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+The Project Gutenberg EBook of Moisasurs Zauberfluch, by Ferdinand Raimund
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Moisasurs Zauberfluch
+
+Author: Ferdinand Raimund
+
+Posting Date: September 20, 2012 [EBook #7861]
+Release Date: April, 2005
+First Posted: May 26, 2003
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MOISASURS ZAUBERFLUCH ***
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+
+Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen
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+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg
+Projekt-DE.
+
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.
+de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
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+
+Moisasurs Zauberfluch
+
+Ferdinand Raimund
+
+Zauberspiel in zwei Aufzügen
+
+
+
+Personnen
+
+Der Genius der Tugend.
+Ariel, ein Tugendgeist.
+Moisasur, Dämon des Übels.
+Der Genius der Vergänglichkeit.
+Hoanghu, Beherrscher des Diamantenreiches.
+Alzinde, seine Gemahlin.
+Mansor.
+Omar, ein Bote von Hoanghus Heer.
+Hassan, ein Mohr.
+Karambuco, ein Krieger.
+Ossa, sein Weib.
+Ein Häuptling von Hoanghus Heer.
+Gluthahn, ein wohlhabender Bauer.
+Trautel, sein Weib.
+Der Amtmann von Alpenmarkt.
+Der Aktuar.
+Philipp, Diener des Amtmanns.
+Rossi, Juwelenhändler, Besitzer
+ eines Landhauses bei Alpenmarkt.
+Hänfling, sein Aufseher im Landhause.
+Ein Schatten im Reiche der Vergänglichkeit.
+Dorkalio, ein Schatten Moisasurs.
+Hans, ein Steinbrecher.
+Mirzel, sein Weib.
+Der Traumgott.
+Ein Kohlenbauer.
+Ein Kerkermeister.
+Vier Gerichtsdiener.
+Vier Schatten Moisasurs.
+
+Indisches Volk. Alzindens Hofstaat. Hoanghus Krieger.
+Schatten im Reiche der Vergänglichkeit. Traumgestalten.
+Rossis Dienerschaft. Tugendgeister.
+
+
+Erster Aufzug.
+
+
+
+Erste Szene.
+(Indische Landschaft.)
+
+(In der Ferne die Hauptstadt des Diamantenreiches, auf einem
+entfernten Hügel die Ruine des zertrümmerten Tempels Moisasurs. In
+der Mitte des Theaters ein herrlicher Tempel im indischen
+Geschmacke, mit der goldenen Aufschrift: Wer sich der Tugend weiht,
+hat nie des Bösen Macht zu scheuen. Die Statue der Tugend, eine
+verschleierte weibliche Figur, einen Lilienstengel haltend, sitzt
+auf einem Piedestal in der Mitte des Tempels. Auf den Säulen sind
+Lilien angebracht.)
+
+Hassan. Mansor. Omar.
+
+Chor.
+
+(Das Volk bringt einen Boten von Hoanghus Heer frohlockend auf die
+Bühne und umringt ihn fragend.)
+
+Wackrer Bote, sei willkommen!
+Strahlt aus deinem Auge Sieg?
+Ist das Heer zurückgekommen,
+Ist geendet unser Krieg?
+Ja, es spricht dein froher Sinn;
+Du bringst Heil der Königin!
+
+Bote. Sieg bring' ich euch, so wahr die Sonn' auf Indien scheint.
+Gebt mir Palmenwein dafür. (Er nimmt einem eine Flasche von der
+Seite.) Der Krieg trinkt Blut, der Friede Sekt.
+
+Volk. Erzähl' uns erst! (Halten ihn ab vom Trinken.) Halt, halt!
+
+Bote. Gerettet ist das Reich, von unsern Grenzen ist der Feind
+vertrieben, geendet ist der heiße Krieg.
+
+Volk. Sonne, sei gelobt! (Ales sinkt mit dem Haupt zur Erde, und
+bleibt einen Augenblick in dieser Stellung.)
+
+Bote. Da liegt das Volk, jetzt netz' ich meinen Hals. (Trinkt.)
+Der König sendet mich voraus, daß ich den Tag der Königin berichte,
+an dem er seinen Einzug hält.
+
+Mohr. Und wenn man fragen darf, wann strahlt uns dieser große Tag?
+
+Bote. Spion von Ebenholz, was hast du nach dem Tag zu fragen?
+Nacht hat die Sonn' auf dein Gesicht gebrannt, das heißt; Du sollst
+im Finstern wandeln.
+
+Mohr. Du hassest mich?
+
+Mansor. Schweigt. (Zum Boten.) Sogleich wird unsre Königin
+erscheinen, dann stellen wir dich vor. Mit Sehnsucht harret schon
+Alzind' der Rückkehr ihres tapferen Gemahls.
+
+Bote. Doch was erblick' ich--Moisasurs Tempel eingestürzt, und
+die Sonne leuchtet noch? Und wer hat diesen aufgebaut, wozu ist
+der bestimmt?
+
+Mansor. Ein erhabnes Schauspiel wird sich deinem Auge zeigen.
+
+Bote. Wird dieser Mohr vielleicht darin gebraten? (Für sich.) Das
+wär' mein liebstes Schauspiel auf der Welt.
+
+Mohr. Für dich vergift' ich einen Pfeil.
+
+Mansor. Lästre nicht! Der Tugend Tempel ist's.
+
+Bote. Ja, ihm soll man das Laster opfern.
+
+Mansor. Es ist geschehn. Dem bösen Geiste Moisasur wird in unsrem
+Reich kein Opfer mehr gebracht.
+
+Bote. Wehe dann dem Diamantenreich! Schon seit Jahrhunderten hat
+diesem grimmigen Tiger durch unzähl'ge Opfer man geschmeichelt;
+werft ihm Beute vor, wenn ihr nicht wollt, daß euch sein stets
+geschäft'ger Zahn zerreißt.
+
+Mansor. Die Königin, die, seit der König kriegt, das Zepter
+schwingt im Reich, hat, weil der Krieg, trotz all der reichen Opfer,
+die man unsern Göttern brachte, sich doch nicht glücklich wenden
+wollte, mit den weisen Priestern sich beraten und glaubt, daß die
+guten Götter zürnen, weil neben ihnen und der mächtgen Sonne
+Moisasurs böser Geist verehret wird. Sie hat Moisasurs Tempel
+niederreißen lassen. Doch wie's geschah, da rollte fürchterlicher
+Donner, die Erde bebte, als hätte das Gewicht der umgestürzten
+Säulen das ganze Reich in seinem Mark erschüttert.
+
+Bote. Der Löwe brüllt, wenn man ihn ans der Höhle treibt.
+
+Mansor. Doch wie die Erde bebt, fest steht der königliche Sinn.
+Sie läßt dafür in diesem Tal der Tugend einen Tempel bauen und
+schreibt auf ihn: Wer sich der Tugend weiht, hat nie des Bösen
+Macht zu scheuen. Soeben wird er eingeweiht, dort nahet schon die
+Priesterschar.
+
+Mohr. Wenn nur die Tugend uns vor Moisasurs Rache schützt! Den
+ganzen Morgen hat der Himmel sich mit Donnerwolken überzogen, die
+in sich brummen, als ob sie Zaubersprüche murmelten, und der Blitze
+Feuerzungen lecken an der Kuppel dieses Tempels.
+
+
+
+Zweite Szene.
+Feierlicher Marsch. Indische Tänzer schweben voraus, dann die
+Priester der Sonne. Zierlich gekleidete Mädchen, das Haupt mit
+weißen Rosen bekränzt, gruppieren sich um die Stufen des Tempels,
+die Priester beschäftigen sich im Innern desselben. Dann erscheint
+Alzinde und ihr Hofstaat. Sie begibt sich auf einen Seitenthron,
+neben ihr die Großen des Reichs. Das Volk verteilt sich um den
+Tempel und den Thron gegenüber. Vorige.
+
+
+Chor.
+ Singt das Lob der Schönheitsblume,
+Die auf Indiens Flur erblüht,
+Und die zu der Götter Ruhme
+Für das Heil der Tugend glüht.
+Sende deinen Strahl, o Sonne!
+Nieder auf ihr weises Haupt,
+Weil ihr Herz mit frommer Wonne
+An der Götter Allmacht glaubt.
+
+Alzinde. Volk meines sieggekrönten Reichs! Ich habe dich
+versammeln lassen, um einzufallen in den großen Chor, den das
+Gefühl des Dankes anstimmt, weil die Götter uns erleuchtet, daß wir
+durch Moisasurs Sturz der Sonne Zorn versöhnt; daß sie von dem
+Augenblick mit Siegesglück die Pfeile unsres Heeres nach dem Busen
+unsrer Feinde wendet. Vielleicht, indem wir hier die Götter
+preisen, hat mein Gemahl, der königliche Held, den kleinen Rest des
+müdgekämpften Feindes aus den Grenzen dieses Reichs verjagt.
+
+Mansor. So ist es, du erhabne Tochter der gewalt'gen Sonne, die
+deine Ahnung zur Prophetin weiht, die Wahrheit deines Wortes
+bestätigt dieser Bote hier.
+
+Bote. Der, große Königin, mit seinen Knien den Staub an deinem
+Thron hier küßt, aus Ehrfurcht teils und teils aus Müdigkeit, weil
+er im schnellsten Lauf aus des Königs Lager eine holde Last dir
+bringt, eine Nachricht von dem ungeheuersten Gewicht! Friede,
+dieses goldne Wort, laß in alle Palmen schneiden, daß sie dann mit
+vollem Rechte Friedenspalmen heißen. Gesiegt hat dein erhabener
+Gemahl, noch gestern abends ward die letzte Schlacht gewonnen, und
+in der Nacht der Friede abgeschlossen, durch den ein Teil vom
+Feindesland noch zu dem deinen fällt. Nur heute ruht das Heer;
+doch morgen bricht es auf und zieht mit Zimbelklang und Jubelsang
+im Vaterlande ein. Dies zu berichten ward ich gesendet, mein
+Auftrag ist erfüllt, der Bote hat geendet.
+
+(Steht auf und tritt zurück.)
+
+Alzinde (sinkt auf die Knie). Sonne, sei gelobt!
+
+Alle. Heil den Göttern! Heil dem König Hoanghu!
+
+Alzinde. O mein Gemahl, warum kann ich an deine Heldenbrust nicht
+fliegen, du edler Sohn der unnennbaren Götter, dessen Lieb' ich
+nicht für alle Kronen Asiens tauschen möchte! Juble, Volk! Sei
+ausgelassen froh! Ihr Priester weiht den Tempel ein, der Tugend
+Macht hat sich bewährt, ein ewig Denkmal sei ihr hier errichtet!
+Wer sagt mir doch, warum mein Glück mich zu freud'gem Wahnsinn
+treibt? Warum ist diese Lust so ungeteilt, so allgemein, daß ich
+kein Stück davon kann eurem Herzen überlassen? O sprecht, wer
+nimmt mir einen Teil der edlen Bürde dieses Freudenreichtums ab,
+womit die goldne Sonne mein Gemüt beschenkt? Verdien' ich denn,
+daß ich so glücklich bin?
+
+
+
+Dritte Szene.
+Fürchterlicher Donnerschlag. Die Bühne umzieht sich mit schwarzen
+Wolken, aus welchen rote Blitze sich schlangenartig winden. Auf
+der Erde sprüht Feuer, dann erscheint Moisasur als ein Ungeheuer
+mit Drachenfüßen und Drachenflügeln, auf dem Haupt eine rote Krone
+mit Schlangen umwunden, der ganze Körper ist in hellroten Samt
+gekleidet, um den Leib eine schwarze Schürze mit goldenen Schuppen
+gestickt. Alles sucht sich in den Hintergrund zu retten, einige
+flüchten auf Bäume. Alzinde, welche bei ihrer Rede vom Thron
+gestiegen, bleibt im Vordergrunde, der Thron verschwindet.
+
+
+Vorige. Moisasur.
+
+Moisasur (mit fürchterlicher Stimme). Alzinde, du verdienst es
+nicht!
+
+Alzinde (fährt zusammen). Ha!--Wer bist du, scheußlich Ungeheuer,
+dess' Anblick mir Besinnung raubt? Wie giftig Unkraut stehst du
+da, das plötzlich aus dem Schoß der Erde treibt.
+
+Moisasur. Moisasur heiß' ich, kennst du diesen Namen? Mit
+Flammenzügen hat der große Geist ihn auf das finstre Tor der Hölle
+einst geschrieben, und aus meinem Auge leuchtet ihre Sendung.
+
+Alzinde. Was hat die Hölle an mich abzusenden? Ich habe dich und
+sie aus meinem Reich verbannt. Die Tugend ist mein Heil, dich hab'
+ich nie verehrt, und jedem Opfer Fluch, das dir mein Land noch
+bringt.
+
+Moisasur. So nimm denn Fluch gen Fluch, verruchtes Weib, das
+meinen Tempel umgestürzt; so zieh' mein Haß denn einen Zauberkreis
+um dein verrätrisch Land; so will das Leben ich aus seinen Grenzen
+jagen, und lähmen diesen üpp'gen Teil der Welt! Vertrocknen soll
+der Baum, die Frucht, der Strom; verdorren soll das Gras, und was
+in deinem Reich mit Leben prahlt; dein Volk, die Diener deines Hofs,
+wem Blut nur in den Adern kreist, Mensch oder Tier, das steh'
+erstarrt und wandle sich in Stein! Und jegliches Geschöpf, das
+dieses Land mit frechem Fuß betritt, das werd' ergriffen von
+Versteinerung und steh' als Marmordenkmal meiner Rache da.
+
+Alzinde. O, mein Gemahl!
+
+Moisasur. Schau' hin und lab' dich an dem süßen Anblick! (Die
+Wolken öffnen sich, man sieht die Gruppen, wie sie ängstlich
+standen, nun im bunten Marmor, einige auf Palmen hängen, doch der
+Tugend Tempel strahlt im hellen Sonnenglanz.) Verflucht, daß ich
+den Tempel schauen muß, als Nebenbuhler meines Ruhms.
+
+Alzinde. Entsetzlich Scheusal, von der Erde ausgespien, weil du
+ihr Innres zu vergiften drohst, wie kannst du dieses Reich
+zerstören, das die Sonne ihren Liebling nennt?
+
+(Die Wolken schließen sich wieder.)
+
+Moisasur. Fluch gegen Fluch! Vernichtung für Vernichtung! An dir
+ist jetzt die Reih'! Ich bin's, der dir nach deinem Wunsch die
+holde Last der Freude von dem zarten Nacken reißt. Deine Liebe,
+deinen Reiz, deine Hoffnung, deine Ehre, deinen Ruhm, dein Diadem
+will ich auf einen Knäul zusammendrücken, und in den Pfuhl der
+Hölle schleudern. Erscheint, ihr Geister bleicher Nacht. (Vier
+schwarze Geister erscheinen und ergreifen die Königin.) Seid Zeugen
+und Vollführer meines Fluchs. Zerstöret ihren Reiz, die Krone
+reißt von ihrem Haupt, der Locken Glanz verwandelt mir in welkes
+Grau; die Haut schrumpft ein und überzieht damit ein fleischloses
+Gebein, das ihr mit halbverfaulten Lumpen dann behängt. Doch laßt
+die junge Seele nicht aus ihrem morschen Leib entfliehn, damit sie
+zehnfach jeden Schmerz empfind' und die Erinnrung ihres Glücks sie
+quäle.--Doch halt--damit des Menschen Habsucht bis zum Tod sie
+peinige, so laßt sie diamantne Tränen weinen, als Wehmutszeichen,
+daß sie Indiens Fürstin war. Nun schleppt sie fort, verwandelt sie,
+dann schleudert sie dem Nordwind in die eis'gen Arme, daß er mit
+ihr nach einem andern Weltteil rase und dort die alte Ariadne setz'
+auf nacktem Felsen aus. Befolgt, was ich befahl!
+
+(Die Königin sinkt in Ohnmacht.)
+
+Erster Geist. Noch nicht--in deiner Rache wüt'gem Eifer hast du
+vergessen, ihr ein Ziel zu setzen; ewig darfst du nicht verfluchen,
+wie du es von dem ew'gen Geiste bist. Drum sprich, wie lang an
+diesen Zauberfluch ihr Glück gefesselt bleibt, und wann und wie
+sich lösen können diese Schreckensbande?
+
+Moisasur. Weil du mich mahnst an meine Pflicht, verruchter Geist,
+so höre meinen Spruch! Nur dann, wenn sie im Arm des Todes
+Freudentränen weint, kehrt ihr zurück, was ihr mein Zauberspruch
+entrissen. Nun regt die trägen Drachenglieder, eilet fort,
+Erwartung geißelt mein Gefühl. Den höchsten Berg der Welt will ich
+besteigen und durch der Hölle Mikroskop will ich mit süßer Lust auf
+ihr verbittert Leben schaun. (Ab.)
+
+(Die Geister versinken mit Alzinden.)
