diff options
Diffstat (limited to '78932-0.txt')
| -rw-r--r-- | 78932-0.txt | 2894 |
1 files changed, 2894 insertions, 0 deletions
diff --git a/78932-0.txt b/78932-0.txt new file mode 100644 index 0000000..b463171 --- /dev/null +++ b/78932-0.txt @@ -0,0 +1,2894 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78932 *** + + #################################################################### + + Anmerkungen zur Transkription + + Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1898 so weit + wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler + wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr + verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. + + Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber vom + Bearbeiter erstellt und an den Anfang des Buches gesetzt. Wie in + den anderen Ausgaben dieser Buchreihe, erscheint im Original der + Titel ‚Geleitspruch des deutschen Spielmanns‘ nicht als Überschrift, + wurde aus Gründen der Vereinheitlichung aber dennoch in das + Inhaltsverzeichnis übernommen. + + Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der + folgenden Symbole gekennzeichnet: + + unterstrichen: _Unterstriche_ + fett: =Gleichheitszeichen= + gesperrt: +Pluszeichen+ + Antiqua: ~Tilden~ + + #################################################################### + + + + + Der deutsche Spielmann + + Eine Auswahl aus dem + Schatz deutscher Dichtung + * für Jugend und Volk * + + + Herausgegeben von Ernst Weber + + Mit Bildern von deutschen Künstlern + + + Band V: Meer + + + München 1903 * * * Verlag des deutschen Spielmanns: + Georg D. W. Callwey und Carl Haushalter G. m. b. H. + + + + + Meer + + + Die weite See, das Ziel deutscher Sehnsucht, + * * * * wie es lockt und schreckt * * * * + + + Gesammelt von Ernst Weber + + Bildschmuck von J. V. Cissarz + + + [Illustration] + + + München 1903 * * * Verlag des deutschen Spielmanns: + Georg D. W. Callwey und Carl Haushalter G. m. b. H. + + + + + Druck von Georg D. W. Callwey in München. + + + + +Inhalt + + + Seite + + Geleitspruch des deutschen Spielmanns 7 + + An das Meer (Leuthold) 8 + + Der Freund (Eichendorff) 8 + + Der junge Schiffer (Hebbel) 9 + + Norderney (Heine) 10 + + Am Strande (Grün) 14 + + Der kleine Hydriot 15 + + Seefahrt (Goethe) 16 + + Auf offener See (Eichendorff) 17 + + Der Seemorgen (Lenau) 17 + + Frieden (Heine) 18 + + Meerfahrt (Freiligrath) 19 + + Meeres Stille (21) + + Ich seh’ von des Schiffes Rande ... (Eichendorff) 21 + + Sturm mit seinen Donnerschlägen ... (Lenau) 22 + + Glückliche Fahrt (Goethe) 22 + + Der goldene Tod (Avenarius) 23 + + Teerspitterchens Tochter (Blüthgen) 24 + + Der Klabautermann (Kopisch) 32 + + Wanderer und Wind (Lenau) 35 + + Nun kommt der Sturm (Seibel) 36 + + Das Meer (Heine) 37 + + Leander und Selin (Ew. v. Kleist) 37 + + Die Vergeltung (v. Droste-Hülshoff) 39 + + Konquistadores (C. F. Meyer) 42 + + Eine Seeräubergeschichte (Seibel) 45 + + Das Haus am Meer (Hebbel) 49 + + Nis Randers (O. Ernst) 51 + + Das Wrack (F. W. Weber) 52 + + Meeresstrand (Storm) 55 + + Meeresrauschen (Masius) 55 + + Der Gesang des Meeres (C. F. Meyer) 56 + + Ostern (Storm) 57 + + Geistesgruß (Goethe) 58 + + Turmwächterlied (F. de la Motte Fouqué) 58 + + Am Turme (v. Droste-Hülshoff) 60 + + Old Mütterchen (Kopisch) 61 + + Der Riese im Sturm (Kopisch) 65 + + Flut und Ebbe (C. F. Meyer) 66 + + Die Stadt (Storm) 69 + + Spruch (Eichendorff) 70 + + + + +[Illustration] + + + + +[Illustration] + + + Vom Meer will ich Euch künden, + Vom endlos großen Meer, + Von seinen Wellenschlünden, + Den Fluten grimm und schwer, + Von seiner tiefen Stille, + Die kaum den Odem regt, + Bis ein gewalt’ger Wille + Den Sturm darüber fegt. + + Es ist seit alten Tagen + Das Meer der Sehnsucht Ziel; + Es klingt durch unsre Sagen + Der Wogen rauschend Spiel. + Die alten Spielmannsrecken, + Herrn Volker und Horand, + Das Meer mit seinen Schrecken, + Es hielt sie nicht am Strand. + + Sie haben ihm entrungen + Die königliche Braut; + Es hat ihr Mund gesungen, + Was ihm das Meer vertraut. + Ist die bewegte Welle + Doch recht der Seele Bild, + Bald düster und bald helle, + Bald träumend und bald wild. + + Und wo in unsern Reigen + Von ihr ein Raunen schwebt, + Da ist uns wohl zu eigen, + Als hätten wir’s erlebt. — + So rausche denn und ruhe, + Wir stehen hoch am Strand, + Und wirf aus dunkler Truhe + Uns Perlen in die Hand! + + Der deutsche Spielmann. + + + + +An das Meer. + + + Gruß dir, frührotschimmerndes Meer! Gewaltig + Haucht dein herber Odem mich an, und wieder + Tragen aufwärts mich die des Fluges entwöhnten + Schwingen der Seele. + + Dir im Schoß ruhn Tempel vergessner Götter, + Ruhn versunkne Städte, es ruhen neben + Völkerketten untergegangner Reiche + Kronen im Schoße dir. + + Tyrus alten Glanz und den Stolz Karthagos, + Romas Weltherrschaft und Venedigs Größe + Deckst du zu mit deiner Gewässer dunkel + rollendem Bahrtuch. + + Tiefgeheimnisvoll, wie des Weltenschicksals + Stimme tönet dein Donnergebrüll ins Ohr mir + Ehern, rauh, hohnlachend, so vieler Völker + Wiegen- und Grablied. + + Oft wie Atemzüge des großen Weltgeists + Weht’s aus deinen Tiefen; mir ist, als hört’ ich + Heil’ge Laute, welche der Schöpfungssagen + Rätsel mir lösen. + + Fritz Leuthold. + + + + +Der Freund. + + + Wer auf den Wogen schliefe, + Ein sanft gewiegtes Kind, + Kennt nicht des Lebens Tiefe, + Vor süßem Träumen blind. + + Doch wen die Stürme fassen + Zu wildem Tanz und Fest, + Wen hoch auf dunklen Straßen + Die falsche Welt verläßt: + + Der lernt sich wacker rühren, + Durch Nacht und Klippen hin + Lernt der das Steuer führen + Mit sichrem, ernstem Sinn. + +[Illustration] + + Der ist vom echten Kerne, + Erprobt zu Lust und Pein, + Der glaubt an Gott und Sterne, + Der soll mein Schiffmann sein! + + Jos. v. Eichendorff. + + + + +Der junge Schiffer. + + + Dort bläht ein Schiff die Segel, + Frisch saust hinein der Wind; + Der Anker wird gelichtet, + Das Steuer flugs gerichtet, + Nun fliegt’s hinaus geschwind. + + Ein kühner Wasservogel + Kreist grüßend um den Mast, + Die Sonne brennt herunter, + Manch Fischlein, blank und munter, + Umgaukelt keck den Gast. + + Wär’ gern hinein gesprungen, + Da draußen ist mein Reich! + Ich bin ja jung von Jahren, + Da ist’s mir nur um’s Fahren, + Wohin? Das gilt mir gleich! + + Friedr. Hebbel. + + + + +[Illustration] + + + + +Norderney. + + +Es geht ein starker Nordwind, und die Hexen haben wieder viel Unheil +im Sinne. Man hegt hier nämlich wunderliche Sagen von Hexen, die den +Sturm zu beschwören wissen, wie es denn überhaupt auf allen nordischen +Meeren viel Aberglauben gibt. Die Seeleute behaupten, manche Insel +stehe unter der geheimen Herrschaft ganz besonderer Hexen, und dem +bösen Willen derselben sei es zuzuschreiben, wenn den vorbeifahrenden +Schiffen allerlei Widerwärtigkeiten begegnen. Als ich voriges Jahr +einige Zeit auf der See lag, erzählte mir der Steuermann unseres +Schiffes, die Hexen wären besonders mächtig auf der Insel Wight und +suchten jedes Schiff, das bei Tage dort vorbeifahren wolle, bis zur +Nachtzeit aufzuhalten, um es alsdann an Klippen oder an die Insel +selbst zu treiben. In solchen Fällen höre man diese Hexen so laut durch +die Luft sausen und um das Schiff herumheulen, daß der Klabotermann +ihnen nur mit vieler Mühe widerstehen könne. Als ich nun fragte, wer +der Klabotermann sei, antwortete der Erzähler sehr ernsthaft: „Das ist +der gute, unsichtbare Schutzpatron der Schiffe, der da verhütet, daß +den treuen und ordentlichen Schiffern Unglück begegne, der da überall +selbst nachsieht und sowohl für die Ordnung wie für die gute Fahrt +sorgt.“ Der wackere Steuermann versicherte mit etwas heimlicherer +Stimme, ich könne ihn selber sehr gut im Schiffsraume hören, wo er die +Waren gern noch besser nachstaue, daher das Knarren der Fässer und +Kisten, wenn das Meer hoch gehe, daher bisweilen das Dröhnen unserer +Balken und Bretter; oft hämmere der Klabotermann auch außen am Schiffe, +und das gelte dann dem Zimmermann, der dadurch gemahnt werde, eine +schadhafte Stelle ungesäumt auszubessern; am liebsten aber setze er +sich auf das Bramsegel, zum Zeichen, daß guter Wind wehe oder sich +nahe. Auf meine Frage, ob man ihn nicht sehen könne, erhielt ich zur +Antwort, nein, man sehe ihn nicht, auch wünsche keiner ihn zu sehen, da +er sich nur dann zeige, wenn keine Rettung mehr vorhanden sei. Einen +solchen Fall hatte zwar der gute Steuermann noch nicht selbst erlebt, +aber von andern wollte er wissen, den Klabotermann höre man alsdann vom +Bramsegel herab mit den Geistern sprechen, die ihm untertan sind; doch +wenn der Sturm zu stark und das Scheitern unvermeidlich würde, setze +er sich auf das Steuer, zeige sich da zum ersten Male und verschwinde, +indem er das Steuer zerbräche. Diejenigen aber, die ihn in diesem +furchtbaren Augenblicke sähen, fänden unmittelbar darauf den Tod in den +Wellen. + +Der Schiffskapitän, der dieser Erzählung mit zugehört hatte, lächelte +so fein, wie ich seinem rauhen, wind- und wetterdienenden Gesichte +nicht zugetraut hätte, und nachher versicherte er mir, vor fünfzig +oder gar vor hundert Jahren sei auf dem Meere der Glaube an den +Klabotermann so stark gewesen, daß man bei Tische immer auch ein Gedeck +für denselben aufgelegt und von jeder Speise etwa das Beste auf seinen +Teller gelegt habe, ja, auf einigen Schiffen geschehe das noch jetzt. + +Ich gehe hier oft am Strande spazieren und gedenke solcher +seemännischen Wundersagen. Die anziehendste derselben ist wohl die +Geschichte vom fliegenden Holländer, den man im Sturm mit aufgespannten +Segeln vorbeifahren sieht, und der zuweilen ein Boot aussetzt, um den +begegnenden Schiffen allerlei Briefe mitzugeben, die man nachher nicht +zu besorgen weiß, da sie an längst verstorbene Personen adressiert +sind. Manchmal gedenke ich auch des alten, lieben Märchens von dem +Fischerknaben, der am Strande den nächtlichen Reigen der Meernixen +belauscht hatte und nachher mit seiner Geige die ganze Welt durchzog +und alle Menschen zauberhaft entzückte, wenn er ihnen die Melodie +des Nixenwalzers vorspielte. Diese Sage erzählte mir einst ein lieber +Freund, als wir im Konzerte zu Berlin solch einen wundermächtigen +Knaben, den Felix Mendelssohn-Bartholdy, spielen hörten. + +Einen eigentümlichen Reiz gewährt das Kreuzen um die Insel. Das Wetter +muß aber schön sein, die Wolken müssen sich ungewöhnlich gestalten, +und man muß rücklings auf dem Verdecke liegen und in den Himmel sehen +und allenfalls auch ein Stückchen Himmel im Herzen haben. Die Wellen +murmeln alsdann allerlei wunderliches Zeug, allerlei Worte, woran liebe +Erinnerungen flattern, allerlei Namen, die wie süße Ahnung in der Seele +wiederklingen. Dann kommen auch Schiffe vorbeigefahren, und man grüßt, +als ob man sich alle Tage wiedersehen könnte. Nur des Nachts hat das +Begegnen fremder Schiffe auf dem Meere etwas Unheimliches; man will +sich dann einbilden, die besten Freunde, die wir seit Jahren nicht +gesehen, führen schweigend vorbei, und man verlöre sie auf immer. + +Ich liebe das Meer wie meine Seele. + +Oft wird mir sogar zu Mute, als sei das Meer eigentlich meine Seele +selbst; und wie es im Meere verborgene Wasserpflanzen gibt, die nur im +Augenblick des Aufblühens an dessen Oberfläche heraufschwimmen und im +Augenblick des Verblühens wieder hinabtauchen, so kommen zuweilen auch +wunderbare Blumenbilder heraufgeschwommen aus der Tiefe meiner Seele +und duften und leuchten und verschwinden wieder. + +Man sagt, unfern dieser Insel, wo jetzt nichts als Wasser ist, hätten +einst die schönsten Dörfer und Städte gestanden, das Meer habe sie +plötzlich alle überschwemmt, und bei klarem Wetter sähen die Schiffer +noch die leuchtenden Spitzen der versunkenen Kirchtürme, und mancher +habe dort in der Sonntagsfrühe sogar ein frommes Glockengeläute gehört. +Die Geschichte ist wahr; denn das Meer ist meine Seele — + + „Eine schöne Welt ist da versunken, + Ihre Trümmer blieben unten stehn, + Lassen sich als goldne Himmelsfunken + Oft im Spiegel meiner Träume sehn.