erwiderte Bismarck: »Der Herr Abgeordnete hat lange genug
+ in der Welt gelebt, um zu wissen, daß er sich damit der technischen
+ und spezialen Wendung gegen mich bedient hat, vermöge deren man
+ einen Streit auf das rein persönliche Gebiet zu werfen pflegt, um
+ denjenigen, gegen den man den Zweifel an seiner Wahrheitsliebe
+ gerichtet hat, zu zwingen, daß er sich persönliche Genugtuung
+ fordert. Ich frage Sie, meine Herren, wohin soll man mit diesem
+ Tone kommen? Wollen Sie den politischen Streit zwischen uns
+ auf dem Wege der Horatier und Curiatier erledigen? Es ließe
+ sich davon reden, wenn es Ihnen erwünscht ist!« Als Virchow es
+ ablehnte, seine Worte zurückzunehmen, sandte ihm Bismarck durch
+ den Hauptmann von Puttkamer eine Pistolenforderung, deren Annahme
+ das Abgeordnetenhaus, an das Herr Virchow appellierte, verbot.
+ Über diese Angelegenheit schrieb Bismarck an den ihm befreundeten
+ Roman-Andrae: »Was die Virchowsche Sache anbelangt, so bin ich über
+ die Jahre hinaus, wo man in dergleichen von Fleisch und Blut Rat
+ annimmt. Wenn ich mein Leben an eine Sache setze, so tue ich es in
+ demjenigen Glauben, den ich mir in langem, schwerem Kampfe, aber in
+ ehrlichem und demütigem Gebete vor Gott gestärkt habe, und den mir
+ Menschenwort, auch das eines Freundes im Herrn und eines Dieners
+ seiner Kirche, nicht umstößt.«
+
+In diesem Briefe geht Bismarck auch auf eine Affäre ein, die, an sich
+völlig harmlos, ihm doch manchen Ärger bereitet hat.
+
+
+Pauline Lucca
+
+ In Ischl war es passiert, daß Pauline Lucca, die berühmte Sängerin,
+ ihre Ferien gleichzeitig mit dem König Wilhelm und Bismarck
+ verlebte. Eines Tages blieb die Sängerin einen Augenblick vor dem
+ Hotel Elisabeth stehen, in dem der König und Bismarck abzusteigen
+ pflegten. Da trat letzterer aus dem Hause, eilte auf »Paulinchen«
+ zu und begrüßte sie herzlich. »Exzellenz, kommen Sie mit,« bat die
+ Lucca, »ich will mich eben photographieren lassen.« — »Ich kann
+ nicht,« antwortete der Minister, »ich erwarte meine Chiffreure, die
+ scheinen spazieren gegangen zu sein.« — »Gengen S’, Exzellenz, Sie
+ können die Depeschen später lesen«, sagte die Lucca in ihrem Wiener
+ Dialekt, und Bismarck, galant wie immer, ging mit zum Photographen.
+ Dort ließ sich erst die Sängerin, dann der Minister allein
+ photographieren, als mit einmal die kleine Teufelin aufsprang und
+ rief: »Exzellenz, ich habe eine süperbe Idee! Wie wär’s, wenn wir
+ uns zusammen photographieren ließen?« Bismarck stimmte wieder zu,
+ und der Photograph ging ans Werk. Auf dem sehr selten gewordenen
+ Bilde sitzt die Sängerin, den Kopf in die linke Hand gestützt,
+ den Beschauer voll ansehend, an der einen Ecke des Tisches, ihr
+ gegenüber an der anderen Ecke Bismarck, die Lucca anblickend, den
+ rechten Arm auf dem Tische, die linke Hand auf dem Knie ruhend.
+ Nach einigen Tagen war das Bild in hundert Händen, und ganz Ischl
+ sprach von nichts anderem. Doch einige Zeit später fanden beide
+ Abkonterfeite, daß es besser sei, das Bild aus dem Kunsthandel zu
+ ziehen, und so mußte sich der Photograph verpflichten, keine neuen
+ Abzüge zu machen, sowie die Platten zu vernichten. — In dem Briefe
+ an Andrae schreibt nun Bismarck: Ȇber die Lucca-Photographie
+ würden auch Sie vermutlich weniger streng urteilen, wenn Sie
+ wüßten, welchen Zufälligkeiten sie ihre Entstehung verdankt hat.
+ Außerdem ist die jetzige Frau von Rahden, wenn auch Sängerin, doch
+ eine Dame, der man ebensowenig wie mir selbst ~jemals~ unerlaubte
+ Beziehungen geschlechtlicher Art nachgesagt hat. Demungeachtet
+ würde ich, wenn ich in dem richtigen Augenblick das Ärgernis
+ erwogen hätte, welches viele und treue Freunde an diesem Scherze
+ genommen haben, aus dem Bereiche des auf uns gerichteten Glases
+ zurückgetreten sein.«
+
+Es mag hier ein Urteil angefügt werden, das ein Freund Bismarcks über
+ihn und seine Beziehungen zu der Frauenwelt gefällt hat:
+
+
+Bismarck und die Frauen
+
+ »Es gibt in der Geschichte soviel große Männer, deren überquellende
+ Naturkraft sich nicht nur im Genialen und Hohen, sondern auch im
+ allzumenschlich Ewig-Weiblichen dokumentiert hat. Ich erinnere nur
+ an Napoleon =I.=, Cäsar und Alexander. Mit um so größerem Stolze
+ können wir Bismarck als absolut sittenreinen Mann auch in dieser
+ Beziehung als Vorbild seines Volkes darstellen. Ihm, dem so viele
+ Möglichkeiten von Frauenliebe und Anbetung geboten wurden, lag das
+ Gefühl des tiefen Ernstes der Liebe zu sehr im Herzen, als daß
+ er je flüchtig daran gestreift hätte. Er war eben durchaus ein
+ Teutone, ein keuscher Mann, der sich selbst für zu würdig hielt, um
+ sich nur auszuleihen. Ohne prüde zu sein oder der Natur ihr Recht
+ verwehren zu wollen, war er jeder Frivolität feind und duldete in
+ der behaglichen Atmosphäre seines Hauses auch keinen Anflug von
+ Zynismus.«
+
+[Illustration: ~Preußisch-Patriarchalisches~
+
+»Gnädigster Herr, ick melde jehorsamst, daß ick soeben aus der Kammer
+komme, und daß allens glücklich verrungeniert ist.« — Am 22. Februar
+1866 schloß Bismarck plötzlich den preußischen Landtag, dem er
+dreifache Überschreitung seiner Befugnisse vorwarf. »Angesichts der
+Übergriffe und Überhebungen dieses Hauses«, so hieß es im Abschied. Es
+folgten die Siege in Böhmen. (»Figaro«, März 1866)]
+
+Nur noch einmal flammte der Konflikt empor: Noch zu Beginn des Jahres
+1863 stellte Herr Virchow den Antrag, die Vereinigung Lauenburgs mit
+Preußen für rechtsungültig zu erklären, weil der König ohne Zustimmung
+des Landtags nicht Herrscher fremder Reiche sein dürfe. Hier stimmten
+bereits zweihunderteinundfünfzig gegen vierundvierzig Stimmen für
+Bismarcks Politik. Längst hatte ja auch der König Besitz von Lauenburg
+ergriffen, die für den Erwerb von Österreich geforderte Summe von
+zweieinhalb Millionen Talern hatte er aus eigenem Vermögen bezahlt,
+und am 26. September schon hatte im Auftrage des Königs Bismarck die
+Erbhuldigung der dortigen Stände in Ratzeburg entgegengenommen. Diese
+Handlung aber hatte ein charakteristisches Vorspiel:
+
+
+Der Oldenburger Rezeß
+
+ In dem Ländchen besaß der Adel einen verbrieften »Rezeß«; er
+ hatte den Wunsch, daß dieses vergilbte Vorrecht, das ihm die
+ Alleinherrschaft und die Ausbeutung gewährleistete, auch in
+ Zukunft bestehen bleibe. Von einem Junker wie Bismarck glaubten
+ sie sicher, die Erfüllung ihres Wunsches erwarten zu können.
+ Aber es kam anders. Während einer Kahnfahrt auf dem schönen
+ Landsee bei Ratzeburg am Nachmittage des 25. Septembers meinte
+ ein hervorragendes Mitglied der Lauenburger Ständeversammlung
+ an Bismarcks Seite, diese noch schwebende Herzensfrage der
+ Ritterschaft bereinigen zu müssen, und fragte leicht: »Apropos,
+ Exzellenz, wie steht es mit unserem Rezeß? Ich hoffe, daß
+ Se. Majestät ihn bewilligen werden, ehe Sie unsere Huldigung
+ verlangen.« — »Ich vermute, daß der König dies nicht tun wird«,
+ versetzte Bismarck. — »Dann werden wir uns morgen mitten in der
+ Kirche weigern, zu schwören«, entgegnete sein Kahnnachbar. — »Je
+ nun,« erwiderte Bismarck kühl, »da werden die Herren morgen mitten
+ in der Kirche zu hören bekommen, daß sie der nächsten preußischen
+ Provinz einverleibt sind.« Fortan war im Kahn nur von den Reizen
+ der Landschaft noch die Rede. Nach Ratzeburg zurückgekehrt,
+ entwarf Bismarck aber sofort ein Dekret, welches die Einverleibung
+ Lauenburgs in die Provinz Brandenburg verkündigte und das verlesen
+ werden sollte, falls die Stände die »rechte Erbhuldigung« weigern
+ würden. Diesem Dekrete gab der König seine Zustimmung, und Bismarck
+ steckte es in die Tasche, ehe er am nächsten Morgen die Kirche
+ betrat. Nach der Predigt forderte er die Ritter- und Landschaft
+ zum Schwur auf, und siehe da, sie schwuren alle ohne Anstand. Vom
+ »Rezeß« und den Vorrechten der Junker war in Lauenburg fortan keine
+ Rede mehr.
+
+Jetzt aber brausten die Stürme der Weltgeschichte immer gewaltiger
+daher; sie fuhren auch über die Häupter der Gegner Bismarcks dahin
+und beugten sie tief zu Boden. In dem Antrag auf Indemnität hat dann
+Bismarck mit der Geste des Kavaliers der bösen Zeit den Schlußstein
+gesetzt.
+
+[Illustration: »Na, nu kann’s anjeh’n!« (Aus »Horning, Deutsches
+Militär«)]
+
+
+
+
+Düppel und Königgrätz
+
+
+Der Krieg gegen Dänemark begann. Auch Österreich ging vor, nachdem
+Bismarck der eigentlich leitende Minister seiner Politik geworden
+war. Die kleineren deutschen Staaten freilich zogen sich in den
+Schmollwinkel zurück; dem Starken allein blieb der Weg frei.
+
+Hier aber waren zum erstenmal die drei Männer vereint, die für die
+Zukunft Deutschlands so ungeheuere Bedeutung erlangen sollten,
+Bismarck, Roon und Moltke. Mit Roon hat den großen Staatsmann durch
+alle Zeiten ein inniges Verhältnis verknüpft, Moltke dagegen war
+eine kühle Natur, die sich auch ihm gegenüber niemals unbefangen
+erschloß. Er hat vor allem es nie ertragen, daß Bismarck auch in
+militärischen Fragen den Blick des Genies besaß. Welcher Gegensatz auch
+der Charaktere! Kalt, stahlhart und stets ein Mann der Berechnung,
+hatte Moltke frühe gelernt, jedes warme Gefühl zu unterdrücken und
+sich ganz in den Dienst seines Berufes zu stellen; Bismarck aber war
+leidenschaftlich, temperamentvoll; er hatte ein glühend empfindendes
+Herz; sein Gemütsleben war reich und tief.
+
+Im Dänischen Kriege hat Bismarck, wie auch später immer, den Schauplatz
+der Entscheidungen betreten. In den Kugelregen allerdings ist er nicht
+mehr gekommen; er ist erst mit dem Könige zusammen nach Schleswig
+geeilt, um an dem Vorbeimarsch der Düppelstürmer vor dem obersten
+Kriegsherrn teilzunehmen. Schon damals durfte er sagen: »Sie werden
+sehen, in ganz kurzer Zeit bin ich der populärste Mann in ganz
+Deutschland.« Die Streitigkeiten, die unter den im Felde stehenden
+Generalen ausbrachen, führten auch einmal zu einem Eingreifen Bismarcks:
+
+
+Der Abjott Deitschlands
+
+ Wrangel hatte die Grenze von Jütland überschreiten wollen,
+ war jedoch dabei auf den Widerstand des österreichischen
+ Zivilkommissars gestoßen, der aus diplomatischen Bedenken gegen
+ diesen Schritt protestierte. Die Angelegenheit wurde Bismarck
+ telegraphisch mitgeteilt, und er entschied sich gegen die
+ Auffassung Wrangels, weil er das Einverständnis Österreichs hierzu
+ zu bedürfen glaubte. Wrangel sandte hierauf an den König ein
+ entrüstetes Telegramm, in dem er von Diplomaten sprach, die die
+ schönsten Situationen verdürben und den Galgen verdienten. Bismarck
+ war darüber natürlich nicht erbaut, und er hat lange Zeit hindurch
+ den alten Haudegen übersehen und als eitel Luft behandelt. Es
+ kursiert eine Anekdote über die Art, wie beide Männer sich wieder
+ versöhnten. Sie saßen einmal bei der Hoftafel nebeneinander, als
+ Wrangel fragte: »Mein Sohn, kannst du nicht vergessen?« — »Nein.«
+ Nach einer Pause fragte der alte General: »Mein Sohn, kannst du
+ nicht vergeben?« — »Von ganzem Herzen«, rief Bismarck. So sind sie
+ wieder gute Freunde geworden. In einem Brief an Roon vom 26. Januar
+ nannte Bismarck den alten General »den Abjott Deitschlands«, vor
+ dessen bedenklichen Sprüngen man sich hüten solle.
+
+Während aber die deutschen Truppen siegreich vorwärts stürmten,
+suchte die europäische Diplomatie, vor allem England, ihnen in den
+Arm zu fallen. Indem er hier den Widerstand besiegte und die Bahn
+für seine Pläne befreite, hat Bismarck, wie er später gern erklärte,
+sein schwierigstes diplomatisches Meisterstück vollbracht. Als die
+von England nach London berufene Konferenz zusammentrat, da war
+Düppel bereits erstürmt, da hatte Bismarck aber auch in schwierigen
+Geheimverhandlungen sich Frankreichs Beistand gesichert. Da hatte man
+den Gedanken, um Dänemarks willen mit Deutschland Krieg zu beginnen,
+überall in seiner vollen Absurdität erkannt. Bismarck hat damals, wie
+er an Motley schrieb, »wie ein Nigger« gearbeitet: »Es kommt bei mir
+vor, daß ich in fünf Tagen keine Viertelstunde zu einem Spaziergang
+finden kann!« Unter den Gegnern seiner Politik fand er auch jetzt
+wie so oft Herrn von Beust, der noch zuletzt die Anerkennung des
+Augustenburgers verlangte. Bismarck rächte sich, indem er später
+folgendes Urteil fällte:
+
+
+Beust
+
+ »Wenn ich mir ein Urteil über die Gefährlichkeit eines Gegners
+ bilden will, so subtrahiere ich zunächst von dessen Fähigkeiten
+ seine Eitelkeit. Wende ich dieses Verfahren auf Beust an, so bleibt
+ als Rest wenig oder nichts.«
+
+Das Ende des Krieges hatte nach unendlichem Wirrwarr und einer Fülle
+der kompliziertesten diplomatischen Verhandlungen zur Übertragung
+der Souveränität über Schleswig und Holstein an die beiden deutschen
+Großmächte geführt. Die Verhandlungen mit Österreich lenkten damals die
+Schritte des leitenden Ministers auch wieder nach Wien, nach Schönbrunn
+und Baden. Wie anders aber das Bild, als in jenen Tagen, da er von
+Frankfurt her zum Wiener Hofe kam! Wie anders auch seit damals, da er
+mit Johanna hier auf der Hochzeitsreise weilte!
+
+
+Wie einst im Mai
+
+ Welche köstliche Reminiszenz an die erste Zeit der jungen Liebe
+ erweckt ein Brief aus diesen reich belasteten Tagen, der am
+ 20. August 1864 aus Schönbrunn zur Gattin flog! »Es ist zu
+ verwunderlich, daß ich gerade in den Zimmern zu ebener Erde wohne,
+ die auf den heimlichen, reservierten Garten stoßen, in den wir vor
+ ziemlich genau siebzehn Jahren beim Mondschein hier eindrangen!
+ Wenn ich über die rechte Schulter blicke, so sehe ich durch eine
+ Glastüre gerade den dunkeln Buchenheckengang entlang, in welchem
+ wir mit dem heimlichen Behagen am Verbotenen bis an die Glasfenster
+ wanderten, unter denen ich jetzt wohne. Es war damals eine Wohnung
+ der Kaiserin, und jetzt wiederhole ich im Mondschein unsere
+ damalige Wanderung mit mehr Bequemlichkeit. ...« Ob auch mit mehr
+ Behagen? »Feldjäger, Tintenfaß, Audienzen und Besuche umschwirren
+ mich ohne Unterlaß«, so schreibt er; »auf der Promenade mag ich
+ mich gar nicht zeigen; kein Mensch läßt mich in Ruhe.«
+
+Und doch war das Ziel noch längst nicht erreicht. Denn das, was er
+als notwendig für Deutschlands Heilung erkannte, die entscheidende
+Auseinandersetzung mit Österreich, war auch jetzt noch nicht
+erfüllt. Ja, in der Lösung der Nordischen Frage selbst lag schon
+der Keim für künftige Konflikte. Nur durch die Gewalt der Umstände
+war ja schließlich Österreich dazu gelangt, den eigenen Standpunkt
+preiszugeben. Fast in jeder Einzelheit in den weiteren Verhandlungen
+zeigten sich Differenzen zwischen Bismarck und der kaiserlichen
+Regierung, mochte es sich nun um die Frage handeln, ob der Bund von den
+Beratungen unterrichtet werden solle, mochte Österreich verlangen, daß
+die Verwaltung der Herzogtümer einem dreiköpfigen Kollegium übergeben
+werden solle, oder mochte man hier die Forderung stellen, zuerst das
+Recht der Thronfolge zu ordnen. Aus jener Zeit stammt Bismarcks Klage:
+
+
+Bismarck als Faust
+
+ »Faust«, so sagte er, »klagt über die zwei Seelen in seiner Brust;
+ ich beherberge aber eine ganze Menge, die sich zanken. Es geht da
+ zu wie in einer Republik. Das meiste, was sie sagen, teile ich mit.
+ Es sind da aber auch ganze Provinzen, in die ich nie einen anderen
+ Menschen werde hineinsehen lassen.«
+
+
+Ein Traum
+
+ Seinem alten Lehrer =Dr.= Bonnell erzählte in jenen Tagen Bismarck
+ einen Traum. Er sei auf einem Gebirgspfad in die Höhe gestiegen,
+ der immer enger geworden sei, bis er endlich vor einer hohen Wand
+ gestanden und neben sich in einen tiefen Abgrund geblickt habe.
+ Einen Augenblick habe er überlegt, ob er umkehren solle, dann habe
+ er sich entschlossen und mit seiner Gerte einen Schlag gegen die
+ Wand geführt; augenblicklich sei diese verschwunden und der Weg
+ frei gewesen.
+
+Das Bedürfnis nach Erholung faßte jetzt auch einmal diesen starken
+Mann. Es treibt ihn von neuem nach dem Süden Frankreichs, nach
+Biarritz und den Pyrenäen. Dort in dem schönen Badeorte sitzt er am
+offenen Fenster, den Blick auf die blaue, sonnige See gerichtet, deren
+Rauschen von dem Schellengeklingel der Wagen auf der Bayonner Straße
+begleitet ist. »In so behaglichen Zuständen habe ich mich klimatisch
+und geschäftlich lange nicht befunden, und doch hat die üble Gewohnheit
+des Arbeitens schon so tiefe Wurzeln bei mir geschlagen, daß ich einige
+Gewissensunruhe über mein Nichtstun fühle, fast Heimweh nach der
+Wilhelmstraße, wenigstens wenn die Meinen dort wären.«
+
+[Illustration: Was aber nanu? — Nach den Siegen über die Dänen
+beherrschte die Frage jedes Interesse: welches wird das Schicksal
+der befreiten Lande sein? Graf Rechberg und Herr von Bismarck sinnen
+darüber. (»Figaro«, Mai 1864)]
+
+
+In Lebensgefahr
+
+ Hier unten ist Bismarck auch einmal in ernster Lebensgefahr
+ gewesen. »Da erinnere ich mich,« so hat er später in Versailles
+ erzählt, »ich war einmal mit einer Gesellschaft, unter der sich
+ auch die Orloffs befanden, im südlichen Frankreich beim Point du
+ Gard. Es ist das eine alte Wasserleitung aus römischer Zeit, die
+ in mehreren Etagen über ein Tal weggeht. Da sagte die Fürstin
+ Orloff, eine lebhafte Frau, wir wollen oben darüber gehen. Das war
+ ein sehr schmaler Gang neben der Rinne, nur etwa anderthalb Fuß
+ breit, dann die tief eingeschnittene Rinne und auf der anderen
+ Seite wieder eine Mauer mit Platten darauf. — Die Sache war nicht
+ unbedenklich, aber ich konnte mich doch von einem Frauenzimmer
+ nicht an Mut übertreffen lassen. So unternahmen wir beide denn das
+ Kunststück. Er aber ging mit den anderen unten im Tale hin. Eine
+ Weile schritten wir auf den Platten fort, und da ging es gut auf
+ der schmalen Kante, von der man in eine Tiefe von mehreren hundert
+ Fuß hinabsah. Dann aber waren die Platten weggefallen, und man ging
+ über eine bloße schmale Mauer. Eine Strecke weiterhin kamen wir
+ zwar wieder auf ein Stück mit Platten, und dann gab’s wieder nur
+ die unsichere Mauer mit ihren schmalen Steinen. Da faßte ich mir
+ ein Herz, schritt rasch auf sie zu, faßte sie mit dem einen Arm
+ und sprang mit ihr in die vier bis fünf Fuß tiefe Rinne hinunter.
+ Aber die unten, die uns nun plötzlich nicht mehr sahen, hatten die
+ größte Angst, bis wir endlich drüben wieder erschienen.«
+
+ »Auch sonst«, erzählte er weiter, »bin ich noch ein paarmal in
+ Lebensgefahr gewesen. Zum Beispiel, als die Semmeringbahn noch
+ nicht fertig war — ich glaube, es war 1852 —, da ging ich mit
+ einer Gesellschaft durch einen von den Tunneln oben. Ich erinnere
+ mich, Graf Octavio Kinsky war dabei, etwas älter als ich, mit
+ gelockten Haaren. Es war ganz finster drin. Ich ging den anderen
+ mit einer Laterne voran. Nun zog sich da quer über den Boden
+ eine Schlucht oder Spalte hin, die war wohl fünfzig Fuß tief und
+ etwa anderthalbmal so breit wie der Tisch hier. Darüber hatten
+ sie ein Brett gelegt, welches zu beiden Seiten Leisten hatte,
+ damit die Karren nicht abrutschten. Dieses Brett mußte morsch
+ sein; denn wie ich in der Mitte bin, bricht es ein, und ich fahre
+ hinunter, bleibe aber, da ich unwillkürlich die Arme ausgebreitet
+ hatte, an den Leisten hängen. Die hinter mir kamen, dachten nun
+ — die Laterne war mir nämlich entfallen und erloschen — ich wäre
+ hinabgestürzt, und waren nicht wenig erstaunt, als sie fragten:
+ ›Leben Sie noch?‹ statt von tief unten her ganz oben vor sich —
+ als sie da die Antwort erhielten: ›Ja, hier bin ich.‹ — Ich hatte
+ mich inzwischen auch mit den Beinen angeklammert und fragte, ob
+ ich zurück oder hinüber sollte. Der Führer meinte, es wäre besser,
+ hinüber, und so arbeitete ich mich denn dahin. Der Arbeiter, der
+ uns führte, zündete nun ein Licht an, suchte ein anderes Brett und
+ brachte so die Gesellschaft nach. — Man sah mit dem Brette recht,
+ wie liederlich und leichtsinnig solche Dinge zu der Zeit genommen
+ wurden. — Hernach, als wir aus dem Tunnel heraus waren, fuhren wir
+ in einem niedrigen Karren sausend die Bahn hinab. Wir hatten dicke
+ Stöcke, um zu hemmen, und taten es auch, wenn es um die Kurven
+ ging. Bei der stärksten brachten wir’s aber nur mit großer Mühe
+ fertig, daß der Karren nicht aus dem Geleise geriet und in einen
+ der beiden Abgründe fiel, die da waren. In den ganz tiefen konnten
+ wir freilich nicht hinunterfahren, aber in den anderen ging’s auch
+ gegen sechzig Fuß hinab.«
+
+[Illustration: ~Ein neuer Diogenes zu Kiel~
+
+»Annexander«-Bismarck mit König Wilhelm vor dem Augustenburger
+Diogenes, der leer ausgeht. Oldenburg hatte seine Ansprüche auf
+Schleswig-Holstein für eine Million Taler aufgegeben. (»Figaro«,
+Februar 1865)]
+
+ Ein andermal hatte Bismarck mit einigen Begleitern bei einer
+ Tour in der Schweiz — wohl bei einem Ausfluge nach dem
+ Rosenlauigletscher — einen schmalen Grat passieren müssen. Eine
+ Dame und der eine ihrer beiden Führer waren schon drüben gewesen.
+ Nach ihnen kam ein Franzose, dann Bismarck und hierauf der andere
+ Führer. In der Mitte der Kante sagte der Franzose: »=Je ne peux
+ plus=«, und wollte durchaus nicht weiter. Ich war gleich hinter ihm
+ und fragte den Führer: »Was machen wir nun?« — »Steigen Sie über
+ ihn weg, dann schieben wir ihm die Alpenstöcke unter die Arme und
+ tragen ihn hinüber.« — »Sehr schön,« sagte ich, »aber ich steige
+ nicht über ihn hinweg; denn der Mann ist krank und packt mich in
+ seiner Verzweiflung, und wir fallen beide hinunter.« — »Nun, so
+ drehen Sie um.« — Das war schwer genug, aber ich versuchte es, und
+ es ging, und nun machte er das Manöver mit den Alpenstöcken mit
+ Hilfe des anderen Führers.
+
+[Illustration: ~Die Entscheidung naht!~
+
+Der neue Zusammenstoß zwischen dem Landtag, dessen Präsident Grabow
+ist, und dem Ministerium steht bevor. Bismarck bereitet seinen Gegnern
+das »innere Düppel«. (»Kladderadatsch«, März 1865)]
+
+Allmählich wuchsen die Differenzen mit Österreich. Es kam sogar von
+Wien aus zu einer Drohung mit dem Bruch der Allianz, wenn Preußen nicht
+auf Österreichs Programm eingehe. Bismarck faßte allerdings, wie er
+dem Grafen Karolyi offen sagte, die Frage sehr einfach auf. »Sehen
+Sie, wir stehen da vor der Frage der Herzogtümer wie zwei Gäste, die
+ein treffliches Gericht vor sich haben; der eine aber, welcher keinen
+Appetit hat und es nicht verzehren will, verbietet energisch dem
+anderen, den der Leckerbissen reizt, zuzulangen und zu schmausen.« Auch
+der Bund trat gegen Bismarcks Forderungen auf. Er »erwarte nunmehr
+vertrauensvoll die Einsetzung des Augustenburgers«, worauf Bismarck
+erklärte, daß Preußen in keiner Weise dieses Vertrauen rechtfertigen
+werde. Zugleich ging an den preußischen Landtag eine Vorlage über
+Flottenbedürfnisse, in der auch die Kosten für eine Station in Kiel
+verlangt wurden. Bei der Verteidigung erklärte Roon, Preußen werde nie
+den Besitz des Kieler Hafens aufgeben. Trotz des lauten Protestes von
+Wien führte in der Tat auch Preußen seine Arbeiten in der Kieler Bucht
+ungestört fort. Aber noch suchte Bismarck den Bruch zu vermeiden. Noch
+einmal faßte er alle Beschwerden gegen Österreich zusammen und ließ
+durch den Gesandten in Wien erklären, daß ein bewaffneter Konflikt bei
+einer Fortsetzung des bisherigen Verfahrens unvermeidlich sei. Auch
+die Abneigung des Königs gegen den Bruch mit Österreich war noch nicht
+überwunden. Am 29. Mai berief er das gesamte Staatsministerium unter
+Teilnahme des Kronprinzen und Moltkes zu einer Beratung unter seinem
+eigenen Vorsitz. Hier stellte Bismarck die Annexion der Herzogtümer als
+notwendig dar, indem er zugleich erklärte, daß sie nur, früher oder
+später, durch einen Krieg zu erreichen sei: »Den Rat dazu können wir
+jedoch Ew. Majestät nicht erteilen; der Entschluß dazu kann nur aus der
+freien königlichen Überzeugung hervorgehen. Würde ein solcher gefaßt,
+so würde das gesamte preußische Volk ihm freudig folgen.« Die meisten
+Minister erklärten sich mit Bismarck einverstanden, in entschiedenen
+Gegensatz aber stellte sich der Kronprinz, der die Sorge aussprach, daß
+der Krieg mit Österreich Deutschland zerfleischen und die Einmischung
+der Fremden herbeiführen werde, und der zugleich versicherte, der
+Erbprinz von Augustenburg sei »durchaus preußisch« gesinnt. Ehe der
+König die denkwürdige Sitzung schloß, fragte er noch Moltke: »Was ist
+die Meinung der Armee?« »Nach meiner persönlichen Ansicht«, war die
+Antwort, »ist die Annexion die einzige heilsame Lösung für Preußen
+und Schleswig-Holstein. Der Gewinn ist so groß, daß er einen Krieg
+verlohnt. Auch die Meinung des Heeres geht auf Annexion. Ich halte eine
+siegreiche Durchführung des Krieges für möglich, auch die numerische
+Übermacht am entscheidenden Punkte kann erreicht werden.« Der König
+aber behielt sich die Entschließung vor; die Verhandlungen gingen
+weiter. Österreich mochte hierbei in seinem Widerstand auch durch die
+Haltung des preußischen Abgeordnetenhauses bestärkt werden, das auch
+jetzt der Regierung alle Forderungen versagte. Trotzdem war Bismarck
+»politisch zufrieden, in stiller Kammerverachtung«: »Ich kann nicht
+leugnen,« so rief er aus, »daß es mir einen peinlichen Eindruck macht,
+wenn ich sehe, daß angesichts einer großen nationalen Frage, die seit
+zwanzig Jahren die öffentliche Meinung beschäftigt hat, diejenige
+Versammlung, die in Europa für die Konzentration der Intelligenz und
+des Patriotismus in Preußen gilt, zu keiner anderen Haltung als zu
+einer impotenten Negative sich erheben kann.« Im Hinblick auf diese
+Haltung hat noch nach langen Jahren Fürst Bismarck die Unehrlichkeit
+und Vaterlandslosigkeit der politischen Parteien in Deutschland auf
+das härteste angeklagt. Und doch war schon der Weg nach Damaskus auch
+für den Landtag abgesteckt, und schon kam aus altliberalem Lager
+der Antrag, die unlösliche Verbindung der Herzogtümer mit Preußen
+auszusprechen. Aber noch mußte die Zeit reifen.
+
+In späteren Jahren schrieb Moltke einmal: »Der Krieg von 1866 ist nicht
+aus Notwehr entsprungen gegen die Bedrohung der eigenen Existenz; es
+war ein im Kabinett als notwendig erkannter, längst beabsichtigter und
+ruhig vorbereiteter Kampf nicht für Ländererwerb, Gebietserweiterung
+und materiellen Gewinn, sondern für ein ideales Gut, für Machtstellung.
+In der Tat hat es sich um Preußens völliges Reifen zur Großmacht
+gehandelt. Symbolisch hat dies in jenen Tagen auch Bismarck
+ausgedrückt, als er das Geschenk eines kräftigen Handstocks, das ihm
+der König machte, mit folgendem Briefe quittierte:
+
+
+Der Stab Arons
+
+ »Ew. Majestät sage ich meinen ehrfurchtsvollen und wärmsten
+ Dank dafür, daß Allerhöchstdieselben meiner heute in Gnaden
+ gedacht haben. Möge Gott mir so viel Kraft geben, als ich guten
+ Willen habe, den Stab, dessen Symbol Ew. Majestät mir als ein
+ lebenslänglich teures Andenken heute schenken, nach Allerhöchst
+ Ihrem Willen zum Heile unseres Vaterlandes zu führen. Ich habe das
+ gläubige Vertrauen zu Gott, daß Ew. Majestät Stab im deutschen
+ Lande blühen werde wie der Stecken Arons laut dem vierten Buch
+ Mosis im siebzehnten Kapitel, und daß er sich zur Not auch in die
+ Schlange verwandeln werde, welche die übrigen Stäbe verschlingt,
+ wie im siebten Kapitel des zweiten Buches erzählt ist. Verzeihen
+ Ew. Majestät meinem dankbaren Gefühl diese Bezugnahme. Angesichts
+ des Weihnachtsfestes habe ich das Bedürfnis, Ew. Majestät zu
+ versichern, daß meine Treue und mein Gehorsam gegen den Herrn, den
+ Gott mir auf Erden gesetzt hat, auf derselben festen Grundlage
+ beruhen wie mein Glaube.«
+
+Aber König Wilhelm hatte sich noch nicht vertraut gemacht mit der
+Entscheidung auf blutiger Heide; er wollte den Frieden wahren, solange
+es in Ehren möglich war. So trat an die Stelle des Schwertes wieder die
+Feder. Doch wurde in dem Ministerrat, den der König auf der Reise von
+Karlsbad nach Gastein nach Regensburg berief, einstimmig beschlossen,
+ein Ultimatum an Österreich zu senden, in dem jede Verhandlung über
+die Zukunft der Herzogtümer abgelehnt wurde, bis dort die Autorität
+wieder hergestellt und die Agitation beseitigt sein würde. »Mit dem
+Frieden sieht es faul aus, in Gastein muß es sich entscheiden«, schrieb
+der Minister an seine Schwester. »Die Firma Halbhuber-Augustenburg«,
+schreibt er in einem anderen Briefe, »treibt es so arg, daß wir werden
+nächstens einseitig Gewalt anwenden müssen. Das wird in Wien böses
+Blut machen, und dann hängt sich Gewicht an Gewicht bis zum vollen
+Bruch. Österreich läßt uns nur die Wahl, in Holstein zum Kinderspott zu
+werden. Dann schon lieber Krieg, der doch nur eine Zeitfrage bleibt.«
+
+Österreich aber zeigte sich jetzt entgegenkommend. Gerade damals hatte
+Graf Blome dem Gesandten in München den Vorschlag gemacht, Österreich
+solle Holstein, Preußen Schleswig annektieren. Dieser Plan wurde in
+Wien dahin geändert, daß Preußen beide Herzogtümer übernehmen solle,
+wenn eine angemessene Gegenleistung für Österreich gefunden wird. Blome
+erhielt den Auftrag, zunächst für den Augustenburger zu wirken und nur
+bei dauerndem Widerstande den Teilungsplan vorzunehmen. Bismarck wies
+diesen Gedanken zurück, war aber zu weiterem Verhandeln bereit. Blome
+reiste daher nach Ischl, um dem Kaiser Bericht zu erstatten. Bismarck
+aber schrieb an seinen Freund Blankenburg: »Politisch dauert die
+Schwebe zwischen Krieg und Frieden fort, Neigung für letzteren tritt
+aber in Wien doch mehr in den Vordergrund. Auf der Rückreise des Königs
+wahrscheinlich Begegnung mit dem Kaiser in Salzburg. Bis dahin muß ich
+lavieren; denn von hier aus können wir nicht grob werden.«
+
+
+Quinze
+
+ »Es war, wie ich den Vertrag mit Blome schloß. Damals«, so plaudert
+ Bismarck, »habe ich zum letztenmal in meinem Leben Quinze gespielt.
+ Obwohl ich sonst gar nicht mehr spiele — schon lange nicht mehr —,
+ spielte ich da so leichtsinnig darauf los, daß sich die anderen
+ nicht genug verwundern konnten. Ich wußte aber, was ich wollte.
+ Blome hatte gehört, daß man beim Quinze die beste Gelegenheit
+ hätte, die Menschen kennen zu lernen, und wollte das jetzt
+ versuchen. Ich dachte, sollst ihn schon kennen lernen. Ich verlor
+ damals ein paar hundert Taler, die ich eigentlich, als im Dienste
+ Sr. Majestät verwendet, hätte liquidieren können. Aber ich machte
+ ihn damit irre; er hielt mich für waghalsig und gab nach.«
+
+[Illustration: »Einer auf dem Eroberungszuge durch den Norden
+Deutschlands.« Frei nach der Viktoria auf dem Brandenburger Tor.
+(»Kladderadatsch«, September 1865)]
+
+Kaiser Franz Joseph sandte von Ischl tatsächlich ein entgegenkommendes
+Schreiben an den König. Österreich gestand jetzt die Teilung im
+Sinne Blomes zu und machte bedeutende Konzessionen hinsichtlich der
+preußischen Wünsche auf den Durchzug durch Holstein; Rendsburg sollte
+gemeinsam besetzt, Lauenburg gegen eine Geldsumme an Preußen abgetreten
+werden. Die Risse im Bau waren verklebt. Die beiden Monarchen trafen
+sich in Salzburg und setzten ihre Unterschriften unter den Vertrag.
+König Wilhelm aber gab seiner Freude dadurch Ausdruck, daß er am 15.
+September Bismarck in den Grafenstand erhob. Folgender Brief begleitete
+die Ernennung.
+
+
+Graf
+
+ »Mit dem heutigen Tage vollzieht sich ein Akt, die Besitzergreifung
+ des Herzogtums Lauenburg, als eine Folge meiner, von Ihnen mit
+ so großer und ausgezeichneter Umsicht und Einsicht befolgten
+ Regierung. Preußen hat in den vier Jahren, seit welchen ich
+ Sie an die Spitze der Staatsregierung berief, eine Stellung
+ eingenommen, die seiner Geschichte würdig ist und demselben auch
+ eine fernere glückliche und glorreiche Zukunft verheißt. Um Ihrem
+ hohen Verdienste, dem ich so oft Gelegenheit hatte, meinen Dank
+ auszusprechen, auch einen öffentlichen Beweis desselben zu geben,
+ erhebe ich Sie hiermit mit Ihrer Deszendenz in den Grafenstand,
+ eine Auszeichnung, welche auch immerhin beweisen wird, wie hoch
+ ich Ihre Leistungen um das Vaterland zu würdigen wußte. Ihr
+ wohlgeneigter König Wilhelm.«
+
+[Illustration: Das sind die zwei Planeten, die abwechselnd auf- und
+untergehen. (»Kikeriki«)]
+
+Bismarck selbst glaubte nicht an die Dauer des Ausgleichs. Schon
+die Tatsache, daß er alsbald nach Frankreich ging und mit Napoleon
+lange Besprechungen hatte, erweckte in Wien neuen Verdruß. In dieser
+Gereiztheit schritt man dazu, die Agitation des Augustenburgers, die
+schon vorher jedes Maß überstieg, heimlich noch zu verstärken. Man
+billigte es sogar, daß die Gattin des Erbprinzen auf einer Reise
+von Altona nach Kiel überall mit amtlichem Gepränge empfangen und
+als Landesherrin gefeiert wurde. Es kam so weit, daß Manteuffel als
+Gouverneur von Schleswig Bismarck riet, in Wien die Wahl zu stellen,
+entweder mit Preußen oder mit dem Augustenburger zu brechen. Bismarck
+erkannte die Richtigkeit dieses Standpunktes sofort. Er sandte zwar
+noch kein Ultimatum nach Wien, aber die Notwendigkeit des Krieges
+erhob sich für ihn immer drängender: Die preußische Machtstellung
+stand auf dem Spiele und zugleich die Krongewalt. Denn der Konflikt
+ging ununterbrochen weiter, und ein ruhmloser Rückzug im Äußeren
+bedeutete auch die moralische Niederlage im Inneren. Der Kampf im
+Herzen des Königs aber war um so schwerer, als der eigene Sohn die
+Partei des Augustenburgers hielt und mit seinen Angehörigen in scharfe
+Gegnerschaft gegen Bismarcks Pläne trat. Auch die Königin Augusta war
+die Gegnerin des Staatsmannes, und von den Konservativen wandten sich
+Gerlach und seine Freunde erschreckt von der revolutionären Tatkraft
+Bismarcks ab, als sie sich offen gegen Österreich und den Bund kehrte.
+Und auch das ganze Wesen des greisen Königs, der fast ein Siebziger
+war, sträubte sich gegen den Krieg. Er empfand die volle Verantwortung
+für das Blut, das vergossen werden sollte, für den Staat der
+Hohenzollern, den er aufs Spiel setzte. Die alten preußischen Kräfte,
+die er in sich trug, wurden durch seinen Staatsmann, der freilich
+selber ganz Preuße war, auf ein neues Feld hinausgeführt, das sich noch
+ganz fremd und unabsehbar dehnte. Sollte König Wilhelm die Kraft haben,
+sich diesem ungeheueren Zuge der Bismarckschen Politik hinzugeben?
+
+Er entschied nach Bismarcks Rat. Schon im September hatte er in
+Merseburg bei der Feier der fünfzigjährigen Vereinigung der Provinz
+Sachsen mit Preußen gesagt, als er den Besitzer von Schönhausen unter
+den Provinzialständen sah: »Diesem Manne verdanke ich und das Vaterland
+sehr viel.«
+
+
+Als Prophet
+
+ Bei einem Mittagessen bei dem sächsischen Gesandten Grafen
+ Hohenthal fragte im Laufe der Unterhaltung die Hausfrau den neben
+ ihr sitzenden preußischen Ministerpräsidenten: »Sagen Sie mir doch,
+ Exzellenz, ist es wirklich wahr, daß Sie Österreich bekriegen
+ und Sachsen erobern wollen?« Bismarck erwiderte mit größter
+ Freundlichkeit: »Ganz gewiß ist das wahr, teuerste Gräfin; vom
+ ersten Tage meines Ministeriums an habe ich keinen anderen Gedanken
+ gehabt; unsere Kanonen sind heute gegossen, und Sie sollen bald
+ sehen, wie sie der österreichischen Artillerie überlegen sind.«
+ — »Entsetzlich!« rief die Dame; »aber« — fuhr sie fort — »dann
+ geben Sie mir einen Freundesrat, da Sie einmal in offenherziger
+ Laune sind: ich habe zwei Besitzungen, auf welche soll ich mich
+ flüchten, auf mein Gut in Böhmen oder auf mein Schloß bei Leipzig?«
+ — »Wenn Sie mir glauben wollen« — antwortete Bismarck — »reisen
+ Sie nicht nach Böhmen; eben dort, und wenn ich nicht irre, gerade
+ in der Nähe ihres Gutes, werden wir die Österreicher schlagen; Sie
+ könnten dort also schreckliche Abenteuer erleben. Gehen Sie ruhig
+ nach Sachsen; bei Leipzig wird nichts vorfallen, und Sie werden
+ nicht einmal durch Einquartierung belästigt werden, denn Ihr Schloß
+ Knauthayn liegt an keiner Etappenstraße.« Als bald nachher Bismarck
+ von anderen Diplomaten über diese Äußerung besorglich interpelliert
+ wurde, lachte er, daß man von der Verspottung einer unpassenden
+ Frage Notiz nähme. Herr von Beust aber nahm, in Erinnerung an
+ seine langjährige Feindseligkeit gegen Preußens Politik, die Sache
+ äußerst ernsthaft, sandte die wichtige Enthüllung nach Wien,
+ rief Österreichs mächtigen Schutz an und erklärte, daß, wenn
+ Österreich jetzt rüste, sämtliche Mittelstaaten fest zu ihm stehen,
+ anderenfalls aber der Freundschaft Österreichs für immer den Rücken
+ kehren würden.
+
+Es war, wie Sybel sagt, die entscheidende Epoche in Bismarcks mächtigem
+Lebensgang. Ein neues Preußen war nicht denkbar ohne ein neues
+Deutschland, die Kräftigung Preußens hing eng zusammen mit der Lösung
+der deutschen Frage. Jetzt gab es von allen Alternativen nur noch die
+eine: Ein Hinausdrängen Österreichs aus dem Bunde und Vereinigung
+des übrigen Deutschland unter preußischer Leitung. Bei Bismarck
+fielen Vorsicht und Kühnheit, Vorwärtsdrängen und Mäßigung untrennbar
+zusammen. Jetzt aber, wo nur auf dem Wege über Olmütz ein Ausweichen
+möglich war, blieb nur, wenn Preußens Ehre nicht verletzt werden
+sollte, der steile Pfad der kriegerischen Entscheidung.
+
+[Illustration: »Dieses alles will ich dir geben, wenn du mir hilfst,
+Belgien und Luxemburg zu gewinnen.« (Spottblatt)]
+
+Schriften und Gegenschriften flogen herüber und hinüber, das Bündnis
+mit Italien wurde geschlossen, Napoleon, der Kompensationen forderte,
+durch ein dilatorisches Verhalten beruhigt. Die Volksstimmung suchte
+Bismarck durch die Ankündigung eines allgemeinen deutschen Parlaments
+und des allgemeinen Stimmrechts zu gewinnen, überzeugt, daß die Massen
+ehrlicher an der Erhaltung der staatlichen Ordnung interessiert seien
+als die Führer jener Klassen, die man durch die Einführung eines Zensus
+privilegiert hatte. Er glaubte, wie er dem Grafen Bernstorff schrieb,
+daß in einem Lande mit monarchischen Traditionen und loyaler Gesinnung
+das allgemeine Stimmrecht, indem es die Einflüsse der liberalen
+Bourgeoisie beseitigt, auch zu monarchischen Wahlen führen werde. In
+Preußen seien neun Zehntel des Volkes dem Könige treu und nur durch
+den künstlichen Mechanismus der Wahl um den Ausdruck ihrer Meinung
+gebracht. Später sah Bismarck seinen Irrtum ein. Aber »er konnte nicht
+ganze Bibliotheken studieren, um ein besseres Wahlrecht auszuklügeln«.
+Überdies war dieses Wahlrecht eine Hinterlassenschaft der Paulskirche;
+es wurde von Bismarck nicht erschaffen, sondern als Erbe übernommen.
+»Die Karte war ausgespielt, und wir haben sie als auf dem Tische
+liegende Hinterlassenschaft vorgefunden.«
+
+Die Anträge auf die Einberufung einer deutschen Nationalversammlung
+wurden in Frankfurt eingebracht. Die Abstimmung wurde ausgesetzt — sie
+ist nie vollzogen worden. Die Ereignisse gingen einen zu raschen Weg.
+Aber blieb auch das Reformwerk ein Torso, so wurde es doch gegenüber
+dem tobenden Unglauben der Parteien das feste Wahrzeichen, daß
+Deutschlands Einheit unter Preußens Führung auf dem Boden politischer
+Freiheit gegründet werden sollte. Es war der Tropfen demokratischen
+Öles, mit dem einst Uhland die Stirn des künftigen Deutschen Kaisers
+gesalbt wissen wollte.
+
+Während Preußen und Österreich mit aller Macht rüsteten, betonten
+sie noch immer ihre Friedensliebe in höflichen Worten. Bayern und
+Württemberg, Nassau und Hessen mobilisierten; am 20. Mai verlangte
+Preußen von Hannover und Kurhessen die Zusage unbewaffneter
+Neutralität. Als beide ablehnten, ließ Bismarck erklären, Preußen werde
+fortan die beiden Länder als seine Gegner ansehen. Auch nach Sachsen
+erfolgte eine gleiche Erklärung. Überhaupt sorgte Bismarck mit Energie
+und Umsicht an den norddeutschen Höfen für unbedingte Klarheit.
+
+
+Blinds Attentat
+
+ In jener Zeit der mühevollsten Arbeit richtete sich gegen Bismarck
+ die Mordwaffe eines Fanatikers. Am 7. Mai hatte er Vortrag beim
+ Könige gehalten; er schritt die Linden entlang, als er plötzlich
+ in der Nähe der Schadowstraße zweimal hinter sich schießen
+ hörte. Er blickte sich um und sah, wie ein kleiner Mensch von
+ jüdischem Aussehen einen Revolver auf ihn anlegte. Bismarck
+ sprang hinzu und packte ihn mit ehernem Griff am Faustgelenk,
+ so daß auch der dritte Schuß fehlging. Der Attentäter wurde
+ ergriffen, während Bismarck, der nur leichte Kontusionen erlitten
+ hatte, ruhig nach Hause ging. Der Täter hieß Karl Cohen, er war
+ der Stiefsohn des bekannten badischen Flüchtlings Karl Blind.
+ Später erzählte Bismarck von jenem Vorgange: »Ich hatte Mühe, den
+ kräftigen jungen Mann von mir abzuwehren, und lange hätte das
+ Ringen mit ihm nicht dauern dürfen, denn ich fühlte mich einer
+ Ohnmacht nahe. In diesem entscheidenden Augenblick erhob sich
+ ein Gewehrkolben über meinem Haupte, der Soldat, welcher in der
+ Nähe Posten stand, wollte nämlich intervenieren. Da wurde eine
+ lederbehandschuhte Hand sichtbar, welche den Gewehrkolben faßte,
+ und eine Stentorstimme, die einem Offizier gehörte, schrie:
+ ›Rindvieh‹. Die Erregung in Berlin war groß.« — An jenem Tage fand
+ im Hause des Ministers ein Familiendiner statt. Als Bismarck nicht
+ rechtzeitig erschien, war man kaum verwundert. Denn es war in der
+ Zeit vor dem Kriege gegen Österreich nichts Ungewöhnliches, daß
+ der Ministerpräsident länger als sonst bei dem König blieb, so daß
+ häufig das für fünf Uhr bestimmte Diner um eine halbe Stunde und
+ länger hinausgeschoben werden mußte. Niemand im Hause hatte auch
+ nur eine Ahnung von dem meuchlerischen Mordanfall Unter den Linden
+ und von der wunderbaren Rettung des Hausherrn. Es war eine kleine
+ Gesellschaft im Salon der Frau von Bismarck versammelt, die den
+ Ministerpräsidenten erwartete; dieser trat endlich ein, niemand
+ merkte ihm irgendwelche Unruhe oder Aufregung an, nur schien es
+ einigen, als ob er freundlicher noch als sonst grüßte. Mit den
+ Worten: »Ei! wie eine liebe Gesellschaft!« nahm er seinen Weg
+ nach seinem Arbeitszimmer, wo er in der Regel noch einige Minuten
+ verweilte, bevor er zu Tische ging. Heute berichtete er kurz den
+ Vorfall dem Könige. Darauf kam er zurück zu der Tischgesellschaft
+ und sagte, wie er das häufig zu tun pflegte, wenn er sehr spät
+ kam, in spaßhaft vorwurfsvollem Tone zu seiner Gemahlin: »Warum
+ essen wir denn heute gar nicht?« Er näherte sich einer Dame, um
+ dieselbe zu Tisch zu führen; da erst, beim Ausgang aus dem Salon,
+ trat er auf seine Gemahlin zu, küßte sie auf die Stirn und sprach:
+ »Mein Kind! sie haben auf mich geschossen, aber es ist nichts!«
+ So zart und vorsichtig nun auch diese Mitteilung gemacht wurde,
+ so malte sich doch begreiflicherweise das Erschrecken auf allen
+ Gesichtern, dann drängte sich alles um Bismarck in Freude um die
+ wunderbare Errettung. Dieser aber ließ sich nicht aufhalten, ging
+ zum Speisesaal und saß nach dem kurzen Tischgebet vor seiner
+ Suppe, die ihm um so trefflicher munden mochte, je weniger er,
+ nach Menschengedanken, noch eine halbe Stunde zuvor ein Anrecht
+ auf sie zu haben schien. Der hinzugekommene Arzt sagte nachher,
+ als man allerlei Theorien darüber aufstellte, wie das Attentat so
+ unschädlich habe verlaufen können, mit Recht: »Meine Herren, es ist
+ hier nur eine Erklärung: Gott hat seine Hand dazwischen gehabt!«
+
+Auch der letzte Versuch einer Verständigung, den Anton von Gabelenz
+machte, ist gescheitert, ebenso alle Versuche, die Höfe von Hannover
+und Kassel zur Vernunft zu mahnen. Vergebens suchte auch Napoleon den
+Vorschlag einer Konferenz, die Frage vor einem europäischen Areopag. Am
+1. Juni fiel im Bunde die erste wichtige Entscheidung. Österreich hatte
+gefordert, daß die Schleswig-Holsteinische Frage nach Recht und Gesetz
+des Deutschen Bundes, nicht von den beiden Großmächten entschieden
+werde; es hatte also offen und deutlich den Vertrag von Gastein
+gebrochen. In der schärfsten Weise wies Bismarck dieses Vorgehen
+zurück, indem er zugleich erklärte, daß jetzt der König von Preußen
+den General von Manteuffel mit der Wahrung seiner Souveränitätsrechte
+in Holstein beauftragen werde. Zugleich sandte er an alle deutschen
+Regierungen seinen Entwurf einer künftigen deutschen Bundesverfassung.
+Manteuffel aber erließ eine Bekanntmachung, daß er Holstein besetzt
+habe und genötigt sei, die Regierung in die Hand zu nehmen; die Truppen
+Österreichs zogen sich alsbald nach Altona und von dort über Hannover,
+Hessen und Bayern nach Böhmen zurück. Da stellte Österreich beim Bunde
+den Antrag auf Mobilmachung des ganzen Bundesheeres und die Ernennung
+eines Bundesfeldherrn. Bismarck erklärte, als mit neun gegen sechs
+Stimmen der Antrag angenommen war, den Bundesvertrag für gebrochen, den
+Bund für aufgelöst und lud die Freunde der nationalen Sache ein, die
+preußische Bundesreform anzunehmen. Damit endete die letzte Sitzung des
+Bundestages; er starb ruhmlos, wie er ruhmlos gelebt hatte. Für König
+Wilhelm aber war jetzt die Stunde des letzten Entschlusses gekommen.
+Als Bismarck sie forderte, weil die letzte Friedenshoffnung erloschen
+sei, da erklärte er dem Minister den Wunsch, sich auf kurze Zeit in
+sein Zimmer zurückziehen zu dürfen. Bismarck erzählt über diese Szene:
+
+
+Ein herzbewegendes Bild
+
+ Als Bismarck allein war, warf er von ungefähr einen Blick in den
+ Spiegel, in welchem ein Teil des Nebengemaches sich abzeichnete, da
+ der König beim Eintritt in dieses Zimmer die Verbindungstüre nicht
+ völlig geschlossen hatte. Da erblickte Bismarck ein herzbewegendes
+ Bild! Sein König lag auf den Knien und flehte in heißem Gebet zu
+ dem Herrn aller Heerscharen, zum König aller Könige. Bismarck
+ wandte das Haupt ab, und Tränen rollten über dieses eherne
+ Antlitz. Inzwischen trat der König wieder lautlos ein, und dessen
+ milde Stimme sprach jetzt zu Bismarck: »Ich habe die Entscheidung
+ getroffen. Ich genehmige Ihre Vorschläge.«
+
+
+Moltkes einziger Witz
+
+ Am Abend des Tages, an dem die entscheidende Nachricht über die
+ Abstimmung im Bunde eintraf, bat Bismarck den General Moltke zu
+ sich. Beide Herren zogen sich alsbald zurück, um die militärischen
+ Maßnahmen zu besprechen, die durch die politische Lage bedingt
+ waren. Nach Verlauf einer Stunde traten beide bereits wieder
+ aus dem Arbeitszimmer Bismarcks heraus. Nunmehr gab Bismarck
+ den Auftrag, daß die chiffrierten Depeschen, betreffend die
+ Sommationen, an Sachsen, Hannover und Kurhessen abgehen sollten.
+ Gegen zwei Uhr nachts zog Bismarck die Uhr heraus und sagte: »In
+ zweiundzwanzig Stunden werden unsere Truppen in Sachsen, Hannover
+ und Kurhessen einrücken!« Moltke war in heiterster Laune und
+ bemerkte: »Heute ist die Brücke bei Dresden gesprengt worden.«
+ Als er das allgemeine Erstaunen der Tischgesellschaft wahrnahm —
+ Bismarck nicht ausgenommen, welcher meinte, das sei doch nicht
+ möglich —, lachte er verschmitzt und sagte: »Ich meine, es war
+ ein heißer und staubiger Tag, an dem wohl der Sprengwagen auf der
+ Dresdener Brücke in Funktion war.« Der anwesende Graf Lehndorff
+ meinte: wenn Moltke Witze macht, dann müssen die Chancen des
+ Krieges gut stehen. — Der Erfolg gab ihm bald recht. Eine drollige
+ Charakteristik hat übrigens einmal Fürst Bismarck von dem alten
+ Feldherrn zum besten gegeben. Wenn eine Kriegserklärung in der Luft
+ schwebe — sagte der Kanzler —, werde selbst Moltke gesprächig,
+ und als es im Jahre 1870 losging, sei derselbe mit einem Schlage
+ um zehn Jahre jünger geworden. Vorher sauertöpfisch und mürrisch,
+ hätte er nun aufgeräumt geplaudert, sogar wieder Appetit auf
+ Champagner und schwere Zigarren bekommen und den letzten Rest von
+ Zipperlein verloren, das er sich beim Ausruhen auf kalt gewordenen
+ Lorbeeren geholt.
+
+[Illustration:
+
+ Stolz — Stolzer — Am stolzesten
+
+(»Figaro«, September 1866)]
+
+Anders allerdings und ernster hat Bismarck sonst über seinen Gefährten
+in Walhall geurteilt:
+
+ »Das war ein ganz seltener Mensch, ein Mann der systematischen
+ Pflichterfüllung,« läßt Bismarck im Tone wärmster Anerkennung sich
+ vernehmen, »eine eigenartige Natur, immer fertig und unbedingt
+ zuverlässig, dabei kühl bis ans Herz hinan. Er würde sich schon
+ im Anzuge die kleinste Ordnungswidrigkeit nicht verziehen haben,«
+ sei immer »=á quatre épingles=« gewesen, und es habe von ihm das
+ Wort von des Dienstes ewig gleichgestellter Uhr gegolten, bei Tage
+ wie des Nachts. Er, Bismarck, habe, was das Äußere anlange, ihm
+ weit nachgestanden. »Es kam öfters vor, daß ich Moltke wecken und
+ mit ihm zum König gehen mußte, wenn besonders wichtige Nachrichten
+ angekommen waren. In solchem Falle hatte ich das Recht, den alten
+ Herrn zu jeder Nachtstunde zu sprechen. Wenn ich dann durch alle
+ Wachen und sonstige Hindernisse bis zu Moltke vorgedrungen war, so
+ brauchte ich nur fünf bis höchstens zehn Minuten zu warten; dann
+ war er fertig: gewaschen, tadellos vorschriftsmäßig angezogen und
+ sogar in frischgewichsten Stiefeln.«
+
+[Illustration: ~Der müde Kanzler~
+
+Bismarck: »Meine Herren, ich sage Ihnen, ich bin todesmüde — — —«
+
+Kikeriki: »So? Na, da möcht’ ich den Herrn erst seg’n, wann er
+ausg’rast’t is!«
+
+(»Kikeriki«, Mai 1880)]
+
+Der Krieg brach aus. Das Schicksal ging seinen Weg. Der König aber
+durfte seinen Preußen zurufen: »Nicht mein ist die Schuld, wenn mein
+Volk schweren Kampf kämpfen und vielleicht harte Bedrängnis wird
+erdulden müssen: Aber es ist uns keine Wahl mehr geblieben! Wir müssen
+fechten um unsere Existenz! ... Flehen wir den Allmächtigen, den Lenker
+der Geschicke der Völker, den Lenker der Schlachten an, daß er unsere
+Waffen segne!«
+
+ * * * * *
+
+Schon im April hatte Roon an seinen Freund Perthes geschrieben:
+»Ich zweifle nicht, daß unsere Wege zu erwünschten Zielen führen
+unter der Voraussetzung, daß Graf Bismarcks Gesundheit ihn nicht
+lahmlegt. Das freilich heißt nach meiner Überzeugung die Schlacht von
+Kollin zum zweitenmal verlieren.« Aber Bismarck blieb gesund, sein
+Körper versagte nur dann, wenn seiner rastlosen Energie und seiner
+dämonischen Leidenschaftlichkeit sich die Zaghaftigkeit als Hindernis
+entgegenstellte. Der Schlaflose konnte jetzt »zwei Nächte hindurch gut
+und viel schlafen«.
+
+[Illustration: ~Die Legende vom Menschenfresser und vom Däumling~
+
+Eine französische Verdächtigung Bismarcks, der angeblich die Aufsaugung
+der kleineren deutschen Staaten im Auge hat. (»=Le philosophe=«,
+September 1865)]
+
+Bismarck war von vornherein entschlossen, seinen König ins
+Hauptquartier zu begleiten. Am Abend noch, ehe er abreiste, wurde ihm
+von den einst so feindlich gesinnten Berlinern eine begeisterte Ovation
+gebracht. Die ersten Siegesnachrichten waren bereits eingetroffen, der
+preußische Elan war erwacht, und in den Gehirnen begann es zu dämmern,
+daß tatsächlich jetzt durch Blut und Eisen das ersehnte Ziel erreicht
+werden könne. Und so wandelte sich auch sonst im ganzen preußischen
+Volke die Stimmung. Am 30. Juni reiste Bismarck mit dem König ab. Spät
+abends traf er mit dem Hauptquartier in Reichenberg ein. Schon hier war
+das Hauptquartier und mit ihm der König von ernster Gefahr bedroht.
+Noch nach Jahrzehnten erzählte der Staatsmann:
+
+
+Beinahe gefangen
+
+ »Am 30. Juni 1866 abends traf Se. Majestät mit dem Hauptquartier
+ in Reichenberg ein. Die Stadt von 28000 Einwohnern beherbergte
+ 1800 österreichische Gefangene und war nur von 500 preußischen
+ Trainsoldaten mit alten Karabinern besetzt; nur einige Meilen
+ davon lag die sächsische Reiterei. Diese konnte in einer Nacht
+ Reichenberg erreichen und das ganze Hauptquartier mit Sr. Majestät
+ aufheben. Daß wir in Reichenberg Quartier hatten, war telegraphisch
+ publiziert worden. Ich erlaubte mir, den König hierauf aufmerksam
+ zu machen, und infolge dieser Anregung wurde befohlen, daß die
+ Trainsoldaten sich einzeln und unauffällig nach dem Schlosse
+ begeben sollten, wo der König Quartier genommen hatte. Die Militärs
+ waren über diese meine Einmischung empfindlich, und um ihnen zu
+ beweisen, daß ich um meine Sicherheit nicht besorgt sei, verließ
+ ich das Schloß, wohin Se. Majestät mich befohlen hatte, und behielt
+ mein Quartier in der Stadt.«
+
+Von Hohenmauth, wohin er über Siechrow und Jitschin gelangte, schrieb
+Bismarck seinen prächtigen Brief über den Geist der Armee:
+
+
+Der preußische Soldat
+
+ »Unsere Leute sind inzwischen, jeder, so todesmutig, ruhig,
+ folgsam, gesittet, mit leerem Magen, nassen Kleidern, nassem
+ Lager, wenig Schlaf, abfallenden Stiefelsohlen, freundlich gegen
+ alle, kein Plündern und Sengen, bezahlen was sie können und essen
+ verschimmeltes Brot. Es muß doch ein tiefer Fonds von Gottesfurcht
+ im gemeinen Manne bei uns sitzen, sonst könnte dies alles nicht
+ sein.«
+
+Am 3. Juli fiel bei Königgrätz die Entscheidung, und am Abend,
+auf dem Schlachtfelde, konnte Roon dem langjährigen Kampfgenossen
+zurufen: »Bismarck, diesmal hat uns der brave Musketier noch einmal
+herausgerissen.« Roon hatte recht. Bismarck wußte, daß auch für ihn der
+geschichtliche Name von dem Ausfall des Kampfes abhängen würde.
+
+
+Den Besen um die Ohren geschlagen
+
+ Als Bismarck in den Krieg von 1866 auszog, befand sich unter den
+ Diplomaten, die sich von ihm verabschiedeten, auch der belgische
+ Gesandte. »Auf glückliches Wiedersehen«, rief ihm dieser zu, die
+ entgegengestreckte Hand ergreifend. »Auf Wiedersehen,« entgegnete
+ Bismarck, »wenn alles gut geht; sonst lasse ich mich in der letzten
+ Attacke niederreiten.« Im Anschluß hieran erzählte Bismarck einmal
+ dem Präsidenten Simson über den Tag der entscheidenden Schlacht:
+ Sie sei bereits entschieden gewesen, und der Kreis der Männer
+ um den König hätte sich bereits gelöst. Bismarck sei allein
+ davongeritten. Da sei ihm ein General nachgekommen und habe ihm
+ gesagt: »Sie können heute lachen. Wenn es schief gegangen wäre,
+ hätten Ihnen die Kehrweiber ihre Besen um die Ohren geschlagen.«
+
+
+Im Kugelregen
+
+ In der Schlacht von Königgrätz hatte König Wilhelm sich gewaltig
+ exponiert. »Es war sehr gut,« schreibt Bismarck darüber an die
+ Gattin, »daß ich mit war. Denn alle Mahnungen anderer fruchteten
+ nicht, und niemand hätte gewagt, so zu reden, wie ich es mir beim
+ letztenmal, welches half, erlaubte, nachdem ein Knäuel von zehn
+ Kürassieren und fünfzehn Pferden vom sechsten Kürassierregiment
+ neben uns sich blutend wälzte, und die Granaten den Herrn in
+ unangenehmster Nähe umschwirrten. Die schlimmste sprang zum Glücke
+ nicht. Es ist mir aber doch lieber so, als wenn er die Vorsicht
+ übertriebe. Er war enthusiasmiert über seine Truppen und mit Recht,
+ so daß er das Sausen und Einschlagen neben sich gar nicht zu merken
+ schien, ruhig und behaglich wie am Kreuzberg, und fand immer wieder
+ Bataillone, denen er danken und guten Abend sagen mußte, bis wir
+ denn richtig wieder ins Feuer hineingeraten waren. Er hat aber so
+ viel darüber hören müssen, daß er es künftig lassen wird, und Du
+ kannst beruhigt sein: ich glaube auch kaum noch an eine wirkliche
+ Schlacht.«
+
+
+Moltkes Feldherrnblick
+
+ Als Bismarck während der Schlacht in der bösesten Stunde mit Moltke
+ zusammentraf, hielt er dem Schlachtendenker seine Zigarrentasche
+ hin, in der sich nur noch zwei Exemplare vorfanden. Moltke griff zu
+ und wählte mit Feldherrnblick ~die bessere~. »Ich schloß hieraus,«
+ erzählte Bismarck, »daß unsere Aussichten keineswegs schlecht sein
+ konnten.«
+
+
+Noch eine Zigarre
+
+ »Bei Königgrätz,« so erzählte Bismarck, »hatte ich nur noch eine
+ einzige Zigarre in der Tasche, und die hütete ich während der
+ ganzen Schlacht wie ein Geizhals seinen Schatz. Ich gönnte sie mir
+ augenblicklich selbst noch nicht. Mit glühenden Farben malte ich
+ mir die wonnige Stunde aus, in der ich sie nach der Schlacht in
+ Siegesruhe rauchen wollte. Aber ich hatte mich verrechnet. Ich sah
+ einen armen verwundeten Dragoner. Hilflos lag er da, beide Arme
+ waren ihm zerschmettert, und er wimmerte nach einer Erquickung;
+ ich suchte in allen Taschen nach, und das nützte ihm nichts. Doch
+ halt, ich hatte ja noch eine kostbare Zigarre! Die rauchte ich ihm
+ an und steckte sie ihm zwischen die Zähne. Das dankbare Lächeln des
+ Unglücklichen hätte man sehen sollen. ~So köstlich hat mir keine
+ Zigarre geschmeckt, als diese, die ich — nicht rauchte!~«
+
+
+Die Geschwulst
+
+ »Da erinnere ich mich,« erzählte Graf Bismarck in Versailles, »nach
+ der Schlacht bei Königgrätz — ich war den ganzen Tag im Sattel
+ gewesen auf dem großen Pferde. Ich wollte es eigentlich dort nicht
+ reiten, da es zu hoch war und das Aufsteigen soviel Mühe machte.
+ Zuletzt tat ich’s doch, und ich bereute es nicht. Aber das lange
+ Halten oben über dem Tale hatte mich doch sehr müde gemacht,
+ und das Sitzfleisch und die Beine taten sehr weh. Durchgeritten
+ hatte ich mich nicht; ich habe mich in meinem ganzen Leben nicht
+ durchgeritten; aber als ich dann später auf einer Holzbank saß und
+ schrieb, da hatte ich das Gefühl, als ob ich auf etwas anderem
+ säße, auf einem fremden Gegenstande zwischen mir und der Bank. Es
+ war aber nur die Geschwulst, die von dem langen Reiten entstanden
+ war.«
+
+
+Ohne Quartier
+
+ »Wir kamen«, so erzählt Bismarck weiter, »spät abends nach Horsitz
+ auf den Marktplatz. Da hieß es, die Herren werden ersucht, sich
+ selbst einzuquartieren. Das war aber leichter gesagt als getan.
+ Die Häuser waren verschlossen, und man hätte Pioniere zur Hand
+ haben müssen, um die Türen einzuschlagen. Aber die wären wohl
+ erst früh um fünf angekommen. Ich ging denn an mehrere Häuser,
+ drei, vier, und zuletzt fand ich eine offene Tür. Wie ich aber
+ ein paar Schritt auf der dunkeln Hausflur gegangen war, fiel ich
+ in eine Art Wolfsgrube. Zum Glück war es nicht tief, und wie ich
+ mich überzeugte, war Pferdedünger darin. Ich dachte zuerst: wie
+ wär’s, wenn man hier bliebe, — wurde aber doch gewahr, durch den
+ Geruch, daß noch anderes dabei war. Wie das sich doch mitunter
+ seltsam trifft. Wenn die Grube zwanzig Fuß tief war und voll, da
+ hätten sie am anderen Morgen ihren Minister lange suchen sollen. —
+ Ich ging nun wieder hinaus und fand einen Platz unter den Arkaden
+ am Marktplatze. Da legte ich mir ein paar Kutschkissen hin und
+ machte mir ein Kopfkissen von einem dritten und streckte mich zum
+ Schlafen hin. Als ich mich hingelegt hatte, kam ich mit der Hand
+ neben mir in etwas Nasses, und als ich es untersuchte, war es
+ etwas Ländliches — von einer Kuh. Später weckte mich einer. Es war
+ Perponcher, der sagte mir, der Großherzog von Mecklenburg hätte
+ noch ein Unterkommen für mich und ein Bett übrig. Das war richtig.
+ Nur war das Bett ein Kinderbett. Ich machte mir’s zurecht, indem
+ ich mir zu Füßen eine Stuhllehne hinstellte, klappte mich wie ein
+ Taschenmesser zusammen und schlief ein. Aber früh konnte ich kaum
+ aufstehen, da ich mit den Knien auf der Lehne gelegen hatte. — Wenn
+ man nur einen Strohsack hat, kann man sich’s recht bequem machen,
+ auch wenn er sehr schmal ist, wie das oft vorkommt. Man schneidet
+ ihn nämlich in der Mitte auf, schiebt das Stroh zurück und legt
+ sich dann in die auf diese Weise entstandene Mulde. Ich habe das
+ mitunter in Rußland so gemacht, auf der Jagd.«
+
+Als Moltke am Abend der Schlacht von Königgrätz über das Leichenfeld
+ritt, hatte er zum König gesagt: »Ew. Majestät haben nicht bloß
+die Schlacht, sondern den Feldzug gewonnen.« Bismarck aber hatte
+hinzugefügt: »Die Streitfrage ist also entschieden; jetzt gilt es, die
+alte Freundschaft mit Österreich wieder zu gewinnen!« Welche Fernsicht!
+Welche weitgehende Berechnung! Welche tiefe Erkenntnis, daß das Bündnis
+mit Österreich der letzte Zweck des Krieges war!
+
+Schon als noch die Waffen ihre ernste Weise sangen, mußte für den
+Staatsmann die Zukunft die Weise bestimmen, durfte er den klaren
+Sinn sich nicht durch Siegesjubel verdunkeln lassen. So hat er es
+verhindert, daß die preußischen Truppen gegen Wien vordrangen und in
+der alten Kaiserstadt ihren Einmarsch hielten. Nicht nur, weil er
+Österreichs Eigenliebe aus Gründen der Zukunft verschonen wollte,
+sondern auch, weil der letzte Widerstand an den Floridsdorfer
+Befestigungen eine Zeit von Wochen in Anspruch nehmen konnte, die
+Napoleons Intervention auf das Feld rufen mußte. Hier lag ja die
+schwerste Gefahr, zumal seit dem Tage, da Kaiser Franz Joseph an
+Napoleon Venetien abgetreten und seine Vermittlung angerufen hatte.
+Unter dem gleichen Gesichtspunkt hat Graf Bismarck später auch, bei den
+Friedensverhandlungen von Nikolsburg, nach Kräften vorwärtsgedrängt
+und trotz des Unwillens des Königs und seiner Generale das Gebiet des
+Kaiserstaates geschont.
+
+
+In Nikolsburg
+
+ »Der Widerstand,« so erzählt Bismarck in seinem Gedenkbuch, »den
+ ich in den Absichten Sr. Majestät in betreff der Ausnutzung
+ der militärischen Erfolge und seiner Neigung, den Siegeslauf
+ fortzusetzen, meiner Überzeugung gemäß leisten mußte, führte eine
+ so lebhafte Erregung des Königs herbei, daß eine Verlängerung
+ der Erörterung unmöglich war und ich mit dem Eindruck, meine
+ Auffassung sei abgelehnt, das Zimmer verließ mit dem Gedanken,
+ den König zu bitten, daß er mir erlauben möge, in meiner
+ Eigenschaft als Offizier in mein Regiment einzutreten. In mein
+ Zimmer zurückgekehrt, war ich in der Stimmung, daß mir der
+ Gedanke nahetrat, ob es nicht besser sei, aus dem offenstehenden,
+ vier Stock hohen Fenster zu fallen, und ich sah mich nicht um,
+ als ich die Tür öffnen hörte, obwohl ich vermutete, daß der
+ Eintretende der Kronprinz sei, an dessen Zimmer ich auf dem
+ Korridor vorübergegangen war. Ich fühlte seine Hand auf meiner
+ Schulter, während er sagte: ›Sie wissen, daß ich gegen den Krieg
+ gewesen bin; Sie haben ihn für notwendig gehalten und tragen die
+ Verantwortlichkeit dafür. Wenn Sie nun überzeugt sind, daß der
+ Zweck erreicht ist und jetzt Friede geschlossen werden muß, so
+ bin ich bereit, Ihnen beizustehen und Ihre Meinung bei meinem
+ Vater zu vertreten.‹ Er begab sich dann zum Könige, kam nach
+ einer kleinen halben Stunde zurück in derselben ruhigen und
+ freundlichen Stimmung, aber mit den Worten: ›Es hat sehr schwer
+ gehalten, aber mein Vater hat zugestimmt.‹ Diese Zustimmung hatte
+ ihren Ausdruck gefunden in einem mit Bleistift an den Rand einer
+ meiner letzten Eingaben geschriebenen Marginale ungefähr des
+ Inhaltes: ›Nachdem mein Ministerpräsident mich vor dem Feind im
+ Stiche läßt und ich hier außerstande bin, ihn zu ersetzen, habe
+ ich die Frage mit meinem Sohn erörtert, und da sich derselbe der
+ Auffassung des Ministerpräsidenten angeschlossen hat, sehe ich
+ mich zu meinem Schmerze gezwungen, nach so glänzenden Siegen der
+ Armee in diesen sauren Apfel zu beißen und einen so schmachvollen
+ Frieden anzunehmen.‹ — Ich glaube mich nicht im Wortlaut zu irren,
+ obschon mir das Aktenstück gegenwärtig nicht zugänglich ist; der
+ Sinn war jedenfalls der angegebene und mir damals trotz der Schärfe
+ der Ausdrücke eine erfreuliche Lösung der für mich unerträglichen
+ Spannung. Ich nahm die königliche Zustimmung zu dem von mir als
+ politisch notwendig Erkannten gern entgegen, ohne mich an ihrer
+ unverbindlichen Form zu stoßen. Im Geiste des Königs waren eben
+ die militärischen Eindrücke damals die vorherrschenden, und das
+ Bedürfnis, die bis dahin so glänzende Siegeslaufbahn fortzusetzen,
+ war vielleicht stärker als die politischen und diplomatischen
+ Erwägungen. Von dem erwähnten Marginale des Königs, das mir
+ der Kronprinz überbrachte, blieb mir als einziges Residuum die
+ Erinnerung an die heftige Gemütsbewegung, in die ich meinen alten
+ Herrn hatte versetzen müssen, um zu erlangen, was ich im Interesse
+ des Vaterlandes für geboten hielt, wenn ich verantwortlich bleiben
+ sollte. Noch heute haben diese und analoge Vorgänge bei mir keinen
+ anderen Eindruck hinterlassen als die schmerzliche Erinnerung, daß
+ ich einen Herrn, den ich persönlich liebte wie diesen, so habe
+ verstimmen müssen.«
+
+Wie oft hat Bismarck später dieser Kämpfe gedacht! Des Kriegsrates
+in seiner Krankenstube, und wie er, zurückgewiesen, in die Kammer
+nebenan gegangen sei, sich aufs Bett geworfen und laut geweint habe
+vor nervöser Aufregung, wie er am Fenster des Schlosses gestanden und
+ihm der Gedanke gekommen sei: besser, er läge da unten, wie der König
+ihm grollte und das Wort von einem »schmachvollen Frieden« an den Rand
+seiner Eingabe schrieb. Auch hier das Bild, das auch später noch
+wiederkehrt: Bismarcks Körper erliegt der geistigen Qual, dem Schmerze
+um das Vaterland.
+
+Auch König Wilhelm gelangte zu anderer Meinung; in seinem
+nachdenklichen Geiste wirkten Bismarcks Gründe nach, und als der
+Frieden unterzeichnet war, da sprang er auf, umarmte, wie Roon nach
+Hause schreibt, und küßte dankend und weinend mit viel beweglichen
+Worten zuerst Bismarck, dann Roon und Moltke. Napoleons Gesandter kam
+zu spät. Als Bismarck eben unterzeichnen wollte, ließ sich Benedetti
+melden, um für Frankreich erneut eine Entschädigung zu fordern. Der
+preußische Staatsmann erwiderte freundlich, er sei bereit, diese
+Vorschläge zu erwägen. Als aber der Gesandte vom linken Rheinufer zu
+sprechen anfing, fiel ihm Bismarck ins Wort: »Machen Sie mir heute
+keine amtlichen Mitteilungen dieser Art«, darauf wandte er sich
+zur Unterzeichnung des Friedensvertrages. Er hatte »die Stirnlocke
+Fortunas« mit fester Hand ergriffen. In Frankreich aber erhob sich
+fortan der Schrei nach Revanche für Sadowa.
+
+[Illustration: Es ist ein fröhlich Wandern, wenn einer führt den
+andern! (»Figaro«, November 1867)]
+
+Noch stand eine dreifache Arbeit für Bismarck bevor. Zuerst galt es,
+mit den feindlichen deutschen Staaten nicht nur Frieden zu schließen,
+sondern sie auch für die Zukunft zu gewinnen. Dann galt es, Frankreich,
+das jetzt Belgien forderte, in Schranken zu halten — damals vollzog
+Bismarck in der Verhandlung mit Benedetti jenes Meisterstück, das ihm
+vier Jahre später so große Dienste leisten sollte: Er behielt das von
+des Franzosen Hand geschriebene Entwurfskonzept im Besitz, um es im
+Juli des Kriegsjahres in die Welt zu schleudern und die heuchlerische
+Politik Napoleons der allgemeinen Entrüstung preiszugeben. Und die
+dritte Aufgabe war, das Volk und die Volksvertretung zu versöhnen, dem
+Könige Frieden mit der Nation zu schaffen, die nationale Flut schon aus
+Rücksicht auf das Ausland mit fester Hand in das rechte Bett zu leiten.
+Am 9. Mai war der Landtag aufgelöst worden, noch vor dem Ausbruch des
+Krieges waren die Neuwahlen ausgeschrieben, und am Tage der Schlacht
+von Königgrätz maßen sich im Wahlkampf die Parteien. Die Rechte ging
+um das Vierfache verstärkt aus diesem Kampfe hervor, noch behielten
+die Liberalen die Mehrheit. Aber die Stimmung war verändert, auch die
+Liberalen waren bereit, in die Wege Bismarcks zu lenken. Sollte nun der
+Sieger die Besiegten strafen oder Schonung üben? Sollte er, wie die
+Konservativen es wollten, starr auf seinem Rechtspunkt stehen oder ein
+Kompromiß schließen? Wieder nur unter schweren Kämpfen bewog Bismarck
+seinen König dazu, durch Nachsuchen der Indemnität den alten Streit
+zu begraben. Er sah eben weiter als alle. »Die Leutchen haben alle
+nicht genug zu tun, sehen nichts als ihre eigene Nase und üben ihre
+Schwimmkunst auf der stürmischen Welle der Phrasen. Mit den Feinden
+wird man fertig, aber die Freunde! Sie tragen fast alle Scheuklappen
+und sehen nur einen Fleck von der Welt!« Als am 5. August König
+Wilhelm an der Spitze der Prinzen seines Hauses den Landtag eröffnet
+hatte, begrüßt von begeistertem Jubel, und als dann Bismarck im
+Parlament mit der Mahnung, daß die Feder nicht verderben solle, was das
+Schwert gewonnen hat, die Versöhnung empfahl, da betraten bereits 230
+Volksvertreter die goldene Brücke, und alsbald vollzog sich innerhalb
+der Opposition die Trennung der Nationalliberalen vom Fortschritt.
+
+So war alles erreicht, was einst der Frühling an Hoffen brachte. Und
+es war erreicht ohne jede Konzession, ohne den Verlust einer Handbreit
+Erde an Frankreich. Das letzte, was Benedetti vor seiner Heimkehr aus
+Bismarcks Munde auf Napoleons Drohen vernahm, war das Wort: »Machen
+Sie den Kaiser darauf aufmerksam, daß ein Krieg mit uns unter gewissen
+Umständen ein Krieg mit revolutionären Donnerschlägen werden könnte,
+und daß angesichts revolutionärer Gefahren die deutschen Dynastien
+doch wohl eine größere Festigkeit bewähren würden als die des Kaisers
+Napoleon.«
+
+ * * * * *
+
+Die heißen Kämpfe der Konfliktszeit sind vorüber; der
+Entscheidungskampf um die deutsche Zukunft ist geschlagen. Aber die
+furchtbare Spannung dieser Zeiten und die rastlose Arbeit führte zu
+Bismarcks körperlichem Zusammenbruch. An dem Siegeseinzug nahm er
+noch teil, zwischen Moltke und Roon ritt er seinem König voran. Dann
+aber versagte die Kraft. In Putbus, wo er sich erholen wollte, befiel
+ihn eine schwere Krankheit. Seine Nerven, die auch die Kämpfe der
+nächsten Zeiten immer wieder aufwühlten, wie seit Jahren, in denen das
+Einigungswerk erst wachsen sollte, in denen aber mangelnde Einsicht,
+Mißgunst, Intrige, partikularistische Neigung ihr Unkraut säten,
+und auch das Ausland sich mühte, störend in das neue werdende Leben
+zu greifen, gewannen erst ihre Vollkraft wieder, als es zur letzten
+Entscheidung, zum Kampfe mit Frankreich ging.
+
+Gewiß, das Zündnadelgewehr hatte die Doktrinäre widerlegt, aber es
+hatte den Hader und den Haß der Parteien nicht vernichtet und auch dem
+erfolggekrönten Mann den Weg zu neuen Erfolgen nicht befreit. Zwar
+haben ihn Männer wie Treitschke, Sybel, Fritz Reuter mit jubelnder
+Zustimmung geleitet, aber er mußte dennoch in zerreibender Arbeit
+Schritt für Schritt sich das Terrain erkämpfen, dessen er bedurfte.
+Es galt vor allem, Zeit zu gewinnen für die innere Konsolidierung,
+damit in dem sicher vorausgesehenen Kampfe gegen Napoleon sich die
+deutsche Kraft nicht wieder zersplittere; es mußte die Überlegenheit
+auf militärischem Gebiete gesichert werden, es galt die Verfassung
+des Norddeutschen Bundes zu schaffen, mit den süddeutschen Staaten
+zu verhandeln, im Zollparlament einen neuen Reifen um die Einheit zu
+schmieden und die Nation gegen die Übergriffe Frankreichs zu sichern.
+Was Bismarck später einmal sagte: »Meine politische Laufbahn war
+ein Hetzen und Jagen, bei dem man zum Genuß nie gekommen ist; viel
+glücklicher als der Staatsmann ist der Landmann, wenn er seine Felder
+und Rieselwiesen gedeihen sieht«, das galt auch damals.
+
+Das Deutsche Reich wurde als Torso gegründet. Die neuen Provinzen
+mußten geordnet, die Bewohner an die neue Lage gewöhnt werden. Die
+Hauptarbeit galt darum zuerst der Verfassung. Sie war das eigenste
+Werk des großen Staatsmannes, der am Nachmittag des 13. Dezembers sie
+aus dem Kopfe seinem vertrauten Rate Lothar Bucher diktierte und im
+Gegensatz zu aller Schulmeinung die Bedingungen schuf, die auch heute
+noch den Kern und Inhalt unseres Verfassungslebens bilden. Noch in der
+Nacht arbeitete Lothar Bucher die Skizze aus, am nächsten Tage kam sie
+an den Kronrat, und am 15. abends wurde sie den Bevollmächtigten der
+Verbündeten vorgelegt. »So frisch kamen die Abzüge aus der Druckerei,
+daß während der Sitzung immer noch Exemplare hereingebracht wurden.« Zu
+einem konstituierenden Reichstage wurden die Wahlen ausgeschrieben. Am
+24. Februar trat er zusammen.
+
+
+Im Norddeutschen Reichstag
+
+ »Es war«, so schreibt ein Mitglied dieses Parlamentes, »ein
+ Sonnentag in der Geschichte der Hohenzollern, wie er noch nie
+ dagewesen war. Vor dem Throne stand der greise Vater, der nach
+ schwerer Mühe das Werk vollbracht sah; ihm zur Rechten, eine Stufe
+ höher als die übrigen Prinzen, stand in vollster männlicher Kraft
+ der Sohn und nächste Erbe der jetzt so reich begnadeten Krone, und
+ von der Tribüne oben schaute als zartes Kind der Enkel dem Werke
+ zu, dessen Grundstein zu legen Vater und Sohn da unten im Begriffe
+ standen. Es stand noch ein Mann bei der Eröffnung des Reichstags
+ dem Könige näher als alle anderen. Er stand nicht auf einer Stufe
+ des Thrones wie der Kronprinz und auch nicht zur Rechten wie die
+ übrigen Prinzen, denn er war kein Prinz. Er stand links im Saal,
+ dem Throne zunächst, in weißer Kürassieruniform und mit einem
+ Gesicht so bleich, daß man zweifelhaft sein konnte, was weißer
+ sei, ob das Tuch des Rockes oder das Gesicht des Mannes. Man sah
+ es wohl, der Mann war körperlich schwer leidend, aber die Muskeln
+ waren doch noch stark genug, um die hohe kräftige Gestalt in voller
+ militärischer Straffheit aufrecht zu halten. Das war Graf Otto
+ von Bismarck-Schönhausen, des Königs Wilhelm Ministerpräsident.