+
+
+
+Vierte Szene.
+Auf dem Rücken einer Alpe, mit der Aussicht auf ferne Gletscher.
+In der Mitte ein Bergstrom. Der Horizont finster umwölkt. Rechts
+ein hohes Bauernhaus, Gluthahn gehörig, links eine arme Hütte,
+neben derselben sprudelt eine Quelle in ein natürliches Becken.
+
+
+Gluthahn
+(kommt erzürnt und erhitzt).
+Das ist ein schlechtes G'sind'
+Im Rattental dahint';
+Der Bauer Michel Stier
+Kömmt vor'ges Jahr zu mir,
+Weint wie ein altes Weib,
+Und geht mir nicht vom Leib;
+Mein lieber Nachbar Glut,
+Ich bitt' Euch, seid so gut
+Und zahlt mir auf mein Haus
+Fünfhundert Taler aus.
+(Heuchlerisch.)
+Und ich, ich guter Narr,
+Mein Herz, das ist halt wahr,
+Das findt man nirgends mehr,
+Ich bin so dumm, geb s' her.
+Ich führ' ihn hin zum Tisch,
+Wir schreiben einen Wisch;
+Fünfhundert Taler bar
+Geb' ich dir auf ein Jahr;
+Und daß ich dich nicht druck',
+So zahlst' mir achte z'ruck.
+Wo ist das Jahr schon hin?
+Was ich gelaufen bin,
+Was ich schon schrei' und schelt',
+Ich komm' nicht zu dem Geld.
+A Zeitlang war er krank,
+Der Teufel weiß ihm's Dank!
+Jetzt ist er wieder g'sund,
+Und zahlt mich nicht, der Hund!
+Mit ihm red' ich noch gern,
+Ihm zeig' ich doch ein' Herrn;
+Doch ist sein Weib zu Haus,
+Die macht mich noch brav aus.
+
+Pfui, das sind doch undankbare Leut', nicht einmal pfänden wollen
+sie sich lassen. Gluthahn, wie wirst du jetzt das Geld ersetzen?
+Mit Freuden würd' ich einen andern darum betrügen, doch ich
+gewinn's nicht übers Herz, ich bin zu gut. (Heftig.) Aber mir soll
+noch einer kommen und Geld begehren.--Da grab' ich meine Taler
+eh' fünftausend Klafter in d' Erden ein und zünd' mein Haus an
+allen Ecken an, eh' ich so einem Schuft ein' Kreuzer auf fünfzig
+Schritte nur zeig'. Einen eignen Hund richt' ich mir ab, daß er s'
+vom Haus weg hetzt. (Heuchlerisch.) Ich muß anders werden, ich bin
+zu gut. Wo ist denn nur mein Weib schon wieder? Trautel, hörst
+denn nicht? Trautel!
+
+
+
+Fünfte Szene.
+Voriger. Trautel kommt, sie ist und spricht etwas kränklich.
+
+
+Trautel. Aber, was schreist denn so?
+
+Gluthahn. Wo bist denn, falsche Nummer, die auf den ersten Ruf
+nicht kommt.
+
+Trautel. Ich soll ja nicht in d' Luft.
+
+Gluthahn. Nun, so geh in die Gruft.
+
+Trautel. Was willst denn?
+
+Gluthahn. Die Mützen bring' heraus und die Pfeifen und den Rock
+nimm mit. (Zieht den Rock aus.)
+
+Trautel (verdrießlich). Nu gleich. (Ab.)
+
+Gluthahn (allein). Ein guts Weib ist s'; ich hätte das Weib
+nochmal so gern, wenn s' nur um das jünger wär', was s' zu alt ist,
+und um das besser, was s' z' schlecht ist. (Spricht leise, als oh
+er jemand etwas anvertraute.) Vor dreißig Jahren hat s' mich einmal
+um fünf Gulden betrogen, das vergiß ich ihr noch nicht; ich bin gut,
+ich hab' ein einzigs Herz, aber vergessen kann ich nichts. Ich
+hab' so ein kleins Büchel, da schreib' ich's hinein. (Deutet
+hinters Ohr.) Da hint' ist's.
+
+
+
+Sechste Szene.
+Voriger. Trautel bringt Mütze und Pfeife.
+
+
+Gluthahn. Du lieber Himmel, wie gut könnten ein paar Ehleut'
+miteinander leben, wenn eines dem andern nachgäbe. (Fährt sein
+Weib derb an.) Kriechst immer untern Füßen herum? Was willst?
+
+Trautel. Je nu, die Pfeifen bring' ich und die Mützen.
+
+Gluthahn. So meld' dich!
+
+Trautel. Sei nur nicht so grob mit mir, mir ist heut so nicht gut.
+
+Gluthahn. Das ist rheumatisch Zeug, schlag dir's aus dem Kopf.
+
+Trautel. Das kann ich nicht.
+
+Gluthahn. Nu, so schlag' ich dir's heraus, ich kann's.
+
+Trautel. Mir fehlt's im Herzen, und ich fühl' mich so schwach.
+
+Gluthahn. Da sind wir alle schwach, wenn's uns im Herzen fehlt.
+
+Trautel. Wenn du mir kein' Bader nimmst, so stirb ich noch.
+
+Gluthahn. Solang noch's Herz schlagt, stirbt man nicht.
+Rheumatisch bist, sonst nichts. Egel setz' dir, da wird alles gut.
+Hab' erst einen zusammentreten unt' beim Bach, so kommen s' weg.
+
+Trautel. Ich bin ja nicht rheumatisch.
+
+Gluthahn. Im höchsten Grad; wenn ich dich nur anschau', fangt's
+mich an zum Reißen.
+
+Trautel. Bringst gewiß kein Geld z' Haus, weilst so z'wider bist.
+
+Gluthahn (wild). Mahnst mich noch?
+
+Trautel (beiseite.) Ich muß dem Bösewicht nur schmeicheln, sonst
+ist gar nichts z' haben von ihm. (Streichelt ihm das Kinn.) Mann,
+meines Lebens Lust.
+
+Gluthahn (höhnisch). Weib, meines Lebens Last--was willst denn
+außerbrateln von dein' Mann, den du aus List nennst deine Lust?
+
+Trautel. Ich hol' mir den Bader.
+
+Gluthahn. Hol' mir zwei Maß Wein.
+
+Trautel. Nicht wahr, ich darf ihn holen?
+
+Gluthahn. Aber ein' g'scheiten, das sag' ich dir.
+
+Trautel. Ich dank' dir, sie haben ja nur einen im Ort.
+
+Gluthahn. Und daß er nicht g'schwefelt ist.
+
+Trautel. Ei, wer denn?
+
+Gluthahn. Der Wein.
+
+Trautel. Ich hab' g'glaubt, der Bader.
+
+Gluthahn. Wer redt denn vom Bader?
+
+Trautel. Ich.
+
+Gluthahn. Und ich red' vom Wein.
+
+Trautel. Was hab' ich vom Wein?
+
+Gluthahn. Was hab' ich vom Bader?
+
+Trautel. Ich hol' ja den Wein, aber zahl' mir den Bader, sonst
+geh' ich ja z'grund.
+
+Gluthahn. Nu, so hol' dir ihn, aber wenn du bis morgen nicht
+g'sund bist, so darfst mir dein Leben nimmer krank werden.
+
+Trautel (für sich). Endlich. (Laut.) Dank' dir, lieber Mann.
+(Will ab.)
+
+Gluthahn. Da gehst her. (Trautel kehrt um.) Jetzt wirst du doch
+einsehn, was d' für einen Mann an mir hast.
+
+Trautel. Nu, ich glaub's.
+
+Gluthahn. Unter andern, hast mich gern?
+
+Trautel (ironisch). Nu, wer wird denn dich nicht gern haben.
+
+Gluthahn. Küß' mir d' Hand.
+
+Trautel (tut es und spricht im Abgehen seufzend). O Seligkeit!
+(Geht ins Haus.)
+
+Gluthahn (triumphierend). So muß man sich s' abrichten, dann weiß
+man, wer der Herr im Haus ist. Ich hätt' nicht nachgeben sollen,
+(heuchlerisch) aber mein Herz, ich bin gar zu gut.
+
+
+
+Siebente Szene.
+Voriger, Trautel mit einer leeren Flasche.
+
+
+Gluthahn. Bist da? Da hast Geld, jetzt zieh dich.
+
+Trautel (beiseite). Du lieber Gott, befrei' mich doch von mein'
+Leid, ich will ja gern sterben, daß ich nur den Mann nimmer sehn
+darf. (Geht gegen das Dorf ab.)
+
+Gluthahn (allein, er schlägt Feuer und zündet seine Pfeife an).
+Wenn man dem Weib da so erlaubte, auf ihre Faust recht krank zu
+sein, die machte einen Aufwand damit, der nicht zu erschwingen wär'.
+(Schlägt sich vor die Stirn. Erbittert.) Wann ich nur das Geld
+nicht ausg'liehn hätt'. (Ein Sturmwind erhebt sich.) Öh, blas, du
+dummer Wind, blas auseinander die grau muntierten Wolken. Der
+Himmel ist schon vierzehn Tag' als wie ein Aschenweib. (Windstoß.)
+He, he, he, he, sei nur kein solcher Narr!--Die Kälten von dem
+Wind! (Windstoß.) Holla, der nimmt die Bäum' beim Kopf und beutelt
+s' recht, als wie ein Meister seine Lehrbuben.--(Windstoß.) Weil
+er kein' Kopf hat, so kann er auch kein' andern leiden. (Windstoß.)
+Nicht rauchen laßt er mich, der Schlaprament! Du sollst mich
+nicht sekieren, du lüstiger Patron; ich geh' jetzt hinein, just
+kriegst mich nicht. (Er geht unter die Tür und steckt den Kopf
+heraus.) Blas mich an jetzt, wannst dich traust. (Höhnisch.) Ja,
+auf d' Wochen, dummer Wind! (Schlägt die Tür zu.)
+
+
+Achte Szene.
+Sturmmusik. Alzindens Gestalt als altes Weib in Bettlerkleidung
+rauscht im Hintergrunde, zwischen den Flügeln des Nordwindes
+liegend, über die Bühne; den Strom der Luft auszudrücken, in
+welchem eine geflügelte Figur mit aufgeblasenen Backen, die Locken
+mit Eis behängt, wie durch einen Schleier sichtbar ist, bleibt der
+Phantasie des Malers überlassen. Die Musik geht in eine klagende
+über, und nach einer bedeutenden Pause kommt Alzinde auf die Bühne.
+Sie hat graues Haar, ihre Gestalt ist ehrwürdig, ihre Kleidung
+abgenützt, aber nicht zerrissen.
+
+
+Alzinde. Wo bin ich wohl? Wohin hat die Gewalt des Sturmwinds
+mich getragen? wie heißt die Unglückswelt, auf der ich mich
+befinde? denn das ist nicht mein Reich, zu meinem Auge sprechen
+nie gesehne Dinge. Fremde Hütten, fremde Berge, ein fremder Himmel,
+ohne Sonne, ohne Mond, ohne Sterne, ohne Blau. Auch fühl' ich
+mich so schwach, ich will mich setzen, jene Quelle soll mich laben.
+(Sie setzt sich an den Rand des Beckens, sieht in den
+Wasserspiegel und springt auf.) Welch häßliche Gestalt schaut aus
+dem Spiegel dieses Quells? Doch nicht mein eignes Bild?--Nicht
+möglich! (Streckt die Hand aus und erschrickt davor.) Wem gehören
+diese welken Hände, diese abgelumpten Kleider? wessen Stelle muß
+ich hier vertreten? Ich bin das nicht, widerrufe, Quell! (besieht
+sich noch einmal--erstarrt.) Er wiederholt's--ich bin's--ich
+bin's! (Fällt verzweifelnd auf den Rasen hin.) Ich Unglückselige!
+(richtet sich auf und lacht verzweiflungsvoll.) Das ist Alzind',
+die Schönheitsblume Indiens, in eine welke Distel nun verwandelt.
+O du mein stolzer Geist, verjagt aus deinem üppigen Palast, was
+mußt du jetzt für ein verächtlich Haus bewohnen! Ich duld' es
+nicht! Verzweiflungsvolle Seele, sprenge doch die Riegel dieses
+morschen Kerkers! (Ängstlich.) Eilt mir zu Hilfe, Große meines
+Reichs--wo seid ihr, meine Diener?--(Stark rufend.) meine
+Sklaven! (Echo ruft: Sklaven.) Es ist umsonst, das Echo ist der
+einz'ge Sklave meines Rufes. Ich bin allein, verbannt von meinem
+Volke, meinem Gott. Was rauschet? Ha, ein Geschöpf aus dieser
+Welt. O du erbärmliche Gestalt.
+
+
+
+Neunte Szene.
+Gluthahn erscheint im Rocke. Vorige.
+
+
+Gluthahn. Wer schreit denn so? Wie kommst du auf 'n Berg? Kriech
+weiter um ein Haus.
+
+Alzinde. Wenn du ein Mensch bist, wie die Sprache mich's vermuten
+läßt, so sage mir, wie heißt die Welt, in der du lebst?
+
+Gluthahn. Weiter geh!
+
+Alzinde. Wenn du ein Mensch bist, nimm mich auf in deine Hütte,
+die Sonne wird dich dafür lohnen.
+
+Gluthahn. Aha, die brennet mich aus Dankbarkeit auf den Buckel
+hinauf. Du, laß mich aus mit deiner Sonn', die kenn' ich nicht.
+
+Alzinde. Er kennt die Sonne nicht, weh mir. Hab' Mitleid, Hunger
+führet mich an deine Hütte, speise mich mit etwas Reis.
+
+Gluthahn. (erstaunt). Was willst du haben? einen Reis? Ein
+Bettelweib will ein' Reis; Sie schafft sich nur gleich an, was sie
+am liebsten ißt.
+
+Alzinde. O reich' mir nur ein kleines Stückchen Zucker.
+
+Gluthahn (lachend). Einen Zucker will sie, o du süßes Goscherl du.
+Wo hab' ich denn g'schwind was, ich gib ihr eine hinauf, daß s'
+ein Zucker macht, an dem s' langmächtig z' schlecken hat.
+
+Alzinde. Hab' Mitleid, ich verschmachte, gib mir stärkendes Gewürz.
+
+Gluthahn. Jetzt halt' ich's nimmer aus, jetzt will sie noch gar
+ein G'würz! Ich komm' in Narrenturm mitsamt dem Weib. Ich hab'
+kein G'würz noch gesehn, solang ich auf der Welt noch bin, die geht
+herum und bettelt um Gewürz.
+
+Alzinde. Du Unmensch, sprich, soll ich an deiner Schwelle sterben?
+
+Gluthahn. Was unterstehst du dich, an meiner Tür willst du da
+sterben? A solche Ungelegenheit, daß ich dich noch begraben lassen
+könnt'; gehst hinunter übern Berg und schaust dich um ein Platzel
+um, wost' hinwerden kannst.
+
+Alzinde. Sonne, was erlebe ich.
+
+Gluthahn. Schläg' wirst gleich erleben, wenn du nicht gehst.
+
+Alzinde (stolz und kräftig). Ich befehle es dir, mich zu bewirten,
+ich bin Indiens Königin.
+
+Gluthahn. Jetzt ist's heraußen. Das Weib ist närrisch. Sie ist
+Indiens Königin, ich lach' mir noch einen Buckel, größer als der
+ihrige. Wenn du jetzt nicht gleich von meiner Tür weggehst, so
+jag' ich dich übern Berg hinunter. Marsch! Du verzuckertes
+indisches Bettelweib du! (Ab. Schlägt die Tür zu.)
+
+
+
+Zehnte Szene.
+
+
+Alzinde (allein, mit Verzweiflung). Weh mir! So bin ich denn auf
+einem fremden Stern, ausgeschlossen aus der Sonne Strahlenreich.
+Nicht Menschen hausen hier. Dämone sind es, Söldner jenes
+Drachensohns, der mich hierher gebannt. Hier darf kein Weihrauch
+duften, keine Palme blühn, ein wüstes Grab ist diese Höllenflur.
+Seht, seht, wie kleine Furien mit gehörnten Köpfen über jene kahlen
+Felsen springen. Nie werd' ich mehr mein Volk, meinen Gemahl
+erblicken. Verloren ist mein Leib, verloren meine Seele. (Sinkt
+auf die Knie und ruft:) Sonne, rette mich! (Echo: Rette mich.)