“ + + (Wilh. Müller.) + +Geht man am Strande spazieren, so gewähren die vorbeifahrenden Schiffe +einen schönen Anblick. Haben sie die blendend weißen Segel aufgespannt, +so sehen sie aus wie vorbeiziehende große Schwäne. Gar besonders schön +ist dieser Anblick, wenn die Sonne hinter dem vorbeisegelnden Schiffe +untergeht, und dieses wie von einer riesigen Glorie umstrahlt wird. + +Die Jagd am Strande soll ebenfalls ein großes Vergnügen gewähren. +Was mich betrifft, so weiß ich es nicht sonderlich zu schätzen. Der +Sinn für das Edle, Schöne und Gute läßt sich oft durch Erziehung den +Menschen beibringen; aber der Sinn für die Jagd liegt im Blute. Wenn +die Ahnen schon seit undenklichen Zeiten Rehböcke geschossen haben, so +findet auch der Enkel ein Vergnügen an dieser legitimen Beschäftigung. +Meine Ahnen gehörten aber nicht zu den Jagenden, viel eher zu den +Gejagten, und soll ich auf die Nachkömmlinge ihrer ehemaligen Kollegen +losdrücken, so empört sich dawider mein Blut. + +Des Versuchs halber, denn ich muß mein Blut besser gewöhnen, ging +ich gestern auf die Jagd. Ich schoß nach einigen Möwen, die gar zu +sicher umherflatterten und doch nicht bestimmt wissen konnten, daß ich +schlecht schieße. Ich wollte sie nicht treffen und sie nur warnen, sich +ein anderes Mal vor Leuten mit Flinten in acht zu nehmen; aber mein +Schuß ging fehl, und ich hatte das Unglück, eine junge Möwe tot zu +schießen. Es ist gut, daß es keine alte war; denn was wäre dann aus den +armen kleinen Möwchen geworden, die, noch unbefiedert, im Sandneste der +großen Düne liegen und ohne die Mutter verhungern müßten! Mir ahndete +schon vorher, daß mich auf der Jagd ein Mißgeschick treffen würde: ein +Hase war mir über den Weg gelaufen. + +Gar besonders wunderbar wird mir zu Mute, wenn ich allein in der +Dämmerung am Strande wandle, — hinter mir flache Dünen, vor mir das +wogende, unermeßliche Meer, über mir der Himmel wie eine riesige +Krystallkuppel, — ich erscheine mir dann selbst sehr ameisenklein, und +dennoch dehnt sich meine Seele so meilenweit. Die hohe Einfachheit der +Natur, wie sie mich hier umgibt, zähmt und erhebt mich zu gleicher +Zeit, und zwar in stärkerem Grade als jemals eine andere erhabene +Umgebung. Nie war mir ein Dom groß genug; meine Seele mit ihrem alten +Titanengebet strebte immer höher, als die gotischen Pfeiler, und wollte +immer hinausbrechen durch das Dach. Auf der Spitze der Roßtrappe +haben mir beim ersten Anblick die kolossalen Felsen in ihren kühnen +Gruppierungen ziemlich imponiert; aber dieser Eindruck dauerte nicht +lange; meine Seele war nur überrascht, nicht überwältigt, und jene +ungeheuren Steinmassen wurden in meinen Augen allmählich kleiner, +und am Ende erschienen sie wie geringe Trümmer eines zerschlagenen +Riesenpalastes, worin sich meine Seele vielleicht komfortabel befunden +hätte. + + Heinr. Heine. + + + + +Am Strande. + + + Auf hochgestapelte Ballen blickt + Der Kaufherr mit Ergötzen; + Ein armer Fischer daneben flickt + Betrübt an zerrißnen Netzen. + + Manch rüstig stolzbewimpelt Schiff, + Manch morsches Wrack im Sande! + Der Hafen hier und dort das Riff, + Jetzt Flut, jetzt Ebb’ am Strande. + + Hier Sonnenblick, Sturmwolken dort; + Hier Schweigen, dorten Lieder, + Und Heimkehr hier, dort Abschiedswort; + Die Segel auf und nieder! + + Zwei Jungfraun sitzen am Meeresstrand; + Die eine weint in die Fluten, + Die andre mit dem Kranz in der Hand + Wirft Rosen in die Fluten. + + Die eine, trüber Wehmut Bild, + Stöhnt mit geheimem Beben: + „O Meer, o Meer, so trüb und wild, + Wie gleichst du so ganz dem Leben!“ + + Die andre, lichter Freude Bild, + Kost selig lächelnd daneben: + „O Meer, o Meer, so licht und mild, + Wie gleichst du so ganz dem Leben!“ + + Fortbraust das Meer und überklingt + Das Stöhnen wie das Kosen; + Fortwogt das Meer, und, ach, verschlingt + Die Tränen wie die Rosen. + + Anast. Grün. + + + + +[Illustration] + + + + +Der kleine Hydriot. + + + Ich war ein kleiner Knabe, stand fest kaum auf dem Bein, + Da nahm mich schon mein Vater mit in das Meer hinein, + Und lehrte leicht mich schwimmen an seiner sichern Hand, + Und in die Fluten tauchen bis nieder auf den Sand. + Ein Silberstückchen warf er dreimal ins Meer hinab, + Und dreimal mußt ich’s holen, eh’ er’s zum Lohn mir gab. + Dann reicht er mir ein Ruder, hieß in ein Boot mich gehn, + Er selber blieb zur Seite mir unverdrossen stehn, + Wies mir, wie man die Woge mit scharfem Schlage bricht, + Wie man die Wirbel meidet und mit der Brandung ficht. + Und von dem kleinen Kahne ging’s flugs ins große Schiff, + Es trieben uns die Stürme um manches Felsenriff. + Ich saß auf hohem Maste, sah über Meer und Land, + Es schwebten Berg’ und Türme vorüber mit dem Strand. + Der Vater hieß mich merken auf jedes Vogels Flug, + Auf aller Winde Wehen, auf aller Wolken Zug; + Und bogen dann die Stürme den Mast bis in die Flut, + Und spritzten dann die Wogen hoch über meinen Hut, + Da sah der Vater prüfend mir in das Angesicht — + Ich saß in meinem Korbe und rüttelte mich nicht. — + Da sprach er, und die Wange ward ihm wie Blut so rot: + „Glück zu, auf deinem Maste, du kleiner Hydriot!“ — + Und heute gab der Vater ein Schwert mir in die Hand, + Und weihte mich zum Kämpfer für Gott und Vaterland. + Er maß mich mit den Blicken vom Kopf bis zu den Zehn: + Mir war’s, als tät sein Auge hinab ins Herz mir sehn. + Ich hielt mein Schwert gen Himmel und schaut’ ihn sicher an + Und däuchte mich zur Stunde nicht schlechter als ein Mann. + Da sprach er, und die Wange ward ihm wie Blut so rot: + „Glück zu, mit deinem Schwerte, du kleiner Hydriot!“ + + Wilh. Müller. + + + + +Seefahrt. + + + Lange Tag’ und Nächte stand mein Schiff befrachtet; + Günst’ger Winde harrend saß mit treuen Freunden, + Mir Geduld und guten Mut erzechend, + Ich im Hafen. + + Und sie waren doppelt ungeduldig: + Gerne gönnen wir die schnellste Reise, + Gern die hohe Fahrt dir; Güterfülle + Wartet drüben in den Welten deiner, + Wird Rückkehrendem in unsern Armen + Lieb’ und Preis dir. + + Und am frühen Morgen ward’s Getümmel, + Und dem Schlaf entjauchzt uns der Matrose, + Alles wimmelt, alles lebet, webet, + Mit dem ersten Segenshauch zu schiffen. + + Und die Segel blähen in dem Hauche, + Und die Sonne lockt mit Feuerliebe; + Ziehn die Segel, ziehn die hohen Wolken, + Jauchzen an dem Ufer alle Freunde + Hoffnungslieder nach, im Freudentaumel + Reisefreuden wähnend, wie des Einschiffmorgens, + Wie der ersten hohen Sternennächte. + + Aber gottgesandte Wechselwinde treiben + Seitwärts ihn der vorgesteckten Fahrt ab, + Und er scheint sich ihnen hinzugeben, + Strebet leise, sie zu überlisten, + Treu dem Zweck auch auf dem schiefen Wege. + + Aber aus der dumpfen grauen Ferne + Kündet leise wandelnd sich der Sturm an, + Drückt die Vögel nieder aufs Gewässer, + Drückt der Menschen schwellend Herz darnieder, + Und er kommt. Vor seinem starren Wüten + Streckt der Schiffer klug die Segel nieder; + Mit dem angsterfüllten Balle spielen + Wind und Wellen. + + Und an jenem Ufer drüben stehen + Freund’ und Lieben, beben auf dem Festen: + Ach, warum ist er nicht hier geblieben! + Ach, der Sturm! Verschlagen weg vom Glücke! + Soll der Gute so zu Grunde gehen? + Ach, er sollte, ach, er könnte! Götter! + + Doch er stehet männlich an dem Steuer; + Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen, + Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen; + Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe, + Und vertrauet, scheiternd oder landend. + + Wolfg. v. Goethe. + + + + +Auf offener See. + + + Ade, du Küste mit den falschen Sorgen, + Furcht, Glück und Not, sinkt unter in das Meer! + Nun bin ich frei, jetzt bin ich erst geborgen, + Kein eitles Hoffen langet bis hierher. + Wie still, wohin ich auch die Blicke wende, + Wie weit und hoch und ringsum ohne Ende! + Gestirne, Wolken gehen auf und unter + Und spiegeln sich im stillen Ozean, + Hoch Himmel über mir und Himmel drunter, + Inmitten wie so klein mein schwacher Kahn! + Walt’ Gott, ihm hab’ ich alles übergeben, + Nun komm nur, Sturm, ich fürcht’ nicht Tod noch Leben. + + Jos. v. Eichendorff. + + + + +Der Seemorgen. + + + Der Morgen frisch, die Winde gut, + Die Sonne glüht so helle, + Und brausend geht es durch die Flut, + Wie wandern wir so schnelle! + + Die Wogen stürzen sich heran; + Doch wie sie auch sich bäumen, + Dem Schiff sich werfend in die Bahn, + In toller Mühe schäumen: + + Das Schiff voll froher Wanderlust + Zieht fort unaufzuhalten, + Und mächtig wird von seiner Brust + Der Wogendrang gespalten; + + Gewirkt von goldner Strahlenhand + Aus dem Gesprüh der Wogen, + Kommt ihm zur Seit’ ein Irisband + Hellflatternd nachgeflogen. + + So weit nach Land mein Auge schweift, + Seh’ ich die Flut sich dehnen, + Die uferlose; mich ergreift + Ein ungeduldig Sehnen. + + Daß ich so lang euch meiden muß + Berg, Wiese, Laub und Blüte! — + Da lächelt seinen Morgengruß + Ein Kind aus der Kajüte. + + Wo fremd die Luft, das Himmelslicht, + Im kalten Wogenlärme, + Wie wohl tut Menschenangesicht + Mit seiner stillen Wärme! + + Nik. Lenau. + + + + +Frieden. + + + Hoch am Himmel stand die Sonne, + Von weißen Wolken umringt; + Das Meer war still, — + Und sinnend lag ich am Steuer des Schiffes, + Träumerisch sinnend, — und halb im Wachen + Und halb im Schlummer, schaute ich Christus, + Den Heiland der Welt. + In wallend weißem Gewande + Wandelte riesengroß + Er über Land und Meer; + Es ragte sein Haupt in den Himmel, + Die Hände breitete segnend + Er über Land und Meer; + Und als ein Herz in der Brust + Trug er die Sonne, + Die rote, flammende Sonne; + Und das rote, flammende Sonnenherz + Goß seine Gnadenstrahlen + Und sein holdes, liebseliges Licht, + Erleuchtend und wärmend, + Weit über Land und Meer. + + Glockenklänge zogen feierlich + Hin und her, zogen wie Schwäne + Am Rosenbande das gleitende Schiff, + Und zogen es spielend ans grüne Ufer, + Wo Menschen wohnen in hochgetürmter, + Ragender Stadt. + + O Friedenswunder! Wie still die Stadt! + Es ruhte das dumpfe Geräusch + Der schwatzenden, schwülen Gewerbe; + Und durch die reinen, hallenden Straßen + Zogen Menschen, weißgekleidete, + Palmzweigtragende; + Und wo sich zwei begegneten, + Sahn sie sich an, verständnisinnig; + Und schauernd in Lieb’ und süßer Entsagung, + Küßten sie sich auf die Stirne + Und schauten hinauf + Nach des Heilands Sonnenherzen, + Das freudig versöhnend sein rotes Blut + Hinunterstrahlte; + Und dreimal selig sprachen sie: + Gelobt sei, Jesu Christ! + + Heinr. Heine. + + + + +Meerfahrt. + + + Da schwimm ich allein auf dem stillen Meer; + Keine Welle rauscht, es ist eben und glatt. + Auf dem sandigen Grunde prächtig und hehr + Glänzt die alte, versunkene Stadt. + + In alter verschollner Märchenzeit + Verstieß ein König sein Töchterlein; + Da lebt es über den Bergen weit + Im Walde bei sieben Zwergen klein. + + Und als es starb durch des Giftes Kraft, + Ihm eingeflößt von der Mutter arg, + Da legt es die kleine Genossenschaft + In einen krystallenen Sarg. + + Da lag es in seinem weißen Kleid, + Bekränzt mit Blumen, duftend und schön; + Da lag es in seiner Lieblichkeit, + Und sie konnten es immer sehn. + + So liegst du in deinem Sarg von Krystall, + Du geschmückte Leiche, versunknes Julin! + Der spielenden Flut durchsichtiger Schwall + Zeigt deiner Paläste Glühn! + + Die Türme ragen düster empor + Und geben schweigend ihr Trauern kund; + Die Mauer durchbricht das gewölbte Tor, + Es schimmern die Kirchenfenster bunt. + + Doch in der schauerlich stillen Pracht + Keines Menschen Tritt, keine Lust, kein Spiel; + Auf Straßen und Märkten ungeschlacht + Treibt sich das frische Gewühl. + + Sie glotzen mit glasigen Augen dumm + In die Fenster und in die Türen hinein; + Sie sehn die Bewohner schläfrig und stumm + In ihren Häusern von Stein. + + Ich will