+ Er hatte den größten Anteil an dem Gelingen des Werkes, und darum
+ stand er ja wohl mit vollem Recht dem Thron ein paar Schritte näher
+ als alle anderen.«
+
+[Illustration: ~Napoleon wirft auf Italien ein Auge~
+
+Bismarck: »Was? Eine Frau schlagen?«
+
+Louis: »Sie kann ja nicht widerschlagen. Warum hilfst du ihr denn
+nicht?« (»Punch«, November 1867)]
+
+Mit den Worten: »Arbeiten wir rasch! Setzen wir Deutschland sozusagen
+in den Sattel! Reiten wird es schon können!« suchte Bismarck die
+Volksvertreter zu raschem Werke zu treiben, sie über kleine Bedenken
+hinauszuführen. — Endlich war das Werk der neuen Bundesverfassung
+beendet; mit 227 gegen 93 Stimmen wurde sie vom preußischen Landtag
+beschlossen, während im Norddeutschen Reichstag sich nur 53 Stimmen
+dagegen erhoben. Am 14. Juli wurde Graf Bismarck zum Bundeskanzler
+ernannt. Nicht weniger als siebenundzwanzigmal hatte er in den
+Parlamenten das Wort ergriffen.
+
+Zugleich hat der Streit um Luxemburg alle Kraft und Geschicklichkeit
+des Staatsmanns gefordert. Hier war der erste Prüfstein gegeben, ob
+das Gefühl für die Ehre der Nation ganz Deutschland erfüllte, denn als
+hier die Wellen zu Berge stiegen, da schien auch die Stunde eines neuen
+furchtbaren Krieges gekommen. Es sind die Schatten, die schon über
+Nikolsburg lagen, die auch jetzt auf die neue Zeit sich senkten.
+
+[Illustration: ~Deutsche Weide~
+
+Napoleon versucht vergebens Luxemburg zu gewinnen und wirft sein Auge
+auf deutsches Gebiet. »Ein guter Schäfer läßt kein Schaf verloren
+gehen« (»Kladderadatsch«, März 1867)]
+
+Napoleon war bitter enttäuscht. Er hatte gehofft, das sinkende Ansehen
+seiner Dynastie durch Gewinn an deutschem Boden zu steigern; er
+hatte geglaubt, daß ihm, wenn die beiden kriegführenden Mächte aus
+dem Ringen geschwächt hervorgehen würden, das linke Rheinufer als
+Lohn anheimfallen würde. Dann war sein Blick nach Belgien geschweift
+und dann nach Luxemburg, das, in Personalunion mit den Niederlanden
+vereint, aus der Verbindung mit Deutschland gelöst war. Er bot
+dem König von Holland ein Kaufgeschäft an, obwohl Bismarck schon
+vorher keinen Zweifel ließ, daß die Abtretung des Landes niemals im
+Einverständnis mit Preußen erfolgen werde. Im Zusammenhang hiermit,
+als ein =avis au lecteur= hat Bismarck die Schutzverträge mit den
+süddeutschen Staaten veröffentlicht. Aber ihm schien die Stunde noch
+nicht reif, ihm schien auch der Rechtsgrund für ein kriegerisches
+Einschreiten nicht genügend gesichert; der König wollte den Frieden.
+Den Zwang zum Krieg erkannte auch Bismarck noch nicht an. Hier fiel das
+Wort: »Man darf nicht Krieg führen, wenn es mit Ehren zu vermeiden ist;
+die Chance günstigen Erfolges ist keine gerechte Ursache, einen großen
+Krieg anzufangen.« Und es gelang ihm, indem er diplomatische Vorsicht
+und souveränes Machtbewußtsein verband, indem er zugleich die nationale
+Leidenschaft im deutschen Volke erweckte und doch mäßigend lenkte,
+zu einem Ausgleich zu kommen, der die Ehre Deutschlands in vollem
+Maße wahrte. Luxemburg wurde neutralisiert, der Abzug der preußischen
+Besatzung und die Schleifung der Festung bestimmt. Vergebens hatte man
+in Frankreich gerüstet, vergebens hatte auch König Georg von Hannover
+die Sendung einer Legion von 20 000 Mann angeboten.
+
+Im Juni darauf ist Bismarck bereits mit König Wilhelm nach Paris zur
+Weltausstellung gereist. Sein Empfang durch den Pöbel war so wenig
+erfreulich, daß die besonnene Presse an den ritterlichen Sinn der
+Nation appellieren mußte. Um so freundlicher war der Empfang durch
+Napoleon am Hofe. Prachtvolle Feste wechselten miteinander, und eine
+fromme Sage erzählt, daß Bismarck damals seinen letzten Walzer tanzte.
+
+
+Ein liebenswürdiger Spitzbube
+
+ In Paris fand Bismarck besonderes Wohlgefallen an dem alten
+ Marschall Vaillant. »Wissen Sie, Graf,« sagte dieser nach einigen
+ Tagen zu ihm, »daß Sie auf uns alle einen süperben Eindruck machen?
+ Jedermann sagt, das ist doch ein liebenswürdiger Spitzbube.«
+
+
+Wohlan, kreuzen wir den Degen
+
+ Als Bismarck nach einer Parade bei Longchamps die schönen Truppen
+ bewunderte, meinte der liebenswürdige Marschall: »Besten Dank,
+ Herr Graf. Das ist alles sehr schön. Aber Sie Deutschen sind uns
+ gegenüber zu groß geworden. Wir werden eines Tages den Degen
+ miteinander kreuzen müssen.« — »Nun gut,« sagte Bismarck, »kreuzen
+ wir!«
+
+[Illustration: ~Der zugrunde gegangene Tanzmeister~
+
+»Seitdem der dort oben seine Tanzschule aufgemacht hat, bin ich mit
+meiner Tanzschule — =perdu!=« (»Brumm-Brumm«, Januar 1868)]
+
+Dem Zollparlament galt Bismarcks nächstes großes Schaffen. Hier fiel,
+laut in Frankreich vernehmbar, schon das Wort, daß ein Appell an die
+Furcht im deutschen Herzen niemals ein Echo findet. Hier hatte er
+vor allem gegen partikularistische Verbissenheit zu kämpfen, gegen
+das Bemühen, daß die preußische deutsche Lokomotive am Main ihren
+Stillstand finde. Aber auch hier siegte nach einer »langen, schweren
+Woche« der Wille des großen Staatsmannes.
+
+
+Ein schwerer Unfall
+
+ In Gesellschaft Keudells und Blanckenburgs machte Bismarck am 22.
+ August von Varzin aus einen Spazierritt. Die drei Reiter bewegten
+ sich im Trab längs einer großen Rieselei im Walde auf einem
+ aufgeschütteten, anscheinend ganz ebenen und festen Rasenwege —
+ Bismarck voran, unmittelbar hinter ihm Blanckenburg, dann Keudell.
+ »Denke Dir mein Erstarren,« schreibt Blanckenburg am 24. August
+ an Roon, »als ich ganz plötzlich folgendes Bild vor mir abspinnen
+ sehe: der kleine breite Fuchs, den er (Bismarck) ritt, tritt mit
+ dem rechten Vorderfuß durch die Rasendecke, und zwar so tief und
+ energisch, daß er gleich, mit dem linken sich vergebens stützend,
+ nach einigem Stolpern mit der Nase die Erde wühlte. Natürlich
+ flog Otto über den Hals fort und war meines Erachtens erst mit
+ der rechten Hand und dem Gesicht an der Erde, als der zweite
+ Akt erfolgte — nämlich daß der Fuchs vollständig ›heesterkopp‹
+ schlug und mit dem dicken Pferderücken (zehn Zentner Gewicht!)
+ auf die bundeskanzlerischen Schultern prallte. Der dritte Akt
+ folgte ebenso schnell — nämlich daß der Fuchs rechts abfiel und
+ Otto schnell aufsprang und leichenblaß, ohne Atem, ein dumpfes
+ Gestöhn ausstoßend, halb Gewimmer, sich den Magen krampfhaft
+ haltend umherging. Ich war in dem Augenblicke vom Pferde, als er
+ aufsprang, und überzeugte mich bald, daß Knochen nicht zertrümmert
+ waren« — indessen waren drei Rippen gebrochen —, »auch erfolgte
+ kein Blutsturz, auch nicht das leiseste Blutspucken, so daß wir
+ bis jetzt hoffen, alles sei ohne weitere Folgen abgegangen. Er
+ ritt noch Schritt eine Viertelstunde und hatte die ersten heftigen
+ Schmerzen, als er einen Wagen nahm. Der Arzt kann nichts finden. —
+ Natürlich wird dies seine Nerven nicht gerade sehr stärken. Vorher
+ machte er mir eigentlich einen guten Eindruck, wenngleich er über
+ Schlaflosigkeit klagte. Er trank, wie er sagt, am Tage vor dem
+ Sturz zum erstenmal mit Appetit Sekt und rauchte drei Zigarren.«
+
+Der Unfall hat Bismarck nicht geschadet. Nach einigen Tagen konnte
+vielmehr Frau von Bismarck an Blanckenburg schreiben, daß »Otto nach
+dem Sturze besser schlafe als vorher; er sei und bleibe der Meinung,
+daß Gott ihm diesen Sturz geschickt habe, damit seine Nerven besser
+werden«.
+
+[Illustration: ~Das schwarze Gespenst~
+
+ ~hüben — und — drüben~
+
+als ein Mittel, die Völker militärfromm zu erhalten und in ihnen die
+Steuerzahl-Lust zu erwecken (»Kladderadatsch«, Juni 1869)]
+
+
+Auch sonst Glück im Unglück
+
+ Noch von zwei anderen gefährlichen Stürzen mit dem Pferde erzählte
+ Bismarck in Versailles. »Ich glaube,« so bemerkte er, »daß es nicht
+ reicht, wenn ich sage, daß ich wohl fünfzigmal vom Pferde gestürzt
+ bin. Vom Pferde fallen ist nichts, aber mit dem Pferde, so daß es
+ auf einem liegt, das ist schlimm. Zuletzt noch in Varzin, wo ich
+ drei Rippen brach. Da dachte ich: jetzt ist’s aus. Es war nicht so
+ viel Gefahr, wie es schien, aber es tat doch ganz erschrecklich
+ weh. — Früher aber, da hatte ich einen merkwürdigen Zufall, der
+ zeigt, wie das Denken des Menschen doch von seinem körperlichen
+ Gehirn abhängt. Ich war mit meinem Bruder eines Abends auf dem
+ Heimwege, und wir ritten, was die Pferde laufen wollten. Da hört
+ mein Bruder, der etwas voraus ist, auf einmal einen fürchterlichen
+ Knall. Es war mein Kopf, der auf die Chaussee aufschlug. Mein
+ Pferd hatte vor der Laterne eines uns entgegenkommenden Wagens
+ gescheut und war mit mir rückwärts überschlagen und auch auf den
+ Kopf gefallen. Ich verlor die Besinnung, und als ich wieder zu mir
+ kam, da hatt’ ich sie nur halb wieder. Das heißt, ein Teil meines
+ Denkvermögens war ganz gut und klar, die andere Hälfte war weg.
+ Ich untersuchte mein Pferd und fand, daß der Sattel gebrochen war.
+ Da rief ich den Reitknecht und ließ mir sein Pferd geben und ritt
+ nach Hause. Als mich da die Hunde anbellten — zur Begrüßung —,
+ hielt ich sie für fremde Hunde, ärgerte mich und schalt auf sie.
+ Dann sagte ich, der Reitknecht sei mit dem Pferde gestürzt, man
+ solle ihn doch mit einer Bahre holen, und war sehr böse, als sie
+ das auf einen Wink meines Bruders nicht tun wollten. Ob sie denn
+ den armen Menschen auf der Straße liegen lassen wollten? Ich wußte
+ nicht, daß ich ich war, und daß ich mich zu Hause befand, oder
+ vielmehr, ich war ich selber und auch der Reitknecht. Ich verlangte
+ nun zu essen, und dann ging ich zu Bette, und als ich ausgeschlafen
+ hatte am Morgen, war alles gut. — Es war ein seltsamer Fall: den
+ Sattel hatte ich untersucht, mir ein anderes Pferd geben lassen und
+ dergleichen mehr — alles praktisch Notwendige tat ich also. Hierin
+ war durch den Sturz keine Verwirrung der Begriffe herbeigeführt.
+ Ein eigentümliches Beispiel, wie das Gehirn verschiedene
+ Geisteskräfte beherbergt; nur eine davon war durch den Fall länger
+ betäubt worden. — Ich erinnere mich noch eines anderen Sturzes. Da
+ ritt ich rasch durch junges Holz in einem großen Walde, weit weg
+ von zu Hause. Wie ich über einen Hohlweg weg wollte, stürze ich mit
+ dem Pferde und verliere das Bewußtsein. Ich muß wohl drei Stunden
+ ohne Bewußtsein dagelegen haben; denn es war schon dämmerig, als
+ ich aufwachte. Das Pferd stand neben mir. Die Gegend war, wie
+ gesagt, weit weg von unserem Gut und mir ganz unbekannt. Ich hatte
+ meine Geisteskräfte noch nicht außerordentlich wieder. Aber das
+ Notwendige tat ich auch hier. Ich machte die Martingale ab, die
+ entzwei war, steckte sie ein und ritt auf einem Wege, der, wie
+ ich dann erfuhr, der nächste war — es ging da auf einer ziemlich
+ langen Brücke über einen Fluß — nach einem nahe gelegenen Gute,
+ wo die Pachtersfrau, als sie den großen Mann mit dem Gesicht voll
+ Blut vor sich stehen sah, davonlief. Der Mann kam dann herbei und
+ wusch mir das Blut ab, und ich sagte ihm, wer ich wäre, und daß
+ ich die zwei oder drei Meilen nach Hause wohl nicht würde reiten
+ können; er möchte mich fahren, was er denn auch tat. Ich muß wohl
+ fünfundzwanzig Schritte fortgeflogen sein bei der Lerche, die ich
+ schoß, und war an eine Baumwurzel gefallen, und als der Doktor den
+ Schaden besah, sagte er, es wäre gegen alle Regeln der Kunst, daß
+ ich nicht den Hals gebrochen hätte.«
+
+[Illustration: ~Die bösen Buben und der böse Drache~
+
+»Endlich ist die Zeit gekommen, in der sie ihn steigen lassen können«
+(»Brumm-Brumm«, November 1869)]
+
+Bismarck wurde am 18. Oktober 1868 zum Chef des ersten Magdeburger
+Landwehrregimentes ernannt und =à la suite= des Magdeburger
+Kürassierregimentes Nummer sieben gestellt. Seit jener Zeit sind wir
+gewohnt gewesen, ihn in der historischen Uniform mit Helm und Küraß zu
+erblicken.
+
+Das Jahr 1869 ging zu Ende, das Schicksalsjahr zog herauf. Schon in die
+Zeiten des Norddeutschen Bundes ragten tief die Ahnungen der künftigen
+Entscheidungen hinein. Vielleicht — wer kann die Möglichkeiten
+ermessen! — hätte schon damals, als die Luxemburger Frage den Krieg
+auf des Messers Schneide führte, die Entscheidung gefällt werden
+können. Sicher aber ist es, daß jetzt, wo die Arbeit von vier Jahren
+ihre Wirkung ausgeübt hatte, das Fundament des Sieges ungleich fester
+gefügt war. Denn als der Frühling des Schicksalsjahres heraufzog, stand
+Deutschland gerüstet da, nicht nur mit seinen militärischen Waffen,
+sondern auch mit jenem neuen Geiste, der aus Bismarcks Heldenseele
+hinübergeflutet war über die Nation bis hinauf an die Gestade der
+Ostsee und fernhin zu den ragenden Firnen der Alpen.
+
+[Illustration: ~Das verschleierte Bild zu Saïs~
+
+Der Alt-Reichskanzler (indem er die verhüllende Emser Depesche
+fortzieht): »Seht, so habe ich im Jahre 1870 Fanfare geblasen!«
+(»Lustige Blätter«, 1892)]
+
+
+
+
+Das Vorspiel zum großen Kriege
+
+
+Im Frühling des Jahres 1870 hatte Bismarck schon zu dem
+Staatsrechtslehrer Bluntschli gesagt, daß die Scheu vor Frankreich ihn
+keinen Augenblick von dem Vorgehen in der deutschen Sache abhalten
+werde. Er fürchte Frankreich nicht. Deutschland sei den Franzosen
+weit überlegen. Zugeständnisse werde er nicht machen: »Wenn nicht
+Gott uns ungünstig und den Franzosen günstig ist, so werden wir
+einen französischen Angriff abschlagen und nach dem Siege nach Paris
+marschieren.« Österreich, so war er überzeugt, werde unter allen
+Umständen neutral bleiben; im Notfall werden wir mit Rußland dieses
+Land gänzlich im Schach halten. Sie werden nicht wagen, das Schwert
+aus der Scheide zu ziehen. Seine Hauptarbeit war, schon aus dieser
+Erkenntnis heraus, die Brücke über den Main auch für die kommende
+schwere Belastung tragfähig zu erhalten.
+
+Aber das Antlitz des Jahres schien freundlich. Noch am 30. Juni hat
+ja Frankreichs Minister Ollivier im gesetzgebenden Körper erklärt:
+»Zu keiner Zeit war die Aufrechterhaltung des Friedens mehr gesichert
+als jetzt. Wohin man auch blickt, kann man nirgends eine Frage
+entdecken, die Gefahr bringen könnte.« Da wurde die Hohenzollernsche
+Kronkandidatur von Spanien noch einmal angeregt. Unter Zuziehung Roons
+und Moltkes in einer Konferenz, die schon am 15. März im Königlichen
+Schlosse stattfand und an der auch der Kronprinz und die Träger der
+wichtigsten Staatsämter teilnahmen, war einstimmig die Annahme der
+Krone durch den Erbprinzen Leopold beschlossen worden. Aber Bismarck
+riet den Spaniern, um zunächst nicht Preußen zu engagieren, mit dem
+Fürstenhause von Hohenzollern direkt zu verhandeln. Am 14. Juni ging
+ein neuer Unterhändler zum Fürsten Anton nach Sigmaringen; dort wurde
+das Anerbieten angenommen, ohne daß offiziell die Zustimmung des
+Familienhauptes, des Königs von Preußen, eingeholt wurde. In Paris
+aber entstand sofort eine heftige Erregung. Am 5. Juli folgte in der
+Kammer eine Interpellation, und Herr von Grammont gab unter stürmischem
+Beifall die Antwort: »Wir glauben nicht, daß die Achtung vor den
+Rechten eines Nachbarvolkes (Spanien) uns verpflichtet, zu dulden,
+daß eine fremde Macht (Preußen), indem sie einen ihrer Prinzen auf
+den Thron Karls =V.= setzt, dadurch zu ihrem Vorteil das gegenwärtige
+Gleichgewicht der Mächte derangieren und so die Interessen und die
+Ehre Frankreichs gefährden könnte. Wir hoffen, daß diese Eventualität
+sich nicht verwirklichen wird. Sollte es aber anders kommen, so würden
+wir unsere Pflicht ohne Zaudern und ohne Schwäche zu erfüllen haben.«
+Und Ollivier fügte hinzu: »Wenn Sie über diese Erklärung nachgedacht
+haben, so werden Sie sich überzeugen, daß sie keine Ungewißheit über
+den Gedanken der Regierung läßt, insofern es sich darum handelt, ob
+sie den Frieden will oder den Krieg herbeiführt.« Ganz Paris tönte
+von Kriegsgeschrei wider. Bismarcks erster Gedanke aber, als er die
+Pariser Telegramme las, war der, das sei der Krieg; sein zweiter, jetzt
+müsse man die ganze Armee mobil machen und über Frankreich herfallen;
+das wäre der Sieg. »Leider«, fügte er hinzu, »geht das nicht — aus
+verschiedenen Gründen.«
+
+[Illustration: =~Le roi s’amuse~=
+
+Bismarck und der König, der sich an Soldatenspielerei ergötzt und einen
+Humpen Emser Wasser dabei leert. (»L’Eclipse«, 24. Juni 1870)]
+
+Am 8. Juli abends traf Benedetti aus Wildbad in Ems ein. Er hatte die
+Order, den König aufzufordern, wenn nicht durch einen Befehl, so doch
+durch einen ernsten Ratschlag den Prinzen Leopold zum Rücktritt zu
+bewegen. Ein Geheimschreiben Grammonts erklärte jedoch schon jetzt,
+die einzige Antwort, die den Krieg verhindern könnte, wäre diese: Die
+Königliche Regierung billigt die Annahme durch den Prinzen nicht und
+befiehlt ihm, diesen Entschluß zurückzunehmen. — König Wilhelm erklärte
+zunächst mit würdevoller Bestimmtheit, er habe als Familienhaupt nur
+eine negative Rolle gespielt, indem er die Annahme nicht untersagte, er
+könne jetzt seine Stellung nicht dahin geltend machen, den Prinzen zum
+Rücktritt zu zwingen. Unter der Hand erklärte er sich jedoch bereit,
+sich mit dem Vater des Prinzen in Verbindung zu setzen. In Paris jedoch
+genügte dies nicht; die Hitze, die in den Köpfen der Pariser herrschte,
+schlug auch in die Ministerien hinüber. Benedetti verstärkte seine
+Sprache, König Wilhelm sah sich indessen genötigt, den preußischen
+Gesandten aus dem Urlaub sofort auf seinen Posten zurückzusenden und
+Bismarck sobald als möglich von Varzin nach Ems zu entbieten. Bismarck
+reiste sofort ab. In Berlin besprach er sich mit Roon und dem Grafen
+Eulenburg, den er sofort nach Ems absandte. Schon am Abend jedoch
+traf eine Botschaft des Herrn von Werther ein, daß der spanische
+Gesandte amtlich den Verzicht Leopolds der französischen Regierung
+angezeigt habe. Da gab Bismarck die Reise nach Ems auf und schrieb
+der Gattin, sie möge nicht nachkommen, vermutlich werde er in einigen
+Tagen nach Varzin zurückkehren, ob noch als Minister, sei eine andere
+Frage. Bismarck hatte eine schlaflose Nacht. Am folgenden Tage aber
+ging ein Bericht des Herrn von Werther ein, wonach die französische
+Regierung wünsche, der König möge an den Kaiser Napoleon einen für die
+Öffentlichkeit geeigneten Entschuldigungsbrief richten. Dieser Bericht
+führte zur sofortigen Abberufung des preußischen Gesandten, der eine so
+beleidigende Zumutung zu überbringen bereit gewesen war. An demselben
+Tage aber stellte Graf Benedetti auf der Brunnenpromenade in Ems, wo
+keiner der Minister gegenwärtig war, an den König das Ansinnen eines
+Versprechens, niemals in Zukunft der Erhebung eines hohenzollerischen
+Prinzen auf den spanischen Thron zuzustimmen.
+
+Vorher schon hatte Bismarck seine Entlassung als Ministerpräsident und
+Bundeskanzler eingereicht. Am Abend des 14. Juli hatte er dann Moltke
+und Roon zu Tische geladen. Da traf Abekens Depesche ein:
+
+
+Die Schamade
+
+ Sie hatte folgenden Wortlaut: »Seine Majestät der König schreibt
+ mir: Graf Benedetti fing mich auf der Promenade ab, um auf
+ zuletzt sehr zudringliche Art von mir zu verlangen, ich sollte
+ ihn autorisieren, sofort zu telegraphieren, daß ich mich für alle
+ Zukunft verpflichtete, niemals wieder meine Zustimmung zu geben,
+ wenn die Hohenzollern auf ihre Kandidatur zurückkämen. Ich wies
+ ihn zuletzt etwas ernst zurück, da man =à tout jamais= dergleichen
+ Engagements nicht nehmen dürfe noch könne. Natürlich sagte ich
+ ihm, daß ich noch nichts erhalten hätte, und, da er über Paris
+ und Madrid früher benachrichtigt sei, er wohl einsähe, daß mein
+ Gouvernement wiederum außer Spiel sei. — Seine Majestät hat seitdem
+ ein Schreiben des Fürsten Karl Anton bekommen. Da Seine Majestät
+ dem Grafen Benedetti gesagt, daß er Nachricht vom Fürsten erwarte,
+ hat Allerhöchstderselbe mit Rücksicht auf die obige Zumutung auf
+ des Grafen Eulenburg und meinen Vortrag beschlossen, den Grafen
+ Benedetti nicht mehr zu empfangen, sondern ihm nur durch seinen
+ Adjutanten sagen zu lassen, daß Seine Majestät jetzt vom Fürsten
+ die Bestätigung der Nachricht erhalten, die Benedetti aus Paris
+ schon gehabt, und dem Botschafter nichts weiter zu sagen habe. —
+ Seine Majestät stellt Eurer Exzellenz anheim, ob nicht die neue
+ Forderung Benedettis und ihre Zurückweisung sogleich sowohl unserem
+ Gesandten als der Presse mitgeteilt werden sollte.«
+
+Sie erhielt durch Bismarck in der nachstehend geschilderten Szene
+folgende Fassung:
+
+
+Fanfare
+
+ Nachdem die Nachrichten von der Entsagung des Erbprinzen von
+ Hohenzollern der Kaiserlich Französischen Regierung von der
+ Königlich Spanischen amtlich mitgeteilt worden sind, hat der
+ französische Botschafter in Ems an Seine Majestät den König
+ noch die Forderung gestellt, ihn zu autorisieren, daß er nach
+ Paris telegraphiere, daß Seine Majestät der König sich für
+ alle Zukunft verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu
+ geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Kandidatur zurückkommen
+ sollten. Seine Majestät der König hat es darauf abgelehnt, den
+ französischen Botschafter nochmals zu empfangen und demselben durch
+ den Adjutanten vom Dienst sagen lassen, daß Seine Majestät dem
+ Botschafter nichts weiter mitzuteilen habe.
+
+[Illustration: Bismarck als Fälscher an die Tür genagelt: »Das ist sein
+Platz.«
+
+(»Don Quichotte«, 4. September 1892)
+
+(Das Bild bezieht sich auf die Debatten, die damals über die Emser
+Depesche stattfanden.)]
+
+[Illustration: Bismarck als Esel schreitet durch einen Engpaß; auf ihm
+sitzt General Prim und rückwärts König Wilhelm. Napoleon und die Mächte
+stellen sich ihnen drohend entgegen. König Wilhelm, der den Eselschwanz
+in der Hand hält, sagt: »Wenn ihr uns rüberbringt nach Spanien, so
+ist’s mir recht, aber ich weiß von nichts, weil alles hinter meinem
+Rücken geschieht.« (»Figaro«, 14. Juli 1870)]
+
+
+Die alte Karkasse
+
+ »Bei dem gemeinsamen Abendessen an jenem historischen Tage«, so
+ erzählt Bismarck, »waren beide sehr niedergeschlagen und machten
+ mir indirekt Vorwürfe, daß ich die im Vergleiche mit ihnen größere
+ Leichtigkeit des Rückzuges aus dem Dienste egoistisch benutzte.
+ Ich vertrat die Meinung, daß ich mein Ehrgefühl nicht der Politik
+ opfern könne, daß sie beide als Berufssoldaten wegen der Unfreiheit
+ ihrer Entschließung nicht dieselben Gesichtspunkte zu nehmen
+ brauchten als ein verantwortlicher Auswärtiger Minister. Während
+ der Unterhaltung wurde mir gemeldet, daß ein Ziffertelegramm, wenn
+ ich mich recht erinnere, von ungefähr zweihundert Gruppen, aus
+ Ems, von dem Geheimrat Abeken unterzeichnet, in der Übersetzung
+ begriffen sei. Nachdem mir die Entzifferung überbracht war,
+ welche ergab, daß Abeken das Telegramm auf Befehl Seiner Majestät
+ redigiert und unterzeichnet hatte, las ich dasselbe meinen
+ Gästen vor, deren Niedergeschlagenheit so tief wurde, daß sie
+ Speise und Trank verschmähten. Bei wiederholter Prüfung des
+ Aktenstückes verweilte ich bei der einen Auftrag involvierenden
+ Ermächtigung Seiner Majestät, die neue Forderung Benedettis und
+ ihre Zurückweisung sogleich sowohl unseren Gesandten als in der
+ Presse mitzuteilen. Ich stellte an Moltke einige Fragen in bezug
+ auf das Maß seines Vertrauens auf den Stand unserer Rüstungen,
+ respektive auf die Zeit, deren dieselben bei der überraschend
+ aufgetauchten Kriegsgefahr noch bedürfen würden. Er antwortete, daß
+ er, wenn Krieg werden sollte, von einem Aufschub des Ausbruches
+ keinen Vorteil für uns erwarte; selbst wenn wir zunächst
+ nicht stark genug sein sollten, sofort alle linksrheinischen
+ Landesteile gegen französische Invasion zu decken, so würde unsere
+ Kriegsbereitschaft die französische sehr bald überholen, während
+ in einer späteren Periode dieser Vorteil sich abschwächen würde;
+ er halte den schnellen Ausbruch im ganzen für uns vorteilhafter
+ als eine Verschleppung ... Nachdem ich die Depesche redigiert
+ hatte, bemerkte Moltke: ›So hat das einen anderen Klang, vorher
+ klang es wie Schamade, jetzt wie eine Fanfare in Antwort auf
+ eine Herausforderung.‹ Ich erläuterte: ›Wenn ich diesen Text,
+ welcher keine Änderungen und keinen Zusatz des Telegramms
+ enthält, in Ausführung des Allerhöchsten Auftrages sofort nicht
+ nur an die Zeitungen, sondern auch telegraphisch an alle unsere
+ Gesandtschaften mitteile, so wird er vor Mitternacht in Paris
+ bekannt sein und dort nicht nur wegen des Inhaltes, sondern auch
+ wegen der Art der Verbreitung den Eindruck des roten Tuches auf
+ den gallischen Stier machen. Schlagen müssen wir, wenn wir nicht
+ die Rolle des Geschlagenen ohne Kampf auf uns nehmen wollen.
+ Der Erfolg hängt aber doch wesentlich von den Eindrücken bei
+ uns und anderen ab, die der Ursprung des Krieges hervorruft; es
+ ist wichtig, daß wir die Angegriffenen seien, und die gallische
+ Überhebung und Reizbarkeit wird uns dazu machen, wenn wir mit
+ europäischer Öffentlichkeit, soweit es uns ohne das Sprachrohr
+ des Reichstags möglich ist, verkünden, daß wir den öffentlichen
+ Drohungen Frankreichs furchtlos entgegentreten ...‹ Diese meine
+ Auseinandersetzung erzeugte bei den beiden Generalen einen Umschlag
+ zu freudiger Stimmung, dessen Lebhaftigkeit mich überraschte. Sie
+ hatten plötzlich die Lust zu essen und zu trinken wiedergefunden
+ und sprachen in heiterer Laune. Roon sagte: ›Der alte Gott lebt
+ noch und wird uns nicht in Schande verkommen lassen.‹ Moltke trat
+ so weit aus seiner gleichmütigen Passivität heraus, daß er sich,
+ mit freudigem Blick gegen die Zimmerdecke und mit Verzicht auf
+ seine sonstige Gemessenheit in Worten, mit der Hand vor die Brust
+ schlug und sagte: ›Wenn ich das noch erlebe, in solchem Krieg
+ unsere Heere zu führen, so mag gleich nachher ›die alte Karkasse‹
+ der Teufel holen.‹ Er war damals hinfälliger als später und hatte
+ Zweifel, ob er die Strapazen des Feldzugs überleben werde.«
+
+[Illustration: ~Bismarck im Parlament~
+
+Bismarcks »letzte Faser«. (»Figaro«, September 1881)]
+
+Am 14. Mai 1891 veröffentlichte Roons Sohn eine Erklärung aus den
+Aktenstücken des Vaters, in der er feststellt, daß der König selbst
+Bismarck ermächtigt habe, den Text nach Ermessen ganz oder teilweise
+zu veröffentlichen. Nicht Bismarck, sondern Grammont hatte, wie sich
+der preußische Staatsmann einmal ausdrückte, »die Laus zum Skorpion
+aufgeblasen«.
+
+Aber auch diese Erklärung mindert nicht die gewaltige Größe jener
+Stunde, in der Otto von Bismarck die Last der Verantwortung für
+Deutschlands Zukunft entschlossen auf seine Schultern nahm, erfüllt
+von derselben rücksichtslosen Kraft der Aufopferung, wie sie einst
+York in der Mühle von Tauroggen bewährte. Hier ist nach Babelsberg der
+zweite hohe Gipfel auf Bismarcks Tatenwege gegeben. Was König Wilhelm
+versäumte, holte Bismarck im rechten Augenblick nach. Dort die Hoheit
+und die Würde, schwerbeleidigt und herausgefordert, hier der treue
+deutsche Diener, der die Last der Verantwortung auf sich lädt, der
+Träger deutscher Notwehr gegen einen in das Tiefste unseres Lebens
+frevelhaft hineingreifenden Feind. Eines der erschütterndsten Dramen
+unserer deutschen Geschichte.
+
+[Illustration: ~Wettrennen von 1870, Großer Preis von Berlin~
+
+Bismarck als Oberst und König Wilhelm als Korporal jagen in wilder Hast
+vor den Franzosen her.
+
+»Sie können nur im Rennen siegen.« (»Actualités«, Juli 1870)]
+
+[Illustration: ~Bismarck beim Essen~
+
+Auf der Platte neben dem Glase Sodawasser steht zu seinem Entsetzen ein
+voll ausgerüsteter Piou-Piou. »Diesmal, mein Lieber, find’st du aber
+eine Gräte im Essen.« (»Charivari«, Juli 1870)]
+
+
+
+
+Über Sedan nach Versailles
+
+
+Die Wirkung der Emser Depesche ist bekannt; der nationale Strom
+erbrauste und ergriff die ganze Nation. Am 15. Juli 1870 kehrte
+König Wilhelm von Ems nach Berlin zurück; die ganze Reise war ein
+beispielloser Triumphzug. Der Kronprinz, Bismarck, Roon und Moltke
+reisten ihm bis Brandenburg entgegen; am Potsdamer Bahnhof harrte an
+der Spitze der Generale der greise Wrangel, unten drängte sich die
+begeisterte Volksmasse Kopf an Kopf. Nach der Ankunft trat der König
+in den unscheinbaren Wartesaal; um ihn waren Bismarck, Moltke und
+Roon gruppiert, der Kronprinz, halb seitwärts neben dem König, stand
+da wie ein flammender Kriegsgott, das Urbild des teutonischen Zornes.
+Nur wenige Minuten, dann eilte er hinaus zu der brausenden Menge, die
+seinen Zuruf: »Die Mobilmachung der Armee ist befohlen!« mit Tausenden
+von Stimmen weiter fortgab. Der Reichstag wurde einberufen und mit
+einem Gottesdienst eröffnet. Der Text der Predigt hat gelautet: »Mit
+Gott wollen wir Taten tun.« Die Thronrede aber schloß mit den Worten:
+»Wir werden nach dem Beispiel unserer Väter für unsere Freiheit und
+für unser Recht gegen die Gewalttat fremder Eroberer kämpfen, und in
+diesem Kampfe, in dem wir kein anderes Ziel verfolgen, als den Frieden
+Europas dauernd zu sichern, wird Gott mit uns sein, wie er mit unseren
+Vätern war!« Am nächsten Tage nahm der Reichstag ohne Diskussion die
+von Miquel verfaßte Adresse an. In flammender Rede hatte Bismarck noch
+einmal alle Schuld und alle Lüge der französischen Vergangenheit und
+Gegenwart zusammengefaßt.
+
+Wieder zog er mit seinem Könige in den Krieg. Am 11. August überschritt
+er mit dem Großen Hauptquartier die französische Grenze. Nach wenigen
+Tagen schon kam er bis an die Nähe von Metz, und als der Kanonendonner
+von Vionville und Mars-la-Tour verhallte, da drang die Kunde zu ihm,
+daß seine Söhne gefallen seien. Die Vorsehung hatte es anders bestimmt:
+Der ältere Sohn hatte im Kampfe wohl drei Schüsse erhalten, aber er
+war lebend davongekommen; der zweite Sohn war bei dem Todesritt mit
+seinem Pferde gestürzt, ohne ernsteren Schaden zu nehmen. Und auch
+Bismarck ist gleich dem König in jenen fürchterlichen Tagen in schwere
+Lebensgefahr geraten.
+
+
+Feldzugsbriefe
+
+ Köstlich in ihrer Plastik, in ihrer darstellerischen Kraft,
+ zugleich charakteristisch für das Eindringen des großen
+ Staatsmannes in alle Details, für seine Sorge um jede Einzelheit
+ sind seine Feldzugsbriefe, vor allem an die Gattin. Hier einige
+ Proben daraus:
+
+ Aus Herny schreibt er am 14. August: »Mein Liebling! Einige
+ Stunden östlich von Metz in der Richtung nach Falkenberg zu
+ findest Du vielleicht auf der Karte das Dorf, wo wir heute sind,
+ aber nicht die vielen Fliegen, die mich zwingen, kopfschüttelnd
+ zu schreiben. Ich liege in einem von den Einwohnern verlassenen
+ Bauernhause; die Nachbarin ist geblieben und hat mich gestern mit
+ einem Huhne regaliert, welches zwei Stunden vor Tisch noch lebend
+ meine Bekanntschaft machte; seiner Leiche vermochten meine guten
+ Zähne nichts anzuhaben. Dagegen erfuhr ich, daß ein =civet= von
+ einem zahmen Kaninchen für hungrige Leute sehr eßbar ist, selbst
+ dann, wenn die Bestandteile uns noch eine Stunde zuvor durch ihre
+ munteren Sprünge ergötzt haben. Daneben esse ich wie ein gesunder
+ Mensch gebratenen und rohen Speck mit so viel Knoblauch, daß mir
+ mein Atem schon wie ein Salpeterkeller zu riechen scheint. Das
+ alles bekommt mir sehr gut, und ich wäre recht zufrieden, wenn
+ ich nur einmal ein Wort von Bill und Herbert hören könnte. Gott
+ schütze die geliebten Jungen vor Krankheit und Wunden ... Eiserne
+ Kreuze noch keine ausgegeben, wahrscheinlich nicht fertig. Es
+ ist vielleicht recht gut, denn wenn erst einige damit gehen, so
+ sind die anderen gar nicht mehr zu halten und stecken die Köpfe
+ in die Mündung der französischen Kanonen: sie sind so schon wie
+ die Berserker. Der Franzose meint, die Unseren wären so an das
+ Manöverschießen gewöhnt, daß sie ganz vergäßen, daß hier mit Kugeln
+ geschossen würde! Ein schönes Lob der Tapferkeit. Nun lebwohl, mein
+ Herz, umarme unsere Tochter für mich und bete für unsere Söhne mit
+ mir.«
+
+ In einem Briefe aus Pont-à-Mousson, zwei Tage später: »Die Leute
+ müssen mich hier für einen Bluthund halten; die alten Weiber, wenn
+ sie meinen Namen hören, fallen auf die Knie und bitten mich um ihr
+ Leben. Attila war ein Lamm gegen mich.«
+
+ Am 17. August: Bismarcks Söhne in der Schlacht. Am 17. August
+ schreibt der Kanzler an Johanna: »Ich fand Herbert mit
+ zweihundertfünfzig Verwundeten in einem Pachthof, Bill zum Besuch
+ bei ihm unter dem Vorwande, sich ein anderes Pferd zu requirieren;
+ er fand wirklich eine magere Mähre. Herbert sah aus wie sonst, nur
+ zwei Löcher in der linken Lende, Aus- und Einschuß gut verbunden.
+ Ich bestellte meinen Wagen hin, blieb vier Stunden, um ihn zu
+ erwarten, und als er kam, fand sich, daß ihn das Sitzen schmerzte,
+ und die Hitze zu groß. Ich requirierte einen Liegewagen, in dem
+ er heute bei kühler Nacht ankommen wird. Er hatte noch zwei
+ Kleiderstreifschüsse, deren einer an meiner schwarzen Holzuhr unter
+ Zertrümmerung derselben abgeglitten. Ich nahm sie mit und ließ ihm
+ meine in St. Avold gekaufte Zehn-Franken-Uhr dafür. Die schwarze
+ bringe ich Dir mit und kaufe mir hier wieder eine neue. Bills Pferd
+ wurde bei der Attacke erschossen, so daß er kopfüber ging und erst
+ totgesagt wurde. Er ist aber dick und lustig, sah sehr schmierig
+ aus. Für Herbert ist nun der Feldzug hiermit vorbei und er, wenn
+ Gott kein Unglück schickt, in Deckung gegen Weiteres, denn einige
+ Wochen wird er doch daran heilen. Ich will ihn gleich mit Eisenbahn
+ nach Deutschland schicken. Wenn er nicht das Kreuz bekommt, so will
+ ich nie wieder Orden tragen ...«
+
+ [Illustration: Die Kapitulation von Metz. (»Zündnadeln«, Oktober
+ 1870)]
+
+ Aus einem späteren Briefe: »Bills Erlebnis am 16. ist nicht, wie
+ ich früher schrieb; sein Pferd wurde nicht unter ihm erschossen,
+ sondern stürzte fünfzig Schritt vor dem feindlichen Karree über
+ ein vor ihm erschossenes. Wieder aufgestanden, hat er es im vollen
+ Kugelregen unter Gottes Schutz am Zaume zu Fuß fortgeführt, nachdem
+ er vorher einen verwundet daneben liegenden Dragoner in den Sattel
+ gesetzt, statt selbst aufzusitzen. Er zu Fuß und sein Kamerad zu
+ Pferde haben von allen nachgesandten Kugeln keine weiter bekommen,
+ das Pferd aber viele, so daß es totgestürzt, nachdem Bill es mit
+ dem geretteten Kameraden aus dem Feuer geführt. Er hat sich sehr
+ unverzagt und kameradschaftlich benommen. Ich danke Gott, daß er
+ mich diese Freude an beiden Jungen erleben läßt und sie uns dennoch
+ erhalten hat. Seine Gnade wird ja auch ferner mit ihnen und uns
+ bleiben ...«
+
+ Aus Clermont: »... sehr nett ist es hier nicht, mit dem einzigen
+ Binsenstuhl, Generalstab mit Nachtdienst unter mir, Bureau mit
+ =ditto= über mir, zwanzig Leute, die in dem dünnen schallenden
+ Hause wohnen; fünf schreiende Kinder neben mir, und nicht einmal
+ ein — —; man muß sich daran gewöhnen, angesichts des Publikums
+ schamlos zu verfahren, wie es eben geht, und die Schildwachen
+ zu bewegen, daß sie wenigstens nicht mit präsentiertem Gewehr
+ dabeistehen. Verzeih’ dieses Detail, aber es ist mir die
+ unangenehmste der kriegerischen Entbehrungen.«
+
+ Aus Versailles am 8. Oktober: »... Bill überfiel mich am 2. Oktober
+ im Bette, mit Blumenthals Uniform und fremden Hosen an, dazu hängte
+ er Karls Landwehrkartusche um, setzte meinen, nur in der Spitze
+ nicht richtigen Generalshelm auf, und so nahm ich ihn mit zur
+ Kirche, wo er sich vor Sr. Majestät meldete, der über den Anzug
+ nichts sagte. Zu Tisch tranken wir Sekt, aus Rothschilds Keller
+ gekauft, bis Dein Sohn einen roten Sattel auf der Nase hatte, und
+ dann ritt er mit Philipp wieder in sein drei Meilen entferntes
+ Quartier, nicht ohne mir mein Gold aus der Westentasche und zwei
+ Paar Handschuhe abgenommen zu haben, auch mit Kognak und Zigarren
+ versehen ... ich entfloh heute der Plage, um in der weichen stillen
+ Herbstluft durch Louis =XIV.= lange gerade Parkgänge, durch
+ rauschendes Laub und geschnittene Hecken, an stillen Teichflächen
+ und Marmorgöttinnen vorbei Röschen eine Stunde zu galoppieren
+ und nichts Menschliches als Josephs klappernden Trainsäbel
+ hinter mir zu hören und dem Heimweh nachzuhängen, wie es der
+ Blätterfall und die Einsamkeit in der Fremde mit sich bringen, mit
+ Kindererinnerungen an geschorene Hecken, die nicht mehr sind ...«
+
+[Illustration: »Napoleon, Napoleon! Siehst du wohl, das kommt davon!«
+(»Zündnadeln«, August 1870)]
+
+
+Er reitet in die Nacht hinaus
+
+ Die schwerste Stunde in Bismarcks Leben ist wohl jene späte
+ Abendstunde gewesen, am 16. August, in der ihm irrtümlich der Tod
+ seiner beiden Söhne gemeldet wurde. Herr von Keudell berichtet
+ darüber: »Der Kanzler befand sich zusammen mit Moltke noch beim
+ König. Da tritt ein Ordonnanzoffizier ein und macht in leisem
+ Tone dem General eine Meldung, die ihn zu erschrecken scheint.
+ Bismarck versteht seinen Blick und fragt: ›Geht es mich an?‹
+ Darauf meldet der Offizier laut: ›Bei der letzten Attacke des 1.
+ Garde-Dragoner-Regimentes ist Graf Herbert Bismarck gefallen,
+ Graf Bill tödlich verwundet worden.‹ Und auf Befragen gibt er
+ an, die Nachricht komme von dem Kommandierenden General des =X.=
+ Armeekorps von Voigts-Rhetz, dessen augenblicklicher Aufenthalt
+ nicht bekannt sei, da der General umherreite, um alle Lazarette
+ zu besichtigen. Bismarck läßt sofort satteln, und ~ohne ein Wort
+ zu sagen, reitet er in die Nacht hinaus. Kein Reitknecht darf ihm
+ folgen~. Beim ersten Morgengrauen kommt er in das Dorf Troville.
+ Im Johanniter-Hospital am Ende des Dorfes findet der Kanzler
+ den General und erhält Geleit nach dem Gehöft in Mariaville,
+ wo mehrere Verwundete liegen. Beim Eintreten in das Haus kommt
+ ihm sein jüngster Sohn unverletzt entgegen; Herbert aber liegt
+ verwundet auf einem Strohlager. Er war von einer Kugel an der Brust
+ gestreift worden, eine zweite hatte seine Uhr zerschmettert, die
+ dritte aber war in das Fleisch des Oberschenkels eingedrungen.«
+
+
+Bill als Schweinetreiber
+
+ Über eine spätere Begegnung mit seinem jüngeren Sohne, dessen
+ stets fröhliches Temperament ihn übrigens zum allgemeinen Liebling
+ machte, erzählte später der Vater: »Ich entdeckte an ihm eine neue
+ rühmliche Eigenschaft: er besitzt ausnehmende Geschicklichkeit im
+ Schweinetreiben. Er hatte sich das fetteste ausgesucht, da die
+ am langsamsten gehen und nicht leicht entwischen. Zuletzt trug
+ er’s fort auf dem Arme wie ein Kind ... Es wird den gefangenen
+ französischen Offizieren komisch vorgekommen sein, einen
+ preußischen General einen gemeinen Dragoner umarmen zu sehen.«
+
+
+Im Granatenfeuer
+
+ Am 18. August gerieten auch König Wilhelm und sein Kanzler in
+ schwere Lebensgefahr. »Sie hatten eben«, erzählt Graf Bismarck,
+ »die Pferde zu Wasser geschickt, und wir standen in der Dämmerung
+ bei einer Batterie, die feuerte. Die Franzosen schwiegen,
+ aber während wir dachten, ihre Geschütze wären demontiert,
+ konzentrierten sie nur ihre Kanonen und Mitrailleusen seit einer
+ Stunde zu einem letzten großen Vorstoße. Plötzlich fingen sie
+ ein ganz fürchterliches Feuern an mit Granaten und ähnlichen
+ Geschossen, ein unaufhörliches Krachen und Rollen, Sausen und
+ Heulen in der Luft. Wir wurden vom Könige, den Roon zurückschickte,
+ abgeklemmt. Ich blieb bei der Batterie und dachte, wenn wir
+ zurückgehen müssen, setzest du dich auf den nächsten Protzkasten.
+ Wir erwarteten nun, daß französische Infanterie den Vorstoß
+ unterstützen würde, und da hätten sie mich gefangennehmen können,
+ wenn ich auch ein rollendes Revolverfeuer auf sie unterhalten hätte
+ — ich hatte sechs Schuß für sie und noch sechs Reservepatronen.
+ Endlich kamen die Pferde wieder, und nun machte ich mich fort,
+ wieder zum König. Aber wir waren aus dem Regen in die Traufe
+ geraten. An der Stelle, wo wir hinritten, schlugen gerade die
+ Granaten ein, die vorher über uns weggeflogen waren. Am anderen
+ Morgen sahen wir die Schweinskulen, die sie gewühlt hatten. — So
+ mußte denn der König noch weiter zurück, was ich ihm sagte, nachdem
+ die Offiziere mir das vorgestellt hatten.«
+
+
+Auf der Suche nach Quartier
+
+ Am Abend fand dann das berühmte »Rendezvous« statt. König Wilhelm
+ saß auf einer Leiter, deren eines Ende auf einem toten Pferde
+ lag, und diktierte Bismarck das Telegramm an die Königin, das der
+ Welt Kunde von dem Siege gab. Dann aber gestand der König, daß
+ er Hunger leide und gern etwas essen möchte. Doch nur Wein und
+ schlechter Rum von einem Marketender nebst trockenem Brot war zur
+ Stelle. Endlich trieb man im Dorfe Rézonville ein paar Kotelette
+ für ihn auf, aber nichts für seine Umgebung. Bismarck hatte den
+ ganzen Tag nur etwas Soldatenbrot und Speck gehabt. Als endlich
+ ein paar Eier kamen, zerschlug er sie an seinem Degenknopf und
+ schlürfte sie roh. Und nun: Majestät wollte im Wagen schlafen,
+ zwischen toten Pferden und Schwerverwundeten. Er fand später ein
+ Unterkommen in einer Kabache. Der Bundeskanzler mußte sich wo
+ anders unter Dach zu bringen suchen. Wir ließen den Erben eines
+ der mächtigsten deutschen Potentaten (der junge Erbgroßherzog von
+ Mecklenburg war gemeint) bei dem Wagen Wache stehen, daß nichts
+ gestohlen würde, und ich machte mich mit Sheridan auf, um nach
+ einer Schlafstelle zu rekognoszieren. Wir kamen an ein Haus, das
+ noch brannte, und da war es zu heiß. Ich fragte in einem anderen
+ nach — voll von Verwundeten. In einem dritten — auch voll von
+ Verwundeten. Ebenso hieß es in einem vierten; ich ließ mich aber
+ hier nicht abweisen. Ich sah oben ein Fenster, wo es dunkel war.
+ ›Was ist denn da oben?‹ erkundigte ich mich. ›Lauter Verwundete.‹
+ ›Das wollen wir doch untersuchen!‹ Und ich ging hinauf, und siehe
+ da, drei leere Bettstellen mit guten und, wie es schien, ziemlich
+ reinen Strohmatratzen. Wir machten also hier Nachtquartier, und ich
+ schlief ganz gut.« — »Ja,« hatte sein Vetter Graf Bismarck-Bohlen
+ gesagt, als der Kanzler uns die Historie in Pont-à-Mousson das
+ erstemal und kürzer erzählte, »du schliefst gleich ein und ebenso
+ Sheridan, der sich — ich weiß nicht, wo er’s hergekriegt — ganz
+ in weiße Leinwand eingewickelt hatte und der in der Nacht von
+ dir geträumt haben muß, denn ich hörte verschiedenemal, wie er
+ murmelte: ›=O dear count!=‹« — »Hm, hm, der Erbgroßherzog, der sich
+ mit guter Manier in die Sache fand und überhaupt ein angenehmer
+ und liebenswürdiger junger Herr ist«, bemerkte der Minister. —
+ »Das beste war übrigens bei der Geschichte,« sagte Bohlen, »daß
+ eigentlich gar keine solche Not um Unterkommen gewesen wäre. Denn
+ unterdessen hatten sie entdeckt, daß nahe dabei ein elegantes
+ Landhaus für Bazaine instand gesetzt worden war, mit guten Betten,
+ Sekt im Keller und was weiß ich alles —, höchst fein, und da
+ hatte der Kriegsminister sich einlogiert und hatte ein opulentes
+ Abendmahl mit seiner Gesellschaft gefunden.«
+
+
+Das zähe Huhn
+
+ Von der Fahrt nach Busaney erzählt der Kanzler eine ähnliche
+ Szene: »Ich hatte den ganzen Tag nichts als Kommißbrot und Speck
+ gehabt. Jetzt kriegten wir ein paar Eier — fünf oder sechs. Die
+ anderen wollten sie gekocht; ich aber esse sie gern roh, und so
+ unterschlug ich ein paar und zerschlug sie an meinem Degenknopf,
+ was mich sehr erfrischte. Als es dann wieder Tag geworden war,
+ genoß ich das erste Warme seit sechsunddreißig Stunden — es war
+ nur eine Erbswurstsuppe, die mir General Göben gab; sie schmeckte
+ aber ganz vortrefflich. Später hatte es noch ein gebratenes Huhn
+ gegeben, an dessen Zähigkeit aber der beste Zahn verzweifelte.« Es
+ war dem Minister von einem Marketender angeboten worden, nachdem er
+ von einem Soldaten ein ungekochtes gekauft hatte. Bismarck hatte
+ jenes angenommen, dafür bezahlt und dem Manne noch obendrein das
+ von dem Soldaten erworbene gereicht. »Wenn wir uns im Kriege wieder
+ treffen,« sagte er, »so geben Sie mir’s gebraten wieder. Wo nicht,
+ so hoffe ich, daß Sie mir’s in Berlin zurückerstatten.«
+
+[Illustration: ~Preußische Fanfaronaden~
+
+Wilhelm: »Ich weiß nicht recht — wann denkst du, werde ich mit
+Frankreich fertig sein?«
+
+Bismarck: »Nur zu bald, gnädiger Herr, wie ich mit dieser Flasche.«
+(»Actualités«, November 1870)]
+
+Allmählich drängten die Dinge dem Gipfelpunkte von Sedan entgegen. Mit
+dem Morgengrauen des 1. September begann die Schlacht, und zur selben
+Stunde brach auch der König mit Bismarck auf, um Zeuge der Entscheidung
+zu sein. Mit ihnen zusammen standen auf der Höhe von Fresnois Moltke,
+Roon und zahlreiche Prinzen und Generale. Als aber das gewaltige
+Ringen zu Ende war, da erschien der General Reille als Parlamentär mit
+dem bekannten Briefe Napoleons bei König Wilhelm: »Mein Herr Bruder!
+Nachdem mir nicht vergönnt war, in der Mitte meiner Truppen zu sterben,
+bleibt mir nur noch übrig, meinen Degen in die Hände Ew. Majestät
+niederzulegen. Ich bin Ew. Majestät Vetter Napoleon.« Der König reichte
+das Schreiben zunächst Bismarck und ersuchte ihn, die Antwort zu
+entwerfen. Dieser las den Brief dem Kronprinzen, Roon und Moltke vor
+und diktierte dann dem Grafen Hatzfeld die Antwort: »Mein Herr Bruder!
+Mit Bedauern über die Umstände, unter denen wir zusammentreffen, nehme
+ich den Degen Ew. Majestät an und bitte Sie, einen Ihrer Offiziere
+ernennen zu wollen, der bevollmächtigt wird, über die Ergebung der
+Armee zu unterhandeln, die sich unter Ihren Befehlen so tapfer
+geschlagen hat. Meinerseits habe ich den General von Moltke dazu
+bestimmt. Ew. Majestät Bruder Wilhelm.« Als Reille mit dieser Antwort
+fort war, umarmte der König den Kronprinzen und reichte dann Bismarck
+die Hand mit den Worten: »Dieses weltgeschichtliche Ereignis, fürchte
+ich, bringt uns den Frieden noch nicht.« Bismarck fuhr mit Moltke nach
+Donchéry, um hier die französischen Unterhändler zu erwarten. Die
+Tragödie von Sedan war ausgespielt; es konnte nur noch ein Nachspiel
+geben.
+
+In Donchéry hat Bismarck übernachtet. Am Morgen um sechs Uhr erschien
+bereits ein französischer General; Bismarck zog sich hastig an, setzte
+sich, ohne zu frühstücken, eiligst zu Pferde und ritt davon. In der
+Stube aber fand Moritz Busch alles in Unordnung umhergeworfen: Am Boden
+lagen die »Täglichen Losungen und Lehrtexte der Brüdergemeinde für
+1870«, auf dem Nachttischchen befand sich ein anderes Andachtsbuch:
+»Die tägliche Erquickung für gläubige Christen«, Schriften, in denen
+der Kanzler des Nachts zu lesen pflegte.
+
+Über die Einzelheiten der weltgeschichtlichen Vorgänge der nächsten
+Stunden hat Bismarck an die Gattin berichtet. Dieser Brief ist von den
+Franzosen aufgefangen und später vom »Figaro« veröffentlicht worden.
+Selbst das französische Blatt aber sprach mit Staunen und Ergriffenheit
+von diesen schlichten Worten, in denen der Sieger des großen Krieges
+von einem Ereignis spricht, dessen weltgeschichtliche Bedeutung jeder
+erfaßte, von der liebenswürdigen Art, wie er mitten in den Schauern
+und dem Brausen der Weltgeschichte Zeit findet, von Marie und Karl,
+von Hans, Fritz, Herbert und Bill zu sprechen. Wie hätte wohl der
+französische Sieger geschrieben! Der Brief ist in der Tat eines der
+rührendsten Dokumente menschlicher Demut und schlichter Größe.
+
+[Illustration: Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu
+Tisch. (»Der Floh«, September 1870)]
+
+
+Der Brief von Sedan
+
+ Mein liebes Herz! Vorgestern vor Tagesgrauen verließ ich mein
+ hiesiges Quartier, kehre heut zurück und habe in der Zwischenzeit
+ die große Schlacht von Sedan am 1. erlebt, in der wir gegen 30 000
+ Gefangene machten und den Rest der französischen Armee, der wir
+ seit Bar-le-Duc nachjagten, in die Festung warfen, wo sie sich
+ mit dem Kaiser kriegsgefangen ergeben mußte. Gestern früh fünf
+ Uhr, nachdem ich bis ein Uhr früh mit Moltke und den französischen
+ Generalen über die abzuschließende Kapitulation verhandelt hatte,
+ weckte mich der General Reille, den ich kenne, um mir zu sagen,
+ daß Napoleon mich zu sprechen wünschte. Ich ritt ungewaschen und
+ ungefrühstückt gegen Sedan, fand den Kaiser im offenen Wagen mit
+ drei Adjutanten und drei zu Pferde daneben auf der Landstraße
+ vor Sedan haltend. Ich saß ab, grüßte ihn ebenso höflich wie
+ in den Tuilerien und fragte nach seinen Befehlen. Er wünschte
+ den König zu sehen; ich sagte ihm der Wahrheit gemäß, daß Seine
+ Majestät drei Meilen davon, an dem Orte, wo ich jetzt schreibe,
+ sein Quartier habe. Auf Napoleons Frage, wohin er sich begeben
+ solle, bot ich ihm, da ich der Gegend unkundig, mein Quartier in
+ Donchéry an, einem kleinen Ort an der Maas dicht bei Sedan; er nahm
+ es an und fuhr, von seinen sechs Franzosen, von mir und von Karl
+ (Bismarck-Bohlen), der mir inzwischen nachgeritten war, geleitet,
+ durch den einsamen Morgen nach unserer Seite zu. Vor dem Ort wurde
+ es ihm leid, wegen der möglichen Menschenmenge, und er fragte mich,
+ ob er in einem einsamen Arbeiterhause am Wege absteigen könne;
+ ich ließ es besehen durch Karl, der meldete, es sei ärmlich und
+ unrein. »=N’importe=«, meinte Napoleon, und ich stieg mit ihm
+ eine gebrechliche enge Stiege hinauf. In einer Kammer von zehn Fuß
+ Gevierte, mit einem fichtnen Tische und zwei Binsenstühlen, saßen
+ wir eine Stunde; die anderen waren unten. Ein gewaltiger Kontrast
+ mit unserem letzten Beisammensein, 1867 in den Tuilerien. Unsere
+ Unterhaltung war schwierig, wenn ich nicht Dinge berühren wollte,
+ die den von Gottes gewaltiger Hand Niedergeworfenen schmerzlich
+ berühren mußten. Ich hatte durch Karl Offiziere aus der Stadt holen
+ und Moltke bitten lassen zu kommen. Wir schickten dann einen der
+ ersten auf Rekognoszierung und entdeckten eine halbe Meile davon in
+ Fresnois ein kleines Schloß mit Park. Dorthin geleitete ich ihn mit
+ einer inzwischen herangeholten Eskorte vom Leib-Kürassierregiment,
+ und dort schlossen wir mit dem französischen Obergeneral Wimpffen
+ die Kapitulation, vermöge derer 40 000 bis 60 000 Franzosen,
+ genauer weiß ich es noch nicht, mit allem, was sie haben, unsere
+ Gefangenen wurden. Der vor- und gestrige Tag kosten Frankreich
+ 100 000 Mann und einen Kaiser. Heute früh ging letzterer mit
+ allen seinen Hofleuten, Pferden und Wagen nach Wilhelmshöhe bei
+ Kassel ab. Es ist ein weltgeschichtliches Ereignis, ein Sieg,
+ für den wir Gott dem Herrn in Demut danken wollen, und der den
+ Krieg entscheidet, wenn wir auch letzteren gegen das kaiserlose
+ Frankreich noch fortführen müssen. Ich muß schließen. Mit
+ herzlicher Freude ersah ich heut aus Deinen und Maries Briefen
+ Herberts Eintreffen bei Euch. Bill sprach ich gestern, wie schon
+ telegraphiert, und umarmte ihn angesichts Sr. Majestät vom Pferde
+ herunter, während er stramm im Gliede stand. Er ist sehr gesund und
+ vergnügt. Hans und Fritz Karl sah ich, beide Bülow b. 2. G. Dr.
+ wohl und munter.
+
+ Leb wohl, mein Herz. Grüße die Kinder. Dein v. B.
+
+
+König Wilhelms Toast
+
+ Am nächsten Tage, beim Mittagsmahle des Großen Hauptquartiers,
+ brachte der König folgenden Trinkspruch aus: »Wir müssen heut
+ aus Dankbarkeit auf das Wohl Meiner braven Armee trinken. Sie,
+ Kriegsminister von Roon, haben unser Schwert geschärft; Sie,
+ General von Moltke, haben es geleitet, und Sie, Graf von Bismarck,
+ haben seit Jahren durch die Leitung der Politik Preußen auf seinen
+ jetzigen Höhepunkt gebracht. Lassen Sie Uns also auf das Wohl der
+ Armee, der drei von Mir Genannten und jedes einzelnen unter den
+ Anwesenden trinken, der nach seinen Kräften zu den bisherigen
+ Erfolgen beigetragen hat.«
+
+[Illustration: Eine Satire auf die französischen Unterhändler. »Umarmen
+Sie mich, und alles ist erledigt.« (Franz. Flugblatt 1870)]
+
+
+Wie beim Kotillon
+
+ An einem parlamentarischen Abend erzählte Bismarck: »Als ich dem
+ Kaiser Napoleon in dem Stübchen des Weberhauses bei Donchéry
+ beinahe eine Stunde gegenüber saß, war es mir gerade so zumute
+ wie als jungem Menschen auf dem Balle, wenn ich ein Mädchen zum
+ Kotillon engagiert hatte, mit der ich kein Wort zu sprechen wußte,
+ und die niemand abholen wollte.«
+
+Der Krieg ging weiter; das Ende war noch nicht da. Zwar wurde die
+Dynastie Napoleons entthront, und die Kaiserin mußte mit ihrem Sohne
+nach England ziehen, aber die neue Republik führte den Krieg fort, und
+ihr Wahlspruch lautete: Wir überlassen keinen Finger breit Erde und
+keinen Stein unserer Festungen den Deutschen.
+
+[Illustration: ~Vor Paris~
+
+Wilhelm zu Bismarck, der nach dem Monde (Paris) greift: »Du fehlst ihn
+wieder! Ich habe es dir schon so oft gesagt, mein Gott, mein Gott, in
+welche Klemme du mich bringst!« (»Actualités«, 1870)]
+
+Die Haltung Frankreichs war beeinflußt auch durch die Hoffnung auf
+die Einwirkung der neutralen Mächte. Vor allem war es Beust, der
+die Hoffnung hegte, mit Hilfe eines Kongresses den Deutschen den
+Siegespreis zu kürzen. Auch England, das schon zu Anfang die Ausfuhr
+von Kohlen und Waffen nach Frankreich mit den Pflichten einer neutralen
+Macht für vereinbar hielt, zeigte sich den Siegern wenig freundlich
+gesinnt. Beust regte sogar ein gemeinsames Vorgehen der Mächte an, um,
+wie er sagte, die Forderungen der Sieger zu mäßigen und die Gefühle
+des Besiegten zu schonen. Aber das Schwert war rascher als die Feder;
+erst in Versailles kam es zu ernsthafter Verhandlung, und in der
+Tat hatte hier Bismarck schwer um die Ernte aller Kämpfe zu ringen.
+»Aber schon jetzt«, so schreibt er einmal nach Hause, »haben sich
+die diplomatischen Korrespondenzen wieder gemehrt. Der aufgestaute
+Tintenbach hat sich über mich ergossen, falsche Friedenstauben
+schwirren umher und girren mich heuchlerisch an.« Auch die Organisation
+der Verwaltung machte ihm viel Plage: »Wenn ich mit solcher
+Ressortverwirrung im Zivil haushalten sollte, so wäre ich längst
+gesprungen wie eine Granate. Hier aber denkt keiner daran, ob das Ganze
+leidet, jeder tut, was ihm befohlen wird, und was nicht befohlen wird,
+darüber tröstet er sich wie der Junge, dem sein Vater keine Handschuhe
+kaufte. Vor dem Feinde lauter Helden, aber an ihren Schreibtischen wie
+ein Rattenkönig mit den Zöpfen zusammengewachsen.«
+
+
+Die Arbeitslast
+
+ Die fast übermenschliche Befähigung des Kanzlers zu arbeiten,
+ schöpferisch aufnehmend, kritisch zu arbeiten, die schwierigsten
+ Aufgaben zu lösen, überall ohne Verzug das Rechte zu finden und das
+ allein Geeignete anzuordnen, war vielleicht nie so bewundernswert
+ wie während dieser Zeit, und sie war in ihrer Unerschöpflichkeit um
+ so erstaunlicher, als nur wenig Schlaf die bei solcher Tätigkeit
+ aufgewandten Kräfte ersetzte. Wie daheim stand der Minister auch
+ im Felde, wenn ihn nicht eine zu erwartende Schlacht schon vor
+ Tagesanbruch an die Seite des Königs und zum Heere rief, meist
+ spät, in der Regel gegen zehn Uhr auf. Aber er hatte dann die
+ Nacht durchwacht und war erst mit dem durchs Fenster scheinenden
+ Morgenlichte eingeschlafen. Oft kaum aus dem Bette und noch nicht
+ in den Kleidern, begann er schon wieder zu denken und zu schaffen,
+ zu studieren, den Räten und anderen Mitarbeitern Instruktionen
+ zu erteilen, Fragen vorzulegen und Aufgaben der verschiedensten
+ Art zu stellen, selbst zu schreiben oder zu diktieren. Später
+ waren Besuche zu empfangen oder Audienzen zu geben, oder es war
+ dem König Vortrag zu halten. Dann wieder Studium von Depeschen
+ und Landkarten, Korrektur von befohlenen Aufsätzen, Niederschrift
+ von Konzepten mit den bekannten großen Bleistiften, Abfassung
+ von Briefen, Information zu Telegrammen oder Äußerungen in der
+ Presse, und dazwischen mitunter abermals Empfang unabweislicher
+ Besuche, die zuweilen nicht willkommen sein konnten. Erst nach
+ zwei, manchmal erst nach drei Uhr gönnte sich der Kanzler an Orten,
+ wo für längere Zeit haltgemacht worden war, einige Erholung,
+ indem er einen Spazierritt in die Nachbarschaft unternahm. Darauf
+ wurde nochmals gearbeitet, bis man zwischen fünf und sechs Uhr zum
+ Mittagsmahl ging. Spätestens anderthalb Stunden nachher war er
+ wieder in seinem Zimmer am Schreibtisch, und häufig sah ihn noch
+ die Mitternacht lesen oder Gedanken zu Papier bringen.
+
+ Wie der Graf es mit dem Schlafen hielt, anders als unter
+ gewöhnlichen Menschen üblich, so lebte er auch hinsichtlich seiner
+ Mahlzeiten in eigner Weise. Früh genoß er eine Tasse Tee und wohl
+ auch ein oder zwei Eier, dann aber in der Regel nichts bis zu dem
+ in die Abendstunden verlegten Mittagsmahl. Sehr selten nahm er am
+ zweiten Frühstück und nur dann und wann am Tee teil, der zwischen
+ neun und zehn Uhr serviert wurde. Er aß somit, gelegentliche
+ Ausnahmen abgerechnet, innerhalb der vierundzwanzig Stunden des
+ Tages eigentlich nur einmal, dann aber — beiläufig wie Friedrich
+ der Große — reichlich.
+
+Am 13. September erließ Bismarck das berühmte Rundschreiben an die
+deutschen Vertreter im Ausland, in dem er erklärte, man dürfe sich
+nicht darüber täuschen, daß Deutschland, auch wenn die siegreichen
+Heere ohne jede Gebietsabtretung aus Frankreich fortzögen, doch
+keinen dauernden Frieden genießen werde; Deutschland müßte sichere
+Bürgschaften für die Verteidigung der westlichen Grenzen haben. In
+Meaux erfuhr er dann von der Rundreise des Herrn Thiers, der eine
+diplomatische Einmischung herbeiführen wollte, aber, wie er selbst
+sich ausgedrückt hat, »Europa nicht finden konnte«. Zu gleicher Zeit
+erschien bereits Jules Favre zur Unterhandlung bei Bismarck. Aber die
+Besprechung verlief resultatlos. Und auch weitere Versuche, einen
+Waffenstillstand oder den Frieden herbeizuführen, mißlangen.
+
+
+Ins Geschäft nie
+
+ In dem vertrauten Kreise seiner Tafelrunde erzählte Bismarck
+ belustigt, daß Favre sich bei der Erwähnung von Landverlust höchst
+ erregt gebärdet, Seufzer ausgestoßen, die Augen gen Himmel gewendet
+ und patriotische Tränen zu vergießen versucht und anscheinend
+ weggewischt habe. Da Favre dieser Tränen sich in seinem amtlichen
+ Berichte vom 21. September besonders rühmte, so sagte Bismarck
+ am 27. vor seinen Tafelgästen weiter: »Es ist wahr, er sah so
+ aus, und ich versuchte ihn einigermaßen zu trösten. Wie ich mir
+ ihn aber genauer betrachtete — ich glaube ganz bestimmt, daß er
+ nicht eine Träne herausgebracht hatte. Er dachte vermutlich, mit
+ Schauspielerei auf mich zu wirken wie die Pariser Advokaten auf
+ ihr Publikum. Ich bin fest überzeugt, daß er in Ferrières auch
+ weiß geschminkt war — besonders das zweitemal. An diesem Morgen
+ sah er viel grauer aus, um den Angegriffenen und Tiefleidenden
+ vorzustellen. Es ist auch möglich, daß es ihm wirklich nahegeht,
+ aber er ist kein Politiker, er sollte wissen, daß Gefühlsausbrüche
+ nicht in die Politik gehören. Als ich was von Straßburg und Metz
+ fallen ließ, machte er ein Gesicht, als ob das Scherz von mir wäre.
+ Ich hätte ihm da erzählen können, wie ich einmal mit meiner Frau
+ zu dem großen Kürschner in Berlin ging — wie heißt er gleich? —,
+ um nach einem Pelz zu fragen, und da nannte er mir für den, der
+ mir gefiel, einen hohen Preis. ›Sie scherzen wohl‹, versetzte ich.
+ ›Nein,‹ erwiderte er, ›ins Geschäft nie.‹«
+
+
+=Parjure= und =infâme=
+
+ Es wurde einmal erwähnt, daß der bei Sedan in Gefangenschaft
+ geratene General Ducrot zum Danke dafür, daß man ihm gegen sein
+ Ehrenwort mehr Freiheit als anderen gestattet, auf dem Wege nach
+ Deutschland schmählicherweise durchgebrannt sei. Bismarck bemerkte
+ dazu: »Wenn man solche Schurken, die ihr Wort gegeben haben —
+ andere, die ausreißen, sind nicht zu tadeln —, wiederkriegt, so
+ sollte man sie hängen in ihren roten Hosen und auf das eine Bein
+ =parjure= und auf das andere =infâme= schreiben.«
+
+Am 5. Oktober wurde das Hauptquartier nach Versailles verlegt. Ein
+weiter Ring um Paris war von den deutschen Truppen geschlossen worden.
+Hier aber begann frühzeitig der große historische Streit um die Frage,
+ob die französische Hauptstadt, wie Moltke und der Kronprinz und die
+Generale wollten, durch Hunger zerniert oder, wie Bismarck und Roon es
+verlangten, mit schweren Geschützen beschossen werden sollte. Dieser
+Streit, in dem Bismarck erst nach langen Mühen den Sieg davontragen
+sollte, hat ihm zahllose bittere Stunden bereitet. Denn für ihn, der
+den politischen Gesichtspunkt niemals vergessen durfte, der vor allem
+einen Eingriff der Neutralen verhindern wollte, war die Schnelligkeit
+der Erfolge von entscheidender Bedeutung. Er wußte, wie gefährlich
+jede Verzögerung war. Nie haben auch die Klagen Bismarcks über die
+Eifersucht der Generale herber geklungen, als in jenen Wochen, da
+»die Halbgötter« sich sogar bemühten, ihm jeden Einblick in den Gang
+der Operationen zu verwehren. Oft genug hat Bismarck das Erschwernis
+gespürt, das ihm hieraus erwuchs. War er doch verantwortlich für die
+richtige politische Ausnutzung der militärischen wie der auswärtigen
+Situation, verantwortlich dafür, ob die militärische Lage irgendwelche
+politischen Schritte oder die Ablehnung irgendeiner Zumutung anderer
+Mächte ratsam machte. Hatte Bismarck nicht recht? Wenn es die Aufgabe
+der Heeresleitung war, die feindlichen Streitkräfte zu vernichten, so
+war doch der Zweck des Krieges die Erkämpfung des Friedens und der
+Bedingungen, die der vom Staate befolgten Politik entsprechen. So hat
+vor allem die Frage, ob Paris bombardiert werden solle oder nicht,
+einen tiefen Einfluß auch auf die politischen Verhältnisse geübt. Denn
+stärker als je regten sich jetzt die Neutralen, um den Krieg so zu
+begrenzen, daß Preußen seine Forderungen möglichst einschränken mußte.
+Bismarck wußte aber auch, daß dieser gewaltige Krieg mit seinen Siegen
+und seiner Begeisterung nicht ohne Wirkung für die nationale Einigung
+bleiben durfte: »Es war mir niemals zweifelhaft, daß der Herstellung
+des Deutschen Reiches der Sieg über Frankreich vorhergehen mußte, und
+wenn es uns nicht gelang, ihn diesmal zum vollen Abschluß zu bringen,
+so waren weitere Kriege ohne vorherige Sicherstellung unserer völligen
+Einigung in Sicht.«
+
+[Illustration: ~Bismarck als Kugelläufer~
+
+»Deibel noch mal, ich weeß nich, was das bedeitet! Ich gloobe sogar,
+ich habe die Palance verloren, mel eenes Been glitscht schon!« (Franz.
+Flugblatt 1870)
+
+(Das französische Flugblatt läßt Bismarck sächsisch sprechen, wohl in
+der Vorstellung, daß er als Niedersachse den Dresdener Dialekt redet.
+Dies wiederholt sich oft.)]
+
+
+Eine Stunde der Bitterkeit
+
+ In den Tagen, da Bismarck und Roon vergebens um das Bombardement
+ von Paris rangen, schrieb Bismarck einmal mit tiefer Bitterkeit an
+ die Gattin: »Der gute Roon ist vor Ärger über unsere Passivität
+ und seine vergeblichen Versuche, uns zum Angriff zu bringen, recht
+ krank gewesen, jetzt besser, resigniert, nur darf man nicht von
+ der Sache reden; er wird gleich unwohl vor Bitterkeit. Er bleibt
+ eigentlich nur mir zu Gefallen hier, weil ich sonst politisch und
+ gemütlich ganz vereinsame. Ich meine nicht, daß ich Widerstand
+ aller auf ~politischem~ Gebiete zu bekämpfen hätte, im Gegenteil,
+ aber ich habe keine menschliche Seele hier zum Reden über
+ Vergangenheit oder Zukunft. Wenn man zu lange Minister ist, und
+ dabei nach Gottes Fügung Erfolge hat, so fühlt man deutlich, wie
+ der kalte Sumpf von Mißgunst und Haß einem allmählich höher und
+ höher bis ans Herz steigt. Man gewinnt keine neuen Freunde, die
+ alten sterben oder treten in verstimmter Bescheidenheit zurück,
+ und die Kälte von oben wächst, wie das die Naturgeschichte der
+ Fürsten, auch der besten, so mit sich bringt; alle Zuneigungen aber
+ bedürfen der Gegenseitigkeit, wenn sie dauern sollen. Kurz, mich
+ friert, geistig, und ich sehne mich, bei Dir zu sein und mit Dir
+ in Einsamkeit auf dem Lande. Dieses Leben erträgt kein gesundes
+ Herz auf die Dauer. Gesund an Körper aber bin ich, mehr als seit
+ Jahr und Tag, und grüße Dich und die Kinder in herzlicher Liebe mit
+ etwas Heimweh.«
+
+[Illustration: Bismarck als Jesuit, der immer doppelzüngig ist, aber
+von den Franzosen wünscht er nur Gutes: Elsaß, Lothringen und fünf
+Milliarden. (»Actualités«, 1871)]
+
+
+Achill
+
+ Von ähnlicher Stimmung berichtet Busch: Eines Abends klagte der
+ Fürst, daß er von seiner politischen Tätigkeit wenig Freude und
+ Befriedigung gehabt. Er habe damit niemand glücklich gemacht,
+ sich selbst nicht, seine Familie nicht, auch andere nicht, wohl
+ aber viele unglücklich. »Ohne mich hätte es drei große Kriege
+ nicht gegeben, wären achtzigtausend Menschen nicht umgekommen, und
+ Eltern, Brüder, Schwestern, Witwen trauerten nicht. Das habe ich
+ indes mit Gott abgemacht. Aber Freude habe ich wenig oder gar keine
+ gehabt von allem, was ich getan habe, dagegen viel Verdruß, Sorge
+ und Mühe.« — Man konnte an Achill denken, wenn er im Zelte des
+ Lagers vor Ilion zu König Priamus sagt:
+
+ »Wir schaffen ja nichts mit unserer starrenden Schwermut;
+ Also bestimmten der Sterblichen Los, der armen, die Götter,
+ Trübe in Gram zu leben, allein sie selber sind sorglos.«
+
+Aber trotz aller Bitternis trieb gerade in jenen Zeiten der Humor
+Bismarcks die köstlichsten Blüten. In den Tischgesprächen, deren wir
+dem fleißigen Moritz Busch eine Fülle verdanken, offenbarte er zuweilen
+sogar eine übermütige Stimmung, stets aber erscheinen vor unseren
+Augen wie in einem Panorama, oft nur in kurzen Strichen gezeichnet,
+lebensvolle Gestalten, packende Bilder, Episoden von Reiz und Stimmung.
+Die Vergangenheit steigt wieder empor, helle Lichter fallen auf die
+Gegenwart, und mit prophetischem Geiste wird die Zukunft erfaßt. Am
+tiefsten aber scheint ein Wort, das er einmal ganz flüchtig prägte, als
+er über seine Schlaflosigkeit klagte:
+
+
+Es denkt, es spekuliert in mir
+
+ »Schon als Kind,« so erzählte er da, »und seitdem immer bin ich
+ spät zu Bett gegangen, niemals vor Mitternacht. Ich schlafe dann
+ gewöhnlich schnell ein, wache aber bald wieder auf und finde,
+ daß es höchstens um eins oder halb zwei ist, und dann fällt mir
+ allerhand ein, besonders wo mir unrecht geschehen ist, was dann
+ überlegt werden muß. Darauf schreibe ich Briefe, auch Depeschen,
+ natürlich ohne aufzustehen, bloß im Kopfe. Früher, als ich noch
+ nicht lange Minister war, stand ich auf und schrieb es wirklich
+ nieder. Wenn ich’s aber am Morgen überlas, war es nichts wert,
+ lauter Platitüden, konfuses, triviales Zeug, wie es etwa in der
+ ›Vossischen‹ gestanden haben könnte.« — — »Ich will nicht, ich
+ möchte lieber schlafen. Aber es denkt, ~es spekuliert in mir~.
+ Kommt dann der erste Morgenschimmer auf meine Bettdecke, so
+ schlummere ich wieder ein, und dann wird bis zehn Uhr oder noch
+ länger fortgeschlafen.«
+
+»Es spekuliert in mir« — es ist das Daimonion, das Dämonische in ihm,
+das hier seine eigene Sprache führt, das über ihn kommt und ihn zwingt,
+das ihn heraushebt über die Enge des Menschentums und seinen Blick
+hinüberlenkt in die unendlichen Weiten, die nur des Künstlers Seele
+ergreift.
+
+Aus der überaus reichen Fülle von Anekdoten, von Erlebtem und
+Erzähltem, die jene Tage von Versailles umfassen, mögen hier in bunter
+Wahl einige Proben ihren Platz finden.
+
+
+Wilhelm Tell
+
+ Bei Tisch kam man einmal auf Wilhelm Tell zu sprechen, und der
+ Minister bekannte, daß er den schon als Knabe nicht habe leiden
+ können, und zwar erstens, weil er auf seinen Sohn geschossen, dann
+ weil er Geßler auf meuchlerische Weise getötet habe. »Natürlicher
+ und nobler wäre es nach meinen Begriffen gewesen,« setzte er hinzu,
+ »wenn er, statt auf den Jungen abzudrücken — den doch der beste
+ Schütze statt des Apfels treffen konnte —, wenn er da lieber gleich
+ den Landvogt erschossen hätte. Das wäre gerechter Zorn über eine
+ grausame Zumutung gewesen. Das Verstecken und Auflauern gefällt
+ mir nicht, das paßt sich nicht für Helden — nicht einmal für
+ Franktireure.«
+
+[Illustration: Bismarcks geschwollene Backe. Ein Vexierbild, dessen
+Sinn beim Umdrehen deutlich wird. (Franz. Flugblatt 1870)]
+
+
+Wie er Burgunder bezog
+
+ Es erwähnte jemand bei Tisch den guten Weinkeller Bismarcks in
+ Berlin. »Ein ausgezeichneter Keller« — sagte er darauf —, »denn ich
+ habe einen außerordentlichen Lieferanten, den Marquis de T.....,
+ welchen Sie in Paris kennen gelernt haben müssen. Das ist ein
+ Diplomat, welcher Talleyrand einmal in seinem Leben ausgestochen
+ hat, indem er den Minister der Auswärtigen Angelegenheiten des
+ Kaisers zwang, ihn zum Marquis zu machen, ohne dies zu wissen. Er
+ ist der Sohn eines reichen Landwirts und hieß einfach Lemarquis.
+ Nachdem er erreicht hatte, daß er als Attaché der französischen
+ Gesandtschaft nach Frankfurt geschickt worden war, fügte er seinem
+ Namen den Namen eines seinem Vater gehörenden Landgutes hinzu, das
+ machte Lemarquis de T.....; dann gewöhnte er sich allmählich daran,
+ daß man seinen Namen in zwei Worten schrieb; endlich schrieb er ihn
+ selbst so. Er kam nach Berlin; ich kannte die Geschichte; als ich
+ das Vergnügen bemerkte, mit welchem er sich Marquis anreden ließ,
+ schmeichelte ich dieser Manier und ließ bei einem diplomatischen
+ Diner unter sein Gedeck eine Speisekarte legen, auf welcher sein
+ Titel auf die aristokratischste Weise schön rund geschrieben stand.
+ Er war hierüber gerührt und schickte mir am nächsten Tage einen
+ Korb ausgezeichneter Burgunderweine, welche er von seinen Gütern in
+ Frankreich bezog. Seitdem ist er mein Lieferant geblieben, und ich
+ befinde mich wohl dabei.«
+
+
+Elefantenbraten
+
+ Bei Tisch war Lauer Gast des Chefs. Es wurde davon gesprochen, daß
+ man in Paris bereits alle eßbaren Tiere des =Jardin des Plantes=
+ verspeist haben soll, und Hatzfeld erzählte, daß man die Kamele
+ für viertausend Franken verkauft habe, und daß der Rüssel des
+ Elefanten von einer Gesellschaft von Feinschmeckern gegessen
+ worden sei; derselbe soll ein vortreffliches Gericht abgeben.
+ »Ach,« versetzte Lauer, »das ist wohl möglich. Es ist eine Masse
+ von zusammengefilzten Muskeln, woher die Gewandtheit und Kraft
+ kommt, mit der er ihn gebraucht. Etwas wie die Zunge; er muß wie
+ Zunge schmecken.« — Jemand bemerkte, auch die Kamele sollten
+ nicht übel sein, und namentlich behaupte man, daß die Höcker eine
+ große Delikatesse wären. Der Chef hörte dem eine Weile zu, dann
+ sagte er wie nachdenklich, erst etwas vorgebeugt, dann aufatmend
+ und sich aufrichtend, wie das bei Scherzen seine Gewohnheit:
+ »Hm, die buckligen Menschen — man sollte denken, die Buckel!«
+ — laute allgemeine Heiterkeit unterbrach ihn. Lauer bemerkte
+ trocken und wissenschaftlich, die Buckel wären eine Verbildung der
+ Rippen oder Knochen oder auch eine Verkrümmung des Rückgrates,
+ und so würden sie sich nicht zum Essen eignen, wohingegen die
+ Kamelhöcker bewegliche Knorpelansätze wären, die möglicherweise
+ nicht schlecht schmeckten. Dieser Faden spann sich dann weiter, es
+ war die Rede von Bärenfleisch, dann von Bärentatzen, zuletzt von
+ den Feinschmeckern unter den Kannibalen, wobei der Minister eine
+ anmutige Geschichte zu erzählen wußte. Er begann: »Ein Kind, ein
+ junges frisches Mädchen, nun ja, aber so ein alter, ausgewachsner
+ harter Kerl — der muß doch nicht zu essen sein.« Dann fuhr er fort:
+ »Ich erinnere mich, eine alte Kaffern- oder Hottentottenfrau, die
+ lange schon Christin geworden war, als der Missionar sie auf den
+ Tod vorbereitete und sie ganz für die Seligkeit bereit fand, — da
+ fragte er sie, ob sie wohl noch einen Wunsch hätte. Nein, sagte
+ sie, es wäre alles ganz gut, aber wenn sie noch einmal ein paar
+ Hände von einem kleinen Kinde zu essen bekäme, das wäre doch was
+ sehr Delikates.«
+
+
+Von Erschaffung der Welt an
+
+ Bei den Verhandlungen über die Kriegsentschädigung zwischen Jules
+ Favre und Bismarck war auch der Bankier Gerson von Bleichröder als
+ Sachverständiger zugegen. Favre war außer sich über die Forderung
+ von fünf Milliarden und meinte, um seinem Gegner das Übertriebene
+ derselben einleuchtend zu machen, selbst wenn man von Christi
+ Zeiten bis auf diese Stunde zählen wollte, so würde man mit einer
+ solch ungeheuren Summe nicht zustande kommen. »O,« erwiderte Graf
+ Bismarck, »seien Sie außer Sorgen. Dafür habe ich diesen Herrn
+ mitgebracht« — er deutete dabei auf Bleichröder — »der zählt von
+ Erschaffung der Welt an.«
+
+
+Der Jude mit den zerrissenen Stiefeln
+
+ »In Petersburg«, so erzählte Bismarck einmal bei Tisch, »kam in
+ unsere Kanzlei ein Jude, der nach Preußen zurückbefördert sein
+ wollte. Er war aber sehr abgerissen und hatte besonders schlechte
+ Stiefel an. Man sagte ihm, ja, er sollte befördert werden; aber
+ er wollte vorher andere Stiefel haben, und beanspruchte das als
+ ein Recht und trat so dreist und unverschämt auf, schrie und
+ schimpfte, daß die Herren sich vor ihm nicht zu helfen wußten.
