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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/7861-8.txt b/7861-8.txt new file mode 100644 index 0000000..c1426ee --- /dev/null +++ b/7861-8.txt @@ -0,0 +1,3092 @@ +The Project Gutenberg EBook of Moisasurs Zauberfluch, by Ferdinand Raimund + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Moisasurs Zauberfluch + +Author: Ferdinand Raimund + +Posting Date: September 20, 2012 [EBook #7861] +Release Date: April, 2005 +First Posted: May 26, 2003 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MOISASURS ZAUBERFLUCH *** + + + + +Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen + + + + + + + + + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg +Projekt-DE. + +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel. +de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Moisasurs Zauberfluch + +Ferdinand Raimund + +Zauberspiel in zwei Aufzügen + + + +Personnen + +Der Genius der Tugend. +Ariel, ein Tugendgeist. +Moisasur, Dämon des Übels. +Der Genius der Vergänglichkeit. +Hoanghu, Beherrscher des Diamantenreiches. +Alzinde, seine Gemahlin. +Mansor. +Omar, ein Bote von Hoanghus Heer. +Hassan, ein Mohr. +Karambuco, ein Krieger. +Ossa, sein Weib. +Ein Häuptling von Hoanghus Heer. +Gluthahn, ein wohlhabender Bauer. +Trautel, sein Weib. +Der Amtmann von Alpenmarkt. +Der Aktuar. +Philipp, Diener des Amtmanns. +Rossi, Juwelenhändler, Besitzer + eines Landhauses bei Alpenmarkt. +Hänfling, sein Aufseher im Landhause. +Ein Schatten im Reiche der Vergänglichkeit. +Dorkalio, ein Schatten Moisasurs. +Hans, ein Steinbrecher. +Mirzel, sein Weib. +Der Traumgott. +Ein Kohlenbauer. +Ein Kerkermeister. +Vier Gerichtsdiener. +Vier Schatten Moisasurs. + +Indisches Volk. Alzindens Hofstaat. Hoanghus Krieger. +Schatten im Reiche der Vergänglichkeit. Traumgestalten. +Rossis Dienerschaft. Tugendgeister. + + +Erster Aufzug. + + + +Erste Szene. +(Indische Landschaft.) + +(In der Ferne die Hauptstadt des Diamantenreiches, auf einem +entfernten Hügel die Ruine des zertrümmerten Tempels Moisasurs. In +der Mitte des Theaters ein herrlicher Tempel im indischen +Geschmacke, mit der goldenen Aufschrift: Wer sich der Tugend weiht, +hat nie des Bösen Macht zu scheuen. Die Statue der Tugend, eine +verschleierte weibliche Figur, einen Lilienstengel haltend, sitzt +auf einem Piedestal in der Mitte des Tempels. Auf den Säulen sind +Lilien angebracht.) + +Hassan. Mansor. Omar. + +Chor. + +(Das Volk bringt einen Boten von Hoanghus Heer frohlockend auf die +Bühne und umringt ihn fragend.) + +Wackrer Bote, sei willkommen! +Strahlt aus deinem Auge Sieg? +Ist das Heer zurückgekommen, +Ist geendet unser Krieg? +Ja, es spricht dein froher Sinn; +Du bringst Heil der Königin! + +Bote. Sieg bring' ich euch, so wahr die Sonn' auf Indien scheint. +Gebt mir Palmenwein dafür. (Er nimmt einem eine Flasche von der +Seite.) Der Krieg trinkt Blut, der Friede Sekt. + +Volk. Erzähl' uns erst! (Halten ihn ab vom Trinken.) Halt, halt! + +Bote. Gerettet ist das Reich, von unsern Grenzen ist der Feind +vertrieben, geendet ist der heiße Krieg. + +Volk. Sonne, sei gelobt! (Ales sinkt mit dem Haupt zur Erde, und +bleibt einen Augenblick in dieser Stellung.) + +Bote. Da liegt das Volk, jetzt netz' ich meinen Hals. (Trinkt.) +Der König sendet mich voraus, daß ich den Tag der Königin berichte, +an dem er seinen Einzug hält. + +Mohr. Und wenn man fragen darf, wann strahlt uns dieser große Tag? + +Bote. Spion von Ebenholz, was hast du nach dem Tag zu fragen? +Nacht hat die Sonn' auf dein Gesicht gebrannt, das heißt; Du sollst +im Finstern wandeln. + +Mohr. Du hassest mich? + +Mansor. Schweigt. (Zum Boten.) Sogleich wird unsre Königin +erscheinen, dann stellen wir dich vor. Mit Sehnsucht harret schon +Alzind' der Rückkehr ihres tapferen Gemahls. + +Bote. Doch was erblick' ich--Moisasurs Tempel eingestürzt, und +die Sonne leuchtet noch? Und wer hat diesen aufgebaut, wozu ist +der bestimmt? + +Mansor. Ein erhabnes Schauspiel wird sich deinem Auge zeigen. + +Bote. Wird dieser Mohr vielleicht darin gebraten? (Für sich.) Das +wär' mein liebstes Schauspiel auf der Welt. + +Mohr. Für dich vergift' ich einen Pfeil. + +Mansor. Lästre nicht! Der Tugend Tempel ist's. + +Bote. Ja, ihm soll man das Laster opfern. + +Mansor. Es ist geschehn. Dem bösen Geiste Moisasur wird in unsrem +Reich kein Opfer mehr gebracht. + +Bote. Wehe dann dem Diamantenreich! Schon seit Jahrhunderten hat +diesem grimmigen Tiger durch unzähl'ge Opfer man geschmeichelt; +werft ihm Beute vor, wenn ihr nicht wollt, daß euch sein stets +geschäft'ger Zahn zerreißt. + +Mansor. Die Königin, die, seit der König kriegt, das Zepter +schwingt im Reich, hat, weil der Krieg, trotz all der reichen Opfer, +die man unsern Göttern brachte, sich doch nicht glücklich wenden +wollte, mit den weisen Priestern sich beraten und glaubt, daß die +guten Götter zürnen, weil neben ihnen und der mächtgen Sonne +Moisasurs böser Geist verehret wird. Sie hat Moisasurs Tempel +niederreißen lassen. Doch wie's geschah, da rollte fürchterlicher +Donner, die Erde bebte, als hätte das Gewicht der umgestürzten +Säulen das ganze Reich in seinem Mark erschüttert. + +Bote. Der Löwe brüllt, wenn man ihn ans der Höhle treibt. + +Mansor. Doch wie die Erde bebt, fest steht der königliche Sinn. +Sie läßt dafür in diesem Tal der Tugend einen Tempel bauen und +schreibt auf ihn: Wer sich der Tugend weiht, hat nie des Bösen +Macht zu scheuen. Soeben wird er eingeweiht, dort nahet schon die +Priesterschar. + +Mohr. Wenn nur die Tugend uns vor Moisasurs Rache schützt! Den +ganzen Morgen hat der Himmel sich mit Donnerwolken überzogen, die +in sich brummen, als ob sie Zaubersprüche murmelten, und der Blitze +Feuerzungen lecken an der Kuppel dieses Tempels. + + + +Zweite Szene. +Feierlicher Marsch. Indische Tänzer schweben voraus, dann die +Priester der Sonne. Zierlich gekleidete Mädchen, das Haupt mit +weißen Rosen bekränzt, gruppieren sich um die Stufen des Tempels, +die Priester beschäftigen sich im Innern desselben. Dann erscheint +Alzinde und ihr Hofstaat. Sie begibt sich auf einen Seitenthron, +neben ihr die Großen des Reichs. Das Volk verteilt sich um den +Tempel und den Thron gegenüber. Vorige. + + +Chor. + Singt das Lob der Schönheitsblume, +Die auf Indiens Flur erblüht, +Und die zu der Götter Ruhme +Für das Heil der Tugend glüht. +Sende deinen Strahl, o Sonne! +Nieder auf ihr weises Haupt, +Weil ihr Herz mit frommer Wonne +An der Götter Allmacht glaubt. + +Alzinde. Volk meines sieggekrönten Reichs! Ich habe dich +versammeln lassen, um einzufallen in den großen Chor, den das +Gefühl des Dankes anstimmt, weil die Götter uns erleuchtet, daß wir +durch Moisasurs Sturz der Sonne Zorn versöhnt; daß sie von dem +Augenblick mit Siegesglück die Pfeile unsres Heeres nach dem Busen +unsrer Feinde wendet. Vielleicht, indem wir hier die Götter +preisen, hat mein Gemahl, der königliche Held, den kleinen Rest des +müdgekämpften Feindes aus den Grenzen dieses Reichs verjagt. + +Mansor. So ist es, du erhabne Tochter der gewalt'gen Sonne, die +deine Ahnung zur Prophetin weiht, die Wahrheit deines Wortes +bestätigt dieser Bote hier. + +Bote. Der, große Königin, mit seinen Knien den Staub an deinem +Thron hier küßt, aus Ehrfurcht teils und teils aus Müdigkeit, weil +er im schnellsten Lauf aus des Königs Lager eine holde Last dir +bringt, eine Nachricht von dem ungeheuersten Gewicht! Friede, +dieses goldne Wort, laß in alle Palmen schneiden, daß sie dann mit +vollem Rechte Friedenspalmen heißen. Gesiegt hat dein erhabener +Gemahl, noch gestern abends ward die letzte Schlacht gewonnen, und +in der Nacht der Friede abgeschlossen, durch den ein Teil vom +Feindesland noch zu dem deinen fällt. Nur heute ruht das Heer; +doch morgen bricht es auf und zieht mit Zimbelklang und Jubelsang +im Vaterlande ein. Dies zu berichten ward ich gesendet, mein +Auftrag ist erfüllt, der Bote hat geendet. + +(Steht auf und tritt zurück.) + +Alzinde (sinkt auf die Knie). Sonne, sei gelobt! + +Alle. Heil den Göttern! Heil dem König Hoanghu! + +Alzinde. O mein Gemahl, warum kann ich an deine Heldenbrust nicht +fliegen, du edler Sohn der unnennbaren Götter, dessen Lieb' ich +nicht für alle Kronen Asiens tauschen möchte! Juble, Volk! Sei +ausgelassen froh! Ihr Priester weiht den Tempel ein, der Tugend +Macht hat sich bewährt, ein ewig Denkmal sei ihr hier errichtet! +Wer sagt mir doch, warum mein Glück mich zu freud'gem Wahnsinn +treibt? Warum ist diese Lust so ungeteilt, so allgemein, daß ich +kein Stück davon kann eurem Herzen überlassen? O sprecht, wer +nimmt mir einen Teil der edlen Bürde dieses Freudenreichtums ab, +womit die goldne Sonne mein Gemüt beschenkt? Verdien' ich denn, +daß ich so glücklich bin? + + + +Dritte Szene. +Fürchterlicher Donnerschlag. Die Bühne umzieht sich mit schwarzen +Wolken, aus welchen rote Blitze sich schlangenartig winden. Auf +der Erde sprüht Feuer, dann erscheint Moisasur als ein Ungeheuer +mit Drachenfüßen und Drachenflügeln, auf dem Haupt eine rote Krone +mit Schlangen umwunden, der ganze Körper ist in hellroten Samt +gekleidet, um den Leib eine schwarze Schürze mit goldenen Schuppen +gestickt. Alles sucht sich in den Hintergrund zu retten, einige +flüchten auf Bäume. Alzinde, welche bei ihrer Rede vom Thron +gestiegen, bleibt im Vordergrunde, der Thron verschwindet. + + +Vorige. Moisasur. + +Moisasur (mit fürchterlicher Stimme). Alzinde, du verdienst es +nicht! + +Alzinde (fährt zusammen). Ha!--Wer bist du, scheußlich Ungeheuer, +dess' Anblick mir Besinnung raubt? Wie giftig Unkraut stehst du +da, das plötzlich aus dem Schoß der Erde treibt. + +Moisasur. Moisasur heiß' ich, kennst du diesen Namen? Mit +Flammenzügen hat der große Geist ihn auf das finstre Tor der Hölle +einst geschrieben, und aus meinem Auge leuchtet ihre Sendung. + +Alzinde. Was hat die Hölle an mich abzusenden? Ich habe dich und +sie aus meinem Reich verbannt. Die Tugend ist mein Heil, dich hab' +ich nie verehrt, und jedem Opfer Fluch, das dir mein Land noch +bringt. + +Moisasur. So nimm denn Fluch gen Fluch, verruchtes Weib, das +meinen Tempel umgestürzt; so zieh' mein Haß denn einen Zauberkreis +um dein verrätrisch Land; so will das Leben ich aus seinen Grenzen +jagen, und lähmen diesen üpp'gen Teil der Welt! Vertrocknen soll +der Baum, die Frucht, der Strom; verdorren soll das Gras, und was +in deinem Reich mit Leben prahlt; dein Volk, die Diener deines Hofs, +wem Blut nur in den Adern kreist, Mensch oder Tier, das steh' +erstarrt und wandle sich in Stein! Und jegliches Geschöpf, das +dieses Land mit frechem Fuß betritt, das werd' ergriffen von +Versteinerung und steh' als Marmordenkmal meiner Rache da. + +Alzinde. O, mein Gemahl! + +Moisasur. Schau' hin und lab' dich an dem süßen Anblick! (Die +Wolken öffnen sich, man sieht die Gruppen, wie sie ängstlich +standen, nun im bunten Marmor, einige auf Palmen hängen, doch der +Tugend Tempel strahlt im hellen Sonnenglanz.) Verflucht, daß ich +den Tempel schauen muß, als Nebenbuhler meines Ruhms. + +Alzinde. Entsetzlich Scheusal, von der Erde ausgespien, weil du +ihr Innres zu vergiften drohst, wie kannst du dieses Reich +zerstören, das die Sonne ihren Liebling nennt? + +(Die Wolken schließen sich wieder.) + +Moisasur. Fluch gegen Fluch! Vernichtung für Vernichtung! An dir +ist jetzt die Reih'! Ich bin's, der dir nach deinem Wunsch die +holde Last der Freude von dem zarten Nacken reißt. Deine Liebe, +deinen Reiz, deine Hoffnung, deine Ehre, deinen Ruhm, dein Diadem +will ich auf einen Knäul zusammendrücken, und in den Pfuhl der +Hölle schleudern. Erscheint, ihr Geister bleicher Nacht. (Vier +schwarze Geister erscheinen und ergreifen die Königin.) Seid Zeugen +und Vollführer meines Fluchs. Zerstöret ihren Reiz, die Krone +reißt von ihrem Haupt, der Locken Glanz verwandelt mir in welkes +Grau; die Haut schrumpft ein und überzieht damit ein fleischloses +Gebein, das ihr mit halbverfaulten Lumpen dann behängt. Doch laßt +die junge Seele nicht aus ihrem morschen Leib entfliehn, damit sie +zehnfach jeden Schmerz empfind' und die Erinnrung ihres Glücks sie +quäle.--Doch halt--damit des Menschen Habsucht bis zum Tod sie +peinige, so laßt sie diamantne Tränen weinen, als Wehmutszeichen, +daß sie Indiens Fürstin war. Nun schleppt sie fort, verwandelt sie, +dann schleudert sie dem Nordwind in die eis'gen Arme, daß er mit +ihr nach einem andern Weltteil rase und dort die alte Ariadne setz' +auf nacktem Felsen aus. Befolgt, was ich befahl! + +(Die Königin sinkt in Ohnmacht.) + +Erster Geist. Noch nicht--in deiner Rache wüt'gem Eifer hast du +vergessen, ihr ein Ziel zu setzen; ewig darfst du nicht verfluchen, +wie du es von dem ew'gen Geiste bist. Drum sprich, wie lang an +diesen Zauberfluch ihr Glück gefesselt bleibt, und wann und wie +sich lösen können diese Schreckensbande? + +Moisasur. Weil du mich mahnst an meine Pflicht, verruchter Geist, +so höre meinen Spruch! Nur dann, wenn sie im Arm des Todes +Freudentränen weint, kehrt ihr zurück, was ihr mein Zauberspruch +entrissen. Nun regt die trägen Drachenglieder, eilet fort, +Erwartung geißelt mein Gefühl. Den höchsten Berg der Welt will ich +besteigen und durch der Hölle Mikroskop will ich mit süßer Lust auf +ihr verbittert Leben schaun. (Ab.) + +(Die Geister versinken mit Alzinden.) + + + +Vierte Szene. +Auf dem Rücken einer Alpe, mit der Aussicht auf ferne Gletscher. +In der Mitte ein Bergstrom. Der Horizont finster umwölkt. Rechts +ein hohes Bauernhaus, Gluthahn gehörig, links eine arme Hütte, +neben derselben sprudelt eine Quelle in ein natürliches Becken. + + +Gluthahn +(kommt erzürnt und erhitzt). +Das ist ein schlechtes G'sind' +Im Rattental dahint'; +Der Bauer Michel Stier +Kömmt vor'ges Jahr zu mir, +Weint wie ein altes Weib, +Und geht mir nicht vom Leib; +Mein lieber Nachbar Glut, +Ich bitt' Euch, seid so gut +Und zahlt mir auf mein Haus +Fünfhundert Taler aus. +(Heuchlerisch.) +Und ich, ich guter Narr, +Mein Herz, das ist halt wahr, +Das findt man nirgends mehr, +Ich bin so dumm, geb s' her. +Ich führ' ihn hin zum Tisch, +Wir schreiben einen Wisch; +Fünfhundert Taler bar +Geb' ich dir auf ein Jahr; +Und daß ich dich nicht druck', +So zahlst' mir achte z'ruck. +Wo ist das Jahr schon hin? +Was ich gelaufen bin, +Was ich schon schrei' und schelt', +Ich komm' nicht zu dem Geld. +A Zeitlang war er krank, +Der Teufel weiß ihm's Dank! +Jetzt ist er wieder g'sund, +Und zahlt mich nicht, der Hund! +Mit ihm red' ich noch gern, +Ihm zeig' ich doch ein' Herrn; +Doch ist sein Weib zu Haus, +Die macht mich noch brav aus. + +Pfui, das sind doch undankbare Leut', nicht einmal pfänden wollen +sie sich lassen. Gluthahn, wie wirst du jetzt das Geld ersetzen? +Mit Freuden würd' ich einen andern darum betrügen, doch ich +gewinn's nicht übers Herz, ich bin zu gut. (Heftig.) Aber mir soll +noch einer kommen und Geld begehren.--Da grab' ich meine Taler +eh' fünftausend Klafter in d' Erden ein und zünd' mein Haus an +allen Ecken an, eh' ich so einem Schuft ein' Kreuzer auf fünfzig +Schritte nur zeig'. Einen eignen Hund richt' ich mir ab, daß er s' +vom Haus weg hetzt. (Heuchlerisch.) Ich muß anders werden, ich bin +zu gut. Wo ist denn nur mein Weib schon wieder? Trautel, hörst +denn nicht? Trautel! + + + +Fünfte Szene. +Voriger. Trautel kommt, sie ist und spricht etwas kränklich. + + +Trautel. Aber, was schreist denn so? + +Gluthahn. Wo bist denn, falsche Nummer, die auf den ersten Ruf +nicht kommt. + +Trautel. Ich soll ja nicht in d' Luft. + +Gluthahn. Nun, so geh in die Gruft. + +Trautel. Was willst denn? + +Gluthahn. Die Mützen bring' heraus und die Pfeifen und den Rock +nimm mit. (Zieht den Rock aus.) + +Trautel (verdrießlich). Nu gleich. (Ab.) + +Gluthahn (allein). Ein guts Weib ist s'; ich hätte das Weib +nochmal so gern, wenn s' nur um das jünger wär', was s' zu alt ist, +und um das besser, was s' z' schlecht ist. (Spricht leise, als oh +er jemand etwas anvertraute.) Vor dreißig Jahren hat s' mich einmal +um fünf Gulden betrogen, das vergiß ich ihr noch nicht; ich bin gut, +ich hab' ein einzigs Herz, aber vergessen kann ich nichts. Ich +hab' so ein kleins Büchel, da schreib' ich's hinein. (Deutet +hinters Ohr.) Da hint' ist's. + + + +Sechste Szene. +Voriger. Trautel bringt Mütze und Pfeife. + + +Gluthahn. Du lieber Himmel, wie gut könnten ein paar Ehleut' +miteinander leben, wenn eines dem andern nachgäbe. (Fährt sein +Weib derb an.) Kriechst immer untern Füßen herum? Was willst? + +Trautel. Je nu, die Pfeifen bring' ich und die Mützen. + +Gluthahn. So meld' dich! + +Trautel. Sei nur nicht so grob mit mir, mir ist heut so nicht gut. + +Gluthahn. Das ist rheumatisch Zeug, schlag dir's aus dem Kopf. + +Trautel. Das kann ich nicht. + +Gluthahn. Nu, so schlag' ich dir's heraus, ich kann's. + +Trautel. Mir fehlt's im Herzen, und ich fühl' mich so schwach. + +Gluthahn. Da sind wir alle schwach, wenn's uns im Herzen fehlt. + +Trautel. Wenn du mir kein' Bader nimmst, so stirb ich noch. + +Gluthahn. Solang noch's Herz schlagt, stirbt man nicht. +Rheumatisch bist, sonst nichts. Egel setz' dir, da wird alles gut. +Hab' erst einen zusammentreten unt' beim Bach, so kommen s' weg. + +Trautel. Ich bin ja nicht rheumatisch. + +Gluthahn. Im höchsten Grad; wenn ich dich nur anschau', fangt's +mich an zum Reißen. + +Trautel. Bringst gewiß kein Geld z' Haus, weilst so z'wider bist. + +Gluthahn (wild). Mahnst mich noch? + +Trautel (beiseite.) Ich muß dem Bösewicht nur schmeicheln, sonst +ist gar nichts z' haben von ihm. (Streichelt ihm das Kinn.) Mann, +meines Lebens Lust. + +Gluthahn (höhnisch). Weib, meines Lebens Last--was willst denn +außerbrateln von dein' Mann, den du aus List nennst deine Lust? + +Trautel. Ich hol' mir den Bader. + +Gluthahn. Hol' mir zwei Maß Wein. + +Trautel. Nicht wahr, ich darf ihn holen? + +Gluthahn. Aber ein' g'scheiten, das sag' ich dir. + +Trautel. Ich dank' dir, sie haben ja nur einen im Ort. + +Gluthahn. Und daß er nicht g'schwefelt ist. + +Trautel. Ei, wer denn? + +Gluthahn. Der Wein. + +Trautel. Ich hab' g'glaubt, der Bader. + +Gluthahn. Wer redt denn vom Bader? + +Trautel. Ich. + +Gluthahn. Und ich red' vom Wein. + +Trautel. Was hab' ich vom Wein? + +Gluthahn. Was hab' ich vom Bader? + +Trautel. Ich hol' ja den Wein, aber zahl' mir den Bader, sonst +geh' ich ja z'grund. + +Gluthahn. Nu, so hol' dir ihn, aber wenn du bis morgen nicht +g'sund bist, so darfst mir dein Leben nimmer krank werden. + +Trautel (für sich). Endlich. (Laut.) Dank' dir, lieber Mann. +(Will ab.) + +Gluthahn. Da gehst her. (Trautel kehrt um.) Jetzt wirst du doch +einsehn, was d' für einen Mann an mir hast. + +Trautel. Nu, ich glaub's. + +Gluthahn. Unter andern, hast mich gern? + +Trautel (ironisch). Nu, wer wird denn dich nicht gern haben. + +Gluthahn. Küß' mir d' Hand. + +Trautel (tut es und spricht im Abgehen seufzend). O Seligkeit! +(Geht ins Haus.) + +Gluthahn (triumphierend). So muß man sich s' abrichten, dann weiß +man, wer der Herr im Haus ist. Ich hätt' nicht nachgeben sollen, +(heuchlerisch) aber mein Herz, ich bin gar zu gut. + + + +Siebente Szene. +Voriger, Trautel mit einer leeren Flasche. + + +Gluthahn. Bist da? Da hast Geld, jetzt zieh dich. + +Trautel (beiseite). Du lieber Gott, befrei' mich doch von mein' +Leid, ich will ja gern sterben, daß ich nur den Mann nimmer sehn +darf. (Geht gegen das Dorf ab.) + +Gluthahn (allein, er schlägt Feuer und zündet seine Pfeife an). +Wenn man dem Weib da so erlaubte, auf ihre Faust recht krank zu +sein, die machte einen Aufwand damit, der nicht zu erschwingen wär'. +(Schlägt sich vor die Stirn. Erbittert.) Wann ich nur das Geld +nicht ausg'liehn hätt'. (Ein Sturmwind erhebt sich.) Öh, blas, du +dummer Wind, blas auseinander die grau muntierten Wolken. Der +Himmel ist schon vierzehn Tag' als wie ein Aschenweib. (Windstoß.) +He, he, he, he, sei nur kein solcher Narr!--Die Kälten von dem +Wind! (Windstoß.) Holla, der nimmt die Bäum' beim Kopf und beutelt +s' recht, als wie ein Meister seine Lehrbuben.--(Windstoß.) Weil +er kein' Kopf hat, so kann er auch kein' andern leiden. (Windstoß.) +Nicht rauchen laßt er mich, der Schlaprament! Du sollst mich +nicht sekieren, du lüstiger Patron; ich geh' jetzt hinein, just +kriegst mich nicht. (Er geht unter die Tür und steckt den Kopf +heraus.) Blas mich an jetzt, wannst dich traust. (Höhnisch.) Ja, +auf d' Wochen, dummer Wind! (Schlägt die Tür zu.) + + +Achte Szene. +Sturmmusik. Alzindens Gestalt als altes Weib in Bettlerkleidung +rauscht im Hintergrunde, zwischen den Flügeln des Nordwindes +liegend, über die Bühne; den Strom der Luft auszudrücken, in +welchem eine geflügelte Figur mit aufgeblasenen Backen, die Locken +mit Eis behängt, wie durch einen Schleier sichtbar ist, bleibt der +Phantasie des Malers überlassen. Die Musik geht in eine klagende +über, und nach einer bedeutenden Pause kommt Alzinde auf die Bühne. +Sie hat graues Haar, ihre Gestalt ist ehrwürdig, ihre Kleidung +abgenützt, aber nicht zerrissen. + + +Alzinde. Wo bin ich wohl? Wohin hat die Gewalt des Sturmwinds +mich getragen? wie heißt die Unglückswelt, auf der ich mich +befinde? denn das ist nicht mein Reich, zu meinem Auge sprechen +nie gesehne Dinge. Fremde Hütten, fremde Berge, ein fremder Himmel, +ohne Sonne, ohne Mond, ohne Sterne, ohne Blau. Auch fühl' ich +mich so schwach, ich will mich setzen, jene Quelle soll mich laben. +(Sie setzt sich an den Rand des Beckens, sieht in den +Wasserspiegel und springt auf.) Welch häßliche Gestalt schaut aus +dem Spiegel dieses Quells? Doch nicht mein eignes Bild?--Nicht +möglich! (Streckt die Hand aus und erschrickt davor.) Wem gehören +diese welken Hände, diese abgelumpten Kleider? wessen Stelle muß +ich hier vertreten? Ich bin das nicht, widerrufe, Quell! (besieht +sich noch einmal--erstarrt.) Er wiederholt's--ich bin's--ich +bin's! (Fällt verzweifelnd auf den Rasen hin.) Ich Unglückselige! +(richtet sich auf und lacht verzweiflungsvoll.) Das ist Alzind', +die Schönheitsblume Indiens, in eine welke Distel nun verwandelt. +O du mein stolzer Geist, verjagt aus deinem üppigen Palast, was +mußt du jetzt für ein verächtlich Haus bewohnen! Ich duld' es +nicht! Verzweiflungsvolle Seele, sprenge doch die Riegel dieses +morschen Kerkers! (Ängstlich.) Eilt mir zu Hilfe, Große meines +Reichs--wo seid ihr, meine Diener?