+Umsonst, sie hört mich nicht; das Echo höhnt mich aus, ihr Strahl
+dringt nicht auf dieses fluchbeladne Land. Welche Angst ergreift
+mein Gemüt? Von allen bin ich hier verlassen und auch zu ihr kann
+ich nicht flehen. Entsetzliches Geschick! Was ist der Mensch, dem
+man die Hoffnung auf das Höchste raubt? Mein Aug' wird trüb, mir
+ist, als hätten diese Berge Licht und Farbe eingebüßt und flößen
+mit des Himmels schauerlichem Grau zusammen. Die Welt zerrinnt vor
+meinen Blicken, ich sehe nichts, als jenen Strom, der konvulsivisch
+sich durch dieses Chaos windet und seine nassen Arme nach mir
+streckt. Hinweg von mir, du schrecklicher Gedanke, der mich
+ergreift, und nach dem Strom hinzieht. Ich folg' dir nicht, –
+umsonst, ich muß--Verzweiflung, freu' dich deines Siegs, ich muß
+hinein. (Sie eilt gegen den Strom, plötzlich:) Ha, der Sonne Bild!
+(Sie blickt empor, ihr ganzes Wesen löst sich in zitternde Freude
+auf.) Sie ist's! (Steigend.) Sie ist's, die--(Mit zitternder
+Stimme.) die Sonne! Meine Sonne, meiner Seele höchster Trost!
+(Sinkt auf ein Knie, dann springt sie freudig auf.) Freude, Freude,
+sie ist hier! Ihr Wälder, Klippen, Bäume, Quellen, meinen Blicken
+neu geboren, grün gekleidet, wie mein Hoffen, hört es, ich bin
+nicht verlassen, nicht verstoßen von der ew'gen Sonne! O wie ist
+mir wieder leicht, wie hat ihr Strahl mein Innerstes gelichtet.
+Nun hab' ich Mut zum Dulden, Mut zum Tragen.
+
+Muß ich fern von allen Lebensfreuden
+Kämpfen auch mit Gram und Leiden,
+ Kann ich's doch der Sonne klagen,
+ Mit Bewußtsein zu ihr sagen;
+Habe alle Freuden meiner Jugend
+Aufgeopfert für den Ruhm der Tugend
+ Und erwarte meinen Lohn
+ Einst an deinem Himmelsthron.
+
+(Sie setzt sich auf einen Rasen und versinkt in Nachdenken.)
+
+
+
+Elfte Szene.
+Hans. Mirzel.
+
+
+Mirzel. Geh, geh, ich soll recht bös auf dich sein. Du bist ein
+sauberer Mann, laufst voraus und schaust dich gar nicht um um mich.
+Wie ich noch ledig war, da bist hinter mir her g'wesen auf einen
+jeden Schritt, und jetzt--aber die Nachbarin hat mir's
+vorausg'sagt, das ist das sicherste Zeichen, daß ein paar
+verheiratet sind, wenn der Mann anfangt, unartig zu werden. Heut
+werden s' kopuliert, da geht sie voraus, den andern Tag laßt er sie
+schon hint' nach gehn.
+
+Hans. Aber liebe Mirzel –
+
+Mirzel. Willst du's etwa leugnen? Zuerst kommst du, hernach dein
+Spitzel, nachher ich, ich und der Hund, wir gehen immer miteinander.
+Au contraire, seinem Spitzel pfeift er doch manchmal, aber bei
+mir da denkt er sich: Du kommst mir so nach Haus, dich verlier' ich
+nicht.
+
+Hans. Ich weiß gar nicht, ich hab' den Hund recht gern bei mir.
+Ob wir jetzt unser zwei ausgehn oder unser drei?
+
+Mirzel. Nu, neulich sind wir gar unser vier g'wesen, da hast zwei
+Spitzeln mitg'habt; einen hast du aus dem Wirtshaus nach Haus
+tragen, und der andere ist so mitg'laufen.
+
+Hans. Nu, und wie er neulich verloren gegangen ist, so hat ihn
+doch kein Mensch finden können als du.
+
+Mirzel (launig). Ja, das macht, weil ich sehr spitzfindig bin.
+
+Hans. Aber jetzt hören wir einmal auf, wir disputieren wegen die
+Spitz' wie die kleinen Buben; das ist eine völlige Spitzbüberei.
+
+Mirzel. Ich bin ja schon wieder gut, das ist ja nur mein Spaß, ich
+hab' dich viel zu lieb, du bist ja mein guter Mann.
+
+Hans. Und du mein guts Weib; kurzum, wir sein halt von der besten
+Gattung.
+
+Mirzel. Freilich, wir sind gut, und alles wär' gut, wenn wir nur
+mehr zu essen hätten.
+
+Hans. Laß nur gut sein, der liebe Gott wird uns schon helfen.
+Haben wir doch jetzt unser' Grundsteuer wieder zum Amtmann
+hineintragen; acht Gulden alle Jahr', ist kein Spaß. Schau' nur,
+wie die Sonn' so freundlich scheint, schau' dich nur um. (Erblickt
+Alzinde.) Du, was liegt denn dort für ein altes Weib? die wird
+krank sein; sie weint, ich werd' s' trösten.
+
+Mirzel. Die Alte? Nun, die kannst schon trösten.
+
+Hans (geht zu ihr). Du, Alte, hörst?
+
+Alzinde (hebt sich empor, erblickt beide, springt erschrocken auf
+und ruft). Menschen! (Will entfliehen.)
+
+Hans. He, he, wo laufst denn hin? so wart' doch, wir meinen dir's
+ja gut.
+
+Mirzel. Freilich, willst ein Stückel Brot?
+
+Alzinde (sieht sie erstaunt an). Seid ihr wirklich Menschen?
+
+Hans. Nu, du wirst uns doch für keine Maikäfer anschaun?
+
+Alzinde. Menschen seid ihr, und ihr habt Erbarmen?
+
+Mirzel. Du blauer Himmel, warum nicht? wir erbarmen uns selbst
+manchmal.
+
+Alzinde. Also seid ihr unglücklich?
+
+Mirzel. I bewahr', wir sind recht glücklich.
+
+Hans. Wir haben nur kein Geld.
+
+(Gluthahn laßt sich am Fenster sehen, und horcht.)
+
+Alzinde. Das versteh' ich nicht.
+
+Hans (zu Mirzel). Sie ist taub. (Laut, Alzinden ins Ohr.) Wir
+haben kein Geld, wie kannst du denn das nicht verstehn, das kann
+ich mit Händen greifen, wenn ich in den Sack fahr'.
+
+(Fährt in den Sack.)
+
+Mirzel. Weißt, wir sind halt glückliche Unglückliche, wie manche
+Leute unglückliche Glückliche sind.
+
+Hans. Das ist eine gute Explikation. Wir sind arme Steinbrecher,
+wir arbeiten im Steinbruch da hint', und leiden oft Hunger, daß
+sich ein Stein erbarmen möcht', aber nur im Winter, im Sommer
+geht's uns besser.
+
+Mirzel. Was sprichst du denn so viel da mit der Alten, trag ihr
+etwas aus der Hütte und laß sie gehn.
+
+Hans. Nein, mir gefallt s', sie hat zwar noch nichts g'redt, aber
+ich find', daß sie recht eine unterhaltendliche Person ist. (Zu
+Alzinde.) Weißt, ich und mein Weib haben uns halt gar so gern, und
+das ist unser Glück.
+
+Alzinde (zu Mirzel). Also liebst du deinen Mann?
+
+Mirzel. Vom Herzen.
+
+Alzinde. Und wenn du ihn verlieren müßtest?
+
+Mirzel. Ich, mein' Mann?
+
+Alzinde. Wenn er dir auf ewig entrissen würde?
+
+Mirzel. Das überlebet ich nicht.
+
+Alzinde. Weh mir, und ich lebe noch! Sie stirbt für diesen
+Bettler, und ich lebe noch. (Weint heftig.) O mein Gemahl, mein
+königlicher Herr. (Ihre Tränen fallen in Hansens Hut, der ihn
+absichtslos aufhält.)
+
+Hans. Jetzt, warum weinst denn? Jetzt weint sie mir grad in den
+Hut hinein.--Du, Mirzel, schau, was ist denn das, der ihre Tränen
+sind ja alle von Glas, die weint ja lauter kleine Steiner.
+
+Mirzel. Warum nicht gar.
+
+Hans. Auf die Letzt hat s' gar einen Steinbruch in die Augen.
+
+Mirzel. Was weinst denn du da?
+
+Alzinde. Ich weine Diamanten.
+
+Hans. Mich trifft der Schlag, das hab' ich noch mein Leben nicht
+g'hört, daß eine Amanten weint. Wann s' noch wegen einen Amanten
+weinet', aber einen Amanten selbst, das ist entsetzlich.
+
+Alzinde. Sagt mir, haben Diamanten aus eurer Welt hier einen Wert?
+
+Mirzel. Nu, ich will's hoffen, unser Herr, bei dem wir arbeiten,
+hat einen Ring, da ist ein einz'ger Stein mehr wert, als sein
+ganzer Steinbruch.
+
+Alzinde. So hört mich an, vielleicht kann ich durch meine Tränen
+euch beglücken. Des einen Glück bedingt ja leider oft des andern
+Unglück. Behaltet mich bei euch, gebt mir nur magern Unterhalt,
+schützt mich vor der Mißhandlung eurer Brüder und nehmet meine
+Tränen hin als Eigentum, welche reichlich fließen werden, weil ich
+mein Schicksal nicht genug beweinen kann.
+
+Gluthahn (am Fenster). Das Weib laß' ich nicht aus, mein Herz ist
+z' gut, die nehm' ich auf.
+
+Hans. Aber wer hat dir denn das g'lernt, du bist doch nicht etwann
+eine Hex'?
+
+Mirzel. Nu, fragen möcht' ich s' noch.
+
+Alzinde. Was ich euch nun entdeck', ist wahr, so wahr, als dieser
+Sonnenstrahl, der sich in meiner Träne bricht. Ich bin die Fürstin
+eines ind'schen Reichs, der Tugend hab' ich mich geweiht, wie ihr,
+und weil ich einen bösen Geist aus meinem Land vertrieben, hat er
+aus Rache mich nach eurer Welt verbannt. Ich ward geehrt von
+meinem Volk, das meine Schönheit, meinen Geist bewunderte, geliebt
+von meinem zärtlichen Gemahl, und alles, was des Glückes Großmut
+mir verliehn, hat dieser Dämon mir entrissen. (Weint.)
+
+Hans. Jetzt fang' ich auch zum Weinen an, aber meine Tränen sind
+keinen Kreuzer wert.
+
+Alzinde. Doch meine Jugendkraft hat er mir nicht geraubt, und
+heftiger fühl' ich den Schmerz, als ich die Freude früher hab'
+empfunden. Ihr glaubt mir doch?
+
+Mirzel. Das kann ja sein, ich hab' schon viel von verzauberten
+Prinzessinnen gehört. Nu, trösten sich Euer G'streng' nur, wir
+werden schon für Euer G'streng' sorgen.
+
+Hans. Was sagst denn Euer G'streng', meinst denn, du redst mit dem
+Verwalter? (Mit erhobener Stimme.) Weiß die Fürstin was, wir
+behalten die Fürstin bei uns, und was wir haben, bekommt die
+Fürstin auch.
+
+Alzinde. Ihr guten Menschen, meine Tränen werden dankbar fließen.
+
+Mirzel. Wenn s' nur alle Jahre einmal weint, im Frühling, wenn der
+Schnee zerfließt, so leben wir das ganze Jahr davon. Die Fürstin
+macht noch unser Glück.
+
+Hans. Und da braucht sie nicht einmal einen Schmerz, der sie
+weinen macht, ich reib' ihr einen scharfen Kren, so weint sie ihren
+diamantenen Fleck her und lacht uns alle aus.
+
+Mirzel. Ja, das ist prächtig, lieber Hans; die Tränen, die du im
+Hut hier hast, tragst du morgen augenblicklich in die Stadt. Jetzt
+geh die Fürstin nur in unsre Hütten hinein, da findt die Fürstin
+Milch und Brot; wir müssen jetzt in' Steinbruch hinaus, wir haben
+nur unsre Werkzeuge g'holt. Auf den Abend kommen wir nach Haus,
+und dann wollen wir recht vergnügt sein alle drei.
+
+Hans. Ja, mein' liebe gute Fürstin, geh die Fürstin nur hinein,
+gib die Fürstin auf mein' Spitzel gut acht und sperr' die Fürstin
+die Tür von innen gut zu; unser Nachbar ist gar ein böser Mann, dem
+muß die Fürstin ja nicht traun, sperr' ihm die Fürstin gar nicht
+auf.
+
+Alzinde. Sorgt euch nicht, ich hab' ihn schon erkannt. Er stieß
+mich ja von seiner Tür.
+
+(Sie geht hinein, Hans und Mirzel nehmen ihre Hämmer. Alzinde
+riegelt die Türe von innen zu.)
+
+Hans. Heisa, jetzt geht's in den Steinbruch hinaus, wenn wir auch
+noch so wenig haben, ein fröhliches Herz tauscht ja mit Königen
+nicht. (Beide ab.)
+
+
+
+Zwölfte Szene.
+
+
+Gluthahn (schleicht herein). Geh in den Abgrund, Volk. Ob denn
+ein guter Mensch, wie ich bin, ein Glück hat? Erwischen die das
+Weib mit ihrer diamantenen Tränenfabrik! Gluthahn, da kannst du
+dein Geld hereinbringen. Ich bin ein guter Mensch, aber das Weib
+lass' ich nicht aus, die muß mir alle Säck' voll weinen. Hab'
+schon meinen Plan ausgedacht indessen,--im Haus kann ich sie nicht
+versperren hier; sechs Stunden weit in Alpenmarkt drin, da kenn'
+ich einen Herrn aus der Stadt, er hat ein Landhaus in Alpenmarkt
+drin und war in meiner Hütten öfter über Nacht, wenn er auf die Alm
+hinauf ist--das ist ein vermöglicher Mann, er handelt mit guten
+Steinen und reist herum damit. Er kauft Holz von mir; da führ' ich
+s' hin und lass' sie etwas weinen, daß er s' untersucht, ob s'
+wirklich Diamanten weint, ob s' nicht etwa böhmische Steine weint
+oder so Zeugs. Und wenn s' was wert ist, so machen wir einen
+kleinen Überschlag, und ich verkauf' ihm das ganze Weib wegen ihren
+Tränen um ein Pauschquantum. So ist das arme Weib versorgt, kommt
+auf Reisen und hat das schönste Leben. Ich kann mir halt nicht
+helfen, ich find', daß ich ein edler Kerl bin, ich mag schon tun,
+was ich will. Wenn ich s' nur herauslocken könnt', ich wirf sie
+auf meinen Leiterwagen und fahr' mit ihr davon, als wenn ich sie
+gestohlen hatt'. Da kommt mein Weib.
+
+
+
+Dreizehnte Szene.
+Gluthahn. Trautel.
+
+
+Trautel (stellt den Krug Wein auf den Tisch). Da bin ich, lieber
+Mann.
+
+Gluthahn (roh). Nu, bist du schon g'sund?
+
+Trautel. Warum nicht gar. Ach, lieber Mann, mit mir ist's aus,
+der Bader sagt, mich bringt er nimmer auf.
+
+Gluthahn. Der Bader ist ein Narr, was braucht er dir's zu sagen,
+das hab' ich eh' schon g'wußt.
+
+Trautel. Ich unglückselig Weib--ich bitt' dich, Mann, was soll
+ich denn jetzt tun, damit mir besser wird?
+
+Gluthahn. Spann' die Pferde vor den Wagen, das stärkt dich, ich
+fahr' aus.
+
+Trautel. Das ist ein schöner Trost! Ich kann ja nicht, ich bin z'
+schwach.
+
+Gluthahn. Du mußt, potz Himmeltausend Saprament, ich werd' dich
+lernen räsonnieren, du alte Blendlaterne. Den Augenblick spannst
+ein und gehst dann in den Garten und brockst mir ein' Korb voll
+Äpfel ab. (Für sich.) So bring' ich sie doch fort.
+
+Trautel. Nein, du bist kein Mensch, du bist ein Krokodil. (Weint.)
+
+Gluthahn. Wirst gehn.
+
+Trautel. Ich geh' schon. (Geht weinend ab.) Ach, du lieber Himmel!
+
+Gluthahn. Jetzt weint die auch. Komm her. (Trautel kehrt um.)
+Was weinst denn? (Sieht in ihre Augen.) Die weint keine Diamanten,
+höchstens mein Geld als Medizin. Geh, geh, besorg' den Wagen, so
+kommst du mir doch aus den Augen.
+
+(Trautel geht hinters Haus ab.)
+
+
+
+Vierzehnte Szene.
+Gluthahn, dann Alzinde.
+
+
+Gluthahn (boshaft lächelnd). Jetzt werd' ich fensterln gehn. (Mit
+falscher Freundlichkeit.) Liebe Alte, komm heraus, ich hab' dir
+etwas zu entdecken.
+
+Alzinde (öffnet das Fenster). Was willst du, böser Mensch, der
+mich verstieß.
+
+Gluthahn. Denk doch nicht mehr dran, ich war im Zorn, ich bin so
+gähzornig, ich hab' es schon bereut, hab' schon g'weint deswegen
+und möcht' dir die Kränkung gern vergelten; drum komm heraus, wir
+trinken ein Glas Wein.
