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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78932 ***
+
+ ####################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1898 so weit
+ wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
+ wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
+ verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
+
+ Das Inhaltsverzeichnis wurde der Übersichtlichkeit halber vom
+ Bearbeiter erstellt und an den Anfang des Buches gesetzt. Wie in
+ den anderen Ausgaben dieser Buchreihe, erscheint im Original der
+ Titel ‚Geleitspruch des deutschen Spielmanns‘ nicht als Überschrift,
+ wurde aus Gründen der Vereinheitlichung aber dennoch in das
+ Inhaltsverzeichnis übernommen.
+
+ Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
+ folgenden Symbole gekennzeichnet:
+
+ unterstrichen: _Unterstriche_
+ fett: =Gleichheitszeichen=
+ gesperrt: +Pluszeichen+
+ Antiqua: ~Tilden~
+
+ ####################################################################
+
+
+
+
+ Der deutsche Spielmann
+
+ Eine Auswahl aus dem
+ Schatz deutscher Dichtung
+ * für Jugend und Volk *
+
+
+ Herausgegeben von Ernst Weber
+
+ Mit Bildern von deutschen Künstlern
+
+
+ Band V: Meer
+
+
+ München 1903 * * * Verlag des deutschen Spielmanns:
+ Georg D. W. Callwey und Carl Haushalter G. m. b. H.
+
+
+
+
+ Meer
+
+
+ Die weite See, das Ziel deutscher Sehnsucht,
+ * * * * wie es lockt und schreckt * * * *
+
+
+ Gesammelt von Ernst Weber
+
+ Bildschmuck von J. V. Cissarz
+
+
+ [Illustration]
+
+
+ München 1903 * * * Verlag des deutschen Spielmanns:
+ Georg D. W. Callwey und Carl Haushalter G. m. b. H.
+
+
+
+
+ Druck von Georg D. W. Callwey in München.
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ Seite
+
+ Geleitspruch des deutschen Spielmanns 7
+
+ An das Meer (Leuthold) 8
+
+ Der Freund (Eichendorff) 8
+
+ Der junge Schiffer (Hebbel) 9
+
+ Norderney (Heine) 10
+
+ Am Strande (Grün) 14
+
+ Der kleine Hydriot 15
+
+ Seefahrt (Goethe) 16
+
+ Auf offener See (Eichendorff) 17
+
+ Der Seemorgen (Lenau) 17
+
+ Frieden (Heine) 18
+
+ Meerfahrt (Freiligrath) 19
+
+ Meeres Stille (21)
+
+ Ich seh’ von des Schiffes Rande ... (Eichendorff) 21
+
+ Sturm mit seinen Donnerschlägen ... (Lenau) 22
+
+ Glückliche Fahrt (Goethe) 22
+
+ Der goldene Tod (Avenarius) 23
+
+ Teerspitterchens Tochter (Blüthgen) 24
+
+ Der Klabautermann (Kopisch) 32
+
+ Wanderer und Wind (Lenau) 35
+
+ Nun kommt der Sturm (Seibel) 36
+
+ Das Meer (Heine) 37
+
+ Leander und Selin (Ew. v. Kleist) 37
+
+ Die Vergeltung (v. Droste-Hülshoff) 39
+
+ Konquistadores (C. F. Meyer) 42
+
+ Eine Seeräubergeschichte (Seibel) 45
+
+ Das Haus am Meer (Hebbel) 49
+
+ Nis Randers (O. Ernst) 51
+
+ Das Wrack (F. W. Weber) 52
+
+ Meeresstrand (Storm) 55
+
+ Meeresrauschen (Masius) 55
+
+ Der Gesang des Meeres (C. F. Meyer) 56
+
+ Ostern (Storm) 57
+
+ Geistesgruß (Goethe) 58
+
+ Turmwächterlied (F. de la Motte Fouqué) 58
+
+ Am Turme (v. Droste-Hülshoff) 60
+
+ Old Mütterchen (Kopisch) 61
+
+ Der Riese im Sturm (Kopisch) 65
+
+ Flut und Ebbe (C. F. Meyer) 66
+
+ Die Stadt (Storm) 69
+
+ Spruch (Eichendorff) 70
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+ Vom Meer will ich Euch künden,
+ Vom endlos großen Meer,
+ Von seinen Wellenschlünden,
+ Den Fluten grimm und schwer,
+ Von seiner tiefen Stille,
+ Die kaum den Odem regt,
+ Bis ein gewalt’ger Wille
+ Den Sturm darüber fegt.
+
+ Es ist seit alten Tagen
+ Das Meer der Sehnsucht Ziel;
+ Es klingt durch unsre Sagen
+ Der Wogen rauschend Spiel.
+ Die alten Spielmannsrecken,
+ Herrn Volker und Horand,
+ Das Meer mit seinen Schrecken,
+ Es hielt sie nicht am Strand.
+
+ Sie haben ihm entrungen
+ Die königliche Braut;
+ Es hat ihr Mund gesungen,
+ Was ihm das Meer vertraut.
+ Ist die bewegte Welle
+ Doch recht der Seele Bild,
+ Bald düster und bald helle,
+ Bald träumend und bald wild.
+
+ Und wo in unsern Reigen
+ Von ihr ein Raunen schwebt,
+ Da ist uns wohl zu eigen,
+ Als hätten wir’s erlebt. —
+ So rausche denn und ruhe,
+ Wir stehen hoch am Strand,
+ Und wirf aus dunkler Truhe
+ Uns Perlen in die Hand!
+
+ Der deutsche Spielmann.
+
+
+
+
+An das Meer.
+
+
+ Gruß dir, frührotschimmerndes Meer! Gewaltig
+ Haucht dein herber Odem mich an, und wieder
+ Tragen aufwärts mich die des Fluges entwöhnten
+ Schwingen der Seele.
+
+ Dir im Schoß ruhn Tempel vergessner Götter,
+ Ruhn versunkne Städte, es ruhen neben
+ Völkerketten untergegangner Reiche
+ Kronen im Schoße dir.
+
+ Tyrus alten Glanz und den Stolz Karthagos,
+ Romas Weltherrschaft und Venedigs Größe
+ Deckst du zu mit deiner Gewässer dunkel
+ rollendem Bahrtuch.
+
+ Tiefgeheimnisvoll, wie des Weltenschicksals
+ Stimme tönet dein Donnergebrüll ins Ohr mir
+ Ehern, rauh, hohnlachend, so vieler Völker
+ Wiegen- und Grablied.
+
+ Oft wie Atemzüge des großen Weltgeists
+ Weht’s aus deinen Tiefen; mir ist, als hört’ ich
+ Heil’ge Laute, welche der Schöpfungssagen
+ Rätsel mir lösen.
+
+ Fritz Leuthold.
+
+
+
+
+Der Freund.
+
+
+ Wer auf den Wogen schliefe,
+ Ein sanft gewiegtes Kind,
+ Kennt nicht des Lebens Tiefe,
+ Vor süßem Träumen blind.
+
+ Doch wen die Stürme fassen
+ Zu wildem Tanz und Fest,
+ Wen hoch auf dunklen Straßen
+ Die falsche Welt verläßt:
+
+ Der lernt sich wacker rühren,
+ Durch Nacht und Klippen hin
+ Lernt der das Steuer führen
+ Mit sichrem, ernstem Sinn.
+
+[Illustration]
+
+ Der ist vom echten Kerne,
+ Erprobt zu Lust und Pein,
+ Der glaubt an Gott und Sterne,
+ Der soll mein Schiffmann sein!
+
+ Jos. v. Eichendorff.
+
+
+
+
+Der junge Schiffer.
+
+
+ Dort bläht ein Schiff die Segel,
+ Frisch saust hinein der Wind;
+ Der Anker wird gelichtet,
+ Das Steuer flugs gerichtet,
+ Nun fliegt’s hinaus geschwind.
+
+ Ein kühner Wasservogel
+ Kreist grüßend um den Mast,
+ Die Sonne brennt herunter,
+ Manch Fischlein, blank und munter,
+ Umgaukelt keck den Gast.
+
+ Wär’ gern hinein gesprungen,
+ Da draußen ist mein Reich!
+ Ich bin ja jung von Jahren,
+ Da ist’s mir nur um’s Fahren,
+ Wohin? Das gilt mir gleich!
+
+ Friedr. Hebbel.
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Norderney.
+
+
+Es geht ein starker Nordwind, und die Hexen haben wieder viel Unheil
+im Sinne. Man hegt hier nämlich wunderliche Sagen von Hexen, die den
+Sturm zu beschwören wissen, wie es denn überhaupt auf allen nordischen
+Meeren viel Aberglauben gibt. Die Seeleute behaupten, manche Insel
+stehe unter der geheimen Herrschaft ganz besonderer Hexen, und dem
+bösen Willen derselben sei es zuzuschreiben, wenn den vorbeifahrenden
+Schiffen allerlei Widerwärtigkeiten begegnen. Als ich voriges Jahr
+einige Zeit auf der See lag, erzählte mir der Steuermann unseres
+Schiffes, die Hexen wären besonders mächtig auf der Insel Wight und
+suchten jedes Schiff, das bei Tage dort vorbeifahren wolle, bis zur
+Nachtzeit aufzuhalten, um es alsdann an Klippen oder an die Insel
+selbst zu treiben. In solchen Fällen höre man diese Hexen so laut durch
+die Luft sausen und um das Schiff herumheulen, daß der Klabotermann
+ihnen nur mit vieler Mühe widerstehen könne. Als ich nun fragte, wer
+der Klabotermann sei, antwortete der Erzähler sehr ernsthaft: „Das ist
+der gute, unsichtbare Schutzpatron der Schiffe, der da verhütet, daß
+den treuen und ordentlichen Schiffern Unglück begegne, der da überall
+selbst nachsieht und sowohl für die Ordnung wie für die gute Fahrt
+sorgt.“ Der wackere Steuermann versicherte mit etwas heimlicherer
+Stimme, ich könne ihn selber sehr gut im Schiffsraume hören, wo er die
+Waren gern noch besser nachstaue, daher das Knarren der Fässer und
+Kisten, wenn das Meer hoch gehe, daher bisweilen das Dröhnen unserer
+Balken und Bretter; oft hämmere der Klabotermann auch außen am Schiffe,
+und das gelte dann dem Zimmermann, der dadurch gemahnt werde, eine
+schadhafte Stelle ungesäumt auszubessern; am liebsten aber setze er
+sich auf das Bramsegel, zum Zeichen, daß guter Wind wehe oder sich
+nahe. Auf meine Frage, ob man ihn nicht sehen könne, erhielt ich zur
+Antwort, nein, man sehe ihn nicht, auch wünsche keiner ihn zu sehen, da
+er sich nur dann zeige, wenn keine Rettung mehr vorhanden sei. Einen
+solchen Fall hatte zwar der gute Steuermann noch nicht selbst erlebt,
+aber von andern wollte er wissen, den Klabotermann höre man alsdann vom
+Bramsegel herab mit den Geistern sprechen, die ihm untertan sind; doch
+wenn der Sturm zu stark und das Scheitern unvermeidlich würde, setze
+er sich auf das Steuer, zeige sich da zum ersten Male und verschwinde,
+indem er das Steuer zerbräche. Diejenigen aber, die ihn in diesem
+furchtbaren Augenblicke sähen, fänden unmittelbar darauf den Tod in den
+Wellen.
+
+Der Schiffskapitän, der dieser Erzählung mit zugehört hatte, lächelte
+so fein, wie ich seinem rauhen, wind- und wetterdienenden Gesichte
+nicht zugetraut hätte, und nachher versicherte er mir, vor fünfzig
+oder gar vor hundert Jahren sei auf dem Meere der Glaube an den
+Klabotermann so stark gewesen, daß man bei Tische immer auch ein Gedeck
+für denselben aufgelegt und von jeder Speise etwa das Beste auf seinen
+Teller gelegt habe, ja, auf einigen Schiffen geschehe das noch jetzt.
+
+Ich gehe hier oft am Strande spazieren und gedenke solcher
+seemännischen Wundersagen. Die anziehendste derselben ist wohl die
+Geschichte vom fliegenden Holländer, den man im Sturm mit aufgespannten
+Segeln vorbeifahren sieht, und der zuweilen ein Boot aussetzt, um den
+begegnenden Schiffen allerlei Briefe mitzugeben, die man nachher nicht
+zu besorgen weiß, da sie an längst verstorbene Personen adressiert
+sind. Manchmal gedenke ich auch des alten, lieben Märchens von dem
+Fischerknaben, der am Strande den nächtlichen Reigen der Meernixen
+belauscht hatte und nachher mit seiner Geige die ganze Welt durchzog
+und alle Menschen zauberhaft entzückte, wenn er ihnen die Melodie
+des Nixenwalzers vorspielte. Diese Sage erzählte mir einst ein lieber
+Freund, als wir im Konzerte zu Berlin solch einen wundermächtigen
+Knaben, den Felix Mendelssohn-Bartholdy, spielen hörten.
+
+Einen eigentümlichen Reiz gewährt das Kreuzen um die Insel. Das Wetter
+muß aber schön sein, die Wolken müssen sich ungewöhnlich gestalten,
+und man muß rücklings auf dem Verdecke liegen und in den Himmel sehen
+und allenfalls auch ein Stückchen Himmel im Herzen haben. Die Wellen
+murmeln alsdann allerlei wunderliches Zeug, allerlei Worte, woran liebe
+Erinnerungen flattern, allerlei Namen, die wie süße Ahnung in der Seele
+wiederklingen. Dann kommen auch Schiffe vorbeigefahren, und man grüßt,
+als ob man sich alle Tage wiedersehen könnte. Nur des Nachts hat das
+Begegnen fremder Schiffe auf dem Meere etwas Unheimliches; man will
+sich dann einbilden, die besten Freunde, die wir seit Jahren nicht
+gesehen, führen schweigend vorbei, und man verlöre sie auf immer.
+
+Ich liebe das Meer wie meine Seele.
+
+Oft wird mir sogar zu Mute, als sei das Meer eigentlich meine Seele
+selbst; und wie es im Meere verborgene Wasserpflanzen gibt, die nur im
+Augenblick des Aufblühens an dessen Oberfläche heraufschwimmen und im
+Augenblick des Verblühens wieder hinabtauchen, so kommen zuweilen auch
+wunderbare Blumenbilder heraufgeschwommen aus der Tiefe meiner Seele
+und duften und leuchten und verschwinden wieder.
+
+Man sagt, unfern dieser Insel, wo jetzt nichts als Wasser ist, hätten
+einst die schönsten Dörfer und Städte gestanden, das Meer habe sie
+plötzlich alle überschwemmt, und bei klarem Wetter sähen die Schiffer
+noch die leuchtenden Spitzen der versunkenen Kirchtürme, und mancher
+habe dort in der Sonntagsfrühe sogar ein frommes Glockengeläute gehört.
+Die Geschichte ist wahr; denn das Meer ist meine Seele —
+
+ „Eine schöne Welt ist da versunken,
+ Ihre Trümmer blieben unten stehn,
+ Lassen sich als goldne Himmelsfunken
+ Oft im Spiegel meiner Träume sehn.“
+
+ (Wilh. Müller.)
+
+Geht man am Strande spazieren, so gewähren die vorbeifahrenden Schiffe
+einen schönen Anblick. Haben sie die blendend weißen Segel aufgespannt,
+so sehen sie aus wie vorbeiziehende große Schwäne. Gar besonders schön
+ist dieser Anblick, wenn die Sonne hinter dem vorbeisegelnden Schiffe
+untergeht, und dieses wie von einer riesigen Glorie umstrahlt wird.
+
+Die Jagd am Strande soll ebenfalls ein großes Vergnügen gewähren.
+Was mich betrifft, so weiß ich es nicht sonderlich zu schätzen. Der
+Sinn für das Edle, Schöne und Gute läßt sich oft durch Erziehung den
+Menschen beibringen; aber der Sinn für die Jagd liegt im Blute. Wenn
+die Ahnen schon seit undenklichen Zeiten Rehböcke geschossen haben, so
+findet auch der Enkel ein Vergnügen an dieser legitimen Beschäftigung.
+Meine Ahnen gehörten aber nicht zu den Jagenden, viel eher zu den
+Gejagten, und soll ich auf die Nachkömmlinge ihrer ehemaligen Kollegen
+losdrücken, so empört sich dawider mein Blut.
+
+Des Versuchs halber, denn ich muß mein Blut besser gewöhnen, ging
+ich gestern auf die Jagd. Ich schoß nach einigen Möwen, die gar zu
+sicher umherflatterten und doch nicht bestimmt wissen konnten, daß ich
+schlecht schieße. Ich wollte sie nicht treffen und sie nur warnen, sich
+ein anderes Mal vor Leuten mit Flinten in acht zu nehmen; aber mein
+Schuß ging fehl, und ich hatte das Unglück, eine junge Möwe tot zu
+schießen. Es ist gut, daß es keine alte war; denn was wäre dann aus den
+armen kleinen Möwchen geworden, die, noch unbefiedert, im Sandneste der
+großen Düne liegen und ohne die Mutter verhungern müßten! Mir ahndete
+schon vorher, daß mich auf der Jagd ein Mißgeschick treffen würde: ein
+Hase war mir über den Weg gelaufen.
+
+Gar besonders wunderbar wird mir zu Mute, wenn ich allein in der
+Dämmerung am Strande wandle, — hinter mir flache Dünen, vor mir das
+wogende, unermeßliche Meer, über mir der Himmel wie eine riesige
+Krystallkuppel, — ich erscheine mir dann selbst sehr ameisenklein, und
+dennoch dehnt sich meine Seele so meilenweit. Die hohe Einfachheit der
+Natur, wie sie mich hier umgibt, zähmt und erhebt mich zu gleicher
+Zeit, und zwar in stärkerem Grade als jemals eine andere erhabene
+Umgebung. Nie war mir ein Dom groß genug; meine Seele mit ihrem alten
+Titanengebet strebte immer höher, als die gotischen Pfeiler, und wollte
+immer hinausbrechen durch das Dach. Auf der Spitze der Roßtrappe
+haben mir beim ersten Anblick die kolossalen Felsen in ihren kühnen
+Gruppierungen ziemlich imponiert; aber dieser Eindruck dauerte nicht
+lange; meine Seele war nur überrascht, nicht überwältigt, und jene
+ungeheuren Steinmassen wurden in meinen Augen allmählich kleiner,
+und am Ende erschienen sie wie geringe Trümmer eines zerschlagenen
+Riesenpalastes, worin sich meine Seele vielleicht komfortabel befunden
+hätte.
+
+ Heinr. Heine.
+
+
+
+
+Am Strande.
+
+
+ Auf hochgestapelte Ballen blickt
+ Der Kaufherr mit Ergötzen;
+ Ein armer Fischer daneben flickt
+ Betrübt an zerrißnen Netzen.
+
+ Manch rüstig stolzbewimpelt Schiff,
+ Manch morsches Wrack im Sande!
+ Der Hafen hier und dort das Riff,
+ Jetzt Flut, jetzt Ebb’ am Strande.
+
+ Hier Sonnenblick, Sturmwolken dort;
+ Hier Schweigen, dorten Lieder,
+ Und Heimkehr hier, dort Abschiedswort;
+ Die Segel auf und nieder!
+
+ Zwei Jungfraun sitzen am Meeresstrand;
+ Die eine weint in die Fluten,
+ Die andre mit dem Kranz in der Hand
+ Wirft Rosen in die Fluten.
+
+ Die eine, trüber Wehmut Bild,
+ Stöhnt mit geheimem Beben:
+ „O Meer, o Meer, so trüb und wild,
+ Wie gleichst du so ganz dem Leben!“
+
+ Die andre, lichter Freude Bild,
+ Kost selig lächelnd daneben:
+ „O Meer, o Meer, so licht und mild,
+ Wie gleichst du so ganz dem Leben!“
+
+ Fortbraust das Meer und überklingt
+ Das Stöhnen wie das Kosen;
+ Fortwogt das Meer, und, ach, verschlingt
+ Die Tränen wie die Rosen.
+
+ Anast. Grün.
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der kleine Hydriot.
+
+
+ Ich war ein kleiner Knabe, stand fest kaum auf dem Bein,
+ Da nahm mich schon mein Vater mit in das Meer hinein,
+ Und lehrte leicht mich schwimmen an seiner sichern Hand,
+ Und in die Fluten tauchen bis nieder auf den Sand.
+ Ein Silberstückchen warf er dreimal ins Meer hinab,
+ Und dreimal mußt ich’s holen, eh’ er’s zum Lohn mir gab.
+ Dann reicht er mir ein Ruder, hieß in ein Boot mich gehn,
+ Er selber blieb zur Seite mir unverdrossen stehn,
+ Wies mir, wie man die Woge mit scharfem Schlage bricht,
+ Wie man die Wirbel meidet und mit der Brandung ficht.
+ Und von dem kleinen Kahne ging’s flugs ins große Schiff,
+ Es trieben uns die Stürme um manches Felsenriff.
+ Ich saß auf hohem Maste, sah über Meer und Land,
+ Es schwebten Berg’ und Türme vorüber mit dem Strand.
+ Der Vater hieß mich merken auf jedes Vogels Flug,
+ Auf aller Winde Wehen, auf aller Wolken Zug;
+ Und bogen dann die Stürme den Mast bis in die Flut,
+ Und spritzten dann die Wogen hoch über meinen Hut,
+ Da sah der Vater prüfend mir in das Angesicht —
+ Ich saß in meinem Korbe und rüttelte mich nicht. —
+ Da sprach er, und die Wange ward ihm wie Blut so rot:
+ „Glück zu, auf deinem Maste, du kleiner Hydriot!“ —
+ Und heute gab der Vater ein Schwert mir in die Hand,
+ Und weihte mich zum Kämpfer für Gott und Vaterland.
+ Er maß mich mit den Blicken vom Kopf bis zu den Zehn:
+ Mir war’s, als tät sein Auge hinab ins Herz mir sehn.
+ Ich hielt mein Schwert gen Himmel und schaut’ ihn sicher an
+ Und däuchte mich zur Stunde nicht schlechter als ein Mann.
+ Da sprach er, und die Wange ward ihm wie Blut so rot:
+ „Glück zu, mit deinem Schwerte, du kleiner Hydriot!“
+
+ Wilh. Müller.
+
+
+
+
+Seefahrt.
+
+
+ Lange Tag’ und Nächte stand mein Schiff befrachtet;
+ Günst’ger Winde harrend saß mit treuen Freunden,
+ Mir Geduld und guten Mut erzechend,
+ Ich im Hafen.
+
+ Und sie waren doppelt ungeduldig:
+ Gerne gönnen wir die schnellste Reise,
+ Gern die hohe Fahrt dir; Güterfülle
+ Wartet drüben in den Welten deiner,
+ Wird Rückkehrendem in unsern Armen
+ Lieb’ und Preis dir.
+
+ Und am frühen Morgen ward’s Getümmel,
+ Und dem Schlaf entjauchzt uns der Matrose,
+ Alles wimmelt, alles lebet, webet,
+ Mit dem ersten Segenshauch zu schiffen.
+
+ Und die Segel blähen in dem Hauche,
+ Und die Sonne lockt mit Feuerliebe;
+ Ziehn die Segel, ziehn die hohen Wolken,
+ Jauchzen an dem Ufer alle Freunde
+ Hoffnungslieder nach, im Freudentaumel
+ Reisefreuden wähnend, wie des Einschiffmorgens,
+ Wie der ersten hohen Sternennächte.
+
+ Aber gottgesandte Wechselwinde treiben
+ Seitwärts ihn der vorgesteckten Fahrt ab,
+ Und er scheint sich ihnen hinzugeben,
+ Strebet leise, sie zu überlisten,
+ Treu dem Zweck auch auf dem schiefen Wege.
+
+ Aber aus der dumpfen grauen Ferne
+ Kündet leise wandelnd sich der Sturm an,
+ Drückt die Vögel nieder aufs Gewässer,
+ Drückt der Menschen schwellend Herz darnieder,
+ Und er kommt. Vor seinem starren Wüten
+ Streckt der Schiffer klug die Segel nieder;
+ Mit dem angsterfüllten Balle spielen
+ Wind und Wellen.
+
+ Und an jenem Ufer drüben stehen
+ Freund’ und Lieben, beben auf dem Festen:
+ Ach, warum ist er nicht hier geblieben!
+ Ach, der Sturm! Verschlagen weg vom Glücke!
+ Soll der Gute so zu Grunde gehen?
+ Ach, er sollte, ach, er könnte! Götter!
+
+ Doch er stehet männlich an dem Steuer;
+ Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen,
+ Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen;
+ Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe,
+ Und vertrauet, scheiternd oder landend.
+
+ Wolfg. v. Goethe.
+
+
+
+
+Auf offener See.
+
+
+ Ade, du Küste mit den falschen Sorgen,
+ Furcht, Glück und Not, sinkt unter in das Meer!
+ Nun bin ich frei, jetzt bin ich erst geborgen,
+ Kein eitles Hoffen langet bis hierher.
+ Wie still, wohin ich auch die Blicke wende,
+ Wie weit und hoch und ringsum ohne Ende!
+ Gestirne, Wolken gehen auf und unter
+ Und spiegeln sich im stillen Ozean,
+ Hoch Himmel über mir und Himmel drunter,
+ Inmitten wie so klein mein schwacher Kahn!
+ Walt’ Gott, ihm hab’ ich alles übergeben,
+ Nun komm nur, Sturm, ich fürcht’ nicht Tod noch Leben.
+
+ Jos. v. Eichendorff.
+
+
+
+
+Der Seemorgen.
+
+
+ Der Morgen frisch, die Winde gut,
+ Die Sonne glüht so helle,
+ Und brausend geht es durch die Flut,
+ Wie wandern wir so schnelle!
+
+ Die Wogen stürzen sich heran;
+ Doch wie sie auch sich bäumen,
+ Dem Schiff sich werfend in die Bahn,
+ In toller Mühe schäumen:
+
+ Das Schiff voll froher Wanderlust
+ Zieht fort unaufzuhalten,
+ Und mächtig wird von seiner Brust
+ Der Wogendrang gespalten;
+
+ Gewirkt von goldner Strahlenhand
+ Aus dem Gesprüh der Wogen,
+ Kommt ihm zur Seit’ ein Irisband
+ Hellflatternd nachgeflogen.
+
+ So weit nach Land mein Auge schweift,
+ Seh’ ich die Flut sich dehnen,
+ Die uferlose; mich ergreift
+ Ein ungeduldig Sehnen.
+
+ Daß ich so lang euch meiden muß
+ Berg, Wiese, Laub und Blüte! —
+ Da lächelt seinen Morgengruß
+ Ein Kind aus der Kajüte.
+
+ Wo fremd die Luft, das Himmelslicht,
+ Im kalten Wogenlärme,
+ Wie wohl tut Menschenangesicht
+ Mit seiner stillen Wärme!
+
+ Nik. Lenau.
+
+
+
+
+Frieden.
+
+
+ Hoch am Himmel stand die Sonne,
+ Von weißen Wolken umringt;
+ Das Meer war still, —
+ Und sinnend lag ich am Steuer des Schiffes,
+ Träumerisch sinnend, — und halb im Wachen
+ Und halb im Schlummer, schaute ich Christus,
+ Den Heiland der Welt.
+ In wallend weißem Gewande
+ Wandelte riesengroß
+ Er über Land und Meer;
+ Es ragte sein Haupt in den Himmel,
+ Die Hände breitete segnend
+ Er über Land und Meer;
+ Und als ein Herz in der Brust
+ Trug er die Sonne,
+ Die rote, flammende Sonne;
+ Und das rote, flammende Sonnenherz
+ Goß seine Gnadenstrahlen
+ Und sein holdes, liebseliges Licht,
+ Erleuchtend und wärmend,
+ Weit über Land und Meer.
+
+ Glockenklänge zogen feierlich
+ Hin und her, zogen wie Schwäne
+ Am Rosenbande das gleitende Schiff,
+ Und zogen es spielend ans grüne Ufer,
+ Wo Menschen wohnen in hochgetürmter,
+ Ragender Stadt.
+
+ O Friedenswunder! Wie still die Stadt!
+ Es ruhte das dumpfe Geräusch
+ Der schwatzenden, schwülen Gewerbe;
+ Und durch die reinen, hallenden Straßen
+ Zogen Menschen, weißgekleidete,
+ Palmzweigtragende;
+ Und wo sich zwei begegneten,
+ Sahn sie sich an, verständnisinnig;
+ Und schauernd in Lieb’ und süßer Entsagung,
+ Küßten sie sich auf die Stirne
+ Und schauten hinauf
+ Nach des Heilands Sonnenherzen,
+ Das freudig versöhnend sein rotes Blut
+ Hinunterstrahlte;
+ Und dreimal selig sprachen sie:
+ Gelobt sei, Jesu Christ!
+
+ Heinr. Heine.
+
+
+
+
+Meerfahrt.
+
+
+ Da schwimm ich allein auf dem stillen Meer;
+ Keine Welle rauscht, es ist eben und glatt.
+ Auf dem sandigen Grunde prächtig und hehr
+ Glänzt die alte, versunkene Stadt.
+
+ In alter verschollner Märchenzeit
+ Verstieß ein König sein Töchterlein;
+ Da lebt es über den Bergen weit
+ Im Walde bei sieben Zwergen klein.
+
+ Und als es starb durch des Giftes Kraft,
+ Ihm eingeflößt von der Mutter arg,
+ Da legt es die kleine Genossenschaft
+ In einen krystallenen Sarg.
+
+ Da lag es in seinem weißen Kleid,
+ Bekränzt mit Blumen, duftend und schön;
+ Da lag es in seiner Lieblichkeit,
+ Und sie konnten es immer sehn.
+
+ So liegst du in deinem Sarg von Krystall,
+ Du geschmückte Leiche, versunknes Julin!
+ Der spielenden Flut durchsichtiger Schwall
+ Zeigt deiner Paläste Glühn!
+
+ Die Türme ragen düster empor
+ Und geben schweigend ihr Trauern kund;
+ Die Mauer durchbricht das gewölbte Tor,
+ Es schimmern die Kirchenfenster bunt.
+
+ Doch in der schauerlich stillen Pracht
+ Keines Menschen Tritt, keine Lust, kein Spiel;
+ Auf Straßen und Märkten ungeschlacht
+ Treibt sich das frische Gewühl.
+
+ Sie glotzen mit glasigen Augen dumm
+ In die Fenster und in die Türen hinein;
+ Sie sehn die Bewohner schläfrig und stumm
+ In ihren Häusern von Stein.
+
+ Ich will hinunter, ich will erneun
+ Die versunkene Pracht, die ertrunkene Lust!
+ Die Zauber des Todes will ich zerstreun
+ Mit dem Odem meiner lebendigen Brust!
+
+ Hinab! — nicht rudert er fürder! Schlaff
+ Und reglos sinken ihm Arm und Fuß:
+ Über seinem Haupte schließt sich das Haff;
+ Er entbietet der Stadt seinen Gruß.
+
+ Er lebt in den Häusern der alten Zeit,
+ Wo die Muschel blitzt, wo der Bernstein glüht.
+ Unten die alte Herrlichkeit,
+ Oben ein Fischerlied.
+
+ Ferd. Freiligrath.
+
+
+
+
+Meeres Stille.
+
+
+ Tiefe Stille herrscht im Wasser,
+ Ohne Regung ruht das Meer,
+ Und bekümmert sieht der Schiffer
+ Glatte Fläche rings umher.
+ Keine Luft von keiner Seite!
+ Todesstille fürchterlich!
+ In der ungeheuern Weite
+ Reget keine Welle sich.
+
+ Wolfg. v. Goethe.
+
+
+ Ich seh’ von des Schiffes Rande
+ Tief in die Flut hinein:
+ Gebirge und grüne Lande
+ Und Trümmer im falben Schein
+ Und zackige Türme im Grunde,
+ Wie ich’s oft im Traum mir gedacht,
+ Das dämmert alles da unten
+ Als wie eine prächtige Nacht.
+
+[Illustration]
+
+ Seekönig auf seiner Warte
+ Sitzt in der Dämmrung tief,
+ Als ob er mit langem Barte
+ Über seiner Harfe schlief’;
+ Da kommen und gehen die Schiffe
+ Darüber, er merkt es kaum,
+ Von seinem Korallenriffe
+ Grüßt er sie wie im Traum.
+
+ Jos. v. Eichendorff.
+
+
+ Sturm mit seinen Donnerschlägen
+ Kann mir nicht wie du
+ So das tiefste Herz bewegen,
+ Tiefe Meeresruh!
+
+ Du allein nur konntest lehren
+ Uns den schönen Wahn
+ Seliger Musik der Sphären,
+ Stiller Ozean!
+
+ Nächtlich Meer, nun ist dein Schweigen
+ So tief ungestört,
+ Daß die Seele wohl ihr eigen
+ Träumen klingen hört:
+
+ Daß im Schutz geschlossnen Mundes
+ Doch mein Herz erschrickt,
+ Das Geheimnis heil’gen Bundes
+ Fester an sich drückt.
+
+ Nik. Lenau.
+
+
+
+
+Glückliche Fahrt.
+
+
+ Die Nebel zerreißen,
+ Der Himmel ist helle,
+ Und Äolus löset
+ Das ängstliche Band.
+ Es säuseln die Winde,
+ Es rührt sich der Schiffer.
+ Geschwinde! Geschwinde!
+ Es teilt sich die Welle,
+ Es naht sich die Ferne;
+ Schon seh’ ich das Land!
+
+ Wolfg. v. Goethe.
+
+
+
+
+Der goldene Tod.
+
+
+ Kein Wind im Segel, die See liegt still —
+ Kein Fisch doch, der sich fangen will!
+ So ziehen die Netze sie wieder herein
+ Und murren, schelten und fluchen drein.
+ Da neben dem Kutter wird’s heller und licht
+ Wie weißliches Haar, wie ein Greisengesicht,
+ Und ein triefendes Haupt taucht auf aus der Flut:
+ „Ei, drollige Menschlein, ich mein’s mit euch gut —
+
+ Ich gönn’ euch von meiner Herde ja viel,
+ Doch heut ist mein Jüngster als Fisch beim Spiel,
+ Den mußt’ ich doch hüten, ich alter Neck,
+ Drum jagt ich sie all miteinander weg —
+ Doch schickt ihr den Jungen mir wieder nach Haus,
+ So werft nur noch einmal das Fangzeug aus:
+ Der schönste ist mein Söhnchen klein,
+ Das übrige mag euer eigen sein!“
+
+ Hei, flogen die Netze jetzt wieder in See!
+ Ho, kaum, daß ihr’ Lasten sie brachten zur Höh’!
+ Wie lebende Wellen, so fort und fort
+ Von köstlichen Fischen, so quoll’s über Bord.
+ Und patscht und schnappt und zappelt und springt —
+ Und bei den Fischern, da tollt’s und singt.
+ Nun plötzlich blitzt es — seht: es rollt
+ Ein Fisch über Bord von lauterem Gold!
+
+ Eine jede Schuppe ein Geldesstück!
+ Wie edelsteinen, so funkelt’s im Blick!
+ Die Kiemen sind aus rotem Rubin,
+ Perlen die Flossen überziehn,
+ Mit eitel Demanten besetzt, so ruht
+ Auf seinem Häuptlein ein Krönchen gut,
+ Und fürnehm wispert’s vom Schnäuzlein her:
+ „Ich bin Prinz Neck, laßt mich ins Meer!“
+
+ Den Fang ins Meer? Sie rühren ihn an,
+ Die Fischer, und tasten und stieren ihn an.
+ „Laßt mich ins Meer!“ Sie hören nicht drauf.
+ „Laßt mich ins Meer!“ Sie lachen nur auf.
+ Sie wägen das goldene Prinzlein ab,
+ Sie schätzen’s und klauben ihm Münzlein ab —
+ Wie wiegt das voll, wie gleißt das hold!
+ Sie denken nichts weiter, — sie denken nur Gold.
+
+ Und seht: ein Goldschein überfliegt
+ Jetzt alles, was von Fisch da liegt,
+ Und wandelt’s, daß es klirrt und rollt:
+ Seht: +all+ die Fische werden Gold!
+ Sinkt das Schiff von blitzender Last?
+ „Schaufelt, was die Schaufel faßt!“ ...
+ Wie lustiges Feuerwerk sprüht das umher —
+ Dann rauscht über alles zusammen das Meer.
+
+ Ferd. Avenarius.
+
+
+
+
+Teerpitterchens Tochter.
