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@@ -0,0 +1,2894 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78932 ***
+
+ ####################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1898 so weit
+ wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
+ wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
+ verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
+
+ Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber vom
+ Bearbeiter erstellt und an den Anfang des Buches gesetzt. Wie in
+ den anderen Ausgaben dieser Buchreihe, erscheint im Original der
+ Titel ‚Geleitspruch des deutschen Spielmanns‘ nicht als Überschrift,
+ wurde aus Gründen der Vereinheitlichung aber dennoch in das
+ Inhaltsverzeichnis übernommen.
+
+ Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
+ folgenden Symbole gekennzeichnet:
+
+ unterstrichen: _Unterstriche_
+ fett: =Gleichheitszeichen=
+ gesperrt: +Pluszeichen+
+ Antiqua: ~Tilden~
+
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+
+
+ Der deutsche Spielmann
+
+ Eine Auswahl aus dem
+ Schatz deutscher Dichtung
+ * für Jugend und Volk *
+
+
+ Herausgegeben von Ernst Weber
+
+ Mit Bildern von deutschen Künstlern
+
+
+ Band V: Meer
+
+
+ München 1903 * * * Verlag des deutschen Spielmanns:
+ Georg D. W. Callwey und Carl Haushalter G. m. b. H.
+
+
+
+
+ Meer
+
+
+ Die weite See, das Ziel deutscher Sehnsucht,
+ * * * * wie es lockt und schreckt * * * *
+
+
+ Gesammelt von Ernst Weber
+
+ Bildschmuck von J. V. Cissarz
+
+
+ [Illustration]
+
+
+ München 1903 * * * Verlag des deutschen Spielmanns:
+ Georg D. W. Callwey und Carl Haushalter G. m. b. H.
+
+
+
+
+ Druck von Georg D. W. Callwey in München.
+
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+
+Inhalt
+
+
+ Seite
+
+ Geleitspruch des deutschen Spielmanns 7
+
+ An das Meer (Leuthold) 8
+
+ Der Freund (Eichendorff) 8
+
+ Der junge Schiffer (Hebbel) 9
+
+ Norderney (Heine) 10
+
+ Am Strande (Grün) 14
+
+ Der kleine Hydriot 15
+
+ Seefahrt (Goethe) 16
+
+ Auf offener See (Eichendorff) 17
+
+ Der Seemorgen (Lenau) 17
+
+ Frieden (Heine) 18
+
+ Meerfahrt (Freiligrath) 19
+
+ Meeres Stille (21)
+
+ Ich seh’ von des Schiffes Rande ... (Eichendorff) 21
+
+ Sturm mit seinen Donnerschlägen ... (Lenau) 22
+
+ Glückliche Fahrt (Goethe) 22
+
+ Der goldene Tod (Avenarius) 23
+
+ Teerspitterchens Tochter (Blüthgen) 24
+
+ Der Klabautermann (Kopisch) 32
+
+ Wanderer und Wind (Lenau) 35
+
+ Nun kommt der Sturm (Seibel) 36
+
+ Das Meer (Heine) 37
+
+ Leander und Selin (Ew. v. Kleist) 37
+
+ Die Vergeltung (v. Droste-Hülshoff) 39
+
+ Konquistadores (C. F. Meyer) 42
+
+ Eine Seeräubergeschichte (Seibel) 45
+
+ Das Haus am Meer (Hebbel) 49
+
+ Nis Randers (O. Ernst) 51
+
+ Das Wrack (F. W. Weber) 52
+
+ Meeresstrand (Storm) 55
+
+ Meeresrauschen (Masius) 55
+
+ Der Gesang des Meeres (C. F. Meyer) 56
+
+ Ostern (Storm) 57
+
+ Geistesgruß (Goethe) 58
+
+ Turmwächterlied (F. de la Motte Fouqué) 58
+
+ Am Turme (v. Droste-Hülshoff) 60
+
+ Old Mütterchen (Kopisch) 61
+
+ Der Riese im Sturm (Kopisch) 65
+
+ Flut und Ebbe (C. F. Meyer) 66
+
+ Die Stadt (Storm) 69
+
+ Spruch (Eichendorff) 70
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+ Vom Meer will ich Euch künden,
+ Vom endlos großen Meer,
+ Von seinen Wellenschlünden,
+ Den Fluten grimm und schwer,
+ Von seiner tiefen Stille,
+ Die kaum den Odem regt,
+ Bis ein gewalt’ger Wille
+ Den Sturm darüber fegt.
+
+ Es ist seit alten Tagen
+ Das Meer der Sehnsucht Ziel;
+ Es klingt durch unsre Sagen
+ Der Wogen rauschend Spiel.
+ Die alten Spielmannsrecken,
+ Herrn Volker und Horand,
+ Das Meer mit seinen Schrecken,
+ Es hielt sie nicht am Strand.
+
+ Sie haben ihm entrungen
+ Die königliche Braut;
+ Es hat ihr Mund gesungen,
+ Was ihm das Meer vertraut.
+ Ist die bewegte Welle
+ Doch recht der Seele Bild,
+ Bald düster und bald helle,
+ Bald träumend und bald wild.
+
+ Und wo in unsern Reigen
+ Von ihr ein Raunen schwebt,
+ Da ist uns wohl zu eigen,
+ Als hätten wir’s erlebt. —
+ So rausche denn und ruhe,
+ Wir stehen hoch am Strand,
+ Und wirf aus dunkler Truhe
+ Uns Perlen in die Hand!
+
+ Der deutsche Spielmann.
+
+
+
+
+An das Meer.
+
+
+ Gruß dir, frührotschimmerndes Meer! Gewaltig
+ Haucht dein herber Odem mich an, und wieder
+ Tragen aufwärts mich die des Fluges entwöhnten
+ Schwingen der Seele.
+
+ Dir im Schoß ruhn Tempel vergessner Götter,
+ Ruhn versunkne Städte, es ruhen neben
+ Völkerketten untergegangner Reiche
+ Kronen im Schoße dir.
+
+ Tyrus alten Glanz und den Stolz Karthagos,
+ Romas Weltherrschaft und Venedigs Größe
+ Deckst du zu mit deiner Gewässer dunkel
+ rollendem Bahrtuch.
+
+ Tiefgeheimnisvoll, wie des Weltenschicksals
+ Stimme tönet dein Donnergebrüll ins Ohr mir
+ Ehern, rauh, hohnlachend, so vieler Völker
+ Wiegen- und Grablied.
+
+ Oft wie Atemzüge des großen Weltgeists
+ Weht’s aus deinen Tiefen; mir ist, als hört’ ich
+ Heil’ge Laute, welche der Schöpfungssagen
+ Rätsel mir lösen.
+
+ Fritz Leuthold.
+
+
+
+
+Der Freund.
+
+
+ Wer auf den Wogen schliefe,
+ Ein sanft gewiegtes Kind,
+ Kennt nicht des Lebens Tiefe,
+ Vor süßem Träumen blind.
+
+ Doch wen die Stürme fassen
+ Zu wildem Tanz und Fest,
+ Wen hoch auf dunklen Straßen
+ Die falsche Welt verläßt:
+
+ Der lernt sich wacker rühren,
+ Durch Nacht und Klippen hin
+ Lernt der das Steuer führen
+ Mit sichrem, ernstem Sinn.
+
+[Illustration]
+
+ Der ist vom echten Kerne,
+ Erprobt zu Lust und Pein,
+ Der glaubt an Gott und Sterne,
+ Der soll mein Schiffmann sein!
+
+ Jos. v. Eichendorff.
+
+
+
+
+Der junge Schiffer.
+
+
+ Dort bläht ein Schiff die Segel,
+ Frisch saust hinein der Wind;
+ Der Anker wird gelichtet,
+ Das Steuer flugs gerichtet,
+ Nun fliegt’s hinaus geschwind.
+
+ Ein kühner Wasservogel
+ Kreist grüßend um den Mast,
+ Die Sonne brennt herunter,
+ Manch Fischlein, blank und munter,
+ Umgaukelt keck den Gast.
+
+ Wär’ gern hinein gesprungen,
+ Da draußen ist mein Reich!
+ Ich bin ja jung von Jahren,
+ Da ist’s mir nur um’s Fahren,
+ Wohin? Das gilt mir gleich!
+
+ Friedr. Hebbel.
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Norderney.
+
+
+Es geht ein starker Nordwind, und die Hexen haben wieder viel Unheil
+im Sinne. Man hegt hier nämlich wunderliche Sagen von Hexen, die den
+Sturm zu beschwören wissen, wie es denn überhaupt auf allen nordischen
+Meeren viel Aberglauben gibt. Die Seeleute behaupten, manche Insel
+stehe unter der geheimen Herrschaft ganz besonderer Hexen, und dem
+bösen Willen derselben sei es zuzuschreiben, wenn den vorbeifahrenden
+Schiffen allerlei Widerwärtigkeiten begegnen. Als ich voriges Jahr
+einige Zeit auf der See lag, erzählte mir der Steuermann unseres
+Schiffes, die Hexen wären besonders mächtig auf der Insel Wight und
+suchten jedes Schiff, das bei Tage dort vorbeifahren wolle, bis zur
+Nachtzeit aufzuhalten, um es alsdann an Klippen oder an die Insel
+selbst zu treiben. In solchen Fällen höre man diese Hexen so laut durch
+die Luft sausen und um das Schiff herumheulen, daß der Klabotermann
+ihnen nur mit vieler Mühe widerstehen könne. Als ich nun fragte, wer
+der Klabotermann sei, antwortete der Erzähler sehr ernsthaft: „Das ist
+der gute, unsichtbare Schutzpatron der Schiffe, der da verhütet, daß
+den treuen und ordentlichen Schiffern Unglück begegne, der da überall
+selbst nachsieht und sowohl für die Ordnung wie für die gute Fahrt
+sorgt.“ Der wackere Steuermann versicherte mit etwas heimlicherer
+Stimme, ich könne ihn selber sehr gut im Schiffsraume hören, wo er die
+Waren gern noch besser nachstaue, daher das Knarren der Fässer und
+Kisten, wenn das Meer hoch gehe, daher bisweilen das Dröhnen unserer
+Balken und Bretter; oft hämmere der Klabotermann auch außen am Schiffe,
+und das gelte dann dem Zimmermann, der dadurch gemahnt werde, eine
+schadhafte Stelle ungesäumt auszubessern; am liebsten aber setze er
+sich auf das Bramsegel, zum Zeichen, daß guter Wind wehe oder sich
+nahe. Auf meine Frage, ob man ihn nicht sehen könne, erhielt ich zur
+Antwort, nein, man sehe ihn nicht, auch wünsche keiner ihn zu sehen, da
+er sich nur dann zeige, wenn keine Rettung mehr vorhanden sei. Einen
+solchen Fall hatte zwar der gute Steuermann noch nicht selbst erlebt,
+aber von andern wollte er wissen, den Klabotermann höre man alsdann vom
+Bramsegel herab mit den Geistern sprechen, die ihm untertan sind; doch
+wenn der Sturm zu stark und das Scheitern unvermeidlich würde, setze
+er sich auf das Steuer, zeige sich da zum ersten Male und verschwinde,
+indem er das Steuer zerbräche. Diejenigen aber, die ihn in diesem
+furchtbaren Augenblicke sähen, fänden unmittelbar darauf den Tod in den
+Wellen.
+
+Der Schiffskapitän, der dieser Erzählung mit zugehört hatte, lächelte
+so fein, wie ich seinem rauhen, wind- und wetterdienenden Gesichte
+nicht zugetraut hätte, und nachher versicherte er mir, vor fünfzig
+oder gar vor hundert Jahren sei auf dem Meere der Glaube an den
+Klabotermann so stark gewesen, daß man bei Tische immer auch ein Gedeck
+für denselben aufgelegt und von jeder Speise etwa das Beste auf seinen
+Teller gelegt habe, ja, auf einigen Schiffen geschehe das noch jetzt.
+
+Ich gehe hier oft am Strande spazieren und gedenke solcher
+seemännischen Wundersagen. Die anziehendste derselben ist wohl die
+Geschichte vom fliegenden Holländer, den man im Sturm mit aufgespannten
+Segeln vorbeifahren sieht, und der zuweilen ein Boot aussetzt, um den
+begegnenden Schiffen allerlei Briefe mitzugeben, die man nachher nicht
+zu besorgen weiß, da sie an längst verstorbene Personen adressiert
+sind. Manchmal gedenke ich auch des alten, lieben Märchens von dem
+Fischerknaben, der am Strande den nächtlichen Reigen der Meernixen
+belauscht hatte und nachher mit seiner Geige die ganze Welt durchzog
+und alle Menschen zauberhaft entzückte, wenn er ihnen die Melodie
+des Nixenwalzers vorspielte. Diese Sage erzählte mir einst ein lieber
+Freund, als wir im Konzerte zu Berlin solch einen wundermächtigen
+Knaben, den Felix Mendelssohn-Bartholdy, spielen hörten.
+
+Einen eigentümlichen Reiz gewährt das Kreuzen um die Insel. Das Wetter
+muß aber schön sein, die Wolken müssen sich ungewöhnlich gestalten,
+und man muß rücklings auf dem Verdecke liegen und in den Himmel sehen
+und allenfalls auch ein Stückchen Himmel im Herzen haben. Die Wellen
+murmeln alsdann allerlei wunderliches Zeug, allerlei Worte, woran liebe
+Erinnerungen flattern, allerlei Namen, die wie süße Ahnung in der Seele
+wiederklingen. Dann kommen auch Schiffe vorbeigefahren, und man grüßt,
+als ob man sich alle Tage wiedersehen könnte. Nur des Nachts hat das
+Begegnen fremder Schiffe auf dem Meere etwas Unheimliches; man will
+sich dann einbilden, die besten Freunde, die wir seit Jahren nicht
+gesehen, führen schweigend vorbei, und man verlöre sie auf immer.
+
+Ich liebe das Meer wie meine Seele.
+
+Oft wird mir sogar zu Mute, als sei das Meer eigentlich meine Seele
+selbst; und wie es im Meere verborgene Wasserpflanzen gibt, die nur im
+Augenblick des Aufblühens an dessen Oberfläche heraufschwimmen und im
+Augenblick des Verblühens wieder hinabtauchen, so kommen zuweilen auch
+wunderbare Blumenbilder heraufgeschwommen aus der Tiefe meiner Seele
+und duften und leuchten und verschwinden wieder.
+
+Man sagt, unfern dieser Insel, wo jetzt nichts als Wasser ist, hätten
+einst die schönsten Dörfer und Städte gestanden, das Meer habe sie
+plötzlich alle überschwemmt, und bei klarem Wetter sähen die Schiffer
+noch die leuchtenden Spitzen der versunkenen Kirchtürme, und mancher
+habe dort in der Sonntagsfrühe sogar ein frommes Glockengeläute gehört.
+Die Geschichte ist wahr; denn das Meer ist meine Seele —
+
+ „Eine schöne Welt ist da versunken,
+ Ihre Trümmer blieben unten stehn,
+ Lassen sich als goldne Himmelsfunken
+ Oft im Spiegel meiner Träume sehn.“
+
+ (Wilh. Müller.)
+
+Geht man am Strande spazieren, so gewähren die vorbeifahrenden Schiffe
+einen schönen Anblick. Haben sie die blendend weißen Segel aufgespannt,
+so sehen sie aus wie vorbeiziehende große Schwäne. Gar besonders schön
+ist dieser Anblick, wenn die Sonne hinter dem vorbeisegelnden Schiffe
+untergeht, und dieses wie von einer riesigen Glorie umstrahlt wird.
+
+Die Jagd am Strande soll ebenfalls ein großes Vergnügen gewähren.