+
+Alzinde. Ich traue deinen Worten nicht. Eh' glaub' ich, daß der
+Hai des Meeres Schutzherr wird, der Falke um die Taube freit,
+Hyänen um ein Menschenleben weinen, der Wolf aus Gram vergeht, weil
+er ein Lamm getötet hat, eh' ich das glaub'; daß du mich trösten
+willst.
+
+Gluthahn (beiseite). Sie beißt nicht an, ich werd' ihr etwas Süßes
+an die Angel hängen. (Laut.) Sei nicht so mißtrauisch, du hast ja
+selbst ein gutmütigs G'sicht, du mußt einmal besonders schön
+g'wesen sein, man sieht dir's noch ein wenig an, du hast noch recht
+verliebte Augenbraunen. Geh, komm herüber, liebe Alte, mein Weib
+hat eine schöne Hauben, die wird dir prächtig stehn.
+
+Alzinde. Bemüh' dich nicht, du zwingst mir kein Vertrauen ab.
+
+Gluthahn. Das muß kein Weibsbild sein, weil sie das nicht rührt.
+Jetzt werden wir's auf andre Art probieren. (Heuchlerisch laut.)
+Du tust ein frommes Werk, wenn du durch mich dir etwas Guts
+erweisen laßst, es ist ja deine Pflicht, ich kann nicht ruhig
+schlafen sonst; ich mach' mir Vorwürf' in meinem Innern, daß ich
+dich so behandelt hab'. (Hält die Hände zusammen.) Ich bitte dich,
+geh doch heraus, tu mich nicht so kränken, ich bin ja ein kranker
+Mann, ein alter, der nicht mehr lange leben wird.
+
+Alzinde. Verlaß die Hütte, du betrügst mich nicht.
+
+(Schließt das Fenster.)
+
+Gluthahn (erzürnt). Der Satan hat das Weib im Sold!
+
+
+
+Fünfzehnte Szene.
+Gluthahn, Trautel, dann Alzinde.
+
+
+Trautel. Eing'spannt ist's, jetzt fahr zur Höll'!
+
+Gluthahn. Was hab' ich in dein' Geburtsort z'tun? Nach dem Garten
+geh und Äpfel brock'. (Trautel geht ins Haus ab.) Heraus muß sie,
+und wenn ich's Haus zerschlagen sollt'. (Klopft heftig an.) Alte,
+g'schwind machst auf, es schickt der Hans, er hat ein Arbeitszeug
+vergessen. (Der Hund knäuft von innen.) Sie macht nicht auf.
+(Pocht stärker.) Ob du aufmachst, frag' ich, oder nicht, ich
+schlag' euch alle Fenster ein, ihr schlechtes G'sind'. (Er schlägt
+das Fenster ein, man hört den Hund bellen.) Den Hund erschlag' ich;
+bist still, du Höllenvieh! (Wirft einen Stein hinein.)
+
+Alzinde (am Fenster). Bist du rasend, Mensch? was reizt dich so
+zur Wut?
+
+Gluthahn (äußerst boshaft). Heraus gehst, sag' ich, sonst zünd'
+ich das Haus an allen Ecken an, ich kenn' mich nicht vor Wut. O
+weh, mir wird nicht gut, ich armer Mann--wer hilft mir denn?
+(Sinkt in den Stuhl und löst sein Halstuch.) Wasser, Wasser! Mir
+wird übel--ich stirb, wenn sich kein Mensch erbarmt--o! o!
+(Pause.)
+
+Alzinde. Götter, welch ein Mensch! Er liegt bewegungslos! was
+soll ich tun? Wenn er nun stirbt, so bin ich schuld, ich könnte
+ihn erretten. Er ist ein böser Mensch zwar, aber doch ein Mensch,
+die Sonne scheint auf ihn, so wie auf mich, und fordert mich zu
+seiner Rettung auf. Ich will der Tugend dieses kleine Opfer
+bringen. (Öffnet die Hütte und trägt in einer Schale Wasser.)
+Alter, Alter, hier ist Wasser!
+
+Gluthahn (springt schnell auf). Heisa, hab' ich s' erwischt?
+Jetzt kommst mir nimmer aus. (Packt sie.)
+
+Alzinde. Ha, du verräterischer Molch!
+
+Gluthahn (ringt mit ihr). Jetzt will ich dich zum Kirchtag führen.
+ (Der Hund bellt heftig.) Still, du Rabentier. (Er zerrt sie
+hinter das Haus in die Kulisse. Nach einer Pause kommt)
+
+
+
+Sechzehnte Szene.
+
+
+Trautel (mit einem Korb Äpfel). Was bellt denn nur der Hund so
+sehr? Spektakel! was treibt denn mein Mann? der hebt ein altes
+Weib auf seinen Wagen. (Peitschengeknall.) Jetzt fährt er fort mit
+ihr. Du gottloser Mensch, wenn er nur nichts Schlechts vorhat mit
+dem Weib? Wie er ausjagt,--das geht nicht mit rechten Dingen zu.
+Ich lauf' in' Steinbruch, such' den Nachbar, sag's dem Bader,
+klag's dem Richter, allen Leuten unt' im Orte will ich schnell die
+ganze G'schicht' erzählen. Das ist ein Unglück, daß ich gar nicht
+weiß, was geschehen ist. (Ab.)
+
+
+
+Siebzehnte Szene.
+(Kurzes Wolkentheater.)
+
+An der Seite, im Vordergrunde, eine hervorragende thronartige
+Wolkengruppe. Geister der Tugend, weiß gekleidet, Lilienstengel in
+den Händen, kommen unter passender Musik trauernd auf die Bühne.
+
+
+Ariel (tritt mitten unter sie).
+ Laßt uns um Alzinden klagen,
+Die in jugendlichen Tagen
+Durch der finstern Mächte Spiel,
+Als ein Tugendopfer fiel.
+(Knien nieder.)
+ Himmel, höre unsre Bitten,
+Lasse nimmer es geschehn,
+Daß der Tugend reine Sitten
+Durch Verfolgung untergehn.
+
+(Steht lebhaft auf.)
+
+Doch seht nur, dort schwebt, mit dem Lilienstengel
+Der Retter der Unschuld, ihr tröstender Engel,
+Er trug zu dem Throne des Mächtigen hin
+Das Schicksal Alzindens mit flehendem Sinn.
+O himmlischer Bote, o tauche doch nieder
+Dein silbererglänzendes Schwanengefieder!
+Er nahet, er nahet, er senket die Schwingen,
+Und wird uns das Machtwort des Ewigen bringen.
+
+
+
+Achtzehnte Szene.
+Musik. Vorige. Der Genius der Tugend, eine Lilienkrone auf dem
+Haupte, besteigt den Wolkenthron.
+
+
+Genius.
+ Hört mich an, ihr Tugendgeister,
+Zu mir sprach der hohe Meister;
+Nur ein Kampfplatz ist die Welt,
+Und das Böse hingestellt,
+Daß es mit dem Guten streite,
+Und der Hölle werd' zur Beute.
+Beide treten in die Schranken
+Dieser unruhvollen Welt;
+Tugend darf im Kampfe wanken,
+Eigne Schuld ist's, wenn sie fällt.
+Jedem ward die Kraft hienieden,
+Der Verführung Trotz zu bieten;
+Nur der Schwache sinkt im Krieg,
+Doch den Starken krönt der Sieg.
+So ist es bestimmt auf Erden,
+Tugend muß geprüft dort werden.
+Dies ist auch Alzindens Los;
+Doch ihr Lohn unendlich groß,
+Denn sie wird ein Beispiel geben,
+Wie der Mensch gelangt im Leben
+Durch die Qual der tiefsten Leiden
+Zu dem Ziel der höchsten Freuden,
+Die ein groß Bewußtsein schenkt.
+
+ Drum gehe in Erfüllung Moisasurs Spruch,
+Und Edelmut, den er verdammt, besiege seinen Fluch.
+Unmögliches hat er von ird'scher Kraft begehrt,
+So werde er nun auch durch den Erfolg belehrt;
+Daß Tugend, wenn sie gleich im Staub sich windet,
+Hoch in den Wolken ihren Retter findet.
+
+
+ Zu diesem, sprach er, will ich dich nun weihn,
+Und deinem Wink die Kraft verleihn,
+Daß jedes Wesen, so die Erde hegt,
+Was sich in ihr, und was sich auf ihr regt;
+Die Bewohner dunkler Klüfte,
+Wie die Geister blauer Lüfte,
+Deinem Rufe untertänig;
+Ja, daß selbst des Todes König,
+Sprichst du meinen Donnergruß,
+Deinem Rufe folgen muß.
+Also sprach der große Meister,
+Preiset ihn, ihr Tugendgeister.
+
+(Alle knien nieder und beugen ihr Haupt.)
+
+Genius.
+ Ich will, um das Schiff zu lenken,
+In Hoanghus Seele senken
+Meiner Prüfung forschend Blei,
+Ob sein Lieben tief auch sei.
+Ihr verrinnet in die Lüfte,
+Hüllet euch in Blumendüfte,
+Lindert in Alzindens Herz
+Der Verzweiflung wilden Schmerz.
+
+(Die Geister verschwinden.)
+
+
+
+Neunzehnte Szene.
+(Indische Gegend.)
+
+
+Seitwärts Hoanghus Zelt, zwischen Palmen aufgehangen, er ruht darin.
+ Der Wolkenthron, auf welchem der Tugendgenius steht, verwandelt
+sich in einen hohen Fels.
+
+Genius (auf dem Fels).
+ Unter jenem Palmenzelt
+Ruhet Indiens edler Held;
+Traumgott, du magst niedersteigen
+Und Alzindens Los ihm zeigen.
+
+Musik. Wolken sinken, es wird Nacht. Der Traumgott tritt in
+Hoanghus Zelt, beugt sich über sein Haupt, und indem er seine
+Stirne mit der einen Hand berührt, zeigt er mit der anderen auf die
+Hinterwand und bleibt in dieser Stellung, bis der Traum vorüber ist.
+Die Wolkendecke löst sich, man sieht in einer hellbeleuchteten
+Gegend am Meere, auf einem mit Blumen besäten Hügel Alzinden mit
+einem Siegeskranz in der Hand, ihren Gemahl freudig erwarten.
+Siegesmarsch erschallt. Eine Gestalt, wie die Hoanghus, von
+Kriegern begleitet, landet auf einem Schiffe, springt freudig ans
+Land, eilt auf Alzinden los und streckt die Arme aus. Plötzlich
+verwandelt sich der Hügel in einen schroffen Fels, auf dem Alzinde
+in der Gestalt eines alten Weibes sitzt und ihre dürren Arme nach
+Hoanghu streckt, welcher entsetzt zurückschaudert. Moisasur grinst
+mit hohnlächelndem schadenfrohen Antlitz, mit halbem Leibe, aus
+Wolken herab auf die Gruppe. Die indische Gegend und der Traumgott
+verschwindet. Die Musik endet leidenschaftlich. Hoanghu springt
+erschrocken vom Lager auf. Es wird Tag.
+
+Hoanghu. Fort von mir, verruchter Traum, der seine
+Schreckensbilder auch nach dem Erwachen zeigt, willst Hoanghu du
+ermorden? Was klammerst du dich so an meine Phantasie?--Laß los!
+(Reißt erzürnt das Schwert aus der Scheide und haut in die Luft.)
+Träume sendet uns die Sonne, darum glaub' ich ihrem Wink. Götter,
+sendet mir ein Zeichen, ob euch dieser Traum gehört? oder ob die
+gift'ge Spinne Moisasur ihn gewebt? Doch was brauch' ich hier zu
+fragen in dem antwortlosen Wald, ich will meine Frage stellen an
+die Überzeugung selbst. (Es donnert.) Ha, des Donners
+Warnungsstimme spricht, der Schreckenstraum ist wahr. Auf, ihr
+Krieger, reißt die Zelte nieder, kündigt den Gehorsam auf dem
+Schlaf. (Alarm, alles greift erschrocken zu den Waffen, Krieger
+und Häuptlinge erscheinen auf der Bühne.)
+
+
+
+Zwanzigste Szene.
+Voriger. Häuptlinge. Krieger.
+
+
+Ein Häuptling. Was befiehlst du, großer König?
+
+Hoanghu. Ordne schnell dein ganzes Heer. Siehst du meines Reiches
+Grenze? (Deutet in die Szene.) Nach der Hauptstadt ziehen wir,
+denn ein Traum hat mir verkündet, meiner Gattin droht Gefahr.
+Schnell, wie ihr den Feind verfolget, so verfolget jetzt die Zeit.
+Eure Waffe sei die Eile, haut damit den Tag in Stücke, metzelt
+Stunden zu Minuten, daß in wenigen Sekunden ihr Alzindens Antlitz
+schaut. Darum zeigte uns der Morgen rotgeweinte Augenlider, netzt'
+die Erd' mit blut'gem Tau--seine Tränen flossen um mein Weib.
+Brechet auf, und welcher Bote mir den Flug des Pfeils beschämt, wer
+am Tore meiner Hauptstadt mit der Nachricht von Alzindens Leben
+freudig mir entgegeneilt, dem lass' einen Turm ich bauen in des
+Reiches schönstem Teil; und was von seinen goldnen Zinnen
+überschaut sein gierig Auge, schenk' ich ihm als Eigentum. (Alles
+ab.)
+
+
+
+Einundzwanzigste Szene.
+Genius der Tugend tritt vor.
+
+
+Genius.
+ O könnten doch alle die lieblichen Frauen
+Dies seltene Beispiel von Männertreu' schauen,
+So würde in aller Brust ein Wunsch nur sein;
+O könnt' ich doch auch einen Hoanghu frein.
+Und könnten die Männer, die nicht so gewesen,
+In Hoanghus Busen den Lohn dafür lesen,
+So würd' aus dem flatternden Männerverein
+Die Tugend sich manches Bekehrten erfreun.
+(Ab.)
+
+
+
+Zweiundzwanzigste Szene.
+(Kurzer Palmenwald.)
+
+(Drei Schritte von der Kulisse steht frei in Form eines hohen drei
+Schuh breiten Monuments ein Grenzstein von weißem Marmor, mit der
+Aufschrift: Grenze von Hoanghus Reich.)
+
+
+Karambuco, ein indischer Krieger, ohne Waffen, läuft herein, hinter
+ihm am Felle festhaltend, keucht Ossa sein Weib, sie ist mit einem
+Bündel beschwert.
+
+Karambuco (ruft noch in der Kulisse). Laß mich los, du
+entsetzliches Weib. (Tritt auf.) Was willst du denn von mir, du
+Drachenzahn, ich muß ja laufen, daß die Sohlen brennen.
+
+Ossa (hält ihn fest). Du kommst mir von der Stelle nicht, bis du
+mir sagst, was du für ein Geheimnis mit dir trägst. Du bist ein
+falscher Mann, du entlaufst dem Heer und deinem Weib. Du hast
+etwas verbrochen. (Boshaft.) So sag' mir's doch.
+
+Karambuco. O Götter, leiht mir einen Pfeil, daß ich ihre Sucht
+umbringe, mich zu halten. Sonne, brenn' ihr beide Arme ab! Ich
+muß ja fort, es ist ein Preis gesetzt, wer unserm König Nachricht
+bringt, ob seine Gattin lebt.
+
+Ossa. Das lügst du, unverschämter Mann, da hab' ich nicht ein Wort
+davon gehört.
+
+Karambuco. Weil du geschlafen hast.
+
+Ossa. Ich schlafe nie.
+
+Karambuco. Der Satan wacht in dir. Da komm' ich eh' von einer
+Riesenschlange los, als von dem Weib, ich muß mich gar aufs Bitten
+legen. (Kniet sich nieder, sie läßt das Kleid los und hält ihn an
+den Händen, sie knien einander gegenüber.)
+
+Karambuco. Liebe Ossa, laß mich los.
+
+Ossa. Ich kann nicht, lieber Karambuco.
+
+Karambuco (springt erzürnt auf, sie mit ihm). Verwünschtes Weib,
+was willst du denn?
+
+Ossa. Was du nicht willst, verwünschter Mann.
+
+Karambuco. Geh!
+
+Ossa. Steh!
+
+Karambuco. Ich schlag' dich tot.
+
+Ossa. Du kannst ja nicht, ich halt' dich ja.
+
+Karambuco. Das ist ein Riesenweib, sie bricht mir die Hände
+entzwei. Erinnere dich an deine Pflicht.
+
+Ossa. Des Weibes Pflicht ist, festzuhalten an dem Mann; ich halte
+fest.
+
+Karambuco. Ich komm' nicht aus mit ihr, und nicht davon. Da
+bring' ich eher einen Elefanten durch ein Nadelöhr, als dieses Weib
+zu ihrer Pflicht. O meine Aussichten--was hätt' ich auf dem Turm
+für schönes Land gesehn; jetzt seh' ich nichts, als dieses häßliche
+Gesicht. Doch wart', du sollst mich kennen lernen; nimm dich
+zusammen, Karambuco! fort mit dir, du Drachenweib! (Er schleudert
+sie mit Gewalt von sich, so daß sie über den Grenzstein fliegt und
+in einer drohenden Stellung gegen ihn auf die Erde fällt. Sie wird
+in dieser Attitüde zu einem grauen Stein, als ausgehauene Figur.)