+
+
+Fern im Norden, woher die häßlichen Winterstürme kommen, welche durch
+die dicksten Fausthandschuhe wehen und alle Nasen und Ohren zwicken,
+daß sie rot und blau werden, da liegt die Ostsee. Sie besteht aus
+lauter Wasser, aber trinken kann man es nicht, denn es schmeckt salzig
+wie Heringe. Wenn du so auf dem gelben Ufersande stehst, den die See
+ausspült und der Wind zu Bergen aufweht, dann liegt es vor dir, weit,
+weit, — alles Wasser, wie in den blauen Himmel hineingemalt; höchstens
+daß du ein fernes Schiff darauf erblickst mit braunen, teergetränkten
+Segeln. Von weitem her schießen die blitzenden Wogen auf dich los, aber
+es vergeht viel Zeit, ehe sie herangerauscht sind und zu deinen Füßen
+zischend auseinander stieben. Gar oft müssen sie Anlauf nehmen, und
+jedesmal, wenn sie recht hoch gekommen sind, so schwitzen sie weißen
+Gischt vor Anstrengung, und dann lassen sie sich wieder fallen und
+ruhen einen Augenblick aus.
+
+Es gibt auch kleine Jungen und Mädchen an der See, das sind meist
+Fischerkinder; und wenn die an den Strand gehen, so können sie die
+schönsten kleinen Höhlen in die Sandberge kratzen und Teppiche von
+Seegras hineintragen, oder sie können Muscheln und Bernsteinstückchen
+suchen, welche die See auswirft. In den Bernsteinstückchen sind
+manchmal tote Mücken und Fliegen, und die sind dann steinalt, viel
+tausend Jahre. Des Abends aber, wenn die Sterne sich im finstern Wasser
+spiegeln und einander zunicken, dann sitzen die Fischer und erzählen
+sich die herrlichsten Märchen von der Welt: vom Heringskönig mit dem
+silbernen Mantel und der roten Weste, der aus Versehen seine Krone
+verschluckt hatte, von der Bernsteinhexe, die in jeder Neumondnacht
+dicke gelbe Bernsteintränen weint und die Leute, welche sie trösten
+wollen, bei den Beinen in das Wasser zieht, vom Klabautermann und
+der versunkenen Stadt Julin. Manchmal erzählten sie auch vom kleinen
+Teerpitterchen, welches die Wolken macht. Man wird gar nicht müde
+zuzuhören.
+
+[Illustration]
+
+Der kleine Wilm hat auch einen Vater, welcher Fischer war. Der stand
+in der Nacht auf und ging in hohen Transtiefeln zum Strande hinunter,
+wo sein Boot lag, und dann fuhr er damit in das Meer hinein und fing
+Heringe, Flundern und Hornfische. Am Tage aber nahm die Mutter den
+kleinen Wilm mit an den Strand; sie wusch die Netze und hing sie zum
+Trocknen auf, und der Junge spielte bis er müde war, dann legte sie
+ihn in das Boot auf das Segeltuch, daß er schliefe. Da streichelte der
+Sonnenschein sein rotes Gesichtchen, und der Wind blies in seine gelben
+Haare.
+
+Wie er einmal so lag, sah er im Schlaf etwas sonderbares, nämlich ein
+kleines Männchen, das war das Teerpitterchen. Es hatte Kleider aus
+dickgeteertem Segeltuch an, dazu ein Paar hohe Stiefel und auf dem
+Kopfe eine Kappe. Das merkwürdigste aber waren seine Haare und sein
+Bart, die waren grünes Seegras. Es saß auf einem Stück Segeltuch,
+welches auf den Wellen schwamm; einen Zipfel hatte es an einem Faden
+wie ein Segel vor sich und blies hinein, daß seine Backen so dick waren
+wie zwei runde Apfelsinen.
+
+„Guten Tag, kleiner Wilm,“ sagte das Teerpitterchen und hielt bei
+dem Boote an, in welchem der kleine Wilm lag. „Du kannst ein bißchen
+mitkommen zu meiner Anning; sie ist eine lustige kleine Dirne.“
+
+„Ich kann ja nicht fort, weil ich schlafe,“ antwortete Wilm.
+
+„Das schadet nichts, deine Seele kann immer fort; das geht ganz
+leicht,“ sprach das Teerpitterchen.
+
+„Aber wenn meine Mutter mich wecken will, dann kann ich nicht
+aufwachen.“
+
+„O wenn sie das will, trage ich dich so rasch wieder her, wie man Amen
+sagt. Sie soll gar nichts merken.“
+
+„Wenn sie nur nichts merkt,“ sprach der kleine Wilm nachdenklich, und
+da sah er schon, daß er neben dem Teerpitterchen auf dem Segeltuch
+stand.
+
+„Grüß Klein-Anning von mir,“ sagte eine Stimme, und wie er sich
+umwandte, war es die Segelstange auf seines Vaters Boot, die hatte das
+Segel umgeschlagen wie ein Plaid und machte tiefe Verneigungen; und das
+Boot hatte ein Gesicht bekommen und blinzelte ihm lustig zu und sagte
+auch: „Grüß Klein-Anning von mir,“ und dabei wippte das Boot immer auf
+und nieder. Im Boote sah er sich selber schlafen; das kam ihm spaßhaft
+vor. Wie er sich aber nach seiner Mutter umschaute, dünkte es ihm, als
+seien ihre Augen auf ihn gerichtet, und da wurde er ängstlich und rief:
+„Sie sieht mich schon, sie sieht mich schon.“
+
+„Träterätätä,“ sagte das Teerpitterchen, eine Seele kann man nicht
+sehn, und jetzt geht die Fahrt ab.“ Darauf hob er einen anderen Zipfel
+aus dem Wasser heraus und blies, daß seine Backen so groß wurden wie
+runde Turmknöpfe, und wenn er einmal vorbei blies in das Wasser, so
+flog ein weißer Nebel auf und stieg in die Luft; das war dann eine
+Wolke.
+
+Wie sie ein Stück gefahren waren, hielt das Fahrzeug an, und das
+Teerpitterchen pfiff auf zwei Fingern. Da kamen zwei Seehunde, die
+waren gesattelt und gezäumt und wedelten mit den Hinterfüßen, denn
+einen Schwanz hatten sie nicht. „Steig auf, kleiner Wilm,“ sprach das
+Teerpitterchen, und schon saß er selber im Sattel und hing sich das
+Segeltuch wie einen Reitermantel um. Rutsch! da fuhren sie durch das
+grüne Wasser. Es glänzte wie Glas, und der kleine Wilm konnte sich
+nicht genug verwundern, daß er gar nicht naß wurde. Er wußte nicht,
+daß eine Seele niemals naß wird. Endlich ritten sie in einen hellen
+Glanz hinein, der alles Wasser goldig färbte, und nun hielten sie vor
+Teerpitterchens Hause, das so leuchtete, weil es aus lauter Bernstein
+gebaut war; das Dach aber war obendrein mit Perlmutter belegt.
+
+„Brrr!“ sagte das Teerpitterchen und da stand auch schon ein kleiner
+Hummerkrebs, nahm in jede Schere einen Zügel und wartete bis die zwei
+abgestiegen waren. Dann führte er die Seehunde fort in den Stall. Das
+Männlein aber rief einen alten Kinderspruch:
+
+ „Anning, min Anning,
+ Wat heww ik’n Gör!
+ Kann tanzen un speelen
+ As Müs’ op de Deelen;
+ Anning, min Anning,
+ Wat heww ik’n Gör!“
+
+„Da bin ich schon,“ sagte Klein-Anning und stand mit einem Male bei
+ihnen. Sie war ein süßes kleines Ding und hatte keine garstigen
+Seegrashaare wie ihr Vater, sondern gerade so einen Flachskopf wie
+die Anna, das Nachbarskind, mit welcher der Wilm Sandhäuser baute und
+Sandkuchen buk. Das Schönste aber war ihr Kleid, denn es war mit lauter
+Fischschuppen benäht.
+
+„Jetzt wird’s lustig,“ nickte sie und faßte Wilm bei den Händen; „ich
+bin froh, daß du gekommen bist, denn du mußt wissen, daß ich heute
+Geburtstag habe. Mit den dummen Fischen ist gar nichts anzufangen; sie
+sprechen kein Wort und lassen sich alles gefallen. Ich mag keinen
+leiden, der sich alles gefallen läßt. Kannst du dich mit mir zanken?“
+
+„Je, warum nicht?“ sagte Wilm.
+
+„Aber nicht gleich. Das muß erst zuletzt kommen. Jetzt darfst du ein
+Stück Geburtstagskuchen essen.“ Und sie zog ein Stück aus der Tasche,
+das aß Wilm, und es schmeckte wie lauter Fruchtbonbon. „So, nun komm
+mit.“ Damit zog sie ihn auf eine hübsche kleine Seegraswiese, um
+welche lauter hohe Wasserpflanzen wuchsen, wie Bäume so hoch. Einige
+davon waren fast durchsichtig, grün oder rot gefärbt, die sahen am
+niedlichsten aus. Fische schossen hindurch, große und kleine, manche
+rund wie Kugeln und rings mit Stacheln besetzt, andere ganz platt wie
+Scheiben oder auch schlank und dünn wie ein Rohrstöckchen. Alle hatten
+runde Glotzaugen, und bei einigen standen die Augen gar auf Hörnern,
+welche sie überall hin drehen konnten.
+
+„Wir wollen tanzen. Du kannst es doch ordentlich?“ fragte Klein-Anning.
+
+„Ein bißchen,“ antwortete Wilm.
+
+„Ich will dir zeigen, wie man es machen muß,“ sprach sie und schlang
+ihre Ärmchen um Wilm. Und nun ging das in die Höhe, und immer auf
+und nieder im Wasser, und es war Wilm, als wäre er eine Mücke und
+tanzte auf und ab unter seines Vaters Apfelbaum. Die Fische schwammen
+herzu und sahen sich die Sache von weitem an; sie hätten gewiß gern
+mitgetanzt, aber sie wagten es nicht vor lauter Respekt, denn es
+hatte sie niemand dazu aufgefordert. Klein-Anning aber jauchzte und
+drehte Wilm so rasch im Kreise herum, daß ihm Hören und Sehen verging.
+„Plumps,“ sagte sie dann und ließ ihn fallen. Da lag er im Grase und
+zog ein verdrießliches Gesicht und sie lachte.
+
+„Du bist dumm,“ sagte der kleine Wilm.
+
+„Höre du!“ meinte sie warnend, „jetzt darfst du noch nicht zanken. Wir
+haben ja erst angefangen zu spielen. Ich will dir einmal etwas ins Ohr
+sagen.“ Und sie setzte sich zu ihm in das Gras und sprach in sein Ohr:
+„Wir gehen jetzt spazieren und besuchen unser Schloß.“
+
+„Das wird ein schönes Ding sein.“
+
+„Jawohl ist es schön; aber du darfst dich nicht fürchten vor den Tieren
+unterwegs.“
+
+„Ich fürchte mich gar nicht.“
+
+Da faßte sie seine Hand, und nun ging es durch die Wasserpflanzen hin
+und dann auf dem Meeresboden weiter, und die Fische zogen in hellen
+Haufen hinterher. Bei ihren Füßen kribbelten und krabbelten große
+Würmer, Krebse und Seespinnen, daß der kleine Wilm immer glaubte, er
+müsse eines tot treten; aber er fürchtete sich wirklich gar nicht.
+Die Muscheln öffneten die Schalen und machten „klipp, klapp“ wie die
+Dreschflegel auf der Tenne. Helle Bernsteinstücke lagen umher, manche
+so groß wie die Backsteine. Alle Fische aber, welche herbeigeschwommen
+kamen, schlossen sich hinten dem Zuge an; die meisten davon waren
+Heringe.
+
+Zuletzt kamen sie wieder in einen Wald von durchsichtigen Wasserbäumen;
+alles um sie herum schimmerte im herrlichsten Grün und die Spitzen der
+Bäume wedelten hin und her wie Fahnen. Mitten im Walde aber lag ein
+schwarzer alter Holzbau, das war ein versunkenes Schiff. Es sah recht
+trübselig aus. Stücke von den Masten waren umhergestreuet, und die
+Bretter klafften überall, daran saßen Muscheln und Wassermoos. Zu den
+Fenstern aber schlüpften die Fische aus und ein. Ein Brett war weiß,
+daran standen Buchstaben, die niemand mehr lesen konnte, so verwischt
+waren sie. Es war ein recht verwittertes altes Schiff.
+
+„Hier ist unser Schloß,“ sagte Klein-Anning.
+
+„Das ist zu schlecht,“ antwortete Wilm, „das ist gar kein Schloß; da
+hinein gehe ich nicht.“
+
+„Warte nur, ich will es neu anstreichen,“ meinte Klein-Anning. Sie
+hob eine Muschel auf und strich über das Holz, und mit einem Male
+glänzte das ganze Holz wie lauter Perlmutter. „So, nun wollen wir
+hineinsteigen. Du bist der Prinz und ich die Prinzessin, und wir werden
+Hochzeit halten.“
+
+„Wenn du Hochzeit halten willst, mußt du einen Kranz haben; ohne Kranz
+kann ich dich nicht heiraten,“ sagte Wilm.
+
+„Das ist schade,“ meinte Klein-Anning und sah sich um; endlich bückte
+sie sich und zog ein paar grüne Ranken herauf, welche unter dem Schiffe
+vorwuchsen, die schlang sie sich durch das Haar um den Kopf. „Ist das
+nun gut?“ fragte sie.
+
+„Nein, es müssen Blumen darin sein.“
+
+„Ich will aber keine Blumen!“ rief sie zornig und machte so böse große
+Augen, daß dem Wilm ganz ängstlich wurde. Aber sie war gleich wieder
+vergnügt und umfaßte ihn, und wie der Blitz fuhren sie aufwärts
+und standen schon auf dem Verdeck des Schiffes. Sie kletterten die
+Schiffstreppe hinab und kamen in einen weiten Saal, in welchem sich
+noch Tische und Stühle befanden. Der Saal war ganz mit Muscheln
+tapeziert, und auf den Stühlen wuchsen kleine grüne Wasserpflänzchen,
+daß sie wie mit grünem Plüsch überzogen aussahen.
+
+„Komm,“ sagte Klein-Anning, „wir wollen erst den Musikanten holen.“
+
+Sie zog Wilm in eine Tür hinein, in ein finsteres Kämmerchen. Da lag
+ein Mann und rührte sich nicht; aber wie Klein-Anning ihn anfaßte,
+machte er die Augen auf.
+
+„Guten Tag, kleiner Wilm,“ sagte er.
+
+„Wer bist du?“ fragte Wilm.
+
+„Kennst du mich nicht? Ich bin ja dein Onkel, der immer mit dem Schiff
+gefahren ist nach Amerika und noch weiter. Lebt denn der Kakadu noch,
+den ich dir mitgebracht habe? Puh, es ist so naß hier unten. Ich weiß
+nicht, wie viel Wasser ich schon geschluckt habe, seit ich hier auf dem
+Schiff untergegangen bin, aber es muß sehr viel sein.“
+
+„Du sollst uns geigen,“ sprach Klein-Anning ungeduldig; „du mußt
+wissen, daß wir Brautleute sind.“
+
+Wilm war nachdenklich geworden und sagte: „Ich möchte lieber nach
+Hause. Meine Mutter wird kommen und mich wecken wollen. Kannst du meine
+Mutter nicht sehen, Prinzessin?“
+
+„O ja, Prinz,“ antwortete Klein-Anning und legte die Hand über die
+Augen. „Sie sitzt an der See und spült das große Netz.“
+
+Da gab sich Wilm zufrieden, und sie gingen beide in den Saal; der Mann
+aber hatte eine Geige genommen und kam hinterher.
+
+Die Fische guckten zu den Fenstern herein; denn sie sind immer sehr
+neugierig.
+
+„Ihr dürft nicht herein,“ rief Klein-Anning; „bloß zusehen dürft ihr.
+Ihr seid nicht schlank genug zum Tanzen. Aber die Heringe können
+kommen.“
+
+Und die Heringe kamen denn auch, immer mehr und mehr, und stellten sich
+auf die Schwänze und knixten, und dazu schnappten sie immer mit den
+Mäulern, als ob sie etwas sagen wollten, aber es kam nichts heraus als
+Luftblasen. Klein-Anning nickte dem Spielmann zu, und da fing der an zu
+geigen, und nun nickte auch Wilm, denn er kannte das Lied schon; der
+Onkel hatte es immer gegeigt, wenn er heimgekommen war, und es war sehr
+schön, bloß ein wenig traurig. Dann kam die Trauung.
+
+Wilm faßte Klein-Anning bei der Hand, und der Onkel legte seine Hand
+auch dazu und sagte: „Alama kalalama itzehuatiputzli; habt ihr’s
+verstanden?“
+
+„Ja,“ sprach Klein-Anning, und da sagte Wilm auch „ja“; und die Heringe
+klappten die Mäuler auf und zu, als wollten sie ebenfalls „ja“ sagen.
+Es war gewiß sehr feierlich anzusehen.
+
+„Schön,“ meinte der Onkel; „jetzt gebt euch einen Kuß, dann ist alles
+in Ordnung, und wir können tanzen.“
+
+Sie gaben sich wirklich einen Kuß, und Klein-Anning biß Wilm dabei
+in die Lippen und lachte ihn dann aus. Nun kamen alle Heringe und
+gratulierten; man konnte es dabei sehen, daß sie die Augen verdrehten,
+indem sie heranspazierten, und daß sie noch mehr schnappten als vorher.
+
+Wilm aber wurde mit einem Male wieder unruhig. „Prinzessin,“ sprach er,
+„du kannst mir noch einmal sagen, was meine Mutter macht.“
+
+„Ja, mein Prinz,“ antwortete Klein-Anning und legte wieder die Hand
+über die Augen. „Sie zieht eben das Netz auf den Strand hinauf.“
+
+„Dann habe ich noch Zeit,“ sagte Wilm. Sie setzten sich auf die beiden
+größten Stühle, und der Onkel mit der Geige stieg auf einen Tisch und
+fing an so lustig zu geigen, daß jedem das Herz im Leibe lachen mußte.
+Die Heringe faßten sich mit den Flossen an und tanzten, daß der ganze
+Saal blitzte. Und am Ende fing der Onkel auch an auf seinem Tische
+herumzuspringen, und Klein-Anning jauchzte dazwischen und zappelte
+mit den Füßchen, und die Tische und Stühle hoben auch die Beine und
+sprangen umher, sogar die beiden großen, auf denen die Neuvermählten
+saßen.
+
+Zuletzt hörte der Onkel auf, da war mit einem Male alles ruhig.
+
+Der kleine Wilm aber machte zum dritten Male ein ängstliches Gesicht
+und fragte zum dritten Male: „Prinzessin, was macht meine Mutter?“
+
+„Ei, sie steht bei den Pfählen und hakt’s Netz ein.“
+
+„Bring mich hin,“ rief Wilm und sprang vom Stuhle; „jetzt kommt sie
+gleich an das Boot und will mich mitnehmen.“
+
+„Du sollst hier bleiben,“ sagte Klein-Anning. „Ich lasse dich nicht
+fort.“
+
+„Ich will aber fort, du dumme Dirn.“ Sie wollte seine Hand fassen,
+aber er riß sich los. Da stampfte sie mit den Füßen; alle Fische, die
+draußen gewesen, kamen herein und schwammen mit offenen Mäulern auf ihn
+los, und die grünen, durchsichtigen Wasserpflanzen wuchsen durch die
+Fenster und wurden dichter und dichter, so viel auch der kleine Wilm
+von ihnen zerriß. Er sah schon Klein-Anning nicht mehr, aber er hörte
+sie neben sich kichern, und der Onkel mußte wieder seine Geige genommen
+haben und lustig darauf herumkratzen — —
+
+Mit einem Male gab es einen Knack, daß das ganze Schiff zitterte. Die
+Decke spaltete sich, und der Wilm fuhr nach oben, hinaus in das klare
+Wasser. Über dem Wasser aber schwebte eine weiße Möwe, die schrie:
+„Krieh! Krieh!“ Und als der kleine Wilm auftauchte, faßte sie ihn mit
+den Krallen und trug ihn in das Boot. Da war es nicht mehr der Vogel,
+sondern das kleine Teerpitterchen, was bei ihm war.
+
+„Adieu, kleiner Wilm,“ sagte es und nickte ihm freundlich zu; dann war
+es verschwunden.
+
+Da fühlte Wilm auch schon, daß ihn seine Mutter am Ärmel zupfte und
+schlug die Augen auf. Die Sonne schien heiß in das Boot; am Himmel aber
+standen ein paar finstere Regenwolken.
+
+„Hast du was gemerkt, Mutting?“ fragte er und blinzelte schlau zu ihr
+hinauf.
+
+„Was soll ich denn gemerkt haben? Komm rasch mit nach Hause, sonst
+werden wir tüchtig naß werden.“ —
+
+ Viktor Blüthgen.
+
+
+
+
+Der Klabautermann.
+
+
+ Flink auf! die lustigen Segel gespannt!
+ Wir fliegen wie Vögel von Strand zu Strand,
+ Wir tanzen auf Wellen um Klipp’ und Riff,
+ Wir haben das Schiff nach dem Pfiff im Griff,
+ Wir können, was kein andrer kann:
+ Wir haben einen Klabautermann.
+
+[Illustration]
+
+ Der Klabautermann ist ein wackerer Geist,
+ Der alles im Schiff sich rühren heißt,
+ Der überall, überall mit uns reist,
+ Mit dem Schiffskapitän flink trinkt und speist,
+ Beim Steuermann sitzt er und wacht die Nacht,
+ Und im obersten Mast, wenn das Wetter kracht.
+
+ Ist’s Wetter klar, und die Fahrt gelingt,
+ So nimmt er die Geige und tanzt und springt,
+ Und alles muß auf dem Deck sich schwingen.
+ Unzählige selige Lieder singen,
+ Nicht Sturm, nicht Wurm, ihn ficht nichts an;
+ Wir haben den wahren Klabautermann.
+
+ Hei, klettert er, sei die See auch groß,
+ Klabautermann läßt kein Takelwerk los,
+ Er läuft auf den Raaen, wenn alles zerreißt,
+ Er tut, was der Kapitän ihn heißt —
+ Und wißt ihr, wie man ihn rufen kann?
+ Kourage heißt der Klabautermann.
+
+ Aug. Kopisch.
+
+
+
+
+Wanderer und Wind.
+
+
+ Herbstwind, o sei willkommen,
+ Fünf Tage lag das Meer
+ So still, so bang beklommen,
+ Kein Lüftchen zog daher.
+
+ O Wind, nach deinem Rauschen
+ Sehnt’ ich mich auf der See,
+ Wie einst mein Jägerlauschen
+ Im Wald nach Hirsch und Reh.
+
+ Wie geht es meinen Wäldern
+ Am frischen Neckarfluß?
+ Den heimatlichen Feldern?
+ Bringst du mir keinen Gruß?
+
+ „Entlaubt hab’ ich die Wälder
+ „Im raschen Wanderzug,
+ „Nahm durch die Stoppelfelder
+ „Den ungehemmten Flug.
+
+ „Nun ich durch Feld und Auen
+ „Mein Wanderliedlein pfiff,
+ „Komm’ ich nach euch zu schauen
+ „Im Emigrantenschiff.
+
+[Illustration]
+
+ „Weil alter Liebesbande
+ „Das Schifflein müd und matt,
+ „Jag ich’s vom Mutterstrande
+ „Dahin, ein welkes Blatt!“
+
+ Nik. Lenau.
+
+
+
+
+Nun kommt der Sturm.
+
+
+ Nun kommt der Sturm geflogen,
+ Der heulende Nordost,
+ Daß hoch in Riesenwogen
+ Die See ans Ufer tost.
+
+ Das ist ein rasend Gischen,
+ Ein Donnern und ein Schwall,
+ Gewölk und Abgrund mischen
+ All ihrer Stimmen Schall.
+
+ Und in der Winde Sausen
+ Und in der Möwe Schrei’n,
+ In Schaum und Wellenbrausen
+ Jauchz’ ich berauscht hinein.
+
+ Schon mein’ ich, daß der Reigen
+ Des Meergotts mich umhallt,
+ Die Wogen seh’ ich steigen
+ In grüner Roßgestalt.
+
+ Und drüber hoch im Wagen,
+ Vom Nixenschwarm umringt,
+ Ihn selbst, den Alten, ragen,
+ Wie er den Dreizack schwingt.
+
+ Emanuel Geibel.
+
+
+
+
+Das Meer.
+
+
+I.
+
+ Der Wind zieht seine Hosen an,
+ Die weißen Wasserhosen;
+ Er peitscht die Wellen so stark er kann,
+ Die heulen und brausen und tosen.
+
+ Aus dunkler Höh’, mit wilder Macht
+ Die Regengüsse träufen;
+ Es ist, als wollt’ die alte Nacht
+ Das alte Meer ersäufen.
+
+ An den Mastbaum klammert die Möwe sich
+ Mit heiserem Schrillen und Schreien;
+ Sie flattert und will gar ängstiglich
+ Ein Unglück prophezeien.
+
+
+II.
+
+ Der Sturm spielt auf zum Tanze,
+ Er pfeift und saust und brüllt;
+ Heisa, wie springt das Schifflein!
+ Die Nacht ist lustig und wild.
+
+ Ein lebendes Wassergebirge
+ Bildet die tosende See;
+ Hier gähnt ein schwarzer Abgrund,
+ Dort türmt es sich weit in die Höh’.
+
+ Ein Fluchen, Erbrechen und Beten
+ Schallt aus der Kajüte heraus;
+ Ich halte mich fest am Mastbaum
+ Und wünsche: Wär’ ich zu Haus.
+
+ Heinrich Heine.
+
+
+
+
+Leander und Selin.
+
+
+ Leander und Selin, zwei Freunde, die
+ Ein gleiches Herz und gleicher Edelmut
+ Verbanden, traten in Geschäften einst
+ Zusammen eine Fahrt durchs Weltmeer an.
+ Die Winde wehten erst der Gegend zu,
+ Die schon die Reisenden im Geiste sahn.
+ Das Ufer floh, und bald erblickten sie
+ Ringsum nur Luft und Meer. Das Firmament
+ War heiter und voll Glanz. Sie segelten
+ In seinem Widerschein geruhig fort
+ Und nahten sich bereits der Reise Ziel,
+ Als schnell ein reißender Orkan erwacht;
+ Der peitscht das Meer, durchwühlt den tiefen Grund,
+ Treibt, Bergen gleich, die hohen Wogen fort
+ Und schleudert mächtig gegen einen Fels
+ Das Schiff. Es scheitert. Jeder sucht dem Tod
+ Auf Trümmern von dem Schiffe zu entfliehn.
+ Den beiden Freunden ward ein Brett zu Teil;
+ Allein es war zu klein für seine Last.
+
+ „Wir sinken,“ sprach Selin, „das Brettchen trägt
+ Uns beide nicht. O Freund, leb’ ewig wohl!
+ Du mußt erhalten sein; an dir verliert
+ Das Wohl der Welt zu viel, und ohne dich
+ Wär’ mir das Leben doch nur eine Qual.“
+ „Nein,“ sprach Leander, „nein, ich sterb’, o Freund!“
+ Allein Selin verließ zu schnell das Brett
+ Und übergab dem nassen Grab
+ Der Wasserwogen sich.
+
+ Die Vorsehung,
+ Die über alles wacht, sah seine Treu’
+ Und seine Großmut an und ließ das Meer
+ Ihm nicht zum Grabe sein. Mitleidig trägt’s
+ Auf seinen Wellen ihn zum Ufer hin.
+ Er fand Leandern schon daselbst. — O! wer
+ Beschreibt die namenlose Freude, die
+ Sie fühlten? Sie umarmten sich
+ Mit einer Tränenflut. Leander sprach:
+ „O allzuteurer Freund, in was für Qual
+ Hat deine Freundschaft mich gestürzt! Ich hab
+ Um dich zehnfache Todesangst gefühlt.
+ Was du tat’st, wollt’ ich tun; denn ohne dich
+ Wünscht’ ich das Leben nicht.“ „Geliebtester,
+ Was wär’ ich ohne dich?“ versetzt’ Selin.
+ „Der Himmel sei gelobt, der dich mir schenkt!
+ Komm, lass’ uns ihn, der uns vom Tod befreit,
+ Verehren und ihm ganz das Leben weihn!“
+ Sie knieten nieder an das Ufer hin
+ Und dankten dem, der sie errettete,
+ Und ihr Gebet drang durch die Wolken, drang
+ Zu Gott. — Leander teilte mit Selin,
+ Der arm an Geld, doch reich an Tugend war,
+ All’ seine Schätze, die Selin nur nahm,
+ Weil sich sein Freund dadurch beglückter fand,
+ Und Segen kam auf sie und auf ihr Haus,
+ Und lange waren sie der Nebenmenschen Glück.
+
+ Ew. v. Kleist.
+
+
+
+
+Die Vergeltung.
+
+
+I.
+
+ Der Kapitän steht an der Spiere,
+ Das Fernrohr in gebräunter Hand,
+ Dem schwarzgelockten Passagiere
+ Hat er den Rücken zugewandt.
+ Nach einem Wolkenstreif in Sinnen
+ Die beiden wie zwei Pfeiler sehn.
+ Der Fremde spricht: „Was braut da drinnen?“
+ „Der Teufel,“ brummt der Kapitän.
+
+ Da hebt von morschen Balkens Trümmer
+ Ein Kranker seine feuchte Stirn,
+ Des Äthers Blau, der See Geflimmer,
+ Ach, alles quält sein fiebernd Hirn!
+ Er läßt die Blicke, schwer und düster,
+ Entlängs dem harten Pfühle gehn,
+ Die eingegrabnen Worte liest er:
+ „Batavia. Fünfhundertzehn.“
+
+ Die Wolke steigt, zur Mittagsstunde
+ Das Schiff ächzt auf der Wellen Höhn,
+ Gezisch, Geheul ans wüstem Grunde,
+ Die Bohlen weichen mit Gestöhn.
+ „Jesus, Marie! wir sind verloren!“
+ Vom Mast geschleudert der Matros,
+ Ein dumpfer Krach in aller Ohren,
+ Und langsam löst der Bau sich los.
+
+ Noch liegt der Kranke am Verdecke,
+ Um seinen Balken festgeklemmt,
+ Da kömmt die Flut, und eine Strecke
+ Wird er ins wüste Meer geschwemmt.
+ Was nicht geläng’ der Kräfte Sporne,
+ Das leistet ihm der starre Krampf,
+ Und wie ein Narwal mit dem Horne
+ Schießt fort er durch der Wellen Dampf.
+
+ Wie lange so? — er weiß es nimmer,
+ Dann trifft ein Strahl des Auges Ball,
+ Und langsam schwimmt er mit der Trümmer
+ Auf ödem, glitzerndem Krystall.
+ Das Schiff! — die Mannschaft! — sie versanken.
+ Doch nein, dort auf der Wasserbahn,
+ Dort sieht den Passagier er schwanken
+ In einer Kiste morschem Kahn.
+
+ Armsel’ge Lade! sie wird sinken,
+ Er strengt die heisre Stimme an:
+ „Nur grade! Freund, du drückst zur Linken!“
+ Und immer näher schwankt’s heran,
+ Und immer näher treibt die Trümmer,
+ Wie ein verwehtes Möwennest;
+ „Kourage!“ ruft der kranke Schwimmer,
+ „Mich dünkt, ich sehe Land im West!“
+
+ Nun rühren sich der Fähren Ende,
+ Er sieht des fremden Auges Blitz,
+ Da plötzlich fühlt er starke Hände,
+ Fühlt wütend sich gezerrt vom Sitz.
+ „Barmherzigkeit! Ich kann nicht kämpfen.“
+ Er klammert dort, er klemmt sich hier;
+ Ein heisrer Schrei, den Wellen dämpfen,
+ Am Balken schwimmt der Passagier.
+
+ Dann hat er kräftig sich geschwungen
+ Und schaukelt durch das öde Blau,
+ Er sieht das Land wie Dämmerungen
+ Enttauchen und zergehn in Grau.
+ Noch lange ist er so geschwommen,
+ Umflattert von der Möwe Schrei,
+ Dann hat ein Schiff ihn aufgenommen,
+ Viktoria! nun ist er frei!
+
+
+II.
+
+ Drei kurze Monde sind verronnen,
+ Und die Fregatte liegt am Strand,
+ Wo Mittags sich die Robben sonnen,
+ Und Bursche klettern übern Rand;
+ Den Mädchen ist’s ein Abenteuer,
+ Es zu erschaun vom fernen Riff,
+ Denn noch zerstört, ist nicht geheuer
+ Das greuliche Korsarenschiff.
+
+ Und vor der Stadt, da ist ein Waten,
+ Ein Wühlen durch das Kiesgeschrill,
+ Da die verrufenen Piraten
+ Ein jeder sterben sehen will.
+ Aus Strandgebälken, morsch, zertrümmert,
+ Hat man den Galgen, dicht am Meer,
+ In wüster Eile aufgezimmert.
+ Dort dräut er von der Düne her!
+
+ Welch ein Getümmel an den Schranken!
+ „Da kömmt der Frei — der Hessel jetzt —
+ Da bringen sie den schwarzen Franken,
+ Der hat geleugnet bis zuletzt.“ —
+ „Schiffbrüchig sei er hergeschwommen,“
+ Höhnt eine Alte, „ei, wie kühn“
+ Doch keiner sprach zu seinem Frommen,
+ Die ganze Bande gegen ihn.
+
+ Der Passagier, am Galgen stehend,
+ Hohläugig, mit zerbrochenem Mut,
+ Zu jedem Räuber flüstert flehend:
+ „Was tat dir mein unschuldig Blut?
+ Barmherzigkeit! so muß ich sterben
+ Durch des Gesindels Lügenwort,
+ O, mög die Seele euch verderben!“
+ Da zieht ihn schon der Scherge fort.
+
+ Er sieht die Menge wogend spalten —
+ Er hört das Summen im Gewühl —
+ Nun weiß er, daß des Himmels Walten
+ Nur seiner Pfaffen Gaukelspiel!
+ Und als er in des Hohnes Stolze
+ Will starren nach den Ätherhöhn,
+ Da liest er an des Galgens Holze:
+ „Batavia. Fünfhundertzehn.“
+
+ Annette v. Droste-Hülshoff.
+
+
+
+
+Konquistadores.
+
+
+ Zwei edle Spanier halten Wacht
+ Und einer spricht zum andern:
+ „Sennor, mir deucht, der Teufel lacht,
+ Wie wir ins Leere wandern!
+ Das Segel bauscht, es rauscht der Kiel,
+ Noch keines Strandes Boten —
+ Die Hölle treibt mit uns ihr Spiel,
+ Wir fahren zu den Toten!
+
+ Wer einem Genuesen traut,
+ Hat den Verstand verloren!
+ Die Klugen hat er schlecht erbaut,
+ Da lockt’ er alle Toren —
+ Rund sei die Erde, log er mir,
+ Wie Pomeranzenbälle,
+ Doch unermeßlich flutet hier
+ Nur Welle hinter Welle!“
+
+ Der andre blickt ins Meer hinaus
+ Und runzelt finstre Brauen:
+ „Sennor, mich zog Columb ins Haus,
+ Ließ mich die Karten schauen,
+ Was er dociert, verstand ich nicht,
+ Ich ließ es alles gelten —
+ Sein übermächtig Angesicht
+ Verhieß mir neue Welten!
+
+ Ist er ein Narr und haben wir
+ Uns in das Nichts verlaufen,
+ Ein räud’ger Hund, Sennor, wie Ihr,
+ Darf fröhlich mit ersaufen!“
+ — „Sennor, da betet Ihr nicht gut!
+ Zurück Euch in den Rachen
+ Den räud’gen Hund! Ihr raucht von Blut
+ Und risset aus den Wachen!“
+
+ „Sennor, ich dolcht ein falsches Weib,
+ Bekenn’ ich unverhohlen!
+ Nicht hab’ dem Bäcker einen Laib
+ Vom Brett ich weggestohlen!
+ Sennor, Ihr seid ein Galgenstrick!“
+ — „Sennor, Ihr seid nicht besser!“
+ Sie ziehen mit entflammtem Blick
+ Und kreuzen blanke Messer ...
+
+ Da zwischen ihre Messer walzt
+ Im tollen Freudensprunge,
+ Mit ölgetränkten Fingern schnalzt
+ Miquel, der Küchenjunge.
+ Er drückt die Lider blinzelnd ein
+ Mit schlauem Wimperzwinken,
+ Bald hüpft er auf dem rechten Bein,
+ Bald hopst er auf dem linken,
+
+ In Lüften bläht sich sein Gewand,
+ Es puffen ihm die Hosen —
+ Neugierig kommen hergerannt
+ Soldaten und Matrosen.
+ Der Junge redet kunterbunt,
+ Als ob’s im Kopf ihm fehle,
+ Dann öffnet er den großen Mund
+ Und singt aus voller Kehle:
+
+ „Das Heimchen zirpt, das Heimchen zirpt,
+ Stimmt Laudes an und Psalmen!