+Was mich betrifft, so weiß ich es nicht sonderlich zu schätzen. Der
+Sinn für das Edle, Schöne und Gute läßt sich oft durch Erziehung den
+Menschen beibringen; aber der Sinn für die Jagd liegt im Blute. Wenn
+die Ahnen schon seit undenklichen Zeiten Rehböcke geschossen haben, so
+findet auch der Enkel ein Vergnügen an dieser legitimen Beschäftigung.
+Meine Ahnen gehörten aber nicht zu den Jagenden, viel eher zu den
+Gejagten, und soll ich auf die Nachkömmlinge ihrer ehemaligen Kollegen
+losdrücken, so empört sich dawider mein Blut.
+
+Des Versuchs halber, denn ich muß mein Blut besser gewöhnen, ging
+ich gestern auf die Jagd. Ich schoß nach einigen Möwen, die gar zu
+sicher umherflatterten und doch nicht bestimmt wissen konnten, daß ich
+schlecht schieße. Ich wollte sie nicht treffen und sie nur warnen, sich
+ein anderes Mal vor Leuten mit Flinten in acht zu nehmen; aber mein
+Schuß ging fehl, und ich hatte das Unglück, eine junge Möwe tot zu
+schießen. Es ist gut, daß es keine alte war; denn was wäre dann aus den
+armen kleinen Möwchen geworden, die, noch unbefiedert, im Sandneste der
+großen Düne liegen und ohne die Mutter verhungern müßten! Mir ahndete
+schon vorher, daß mich auf der Jagd ein Mißgeschick treffen würde: ein
+Hase war mir über den Weg gelaufen.
+
+Gar besonders wunderbar wird mir zu Mute, wenn ich allein in der
+Dämmerung am Strande wandle, — hinter mir flache Dünen, vor mir das
+wogende, unermeßliche Meer, über mir der Himmel wie eine riesige
+Krystallkuppel, — ich erscheine mir dann selbst sehr ameisenklein, und
+dennoch dehnt sich meine Seele so meilenweit. Die hohe Einfachheit der
+Natur, wie sie mich hier umgibt, zähmt und erhebt mich zu gleicher
+Zeit, und zwar in stärkerem Grade als jemals eine andere erhabene
+Umgebung. Nie war mir ein Dom groß genug; meine Seele mit ihrem alten
+Titanengebet strebte immer höher, als die gotischen Pfeiler, und wollte
+immer hinausbrechen durch das Dach. Auf der Spitze der Roßtrappe
+haben mir beim ersten Anblick die kolossalen Felsen in ihren kühnen
+Gruppierungen ziemlich imponiert; aber dieser Eindruck dauerte nicht
+lange; meine Seele war nur überrascht, nicht überwältigt, und jene
+ungeheuren Steinmassen wurden in meinen Augen allmählich kleiner,
+und am Ende erschienen sie wie geringe Trümmer eines zerschlagenen
+Riesenpalastes, worin sich meine Seele vielleicht komfortabel befunden
+hätte.
+
+ Heinr. Heine.
+
+
+
+
+Am Strande.
+
+
+ Auf hochgestapelte Ballen blickt
+ Der Kaufherr mit Ergötzen;
+ Ein armer Fischer daneben flickt
+ Betrübt an zerrißnen Netzen.
+
+ Manch rüstig stolzbewimpelt Schiff,
+ Manch morsches Wrack im Sande!
+ Der Hafen hier und dort das Riff,
+ Jetzt Flut, jetzt Ebb’ am Strande.
+
+ Hier Sonnenblick, Sturmwolken dort;
+ Hier Schweigen, dorten Lieder,
+ Und Heimkehr hier, dort Abschiedswort;
+ Die Segel auf und nieder!
+
+ Zwei Jungfraun sitzen am Meeresstrand;
+ Die eine weint in die Fluten,
+ Die andre mit dem Kranz in der Hand
+ Wirft Rosen in die Fluten.
+
+ Die eine, trüber Wehmut Bild,
+ Stöhnt mit geheimem Beben:
+ „O Meer, o Meer, so trüb und wild,
+ Wie gleichst du so ganz dem Leben!“
+
+ Die andre, lichter Freude Bild,
+ Kost selig lächelnd daneben:
+ „O Meer, o Meer, so licht und mild,
+ Wie gleichst du so ganz dem Leben!“
+
+ Fortbraust das Meer und überklingt
+ Das Stöhnen wie das Kosen;
+ Fortwogt das Meer, und, ach, verschlingt
+ Die Tränen wie die Rosen.
+
+ Anast. Grün.
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der kleine Hydriot.
+
+
+ Ich war ein kleiner Knabe, stand fest kaum auf dem Bein,
+ Da nahm mich schon mein Vater mit in das Meer hinein,
+ Und lehrte leicht mich schwimmen an seiner sichern Hand,
+ Und in die Fluten tauchen bis nieder auf den Sand.
+ Ein Silberstückchen warf er dreimal ins Meer hinab,
+ Und dreimal mußt ich’s holen, eh’ er’s zum Lohn mir gab.
+ Dann reicht er mir ein Ruder, hieß in ein Boot mich gehn,
+ Er selber blieb zur Seite mir unverdrossen stehn,
+ Wies mir, wie man die Woge mit scharfem Schlage bricht,
+ Wie man die Wirbel meidet und mit der Brandung ficht.
+ Und von dem kleinen Kahne ging’s flugs ins große Schiff,
+ Es trieben uns die Stürme um manches Felsenriff.
+ Ich saß auf hohem Maste, sah über Meer und Land,
+ Es schwebten Berg’ und Türme vorüber mit dem Strand.
+ Der Vater hieß mich merken auf jedes Vogels Flug,
+ Auf aller Winde Wehen, auf aller Wolken Zug;
+ Und bogen dann die Stürme den Mast bis in die Flut,
+ Und spritzten dann die Wogen hoch über meinen Hut,
+ Da sah der Vater prüfend mir in das Angesicht —
+ Ich saß in meinem Korbe und rüttelte mich nicht. —
+ Da sprach er, und die Wange ward ihm wie Blut so rot:
+ „Glück zu, auf deinem Maste, du kleiner Hydriot!“ —
+ Und heute gab der Vater ein Schwert mir in die Hand,
+ Und weihte mich zum Kämpfer für Gott und Vaterland.
+ Er maß mich mit den Blicken vom Kopf bis zu den Zehn:
+ Mir war’s, als tät sein Auge hinab ins Herz mir sehn.
+ Ich hielt mein Schwert gen Himmel und schaut’ ihn sicher an
+ Und däuchte mich zur Stunde nicht schlechter als ein Mann.
+ Da sprach er, und die Wange ward ihm wie Blut so rot:
+ „Glück zu, mit deinem Schwerte, du kleiner Hydriot!“
+
+ Wilh. Müller.
+
+
+
+
+Seefahrt.
+
+
+ Lange Tag’ und Nächte stand mein Schiff befrachtet;
+ Günst’ger Winde harrend saß mit treuen Freunden,
+ Mir Geduld und guten Mut erzechend,
+ Ich im Hafen.
+
+ Und sie waren doppelt ungeduldig:
+ Gerne gönnen wir die schnellste Reise,
+ Gern die hohe Fahrt dir; Güterfülle
+ Wartet drüben in den Welten deiner,
+ Wird Rückkehrendem in unsern Armen
+ Lieb’ und Preis dir.
+
+ Und am frühen Morgen ward’s Getümmel,
+ Und dem Schlaf entjauchzt uns der Matrose,
+ Alles wimmelt, alles lebet, webet,
+ Mit dem ersten Segenshauch zu schiffen.
+
+ Und die Segel blähen in dem Hauche,
+ Und die Sonne lockt mit Feuerliebe;
+ Ziehn die Segel, ziehn die hohen Wolken,
+ Jauchzen an dem Ufer alle Freunde
+ Hoffnungslieder nach, im Freudentaumel
+ Reisefreuden wähnend, wie des Einschiffmorgens,
+ Wie der ersten hohen Sternennächte.
+
+ Aber gottgesandte Wechselwinde treiben
+ Seitwärts ihn der vorgesteckten Fahrt ab,
+ Und er scheint sich ihnen hinzugeben,
+ Strebet leise, sie zu überlisten,
+ Treu dem Zweck auch auf dem schiefen Wege.
+
+ Aber aus der dumpfen grauen Ferne
+ Kündet leise wandelnd sich der Sturm an,
+ Drückt die Vögel nieder aufs Gewässer,
+ Drückt der Menschen schwellend Herz darnieder,
+ Und er kommt. Vor seinem starren Wüten
+ Streckt der Schiffer klug die Segel nieder;
+ Mit dem angsterfüllten Balle spielen
+ Wind und Wellen.
+
+ Und an jenem Ufer drüben stehen
+ Freund’ und Lieben, beben auf dem Festen:
+ Ach, warum ist er nicht hier geblieben!
+ Ach, der Sturm! Verschlagen weg vom Glücke!
+ Soll der Gute so zu Grunde gehen?
+ Ach, er sollte, ach, er könnte! Götter!
+
+ Doch er stehet männlich an dem Steuer;
+ Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen,
+ Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen;
+ Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe,
+ Und vertrauet, scheiternd oder landend.
+
+ Wolfg. v. Goethe.
+
+
+
+
+Auf offener See.
+
+
+ Ade, du Küste mit den falschen Sorgen,
+ Furcht, Glück und Not, sinkt unter in das Meer!
+ Nun bin ich frei, jetzt bin ich erst geborgen,
+ Kein eitles Hoffen langet bis hierher.
+ Wie still, wohin ich auch die Blicke wende,
+ Wie weit und hoch und ringsum ohne Ende!
+ Gestirne, Wolken gehen auf und unter
+ Und spiegeln sich im stillen Ozean,
+ Hoch Himmel über mir und Himmel drunter,
+ Inmitten wie so klein mein schwacher Kahn!
+ Walt’ Gott, ihm hab’ ich alles übergeben,
+ Nun komm nur, Sturm, ich fürcht’ nicht Tod noch Leben.
+
+ Jos. v. Eichendorff.
+
+
+
+
+Der Seemorgen.
+
+
+ Der Morgen frisch, die Winde gut,
+ Die Sonne glüht so helle,
+ Und brausend geht es durch die Flut,
+ Wie wandern wir so schnelle!
+
+ Die Wogen stürzen sich heran;
+ Doch wie sie auch sich bäumen,
+ Dem Schiff sich werfend in die Bahn,
+ In toller Mühe schäumen:
+
+ Das Schiff voll froher Wanderlust
+ Zieht fort unaufzuhalten,
+ Und mächtig wird von seiner Brust
+ Der Wogendrang gespalten;
+
+ Gewirkt von goldner Strahlenhand
+ Aus dem Gesprüh der Wogen,
+ Kommt ihm zur Seit’ ein Irisband
+ Hellflatternd nachgeflogen.
+
+ So weit nach Land mein Auge schweift,
+ Seh’ ich die Flut sich dehnen,
+ Die uferlose; mich ergreift
+ Ein ungeduldig Sehnen.
+
+ Daß ich so lang euch meiden muß
+ Berg, Wiese, Laub und Blüte! —
+ Da lächelt seinen Morgengruß
+ Ein Kind aus der Kajüte.
+
+ Wo fremd die Luft, das Himmelslicht,
+ Im kalten Wogenlärme,
+ Wie wohl tut Menschenangesicht
+ Mit seiner stillen Wärme!
+
+ Nik. Lenau.
+
+
+
+
+Frieden.
+
+
+ Hoch am Himmel stand die Sonne,
+ Von weißen Wolken umringt;
+ Das Meer war still, —
+ Und sinnend lag ich am Steuer des Schiffes,
+ Träumerisch sinnend, — und halb im Wachen
+ Und halb im Schlummer, schaute ich Christus,
+ Den Heiland der Welt.
+ In wallend weißem Gewande
+ Wandelte riesengroß
+ Er über Land und Meer;
+ Es ragte sein Haupt in den Himmel,
+ Die Hände breitete segnend
+ Er über Land und Meer;
+ Und als ein Herz in der Brust
+ Trug er die Sonne,
+ Die rote, flammende Sonne;
+ Und das rote, flammende Sonnenherz
+ Goß seine Gnadenstrahlen
+ Und sein holdes, liebseliges Licht,
+ Erleuchtend und wärmend,
+ Weit über Land und Meer.
+
+ Glockenklänge zogen feierlich
+ Hin und her, zogen wie Schwäne
+ Am Rosenbande das gleitende Schiff,
+ Und zogen es spielend ans grüne Ufer,
+ Wo Menschen wohnen in hochgetürmter,
+ Ragender Stadt.
+
+ O Friedenswunder! Wie still die Stadt!
+ Es ruhte das dumpfe Geräusch
+ Der schwatzenden, schwülen Gewerbe;
+ Und durch die reinen, hallenden Straßen
+ Zogen Menschen, weißgekleidete,
+ Palmzweigtragende;
+ Und wo sich zwei begegneten,
+ Sahn sie sich an, verständnisinnig;
+ Und schauernd in Lieb’ und süßer Entsagung,
+ Küßten sie sich auf die Stirne
+ Und schauten hinauf
+ Nach des Heilands Sonnenherzen,
+ Das freudig versöhnend sein rotes Blut
+ Hinunterstrahlte;
+ Und dreimal selig sprachen sie:
+ Gelobt sei, Jesu Christ!
+
+ Heinr. Heine.
+
+
+
+
+Meerfahrt.
+
+
+ Da schwimm ich allein auf dem stillen Meer;
+ Keine Welle rauscht, es ist eben und glatt.
+ Auf dem sandigen Grunde prächtig und hehr
+ Glänzt die alte, versunkene Stadt.
+
+ In alter verschollner Märchenzeit
+ Verstieß ein König sein Töchterlein;
+ Da lebt es über den Bergen weit
+ Im Walde bei sieben Zwergen klein.
+
+ Und als es starb durch des Giftes Kraft,
+ Ihm eingeflößt von der Mutter arg,
+ Da legt es die kleine Genossenschaft
+ In einen krystallenen Sarg.
+
+ Da lag es in seinem weißen Kleid,
+ Bekränzt mit Blumen, duftend und schön;
+ Da lag es in seiner Lieblichkeit,
+ Und sie konnten es immer sehn.
+
+ So liegst du in deinem Sarg von Krystall,
+ Du geschmückte Leiche, versunknes Julin!
+ Der spielenden Flut durchsichtiger Schwall
+ Zeigt deiner Paläste Glühn!
+
+ Die Türme ragen düster empor
+ Und geben schweigend ihr Trauern kund;
+ Die Mauer durchbricht das gewölbte Tor,
+ Es schimmern die Kirchenfenster bunt.
+
+ Doch in der schauerlich stillen Pracht
+ Keines Menschen Tritt, keine Lust, kein Spiel;
+ Auf Straßen und Märkten ungeschlacht
+ Treibt sich das frische Gewühl.
+
+ Sie glotzen mit glasigen Augen dumm
+ In die Fenster und in die Türen hinein;
+ Sie sehn die Bewohner schläfrig und stumm
+ In ihren Häusern von Stein.
+
+ Ich will hinunter, ich will erneun
+ Die versunkene Pracht, die ertrunkene Lust!
+ Die Zauber des Todes will ich zerstreun
+ Mit dem Odem meiner lebendigen Brust!
+
+ Hinab! — nicht rudert er fürder! Schlaff
+ Und reglos sinken ihm Arm und Fuß:
+ Über seinem Haupte schließt sich das Haff;
+ Er entbietet der Stadt seinen Gruß.
+
+ Er lebt in den Häusern der alten Zeit,
+ Wo die Muschel blitzt, wo der Bernstein glüht.
+ Unten die alte Herrlichkeit,
+ Oben ein Fischerlied.
+
+ Ferd. Freiligrath.
+
+
+
+
+Meeres Stille.