+ Auch die Diener getrauten sich nicht an den wütenden Menschen.
+ Da wurde endlich, als der Spektakel zu arg geworden war, ich zu
+ körperlicher Hilfe herbeigerufen. Ich sagte ihm, er sollte ruhig
+ sein, sonst würde ich ihn einsperren lassen. Er erwiderte trotzig:
+ ›Das können Sie nicht, dazu haben Sie in Rußland gar kein Recht!‹
+ — ›Das wollen wir sehen‹, sagte ich. ›Ich muß Sie allerdings nach
+ Hause schaffen, aber Stiefel brauche ich Ihnen nicht zu geben,
+ wenn ich’s auch vielleicht getan hätte, wenn Sie sich nicht so
+ ungebührlich aufgeführt hätten.‹ Darauf machte ich das Fenster auf
+ und winkte einem Gorodowoy, einem russischen Polizeimanne, der ein
+ Stück davon seine Station hatte. Mein Jude fuhr fort, zu schreien
+ und zu schelten, bis der Polizeimann, ein großer starker Mensch,
+ hereinkam. Zu dem sagte ich: [russische Worte, die unübersetzt
+ bleiben]. Und der große Schutzmann nahm den kleinen Juden mit und
+ steckte ihn ein. Den anderen Vormittag aber kam der wieder an,
+ ganz umgewandelt, und erklärte sich zur Abreise ohne neue Stiefel
+ bereit. Ich fragte, wie es ihm ergangen wäre inzwischen. — Schlecht
+ wäre es ihm gegangen, sehr schlecht. — Nun, was sie ihm denn getan
+ hätten? — Ja, sie hätten ihn — nun, sie hätten ihn — körperlich
+ mißhandelt. Ich sprach ihm mein Bedauern aus und fragte, ob er sich
+ beschweren wolle. Er zog vor, schnell abzureisen, und ich habe
+ nichts wieder von ihm gehört.«
+
+[Illustration: ~Der beschränkte Untertanenverstand~
+
+Bismarck: »Undankbares Volk! Beschränkter Untertanenverstand! Für
+jede Steuer und jedes Monopol, das sie mir bewilligen, und für jeden
+Belagerungszustand, den sie mir verlängern, gebe ich ihnen einen
+Bischof, und noch sind die Leute nicht zufrieden.« (»Figaro«, Oktober
+1881)]
+
+
+Er redet deutsch
+
+ Von seiner zweiten Zusammenkunft mit Thiers erzählte der Kanzler:
+ »Als ich eine vielleicht ihm hart erscheinende Forderung an ihn
+ stellte, fuhr er, der sich sonst sehr wohl zu beherrschen weiß,
+ in die Höhe und sagte: ›=Mais, c’est une indignité!=‹ Ich ließ
+ mich dadurch nicht irremachen, sprach aber von jetzt an deutsch
+ zu ihm. Er hörte eine Weile zu und wußte augenscheinlich nicht,
+ was er davon halten sollte. Dann fing er an in kläglichem Tone:
+ ›=Mais, Monsieur le comte, vous savez bien, que je ne sais point
+ l’allemand.=‹ Ich erwiderte ihm — jetzt wieder französisch: ›Als
+ Sie vorhin von =indignité= redeten, fand ich, daß ich nicht genug
+ Französisch verstehe, und so zog ich vor, deutsch zu sprechen, wo
+ ich weiß, was ich sage und höre.‹ Sogleich begriff er, was ich
+ wollte, und schrieb als Zugeständnis hin, was ich gefordert hatte,
+ und was er vorher als eine Unwürdigkeit hingestellt hatte.«
+
+
+Obendrein Propfengeld
+
+ In Ferrières war Bismarck in dem Schlosse des Herrn von Rothschild
+ einquartiert. Sehr gastlich wurde er hier nicht aufgenommen,
+ wenigstens erzählt Moritz Busch: »Während des Essens hatten wir
+ auch eine Probe von der Gastlichkeit und dem Anstandsgefühl
+ des Herrn Baron zu bewundern, dessen Haus der König mit seiner
+ Gegenwart beehrte, und dessen Besitz infolgedessen in jeder Weise
+ geschont wurde. Herr von Rothschild, der hundertfache Millionär und
+ überdies bis vor kurzem Generalkonsul Preußens in Paris gewesen,
+ ließ uns durch seinen ›Regisseur‹ oder Haushofmeister patzig den
+ Wein verweigern, dessen wir bedurften, wozu ich bemerkte, daß
+ derselbe wie jede andere Lieferung bezahlt werden sollte. Vor
+ den Chef zitiert, setzte der dreiste Mensch seine Renitenz fort,
+ leugnete erst ganz und gar, überhaupt Wein im Hause zu haben, und
+ gab dann zwar zu, daß er ›ein paar hundert Flaschen Petit Bordeaux
+ im Keller habe‹ — in Wahrheit lagen 17000 darin —, erklärte aber,
+ uns davon nichts abtreten zu wollen. Der Minister machte ihm
+ jedoch den Standpunkt in sehr kräftiger Rede klar, hob hervor, was
+ das für eine unartige und filzige Art sei, mit der sein Herr die
+ Ehre erwidere, die ihm der König dadurch erwiesen, daß er bei ihm
+ abgestiegen sei, und fragte, als der vierschrötige Patron Miene
+ machte, sich wieder aufzubäumen, kurz und bündig, ob er wisse, was
+ ein Strohbund sei. Jener schien das zu ahnen; denn er wurde blaß,
+ sagte aber nichts. Es wurde ihm dann bemerkt, daß ein Strohbund ein
+ Ding sei, auf welches halsstarrige und freche Regisseure so gelegt
+ würden, daß ihre Rückseite oben sei, und das weitere könne er sich
+ vielleicht vorstellen. — Andern Tags hatten wir, was wir verlangt,
+ und auch später kam meines Wissens keine Klage vor. Der Herr Baron
+ aber erhielt für seinen Wein nicht nur den geforderten Preis,
+ sondern, wie man hörte, obendrein Propfengeld, so daß er an uns
+ noch etwas Anständiges verdiente. — Herr von Rothschild hat später
+ behauptet, sein Koch sei von Preußen geprügelt worden, weil die
+ Fasanen, die er ihnen vorsetzte, nicht getrüffelt gewesen seien.«
+
+
+Garibaldi
+
+ Als Garibaldi geschlagen war und zahlreiche Italiener in deutsche
+ Gefangenschaft geraten waren, sagte Bismarcks Vetter Bohlen:
+ man solle sie in Käfige setzen und öffentlich zeigen. »Nein,«
+ erwiderte der Kanzler, »ich hätte einen anderen Plan. Man sollte
+ die Gefangenen nach Berlin bringen, dort müßte ihnen ein Plakat
+ von Pappe angehängt werden, auf dem stünde: ›Dankbarkeit‹ — oder:
+ ›Venedig — Spandau‹ — und so würden sie durch die Stadt geführt und
+ dann nach Spandau geschafft.«
+
+
+Alexander von Humboldt
+
+ »Bei unserem hochseligen Herrn«, so erzählte Bismarck, »war ich das
+ einzige Schlachtopfer, wenn Humboldt des Abends die Gesellschaft
+ in seiner Weise unterhielt. Er las dann gewöhnlich vor, oft
+ stundenlang, eine Lebensbeschreibung von einem französischen
+ Gelehrten oder einem Baumeister, die keinen Menschen interessierte.
+ Dabei stand er und hielt das Blatt dicht vor die Lampe. Mitunter
+ ließ er es fallen, um sich mit einer gelehrten Bemerkung darüber
+ zu verbreiten. Niemand hörte ihm zu, aber er hatte doch das Wort.
+ Die Königin nähte in einem fort an einer Tapisserie und hörte
+ gewiß nichts von seinem Vortrag. Der König besah sich Bilder
+ — Kupferstiche und Holzschnitte — und blätterte geräuschvoll
+ darin, in der schönen Absicht, nichts davon hören zu wollen. Die
+ jungen Leute seitwärts und im Hintergrunde unterhielten sich
+ ganz ungeniert, kicherten und übertäubten damit förmlich seine
+ Vorlesung. Der aber murmelte, ohne abzureißen, fort wie ein Bach.
+ Gerlach, der gewöhnlich auch dabei war, saß auf einem kleinen
+ runden Stuhle, über dessen Rand sein fetter Hinterer auf allen
+ Seiten herabhing, und schlief, daß er schnarchte, so daß ihn der
+ König einmal weckte und zu ihm sagte: ›Gerlach, so schnarchen
+ Sie doch nicht.‹ — Ich war sein einziger geduldiger Zuhörer, das
+ heißt, ich schwieg, tat, als ob ich seinem Vortrage lauschte, und
+ hatte dabei meine eigenen Gedanken, bis es endlich kalte Küche und
+ weißen Wein gab. — Es war dem alten Herrn sehr verdrießlich, wenn
+ er nicht das Wort führen durfte. Ich erinnere mich, einmal war
+ einer da, der die Rede an sich riß, und zwar auf ganz natürliche
+ Weise, indem er Dinge, die alle interessierten, hübsch zu erzählen
+ wußte. Humboldt war außer sich. Mürrisch füllte er sich den Teller
+ mit einem Haufen — so hoch — (der Kanzler zeigt es mit der Hand)
+ von Gänseleberpastete, fettem Aal, Hummerschwanz oder anderen
+ Unverdaulichkeiten — ein wahrer Berg! — es war erstaunlich, was
+ der alte Mann essen konnte. — Als er nicht mehr konnte, ließ es
+ ihm keine Ruhe mehr, und er machte einen Versuch, sich das Wort
+ zu erobern. ›Auf dem Gipfel des Popokatepetl‹, fing er an. Aber
+ es war nichts, der Erzähler ließ sich seinem Thema nicht abwendig
+ machen und fuhr gelassen mit dem zweiten Kapitel der Geschichte,
+ die er zum besten gab, fort. Humboldt sah sich mißmutig nach ihm
+ um, hustete kurz und trocken und setzte noch einmal an. ›Auf dem
+ Gipfel des Popokatepetl, siebentausend Toisen über‹ — wieder drang
+ er nicht durch, der Erzähler sprach ruhig weiter. ›Auf dem Gipfel
+ des Popokatepetl, siebentausend Toisen über dem Niveau des Stillen
+ Meeres‹ — er stieß es mit lauter, erregter Stimme hervor, halb
+ wehmütig, halb zornig, die ersten Worte feierlich, die letzten
+ hastig; jedoch gelang es ihm auch damit nicht; der Erzähler redete
+ fort, wie vorher, und die Gesellschaft hörte nur auf ihn. — Das
+ war unerhört — Frevel! Wütend setzte Humboldt sich nieder und
+ versank in Betrachtungen über die Undankbarkeit der Menschheit,
+ auch am Hofe. — Die Liberalen haben viel aus ihm gemacht, ihn zu
+ ihren Leuten gezählt. Aber er war ein Mensch, dem Fürstengunst
+ unentbehrlich war, und der sich nur wohl fühlte, wenn ihn die Sonne
+ des Hofes beschien.«
+
+
+Cerf
+
+ Einmal erzählte der Fürst auch von einer früher in Berlin sehr
+ bekannten Persönlichkeit, dem alten Theaterdirektor Cerf; derselbe
+ sei ein höchst merkwürdiger Herr gewesen, Geschriebenes habe
+ er überhaupt nicht lesen können. Einmal sei ihm bei Tisch ein
+ eiliger Brief übergeben worden, der sofort Antwort erheischt
+ habe. Cerf habe sich die Aufschrift eine Weile besehen, daran
+ wohl den Absender erkannt und dann den Brief seinem Nachbar mit
+ der Bemerkung übergeben: »Aha, der ist ja von dem komischen Kerl,
+ dem X.; ich kann seine Handschrift nicht lesen, sehen Sie doch
+ mal nach, was er eigentlich von mir will.« Im Anschlusse hieran
+ erzählte der Fürst folgende Anekdote von Cerf: Ein Tischgast habe
+ im Hause von Cerf folgendes Rätsel aufgegeben: »Das erste ist unser
+ Wirt, das zweite ist der Name unserer Wirtin und das Ganze steht
+ auf dem Tisch.« Da sei Cerf doch indigniert gewesen, daß man an
+ seiner eigenen Tafel derartige Rätsel aufgebe. Die Lösung sei ja
+ ganz klar: »Assiette«. Seine Frau hieß nämlich Jette, und was da
+ für ihn übrig bleibe (Aas), dafür müsse er sich doch bedanken.
+ Infolge seiner mangelhaften orthographischen Kenntnisse war ihm
+ das Fehlen des einen A ganz entgangen, worauf der Rätselaufgeber,
+ der ungefähr ebenso stark in der Orthographie war, ganz entrüstet
+ erklärte, er habe nicht Assiette, sondern ~Cerfiette~ (Serviette)
+ gemeint.
+
+
+Der dicke Daumer
+
+ Das war ein biederer Nassauer, der wegen seiner lächerlichen
+ Todesfurcht bekannt war und von dem Bismarck ein niedliches
+ Abenteuer aus der Frankfurter Zeit erzählte: »Mit diesem ›dicken
+ Daumer‹ war ich eines schönen Herbstmorgens in der Nähe von
+ Frankfurt auf der Jagd gewesen. Als wir uns am Rande des Waldes
+ hoch im Gebirge zur Rast niedersetzten, entdeckte ich zu meinem
+ Schrecken, daß ich kein Frühstück mit hatte. Der ›dicke Daumer‹
+ dagegen zog eine mächtige ›Wurscht‹ hervor, die für mich allein
+ gerade ausgereicht hätte, und von der er mir edelmütig die Hälfte
+ offerierte. Das Mahl begann; ich sah das Ende meines Wurstteils
+ herannahen. Ich hätte vor Wehmut frankfurterisch reden mögen. Da
+ frage ich den ›dicken Daumer‹ von ungefähr: ›Ach, sage Sie mir,
+ Herr Daumer, was is doch das Weiße da unne, was aus de Zwetschebaum
+ herausschaut?‹ — ›Gott, Exzellenz, da möchte eim ja der Appetit
+ vergehe — das is der Kirchhof.‹ — ›Aber, lieber Herr Daumer, da
+ wollen wir uns doch beizeiten ein Plätzchen suchen, da muß sich’s
+ wunderbar friedlich ruhen.‹ — ›Nu, Exzellenz, nu leg i awer die
+ Wurscht weg!‹ Der ›dicke Daumer‹ blieb bei diesem Entschlusse, und
+ ich hatte mein ordentliches Frühstück.«
+
+
+Marsyas
+
+ Er habe, so äußerte Bismarck, niemals Apollo leiden können. Der
+ hätte einen aus Einbildung und Neid geschunden, den Marsyas, und
+ aus ähnlichen Gründen die Kinder der Niobe totgeschossen. »Er
+ ist der echte Typus eines Franzosen; ’s ist einer, der es nicht
+ ertragen kann, daß jemand besser oder ebenso gut die Flöte spielt
+ wie er.« Auch daß er es mit den Trojanern gehalten habe, hätte ihm
+ nie zugesagt. Sein Mann wäre der ehrliche Vulkan gewesen, und noch
+ besser hätte ihm wegen des =Quos ego= Neptun gefallen.
+
+[Illustration: Der eiserne Junggesell, als Seitenstück zur berühmten
+»eisernen Jungfrau«. (»Kikeriki«, November 1870)]
+
+
+Die Geschichte vom Schieferdecker
+
+ Bismarck war beim König zu Gaste. Graf Beust, der Adjutant des
+ Großherzogs von Weimar, gratulierte Bismarck zu seinem guten
+ Verhältnis zu seinem Namensvetter, dem österreichischen Minister
+ Grafen Beust. »Ja,« sagte Bismarck, »das ist ganz gut, aber mir
+ fällt dabei immer die Geschichte vom Schieferdecker, der vom Turm
+ fällt, ein. An jedem Stockwerk, an dem er vorüberfällt, sagt er:
+ ›Na, bis daher ist es gut gegangen!‹«
+
+
+Die Türklinke
+
+ Im Anschluß an die kleine Anekdote von Beust sei hier an Äußerungen
+ erinnert, die dieser Staatsmann nach einem längeren Beisammensein
+ mit Bismarck im Hotel Straubinger zu München erzählt und auf
+ die auch Bismarck in Versailles wiederholt zurückkam: »Wenn
+ man«, so erzählte Graf Beust, »mit Bismarck in guten Beziehungen
+ steht, gibt es auf der Welt keinen besseren Gesellschafter. Die
+ Originalität der Gedanken wird nur von der Originalität des
+ Ausdrucks übertroffen. Dabei eine ungesuchte, daher ansprechende
+ Bonhomie, welche das oft scharfe Urteil über andere mildert.
+ Ein Lieblingswort war: ›Der ist ein ganz dummer Kerl‹, ohne ihn
+ damit kränken zu wollen. Verschiedene seiner Äußerungen waren zu
+ charakteristisch und teilweise zu interessant, um sie hier nicht
+ zu erwähnen. ›Was tun Sie,‹ fragte er einmal, ›wenn Sie sich
+ ärgern? Ich glaube, Sie ärgern sich nicht soviel wie ich.‹ — ›Nun,‹
+ erwiderte ich, ›bloß über die Dummheit der Menschen, über deren
+ Bosheit nie.‹ — ›Nein,‹ fuhr er fort, ›finden Sie nicht, daß es
+ dann eine große Erleichterung ist, einen Gegenstand zu zerstören?‹
+ — ›Wie gut,‹ entgegnete ich, ›daß Sie nicht an meinem Platz sind;
+ dann bliebe im Hause kein Möbel ganz!‹ — ›Sehen Sie,‹ dies war
+ der Schluß, ›ich war einmal drüben‹ — dabei wies er auf die mir
+ gegenüber im Badschloß befindlichen Zimmer des Kaisers Wilhelm —
+ ›und habe mich schwarz geärgert; ich schließe die Türe heftig, der
+ Schlüssel bleibt mir in der Hand, ich trete bei Lehndorff ein und
+ werfe ihn in das Waschbecken, das in tausend Stücke geht.‹ ›Mein
+ Gott,‹ sagt dieser, ›sind Sie krank?‹ — ›Gewesen, jetzt bin ich
+ wieder ganz wohl.‹«
+
+
+Pferdefleisch
+
+ Als Paris umschlossen war und von dort die Nachrichten kamen, daß
+ man dort bereits zum Pferde- und anderem Fleisch greifen müsse,
+ fragte Bismarck bei Tisch, als der Braten kam: »Ist das =du
+ cheval=?« Einer der Anwesenden antwortete, nein, es wäre Rind.
+ Er sagte: »Es ist doch eigen, daß man kein Pferdefleisch ißt,
+ wenn man nicht muß, wie die in Paris drinnen, die nun bald nichts
+ anderes mehr haben werden. Es kommt wohl davon, daß uns das Pferd
+ nähersteht als andere Tiere. Man ist als Reiter gleichsam eins
+ mit ihm. Es ist uns auch an Verstand am nächsten. Mit dem Hunde
+ ist’s ebenso. =Du chien= soll ganz gut schmecken, und doch essen
+ wir es nicht. Je ähnlicher uns etwas ist, desto weniger mögen
+ wir es. Es muß sehr ekelhaft sein, Affen zu essen, wo die Hände
+ wie menschliche aussehen. Sonst ißt man von Tieren nicht gern
+ Fleischfresser — Raubzeug, Wölfe, Löwen — nun ja, Bären, aber die
+ leben doch weniger von Fleisch als von Pflanzen. Ich mag nicht
+ einmal von einem Huhn essen, das mit Fleisch gefüttert ist — nicht
+ einmal die Eier.«
+
+[Illustration: »Möge euer unreines Blut unsere Fluren tränken.« (Franz.
+Spottblatt aus dem Jahre 1870)]
+
+Es ist selbstverständlich, daß gerade in einer Zeit, in der
+die französische Volksseele nicht nur durch die endlose Kette
+von Niederlagen ins Kochen geraten war, sondern auch im jungen
+republikanischen Selbstbewußtsein wild emporflammte, gegen ihn eine
+Fülle von Drohungen ausgestoßen, ihm fast täglich ein naher gewaltsamer
+Tod angekündigt wurde, daß andererseits sich der wild entflammte Haß
+in den bösartigsten Karikaturen zu entladen suchte. Zahlreiche Blätter
+sind längst vernichtet. Die französische Beschämung mochte selbst
+keinen Wert darauf legen, der Nachwelt diese Zeugen eines kleinlichen
+Fanatismus zu erhalten. Aber was wir aus diesen Bildern erkennen, das
+zeugt doch noch genügend von der damals Frankreich beherrschenden
+Stimmung, ob nun Bismarck als doppelzüngiger Jesuit dargestellt oder
+auf der Guillotine geköpft oder ob sein blutiges Haupt in einen Sumpf
+von Unrat gestoßen wird, ob man ihn kreuzigt oder an den Marterpfahl
+bindet. Bismarck hatte dafür selbst nur ein Lächeln. So hat er einmal
+sogar scherzend eines der Bilder nach Hause gesandt. Nachdem er von
+einer Spickgans berichtet, die er seinem jüngeren, mit Appetit begabten
+Sohne Bill mitgegeben, schreibt er der Gattin: »So sehe ich jetzt aus
+wie Anlage.« Nachstehend (S. 149) das immerhin noch harmlose Konterfei,
+das Frau Johanna wohl kaum zu sehr erschreckt haben dürfte.
+
+Aber wie die gehässige Karikatur, wie die Todesdrohung sich über
+Bismarck ergoß, so suchte auch die Verleumdung an seiner Ehre zu
+zehren. Für lange Zeit hatte Bismarck im Hause der wohlhabenden Witwe
+Jessé Quartier genommen, die mit ihren Söhnen geflüchtet war und zum
+Schutze ihres Eigentums nur das Gärtnerpaar zurückgelassen hatte.
+Hier vollzog Bismarck die ungeheuere Arbeit, die sich für ihn aus den
+Kämpfen um das Bombardement, aus den Verhandlungen mit den deutschen
+Fürsten und Parlamenten über die Erhebung seines Königs zum Deutschen
+Kaiser, aus der Gefahr einer Einmischung des Auslandes und den
+Beratungen über den Frieden ergab. Bismarck hat das Eigentum der Madame
+Jessé natürlich auf das peinlichste geschont. Trotzdem konnte man im
+März 1871 in einem französischen Blatte folgende Niedertracht lesen:
+
+[Illustration]
+
+
+Die Pendule der Madame Jessé
+
+ Über die wahrhaft schändliche Räuberei der Preußen vom gemeinen
+ Soldaten an bis hinauf zum Kaiser-König, der aus seiner Wohnung in
+ Versailles die Leuchter mitnahm, kann man unzählige Geschichten
+ erzählen. Eine ziemlich merkwürdige, die wir aus glaubhafter Quelle
+ haben, teilen wir im nachstehenden mit: Herr von Bismarck bewohnte
+ in Versailles ein Haus in der Rue de Provence. Als der Kanzler
+ abreisen wollte, machte er der Frau J., der Eigentümerin seiner
+ Wohnung, einen Besuch und drückte ihr den lebhaften Wunsch aus,
+ die Pendeluhr, welche sein Arbeitszimmer schmückte, mitnehmen zu
+ dürfen. Frau J. schlägt es ihm rund ab, indem sie bemerkt, die Uhr
+ sei ihr sehr wert und teuer, sie habe sie schon seit langer Zeit
+ und wünsche sie ihren Kindern zu hinterlassen. Herr von Bismarck
+ aber besteht darauf. »Es würde mir sehr lieb sein,« sagt er, »wenn
+ ich diese Uhr mitnehmen könnte, welche die Stunde zeigte, in der
+ ich mit Herrn Thiers diesen für mein Land so ruhmreichen Frieden
+ verhandelte und unterzeichnete.« Frau J., die so in ihrem Besitztum
+ und zugleich in ihrer Vaterlandsliebe bedroht ist, erteilt von
+ neuem eine abschlägige Antwort. Herr von Bismarck zieht sich nach
+ wiederholtem vergeblichem Bitten zurück. Bald darauf kommen zwei
+ Beamte, die zu dem Gefolge des Kanzlers gehören, zu Frau J., machen
+ ihr Vorwürfe, daß sie auf die Bitten ihres Herrn und Meisters nicht
+ eingegangen sei, und erklären ihr, daß sie unrecht getan habe, ihn
+ so zu reizen. Die Hausbesitzerin läßt sich dadurch nicht beirren.
+ Nun denn, die Uhr hat sie behalten. Dagegen sind ihr alle ihre
+ Wäsche und ihr Silberzeug von den Beamten im Gefolge des Kanzlers
+ gestohlen worden.
+
+Busch stellt diese Schauergeschichte in folgender Weise richtig:
+
+ Madame Jessé ließ sich erst in den letzten Tagen unserer
+ Wiederabreise sehen und machte, wie bemerkt, keinen vorteilhaften
+ Eindruck. Sie hat dann allerhand Räubergeschichten über uns
+ verbreitet, die von der französischen Presse, und zwar selbst von
+ solchen Blättern, die sonst Kritik üben und Gefühl für Anstand
+ besitzen, mit Wohlgefallen nacherzählt worden sind. Unter anderem
+ sollten wir ihr Silberzeug und ihre Tischwäsche eingepackt und
+ mitgenommen haben. Auch habe ihr Graf Bismarck eine wertvolle
+ Pendule abdrücken wollen. Die erste Behauptung war eine einfache
+ Abgeschmacktheit, da das Haus kein Silberzeug enthielt, es müßte
+ sich denn in einer vermauerten Ecke des Kellers befunden haben,
+ die auf ausdrücklichen Befehl des Chefs ungeöffnet blieb. Die
+ Geschichte von der Pendule aber verlief in ganz anderer Weise, als
+ Madame sie unter die Leute gebracht hat. Die Uhr war die mit dem
+ kleinen bronzenen Dämon im Salon. Die Jessé bot dieses an sich
+ ziemlich wertlose Möbel dem Kanzler in der Voraussetzung, es werde
+ ihm als Zeuge und Zeitmesser bei wichtigen Verhandlungen von Wert
+ sein, zu einem exorbitanten Preise an. Ich glaube, sie verlangte
+ fünftausend Franken dafür. Sie erreichte aber ihre Absicht,
+ damit ein gutes Geschäft zu machen, nicht, da das Anerbieten der
+ habgierigen und für die rücksichtsvolle Behandlung ihres Hauses
+ durchaus nicht dankbaren Frau abgelehnt wurde. »Ich erinnere mich,«
+ so erzählte der Minister später in Berlin, »daß ich dabei die
+ Bemerkung machte, das koboldartige Bildchen an der Uhr, welches
+ eine Grimasse schnitt, könnte ihr als Familienporträt ein liebes
+ Besitztum sein, und eines solchen wollte ich sie nicht berauben.«
+
+Die Schwierigkeiten, die dem Gedanken des Bombardements entgegentraten,
+hat Bismarck ebenso wie Roon mit tiefem Groll hauptsächlich auf die
+Haltung der Damen zurückgeführt. Nach seiner Überzeugung waren es
+eben nicht rein militärische Gesichtspunkte, aus denen die Generale
+außer Roon sich gegen das Bombardement erklärten. Denn die preußische
+Stellung zwischen der in Paris eingeschlossenen Armee und den
+französischen Streitkräften in der Provinz war stark bedroht, und das
+Bedürfnis, der Lage ein Ende zu machen, mußte auch in den Kreisen der
+Militärs vorhanden sein. Nach Bismarcks Meinung ist die Vorstellung,
+daß Paris, obwohl es befestigt und das stärkste Bollwerk der Gegner
+war, nicht wie jede andere Festung angegriffen werden dürfe, aus
+England auf dem Umwege über Berlin, zugleich mit der Phrase von dem
+»Mekka der Zivilisation« in das Lager gekommen. Der Königin Augusta,
+der Kronprinzessin und ihrer Mutter schob Bismarck einen großen Teil
+der Schuld zu, aber er wies auch darauf hin, daß die verstorbene Frau
+Moltkes, die Frau des Generalstabschefs von Blumenthal und des nächst
+ihm maßgebenden Generals von Gottberg sämtlich Engländerinnen waren.
+
+
+Das Bombardement
+
+ Schon gegen Ende November äußerte Bismarck: »Gebe man mir
+ den Oberbefehl auf vierundzwanzig Stunden, und ich nehme die
+ Verantwortung auf mich. Ich würde dann bloß einen einzigen Befehl
+ geben: Es wird gefeuert! Die Villa Coublay ist ein Ort, nicht weit
+ von hier, wo der herbeigeschaffte Belagerungspark noch immer steht,
+ statt in die Schanzen und Batterien gebracht zu sein. Auch habe
+ ich bereits in einer Immediatvorstellung um Beschleunigung des
+ Bombardements gebeten. ... Ich habe mit Artilleristen gesprochen,
+ die sagen, bei Straßburg hätten sie nicht die Hälfte gebraucht
+ von dem, was hier schon aufgehäuft ist, und Straßburg war gegen
+ Paris ein Gibraltar. ... Sie haben dreihundert Kanonen beisammen,«
+ so fuhr er fort, »und fünfzig oder sechzig Mörser und für jedes
+ Geschütz fünfhundert Schuß. Das ist gewiß genug. ... Eine Kaserne
+ auf dem Mont Valerien wäre vielleicht in Brand zu schießen,
+ und wenn man die Forts Issy und Banvres gehörig mit Granaten
+ überschüttete, daß sie herauslaufen müßten — die Enceinte ist von
+ geringer Stärke, ihr Graben war sonst nicht breiter als dieses
+ Zimmer lang ist —, ich bin überzeugt, wenn wir ihnen hier vier
+ oder fünf Tage lang Granaten hineinwerfen in die Stadt selber und
+ sie gewahr werden, daß wir weiter schießen als sie — neuntausend
+ Schritt nämlich —, so werden sie in Paris klein beigeben. Freilich
+ liegen auf dieser Seite die vornehmeren Quartiere, und da ist
+ es denen in Belleville ganz einerlei, ob die zusammengeschossen
+ werden, ja, sie freuen sich darüber, wenn wir die Häuser der
+ reichen Leute zerstören. ... Wir hätten überhaupt wohl Paris liegen
+ lassen und weitergehen können; nun wir’s aber einmal angefangen
+ haben, sollte auch Ernst gemacht werden. Mit dem Aushungern kann es
+ noch lange dauern, vielleicht bis zum Frühjahr, jedenfalls haben
+ sie Mehl bis zum Januar. ... Hätten wir vor vier Wochen angefangen
+ zu bombardieren, so wären wir jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach
+ in Paris, und das ist die Hauptsache. So aber bilden die Pariser
+ sich ein, es ist uns von London, Petersburg und Wien verboten zu
+ schießen, und die Neutralen wieder glauben, daß wir’s nicht können.
+ Die wahren Ursachen aber werden wohl einmal bekannt werden.«
+
+Ob nicht in jenen Tagen der Stoßseufzer, den er einst in Frankfurt
+ausstieß, ihm oft über die Lippen kam: »Ja, wenn man so über das Ganze
+disponieren könnte! Ja, wenn man selbst beschließen und befehlen
+könnte!« Auch in Versailles klagte er wohl: »Ach, ich dachte eben
+wieder einmal, was ich oft schon gedacht habe: wenn ich doch nur einmal
+die Gewalt hätte, zu sagen: So wird es, und so wird es nicht! Daß man
+nicht zu beweisen und zu betteln hätte bei den einfachsten Dingen! Das
+ging doch viel rascher bei Leuten wie Friedrich dem Großen, die selber
+Militärs waren und zugleich was vom Gange der Verwaltung verstanden und
+ihre eigenen Minister waren. Auch mit Napoleon. Aber hier! Dieses ewige
+Reden- und Bettelnmüssen. Ja, wenn man Landgraf wäre! Das Hartsein
+traue ich mir zu. Aber Landgraf ist man nicht!«
+
+Hier ist in der Tat die Tragik eines Mannes gegeben, der zum Herrscher
+berufen war und doch nicht Herrscher sein durfte, der abhängig blieb
+vom Willen eines anderen und nie die Macht empfing, in letzter Instanz
+zu entscheiden. Und diese Tragik stieg zur letzten und steilsten Höhe
+am Tage der Entlassung empor.
+
+[Illustration: Merkwürdige Friedensflöte des Deutschen Kaisers.
+(»Kikeriki«, November 1874)]
+
+Selbst dann, als Bismarck die Sehnsucht der Nation erfüllen wollte,
+als er mit eisernem Hammer an das Tor des Kyffhäuser schlug, damit es
+sich öffne und die alte Kaiserherrlichkeit wieder erstehe, hat er nicht
+nur in mühsamen Verhandlungen mit den Fürsten der Macht des künftigen
+Kaisers Ausdehnung und Grenze bestimmen müssen, sondern er hatte den
+schwersten Kampf mit König Wilhelm selbst zu führen, der den Untergang
+oder doch das Versinken Preußens von dem Erstehen des Reiches besorgte.
+
+Am schwersten von den deutschen Fürsten entschloß sich König Ludwig von
+Bayern dazu, einem »gleichgestellten« Monarchen einen Teil der ererbten
+Rechte preiszugeben. Als es hier dem Kanzler gelang, mit der Sendung
+des Grafen Holnstein den Widerstand des Königs zu brechen, da wußte er,
+daß die Form des künftigen Reiches wohl noch manche Gebrechen zeigen,
+aber dennoch fest genug gefugt sein werde, um allen Stürmen zu trotzen.
+
+Aber fast härter noch war der Kampf, den der Staatsmann mit dem
+Altpreußentum zu führen hatte, wie es auch in König Wilhelm verkörpert
+war, im Gegensatz allerdings zum Kronprinzen Friedrich Wilhelm, der
+weit über Bismarcks Wünsche hinausging und mit der Kaiserwürde zugleich
+die höhere Gewalt gegenüber dem Fürsten ersehnte, wie sie einst von
+den Unitariern der Paulskirche erträumt sein mochte. Bismarck sah
+in der Annahme des Kaisertitels durch seinen König ein politisches
+Bedürfnis, ein werbendes Element für die Zentralisation; er wußte aber
+auch, daß ihr Träger das gefährliche Bestreben vermeiden mußte, den
+anderen Dynastien die Überlegenheit der eigenen Dynastie unter die
+Augen zu rücken. Von solcher Neigung war König Wilhelm nicht frei,
+und sein Widerstreben gegen den Titel war nicht ohne Zusammenhang
+mit dem Bedürfnis, gerade das angestammte Ansehen des preußischen
+Königtums mehr als das des Kaisertitels zur Anerkennung zu bringen. Die
+Kaiserkrone erschien ihm im Lichte eines übertragenen modernen Amtes,
+dessen Autorität von Friedrich dem Großen bekämpft war und den Großen
+Kurfürsten bedrückt hatte. Bei den ersten Erörterungen sagte er: »Was
+soll mir der Charakter-Major?«, worauf der Kanzler erwiderte: »Euere
+Majestät wollen doch nicht ewig ein Neutrum bleiben, das Präsidium?
+In dem Ausdruck Präsidium liegt eine Abstraktion, in dem Worte Kaiser
+eine große Schwungkraft.« Dem Könige schien es eben, als ob ein mit der
+Führung eines Regimentes beauftragter Offizier definitiv zum Kommandeur
+ernannt würde; für sein dynastisches Gefühl war es schmeichelhafter,
+gerade als geborener König von Preußen und nicht als erwählter und
+»durch ein Verfassungsgesetz hergestellter Kaiser« die betreffende
+Macht auszuüben, analog wie ein prinzlicher Regimentskommandeur es
+vorzieht, nicht Herr Oberst, sondern Königliche Hoheit genannt zu
+werden, und der gräfliche Leutnant nicht Herr Leutnant, sondern Herr
+Graf.
+
+Die letzte und größte Schwierigkeit in der Haltung des Königs Wilhelm
+bot noch im letzten Moment die Formulierung des Titels. Denn König
+Wilhelm wollte, wenn er schon Kaiser hieß, Kaiser von Deutschland
+heißen. Noch in der Schlußberatung am 17. Januar 1871 lehnte er die
+Bezeichnung Deutscher Kaiser ab und erklärte, er wolle Kaiser von
+Deutschland oder gar nicht Kaiser sein. Die Erörterung der Titelfrage
+kam zu keinem klaren Abschluß. Trotzdem hielt sich Bismarck doch für
+berechtigt, die Zeremonie der Kaiserproklamation anzuberaumen, obwohl
+der König befahl, daß nicht von dem Deutschen Kaiser, sondern von dem
+Kaiser von Deutschland die Rede sei. Als der Großherzog von Baden
+später im Krönungssaale das Wort ergriff, da wich er dadurch aus, daß
+er ein Hoch weder auf den Deutschen Kaiser, noch auf den Kaiser von
+Deutschland, sondern auf »Kaiser Wilhelm« ausbrachte.
+
+
+In Ungnade
+
+ Bismarck schließt die Darstellung seiner Kämpfe um die Krone mit
+ den Worten: »Seine Majestät hatte mir diesen Verlauf so übel
+ genommen, daß er beim Herabtreten von dem erhöhten Stande der
+ Fürsten mich, der ich allein auf dem freien Platze davor stand,
+ ignorierte, an mir vorüberging, um den hinter mir stehenden
+ Generalen die Hand zu bieten, und in dieser Haltung mehrere Tage
+ verharrte, bis allmählich die gegenseitigen Beziehungen wieder in
+ das alte Geleise kamen.« — Nüchtern und ruhig erzählt Busch am
+ Abend dieses glorreichen Tages: »Zwischen zwölf und halb zwei Uhr
+ im großen Saale des Schlosses Ordensfest und Proklamierung des
+ Deutschen Reichs und Kaisers unter militärischem Gepränge. Soll
+ ein sehr stattliches und feierliches Schauspiel gewesen sein. Bei
+ Tische fehlte der Chef, der beim Kaiser zum Diner war. Abends
+ wurde ich zweimal zu ihm gerufen, um Aufträge zu erhalten. Er
+ sprach dabei mit ungewöhnlich schwacher Stimme und sah ermüdet und
+ abgespannt aus.«
+
+Am Mittag desselben Tages war Otto von Bismarck zum Reichskanzler
+ernannt worden. Der Kaiser hatte diese Ernennung in eigentümlicher
+Weise vollzogen. Er pflegte nämlich die Briefumschläge, in denen die
+Minister ihm dienstliche Mitteilungen sandten, in seiner sparsamen Art
+zu benutzen, indem er die Aufschrift nur durch Umstellung der Worte
+»an« und »von« änderte. Bismarck hatte ihm die auf die Ereignisse des
+Tages bezüglichen Papiere in einem Umschlag gesandt, der die Aufschrift
+trug: »An des Kaisers Majestät vom Bundeskanzler.« Der Kaiser sandte
+sie ihm zurück, indem er die Aufschrift dahin abänderte: »Von des
+Kaisers Majestät an den Reichskanzler.« Dieser Titel war Bismarck schon
+tags zuvor in den Beratungen über die neuen Titulaturen zugeteilt
+worden, und da hatte er mit seiner gewohnten Offenheit geäußert:
+»Eine mit dem Grafen Beust gleichnamige Bezeichnung sei ihm höchst
+widerwärtig; er käme dadurch in eine zu schlechte Gesellschaft.«
+
+Es liegt ein tragisches Moment in der Darstellung, die Bismarck gibt:
+In dem Augenblick, da durch ihn das Ziel erreicht war, das von dem
+deutschen Volke durch lange Jahrhunderte ersehnt und erträumt war, als
+seine Kraft und Weisheit, als die Treue des Lehnsmannes dem Lehnsherrn
+eine Krone zum Geschenk gab, als sein Herz von dem Frohgefühl eines
+Mannes erfüllt war, der nach mühsamer Arbeit die Ernte heimbringt,
+in diesem Augenblick, da alle froh waren und dennoch sein König ihn
+»ignorierte«, fühlte er nur das, was seine Grabschrift sagt: Er blieb
+ein treuer deutscher Diener seines alten Königs.
+
+Am 23. Januar erschien Jules Favre bei Bismarck, um mit ihm über die
+Kapitulation von Paris und den Friedensschluß in Unterhandlung zu
+treten. Bismarck war hierzu bereit. Noch um elf Uhr abends begab er
+sich zum König, die nötigen Vollmachten zu erhalten.
+
+[Illustration: Am 25. Gründungstage des Reiches. (»Jugend«, 18. Januar
+1896)]
+
+
+Halali
+
+ Als Bismarck vom König zurückkehrte, sah er ungemein vergnügt
+ aus, ließ sich eine Tasse Tee einschenken und aß ein paar Bissen
+ trockenes Brot dazu. Nach einer Weile fragte er seinen Vetter
+ Bismarck-Bohlen, der anwesend war, indem er eine kurze Melodie
+ pfiff: »Kennst du das?« Bohlen antwortete: »Ja, gute Jagd.«
+ Hierauf der Kanzler: »Nein, das geht so«, worauf er eine andere
+ Weise pfeift. »Es war das Halali«, sagte er dann. »Ich denke,
+ die Sache ist gemacht.« Bohlen meinte dann, Favre habe »recht
+ ruppig« ausgesehen. Der Kanzler erwiderte: »Ich finde, daß er viel
+ grauer geworden ist als in Ferrières — auch dicker, vermutlich
+ vom Pferdefleisch. Sonst aber sieht er aus wie einer, der in der
+ letzten Zeit viel Verdruß und Aufregung erlebt hat, und dem jetzt
+ alles wurscht ist. Übrigens war er sehr aufrichtig und gestand zu,
+ daß es schlecht gehe drinnen.«
+
+Am nächsten Tage wurden die Verhandlungen fortgesetzt. Hierbei
+ereignete sich folgende Episode:
+
+
+Und noch eine Zigarre
+
+ Nach dem Mittagessen bot Bismarck auf einer Untertasse
+ Havannazigarren an. Favre erklärte, er rauche nie. Bismarck
+ entgegnete: »Sie haben unrecht. Die Zigarre ist eine Ablenkung;
+ der blaue Rauch, der in Ringeln aufsteigt, erfreut uns, stimmt
+ uns versöhnlicher, man ist glücklich, das Auge ist gefesselt,
+ die Hand ist beschäftigt, der Geruchssinn befriedigt. Man ist
+ geneigt, sich Zugeständnisse zu machen. Und unser, der Diplomaten,
+ ganzes Geschäft besteht ja darin, sich fortwährend gegenseitig
+ Zugeständnisse zu machen. Wenn Sie nicht rauchen, haben Sie
+ vor mir einen Vorteil: Sie sind geweckter; Sie haben aber auch
+ einen Nachteil vor mir: Sie sind geneigter aufzubrausen und
+ der ersten Bewegung nachzugeben.« Nach diesen Worten kam die
+ Rede auf Garibaldi und dessen bei Dijon stehende Armee. Mit
+ blitzenden, zornfunkelnden Augen verlangte Bismarck, ihm »den da
+ und seine Armee zu überlassen. Er ist keiner der Ihrigen. Möge
+ er sich gegen unsere Truppen allein herauswickeln.« Favre rief,
+ das sei unmöglich. Man habe Garibaldis freiwillig angebotene
+ Dienste anfangs abgelehnt, aber nachdem er nun einmal zum
+ französischen General ernannt und in die Falten der dreifarbigen
+ Fahne aufgenommen sei, könne man ihn nicht im Stiche lassen.
+ Bismarck wurde erregter. Er legte die Zigarre weg, schlug mit dem
+ Zeigefinger auf den Tisch und rief: »Und ich muß ihn doch haben,
+ denn ich will ihn in Berlin umherführen lassen mit der Inschrift
+ auf dem Rücken: Das ist die Dankbarkeit Italiens. Wie! Nach
+ allem, was wir für diese Leute getan haben. Es ist unanständig!«
+ Da reichte Graf d’Hérisson, Favres Begleiter, dem Zürnenden, mit
+ halb lächelndem, halb bittendem Ausdruck, die Untertasse mit
+ den zwei übrigen Zigarren hin. Einige Augenblicke sah Bismarck
+ erstaunt auf diese Bewegung. Dann verstand er, was der Graf
+ meinte. Die Zornesflamme erlosch in seinem Auge. »Sie haben recht,
+ Herr Hauptmann,« sagte er, »es ist überflüssig, sich zu ärgern.
+ Das führt zu nichts — im Gegenteil!« Bekanntlich wurde dann der
+ südöstliche Kriegsschauplatz, also die Armee Garibaldis und
+ Bourbakis, in der Tat vom Waffenstillstand ausgenommen, wenigstens
+ bis zum 1. Februar, wo sich ihr Schicksal bereits entschieden hatte.
+
+[Illustration: Jules Favre: »Da soll man Friedensverhandlungen pflegen!
+Wo soll ich den Mann nur anfassen!« (»Figaro«, Sept. 1870)]
+
+
+Wurscht
+
+ In diesen Tagen kam die Unterhaltung einmal auf eine Erörterung
+ über die Titulaturen »Deutscher Kaiser« und »Kaiser von
+ Deutschland«, und auch die Möglichkeit eines »Kaisers der
+ Deutschen« wurde erwähnt. Als ein Weilchen darüber verhandelt
+ worden war, fragte der Minister, der bisher zu der Debatte
+ geschwiegen: »Weiß einer von den Herren, was auf Lateinisch Wurscht
+ heißt?« — »=Farcimentum=,« erwiderte Abeken. — »=Farcimen=,« sagte
+ ein Anwesender, worauf Bismarck lächelnd bemerkte: »=Farcimentum=
+ oder =farcimen=, einerlei. =Nescio quid mihi magis farcimentum
+ esset.=«
+
+Am 26. Januar gelangten die Verhandlungen zu dem vorläufigen Ergebnis,
+daß die Beschießung von Paris auf sechs Stunden eingestellt wurde. Zwei
+Tage darauf wurden die Bedingungen des Waffenstillstandes festgestellt
+und unterschrieben. Die Proteste Gambettas blieben ohne Wirkung:
+Thiers, der in sechsundzwanzig Departements gewählt worden war,
+wurde zum Haupte der vollziehenden Gewalt der französischen Republik
+ernannt. Am 21. Februar kam er nach Versailles, wo er als endgültige
+Friedensbedingungen die Abtretung des Elsaß, der Stadt und Festung Metz
+und eines beträchtlichen Teils von Lothringen und die Bezahlung von
+fünf Milliarden erfuhr. Einer der Teilnehmer an diesen Verhandlungen,
+der badische Staatsminister Jolly, hat darüber berichtet. Kürzer aber
+und doch mit packenden Farben schildert der Kanzler selbst das große
+Ereignis in einigen nach Hause gerichteten Zeilen:
+
+[Illustration: ~Selbsterhaltung~
+
+»Man muß der Bestie die Krallen abschneiden, damit man künftig Ruhe vor
+ihr hat.« (»Kladderadatsch«, September 1870)]
+
+
+Thiers
+
+ »Mein kleiner Freund Thiers ist sehr geistreich und liebenswürdig,
+ aber kein Geschäftsmann für mündliche Unterhandlungen. Der
+ Gedankenschaum quillt aus ihm unaufhaltsam wie aus einer geöffneten
+ Flasche und ermüdet die Geduld, weil er hindert, zu dem trinkbaren
+ Stoffe zu gelangen, auf den es ankommt. Dabei ist er ein braver
+ kleiner Kerl, weißhaarig, achtbar und liebenswürdig, gute
+ altfranzösische Formen, und es wurde mir sehr schwer, so hart
+ gegen ihn zu sein, wie ich mußte. Das wußten die Bösewichter, und
+ deshalb hatten sie ihn vorgeschoben. Gestern haben wir endlich
+ unterzeichnet, mehr erreicht, als ich für meine persönliche
+ politische Berechnung nützlich halte. Aber ich muß nach oben und
+ nach unten Stimmungen berücksichtigen, die eben nicht rechnen.
+ Wir nehmen Elsaß und Deutsch-Lothringen, dazu auch Metz mit sehr
+ unverdaulichen Elementen, und über 1300 Millionen Taler. Die letzte
+ Schwierigkeit wird nun sein, diese Bedingungen in Bordeaux durch
+ die 700 Köpfe starke Versammlung zu bringen. Aber Gott hat uns
+ mit seiner starken Hand soweit geführt; er wird uns ja auch den
+ Frieden fest machen, für den neben vielem Gesindel in Frankreich
+ so viele ehrliche Leute bei uns und auch bei den Gegnern gefallen,
+ verkrüppelt und in Trauer sind. Mein Herz ist voll demütigen
+ Dankes, und ich hoffe, mit Deinen beiden blauen Jungen bald bei
+ Dir zu sein, in etwa vierzehn Tagen. Gott behüte Dich und gebe uns
+ schnelles Wiedersehen. Wegen Einzug nicht mehr Gefahr als überall
+ im Leben unter Gottes Obhut. Herzliche Grüße vor allem an Marie und
+ an Deine treue Trösterin Frau von Eisendecher. Dein v. B.«
+
+Aus Jollys Bericht noch einzelne Züge:
+
+
+Er ist doch ein eminenter Mensch
+
+ »Bismarck«, so erzählt der badische Staatsmann, »war geradezu
+ bezaubernd, von großartiger Liebenswürdigkeit und liebenswürdiger
+ Größe. Wenn Thiers sich zu sehr in langen Klageliedern erging,
+ ohne bestimmte Gegenvorschläge zu machen, kam zu rechter Zeit ein
+ seufzendes Stöhnen über die unerträglichen nervösen Schmerzen,
+ die ihn fürchten ließen, die Verhandlungen nicht fortführen zu
+ können; oder auch einmal in verbindlichster Form ein scharfer
+ Sarkasmus, z. B.: Ich würde mich im Vertrauen auf Herrn Thiers
+ gerne mit geringeren Garantien begnügen, wenn er erblicher König
+ von Frankreich wäre; oder: Herr Thiers ist durch seine Beredsamkeit
+ verwöhnt, durch welche er stundenlang große Versammlungen fesseln
+ kann; wir werden aber, wenn wir uns nicht einigen, in dreißig
+ Stunden wieder schießen, und dergleichen mehr. Wirklich imponierend
+ war aber der Hüne zwei-, dreimal, wenn er vollkommen chevaleresk
+ und ohne jegliche persönliche Härte, um zum Abschluß zu kommen,
+ erklärte, nicht der Sieger, sondern der Besiegte hat nachzugeben.
+ Er ist doch ein ganz eminenter Mensch, der trotz manchem wunderlich
+ Bizarren doch als echtes Genie bei aller Kraft innerlich maßvoll
+ ist.«
+
+
+Exzellenz, ich bin geneigt
+
+ Zu den Beratungen war auch Baron Rothschild hinzugezogen. Die
+ Szene im Versammlungssaal, so schreibt weiter Jolly, ist das
+ Grandioseste, was die Phantasie eines Dichters ersinnen, der
+ Pinsel des genialsten Meisters darstellen könnte. Letzterer müßte
+ sich als Mittelpunkt den Augenblick wählen, wie Rothschild, ein
+ kleines, schmächtiges Männchen, mit schlotternden Knien vor dem
+ etwas geneigten Bismarck steht, der, ärgerlich, daß die Sache
+ nicht fertig wird, mit lauter Stimme und trotz Hexenschuß hoch
+ aufgerichtet erklärt: »Wenn der Herr Baron keine Neigung hat, die
+ gewünschten Vorschläge zu machen, müssen wir sehen, wie wir sonst
+ fertig werden.« Stammelnde Antwort: »Exzellenz, ich bin geneigt.«
+ Mein bayrischer Kollege war sehr ängstlich, die Sache konnte
+ scheitern; die wildesten Borussen fingen an zu hoffen, sie werde
+ scheitern. Das deutsche Lager fühlte sich sicher, das herrliche
+ Ziel werde morgen erreicht sein, trotz der letzten schmerzlichen
+ Zuckungen des machtlosen Gegners; die Franzosen wahrten mühsam die
+ Fassung. Gebe Gott, daß nie ein deutscher Staatsmann ähnliches zu
+ erleben habe.
+
+[Illustration: ~Der Schlaf des Gerechten~
+
+»Träume was Süßes von Kissen umhüllt, von seidenen Kissen mit Urlaub
+gefüllt!«
+
+(»Frankf. Laterne«, Juni 1875)]
+
+
+=Peut être=
+
+ Als Thiers noch am Schluß eine abweichende Fassung des Vertrages
+ vorschlug, kam es zu einem eigenartigen Dialog. Bismarck: »Sie
+ zerpflücken mir ja wieder die deutsche Einheit.« Thiers: »=Ah,
+ c’est nous qui l’avons faite!=« (»Wir haben sie ja gerade
+ gemacht!«) Bismarck achselzuckend: »=Peut être.=« So wurde der
+ glorreichste Vertrag, den Deutschland geschlossen, unterzeichnet.
+ Die Franzosen eilten sofort weg, Thiers, den Bismarck beim
+ Weggehen wegen aller ungern ihm bereiteten Qualen verbindlichst
+ um Entschuldigung bat, in erbittertem Ungestüm, Favre in stillem
+ Schmerz.
+
+Am 1. März fand der Einzug der deutschen Truppen in Paris statt.
+
+
+Bismarcks Einzug in Paris
+
+ Über die etwas bestrittene Frage berichtet Graf Fred Frankenberg:
+ »Mit dem sechsten (schlesischen) Armeekorps hielt ich meinen Einzug
+ in Paris durch die =Grande Avenue de Neuilly= oder =de la grande
+ armée=. Plötzlich kam Graf Bismarck in gelber Kürassieruniform
+ angetrabt. Als er mich freundlich grüßte, konnte ich es mir
+ nicht versagen, dem Manne, den ich über alles verehre, zu sagen:
+ ›Exzellenz, am Abend von Königgrätz haben Sie mir die Rechte
+ geschüttelt, lassen Sie mich in dem Tore von Paris auch wieder Ihre
+ Hand drücken!‹ Der Kanzler antwortete kein Wort, aber er preßte
+ meine Hand so kräftig zwischen seine mächtigen Finger, daß ich
+ seine innere Erregung sehr deutlich und fast schmerzlich verspürte.
+ Am Rande des Weges stand gedrängt französisches Gesindel. Bismarck
+ ritt dicht an dieser Bande entlang, und ich bemerkte, daß er sehr
+ wohl erkannt wurde. ›=Voilà Bismarck, c’est lui!=‹ schrie manche
+ Stimme, und ich sah viele Blusenmänner, die, so rasch es anging,
+ voranliefen, um den gehaßten Gegner nochmals vorbeireiten zu sehen.
+ Mir wurde bange um ihn. Ich drängte mein Pferd möglichst zwischen
+ ihn und die Menge und paßte genau auf, ob nicht ein Revolver oder
+ Dolch blitzen werde. Am =Arc de Triomphe= wurde das Gedränge immer
+ ärger, so daß wir zum Stillhalten kamen. Da wendete Bismarck in
+ eine Nebenstraße ein, seine Herren begleiteten ihn, und als ich
+ ihn in der Richtung nach Versailles zu unbehelligt forttraben
+ sah, wandte ich mich zurück und durchritt den ganzen Raum der
+ Elysäischen Felder, welcher allein den deutschen Heeren eingeräumt
+ worden war.«
+
+An demselben Tage wurde von der französischen Nationalversammlung der
+Vorfrieden mit 546 gegen 107 Stimmen angenommen. Der Kaiser meldete
+der Gemahlin das Ereignis und fügte hinzu: »Der Herr der Heerscharen
+hat überall unsere Unternehmungen sichtlich gesegnet und daher diesen
+ehrenvollen Frieden in seiner Gnade gelingen lassen. Ihm sei die Ehre!
+Der Armee und dem Vaterlande mit tief erregtem Herzen meinen Dank.«
+
+[Illustration: »Ein Wanderbursch’, mit dem Stab in der Hand, kehrt
+wieder heim aus fremdem Land!« (»Humoristische Blätter«, November 1873)]
+
+So konnte Bismarck sich zur Heimreise rüsten. Am 6. März verließ er
+Versailles, um sich mit den Seinigen zu vereinen. An jedem Haltepunkte
+wurden ihm stürmische Ovationen dargebracht, und am 9. März frühmorgens
+durfte er mit den Worten: »Da habt Ihr Euren Ollen wieder« Frau und
+Tochter auf dem Berliner Bahnhof begrüßen. Am 17. März traf Kaiser
+Wilhelm in Berlin ein, und Bismarck konnte mit ihm, mit Roon und Moltke
+an dem Jubel teilnehmen, mit dem die Hauptstadt des neuen Reiches den
+ersten Kaiser begrüßte. Am 21. März, am Tage der Reichstagseröffnung,
+wurde Bismarck zum Fürsten ernannt.
+
+Aber er war der neuen Gnade nicht recht froh:
+
+
+Fürst
+
+ »Als mir ein eigenhändiges Schreiben des Kaisers«, so erzählt er,
+ »die Erhebung in den Fürstenstand anzeigte, war ich entschlossen,
+ Seine Majestät um Verzicht auf seine Absicht zu bitten, weil diese
+ Standeserhöhung in die Basis meines Vermögens und in meine ganzen
+ Lebensverhältnisse eine mir unsympathische Änderung bringe. So gern
+ ich mir meine Söhne als bequem situierte Landedelleute dachte, so
+ unwillkommen war mir der Gedanke an Fürsten mit unzulänglichem
+ Einkommen nach dem Beispiel von Hardenberg und Blücher, deren
+ Söhne die Erbschaft des Titels nicht antraten — der Blüchersche
+ wurde Jahrzehnte später (1861) erst infolge einer reichen und
+ katholischen Heirat erneuert. In Erwägung aller Gründe gegen eine
+ Standeserhöhung, die ganz außerhalb des Bereichs meines Ehrgeizes
+ lag, langte ich auf den oberen Stufen der Schloßtreppe an und
+ fand dort zu meiner Überraschung den Kaiser an der Spitze der
+ königlichen Familie, der mich herzlich und mit Tränen in seine Arme
+ schloß, indem er mich als Fürsten begrüßte und seine Freude, mir
+ diese Auszeichnung gewähren zu können, laut äußerte. Demgegenüber
+ und unter den lebhaften Glückwünschen der königlichen Familie blieb
+ mir keine Möglichkeit, meine Bedenken anzubringen. Das Gefühl, daß
+ man als Graf wohlhabend sein kann, ohne unangenehm aufzufallen, als
+ Fürst aber, wenn man letzteres vermeiden will, reich sein muß, hat
+ mich seitdem nie wieder verlassen.«
+
+
+Der Sachsenwald
+
+ Kaiser Wilhelm hatte die Sorgen und Bedenken seines treuen Dieners
+ verstanden. Nur wenige Wochen vergingen, und der Kanzler empfing
+ folgenden Erlaß seines alten Herrn: »Ich habe Mich veranlaßt
+ gefunden, den zu dem Domänium des Herzogtums Lauenburg gehörigen
+ Grundbesitz im Amte Schwarzenbeck, welcher Mir zum freien und
+ unbeschränkten Eigentum durch den mit der Ritter- und Landschaft
+ des Herzogtums unterm 19. d. M., von Mir am 21. d. M. genehmigten
+ Rezeß überlassen worden ist, mit allen daraus sich ergebenden
+ Privatrechten und Verbindlichkeiten dem Kanzler des Deutschen
+ Reiches, Fürsten von Bismarck, in Anerkennung seiner Verdienste als
+ eine Dotation zum Eigentum zu übereignen.«
+
+So hat Bismarck ein neues Heim gefunden, die Stätte, die jetzt schon
+von tiefer Poesie umwoben ist, die durch alle Zeiten der Wallfahrtsort
+treuer Männer bleiben wird, die Stätte, wo ihm die Abendsonne des
+Lebens geleuchtet hat und wo sein Sterbliches im Schatten der Buchen
+und Eichen seinen Ruheplatz fand.
+
+[Illustration:
+
+ »Fest wie der Erde Grund
+ Gegen des Unglücks Macht
+ Steht mir des Hauses Pracht!«
+
+(»Der Floh«, November 1888)]
+
+
+
+
+Der Ausbau des Reiches
+
+
+[Illustration: ~Bismarck in der Debatte~
+
+Und der Leu mit Gebrüll richtet sich auf, da wird’s still.
+(»Kladderadatsch«, 10. Februar 1872)]
+
+Eine kurze Pause des Atemholens — dann begann die neue gewaltige
+Arbeit, das Reich, dessen Mauern nun standen, aufzubauen und wohnlich
+zu gestalten. Tausend Widerstände regten sich; die gewaltigen Taten,
+deren Zeuge der Boden Böhmens wie der französische Boden waren, haben
+die Gegner, haben Haß und Intrige nicht entwaffnet. Auch die neue
+Gestaltung der Dinge hat den alten Stammessinn der Deutschen, die
+partikularistischen Tendenzen, nicht ausgelöscht. Noch bestand der
+Gegensatz zwischen dem Norden und dem Süden, noch bestand auch und
+erwachte gerade jetzt in neuer Stärke der Gegensatz der Konfessionen.
+Und noch war der radikale Liberalismus innerlich unversöhnt, daß nicht
+nach dem eigenen Rezepte, nicht auf Schützenfahrten und Turnerfesten
+das Kaisertum geschaffen war, sondern unter den ehernen Klängen
+der Kriegstrompete. Der Kulturkampf entbrannte, und mit ihm erhob
+sich der Zwang, in der Ostmark, wo die Polen das Haupt erhoben, dem
+Reiche neue Sicherheit zu schaffen, die eroberte Westmark galt es
+zu gewinnen, der gesamten Nation gemeinsame Institutionen zu geben.
+»Wir haben erreicht,« so hieß es in der Thronrede, mit der Kaiser
+Wilhelm den Reichstag begrüßte, »was seit der Zeit unserer Väter
+für Deutschland erstrebt wurde, die Einheit und deren organische
+Gestaltung, die Sicherung unserer Grenzen, die Unabhängigkeit unserer
+nationalen Rechtsentwicklung. Der Geist, welcher in dem deutschen
+Volke lebt und seine Bildung und Gesittung durchdringt, nicht minder
+die Verfassung des Reiches und seine Heereseinrichtungen bewahren
+Deutschland inmitten seiner Erfolge vor jeder Versuchung zum Mißbrauch
+seiner durch seine Einigung gewonnenen Kraft. Die Achtung, welche
+Deutschland für seine eigene Selbständigkeit in Anspruch nimmt, zollt
+es bereitwillig der Unabhängigkeit aller anderen Staaten und Völker,
+der schwachen wie der starken. Das neue Deutschland, wie es aus der
+Feuerprobe des gegenwärtigen Krieges hervorgegangen ist, wird ein
+zuverlässiger Bürge des europäischen Friedens sein, weil es stark und
+selbstbewußt genug ist, um sich die Ordnung seiner Angelegenheiten als
+ein ausschließliches, aber auch ausreichendes und zufriedenstellendes
+Erbteil zu bewahren ... Möge dem deutschen Reichskriege, den wir so
+ruhmreich geführt, ein nicht minder glorreicher Reichsfrieden folgen,
+und möge die Aufgabe des deutschen Volkes fortan darin beschlossen
+sein, sich in dem Wettkampf um die Güter des Friedens als Sieger
+zu erweisen. Das walte Gott!« Länger als vierzig Jahre hat der
+Reichsfrieden gewährt, aber es war dennoch nicht Frieden im Reiche, und
+in Bismarcks Leben ist kein Tag ohne Kampf geblieben!
+
+[Illustration: ~Biblisches~
+
+Bismarck als Moses, gestützt von Lasker und Falck. Das Bild deutet auf
+2. Moses 17 Vers 11 und 12: »Und dieweil Moses seine Hände emporhielt,
+siegte Israel; wenn er aber seine Hände niederließ, siegte Amalek. Aber
+die Hände Mose waren schwer, darum nahmen sie einen Stein und legten
+ihn unter ihn, daß er sich darauf setzte. Aron (Lasker) aber und Chur
+(Falck) stützten seine Hände, auf jeglicher Seite einer. Also wurden
+seine Hände nicht müde, bis die Sonne unterging.« (Der »Floh«, Februar
+1875)]
+
+Gerade der Partikularismus in seiner Unzufriedenheit und in seinen
+zentrifugalen Neigungen fand eine starke Stütze an dem neu erstarkenden
+Klerikalismus, dessen Wortführer in Bayern bereits gegen den Krieg
+mit Frankreich opponierten und dessen Wortführer selbst ein Welfe
+wurde, der Vertrauensmann des Königs Georg, Ludwig Windthorst. Um
+ihn kristallisierten sich die Reichsverdrossenen aller Farben, die
+Protestler der Reichslande, die Polen und Dänen. Der Kampf, der jetzt
+begann, unmittelbar nachdem die Sieger heimgekehrt waren, lebt unter
+dem Namen »~Kulturkampf~« in dem Gedächtnis der Geschichte. Dieser
+Kampf hat fortgedauert bis tief hinein in die folgenden Jahrzehnte,
+er hat zu jenen Faktoren gehört, die an der Freude am neuen Deutschen
+Reiche am schärfsten nagten. Ihn zu führen hat Bismarck sich nur
+entschlossen unter dem Gesichtspunkt der polnischen Politik, nicht aber
+aus Haß gegen den katholischen Glauben.
+
+Schon während des Krieges hatte Bismarck eine Reihe von Verhandlungen
+mit dem Erzbischof von Posen, Grafen Ledochowski, gehabt, aber
+wenn er auch überzeugt war, daß von Rom aus heftige Treibereien
+gegen Deutschland versucht würden, daß überhaupt der Krieg im
+Einverständnis mit der römischen Politik begonnen worden sei, daß
+jesuitische Einflüsse für den Entschluß des Kaisers Napoleon, trotz
+alles Widerstrebens in den Kampf einzutreten, maßgebend waren, hat
+er doch den Papst mit äußerster Schonung behandelt. Es widerstrebte
+ihm auch später, von den Gesetzen gegen den politischen Katholizismus
+Gebrauch zu machen, und noch stärker war seine Abneigung, den alten
+Gegensatz, der seit Luthers Zeiten auf religiösem Gebiete im deutschen
+Volke bestand, noch zu vertiefen. Als nach der Eroberung Roms durch
+Italien und die Vernichtung des Kirchenstaates die Frage drängend
+wurde, ob der Papst die alte Hauptstadt verlassen solle und ob er
+auf die Unterstützung des Königs von Preußen rechnen könne, daß man
+ihn ungehindert und in schicklicher Weise abreisen lasse, da hat er
+nicht nur bejahend geantwortet, sondern ihm auch willig ein Asyl in
+Deutschland geboten.
+
+[Illustration: ~=Les coiffures.=~ (»Le Grelot«, 8. Juli 1883)]
+
+
+Man muß toleranter denken
+
+ Bismarck erzählte an seiner Tafelrunde: »Der Papst wird vielleicht
+ doch aus Rom gehen müssen. Wohin aber? Nach Frankreich kann er
+ nicht, da ist Garibaldi. Nach Österreich mag er nicht. Nach
+ Spanien? Ich habe ihm — Bayern vorgeschlagen.« Nach einem
+ Augenblick des Nachsinnens fuhr er fort: »Es bleibt ihm nichts als
+ Belgien — oder Norddeutschland. Es ist in der Tat schon angefragt,
+ ob wir ihm ein Asyl gewähren könnten. Ich habe nichts dagegen
+ einzuwenden — Köln oder Fulda. Es wäre eine unerhörte Wendung, aber
+ doch nicht so unerklärlich, und für uns wäre es recht nützlich,
+ wenn wir den Katholiken als das erschienen, was wir in Wirklichkeit
+ sind, als die einzige Macht gegenwärtig, die dem obersten Fürsten
+ ihrer Kirche Schutz gewähren könnte und wollte. Für die Opposition
+ der Ultramontanen hörte jeder Vorwand auf — in Belgien, in Bayern.
+ Mallinckrodt träte auf die Seite der Regierung. In Deutschland, wo
+ man den Papst vor Augen hätte als hilfesuchenden Greis, als guten
+ alten Herrn, als einen der Bischöfe, der wie die anderen ißt und
+ trinkt, eine Prise nimmt, wohl gar auch seine Zigarre raucht —
+ da hat’s keine große Gefahr. Na, und schließlich, wenn nun auch
+ etliche Leute in Deutschland wieder katholisch würden — ich werd’s
+ nicht — so hätte das nicht viel zu bedeuten, wenn sie nur gläubige
+ Christen wären. Die Konfessionen machen’s nicht, sondern der
+ Glaube. Man muß toleranter denken.«
+
+[Illustration: Wie Bismarck den Jesuiten den Kopf wäscht und Herr
+von Stremayr, der österreichische Minister, ihnen die Stiefel putzt.
+(»Figaro«, März 1872)]
+
+Im neuen Reichstag erschien das Zentrum bereits als ein Heerhaufen von
+57 Abgeordneten; an ihrer Spitze standen die beiden Reichensperger,
+Mallinckrodt, Karl von Savigny und der Minister des Königs Georg; in
+ihre Reihen mischten sich Polen und Welfen, Demokraten und Feudale,
+Westfalen und Rheinländer, Bayern und Schlesier. Wenn aber auch ihre
+Führer erklärten, nicht konfessionell zu sein, und wenn hier und da
+sogar ein Protestant, wie der Welfe Brüel und der alte verbitterte
+Gerlach, einen Platz fand, so blieb doch das Zentrum nichts anderes als
+die Repräsentation der streitenden Kirche. Und schon vorher hatte die
+Kirche sich selbst und alle ihre Kraft organisiert, indem sie durch
+das Dogma von der Unfehlbarkeit dem theokratischen Absolutismus die
+letzte Weihe gab. Aber die Ansprüche Roms gingen weit und weiter, sie
+gipfelten zuletzt in dem Anspruch, der Kirche die Verfügung über den
+weltlichen Arm zu gewähren, und im geheimen auch in der Hoffnung, daß
+die Romfahrten der alten Kaiser über die Alpen wieder erwachen und der
+deutsche Arm dem Papste die Hauptstadt und die Herrschaft zurückgeben
+werde. Hier konnte Bismarck sich so wenig fügen wie dem Wunsche des
+Zentrums, den staatlichen Willen der Kirche unterzuordnen, natürliche
+Rechte des Königs preiszugeben. Indem aber hier die alten Freunde von
+der rechten Seite versagten, indem sie ihm die Heeresfolge verweigerten
+und den großen Staatsmann auf die Seite des Liberalismus drängten,
+läuteten sie eine neue Ära ein, in der sie, die einst mit ihm zu den
+stolzesten Höhen gezogen waren, sich selbst ihrer Macht beraubten und
+zu mißvergnügten Zuschauern wurden.
+
+[Illustration: Einige Blitze zucken von Rom nach Berlin, ohne zu
+zünden. (»Figaro«, Januar 1875)]
+
+Aber ehe der Staatsmann sich noch mit voller Kraft in all die neuen
+Kämpfe stürzen konnte, die ihm jetzt drohten, hatte er doch dem
+großen Werke, das er dort draußen in Versailles schon zur Vollendung
+gebracht, den letzten Stempel zu geben. Es galt noch, den Frieden mit
+Frankreich endgültig abzuschließen. Im Hotel zum Schwan in Frankfurt
+am Main wurde das Werk der Einigung Deutschlands zum letzten Abschluß
+gebracht. Fünfzehn Stunden mußte Bismarck auch hier noch mit den
+Franzosen verhandeln. Am 12. Mai des Jahres erschien er dann wieder
+im Reichstag, von der Versammlung mit stürmischem Jubel begrüßt. Hier
+legte er dar, was wir erreichten: Nicht jeder werde zufrieden sein,
+nicht jeder persönliche Wunsch sei erfüllt worden; die Trennung alter
+Verbindungen, der Abschluß neuer Beziehungen seien ohne Verlust und
+Nachteil niemals durchzuführen. Aber wir dürften hoffen, so schloß er,
+daß dieser Frieden dauerhaft und segensreich sein wird und daß wir
+der Bürgschaften, deren wir uns versichert haben, um gegen einen etwa
+wiederholten Angriff beschützt zu sein, auf lange Zeit nicht bedürfen
+werden. Und da sang dann der treue Diener das hohe Lied seines alten
+Herrn und seines Verdienstes: »Stellen Sie sich nur indirekt die Frage,
+wie alles hätte verlaufen können, wenn auf dem Throne Preußens ein
+anderer Monarch saß! War es nicht möglich, daß dieser große Krieg,
+der größte unseres Zeitalters, der ein Menschenalter, ein halbes
+Jahrhundert hindurch wie eine drohende Wolke am Horizonte Deutschlands
+schwebte, bei dem Monarchen, der auf dem mächtigsten Throne
+Deutschlands saß, nicht die gleiche Entschlossenheit, den gleichen Mut,
+diesen hohen Mut, der Krone, Reich und Leben einsetzt, vereinigt fand?
+War es nicht möglich, daß dann der Krieg im Augenblick vermieden wurde
+unter Umständen, die das deutsche Nationalgefühl tief geschädigt und
+gekränkt hätten? War es nicht möglich, daß er aufgeschoben worden wäre,
+bis der Feind Bundesgenossen fand? War es nicht möglich, daß dieser
+Krieg mit weniger Geschick, mit weniger Entschlossenheit, vor allen
+Dingen mit weniger sorgfältig gewählten Mitteln geführt wurde? Daß er
+so geführt wurde, wie geschehen, verdanken wir in erster Linie unserm
+kaiserlichen Feldherrn, dem Könige von Preußen, in zweiter Linie der
+echtdeutschen entschlossenen Hingebung seiner erhabenen Bundesgenossen
+für die nationale Sache.« Bismarck fuhr fort:
+
+
+Der Dank
+
+ »Wenn ein Monarch, an Jahren und an Ehren reich, mit dieser
+ Entschlossenheit seine nach irdischem Maßstab bemessen glückliche,
+ befriedigte, ruhmvolle Existenz einsetzt für sein Volk, wenn er
+ in seinem hohen Alter einen Kampf durchkämpft, der ganz anders
+ verlaufen konnte, wenn er dann zurückkehrt und sich fragt: wem
+ verdanke ich, daß ich siegreich zurückkehre, daß unser Volk
+ geschützt worden ist vor den Leiden und Drangsalen des Krieges im
+ Lande, vor dem Druck des Eroberers, ja daß darüber hinaus Gott
+ seinen Segen gegeben hat, das deutsche Volk in diesem Kriege,
+ wo man es böse mit uns vorhatte, und es gut wurde durch Gottes
+ Hilfe, zu einigen und ihm Kaiser und Reich wiederzugeben? Ich
+ sage, wenn dieser erste Deutsche Kaiser zurückkehrt, nach einem
+ langen Interregnum im Besitze der größten Vollgewalt, der größten
+ Macht, die augenblicklich in der Welt dasteht, und sich fragt:
+ wie, durch welche Werkzeuge hat Gott dies alles verwirklicht? wie
+ habe ich dies gewonnen? wem bin ich Dank schuldig?, so trifft sein
+ Dank natürlich zuerst sein Heer, die Tapferkeit der Truppen, die
+ Intelligenz der Führer, und es muß ihm ein Herzensbedürfnis sein,
+ hier zu lohnen, hier zu danken. Tapferkeit, meine Herren, läßt sich
+ im einzelnen nicht belohnen; sie ist Gott sei Dank ein Gemeingut
+ der deutschen Soldaten, daß man sie alle und jeden einzelnen dafür
+ zu belohnen hätte, wenn man sie belohnen wollte. (Beifall.) Aber
+ die Tapferkeit, meine Herren, allein reicht nicht hin zu diesem
+ Erfolge. Mut haben auch die Franzosen bewiesen, tapfer haben auch
+ die französischen Soldaten sich geschlagen; was ihnen fehlte, war
+ die Führung, war die Pflichttreue und die Einsicht der Führer, war
+ die entschlossene Leitung eines kaiserlichen, eines monarchischen
+ Feldherrn, der in voller Verantwortung und sich bewußt, daß er
+ um Krone und Reich schlug, an ihrer Spitze stand. Jene Führer zu
+ belohnen, muß ein Herzensbedürfnis des Kaisers sein. In diesem
+ Sinne möchte ich bitten, meine Herren, denken Sie daran, dieses
+ Herzensbedürfnis Seiner Majestät des Kaisers zu befriedigen, geben
+ Sie ihm die Zufriedenheit, die er durch seine Hingabe, durch seinen
+ Mut um Deutschland wohl verdient hat.«
+
+[Illustration: Bismarck weist dänische Ansprüche zurück. (»Figaro«,
+Oktober 1874)]
+
+
+Die Wacht am Rhein
+
+ Noch einen anderen Dank hat Bismarck in jenen Zeiten ausgesprochen,
+ den Dank an den Komponisten der »Wacht am Rhein«, Karl Wilhelm
+ in Schmalkalden: »Sie haben durch die Komposition von Max
+ Schneckenburgers Gedicht ›Die Wacht am Rhein‹ dem deutschen Volk
+ ein Lied gegeben, welches mit der Geschichte des eben beendeten
+ Krieges untrennbar verwachsen ist. Entstanden zu einer Zeit, wo
+ die deutschen Rheinlande in ähnlicher Weise wie vor einem Jahre
+ von Frankreich bedroht erschienen, hat ›Die Wacht am Rhein‹ ein
+ Menschenalter später, als die Drohung sich verwirklichte, in
+ der begeisterten Entschlossenheit, mit der unser Volk den ihm
+ aufgedrungenen Kampf aufgenommen und bestanden hat, ihren vollen
+ Anklang gefunden. Ihr Verdienst, Herr Musikdirektor, ist es,
+ unserer letzten großen Erhebung die Volksweise geboten zu haben,
+ welche daheim wie im Felde dem nationalen Gemeingefühle zum
+ Ausdruck gedient hat. Ich folge mit Vergnügen einer mir von dem
+ geschäftsführenden Ausschuß des Deutschen Sängerbundes gewordenen
+ Anregung, indem ich der Anerkennung, welche Ihnen von allen Seiten
+ zuteil geworden ist, auch dadurch Ausdruck gebe, daß ich Sie bitte,
+ die Summe von eintausend Talern aus dem Dispositionsfonds des
+ Reichskanzleramts anzunehmen. Ich hoffe, daß es mir möglich sein
+ wird, Ihnen alljährlich den gleichen Betrag anbieten zu können. Die
+ Reichshauptkasse ist angewiesen, Ihnen die für das laufende Jahr
+ bestimmte Summe alsbald gegen Quittung auszuzahlen. v. Bismarck.«
+
+
+Die Franktireure von Osterburg
+
+ Zwei Tage später war bei einem Festzuge in Osterburg der
+ Schuhmachermeister Otto Bismarck Schützenkönig geworden. Die
+ Übereinstimmung seines Namens mit dem des Reichskanzlers gab
+ Veranlassung zur Absendung folgenden Telegramms: »Sr. Durchl. Fürst
+ Bismarck, Berlin, sendet Schützenkönig Otto Bismarck, Osterburg,
+ am heutigen Schützenfest als Landsmann, Namensvetter, seinen
+ schützenköniglichen Gruß.« Der Fürst antwortete telegraphisch:
+ »Herrn Otto Bismarck, Osterburg, meinem hohen Namensvetter, danke
+ ich freundlichst für den landsmannschaftlichen Gruß.« Die kleine
+ Geschichte kam selbst in französische Blätter, und die Pariser
+ Zeitung »=Le Siècle=« machte aus den Schützen die »=Franc-tireurs=«
+ von Osterburg.
+
+In jener Zeit haben auch die ersten Verhandlungen des deutschen
+Kanzlers mit seinem Rivalen, dem Grafen Beust, stattgefunden,
+dem Leiter der Politik Österreichs, die das künftige Verhältnis
+Deutschlands zum Kaiserstaate und die Möglichkeit eines Bündnisses
+betrafen. In Salzburg kamen die beiden Monarchen, einst die Gegner
+von Königgrätz, zusammen. Hier wurde zuerst ernsthaft der Gedanke
+verhandelt, auf neuem Boden die neue Freundschaft zu schaffen. In
+Gastein wurde dann weiter beraten.
+
+
+Tableau
+
+ Unter den damaligen Gasteiner Badegästen befand sich auch ein
+ Herr Christ, verheiratet mit einer Nichte der Gräfin Meran, Witwe
+ des Erzherzogs Johann. Dieser Herr Christ war ein wohlhabender
+ und wohllebender Frankfurter und hatte in der Zeit, als Bismarck
+ Bundestagsgesandter war, viel mit ihm verkehrt. Herr Christ gab
+ ihm nun in der Restauration von Hofgastein ein Diner, zu dem noch
+ einige andere Österreicher geladen waren. Gegen den Schluß des
+ Diners richtete der Gastfreund an Bismarck im besten Frankfurter
+ Dialekt die Frage: »Aber, sage Sie, warum sind Sie 1866 nicht nach
+ Wien neingange?« — Eine etwas mürrische Antwort hielt ihn nicht ab,
+ fortzufahren: »Ja, Sie hawwe es ja uns in Frankfurt immer gsagt,
+ es würd der schönste Tag Ihres Lebens, wenn Sie in Wien einreite
+ würde!« — Tableau ist leicht auszumalen.
+
+[Illustration: ~Bismarck und Beust~
+
+Beust hatte in einem Schreiben an Bismarck seine besten Wünsche zu dem
+Werke in Versailles ausgesprochen und eine freundschaftliche Annäherung
+beider Reiche in Aussicht gestellt. (»Kikeriki«, 6. Februar 1871)]
+
+
+Er trat mir einen Sporen ab
+
+ Die »Volkszeitung« brachte in diesen Tagen folgendes Schreiben:
+ »Um bei Seiner Durchlaucht dem Fürsten Bismarck eine Audienz zu
+ erlangen, wollte ich mir die Erlaubnis bei demselben einholen,
+ als er gerade vorüberging. Kaum hatte ich aber den Fürsten
+ angesprochen, als zwei geheime Polizeiagenten mich bei den
+ Armen anfaßten und arretieren wollten. Auf meinen Protest und
+ entschiedene Erklärung, daß ich mit Zivilpersonen nicht zu gehen
+ brauche und auch nichts verbrochen habe, wurde ich doch durch die
+ Straßen geschleppt auf das Polizeibureau der Taubenstraße; von
+ da ging ich mit einem Schutzmann nach dem Molkenmarkte, wo ich
+ die ganze Nacht in Polizeigewahrsam gehalten und anderen Tages
+ um elf Uhr mit der Erklärung entlassen wurde, daß die Verhaftung
+ wohl aus Mißverständnis geschehen sein muß. Ich überlasse jedoch
+ das ganze Verfahren dem Urteil des Publikums. H. L. Back.« Hierzu
+ gab Fürst Bismarck seinem getreuen Busch folgenden Kommentar:
+ »Ein ungewöhnlich schmieriger Mensch, offenbar ein Jude, kam, als
+ ich aus dem Reichstag nach Hause ging, auf mich zu und sagte, er
+ wollte Audienz bei mir. Ich wies ihn ab. Er blieb aber neben mir
+ und redete weiter auf mich hinein, ich würde doch einem deutschen
+ Schriftsteller so was nicht abschlagen; er hätte mir Wichtiges
+ mitzuteilen. Doch,« sagte ich, »ich gebe deutschen Schriftstellern
+ niemals Audienzen. Er folgte mir aber mit der fliegenhaften
+ beharrlichen Zudringlichkeit und Dummdreistigkeit des Judenjungen
+ immer noch und rückte mir, indem er weiter sprach, so dicht auf den
+ Leib, daß er mir einen Sporen abtrat. Ich drehte mich um und wollte
+ tätlich werden; dann nahmen ihn die Schutzleute in Empfang. Er war
+ wirklich ungewöhnlich schmierig, so voll Kneipenfett, wenn das
+ einer mit sich abgeschabt hat.«
+
+[Illustration: ~Der Helfer in der Not~
+
+Eine Satire auf Laskers Wichtigtuerei. (»Ulk«, Dez. 1874)]
+
+Nach der Rückkehr zur Heimat harrten des Kanzlers zahllose neue
+Arbeiten. Zuerst griff er im Reichstag in die Debatte über den
+Reichskriegschatz ein; eingehend begründete er seine Auffassung über
+die Stellung der Botschafter und Gesandten; die Münzfrage fand in ihm
+einen beredten Anwalt. Aber was war alles dies gegen die Kämpfe, die
+seiner im preußischen Landtag harrten! Die Bischöfe hatten in Fulda
+mobil gemacht, sie hatten die katholische Kirche in Preußen als recht-
+und schutzlos bezeichnet und vom Könige Abhilfe gefordert gegen allen
+und jeden Eingriff in das innere Glaubensgebiet der katholischen
+Kirche. Zugleich hatten sie den Kampf gegen alle Katholiken begonnen,
+die sich dem Dogma von der Unfehlbarkeit nicht fügten. In diesem Kampfe
+trat =Dr.= Falck als Kultusminister an Bismarcks Seite. Dieser Mann hat
+tatsächlich die Detailarbeit der Maigesetze geleistet. Er hat durch
+Jahre entschlossen den Kampf geführt, bis er schließlich der Fülle
+der Einflüsse erlag, die durch die katholische Umgebung der Kaiserin
+Augusta genährt und von seinen Gegnern skrupellos ausgenutzt wurden.
+Hier hat Bismarck nur die oberste Leitung geführt; hier hat er aber
+auch mit einer Fülle von großen Bildern und Gedanken den scheinbar
+kleinlichen Kampf zu weltgeschichtlicher Höhe erhoben. Am 8. Februar
+bereits, bei der Debatte über die Schulaufsicht, stürzte er sich in
+das Getümmel. Und schon damals kreuzte er mit dem verbissensten seiner
+Gegner, mit Windthorst, die Klinge: »Der Herr Abgeordnete beteiligt
+sich viel an den Debatten, aber das Öl seiner Worte ist nicht von der
+Sorte, die Wunden heilt, sondern von der, die Flammen nährt, Flammen
+des Zornes. Ich habe selten gehört, daß er zu überreden oder zu
+versöhnen bemüht war; seine Reden waren von der Beschaffenheit, daß
+sie einen beunruhigenden und befremdlichen Eindruck auf die Gemüter
+weniger urteilsfähiger Leute machen können, den Eindruck, als ob hier
+auch von der Regierung des Königs aus dem Hause Hohenzollern Dinge
+bestritten und bekämpft würden, die ganz selbstverständlich sind.