+ Und wenn’s mir nicht vor Freude stirbt,
+ Bald weidet’s unter Halmen!
+ Ich schwör’ es euch bei Gottes Haupt:
+ Es atmet duft’ge Weiden,
+ Es wittert Wälder dichtbelaubt
+ Und unermeßne Heiden!
+
+ Erlauchte Herren, gebet acht,
+ In meinem engen Räumchen
+ Hat unsre Meerfahrt mitgemacht
+ Ein andalusisch Heimchen —
+ Mitnahm ich’s aus dem Vaterland,
+ Mich scheidend zu beschenken,
+ Ich fing’s mit flinkem Griff der Hand
+ Zu seinem Angedenken.
+
+ Da wir zu Schiffe stiegen dort,
+ Die Zierden aller Lande,
+ Zirpt’ Heimchen mir im Busen fort,
+ Als weidet’s noch am Strande.
+ Das grüne Vorgebirg verschwand,
+ Dem Heimchen ward es schaurig,
+ Beklommen saß es an der Wand
+ Und wurde faul und traurig.
+
+ So darbt’s und dämmert’s lange Zeit,
+ Schon gab ich es verloren,
+ Und nun, bei meiner Seligkeit,
+ Ist Heimchen neugeboren!
+ Bedenkt, es hockte gram und lahm
+ An Dielen und an Wänden,
+ Jetzt jubelt’s wie ein Bräutigam
+ Und kann nur gar nicht enden!“
+
+ Miquel ist fort und wieder da,
+ Die Fingerspitze zeigend:
+ Da sitzt es ja! Da singt es ja!
+ Die Spanier lauschen schweigend —
+ Dann sinnen sie der Sache nach,
+ Den Lustgesang im Ohre,
+ Sie schütteln sich die Hände jach
+ Und schrei’n im wilden Chore:
+
+ „Das Heimchen zirpt! Das Heimchen zirpt!
+ Bald schwelgen wir in Beute!
+ Wer spielt, gewinnt! Wer wagt, erwirbt!
+ Wir sind gemachte Leute!
+ Die Küste winkt! Das Gold erblinkt,
+ Davon die Sagen melden!
+ Das Morgen steigt! Das Gestern sinkt!
+ Wir sind berühmte Helden!“
+
+ C. F. Meyer.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Eine Seeräubergeschichte.
+
+
+ Wir hatten Öl geladen und Korinthen
+ Und segelten vergnügt mit unsrer Fracht
+ Von Malta auf Gibraltar, Jochen Schütt,
+ Der Lüb’sche Kapitän, mit fünf Matrosen,
+ Und ich, Hans Kiekebusch, als Steurmann.
+ Der Wind blies lustig, und wir waren schon
+ Sardinien vorbei, als hinter uns
+ Nordosther ein verdächtig Segel aufkam,
+ Das wie mit Siebenmeilenstiefeln lief.
+ Bedenklich guckte Jochen Schütt durchs Glas
+ Und schüttelte den Kopf und guckte wieder,
+ Und immer länger ward sein schlau Gesicht.
+ „Verdammte Suppe!“ brach er endlich los,
+ „Der Haifisch soll mich schlucken, wenn das nicht
+ Tuneser sind, Spitzbuben, die’s auf uns
+ Und unsern schmucken Schoner abgesehn!
+ Bei Gott, jetzt heißt es: Alles Weißzeug los
+ Und stramm gesegelt!“
+
+ Leider war’s zu spät.
+ Ein Viertelstündchen noch, da wußten wir,
+ Daß Flucht unmöglich. Gleich darauf auch ließ
+ Das Kaperschiff die rote Flagge schon
+ Vom Topmast fliegen, und ein Schuß befahl
+ Uns beizulegen. An Verteidigung
+ War nicht zu denken. Sieben waren wir,
+ Die höchstens Sonntags mal im Lauer Holz
+ Mit Schrot geknallt, und drüben an die vierzig,
+ Verwegnes Raubvolk insgesamt, auf Mord
+ Und Totschlag eingeübt wie wir aufs Kegeln.
+ Mit einer einz’gen Salve hätten sie
+ Uns weggefegt; drum hieß uns Jochen Schütt
+ Geruhig bleiben und ihn machen lassen.
+ Ein Stückchen, meint er, hab’ er ausgedacht,
+ Das uns vielleicht noch aus der Tinte hilfe.
+ Zwar spielt’ er auf ~Va banque~ damit, indes
+ Am Ende sei’n wir Christenmenschen doch,
+ Und Gott im Himmel könnt’ ein Einsehn haben.
+ So brümmelnd stieg er zur Kajüt’ hinab
+ Und nahm die andern mit; nur mir befahl er
+ Auf Deck zu bleiben und dem leidigen
+ Besuch, als käm’ er auf ein Frühstück bloß,
+ Mit Höflichkeit zu ihm den Weg zu weisen.
+
+ Mir schlug das Herz bis an den Hals, als nun
+ Mit jeglicher Minute der Korsar
+ Uns näher rückte. Bald erkannt’ ich schon
+ Die Fuchsgesichter mit den Rattenzöpfen,
+ Das Negervolk, das in den Tauen hing.
+ Jetzt sah ich, wie solch rotbekappter Schuft
+ Den Enterhaken hob, jetzt machten’s ihm
+ Zehn andre nach und jetzt — ein einz’ger Schlag,
+ Ein ungeheurer Ruck, und Bord an Bord
+ Mit dem Tuneser lagen wir.
+
+ Ein Mohr,
+ Die breite Kling’ im Maule, sprang zuerst
+ Auf unser Schiff, dann kam der Hauptmann selbst,
+ Einäugig, stachelbärtig wie ein Kater,
+ Am grünen Bund den Halbmond von Rubin,
+ Und dann die andern, meist ein quittengelb,
+ Zerlumpt Gesind’l, doch mit langem Rohr,
+ Mit Beil und Messer Mann für Mann versehn.
+ Mir lief’s den Rücken kalt wie Eis hinab.
+ Doch macht’ ich nach des Kapitäns Geheiß
+ Den schönsten Bückling und, verbindlich dann
+ Den Weg anzeigend, fuhr ich wie ein Kellner
+ In Sprüngen die Kajütentrepp’ hinab.
+ Auch poltert’ es alsbald mit schwerem Tritt
+ Mir nach und, ein Pistol in jeder Hand,
+ Trat Meister Einaug’ in die Tür, doch blieb er,
+ Als er sich umsah, wie ein Zaunpfahl stehn.
+ Denn vor ihm saß, den Hut auf einem Ohr,
+ Aus kurzer Pfeife Dampf und Funken paffend,
+ Auf offner Pulvertonne Jochen Schütt,
+ Und rings umher lag wie ein Zauberkreis
+ Ein breiter Streif von Pulver aufgestreut.
+ Wir standen hinter ihm und mucksten nicht;
+ Er aber, ruhig sitzen bleibend, tat,
+ Als wüßt er gar von keinem Harm und sah
+ Den Türken an und sagte: „Guten Tag!
+ Was steht zu Diensten, wenn ich bitten darf?“
+ Und als nun der sich wie ein Puterhahn
+ Aufplustert und in seinem Kauderwelsch
+ Zu kollern anfängt und, wie das nicht fleckt,
+ Die Zähne weist und mit Geberden droht,
+ Sagt Jochen Schütt: „Ja, (Türkisch versteh’ ich nicht)
+ Mein lieber Herr; doch ~parlez-vous français~?“
+ Und dazu pafft er toller stets und macht
+ Den Meerschaumkopf wie einen Schornstein sprüh’n,
+ Daß mir, bei Gott, schon deucht, wir fliegen auf.
+ Das schien denn unserm Rinaldini auch
+ Ein schlechter Spaß, er wurde grün vor Wut,
+ Und plötzlich macht er Kehrt und schoß hinaus.
+
+ Nun ging ein heftig Schnattern droben an,
+ Und dann ein Poltern, Schieben, Ziehn und Winden,
+ Als kehrten sie vom Schiffsraum bis aufs Deck
+ Das Unterste zu oberst, während wir
+ In tausend Ängsten wie die Hühner uns
+ Um unsern Kapitän zusammendrückten,
+ Der keine Silbe sprach und langsam nur
+ Fortqualmte. Zwar die Ladung, wußten wir,
+ War gut versichert, doch wir fürchteten,
+ Die Heiden würden, wenn sie’s ausgeraubt,
+ Das Schiff aus purer Bosheit sinken machen,
+
+ Und dann, ihr Lüb’schen Türme, gute Nacht!
+ So ging ein langes, banges Stündlein hin.
+ Da plötzlich hörten wir durch all den Lärm
+ Die Botsmannspfeife kreischen; ein entsetzlich
+ Gedräng’ entstand an Bord, wie Flucht beinah,
+ Und kurz darauf geschah ein Stoß und Rauschen,
+ Als riss’ ein Donnerwetter Schiff von Schiff;
+ Und dann mit eins war’s still. Wir warteten
+ Ein Weilchen noch und horchten, doch es pfiff
+ Auch nicht die Maus im Loch; kein Zweifel mehr,
+ Sie waren fort. —
+
+ „Was nu?“ sprach Jochen Schütt,
+ „Die Luft an Bord scheint wieder klar zu sein,
+ Ich denk’, wir sehn uns mal den Schaden an!“
+ Und stieg hinauf ans Deck und wir ihm nach.
+
+ Da sah’s denn gräulich aus. Im großen Stall
+ Der Arche Noäh war nicht solch ein Wust,
+ Als aller Welt Getier das Schiff geräumt.
+ Packstroh und Scherben rings, Korinthenfässer,
+ Ölpiepen, Werkzeug, Zwiebeln, Kochgerät,
+ Im tollsten Wirrwarr alles durcheinander,
+ Als wär’ in allerbester Arbeit just
+ Das große Plünderfest gestört. Und so
+ Verhielt sich’s auch. Denn von Nordosten kam
+ Indes der Türk’, wie ein gejagter Habicht,
+ Nach Süden fortschoß, eine englische
+ Fregatt’ heran mit vollem Wind und ließ
+ Die blaubekreuzte Flagge lustig wehn.
+ Das gab ein Jubeln, ein Umarmen jetzt!
+ Der Schiffsjung fiel auf seine Knie, der Koch,
+ Der letzt in Portsmouth überwintert, schwang
+ Die Zipfelmütz’ und sang: „~God save the king!~“
+ Doch Jochen Schütt nahm eine Zwiebel auf
+ Und roch daran und niest’: ich merkt’ es wohl,
+ Wir sollten ihn nicht weinen sehn. Dann zog er
+ Den Hut und sprach: „Nun danket alle Gott!
+ Heut’ tut mir’s leid, daß ich nicht singen kann,
+ Weil ich beim alten Haase Schulen lief.
+ Den Engelsmann schickt uns der Himmel selbst.
+ Auch keinen roten Sechsling gab ich mehr
+ Für unser Leben, blieb er aus. Nun lief’s
+ Noch gnädig ab.“ —
+
+ „Ein wahrer Segen auch,“
+ Sagt’ ich, „Kap’tän, daß Euch das Pulver einfiel,
+ Sonst kam uns selbst der Engelsmann zu spät.“
+ Ja, Pulver!“ lacht’ er, und die Schlauheit blitzt
+ Ihm aus den Augen, „Pulver! Hat sich was!
+ Wir haben keine zwanzig Schuß an Bord.
+ Das schwarze Zeug, wovor der Heidenkerl
+ Die Angst gekriegt, war — Rübsaat aus Schwerin,
+ Und mein Kanarienvogel frißt davon.
+ Ein richt’ger Mann muß sich zu helfen wissen,
+ So hilft ihm Gott auch wohl. — Und nun seht nach,
+ Ob uns das Volk auch überm Rum gewesen.
+ Ich denk’, ein Schluck soll gut tun auf den Schreck.“
+
+ Eman. Geibel.
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Das Haus am Meer.
+
+
+ Hart an des Meeres Strande
+ Baut man ein festes Haus;
+ Als sollt’ es ewig dauern,
+ So heben die trotz’gen Mauern
+ Sich in das Land hinaus.
+
+ Mächtige Hammerschläge
+ Erdröhnen schwer und voll;
+ Die Sägen knarren und zischen,
+ Verworren hört man dazwischen
+ Der Wogen dumpf Geroll.
+
+ Durch das Gebälke klettert
+ Ein rüst’ger Zimmermann;
+ Der Wind der sich erhoben,
+ Zerreißt mit seinem Toben
+ Das Lied, das er begann.
+
+ Ich bin hineingetreten;
+ Daß solch ein Werk gedeiht,
+ Das ist an Gott gelegen,
+ Zu beten um seinen Segen,
+ Nehm’ ich mir gern die Zeit.
+
+ Die Fenster gehen alle
+ Hinaus auf die wilde See;
+ Noch sind sie nicht verschlossen,
+ Eine Möwe kommt geschossen
+ Durch das, an dem ich steh’.
+
+ Hier will der Bewohner schlafen;
+ Schon wird in dem luft’gen Raum
+ Die Bettstatt aufgeschlagen;
+ Da ahn’ ich mit stillem Behagen
+ Voraus gar manchen Traum.
+
+ Doch wende ich mein Auge,
+ Fällt’s auf gar manches Riff,
+ Ich sehe des Meeres Tosen,
+ Drüben im Grenzenlosen
+ Durchbricht den Nebel ein Schiff.
+
+ Wer ist’s denn, der am Strande,
+ Am öden, sein Haus sich baut?
+ „Ein Schiffer; seit vielen Jahren
+ Hat er das Meer befahren,
+ Nun ist’s ihm lieb und vertraut.
+
+ Dies ist die letzte Reise,
+ Ich fühl’ mich alt und müd’,
+ Daß ich mein Nest dann finde,
+ Hobelt und hämmert geschwinde!
+ So sprach er, als er schied.
+
+ Jetzt kann er stündlich kehren,
+ Er ist schon lange fort,
+ Drum müssen wir alle eilen!“
+ Des schwellenden Sturmwinds Heulen
+ Verschlingt des Zimm’rers Wort.
+
+ Die Wolken ballen sich dräuend,
+ Riesige Wogen erstehn,
+ Aufgerüttelt von Stürmen,
+ Schrecklich, wenn sie sich türmen,
+ Schrecklicher, wenn sie zergehn.
+
+ Das Schiff dort, kraftlos ringend,
+ Ihr Spiel jetzt, bald ihr Raub,
+ Muß gegen die Felsen prallen,
+ Schon hör’ ich den Notschuß fallen,
+ Was hilft es? Gott ist taub.
+
+ Ich fürchte, das ist der Schiffer,
+ Dem man dies Bett bestellt,
+ Der Zimm’rer mit dem Hammer
+ Befestigt die letzte Klammer,
+ Während das Schiff zerschellt.
+
+ Friedr. Hebbel.
+
+
+
+
+Nis Randers.
+
+
+ Krachen und Heulen und berstende Nacht,
+ Dunkel und Flammen in rasender Jagd —
+ Ein Schrei durch die Brandung!
+
+ Und brennt der Himmel, so sieht man’s gut:
+ Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;
+ Gleich holt sich’s der Abgrund.
+
+ Nis Randers lugt — und ohne Hast
+ Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast;
+ Wir müssen ihn holen.“
+
+ Da faßt ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein!
+ Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,
+ Ich will’s, deine Mutter!
+
+ Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;
+ Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
+ Mein Uwe, mein Uwe!“
+
+ Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!
+ Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
+ „Und +seine+ Mutter?“
+
+ Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs:
+ Hohes, hartes Friesengewächs;
+ Schon sausen die Ruder.
+
+ Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!
+ Nun muß es zerschmettern! ... Nein: es blieb ganz! ...
+ Wie lange? Wie lange?
+
+ Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
+ Die menschenfressenden Rosse daher;
+ Sie schnauben und schäumen.
+
+ Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
+ Eins auf den Nacken des andern springt
+ Mit stampfenden Hufen!
+
+ Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!
+ Was da? — Ein Boot, das landwärts hält —
+ Sie sind es! Sie kommen! — —
+
+ Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt ...
+ Still — ruft da nicht einer — Er schreit’s durch die Hand:
+ „Sagt Mutter, ’s ist Uwe!“
+
+ Otto Ernst.
+
+
+
+
+Das Wrack.
+
+
+ Die Flut verrinnt! Auf ebbetrocknem Strande
+ Liegt dort das Wrack tiefeingewühlt im Sande;
+ Zerborsten klafft das Deck, der Kiel zerbrach.
+ Ein Schoner einst! Wie alle Wimpel flogen,
+ Als er zuerst durchschoß die blauen Wogen!
+ Der greise Kaufherr sah ihm lächelnd nach.
+ Bayard, des Werftes Stolz, der kühnste Renner,
+ Am Bord neun Friesen, seegebräunte Männer,
+ Mit stillem Aug’ und eisenfester Hand.
+ Zum Ost und West ging manche gute Reise,
+ Zum fernen Süd, durch beide Wendekreise,
+ Den bunten Gürtel, der die Welt umspannt.
+ Dann kam der Schicksalstag. Das lang geschlafen,
+ Losfuhr das Wetter nah’ dem Heimathafen.
+ Zerspellte Rumpf und Rah’ mit wilder Wucht,
+ Zersprengte Brass’ und Tau gleich Fadennetzen
+ Und warf Gebälk und Trumm, wertlose Fetzen,
+ In dieses Eilands sturmgepeitschte Bucht. —
+
+[Illustration]
+
+ Dort liegt das Wrack! Es sitzt auf seinen Planken
+ Ein alter Mann verloren in Gedanken,
+ Gebückt, den breiten Hut tief im Gesicht.
+ Verstürmt auch er? — Wer weiß, auf welchen Meeren? —
+ Er schreibt. — Ein Lied wie dies? — Harm soll man ehren;
+ Geht sacht an ihm vorbei und stört ihn nicht.
+
+ F. W. Weber.
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Meeresstrand.
+
+
+ Ans Haff nun fliegt die Möwe,
+ Und Dämmrung bricht herein;
+ Über die feuchten Watten
+ Spiegelt der Abendschein.
+
+ Graues Geflügel huschet
+ Neben dem Wasser her;
+ Wie Träume liegen die Inseln
+ Im Nebel auf dem Meer.
+
+ Ich höre des gärenden Schlammes
+ Geheimnisvollen Ton,
+ Einsames Vogelrufen —
+ So war es immer schon.
+
+ Noch einmal schauert leise
+ Und schweiget dann der Wind;
+ Vernehmlich werden die Stimmen,
+ Die über der Tiefe sind.
+
+ Theodor Storm.
+
+
+
+
+Meeresrauschen.
+
+
+Mehr noch als der Anblick des Meeres überrascht seine +Stimme+.
+Sie wird überall vernommen auf hoher See und am Strande, und immer
+wechselnd bewegt sie in immer neuer Weise das Gemüt. Bald erbraust sie
+in erhaben-gleichförmigem Rhythmus; es ist die Sprache der Wasserwüste,
+das Nachtönen des „Werde!“, welches die Schöpfung ins Dasein rief.
+Bald glaubt man ein tiefes Atemholen der Flut zu hören oder ein
+träumerisches Murmeln und dann wieder ein Klatschen und Schmettern
+mit langgezogenem Widerhall, bis die Stunde des Sturmes kommt, da das
+Element in entfesselter Größe überschwillt und mit seinen rollenden
+Donnern die Erde zittern macht. Aber die empörten Wogen kehren wieder
+in ihre Bahn zurück, und nun scheint ihre Stimme nicht mehr zürnend,
+sondern voll klagenden Gesanges. Das Ohr unterscheidet allmählich auch
+die leiseren Töne in dem Riesenorchester, das Flüstern und Klingen der
+einzelnen Wellen, und in das Spiel der Phantasie verloren, vermeinen
+wir wohl die Bäche und Bächlein der Heimat wieder zu vernehmen, die
+im Ozean nach langer Wanderung ein Ziel gefunden haben. Auch das sind
+Meeresszenen voll tiefen, fast feierlich-sehnsüchtigen Reizes, der
+freilich dann am ergreifendsten wirkt, wenn im Dufte des unendlichen
+Horizontes die Gestirne der Nacht aufsteigen oder versinken vor dem
+Auge des Schiffers.
+
+ Herm. Masius.
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der Gesang des Meeres.
+
+
+ Wolken, meine Kinder, wandern gehen
+ Wollt ihr? Fahret wohl! Auf Wiedersehen!
+ Eure wandellustigen Gestalten
+ Kann ich nicht in Mutterbanden halten.
+
+ Ihr langweilet euch auf meinen Wogen,
+ Dort die Erde hat euch angezogen:
+ Küsten, Klippen und des Leuchtturms Feuer!
+ Ziehet, Kinder! Geht auf Abenteuer.
+
+ Segelt, kühne Schiffer, in den Lüften!
+ Sucht die Gipfel! Ruhet über Klüften!
+ Brauet Stürme! Blitzet! Liefert Schlachten!
+ Traget glüh’nden Kampfes Purpurtrachten!
+
+ Rauscht im Regen! Murmelt in den Quellen!
+ Füllt die Brunnen! Rieselt in die Wellen!
+ Braust in Strömen durch die Lande nieder —
+ Kommet, meine Kinder, kommet wieder!
+
+ C. F. Meyer.
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Ostern.
+
+
+ Es war daheim auf unsrem Meeresdeich;
+ Ich ließ den Blick am Horizonte gleiten,
+ Zu mir herüber schoß verheißungsreich
+ Mit vollem Klang das Osterglockenläuten.
+
+ Wie brennend Silber funkelte das Meer,
+ Die Inseln schwammen auf dem hohen Spiegel,
+ Die Möwen schossen blendend hin und her,
+ Eintauchend in die Flut die weißen Flügel.
+
+ Im tiefen Kooge bis zum Deichesrand
+ War sammetgrün die Wiese aufgegangen;
+ Der Frühling zog prophetisch über Land,
+ Die Lerchen jauchzten, und die Knospen sprangen. —
+
+ Entfesselt ist die urgewalt’ge Kraft,
+ Die Erde quillt, die jungen Säfte tropfen,
+ Und alles treibt, und alles webt und schafft,
+ Des Lebens vollste Pulse hör’ ich klopfen.
+
+ Der Flut entsteigt der frische Meeresduft;
+ Vom Himmel strömt die goldne Sonnenfülle;
+ Der Frühlingswind geht klingend durch die Luft
+ Und sprengt im Flug des Schlummers letzte Hülle.
+
+ O wehe fort, bis jede Knospe bricht,
+ Daß endlich uns ein ganzer Sommer werde;
+ Entfalte dich, du gottgebornes Licht,
+ Und wanke nicht, du feste Heimaterde! —
+
+ Hier stand ich oft, wenn in Novembernacht
+ Aufgor das Meer zu gischtbestäubten Hügeln,
+ Wenn in den Lüften war der Sturm erwacht,
+ Die Deiche peitschend mit den Geierflügeln.
+
+ Und jauchzend ließ ich an der festen Wehr
+ Den Wellenschlag die grimmen Zähne reiben;
+ Denn machtlos, zischend schoß zurück das Meer —
+ Das Land ist unser, unser soll es bleiben!
+
+ Theodor Storm.
+
+
+
+
+Geistesgruß.
+
+
+ Hoch auf dem alten Turme steht
+ Des Helden edler Geist,
+ Der, wie das Schiff vorübergeht,
+ Es wohl zu fahren heißt.
+
+ „Sieh, diese Sehne war so stark,
+ „Dies Herz so fest und wild,
+ „Die Knochen voll von Rittermark,
+ „Der Becher angefüllt;
+
+ „Mein halbes Leben stürmt’ ich fort,
+ „Verdehnt’ die Hälft’ in Ruh,
+ „Und du, du Menschen-Schifflein dort,
+ „Fahr’ immer, immer zu!“
+
+ Wolfg. v. Goethe.
+
+
+
+
+Turmwächterlied.
+
+
+ Am gewaltigen Meer,
+ In der Mitternacht,
+ Wo der Wogen Heer
+ An die Felsen kracht,
+ Da schau’ ich vom Turm hinaus.
+ Ich erheb’ einen Sang
+ Aus starker Brust
+ Und mische den Klang
+ In die wilde Luft,
+ In die Nacht, in den Sturm, in den Graus.
+
+[Illustration]
+
+ Dringe durch, dringe durch
+ Recht freudenvoll,
+ Mein Lied von der Burg
+ In das Sturmgeroll!
+ Verkünd’ es weit durch die Nacht,
+ Wo schwanket ein Schiff
+ Durch die Flut entlang,
+ Wo schwindelt am Riff
+ Des Wanderers Gang,
+ Daß oben ein Mensch hier wacht!
+
+ Ein kräftiger Mann,
+ Recht frisch bereit,
+ Wo er helfen kann,
+ Zu wenden das Leid,
+ Mit Ruf, mit Leuchte, mit Hand.
+ Ist zu schwarz die Nacht,
+ Ist zu fern der Ort,
+ Da schickt er mit Macht
+ Seine Stimme fort
+ Mit Trost über See und Land.
+
+ Wer auf Wogen schwebt —
+ Sehr leck sein Kahn —
+ Wer im Walde bebt,
+ Wo sich Räuber nahn,
+ Der denke: Gott hilft wohl gleich!
+ Wen das wilde Meer
+ Schon hinunterschlingt,
+ Wem des Räubers Speer
+ In die Hüfte dringt,
+ Der denk’ an das Himmelreich!
+
+ Friedr. de la Motte Fouqué.
+
+
+
+
+Am Turme.
+
+
+ Ich steh auf hohem Balkone am Turm,
+ Umstrichen vom schreienden Stare,
+ Und lass’ gleich einer Mänade den Sturm
+ Mir wühlen im flatternden Haare;
+ O wilder Geselle, o toller Fant,
+ Ich möchte dich kräftig umschlingen
+ Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand,
+ Auf Tod und Leben dann ringen!
+
+ Und drunten seh ich am Strand, so frisch
+ Wie spielende Doggen, die Wellen
+ Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch
+ Und glänzende Flocken schnellen.
+ O springen möcht’ ich hinein alsbald,
+ Recht in die tobende Meute,
+ Und jagen durch den korallenen Wald
+ Das Walroß, die lustige Beute!
+
+ Und drüben seh ich ein Wimpel wehn,
+ So keck wie eine Standarte,
+ Seh auf und nieder den Kiel sich drehn
+ Von meiner luftigen Warte;
+ O, sitzen möcht’ ich im kämpfenden Schiff,
+ Das Steuerruder ergreifen
+ Und zischend über das brandende Riff
+ Wie eine Seemöwe streifen.
+
+ Wär ich ein Jäger auf freier Flur,
+ Ein Stück nur von einem Soldaten,
+ Wär ich ein Mann doch mindestens nur,
+ So würde der Himmel mir raten;
+ Nun muß ich sitzen so fein und klar,
+ Gleich einem artigen Kinde,
+ Und darf nur heimlich lösen mein Haar
+ Und lassen es flattern im Winde!
+
+ Annette v. Droste-Hülshoff.
+
+
+
+
+Old Mütterchen.
+
+
+ O schöner Wintersonnenschein,
+ Du lockst ins Freie groß und klein!
+ Old Mütterchen läßt man im Haus allein! —
+ Old Mütterchen zählt an hundert Jahr;
+ Doch war in die Ferne ihr Blick noch klar.
+ Ihr Ruhebett war so gestellt,
+ Daß schauen sie konnt’ in Gottes Welt:
+ Und — wie sie so durchs Fenster sah
+ In die Husumer Bucht, was sah sie da?
+ Die Ufer waren von Schnee so weiß,
+ Die See stand fest als blankes Eis,
+ Und über das weit gefrorene Meer
+ Jagt alles auf Schlittschuh’n hin und her;
+ Ein jeder schwingt sich auf seine Weise,
+ Die ganze Stadt schien auf dem Eise.
+ Es war ein Gewimmel und ein Gelauf,
+ Man stellte Zelt’ und Buden auf;
+ Auch fuhren auf Schlitten die Knaben die Frauen,
+ Die waren geputzt wie zum Feste zu schauen.
+ Das muntre Volk im jubelnden Reigen
+ Bedünkt Old Mütterchen gar eigen:
+ Wo neulich noch schlugen und tobten die Wogen,
+ Ward wie mit Flügeln auf Spiegeln geflogen;
+ Wo sonst nur schwammen Schiff und Fische,
+ Stellte man heute Bänke und Tische;
+ Man schmauste und trank und sang und sprang,
+ Es wurde keinem die Weile lang.
+ Da dacht’ in ihrer Einsamkeit
+ Old Mütterchen längst vergangner Zeit,
+ Wo sie die gleiche Lust erfahren,
+ Eh sie gelangt zu zitternden Jahren,
+ Wie mancher junge schmucke Gesell
+ Sie einst gefahren im Schlitten schnell.
+ Sie dacht’ auch des Gatten und ihrer Knaben,
+ Die ungestümes Meer begraben,
+ Wie heimgegangen all’ ihre Lieben
+ Und sie zuletzt so einsam blieben.
+ Da seufzte sie: Gott vergisset mein
+ Und läßt mich hier ganz seelenallein,
+ Ich muß hier als ganz unnütz sein,
+ Den Fremden schaff’ ich nur Beschwerden,
+ Was soll ich noch fürder auf dieser Erden?
+ Doch wie Old Mütterchen das spricht,
+ Der Ratschluß Gottes ist verborgen,
+ Straft sie ihr Herz: o sündige nicht:
+ Laß ihn allein bestimmen und sorgen.
+ In solchen und anderen Gedanken
+ Blickt weiter sie auf das Schwingen und Schwanken,
+ Und spricht zu sich selber: tun doch heute,
+ Als wär’ Meer Land, die tollen Leute;
+ Ist wohl so gesichert die weite Fläche,
+ Daß hie und da das Eis nicht breche?
+ Und wie sie dem nachsinnt, nicht lange,
+ Pocht ihr das Herz in der Brust so bange,
+ Als könne solch ein Unglück geschehn,
+ Als solle sie bald Entsetzliches sehn.
+ Da erblickt sie über dem bunten Gewimmel
+ In fernster Ferne ein Wölkchen am Himmel,
+ Ein weißes, und spricht: das deutet Sturm,
+ Und niemand läutet doch heut vom Turm.
+ Kommt Sturm mit der springenden Flut im Bunde,
+ Zerbricht er das ganze Eis in der Runde,
+ Und alle die fröhlichen seligen Leute
+ Versinken in Schollen und Schäumen heute.
+ Ich will doch rufen, daß einer warnet,
+ Eh alle des Todes Netz umgarnet.
+ Sie ruft: Ist keiner, der hören will?
+ Sie ruft; doch alles ist totenstill.
+ Es ist wohl niemand, niemand im Haus.
+ Da müht sie sich aus dem Bett heraus
+ Und kriecht zum Fenster auf Händen und Füßen;
+ Da muß der Frost es fest verschließen.
+ Das Volk darf auf dem Eise nicht bleiben!
+ Sie hat keine Rast, sie zerschlägt die Scheiben,
+ Sie ruft hinaus — sie winkt — sie schreit —
+ Zu schwach, zu matt! ach, alle sind weit!
+ Herr Gott, was fang vor Leid ich an,
+ Wenn ich das Volk nicht warnen kann;
+ Die Wolke wird größer, o bange Pein,
+ Sie werden alle verloren sein;
+ Ich kenne das Sturmgewölk genau
+ Als leiderfahrne Schiffersfrau.
+ Allmächtiger Gott! o Herre mein!
+ Laß hören doch mein schwaches Schrein.
+ Denn zögert das Warnen noch wenig Minuten,
+ Versenkt sie alle das Rollen der Fluten.
+ Da hört sie ein Knabe; doch der lacht und läuft,
+ Weil, was sie ruft, er nicht begreift.
+ „Ach, alle, alle eilen zur Freude
+ Und wissen nicht, wie bald zum Leide!
+ Wie rett’ ich, wie helf’ ich! Gott, gib Licht!
+ Ich bin zu schwach, ich treffe das nicht.“
+ Da zuckt ein Gedank’ ihr durch den Sinn,
+ Sie müht sich kriechend zum Herde hin
+ Und faßt einen Brand und entzündet das Stroh
+ Im Bett: das brennet lichterloh.
+ Sie rief: „So schaff’ ich ein Feuerzeichen,
+ Bald wird der Brand das Dach erreichen.“
+ Indem der Qualm das Zimmer füllt,
+ Ergreift sie den Mantel und flieht verhüllt;
+ Doch kann sie vor Alter nicht schnell von der Stelle,
+ Nur langsam erreicht sie der Türe Schwelle.
+ Da schlägt die Lohe zum Dach hinaus.
+ „Leb wohl, geliebtes Vaterhaus.
+ Und kann ich nur das Volk erretten,
+ Mag Gott mich selbst im Himmel betten.“
+ Doch gibt der Herr, der alles schafft,
+ Den schwachen Gliedern fürder Kraft;
+ Sie erreicht die Straße und ruht am Stein,
+ Da gewahren von weitem die Leute den Schein
+ Und sagen: dort muß ein Feuer sein!
+ Und rennen herzu. Old Mütterchen schreit:
+ „Laßt das! Mit dem Feuer hat’s gute Zeit,
+ Ich lockt’ euch mit dem Feuer herbei,
+ Daß ihr vernähmet, was ich schrei.
+ Laßt brennen mein Haus und eilt zum Turm,
+ Seht dorten die Wolke, und läutet Sturm,
+ Daß alles Volk zum Lande kehr’,
+ Eh Sturm erregt das wilde Meer!“
+ Da schauen die Leute die Wolke erschreckt
+ Und sagen: die Frau hat Gott erweckt!
+ Und rennen in Eile hin zum Turm
+ Und läuten aus Leibeskräften Sturm.
+ Der Qualm, das Läuten ruft alle herbei,
+ Man eilt zum Strande mit bangem Geschrei,
+ Und alles ruft: „Geschwind, geschwind!“
+ Da floh das Husumer Volk vor dem Wind.
+ Sie gaben die Zelte, die Buden preis,
+ Denn fernher kam das Meer schon weiß,
+ Hoch über dem jagenden, flüchtenden Volke
+ Verbreitet sich fliegend des Sturmes Wolke.
+ Die Husumer zeigten jenen Tag,
+ Wie man auf Schlittschuh’n fliegen mag:
+ Der ganze Schwarm wie weggeblasen,
+ Dicht, dicht dahinter des Sturmes Rasen.
+ Hei! wie es die leichten Buden, die Zelte
+ Hinwarf und zerspellt in die Welt hinschnellte!
+ Sturmvögel kamen mit Schreien geflogen,
+ Der ganze Himmel schwarz umzogen,
+ Darunter im Sturm der Springflut Wogen.
+ Man hörte sie schon bis her zum Strande,
+ Und als der letzte Mann am Lande,
+ Hob wie aufatmend das Meer in der Bucht
+ Weithin mit Gedonner des Eises Wucht.
+ Wie von springenden Rossen ein wildes Heer,
+ Sprang Brandung Sturz auf Sturz daher,
+ Und wogte zu Trümmern den Spiegel, der eben
+ Noch trug des Volkes fröhliches Schweben,
+ Zerbrach ihn und türmte und rollte im Lauf
+ Ein Gebirg von Schollen am Ufer herauf.
+ Und wieder stürzt es zurück ins Gebraus,
+ Und wieder warf es das Meer heraus.
+ So tobte der Sturm die ganze Nacht
+ Und schwieg erst, als Gott Tag gemacht;
+ Und als die Sonne stieg empor,
+ Da sammelte sich das Volk zum Chor,
+ Und sangen Lieder und priesen Gott,
+ Der sie errettet aus solcher Not.
+
+ Old Mütterchens Haus war niedergebrannt;
+ Doch als ihre Tat war stadtbekannt,
+ Da sah man das ganze Volk hinkommen,
+ Wo gute Leute sie aufgenommen.
+ Der Bettler, der Bürgermeister nicht minder,
+ Sie nannten sich alle Old Mütterchens Kinder.
+ War ohne sie doch alles verloren,
+ Sie hatte sie alle neu geboren,
+ Drum wollt’ ihr jeder ins Auge blicken,
+ Sie laben und herzen und süß erquicken,
+ Und brachten ihr für ihre Habe
+ Viel tausend neue schöne Gabe.
+ Old Mütterchen aber in Freudentränen
+ Sprach: „Niemand soll aus der Welt sich sehnen
+ Und sei er noch so hoch betagt
+ Und siech und matt! Wer weiß, wer sagt,
+ Wozu der droben
+ Ihn aufgehoben?
+ Laßt uns den Herrn des Himmels loben!“
+
+ Aug. Kopisch.
+
+
+
+
+Der Riese im Sturm.
+
+
+ Was schreit das viele Volk am Strand? —
+ Der Inselriese will ans Land.