--(Stark rufend.) meine +Sklaven! (Echo ruft: Sklaven.) Es ist umsonst, das Echo ist der +einz'ge Sklave meines Rufes. Ich bin allein, verbannt von meinem +Volke, meinem Gott. Was rauschet? Ha, ein Geschöpf aus dieser +Welt. O du erbärmliche Gestalt. + + + +Neunte Szene. +Gluthahn erscheint im Rocke. Vorige. + + +Gluthahn. Wer schreit denn so? Wie kommst du auf 'n Berg? Kriech +weiter um ein Haus. + +Alzinde. Wenn du ein Mensch bist, wie die Sprache mich's vermuten +läßt, so sage mir, wie heißt die Welt, in der du lebst? + +Gluthahn. Weiter geh! + +Alzinde. Wenn du ein Mensch bist, nimm mich auf in deine Hütte, +die Sonne wird dich dafür lohnen. + +Gluthahn. Aha, die brennet mich aus Dankbarkeit auf den Buckel +hinauf. Du, laß mich aus mit deiner Sonn', die kenn' ich nicht. + +Alzinde. Er kennt die Sonne nicht, weh mir. Hab' Mitleid, Hunger +führet mich an deine Hütte, speise mich mit etwas Reis. + +Gluthahn. (erstaunt). Was willst du haben? einen Reis? Ein +Bettelweib will ein' Reis; Sie schafft sich nur gleich an, was sie +am liebsten ißt. + +Alzinde. O reich' mir nur ein kleines Stückchen Zucker. + +Gluthahn (lachend). Einen Zucker will sie, o du süßes Goscherl du. +Wo hab' ich denn g'schwind was, ich gib ihr eine hinauf, daß s' +ein Zucker macht, an dem s' langmächtig z' schlecken hat. + +Alzinde. Hab' Mitleid, ich verschmachte, gib mir stärkendes Gewürz. + +Gluthahn. Jetzt halt' ich's nimmer aus, jetzt will sie noch gar +ein G'würz! Ich komm' in Narrenturm mitsamt dem Weib. Ich hab' +kein G'würz noch gesehn, solang ich auf der Welt noch bin, die geht +herum und bettelt um Gewürz. + +Alzinde. Du Unmensch, sprich, soll ich an deiner Schwelle sterben? + +Gluthahn. Was unterstehst du dich, an meiner Tür willst du da +sterben? A solche Ungelegenheit, daß ich dich noch begraben lassen +könnt'; gehst hinunter übern Berg und schaust dich um ein Platzel +um, wost' hinwerden kannst. + +Alzinde. Sonne, was erlebe ich. + +Gluthahn. Schläg' wirst gleich erleben, wenn du nicht gehst. + +Alzinde (stolz und kräftig). Ich befehle es dir, mich zu bewirten, +ich bin Indiens Königin. + +Gluthahn. Jetzt ist's heraußen. Das Weib ist närrisch. Sie ist +Indiens Königin, ich lach' mir noch einen Buckel, größer als der +ihrige. Wenn du jetzt nicht gleich von meiner Tür weggehst, so +jag' ich dich übern Berg hinunter. Marsch! Du verzuckertes +indisches Bettelweib du! (Ab. Schlägt die Tür zu.) + + + +Zehnte Szene. + + +Alzinde (allein, mit Verzweiflung). Weh mir! So bin ich denn auf +einem fremden Stern, ausgeschlossen aus der Sonne Strahlenreich. +Nicht Menschen hausen hier. Dämone sind es, Söldner jenes +Drachensohns, der mich hierher gebannt. Hier darf kein Weihrauch +duften, keine Palme blühn, ein wüstes Grab ist diese Höllenflur. +Seht, seht, wie kleine Furien mit gehörnten Köpfen über jene kahlen +Felsen springen. Nie werd' ich mehr mein Volk, meinen Gemahl +erblicken. Verloren ist mein Leib, verloren meine Seele. (Sinkt +auf die Knie und ruft:) Sonne, rette mich! (Echo: Rette mich.) +Umsonst, sie hört mich nicht; das Echo höhnt mich aus, ihr Strahl +dringt nicht auf dieses fluchbeladne Land. Welche Angst ergreift +mein Gemüt? Von allen bin ich hier verlassen und auch zu ihr kann +ich nicht flehen. Entsetzliches Geschick! Was ist der Mensch, dem +man die Hoffnung auf das Höchste raubt? Mein Aug' wird trüb, mir +ist, als hätten diese Berge Licht und Farbe eingebüßt und flößen +mit des Himmels schauerlichem Grau zusammen. Die Welt zerrinnt vor +meinen Blicken, ich sehe nichts, als jenen Strom, der konvulsivisch +sich durch dieses Chaos windet und seine nassen Arme nach mir +streckt. Hinweg von mir, du schrecklicher Gedanke, der mich +ergreift, und nach dem Strom hinzieht. Ich folg' dir nicht, – +umsonst, ich muß--Verzweiflung, freu' dich deines Siegs, ich muß +hinein. (Sie eilt gegen den Strom, plötzlich:) Ha, der Sonne Bild! +(Sie blickt empor, ihr ganzes Wesen löst sich in zitternde Freude +auf.) Sie ist's! (Steigend.) Sie ist's, die--(Mit zitternder +Stimme.) die Sonne! Meine Sonne, meiner Seele höchster Trost! +(Sinkt auf ein Knie, dann springt sie freudig auf.) Freude, Freude, +sie ist hier! Ihr Wälder, Klippen, Bäume, Quellen, meinen Blicken +neu geboren, grün gekleidet, wie mein Hoffen, hört es, ich bin +nicht verlassen, nicht verstoßen von der ew'gen Sonne! O wie ist +mir wieder leicht, wie hat ihr Strahl mein Innerstes gelichtet. +Nun hab' ich Mut zum Dulden, Mut zum Tragen. + +Muß ich fern von allen Lebensfreuden +Kämpfen auch mit Gram und Leiden, + Kann ich's doch der Sonne klagen, + Mit Bewußtsein zu ihr sagen; +Habe alle Freuden meiner Jugend +Aufgeopfert für den Ruhm der Tugend + Und erwarte meinen Lohn + Einst an deinem Himmelsthron. + +(Sie setzt sich auf einen Rasen und versinkt in Nachdenken.) + + + +Elfte Szene. +Hans. Mirzel. + + +Mirzel. Geh, geh, ich soll recht bös auf dich sein. Du bist ein +sauberer Mann, laufst voraus und schaust dich gar nicht um um mich. +Wie ich noch ledig war, da bist hinter mir her g'wesen auf einen +jeden Schritt, und jetzt--aber die Nachbarin hat mir's +vorausg'sagt, das ist das sicherste Zeichen, daß ein paar +verheiratet sind, wenn der Mann anfangt, unartig zu werden. Heut +werden s' kopuliert, da geht sie voraus, den andern Tag laßt er sie +schon hint' nach gehn. + +Hans. Aber liebe Mirzel – + +Mirzel. Willst du's etwa leugnen? Zuerst kommst du, hernach dein +Spitzel, nachher ich, ich und der Hund, wir gehen immer miteinander. +Au contraire, seinem Spitzel pfeift er doch manchmal, aber bei +mir da denkt er sich: Du kommst mir so nach Haus, dich verlier' ich +nicht. + +Hans. Ich weiß gar nicht, ich hab' den Hund recht gern bei mir. +Ob wir jetzt unser zwei ausgehn oder unser drei? + +Mirzel. Nu, neulich sind wir gar unser vier g'wesen, da hast zwei +Spitzeln mitg'habt; einen hast du aus dem Wirtshaus nach Haus +tragen, und der andere ist so mitg'laufen. + +Hans. Nu, und wie er neulich verloren gegangen ist, so hat ihn +doch kein Mensch finden können als du. + +Mirzel (launig). Ja, das macht, weil ich sehr spitzfindig bin. + +Hans. Aber jetzt hören wir einmal auf, wir disputieren wegen die +Spitz' wie die kleinen Buben; das ist eine völlige Spitzbüberei. + +Mirzel. Ich bin ja schon wieder gut, das ist ja nur mein Spaß, ich +hab' dich viel zu lieb, du bist ja mein guter Mann. + +Hans. Und du mein guts Weib; kurzum, wir sein halt von der besten +Gattung. + +Mirzel. Freilich, wir sind gut, und alles wär' gut, wenn wir nur +mehr zu essen hätten. + +Hans. Laß nur gut sein, der liebe Gott wird uns schon helfen. +Haben wir doch jetzt unser' Grundsteuer wieder zum Amtmann +hineintragen; acht Gulden alle Jahr', ist kein Spaß. Schau' nur, +wie die Sonn' so freundlich scheint, schau' dich nur um. (Erblickt +Alzinde.) Du, was liegt denn dort für ein altes Weib? die wird +krank sein; sie weint, ich werd' s' trösten. + +Mirzel. Die Alte? Nun, die kannst schon trösten. + +Hans (geht zu ihr). Du, Alte, hörst? + +Alzinde (hebt sich empor, erblickt beide, springt erschrocken auf +und ruft). Menschen! (Will entfliehen.) + +Hans. He, he, wo laufst denn hin? so wart' doch, wir meinen dir's +ja gut. + +Mirzel. Freilich, willst ein Stückel Brot? + +Alzinde (sieht sie erstaunt an). Seid ihr wirklich Menschen? + +Hans. Nu, du wirst uns doch für keine Maikäfer anschaun? + +Alzinde. Menschen seid ihr, und ihr habt Erbarmen? + +Mirzel. Du blauer Himmel, warum nicht? wir erbarmen uns selbst +manchmal. + +Alzinde. Also seid ihr unglücklich? + +Mirzel. I bewahr', wir sind recht glücklich. + +Hans. Wir haben nur kein Geld. + +(Gluthahn laßt sich am Fenster sehen, und horcht.) + +Alzinde. Das versteh' ich nicht. + +Hans (zu Mirzel). Sie ist taub. (Laut, Alzinden ins Ohr.) Wir +haben kein Geld, wie kannst du denn das nicht verstehn, das kann +ich mit Händen greifen, wenn ich in den Sack fahr'. + +(Fährt in den Sack.) + +Mirzel. Weißt, wir sind halt glückliche Unglückliche, wie manche +Leute unglückliche Glückliche sind. + +Hans. Das ist eine gute Explikation. Wir sind arme Steinbrecher, +wir arbeiten im Steinbruch da hint', und leiden oft Hunger, daß +sich ein Stein erbarmen möcht', aber nur im Winter, im Sommer +geht's uns besser. + +Mirzel. Was sprichst du denn so viel da mit der Alten, trag ihr +etwas aus der Hütte und laß sie gehn. + +Hans. Nein, mir gefallt s', sie hat zwar noch nichts g'redt, aber +ich find', daß sie recht eine unterhaltendliche Person ist. (Zu +Alzinde.) Weißt, ich und mein Weib haben uns halt gar so gern, und +das ist unser Glück. + +Alzinde (zu Mirzel). Also liebst du deinen Mann? + +Mirzel. Vom Herzen. + +Alzinde. Und wenn du ihn verlieren müßtest? + +Mirzel. Ich, mein' Mann? + +Alzinde. Wenn er dir auf ewig entrissen würde? + +Mirzel. Das überlebet ich nicht. + +Alzinde. Weh mir, und ich lebe noch! Sie stirbt für diesen +Bettler, und ich lebe noch. (Weint heftig.) O mein Gemahl, mein +königlicher Herr. (Ihre Tränen fallen in Hansens Hut, der ihn +absichtslos aufhält.) + +Hans. Jetzt, warum weinst denn? Jetzt weint sie mir grad in den +Hut hinein.--Du, Mirzel, schau, was ist denn das, der ihre Tränen +sind ja alle von Glas, die weint ja lauter kleine Steiner. + +Mirzel. Warum nicht gar. + +Hans. Auf die Letzt hat s' gar einen Steinbruch in die Augen. + +Mirzel. Was weinst denn du da? + +Alzinde. Ich weine Diamanten. + +Hans. Mich trifft der Schlag, das hab' ich noch mein Leben nicht +g'hört, daß eine Amanten weint. Wann s' noch wegen einen Amanten +weinet', aber einen Amanten selbst, das ist entsetzlich. + +Alzinde. Sagt mir, haben Diamanten aus eurer Welt hier einen Wert? + +Mirzel. Nu, ich will's hoffen, unser Herr, bei dem wir arbeiten, +hat einen Ring, da ist ein einz'ger Stein mehr wert, als sein +ganzer Steinbruch. + +Alzinde. So hört mich an, vielleicht kann ich durch meine Tränen +euch beglücken. Des einen Glück bedingt ja leider oft des andern +Unglück. Behaltet mich bei euch, gebt mir nur magern Unterhalt, +schützt mich vor der Mißhandlung eurer Brüder und nehmet meine +Tränen hin als Eigentum, welche reichlich fließen werden, weil ich +mein Schicksal nicht genug beweinen kann. + +Gluthahn (am Fenster). Das Weib laß' ich nicht aus, mein Herz ist +z' gut, die nehm' ich auf. + +Hans. Aber wer hat dir denn das g'lernt, du bist doch nicht etwann +eine Hex'? + +Mirzel. Nu, fragen möcht' ich s' noch. + +Alzinde. Was ich euch nun entdeck', ist wahr, so wahr, als dieser +Sonnenstrahl, der sich in meiner Träne bricht. Ich bin die Fürstin +eines ind'schen Reichs, der Tugend hab' ich mich geweiht, wie ihr, +und weil ich einen bösen Geist aus meinem Land vertrieben, hat er +aus Rache mich nach eurer Welt verbannt. Ich ward geehrt von +meinem Volk, das meine Schönheit, meinen Geist bewunderte, geliebt +von meinem zärtlichen Gemahl, und alles, was des Glückes Großmut +mir verliehn, hat dieser Dämon mir entrissen. (Weint.) + +Hans. Jetzt fang' ich auch zum Weinen an, aber meine Tränen sind +keinen Kreuzer wert. + +Alzinde. Doch meine Jugendkraft hat er mir nicht geraubt, und +heftiger fühl' ich den Schmerz, als ich die Freude früher hab' +empfunden. Ihr glaubt mir doch? + +Mirzel. Das kann ja sein, ich hab' schon viel von verzauberten +Prinzessinnen gehört. Nu, trösten sich Euer G'streng' nur, wir +werden schon für Euer G'streng' sorgen. + +Hans. Was sagst denn Euer G'streng', meinst denn, du redst mit dem +Verwalter? (Mit erhobener Stimme.) Weiß die Fürstin was, wir +behalten die Fürstin bei uns, und was wir haben, bekommt die +Fürstin auch. + +Alzinde. Ihr guten Menschen, meine Tränen werden dankbar fließen. + +Mirzel. Wenn s' nur alle Jahre einmal weint, im Frühling, wenn der +Schnee zerfließt, so leben wir das ganze Jahr davon. Die Fürstin +macht noch unser Glück. + +Hans. Und da braucht sie nicht einmal einen Schmerz, der sie +weinen macht, ich reib' ihr einen scharfen Kren, so weint sie ihren +diamantenen Fleck her und lacht uns alle aus. + +Mirzel. Ja, das ist prächtig, lieber Hans; die Tränen, die du im +Hut hier hast, tragst du morgen augenblicklich in die Stadt. Jetzt +geh die Fürstin nur in unsre Hütten hinein, da findt die Fürstin +Milch und Brot; wir müssen jetzt in' Steinbruch hinaus, wir haben +nur unsre Werkzeuge g'holt. Auf den Abend kommen wir nach Haus, +und dann wollen wir recht vergnügt sein alle drei. + +Hans. Ja, mein' liebe gute Fürstin, geh die Fürstin nur hinein, +gib die Fürstin auf mein' Spitzel gut acht und sperr' die Fürstin +die Tür von innen gut zu; unser Nachbar ist gar ein böser Mann, dem +muß die Fürstin ja nicht traun, sperr' ihm die Fürstin gar nicht +auf. + +Alzinde. Sorgt euch nicht, ich hab' ihn schon erkannt. Er stieß +mich ja von seiner Tür. + +(Sie geht hinein, Hans und Mirzel nehmen ihre Hämmer. Alzinde +riegelt die Türe von innen zu.) + +Hans. Heisa, jetzt geht's in den Steinbruch hinaus, wenn wir auch +noch so wenig haben, ein fröhliches Herz tauscht ja mit Königen +nicht. (Beide ab.) + + + +Zwölfte Szene. + + +Gluthahn (schleicht herein). Geh in den Abgrund, Volk. Ob denn +ein guter Mensch, wie ich bin, ein Glück hat? Erwischen die das +Weib mit ihrer diamantenen Tränenfabrik! Gluthahn, da kannst du +dein Geld hereinbringen. Ich bin ein guter Mensch, aber das Weib +lass' ich nicht aus, die muß mir alle Säck' voll weinen. Hab' +schon meinen Plan ausgedacht indessen,--im Haus kann ich sie nicht +versperren hier; sechs Stunden weit in Alpenmarkt drin, da kenn' +ich einen Herrn aus der Stadt, er hat ein Landhaus in Alpenmarkt +drin und war in meiner Hütten öfter über Nacht, wenn er auf die Alm +hinauf ist--das ist ein vermöglicher Mann, er handelt mit guten +Steinen und reist herum damit. Er kauft Holz von mir; da führ' ich +s' hin und lass' sie etwas weinen, daß er s' untersucht, ob s' +wirklich Diamanten weint, ob s' nicht etwa böhmische Steine weint +oder so Zeugs. Und wenn s' was wert ist, so machen wir einen +kleinen Überschlag, und ich verkauf' ihm das ganze Weib wegen ihren +Tränen um ein Pauschquantum. So ist das arme Weib versorgt, kommt +auf Reisen und hat das schönste Leben. Ich kann mir halt nicht +helfen, ich find', daß ich ein edler Kerl bin, ich mag schon tun, +was ich will. Wenn ich s' nur herauslocken könnt', ich wirf sie +auf meinen Leiterwagen und fahr' mit ihr davon, als wenn ich sie +gestohlen hatt'. Da kommt mein Weib. + + + +Dreizehnte Szene. +Gluthahn. Trautel. + + +Trautel (stellt den Krug Wein auf den Tisch). Da bin ich, lieber +Mann. + +Gluthahn (roh). Nu, bist du schon g'sund? + +Trautel. Warum nicht gar. Ach, lieber Mann, mit mir ist's aus, +der Bader sagt, mich bringt er nimmer auf. + +Gluthahn. Der Bader ist ein Narr, was braucht er dir's zu sagen, +das hab' ich eh' schon g'wußt. + +Trautel. Ich unglückselig Weib--ich bitt' dich, Mann, was soll +ich denn jetzt tun, damit mir besser wird? + +Gluthahn. Spann' die Pferde vor den Wagen, das stärkt dich, ich +fahr' aus. + +Trautel. Das ist ein schöner Trost! Ich kann ja nicht, ich bin z' +schwach. + +Gluthahn. Du mußt, potz Himmeltausend Saprament, ich werd' dich +lernen räsonnieren, du alte Blendlaterne. Den Augenblick spannst +ein und gehst dann in den Garten und brockst mir ein' Korb voll +Äpfel ab. (Für sich.) So bring' ich sie doch fort. + +Trautel. Nein, du bist kein Mensch, du bist ein Krokodil. (Weint.) + +Gluthahn. Wirst gehn. + +Trautel. Ich geh' schon. (Geht weinend ab.) Ach, du lieber Himmel! + +Gluthahn. Jetzt weint die auch. Komm her. (Trautel kehrt um.) +Was weinst denn? (Sieht in ihre Augen.) Die weint keine Diamanten, +höchstens mein Geld als Medizin. Geh, geh, besorg' den Wagen, so +kommst du mir doch aus den Augen. + +(Trautel geht hinters Haus ab.) + + + +Vierzehnte Szene. +Gluthahn, dann Alzinde. + + +Gluthahn (boshaft lächelnd). Jetzt werd' ich fensterln gehn. (Mit +falscher Freundlichkeit.) Liebe Alte, komm heraus, ich hab' dir +etwas zu entdecken. + +Alzinde (öffnet das Fenster). Was willst du, böser Mensch, der +mich verstieß. + +Gluthahn. Denk doch nicht mehr dran, ich war im Zorn, ich bin so +gähzornig, ich hab' es schon bereut, hab' schon g'weint deswegen +und möcht' dir die Kränkung gern vergelten; drum komm heraus, wir +trinken ein Glas Wein. + +Alzinde. Ich traue deinen Worten nicht. Eh' glaub' ich, daß der +Hai des Meeres Schutzherr wird, der Falke um die Taube freit, +Hyänen um ein Menschenleben weinen, der Wolf aus Gram vergeht, weil +er ein Lamm getötet hat, eh' ich das glaub'; daß du mich trösten +willst. + +Gluthahn (beiseite). Sie beißt nicht an, ich werd' ihr etwas Süßes +an die Angel hängen. (Laut.) Sei nicht so mißtrauisch, du hast ja +selbst ein gutmütigs G'sicht, du mußt einmal besonders schön +g'wesen sein, man sieht dir's noch ein wenig an, du hast noch recht +verliebte Augenbraunen. Geh, komm herüber, liebe Alte, mein Weib +hat eine schöne Hauben, die wird dir prächtig stehn. + +Alzinde. Bemüh' dich nicht, du zwingst mir kein Vertrauen ab. + +Gluthahn. Das muß kein Weibsbild sein, weil sie das nicht rührt. +Jetzt werden wir's auf andre Art probieren. (Heuchlerisch laut.) +Du tust ein frommes Werk, wenn du durch mich dir etwas Guts +erweisen laßst, es ist ja deine Pflicht, ich kann nicht ruhig +schlafen sonst; ich mach' mir Vorwürf' in meinem Innern, daß ich +dich so behandelt hab'. (Hält die Hände zusammen.) Ich bitte dich, +geh doch heraus, tu mich nicht so kränken, ich bin ja ein kranker +Mann, ein alter, der nicht mehr lange leben wird. + +Alzinde. Verlaß die Hütte, du betrügst mich nicht. + +(Schließt das Fenster.) + +Gluthahn (erzürnt). Der Satan hat das Weib im Sold! + + + +Fünfzehnte Szene. +Gluthahn, Trautel, dann Alzinde. + + +Trautel. Eing'spannt ist's, jetzt fahr zur Höll'! + +Gluthahn. Was hab' ich in dein' Geburtsort z'tun? Nach dem Garten +geh und Äpfel brock'. (Trautel geht ins Haus ab.) Heraus muß sie, +und wenn ich's Haus zerschlagen sollt'. (Klopft heftig an.) Alte, +g'schwind machst auf, es schickt der Hans, er hat ein Arbeitszeug +vergessen. (Der Hund knäuft von innen.) Sie macht nicht auf. +(Pocht stärker.) Ob du aufmachst, frag' ich, oder nicht, ich +schlag' euch alle Fenster ein, ihr schlechtes G'sind'. (Er schlägt +das Fenster ein, man hört den Hund bellen.) Den Hund erschlag' ich; +bist still, du Höllenvieh! (Wirft einen Stein hinein.) + +Alzinde (am Fenster). Bist du rasend, Mensch? was reizt dich so +zur Wut? + +Gluthahn (äußerst boshaft). Heraus gehst, sag' ich, sonst zünd' +ich das Haus an allen Ecken an, ich kenn' mich nicht vor Wut. O +weh, mir wird nicht gut, ich armer Mann--wer hilft mir denn? +(Sinkt in den Stuhl und löst sein Halstuch.) Wasser, Wasser! Mir +wird übel--ich stirb, wenn sich kein Mensch erbarmt--o! o! +(Pause.) + +Alzinde. Götter, welch ein Mensch! Er liegt bewegungslos! was +soll ich tun? Wenn er nun stirbt, so bin ich schuld, ich könnte +ihn erretten. Er ist ein böser Mensch zwar, aber doch ein Mensch, +die Sonne scheint auf ihn, so wie auf mich, und fordert mich zu +seiner Rettung auf. Ich will der Tugend dieses kleine Opfer +bringen. (Öffnet die Hütte und trägt in einer Schale Wasser.) +Alter, Alter, hier ist Wasser! + +Gluthahn (springt schnell auf). Heisa, hab' ich s' erwischt? +Jetzt kommst mir nimmer aus. (Packt sie.) + +Alzinde. Ha, du verräterischer Molch! + +Gluthahn (ringt mit ihr). Jetzt will ich dich zum Kirchtag führen. + (Der Hund bellt heftig.) Still, du Rabentier. (Er zerrt sie +hinter das Haus in die Kulisse. Nach einer Pause kommt) + + + +Sechzehnte Szene. + + +Trautel (mit einem Korb Äpfel). Was bellt denn nur der Hund so +sehr? Spektakel! was treibt denn mein Mann? der hebt ein altes +Weib auf seinen Wagen. (Peitschengeknall.) Jetzt fährt er fort mit +ihr. Du gottloser Mensch, wenn er nur nichts Schlechts vorhat mit +dem Weib? Wie er ausjagt,--das geht nicht mit rechten Dingen zu. +Ich lauf' in' Steinbruch, such' den Nachbar, sag's dem Bader, +klag's dem Richter, allen Leuten unt' im Orte will ich schnell die +ganze G'schicht' erzählen. Das ist ein Unglück, daß ich gar nicht +weiß, was geschehen ist. (Ab.) + + + +Siebzehnte Szene. +(Kurzes Wolkentheater.) + +An der Seite, im Vordergrunde, eine hervorragende thronartige +Wolkengruppe. Geister der Tugend, weiß gekleidet, Lilienstengel in +den Händen, kommen unter passender Musik trauernd auf die Bühne. + + +Ariel (tritt mitten unter sie). + Laßt uns um Alzinden klagen, +Die in jugendlichen Tagen +Durch der finstern Mächte Spiel, +Als ein Tugendopfer fiel. +(Knien nieder.) + Himmel, höre unsre Bitten, +Lasse nimmer es geschehn, +Daß der Tugend reine Sitten +Durch Verfolgung untergehn. + +(Steht lebhaft auf.) + +Doch seht nur, dort schwebt, mit dem Lilienstengel +Der Retter der Unschuld, ihr tröstender Engel, +Er trug zu dem Throne des Mächtigen hin +Das Schicksal Alzindens mit flehendem Sinn. +O himmlischer Bote, o tauche doch nieder +Dein silbererglänzendes Schwanengefieder! +Er nahet, er nahet, er senket die Schwingen, +Und wird uns das Machtwort des Ewigen bringen. + + + +Achtzehnte Szene. +Musik. Vorige. Der Genius der Tugend, eine Lilienkrone auf dem +Haupte, besteigt den Wolkenthron. + + +Genius. + Hört mich an, ihr Tugendgeister, +Zu mir sprach der hohe Meister; +Nur ein Kampfplatz ist die Welt, +Und das Böse hingestellt, +Daß es mit dem Guten streite, +Und der Hölle werd' zur Beute. +Beide treten in die Schranken +Dieser unruhvollen Welt; +Tugend darf im Kampfe wanken, +Eigne Schuld ist's, wenn sie fällt. +Jedem ward die Kraft hienieden, +Der Verführung Trotz zu bieten; +Nur der Schwache sinkt im Krieg, +Doch den Starken krönt der Sieg. +So ist es bestimmt auf Erden, +Tugend muß geprüft dort werden. +Dies ist auch Alzindens Los; +Doch ihr Lohn unendlich groß, +Denn sie wird ein Beispiel geben, +Wie der Mensch gelangt im Leben +Durch die Qual der tiefsten Leiden +Zu dem Ziel der höchsten Freuden, +Die ein groß Bewußtsein schenkt. + + Drum gehe in Erfüllung Moisasurs Spruch, +Und Edelmut, den er verdammt, besiege seinen Fluch. +Unmögliches hat er von ird'scher Kraft begehrt, +So werde er nun auch durch den Erfolg belehrt; +Daß Tugend, wenn sie gleich im Staub sich windet, +Hoch in den Wolken ihren Retter findet. + + + Zu diesem, sprach er, will ich dich nun weihn, +Und deinem Wink die Kraft verleihn, +Daß jedes Wesen, so die Erde hegt, +Was sich in ihr, und was sich auf ihr regt; +Die Bewohner dunkler Klüfte, +Wie die Geister blauer Lüfte, +Deinem Rufe untertänig; +Ja, daß selbst des Todes König, +Sprichst du meinen Donnergruß, +Deinem Rufe folgen muß. +Also sprach der große Meister, +Preiset ihn, ihr Tugendgeister. + +(Alle knien nieder und beugen ihr Haupt.) + +Genius. + Ich will, um das Schiff zu lenken, +In Hoanghus Seele senken +Meiner Prüfung forschend Blei, +Ob sein Lieben tief auch sei. +Ihr verrinnet in die Lüfte, +Hüllet euch in Blumendüfte, +Lindert in Alzindens Herz +Der Verzweiflung wilden Schmerz. + +(Die Geister verschwinden.) + + + +Neunzehnte Szene. +(Indische Gegend.) + + +Seitwärts Hoanghus Zelt, zwischen Palmen aufgehangen, er ruht darin. + Der Wolkenthron, auf welchem der Tugendgenius steht, verwandelt +sich in einen hohen Fels. + +Genius (auf dem Fels). + Unter jenem Palmenzelt +Ruhet Indiens edler Held; +Traumgott, du magst niedersteigen +Und Alzindens Los ihm zeigen. + +Musik. Wolken sinken, es wird Nacht. Der Traumgott tritt in +Hoanghus Zelt, beugt sich über sein Haupt, und indem er seine +Stirne mit der einen Hand berührt, zeigt er mit der anderen auf die +Hinterwand und bleibt in dieser Stellung, bis der Traum vorüber ist. +Die Wolkendecke löst sich, man sieht in einer hellbeleuchteten +Gegend am Meere, auf einem mit Blumen besäten Hügel Alzinden mit +einem Siegeskranz in der Hand, ihren Gemahl freudig erwarten. +Siegesmarsch erschallt. Eine Gestalt, wie die Hoanghus, von +Kriegern begleitet, landet auf einem Schiffe, springt freudig ans +Land, eilt auf Alzinden los und streckt die Arme aus. Plötzlich +verwandelt sich der Hügel in einen schroffen Fels, auf dem Alzinde +in der Gestalt eines alten Weibes sitzt und ihre dürren Arme nach +Hoanghu streckt, welcher entsetzt zurückschaudert. Moisasur grinst +mit hohnlächelndem schadenfrohen Antlitz, mit halbem Leibe, aus +Wolken herab auf die Gruppe. Die indische Gegend und der Traumgott +verschwindet. Die Musik endet leidenschaftlich. Hoanghu springt +erschrocken vom Lager auf. Es wird Tag. + +Hoanghu. Fort von mir, verruchter Traum, der seine +Schreckensbilder auch nach dem Erwachen zeigt, willst Hoanghu du +ermorden? Was klammerst du dich so an meine Phantasie?