+
+
+ Tiefe Stille herrscht im Wasser,
+ Ohne Regung ruht das Meer,
+ Und bekümmert sieht der Schiffer
+ Glatte Fläche rings umher.
+ Keine Luft von keiner Seite!
+ Todesstille fürchterlich!
+ In der ungeheuern Weite
+ Reget keine Welle sich.
+
+ Wolfg. v. Goethe.
+
+
+ Ich seh’ von des Schiffes Rande
+ Tief in die Flut hinein:
+ Gebirge und grüne Lande
+ Und Trümmer im falben Schein
+ Und zackige Türme im Grunde,
+ Wie ich’s oft im Traum mir gedacht,
+ Das dämmert alles da unten
+ Als wie eine prächtige Nacht.
+
+[Illustration]
+
+ Seekönig auf seiner Warte
+ Sitzt in der Dämmrung tief,
+ Als ob er mit langem Barte
+ Über seiner Harfe schlief’;
+ Da kommen und gehen die Schiffe
+ Darüber, er merkt es kaum,
+ Von seinem Korallenriffe
+ Grüßt er sie wie im Traum.
+
+ Jos. v. Eichendorff.
+
+
+ Sturm mit seinen Donnerschlägen
+ Kann mir nicht wie du
+ So das tiefste Herz bewegen,
+ Tiefe Meeresruh!
+
+ Du allein nur konntest lehren
+ Uns den schönen Wahn
+ Seliger Musik der Sphären,
+ Stiller Ozean!
+
+ Nächtlich Meer, nun ist dein Schweigen
+ So tief ungestört,
+ Daß die Seele wohl ihr eigen
+ Träumen klingen hört:
+
+ Daß im Schutz geschlossnen Mundes
+ Doch mein Herz erschrickt,
+ Das Geheimnis heil’gen Bundes
+ Fester an sich drückt.
+
+ Nik. Lenau.
+
+
+
+
+Glückliche Fahrt.
+
+
+ Die Nebel zerreißen,
+ Der Himmel ist helle,
+ Und Äolus löset
+ Das ängstliche Band.
+ Es säuseln die Winde,
+ Es rührt sich der Schiffer.
+ Geschwinde! Geschwinde!
+ Es teilt sich die Welle,
+ Es naht sich die Ferne;
+ Schon seh’ ich das Land!
+
+ Wolfg. v. Goethe.
+
+
+
+
+Der goldene Tod.
+
+
+ Kein Wind im Segel, die See liegt still —
+ Kein Fisch doch, der sich fangen will!
+ So ziehen die Netze sie wieder herein
+ Und murren, schelten und fluchen drein.
+ Da neben dem Kutter wird’s heller und licht
+ Wie weißliches Haar, wie ein Greisengesicht,
+ Und ein triefendes Haupt taucht auf aus der Flut:
+ „Ei, drollige Menschlein, ich mein’s mit euch gut —
+
+ Ich gönn’ euch von meiner Herde ja viel,
+ Doch heut ist mein Jüngster als Fisch beim Spiel,
+ Den mußt’ ich doch hüten, ich alter Neck,
+ Drum jagt ich sie all miteinander weg —
+ Doch schickt ihr den Jungen mir wieder nach Haus,
+ So werft nur noch einmal das Fangzeug aus:
+ Der schönste ist mein Söhnchen klein,
+ Das übrige mag euer eigen sein!“
+
+ Hei, flogen die Netze jetzt wieder in See!
+ Ho, kaum, daß ihr’ Lasten sie brachten zur Höh’!
+ Wie lebende Wellen, so fort und fort
+ Von köstlichen Fischen, so quoll’s über Bord.
+ Und patscht und schnappt und zappelt und springt —
+ Und bei den Fischern, da tollt’s und singt.
+ Nun plötzlich blitzt es — seht: es rollt
+ Ein Fisch über Bord von lauterem Gold!
+
+ Eine jede Schuppe ein Geldesstück!
+ Wie edelsteinen, so funkelt’s im Blick!
+ Die Kiemen sind aus rotem Rubin,
+ Perlen die Flossen überziehn,
+ Mit eitel Demanten besetzt, so ruht
+ Auf seinem Häuptlein ein Krönchen gut,
+ Und fürnehm wispert’s vom Schnäuzlein her:
+ „Ich bin Prinz Neck, laßt mich ins Meer!“
+
+ Den Fang ins Meer? Sie rühren ihn an,
+ Die Fischer, und tasten und stieren ihn an.
+ „Laßt mich ins Meer!“ Sie hören nicht drauf.
+ „Laßt mich ins Meer!“ Sie lachen nur auf.
+ Sie wägen das goldene Prinzlein ab,
+ Sie schätzen’s und klauben ihm Münzlein ab —
+ Wie wiegt das voll, wie gleißt das hold!
+ Sie denken nichts weiter, — sie denken nur Gold.
+
+ Und seht: ein Goldschein überfliegt
+ Jetzt alles, was von Fisch da liegt,
+ Und wandelt’s, daß es klirrt und rollt:
+ Seht: +all+ die Fische werden Gold!
+ Sinkt das Schiff von blitzender Last?
+ „Schaufelt, was die Schaufel faßt!“ ...
+ Wie lustiges Feuerwerk sprüht das umher —
+ Dann rauscht über alles zusammen das Meer.
+
+ Ferd. Avenarius.
+
+
+
+
+Teerpitterchens Tochter.
+
+
+Fern im Norden, woher die häßlichen Winterstürme kommen, welche durch
+die dicksten Fausthandschuhe wehen und alle Nasen und Ohren zwicken,
+daß sie rot und blau werden, da liegt die Ostsee. Sie besteht aus
+lauter Wasser, aber trinken kann man es nicht, denn es schmeckt salzig
+wie Heringe. Wenn du so auf dem gelben Ufersande stehst, den die See
+ausspült und der Wind zu Bergen aufweht, dann liegt es vor dir, weit,
+weit, — alles Wasser, wie in den blauen Himmel hineingemalt; höchstens
+daß du ein fernes Schiff darauf erblickst mit braunen, teergetränkten
+Segeln. Von weitem her schießen die blitzenden Wogen auf dich los, aber
+es vergeht viel Zeit, ehe sie herangerauscht sind und zu deinen Füßen
+zischend auseinander stieben. Gar oft müssen sie Anlauf nehmen, und
+jedesmal, wenn sie recht hoch gekommen sind, so schwitzen sie weißen
+Gischt vor Anstrengung, und dann lassen sie sich wieder fallen und
+ruhen einen Augenblick aus.
+
+Es gibt auch kleine Jungen und Mädchen an der See, das sind meist
+Fischerkinder; und wenn die an den Strand gehen, so können sie die
+schönsten kleinen Höhlen in die Sandberge kratzen und Teppiche von
+Seegras hineintragen, oder sie können Muscheln und Bernsteinstückchen
+suchen, welche die See auswirft. In den Bernsteinstückchen sind
+manchmal tote Mücken und Fliegen, und die sind dann steinalt, viel
+tausend Jahre. Des Abends aber, wenn die Sterne sich im finstern Wasser
+spiegeln und einander zunicken, dann sitzen die Fischer und erzählen
+sich die herrlichsten Märchen von der Welt: vom Heringskönig mit dem
+silbernen Mantel und der roten Weste, der aus Versehen seine Krone
+verschluckt hatte, von der Bernsteinhexe, die in jeder Neumondnacht
+dicke gelbe Bernsteintränen weint und die Leute, welche sie trösten
+wollen, bei den Beinen in das Wasser zieht, vom Klabautermann und
+der versunkenen Stadt Julin. Manchmal erzählten sie auch vom kleinen
+Teerpitterchen, welches die Wolken macht. Man wird gar nicht müde
+zuzuhören.
+
+[Illustration]
+
+Der kleine Wilm hat auch einen Vater, welcher Fischer war. Der stand
+in der Nacht auf und ging in hohen Transtiefeln zum Strande hinunter,
+wo sein Boot lag, und dann fuhr er damit in das Meer hinein und fing
+Heringe, Flundern und Hornfische. Am Tage aber nahm die Mutter den
+kleinen Wilm mit an den Strand; sie wusch die Netze und hing sie zum
+Trocknen auf, und der Junge spielte bis er müde war, dann legte sie
+ihn in das Boot auf das Segeltuch, daß er schliefe. Da streichelte der
+Sonnenschein sein rotes Gesichtchen, und der Wind blies in seine gelben
+Haare.
+
+Wie er einmal so lag, sah er im Schlaf etwas sonderbares, nämlich ein
+kleines Männchen, das war das Teerpitterchen. Es hatte Kleider aus
+dickgeteertem Segeltuch an, dazu ein Paar hohe Stiefel und auf dem
+Kopfe eine Kappe. Das merkwürdigste aber waren seine Haare und sein
+Bart, die waren grünes Seegras. Es saß auf einem Stück Segeltuch,
+welches auf den Wellen schwamm; einen Zipfel hatte es an einem Faden
+wie ein Segel vor sich und blies hinein, daß seine Backen so dick waren
+wie zwei runde Apfelsinen.
+
+„Guten Tag, kleiner Wilm,“ sagte das Teerpitterchen und hielt bei
+dem Boote an, in welchem der kleine Wilm lag. „Du kannst ein bißchen
+mitkommen zu meiner Anning; sie ist eine lustige kleine Dirne.“
+
+„Ich kann ja nicht fort, weil ich schlafe,“ antwortete Wilm.
+
+„Das schadet nichts, deine Seele kann immer fort; das geht ganz
+leicht,“ sprach das Teerpitterchen.
+
+„Aber wenn meine Mutter mich wecken will, dann kann ich nicht
+aufwachen.“
+
+„O wenn sie das will, trage ich dich so rasch wieder her, wie man Amen
+sagt. Sie soll gar nichts merken.“
+
+„Wenn sie nur nichts merkt,“ sprach der kleine Wilm nachdenklich, und
+da sah er schon, daß er neben dem Teerpitterchen auf dem Segeltuch
+stand.
+
+„Grüß Klein-Anning von mir,“ sagte eine Stimme, und wie er sich
+umwandte, war es die Segelstange auf seines Vaters Boot, die hatte das
+Segel umgeschlagen wie ein Plaid und machte tiefe Verneigungen; und das
+Boot hatte ein Gesicht bekommen und blinzelte ihm lustig zu und sagte
+auch: „Grüß Klein-Anning von mir,“ und dabei wippte das Boot immer auf
+und nieder. Im Boote sah er sich selber schlafen; das kam ihm spaßhaft
+vor. Wie er sich aber nach seiner Mutter umschaute, dünkte es ihm, als
+seien ihre Augen auf ihn gerichtet, und da wurde er ängstlich und rief:
+„Sie sieht mich schon, sie sieht mich schon.“
+
+„Träterätätä,“ sagte das Teerpitterchen, eine Seele kann man nicht
+sehn, und jetzt geht die Fahrt ab.“ Darauf hob er einen anderen Zipfel
+aus dem Wasser heraus und blies, daß seine Backen so groß wurden wie
+runde Turmknöpfe, und wenn er einmal vorbei blies in das Wasser, so
+flog ein weißer Nebel auf und stieg in die Luft; das war dann eine
+Wolke.
+
+Wie sie ein Stück gefahren waren, hielt das Fahrzeug an, und das
+Teerpitterchen pfiff auf zwei Fingern. Da kamen zwei Seehunde, die
+waren gesattelt und gezäumt und wedelten mit den Hinterfüßen, denn
+einen Schwanz hatten sie nicht. „Steig auf, kleiner Wilm,“ sprach das
+Teerpitterchen, und schon saß er selber im Sattel und hing sich das
+Segeltuch wie einen Reitermantel um. Rutsch! da fuhren sie durch das
+grüne Wasser. Es glänzte wie Glas, und der kleine Wilm konnte sich
+nicht genug verwundern, daß er gar nicht naß wurde. Er wußte nicht,
+daß eine Seele niemals naß wird. Endlich ritten sie in einen hellen
+Glanz hinein, der alles Wasser goldig färbte, und nun hielten sie vor
+Teerpitterchens Hause, das so leuchtete, weil es aus lauter Bernstein
+gebaut war; das Dach aber war obendrein mit Perlmutter belegt.
+
+„Brrr!“ sagte das Teerpitterchen und da stand auch schon ein kleiner
+Hummerkrebs, nahm in jede Schere einen Zügel und wartete bis die zwei
+abgestiegen waren. Dann führte er die Seehunde fort in den Stall. Das
+Männlein aber rief einen alten Kinderspruch:
+
+ „Anning, min Anning,
+ Wat heww ik’n Gör!
+ Kann tanzen un speelen
+ As Müs’ op de Deelen;
+ Anning, min Anning,
+ Wat heww ik’n Gör!“
+
+„Da bin ich schon,“ sagte Klein-Anning und stand mit einem Male bei
+ihnen. Sie war ein süßes kleines Ding und hatte keine garstigen
+Seegrashaare wie ihr Vater, sondern gerade so einen Flachskopf wie
+die Anna, das Nachbarskind, mit welcher der Wilm Sandhäuser baute und
+Sandkuchen buk. Das Schönste aber war ihr Kleid, denn es war mit lauter
+Fischschuppen benäht.
+
+„Jetzt wird’s lustig,“ nickte sie und faßte Wilm bei den Händen; „ich
+bin froh, daß du gekommen bist, denn du mußt wissen, daß ich heute
+Geburtstag habe. Mit den dummen Fischen ist gar nichts anzufangen; sie
+sprechen kein Wort und lassen sich alles gefallen. Ich mag keinen
+leiden, der sich alles gefallen läßt. Kannst du dich mit mir zanken?“
+
+„Je, warum nicht?“ sagte Wilm.
+
+„Aber nicht gleich. Das muß erst zuletzt kommen. Jetzt darfst du ein
+Stück Geburtstagskuchen essen.“ Und sie zog ein Stück aus der Tasche,
+das aß Wilm, und es schmeckte wie lauter Fruchtbonbon. „So, nun komm
+mit.“ Damit zog sie ihn auf eine hübsche kleine Seegraswiese, um
+welche lauter hohe Wasserpflanzen wuchsen, wie Bäume so hoch. Einige
+davon waren fast durchsichtig, grün oder rot gefärbt, die sahen am
+niedlichsten aus. Fische schossen hindurch, große und kleine, manche
+rund wie Kugeln und rings mit Stacheln besetzt, andere ganz platt wie
+Scheiben oder auch schlank und dünn wie ein Rohrstöckchen. Alle hatten
+runde Glotzaugen, und bei einigen standen die Augen gar auf Hörnern,
+welche sie überall hin drehen konnten.
+
+„Wir wollen tanzen. Du kannst es doch ordentlich?“ fragte Klein-Anning.
+
+„Ein bißchen,“ antwortete Wilm.
+
+„Ich will dir zeigen, wie man es machen muß,“ sprach sie und schlang
+ihre Ärmchen um Wilm. Und nun ging das in die Höhe, und immer auf
+und nieder im Wasser, und es war Wilm, als wäre er eine Mücke und
+tanzte auf und ab unter seines Vaters Apfelbaum. Die Fische schwammen
+herzu und sahen sich die Sache von weitem an; sie hätten gewiß gern
+mitgetanzt, aber sie wagten es nicht vor lauter Respekt, denn es
+hatte sie niemand dazu aufgefordert. Klein-Anning aber jauchzte und
+drehte Wilm so rasch im Kreise herum, daß ihm Hören und Sehen verging.
+„Plumps,“ sagte sie dann und ließ ihn fallen. Da lag er im Grase und
+zog ein verdrießliches Gesicht und sie lachte.
+
+„Du bist dumm,“ sagte der kleine Wilm.