+ Man sieht ihn kommen durchs wilde Meer;
+ Doch Well’ an Welle rollt einher,
+ Und mühsam ist im Sturm sein Gang,
+ Denn immer wächst der Wogen Drang! —
+ Ausging er bei noch heitrer Zeit;
+ Jetzt wird es dunkel: der Sund ist breit. —
+ Dem Bauernvolk das sehr behagt;
+ Es höhnt den Kühnen, der sich plagt.
+ Unmöglich scheint, was er beginnt;
+ Drum lacht darob Mann, Weib und Kind.
+ Und wenn eine Wog’ ihn weiß umhüllt,
+ Wird bittrer Schimpf ihm zugebrüllt.
+ Er hört das lange nicht im Schwall
+ Und trotzt der donnernden Wasser Fall;
+ Doch wie der Elemente Macht
+ Er endlich weicht, wird laut gelacht.
+ Ihm trägt der Wind den Schall ins Ohr;
+ Da reckt’ er sich aus der Tief’ empor,
+ Schaut unter seiner Hand zum Strand,
+ Und — als er die kleinen Leut’ erkannt,
+ Langt er hinab in den Meeressand,
+ Wo er ein kleines Steinchen fand;
+ Das warf er lachend nebenhin. —
+ Da sah man entsetzt die Bauern fliehn;
+ Denn in der Nähe war’s so groß,
+ Daß leicht es trüg’ ein ganzes Schloß! —
+ Der Sunddurchwandler aber rafft
+ Zusammen seine Hünenkraft,
+ Vollendet trotzend seinen Gang
+ Und schreitet sanft den Strand entlang
+ Und lacht: das Volk ist all’ nach Haus
+ Und guckt den ganzen Tag nicht aus. —
+ — Man sagt, der Riese zog von da
+ Hinüber nach Amerika;
+ Nun zeigt das Völkchen aller Welt
+ Im Stein des Riesen Griff für — Geld.
+
+ Aug. Kopisch.
+
+
+
+
+Flut und Ebbe.
+
+
+ In einem fernen umbrandeten Land
+ Spielen die Mädchen ein Spiel an dem Strand,
+ Schreiten im Reigen, heiter gesinnt,
+ Wann zu steigen die Flut beginnt,
+
+[Illustration]
+
+ Weichen zurück in gemess’ner Flucht
+ Aus der schwellenden Meeresbucht.
+ In den Gewässern ruhigklar
+ Werden sie krause Gestalten gewahr,
+ Rollt eine Woge, sie sehen ein Roß,
+ Sehn einen Reiter, bis er zerfloß.
+ „Schauet den Meermann! Garstig Gesicht!
+ Grinzende Larve, du haschest mich nicht!“
+ Aber das Meer, es wächst und naht —
+ „Fliehet, ihr Schwestern! Sonst wird’s zu spat!“
+ Alle sie stürzen im hastigen Lauf,
+ Gleiten, und reißen die Strauchelnden auf
+ Bis zu der Bank, wo die Ebbe beginnt,
+ Wo, wie sie wissen, das Wasser zerrinnt,
+ Dort ist gelagert der flüchtige Chor,
+ Zieht an dem Felsen die Füße empor,
+ Fleht in den Himmel mit brünstigem Schrei’n:
+ „Götter! ihr lasset die Unschuld allein?“
+ Aber die Flut, da den Raub sie berührt,
+ Hat das Verhängnis des Ebbens gespürt,
+ Und, wie erschreckt durch das maidliche Ach,
+ Gleitet sie nieder und fällt gemach! —
+ Gegen die Zieh’nde mit drohendem Arm
+ Hebt sich verfolgend der blühende Schwarm:
+ „Höhnet die Feigen! Sie fliehn aus dem Krieg!
+ Kränzet die Locken und feiert den Sieg!“
+
+ Also vergnügt sich das sterbliche Heer
+ Mit dem gelassnen, dem ewigen Meer.
+
+ C. F. Meyer.
+
+
+
+
+Die Stadt.
+
+
+ Am grauen Strand, am grauen Meer
+ Und seitab liegt die Stadt;
+ Der Nebel drückt die Dächer schwer,
+ Und durch die Stille braust das Meer
+ Eintönig um die Stadt.
+
+ Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
+ Kein Vogel ohn Unterlaß;
+ Die Wandergans mit hartem Schrei
+ Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
+ Am Strande weht das Gras.
+
+ Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
+ Du graue Stadt am Meer;
+ Der Jugend Zauber für und für
+ Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
+ Du graue Stadt am Meer.
+
+ Theodor Storm.
+
+
+
+
+Spruch.
+
+
+ Drüben von dem sel’gen Lande
+ Kommt ein seltsam Grüßen her,
+ Warum zagst du noch am Strande?
+ Graut dir, weil im falschen Meer
+ Draußen auf verlornem Schiffe
+ Mancher frischer Segel sinkt?
+ Und vom halbversunknen Riffe
+ Meerfey nachts verwirrend singt?
+ Wagst du’s nicht draufhin zu stranden,
+ Wirst du nimmer drüben landen!
+
+ Jos. v. Eichendorff.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der deutsche Spielmann
+
+
+herausgegeben von +Ernst Weber+, verlegt von +Georg D. W.
+Callwey-München+, nennt sich ein dichterisches Sammelwerk für Jugend
+und Volk. +Das Beste+ der gesamten deutschen Literatur in Poesie und
+Prosa, insoferne die Stücke kinder- und volkstümlich genannt werden
+können, will er geben. Die Sammlung gliedert sich in Einzelbände, von
+denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und von einem
+Künstler illustriert erscheint, dessen Eigenart dem Charakter des
+jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Obgleich
+auch einzeln erhältlich, eignet sich doch die ganze Folge wie kaum ein
+zweites Werk der Vergangenheit und der Gegenwart zur Anschaffung für
+öffentliche Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Unterrichts in
+den Schulen und für die Familienbücherei; +sie hofft, auch zum eisernen
+Bestand jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden+. Denn der deutsche
+Spielmann huldigt ja nicht einer vorübergehenden Mode des Tages. Er
+schöpft aus dem aufgespeicherten Schatz der Jahrhunderte und wird darum
+auch seine Geltung für das Jahrhundert behalten. Es liegen folgende
+Bände vor:
+
+ Band 1 Kindheit, illustriert von Ernst Kreidolf
+ „ 2 Wanderer, „ „ J. V. Cissarz
+ „ 3 Wald, „ „ W. Weingärtner
+ „ 4 Hochland, „ „ Franz Hoch
+ „ 5 Meer, „ „ J. V. Cissarz
+ „ 6 Helden, „ „ W. Weingärtner
+ „ 7 Schalk, „ „ Julius Diez
+ „ 8 Legenden, „ „ G. Ad. Stroedel
+ „ 9 Arbeiter, „ „ Georg Osk. Erler
+ „ 10 Soldaten, „ „ Georg Osk. Erler
+ „ 11 Sänger, „ „ Hans Röhm
+ „ 12 Frühling, „ „ Hans v. Volkmann
+ „ 13 Sommer, „ „ Edm. Steppes
+ „ 14 Herbst, „ „ Karl Biese
+ „ 15 Winter, „ „ Karl Biese
+ „ 16 Gute alte Zeit, „ „ Rud. Schiestl
+ „ 17 Himmel und Hölle, „ „ Julius Diez
+ „ 18 Stadt und Land, „ „ J. V. Cissarz
+ „ 19 Bach und Strom, „ „ E. Liebermann
+ „ 20 Heide, „ „ Adalb. Holzer
+ „ 21 Arme und Reiche, „ „ J. Widnmann
+ „ 22 Abenteurer, „ „ Rud. Schiestl
+ „ 23 Germanentum, „ „ Hans Röhm
+ „ 24 Mittelalter, „ „ Hans Schroedter
+ „ 25 Zeit der Wandlungen, „ „ Carl Roesch
+ „ 26 Neuzeit, „ „ Angelo Jank
+ „ 27 Gespenster, „ „ Julius Diez
+ „ 28 Tod, „ „ Math. Schiestl
+ „ 29 Blumen u. Bäume, „ „ Rud. Sieck
+ „ 30 Nordland, „ „ Ludw. Koch-Hanau
+ „ 31 Italien, „ „ Hans Volkert
+ „ 32 Hellas, „ „ Karl Bauer
+ „ 33 Fremde Zonen, „ „ Hans Volkert
+ „ 34 Vaterland, „ „ Wilh. Roegge jun.
+ „ 35 Tierwelt, „ „ Ludwig Werner
+ „ 36 Menschenherzen, „ „ Rud. Schiestl
+ „ 37 Glück und Trost, „ „ Hans Schwegerle
+ „ 38 Tag und Nacht, „ „ Otto Bauriedl
+ „ 39 Riesen und Zwerge, „ „ Rud. Schiestl
+ „ 40 Fabelreich, „ „ Ernst Weber
+
+Jeder Band kostet kartoniert Mk. 1.—
+
+Ausführlicher Prospekt ist durch jede Buchhandlung erhältlich oder vom
+Verlage Georg D. W. Callwey in München.
+
+Eine Anzahl von Bändchen, die sich inhaltlich gewissermaßen ergänzen,
+wurden zu Sammelbänden vereinigt. So entstanden, zum Preise von je Mk.
+4.50:
+
+ _Das deutsche Jahr_, umfassend die Bändchen: Frühling, Sommer,
+ Herbst, Winter.
+
+ _Deutsches Volk_, umfassend die Bändchen: Gute alte Zeit, Schalk,
+ Arbeiter, Soldaten.
+
+ _Deutsches Land_, umfassend die Bändchen: Bach und Strom, Wald,
+ Heide, Hochland.
+
+ _Deutsche Gestalten_, umfassend die Bändchen: Arme und Reiche,
+ Sänger, Helden, Abenteurer.
+
+ _Deutsche Geschichte_, umfassend die Bändchen: Germanentum,
+ Mittelalter, Zeit der Wandlungen, Neuzeit.
+
+ _Deutscher Glaube_, umfassend die Bändchen: Legenden, Gespenster,
+ Tod, Himmel und Hölle.
+
+ _Fremde Welt_, umfassend die Bändchen: Nordland, Italien, Hellas,
+ Fremde Zonen.
+
+ _Deutsche Heimat_, umfassend die Bändchen: Vaterland, Tag und Nacht,
+ Stadt und Land, Meer.
+
+ _Deutsches Leben_, umfassend die Bändchen: Kindheit, Wanderer,
+ Menschenherzen, Glück und Trost.
+
+ _Deutsche Natur_, umfassend die Bändchen: Blumen und Bäume, Tierwelt,
+ Riesen und Zwerge, Fabelreich.
+
+Von der warmen, begeisterten Aufnahme, die dem deutschen Spielmann
+seitens der gesamten deutschen Presse, der politischen wie der
+literarischen und pädagogischen, zuteil wurde, mögen folgende Kritiken
+Zeugnis geben.
+
+ =Jugendschriften-Warte=, Organ der vereinigten deutschen
+ Prüfungs-Ausschüsse für Jugendschriften:
+
+— Die Auswahl macht dem Herausgeber alle Ehre, es ist ein fruchtbarer
+Gedanke, nach Kategorien zusammenzustellen. Im deutschen Dichterwald
+sind der Klänge zu viele, sodaß die Gefahr der Monotonie sehr ferne
+liegt. Ich empfehle die Bücher für größere Kinder sehr. Herm. L.
+Köster, Vorsitzender des Hamburger Prüfungsausschusses.
+
+Die Bände 1–30 wurden bisher in das „+Verzeichnis empfehlenswerter
+Bücher für die Jugend+“ aufgenommen, das die +vereinigten deutschen
+Prüfungsausschüsse für Jugendschriften+ herausgeben. Die übrigen werden
+noch geprüft.
+
+
+=Augsburger Postzeitung=:
+
+„... Der deutsche Spielmann ist ein deutsches Hausbuch, an welchem
+Alt und Jung sich warmlesen können, aus welchem deutsches Wesen
+und deutsche Art hervorsprudelt und das einen Ehrenplatz in allen
+Büchereien verdient.“
+
+
+=Leipziger illustrierte Zeitung=:
+
+„Für die neu erschienenen Bände des dichterischen Sammelwerkes „Der
+deutsche Spielmann“ genügen wenige Worte ... Sie haben bisher bei
+Presse und Publikum eine so begeisterte Aufnahme gefunden, daß eine
+nähere Charakterisierung überflüssig ist.“
+
+
+=Bremer Nachrichten=:
+
+„... Eine eigentliche Jugendschrift ist der „Deutsche Spielmann“ nicht,
+will er auch nicht sein, bezeichnet er sich doch selbst als „eine
+Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk.“ Er ist
+eben .. ein Familienschatz, in welchem die Jugend etwa vom 9. Jahre
+an, wie auch der Erwachsene immer eine Fundgrube edelster Unterhaltung
+finden wird. Ich kann auch allen Interessenten nur empfehlen, sich mit
+der Zeit die ganze Sammlung zuzulegen ....“
+
+
+=St. Gallener Blätter=:
+
+„... Daß sie in Masse unter das Volk kämen, zu allen Empfänglichen,
+diese Spielmannsbüchlein mit all ihrem Singen und Sagen von Freud’
+und Weh’, mit all ihrer hellen und dunkeln Kunde von Vergangenheit,
+Gegenwart und Zukunftsträumen des Menschseins! ...“
+
+
+=Mecklenburger Schulzeitung=:
+
+„Das ist mal was Schönes! Die Sammlung gliedert sich in Einzelbände,
+jeder Band bildet ein geschlossenes Ganze und bietet das Beste aus der
+gesamten deutschen Literatur. Jede Bibliothek sollte diese, auf den
+Massenabsatz berechneten Hefte anschaffen. Der Preis ist unglaublich
+billig, die Ausstattung vorzüglich ....“
+
+
+=Xenien=: „Nach den mir vorliegenden Bändchen des Spielmann darf
+man das Unternehmen geradezu als vorbildlich bezeichnen! Weitesten
+Kreisen von Jung und Alt die besten Schöpfungen der Vergangenheit
+und Gegenwart, nach lebensbeherrschenden Gedankenzentren geordnet,
+für Mk. 1.— den Band, zugänglich gemacht: welcher Bildungswert
+fürs Volk! Dürfte man hoffen: auch welcher Abbruch für das
+Hintertreppenschrifttum! ...“
+
+
+=Allgemeines Literaturblatt=, Wien:
+
+„Der unglaublich billige Preis bei vorzüglicher Ausstattung ermöglicht
+es und läßt es wünschen, daß diese Bücher tief ins Volk dringen,
+dem nach all der parfümierten Unkunst der Moderne ein Zurückgreifen
+auf die, wenn auch manchmal derbe, doch ehrliche und stets gesunde
+Volkskraft und auf die Natur nur frommen kann. +Eine Anthologie
+nach diesen Gesichtspunkten, mit dieser Bilderbeigabe, in dieser
+Ausstattung, zu diesem Preise verdient die wärmste Empfehlung.+“
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78932 ***
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+ Meer | Project Gutenberg
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+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78932 ***</div>
+
+
+<div class="transnote mbot3">
+
+<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
+
+<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von
+1903 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche
+Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
+nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
+unverändert.</p>
+
+<p class="p0">Das <a href="#Inhalt">Inhaltsverzeichnis</a> wurde der Übersichtlichkeit halber
+vom Bearbeiter erstellt und an den Anfang des Buches gesetzt. Wie
+in den anderen Ausgaben dieser Buchreihe, erscheint im Original der
+Titel ‚<a href="#Geleitspruch_des_deutschen_Spielmanns">Geleitspruch des deutschen Spielmanns</a>‘ nicht als Überschrift,
+wurde aus Gründen der Vereinheitlichung aber dennoch in das
+Inhaltsverzeichnis übernommen.</p>
+
+<p class="p0">Der Originaltext wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen in
+gesperrter Schrift wurden <em>kursiv</em> dargestellt.
+<span class="nohtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten
+Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
+gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
+serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</span></p>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe36 x-ebookmaker-drop" id="cover">
+ <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="">
+ <figcaption>
+ <b>Original-Einband</b>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p class="s1 center break-before mtop3"><b class="s5">Der deutsche Spielmann</b></p>
+
+<p class="s2 center">Eine Auswahl aus dem<br>
+Schatz deutscher Dichtung<br>
+* für Jugend und Volk *</p>
+
+<p class="s3 center mtop2">Herausgegeben von Ernst Weber</p>
+
+<p class="s4 center">Mit Bildern von deutschen Künstlern</p>
+
+<p class="s1 center mtop2 mbot3"><b class="s5">Band V: Meer</b></p>
+
+<p class="center">München 1903 * * * Verlag des deutschen Spielmanns:<br>
+Georg D. W. Callwey und Carl Haushalter G. m. b. H.</p>
+
+<div class="chapter">
+<h1 class="mtop3"><b>Meer</b></h1>
+
+<p class="s3 center">Die weite See, das Ziel deutscher Sehnsucht,<br>
+* * * * wie es lockt und schreckt * * * *</p>
+
+<p class="s3 center mtop2">Gesammelt von Ernst Weber</p>
+
+<p class="s4 center">Bildschmuck von J. V. Cissarz</p>
+
+<figure class="figcenter illowe8 padtop3" id="illu_003_deko">
+ <img class="w100" src="images/illu_003_deko.jpg" alt="" data-role="presentation">
+</figure>
+
+<p class="center padtop5">München 1903 * * * Verlag des deutschen Spielmanns:<br>
+Georg D. W. Callwey und Carl Haushalter G. m. b. H.</p>
+
+</div>
+
+<p class="s5 center padtop5 break-before">Druck von Georg D. W. Callwey in
+München.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe42 break-before" id="illu_005">
+ <img class="w100" src="images/illu_005.jpg" alt="Ein Segelschiff mit weißen
+ Segeln auf dem Meer">
+ <figcaption>
+ <div class="linkedimage s5a"><a href="images/illu_005_gross.jpg"
+ id="illu_005_gross" rel="nofollow">⇒<br>
+ GRÖSSERES BILD</a></div>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Inhalt">
+
+ Inhalt
+
+</h2>
+
+</div>
+
+<table class="toc">
+ <tr>
+ <td class="s5">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="s5">
+ <div class="right">Seite</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Geleitspruch des deutschen Spielmanns</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Geleitspruch_des_deutschen_Spielmanns">7</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">An das Meer (Leuthold)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#An_das_Meer">8</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Freund (Eichendorff)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Freund">8</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der junge Schiffer (Hebbel)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_junge_Schiffer">9</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Norderney (Heine)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Norderney">10</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Am Strande (Grün)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Am_Strande">14</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der kleine Hydriot</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_kleine_Hydriot">15</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Seefahrt (Goethe)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Seefahrt">16</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Auf offener See (Eichendorff)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Auf_offener_See">17</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Seemorgen (Lenau)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Seemorgen">17</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Frieden (Heine)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Frieden">18</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Meerfahrt (Freiligrath)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Meerfahrt">19</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Meeres Stille (Goethe)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Meeres_Stille">21</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Ich seh’ von des Schiffes Rande ...</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Ich_seh_von_des_Schiffes_Rande">21</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Sturm mit seinen Donnerschlägen ...</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Sturm_mit_seinen_Donnerschlaegen">22</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Glückliche Fahrt (Goethe)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Glueckliche_Fahrt">22</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der goldene Tod (Avenarius)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_goldene_Tod">23</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Teerspitterchens Tochter (Blüthgen)</div>
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+ <div class="right"><a href="#Teerpitterchens_Tochter">24</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Klabautermann (Kopisch)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Klabautermann">32</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Wanderer und Wind (Lenau)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Wanderer_und_Wind">35</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Nun kommt der Sturm (Seibel)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Nun_kommt_der_Sturm">36</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Das Meer (Heine)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Das_Meer">37</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Leander und Selin (Ew. v. Kleist)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Leander_und_Selin">37</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die Vergeltung (v. Droste-Hülshoff)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Vergeltung">39</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Konquistadores (C. F. Meyer)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Konquistadores">42</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Eine Seeräubergeschichte (Seibel)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Eine_Seeraubergeschichte">45</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Das Haus am Meer (Hebbel)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Das_Haus_am_Meer">49</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Nis Randers (O. Ernst)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Nis_Randers">51</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Das Wrack (F. W. Weber)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Das_Wrack">52</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Meeresstrand (Storm)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Meeresstrand">55</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Meeresrauschen (Masius)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Meeresrauschen">55</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Gesang des Meeres (C. F. Meyer)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Gesang_des_Meeres">56</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Ostern (Storm)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Ostern">57</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Geistesgruß (Goethe)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Geistesgruss">58</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Turmwächterlied (F. de la Motte Fouqué)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Turmwachterlied">58</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Am Turme (v. Droste-Hülshoff)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Am_Turme">60</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Old Mütterchen (Kopisch)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Old_Muetterchen">61</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Der Riese im Sturm (Kopisch)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Riese_im_Sturm">65</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Flut und Ebbe (C. F. Meyer)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Flut_und_Ebbe">66</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Die Stadt (Storm)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Stadt">69</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Spruch (Eichendorff)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Spruch">70</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_7">[S.7]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowe38" id="illu_007">
+ <img class="w100 mtop3" src="images/illu_007.jpg" alt="Ein Mensch steht mit
+ ausgestreckten Armen am Meer und grüßt die Sonne über dem Horizont">
+</figure>
+
+<h2 class="nopad geleitspruch s7" id="Geleitspruch_des_deutschen_Spielmanns"
+title="Geleitspruch des deutschen Spielmanns">Geleitspruch des deutschen
+Spielmanns</h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Vom Meer will ich Euch künden,</div>
+ <div class="verse indent0">Vom endlos großen Meer,</div>
+ <div class="verse indent0">Von seinen Wellenschlünden,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Fluten grimm und schwer,</div>
+ <div class="verse indent0">Von seiner tiefen Stille,</div>
+ <div class="verse indent0">Die kaum den Odem regt,</div>
+ <div class="verse indent0">Bis ein gewalt’ger Wille</div>
+ <div class="verse indent0">Den Sturm darüber fegt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es ist seit alten Tagen</div>
+ <div class="verse indent0">Das Meer der Sehnsucht Ziel;</div>
+ <div class="verse indent0">Es klingt durch unsre Sagen</div>
+ <div class="verse indent0">Der Wogen rauschend Spiel.</div>
+ <div class="verse indent0">Die alten Spielmannsrecken,</div>
+ <div class="verse indent0">Herrn Volker und Horand,</div>
+ <div class="verse indent0">Das Meer mit seinen Schrecken,</div>
+ <div class="verse indent0">Es hielt sie nicht am Strand.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Sie haben ihm entrungen</div>
+ <div class="verse indent0">Die königliche Braut;</div>
+ <div class="verse indent0">Es hat ihr Mund gesungen,</div>
+ <div class="verse indent0">Was ihm das Meer vertraut.</div>
+ <div class="verse indent0">Ist die bewegte Welle</div>
+ <div class="verse indent0">Doch recht der Seele Bild,</div>
+ <div class="verse indent0">Bald düster und bald helle,</div>
+ <div class="verse indent0">Bald träumend und bald wild.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und wo in unsern Reigen</div>
+ <div class="verse indent0">Von ihr ein Raunen schwebt,</div>
+ <div class="verse indent0">Da ist uns wohl zu eigen,</div>
+ <div class="verse indent0">Als hätten wir’s erlebt. —</div>
+ <div class="verse indent0">So rausche denn und ruhe,</div>
+ <div class="verse indent0">Wir stehen hoch am Strand,</div>
+ <div class="verse indent0">Und wirf aus dunkler Truhe</div>
+ <div class="verse indent0">Uns Perlen in die Hand!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent8">Der deutsche Spielmann</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_8">[S.8]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="An_das_Meer">
+ An das Meer.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Gruß dir, frührotschimmerndes Meer! Gewaltig</div>
+ <div class="verse indent0">Haucht dein herber Odem mich an, und wieder</div>
+ <div class="verse indent0">Tragen aufwärts mich die des Fluges entwöhnten</div>
+ <div class="verse indent8">Schwingen der Seele.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Dir im Schoß ruhn Tempel vergessner Götter,</div>
+ <div class="verse indent0">Ruhn versunkne Städte, es ruhen neben</div>
+ <div class="verse indent0">Völkerketten untergegangner Reiche</div>
+ <div class="verse indent8">Kronen im Schoße dir.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Tyrus alten Glanz und den Stolz Karthagos,</div>
+ <div class="verse indent0">Romas Weltherrschaft und Venedigs Größe</div>
+ <div class="verse indent0">Deckst du zu mit deiner Gewässer dunkel</div>
+ <div class="verse indent8">rollendem Bahrtuch.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Tiefgeheimnisvoll, wie des Weltenschicksals</div>
+ <div class="verse indent0">Stimme tönet dein Donnergebrüll ins Ohr mir</div>
+ <div class="verse indent0">Ehern, rauh, hohnlachend, so vieler Völker</div>
+ <div class="verse indent8">Wiegen- und Grablied.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Oft wie Atemzüge des großen Weltgeists</div>
+ <div class="verse indent0">Weht’s aus deinen Tiefen; mir ist, als hört’ ich</div>
+ <div class="verse indent0">Heil’ge Laute, welche der Schöpfungssagen</div>
+ <div class="verse indent8">Rätsel mir lösen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent26">Fritz Leuthold.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Der_Freund">
+ Der Freund.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wer auf den Wogen schliefe,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein sanft gewiegtes Kind,</div>
+ <div class="verse indent0">Kennt nicht des Lebens Tiefe,</div>
+ <div class="verse indent0">Vor süßem Träumen blind.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch wen die Stürme fassen</div>
+ <div class="verse indent0">Zu wildem Tanz und Fest,</div>
+ <div class="verse indent0">Wen hoch auf dunklen Straßen</div>
+ <div class="verse indent0">Die falsche Welt verläßt:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der lernt sich wacker rühren,</div>
+ <div class="verse indent0">Durch Nacht und Klippen hin</div>
+ <div class="verse indent0">Lernt der das Steuer führen</div>
+ <div class="verse indent0">Mit sichrem, ernstem Sinn.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_9">[S.9]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_009">
+ <img class="w100" src="images/illu_009.jpg" alt="Ein einsamer Segler im Sturm" data-role="presentation">
+</figure>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der ist vom echten Kerne,</div>
+ <div class="verse indent0">Erprobt zu Lust und Pein,</div>
+ <div class="verse indent0">Der glaubt an Gott und Sterne,</div>
+ <div class="verse indent0">Der soll mein Schiffmann sein!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent10">Jos. v. Eichendorff.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+ <h2 class="nobreak" id="Der_junge_Schiffer">
+ Der junge Schiffer.
+ </h2>
+
+</div>
+
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Dort bläht ein Schiff die Segel,</div>
+ <div class="verse indent2">Frisch saust hinein der Wind;</div>
+ <div class="verse indent0">Der Anker wird gelichtet,</div>
+ <div class="verse indent0">Das Steuer flugs gerichtet,</div>
+ <div class="verse indent2">Nun fliegt’s hinaus geschwind.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein kühner Wasservogel</div>
+ <div class="verse indent2">Kreist grüßend um den Mast,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Sonne brennt herunter,</div>
+ <div class="verse indent0">Manch Fischlein, blank und munter,</div>
+ <div class="verse indent2">Umgaukelt keck den Gast.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wär’ gern hinein gesprungen,</div>
+ <div class="verse indent2">Da draußen ist mein Reich!</div>
+ <div class="verse indent0">Ich bin ja jung von Jahren,</div>
+ <div class="verse indent0">Da ist’s mir nur um’s Fahren,</div>
+ <div class="verse indent2">Wohin? Das gilt mir gleich!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Friedr. Hebbel.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_10">[S.10]</span></p>
+
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_010">
+ <img class="w100 mtop3" src="images/illu_010.jpg" alt="Am Strand der Insel Norderney" data-role="presentation">
+</figure>
+
+ <h2 class="nopad" id="Norderney">
+ Norderney.
+ </h2>
+</div>
+
+<p>Es geht ein starker Nordwind, und die Hexen haben wieder viel Unheil
+im Sinne. Man hegt hier nämlich wunderliche Sagen von Hexen, die den
+Sturm zu beschwören wissen, wie es denn überhaupt auf allen nordischen
+Meeren viel Aberglauben gibt. Die Seeleute behaupten, manche Insel
+stehe unter der geheimen Herrschaft ganz besonderer Hexen, und dem
+bösen Willen derselben sei es zuzuschreiben, wenn den vorbeifahrenden
+Schiffen allerlei Widerwärtigkeiten begegnen. Als ich voriges Jahr
+einige Zeit auf der See lag, erzählte mir der Steuermann unseres
+Schiffes, die Hexen wären besonders mächtig auf der Insel Wight und
+suchten jedes Schiff, das bei Tage dort vorbeifahren wolle, bis zur
+Nachtzeit aufzuhalten, um es alsdann an Klippen oder an die Insel
+selbst zu treiben. In solchen Fällen höre man diese Hexen so laut durch
+die Luft sausen und um das Schiff herumheulen, daß der Klabotermann
+ihnen nur mit vieler Mühe widerstehen könne. Als ich nun fragte, wer
+der Klabotermann sei, antwortete der Erzähler sehr ernsthaft: „Das ist
+der gute, unsichtbare Schutzpatron der Schiffe, der da verhütet, daß
+den treuen und ordentlichen Schiffern Unglück begegne, der da überall
+selbst nachsieht und sowohl für die Ordnung wie für die gute Fahrt
+sorgt.“ Der <span class="pagenum" id="Page_11">[S.11]</span>wackere Steuermann versicherte mit etwas heimlicherer
+Stimme, ich könne ihn selber sehr gut im Schiffsraume hören, wo er die
+Waren gern noch besser nachstaue, daher das Knarren der Fässer und
+Kisten, wenn das Meer hoch gehe, daher bisweilen das Dröhnen unserer
+Balken und Bretter; oft hämmere der Klabotermann auch außen am Schiffe,
+und das gelte dann dem Zimmermann, der dadurch gemahnt werde, eine
+schadhafte Stelle ungesäumt auszubessern; am liebsten aber setze er
+sich auf das Bramsegel, zum Zeichen, daß guter Wind wehe oder sich
+nahe. Auf meine Frage, ob man ihn nicht sehen könne, erhielt ich zur
+Antwort, nein, man sehe ihn nicht, auch wünsche keiner ihn zu sehen, da
+er sich nur dann zeige, wenn keine Rettung mehr vorhanden sei. Einen
+solchen Fall hatte zwar der gute Steuermann noch nicht selbst erlebt,
+aber von andern wollte er wissen, den Klabotermann höre man alsdann vom
+Bramsegel herab mit den Geistern sprechen, die ihm untertan sind; doch
+wenn der Sturm zu stark und das Scheitern unvermeidlich würde, setze
+er sich auf das Steuer, zeige sich da zum ersten Male und verschwinde,
+indem er das Steuer zerbräche. Diejenigen aber, die ihn in diesem
+furchtbaren Augenblicke sähen, fänden unmittelbar darauf den Tod in den
+Wellen.</p>
+
+<p>Der Schiffskapitän, der dieser Erzählung mit zugehört hatte, lächelte
+so fein, wie ich seinem rauhen, wind- und wetterdienenden Gesichte
+nicht zugetraut hätte, und nachher versicherte er mir, vor fünfzig
+oder gar vor hundert Jahren sei auf dem Meere der Glaube an den
+Klabotermann so stark gewesen, daß man bei Tische immer auch ein Gedeck
+für denselben aufgelegt und von jeder Speise etwa das Beste auf seinen
+Teller gelegt habe, ja, auf einigen Schiffen geschehe das noch jetzt.</p>
+
+<p>Ich gehe hier oft am Strande spazieren und gedenke solcher
+seemännischen Wundersagen. Die anziehendste derselben ist wohl die
+Geschichte vom fliegenden Holländer, den man im Sturm mit aufgespannten
+Segeln vorbeifahren sieht, und der zuweilen ein Boot aussetzt, um den
+begegnenden Schiffen allerlei Briefe mitzugeben, die man nachher nicht
+zu besorgen weiß, da sie an längst verstorbene Personen adressiert
+sind. Manchmal gedenke ich auch des alten, lieben Märchens von dem
+Fischerknaben, der am Strande den nächtlichen Reigen der Meernixen
+belauscht hatte und nachher mit seiner Geige die ganze Welt durchzog
+und alle Menschen zauberhaft entzückte, wenn er ihnen die <span class="pagenum" id="Page_12">[S.12]</span>Melodie
+des Nixenwalzers vorspielte. Diese Sage erzählte mir einst ein lieber
+Freund, als wir im Konzerte zu Berlin solch einen wundermächtigen
+Knaben, den Felix Mendelssohn-Bartholdy, spielen hörten.</p>
+
+<p>Einen eigentümlichen Reiz gewährt das Kreuzen um die Insel. Das Wetter
+muß aber schön sein, die Wolken müssen sich ungewöhnlich gestalten,
+und man muß rücklings auf dem Verdecke liegen und in den Himmel sehen
+und allenfalls auch ein Stückchen Himmel im Herzen haben. Die Wellen
+murmeln alsdann allerlei wunderliches Zeug, allerlei Worte, woran liebe
+Erinnerungen flattern, allerlei Namen, die wie süße Ahnung in der Seele
+wiederklingen. Dann kommen auch Schiffe vorbeigefahren, und man grüßt,
+als ob man sich alle Tage wiedersehen könnte. Nur des Nachts hat das
+Begegnen fremder Schiffe auf dem Meere etwas Unheimliches; man will
+sich dann einbilden, die besten Freunde, die wir seit Jahren nicht
+gesehen, führen schweigend vorbei, und man verlöre sie auf immer.</p>
+
+<p>Ich liebe das Meer wie meine Seele.</p>
+
+<p>Oft wird mir sogar zu Mute, als sei das Meer eigentlich meine Seele
+selbst; und wie es im Meere verborgene Wasserpflanzen gibt, die nur im
+Augenblick des Aufblühens an dessen Oberfläche heraufschwimmen und im
+Augenblick des Verblühens wieder hinabtauchen, so kommen zuweilen auch
+wunderbare Blumenbilder heraufgeschwommen aus der Tiefe meiner Seele
+und duften und leuchten und verschwinden wieder.</p>
+
+<p>Man sagt, unfern dieser Insel, wo jetzt nichts als Wasser ist, hätten
+einst die schönsten Dörfer und Städte gestanden, das Meer habe sie
+plötzlich alle überschwemmt, und bei klarem Wetter sähen die Schiffer
+noch die leuchtenden Spitzen der versunkenen Kirchtürme, und mancher
+habe dort in der Sonntagsfrühe sogar ein frommes Glockengeläute gehört.
+Die Geschichte ist wahr; denn das Meer ist meine Seele&#8239;—</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Eine schöne Welt ist da versunken,</div>
+ <div class="verse indent0">Ihre Trümmer blieben unten stehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Lassen sich als goldne Himmelsfunken</div>
+ <div class="verse indent0">Oft im Spiegel meiner Träume sehn.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent18">(Wilh. Müller.)</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Geht man am Strande spazieren, so gewähren die vorbeifahrenden Schiffe
+einen schönen Anblick. Haben sie die blendend weißen Segel aufgespannt,
+so sehen sie aus wie vorbeiziehende <span class="pagenum" id="Page_13">[S.13]</span>große Schwäne. Gar besonders schön
+ist dieser Anblick, wenn die Sonne hinter dem vorbeisegelnden Schiffe
+untergeht, und dieses wie von einer riesigen Glorie umstrahlt wird.</p>
+
+<p>Die Jagd am Strande soll ebenfalls ein großes Vergnügen gewähren.
+Was mich betrifft, so weiß ich es nicht sonderlich zu schätzen. Der
+Sinn für das Edle, Schöne und Gute läßt sich oft durch Erziehung den
+Menschen beibringen; aber der Sinn für die Jagd liegt im Blute. Wenn
+die Ahnen schon seit undenklichen Zeiten Rehböcke geschossen haben, so
+findet auch der Enkel ein Vergnügen an dieser legitimen Beschäftigung.