--Laß los! +(Reißt erzürnt das Schwert aus der Scheide und haut in die Luft.) +Träume sendet uns die Sonne, darum glaub' ich ihrem Wink. Götter, +sendet mir ein Zeichen, ob euch dieser Traum gehört? oder ob die +gift'ge Spinne Moisasur ihn gewebt? Doch was brauch' ich hier zu +fragen in dem antwortlosen Wald, ich will meine Frage stellen an +die Überzeugung selbst. (Es donnert.) Ha, des Donners +Warnungsstimme spricht, der Schreckenstraum ist wahr. Auf, ihr +Krieger, reißt die Zelte nieder, kündigt den Gehorsam auf dem +Schlaf. (Alarm, alles greift erschrocken zu den Waffen, Krieger +und Häuptlinge erscheinen auf der Bühne.) + + + +Zwanzigste Szene. +Voriger. Häuptlinge. Krieger. + + +Ein Häuptling. Was befiehlst du, großer König? + +Hoanghu. Ordne schnell dein ganzes Heer. Siehst du meines Reiches +Grenze? (Deutet in die Szene.) Nach der Hauptstadt ziehen wir, +denn ein Traum hat mir verkündet, meiner Gattin droht Gefahr. +Schnell, wie ihr den Feind verfolget, so verfolget jetzt die Zeit. +Eure Waffe sei die Eile, haut damit den Tag in Stücke, metzelt +Stunden zu Minuten, daß in wenigen Sekunden ihr Alzindens Antlitz +schaut. Darum zeigte uns der Morgen rotgeweinte Augenlider, netzt' +die Erd' mit blut'gem Tau--seine Tränen flossen um mein Weib. +Brechet auf, und welcher Bote mir den Flug des Pfeils beschämt, wer +am Tore meiner Hauptstadt mit der Nachricht von Alzindens Leben +freudig mir entgegeneilt, dem lass' einen Turm ich bauen in des +Reiches schönstem Teil; und was von seinen goldnen Zinnen +überschaut sein gierig Auge, schenk' ich ihm als Eigentum. (Alles +ab.) + + + +Einundzwanzigste Szene. +Genius der Tugend tritt vor. + + +Genius. + O könnten doch alle die lieblichen Frauen +Dies seltene Beispiel von Männertreu' schauen, +So würde in aller Brust ein Wunsch nur sein; +O könnt' ich doch auch einen Hoanghu frein. +Und könnten die Männer, die nicht so gewesen, +In Hoanghus Busen den Lohn dafür lesen, +So würd' aus dem flatternden Männerverein +Die Tugend sich manches Bekehrten erfreun. +(Ab.) + + + +Zweiundzwanzigste Szene. +(Kurzer Palmenwald.) + +(Drei Schritte von der Kulisse steht frei in Form eines hohen drei +Schuh breiten Monuments ein Grenzstein von weißem Marmor, mit der +Aufschrift: Grenze von Hoanghus Reich.) + + +Karambuco, ein indischer Krieger, ohne Waffen, läuft herein, hinter +ihm am Felle festhaltend, keucht Ossa sein Weib, sie ist mit einem +Bündel beschwert. + +Karambuco (ruft noch in der Kulisse). Laß mich los, du +entsetzliches Weib. (Tritt auf.) Was willst du denn von mir, du +Drachenzahn, ich muß ja laufen, daß die Sohlen brennen. + +Ossa (hält ihn fest). Du kommst mir von der Stelle nicht, bis du +mir sagst, was du für ein Geheimnis mit dir trägst. Du bist ein +falscher Mann, du entlaufst dem Heer und deinem Weib. Du hast +etwas verbrochen. (Boshaft.) So sag' mir's doch. + +Karambuco. O Götter, leiht mir einen Pfeil, daß ich ihre Sucht +umbringe, mich zu halten. Sonne, brenn' ihr beide Arme ab! Ich +muß ja fort, es ist ein Preis gesetzt, wer unserm König Nachricht +bringt, ob seine Gattin lebt. + +Ossa. Das lügst du, unverschämter Mann, da hab' ich nicht ein Wort +davon gehört. + +Karambuco. Weil du geschlafen hast. + +Ossa. Ich schlafe nie. + +Karambuco. Der Satan wacht in dir. Da komm' ich eh' von einer +Riesenschlange los, als von dem Weib, ich muß mich gar aufs Bitten +legen. (Kniet sich nieder, sie läßt das Kleid los und hält ihn an +den Händen, sie knien einander gegenüber.) + +Karambuco. Liebe Ossa, laß mich los. + +Ossa. Ich kann nicht, lieber Karambuco. + +Karambuco (springt erzürnt auf, sie mit ihm). Verwünschtes Weib, +was willst du denn? + +Ossa. Was du nicht willst, verwünschter Mann. + +Karambuco. Geh! + +Ossa. Steh! + +Karambuco. Ich schlag' dich tot. + +Ossa. Du kannst ja nicht, ich halt' dich ja. + +Karambuco. Das ist ein Riesenweib, sie bricht mir die Hände +entzwei. Erinnere dich an deine Pflicht. + +Ossa. Des Weibes Pflicht ist, festzuhalten an dem Mann; ich halte +fest. + +Karambuco. Ich komm' nicht aus mit ihr, und nicht davon. Da +bring' ich eher einen Elefanten durch ein Nadelöhr, als dieses Weib +zu ihrer Pflicht. O meine Aussichten--was hätt' ich auf dem Turm +für schönes Land gesehn; jetzt seh' ich nichts, als dieses häßliche +Gesicht. Doch wart', du sollst mich kennen lernen; nimm dich +zusammen, Karambuco! fort mit dir, du Drachenweib! (Er schleudert +sie mit Gewalt von sich, so daß sie über den Grenzstein fliegt und +in einer drohenden Stellung gegen ihn auf die Erde fällt. Sie wird +in dieser Attitüde zu einem grauen Stein, als ausgehauene Figur.) +Was ist das? bin ich versteinert, oder ist's mein Weib? Diesmal +ist sie's. Götter, was habt ihr für Wunder getan! Dieses Weib zum +Schweigen zu bringen, da gehört etwas dazu. (Springt vor Freude.) +Götter, die Freud', mein Weib ist von Stein. Ha, jetzt hab' ich +Mut, jetzt schmäl' ich sie recht. Du Hydra, du Drache, du indische +Mumie! (Freude.) Sie kann nichts sagen, o glückliche Ehe! Jetzt +freut's mich erst, daß ich verheiratet bin.--So rede, wenn du +dich traust, schlag, wenn du kannst, beiß, beiß. (Springt.) Ihr +Götter, ich dank' euch, sie kann nimmer beißen! O du steinerne +Bosheit, wie bist du so gutmütig jetzt. Wenn doch mancher Mann die +Macht besäße, der Beredsamkeit seiner Frau so ein versteinerndes +Halt zuzurufen, da kämen oft herrliche Statuen heraus. Doch ich +verplaudere die Zeit und soll sie verlaufen. Leuchte mir, Sonne! +(Er stellt sich zum Laufen an.) + +Stimme des Genius. Tritt nicht auf diesen Boden, er verwandelt +dich in Stein. + +Karambuco. Bitt' um Vergebung, da spiel' ich den Krebs. (Geht +rückwärts.) Also der Boden versteinert? --Da scheid' ich von ihm. +--Doch, was seh' ich, was fällt mir jetzt ein! Mein ganzes +Vermögen, was ich erspart und gestohlen, alles ist hin, sie hat +alles im Sack und im Bündel da drin. Alles ist Stein, Weib und +Vermögen versteinert--ich hab' alles verloren, und bin doch ein +steinreicher Mann. + + + +Dreiundzwanzigste Szene. +Indischer Marsch in schnellem Tempo. Hoanghu eilt an der Spitze +seines Heeres herein. Karambuco kniet sich vor ihm nieder und hält +ihn auf. + + +Karambuco. Großer König, bleib zurück. + +Hoanghu. Aus dem Wege, Sklave, flieh! (Stößt ihn von sich.) + +Karambuco (umklammert seinen Fuß). Bei der ew'gen Sonne, bleib +zurück, ein einz'ger Schritt bringt Tod. Sieh hier mein +marmorerblichenes Weib. Dieser Boden lithographiert. Wer ihn +betritt, den zieht er als Steinabdruck heraus. Laß dein ganzes +Heer einziehen, und du wirst jeden Krieger durch ein Monument +verewigen. + +Hoanghu. Zurück, du Mörder, der durch Warnung tötet, diese Grenze +schließt Alzindens Unglück ein. Ohne sie kann ich nicht glücklich +sein, und jedes Schicksal will ich mit ihr teilen. Nicht außer +diesem Reiche steht mein Leben, es ist in ihm, in ihr; ich trag' es +nicht hinüber, kann es nimmer retten, weil's mit ihr vergeht. Weg +mit der Schale, wenn der Kern verloren ist. Ist Alzindens Herz +versteinert, ist's doch meines nicht, und sucht ihr Grab. Mein ist +dies Reich, und wenn's mit Unglück kämpft, so darf der König auch +nicht fehlen. Folg', wer will. (Will über die Grenze.) + + + +Vierundzwanzigste Szene. +Genius der Tugend tritt ihm entgegen. Vorige. + + +Genius. Zurück, Hoanghu, ich befehl' es dir. + +Hoanghu. Wer bist du, Lichtgestalt? + +Genius. Ich bin die Tugend, deiner Gattin, deines Landes +Schutzgeist. Deine Gattin hat in deinem Reich mir einen Tempel +auferbaut, drum hat Moisasur sie verflucht, wie sie dein Traum +gemalt, so lang, bis die Unmöglichkeit erfüllt, die zur Bedingung +er gesetzt. + +Hoanghu. Das heißt, die Ewigkeit mit anderem Namen nennen. + +Genius. Alles kann die Gottheit wenden, und zum Werkzeug hat sie +dich ersehen. Die höchste Probe hast du diesen Augenblick +bestanden. Du kannst Reich und Gattin retten, weil du dein Leben +unter deine Liebe stellst. + +(Genius winkt: Die Gegend verwandelt sich in einen Wolkenhain. Die +Statue der Tugend, vor ihr ein Opferaltar. Die Geister der Tugend +in Gruppen, im Hintergrunde eine große diamantene Sonne.) + +Genius. Schwöre hier, am Weihaltar der Tugend, auf ihrer Lilie +heil'gen Kelch, daß du ihr jedes Opfer bringest, wenn sie es gebeut. + +Hoanghu. Ich schwör's, und wenn ich breche meinen Eid, so soll die +Quelle meinem Durst versiegen, der Baum die Früchte selbst +verzehren; so will ich König sein in menschenleerer Wüste, will +schlaflos mich im heißen Sande wälzen, und wenn mein Leib an +solcher Glut vergeht, soll die Sonne meinen Geist aus ihrem Reich +verbannen, und Moisasur ihn an seine Ferse heften. + +(Hoanghu kniet, der Genius berührt sein Haupt mit der Lilie.) + +Genius. + So will ich dich durch dieser Lilie Kraft, +Die alles Edle und Erhabne schafft, +Zum Retter deiner Gattin weihn. +In des Abends sanften Schein +Wirst du wieder mich erblicken, +Und auf leichter Wolken Rücken +Schweb' ich mit dir eilig fort, +Bis wir landen an dem Ort, +Wo in unbekannter Ferne, +Durch die Macht der bösen Sterne, +Deiner Gattin Leiden weilen. +Doch jetzt muß ich von dir eilen +Und des Abgrunds Tiger wecken, +Er muß seine Klauen strecken +Nach der Tugend Lilienbrust; +Bis wir sie mit Götterlust +Allem Ungemach entrücken, +Sie an unsern Busen drücken +In beglückter stolzer Ruh'; +Nun leb' wohl, mein Hoanghu. + + +(Genius fliegt ab.) + +Ende des ersten Aufzuges. + + + +Zweiter Aufzug. + + + +Erste Szene +In Alpenmarkt. Vorsaal im Landhause des Juwelenhändlers Rossi. +Der Hausinspektor Hänfling tritt auf mit Hausbedienten; höchstens +sechs. + + +Hänfling. + He, ihr Leute, schnell zur Hand! +Eure Pflicht ist euch bekannt, +Seid geschäftig, übt sie aus, +Denkt, die Herrschaft ist zu Haus. +Chor. + Wir sind willig, rüstig, flink, +Und gehorchen Eurem Wink. + +Hänfling. Der gnäd'ge Herr ist nicht auf einige Tage aus der Stadt +herausgefahren, er wird diesmal drei Monate in seinem Landhaus hier +verweilen; darum nehmt euch zusammen, stoßt eure Bequemlichkeit in +die Rippen, seid flink, damit er sieht, daß ich auf Ordnung halte, +als Inspektor. (beiseite.) Wenn er fort ist, kann ich euch +manchmal durch die Finger sehen, doch so lang er hier ist, muß ich +euch auf die Finger klopfen. (Laut.) Habt ihr mich verstanden? + +Alle (schreien). Ja. + +Hänfling. So schreit nicht so und packt euch fort an eure Arbeit. +Und wenn der gnäd'ge Herr frägt, wie man im Hause hier mit meiner +Anordnung zufrieden ist, so antwortet als treue Diener Wahrheit und +sagt, was ich seit vierzehn Tagen jedem eingelernt: Unser Herr +Inspektor ist ein Engel. Dies merket euch, geht eures Wegs und +bleibt fein dabei stehen. + +Ein Bedienter. Wir gehen unsres Wegs und bleiben dabei stehen. +(Ab.) + + + +Zweite Szene. + + +Hänfling (allein). Für mich gibt's nichts Bequemeres auf der Welt, +als das Befehlen; fast jeder hat Talent dazu, der Mensch ist ein +geborner Kommandant, am besten seh' ich das bei meiner Frau. Ich +für meinen Teil, wenn ich nicht Inspektor wäre, ich würde mir +wenigstens einen Jagdhund halten, damit ich zu ihm sagen könnte – +(es wird geklopft) Herein! + + + +Dritte Szene. +Voriger. Gluthahn. Alzinde. + + +Gluthahn (hat Alzinden an der Hand, geht zur Türe herein). Euer +G'streng' verzeihen, ich möcht'--(zu Alzinden.) So geh herein, +mein liebe Alte, laß dich nicht so ziehen, es nützt dich nichts. +(Zieht Alzinden herein.) + +Alzinde. Sklavin bin ich eines Sklaven. + +Hänfling. Nun, was ist das für ein Auftritt? was will das +Lumpenpack? + +Gluthahn. Werden Euer G'streng' nur nicht gar so ungnädig, ich bin +der alte Gluthahn von der Windalm hint', und möchte gern mit dem +gnäd'gen Herrn vom Haus hier reden; er kennt mich schon, ich bin +sein Holzlieferant, und wenn er unsre Alm besteigt, so bleibt er +bei mir über Nacht. + +Hänfling (für sich). Das ist eine Bettelei. (Laut.) Er ist nicht +hier. + +Gluthahn. Ei jawohl, ich hab' ihn ja am Fenster g'sehn. + +Hänfling. Er ist doch nicht hier, und wenn Er ihn an allen +Fenstern zugleich gesehen hätte. + +Gluthahn. Ja so--(Heuchlerisch.) Bitt' gar schön, Euer G'streng', +erlauben S' ihm's, daß er hier sein darf. + +Hänfling. In solchem Anzug lass' ich niemand vor. Was hast du mit +dem Weibe da, was drückst du ihr die Hände so zusammen? + +Alzinde (welcher Gluthahn mit der linken Hand beide Hände +zusammenklammert und sie so hält, spricht unruhig). O Fremdling, +nimm dich meiner an. + +Gluthahn (heimlich zu ihr). Wann's du was sagst zu ihm, ich bring' +dich um. + +Alzinde (reißt sich los von ihm und stürzt zu Hänflings Füßen). +Laß mich--(zu Hänfling) Fremdling, höre mich. + +Hänfling (stößt sie von sich). Was willst du, schmutz'ge Bettlerin? + +Alzinde (steht plötzlich stolz auf). Nichts von dir, gar nichts, +Freund. Ich habe dich verkannt. (Setzt sich in einen Stuhl und +seufzt.) Ach! (verhüllt ihr Antlitz.) + +Gluthahn (schadenfroh). Das ist dir recht g'sund. + +Hänfling. Was will das Weib? + +Gluthahn. Mit Ihrem gnäd'gen Herrn möcht' s' reden. + +Hänfling. Das kann nicht sein, packt euch jetzt fort, er ist nicht +hier. + +Gluthahn. Er wird gleich kommen. Euer G'streng' haben ein kaltes +Gemüt, ich seh's schon, ich werd' Euer G'streng' so sechs Stoß +harts Holz hereinführen, das gibt eine rechte Glut, da taut der +Mensch schon auf. (Fein.) Euer G'streng', mir scheint, ich hör' +ihn reden drin, auf die Letzt ist er doch zu Haus. + +Hänfling. Das ist nicht möglich. (Geht an die Tür und sieht +hinein.) Meiner Seel, er ist zu Haus. Wie man sich irren kann. +Ich will jetzt für Ihn sprechen; doch, daß Er sich nicht untersteht +und schickt mir einen Splitter Holz, ich lass' mich nicht bestechen. + Wenn Er es morgen bringen will, so lass' Er sich den Keller +zeigen und leg' Er es hinein, ich will nichts davon wissen. +(Abgehend.) Das ging mir ab, das wär' nicht schlecht. (Ab.) + +Gluthahn. Ah, ist ein Ehrenmann, der Herr Inspektor, aber so sechs +tüchtige Stöße, die bringen einen schon vorwärts bei ihm. Nun, was +schaffst denn du, mein altes Kapital?--Wenn ich s' nur zum Weinen +bringen könnt'. + +Alzinde. Mensch, was hast du mit mir vor? Welch böser Geist +bestimmt dich, so an mir zu handeln? + +Gluthahn. So sei nur nicht so kindisch, liebe Alte, du verkennst +mein Herz, ich mein's ja gut mit dir, du kriegst das schönste Leben. + Sei still, der gnäd'ge Herr. + + + +Vierte Szene. +Vorige. Rossi. + + +Rossi. Ah, mein alter Gluthahn, was bringt Ihn zu mir? + +Gluthahn (küßt ihm die Hand). Ich küss' die Hand, Euer Gnaden, +vieltausendmal. + +Rossi. Wie geht's zu Haus, was macht die Frau? + +Gluthahn. I mein, allweil kränklich ist sie halt! + +Rossi. Nu, da muß Er Geduld mit ihr haben. + +Gluthahn. I du lieber Himmel, mein Herz, Euer Gnaden wissen's ja, +wir leben, wie die Kinder, ich gib ja acht auf sie, wie auf mein' +Augapfel. Was s' braucht, das hat s', ich opfre mich ganz auf für +sie. + +Rossi. Brav, das macht Seinem Herzen Ehre. Wer ist denn diese +Alte da? + +Gluthahn. Das ist ein ganz besondres Weib, Euer Gnaden, ein +solches hat noch nie g'lebt. (Zu Alzinde mit falscher +Freundlichkeit.) Geh, setz' dich nieder, liebe Alte. (Führt sie an +einen Stuhl, dann heimlich zu Rossi.) Die möcht' ich gern an Euer +Gnaden verkaufen. + +Rossi. Das alte Weib? das wär' ein schöner Kauf. + +Gluthahn. Die ist vernünftiger als eine Junge,--wenn eine Junge +weint, so braucht sie etwas, und wenn die Alte weint, so bringt s' +noch etwas. Das alte Weib weint Diamanten. + +Rossi. Diamanten? Bist du ein Narr? + +Gluthahn. Versteht sich, in mein' Sack; Euer Gnaden werden's +gleich sehen, ich lasse s' jetzt Prob' weinen, augenblicklich. +Euer Gnaden rechnen aus, was die ganze Weinerei wert sein kann, +geben mir alle Jahr einen Teil davon, kein Mensch braucht was zu +wissen, und der Handel ist geschlossen. + +Alzinde (die gehorcht). Entsetzlich! + +Rossi (beiseite). Der Kerl ist ein Betrüger. (Laut.) Wie kommst +du zu dem Weibe? + +Gluthahn. G'funden hab' ich sie drauß im Wald. + +Alzinde (springt auf). Du lügst, der Bösewicht hat mich geraubt. + +Rossi. Welch' jugendliche Stimme, welche Haltung? + +Gluthahn (heftig). Bist still, du--(Faßt sich plötzlich.) Setz' +dich nieder, liebe Alte. (Zu Rossi.) Mein, s' ist verrückt, sie +weiß nicht, was sie redt; das macht Euer Gnaden nichts; wenn s' +auch dumm redt, wenn s' nur vernünftig weint. + +Rossi (beiseite). Ich muß klar sehen in der Sache. (Laut.) Gut, +überzeuge mich von deinen Worten, wir wollen sehen, was zu machen +ist. + +Gluthahn. Euer Gnaden kaufen s' also? Hollah! jetzt geht's recht. + Jetzt nimm dich zusammen, Alte, wein', was Zeug hält. + +Rossi. Weint sie denn, so oft sie will? + +Gluthahn. Nu, das will ich hoffen, das ist ihr schönste +Unterhaltung. Nicht wahr, mein' liebe Alte, du weinst uns schon +ein Stückl, kriegst hernach einen Zucker. Nicht wahr, Euer Gnaden, +ein' Zucker. (heimlich zu Rossi.) Auf den Zucker geht s' wie ein +Kanari. + +Alzinde (steht auf). Gemeiner Sklav', auf den die Sonne mit +Verachtung schaut, und dessen Anblick mein Gefühl empört, wie +hoffest du ein Aug' zu finden in der Welt, das sich mit Tränen für +dich füllt? Für dich darf keine Träne fließen, selbst an deinem +Sarge nicht, denn die Götter sind gerecht. + +Rossi. Welch eine edle Sprache führt dies Weib! + +Gluthahn. Sie ist närrisch, Euer Gnaden; sie weint uns doch noch. + +Alzinde. Ich habe dich gelabt, und du hast unbarmherzig mich +gebunden und hierher geschleppt. + +Gluthahn. Ist alles erlogen, Euer Gnaden, mein Herz laßt so was +gar nicht zu. + +Rossi (beiseite). Sonderbarer Vorfall. + +Gluthahn. Jetzt frag' ich dich zum letztenmal, ob du weinen +willst? (beiseite.) Wenn ich sie nur recht kranken könnt'. (Laut. +) Da schauen s' Euer Gnaden nur an, wie erbärmlich sie nur dasteht, +diese miserable Figur. Die rote Nase und die hunderttausend Falten, + als wenn s' für jede Sünd' ein Strichel hätt' im G'sicht. Und +Augen hat s' als wie eine Katz'. Pfui Teuxel! (boshaft lachend.) +Ha, ha, ha, ich tät' mich schämen. (Leise zu Rossi.) Helfen Euer +Gnaden mit, machen wir sie marb', damit sie weint. + +Rossi (empört beiseite). Das ist ein niederträchtiger Bube, kaum +halt' ich mich zurück. + +Alzinde (ergreift Gluthahns Hand und spricht mit Würde). Komm her, +es lohnt die Müh', dich näher zu betrachten. Sag' mir, bist du +denn wirklich ein Geschöpf, gebaut in seinem Innern, wie der edle +Mensch? O Sonne, sende deinen Blitz und spalte diese Felsenbrust, +damit mein Blick zu seinem Herzen kann gelangen, ob es die Form hat +eines menschlichen?