+Was ist das? bin ich versteinert, oder ist's mein Weib? Diesmal
+ist sie's. Götter, was habt ihr für Wunder getan! Dieses Weib zum
+Schweigen zu bringen, da gehört etwas dazu. (Springt vor Freude.)
+Götter, die Freud', mein Weib ist von Stein. Ha, jetzt hab' ich
+Mut, jetzt schmäl' ich sie recht. Du Hydra, du Drache, du indische
+Mumie! (Freude.) Sie kann nichts sagen, o glückliche Ehe! Jetzt
+freut's mich erst, daß ich verheiratet bin.--So rede, wenn du
+dich traust, schlag, wenn du kannst, beiß, beiß. (Springt.) Ihr
+Götter, ich dank' euch, sie kann nimmer beißen! O du steinerne
+Bosheit, wie bist du so gutmütig jetzt. Wenn doch mancher Mann die
+Macht besäße, der Beredsamkeit seiner Frau so ein versteinerndes
+Halt zuzurufen, da kämen oft herrliche Statuen heraus. Doch ich
+verplaudere die Zeit und soll sie verlaufen. Leuchte mir, Sonne!
+(Er stellt sich zum Laufen an.)
+
+Stimme des Genius. Tritt nicht auf diesen Boden, er verwandelt
+dich in Stein.
+
+Karambuco. Bitt' um Vergebung, da spiel' ich den Krebs. (Geht
+rückwärts.) Also der Boden versteinert? --Da scheid' ich von ihm.
+--Doch, was seh' ich, was fällt mir jetzt ein! Mein ganzes
+Vermögen, was ich erspart und gestohlen, alles ist hin, sie hat
+alles im Sack und im Bündel da drin. Alles ist Stein, Weib und
+Vermögen versteinert--ich hab' alles verloren, und bin doch ein
+steinreicher Mann.
+
+
+
+Dreiundzwanzigste Szene.
+Indischer Marsch in schnellem Tempo. Hoanghu eilt an der Spitze
+seines Heeres herein. Karambuco kniet sich vor ihm nieder und hält
+ihn auf.
+
+
+Karambuco. Großer König, bleib zurück.
+
+Hoanghu. Aus dem Wege, Sklave, flieh! (Stößt ihn von sich.)
+
+Karambuco (umklammert seinen Fuß). Bei der ew'gen Sonne, bleib
+zurück, ein einz'ger Schritt bringt Tod. Sieh hier mein
+marmorerblichenes Weib. Dieser Boden lithographiert. Wer ihn
+betritt, den zieht er als Steinabdruck heraus. Laß dein ganzes
+Heer einziehen, und du wirst jeden Krieger durch ein Monument
+verewigen.
+
+Hoanghu. Zurück, du Mörder, der durch Warnung tötet, diese Grenze
+schließt Alzindens Unglück ein. Ohne sie kann ich nicht glücklich
+sein, und jedes Schicksal will ich mit ihr teilen. Nicht außer
+diesem Reiche steht mein Leben, es ist in ihm, in ihr; ich trag' es
+nicht hinüber, kann es nimmer retten, weil's mit ihr vergeht. Weg
+mit der Schale, wenn der Kern verloren ist. Ist Alzindens Herz
+versteinert, ist's doch meines nicht, und sucht ihr Grab. Mein ist
+dies Reich, und wenn's mit Unglück kämpft, so darf der König auch
+nicht fehlen. Folg', wer will. (Will über die Grenze.)
+
+
+
+Vierundzwanzigste Szene.
+Genius der Tugend tritt ihm entgegen. Vorige.
+
+
+Genius. Zurück, Hoanghu, ich befehl' es dir.
+
+Hoanghu. Wer bist du, Lichtgestalt?
+
+Genius. Ich bin die Tugend, deiner Gattin, deines Landes
+Schutzgeist. Deine Gattin hat in deinem Reich mir einen Tempel
+auferbaut, drum hat Moisasur sie verflucht, wie sie dein Traum
+gemalt, so lang, bis die Unmöglichkeit erfüllt, die zur Bedingung
+er gesetzt.
+
+Hoanghu. Das heißt, die Ewigkeit mit anderem Namen nennen.
+
+Genius. Alles kann die Gottheit wenden, und zum Werkzeug hat sie
+dich ersehen. Die höchste Probe hast du diesen Augenblick
+bestanden. Du kannst Reich und Gattin retten, weil du dein Leben
+unter deine Liebe stellst.
+
+(Genius winkt: Die Gegend verwandelt sich in einen Wolkenhain. Die
+Statue der Tugend, vor ihr ein Opferaltar. Die Geister der Tugend
+in Gruppen, im Hintergrunde eine große diamantene Sonne.)
+
+Genius. Schwöre hier, am Weihaltar der Tugend, auf ihrer Lilie
+heil'gen Kelch, daß du ihr jedes Opfer bringest, wenn sie es gebeut.
+
+Hoanghu. Ich schwör's, und wenn ich breche meinen Eid, so soll die
+Quelle meinem Durst versiegen, der Baum die Früchte selbst
+verzehren; so will ich König sein in menschenleerer Wüste, will
+schlaflos mich im heißen Sande wälzen, und wenn mein Leib an
+solcher Glut vergeht, soll die Sonne meinen Geist aus ihrem Reich
+verbannen, und Moisasur ihn an seine Ferse heften.
+
+(Hoanghu kniet, der Genius berührt sein Haupt mit der Lilie.)
+
+Genius.
+ So will ich dich durch dieser Lilie Kraft,
+Die alles Edle und Erhabne schafft,
+Zum Retter deiner Gattin weihn.
+In des Abends sanften Schein
+Wirst du wieder mich erblicken,
+Und auf leichter Wolken Rücken
+Schweb' ich mit dir eilig fort,
+Bis wir landen an dem Ort,
+Wo in unbekannter Ferne,
+Durch die Macht der bösen Sterne,
+Deiner Gattin Leiden weilen.
+Doch jetzt muß ich von dir eilen
+Und des Abgrunds Tiger wecken,
+Er muß seine Klauen strecken
+Nach der Tugend Lilienbrust;
+Bis wir sie mit Götterlust
+Allem Ungemach entrücken,
+Sie an unsern Busen drücken
+In beglückter stolzer Ruh';
+Nun leb' wohl, mein Hoanghu.
+
+
+(Genius fliegt ab.)
+
+Ende des ersten Aufzuges.
+
+
+
+Zweiter Aufzug.
+
+
+
+Erste Szene
+In Alpenmarkt. Vorsaal im Landhause des Juwelenhändlers Rossi.
+Der Hausinspektor Hänfling tritt auf mit Hausbedienten; höchstens
+sechs.
+
+
+Hänfling.
+ He, ihr Leute, schnell zur Hand!
+Eure Pflicht ist euch bekannt,
+Seid geschäftig, übt sie aus,
+Denkt, die Herrschaft ist zu Haus.
+Chor.
+ Wir sind willig, rüstig, flink,
+Und gehorchen Eurem Wink.
+
+Hänfling. Der gnäd'ge Herr ist nicht auf einige Tage aus der Stadt
+herausgefahren, er wird diesmal drei Monate in seinem Landhaus hier
+verweilen; darum nehmt euch zusammen, stoßt eure Bequemlichkeit in
+die Rippen, seid flink, damit er sieht, daß ich auf Ordnung halte,
+als Inspektor. (beiseite.) Wenn er fort ist, kann ich euch
+manchmal durch die Finger sehen, doch so lang er hier ist, muß ich
+euch auf die Finger klopfen. (Laut.) Habt ihr mich verstanden?
+
+Alle (schreien). Ja.
+
+Hänfling. So schreit nicht so und packt euch fort an eure Arbeit.
+Und wenn der gnäd'ge Herr frägt, wie man im Hause hier mit meiner
+Anordnung zufrieden ist, so antwortet als treue Diener Wahrheit und
+sagt, was ich seit vierzehn Tagen jedem eingelernt: Unser Herr
+Inspektor ist ein Engel. Dies merket euch, geht eures Wegs und
+bleibt fein dabei stehen.
+
+Ein Bedienter. Wir gehen unsres Wegs und bleiben dabei stehen.
+(Ab.)
+
+
+
+Zweite Szene.
+
+
+Hänfling (allein). Für mich gibt's nichts Bequemeres auf der Welt,
+als das Befehlen; fast jeder hat Talent dazu, der Mensch ist ein
+geborner Kommandant, am besten seh' ich das bei meiner Frau. Ich
+für meinen Teil, wenn ich nicht Inspektor wäre, ich würde mir
+wenigstens einen Jagdhund halten, damit ich zu ihm sagen könnte –
+(es wird geklopft) Herein!
+
+
+
+Dritte Szene.
+Voriger. Gluthahn. Alzinde.
+
+
+Gluthahn (hat Alzinden an der Hand, geht zur Türe herein). Euer
+G'streng' verzeihen, ich möcht'--(zu Alzinden.) So geh herein,
+mein liebe Alte, laß dich nicht so ziehen, es nützt dich nichts.
+(Zieht Alzinden herein.)
+
+Alzinde. Sklavin bin ich eines Sklaven.
+
+Hänfling. Nun, was ist das für ein Auftritt? was will das
+Lumpenpack?
+
+Gluthahn. Werden Euer G'streng' nur nicht gar so ungnädig, ich bin
+der alte Gluthahn von der Windalm hint', und möchte gern mit dem
+gnäd'gen Herrn vom Haus hier reden; er kennt mich schon, ich bin
+sein Holzlieferant, und wenn er unsre Alm besteigt, so bleibt er
+bei mir über Nacht.
+
+Hänfling (für sich). Das ist eine Bettelei. (Laut.) Er ist nicht
+hier.
+
+Gluthahn. Ei jawohl, ich hab' ihn ja am Fenster g'sehn.
+
+Hänfling. Er ist doch nicht hier, und wenn Er ihn an allen
+Fenstern zugleich gesehen hätte.
+
+Gluthahn. Ja so--(Heuchlerisch.) Bitt' gar schön, Euer G'streng',
+erlauben S' ihm's, daß er hier sein darf.
+
+Hänfling. In solchem Anzug lass' ich niemand vor. Was hast du mit
+dem Weibe da, was drückst du ihr die Hände so zusammen?
+
+Alzinde (welcher Gluthahn mit der linken Hand beide Hände
+zusammenklammert und sie so hält, spricht unruhig). O Fremdling,
+nimm dich meiner an.
+
+Gluthahn (heimlich zu ihr). Wann's du was sagst zu ihm, ich bring'
+dich um.
+
+Alzinde (reißt sich los von ihm und stürzt zu Hänflings Füßen).
+Laß mich--(zu Hänfling) Fremdling, höre mich.
+
+Hänfling (stößt sie von sich). Was willst du, schmutz'ge Bettlerin?
+
+Alzinde (steht plötzlich stolz auf). Nichts von dir, gar nichts,
+Freund. Ich habe dich verkannt. (Setzt sich in einen Stuhl und
+seufzt.) Ach! (verhüllt ihr Antlitz.)
+
+Gluthahn (schadenfroh). Das ist dir recht g'sund.
+
+Hänfling. Was will das Weib?
+
+Gluthahn. Mit Ihrem gnäd'gen Herrn möcht' s' reden.
+
+Hänfling. Das kann nicht sein, packt euch jetzt fort, er ist nicht
+hier.
+
+Gluthahn. Er wird gleich kommen. Euer G'streng' haben ein kaltes
+Gemüt, ich seh's schon, ich werd' Euer G'streng' so sechs Stoß
+harts Holz hereinführen, das gibt eine rechte Glut, da taut der
+Mensch schon auf. (Fein.) Euer G'streng', mir scheint, ich hör'
+ihn reden drin, auf die Letzt ist er doch zu Haus.
+
+Hänfling. Das ist nicht möglich. (Geht an die Tür und sieht
+hinein.) Meiner Seel, er ist zu Haus. Wie man sich irren kann.
+Ich will jetzt für Ihn sprechen; doch, daß Er sich nicht untersteht
+und schickt mir einen Splitter Holz, ich lass' mich nicht bestechen.
+ Wenn Er es morgen bringen will, so lass' Er sich den Keller
+zeigen und leg' Er es hinein, ich will nichts davon wissen.
+(Abgehend.) Das ging mir ab, das wär' nicht schlecht. (Ab.)
+
+Gluthahn. Ah, ist ein Ehrenmann, der Herr Inspektor, aber so sechs
+tüchtige Stöße, die bringen einen schon vorwärts bei ihm. Nun, was
+schaffst denn du, mein altes Kapital?--Wenn ich s' nur zum Weinen
+bringen könnt'.
+
+Alzinde. Mensch, was hast du mit mir vor? Welch böser Geist
+bestimmt dich, so an mir zu handeln?
+
+Gluthahn. So sei nur nicht so kindisch, liebe Alte, du verkennst
+mein Herz, ich mein's ja gut mit dir, du kriegst das schönste Leben.
+ Sei still, der gnäd'ge Herr.
+
+
+
+Vierte Szene.
+Vorige. Rossi.
+
+
+Rossi. Ah, mein alter Gluthahn, was bringt Ihn zu mir?
+
+Gluthahn (küßt ihm die Hand). Ich küss' die Hand, Euer Gnaden,
+vieltausendmal.
+
+Rossi. Wie geht's zu Haus, was macht die Frau?
+
+Gluthahn. I mein, allweil kränklich ist sie halt!
+
+Rossi. Nu, da muß Er Geduld mit ihr haben.
+
+Gluthahn. I du lieber Himmel, mein Herz, Euer Gnaden wissen's ja,
+wir leben, wie die Kinder, ich gib ja acht auf sie, wie auf mein'
+Augapfel. Was s' braucht, das hat s', ich opfre mich ganz auf für
+sie.
+
+Rossi. Brav, das macht Seinem Herzen Ehre. Wer ist denn diese
+Alte da?
+
+Gluthahn. Das ist ein ganz besondres Weib, Euer Gnaden, ein
+solches hat noch nie g'lebt. (Zu Alzinde mit falscher
+Freundlichkeit.) Geh, setz' dich nieder, liebe Alte. (Führt sie an
+einen Stuhl, dann heimlich zu Rossi.) Die möcht' ich gern an Euer
+Gnaden verkaufen.
+
+Rossi. Das alte Weib? das wär' ein schöner Kauf.
+
+Gluthahn. Die ist vernünftiger als eine Junge,--wenn eine Junge
+weint, so braucht sie etwas, und wenn die Alte weint, so bringt s'
+noch etwas. Das alte Weib weint Diamanten.
+
+Rossi. Diamanten? Bist du ein Narr?
+
+Gluthahn. Versteht sich, in mein' Sack; Euer Gnaden werden's
+gleich sehen, ich lasse s' jetzt Prob' weinen, augenblicklich.
+Euer Gnaden rechnen aus, was die ganze Weinerei wert sein kann,
+geben mir alle Jahr einen Teil davon, kein Mensch braucht was zu
+wissen, und der Handel ist geschlossen.
+
+Alzinde (die gehorcht). Entsetzlich!
+
+Rossi (beiseite). Der Kerl ist ein Betrüger. (Laut.) Wie kommst
+du zu dem Weibe?
+
+Gluthahn. G'funden hab' ich sie drauß im Wald.
+
+Alzinde (springt auf). Du lügst, der Bösewicht hat mich geraubt.
+
+Rossi. Welch' jugendliche Stimme, welche Haltung?
+
+Gluthahn (heftig). Bist still, du--(Faßt sich plötzlich.) Setz'
+dich nieder, liebe Alte. (Zu Rossi.) Mein, s' ist verrückt, sie
+weiß nicht, was sie redt; das macht Euer Gnaden nichts; wenn s'
+auch dumm redt, wenn s' nur vernünftig weint.
+
+Rossi (beiseite). Ich muß klar sehen in der Sache. (Laut.) Gut,
+überzeuge mich von deinen Worten, wir wollen sehen, was zu machen
+ist.
+
+Gluthahn. Euer Gnaden kaufen s' also? Hollah! jetzt geht's recht.
+ Jetzt nimm dich zusammen, Alte, wein', was Zeug hält.
+
+Rossi. Weint sie denn, so oft sie will?
+
+Gluthahn. Nu, das will ich hoffen, das ist ihr schönste
+Unterhaltung. Nicht wahr, mein' liebe Alte, du weinst uns schon
+ein Stückl, kriegst hernach einen Zucker. Nicht wahr, Euer Gnaden,
+ein' Zucker. (heimlich zu Rossi.) Auf den Zucker geht s' wie ein
+Kanari.