+Denjenigen, welche die Reden lesen, könnte es sehr wohl den Eindruck
+machen, als sei dieses Gesetz nun wirklich bestimmt, das Heidentum bei
+uns einzuführen, als seien der Herr Abgeordnete und die Seinigen hier
+noch die alleinigen Verteidiger Gottes. Der Gott, an den ich glaube,
+möge mich davor bewahren, daß der Herr Abgeordnete für Meppen je die
+Disposition über die Spendung seiner Gnaden für mich haben sollte. Ich
+würde dabei nicht gut wegkommen.«
+
+
+Die schwarze Perle von Meppen
+
+ Am folgenden Tage sprach Herr von Mallinckrodt mit äußerster
+ Schärfe gegen Bismarck und erwähnte hierbei in der Verteidigung
+ seines Freundes Windthorst, man habe eine Perle annektiert, und das
+ Zentrum habe sie in die richtige Fassung gebracht. Darauf erwiderte
+ Bismarck: »Der Herr Vorredner nannte den Herrn Abgeordneten für
+ Meppen eine Perle. Ich teile dies in seinem Sinne vollständig; für
+ mich aber hängt der Wert einer Perle sehr von ihrer Farbe ab, ich
+ bin darin etwas wählerisch.«
+
+In dem Kampfe, der nun immer heftiger tobte, haben nun, wie gesagt, die
+Konservativen Bismarck verlassen.
+
+In Wirklichkeit ging dieser Bruch in seinen ersten Anfängen schon
+bis auf die Tage zurück, als die Konservativen schroffen Widerstand
+gegen die Indemnitätsvorlage nach dem Kriege gegen Österreich erhoben.
+Jahrelang hat dieser Konflikt zwischen Bismarck und seinen alten
+Freunden gedauert, und in diesem Konflikt haben sich selbst die
+ältesten Kampfgefährten, wie Hans von Kleist-Retzow und Moritz von
+Blankenburg, von ihm getrennt.
+
+
+Bismarck als Dichter
+
+ Kleist-Retzow ist bei beiden Söhnen Bismarcks Pate gewesen. Von der
+ Innigkeit der Beziehungen dieser beiden Männer, die in Bismarcks
+ Jugendzeit auch die Wohnung miteinander teilten, zeugt ein
+ scherzhaftes Gedicht aus der Feder des jungen Bismarck, mit dem er
+ einst das Geschenk einer großen braunen Kaffeetasse an den Freund
+ begleitet hat. Das Gedicht lautet:
+
+ »Nicht ganz so schwarz wie Ebenholz, doch braun wie Mahagoni
+ Wünsch’ ich Dir, aller Pommern Stolz, ein Leben süß wie Honig.
+ Wenn Wenzel Dich gelangweilt hat, Schwerin den Zorn erregt in Dir,
+ Wenn übel Dir vom Doktorat, dann, Hans, erhole Dich bei mir.
+ Wenn dann der Kaffee Dir behagt und Du, um streng Dich zu kastein,
+ Die zweite Tasse Dir versagt, dann, Hans, laß mich die erste sein.
+ Und schein’ ich Dir zu groß und weit für ein so kleines Landrätlein,
+ So denk’, es ist die höchste Zeit, Dir eine Gattin anzufrei’n.
+ Ihr trinkt dann aus mir alle beide Kaffee, Schokolade oder Tee,
+ Zu Tante Adelgundens Freude, in Kieckon auf dem Kanapee.
+ Geliebter Onkel Schievelbein, schaff bald uns eine Tante,
+ Dann wirst Du alles hoch erfreun, was jemals Hans Dich nannte.
+ Ingleichen Belgard und Polzin, Schievelbein und Tempelburg,
+ Ratzebur und Neu-Stettin, Kallies nebst Dramburg, Falkenburg.
+ Sie und die Leute all nicht minder aus Kieckon, Tychow und Krössin,
+ Sowie die beiden Typhuskinder woll’n all zu Landrats Hochzeit ziehn.
+ Aber Hochzeit, hohe Zeit! Hans, schon ist Dein Härchen grau,
+ Wart’ nicht länger, es wird Dir leid, Du kriegst wahrhaftig keine Frau.
+ Und uns wär’ es großer Jammer, wenn die Art aus sollt sterben!
+ Wem willst dann in Stadt und Kreis Deine Stelle Du vererben?«
+
+
+=Va banque=
+
+ Unter den Konservativen hatte Bismarck schon in den älteren Zeiten
+ heftige Gegner. Zu ihnen gehörte vor allem Herr von Bethmann
+ Hollweg, der noch kurz vor dem Kriege gegen Österreich an den König
+ ein Schreiben richtete, in dem er ihn auf das dringendste bat,
+ sich von Bismarck zu trennen. »Gegen den Urheber unserer Politik«,
+ schreibt Herr von Bethmann, »hege ich keine feindliche Gesinnung.
+ Im März 1862 riet ich selbst Ew. Majestät, einen Steuermann von
+ konservativen Antezedenzien zu wählen, der Ehrgeiz, Kühnheit und
+ Geschick genug besitze, um das Staatsschiff aus den Klippen, in
+ die es geraten, herauszuführen, und ich würde Herrn von Bismarck
+ genannt haben, hätte ich geglaubt, daß er mit jenen Eigenschaften
+ die Besonnenheit und Folgerichtigkeit des Denkens und Handelns
+ verbände, deren Mangel der Jugend kaum verziehen wird, bei einem
+ Manne aber für den Staat, den er führt, lebensgefährlich ist.
+ In der Tat war des Grafen Bismarck Tun von Anfang an voller
+ Widersprüche. ... Viele betrachten diese und ähnliche Maßregeln,
+ die stets, weil in sich widersprechend, in das Gegenteil des
+ Bezweckten umschlugen, als Fehler der Unbesonnenheit. Anderen
+ erscheinen sie als Schritte eines Mannes, der auf Abenteuer
+ ausgeht, alles durcheinanderwirft und es darauf ankommen läßt, was
+ ihm zur Beute wird, oder eines Spielers, der nach jedem Verlust
+ höher pointiert und endlich va banque sagt. Dies alles ist schlimm,
+ aber noch viel schlimmer in meinen Augen, daß Graf Bismarck sich
+ in dieser Handlungsweise mit der Gesinnung und den Zielen seines
+ Königs in Widerspruch setzte und sein größtes Geschick darin
+ bewies, daß er ihn Schritt für Schritt dem entgegengesetzten Ziel
+ näher führte, bis die Umkehr unmöglich schien, während es nach
+ meinem Dafürhalten die erste Pflicht eines Ministers ist, seinen
+ Fürsten treu zu beraten, ihm die Mittel zur Ausführung seiner
+ Absichten darzureichen und vor allem dessen Bild vor der Welt rein
+ zu erhalten. ... Graf Bismarck hat es dahin gebracht, daß Ew.
+ Majestät edelste Worte dem eigenen Lande gegenüber, weil nicht
+ geglaubt, wirkungslos verhallen und weil das Vertrauen durch eine
+ ränkevolle Politik zerstört worden ist. ... Aber jede Verständigung
+ ist unmöglich, so lange der Mann an Ew. Majestät Seite steht,
+ Ihr entschiedenes Vertrauen besitzt, der dieses Ew. Majestät bei
+ allen anderen Mächten geraubt hat.« König Wilhelm eröffnete den
+ Brief erst in Nikolsburg im Juli 1866. Seine Antwort begann: »In
+ Nikolsburg eröffnete ich erst Ihren Brief, und Ort und Datum der
+ Antwort wären Antwort genug.«
+
+[Illustration: ~Gegen welfisches Gelüst~
+
+»Zurück! Für euch wird hier nichts verschenkt!« (»Ulk«, April 1873)]
+
+Die schwerste Anklage aber muß heute noch gegen jenen Teil der
+Rechten erhoben werden, der in den Kampf eine ungeheure persönliche
+Verbitterung trug, der seine Führer in Perrot, Diest-Daber und seinen
+publizistischen Vertreter in Joachim Gehlsen fand. Jetzt hatte Bismarck
+den Kampf gegen zwei Fronten zu führen, jetzt mußte er ebenso gegen die
+Konservativen wie gegen das Zentrum auf dem Wachtposten stehen. Und
+waren die Gehilfen, die ihm zur Seite traten, durchweg verläßlich?
+Zu ihnen gehörten ja auch die Fortschrittler unter Virchows Führung.
+Sie jubelten ihm wohl zu, als er den Sturmlauf gegen den Klerikalismus
+begann und wenn er das Wort für liberale Gesetze ergriff. Aber im
+schwierigsten Augenblick haben sie ihn dennoch verlassen.
+
+Doch Bismarck ließ sich nicht entmutigen; er ging seinen Weg gerade und
+fest. Und so hielt er am 14. Mai 1872 jene gewaltige Rede, die in dem
+Rufe ausklang: »Seien Sie außer Sorge — nach Kanossa gehen wir nicht,
+weder körperlich noch geistig!«
+
+Bald darauf begab sich Bismarck zur Erholung nach Varzin, so daß er an
+der Beratung des Jesuitengesetzes nicht mehr teilnahm. Hier fand er
+auch seinen alten Humor wieder, und hier durfte er, als er am 28. Juli
+die Silberne Hochzeit feierte, seinen Jugendfreund Motley mit Frau und
+Tochter begrüßen.
+
+[Illustration: ~Durchaus glaubwürdig~
+
+Fürst Bismarck: »Das Ideal des Herrn Richter, ein schwächlicher,
+schüchterner Kanzler, werde ich wohl nie werden.« (»Ulk«, März 1881)]
+
+
+Er sieht aus wie ein Koloß
+
+ Aus der Feder des Gastes haben wir eine überaus reizvolle
+ Schilderung des Bismarck von damals in einem nach der Heimat
+ gerichteten Briefe: »Liebe Mary! Wir verließen Berlin gestern
+ morgen ¾9 Uhr und kamen auf Station Schlawe um ½5 Uhr an. Wir
+ hatten bis Varzin anderthalb Stunden zu fahren. Als der Postillon
+ sein Horn blies und an der Tür vorfuhr, kamen Bismarck, seine Frau,
+ Marie und Herbert alle heraus und bewillkommneten uns schon am
+ Wagen in der herzlichsten Weise. Ich fand seine Erscheinung wenig
+ verändert seit 1864, was mich überrascht hat. Er ist etwas stärker
+ geworden und sein Gesicht verwitterter, aber ebenso ausdrucksvoll
+ und gewaltig wie immer. Frau v. Bismarck hat sich noch weniger
+ verändert in den vierzehn Jahren, seit ich sie gesehen. Sie
+ sind beide so gütig und liebenswürdig gegen Lilli, daß es ihr
+ vorkommt, als hätte sie sie zeit ihres Lebens gekannt. Marie ist
+ ein niedliches Mädchen mit schönem dunklem Haar und grauen Augen —
+ einfach, ungeziert und gleich Vater und Mutter voll Übermut. Die
+ Lebensweise ist höchst ungeniert, wie Du Dir denken wirst, wenn
+ ich Dir sage, daß wir direkt vom Wagen in den Speisesaal geführt
+ wurden (nach einer staubigen, heißen Reise, in Eisenbahn und
+ Wagen zehn Stunden unterwegs) und uns niedersetzen und das Essen
+ nachholen mußten, welches schon halb vorüber war, da wir durch
+ irgendein contretemps eine Stunde später anlangten als wir erwartet
+ wurden. Nach Tisch machte Bismarck mit mir einen Spaziergang in
+ den Wald, wobei er die ganze Zeit in der einfachsten, lustigsten
+ und interessantesten Weise über alles sprach, was sich in diesen
+ furchtbaren Jahren ereignet hat; aber er sprach davon, wie
+ alltägliche Leute von den alltäglichsten Dingen reden, ohne jede
+ Affektation. Und gerade weil er so einfach ist, sich so gehen läßt,
+ muß man innerlich zu sich selbst sagen: Das ist der große Bismarck,
+ der größte der jetzt lebenden Menschen und einer der größten
+ Charaktere, die es je gegeben hat. Wenn man im vertrauten Umgange
+ mit Brobdingnags (Riesen aus Gullivers Reisen von Swift) lebt, so
+ scheint es augenblicklich, als wären wir alle auch Brobdingnags,
+ und das wäre überhaupt so die Regel, man vergißt den Vergleich mit
+ der eigenen Kleinheit. Es gibt dagegen viele Leute in gewissen
+ Dörfern, die uns bekannt sind, welche über ihre Umgebung einen viel
+ erkältenderen Hauch wegblasen, als wenn sie Bismarck wären. — Am
+ Abend saßen wir wieder als gemischte Gesellschaft beisammen, indem
+ die einen Tee tranken, die anderen Bier und einige Selterwasser,
+ während Bismarck eine Pfeife rauchte. Er raucht jetzt aber wenig
+ und nur ganz leichten Tabak in der Pfeife. Früher, als ich ihn
+ kannte, rauchte er unaufhörlich die stärksten Zigarren, und jetzt,
+ sagte er, könne er nicht mehr, um sein Leben zu retten, Zigarren
+ rauchen, solchen Widerwillen erregen sie ihm. Ein Gutsnachbar,
+ Herr v. Thadden und Frau, waren die einzigen Gäste, und sie gehen
+ heute nachmittag wieder fort. Dieser Freund hatte die Schlacht von
+ Königgrätz mitgemacht, und Bismarck erzählte eine Menge Anekdoten
+ von jener Schlacht. ... Ich wünschte, Du hättest ihm zuhören
+ können. Du kennst seine Art und Weise. Von allen Männern, die
+ ich je gesehen, klein oder groß, ist er am wenigsten =poseur=.
+ Alles kommt so nebenbei und nachlässig heraus. Ich fragte ihn, ob
+ er nun mit dem Kaiser von Österreich gut Freund wäre. Er sagte
+ ja, und der Kaiser wäre im vorigen Jahre in Salzburg ausnehmend
+ höflich gegen ihn gewesen und durch den ganzen Saal sogleich auf
+ ihn zugekommen, als er sich in der Türe gezeigt. Er sagte, als
+ er noch jünger war, habe er sich für einen ganz klugen Burschen
+ gehalten, aber sich allmählich überzeugt, daß niemand wirklich
+ mächtig oder groß sei, und er müsse darüber lachen, wenn er sich
+ preisen höre als weise, vorherrschend und als übe er große Macht
+ aus in der Welt. Ein Mann in seiner Stellung sei genötigt, während
+ Unbeteiligte erwägen, ob es morgen Regen oder Sonnenschein geben
+ würde, prompt zu entscheiden: es wird regnen oder es wird schön
+ Wetter sein, und demgemäß zu handeln mit allen ihm zu Gebote
+ stehenden Mitteln. Hatte er recht geraten, so rief alle Welt:
+ welche Weisheit, welche Prophetengabe! Hatte er unrecht, so möchten
+ alle alten Weiber mit Besenstielen nach ihm schlagen. — Wenn er
+ weiter nichts gelernt hätte, so hätte er Bescheidenheit gelernt.
+ Ganz gewiß lebte nie ein Sterblicher, der so unaffektiert war,
+ und auch kein genialerer. Er sieht aus wie ein Koloß, aber seine
+ Gesundheit ist schon erschüttert. Er kann nie vor vier oder fünf
+ Uhr morgens einschlafen. Natürlich folgt ihm seine Arbeit hierher
+ nach, doch schien sie ihn wenig zu belästigen. Er sieht aus wie ein
+ Landedelmann, der vollkommen Muße hat. ...«
+
+[Illustration: ~Das Berliner Friedenskonzert~
+
+»Lieber Gortschakow, mir scheint, der Bismarck bläst falsch.«
+Gortschakow und Andrassy weilten im September 1872 mit ihren Souveränen
+in Berlin. Hier wurde auch die Versöhnung zwischen Rußland und
+Österreich besiegelt. (»Kikeriki«, Oktober 1872)]
+
+
+Die dankbare Borussia
+
+ Von seinem alten Herrn erhielt Bismarck zum Silberfeste eine
+ kostbare Vase in Begleitung des folgenden Handschreibens aus
+ Koblenz vom 26. Juli: »Sie werden am 28. ein schönes Familienfest
+ begehen, das Ihnen der Allmächtige in seiner Gnade beschert. Daher
+ darf und kann Ich mit Meiner Teilnahme an diesem Feste nicht
+ zurückbleiben, und so wollen Sie und die Fürstin, Ihre Gemahlin,
+ hier Meinen innigsten und herzlichsten Glückwunsch zu diesem
+ erhebenden Feste entgegennehmen! Daß Ihnen beiden, unter so vielen
+ Glücksgütern, die Ihnen die Vorsehung für Sie erkoren hat, doch
+ immer das häusliche Glück obenan stand, das ist es, wofür unsere
+ Dankgebete zum Himmel steigen! Unsere und Meine Dankbarkeit gehen
+ aber weiter, indem sie den Dank in sich schließen, daß Gott Sie
+ Mir in entscheidender Stunde zur Seite stellte und damit eine
+ Laufbahn Meiner Regierung eröffnete, die weit über Denken und
+ Verstehen geht. Aber auch hierfür werden Sie Ihre Dankgebete nach
+ oben senden, daß Gott Sie begnadigte, so Hohes zu leisten! Und in
+ und nach allen Ihren Mühen fanden Sie stets in der Häuslichkeit
+ Erholung und Frieden, — das erhielt Sie Ihrem schweren Berufe! Für
+ diesen sich zu erhalten und zu kräftigen, ist Mein stetes Anliegen
+ an Sie, und freue Ich mich, aus Ihrem Briefe durch Oberst Graf
+ Lehndorff und von diesem selbst zu hören, daß Sie jetzt mehr an
+ sich als an die Papiere denken werden. — Zur Erinnerung an Ihre
+ Silberne Hochzeit wird Ihnen eine Vase übergeben werden, die eine
+ dankbare Borussia darstellt, und die, so zerbrechlich ihr Material
+ auch sein mag, doch selbst in jeder Scherbe dereinst aussprechen
+ soll, was Preußen Ihnen durch die Erhebung auf die Höhe, auf
+ welcher es jetzt steht, verdankt. Ihr treuergebener, dankbarer
+ König Wilhelm.«
+
+Im Spätsommer kehrte Bismarck nach Berlin zurück und stürzte sich
+mitten in den Trubel, den der Besuch der Kaiser von Österreich und
+Rußland und ihrer Minister in Berlin heraufbeschwor. In täglichen
+Beratungen erreichte er ein außerordentlich herzliches Verhältnis zu
+diesen beiden Monarchen, das Einverständnis der drei Kaiser und ihrer
+Staatsmänner umfaßte den gesamten Inhalt der Politik. Bismarck hatte
+in der Tat die Achtung und das Vertrauen aller Völker für Deutschland
+gewonnen.
+
+In der Fülle der Erfolge aber traf den großen Staatsmann ein besonderer
+Kummer: Sein alter Kampfgenosse Roon reichte dem Kaiser die Bitte um
+Entlassung aus all seinen Staatsämtern ein.
+
+[Illustration: ~Der beurlaubte Bismarck~
+
+»Welch ein Verlust für die Witzblätter, wenn sich der gekränkte Mann
+am Ende gar die berühmten drei Haare ausreißt.« Es ist die Zeit, in
+der verbissene Konservative auf Bismarcks »erzwungenen Rücktritt«
+hinarbeiten, voran Graf Harry von Arnim. Der Urlaub, den der Kanzler
+genommen hatte, wurde ohnehin durch eine Erkrankung gestört.
+(»Kikeriki«, April 1874)]
+
+Dieser Schlag traf Bismarck ungeheuer hart, wenn er auch die von dem
+alten Gefährten angegebene Begründung, die in seinem zerrütteten
+Gesundheitszustand lag, durchaus anerkennen mußte. In diesen Tagen ist
+in ihm stärker als je zuvor der Wunsch lebendig geworden, einen Teil
+der Bürde, die auf ihm lag, von den Schultern zu werfen und nur noch
+Minister des Auswärtigen zu bleiben. Dieser Dienst, so schreibt er in
+dem Briefe an Roon, nehme eine volle Manneskraft in Anspruch, er könne
+nicht auch noch die volle Verantwortung für die innere Politik tragen.
+Auch habe er im Innern den Boden, der ihm annehmbar sei, durch die
+Desertion der Konservativen Partei in der katholischen Frage verloren:
+»Meine Federn sind durch Überspannung erlahmt, der König als Reiter
+im Sattel weiß wohl kaum, daß und wie er in mir ein braves Pferd
+zuschanden geritten hat; die Faulen halten länger aus, aber =ultra
+posse nemo obligatur=.«
+
+Der Roon-Krisis folgte eine Bismarck-Krisis. Aber Roon nahm schließlich
+sein Entlassungsgesuch zurück, und da er unter den Ministern allein das
+volle Vertrauen des Königs besaß, so übernahm er sogar an Bismarcks
+Stelle den Vorsitz im Ministerrat und die Leitung der preußischen
+Geschäfte. Jetzt wäre sicher die günstigste Gelegenheit für die
+Konservativen gewesen, die Versöhnung mit dem großen Kanzler zu
+suchen. Solche Schritte sind leider unterblieben; die Aktion wurde
+sogar mit verstärkter Heftigkeit fortgeführt, und tausend Versuche
+wurden gemacht, dem Staatsmann das Vertrauen des Königs zu rauben.
+Aber König Wilhelm hielt fest in Treuen, und niemals sind die Beweise
+seiner Freundschaft und Huld so zahlreich gewesen wie eben in diesen
+Tagen. So durfte der Minister am Weihnacht-Heiligabend von seinem
+königlichen Freunde die Nachbildung des Standbildes Friedrichs des
+Großen entgegennehmen, für die er in einem wundervollen Briefe seinen
+Dank aussprach:
+
+[Illustration: ~Der Vogelfänger bin ich ja, stets lustig — heisa
+hopsasa!~
+
+General Lamarmora hatte Fälschungen in Gestalt von diplomatischen
+Aktenstücken veröffentlicht, die sich gegen Bismarck richteten. Der
+Kanzler trägt hier als Papageno die drei von ihm eingefangenen Vögel
+Napoleon, Beust und Lamarmora auf seiner Stange. (»Kladderadatsch«,
+September 1873)]
+
+
+Vielleicht ein unbrauchbarer General
+
+ »Ich habe jederzeit bedauert, daß es mir nach dem Willen meiner
+ Eltern nicht erlaubt war, lieber vor der Front als hinter dem
+ Schreibtisch meine Anhänglichkeit an das angestammte Königshaus und
+ meine Begeisterung für die Größe und den Ruhm des Vaterlandes zu
+ betätigen. Auch heute, nachdem Eure Majestät mich zu den höchsten
+ staatsmännischen Ehren erhoben hat, vermag ich das Bedauern,
+ ähnliche Stufen nicht als Soldat mir erstritten zu haben, nicht
+ ganz zu unterdrücken. Verzeihen Eure Majestät am heiligen Abend
+ einem Manne, der gewohnt ist, an christlichen Gedenktagen auf
+ seine Vergangenheit zu blicken, diese Aussprache persönlicher
+ Empfindungen. Ich wäre vielleicht ein unbrauchbarer General
+ geworden, aber nach meiner eigenen Neigung hätte ich lieber
+ Schlachten für Eure Majestät gewonnen, wie die Generale, die das
+ Denkmal zieren, als diplomatische Kampagnen. Nach Gottes Willen
+ und nach Eurer Majestät Gnade habe ich die Aussicht, in Schrift
+ und Erz genannt zu werden, wenn die Nachwelt die Erinnerung an
+ Eurer Majestät glorreiche Regierung verewigt. Aber die herzliche
+ Anhänglichkeit, die ich, unabhängig von der Treue jedes ehrlichen
+ Edelmannes für seinen Landesherrn, für Eurer Majestät Person
+ fühle, der Schmerz und die Sorge, die ich darüber empfinde, daß
+ ich Eurer Majestät nicht immer nach Wunsch dienen kann, werden in
+ keinem Denkmal Ausdruck finden können; und doch ist es nur dieses
+ persönliche Gefühl in letzter Instanz, welches die Diener ihrem
+ Monarchen, die Soldaten ihrem Führer, auf Wegen, wie Friedrich
+ =II.= und Eure Majestät nach Gottes Ratschluß gegangen sind, in
+ rücksichtsloser Hingebung nachzieht. Meine Arbeitskraft entspricht
+ nicht mehr meinem Willen, aber der Wille wird bis zum letzten Atem
+ Eurer Majestät gehören. v. Bismarck.«
+
+Schon jetzt trat ein Mann in den Vordergrund mit einem Namen, der bald
+recht oft und recht wenig rühmlich hervortreten sollte: Graf Harry
+von Arnim. Er stand mit allen dem Kanzler feindlichen Elementen in
+Verbindung, und gerade jetzt drängte er sich an ihre Spitze in der
+Hoffnung, sein Nachfolger zu werden.
+
+[Illustration: ~Fürstbischof Förster, der Gepfändete, und die Hydra~
+
+Fürstbischof Förster von Breslau war wegen Vergehens gegen die
+Maigesetze mehrfach gepfändet, zu Geldstrafen verurteilt und der
+Temporalien beraubt worden. (»Kikeriki« Januar, 1874)]
+
+
+Graf Harry Arnim
+
+ Von ihm erzählt Bismarck in seinem Gedenkbuch: Graf Harry Arnim
+ vertrug wenig Wein und sagte mir einmal nach einem Frühstücksglase:
+ »In jedem Vordermanne in der Karriere sehe ich einen persönlichen
+ Feind und behandle ihn dementsprechend. Nur darf er es nicht
+ merken, solange er mein Vorgesetzter ist.« Es war dies in der Zeit,
+ als er, nach dem Tode seiner ersten Frau aus Rom zurückgekommen,
+ durch eine italienische Amme seines Sohnes in rot und gold Aufsehen
+ auf den Promenaden erregte und in politischen Gesprächen gern
+ Macchiavell und die Werke italienischer Jesuiten und Biographen
+ zitierte. Er posierte damals in der Rolle eines Ehrgeizigen, der
+ keine Skrupel kannte, spielte hinreißend Klavier und war vermöge
+ seiner Schönheit und Gewandtheit gefährlich für die Damen, denen er
+ den Hof machte. Diese Gewandtheit auszubilden, hatte er frühzeitig
+ begonnen, indem er als Schüler des Neustettiner Gymnasiums von
+ den Damen einer wandernden Schauspielertruppe sich in die Lehre
+ nehmen ließ und das mangelnde Orchester am Klavier ersetzte. Unter
+ den Persönlichkeiten, die neben ausländischen Einflüssen, neben
+ der »Reichsglocke« und ihren Mitarbeitern in aristokratischen
+ und Hofkreisen und in den Ministerien meiner Kollegen, neben dem
+ verstimmten Junkertum und dessen Ära-Artikeln in der »Kreuzzeitung«
+ daran arbeiteten, mir das Vertrauen des Kaisers zu entziehen,
+ spielte Graf Harry Arnim eine hervorragende Rolle. Am 23. August
+ 1871 wurde er auf meinen Antrag zum Gesandten, demnächst zum
+ Botschafter in Paris ernannt, wo ich seine hohe Begabung trotz
+ seiner Fehler im Interesse des Dienstes nützlich zu verwerten
+ hoffte; er sah in seiner Stellung dort aber nur eine Stufe, von der
+ aus er mit mehr Erfolg daran arbeiten konnte, mich zu beseitigen
+ und mein Nachfolger zu werden. Nachdem Arnim sich 1873 in Berlin
+ überzeugt hatte, daß seine Aussichten, an meine Stelle zu treten,
+ noch nicht so reif waren, wie er angenommen hatte, versuchte er
+ einstweilen das frühere gute Verhältnis herzustellen, suchte mich
+ auf, bedauerte, daß wir durch Mißverständnisse und Intrigen anderer
+ auseinandergekommen wären, und erinnerte an Beziehungen, die er
+ einst mit mir gehabt und gesucht hatte. Zu gut von seinem Treiben
+ und von dem Ernst seines Angriffes auf mich unterrichtet, um mich
+ täuschen zu lassen, sprach ich ganz offen mit ihm, hielt ihm vor,
+ daß er mit allen mir feindlichen Elementen in Verbindung getreten
+ sei, um meine politische Stellung zu erschüttern, in der irrigen
+ Annahme, er werde mein Nachfolger werden, und daß ich an seine
+ versöhnliche Gesinnung nicht glaube. Er verließ mich, indem er
+ mit der ihm eigenen Leichtigkeit des Weinens eine Träne im Auge
+ zerdrückte. Ich kannte ihn von seiner Kindheit an.
+
+[Illustration: ~Bismarck als Figaro singt das »Largo an das Faktotum«~
+
+ »=Bizzimarck here,
+ Bizzimarck there,
+ Bizzimarck, Bizzimarck everywhere!!=«
+ (»Punch«, 31. Oktober 1874)]
+
+Inzwischen tobte der Kulturkampf weiter. Auch der Papst hatte
+öffentlich Stellung genommen und die herrschende Erregung noch
+aufgestachelt. Ja, er hatte sogar in einer Ansprache an deutsche Pilger
+die Wendung gebraucht, im Reiche herrsche eine Verfolgung gegen die
+Kirche, an deren Spitze der erste Minister stehe, und er hatte mit
+den Worten geschlossen: »Wer weiß, ob nicht bald das Steinchen sich
+von der Höhe löst, daß es den Fuß des Kolosses zertrümmert.« Und im
+Parlament war einer der Führer des Zentrums, Herr von Schorlemer-Alst,
+so weit gegangen, Anklagen gegen den Kanzler zu erheben, daß er nicht
+nur den Umsturz der Bundesverfassung vorbereitet und durchgeführt
+habe, sondern daß er auch im Jahre 1866, verbündet mit Garibaldi und
+Klapka, die ungarischen und kroatischen Regimenter zum Bruch ihres
+Fahneneides zu verführen versuchte. Herr von Mallinckrodt fügte
+hinzu, daß Bismarck bereit war, einen Teil des linken Rheinlandes,
+den die bayrische Pfalz und Koblenz und Trier bilden, an Frankreich
+abzutreten. Er habe dies »in amtlichen Aktenstücken gelesen und sich
+bisher vergeblich nach einem Widerspruch umgesehen«. Es waren die
+Fälschungen des Generals Lamarmora, die den Zentrumsführern den Stoff
+zu ihren wilden Angriffen boten. Sie mußten aber aus Bismarcks Munde
+die grimmige Antwort vernehmen, daß sie sich auf dreiste, lügenhafte
+Erfindungen stützen, gemacht in gehässiger Absicht gegen ihn, der sich
+rühmen dürfe, in Europa der bestgehaßte Mann zu sein. »Ich habe niemals
+irgend jemandem«, so rief Bismarck, »die Abtretung auch nur eines
+Dorfes oder eines Kleefeldes zugesichert oder in Aussicht gestellt.«
+Auch hier sollte die persönliche Verdächtigung den Mann fällen, der
+auch in diesem schweren Kampfe immer und immer wieder versuchte, aus
+der Niederung der persönlichen Gehässigkeit den Streit auf die Höhen
+des Prinzips zu tragen. Niemals in so gewaltiger Weise wie in jener
+Rede, in der er den Streit des Tages hinstellte als eine Episode in
+dem uralten Machtstreit zwischen Königtum und Priestertum, der viel
+älter sei als die Erscheinung unseres Erlösers in der Welt, in dem
+Agamemnon bereits in Aulis mit seinen Sehern lag, der die deutsche
+Geschichte des Mittelalters unter dem Namen der Kämpfe der Päpste mit
+den Kaisern erfüllte und seinen Abschluß damit fand, daß der letzte
+Vertreter des erlauchten schwäbischen Kaiserstammes unter dem Beile
+eines französischen Eroberers auf dem Schafott starb. Das Papsttum,
+so rief er aus, sei eine politische Macht zu jeder Zeit gewesen,
+die mit der größten Entschiedenheit und dem größten Erfolge in die
+Verhältnisse dieser Zeit eingriff. Das Ziel sei die Unterwerfung der
+weltlichen unter die geistliche Gewalt. Der Kampf aber des Priestertums
+mit dem Königtum sei zu beurteilen wie jeder andere Kampf: er hat
+seine Bündnisse, seine Friedensschlüsse, seine Haltepunkte und
+Waffenstillstände. »Es handelt sich um die Verteidigung des Staates, es
+handelt sich um die Abgrenzung, wie weit die Priesterherrschaft und
+wie weit die Königsherrschaft gehen soll; aber diese Abgrenzung muß so
+gefunden werden, daß der Staat seinerseits dabei bestehen kann. Denn in
+dem Reiche dieser Welt hat er das Regiment und den Vortritt. ... Die
+Zentrumspartei in ihren Wirkungen ist eine Breschbatterie, aufgeführt
+gegen den Staat; die Artilleristen, die sie leiten, die Ingenieure, die
+sie erbauten, wissen genau, was sie beabsichtigten.«
+
+
+Bibelfest
+
+ Die Konservativen haben damals sogar durch die Waffen des Gebetes
+ auf Bismarck einzuwirken gesucht. So schrieb noch vor der Annahme
+ der Maigesetze der alte Oberpräsident Senfft von Pilsach an
+ ihn, er solle sich ermannen, denn wenn er Gottes Mahnungen zur
+ Buße beharrlich widerstrebe, so werde er ohne Zweifel seinem
+ Gerichte verfallen. Bismarck antwortete mit der Versicherung,
+ daß das Interesse, welches der alte Herr an seinem geistigen und
+ geistlichen Leben nehme, durchaus auf Gegenseitigkeit beruhe: Aber
+ ich hätte gern die Gewißheit darüber, daß Ihre mahnende Stimme
+ auch den Ihnen nahestehenden Gegnern Seiner Majestät des Königs
+ nicht vorenthalten werde, welchen die Demut unseres Erlösers so
+ fremd geworden ist, daß sie im zornigen Dünkel eigener Weisheit
+ und in heidnischer Priesterherrschaft es als ihre Aufgabe
+ ansehen, das Land und die Kirche zu meistern und die Grundlagen
+ beider zum Vorteil ausländischer und dem Evangelium feindlicher
+ Gewalten tatsächlich zu erschüttern. Ich bitte Ew. Exzellenz,
+ sich Ihrerseits vorzusehen, daß Sie dem Gericht Gottes nicht eben
+ durch die Überhebung Ihrer an mich gerichteten Warnung verfallen.
+ Ich empfehle Ihnen, den 4. und 5. Vers des 12. Psalms zu lesen —
+ »Der Herr wolle ausrotten alle Heuchelei und die Zunge, die da
+ stolz redet, die da sagen: Unsere Zunge soll überhand nehmen,
+ uns gebühret zu reden; wer ist unser Herr?« — und will mich im
+ Vertrauen auf den Schluß des 3. Psalms an diesen halten — »Ich
+ fürchte mich nicht vor viel hundert Tausenden, die sich umher wider
+ mich legen. Auf, Herr, und hilf mir, mein Gott; denn du schlägst
+ alle meine Feinde auf den Backen und zerschmetterst der Gottlosen
+ Zähne. Bei dem Herrn findet man Hilfe.«
+
+Es ist vielleicht das dunkelste Blatt in der Geschichte des politischen
+Konservativismus, daß aus seinen Reihen Männer erstanden, die selbst
+vor dem Versuche nicht zurückschreckten, den Namen des Fürsten Bismarck
+mit jenen wüsten Spekulationen und Börsenmanövern in Verbindung
+zu bringen, die der Segen der fünf Milliarden nach Deutschland
+verpflanzte. Die Reichstagswahlen vom Januar 1874 haben dann die
+konservativen Gegner Bismarcks fast vollständig hinweggefegt.
+
+In jene Zeit fallen auch die ersten Zeichen jener inneren Verständigung
+mit Italien, die später zu dem engen Zusammenschluß der beiden
+mitteleuropäischen Kaiserreiche mit diesem Staate führen sollten.
+Viktor Emanuel ist damals persönlich nach Berlin gekommen, und in
+langen vertraulichen Gesprächen mit dem Fürsten Bismarck hatte er den
+Anschluß seines Landes an die nordischen Mächte vorzubereiten gesucht.
+
+
+Die kostbare Dose
+
+ Bei diesem Besuche hat sich eine Episode ereignet, von der die
+ Welt erst durch Bismarcks letztes Gedenkbuch erfuhr: »Ich hatte«,
+ so erzählt der Kanzler, »durch Herrn v. Keudell erfahren, daß
+ der König eine Dose mit Brillanten, deren Wert auf 50000–60000
+ Franken, ungefähr auf das Sechs- bis Achtfache des bei solchen
+ Gelegenheiten Üblichen, angegeben wurde, hatte anfertigen und
+ dem Grafen Launay zur Überreichung an mich zustellen lassen.
+ Gleichzeitig kam es zu meiner Kenntnis, daß Launay die Dose mit
+ Angabe des Wertes seinem Hausnachbarn, dem bayrischen Gesandten
+ Baron Pergler von Perglas, gezeigt hatte, der unseren Gegnern
+ in dem Kulturkampfe persönlich nahestand. Der hohe Wert des mir
+ zugedachten Geschenkes konnte also Anlaß geben, es in Verbindung
+ zu bringen mit der Anlehnung, die der König von Italien bei dem
+ Deutschen Reiche damals erstrebte und erlangte. Als ich dem Kaiser
+ meine Bedenken gegen die Annahme des Geschenkes vortrug, hatte
+ er zunächst den Eindruck, als ob ich es überhaupt unter meiner
+ Würde fände, eine Porträtdose anzunehmen, und sah darin eine
+ Verschiebung der Traditionen, an die er gewöhnt war. Ich sagte:
+ ›Gegenüber einem solchen Geschenke von durchschnittlichem Werte
+ würde ich auf den Gedanken der Ablehnung nicht gekommen sein. In
+ diesem Falle aber hätte nicht das fürstliche Bildnis, sondern
+ hätten die verkäuflichen Diamanten das für die Beurteilung des
+ Vorgangs entscheidende Gewicht; mit Rücksicht auf die Lage des
+ Kulturkampfes müßte ich Anknüpfungspunkte für Verdächtigungen
+ vermeiden, nachdem der den Umständen nach übertriebene Wert der
+ Dose durch die nachbarlichen Beziehungen von Perglas konstatiert
+ und in der Gesellschaft hervorgehoben worden sei.‹ Der Kaiser
+ wurde schließlich meiner Auseinandersetzung zugänglich und schloß
+ den Vortrag mit den Worten: ›Sie haben recht, nehmen Sie die Dose
+ nicht an.‹ Nachdem ich meine Auffassung durch Herrn v. Keudell zur
+ Kenntnis des Grafen Launay gebracht hatte, wurde der Dose ein sehr
+ hübsches und ähnliches Porträt des Königs substituiert mit seiner
+ eigenhändigen Unterschrift. Der König behielt jedoch das Bedürfnis,
+ mir einen verstärkten Ausdruck seines Wohlwollens zu geben durch
+ ein dem ursprünglich beabsichtigten im Werte analoges, aber
+ nicht verkäufliches Geschenk, und ich erhielt als Zugabe zu der
+ schmeichelhaften Unterschrift des Porträts eine Alabastervase von
+ ungewöhnlicher Größe und Schönheit, deren sichere Verpackung und
+ Beförderung bei der überstürzten Räumung meiner Amtswohnung, zu der
+ mein Nachfolger mich nötigte, nicht ohne Schwierigkeit war. Anderer
+ Ansicht über die Annahme einer mit Brillanten gefüllten Dose war
+ übrigens Gortschakow. Bei unserem Besuch in Petersburg fragte mich
+ Seine Majestät: ›Was kann ich nur dem Fürsten Gortschakow geben?
+ Er hat schon alles, auch Porträt; vielleicht eine Büste oder Dose
+ mit Brillanten?‹ Ich erhob gegen eine teuere Dose Einwendungen,
+ die ich aus der Stellung und dem Reichtum des Fürsten Gortschakow
+ herleitete, und der Kaiser gab mir recht. Ich sondierte darauf den
+ Fürsten vertraulich und erhielt sofort die Antwort: ›Laß Er mir
+ (Russizismus) eine tüchtige Dose geben mit guten Steinen (=avec
+ de grosses bonnes pierres=).‹ Ich meldete dies Seiner Majestät
+ etwas beschämt über meine Menschenkenntnis; wir lachten beide, und
+ Gortschakow bekam seine Dose.«
+
+[Illustration: ~Kullmanns Attentat~
+
+Darauf haben die Attentatsfreunde nicht gedacht, daß bei dem Schusse
+auf Bismarck — eigentlich doch wieder nur die stolze Kirche getroffen
+ward. (»Kikeriki«, 27. Juli 1874)]
+
+Am schwersten traf den Fürsten Bismarck der Verlust seines alten
+Kampfgenossen Roon, der jetzt endgültig vom Schauplatz seiner Taten
+Abschied nahm. Die Briefe, die in diesen Tagen die beiden heldenmütigen
+Männer tauschten, bilden vielleicht eines der ergreifendsten Dokumente
+eines wahrhaft großen und darum innerlich stets bescheidenen
+Menschentums.
+
+
+=Adelantador=
+
+ In seinem Abschiedsbriefe an Bismarck schrieb Roon: »Zum Schlusse
+ dieser Zeilen erlauben Sie mir, Ihnen aus vollem Herzen nochmals
+ mein ›=Adelante, adelantador atrevido!=‹ (Vorwärts, immer vorwärts,
+ kühner Held) zuzurufen und Gottes Segen für Ihr ferneres
+ gedeihliches und großartiges Wirken zu erflehen; und das werde ich
+ immer tun, bis an mein vielleicht nicht mehr fernes Lebensende,
+ gleichviel ob ich auf der Bühne oder im Zuschauerraum meinen Platz
+ habe!«
+
+
+Ich hatt’ einen Kameraden
+
+ In seiner Antwort schrieb Bismarck: »... Gott hat die Fahnenflucht
+ unserer Junker von Thron und Evangelium zugelassen und dadurch
+ unser Rüstzeug schwer geschädigt; aber ich schöpfe auch hier wie
+ 63, 66, 70 in allen den Kämpfen, die wir, lieber alter Freund,
+ Schulter an Schulter siegreich bestanden haben, Mut aus dem
+ mich innerlich tief berührenden Worte: ›Gott widersteht den
+ Hoffärtigen.‹ Und auch im Kampfe mit Kleist, Waldow und Gerlach,
+ wie mit den ehrgeizigen Priestern des römischen Götzendienstes
+ sehe ich die Hoffart zu meinem Trost im feindlichen Lager.
+ Gefochten soll sein, das ist mir so klar, als ob Gott mir es auf
+ deutsch befohlen hätte. Ich stehe dienstlich auf der Bresche,
+ und mein irdischer Herr hat keine Rückzugslinie, also: =vexilla
+ regis prodeunt=, und ich will, krank oder gesund, die Fahne
+ meines Lehnsherrn halten, gegen meine faktiösen Vettern so fest
+ wie gegen Papst, Türken und Franzosen. Vermüde ich, so bin ich
+ anschlagmäßig verwendet, und der Verbrauch meiner Person ist vor
+ jedem Rechnungshofe justifiziert. Durch Ihren Rücktritt bin ich
+ vereinsamt, unter Philistern die einzig fühlende Brust. Der alte
+ Rest vom alten Stamm, der bleibt, ist faul. Ich will nicht zu ihm
+ sagen: ›Heinrich, mir graut vor dir‹, aber ich habe mitunter Lust,
+ falls ich noch körperlich stärker bin, es ihn empfinden zu lassen.
+ Ich wollte Ihnen nur ein herzliches Lebewohl schreiben, und nun
+ komme ich auf sechs Seiten solcher Abirrungen. Sehen werden wir uns
+ ja doch im Winter, und persönlich also nehme ich nicht Abschied.
+ Wir werden mündlich doch noch manchen Rückblick auf die elf
+ Geschichtsjahre tun können, die Gott uns zusammen hat durchkämpfen
+ lassen, und in denen wir mehr von seiner Gnade erlebt haben, als
+ wenigstens mein Verstehen und Erwarten faßte. Im Amte aber wird es
+ einsam um mich sein, je länger je mehr; die alten Freunde sterben
+ oder werden Feinde, und neue erwirbt man nicht mehr. Wie Gott will:
+ Im gelben Sitzungszimmer werde ich die Lücke auf Ihrem Sofaplatze
+ nicht ausgefüllt finden und dabei denken: ›Ich hatt’ einen
+ Kameraden.‹ — Man wird alt, das hat sein Gutes; man ist zufrieden
+ mit Knochen und Leder, an sich und anderen. Der Postbote mahnt.
+ Herzlichen Gruß und auf baldiges Wiedersehen. Ihr getreuer Freund
+ von Bismarck.«
+
+[Illustration: ~Der Sturz der Titanen~
+
+Skizze zu einem Deckengemälde für das Zentrum. Zum Andenken an die
+Sitzung des Reichstags am 4. Dezember 1874
+
+Es handelt sich um die Sitzung, in der Bismarck den Attentäter Kullmann
+an die Rockschöße des Zentrums gehängt hat. Windthorst, Jörg, Majunke,
+Kullmann stürmen gegen ihn an. (»Berliner Wespen«, Dezember 1874)]
+
+[Illustration: ~In Friedrichsruhe~
+
+ Bismarck: »Ick soll Ihnen wegen der Reformen in Rußland raten? Det is
+ wohl ganz einfach: Jeben Sie die Freiheit wie in Preußen! He? Wat sagen
+ Sie?«
+ Der Zar: »Geniale Idee!«
+
+ (»Humoristische Blätter«, 2. März 1884)]
+
+In Kissingen, wo der Kanzler, dessen Gesundheit unter all den Kämpfen
+wiederholt zusammenbrach, auch im Sommer 1874 Genesung suchte,
+entlud sich nun der gegen ihn gesammelte Haß in dem Mordversuch
+des Böttchergesellen Kullmann. Er war ein roher und gewalttätiger
+Bursche, Mitglied in einem katholischen Gesellenverein, aufgereizt
+durch Flugblätter und Reden, aber sicherlich nicht in das Verständnis
+der großen Gegensätze gedrungen, die nach der großen Kriegszeit das
+deutsche Volk erschütterten. Bei ihm wie bei all den anderen, die zur
+Mordwaffe griffen, mündet der weite Strom der Ideen in den engen Kanal
+der geistigen Beschränktheit, und während große Männer in wundervollem
+erregendem Kampfe ihre Kräfte messen, sitzt irgendwo in der engen
+Kammer einer von den ganz Dumpfen und ganz Engen, nur eines einzigen
+Gedankens fähig, und zähe an diesem Gedanken haftend, bis er zur Tat
+wird. Er begreift es nicht, worin die Größe des Daseins besteht, und er
+greift mit plumper Hand in das feine Gewebe der Gottheit.
+
+[Illustration: ~Jahresregent Jupiter~
+
+Jupiter (Bismarck) als Stier, der Europa trägt. An den Schwanz des
+Tieres klammern sich Russen, Franzosen und andere Völker. (Der »Floh«,
+Januar 1875)]
+
+
+Kullmanns Attentat
+
+ Der 13. Juli war gekommen. Bismarck fuhr gegen Mittag aus. Aber
+ der Wagen hatte von der Ausfahrt des Wohnhauses an nur erst etwa
+ fünfzehn Schritte langsam zurückgelegt — da ein katholischer
+ Landgeistlicher in der Fahrbahn stand und nicht ausweichen wollte
+ —, als plötzlich aus nächster Nähe eine Pistole auf den Fürsten
+ Bismarck abgefeuert wurde. Er hatte zufällig gerade die Hand zu
+ militärischer Begrüßung der ihn umjubelnden Menge an seine Schläfe
+ erhoben, als der Schuß krachte. Diese Bewegung rettete sein Leben.
+ Der Mörder gestand es später selbst ein mit den ihn bezeichnenden
+ Worten: »Ich habe mich einexerziert, schon öfter, ja hundertmal aus
+ der Pistole geschossen, aber der Kerl hat eine Bewegung gemacht,
+ und so habe ich ihn gefehlt.« Die zum Gruß erhobene Hand entzog dem
+ Mörder das edle Ziel, das Haupt des Fürsten. Die Kugel streifte
+ nur den Knöchel seiner Rechten. Der Kutscher, fast starr vor
+ Schrecken, hatte doch die Geistesgegenwart, sich umzudrehen. Er
+ sieht den Fürsten anscheinend unversehrt, will also weiterfahren
+ und wendet sein Auge wieder den Pferden zu. Da bemerkt er den
+ Mörder, der die Pistole fortwirft und in der dichten Menschenmenge
+ verschwinden will. Durch einen wuchtigen Peitschenhieb über
+ das Gesicht des Mörders bringt der Kutscher diesen zum Stehen.
+ Gleichzeitig wirft sich der als Badegast in Kissingen anwesende
+ Hofschauspieler Lederer aus Darmstadt auf den Mörder und packt ihn
+ an der Kehle, hält ihn auch — obwohl der Mensch um sich beißt —
+ fest, bis hundert Arme ihn dingfest machen, zu zerreißen drohen. Da
+ springt Fürst Bismarck aus dem Wagen, und rettet den Mörder vor der
+ Volksvergeltung mit dem Worte: man solle den Menschen dem Gesetze
+ überlassen. Nun wird der Täter nach dem Stadtgefängnis geschleift.
+ Nachdem er verbunden war, suchte Bismarck den Attentäter selbst
+ auf und hatte mit ihm im Gefängnis eine Unterredung. Die Frage
+ des Fürsten: »Kennt Ihr mich?« beantwortete Kullmann mit lautem
+ »Ja«, dagegen mit »Nein« die Frage, ob er Bismarck schon früher
+ gekannt habe. Auf die Frage, weshalb er die Tat begangen,
+ antwortete er ziemlich rasch: »Wegen der Maigesetze!« — Auch
+ nannte er, wie Bismarck später im Reichstag erzählte, das Zentrum
+ »seine Fraktion«. — Alle an ihn gestellten Fragen beantwortete
+ Kullmann mit großer Frechheit und ohne jeden Versuch irgendeiner
+ Beschönigung seiner Tat. Doch war interessant, zu sehen, daß der
+ freche Mensch den festen Blick des Fürsten nicht ertragen konnte,
+ sondern immer sofort die Augen niederschlug. Der Fürst schloß mit
+ den Worten: »Das ist nicht schön, wenn Landsleute aufeinander
+ schießen.«
+
+
+Das Geschäft bringt es so mit sich
+
+ Nach dem mißlungenen Attentat Kullmanns bemerkte der Fürst bei
+ der Abendtafel mit köstlichem Humor: »Die Sache ist zwar nicht
+ kurgemäß, aber das Geschäft bringt es so mit sich.«
+
+
+Bellachini
+
+ Nach dem Attentat befand sich in der Deputation gratulierender
+ Kurgäste auch Bellachini, der Magieprofessor. Fürst Bismarck
+ drückte ihm huldvollst die Hand und bemerkte dabei: »Hätten Sie
+ denn, da Sie in der Nähe standen, die Kugel nicht auffangen können?«
+
+Zahllose Ovationen wurden dem Geretteten dargebracht. Über zweitausend
+Glückwunschdepeschen und -schreiben trafen ein. Fürst Bismarck hat
+Schädigungen von der Wunde nicht davongetragen, nur eine gewisse
+Schwäche im Handgelenk blieb zurück. Aber dieses Attentat hat in
+den folgenden Kämpfen eine ernste Rolle gespielt. Im Dezember rief
+Fürst Bismarck dem Klerikalen Jörg, der erklärt hatte, daß »wegen des
+verwegenen Verbrechens eines halbverrückten Menschen ein guter Teil
+der Deutschen geradezu ins Delirieren geraten sei«, die heftigen Worte
+entgegen: »Mögen Sie sich lossagen von diesem Mörder, wie Sie wollen,
+er hängt sich an Ihre Rockschöße fest, er nennt Sie seine Fraktion!«
+
+[Illustration: ~=Pater peccavi=~
+
+Gern säh’ den Bismarck mal als =Pater peccavi= jetzt der Heilige Vater.
+(»Berliner Wespen«, Februar 1874)]
+
+
+Pfui!
+
+ Auf Bismarcks Rede erklang von links und rechts ein stürmisches
+ Bravo, aus dem Zentrum aber rief eine schrille Stimme »Pfui!«.
+ Dem Rufer, Graf Ballestrem, diente Bismarck mit folgenden Worten:
+ »Meine Herren! Der Herr Präsident hat schon gerügt, was ich von
+ dem Herrn Abgeordneten, der dort auf der zweiten Bank sitzt,
+ rügen wollte — oder vielmehr, rügen ist nicht mein Beruf, aber
+ ich wollte meine Meinung darüber äußern. ›Pfui!‹ ist ein Ausdruck
+ des Ekels und der Verachtung. Meine Herren, glauben Sie nicht,
+ daß mir diese Gefühle fernliegen; ich bin nur zu höflich, um sie
+ auszusprechen.« — Noch einmal wurde später dem Fürsten Bismarck im
+ Reichstag ein »Pfui!« entgegengeschrien: Als er im Mai 1889 seine
+ letzte Rede über die Altersversicherung hielt und die Freisinnigen
+ anklagte, daß sie ihm stets ihre Zustimmung versagten, ob aus
+ Abneigung gegen seine Person oder aus fraktionellen Gründen, da
+ erklang aus dem Munde des Herrn Struwe dieses Schmähwort. Bismarck
+ aber schritt in seiner ganzen Größe bis an den Rand der Tribüne:
+ »Erlauben Sie, daß ich da ganz offen rede; wer mir ›Pfui!‹ sagt,
+ denn nenne ich unverschämt. Ich will den Herrn gar nicht fragen —
+ Sie mögen die Wahrheit nicht hören; ich bin aber hier, um Ihnen
+ die Wahrheit zu sagen. Insultieren lasse ich mich nicht, dann
+ insultiere ich wieder. ›Pfui!‹ — ich weiß nicht, worauf sich
+ das bezog, ich kann deshalb darauf nicht erwidern. Ich betrachte
+ es als einen allgemeinen Ausdruck des Hasses, dessen Gegenstand
+ ich seit Jahren hier an dieser Stelle für die Herren, die dort
+ sitzen, gewesen bin. Als Christ kann ich das hinnehmen, aber als
+ Kanzler, solange ich hier stehe, kämpfe ich dagegen und lasse
+ mir dergleichen nicht sagen, ohne darauf zu reagieren.« Später
+ hat auf einem parlamentarischen Abend Fürst Bismarck diese Szene
+ kommentiert: »Ja, was soll man machen, wenn einem jemand sozusagen
+ vor versammeltem Kriegsvolk ›Pfui!‹ zuruft? Es ist doch gerade, als
+ ob mich jemand anspuckt. Das erstemal war es ein Herr vom Zentrum,
+ der mir das Wort zurief. Es war noch die Zeit, wo ich immer einen
+ Revolver in der Tasche trug. Als der Zwischenruf erscholl, dachte
+ ich zunächst: ›Du gehst hin und schießt ihn nieder!‹ Nach einer
+ halben Minute Überlegung aber habe ich mir gesagt: ›Nein, das ist
+ denn doch nicht dein Metier!‹«
+
+[Illustration: ~Herrn Ludwig Bamberger gewidmet~
+
+»Wir Liberalen werden nicht den Ast absägen, auf dem wir sitzen.«
+(»Frankfurter Laterne«, März 1873)]
+
+Immer noch höher stiegen die Wellen des Kulturkampfes. Die Maigesetze,
+das Brotkorbgesetz, die Aufhebung der Artikel 15, 16 und 18 der
+Verfassung, die Unterordnung der Religionsgesellschaften unter die
+staatlichen Gesetze, der Kampf gegen die Jesuiten — immer wieder trat
+Fürst Bismarck in die Bresche, um die Rechte des Staates zu schützen.
+Bis dann die Zeit kam, wo der Staatsmann der Steuergesetzgebung im
+Reiche und bald auch der neuen Wirtschaftspolitik den Weg zu öffnen
+suchte, und wo er, da der Liberalismus sich sträubte, gezwungen war,
+Wege des Friedens mit dem Zentrum zu betreten. Ihm galt ja auch der
+Kulturkampf nicht als Selbstzweck; er fühlte es, daß doch vielleicht
+die Gesetzgebung der Ära Falck zu weit gegangen war, und indem er dann
+an die Revision der Maigesetze ging, suchte er einen =modus vivendi=
+mit Rom und der römischen Kirche zu schaffen. Allerdings innerlich
+auch jetzt überzeugt, daß ein ewiger Friede mit der römischen Kurie
+niemals eintreten wird. Denn in der Kurie erkannte er eine unabhängige
+politische Macht, zu deren unabänderlichen Eigenschaften der Trieb
+zum Umsichgreifen gehöre. Während aber die Wogen des Kulturkampfes
+allmählich sich zu glätten begannen, erhoben sich neue Hindernisse
+und Schwierigkeiten nach anderer Richtung: In der Auswärtigen Politik
+ballte sich plötzlich eine dunkle Wolke zusammen, und die Abneigung der
+extremen Konservativen stieg bis zu einer unerhörten Maßlosigkeit empor.
+
+Der Gedanke, daß ein neuer Krieg mit Frankreich notwendig werde,
+dessen Kraft schnell erstarkt war, beherrschte den größten Teil der
+siebziger Jahre. Besonders der Generalstab ging von der Anschauung
+aus, daß ein Krieg auch aus prophylaktischen Gründen geführt werden
+könne, und daß es geraten sei, den Kampf gegen Frankreich aufzunehmen,
+solange man noch die Gewißheit habe, dem Gegner überlegen zu sein.
+Auch Moltke war dieser Meinung. Aber Fürst Bismarck trat ihm mit
+voller Entschlossenheit entgegen. Denn er hielt jeden Krieg für eine
+Ruchlosigkeit, der uns nicht aufgezwungen und aufgedrungen würde. Aber
+gerade gegen Bismarcks Friedensliebe richtete sich das Komplott, das
+von dem französischen Botschafter in Berlin, Herrn von Gontaut-Biron,
+und dem russischen Kanzler Gortschakow gesponnen wurde und das seine
+Fäden bis an den Hof der Kaiserin Augusta zog. Dieses Komplott trat
+zutage, als Kaiser Alexander nach Berlin kam und während eines
+dreitägigen Aufenthaltes die Wahrheit erkannte. Das Entlassungsgesuch,
+das Fürst Bismarck abermals eingereicht hatte, wurde von seinem
+»tieferschütterten Freunde Wilhelm« abgelehnt und ihm ein längerer
+Urlaub zur Herstellung seiner Gesundheit bewilligt.
+
+[Illustration: »~=O lovely peace!=~«
+
+Bismarck als Bärenführer, läßt den russischen Bären tanzen. Er zitiert
+das Wort von Goldsmith: »Mein Bär tanzt immer nach artigen Tönen.«
+(»Punch«, Mai 1875)]
+
+Aber auch über diese Zeit brachen die Sorgen herein: Im Juli erhob sich
+der Aufstand in der Herzegowina. Die Gefahr, daß der ganze Balkan zu
+einem Brandherd werden und die dort entfesselten Flammen auf Europa
+niederschlagen würden, erhob sich in fürchterlicher Nähe. Im nächsten
+Frühjahr schon ergriff bereits das Feuer Serbien und Bulgarien, und
+wieder nach einem Jahre führte der Zar selbst seine Armeen über die
+Donau. Mußte hier nicht die Sorge erwachen, daß Rußland und Österreich
+im blutigen Zwiste aneinander geraten? Nahm Fürst Bismarck für den
+einen Staat Partei, dann würde sich Frankreich sofort auf die Seite des
+anderen schlagen, und ein europäischer Krieg stände vor der Tür. »Ich
+habe«, so sagte er damals im Gespräch, »zwei mächtige Wappentiere an
+ihren Halsbändern. Ich halte sie auseinander; erstens damit sie sich
+nicht zerfleischen, zweitens damit sie sich nicht auf unsere Kosten
+verständigen können. Ich glaube damit nicht nur jedem derselben,
+sondern auch Deutschland und Europa einen Dienst zu erweisen. ... Dem,
+der zum Hieb ausholt, in die Klinge zu fahren, ist ein schlechtes
+Geschäft. Man erwirbt sich damit keine Freunde, und der Behinderte wird
+einen dieses Dazwischentreten bei anderer Gelegenheit entgelten lassen.«
+
+Auch in den folgenden Zeiten, als die orientalische Frage immer
+brennender wurde, hielt Fürst Bismarck Deutschland nicht für
+verpflichtet, aktiv in den Zwist einzutreten. »Ich werde«, so rief
+er im Reichstag aus, »zu irgendwelcher aktiven Beteiligung an diesen
+Dingen nicht raten, solange ich in dem Ganzen für Deutschland kein
+Interesse sehe, welches auch nur die gesunden Knochen eines einzigen
+pommerschen Musketiers wert wäre.« Unter Leitung des ehrlichen Maklers
+Bismarck kam es denn auch auf der Berliner Konferenz zunächst zu
+einem Verständnis der europäischen Mächte, zu einer Einigung aller
+christlichen Völker gegenüber den Osmanen. Erleichtert allerdings wurde
+dem Staatsmann die Aufgabe dadurch, daß am 6. Mai 1876 in Saloniki der
+deutsche und der französische Konsul von fanatisierten mohammedanischen
+Pöbelhaufen unter Mitwirkung der Behörden ermordet wurden. Im nächsten
+Frühjahr hat dann, da auch die Konferenz der Mächte in Konstantinopel
+resultatlos verlief, Rußland der Pforte den Krieg erklärt, und bei
+Plewna und am Schipkapaß wurden blutige Schlachten geschlagen. Dem
+Frieden von San Stefano ist dann der Berliner Kongreß gefolgt, und seit
+diesem Kongreß, der den Russen nicht alle erwünschten Früchte trug,
+erhob sich lärmend und rachedurstig gegen Deutschland der Panslawismus.
+Als aber auch das amtliche Rußland, vor allem Gortschakow, sich gegen
+Deutschland feindselig zeigte, da schloß sich Bismarck mit Österreich
+zusammen.
+
+[Illustration: ~Die Konferenzarbeit~
+
+»Blut ist genug geflossen, jetzt kommt die Tinte ’ran.« (»Kikeriki«,
+Mai 1875)]
+
+Während nun draußen harte Konflikte den Frieden der Welt bedrohten,
+war Bismarck gezwungen, auch im Inneren seinen Gegnern die gepanzerte
+Faust zu weisen. Der erste, den sie traf und den sie zu Boden schlug,
+war Graf Harry von Arnim, der in seiner Brandschrift »=Pro nihilo=« die
+schwersten Anklagen gegen den großen Staatsmann erhob: Er habe in ihm,
+dem Grafen Arnim, nur den Rivalen gesehen und es deshalb veranlaßt,
+daß er in seinem ersten Prozeß, der ihm neun Monate Gefängnis eintrug,
+rechtswidrig verurteilt wurde. Es fehlte auch der Vorwurf nicht, Fürst
+Bismarck habe seine amtliche Stellung zu Geldgeschäften mit Bleichröder
+gemißbraucht; er habe dem Kaiser nur eine Scheinherrschaft übrig
+gelassen, und er sei so der allmächtigste Minister seit Stilichos und
+Pipins Zeiten geworden. Auf diese Schrift erfolgte gegen den einstigen
+Botschafter in Rom und Paris eine neue Anklage wegen Landesverrates,
+Majestätsbeleidigung und Verleumdung des Reichskanzlers. Das Ergebnis
+war das Urteil des Staatsgerichtshofes, das den Grafen in allen Punkten
+für schuldig erklärte und unter Aberkennung der Ehrenrechte zu fünf
+Jahren Zuchthaus verurteilte. Arnim hatte sich dem Richter nicht
+gestellt; er ist, ein Verschollener, im Mai 1881 zu Nizza gestorben.
+Aber seine Gesinnungsgenossen und Freunde setzten mit erneutem Eifer
+ihren Feldzug gegen Bismarck fort. Hier traf die »Kreuzzeitung« sich
+mit der »Reichsglocke« Joachim Gehlsens auf dem gleichen Pfade. Und
+hier sah Bismarck, wie er in seinem Gedenkbuch berichtet, unter seinen
+schroffsten, aber keineswegs ehrlichsten Gegnern den Obersten von
+Caprivi, der später sein Nachfolger wurde.
+
+Schon ein Jahr vorher hatte mit den sogenannten Ära-Artikeln Perrots
+der Verleumdungsfeldzug gegen Bismarck begonnen. Lügen aller Art
+wurden verbreitet. Keine Roheit und Gemeinheit der Sprache wurde
+vermieden. Und als Fürst Bismarck im Reichstag Protest erhob, als
+er vor allem die »Kreuzzeitung« anklagte, daß sie ehrenrührige,
+unbewiesene, anonyme Verleumdungen verbreite, als er die Konservativen
+aufrief, von diesem Blatte sich loszusagen, das die christliche
+Gesinnung nur als Aushängeschild für politische Zwecke benutze, da
+hat ein Teil der konservativen Partei den Mut gefunden, sich in
+einer öffentlichen Erklärung auf die Seite des Blattes zu stellen.
+Es waren die »Deklaranten«. Schon vor den Ära-Artikeln hatte einer
+dieser Herren auf einem pommerschen Woll- und Pferdemarkt sich damit
+gebrüstet, er werde Bismarck so klein machen, daß er »jedem ehrlichen
+pommerschen Krautjunker aus der Hand fressen müsse«. Fürst Bismarck
+hat die Namen der Deklaranten im »Reichsanzeiger« zum Gedächtnis
+der Mit- und Nachwelt abdrucken lassen. Es waren die Namen alter
+Freunde darunter, aber auch die Namen vieler Diener der Kirche, und
+noch in späten Jahren hat er nur mit Zorn an jene Episode und ihre
+Helden denken können. Den edlen Herren der Kirche vor allem hat er
+in seinem Gedenkbuch ein Denkmal gesetzt: »Ich habe gegen Politiker
+in langen Kleidern, weiblichen und priesterlichen, immer Mißtrauen
+gehegt, und dieses Pronunziamento einiger hundert evangelischer
+Pfarrer zugunsten einer der frivolsten, gegen den ersten Beamten des
+Landes gerichteten Verleumdung war nicht geeignet, mein Vertrauen zu
+Politikern, die im Priesterrock, auch in einem evangelischen, stecken,
+zu stärken.« Die Nerven Bismarcks drohten unter dieser harten Probe
+zusammenzubrechen. War er doch gezwungen, plötzlich mit allen oder fast
+allen Freunden und Bekannten den bisherigen Umgang einzustellen. — Ein
+Teil der Konservativen und Klerikalen ging noch weiter. Sie hatten
+die »Reichsglocke« begründet, um Bismarck zu vernichten. Hinter ihr
+standen nicht nur Politiker, sondern auch Hofbeamte, namentlich aus der
+Umgebung der Kaiserin Augusta. Ihnen gelang es, das Verleumderblatt
+täglich in die Hände des Monarchen zu spielen, wie es ja auch in
+dreizehn Exemplaren an die verschiedenen Höfe kolportiert wurde.
+
+[Illustration: ~Die pommerschen Knochen~
+
+ Wilhelm: »Ich weeß, wo du mit deiner knochigen Rede hinjezielt hast;
+ na, da mache ich dir =anticipando= zum Herzog.«
+ Bismarck: »Majestät verkennen meine friedlichen Absichten.«
+ Wilhelm: »Männeken, keene Verstellung, wir sind unter uns.«
+
+Am 5. Dezember hatte Bismarck im Reichstag es abgelehnt, in Sachen
+des Orients auch nur »die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen
+Musketiers« einzusetzen. (»Hum. Blätter«, Dezember 1876)]
+
+
+Der Gipfel der Gemeinheit
+
+ Die Kaiserin Augusta ließ in jener Zeit den Kanzler ihre Ungnade
+ andauernd fühlen, und ihre unmittelbaren Untergebenen, die höchsten
+ Beamten des Hofes, gingen in ihrem Mangel an Formen so weit, daß
+ Fürst Bismarck sich zu schriftlichen Beschwerden beim Kaiser
+ selbst veranlaßt sah. Man war perfide genug, durch diese Angriffe
+ die Gesundheit des verhaßten großen Staatsmannes untergraben zu
+ wollen; während des Prozesses gegen die »Reichsglocke« wurde ein
+ an Gehlsen gerichteter Brief des Herrn von Loë verlesen, in dem es
+ hieß: »Ich schlage vor, die nächste Nummer der ›Reichsglocke‹ zu
+ einer Benefizvorstellung zugunsten des Reichskanzlers zu erheben.
+ Vom psychologisch-medizinischen Standpunkt scheint es mir wichtig,
+ bezüglich der Reihenfolge der Artikel zuerst das Pathetische
+ und dann das Komische zu bringen. Die Hauptsache ist, daß von
+ vornherein gleich die Verdauung auf einige Tage gestört wird, und
+ das geschieht nur durch leidenschaftliche Erregung.«
+
+
+Unser allergnädigster Kanzler
+
+ »Als ich einmal«, schreibt Bismarck, »den geärgerten und darüber
+ erkrankten Kaiser des Morgens aufsuchen mußte, um über eine
+ höfische Demonstration zugunsten des Zentrums eine unter den
+ obwaltenden Umständen dringliche Beschwerde zu führen, fand ich ihn
+ im Bette und neben ihm die Kaiserin in einer Toilette, die darauf
+ schließen ließ, daß sie erst auf meine Anmeldung herunter gekommen
+ war. Auf meine Bitte, mit dem Kaiser allein sprechen zu dürfen,
+ entfernte sie sich, aber nur bis zu einem dicht außerhalb der von
+ ihr nicht ganz geschlossenen Türe stehenden Stuhle, und trug Sorge,
+ durch Bewegungen mich erkennen zu lassen, daß sie alles hörte. Ich
+ ließ mich durch diesen, nicht den ersten, Einschüchterungsversuch
+ nicht abhalten, meinen Vortrag zu erstatten. An dem Abende
+ desselben Tages war ich in einer Gesellschaft im Palais. Ihre
+ Majestät redete mich in einer Weise an, die mich vermuten ließ,
+ daß der Kaiser meine Beschwerde ihr gegenüber vertreten hatte.
+ Die Unterhaltung nahm die Wendung, daß ich die Kaiserin bat,
+ die schon bedenkliche Gesundheit ihres Gemahls zu schonen und
+ ihn nicht zwiespältigen politischen Einwirkungen auszusetzen.
+ Diese nach höfischen Traditionen unerwartete Andeutung hatte
+ einen merkwürdigen Effekt. Ich habe die Kaiserin Augusta in dem
+ letzten Jahrzehnt ihres Lebens nie so schön gesehen wie in diesem
+ Augenblicke; ihre Haltung richtete sich auf, ihr Auge belebte
+ sich zu einem Feuer, wie ich es weder vorher noch nachher erlebt
+ habe. Sie brach ab, ließ mich stehen und hat, wie ich von einem
+ befreundeten Hofmanne erfuhr, gesagt: ›Unser allergnädigster
+ Reichskanzler ist heute sehr ungnädig.‹ — Alle Gegner,« fügt
+ Bismarck hinzu, »die ich mir in den verschiedensten Regionen im
+ Laufe meiner politischen Kämpfe notwendigerweise und im Interesse
+ des Dienstes zugezogen hatte, fanden in ihrem gemeinsamen Hasse
+ gegen mich ein Band, das einstweilen stärker war als ihre
+ gegenseitigen Abneigungen gegeneinander. Sie vertagten ihre
+ Feindschaft, um einstweilen der stärkeren gegen mich zu dienen.
+ Den Kristallisationspunkt für diese Übereinstimmung bildete die
+ Kaiserin Augusta, deren Temperament, wenn es galt, ihren Willen
+ durchzusetzen, auch in der Rücksicht auf Alter und Gesundheit des
+ Gemahls nicht immer Grenze fand.«
+
+[Illustration: ~Landtagsabschied~
+
+»Ihr habt jetzt leeres Stroh genug gedroschen und könnt nach Haus
+gehn.« (»Frankf. Laterne«, Juni 1875)]
+
+In alter Treue aber standen zwei Männer auch in diesen schweren
+Tagen auf Bismarcks Seite: König Wilhelm und Albrecht von Roon. In
+seinem letzten Briefe hat der alte Kampfgefährte, der jetzt dem Tode
+entgegenging, an Bismarck noch geschrieben, er möge nicht erlahmen,
+er möge über alle Bitternisse der Gegenwart sich das Bewußtsein
+erhalten, daß er dem Vaterlande noch vieles und Großes schulde,
+aber er hatte dem »verwegenen Steuermann« auch zugerufen, daß »die
+Triumphe und Erfolge menschlicher Größe, daß alle Freude, aller Glanz
+und Schimmer dieses unseres dunstigen, frönerischen Erdendaseins
+nichts ist im Vergleich mit der uns in Jesu Christo verheißenen
+dereinstigen Herrlichkeit«. Auch König Wilhelm hat nicht an seinem
+getreuen Diener gezweifelt. Und auch das deutsche Volk und auch das
+Ausland hat gerade in jener Zeit ihm am eifrigsten gehuldigt. Eine
+Fülle von Ehrenbürgerbriefen kam in sein Haus, zahllose vornehme
+Körperschaften machten ihn zum Ehrenmitglied; von England, aus Amerika
+kamen tausend Zeichen der Verehrung. Und zuletzt haben sie alle,
+die als Deklaranten gegen Bismarck aufgestanden waren, den Weg nach
+Kanossa betreten und des Schwergekränkten Verzeihung erfleht. In einer
+neuen »deutschkonservativen« Partei gewann Fürst Bismarck alsbald für
+seine neuen großen Pläne eine feste Stütze, die er zugleich gegen den
+wachsenden Übermut und die zunehmende Nörgelei der »Fraktion Lasker«
+ins Feld führen konnte.
+
+Es war zuerst das gewaltige Projekt der Reichseisenbahn, an dessen
+Verwirklichung Fürst Bismarck herantrat. Hier hatte er nicht nur gegen
+die Parlamente, sondern auch gegen das Mißtrauen der Bundesstaaten
+zu kämpfen. Der erste aber, der sich gegen ihn erhob, war Herr Eugen
+Richter, der die Prophezeiung aussprach, dieses Projekt werde das Reich
+wie Preußen zerstören. Unter der Heiterkeit des Hauses hat hierauf
+der Kanzler erwidert: »Daß uns die deutsche Einheit und Freiheit auf
+der ersten Reichslokomotive davonfahren werde, das glaube ich nicht.«
+Es war dieses Projekt in der Tat gleich den Justizgesetzen ein neuer
+starker Nagel, der das eiserne Band der Einheit zusammenhielt. Nur
+215 gegen 160 Stimmen traten auf die Seite Bismarcks — wer möchte
+sich heute wohl noch zu denen bekennen, die damals für die Ablehnung
+sprachen?
+
+[Illustration: »Mit dem Engländer werde ich es wohl ein bißchen schwer
+haben, aber ich hoffe, ihn endlich doch noch kaltzustellen.« Bismarck
+hat durch den Dreibund England kaltgestellt. (»Figaro«, November 1880)]
+
+Wenn aber jetzt Fürst Bismarck zurückschaute auf das Werk seiner Hände,
+auf die ersten sechs Jahre im neuen Deutschen Reiche, dann konnte
+er allen Bitternissen der ihm aufgezwungenen Kämpfe zum Trotz doch
+befriedigt erkennen, daß das deutsche Gemeingefühl durch eine Fülle
+neuer Reichsgesetze gefördert war, daß das junge Deutsche Reich in
+seinen auswärtigen Beziehungen eine Reihe von Freunden gewonnen hatte,
+daß gewaltige Aufgaben gelöst worden waren. Wohl dachte Bismarck
+zuweilen daran, sich auf das Altenteil zu setzen, aber er fühlte es
+doch, daß seine Kraft und seine Erfahrung noch notwendig seien, um das
+Schiff, das er erbaut und ausgerüstet, noch durch manche wilde Brandung
+zu leiten. Und so hielt er aus in den Sielen, noch weit hinaus bis über
+den Tag, der ihm in König Wilhelm den treuesten Freund, den tapferen
+Lehnsherrn und Kriegsfürsten raubte.
+
+[Illustration: ~Bismarck-Cäsar und Arnim-Brutus~
+
+ »Nur ein Cäsar mochte Rom verderben,
+ Nur nicht Brutus mochte Cäsar stehn,
+ Wo ein Brutus lebt, muß Cäsar sterben,
+ Geh du linkwärts, laß mich rechtwärts gehn.« (Schiller)
+
+(»Ulk«, April 1874)]
+
+[Illustration: ~Was der Bismarck alles imstand ist~
+
+Eine Anspielung auf den Prozeß des Grafen Arnim, der zu schwerer Strafe
+verurteilt worden war. Der Scherz geht dahin, daß Bismarck bei seiner
+großen Macht selbst Kaiser Wilhelm in die Stadtvogtei abführen lassen
+könnte. Dort harren seiner bereits Generale und Minister. (»Kikeriki«,
+Oktober 1874)]
+
+
+
+
+Neue Kämpfe und Bekenntnisse
+
+
+Es war in den folgenden Jahren Bismarcks vornehmstes Werk, durch ein
+System von Bündnissen dafür zu sorgen, daß das Deutsche Reich, wenn
+neue Konflikte nahten, nicht nur auf die Macht seiner Bajonette,
+sondern auch auf die Freundschaft anderer Völker bauen durfte.
+Vielleicht ist es die größte politische Tat, jedenfalls aber der
+Beweis einer in alle Fernen blickenden Weisheit gewesen, daß der große
+Staatsmann einst in Nikolsburg selbst dem tiefen Groll seines geliebten
+Herrn widerstand und die Schonung des Habsburger Kaiserstaates
+durchsetzte. Schon damals, das ist längst bezeugt, erkannte er die
+Notwendigkeit eines engen Zusammenschlusses der beiden zentralen
+Kaisermächte, sah er voraus, daß das russische Expansionsbedürfnis
+gegen Österreich-Ungarn vordringen, nach der Adria verlangen und so
+Deutschland in der Flanke bedrohen würde, und klar stand ihm die Gefahr
+einer Verbindung dieses Riesenreiches mit dem westlichen Nachbar vor
+Augen. Zwischen diesen beiden Staaten jeden Brückenbau zu verhindern,
+ihrer Macht für alle Fälle, wenn einmal das traditionelle Band zwischen
+Berlin und Petersburg zerriß, ein Gegengewicht zu schaffen, hielt
+er für eine Lebensbedingung des Deutschen Reiches, wie er in diesem
+Bündnis die machtvollste Bürgschaft für den Frieden des Weltteils
+erkannte. Erwog er doch sogar den Plan, einen organischen Verband
+zwischen dem Deutschen Reiche und Österreich-Ungarn zu schaffen, der
+nicht kündbar, sondern der Gesetzgebung beider Reiche einverleibt
+werden sollte. Hier hat später das in Polen gemeinsam vergossene Blut
+einen stärkeren Kitt als alle Verträge geschaffen.
+
+[Illustration: ~Bismarck als Reichslokomotive~
+
+Zurufe: »Fahr zu, Kutscher, wenn du Herz hast!« (Wird er bremsen?)
+Die ersten Entwürfe des Reichseisenbahnprojektes waren eben im Kopfe
+Bismarcks entstanden. (»Berliner Wespen«, März 1876)]
+
+Es ist bereits darauf hingewiesen worden, wie die Fragen des Orients
+sich drohend in das europäische Leben drängten, wie dort unten am
+Balkan unterdrückte Völker um ihre Freiheit rangen, wie die Herrschaft
+der Türken durch Serben, Bulgaren und Rumänen eingeengt wurde, wie
+Rußland auf dem Plan erschien, nicht nur um als Schutzmacht slawischer
+Brüder den Kampf zu führen, sondern auch um sich den heiß ersehnten
+Weg zum Goldenen Horne und zum Meere zu erobern. Hier hat Fürst
+Bismarck allem Drängen der Liberalen zum Trotz die Ruhe des Maklers
+bewahrt. Denn wieder erhob sich, wie in der Konfliktszeit im Sinne
+der Polen, so jetzt im Interesse der Türken die Fortschrittspartei,
+um dem großen Staatsmann von ihrem winzigen Standpunkte aus Lehren
+zu geben, wie er das Schiff zu lenken und zum Hafen zu führen hat.
+Nach Virchow — Eugen Richter. Es war dieselbe Weisheit, jetzt wie
+damals. Und sie wird wiederkehren und unsere Ohren betäuben, wenn
+abermals der Name Bulgarien uns an die Ohren klingt und Alexander von
+Battenberg den rührenden Roman mit der deutschen Kaisertochter beginnt.
+Wäre es nach dem Willen der Fortschrittspartei geschehen, so wäre
+damals, in der Mitte der siebziger Jahre, der Weltkrieg entbrannt.
+Nur der unvergleichlichen Staatskunst des großen Kanzlers verdankte
+es Deutschland, daß das Gewitter sich immer tiefer gegen Südosten
+verzog. Hatte aber Rußland auf einen aktiven Anteil Deutschlands an
+den orientalischen Händeln gehofft, und war es verstimmt, weil dieser
+Wunsch unerfüllt blieb, so wußte Bismarck doch, daß, wenn das eine
+Eisen im Feuer versagte, sich ihm noch ein anderes bot. Österreich
+blieb neutral, Bosnien und die Herzegowina waren sein Lohn. Den Russen
+blieb freilich der Weg zum Goldenen Horne versagt, aber am Balkan wie
+in Asien wuchs seine Macht gewaltig, und wenn es auch dem ehrlichen
+Makler Dank und Lohn vorenthielt, so hat doch Bismarcks Politik es
+erreicht, daß noch durch lange Jahrzehnte der Weltenbrand vermieden
+wurde.
+
+[Illustration: Der Reichskanzler teilte dem Ministerpräsidenten nichts
+mit und umgekehrt. Nun kam der Erboberjägermeister hinzu. Der Arme! Mit
+dem reden beide nichts.
+
+Kaiser Wilhelm hatte an seinem 80. Geburtstag seinen Kanzler zum
+Erboberlandjägermeister des Herzogtums Pommern ernannt. (»Berliner
+Wespen«, März 1877)]
+
+
+Wirkung des Namens Bismarck
+
+ In dieser Zeit machte ein Gelehrter, der, Mecklenburger von Geburt,
+ eine Professur an einer englischen Universität bekleidete, eine
+ Reise nach Griechenland, und auf dem klassischen Boden war es,
+ wo Preußens König und Fürst Bismarck ihm das Leben retteten. Der
+ Professor kam nach Mykenä auf Morea, wo er die alten zyklopischen
+ Mauern besuchte. Ganz versunken in die Betrachtung dieses
+ gewaltigen Denkmals grauer Vorzeit, merkte der Gelehrte nicht,
+ daß die Sonne sich dem Untergange näherte. Plötzlich war sie
+ hinter den Bergen verschwunden. Die Heimkehr in Dunkelheit ist auf
+ griechischem Boden etwas mißlich, ein räuberischer Überfall nicht
+ ausgeschlossen. Im Sturmschritt eilte unser Professor Mykenä zu,
+ als ihm auf einmal zwei robuste Ziegenhirten den Weg versperrten.
+ Diese Begegnung erzählt unser Professor nun folgendermaßen: »Wer
+ bist du?« fragt der eine, indem er drohend seinen Stock erhebt.
+ — »Ich bin ein Deutscher«, gab ich ihm zur Antwort. — »Unter
+ welchem Könige?« fragte der Hirte weiter. — »Unter Preußens König«,
+ erwiderte ich in der Voraussetzung, daß dieser dem Griechen besser
+ bekannt sein werde als mein eigentlicher Landesherr, der Großherzog
+ von Mecklenburg. »Vater Bismarck!« rufen darauf beide Hirten wie
+ aus einem Munde, staunend ziehen sie ihre Hüte und verschwinden. So
+ rettete mir Bismarck nicht nur meine Börse, sondern vielleicht auch
+ das Leben.
+
+[Illustration: Bismarck als Äolus. Der Gott der Stürme bläst gen Osten,
+und Rußland lenkt ein. (»Punch«, 5. April 1878)]
+
+[Illustration: »Bange machen gilt nicht!«
+
+Die orientalische Frage war akut geworden, die Verständigung der drei
+Kaiser war jedoch nicht nach dem Wunsche des Panslawismus. Er rückt als
+Wetterfrosch gegen Bismarck an. (»Figaro«, Juli 1876)]
+
+
+Die Alpenblume
+
+ In einer Rede, die im Februar 1878 Bismarck zur Verteidigung seiner
+ Politik hielt, hatte er die etwas drastische Wendung gebraucht:
+ »In früheren Zeiten habe ich österreichische Kollegen im Bunde mir
+ gegenüber gehabt, vor allem den Herrn von Prokesch, denen habe
+ ich gesagt: ›Es ist mir gleichgültig, ob Sie reden oder ob der
+ Wind durch den Schornstein geht, ich glaube kein Wort von dem, was
+ Sie sagen.‹« Graf Beust, damals Botschafter in London, glaubte
+ in diesen Worten eine Anspielung auf sich zu finden und richtete
+ daher am 26. Februar folgende Zeilen aus London an den deutschen
+ Reichskanzler: »Ew. Durchlaucht erlaube ich mir in Erinnerung an
+ unseren letzten Gasteiner Aufenthalt im Anschluß eine Alpenblume
+ zu überreichen. In gewohnter Verehrung Beust.« Die »angeschlossene
+ Alpenblume« bestand aus folgendem, vom 24. Februar datierten
+ Gedicht:
+
+ Soll ich das Kompliment auf mich beziehn?
+ Wenn früher sprachen Österreichs Minister,
+ So glaubte Deutschlands Kanzler im Kamin
+ Zu hören nur ein windiges Geflüster.
+
+ Ich bin ein Freund des Scherzes, der verträgt
+ Den Scherz auch dann, wenn um ihn selbst sich’s handelt,
+ Denn seht, der Wind, der durch den Schornstein fegt,
+ Hat manches Feuer schon in Rauch verwandelt.
+
+ Und ward der Rauch zum Weihrauch dann für ihn,
+ Den Sieger, ich von Herzen ihm mich beuge,
+ Und wünsch’ ich nur, daß künftig im Kamin
+ Kein Wind je einen schlimmern Qualm erzeuge.
+
+ Fürst Bismarck antwortete aus Berlin am 2. März: »Ich bin dem
+ Mißverständnis dankbar, welches mir ein so freundliches und
+ witziges Autograph wie das vom 26. verschafft hat. Im Interesse
+ der Wahrheit und des Wertes, den ich auf unsere persönlichen
+ Beziehungen lege, muß ich aber feststellen, daß meine unüberlegte
+ Einschaltung sich auf Prokesch bezog, mit dem ich, und er so
+ gut wie ich, einigemal zu bundesfreundlichen Expektorationen
+ außerhalb der Grenzlinie des diplomatischen Sprachgebrauchs gelangt
+ bin. Der stenographische Bericht meiner Rede hat die Wendung:
+ »Kollegen im Bunde«. Jedenfalls ist es eine angenehme Erfahrung für
+ mich, daß der Verdacht einer unüberlegten Äußerung mir nur eine
+ liebenswürdige Erinnerung an Gastein und einen eleganten Versbau
+ als Strafe ins Haus bringt. In Hoffnung auf Wiedersehen in Gastein
+ der Ihrige v. Bismarck.«
+
+[Illustration: ~Der neue Paris.~ Frei nach Carlyle
+
+Fürst Bismarck sollte nach dem Vorschlag Carlyles den orientalischen
+Streit durch einen Schiedsrichterspruch schlichten. (»Kladderadatsch«,
+24. Dezember 1876)]
+
+Am 13. Juni 1878 trat der Berliner Kongreß unter Bismarcks Vorsitz
+zusammen. Gortschakow, Disraeli, Andrassy, Crispi nahmen an der Tafel
+im Kongreßsaal Platz, Träger der stolzesten Namen der europäischen
+Diplomatie. Und als nach einem Monat die Arbeit vollendet war, da
+konnte im Namen der Teilnehmer Graf Andrassy der hohen Weisheit und
+der unermüdlichen Tatkraft des Fürsten Bismarck den Dank aussprechen.