--Götter, stärket meinen Geist, damit ich mich +an eurem Werke nicht versünd'ge und diese Menschen hier für redende +Hyänen halte. + +Rossi. Wenn so der Wahnsinn spricht, tausch' ich meinen Verstand +dafür ein. + +Gluthahn. Das ist ein schreckliches Weib, ich komm halt nicht zum +Zweck! Wenn du mir jetzt nicht weinst, so nimm ich dich mit fort +und sperr' dich ein, so lang du lebst. Sieh meinen Zorn, schau her, + er brennt, Wasser brauch' ich, lösch', lösch', mit zwei Tropfen +kannst dich retten. Nicht? so komm mit mir, in den tiefsten +Keller wirf ich dich hinunter, kein' Sonn' soll auf dich scheinen +mehr. (Er will sie fortziehen.) + +Rossi (springt dazwischen). Laß sie los, du Schurke! (Packt ihn +an der Brust und schleudert ihn von ihr, springt an den Glockenzug +und reißt heftig an, man hört stark läuten, zwei Bediente springen +augenblicklich herein. Rossi sagt einem heftig etwas ins Ohr, +worauf der Bediente schnell abläuft.) + +Rossi (stark). Augenblicklich, hörst du, schnell! + +Alzinde (wie rasend, sinkt auf die Knie). Sonne, wenn in diesem +Augenblick du deinen Donner schmettern willst auf dies +verräterische Haupt, so rufe ihn zurück, und lasse meine Stimme +dafür gelten, damit du sie auf deinem Throne hörst. Straf' nicht +durch Tod, vielleicht ist er noch zu bekehren; durch Reichtum +strafe seine Habgier; setz' ihn auf eine öde Insel hin, doch außer +dieser Welt, damit sein Rufen nicht zu dir, nicht zu den Menschen +dringt. Dort wohne er in einem silbern' Haus, mit einem Dach von +Edelstein; schenk' ihm ein Kornfeld, das von goldnen Ähren strotzt, +damit sein Geiz sich daran labe. Jede Blume, jedes Laub sei von +Smaragd, die Früchte von Rubin, die Bäche von Kristall, damit ihn +nichts erquicke, als ihr Anblick. Dann lasse wüt'gen Hunger in +sein Eingeweide ziehn, den Durst von Fischen, die auf trocknem Land +vergehn, bis er ermattet niedersinkt auf sein smaragdnes Grab, und +seine Zunge lechzt nach einem Tropfen Tau; dann erst erfülle seinen +jetz'gen Wunsch, und ström', statt milden Regens, diamantnen Hagel +auf sein eigensinnig Haupt, damit er fühlt, wie unglücklich der +Überfluß an Reichtum macht und von dem Wahn genest, der ihn zum +Bösewicht geprägt. (Strebt die Arme gen Himmel.) Sonne, höre mein +Gebet. + +Rossi. Abscheulicher Auftritt! + + + +Fünfte Szene. +Vorige. Bediente. Vier Gerichtsdiener. + + +Bedienter. Die Wach' ist hier. + +Rossi. Ergreift sie beide, diesen Bauer und dies Weib, vors +Gericht mit ihnen, unterdessen geh' ich zum Justiziär. (Schnell ab. +) + +Gerichtsdiener (beide ergreifend). Fort mit euch! + +Alzinde (freudig). Die Götter sind gerecht! + +Gluthahn. So kommt man mit sein' guten Herzen an! + +(Alle ab.) + + +Sechste Szene. +(Das Reich der Vergänglichkeit.) + +(Der Vordergrund ist eine finstere Säulenhalle aus schwarzem Marmor. + Rechts von der Bühne das kolossale eherne Eingangstor zum Palaste +des Genius der Vergänglichkeit. Im Hintergrunde wogt ein +dunkelblaues Meer, magisch erleuchtet. An seinem Ufer steht auf +einem dunklen Felsstücke ein grauer Schatten und schaufelt +Lorbeerkränze, Kronen, Myrtenkränze, Perlen, Schmuck, Geldsäcke, +Poesien usw., die auf einem Haufen liegen, langsam in das Meer. +Quer über die Bühne begrenzen es als Hintergrund schwarze +Zackenfelsen, und über diese leuchtet in der Ferne die Morgenröte +der Ewigkeit hervor. Von diesem Punkte aus hört man leis ertönend +einen Chor von Genien.) + +Chor. + Heil dem ew'gen Himmelslichte, +Heil dem unnennbaren Geist, +Heil, Heil, Heil! + +(Der Genius der Tugend tritt mit dem Lilienstengel unter dem Schluß +des Chores von der linken Seite ein.) + +Genius. Niedersteig' ich zu Alzindens Rettung in dies +lichtberaubte Reich, und begrüß' zum erstenmal das schaurige +Gestade dieses unermessnen Meeres, Vergänglichkeit genannt. Sag' +an, du fleißiger Geselle, was schaufelst du dort auf und senkst es +in den Grund des Meeres? + +Schatten (mit dumpfer Stimme). Lorbeern sind's und eitle Schätze, +so die Welt für unvergänglich hält. + +Genius der Tugend. Und wo haust der düstre Krösus dieser Gruft, +der stolze Erbherr alles Seins? + +Schatten. Er sitzt dort in jener Marmorhalle, sinnend auf den +Untergang der Zeit. + +(Der Schatten entfernt sich über den Fels in die Szene.) + +Genius der Tugend. So will ich ihn aus diesem Traum erwecken, der +verderbenbringend ist. + + + +Siebente Szene. +Dumpfe Musik. Eine Schar Geister, in graues faltiges Gewand +gehüllt, mit Sensen, zieht über die Bühne, und spricht folgenden +Chor: + + +Chor. + Lustig vorwärts, muntre Brüder, +Denn die Zeit steht nimmer still. + + +Genius der Tugend. Sag' an, wo eilst du hin, du nächtlich wildes +Chor? + +Erster Schatten. + Wir sind ein lustig Schnittervolk +Und ziehen nach der Welt. +Fleißig sind wir Tag und Nacht, +Mähen Jung und Alt. + +Genius. Und seid ihr froh bei solchem Dienst? + +Erster Schatten. Wir haben einen harten Herrn, der niemals +freundlich blickt, doch sind wir fröhlich, herzensfroh. Lustig, +Kinder, auf die Welt. Es leb' die Pest! Es leb' der Krieg! + +(Sie ziehen ab, Raben fliegen hinten drein: Qua, qua!) + +Genius der Tugend. Zieh hin, du grauser Bienenschwarm, bring' +Lebenshonig heim, ich suche deinen Weisel auf. (Er schlägt dreimal +mit der Lilie an das Tor, bei jedem Schlag ertönt es mächtig von +innen.) Heraus aus deinem finstren Haus, du Schreckensfürst, der +die Vernichtung in dem Wappen führt. + +(Die Pforte springt donnernd auf, der Genius der Vergänglichkeit +tritt heraus, ein finstrer stolzer Mann, trägt lange schwarze +Tunika, er hat ein bleiches Antlitz, schwarzes Lockenhaar, keinen +Bart, eine eherne Schlange um das Haupt.) + + + +Achte Szene. +Genius der Tugend und Genius der Vergänglichkeit. + + +Genius der Vergänglichkeit. Wer gab dir Macht, an diese Pforte +anzuschlagen? + +Genius der Tugend. Ich grüße dich, du Riesenengel, dem die Welt +erbebt, und der sie einst mit ehrner Faust zerschlägt. + +Genius der Vergänglichkeit. Was willst du hier? Warum erglänzt +dein Strahlenleib in diesem Tal der Finsternis? + +Genius der Tugend. Siehst du über jenem Zackenfels, der dunkeln +Grenze deines Moderreichs, die ew'ge Morgenröt' erglühn? Dort ist +der Tugend Vaterland, der Thron des großen Geists, und ich ein +Bürger seines Staats. + + Aus dem hohen Wunderland +Bin ich zu dir hergesandt; +Du sollst von Moisasurs Bann +Indiens Herrscherin befrein. +Nur in deinen Armen kann +Sich ihr Lebensglück erneun. +Genius der Vergänglichkeit. + Sprichst du irre, kannst du hoffen, +Leben aus dem Tod zu ziehn? +Stehn der Hölle Himmel offen? +Macht Verwesung Blumen blühn? +Genius der Tugend. + Ich will heut ein Schauspiel geben, +Dem sich keines noch verglich; +Wo der Tod gewinnt das Leben, +Diese Rolle lehr' ich dich. +Genius der Vergänglichkeit. + Willst du mich zum Gaukler dingen, +Mich, den allgewalt'gen Tod? +Genius der Tugend. + Ich will dich zur Milde zwingen, +Durch des Himmels Machtgebot. +Genius der Vergänglichkeit. + Wer sagt, daß ich schrecklich bin? +Um sein Leben zu verbittern, +Stellt der Mensch mit bangem Zittern +Düstre Bilder von mir hin. +Schrecklich bin ich nur den Bösen, +Doch den Guten bin ich's nicht! +Bin ein Wort von ernstem Wesen, +Das Bestimmung zu ihm spricht. +Doch wie kannst du's, Lichtwurm, wagen, +Zu befehlen mir, dem Tod? +Genius der Tugend. + Dies wird dir dein Meister sagen, +Der dort thront im Morgenrot. +(Schrecklicher Donnerschlag. +Eine Stimme ertönt von oben.) + Gehorche, Sklav! +Die Ewigkeit befiehlt. +Leiser Chor der Genien. + Heil! Heil! Heil! +Genius der Vergänglichkeit. + Sturmesworte hör' ich sausen, +Widerstand ist mir geraubt, +Und vor seines Donners Brausen +Beug' ich mein gekröntes Haupt. +(Kniet und beugt sein Haupt.) +Genius der Tugend (seinen Blick erhebend). + Laß mich deine Strahlen küssen, +Sonne, die du es gefügt, +Daß der Tod zu meinen Füßen, +Wie ein Lamm geschmeidig, liegt. +Genius der Vergänglichkeit (steht auf). + Dein Befehlen zu vernehmen, +Lad' ich, Seraph, dich ins Haus; +Willst du dich dazu bequemen, +Eil' ich deinem Schritt voraus. +(Bleibt in erwartender Stellung.) +Genius der Tugend. + Komm, du Herrscher finstrer Geister, +Führ' mich in dein nächtlich Haus, +Dort verleugn' in dir den Meister, +Zeichne dich als Schüler aus; +Zeig' dem Laster, das der Jugend +Leben stiehlt mit arger List, +Daß die Kraft der edlen Tugend +Über dich erhaben ist. + +(Genius der Tugend geht voraus. Genius der Vergänglichkeit folgt.) + + + +Neunte Szene. +(Gerichtssaal in Alpenmarkt.) +Der Amtmann, ein Aktuar und Rossi treten ein. + + +Amtmann. Das ist ein ganz besondrer Vorfall. Den Gluthahn kenn' +ich schon, das ist der abgefeimtste Schurke, den ich je gesehn, da +muß man rasch verfahren. + +Rossi. Die Zeugen kommen uns gerade recht, sie beschleunigen die +Sache. + +Amtmann. Wollen Sie sich nicht gefälligst setzen? + +Rossi (setzt sich). Danke. + +Amtmann (läutet, Gerichtsdiener erscheint). Den Steinbrecher und +sein Weib. (Diener ab.) Das sind zwei herzensgute Leute, und so +gewissenhaft, wie eine Wage; ihrer Aussage kann ich vollkommen +glauben. + + + +Zehnte Szene. +Vorige. Hans und Mirzel treten furchtsam ein. + + +Amtmann. Jetzt kommt her, ihr guten Leute, und gebt genau und +umständlich zu Protokoll, wie sich die ganze Sache zugetragen hat. +(Zum Aktuar.) Setzen Sie Ihre Feder in Bewegung. + +Hans. Sehr wohl, Euer Gnaden, Herr Amtmann! Sehen Euer Gnaden, +Herr Amtmann; Mein liebs Weiberl da will nicht gern auf in der +Früh', da hab' ich den Morgen zu ihr g'sagt; liebe Mirzel, steh +doch auf, wir müssen dem Herrn Amtmann die Steuer nach Alpenmarkt +tragen. Da sagt sie ja und kehrt sich nochmal um – + +Amtmann. Ja, lieber Freund, das dauert mir zu lange. + +Mirzel. Euer Gnaden, Herr Amtmann verzeihen, daß ich so mitten ins +Protokoll hineinfall', aber was mein Mann zusammenredt, das +begreift kein Mensch, viel weniger der Herr Amtmann, mit Respekt zu +sagen.--Die Sach' war so: Wie wir gestern morgen dem Herrn +Amtmann unsre Steuer bezahlt haben, sind wir auf unsre Alp' zurück, +und haben dort das alte Weib bei unsrer Hütte liegen g'funden, ganz +betrübt und scheu, weil s' der Gluthahn fortg'jagt hat; endlich +haben wir s' getröstet und sie hat uns erzählt, sie wär' eine +verwunschene Prinzessin aus--du, wie heißt das Land? + +Hans. Aus Indien, hat sie g'sagt, dort hat s', glaub' ich, einen +Gemahl und ein Volk. Drauf hat sie uns gebeten, wir möchten sie +bei uns behalten und ernähren, sie will uns dafür etwas weinen, und +wie mein Weib eine so schöne Schilderung von mir g'macht hat, so +hat sie sich an ihren Herrn erinnert und hat in diamantne Tränen in +mein' Hut hineing'weint. + +Amtmann. Wo hat Er diese Tränen? + +Hans. Ich hab' s' im Sack, Herr Amtmann. + +Amtmann. Geb Er sie heraus. (Hans gibt sie her--zu Rossi.) +Wollen Sie dieselben wohl besehen? + +Rossi. Mit Vergnügen. (Besieht sie.) Das sind echte Diamanten. + +Amtmann. Ist das möglich? Diamanten? Gleich ins Protokoll damit. + Vorher nachgezählt, wie viel es sind. + +Aktuar. Es sind sechzehn Stück. + +Mirzel. D'rauf haben wir das alte Mütterl in unsre Hütten g'sperrt +und sind in den Steinbruch hinaus, doch in einer halben Stund' +kommt des Gluthahns Weib halbtot und lamentiert, daß ihr Mann mit +einem alten Weibe auf dem Wagen über Stock und Stein davon g'fahren +ist, und wir möchten nachlaufen und sehen, was er denn vorhätt'; +denn ein Kohlenbauer wär' ihm auf der Alpenmarkt-Straßen begegnet – +und wie sie so lamentiert, wird ihr nicht gut und sie fallt uns in +d' Arm' und stirbt. + +Aktuar (hat geendet). Punktum. Sand auf sie. + +Hans. Dann haben wir sie zum Bader ins Dorf hinunter 'tragen, und +der hat g'sagt, sie wär' am Schlag gestorben. + +Mirzel. Dann sind wir nach Alpenmarkt herg'laufen, wo wir vor +einem Haus dem Gluthahn sein Leiterwagen stehen g'sehn haben, und +da haben wir einen Herrn g'fragt, der die Pferde g'halten hat, ob +der Gluthahn bald kommt; so sagt der, er kommt gleich, er ist im +Arrest. Darauf sind wir zum Herrn Amtmann gegangen, und das ist +die ganze G'schicht'. + +Amtmann. Könnt ihr darauf schwören? + +Hans. Herr Amtmann, alle Tag'. + +Mirzel. Und alle Stund', wenn's sein muß. + +Amtmann. Tretet seitwärts unterdessen. + +(Beide stellen sich auf die Seite.) + +Amtmann (zum Gerichtsdiener). Den Bauer. (Diener ab.) + +Rossi. Jetzt werden Sie den Heuchler sehen. + +Amtmann. Ich kenn' ihn schon. + + + +Elfte Szene. +Vorige. Gluthahn. + + +Gluthahn (fällt auf die Knie). Euer Gnaden, Herr Amtmann, ich bin +unschuldig. + +Amtmann. Das wird sich zeigen. Steh auf. Warum bist du hier? + +Gluthahn . Weil ich unschuldig bin, Euer Gnaden, Herr Amtmann. + +Amtmann. Woher hast du das Weib, das du Herrn von Rossi verkaufen +wolltest? Wenn du lügst, wirst du gezüchtiget. + +Gluthahn. Der Himmel ist mein Zeug', ich hab' sie im Wald drauß' +g'funden und hab' s' herflattiert. + +Rossi. Das ist Unwahrheit, ich selbst bin Zeuge, wie das Weib mir +sagte, du hättest sie geraubt, gebunden und zu mir geschleppt. + +Gluthahn. Mein', mein', Euer Gnaden, wie man das nimmt, mit ein' +jedem Weibsbild ist's eine Schlepperei, weil sie nicht so schnell +kann gehn, als wie ein Mann, und das ganze Weib kann gegen mich +nicht zeugen, die g'hört in' Narrenturm und nicht vors Gericht. Ja, + so viel kenn' ich schon, Euer Gnaden, wenn ich auch kein Juri hab' +und kein Just nicht. + +Amtmann. Also im Walde hast du sie gefunden? Um welche Zeit? + +Gluthahn. Um neun Uhr, Euer Gnaden. + +Amtmann (zu Hans). Hervor!--Wann hast du das Weib in deiner +Hütte verlassen? + +Hans. Um neun Uhr, Euer Gnaden. + +Amtmann (zu Gluthahn). Also hast du gelogen?--Gerichtsdiener, he! + +Gluthahn (mit Angst). Nein, halten Euer Gnaden, ich hab' nicht +g'logen, sie war in der Hütten, aber die Hütten steht ja im Wald, +so hab' ich sie ja g'funden im Wald. + +Amtmann. Wart', du abgefeimter Schurke.--Du hast sie also aus +der Hütte geraubt, auf den Wagen gebunden und hierher geführt? + +Gluthahn. Euer Gnaden, das brächet ja mein Herz, ich hab' s' nur +auf den Wagen hinauf g'hoben, weil s' all's zu schwach war, das +arme Weib, mir hat s' erbarmt; doch bunden hab' ich's nicht, ich +werd' doch nicht ein solcher Unmensch sein. Da verdienet ich ja, +daß mir Euer Gnaden einen hölzernen Haarzopfen anhängen ließen. + +Rossi (zum Amtmann). Was meint er da? + +Amtmann. Den Galgen meint er, den er lang verdient. (Läutet.) Den +Kohlenbauer herein. + + + +Zwölfte Szene. +Vorige. Ein Kohlenbauer. + + +Amtmann. Hast du den Mann gesehen am Ausgange des Waldes, wie er +das alte Weib vom Wagen losgebunden hat? + +Kohlenbauer. Ja ja, der ist's, den hab' ich g'sehn, gestrenger +Herr Amtmann, ich hab' ihm noch zug'rufen, was er da macht, da hat +er g'sagt, wenn ich ihn verrat', so schlagt er mich tot. Darauf +kann ich schwören. + +Gluthahn. Aber Euer Gnaden, das ist a Verschwärzung, wie man s' +nur von einem Kohlenbrenner erwarten kann. Losbunden hab' ich s', +das ist wahr, doch bunden hab' ich s' nicht. + +Amtmann. Wer hat sie denn gebunden? + +Gluthahn. Sie hat sich selbst bunden, Euer Gnaden, damit sie nicht +herunter fallt, das arme Weib, ich hab' ihr nur meine Halsbinden +g'liehn dazu. + +Amtmann. Aber du hast ihr doch hilfreiche Hand geleistet, denn +selber konnte sie das nicht, das hast du doch getan, nicht wahr? + +Gluthahn. Mein, Euer Gnaden, man unterstützt ja doch seinen +Nebenmenschen, wenn er so was vorhat, und mein Herz, Euer Gnaden, +sie hat mir so erbarmt, g'holfen hab' ich ihr, doch bunden hab' ich +s' nicht, das sag' ich gleich im voraus, Euer Gnaden, das wär' +gefehlt, das weiß ich schon. + +Amtmann (zu Rossi laut). Es scheint doch, daß er unschuldig ist. + +Gluthahn (für sich). Ich lüg' mich schon heraus. + +Amtmann. Du hast sie dem Herrn von Rossi verkaufen wollen, billig, +nicht wahr? Du sagst ja, das ließ' schon dein Herz gar nie zu. + +Gluthahn. Ich hab' ein einzig Herz, ich hab' das Weib versorgen +wollen, Euer Gnaden, drum hab' ich sie dem gnäd'gen Herrn bracht, +und hab' ihn nur um ein Trinkgeld beten. Nicht wahr, mein lieber +gnäd'ger Herr? (Leise zu Rossi.) Helfen mir Euer Gnaden, ich +schenk' Ihnen meinen besten Acker dafür. + +Rossi. Du wagst es, mir solch einen Antrag zu tun, du Schurke? +Hast du die Alte nicht in meiner Gegenwart mißhandelt? nicht mit +mir abgehandelt und mir ihren Schmerz verkauft? Dich soll man so +lange hauen, bis dir Diamanten vor den Augen flimmern. + +Gluthahn. So ist denn alles gegen mich verschworn? nun geh's, +wie's will, jetzt sag' ich nimmer nein, ich sieh's, ein +rechtschaffner Mann, wie ich bin, hat kein Glück. + +Amtmann. Du bist ein Räuber, bist ein Schurke und wirst im +Gefängnis büßen. Fort mit dir. + +(Gerichtsdiener ergreifen ihn.) + +Gluthahn. Hans, mein Weib soll auf meine Wirtschaft schaun. + +Hans. Dein Weib ist tot. Heut früh ist s' g'storben. + +Gluthahn. Das ist ein Leichtsinn ohnegleichen; stirbt das Weib und +ist kein Mensch im Haus. Jetzt tragen sie mir das ganze Geld davon. + +Amtmann. Das wird dir das Gericht bewahren. Fort mit ihm! + +Gluthahn. Ein jeder Pfennig brennt auf ihrer Seel'. Ich +unglücksel'ger Mensch, hätt' ich nur mit kein' alten Weib was +ang'fangt. + +(Wird abgeführt.) + +Amtmann. Das ist ein schlechter Kerl, einen solchen gibt's nicht +mehr. (Zum Kohlenbauer.) Du kannst jetzt gehn. + +(Kohlenbauer ab.) + +Amtmann (zum Gerichtsdiener). Die Alte bringt! (Diener ab.) + +Amtmann (zu Rossi). Wenn Sie Geschäfte rufen – + +Rossi. Nein, das ist mir äußerst merkwürdig. + + + +Dreizehnte Szene. +Vorige. Alzinde. + + +Hans. Sieh nur, Mirzel, unser fürstliches Mütterl. + +Mirzel. Wenn ihr nur nichts g'schieht, mir ist recht bang um sie. + +Amtmann. Du stehst hier vor dem Amtsgericht. Wie heißest du? + +Alzinde. Alzinde heiß' ich. + +Amtmann. Wo geboren? + +Alzinde. Indien ist mein Vaterland. + +Amtmann. Wie alt? + +Alzinde. Zwanzig Jahre kaum vorüber. + +Amtmann. Ha! Ha. (Zu Rossi.) Ich muß lachen. + +Aktuar. Das sieht man ihr nicht an, für achtzehn hätt' ich sie +gehalten. + +Alzinde. O spotte nicht des Alters! Achtung jedem Menschen, der +mit Ehren trägt den Orden hoher Jahre, womit die edle Zeit die +Mäßigkeit belohnt. + +Amtmann (verwundert). Das ist ein Wahnsinn von nobelster Gattung. + +Rossi. Sie dauert mich! + +Mirzel. Armes Mutterl! + +Amtmann. Was treibst du für Geschäfte? + +Alzinde. Wenn Jammer ein Geschäft ist, treib' ich das. + +Amtmann. Bist du verheiratet? + +Alzinde. Ich bin es, mein Gemahl ist Hoanghu, der König eines +mächt'gen Reichs. + +Amtmann (schüttelt den Kopf). Eigene Ideen. Wie kommst du ins +Gebirg'? + +Alzinde. Warum ersparst du dir die Frage nicht, wenn du der +Antwort Unwert kennst? Warum besprichst du mit dem Wahnsinn dich? +Wirst du mir glauben, wenn ich dir entdecke, daß mich ein böser +Geist mit einem Zauber hat belegt, der mir mein Reich verschließt +und unter euch mich elend macht? + +Amtmann. Sie klagt sich selbst der Zauberei an, diese Hexe. +Kennst du diese beiden? (Auf Hans und Mirzel.) + +Alzinde (stürzt freudig auf sie zu). Meine Wohltäter! Ob ich sie +kenne, fragst du mich? Mir ist, als wenn ich in Arabiens Wüste +zwei fruchtbeladne Bäume fände, deren Schatten mich erquickend +kühlt. Ihr guten Menschen, wüßtet ihr doch, was ich alles hab' +gelitten, seit man mich von euch gerissen hat. + +Mirzel. Du gute Alte. + +Hans. Sei die Fürstin nicht so traurig. + +Amtmann. Das ist ein sonderbares Weib. Hierher tritt! (Zeigt ihr +die Diamanten, die auf einer Tasse liegen.) Sag', gehören diese +Tränen deinen Augen, hast du sie geweint? + +Alzinde. Wer gab euch diese Wundertränen? Nein, so war es nicht +gemeint; euch sind sie nicht geweiht. Ihr Ärmsten, hat man euch +entrissen, was die Dankbarkeit euch gab? O harter Mensch, gib sie +zurück, ich bitte dich, denn du verkennest ihren Wert. Was soll +die Träne dir, ach du verstehst dich nicht darauf, gib sie zurück, +mach' mich nicht gar so arm und bring' dies Aug' nicht um sein +schmerzlich Eigentum. + +Amtmann. Zaubertränen sind's, ich brauche nur ein Ja von dir. +Kannst du solche Tränen weinen? + +Alzinde. Nein, dies wirst du nicht erleben, eh brenn' ich diese +Augen aus mit glühndem Stahl. Rühren soll die Träne, dazu hat die +Sonne sie bestimmt, und könnt' ich sie auf eure Herzen weinen, so +fiele Stein auf Stein und bliebe wirkungslos. + +Amtmann. Ich brauche deine Tränen nicht, ich will Geständnis, klar +und deutlich: ob du sie geweint? + +Alzinde. Du brauchst sie schon, du heuchelst nur. Wenn euer Geiz +hier Tränen preßt aus des Bedrückten Auge, deren Wert nur in der +Größe ihrer Wehmut liegt; wie unendlich muß die Wollust sein, mit +der ihr diamantne fallen seht! + +Amtmann. Vergiß die Achtung nicht, die du mir schuldig bist. +(Sehr zornig, doch durchaus edel.) Sie ist wahnsinnig, der Satan +spricht aus ihr. Zum letzen Mal, hast du die Tränen hier geweint? +Wenn du nicht antwortest, so werd' ich dich anders behandeln. + +Alzinde (fährt empor). Anders? (Stolz.) Vergiß dich nicht, du +Sklave, denke, ich bin eine Königin! (Sinkt in einen Stuhl, an dem +sie steht.) Ach--(matt) ich war eine Königin, du beweisest mir, +daß ich es nicht mehr bin. Nicht länger will ich mich entweihn. +(Mit Nachdruck.) Ja, ich habe sie geweint, ich schwör' es bei der +ew'gen Sonne dir. + +Amtmann. So beweisest du mir, daß du eine Hexe bist. Ins +Gefängnis fort, das Landgericht wird bald dein Urteil fällen, und +vielleicht ist schon die nächste Sonne, die dein Blick begrüßet, +auch die letzte, die dir scheint. Verstehst du mich, verwegnes +Weib? + +Alzinde. Ha! seht den stolzen Pfau, wie er mit schönen Federn +prahlet, und wie so häßlich seine Stimme tönt. Leb' wohl und +glaube nicht, du hattest mich gerichtet; die Götter sind's, + +und du ein Werkzeug ihres großen Plans. Darum vergeb' ich dir, du +übtest deine Pflicht, du hast mich nur verkannt. Und nun erlaube +mir, daß ich zu diesen sprechen darf, zu diesen, deren schlichtes +Kleid ein Herz bedeckt, das sich die Tugend hat zum Heimatland +erwählt. Wie soll ich euch, ihr Teuren, danken, daß ihr mich +aufgenommen und getröstet habt, als mich die Grausamkeit von ihrer +Schwelle stieß? O Sonne, deren Strahl beglücken kann--(tritt in +ihre Mitte, nimmt sie beide an der Hand), wenn du vergelten willst, +was ich erdulden muß, so vergilt an diesen hier. Schenke Frieden +ihren Herzen und laß ihre Ehe glücklich sein, wie es die meine war. +(Bricht plötzlich ab; mit Schmerz.) Lebt wohl, ich bin bewegt, +(leise) ich will bewegt sein, muß es sein. O ihr Götter, laßt mich +weinen! (Weint--leise.) Seht, es fließen meine Tränen, hascht sie +heimlich auf, daß es jene nicht bemerken. (Hans hält den Hut, +Mirzel die Schürze auf, alle drei sind im Vordergrunde, damit der +Amtmann nichts bemerkt, doch vermeide man allen Anstrich des +Komischen.) So, so, behaltet sie, verberget sie, und wenn ich nicht +mehr bin, erinnert euch der unglücklichen Königin Alzinde. (Zu den +Gerichtsdienern stolz.) Nun folg' ich ins Gefängnis euch. + +(Mit zwei Gerichtsdienern ab.) + +Amtmann (steht auf und sagt zum Aktuar). Schließen Sie,. und +legen Sie es auf mein Pult. (Aktuar ab.) + + + +Vierzehnte Szene. +Amtmann. Rossi. Hans. Mirzel. + + +Rossi (der bewegt war unter dem Schluß der Szene). Was geschieht +mit diesem Weib, Herr Amtmann? + +Amtmann. Sie wird verbrannt, wie sie's verdient. (Zu Hans und +Mirzel.) Geht jetzt nach Hause und nehmt euch ein Beispiel an +diesen unglücklichen Menschen hier. + +Hans. Der Gluthahn ist ein schlechter Mensch, das haben wir schon +lang g'wußt; aber was das Weib betrifft, verzeihen Euer Gnaden, das +Weib ist g'wiß eine gute Seel', und in mein' ganzen Leben werd' ich +die gute Fürstin nicht vergessen. + +Mirzel. Und wenn s' verbrennt wird, du lieber Gott, so laß nur +regnen Tag und Nacht, und wenn's doch g'schehn soll, lieber Hans, +so nehmen wir ihr' Aschen, und bauen s' in unserm Gartel an, da +werden viel tausend schöne Blumen draus entstehn. + +Rossi. Ihr wackern Leute, nehmt dies Gold, ich geb' es euch, weil +es mich innig freut, daß ihr das alte Mütterchen bedauert, denn das +muß ich auch. + +Hans. Wir küssen d' Hand Euer Gnaden tausendmal, und küssen Euer +Gnaden, Herrn Amtmanns Kleid. Komm, Mirzel, geh, heut ist ein +trüber Tag. + +Mirzel. Heut schmeckt mir g'wiß kein Bissen, lieber Hans. + +(Beide ab.) + +Rossi. Auch ich empfehle mich, Herr Amtmann. + +Amtmann. Wollen Sie nicht eine Suppe bei mir essen? + +Rossi. Ergebenen Dank, Herr Amtmann, heute bin ich zu bewegt, der +Auftritt hat mich angegriffen; ich will die grüne Wiese suchen und +den blauen Himmel, um ihn zu befragen, ob man, wie dieses Weib, so +edel sein kann und so schuldig auch. + +(Geht ab.) + + + +Fünfzehnte Szene. +Amtmann. Ein Diener. + + +Amtmann. Will er mir das Mahl verbittern? Hätt' ich denn nicht +recht getan an diesem Weibe? Wenn ich darüber mein Bewußtsein +frage, sagt es mir, du hast noch nie verletzt des Richters, noch +des Menschen Pflicht, und hast den Platz behauptet, auf den +Bestimmung dich gestellt. Er fragt den Himmel, ich will alle +Menschen fragen! Hier steht ein altes Weib, mit tät'ger +Jugendkraft, das Haupt voll Eis, das Aug' voll Glut, spricht wie +ein Xenophon und gilt für wahnsinnig; ist eine Bettlerin und +schwärmt von einer Krone; hat ein Gemüt wie Samt und Tränen hart +wie Stein; beschwört die Sonne und verklagt die Hölle; und alles +dies bestätigt durch vier unpartei'sche Zeugen; eigne Augen, eigne +Ohren. Nun setz' ich Solon hin an meinen Platz, ob er nicht +sprechen wird: Dies Weib ist eine Hexe.