hinunter, ich will erneun + Die versunkene Pracht, die ertrunkene Lust! + Die Zauber des Todes will ich zerstreun + Mit dem Odem meiner lebendigen Brust! + + Hinab! — nicht rudert er fürder! Schlaff + Und reglos sinken ihm Arm und Fuß: + Über seinem Haupte schließt sich das Haff; + Er entbietet der Stadt seinen Gruß. + + Er lebt in den Häusern der alten Zeit, + Wo die Muschel blitzt, wo der Bernstein glüht. + Unten die alte Herrlichkeit, + Oben ein Fischerlied. + + Ferd. Freiligrath. + + + + +Meeres Stille. + + + Tiefe Stille herrscht im Wasser, + Ohne Regung ruht das Meer, + Und bekümmert sieht der Schiffer + Glatte Fläche rings umher. + Keine Luft von keiner Seite! + Todesstille fürchterlich! + In der ungeheuern Weite + Reget keine Welle sich. + + Wolfg. v. Goethe. + + + Ich seh’ von des Schiffes Rande + Tief in die Flut hinein: + Gebirge und grüne Lande + Und Trümmer im falben Schein + Und zackige Türme im Grunde, + Wie ich’s oft im Traum mir gedacht, + Das dämmert alles da unten + Als wie eine prächtige Nacht. + +[Illustration] + + Seekönig auf seiner Warte + Sitzt in der Dämmrung tief, + Als ob er mit langem Barte + Über seiner Harfe schlief’; + Da kommen und gehen die Schiffe + Darüber, er merkt es kaum, + Von seinem Korallenriffe + Grüßt er sie wie im Traum. + + Jos. v. Eichendorff. + + + Sturm mit seinen Donnerschlägen + Kann mir nicht wie du + So das tiefste Herz bewegen, + Tiefe Meeresruh! + + Du allein nur konntest lehren + Uns den schönen Wahn + Seliger Musik der Sphären, + Stiller Ozean! + + Nächtlich Meer, nun ist dein Schweigen + So tief ungestört, + Daß die Seele wohl ihr eigen + Träumen klingen hört: + + Daß im Schutz geschlossnen Mundes + Doch mein Herz erschrickt, + Das Geheimnis heil’gen Bundes + Fester an sich drückt. + + Nik. Lenau. + + + + +Glückliche Fahrt. + + + Die Nebel zerreißen, + Der Himmel ist helle, + Und Äolus löset + Das ängstliche Band. + Es säuseln die Winde, + Es rührt sich der Schiffer. + Geschwinde! Geschwinde! + Es teilt sich die Welle, + Es naht sich die Ferne; + Schon seh’ ich das Land! + + Wolfg. v. Goethe. + + + + +Der goldene Tod. + + + Kein Wind im Segel, die See liegt still — + Kein Fisch doch, der sich fangen will! + So ziehen die Netze sie wieder herein + Und murren, schelten und fluchen drein. + Da neben dem Kutter wird’s heller und licht + Wie weißliches Haar, wie ein Greisengesicht, + Und ein triefendes Haupt taucht auf aus der Flut: + „Ei, drollige Menschlein, ich mein’s mit euch gut — + + Ich gönn’ euch von meiner Herde ja viel, + Doch heut ist mein Jüngster als Fisch beim Spiel, + Den mußt’ ich doch hüten, ich alter Neck, + Drum jagt ich sie all miteinander weg — + Doch schickt ihr den Jungen mir wieder nach Haus, + So werft nur noch einmal das Fangzeug aus: + Der schönste ist mein Söhnchen klein, + Das übrige mag euer eigen sein!“ + + Hei, flogen die Netze jetzt wieder in See! + Ho, kaum, daß ihr’ Lasten sie brachten zur Höh’! + Wie lebende Wellen, so fort und fort + Von köstlichen Fischen, so quoll’s über Bord. + Und patscht und schnappt und zappelt und springt — + Und bei den Fischern, da tollt’s und singt. + Nun plötzlich blitzt es — seht: es rollt + Ein Fisch über Bord von lauterem Gold! + + Eine jede Schuppe ein Geldesstück! + Wie edelsteinen, so funkelt’s im Blick! + Die Kiemen sind aus rotem Rubin, + Perlen die Flossen überziehn, + Mit eitel Demanten besetzt, so ruht + Auf seinem Häuptlein ein Krönchen gut, + Und fürnehm wispert’s vom Schnäuzlein her: + „Ich bin Prinz Neck, laßt mich ins Meer!“ + + Den Fang ins Meer? Sie rühren ihn an, + Die Fischer, und tasten und stieren ihn an. + „Laßt mich ins Meer!“ Sie hören nicht drauf. + „Laßt mich ins Meer!“ Sie lachen nur auf. + Sie wägen das goldene Prinzlein ab, + Sie schätzen’s und klauben ihm Münzlein ab — + Wie wiegt das voll, wie gleißt das hold! + Sie denken nichts weiter, — sie denken nur Gold. + + Und seht: ein Goldschein überfliegt + Jetzt alles, was von Fisch da liegt, + Und wandelt’s, daß es klirrt und rollt: + Seht: +all+ die Fische werden Gold! + Sinkt das Schiff von blitzender Last? + „Schaufelt, was die Schaufel faßt!“ ... + Wie lustiges Feuerwerk sprüht das umher — + Dann rauscht über alles zusammen das Meer. + + Ferd. Avenarius. + + + + +Teerpitterchens Tochter. + + +Fern im Norden, woher die häßlichen Winterstürme kommen, welche durch +die dicksten Fausthandschuhe wehen und alle Nasen und Ohren zwicken, +daß sie rot und blau werden, da liegt die Ostsee. Sie besteht aus +lauter Wasser, aber trinken kann man es nicht, denn es schmeckt salzig +wie Heringe. Wenn du so auf dem gelben Ufersande stehst, den die See +ausspült und der Wind zu Bergen aufweht, dann liegt es vor dir, weit, +weit, — alles Wasser, wie in den blauen Himmel hineingemalt; höchstens +daß du ein fernes Schiff darauf erblickst mit braunen, teergetränkten +Segeln. Von weitem her schießen die blitzenden Wogen auf dich los, aber +es vergeht viel Zeit, ehe sie herangerauscht sind und zu deinen Füßen +zischend auseinander stieben. Gar oft müssen sie Anlauf nehmen, und +jedesmal, wenn sie recht hoch gekommen sind, so schwitzen sie weißen +Gischt vor Anstrengung, und dann lassen sie sich wieder fallen und +ruhen einen Augenblick aus. + +Es gibt auch kleine Jungen und Mädchen an der See, das sind meist +Fischerkinder; und wenn die an den Strand gehen, so können sie die +schönsten kleinen Höhlen in die Sandberge kratzen und Teppiche von +Seegras hineintragen, oder sie können Muscheln und Bernsteinstückchen +suchen, welche die See auswirft. In den Bernsteinstückchen sind +manchmal tote Mücken und Fliegen, und die sind dann steinalt, viel +tausend Jahre. Des Abends aber, wenn die Sterne sich im finstern Wasser +spiegeln und einander zunicken, dann sitzen die Fischer und erzählen +sich die herrlichsten Märchen von der Welt: vom Heringskönig mit dem +silbernen Mantel und der roten Weste, der aus Versehen seine Krone +verschluckt hatte, von der Bernsteinhexe, die in jeder Neumondnacht +dicke gelbe Bernsteintränen weint und die Leute, welche sie trösten +wollen, bei den Beinen in das Wasser zieht, vom Klabautermann und +der versunkenen Stadt Julin. Manchmal erzählten sie auch vom kleinen +Teerpitterchen, welches die Wolken macht. Man wird gar nicht müde +zuzuhören. + +[Illustration] + +Der kleine Wilm hat auch einen Vater, welcher Fischer war. Der stand +in der Nacht auf und ging in hohen Transtiefeln zum Strande hinunter, +wo sein Boot lag, und dann fuhr er damit in das Meer hinein und fing +Heringe, Flundern und Hornfische. Am Tage aber nahm die Mutter den +kleinen Wilm mit an den Strand; sie wusch die Netze und hing sie zum +Trocknen auf, und der Junge spielte bis er müde war, dann legte sie +ihn in das Boot auf das Segeltuch, daß er schliefe. Da streichelte der +Sonnenschein sein rotes Gesichtchen, und der Wind blies in seine gelben +Haare. + +Wie er einmal so lag, sah er im Schlaf etwas sonderbares, nämlich ein +kleines Männchen, das war das Teerpitterchen. Es hatte Kleider aus +dickgeteertem Segeltuch an, dazu ein Paar hohe Stiefel und auf dem +Kopfe eine Kappe. Das merkwürdigste aber waren seine Haare und sein +Bart, die waren grünes Seegras. Es saß auf einem Stück Segeltuch, +welches auf den Wellen schwamm; einen Zipfel hatte es an einem Faden +wie ein Segel vor sich und blies hinein, daß seine Backen so dick waren +wie zwei runde Apfelsinen. + +„Guten Tag, kleiner Wilm,“ sagte das Teerpitterchen und hielt bei +dem Boote an, in welchem der kleine Wilm lag. „Du kannst ein bißchen +mitkommen zu meiner Anning; sie ist eine lustige kleine Dirne.“ + +„Ich kann ja nicht fort, weil ich schlafe,“ antwortete Wilm. + +„Das schadet nichts, deine Seele kann immer fort; das geht ganz +leicht,“ sprach das Teerpitterchen. + +„Aber wenn meine Mutter mich wecken will, dann kann ich nicht +aufwachen.“ + +„O wenn sie das will, trage ich dich so rasch wieder her, wie man Amen +sagt. Sie soll gar nichts merken.“ + +„Wenn sie nur nichts merkt,“ sprach der kleine Wilm nachdenklich, und +da sah er schon, daß er neben dem Teerpitterchen auf dem Segeltuch +stand. + +„Grüß Klein-Anning von mir,“ sagte eine Stimme, und wie er sich +umwandte, war es die Segelstange auf seines Vaters Boot, die hatte das +Segel umgeschlagen wie ein Plaid und machte tiefe Verneigungen; und das +Boot hatte ein Gesicht bekommen und blinzelte ihm lustig zu und sagte +auch: „Grüß Klein-Anning von mir,“ und dabei wippte das Boot immer auf +und nieder. Im Boote sah er sich selber schlafen; das kam ihm spaßhaft +vor. Wie er sich aber nach seiner Mutter umschaute, dünkte es ihm, als +seien ihre Augen auf ihn gerichtet, und da wurde er ängstlich und rief: +„Sie sieht mich schon, sie sieht mich schon.“ + +„Träterätätä,“ sagte das Teerpitterchen, eine Seele kann man nicht +sehn, und jetzt geht die Fahrt ab.“ Darauf hob er einen anderen Zipfel +aus dem Wasser heraus und blies, daß seine Backen so groß wurden wie +runde Turmknöpfe, und wenn er einmal vorbei blies in das Wasser, so +flog ein weißer Nebel auf und stieg in die Luft; das war dann eine +Wolke. + +Wie sie ein Stück gefahren waren, hielt das Fahrzeug an, und das +Teerpitterchen pfiff auf zwei Fingern. Da kamen zwei Seehunde, die +waren gesattelt und gezäumt und wedelten mit den Hinterfüßen, denn +einen Schwanz hatten sie nicht. „Steig auf, kleiner Wilm,“ sprach das +Teerpitterchen, und schon saß er selber im Sattel und hing sich das +Segeltuch wie einen Reitermantel um. Rutsch! da fuhren sie durch das +grüne Wasser. Es glänzte wie Glas, und der kleine Wilm konnte sich +nicht genug verwundern, daß er gar nicht naß wurde. Er wußte nicht, +daß eine Seele niemals naß wird. Endlich ritten sie in einen hellen +Glanz hinein, der alles Wasser goldig färbte, und nun hielten sie vor +Teerpitterchens Hause, das so leuchtete, weil es aus lauter Bernstein +gebaut war; das Dach aber war obendrein mit Perlmutter belegt. + +„Brrr!“ sagte das Teerpitterchen und da stand auch schon ein kleiner +Hummerkrebs, nahm in jede Schere einen Zügel und wartete bis die zwei +abgestiegen waren. Dann führte er die Seehunde fort in den Stall. Das +Männlein aber rief einen alten Kinderspruch: + + „Anning, min Anning, + Wat heww ik’n Gör! + Kann tanzen un speelen + As Müs’ op de Deelen; + Anning, min Anning, + Wat heww ik’n Gör!“ + +„Da bin ich schon,“ sagte Klein-Anning und stand mit einem Male bei +ihnen. Sie war ein süßes kleines Ding und hatte keine garstigen +Seegrashaare wie ihr Vater, sondern gerade so einen Flachskopf wie +die Anna, das Nachbarskind, mit welcher der Wilm Sandhäuser baute und +Sandkuchen buk. Das Schönste aber war ihr Kleid, denn es war mit lauter +Fischschuppen benäht. + +„Jetzt wird’s lustig,“ nickte sie und faßte Wilm bei den Händen; „ich +bin froh, daß du gekommen bist, denn du mußt wissen, daß ich heute +Geburtstag habe. Mit den dummen Fischen ist gar nichts anzufangen; sie +sprechen kein Wort und lassen sich alles gefallen. Ich mag keinen +leiden, der sich alles gefallen läßt. Kannst du dich mit mir zanken?“ + +„Je, warum nicht?“ sagte Wilm. + +„Aber nicht gleich. Das muß erst zuletzt kommen. Jetzt darfst du ein +Stück Geburtstagskuchen essen.“ Und sie zog ein Stück aus der Tasche, +das aß Wilm, und es schmeckte wie lauter Fruchtbonbon. „So, nun komm +mit.“ Damit zog sie ihn auf eine hübsche kleine Seegraswiese, um +welche lauter hohe Wasserpflanzen wuchsen, wie Bäume so hoch. Einige +davon waren fast durchsichtig, grün oder rot gefärbt, die sahen am +niedlichsten aus. Fische schossen hindurch, große und kleine, manche +rund wie Kugeln und rings mit Stacheln besetzt, andere ganz platt wie +Scheiben oder auch schlank und dünn wie ein Rohrstöckchen. Alle hatten +runde Glotzaugen, und bei einigen standen die Augen gar auf Hörnern, +welche sie überall hin drehen konnten. + +„Wir wollen tanzen. Du kannst es doch ordentlich?