+
+
+Ein bißchen Mazedonien
+
+ Bei einem gemeinsamen Diner der Mitglieder des Berliner Kongresses
+ lautete die Parole: »Kein Wort von Politik!« Trotzdem gelang es dem
+ griechischen Gesandten Rhangabé, eine Gelegenheit zu erhaschen,
+ das, was ihm und seinem Vaterlande am Herzen lag, zum Ausdruck
+ zu bringen. Die Speisekarte spiegelte gleich der Tafelmusik den
+ internationalen Charakter der Veranstaltung wider. So gab es denn
+ auch einen Gang, der auf den Namen »Mazedonien« getauft war; als
+ dies Gericht, eine Gemüseart, Rhangabé gereicht wurde, wies er die
+ Schüssel zurück. »Aber Exzellenz,« rief Bismarck, der ihm gegenüber
+ saß, »weshalb nehmen Sie nicht ein bißchen Mazedonien?« Darauf die
+ Exzellenz zu allgemeinem Ergötzen: »Nur ein bißchen, Durchlaucht?
+ Das Ganze möchte ich.«
+
+[Illustration: ~Eine Liebeserklärung~
+
+ Fürst Bismarck: »O teure Austria, Sie ahnen nicht, wie ich Sie liebe!«
+ Die Austria: »Möchten S’ schon wieder wem anschmieren?«
+ Bismarck, der in den Augen des Wiener Witzblattes um Österreichs Liebe
+ wirbt. (»Kikeriki«, Dezember 1876)]
+
+Unter dem Eindruck des russischen Verhaltens, das mehr und mehr dem
+panslawistischen Drängen nachgab, hielt Bismarck es für erwünscht,
+die Brücke nach Österreich hin noch zu befestigen, um die Möglichkeit
+einer antideutschen Koalition durch vertragsmäßige Sicherstellung
+der Beziehungen wenigstens zu einer der Großmächte einzuschränken.
+Ursprünglich war er durchaus für ein Bündnis mit Rußland gewesen;
+zahlreiche und große Bedenken stellten sich ihm für eine Verbindung mit
+Österreich entgegen. Vor allem machte ihm die eigentümliche nationale
+Zusammensetzung dieses Staates Sorgen. Aber er bekämpfte alle Bedenken,
+und in Gastein traf er zur Beratung mit dem Grafen Andrassy zusammen.
+Die Verständigung war leicht, soweit es sich um ein rein defensives
+Bündnis gegen einen russischen Angriff auf einen von beiden Teilen
+handelte; dagegen fand Bismarcks Vorschlag, das Bündnis auch auf andere
+als russische Angriffe auszudehnen, keinen Anklang. Nach erneuten
+Verhandlungen, die Fürst Bismarck in Wien mit Andrassy und Tisza pflog,
+entstand der Bund zwischen dem Sieger und dem Besiegten von Königgrätz,
+der auch heute noch seine Tragkraft behauptet.
+
+Aber das Werk gelang nicht, ohne daß bis zu dem letzten Schritt der
+Unterzeichnung sich noch neue Hemmnisse türmten. Es bedurfte noch
+harter Arbeit, ehe es dem Staatsmann gelang, seinen alten Kaiser für
+den neuen Plan zu gewinnen. In einer ausführlichen Denkschrift hat er
+erst den Beweis für die Richtigkeit seiner Ansicht erbracht und die
+Zustimmung des Monarchen geerntet.
+
+
+Der letzte Kampf mit Kaiser Wilhelm
+
+ Um mich der Zustimmung meines allergnädigsten Herrn zu versichern,
+ hatte ich schon in Gastein täglich einen Teil der für die Kur
+ bestimmten Zeit am Schreibtische zugebracht und auseinandergesetzt,
+ daß es notwendig sei, den Kreis der möglichen gegen uns
+ gerichteten Koalitionen einzuschränken, und daß der zweckmäßigste
+ Weg dazu ein Bündnis mit Österreich sei. Ich hatte freilich
+ wenig Hoffnung, daß der tote Buchstabe meiner Abhandlungen die
+ mehr auf Gemütsregungen als auf politischer Erwägung beruhende
+ Auffassung Seiner Majestät ändern werde. Der Abschluß eines
+ Vertrages, dessen wenn auch defensives doch kriegerisches Ziel ein
+ Ausdruck des Mißtrauens gegen den Freund und Neffen war, mit dem
+ er eben in Alexandrowo von neuem unter Tränen und in der vollsten
+ Aufrichtigkeit des Herzens die Versicherungen der althergebrachten
+ Freundschaft ausgetauscht hatte, lief zu sehr gegen die
+ ritterlichen Gefühle, mit denen der Kaiser sein Verhältnis zu einem
+ ebenbürtigen Freunde auffaßte. ... Alle Erwägungen und Argumente,
+ die ich dem in Baden befindlichen Kaiser schriftlich aus Gastein,
+ aus Wien und demnächst aus Berlin unterbreitete, waren ohne die
+ gewünschte Wirkung. Um die Zustimmung des Kaisers zu dem von mir
+ mit Andrassy vereinbarten und von dem Kaiser Franz Joseph unter der
+ Voraussetzung, daß Kaiser Wilhelm dasselbe tun würde, genehmigten
+ Vertragsentwurfe herbeizuführen, war ich genötigt, zu dem für
+ mich sehr peinlichen Mittel der Kabinettsfrage zu greifen, und
+ es gelang mir, meine Kollegen für mein Vorhaben zu gewinnen. Da
+ ich selbst von den Anstrengungen der letzten Wochen und von der
+ Unterbrechung der Gasteiner Kur zu angegriffen war, um die Reise
+ nach Baden-Baden zu machen, so übernahm sie Graf Stolberg; er
+ führte die Verhandlungen, wenn auch unter starkem Widerstreben
+ Seiner Majestät, glücklich zu Ende. Der Kaiser war von den
+ politischen Argumenten nicht überzeugt worden, sondern erteilte das
+ Versprechen, den Vertrag zu ratifizieren, nur aus Abneigung gegen
+ einen Personenwechsel in dem Ministerium. Der Kronprinz war von
+ Hause aus für das österreichische Bündnis lebhaft eingenommen, aber
+ ohne Einfluß auf seinen Vater.
+
+[Illustration: Bismarck am Strumpf des Friedens strickend, das Schwert
+im Munde, auf der Kanone sitzend. (»Hum. Listy«, 10. November 1877)]
+
+Graf Andrassy wurde unmittelbar nach dem Abschluß des Vertrages
+durch die Torheit des deutschen Liberalismus in Österreich, der
+»Herbstzeitlosen«, gestürzt. Sein letzter Abschiedsgruß galt dem
+Fürsten Bismarck und der Hoffnung, daß dieser von ihm so hoch verehrte
+Freund mit Kraft und Ausdauer seine dornenvolle Bahn zum Heile seines
+Landes und zu seinem stets wachsenden Ruhme weiter verfolgen werde.
+Vier Jahre später hat sich durch Italiens Beitritt das Bündnis zu
+einem Dreibund gewandelt. Kaiser Franz Joseph aber hat durch einen
+persönlichen Besuch dem Staatsmann gehuldigt, der ihm die Hegemonie
+entrissen hatte.
+
+[Illustration: ~Das Meerungeheuer.~ (Franz. Flugblatt 1887)]
+
+Jetzt sollte auch in Deutschland, wo inzwischen jede Wahl zum Reichstag
+eine neue Verstärkung der sozialistischen Mandate gebracht hatte, mit
+aller Kraft der Kampf gegen die Partei der Revolution begonnen werden.
+Hier war es Bismarcks Überzeugung, daß mit dem auf dem Boden der
+Staatsmacht zu führenden Kampfe eine Reihe von Arbeiten parallel gehen
+müsse, in denen der rechtmäßige Kern der Bewegung herausgeschält würde
+und berechtigte Forderungen Befriedigung fänden. Mit der Abneigung
+gegen die Agitatoren verband Fürst Bismarck ein ehrliches Mitleid mit
+dem Schicksal der Enterbten, den Invaliden des Alters und der Arbeit,
+und schon im Jahre 1877 trat er für eine umfassende soziale Reform
+ein. Aber in diesem friedlichen Streben wurde er gestört durch die Tat
+des Maurergesellen Max Hödel aus Leipzig, der Unter den Linden eine
+Kugel gegen das ehrwürdige Haupt des Kaisers sandte. Während jedoch
+durch ganz Europa nur ein Schrei der Entrüstung hallte, war Bismarck
+sofort der Mann der Tat. Schon neun Tage nach dem Attentat wurde
+dem Reichstag ein Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen
+der Sozialdemokratie vorgelegt. Aber Bismarck war in den Tagen, in
+denen es zur Beratung kam, an der Gürtelrose erkrankt; er konnte an
+den Verhandlungen nicht teilnehmen, und weil die Fassung einzelner
+Bestimmungen den Volksvertretern zu kautschukartig erschien, wurde das
+Gesetz mit großer Mehrheit abgelehnt. Unmittelbar darauf wurde der
+Reichstag geschlossen.
+
+Da erfolgte wenige Tage später, am 2. Juli, nachmittags drei Uhr, ein
+zweites Attentat auf das Leben des ehrwürdigen Kaisers. Der Ausgang
+war entsetzlich; die Schrotschüsse, die Nobiling gegen den greisen
+Monarchen abgefeuert hatte, verwundeten ihn schwer am Kopf, an beiden
+Armen und im Rücken. Bismarck erhielt die erschütternde Nachricht in
+Friedrichsruh bei der Rückkehr von einer Spazierfahrt; er blieb einen
+Augenblick wie erstarrt stehen, stieß den Spazierstock in die Erde und
+bemerkte dann plötzlich: »Jetzt wird der Reichstag aufgelöst.« Sofort
+reiste er nach Berlin, um einem Ministerrat zu präsidieren, in dem die
+Berufung des Kronprinzen zur Stellvertretung des schwerverwundeten
+Kaisers beschlossen wurde, dann eilte der Kanzler zu seinem greisen
+Herrn, um ihm sein schmerzlichstes Beileid auszusprechen. Vom
+Kronprinzen erhielt er sofort die Genehmigung zur Auflösung des
+Parlamentes.
+
+[Illustration: ~Don Juan-Bismarck~
+
+Bismarck um Italien werbend. (»Der Floh«, Oktober 1877)]
+
+Die Wahlen ergaben eine klerikal-konservative Mehrheit, eine starke
+Verminderung aller Liberalen und geringe Verluste der Sozialisten.
+Damit war die Machtstellung, deren sich die Nationalliberalen seit der
+Begründung des Reiches erfreut hatten, für lange Zeit durchbrochen.
+Ihr Rückgang ist zum großen Teil auf eine Art von parteipolitischem
+Doktrinarismus zurückzuführen, wie er namentlich während der
+Verhandlung des Kanzlers mit Herrn von Bennigsen hervorgetreten war.
+Man hatte es überdies versäumt, dem Fürsten Bismarck in dem Kampfe
+mit den Konservativen einen starken Rückhalt zu schaffen. Allzu
+stark war eben der Einfluß Laskers in der Partei gewesen. Weil aber
+Bennigsen Freunde dieses Mannes, Vertreter des linken Flügels, die
+später durch die Sezession selbst die Brücke zum Fortschritt schlugen,
+als Minister empfahl und seinen eigenen Entschluß von ihrem Eintritt
+abhängig machte, weil er also dem gesamten Ministerium eine liberale
+Färbung geben wollte, deshalb mißlang der Versuch, und der Niedergang
+des Liberalismus begann. Allerdings hat die letzte Entscheidung die
+unüberwindliche Abneigung des Kaisers gegen die Liberalen gebracht.
+
+Die Haltung der Nationalliberalen mochte vielleicht halb bewußt, halb
+unbewußt beeinflußt worden sein durch den Glauben, daß Bismarcks
+Stellung schwankend sei. War es doch in jener Zeit zu einer schweren
+Krisis gekommen, die sich an den Namen des Generals von Stosch
+anknüpfte und die, als der Kaiser Bismarcks Verlangen, diesen Mann,
+der an der Spitze der Marine stand, zu entlassen, abgelehnt hatte, den
+Kanzler zur Ankündigung seines Rücktritts trieb. Auch hier führte er
+den letzten Anstoß auf die Politiker im Unterrock, auf französische
+Verbindungen, auf den Einfluß der Kaplanokratie zurück. In überaus
+scharfen Artikeln, die in den »Grenzboten« unter dem Zeichen eines
+Kometen erschienen, hat sich Bismarck gegen diese Strömung gewandt.
+
+[Illustration: ~Bismarck als Frosch~
+
+»Jetzt raucht er wieder, Gott sei Dank.« (»Berliner Wespen«, April
+1874)]
+
+
+Eine Kette von Exzellenzen
+
+ Es hieß in einem dieser Artikel: »Der Fürst hat mit Ministern
+ zu rechnen, deren Chef er nicht in dem Sinne ist, in dem er
+ es sein sollte, und deren Selbständigkeit, deren Widerstreben
+ ihn oft sehr gehemmt hat. Es konnte ferner vorkommen, daß hohe
+ Beamte seines speziellen Ressorts eine völlig andere Meinung
+ als er hatten, ihm offen und versteckt Opposition machten, ja
+ seine Stellung zu untergraben versuchten. Eine ganze Kette
+ von Exzellenzen und Nicht-Exzellenzen, wegen Unfähigkeit oder
+ anderer Mängel, ultramontaner oder reaktionärer Velleitäten a. D.
+ kaltgestellt, frondierte, konspirierte, intrigierte, immer mit
+ Eifer, oft mit den unlautersten Mitteln, bisweilen im Verein mit
+ recht ordinären Elementen, gegen die Größe, die sie überragte
+ und in ihrer bequemen Herkömmlichkeit störte, versuchte dem
+ Kanzler seine Pläne zu kreuzen, seinen Charakter zu verdunkeln
+ oder ihn wenigstens zu ärgern und so seiner Gesundheit zu
+ schaden. Die Hauptschranke desselben aber ist und bleibt das
+ Unwesen am Hofe, wo um eine gewisse hochgelegene Stelle der
+ Bodensatz der Kreuzzeitungsgesellschaft und der inveterierten
+ Herrenhausopposition mit dem ultramontanen Gifte aus den Kanälen
+ Roms zusammengeflossen ist, und von wo aus der Politik des Kanzlers
+ unaufhörlich Steine in den Weg gewälzt werden ...«
+
+[Illustration: ~Das norddeutsche Osterei~
+
+»Auf dieses heurige Backhändl (das Sozialisten- und ›Maulkorb‹ gesetz)
+waren die Sieger von Sedan nicht vorbereitet.« (»Kikeriki«, April 1879)]
+
+[Illustration: ~Reichstagsprognostikon~
+
+»Friß, Vogel, oder stirb!« Der Reichstag nahm das Sozialistengesetz an.
+(»Kladderadatsch«, August 1878)]
+
+Der Fürst verglich sich damals mit einem müden Jäger, der von
+tagelanger ergebnisloser Pirsch abgemattet und fast verschmachtend
+im Begriff ist, zu Boden zu sinken und die Jagd ganz aufzugeben.
+Und doch trug er auch jetzt den Sieg davon. Am 1. April, an seinem
+Geburtstag, erschienen der Kaiser, der Kronprinz und der Großherzog von
+Baden zum Glückwunsch bei ihm, und am 7. April erfolgte die Ablehnung
+des Entlassungsgesuches. An den Rand der Eingabe hatte Kaiser Wilhelm
+in den Worten »~Niemals, niemals~« das neue Bekenntnis seiner Treue
+abgelegt.
+
+
+Der Feuerkopf
+
+ Vielleicht mochte gerade im Gedenken an diese Zeit Fürst Bismarck
+ über die Kaiserin Augusta das Urteil fällen, das er in seinem
+ Gedenkbuch niedergelegt hat: »Der Kaiser machte in den letzten
+ Jahren seines Lebens mir gegenüber kein Geheimnis aus seinen
+ häuslichen Beziehungen, beriet mit mir, welche Wege und Formen zu
+ wählen seien, um seinen häuslichen Frieden ohne Schädigung der
+ Staatsinteressen zu schonen; »den Feuerkopf« pflegte der hohe Herr
+ in vertraulichen, aus Verdruß, Respekt und Wohlwollen gemischten
+ Stimmungen die Gemahlin zu bezeichnen und diesen Ausdruck mit einer
+ Handbewegung zu begleiten, die etwa sagen wollte: ›Ich kann nichts
+ ändern.‹ Ich fand diese Bezeichnung außerordentlich treffend; die
+ Königin war, solange nicht physische Gefahren drohten, eine mutige
+ Frau, getragen von einem hohen Pflichtgefühl, aber auf Grund ihres
+ königlichen Empfindens abgeneigt, andere Autoritäten als die ihrige
+ gewähren zu lassen.«
+
+Das neue Gesetz fand im Reichstag eine völlig veränderte Aufnahme. Der
+Eindruck des zweiten Attentates, der Gedanke an die Leiden des greisen
+Monarchen führten zur Annahme des Entwurfs, 221 Stimmen hatten dafür,
+mit der Fortschrittspartei aber auch das Zentrum dagegen gestimmt.
+In diesem Kampfe war aus dem Munde des Kanzlers das Wort gefallen,
+daß der Fortschritt eine sehr gute Vorfrucht für den Sozialismus
+als Bodenbereiter sei. Und es fiel das andere Wort: »Ich konnte
+nicht glauben, daß ein Monarch, der mehr als irgendein Lebender, und
+ich möchte wohl sagen, auch als ein der Vergangenheit Angehöriger,
+mit Einsetzung seines Lebens, seiner Krone, seiner monarchischen
+Existenz getan hat, um die Wünsche und Bestrebungen seiner Nation
+zu verwirklichen, der dies mit einem gewaltigen Erfolge und dabei
+doch ohne jede Überhebung getan hat, der ein milder, vollkommener,
+volkstümlicher Regent geblieben ist, eine populäre Figur — wenn der von
+hinten mit Hasenschrot zusammengeschossen wird, ja, meine Herren, an
+dieses Verbrechen reicht kein anderes heran.«
+
+[Illustration: ~Unsere Parlamentsnubier~
+
+Der Kampf um das Sozialistengesetz ist beendet, Bismarck hat gesiegt.
+Die Opposition der Nationalliberalen war angeblich nur ein Scherz, der
+Kampf ein Kampfspiel. (»Ulk«, Oktober 1878)]
+
+Als Staatsmann, der stets realpolitische Ziele im Auge behielt,
+zugleich erfüllt von wogenden Gedanken über die Notwendigkeit einer
+neuen Steuer- und Wirtschaftspolitik, suchte Fürst Bismarck innere
+Fühlung mit der neuen Mehrheit, auf die allein er sich mit seinen
+Plänen stützen wollte. Erleichtert wurde ihm der Versuch, sich mit
+dem Zentrum zu stellen, durch den Tod des Papstes Pio Nono, der am
+7. Februar 1878 die Augen geschlossen hatte. Sein Nachfolger Leo
+=XIII.= galt als friedliebend; er hatte auch dem Deutschen Kaiser
+seine Erhebung auf den päpstlichen Stuhl in den freundlichsten Worten
+angezeigt und es bedauert, »nicht die guten Beziehungen vorzufinden,
+die einst zwischen Preußen und dem päpstlichen Stuhle bestanden«.
+Darauf hatte der Kaiser in seiner Antwort die Hoffnung ausgesprochen,
+daß der Papst mit dem mächtigen Einfluß, den die Verfassung der Kirche
+ihm auf alle ihre Diener gewähre, dahin wirken werde, daß auch die
+Priester, die es bisher unterließen, nunmehr dem Beispiel der ihrer
+geistlichen Pflege befohlenen Bevölkerung folgen und den Gesetzen des
+Landes, in dem sie wohnen, sich fügen würden. In der Antwort nannte
+der Papst die Mittel, durch die nach seiner Ansicht der alte Friede
+erreicht werden könnte. Schlimm genug hatte in der Tat der Kulturkampf
+gewütet: Von zwölf preußischen Bistümern waren acht ohne Bischöfe, 1400
+Pfarreien waren ohne Pfarrer, sämtliche katholische Lehrerseminare
+waren geschlossen.
+
+[Illustration: ~Herkules am Scheidewege~
+
+Nach den Wahlen, die eine Schwächung des Liberalismus brachten, treten
+die ersten Absichten einer Beseitigung des Kulturkampfes hervor. (»Der
+Floh«, April 1877)]
+
+Allerdings konnte der Staat den Wünschen des Papstes im vollen
+Umfang niemals entsprechen. Gipfelten sie doch in dem Verlangen,
+die Verfassung und die Gesetze Preußens nach den Satzungen der
+römisch-katholischen Kirche abzuändern. Aber die Brücke zur Verhandlung
+war doch geschlagen, und alsbald erschien als Unterhändler des
+Papstes der Kardinal Masella bei Bismarck in Kissingen. Aber nach
+Kanossa ging Bismarck auch jetzt nicht. Er folgte allerdings dem
+Gedanken, der ihn stets geleitet hat, daß Konflikte nur auf dem Wege
+des Kompromisses, durch Zugeständnisse gelöst werden können, und er
+war der Meinung, die Wiederherstellung des diplomatischen Verkehrs
+durch einen Gesandten getrost einräumen zu können, wenn man von Rom
+aus die Anzeigepflicht bei der Anstellung von Geistlichen anerkannte.
+Aber zunächst brachte der Tod des versöhnlichen Kardinals Franchi
+die Verhandlungen erneut zum Stocken, zumal da die klerikale Presse
+in scharfem Widerspruch zum Papste alle friedlichen Absichten zu
+durchkreuzen suchte. Diese seltsame Erscheinung führte Fürst Bismarck
+in einem grimmigen Artikel auf den Charakter, die Zusammensetzung und
+die Leitung der Zentrumspartei unter welfischer Führung zurück, »deren
+leidenschaftliche Geltendmachung rein politischer Gesichtspunkte von
+vornherein den kirchlichen Kampf vergiftet und damit der katholischen
+Bevölkerung unsäglichen Schaden bereitet hat«. Der Artikel schloß mit
+der Mahnung, daß durch die berufenen kirchlichen Autoritäten und aus
+der katholischen Bevölkerung heraus dem verwirrenden und vergiftenden
+Treiben der Partei ein Ziel gesetzt werden möge, deren einflußreichsten
+Führern das Interesse der Kirche nur der Deckmantel für politisch
+unterwühlende Zwecke sei und die der Erwartung des Papstes in bezug auf
+die Treue der katholischen Untertanen des Deutschen Reiches durch ihr
+ganzes Verhalten offen Hohn sprächen.
+
+[Illustration: ~=Modus vivendi=~
+
+Pontifex: »Nun, bitte, genieren Sie sich nicht!«
+
+Kanzler: »Bitte, gleichfalls!«
+
+Der Papst reicht Bismarck den Pantoffel, dieser ihm den
+Kürassierstiefel zum Kuß. Hinter dem Vorhang lugt Windthorst.
+(»Kladderadatsch«, März 1878)]
+
+In der Tat erreichte das Zentrum durch seinen Einfluß in Rom, daß die
+Kurie ihre Forderungen immer mehr verschärfte, so daß Bismarck die
+persönlichen Verhandlungen abbrach und dem Wiener Botschafter, Prinzen
+Reuß, übertrug. Aber auch hier ist nichts zum Abschluß gekommen. Erst
+nach einer Reihe heftiger Kämpfe mit dem Zentrum, das allmählich zum
+Kristallisationspunkt der Opposition geworden war, wurde die Brücke zu
+einem neuen Kompromiß gezogen, als zu Beginn des Jahres 1880 der Papst
+in einem Breve seinen guten Willen betonte und die Absicht aussprach,
+die Anzeigepflicht zu akzeptieren. Falk war inzwischen aus seinem Amte
+geschieden, Puttkamer an seine Stelle getreten, die Stimmung in Berlin
+versöhnlich geworden. Aber auch hier ließ der Kanzler sich weder durch
+Versprechungen noch durch Drohungen bestimmen, auch nur einen Zollbreit
+der staatlichen Rechte aufzugeben. So stimmte das Zentrum noch
+geschlossen gegen das erste kirchliche Friedensgesetz, dessen Zweck
+es doch war, in den verwaisten Pfarreien und Bistümern die Seelsorge
+wiederherzustellen, den Orden, die sich der Krankenpflege widmen, neue
+Niederlassungen zu gestatten. Immerhin erreichte es die Regierung, daß
+gerade jene Paragraphen Gesetzeskraft erhielten, die den katholischen
+Gemeinden neue Seelsorger brachten. Die endgültige Errichtung
+der Gesandtschaft am Vatikan schuf nicht nur neue Neigung zum
+Friedensschluß, sondern brachte dem Kanzler in Herrn von Schloezer auch
+einen Gehilfen, dem er die Hauptarbeit in den weiteren Verhandlungen
+mit Rom getrost überlassen durfte. Ein zweites Friedensgesetz fand
+jetzt auch die Zustimmung des Zentrums: Das sogenannte »Kulturexamen«
+wurde beseitigt, die »Staatspfarrer« verschwanden, und in seiner
+Thronrede vom November 1882 konnte Kaiser Wilhelm seine Freude über
+die Befestigung freundlicher Beziehungen zu dem Oberhaupte der
+katholischen Kirche und die Hoffnung aussprechen, daß die versöhnliche
+Gesinnung seiner Regierung auch ferner einen günstigen Einfluß auf die
+Gestaltung der kirchenpolitischen Verhältnisse ausüben werde. Noch ein
+drittes Friedensgesetz ist gefolgt. Es beseitigte die Staatsprüfung,
+die bisher zur Bekleidung eines geistlichen Amtes notwendig war,
+gab die kirchlichen Seminare und Konvikte frei, hob den Gerichtshof
+für die kirchlichen Angelegenheiten auf, schaffte die Berufung gegen
+den Mißbrauch geistlicher Amtsgewalt ab, befreite die Verweigerung
+der Absolution von Strafe und gab das Lesen stiller Messen und das
+Spenden der Sterbesakramente frei. Der Frieden war geschlossen, und die
+politische Ernte stand dem Staatsmann bereit.
+
+
+Wenn Bismarck sprach
+
+ Von seinem Auftreten im Reichstag entwarf der »Schwäb. Merkur«
+ in jener Zeit folgendes Bild: »Der große stattliche Mann in der
+ kleidsamen blauen Generalsuniform mit den gelben Aufschlägen hat
+ das beste, gesundeste Aussehen von der Sommerfrische mitgebracht.
+ Er überschaut zuerst mit der Lorgnette die Situation, die er im
+ Reichstage vorfindet, öffnet sodann sein Portefeuille und liest
+ verschiedene Akten, wobei er seinen großen Bleistift anmerkend
+ oder durchstreichend mit Energie handhabt. Doch jetzt ist Hänel
+ zu Ende, und Fürst Bismarck erhebt sich, indem er sich gegen
+ den Präsidenten des Hauses verneigt. Der letztere ruft: ›Fürst
+ Bismarck hat das Wort!‹, und plötzlich kehrt eine lautlose Stille
+ im Saale ein. Die Abgeordneten drängen sich mit Macht in die Nähe
+ des Reichskanzlers. Selbst Bebel macht sich auf den Weg und setzt
+ sich zur Notierung alles Wichtigen in Bereitschaft. Doch wie
+ erstaunen gemeiniglich diejenigen, die den Fürsten zum erstenmal
+ sprechen hören! Statt einer kräftigen, sonoren Stimme, statt des
+ vermuteten Pathos, statt einer vom Feuer klassischer Beredsamkeit
+ durchglühten Philippika fließt das so leise und sacht, fast im
+ Konversationstone hervor über die Lippen des großen Mannes, und
+ stockt zuweilen und windet sich, bis der rechte Ausdruck gefunden
+ ist. Ja, fast eine Art Verlegenheit ist anfänglich dem Redner
+ anzuspüren. Sein Oberkörper ist in wiegender Bewegung, und alle
+ Augenblicke holt der Kanzler sein Taschentuch aus der hinteren
+ Rocktasche, wischt sich das Gesicht, steckt das Tuch in die Tasche
+ und holt es wieder hervor. Doch ohne jegliche Beklemmung folgt der
+ Hörer den zögernden Ausführungen des Redners. Denn dieser fällt nie
+ aus der Konstruktion, und ein hoher, geistvoller Gedanke um den
+ anderen wirft Licht auf den Weg. So fließt das murmelnde Bächlein
+ dahin bis zum gewaltigen Fluß, oft unterbrochen vom homerischen
+ Gelächter der Hörer über den eingestreuten attischen Witz, aber
+ ohne jegliches Pathos, selbst bei seinen letzten hochernsten Worten
+ von ›den Opfern, die der Kampf noch fordern könnte‹. Doch gerade
+ dieser Verzicht auf jeden Effekt, diese sachliche Ruhe verleiht den
+ leise gesprochenen Worten eine durchschlagende Wirkung, und das
+ beruhigende Gefühl, das Steuerruder des Staatsschiffes in diesen
+ nervigen Händen zu wissen, kehrt nach Bismarcks Rede in neuer
+ Stärke ein in jeder deutschen Brust.«
+
+[Illustration: Bismarck verhandelt mit Rom über die Beilegung des
+Kulturkampfes. (»Le Grelot«, 15. September 1878)]
+
+
+Er will kein Telephon
+
+ Während der Kanzler einmal im Urlaub verweilte, erschienen in
+ Varzin drei Beamte der Telegraphenverwaltung, um dem Reichskanzler
+ die damals neue Einrichtung zu erläutern und die Anlage einer
+ Telephonverbindung zwischen Varzin und Berlin auszuführen. Bismarck
+ aber hatte keine Neigung, sich während seiner friedlichen Varziner
+ Abgeschiedenheit in die »Rufweite« der Reichshauptstadt bringen
+ zu lassen. Ergötzlich schilderte der »Kladderadatsch« die Szene,
+ bei welcher der Dichter den Kanzler in Varzin durch das Telephon
+ eine Sitzung im Abgeordnetenhause anhören läßt, in der Windthorst,
+ Schorlemer, Bennigsen, Lasker reden:
+
+ — — — »Ich danke, Ihr Herrn, für diese Erfindung,
+ Welche die friedlichen Tage mir stört des erquicklichen Urlaubs!« —
+ Sprach’s und warf auf den Boden mit Macht die gedrechselte Röhre,
+ Daß sie zerbarst und in Wimmern erstarb die gediegene Rede.
+ »Packen Sie ein, meine Herren, und sagen Sie Stephan, ich danke,
+ Danke recht sehr für das Ding! Adieu und glückliche Reise!«
+
+[Illustration: ~Zur Beendigung des deutschen Kulturkampfes~
+
+ Der olle Wilhelm sitzt im Bad gemütlich drin
+ Und schreibt an seinen lieben braven Bismarck hin:
+ Jeh’ Du zum Papste nach Kanossa nur jeschwind
+ Und tue dort für mir der König Heinrich sind.
+
+(»Humoristische Blätter«, August 1881)]
+
+Es kam jetzt die Zeit, in der Bismarck weit hinübergreifen sollte
+in das Feld der wirtschaftlichen und sozialen, der rechtlichen und
+steuerpolitischen Fragen, in der er unserem ganzen wirtschaftlichen
+Leben eine neue Grundlage schuf. Auch hier ist er nirgends ein
+Nachbeter gewesen; stets entsprangen seinem Geiste, der überall den
+Kern erfaßte, neue Anregungen und Gedanken, und wenn er auch lange, der
+Autorität Camphausens und Delbrücks vertrauend, die gewohnten Wege des
+Freihandels nicht verließ, so wagte er doch auch den mutigen Schritt
+zur Umkehr, ohne Rücksicht darauf, daß ihn nun abermals alte Freunde
+verließen.
+
+[Illustration: »Justament bleibe ich! Ihr werdet mich nicht vom Platze
+kitzeln!«
+
+Bismarcks Antwort auf Eugen Richters Sturmlauf gegen seine
+Finanzpolitik. (»Figaro«, Februar 1881)]
+
+Hier trat zu dem rein wirtschaftlichen Bedürfnis entscheidend der
+politische Gesichtspunkt hinzu: Deutschland sollte fähig bleiben,
+unabhängig von der Zufuhr des Auslandes sich durch seine eigene Kraft
+zu erhalten, sich die Notdurft und Nahrung des täglichen Lebens
+zu sichern. Denn Deutschlands geographische Lage konnte, wenn die
+»=Coalition à la Kaunitz=« sich wiederholte, oder wenn gar, wie wir
+es heute erleben, England sich unseren Feinden anschloß, zu völliger
+wirtschaftlicher Isolierung, zur Trennung von allen Zufuhren und so
+zur Aushungerung führen. Ein anderer, entscheidender Gesichtspunkt
+entsprang dem Verlangen, das Reich finanzpolitisch möglichst unabhängig
+zu machen von den Zuschüssen der Einzelstaaten, es sozusagen auf die
+eigenen Füße zu stellen. Denn die Bedürfnisse des Reiches wuchsen, und
+nur der Partikularismus konnte seine Freude daran haben, daß die vom
+Reiche geforderten Lasten dem Steuerzahler und der einzelstaatlichen
+Finanzwirtschaft direkt die Schultern drückten. Auch hier haben die
+harten Ereignisse der späteren Zeiten den Fernblick des Sehers erwiesen.
+
+[Illustration: Botho Eulenburg und Hobrecht sind preußische Minister
+geworden; sie tanzen angeblich nach Bismarcks Pfeife. (»Hum. Blätter«,
+April 1878)]
+
+[Illustration: ~Das Mädchen aus der Fremde~
+
+ Sie teilte jedem eine Gabe,
+ Dem Hiebe, jenem Stöße aus,
+ Der Jüngling und der Greis am Stabe,
+ Ein jeder ging gepufft nach Haus.
+
+Bismarck hat soeben in seiner großen Rede vom 8. Mai sich scharf sowohl
+gegen die Liberalen wie gegen das Zentrum gewandt. Eugen Richter,
+Miguel, Windthorst und die Freihändler empfingen jeder »eine Gabe«.
+(»Ulk«, Mai 1880)]
+
+Den ersten Anstoß zum Wechsel der wirtschaftlichen Überzeugungen bot
+dem Kanzler die Katastrophe, die durch die Aufhebung der Eisenzölle
+über die deutsche Schwerindustrie hereinbrach. Die Maßregeln waren ohne
+die Teilnahme des Kanzlers getroffen worden, und eben deshalb hatte er
+das Vertrauen zu seinen bisherigen Gehilfen, Camphausen und Delbrück,
+verloren. Als er aber den neuen Weg einschlug, da scharten sich doch
+bereits im Reichstag zahlreiche Männer um ihn, die gleich ihm bereit
+waren, die deutsche Arbeit durch erhöhte Zollschranken zu schützen,
+den geltenden Tarif gründlich zu revidieren. Mitglieder des Zentrums,
+der konservativen und auch der nationalliberalen Partei traten ihm
+zur Seite in dem Bestreben, den deutschen Markt der nationalen
+Produktion zu erhalten. Diese Tat ward uns zum Heile: sie hat uns die
+wirtschaftliche Rüstung für den Weltkrieg geschaffen!
+
+
+Meyer, wie denke ich über schwedisches Eisen?
+
+ Freimütig bemerkte Bismarck an einem seiner parlamentarischen
+ Abende: Die Zollpolitik sei mit der Medizin zu vergleichen; es gebe
+ darin keine absolute Wissenschaft. Zur Zeit, als er sich Delbrücks
+ Führung überlassen, habe er sich allerdings um volkswirtschaftliche
+ Fragen nicht gekümmert und nichts zu antworten gewußt. Das erinnere
+ ihn an einen Vorfall. Zu Rothschild sei ein Geschäftsfreund
+ gekommen mit der Frage: »Wie ist Ihre Ansicht über schwedisches
+ Eisen?« Rothschild wandte sich verwundert an seinen Kommis und
+ fragte: »Meyer, wie denke ich über schwedisches Eisen?«
+
+[Illustration: ~Die Steuerfrage oder das kaudinische Joch~
+
+Bismarck hatte soeben die neue Steuerpolitik eingeleitet, die u. a.
+das Tabakmonopol vorschlug. Sie führte zu Camphausens Rücktritt, wurde
+jedoch im Reichstag mit einer winzigen Ausnahme abgelehnt. Die »Frankf.
+Laterne« (Januar 1878) irrte also, wenn sie schrieb:
+
+ »Wenn der Ast nicht brechen soll,
+ Gehet durch das Joch!
+ Ludwig, blase du in Moll:
+ Hunde sind wir doch!«
+]
+
+
+
+
+Weitere Kämpfe
+
+
+Es ist das Eigentümliche in dem Wesen des Genius, daß er nie und
+nirgends Ruhe finden kann. Fürst Bismarck hat so Gewaltiges vollbracht,
+daß er längst ein =Otium cum dignitate= verdiente. Aber wie seine Sorge
+um das Wohl des Reiches, das er geschaffen, keine Grenzen kennt, so
+auch sein Drang zur Tätigkeit. Und noch viel später, als die Abendsonne
+über sein Leben gesunken war, hat er es immer und immer wieder in
+tiefer Bitterkeit beklagt, daß ihm, seit er von seinem Werk entfernt
+war, auch der Inhalt und der Wert seines Lebens genommen sei.
+
+[Illustration: ~Bismarck als Lemberger Jude.~
+
+Eine Bombe fliegt aus dem Reichstag gegen ihn, trifft aber die
+Reichsbank. (Reichstagssitzung vom 19. Juni 1879.) (»Ulk«, Juni 1879)]
+
+Jetzt griff er tief hinein in die sich drängenden wirtschaftlichen und
+sozialen Probleme, und während er der Meister der auswärtigen Politik
+blieb und das Schiff des Reiches durch die heranbrausenden Stürme
+sicher führte, hat er die gewaltige Reform unseres wirtschaftlichen
+und sozialen Lebens begonnen, die einen tiefen Einschnitt nicht nur in
+das deutsche Leben, sondern auch in die gesamte Auffassung der Welt
+gemacht hat. Er ist, als er die soziale Frage berührte, nicht der Angst
+vor der revolutionären Partei gefolgt, er hat auch nicht, als er der
+wirtschaftlichen Politik eine neue Wendung gab, sich mit seiner Arbeit
+irgendeiner mächtigen Kaste verschrieben, er erkannte nur, daß die Zeit
+des freien Wettbewerbs der Kräfte endgültig vorüber sei, er spürte es,
+daß eine neue Zeit heraufgezogen war, in der andere stark nach Leben,
+nach Luft und Licht verlangende Faktoren sich mit gerechtem Anspruch
+herandrängten. Die Welt der Maschinen und der Maschinenarbeit, die
+Zeit einer neuen erblühenden deutschen Industrie war gekommen; die
+alten Bestimmungen des Daseins reichten nicht mehr aus, sie mußten
+dazu führen, daß, wenn der Staat nicht eingriff, die große Masse der
+Nation in den Fluten des Proletariats versank. Er kannte die Wahrheit
+des Satzes, den einst Viktor Cousin gesprochen, daß der Staat ein
+fühlendes Herz haben muß, und er erkannte in diesem Satz zugleich eine
+rettende Staatsweisheit. Bismarck ist hier auf wirtschaftlichem wie
+auf sozialem Gebiete kein Nachbeter gewesen. Er darf den Anspruch der
+Originalität wohl überall erheben, wo er, tastend zuerst, dann mit
+wachsender Sicherheit, seines Weges dahinzog.
+
+Manches der Gebiete war ihm fremd, lag dem Arbeitsfeld der
+Vergangenheit vollständig fern, und doch hat er stets das Rechte
+ergriffen, und während er die auswärtige Politik auch ferner
+meisterhaft führte, zeigte er doch die Kraft, auch das innerpolitische
+Leben Deutschlands völlig neu zu gestalten. — Wohin wir noch heute
+blicken, stets zeigt die Entwicklung des Reiches die Spuren von
+Bismarcks genialer Hand. Das Ende der siebziger Jahre hat die Grenze
+gebildet, und als er sie überschritt, da löste er sich zugleich von
+alten, da gewann er nur mühsam neue Freunde. Denn schon als er das
+wirtschaftliche Leben auf ein neues Feld zu stellen versuchte, mußte
+er die entschlossene Gegnerschaft jener liberalen Kreise finden,
+die allerdings zuletzt bereits voller Argwohn neben ihm schritten,
+die aber doch in dem harten Kampfe gegen die Konservativen ihm die
+Stütze geboten hatten. Und auch die Rechte folgte ihm nicht sofort mit
+klingender Musik und flatternden Fahnen: Der Rest der Deklarantenzeit
+haftete noch in manchen Herzen, und der Kreis um Diest-Daber hat sich
+innerlich wohl niemals mit ihm versöhnt. Am heftigsten aber schäumte
+unter Eugen Richters und Bambergers Führung das Manchestertum gegen
+ihn auf, das wir bald in geschlossenen Reihen gegen ihn gewaffnet
+sehen, als er die ersten Versuche auf kolonialem Gebiete wagte und für
+Deutschlands überschäumende Kraft jenseits des Ozeans eine neue Stätte
+suchte.
+
+[Illustration: ~Eine Verstoßene~
+
+ Kordelia: »Ich lieb’ Eu’r Hoheit,
+ Wie’s meiner Pflicht geziemt, nicht mehr, nicht minder.«
+ (König Lear 1, 1)
+
+Goneril, das Zentrum, und Regan, die konservative Partei, umschmeicheln
+Lear-Bismarck, während die nationalliberale Kordelia zur Seite steht.
+Es ist die Zeit des wirtschaftspolitischen Umschwungs. Alsbald treten
+die Minister Falk und Hobrecht zurück. (»Ulk«, Juni 1879)]
+
+Und so sehen wir Bismarck, vielbewundert und vielgescholten, tätig
+auf zahllosen Gebieten des öffentlichen Lebens, wir sehen ihn in
+seinem Ringen mit der Sozialdemokratie, wir hören seine Reden über die
+Handelsverträge, er fällt sachverständige Urteile über Getreide- und
+Holzzölle, über Währungsfragen und Auswanderungswesen, über Steuer und
+Elbschiffahrtsakte, über Fabrikgesetze und Hamburgs Schicksal. Nicht
+immer ist ihm ein rascher Sieg beschieden, weil die Alltäglichkeit dem
+Fluge des Genies nur ungern folgt, weil sie tausend Hindernisse sah,
+die der große Geist verachten durfte.
+
+[Illustration: ~Nach den deutschen Reichstagswahlen~
+
+»Na, nu hab’ ick, dem Wahlresultat zu Ehren, ooch Toilette jemacht!«
+
+Bei den Reichstagswahlen waren nur 157 Anhänger der Regierung
+gegen 240 Oppositionelle gewählt worden. Es begann die Ära
+Richter-Windthorst-Grillenberger. (»Hum. Blätter«, 9. November 1884)]
+
+Auf diesem Wege zu einer vollen Umgestaltung des wirtschaftlichen
+Lebens brauchte Fürst Bismarck neue Gehilfen, mußte er die Trennung
+von Männern vollziehen, die einst in bedeutender Zeit seine Gefährten
+waren. Delbrück und Camphausen hatten ihren Namen mit den wichtigsten
+Stationen der Entwicklung vereint, Delbrück war es sogar gewesen, der
+einst im Parlament als Herold des neuen Kaisertums erschienen war.
+Keiner von beiden wollte die wirtschaftlichen Überzeugungen, mit denen
+sie durch das Leben gegangen waren, verleugnen, und so traten an ihre
+Stelle der Nationalliberale Hobrecht und Graf Botho Eulenburg, und auf
+dem Gebiete des Verkehrs erschien in Maybach wohl der bedeutendste
+Organisator, den bisher das Eisenbahnwesen in Deutschland gehabt hat.
+
+Die Enttäuschung packte jetzt vor allem die liberale Mittelpartei, die
+unter Führung Bennigsens ihm bei der Reichsgründung so treu zur Seite
+gestanden und ihm auch in den Kämpfen mit den Deklaranten den Schild
+getragen hatte. Besonders heftig erhob sich fortan gegen den Staatsmann
+Eduard Lasker, der in seinem Groll immer radikalere Töne anschlug und
+alsbald auch die Spaltung der Partei organisierte. Bald hallte die
+ganze liberale Presse von dem Rufe »Fort mit Bismarck!« wider. Hatte er
+doch durch den Satz, daß niedrige Getreidepreise keineswegs immer als
+ein wirtschaftliches Glück anzusehen seien, durch den Hinweis auf eine
+Zeit, in der die Landwirtschaft nicht mehr produzieren kann und deshalb
+das Reich dem Abgrunde zutreiben muß, alles umgestoßen, was bisher als
+Evangelium galt. Und er setzte sich durch. Wohl noch nie ist es einem
+Staatsmann gelungen, in so rascher Fahrt jedes Hemmnis zu besiegen und
+jedes Vorurteil zu bezwingen. Er war auch hier niemals Parteimann. Er
+rühmte es ausdrücklich, daß er nie einer Fraktion angehörte, daß er,
+»sukzessive von allen gehaßt, von einigen geliebt« worden sei. Er habe
+sich dadurch nie beirren lassen und auch nie versucht, sich dafür zu
+rächen.
+
+[Illustration: ~Der Sturz der Titanen~
+
+Wie aus der »Norddeutschen Allgemeinen Mythologie« hervorgeht, hat
+Jupiter keinen einzigen »gestürzt«, sie sind einfach zurückgetreten.
+Anspielung auf den Sturz von Kameke, Falk, Bitter, Achenbach und
+Friedrich Eulenburg. (»Berliner Wespen«, März 1883)]
+
+Daß er jetzt freilich oft die Stimmung der Resignation empfand, daß der
+stete Kampf an seinen Nerven riß, ist natürlich. Aber jetzt, wie immer,
+zielte sein Gewissen wie mit einer Pistole auf ihn. Und so wich er
+jeder Lockung, als Landedelmann sein Leben zu beschließen, beharrlich
+aus. Nur brach es zuweilen mit elementarer Gewalt aus ihm, wenn er die
+Fülle des Hasses sah, die sich gegen ihn häufte. »Ich habe nunmehr den
+Kampf für die deutsche Einheit seit dreißig Jahren geführt,« rief er
+am 8. Mai 1879. »Es sind nahezu dreißig Jahre, daß ich im Bundestag
+zuerst dafür eingetreten bin, und es sind achtzehn Jahre, daß ich in
+meiner Stellung bin, in der ich mit einem französischen Historiker,
+den ich vor einiger Zeit in einer schlaflosen Nacht las, wohl sagen
+kann: ›Er muß der Gewalt des ungesättigten Hasses erliegen, der sich
+auf das Haupt jedes Ministers häuft, wenn er zu lange am Ruder bleibt.‹
+Ich fürchte, daß ich nach achtzehn Jahren längst in dieser Lage war.
+Ich hatte alle Parteien wechselnd zu bekämpfen, gegen jede hatte ich
+einen heftigen Strauß zu führen. Nein, ich bin nicht mehr jung, ich
+habe gelebt und geliebt, gefochten auch, und ich habe keine Abneigung
+mehr gegen ein ruhiges Leben. Das einzige, was mich in meiner Stellung
+hält, ist der Wille des Kaisers, den ich in seinem hohen Alter gegen
+seinen Willen nicht verlassen kann. Versucht habe ich es mehrmals. Aber
+ich kann Ihnen sagen: ›Ich bin müde, todmüde, und namentlich, wenn ich
+erwäge, gegen was für Hindernisse ich kämpfen mußte, wenn ich für das
+Deutsche Reich, für die deutsche Nation, für ihre Einheit eintreten
+soll ... In meinem Alter wird man ruhiger und stiller; ich habe ein
+Bedürfnis nach beschaulicher Einsamkeit. Dann richten Sie das Reich
+sich ein, wie Sie wollen, aber verlangen Sie meine Mitwirkung nicht,
+wenn jeder sich für berechtigt und berufen hält, die Grundlagen des
+Reiches in Frage zu stellen.‹«
+
+[Illustration: Bismarck als Schachspieler: Die Könige sind seine
+Schachfiguren]
+
+Bismarck setzte seine Reform durch, fast zwei Drittel des deutschen
+Reichstages hatte er für seinen Kampf gegen das herrschende
+Wirtschaftssystem gewonnen. Allerdings hat er wiederholt sich gezwungen
+gesehen, selbst mit der äußersten Maßregel seines Rücktrittes zu
+drohen, innerlich allerdings wohl immer gewiß, daß so, wie er selbst in
+Treuen zu seinem Kaiser stand, so auch sein alter Herr dem Gefolgsmann
+die Treue bewahren werde. Zu den politischen Schwierigkeiten aber,
+die ihm wie Disteln auf einem Felde erwuchsen, gesellten sich dauernd
+höfische Friktionen, die ihm die Freude am Amt vergällten. Es war auch
+hier die Kaiserin Augusta, »der Feuerkopf«, die es nicht ertragen
+konnte, andere Autoritäten gewähren zu lassen, und die, wie Bismarck
+in seinen »Erinnerungen« klagt, ohne Rücksicht auf das Alter und
+die Gesundheit des Gemahls und im Vertrauen auf die ritterlichen
+Empfindungen, die ihn der Kaiserin gegenüber beseelten, sich an
+die Spitze der frondierenden Elemente stellte. Gerade diese Kämpfe
+persönlicher Natur wirkten schädigend auf des Kanzlers Gesundheit, so
+daß er in eine Art von »Gesundheitsbankrott« fiel, aus dem ihn dann
+Schweninger gerettet hat, der Mann, der bis in die letzten Jahre seines
+Lebens sein treuester und ehrlichster Freund geblieben ist.
+
+
+Wie Schweninger Bismarcks Arzt wurde
+
+ In ärztlichen Kreisen war eine Angabe bekannt, der nie
+ widersprochen wurde und der man, im Hinblick auf die originelle
+ Art der beiden beteiligten Persönlichkeiten, eine gewisse
+ innere Glaubwürdigkeit nicht wird absprechen können. Danach
+ hätte Schweninger die Sympathie seines großen Patienten durch
+ das diesem selbst sehr geläufige Mittel besonderer Derbheit
+ erweckt. Der Kanzler liebte es, als mit dem zunehmenden Alter
+ auch sein leidender Zustand wuchs, durchaus nicht, von dem ihn
+ behandelnden Arzt mit Fragen belästigt zu werden. So riß ihm auch
+ gegenüber Schweninger, als sich dieser auf Empfehlung befreundeter
+ Persönlichkeiten zum erstenmal bei ihm einstellte, die Geduld,
+ und er gab auf die innerhalb weniger Minuten wiederholt gestellte
+ Frage nach seinem Befinden eine kurze abweisende Antwort. Aber
+ Schweninger ließ sich nicht abschrecken und antwortete nicht
+ weniger kurz angebunden: »Ich stehe zu Ihren Diensten, Durchlaucht,
+ wünschen Sie jedoch behandelt zu werden, ohne daß man an Sie Fragen
+ stellt, so täten Sie besser, nach dem Tierarzt zu schicken, der
+ an diese Methode gewöhnt ist.« Seit dieser Zeit war Bismarck von
+ seiner Abneigung gegen Fragen des Arztes völlig kuriert.
+
+[Illustration:
+
+ Schön Wetter — Veränderlich — Sturm
+
+Sollte bei keinem Minister, Reichs- oder Landboten fehlen.
+(»Kladderadatsch«, 1881)]
+
+
+Das ist der =Dr.= Schweninger
+
+ Ein Dienstmann führt einen Landsmann in München herum und zeigt ihm
+ unter anderem die Universität daselbst. Der Landsmann will wissen,
+ was die Figuren an der Fassade bedeuten. Der Dienstmann nennt
+ ihm, um seine Unwissenheit nicht merken zu lassen, verschiedene
+ volkstümliche Münchner Gelehrte der neuesten Zeit als Originale;
+ bei einem halbnackten griechischen Denker am linken Flügel
+ angelangt, sagt er keck: »Das ist der =Dr.= Schweninger!« — Bauer:
+ »Aha, ’m Bismarck sei Leibarzt! Aber warum hat denn der kan Rock
+ an?« — Dienstmann: »Ja woaßt, Seppel, seit er den Reichskanzler
+ kuriert hat, tun sich die Leut’ so um ihn reißen, daß der beste
+ Rock dabei z’grund gehn müßt!«
+
+Sicherlich ist es allein der Kunst =Dr.= Schweningers zu danken, daß
+Fürst Bismarck die schweren Anfälle von Krankheit, die ihn vor allem
+dann plagten, wenn seine Seele durch harte Kämpfe erregt war, durch
+lange Jahre siegreich überwand. Kaiser Wilhelm hat ihm wiederholt
+den Dank dafür ausgesprochen, daß er ihm und dem Vaterlande den
+unentbehrlichsten Diener erhalten habe. Was aber die Kunst des Arztes
+allein noch nicht erreichte, das ergänzte die Luft von Varzin und
+Friedrichsruh und die Kissinger Kur.
+
+[Illustration: ~Die offiziöse Presse.~ (»Le Grelot«, Nr. 141 vom 6.
+Februar 1887)]
+
+
+Die Brut muß ausgerottet werden
+
+ In Kissingen erhielt Fürst Bismarck einen mehr amüsanten als
+ fürchterlichen Drohbrief: »O großer eiserner, resp. einfältiger
+ Reichskanzler, was hört und liest man bloß von Dir! Nichts als
+ Lächerliches. Glaubst Du etwa, daß Du Deiner gefällten Strafe
+ entgehen kannst? Nein! Nein!
+
+ Was wir Dir einst zugeschworen haben, wird für Dich sicher in
+ Erfüllung gehen, und wenn Du den Polizeiring um das Zehnfache
+ vermehrst, der Dich etwa schützen soll vor dem Bestrafer Deiner
+ verübten Tyrannei. Wie es bei Dir in Kissingen aussieht, wissen
+ wir ganz gut. Traurig genug, daß Du es so weit gebracht hast mit
+ Deiner elenden Tyrannenpolitik, daß Du jetzt nicht einmal Deines
+ Lebens sicher bist. Weise nur immer Mitmenschen aus Deutschland«
+ (d. h. in Anwendung des Sozialistengesetzes). »Desto eher kannst Du
+ Dich mit dem Totengräber bekannt machen ... Deinem Sohn Wilhelm mit
+ seinen bisherigen maskierten und lächerlichen Redensarten werden
+ wir auch bald was zuschwören, wenn er nicht aufhört, zu wühlen. Die
+ Bismarcksbrut muß ausgerottet werden. D. E. C.« (soll wohl heißen:
+ das Exekutivkomitee). — Eine ähnliche Büberei traf wenige Tage
+ später aus Frankfurt ein.
+
+Auch von manchen seiner Gehilfen mußte sich Bismarck wieder trennen. So
+von den Eulenburgs, die vielfach das Bestreben zeigten, den überlegenen
+Mann, der ihnen unbequem war, aus seiner Stellung zu drängen. Die
+Szene, die zu dem Sturze des begabten Grafen Botho Eulenburg führte,
+ist als der »Fall Rommel« in der Geschichte verzeichnet: Als das Gesetz
+über die Zuständigkeit der Verwaltungsbehörden vor dem preußischen
+Landtag stand und sich Graf Eulenburg mit gewissen Änderungen
+einverstanden erklärte, die des Kanzlers Mißbilligung fanden, ließ er
+durch den Geheimrat Rommel, ohne den Minister zu verständigen, von
+der Tribüne herab seinen Widerspruch erklären. Graf Eulenburg nahm
+unverzüglich seinen Abschied. An seinen Namen aber hat sich gerade
+zu jener Zeit ein Briefwechsel zwischen Kaiser Wilhelm und Bismarck
+geknüpft, der zugleich das vertrauliche Verhältnis bekundet, das
+zwischen den beiden Männern bestand.
+
+[Illustration: »So! Jetzt kann ich wieder ein bißchen ausruhen.« (»Hum.
+Blätter«, Februar 1888)]
+
+
+Die Geschichte eines Traumes
+
+ Am 18. Dezember 1881 schrieb Kaiser Wilhelm an den Kanzler
+ folgenden Brief: »Einen eigentümlichen Traum muß ich Ihnen
+ erzählen, den ich diese Nacht träumte, so klar, wie ich ihn hier
+ mitteile. — Der Reichstag trat nach den jetzigen Ferien zum
+ erstenmal zusammen. Während der Diskussion trat der Graf Eulenburg
+ ein; sogleich schwieg die Diskussion; nach einer langen Pause
+ erteilte der Präsident dem letzten Redner von neuem das Wort.
+ Schweigen! Der Präsident hebt die Sitzung auf. Nun entsteht ein
+ Tumult und Geschrei. Keinem Mitgliede darf ein Orden während der
+ Session des Reichstages erteilt werden; der Monarch darf nicht
+ in der Session genannt werden. Andern Tages Sitzung. Eulenburg
+ erscheint und wird mit solchem Zischen und Lärm empfangen — darüber
+ erwache in einer nervösen Agitation, daß ich lange mich nicht
+ erholen konnte und zwei Stunden von ½5 bis ½7 Uhr nicht schlafen
+ konnte. — Das alles geschah in meiner Gegenwart im Hause so klar,
+ wie ich es hier niederschreibe. — Ich will nicht hoffen, daß der
+ Traum sich realisiere, aber eigentümlich bleibt die Sache. Da
+ dieser Traum erst nach dem sechsstündigen ruhigen Schlafe eintrat,
+ so könnte er doch keine unmittelbare Folge unserer Unterredung sein.
+
+ =Enfin= ich mußte Ihnen diese Kuriosität doch erzählen.
+
+ Ihr
+ Wilhelm.«
+
+In seiner Antwort sagte Fürst Bismarck:
+
+ »Die Bilder des Wachens tauchen im Spiegel des Traumes nicht
+ sofort, sondern erst dann wieder auf, wenn der Geist durch Schlaf
+ und Ruhe still geworden ist. Eurer Majestät Mitteilung ermutigt
+ mich zur Erzählung eines Traumes, den ich Frühjahr 1863 in den
+ schwersten Konfliktstagen hatte, aus denen ein menschliches Auge
+ keinen gangbaren Ausweg sah. Mir träumte, und ich erzählte es
+ sofort am Morgen meiner Frau und anderen Zeugen, daß ich auf
+ einem schmalen Alpenpfade ritt, rechts Abgrund, links Felsen; der
+ Pfad wurde schmaler, so daß das Pferd sich weigerte, und Umkehr
+ und Absitzen wegen Mangel an Platz unmöglich; da schlug ich mit
+ meiner Gerte in der linken Hand gegen die glatte Felswand und rief
+ Gott an; die Gerte wurde unendlich lang, die Felswand stürzte wie
+ eine Kulisse und eröffnete einen breiten Weg mit dem Blick auf
+ Hügel und Waldland wie in Böhmen, preußische Truppen mit Fahnen
+ und in mir noch im Traume der Gedanke, wie ich das schleunig
+ Ew. Majestät melden könnte. Dieser Traum erfüllte sich, und ich
+ erwachte froh und gestärkt aus ihm. — Der böse Traum, aus dem Eure
+ Majestät nervös und agitiert erwachten, kann doch nur so weit
+ in Erfüllung gehen, daß wir noch manche stürmische und lärmende
+ Parlamentssitzung haben werden, durch welche die Parlamente ihr
+ Ansehen leider untergraben und die Staatsgeschäfte hemmen; aber
+ Ew. Majestät Gegenwart dabei ist nicht möglich, und ich halte
+ dergleichen Erscheinungen wie die letzten Reichstagssitzungen zwar
+ für bedauerlich als Maßstab unserer Sitten und unserer politischen
+ Bildung, vielleicht unserer politischen Befähigung, aber für kein
+ Unglück an sich: =l’excès du mal en devient le remède=.
+
+[Illustration: ~Der Reichstag als Karnickel~
+
+»Was? Du Bestie willst beißen?«
+
+Der Reichstag hatte in Sachen der Abänderung der Reichsverfassung
+opponiert. (»Figaro«, Mai 1881)]
+
+Zu der unendlichen Fülle von Fragen, die sich dem großen Kanzler zur
+Beantwortung stellten, hat sich in jenen Tagen auch eine Frage gesellt,
+die in viel späteren Jahren eine ernste Wirkung auf Deutschlands
+Geschicke ausüben sollte, die aber Fürst Bismarck schon von der
+Schwelle zurückwies:
+
+
+Die Abrüstung
+
+ Auf ein Schreiben des demokratischen süddeutschen Abgeordneten von
+ Bühler, das ihn ermahnte, zum Wohle der Menschheit hochherzig mit
+ der Abrüstung zu beginnen, gab Fürst Bismarck mit feiner Ironie
+ folgende Antwort: »Ew. Hochwohlgeboren danke ich ergebenst für
+ die Mitteilung Ihres Abrüstungsantrages. Ich bin leider durch
+ die praktischen und dringlichen Geschäfte der Gegenwart so in
+ Anspruch genommen, daß ich mich mit der Möglichkeit einer Zukunft
+ nicht befassen kann, die, wie ich fürchte, wir beide nicht erleben
+ werden. Erst nachdem es Ew. Hochwohlgeboren gelungen sein wird,
+ unsere Nachbarn für Ihre Pläne zu gewinnen, könnte ich oder ein
+ anderer deutscher Kanzler für unser stets defensives Vaterland die
+ Verantwortlichkeit für analoge Anregungen übernehmen. Aber auch
+ dann fürchte ich, daß die gegenseitige Kontrolle der Völker über
+ den Rüstungszustand der Nachbarn schwierig und unsicher bleiben,
+ und daß ein Forum, welches sie wirksam handhaben könnte, schwer zu
+ beschaffen sein wird.«
+
+Und trotz dieser Fülle der verschiedensten, auf ihn eindrängenden
+Probleme fand Fürst Bismarck den Mut und die Kraft, die soziale
+Politik in völlig neue Bahnen zu lenken. Er hatte die Verlängerung des
+Sozialistengesetzes gegen eine Opposition, zu der wieder das Zentrum
+einen großen Teil der Mannschaft stellte, mühsam erkämpfen müssen. Er
+mußte es sehen, wie ein großer Teil der Nationalliberalen, unter ihnen
+Lasker, Forckenbeck, Bamberger und Rickert, sich von der alten Partei
+trennten, um unter dem Namen der Sezession sich in die Schlachtreihen
+der Feinde zu stellen, und dauernd blieb ihm auch trotz der friedlichen
+Äußerungen des Papstes das Zentrum abgeneigt.
+
+[Illustration: ~Operette in der Politik~
+
+ »Da jammern sie.
+ Die von der Infanterie
+ Und von der Kavallerie
+ Geniert das nie.«
+
+Soeben war der Erlaß des Kaisers erschienen über sein
+»verfassungsmäßiges Recht zur persönlichen Leitung der Politik«, der
+gegen die fortschrittlichen Theorien vom »wahren Konstitutionalismus«
+gerichtet war. (»Kikeriki«, Januar 1882)]
+
+Die Gedanken aber, die Fürst Bismarck in seinem Kopfe wälzte, um dem
+sozialen Geiste der Zeit gerecht zu werden, hat er in klassischer Form
+in der »großen Botschaft« niedergelegt, mit der er am 17. November
+1881 im kaiserlichen Auftrag den Reichstag begrüßte. Hier erklärte
+er im Namen des ehrwürdigen Oberhauptes der deutschen Nation, daß
+der Kaiser nur dann mit Befriedigung auf alle Erfolge, mit der Gott
+seine Regierung gesegnet, zurückblicken werde, wenn er dem Vaterlande
+neue Bürgschaften des inneren Friedens und den Hilfsbedürftigen
+größere Sicherheit und Ergiebigkeit des Beistandes hinterlassen könne.
+Die einzelnen Phasen, die später durchlaufen wurden, waren hier
+vorgezeichnet. Zugleich war aber darauf hingewiesen, daß die Mittel
+für die Durchführung des Planes am sichersten durch das Tabakmonopol
+zu gewinnen seien. Das Ziel, das Bismarck sich gestellt hat, ist aber
+nur zum Teil erreicht worden; die Kathederweisheit hat auch hier wieder
+verdorben, was der praktische Blick und die weitschauende Weisheit
+des Staatsmanns als richtig erkannte. Daß die Masse zuerst vor dem
+neuen Gedanken zurückgeschreckt ist, daß sie sich nicht in eine Reform
+hineinfinden mochte, für die bis dahin noch jede Erfahrung fehlte, daß
+sie den Sprung ins Dunkle und die Größe der Opfer scheute, ist gewiß
+verständlich. Heute ist dennoch der soziale Gedanke tief in die Nation
+gedrungen. Er hat viele Helfer gefunden, viele überzeugte Vertreter,
+und doch waren die anderen nur Handlanger, die mühsam die Steine
+herbeischafften. Der Grundriß und der künstlerische Plan wurden von
+Bismarck geschaffen.
+
+Fürst Bismarck glaubte nicht, daß selbst die Söhne und Enkel die
+soziale Frage lösen würden; aber diese Gewißheit schreckte ihn nicht
+zurück; er wollte die Gefahr abwenden, die von der gärenden Masse des
+vierten Standes aus drohte, und er wollte zugleich durch praktisches
+Christentum in gesetzlicher Betätigung den Arbeitern das Gefühl
+menschlicher Würde sichern.
+
+[Illustration: Bei den Wahlen in Metz hatte der Französling Antoine mit
+Hilfe der Geistlichkeit gesiegt. (»Le Grelot«, 26. Oktober 1884)]
+
+Auf den parlamentarischen Abenden, die Fürst Bismarck damals noch
+veranstaltet hat, fanden sich auch einfache Handwerksmeister und
+Arbeiter ein, Mitglieder des Volkswirtschaftsrates, den der Kanzler
+berufen hatte. Dieses Bild ist bezeichnend für die Welt, die er
+erschließen wollte. Aber gerade in dieser Zeit wurde die Gegnerschaft
+gegen Bismarck, namentlich auch von seiten des Zentrums, so heftig,
+daß er der Gepflogenheit der parlamentarischen Abende, die ihm nicht
+nur die Anregung zu mancher geistreichen Bemerkung, sondern auch
+die Möglichkeit boten, in nicht offizieller Form Widersprüche zu
+beseitigen, Bedenken zu heben, für immer entsagte.
+
+Jene Abende, die jedem Teilnehmer bis zum Abend seines Lebens tief im
+Gedächtnis blieben, weil sie den großen Mann gewissermaßen im Hausrock
+zeigten, frei von aller majestätischen Würde, sind der Schauplatz
+mancher köstlichen Szene, die Geburtsstunde vieler prächtigen Einfälle
+und reizender Anekdoten gewesen.
+
+Hier ein paar Beispiele:
+
+
+Das fehlende Hirn
+
+ Einmal erzählte der Fürst: »Meine Frau wurde einst in Varzin
+ plötzlich nicht unbedenklich unwohl, und da gerade der Hausarzt
+ nicht anwesend war, wurde von Schlawe ein =Dr.= B. zur Konsultation
+ berufen. Dieser fand den Zustand der Patientin nicht gefährlich,
+ blieb aber auf Wunsch des Fürsten den Tag über in Varzin und
+ wurde selbstverständlich auch zur Tafel geladen. Der starke Wein
+ mag den guten Doktor etwas aufgemuntert haben, denn er wurde
+ immer gesprächiger und erzählte auch folgendes Geschichtchen:
+ ›Bei einer großen Schlägerei in einem benachbarten Dorfe wurde
+ ein Bauernbursche derart verletzt, daß die Schädeldecke ganz
+ zertrümmert und das Hirn vollständig bloßgelegt war. Ich war
+ alsbald an Ort und Stelle und brauchte nicht weniger als 25 Nadeln,
+ um den Kopf nur einigermaßen wieder zusammenzuflicken; aber dank
+ meiner Kunst konnte der Bursche schon nach drei Tagen wieder seiner
+ Arbeit nachgehen.‹« Der Fürst, der dies ungefähr so erzählte,
+ machte jetzt eine kleine Pause und sagte dann zu seinen Gästen:
+ »Meine Herren, bevor ich weiter erzähle, muß ich Sie fragen, ob
+ vielleicht einer der Herren ›Stadtrat‹ ist, denn sonst kann ich
+ meine Geschichte nicht beenden.« Nachdem dies verneint wurde,
+ fuhr der Fürst fort, weiter zu erzählen: »Natürlich stellte ich
+ mich, als wenn ich an der Geschicklichkeit des =Dr.= B. gar keinen
+ Zweifel hegte, und sagte nur: ›Nun, lieber Herr Doktor, lassen
+ Sie sich von mir auch eine kleine Geschichte erzählen, die ebenso
+ wahr ist als die Ihrige.‹ Zu einem bekannten Doktor in Berlin kam
+ einst ein Mann, der über fürchterliche Kopfschmerzen klagte, die
+ er gar nicht los werden könne. ›O, da können wir leicht helfen,‹
+ sagte der berühmte Operateur, ›das kommt vom Hirn, an dem etwas
+ zu fehlen scheint.‹ Er löste hierauf die Schädeldecke, nahm das
+ Hirn des Mannes heraus und sagte zu ihm: ›So, jetzt werden Sie
+ keine Schmerzen mehr haben, kommen Sie in einigen Tagen wieder,
+ dann können Sie Ihr Hirn frisch hergerichtet wieder eingesetzt
+ bekommen.‹ Ganz erleichtert und vergnügt ging der gute Mann
+ nach Hause. Es währte einige Tage, der Mann kam nicht mehr. Da
+ schickte der Arzt zu ihm und ließ ihm sagen, er möge doch sein Hirn
+ holen, es fange schon an zu riechen. Der Mann aber ließ dem Arzte
+ zurückmelden: ›Ich bin jetzt Stadtrat geworden; ich brauche kein
+ Hirn mehr.‹ Unser =Dr.= B. lachte zwar auch mit, aber er beeilte
+ sich doch, sobald als möglich nach dem Diner heimzukommen, und hat
+ in Zukunft kein Jägerlatein mehr an der Tafel gesprochen.«
+
+[Illustration: Bismarck als Vogelfänger ist begierig, ob ihm »so’n
+liberaler Gimpel uff’n Leim geht«. Durch die »Heidelberger Erklärung«
+hatte die Nationalliberale Partei zur Erbitterung des durch die
+Sezession verstärkten Freisinns sich auf Bismarcks Seite gestellt.
+(»Humor. Blätter«, 20. April 1884)]
+
+
+Vom durstigen Völk
+
+ Der bekannte liebenswürdige Abgeordnete aus Bayern erzählte gern
+ beide folgenden Scherze von Bismarcks parlamentarischen Abenden:
+ »Die dem Reichskanzler Gegenübersitzenden unterhielten sich über
+ den ›Reichshund‹, der neben seinem Gebieter ausgestreckt dalag.
+ Man sprach über die Schönheit des Tieres und seine sonstigen
+ trefflichen Eigenschaften, endlich auch über seine Vorgänger.
+ Einer der an der Unterhaltung Beteiligten behauptete, daß Bismarck
+ schon mehrere Hunde dieser Rasse gehabt habe, und um darüber
+ genauen Bescheid zu erhalten, wendete er sich mit seiner Frage
+ unmittelbar an den Reichskanzler. Da er glaubte, daß Bismarck den
+ vorhergehenden Teil des Gesprächs mitangehört habe, wies er mit
+ einer Handbewegung auf dessen Hund hin und sagte: ›Durchlaucht
+ gestatten die Frage, der wievielte von dieser Sorte ist dies
+ schon?‹ Durchlaucht aber hatte von dem vorausgehenden Gespräch
+ nichts gehört, verstand Handbewegung und Frage falsch und
+ erwiderte, indem er nach dem Bierglase griff und dessen Inhalt mit
+ wohlgefälligem Schmunzeln prüfte: ›Dies ist heute mein achter, aber
+ gestern habe ich zwölf Schoppen getrunken und es hat mir auch nicht
+ geschadet.‹ Ein andermal wollte das Champagnertrinken gar nicht
+ aufhören, oder, richtiger ausgedrückt, das Bier wollte ewig nicht
+ kommen, während es sonst immer ziemlich bald aufgetragen wurde.
+ Meine Nachbarn und ich hatten einen Heidendurst nach Bier, und
+ endlich wurde ich auserkoren, unser Verlangen beim Reichskanzler
+ anzubringen. Ich begab mich auch sogleich zu ihm, und sobald ich,
+ ohne zu stören, mich mit einer Frage an ihn wenden konnte, fragte
+ ich, ob ich ihm ein Rätsel aufgeben dürfe. Lachend bejahte er
+ und fügte hinzu: ›Es wird wahrscheinlich wieder eins sein, das
+ nicht herauszubringen ist.‹ Ich fragte ihn nun, was das Beste am
+ Champagner sei? ›Na, sehen Sie, lieber Doktor, da steckt wieder was
+ dahinter. Ich weiß zwar viele gute Eigenschaften des Champagners,
+ aber das weiß ich auch, daß ich die nicht errate, die Sie im Auge
+ haben. Also geben Sie gleich selbst die Lösung.‹ So sagte ich
+ denn: ›Das Beste am Champagner, Durchlaucht, ist, daß das Bier so
+ gut darauf schmeckt!‹ Und es dauerte keine fünf Minuten, da saßen
+ wir alle beim trefflichen Münchener ›Stoff‹, den Bismarck hatte
+ unverweilt anzapfen lassen.«
+
+
+Vom Haarschneiden
+
+ An einem der Abende erinnerte man sich auch an eine Äußerung des
+ Kanzlers über den Einfluß des Mondes auf das Wachstum von Haaren
+ und Pflanzen. Man müsse sich, meinte der Kanzler, bei zunehmendem
+ Monde die Haare schneiden lassen: »Es ist wie mit den Bäumen, wenn
+ die wieder wachsen sollen, fällt man sie auch im ersten Viertel,
+ wenn man sie aber roden will, schlägt man sie bei abnehmendem
+ Monde, da vermodert der Stumpf eher. Es gibt Leute, die nicht daran
+ glauben, Gelehrte, aber selbst der Staat verfährt danach, obwohl
+ er’s nicht eingestehen will. Es wird keinem Förster einfallen, eine
+ Birke, die wieder Schößlinge treiben soll, bei abnehmendem Monde zu
+ fällen.«
+
+[Illustration: ~Zum Spiritusmonopol~
+
+Bismarck: »Nanu, Michel, wat ist’s! Komm herein, mein Junge, und
+begeistere dir für mein neuestes Monopolprojekt.« (»Humor. Blätter«,
+Februar 1886)]
+
+[Illustration: Bismarck als Stierkämpfer bezwingt den Reichstag. (»Le
+Pilori«, 23. Januar 1887)]
+
+
+Hammelbraten
+
+ »Ich will eines Tages«, erzählte der Fürst, »gegen den Grunewald
+ zu in die Umgebung Berlins und sah mich plötzlich gegenüber einer
+ Herde Schafe, deren gutes Aussehen mich bestimmte, haltzumachen
+ und mich nach dem Züchter zu erkundigen. Ich erfuhr, daß die
+ Herde einem Berliner Stadtrat gehörte, fragte dann, ob ich einen
+ Hammel kaufen könne, und schloß, da der Schäfer die Frage bejahte,
+ das Geschäft alsbald ab. Wenige Tage später stand der Hammel bei
+ Gelegenheit eines diplomatischen Diners auf meiner Tafel. Ich hatte
+ meiner Frau erzählt, wie ich in den Besitz des Tieres gekommen war,
+ und von ihr muß die Kunde in die Küche gedrungen sein. Genug, der
+ Gang war auf der Speisenkarte verzeichnet als ›=Southown Battard à
+ la Municipal=‹. Es dauerte nicht lange und ich besuchte ein Diner
+ bei dem russischen Botschafter und fand auf dem Menü zu meiner
+ großen Überraschung als Braten ›=Southown Battard à la Municipal=‹.
+ Ich konnte mich eines Lächelns nicht enthalten und erfuhr später,
+ der Koch des russischen Botschafters habe sich das Menü meines
+ Diners zu verschaffen gewußt und schlankweg, ohne den Zusammenhang
+ zu ahnen, die auf meiner Karte stehende Bezeichnung auch für sein
+ Hammelbraten-Gericht gewählt.«
+
+
+Die naseweisen Damen
+
+ An diesen Abenden tauchte auch ein scherzhaftes Vorkommnis aus
+ der Vergangenheit auf, das Herr von Bismarck erlebte, als er noch
+ Gesandter beim Deutschen Bundestage war: Er hatte seinerzeit
+ von seinem Universitätsgenossen, dem Grafen Keyserlingk, und
+ bei gelegentlichen Reisen durch Kurland auch ein paar lettische
+ Redensarten gelernt und jagte damit einmal zwei kurländischen Damen
+ einen nicht geringen Schrecken ein. Er saß nämlich eines Tages in
+ Frankfurt a. M. an der Table d’hote zwei jungen Damen gegenüber,
+ welche sehr lebhaft und ungeniert miteinander konversierten. Sie
+ lachten sehr häufig; die Tischgesellschaft mochte wohl nicht in
+ eben schmeichelhafter Weise von ihnen durchgenommen werden, und
+ aus manchen Anzeichen entnahm Bismarck, daß er der ganz besondere
+ Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit war. Er verstand so viel, daß die
+ Sprache die lettische war. Die Damen hielten sich natürlich für
+ ganz sicher, in einem so barbarischen Idiom von niemand verstanden
+ zu werden, und ließen daher ihrem Humor immer mehr die Zügel
+ schießen. Inzwischen hatte Bismarck zu einem neben ihm sitzenden
+ Freunde leise gesagt: »Wenn Sie einige fremde Worte von mir
+ hören, reichen Sie mir einen Schlüssel.« Als nun beim Dessert die
+ Ausgelassenheit der beiden jungen Damen immer ärger wurde, hörten
+ sie zu ihrem größten Schrecken, wie ihr Visavis ruhig zu seinem
+ Nachbar sagte: »=Dohd man to Azlek=« (gib mir den Schlüssel). Er
+ erhielt seinen Schlüssel, aber die Damen sprangen flammenrot von
+ ihren Sitzen auf und stürmten zum Saal hinaus!
+
+[Illustration: »In Deutschland suchen sie noch immer vergebens die
+Stelle, wo der dreihaarige Achilles sterblich ist.« (»Figaro«, Mai
+1882)]
+
+
+Hundegeschichten
+
+ Vielfach war da der »Reichshund«, der natürlich seine
+ Persönlichkeit mehrfach gewechselt hat, der Gegenstand
+ anekdotischer Erzählungen. So erzählte Bismarck, als das Gespräch
+ auf die Intelligenz der Hunde kam, wie einmal, als er durch seinen
+ Garten ging, um ihn durch das nach der Königgrätzer Straße führende
+ Tor zu verlassen, unvermutet mitten im Garten der Reichshund
+ auf ihn zugesprungen sei, in der Absicht, ihn zu begleiten. Bei
+ dem Gartentor habe sich der Hund dicht an die Öffnung gedrängt,
+ um womöglich noch vor seinem Herrn das Freie zu gewinnen.
+ Zurücktreiben habe er sich nicht lassen. Da habe er, Bismarck,
+ nur die Worte gesagt: »In den Reichstag«, worauf der Hund den
+ Schweif eingezogen und schleunigst nach Hause gerannt sei. Bismarck
+ erzählte die Geschichte, umgeben von einer Korona von Mitgliedern
+ des Bundesrats und des Reichstags, von welch letzteren der
+ fortschrittliche Vizepräsident Professor Hänel aus Kiel unmittelbar
+ in der Nähe des Kanzlers stand. Man kann sich sein Gesicht denken
+ und das Gelächter der übrigen Anwesenden, in das Bismarck herzlich
+ einstimmte.
+
+ Vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 befand sich
+ Kaiser Alexander =II.= von Rußland bei unserem König in Ems. Die
+ beiden Monarchen mit großem Gefolge waren eines Abends beisammen.
+ Am entgegengesetzten Ende des Saales stand Graf Bismarck und
+ beobachtete den Zaren in sorgenvoller Erwägung, wie schwer es ins
+ Gewicht falle, welche mehr oder minder freundliche Haltung Rußland
+ gegenüber unserer Politik einnähme. Da erhob sich der große Hund
+ des Kaisers, der unter seinem Stuhl gelegen, und durchwanderte den
+ Saal; von einem Souverän würde man gesagt haben: »er macht Cercle«.
+ Der Hund blieb vor Bismarck stehen, schaute zu ihm empor, wedelte
+ zutunlich und leckte die vorgestreckte Hand des Grafen. In diesem
+ Augenblick ertönte durch den ganzen Saal die Stimme des russischen
+ Kaisers, der den Bewegungen seines Hundes offenbar gefolgt war, zu
+ Bismarck herüber: »Da sehen Sie, daß der Hund die Freunde seines
+ Herrn kennt.« Bismarck schloß seine denkwürdige Mitteilung mit den
+ Worten: »Ich fühlte mich erleichtert. Das war ein geschichtlicher
+ Moment für unsere Politik.«
+
+[Illustration:
+
+
+Gast (Bismarck): »Zahlen!«
+
+Kellner (Minister Heemskerk): »Eure Hoheit zahlen wohl am besten mit
+einem Traktat!«
+
+Bezieht sich auf die Beschwerden Hollands über den deutschen Lachsfang
+im Rhein. (»Holländ. Witzblatt«, März 1886)]
+
+ »Sultan« war nach einem Worte der Fürstin Bismarck der rührendste
+ Hund, den ihr Gemahl besessen. »Wenn ich verreiste,« erzählte
+ der Kanzler, »so suchte er mich überall mit großer Traurigkeit.
+ Endlich ergriff er dann zu seinem Troste meine weiße Militärmütze
+ und meine hirschledernen Handschuhe, trug diese in den Zähnen
+ nach meinem Arbeitszimmer und blieb dort, mit der Nase an meinen
+ Sachen, liegen, bis ich wiederkam. — Auch der alte Tyras war sehr
+ intelligent und treu. Einst hatte ich meinen Stock, den ich auf
+ die Straße nicht mitnehmen konnte, da ich in Uniform ging, an die
+ Innenmauer des Gartens gestellt, ehe ich durch die Pforte schritt.
+ Nach vier Stunden kam ich aus dem Reichstag zurück. Tyras begrüßte
+ mich nicht beim Eintritt ins Haus, wie sonst stets, und ich fragte
+ daher den Schutzmann, wo der Hund sei: ›Der steht seit vier Stunden
+ hinten an der Gartenmauer und läßt niemand zu Eurer Durchlaucht
+ Stock‹, erwiderte der Wachtposten. Ein andermal ging ich hier in
+ Varzin in Begleitung von Tyras spazieren und sehe auf einer Karre
+ eine Fuhre Holz liegen, das ich für gestohlen hielt, weil es aus
+ grünem Holze gehauen war. Ich gebot dem Hund, bei der Fuhre zu
+ bleiben, und entfernte mich, um einen Mann zu holen, der die Sache
+ aufklären könne. Als ich zurücksah, gewahrte ich aber, daß Tyras
+ mir leise und geduckt nachschlich. Ich kehrte zurück und legte
+ einen Handschuh auf die Karre. Da blieb mein Tyras dort stehen wie
+ angewurzelt.« Über das Ende des tüchtigen Tieres erzählte der Fürst
+ später: »Er war nicht krank; er ist an Altersschwäche eingegangen.
+ Einen Tag vor seinem Tode war er schon so steif, daß ich ihn wie
+ einen Hammel von oben in mein Arbeitszimmer tragen lassen mußte.
+ Dann, als ich nach Hause kam, wedelte er noch. Das nächstemal, an
+ seinem Todestage, konnte er auch nicht mehr wedeln und gab nur
+ durch seinen Ausdruck zu verstehen, daß er mich erkannt habe.
+ Während ich dann am Tische schrieb, sah ich ihn plötzlich sich
+ lautlos in mein Schlafzimmer schleppen, und gleich darauf sagte mir
+ der Diener, der ins Schlafzimmer getreten war: ›Der Tyras liegt
+ ausgestreckt im Schlafzimmer.‹ Von meinen jetzigen Hunden kann ich
+ dagegen rühmen, daß sie wie wild aus ihren verschiedenen Winkeln
+ auffahren und gegen die Tür stürmen, sobald der Diener meldet: ›Das
+ Essen ist aufgetragen.‹«
+
+Von der Heftigkeit des Kampfes, der namentlich von fortschrittlicher
+Seite aus gegen den Kanzler geführt wurde, von der Gehässigkeit, mit
+der man ihm zu begegnen wagte, bildet das beredteste Zeugnis jene
+Szene im Reichstag, in der ihm das beschimpfende Wort »schamlos«
+entgegenhallte. Sie erinnert lebhaft an die erregte Zeit, in der Graf
+Ballestrem ihn durch den Zuruf »Pfui« in die Schranken rief.
+
+
+Schamlos
+
+ Bei der Beratung über die Mietsteuer war jenes Wort gefallen.
+ Sofort erwiderte Fürst Bismarck unter großer Unruhe: »Meine Herren,
+ das Wort ›schamlos‹ ist ein ganz unverschämter Ausdruck, den ich
+ hiermit zurückweise.« Präsident von Goßler, der eben von einem
+ Schriftführer um etwas gefragt wurde, hatte den Ausdruck »schamlos«
+ überhört. Er fragte nun amtlich, ob dieser Ausdruck gefallen
+ sei. Bejahende Rufe antworteten. Der Täter fand sich aber nicht
+ bemüßigt, sich zu melden. Da rief Bismarck: »Er (der Ausdruck)
+ ist gefallen, ich habe ihn gehört, dort (links) ein Herr, der
+ selbst keine Scham kennt, hat ihn gebraucht (Unruhe).« Präsident
+ von Goßler erklärte: »Ich bedauere aufs tiefste, daß ich den
+ Ausdruck nicht gehört habe, ich würde unter allen Umständen mit der
+ allergrößten Schärfe eingeschritten sein.« Noch immer hielt es der
+ unbekannte Schreier für angemessen, sich nicht zu nennen. Da rief
+ Bismarck: »Der Herr wird sich gewiß melden — die Herren, die neben
+ ihm sitzen, werden es ja wissen. Der Herr wird doch den Mut haben,
+ sich zu nennen?« Nun erhob sich endlich der Abgeordnete Struve mit
+ den Worten: »Jawohl! Ich bin es gewesen, Struve!« Unverzüglich
+ erteilte ihm Präsident von Goßler, unter lebhaftem Beifall,
+ den Ordnungsruf. Bismarck aber erklärte: »Nun, ich bin nicht
+ überrascht, von Herrn Struve da wundert es mich nicht.« Zur Sache
+ bemerkte er dann nur noch: »Ich und mit mir wahrscheinlich die
+ meisten Reichsbeamten gehören zu der Klasse von Leuten, die weniger
+ auf hohes Gehalt als auf gute Behandlung sehen, und wenn wir dafür
+ eine Garantie bekommen könnten, wenn wir gegen eine ungleiche
+ Behandlung eine Deckung durch die Reichsgesetzgebung bekommen
+ könnten, würden wir sehr dankbar sein.« Nach dem Schluß dieser
+ Rede aber erhob sich der Abg. Struve zu folgender Bemerkung »zur
+ Geschäftsordnung«: Nachdem der Präsident gegen ihn wegen des Rufes
+ »schamlos« den Ordnungsruf verhängt habe, frage er an, »welchen
+ Schritt er gegenüber dem Reichskanzler tun wird, der hier gesagt
+ hat, der Ausdruck ist von einem Abgeordneten gefallen, welcher
+ selbst keine Scham hat«? Noch ehe Präsident von Goßler antworten
+ konnte, erklärte Fürst Bismarck: »Ich habe zu meiner Rechtfertigung
+ zu bemerken, daß ich diese Äußerung getan habe, bevor der Herr
+ Abgeordnete die Güte gehabt, sich zu nennen (Heiterkeit rechts).