+
+Alzinde (steht auf). Gemeiner Sklav', auf den die Sonne mit
+Verachtung schaut, und dessen Anblick mein Gefühl empört, wie
+hoffest du ein Aug' zu finden in der Welt, das sich mit Tränen für
+dich füllt? Für dich darf keine Träne fließen, selbst an deinem
+Sarge nicht, denn die Götter sind gerecht.
+
+Rossi. Welch eine edle Sprache führt dies Weib!
+
+Gluthahn. Sie ist närrisch, Euer Gnaden; sie weint uns doch noch.
+
+Alzinde. Ich habe dich gelabt, und du hast unbarmherzig mich
+gebunden und hierher geschleppt.
+
+Gluthahn. Ist alles erlogen, Euer Gnaden, mein Herz laßt so was
+gar nicht zu.
+
+Rossi (beiseite). Sonderbarer Vorfall.
+
+Gluthahn. Jetzt frag' ich dich zum letztenmal, ob du weinen
+willst? (beiseite.) Wenn ich sie nur recht kranken könnt'. (Laut.
+) Da schauen s' Euer Gnaden nur an, wie erbärmlich sie nur dasteht,
+diese miserable Figur. Die rote Nase und die hunderttausend Falten,
+ als wenn s' für jede Sünd' ein Strichel hätt' im G'sicht. Und
+Augen hat s' als wie eine Katz'. Pfui Teuxel! (boshaft lachend.)
+Ha, ha, ha, ich tät' mich schämen. (Leise zu Rossi.) Helfen Euer
+Gnaden mit, machen wir sie marb', damit sie weint.
+
+Rossi (empört beiseite). Das ist ein niederträchtiger Bube, kaum
+halt' ich mich zurück.
+
+Alzinde (ergreift Gluthahns Hand und spricht mit Würde). Komm her,
+es lohnt die Müh', dich näher zu betrachten. Sag' mir, bist du
+denn wirklich ein Geschöpf, gebaut in seinem Innern, wie der edle
+Mensch? O Sonne, sende deinen Blitz und spalte diese Felsenbrust,
+damit mein Blick zu seinem Herzen kann gelangen, ob es die Form hat
+eines menschlichen?--Götter, stärket meinen Geist, damit ich mich
+an eurem Werke nicht versünd'ge und diese Menschen hier für redende
+Hyänen halte.
+
+Rossi. Wenn so der Wahnsinn spricht, tausch' ich meinen Verstand
+dafür ein.
+
+Gluthahn. Das ist ein schreckliches Weib, ich komm halt nicht zum
+Zweck! Wenn du mir jetzt nicht weinst, so nimm ich dich mit fort
+und sperr' dich ein, so lang du lebst. Sieh meinen Zorn, schau her,
+ er brennt, Wasser brauch' ich, lösch', lösch', mit zwei Tropfen
+kannst dich retten. Nicht? so komm mit mir, in den tiefsten
+Keller wirf ich dich hinunter, kein' Sonn' soll auf dich scheinen
+mehr. (Er will sie fortziehen.)
+
+Rossi (springt dazwischen). Laß sie los, du Schurke! (Packt ihn
+an der Brust und schleudert ihn von ihr, springt an den Glockenzug
+und reißt heftig an, man hört stark läuten, zwei Bediente springen
+augenblicklich herein. Rossi sagt einem heftig etwas ins Ohr,
+worauf der Bediente schnell abläuft.)
+
+Rossi (stark). Augenblicklich, hörst du, schnell!
+
+Alzinde (wie rasend, sinkt auf die Knie). Sonne, wenn in diesem
+Augenblick du deinen Donner schmettern willst auf dies
+verräterische Haupt, so rufe ihn zurück, und lasse meine Stimme
+dafür gelten, damit du sie auf deinem Throne hörst. Straf' nicht
+durch Tod, vielleicht ist er noch zu bekehren; durch Reichtum
+strafe seine Habgier; setz' ihn auf eine öde Insel hin, doch außer
+dieser Welt, damit sein Rufen nicht zu dir, nicht zu den Menschen
+dringt. Dort wohne er in einem silbern' Haus, mit einem Dach von
+Edelstein; schenk' ihm ein Kornfeld, das von goldnen Ähren strotzt,
+damit sein Geiz sich daran labe. Jede Blume, jedes Laub sei von
+Smaragd, die Früchte von Rubin, die Bäche von Kristall, damit ihn
+nichts erquicke, als ihr Anblick. Dann lasse wüt'gen Hunger in
+sein Eingeweide ziehn, den Durst von Fischen, die auf trocknem Land
+vergehn, bis er ermattet niedersinkt auf sein smaragdnes Grab, und
+seine Zunge lechzt nach einem Tropfen Tau; dann erst erfülle seinen
+jetz'gen Wunsch, und ström', statt milden Regens, diamantnen Hagel
+auf sein eigensinnig Haupt, damit er fühlt, wie unglücklich der
+Überfluß an Reichtum macht und von dem Wahn genest, der ihn zum
+Bösewicht geprägt. (Strebt die Arme gen Himmel.) Sonne, höre mein
+Gebet.
+
+Rossi. Abscheulicher Auftritt!
+
+
+
+Fünfte Szene.
+Vorige. Bediente. Vier Gerichtsdiener.
+
+
+Bedienter. Die Wach' ist hier.
+
+Rossi. Ergreift sie beide, diesen Bauer und dies Weib, vors
+Gericht mit ihnen, unterdessen geh' ich zum Justiziär. (Schnell ab.
+)
+
+Gerichtsdiener (beide ergreifend). Fort mit euch!
+
+Alzinde (freudig). Die Götter sind gerecht!
+
+Gluthahn. So kommt man mit sein' guten Herzen an!
+
+(Alle ab.)
+
+
+Sechste Szene.
+(Das Reich der Vergänglichkeit.)
+
+(Der Vordergrund ist eine finstere Säulenhalle aus schwarzem Marmor.
+ Rechts von der Bühne das kolossale eherne Eingangstor zum Palaste
+des Genius der Vergänglichkeit. Im Hintergrunde wogt ein
+dunkelblaues Meer, magisch erleuchtet. An seinem Ufer steht auf
+einem dunklen Felsstücke ein grauer Schatten und schaufelt
+Lorbeerkränze, Kronen, Myrtenkränze, Perlen, Schmuck, Geldsäcke,
+Poesien usw., die auf einem Haufen liegen, langsam in das Meer.
+Quer über die Bühne begrenzen es als Hintergrund schwarze
+Zackenfelsen, und über diese leuchtet in der Ferne die Morgenröte
+der Ewigkeit hervor. Von diesem Punkte aus hört man leis ertönend
+einen Chor von Genien.)
+
+Chor.
+ Heil dem ew'gen Himmelslichte,
+Heil dem unnennbaren Geist,
+Heil, Heil, Heil!
+
+(Der Genius der Tugend tritt mit dem Lilienstengel unter dem Schluß
+des Chores von der linken Seite ein.)
+
+Genius. Niedersteig' ich zu Alzindens Rettung in dies
+lichtberaubte Reich, und begrüß' zum erstenmal das schaurige
+Gestade dieses unermessnen Meeres, Vergänglichkeit genannt. Sag'
+an, du fleißiger Geselle, was schaufelst du dort auf und senkst es
+in den Grund des Meeres?
+
+Schatten (mit dumpfer Stimme). Lorbeern sind's und eitle Schätze,
+so die Welt für unvergänglich hält.
+
+Genius der Tugend. Und wo haust der düstre Krösus dieser Gruft,
+der stolze Erbherr alles Seins?
+
+Schatten. Er sitzt dort in jener Marmorhalle, sinnend auf den
+Untergang der Zeit.
+
+(Der Schatten entfernt sich über den Fels in die Szene.)
+
+Genius der Tugend. So will ich ihn aus diesem Traum erwecken, der
+verderbenbringend ist.
+
+
+
+Siebente Szene.
+Dumpfe Musik. Eine Schar Geister, in graues faltiges Gewand
+gehüllt, mit Sensen, zieht über die Bühne, und spricht folgenden
+Chor:
+
+
+Chor.
+ Lustig vorwärts, muntre Brüder,
+Denn die Zeit steht nimmer still.
+
+
+Genius der Tugend. Sag' an, wo eilst du hin, du nächtlich wildes
+Chor?
+
+Erster Schatten.
+ Wir sind ein lustig Schnittervolk
+Und ziehen nach der Welt.
+Fleißig sind wir Tag und Nacht,
+Mähen Jung und Alt.
+
+Genius. Und seid ihr froh bei solchem Dienst?
+
+Erster Schatten. Wir haben einen harten Herrn, der niemals
+freundlich blickt, doch sind wir fröhlich, herzensfroh. Lustig,
+Kinder, auf die Welt. Es leb' die Pest! Es leb' der Krieg!
+
+(Sie ziehen ab, Raben fliegen hinten drein: Qua, qua!)
+
+Genius der Tugend. Zieh hin, du grauser Bienenschwarm, bring'
+Lebenshonig heim, ich suche deinen Weisel auf. (Er schlägt dreimal
+mit der Lilie an das Tor, bei jedem Schlag ertönt es mächtig von
+innen.) Heraus aus deinem finstren Haus, du Schreckensfürst, der
+die Vernichtung in dem Wappen führt.
+
+(Die Pforte springt donnernd auf, der Genius der Vergänglichkeit
+tritt heraus, ein finstrer stolzer Mann, trägt lange schwarze
+Tunika, er hat ein bleiches Antlitz, schwarzes Lockenhaar, keinen
+Bart, eine eherne Schlange um das Haupt.)
+
+
+
+Achte Szene.
+Genius der Tugend und Genius der Vergänglichkeit.
+
+
+Genius der Vergänglichkeit. Wer gab dir Macht, an diese Pforte
+anzuschlagen?
+
+Genius der Tugend. Ich grüße dich, du Riesenengel, dem die Welt
+erbebt, und der sie einst mit ehrner Faust zerschlägt.
+
+Genius der Vergänglichkeit. Was willst du hier? Warum erglänzt
+dein Strahlenleib in diesem Tal der Finsternis?
+
+Genius der Tugend. Siehst du über jenem Zackenfels, der dunkeln
+Grenze deines Moderreichs, die ew'ge Morgenröt' erglühn? Dort ist
+der Tugend Vaterland, der Thron des großen Geists, und ich ein
+Bürger seines Staats.
+
+ Aus dem hohen Wunderland
+Bin ich zu dir hergesandt;
+Du sollst von Moisasurs Bann
+Indiens Herrscherin befrein.
+Nur in deinen Armen kann
+Sich ihr Lebensglück erneun.
+Genius der Vergänglichkeit.
+ Sprichst du irre, kannst du hoffen,
+Leben aus dem Tod zu ziehn?
+Stehn der Hölle Himmel offen?
+Macht Verwesung Blumen blühn?
+Genius der Tugend.
+ Ich will heut ein Schauspiel geben,
+Dem sich keines noch verglich;
+Wo der Tod gewinnt das Leben,
+Diese Rolle lehr' ich dich.
+Genius der Vergänglichkeit.
+ Willst du mich zum Gaukler dingen,
+Mich, den allgewalt'gen Tod?
+Genius der Tugend.
+ Ich will dich zur Milde zwingen,
+Durch des Himmels Machtgebot.
+Genius der Vergänglichkeit.
+ Wer sagt, daß ich schrecklich bin?
+Um sein Leben zu verbittern,
+Stellt der Mensch mit bangem Zittern
+Düstre Bilder von mir hin.
+Schrecklich bin ich nur den Bösen,
+Doch den Guten bin ich's nicht!
+Bin ein Wort von ernstem Wesen,
+Das Bestimmung zu ihm spricht.
+Doch wie kannst du's, Lichtwurm, wagen,
+Zu befehlen mir, dem Tod?
+Genius der Tugend.
+ Dies wird dir dein Meister sagen,
+Der dort thront im Morgenrot.
+(Schrecklicher Donnerschlag.
+Eine Stimme ertönt von oben.)
+ Gehorche, Sklav!
+Die Ewigkeit befiehlt.
+Leiser Chor der Genien.
+ Heil! Heil! Heil!
+Genius der Vergänglichkeit.
+ Sturmesworte hör' ich sausen,
+Widerstand ist mir geraubt,
+Und vor seines Donners Brausen
+Beug' ich mein gekröntes Haupt.
+(Kniet und beugt sein Haupt.)
+Genius der Tugend (seinen Blick erhebend).
+ Laß mich deine Strahlen küssen,
+Sonne, die du es gefügt,
+Daß der Tod zu meinen Füßen,
+Wie ein Lamm geschmeidig, liegt.
+Genius der Vergänglichkeit (steht auf).
+ Dein Befehlen zu vernehmen,
+Lad' ich, Seraph, dich ins Haus;
+Willst du dich dazu bequemen,
+Eil' ich deinem Schritt voraus.
+(Bleibt in erwartender Stellung.)
+Genius der Tugend.
+ Komm, du Herrscher finstrer Geister,
+Führ' mich in dein nächtlich Haus,
+Dort verleugn' in dir den Meister,
+Zeichne dich als Schüler aus;
+Zeig' dem Laster, das der Jugend
+Leben stiehlt mit arger List,
+Daß die Kraft der edlen Tugend
+Über dich erhaben ist.
+
+(Genius der Tugend geht voraus. Genius der Vergänglichkeit folgt.)
+
+
+
+Neunte Szene.
+(Gerichtssaal in Alpenmarkt.)
+Der Amtmann, ein Aktuar und Rossi treten ein.
+
+
+Amtmann. Das ist ein ganz besondrer Vorfall. Den Gluthahn kenn'
+ich schon, das ist der abgefeimtste Schurke, den ich je gesehn, da
+muß man rasch verfahren.
+
+Rossi. Die Zeugen kommen uns gerade recht, sie beschleunigen die
+Sache.
+
+Amtmann. Wollen Sie sich nicht gefälligst setzen?
+
+Rossi (setzt sich). Danke.
+
+Amtmann (läutet, Gerichtsdiener erscheint). Den Steinbrecher und
+sein Weib. (Diener ab.) Das sind zwei herzensgute Leute, und so
+gewissenhaft, wie eine Wage; ihrer Aussage kann ich vollkommen
+glauben.
+
+
+
+Zehnte Szene.
+Vorige. Hans und Mirzel treten furchtsam ein.
+
+
+Amtmann. Jetzt kommt her, ihr guten Leute, und gebt genau und
+umständlich zu Protokoll, wie sich die ganze Sache zugetragen hat.
+(Zum Aktuar.) Setzen Sie Ihre Feder in Bewegung.
+
+Hans. Sehr wohl, Euer Gnaden, Herr Amtmann! Sehen Euer Gnaden,
+Herr Amtmann; Mein liebs Weiberl da will nicht gern auf in der
+Früh', da hab' ich den Morgen zu ihr g'sagt; liebe Mirzel, steh
+doch auf, wir müssen dem Herrn Amtmann die Steuer nach Alpenmarkt
+tragen. Da sagt sie ja und kehrt sich nochmal um –
+
+Amtmann. Ja, lieber Freund, das dauert mir zu lange.
+
+Mirzel. Euer Gnaden, Herr Amtmann verzeihen, daß ich so mitten ins
+Protokoll hineinfall', aber was mein Mann zusammenredt, das
+begreift kein Mensch, viel weniger der Herr Amtmann, mit Respekt zu
+sagen.--Die Sach' war so: Wie wir gestern morgen dem Herrn
+Amtmann unsre Steuer bezahlt haben, sind wir auf unsre Alp' zurück,
+und haben dort das alte Weib bei unsrer Hütte liegen g'funden, ganz
+betrübt und scheu, weil s' der Gluthahn fortg'jagt hat; endlich
+haben wir s' getröstet und sie hat uns erzählt, sie wär' eine
+verwunschene Prinzessin aus--du, wie heißt das Land?
+
+Hans. Aus Indien, hat sie g'sagt, dort hat s', glaub' ich, einen
+Gemahl und ein Volk. Drauf hat sie uns gebeten, wir möchten sie
+bei uns behalten und ernähren, sie will uns dafür etwas weinen, und
+wie mein Weib eine so schöne Schilderung von mir g'macht hat, so
+hat sie sich an ihren Herrn erinnert und hat in diamantne Tränen in
+mein' Hut hineing'weint.
+
+Amtmann. Wo hat Er diese Tränen?
+
+Hans. Ich hab' s' im Sack, Herr Amtmann.
+
+Amtmann. Geb Er sie heraus. (Hans gibt sie her--zu Rossi.)
+Wollen Sie dieselben wohl besehen?
+
+Rossi. Mit Vergnügen. (Besieht sie.) Das sind echte Diamanten.
+
+Amtmann. Ist das möglich? Diamanten? Gleich ins Protokoll damit.
+ Vorher nachgezählt, wie viel es sind.
+
+Aktuar. Es sind sechzehn Stück.