+Meine Ahnen gehörten aber nicht zu den Jagenden, viel eher zu den
+Gejagten, und soll ich auf die Nachkömmlinge ihrer ehemaligen Kollegen
+losdrücken, so empört sich dawider mein Blut.</p>
+
+<p>Des Versuchs halber, denn ich muß mein Blut besser gewöhnen, ging
+ich gestern auf die Jagd. Ich schoß nach einigen Möwen, die gar zu
+sicher umherflatterten und doch nicht bestimmt wissen konnten, daß ich
+schlecht schieße. Ich wollte sie nicht treffen und sie nur warnen, sich
+ein anderes Mal vor Leuten mit Flinten in acht zu nehmen; aber mein
+Schuß ging fehl, und ich hatte das Unglück, eine junge Möwe tot zu
+schießen. Es ist gut, daß es keine alte war; denn was wäre dann aus den
+armen kleinen Möwchen geworden, die, noch unbefiedert, im Sandneste der
+großen Düne liegen und ohne die Mutter verhungern müßten! Mir ahndete
+schon vorher, daß mich auf der Jagd ein Mißgeschick treffen würde: ein
+Hase war mir über den Weg gelaufen.</p>
+
+<p>Gar besonders wunderbar wird mir zu Mute, wenn ich allein in der
+Dämmerung am Strande wandle, — hinter mir flache Dünen, vor mir das
+wogende, unermeßliche Meer, über mir der Himmel wie eine riesige
+Krystallkuppel, — ich erscheine mir dann selbst sehr ameisenklein, und
+dennoch dehnt sich meine Seele so meilenweit. Die hohe Einfachheit der
+Natur, wie sie mich hier umgibt, zähmt und erhebt mich zu gleicher
+Zeit, und zwar in stärkerem Grade als jemals eine andere erhabene
+Umgebung. Nie war mir ein Dom groß genug; meine Seele mit ihrem alten
+Titanengebet strebte immer höher, als die gotischen Pfeiler, und wollte
+immer hinausbrechen durch das Dach. Auf der Spitze der Roßtrappe
+haben mir beim ersten Anblick die kolossalen Felsen in ihren kühnen
+Gruppierungen ziemlich imponiert; aber dieser Eindruck dauerte nicht
+lange; meine Seele <span class="pagenum" id="Page_14">[S.14]</span>war nur überrascht, nicht überwältigt, und jene
+ungeheuren Steinmassen wurden in meinen Augen allmählich kleiner,
+und am Ende erschienen sie wie geringe Trümmer eines zerschlagenen
+Riesenpalastes, worin sich meine Seele vielleicht komfortabel befunden
+hätte.</p>
+
+<p class="right mright2">Heinr. Heine.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Am_Strande">
+ Am Strande.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Auf hochgestapelte Ballen blickt</div>
+ <div class="verse indent0">Der Kaufherr mit Ergötzen;</div>
+ <div class="verse indent0">Ein armer Fischer daneben flickt</div>
+ <div class="verse indent0">Betrübt an zerrißnen Netzen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Manch rüstig stolzbewimpelt Schiff,</div>
+ <div class="verse indent0">Manch morsches Wrack im Sande!</div>
+ <div class="verse indent0">Der Hafen hier und dort das Riff,</div>
+ <div class="verse indent0">Jetzt Flut, jetzt Ebb’ am Strande.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Hier Sonnenblick, Sturmwolken dort;</div>
+ <div class="verse indent0">Hier Schweigen, dorten Lieder,</div>
+ <div class="verse indent0">Und Heimkehr hier, dort Abschiedswort;</div>
+ <div class="verse indent0">Die Segel auf und nieder!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Zwei Jungfraun sitzen am Meeresstrand;</div>
+ <div class="verse indent0">Die eine weint in die Fluten,</div>
+ <div class="verse indent0">Die andre mit dem Kranz in der Hand</div>
+ <div class="verse indent0">Wirft Rosen in die Fluten.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Die eine, trüber Wehmut Bild,</div>
+ <div class="verse indent0">Stöhnt mit geheimem Beben:</div>
+ <div class="verse indent0">„O Meer, o Meer, so trüb und wild,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie gleichst du so ganz dem Leben!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Die andre, lichter Freude Bild,</div>
+ <div class="verse indent0">Kost selig lächelnd daneben:</div>
+ <div class="verse indent0">„O Meer, o Meer, so licht und mild,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie gleichst du so ganz dem Leben!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Fortbraust das Meer und überklingt</div>
+ <div class="verse indent0">Das Stöhnen wie das Kosen;</div>
+ <div class="verse indent0">Fortwogt das Meer, und, ach, verschlingt</div>
+ <div class="verse indent0">Die Tränen wie die Rosen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent22">Anast. Grün.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_15">[S.15]</span></p>
+
+
+<figure class="figcenter illowe32" id="illu_015">
+ <img class="w100" src="images/illu_015.jpg" alt="Ein Mann sitzt auf einem Felsen und blickt auf das Meer hinaus">
+</figure>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Der_kleine_Hydriot">
+ Der kleine Hydriot.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich war ein kleiner Knabe, stand fest kaum auf dem Bein,</div>
+ <div class="verse indent0">Da nahm mich schon mein Vater mit in das Meer hinein,</div>
+ <div class="verse indent0">Und lehrte leicht mich schwimmen an seiner sichern Hand,</div>
+ <div class="verse indent0">Und in die Fluten tauchen bis nieder auf den Sand.</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Silberstückchen warf er dreimal ins Meer hinab,</div>
+ <div class="verse indent0">Und dreimal mußt ich’s holen, eh’ er’s zum Lohn mir gab.</div>
+ <div class="verse indent0">Dann reicht er mir ein Ruder, hieß in ein Boot mich gehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Er selber blieb zur Seite mir unverdrossen stehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Wies mir, wie man die Woge mit scharfem Schlage bricht,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie man die Wirbel meidet und mit der Brandung ficht.</div>
+ <div class="verse indent0">Und von dem kleinen Kahne ging’s flugs ins große Schiff,</div>
+ <div class="verse indent0">Es trieben uns die Stürme um manches Felsenriff.</div>
+ <div class="verse indent0">Ich saß auf hohem Maste, sah über Meer und Land,</div>
+ <div class="verse indent0">Es schwebten Berg’ und Türme vorüber mit dem Strand.</div>
+ <div class="verse indent0">Der Vater hieß mich merken auf jedes Vogels Flug,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf aller Winde Wehen, auf aller Wolken Zug;</div>
+ <div class="verse indent0">Und bogen dann die Stürme den Mast bis in die Flut,</div>
+ <div class="verse indent0">Und spritzten dann die Wogen hoch über meinen Hut,</div>
+ <div class="verse indent0">Da sah der Vater prüfend mir in das Angesicht —</div>
+ <div class="verse indent0">Ich saß in meinem Korbe und rüttelte mich nicht. —</div>
+ <div class="verse indent0">Da sprach er, und die Wange ward ihm wie Blut so rot:</div>
+ <div class="verse indent0">„Glück zu, auf deinem Maste, du kleiner Hydriot!“ —</div>
+ <div class="verse indent0">Und heute gab der Vater ein Schwert mir in die Hand,</div>
+ <div class="verse indent0">Und weihte mich zum Kämpfer für Gott und Vaterland.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_16">[S.16]</span>
+ <div class="verse indent0">Er maß mich mit den Blicken vom Kopf bis zu den Zehn:</div>
+ <div class="verse indent0">Mir war’s, als tät sein Auge hinab ins Herz mir sehn.</div>
+ <div class="verse indent0">Ich hielt mein Schwert gen Himmel und schaut’ ihn sicher an</div>
+ <div class="verse indent0">Und däuchte mich zur Stunde nicht schlechter als ein Mann.</div>
+ <div class="verse indent0">Da sprach er, und die Wange ward ihm wie Blut so rot:</div>
+ <div class="verse indent0">„Glück zu, mit deinem Schwerte, du kleiner Hydriot!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent36">Wilh. Müller.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Seefahrt">
+ Seefahrt.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Lange Tag’ und Nächte stand mein Schiff befrachtet;</div>
+ <div class="verse indent0">Günst’ger Winde harrend saß mit treuen Freunden,</div>
+ <div class="verse indent0">Mir Geduld und guten Mut erzechend,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich im Hafen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und sie waren doppelt ungeduldig:</div>
+ <div class="verse indent0">Gerne gönnen wir die schnellste Reise,</div>
+ <div class="verse indent0">Gern die hohe Fahrt dir; Güterfülle</div>
+ <div class="verse indent0">Wartet drüben in den Welten deiner,</div>
+ <div class="verse indent0">Wird Rückkehrendem in unsern Armen</div>
+ <div class="verse indent0">Lieb’ und Preis dir.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und am frühen Morgen ward’s Getümmel,</div>
+ <div class="verse indent0">Und dem Schlaf entjauchzt uns der Matrose,</div>
+ <div class="verse indent0">Alles wimmelt, alles lebet, webet,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit dem ersten Segenshauch zu schiffen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und die Segel blähen in dem Hauche,</div>
+ <div class="verse indent0">Und die Sonne lockt mit Feuerliebe;</div>
+ <div class="verse indent0">Ziehn die Segel, ziehn die hohen Wolken,</div>
+ <div class="verse indent0">Jauchzen an dem Ufer alle Freunde</div>
+ <div class="verse indent0">Hoffnungslieder nach, im Freudentaumel</div>
+ <div class="verse indent0">Reisefreuden wähnend, wie des Einschiffmorgens,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie der ersten hohen Sternennächte.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Aber gottgesandte Wechselwinde treiben</div>
+ <div class="verse indent0">Seitwärts ihn der vorgesteckten Fahrt ab,</div>
+ <div class="verse indent0">Und er scheint sich ihnen hinzugeben,</div>
+ <div class="verse indent0">Strebet leise, sie zu überlisten,</div>
+ <div class="verse indent0">Treu dem Zweck auch auf dem schiefen Wege.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Aber aus der dumpfen grauen Ferne</div>
+ <div class="verse indent0">Kündet leise wandelnd sich der Sturm an,</div>
+ <div class="verse indent0">Drückt die Vögel nieder aufs Gewässer,</div>
+<span class="pagenum" id="Page_17">[S.17]</span> <div class="verse indent0">Drückt der Menschen schwellend Herz darnieder,</div>
+ <div class="verse indent0">Und er kommt. Vor seinem starren Wüten</div>
+ <div class="verse indent0">Streckt der Schiffer klug die Segel nieder;</div>
+ <div class="verse indent0">Mit dem angsterfüllten Balle spielen</div>
+ <div class="verse indent0">Wind und Wellen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und an jenem Ufer drüben stehen</div>
+ <div class="verse indent0">Freund’ und Lieben, beben auf dem Festen:</div>
+ <div class="verse indent0">Ach, warum ist er nicht hier geblieben!</div>
+ <div class="verse indent0">Ach, der Sturm! Verschlagen weg vom Glücke!</div>
+ <div class="verse indent0">Soll der Gute so zu Grunde gehen?</div>
+ <div class="verse indent0">Ach, er sollte, ach, er könnte! Götter!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch er stehet männlich an dem Steuer;</div>
+ <div class="verse indent0">Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen;</div>
+ <div class="verse indent0">Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe,</div>
+ <div class="verse indent0">Und vertrauet, scheiternd oder landend.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent26">Wolfg. v. Goethe.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Auf_offener_See">
+ Auf offener See.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ade, du Küste mit den falschen Sorgen,</div>
+ <div class="verse indent0">Furcht, Glück und Not, sinkt unter in das Meer!</div>
+ <div class="verse indent0">Nun bin ich frei, jetzt bin ich erst geborgen,</div>
+ <div class="verse indent0">Kein eitles Hoffen langet bis hierher.</div>
+ <div class="verse indent0">Wie still, wohin ich auch die Blicke wende,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie weit und hoch und ringsum ohne Ende!</div>
+ <div class="verse indent0">Gestirne, Wolken gehen auf und unter</div>
+ <div class="verse indent0">Und spiegeln sich im stillen Ozean,</div>
+ <div class="verse indent0">Hoch Himmel über mir und Himmel drunter,</div>
+ <div class="verse indent0">Inmitten wie so klein mein schwacher Kahn!</div>
+ <div class="verse indent0">Walt’ Gott, ihm hab’ ich alles übergeben,</div>
+ <div class="verse indent0">Nun komm nur, Sturm, ich fürcht’ nicht Tod noch Leben.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent26">Jos. v. Eichendorff.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Der_Seemorgen">
+ Der Seemorgen.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Morgen frisch, die Winde gut,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Sonne glüht so helle,</div>
+ <div class="verse indent0">Und brausend geht es durch die Flut,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie wandern wir so schnelle!</div>
+<span class="pagenum" id="Page_18">[S.18]</span> </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Wogen stürzen sich heran;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch wie sie auch sich bäumen,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Schiff sich werfend in die Bahn,</div>
+ <div class="verse indent0">In toller Mühe schäumen:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Das Schiff voll froher Wanderlust</div>
+ <div class="verse indent0">Zieht fort unaufzuhalten,</div>
+ <div class="verse indent0">Und mächtig wird von seiner Brust</div>
+ <div class="verse indent0">Der Wogendrang gespalten;</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Gewirkt von goldner Strahlenhand</div>
+ <div class="verse indent0">Aus dem Gesprüh der Wogen,</div>
+ <div class="verse indent0">Kommt ihm zur Seit’ ein Irisband</div>
+ <div class="verse indent0">Hellflatternd nachgeflogen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">So weit nach Land mein Auge schweift,</div>
+ <div class="verse indent0">Seh’ ich die Flut sich dehnen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die uferlose; mich ergreift</div>
+ <div class="verse indent0">Ein ungeduldig Sehnen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Daß ich so lang euch meiden muß</div>
+ <div class="verse indent0">Berg, Wiese, Laub und Blüte! —</div>
+ <div class="verse indent0">Da lächelt seinen Morgengruß</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Kind aus der Kajüte.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wo fremd die Luft, das Himmelslicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Im kalten Wogenlärme,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie wohl tut Menschenangesicht</div>
+ <div class="verse indent0">Mit seiner stillen Wärme!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent22">Nik. Lenau.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Frieden">
+ Frieden.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Hoch am Himmel stand die Sonne,</div>
+ <div class="verse indent0">Von weißen Wolken umringt;</div>
+ <div class="verse indent0">Das Meer war still, —</div>
+ <div class="verse indent0">Und sinnend lag ich am Steuer des Schiffes,</div>
+ <div class="verse indent0">Träumerisch sinnend, — und halb im Wachen</div>
+ <div class="verse indent0">Und halb im Schlummer, schaute ich Christus,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Heiland der Welt.</div>
+ <div class="verse indent0">In wallend weißem Gewande</div>
+ <div class="verse indent0">Wandelte riesengroß</div>
+ <div class="verse indent0">Er über Land und Meer;</div>
+ <div class="verse indent0">Es ragte sein Haupt in den Himmel,</div>
+<span class="pagenum" id="Page_19">[S.19]</span> <div class="verse indent0">Die Hände breitete segnend</div>
+ <div class="verse indent0">Er über Land und Meer;</div>
+ <div class="verse indent0">Und als ein Herz in der Brust</div>
+ <div class="verse indent0">Trug er die Sonne,</div>
+ <div class="verse indent0">Die rote, flammende Sonne;</div>
+ <div class="verse indent0">Und das rote, flammende Sonnenherz</div>
+ <div class="verse indent0">Goß seine Gnadenstrahlen</div>
+ <div class="verse indent0">Und sein holdes, liebseliges Licht,</div>
+ <div class="verse indent0">Erleuchtend und wärmend,</div>
+ <div class="verse indent0">Weit über Land und Meer.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Glockenklänge zogen feierlich</div>
+ <div class="verse indent0">Hin und her, zogen wie Schwäne</div>
+ <div class="verse indent0">Am Rosenbande das gleitende Schiff,</div>
+ <div class="verse indent0">Und zogen es spielend ans grüne Ufer,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo Menschen wohnen in hochgetürmter,</div>
+ <div class="verse indent0">Ragender Stadt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">O Friedenswunder! Wie still die Stadt!</div>
+ <div class="verse indent0">Es ruhte das dumpfe Geräusch</div>
+ <div class="verse indent0">Der schwatzenden, schwülen Gewerbe;</div>
+ <div class="verse indent0">Und durch die reinen, hallenden Straßen</div>
+ <div class="verse indent0">Zogen Menschen, weißgekleidete,</div>
+ <div class="verse indent0">Palmzweigtragende;</div>
+ <div class="verse indent0">Und wo sich zwei begegneten,</div>
+ <div class="verse indent0">Sahn sie sich an, verständnisinnig;</div>
+ <div class="verse indent0">Und schauernd in Lieb’ und süßer Entsagung,</div>
+ <div class="verse indent0">Küßten sie sich auf die Stirne</div>
+ <div class="verse indent0">Und schauten hinauf</div>
+ <div class="verse indent0">Nach des Heilands Sonnenherzen,</div>
+ <div class="verse indent0">Das freudig versöhnend sein rotes Blut</div>
+ <div class="verse indent0">Hinunterstrahlte;</div>
+ <div class="verse indent0">Und dreimal selig sprachen sie:</div>
+ <div class="verse indent0">Gelobt sei, Jesu Christ!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent26">Heinr. Heine.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Meerfahrt">
+ Meerfahrt.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Da schwimm ich allein auf dem stillen Meer;</div>
+ <div class="verse indent0">Keine Welle rauscht, es ist eben und glatt.</div>
+ <div class="verse indent0">Auf dem sandigen Grunde prächtig und hehr</div>
+ <div class="verse indent0">Glänzt die alte, versunkene Stadt.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_20">[S.20]</span> </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">In alter verschollner Märchenzeit</div>
+ <div class="verse indent0">Verstieß ein König sein Töchterlein;</div>
+ <div class="verse indent0">Da lebt es über den Bergen weit</div>
+ <div class="verse indent0">Im Walde bei sieben Zwergen klein.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und als es starb durch des Giftes Kraft,</div>
+ <div class="verse indent0">Ihm eingeflößt von der Mutter arg,</div>
+ <div class="verse indent0">Da legt es die kleine Genossenschaft</div>
+ <div class="verse indent0">In einen krystallenen Sarg.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Da lag es in seinem weißen Kleid,</div>
+ <div class="verse indent0">Bekränzt mit Blumen, duftend und schön;</div>
+ <div class="verse indent0">Da lag es in seiner Lieblichkeit,</div>
+ <div class="verse indent0">Und sie konnten es immer sehn.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">So liegst du in deinem Sarg von Krystall,</div>
+ <div class="verse indent0">Du geschmückte Leiche, versunknes Julin!</div>
+ <div class="verse indent0">Der spielenden Flut durchsichtiger Schwall</div>
+ <div class="verse indent0">Zeigt deiner Paläste Glühn!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Türme ragen düster empor</div>
+ <div class="verse indent0">Und geben schweigend ihr Trauern kund;</div>
+ <div class="verse indent0">Die Mauer durchbricht das gewölbte Tor,</div>
+ <div class="verse indent0">Es schimmern die Kirchenfenster bunt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch in der schauerlich stillen Pracht</div>
+ <div class="verse indent0">Keines Menschen Tritt, keine Lust, kein Spiel;</div>
+ <div class="verse indent0">Auf Straßen und Märkten ungeschlacht</div>
+ <div class="verse indent0">Treibt sich das frische Gewühl.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Sie glotzen mit glasigen Augen dumm</div>
+ <div class="verse indent0">In die Fenster und in die Türen hinein;</div>
+ <div class="verse indent0">Sie sehn die Bewohner schläfrig und stumm</div>
+ <div class="verse indent0">In ihren Häusern von Stein.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich will hinunter, ich will erneun</div>
+ <div class="verse indent0">Die versunkene Pracht, die ertrunkene Lust!</div>
+ <div class="verse indent0">Die Zauber des Todes will ich zerstreun</div>
+ <div class="verse indent0">Mit dem Odem meiner lebendigen Brust!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hinab! — nicht rudert er fürder! Schlaff</div>
+ <div class="verse indent0">Und reglos sinken ihm Arm und Fuß:</div>
+ <div class="verse indent0">Über seinem Haupte schließt sich das Haff;</div>
+ <div class="verse indent0">Er entbietet der Stadt seinen Gruß.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_21">[S.21]</span> </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Er lebt in den Häusern der alten Zeit,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo die Muschel blitzt, wo der Bernstein glüht.</div>
+ <div class="verse indent0">Unten die alte Herrlichkeit,</div>
+ <div class="verse indent0">Oben ein Fischerlied.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent22">Ferd. Freiligrath.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Meeres_Stille">
+ Meeres Stille.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Tiefe Stille herrscht im Wasser,</div>
+ <div class="verse indent0">Ohne Regung ruht das Meer,</div>
+ <div class="verse indent0">Und bekümmert sieht der Schiffer</div>
+ <div class="verse indent0">Glatte Fläche rings umher.</div>
+ <div class="verse indent0">Keine Luft von keiner Seite!</div>
+ <div class="verse indent0">Todesstille fürchterlich!</div>
+ <div class="verse indent0">In der ungeheuern Weite</div>
+ <div class="verse indent0">Reget keine Welle sich.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Wolfg. v. Goethe.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="chap_invis" id="Ich_seh_von_des_Schiffes_Rande"
+title="Ich seh’ von des Schiffes Rande ...">
+Ich seh’ von des Schiffes Rande ...
+ </h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich seh’ von des Schiffes Rande</div>
+ <div class="verse indent0">Tief in die Flut hinein:</div>
+ <div class="verse indent0">Gebirge und grüne Lande</div>
+ <div class="verse indent0">Und Trümmer im falben Schein</div>
+ <div class="verse indent0">Und zackige Türme im Grunde,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie ich’s oft im Traum mir gedacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Das dämmert alles da unten</div>
+ <div class="verse indent0">Als wie eine prächtige Nacht.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe37" id="illu_021">
+ <img class="w100" src="images/illu_021.jpg" alt="Segelboote im Wind">
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_22">[S.22]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Seekönig auf seiner Warte</div>
+ <div class="verse indent0">Sitzt in der Dämmrung tief,</div>
+ <div class="verse indent0">Als ob er mit langem Barte</div>
+ <div class="verse indent0">Über seiner Harfe schlief’;</div>
+ <div class="verse indent0">Da kommen und gehen die Schiffe</div>
+ <div class="verse indent0">Darüber, er merkt es kaum,</div>
+ <div class="verse indent0">Von seinem Korallenriffe</div>
+ <div class="verse indent0">Grüßt er sie wie im Traum.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent10">Jos. v. Eichendorff.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="chap_invis" id="Sturm_mit_seinen_Donnerschlaegen"
+title="Sturm mit seinen Donnerschlägen ...">
+Sturm mit seinen Donnerschlägen ...
+ </h2>
+
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Sturm mit seinen Donnerschlägen</div>
+ <div class="verse indent0">Kann mir nicht wie du</div>
+ <div class="verse indent0">So das tiefste Herz bewegen,</div>
+ <div class="verse indent0">Tiefe Meeresruh!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Du allein nur konntest lehren</div>
+ <div class="verse indent0">Uns den schönen Wahn</div>
+ <div class="verse indent0">Seliger Musik der Sphären,</div>
+ <div class="verse indent0">Stiller Ozean!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nächtlich Meer, nun ist dein Schweigen</div>
+ <div class="verse indent0">So tief ungestört,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß die Seele wohl ihr eigen</div>
+ <div class="verse indent0">Träumen klingen hört:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Daß im Schutz geschlossnen Mundes</div>
+ <div class="verse indent0">Doch mein Herz erschrickt,</div>
+ <div class="verse indent0">Das Geheimnis heil’gen Bundes</div>
+ <div class="verse indent0">Fester an sich drückt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent22">Nik. Lenau.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Glueckliche_Fahrt">
+ Glückliche Fahrt.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Nebel zerreißen,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Himmel ist helle,</div>
+ <div class="verse indent0">Und Äolus löset</div>
+ <div class="verse indent0">Das ängstliche Band.</div>
+ <div class="verse indent0">Es säuseln die Winde,</div>
+ <div class="verse indent0">Es rührt sich der Schiffer.</div>
+ <div class="verse indent0">Geschwinde! Geschwinde!</div>
+ <div class="verse indent0">Es teilt sich die Welle,</div>
+ <div class="verse indent0">Es naht sich die Ferne;</div>
+ <div class="verse indent0">Schon seh’ ich das Land!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent8">Wolfg. v. Goethe.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_23">[S.23]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Der_goldene_Tod">
+ Der goldene Tod.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Kein Wind im Segel, die See liegt still —</div>
+ <div class="verse indent0">Kein Fisch doch, der sich fangen will!</div>
+ <div class="verse indent0">So ziehen die Netze sie wieder herein</div>
+ <div class="verse indent0">Und murren, schelten und fluchen drein.</div>
+ <div class="verse indent0">Da neben dem Kutter wird’s heller und licht</div>
+ <div class="verse indent0">Wie weißliches Haar, wie ein Greisengesicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Und ein triefendes Haupt taucht auf aus der Flut:</div>
+ <div class="verse indent0">„Ei, drollige Menschlein, ich mein’s mit euch gut&#8239;—</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Ich gönn’ euch von meiner Herde ja viel,</div>
+ <div class="verse indent0">Doch heut ist mein Jüngster als Fisch beim Spiel,</div>
+ <div class="verse indent0">Den mußt’ ich doch hüten, ich alter Neck,</div>
+ <div class="verse indent0">Drum jagt ich sie all miteinander weg —</div>
+ <div class="verse indent0">Doch schickt ihr den Jungen mir wieder nach Haus,</div>
+ <div class="verse indent0">So werft nur noch einmal das Fangzeug aus:</div>
+ <div class="verse indent0">Der schönste ist mein Söhnchen klein,</div>
+ <div class="verse indent0">Das übrige mag euer eigen sein!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Hei, flogen die Netze jetzt wieder in See!</div>
+ <div class="verse indent0">Ho, kaum, daß ihr’ Lasten sie brachten zur Höh’!</div>
+ <div class="verse indent0">Wie lebende Wellen, so fort und fort</div>
+ <div class="verse indent0">Von köstlichen Fischen, so quoll’s über Bord.</div>
+ <div class="verse indent0">Und patscht und schnappt und zappelt und springt —</div>
+ <div class="verse indent0">Und bei den Fischern, da tollt’s und singt.</div>
+ <div class="verse indent0">Nun plötzlich blitzt es — seht: es rollt</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Fisch über Bord von lauterem Gold!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Eine jede Schuppe ein Geldesstück!</div>
+ <div class="verse indent0">Wie edelsteinen, so funkelt’s im Blick!</div>
+ <div class="verse indent0">Die Kiemen sind aus rotem Rubin,</div>
+ <div class="verse indent0">Perlen die Flossen überziehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit eitel Demanten besetzt, so ruht</div>
+ <div class="verse indent0">Auf seinem Häuptlein ein Krönchen gut,</div>
+ <div class="verse indent0">Und fürnehm wispert’s vom Schnäuzlein her:</div>
+ <div class="verse indent0">„Ich bin Prinz Neck, laßt mich ins Meer!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Den Fang ins Meer? Sie rühren ihn an,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Fischer, und tasten und stieren ihn an.</div>
+ <div class="verse indent0">„Laßt mich ins Meer!“ Sie hören nicht drauf.</div>
+ <div class="verse indent0">„Laßt mich ins Meer!“ Sie lachen nur auf.</div>
+ <div class="verse indent0">Sie wägen das goldene Prinzlein ab,</div>
+<span class="pagenum" id="Page_24">[S.24]</span> <div class="verse indent0">Sie schätzen’s und klauben ihm Münzlein ab —</div>
+ <div class="verse indent0">Wie wiegt das voll, wie gleißt das hold!</div>
+ <div class="verse indent0">Sie denken nichts weiter, — sie denken nur Gold.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Und seht: ein Goldschein überfliegt</div>
+ <div class="verse indent0">Jetzt alles, was von Fisch da liegt,</div>
+ <div class="verse indent0">Und wandelt’s, daß es klirrt und rollt:</div>
+ <div class="verse indent0">Seht: <em class="gesperrt">all</em> die Fische werden Gold!</div>
+ <div class="verse indent0">Sinkt das Schiff von blitzender Last?</div>
+ <div class="verse indent0">„Schaufelt, was die Schaufel faßt!“ ...</div>
+ <div class="verse indent0">Wie lustiges Feuerwerk sprüht das umher —</div>
+ <div class="verse indent0">Dann rauscht über alles zusammen das Meer.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent26">Ferd. Avenarius.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Teerpitterchens_Tochter">
+ Teerpitterchens Tochter.
+ </h2>
+</div>
+
+<p>Fern im Norden, woher die häßlichen Winterstürme kommen, welche durch
+die dicksten Fausthandschuhe wehen und alle Nasen und Ohren zwicken,
+daß sie rot und blau werden, da liegt die Ostsee. Sie besteht aus
+lauter Wasser, aber trinken kann man es nicht, denn es schmeckt salzig
+wie Heringe. Wenn du so auf dem gelben Ufersande stehst, den die See
+ausspült und der Wind zu Bergen aufweht, dann liegt es vor dir, weit,
+weit, — alles Wasser, wie in den blauen Himmel hineingemalt; höchstens
+daß du ein fernes Schiff darauf erblickst mit braunen, teergetränkten
+Segeln. Von weitem her schießen die blitzenden Wogen auf dich los, aber
+es vergeht viel Zeit, ehe sie herangerauscht sind und zu deinen Füßen
+zischend auseinander stieben. Gar oft müssen sie Anlauf nehmen, und
+jedesmal, wenn sie recht hoch gekommen sind, so schwitzen sie weißen
+Gischt vor Anstrengung, und dann lassen sie sich wieder fallen und
+ruhen einen Augenblick aus.</p>
+
+<p>Es gibt auch kleine Jungen und Mädchen an der See, das sind meist
+Fischerkinder; und wenn die an den Strand gehen, so können sie die
+schönsten kleinen Höhlen in die Sandberge kratzen und Teppiche von
+Seegras hineintragen, oder sie können Muscheln und Bernsteinstückchen
+suchen, welche die See auswirft. In den Bernsteinstückchen sind
+manchmal tote Mücken und Fliegen, und die sind dann steinalt, viel
+tausend Jahre. Des Abends aber, wenn die Sterne sich im finstern Wasser
+spiegeln und einander zunicken, dann sitzen die Fischer und erzählen
+sich die <span class="pagenum" id="Page_25">[S.25]</span>herrlichsten Märchen von der Welt: vom Heringskönig mit dem
+silbernen Mantel und der roten Weste, der aus Versehen seine Krone
+verschluckt hatte, von der Bernsteinhexe, die in jeder Neumondnacht
+dicke gelbe Bernsteintränen weint und die Leute, welche sie trösten
+wollen, bei den Beinen in das Wasser zieht, vom Klabautermann und
+der versunkenen Stadt Julin. Manchmal erzählten sie auch vom kleinen
+Teerpitterchen, welches die Wolken macht. Man wird gar nicht müde
+zuzuhören.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_025">
+ <img class="w100" src="images/illu_025.jpg" alt="Wilms Vater steigt nachts in
+ sein Fischerboot">
+</figure>
+
+<p>Der kleine Wilm hat auch einen Vater, welcher Fischer war. Der stand
+in der Nacht auf und ging in hohen Transtiefeln zum Strande hinunter,
+wo sein Boot lag, und dann fuhr er damit in das Meer hinein und fing
+Heringe, Flundern und Hornfische. Am Tage aber nahm die Mutter den
+kleinen Wilm mit an den Strand; sie wusch die Netze und hing sie <span class="pagenum" id="Page_26">[S.26]</span>zum
+Trocknen auf, und der Junge spielte bis er müde war, dann legte sie
+ihn in das Boot auf das Segeltuch, daß er schliefe. Da streichelte der
+Sonnenschein sein rotes Gesichtchen, und der Wind blies in seine gelben
+Haare.</p>
+
+<p>Wie er einmal so lag, sah er im Schlaf etwas sonderbares, nämlich ein
+kleines Männchen, das war das Teerpitterchen. Es hatte Kleider aus
+dickgeteertem Segeltuch an, dazu ein Paar hohe Stiefel und auf dem
+Kopfe eine Kappe. Das merkwürdigste aber waren seine Haare und sein
+Bart, die waren grünes Seegras. Es saß auf einem Stück Segeltuch,
+welches auf den Wellen schwamm; einen Zipfel hatte es an einem Faden
+wie ein Segel vor sich und blies hinein, daß seine Backen so dick waren
+wie zwei runde Apfelsinen.</p>
+
+<p>„Guten Tag, kleiner Wilm,“ sagte das Teerpitterchen und hielt bei
+dem Boote an, in welchem der kleine Wilm lag. „Du kannst ein bißchen
+mitkommen zu meiner Anning; sie ist eine lustige kleine Dirne.“</p>
+
+<p>„Ich kann ja nicht fort, weil ich schlafe,“ antwortete Wilm.</p>
+
+<p>„Das schadet nichts, deine Seele kann immer fort; das geht ganz
+leicht,“ sprach das Teerpitterchen.</p>
+
+<p>„Aber wenn meine Mutter mich wecken will, dann kann ich nicht
+aufwachen.“</p>
+
+<p>„O wenn sie das will, trage ich dich so rasch wieder her, wie man Amen
+sagt. Sie soll gar nichts merken.“</p>
+
+<p>„Wenn sie nur nichts merkt,“ sprach der kleine Wilm nachdenklich, und
+da sah er schon, daß er neben dem Teerpitterchen auf dem Segeltuch
+stand.</p>
+
+<p>„Grüß Klein-Anning von mir,“ sagte eine Stimme, und wie er sich
+umwandte, war es die Segelstange auf seines Vaters Boot, die hatte das
+Segel umgeschlagen wie ein Plaid und machte tiefe Verneigungen; und das
+Boot hatte ein Gesicht bekommen und blinzelte ihm lustig zu und sagte
+auch: „Grüß Klein-Anning von mir,“ und dabei wippte das Boot immer auf
+und nieder. Im Boote sah er sich selber schlafen; das kam ihm spaßhaft
+vor. Wie er sich aber nach seiner Mutter umschaute, dünkte es ihm, als
+seien ihre Augen auf ihn gerichtet, und da wurde er ängstlich und rief:
+„Sie sieht mich schon, sie sieht mich schon.“</p>
+
+<p>„Träterätätä,“ sagte das Teerpitterchen, eine Seele kann man nicht
+sehn, und jetzt geht die Fahrt ab.“ Darauf hob er <span class="pagenum" id="Page_27">[S.27]</span>einen anderen Zipfel
+aus dem Wasser heraus und blies, daß seine Backen so groß wurden wie
+runde Turmknöpfe, und wenn er einmal vorbei blies in das Wasser, so
+flog ein weißer Nebel auf und stieg in die Luft; das war dann eine
+Wolke.</p>
+
+<p>Wie sie ein Stück gefahren waren, hielt das Fahrzeug an, und das
+Teerpitterchen pfiff auf zwei Fingern. Da kamen zwei Seehunde, die
+waren gesattelt und gezäumt und wedelten mit den Hinterfüßen, denn
+einen Schwanz hatten sie nicht. „Steig auf, kleiner Wilm,“ sprach das
+Teerpitterchen, und schon saß er selber im Sattel und hing sich das
+Segeltuch wie einen Reitermantel um. Rutsch! da fuhren sie durch das
+grüne Wasser. Es glänzte wie Glas, und der kleine Wilm konnte sich
+nicht genug verwundern, daß er gar nicht naß wurde. Er wußte nicht,
+daß eine Seele niemals naß wird. Endlich ritten sie in einen hellen
+Glanz hinein, der alles Wasser goldig färbte, und nun hielten sie vor
+Teerpitterchens Hause, das so leuchtete, weil es aus lauter Bernstein
+gebaut war; das Dach aber war obendrein mit Perlmutter belegt.</p>
+
+<p>„Brrr!“ sagte das Teerpitterchen und da stand auch schon ein kleiner
+Hummerkrebs, nahm in jede Schere einen Zügel und wartete bis die zwei
+abgestiegen waren. Dann führte er die Seehunde fort in den Stall. Das
+Männlein aber rief einen alten Kinderspruch:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Anning, min Anning,</div>
+ <div class="verse indent0">Wat heww ik’n Gör!</div>
+ <div class="verse indent0">Kann tanzen un speelen</div>
+ <div class="verse indent0">As Müs’ op de Deelen;</div>
+ <div class="verse indent0">Anning, min Anning,</div>
+ <div class="verse indent0">Wat heww ik’n Gör!“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>„Da bin ich schon,“ sagte Klein-Anning und stand mit einem Male bei
+ihnen. Sie war ein süßes kleines Ding und hatte keine garstigen
+Seegrashaare wie ihr Vater, sondern gerade so einen Flachskopf wie
+die Anna, das Nachbarskind, mit welcher der Wilm Sandhäuser baute und
+Sandkuchen buk. Das Schönste aber war ihr Kleid, denn es war mit lauter
+Fischschuppen benäht.</p>
+
+<p>„Jetzt wird’s lustig,“ nickte sie und faßte Wilm bei den Händen; „ich
+bin froh, daß du gekommen bist, denn du mußt wissen, daß ich heute
+Geburtstag habe. Mit den dummen Fischen ist gar nichts anzufangen; sie
+sprechen kein Wort und <span class="pagenum" id="Page_28">[S.28]</span>lassen sich alles gefallen. Ich mag keinen
+leiden, der sich alles gefallen läßt. Kannst du dich mit mir zanken?“</p>
+
+<p>„Je, warum nicht?“ sagte Wilm.</p>
+
+<p>„Aber nicht gleich. Das muß erst zuletzt kommen. Jetzt darfst du ein
+Stück Geburtstagskuchen essen.“ Und sie zog ein Stück aus der Tasche,
+das aß Wilm, und es schmeckte wie lauter Fruchtbonbon. „So, nun komm
+mit.“ Damit zog sie ihn auf eine hübsche kleine Seegraswiese, um
+welche lauter hohe Wasserpflanzen wuchsen, wie Bäume so hoch. Einige
+davon waren fast durchsichtig, grün oder rot gefärbt, die sahen am
+niedlichsten aus. Fische schossen hindurch, große und kleine, manche
+rund wie Kugeln und rings mit Stacheln besetzt, andere ganz platt wie
+Scheiben oder auch schlank und dünn wie ein Rohrstöckchen. Alle hatten
+runde Glotzaugen, und bei einigen standen die Augen gar auf Hörnern,
+welche sie überall hin drehen konnten.</p>
+
+<p>„Wir wollen tanzen. Du kannst es doch ordentlich?“ fragte Klein-Anning.</p>
+
+<p>„Ein bißchen,“ antwortete Wilm.</p>
+
+<p>„Ich will dir zeigen, wie man es machen muß,“ sprach sie und schlang
+ihre Ärmchen um Wilm. Und nun ging das in die Höhe, und immer auf
+und nieder im Wasser, und es war Wilm, als wäre er eine Mücke und
+tanzte auf und ab unter seines Vaters Apfelbaum. Die Fische schwammen
+herzu und sahen sich die Sache von weitem an; sie hätten gewiß gern
+mitgetanzt, aber sie wagten es nicht vor lauter Respekt, denn es
+hatte sie niemand dazu aufgefordert. Klein-Anning aber jauchzte und
+drehte Wilm so rasch im Kreise herum, daß ihm Hören und Sehen verging.