+ Nachdem er sich genannt hat, nehme ich den Ausdruck zurück. — Der
+ Herr Abgeordnete kennt gewiß Scham (Heiterkeit).«
+
+[Illustration: ~Die afrikanische Venus~
+
+Bismarck beginnt die deutsche Kolonialpolitik. (»Punch«, 20. Dez. 1884)]
+
+[Illustration: ~Die Zeit der erwachenden Kolonialbewegung~
+
+Bismarck stellt die Frage: »Wohin werden wir jetzt gehen?« (»Punch«,
+29. August 1885)]
+
+So wie Fürst Bismarck den ersten Schritt auf das weite Gebiet der
+sozialen Fürsorge wagte, so war er es auch, der den alten Gedanken des
+Großen Kurfürsten wieder aufnahm und in den Wettbewerb um das reiche
+Erbe der Welt eintrat. Er war es, der eine deutsche Kolonialmacht zu
+begründen versuchte und trotz aller Schwierigkeiten, die sich ihm
+vom Auslande her wie aus der Verständnislosigkeit der Fraktionen
+entgegenstellten, siegreich überwand. Er war es, dem wir es verdanken,
+daß die deutsche Flagge in fernen Weltteilen weht, daß der deutsche
+Name geachtet ist, wo immer es Menschen gibt, daß dem deutschen Handel
+und Gewerbefleiß sich neue weite Gefilde eröffneten, daß dem Überschuß
+an Volkskraft sich die Möglichkeit erschloß, unter dem Schutze des
+Reiches auch in die Ferne zu schweifen und nicht mehr wie bisher den
+Kulturdünger für fremde Nationen zu liefern. Das Parlament unter
+Bambergers Führung widerstrebte zwar den ersten Versuchen, aber im
+Volke hat der Gedanke schnell Wurzel geschlagen, und als der Kaufmann
+Lüderitz für seine Besitzung in Afrika den Schutz des Reiches erbat,
+da setzte der Kanzler, unbekümmert um den englischen Einspruch, die
+Anerkennung der deutschen Schutzherrschaft über Angra Pequena und
+Lüderitzland durch: Deutsche Schiffe wurden beauftragt, dem Entschluß
+Nachdruck zu verleihen, und nach London gingen so scharfe Noten, daß
+die englischen Minister es für richtig hielten, ihre drohende Sprache
+aufzugeben und die deutschen Rechte anzuerkennen. Aber im eigenen
+Lande fand schon die Dampfervorlage, die uns die Verbindung der fernen
+Erdteile mit dem Mutterlande sichern sollte, scharfe Opposition, obwohl
+Fürst Bismarck alsbald erklärte, daß es nicht seine Absicht sei,
+Provinzen zu gründen, sondern nur kaufmännische Unternehmungen in ihrer
+freien Entwicklung gegen Angriffe aus der unmittelbaren Nachbarschaft,
+gegen die Bedrückung und Schädigung durch andere europäische Mächte zu
+schützen. Man warf ihm frivole Abenteuerlust vor, man stellte sich etwa
+auf den Standpunkt, den einst der preußische Verkehrsminister gegen
+die Begründung der ersten Eisenbahnen einnahm, und stemmte sich jedem
+einzelnen Schritt, den der Kanzler versuchte, hartnäckig entgegen. So
+der Ausdehnung deutscher Gewalt auf einige Küstenpunkte von Guinea
+und auf Kamerun. Auch Windthorst, der Führer des Zentrums, wies immer
+wieder darauf hin, daß Deutschland, rings von Feinden umgeben, nicht
+auch die Kosten einer schweren maritimen Rüstung ertragen könne. Gewiß
+ahnte Bismarck, daß Albion jedem Versuche Deutschlands, sein Erbrecht
+an der Welt zu fordern, widerstehen werde; er wußte es auch, daß
+ein künftiger Waffengang mit dieser Nation, die für sich allein die
+Herrschaft über die Meere beansprucht, nicht zu vermeiden sei. Aber
+dieser Gedanke schreckte ihn nicht; er vertraute dem Sterne seines
+Volkes und der Kraft des von ihm geschaffenen Staates. Und wahrlich,
+dreißig Jahre später hat sich seine Hoffnung und sein Glaube bestätigt.
+
+[Illustration: Papst: »Hier hast du deine Karoline! Herr Kanzler, ich
+empfehl’ mich Ihne.« Der Papst, als Schiedsrichter angerufen, überweist
+die Karolinen an die Spanier. (»Frankfurter Laterne«, November 1885)]
+
+Hier in diesem Kampfe um das neue Deutschland hat Bismarck jenes
+wundervolle Gleichnis vom Völkerfrühling gebraucht, das noch immer in
+allen Herzen lebt. In seiner Rede vom 2. März 1885 hat er es angewandt:
+»Bei den fremden Nationen machen die Vorgänge in Deutschland ja sehr
+leicht den Eindruck, daß bei uns zwar unter Umständen, wie 1870, wie
+1813, die geharnischten Männer aus der Erde wachsen wie aus der Saat
+der Drachenzähne in der griechischen Mythe in Kolchis, aber daß sich
+dann auch stets irgendein Zaubersteinchen der Medea findet, welches man
+zwischen sie werfen kann, worauf sie übereinander herfallen und sich so
+raufen, daß der fremde Jason ganz ruhig dabeistehen kann und zusehen,
+wie die deutschen gewaffneten Recken sich untereinander bekämpfen. Es
+liegt eine eigentümliche prophetische Voraussicht in unserem alten
+nationalen Mythus, daß sich, sooft es den Deutschen gut geht, wenn
+ein deutscher Völkerfrühling wieder, wie der verstorbene Kollege Völk
+sich ausdrückte, anbricht, daß dann auch stets der Loki nicht fehlt,
+der seinen Hödur findet, einen blöden dämlichen Menschen, den er
+mit Geschick veranlaßt, den deutschen Völkerfrühling zu erschlagen,
+respektive niederzustimmen.« Und dann zehn Tage später: »Ich habe mir
+neulich gestattet, eine Analogie aus der altgermanischen Mythologie
+zu zitieren, bei der ich das Wort ›Völkerfrühling‹ gebrauchte. Ich
+fürchte, daß ich dabei dunkler geblieben bin, als ich zu sein wünschte,
+und daß ich nicht deutlich ausgedrückt habe, was ich meinte; aber es
+liegt nicht in meiner Gewohnheit, mythologische Anspielungen weit
+auszuspinnen. Es war nur etwas, was — ich kann es nicht leugnen — mich
+in den letzten zwanzig Jahren ununterbrochen gequält und beunruhigt
+hat, diese Analogie unserer deutschen Geschichte mit unserer deutschen
+Göttersage. Ich habe unter dem Begriff ›Völkerfrühling‹ mehr verstanden
+als die Kolonialpolitik, ich habe meine Auffassung — ich will nicht
+sagen, so niedrig — aber so kurz in Zeit und Raum nicht gegriffen.
+Ich habe unter dem Frühling, der uns Deutschen geblüht hat, die ganze
+Zeit verstanden, in der sich — ich kann wohl sagen: — Gottes Segen
+über Deutschlands Politik seit 1866 ausgeschüttet hat, eine Periode,
+die begann mit einem bedauerlichen Bürgerkriege, der zur Lösung eines
+verschürzten gordischen Knotens unabweisbar und unentbehrlich war,
+der überstanden wurde, und zwar ohne die Nachwehen, die man davon
+zu befürchten hatte. Die Begeisterung für den nationalen Gedanken
+war im Süden wie im Norden so groß, daß die Überzeugung, daß diese
+— ich möchte sagen — ›chirurgische Operation‹ zur Heilung der alten
+deutschen Erbkrankheiten notwendig war: sobald sie sich Bahn brach,
+war auch aller Groll vergessen, und wir konnten schon im Jahre 1870 uns
+überzeugen, daß das Gefühl der nationalen Einheit durch das Andenken
+dieses Bürgerkrieges nicht gestört war, und daß wir alle als ›ein
+einig Volk von Brüdern‹ den Angriffen des Auslandes entgegentreten
+konnten. Das schwebte mir als ›Völkerfrühling‹ vor; daß wir darauf
+die deutschen Grenzländer wiedergewannen, die nationale Einheit des
+Reichs begründeten, einen deutschen Reichstag um uns versammelt, den
+Deutschen Kaiser wieder erstehen sahen, das alles schwebte mir als
+›Völkerfrühling‹ vor. Dieser Völkerfrühling hielt nur wenige Jahre
+nach dem großen Siege vor. Aber dann kam, was ich unter dem Begriff
+›Loki‹ verstand: der alte deutsche Erbfeind, der Parteihader, der
+in dynastischen und in konfessionellen, in Stammesverschiedenheiten
+und in den Fraktionskämpfen seine Nahrung findet, — der übertrug
+sich auf unser öffentliches Leben, auf unsere Parlamente, und wir
+sind angekommen in einem Zustand unseres öffentlichen Lebens, wo die
+Regierungen zwar treu zusammenhalten, im deutschen Reichstag aber
+der Hort der Einheit, den ich darin gesucht und gehofft hatte, nicht
+zu finden ist, sondern der Parteigeist überwuchert uns; und der
+Parteigeist, wenn er mit seiner Lokistimme den Urwähler Hödur, der die
+Tragweite der Dinge nicht beurteilen kann, verleitet, daß er das eigene
+Vaterland erschlage, der ist es, den ich anklage vor Gott und der
+Geschichte, wenn das ganze herrliche Werk unserer Nation von 1866 und
+1870 wieder in Verfall gerät und durch die Feder hier verdorben wird,
+nachdem es durch das Schwert geschaffen wurde.«
+
+[Illustration: Bismarck hatte in der »Norddeutschen Allgemeinen
+Zeitung« einen »kalten Wasserstrahl« nach Frankreich gesandt. (»Le
+Grelot«, 2. Dezember 1883)]
+
+Wenn nun auch die Politik des Fürsten Bismarck oft und stark gegen
+Interessen verstieß, die andere Nationen vertraten, und wenn
+andererseits das »heilige Feuer der Revanche« in Frankreich immer
+noch hell zum Himmel lohte, so ist es ihm dennoch gelungen, mit Würde
+und Größe das Schiff, das die Germania trug, durch alle Fährnisse zu
+lenken. Seine große Schöpfung des Dreibundes hat sich durch lange
+Jahrzehnte bewährt; zu Rußland fand Fürst Bismarck trotz aller
+panslawistischen Umtriebe doch ein glückliches, fast freundschaftliches
+Verhältnis, nachdem Skobelew und Ignatiew beseitigt waren. Niemals
+waren vielleicht die Dreikaisermächte einander so nahe gekommen, wie
+im Anfang der achtziger Jahre. Niemals aber hat auf der anderen Seite
+England eine so scharfe Sprache vernommen, wie aus Bismarcks Munde,
+zumal als die britische Gewaltpolitik sich in Ägypten eine neue Beute
+suchte.
+
+[Illustration: ~Bismarcks Schützling~
+
+Im Rüssel des Elefanten sitzt König Alfonso von Spanien. Er war als
+Gast des ersten Kaisers in Berlin gewesen, wurde Chef eines Straßburger
+Ulanenregiments und als Roi-Ulan auf der Rückreise in Paris auf das
+schwerste beschimpft. (»Puck«, November 1883)]
+
+[Illustration: Bismarck führt Österreich und Italien trotz der
+Erregung, die durch die irredentistischen Umtriebe entstand, wieder
+zusammen. (»Figaro«, Februar 1881)]
+
+Das Verhältnis zu Frankreich erhielt seine äußerste Schärfe in
+den Tagen, da General Boulanger davon träumte, gleich dem großen
+Korsen durch einen glücklichen Krieg zur Macht und vielleicht zum
+Kaiserthron zu gelangen. Hatte sich schon vorher die Stimmung in
+Frankreich unter dem Einfluß der hinterhaltigen Politik Gortschakows
+und der orleanistischen Fälschungen so verschärft, daß man gegen den
+König Alfonso von Spanien, als er als Gast in Frankreich weilte, die
+Pflichten der Gastlichkeit schnöde verletzte, nur weil er zum Chef
+eines preußischen Ulanenregimentes ernannt worden war, so spitzten sich
+die Beziehungen in gefährlichster Weise zu, als Boulanger in Frankreich
+Kriegsminister wurde. Drohungen klangen fast täglich über den Rhein,
+der Stil der Presse erhob sich zu wilder Leidenschaft, der Krieg stand
+auf des Messers Schneide. Vergessen war es, daß in den Jahren vorher
+das Verhältnis der beiden Nationen sich so günstig gestaltet hatte, daß
+man in einer Reihe von Fragen freundschaftlich zusammenging. Vergessen
+waren die Mahnungen Jules Ferrys, von einer Politik des Schmollens
+und Grollens abzulassen — der Revanchegedanke ergriff das ganze
+französische Volk und zwang den Fürsten Bismarck zur schärfsten Abwehr.
+Eine neue große Wehrvorlage war die erste Antwort auf das Gesetz
+Boulangers, das die allgemeine dreijährige Dienstzeit und zugleich eine
+ungeheure Summe für Heereszwecke verlangte. Als aber der Reichstag
+das, was der Kanzler verlangte, verwarf, als er das Septennat ablehnte
+und nur einen begrenzten Teil der Forderungen an Geld und Mannschaft
+bewilligen wollte, da löste Bismarck das widerspenstige Parlament auf,
+und noch einmal stürzte er sich in einen Wahlkampf, wie er ihn einst in
+der Konfliktszeit durchgefochten hatte. Der Kartellreichstag war der
+Lohn. Einer gesicherten Mehrheit von 222 standen nur 174 Stimmen der
+Opposition entgegen. In Sachsen war kein einziger Sozialist gewählt
+worden. Der Freisinn sank von 67 auf 32 Mandate. Hatte die unnationale
+Haltung des Reichstags vorher die Hoffnung Boulangers auf das äußerste
+belebt, so war die indirekte Folge dieses Wahlausganges das ruhmlose
+Ende des abenteuernden Generals, der zuletzt durch die eigene Hand auf
+dem Grabe seiner Mätresse in Brüssel sich das Leben nehmen sollte.
+
+[Illustration: ~Boulanger vor dem Spiegel~
+
+Boulanger: »=Sacré Dieu!= Frappante Ähnlichkeit! Bald wird es heißen
+›Boulanger =I.=, Kaiser von Frankreich‹.«
+
+Bismarck: »Jejen die Generalprobe hätte ich nu jar nischt einzuwenden.
+Die Aufführung von det Spektakelstück dürfte jedoch wejen
+unvorherjesehener Hindernisse abgesagt werden.« (»Der Floh«, 27. Juni
+1886)]
+
+Aber noch ehe sein Schicksal besiegelt wurde, drohten seine
+kriegerischen Absichten dennoch der Erfüllung entgegenzureifen. Ein
+französischer Spion mit Namen Schnäbele hatte deutschen Boden in der
+Nähe der Grenze betreten und war von Gendarmen festgenommen worden.
+Gegen ihn lagen die überzeugendsten Beweise vor. Aber in Frankreich,
+wo man der Lüge Boulangers glaubte, daß Schnäbele völkerrechtswidrig
+herübergelockt oder gar auf französischem Boden gefangen genommen
+worden sei, erhob sich alsbald eine ungeheure Erregung. Fürst Bismarck
+aber lehnte es ab, um einer Lappalie willen einen Weltkrieg zu
+entflammen.
+
+In jenen Zeiten der nahen Gefahr hat Bismarck eine Reihe von Reden
+gehalten, so gewaltig, so staatsmännisch tief und so wuchtig, daß sie
+auch heute noch als Meisterstücke deutscher Redekunst gelten. Und
+doppelt stark wirkt ihr Gewicht gerade in einer Zeit, in der all die
+Gefahren, die einstmals drohten, heraufgezogen sind und sich zu einem
+schweren und schwarzen Gewitter ballten, das sich heute auf Europas
+Fluren entladet. Niemals aber hat eine Rede eine solche Wirkung
+erzielt wie jener Aufruf an die deutsche Nation vom 6. Februar 1888,
+deren Leitwort: »Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts in
+der Welt!« das Leitwort des Volkes geworden ist. In einem grandiosen
+Überblick über die Geschichte der letzten Jahrzehnte stellte Fürst
+Bismarck hier fest, daß Deutschland wiederholt dem Ausbruch des Krieges
+viel näher war, als die parlamentarische Schulweisheit es träumen
+mochte, daß durch lange Jahrzehnte eine ununterbrochene Kriegsgefahr
+bestand, die nur mit aller Anstrengung vermieden werden konnte. Das
+Verhältnis zu Rußland sei allerdings immer günstig gewesen, aber
+schon nach dem Berliner Kongreß hätten die Intrigen Gortschakows ihm
+den Zwang auferlegt, sich nach einem Verbündeten umzusehen, da sogar
+»Kriegsdrohungen von der kompetentesten Seite« erfolgten. So sei das
+Bündnis mit Österreich entstanden, dessen Publikation vor wenigen Tagen
+erfolgt war. Dann fuhr Bismarck fort:
+
+[Illustration: Bismarck als Bulldogge auf Jules Ferry reitend. Unter
+dem Ministerium dieses Mannes gelang es Bismarck, mit Frankreich in
+einer Reihe von Fragen (Bulgarien, Ägypten, Kolonialpolitik) friedlich
+zusammenzugehen. (»Le Grelot«, 19. Oktober 1884)]
+
+[Illustration: ~Die belgische Neutralität~
+
+»Mit welcher Sauce möchtest du gegessen werden?« — »Aber ich will ja
+gar nicht gegessen werden.« — »Du hast gar nichts zu sagen.« Die Zeit
+der Größe Boulangers. Im Mittelpunkt der Erörterung für den Fall eines
+Krieges steht die Frage der belgischen Neutralität. (»Le Grelot«, 20.
+Februar 1887)]
+
+
+Der =Furor teutonicus=
+
+ »Auch eine bessere Bewaffnung müssen wir anschaffen, denn wenn wir
+ eine Armee von Triariern bilden, von dem besten Menschenmaterial,
+ das wir überhaupt in unserem Volke haben, von den Familienvätern
+ über dreißig Jahre, dann müssen wir auch für sie die besten
+ Waffen haben, die es überhaupt gibt (Bravo!); wir müssen sie
+ nicht mit dem in den Kampf schicken, was wir für unsere jungen
+ Linientruppen nicht für gut genug halten (sehr gut!), sondern der
+ feste Mann, der Familienvater, diese Hünengestalten, deren wir
+ uns noch erinnern können aus der alten Zeit, wo sie die Brücke
+ von Versailles besetzt hatten, müssen auch das beste Gewehr an
+ der Schulter haben, die vollste Bewaffnung und die ausgiebigste
+ Kleidung zum Schutz gegen Witterung und alle äußeren Vorkommnisse.
+ (Lebhaftes Bravo.) Da dürfen wir nicht sparen. Aber ich hoffe,
+ es wird unsere Mitbürger beruhigen, wenn sie sich nun wirklich
+ den Fall denken, an den ich nicht glaube, daß wir von zwei Seiten
+ gleichzeitig überfallen würden — die Möglichkeit ist ja, wie ich
+ Ihnen vorhin an dem vierzigjährigen Zeitraum entwickelt habe,
+ für alle möglichen Koalitionen doch immer vorhanden —, wenn das
+ eintritt, so können wir an jeder unserer Grenzen eine Million
+ guter Soldaten in Defensive haben. Wir können dabei Reserven von
+ einer halben Million und höher, auch von einer ganzen Million,
+ im Hinterlande behalten und nach Bedürfnis vorschieben. Man hat
+ mir gesagt: das wird nur die Folge haben, daß die anderen auch
+ noch höher steigen. Das können sie nicht. (Bravo! — Heiterkeit.)
+ Die Ziffer haben sie längst erreicht ... Die Tapferkeit ist ja
+ bei allen zivilisierten Nationen gleich; der Russe, der Franzose
+ schlagen sich so tapfer wie der Deutsche; aber unsere Leute, unsere
+ 700000 Mann sind kriegsgedient, =rompus au métier=, ausgediente
+ Soldaten, und die noch nichts verlernt haben. Und was uns kein Volk
+ in der Welt nachmachen kann: wir haben das Material an Offizieren
+ und Unteroffizieren, um diese ungeheure Armee zu kommandieren.
+ (Bravo!) Das ist, was man nicht nachmachen kann. Dazu gehört
+ das ganz eigentümliche Maß der Verbreitung der Volksbildung in
+ Deutschland, wie es in keinem anderen Lande wieder vorkommt. Das
+ Maß von Bildung, welches erforderlich ist, um einen Offizier und
+ Unteroffizier zum Kommando zu befähigen nach den Ansprüchen, die
+ der Soldat an ihn macht, existiert bei uns in sehr viel breiteren
+ Schichten als in irgendeinem anderen Lande. Wir haben mehr
+ Offiziermaterial und Unteroffiziermaterial als irgendein anderes
+ Land, und wir haben ein Offizierkorps, welches uns kein anderes
+ Land der Welt nachmachen kann. (Bravo!) Wenn wir in Deutschland
+ einen Krieg mit der vollen Wirkung unserer Nationalkraft führen
+ wollen, so muß es ein Krieg sein, mit dem alle, die ihn mitmachen,
+ alle, die ihm Opfer bringen, kurz und gut, mit dem die ganze Nation
+ einverstanden ist; es muß ein Volkskrieg sein; es muß ein Krieg
+ sein, der mit dem Enthusiasmus geführt wird, wie der von 1870,
+ wo wir ruchlos angegriffen wurden. Es ist mir noch erinnerlich
+ der ohrengellende freudige Zuruf am Kölner Bahnhofe, und so war
+ es von Berlin bis Köln, so war es hier in Berlin. Die Wogen der
+ Volkszustimmung trugen uns in den Krieg hinein, wir hätten wollen
+ mögen oder nicht. So muß es auch sein, wenn eine Volkskraft wie die
+ unsere zur vollen Geltung kommen soll. Es wird aber sehr schwer
+ sein, den Provinzen, den Bundesstaaten und ihren Bevölkerungen
+ das klarzumachen: Der Krieg ist unvermeidlich; er muß sein. Man
+ wird fragen: Ja, seid ihr denn dessen so sicher? Wer weiß? Kurz,
+ wenn wir schließlich zum Angriff kommen, so wird das ganze Gewicht
+ der Imponderabilien, die viel schwerer wiegen als die materiellen
+ Gewichte, auf der Seite unserer Gegner sein, die wir angegriffen
+ haben. Das ›heilige Rußland‹ wird entrüstet sein über den Angriff.
+ Frankreich wird bis an die Pyrenäen hin in Waffen starren. Ganz
+ dasselbe wird überall geschehen. Ein Krieg, zu dem wir nicht
+ vom Volkswillen getragen werden, der wird geführt werden, wenn
+ schließlich die verordneten Obrigkeiten ihn für nötig halten und
+ erklärt haben; er wird auch mit vollem Schneid und vielleicht
+ siegreich geführt werden, wenn man erst einmal Feuer bekommen und
+ Blut gesehen hat. Aber es wird nicht von Hause aus der Elan und
+ das Feuer dahinter sein wie in einem Kriege, wenn wir angegriffen
+ werden. Dann wird das ganze Deutschland von der Memel bis zum
+ Bodensee wie eine Pulvermine aufbrennen und von Gewehren starren,
+ und es wird kein Feind wagen, mit diesem =Furor teutonicus=, der
+ sich bei dem Angriff entwickelt, es aufzunehmen. (Bravo!) Es ist
+ nicht die Furcht, die uns friedfertig stimmt, sondern gerade
+ das Bewußtsein unserer Stärke, das Bewußtsein, auch dann, wenn
+ wir in einem minder günstigen Augenblicke angegriffen werden,
+ stark genug zu sein zur Abwehr und doch die Möglichkeit zu haben,
+ der göttlichen Vorsehung es zu überlassen, ob sie nicht in der
+ Zwischenzeit doch noch die Notwendigkeit eines Krieges aus dem
+ Wege räumen wird ... Wir können durch Liebe und Wohlwollen leicht
+ bestochen werden — vielleicht zu leicht —, aber durch Drohungen
+ ganz gewiß nicht! (Bravo!) Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst
+ nichts in der Welt (lebhaftes Bravo), und die Gottesfurcht ist es
+ schon, die uns den Frieden lieben und pflegen läßt. Wer ihn aber
+ trotzdem bricht, der wird sich überzeugen, daß die kampfesfreudige
+ Vaterlandsliebe, welche 1813 die gesamte Bevölkerung des damals
+ schwachen, kleinen und ausgesogenen Preußens unter die Fahnen rief,
+ heutzutage ein Gemeingut der ganzen deutschen Nation ist, und daß
+ derjenige, welcher die deutsche Nation irgendwie angreift, sie
+ einheitlich gewaffnet finden wird und jeden Wehrmann mit dem festen
+ Glauben im Herzen: ›Gott wird mit uns sein!‹«
+
+[Illustration: ~Der Dreibund im Hypodrom~ (»Le Grelot«, 30. Juni 1889)]
+
+Und die Vorlage wurde unter dem Eindruck dieser gewaltigen Rede
+einstimmig angenommen. Und doch war der Kanzler schwerleidend gewesen,
+als er sie hielt, mehrmals mußte er sich, um sich zu erholen, auf
+seinen Platz niederlassen. Aber je weiter er sprach, desto höher wuchs
+er selbst empor, und mit ihm die Hörer, desto durchgeistigter wurden
+seine Züge, desto tiefer der Eindruck, daß er in Wahrheit des Gottes
+voll sei. Ohne Beratung in der Kommission ging das Gesetz durch. Wie
+eine Flamme aber war die Rede durch die Welt geflogen. Als Fürst
+Bismarck hinausschritt unter die harrende Menge, um eines Hauptes Länge
+sie überragend, den Prophetenblick in unendliche Fernen gerichtet, da
+entblößten alle schweigend den Kopf, und er schritt dahin, gleich einem
+Seher altvergangener Zeit, bis er im Tore seines Hauses verschwand.
+Und auch durch die Welt zuckte der Strahl — diese Rede war in Wahrheit
+eine Tat geworden. Und sie wirkte weit hin und vertrieb das Gewölk,
+das am Horizonte sich ballte, und friedlich konnte Kaiser Wilhelm den
+Abend seines Lebens beschließen. Es war die letzte große Freude, die
+Kaiser Wilhelm noch erlebte. Wenig mehr als ein Monat verging, und das
+deutsche Volk trauerte um seinen geliebten und gütigen Herrn. Am 1.
+März war Kaiser Wilhelm noch bei voller Gesundheit gewesen, zwei Tage
+darauf aber erkrankte er an einer leichten Erkältung, und bald trat
+ein ernstes Nierenleiden hinzu. Am 7. März nahm die Krankheit eine
+ernste Wendung. Es mochte den greisen Herrn auch die Trauernachricht
+tief bedrücken, die von seinem Sohne aus dem Süden und von seinem
+unheilbaren Leiden kam. An diesem Tage eilte Fürst Bismarck in das
+Palais seines alten Herrn und verweilte dort länger als drei Stunden.
+In dieser Audienz genehmigte der Kaiser den Erlaß, dem Prinzen Wilhelm,
+der später Deutschlands dritter Kaiser wurde, seine Stellvertretung
+zu übertragen; hier gab er auch die letzte Unterschrift seines
+Lebens, durch die der Reichstag geschlossen werden sollte. Auch am
+Mittag des nächsten Tages äußerte der Kaiser den Wunsch, den Gefährten
+seiner Kämpfe zu sehen. Sofort eilte Bismarck herbei zu der letzten
+Unterredung mit seinem teuren Herrn. Noch einmal erörterte mit ihm der
+Kaiser klar und sicher die politische Lage und richtete Worte heißen
+Dankes an den Mann, der sein Ratgeber zu Glück und Größe gewesen war.
+Als dann der Kanzler noch einmal an das schlichte Eisenbett herantrat,
+erkannte der Kaiser den Freund nicht mehr; die letzten Worte, die von
+seinen Lippen drangen, haben gelautet: »Ich habe jetzt keine Zeit, müde
+zu sein!«
+
+[Illustration: »~Der Zerschmetterer~«
+
+Österreich und Italien lecken Bismarck die Stiefel. Er selbst ruft aus:
+»Fürchtet Gott und — den Humpen.« (»Le Grelot«, 19. März 1888)]
+
+Am 9. März morgens ½9 Uhr ist Kaiser Wilhelm entschlafen.
+
+Mittags trat der Reichstag zusammen; der Kanzler erbat sich das Wort,
+und während er mit zitternder Stimme und mit tiefer Bewegung zu reden
+begann, erhob sich das ganze Haus von seinen Sitzen. Und Bismarck
+sprach:
+
+[Illustration: Bismarck am Marterpfahl, der die Inschrift trägt: »Die
+Eroberung von Elsaß-Lothringen ist ein Raub, nichts anderes. Gewiß,
+sie ist eine Tatsache, aber Tatsachen schaffen noch kein Recht. Victor
+Hugo.« (»Le Pilori«, 1887)]
+
+[Illustration: Bismarcks Alp. (»Le Forum«, Mai 1887)]
+
+
+Die Grabrede auf den alten Kaiser
+
+ »Es steht mir nicht zu, meine Herren, von dieser amtlichen Stelle
+ aus den persönlichen Gefühlen Ausdruck zu geben, mit welchen
+ mich das Hinscheiden meines Herrn erfüllt, das Ausscheiden des
+ ersten Deutschen Kaisers aus unserer Mitte. Es ist dafür auch
+ kein Bedürfnis, denn die Gefühle, die mich bewegen, die leben in
+ den Herzen eines jeden Deutschen; es hat deshalb keinen Zweck,
+ sie auszusprechen. Aber das eine glaube ich Ihnen doch nicht
+ vorenthalten zu dürfen, nicht von meinen Empfindungen, sondern
+ von meinen Erlebnissen: daß inmitten der schweren Schickungen,
+ welche der von uns geschiedene Herr in seinem Hause noch erlebt
+ hat, es zwei Tatsachen waren, welche ihn mit Befriedigung und
+ Trost erfüllten. Die eine war die, daß die Leiden seines einzigen
+ Sohnes und Nachfolgers, unseres jetzigen regierenden Herrn, die
+ ganze Welt — nicht nur Deutschland, sondern alle Weltteile, kann
+ man sagen; ich habe noch heute ein Telegramm aus Neuyork in
+ dieser Beziehung erhalten — mit einer Teilnahme erfüllt haben,
+ die beweist, welches Vertrauen sich die Dynastie des deutschen
+ Kaiserhauses bei allen Nationen erworben hat. Es ist dies ein
+ Erbteil, kann ich wohl sagen, welches des Kaisers lange Regierung
+ dem deutschen Volke hinterläßt. Das Vertrauen, das die Dynastie
+ erworben hat, wird sich auf die Nation übertragen, trotz allem,
+ was dagegen versucht wird. Die zweite Tatsache, in der Seine
+ Majestät einen Trost in manchen schweren Schickungen empfand, war
+ die, daß der Kaiser auf die Entwicklung seiner Hauptlebensaufgabe,
+ der Herstellung und Befestigung der Nationalität des Volkes, dem
+ er als deutscher Fürst angehört hatte, — daß der Kaiser auf die
+ Entwicklung, welche die Lösung dieser Aufgabe inzwischen genommen
+ hatte, mit einer Befriedigung zurückblickte, welche den Abend
+ seines Lebens verschönt und beleuchtet hat. Es trug dazu namentlich
+ in den letzten Wochen die Tatsache bei, daß mit einer seltenen
+ Einstimmigkeit aller Dynastien, aller verbündeten Regierungen,
+ aller Stämme in Deutschland, aller Abteilungen des Reichstags
+ dasjenige beschlossen wurde, was für die Sicherstellung der Zukunft
+ des Deutschen Reiches auf jede Gefahr hin, die uns bedrohen könnte,
+ als Bedürfnis von den verbündeten Regierungen empfunden wurde.
+ Diese Wahrnehmung hat Seine Majestät mit großem Troste erfüllt, und
+ noch in der letzten Beziehung, die ich zu meinem dahingeschiedenen
+ Herrn gehabt habe — es war gestern — hat er darauf Bezug genommen,
+ wie ihn dieser Beweis der Einheit der gesamten deutschen Nation,
+ wie er durch die Volksvertretung hier verkündet worden ist,
+ gestärkt und erfreut hat. Ich glaube, meine Herren, es wird für
+ Sie alle erwünscht sein, dieses Zeugnis, das ich aus eigener
+ Wahrnehmung für die letzten Stimmungen unseres dahingeschiedenen
+ Herrn ablegen kann, mit in Ihre Heimat zu nehmen, weil jeder
+ einzelne von Ihnen einen Anteil an dem Verdienste hat, welches
+ dem zugrunde liegt. Meine Herren, die heldenmütige Tapferkeit,
+ das nationale hochgespannte Ehrgefühl und vor allen Dingen die
+ treue, arbeitsame Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes und
+ die Liebe zum Vaterlande, die in unserem dahingeschiedenen Herrn
+ verkörpert waren, mögen sie ein unzerstörbares Erbteil unserer
+ Nation sein, welches der aus unserer Mitte geschiedene Kaiser uns
+ hinterlassen hat! Das hoffe ich zu Gott, daß dieses Erbteil von
+ allen, die wir an den Geschäften unseres Vaterlandes mitzuwirken
+ haben, in Krieg und in Frieden, in Heldenmut, in Hingebung, in
+ Arbeitsamkeit, in Pflichttreue treu bewahrt bleibe.«
+
+[Illustration: Bismarck im Reichstag. Der Friedensengel und der
+Kriegsgott sind gleicherweise erstaunt, als sie seine Rede vernehmen:
+»Wir Deutschen fürchten Gott ...« (»Figaro«, 7. April 1888)]
+
+Mit den Worten: »Keines Menschen Mund kann dem Schmerze Ausdruck geben,
+der ganz Deutschland erfüllt«, schloß der Präsident die Sitzung. Das
+tiefe und warme Urteil aber, das Bismarck in seinem letzten Nachruf
+seinem alten Herrn gewidmet hat, hielt er fest in all den Bitternissen
+der späteren Zeit, und noch die Grabschrift, die er sich gewählt, ist
+ein rührendes Zeugnis der Treue und ein ergreifendes Bekenntnis zu
+Kaiser Wilhelm dem Ersten.
+
+ * * * * *
+
+[Illustration: ~Die deutsche Küche~
+
+Bismarck zu seinem Gretchen: »Man muß die Eier zerschlagen, wenn man
+eine Omelette backen will.« Bismarck als Koch, Kaiser Wilhelm als
+Gretchen, daneben auf dem Küchenstuhle Moltke als Kater. (»Triboulet«,
+1888)]
+
+Die Sonne Bismarcks war hinabgesunken; ein langes Leben gemeinsamer
+großer Arbeit war vorüber. Aber sternenklar blieb auch der Abend. Und
+auch der Inhalt dieses letzten Teiles eines heroischen Daseins ist
+bedeutend gewesen, ja, es konnte geschehen, daß zuletzt Fürst Bismarck,
+als er des Amtes entlassen war, noch über die eigene Größe hinauswuchs.
+Nur ein kurzer Abschnitt noch — zwei Jahre, dann hat das »Niemals«
+des alten Kaisers seine Geltung verloren, und nur aus der Ferne des
+Sachsenwaldes vernahm die Nation noch die Stimme des getreuen Eckart.
+
+ * * * * *
+
+Den ganzen Reichtum zu erschöpfen, den das Leben des Fürsten Bismarck
+in der Zeit all der vergangenen Kämpfe bot, ist unmöglich. Nur hier
+und da mag aus der Fülle seines Erlebens noch ein einzelner Zug
+herausgehoben und anekdotenartig verzeichnet werden.
+
+[Illustration:
+
+ Faust: »Ich grüße dich, du einzige Phiole,
+ Die ich mit Andacht nun herunterhole!
+ — — — — — — — — — — — — —
+ Erweise deinem Meister deine Gunst.«
+
+Bismarck als Faust vor der Wahlurne, aus der der Kartellreichstag
+hervorgehen soll. (»Kladderadatsch«, Februar 1887)]
+
+
+Der Tod des Reitknechtes
+
+ Als des Kanzlers einstiger Reitknecht Hildebrandt gestorben
+ war, den er einst vom Tode des Ertrinkens gerettet, empfing er
+ die Nachricht durch den Bruder, der gleichfalls lange in seinen
+ Diensten gestanden hatte und dann nach Chikago ausgewandert
+ war. Ihm schrieb Fürst Bismarck folgenden eigenhändigen Brief:
+ »Lieber Hildebrandt! Ihren Brief vom 9. habe ich erhalten und mich
+ gefreut, daß es Ihnen gut geht, wenn Sie auch im Laufe der Zeit von
+ Trauerfällen nicht verschont geblieben sind. Ihr Bruder war danach
+ älter, wie ich glaubte. Ihre erste Frau war 1851 ein ganz junges
+ Mädchen, ist also nicht alt geworden. Ich freue mich, daß Sie auch
+ mit der jetzigen glücklich leben und daß sie noch an Deutschland
+ denkt. August wird wohl ein feiner Yankee geworden sein. Mir geht
+ es insoweit gut, als die Meinigen nach Gottes Gnade leben und
+ gesund sind und meine Tochter mir zwei Enkel geschenkt hat; meine
+ Söhne sind leider noch nicht verheiratet; Herbert ist bei der
+ Botschaft in London; der Jüngste arbeitet hier unter mir; beide
+ sind Gott sei Dank gesund, was ich von meiner Frau leider nicht
+ immer sagen kann, und von mir gar nicht; ich jage nicht mehr und
+ reite selten, weil ich zu matt bin, und wenn ich nicht bald mich
+ zur Ruhe setze, so wird meine Lebenskraft verbraucht sein. Wie alt
+ sind Sie jetzt? und was für ein Geschäft treiben Sie, oder haben
+ Sie sich schon zur Ruhe gesetzt? Ihrer Frau können Sie sagen, daß
+ Lauenburg sich sehr aufnimmt; ich bin im Herbst seit dreißig Jahren
+ wieder dort gewesen, bin auch Ehrenbürger der Stadt und grüße als
+ solcher Ihre Frau besonders.«
+
+
+Ein Stammbuchvers
+
+ Das Album einer fürstlichen Frau fand, nachdem Moltke sich darin
+ eingetragen, mit den Worten »Schein vergeht, Wahrheit besteht« auch
+ Zugang zu Bismarck, der unter Moltkes Worte den Vers schrieb:
+
+ »Ich glaube, daß in jener Welt
+ Die Wahrheit stets den Sieg behält,
+ Doch mit der Lüge dieses Lebens
+ Kämpft unser Marschall selbst vergebens.«
+
+
+Fraktur
+
+ Sehr kräftig hat der Kanzler seine Abneigung gegen deutsche
+ in lateinischer Schrift gedruckte Bücher und auch gegen die
+ neue, von dem Minister von Puttkamer eingeführte Orthographie
+ ausgesprochen. Es geschah dies in einem Dankschreiben aus Varzin
+ an die Naturforscher Karl und Adolf Müller in Kassel, die ihm ein
+ Werk über die Tiere der Heimat zugesandt hatten. »Die fesselnde
+ Schilderung und die naturgetreuen Abbildungen haben die Abneigung
+ überwunden,« schrieb er ihnen, »welche mich sonst abhält,
+ deutsche Bücher mit lateinischen Lettern zu lesen, weil ich mit
+ der Zeit, welche Geschäfte und Gesundheit zu meiner Verfügung
+ lassen, haushälterisch umgehen muß. Ich brauche erfahrungsmäßig
+ 80 Minuten, um die Seitenzahl in lateinischer Schrift zu lesen,
+ die =more vernaculo= (nach allgemeiner Sitte) gedruckt, eine
+ Stunde erfordert. Französisch oder Englisch mit deutschen
+ Lettern gedruckt, oder Deutsch mit griechischen, wird jedem
+ Leser, auch dem mit allen Alphabeten gleichmäßig vertrauten, die
+ gleichen Schwierigkeiten machen. Der gebildete Leser liest nicht
+ Buchstabenzeichen, sondern Wortzeichen. Ein deutsches Wort in
+ lateinischen Buchstaben ist ihm eine ebenso fremde Erscheinung, als
+ Ihnen ein griechisches Wort in deutschen Buchstaben sein würde,
+ und nötigt zu langsamerem Lesen, geradeso wie die neuerdings
+ eingeführte willkürliche Entstellung unserer hergebrachten
+ Orthographie. Verzeihen Sie diesen Ausbruch verhaltenen Unbehagens
+ eines einsamen Lesers und sehen Sie in demselben kein Symptom von
+ Undankbarkeit für Ihre freundliche Gabe, bei deren ansprechender
+ Lektüre ich die Nationalität der Typen gern vergesse.«
+
+[Illustration: Ein Neujahrsgeschenk. (»Don Quichotte«, 31. Dezember
+1887)]
+
+
+Die Getreuen von Jever
+
+ Bekanntlich schickten die Getreuen von Jever dem Kanzler jährlich
+ zu seinem Geburtstage 101 Kiebitzeier. Dies geschah am 68.
+ Geburtstage mit folgenden Vers:
+
+ Fast as de Diek üm Jeverland
+ Schlungst Du üm’t dütsche Land dat Band.
+ As üm dat Jeverland den Diek —
+ Schütz Gott den Diekhauptmann von’t Riek!
+
+ Die Getreuen in Jever.
+
+ Fürst Bismarck ließ den freundlichen Spendern diesmal durch den
+ preußischen Gesandten in Oldenburg eine Gegengabe übermitteln. Es
+ war ein silberner Becher in Gestalt eines Kiebitzeies. Außen hatte
+ er die Farbe des Kiebitzeies, innen war er vergoldet. Den Deckel
+ bildete ein Kiebitzkopf; die innere Fläche war mit dem Wappen des
+ Reichskanzlers geziert. Das Ganze ruhte auf einem Kiebitzfuß.
+ Diese Gegengabe begleitete Bismarck mit folgendem Schreiben vom
+ 22. April: »Den ›Getreuen in Jever‹ danke ich herzlichst für die
+ Kiebitzeier und die guten Wünsche, mit denen Sie mich auch in
+ diesem Jahre zu meinem Geburtstage erfreut haben. Gestatten Sie
+ mir, meinem Dank wenigstens durch ~ein~ Ei Ausdruck zu geben,
+ von einem Berliner Kiebitz gelegt. Ich bitte Sie, dasselbe als
+ Andenken zur Benutzung bei gelegentlichem Umtrunk der ›Getreuen‹
+ freundlich entgegenzunehmen, und ich würde mich freuen, wenn ich
+ einem Mitgliede Ihres liebenswürdigen Kreises für das Wohlwollen,
+ welches Sie mir zehn Jahre hindurch bewiesen haben, meinen Dank
+ bei gelegentlicher Anwesenheit in Berlin auch mündlich aussprechen
+ könnte.«
+
+
+Mondschein
+
+ Zu einem seiner Geburtstage hatte der berühmte humoristische
+ Charakterdarsteller Karl Helmerding dem Fürsten folgendes
+ Glückwunschtelegramm gesandt: »Goethe soll im Sterben ausgerufen
+ haben: ›Mehr Licht!‹ Möge die ~Sonne~, welche seinem Wunsche
+ Erfüllung gab, uns noch recht lange leuchten!« — Bismarck
+ erwiderte, gleichfalls telegraphisch: »An den Schauspieler
+ Helmerding! 1. April 1875. Herzlichen Dank! Aber die lieblose
+ Anspielung mit ~Mondschein~ gerade heut’, bei sechzig voll? von
+ Bismarck.«
+
+
+Wie er Modell saß
+
+ Professor Fritz Schaper sollte das Kanzlerdenkmal für Köln
+ ausführen, mußte sich aber damit begnügen, ihn einigemal in der
+ Nähe zu sehen, ohne daß ihm der Fürst als Modell saß. Dafür aber
+ erhielt der Künstler den vollständigen Anzug des Kanzlers, und in
+ diesen wurde ein Berliner Schutzmann gesteckt, der die gleiche
+ Körperbildung wie Bismarck besaß. Fünf Jahre später hatte der
+ Bildhauer eine Büste für den 70. Geburtstag des Reichskanzlers
+ herzustellen. Damals traf er es besser. Er war von Bismarck zu
+ Tisch geladen, aber der Kanzler mochte wohl geglaubt haben, daß die
+ Betrachtung bei der Tafel genüge. Doch als nach Ende des Mahls der
+ Fürst seine Pfeife angezündet hatte, zog plötzlich Schaper sein
+ Handwerkszeug hervor, sagte nur: »Erlauben Sie, Durchlaucht«, und
+ begann den Kopf abzumessen. Dabei hatte er freilich einen Umstand
+ nicht berücksichtigt, nämlich — Tyras, der wütend auf den Künstler
+ lossprang, jedoch schnell zur Ruhe verwiesen wurde. So konnte
+ Schaper, maßgeblich für alle Kollegen, die Größenverhältnisse des
+ gewaltigen Kopfes feststellen. Damit der Fürst bei dieser für ihn
+ langweiligen Messung nicht ungeduldig würde, suchte ihn Schaper
+ nach Kräften zu unterhalten und erzählte dabei ein Histörchen, zu
+ dessen Verständnis daran erinnert sei, daß Bismarck sich einmal den
+ weißen Vollbart hatte wachsen lassen. Ein Schalk — so erzählte nun
+ Schaper — sei während des Karnevals auf das Standbild geklettert
+ und habe dem Kopfe mit — Schlagsahne den Vollbart verliehen; das
+ sei dem Übermütigen freilich schlecht bekommen, denn man habe ihn
+ eingesperrt. Bismarck bemerkte: »Das hätte man mir telegraphieren
+ sollen, ich hätte sofort seine Freilassung verfügt!«
+
+
+Die Ägyptische Frage
+
+ Fürst Bismarck wurde einst von einem gern das große Wort führenden
+ Industriellen, der sich sehr vertraulich zu dem Reichskanzler zu
+ gebärden pflegte, gefragt: »Nun, Durchlaucht, wie wird es jetzt mit
+ der Ägyptischen Frage?« Sehr ruhig antwortete ihm der Fürst mit
+ seiner »wurstigen« Miene: »Daß weiß ich nicht, Herr Kommerzienrat,
+ ich habe heute die Zeitungen noch nicht gelesen.«
+
+
+Noch ein Vers Bismarcks
+
+ Einmal erhielt der Fürst zum Geburtstage von den Stammgästen im
+ »Halben Monde« zu Weißenfels folgenden Glückwunsch:
+
+ »Durchlaucht, wir gratulieren.
+ Sie sind das zwar gewohnt,
+ Doch selten mag’s passieren
+ Von Gästen aus dem Mond.«
+
+ Umgehend erfolgte Bismarcks Antwort:
+
+ »Daß mir Gratulationen
+ Vom Monde zugedacht,
+ Wo selten Gäste wohnen,
+ Das hätt’ ich nie gedacht.«
+
+[Illustration: ~Zeus und die polnische Danaë~
+
+Nicht um sie zu besitzen, sondern um sie mit guter Manier loszuwerden,
+versetzt er der (Polenvorlage) Danaë eins mit dem gütererwerbenden
+Dreihundert-Millionen-Goldregen. (»Ulk«, Februar 1886)]
+
+
+Wie man lästige Besuche entfernt
+
+ Lord Odo Russell, der englische Gesandte am deutschen Hofe,
+ besuchte eines Tages den Fürsten Bismarck in dessen Palais in der
+ Wilhelmstraße in Berlin. Im Laufe der Unterredung meinte der Lord,
+ daß ein Mann wie der Reichskanzler wohl recht oft von lästigen
+ Menschen heimgesucht werde. »Das sei Gott geklagt«, versetzte
+ seufzend der Fürst. »Sie haben aber doch jedenfalls das eine oder
+ andere Mittel, sich solche Leute schnell vom Halse zu schaffen?«
+ »Ei freilich«, schmunzelte Bismarck. »Eines meiner besten ist, daß
+ ich mich durch meine Frau unter diesem oder jenem Vorwande abrufen
+ lasse. Natürlich darf dann der Besucher auch nicht länger bleiben.«
+ Diese Worte waren kaum gesprochen, als die Fürstin hereintrat und
+ mit harmloser Miene bemerkte: »Otto, es ist an der Zeit, deine
+ Medizin zu nehmen, vergiß es nicht.« Der Lord faßte die Sache von
+ der heiteren Seite auf; er brach in ein schallendes Gelächter aus
+ und empfahl sich.
+
+
+Ein löblicher Kanzler
+
+ Einen bemerkenswerten Glückwunsch erhielt Fürst Bismarck zu
+ seinem 70. Geburtstage von den Lehrern der Kreisschulinspektion
+ zu Lüdenscheid. Es war wohl das originellste Telegramm, welches
+ der Fürst unter den Tausenden von Depeschen am 1. April empfing.
+ Dasselbe lautete:
+
+ Fürst Bismarck, Berlin. Sirach 10, Vers 5.
+ Die Schulinspektion zu Lüdenscheid.
+
+ Die zitierte Bibelstelle enthält die Worte: »Es stehet in Gottes
+ Händen, daß es einem Regenten gerate; derselbige gibt ihm einen
+ löblichen Kanzler.«
+
+
+Von der öffentlichen Meinung
+
+ »Sie kennen,« so sagte der Kanzler einmal zu Wagener,
+ »unzweifelhaft den Ausspruch des alten Napoleons, daß drei
+ schreiende Weiber mehr Lärm machen als tausend schweigende Männer.
+ Man tut deshalb auch sehr unrecht, den schreienden Weibern der
+ öffentlichen Meinung irgendeine größere Bedeutung beizulegen.
+ Die wahre öffentliche Meinung ist die, welche sich aus gewissen
+ politischen, religiösen und sozialen Vordersätzen in einfachster
+ Fassung in der Tiefe des Volkslebens erzeugt und regt, und diese
+ zu erkennen und zum Durchbruch zu bringen, das ist die eigentliche
+ Begabung und Aufgabe des starken Mannes. Ich möchte sie die
+ Unterströmung der öffentlichen Meinung nennen. Ich habe deshalb
+ auch nie mit den eigentlichen Parlamentsschreiern gerechnet und
+ habe gerade deshalb die Genugtuung gehabt, die öffentliche Meinung,
+ auf die ich Wert lege, in nachhaltiger Weise für mich zu gewinnen.
+ Die Paulskirche in Frankfurt und das Unionsparlament in Erfurt
+ waren in der Tat eine Versammlung ausgezeichneter Redner, und doch,
+ was ist von denselben übrig geblieben? Versunken und vergessen, das
+ ist des Sängers Fluch.«
+
+[Illustration: Deutschland hat auf der Pariser Ausstellung einen
+Riesenglobus ausgestellt. Der Globus gefiele den Franzosen schon, aber
+das, was oben sitzt, nicht. (»Hum. Blätter«, Febr. 1888)]
+
+
+Vom Werte des Ruhmes
+
+ »Es ist nicht gerade sehr angenehm,« sagte Bismarck einmal zum
+ Geheimrat Wagener, »weder auf vierzehn Schritt belorgnettiert, noch
+ auf vier Schritt beschossen zu werden, und das bißchen Eitelkeit,
+ das in dem Angestauntwerden seine Befriedigung findet, hält nicht
+ lange vor. Alle die kleinen Eitelkeiten des Lebens haben nur so
+ lange Reiz, wie man sie nicht besitzt. Sobald man sie erreicht
+ hat, gilt von allen der Ausspruch des Königs Salomo, daß es eitel
+ ist und keine wahre Befriedigung gewährt. Ich begreife deshalb auch
+ nicht, wie ein Mensch dieses Leben ertragen kann, der nicht an ein
+ anderes und besseres glaubt.«
+
+
+Der Sicherheitsknüppel
+
+ Nach dem Kullmannschen Attentat trug Herr von Rottenburg, wenn
+ er den Kanzler in Kissingen begleitete, stets einen Revolver bei
+ sich, Bismarck gleichfalls. Eines Tages traf dort aus London ein
+ mächtiger Knüppel ein, wie ihn die Londoner Policemen tragen, mit
+ der Zuschrift: »Haben Sie acht.« Als Rottenburg den Fürsten hierauf
+ aufmerksam machte, lehnte dieser seine Begleitung mit den Worten
+ ab: »Ich bin in Gottes Hand!«
+
+[Illustration: Bismarck als Drachen zwischen dem als kriegerisch
+gedachten Kronprinzen Wilhelm und dem Frieden. (»Don Quichotte«, 23.
+Juni 1888)]
+
+
+Die Ahnherren
+
+ Keiner seiner Vorväter, so erzählte einmal Fürst Bismarck, habe
+ seit den Hugenottenkriegen gelebt, der nicht den Degen gegen
+ Frankreich gezogen hätte: »Mein Vater und drei seiner Brüder.
+ Dann war mein Großvater mit bei Roßbach, mein Eltervater gegen
+ Ludwig =XIV.=, und dessen Vater ebenfalls gegen Ludwig =XIV.= in
+ den kleinen Kriegen am Rhein 1672 oder 1673. Dann fochten mehrere
+ von uns im Dreißigjährigen Kriege auf kaiserlicher Seite, andere
+ freilich bei den Schweden. Zuletzt noch einer, der unter den
+ Deutschen war, die als Mietvölker auf der Seite der Hugenotten
+ standen. — Einer — ’s ist der auf dem Bilde in Schönhausen — das
+ war ein origineller Mensch. Ich habe da noch einen Brief von ihm
+ an seinen Schwager, da heißt es: ›Das Faß Rheinwein hat mir selber
+ achtzig Reichstaler gekostet; wenn der Herr Schwager das zu teuer
+ findet, so will ich, so Gott mir das Leben läßt, es selbsten
+ austrinken.‹ Dann: ›Wenn der Herr Schwager das und das behauptet,
+ so hoffe ich, daß ich ihm, so Gott mir das Leben läßt, einmal noch
+ näher an den Leib kommen werde, als ihm lieb ist.‹ Und an einer
+ anderen Stelle: ›Ich habe zwölftausend Reichstaler auf das Regiment
+ verwendet, und die verhoffe ich, so Gott mir das Leben läßt, mit
+ der Zeit wieder herauszuwirtschaften.‹ — Das Herauswirtschaften,
+ damit meinte er vermutlich, daß man sich damals auch für die
+ Beurlaubten und für die sonst nicht vorhandenen Mannschaften den
+ Sold bezahlen ließ. Ja, ein Regimentskommandeur stand sich zu jenen
+ Zeiten anders wie heute.«
+
+
+Roß und Reiter
+
+ Der Fürst hatte infolge seiner Nervosität seit einigen Wochen auf
+ das Rauchen und Weintrinken vollständig verzichtet. Als er dies
+ einmal dem Kaiser Wilhelm mitteilte, sagte dieser: »Sehen Sie, da
+ bin ich doch anders. Ich bin um so vieles älter als Sie, rauche
+ aber dennoch meine Zigarre, trinke mein Glas Wein und befinde mich
+ recht wohl dabei.« »Ja freilich, Majestät,« entgegnete der Kanzler,
+ »das ist eine alte Geschichte, der Reiter hält’s immer leichter aus
+ als das Roß.«
+
+
+Einer, von dem er sich einschüchtern ließ
+
+ Als die Bahn durch den Sachsenwald geführt wurde, besah sich der
+ Fürst fast täglich auf seinem Morgenspaziergange die Bahnarbeiten.
+ Es war ihm wohl nicht lieb, daß der altehrwürdige Wald auf eine
+ weite Strecke hin durchbrochen und die Axt an die Eichen gelegt
+ wurde; aber der Fürst fügte sich den gebieterischen Forderungen der
+ Zeit und hieß sein Herz, das Herz des naturliebenden Landwirts,
+ schweigen. Da kam er einst dazu, als die Arbeiter gerade eine
+ mächtige Eiche gefällt hatten. Sie war der schönsten eine, eine
+ Riesin des Waldes, voll Kraft im tausendjährigen Alter. Da
+ übermannte den Fürsten sein heftiges Temperament, und er befahl
+ den Übeltäter, der des Baumes Todesurteil gesprochen hatte und
+ vollziehen ließ, einen Ingenieur der Bahnbaubehörde, zu sich aufs
+ Schloß. Wütend ging er in seinem Zimmer mit wuchtigen Schritten
+ auf und ab, hastig trat er, als der Diener den Missetäter meldete,
+ dem Eintretenden entgegen. Und als er ihm gegenüberstand, da
+ erstarb ihm der zornigen Worte Schwall auf den Lippen, die finster
+ zusammengezogenen Brauen glätteten sich, und verlegen, ja verlegen
+ bot er dem baumlangen Ingenieur, einem gemessen neun Schuh hohen,
+ breitschulterigen Sohne Mecklenburgs, eine Zigarre und entließ ihn
+ nach einem Gespräche über die gleichgültigsten Dinge der Welt. Im
+ Kreise seiner Familie aber erzählte der Fürst am gleichen Tage noch
+ den Vorgang: »Ich konnte tatsächlich nach ›oben‹ den Ton nicht
+ finden,« meinte er, »der Mensch war ja größer als ich!«
+
+
+Er bringt ein Hoch auf sich selbst aus
+
+ »Es war 1866,« so erzählte der Kanzler einmal, »nach dem Einzug der
+ Truppen, abends. Ich war gerade krank, und meine Frau wollte mich
+ nicht ausgehen lassen. Ich ging aber doch — heimlich —, und wie ich
+ beim Palais des Prinzen Karl wieder über die Straße will, ist da
+ ein großer Haufen Menschen beisammen, der mir eine Ovation bringen
+ will. Ich war in Zivil und muß ihnen mit meinem breiten Hute, den
+ ich in die Stirn gedrückt hatte, ich weiß nicht wessen, verdächtig
+ vorgekommen sein, und einige machten eine feindliche Miene, so daß
+ ich’s für das beste hielt, in ihr Hurra einzustimmen.«
+
+[Illustration: Bismarck als Leuchter dargestellt. Er lauert
+heimtückisch, welches Insekt nun wieder sich an der Flamme verbrennen
+wird. (»Le Triboulet«, 1888)]
+
+[Illustration: Bismarck als Hamlet am Sarge Kaiser Wilhelms I. »Sein
+oder Nichtsein ...« (»Don Quichotte«, 17. März 1888)]
+
+
+
+
+Abendsonne
+
+
+Als Kaiser Wilhelm geschieden war, hat die ganze Schar der Gegner
+des Kanzlers, haben vor allem die Vertreter des Liberalismus, die
+in dem neuen Herrn einen Freund ihrer Weltanschauung und in der
+Kaiserin Friedrich eine erbitterte Feindin seiner Politik zu erkennen
+vermeinten, mit Sicherheit auf seinen Sturz gerechnet. Und obwohl der
+todestraurige Anblick des sterbenden Mannes, der jetzt die Kaiserkrone
+trug, den Gottesfrieden gebieten sollte, ist doch gerade die Zeit
+der neunundneunzig Tage überaus reich an Intrigen aller Art, an
+Feindseligkeiten gegen den großen Staatsmann gewesen.
+
+[Illustration:
+
+Friedrich: »Na, sagen Sie mal, Otto, warum wollen Sie denn eigentlich
+das Geschäft verlassen?«
+
+Otto: »Es kommt mich da mit eenmal zu viel Weiblichkeit in die Firma.«
+
+Es handelt sich um die Zeit der Battenbergschen Hochzeit. Prinzeß
+Viktoria sollte Herrin von Bulgarien werden. Bismarck widerstrebte
+energisch dem Plane in hartem Kampfe gegen die herbeigeeilte Königin
+Viktoria von England und die Kaiserin Viktoria, ihre Tochter.
+(»Figaro«, April 1888)]
+
+Sie haben sich geirrt. Kaiser Friedrich hat festgehalten an dem
+treuen Diener seines Vaters, so eifrige Einflüsse auch sich auf ihn
+geltend machten, und so zweifelhafte Elemente ihn umdrängten. Schon
+aus San Remo hat der neue Herrscher an den ersten Beamten des Reiches
+telegraphiert: »Ich rechne auf Ihren Beistand bei der schweren Aufgabe,
+die mir wird.« Fürst Bismarck fuhr dem Kaiser in Begleitung seines
+Sohnes bis nach Leipzig entgegen. Dort begrüßte er ihn, wurde vom
+Kaiser umarmt und wiederholt geküßt, und in seinem Salonwagen fuhr er
+mit ihm nach Berlin. In einem Erlaß vom nächsten Tage an den Kanzler
+stellte dann der Kaiser die Gesichtspunkte auf, nach denen er seine
+Regierung zu führen gedachte. Dieser Erlaß begann mit den Worten:
+»Mein lieber Fürst! Bei dem Antritt Meiner Regierung ist es Mir ein
+Bedürfnis, Mich an Sie, den langjährigen vielbewährten ersten Diener
+Meines in Gott ruhenden Vaters, zu wenden. Sie sind der treue und
+mutvolle Ratgeber gewesen, der den Zielen seiner Politik die Form
+gegeben und deren erfolgreiche Durchführung gesichert hat. Ihnen bin
+Ich und bleibt Mein Haus zu warmem Danke verpflichtet. Sie haben daher
+ein Recht, vor allem zu wissen, welches die Gesichtspunkte sind, die
+für die Haltung Meiner Regierung maßgebend sein sollen.« Wort für Wort
+konnte Fürst Bismarck das Programm des neuen Herrschers unterschreiben.
+
+So blieb er zur bitteren Enttäuschung seiner Gegner im Amte, noch weit
+hinaus über den Tag, der dem zweiten Kaiser des neuen Reiches das Auge
+brach. Und noch bitterer war die Enttäuschung, als auch der künftige
+Erbe der Krone, Kronprinz Wilhelm, in seiner berühmten Rede zum 73.
+Geburtstage des Kanzlers sich begeistert zu ihm als dem Fahnenträger
+der Nation bekannte:
+
+
+Der Fahnenträger der Nation
+
+ »Eure Durchlaucht! Unter den vierzig Jahren, welche Sie soeben
+ erwähnten, ist wohl keins so ernst und schwerwiegend gewesen
+ als das jetzige. Der Kaiser Wilhelm ist heimgegangen, dem Sie
+ 27 Jahre lang treu gedient! Mit Begeisterung jubelt das Volk
+ unserem jetzigen Hohen Herrn zu, der Mitbegründer der Größe des
+ jetzigen Vaterlandes ist. Eure Durchlaucht werden ihm, wie wir
+ alle, mit derselben altdeutschen Mannestreue dienen wie dem
+ Dahingeschiedenen. Um mich eines militärischen Bildes zu bedienen,
+ so sehe ich unsere jetzige Lage an wie ein Regiment, das zum Sturm
+ schreitet. Der Regimentskommandeur ist gefallen, der Nächste
+ im Kommando reitet, obwohl schwer getroffen, noch kühn voran.
+ Da richten sich die Blicke auf die Fahne, die der Träger hoch
+ emporschwenkt. So halten Eure Durchlaucht das Reichspanier empor.
+ Möge es, das ist unser innigster Herzenswunsch, Ihnen noch lange
+ vergönnt sein, in Gemeinschaft mit unserem geliebten und verehrten
+ Kaiser das Reichsbanner hochzuhalten. Gott segne und schütze
+ denselben und Eure Durchlaucht!«
+
+[Illustration:
+
+Bismarck: »Habe schon so viele Ministerportefeuilles mit Wonne
+begraben, aber bei dieser Leich’ habe ick mir gar nicht unterhalten.«
+
+Zum Sturze Puttkamers, der unter Kaiser Friedrich fiel. (»Hum.
+Blätter«, 17. Juni 1888)]
+
+Einer der giftigsten Pfeile, die man gegen den Kanzler geschleudert
+hat, war die Verleumdung, daß er die Einsetzung einer Regentschaft
+plane und beabsichtigt habe, den kranken Fürsten als regierungsunfähig
+bezeichnen zu lassen. Es ist längst festgestellt, daß Fürst Bismarck
+einen solchen Gedanken niemals gehegt hat. In seinem letzten
+Vermächtnis hat er dies noch einmal festgestellt. Er hat es hier
+auch als eine Fabel bezeichnet, daß ein Thronerbe, der an einer
+unheilbaren Krankheit leide, nach preußischem Hausgesetz nicht
+sukzessionsfähig sei. Gerade eine Frage staatsrechtlicher Art hat
+ihn, den Kanzler, vielmehr genötigt, in das Geschick des Dulders
+einzugreifen: Die behandelnden Ärzte waren Ende Mai 1887 entschlossen
+gewesen, den Kronprinzen bewußtlos zu machen und die Exstirpation des
+Kehlkopfes auszuführen, ohne ihm ihre Absicht angekündigt zu haben.
+Da erhob Fürst Bismarck Einspruch, da verlangte er, daß nicht ohne
+die Einwilligung des Patienten vorgegangen und, da es sich um den
+Thronfolger handelt, auch die Zustimmung des Familienhauptes eingeholt
+werde. Der Kaiser hat dann, durch ihn unterrichtet, den Ärzten
+verboten, die Operation ohne Einwilligung seines Sohnes vorzunehmen.
+
+[Illustration: Kaiser Friedrich ist gestorben, sein Tagebuch
+erschienen. Den Franzosen erscheint Bismarck winzig, an dem Schatten
+des Toten gemessen. (»Don Quichotte«, 6. Oktober 1888)]
+
+Der härteste Kampf zog herauf, als ganz Deutschland in helle Erregung
+durch die Nachricht geriet, daß die Prinzessin Viktoria, Kaiser
+Friedrichs Tochter, sich mit dem Prinzen Alexander von Battenberg
+verloben würde, dem zugleich das Kommando über ein preußisches
+Armeekorps verliehen werden solle. Das Projekt ging zurück auf die
+Königin Viktoria von England, bei der das allen Frauen eigentümliche
+Gelüst, Ehen zu stiften, sich mit der politischen Absicht vereinigen
+mochte, Rußland und Deutschland voneinander zu trennen. War doch der
+einstige Fürst von Bulgarien gerade durch die Abneigung des Zaren
+vom Throne gestürzt worden. Aber dieser Plan entsprach zugleich
+einem Lieblingswunsch der Kaiserin Friedrich, so daß, als Bismarck
+sich zu scharfem Widerspruch genötigt sah, sein Protest zugleich die
+einflußreiche hohe Frau auf die Schanzen rief. Am Ostertage sollte
+Prinz Alexander in Berlin erscheinen. Da überreichte Fürst Bismarck
+dem Kaiser eine Denkschrift von dreißig Seiten, die später durch eine
+Indiskretion, wenn auch in apokrypher Form, in französischen Blättern
+veröffentlicht wurde. Königin Viktoria kam selbst in Charlottenburg an;
+die Erregung im Volke war jedoch schon so hoch gestiegen, daß bei ihrer
+Ankunft auf dem Bahnhofe Vorsichtsmaßregeln getroffen werden mußten.
+Trotz alles heißen Bemühens der Königin lehnte Kaiser Friedrich den
+Heiratsplan ab. Unerhört aber war der Sturm in der Presse, der sich
+damals gegen den Eisernen Kanzler erhob. Fürst Bismarck werfe sich, so
+lärmte man, zum Vormund des Kaiserhauses auf! Wie könne er sich berufen
+fühlen, in einer solchen inneren Angelegenheit der kaiserlichen Familie
+sein Veto zu sprechen? Er nehme nur Rücksicht auf den Zaren, er krieche
+vor Rußland und schiebe deshalb sogar das Selbstbestimmungsrecht seines
+Kaisers zur Seite. Jetzt sei die Frage zu entscheiden, ob in Preußen
+und im Reich der Kaiser oder sein Majordomus regiere. Gewaltig war aber
+auch die Erregung der anderen Teile des Volkes, die mit Schrecken die
+Stellung des unersetzlichen Staatsmannes gefährdet sahen und treffend
+die Frage stellten, ob die Verbindung einer Kaisertochter mit dem
+Sprößling der Nebenlinie eines deutschen Fürstenhauses wichtiger sei,
+als die Erhaltung des Fürsten Bismarck in der Leitung des Deutschen
+Reiches.
+
+Die Kanzlerkrisis ging zu Ende. Fürst Bismarck blieb auf seinem Posten.
+Der Kaiser dankte ihm für seinen Dienst sogar durch eine Reihe von
+Gnadenbeweisen, vor allem durch die Ernennung seines ältesten Sohnes
+Herbert zum Mitglied des Staatsministeriums. Er hatte erkannt, daß
+nie und nimmermehr die deutsche Politik von England bestimmt und
+abhängig werden darf. Er lehnte es ab, wie Fürst Bismarck es nannte,
+für England die bulgarischen Alarmquartiere zu beziehen und von dort
+auf Englands Signal gegen Rußland zu marschieren, wobei dann England im
+weiteren Verlaufe des gewaltigen Ringens mit dem wohlwollenden Gedanken
+zugeschaut hätte: »Schade für jeden Hieb, der auf beiden Seiten
+vorbeigeht!«
+
+Über sein Verhältnis zu Kaiser Friedrich und seine Gemahlin hat Fürst
+Bismarck sich in seinem letzten Vermächtnis noch ausgesprochen:
+
+
+Kein Gedanke daran
+
+ »Als der Gesundheitszustand Wilhelms =I.= im Jahre 1885 Anlaß zu
+ ernsten Besorgnissen gab, berief der Kronprinz mich nach Potsdam
+ und fragte, ob ich im Falle eines Thronwechsels im Dienst bleiben
+ würde. Ich erklärte mich dazu unter zwei Bedingungen bereit:
+ keine Parlamentsregierung und keine auswärtigen Einflüsse in
+ der Politik. Der Kronprinz erwiderte mit einer entsprechenden
+ Handbewegung: ›Kein Gedanke daran!‹ Bei seiner Frau Gemahlin
+ konnte ich nicht dasselbe Wohlwollen für mich voraussetzen; ihre
+ natürliche und angeborene Sympathie für ihre Heimat hatte sich
+ von Hause aus gekennzeichnet in dem Bestreben, das Gewicht des
+ preußisch-deutschen Einflusses in europäischen Gruppierungen in die
+ Wagschale ihres Vaterlandes, als welches sie England zu betrachten
+ niemals aufgehört hat, hinüberzuschieben und im Bewußtsein der
+ Interessenverschiedenheit der beiden asiatischen Hauptmächte,
+ England und Rußland, bei eintretendem Bruche die deutsche Macht im
+ Sinne Englands verwendet zu sehen. Dieser auf der Verschiedenheit
+ der Nationalität beruhende Dissens hat in der orientalischen Frage,
+ mit Einschluß der Battenbergischen, manche Erörterung zwischen
+ Ihrer Kaiserlichen Hoheit und mir veranlaßt. Ihr Einfluß auf
+ ihren Gemahl war zu allen Zeiten groß und wurde stärker mit den
+ Jahren, um zu kulminieren in der Zeit, wo er Kaiser war. Aber auch
+ bei ihr bestand die Überzeugung, daß meine Beibehaltung bei dem
+ Thronwechsel im Interesse der Dynastie liege.«
+
+Zu dem Verfasser hat Fürst Bismarck sich über das Kaiserpaar mehrfach
+geäußert:
+
+[Illustration: Geffckens Veröffentlichungen aus dem Tagebuch Kaiser
+Friedrichs als Steinwurf gegen Bismarcks Haupt. (»La Charge«, 7.
+Oktober 1888)]
+
+
+Das Kaiserpaar
+
+ »Man hat die Willenskraft des Kaisers Friedrich vielfach
+ unterschätzt. Man glaubte ihn abhängig von Schürzen und
+ Weiberröcken. Das ist ganz falsch. Er hatte ein hohes Bewußtsein
+ von seiner Souveränität, und die guten Leute, die von ihm eine
+ starke Wendung nach links erwarteten und in ihm eine besondere
+ Schwäche für den Konstitutionalismus witterten, hätten sich
+ arg getäuscht, wenn er länger regiert hätte. Er war äußerlich
+ verbindlich, aber durchaus selbstherrlich. Ich hätte selbst gegen
+ Weiberintrigen leicht mit ihm regiert. — Na, Kronprinzen schillern
+ ja immer ein bißchen liberal, das ist nun mal so, sie stehen auch
+ immer ein bißchen in Opposition, weil sie zu wenig zu tun haben,
+ wenn sie nicht ganz in den Gamaschen aufgehen, aber das schleift
+ sich ab. Kaiser Friedrich wäre eher ein Autokrat geworden als
+ ein Richterscher. — Die Kaiserin Friedrich ist eine kluge Frau,
+ aber sie ist im Grunde stets Engländerin geblieben. Wenn sie von
+ ›unseren‹ Truppen, von ›unserem‹ Botschafter spricht, so meinte sie
+ stets die englischen Truppen und Lord Loftus oder wer gerade da
+ ist. Ich wünschte, deutsche Prinzessinnen, die sich wegverheiraten,
+ hätten auch was davon. Daß ich bei meiner Verabschiedung sie um
+ ihre Vermittlung bat — gar mit Tränen — ist natürlich Schwindel.
+ Aber sonst standen wir recht gut miteinander, besonders in den
+ letzten Jahren, wenn ich sie auch oft ärgern mußte, wie beim
+ Battenberger. Unser Verhältnis beruhte ja nicht auf Liebe, aber
+ auf gegenseitiger Hochachtung. Einmal, als ich zum Vortrag in
+ Charlottenburg war, rückte sie mir sogar einen Sessel heran. Kaiser
+ Friedrich hielt überhaupt immer darauf, auf meine Bequemlichkeit
+ Rücksicht zu nehmen. Das wurde freilich später anders.«
+
+[Illustration: Aus Geffckens Tagen. (»Punch«, 16. Februar 1889)]
+
+Ein harter Konflikt erhob sich alsbald auch auf dem Boden der inneren
+Politik Preußens. In seinem Mittelpunkte stand der Minister des
+Inneren, der hochkonservative Herr von Puttkamer, dem die öffentliche
+Meinung allzu starke Wahlbeeinflussungen vorwarf. Auch der Kaiser nahm
+gegen ihn Stellung und ersuchte ihn, »in Zukunft die Wahlfreiheit durch
+amtliche Beeinflussung nicht einzuschränken«. Alle Versuche des Fürsten
+Bismarck, den Konflikt auszugleichen, sind jedoch gescheitert, zumal
+da der Minister durch das Verbot eines Lutherfestspieles, in dessen
+Aufführung er eine Störung des konfessionellen Friedens erkannte, die
+Verstimmung des Kaisers noch zu steigern verstand. Am 8. Juni erhielt
+er die Entlassung.
+
+Am 15. Juni 1888 ist dann Kaiser Friedrich gestorben. Die kurze Zeit
+seiner Regierung ist eine Zeit der tiefsten Tragik gewesen. Entsetzlich
+war das Erlöschen der Lebenskräfte dieses hochgesinnten Mannes, war
+die Geschichte der furchtbaren Krankheit, vor der es kein Entrinnen
+gab. Entsetzlich war auch der Streit der Ärzte am Krankenlager des
+bedauernswerten Mannes. Und der Fluch, der dem britischen Arzte Sir
+Morell Mackenzie nach seinem fluchtartigen Scheiden über das Meer
+folgte, war sicherlich wohlverdient. Für Bismarck vor allem waren
+diese neunundneunzig Tage nur Tage der Qual. Denn er, der täglich
+dem Kranken Vortrag halten mußte, war einer der nächsten Zeugen der
+Qualen, unter denen das Leben des Kaisers versiegte. Als dann ohne
+eigentlichen Todeskampf Kaiser Friedrich dahingeschieden war, da hat
+der Kanzler auch ihm den Nachruf gehalten: »Der Königliche Dulder hat
+vollendet. Nach Gottes Ratschluß ist Seine Majestät der Kaiser und
+König Friedrich, unser allergnädigster Herr, nach langem, schwerem,
+mit bewunderungswürdiger Standhaftigkeit und Ergebung in den göttlichen
+Willen getragenem Leiden heute kurz nach 11 Uhr zur ewigen Ruhe
+eingegangen. Tief betrauert das Königliche Haus und unser in so kurzer
+Zeit zum zweitenmal verwaistes Volk den allzufrühen Hintritt des
+geliebten Herrschers.«
+
+Der dritte Kaiser, Wilhelm =II.=, Friedrichs des Dulders Sohn, bestieg
+den Thron. Eine neue Zeit brach für den großen Staatsmann an. Eine
+starke, auf sich selbst ruhende, eigenwillige Persönlichkeit ergriff
+die Zügel der Regierung. Und kaum zwei Jahre hindurch sollte das Band
+dauern, das die beiden Männer miteinander verknüpfte.
+
+Zunächst freilich schien es, als ob das Vertrauen, das der Kronprinz
+eben dem Fahnenträger der Nation ausgesprochen hatte, auch die
+Grundlage für alle Zukunft bilden werde. Schon die Thronrede, die
+sich durchaus zu der Politik des Fürsten Bismarck bekannte, die das
+Versprechen gab, daß auch künftig die soziale Politik »im Anschluß
+an die Grundsätze der christlichen Sittenlehre« geführt werden soll,
+um den Schwachen und Bedrängten im Kampfe um das Dasein Schutz zu
+gewähren, die weiter den Grundsatz aussprach, dem Lande niemals die
+Wohltaten des Friedens verkümmern zu wollen, wenn der Krieg nicht
+eine durch den Angriff auf das Reich oder auf seine Verbündeten uns
+aufgedrungene Notwendigkeit sei, bewies das Bedürfnis des Monarchen,
+den Boden des Vorgängers nicht zu verlassen. Ostentativ reichte der
+Kaiser nach Verlesung der Rede gleich vom Throne herab dem Kanzler die
+Hand, um das herzliche Einvernehmen mit dem ersten Beamten des Reiches
+offen zu bekunden. Hoffnungsvoll und freudig sah das deutsche Volk der
+Zukunft entgegen, zumal da auch der Monarch sich nachdrücklich für
+die Kartellpolitik, für den Zusammenschluß aller nationalen Elemente
+erklärte und alle Versuche, namentlich von kirchlicher Seite, die
+Stellung des Fürsten Bismarck zu erschüttern, kraftvoll zurückwies.
+
+[Illustration: ~Duldsamkeit~
+
+Bismarck war an Luthers Geburtstag, am 10. November 1888, wegen seines
+Eintretens für Harnack, von der Universität Gießen zum Ehrendoktor
+ernannt worden. In seiner Antwort hatte er gesagt: »Meinem Eintreten
+für duldsames und praktisches Christentum verdanke ich diese
+Auszeichnung.« (»Ulk«, Dezember 1888)]
+
+Einen Schatten eigener Art warf nun über diese ersten Sonnentage der
+unerquickliche Streich, den Professor Geffcken mit der Veröffentlichung
+des Tagebuches spielte, das Kaiser Friedrich während des Krieges
+gegen Frankreich geführt hatte, und das eine Reihe von Tatsachen
+enthüllte, die wahrlich nicht dem eigentlichen Zwecke, die Gestalt des
+verblichenen Kaisers mit einer strahlenden Krone zu umgeben, gedient,
+sondern in Wahrheit den toten Kaiser und vor allem sein politisches
+Verhalten im Kriegsjahr in ein unerfreuliches Licht gestellt hat:
+Seine überschwengliche Vorstellung von der deutschen Kaiserwürde, die
+das Recht und die Würde der deutschen Bundesfürsten tief herabdrücken
+mußte, der seltsame Gedanke, den süddeutschen Fürsten die Verkümmerung
+ihrer Kronrechte, wenn es not tat, mit Gewalt abzutrotzen, die
+Darstellung der Differenzen mit dem Fürsten Bismarck — alles das
+erweckte einen überaus peinlichen Eindruck, zumal auch geheime
+Verhandlungen mit der Kurie und den süddeutschen Staaten preisgegeben
+wurden. Fürst Bismarck hielt dieses Tagebuch für gefälscht; er sprach
+es in einem Bericht, den der Kaiser von ihm verlangte, ausdrücklich
+aus und betrieb das strafrechtliche Einschreiten gegen den Professor
+Geffcken. Es ist zu einem Prozeß dann nicht gekommen, weil das
+Reichsgericht das Strafverfahren eingestellt hat.
+
+[Illustration: ~Der Teufel macht sich zum Einsiedler.~ (»Le Don
+Quichotte«, 29. März 1890)]
+
+Ob dieser Vorgang einen Einfluß auf das innere Verhältnis des Monarchen
+zu seinem Kanzler übte? Wer kann es wissen! Zunächst hat jedenfalls
+der Kaiser sich weiter bemüht, in zahlreichen Kundgebungen dem Fürsten
+Bismarck sein Vertrauen und seine herzliche Freundschaft auszusprechen,
+so starke Einflüsse sich auch dauernd gegen den Staatsmann geltend
+machten. Vor allem die kirchliche Orthodoxie stand auf dem Kampfplatz,
+zumal seit der Zeit, da Bismarck für den Professor Harnack, einen
+Schüler Ritschls, und für seine Berufung in die Theologische Fakultät
+der Berliner Hochschule eintrat. Ein Verhalten, das ihm aus Gießen den
+Titel eines Ehrendoktors der Theologie eintrug.
+
+[Illustration: Der Kanzler in Friedrichsruh. Er klebt ein Plakat
+an, daß der Eintritt für Kolporteure, Musikanten und Anwärter auf
+Ministerstellen verboten sei. Im Hintergrunde Bennigsen. (»Lustige
+Blätter«, 30. August 1888)]
+
+
+Ehrendoktor der Theologie
+
+ In dem Diplom, das von Gießen aus dem Kanzler zugesandt wurde,
+ war gesagt worden: »Dem reichbewährten, vornehmsten Ratgeber
+ der evangelischen Könige von Preußen, der erlauchten Stütze
+ der evangelischen Sache in aller Welt, welcher darüber wacht,
+ daß die evangelische Kirche gemäß ihrer Eigenart und nicht
+ nach fremdartigem, für sie verderblichem Vorbilde regiert
+ werde; dem tiefblickenden Staatsmanne, der erkannt hat, daß die
+ christliche Religion allein Heil bringen kann der sozialen Not,
+ die christliche Religion, die ihm die Religion der tatkräftigen
+ Liebe, nicht der Worte, des Herzens und Willens, nicht der
+ bloßen Spekulation ist; dem einsichtigen Freunde aller deutschen
+ Universitäten, der zumal den evangelischen Fakultäten teuer
+ geworden ist durch die Entschlossenheit, mit welcher er für die
+ Freiheit derselben eingetreten ist, ohne welche sie dem Evangelium
+ und der Kirche nicht dienen können.« Bismarck erwiderte am 22.
+ November dankend: »Meinem Eintreten für duldsames und praktisches
+ Christentum verdanke ich diese Auszeichnung. Wer sich der eigenen
+ Unzulänglichkeit bewußt ist, wird in dem Maße, in welchem Alter und
+ Erfahrung seine Kenntnis der Menschen und Dinge erweitern, duldsam
+ für die Meinung anderer.«
+
+[Illustration: Bismarck im »Arabic Punch«]
+
+Für das Verhältnis zwischen dem Kaiser und seinem ersten Diener war vor
+allem der Neujahrswunsch bezeichnend, den der Monarch, der im Sommer
+den Staatsmann in seinem Heim zu Friedrichsruh aufgesucht hatte, am
+Ende des Jahres 1889 an ihn gerichtet hat: »Lieber Fürst! Das Jahr,
+welches uns so schwere Heimsuchungen und unersetzliche Verluste
+gebracht hat, geht zu Ende. Mit Freude und Trost zugleich erfüllt Mich
+der Gedanke, daß Sie Mir treu zur Seite stehen und mit frischer Kraft
+in das neue Jahr eintreten. Von ganzem Herzen erflehe Ich für Sie
+Glück, Segen und vor allem andauernde Gesundheit, und hoffe zu Gott,
+daß es Mir noch recht lange vergönnt sein möge, mit Ihnen zusammen für
+die Wohlfahrt und Größe unseres Vaterlandes zu wirken.«
+
+Eine sachliche Differenz trat erst ein, als während des großen
+Bergarbeiterstreiks des Jahres 1889 der Kaiser sich entschloß, die
+drei Führer der Ausständigen im Schlosse zu Berlin zu empfangen. Fürst
+Bismarck sah hier den Grundsatz durchbrochen, daß ein Monarch sich
+niemals ohne ministerielle Bekleidungsstücke in das öffentliche Leben
+hinauswagen soll; er wußte auch, daß die Delegierten Sozialdemokraten
+seien und daß ihre Berufung zum Kaiser nicht nur keine Frucht tragen,
+sondern die Stimmung nur verschärfen und neue Begierden wachrufen werde.
+
+[Illustration: ~Bismarck und der Tod~
+
+»Scher dich zum Teufel!«
+
+»Laß mich noch hier, du Lieber, bis ich Englands Herze wiedergewonnen
+habe!« (»Djabel«, Krakau, März 1889)]
+
+Durchaus in Übereinstimmung mit dem Kaiser befand sich Fürst Bismarck
+zunächst in der äußeren Politik, vor allem in dem Bemühen, den in
+dem ganzen Weltteil herrschenden Argwohn zu zerstören, daß der junge
+Herrscher nach kriegerischer Betätigung verlange. Hier hatte Fürst
+Bismarck freilich schon früh gewisse Widerstände zu besiegen, die sich
+aus der Neigung des Kaisers ergaben, das kühle Verhältnis zu England
+möglichst freundschaftlich zu gestalten. Gewiß hat der Kanzler es
+gebilligt, daß Kaiser Wilhelm eine weite Rundreise an die europäischen
+Höfe unternahm, aber gerade aus der Überschätzung, die der neue Herr
+solchen Besuchen und der persönlichen Wirkung seiner Persönlichkeit
+entgegenbrachte, sollte später einer der entscheidenden Gründe für die
+Trennung der beiden Männer erwachsen. Nach Wien und Rom ging der Kaiser
+unter voller Zustimmung des Kanzlers, aber Bedenken erhoben sich schon,
+als der Monarch auch Athen und Konstantinopel besuchte, und als er
+auf der Rückreise von Petersburg seine Flotte auch in Stockholm und
+Kopenhagen anlaufen ließ. Es entsprang dem Bedürfnis des neuen Herrn,
+sein Verhältnis zum Fürsten Bismarck deutlich zu erweisen, daß er auf
+allen diesen Reisen sich den Grafen Herbert Bismarck zum Begleiter
+erkor.
+
+Aber die neue Zeit zeigte doch hier und da schon Spuren eines neu in
+das Leben der Nation eingreifenden Willens: der Wunsch des Kaisers, als
+der selbständige Leiter der deutschen Politik zu erscheinen, trat immer
+schärfer hervor, und um diesem Wunsche zu genügen, zog Fürst Bismarck
+sich mehr und mehr in sein Heim im Sachsenwalde zurück. Man hat es ihm
+später vielfach zum Vorwurf gemacht, daß er durch lange Monate der
+Reichshauptstadt fern blieb. Aber er folgte hier nur der Rücksicht
+auf die Wünsche seines kaiserlichen Herrn, unbekümmert darum, daß er
+den Intriganten so den Weg frei gab, die jetzt in der Tat mit allem
+Nachdruck den Sturmlauf gegen den verhaßten Kanzler begannen.
+
+Nur sollte die Absicht nicht so schnell, wie die Ungeduld hoffte,
+zur Erfüllung reifen. Wiederholt besuchte der Kaiser den Fürsten im
+Sachsenwalde, und er nahm auch mit Vorliebe an den parlamentarischen
+Abenden teil, die wieder im Kanzlerhause veranstaltet wurden.