+
+„Höre du!“ meinte sie warnend, „jetzt darfst du noch nicht zanken. Wir
+haben ja erst angefangen zu spielen. Ich will dir einmal etwas ins Ohr
+sagen.“ Und sie setzte sich zu ihm in das Gras und sprach in sein Ohr:
+„Wir gehen jetzt spazieren und besuchen unser Schloß.“
+
+„Das wird ein schönes Ding sein.“
+
+„Jawohl ist es schön; aber du darfst dich nicht fürchten vor den Tieren
+unterwegs.“
+
+„Ich fürchte mich gar nicht.“
+
+Da faßte sie seine Hand, und nun ging es durch die Wasserpflanzen hin
+und dann auf dem Meeresboden weiter, und die Fische zogen in hellen
+Haufen hinterher. Bei ihren Füßen kribbelten und krabbelten große
+Würmer, Krebse und Seespinnen, daß der kleine Wilm immer glaubte, er
+müsse eines tot treten; aber er fürchtete sich wirklich gar nicht.
+Die Muscheln öffneten die Schalen und machten „klipp, klapp“ wie die
+Dreschflegel auf der Tenne. Helle Bernsteinstücke lagen umher, manche
+so groß wie die Backsteine. Alle Fische aber, welche herbeigeschwommen
+kamen, schlossen sich hinten dem Zuge an; die meisten davon waren
+Heringe.
+
+Zuletzt kamen sie wieder in einen Wald von durchsichtigen Wasserbäumen;
+alles um sie herum schimmerte im herrlichsten Grün und die Spitzen der
+Bäume wedelten hin und her wie Fahnen. Mitten im Walde aber lag ein
+schwarzer alter Holzbau, das war ein versunkenes Schiff. Es sah recht
+trübselig aus. Stücke von den Masten waren umhergestreuet, und die
+Bretter klafften überall, daran saßen Muscheln und Wassermoos. Zu den
+Fenstern aber schlüpften die Fische aus und ein. Ein Brett war weiß,
+daran standen Buchstaben, die niemand mehr lesen konnte, so verwischt
+waren sie. Es war ein recht verwittertes altes Schiff.
+
+„Hier ist unser Schloß,“ sagte Klein-Anning.
+
+„Das ist zu schlecht,“ antwortete Wilm, „das ist gar kein Schloß; da
+hinein gehe ich nicht.“
+
+„Warte nur, ich will es neu anstreichen,“ meinte Klein-Anning. Sie
+hob eine Muschel auf und strich über das Holz, und mit einem Male
+glänzte das ganze Holz wie lauter Perlmutter. „So, nun wollen wir
+hineinsteigen. Du bist der Prinz und ich die Prinzessin, und wir werden
+Hochzeit halten.“
+
+„Wenn du Hochzeit halten willst, mußt du einen Kranz haben; ohne Kranz
+kann ich dich nicht heiraten,“ sagte Wilm.
+
+„Das ist schade,“ meinte Klein-Anning und sah sich um; endlich bückte
+sie sich und zog ein paar grüne Ranken herauf, welche unter dem Schiffe
+vorwuchsen, die schlang sie sich durch das Haar um den Kopf. „Ist das
+nun gut?“ fragte sie.
+
+„Nein, es müssen Blumen darin sein.“
+
+„Ich will aber keine Blumen!“ rief sie zornig und machte so böse große
+Augen, daß dem Wilm ganz ängstlich wurde. Aber sie war gleich wieder
+vergnügt und umfaßte ihn, und wie der Blitz fuhren sie aufwärts
+und standen schon auf dem Verdeck des Schiffes. Sie kletterten die
+Schiffstreppe hinab und kamen in einen weiten Saal, in welchem sich
+noch Tische und Stühle befanden. Der Saal war ganz mit Muscheln
+tapeziert, und auf den Stühlen wuchsen kleine grüne Wasserpflänzchen,
+daß sie wie mit grünem Plüsch überzogen aussahen.
+
+„Komm,“ sagte Klein-Anning, „wir wollen erst den Musikanten holen.“
+
+Sie zog Wilm in eine Tür hinein, in ein finsteres Kämmerchen. Da lag
+ein Mann und rührte sich nicht; aber wie Klein-Anning ihn anfaßte,
+machte er die Augen auf.
+
+„Guten Tag, kleiner Wilm,“ sagte er.
+
+„Wer bist du?“ fragte Wilm.
+
+„Kennst du mich nicht? Ich bin ja dein Onkel, der immer mit dem Schiff
+gefahren ist nach Amerika und noch weiter. Lebt denn der Kakadu noch,
+den ich dir mitgebracht habe? Puh, es ist so naß hier unten. Ich weiß
+nicht, wie viel Wasser ich schon geschluckt habe, seit ich hier auf dem
+Schiff untergegangen bin, aber es muß sehr viel sein.“
+
+„Du sollst uns geigen,“ sprach Klein-Anning ungeduldig; „du mußt
+wissen, daß wir Brautleute sind.“
+
+Wilm war nachdenklich geworden und sagte: „Ich möchte lieber nach
+Hause. Meine Mutter wird kommen und mich wecken wollen. Kannst du meine
+Mutter nicht sehen, Prinzessin?“
+
+„O ja, Prinz,“ antwortete Klein-Anning und legte die Hand über die
+Augen. „Sie sitzt an der See und spült das große Netz.“
+
+Da gab sich Wilm zufrieden, und sie gingen beide in den Saal; der Mann
+aber hatte eine Geige genommen und kam hinterher.
+
+Die Fische guckten zu den Fenstern herein; denn sie sind immer sehr
+neugierig.
+
+„Ihr dürft nicht herein,“ rief Klein-Anning; „bloß zusehen dürft ihr.
+Ihr seid nicht schlank genug zum Tanzen. Aber die Heringe können
+kommen.“
+
+Und die Heringe kamen denn auch, immer mehr und mehr, und stellten sich
+auf die Schwänze und knixten, und dazu schnappten sie immer mit den
+Mäulern, als ob sie etwas sagen wollten, aber es kam nichts heraus als
+Luftblasen. Klein-Anning nickte dem Spielmann zu, und da fing der an zu
+geigen, und nun nickte auch Wilm, denn er kannte das Lied schon; der
+Onkel hatte es immer gegeigt, wenn er heimgekommen war, und es war sehr
+schön, bloß ein wenig traurig. Dann kam die Trauung.
+
+Wilm faßte Klein-Anning bei der Hand, und der Onkel legte seine Hand
+auch dazu und sagte: „Alama kalalama itzehuatiputzli; habt ihr’s
+verstanden?“
+
+„Ja,“ sprach Klein-Anning, und da sagte Wilm auch „ja“; und die Heringe
+klappten die Mäuler auf und zu, als wollten sie ebenfalls „ja“ sagen.
+Es war gewiß sehr feierlich anzusehen.
+
+„Schön,“ meinte der Onkel; „jetzt gebt euch einen Kuß, dann ist alles
+in Ordnung, und wir können tanzen.“
+
+Sie gaben sich wirklich einen Kuß, und Klein-Anning biß Wilm dabei
+in die Lippen und lachte ihn dann aus. Nun kamen alle Heringe und
+gratulierten; man konnte es dabei sehen, daß sie die Augen verdrehten,
+indem sie heranspazierten, und daß sie noch mehr schnappten als vorher.
+
+Wilm aber wurde mit einem Male wieder unruhig. „Prinzessin,“ sprach er,
+„du kannst mir noch einmal sagen, was meine Mutter macht.“
+
+„Ja, mein Prinz,“ antwortete Klein-Anning und legte wieder die Hand
+über die Augen. „Sie zieht eben das Netz auf den Strand hinauf.“
+
+„Dann habe ich noch Zeit,“ sagte Wilm. Sie setzten sich auf die beiden
+größten Stühle, und der Onkel mit der Geige stieg auf einen Tisch und
+fing an so lustig zu geigen, daß jedem das Herz im Leibe lachen mußte.
+Die Heringe faßten sich mit den Flossen an und tanzten, daß der ganze
+Saal blitzte. Und am Ende fing der Onkel auch an auf seinem Tische
+herumzuspringen, und Klein-Anning jauchzte dazwischen und zappelte
+mit den Füßchen, und die Tische und Stühle hoben auch die Beine und
+sprangen umher, sogar die beiden großen, auf denen die Neuvermählten
+saßen.
+
+Zuletzt hörte der Onkel auf, da war mit einem Male alles ruhig.
+
+Der kleine Wilm aber machte zum dritten Male ein ängstliches Gesicht
+und fragte zum dritten Male: „Prinzessin, was macht meine Mutter?“
+
+„Ei, sie steht bei den Pfählen und hakt’s Netz ein.“
+
+„Bring mich hin,“ rief Wilm und sprang vom Stuhle; „jetzt kommt sie
+gleich an das Boot und will mich mitnehmen.“
+
+„Du sollst hier bleiben,“ sagte Klein-Anning. „Ich lasse dich nicht
+fort.“
+
+„Ich will aber fort, du dumme Dirn.“ Sie wollte seine Hand fassen,
+aber er riß sich los. Da stampfte sie mit den Füßen; alle Fische, die
+draußen gewesen, kamen herein und schwammen mit offenen Mäulern auf ihn
+los, und die grünen, durchsichtigen Wasserpflanzen wuchsen durch die
+Fenster und wurden dichter und dichter, so viel auch der kleine Wilm
+von ihnen zerriß. Er sah schon Klein-Anning nicht mehr, aber er hörte
+sie neben sich kichern, und der Onkel mußte wieder seine Geige genommen
+haben und lustig darauf herumkratzen — —
+
+Mit einem Male gab es einen Knack, daß das ganze Schiff zitterte. Die
+Decke spaltete sich, und der Wilm fuhr nach oben, hinaus in das klare
+Wasser. Über dem Wasser aber schwebte eine weiße Möwe, die schrie:
+„Krieh! Krieh!“ Und als der kleine Wilm auftauchte, faßte sie ihn mit
+den Krallen und trug ihn in das Boot. Da war es nicht mehr der Vogel,
+sondern das kleine Teerpitterchen, was bei ihm war.
+
+„Adieu, kleiner Wilm,“ sagte es und nickte ihm freundlich zu; dann war
+es verschwunden.
+
+Da fühlte Wilm auch schon, daß ihn seine Mutter am Ärmel zupfte und
+schlug die Augen auf. Die Sonne schien heiß in das Boot; am Himmel aber
+standen ein paar finstere Regenwolken.
+
+„Hast du was gemerkt, Mutting?“ fragte er und blinzelte schlau zu ihr
+hinauf.
+
+„Was soll ich denn gemerkt haben? Komm rasch mit nach Hause, sonst
+werden wir tüchtig naß werden.“ —
+
+ Viktor Blüthgen.
+
+
+
+
+Der Klabautermann.
+
+
+ Flink auf! die lustigen Segel gespannt!
+ Wir fliegen wie Vögel von Strand zu Strand,
+ Wir tanzen auf Wellen um Klipp’ und Riff,
+ Wir haben das Schiff nach dem Pfiff im Griff,
+ Wir können, was kein andrer kann:
+ Wir haben einen Klabautermann.
+
+[Illustration]
+
+ Der Klabautermann ist ein wackerer Geist,
+ Der alles im Schiff sich rühren heißt,
+ Der überall, überall mit uns reist,
+ Mit dem Schiffskapitän flink trinkt und speist,
+ Beim Steuermann sitzt er und wacht die Nacht,
+ Und im obersten Mast, wenn das Wetter kracht.
+
+ Ist’s Wetter klar, und die Fahrt gelingt,
+ So nimmt er die Geige und tanzt und springt,
+ Und alles muß auf dem Deck sich schwingen.
+ Unzählige selige Lieder singen,
+ Nicht Sturm, nicht Wurm, ihn ficht nichts an;
+ Wir haben den wahren Klabautermann.
+
+ Hei, klettert er, sei die See auch groß,
+ Klabautermann läßt kein Takelwerk los,
+ Er läuft auf den Raaen, wenn alles zerreißt,
+ Er tut, was der Kapitän ihn heißt —
+ Und wißt ihr, wie man ihn rufen kann?
+ Kourage heißt der Klabautermann.
+
+ Aug. Kopisch.
+
+
+
+
+Wanderer und Wind.
+
+
+ Herbstwind, o sei willkommen,
+ Fünf Tage lag das Meer
+ So still, so bang beklommen,
+ Kein Lüftchen zog daher.
+
+ O Wind, nach deinem Rauschen
+ Sehnt’ ich mich auf der See,
+ Wie einst mein Jägerlauschen
+ Im Wald nach Hirsch und Reh.
+
+ Wie geht es meinen Wäldern
+ Am frischen Neckarfluß?
+ Den heimatlichen Feldern?
+ Bringst du mir keinen Gruß?
+
+ „Entlaubt hab’ ich die Wälder
+ „Im raschen Wanderzug,
+ „Nahm durch die Stoppelfelder
+ „Den ungehemmten Flug.
+
+ „Nun ich durch Feld und Auen
+ „Mein Wanderliedlein pfiff,
+ „Komm’ ich nach euch zu schauen
+ „Im Emigrantenschiff.
+
+[Illustration]
+
+ „Weil alter Liebesbande
+ „Das Schifflein müd und matt,
+ „Jag ich’s vom Mutterstrande
+ „Dahin, ein welkes Blatt!“
+
+ Nik. Lenau.
+
+
+
+
+Nun kommt der Sturm.
+
+
+ Nun kommt der Sturm geflogen,
+ Der heulende Nordost,
+ Daß hoch in Riesenwogen
+ Die See ans Ufer tost.
+
+ Das ist ein rasend Gischen,
+ Ein Donnern und ein Schwall,
+ Gewölk und Abgrund mischen
+ All ihrer Stimmen Schall.
+
+ Und in der Winde Sausen
+ Und in der Möwe Schrei’n,
+ In Schaum und Wellenbrausen
+ Jauchz’ ich berauscht hinein.
+
+ Schon mein’ ich, daß der Reigen
+ Des Meergotts mich umhallt,
+ Die Wogen seh’ ich steigen
+ In grüner Roßgestalt.
+
+ Und drüber hoch im Wagen,
+ Vom Nixenschwarm umringt,
+ Ihn selbst, den Alten, ragen,
+ Wie er den Dreizack schwingt.
+
+ Emanuel Geibel.
+
+
+
+
+Das Meer.
+
+
+I.
+
+ Der Wind zieht seine Hosen an,
+ Die weißen Wasserhosen;
+ Er peitscht die Wellen so stark er kann,
+ Die heulen und brausen und tosen.
+
+ Aus dunkler Höh’, mit wilder Macht
+ Die Regengüsse träufen;
+ Es ist, als wollt’ die alte Nacht
+ Das alte Meer ersäufen.
+
+ An den Mastbaum klammert die Möwe sich
+ Mit heiserem Schrillen und Schreien;
+ Sie flattert und will gar ängstiglich
+ Ein Unglück prophezeien.
+
+
+II.
+
+ Der Sturm spielt auf zum Tanze,
+ Er pfeift und saust und brüllt;
+ Heisa, wie springt das Schifflein!
+ Die Nacht ist lustig und wild.
+
+ Ein lebendes Wassergebirge
+ Bildet die tosende See;
+ Hier gähnt ein schwarzer Abgrund,
+ Dort türmt es sich weit in die Höh’.
+
+ Ein Fluchen, Erbrechen und Beten
+ Schallt aus der Kajüte heraus;
+ Ich halte mich fest am Mastbaum
+ Und wünsche: Wär’ ich zu Haus.
+
+ Heinrich Heine.
+
+
+
+
+Leander und Selin.
+
+
+ Leander und Selin, zwei Freunde, die
+ Ein gleiches Herz und gleicher Edelmut
+ Verbanden, traten in Geschäften einst
+ Zusammen eine Fahrt durchs Weltmeer an.
+ Die Winde wehten erst der Gegend zu,
+ Die schon die Reisenden im Geiste sahn.