+
+Mirzel. D'rauf haben wir das alte Mütterl in unsre Hütten g'sperrt
+und sind in den Steinbruch hinaus, doch in einer halben Stund'
+kommt des Gluthahns Weib halbtot und lamentiert, daß ihr Mann mit
+einem alten Weibe auf dem Wagen über Stock und Stein davon g'fahren
+ist, und wir möchten nachlaufen und sehen, was er denn vorhätt';
+denn ein Kohlenbauer wär' ihm auf der Alpenmarkt-Straßen begegnet –
+und wie sie so lamentiert, wird ihr nicht gut und sie fallt uns in
+d' Arm' und stirbt.
+
+Aktuar (hat geendet). Punktum. Sand auf sie.
+
+Hans. Dann haben wir sie zum Bader ins Dorf hinunter 'tragen, und
+der hat g'sagt, sie wär' am Schlag gestorben.
+
+Mirzel. Dann sind wir nach Alpenmarkt herg'laufen, wo wir vor
+einem Haus dem Gluthahn sein Leiterwagen stehen g'sehn haben, und
+da haben wir einen Herrn g'fragt, der die Pferde g'halten hat, ob
+der Gluthahn bald kommt; so sagt der, er kommt gleich, er ist im
+Arrest. Darauf sind wir zum Herrn Amtmann gegangen, und das ist
+die ganze G'schicht'.
+
+Amtmann. Könnt ihr darauf schwören?
+
+Hans. Herr Amtmann, alle Tag'.
+
+Mirzel. Und alle Stund', wenn's sein muß.
+
+Amtmann. Tretet seitwärts unterdessen.
+
+(Beide stellen sich auf die Seite.)
+
+Amtmann (zum Gerichtsdiener). Den Bauer. (Diener ab.)
+
+Rossi. Jetzt werden Sie den Heuchler sehen.
+
+Amtmann. Ich kenn' ihn schon.
+
+
+
+Elfte Szene.
+Vorige. Gluthahn.
+
+
+Gluthahn (fällt auf die Knie). Euer Gnaden, Herr Amtmann, ich bin
+unschuldig.
+
+Amtmann. Das wird sich zeigen. Steh auf. Warum bist du hier?
+
+Gluthahn . Weil ich unschuldig bin, Euer Gnaden, Herr Amtmann.
+
+Amtmann. Woher hast du das Weib, das du Herrn von Rossi verkaufen
+wolltest? Wenn du lügst, wirst du gezüchtiget.
+
+Gluthahn. Der Himmel ist mein Zeug', ich hab' sie im Wald drauß'
+g'funden und hab' s' herflattiert.
+
+Rossi. Das ist Unwahrheit, ich selbst bin Zeuge, wie das Weib mir
+sagte, du hättest sie geraubt, gebunden und zu mir geschleppt.
+
+Gluthahn. Mein', mein', Euer Gnaden, wie man das nimmt, mit ein'
+jedem Weibsbild ist's eine Schlepperei, weil sie nicht so schnell
+kann gehn, als wie ein Mann, und das ganze Weib kann gegen mich
+nicht zeugen, die g'hört in' Narrenturm und nicht vors Gericht. Ja,
+ so viel kenn' ich schon, Euer Gnaden, wenn ich auch kein Juri hab'
+und kein Just nicht.
+
+Amtmann. Also im Walde hast du sie gefunden? Um welche Zeit?
+
+Gluthahn. Um neun Uhr, Euer Gnaden.
+
+Amtmann (zu Hans). Hervor!--Wann hast du das Weib in deiner
+Hütte verlassen?
+
+Hans. Um neun Uhr, Euer Gnaden.
+
+Amtmann (zu Gluthahn). Also hast du gelogen?--Gerichtsdiener, he!
+
+Gluthahn (mit Angst). Nein, halten Euer Gnaden, ich hab' nicht
+g'logen, sie war in der Hütten, aber die Hütten steht ja im Wald,
+so hab' ich sie ja g'funden im Wald.
+
+Amtmann. Wart', du abgefeimter Schurke.--Du hast sie also aus
+der Hütte geraubt, auf den Wagen gebunden und hierher geführt?
+
+Gluthahn. Euer Gnaden, das brächet ja mein Herz, ich hab' s' nur
+auf den Wagen hinauf g'hoben, weil s' all's zu schwach war, das
+arme Weib, mir hat s' erbarmt; doch bunden hab' ich's nicht, ich
+werd' doch nicht ein solcher Unmensch sein. Da verdienet ich ja,
+daß mir Euer Gnaden einen hölzernen Haarzopfen anhängen ließen.
+
+Rossi (zum Amtmann). Was meint er da?
+
+Amtmann. Den Galgen meint er, den er lang verdient. (Läutet.) Den
+Kohlenbauer herein.
+
+
+
+Zwölfte Szene.
+Vorige. Ein Kohlenbauer.
+
+
+Amtmann. Hast du den Mann gesehen am Ausgange des Waldes, wie er
+das alte Weib vom Wagen losgebunden hat?
+
+Kohlenbauer. Ja ja, der ist's, den hab' ich g'sehn, gestrenger
+Herr Amtmann, ich hab' ihm noch zug'rufen, was er da macht, da hat
+er g'sagt, wenn ich ihn verrat', so schlagt er mich tot. Darauf
+kann ich schwören.
+
+Gluthahn. Aber Euer Gnaden, das ist a Verschwärzung, wie man s'
+nur von einem Kohlenbrenner erwarten kann. Losbunden hab' ich s',
+das ist wahr, doch bunden hab' ich s' nicht.
+
+Amtmann. Wer hat sie denn gebunden?
+
+Gluthahn. Sie hat sich selbst bunden, Euer Gnaden, damit sie nicht
+herunter fallt, das arme Weib, ich hab' ihr nur meine Halsbinden
+g'liehn dazu.
+
+Amtmann. Aber du hast ihr doch hilfreiche Hand geleistet, denn
+selber konnte sie das nicht, das hast du doch getan, nicht wahr?
+
+Gluthahn. Mein, Euer Gnaden, man unterstützt ja doch seinen
+Nebenmenschen, wenn er so was vorhat, und mein Herz, Euer Gnaden,
+sie hat mir so erbarmt, g'holfen hab' ich ihr, doch bunden hab' ich
+s' nicht, das sag' ich gleich im voraus, Euer Gnaden, das wär'
+gefehlt, das weiß ich schon.
+
+Amtmann (zu Rossi laut). Es scheint doch, daß er unschuldig ist.
+
+Gluthahn (für sich). Ich lüg' mich schon heraus.
+
+Amtmann. Du hast sie dem Herrn von Rossi verkaufen wollen, billig,
+nicht wahr? Du sagst ja, das ließ' schon dein Herz gar nie zu.
+
+Gluthahn. Ich hab' ein einzig Herz, ich hab' das Weib versorgen
+wollen, Euer Gnaden, drum hab' ich sie dem gnäd'gen Herrn bracht,
+und hab' ihn nur um ein Trinkgeld beten. Nicht wahr, mein lieber
+gnäd'ger Herr? (Leise zu Rossi.) Helfen mir Euer Gnaden, ich
+schenk' Ihnen meinen besten Acker dafür.
+
+Rossi. Du wagst es, mir solch einen Antrag zu tun, du Schurke?
+Hast du die Alte nicht in meiner Gegenwart mißhandelt? nicht mit
+mir abgehandelt und mir ihren Schmerz verkauft? Dich soll man so
+lange hauen, bis dir Diamanten vor den Augen flimmern.
+
+Gluthahn. So ist denn alles gegen mich verschworn? nun geh's,
+wie's will, jetzt sag' ich nimmer nein, ich sieh's, ein
+rechtschaffner Mann, wie ich bin, hat kein Glück.
+
+Amtmann. Du bist ein Räuber, bist ein Schurke und wirst im
+Gefängnis büßen. Fort mit dir.
+
+(Gerichtsdiener ergreifen ihn.)
+
+Gluthahn. Hans, mein Weib soll auf meine Wirtschaft schaun.
+
+Hans. Dein Weib ist tot. Heut früh ist s' g'storben.
+
+Gluthahn. Das ist ein Leichtsinn ohnegleichen; stirbt das Weib und
+ist kein Mensch im Haus. Jetzt tragen sie mir das ganze Geld davon.
+
+Amtmann. Das wird dir das Gericht bewahren. Fort mit ihm!
+
+Gluthahn. Ein jeder Pfennig brennt auf ihrer Seel'. Ich
+unglücksel'ger Mensch, hätt' ich nur mit kein' alten Weib was
+ang'fangt.
+
+(Wird abgeführt.)
+
+Amtmann. Das ist ein schlechter Kerl, einen solchen gibt's nicht
+mehr. (Zum Kohlenbauer.) Du kannst jetzt gehn.
+
+(Kohlenbauer ab.)
+
+Amtmann (zum Gerichtsdiener). Die Alte bringt! (Diener ab.)
+
+Amtmann (zu Rossi). Wenn Sie Geschäfte rufen –
+
+Rossi. Nein, das ist mir äußerst merkwürdig.
+
+
+
+Dreizehnte Szene.
+Vorige. Alzinde.
+
+
+Hans. Sieh nur, Mirzel, unser fürstliches Mütterl.
+
+Mirzel. Wenn ihr nur nichts g'schieht, mir ist recht bang um sie.
+
+Amtmann. Du stehst hier vor dem Amtsgericht. Wie heißest du?
+
+Alzinde. Alzinde heiß' ich.
+
+Amtmann. Wo geboren?
+
+Alzinde. Indien ist mein Vaterland.
+
+Amtmann. Wie alt?
+
+Alzinde. Zwanzig Jahre kaum vorüber.
+
+Amtmann. Ha! Ha. (Zu Rossi.) Ich muß lachen.
+
+Aktuar. Das sieht man ihr nicht an, für achtzehn hätt' ich sie
+gehalten.
+
+Alzinde. O spotte nicht des Alters! Achtung jedem Menschen, der
+mit Ehren trägt den Orden hoher Jahre, womit die edle Zeit die
+Mäßigkeit belohnt.
+
+Amtmann (verwundert). Das ist ein Wahnsinn von nobelster Gattung.
+
+Rossi. Sie dauert mich!
+
+Mirzel. Armes Mutterl!
+
+Amtmann. Was treibst du für Geschäfte?
+
+Alzinde. Wenn Jammer ein Geschäft ist, treib' ich das.
+
+Amtmann. Bist du verheiratet?
+
+Alzinde. Ich bin es, mein Gemahl ist Hoanghu, der König eines
+mächt'gen Reichs.
+
+Amtmann (schüttelt den Kopf). Eigene Ideen. Wie kommst du ins
+Gebirg'?
+
+Alzinde. Warum ersparst du dir die Frage nicht, wenn du der
+Antwort Unwert kennst? Warum besprichst du mit dem Wahnsinn dich?
+Wirst du mir glauben, wenn ich dir entdecke, daß mich ein böser
+Geist mit einem Zauber hat belegt, der mir mein Reich verschließt
+und unter euch mich elend macht?
+
+Amtmann. Sie klagt sich selbst der Zauberei an, diese Hexe.
+Kennst du diese beiden? (Auf Hans und Mirzel.)
+
+Alzinde (stürzt freudig auf sie zu). Meine Wohltäter! Ob ich sie
+kenne, fragst du mich? Mir ist, als wenn ich in Arabiens Wüste
+zwei fruchtbeladne Bäume fände, deren Schatten mich erquickend
+kühlt. Ihr guten Menschen, wüßtet ihr doch, was ich alles hab'
+gelitten, seit man mich von euch gerissen hat.
+
+Mirzel. Du gute Alte.
+
+Hans. Sei die Fürstin nicht so traurig.
+
+Amtmann. Das ist ein sonderbares Weib. Hierher tritt! (Zeigt ihr
+die Diamanten, die auf einer Tasse liegen.) Sag', gehören diese
+Tränen deinen Augen, hast du sie geweint?
+
+Alzinde. Wer gab euch diese Wundertränen? Nein, so war es nicht
+gemeint; euch sind sie nicht geweiht. Ihr Ärmsten, hat man euch
+entrissen, was die Dankbarkeit euch gab? O harter Mensch, gib sie
+zurück, ich bitte dich, denn du verkennest ihren Wert. Was soll
+die Träne dir, ach du verstehst dich nicht darauf, gib sie zurück,
+mach' mich nicht gar so arm und bring' dies Aug' nicht um sein
+schmerzlich Eigentum.
+
+Amtmann. Zaubertränen sind's, ich brauche nur ein Ja von dir.
+Kannst du solche Tränen weinen?
+
+Alzinde. Nein, dies wirst du nicht erleben, eh brenn' ich diese
+Augen aus mit glühndem Stahl. Rühren soll die Träne, dazu hat die
+Sonne sie bestimmt, und könnt' ich sie auf eure Herzen weinen, so
+fiele Stein auf Stein und bliebe wirkungslos.
+
+Amtmann. Ich brauche deine Tränen nicht, ich will Geständnis, klar
+und deutlich: ob du sie geweint?
+
+Alzinde. Du brauchst sie schon, du heuchelst nur. Wenn euer Geiz
+hier Tränen preßt aus des Bedrückten Auge, deren Wert nur in der
+Größe ihrer Wehmut liegt; wie unendlich muß die Wollust sein, mit
+der ihr diamantne fallen seht!
+
+Amtmann. Vergiß die Achtung nicht, die du mir schuldig bist.
+(Sehr zornig, doch durchaus edel.) Sie ist wahnsinnig, der Satan
+spricht aus ihr. Zum letzen Mal, hast du die Tränen hier geweint?
+Wenn du nicht antwortest, so werd' ich dich anders behandeln.
+
+Alzinde (fährt empor). Anders? (Stolz.) Vergiß dich nicht, du
+Sklave, denke, ich bin eine Königin! (Sinkt in einen Stuhl, an dem
+sie steht.) Ach--(matt) ich war eine Königin, du beweisest mir,
+daß ich es nicht mehr bin. Nicht länger will ich mich entweihn.
+(Mit Nachdruck.) Ja, ich habe sie geweint, ich schwör' es bei der
+ew'gen Sonne dir.
+
+Amtmann. So beweisest du mir, daß du eine Hexe bist. Ins
+Gefängnis fort, das Landgericht wird bald dein Urteil fällen, und
+vielleicht ist schon die nächste Sonne, die dein Blick begrüßet,
+auch die letzte, die dir scheint. Verstehst du mich, verwegnes
+Weib?
+
+Alzinde. Ha! seht den stolzen Pfau, wie er mit schönen Federn
+prahlet, und wie so häßlich seine Stimme tönt. Leb' wohl und
+glaube nicht, du hattest mich gerichtet; die Götter sind's,
+
+und du ein Werkzeug ihres großen Plans. Darum vergeb' ich dir, du
+übtest deine Pflicht, du hast mich nur verkannt. Und nun erlaube
+mir, daß ich zu diesen sprechen darf, zu diesen, deren schlichtes
+Kleid ein Herz bedeckt, das sich die Tugend hat zum Heimatland
+erwählt. Wie soll ich euch, ihr Teuren, danken, daß ihr mich
+aufgenommen und getröstet habt, als mich die Grausamkeit von ihrer
+Schwelle stieß? O Sonne, deren Strahl beglücken kann--(tritt in
+ihre Mitte, nimmt sie beide an der Hand), wenn du vergelten willst,
+was ich erdulden muß, so vergilt an diesen hier. Schenke Frieden
+ihren Herzen und laß ihre Ehe glücklich sein, wie es die meine war.
+(Bricht plötzlich ab; mit Schmerz.) Lebt wohl, ich bin bewegt,
+(leise) ich will bewegt sein, muß es sein. O ihr Götter, laßt mich
+weinen! (Weint--leise.) Seht, es fließen meine Tränen, hascht sie
+heimlich auf, daß es jene nicht bemerken. (Hans hält den Hut,
+Mirzel die Schürze auf, alle drei sind im Vordergrunde, damit der
+Amtmann nichts bemerkt, doch vermeide man allen Anstrich des
+Komischen.) So, so, behaltet sie, verberget sie, und wenn ich nicht
+mehr bin, erinnert euch der unglücklichen Königin Alzinde. (Zu den
+Gerichtsdienern stolz.) Nun folg' ich ins Gefängnis euch.
+
+(Mit zwei Gerichtsdienern ab.)
+
+Amtmann (steht auf und sagt zum Aktuar). Schließen Sie,. und
+legen Sie es auf mein Pult. (Aktuar ab.)
+
+
+
+Vierzehnte Szene.
+Amtmann. Rossi. Hans. Mirzel.
+
+
+Rossi (der bewegt war unter dem Schluß der Szene). Was geschieht
+mit diesem Weib, Herr Amtmann?
+
+Amtmann. Sie wird verbrannt, wie sie's verdient. (Zu Hans und
+Mirzel.) Geht jetzt nach Hause und nehmt euch ein Beispiel an
+diesen unglücklichen Menschen hier.