+
+[Illustration: ~Naturgetreue Darstellung der letzten partiellen
+Mondfinsternis~
+
+Gerüchte tauchen auf, daß Graf Waldersee der Nachfolger Bismarcks
+werden soll. (»Ulk«, Juli 1889)]
+
+Noch schwebten keine Differenzen zwischen dem Kaiser und seinem Kanzler
+in den Fragen, die schon nach wenigen Monaten sie voneinander trennen
+sollten. Auch in dem Urteil über das Verhältnis zu Rußland, das doch
+so bald zu scharfer Meinungsverschiedenheit führte, stimmten sie
+noch zusammen. Noch im Oktober des Jahres 1889 zeigte Zar Alexander
+in mannigfacher Weise, wie hoch er den großen Staatsmann schätze:
+Bei seinem Besuche in Berlin zeichnete er ihn in jeder Weise aus
+und gab auch äußerlich seiner Freundschaft für den Kanzler durch
+die Überreichung seines Miniaturbildes in Form einer geschmackvoll
+gearbeiteten, überaus wertvollen Dose Ausdruck. Und in seinem
+Neujahrsglückwunsch hat Kaiser Wilhelm noch besonders betont, daß es
+vor allem der Tatkraft und Weisheit des Fürsten Bismarck zu danken
+sei, wenn der äußere Frieden erhalten blieb und die Bürgschaften für
+seine Wahrung noch verstärkt worden seien. — Hier mochte er zunächst
+an die Vorgänge denken, die sich an die widerrechtliche Verhaftung des
+deutschen Polizeikommissars Wohlgemuth aus Mülhausen im Elsaß knüpften.
+Diesen Vorgang hatte Fürst Bismarck sehr ernst aufgefaßt; er hatte
+deshalb den Niederlassungsvertrag mit der Schweiz gekündigt und darauf
+hingewirkt, daß dieses Land endlich durch einen Bundesanwalt und die
+Zentralisation der politischen Polizei in der Hand des Bundesrates
+dem beunruhigenden Treiben revolutionärer Elemente und dem Mißbrauch
+des Schweizer Asylrechtes die nötigen Schranken zog. Der Konflikt ist
+beigelegt worden. Die Bürgschaften der Schweiz wurden in erwünschter
+Weise verstärkt. — Ein anderes Faktum, das dem Kaiser jenen Dank für
+die Sicherung des Friedens in den Mund gelegt haben mochte, hatte sich
+an den Versuch der Panslawisten geknüpft, den deutschen Kanzler dem
+Zaren als den Urheber des plötzlichen Todes seiner »Hauptgegner«, des
+Kronprinzen Rudolf von Österreich, des Generals Chancy, Gambettas,
+Skobelews und des Königs Ludwig von Bayern zu denunzieren. In einer
+persönlichen Unterredung mit dem Zaren gelang es dem Staatsmann,
+nicht nur diese Verleumdungen zu entkräften, sondern auch das letzte
+Mißtrauen gegen seine Friedensliebe zu zerstören. Aber schon in jener
+Unterredung, so hat man später erfahren, hat der Zar zu Bismarck
+die Worte gesprochen: »Ja, Ihnen glaube ich, und in Sie setze ich
+Vertrauen, aber sind Sie auch sicher, daß Sie im Amte bleiben?« Fürst
+Bismarck sah, so erzählte er später, den Zaren erstaunt an und sagte:
+»Gewiß, Majestät, ich bin dessen ganz sicher, ich werde mein Leben
+lang Minister bleiben. Ich hatte«, so fügte er später hinzu, »keine
+Ahnung davon, daß eine Änderung bevorstand, während der Zar selbst, wie
+die Frage zeigt, von der Wandlung, die sich vollziehen würde, bereits
+unterrichtet sein mußte.«
+
+[Illustration: ~Stille Betrachtung~
+
+»Da haben sie mir die Spitzel rausgeschmissen, und dort bei dem hohen
+Turm spitzeln sie über die Schmisse, die sie von mir erhalten haben.
+Soll man da nicht ärgerlich sein?«
+
+Es handelt sich um die Affäre Wohlgemut. Ein deutscher Polizeibeamter
+dieses Namens war aus der Schweiz ausgewiesen worden. (»Nebelspalter«,
+15. Juni 1889)]
+
+[Illustration: »Halt, mein Alter, hier hast du etwas zur Beruhigung.
+Und wenn du weiter drängst, dann werden dir meine Freunde da im Westen
+etwas auf die Hand geben.« (»La Chanson«, Mai 1889)]
+
+[Illustration: ~Der Dreibund~
+
+Orpheus lullt Cerberus in den Schlaf. (»Punch«, 19. Okt. 1889)]
+
+Daß aber die ersten ernsthaften Differenzen zwischen dem Kaiser und
+seinem Kanzler gerade auf diesem Gebiete und auch sonst bis in den
+Sommer des Jahres 1889 zurückgehen, ist historisch festgestellt. Wenn
+später ein Pester Blatt erzählte: »Der Gegenbesuch des Zaren in Berlin
+schloß mit der Aussicht, daß Kaiser Wilhelm im Sommer 1890 wieder Gast
+in St. Petersburg sein und den russischen Manövern beiwohnen werde;
+Fürst Bismarck aber war von dieser Aussicht nicht so erfreut, wie es
+der Kaiser wünschte«, so ist diese Auffassung leider wohlbegründet
+gewesen. Und zutreffend war auch die Versicherung: »Daß der frühere
+Kanzler bestrebt war, mit Rußland, wenn nicht Freundschaft, aber so
+doch ein erträgliches Auskommen zu unterhalten, hat man aus seinem
+Munde oft genug gehört, ebenso aber auch, daß die Bundestreue jener
+traditionellen Freundschaft voranstehen muß.« Denn es ist kein Zufall,
+daß die letzten Jahre seines Lebens erfüllt waren von sorgenvollen
+Betrachtungen über die Ausgestaltung unserer Beziehungen zu dem
+östlichen Nachbarn, und kein Zufall ist es, sondern eine wundersame
+Schickung, daß ebenso wie der verewigte Kaiser, so auch sein treuer
+deutscher Diener noch am letzten Tage des Lebens die Notwendigkeit
+eines Einvernehmens mit Rußland hervorhob. Gerade deshalb sah er es
+als ein Glück für Deutschland an, daß die orientalische Frage nicht
+in den Kreis unserer Interessen fiel: »Die ist für uns mehr als für
+die anderen Mächte mit dem Gravitieren der russischen Macht nach Süden
+verträglich; wir können die Lösung eines von Rußland geschürzten
+Knotens länger als andere abwarten.« Darum hat er auch später unsere
+Initiative in der griechischen Frage mit Sorge verfolgt.
+
+Immerhin blieb das Verhältnis zwischen Kaiser und Kanzler nach außen
+hin noch durchaus herzlich. Von seiner Orientreise aus sandte der
+Monarch nach Friedrichsruh begeisterte Telegramme, und stets zeigte
+er ihm eine fast ängstliche Sorge um seine Gesundheit, bis dann die
+verschiedenartige Auffassung der sozialen Frage und der Zusammenbruch
+des Kartells zu immer schärferer Spannung führten. Am 30. September
+nämlich war das Sozialistengesetz abgelaufen, und es wurde nicht nur
+seine Verschärfung, sondern auch seine Verlängerung für ewige Zeiten
+gefordert. Nach dem neuen Vorschlag sollten sozialistische Agitatoren
+der Ausweisung unterliegen und ihre Organe nach zweimaliger Verwarnung
+verboten werden können. Der alte Kämpfer war eben der Ansicht, daß
+die sozialistische Bewegung in ihrer letzten Wirkung keine Rechts-,
+sondern eine Kriegsfrage sei. Er hielt den Kampf mit dieser Richtung
+für unvermeidlich und wollte ihn je eher je lieber führen und eben
+deshalb die Staatsgewalt in den Besitz aller Mittel setzen, um sich als
+Herrin im Lande zu erhalten. Im Reichstag jedoch widerstrebte man. Hier
+war man nur bereit, das alte Gesetz zu verlängern, und erst später, in
+der zweiten Lesung, entschloß man sich, es wohl als dauernd anzunehmen,
+strich jedoch die geplante Verschärfung.
+
+[Illustration: ~Die besorgte Erzieherin~
+
+Direktrice: »Gefälligst für sich schauen, meine Damen. Nur keine
+Zerstreuungen und Seitenblicke, wenn ich bitten darf!« (»Nebelspalter«,
+20. Oktober 1889)]
+
+Am Tage vor der dritten Lesung traf nun Fürst Bismarck in Berlin
+ein, um den Vorsitz in einer Sitzung des Staatsministeriums zu
+übernehmen, in der man sich über die Haltung der Regierung schlüssig
+machen sollte. Sein Eintreffen war herbeigeführt worden durch eine
+Depesche des Sohnes, die ihn gleichzeitig über die Schwierigkeiten
+der Lage aufgeklärt hat. Schon damals stieß Fürst Bismarck bei den
+Ministern auf Stimmungen, die es ihm deutlich machten, daß der Wind
+an höchster Stelle umgeschlagen sei. Von der Sitzung ging dann der
+Kanzler zum Kaiser und trug ihm den Wunsch vor, von der Leitung des
+Handelsministeriums entbunden zu werden. Unmittelbar darauf fand
+ein lang andauernder Kronrat unter dem Vorsitz des Kaisers statt.
+Hier wurden zur Überraschung des leitenden Staatsmannes von dem
+Minister von Bötticher die bekannten Erlasse über den Arbeiterschutz
+vorgetragen, die durchaus nicht mit den Anschauungen des Kanzlers
+in Einklang standen. Fürst Bismarck erklärte sich entschieden gegen
+ihre Veröffentlichung. Er fürchtete, daß sie nur die Begehrlichkeit
+steigern, keineswegs aber der Agitation ein Ziel setzen würden;
+er war auch der Meinung, daß sie einen zu tiefen Eingriff in das
+Selbstbestimmungsrecht des einzelnen machen und daß sie vor allem von
+der deutschen Industrie nicht getragen werden könnten. Aber diese
+Erlasse beruhten auf einer Lieblingsidee des Kaisers, und so war
+Bismarck genötigt, ihnen nach Kräften eine Form zu geben, die seinen
+Bedenken Rechnung trug. Vergebens hat er sich immer wieder bemüht,
+den Kaiser umzustimmen, ihn gebeten, sie ins Feuer zu werfen. Hatte
+aber der Monarch gemeint, durch sie einen wohltätigen Einfluß auf den
+Ausfall der nahen Wahlen zu üben, so sah er sich rasch genug bitter
+getäuscht. Denn diese Wahlen brachten den vollen Zusammenbruch der
+staatstreuen Mehrheit. Am 4. Februar 1890 sind dann die Erlasse ohne
+die Gegenzeichnung des Kanzlers erschienen.
+
+[Illustration: »Potz Spandau, die roten Blumen sind mir gar zu sehr in
+die Höhe geschossen! Da können Sie, lieber Herr Obergärtner, noch nicht
+gehen, Ihr Tagewerk ist noch nicht vollbracht.« (»Figaro«, Anfang März
+1890)]
+
+Hier aber setzten vor allem die Intrigen ein, die auf seinen Sturz
+zielten. Fürst Bismarck sprach sich ein Jahr später darüber aus: Ihm
+sei das Aushalten wesentlich erschwert worden durch die Bestrebungen
+anderer, sich zwischen ihn und den Kaiser zu schieben und dem Kaiser
+näherzutreten als ihm der Kanzler stand, der nach der Verfassung der
+alleinige Ratgeber des Kaisers und der dem preußischen Staat für die
+Gesamtpolitik vorzugsweise verantwortliche Ministerpräsident war.
+Diese Gegenströmungen waren es zunächst, die die Haltbarkeit der
+verfassungsmäßigen Stellung des Reichskanzlers beeinträchtigten. »Sie
+fanden von mannigfachen Seiten her statt: von militärischer Seite,
+von Privatleuten, die das Ohr des Kaisers suchten, von Kollegen des
+Kanzlers, von konservativen Fraktionsführern und auch von höheren
+Stellen aus. Am wirksamsten waren die Beziehungen, welche Kollegen
+des Kanzlers und der Umgebung des letzteren, unter Bekämpfung seiner
+Politik und unter Benutzung ihres amtlichen Zutritts zur höchsten
+Stelle, erlangten.« Hier hat der Kanzler wohl auf die Minister
+von Heyden und von Bötticher, auf den Erzieher des Kaisers, =Dr.=
+Hintzpeter, auf die Herren von Helldorff und Stöcker, auf den Grafen
+Waldersee, den General von Caprivi und Herrn von Hammerstein gewiesen.
+Von welcher Seite aber die üble Verleumdung dem Kaiser zugetragen
+wurde, daß Fürst Bismarck dem Morphinismus und der Trunksucht in
+solchem Maße verfallen sei, daß er bereits den Zusammenhang seiner
+Gedanken verloren habe, ist nie erwiesen worden. Daß man sie erhoben
+hat, steht aber schon deshalb fest, weil der Kaiser es für notwendig
+hielt, den Hausarzt des Fürsten zu berufen, um sich vom Tatbestand zu
+überzeugen. Die Antwort des derben bayrischen Arztes ließ allerdings
+an Klarheit nichts zu wünschen übrig: »Majestät, das ist eine elende
+Verleumdung, und ich kenne die, von denen sie ausgeht.«
+
+[Illustration: Bei den Reichstagswahlen war das Kartell zersprengt
+worden, und die Sozialdemokraten gewannen 35 Mandate. (»Hum. Blätter«,
+1890)]
+
+Die Geschichte der Entlassung des Fürsten Bismarck in jeder Einzelheit
+zu verfolgen, all den Fäden nachzugehen, mit denen die Zwerge den
+Riesen zu umschlingen versuchten, ist hier nicht der Ort. Es genügt der
+Hinweis, daß die Differenzen über die soziale Frage, das Verhältnis
+zu Rußland und die Kabinettsorder vom Jahre 1852, die den Verkehr der
+Minister beim Landesherrn regelte, den Anlaß boten, und daß die Krise
+ihre letzte Spitze durch den Empfang erhielt, den Fürst Bismarck dem
+Führer des Zentrums, Herrn Windthorst, gewährte.
+
+Am Abend des 19. März hat Fürst Bismarck auf das wiederholte Ersuchen
+des Kaisers das Schriftstück eingesandt, das als sein Entlassungsgesuch
+bezeichnet wird. In dem Handschreiben aber, mit dem der Monarch sich
+von dem Berater der Nation trennte, war es noch einmal ausgesprochen,
+was Deutschland, was das Haus der Hohenzollern diesem unvergleichlichen
+Manne verdankte. »Gott segne Sie, mein lieber Fürst, und schenke Ihnen
+noch viele Jahre eines ungetrübten und durch das Bewußtsein treu
+erfüllter Pflicht verklärten Alters«, so schloß das Schriftstück.
+Zugleich wurde dem großen Staatsmann der Titel eines Herzogs von
+Lauenburg verliehen. Zwei Tage später telegraphierte der Kaiser an
+einen Freund: »Mir ist so weh ums Herz, als hätte ich meinen Großvater
+noch einmal verloren! Es ist mir aber von Gott einmal bestimmt, also
+habe ich es zu tragen, wenn ich auch darüber zugrunde gehen sollte. Das
+Amt des wachhabenden Offiziers auf dem Staatsschiff ist mir zugefallen.
+Der Kurs bleibt der alte, und nun Volldampf voraus!«
+
+Der Kurs ist leider nicht der alte geblieben. Gerade hieraus hat sich
+dann die ungeheure Tragödie entwickelt, die mit ihren Schatten und
+ihrer Qual die letzten acht Lebensjahre des Fürsten Bismarck bedeckte
+und die einen Vergleich nur in dem Schicksal des Themistokles findet.
+Die Entlassung Bismarcks war die schicksalsschwerste Tat Kaiser
+Wilhelms =II.= Er selbst hat es später empfunden, als er wiederholt
+dem treuesten Diener des deutschen Volkes die Hand zur Versöhnung bot.
+Aber mit diesem Tage, der das deutsche Volk seines weisesten Beraters
+beraubte, begann zugleich eine Zeit schwerer innerer Konflikte für
+viele, die mit der tiefen Dankbarkeit für den Schöpfer des Reiches
+auch die Ehrerbietung für den Träger der Krone vereinen wollten und
+durch die wachsende Schärfe der Gegensätze immer tiefer sich verwundet
+fühlten. So wurde der 20. März 1890 ein Trauertag für ganz Deutschland,
+ein Tag des Jubels für alle Feinde. Er wurde von den Volksgenossen um
+so schmerzlicher empfunden, als die Umstände, die ihn begleiteten,
+den Eindruck erweckten, daß neben dem Unrecht auch die Kränkung nicht
+fehlte. Fürst Bismarck hat später von jenen Tagen gesagt, daß er sich
+mit den Seinen »etwa wie eine deutsche Familie erschien, die im Jahre
+1870 aus Paris ausgewiesen wurde«. Ehe er fortging, empfing ihn der
+Kaiser. Was zwischen den beiden Männern gesprochen wurde, ist nicht
+bekannt. Überaus herzlich zeigte sich die Kaiserin, die ihre Knaben zum
+Abschiednehmen herbeirief. Am Vormittag des 28. März fuhr dann Bismarck
+hinaus zum Mausoleum und legte auf den Sarg seines alten Herrn als
+letzten Gruß drei blühende Rosen. Welche Gedanken mögen damals durch
+sein Haupt gegangen sein! Noch niemals hat die Künstlerin Geschichte
+ein so ergreifendes Bild gezeichnet wie an diesem Tage, da der treueste
+Diener sich dem treuesten Herrn zum letztenmal huldigend neigte.
+
+[Illustration: Die tschechische Umschrift zu dem Bilde lautet: »Der
+böse Geist des Berliner ›Freischützen‹ soll im Hintergrunde warten, bis
+der Kaspar in der ›Marterhöhle‹ rufen wird: ›Samiel, hilf — Geschütze
+zu beschaffen.‹« Die Inschrift auf dem Kessel lautet: »Deutschlands
+Hegemonie.« Der Kessel ist von Totenköpfen umgeben. Im Hintergrunde
+drohen Frankreich und Rußland als Fledermaus und Drache. (»Hum. Listy«,
+März 1890)]
+
+Am Tage darauf verließ Fürst Bismarck Berlin.
+
+[Illustration: »Adieu, Kinder, gehabt euch wohl.« (»Strekosa«, März
+1890)]
+
+[Illustration:
+
+ Der neue Barbarossa,
+ Der grollend seitwärts schlich,
+ Im Friedrichsruher Schlosse
+ Hält er verborgen sich.
+
+ Er hat hinabgenommen
+ Die Kanzlerherrlichkeit
+ Und möchte wiederkommen
+ Zu ihm geleg’ner Zeit.
+
+ Der Stuhl ist elfenbeinern,
+ Darauf Fürst Bismarck sitzt,
+ Der Tisch ist marmelsteinern,
+ Worauf sein Haupt er stützt.
+
+ Aus seiner Tabakspfeife
+ Saugt er die Wolken ein,
+ Es wuchs sein Haar, das steife,
+ Dreiteilig durchs Gestein.
+
+ Er spricht zum Arzt: Nun blicke
+ Durchs Fenster in die Welt
+ Und melde mir zurücke,
+ Was dir ins Auge fällt.
+
+ Und wenn das Volk der Raben
+ Noch diesen Berg umschwirrt,
+ Dann muß Geduld ich haben,
+ Bis daß es anders wird.
+
+ (»Lustige Blätter«, 1890)]
+
+
+Abschied von Berlin
+
+ Heller, warmer Sonnenschein durchflutete die Straßen, ein maienhaft
+ schöner Frühlingstag begünstigte die Ansammlung der vielen
+ Tausende, welche dem scheidenden großen Staatsmann ein Lebewohl
+ zurufen wollten. Die Menge konzentrierte sich von vier Uhr ab
+ in den Straßen, durch welche der Weg nach dem Bahnhof führt, in
+ der Wilhelmstraße, Unter den Linden, am Brandenburger Tor, auf
+ dem Königsplatz bis zum Lehrter Bahnhof. Unter den Linden waren
+ der südliche Bürgersteig, die Fahrdämme und die Mittelpromenade
+ von dichtgedrängten Menschenreihen besetzt; Fenster und Balkone
+ waren dicht gefüllt; ein größeres Aufgebot von Schutzleuten hatte
+ alle Mühe, die Fahrwege freizuhalten und den Verkehr zu regeln.
+ Auf dem Pariser Platz waren zu beiden Seiten mehrfache Reihen
+ von Equipagen und Droschken aufgefahren, deren Insassen sämtlich
+ darauf harrten, dem Fürsten Bismarck ihren Scheidegruß zuzurufen.
+ Ein dunkles, dichtes Menschengewühl erfüllte die Wilhelmstraße von
+ den Linden bis zum Wilhelmsplatz. Hier bemerkte man viele Damen in
+ schwarzer Kleidung, mit Blumenbuketts und Kränzen in den Händen.
+ Zahlreiche Schutzleute zu Fuß und zu Pferde hatten den Bürgersteig
+ und die Straße vor dem Reichskanzlerpalais freigehalten; gleichwohl
+ gelang es mit Blumenspenden beladenen Damen und Herren, die
+ Schutzmannskette zu durchbrechen und vor dem Gittertor des Palais
+ Aufstellung zu nehmen. Schweigend und in tiefer Bewegung harrten
+ die Tausende des Moments der Abfahrt. — Fünf Minuten nach fünf
+ Uhr kam Bewegung in die Menschenmenge. Der erste der auf dem
+ Hofe des Palais haltenden Wagen war vor dem Portal vorgefahren,
+ und Fürst Bismarck in seiner Kürassieruniform mit den Abzeichen
+ seiner neuen Würde trat heraus, hinter ihm Graf Herbert Bismarck
+ in Zivilkleidung. Der Fürst hatte noch einen letzten Abschied
+ von seinen nächsten Gehilfen genommen. Er warf auf die ihm so
+ vertrauten Räume vor dem Einsteigen noch einen langen Blick. Schon
+ aber hatten die brausenden Hurras und Hochrufe eingesetzt, Tücher
+ wurden geschwenkt, und ein wahrer Regen von Blumen und Kränzen
+ flog in den offenen Wagen hinein, als der einfache Wagen zum
+ Ehrenhof hinausfuhr. Eine unbeschreibliche Begeisterung war in die
+ Menschenmassen beim Anblick des scheidenden Kanzlers gekommen; die
+ Menge warf sich dem Wagen entgegen, stürzte zu beiden Seiten vor
+ und brachte die Pferde zum Stehen. Einen Augenblick schien es,
+ als ob man die Pferde ausschirren wollte. Fürst Bismarck dankte
+ nach allen Seiten grüßend; ein freundliches Lächeln war über seine
+ ernsten Züge geflogen. Langsam nur konnte der Wagen vorwärts
+ kommen; wie widerwillig nur machten die Menschenmassen vor dem
+ Wagen Platz. Die begeisterten Hochrufe, das Tücherschwenken, die
+ Abschiedsrufe, die Blumenspenden wiederholten sich Unter den Linden
+ bis zum Brandenburger Tor hinaus. Ein nachdrängender unendlicher
+ Menschenstrom wälzte sich, immer anschwellend und alles mit sich
+ ziehend, dicht hinter dem Wagen des Fürsten einher, so daß die
+ anderen Wagen bald weit von dem Wagen des Fürsten getrennt waren.
+ In dem zweiten Wagen saßen die Fürstin Bismarck mit dem Grafen und
+ der Gräfin Wilhelm Bismarck, im dritten Professor Schweninger,
+ im vierten Wagen — was viel bemerkt wurde — Reichskanzler von
+ Caprivi. Die Fahrt gestaltete sich zu einem Triumphzuge, wie ihn
+ Berlin lange nicht gesehen hat. Auf den Bürgersteigen der Straßen
+ standen Kopf an Kopf Männer aus dem Volke, elegant gekleidete Damen
+ und Herren aus den besten Gesellschaftsschichten, darunter sehr
+ viele Offiziere; es schien, als ob sie alle in der Herzlichkeit
+ der Huldigungen wetteiferten, welche sie dem Fürsten Bismarck
+ darzubringen bemüht waren. Die Großartigkeit dieser unvorbereiteten
+ Huldigung verfehlte auf den Fürsten ihre Wirkung nicht. Der Schmelz
+ aufrichtiger Rührung verklärte die Züge des eisernen Mannes, und
+ die zuckenden Winkel seines lächelnden Mundes verrieten tiefe
+ Bewegung. — Auf dem vom hellen Sonnenlicht übergossenen Lehrter
+ Bahnhof, von dem aus die Abreise nach Friedrichsruh mit dem
+ Expreßzuge um fünf Uhr vierzig Minuten erfolgte, herrschte bereits
+ in den ersten Nachmittagsstunden ein außergewöhnliches Leben. Die
+ Wartesäle waren bereits um drei Uhr überfüllt; alle Schichten der
+ Bevölkerung waren vertreten; neben den Damen der Aristokratie, die
+ meistens in tiefste Trauer gehüllt waren, hatten sich zahlreiche
+ Frauen aus dem Handwerkerstand und aus den arbeitenden Klassen
+ eingefunden. Noch bunter zusammengesetzt war womöglich das
+ Männerpublikum: Generale in goldstrotzender Uniform, Offiziere der
+ Gardetruppen und der Linie. Zu ihnen gesellten sich Parlamentarier,
+ bekannte Rechtsanwälte, Ärzte, Studenten, Kaufleute, Handwerker,
+ Arbeiter; jeder Stand schien vertreten. Vor dem Bahnhofe hatten
+ zahlreiche Blumenverkäufer Posto gefaßt; so voll ihre Körbe auch
+ von Blumen waren, ein Augenblick genügte, und sie waren entleert.
+ Alle Frauen trugen Blumensträuße; der Wartesaal schien in einen
+ einzigen Blumenhain verwandelt; die Vorsitzenden und Leiter
+ zahlreicher Vereine hatten gleichfalls Blumenstücke von seltener
+ Pracht und Größe mitgebracht. Bemerkenswert war besonders eine
+ von englischen Damen dem Fürsten bei seiner Abfahrt überreichte
+ Gabe: aus florüberzogenem Veilchenkissen hob sich der Erdball,
+ ebenfalls mit schwarzer Gaze umzogen, hervor. — Die vierte Stunde
+ war herangekommen; in den Wandelgängen des Bahnhofes schob sich
+ die Menge; alles drängte nach den Ausgangstüren, aber dieselben
+ waren verschlossen, und an der Billetthalle prangte ein Plakat,
+ laut welchem nur denjenigen Personen, die Fahrkarten gelöst
+ hätten, der Eintritt zum Perron gestattet sei. Nun galt es, sich
+ mit Billetten zu versehen, und die Schalter wurden gestürmt: »Ich
+ bin ein Preuße«, so schmetterte mit einemmal die Musik; eine
+ Ehreneskadron der Gardekürassiere mit Fahnen rückte heran; das
+ gesamte Offizierkorps des stolzen Regiments befand sich bei der
+ Eskadron. In zwei Gliedern nahmen die Mannschaften mit gezogenem
+ Pallasch auf dem Bahnhof Aufstellung. Vor dem Fürstenzimmer
+ stellten sich zwei Gardekürassiere als Ehrenwache auf. — Als der
+ Fürst auf dem Lehrter Bahnhofe anlangte, stürzte sich von allen
+ Seiten die Menge unter Hochrufen auf den Wagen. Die Schutzleute,
+ welche zur Absperrung des Bahnhofes aufgeboten waren, konnten oder
+ wollten diesen Sturmlauf nicht hemmen; halb stieg der Fürst aus
+ dem Wagen, halb wurde er hinausgehoben, und hinter ihm her stürzte
+ die Menge auf den Bahnsteig. Mit so überwältigender Kraft vollzog
+ sich die Kundgebung, daß gar nicht an einen Versuch gedacht werden
+ konnte, ihr Einhalt zu gebieten. Der Kanzler empfing sodann aus
+ den Händen des Offiziers, der die Ehrenwache befehligte, unter
+ den Klängen des Präsentiermarsches den Rapport und schritt die
+ Front ab. — Es war zwanzig Minuten nach fünf Uhr; Fürst Bismarck
+ betrat den Perron; alle Häupter entblößten sich; tief gerührt und
+ freundlich lächelnd reichte der Fürst allen die Hand und schritt
+ dann langsam die Ehreneskadron ab. Vor dem Coupé seines Salonwagens
+ nahm der Fürst Aufstellung; nun spielten sich Szenen ab, geradezu
+ überwältigend, unbeschreiblich. Von einer Begeisterung, Glut, von
+ einer Wärme, von einem Feuer, von einer Nachhaltigkeit, die wie mit
+ elementarer Wucht hervorbrachen. Hinter den Gardekürassieren, in
+ den Fenstern der Wartesalons stand in dichter, undurchbrechbarer
+ Kette die Menge; ein Hurrarufen ohne Ende brach los; wenn die
+ Hochs auf der einen Stelle zu ersterben drohten, dann setzten sie
+ an der anderen gewaltiger wieder ein. Da erhob sich mit einemmal
+ eine laute, schrille Stimme mit dem Ruf: »Auf Wiedersehen!«, und
+ »Auf Wiedersehen!« fielen Hunderte und Tausende in diesen Ruf ein.
+ »Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!« so hallte es durch den weiten
+ Raum. »Der Begründer des Deutschen Reiches, Fürst Bismarck, lebe!«
+ ließ sich eine Stimme vernehmen, »er lebe hoch«; alle, alle ohne
+ Ausnahme fielen ein. Es stand der Fürst noch über fünf Minuten auf
+ dem Perron, umbraust, umstürmt von den Hoch- und Hurrarufen; der
+ ganze Salonwagen glich einem duftenden Hain; da fingen die Rufe:
+ »Auf Wiedersehen!« von neuem an; sie wurden stärker, mächtiger. Die
+ Glocke erklang; die Truppen präsentierten; die Musik spielte; ihre
+ Klänge erstarben in den Hoch- und Hurrarufen. Die »Wacht am Rhein«
+ wurde nochmals gesungen, und langsam fuhr der Zug aus der Halle.
+ Fortwährend winkte der Fürst Abschiedsgrüße zu; die Damen wehten
+ mit den Tüchern. Es war ein überwältigender Moment; man sah rings
+ tränende Gesichter, hörte lautes Schluchzen: »Auf Wiedersehen!
+ Auf Wiedersehen!« donnerten die Rufe hinter dem nun schnell
+ fortdampfenden Zuge.
+
+[Illustration: Bismarck vor dem Bilde Kaiser Karls =V.= (»Der Floh«,
+23. März 1890)]
+
+[Illustration: Bismarck als Napoleon auf St. Helena. (»Figaro«, 1.
+April 1890)]
+
+[Illustration: ~Die Gedanken eines Eremiten~
+
+»Der Kaiser wurde Sozialist — da werde ich Nihilist!«
+
+(Eine ungedruckte Karikatur von 1890)]
+
+
+Ein Abschiedsgedicht
+
+ Am 1. April des Trauerjahres hat der »Kladderadatsch« an den
+ Fürsten Bismarck folgendes Abschiedsgedicht gerichtet:
+
+ Wenn einsam heut im Sachsenwald du dich ergehst,
+ So lässest die Gedanken rückwärts wandern du
+ In alte Zeit. Der Jugend stürmische Tage ziehn
+ Vorüber dir, da kühne Pläne schon du trugst
+ Im hohen Sinn, erwägend, wie das Vaterland
+ Zu retten sei aus schimpflicher Ohnmacht schwerem Bann.
+ Und weiter denkst du, wie begonnen du das Werk,
+ Und wie gefügt mit starker Hand du Stein zu Stein,
+ Bis endlich stand vollendet da der Riesenbau,
+ Die Welt mit Staunen füllend und Bewunderung.
+ Wenn also rückwärts schauend heute du erwägst,
+ Was du vollbracht, dich weihend ganz dem Vaterland,
+ Darfst sagen du: »Noch größer ist’s und herrlicher,
+ Als ich in kühnem Jugendmut dereinst geträumt!«
+ Heil dir, o Fürst! So lange auf dem Erdenrund
+ Noch Deutsche wohnen, wird die stolze Kunde nicht
+ Von dem ersterben, was du für dein Volk getan.
+
+ Von langer Arbeit ruhe nun in Frieden aus!
+ Was in vergangenen Tagen oftmals du ersehnt,
+ Beschieden ist es jetzo dir: auf eignem Grund
+ Als schlichter Gutsherr sitzest du. Du siehst, wie sich
+ Dein Wald mit frischem Laube schmückt im jungen Lenz;
+ Durch deine Felder schreitest täglich du und siehst
+ Die reichen Saaten fröhlich wachsen und gedeihen;
+ Und wenn im Herbst die Schnitter sich beim Erntefest
+ Im Tanze mit den drallen Mägden drehn, so trittst
+ Du unter sie, von lautem Jubelruf begrüßt,
+ Und fühlst als Herr in deinem kleinen Reiche dich
+ Beglückter, als gewesen du zur Zeit, da noch
+ Gespannt Europas Völker deinem Wort gelauscht.
+ Doch ob du auch geflüchtet vor der Hauptstadt Lärm
+ Dich in die Stille deiner Wälder, nimmermehr
+ Magst du entfliehn der Liebe und der Dankbarkeit.
+ In alter Treue denken dein unzählige,
+ Und heut erbraust durchs ganze Reich der laute Ruf:
+ Heil dir, o Fürst! Beschieden sei dir’s lange noch,
+ Mit rüst’gem Schritt im Sachsenwald dich zu ergehn.
+ Und oftmals magst du feiern noch den frohen Tag,
+ Der uns den besten Deutschen hat dereinst geschenkt!
+
+[Illustration: ~Abschied~
+
+Der Reichskanzler legt alle seine Ämter nieder, gibt alle seine
+Insignien zurück und begibt sich in die wohlverdiente »Friedrichsruh«.
+(»Kladderadatsch«, März 1890)]
+
+
+
+
+Nach der Entlassung
+
+
+Der Tag der Entlassung, Deutschlands Trauertag, war vorübergegangen.
+Da aber hat sich das Wundersame ereignet: der Stein, der von dem
+Baumeister verworfen wurde, ist zum Eckstein geworden; der Mann, dem
+ein kaiserlicher Machtspruch das Amt genommen, wurde Deutschlands
+heimlicher Kanzler, sein Berater in Freud und in Leid. Man hat
+versucht, ihn aus dem Gedächtnis zu löschen, in Vergessenheit zu
+bringen, was er geleistet, und selbst das Wort vom Handlanger fiel
+kränkend in sein Herz. Er blieb dennoch, der er war.
+
+[Illustration: Die Verstoßenen (Bismarck und Gladstone). (»Moonshine«,
+5. April 1890)]
+
+Wer in der Ordnung der Welt nicht ein loses Gefüge des Zufalls
+erblickt, sondern dem großen Gedanken des Ewig-Zweckmäßigen nachsinnt,
+der wird auch erkennen, daß die weltgeschichtliche Aufgabe Otto von
+Bismarcks noch nicht an jenem Tage gelöst und beendet war, da ihm
+das Steuer aus den arbeitsgewohnten treuen Händen entrissen wurde.
+Es hieße den Weltgeist meistern, ihn, der auch die Könige nach ihrem
+Pfunde fragt, wenn man verlangte, daß jene ungemeine Kraft, die sich
+in dem greisen Staatsmann verkörperte, auf ein irdisches Machtwort hin
+zerstört sei. Die Kleinen der Menschheit mögen so handeln, wie es der
+zweite Kanzler später tat; der Genius aber kennt nur selbstgeschaffene
+Gesetze, denen er folgt, auch wenn des Philisters befangener Sinn ihm
+das eigene Wesen als Muster und Richtschnur empfiehlt. Ein Bismarck,
+der ruhig den Geschicken sich beugte, der, des Amtes beraubt, sich auch
+der Verantwortung für ledig erkannte, der die Tage der sinkenden Sonne
+des Lebens still und ruhig auf seinem Gute verträumte, ein Bismarck,
+der nicht mehr schaffend tätig war, der wäre ein Widerspruch gewesen
+gegen sich selbst, gegen seine Vergangenheit und seine Taten; er wäre
+in Wahrheit nur jener brave Handlanger geworden, als den ihn eine
+irrende Legende darstellen wollte. Indem er fortan das bürgerliche
+Recht der Kritik ausübte, indem er zum Türmer wurde, der auf nahende
+Gefahren weist, erhob er dieses Recht zu einer Bedeutung, die das
+Volk freudig anerkannt hat, als es ihm die glänzende Fahrt nach Wien,
+Kissingen und Jena schuf, die ein paar Erlasse des Nachfolgers
+vergebens zu beschränken sich mühten. Nur ein Mann, der anders war als
+die Wanderer auf der Heerstraße des Gewöhnlichen, konnte schaffen, was
+ihm die deutsche Welt verdankt: So mußte er auch anders sein, als all
+die Kleinen, auch in den Jahren des Alters, in denen dennoch das Blut
+seine Adern jünglingsheiß durchwallte. So ist die Geschichte Bismarcks
+in acht Jahren nichts anderes gewesen als der Kampf des Genies gegen
+den Durchschnitt. Und eine gewaltige Tragik lag in dem allen. In dem
+»Zauberlehrling« ist die Allegorie gegeben: Die Wasser drängen und
+brausen; der Meister weilt abseits. Nur daß die Wirklichkeit schärfer
+zeichnet: In Fingerhüten suchten die Schüler die Wogen zu schöpfen, um
+die Gefahr zu vermindern, und die Stimme des Meisters verhallte. Aber
+der Meister war von Fleisch und Blut, und es zehrte an ihm, daß er
+die Hand nicht mehr rühren sollte. Nicht für sich wollte er schaffen;
+er brauchte nicht mehr des Ruhmes und des Erfolges; aber für sein
+deutsches Volk und für das Deutsche Reich wollte er noch Hammer und
+Meißel gebrauchen.
+
+[Illustration: Dem Fürsten Bismarck wird nächstens von amtlicher Seite
+Stillschweigen auferlegt werden. (»Kladderadatsch«, Sept. 1890)]
+
+Es war das Martyrium des Genies, das Bismarck durch acht Jahre
+trug. Daß er es in Größe ertrug, ja, daß er über sich selbst noch
+hinauswuchs, daß er, auf sich allein gestellt, doch nicht wankte und
+nicht wich, daß er den Mut der Einsamkeit besaß, hob ihn hinaus weit in
+die Sphären, in denen das Kleinlich-Menschliche verschwindet. Zagend
+stand die Welt, als er aus dem Amte schied; die Instinkte der Masse
+sahen beklommen einen Gegensatz zwischen der Kaisertreue und der Treue
+zu Bismarck, und der stürmenden Jugend wandte sich die Neigung zu. Aber
+die Zeiten zogen dahin, und ein Wandel trat ein: Die Bismarckfahrten
+sind das Merkmal der Stimmung geworden; sie wurden Ehrenmale des
+deutschen Volkes.
+
+[Illustration: ~Bismarck als Wotan.~ (»Figaro«, März 1890)]
+
+Auch wer die Ereignisse nicht nur mit dem Maßstab der Nützlichkeit
+mißt, wer nur dort von Erfolgen spricht, wo die Bilanz mit einem
+greifbaren Plus abschließt, wer die augenblickliche Wirkung berechnet
+und nicht die Früchte, die langsam aus der Saat emporreifen, wird den
+Gewinn der Bismarckfahrten hoch einschätzen müssen. Die Jahre der Ära
+Caprivi hatten den nationalen Gedanken verdunkelt; sie hatten die
+Fortentwicklung gelähmt; sie hatten dort, wo die berufensten Träger
+dieses Gedankens waren, Mißverstehen und Entmutigung geschaffen.
+Auch die Träger der späteren Politik vermochten selbst da, wo ihre
+Maßregeln gebilligt werden durften, das Defizit nicht zu decken, das
+diese Jahre erzeugten. Die Freudigkeit der Arbeit war geschwunden, der
+Pessimismus war geblieben. Da zogen denn Tausende und wieder Tausende
+zum Sachsenwalde. Und während der Fahrt steigen die Erinnerungen auf
+an die Tage von einst, und die Herzen wurden warm, und man sprach
+vom Kaiser Weißbart und vom Versailler Schloß und von Sedan und von
+den Schlachtfeldern allen, und die Augen begannen zu leuchten, wenn
+einer, der dabei war, erzählte, wie er den Eisernen Kanzler damals
+gesehen, als er gen Donchery ritt, und wenn ein anderer sich entsann,
+wie er vor dem Reichstage stand, als Bismarck eben für die deutsche
+Furchtlosigkeit gezeugt hatte, und daß er ihn heraustreten sah, ernst
+und bleich, und wie das Volk schwieg, weil kein Ton das auszudrücken
+vermochte, was alle beherrschte. Und war man am Ziele, blickten die
+Mauern von Friedrichsruh durch das Grün, harrten die Scharen schweigend
+des Augenblicks, um dessetwillen sie kamen, und schritt dann langsam,
+ernst, den Blick nach innen gekehrt, der greise Kanzler heran, um sich
+schweigend zu neigen und zu horchen, was die Westpreußen und Schlesier,
+Schleswiger und Sachsen zu sagen haben, dann war die drängende Masse
+nicht nur ergriffen, sie war erschüttert: Hier steht die große
+Vergangenheit lebendig vor uns, hier blickt sie auf uns nieder mit
+der ernsten Frage: Werdet ihr euch wert erzeigen dessen, was wir für
+euch schufen? In dem brausenden Hoch, das dann ertönte, lag mehr als
+die Liebe zu dem einen Mann, da lag auch das Gelöbnis: Wir werden uns
+würdig erzeigen, wenn es gefordert wird, gleich unseren Vätern und
+Brüdern freudig unser Blut auf dem Schlachtfelde zu verspritzen. Und
+sie haben es später gezeigt, bei Lüttich und vor Antwerpen, an der
+Aisne wie an den Masurischen Seen und vor Warschau, daß der Geist
+Bismarcks lebendig blieb und daß diese Jahre, in denen die Deutschen
+gen Friedrichsruh wallten, reiche Früchte in ihrem Schoße trugen.
+
+[Illustration: Die Märchenerzählerin in Friedrichsruhe. (»Frankfurter
+Laterne«, Juli 1890)]
+
+So hat Bismarck auch nach der Entlassung das große Werk seines Lebens
+weitergeführt. Er hat keine Ruhe gekannt, er hat gekämpft, auch als man
+ihn vom Kampfplatz trieb, und er ist, wie stets, der Sieger geblieben.
+Und wenn auch die Jüngeren versuchten, die Bahnen zu verlassen, auf
+denen er glorreich dahingeschritten war, wenn sie sich klüger dünkten
+als der Vielerfahrene, so hat doch die Geschichte ihnen unrecht
+gegeben, und beschämt mußten sie zurückkehren zu seinen Bahnen.
+
+Aber jeder Kampf hat seine Bitterkeit, vor allem der Kampf des Genies
+gegen das Vorurteil und die Selbstgefälligkeit der Masse. Unter dem
+Eindruck des Ungeheuren, das am 20. März 1890 geschah, haben selbst
+Männer in ihrem redlichen Empfinden geschwankt, die sonst in treuer
+Gesinnung zu dem nationalen Werke Bismarcks gestanden haben. Er war
+verlassen fast von allen, und als er es wagte, noch das Recht der
+freien Meinung zu fordern, zu warnen, wo es ihm Pflicht schien, da hat
+man ihn geschmäht, ihn mit Gefängnis und Zuchthaus bedroht.
+
+[Illustration: ~Der Traum Bismarcks~
+
+Dem Schloßherrn von Friedrichsruh spiegelt die Phantasie die
+triumphierende Rückkehr vor. (»Strekoza«, 1891)]
+
+
+Der Maulkorb
+
+ Schon im Juli 1890 konnte Fürst Bismarck sagen: »Ja, mir gibt man
+ beim Leben die Ehren des Todes. Mich begräbt man wie Marlborough.
+ Man wünscht nicht bloß, daß Marlborough nicht wiederkehre, sondern
+ man wünscht, daß er wirklich sterben möge oder wenigstens auf den
+ Rest seiner Tage schweige. Mit meiner Lage söhne ich mich aus.
+ Alles hat sich in so legalen Formen vollzogen, daß ich auch gar
+ nicht daran denken kann, zu protestieren. Wenn ich frühmorgens
+ inmitten dieser Natur aufwache, so fühle ich sogar eine große
+ Freude darin, daß keine Verantwortlichkeit auf mir liegt; man fühlt
+ sich frei, unabhängig, so wie ein rechtschaffener Landedelmann
+ sein soll. Aber zugleich damit kann ich nicht vergessen, daß ich
+ mich 40 Jahre mit der Politik beschäftigt habe — und auf einmal
+ darauf verzichten, ist unmöglich. In der Tat hilft man mir darin
+ eifrig — und niemand von meinen Gefährten in der Politik, niemand
+ von meinen zahlreichen Bekannten führt mich durch seine Besuche
+ in Versuchung. Man ruft mir ›Halt!‹ zu, mich meidet man wie einen
+ Pestkranken, indem man sich fürchtet, sich durch einen Besuch
+ bei mir zu kompromittieren, und nur meine Frau besuchen noch von
+ Zeit zu Zeit ihre Bekanntinnen. Deshalb bin ich immer erfreut
+ über die Repräsentanten der Presse, welche sich für Fragen der
+ Politik interessieren, und mit welchen ich über Dinge sprechen
+ kann, die fortfahren, mich zu beschäftigen. Aber auch das ruft
+ Unzufriedenheit hervor. Man kann mir nicht verbieten, zu denken,
+ aber man möchte mich gerne hindern, meinen Gedanken Worte zu geben,
+ und wenn es möglich wäre, hätte man mir längst ein =silence cap=,
+ einen Maulkorb, angelegt.«
+
+
+Das Leben in Friedrichsruh
+
+ Der Verfasser hat nach einer Reihe von Besuchen in nachstehender
+ Weise einen Ausschnitt aus dem Leben in Friedrichsruh zu zeichnen
+ versucht: Es ist natürlich, daß auch heute noch die Politik den
+ Fürsten Bismarck fast ausschließlich beschäftigt, daß er mit
+ intensivem Interesse den Wandlungen der Gegenwart folgt. Er selbst
+ sagte einmal, daß so manche Nebenbeschäftigung, wie die Jagd und
+ die Fischzucht, an denen er sonst Freude hatte, ihr Interesse
+ verloren, seitdem ihm die Hauptbeschäftigung genommen ist. Wer an
+ große Erregungen gewöhnt ist, wer über Völkerschicksale entschied,
+ der empfindet die Idylle als Fessel, der sträubt sich dagegen,
+ daß die Ruhe zum Selbstzweck werde. Ein Mann von 81 Jahren —
+ und welche gewaltige Kraft! Wie harmoniert selbst das Physische
+ an ihm mit dem Geistigen! Gewaltig von Statur, aufrecht, festen
+ Schrittes, so wandert er durch den Park von Varzin oder unter den
+ Bäumen von Friedrichsruh, so tritt er dem Besuchenden im Innern
+ des Hauses entgegen. Das Auge, das wunderbare, ist noch immer so
+ durchdringend und klar, daß es scheint, als ginge der Blick bis
+ in die tiefsten Falten des Herzens. Keine Spur von Ermüdung auf
+ dem Spaziergang oder des Abends, wenn nach der Mahlzeit durch
+ Stunden der Fürst das Gespräch führt. Es ist etwas Eigenes mit
+ diesen Gesprächen. Die meisten, die namentlich als Mitglieder
+ von Deputationen bei Bismarck weilten, glauben dem Hofton folgen
+ und stets die Anrede abwarten zu sollen — das ist falsch. Fürst
+ Bismarck will angeregt sein, er will das Thema erfahren, das den
+ anderen interessiert, und man darf sicher sein, man wird ihn nicht
+ in Verlegenheit setzen. Formell besitzt er die leichte Art des
+ Franzosen, die Kunst des Plauderns; inhaltlich aber hat selbst das
+ anscheinend leichte Gespräch eine solche Fülle von Beobachtung
+ und Urteil, daß man immer von neuem über die Reichhaltigkeit
+ dieses Geistes erstaunt. Ich habe nie ein so prägnantes Urteil
+ über Zolas »=Débâcle=« gehört, wie einst von ihm. Ihm fehlt »der
+ Pulverrauch in dem Buche, den eben nur der schildern kann, der
+ ihn selbst gerochen hat«; er nennt es phantastisch und unwahr
+ und führt zum Belege die Einzelheiten der Schlacht von Sedan an,
+ obwohl er das Buch vor langer Zeit schon gelesen. So zitiert er im
+ Plaudern englische und französische Dichter und Forscher; auch dem
+ italienischen Sprachschatz entlehnt er Vergleiche, und stets wendet
+ er die Ursprache an. In Erinnerung ist mir geblieben, wie er einmal
+ nach einem Exkurse über die oft recht geringe Verwendbarkeit seiner
+ Beamten scherzend das Wort Talbots anwandte, indem er es durch
+ die Betonung variierte: »Mit der Dummheit« — im Bunde mit ihr —
+ »kämpfen Götter selbst vergebens.«
+
+[Illustration: ~Luzifer~
+
+»Das sind die Tage, von denen Wir sagen, sie gefallen Uns nicht.«
+(»Wahrer Jakob«, Juli 1892)]
+
+[Illustration: Bismarck schickt sich an, seine Memoiren zu schreiben.
+(Silhouette von B. Moloch)]
+
+[Illustration:
+
+Interviewer: »Bitte, Durchlaucht, sagen Sie mir nur dies eine: Was
+bezwecken Sie mit Ihrem jetzigen Journalkampf?«
+
+Fürst Bismarck: »Einjesperrt will ick werden, einjesperrt!«
+
+(»Der Floh«, Juli 1892)]
+
+ Es ist ein großer Irrtum, sich den Fürsten Bismarck als erbittert
+ vorzustellen. Zwar von einzelnen Persönlichkeiten, die nach
+ seiner Überzeugung einst gegen ihn erfolgreiche Intrigen spannen,
+ spricht er nur mit Erbitterung oder mit scharfem Spott, aber
+ die Grundstimmung ist doch die Resignation, die zuweilen nicht
+ ohne einen melancholischen Zug ist. Diese leise Melancholie ist
+ erst bemerkbar geworden, seitdem ihm die treue Lebensgefährtin
+ starb. Seine Umgebung ist jedoch eifrig bemüht, solche Wolken
+ von seiner Stirn zu bannen. Überhaupt hat die Sorgfalt, mit der
+ ihn die Seinen umgeben, etwas innerlich Ergreifendes. Vor allem
+ ist es die Tochter, Gräfin Rantzau, die mit außerordentlicher
+ Zartheit um den Vater bemüht ist. Aber besonderen Dank schuldet
+ wohl die Mitwelt ihrem Gatten, der seine Karriere mitten in
+ ihrer Entwicklung unterbrach und jede Wallung eines natürlichen
+ Ehrgeizes niederkämpfte, um das Bedürfnis des greisen Helden
+ nach einem freundlichen Familienleben zu erfüllen. Graf Rantzau
+ hat da ein Opfer gebracht, das sich in dem steten Verkehr mit
+ dem Fürsten selbst belohnen mag, das aber nicht hoch genug
+ geschätzt werden kann, zumal ihm doch auch das Gefühl nicht fremd
+ bleiben mag, im Hause eines Bismarck mit dem eigenen Werte stets
+ zurückstehen zu müssen. Von den Rantzauschen Kindern weilen
+ zwei in Friedrichsruh, der älteste Sohn befindet sich auf der
+ Ritterakademie in Brandenburg. Es sind bildhübsche, schlanke,
+ hochgewachsene Jungen, von denen namentlich der jüngste am meisten
+ Bismarcksche Schädel- und Gesichtsbildung zeigt. Entzückend ist
+ es, das Verhältnis des Großvaters zu den Enkeln zu beobachten.
+ Welch tiefe Zärtlichkeit liegt in seinem Blick, wenn die frischen
+ Jungen zu den Mahlzeiten ins Zimmer treten, wenn sie dem Großvater
+ die Hand küssen, die dann liebevoll über ihre frischen jungen
+ Wangen streicht! Sie haben es nicht nötig, mäuschenstill auf ihren
+ Plätzen zu sitzen, gar manchesmal hört man ihr munteres Lachen vom
+ anderen Ende der Tafel. Die Jungen werden nicht verzärtelt, sie
+ werden zu tüchtigen Landjunkern herangebildet. In Varzin bestand
+ ihr Hauptgenuß darin, in der »Schafwäsche« mit den Dorfjungen zu
+ baden und nachher sich an weißen Rüben, frisch aus dem Felde, zu
+ delektieren. Der Fürst ist in seinen Bedürfnissen mäßig; das stets
+ wiederkehrende Gesichtsreißen mit seinen quälenden Schmerzen mag
+ ihm wohl auch die Freude des Genießens stören. Indessen nimmt
+ er immerhin noch die Speisen und Getränke zu sich, die etwa ein
+ rüstiger Sechziger zu seines Leibes Nahrung und Notdurft gebraucht.
+ Spaßhaft war es, wie er einmal sich entschuldigen wollte, daß er
+ ein paar kleine Glas Bier als Ganze hinunterstürzte, und wie ihn
+ Professor Schweninger auf seine Bemerkung, daß der Kaviar heute
+ früh doch gar zu salzig gewesen sei, darauf aufmerksam machte, daß
+ es »den schon gestern früh gegeben habe«. Bei der Mahlzeit ist
+ der Fürst äußerst lebendig, doch mag ihn die Rücksicht auf die
+ Dienerschaft veranlassen, hier die Politik möglichst zu vermeiden
+ und sich hauptsächlich in Reminiszenzen zu ergehen. Bei solchen
+ Gelegenheiten bewunderte ich stets die Sicherheit, mit der er
+ die entlegensten Namen zur Hand hatte, zugleich aber auch die
+ Prägnanz, mit der er durch irgendein Beiwort, durch die Erwähnung
+ irgendeines charakteristischen Merkmals die Persönlichkeiten, von
+ denen er spricht, uns lebendig vor das Auge zaubert. Den Hauptgenuß
+ bilden die Stunden nach dem um sieben Uhr stattfindenden Diner,
+ in denen der Fürst, die lange Pfeife rauchend, sich ohne Zwang
+ in politischen Gesprächen ergeht. Er verfolgt die Ereignisse des
+ Tages mit gespannter Aufmerksamkeit, ist über alles orientiert und
+ fällt sein Urteil mit erstaunlicher Treffsicherheit. Vor allem
+ betont er auch immer mit Nachdruck die Notwendigkeit eines guten
+ Einvernehmens mit Rußland. Einmal erwähnte ich die mir bekannte
+ Absicht des chinesischen Gesandten, den Fürsten um seinen Rat zu
+ fragen: »O nein, ich danke, ich gebe einen Rat nur dann, wenn ich
+ ihn auch verantworten muß. Ratgeber ohne Verantwortung — von der
+ Sorte gibt es schon Leute genug.« Auch auf den Plan, den Grafen
+ Herbert zum Führer einer neuen, großen nationalen Partei zu machen,
+ kam das Gespräch: »Ich würde meine Zustimmung dazu nie geben; zum
+ Parteiführer ist mein Sohn nicht Intrigant genug.« Im lebhaften
+ Gespräch geht wohl einmal die Pfeife aus; da will aber der Fürst
+ keine Hilfe haben: »Das Nachstopfen ist auch ein Teil des Genusses
+ beim Rauchen.« Nur das lange Streichholz — sechs Zoll lang —
+ darf man gerade noch anzünden. Der Fürst steht verhältnismäßig
+ spät auf; das ist eine alte Gewohnheit, die noch aus seiner
+ Amtszeit stammt und in der weiteren Gewohnheit begründet ist, bis
+ tief in die Nacht hinein zu arbeiten. Das erste Frühstück, nach
+ englischer Art, wird im Sommer auf einer Veranda eingenommen,
+ und hierbei werden die eingegangenen Zeitungen durchflogen. Von
+ den Briefen und Zusendungen, die selbst an gewöhnlichen Tagen
+ eintreffen, läßt sich schwer eine Vorstellung machen. Da sendet ein
+ Fabrikant eine Tuchprobe mit der Bitte, den Stoff als Bismarcktuch
+ in den Handel bringen zu dürfen, da schickt eine glückliche
+ Pastorenfrau die Photographie — ihrer fünf Sprößlinge; es sind die
+ heterogensten Themen, die in den Briefen angeschlagen werden, und
+ es ist selbstredend, daß auch zahllose Gesuche um Unterstützung
+ nicht fehlen. Dem ersten Frühstück folgt bei erträglichem Wetter
+ ein Spaziergang, sonst wohl beschäftigt sich der Fürst mit
+ Angelegenheiten der Verwaltung, die ihn oft recht stark in Anspruch
+ nehmen. Das zweite Frühstück vereinigt zum erstenmal die ganze
+ Familie: einige leichte, warme Speisen, Bier, Wein, ein leichter
+ Schaumwein. Wenn Gäste anwesend sind, wird wohl ein besonderer Gang
+ eingeschoben. Bei schönem Wetter erfolgt eine Ausfahrt und nach
+ der Rückkehr erneute Arbeit. An Zeitungen sind anscheinend etwa
+ sechs bis sieben dauernd abonniert; am sorgfältigsten liest der
+ Fürst die »Hamburger Nachrichten«, in deren lokalen Teil er sogar
+ hineinblickt. Den speziellen Dienst beim Fürsten hat noch immer der
+ treue Kammerdiener Pinnow, der mit außerordentlicher Sorgfalt um
+ seinen greisen Herrn bemüht ist, dem aber, nach der freundlichen
+ Rundung seines äußeren Menschen zu urteilen, sein Dienst recht gut
+ bekommt. So gestaltet sich das Leben des greisen Staatsmannes ganz
+ in der Art des vornehmen Landedelmannes. Es ist ein =otium cum
+ dignitate=, was er genießt.
+
+[Illustration: ~Koriolan~
+
+ »Ich wollt’, er hätte für sein Vaterland gehandelt,
+ Wie er begann. Und nicht das aufgetrennt,
+ Was er mit eigner Hand geknüpft.«
+
+ (»Punch«, 16. Juli 1892)
+]
+
+Es war das schlichte, aber trotz seiner Schlichtheit zugleich vornehme
+und behagliche Heim eines Landedelmannes, in dem Fürst Bismarck
+den Abend seines Lebens verbrachte. Aber es war kein schlichter
+Landedelmann, der dort der Hausherr war; wer immer zu ihm in
+Beziehungen trat, der schied voll ehrfürchtiger Bewunderung; wem es
+beschieden war, ihm näherzutreten und sein Vertrauen zu gewinnen, der
+schied von ihm voll leidenschaftlicher Liebe. Wie hingen sie alle an
+ihm, Lothar Bucher, Schweninger, Lenbach und die anderen — selbst der
+Nüchternste empfand es, daß hier die Natur ein Meisterwerk geschaffen,
+und mit einer Art heiliger Scheu blickte er auf das Antlitz des Großen.
+»Es ist ein unbegreifliches, geheimnisvolles Leben in diesem mächtig
+aufgebauten Kopfe, das auf den Beschauer geradezu überwältigend in den
+Augenblicken wirkt, da er den Blick über die Personen und Gegenstände
+seiner näheren Umgebung hinweg und in die Ferne schweifen läßt«, so
+schildert die Malerin Vilma Parlaghy den Eindruck, den sie empfing.
+Und der Dichter Adolf Wilbrandt erzählt aus dem Dezember des Jahres
+1890, wie ihm der Fürst zuerst, als er ihn in der Tiefe des Saales auf
+einem Sofa ruhen sah, als ein alter Mann erschien: »Doch nun erhob
+sich der ›Alte‹, und lässig aufgereckt, in ruhiger, behaglicher Würde
+stand die volle, hohe Gestalt vor mir, ins Leben zurückgekehrt. Wenige
+Augenblicke hatten ihn verjüngt; mit freundlichem Hausherrnblick begann
+er das Gespräch, mit dem ruhigen wartenden Blick der vordringenden
+Augen, der zwischen seinem durchbohrenden Naheblick und seinem
+Denkerfernblick gleichsam in der Mitte schwebt. Nie habe ich an einem
+Menschen einen so erstaunlichen und leichten Wechsel vom zugreifenden
+Naheblick des Tatmenschen und vom tiefen, geisterhaften Fernblick
+des vorausschauenden Weisen gesehen. Wie sich in ihm so viele und
+verschiedene Kräfte der deutschen Volksart zu einem mächtigen Akkord
+vereinigt haben: wilde, dreinschlagende Tatkraft, bedächtige Zähigkeit,
+strahlender Humor, plattdeutsche Gemütlichkeit, selbstwilliger
+Herrschersinn, hingebende Mannestreue, tiefgrabende Klugheit — so gehen
+von seinem Auge in oft unmerklichem Übergang brüderliche Strahlen
+der widersprechendsten Menschenformen aus: des Kämpfers, der sich
+mit allen Kräften durchzusetzen sucht, der in dich hineinbohrt, vor
+dessen Scharfblick du dich vielleicht gern verstecken möchtest, und
+des Denkers, der dich gar nicht sieht, der durch dich hindurch in
+irgendeine Ferne schaut, eine vergangene oder zukünftige, der auf der
+Welt nichts zu wollen scheint, als aus der Nichtigkeit des Augenblicks
+in das Wesen der Dinge zu tauchen.«
+
+[Illustration: ~Der Kanzlerstreit~
+
+Bauer (dem die Finger in der Coupétür gequetscht worden sind): »Aber
+dös tuet weh!«
+
+Schaffner: »Dös glaab’ i. Wann’s guet tät, dann tätet ihr die Pratzen
+den ganzen Tag net aus de Tür außi.«
+
+Graf Caprivi fühlt sich durch den Ton der Preßpolemik beschwert, die
+Fürst Bismarck in seinen Blättern anschlagen läßt. (»Kladderadatsch«,
+August 1892)]
+
+Als im Frühjahre des Jahres 1896 eine Wiesbadener Deputation erschien,
+schrieb eines ihrer Mitglieder: »Wir alle hatten das Gefühl, daß man
+diesem Manne immerfort zuhören könnte, ohne auch nur im geringsten
+zu ermüden. Wer je des Glückes und der Ehre der Gastfreundschaft in
+seinem Hause teilhaftig geworden ist, wird rückhaltlos zugeben, daß es
+seit Luther einen fesselnderen Erzähler in Deutschland nicht gegeben
+hat. Jeder, der mit diesem Manne in einer ähnlichen Lage zusammen
+ist, der in seine großen, hervortretenden, wunderbaren blauen Augen
+mit dem unbeschreiblich ruhigen und durchbohrenden Blick geschaut und
+ihn sprechen und erzählen gehört hat, wird mir recht geben, daß man
+bald in dem Banne seiner Genialität gefangen ist und einem Wesen aus
+einer anderen Welt gegenüberzustehen glaubt. So überragt er alle seine
+Zeitgenossen.«
+
+Unvergleichlich ist auch in diesen letzten ernsten Jahren die
+Plauderkunst des Fürsten Bismarck gewesen. Nur daß über ihr dauernd
+ein Schatten der Melancholie ruhte, der selbst dem goldenen Humor
+einen tiefen schwarzen Rand verlieh. Reich wie vorher war sein Arsenal
+plastischer Bilder, durchdringend blieb seine Menschenkenntnis,
+wunderbar sein Gedächtnis. Und trotz allem blieb die Persönlichkeit
+einfach, man spürte nichts von dem Übermenschen, man vergaß das
+Riesenhafte dieser Gestalt. Das Haar wurde allmählich weiß, aber
+die Gesichtsfarbe blieb hell, gesund und fast von jugendlicher
+Frische bis zuletzt. Zuweilen zuckten Blitze des Grolls und auch des
+leidenschaftlichen Hasses über sein Antlitz, die Grundstimmung aber
+blieb dennoch eine von Humor verklärte Resignation. Aber auch hier
+war dennoch etwas Eigenes zu spüren: der Mann, der die Geschicke der
+Menschheit bestimmt hatte, konnte sich nicht plötzlich mit dem Lose
+des Landmannes begnügen, der seinen Kohl baut, seine Wälder pflegt,
+seine Steuern zahlt; er konnte sich nicht plötzlich und unvermittelt
+losreißen von dem Boden, auf dem er so lange gestanden, und wenn er
+auch das Scherzwort brauchte: »Ich bin schön ’raus«, so zeigten doch
+die Kämpfe all dieser Jahre, daß er in den Sielen blieb und sich in
+Wahrheit bis zum letzten Atemzuge als Kämpfer fühlte. — Und er hatte
+Anlaß dazu. Denn wenn auch der Kurs der alte bleiben sollte, so suchten
+doch die neuen Männer und auch der junge Kaiser das Heil auf anderen,
+neuen Wegen, auf denen Fürst Bismarck, wenn er sein Werk erhalten
+wollte, ihnen nicht nachfolgen konnte, vor denen zu warnen die Pflicht
+»wie mit einer Pistole auf ihn zielte«. Er konnte kein »stummer Hund«
+sein. Auch als man ihm den Maulkorb umlegen, den Mund versiegeln
+wollte, auch als sein Nachfolger in dem ersten Uriasbriefe erklärte,
+daß »den Anschauungen des Fürsten Bismarck ein aktueller Wert nicht
+beigelegt werden könne«. Gerade weil die Kleineren, die ihm folgten,
+seine Bahnen verließen und sich gegen ihn wandten, deshalb fühlte er
+sich auf den Kampfplatz gerufen, deshalb hat der alte Recke noch einmal
+das Schwert umgürtet und den Schild ergriffen und sich hinausgestellt,
+um für sein Volk zu ringen. Und vielleicht wuchs er gerade damals und
+gerade deshalb, weil er nicht verzichten, sich der höfischen Lehre
+nicht fügen wollte, noch über sich selbst hinaus.
+
+[Illustration: Der neue Phaeton oder das Aufbäumen des Partikularismus.
+(Oben Bismarck, unten Caprivi.) Vorschlag zu einem Wandgemälde für den
+Reichstag. (»Kladderadatsch«, Mai 1893)]
+
+Und es geschah, was geschehen mußte: die ewig Zagenden, die Leisetreter
+und Ängstlichen wandten sich von ihm ab, sandten nach Friedrichsruh
+guten Rat, abzulassen und als geduldiger Zuschauer den Ereignissen zu
+folgen. Sie kannten nicht den kategorischen Imperativ der Pflicht, der
+das ganze Leben des großen Kanzlers und auch den Abend beherrschte;
+sie ahnten nicht, daß er das Amt, daß aber nicht das Amt ihn groß
+gemacht, und sie mußten es vernehmen, daß aus dem heiligen Walde von
+Friedrichsruh ihnen das Scheltwort »Angstprodukte« entgegenklang.
+
+[Illustration: ~Banquos Geist~
+
+»Wer auch Reichskanzler werden mag, immer wird er auf seinem Sessel den
+Schatten Bismarcks sitzen sehen. (»Ulk«, November 1894)]
+
+Einmal hat auch Fürst Bismarck geglaubt, sich die Reichstagstribüne als
+Plattform verschaffen zu müssen, damit sein Wort noch weiter vernommen
+werde, sein Rat auch durch die äußerliche Verantwortung des Mandates
+gedeckt sei. In Geestemünde hat er kandidiert, bis er in der Stichwahl
+mit einem sozialistischen Handwerksgesellen Sieger geworden. Aber er
+hat dennoch das Mandat niemals benutzt, nur der äußerste Zwang hätte
+ihn getrieben, sowohl seine tiefe Abneigung gegen das im Reichstage
+herrschende Fraktionswesen zu überwinden, wie die Abneigung gegen die
+Rolle eines Frondeurs, der gegen seinen eigenen Nachfolger Oppositionen
+macht. »Ich bin«, so erklärte er einer Deputation seiner Wähler, »im
+siebenundsiebzigsten Jahr nun nicht mehr rüstig genug, um der Aufgabe
+so zu entsprechen, wie ich glaube, daß sie erfüllt werden sollte.
+Nicht bloß die Unbequemlichkeit, außerhalb der eigenen Häuslichkeit zu
+wohnen und zu schlafen, hält mich zurück, sondern auch die Aussicht auf
+peinliche Begegnungen mit früheren Freunden, die solche zu sein seit
+meinem Abgang aufgehört haben. Ich hoffe von Ihnen, daß niemand die
+schlimme Erfahrung selbst gemacht hat, mit seiner geschiedenen Frau
+unversöhnt unter einem Dache zu wohnen. Ähnlich ist das Wiedersehen mit
+geschiedenen Freunden. Natürlich kann ich nach meiner Vergangenheit
+nicht einer Partei angehören; wenn ich im gewissen Sinne auch
+Parteimann bin, so bin ich jetzt für das alte Kartell, dafür, daß die
+staatserhaltenden Parteien sich so weit verständigen, wie es ihnen
+möglich ist, und die Dornen ihrer Programme nicht gegeneinander kehren.
+Der Gedanke einer prinzipiellen Opposition gegen meinen Amtsnachfolger
+und die Regierung liegt mir außerordentlich fern; ebenso fern aber
+liegt es mir, still zu sein gegen Vorlagen, die ich für schädlich
+halte. Wenn ich glaube, daß das Vaterland mit seiner Politik vor einem
+Sumpfe steht, der besser vermieden wird, und ich kenne den Sumpf,
+und die anderen irren sich über die Beschaffenheit des Terrains, so
+ist es fast Verrat, wenn ich schweige. Was sollte ich für andere
+Zwecke haben, als dem Lande zu dienen? Ehrgeiz etwa? Das wäre doch
+töricht anzunehmen. Was sollte ich denn werden? Mein Avancement ist
+abgeschlossen.«
+
+[Illustration: ~Der Steuermann verläßt das Schiff.~ (»Punch«, 29. März
+1890)]
+
+[Illustration: ~Proteus in Friedrichsruh~
+
+Gegenüber dem deputierten Bürger und Bauersmann
+
+Vor den Handelskammersekretären
+
+Bei der Studentenpauke
+
+Zur Künstlerdeputation
+
+Speech an die Schuljugend
+
+Gegen den »Neuen Kurs«
+
+(»Ulk«, August 1893)]
+
+[Illustration: ~Bismarcks Zuflucht~
+
+ »Ich fasse dich mit beiden Armen an!
+ So klammert sich der Schiffer endlich noch
+ Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte!«
+
+Bezieht sich auf die Stichwahl in Geestemünde, in der Bismarck mit dem
+Sozialdemokraten Schmalfeld um das Mandat rang. (»Lustige Blätter«, 30.
+April 1891)]
+
+[Illustration: ~Hamlet, =III.= Akt, 4. Szene~
+
+Polonius-Caprivi (hinter der Szene): Hilfe! he! herbei!
+
+Hamlet: Wie? was? eine Ratte? (Er zieht.) Tot! für ’nen Dukaten, tot!
+(Tut einen Stoß durch die Tapete.)
+
+Polonius (hinter der Tapete): Oh, ich bin umgebracht! usw. usw. usw.
+
+(»Kladderadatsch«, Juni 1892)]
+
+Aber wenn Fürst Bismarck auch den parlamentarischen Verhandlungen
+fernblieb, so suchte und fand er doch einen Kampfplatz, auf dem er mit
+voller Verantwortung seinem Volke sagen konnte, was er zu sagen hatte.
+Je maßloser die Angriffe seiner Gegner wurden, je schamloser sie sein
+ehrwürdiges Haupt beschimpften, je lauter sie nach dem Staatsanwalt
+riefen, um so schneller besann sich das deutsche Volk auf seine Pflicht
+zur Dankbarkeit. Es sind Jahre des Sturmes gekommen, und es kamen
+Zeiten, in denen der Nibelungenzorn schrankenlos emporgebraust ist. Vor
+allem damals, als die Reise zur Hochzeit seines älteren Sohnes nach
+Wien in dem zweiten Uriasbrief ein Dokument der Verirrung schuf, wie es
+sonst die Geschichte wohl kaum noch kennt.
+
+
+Der zweite Uriasbrief
+
+ Dieses zweite Schriftstück war an den deutschen Botschafter in
+ Wien, den Prinzen Reuß, gerichtet und hatte folgenden Wortlaut:
+ »Im Hinblick auf die bevorstehende Vermählung des Grafen Herbert
+ Bismarck in Wien teile ich Eurer Durchlaucht nach Vortrag bei
+ Seiner Majestät folgendes ergebenst mit: Falls der Fürst oder
+ seine Familie sich Eurer Durchlaucht Hause nähern sollten, ersuche
+ ich Sie, sich auf die Erwiderung der konventionellen Formen
+ zu beschränken, einer etwaigen Einladung zur Hochzeit jedoch
+ auszuweichen. Diese Verhaltungsmaßregeln gelten zugleich für
+ das Botschaftspersonal. Ich füge hinzu, daß Seine Majestät von
+ der Hochzeit keine Notiz nehmen werden. Eure Durchlaucht sind
+ beauftragt, in der Ihnen geeignet erscheinenden Weise sofort
+ hiervon dem Grafen Kalnoky Mitteilung zu machen.« — Neben der
+ deutschfreisinnigen und ultramontanen Presse fühlte sich auch
+ die edle »Kreuzzeitung« gedrungen, dem Grafen Caprivi für diese
+ »Tat« den Dank des Vaterlandes auszusprechen. »Uriasbriefe« nannte
+ dagegen Bismarck verächtlich diese Erlasse. In den »Hamburger
+ Nachrichten« vom 5. Juli wurden sie mit den Worten vernichtet:
+ »Wir sind der Ansicht, daß die Kontrolle privater Geselligkeit im
+ Auslande und die Einwirkung auf private Dinereinladungen nicht zu
+ den Aufgaben gehören, zu deren Lösung hochgestellte Staatsmänner
+ berufen und Botschaftsgehalte bewilligt werden. Wir glauben nicht,
+ daß die auswärtigen Akten einer anderen Großmacht, wenn sie
+ veröffentlicht würden, ein Gegenstück dieses deutschen Vorgangs
+ aufzuweisen hätten.«
+
+[Illustration: Im besten Falle wird er ein äußerst unbequemer
+Fraktionsgenosse sein. (»Ulk«, Mai 1891)]
+
+
+Götz von Berlichingen
+
+ Auf dem Marktplatz von Jena gab Fürst Bismarck die Antwort,
+ umjubelt von den Besten seines Volkes: »Ich habe als Reichskanzler
+ nach meinem Gewissen gehandelt, bin auch fest entschlossen,
+ als Privatmann nach meinem Gewissen und meinem politischen
+ Pflichtgefühl zu handeln, was auch immer die Folgen für mich sein
+ könnten. Die sind mir völlig gleichgültig. Ich bin eingeschworen
+ auf eine weltliche Leitung eines evangelischen Kaisertums, und
+ dem hänge ich treu an, und wenn man mir in jedem Falle, wo ich
+ nach meiner fünfzigjährigen Erfahrung in der Politik glaube, daß
+ die Ratgeber meines Monarchen besser andere Wege einschlagen
+ würden, den Vorwurf macht, ich treibe antimonarchische Politik,
+ so möchte ich doch einmal auf unsere bestehende Verfassung
+ aufmerksam machen, nach welcher die Verantwortlichkeit für alle
+ Regierungsmaßregeln nicht bei dem Monarchen, sondern bei dem
+ Reichskanzler und den Ministern ruht. Ich möchte außerdem darauf
+ aufmerksam machen, daß diese Auffassung — ich will nicht sagen
+ eine altgermanische, aber — eine uns in Fleisch und Blut liegende,
+ lange, ehe wir Verfassungen hatten, gewesen ist. Ich will Sie nur
+ an ein Beispiel aus den Werken des großen Geistes, dessen Manen
+ hier auf dieser Stätte uns umschweben, erinnern. Goethe stellt uns
+ in seinem Götz von Berlichingen einen kaisertreuen Ritter dar, der
+ für seinen Kaiser eine solche Verehrung und Anhänglichkeit hat,
+ daß er einen kaiserlichen Rat mit den Worten bedrohte: ›Trügest
+ du nicht das Ebenbild des Kaisers, das ich in dem gesudeltsten
+ Konterfei verehre!‹ Dieser Ritter trug kein Bedenken, als ihn
+ der Hauptmann zur Übergabe auffordern ließ, diesem eine scharfe
+ Kritik aus dem Fenster entgegenzurufen. Es zeigt das klar, daß Götz
+ von Berlichingen und Goethe beide Sachen nicht zusammengeworfen
+ und identifiziert haben. Man kann ein treuer Anhänger seiner
+ Dynastie, des Königs und des Kaisers sein, ohne von der Weisheit
+ der Maßregeln seiner Kommissare — wie es im Götz heißt — überzeugt
+ zu sein. Ich bin letzteres nicht und werde diese meine Überzeugung
+ auch nicht zurückhalten.«
+
+Volle Befriedigung konnte natürlich dieser Kampf dem Fürsten Bismarck
+nicht gewähren. Ihm fehlte die Arbeit, die schaffende, nützende
+Arbeit, ihm fehlte das Leben, er fühlte sich einsam. »Das Interesse,
+welches ich früher an der Politik nahm, ist im Schwinden begriffen;
+es geht mir wie einem Wanderer im Schnee, er fängt allmählich an zu
+erstarren, er sinkt nieder und die Schneeflocken bedecken ihn, es
+ist ein angenehmes Lustgefühl. So erstarre auch ich allmählich, mein
+Interesse an der Politik nimmt ab, aber ich fühle mich wohl dabei«,
+so sagte er wohl. Überdies begannen die Spuren des Alters sich auch
+dieser gewaltigen Gestalt zu nahen; die Erregungen und Bitterkeiten,
+die ihm geworden, beugten die Eiche zu Boden. Im August 1893 erkrankte
+er schwer in Kissingen. Da zog in das Herz des Kaisers plötzlich der
+Gedanke, daß er nicht unversöhnt scheiden, daß er, wenn der Kanzler
+zur Ewigkeit zog, nicht ausgeschlossen bleiben dürfe von denen, die
+ihn in der letzten Stunde umgeben. Dem herzlichen Beileidstelegramm
+und der Sendung einer Flasche Steinberger Kabinetts ist ein Besuch des
+Kaisers in Friedrichsruh gefolgt. Aber Kaiser Wilhelm hat damals und
+auch später nicht den Gedanken gehegt, von neuem den Rat des großen
+Staatsmannes einzuholen, auch die Kundgebung von Kissingen war nur eine
+rein menschliche Tat, nicht aber ein politisch wichtiges Ereignis.
+
+[Illustration: ~Draußen in der Kälte~
+
+»Ich bin gleich einem Wanderer, der sich im Schnee verlief und der nun
+erstarrt, während ihn die Schneeflocken bedecken.« (»Punch«, 6. Februar
+1892)]
+
+Später hat dann Fürst Bismarck selbst seinen Einzug in die Stadt
+gehalten, aus der er vier Jahre vorher geschieden war und in der auch
+jetzt noch der Mann als Kanzler weilte, der ihn gesellschaftlich zu
+ächten versuchte, in der dieselben Männer noch Minister waren, die er
+bekämpfte. Sie alle verstanden die Zeit und gaben bei dem Gaste des
+Kaisers mit höflichen Lächeln ihre Karte ab. Und dennoch lag in jenem
+Festtage und in dem Gruß, den der Kaiser mit seinem alten Ratgeber
+tauschte, ein tief bedeutsamer und für die Zukunft wichtiger Kern:
+Auch die Bosheit konnte fortan nicht mehr behaupten, daß die Kritik
+des Fürsten Bismarck sich gegen die Person des Monarchen richte.
+Zeigte doch Kaiser Wilhelm der Welt, daß er auch in dem rückhaltlosen
+Bekämpfer der von seinen Ministern vertretenen Politik den treuen
+Royalisten zu ehren verstand. Die Tat des Kaisers hat in der Nation
+einen erhebenden Eindruck erweckt, und ihre Wirkung blieb auch dann
+noch bestehen, als neue Wolken den Horizont verdunkelten und neue
+Konflikte zwischen dem Sachsenwalde in dem Kaiserschloß entstanden.
+
+Aber es war eine tröstliche Wirkung jener Tage, daß Kaiser Wilhelm auch
+äußerlich Anteil an dem großen Ehrentage des Fürsten Bismarck und des
+deutschen Volkes nehmen konnte, der mit dem achtzigsten Geburtstage
+des großen Mannes heraufzog, und daß er, indem er sich in scharfen
+Gegensatz zu dem Beschlusse des Reichstages stellte, der dem Gründer
+des Reiches den Glückwunsch versagte, der Wortführer der nationalen
+Mehrheit werden durfte. In der Tat ist dieser Ehrentag ein Tag der
+Schande für die Erwählten des Volkes geworden, und als der Kaiser nach
+dem Sachsenwalde die Depesche sandte: »Eurer Durchlaucht spreche ich
+den Ausdruck tiefster Entrüstung über den eben gefaßten Beschluß des
+Reichstages aus. Derselbe steht im vollsten Gegensatz zu den Gefühlen
+aller deutschen Fürsten und Völker«, da fühlte man es voll Genugtuung
+und Freude, daß hier eine Brücke geschlagen war, die auch künftige
+Kämpfe nicht mehr völlig zerstören konnten. Es hat ja noch Kämpfe
+gegeben, bald stiegen die Wellen zu Berge und bald zum Tal. Denn für
+Bismarck gab es kein Leben ohne Kampf; ihm war der Kampf das Leben
+selbst. Aber mit Recht konnte er sich dagegen wehren, daß er »ein
+grollender Brummbär« sei, der »von dem Ast des Baumes, auf dem er saß
+und den man ihm meuchlings abgesägt hat, herunterpurzelte und von den
+Bienen arg zerstochen wurde«. Ihn stachen bloß die Drohnen, und ihre
+Stiche »gingen durch sein Fell nicht mehr durch«.
+
+[Illustration: ~Bismarck und der Tod~
+
+»Trotz der Kälte bleibe ich der Hirte dieser Herde! Tod, mach’ dich
+davon.« (Ein Bild von Wilette, das doch die Ehrfurcht der Franzosen vor
+dem greisen Staatsmann ausspricht.)]
+
+In jenen ersten Jahren konnte der Fürst sein Leben noch wechselnd in
+Friedrichsruh und Varzin verbringen; er konnte dem Rate des getreuen
+Arztes folgen und das stärkende Bad aufsuchen; er konnte reisen, und
+er fand so manche äußere Anregung, die ihm das Einerlei und die
+Einsamkeit der ersten Verbannungszeit in Vergessenheit brachte. Er
+konnte das Leben eines vornehmen Landedelmannes führen.
+
+Hier zeigte er wieder den ganzen Reiz eines Plauderers, der alle Saiten
+des Instrumentes als Virtuose beherrscht. Bei jeder Wendung auf noch
+so abliegende Gebiete oder Gegenstände setzte er seine Zuhörer durch
+seine Sachkenntnis, die Schärfe seines Urteils, seine epigrammatischen
+Aussprüche, seine charakteristischen Vergleiche und sein wunderbares
+Gedächtnis in Erstaunen. Und bis zuletzt hatte man von ihm den
+Eindruck, als ob selbst die Zeit, die alles überwindet, seiner niemals
+Herr werden könne.
+
+
+Eine dicke alte Forelle
+
+ Während der Mahlzeit in Friedrichsruh kam das Gespräch einmal auf
+ die Jagd. Einer der Gäste fragte den Fürsten, warum er dieser
+ Leidenschaft so gänzlich entsagt habe. »Mit den Leidenschaften«,
+ antwortete Fürst Bismarck, »verhält es sich wie mit den Forellen
+ in meinem Teich: eine frißt die andere auf, bis nur mehr eine
+ dicke alte Forelle übrig bleibt. Bei mir hat im Laufe der Zeit die
+ Leidenschaft zur Politik alle anderen Leidenschaften aufgefressen.«
+ Graf Kayserling bemerkte nach einer Pause: »Du wirst doch wieder
+ die Jagd aufnehmen.« Worauf Bismarck erwiderte: »Ich glaube nicht;
+ es täte mir heute leid, auf Wild zu schießen.«
+
+[Illustration: ~Am Bahnhof in Tetschen~
+
+ Bismarck-Mignon: »Heißt mich nicht reden, heißt mich schweigen,
+ Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht.
+ Ich möcht’ euch meinen Zorn und meine Galle zeigen,
+ Allein — das Schicksal will es nicht.«
+
+ (»Der Floh«, Juni 1892)]
+
+
+Stunden des Glücks
+
+ Als ein Gast den Fürsten als einen glücklichen Mann gefeiert
+ hatte, antwortete der Hausherr: »Meine Herren, was nennen Sie
+ glücklich? Ein glücklicher Mensch bin ich in meinem Leben nur
+ selten gewesen. Wenn ich die spärlichen Minuten wahren Glückes
+ zusammenzähle, so kommen wohl nicht mehr als vierundzwanzig Stunden
+ im ganzen heraus.« Es war charakteristisch, zu vernehmen, was er
+ als Augenblicke ungetrübten Glückes bezeichnet hat: Zum erstenmal
+ habe er sich glücklich gefühlt, als er als Knabe den ersten Hasen
+ geschossen habe, das seien aber nur wenige Sekunden gewesen; dann,
+ als er seine Liebeserklärung gemacht habe. Die innige Liebe,
+ die ihn mit seiner heimgegangenen Gattin verbunden, kam hier zu
+ ergreifendem Ausdruck.
+
+
+In der Politik gibt es kein Glück
+
+ Von besonderem Interesse waren die Äußerungen über seine politische
+ Tätigkeit: »In der Politik gibt es für den, der sie treibt, wie
+ ich sie habe treiben müssen, kein Glück. Der Staatsmann ist wie
+ ein Börsenspieler. Wenn der heute eine Million gewonnen hat,
+ und er denkt, sich darüber zu freuen, so kommt auch schon die
+ Sorge, wie er die gewonnenen Millionen zu weiteren Spekulationen
+ anlegen könne. So auch mit meinen Unternehmungen! Wenn mir die
+ eine gelungen, so mußte ich sogleich wieder darauf sinnen, wie
+ der Erfolg festzuhalten und auszunützen sei. Der Staatsmann
+ wirtschaftet mit fremdem Vermögen; das fällt um so schwerer
+ ins Gewicht, je mehr man Ehrgefühl im Leibe hat. — Meine
+ politische Laufbahn war ein Hetzen und Jagen, bei dem man zum
+ Genuß nie gekommen ist. Viel glücklicher als der Staatsmann ist
+ beispielsweise der Landmann, der Forstmann, jener, wenn er seine
+ Felder und Rieselwiesen, dieser, wenn er seine Forstkulturen und
+ den Wildstand gedeihen sieht.«
+
+
+Trinkfest
+
+ Bis in die letzten Jahre ist Fürst Bismarck ein recht trinkfester
+ Herr gewesen. Daß er schon in der Jugend einen vollen Pokal liebte,
+ davon hat er oft und gerne geplaudert. So redete man einmal von
+ Ärzten und der Art, wie die Natur sich zuweilen helfe. Er hatte
+ einmal bei einem hohen Herrn gejagt, und da »sei ihm um seinen
+ inneren Menschen recht schlecht gewesen. — Auch die zwei Tage Jagd
+ und die freie Luft halfen nicht. Da kam ich den Tag darauf zu
+ den Kürassieren in Brandenburg, die einen neuen Becher bekommen
+ hatten. Ich sollte daraus trinken und ihn einweihen, dann sollte
+ er herumgehen. Es war etwa eine Flasche drin. Ich aber hielt
+ eine Rede und trank und setzte ihn leer wieder hin, was sie sehr
+ verwunderte, da man den Leuten von der Feder nicht viel zutraut.