+ Das Ufer floh, und bald erblickten sie
+ Ringsum nur Luft und Meer. Das Firmament
+ War heiter und voll Glanz. Sie segelten
+ In seinem Widerschein geruhig fort
+ Und nahten sich bereits der Reise Ziel,
+ Als schnell ein reißender Orkan erwacht;
+ Der peitscht das Meer, durchwühlt den tiefen Grund,
+ Treibt, Bergen gleich, die hohen Wogen fort
+ Und schleudert mächtig gegen einen Fels
+ Das Schiff. Es scheitert. Jeder sucht dem Tod
+ Auf Trümmern von dem Schiffe zu entfliehn.
+ Den beiden Freunden ward ein Brett zu Teil;
+ Allein es war zu klein für seine Last.
+
+ „Wir sinken,“ sprach Selin, „das Brettchen trägt
+ Uns beide nicht. O Freund, leb’ ewig wohl!
+ Du mußt erhalten sein; an dir verliert
+ Das Wohl der Welt zu viel, und ohne dich
+ Wär’ mir das Leben doch nur eine Qual.“
+ „Nein,“ sprach Leander, „nein, ich sterb’, o Freund!“
+ Allein Selin verließ zu schnell das Brett
+ Und übergab dem nassen Grab
+ Der Wasserwogen sich.
+
+ Die Vorsehung,
+ Die über alles wacht, sah seine Treu’
+ Und seine Großmut an und ließ das Meer
+ Ihm nicht zum Grabe sein. Mitleidig trägt’s
+ Auf seinen Wellen ihn zum Ufer hin.
+ Er fand Leandern schon daselbst. — O! wer
+ Beschreibt die namenlose Freude, die
+ Sie fühlten? Sie umarmten sich
+ Mit einer Tränenflut. Leander sprach:
+ „O allzuteurer Freund, in was für Qual
+ Hat deine Freundschaft mich gestürzt! Ich hab
+ Um dich zehnfache Todesangst gefühlt.
+ Was du tat’st, wollt’ ich tun; denn ohne dich
+ Wünscht’ ich das Leben nicht.“ „Geliebtester,
+ Was wär’ ich ohne dich?“ versetzt’ Selin.
+ „Der Himmel sei gelobt, der dich mir schenkt!
+ Komm, lass’ uns ihn, der uns vom Tod befreit,
+ Verehren und ihm ganz das Leben weihn!“
+ Sie knieten nieder an das Ufer hin
+ Und dankten dem, der sie errettete,
+ Und ihr Gebet drang durch die Wolken, drang
+ Zu Gott. — Leander teilte mit Selin,
+ Der arm an Geld, doch reich an Tugend war,
+ All’ seine Schätze, die Selin nur nahm,
+ Weil sich sein Freund dadurch beglückter fand,
+ Und Segen kam auf sie und auf ihr Haus,
+ Und lange waren sie der Nebenmenschen Glück.
+
+ Ew. v. Kleist.
+
+
+
+
+Die Vergeltung.
+
+
+I.
+
+ Der Kapitän steht an der Spiere,
+ Das Fernrohr in gebräunter Hand,
+ Dem schwarzgelockten Passagiere
+ Hat er den Rücken zugewandt.
+ Nach einem Wolkenstreif in Sinnen
+ Die beiden wie zwei Pfeiler sehn.
+ Der Fremde spricht: „Was braut da drinnen?“
+ „Der Teufel,“ brummt der Kapitän.
+
+ Da hebt von morschen Balkens Trümmer
+ Ein Kranker seine feuchte Stirn,
+ Des Äthers Blau, der See Geflimmer,
+ Ach, alles quält sein fiebernd Hirn!
+ Er läßt die Blicke, schwer und düster,
+ Entlängs dem harten Pfühle gehn,
+ Die eingegrabnen Worte liest er:
+ „Batavia. Fünfhundertzehn.“
+
+ Die Wolke steigt, zur Mittagsstunde
+ Das Schiff ächzt auf der Wellen Höhn,
+ Gezisch, Geheul ans wüstem Grunde,
+ Die Bohlen weichen mit Gestöhn.
+ „Jesus, Marie! wir sind verloren!“
+ Vom Mast geschleudert der Matros,
+ Ein dumpfer Krach in aller Ohren,
+ Und langsam löst der Bau sich los.
+
+ Noch liegt der Kranke am Verdecke,
+ Um seinen Balken festgeklemmt,
+ Da kömmt die Flut, und eine Strecke
+ Wird er ins wüste Meer geschwemmt.
+ Was nicht geläng’ der Kräfte Sporne,
+ Das leistet ihm der starre Krampf,
+ Und wie ein Narwal mit dem Horne
+ Schießt fort er durch der Wellen Dampf.
+
+ Wie lange so? — er weiß es nimmer,
+ Dann trifft ein Strahl des Auges Ball,
+ Und langsam schwimmt er mit der Trümmer
+ Auf ödem, glitzerndem Krystall.
+ Das Schiff! — die Mannschaft! — sie versanken.
+ Doch nein, dort auf der Wasserbahn,
+ Dort sieht den Passagier er schwanken
+ In einer Kiste morschem Kahn.
+
+ Armsel’ge Lade! sie wird sinken,
+ Er strengt die heisre Stimme an:
+ „Nur grade! Freund, du drückst zur Linken!“
+ Und immer näher schwankt’s heran,
+ Und immer näher treibt die Trümmer,
+ Wie ein verwehtes Möwennest;
+ „Kourage!“ ruft der kranke Schwimmer,
+ „Mich dünkt, ich sehe Land im West!“
+
+ Nun rühren sich der Fähren Ende,
+ Er sieht des fremden Auges Blitz,
+ Da plötzlich fühlt er starke Hände,
+ Fühlt wütend sich gezerrt vom Sitz.
+ „Barmherzigkeit! Ich kann nicht kämpfen.“
+ Er klammert dort, er klemmt sich hier;
+ Ein heisrer Schrei, den Wellen dämpfen,
+ Am Balken schwimmt der Passagier.
+
+ Dann hat er kräftig sich geschwungen
+ Und schaukelt durch das öde Blau,
+ Er sieht das Land wie Dämmerungen
+ Enttauchen und zergehn in Grau.
+ Noch lange ist er so geschwommen,
+ Umflattert von der Möwe Schrei,
+ Dann hat ein Schiff ihn aufgenommen,
+ Viktoria! nun ist er frei!
+
+
+II.
+
+ Drei kurze Monde sind verronnen,
+ Und die Fregatte liegt am Strand,
+ Wo Mittags sich die Robben sonnen,
+ Und Bursche klettern übern Rand;
+ Den Mädchen ist’s ein Abenteuer,
+ Es zu erschaun vom fernen Riff,
+ Denn noch zerstört, ist nicht geheuer
+ Das greuliche Korsarenschiff.
+
+ Und vor der Stadt, da ist ein Waten,
+ Ein Wühlen durch das Kiesgeschrill,
+ Da die verrufenen Piraten
+ Ein jeder sterben sehen will.
+ Aus Strandgebälken, morsch, zertrümmert,
+ Hat man den Galgen, dicht am Meer,
+ In wüster Eile aufgezimmert.
+ Dort dräut er von der Düne her!
+
+ Welch ein Getümmel an den Schranken!
+ „Da kömmt der Frei — der Hessel jetzt —
+ Da bringen sie den schwarzen Franken,
+ Der hat geleugnet bis zuletzt.“ —
+ „Schiffbrüchig sei er hergeschwommen,“
+ Höhnt eine Alte, „ei, wie kühn“
+ Doch keiner sprach zu seinem Frommen,
+ Die ganze Bande gegen ihn.
+
+ Der Passagier, am Galgen stehend,
+ Hohläugig, mit zerbrochenem Mut,
+ Zu jedem Räuber flüstert flehend:
+ „Was tat dir mein unschuldig Blut?
+ Barmherzigkeit! so muß ich sterben
+ Durch des Gesindels Lügenwort,
+ O, mög die Seele euch verderben!“
+ Da zieht ihn schon der Scherge fort.
+
+ Er sieht die Menge wogend spalten —
+ Er hört das Summen im Gewühl —
+ Nun weiß er, daß des Himmels Walten
+ Nur seiner Pfaffen Gaukelspiel!
+ Und als er in des Hohnes Stolze
+ Will starren nach den Ätherhöhn,
+ Da liest er an des Galgens Holze:
+ „Batavia. Fünfhundertzehn.“
+
+ Annette v. Droste-Hülshoff.
+
+
+
+
+Konquistadores.
+
+
+ Zwei edle Spanier halten Wacht
+ Und einer spricht zum andern:
+ „Sennor, mir deucht, der Teufel lacht,
+ Wie wir ins Leere wandern!
+ Das Segel bauscht, es rauscht der Kiel,
+ Noch keines Strandes Boten —
+ Die Hölle treibt mit uns ihr Spiel,
+ Wir fahren zu den Toten!
+
+ Wer einem Genuesen traut,
+ Hat den Verstand verloren!
+ Die Klugen hat er schlecht erbaut,
+ Da lockt’ er alle Toren —
+ Rund sei die Erde, log er mir,
+ Wie Pomeranzenbälle,
+ Doch unermeßlich flutet hier
+ Nur Welle hinter Welle!“
+
+ Der andre blickt ins Meer hinaus
+ Und runzelt finstre Brauen:
+ „Sennor, mich zog Columb ins Haus,
+ Ließ mich die Karten schauen,
+ Was er dociert, verstand ich nicht,
+ Ich ließ es alles gelten —
+ Sein übermächtig Angesicht
+ Verhieß mir neue Welten!
+
+ Ist er ein Narr und haben wir
+ Uns in das Nichts verlaufen,
+ Ein räud’ger Hund, Sennor, wie Ihr,
+ Darf fröhlich mit ersaufen!“
+ — „Sennor, da betet Ihr nicht gut!
+ Zurück Euch in den Rachen
+ Den räud’gen Hund! Ihr raucht von Blut
+ Und risset aus den Wachen!“
+
+ „Sennor, ich dolcht ein falsches Weib,
+ Bekenn’ ich unverhohlen!
+ Nicht hab’ dem Bäcker einen Laib
+ Vom Brett ich weggestohlen!
+ Sennor, Ihr seid ein Galgenstrick!“
+ — „Sennor, Ihr seid nicht besser!“
+ Sie ziehen mit entflammtem Blick
+ Und kreuzen blanke Messer ...
+
+ Da zwischen ihre Messer walzt
+ Im tollen Freudensprunge,
+ Mit ölgetränkten Fingern schnalzt
+ Miquel, der Küchenjunge.
+ Er drückt die Lider blinzelnd ein
+ Mit schlauem Wimperzwinken,
+ Bald hüpft er auf dem rechten Bein,
+ Bald hopst er auf dem linken,
+
+ In Lüften bläht sich sein Gewand,
+ Es puffen ihm die Hosen —
+ Neugierig kommen hergerannt
+ Soldaten und Matrosen.
+ Der Junge redet kunterbunt,
+ Als ob’s im Kopf ihm fehle,
+ Dann öffnet er den großen Mund
+ Und singt aus voller Kehle:
+
+ „Das Heimchen zirpt, das Heimchen zirpt,
+ Stimmt Laudes an und Psalmen!
+ Und wenn’s mir nicht vor Freude stirbt,
+ Bald weidet’s unter Halmen!
+ Ich schwör’ es euch bei Gottes Haupt:
+ Es atmet duft’ge Weiden,
+ Es wittert Wälder dichtbelaubt
+ Und unermeßne Heiden!
+
+ Erlauchte Herren, gebet acht,
+ In meinem engen Räumchen
+ Hat unsre Meerfahrt mitgemacht
+ Ein andalusisch Heimchen —
+ Mitnahm ich’s aus dem Vaterland,
+ Mich scheidend zu beschenken,
+ Ich fing’s mit flinkem Griff der Hand
+ Zu seinem Angedenken.
+
+ Da wir zu Schiffe stiegen dort,
+ Die Zierden aller Lande,
+ Zirpt’ Heimchen mir im Busen fort,
+ Als weidet’s noch am Strande.
+ Das grüne Vorgebirg verschwand,
+ Dem Heimchen ward es schaurig,
+ Beklommen saß es an der Wand
+ Und wurde faul und traurig.
+
+ So darbt’s und dämmert’s lange Zeit,
+ Schon gab ich es verloren,
+ Und nun, bei meiner Seligkeit,
+ Ist Heimchen neugeboren!
+ Bedenkt, es hockte gram und lahm
+ An Dielen und an Wänden,
+ Jetzt jubelt’s wie ein Bräutigam
+ Und kann nur gar nicht enden!“
+
+ Miquel ist fort und wieder da,
+ Die Fingerspitze zeigend:
+ Da sitzt es ja! Da singt es ja!
+ Die Spanier lauschen schweigend —
+ Dann sinnen sie der Sache nach,
+ Den Lustgesang im Ohre,
+ Sie schütteln sich die Hände jach
+ Und schrei’n im wilden Chore:
+
+ „Das Heimchen zirpt! Das Heimchen zirpt!
+ Bald schwelgen wir in Beute!
+ Wer spielt, gewinnt! Wer wagt, erwirbt!
+ Wir sind gemachte Leute!
+ Die Küste winkt! Das Gold erblinkt,
+ Davon die Sagen melden!
+ Das Morgen steigt! Das Gestern sinkt!
+ Wir sind berühmte Helden!“
+
+ C. F. Meyer.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Eine Seeräubergeschichte.
+
+
+ Wir hatten Öl geladen und Korinthen
+ Und segelten vergnügt mit unsrer Fracht
+ Von Malta auf Gibraltar, Jochen Schütt,
+ Der Lüb’sche Kapitän, mit fünf Matrosen,
+ Und ich, Hans Kiekebusch, als Steurmann.
+ Der Wind blies lustig, und wir waren schon
+ Sardinien vorbei, als hinter uns
+ Nordosther ein verdächtig Segel aufkam,
+ Das wie mit Siebenmeilenstiefeln lief.
+ Bedenklich guckte Jochen Schütt durchs Glas
+ Und schüttelte den Kopf und guckte wieder,
+ Und immer länger ward sein schlau Gesicht.
+ „Verdammte Suppe!“ brach er endlich los,
+ „Der Haifisch soll mich schlucken, wenn das nicht
+ Tuneser sind, Spitzbuben, die’s auf uns
+ Und unsern schmucken Schoner abgesehn!
+ Bei Gott, jetzt heißt es: Alles Weißzeug los
+ Und stramm gesegelt!“
+
+ Leider war’s zu spät.
+ Ein Viertelstündchen noch, da wußten wir,
+ Daß Flucht unmöglich. Gleich darauf auch ließ
+ Das Kaperschiff die rote Flagge schon
+ Vom Topmast fliegen, und ein Schuß befahl
+ Uns beizulegen. An Verteidigung
+ War nicht zu denken. Sieben waren wir,
+ Die höchstens Sonntags mal im Lauer Holz
+ Mit Schrot geknallt, und drüben an die vierzig,
+ Verwegnes Raubvolk insgesamt, auf Mord
+ Und Totschlag eingeübt wie wir aufs Kegeln.
+ Mit einer einz’gen Salve hätten sie
+ Uns weggefegt; drum hieß uns Jochen Schütt
+ Geruhig bleiben und ihn machen lassen.
+ Ein Stückchen, meint er, hab’ er ausgedacht,
+ Das uns vielleicht noch aus der Tinte hilfe.
+ Zwar spielt’ er auf ~Va banque~ damit, indes
+ Am Ende sei’n wir Christenmenschen doch,
+ Und Gott im Himmel könnt’ ein Einsehn haben.
+ So brümmelnd stieg er zur Kajüt’ hinab
+ Und nahm die andern mit; nur mir befahl er
+ Auf Deck zu bleiben und dem leidigen
+ Besuch, als käm’ er auf ein Frühstück bloß,
+ Mit Höflichkeit zu ihm den Weg zu weisen.