+„Plumps,“ sagte sie dann und ließ ihn fallen. Da lag er im Grase und
+zog ein verdrießliches Gesicht und sie lachte.</p>
+
+<p>„Du bist dumm,“ sagte der kleine Wilm.</p>
+
+<p>„Höre du!“ meinte sie warnend, „jetzt darfst du noch nicht zanken. Wir
+haben ja erst angefangen zu spielen. Ich will dir einmal etwas ins Ohr
+sagen.“ Und sie setzte sich zu ihm in das Gras und sprach in sein Ohr:
+„Wir gehen jetzt spazieren und besuchen unser Schloß.“</p>
+
+<p>„Das wird ein schönes Ding sein.“</p>
+
+<p>„Jawohl ist es schön; aber du darfst dich nicht fürchten vor den Tieren
+unterwegs.“</p>
+
+<p>„Ich fürchte mich gar nicht.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_29">[S.29]</span></p>
+
+<p>Da faßte sie seine Hand, und nun ging es durch die Wasserpflanzen hin
+und dann auf dem Meeresboden weiter, und die Fische zogen in hellen
+Haufen hinterher. Bei ihren Füßen kribbelten und krabbelten große
+Würmer, Krebse und Seespinnen, daß der kleine Wilm immer glaubte, er
+müsse eines tot treten; aber er fürchtete sich wirklich gar nicht.
+Die Muscheln öffneten die Schalen und machten „klipp, klapp“ wie die
+Dreschflegel auf der Tenne. Helle Bernsteinstücke lagen umher, manche
+so groß wie die Backsteine. Alle Fische aber, welche herbeigeschwommen
+kamen, schlossen sich hinten dem Zuge an; die meisten davon waren
+Heringe.</p>
+
+<p>Zuletzt kamen sie wieder in einen Wald von durchsichtigen Wasserbäumen;
+alles um sie herum schimmerte im herrlichsten Grün und die Spitzen der
+Bäume wedelten hin und her wie Fahnen. Mitten im Walde aber lag ein
+schwarzer alter Holzbau, das war ein versunkenes Schiff. Es sah recht
+trübselig aus. Stücke von den Masten waren umhergestreuet, und die
+Bretter klafften überall, daran saßen Muscheln und Wassermoos. Zu den
+Fenstern aber schlüpften die Fische aus und ein. Ein Brett war weiß,
+daran standen Buchstaben, die niemand mehr lesen konnte, so verwischt
+waren sie. Es war ein recht verwittertes altes Schiff.</p>
+
+<p>„Hier ist unser Schloß,“ sagte Klein-Anning.</p>
+
+<p>„Das ist zu schlecht,“ antwortete Wilm, „das ist gar kein Schloß; da
+hinein gehe ich nicht.“</p>
+
+<p>„Warte nur, ich will es neu anstreichen,“ meinte Klein-Anning. Sie
+hob eine Muschel auf und strich über das Holz, und mit einem Male
+glänzte das ganze Holz wie lauter Perlmutter. „So, nun wollen wir
+hineinsteigen. Du bist der Prinz und ich die Prinzessin, und wir werden
+Hochzeit halten.“</p>
+
+<p>„Wenn du Hochzeit halten willst, mußt du einen Kranz haben; ohne Kranz
+kann ich dich nicht heiraten,“ sagte Wilm.</p>
+
+<p>„Das ist schade,“ meinte Klein-Anning und sah sich um; endlich bückte
+sie sich und zog ein paar grüne Ranken herauf, welche unter dem Schiffe
+vorwuchsen, die schlang sie sich durch das Haar um den Kopf. „Ist das
+nun gut?“ fragte sie.</p>
+
+<p>„Nein, es müssen Blumen darin sein.“</p>
+
+<p>„Ich will aber keine Blumen!“ rief sie zornig und machte so böse große
+Augen, daß dem Wilm ganz ängstlich wurde. Aber sie war gleich wieder
+vergnügt und umfaßte ihn, und wie <span class="pagenum" id="Page_30">[S.30]</span>der Blitz fuhren sie aufwärts
+und standen schon auf dem Verdeck des Schiffes. Sie kletterten die
+Schiffstreppe hinab und kamen in einen weiten Saal, in welchem sich
+noch Tische und Stühle befanden. Der Saal war ganz mit Muscheln
+tapeziert, und auf den Stühlen wuchsen kleine grüne Wasserpflänzchen,
+daß sie wie mit grünem Plüsch überzogen aussahen.</p>
+
+<p>„Komm,“ sagte Klein-Anning, „wir wollen erst den Musikanten holen.“</p>
+
+<p>Sie zog Wilm in eine Tür hinein, in ein finsteres Kämmerchen. Da lag
+ein Mann und rührte sich nicht; aber wie Klein-Anning ihn anfaßte,
+machte er die Augen auf.</p>
+
+<p>„Guten Tag, kleiner Wilm,“ sagte er.</p>
+
+<p>„Wer bist du?“ fragte Wilm.</p>
+
+<p>„Kennst du mich nicht? Ich bin ja dein Onkel, der immer mit dem Schiff
+gefahren ist nach Amerika und noch weiter. Lebt denn der Kakadu noch,
+den ich dir mitgebracht habe? Puh, es ist so naß hier unten. Ich weiß
+nicht, wie viel Wasser ich schon geschluckt habe, seit ich hier auf dem
+Schiff untergegangen bin, aber es muß sehr viel sein.“</p>
+
+<p>„Du sollst uns geigen,“ sprach Klein-Anning ungeduldig; „du mußt
+wissen, daß wir Brautleute sind.“</p>
+
+<p>Wilm war nachdenklich geworden und sagte: „Ich möchte lieber nach
+Hause. Meine Mutter wird kommen und mich wecken wollen. Kannst du meine
+Mutter nicht sehen, Prinzessin?“</p>
+
+<p>„O ja, Prinz,“ antwortete Klein-Anning und legte die Hand über die
+Augen. „Sie sitzt an der See und spült das große Netz.“</p>
+
+<p>Da gab sich Wilm zufrieden, und sie gingen beide in den Saal; der Mann
+aber hatte eine Geige genommen und kam hinterher.</p>
+
+<p>Die Fische guckten zu den Fenstern herein; denn sie sind immer sehr
+neugierig.</p>
+
+<p>„Ihr dürft nicht herein,“ rief Klein-Anning; „bloß zusehen dürft ihr.
+Ihr seid nicht schlank genug zum Tanzen. Aber die Heringe können
+kommen.“</p>
+
+<p>Und die Heringe kamen denn auch, immer mehr und mehr, und stellten sich
+auf die Schwänze und knixten, und dazu schnappten sie immer mit den
+Mäulern, als ob sie etwas sagen wollten, aber es kam nichts heraus als
+Luftblasen. Klein-Anning nickte dem Spielmann zu, und da fing der an zu
+geigen, <span class="pagenum" id="Page_31">[S.31]</span>und nun nickte auch Wilm, denn er kannte das Lied schon; der
+Onkel hatte es immer gegeigt, wenn er heimgekommen war, und es war sehr
+schön, bloß ein wenig traurig. Dann kam die Trauung.</p>
+
+<p>Wilm faßte Klein-Anning bei der Hand, und der Onkel legte seine Hand
+auch dazu und sagte: „Alama kalalama itzehuatiputzli; habt ihr’s
+verstanden?“</p>
+
+<p>„Ja,“ sprach Klein-Anning, und da sagte Wilm auch „ja“; und die Heringe
+klappten die Mäuler auf und zu, als wollten sie ebenfalls „ja“ sagen.
+Es war gewiß sehr feierlich anzusehen.</p>
+
+<p>„Schön,“ meinte der Onkel; „jetzt gebt euch einen Kuß, dann ist alles
+in Ordnung, und wir können tanzen.“</p>
+
+<p>Sie gaben sich wirklich einen Kuß, und Klein-Anning biß Wilm dabei
+in die Lippen und lachte ihn dann aus. Nun kamen alle Heringe und
+gratulierten; man konnte es dabei sehen, daß sie die Augen verdrehten,
+indem sie heranspazierten, und daß sie noch mehr schnappten als vorher.</p>
+
+<p>Wilm aber wurde mit einem Male wieder unruhig. „Prinzessin,“ sprach er,
+„du kannst mir noch einmal sagen, was meine Mutter macht.“</p>
+
+<p>„Ja, mein Prinz,“ antwortete Klein-Anning und legte wieder die Hand
+über die Augen. „Sie zieht eben das Netz auf den Strand hinauf.“</p>
+
+<p>„Dann habe ich noch Zeit,“ sagte Wilm. Sie setzten sich auf die beiden
+größten Stühle, und der Onkel mit der Geige stieg auf einen Tisch und
+fing an so lustig zu geigen, daß jedem das Herz im Leibe lachen mußte.
+Die Heringe faßten sich mit den Flossen an und tanzten, daß der ganze
+Saal blitzte. Und am Ende fing der Onkel auch an auf seinem Tische
+herumzuspringen, und Klein-Anning jauchzte dazwischen und zappelte
+mit den Füßchen, und die Tische und Stühle hoben auch die Beine und
+sprangen umher, sogar die beiden großen, auf denen die Neuvermählten
+saßen.</p>
+
+<p>Zuletzt hörte der Onkel auf, da war mit einem Male alles ruhig.</p>
+
+<p>Der kleine Wilm aber machte zum dritten Male ein ängstliches Gesicht
+und fragte zum dritten Male: „Prinzessin, was macht meine Mutter?“</p>
+
+<p>„Ei, sie steht bei den Pfählen und hakt’s Netz ein.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_32">[S.32]</span></p>
+
+<p>„Bring mich hin,“ rief Wilm und sprang vom Stuhle; „jetzt kommt sie
+gleich an das Boot und will mich mitnehmen.“</p>
+
+<p>„Du sollst hier bleiben,“ sagte Klein-Anning. „Ich lasse dich nicht
+fort.“</p>
+
+<p>„Ich will aber fort, du dumme Dirn.“ Sie wollte seine Hand fassen,
+aber er riß sich los. Da stampfte sie mit den Füßen; alle Fische, die
+draußen gewesen, kamen herein und schwammen mit offenen Mäulern auf ihn
+los, und die grünen, durchsichtigen Wasserpflanzen wuchsen durch die
+Fenster und wurden dichter und dichter, so viel auch der kleine Wilm
+von ihnen zerriß. Er sah schon Klein-Anning nicht mehr, aber er hörte
+sie neben sich kichern, und der Onkel mußte wieder seine Geige genommen
+haben und lustig darauf herumkratzen&#8239;—&#8239;—</p>
+
+<p>Mit einem Male gab es einen Knack, daß das ganze Schiff zitterte. Die
+Decke spaltete sich, und der Wilm fuhr nach oben, hinaus in das klare
+Wasser. Über dem Wasser aber schwebte eine weiße Möwe, die schrie:
+„Krieh! Krieh!“ Und als der kleine Wilm auftauchte, faßte sie ihn mit
+den Krallen und trug ihn in das Boot. Da war es nicht mehr der Vogel,
+sondern das kleine Teerpitterchen, was bei ihm war.</p>
+
+<p>„Adieu, kleiner Wilm,“ sagte es und nickte ihm freundlich zu; dann war
+es verschwunden.</p>
+
+<p>Da fühlte Wilm auch schon, daß ihn seine Mutter am Ärmel zupfte und
+schlug die Augen auf. Die Sonne schien heiß in das Boot; am Himmel aber
+standen ein paar finstere Regenwolken.</p>
+
+<p>„Hast du was gemerkt, Mutting?“ fragte er und blinzelte schlau zu ihr
+hinauf.</p>
+
+<p>„Was soll ich denn gemerkt haben? Komm rasch mit nach Hause, sonst
+werden wir tüchtig naß werden.“&#8239;—</p>
+
+<p class="right mright2">Viktor Blüthgen.</p>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Der_Klabautermann">
+ Der Klabautermann.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Flink auf! die lustigen Segel gespannt!</div>
+ <div class="verse indent0">Wir fliegen wie Vögel von Strand zu Strand,</div>
+ <div class="verse indent0">Wir tanzen auf Wellen um Klipp’ und Riff,</div>
+ <div class="verse indent0">Wir haben das Schiff nach dem Pfiff im Griff,</div>
+ <div class="verse indent0">Wir können, was kein andrer kann:</div>
+ <div class="verse indent0">Wir haben einen Klabautermann.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe40" id="illu_034">
+ <img class="w100" src="images/illu_034.jpg" alt="Ein Wanderer in einer einsamen
+ Landschaft">
+ <figcaption>
+ <div class="linkedimage s5a"><a href="images/illu_034_gross.jpg"
+ id="illu_034_gross" rel="nofollow">⇒<br>
+ GRÖSSERES BILD</a></div>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_35">[S.35]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Klabautermann ist ein wackerer Geist,</div>
+ <div class="verse indent0">Der alles im Schiff sich rühren heißt,</div>
+ <div class="verse indent0">Der überall, überall mit uns reist,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit dem Schiffskapitän flink trinkt und speist,</div>
+ <div class="verse indent0">Beim Steuermann sitzt er und wacht die Nacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Und im obersten Mast, wenn das Wetter kracht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ist’s Wetter klar, und die Fahrt gelingt,</div>
+ <div class="verse indent0">So nimmt er die Geige und tanzt und springt,</div>
+ <div class="verse indent0">Und alles muß auf dem Deck sich schwingen.</div>
+ <div class="verse indent0">Unzählige selige Lieder singen,</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht Sturm, nicht Wurm, ihn ficht nichts an;</div>
+ <div class="verse indent0">Wir haben den wahren Klabautermann.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hei, klettert er, sei die See auch groß,</div>
+ <div class="verse indent0">Klabautermann läßt kein Takelwerk los,</div>
+ <div class="verse indent0">Er läuft auf den Raaen, wenn alles zerreißt,</div>
+ <div class="verse indent0">Er tut, was der Kapitän ihn heißt —</div>
+ <div class="verse indent0">Und wißt ihr, wie man ihn rufen kann?</div>
+ <div class="verse indent0">Kourage heißt der Klabautermann.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent26">Aug. Kopisch.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Wanderer_und_Wind">
+ Wanderer und Wind.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Herbstwind, o sei willkommen,</div>
+ <div class="verse indent0">Fünf Tage lag das Meer</div>
+ <div class="verse indent0">So still, so bang beklommen,</div>
+ <div class="verse indent0">Kein Lüftchen zog daher.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">O Wind, nach deinem Rauschen</div>
+ <div class="verse indent0">Sehnt’ ich mich auf der See,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie einst mein Jägerlauschen</div>
+ <div class="verse indent0">Im Wald nach Hirsch und Reh.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wie geht es meinen Wäldern</div>
+ <div class="verse indent0">Am frischen Neckarfluß?</div>
+ <div class="verse indent0">Den heimatlichen Feldern?</div>
+ <div class="verse indent0">Bringst du mir keinen Gruß?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Entlaubt hab’ ich die Wälder</div>
+ <div class="verse indent0">„Im raschen Wanderzug,</div>
+ <div class="verse indent0">„Nahm durch die Stoppelfelder</div>
+ <div class="verse indent0">„Den ungehemmten Flug.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Nun ich durch Feld und Auen</div>
+ <div class="verse indent0">„Mein Wanderliedlein pfiff,</div>
+ <div class="verse indent0">„Komm’ ich nach euch zu schauen</div>
+ <div class="verse indent0">„Im Emigrantenschiff.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_36">[S.36]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_036">
+ <img class="w100" src="images/illu_036.jpg" alt="Blick zwischen Bäumen hindurch
+ auf das Meer">
+</figure>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Weil alter Liebesbande</div>
+ <div class="verse indent0">„Das Schifflein müd und matt,</div>
+ <div class="verse indent0">„Jag ich’s vom Mutterstrande</div>
+ <div class="verse indent0">„Dahin, ein welkes Blatt!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Nik. Lenau.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Nun_kommt_der_Sturm">
+ Nun kommt der Sturm.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nun kommt der Sturm geflogen,</div>
+ <div class="verse indent0">Der heulende Nordost,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß hoch in Riesenwogen</div>
+ <div class="verse indent0">Die See ans Ufer tost.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Das ist ein rasend Gischen,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Donnern und ein Schwall,</div>
+ <div class="verse indent0">Gewölk und Abgrund mischen</div>
+ <div class="verse indent0">All ihrer Stimmen Schall.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und in der Winde Sausen</div>
+ <div class="verse indent0">Und in der Möwe Schrei’n,</div>
+ <div class="verse indent0">In Schaum und Wellenbrausen</div>
+ <div class="verse indent0">Jauchz’ ich berauscht hinein.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Schon mein’ ich, daß der Reigen</div>
+ <div class="verse indent0">Des Meergotts mich umhallt,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Wogen seh’ ich steigen</div>
+ <div class="verse indent0">In grüner Roßgestalt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und drüber hoch im Wagen,</div>
+ <div class="verse indent0">Vom Nixenschwarm umringt,</div>
+ <div class="verse indent0">Ihn selbst, den Alten, ragen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie er den Dreizack schwingt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Emanuel Geibel.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_37">[S.37]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Das_Meer">
+ Das Meer.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">I.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Der Wind zieht seine Hosen an,</div>
+ <div class="verse indent0">Die weißen Wasserhosen;</div>
+ <div class="verse indent0">Er peitscht die Wellen so stark er kann,</div>
+ <div class="verse indent0">Die heulen und brausen und tosen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Aus dunkler Höh’, mit wilder Macht</div>
+ <div class="verse indent0">Die Regengüsse träufen;</div>
+ <div class="verse indent0">Es ist, als wollt’ die alte Nacht</div>
+ <div class="verse indent0">Das alte Meer ersäufen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">An den Mastbaum klammert die Möwe sich</div>
+ <div class="verse indent0">Mit heiserem Schrillen und Schreien;</div>
+ <div class="verse indent0">Sie flattert und will gar ängstiglich</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Unglück prophezeien.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14 padtop1">II.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Der Sturm spielt auf zum Tanze,</div>
+ <div class="verse indent0">Er pfeift und saust und brüllt;</div>
+ <div class="verse indent0">Heisa, wie springt das Schifflein!</div>
+ <div class="verse indent0">Die Nacht ist lustig und wild.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Ein lebendes Wassergebirge</div>
+ <div class="verse indent0">Bildet die tosende See;</div>
+ <div class="verse indent0">Hier gähnt ein schwarzer Abgrund,</div>
+ <div class="verse indent0">Dort türmt es sich weit in die Höh’.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Ein Fluchen, Erbrechen und Beten</div>
+ <div class="verse indent0">Schallt aus der Kajüte heraus;</div>
+ <div class="verse indent0">Ich halte mich fest am Mastbaum</div>
+ <div class="verse indent0">Und wünsche: Wär’ ich zu Haus.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent22">Heinrich Heine.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Leander_und_Selin">
+ Leander und Selin.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Leander und Selin, zwei Freunde, die</div>
+ <div class="verse indent0">Ein gleiches Herz und gleicher Edelmut</div>
+ <div class="verse indent0">Verbanden, traten in Geschäften einst</div>
+ <div class="verse indent0">Zusammen eine Fahrt durchs Weltmeer an.</div>
+ <div class="verse indent0">Die Winde wehten erst der Gegend zu,</div>
+ <div class="verse indent0">Die schon die Reisenden im Geiste sahn.</div>
+ <div class="verse indent0">Das Ufer floh, und bald erblickten sie</div>
+<span class="pagenum" id="Page_38">[S.38]</span> <div class="verse indent0">Ringsum nur Luft und Meer. Das Firmament</div>
+ <div class="verse indent0">War heiter und voll Glanz. Sie segelten</div>
+ <div class="verse indent0">In seinem Widerschein geruhig fort</div>
+ <div class="verse indent0">Und nahten sich bereits der Reise Ziel,</div>
+ <div class="verse indent0">Als schnell ein reißender Orkan erwacht;</div>
+ <div class="verse indent0">Der peitscht das Meer, durchwühlt den tiefen Grund,</div>
+ <div class="verse indent0">Treibt, Bergen gleich, die hohen Wogen fort</div>
+ <div class="verse indent0">Und schleudert mächtig gegen einen Fels</div>
+ <div class="verse indent0">Das Schiff. Es scheitert. Jeder sucht dem Tod</div>
+ <div class="verse indent0">Auf Trümmern von dem Schiffe zu entfliehn.</div>
+ <div class="verse indent0">Den beiden Freunden ward ein Brett zu Teil;</div>
+ <div class="verse indent0">Allein es war zu klein für seine Last.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">„Wir sinken,“ sprach Selin, „das Brettchen trägt</div>
+ <div class="verse indent0">Uns beide nicht. O Freund, leb’ ewig wohl!</div>
+ <div class="verse indent0">Du mußt erhalten sein; an dir verliert</div>
+ <div class="verse indent0">Das Wohl der Welt zu viel, und ohne dich</div>
+ <div class="verse indent0">Wär’ mir das Leben doch nur eine Qual.“</div>
+ <div class="verse indent0">„Nein,“ sprach Leander, „nein, ich sterb’, o Freund!“</div>
+ <div class="verse indent0">Allein Selin verließ zu schnell das Brett</div>
+ <div class="verse indent0">Und übergab dem nassen Grab</div>
+ <div class="verse indent0">Der Wasserwogen sich.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Die Vorsehung,</div>
+ <div class="verse indent0">Die über alles wacht, sah seine Treu’</div>
+ <div class="verse indent0">Und seine Großmut an und ließ das Meer</div>
+ <div class="verse indent0">Ihm nicht zum Grabe sein. Mitleidig trägt’s</div>
+ <div class="verse indent0">Auf seinen Wellen ihn zum Ufer hin.</div>
+ <div class="verse indent0">Er fand Leandern schon daselbst. — O! wer</div>
+ <div class="verse indent0">Beschreibt die namenlose Freude, die</div>
+ <div class="verse indent0">Sie fühlten? Sie umarmten sich</div>
+ <div class="verse indent0">Mit einer Tränenflut. Leander sprach:</div>
+ <div class="verse indent0">„O allzuteurer Freund, in was für Qual</div>
+ <div class="verse indent0">Hat deine Freundschaft mich gestürzt! Ich hab</div>
+ <div class="verse indent0">Um dich zehnfache Todesangst gefühlt.</div>
+ <div class="verse indent0">Was du tat’st, wollt’ ich tun; denn ohne dich</div>
+ <div class="verse indent0">Wünscht’ ich das Leben nicht.“ „Geliebtester,</div>
+ <div class="verse indent0">Was wär’ ich ohne dich?“ versetzt’ Selin.</div>
+ <div class="verse indent0">„Der Himmel sei gelobt, der dich mir schenkt!</div>
+ <div class="verse indent0">Komm, lass’ uns ihn, der uns vom Tod befreit,</div>
+ <div class="verse indent0">Verehren und ihm ganz das Leben weihn!“</div>
+<span class="pagenum" id="Page_39">[S.39]</span> <div class="verse indent0">Sie knieten nieder an das Ufer hin</div>
+ <div class="verse indent0">Und dankten dem, der sie errettete,</div>
+ <div class="verse indent0">Und ihr Gebet drang durch die Wolken, drang</div>
+ <div class="verse indent0">Zu Gott. — Leander teilte mit Selin,</div>
+ <div class="verse indent0">Der arm an Geld, doch reich an Tugend war,</div>
+ <div class="verse indent0">All’ seine Schätze, die Selin nur nahm,</div>
+ <div class="verse indent0">Weil sich sein Freund dadurch beglückter fand,</div>
+ <div class="verse indent0">Und Segen kam auf sie und auf ihr Haus,</div>
+ <div class="verse indent0">Und lange waren sie der Nebenmenschen Glück.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent30">Ew. v. Kleist.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Die_Vergeltung">
+ Die Vergeltung.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">I.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Kapitän steht an der Spiere,</div>
+ <div class="verse indent0">Das Fernrohr in gebräunter Hand,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem schwarzgelockten Passagiere</div>
+ <div class="verse indent0">Hat er den Rücken zugewandt.</div>
+ <div class="verse indent0">Nach einem Wolkenstreif in Sinnen</div>
+ <div class="verse indent0">Die beiden wie zwei Pfeiler sehn.</div>
+ <div class="verse indent0">Der Fremde spricht: „Was braut da drinnen?“</div>
+ <div class="verse indent0">„Der Teufel,“ brummt der Kapitän.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Da hebt von morschen Balkens Trümmer</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Kranker seine feuchte Stirn,</div>
+ <div class="verse indent0">Des Äthers Blau, der See Geflimmer,</div>
+ <div class="verse indent0">Ach, alles quält sein fiebernd Hirn!</div>
+ <div class="verse indent0">Er läßt die Blicke, schwer und düster,</div>
+ <div class="verse indent0">Entlängs dem harten Pfühle gehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Die eingegrabnen Worte liest er:</div>
+ <div class="verse indent0">„Batavia. Fünfhundertzehn.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Wolke steigt, zur Mittagsstunde</div>
+ <div class="verse indent0">Das Schiff ächzt auf der Wellen Höhn,</div>
+ <div class="verse indent0">Gezisch, Geheul ans wüstem Grunde,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Bohlen weichen mit Gestöhn.</div>
+ <div class="verse indent0">„Jesus, Marie! wir sind verloren!“</div>
+ <div class="verse indent0">Vom Mast geschleudert der Matros,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein dumpfer Krach in aller Ohren,</div>
+ <div class="verse indent0">Und langsam löst der Bau sich los.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Noch liegt der Kranke am Verdecke,</div>
+ <div class="verse indent0">Um seinen Balken festgeklemmt,</div>
+<span class="pagenum" id="Page_40">[S.40]</span> <div class="verse indent0">Da kömmt die Flut, und eine Strecke</div>
+ <div class="verse indent0">Wird er ins wüste Meer geschwemmt.</div>
+ <div class="verse indent0">Was nicht geläng’ der Kräfte Sporne,</div>
+ <div class="verse indent0">Das leistet ihm der starre Krampf,</div>
+ <div class="verse indent0">Und wie ein Narwal mit dem Horne</div>
+ <div class="verse indent0">Schießt fort er durch der Wellen Dampf.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wie lange so? — er weiß es nimmer,</div>
+ <div class="verse indent0">Dann trifft ein Strahl des Auges Ball,</div>
+ <div class="verse indent0">Und langsam schwimmt er mit der Trümmer</div>
+ <div class="verse indent0">Auf ödem, glitzerndem Krystall.</div>
+ <div class="verse indent0">Das Schiff! — die Mannschaft! — sie versanken.</div>
+ <div class="verse indent0">Doch nein, dort auf der Wasserbahn,</div>
+ <div class="verse indent0">Dort sieht den Passagier er schwanken</div>
+ <div class="verse indent0">In einer Kiste morschem Kahn.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Armsel’ge Lade! sie wird sinken,</div>
+ <div class="verse indent0">Er strengt die heisre Stimme an:</div>
+ <div class="verse indent0">„Nur grade! Freund, du drückst zur Linken!“</div>
+ <div class="verse indent0">Und immer näher schwankt’s heran,</div>
+ <div class="verse indent0">Und immer näher treibt die Trümmer,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie ein verwehtes Möwennest;</div>
+ <div class="verse indent0">„Kourage!“ ruft der kranke Schwimmer,</div>
+ <div class="verse indent0">„Mich dünkt, ich sehe Land im West!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nun rühren sich der Fähren Ende,</div>
+ <div class="verse indent0">Er sieht des fremden Auges Blitz,</div>
+ <div class="verse indent0">Da plötzlich fühlt er starke Hände,</div>
+ <div class="verse indent0">Fühlt wütend sich gezerrt vom Sitz.</div>
+ <div class="verse indent0">„Barmherzigkeit! Ich kann nicht kämpfen.“</div>
+ <div class="verse indent0">Er klammert dort, er klemmt sich hier;</div>
+ <div class="verse indent0">Ein heisrer Schrei, den Wellen dämpfen,</div>
+ <div class="verse indent0">Am Balken schwimmt der Passagier.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Dann hat er kräftig sich geschwungen</div>
+ <div class="verse indent0">Und schaukelt durch das öde Blau,</div>
+ <div class="verse indent0">Er sieht das Land wie Dämmerungen</div>
+ <div class="verse indent0">Enttauchen und zergehn in Grau.</div>
+ <div class="verse indent0">Noch lange ist er so geschwommen,</div>
+ <div class="verse indent0">Umflattert von der Möwe Schrei,</div>
+ <div class="verse indent0">Dann hat ein Schiff ihn aufgenommen,</div>
+ <div class="verse indent0">Viktoria! nun ist er frei!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+<span class="pagenum" id="Page_41">[S.41]</span>
+ <div class="verse indent14 padtop1">II.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Drei kurze Monde sind verronnen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und die Fregatte liegt am Strand,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo Mittags sich die Robben sonnen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und Bursche klettern übern Rand;</div>
+ <div class="verse indent0">Den Mädchen ist’s ein Abenteuer,</div>
+ <div class="verse indent0">Es zu erschaun vom fernen Riff,</div>
+ <div class="verse indent0">Denn noch zerstört, ist nicht geheuer</div>
+ <div class="verse indent0">Das greuliche Korsarenschiff.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und vor der Stadt, da ist ein Waten,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Wühlen durch das Kiesgeschrill,</div>
+ <div class="verse indent0">Da die verrufenen Piraten</div>
+ <div class="verse indent0">Ein jeder sterben sehen will.</div>
+ <div class="verse indent0">Aus Strandgebälken, morsch, zertrümmert,</div>
+ <div class="verse indent0">Hat man den Galgen, dicht am Meer,</div>
+ <div class="verse indent0">In wüster Eile aufgezimmert.</div>
+ <div class="verse indent0">Dort dräut er von der Düne her!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Welch ein Getümmel an den Schranken!</div>
+ <div class="verse indent0">„Da kömmt der Frei — der Hessel jetzt —</div>
+ <div class="verse indent0">Da bringen sie den schwarzen Franken,</div>
+ <div class="verse indent0">Der hat geleugnet bis zuletzt.“ —</div>
+ <div class="verse indent0">„Schiffbrüchig sei er hergeschwommen,“</div>
+ <div class="verse indent0">Höhnt eine Alte, „ei, wie kühn“</div>
+ <div class="verse indent0">Doch keiner sprach zu seinem Frommen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die ganze Bande gegen ihn.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Passagier, am Galgen stehend,</div>
+ <div class="verse indent0">Hohläugig, mit zerbrochenem Mut,</div>
+ <div class="verse indent0">Zu jedem Räuber flüstert flehend:</div>
+ <div class="verse indent0">„Was tat dir mein unschuldig Blut?</div>
+ <div class="verse indent0">Barmherzigkeit! so muß ich sterben</div>
+ <div class="verse indent0">Durch des Gesindels Lügenwort,</div>
+ <div class="verse indent0">O, mög die Seele euch verderben!“</div>
+ <div class="verse indent0">Da zieht ihn schon der Scherge fort.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Er sieht die Menge wogend spalten —</div>
+ <div class="verse indent0">Er hört das Summen im Gewühl —</div>
+ <div class="verse indent0">Nun weiß er, daß des Himmels Walten</div>
+ <div class="verse indent0">Nur seiner Pfaffen Gaukelspiel!</div>
+<span class="pagenum" id="Page_42">[S.42]</span> <div class="verse indent0">Und als er in des Hohnes Stolze</div>
+ <div class="verse indent0">Will starren nach den Ätherhöhn,</div>
+ <div class="verse indent0">Da liest er an des Galgens Holze:</div>
+ <div class="verse indent0">„Batavia. Fünfhundertzehn.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent12">Annette v. Droste-Hülshoff.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Konquistadores">
+ Konquistadores.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Zwei edle Spanier halten Wacht</div>
+ <div class="verse indent0">Und einer spricht zum andern:</div>
+ <div class="verse indent0">„Sennor, mir deucht, der Teufel lacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie wir ins Leere wandern!</div>
+ <div class="verse indent0">Das Segel bauscht, es rauscht der Kiel,</div>
+ <div class="verse indent0">Noch keines Strandes Boten —</div>
+ <div class="verse indent0">Die Hölle treibt mit uns ihr Spiel,</div>
+ <div class="verse indent0">Wir fahren zu den Toten!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wer einem Genuesen traut,</div>
+ <div class="verse indent0">Hat den Verstand verloren!</div>
+ <div class="verse indent0">Die Klugen hat er schlecht erbaut,</div>
+ <div class="verse indent0">Da lockt’ er alle Toren —</div>
+ <div class="verse indent0">Rund sei die Erde, log er mir,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie Pomeranzenbälle,</div>
+ <div class="verse indent0">Doch unermeßlich flutet hier</div>
+ <div class="verse indent0">Nur Welle hinter Welle!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der andre blickt ins Meer hinaus</div>
+ <div class="verse indent0">Und runzelt finstre Brauen:</div>
+ <div class="verse indent0">„Sennor, mich zog Columb ins Haus,</div>
+ <div class="verse indent0">Ließ mich die Karten schauen,</div>