+ Es war aber noch Göttinger Übung. — Merkwürdiger- oder vielleicht
+ nicht merkwürdigerweise war mir darauf vier Wochen lang so wohl
+ um den Magen wie nie. Ich versuchte es später, mich ebenso zu
+ kurieren, aber niemals mit so erfreulichem Erfolge. — Da erinnere
+ ich mich auch einmal, bei der Letzlinger Jagd unter Friedrich
+ Wilhelm =IV.=, da sollte ein Vexierbecher aus der Zeit Friedrich
+ Wilhelms =I.= getrunken werden. Es war ein Hirschgeweih, welches so
+ gemacht war, daß man die Höhlung, in die etwa drei Viertel einer
+ Flasche gingen, nicht an die Lippen setzen konnte, während man doch
+ nichts verschütten sollte. Ich nahm es und trank es aus, obwohl
+ es sehr kalter Champagner war, und meine weiße Weste zeigte nicht
+ einen verschütteten Tropfen. Die Gesellschaft machte große Augen,
+ ich aber sagte: ›Noch einen!‹ — Der König aber, den es offenbar
+ ärgerte, daß ich’s so gut gemacht hatte, rief: ›Nein, das geschieht
+ nicht!‹, und so mußte es unterbleiben. — Früher waren solche
+ Kunststücke notwendiges Erfordernis zum diplomatischen Gewerbe. Da
+ tranken sie die Schwachen unter den Tisch, fragten sie aus nach
+ allerlei Dingen, die sie wissen wollten, und ließen sie in Sachen
+ willigen, zu welchen sie keine Vollmacht hatten. Sie mußten auch
+ gleich unterschreiben, und wenn sie dann nüchtern wurden, wußten
+ sie nicht, wie sie dazu gekommen waren.«
+
+
+Ein kräftiger Kognak
+
+ »Ich liebe die Liköre und das süße Zeug nicht,« meinte einmal
+ der Fürst, »aber bei der hochseligen Kaiserin Augusta gab’s nur
+ solches. Ein kräftiger Kognak, das ist eher etwas für mich.
+ Glücklicherweise waren aber unter den bedienenden Lakaien ein paar
+ gerissene Jungen, vor allem ein langer ehemaliger Artillerist —
+ ich sehe ihn noch vor mir. Wenn er dann vor mich hintrat und ich
+ zwinkerte mit dem rechten Auge — und dabei veranschaulichte der
+ Fürst das drastische Mienenspiel in größter Lebhaftigkeit — dann
+ kniff er das linke zu, und ich wußte nun ganz genau, auf der Seite
+ steht ein fester Kognak für mich!« Und dabei ergötzte sich der
+ Fürst an dem wohlgelungenen Anschlage und lachte, daß ihm die Träne
+ im Auge stand.
+
+[Illustration: ~Der stille Zecher daheim~
+
+»Een Glas hebe ick uff ihn, eens uff mir ..., nu noch eens uff uns
+beede.« Der Kaiser hatte dem Fürsten Bismarck nach seiner Erkrankung
+eine Flasche Steinberger Kabinett gesandt. (»Der Floh«, 4. Februar
+1894)]
+
+
+Kräheneier
+
+ »Die Zeit zwischen meinem Geburtstag und dem meiner Frau«, sagte
+ der Fürst einmal lächelnd, »ist meine Feistzeit, da gibt es
+ Muscheln — meine Tochter ist in dem Punkte das Kind ihres Vaters
+ —, Kiebitzeier, Saatkräheneier und andere gute Dinge. Diese
+ Saatkräheneier erinnern mich an meine Knabenzeit. Damals machte es
+ mir Scherz, Krähennester auszunehmen und die Eier brütenden Tauben
+ unterzulegen, um zu sehen, was wohl aus der Geschichte würde.« —
+ »Und das haben Eure Durchlaucht später in der Politik fortgesetzt«,
+ meinte einer der Gäste scherzend, und der Fürst lächelte gutmütig
+ dazu, um dann die Pfeife anzuschmauchen.
+
+
+Man kann es aushalten
+
+ Als einst eine neue Weinsorte am Frühstückstisch in Friedrichsruh
+ probiert wurde, fragte der Fürst einen gerade zu Besuch weilenden
+ Hamburger Herrn, wie ihm der Wein gefalle. Als der Gefragte meinte:
+ »Man kann es dabei einige Stunden aushalten, ohne andere Gelüste
+ zu bekommen«, sagte Fürst Bismarck: »Sie erinnern mich mit Ihrer
+ Antwort an jene beiden katholischen Geistlichen, die einen guten
+ Tropfen zu schätzen wußten, ohne beim Trinken redselig zu werden.
+ Sie saßen eines Vormittags in einer kühlen Laube bei einer guten
+ Sorte Rheinweins beisammen. Da bemerkte der eine: ›Der Win is
+ guat‹, und dann kneipten sie gemächlich weiter, bis die Sonne
+ sich zum Horizont hinabsenkte; da erst erwiderte der andere: ›Und
+ ooch chesund!‹ Beide waren während der ganzen Zeit durchaus bei
+ der Sache gewesen und empfanden beim seligen Zechen nicht das
+ Bedürfnis, an etwas anderes zu denken als an die gute Sorte, die
+ sie tranken.«
+
+[Illustration: ~Die Aussöhnung des Kaisers mit dem Fürsten Bismarck~
+
+Und Achilles sprach zu König Agamemnon: Sohn des Atreus, laß uns
+versöhnt sein, denn das war ja längst unser aller Wunsch! Laß das
+Vergangene vergessen sein, wie bitter kränkend es auch war. Meinen
+Zorn habe ich besänftigt, denn Unversöhnlichkeit ziemt dem edlen Manne
+nicht. (»Lustige Blätter«, 1. Februar 1894)]
+
+
+Der konnte es doch noch besser
+
+ Als ein Gast seine Bewunderung über die große Anzahl von Pfeifen
+ aussprach, die der Fürst mit Behagen rauche, erzählte dieser in
+ überaus komischer Weise von einem alten hannoverschen Offizier,
+ der an der damaligen Zollgrenze an einem ziemlich einsamen
+ Posten funktioniert hätte. Den habe er einmal getroffen und im
+ Gespräch mit ihm gefragt: er besuche wohl, um sich Zerstreuung zu
+ verschaffen, häufig die Gutsbesitzer in der Umgegend. »Nein,« habe
+ er geantwortet, »die besuchen wir nicht.« »Na,« habe er (der Fürst)
+ weiter gefragt, »dann spielen Sie wohl hier viel Karten?« Antwort:
+ »Nein, Karten spielen wir hier nicht.« »Dann trinken Sie wohl?«
+ »Nee, trinken tun wir auch nicht.« »Ja, was fangen Sie da denn mit
+ Ihrer dienstfreien Zeit eigentlich an?«, worauf die in klassischer
+ Ruhe erteilte Antwort: »Immer roochen (rauchen)!« gelautet habe.
+ »Der konnte es doch noch besser als ich.«
+
+[Illustration: ~Der Bismarck kommt!~ (»Der Floh«, Mai 1891)]
+
+
+Nur auf dem Kamel
+
+ Irgend jemand hatte die Mär erfunden, Fürst Bismarck beabsichtige
+ an die Südwestküste von Afrika zu reisen, um die neuen deutschen
+ Erwerbungen in Augenschein zu nehmen. Auf die Frage einer ihm
+ nahestehenden Persönlichkeit, ob es wahr sei, daß er nach Angra
+ Pequena reisen wollte, antwortete Bismarck schlagfertig wie immer:
+ »Ja, aber nur auf dem Kamel, das diese Nachricht überbracht hat.«
+
+
+Die Kreter sind faule Bäuche
+
+ Als wieder einmal das Schicksal der Insel Kreta auf der
+ Tagesordnung stand, meinte der Fürst: »Was Kreta anbetrifft,
+ so kann ich Ihnen versichern, daß ich an dieser Insel weniger
+ Interesse nehme als an irgendeinem kleinen Erdhaufen in meinem
+ Garten. Die Kretenser sind, wie ich glaube, leicht abgeschätzt,
+ und unter normalen Bedingungen sollten sie sich weit besser
+ unter türkischer als eventuell unter griechischer Herrschaft
+ befinden.« Diese Äußerung veranlaßte einen Herrn Ogilvy zu Dundee
+ in Schottland, an den Fürsten einen Brief zu schreiben, in welchem
+ er diesen unter Berufung auf sein Christentum und seine Humanität
+ beschwor, ihm die Gründe mitzuteilen, weshalb er die unglücklichen
+ Kreter so hart und unglimpflich behandelt habe. Hierzu schrieben
+ die »Hamburger Nachrichten«: Wir können diese Angaben bestätigen
+ und auch den Wortlaut der Erwiderung mitteilen, die Herrn Ogilvy
+ zugegangen ist:
+
+ Friedrichsruh, den 25. Juli 1896.
+
+ Geehrter Herr!
+
+ Ich danke Ihnen für Ihren freundlichen Brief und für die gute
+ Meinung, welche Sie von mir haben. Zu meiner Entschuldigung
+ gegenüber den Kretern bitte ich aber, zu berücksichtigen, was der
+ Apostel Paulus im Briefe an Titus Kap. 1 Vers 12 und 13 sagt.
+
+ v. Bismarck.
+
+ In den biblischen Stellen, die dieser Kreterbrief des Fürsten
+ anzieht, heißt es Vers 12: »Es hat einer aus ihnen gesagt, ihr
+ eigener Prophet: die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule
+ Bäuche;« und Vers 13: »Dies Zeugnis ist wahr. Um der Sache willen
+ strafe sie scharf, auf daß sie gesund seien im Glauben.«
+
+[Illustration: ~Gemütlich wieder beisammen~
+
+»Nanu, lieber Bismarck, immer nur ringehauen in det Pichelsteiner
+Fleisch und die zwanzig Pfund wieder hereingebracht, die verloren
+gegangen sind.« — »Ach nee, mich jehen die zwanzig Pfund nich ab,
+aberit Caprivin möchte ich sie jönnen — dem däten zwanzig Pfund
+›Bismarck‹ jetzt jut bekommen.« (»Der Floh«, 1. Oktober 1893)]
+
+
+Philosophie
+
+ »Hegel«, meinte einmal der Fürst, »wurde ja zu meiner Zeit
+ überall doziert, ich habe mir aber von ihm nur angeeignet, was
+ ich für das Examen brauchte. Eines inneren Eindrucks bin ich mir
+ nicht bewußt geworden. Wie ich allmählich Jurist bei Bier und
+ auf dem Paukboden wurde, so hat auch das betrachtende Leben in
+ der Natur mehr Einfluß auf mich gehabt als die Philosophen. In
+ dieser natürlichen Neigung fühlte ich mich mehr zu Spinoza als
+ zu Hegel hingezogen. Hegel dachte ja eigentlich in erster Linie
+ für sein Auditorium, um etwas vortragen zu können. Im Vergleich
+ zu Spinoza arbeitete er auf kultiviertem Boden, während Spinozas
+ Gedanken unmittelbar aus der Natur herauswuchsen. Spinoza habe ich
+ an der Hand deutscher Hilfsbücher im lateinischen Text studiert.
+ Er war ein aristokratischer Jude, wie sich ja überhaupt die
+ holländischen Juden vorwiegend aus dem portugiesischen Judenadel
+ rekrutiert haben.« Auf die Frage, ob Spinozas pantheistische
+ Philosophie Einfluß auf ihn gewonnen habe, erwiderte der Fürst:
+ »Das Christentum einen viel, viel höheren, den höchsten! Durch
+ Kant«, fuhr dann der Fürst fort, »habe ich mich nicht völlig
+ durchbringen können; was er über das Moralische sagt, zumal das
+ vom kategorischen Imperativ, ist sehr schön; aber ich lebe am
+ liebsten ohne das Gefühl des Imperativs; ich habe überhaupt nie
+ nach Grundsätzen gelebt; wenn ich zu handeln hatte, habe ich mich
+ niemals gefragt: nach welchen Grundsätzen handelst du nun?, sondern
+ ich habe zugriffen und getan, was ich für gut hielt. Man hat mir ja
+ oft vorgehalten, daß ich keine Grundsätze habe. In meiner Jugend
+ pflog ich mit einer philosophisch angehauchten Cousine, die mich
+ gerne betanten wollte, oftmals Gespräche darüber, ob ich Grundsätze
+ annehmen müsse oder nicht. Schließlich sagte ich ihr, und damit
+ waren alle unsere Streitigkeiten zu Ende: ›Wenn ich mit Grundsätzen
+ durchs Leben gehen soll, so komme ich mir vor, als wenn ich durch
+ einen engen Waldweg gehen sollte und müßte eine lange Stange im
+ Munde halten!‹«
+
+
+Herr Baurat
+
+ »Als ich noch keine andere Auszeichnung besaß«, plauderte der
+ Fürst, »als die Lebensrettungsmedaille, deren Band genau so
+ aussieht wie das Band des Roten Adlerordens vierter Klasse, und in
+ Berlin rasch in der Richtung eines Bahnhofs dahinschritt, rief mir
+ ein Junge zu: ›Kann ick Ihnen nich eene Droschke besorjen, Herr
+ Baurat!‹ — Als ich dann den Majorsrang erworben hatte und einmal in
+ Uniform ausging, hielt mich ein Schutzmann für einen ernsthaften
+ Major und ersuchte mich, dienstlich gegen eine Menschenansammlung
+ einzuschreiten, die den Verkehr sperrte und mit der er allein nicht
+ fertig wurde. Ich tat das bereitwillig, erklärte ihm dann aber,
+ als er noch andere derartige Wünsche zu haben schien, doch, daß es
+ mir leid tue, nebenher noch preußischer Ministerpräsident zu sein
+ und als solcher nicht weiter zur Verfügung des Herrn Schutzmannes
+ stehen zu können. — Später habe ich es dann allerdings auch zum
+ General gebracht und komme in Berlin an einem Schutzmann vorbei,
+ der mich nicht grüßt. ›Grüßen Sie denn nicht Offiziere?‹ fragte ich
+ ihn. ›O ja, Herr,‹ versetzte er treuherzig, ›aber nur die höheren.‹
+ ›Na, rechnen Sie einen General nicht zu den höheren Offizieren,
+ guter Mann?‹ ›Das wohl, aber Sie sind doch —‹ ›Sie wissen wohl
+ nicht, daß ich der Reichskanzler bin?‹ ›Nein, woher sollte ich das
+ wissen?‹ rief er betroffen, ›ich bin eben erst vom äußersten Osten
+ nach Berlin versetzt worden.‹ Ich war so erfreut, daß mich einmal
+ jemand in Berlin nicht erkannte, daß ich gegen den Mann durchaus
+ keine Anzeige erstattete.«
+
+[Illustration: ~Beim Frühschoppen des 80. Geburtstages~
+
+»So ’ne Reichstagsgratulationsablehnung ist denn doch zu wat gut.«
+Der Reichstag hatte zum 80. Geburtstag den Glückwunsch abgelehnt.
+(»Humoristische Blätter«, 31. März 1895)]
+
+
+Gewissermaßen fossil
+
+ »Was Statuen anlangt,« meinte einmal der Fürst, »so muß ich doch
+ sagen, daß ich für diese Art von Dank gar nicht empfänglich bin.
+ Ich wäre in der größten Verlegenheit, wenn ich beispielsweise
+ in Köln wäre, mit welchem Gesicht ich an meiner Statue
+ vorbeigehen sollte. Ich erlebe das in Kissingen; es stört mich in
+ Promenadeverhältnissen, wenn ich gewissermaßen fossil neben mir
+ dastehe.«
+
+[Illustration: Nach Bismarcks Rede gegen die Streber und Drohnen.
+(»Hum. Listy«, August 1895)]
+
+
+Seine Tränen
+
+ Als einer der Gäste hervorhob, daß Lenbach wie kein zweiter es
+ verstanden habe, den Glanz von Bismarcks Augen wiederzugeben,
+ bemerkte der Fürst: »Ja — nur meint man häufig, ich sei gerührt
+ zu Tränen, aber diese Tränen, das ist wohl ein Erbstück meiner
+ Vorfahren, die zu tief in den Becher geschaut haben, und nun muß
+ ich das Wasser aus den Augen wiedergeben!« Als einer der Tischgäste
+ meinte, Graf Herbert habe das auch, und die Fürstin Bismarck dies
+ nicht gelten lassen wollte, bemerkte der Altreichskanzler: »Doch,
+ der muß die Tränen über meine Sünden weinen.«
+
+
+Hausmusik habe ich immer geliebt
+
+ Jemand fragte den Fürsten, ob er Musik liebe. »Über alles,«
+ antwortete er, »besonders Beethoven. Mir ein Billett zu nehmen
+ und auf engem Sitz Musik anzuhören, dafür bin ich aber nicht
+ gemacht. Aber Hausmusik habe ich immer geliebt. Bis zu meinen
+ ersten dreißiger Jahren, wo ich meine Frau kennen lernte, die sehr
+ musikalisch ist, habe ich immer bedauert, daß ich die auf meinem
+ Lehrplan angesetzte Musikstunde nicht einhalten konnte. Ich hatte,
+ da man doch jetzt viel von Überbürdung der Jugend spricht, täglich
+ dreizehn Stunden zu arbeiten, neben dem gewöhnlichen Unterricht
+ noch eine Stunde Französisch und Englisch. Da mußte ich die Musik
+ leider aufgeben. Ich habe das immer beklagt, denn der Deutsche ist
+ nun einmal von Natur auf Musik gestimmt.«
+
+
+Der »Faust« ist meine Bibel
+
+ »Für Goethes Gedichte«, sagte Fürst Bismarck, »habe ich von Jugend
+ an viel Schwärmerei gehabt; noch jetzt lese ich abends im Bette,
+ wenn ich nicht einschlafen kann, Gedichte von ihm, auch Schiller,
+ Uhland, Chamisso ist mein Geschmack treu geblieben. Der ›Faust‹ ist
+ jedoch von der ganzen profanen Literatur meine Bibel. ›Clavigo‹,
+ ›Stella‹, die ›Wahlverwandtschaften‹ sind mir ihres schlaffen
+ Helden wegen unsympathisch, aber sonst ist Goethe ganz mein
+ Geschmack.«
+
+[Illustration: ~Der Kanzler in dreierlei Format~
+
+ Nicht länger läßt es sich verbergen,
+ Was durch den Tatbestand erwiesen:
+ Erst war’s ein Riese unter Zwergen,
+ Heut ist’s ein Zwerg nur unter Riesen!
+
+(»Lustige Blätter«)]
+
+
+Das deutsche Lied
+
+ Über das Thema der Musik schrieb ein Mitarbeiter der »Neuen
+ Musikzeitung« im Jahre 1895: »Bismarck hat einmal geäußert: ›Die
+ bezahlte Musik zieht mich wenig an, aber nichts lieber weiß ich
+ mir als die Musik im Hause.‹ Er konnte nicht müde werden, sich von
+ seiner Frau, einer ausgezeichneten Klavierspielerin, Beethoven
+ vorspielen zu lassen und aus dieser erhabenen Tonsprache Erquickung
+ und Erhebung zu schöpfen. Besonders in den letzten Jahren, seitdem
+ Bismarck in Friedrichsruh lebt, hat er in Ansprachen an diejenigen,
+ die sich huldigend ihm genaht, mehrfach sehr bemerkenswerte
+ Äußerungen über sein persönliches Verhältnis zur Tonkunst getan.
+ So bemerkte er einer Abordnung gegenüber: ›Bei der Überbürdung
+ mit Unterricht in meiner Jugend ist die Musik zu kurz gekommen.
+ Trotzdem fühle ich nicht weniger Liebe zu ihr. Dankbar bin ich
+ der Musik, daß sie mich in meinen politischen Bestrebungen
+ wirkungsvoll unterstützt hat. Des deutschen Liedes Klang hat die
+ Herzen gewonnen. Ich zähle es zu den Imponderabilien, die den
+ Erfolg unserer Einheitsbestrebungen vorbereitet und erleichtert
+ haben. Wenige von Ihnen dürften alt genug sein, um sich der
+ Wirkung zu erinnern, die 1841 das Beckersche Rheinlied erzielte.
+ Damals war dies Lied mächtig, und bei der Schnelligkeit, mit der
+ es von der Bevölkerung aufgegriffen wurde, hatte es die Wirkung,
+ als ob wir ein paar Armeekorps mehr am Rhein stehen hätten. Näher
+ liegt uns der Erfolg der ›~Wacht am Rhein~‹. Wie manchem Soldaten
+ hat das Anstimmen des Liedes auf dem winterlichen Kriegsfelde
+ und bei materiellem Mangel eine wahre Herzstärkung gewährt, und
+ das Herz und dessen Stimmung ist ja alles beim Gefecht. Die
+ Kopfzahl machte es nicht, wohl aber die Begeisterung machte es,
+ daß wir die Schlachten gewonnen haben. Und so möchte ich das Lied
+ als Kriegsverbündeten auch für die Zukunft nicht unterschätzt
+ wissen. Unsere Beziehungen zum verbündeten Österreich beruhen
+ doch wesentlich auf Unterlagen im kulturellen Gebiet und nicht
+ am wenigsten auf den musikalischen Beziehungen. Wir wären kaum
+ in gleich enger Verbindung mit Wien geblieben, wenn nicht Haydn,
+ Mozart, Beethoven dort gelebt und ein gemeinsames Band der Kunst
+ zwischen uns geschaffen hätten. Ja, selbst die Verbindungen
+ zu unserem dritten Bundesgenossen, Italien, waren früher mehr
+ musikalischer Natur als politischer. Die ersten Eroberungen, die
+ Italien bei uns gemacht hat, sind musikalische gewesen. Ich bin
+ kein Gegner der italienischen Musik, trotz meiner Vorliebe für
+ die deutsche: im Gegenteil, ich bin ein großer Freund derselben.‹
+ Zu Hamburger Gymnasiasten, die ihn mit einem Liede begrüßt
+ hatten, sagte Bismarck: ›Sie haben eben ein sehr schönes Stück
+ gesungen; ich habe früher auch Musik getrieben, doch bin ich
+ nur ein mittelmäßiger Klavierspieler gewesen und war froh, als
+ ich den lästigen Zwang abschütteln konnte. Das hat mir später
+ außerordentlich leid getan, denn die Musik ist eine treue Gefährtin
+ im Leben. Sie hat mir oft gefehlt, und wer von Ihnen Talent dazu
+ hat, dem empfehle ich ganz besonders, die Musik zu pflegen, und
+ ich erinnere Sie an mein Beispiel, um Sie abzuschrecken von dem
+ Fehler, den ich mir vorzuwerfen habe.‹ Bismarck verhimmelt nicht
+ die Triller einer Primadonna, er stürzt sich nicht in den Kampf
+ der Wagnerianer mit ihren Gegnern — er betrachtet die Kunst,
+ die Musik insbesondere, in ihrer Gesamtheit als ein großes, von
+ zeitlichen Strömungen nicht abhängiges Gemeingut des Volkes in
+ allen seinen Schichten. Die Musik ist ihm nicht nur ein Gemüts-
+ und Herzensbedürfnis, ein edler Schmuck des Familienlebens von
+ erhebender und bildender Kraft, sie ist ihm auch ein wichtiger
+ politischer Faktor, ein wertvoller Verbündeter, ein Band zwischen
+ den Nationen, eine moralische Stütze und Kräftigung für den
+ Krieger; ein Lied ist ihm unter Umständen einige Armeekorps wert.
+ Dringend empfiehlt er der Jugend die Pflege der Musik als einer
+ treuen Gefährtin im Leben und bereut selbst, sie vernachlässigt zu
+ haben.«
+
+[Illustration: ~Warum der Gründer des Deutschen Reiches der Jubelfeier
+fernblieb~
+
+Bismarck: »Nanu, die Spur war nicht wegzubringen, und mit so ’nem
+Mantel konnte ich doch nicht in die Festlichkeiten nach Berlin kommen!«
+(»Hum. Blätter«, 26. Januar 1896)]
+
+[Illustration: Fürst Bismarck war von der Universität Jena zum =Dr.
+med.= ernannt worden, findet aber heimkehrend keinen Patienten.
+(»Punch«, August 1896)]
+
+[Illustration: Der alte Steuermann, der Schiffbruch leidet. (Nach den
+Hamburger Enthüllungen.) (»Punch«, 7. November 1896)]
+
+
+Wo er ruhen wollte
+
+ Sidney Whitman erzählt: »Nach dem ›Lunch‹ fuhr der Fürst allein
+ mit seinem Gast durch den Sachsenwald, und zwar tief in denselben
+ auf einsamen Wegen hinein, um ihm soviel Wild wie möglich zeigen
+ zu können. Als der Kutscher sich dabei verirrt hatte und absteigen
+ mußte, um den Hauptweg wieder aufzusuchen, wandte Bismarck sich
+ plötzlich an Whitman, indem er auf zwei stattliche Fichten zeigte,
+ mit den Worten: ›Dort in der Luft zwischen jenen Bäumen möchte
+ ich meine letzte Ruhestätte finden, wo die frische Luft und das
+ Sonnenlicht noch zu mir dringen können. Der Gedanke, dort unten
+ in einem Kasten erstickt zu liegen, hat doch seine Schrecken.‹«
+ Von ähnlicher Stimmung erzählt ein anderer Gast: »Auf dem Heimweg
+ wurde er still und ließ dicht vor dem Herrenhaus halten. Er wies
+ mit der Krücke des Stockes auf einen Hügel gegenüber dem Hause,
+ das man töricht ein Schloß genannt hat, und sagte: ›Da, denke ich,
+ werde ich mich einmal mit meiner Frau begraben lassen. Ich hatte
+ auch an Schönhausen gedacht; aber hier ist’s wohl paßlicher, denn
+ in Schönhausen bin ich doch eigentlich schon lange ein Fremder.‹
+ Der Gast hatte zu schweigen. Abends, als die altfränkische Öllampe
+ freundlich brannte und die kränkelnde Fürstin auf ihrem Sofa, neben
+ Lenbachs Meisterbild des alten Kaisers, eingenickt war, schlug
+ der Sinnende wieder das Thema an, verarbeitete es nach seiner
+ Weise und schien sich in humoristischer Ausmalung des feierlichen
+ Lärmes, der nach seinem Tod losbrechen würde, nicht genug tun
+ zu können. Frau Johanna schrak auf und rief ganz ärgerlich:
+ ›Aber, Ottochen, wie kannst du nur so traurige Sachen reden!‹
+ ›Liebes Kind,‹ war die Antwort, ›gestorben muß einmal sein, trotz
+ Schweninger, und ich will wenigstens rechtzeitig dafür sorgen, daß
+ mit meinem Leichnam kein Unfug getrieben wird. Ich möchte nicht,
+ wie die Berliner sagen, eine schöne Leiche sein, und eine von der
+ bekannten Aufrichtigkeit, die heimlich ›Uff!‹ macht, inszenierte
+ Trauerkomödie, so zwischen Vogelwiese und Prozession, wäre so
+ ziemlich das einzige, was mich noch schrecken könnte.‹«
+
+
+Ich spielte meine Karten blank aus
+
+ »Viele haben schon«, so plauderte der Fürst, »von meinen
+ politischen Grundsätzen gesprochen. Den Professoren und ihren
+ Nachbetern in den Zeitungen tut es unendlich leid, daß ich ihnen
+ nicht ein Symbolum von Prinzipien geoffenbart habe, nach denen
+ ich meine Politik eingerichtet habe. Die Deutschen können sich,
+ weil sie eben noch kaum der politischen Kinderstube entwachsen
+ sind, nicht daran gewöhnen, die Politik als eine Wissenschaft
+ des Möglichen zu betrachten, wie mein intimer Gegner Papst Pius
+ =IX.= mit Recht gesagt hat. Die Politik ist keine Mathematik
+ oder Arithmetik. Man hat wohl auch in der Politik mit gegebenen
+ und unbekannten Größen zugleich zu rechnen, aber es gibt keine
+ Formeln und Regeln, um im voraus das Fazit ziehen zu können.
+ Darum habe ich mich nicht an die Meinungen und Mittel anderer
+ Staatsmänner gehalten, sondern mir ihre Rechnungsfehler zur Warnung
+ dienen lassen. Napoleon =I.= verdarb, weil er pochend auf seine
+ kriegerischen Erfolge mit allen Staaten Händel anfing, statt den
+ Frieden zu erhalten. Das Kriegsglück machte ihn rauflustig und
+ übermütig. Er begab sich in seinem Allerwelts-Herrscherdünkel in
+ Gefahren ohne Ende und kam darin um. Seine große Schöpfung ging
+ nach kurzem Bestand in die Brüche, weil er die erste Tugend des
+ Staatsmannes — die weise Mäßigung nach den größten Erfolgen —
+ gegenüber den anderen Völkern nicht übte und Europa in einen Krieg
+ nach dem anderen verwickelte, während ich nach 1871 den Frieden zu
+ erhalten mich bemühte. Aber nicht bloß zu Napoleon =I.= stellte ich
+ mich in einen bewußten Gegensatz, auch zu Napoleon =III.= Dieser
+ bemühte sich allerdings, nur die günstigeren Seiten seines Onkels
+ nachzuahmen; doch indem er in der Rolle des ›ehrlichen Maklers‹
+ immer ein Stück für sich abzubekommen versuchte, verfiel er in
+ die Gewohnheit jener italienischen Diplomaten des vergangenen
+ Jahrhunderts, welche Schlauheit mit Falschheit verwechselten. Ich
+ spielte meine Karten blank aus. Ich setzte der vermeintlichen
+ Schlauheit die frappierende Wahrheit gegenüber. Daß man mir öfter
+ nicht glaubte und sich dann hintennach schwer betroffen und
+ enttäuscht fühlte, das ist nicht meine Schuld.«
+
+[Illustration: Bismarck vor Gericht. (Politischer Bilderbogen Nr. 221)]
+
+
+Sein Heim
+
+ Das Heim, in dem Fürst Bismarck größtenteils den Abend seines
+ Lebens verbrachte, war überaus einfach und schlicht. Ein Schloß?
+ Eine Fürstenwohnung? Nein; das einfache Haus eines großen Menschen,
+ den die Eitelkeit der Welt nie besessen hat, der nur für seinen
+ gewaltigen Körper eine gute Küche, einen guten Keller und für
+ sein rastloses Gehirn einen geräumigen Arbeitstisch braucht.
+ »Es war mir«, erzählt Adolf Wilbrandt, »wunderbar ›preußisch‹
+ zumute, als ich durch das Haus ging, zuerst zu Lenbachs Zimmer
+ hinauf, dann nach unten zurück. Nichts von Prunk und Pracht,
+ nichts von ›Eleganz‹. An den Türen im ersten Stock sah ich noch
+ die Nummern, offenbar aus der Zeit, als dieses Haus ein Gasthof
+ am Sachsenwald war. Alles hell, die Türen, die Fenster, die
+ Wände; große, lichte Räume, von ruhigster Einfachheit, gutes,
+ warmes Obdach bei der ›Hundekälte‹, behaglich und weiter nichts.
+ So vornehm und schlicht stand dann auch die Hausfrau vor mir;
+ die ruhige, scheinlos-würdevolle Gestalt mit den klugen, milden,
+ menschenfreundlichen Augen; ein großer, unvergeßlicher Kopf, wie
+ vom Schicksal dazu bestellt, den Mann, der so hohe Wege ging, frei
+ von aller Eitelkeit und mit dem reinen, sachlichen Verstand eines
+ hingebenden Herzens zu begleiten.«
+
+[Illustration: ~Stille Arbeit in Friedrichsruh~
+
+Simson-Bismarck: »Et jeht nich! Entweder ist der Bau zu stark, oder
+ich bin schon zu schwach. Na, wartet nur, bis mir die Haare wieder
+nachgewachsen sind.« (»Der Floh«, Jan. 1897)]
+
+
+Einsam
+
+ Vom 19. Dezember 1894, als die Fürstin Johanna von seiner Seite
+ gerissen war, stammt der folgende Brief des Fürsten Bismarck an
+ seine bejahrte Schwester, die einst in der Jugend sein Liebling
+ gewesen ist:
+
+ Meine geliebte Malle!
+
+ Wenn ich in meiner Einsamkeit darüber nachdenke, was mir an
+ Herzensbeziehungen in dieser Welt bleibt, so stehst Du in erster
+ Linie, und ich beklage die räumliche Trennung, die unser Lebenslauf
+ über uns verhängt hat. Das gleiche ist der Fall mit meinen
+ Söhnen, die, seit sie erwachsen sind, außerhalb des Schattens des
+ väterlichen Hauses ihre Selbständigkeit gesucht haben. Marie ist
+ bei mir als liebende Tochter, aber doch auch nur als Anleihe, außer
+ ihr Helene Külz eine freundliche und leicht zu liebende Nichte; sie
+ reist morgen zum Fest nach Haus und ich mit Marie und zwei Kindern
+ übermorgen nach Friedrichsruh. Die Reise liegt wie ein Alp auf mir.
+ Einmal bringt sie die Trennung von Johanna und von den Stätten
+ unseres letzten Zusammenlebens zum definitiven Abschluß, dann auch
+ bin ich noch nicht in der Fassung, mit Fremden zu verkehren, und
+ das kann ich unterwegs und in Friedrichsruh nicht vermeiden. Ich
+ würde am liebsten hier einwintern, aber meine Leute sind meist
+ verheiratet, ihre Frauen und Kinder dort, und Weihnachten vor der
+ Tür; auch bestehen Schweninger und meine Söhne auf dem Wechsel, da
+ ich dort für sie leichter erreichbar bin als hier im Hinterwalde,
+ ohne Schnell- und Nachtzüge. Ich reise also und werde mich unter
+ Menschen noch einsamer fühlen wie hier ... Was mir blieb, war
+ Johanna, der Verkehr mit ihr, die tägliche Frage ihres Behagens,
+ die Betätigung der Dankbarkeit, mit der ich auf achtundvierzig
+ Jahre zurückblicke. Und heut alles öde und leer; das Gefühl ist
+ ungerecht, aber =I can not help it=. Ich schelte mich undankbar
+ gegen so viel Liebe und Anerkennung, wie mir im Volke über
+ Verdienst geworden ist; ich habe mich vier Jahre hindurch darüber
+ gefreut, weil sie sich auch freute, wenn auch mit Zorn gegen meine
+ Gegner, hoch und niedrig. Heut aber ist auch diese Kohle in mir
+ verglimmt, hoffentlich nicht für immer, falls mir Gott noch Leben
+ beschert; aber die drei Wochen, die gestern verlaufen waren,
+ haben über das Gefühl der Verödung noch kein Gras wachsen lassen.
+ Verzeih, mein Schwesterherz, daß ich mich ausklage; aus noch
+ lange nicht. Ich bin noch müder geworden, seit der Katastrophe,
+ =tic douloureux= hat zugenommen, hindert mich am Schlafen und am
+ Aufenthalt im Freien. Verbrauchte Nerven ...
+
+ Dein treuer Bruder
+
+ v. B.
+
+ Frau v. Arnim geb. v. Bismarck
+ Berlin,
+ Matthäi-Kirchstraße 12.
+
+[Illustration: ~Die beiden Großen~
+
+Preußischer Hofhistoriograph: »Es ist doch eigentümlich, je länger
+man hinblickt, desto mächtiger scheint dieser Schatten zu werden!«
+(»Jugend«, 1906)]
+
+
+Wir sind alt geworden
+
+ Eine ähnliche trübe Resignation spricht aus folgendem Briefe des
+ Achtzigjährigen an seinen Schwager:
+
+ Friedrichsruh, 18. Mai 1895.
+
+ Lieber Oskar!
+
+ Wir sind beide so alt geworden, daß wir lange wohl nicht mehr leben
+ werden. Können wir uns nicht noch einmal sehn und sprechen, ehe wir
+ abgehen? Es ist sechsundsechzig oder siebenundsechzig Jahre her,
+ daß wir auf dem Gymnasium den ersten Tropfen Bier zusammen aus der
+ Flasche tranken; es war auf der Treppe neben der Obertertia. Wollen
+ wir nicht den letzten trinken, ehe es zu spät wird? Wir sind beide
+ alt, matt und verdrießlich, aber ich habe doch das Verlangen, Deine
+ Stimme noch einmal zu hören, ehe ich —. Du steigst doch in die
+ Bahn, wenn Du Berlin verläßt, warum nicht in die Hamburger statt
+ der Stettiner?
+
+ Dein
+ v. Bismarck.
+
+[Illustration: ~Nächtlicher Spuk.~ (Nach den Hamburger Enthüllungen)
+
+ Es regt sich was im Sachsenwald, rum, plum, plum,
+ Und durch die Wipfel hallt’s und schallt’s, rum, plum, plum,
+ Rum, plum, plumvididum, rum, plum, plum.
+ Der alte Herr vom Sachsenwald zieht um, zieht um.
+
+(Nach den Rodensteinliedern)]
+
+[Illustration: ~Bismarck, gemessen am Eiffelturm~
+
+ Wenn die Franzosen den Bismarck hätten,
+ Wenn er ein Franzmann, kein Deutscher wär’,
+ Gott, was täten sie dem für Ehr’,
+ Könnt’ sich vor all der Liebe kaum retten,
+ Die ihn bedrängte, den großen Mann!
+
+ Gesetzt den Fall, der Bismarck wäre
+ Franzos’, und es hätten Frankreichs Heere
+ Damals vor fünfundzwanzig Jahren
+ Die deutsche Armee getrieben zu Paaren,
+ Und Bismarck hätte dann kühnen Mutes
+ Die Ufer des Rheins oder sonst was Gutes
+ Den Seinen gewonnen: dann glaub’ ich dies:
+ Es stünd’ auf dem schönsten Platz in Paris
+ Ein Monument aus Erz und Stein,
+ Würd’ nirgends auf Erden ein schön’res sein.
+ Den Eiffelturm müßt’ es übersteigen,
+ Mannshohe Lettern die Inschrift zeigen:
+ »Blickt auf, Franzosen, und bewundert
+ Den Riesen da — in dem Jahrhundert
+ Ist wohl kein größerer zu finden!«
+ (Bei uns ist’s anders, wie sie künden.)
+
+ (»Jugend«, 6. Februar 1897)]
+
+So wie die Fahrt des Fürsten Bismarck nach Wien, wie die Feier
+seines achtzigsten Geburtstages, so haben die sogenannten »Hamburger
+Enthüllungen« einen gewaltigen Sturm in ganz Deutschland erregt. Am
+24. Oktober 1896, zu einer Zeit, in der in Frankreich der Russentaumel
+die giftigsten Blüten trieb, erschien in dem Organ des greisen
+Staatsmannes, in den »Hamburger Nachrichten«, ein Artikel über seine
+Beziehungen zu Rußland. Hier wies er in einer Polemik gegen die
+freisinnigen Blätter den Vorwurf zurück, daß schon zu seiner Zeit der
+Draht zwischen Berlin und Petersburg zerrissen worden sei. Bis zu
+seiner Entlassung, so hieß es dort, waren beide Reiche im vollsten
+Einverständnis darüber, daß, wenn eines von ihnen angegriffen würde,
+das andere wohlwollend neutral bleiben solle. »Dieses Einverständnis
+ist nach dem Ausscheiden Bismarcks nicht erneuert worden, und wenn
+wir über die Vorgänge in Berlin richtig unterrichtet sind, so war es
+nicht etwa Rußland, in Verstimmung über den Kanzlerwechsel, sondern
+Graf Caprivi war es, der die Fortsetzung jener gegenseitigen Assekuranz
+ablehnte, während Rußland dazu bereit war.« Diesen Ausführungen war die
+Bemerkung hinzugefügt: »So entstand Kronstadt mit der Marseillaise,
+und die erste Annäherung zwischen dem absoluten Zarentum und der
+französischen Republik wurde unserer Ansicht nach ausschließlich
+durch die Mißgriffe der Caprivischen Politik herbeigeführt. Dieselbe
+hat Rußland genötigt, die Assekuranz, die ein vorsichtiger Politiker
+in den großmächtlichen Beziehungen Europas gern nimmt, in Frankreich
+zu suchen.« Diese kurzen Bemerkungen erweckten, wie gesagt, einen
+furchtbaren Sturm, und auch in dem Kaiser erwachte eine so tiefe
+Verstimmung gegen den Einsiedler von Friedrichsruh, daß er in einem
+amtlichen Erlaß als ein Mann hingestellt wurde, der die strengsten
+Staatsgeheimnisse preisgegeben und die wichtigsten Amtspflichten
+verletzt habe. Diese Kundgebung rief sofort die sämtlichen Gegner des
+greisen Fürsten auf den Plan, um ihn als einen Landesverräter, als
+einen Verbrecher am Vaterlande zu beschimpfen, der hinter Schloß und
+Riegel, in das Zuchthaus gehört. Sie standen hierin in voller Harmonie
+mit den Franzosen, die sich nicht genugtun konnten in den infamsten
+Angriffen gegen ihren alten Bezwinger. »Gewissenlos, zynisch noch
+in seinem Greisenalter,« so schrieb ein Pariser Blatt, »will dieser
+Mensch, daß die Weltgeschichte seine Übeltaten in ihrem vollen Umfange
+kennen lerne: die Geheimnisse seines doppelten Spieles, den Schlüssel
+zu seinen verbrecherischen Kombinationen. Welches Schauspiel, daß er
+seine waghalsige Herausforderung an der Schwelle seines Grabes an die
+menschliche Gerechtigkeit in Erwartung der göttlichen gerichtet hat!
+Aber der Coup ist mißglückt, das alte Ungeheuer stolpert mehr und mehr
+seinem endlichen Untergang zu, den es so reichlich verdient hat.«
+Der Ingrimm des Gegners bedeutet stets die Anerkennung der eigenen
+Verdienste. — Aber es schien, als wenn in den Kreisen der Regierung
+wiederum der Argwohn bestand, daß Fürst Bismarck die Absicht habe,
+in einer weitangelegten Intrige die Stellung seiner Nachfolger zu
+gefährden, ihre Unfähigkeit zu erweisen und sich selbst der Krone
+wieder als Ratgeber aufzudrängen. Die Folgezeit hat leider bewiesen,
+daß es gelang, auch den Blick des Kaisers zu trüben. Eben erst hatte
+er, am Erinnerungstage des Friedensschlusses mit Frankreich, dem
+Fürsten Bismarck ein außerordentlich herzliches Telegramm gesandt,
+das mit den Worten schloß: »Welche unvergeßliche Verdienste Sie,
+mein lieber Fürst, sich in der gewaltigen Zeit erwarben, in welcher
+Deutschland seine Einigkeit und Größe wieder errang, Ihnen heute von
+neuem in Dankbarkeit und Verehrung auszusprechen, ist mir Bedürfnis.
+Neben dem Namen des großen Kaisers Wilhelm wird der Name seines großen
+Kanzlers in der Geschichte aller Zeiten glänzen, und in Meinem Herzen
+wird das Gefühl unauslöschlicher Dankbarkeit gegen Sie nie erstarren.«
+Und doch konnte es geschehen, daß am hundertsten Geburtstage unseres
+ersten Kaisers der Blick vergebens unter all den zahlreichen Gästen die
+Gestalt des großen Kanzlers suchte, daß das Ohr vergebens lauschte,
+ob von den Lippen des Kaisers sein Name erklinge. Wieder blieb beim
+Wechsel des Jahres in Friedrichsruh der kaiserliche Glückwunsch aus.
+Und selbst die Erinnerung an die Vorgänge in Wien wurde von neuem
+erweckt, als Kaiser Wilhelm als Hochzeitsgast des Ministers Graf Wedel
+darauf drang, daß eine Einladung, die Graf Herbert Bismarck schon
+angenommen, von seinen Verwandten widerrufen wurde. Die harte Abweisung
+mochte in der Form gegen den Sohn gerichtet sein, sie hat in Wahrheit
+das Haus des großen Kanzlers und ihn selbst getroffen.
+
+[Illustration: ~In Ungnade~
+
+Der Alte vom Sachsenwalde (vor dem Nationaldenkmal): »Komm, Tyras!«
+(»Lustige Blätter«, Mai 1897)]
+
+Bald aber zeigten die politischen Prozesse, in deren Mittelpunkt ein
+Berliner Kriminalkommissar gestanden hat, auch dem Kaiser, daß nur
+die Verleumdung den alten Waldsitz im Sachsenwalde in einen Herd
+gewissenloser Intrigen umwandeln konnte. So schlug auch die Stimmung
+des Kaisers völlig um: ein Panzerkreuzer wurde auf den Namen des ersten
+Kanzlers getauft, Telegramme wurden gewechselt, und ein Modell des
+Schiffes fand als Gabe des Kaisers in Friedrichsruh seinen Platz. Auf
+der Ausfahrt nach China hat Prinz Heinrich, der Bruder des Deutschen
+Kaisers, Abschied von dem greisen Staatsmann genommen, und zwei Tage
+darauf zog mit dem Prinzen Adalbert, der gleichfalls einst der Führer
+der deutschen Flotte werden soll, der Kaiser selbst zum Sachsenwalde.
+Und so setzten er und seine Ratgeber sich von neuem mit jenen
+wertvollen Elementen in harmonischen Einklang, die mit Begeisterung und
+Tatkraft durch Jahrzehnte die Politik des ersten Kanzlers unterstützten.
+
+Dann hat Kaiser Wilhelm das Antlitz des Fürsten nicht wieder und auch
+im Tode nicht erblickt.
+
+Fürst Bismarck aber hat unbekümmert um den Groll der Mächtigen und
+die Stimmungen der Menge seinen Kampf gegen alles, was ihm die
+Wohlfahrt des Reiches zu gefährden schien, bis zur letzten Stunde
+geführt. Er kannte keine »Phäaken-Behaglichkeit«, und noch aus seinen
+letzten Tagen konnte der vertraute Arzt berichten: »Noch nicht lange
+ist es her« — bei einem Gespräch über Politik —, »da griff er mit
+beiden Händen nach dem Kopf und brauste auf: ›Könnte ich doch in die
+Schweinerei einmal hineinfahren und ihnen sagen, wohin das führt. Aber
+Sie wissen, Schweninger, meine Trompete gibt keinen Ton mehr; sie ist
+durchlöchert.‹«
+
+[Illustration: Roland in Nöten. (»Jugend«, 1896)]
+
+Von den Getreuen, die den alten Helden in seinen letzten Jahren
+umgaben, ist Fürstin Johanna zuerst geschieden. Sie ist ihrem Gatten
+nicht nur das schmückende und gemütvolle Element seines Hauses, sondern
+eine starke, fürsorgende Gefährtin des Lebens gewesen. »Ihr Geist«, so
+schildert sie Max Bewer, »erscheint, ob sie nun über häusliche oder
+schöngeistige Dinge sprach, von einer festen, bestimmten Klarheit;
+es ist ein Geist in ihr, der Wärme ausstrahlt, aber selbst keiner
+Liebkosung bedarf, wie das Gemüt so vieler anderer Frauen. Sie schien
+mir in allem, was sie sagte und tat, Gutes und Freundliches zu geben,
+ohne zu erwarten, daß ihr auch selbst gegeben werden müsse. Sie ist
+eine selbständige Natur, eine Frau, die trotz Gräfin, trotz Fürstin und
+Herzogin immer nur in erster Linie Frau und Hausfrau blieb, häuslich
+denkend, häuslich schaffend, von der Weichheit und Güte, aber ohne die
+Schwäche und Prätension des Weibes. Von kräftiger, stark mittelgroßer
+Figur, hat sie sich in den stürmischen geschichtlichen Ereignissen,
+die ihre Wellen aus der Politik nur zu häufig bis in ihre Häuslichkeit
+geschlagen haben mögen, gesund, frisch, klar und heiter erhalten. Für
+ihre Gäste hatte sie eine lautlose und doch stets überaus wachsame
+Sorge. Man hat nie einen Wunsch, man bekommt alles von selbst. Es ist
+die stillste und doch die wärmste und beredteste Gastfreundschaft,
+die man in der Fürstin Hause genießen kann.« Der Fürst erfuhr den
+Heimgang seiner Gemahlin, als er nach dem Erwachen ihr Schlafzimmer
+betrat und die weinenden Enkel am Sterbebette der Großmutter fand. Sie
+war am Abend vorher reger gewesen als während der letzten Tage und
+hatte auch auf freundlichen Zuspruch des Arztes wiederholt Nahrung
+genommen. Die Erschütterung, verdoppelt durch das Unvermittelte des
+Eindrucks, war gewaltig, obwohl der Fürst durch seinen Arzt durchaus
+vorbereitet worden war, daß der schwerste Schlag, der ihn treffen
+konnte, unvermeidlich in naher Zeit bevorstand. Die Beerdigung hat in
+den schlichtesten Formen stattgefunden.
+
+
+So siehst du nicht aus
+
+ Ein kleiner Zug mag die rührende Zartheit bezeichnen, die in
+ dem Verhältnis des fürstlichen Paares bestand: Die letzte
+ photographische Aufnahme der Fürstin, der unverkennbar der Stempel
+ stark fortgeschrittenen Leidens aufgedrückt war, wurde bei Tische
+ besichtigt. »Lieber Otto, sehe ich wirklich so aus?« fragte die
+ Fürstin. Mit einem zärtlich besorgten Blick in die ängstlich
+ fragenden Augen seiner Gemahlin antwortete der Fürst ruhig und
+ bestimmt: »Nein, liebes Kind, so siehst du nicht aus.« Kurz darauf
+ siedelte die fürstliche Familie nach Varzin über, und einige Wochen
+ nachher erlag die Fürstin ihrem schweren Leiden.
+
+[Illustration: ~Der verlorene Sohn~
+
+Neutestamentarisches in neuer Beleuchtung. (»Wahrer Jakob«, September
+1896)]
+
+Mit unermüdlicher Treue und voll Hingebung, die auch vor schweren
+Opfern nicht erschrak, hat die Tochter des Fürsten, Gräfin Marie
+Rantzau, die Sorge für das Wohlbefinden des Vaters und für die
+Leitung des Hauses übernommen. Sie hat gleich ihrem Gatten auf das
+Leben in der großen Gesellschaft Verzicht geleistet, um dem Hause des
+Vaters behagliche Gemütlichkeit zu verleihen. Durch und durch Dame,
+außerordentlich belesen und voll Verständnis für die politischen
+Fragen, war sie doch zugleich die zärtlichste Mutter für ihre drei
+blühenden Knaben und die rücksichtsvollste Tochter gegen ihren
+vergötterten Vater. Graf Rantzau selbst mußte es sich gefallen lassen,
+der »Vizewirt von Friedrichsruh« genannt zu werden. Man darf überzeugt
+sein, daß das letzte Wort, das Fürst Bismarck gesprochen hat, und das,
+an die Tochter gerichtet, den schlichten Wortlaut hatte: »Ich danke
+dir, mein Kind«, auch ihrem Gatten galt. Und es ist ein freundlicher
+Gedanke, daß durch die Bereitwilligkeit des gräflichen Paares, auf
+die große Welt dort draußen zu verzichten, die Möglichkeit geschaffen
+wurde, den Lebensabend des greisen Helden mit dem Jugendglanz, mit der
+Freude an dem frohen Treiben der Enkelkinder zu umrahmen. Es waren drei
+schlanke, hochgewachsene Jungen, und entzückend war das Verhältnis
+des Großvaters zu den Enkeln. Welch tiefe Zärtlichkeit lag in seinem
+Blick, wenn die frischen Jungen zu den Mahlzeiten in das Zimmer traten,
+wenn sie dem Großvater die Hand küßten, die dann liebevoll über ihre
+frischen Wangen strich. Sie waren nicht dazu verurteilt, wie es der
+Jugend zu oft geschieht, bei Tische mäuschenstill auf ihren Plätzen
+zu sitzen, und gar manchmal hörte man ihr munteres Lachen vom anderen
+Ende der Tafel. Zuweilen erschienen auch die anderen Enkelkinder, die
+Töchter des früh verstorbenen Sohnes Wilhelm, denen der Großpapa bei
+Tisch gern in scherzhafter Weise wie der Kavalier den erwachsenen
+jungen Damen entgegenkam, während er sich mit feinem Lächeln an der
+Wirkung seiner Aufmerksamkeiten auf die harmlosen jungen Gemüter
+erfreute. Charakteristisch ist die Antwort, die der Fürst einmal auf
+die Frage nach den Kindern seines jüngeren Sohnes gab: »Ja, er hat zwei
+ganz nette Gören; wenn ich nur jetzt schon wüßte, was für ein Lump die
+einmal heiratet und mein Geld durchbringt.« Das Erscheinen des ersten
+männlichen Enkels, der den Namen Bismarck fortsetzte, ist eine der
+größten Freuden seines sinkenden Lebens gewesen.
+
+[Illustration: ~Das Lied der Parzen~
+
+ — — — — — — — —
+ Sie aber, Sie bleiben
+ In ewigen Festen
+ An goldenen Tischen.
+ — — — — — — — —
+ Es horcht der Verbannte
+ In nächtlichen Höhlen,
+ Der Alte, die Lieder,
+ Denkt Kinder und Enkel,
+ Und schüttelt das Haupt.
+
+Die Kapitäle der Säulen tragen die Namen des Fürsten Hohenlohe und der
+süddeutschen Minister Mittnacht, Crailsheim, Nokk. (»Kladderadatsch«,
+März 1897)]
+
+Von tiefer Innigkeit war auch das Verhältnis des Helden von
+Friedrichsruh zu seinen beiden Söhnen Herbert und Wilhelm. Sie
+standen dauernd in dem lebhaftesten Briefwechsel mit ihren Eltern.
+Unvergessen wird die Treue bleiben, mit der damals, als der Vater aus
+dem Amte schied, der ältere Sohn, um ihm Gefolgschaft zu leisten,
+seine glänzende Laufbahn preisgab. Auch Herbert Bismarck hat das Exil
+seines Vaters geteilt. Er war ein ruhiger, ernster, arbeitsamer,
+kenntnisreicher Mann, der auch dann die vollen Fähigkeiten für einen
+preußischen Minister besessen hätte, wenn er nicht als der Sohn seines
+großen Vaters tief in das Räderwerk der politischen und diplomatischen
+Maschine hineingeblickt hätte. Graf Wilhelm Bismarck, der in gewissen
+Äußerlichkeiten noch mehr als sein Bruder dem Vater glich, war
+vielleicht geistig beweglicher als der ältere und besaß wohl auch eine
+größere Fähigkeit, sich volkstümlich zu machen, aber es fehlte ihm die
+ernste Lebensauffassung und die Arbeitskraft des Bruders. Er war ein
+wohlwollender Mann, schlicht, gerechtigkeitsliebend und mit einem
+offenen Sinn für die Freuden des Daseins.
+
+[Illustration: ~Bei der Sonne Gluten~
+
+Die französische Presse beschimpft den toten Bismarck. »Rache ist süß!«
+(»Der Nebelspalter«, August 1898)]
+
+Die Männer aber, die neben der Familie dem greisen Staatsmann
+persönlich besonders nahestanden, waren Bucher, Schweninger
+und Lenbach. Lothar Bucher war aus dem Steuerverweigerer des
+Revolutionsjahres, aus dem politischen Flüchtling einer der
+hervorragendsten Mitarbeiter an dem Werke geworden, das Bismarck schuf.
+Nach seinem Sturze wurde er in Friedrichsruh wie ein Hausgenosse, fast
+wie ein Mitglied der Familie betrachtet, auf dessen Eigenheiten und
+Wünsche man jede Rücksicht nahm. Wiederholt hat sich der Fürst über
+die Bedeutung seines Mitarbeiters ausgesprochen: »Ja, ich habe viel
+an ihm verloren«, so äußerte er einmal nach Buchers Tode. »Lothar
+Bucher war eine stille, bescheidene, tiefe Natur, mein treuer Freund,
+manchmal mein Zensor, mein Mitarbeiter an allem, was Herzblut,
+gesunden Menschenverstand, klares, scharfes Denken erfordert. Er war
+viel zu gut für die gewöhnliche Depeschenarbeit. Dafür hatten wir
+die diplomatische Häckselmaschine Abeken. Für alles, was Phrasen
+erforderte, wie Thronreden und dergleichen, war Bucher absolut nicht
+zu haben. Er verstand sich nicht nur nicht auf Phrasen, er haßte sie
+geradezu. Auch war er ganz unglücklich darüber, daß das Publikum sich
+mit ihm beschäftigte. Ja, ich fühle mich sehr vereinsamt durch Lothar
+Buchers Tod. Meine Freunde, die es wirklich waren, gehen, einer nach
+dem anderen, mir voraus in den Tod, und diejenigen, die meine Freunde
+zu sein behaupteten, wendeten sich ab von mir.«
+
+[Illustration: ~Neuer Totentanz~
+
+»Es ist ein Trost, daß es von dem Ort, wo er weilt, kein Retourbillett
+gibt.« (Aus »Le petit Provençal«.) (»Süddeutscher Postillon«, Oktober
+1898)]
+
+
+Man brauchte bloß die Register zu ziehen
+
+ »Was war mir Bucher!« so rief der Fürst einmal. »Solche Männer
+ wachsen nicht aus dem Holz der Geheimräte; er war wie eine Orgel,
+ man brauchte bloß die Register zu ziehen, und sie spielte von
+ selbst alle Akkorde und Stücke, die man wünschen mochte. Ihm
+ hätte noch eine ganz andere Stellung gebührt, doch war er nicht
+ entbehrlich, und so beschied er sich als ein getreuer Knecht vor
+ dem Herrn.«
+
+Noch anders geartet war das Verhältnis, das zwischen dem Fürsten
+Bismarck und seinem getreuen Hausarzte Professor Schweninger bestand.
+Der Schloßherr von Friedrichsruh hatte diesen frischen, natürlichen und
+klugen Mann wirklich lieb, und stets erhellten sich seine Züge, wenn
+der schwarzbärtige Doktor in das Zimmer trat. Dafür brachte der Arzt
+seinem erlauchten Patienten eine Verehrung entgegen, eine Hingebung und
+Liebe wie kaum ein anderer. Er dachte nichts anderes, er fühlte nichts
+als nur die Sorge um seinen alten Fürsten. Es war ihm nicht leicht
+geworden, alle Widerstände zu überwinden, die im Bismarckschen Hause
+seine derbe, nicht immer auf höfische Formen bedachte, aber aufrechte
+und ehrliche Natur hervorrief. Aber bald genug trug er einen glänzenden
+Sieg davon.
+
+Überaus charakteristisch für diese Entwicklung ist ein Gespräch, das im
+Jahre 1893 der ebenfalls recht derbe bayerische Redakteur Memminger mit
+der Fürstin Bismarck hatte:
+
+[Illustration: ~Auf den Haufen~
+
+Die »Menschlichkeit« wirft Bismarcks Totenschädel auf einen Haufen, in
+dem sich die Schädel von Loyola, Alexander, Napoleon, Ludwig =XIV.=,
+Cesare Borgia, Cartouche, Karl =IX.=, Cäsar und anderer »Blutmenschen«
+befinden. (»Le Grelot«, August 1898)]
+
+[Illustration: ~Schmücken wir uns!~
+
+Er beleidigte unsere Toten durch sein Siegerlächeln ... Franzosen, über
+seinen Tod können wir uns nur freuen. (»La Silhouette«, August 1898)]
+
+
+Der Leibmedikus
+
+ »Die Fürstin frug mich in Kissingen,« so erzählt Memminger, »wie
+ ich zu der Bekanntschaft des Arztes gekommen sei. Ich erwiderte:
+ ›Er ist ein Altbayer wie ich, er war viel im Auslande wie ich
+ auch, er spricht und denkt altbayerisch wie ich selber — also
+ hat sich die Bekanntschaft leicht angebandelt, als mich vor drei
+ Jahren Seine Durchlaucht, Ihr Herr Gemahl, zu sich rufen ließ; wir
+ Altbayern wissen uns schon untereinander zu verstehen.‹ Die Fürstin
+ lächelte und meinte: ›Ich habe mich auf diesen Altbayern nicht so
+ leicht verstanden. Schweninger war so ganz anders als die anderen
+ Ärzte, die auf die Lebensgewohnheiten meines Mannes mehr Rücksicht
+ genommen hatten. Er erklärte, daß der Fürst, wenn er wieder gesund
+ werden wolle, ganz nach seinen Vorschriften die Diät halten und bis
+ auf weiteres gar nichts von Alkohol genießen dürfe. Das war für
+ meinen Mann kaum zum aushalten; er hatte zudem Schmerzen, und es
+ quälte ihn die Schlaflosigkeit; dabei war er immer ein ruheloser
+ Geist, der arbeiten wollte und mußte, also zeigte er bald wieder
+ Verlangen nach einem Erfrischungs- und Beruhigungsmittel; ich gab
+ ihm, weil er mich dauerte, einen Trunk. Aber da kam ich schlecht
+ weg. Als ihn Schweninger wieder besuchte, merkte er sofort, daß
+ etwas gegen seine strengen Vorschriften geschehen war, und er
+ stürmte sozusagen mit fliegender Mähne und den wilden Augen eines
+ Berbers zu mir und erklärte mir ungefähr: ›Wenn Sie Ihren Mann
+ umbringen wollen, dann geben Sie dem Fürsten den Schnaps weiter!‹
+ Ich mußte lachen, die Fürstin aber fuhr lebhaft fort: ›Ja, das
+ war mir gar nicht zum lachen, denn das war echter, unverfälschter
+ altbayerischer Dialekt, und ich muß schon sagen, daß ich von dieser
+ ungewohnten und unerhörten Anrede ebenso betroffen wie beleidigt
+ war. Aber was konnte ich machen? Mein Mann war recht krank, die
+ Professoren und Kurpfuscher hatten sich vergeblich an ihm versucht,
+ der Zustand war äußerst bedenklich, das nachdrückliche Auftreten
+ Schweningers und seine unaufhörliche Fürsorge für den Patienten
+ bei Tag und Nacht sagten mir alles übrige. Gleichwohl deutete ich
+ es meinem Mann an, was mir widerfahren war: der winkte jedoch ab
+ und meinte: ›Ich probiere es nun einmal mit diesem Doktor; er
+ imponiert mir mehr als die übrigen; er kennt offenbar meine Natur
+ besser und darum auch die Heilmittel.‹ Also ließ ich den neuen
+ Arzt fortmachen, wenn er auch noch einigemal meinen ernsten Groll
+ reizte; einmal hat Schweninger gar ein Glas, das ich meinem Mann
+ wieder so zwischenhinein zugesteckt hatte, und das er erwischte,
+ einfach zum Fenster hinausgegossen. Indessen hat Schweninger Wort
+ gehalten; mein Mann ist wider Erwarten gesund und arbeitsfähig
+ geworden, und er erhält ihn heute noch, so gut es eben in diesen
+ Jahren und nach solchen Plagen und Affären geht.‹ — Die Fürstin,
+ die asthmatisch war, hielt ein wenig an und fuhr dann mit
+ gedämpfter Stimme fort: ›Auch meine Mißstimmung gegen Schweninger
+ ist verraucht, und ich bin recht froh, daß wir den Arzt im Hause
+ haben. Er bringt immer muntere Laune mit, kann äußerst angenehm,
+ erheiternd und anregend plaudern; er ist überall zu Hause und
+ kein so steifleinener, affektierter Manschettenprofessor und
+ geheimnisvoller ›Zauberer‹. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb
+ weiß er mich über meine Leiden und Bedenken hinwegzuleiten oder
+ hinwegzufoppen, wie die Altbayern sagen. Mein Mann schätzt Ihren
+ Landsmann ungemein hoch, und zwar auch deswegen, weil er keinen
+ Doktor Wichtig spielt und seine Vertrauensstellung nicht in der
+ Weise gebraucht oder mißbraucht, wie es zum Beispiel der Engländer
+ Mackenzie getan hat. Schweninger ist in erster und letzter Linie
+ Arzt und verfolgt beim Patienten auch in und mit der Unterhaltung
+ nur den ärztlichen Zweck. Von Politik fängt er gar nicht an
+ und spricht nur mit meinem Mann beiläufig darüber, wenn dieser
+ einen Anstoß dazu gibt.‹ — ›Freilich, Durchlaucht,‹ bemerkte ich
+ dazwischen, ›wollen das die Leute nicht glauben; sie meinen, der
+ Doktor sei in die geheimsten Falten des Diplomatenrockes und in
+ die geheimsten Fächer des Fürstlichen Archivs eingeweiht.‹ — Die
+ Fürstin wiederholte darauf: ›Ich versichere jedem, der es hören
+ will, der Vorzug dieses Arztes ist, daß er bloß Arzt sein will
+ und all sein Können darein verlegt. Das mag ebenso Bescheidenheit
+ oder Berechnung sein, ich achte beides und verstehe ihn ganz.
+ Ärgern kann ich mich nur über die unverschämten Zeitungen,
+ welche dem Schweninger jetzt nachrechnen, was er durch seinen
+ ›Fürstlichen Hausarzt‹ verdient. Gar nichts, sage ich Ihnen, gar
+ nichts verdient er, denn er nimmt nichts an. Uns ist das gar
+ nicht angenehm, weil wir ihm so sehr verpflichtet sind, aber ich
+ fürchte, er würde bei wiederholtem Drängen wieder rückfällig ins
+ Altbayerische, das er mit mir einmal gesprochen hat. Ja, ja, die
+ Altbayern sind sonderbare Käuze! Mein Mann hat sie recht gerne;
+ auch die bayerischen Beamten, die er in seinem Dienste hatte,
+ lobte er immer, sie seien keine Gecken und Einfaltspinsel und
+ hätten noch eine Freude an der Arbeit; sie fragten nicht so nach
+ der Uhr wie die Maurergesellen und preußischen Bureaukraten,
+ denen er nie recht grün war. Schon als der Fürst Bundesgesandter
+ in Frankfurt war, hatte er Zuneigung zu den Altbayern und hielt
+ beispielsweise den bayerischen Gesandten Baron Schrenk für einen
+ der ehrlichsten, fähigsten und arbeitsamsten Köpfe in der ganzen
+ bunten Gesandtengesellschaft.‹«
+
+[Illustration: Der Handlanger. (Politischer Bilderbogen 1897)]
+
+[Illustration: ~Resultat der Memoiren~
+
+ Der große wog, der kleine wog —
+ Hoch lebe der große »Großherzog«!
+
+Der Kaiser hatte in einer scherzhaften Rede von dem großen und kleinen
+»Woog« in Hessen-Darmstadt gesprochen. (»Jugend«, November 1906)]
+
+Zu den Hausgenossen des Fürsten Bismarck in den letzten Jahren
+gehörte auch der junge Doktor Chrysander, der gleich allen, die dem
+großen Staatsmann nähertraten, in abgöttischer Verehrung an ihm
+hing. Sein stilles bescheidenes Wesen und seine erprobte Diskretion
+bewirkten es, daß er in dem lebhaften Kreise von Friedrichsruh
+äußerlich wenig hervortrat. Ungleich schärfer hob sich dagegen die
+Silhouette des großen Malers Franz von Lenbach ab, dessen ehrliches
+und kräftiges, altbayerisches Wesen jeder Schmeichelei und Kriecherei
+abhold war. Vielleicht bestand zwischen den beiden Männern auch
+eine gewisse Seelenverwandtschaft. So wie Fürst Bismarck jeden, mit
+dem ihn das Geschick zusammenführte, alsbald bis auf den Grund der
+Seele durchschaute, wie ihm weder Rang, noch Geburt oder Reichtum
+zu imponieren vermochten, so enkleidet auch Lenbach in seinem
+künstlerischen Schaffen jeden Gegenstand seiner äußeren Hülle, um tief
+in das eigentliche Wesen einzudringen; nicht auf die Schale, sondern
+auf den Kern kommt es ihm an. Zahllos sind die Bilder, die er von
+Bismarck schuf, und kein anderer hat ihn, den deutschen Rembrandt, in
+dieser Kunst erreicht. Und fast jedes dieser Bilder zeigt wieder einen
+neuen, feinen Zug, immer tiefer dringt der Künstler in die Psyche
+des gewaltigen Mannes, und die Schätze, die er aus dem Goldschacht
+herausholt, breitet er mit freigebiger Hand vor uns aus.
+
+
+Sonst tät’ ich’s umsonst
+
+ Bezeichnend für Lenbach ist seine Antwort auf die Frage, ob er
+ geneigt wäre, einen bekannten Politiker zu malen, und für welches
+ Honorar. »Malen will ich ihn, und es soll ihn nicht viel kosten,
+ wär’ er aber nicht immer ein so verbissener Gegner Bismarcks
+ gewesen, so tät’ ich’s umsonst.«
+
+[Illustration: ~Der Nachfolger~
+
+»Wenn ick so in Bismarcks Spuren wandle, dann merke ick erst richtig,
+wat ick jejen ~den~ für ’n distinguierter Mensch bin!« (»Jugend«,
+Januar 1907)]
+
+[Illustration: ~Andere Zeiten~
+
+»Hier haben Sie so viel pommersche Grenadierknochen, als Sie wollen.«
+Es ist die Zeit der bosnischen Krisis, in der Bülow Österreich die
+Nibelungentreue versprach. (»Simplicissimus«, 1909)]
+
+
+Er hält nicht stille
+
+ Von seinen Bismarckporträts hat Lenbach geäußert: »Vielleicht hätte
+ ich ihm gerecht werden können, aber Sie wissen, wie es in der Kunst
+ geht, um was Ordentliches zu leisten, bedarf es der Gegenliebe. Was
+ liegt aber einem Bismarck an seinen Porträts? Aus Höflichkeit tut
+ er zwar so, aber ich weiß, daß beim Sitzen seine Gedanken in die
+ Weite schweifen, und doch könnte ich etwas zuwege bringen, wenn
+ er nur fünf Minuten stillhalten wollte. Das genaue Gegenteil von
+ Moltke hierin wie auch sonst: Moltke war Kunstschwärmer und hätte,
+ wenn es nötig gewesen wäre, einen halben Tag ausgehalten.«
+
+Manchen hat der greise Fürst scheiden sehen von denen, die ihm einst
+teuer gewesen. Und dennoch hat seinem Lebensabend jener köstliche
+Glanz nicht gefehlt, den die Liebe verbreitet. Jeden seiner Schritte
+hat die Sorge der Kinder, die Hingebung der Freunde überwacht, und er
+starb nicht, wie die Feinde hofften, einsam und von Gewissensqualen
+gefoltert, sondern die zärtliche Hand der Liebe hat den Todesschweiß
+von seiner Stirn getrocknet, und der Freund hat ihm die Augen
+geschlossen. Durch seine Seele aber zitterte kein Schrecken der
+selbstanklagenden Reue. — In der Nacht des 30. Juli ist Fürst Otto
+von Bismarck nach kurzem Todeskampf entschlafen. Die Flammen sind
+erloschen, und dem Riesen, dem die Welt zu eng war, blieb nur noch
+ein Grab. Aber wie zu dem Lebenden, so pilgern auch zu dem Toten die
+Söhne Deutschlands, und heilig ist die Stätte, geheiligt durch des
+Volkes Dank und Liebe, an der Otto von Bismarck ruht. Man hat ihn
+begraben unter den Bäumen, die ihm Schatten gaben, in dem Boden,
+der ihn gastlich trug, denen nahe, die ihm nahestanden; er schied,
+wie er gelebt, und er ruht, wie er geschieden. Und gerade in dieser
+Schlichtheit liegt etwas Gewaltiges: er, der einst mitten in dem
+brausenden Treiben der Welt gestanden, wählte sich einen Abschluß
+seiner Taten, wie ihn der Landmann findet, der das Feld bestellte, und
+der Reitersmann, der nach beendetem Kriege den Abend unter den Seinen
+verbrachte.
+
+Und kein wortreiches Epitaph verkündet rühmend seine Taten. Seines
+Wesens Art und seine Treue, sein Streben und sein Leid sind
+ausgesprochen in den selbstgewählten Worten: »Ein treuer deutscher
+Diener Kaiser Wilhelms =I.=« Diese Worte, die seine Grabstätte
+zieren, sind einfach und gerade; die Grabschrift ist ein Lebensinhalt
+zugleich und ein Buch, aus dessen Tiefe die Enkel schöpfen werden;
+es ist in aller Schlichtheit ein die Jahrhunderte überragendes Stück
+Weltgeschichte. Es klingt zugleich aus diesen Worten die Musik des
+heiligen Trotzes, die Stimme des Prometheus, der den Menschen das Licht
+gab und an den Felsen geschmiedet wurde. Es ist das Vermächtnis seines
+Lebens an den bei den Vätern ruhenden vielgeliebten alten Herrn. — Und
+schlicht und ergreifend hat der Dichter des preußischen Lebens, Theodor
+Fontane, das Wesen Bismarcks geschildert:
+
+[Illustration: ~Reichstag und Kanzler~
+
+»Dieser Mann hat eine zu eiserne Faust! Zum Teufel mit ihm!«
+
+»Dieser Kerl redet zu viel! Raus mit dem Schwätzer!«
+
+»Dieser Mensch redet nichts, rein gar nichts! Raus aus der Bude!«
+
+(»Jugend«, 1910)]
+
+
+Nach dreitausend Jahren
+
+ Theodor Fontane, der empfindungsreiche Dichter der Mark, besingt
+ Bismarck in folgenden Versen:
+
+
+ ~Wo Bismarck liegen soll.~
+
+ Nicht in Dom oder Fürstengruft,
+ Er ruh’ in Gottes freier Luft
+ Draußen auf Berg und Halde,
+ Noch besser tief, tief im Walde.
+ Widukind lädt ihn zu sich ein:
+ »Ein Sachse war er, drum ist er mein;
+ Im ~Sachsenwald~ soll er begraben sein.«
+ Der Leib zerfällt, der ~Stein~ zerfällt,
+ Aber der Sachsenwald, der hält,
+ Und kommen nach dreitausend Jahren
+ Fremde hier des Weges gefahren
+ Und sehen, geborgen vorm Licht der Sonnen,
+ Den Waldgrund in Efeu tief eingesponnen,
+ Und staunen der Schönheit und jauchzen froh,
+ So gebietet einer: »Lärmt nicht so; —
+ ~Hier unten liegt Bismarck irgendwo~.«
+
+Und noch einmal hat der Tote zu uns gesprochen; aus den Fernen der
+Ewigkeit drang seine Stimme zu uns herüber. Mit scheuer Ehrfurcht nahm
+das deutsche Volk das letzte Vermächtnis entgegen, das Fürst Bismarck
+in seinen »Gedanken und Erinnerungen« uns bot. Zum letztenmal vernahmen
+wir hier seine Lehren, zum letztenmal seine Weisheit, die so oft, so
+lange er unter uns weilte, in Treuen uns mahnte und schützte. Und
+nach Jahrhunderten noch, und wenn unsere Zeit in weltfernes Vergessen
+gehüllt sein wird, dann werden die Enkel ehrfürchtig und scheu in den
+Büchern nachschlagen und werden forschend und flüsternd sagen: So hat
+Bismarck gesprochen! Er hat nicht Geschichte geschrieben nach der Art
+der Gelehrten; er hat nicht eine Darstellung gegeben, die objektiv die
+Dinge ergründen soll. Sein Buch ist auch keine Verteidigungsschrift,
+denn seine ~Taten~ verteidigen ihn. Wohl aber treten in seinem letzten
+Werke die Leidenschaften zurück, die der Kampf erweckte; wie von der
+Höhe herab, die einst der Prophet erstieg, schaut er hinter sich die
+kampfdurchwühlten Gefilde, über denen milde die Abendsonne herabsinkt.
+Vor ihm aber breitet sich ein anderes, weites Gefilde, und auch hier
+drohen Gefahren und Kämpfe. Da hebt er warnend den Arm und zeigt uns
+die Wege, die zu künftigem Heile führen. Es sind Worte eines Toten, die
+zu uns dringen, und doch Worte eines ewig unter uns Lebenden, Worte der
+Weisheit und Trauer, Worte der sorgenden Liebe. Sie sind ein Evangelium
+für das deutsche Volk und für die Führer geworden, die das Schicksal
+ihm aufruft. Und in der gewaltigen Krisis, die jetzt heraufzog, die
+eine Welt von Feinden gegen das Deutschland bewaffnet, gleichen sie
+einem leuchtenden Stern, der uns durch alle Fährnisse führt.
+
+[Illustration: Es spukt! (»Jugend«, Oktober 1906)]
+
+
+
+
+Schluß
+
+
+Ein Vierteljahrhundert war vergangen, seitdem das Steuer der stolzen
+Fregatte Germania den Händen Bismarcks entglitt. Andere hatten es
+ergriffen; neue Gedanken, neue Ziele zogen herauf. Und bald ging die
+Saat auf, die Otto von ~Bismarck~ einst in die Furchen deutschen Lebens
+streute. Deutsches Wirtschaftsleben erblühte, Technik und Wissenschaft
+feierten reiche Triumphe, der deutsche Handel sandte seine Schiffe
+in alle Meere, deutscher Gewerbefleiß gewann die Märkte der Welt.
+Und ehrfurchtgebietend stand in eiserner Rüstung Germania, und noch
+lauschte die Welt auf ihr Wort. Bismarcks Erbe!
+
+Aber er, der einst dem deutschen Elend ein Ende schuf, der die
+Kyffhäusertore sprengte und die Kaiserkrone aus den Flammen hob, hat
+uns gemahnt, stets auf der Wacht zu sein, das Geschaffene gegen eine
+Welt von Neid und Feindschaft zu schützen. Er wußte, die Stunde würde
+kommen, da wir noch einmal in Kampf und Not erwerben müßten, was wir
+von den Vätern ererbten. Denn gar zu feurig und gar zu kühn hatte sich
+der Deutsche aus der Verschlafenheit vergangener Zeiten erhoben und
+seine natürlichen Rechte gefordert. Sein Land sollte nicht mehr als
+Schauplatz aller europäischen Kriege von den Feinden zerstampft werden!
+Seine Söhne nicht mehr die willfährigen Diener fremder Interessen sein!
+Seine Arme sollten sich ausstrecken nach fernem Kolonialland! Seine
+Arbeitsfreude fremden Rivalen Lohn und Ruhe kürzen! Deutschland wollte
+sein eigenes Dasein leben!
+
+In der Tat: Was Bismarck schuf, das hat einen Umsturz aller
+altgewohnten politischen Regeln, eine Umwälzung aller hergebrachten
+Begriffe bedeutet. Der Kaisertraum der Sachsen und Hohenstaufen sollte
+ausgeträumt sein, längst schon, ehe Napoleon den Händen des letzten
+Kaisers aus Habsburgs Hause das Zepter entriß — und nun sollte dieser
+Traum von neuem lebendig werden! Nun sorgte ein starkes Geschlecht, daß
+er nie wieder zerfließe! Nur ~eine~ Macht in Europa sah neidlos das
+Werden des Neuen. Nur Österreich-Ungarn, der Besiegte von Königgrätz.
+Es ist vielleicht das erstaunlichste Werk aus Bismarcks Meisterhand,
+daß er, unter Kampfeslärm und Schlachtendonner, schon die Grundlage
+für dieses Bündnis schuf, das jetzt auf hundert Schlachtfeldern seine
+Kraft und seinen tiefen Sinn erhärtet. Hier schuf er für beide Völker
+die Basis der Sicherheit, einen Grund, der jedem Stoß und jedem Angriff
+standhalten sollte, selbst dann, als ganz Europa sich gegen uns wandte
+und im fernen Indien, in Australien, in Kanada, in Japan, am Kongo
+sich Helfer suchte. »Gestützt auf unsere Einheit und in Freundschaft
+mit Österreich-Ungarn«, so rief er einmal, »können wir der weiteren
+Entwicklung mit aller Gemütsruhe entgegensehen und mit ihm der
+Überzeugung sein, daß unser Gott keinen Deutschen zugrunde gehen läßt,
+am wenigsten Deutschland selbst.«
+
+Es war des Fürsten Bismarck stete Sorge, daß in Österreich und Ungarn
+der slawische Keil sich zwischen das Bündnis drängen und andere, vor
+allem polnische Tendenzen den Frieden stören könnten. Gerade deshalb
+trieb er die Politik der »zwei Eisen im Feuer«, schloß er mit Rußland
+den Rückversicherungsvertrag. Aber er sah auch die Gefahr einer
+Vereinigung von Rußland und Frankreich schon lange voraus, ehe sie in
+Kronstadt besiegelt wurde; er kannte den Ehrgeiz der Militärs; er sah
+das Wachstum des Panslawismus; er wußte, daß die Politik ein flüssiges
+Element ist und daß auch die stärksten historischen Beziehungen sich
+lösen. Und so klingt uns noch aus seinem Testamente die Warnung
+entgegen: =Toujours en vedette!= Darum hat er Deutschland auch
+wirtschaftlich auf sich selbst und seine Kraft gestellt — wenn heute
+unser Volk vor dem Hunger geschützt ist, so ist es Bismarcks Verdienst.
+Und wenn seine Waffen gut und stark sind, so ist es der Lohn seiner
+Mühen und Sorgen um Deutschlands Zukunft.
+
+ * * * * *
+
+~Götterdämmerung~ und ~Völkerfrühling~! Nach mehr als vierzig
+Jahren eines ungestörten Friedens, der dem deutschen Volke eine
+reiche Entwicklung aller seiner Kräfte, einen reichen Lohn aller
+seiner redlichen Arbeit brachte, bricht plötzlich mit Wolkenbruch
+und Hagelschlag ein schweres Gewitter herein, und erschauernd
+blickt die Menschheit auf das furchtbare Ringen und Werden. Von
+wissenschaftlichem Streben, vom Werk des Poeten, vom Fortschritt der
+Technik, von blühendem Handel, von ertragreichen Fluren, von den
+gewaltigen Schiffen, die unter der Flagge des Friedens die weiten Meere
+durchkreuzen, erzählt seit mehr als vierzig Jahren die Chronik. Und
+jetzt?
+
+Jetzt schlägt Klio im Buche der Wahrheit und des Lebens die Blätter
+um und verzeichnet mit ehernem, in Tausender Herzblut getauchtem
+Griffel neues, fremdes Geschehen. Ein Zar hatte den ewigen Frieden
+diktiert, derselbe, der jetzt vom fahlen Antlitz die Maske riß;
+Abrüstungsvorschläge wurden in England gemacht, von demselben Volke,
+das jetzt aus jämmerlicher Profitwut die Welt in Flammen setzte;
+ein stolzer Palast erhob sich im Haag, in dem Schiedsrichter in
+hohen Perücken der Völker Schicksal berieten — und jetzt stürmt die
+Geschichte über sie alle, die Toren, hinweg, die den Krieg aus dem
+Völkerleben auslöschen und Blut und Eisen entwerten wollten. Das aber
+darf die Chronik dieser Zeit und dieses Krieges bekunden: Deutschland
+ist schuldlos an dem Blute, das jetzt in Gewitterbächen über die Erde
+dahinströmt. Tausendmal beleidigt, tausendmal vom Hochmut der Fremden
+herausgefordert, hat Deutschland im Bewußtsein seiner Kraft stolz
+geschwiegen. Ein Weltreich des Friedens sollte unter Kaiser Wilhelms
+des Zweiten Zepter das Deutsche Reich werden, nur in Werken des
+Friedens sollte sein Volk um den Lorbeer ringen. Und auch jetzt, als
+das Grauen von Serajewo über die Welt zog, als das Blut der gemordeten
+Fürstenkinder von Österreich nach Rache schrie und als sich Rußland,
+auf Frankreich und England gestützt, dem Werke der Gerechtigkeit
+widersetzte, hat Kaiser Wilhelm in Selbstverleugnung dem Frieden zu
+dienen gesucht. Er ist nicht zum Ziele gelangt.
+
+Wir wissen es jetzt — die Akten beweisen es klar —, daß seit Jahr und
+Tag, schon in König Eduards Zeiten, zwischen den Männern, die uns
+heute bekriegen, eine Verschwörung zu unserer Vernichtung bestand.
+In der letzten Stunde erst haben wir, damit wir nicht Luft und Atem
+verlieren, hat die deutsche Faust das listig gesponnene Gewebe mit
+dem Schwerte zerhauen. Und es kam, als es herniedersauste, ein großes
+Gefühl der Befreiung über das ganze deutsche Volk, ein Gefühl der
+Freude, endlich einmal aufräumen zu dürfen mit diesen in der Finsternis
+schleichenden Mächten, es kam die alte ~Germanenfreude~ am blutigen
+Ringen auf grüner Heide.
+
+[Illustration: Bismarck als Wotan. (»Jugend«, 1908)]
+
+Und das Volk stand auf. Vergessen war aller Hader, aller Streit der
+Parteien. Blitzenden Auges konnte der Kaiser verkünden: »Es gibt
+keine Parteien mehr«, und bald dröhnte der Boden vom Schritt der
+deutschen Heere. Schulter an Schulter zogen sie, getreue Kameraden,
+der Grafensohn und der Bauernknecht, der weltberühmte Gelehrte und der
+schlichte Volksschüler ins Feld, der Student und sein Professor — der
+Kaiser rief, und alle, alle kamen.
+
+Denn sie alle wußten es, was es gilt: Daß heute die eisernen Würfel
+rollen um Deutschlands Zukunft, Ehre und Recht, um Haus und Heimat, um
+Freiheit und Glück!
+
+Wahrlich, Zeiten zogen herauf, erfüllt von Ungeheurem, wie sie uralter
+nordischer Heldensang schildert: »Steinberge stürzen, Riesenleiber
+straucheln, zu Hel fahren Helden, der Himmel klafft!« Wo kennt die
+Geschichte in tausendjährigem Lauf ein Schicksal, wie es heute den
+Deutschen bestimmt ist? Baschkiren und Tungusen, die wilden Söhne
+der sibirischen Steppe, die Reiter der glutstarrenden afrikanischen
+Wüste, schlitzäugige Söhne Ostasiens, kanadische Jäger, indische
+Sepoys, Bengalen und dunkelhäutige Gurkhas, Turkos und Zuaven und
+Senegalschützen, belgische Mörder, schmutzige Kosaken — sie alle wagen
+im Namen der Kultur, der Menschlichkeit, unser altes, heiliges, großes,
+gesegnetes Deutschland zu verderben. Vor ihnen, über ihren Köpfen weht
+das in das Blut der Opfer von Serajewo getauchte düsterrote Banner des
+Mordes.
+
+Sie strömen hervor aus allen Winkeln der Erde, beutelüstern,
+raffgierig. Aber sieghaft erhebt sich, weithin durch die Ewigkeit
+leuchtend, deutsche Treue und deutsche Todesverachtung. Hei, wie
+die Mauern barsten von Lüttich, Namur und Maubeuge! Wie der alte
+Hindenburg das Russenpack in die Masurischen Seen trieb! Wie die
+deutschen Armeen über Frankreichs Boden brausten! Hie Schwert des
+Herrn und Gideon! Mögen sie kommen, mag der schrille Schlachtruf des
+Asiaten mit dem Gebrüll des Basutos, Zuaven-Wildheit sich mit dem
+Zischen der Dum-Dum-Kugeln vereinen — vergebenes Mühen! Denn fest und
+unerschütterlich stehen Deutschlands Söhne. Sie ketten den Sieg an
+ihre Fahnen, mit ihnen reitet das Recht, reitet Gott ins Feld. Der
+Völkerfrühling, der Frühling Deutschlands naht, schon leuchtet fernher
+über den Wäldern das Morgenrot einer neuen, glücklichen, von unseren
+Brüdern erkämpften Zukunft. Die Nebel weichen dem Schwerterglanz, der
+Lorbeer senkt sich auf Heldenstirnen — unsterbliches, deutsches Volk!
+
+Und so berichtet das Buch der Zeit, wie einst das Lied der Nibelungen,
+von deutschen Heldentaten ohne Zahl, von frohem Kampf und jauchzendem
+Sterben. Und von ewigem Ruhm und ewig grünendem Lorbeer. Ja, der
+deutsche Völkerfrühling bricht an! Und hell leuchtet in ihm und über
+ihm, schützend und segnend und Früchte treibend, die Sonne des Mannes,
+um dessen Lebenswerk wir ringen:
+
+ +des eisernen Kanzlers Otto von Bismarck!+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 79000 ***