+
+ Mir schlug das Herz bis an den Hals, als nun
+ Mit jeglicher Minute der Korsar
+ Uns näher rückte. Bald erkannt’ ich schon
+ Die Fuchsgesichter mit den Rattenzöpfen,
+ Das Negervolk, das in den Tauen hing.
+ Jetzt sah ich, wie solch rotbekappter Schuft
+ Den Enterhaken hob, jetzt machten’s ihm
+ Zehn andre nach und jetzt — ein einz’ger Schlag,
+ Ein ungeheurer Ruck, und Bord an Bord
+ Mit dem Tuneser lagen wir.
+
+ Ein Mohr,
+ Die breite Kling’ im Maule, sprang zuerst
+ Auf unser Schiff, dann kam der Hauptmann selbst,
+ Einäugig, stachelbärtig wie ein Kater,
+ Am grünen Bund den Halbmond von Rubin,
+ Und dann die andern, meist ein quittengelb,
+ Zerlumpt Gesind’l, doch mit langem Rohr,
+ Mit Beil und Messer Mann für Mann versehn.
+ Mir lief’s den Rücken kalt wie Eis hinab.
+ Doch macht’ ich nach des Kapitäns Geheiß
+ Den schönsten Bückling und, verbindlich dann
+ Den Weg anzeigend, fuhr ich wie ein Kellner
+ In Sprüngen die Kajütentrepp’ hinab.
+ Auch poltert’ es alsbald mit schwerem Tritt
+ Mir nach und, ein Pistol in jeder Hand,
+ Trat Meister Einaug’ in die Tür, doch blieb er,
+ Als er sich umsah, wie ein Zaunpfahl stehn.
+ Denn vor ihm saß, den Hut auf einem Ohr,
+ Aus kurzer Pfeife Dampf und Funken paffend,
+ Auf offner Pulvertonne Jochen Schütt,
+ Und rings umher lag wie ein Zauberkreis
+ Ein breiter Streif von Pulver aufgestreut.
+ Wir standen hinter ihm und mucksten nicht;
+ Er aber, ruhig sitzen bleibend, tat,
+ Als wüßt er gar von keinem Harm und sah
+ Den Türken an und sagte: „Guten Tag!
+ Was steht zu Diensten, wenn ich bitten darf?“
+ Und als nun der sich wie ein Puterhahn
+ Aufplustert und in seinem Kauderwelsch
+ Zu kollern anfängt und, wie das nicht fleckt,
+ Die Zähne weist und mit Geberden droht,
+ Sagt Jochen Schütt: „Ja, (Türkisch versteh’ ich nicht)
+ Mein lieber Herr; doch ~parlez-vous français~?“
+ Und dazu pafft er toller stets und macht
+ Den Meerschaumkopf wie einen Schornstein sprüh’n,
+ Daß mir, bei Gott, schon deucht, wir fliegen auf.
+ Das schien denn unserm Rinaldini auch
+ Ein schlechter Spaß, er wurde grün vor Wut,
+ Und plötzlich macht er Kehrt und schoß hinaus.
+
+ Nun ging ein heftig Schnattern droben an,
+ Und dann ein Poltern, Schieben, Ziehn und Winden,
+ Als kehrten sie vom Schiffsraum bis aufs Deck
+ Das Unterste zu oberst, während wir
+ In tausend Ängsten wie die Hühner uns
+ Um unsern Kapitän zusammendrückten,
+ Der keine Silbe sprach und langsam nur
+ Fortqualmte. Zwar die Ladung, wußten wir,
+ War gut versichert, doch wir fürchteten,
+ Die Heiden würden, wenn sie’s ausgeraubt,
+ Das Schiff aus purer Bosheit sinken machen,
+
+ Und dann, ihr Lüb’schen Türme, gute Nacht!
+ So ging ein langes, banges Stündlein hin.
+ Da plötzlich hörten wir durch all den Lärm
+ Die Botsmannspfeife kreischen; ein entsetzlich
+ Gedräng’ entstand an Bord, wie Flucht beinah,
+ Und kurz darauf geschah ein Stoß und Rauschen,
+ Als riss’ ein Donnerwetter Schiff von Schiff;
+ Und dann mit eins war’s still. Wir warteten
+ Ein Weilchen noch und horchten, doch es pfiff
+ Auch nicht die Maus im Loch; kein Zweifel mehr,
+ Sie waren fort. —
+
+ „Was nu?“ sprach Jochen Schütt,
+ „Die Luft an Bord scheint wieder klar zu sein,
+ Ich denk’, wir sehn uns mal den Schaden an!“
+ Und stieg hinauf ans Deck und wir ihm nach.
+
+ Da sah’s denn gräulich aus. Im großen Stall
+ Der Arche Noäh war nicht solch ein Wust,
+ Als aller Welt Getier das Schiff geräumt.
+ Packstroh und Scherben rings, Korinthenfässer,
+ Ölpiepen, Werkzeug, Zwiebeln, Kochgerät,
+ Im tollsten Wirrwarr alles durcheinander,
+ Als wär’ in allerbester Arbeit just
+ Das große Plünderfest gestört. Und so
+ Verhielt sich’s auch. Denn von Nordosten kam
+ Indes der Türk’, wie ein gejagter Habicht,
+ Nach Süden fortschoß, eine englische
+ Fregatt’ heran mit vollem Wind und ließ
+ Die blaubekreuzte Flagge lustig wehn.
+ Das gab ein Jubeln, ein Umarmen jetzt!
+ Der Schiffsjung fiel auf seine Knie, der Koch,
+ Der letzt in Portsmouth überwintert, schwang
+ Die Zipfelmütz’ und sang: „~God save the king!~“
+ Doch Jochen Schütt nahm eine Zwiebel auf
+ Und roch daran und niest’: ich merkt’ es wohl,
+ Wir sollten ihn nicht weinen sehn. Dann zog er
+ Den Hut und sprach: „Nun danket alle Gott!
+ Heut’ tut mir’s leid, daß ich nicht singen kann,
+ Weil ich beim alten Haase Schulen lief.
+ Den Engelsmann schickt uns der Himmel selbst.
+ Auch keinen roten Sechsling gab ich mehr
+ Für unser Leben, blieb er aus. Nun lief’s
+ Noch gnädig ab.“ —
+
+ „Ein wahrer Segen auch,“
+ Sagt’ ich, „Kap’tän, daß Euch das Pulver einfiel,
+ Sonst kam uns selbst der Engelsmann zu spät.“
+ Ja, Pulver!“ lacht’ er, und die Schlauheit blitzt
+ Ihm aus den Augen, „Pulver! Hat sich was!
+ Wir haben keine zwanzig Schuß an Bord.
+ Das schwarze Zeug, wovor der Heidenkerl
+ Die Angst gekriegt, war — Rübsaat aus Schwerin,
+ Und mein Kanarienvogel frißt davon.
+ Ein richt’ger Mann muß sich zu helfen wissen,
+ So hilft ihm Gott auch wohl. — Und nun seht nach,
+ Ob uns das Volk auch überm Rum gewesen.
+ Ich denk’, ein Schluck soll gut tun auf den Schreck.“
+
+ Eman. Geibel.
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Das Haus am Meer.
+
+
+ Hart an des Meeres Strande
+ Baut man ein festes Haus;
+ Als sollt’ es ewig dauern,
+ So heben die trotz’gen Mauern
+ Sich in das Land hinaus.
+
+ Mächtige Hammerschläge
+ Erdröhnen schwer und voll;
+ Die Sägen knarren und zischen,
+ Verworren hört man dazwischen
+ Der Wogen dumpf Geroll.
+
+ Durch das Gebälke klettert
+ Ein rüst’ger Zimmermann;
+ Der Wind der sich erhoben,
+ Zerreißt mit seinem Toben
+ Das Lied, das er begann.
+
+ Ich bin hineingetreten;
+ Daß solch ein Werk gedeiht,
+ Das ist an Gott gelegen,
+ Zu beten um seinen Segen,
+ Nehm’ ich mir gern die Zeit.
+
+ Die Fenster gehen alle
+ Hinaus auf die wilde See;
+ Noch sind sie nicht verschlossen,
+ Eine Möwe kommt geschossen
+ Durch das, an dem ich steh’.
+
+ Hier will der Bewohner schlafen;
+ Schon wird in dem luft’gen Raum
+ Die Bettstatt aufgeschlagen;
+ Da ahn’ ich mit stillem Behagen
+ Voraus gar manchen Traum.
+
+ Doch wende ich mein Auge,
+ Fällt’s auf gar manches Riff,
+ Ich sehe des Meeres Tosen,
+ Drüben im Grenzenlosen
+ Durchbricht den Nebel ein Schiff.
+
+ Wer ist’s denn, der am Strande,
+ Am öden, sein Haus sich baut?
+ „Ein Schiffer; seit vielen Jahren
+ Hat er das Meer befahren,
+ Nun ist’s ihm lieb und vertraut.
+
+ Dies ist die letzte Reise,
+ Ich fühl’ mich alt und müd’,
+ Daß ich mein Nest dann finde,
+ Hobelt und hämmert geschwinde!
+ So sprach er, als er schied.
+
+ Jetzt kann er stündlich kehren,
+ Er ist schon lange fort,
+ Drum müssen wir alle eilen!“
+ Des schwellenden Sturmwinds Heulen
+ Verschlingt des Zimm’rers Wort.
+
+ Die Wolken ballen sich dräuend,
+ Riesige Wogen erstehn,
+ Aufgerüttelt von Stürmen,
+ Schrecklich, wenn sie sich türmen,
+ Schrecklicher, wenn sie zergehn.
+
+ Das Schiff dort, kraftlos ringend,
+ Ihr Spiel jetzt, bald ihr Raub,
+ Muß gegen die Felsen prallen,
+ Schon hör’ ich den Notschuß fallen,
+ Was hilft es? Gott ist taub.
+
+ Ich fürchte, das ist der Schiffer,
+ Dem man dies Bett bestellt,
+ Der Zimm’rer mit dem Hammer
+ Befestigt die letzte Klammer,
+ Während das Schiff zerschellt.
+
+ Friedr. Hebbel.
+
+
+
+
+Nis Randers.
+
+
+ Krachen und Heulen und berstende Nacht,
+ Dunkel und Flammen in rasender Jagd —
+ Ein Schrei durch die Brandung!
+
+ Und brennt der Himmel, so sieht man’s gut:
+ Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;
+ Gleich holt sich’s der Abgrund.
+
+ Nis Randers lugt — und ohne Hast
+ Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast;
+ Wir müssen ihn holen.“
+
+ Da faßt ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein!
+ Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,
+ Ich will’s, deine Mutter!
+
+ Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;
+ Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
+ Mein Uwe, mein Uwe!“
+
+ Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!
+ Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
+ „Und +seine+ Mutter?“
+
+ Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs:
+ Hohes, hartes Friesengewächs;
+ Schon sausen die Ruder.
+
+ Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!
+ Nun muß es zerschmettern! ... Nein: es blieb ganz! ...
+ Wie lange? Wie lange?
+
+ Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
+ Die menschenfressenden Rosse daher;
+ Sie schnauben und schäumen.
+
+ Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
+ Eins auf den Nacken des andern springt
+ Mit stampfenden Hufen!
+
+ Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!
+ Was da? — Ein Boot, das landwärts hält —
+ Sie sind es! Sie kommen! — —
+
+ Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt ...
+ Still — ruft da nicht einer — Er schreit’s durch die Hand:
+ „Sagt Mutter, ’s ist Uwe!“
+
+ Otto Ernst.
+
+
+
+
+Das Wrack.
+
+
+ Die Flut verrinnt! Auf ebbetrocknem Strande
+ Liegt dort das Wrack tiefeingewühlt im Sande;
+ Zerborsten klafft das Deck, der Kiel zerbrach.
+ Ein Schoner einst! Wie alle Wimpel flogen,
+ Als er zuerst durchschoß die blauen Wogen!
+ Der greise Kaufherr sah ihm lächelnd nach.
+ Bayard, des Werftes Stolz, der kühnste Renner,
+ Am Bord neun Friesen, seegebräunte Männer,
+ Mit stillem Aug’ und eisenfester Hand.
+ Zum Ost und West ging manche gute Reise,
+ Zum fernen Süd, durch beide Wendekreise,
+ Den bunten Gürtel, der die Welt umspannt.
+ Dann kam der Schicksalstag. Das lang geschlafen,
+ Losfuhr das Wetter nah’ dem Heimathafen.
+ Zerspellte Rumpf und Rah’ mit wilder Wucht,
+ Zersprengte Brass’ und Tau gleich Fadennetzen
+ Und warf Gebälk und Trumm, wertlose Fetzen,
+ In dieses Eilands sturmgepeitschte Bucht. —
+
+[Illustration]
+
+ Dort liegt das Wrack! Es sitzt auf seinen Planken
+ Ein alter Mann verloren in Gedanken,
+ Gebückt, den breiten Hut tief im Gesicht.
+ Verstürmt auch er? — Wer weiß, auf welchen Meeren? —
+ Er schreibt. — Ein Lied wie dies? — Harm soll man ehren;
+ Geht sacht an ihm vorbei und stört ihn nicht.
+
+ F. W. Weber.
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Meeresstrand.
+
+
+ Ans Haff nun fliegt die Möwe,
+ Und Dämmrung bricht herein;
+ Über die feuchten Watten
+ Spiegelt der Abendschein.
+
+ Graues Geflügel huschet
+ Neben dem Wasser her;
+ Wie Träume liegen die Inseln
+ Im Nebel auf dem Meer.
+
+ Ich höre des gärenden Schlammes
+ Geheimnisvollen Ton,
+ Einsames Vogelrufen —
+ So war es immer schon.
+
+ Noch einmal schauert leise
+ Und schweiget dann der Wind;
+ Vernehmlich werden die Stimmen,
+ Die über der Tiefe sind.
+
+ Theodor Storm.
+
+
+
+
+Meeresrauschen.
+
+
+Mehr noch als der Anblick des Meeres überrascht seine +Stimme+.
+Sie wird überall vernommen auf hoher See und am Strande, und immer
+wechselnd bewegt sie in immer neuer Weise das Gemüt. Bald erbraust sie
+in erhaben-gleichförmigem Rhythmus; es ist die Sprache der Wasserwüste,
+das Nachtönen des „Werde!“, welches die Schöpfung ins Dasein rief.
+Bald glaubt man ein tiefes Atemholen der Flut zu hören oder ein
+träumerisches Murmeln und dann wieder ein Klatschen und Schmettern
+mit langgezogenem Widerhall, bis die Stunde des Sturmes kommt, da das
+Element in entfesselter Größe überschwillt und mit seinen rollenden
+Donnern die Erde zittern macht. Aber die empörten Wogen kehren wieder
+in ihre Bahn zurück, und nun scheint ihre Stimme nicht mehr zürnend,
+sondern voll klagenden Gesanges. Das Ohr unterscheidet allmählich auch
+die leiseren Töne in dem Riesenorchester, das Flüstern und Klingen der
+einzelnen Wellen, und in das Spiel der Phantasie verloren, vermeinen
+wir wohl die Bäche und Bächlein der Heimat wieder zu vernehmen, die
+im Ozean nach langer Wanderung ein Ziel gefunden haben. Auch das sind
+Meeresszenen voll tiefen, fast feierlich-sehnsüchtigen Reizes, der
+freilich dann am ergreifendsten wirkt, wenn im Dufte des unendlichen
+Horizontes die Gestirne der Nacht aufsteigen oder versinken vor dem
+Auge des Schiffers.
+
+ Herm. Masius.
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der Gesang des Meeres.
+
+
+ Wolken, meine Kinder, wandern gehen
+ Wollt ihr? Fahret wohl! Auf Wiedersehen!