+ <div class="verse indent0">Was er dociert, verstand ich nicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich ließ es alles gelten —</div>
+ <div class="verse indent0">Sein übermächtig Angesicht</div>
+ <div class="verse indent0">Verhieß mir neue Welten!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ist er ein Narr und haben wir</div>
+ <div class="verse indent0">Uns in das Nichts verlaufen,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein räud’ger Hund, Sennor, wie Ihr,</div>
+ <div class="verse indent0">Darf fröhlich mit ersaufen!“</div>
+ <div class="verse indent0">— „Sennor, da betet Ihr nicht gut!</div>
+ <div class="verse indent0">Zurück Euch in den Rachen</div>
+ <div class="verse indent0">Den räud’gen Hund! Ihr raucht von Blut</div>
+ <div class="verse indent0">Und risset aus den Wachen!“</div>
+<span class="pagenum" id="Page_43">[S.43]</span> </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Sennor, ich dolcht ein falsches Weib,</div>
+ <div class="verse indent0">Bekenn’ ich unverhohlen!</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht hab’ dem Bäcker einen Laib</div>
+ <div class="verse indent0">Vom Brett ich weggestohlen!</div>
+ <div class="verse indent0">Sennor, Ihr seid ein Galgenstrick!“</div>
+ <div class="verse indent0">— „Sennor, Ihr seid nicht besser!“</div>
+ <div class="verse indent0">Sie ziehen mit entflammtem Blick</div>
+ <div class="verse indent0">Und kreuzen blanke Messer&#8239;...</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Da zwischen ihre Messer walzt</div>
+ <div class="verse indent0">Im tollen Freudensprunge,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit ölgetränkten Fingern schnalzt</div>
+ <div class="verse indent0">Miquel, der Küchenjunge.</div>
+ <div class="verse indent0">Er drückt die Lider blinzelnd ein</div>
+ <div class="verse indent0">Mit schlauem Wimperzwinken,</div>
+ <div class="verse indent0">Bald hüpft er auf dem rechten Bein,</div>
+ <div class="verse indent0">Bald hopst er auf dem linken,</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">In Lüften bläht sich sein Gewand,</div>
+ <div class="verse indent0">Es puffen ihm die Hosen —</div>
+ <div class="verse indent0">Neugierig kommen hergerannt</div>
+ <div class="verse indent0">Soldaten und Matrosen.</div>
+ <div class="verse indent0">Der Junge redet kunterbunt,</div>
+ <div class="verse indent0">Als ob’s im Kopf ihm fehle,</div>
+ <div class="verse indent0">Dann öffnet er den großen Mund</div>
+ <div class="verse indent0">Und singt aus voller Kehle:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Das Heimchen zirpt, das Heimchen zirpt,</div>
+ <div class="verse indent0">Stimmt Laudes an und Psalmen!</div>
+ <div class="verse indent0">Und wenn’s mir nicht vor Freude stirbt,</div>
+ <div class="verse indent0">Bald weidet’s unter Halmen!</div>
+ <div class="verse indent0">Ich schwör’ es euch bei Gottes Haupt:</div>
+ <div class="verse indent0">Es atmet duft’ge Weiden,</div>
+ <div class="verse indent0">Es wittert Wälder dichtbelaubt</div>
+ <div class="verse indent0">Und unermeßne Heiden!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Erlauchte Herren, gebet acht,</div>
+ <div class="verse indent0">In meinem engen Räumchen</div>
+ <div class="verse indent0">Hat unsre Meerfahrt mitgemacht</div>
+ <div class="verse indent0">Ein andalusisch Heimchen —</div>
+ <div class="verse indent0">Mitnahm ich’s aus dem Vaterland,</div>
+ <div class="verse indent0">Mich scheidend zu beschenken,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich fing’s mit flinkem Griff der Hand</div>
+ <div class="verse indent0">Zu seinem Angedenken.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_44">[S.44]</span> </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Da wir zu Schiffe stiegen dort,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Zierden aller Lande,</div>
+ <div class="verse indent0">Zirpt’ Heimchen mir im Busen fort,</div>
+ <div class="verse indent0">Als weidet’s noch am Strande.</div>
+ <div class="verse indent0">Das grüne Vorgebirg verschwand,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Heimchen ward es schaurig,</div>
+ <div class="verse indent0">Beklommen saß es an der Wand</div>
+ <div class="verse indent0">Und wurde faul und traurig.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">So darbt’s und dämmert’s lange Zeit,</div>
+ <div class="verse indent0">Schon gab ich es verloren,</div>
+ <div class="verse indent0">Und nun, bei meiner Seligkeit,</div>
+ <div class="verse indent0">Ist Heimchen neugeboren!</div>
+ <div class="verse indent0">Bedenkt, es hockte gram und lahm</div>
+ <div class="verse indent0">An Dielen und an Wänden,</div>
+ <div class="verse indent0">Jetzt jubelt’s wie ein Bräutigam</div>
+ <div class="verse indent0">Und kann nur gar nicht enden!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Miquel ist fort und wieder da,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Fingerspitze zeigend:</div>
+ <div class="verse indent0">Da sitzt es ja! Da singt es ja!</div>
+ <div class="verse indent0">Die Spanier lauschen schweigend —</div>
+ <div class="verse indent0">Dann sinnen sie der Sache nach,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Lustgesang im Ohre,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie schütteln sich die Hände jach</div>
+ <div class="verse indent0">Und schrei’n im wilden Chore:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Das Heimchen zirpt! Das Heimchen zirpt!</div>
+ <div class="verse indent0">Bald schwelgen wir in Beute!</div>
+ <div class="verse indent0">Wer spielt, gewinnt! Wer wagt, erwirbt!</div>
+ <div class="verse indent0">Wir sind gemachte Leute!</div>
+ <div class="verse indent0">Die Küste winkt! Das Gold erblinkt,</div>
+ <div class="verse indent0">Davon die Sagen melden!</div>
+ <div class="verse indent0">Das Morgen steigt! Das Gestern sinkt!</div>
+ <div class="verse indent0">Wir sind berühmte Helden!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent22">C. F. Meyer.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe12" id="illu_044">
+ <img class="w100" src="images/illu_044.jpg" alt="Kleines Bild eines Drachen">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_45">[S.45]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Eine_Seeraubergeschichte">
+ Eine Seeräubergeschichte.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Wir hatten Öl geladen und Korinthen</div>
+ <div class="verse indent0">Und segelten vergnügt mit unsrer Fracht</div>
+ <div class="verse indent0">Von Malta auf Gibraltar, Jochen Schütt,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Lüb’sche Kapitän, mit fünf Matrosen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und ich, Hans Kiekebusch, als Steurmann.</div>
+ <div class="verse indent0">Der Wind blies lustig, und wir waren schon</div>
+ <div class="verse indent0">Sardinien vorbei, als hinter uns</div>
+ <div class="verse indent0">Nordosther ein verdächtig Segel aufkam,</div>
+ <div class="verse indent0">Das wie mit Siebenmeilenstiefeln lief.</div>
+ <div class="verse indent0">Bedenklich guckte Jochen Schütt durchs Glas</div>
+ <div class="verse indent0">Und schüttelte den Kopf und guckte wieder,</div>
+ <div class="verse indent0">Und immer länger ward sein schlau Gesicht.</div>
+ <div class="verse indent0">„Verdammte Suppe!“ brach er endlich los,</div>
+ <div class="verse indent0">„Der Haifisch soll mich schlucken, wenn das nicht</div>
+ <div class="verse indent0">Tuneser sind, Spitzbuben, die’s auf uns</div>
+ <div class="verse indent0">Und unsern schmucken Schoner abgesehn!</div>
+ <div class="verse indent0">Bei Gott, jetzt heißt es: Alles Weißzeug los</div>
+ <div class="verse indent0">Und stramm gesegelt!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent20">Leider war’s zu spät.</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Viertelstündchen noch, da wußten wir,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß Flucht unmöglich. Gleich darauf auch ließ</div>
+ <div class="verse indent0">Das Kaperschiff die rote Flagge schon</div>
+ <div class="verse indent0">Vom Topmast fliegen, und ein Schuß befahl</div>
+ <div class="verse indent0">Uns beizulegen. An Verteidigung</div>
+ <div class="verse indent0">War nicht zu denken. Sieben waren wir,</div>
+ <div class="verse indent0">Die höchstens Sonntags mal im Lauer Holz</div>
+ <div class="verse indent0">Mit Schrot geknallt, und drüben an die vierzig,</div>
+ <div class="verse indent0">Verwegnes Raubvolk insgesamt, auf Mord</div>
+ <div class="verse indent0">Und Totschlag eingeübt wie wir aufs Kegeln.</div>
+ <div class="verse indent0">Mit einer einz’gen Salve hätten sie</div>
+ <div class="verse indent0">Uns weggefegt; drum hieß uns Jochen Schütt</div>
+ <div class="verse indent0">Geruhig bleiben und ihn machen lassen.</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Stückchen, meint er, hab’ er ausgedacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Das uns vielleicht noch aus der Tinte hilfe.</div>
+ <div class="verse indent0">Zwar spielt’ er auf <span class="antiqua">Va banque</span> damit, indes</div>
+ <div class="verse indent0">Am Ende sei’n wir Christenmenschen doch,</div>
+ <div class="verse indent0">Und Gott im Himmel könnt’ ein Einsehn haben.</div>
+ <div class="verse indent0">So brümmelnd stieg er zur Kajüt’ hinab</div>
+ <div class="verse indent0">Und nahm die andern mit; nur mir befahl er</div>
+<span class="pagenum" id="Page_46">[S.46]</span> <div class="verse indent0">Auf Deck zu bleiben und dem leidigen</div>
+ <div class="verse indent0">Besuch, als käm’ er auf ein Frühstück bloß,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit Höflichkeit zu ihm den Weg zu weisen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Mir schlug das Herz bis an den Hals, als nun</div>
+ <div class="verse indent0">Mit jeglicher Minute der Korsar</div>
+ <div class="verse indent0">Uns näher rückte. Bald erkannt’ ich schon</div>
+ <div class="verse indent0">Die Fuchsgesichter mit den Rattenzöpfen,</div>
+ <div class="verse indent0">Das Negervolk, das in den Tauen hing.</div>
+ <div class="verse indent0">Jetzt sah ich, wie solch rotbekappter Schuft</div>
+ <div class="verse indent0">Den Enterhaken hob, jetzt machten’s ihm</div>
+ <div class="verse indent0">Zehn andre nach und jetzt — ein einz’ger Schlag,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein ungeheurer Ruck, und Bord an Bord</div>
+ <div class="verse indent0">Mit dem Tuneser lagen wir.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent24">Ein Mohr,</div>
+ <div class="verse indent0">Die breite Kling’ im Maule, sprang zuerst</div>
+ <div class="verse indent0">Auf unser Schiff, dann kam der Hauptmann selbst,</div>
+ <div class="verse indent0">Einäugig, stachelbärtig wie ein Kater,</div>
+ <div class="verse indent0">Am grünen Bund den Halbmond von Rubin,</div>
+ <div class="verse indent0">Und dann die andern, meist ein quittengelb,</div>
+ <div class="verse indent0">Zerlumpt Gesind’l, doch mit langem Rohr,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit Beil und Messer Mann für Mann versehn.</div>
+ <div class="verse indent0">Mir lief’s den Rücken kalt wie Eis hinab.</div>
+ <div class="verse indent0">Doch macht’ ich nach des Kapitäns Geheiß</div>
+ <div class="verse indent0">Den schönsten Bückling und, verbindlich dann</div>
+ <div class="verse indent0">Den Weg anzeigend, fuhr ich wie ein Kellner</div>
+ <div class="verse indent0">In Sprüngen die Kajütentrepp’ hinab.</div>
+ <div class="verse indent0">Auch poltert’ es alsbald mit schwerem Tritt</div>
+ <div class="verse indent0">Mir nach und, ein Pistol in jeder Hand,</div>
+ <div class="verse indent0">Trat Meister Einaug’ in die Tür, doch blieb er,</div>
+ <div class="verse indent0">Als er sich umsah, wie ein Zaunpfahl stehn.</div>
+ <div class="verse indent0">Denn vor ihm saß, den Hut auf einem Ohr,</div>
+ <div class="verse indent0">Aus kurzer Pfeife Dampf und Funken paffend,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf offner Pulvertonne Jochen Schütt,</div>
+ <div class="verse indent0">Und rings umher lag wie ein Zauberkreis</div>
+ <div class="verse indent0">Ein breiter Streif von Pulver aufgestreut.</div>
+ <div class="verse indent0">Wir standen hinter ihm und mucksten nicht;</div>
+ <div class="verse indent0">Er aber, ruhig sitzen bleibend, tat,</div>
+ <div class="verse indent0">Als wüßt er gar von keinem Harm und sah</div>
+ <div class="verse indent0">Den Türken an und sagte: „Guten Tag!</div>
+ <div class="verse indent0">Was steht zu Diensten, wenn ich bitten darf?“</div>
+<span class="pagenum" id="Page_47">[S.47]</span> <div class="verse indent0">Und als nun der sich wie ein Puterhahn</div>
+ <div class="verse indent0">Aufplustert und in seinem Kauderwelsch</div>
+ <div class="verse indent0">Zu kollern anfängt und, wie das nicht fleckt,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Zähne weist und mit Geberden droht,</div>
+ <div class="verse indent0">Sagt Jochen Schütt: „Ja, (Türkisch versteh’ ich nicht)</div>
+ <div class="verse indent0">Mein lieber Herr; doch <span class="antiqua">parlez-vous français</span>?“</div>
+ <div class="verse indent0">Und dazu pafft er toller stets und macht</div>
+ <div class="verse indent0">Den Meerschaumkopf wie einen Schornstein sprüh’n,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß mir, bei Gott, schon deucht, wir fliegen auf.</div>
+ <div class="verse indent0">Das schien denn unserm Rinaldini auch</div>
+ <div class="verse indent0">Ein schlechter Spaß, er wurde grün vor Wut,</div>
+ <div class="verse indent0">Und plötzlich macht er Kehrt und schoß hinaus.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Nun ging ein heftig Schnattern droben an,</div>
+ <div class="verse indent0">Und dann ein Poltern, Schieben, Ziehn und Winden,</div>
+ <div class="verse indent0">Als kehrten sie vom Schiffsraum bis aufs Deck</div>
+ <div class="verse indent0">Das Unterste zu oberst, während wir</div>
+ <div class="verse indent0">In tausend Ängsten wie die Hühner uns</div>
+ <div class="verse indent0">Um unsern Kapitän zusammendrückten,</div>
+ <div class="verse indent0">Der keine Silbe sprach und langsam nur</div>
+ <div class="verse indent0">Fortqualmte. Zwar die Ladung, wußten wir,</div>
+ <div class="verse indent0">War gut versichert, doch wir fürchteten,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Heiden würden, wenn sie’s ausgeraubt,</div>
+ <div class="verse indent0">Das Schiff aus purer Bosheit sinken machen,</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und dann, ihr Lüb’schen Türme, gute Nacht!</div>
+ <div class="verse indent2">So ging ein langes, banges Stündlein hin.</div>
+ <div class="verse indent0">Da plötzlich hörten wir durch all den Lärm</div>
+ <div class="verse indent0">Die Botsmannspfeife kreischen; ein entsetzlich</div>
+ <div class="verse indent0">Gedräng’ entstand an Bord, wie Flucht beinah,</div>
+ <div class="verse indent0">Und kurz darauf geschah ein Stoß und Rauschen,</div>
+ <div class="verse indent0">Als riss’ ein Donnerwetter Schiff von Schiff;</div>
+ <div class="verse indent0">Und dann mit eins war’s still. Wir warteten</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Weilchen noch und horchten, doch es pfiff</div>
+ <div class="verse indent0">Auch nicht die Maus im Loch; kein Zweifel mehr,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie waren fort.&#8239;—</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent16">„Was nu?“ sprach Jochen Schütt,</div>
+ <div class="verse indent0">„Die Luft an Bord scheint wieder klar zu sein,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich denk’, wir sehn uns mal den Schaden an!“</div>
+ <div class="verse indent0">Und stieg hinauf ans Deck und wir ihm nach.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Da sah’s denn gräulich aus. Im großen Stall</div>
+ <div class="verse indent0">Der Arche Noäh war nicht solch ein Wust,</div>
+<span class="pagenum" id="Page_48">[S.48]</span> <div class="verse indent0">Als aller Welt Getier das Schiff geräumt.</div>
+ <div class="verse indent0">Packstroh und Scherben rings, Korinthenfässer,</div>
+ <div class="verse indent0">Ölpiepen, Werkzeug, Zwiebeln, Kochgerät,</div>
+ <div class="verse indent0">Im tollsten Wirrwarr alles durcheinander,</div>
+ <div class="verse indent0">Als wär’ in allerbester Arbeit just</div>
+ <div class="verse indent0">Das große Plünderfest gestört. Und so</div>
+ <div class="verse indent0">Verhielt sich’s auch. Denn von Nordosten kam</div>
+ <div class="verse indent0">Indes der Türk’, wie ein gejagter Habicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Nach Süden fortschoß, eine englische</div>
+ <div class="verse indent0">Fregatt’ heran mit vollem Wind und ließ</div>
+ <div class="verse indent0">Die blaubekreuzte Flagge lustig wehn.</div>
+ <div class="verse indent0">Das gab ein Jubeln, ein Umarmen jetzt!</div>
+ <div class="verse indent0">Der Schiffsjung fiel auf seine Knie, der Koch,</div>
+ <div class="verse indent0">Der letzt in Portsmouth überwintert, schwang</div>
+ <div class="verse indent0">Die Zipfelmütz’ und sang: „<span class="antiqua">God save the king!</span>“</div>
+ <div class="verse indent0">Doch Jochen Schütt nahm eine Zwiebel auf</div>
+ <div class="verse indent0">Und roch daran und niest’: ich merkt’ es wohl,</div>
+ <div class="verse indent0">Wir sollten ihn nicht weinen sehn. Dann zog er</div>
+ <div class="verse indent0">Den Hut und sprach: „Nun danket alle Gott!</div>
+ <div class="verse indent0">Heut’ tut mir’s leid, daß ich nicht singen kann,</div>
+ <div class="verse indent0">Weil ich beim alten Haase Schulen lief.</div>
+ <div class="verse indent0">Den Engelsmann schickt uns der Himmel selbst.</div>
+ <div class="verse indent0">Auch keinen roten Sechsling gab ich mehr</div>
+ <div class="verse indent0">Für unser Leben, blieb er aus. Nun lief’s</div>
+ <div class="verse indent0">Noch gnädig ab.“&#8239;—</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent18">„Ein wahrer Segen auch,“</div>
+ <div class="verse indent0">Sagt’ ich, „Kap’tän, daß Euch das Pulver einfiel,</div>
+ <div class="verse indent0">Sonst kam uns selbst der Engelsmann zu spät.“</div>
+ <div class="verse indent0">Ja, Pulver!“ lacht’ er, und die Schlauheit blitzt</div>
+ <div class="verse indent0">Ihm aus den Augen, „Pulver! Hat sich was!</div>
+ <div class="verse indent0">Wir haben keine zwanzig Schuß an Bord.</div>
+ <div class="verse indent0">Das schwarze Zeug, wovor der Heidenkerl</div>
+ <div class="verse indent0">Die Angst gekriegt, war — Rübsaat aus Schwerin,</div>
+ <div class="verse indent0">Und mein Kanarienvogel frißt davon.</div>
+ <div class="verse indent0">Ein richt’ger Mann muß sich zu helfen wissen,</div>
+ <div class="verse indent0">So hilft ihm Gott auch wohl. — Und nun seht nach,</div>
+ <div class="verse indent0">Ob uns das Volk auch überm Rum gewesen.</div>
+ <div class="verse indent0">Ich denk’, ein Schluck soll gut tun auf den Schreck.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent30">Eman. Geibel.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_49">[S.49]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowe44" id="illu_049">
+ <img class="w100 mtop3" src="images/illu_049.jpg" alt="Zwei Vögel fliegen am Strand entlang">
+</figure>
+
+ <h2 class="nopad" id="Das_Haus_am_Meer">
+ Das Haus am Meer.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hart an des Meeres Strande</div>
+ <div class="verse indent2">Baut man ein festes Haus;</div>
+ <div class="verse indent0">Als sollt’ es ewig dauern,</div>
+ <div class="verse indent0">So heben die trotz’gen Mauern</div>
+ <div class="verse indent2">Sich in das Land hinaus.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Mächtige Hammerschläge</div>
+ <div class="verse indent2">Erdröhnen schwer und voll;</div>
+ <div class="verse indent0">Die Sägen knarren und zischen,</div>
+ <div class="verse indent0">Verworren hört man dazwischen</div>
+ <div class="verse indent2">Der Wogen dumpf Geroll.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Durch das Gebälke klettert</div>
+ <div class="verse indent2">Ein rüst’ger Zimmermann;</div>
+ <div class="verse indent0">Der Wind der sich erhoben,</div>
+ <div class="verse indent0">Zerreißt mit seinem Toben</div>
+ <div class="verse indent2">Das Lied, das er begann.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich bin hineingetreten;</div>
+ <div class="verse indent2">Daß solch ein Werk gedeiht,</div>
+ <div class="verse indent0">Das ist an Gott gelegen,</div>
+ <div class="verse indent0">Zu beten um seinen Segen,</div>
+ <div class="verse indent2">Nehm’ ich mir gern die Zeit.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Fenster gehen alle</div>
+ <div class="verse indent2">Hinaus auf die wilde See;</div>
+ <div class="verse indent0">Noch sind sie nicht verschlossen,</div>
+ <div class="verse indent0">Eine Möwe kommt geschossen</div>
+ <div class="verse indent2">Durch das, an dem ich steh’.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hier will der Bewohner schlafen;</div>
+ <div class="verse indent2">Schon wird in dem luft’gen Raum</div>
+<span class="pagenum" id="Page_50">[S.50]</span> <div class="verse indent0">Die Bettstatt aufgeschlagen;</div>
+ <div class="verse indent0">Da ahn’ ich mit stillem Behagen</div>
+ <div class="verse indent2">Voraus gar manchen Traum.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch wende ich mein Auge,</div>
+ <div class="verse indent2">Fällt’s auf gar manches Riff,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich sehe des Meeres Tosen,</div>
+ <div class="verse indent0">Drüben im Grenzenlosen</div>
+ <div class="verse indent2">Durchbricht den Nebel ein Schiff.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wer ist’s denn, der am Strande,</div>
+ <div class="verse indent2">Am öden, sein Haus sich baut?</div>
+ <div class="verse indent0">„Ein Schiffer; seit vielen Jahren</div>
+ <div class="verse indent0">Hat er das Meer befahren,</div>
+ <div class="verse indent2">Nun ist’s ihm lieb und vertraut.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Dies ist die letzte Reise,</div>
+ <div class="verse indent2">Ich fühl’ mich alt und müd’,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß ich mein Nest dann finde,</div>
+ <div class="verse indent0">Hobelt und hämmert geschwinde!</div>
+ <div class="verse indent2">So sprach er, als er schied.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Jetzt kann er stündlich kehren,</div>
+ <div class="verse indent2">Er ist schon lange fort,</div>
+ <div class="verse indent0">Drum müssen wir alle eilen!“</div>
+ <div class="verse indent0">Des schwellenden Sturmwinds Heulen</div>
+ <div class="verse indent2">Verschlingt des Zimm’rers Wort.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Wolken ballen sich dräuend,</div>
+ <div class="verse indent2">Riesige Wogen erstehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Aufgerüttelt von Stürmen,</div>
+ <div class="verse indent0">Schrecklich, wenn sie sich türmen,</div>
+ <div class="verse indent2">Schrecklicher, wenn sie zergehn.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Das Schiff dort, kraftlos ringend,</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr Spiel jetzt, bald ihr Raub,</div>
+ <div class="verse indent0">Muß gegen die Felsen prallen,</div>
+ <div class="verse indent0">Schon hör’ ich den Notschuß fallen,</div>
+ <div class="verse indent2">Was hilft es? Gott ist taub.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich fürchte, das ist der Schiffer,</div>
+ <div class="verse indent2">Dem man dies Bett bestellt,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Zimm’rer mit dem Hammer</div>
+ <div class="verse indent0">Befestigt die letzte Klammer,</div>
+ <div class="verse indent2">Während das Schiff zerschellt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent18">Friedr. Hebbel.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_51">[S.51]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Nis_Randers">
+ Nis Randers.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Krachen und Heulen und berstende Nacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Dunkel und Flammen in rasender Jagd —</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Schrei durch die Brandung!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und brennt der Himmel, so sieht man’s gut:</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;</div>
+ <div class="verse indent0">Gleich holt sich’s der Abgrund.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nis Randers lugt — und ohne Hast</div>
+ <div class="verse indent0">Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast;</div>
+ <div class="verse indent0">Wir müssen ihn holen.“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Da faßt ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein!</div>
+ <div class="verse indent0">Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich will’s, deine Mutter!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;</div>
+ <div class="verse indent0">Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Uwe, mein Uwe!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!</div>
+ <div class="verse indent0">Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:</div>
+ <div class="verse indent0">„Und <em class="gesperrt">seine</em> Mutter?“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs:</div>
+ <div class="verse indent0">Hohes, hartes Friesengewächs;</div>
+ <div class="verse indent0">Schon sausen die Ruder.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!</div>
+ <div class="verse indent0">Nun muß es zerschmettern! ... Nein: es blieb ganz! ...</div>
+ <div class="verse indent0">Wie lange? Wie lange?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer</div>
+ <div class="verse indent0">Die menschenfressenden Rosse daher;</div>
+ <div class="verse indent0">Sie schnauben und schäumen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!</div>
+ <div class="verse indent0">Eins auf den Nacken des andern springt</div>
+ <div class="verse indent0">Mit stampfenden Hufen!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!</div>
+ <div class="verse indent0">Was da? — Ein Boot, das landwärts hält —</div>
+ <div class="verse indent0">Sie sind es! Sie kommen!&#8239;—&#8239;—</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt ...</div>
+ <div class="verse indent0">Still — ruft da nicht einer — Er schreit’s durch die Hand:</div>
+ <div class="verse indent0">„Sagt Mutter, ’s ist Uwe!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent36">Otto Ernst.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_52">[S.52]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Das_Wrack">
+ Das Wrack.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Flut verrinnt! Auf ebbetrocknem Strande</div>
+ <div class="verse indent0">Liegt dort das Wrack tiefeingewühlt im Sande;</div>
+ <div class="verse indent0">Zerborsten klafft das Deck, der Kiel zerbrach.</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Schoner einst! Wie alle Wimpel flogen,</div>
+ <div class="verse indent0">Als er zuerst durchschoß die blauen Wogen!</div>
+ <div class="verse indent0">Der greise Kaufherr sah ihm lächelnd nach.</div>
+ <div class="verse indent0">Bayard, des Werftes Stolz, der kühnste Renner,</div>
+ <div class="verse indent0">Am Bord neun Friesen, seegebräunte Männer,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit stillem Aug’ und eisenfester Hand.</div>
+ <div class="verse indent0">Zum Ost und West ging manche gute Reise,</div>
+ <div class="verse indent0">Zum fernen Süd, durch beide Wendekreise,</div>
+ <div class="verse indent0">Den bunten Gürtel, der die Welt umspannt.</div>
+ <div class="verse indent0">Dann kam der Schicksalstag. Das lang geschlafen,</div>
+ <div class="verse indent0">Losfuhr das Wetter nah’ dem Heimathafen.</div>
+ <div class="verse indent0">Zerspellte Rumpf und Rah’ mit wilder Wucht,</div>
+ <div class="verse indent0">Zersprengte Brass’ und Tau gleich Fadennetzen</div>
+ <div class="verse indent0">Und warf Gebälk und Trumm, wertlose Fetzen,</div>
+ <div class="verse indent0">In dieses Eilands sturmgepeitschte Bucht. —</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe47" id="illu_052">
+ <img class="w100" src="images/illu_052.jpg" alt="Ein Schiff liegt auf Land">
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_55">[S.55]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Dort liegt das Wrack! Es sitzt auf seinen Planken</div>
+ <div class="verse indent0">Ein alter Mann verloren in Gedanken,</div>
+ <div class="verse indent0">Gebückt, den breiten Hut tief im Gesicht.</div>
+ <div class="verse indent0">Verstürmt auch er? — Wer weiß, auf welchen Meeren? —</div>
+ <div class="verse indent0">Er schreibt. — Ein Lied wie dies? — Harm soll man ehren;</div>
+ <div class="verse indent0">Geht sacht an ihm vorbei und stört ihn nicht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent36">F. W. Weber.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+
+<figure class="figcenter illowe41" id="illu_054">
+ <img class="w100" src="images/illu_054.jpg" alt="Ein Junge sitzt am Fenster mit
+ Blick auf das Meer und legt das Gesicht in seine Hände">
+ <figcaption>
+ <div class="linkedimage s5a"><a href="images/illu_054_gross.jpg"
+ id="illu_054_gross" rel="nofollow">⇒<br>
+ GRÖSSERES BILD</a></div>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Meeresstrand">
+ Meeresstrand.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ans Haff nun fliegt die Möwe,</div>
+ <div class="verse indent0">Und Dämmrung bricht herein;</div>
+ <div class="verse indent0">Über die feuchten Watten</div>
+ <div class="verse indent0">Spiegelt der Abendschein.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Graues Geflügel huschet</div>
+ <div class="verse indent0">Neben dem Wasser her;</div>
+ <div class="verse indent0">Wie Träume liegen die Inseln</div>
+ <div class="verse indent0">Im Nebel auf dem Meer.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich höre des gärenden Schlammes</div>
+ <div class="verse indent0">Geheimnisvollen Ton,</div>
+ <div class="verse indent0">Einsames Vogelrufen —</div>
+ <div class="verse indent0">So war es immer schon.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Noch einmal schauert leise</div>
+ <div class="verse indent0">Und schweiget dann der Wind;</div>
+ <div class="verse indent0">Vernehmlich werden die Stimmen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die über der Tiefe sind.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent16">Theodor Storm.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Meeresrauschen">
+ Meeresrauschen.
+ </h2>
+</div>
+
+<p>Mehr noch als der Anblick des Meeres überrascht seine <em class="gesperrt">Stimme</em>.
+Sie wird überall vernommen auf hoher See und am Strande, und immer
+wechselnd bewegt sie in immer neuer Weise das Gemüt. Bald erbraust sie
+in erhaben-gleichförmigem Rhythmus; es ist die Sprache der Wasserwüste,
+das Nachtönen des „Werde!“, welches die Schöpfung ins Dasein rief.