--Philipp, trag' Er auf. +(Ab.) + + + +Sechzehnte Szene. +Kurzer Kerker. Nacht. + + +Alzinde, welche nach dem ersten Auftritt ihr Gesicht mit Falten +bemalte, ohne eine Larve vielleicht zu nehmen, muß während des +vorhergehenden Auftritts sich jugendlich schminken, welches man bei +der Dunkelheit der Bühne jetzt nicht bemerkt. Sie wird von dem +Kerkermeister hereingeführt und setzt sich ermattet auf einen Stein. + +Kerkermeister. Hier kannst du bleiben, Hexe, bis dich die Flamme +ruft. (Ab.) + +Alzinde. Hier kerkert man mich ein und zur Gefährtin gibt man mir +die Finsternis. Seid mir gegrüßt, ihr Unglücksmauern, aufgebaut, +um Elend zu betrachten; du feuchter Boden, von den Reuezähren der +Verbrecher naß, sei mir gegrüßt; du melanchol'scher Ort, ich weihe +dich zu meinem Prunksaal ein. Hier will ich meinen Gram mit +düstern Bildern säugen, hier will ich herrschen über kriechendes +Gewürm; von meinen Tränen will ich eine Krone flechten und denken, +ich sei des Schmerzes Königin. Ich leb' allein von allen meinen +Lieben. Mein Volk ist tot, versteinert ist's, und mein Gemahl,--o +mein Gemahl, der erste stets an deines Heeres Spitze, betratest du +den mörderischen Boden deines Reiches? Ja, auch er ist tot, alles +tot, alles! (Springt auf.) So ist's recht, Alzinde, so ist's recht, +denn herunter muß das Leben, wenn der Geist sich schwingen soll. +O wie stärkt ein rein Gewissen! Götter, fordert meinen Geist, +jetzt bin ich dazu bereitet. + +(Kurze klagende Musik.) + + + +Siebzehnte Szene. +Vorige. Der Genius der Vergänglichkeit tritt ein, als ein grauer +Mann, mit grauem langen Kleide, etwas kahlköpfig und mit langem +Bart, seine Miene ist sanft, und seine Sprache gemütlich und +tröstlich. + + +Genius der Vergänglichkeit. Alzinde, ich bin hier. + +Alzinde. Wer bist du, bleicher, ungeladner Gast? Was willst du +von der Dunkelheit und mir? + +Genius der Vergänglichkeit. Ein Vater will ich von deinen Leiden +sein. + +Alzinde. Ein Vater? ach, mein Vater ist dort oben. + +Genius der Vergänglichkeit. So kehre heim zu ihm. Reich' mir +deine Hand, Alzind'. Ich bin kein Jüngling, der die Ewigkeit zum +Liebesschwur mißbraucht. Sieh, unsre Locken sind sich gramverwandt; + darum schenke mir die teuren Reste des Vertrauens, die dein +Unglück dir gelassen hat. Sieh hin! + +(Die Mitte der Kerkerwand bildet einen Kerkerbogen. Diese Wand +öffnet sich und man sieht durch den finstern Bogen eine kleine +Insel, von einem See umgeben, auf welcher ein indisches Monument +steht, mit dem Namen Alzinde, von Zypressen umgeben. Die Gegend +ist vom Mondlicht hell bestrahlt. Der Kerker bleibt finster.) + +Genius der Vergänglichkeit. Nach jenem Eiland führ' ich dich, das +kein lebend'ger Schiffer noch geschaut, nichts wird dort deine süße +Ruhe stören. Was immer dich aus dieser Welt betrübt, gekränkt; – +Verfolgung, Neid und Undank bleiben fern von dir. Dort legt unter +einsamen Zypressen der Ruhm beschämt die goldnen Kränze ab, der +wutentbrannte Haß und alle Leidenschaften dieser Erde löschen ihre +Fackel schweigend aus. Ird'sche Freuden werden dir nicht winken, +doch milde Sterne werden dein verklärtes Haupt umglänzen, und der +lichte Engel deiner reinen Tugend führet deinen Geist aus +Himmelswolken zu dem Thron der ew'gen Wonne hin. + +Alzinde. Ja, ich verstehe dich. Es sinket eine mächt'ge Stunde +nieder und gebietet einer Königin. Du bist der Friedensengel, der +den bösen Streit beendet, den der Mensch mit seinem Glück hier +führt; du bist das große Ziel, zu dem uns alle Wege führen. + +Genius der Vergänglichkeit. Ich bin der kräftige Magnet, der alles +Leben an sich zieht. Wie du dich auszuweichen auch bemühst, es ist +umsonst! Denn könntest du durch tausend Sonnen wandeln, du trittst +auf einen Pfad, und eh du es noch ahnst, gelangst du in mein Reich. + +Alzinde. So nimm mich mit dir, guter Vater, an jenen Ort, wo ew'ge +Freude herrscht, ich werde meinen Hoanghu dort sehn und alle meine +teuren Lieben, die meinem Leiden vorausgeeilet sind. Komm, ich +folge dir. (Der Genius hält sie in seinem Arm und will sie +fortführen, da ertönt Hoanghus Stimme, die hintere Wand schließt +sich. Kerker wie vorher.) + + + +Achtzehnte Szene. +Vorige. Gleich darauf Hoanghu und der Genius der Tugend. + + +Hoanghu (von innen). Hier soll ich meine Gattin finden? + +Alzinde. Götter, welche Stimme! + +(Hoanghu und der Tugendgenius treten ein.) + +Hoanghu. Fast erblinden meine Augen, da ich statt den goldnen +Wolken, die ich erst mit dir durchsteuert, dieses Abgrunds Tiefe +schaue. Und hier muß Alzinde schmachten? + +Alzinde. Götter, das ist Hoanghu. + +Hoanghu. Ja, dies ist ihr holder Ton. Zeig' dich, Brust, aus der +er klinget, daß ich dich an meine drücke. + +Genius der Tugend. Siehst du dort die zwei Gestalten? 's ist +Alzinde und der Tod. + +Hoanghu. Ist sie denn an ihn vermählt, daß sein Arm sie so +umschließt? + +Genius der Tugend. Er ist ihre eigene Wahl, weil sie dich verloren +wähnte. Suche sie ihm zu entreißen, schnell, es ist die höchste +Zeit. + +Hoanghu. Sag' Alzinde, bist du's wirklich, denn ich kann dich +nicht erkennen, sehe nur die Truggestalt, die mein Traum mir +drohend wies. + +Alzinde. Ja, ich bin's, mein Hoanghu; laß mich los, du grauer +Riese, der sich jetzt dem Blick erst zeigt, laß mich hin in seine +Arme, nur dem Gatten schlägt mein Herz. Warum hältst du mich +umklammert, niemals werd' ich deine Braut. + +Genius der Vergänglichkeit. Hast du mir dich nicht verlobet? Du +bist mein, ich lass' dich nicht. + +Alzinde. Nein, dies wendet den Vertrag. Du warst nur ein +Rettungsmittel, doch ich hab' ihn hier gefunden, nun gehör' ich +dieser Welt. Ha, wie sich der düstre Kerker jetzt mit holden +Farben schmückt; wie das schaurige Gewölbe nun auf goldnen Säulen +ruht; wie mir seine dunkle Kuppel hell erglänzt wie Chrysolith; und +dies alles schafft Hoanghu, der wie eine zweite Sonne nur für mich +die Welt bestrahlt. Und ich soll ein Leben lassen, erst geboren +durch die Liebe, soll mit dir, du düstrer Alter, in dein ernstes +Schattenreich? Gib mich auf, du läst'ger Freier, nimmer wird +Alzinde dein. + +Hoanghu. Laß sie los, du graue Schlange, oder ich zerhaue dich. +(Will mit dem Schwert auf ihn dringen.) + +Genius der Vergänglichkeit. Armer, sinnverlorner Kämpfer, mit dem +Tod drohst du dem Tode? Durch mich selbst willst du mich morden? +Senk' die Waffe, denn der leichtgewebten Luft kann sie keine Wunden +schlagen. + +Hoanghu. O du stolzgesinnter Prahler, du bist dennoch +meinesgleichen, bist ein Feldherr, ausgesendet, um das Leben zu +erobern; bist ein Held, der sein Panier hin auf Leichenhügel +pflanzt und das grause Siegerhaupt sich mit Rosmarin bekränzt; und +so willst du an mir handeln, du des Undanks echter Sohn, willst ihr +Leben mir versagen, eines schwachen Weibes Leben, und ich habe so +viel tausend kräft'ge Männer dir geweiht? + +Genius der Vergänglichkeit (ironisch). Und wie hast du dies +begonnen? Laß doch hören, tapfrer Junge. + +Hoanghu. Was war Indiens Schlachtfeld anders, als dein blut'ger +Opferherd? Warst du nicht in meinen Siegen stets das große +Losungswort, das die Chöre der gefallnen Krieger wimmerten zu +deinem Lob? Hat die blutbespritzte Fahne deinen Ruhm nicht stolz +verkündet? Und die gift'gen Pfeile, die wir rauchend aus dem Leib +der Feinde rissen, daß mit offnem Munde dich unheilbare Wunden +priesen? Sieh, so habe ich gehandelt an dir, undankbarer Geist, +hab' das mut'ge Sein bestohlen und den Schatz dir zugesendet; darum +fordre ich ihr Leben als mein rechtlich Eigentum. + +Alzinde. O wie liebt mich mein Gemahl. + +Genius der Vergänglichkeit. Du hast nur dein Recht verteidigt, das +gibt dir kein Recht an mich. Von dem Leben magst du fordern, Leben +fordern darf nur ich. + +Hoanghu. Nun, so will ich mit dir handeln, Wuchrer, der so bittre +Zinsen nimmt. Schenke mir Alzindens Leben, und ich will von meinem +dir gern die beßre Hälfte geben. + +Alzinde. Ha, mein Hoanghu, was tust du? + +Genius der Tugend. Götter, stärket sein Gemüt. + +Hoanghu. + Sieh, so groß ist meine Liebe, daß sie in den Staub mich +zieht. +So wardst du noch nicht geehret, daß ein König vor dir kniet. +(Er kniet.) + Meine Waffen leg' ich nieder, meine Hände heb' ich auf, +(Er bittet mit aufgehobenen Händen.) + Laß dich, guter Tod, erweichen, schließ den vorteilhaften Kauf. +Was willst du mit ihrem Leben, das vor Alter bald zerfällt? +Nimm dir meine rüst'ge Hälfte, trotzig steh' ich noch der Welt. +Sieh die festgestählten Muskeln, sieh die hochgewölbte Stirn, +Leicht ist der Gewinn zu rechnen, Kaufmann, frage dein Gehirn. +Sei doch nicht so unerbittlich, sieh, mein Auge tränt vor Schmerz, +Es sind meine ersten Tränen, und sie schänden nicht mein Herz. +(Weint.) + +Alzinde (vor Freude außer sich). + Götter, Sonne, all ihr Welten, seht, Hoanghu weinet hier, +Schaut herab von euren Wolken, seine Tränen fließen mir. +Welche Gattin kann sich rühmen, daß ihr Gatte so sie liebt, +Daß er Freude, Glück und Leben, daß er alles für sie gibt? +Ha, wie alle Nerven beben, wie sein Anblick mich entzückt, +(Edel ausgelassen.) + Wie ich glücklich bin und lache, wie die Freude mich berückt; +Perlen treten in mein Auge, doch ich weine nicht aus Schmerz, +Freudentränen ist ihr Name, Freude sprenget mir das Herz. + +(Augenblicklich fällt rauschender Chor ein, vollstimmig und hehr.) + +Chor. +Freudentränen, +Freudentränen, +Heißt das große Losungswort! + +(Der Kerker verwandelt sich in Alzindens Reich. Die Dekoration der +Eingangsszene. Alles Volk ist entsteinert, die Tugendgeister knien +um den Tempel. Der Genius der Vergänglichkeit verschwindet. +Alzinde hat sich in ihre vorige Gestalt verwandelt, doch im weißen +einfachen Kleide. Alzinde und Hoanghu stürzen sich freudig in die +Arme.) + +Hoanghu. O Alzinde! + +Alzinde. Mein Hoanghu! Ewig, ewig bist du mein! + +Hoanghu. Nie soll uns der Tod mehr trennen! + +Alzinde. Denn wir sterben im Verein! + +Genius der Tugend. + Heil der Tugend, die auf Erde +Zählet solch' erhabnes Paar, +Das ein edles Herz bewahrte +In so schrecklicher Gefahr. + +(Schrecklicher Donnerschlag. Donnerwolken ziehen über die Bühne, +aus welchen Blitze zischen.) + + Seht, schon zieht aus euren Landen +Donnernd Moisasurs Geist. +(Zum Volk.) + Ihr seid frei von seinen Banden, +Eure Königin hier preist! +So läßt sich die Welt bezwingen, +So wird Erdenneid versöhnt! +Groß kann nur der Nachruhm klingen, +Wenn er sich durch Tugend krönt. + +(Alzinde und Hoanghu knien nieder, der Genius der Tugend steht in +ihrer Mitte und blickt gegen Himmel, von oben schweben Genien herab +mit einer Lilienkrone und bleiben in der Mitte der Bühne. Das +Opferfeuer im Tugendtempel flammt hoch auf. Priester, Volk und +Tugendgeister bilden eine Gruppe.) + +(Der Vorhang fällt.) + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Moisasurs Zauberfluch, von +Ferdinand Raimund. + + + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Moisasurs Zauberfluch, by Ferdinand Raimund + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MOISASURS ZAUBERFLUCH *** + +***** This file should be named 7861-8.txt or 7861-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/7/8/6/7861/ + +Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation information page at www.gutenberg.org + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 +North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email +contact links and up to date contact information can be found at the +Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For forty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/7861-8.zip b/7861-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..815266e --- /dev/null +++ b/7861-8.zip diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Moisasurs Zauberfluch + +Author: Ferdinand Raimund + +Release Date: April, 2005 [EBook #7861] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on May 26, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ASCII + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MOISASURS ZAUBERFLUCH *** + + + + +Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen + + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 7-bit version. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg +Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel. +de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Moisasurs Zauberfluch + +Ferdinand Raimund + +Zauberspiel in zwei Aufzuegen + + + +Personnen + +Der Genius der Tugend. +Ariel, ein Tugendgeist. +Moisasur, Daemon des Uebels. +Der Genius der Vergaenglichkeit. +Hoanghu, Beherrscher des Diamantenreiches. +Alzinde, seine Gemahlin. +Mansor. +Omar, ein Bote von Hoanghus Heer. +Hassan, ein Mohr. +Karambuco, ein Krieger. +Ossa, sein Weib. +Ein Haeuptling von Hoanghus Heer. +Gluthahn, ein wohlhabender Bauer. +Trautel, sein Weib. +Der Amtmann von Alpenmarkt. +Der Aktuar. +Philipp, Diener des Amtmanns. +Rossi, Juwelenhaendler, Besitzer + eines Landhauses bei Alpenmarkt. +Haenfling, sein Aufseher im Landhause. +Ein Schatten im Reiche der Vergaenglichkeit. +Dorkalio, ein Schatten Moisasurs. +Hans, ein Steinbrecher. +Mirzel, sein Weib. +Der Traumgott. +Ein Kohlenbauer. +Ein Kerkermeister. +Vier Gerichtsdiener. +Vier Schatten Moisasurs. + +Indisches Volk. Alzindens Hofstaat. Hoanghus Krieger. +Schatten im Reiche der Vergaenglichkeit. Traumgestalten. +Rossis Dienerschaft. Tugendgeister. + + +Erster Aufzug. + + + +Erste Szene. +(Indische Landschaft.) + +(In der Ferne die Hauptstadt des Diamantenreiches, auf einem +entfernten Huegel die Ruine des zertruemmerten Tempels Moisasurs. In +der Mitte des Theaters ein herrlicher Tempel im indischen +Geschmacke, mit der goldenen Aufschrift: Wer sich der Tugend weiht, +hat nie des Boesen Macht zu scheuen. Die Statue der Tugend, eine +verschleierte weibliche Figur, einen Lilienstengel haltend, sitzt +auf einem Piedestal in der Mitte des Tempels. Auf den Saeulen sind +Lilien angebracht.) + +Hassan. Mansor. Omar. + +Chor. + +(Das Volk bringt einen Boten von Hoanghus Heer frohlockend auf die +Buehne und umringt ihn fragend.) + +Wackrer Bote, sei willkommen! +Strahlt aus deinem Auge Sieg? +Ist das Heer zurueckgekommen, +Ist geendet unser Krieg? +Ja, es spricht dein froher Sinn; +Du bringst Heil der Koenigin! + +Bote. Sieg bring' ich euch, so wahr die Sonn' auf Indien scheint. +Gebt mir Palmenwein dafuer. (Er nimmt einem eine Flasche von der +Seite.) Der Krieg trinkt Blut, der Friede Sekt. + +Volk. Erzaehl' uns erst! (Halten ihn ab vom Trinken.) Halt, halt! + +Bote. Gerettet ist das Reich, von unsern Grenzen ist der Feind +vertrieben, geendet ist der heisse Krieg. + +Volk. Sonne, sei gelobt! (Ales sinkt mit dem Haupt zur Erde, und +bleibt einen Augenblick in dieser Stellung.) + +Bote. Da liegt das Volk, jetzt netz' ich meinen Hals. (Trinkt.) +Der Koenig sendet mich voraus, dass ich den Tag der Koenigin berichte, +an dem er seinen Einzug haelt. + +Mohr. Und wenn man fragen darf, wann strahlt uns dieser grosse Tag? + +Bote. Spion von Ebenholz, was hast du nach dem Tag zu fragen? +Nacht hat die Sonn' auf dein Gesicht gebrannt, das heisst; Du sollst +im Finstern wandeln. + +Mohr. Du hassest mich? + +Mansor. Schweigt. (Zum Boten.) Sogleich wird unsre Koenigin +erscheinen, dann stellen wir dich vor. Mit Sehnsucht harret schon +Alzind' der Rueckkehr ihres tapferen Gemahls. + +Bote. Doch was erblick' ich--Moisasurs Tempel eingestuerzt, und +die Sonne leuchtet noch? Und wer hat diesen aufgebaut, wozu ist +der bestimmt? + +Mansor. Ein erhabnes Schauspiel wird sich deinem Auge zeigen. + +Bote. Wird dieser Mohr vielleicht darin gebraten? (Fuer sich.) Das +waer' mein liebstes Schauspiel auf der Welt. + +Mohr. Fuer dich vergift' ich einen Pfeil. + +Mansor. Laestre nicht! Der Tugend Tempel ist's. + +Bote. Ja, ihm soll man das Laster opfern. + +Mansor. Es ist geschehn. Dem boesen Geiste Moisasur wird in unsrem +Reich kein Opfer mehr gebracht. + +Bote. Wehe dann dem Diamantenreich! Schon seit Jahrhunderten hat +diesem grimmigen Tiger durch unzaehl'ge Opfer man geschmeichelt; +werft ihm Beute vor, wenn ihr nicht wollt, dass euch sein stets +geschaeft'ger Zahn zerreisst. + +Mansor. Die Koenigin, die, seit der Koenig kriegt, das Zepter +schwingt im Reich, hat, weil der Krieg, trotz all der reichen Opfer, +die man unsern Goettern brachte, sich doch nicht gluecklich wenden +wollte, mit den weisen Priestern sich beraten und glaubt, dass die +guten Goetter zuernen, weil neben ihnen und der maechtgen Sonne +Moisasurs boeser Geist verehret wird. Sie hat Moisasurs Tempel +niederreissen lassen. Doch wie's geschah, da rollte fuerchterlicher +Donner, die Erde bebte, als haette das Gewicht der umgestuerzten +Saeulen das ganze Reich in seinem Mark erschuettert. + +Bote. Der Loewe bruellt, wenn man ihn ans der Hoehle treibt. + +Mansor. Doch wie die Erde bebt, fest steht der koenigliche Sinn. +Sie laesst dafuer in diesem Tal der Tugend einen Tempel bauen und +schreibt auf ihn: Wer sich der Tugend weiht, hat nie des Boesen +Macht zu scheuen. Soeben wird er eingeweiht, dort nahet schon die +Priesterschar. + +Mohr. Wenn nur die Tugend uns vor Moisasurs Rache schuetzt! Den +ganzen Morgen hat der Himmel sich mit Donnerwolken ueberzogen, die +in sich brummen, als ob sie Zaubersprueche murmelten, und der Blitze +Feuerzungen lecken an der Kuppel dieses Tempels. + + + +Zweite Szene. +Feierlicher Marsch. Indische Taenzer schweben voraus, dann die +Priester der Sonne. Zierlich gekleidete Maedchen, das Haupt mit +weissen Rosen bekraenzt, gruppieren sich um die Stufen des Tempels, +die Priester beschaeftigen sich im Innern desselben. Dann erscheint +Alzinde und ihr Hofstaat. Sie begibt sich auf einen Seitenthron, +neben ihr die Grossen des Reichs. Das Volk verteilt sich um den +Tempel und den Thron gegenueber. Vorige. + + +Chor. + Singt das Lob der Schoenheitsblume, +Die auf Indiens Flur erblueht, +Und die zu der Goetter Ruhme +Fuer das Heil der Tugend glueht. +Sende deinen Strahl, o Sonne! +Nieder auf ihr weises Haupt, +Weil ihr Herz mit frommer Wonne +An der Goetter Allmacht glaubt. + +Alzinde. Volk meines sieggekroenten Reichs! Ich habe dich +versammeln lassen, um einzufallen in den grossen Chor, den das +Gefuehl des Dankes anstimmt, weil die Goetter uns erleuchtet, dass wir +durch Moisasurs Sturz der Sonne Zorn versoehnt; dass sie von dem +Augenblick mit Siegesglueck die Pfeile unsres Heeres nach dem Busen +unsrer Feinde wendet. Vielleicht, indem wir hier die Goetter +preisen, hat mein Gemahl, der koenigliche Held, den kleinen Rest des +muedgekaempften Feindes aus den Grenzen dieses Reichs verjagt. + +Mansor. So ist es, du erhabne Tochter der gewalt'gen Sonne, die +deine Ahnung zur Prophetin weiht, die Wahrheit deines Wortes +bestaetigt dieser Bote hier. + +Bote. Der, grosse Koenigin, mit seinen Knien den Staub an deinem +Thron hier kuesst, aus Ehrfurcht teils und teils aus Muedigkeit, weil +er im schnellsten Lauf aus des Koenigs Lager eine holde Last dir +bringt, eine Nachricht von dem ungeheuersten Gewicht! Friede, +dieses goldne Wort, lass in alle Palmen schneiden, dass sie dann mit +vollem Rechte Friedenspalmen heissen. Gesiegt hat dein erhabener +Gemahl, noch gestern abends ward die letzte Schlacht gewonnen, und +in der Nacht der Friede abgeschlossen, durch den ein Teil vom +Feindesland noch zu dem deinen faellt. Nur heute ruht das Heer; +doch morgen bricht es auf und zieht mit Zimbelklang und Jubelsang +im Vaterlande ein. Dies zu berichten ward ich gesendet, mein +Auftrag ist erfuellt, der Bote hat geendet. + +(Steht auf und tritt zurueck.) + +Alzinde (sinkt auf die Knie). Sonne, sei gelobt! + +Alle. Heil den Goettern! Heil dem Koenig Hoanghu! + +Alzinde. O mein Gemahl, warum kann ich an deine Heldenbrust nicht +fliegen, du edler Sohn der unnennbaren Goetter, dessen Lieb' ich +nicht fuer alle Kronen Asiens tauschen moechte! Juble, Volk! Sei +ausgelassen froh! Ihr Priester weiht den Tempel ein, der Tugend +Macht hat sich bewaehrt, ein ewig Denkmal sei ihr hier errichtet! +Wer sagt mir doch, warum mein Glueck mich zu freud'gem Wahnsinn +treibt? Warum ist diese Lust so ungeteilt, so allgemein, dass ich +kein Stueck davon kann eurem Herzen ueberlassen? O sprecht, wer +nimmt mir einen Teil der edlen Buerde dieses Freudenreichtums ab, +womit die goldne Sonne mein Gemuet beschenkt? Verdien' ich denn, +dass ich so gluecklich bin? + + + +Dritte Szene. +Fuerchterlicher Donnerschlag. Die Buehne umzieht sich mit schwarzen +Wolken, aus welchen rote Blitze sich schlangenartig winden. Auf +der Erde sprueht Feuer, dann erscheint Moisasur als ein Ungeheuer +mit Drachenfuessen und Drachenfluegeln, auf dem Haupt eine rote Krone +mit Schlangen umwunden, der ganze Koerper ist in hellroten Samt +gekleidet, um den Leib eine schwarze Schuerze mit goldenen Schuppen +gestickt. Alles sucht sich in den Hintergrund zu retten, einige +fluechten auf Baeume. Alzinde, welche bei ihrer Rede vom Thron +gestiegen, bleibt im Vordergrunde, der Thron verschwindet. + + +Vorige. Moisasur. + +Moisasur (mit fuerchterlicher Stimme). Alzinde, du verdienst es +nicht! + +Alzinde (faehrt zusammen). Ha!