“ fragte Klein-Anning. + +„Ein bißchen,“ antwortete Wilm. + +„Ich will dir zeigen, wie man es machen muß,“ sprach sie und schlang +ihre Ärmchen um Wilm. Und nun ging das in die Höhe, und immer auf +und nieder im Wasser, und es war Wilm, als wäre er eine Mücke und +tanzte auf und ab unter seines Vaters Apfelbaum. Die Fische schwammen +herzu und sahen sich die Sache von weitem an; sie hätten gewiß gern +mitgetanzt, aber sie wagten es nicht vor lauter Respekt, denn es +hatte sie niemand dazu aufgefordert. Klein-Anning aber jauchzte und +drehte Wilm so rasch im Kreise herum, daß ihm Hören und Sehen verging. +„Plumps,“ sagte sie dann und ließ ihn fallen. Da lag er im Grase und +zog ein verdrießliches Gesicht und sie lachte. + +„Du bist dumm,“ sagte der kleine Wilm. + +„Höre du!“ meinte sie warnend, „jetzt darfst du noch nicht zanken. Wir +haben ja erst angefangen zu spielen. Ich will dir einmal etwas ins Ohr +sagen.“ Und sie setzte sich zu ihm in das Gras und sprach in sein Ohr: +„Wir gehen jetzt spazieren und besuchen unser Schloß.“ + +„Das wird ein schönes Ding sein.“ + +„Jawohl ist es schön; aber du darfst dich nicht fürchten vor den Tieren +unterwegs.“ + +„Ich fürchte mich gar nicht.“ + +Da faßte sie seine Hand, und nun ging es durch die Wasserpflanzen hin +und dann auf dem Meeresboden weiter, und die Fische zogen in hellen +Haufen hinterher. Bei ihren Füßen kribbelten und krabbelten große +Würmer, Krebse und Seespinnen, daß der kleine Wilm immer glaubte, er +müsse eines tot treten; aber er fürchtete sich wirklich gar nicht. +Die Muscheln öffneten die Schalen und machten „klipp, klapp“ wie die +Dreschflegel auf der Tenne. Helle Bernsteinstücke lagen umher, manche +so groß wie die Backsteine. Alle Fische aber, welche herbeigeschwommen +kamen, schlossen sich hinten dem Zuge an; die meisten davon waren +Heringe. + +Zuletzt kamen sie wieder in einen Wald von durchsichtigen Wasserbäumen; +alles um sie herum schimmerte im herrlichsten Grün und die Spitzen der +Bäume wedelten hin und her wie Fahnen. Mitten im Walde aber lag ein +schwarzer alter Holzbau, das war ein versunkenes Schiff. Es sah recht +trübselig aus. Stücke von den Masten waren umhergestreuet, und die +Bretter klafften überall, daran saßen Muscheln und Wassermoos. Zu den +Fenstern aber schlüpften die Fische aus und ein. Ein Brett war weiß, +daran standen Buchstaben, die niemand mehr lesen konnte, so verwischt +waren sie. Es war ein recht verwittertes altes Schiff. + +„Hier ist unser Schloß,“ sagte Klein-Anning. + +„Das ist zu schlecht,“ antwortete Wilm, „das ist gar kein Schloß; da +hinein gehe ich nicht.“ + +„Warte nur, ich will es neu anstreichen,“ meinte Klein-Anning. Sie +hob eine Muschel auf und strich über das Holz, und mit einem Male +glänzte das ganze Holz wie lauter Perlmutter. „So, nun wollen wir +hineinsteigen. Du bist der Prinz und ich die Prinzessin, und wir werden +Hochzeit halten.“ + +„Wenn du Hochzeit halten willst, mußt du einen Kranz haben; ohne Kranz +kann ich dich nicht heiraten,“ sagte Wilm. + +„Das ist schade,“ meinte Klein-Anning und sah sich um; endlich bückte +sie sich und zog ein paar grüne Ranken herauf, welche unter dem Schiffe +vorwuchsen, die schlang sie sich durch das Haar um den Kopf. „Ist das +nun gut?“ fragte sie. + +„Nein, es müssen Blumen darin sein.“ + +„Ich will aber keine Blumen!“ rief sie zornig und machte so böse große +Augen, daß dem Wilm ganz ängstlich wurde. Aber sie war gleich wieder +vergnügt und umfaßte ihn, und wie der Blitz fuhren sie aufwärts +und standen schon auf dem Verdeck des Schiffes. Sie kletterten die +Schiffstreppe hinab und kamen in einen weiten Saal, in welchem sich +noch Tische und Stühle befanden. Der Saal war ganz mit Muscheln +tapeziert, und auf den Stühlen wuchsen kleine grüne Wasserpflänzchen, +daß sie wie mit grünem Plüsch überzogen aussahen. + +„Komm,“ sagte Klein-Anning, „wir wollen erst den Musikanten holen.“ + +Sie zog Wilm in eine Tür hinein, in ein finsteres Kämmerchen. Da lag +ein Mann und rührte sich nicht; aber wie Klein-Anning ihn anfaßte, +machte er die Augen auf. + +„Guten Tag, kleiner Wilm,“ sagte er. + +„Wer bist du?“ fragte Wilm. + +„Kennst du mich nicht? Ich bin ja dein Onkel, der immer mit dem Schiff +gefahren ist nach Amerika und noch weiter. Lebt denn der Kakadu noch, +den ich dir mitgebracht habe? Puh, es ist so naß hier unten. Ich weiß +nicht, wie viel Wasser ich schon geschluckt habe, seit ich hier auf dem +Schiff untergegangen bin, aber es muß sehr viel sein.“ + +„Du sollst uns geigen,“ sprach Klein-Anning ungeduldig; „du mußt +wissen, daß wir Brautleute sind.“ + +Wilm war nachdenklich geworden und sagte: „Ich möchte lieber nach +Hause. Meine Mutter wird kommen und mich wecken wollen. Kannst du meine +Mutter nicht sehen, Prinzessin?“ + +„O ja, Prinz,“ antwortete Klein-Anning und legte die Hand über die +Augen. „Sie sitzt an der See und spült das große Netz.“ + +Da gab sich Wilm zufrieden, und sie gingen beide in den Saal; der Mann +aber hatte eine Geige genommen und kam hinterher. + +Die Fische guckten zu den Fenstern herein; denn sie sind immer sehr +neugierig. + +„Ihr dürft nicht herein,“ rief Klein-Anning; „bloß zusehen dürft ihr. +Ihr seid nicht schlank genug zum Tanzen. Aber die Heringe können +kommen.“ + +Und die Heringe kamen denn auch, immer mehr und mehr, und stellten sich +auf die Schwänze und knixten, und dazu schnappten sie immer mit den +Mäulern, als ob sie etwas sagen wollten, aber es kam nichts heraus als +Luftblasen. Klein-Anning nickte dem Spielmann zu, und da fing der an zu +geigen, und nun nickte auch Wilm, denn er kannte das Lied schon; der +Onkel hatte es immer gegeigt, wenn er heimgekommen war, und es war sehr +schön, bloß ein wenig traurig. Dann kam die Trauung. + +Wilm faßte Klein-Anning bei der Hand, und der Onkel legte seine Hand +auch dazu und sagte: „Alama kalalama itzehuatiputzli; habt ihr’s +verstanden?“ + +„Ja,“ sprach Klein-Anning, und da sagte Wilm auch „ja“; und die Heringe +klappten die Mäuler auf und zu, als wollten sie ebenfalls „ja“ sagen. +Es war gewiß sehr feierlich anzusehen. + +„Schön,“ meinte der Onkel; „jetzt gebt euch einen Kuß, dann ist alles +in Ordnung, und wir können tanzen.“ + +Sie gaben sich wirklich einen Kuß, und Klein-Anning biß Wilm dabei +in die Lippen und lachte ihn dann aus. Nun kamen alle Heringe und +gratulierten; man konnte es dabei sehen, daß sie die Augen verdrehten, +indem sie heranspazierten, und daß sie noch mehr schnappten als vorher. + +Wilm aber wurde mit einem Male wieder unruhig. „Prinzessin,“ sprach er, +„du kannst mir noch einmal sagen, was meine Mutter macht.“ + +„Ja, mein Prinz,“ antwortete Klein-Anning und legte wieder die Hand +über die Augen. „Sie zieht eben das Netz auf den Strand hinauf.“ + +„Dann habe ich noch Zeit,“ sagte Wilm. Sie setzten sich auf die beiden +größten Stühle, und der Onkel mit der Geige stieg auf einen Tisch und +fing an so lustig zu geigen, daß jedem das Herz im Leibe lachen mußte. +Die Heringe faßten sich mit den Flossen an und tanzten, daß der ganze +Saal blitzte. Und am Ende fing der Onkel auch an auf seinem Tische +herumzuspringen, und Klein-Anning jauchzte dazwischen und zappelte +mit den Füßchen, und die Tische und Stühle hoben auch die Beine und +sprangen umher, sogar die beiden großen, auf denen die Neuvermählten +saßen. + +Zuletzt hörte der Onkel auf, da war mit einem Male alles ruhig. + +Der kleine Wilm aber machte zum dritten Male ein ängstliches Gesicht +und fragte zum dritten Male: „Prinzessin, was macht meine Mutter?“ + +„Ei, sie steht bei den Pfählen und hakt’s Netz ein.“ + +„Bring mich hin,“ rief Wilm und sprang vom Stuhle; „jetzt kommt sie +gleich an das Boot und will mich mitnehmen.“ + +„Du sollst hier bleiben,“ sagte Klein-Anning. „Ich lasse dich nicht +fort.“ + +„Ich will aber fort, du dumme Dirn.“ Sie wollte seine Hand fassen, +aber er riß sich los. Da stampfte sie mit den Füßen; alle Fische, die +draußen gewesen, kamen herein und schwammen mit offenen Mäulern auf ihn +los, und die grünen, durchsichtigen Wasserpflanzen wuchsen durch die +Fenster und wurden dichter und dichter, so viel auch der kleine Wilm +von ihnen zerriß. Er sah schon Klein-Anning nicht mehr, aber er hörte +sie neben sich kichern, und der Onkel mußte wieder seine Geige genommen +haben und lustig darauf herumkratzen — — + +Mit einem Male gab es einen Knack, daß das ganze Schiff zitterte. Die +Decke spaltete sich, und der Wilm fuhr nach oben, hinaus in das klare +Wasser. Über dem Wasser aber schwebte eine weiße Möwe, die schrie: +„Krieh! Krieh!“ Und als der kleine Wilm auftauchte, faßte sie ihn mit +den Krallen und trug ihn in das Boot. Da war es nicht mehr der Vogel, +sondern das kleine Teerpitterchen, was bei ihm war. + +„Adieu, kleiner Wilm,“ sagte es und nickte ihm freundlich zu; dann war +es verschwunden. + +Da fühlte Wilm auch schon, daß ihn seine Mutter am Ärmel zupfte und +schlug die Augen auf. Die Sonne schien heiß in das Boot; am Himmel aber +standen ein paar finstere Regenwolken. + +„Hast du was gemerkt, Mutting?“ fragte er und blinzelte schlau zu ihr +hinauf. + +„Was soll ich denn gemerkt haben? Komm rasch mit nach Hause, sonst +werden wir tüchtig naß werden.“ — + + Viktor Blüthgen. + + + + +Der Klabautermann. + + + Flink auf! die lustigen Segel gespannt! + Wir fliegen wie Vögel von Strand zu Strand, + Wir tanzen auf Wellen um Klipp’ und Riff, + Wir haben das Schiff nach dem Pfiff im Griff, + Wir können, was kein andrer kann: + Wir haben einen Klabautermann. + +[Illustration] + + Der Klabautermann ist ein wackerer Geist, + Der alles im Schiff sich rühren heißt, + Der überall, überall mit uns reist, + Mit dem Schiffskapitän flink trinkt und speist, + Beim Steuermann sitzt er und wacht die Nacht, + Und im obersten Mast, wenn das Wetter kracht. + + Ist’s Wetter klar, und die Fahrt gelingt, + So nimmt er die Geige und tanzt und springt, + Und alles muß auf dem Deck sich schwingen. + Unzählige selige Lieder singen, + Nicht Sturm, nicht Wurm, ihn ficht nichts an; + Wir haben den wahren Klabautermann. + + Hei, klettert er, sei die See auch groß, + Klabautermann läßt kein Takelwerk los, + Er läuft auf den Raaen, wenn alles zerreißt, + Er tut, was der Kapitän ihn heißt — + Und wißt ihr, wie man ihn rufen kann? + Kourage heißt der Klabautermann. + + Aug. Kopisch. + + + + +Wanderer und Wind. + + + Herbstwind, o sei willkommen, + Fünf Tage lag das Meer + So still, so bang beklommen, + Kein Lüftchen zog daher. + + O Wind, nach deinem Rauschen + Sehnt’ ich mich auf der See, + Wie einst mein Jägerlauschen + Im Wald nach Hirsch und Reh. + + Wie geht es meinen Wäldern + Am frischen Neckarfluß? + Den heimatlichen Feldern? + Bringst du mir keinen Gruß? + + „Entlaubt hab’ ich die Wälder + „Im raschen Wanderzug, + „Nahm durch die Stoppelfelder + „Den ungehemmten Flug. + + „Nun ich durch Feld und Auen + „Mein Wanderliedlein pfiff, + „Komm’ ich nach euch zu schauen + „Im Emigrantenschiff. + +[Illustration] + + „Weil alter Liebesbande + „Das Schifflein müd und matt, + „Jag ich’s vom Mutterstrande + „Dahin, ein welkes Blatt!