+Bald glaubt man ein tiefes Atemholen der Flut zu hören oder ein
+träumerisches Murmeln und dann wieder ein Klatschen und Schmettern
+mit langgezogenem Widerhall, bis die Stunde des Sturmes kommt, da das
+Element in entfesselter Größe überschwillt <span class="pagenum" id="Page_56">[S.56]</span>und mit seinen rollenden
+Donnern die Erde zittern macht. Aber die empörten Wogen kehren wieder
+in ihre Bahn zurück, und nun scheint ihre Stimme nicht mehr zürnend,
+sondern voll klagenden Gesanges. Das Ohr unterscheidet allmählich auch
+die leiseren Töne in dem Riesenorchester, das Flüstern und Klingen der
+einzelnen Wellen, und in das Spiel der Phantasie verloren, vermeinen
+wir wohl die Bäche und Bächlein der Heimat wieder zu vernehmen, die
+im Ozean nach langer Wanderung ein Ziel gefunden haben. Auch das sind
+Meeresszenen voll tiefen, fast feierlich-sehnsüchtigen Reizes, der
+freilich dann am ergreifendsten wirkt, wenn im Dufte des unendlichen
+Horizontes die Gestirne der Nacht aufsteigen oder versinken vor dem
+Auge des Schiffers.</p>
+
+<p class="right mright2 mbot3">Herm. Masius.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_056">
+ <img class="w100" src="images/illu_056.jpg" alt="Hohe Wellen auf dem Meer">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Der_Gesang_des_Meeres">
+ Der Gesang des Meeres.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container mbot3">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wolken, meine Kinder, wandern gehen</div>
+ <div class="verse indent0">Wollt ihr? Fahret wohl! Auf Wiedersehen!</div>
+ <div class="verse indent0">Eure wandellustigen Gestalten</div>
+ <div class="verse indent0">Kann ich nicht in Mutterbanden halten.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ihr langweilet euch auf meinen Wogen,</div>
+ <div class="verse indent0">Dort die Erde hat euch angezogen:</div>
+ <div class="verse indent0">Küsten, Klippen und des Leuchtturms Feuer!</div>
+ <div class="verse indent0">Ziehet, Kinder! Geht auf Abenteuer.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Segelt, kühne Schiffer, in den Lüften!</div>
+ <div class="verse indent0">Sucht die Gipfel! Ruhet über Klüften!</div>
+ <div class="verse indent0">Brauet Stürme! Blitzet! Liefert Schlachten!</div>
+ <div class="verse indent0">Traget glüh’nden Kampfes Purpurtrachten!</div>
+<span class="pagenum" id="Page_57">[S.57]</span> </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Rauscht im Regen! Murmelt in den Quellen!</div>
+ <div class="verse indent0">Füllt die Brunnen! Rieselt in die Wellen!</div>
+ <div class="verse indent0">Braust in Strömen durch die Lande nieder —</div>
+ <div class="verse indent0">Kommet, meine Kinder, kommet wieder!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent26">C. F. Meyer.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe19" id="illu_057">
+ <img class="w100" src="images/illu_057.jpg" alt="Zwei Möwen am Strand">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Ostern">
+ Ostern.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es war daheim auf unsrem Meeresdeich;</div>
+ <div class="verse indent0">Ich ließ den Blick am Horizonte gleiten,</div>
+ <div class="verse indent0">Zu mir herüber schoß verheißungsreich</div>
+ <div class="verse indent0">Mit vollem Klang das Osterglockenläuten.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wie brennend Silber funkelte das Meer,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Inseln schwammen auf dem hohen Spiegel,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Möwen schossen blendend hin und her,</div>
+ <div class="verse indent0">Eintauchend in die Flut die weißen Flügel.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Im tiefen Kooge bis zum Deichesrand</div>
+ <div class="verse indent0">War sammetgrün die Wiese aufgegangen;</div>
+ <div class="verse indent0">Der Frühling zog prophetisch über Land,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Lerchen jauchzten, und die Knospen sprangen.&#8239;—</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Entfesselt ist die urgewalt’ge Kraft,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Erde quillt, die jungen Säfte tropfen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und alles treibt, und alles webt und schafft,</div>
+ <div class="verse indent0">Des Lebens vollste Pulse hör’ ich klopfen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Flut entsteigt der frische Meeresduft;</div>
+ <div class="verse indent0">Vom Himmel strömt die goldne Sonnenfülle;</div>
+ <div class="verse indent0">Der Frühlingswind geht klingend durch die Luft</div>
+ <div class="verse indent0">Und sprengt im Flug des Schlummers letzte Hülle.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">O wehe fort, bis jede Knospe bricht,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß endlich uns ein ganzer Sommer werde;</div>
+ <div class="verse indent0">Entfalte dich, du gottgebornes Licht,</div>
+ <div class="verse indent0">Und wanke nicht, du feste Heimaterde!&#8239;—</div>
+<span class="pagenum" id="Page_58">[S.58]</span> </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hier stand ich oft, wenn in Novembernacht</div>
+ <div class="verse indent0">Aufgor das Meer zu gischtbestäubten Hügeln,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn in den Lüften war der Sturm erwacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Deiche peitschend mit den Geierflügeln.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und jauchzend ließ ich an der festen Wehr</div>
+ <div class="verse indent0">Den Wellenschlag die grimmen Zähne reiben;</div>
+ <div class="verse indent0">Denn machtlos, zischend schoß zurück das Meer —</div>
+ <div class="verse indent0">Das Land ist unser, unser soll es bleiben!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent30">Theodor Storm.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Geistesgruss">
+ Geistesgruß.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hoch auf dem alten Turme steht</div>
+ <div class="verse indent0">Des Helden edler Geist,</div>
+ <div class="verse indent0">Der, wie das Schiff vorübergeht,</div>
+ <div class="verse indent0">Es wohl zu fahren heißt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Sieh, diese Sehne war so stark,</div>
+ <div class="verse indent0">„Dies Herz so fest und wild,</div>
+ <div class="verse indent0">„Die Knochen voll von Rittermark,</div>
+ <div class="verse indent0">„Der Becher angefüllt;</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Mein halbes Leben stürmt’ ich fort,</div>
+ <div class="verse indent0">„Verdehnt’ die Hälft’ in Ruh,</div>
+ <div class="verse indent0">„Und du, du Menschen-Schifflein dort,</div>
+ <div class="verse indent0">„Fahr’ immer, immer zu!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent16">Wolfg. v. Goethe.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Turmwachterlied">
+ Turmwächterlied.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Am gewaltigen Meer,</div>
+ <div class="verse indent0">In der Mitternacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo der Wogen Heer</div>
+ <div class="verse indent0">An die Felsen kracht,</div>
+ <div class="verse indent0">Da schau’ ich vom Turm hinaus.</div>
+ <div class="verse indent0">Ich erheb’ einen Sang</div>
+ <div class="verse indent0">Aus starker Brust</div>
+ <div class="verse indent0">Und mische den Klang</div>
+ <div class="verse indent0">In die wilde Luft,</div>
+ <div class="verse indent0">In die Nacht, in den Sturm, in den Graus.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_59">[S.59]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowe40" id="illu_059">
+ <img class="w100" src="images/illu_059.jpg" alt="Ein Mann in der Brandung vor
+ einer Klippe, auf der ein Turm steht">
+</figure>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Dringe durch, dringe durch</div>
+ <div class="verse indent0">Recht freudenvoll,</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Lied von der Burg</div>
+ <div class="verse indent0">In das Sturmgeroll!</div>
+ <div class="verse indent0">Verkünd’ es weit durch die Nacht,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo schwanket ein Schiff</div>
+ <div class="verse indent0">Durch die Flut entlang,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo schwindelt am Riff</div>
+ <div class="verse indent0">Des Wanderers Gang,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß oben ein Mensch hier wacht!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Ein kräftiger Mann,</div>
+ <div class="verse indent0">Recht frisch bereit,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo er helfen kann,</div>
+ <div class="verse indent0">Zu wenden das Leid,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit Ruf, mit Leuchte, mit Hand.</div>
+ <div class="verse indent0">Ist zu schwarz die Nacht,</div>
+<span class="pagenum" id="Page_60">[S.60]</span> <div class="verse indent0">Ist zu fern der Ort,</div>
+ <div class="verse indent0">Da schickt er mit Macht</div>
+ <div class="verse indent0">Seine Stimme fort</div>
+ <div class="verse indent0">Mit Trost über See und Land.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Wer auf Wogen schwebt —</div>
+ <div class="verse indent0">Sehr leck sein Kahn —</div>
+ <div class="verse indent0">Wer im Walde bebt,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo sich Räuber nahn,</div>
+ <div class="verse indent0">Der denke: Gott hilft wohl gleich!</div>
+ <div class="verse indent0">Wen das wilde Meer</div>
+ <div class="verse indent0">Schon hinunterschlingt,</div>
+ <div class="verse indent0">Wem des Räubers Speer</div>
+ <div class="verse indent0">In die Hüfte dringt,</div>
+ <div class="verse indent0">Der denk’ an das Himmelreich!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent6">Friedr. de la Motte Fouqué.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Am_Turme">
+ Am Turme.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich steh auf hohem Balkone am Turm,</div>
+ <div class="verse indent0">Umstrichen vom schreienden Stare,</div>
+ <div class="verse indent0">Und lass’ gleich einer Mänade den Sturm</div>
+ <div class="verse indent0">Mir wühlen im flatternden Haare;</div>
+ <div class="verse indent0">O wilder Geselle, o toller Fant,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich möchte dich kräftig umschlingen</div>
+ <div class="verse indent0">Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf Tod und Leben dann ringen!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und drunten seh ich am Strand, so frisch</div>
+ <div class="verse indent0">Wie spielende Doggen, die Wellen</div>
+ <div class="verse indent0">Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch</div>
+ <div class="verse indent0">Und glänzende Flocken schnellen.</div>
+ <div class="verse indent0">O springen möcht’ ich hinein alsbald,</div>
+ <div class="verse indent0">Recht in die tobende Meute,</div>
+ <div class="verse indent0">Und jagen durch den korallenen Wald</div>
+ <div class="verse indent0">Das Walroß, die lustige Beute!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Und drüben seh ich ein Wimpel wehn,</div>
+ <div class="verse indent0">So keck wie eine Standarte,</div>
+ <div class="verse indent0">Seh auf und nieder den Kiel sich drehn</div>
+ <div class="verse indent0">Von meiner luftigen Warte;</div>
+<span class="pagenum" id="Page_61">[S.61]</span> <div class="verse indent0">O, sitzen möcht’ ich im kämpfenden Schiff,</div>
+ <div class="verse indent0">Das Steuerruder ergreifen</div>
+ <div class="verse indent0">Und zischend über das brandende Riff</div>
+ <div class="verse indent0">Wie eine Seemöwe streifen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wär ich ein Jäger auf freier Flur,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Stück nur von einem Soldaten,</div>
+ <div class="verse indent0">Wär ich ein Mann doch mindestens nur,</div>
+ <div class="verse indent0">So würde der Himmel mir raten;</div>
+ <div class="verse indent0">Nun muß ich sitzen so fein und klar,</div>
+ <div class="verse indent0">Gleich einem artigen Kinde,</div>
+ <div class="verse indent0">Und darf nur heimlich lösen mein Haar</div>
+ <div class="verse indent0">Und lassen es flattern im Winde!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Annette v. Droste-Hülshoff.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Old_Muetterchen">
+ Old Mütterchen.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">O schöner Wintersonnenschein,</div>
+ <div class="verse indent0">Du lockst ins Freie groß und klein!</div>
+ <div class="verse indent0">Old Mütterchen läßt man im Haus allein! —</div>
+ <div class="verse indent0">Old Mütterchen zählt an hundert Jahr;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch war in die Ferne ihr Blick noch klar.</div>
+ <div class="verse indent0">Ihr Ruhebett war so gestellt,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß schauen sie konnt’ in Gottes Welt:</div>
+ <div class="verse indent0">Und — wie sie so durchs Fenster sah</div>
+ <div class="verse indent0">In die Husumer Bucht, was sah sie da?</div>
+ <div class="verse indent0">Die Ufer waren von Schnee so weiß,</div>
+ <div class="verse indent0">Die See stand fest als blankes Eis,</div>
+ <div class="verse indent0">Und über das weit gefrorene Meer</div>
+ <div class="verse indent0">Jagt alles auf Schlittschuh’n hin und her;</div>
+ <div class="verse indent0">Ein jeder schwingt sich auf seine Weise,</div>
+ <div class="verse indent0">Die ganze Stadt schien auf dem Eise.</div>
+ <div class="verse indent0">Es war ein Gewimmel und ein Gelauf,</div>
+ <div class="verse indent0">Man stellte Zelt’ und Buden auf;</div>
+ <div class="verse indent0">Auch fuhren auf Schlitten die Knaben die Frauen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die waren geputzt wie zum Feste zu schauen.</div>
+ <div class="verse indent0">Das muntre Volk im jubelnden Reigen</div>
+ <div class="verse indent0">Bedünkt Old Mütterchen gar eigen:</div>
+ <div class="verse indent0">Wo neulich noch schlugen und tobten die Wogen,</div>
+ <div class="verse indent0">Ward wie mit Flügeln auf Spiegeln geflogen;</div>
+ <div class="verse indent0">Wo sonst nur schwammen Schiff und Fische,</div>
+<span class="pagenum" id="Page_62">[S.62]</span> <div class="verse indent0">Stellte man heute Bänke und Tische;</div>
+ <div class="verse indent0">Man schmauste und trank und sang und sprang,</div>
+ <div class="verse indent0">Es wurde keinem die Weile lang.</div>
+ <div class="verse indent0">Da dacht’ in ihrer Einsamkeit</div>
+ <div class="verse indent0">Old Mütterchen längst vergangner Zeit,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo sie die gleiche Lust erfahren,</div>
+ <div class="verse indent0">Eh sie gelangt zu zitternden Jahren,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie mancher junge schmucke Gesell</div>
+ <div class="verse indent0">Sie einst gefahren im Schlitten schnell.</div>
+ <div class="verse indent0">Sie dacht’ auch des Gatten und ihrer Knaben,</div>
+ <div class="verse indent0">Die ungestümes Meer begraben,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie heimgegangen all’ ihre Lieben</div>
+ <div class="verse indent0">Und sie zuletzt so einsam blieben.</div>
+ <div class="verse indent0">Da seufzte sie: Gott vergisset mein</div>
+ <div class="verse indent0">Und läßt mich hier ganz seelenallein,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich muß hier als ganz unnütz sein,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Fremden schaff’ ich nur Beschwerden,</div>
+ <div class="verse indent0">Was soll ich noch fürder auf dieser Erden?</div>
+ <div class="verse indent0">Doch wie Old Mütterchen das spricht,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Ratschluß Gottes ist verborgen,</div>
+ <div class="verse indent0">Straft sie ihr Herz: o sündige nicht:</div>
+ <div class="verse indent0">Laß ihn allein bestimmen und sorgen.</div>
+ <div class="verse indent0">In solchen und anderen Gedanken</div>
+ <div class="verse indent0">Blickt weiter sie auf das Schwingen und Schwanken,</div>
+ <div class="verse indent0">Und spricht zu sich selber: tun doch heute,</div>
+ <div class="verse indent0">Als wär’ Meer Land, die tollen Leute;</div>
+ <div class="verse indent0">Ist wohl so gesichert die weite Fläche,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß hie und da das Eis nicht breche?</div>
+ <div class="verse indent0">Und wie sie dem nachsinnt, nicht lange,</div>
+ <div class="verse indent0">Pocht ihr das Herz in der Brust so bange,</div>
+ <div class="verse indent0">Als könne solch ein Unglück geschehn,</div>
+ <div class="verse indent0">Als solle sie bald Entsetzliches sehn.</div>
+ <div class="verse indent0">Da erblickt sie über dem bunten Gewimmel</div>
+ <div class="verse indent0">In fernster Ferne ein Wölkchen am Himmel,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein weißes, und spricht: das deutet Sturm,</div>
+ <div class="verse indent0">Und niemand läutet doch heut vom Turm.</div>
+ <div class="verse indent0">Kommt Sturm mit der springenden Flut im Bunde,</div>
+ <div class="verse indent0">Zerbricht er das ganze Eis in der Runde,</div>
+ <div class="verse indent0">Und alle die fröhlichen seligen Leute</div>
+ <div class="verse indent0">Versinken in Schollen und Schäumen heute.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_63">[S.63]</span> <div class="verse indent0">Ich will doch rufen, daß einer warnet,</div>
+ <div class="verse indent0">Eh alle des Todes Netz umgarnet.</div>
+ <div class="verse indent0">Sie ruft: Ist keiner, der hören will?</div>
+ <div class="verse indent0">Sie ruft; doch alles ist totenstill.</div>
+ <div class="verse indent0">Es ist wohl niemand, niemand im Haus.</div>
+ <div class="verse indent0">Da müht sie sich aus dem Bett heraus</div>
+ <div class="verse indent0">Und kriecht zum Fenster auf Händen und Füßen;</div>
+ <div class="verse indent0">Da muß der Frost es fest verschließen.</div>
+ <div class="verse indent0">Das Volk darf auf dem Eise nicht bleiben!</div>
+ <div class="verse indent0">Sie hat keine Rast, sie zerschlägt die Scheiben,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie ruft hinaus — sie winkt — sie schreit —</div>
+ <div class="verse indent0">Zu schwach, zu matt! ach, alle sind weit!</div>
+ <div class="verse indent0">Herr Gott, was fang vor Leid ich an,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn ich das Volk nicht warnen kann;</div>
+ <div class="verse indent0">Die Wolke wird größer, o bange Pein,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie werden alle verloren sein;</div>
+ <div class="verse indent0">Ich kenne das Sturmgewölk genau</div>
+ <div class="verse indent0">Als leiderfahrne Schiffersfrau.</div>
+ <div class="verse indent0">Allmächtiger Gott! o Herre mein!</div>
+ <div class="verse indent0">Laß hören doch mein schwaches Schrein.</div>
+ <div class="verse indent0">Denn zögert das Warnen noch wenig Minuten,</div>
+ <div class="verse indent0">Versenkt sie alle das Rollen der Fluten.</div>
+ <div class="verse indent0">Da hört sie ein Knabe; doch der lacht und läuft,</div>
+ <div class="verse indent0">Weil, was sie ruft, er nicht begreift.</div>
+ <div class="verse indent0">„Ach, alle, alle eilen zur Freude</div>
+ <div class="verse indent0">Und wissen nicht, wie bald zum Leide!</div>
+ <div class="verse indent0">Wie rett’ ich, wie helf’ ich! Gott, gib Licht!</div>
+ <div class="verse indent0">Ich bin zu schwach, ich treffe das nicht.“</div>
+ <div class="verse indent0">Da zuckt ein Gedank’ ihr durch den Sinn,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie müht sich kriechend zum Herde hin</div>
+ <div class="verse indent0">Und faßt einen Brand und entzündet das Stroh</div>
+ <div class="verse indent0">Im Bett: das brennet lichterloh.</div>
+ <div class="verse indent0">Sie rief: „So schaff’ ich ein Feuerzeichen,</div>
+ <div class="verse indent0">Bald wird der Brand das Dach erreichen.“</div>
+ <div class="verse indent0">Indem der Qualm das Zimmer füllt,</div>
+ <div class="verse indent0">Ergreift sie den Mantel und flieht verhüllt;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch kann sie vor Alter nicht schnell von der Stelle,</div>
+ <div class="verse indent0">Nur langsam erreicht sie der Türe Schwelle.</div>
+ <div class="verse indent0">Da schlägt die Lohe zum Dach hinaus.</div>
+ <div class="verse indent0">„Leb wohl, geliebtes Vaterhaus.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_64">[S.64]</span> <div class="verse indent0">Und kann ich nur das Volk erretten,</div>
+ <div class="verse indent0">Mag Gott mich selbst im Himmel betten.“</div>
+ <div class="verse indent0">Doch gibt der Herr, der alles schafft,</div>
+ <div class="verse indent0">Den schwachen Gliedern fürder Kraft;</div>
+ <div class="verse indent0">Sie erreicht die Straße und ruht am Stein,</div>
+ <div class="verse indent0">Da gewahren von weitem die Leute den Schein</div>
+ <div class="verse indent0">Und sagen: dort muß ein Feuer sein!</div>
+ <div class="verse indent0">Und rennen herzu. Old Mütterchen schreit:</div>
+ <div class="verse indent0">„Laßt das! Mit dem Feuer hat’s gute Zeit,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich lockt’ euch mit dem Feuer herbei,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß ihr vernähmet, was ich schrei.</div>
+ <div class="verse indent0">Laßt brennen mein Haus und eilt zum Turm,</div>
+ <div class="verse indent0">Seht dorten die Wolke, und läutet Sturm,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß alles Volk zum Lande kehr’,</div>
+ <div class="verse indent0">Eh Sturm erregt das wilde Meer!“</div>
+ <div class="verse indent0">Da schauen die Leute die Wolke erschreckt</div>
+ <div class="verse indent0">Und sagen: die Frau hat Gott erweckt!</div>
+ <div class="verse indent0">Und rennen in Eile hin zum Turm</div>
+ <div class="verse indent0">Und läuten aus Leibeskräften Sturm.</div>
+ <div class="verse indent0">Der Qualm, das Läuten ruft alle herbei,</div>
+ <div class="verse indent0">Man eilt zum Strande mit bangem Geschrei,</div>
+ <div class="verse indent0">Und alles ruft: „Geschwind, geschwind!“</div>
+ <div class="verse indent0">Da floh das Husumer Volk vor dem Wind.</div>
+ <div class="verse indent0">Sie gaben die Zelte, die Buden preis,</div>
+ <div class="verse indent0">Denn fernher kam das Meer schon weiß,</div>
+ <div class="verse indent0">Hoch über dem jagenden, flüchtenden Volke</div>
+ <div class="verse indent0">Verbreitet sich fliegend des Sturmes Wolke.</div>
+ <div class="verse indent0">Die Husumer zeigten jenen Tag,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie man auf Schlittschuh’n fliegen mag:</div>
+ <div class="verse indent0">Der ganze Schwarm wie weggeblasen,</div>
+ <div class="verse indent0">Dicht, dicht dahinter des Sturmes Rasen.</div>
+ <div class="verse indent0">Hei! wie es die leichten Buden, die Zelte</div>
+ <div class="verse indent0">Hinwarf und zerspellt in die Welt hinschnellte!</div>
+ <div class="verse indent0">Sturmvögel kamen mit Schreien geflogen,</div>
+ <div class="verse indent0">Der ganze Himmel schwarz umzogen,</div>
+ <div class="verse indent0">Darunter im Sturm der Springflut Wogen.</div>
+ <div class="verse indent0">Man hörte sie schon bis her zum Strande,</div>
+ <div class="verse indent0">Und als der letzte Mann am Lande,</div>
+ <div class="verse indent0">Hob wie aufatmend das Meer in der Bucht</div>
+ <div class="verse indent0">Weithin mit Gedonner des Eises Wucht.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_65">[S.65]</span> <div class="verse indent0">Wie von springenden Rossen ein wildes Heer,</div>
+ <div class="verse indent0">Sprang Brandung Sturz auf Sturz daher,</div>
+ <div class="verse indent0">Und wogte zu Trümmern den Spiegel, der eben</div>
+ <div class="verse indent0">Noch trug des Volkes fröhliches Schweben,</div>
+ <div class="verse indent0">Zerbrach ihn und türmte und rollte im Lauf</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Gebirg von Schollen am Ufer herauf.</div>
+ <div class="verse indent0">Und wieder stürzt es zurück ins Gebraus,</div>
+ <div class="verse indent0">Und wieder warf es das Meer heraus.</div>
+ <div class="verse indent0">So tobte der Sturm die ganze Nacht</div>
+ <div class="verse indent0">Und schwieg erst, als Gott Tag gemacht;</div>
+ <div class="verse indent0">Und als die Sonne stieg empor,</div>
+ <div class="verse indent0">Da sammelte sich das Volk zum Chor,</div>
+ <div class="verse indent0">Und sangen Lieder und priesen Gott,</div>
+ <div class="verse indent0">Der sie errettet aus solcher Not.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Old Mütterchens Haus war niedergebrannt;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch als ihre Tat war stadtbekannt,</div>
+ <div class="verse indent0">Da sah man das ganze Volk hinkommen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo gute Leute sie aufgenommen.</div>
+ <div class="verse indent0">Der Bettler, der Bürgermeister nicht minder,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie nannten sich alle Old Mütterchens Kinder.</div>
+ <div class="verse indent0">War ohne sie doch alles verloren,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie hatte sie alle neu geboren,</div>
+ <div class="verse indent0">Drum wollt’ ihr jeder ins Auge blicken,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie laben und herzen und süß erquicken,</div>
+ <div class="verse indent0">Und brachten ihr für ihre Habe</div>
+ <div class="verse indent0">Viel tausend neue schöne Gabe.</div>
+ <div class="verse indent0">Old Mütterchen aber in Freudentränen</div>
+ <div class="verse indent0">Sprach: „Niemand soll aus der Welt sich sehnen</div>
+ <div class="verse indent0">Und sei er noch so hoch betagt</div>
+ <div class="verse indent0">Und siech und matt! Wer weiß, wer sagt,</div>
+ <div class="verse indent8">Wozu der droben</div>
+ <div class="verse indent8">Ihn aufgehoben?</div>
+ <div class="verse indent0">Laßt uns den Herrn des Himmels loben!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent26">Aug. Kopisch.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Der_Riese_im_Sturm">
+ Der Riese im Sturm.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Was schreit das viele Volk am Strand? —</div>
+ <div class="verse indent0">Der Inselriese will ans Land.</div>
+ <div class="verse indent0">Man sieht ihn kommen durchs wilde Meer;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch Well’ an Welle rollt einher,</div>
+<span class="pagenum" id="Page_66">[S.66]</span> <div class="verse indent0">Und mühsam ist im Sturm sein Gang,</div>
+ <div class="verse indent0">Denn immer wächst der Wogen Drang! —</div>
+ <div class="verse indent0">Ausging er bei noch heitrer Zeit;</div>
+ <div class="verse indent0">Jetzt wird es dunkel: der Sund ist breit. —</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Bauernvolk das sehr behagt;</div>
+ <div class="verse indent0">Es höhnt den Kühnen, der sich plagt.</div>
+ <div class="verse indent0">Unmöglich scheint, was er beginnt;</div>
+ <div class="verse indent0">Drum lacht darob Mann, Weib und Kind.</div>
+ <div class="verse indent0">Und wenn eine Wog’ ihn weiß umhüllt,</div>
+ <div class="verse indent0">Wird bittrer Schimpf ihm zugebrüllt.</div>
+ <div class="verse indent0">Er hört das lange nicht im Schwall</div>
+ <div class="verse indent0">Und trotzt der donnernden Wasser Fall;</div>
+ <div class="verse indent0">Doch wie der Elemente Macht</div>
+ <div class="verse indent0">Er endlich weicht, wird laut gelacht.</div>
+ <div class="verse indent0">Ihm trägt der Wind den Schall ins Ohr;</div>
+ <div class="verse indent0">Da reckt’ er sich aus der Tief’ empor,</div>
+ <div class="verse indent0">Schaut unter seiner Hand zum Strand,</div>
+ <div class="verse indent0">Und — als er die kleinen Leut’ erkannt,</div>
+ <div class="verse indent0">Langt er hinab in den Meeressand,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo er ein kleines Steinchen fand;</div>
+ <div class="verse indent0">Das warf er lachend nebenhin. —</div>
+ <div class="verse indent0">Da sah man entsetzt die Bauern fliehn;</div>
+ <div class="verse indent0">Denn in der Nähe war’s so groß,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß leicht es trüg’ ein ganzes Schloß! —</div>
+ <div class="verse indent0">Der Sunddurchwandler aber rafft</div>
+ <div class="verse indent0">Zusammen seine Hünenkraft,</div>
+ <div class="verse indent0">Vollendet trotzend seinen Gang</div>
+ <div class="verse indent0">Und schreitet sanft den Strand entlang</div>
+ <div class="verse indent0">Und lacht: das Volk ist all’ nach Haus</div>
+ <div class="verse indent0">Und guckt den ganzen Tag nicht aus. —</div>
+ <div class="verse indent0">— Man sagt, der Riese zog von da</div>
+ <div class="verse indent0">Hinüber nach Amerika;</div>
+ <div class="verse indent0">Nun zeigt das Völkchen aller Welt</div>
+ <div class="verse indent0">Im Stein des Riesen Griff für — Geld.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent22">Aug. Kopisch.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Flut_und_Ebbe">
+ Flut und Ebbe.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">In einem fernen umbrandeten Land</div>
+ <div class="verse indent0">Spielen die Mädchen ein Spiel an dem Strand,</div>
+ <div class="verse indent0">Schreiten im Reigen, heiter gesinnt,</div>
+ <div class="verse indent0">Wann zu steigen die Flut beginnt,</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe41" id="illu_067">
+ <img class="w100" src="images/illu_067.jpg" alt="Ein Mann und eine Frau in einem
+ Ruderboot">
+ <figcaption>
+ <div class="linkedimage s5a"><a href="images/illu_067_gross.jpg"
+ id="illu_067_gross" rel="nofollow">⇒<br>
+ GRÖSSERES BILD</a></div>
+ </figcaption>
+</figure>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_69">[S.69]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Weichen zurück in gemess’ner Flucht</div>
+ <div class="verse indent0">Aus der schwellenden Meeresbucht.</div>
+ <div class="verse indent0">In den Gewässern ruhigklar</div>
+ <div class="verse indent0">Werden sie krause Gestalten gewahr,</div>
+ <div class="verse indent0">Rollt eine Woge, sie sehen ein Roß,</div>
+ <div class="verse indent0">Sehn einen Reiter, bis er zerfloß.</div>
+ <div class="verse indent0">„Schauet den Meermann! Garstig Gesicht!</div>
+ <div class="verse indent0">Grinzende Larve, du haschest mich nicht!“</div>
+ <div class="verse indent0">Aber das Meer, es wächst und naht —</div>
+ <div class="verse indent0">„Fliehet, ihr Schwestern! Sonst wird’s zu spat!“</div>
+ <div class="verse indent0">Alle sie stürzen im hastigen Lauf,</div>
+ <div class="verse indent0">Gleiten, und reißen die Strauchelnden auf</div>
+ <div class="verse indent0">Bis zu der Bank, wo die Ebbe beginnt,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo, wie sie wissen, das Wasser zerrinnt,</div>
+ <div class="verse indent0">Dort ist gelagert der flüchtige Chor,</div>
+ <div class="verse indent0">Zieht an dem Felsen die Füße empor,</div>
+ <div class="verse indent0">Fleht in den Himmel mit brünstigem Schrei’n:</div>
+ <div class="verse indent0">„Götter! ihr lasset die Unschuld allein?“</div>
+ <div class="verse indent0">Aber die Flut, da den Raub sie berührt,</div>
+ <div class="verse indent0">Hat das Verhängnis des Ebbens gespürt,</div>
+ <div class="verse indent0">Und, wie erschreckt durch das maidliche Ach,</div>
+ <div class="verse indent0">Gleitet sie nieder und fällt gemach! —</div>
+ <div class="verse indent0">Gegen die Zieh’nde mit drohendem Arm</div>
+ <div class="verse indent0">Hebt sich verfolgend der blühende Schwarm:</div>
+ <div class="verse indent0">„Höhnet die Feigen! Sie fliehn aus dem Krieg!</div>
+ <div class="verse indent0">Kränzet die Locken und feiert den Sieg!“</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Also vergnügt sich das sterbliche Heer</div>
+ <div class="verse indent0">Mit dem gelassnen, dem ewigen Meer.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent26">C. F. Meyer.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Die_Stadt">
+ Die Stadt.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Am grauen Strand, am grauen Meer</div>
+ <div class="verse indent0">Und seitab liegt die Stadt;</div>
+ <div class="verse indent0">Der Nebel drückt die Dächer schwer,</div>
+ <div class="verse indent0">Und durch die Stille braust das Meer</div>
+ <div class="verse indent0">Eintönig um die Stadt.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai</div>
+ <div class="verse indent0">Kein Vogel ohn Unterlaß;</div>
+<span class="pagenum" id="Page_70">[S.70]</span> <div class="verse indent0">Die Wandergans mit hartem Schrei</div>
+ <div class="verse indent0">Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,</div>
+ <div class="verse indent0">Am Strande weht das Gras.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch hängt mein ganzes Herz an dir,</div>
+ <div class="verse indent0">Du graue Stadt am Meer;</div>
+ <div class="verse indent0">Der Jugend Zauber für und für</div>
+ <div class="verse indent0">Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,</div>
+ <div class="verse indent0">Du graue Stadt am Meer.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent18">Theodor Storm.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Spruch">
+ Spruch.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Drüben von dem sel’gen Lande</div>
+ <div class="verse indent0">Kommt ein seltsam Grüßen her,</div>
+ <div class="verse indent0">Warum zagst du noch am Strande?</div>
+ <div class="verse indent0">Graut dir, weil im falschen Meer</div>
+ <div class="verse indent0">Draußen auf verlornem Schiffe</div>
+ <div class="verse indent0">Mancher frischer Segel sinkt?</div>
+ <div class="verse indent0">Und vom halbversunknen Riffe</div>
+ <div class="verse indent0">Meerfey nachts verwirrend singt?</div>
+ <div class="verse indent0">Wagst du’s nicht draufhin zu stranden,</div>
+ <div class="verse indent0">Wirst du nimmer drüben landen!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent14">Jos. v. Eichendorff.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="illu_070">
+ <img class="w100 padtop1" src="images/illu_070.jpg" alt="Zwei Männer rudern aufs Meer
+ hinaus">
+</figure>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+
+<div class="chapter">
+<p class="s1 center mtop2"><b class="bbd">Der deutsche Spielmann</b></p>
+</div>
+
+<div class="eng">
+
+<p>herausgegeben von <em class="gesperrt">Ernst Weber</em>, verlegt von <em class="gesperrt">Georg D. W.
+Callwey-München</em>, nennt sich ein dichterisches Sammelwerk für Jugend
+und Volk. <em class="gesperrt">Das Beste</em> der gesamten deutschen Literatur in Poesie
+und Prosa, insoferne die Stücke kinder- und volkstümlich genannt werden
+können, will er geben. Die Sammlung gliedert sich in Einzelbände, von
+denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und von einem
+Künstler illustriert erscheint, dessen Eigenart dem Charakter des
+jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Obgleich
+auch einzeln erhältlich, eignet sich doch die ganze Folge wie kaum
+ein zweites Werk der Vergangenheit und der Gegenwart zur Anschaffung
+für öffentliche Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Unterrichts
+in den Schulen und für die Familienbücherei; <em class="gesperrt">sie hofft, auch zum
+eisernen Bestand jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden</em>. Denn
+der deutsche Spielmann huldigt ja nicht einer vorübergehenden Mode des
+Tages. Er schöpft aus dem aufgespeicherten Schatz der Jahrhunderte und
+wird darum auch seine Geltung für das Jahrhundert behalten. Es liegen
+folgende Bände vor:</p>
+
+<table>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Band</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Kindheit,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">illustriert</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">von</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Ernst Kreidolf</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Wanderer,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">J. V. Cissarz</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Wald,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">W. Weingärtner</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Hochland,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Franz Hoch</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">5</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Meer,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">J. V. Cissarz</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">6</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Helden,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">W. Weingärtner</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">7</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Schalk,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Julius Diez</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">8</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Legenden,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">G. Ad. Stroedel</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">9</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Arbeiter,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Georg Osk. Erler</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">10</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Soldaten,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Georg Osk. Erler</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">11</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Sänger,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Hans Röhm</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">12</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Frühling,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Hans v. Volkmann</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">13</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Sommer,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Edm. Steppes</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">14</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Herbst,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Karl Biese</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">15</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Winter,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Karl Biese</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">16</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Gute alte Zeit,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Rud. Schiestl</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">17</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Himmel und Hölle,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Julius Diez</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">18</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Stadt und Land,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">J. V. Cissarz</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">19</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Bach und Strom,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">E. Liebermann</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">20</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Heide,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Adalb. Holzer</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">21</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Arme und Reiche,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">J. Widnmann</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">22</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Abenteurer,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Rud. Schiestl</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">23</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Germanentum,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Hans Röhm</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">24</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mittelalter,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Hans Schroedter</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">25</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Zeit der Wandlungen,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Carl Roesch</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">26</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Neuzeit,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Angelo Jank</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">27</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Gespenster,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Julius Diez</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">28</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Tod,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Math. Schiestl</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">29</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Blumen u. Bäume,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Rud. Sieck</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">30</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Nordland,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Ludw. Koch-Hanau</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">31</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Italien,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Hans Volkert</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">32</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Hellas,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Karl Bauer</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">33</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Fremde Zonen,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Hans Volkert</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">34</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Vaterland,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Wilh. Roegge jun.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">35</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Tierwelt,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Ludwig Werner</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">36</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Menschenherzen,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Rud. Schiestl</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">37</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Glück und Trost,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Hans Schwegerle</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">38</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Tag und Nacht</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Otto Bauriedl</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">39</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Riesen und Zwerge</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Rud. Schiestl</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">40</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Fabelreich</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Ernst Weber</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p class="s5 center">Jeder Band kostet kartoniert Mk. 1.—</p>
+
+<p class="s5 center">Ausführlicher Prospekt ist durch jede Buchhandlung erhältlich oder
+vom Verlage Georg D. W. Callwey in München.</p>
+
+<p class="mtop2">Eine Anzahl von Bändchen, die sich inhaltlich gewissermaßen ergänzen,
+wurden zu Sammelbänden vereinigt. So entstanden, zum Preise von je Mk.
+4.50:</p>
+
+<p class="hang2"><span class="u">Das deutsche Jahr</span>, umfassend die Bändchen: Frühling, Sommer,
+Herbst, Winter.</p>
+
+<p class="hang2"><span class="u">Deutsches Volk</span>, umfassend die Bändchen: Gute alte Zeit,
+Schalk, Arbeiter, Soldaten.</p>
+
+<p class="hang2"><span class="u">Deutsches Land</span>, umfassend die Bändchen: Bach und Strom, Wald,
+Heide, Hochland.</p>
+
+<p class="hang2"><span class="u">Deutsche Gestalten</span>, umfassend die Bändchen: Arme und Reiche,
+Sänger, Helden, Abenteurer.</p>
+
+<p class="hang2"><span class="u">Deutsche Geschichte</span>, umfassend die Bändchen: Germanentum,
+Mittelalter, Zeit der Wandlungen, Neuzeit.</p>
+
+<p class="hang2"><span class="u">Deutscher Glaube</span>, umfassend die Bändchen: Legenden,
+Gespenster, Tod, Himmel und Hölle.</p>
+
+<p class="hang2"><span class="u">Fremde Welt</span>, umfassend die Bändchen: Nordland, Italien,
+Hellas, Fremde Zonen.</p>
+
+<p class="hang2"><span class="u">Deutsche Heimat</span>, umfassend die Bändchen: Vaterland, Tag und
+Nacht, Stadt und Land, Meer.</p>
+
+<p class="hang2"><span class="u">Deutsches Leben</span>, umfassend die Bändchen: Kindheit, Wanderer,
+Menschenherzen, Glück und Trost.</p>
+
+<p class="hang2"><span class="u">Deutsche Natur</span>, umfassend die Bändchen: Blumen und Bäume,
+Tierwelt, Riesen und Zwerge, Fabelreich.</p>
+
+<p>Von der warmen, begeisterten Aufnahme, die dem deutschen Spielmann
+seitens der gesamten deutschen Presse, der politischen wie der
+literarischen und pädagogischen, zuteil wurde, mögen folgende Kritiken
+Zeugnis geben.</p>
+
+<p class="s5 hang1_5 mtop1"><b>Jugendschriften-Warte</b>, Organ der vereinigten deutschen
+Prüfungs-Ausschüsse für Jugendschriften:</p>
+
+<p class="s5">— Die Auswahl macht dem Herausgeber alle Ehre, es ist ein fruchtbarer
+Gedanke, nach Kategorien zusammenzustellen. Im deutschen Dichterwald
+sind der Klänge zu viele, sodaß die Gefahr der Monotonie sehr ferne
+liegt. Ich empfehle die Bücher für größere Kinder sehr. Herm. L.
+Köster, Vorsitzender des Hamburger Prüfungsausschusses.</p>
+
+<p class="s5">Die Bände 1–30 wurden bisher in das „<em class="gesperrt">Verzeichnis empfehlenswerter
+Bücher für die Jugend</em>“ aufgenommen, das die <em class="gesperrt">vereinigten
+deutschen Prüfungsausschüsse für Jugendschriften</em> herausgeben. Die
+übrigen werden noch geprüft.</p>
+
+<p class="p0 mtop1"><b>Augsburger Postzeitung</b>:</p>
+
+<p class="s5">„... Der deutsche Spielmann ist ein deutsches Hausbuch, an welchem
+Alt und Jung sich warmlesen können, aus welchem deutsches Wesen
+und deutsche Art hervorsprudelt und das einen Ehrenplatz in allen
+Büchereien verdient.“</p>
+
+<p class="p0 mtop1"><b>Leipziger illustrierte Zeitung</b>:</p>
+
+<p class="s5">„Für die neu erschienenen Bände des dichterischen Sammelwerkes „Der
+deutsche Spielmann“ genügen wenige Worte ... Sie haben bisher bei
+Presse und Publikum eine so begeisterte Aufnahme gefunden, daß eine
+nähere Charakterisierung überflüssig ist.“</p>
+
+<p class="p0 mtop1"><b>Bremer Nachrichten</b>:</p>
+
+<p class="s5">„... Eine eigentliche Jugendschrift ist der „Deutsche Spielmann“ nicht,
+will er auch nicht sein, bezeichnet er sich doch selbst als „eine
+Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk.“ Er ist
+eben .. ein Familienschatz, in welchem die Jugend etwa vom 9. Jahre
+an, wie auch der Erwachsene immer eine Fundgrube edelster Unterhaltung
+finden wird. Ich kann auch allen Interessenten nur empfehlen, sich mit
+der Zeit die ganze Sammlung zuzulegen ....“</p>
+
+<p class="p0 mtop1"><b>St. Gallener Blätter</b>:</p>
+
+<p class="s5">„... Daß sie in Masse unter das Volk kämen, zu allen Empfänglichen,
+diese Spielmannsbüchlein mit all ihrem Singen und Sagen von Freud’
+und Weh’, mit all ihrer hellen und dunkeln Kunde von Vergangenheit,
+Gegenwart und Zukunftsträumen des Menschseins! ...“</p>
+
+<p class="p0 mtop1"><b>Mecklenburger Schulzeitung</b>:</p>
+
+<p class="s5">„Das ist mal was Schönes! Die Sammlung gliedert sich in Einzelbände,
+jeder Band bildet ein geschlossenes Ganze und bietet das Beste aus der
+gesamten deutschen Literatur. Jede Bibliothek sollte diese, auf den
+Massenabsatz berechneten Hefte anschaffen. Der Preis ist unglaublich
+billig, die Ausstattung vorzüglich ....“</p>
+
+<p class="s5 mtop1"><b>Xenien</b>: „Nach den mir vorliegenden Bändchen des Spielmann darf
+man das Unternehmen geradezu als vorbildlich bezeichnen! Weitesten
+Kreisen von Jung und Alt die besten Schöpfungen der Vergangenheit
+und Gegenwart, nach lebensbeherrschenden Gedankenzentren geordnet,
+für Mk. 1.— den Band, zugänglich gemacht: welcher Bildungswert
+fürs Volk! Dürfte man hoffen: auch welcher Abbruch für das
+Hintertreppenschrifttum! ...“</p>
+
+<p class="p0 mtop1"><b>Allgemeines Literaturblatt</b>, Wien:</p>
+
+<p class="s5 mtop1">„Der unglaublich billige Preis bei vorzüglicher Ausstattung ermöglicht
+es und läßt es wünschen, daß diese Bücher tief ins Volk dringen,
+dem nach all der parfümierten Unkunst der Moderne ein Zurückgreifen
+auf die, wenn auch manchmal derbe, doch ehrliche und stets gesunde
+Volkskraft und auf die Natur nur frommen kann. <em class="gesperrt">Eine Anthologie
+nach diesen Gesichtspunkten, mit dieser Bilderbeigabe, in dieser
+Ausstattung, zu diesem Preise verdient die wärmste Empfehlung.</em>“</p>
+
+</div>
+
+<hr class="full x-ebookmaker-drop">
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78932 ***</div>
+</body>
+</html>
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Binary files differ
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--- /dev/null
+++ b/78932-h/images/illu_056.jpg
Binary files differ
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+++ b/78932-h/images/illu_057.jpg
Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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+This book, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+[Project Gutenberg](https://www.gutenberg.org) public repository for eBook [#78932](https://www.gutenberg.org/ebooks/78932)