--Wer bist du, scheusslich Ungeheuer, +dess' Anblick mir Besinnung raubt? Wie giftig Unkraut stehst du +da, das ploetzlich aus dem Schoss der Erde treibt. + +Moisasur. Moisasur heiss' ich, kennst du diesen Namen? Mit +Flammenzuegen hat der grosse Geist ihn auf das finstre Tor der Hoelle +einst geschrieben, und aus meinem Auge leuchtet ihre Sendung. + +Alzinde. Was hat die Hoelle an mich abzusenden? Ich habe dich und +sie aus meinem Reich verbannt. Die Tugend ist mein Heil, dich hab' +ich nie verehrt, und jedem Opfer Fluch, das dir mein Land noch +bringt. + +Moisasur. So nimm denn Fluch gen Fluch, verruchtes Weib, das +meinen Tempel umgestuerzt; so zieh' mein Hass denn einen Zauberkreis +um dein verraetrisch Land; so will das Leben ich aus seinen Grenzen +jagen, und laehmen diesen uepp'gen Teil der Welt! Vertrocknen soll +der Baum, die Frucht, der Strom; verdorren soll das Gras, und was +in deinem Reich mit Leben prahlt; dein Volk, die Diener deines Hofs, +wem Blut nur in den Adern kreist, Mensch oder Tier, das steh' +erstarrt und wandle sich in Stein! Und jegliches Geschoepf, das +dieses Land mit frechem Fuss betritt, das werd' ergriffen von +Versteinerung und steh' als Marmordenkmal meiner Rache da. + +Alzinde. O, mein Gemahl! + +Moisasur. Schau' hin und lab' dich an dem suessen Anblick! (Die +Wolken oeffnen sich, man sieht die Gruppen, wie sie aengstlich +standen, nun im bunten Marmor, einige auf Palmen haengen, doch der +Tugend Tempel strahlt im hellen Sonnenglanz.) Verflucht, dass ich +den Tempel schauen muss, als Nebenbuhler meines Ruhms. + +Alzinde. Entsetzlich Scheusal, von der Erde ausgespien, weil du +ihr Innres zu vergiften drohst, wie kannst du dieses Reich +zerstoeren, das die Sonne ihren Liebling nennt? + +(Die Wolken schliessen sich wieder.) + +Moisasur. Fluch gegen Fluch! Vernichtung fuer Vernichtung! An dir +ist jetzt die Reih'! Ich bin's, der dir nach deinem Wunsch die +holde Last der Freude von dem zarten Nacken reisst. Deine Liebe, +deinen Reiz, deine Hoffnung, deine Ehre, deinen Ruhm, dein Diadem +will ich auf einen Knaeul zusammendruecken, und in den Pfuhl der +Hoelle schleudern. Erscheint, ihr Geister bleicher Nacht. (Vier +schwarze Geister erscheinen und ergreifen die Koenigin.) Seid Zeugen +und Vollfuehrer meines Fluchs. Zerstoeret ihren Reiz, die Krone +reisst von ihrem Haupt, der Locken Glanz verwandelt mir in welkes +Grau; die Haut schrumpft ein und ueberzieht damit ein fleischloses +Gebein, das ihr mit halbverfaulten Lumpen dann behaengt. Doch lasst +die junge Seele nicht aus ihrem morschen Leib entfliehn, damit sie +zehnfach jeden Schmerz empfind' und die Erinnrung ihres Gluecks sie +quaele.--Doch halt--damit des Menschen Habsucht bis zum Tod sie +peinige, so lasst sie diamantne Traenen weinen, als Wehmutszeichen, +dass sie Indiens Fuerstin war. Nun schleppt sie fort, verwandelt sie, +dann schleudert sie dem Nordwind in die eis'gen Arme, dass er mit +ihr nach einem andern Weltteil rase und dort die alte Ariadne setz' +auf nacktem Felsen aus. Befolgt, was ich befahl! + +(Die Koenigin sinkt in Ohnmacht.) + +Erster Geist. Noch nicht--in deiner Rache wuet'gem Eifer hast du +vergessen, ihr ein Ziel zu setzen; ewig darfst du nicht verfluchen, +wie du es von dem ew'gen Geiste bist. Drum sprich, wie lang an +diesen Zauberfluch ihr Glueck gefesselt bleibt, und wann und wie +sich loesen koennen diese Schreckensbande? + +Moisasur. Weil du mich mahnst an meine Pflicht, verruchter Geist, +so hoere meinen Spruch! Nur dann, wenn sie im Arm des Todes +Freudentraenen weint, kehrt ihr zurueck, was ihr mein Zauberspruch +entrissen. Nun regt die traegen Drachenglieder, eilet fort, +Erwartung geisselt mein Gefuehl. Den hoechsten Berg der Welt will ich +besteigen und durch der Hoelle Mikroskop will ich mit suesser Lust auf +ihr verbittert Leben schaun. (Ab.) + +(Die Geister versinken mit Alzinden.) + + + +Vierte Szene. +Auf dem Ruecken einer Alpe, mit der Aussicht auf ferne Gletscher. +In der Mitte ein Bergstrom. Der Horizont finster umwoelkt. Rechts +ein hohes Bauernhaus, Gluthahn gehoerig, links eine arme Huette, +neben derselben sprudelt eine Quelle in ein natuerliches Becken. + + +Gluthahn +(kommt erzuernt und erhitzt). +Das ist ein schlechtes G'sind' +Im Rattental dahint'; +Der Bauer Michel Stier +Koemmt vor'ges Jahr zu mir, +Weint wie ein altes Weib, +Und geht mir nicht vom Leib; +Mein lieber Nachbar Glut, +Ich bitt' Euch, seid so gut +Und zahlt mir auf mein Haus +Fuenfhundert Taler aus. +(Heuchlerisch.) +Und ich, ich guter Narr, +Mein Herz, das ist halt wahr, +Das findt man nirgends mehr, +Ich bin so dumm, geb s' her. +Ich fuehr' ihn hin zum Tisch, +Wir schreiben einen Wisch; +Fuenfhundert Taler bar +Geb' ich dir auf ein Jahr; +Und dass ich dich nicht druck', +So zahlst' mir achte z'ruck. +Wo ist das Jahr schon hin? +Was ich gelaufen bin, +Was ich schon schrei' und schelt', +Ich komm' nicht zu dem Geld. +A Zeitlang war er krank, +Der Teufel weiss ihm's Dank! +Jetzt ist er wieder g'sund, +Und zahlt mich nicht, der Hund! +Mit ihm red' ich noch gern, +Ihm zeig' ich doch ein' Herrn; +Doch ist sein Weib zu Haus, +Die macht mich noch brav aus. + +Pfui, das sind doch undankbare Leut', nicht einmal pfaenden wollen +sie sich lassen. Gluthahn, wie wirst du jetzt das Geld ersetzen? +Mit Freuden wuerd' ich einen andern darum betruegen, doch ich +gewinn's nicht uebers Herz, ich bin zu gut. (Heftig.) Aber mir soll +noch einer kommen und Geld begehren.--Da grab' ich meine Taler +eh' fuenftausend Klafter in d' Erden ein und zuend' mein Haus an +allen Ecken an, eh' ich so einem Schuft ein' Kreuzer auf fuenfzig +Schritte nur zeig'. Einen eignen Hund richt' ich mir ab, dass er s' +vom Haus weg hetzt. (Heuchlerisch.) Ich muss anders werden, ich bin +zu gut. Wo ist denn nur mein Weib schon wieder? Trautel, hoerst +denn nicht? Trautel! + + + +Fuenfte Szene. +Voriger. Trautel kommt, sie ist und spricht etwas kraenklich. + + +Trautel. Aber, was schreist denn so? + +Gluthahn. Wo bist denn, falsche Nummer, die auf den ersten Ruf +nicht kommt. + +Trautel. Ich soll ja nicht in d' Luft. + +Gluthahn. Nun, so geh in die Gruft. + +Trautel. Was willst denn? + +Gluthahn. Die Muetzen bring' heraus und die Pfeifen und den Rock +nimm mit. (Zieht den Rock aus.) + +Trautel (verdriesslich). Nu gleich. (Ab.) + +Gluthahn (allein). Ein guts Weib ist s'; ich haette das Weib +nochmal so gern, wenn s' nur um das juenger waer', was s' zu alt ist, +und um das besser, was s' z' schlecht ist. (Spricht leise, als oh +er jemand etwas anvertraute.) Vor dreissig Jahren hat s' mich einmal +um fuenf Gulden betrogen, das vergiss ich ihr noch nicht; ich bin gut, +ich hab' ein einzigs Herz, aber vergessen kann ich nichts. Ich +hab' so ein kleins Buechel, da schreib' ich's hinein. (Deutet +hinters Ohr.) Da hint' ist's. + + + +Sechste Szene. +Voriger. Trautel bringt Muetze und Pfeife. + + +Gluthahn. Du lieber Himmel, wie gut koennten ein paar Ehleut' +miteinander leben, wenn eines dem andern nachgaebe. (Faehrt sein +Weib derb an.) Kriechst immer untern Fuessen herum? Was willst? + +Trautel. Je nu, die Pfeifen bring' ich und die Muetzen. + +Gluthahn. So meld' dich! + +Trautel. Sei nur nicht so grob mit mir, mir ist heut so nicht gut. + +Gluthahn. Das ist rheumatisch Zeug, schlag dir's aus dem Kopf. + +Trautel. Das kann ich nicht. + +Gluthahn. Nu, so schlag' ich dir's heraus, ich kann's. + +Trautel. Mir fehlt's im Herzen, und ich fuehl' mich so schwach. + +Gluthahn. Da sind wir alle schwach, wenn's uns im Herzen fehlt. + +Trautel. Wenn du mir kein' Bader nimmst, so stirb ich noch. + +Gluthahn. Solang noch's Herz schlagt, stirbt man nicht. +Rheumatisch bist, sonst nichts. Egel setz' dir, da wird alles gut. +Hab' erst einen zusammentreten unt' beim Bach, so kommen s' weg. + +Trautel. Ich bin ja nicht rheumatisch. + +Gluthahn. Im hoechsten Grad; wenn ich dich nur anschau', fangt's +mich an zum Reissen. + +Trautel. Bringst gewiss kein Geld z' Haus, weilst so z'wider bist. + +Gluthahn (wild). Mahnst mich noch? + +Trautel (beiseite.) Ich muss dem Boesewicht nur schmeicheln, sonst +ist gar nichts z' haben von ihm. (Streichelt ihm das Kinn.) Mann, +meines Lebens Lust. + +Gluthahn (hoehnisch). Weib, meines Lebens Last--was willst denn +ausserbrateln von dein' Mann, den du aus List nennst deine Lust? + +Trautel. Ich hol' mir den Bader. + +Gluthahn. Hol' mir zwei Mass Wein. + +Trautel. Nicht wahr, ich darf ihn holen? + +Gluthahn. Aber ein' g'scheiten, das sag' ich dir. + +Trautel. Ich dank' dir, sie haben ja nur einen im Ort. + +Gluthahn. Und dass er nicht g'schwefelt ist. + +Trautel. Ei, wer denn? + +Gluthahn. Der Wein. + +Trautel. Ich hab' g'glaubt, der Bader. + +Gluthahn. Wer redt denn vom Bader? + +Trautel. Ich. + +Gluthahn. Und ich red' vom Wein. + +Trautel. Was hab' ich vom Wein? + +Gluthahn. Was hab' ich vom Bader? + +Trautel. Ich hol' ja den Wein, aber zahl' mir den Bader, sonst +geh' ich ja z'grund. + +Gluthahn. Nu, so hol' dir ihn, aber wenn du bis morgen nicht +g'sund bist, so darfst mir dein Leben nimmer krank werden. + +Trautel (fuer sich). Endlich. (Laut.) Dank' dir, lieber Mann. +(Will ab.) + +Gluthahn. Da gehst her. (Trautel kehrt um.) Jetzt wirst du doch +einsehn, was d' fuer einen Mann an mir hast. + +Trautel. Nu, ich glaub's. + +Gluthahn. Unter andern, hast mich gern? + +Trautel (ironisch). Nu, wer wird denn dich nicht gern haben. + +Gluthahn. Kuess' mir d' Hand. + +Trautel (tut es und spricht im Abgehen seufzend). O Seligkeit! +(Geht ins Haus.) + +Gluthahn (triumphierend). So muss man sich s' abrichten, dann weiss +man, wer der Herr im Haus ist. Ich haett' nicht nachgeben sollen, +(heuchlerisch) aber mein Herz, ich bin gar zu gut. + + + +Siebente Szene. +Voriger, Trautel mit einer leeren Flasche. + + +Gluthahn. Bist da? Da hast Geld, jetzt zieh dich. + +Trautel (beiseite). Du lieber Gott, befrei' mich doch von mein' +Leid, ich will ja gern sterben, dass ich nur den Mann nimmer sehn +darf. (Geht gegen das Dorf ab.) + +Gluthahn (allein, er schlaegt Feuer und zuendet seine Pfeife an). +Wenn man dem Weib da so erlaubte, auf ihre Faust recht krank zu +sein, die machte einen Aufwand damit, der nicht zu erschwingen waer'. +(Schlaegt sich vor die Stirn. Erbittert.) Wann ich nur das Geld +nicht ausg'liehn haett'. (Ein Sturmwind erhebt sich.) Oeh, blas, du +dummer Wind, blas auseinander die grau muntierten Wolken. Der +Himmel ist schon vierzehn Tag' als wie ein Aschenweib. (Windstoss.) +He, he, he, he, sei nur kein solcher Narr!--Die Kaelten von dem +Wind! (Windstoss.) Holla, der nimmt die Baeum' beim Kopf und beutelt +s' recht, als wie ein Meister seine Lehrbuben.--(Windstoss.) Weil +er kein' Kopf hat, so kann er auch kein' andern leiden. (Windstoss.) +Nicht rauchen lasst er mich, der Schlaprament! Du sollst mich +nicht sekieren, du luestiger Patron; ich geh' jetzt hinein, just +kriegst mich nicht. (Er geht unter die Tuer und steckt den Kopf +heraus.) Blas mich an jetzt, wannst dich traust. (Hoehnisch.) Ja, +auf d' Wochen, dummer Wind! (Schlaegt die Tuer zu.) + + +Achte Szene. +Sturmmusik. Alzindens Gestalt als altes Weib in Bettlerkleidung +rauscht im Hintergrunde, zwischen den Fluegeln des Nordwindes +liegend, ueber die Buehne; den Strom der Luft auszudruecken, in +welchem eine gefluegelte Figur mit aufgeblasenen Backen, die Locken +mit Eis behaengt, wie durch einen Schleier sichtbar ist, bleibt der +Phantasie des Malers ueberlassen. Die Musik geht in eine klagende +ueber, und nach einer bedeutenden Pause kommt Alzinde auf die Buehne. +Sie hat graues Haar, ihre Gestalt ist ehrwuerdig, ihre Kleidung +abgenuetzt, aber nicht zerrissen. + + +Alzinde. Wo bin ich wohl? Wohin hat die Gewalt des Sturmwinds +mich getragen? wie heisst die Unglueckswelt, auf der ich mich +befinde? denn das ist nicht mein Reich, zu meinem Auge sprechen +nie gesehne Dinge. Fremde Huetten, fremde Berge, ein fremder Himmel, +ohne Sonne, ohne Mond, ohne Sterne, ohne Blau. Auch fuehl' ich +mich so schwach, ich will mich setzen, jene Quelle soll mich laben. +(Sie setzt sich an den Rand des Beckens, sieht in den +Wasserspiegel und springt auf.) Welch haessliche Gestalt schaut aus +dem Spiegel dieses Quells? Doch nicht mein eignes Bild?--Nicht +moeglich! (Streckt die Hand aus und erschrickt davor.) Wem gehoeren +diese welken Haende, diese abgelumpten Kleider? wessen Stelle muss +ich hier vertreten? Ich bin das nicht, widerrufe, Quell! (besieht +sich noch einmal--erstarrt.) Er wiederholt's--ich bin's--ich +bin's! (Faellt verzweifelnd auf den Rasen hin.) Ich Unglueckselige! +(richtet sich auf und lacht verzweiflungsvoll.) Das ist Alzind', +die Schoenheitsblume Indiens, in eine welke Distel nun verwandelt. +O du mein stolzer Geist, verjagt aus deinem ueppigen Palast, was +musst du jetzt fuer ein veraechtlich Haus bewohnen! Ich duld' es +nicht! Verzweiflungsvolle Seele, sprenge doch die Riegel dieses +morschen Kerkers! (Aengstlich.) Eilt mir zu Hilfe, Grosse meines +Reichs--wo seid ihr, meine Diener?--(Stark rufend.) meine +Sklaven! (Echo ruft: Sklaven.) Es ist umsonst, das Echo ist der +einz'ge Sklave meines Rufes. Ich bin allein, verbannt von meinem +Volke, meinem Gott. Was rauschet? Ha, ein Geschoepf aus dieser +Welt. O du erbaermliche Gestalt. + + + +Neunte Szene. +Gluthahn erscheint im Rocke. Vorige. + + +Gluthahn. Wer schreit denn so? Wie kommst du auf 'n Berg? Kriech +weiter um ein Haus. + +Alzinde. Wenn du ein Mensch bist, wie die Sprache mich's vermuten +laesst, so sage mir, wie heisst die Welt, in der du lebst? + +Gluthahn. Weiter geh! + +Alzinde. Wenn du ein Mensch bist, nimm mich auf in deine Huette, +die Sonne wird dich dafuer lohnen. + +Gluthahn. Aha, die brennet mich aus Dankbarkeit auf den Buckel +hinauf. Du, lass mich aus mit deiner Sonn', die kenn' ich nicht. + +Alzinde. Er kennt die Sonne nicht, weh mir. Hab' Mitleid, Hunger +fuehret mich an deine Huette, speise mich mit etwas Reis. + +Gluthahn. (erstaunt). Was willst du haben? einen Reis? Ein +Bettelweib will ein' Reis; Sie schafft sich nur gleich an, was sie +am liebsten isst. + +Alzinde. O reich' mir nur ein kleines Stueckchen Zucker. + +Gluthahn (lachend). Einen Zucker will sie, o du suesses Goscherl du. +Wo hab' ich denn g'schwind was, ich gib ihr eine hinauf, dass s' +ein Zucker macht, an dem s' langmaechtig z' schlecken hat. + +Alzinde. Hab' Mitleid, ich verschmachte, gib mir staerkendes Gewuerz. + +Gluthahn. Jetzt halt' ich's nimmer aus, jetzt will sie noch gar +ein G'wuerz! Ich komm' in Narrenturm mitsamt dem Weib. Ich hab' +kein G'wuerz noch gesehn, solang ich auf der Welt noch bin, die geht +herum und bettelt um Gewuerz. + +Alzinde. Du Unmensch, sprich, soll ich an deiner Schwelle sterben? + +Gluthahn. Was unterstehst du dich, an meiner Tuer willst du da +sterben? A solche Ungelegenheit, dass ich dich noch begraben lassen +koennt'; gehst hinunter uebern Berg und schaust dich um ein Platzel +um, wost' hinwerden kannst. + +Alzinde. Sonne, was erlebe ich. + +Gluthahn. Schlaeg' wirst gleich erleben, wenn du nicht gehst. + +Alzinde (stolz und kraeftig). Ich befehle es dir, mich zu bewirten, +ich bin Indiens Koenigin. + +Gluthahn. Jetzt ist's heraussen. Das Weib ist naerrisch. Sie ist +Indiens Koenigin, ich lach' mir noch einen Buckel, groesser als der +ihrige. Wenn du jetzt nicht gleich von meiner Tuer weggehst, so +jag' ich dich uebern Berg hinunter. Marsch! Du verzuckertes +indisches Bettelweib du! (Ab. Schlaegt die Tuer zu.) + + + +Zehnte Szene. + + +Alzinde (allein, mit Verzweiflung). Weh mir! So bin ich denn auf +einem fremden Stern, ausgeschlossen aus der Sonne Strahlenreich. +Nicht Menschen hausen hier. Daemone sind es, Soeldner jenes +Drachensohns, der mich hierher gebannt. Hier darf kein Weihrauch +duften, keine Palme bluehn, ein wuestes Grab ist diese Hoellenflur. +Seht, seht, wie kleine Furien mit gehoernten Koepfen ueber jene kahlen +Felsen springen. Nie werd' ich mehr mein Volk, meinen Gemahl +erblicken. Verloren ist mein Leib, verloren meine Seele. (Sinkt +auf die Knie und ruft:) Sonne, rette mich! (Echo: Rette mich.) +Umsonst, sie hoert mich nicht; das Echo hoehnt mich aus, ihr Strahl +dringt nicht auf dieses fluchbeladne Land. Welche Angst ergreift +mein Gemuet? Von allen bin ich hier verlassen und auch zu ihr kann +ich nicht flehen. Entsetzliches Geschick! Was ist der Mensch, dem +man die Hoffnung auf das Hoechste raubt? Mein Aug' wird trueb, mir +ist, als haetten diese Berge Licht und Farbe eingebuesst und floessen +mit des Himmels schauerlichem Grau zusammen. Die Welt zerrinnt vor +meinen Blicken, ich sehe nichts, als jenen Strom, der konvulsivisch +sich durch dieses Chaos windet und seine nassen Arme nach mir +streckt. Hinweg von mir, du schrecklicher Gedanke, der mich +ergreift, und nach dem Strom hinzieht. Ich folg' dir nicht, -- +umsonst, ich muss--Verzweiflung, freu' dich deines Siegs, ich muss +hinein. (Sie eilt gegen den Strom, ploetzlich:) Ha, der Sonne Bild! +(Sie blickt empor, ihr ganzes Wesen loest sich in zitternde Freude +auf.) Sie ist's! (Steigend.) Sie ist's, die--(Mit zitternder +Stimme.) die Sonne! Meine Sonne, meiner Seele hoechster Trost! +(Sinkt auf ein Knie, dann springt sie freudig auf.) Freude, Freude, +sie ist hier! Ihr Waelder, Klippen, Baeume, Quellen, meinen Blicken +neu geboren, gruen gekleidet, wie mein Hoffen, hoert es, ich bin +nicht verlassen, nicht verstossen von der ew'gen Sonne! O wie ist +mir wieder leicht, wie hat ihr Strahl mein Innerstes gelichtet. +Nun hab' ich Mut zum Dulden, Mut zum Tragen. + +Muss ich fern von allen Lebensfreuden +Kaempfen auch mit Gram und Leiden, + Kann ich's doch der Sonne klagen, + Mit Bewusstsein zu ihr sagen; +Habe alle Freuden meiner Jugend +Aufgeopfert fuer den Ruhm der Tugend + Und erwarte meinen Lohn + Einst an deinem Himmelsthron. + +(Sie setzt sich auf einen Rasen und versinkt in Nachdenken.) + + + +Elfte Szene. +Hans. Mirzel. + + +Mirzel. Geh, geh, ich soll recht boes auf dich sein. Du bist ein +sauberer Mann, laufst voraus und schaust dich gar nicht um um mich. +Wie ich noch ledig war, da bist hinter mir her g'wesen auf einen +jeden Schritt, und jetzt--aber die Nachbarin hat mir's +vorausg'sagt, das ist das sicherste Zeichen, dass ein paar +verheiratet sind, wenn der Mann anfangt, unartig zu werden. Heut +werden s' kopuliert, da geht sie voraus, den andern Tag lasst er sie +schon hint' nach gehn. + +Hans. Aber liebe Mirzel -- + +Mirzel. Willst du's etwa leugnen? Zuerst kommst du, hernach dein +Spitzel, nachher ich, ich und der Hund, wir gehen immer miteinander. +Au contraire, seinem Spitzel pfeift er doch manchmal, aber bei +mir da denkt er sich: Du kommst mir so nach Haus, dich verlier' ich +nicht. + +Hans. Ich weiss gar nicht, ich hab' den Hund recht gern bei mir. +Ob wir jetzt unser zwei ausgehn oder unser drei? + +Mirzel. Nu, neulich sind wir gar unser vier g'wesen, da hast zwei +Spitzeln mitg'habt; einen hast du aus dem Wirtshaus nach Haus +tragen, und der andere ist so mitg'laufen. + +Hans. Nu, und wie er neulich verloren gegangen ist, so hat ihn +doch kein Mensch finden koennen als du. + +Mirzel (launig). Ja, das macht, weil ich sehr spitzfindig bin. + +Hans. Aber jetzt hoeren wir einmal auf, wir disputieren wegen die +Spitz' wie die kleinen Buben; das ist eine voellige Spitzbueberei. + +Mirzel. Ich bin ja schon wieder gut, das ist ja nur mein Spass, ich +hab' dich viel zu lieb, du bist ja mein guter Mann. + +Hans. Und du mein guts Weib; kurzum, wir sein halt von der besten +Gattung. + +Mirzel. Freilich, wir sind gut, und alles waer' gut, wenn wir nur +mehr zu essen haetten. + +Hans. Lass nur gut sein, der liebe Gott wird uns schon helfen. +Haben wir doch jetzt unser' Grundsteuer wieder zum Amtmann +hineintragen; acht Gulden alle Jahr', ist kein Spass. Schau' nur, +wie die Sonn' so freundlich scheint, schau' dich nur um. (Erblickt +Alzinde.) Du, was liegt denn dort fuer ein altes Weib? die wird +krank sein; sie weint, ich werd' s' troesten. + +Mirzel. Die Alte? Nun, die kannst schon troesten. + +Hans (geht zu ihr). Du, Alte, hoerst? + +Alzinde (hebt sich empor, erblickt beide, springt erschrocken auf +und ruft). Menschen! (Will entfliehen.) + +Hans. He, he, wo laufst denn hin? so wart' doch, wir meinen dir's +ja gut. + +Mirzel. Freilich, willst ein Stueckel Brot? + +Alzinde (sieht sie erstaunt an). Seid ihr wirklich Menschen? + +Hans. Nu, du wirst uns doch fuer keine Maikaefer anschaun? + +Alzinde. Menschen seid ihr, und ihr habt Erbarmen? + +Mirzel. Du blauer Himmel, warum nicht? wir erbarmen uns selbst +manchmal. + +Alzinde. Also seid ihr ungluecklich? + +Mirzel. I bewahr', wir sind recht gluecklich. + +Hans. Wir haben nur kein Geld. + +(Gluthahn lasst sich am Fenster sehen, und horcht.) + +Alzinde. Das versteh' ich nicht. + +Hans (zu Mirzel). Sie ist taub. (Laut, Alzinden ins Ohr.) Wir +haben kein Geld, wie kannst du denn das nicht verstehn, das kann +ich mit Haenden greifen, wenn ich in den Sack fahr'. + +(Faehrt in den Sack.) + +Mirzel. Weisst, wir sind halt glueckliche Unglueckliche, wie manche +Leute unglueckliche Glueckliche sind. + +Hans. Das ist eine gute Explikation. Wir sind arme Steinbrecher, +wir arbeiten im Steinbruch da hint', und leiden oft Hunger, dass +sich ein Stein erbarmen moecht', aber nur im Winter, im Sommer +geht's uns besser. + +Mirzel. Was sprichst du denn so viel da mit der Alten, trag ihr +etwas aus der Huette und lass sie gehn. + +Hans. Nein, mir gefallt s', sie hat zwar noch nichts g'redt, aber +ich find', dass sie recht eine unterhaltendliche Person ist. (Zu +Alzinde.) Weisst, ich und mein Weib haben uns halt gar so gern, und +das ist unser Glueck. + +Alzinde (zu Mirzel). Also liebst du deinen Mann? + +Mirzel. Vom Herzen. + +Alzinde. Und wenn du ihn verlieren muesstest? + +Mirzel. Ich, mein' Mann? + +Alzinde. Wenn er dir auf ewig entrissen wuerde? + +Mirzel. Das ueberlebet ich nicht. + +Alzinde. Weh mir, und ich lebe noch! Sie stirbt fuer diesen +Bettler, und ich lebe noch. (Weint heftig.) O mein Gemahl, mein +koeniglicher Herr. (Ihre Traenen fallen in Hansens Hut, der ihn +absichtslos aufhaelt.) + +Hans. Jetzt, warum weinst denn? Jetzt weint sie mir grad in den +Hut hinein.