+
+Hans. Der Gluthahn ist ein schlechter Mensch, das haben wir schon
+lang g'wußt; aber was das Weib betrifft, verzeihen Euer Gnaden, das
+Weib ist g'wiß eine gute Seel', und in mein' ganzen Leben werd' ich
+die gute Fürstin nicht vergessen.
+
+Mirzel. Und wenn s' verbrennt wird, du lieber Gott, so laß nur
+regnen Tag und Nacht, und wenn's doch g'schehn soll, lieber Hans,
+so nehmen wir ihr' Aschen, und bauen s' in unserm Gartel an, da
+werden viel tausend schöne Blumen draus entstehn.
+
+Rossi. Ihr wackern Leute, nehmt dies Gold, ich geb' es euch, weil
+es mich innig freut, daß ihr das alte Mütterchen bedauert, denn das
+muß ich auch.
+
+Hans. Wir küssen d' Hand Euer Gnaden tausendmal, und küssen Euer
+Gnaden, Herrn Amtmanns Kleid. Komm, Mirzel, geh, heut ist ein
+trüber Tag.
+
+Mirzel. Heut schmeckt mir g'wiß kein Bissen, lieber Hans.
+
+(Beide ab.)
+
+Rossi. Auch ich empfehle mich, Herr Amtmann.
+
+Amtmann. Wollen Sie nicht eine Suppe bei mir essen?
+
+Rossi. Ergebenen Dank, Herr Amtmann, heute bin ich zu bewegt, der
+Auftritt hat mich angegriffen; ich will die grüne Wiese suchen und
+den blauen Himmel, um ihn zu befragen, ob man, wie dieses Weib, so
+edel sein kann und so schuldig auch.
+
+(Geht ab.)
+
+
+
+Fünfzehnte Szene.
+Amtmann. Ein Diener.
+
+
+Amtmann. Will er mir das Mahl verbittern? Hätt' ich denn nicht
+recht getan an diesem Weibe? Wenn ich darüber mein Bewußtsein
+frage, sagt es mir, du hast noch nie verletzt des Richters, noch
+des Menschen Pflicht, und hast den Platz behauptet, auf den
+Bestimmung dich gestellt. Er fragt den Himmel, ich will alle
+Menschen fragen! Hier steht ein altes Weib, mit tät'ger
+Jugendkraft, das Haupt voll Eis, das Aug' voll Glut, spricht wie
+ein Xenophon und gilt für wahnsinnig; ist eine Bettlerin und
+schwärmt von einer Krone; hat ein Gemüt wie Samt und Tränen hart
+wie Stein; beschwört die Sonne und verklagt die Hölle; und alles
+dies bestätigt durch vier unpartei'sche Zeugen; eigne Augen, eigne
+Ohren. Nun setz' ich Solon hin an meinen Platz, ob er nicht
+sprechen wird: Dies Weib ist eine Hexe.--Philipp, trag' Er auf.
+(Ab.)
+
+
+
+Sechzehnte Szene.
+Kurzer Kerker. Nacht.
+
+
+Alzinde, welche nach dem ersten Auftritt ihr Gesicht mit Falten
+bemalte, ohne eine Larve vielleicht zu nehmen, muß während des
+vorhergehenden Auftritts sich jugendlich schminken, welches man bei
+der Dunkelheit der Bühne jetzt nicht bemerkt. Sie wird von dem
+Kerkermeister hereingeführt und setzt sich ermattet auf einen Stein.
+
+Kerkermeister. Hier kannst du bleiben, Hexe, bis dich die Flamme
+ruft. (Ab.)
+
+Alzinde. Hier kerkert man mich ein und zur Gefährtin gibt man mir
+die Finsternis. Seid mir gegrüßt, ihr Unglücksmauern, aufgebaut,
+um Elend zu betrachten; du feuchter Boden, von den Reuezähren der
+Verbrecher naß, sei mir gegrüßt; du melanchol'scher Ort, ich weihe
+dich zu meinem Prunksaal ein. Hier will ich meinen Gram mit
+düstern Bildern säugen, hier will ich herrschen über kriechendes
+Gewürm; von meinen Tränen will ich eine Krone flechten und denken,
+ich sei des Schmerzes Königin. Ich leb' allein von allen meinen
+Lieben. Mein Volk ist tot, versteinert ist's, und mein Gemahl,--o
+mein Gemahl, der erste stets an deines Heeres Spitze, betratest du
+den mörderischen Boden deines Reiches? Ja, auch er ist tot, alles
+tot, alles! (Springt auf.) So ist's recht, Alzinde, so ist's recht,
+denn herunter muß das Leben, wenn der Geist sich schwingen soll.
+O wie stärkt ein rein Gewissen! Götter, fordert meinen Geist,
+jetzt bin ich dazu bereitet.
+
+(Kurze klagende Musik.)
+
+
+
+Siebzehnte Szene.
+Vorige. Der Genius der Vergänglichkeit tritt ein, als ein grauer
+Mann, mit grauem langen Kleide, etwas kahlköpfig und mit langem
+Bart, seine Miene ist sanft, und seine Sprache gemütlich und
+tröstlich.
+
+
+Genius der Vergänglichkeit. Alzinde, ich bin hier.
+
+Alzinde. Wer bist du, bleicher, ungeladner Gast? Was willst du
+von der Dunkelheit und mir?
+
+Genius der Vergänglichkeit. Ein Vater will ich von deinen Leiden
+sein.
+
+Alzinde. Ein Vater? ach, mein Vater ist dort oben.
+
+Genius der Vergänglichkeit. So kehre heim zu ihm. Reich' mir
+deine Hand, Alzind'. Ich bin kein Jüngling, der die Ewigkeit zum
+Liebesschwur mißbraucht. Sieh, unsre Locken sind sich gramverwandt;
+ darum schenke mir die teuren Reste des Vertrauens, die dein
+Unglück dir gelassen hat. Sieh hin!
+
+(Die Mitte der Kerkerwand bildet einen Kerkerbogen. Diese Wand
+öffnet sich und man sieht durch den finstern Bogen eine kleine
+Insel, von einem See umgeben, auf welcher ein indisches Monument
+steht, mit dem Namen Alzinde, von Zypressen umgeben. Die Gegend
+ist vom Mondlicht hell bestrahlt. Der Kerker bleibt finster.)
+
+Genius der Vergänglichkeit. Nach jenem Eiland führ' ich dich, das
+kein lebend'ger Schiffer noch geschaut, nichts wird dort deine süße
+Ruhe stören. Was immer dich aus dieser Welt betrübt, gekränkt; –
+Verfolgung, Neid und Undank bleiben fern von dir. Dort legt unter
+einsamen Zypressen der Ruhm beschämt die goldnen Kränze ab, der
+wutentbrannte Haß und alle Leidenschaften dieser Erde löschen ihre
+Fackel schweigend aus. Ird'sche Freuden werden dir nicht winken,
+doch milde Sterne werden dein verklärtes Haupt umglänzen, und der
+lichte Engel deiner reinen Tugend führet deinen Geist aus
+Himmelswolken zu dem Thron der ew'gen Wonne hin.
+
+Alzinde. Ja, ich verstehe dich. Es sinket eine mächt'ge Stunde
+nieder und gebietet einer Königin. Du bist der Friedensengel, der
+den bösen Streit beendet, den der Mensch mit seinem Glück hier
+führt; du bist das große Ziel, zu dem uns alle Wege führen.
+
+Genius der Vergänglichkeit. Ich bin der kräftige Magnet, der alles
+Leben an sich zieht. Wie du dich auszuweichen auch bemühst, es ist
+umsonst! Denn könntest du durch tausend Sonnen wandeln, du trittst
+auf einen Pfad, und eh du es noch ahnst, gelangst du in mein Reich.
+
+Alzinde. So nimm mich mit dir, guter Vater, an jenen Ort, wo ew'ge
+Freude herrscht, ich werde meinen Hoanghu dort sehn und alle meine
+teuren Lieben, die meinem Leiden vorausgeeilet sind. Komm, ich
+folge dir. (Der Genius hält sie in seinem Arm und will sie
+fortführen, da ertönt Hoanghus Stimme, die hintere Wand schließt
+sich. Kerker wie vorher.)
+
+
+
+Achtzehnte Szene.
+Vorige. Gleich darauf Hoanghu und der Genius der Tugend.
+
+
+Hoanghu (von innen). Hier soll ich meine Gattin finden?
+
+Alzinde. Götter, welche Stimme!
+
+(Hoanghu und der Tugendgenius treten ein.)
+
+Hoanghu. Fast erblinden meine Augen, da ich statt den goldnen
+Wolken, die ich erst mit dir durchsteuert, dieses Abgrunds Tiefe
+schaue. Und hier muß Alzinde schmachten?
+
+Alzinde. Götter, das ist Hoanghu.
+
+Hoanghu. Ja, dies ist ihr holder Ton. Zeig' dich, Brust, aus der
+er klinget, daß ich dich an meine drücke.
+
+Genius der Tugend. Siehst du dort die zwei Gestalten? 's ist
+Alzinde und der Tod.
+
+Hoanghu. Ist sie denn an ihn vermählt, daß sein Arm sie so
+umschließt?
+
+Genius der Tugend. Er ist ihre eigene Wahl, weil sie dich verloren
+wähnte. Suche sie ihm zu entreißen, schnell, es ist die höchste
+Zeit.
+
+Hoanghu. Sag' Alzinde, bist du's wirklich, denn ich kann dich
+nicht erkennen, sehe nur die Truggestalt, die mein Traum mir
+drohend wies.
+
+Alzinde. Ja, ich bin's, mein Hoanghu; laß mich los, du grauer
+Riese, der sich jetzt dem Blick erst zeigt, laß mich hin in seine
+Arme, nur dem Gatten schlägt mein Herz. Warum hältst du mich
+umklammert, niemals werd' ich deine Braut.
+
+Genius der Vergänglichkeit. Hast du mir dich nicht verlobet? Du
+bist mein, ich lass' dich nicht.
+
+Alzinde. Nein, dies wendet den Vertrag. Du warst nur ein
+Rettungsmittel, doch ich hab' ihn hier gefunden, nun gehör' ich
+dieser Welt. Ha, wie sich der düstre Kerker jetzt mit holden
+Farben schmückt; wie das schaurige Gewölbe nun auf goldnen Säulen
+ruht; wie mir seine dunkle Kuppel hell erglänzt wie Chrysolith; und
+dies alles schafft Hoanghu, der wie eine zweite Sonne nur für mich
+die Welt bestrahlt. Und ich soll ein Leben lassen, erst geboren
+durch die Liebe, soll mit dir, du düstrer Alter, in dein ernstes
+Schattenreich? Gib mich auf, du läst'ger Freier, nimmer wird
+Alzinde dein.
+
+Hoanghu. Laß sie los, du graue Schlange, oder ich zerhaue dich.
+(Will mit dem Schwert auf ihn dringen.)
+
+Genius der Vergänglichkeit. Armer, sinnverlorner Kämpfer, mit dem
+Tod drohst du dem Tode? Durch mich selbst willst du mich morden?
+Senk' die Waffe, denn der leichtgewebten Luft kann sie keine Wunden
+schlagen.
+
+Hoanghu. O du stolzgesinnter Prahler, du bist dennoch
+meinesgleichen, bist ein Feldherr, ausgesendet, um das Leben zu
+erobern; bist ein Held, der sein Panier hin auf Leichenhügel
+pflanzt und das grause Siegerhaupt sich mit Rosmarin bekränzt; und
+so willst du an mir handeln, du des Undanks echter Sohn, willst ihr
+Leben mir versagen, eines schwachen Weibes Leben, und ich habe so
+viel tausend kräft'ge Männer dir geweiht?
+
+Genius der Vergänglichkeit (ironisch). Und wie hast du dies
+begonnen? Laß doch hören, tapfrer Junge.
+
+Hoanghu. Was war Indiens Schlachtfeld anders, als dein blut'ger
+Opferherd? Warst du nicht in meinen Siegen stets das große
+Losungswort, das die Chöre der gefallnen Krieger wimmerten zu
+deinem Lob? Hat die blutbespritzte Fahne deinen Ruhm nicht stolz
+verkündet? Und die gift'gen Pfeile, die wir rauchend aus dem Leib
+der Feinde rissen, daß mit offnem Munde dich unheilbare Wunden
+priesen? Sieh, so habe ich gehandelt an dir, undankbarer Geist,
+hab' das mut'ge Sein bestohlen und den Schatz dir zugesendet; darum
+fordre ich ihr Leben als mein rechtlich Eigentum.
+
+Alzinde. O wie liebt mich mein Gemahl.
+
+Genius der Vergänglichkeit. Du hast nur dein Recht verteidigt, das
+gibt dir kein Recht an mich. Von dem Leben magst du fordern, Leben
+fordern darf nur ich.
+
+Hoanghu. Nun, so will ich mit dir handeln, Wuchrer, der so bittre
+Zinsen nimmt. Schenke mir Alzindens Leben, und ich will von meinem
+dir gern die beßre Hälfte geben.
+
+Alzinde. Ha, mein Hoanghu, was tust du?
+
+Genius der Tugend. Götter, stärket sein Gemüt.
+
+Hoanghu.
+ Sieh, so groß ist meine Liebe, daß sie in den Staub mich
+zieht.
+So wardst du noch nicht geehret, daß ein König vor dir kniet.
+(Er kniet.)
+ Meine Waffen leg' ich nieder, meine Hände heb' ich auf,
+(Er bittet mit aufgehobenen Händen.)
+ Laß dich, guter Tod, erweichen, schließ den vorteilhaften Kauf.
+Was willst du mit ihrem Leben, das vor Alter bald zerfällt?
+Nimm dir meine rüst'ge Hälfte, trotzig steh' ich noch der Welt.
+Sieh die festgestählten Muskeln, sieh die hochgewölbte Stirn,
+Leicht ist der Gewinn zu rechnen, Kaufmann, frage dein Gehirn.
+Sei doch nicht so unerbittlich, sieh, mein Auge tränt vor Schmerz,
+Es sind meine ersten Tränen, und sie schänden nicht mein Herz.
+(Weint.)
+
+Alzinde (vor Freude außer sich).
+ Götter, Sonne, all ihr Welten, seht, Hoanghu weinet hier,
+Schaut herab von euren Wolken, seine Tränen fließen mir.
+Welche Gattin kann sich rühmen, daß ihr Gatte so sie liebt,
+Daß er Freude, Glück und Leben, daß er alles für sie gibt?
+Ha, wie alle Nerven beben, wie sein Anblick mich entzückt,
+(Edel ausgelassen.)
+ Wie ich glücklich bin und lache, wie die Freude mich berückt;
+Perlen treten in mein Auge, doch ich weine nicht aus Schmerz,
+Freudentränen ist ihr Name, Freude sprenget mir das Herz.
+
+(Augenblicklich fällt rauschender Chor ein, vollstimmig und hehr.)
+
+Chor.
+Freudentränen,
+Freudentränen,
+Heißt das große Losungswort!
+
+(Der Kerker verwandelt sich in Alzindens Reich. Die Dekoration der
+Eingangsszene. Alles Volk ist entsteinert, die Tugendgeister knien
+um den Tempel. Der Genius der Vergänglichkeit verschwindet.
+Alzinde hat sich in ihre vorige Gestalt verwandelt, doch im weißen
+einfachen Kleide. Alzinde und Hoanghu stürzen sich freudig in die
+Arme.)
+
+Hoanghu. O Alzinde!
+
+Alzinde. Mein Hoanghu! Ewig, ewig bist du mein!
+
+Hoanghu. Nie soll uns der Tod mehr trennen!
+
+Alzinde. Denn wir sterben im Verein!
+
+Genius der Tugend.
+ Heil der Tugend, die auf Erde
+Zählet solch' erhabnes Paar,
+Das ein edles Herz bewahrte
+In so schrecklicher Gefahr.
+
+(Schrecklicher Donnerschlag. Donnerwolken ziehen über die Bühne,
+aus welchen Blitze zischen.)
+
+ Seht, schon zieht aus euren Landen
+Donnernd Moisasurs Geist.
+(Zum Volk.)
+ Ihr seid frei von seinen Banden,
+Eure Königin hier preist!
+So läßt sich die Welt bezwingen,
+So wird Erdenneid versöhnt!
+Groß kann nur der Nachruhm klingen,
+Wenn er sich durch Tugend krönt.
+
+(Alzinde und Hoanghu knien nieder, der Genius der Tugend steht in
+ihrer Mitte und blickt gegen Himmel, von oben schweben Genien herab
+mit einer Lilienkrone und bleiben in der Mitte der Bühne. Das
+Opferfeuer im Tugendtempel flammt hoch auf. Priester, Volk und
+Tugendgeister bilden eine Gruppe.)
+
+(Der Vorhang fällt.)
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Moisasurs Zauberfluch, von
+Ferdinand Raimund.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Moisasurs Zauberfluch, by Ferdinand Raimund
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MOISASURS ZAUBERFLUCH ***
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+Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation information page at www.gutenberg.org
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+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
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+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
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+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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