“ + + Nik. Lenau. + + + + +Nun kommt der Sturm. + + + Nun kommt der Sturm geflogen, + Der heulende Nordost, + Daß hoch in Riesenwogen + Die See ans Ufer tost. + + Das ist ein rasend Gischen, + Ein Donnern und ein Schwall, + Gewölk und Abgrund mischen + All ihrer Stimmen Schall. + + Und in der Winde Sausen + Und in der Möwe Schrei’n, + In Schaum und Wellenbrausen + Jauchz’ ich berauscht hinein. + + Schon mein’ ich, daß der Reigen + Des Meergotts mich umhallt, + Die Wogen seh’ ich steigen + In grüner Roßgestalt. + + Und drüber hoch im Wagen, + Vom Nixenschwarm umringt, + Ihn selbst, den Alten, ragen, + Wie er den Dreizack schwingt. + + Emanuel Geibel. + + + + +Das Meer. + + +I. + + Der Wind zieht seine Hosen an, + Die weißen Wasserhosen; + Er peitscht die Wellen so stark er kann, + Die heulen und brausen und tosen. + + Aus dunkler Höh’, mit wilder Macht + Die Regengüsse träufen; + Es ist, als wollt’ die alte Nacht + Das alte Meer ersäufen. + + An den Mastbaum klammert die Möwe sich + Mit heiserem Schrillen und Schreien; + Sie flattert und will gar ängstiglich + Ein Unglück prophezeien. + + +II. + + Der Sturm spielt auf zum Tanze, + Er pfeift und saust und brüllt; + Heisa, wie springt das Schifflein! + Die Nacht ist lustig und wild. + + Ein lebendes Wassergebirge + Bildet die tosende See; + Hier gähnt ein schwarzer Abgrund, + Dort türmt es sich weit in die Höh’. + + Ein Fluchen, Erbrechen und Beten + Schallt aus der Kajüte heraus; + Ich halte mich fest am Mastbaum + Und wünsche: Wär’ ich zu Haus. + + Heinrich Heine. + + + + +Leander und Selin. + + + Leander und Selin, zwei Freunde, die + Ein gleiches Herz und gleicher Edelmut + Verbanden, traten in Geschäften einst + Zusammen eine Fahrt durchs Weltmeer an. + Die Winde wehten erst der Gegend zu, + Die schon die Reisenden im Geiste sahn. + Das Ufer floh, und bald erblickten sie + Ringsum nur Luft und Meer. Das Firmament + War heiter und voll Glanz. Sie segelten + In seinem Widerschein geruhig fort + Und nahten sich bereits der Reise Ziel, + Als schnell ein reißender Orkan erwacht; + Der peitscht das Meer, durchwühlt den tiefen Grund, + Treibt, Bergen gleich, die hohen Wogen fort + Und schleudert mächtig gegen einen Fels + Das Schiff. Es scheitert. Jeder sucht dem Tod + Auf Trümmern von dem Schiffe zu entfliehn. + Den beiden Freunden ward ein Brett zu Teil; + Allein es war zu klein für seine Last. + + „Wir sinken,“ sprach Selin, „das Brettchen trägt + Uns beide nicht. O Freund, leb’ ewig wohl! + Du mußt erhalten sein; an dir verliert + Das Wohl der Welt zu viel, und ohne dich + Wär’ mir das Leben doch nur eine Qual.“ + „Nein,“ sprach Leander, „nein, ich sterb’, o Freund!“ + Allein Selin verließ zu schnell das Brett + Und übergab dem nassen Grab + Der Wasserwogen sich. + + Die Vorsehung, + Die über alles wacht, sah seine Treu’ + Und seine Großmut an und ließ das Meer + Ihm nicht zum Grabe sein. Mitleidig trägt’s + Auf seinen Wellen ihn zum Ufer hin. + Er fand Leandern schon daselbst. — O! wer + Beschreibt die namenlose Freude, die + Sie fühlten? Sie umarmten sich + Mit einer Tränenflut. Leander sprach: + „O allzuteurer Freund, in was für Qual + Hat deine Freundschaft mich gestürzt! Ich hab + Um dich zehnfache Todesangst gefühlt. + Was du tat’st, wollt’ ich tun; denn ohne dich + Wünscht’ ich das Leben nicht.“ „Geliebtester, + Was wär’ ich ohne dich?“ versetzt’ Selin. + „Der Himmel sei gelobt, der dich mir schenkt! + Komm, lass’ uns ihn, der uns vom Tod befreit, + Verehren und ihm ganz das Leben weihn!“ + Sie knieten nieder an das Ufer hin + Und dankten dem, der sie errettete, + Und ihr Gebet drang durch die Wolken, drang + Zu Gott. — Leander teilte mit Selin, + Der arm an Geld, doch reich an Tugend war, + All’ seine Schätze, die Selin nur nahm, + Weil sich sein Freund dadurch beglückter fand, + Und Segen kam auf sie und auf ihr Haus, + Und lange waren sie der Nebenmenschen Glück. + + Ew. v. Kleist. + + + + +Die Vergeltung. + + +I. + + Der Kapitän steht an der Spiere, + Das Fernrohr in gebräunter Hand, + Dem schwarzgelockten Passagiere + Hat er den Rücken zugewandt. + Nach einem Wolkenstreif in Sinnen + Die beiden wie zwei Pfeiler sehn. + Der Fremde spricht: „Was braut da drinnen?“ + „Der Teufel,“ brummt der Kapitän. + + Da hebt von morschen Balkens Trümmer + Ein Kranker seine feuchte Stirn, + Des Äthers Blau, der See Geflimmer, + Ach, alles quält sein fiebernd Hirn! + Er läßt die Blicke, schwer und düster, + Entlängs dem harten Pfühle gehn, + Die eingegrabnen Worte liest er: + „Batavia. Fünfhundertzehn.“ + + Die Wolke steigt, zur Mittagsstunde + Das Schiff ächzt auf der Wellen Höhn, + Gezisch, Geheul ans wüstem Grunde, + Die Bohlen weichen mit Gestöhn. + „Jesus, Marie! wir sind verloren!“ + Vom Mast geschleudert der Matros, + Ein dumpfer Krach in aller Ohren, + Und langsam löst der Bau sich los. + + Noch liegt der Kranke am Verdecke, + Um seinen Balken festgeklemmt, + Da kömmt die Flut, und eine Strecke + Wird er ins wüste Meer geschwemmt. + Was nicht geläng’ der Kräfte Sporne, + Das leistet ihm der starre Krampf, + Und wie ein Narwal mit dem Horne + Schießt fort er durch der Wellen Dampf. + + Wie lange so? — er weiß es nimmer, + Dann trifft ein Strahl des Auges Ball, + Und langsam schwimmt er mit der Trümmer + Auf ödem, glitzerndem Krystall. + Das Schiff! — die Mannschaft! — sie versanken. + Doch nein, dort auf der Wasserbahn, + Dort sieht den Passagier er schwanken + In einer Kiste morschem Kahn. + + Armsel’ge Lade! sie wird sinken, + Er strengt die heisre Stimme an: + „Nur grade! Freund, du drückst zur Linken!“ + Und immer näher schwankt’s heran, + Und immer näher treibt die Trümmer, + Wie ein verwehtes Möwennest; + „Kourage!“ ruft der kranke Schwimmer, + „Mich dünkt, ich sehe Land im West!“ + + Nun rühren sich der Fähren Ende, + Er sieht des fremden Auges Blitz, + Da plötzlich fühlt er starke Hände, + Fühlt wütend sich gezerrt vom Sitz. + „Barmherzigkeit! Ich kann nicht kämpfen.“ + Er klammert dort, er klemmt sich hier; + Ein heisrer Schrei, den Wellen dämpfen, + Am Balken schwimmt der Passagier. + + Dann hat er kräftig sich geschwungen + Und schaukelt durch das öde Blau, + Er sieht das Land wie Dämmerungen + Enttauchen und zergehn in Grau. + Noch lange ist er so geschwommen, + Umflattert von der Möwe Schrei, + Dann hat ein Schiff ihn aufgenommen, + Viktoria! nun ist er frei! + + +II. + + Drei kurze Monde sind verronnen, + Und die Fregatte liegt am Strand, + Wo Mittags sich die Robben sonnen, + Und Bursche klettern übern Rand; + Den Mädchen ist’s ein Abenteuer, + Es zu erschaun vom fernen Riff, + Denn noch zerstört, ist nicht geheuer + Das greuliche Korsarenschiff. + + Und vor der Stadt, da ist ein Waten, + Ein Wühlen durch das Kiesgeschrill, + Da die verrufenen Piraten + Ein jeder sterben sehen will. + Aus Strandgebälken, morsch, zertrümmert, + Hat man den Galgen, dicht am Meer, + In wüster Eile aufgezimmert. + Dort dräut er von der Düne her! + + Welch ein Getümmel an den Schranken! + „Da kömmt der Frei — der Hessel jetzt — + Da bringen sie den schwarzen Franken, + Der hat geleugnet bis zuletzt.“ — + „Schiffbrüchig sei er hergeschwommen,“ + Höhnt eine Alte, „ei, wie kühn“ + Doch keiner sprach zu seinem Frommen, + Die ganze Bande gegen ihn. + + Der Passagier, am Galgen stehend, + Hohläugig, mit zerbrochenem Mut, + Zu jedem Räuber flüstert flehend: + „Was tat dir mein unschuldig Blut? + Barmherzigkeit! so muß ich sterben + Durch des Gesindels Lügenwort, + O, mög die Seele euch verderben!“ + Da zieht ihn schon der Scherge fort. + + Er sieht die Menge wogend spalten — + Er hört das Summen im Gewühl — + Nun weiß er, daß des Himmels Walten + Nur seiner Pfaffen Gaukelspiel! + Und als er in des Hohnes Stolze + Will starren nach den Ätherhöhn, + Da liest er an des Galgens Holze: + „Batavia. Fünfhundertzehn.“ + + Annette v. Droste-Hülshoff. + + + + +Konquistadores. + + + Zwei edle Spanier halten Wacht + Und einer spricht zum andern: + „Sennor, mir deucht, der Teufel lacht, + Wie wir ins Leere wandern! + Das Segel bauscht, es rauscht der Kiel, + Noch keines Strandes Boten — + Die Hölle treibt mit uns ihr Spiel, + Wir fahren zu den Toten! + + Wer einem Genuesen traut, + Hat den Verstand verloren! + Die Klugen hat er schlecht erbaut, + Da lockt’ er alle Toren — + Rund sei die Erde, log er mir, + Wie Pomeranzenbälle, + Doch unermeßlich flutet hier + Nur Welle hinter Welle!“ + + Der andre blickt ins Meer hinaus + Und runzelt finstre Brauen: + „Sennor, mich zog Columb ins Haus, + Ließ mich die Karten schauen, + Was er dociert, verstand ich nicht, + Ich ließ es alles gelten — + Sein übermächtig Angesicht + Verhieß mir neue Welten! + + Ist er ein Narr und haben wir + Uns in das Nichts verlaufen, + Ein räud’ger Hund, Sennor, wie Ihr, + Darf fröhlich mit ersaufen!“ + — „Sennor, da betet Ihr nicht gut! + Zurück Euch in den Rachen + Den räud’gen Hund! Ihr raucht von Blut + Und risset aus den Wachen!“ + + „Sennor, ich dolcht ein falsches Weib, + Bekenn’ ich unverhohlen! + Nicht hab’ dem Bäcker einen Laib + Vom Brett ich weggestohlen! + Sennor, Ihr seid ein Galgenstrick!“ + — „Sennor, Ihr seid nicht besser!“ + Sie ziehen mit entflammtem Blick + Und kreuzen blanke Messer ... + + Da zwischen ihre Messer walzt + Im tollen Freudensprunge, + Mit ölgetränkten Fingern schnalzt + Miquel, der Küchenjunge. + Er drückt die Lider blinzelnd ein + Mit schlauem Wimperzwinken, + Bald hüpft er auf dem rechten Bein, + Bald hopst er auf dem linken, + + In Lüften bläht sich sein Gewand, + Es puffen ihm die Hosen — + Neugierig kommen hergerannt + Soldaten und Matrosen. + Der Junge redet kunterbunt, + Als ob’s im Kopf ihm fehle, + Dann öffnet er den großen Mund + Und singt aus voller Kehle: + + „Das Heimchen zirpt, das Heimchen zirpt, + Stimmt Laudes an und Psalmen! + Und wenn’s mir nicht vor Freude stirbt, + Bald weidet’s unter Halmen! + Ich schwör’ es euch bei Gottes Haupt: + Es atmet duft’ge Weiden, + Es wittert Wälder dichtbelaubt + Und unermeßne Heiden! + + Erlauchte Herren, gebet acht, + In meinem engen Räumchen + Hat unsre Meerfahrt mitgemacht + Ein andalusisch Heimchen — + Mitnahm ich’s aus dem Vaterland, + Mich scheidend zu beschenken, + Ich fing’s mit flinkem Griff der Hand + Zu seinem Angedenken. + + Da wir zu Schiffe stiegen dort, + Die Zierden aller Lande, + Zirpt’ Heimchen mir im Busen fort, + Als weidet’s noch am Strande. + Das grüne Vorgebirg verschwand, + Dem Heimchen ward es schaurig, + Beklommen saß es an der Wand + Und wurde faul und traurig. + + So darbt’s und dämmert’s lange Zeit, + Schon gab ich es verloren, + Und nun, bei meiner Seligkeit, + Ist Heimchen neugeboren! + Bedenkt, es hockte gram und lahm + An Dielen und an Wänden, + Jetzt jubelt’s wie ein Bräutigam + Und kann nur gar nicht enden!“ + + Miquel ist fort und wieder da, + Die Fingerspitze zeigend: + Da sitzt es ja! Da singt es ja! + Die Spanier lauschen schweigend — + Dann sinnen sie der Sache nach, + Den Lustgesang im Ohre, + Sie schütteln sich die Hände jach + Und schrei’n im wilden Chore: + + „Das Heimchen zirpt! Das Heimchen zirpt! + Bald schwelgen wir in Beute! + Wer spielt, gewinnt! Wer wagt, erwirbt! + Wir sind gemachte Leute! + Die Küste winkt! Das Gold erblinkt, + Davon die Sagen melden! + Das Morgen steigt! Das Gestern sinkt! + Wir sind berühmte Helden!“ + + C. F. Meyer. + +[Illustration] + + + + +Eine Seeräubergeschichte. + + + Wir hatten Öl geladen und Korinthen + Und segelten vergnügt mit unsrer Fracht + Von Malta auf Gibraltar, Jochen Schütt, + Der Lüb’sche Kapitän, mit fünf Matrosen, + Und ich, Hans Kiekebusch, als Steurmann. + Der Wind blies lustig, und wir waren schon + Sardinien vorbei, als hinter uns + Nordosther ein verdächtig Segel aufkam, + Das wie mit Siebenmeilenstiefeln lief. + Bedenklich guckte Jochen Schütt durchs Glas + Und schüttelte den Kopf und guckte wieder, + Und immer länger ward sein schlau Gesicht. + „Verdammte Suppe!“ brach er endlich los, + „Der Haifisch soll mich schlucken, wenn das nicht + Tuneser sind, Spitzbuben, die’s auf uns + Und unsern schmucken Schoner abgesehn! + Bei Gott, jetzt heißt es: Alles Weißzeug los + Und stramm gesegelt!