--Du, Mirzel, schau, was ist denn das, der ihre Traenen +sind ja alle von Glas, die weint ja lauter kleine Steiner. + +Mirzel. Warum nicht gar. + +Hans. Auf die Letzt hat s' gar einen Steinbruch in die Augen. + +Mirzel. Was weinst denn du da? + +Alzinde. Ich weine Diamanten. + +Hans. Mich trifft der Schlag, das hab' ich noch mein Leben nicht +g'hoert, dass eine Amanten weint. Wann s' noch wegen einen Amanten +weinet', aber einen Amanten selbst, das ist entsetzlich. + +Alzinde. Sagt mir, haben Diamanten aus eurer Welt hier einen Wert? + +Mirzel. Nu, ich will's hoffen, unser Herr, bei dem wir arbeiten, +hat einen Ring, da ist ein einz'ger Stein mehr wert, als sein +ganzer Steinbruch. + +Alzinde. So hoert mich an, vielleicht kann ich durch meine Traenen +euch begluecken. Des einen Glueck bedingt ja leider oft des andern +Unglueck. Behaltet mich bei euch, gebt mir nur magern Unterhalt, +schuetzt mich vor der Misshandlung eurer Brueder und nehmet meine +Traenen hin als Eigentum, welche reichlich fliessen werden, weil ich +mein Schicksal nicht genug beweinen kann. + +Gluthahn (am Fenster). Das Weib lass' ich nicht aus, mein Herz ist +z' gut, die nehm' ich auf. + +Hans. Aber wer hat dir denn das g'lernt, du bist doch nicht etwann +eine Hex'? + +Mirzel. Nu, fragen moecht' ich s' noch. + +Alzinde. Was ich euch nun entdeck', ist wahr, so wahr, als dieser +Sonnenstrahl, der sich in meiner Traene bricht. Ich bin die Fuerstin +eines ind'schen Reichs, der Tugend hab' ich mich geweiht, wie ihr, +und weil ich einen boesen Geist aus meinem Land vertrieben, hat er +aus Rache mich nach eurer Welt verbannt. Ich ward geehrt von +meinem Volk, das meine Schoenheit, meinen Geist bewunderte, geliebt +von meinem zaertlichen Gemahl, und alles, was des Glueckes Grossmut +mir verliehn, hat dieser Daemon mir entrissen. (Weint.) + +Hans. Jetzt fang' ich auch zum Weinen an, aber meine Traenen sind +keinen Kreuzer wert. + +Alzinde. Doch meine Jugendkraft hat er mir nicht geraubt, und +heftiger fuehl' ich den Schmerz, als ich die Freude frueher hab' +empfunden. Ihr glaubt mir doch? + +Mirzel. Das kann ja sein, ich hab' schon viel von verzauberten +Prinzessinnen gehoert. Nu, troesten sich Euer G'streng' nur, wir +werden schon fuer Euer G'streng' sorgen. + +Hans. Was sagst denn Euer G'streng', meinst denn, du redst mit dem +Verwalter? (Mit erhobener Stimme.) Weiss die Fuerstin was, wir +behalten die Fuerstin bei uns, und was wir haben, bekommt die +Fuerstin auch. + +Alzinde. Ihr guten Menschen, meine Traenen werden dankbar fliessen. + +Mirzel. Wenn s' nur alle Jahre einmal weint, im Fruehling, wenn der +Schnee zerfliesst, so leben wir das ganze Jahr davon. Die Fuerstin +macht noch unser Glueck. + +Hans. Und da braucht sie nicht einmal einen Schmerz, der sie +weinen macht, ich reib' ihr einen scharfen Kren, so weint sie ihren +diamantenen Fleck her und lacht uns alle aus. + +Mirzel. Ja, das ist praechtig, lieber Hans; die Traenen, die du im +Hut hier hast, tragst du morgen augenblicklich in die Stadt. Jetzt +geh die Fuerstin nur in unsre Huetten hinein, da findt die Fuerstin +Milch und Brot; wir muessen jetzt in' Steinbruch hinaus, wir haben +nur unsre Werkzeuge g'holt. Auf den Abend kommen wir nach Haus, +und dann wollen wir recht vergnuegt sein alle drei. + +Hans. Ja, mein' liebe gute Fuerstin, geh die Fuerstin nur hinein, +gib die Fuerstin auf mein' Spitzel gut acht und sperr' die Fuerstin +die Tuer von innen gut zu; unser Nachbar ist gar ein boeser Mann, dem +muss die Fuerstin ja nicht traun, sperr' ihm die Fuerstin gar nicht +auf. + +Alzinde. Sorgt euch nicht, ich hab' ihn schon erkannt. Er stiess +mich ja von seiner Tuer. + +(Sie geht hinein, Hans und Mirzel nehmen ihre Haemmer. Alzinde +riegelt die Tuere von innen zu.) + +Hans. Heisa, jetzt geht's in den Steinbruch hinaus, wenn wir auch +noch so wenig haben, ein froehliches Herz tauscht ja mit Koenigen +nicht. (Beide ab.) + + + +Zwoelfte Szene. + + +Gluthahn (schleicht herein). Geh in den Abgrund, Volk. Ob denn +ein guter Mensch, wie ich bin, ein Glueck hat? Erwischen die das +Weib mit ihrer diamantenen Traenenfabrik! Gluthahn, da kannst du +dein Geld hereinbringen. Ich bin ein guter Mensch, aber das Weib +lass' ich nicht aus, die muss mir alle Saeck' voll weinen. Hab' +schon meinen Plan ausgedacht indessen,--im Haus kann ich sie nicht +versperren hier; sechs Stunden weit in Alpenmarkt drin, da kenn' +ich einen Herrn aus der Stadt, er hat ein Landhaus in Alpenmarkt +drin und war in meiner Huetten oefter ueber Nacht, wenn er auf die Alm +hinauf ist--das ist ein vermoeglicher Mann, er handelt mit guten +Steinen und reist herum damit. Er kauft Holz von mir; da fuehr' ich +s' hin und lass' sie etwas weinen, dass er s' untersucht, ob s' +wirklich Diamanten weint, ob s' nicht etwa boehmische Steine weint +oder so Zeugs. Und wenn s' was wert ist, so machen wir einen +kleinen Ueberschlag, und ich verkauf' ihm das ganze Weib wegen ihren +Traenen um ein Pauschquantum. So ist das arme Weib versorgt, kommt +auf Reisen und hat das schoenste Leben. Ich kann mir halt nicht +helfen, ich find', dass ich ein edler Kerl bin, ich mag schon tun, +was ich will. Wenn ich s' nur herauslocken koennt', ich wirf sie +auf meinen Leiterwagen und fahr' mit ihr davon, als wenn ich sie +gestohlen hatt'. Da kommt mein Weib. + + + +Dreizehnte Szene. +Gluthahn. Trautel. + + +Trautel (stellt den Krug Wein auf den Tisch). Da bin ich, lieber +Mann. + +Gluthahn (roh). Nu, bist du schon g'sund? + +Trautel. Warum nicht gar. Ach, lieber Mann, mit mir ist's aus, +der Bader sagt, mich bringt er nimmer auf. + +Gluthahn. Der Bader ist ein Narr, was braucht er dir's zu sagen, +das hab' ich eh' schon g'wusst. + +Trautel. Ich unglueckselig Weib--ich bitt' dich, Mann, was soll +ich denn jetzt tun, damit mir besser wird? + +Gluthahn. Spann' die Pferde vor den Wagen, das staerkt dich, ich +fahr' aus. + +Trautel. Das ist ein schoener Trost! Ich kann ja nicht, ich bin z' +schwach. + +Gluthahn. Du musst, potz Himmeltausend Saprament, ich werd' dich +lernen raesonnieren, du alte Blendlaterne. Den Augenblick spannst +ein und gehst dann in den Garten und brockst mir ein' Korb voll +Aepfel ab. (Fuer sich.) So bring' ich sie doch fort. + +Trautel. Nein, du bist kein Mensch, du bist ein Krokodil. (Weint.) + +Gluthahn. Wirst gehn. + +Trautel. Ich geh' schon. (Geht weinend ab.) Ach, du lieber Himmel! + +Gluthahn. Jetzt weint die auch. Komm her. (Trautel kehrt um.) +Was weinst denn? (Sieht in ihre Augen.) Die weint keine Diamanten, +hoechstens mein Geld als Medizin. Geh, geh, besorg' den Wagen, so +kommst du mir doch aus den Augen. + +(Trautel geht hinters Haus ab.) + + + +Vierzehnte Szene. +Gluthahn, dann Alzinde. + + +Gluthahn (boshaft laechelnd). Jetzt werd' ich fensterln gehn. (Mit +falscher Freundlichkeit.) Liebe Alte, komm heraus, ich hab' dir +etwas zu entdecken. + +Alzinde (oeffnet das Fenster). Was willst du, boeser Mensch, der +mich verstiess. + +Gluthahn. Denk doch nicht mehr dran, ich war im Zorn, ich bin so +gaehzornig, ich hab' es schon bereut, hab' schon g'weint deswegen +und moecht' dir die Kraenkung gern vergelten; drum komm heraus, wir +trinken ein Glas Wein. + +Alzinde. Ich traue deinen Worten nicht. Eh' glaub' ich, dass der +Hai des Meeres Schutzherr wird, der Falke um die Taube freit, +Hyaenen um ein Menschenleben weinen, der Wolf aus Gram vergeht, weil +er ein Lamm getoetet hat, eh' ich das glaub'; dass du mich troesten +willst. + +Gluthahn (beiseite). Sie beisst nicht an, ich werd' ihr etwas Suesses +an die Angel haengen. (Laut.) Sei nicht so misstrauisch, du hast ja +selbst ein gutmuetigs G'sicht, du musst einmal besonders schoen +g'wesen sein, man sieht dir's noch ein wenig an, du hast noch recht +verliebte Augenbraunen. Geh, komm herueber, liebe Alte, mein Weib +hat eine schoene Hauben, die wird dir praechtig stehn. + +Alzinde. Bemueh' dich nicht, du zwingst mir kein Vertrauen ab. + +Gluthahn. Das muss kein Weibsbild sein, weil sie das nicht ruehrt. +Jetzt werden wir's auf andre Art probieren. (Heuchlerisch laut.) +Du tust ein frommes Werk, wenn du durch mich dir etwas Guts +erweisen lassst, es ist ja deine Pflicht, ich kann nicht ruhig +schlafen sonst; ich mach' mir Vorwuerf' in meinem Innern, dass ich +dich so behandelt hab'. (Haelt die Haende zusammen.) Ich bitte dich, +geh doch heraus, tu mich nicht so kraenken, ich bin ja ein kranker +Mann, ein alter, der nicht mehr lange leben wird. + +Alzinde. Verlass die Huette, du betruegst mich nicht. + +(Schliesst das Fenster.) + +Gluthahn (erzuernt). Der Satan hat das Weib im Sold! + + + +Fuenfzehnte Szene. +Gluthahn, Trautel, dann Alzinde. + + +Trautel. Eing'spannt ist's, jetzt fahr zur Hoell'! + +Gluthahn. Was hab' ich in dein' Geburtsort z'tun? Nach dem Garten +geh und Aepfel brock'. (Trautel geht ins Haus ab.) Heraus muss sie, +und wenn ich's Haus zerschlagen sollt'. (Klopft heftig an.) Alte, +g'schwind machst auf, es schickt der Hans, er hat ein Arbeitszeug +vergessen. (Der Hund knaeuft von innen.) Sie macht nicht auf. +(Pocht staerker.) Ob du aufmachst, frag' ich, oder nicht, ich +schlag' euch alle Fenster ein, ihr schlechtes G'sind'. (Er schlaegt +das Fenster ein, man hoert den Hund bellen.) Den Hund erschlag' ich; +bist still, du Hoellenvieh! (Wirft einen Stein hinein.) + +Alzinde (am Fenster). Bist du rasend, Mensch? was reizt dich so +zur Wut? + +Gluthahn (aeusserst boshaft). Heraus gehst, sag' ich, sonst zuend' +ich das Haus an allen Ecken an, ich kenn' mich nicht vor Wut. O +weh, mir wird nicht gut, ich armer Mann--wer hilft mir denn? +(Sinkt in den Stuhl und loest sein Halstuch.) Wasser, Wasser! Mir +wird uebel--ich stirb, wenn sich kein Mensch erbarmt--o! o! +(Pause.) + +Alzinde. Goetter, welch ein Mensch! Er liegt bewegungslos! was +soll ich tun? Wenn er nun stirbt, so bin ich schuld, ich koennte +ihn erretten. Er ist ein boeser Mensch zwar, aber doch ein Mensch, +die Sonne scheint auf ihn, so wie auf mich, und fordert mich zu +seiner Rettung auf. Ich will der Tugend dieses kleine Opfer +bringen. (Oeffnet die Huette und traegt in einer Schale Wasser.) +Alter, Alter, hier ist Wasser! + +Gluthahn (springt schnell auf). Heisa, hab' ich s' erwischt? +Jetzt kommst mir nimmer aus. (Packt sie.) + +Alzinde. Ha, du verraeterischer Molch! + +Gluthahn (ringt mit ihr). Jetzt will ich dich zum Kirchtag fuehren. + (Der Hund bellt heftig.) Still, du Rabentier. (Er zerrt sie +hinter das Haus in die Kulisse. Nach einer Pause kommt) + + + +Sechzehnte Szene. + + +Trautel (mit einem Korb Aepfel). Was bellt denn nur der Hund so +sehr? Spektakel! was treibt denn mein Mann? der hebt ein altes +Weib auf seinen Wagen. (Peitschengeknall.) Jetzt faehrt er fort mit +ihr. Du gottloser Mensch, wenn er nur nichts Schlechts vorhat mit +dem Weib? Wie er ausjagt,--das geht nicht mit rechten Dingen zu. +Ich lauf' in' Steinbruch, such' den Nachbar, sag's dem Bader, +klag's dem Richter, allen Leuten unt' im Orte will ich schnell die +ganze G'schicht' erzaehlen. Das ist ein Unglueck, dass ich gar nicht +weiss, was geschehen ist. (Ab.) + + + +Siebzehnte Szene. +(Kurzes Wolkentheater.) + +An der Seite, im Vordergrunde, eine hervorragende thronartige +Wolkengruppe. Geister der Tugend, weiss gekleidet, Lilienstengel in +den Haenden, kommen unter passender Musik trauernd auf die Buehne. + + +Ariel (tritt mitten unter sie). + Lasst uns um Alzinden klagen, +Die in jugendlichen Tagen +Durch der finstern Maechte Spiel, +Als ein Tugendopfer fiel. +(Knien nieder.) + Himmel, hoere unsre Bitten, +Lasse nimmer es geschehn, +Dass der Tugend reine Sitten +Durch Verfolgung untergehn. + +(Steht lebhaft auf.) + +Doch seht nur, dort schwebt, mit dem Lilienstengel +Der Retter der Unschuld, ihr troestender Engel, +Er trug zu dem Throne des Maechtigen hin +Das Schicksal Alzindens mit flehendem Sinn. +O himmlischer Bote, o tauche doch nieder +Dein silbererglaenzendes Schwanengefieder! +Er nahet, er nahet, er senket die Schwingen, +Und wird uns das Machtwort des Ewigen bringen. + + + +Achtzehnte Szene. +Musik. Vorige. Der Genius der Tugend, eine Lilienkrone auf dem +Haupte, besteigt den Wolkenthron. + + +Genius. + Hoert mich an, ihr Tugendgeister, +Zu mir sprach der hohe Meister; +Nur ein Kampfplatz ist die Welt, +Und das Boese hingestellt, +Dass es mit dem Guten streite, +Und der Hoelle werd' zur Beute. +Beide treten in die Schranken +Dieser unruhvollen Welt; +Tugend darf im Kampfe wanken, +Eigne Schuld ist's, wenn sie faellt. +Jedem ward die Kraft hienieden, +Der Verfuehrung Trotz zu bieten; +Nur der Schwache sinkt im Krieg, +Doch den Starken kroent der Sieg. +So ist es bestimmt auf Erden, +Tugend muss geprueft dort werden. +Dies ist auch Alzindens Los; +Doch ihr Lohn unendlich gross, +Denn sie wird ein Beispiel geben, +Wie der Mensch gelangt im Leben +Durch die Qual der tiefsten Leiden +Zu dem Ziel der hoechsten Freuden, +Die ein gross Bewusstsein schenkt. + + Drum gehe in Erfuellung Moisasurs Spruch, +Und Edelmut, den er verdammt, besiege seinen Fluch. +Unmoegliches hat er von ird'scher Kraft begehrt, +So werde er nun auch durch den Erfolg belehrt; +Dass Tugend, wenn sie gleich im Staub sich windet, +Hoch in den Wolken ihren Retter findet. + + + Zu diesem, sprach er, will ich dich nun weihn, +Und deinem Wink die Kraft verleihn, +Dass jedes Wesen, so die Erde hegt, +Was sich in ihr, und was sich auf ihr regt; +Die Bewohner dunkler Kluefte, +Wie die Geister blauer Luefte, +Deinem Rufe untertaenig; +Ja, dass selbst des Todes Koenig, +Sprichst du meinen Donnergruss, +Deinem Rufe folgen muss. +Also sprach der grosse Meister, +Preiset ihn, ihr Tugendgeister. + +(Alle knien nieder und beugen ihr Haupt.) + +Genius. + Ich will, um das Schiff zu lenken, +In Hoanghus Seele senken +Meiner Pruefung forschend Blei, +Ob sein Lieben tief auch sei. +Ihr verrinnet in die Luefte, +Huellet euch in Blumenduefte, +Lindert in Alzindens Herz +Der Verzweiflung wilden Schmerz. + +(Die Geister verschwinden.) + + + +Neunzehnte Szene. +(Indische Gegend.) + + +Seitwaerts Hoanghus Zelt, zwischen Palmen aufgehangen, er ruht darin. + Der Wolkenthron, auf welchem der Tugendgenius steht, verwandelt +sich in einen hohen Fels. + +Genius (auf dem Fels). + Unter jenem Palmenzelt +Ruhet Indiens edler Held; +Traumgott, du magst niedersteigen +Und Alzindens Los ihm zeigen. + +Musik. Wolken sinken, es wird Nacht. Der Traumgott tritt in +Hoanghus Zelt, beugt sich ueber sein Haupt, und indem er seine +Stirne mit der einen Hand beruehrt, zeigt er mit der anderen auf die +Hinterwand und bleibt in dieser Stellung, bis der Traum vorueber ist. +Die Wolkendecke loest sich, man sieht in einer hellbeleuchteten +Gegend am Meere, auf einem mit Blumen besaeten Huegel Alzinden mit +einem Siegeskranz in der Hand, ihren Gemahl freudig erwarten. +Siegesmarsch erschallt. Eine Gestalt, wie die Hoanghus, von +Kriegern begleitet, landet auf einem Schiffe, springt freudig ans +Land, eilt auf Alzinden los und streckt die Arme aus. Ploetzlich +verwandelt sich der Huegel in einen schroffen Fels, auf dem Alzinde +in der Gestalt eines alten Weibes sitzt und ihre duerren Arme nach +Hoanghu streckt, welcher entsetzt zurueckschaudert. Moisasur grinst +mit hohnlaechelndem schadenfrohen Antlitz, mit halbem Leibe, aus +Wolken herab auf die Gruppe. Die indische Gegend und der Traumgott +verschwindet. Die Musik endet leidenschaftlich. Hoanghu springt +erschrocken vom Lager auf. Es wird Tag. + +Hoanghu. Fort von mir, verruchter Traum, der seine +Schreckensbilder auch nach dem Erwachen zeigt, willst Hoanghu du +ermorden? Was klammerst du dich so an meine Phantasie?--Lass los! +(Reisst erzuernt das Schwert aus der Scheide und haut in die Luft.) +Traeume sendet uns die Sonne, darum glaub' ich ihrem Wink. Goetter, +sendet mir ein Zeichen, ob euch dieser Traum gehoert? oder ob die +gift'ge Spinne Moisasur ihn gewebt? Doch was brauch' ich hier zu +fragen in dem antwortlosen Wald, ich will meine Frage stellen an +die Ueberzeugung selbst. (Es donnert.) Ha, des Donners +Warnungsstimme spricht, der Schreckenstraum ist wahr. Auf, ihr +Krieger, reisst die Zelte nieder, kuendigt den Gehorsam auf dem +Schlaf. (Alarm, alles greift erschrocken zu den Waffen, Krieger +und Haeuptlinge erscheinen auf der Buehne.) + + + +Zwanzigste Szene. +Voriger. Haeuptlinge. Krieger. + + +Ein Haeuptling. Was befiehlst du, grosser Koenig? + +Hoanghu. Ordne schnell dein ganzes Heer. Siehst du meines Reiches +Grenze? (Deutet in die Szene.) Nach der Hauptstadt ziehen wir, +denn ein Traum hat mir verkuendet, meiner Gattin droht Gefahr. +Schnell, wie ihr den Feind verfolget, so verfolget jetzt die Zeit. +Eure Waffe sei die Eile, haut damit den Tag in Stuecke, metzelt +Stunden zu Minuten, dass in wenigen Sekunden ihr Alzindens Antlitz +schaut. Darum zeigte uns der Morgen rotgeweinte Augenlider, netzt' +die Erd' mit blut'gem Tau--seine Traenen flossen um mein Weib. +Brechet auf, und welcher Bote mir den Flug des Pfeils beschaemt, wer +am Tore meiner Hauptstadt mit der Nachricht von Alzindens Leben +freudig mir entgegeneilt, dem lass' einen Turm ich bauen in des +Reiches schoenstem Teil; und was von seinen goldnen Zinnen +ueberschaut sein gierig Auge, schenk' ich ihm als Eigentum. (Alles +ab.) + + + +Einundzwanzigste Szene. +Genius der Tugend tritt vor. + + +Genius. + O koennten doch alle die lieblichen Frauen +Dies seltene Beispiel von Maennertreu' schauen, +So wuerde in aller Brust ein Wunsch nur sein; +O koennt' ich doch auch einen Hoanghu frein. +Und koennten die Maenner, die nicht so gewesen, +In Hoanghus Busen den Lohn dafuer lesen, +So wuerd' aus dem flatternden Maennerverein +Die Tugend sich manches Bekehrten erfreun. +(Ab.) + + + +Zweiundzwanzigste Szene. +(Kurzer Palmenwald.) + +(Drei Schritte von der Kulisse steht frei in Form eines hohen drei +Schuh breiten Monuments ein Grenzstein von weissem Marmor, mit der +Aufschrift: Grenze von Hoanghus Reich.) + + +Karambuco, ein indischer Krieger, ohne Waffen, laeuft herein, hinter +ihm am Felle festhaltend, keucht Ossa sein Weib, sie ist mit einem +Buendel beschwert. + +Karambuco (ruft noch in der Kulisse). Lass mich los, du +entsetzliches Weib. (Tritt auf.) Was willst du denn von mir, du +Drachenzahn, ich muss ja laufen, dass die Sohlen brennen. + +Ossa (haelt ihn fest). Du kommst mir von der Stelle nicht, bis du +mir sagst, was du fuer ein Geheimnis mit dir traegst. Du bist ein +falscher Mann, du entlaufst dem Heer und deinem Weib. Du hast +etwas verbrochen. (Boshaft.) So sag' mir's doch. + +Karambuco. O Goetter, leiht mir einen Pfeil, dass ich ihre Sucht +umbringe, mich zu halten. Sonne, brenn' ihr beide Arme ab! Ich +muss ja fort, es ist ein Preis gesetzt, wer unserm Koenig Nachricht +bringt, ob seine Gattin lebt. + +Ossa. Das luegst du, unverschaemter Mann, da hab' ich nicht ein Wort +davon gehoert. + +Karambuco. Weil du geschlafen hast. + +Ossa. Ich schlafe nie. + +Karambuco. Der Satan wacht in dir. Da komm' ich eh' von einer +Riesenschlange los, als von dem Weib, ich muss mich gar aufs Bitten +legen. (Kniet sich nieder, sie laesst das Kleid los und haelt ihn an +den Haenden, sie knien einander gegenueber.) + +Karambuco. Liebe Ossa, lass mich los. + +Ossa. Ich kann nicht, lieber Karambuco. + +Karambuco (springt erzuernt auf, sie mit ihm). Verwuenschtes Weib, +was willst du denn? + +Ossa. Was du nicht willst, verwuenschter Mann. + +Karambuco. Geh! + +Ossa. Steh! + +Karambuco. Ich schlag' dich tot. + +Ossa. Du kannst ja nicht, ich halt' dich ja. + +Karambuco. Das ist ein Riesenweib, sie bricht mir die Haende +entzwei. Erinnere dich an deine Pflicht. + +Ossa. Des Weibes Pflicht ist, festzuhalten an dem Mann; ich halte +fest. + +Karambuco. Ich komm' nicht aus mit ihr, und nicht davon. Da +bring' ich eher einen Elefanten durch ein Nadeloehr, als dieses Weib +zu ihrer Pflicht. O meine Aussichten--was haett' ich auf dem Turm +fuer schoenes Land gesehn; jetzt seh' ich nichts, als dieses haessliche +Gesicht. Doch wart', du sollst mich kennen lernen; nimm dich +zusammen, Karambuco! fort mit dir, du Drachenweib! (Er schleudert +sie mit Gewalt von sich, so dass sie ueber den Grenzstein fliegt und +in einer drohenden Stellung gegen ihn auf die Erde faellt. Sie wird +in dieser Attituede zu einem grauen Stein, als ausgehauene Figur.) +Was ist das? bin ich versteinert, oder ist's mein Weib? Diesmal +ist sie's. Goetter, was habt ihr fuer Wunder getan! Dieses Weib zum +Schweigen zu bringen, da gehoert etwas dazu. (Springt vor Freude.) +Goetter, die Freud', mein Weib ist von Stein. Ha, jetzt hab' ich +Mut, jetzt schmael' ich sie recht. Du Hydra, du Drache, du indische +Mumie! (Freude.) Sie kann nichts sagen, o glueckliche Ehe! Jetzt +freut's mich erst, dass ich verheiratet bin.