+ Eure wandellustigen Gestalten
+ Kann ich nicht in Mutterbanden halten.
+
+ Ihr langweilet euch auf meinen Wogen,
+ Dort die Erde hat euch angezogen:
+ Küsten, Klippen und des Leuchtturms Feuer!
+ Ziehet, Kinder! Geht auf Abenteuer.
+
+ Segelt, kühne Schiffer, in den Lüften!
+ Sucht die Gipfel! Ruhet über Klüften!
+ Brauet Stürme! Blitzet! Liefert Schlachten!
+ Traget glüh’nden Kampfes Purpurtrachten!
+
+ Rauscht im Regen! Murmelt in den Quellen!
+ Füllt die Brunnen! Rieselt in die Wellen!
+ Braust in Strömen durch die Lande nieder —
+ Kommet, meine Kinder, kommet wieder!
+
+ C. F. Meyer.
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Ostern.
+
+
+ Es war daheim auf unsrem Meeresdeich;
+ Ich ließ den Blick am Horizonte gleiten,
+ Zu mir herüber schoß verheißungsreich
+ Mit vollem Klang das Osterglockenläuten.
+
+ Wie brennend Silber funkelte das Meer,
+ Die Inseln schwammen auf dem hohen Spiegel,
+ Die Möwen schossen blendend hin und her,
+ Eintauchend in die Flut die weißen Flügel.
+
+ Im tiefen Kooge bis zum Deichesrand
+ War sammetgrün die Wiese aufgegangen;
+ Der Frühling zog prophetisch über Land,
+ Die Lerchen jauchzten, und die Knospen sprangen. —
+
+ Entfesselt ist die urgewalt’ge Kraft,
+ Die Erde quillt, die jungen Säfte tropfen,
+ Und alles treibt, und alles webt und schafft,
+ Des Lebens vollste Pulse hör’ ich klopfen.
+
+ Der Flut entsteigt der frische Meeresduft;
+ Vom Himmel strömt die goldne Sonnenfülle;
+ Der Frühlingswind geht klingend durch die Luft
+ Und sprengt im Flug des Schlummers letzte Hülle.
+
+ O wehe fort, bis jede Knospe bricht,
+ Daß endlich uns ein ganzer Sommer werde;
+ Entfalte dich, du gottgebornes Licht,
+ Und wanke nicht, du feste Heimaterde! —
+
+ Hier stand ich oft, wenn in Novembernacht
+ Aufgor das Meer zu gischtbestäubten Hügeln,
+ Wenn in den Lüften war der Sturm erwacht,
+ Die Deiche peitschend mit den Geierflügeln.
+
+ Und jauchzend ließ ich an der festen Wehr
+ Den Wellenschlag die grimmen Zähne reiben;
+ Denn machtlos, zischend schoß zurück das Meer —
+ Das Land ist unser, unser soll es bleiben!
+
+ Theodor Storm.
+
+
+
+
+Geistesgruß.
+
+
+ Hoch auf dem alten Turme steht
+ Des Helden edler Geist,
+ Der, wie das Schiff vorübergeht,
+ Es wohl zu fahren heißt.
+
+ „Sieh, diese Sehne war so stark,
+ „Dies Herz so fest und wild,
+ „Die Knochen voll von Rittermark,
+ „Der Becher angefüllt;
+
+ „Mein halbes Leben stürmt’ ich fort,
+ „Verdehnt’ die Hälft’ in Ruh,
+ „Und du, du Menschen-Schifflein dort,
+ „Fahr’ immer, immer zu!“
+
+ Wolfg. v. Goethe.
+
+
+
+
+Turmwächterlied.
+
+
+ Am gewaltigen Meer,
+ In der Mitternacht,
+ Wo der Wogen Heer
+ An die Felsen kracht,
+ Da schau’ ich vom Turm hinaus.
+ Ich erheb’ einen Sang
+ Aus starker Brust
+ Und mische den Klang
+ In die wilde Luft,
+ In die Nacht, in den Sturm, in den Graus.
+
+[Illustration]
+
+ Dringe durch, dringe durch
+ Recht freudenvoll,
+ Mein Lied von der Burg
+ In das Sturmgeroll!
+ Verkünd’ es weit durch die Nacht,
+ Wo schwanket ein Schiff
+ Durch die Flut entlang,
+ Wo schwindelt am Riff
+ Des Wanderers Gang,
+ Daß oben ein Mensch hier wacht!
+
+ Ein kräftiger Mann,
+ Recht frisch bereit,
+ Wo er helfen kann,
+ Zu wenden das Leid,
+ Mit Ruf, mit Leuchte, mit Hand.
+ Ist zu schwarz die Nacht,
+ Ist zu fern der Ort,
+ Da schickt er mit Macht
+ Seine Stimme fort
+ Mit Trost über See und Land.
+
+ Wer auf Wogen schwebt —
+ Sehr leck sein Kahn —
+ Wer im Walde bebt,
+ Wo sich Räuber nahn,
+ Der denke: Gott hilft wohl gleich!
+ Wen das wilde Meer
+ Schon hinunterschlingt,
+ Wem des Räubers Speer
+ In die Hüfte dringt,
+ Der denk’ an das Himmelreich!
+
+ Friedr. de la Motte Fouqué.
+
+
+
+
+Am Turme.
+
+
+ Ich steh auf hohem Balkone am Turm,
+ Umstrichen vom schreienden Stare,
+ Und lass’ gleich einer Mänade den Sturm
+ Mir wühlen im flatternden Haare;
+ O wilder Geselle, o toller Fant,
+ Ich möchte dich kräftig umschlingen
+ Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand,
+ Auf Tod und Leben dann ringen!
+
+ Und drunten seh ich am Strand, so frisch
+ Wie spielende Doggen, die Wellen
+ Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch
+ Und glänzende Flocken schnellen.
+ O springen möcht’ ich hinein alsbald,
+ Recht in die tobende Meute,
+ Und jagen durch den korallenen Wald
+ Das Walroß, die lustige Beute!
+
+ Und drüben seh ich ein Wimpel wehn,
+ So keck wie eine Standarte,
+ Seh auf und nieder den Kiel sich drehn
+ Von meiner luftigen Warte;
+ O, sitzen möcht’ ich im kämpfenden Schiff,
+ Das Steuerruder ergreifen
+ Und zischend über das brandende Riff
+ Wie eine Seemöwe streifen.
+
+ Wär ich ein Jäger auf freier Flur,
+ Ein Stück nur von einem Soldaten,
+ Wär ich ein Mann doch mindestens nur,
+ So würde der Himmel mir raten;
+ Nun muß ich sitzen so fein und klar,
+ Gleich einem artigen Kinde,
+ Und darf nur heimlich lösen mein Haar
+ Und lassen es flattern im Winde!
+
+ Annette v. Droste-Hülshoff.
+
+
+
+
+Old Mütterchen.
+
+
+ O schöner Wintersonnenschein,
+ Du lockst ins Freie groß und klein!
+ Old Mütterchen läßt man im Haus allein! —
+ Old Mütterchen zählt an hundert Jahr;
+ Doch war in die Ferne ihr Blick noch klar.
+ Ihr Ruhebett war so gestellt,
+ Daß schauen sie konnt’ in Gottes Welt:
+ Und — wie sie so durchs Fenster sah
+ In die Husumer Bucht, was sah sie da?
+ Die Ufer waren von Schnee so weiß,
+ Die See stand fest als blankes Eis,
+ Und über das weit gefrorene Meer
+ Jagt alles auf Schlittschuh’n hin und her;
+ Ein jeder schwingt sich auf seine Weise,
+ Die ganze Stadt schien auf dem Eise.
+ Es war ein Gewimmel und ein Gelauf,
+ Man stellte Zelt’ und Buden auf;
+ Auch fuhren auf Schlitten die Knaben die Frauen,
+ Die waren geputzt wie zum Feste zu schauen.
+ Das muntre Volk im jubelnden Reigen
+ Bedünkt Old Mütterchen gar eigen:
+ Wo neulich noch schlugen und tobten die Wogen,
+ Ward wie mit Flügeln auf Spiegeln geflogen;
+ Wo sonst nur schwammen Schiff und Fische,
+ Stellte man heute Bänke und Tische;
+ Man schmauste und trank und sang und sprang,
+ Es wurde keinem die Weile lang.
+ Da dacht’ in ihrer Einsamkeit
+ Old Mütterchen längst vergangner Zeit,
+ Wo sie die gleiche Lust erfahren,
+ Eh sie gelangt zu zitternden Jahren,
+ Wie mancher junge schmucke Gesell
+ Sie einst gefahren im Schlitten schnell.
+ Sie dacht’ auch des Gatten und ihrer Knaben,
+ Die ungestümes Meer begraben,
+ Wie heimgegangen all’ ihre Lieben
+ Und sie zuletzt so einsam blieben.
+ Da seufzte sie: Gott vergisset mein
+ Und läßt mich hier ganz seelenallein,
+ Ich muß hier als ganz unnütz sein,
+ Den Fremden schaff’ ich nur Beschwerden,
+ Was soll ich noch fürder auf dieser Erden?
+ Doch wie Old Mütterchen das spricht,
+ Der Ratschluß Gottes ist verborgen,
+ Straft sie ihr Herz: o sündige nicht:
+ Laß ihn allein bestimmen und sorgen.
+ In solchen und anderen Gedanken
+ Blickt weiter sie auf das Schwingen und Schwanken,
+ Und spricht zu sich selber: tun doch heute,
+ Als wär’ Meer Land, die tollen Leute;
+ Ist wohl so gesichert die weite Fläche,
+ Daß hie und da das Eis nicht breche?
+ Und wie sie dem nachsinnt, nicht lange,
+ Pocht ihr das Herz in der Brust so bange,
+ Als könne solch ein Unglück geschehn,
+ Als solle sie bald Entsetzliches sehn.
+ Da erblickt sie über dem bunten Gewimmel
+ In fernster Ferne ein Wölkchen am Himmel,
+ Ein weißes, und spricht: das deutet Sturm,
+ Und niemand läutet doch heut vom Turm.
+ Kommt Sturm mit der springenden Flut im Bunde,
+ Zerbricht er das ganze Eis in der Runde,
+ Und alle die fröhlichen seligen Leute
+ Versinken in Schollen und Schäumen heute.
+ Ich will doch rufen, daß einer warnet,
+ Eh alle des Todes Netz umgarnet.
+ Sie ruft: Ist keiner, der hören will?
+ Sie ruft; doch alles ist totenstill.
+ Es ist wohl niemand, niemand im Haus.
+ Da müht sie sich aus dem Bett heraus
+ Und kriecht zum Fenster auf Händen und Füßen;
+ Da muß der Frost es fest verschließen.
+ Das Volk darf auf dem Eise nicht bleiben!
+ Sie hat keine Rast, sie zerschlägt die Scheiben,
+ Sie ruft hinaus — sie winkt — sie schreit —
+ Zu schwach, zu matt! ach, alle sind weit!
+ Herr Gott, was fang vor Leid ich an,
+ Wenn ich das Volk nicht warnen kann;
+ Die Wolke wird größer, o bange Pein,
+ Sie werden alle verloren sein;
+ Ich kenne das Sturmgewölk genau
+ Als leiderfahrne Schiffersfrau.
+ Allmächtiger Gott! o Herre mein!
+ Laß hören doch mein schwaches Schrein.
+ Denn zögert das Warnen noch wenig Minuten,
+ Versenkt sie alle das Rollen der Fluten.
+ Da hört sie ein Knabe; doch der lacht und läuft,
+ Weil, was sie ruft, er nicht begreift.
+ „Ach, alle, alle eilen zur Freude
+ Und wissen nicht, wie bald zum Leide!
+ Wie rett’ ich, wie helf’ ich! Gott, gib Licht!
+ Ich bin zu schwach, ich treffe das nicht.“
+ Da zuckt ein Gedank’ ihr durch den Sinn,
+ Sie müht sich kriechend zum Herde hin
+ Und faßt einen Brand und entzündet das Stroh
+ Im Bett: das brennet lichterloh.
+ Sie rief: „So schaff’ ich ein Feuerzeichen,
+ Bald wird der Brand das Dach erreichen.“
+ Indem der Qualm das Zimmer füllt,
+ Ergreift sie den Mantel und flieht verhüllt;
+ Doch kann sie vor Alter nicht schnell von der Stelle,
+ Nur langsam erreicht sie der Türe Schwelle.
+ Da schlägt die Lohe zum Dach hinaus.
+ „Leb wohl, geliebtes Vaterhaus.
+ Und kann ich nur das Volk erretten,
+ Mag Gott mich selbst im Himmel betten.“
+ Doch gibt der Herr, der alles schafft,
+ Den schwachen Gliedern fürder Kraft;
+ Sie erreicht die Straße und ruht am Stein,
+ Da gewahren von weitem die Leute den Schein
+ Und sagen: dort muß ein Feuer sein!
+ Und rennen herzu. Old Mütterchen schreit:
+ „Laßt das! Mit dem Feuer hat’s gute Zeit,
+ Ich lockt’ euch mit dem Feuer herbei,
+ Daß ihr vernähmet, was ich schrei.
+ Laßt brennen mein Haus und eilt zum Turm,
+ Seht dorten die Wolke, und läutet Sturm,
+ Daß alles Volk zum Lande kehr’,
+ Eh Sturm erregt das wilde Meer!“
+ Da schauen die Leute die Wolke erschreckt
+ Und sagen: die Frau hat Gott erweckt!
+ Und rennen in Eile hin zum Turm
+ Und läuten aus Leibeskräften Sturm.
+ Der Qualm, das Läuten ruft alle herbei,
+ Man eilt zum Strande mit bangem Geschrei,
+ Und alles ruft: „Geschwind, geschwind!“
+ Da floh das Husumer Volk vor dem Wind.
+ Sie gaben die Zelte, die Buden preis,
+ Denn fernher kam das Meer schon weiß,
+ Hoch über dem jagenden, flüchtenden Volke
+ Verbreitet sich fliegend des Sturmes Wolke.
+ Die Husumer zeigten jenen Tag,
+ Wie man auf Schlittschuh’n fliegen mag:
+ Der ganze Schwarm wie weggeblasen,
+ Dicht, dicht dahinter des Sturmes Rasen.
+ Hei! wie es die leichten Buden, die Zelte
+ Hinwarf und zerspellt in die Welt hinschnellte!
+ Sturmvögel kamen mit Schreien geflogen,
+ Der ganze Himmel schwarz umzogen,
+ Darunter im Sturm der Springflut Wogen.
+ Man hörte sie schon bis her zum Strande,
+ Und als der letzte Mann am Lande,
+ Hob wie aufatmend das Meer in der Bucht
+ Weithin mit Gedonner des Eises Wucht.
+ Wie von springenden Rossen ein wildes Heer,
+ Sprang Brandung Sturz auf Sturz daher,
+ Und wogte zu Trümmern den Spiegel, der eben
+ Noch trug des Volkes fröhliches Schweben,
+ Zerbrach ihn und türmte und rollte im Lauf
+ Ein Gebirg von Schollen am Ufer herauf.
+ Und wieder stürzt es zurück ins Gebraus,
+ Und wieder warf es das Meer heraus.
+ So tobte der Sturm die ganze Nacht
+ Und schwieg erst, als Gott Tag gemacht;
+ Und als die Sonne stieg empor,
+ Da sammelte sich das Volk zum Chor,
+ Und sangen Lieder und priesen Gott,
+ Der sie errettet aus solcher Not.
+
+ Old Mütterchens Haus war niedergebrannt;
+ Doch als ihre Tat war stadtbekannt,
+ Da sah man das ganze Volk hinkommen,
+ Wo gute Leute sie aufgenommen.
+ Der Bettler, der Bürgermeister nicht minder,
+ Sie nannten sich alle Old Mütterchens Kinder.