“ + + Leider war’s zu spät. + Ein Viertelstündchen noch, da wußten wir, + Daß Flucht unmöglich. Gleich darauf auch ließ + Das Kaperschiff die rote Flagge schon + Vom Topmast fliegen, und ein Schuß befahl + Uns beizulegen. An Verteidigung + War nicht zu denken. Sieben waren wir, + Die höchstens Sonntags mal im Lauer Holz + Mit Schrot geknallt, und drüben an die vierzig, + Verwegnes Raubvolk insgesamt, auf Mord + Und Totschlag eingeübt wie wir aufs Kegeln. + Mit einer einz’gen Salve hätten sie + Uns weggefegt; drum hieß uns Jochen Schütt + Geruhig bleiben und ihn machen lassen. + Ein Stückchen, meint er, hab’ er ausgedacht, + Das uns vielleicht noch aus der Tinte hilfe. + Zwar spielt’ er auf ~Va banque~ damit, indes + Am Ende sei’n wir Christenmenschen doch, + Und Gott im Himmel könnt’ ein Einsehn haben. + So brümmelnd stieg er zur Kajüt’ hinab + Und nahm die andern mit; nur mir befahl er + Auf Deck zu bleiben und dem leidigen + Besuch, als käm’ er auf ein Frühstück bloß, + Mit Höflichkeit zu ihm den Weg zu weisen. + + Mir schlug das Herz bis an den Hals, als nun + Mit jeglicher Minute der Korsar + Uns näher rückte. Bald erkannt’ ich schon + Die Fuchsgesichter mit den Rattenzöpfen, + Das Negervolk, das in den Tauen hing. + Jetzt sah ich, wie solch rotbekappter Schuft + Den Enterhaken hob, jetzt machten’s ihm + Zehn andre nach und jetzt — ein einz’ger Schlag, + Ein ungeheurer Ruck, und Bord an Bord + Mit dem Tuneser lagen wir. + + Ein Mohr, + Die breite Kling’ im Maule, sprang zuerst + Auf unser Schiff, dann kam der Hauptmann selbst, + Einäugig, stachelbärtig wie ein Kater, + Am grünen Bund den Halbmond von Rubin, + Und dann die andern, meist ein quittengelb, + Zerlumpt Gesind’l, doch mit langem Rohr, + Mit Beil und Messer Mann für Mann versehn. + Mir lief’s den Rücken kalt wie Eis hinab. + Doch macht’ ich nach des Kapitäns Geheiß + Den schönsten Bückling und, verbindlich dann + Den Weg anzeigend, fuhr ich wie ein Kellner + In Sprüngen die Kajütentrepp’ hinab. + Auch poltert’ es alsbald mit schwerem Tritt + Mir nach und, ein Pistol in jeder Hand, + Trat Meister Einaug’ in die Tür, doch blieb er, + Als er sich umsah, wie ein Zaunpfahl stehn. + Denn vor ihm saß, den Hut auf einem Ohr, + Aus kurzer Pfeife Dampf und Funken paffend, + Auf offner Pulvertonne Jochen Schütt, + Und rings umher lag wie ein Zauberkreis + Ein breiter Streif von Pulver aufgestreut. + Wir standen hinter ihm und mucksten nicht; + Er aber, ruhig sitzen bleibend, tat, + Als wüßt er gar von keinem Harm und sah + Den Türken an und sagte: „Guten Tag! + Was steht zu Diensten, wenn ich bitten darf?“ + Und als nun der sich wie ein Puterhahn + Aufplustert und in seinem Kauderwelsch + Zu kollern anfängt und, wie das nicht fleckt, + Die Zähne weist und mit Geberden droht, + Sagt Jochen Schütt: „Ja, (Türkisch versteh’ ich nicht) + Mein lieber Herr; doch ~parlez-vous français~?“ + Und dazu pafft er toller stets und macht + Den Meerschaumkopf wie einen Schornstein sprüh’n, + Daß mir, bei Gott, schon deucht, wir fliegen auf. + Das schien denn unserm Rinaldini auch + Ein schlechter Spaß, er wurde grün vor Wut, + Und plötzlich macht er Kehrt und schoß hinaus. + + Nun ging ein heftig Schnattern droben an, + Und dann ein Poltern, Schieben, Ziehn und Winden, + Als kehrten sie vom Schiffsraum bis aufs Deck + Das Unterste zu oberst, während wir + In tausend Ängsten wie die Hühner uns + Um unsern Kapitän zusammendrückten, + Der keine Silbe sprach und langsam nur + Fortqualmte. Zwar die Ladung, wußten wir, + War gut versichert, doch wir fürchteten, + Die Heiden würden, wenn sie’s ausgeraubt, + Das Schiff aus purer Bosheit sinken machen, + + Und dann, ihr Lüb’schen Türme, gute Nacht! + So ging ein langes, banges Stündlein hin. + Da plötzlich hörten wir durch all den Lärm + Die Botsmannspfeife kreischen; ein entsetzlich + Gedräng’ entstand an Bord, wie Flucht beinah, + Und kurz darauf geschah ein Stoß und Rauschen, + Als riss’ ein Donnerwetter Schiff von Schiff; + Und dann mit eins war’s still. Wir warteten + Ein Weilchen noch und horchten, doch es pfiff + Auch nicht die Maus im Loch; kein Zweifel mehr, + Sie waren fort. — + + „Was nu?“ sprach Jochen Schütt, + „Die Luft an Bord scheint wieder klar zu sein, + Ich denk’, wir sehn uns mal den Schaden an!“ + Und stieg hinauf ans Deck und wir ihm nach. + + Da sah’s denn gräulich aus. Im großen Stall + Der Arche Noäh war nicht solch ein Wust, + Als aller Welt Getier das Schiff geräumt. + Packstroh und Scherben rings, Korinthenfässer, + Ölpiepen, Werkzeug, Zwiebeln, Kochgerät, + Im tollsten Wirrwarr alles durcheinander, + Als wär’ in allerbester Arbeit just + Das große Plünderfest gestört. Und so + Verhielt sich’s auch. Denn von Nordosten kam + Indes der Türk’, wie ein gejagter Habicht, + Nach Süden fortschoß, eine englische + Fregatt’ heran mit vollem Wind und ließ + Die blaubekreuzte Flagge lustig wehn. + Das gab ein Jubeln, ein Umarmen jetzt! + Der Schiffsjung fiel auf seine Knie, der Koch, + Der letzt in Portsmouth überwintert, schwang + Die Zipfelmütz’ und sang: „~God save the king!~“ + Doch Jochen Schütt nahm eine Zwiebel auf + Und roch daran und niest’: ich merkt’ es wohl, + Wir sollten ihn nicht weinen sehn. Dann zog er + Den Hut und sprach: „Nun danket alle Gott! + Heut’ tut mir’s leid, daß ich nicht singen kann, + Weil ich beim alten Haase Schulen lief. + Den Engelsmann schickt uns der Himmel selbst. + Auch keinen roten Sechsling gab ich mehr + Für unser Leben, blieb er aus. Nun lief’s + Noch gnädig ab.“ — + + „Ein wahrer Segen auch,“ + Sagt’ ich, „Kap’tän, daß Euch das Pulver einfiel, + Sonst kam uns selbst der Engelsmann zu spät.“ + Ja, Pulver!“ lacht’ er, und die Schlauheit blitzt + Ihm aus den Augen, „Pulver! Hat sich was! + Wir haben keine zwanzig Schuß an Bord. + Das schwarze Zeug, wovor der Heidenkerl + Die Angst gekriegt, war — Rübsaat aus Schwerin, + Und mein Kanarienvogel frißt davon. + Ein richt’ger Mann muß sich zu helfen wissen, + So hilft ihm Gott auch wohl. — Und nun seht nach, + Ob uns das Volk auch überm Rum gewesen. + Ich denk’, ein Schluck soll gut tun auf den Schreck.“ + + Eman. Geibel. + + + + +[Illustration] + + + + +Das Haus am Meer. + + + Hart an des Meeres Strande + Baut man ein festes Haus; + Als sollt’ es ewig dauern, + So heben die trotz’gen Mauern + Sich in das Land hinaus. + + Mächtige Hammerschläge + Erdröhnen schwer und voll; + Die Sägen knarren und zischen, + Verworren hört man dazwischen + Der Wogen dumpf Geroll. + + Durch das Gebälke klettert + Ein rüst’ger Zimmermann; + Der Wind der sich erhoben, + Zerreißt mit seinem Toben + Das Lied, das er begann. + + Ich bin hineingetreten; + Daß solch ein Werk gedeiht, + Das ist an Gott gelegen, + Zu beten um seinen Segen, + Nehm’ ich mir gern die Zeit. + + Die Fenster gehen alle + Hinaus auf die wilde See; + Noch sind sie nicht verschlossen, + Eine Möwe kommt geschossen + Durch das, an dem ich steh’. + + Hier will der Bewohner schlafen; + Schon wird in dem luft’gen Raum + Die Bettstatt aufgeschlagen; + Da ahn’ ich mit stillem Behagen + Voraus gar manchen Traum. + + Doch wende ich mein Auge, + Fällt’s auf gar manches Riff, + Ich sehe des Meeres Tosen, + Drüben im Grenzenlosen + Durchbricht den Nebel ein Schiff. + + Wer ist’s denn, der am Strande, + Am öden, sein Haus sich baut? + „Ein Schiffer; seit vielen Jahren + Hat er das Meer befahren, + Nun ist’s ihm lieb und vertraut. + + Dies ist die letzte Reise, + Ich fühl’ mich alt und müd’, + Daß ich mein Nest dann finde, + Hobelt und hämmert geschwinde! + So sprach er, als er schied. + + Jetzt kann er stündlich kehren, + Er ist schon lange fort, + Drum müssen wir alle eilen!“ + Des schwellenden Sturmwinds Heulen + Verschlingt des Zimm’rers Wort. + + Die Wolken ballen sich dräuend, + Riesige Wogen erstehn, + Aufgerüttelt von Stürmen, + Schrecklich, wenn sie sich türmen, + Schrecklicher, wenn sie zergehn. + + Das Schiff dort, kraftlos ringend, + Ihr Spiel jetzt, bald ihr Raub, + Muß gegen die Felsen prallen, + Schon hör’ ich den Notschuß fallen, + Was hilft es? Gott ist taub. + + Ich fürchte, das ist der Schiffer, + Dem man dies Bett bestellt, + Der Zimm’rer mit dem Hammer + Befestigt die letzte Klammer, + Während das Schiff zerschellt. + + Friedr. Hebbel. + + + + +Nis Randers. + + + Krachen und Heulen und berstende Nacht, + Dunkel und Flammen in rasender Jagd — + Ein Schrei durch die Brandung! + + Und brennt der Himmel, so sieht man’s gut: + Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut; + Gleich holt sich’s der Abgrund. + + Nis Randers lugt — und ohne Hast + Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast; + Wir müssen ihn holen.“ + + Da faßt ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein! + Dich will ich behalten, du bliebst mir allein, + Ich will’s, deine Mutter! + + Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn; + Drei Jahre verschollen ist Uwe schon, + Mein Uwe, mein Uwe!“ + + Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach! + Er weist nach dem Wrack und spricht gemach: + „Und +seine+ Mutter?“ + + Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs: + Hohes, hartes Friesengewächs; + Schon sausen die Ruder. + + Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz! + Nun muß es zerschmettern! ... Nein: es blieb ganz! ... + Wie lange? Wie lange? + + Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer + Die menschenfressenden Rosse daher; + Sie schnauben und schäumen. + + Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt! + Eins auf den Nacken des andern springt + Mit stampfenden Hufen! + + Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt! + Was da? — Ein Boot, das landwärts hält — + Sie sind es! Sie kommen! — — + + Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt ... + Still — ruft da nicht einer — Er schreit’s durch die Hand: + „Sagt Mutter, ’s ist Uwe!“ + + Otto Ernst. + + + + +Das Wrack. + + + Die Flut verrinnt! Auf ebbetrocknem Strande + Liegt dort das Wrack tiefeingewühlt im Sande; + Zerborsten klafft das Deck, der Kiel zerbrach. + Ein Schoner einst! Wie alle Wimpel flogen, + Als er zuerst durchschoß die blauen Wogen! + Der greise Kaufherr sah ihm lächelnd nach. + Bayard, des Werftes Stolz, der kühnste Renner, + Am Bord neun Friesen, seegebräunte Männer, + Mit stillem Aug’ und eisenfester Hand. + Zum Ost und West ging manche gute Reise, + Zum fernen Süd, durch beide Wendekreise, + Den bunten Gürtel, der die Welt umspannt. + Dann kam der Schicksalstag. Das lang geschlafen, + Losfuhr das Wetter nah’ dem Heimathafen. + Zerspellte Rumpf und Rah’ mit wilder Wucht, + Zersprengte Brass’ und Tau gleich Fadennetzen + Und warf Gebälk und Trumm, wertlose Fetzen, + In dieses Eilands sturmgepeitschte Bucht. — + +[Illustration] + + Dort liegt das Wrack! Es sitzt auf seinen Planken + Ein alter Mann verloren in Gedanken, + Gebückt, den breiten Hut tief im Gesicht. + Verstürmt auch er? — Wer weiß, auf welchen Meeren? — + Er schreibt. — Ein Lied wie dies? — Harm soll man ehren; + Geht sacht an ihm vorbei und stört ihn nicht. + + F. W. Weber. + + + + +[Illustration] + + + + +Meeresstrand. + + + Ans Haff nun fliegt die Möwe, + Und Dämmrung bricht herein; + Über die feuchten Watten + Spiegelt der Abendschein. + + Graues Geflügel huschet + Neben dem Wasser her; + Wie Träume liegen die Inseln + Im Nebel auf dem Meer. + + Ich höre des gärenden Schlammes + Geheimnisvollen Ton, + Einsames Vogelrufen — + So war es immer schon. + + Noch einmal schauert leise + Und schweiget dann der Wind; + Vernehmlich werden die Stimmen, + Die über der Tiefe sind. + + Theodor Storm. + + + + +Meeresrauschen. + + +Mehr noch als der Anblick des Meeres überrascht seine +Stimme+. +Sie wird überall vernommen auf hoher See und am Strande, und immer +wechselnd bewegt sie in immer neuer Weise das Gemüt. Bald erbraust sie +in erhaben-gleichförmigem Rhythmus; es ist die Sprache der Wasserwüste, +das Nachtönen des „Werde!