+ War ohne sie doch alles verloren,
+ Sie hatte sie alle neu geboren,
+ Drum wollt’ ihr jeder ins Auge blicken,
+ Sie laben und herzen und süß erquicken,
+ Und brachten ihr für ihre Habe
+ Viel tausend neue schöne Gabe.
+ Old Mütterchen aber in Freudentränen
+ Sprach: „Niemand soll aus der Welt sich sehnen
+ Und sei er noch so hoch betagt
+ Und siech und matt! Wer weiß, wer sagt,
+ Wozu der droben
+ Ihn aufgehoben?
+ Laßt uns den Herrn des Himmels loben!“
+
+ Aug. Kopisch.
+
+
+
+
+Der Riese im Sturm.
+
+
+ Was schreit das viele Volk am Strand? —
+ Der Inselriese will ans Land.
+ Man sieht ihn kommen durchs wilde Meer;
+ Doch Well’ an Welle rollt einher,
+ Und mühsam ist im Sturm sein Gang,
+ Denn immer wächst der Wogen Drang! —
+ Ausging er bei noch heitrer Zeit;
+ Jetzt wird es dunkel: der Sund ist breit. —
+ Dem Bauernvolk das sehr behagt;
+ Es höhnt den Kühnen, der sich plagt.
+ Unmöglich scheint, was er beginnt;
+ Drum lacht darob Mann, Weib und Kind.
+ Und wenn eine Wog’ ihn weiß umhüllt,
+ Wird bittrer Schimpf ihm zugebrüllt.
+ Er hört das lange nicht im Schwall
+ Und trotzt der donnernden Wasser Fall;
+ Doch wie der Elemente Macht
+ Er endlich weicht, wird laut gelacht.
+ Ihm trägt der Wind den Schall ins Ohr;
+ Da reckt’ er sich aus der Tief’ empor,
+ Schaut unter seiner Hand zum Strand,
+ Und — als er die kleinen Leut’ erkannt,
+ Langt er hinab in den Meeressand,
+ Wo er ein kleines Steinchen fand;
+ Das warf er lachend nebenhin. —
+ Da sah man entsetzt die Bauern fliehn;
+ Denn in der Nähe war’s so groß,
+ Daß leicht es trüg’ ein ganzes Schloß! —
+ Der Sunddurchwandler aber rafft
+ Zusammen seine Hünenkraft,
+ Vollendet trotzend seinen Gang
+ Und schreitet sanft den Strand entlang
+ Und lacht: das Volk ist all’ nach Haus
+ Und guckt den ganzen Tag nicht aus. —
+ — Man sagt, der Riese zog von da
+ Hinüber nach Amerika;
+ Nun zeigt das Völkchen aller Welt
+ Im Stein des Riesen Griff für — Geld.
+
+ Aug. Kopisch.
+
+
+
+
+Flut und Ebbe.
+
+
+ In einem fernen umbrandeten Land
+ Spielen die Mädchen ein Spiel an dem Strand,
+ Schreiten im Reigen, heiter gesinnt,
+ Wann zu steigen die Flut beginnt,
+
+[Illustration]
+
+ Weichen zurück in gemess’ner Flucht
+ Aus der schwellenden Meeresbucht.
+ In den Gewässern ruhigklar
+ Werden sie krause Gestalten gewahr,
+ Rollt eine Woge, sie sehen ein Roß,
+ Sehn einen Reiter, bis er zerfloß.
+ „Schauet den Meermann! Garstig Gesicht!
+ Grinzende Larve, du haschest mich nicht!“
+ Aber das Meer, es wächst und naht —
+ „Fliehet, ihr Schwestern! Sonst wird’s zu spat!“
+ Alle sie stürzen im hastigen Lauf,
+ Gleiten, und reißen die Strauchelnden auf
+ Bis zu der Bank, wo die Ebbe beginnt,
+ Wo, wie sie wissen, das Wasser zerrinnt,
+ Dort ist gelagert der flüchtige Chor,
+ Zieht an dem Felsen die Füße empor,
+ Fleht in den Himmel mit brünstigem Schrei’n:
+ „Götter! ihr lasset die Unschuld allein?“
+ Aber die Flut, da den Raub sie berührt,
+ Hat das Verhängnis des Ebbens gespürt,
+ Und, wie erschreckt durch das maidliche Ach,
+ Gleitet sie nieder und fällt gemach! —
+ Gegen die Zieh’nde mit drohendem Arm
+ Hebt sich verfolgend der blühende Schwarm:
+ „Höhnet die Feigen! Sie fliehn aus dem Krieg!
+ Kränzet die Locken und feiert den Sieg!“
+
+ Also vergnügt sich das sterbliche Heer
+ Mit dem gelassnen, dem ewigen Meer.
+
+ C. F. Meyer.
+
+
+
+
+Die Stadt.
+
+
+ Am grauen Strand, am grauen Meer
+ Und seitab liegt die Stadt;
+ Der Nebel drückt die Dächer schwer,
+ Und durch die Stille braust das Meer
+ Eintönig um die Stadt.
+
+ Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
+ Kein Vogel ohn Unterlaß;
+ Die Wandergans mit hartem Schrei
+ Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
+ Am Strande weht das Gras.
+
+ Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
+ Du graue Stadt am Meer;
+ Der Jugend Zauber für und für
+ Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
+ Du graue Stadt am Meer.
+
+ Theodor Storm.
+
+
+
+
+Spruch.
+
+
+ Drüben von dem sel’gen Lande
+ Kommt ein seltsam Grüßen her,
+ Warum zagst du noch am Strande?
+ Graut dir, weil im falschen Meer
+ Draußen auf verlornem Schiffe
+ Mancher frischer Segel sinkt?
+ Und vom halbversunknen Riffe
+ Meerfey nachts verwirrend singt?
+ Wagst du’s nicht draufhin zu stranden,
+ Wirst du nimmer drüben landen!
+
+ Jos. v. Eichendorff.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der deutsche Spielmann
+
+
+herausgegeben von +Ernst Weber+, verlegt von +Georg D. W.
+Callwey-München+, nennt sich ein dichterisches Sammelwerk für Jugend
+und Volk. +Das Beste+ der gesamten deutschen Literatur in Poesie und
+Prosa, insoferne die Stücke kinder- und volkstümlich genannt werden
+können, will er geben. Die Sammlung gliedert sich in Einzelbände, von
+denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und von einem
+Künstler illustriert erscheint, dessen Eigenart dem Charakter des
+jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Obgleich
+auch einzeln erhältlich, eignet sich doch die ganze Folge wie kaum ein
+zweites Werk der Vergangenheit und der Gegenwart zur Anschaffung für
+öffentliche Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Unterrichts in
+den Schulen und für die Familienbücherei; +sie hofft, auch zum eisernen
+Bestand jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden+. Denn der deutsche
+Spielmann huldigt ja nicht einer vorübergehenden Mode des Tages. Er
+schöpft aus dem aufgespeicherten Schatz der Jahrhunderte und wird darum
+auch seine Geltung für das Jahrhundert behalten. Es liegen folgende
+Bände vor:
+
+ Band 1 Kindheit, illustriert von Ernst Kreidolf
+ „ 2 Wanderer, „ „ J. V. Cissarz
+ „ 3 Wald, „ „ W. Weingärtner
+ „ 4 Hochland, „ „ Franz Hoch
+ „ 5 Meer, „ „ J. V. Cissarz
+ „ 6 Helden, „ „ W. Weingärtner
+ „ 7 Schalk, „ „ Julius Diez
+ „ 8 Legenden, „ „ G. Ad. Stroedel
+ „ 9 Arbeiter, „ „ Georg Osk. Erler
+ „ 10 Soldaten, „ „ Georg Osk. Erler
+ „ 11 Sänger, „ „ Hans Röhm
+ „ 12 Frühling, „ „ Hans v. Volkmann
+ „ 13 Sommer, „ „ Edm. Steppes
+ „ 14 Herbst, „ „ Karl Biese
+ „ 15 Winter, „ „ Karl Biese
+ „ 16 Gute alte Zeit, „ „ Rud. Schiestl
+ „ 17 Himmel und Hölle, „ „ Julius Diez
+ „ 18 Stadt und Land, „ „ J. V. Cissarz
+ „ 19 Bach und Strom, „ „ E. Liebermann
+ „ 20 Heide, „ „ Adalb. Holzer
+ „ 21 Arme und Reiche, „ „ J. Widnmann
+ „ 22 Abenteurer, „ „ Rud. Schiestl
+ „ 23 Germanentum, „ „ Hans Röhm
+ „ 24 Mittelalter, „ „ Hans Schroedter
+ „ 25 Zeit der Wandlungen, „ „ Carl Roesch
+ „ 26 Neuzeit, „ „ Angelo Jank
+ „ 27 Gespenster, „ „ Julius Diez
+ „ 28 Tod, „ „ Math. Schiestl
+ „ 29 Blumen u. Bäume, „ „ Rud. Sieck
+ „ 30 Nordland, „ „ Ludw. Koch-Hanau
+ „ 31 Italien, „ „ Hans Volkert
+ „ 32 Hellas, „ „ Karl Bauer
+ „ 33 Fremde Zonen, „ „ Hans Volkert
+ „ 34 Vaterland, „ „ Wilh. Roegge jun.
+ „ 35 Tierwelt, „ „ Ludwig Werner
+ „ 36 Menschenherzen, „ „ Rud. Schiestl
+ „ 37 Glück und Trost, „ „ Hans Schwegerle
+ „ 38 Tag und Nacht, „ „ Otto Bauriedl
+ „ 39 Riesen und Zwerge, „ „ Rud. Schiestl
+ „ 40 Fabelreich, „ „ Ernst Weber
+
+Jeder Band kostet kartoniert Mk. 1.—
+
+Ausführlicher Prospekt ist durch jede Buchhandlung erhältlich oder vom
+Verlage Georg D. W. Callwey in München.
+
+Eine Anzahl von Bändchen, die sich inhaltlich gewissermaßen ergänzen,
+wurden zu Sammelbänden vereinigt. So entstanden, zum Preise von je Mk.
+4.50:
+
+ _Das deutsche Jahr_, umfassend die Bändchen: Frühling, Sommer,
+ Herbst, Winter.
+
+ _Deutsches Volk_, umfassend die Bändchen: Gute alte Zeit, Schalk,
+ Arbeiter, Soldaten.
+
+ _Deutsches Land_, umfassend die Bändchen: Bach und Strom, Wald,
+ Heide, Hochland.
+
+ _Deutsche Gestalten_, umfassend die Bändchen: Arme und Reiche,
+ Sänger, Helden, Abenteurer.
+
+ _Deutsche Geschichte_, umfassend die Bändchen: Germanentum,
+ Mittelalter, Zeit der Wandlungen, Neuzeit.
+
+ _Deutscher Glaube_, umfassend die Bändchen: Legenden, Gespenster,
+ Tod, Himmel und Hölle.
+
+ _Fremde Welt_, umfassend die Bändchen: Nordland, Italien, Hellas,
+ Fremde Zonen.
+
+ _Deutsche Heimat_, umfassend die Bändchen: Vaterland, Tag und Nacht,
+ Stadt und Land, Meer.
+
+ _Deutsches Leben_, umfassend die Bändchen: Kindheit, Wanderer,
+ Menschenherzen, Glück und Trost.
+
+ _Deutsche Natur_, umfassend die Bändchen: Blumen und Bäume, Tierwelt,
+ Riesen und Zwerge, Fabelreich.
+
+Von der warmen, begeisterten Aufnahme, die dem deutschen Spielmann
+seitens der gesamten deutschen Presse, der politischen wie der
+literarischen und pädagogischen, zuteil wurde, mögen folgende Kritiken
+Zeugnis geben.
+
+ =Jugendschriften-Warte=, Organ der vereinigten deutschen
+ Prüfungs-Ausschüsse für Jugendschriften:
+
+— Die Auswahl macht dem Herausgeber alle Ehre, es ist ein fruchtbarer
+Gedanke, nach Kategorien zusammenzustellen. Im deutschen Dichterwald
+sind der Klänge zu viele, sodaß die Gefahr der Monotonie sehr ferne
+liegt. Ich empfehle die Bücher für größere Kinder sehr. Herm. L.
+Köster, Vorsitzender des Hamburger Prüfungsausschusses.
+
+Die Bände 1–30 wurden bisher in das „+Verzeichnis empfehlenswerter
+Bücher für die Jugend+“ aufgenommen, das die +vereinigten deutschen
+Prüfungsausschüsse für Jugendschriften+ herausgeben. Die übrigen werden
+noch geprüft.
+
+
+=Augsburger Postzeitung=:
+
+„... Der deutsche Spielmann ist ein deutsches Hausbuch, an welchem
+Alt und Jung sich warmlesen können, aus welchem deutsches Wesen
+und deutsche Art hervorsprudelt und das einen Ehrenplatz in allen
+Büchereien verdient.“
+
+
+=Leipziger illustrierte Zeitung=:
+
+„Für die neu erschienenen Bände des dichterischen Sammelwerkes „Der
+deutsche Spielmann“ genügen wenige Worte ... Sie haben bisher bei
+Presse und Publikum eine so begeisterte Aufnahme gefunden, daß eine
+nähere Charakterisierung überflüssig ist.“
+
+
+=Bremer Nachrichten=:
+
+„... Eine eigentliche Jugendschrift ist der „Deutsche Spielmann“ nicht,
+will er auch nicht sein, bezeichnet er sich doch selbst als „eine
+Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk.“ Er ist
+eben .. ein Familienschatz, in welchem die Jugend etwa vom 9. Jahre
+an, wie auch der Erwachsene immer eine Fundgrube edelster Unterhaltung
+finden wird. Ich kann auch allen Interessenten nur empfehlen, sich mit
+der Zeit die ganze Sammlung zuzulegen ....“
+
+
+=St. Gallener Blätter=:
+
+„... Daß sie in Masse unter das Volk kämen, zu allen Empfänglichen,
+diese Spielmannsbüchlein mit all ihrem Singen und Sagen von Freud’
+und Weh’, mit all ihrer hellen und dunkeln Kunde von Vergangenheit,
+Gegenwart und Zukunftsträumen des Menschseins! ...“
+
+
+=Mecklenburger Schulzeitung=:
+
+„Das ist mal was Schönes! Die Sammlung gliedert sich in Einzelbände,
+jeder Band bildet ein geschlossenes Ganze und bietet das Beste aus der
+gesamten deutschen Literatur. Jede Bibliothek sollte diese, auf den
+Massenabsatz berechneten Hefte anschaffen. Der Preis ist unglaublich
+billig, die Ausstattung vorzüglich ....“
+
+
+=Xenien=: „Nach den mir vorliegenden Bändchen des Spielmann darf
+man das Unternehmen geradezu als vorbildlich bezeichnen! Weitesten
+Kreisen von Jung und Alt die besten Schöpfungen der Vergangenheit
+und Gegenwart, nach lebensbeherrschenden Gedankenzentren geordnet,
+für Mk. 1.— den Band, zugänglich gemacht: welcher Bildungswert
+fürs Volk! Dürfte man hoffen: auch welcher Abbruch für das
+Hintertreppenschrifttum! ...“
+
+
+=Allgemeines Literaturblatt=, Wien:
+
+„Der unglaublich billige Preis bei vorzüglicher Ausstattung ermöglicht
+es und läßt es wünschen, daß diese Bücher tief ins Volk dringen,
+dem nach all der parfümierten Unkunst der Moderne ein Zurückgreifen
+auf die, wenn auch manchmal derbe, doch ehrliche und stets gesunde
+Volkskraft und auf die Natur nur frommen kann. +Eine Anthologie
+nach diesen Gesichtspunkten, mit dieser Bilderbeigabe, in dieser
+Ausstattung, zu diesem Preise verdient die wärmste Empfehlung.+“
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78932 ***