“, welches die Schöpfung ins Dasein rief. +Bald glaubt man ein tiefes Atemholen der Flut zu hören oder ein +träumerisches Murmeln und dann wieder ein Klatschen und Schmettern +mit langgezogenem Widerhall, bis die Stunde des Sturmes kommt, da das +Element in entfesselter Größe überschwillt und mit seinen rollenden +Donnern die Erde zittern macht. Aber die empörten Wogen kehren wieder +in ihre Bahn zurück, und nun scheint ihre Stimme nicht mehr zürnend, +sondern voll klagenden Gesanges. Das Ohr unterscheidet allmählich auch +die leiseren Töne in dem Riesenorchester, das Flüstern und Klingen der +einzelnen Wellen, und in das Spiel der Phantasie verloren, vermeinen +wir wohl die Bäche und Bächlein der Heimat wieder zu vernehmen, die +im Ozean nach langer Wanderung ein Ziel gefunden haben. Auch das sind +Meeresszenen voll tiefen, fast feierlich-sehnsüchtigen Reizes, der +freilich dann am ergreifendsten wirkt, wenn im Dufte des unendlichen +Horizontes die Gestirne der Nacht aufsteigen oder versinken vor dem +Auge des Schiffers. + + Herm. Masius. + + + + +[Illustration] + + + + +Der Gesang des Meeres. + + + Wolken, meine Kinder, wandern gehen + Wollt ihr? Fahret wohl! Auf Wiedersehen! + Eure wandellustigen Gestalten + Kann ich nicht in Mutterbanden halten. + + Ihr langweilet euch auf meinen Wogen, + Dort die Erde hat euch angezogen: + Küsten, Klippen und des Leuchtturms Feuer! + Ziehet, Kinder! Geht auf Abenteuer. + + Segelt, kühne Schiffer, in den Lüften! + Sucht die Gipfel! Ruhet über Klüften! + Brauet Stürme! Blitzet! Liefert Schlachten! + Traget glüh’nden Kampfes Purpurtrachten! + + Rauscht im Regen! Murmelt in den Quellen! + Füllt die Brunnen! Rieselt in die Wellen! + Braust in Strömen durch die Lande nieder — + Kommet, meine Kinder, kommet wieder! + + C. F. Meyer. + + + + +[Illustration] + + + + +Ostern. + + + Es war daheim auf unsrem Meeresdeich; + Ich ließ den Blick am Horizonte gleiten, + Zu mir herüber schoß verheißungsreich + Mit vollem Klang das Osterglockenläuten. + + Wie brennend Silber funkelte das Meer, + Die Inseln schwammen auf dem hohen Spiegel, + Die Möwen schossen blendend hin und her, + Eintauchend in die Flut die weißen Flügel. + + Im tiefen Kooge bis zum Deichesrand + War sammetgrün die Wiese aufgegangen; + Der Frühling zog prophetisch über Land, + Die Lerchen jauchzten, und die Knospen sprangen. — + + Entfesselt ist die urgewalt’ge Kraft, + Die Erde quillt, die jungen Säfte tropfen, + Und alles treibt, und alles webt und schafft, + Des Lebens vollste Pulse hör’ ich klopfen. + + Der Flut entsteigt der frische Meeresduft; + Vom Himmel strömt die goldne Sonnenfülle; + Der Frühlingswind geht klingend durch die Luft + Und sprengt im Flug des Schlummers letzte Hülle. + + O wehe fort, bis jede Knospe bricht, + Daß endlich uns ein ganzer Sommer werde; + Entfalte dich, du gottgebornes Licht, + Und wanke nicht, du feste Heimaterde! — + + Hier stand ich oft, wenn in Novembernacht + Aufgor das Meer zu gischtbestäubten Hügeln, + Wenn in den Lüften war der Sturm erwacht, + Die Deiche peitschend mit den Geierflügeln. + + Und jauchzend ließ ich an der festen Wehr + Den Wellenschlag die grimmen Zähne reiben; + Denn machtlos, zischend schoß zurück das Meer — + Das Land ist unser, unser soll es bleiben! + + Theodor Storm. + + + + +Geistesgruß. + + + Hoch auf dem alten Turme steht + Des Helden edler Geist, + Der, wie das Schiff vorübergeht, + Es wohl zu fahren heißt. + + „Sieh, diese Sehne war so stark, + „Dies Herz so fest und wild, + „Die Knochen voll von Rittermark, + „Der Becher angefüllt; + + „Mein halbes Leben stürmt’ ich fort, + „Verdehnt’ die Hälft’ in Ruh, + „Und du, du Menschen-Schifflein dort, + „Fahr’ immer, immer zu!“ + + Wolfg. v. Goethe. + + + + +Turmwächterlied. + + + Am gewaltigen Meer, + In der Mitternacht, + Wo der Wogen Heer + An die Felsen kracht, + Da schau’ ich vom Turm hinaus. + Ich erheb’ einen Sang + Aus starker Brust + Und mische den Klang + In die wilde Luft, + In die Nacht, in den Sturm, in den Graus. + +[Illustration] + + Dringe durch, dringe durch + Recht freudenvoll, + Mein Lied von der Burg + In das Sturmgeroll! + Verkünd’ es weit durch die Nacht, + Wo schwanket ein Schiff + Durch die Flut entlang, + Wo schwindelt am Riff + Des Wanderers Gang, + Daß oben ein Mensch hier wacht! + + Ein kräftiger Mann, + Recht frisch bereit, + Wo er helfen kann, + Zu wenden das Leid, + Mit Ruf, mit Leuchte, mit Hand. + Ist zu schwarz die Nacht, + Ist zu fern der Ort, + Da schickt er mit Macht + Seine Stimme fort + Mit Trost über See und Land. + + Wer auf Wogen schwebt — + Sehr leck sein Kahn — + Wer im Walde bebt, + Wo sich Räuber nahn, + Der denke: Gott hilft wohl gleich! + Wen das wilde Meer + Schon hinunterschlingt, + Wem des Räubers Speer + In die Hüfte dringt, + Der denk’ an das Himmelreich! + + Friedr. de la Motte Fouqué. + + + + +Am Turme. + + + Ich steh auf hohem Balkone am Turm, + Umstrichen vom schreienden Stare, + Und lass’ gleich einer Mänade den Sturm + Mir wühlen im flatternden Haare; + O wilder Geselle, o toller Fant, + Ich möchte dich kräftig umschlingen + Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand, + Auf Tod und Leben dann ringen! + + Und drunten seh ich am Strand, so frisch + Wie spielende Doggen, die Wellen + Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch + Und glänzende Flocken schnellen. + O springen möcht’ ich hinein alsbald, + Recht in die tobende Meute, + Und jagen durch den korallenen Wald + Das Walroß, die lustige Beute! + + Und drüben seh ich ein Wimpel wehn, + So keck wie eine Standarte, + Seh auf und nieder den Kiel sich drehn + Von meiner luftigen Warte; + O, sitzen möcht’ ich im kämpfenden Schiff, + Das Steuerruder ergreifen + Und zischend über das brandende Riff + Wie eine Seemöwe streifen. + + Wär ich ein Jäger auf freier Flur, + Ein Stück nur von einem Soldaten, + Wär ich ein Mann doch mindestens nur, + So würde der Himmel mir raten; + Nun muß ich sitzen so fein und klar, + Gleich einem artigen Kinde, + Und darf nur heimlich lösen mein Haar + Und lassen es flattern im Winde! + + Annette v. Droste-Hülshoff. + + + + +Old Mütterchen. + + + O schöner Wintersonnenschein, + Du lockst ins Freie groß und klein! + Old Mütterchen läßt man im Haus allein! — + Old Mütterchen zählt an hundert Jahr; + Doch war in die Ferne ihr Blick noch klar. + Ihr Ruhebett war so gestellt, + Daß schauen sie konnt’ in Gottes Welt: + Und — wie sie so durchs Fenster sah + In die Husumer Bucht, was sah sie da? + Die Ufer waren von Schnee so weiß, + Die See stand fest als blankes Eis, + Und über das weit gefrorene Meer + Jagt alles auf Schlittschuh’n hin und her; + Ein jeder schwingt sich auf seine Weise, + Die ganze Stadt schien auf dem Eise. + Es war ein Gewimmel und ein Gelauf, + Man stellte Zelt’ und Buden auf; + Auch fuhren auf Schlitten die Knaben die Frauen, + Die waren geputzt wie zum Feste zu schauen. + Das muntre Volk im jubelnden Reigen + Bedünkt Old Mütterchen gar eigen: + Wo neulich noch schlugen und tobten die Wogen, + Ward wie mit Flügeln auf Spiegeln geflogen; + Wo sonst nur schwammen Schiff und Fische, + Stellte man heute Bänke und Tische; + Man schmauste und trank und sang und sprang, + Es wurde keinem die Weile lang. + Da dacht’ in ihrer Einsamkeit + Old Mütterchen längst vergangner Zeit, + Wo sie die gleiche Lust erfahren, + Eh sie gelangt zu zitternden Jahren, + Wie mancher junge schmucke Gesell + Sie einst gefahren im Schlitten schnell. + Sie dacht’ auch des Gatten und ihrer Knaben, + Die ungestümes Meer begraben, + Wie heimgegangen all’ ihre Lieben + Und sie zuletzt so einsam blieben. + Da seufzte sie: Gott vergisset mein + Und läßt mich hier ganz seelenallein, + Ich muß hier als ganz unnütz sein, + Den Fremden schaff’ ich nur Beschwerden, + Was soll ich noch fürder auf dieser Erden? + Doch wie Old Mütterchen das spricht, + Der Ratschluß Gottes ist verborgen, + Straft sie ihr Herz: o sündige nicht: + Laß ihn allein bestimmen und sorgen. + In solchen und anderen Gedanken + Blickt weiter sie auf das Schwingen und Schwanken, + Und spricht zu sich selber: tun doch heute, + Als wär’ Meer Land, die tollen Leute; + Ist wohl so gesichert die weite Fläche, + Daß hie und da das Eis nicht breche? + Und wie sie dem nachsinnt, nicht lange, + Pocht ihr das Herz in der Brust so bange, + Als könne solch ein Unglück geschehn, + Als solle sie bald Entsetzliches sehn. + Da erblickt sie über dem bunten Gewimmel + In fernster Ferne ein Wölkchen am Himmel, + Ein weißes, und spricht: das deutet Sturm, + Und niemand läutet doch heut vom Turm. + Kommt Sturm mit der springenden Flut im Bunde, + Zerbricht er das ganze Eis in der Runde, + Und alle die fröhlichen seligen Leute + Versinken in Schollen und Schäumen heute. + Ich will doch rufen, daß einer warnet, + Eh alle des Todes Netz umgarnet. + Sie ruft: Ist keiner, der hören will? + Sie ruft; doch alles ist totenstill. + Es ist wohl niemand, niemand im Haus. + Da müht sie sich aus dem Bett heraus + Und kriecht zum Fenster auf Händen und Füßen; + Da muß der Frost es fest verschließen. + Das Volk darf auf dem Eise nicht bleiben! + Sie hat keine Rast, sie zerschlägt die Scheiben, + Sie ruft hinaus — sie winkt — sie schreit — + Zu schwach, zu matt! ach, alle sind weit! + Herr Gott, was fang vor Leid ich an, + Wenn ich das Volk nicht warnen kann; + Die Wolke wird größer, o bange Pein, + Sie werden alle verloren sein; + Ich kenne das Sturmgewölk genau + Als leiderfahrne Schiffersfrau. + Allmächtiger Gott! o Herre mein! + Laß hören doch mein schwaches Schrein. + Denn zögert das Warnen noch wenig Minuten, + Versenkt sie alle das Rollen der Fluten. + Da hört sie ein Knabe; doch der lacht und läuft, + Weil, was sie ruft, er nicht begreift. + „Ach, alle, alle eilen zur Freude + Und wissen nicht, wie bald zum Leide! + Wie rett’ ich, wie helf’ ich! Gott, gib Licht! + Ich bin zu schwach, ich treffe das nicht.“ + Da zuckt ein Gedank’ ihr durch den Sinn, + Sie müht sich kriechend zum Herde hin + Und faßt einen Brand und entzündet das Stroh + Im Bett: das brennet lichterloh. + Sie rief: „So schaff’ ich ein Feuerzeichen, + Bald wird der Brand das Dach erreichen.“ + Indem der Qualm das Zimmer füllt, + Ergreift sie den Mantel und flieht verhüllt; + Doch kann sie vor Alter nicht schnell von der Stelle, + Nur langsam erreicht sie der Türe Schwelle. + Da schlägt die Lohe zum Dach hinaus. + „Leb wohl, geliebtes Vaterhaus. + Und kann ich nur das Volk erretten, + Mag Gott mich selbst im Himmel betten.“ + Doch gibt der Herr, der alles schafft, + Den schwachen Gliedern fürder Kraft; + Sie erreicht die Straße und ruht am Stein, + Da gewahren von weitem die Leute den Schein + Und sagen: dort muß ein Feuer sein! + Und rennen herzu. Old Mütterchen schreit: + „Laßt das! Mit dem Feuer hat’s gute Zeit, + Ich lockt’ euch mit dem Feuer herbei, + Daß ihr vernähmet, was ich schrei. + Laßt brennen mein Haus und eilt zum Turm, + Seht dorten die Wolke, und läutet Sturm, + Daß alles Volk zum Lande kehr’, + Eh Sturm erregt das wilde Meer!“ + Da schauen die Leute die Wolke erschreckt + Und sagen: die Frau hat Gott erweckt! + Und rennen in Eile hin zum Turm + Und läuten aus Leibeskräften Sturm. + Der Qualm, das Läuten ruft alle herbei, + Man eilt zum Strande mit bangem Geschrei, + Und alles ruft: „Geschwind, geschwind!“ + Da floh das Husumer Volk vor dem Wind. + Sie gaben die Zelte, die Buden preis, + Denn fernher kam das Meer schon weiß, + Hoch über dem jagenden, flüchtenden Volke + Verbreitet sich fliegend des Sturmes Wolke. + Die Husumer zeigten jenen Tag, + Wie man auf Schlittschuh’n fliegen mag: + Der ganze Schwarm wie weggeblasen, + Dicht, dicht dahinter des Sturmes Rasen. + Hei! wie es die leichten Buden, die Zelte + Hinwarf und zerspellt in die Welt hinschnellte! + Sturmvögel kamen mit Schreien geflogen, + Der ganze Himmel schwarz umzogen, + Darunter im Sturm der Springflut Wogen. + Man hörte sie schon bis her zum Strande, + Und als der letzte Mann am Lande, + Hob wie aufatmend das Meer in der Bucht + Weithin mit Gedonner des Eises Wucht. + Wie von springenden Rossen ein wildes Heer, + Sprang Brandung Sturz auf Sturz daher, + Und wogte zu Trümmern den Spiegel, der eben + Noch trug des Volkes fröhliches Schweben, + Zerbrach ihn und türmte und rollte im Lauf + Ein Gebirg von Schollen am Ufer herauf. + Und wieder stürzt es zurück ins Gebraus, + Und wieder warf es das Meer heraus. + So tobte der Sturm die ganze Nacht + Und schwieg erst, als Gott Tag gemacht; + Und als die Sonne stieg empor, + Da sammelte sich das Volk zum Chor, + Und sangen Lieder und priesen Gott, + Der sie errettet aus solcher Not. + + Old Mütterchens Haus war niedergebrannt; + Doch als ihre Tat war stadtbekannt, + Da sah man das ganze Volk hinkommen, + Wo gute Leute sie aufgenommen. + Der Bettler, der Bürgermeister nicht minder, + Sie nannten sich alle Old Mütterchens Kinder. + War ohne sie doch alles verloren, + Sie hatte sie alle neu geboren, + Drum wollt’ ihr jeder ins Auge blicken, + Sie laben und herzen und süß erquicken, + Und brachten ihr für ihre Habe + Viel tausend neue schöne Gabe. + Old Mütterchen aber in Freudentränen + Sprach: „Niemand soll aus der Welt sich sehnen + Und sei er noch so hoch betagt + Und siech und matt! Wer weiß, wer sagt, + Wozu der droben + Ihn aufgehoben? + Laßt uns den Herrn des Himmels loben!“ + + Aug. Kopisch. + + + + +Der Riese im Sturm. + + + Was schreit das viele Volk am Strand? — + Der Inselriese will ans Land. + Man sieht ihn kommen durchs wilde Meer; + Doch Well’ an Welle rollt einher, + Und mühsam ist im Sturm sein Gang, + Denn immer wächst der Wogen Drang! — + Ausging er bei noch heitrer Zeit; + Jetzt wird es dunkel: der Sund ist breit. — + Dem Bauernvolk das sehr behagt; + Es höhnt den Kühnen, der sich plagt. + Unmöglich scheint, was er beginnt; + Drum lacht darob Mann, Weib und Kind. + Und wenn eine Wog’ ihn weiß umhüllt, + Wird bittrer Schimpf ihm zugebrüllt. + Er hört das lange nicht im Schwall + Und trotzt der donnernden Wasser Fall; + Doch wie der Elemente Macht + Er endlich weicht, wird laut gelacht. + Ihm trägt der Wind den Schall ins Ohr; + Da reckt’ er sich aus der Tief’ empor, + Schaut unter seiner Hand zum Strand, + Und — als er die kleinen Leut’ erkannt, + Langt er hinab in den Meeressand, + Wo er ein kleines Steinchen fand; + Das warf er lachend nebenhin. — + Da sah man entsetzt die Bauern fliehn; + Denn in der Nähe war’s so groß, + Daß leicht es trüg’ ein ganzes Schloß! — + Der Sunddurchwandler aber rafft + Zusammen seine Hünenkraft, + Vollendet trotzend seinen Gang + Und schreitet sanft den Strand entlang + Und lacht: das Volk ist all’ nach Haus + Und guckt den ganzen Tag nicht aus. — + — Man sagt, der Riese zog von da + Hinüber nach Amerika; + Nun zeigt das Völkchen aller Welt + Im Stein des Riesen Griff für — Geld. + + Aug. Kopisch. + + + + +Flut und Ebbe. + + + In einem fernen umbrandeten Land + Spielen die Mädchen ein Spiel an dem Strand, + Schreiten im Reigen, heiter gesinnt, + Wann zu steigen die Flut beginnt, + +[Illustration] + + Weichen zurück in gemess’ner Flucht + Aus der schwellenden Meeresbucht. + In den Gewässern ruhigklar + Werden sie krause Gestalten gewahr, + Rollt eine Woge, sie sehen ein Roß, + Sehn einen Reiter, bis er zerfloß. + „Schauet den Meermann! Garstig Gesicht! + Grinzende Larve, du haschest mich nicht!“ + Aber das Meer, es wächst und naht — + „Fliehet, ihr Schwestern! Sonst wird’s zu spat!“ + Alle sie stürzen im hastigen Lauf, + Gleiten, und reißen die Strauchelnden auf + Bis zu der Bank, wo die Ebbe beginnt, + Wo, wie sie wissen, das Wasser zerrinnt, + Dort ist gelagert der flüchtige Chor, + Zieht an dem Felsen die Füße empor, + Fleht in den Himmel mit brünstigem Schrei’n: + „Götter! ihr lasset die Unschuld allein?“ + Aber die Flut, da den Raub sie berührt, + Hat das Verhängnis des Ebbens gespürt, + Und, wie erschreckt durch das maidliche Ach, + Gleitet sie nieder und fällt gemach! — + Gegen die Zieh’nde mit drohendem Arm + Hebt sich verfolgend der blühende Schwarm: + „Höhnet die Feigen! Sie fliehn aus dem Krieg! + Kränzet die Locken und feiert den Sieg!“ + + Also vergnügt sich das sterbliche Heer + Mit dem gelassnen, dem ewigen Meer. + + C. F. Meyer. + + + + +Die Stadt. + + + Am grauen Strand, am grauen Meer + Und seitab liegt die Stadt; + Der Nebel drückt die Dächer schwer, + Und durch die Stille braust das Meer + Eintönig um die Stadt. + + Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai + Kein Vogel ohn Unterlaß; + Die Wandergans mit hartem Schrei + Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei, + Am Strande weht das Gras. + + Doch hängt mein ganzes Herz an dir, + Du graue Stadt am Meer; + Der Jugend Zauber für und für + Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir, + Du graue Stadt am Meer. + + Theodor Storm. + + + + +Spruch. + + + Drüben von dem sel’gen Lande + Kommt ein seltsam Grüßen her, + Warum zagst du noch am Strande? + Graut dir, weil im falschen Meer + Draußen auf verlornem Schiffe + Mancher frischer Segel sinkt? + Und vom halbversunknen Riffe + Meerfey nachts verwirrend singt? + Wagst du’s nicht draufhin zu stranden, + Wirst du nimmer drüben landen! + + Jos. v. Eichendorff. + +[Illustration] + + + + +Der deutsche Spielmann + + +herausgegeben von +Ernst Weber+, verlegt von +Georg D. W. +Callwey-München+, nennt sich ein dichterisches Sammelwerk für Jugend +und Volk. +Das Beste+ der gesamten deutschen Literatur in Poesie und +Prosa, insoferne die Stücke kinder- und volkstümlich genannt werden +können, will er geben. Die Sammlung gliedert sich in Einzelbände, von +denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und von einem +Künstler illustriert erscheint, dessen Eigenart dem Charakter des +jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Obgleich +auch einzeln erhältlich, eignet sich doch die ganze Folge wie kaum ein +zweites Werk der Vergangenheit und der Gegenwart zur Anschaffung für +öffentliche Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Unterrichts in +den Schulen und für die Familienbücherei; +sie hofft, auch zum eisernen +Bestand jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden+. Denn der deutsche +Spielmann huldigt ja nicht einer vorübergehenden Mode des Tages. Er +schöpft aus dem aufgespeicherten Schatz der Jahrhunderte und wird darum +auch seine Geltung für das Jahrhundert behalten. Es liegen folgende +Bände vor: + + Band 1 Kindheit, illustriert von Ernst Kreidolf + „ 2 Wanderer, „ „ J. V. Cissarz + „ 3 Wald, „ „ W. Weingärtner + „ 4 Hochland, „ „ Franz Hoch + „ 5 Meer, „ „ J. V. Cissarz + „ 6 Helden, „ „ W. Weingärtner + „ 7 Schalk, „ „ Julius Diez + „ 8 Legenden, „ „ G. Ad. Stroedel + „ 9 Arbeiter, „ „ Georg Osk. Erler + „ 10 Soldaten, „ „ Georg Osk. Erler + „ 11 Sänger, „ „ Hans Röhm + „ 12 Frühling, „ „ Hans v. Volkmann + „ 13 Sommer, „ „ Edm. Steppes + „ 14 Herbst, „ „ Karl Biese + „ 15 Winter, „ „ Karl Biese + „ 16 Gute alte Zeit, „ „ Rud. Schiestl + „ 17 Himmel und Hölle, „ „ Julius Diez + „ 18 Stadt und Land, „ „ J. V. Cissarz + „ 19 Bach und Strom, „ „ E. Liebermann + „ 20 Heide, „ „ Adalb. Holzer + „ 21 Arme und Reiche, „ „ J. Widnmann + „ 22 Abenteurer, „ „ Rud. Schiestl + „ 23 Germanentum, „ „ Hans Röhm + „ 24 Mittelalter, „ „ Hans Schroedter + „ 25 Zeit der Wandlungen, „ „ Carl Roesch + „ 26 Neuzeit, „ „ Angelo Jank + „ 27 Gespenster, „ „ Julius Diez + „ 28 Tod, „ „ Math. Schiestl + „ 29 Blumen u. Bäume, „ „ Rud. Sieck + „ 30 Nordland, „ „ Ludw. Koch-Hanau + „ 31 Italien, „ „ Hans Volkert + „ 32 Hellas, „ „ Karl Bauer + „ 33 Fremde Zonen, „ „ Hans Volkert + „ 34 Vaterland, „ „ Wilh. Roegge jun. + „ 35 Tierwelt, „ „ Ludwig Werner + „ 36 Menschenherzen, „ „ Rud. Schiestl + „ 37 Glück und Trost, „ „ Hans Schwegerle + „ 38 Tag und Nacht, „ „ Otto Bauriedl + „ 39 Riesen und Zwerge, „ „ Rud. Schiestl + „ 40 Fabelreich, „ „ Ernst Weber + +Jeder Band kostet kartoniert Mk. 1.— + +Ausführlicher Prospekt ist durch jede Buchhandlung erhältlich oder vom +Verlage Georg D. W. Callwey in München. + +Eine Anzahl von Bändchen, die sich inhaltlich gewissermaßen ergänzen, +wurden zu Sammelbänden vereinigt. So entstanden, zum Preise von je Mk. +4.50: + + _Das deutsche Jahr_, umfassend die Bändchen: Frühling, Sommer, + Herbst, Winter. + + _Deutsches Volk_, umfassend die Bändchen: Gute alte Zeit, Schalk, + Arbeiter, Soldaten. + + _Deutsches Land_, umfassend die Bändchen: Bach und Strom, Wald, + Heide, Hochland. + + _Deutsche Gestalten_, umfassend die Bändchen: Arme und Reiche, + Sänger, Helden, Abenteurer. + + _Deutsche Geschichte_, umfassend die Bändchen: Germanentum, + Mittelalter, Zeit der Wandlungen, Neuzeit. + + _Deutscher Glaube_, umfassend die Bändchen: Legenden, Gespenster, + Tod, Himmel und Hölle. + + _Fremde Welt_, umfassend die Bändchen: Nordland, Italien, Hellas, + Fremde Zonen. + + _Deutsche Heimat_, umfassend die Bändchen: Vaterland, Tag und Nacht, + Stadt und Land, Meer. + + _Deutsches Leben_, umfassend die Bändchen: Kindheit, Wanderer, + Menschenherzen, Glück und Trost. + + _Deutsche Natur_, umfassend die Bändchen: Blumen und Bäume, Tierwelt, + Riesen und Zwerge, Fabelreich. + +Von der warmen, begeisterten Aufnahme, die dem deutschen Spielmann +seitens der gesamten deutschen Presse, der politischen wie der +literarischen und pädagogischen, zuteil wurde, mögen folgende Kritiken +Zeugnis geben. + + =Jugendschriften-Warte=, Organ der vereinigten deutschen + Prüfungs-Ausschüsse für Jugendschriften: + +— Die Auswahl macht dem Herausgeber alle Ehre, es ist ein fruchtbarer +Gedanke, nach Kategorien zusammenzustellen. Im deutschen Dichterwald +sind der Klänge zu viele, sodaß die Gefahr der Monotonie sehr ferne +liegt. Ich empfehle die Bücher für größere Kinder sehr. Herm. L. +Köster, Vorsitzender des Hamburger Prüfungsausschusses. + +Die Bände 1–30 wurden bisher in das „+Verzeichnis empfehlenswerter +Bücher für die Jugend+“ aufgenommen, das die +vereinigten deutschen +Prüfungsausschüsse für Jugendschriften+ herausgeben. Die übrigen werden +noch geprüft. + + +=Augsburger Postzeitung=: + +„... Der deutsche Spielmann ist ein deutsches Hausbuch, an welchem +Alt und Jung sich warmlesen können, aus welchem deutsches Wesen +und deutsche Art hervorsprudelt und das einen Ehrenplatz in allen +Büchereien verdient.“ + + +=Leipziger illustrierte Zeitung=: + +„Für die neu erschienenen Bände des dichterischen Sammelwerkes „Der +deutsche Spielmann“ genügen wenige Worte ... Sie haben bisher bei +Presse und Publikum eine so begeisterte Aufnahme gefunden, daß eine +nähere Charakterisierung überflüssig ist.“ + + +=Bremer Nachrichten=: + +„... Eine eigentliche Jugendschrift ist der „Deutsche Spielmann“ nicht, +will er auch nicht sein, bezeichnet er sich doch selbst als „eine +Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk.“ Er ist +eben .. ein Familienschatz, in welchem die Jugend etwa vom 9. Jahre +an, wie auch der Erwachsene immer eine Fundgrube edelster Unterhaltung +finden wird. Ich kann auch allen Interessenten nur empfehlen, sich mit +der Zeit die ganze Sammlung zuzulegen ....“ + + +=St. Gallener Blätter=: + +„... Daß sie in Masse unter das Volk kämen, zu allen Empfänglichen, +diese Spielmannsbüchlein mit all ihrem Singen und Sagen von Freud’ +und Weh’, mit all ihrer hellen und dunkeln Kunde von Vergangenheit, +Gegenwart und Zukunftsträumen des Menschseins! ...“ + + +=Mecklenburger Schulzeitung=: + +„Das ist mal was Schönes! Die Sammlung gliedert sich in Einzelbände, +jeder Band bildet ein geschlossenes Ganze und bietet das Beste aus der +gesamten deutschen Literatur. Jede Bibliothek sollte diese, auf den +Massenabsatz berechneten Hefte anschaffen. Der Preis ist unglaublich +billig, die Ausstattung vorzüglich ....“ + + +=Xenien=: „Nach den mir vorliegenden Bändchen des Spielmann darf +man das Unternehmen geradezu als vorbildlich bezeichnen! Weitesten +Kreisen von Jung und Alt die besten Schöpfungen der Vergangenheit +und Gegenwart, nach lebensbeherrschenden Gedankenzentren geordnet, +für Mk. 1.— den Band, zugänglich gemacht: welcher Bildungswert +fürs Volk! Dürfte man hoffen: auch welcher Abbruch für das +Hintertreppenschrifttum! ...“ + + +=Allgemeines Literaturblatt=, Wien: + +„Der unglaublich billige Preis bei vorzüglicher Ausstattung ermöglicht +es und läßt es wünschen, daß diese Bücher tief ins Volk dringen, +dem nach all der parfümierten Unkunst der Moderne ein Zurückgreifen +auf die, wenn auch manchmal derbe, doch ehrliche und stets gesunde +Volkskraft und auf die Natur nur frommen kann. +Eine Anthologie +nach diesen Gesichtspunkten, mit dieser Bilderbeigabe, in dieser +Ausstattung, zu diesem Preise verdient die wärmste Empfehlung.+“ + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78932 *** |