--So rede, wenn du +dich traust, schlag, wenn du kannst, beiss, beiss. (Springt.) Ihr +Goetter, ich dank' euch, sie kann nimmer beissen! O du steinerne +Bosheit, wie bist du so gutmuetig jetzt. Wenn doch mancher Mann die +Macht besaesse, der Beredsamkeit seiner Frau so ein versteinerndes +Halt zuzurufen, da kaemen oft herrliche Statuen heraus. Doch ich +verplaudere die Zeit und soll sie verlaufen. Leuchte mir, Sonne! +(Er stellt sich zum Laufen an.) + +Stimme des Genius. Tritt nicht auf diesen Boden, er verwandelt +dich in Stein. + +Karambuco. Bitt' um Vergebung, da spiel' ich den Krebs. (Geht +rueckwaerts.) Also der Boden versteinert? --Da scheid' ich von ihm. +--Doch, was seh' ich, was faellt mir jetzt ein! Mein ganzes +Vermoegen, was ich erspart und gestohlen, alles ist hin, sie hat +alles im Sack und im Buendel da drin. Alles ist Stein, Weib und +Vermoegen versteinert--ich hab' alles verloren, und bin doch ein +steinreicher Mann. + + + +Dreiundzwanzigste Szene. +Indischer Marsch in schnellem Tempo. Hoanghu eilt an der Spitze +seines Heeres herein. Karambuco kniet sich vor ihm nieder und haelt +ihn auf. + + +Karambuco. Grosser Koenig, bleib zurueck. + +Hoanghu. Aus dem Wege, Sklave, flieh! (Stoesst ihn von sich.) + +Karambuco (umklammert seinen Fuss). Bei der ew'gen Sonne, bleib +zurueck, ein einz'ger Schritt bringt Tod. Sieh hier mein +marmorerblichenes Weib. Dieser Boden lithographiert. Wer ihn +betritt, den zieht er als Steinabdruck heraus. Lass dein ganzes +Heer einziehen, und du wirst jeden Krieger durch ein Monument +verewigen. + +Hoanghu. Zurueck, du Moerder, der durch Warnung toetet, diese Grenze +schliesst Alzindens Unglueck ein. Ohne sie kann ich nicht gluecklich +sein, und jedes Schicksal will ich mit ihr teilen. Nicht ausser +diesem Reiche steht mein Leben, es ist in ihm, in ihr; ich trag' es +nicht hinueber, kann es nimmer retten, weil's mit ihr vergeht. Weg +mit der Schale, wenn der Kern verloren ist. Ist Alzindens Herz +versteinert, ist's doch meines nicht, und sucht ihr Grab. Mein ist +dies Reich, und wenn's mit Unglueck kaempft, so darf der Koenig auch +nicht fehlen. Folg', wer will. (Will ueber die Grenze.) + + + +Vierundzwanzigste Szene. +Genius der Tugend tritt ihm entgegen. Vorige. + + +Genius. Zurueck, Hoanghu, ich befehl' es dir. + +Hoanghu. Wer bist du, Lichtgestalt? + +Genius. Ich bin die Tugend, deiner Gattin, deines Landes +Schutzgeist. Deine Gattin hat in deinem Reich mir einen Tempel +auferbaut, drum hat Moisasur sie verflucht, wie sie dein Traum +gemalt, so lang, bis die Unmoeglichkeit erfuellt, die zur Bedingung +er gesetzt. + +Hoanghu. Das heisst, die Ewigkeit mit anderem Namen nennen. + +Genius. Alles kann die Gottheit wenden, und zum Werkzeug hat sie +dich ersehen. Die hoechste Probe hast du diesen Augenblick +bestanden. Du kannst Reich und Gattin retten, weil du dein Leben +unter deine Liebe stellst. + +(Genius winkt: Die Gegend verwandelt sich in einen Wolkenhain. Die +Statue der Tugend, vor ihr ein Opferaltar. Die Geister der Tugend +in Gruppen, im Hintergrunde eine grosse diamantene Sonne.) + +Genius. Schwoere hier, am Weihaltar der Tugend, auf ihrer Lilie +heil'gen Kelch, dass du ihr jedes Opfer bringest, wenn sie es gebeut. + +Hoanghu. Ich schwoer's, und wenn ich breche meinen Eid, so soll die +Quelle meinem Durst versiegen, der Baum die Fruechte selbst +verzehren; so will ich Koenig sein in menschenleerer Wueste, will +schlaflos mich im heissen Sande waelzen, und wenn mein Leib an +solcher Glut vergeht, soll die Sonne meinen Geist aus ihrem Reich +verbannen, und Moisasur ihn an seine Ferse heften. + +(Hoanghu kniet, der Genius beruehrt sein Haupt mit der Lilie.) + +Genius. + So will ich dich durch dieser Lilie Kraft, +Die alles Edle und Erhabne schafft, +Zum Retter deiner Gattin weihn. +In des Abends sanften Schein +Wirst du wieder mich erblicken, +Und auf leichter Wolken Ruecken +Schweb' ich mit dir eilig fort, +Bis wir landen an dem Ort, +Wo in unbekannter Ferne, +Durch die Macht der boesen Sterne, +Deiner Gattin Leiden weilen. +Doch jetzt muss ich von dir eilen +Und des Abgrunds Tiger wecken, +Er muss seine Klauen strecken +Nach der Tugend Lilienbrust; +Bis wir sie mit Goetterlust +Allem Ungemach entruecken, +Sie an unsern Busen druecken +In beglueckter stolzer Ruh'; +Nun leb' wohl, mein Hoanghu. + + +(Genius fliegt ab.) + +Ende des ersten Aufzuges. + + + +Zweiter Aufzug. + + + +Erste Szene +In Alpenmarkt. Vorsaal im Landhause des Juwelenhaendlers Rossi. +Der Hausinspektor Haenfling tritt auf mit Hausbedienten; hoechstens +sechs. + + +Haenfling. + He, ihr Leute, schnell zur Hand! +Eure Pflicht ist euch bekannt, +Seid geschaeftig, uebt sie aus, +Denkt, die Herrschaft ist zu Haus. +Chor. + Wir sind willig, ruestig, flink, +Und gehorchen Eurem Wink. + +Haenfling. Der gnaed'ge Herr ist nicht auf einige Tage aus der Stadt +herausgefahren, er wird diesmal drei Monate in seinem Landhaus hier +verweilen; darum nehmt euch zusammen, stosst eure Bequemlichkeit in +die Rippen, seid flink, damit er sieht, dass ich auf Ordnung halte, +als Inspektor. (beiseite.) Wenn er fort ist, kann ich euch +manchmal durch die Finger sehen, doch so lang er hier ist, muss ich +euch auf die Finger klopfen. (Laut.) Habt ihr mich verstanden? + +Alle (schreien). Ja. + +Haenfling. So schreit nicht so und packt euch fort an eure Arbeit. +Und wenn der gnaed'ge Herr fraegt, wie man im Hause hier mit meiner +Anordnung zufrieden ist, so antwortet als treue Diener Wahrheit und +sagt, was ich seit vierzehn Tagen jedem eingelernt: Unser Herr +Inspektor ist ein Engel. Dies merket euch, geht eures Wegs und +bleibt fein dabei stehen. + +Ein Bedienter. Wir gehen unsres Wegs und bleiben dabei stehen. +(Ab.) + + + +Zweite Szene. + + +Haenfling (allein). Fuer mich gibt's nichts Bequemeres auf der Welt, +als das Befehlen; fast jeder hat Talent dazu, der Mensch ist ein +geborner Kommandant, am besten seh' ich das bei meiner Frau. Ich +fuer meinen Teil, wenn ich nicht Inspektor waere, ich wuerde mir +wenigstens einen Jagdhund halten, damit ich zu ihm sagen koennte -- +(es wird geklopft) Herein! + + + +Dritte Szene. +Voriger. Gluthahn. Alzinde. + + +Gluthahn (hat Alzinden an der Hand, geht zur Tuere herein). Euer +G'streng' verzeihen, ich moecht'--(zu Alzinden.) So geh herein, +mein liebe Alte, lass dich nicht so ziehen, es nuetzt dich nichts. +(Zieht Alzinden herein.) + +Alzinde. Sklavin bin ich eines Sklaven. + +Haenfling. Nun, was ist das fuer ein Auftritt? was will das +Lumpenpack? + +Gluthahn. Werden Euer G'streng' nur nicht gar so ungnaedig, ich bin +der alte Gluthahn von der Windalm hint', und moechte gern mit dem +gnaed'gen Herrn vom Haus hier reden; er kennt mich schon, ich bin +sein Holzlieferant, und wenn er unsre Alm besteigt, so bleibt er +bei mir ueber Nacht. + +Haenfling (fuer sich). Das ist eine Bettelei. (Laut.) Er ist nicht +hier. + +Gluthahn. Ei jawohl, ich hab' ihn ja am Fenster g'sehn. + +Haenfling. Er ist doch nicht hier, und wenn Er ihn an allen +Fenstern zugleich gesehen haette. + +Gluthahn. Ja so--(Heuchlerisch.) Bitt' gar schoen, Euer G'streng', +erlauben S' ihm's, dass er hier sein darf. + +Haenfling. In solchem Anzug lass' ich niemand vor. Was hast du mit +dem Weibe da, was drueckst du ihr die Haende so zusammen? + +Alzinde (welcher Gluthahn mit der linken Hand beide Haende +zusammenklammert und sie so haelt, spricht unruhig). O Fremdling, +nimm dich meiner an. + +Gluthahn (heimlich zu ihr). Wann's du was sagst zu ihm, ich bring' +dich um. + +Alzinde (reisst sich los von ihm und stuerzt zu Haenflings Fuessen). +Lass mich--(zu Haenfling) Fremdling, hoere mich. + +Haenfling (stoesst sie von sich). Was willst du, schmutz'ge Bettlerin? + +Alzinde (steht ploetzlich stolz auf). Nichts von dir, gar nichts, +Freund. Ich habe dich verkannt. (Setzt sich in einen Stuhl und +seufzt.) Ach! (verhuellt ihr Antlitz.) + +Gluthahn (schadenfroh). Das ist dir recht g'sund. + +Haenfling. Was will das Weib? + +Gluthahn. Mit Ihrem gnaed'gen Herrn moecht' s' reden. + +Haenfling. Das kann nicht sein, packt euch jetzt fort, er ist nicht +hier. + +Gluthahn. Er wird gleich kommen. Euer G'streng' haben ein kaltes +Gemuet, ich seh's schon, ich werd' Euer G'streng' so sechs Stoss +harts Holz hereinfuehren, das gibt eine rechte Glut, da taut der +Mensch schon auf. (Fein.) Euer G'streng', mir scheint, ich hoer' +ihn reden drin, auf die Letzt ist er doch zu Haus. + +Haenfling. Das ist nicht moeglich. (Geht an die Tuer und sieht +hinein.) Meiner Seel, er ist zu Haus. Wie man sich irren kann. +Ich will jetzt fuer Ihn sprechen; doch, dass Er sich nicht untersteht +und schickt mir einen Splitter Holz, ich lass' mich nicht bestechen. + Wenn Er es morgen bringen will, so lass' Er sich den Keller +zeigen und leg' Er es hinein, ich will nichts davon wissen. +(Abgehend.) Das ging mir ab, das waer' nicht schlecht. (Ab.) + +Gluthahn. Ah, ist ein Ehrenmann, der Herr Inspektor, aber so sechs +tuechtige Stoesse, die bringen einen schon vorwaerts bei ihm. Nun, was +schaffst denn du, mein altes Kapital?--Wenn ich s' nur zum Weinen +bringen koennt'. + +Alzinde. Mensch, was hast du mit mir vor? Welch boeser Geist +bestimmt dich, so an mir zu handeln? + +Gluthahn. So sei nur nicht so kindisch, liebe Alte, du verkennst +mein Herz, ich mein's ja gut mit dir, du kriegst das schoenste Leben. + Sei still, der gnaed'ge Herr. + + + +Vierte Szene. +Vorige. Rossi. + + +Rossi. Ah, mein alter Gluthahn, was bringt Ihn zu mir? + +Gluthahn (kuesst ihm die Hand). Ich kuess' die Hand, Euer Gnaden, +vieltausendmal. + +Rossi. Wie geht's zu Haus, was macht die Frau? + +Gluthahn. I mein, allweil kraenklich ist sie halt! + +Rossi. Nu, da muss Er Geduld mit ihr haben. + +Gluthahn. I du lieber Himmel, mein Herz, Euer Gnaden wissen's ja, +wir leben, wie die Kinder, ich gib ja acht auf sie, wie auf mein' +Augapfel. Was s' braucht, das hat s', ich opfre mich ganz auf fuer +sie. + +Rossi. Brav, das macht Seinem Herzen Ehre. Wer ist denn diese +Alte da? + +Gluthahn. Das ist ein ganz besondres Weib, Euer Gnaden, ein +solches hat noch nie g'lebt. (Zu Alzinde mit falscher +Freundlichkeit.) Geh, setz' dich nieder, liebe Alte. (Fuehrt sie an +einen Stuhl, dann heimlich zu Rossi.) Die moecht' ich gern an Euer +Gnaden verkaufen. + +Rossi. Das alte Weib? das waer' ein schoener Kauf. + +Gluthahn. Die ist vernuenftiger als eine Junge,--wenn eine Junge +weint, so braucht sie etwas, und wenn die Alte weint, so bringt s' +noch etwas. Das alte Weib weint Diamanten. + +Rossi. Diamanten? Bist du ein Narr? + +Gluthahn. Versteht sich, in mein' Sack; Euer Gnaden werden's +gleich sehen, ich lasse s' jetzt Prob' weinen, augenblicklich. +Euer Gnaden rechnen aus, was die ganze Weinerei wert sein kann, +geben mir alle Jahr einen Teil davon, kein Mensch braucht was zu +wissen, und der Handel ist geschlossen. + +Alzinde (die gehorcht). Entsetzlich! + +Rossi (beiseite). Der Kerl ist ein Betrueger. (Laut.) Wie kommst +du zu dem Weibe? + +Gluthahn. G'funden hab' ich sie drauss im Wald. + +Alzinde (springt auf). Du luegst, der Boesewicht hat mich geraubt. + +Rossi. Welch' jugendliche Stimme, welche Haltung? + +Gluthahn (heftig). Bist still, du--(Fasst sich ploetzlich.) Setz' +dich nieder, liebe Alte. (Zu Rossi.) Mein, s' ist verrueckt, sie +weiss nicht, was sie redt; das macht Euer Gnaden nichts; wenn s' +auch dumm redt, wenn s' nur vernuenftig weint. + +Rossi (beiseite). Ich muss klar sehen in der Sache. (Laut.) Gut, +ueberzeuge mich von deinen Worten, wir wollen sehen, was zu machen +ist. + +Gluthahn. Euer Gnaden kaufen s' also? Hollah! jetzt geht's recht. + Jetzt nimm dich zusammen, Alte, wein', was Zeug haelt. + +Rossi. Weint sie denn, so oft sie will? + +Gluthahn. Nu, das will ich hoffen, das ist ihr schoenste +Unterhaltung. Nicht wahr, mein' liebe Alte, du weinst uns schon +ein Stueckl, kriegst hernach einen Zucker. Nicht wahr, Euer Gnaden, +ein' Zucker. (heimlich zu Rossi.) Auf den Zucker geht s' wie ein +Kanari. + +Alzinde (steht auf). Gemeiner Sklav', auf den die Sonne mit +Verachtung schaut, und dessen Anblick mein Gefuehl empoert, wie +hoffest du ein Aug' zu finden in der Welt, das sich mit Traenen fuer +dich fuellt? Fuer dich darf keine Traene fliessen, selbst an deinem +Sarge nicht, denn die Goetter sind gerecht. + +Rossi. Welch eine edle Sprache fuehrt dies Weib! + +Gluthahn. Sie ist naerrisch, Euer Gnaden; sie weint uns doch noch. + +Alzinde. Ich habe dich gelabt, und du hast unbarmherzig mich +gebunden und hierher geschleppt. + +Gluthahn. Ist alles erlogen, Euer Gnaden, mein Herz lasst so was +gar nicht zu. + +Rossi (beiseite). Sonderbarer Vorfall. + +Gluthahn. Jetzt frag' ich dich zum letztenmal, ob du weinen +willst? (beiseite.) Wenn ich sie nur recht kranken koennt'. (Laut. +) Da schauen s' Euer Gnaden nur an, wie erbaermlich sie nur dasteht, +diese miserable Figur. Die rote Nase und die hunderttausend Falten, + als wenn s' fuer jede Suend' ein Strichel haett' im G'sicht. Und +Augen hat s' als wie eine Katz'. Pfui Teuxel! (boshaft lachend.) +Ha, ha, ha, ich taet' mich schaemen. (Leise zu Rossi.) Helfen Euer +Gnaden mit, machen wir sie marb', damit sie weint. + +Rossi (empoert beiseite). Das ist ein niedertraechtiger Bube, kaum +halt' ich mich zurueck. + +Alzinde (ergreift Gluthahns Hand und spricht mit Wuerde). Komm her, +es lohnt die Mueh', dich naeher zu betrachten. Sag' mir, bist du +denn wirklich ein Geschoepf, gebaut in seinem Innern, wie der edle +Mensch? O Sonne, sende deinen Blitz und spalte diese Felsenbrust, +damit mein Blick zu seinem Herzen kann gelangen, ob es die Form hat +eines menschlichen?--Goetter, staerket meinen Geist, damit ich mich +an eurem Werke nicht versuend'ge und diese Menschen hier fuer redende +Hyaenen halte. + +Rossi. Wenn so der Wahnsinn spricht, tausch' ich meinen Verstand +dafuer ein. + +Gluthahn. Das ist ein schreckliches Weib, ich komm halt nicht zum +Zweck! Wenn du mir jetzt nicht weinst, so nimm ich dich mit fort +und sperr' dich ein, so lang du lebst. Sieh meinen Zorn, schau her, + er brennt, Wasser brauch' ich, loesch', loesch', mit zwei Tropfen +kannst dich retten. Nicht? so komm mit mir, in den tiefsten +Keller wirf ich dich hinunter, kein' Sonn' soll auf dich scheinen +mehr. (Er will sie fortziehen.) + +Rossi (springt dazwischen). Lass sie los, du Schurke! (Packt ihn +an der Brust und schleudert ihn von ihr, springt an den Glockenzug +und reisst heftig an, man hoert stark laeuten, zwei Bediente springen +augenblicklich herein. Rossi sagt einem heftig etwas ins Ohr, +worauf der Bediente schnell ablaeuft.) + +Rossi (stark). Augenblicklich, hoerst du, schnell! + +Alzinde (wie rasend, sinkt auf die Knie). Sonne, wenn in diesem +Augenblick du deinen Donner schmettern willst auf dies +verraeterische Haupt, so rufe ihn zurueck, und lasse meine Stimme +dafuer gelten, damit du sie auf deinem Throne hoerst. Straf' nicht +durch Tod, vielleicht ist er noch zu bekehren; durch Reichtum +strafe seine Habgier; setz' ihn auf eine oede Insel hin, doch ausser +dieser Welt, damit sein Rufen nicht zu dir, nicht zu den Menschen +dringt. Dort wohne er in einem silbern' Haus, mit einem Dach von +Edelstein; schenk' ihm ein Kornfeld, das von goldnen Aehren strotzt, +damit sein Geiz sich daran labe. Jede Blume, jedes Laub sei von +Smaragd, die Fruechte von Rubin, die Baeche von Kristall, damit ihn +nichts erquicke, als ihr Anblick. Dann lasse wuet'gen Hunger in +sein Eingeweide ziehn, den Durst von Fischen, die auf trocknem Land +vergehn, bis er ermattet niedersinkt auf sein smaragdnes Grab, und +seine Zunge lechzt nach einem Tropfen Tau; dann erst erfuelle seinen +jetz'gen Wunsch, und stroem', statt milden Regens, diamantnen Hagel +auf sein eigensinnig Haupt, damit er fuehlt, wie ungluecklich der +Ueberfluss an Reichtum macht und von dem Wahn genest, der ihn zum +Boesewicht gepraegt. (Strebt die Arme gen Himmel.) Sonne, hoere mein +Gebet. + +Rossi. Abscheulicher Auftritt! + + + +Fuenfte Szene. +Vorige. Bediente. Vier Gerichtsdiener. + + +Bedienter. Die Wach' ist hier. + +Rossi. Ergreift sie beide, diesen Bauer und dies Weib, vors +Gericht mit ihnen, unterdessen geh' ich zum Justiziaer. (Schnell ab. +) + +Gerichtsdiener (beide ergreifend). Fort mit euch! + +Alzinde (freudig). Die Goetter sind gerecht! + +Gluthahn. So kommt man mit sein' guten Herzen an! + +(Alle ab.) + + +Sechste Szene. +(Das Reich der Vergaenglichkeit.) + +(Der Vordergrund ist eine finstere Saeulenhalle aus schwarzem Marmor. + Rechts von der Buehne das kolossale eherne Eingangstor zum Palaste +des Genius der Vergaenglichkeit. Im Hintergrunde wogt ein +dunkelblaues Meer, magisch erleuchtet. An seinem Ufer steht auf +einem dunklen Felsstuecke ein grauer Schatten und schaufelt +Lorbeerkraenze, Kronen, Myrtenkraenze, Perlen, Schmuck, Geldsaecke, +Poesien usw., die auf einem Haufen liegen, langsam in das Meer. +Quer ueber die Buehne begrenzen es als Hintergrund schwarze +Zackenfelsen, und ueber diese leuchtet in der Ferne die Morgenroete +der Ewigkeit hervor. Von diesem Punkte aus hoert man leis ertoenend +einen Chor von Genien.) + +Chor. + Heil dem ew'gen Himmelslichte, +Heil dem unnennbaren Geist, +Heil, Heil, Heil! + +(Der Genius der Tugend tritt mit dem Lilienstengel unter dem Schluss +des Chores von der linken Seite ein.) + +Genius. Niedersteig' ich zu Alzindens Rettung in dies +lichtberaubte Reich, und begruess' zum erstenmal das schaurige +Gestade dieses unermessnen Meeres, Vergaenglichkeit genannt. Sag' +an, du fleissiger Geselle, was schaufelst du dort auf und senkst es +in den Grund des Meeres? + +Schatten (mit dumpfer Stimme). Lorbeern sind's und eitle Schaetze, +so die Welt fuer unvergaenglich haelt. + +Genius der Tugend. Und wo haust der duestre Kroesus dieser Gruft, +der stolze Erbherr alles Seins? + +Schatten. Er sitzt dort in jener Marmorhalle, sinnend auf den +Untergang der Zeit. + +(Der Schatten entfernt sich ueber den Fels in die Szene.) + +Genius der Tugend. So will ich ihn aus diesem Traum erwecken, der +verderbenbringend ist. + + + +Siebente Szene. +Dumpfe Musik. Eine Schar Geister, in graues faltiges Gewand +gehuellt, mit Sensen, zieht ueber die Buehne, und spricht folgenden +Chor: + + +Chor. + Lustig vorwaerts, muntre Brueder, +Denn die Zeit steht nimmer still. + + +Genius der Tugend. Sag' an, wo eilst du hin, du naechtlich wildes +Chor? + +Erster Schatten. + Wir sind ein lustig Schnittervolk +Und ziehen nach der Welt. +Fleissig sind wir Tag und Nacht, +Maehen Jung und Alt. + +Genius. Und seid ihr froh bei solchem Dienst? + +Erster Schatten. Wir haben einen harten Herrn, der niemals +freundlich blickt, doch sind wir froehlich, herzensfroh. Lustig, +Kinder, auf die Welt. Es leb' die Pest! Es leb' der Krieg! + +(Sie ziehen ab, Raben fliegen hinten drein: Qua, qua!) + +Genius der Tugend. Zieh hin, du grauser Bienenschwarm, bring' +Lebenshonig heim, ich suche deinen Weisel auf. (Er schlaegt dreimal +mit der Lilie an das Tor, bei jedem Schlag ertoent es maechtig von +innen.) Heraus aus deinem finstren Haus, du Schreckensfuerst, der +die Vernichtung in dem Wappen fuehrt. + +(Die Pforte springt donnernd auf, der Genius der Vergaenglichkeit +tritt heraus, ein finstrer stolzer Mann, traegt lange schwarze +Tunika, er hat ein bleiches Antlitz, schwarzes Lockenhaar, keinen +Bart, eine eherne Schlange um das Haupt.) + + + +Achte Szene. +Genius der Tugend und Genius der Vergaenglichkeit. + + +Genius der Vergaenglichkeit. Wer gab dir Macht, an diese Pforte +anzuschlagen? + +Genius der Tugend. Ich gruesse dich, du Riesenengel, dem die Welt +erbebt, und der sie einst mit ehrner Faust zerschlaegt. + +Genius der Vergaenglichkeit. Was willst du hier? Warum erglaenzt +dein Strahlenleib in diesem Tal der Finsternis? + +Genius der Tugend. Siehst du ueber jenem Zackenfels, der dunkeln +Grenze deines Moderreichs, die ew'ge Morgenroet' ergluehn? Dort ist +der Tugend Vaterland, der Thron des grossen Geists, und ich ein +Buerger seines Staats. + + Aus dem hohen Wunderland +Bin ich zu dir hergesandt; +Du sollst von Moisasurs Bann +Indiens Herrscherin befrein. +Nur in deinen Armen kann +Sich ihr Lebensglueck erneun. +Genius der Vergaenglichkeit. + Sprichst du irre, kannst du hoffen, +Leben aus dem Tod zu ziehn? +Stehn der Hoelle Himmel offen? +Macht Verwesung Blumen bluehn? +Genius der Tugend. + Ich will heut ein Schauspiel geben, +Dem sich keines noch verglich; +Wo der Tod gewinnt das Leben, +Diese Rolle lehr' ich dich. +Genius der Vergaenglichkeit. + Willst du mich zum Gaukler dingen, +Mich, den allgewalt'gen Tod? +Genius der Tugend. + Ich will dich zur Milde zwingen, +Durch des Himmels Machtgebot. +Genius der Vergaenglichkeit. + Wer sagt, dass ich schrecklich bin? +Um sein Leben zu verbittern, +Stellt der Mensch mit bangem Zittern +Duestre Bilder von mir hin. +Schrecklich bin ich nur den Boesen, +Doch den Guten bin ich's nicht! +Bin ein Wort von ernstem Wesen, +Das Bestimmung zu ihm spricht. +Doch wie kannst du's, Lichtwurm, wagen, +Zu befehlen mir, dem Tod? +Genius der Tugend. + Dies wird dir dein Meister sagen, +Der dort thront im Morgenrot. +(Schrecklicher Donnerschlag. +Eine Stimme ertoent von oben.) + Gehorche, Sklav! +Die Ewigkeit befiehlt. +Leiser Chor der Genien. + Heil! Heil! Heil! +Genius der Vergaenglichkeit. + Sturmesworte hoer' ich sausen, +Widerstand ist mir geraubt, +Und vor seines Donners Brausen +Beug' ich mein gekroentes Haupt. +(Kniet und beugt sein Haupt.) +Genius der Tugend (seinen Blick erhebend). + Lass mich deine Strahlen kuessen, +Sonne, die du es gefuegt, +Dass der Tod zu meinen Fuessen, +Wie ein Lamm geschmeidig, liegt. +Genius der Vergaenglichkeit (steht auf). + Dein Befehlen zu vernehmen, +Lad' ich, Seraph, dich ins Haus; +Willst du dich dazu bequemen, +Eil' ich deinem Schritt voraus. +(Bleibt in erwartender Stellung.) +Genius der Tugend. + Komm, du Herrscher finstrer Geister, +Fuehr' mich in dein naechtlich Haus, +Dort verleugn' in dir den Meister, +Zeichne dich als Schueler aus; +Zeig' dem Laster, das der Jugend +Leben stiehlt mit arger List, +Dass die Kraft der edlen Tugend +Ueber dich erhaben ist. + +(Genius der Tugend geht voraus. Genius der Vergaenglichkeit folgt.) + + + +Neunte Szene. +(Gerichtssaal in Alpenmarkt.) +Der Amtmann, ein Aktuar und Rossi treten ein. + + +Amtmann. Das ist ein ganz besondrer Vorfall. Den Gluthahn kenn' +ich schon, das ist der abgefeimtste Schurke, den ich je gesehn, da +muss man rasch verfahren. + +Rossi. Die Zeugen kommen uns gerade recht, sie beschleunigen die +Sache. + +Amtmann. Wollen Sie sich nicht gefaelligst setzen? + +Rossi (setzt sich). Danke. + +Amtmann (laeutet, Gerichtsdiener erscheint). Den Steinbrecher und +sein Weib. (Diener ab.) Das sind zwei herzensgute Leute, und so +gewissenhaft, wie eine Wage; ihrer Aussage kann ich vollkommen +glauben. + + + +Zehnte Szene. +Vorige. Hans und Mirzel treten furchtsam ein. + + +Amtmann. Jetzt kommt her, ihr guten Leute, und gebt genau und +umstaendlich zu Protokoll, wie sich die ganze Sache zugetragen hat. +(Zum Aktuar.) Setzen Sie Ihre Feder in Bewegung. + +Hans. Sehr wohl, Euer Gnaden, Herr Amtmann! Sehen Euer Gnaden, +Herr Amtmann; Mein liebs Weiberl da will nicht gern auf in der +Frueh', da hab' ich den Morgen zu ihr g'sagt; liebe Mirzel, steh +doch auf, wir muessen dem Herrn Amtmann die Steuer nach Alpenmarkt +tragen. Da sagt sie ja und kehrt sich nochmal um -- + +Amtmann. Ja, lieber Freund, das dauert mir zu lange. + +Mirzel. Euer Gnaden, Herr Amtmann verzeihen, dass ich so mitten ins +Protokoll hineinfall', aber was mein Mann zusammenredt, das +begreift kein Mensch, viel weniger der Herr Amtmann, mit Respekt zu +sagen.--Die Sach' war so: Wie wir gestern morgen dem Herrn +Amtmann unsre Steuer bezahlt haben, sind wir auf unsre Alp' zurueck, +und haben dort das alte Weib bei unsrer Huette liegen g'funden, ganz +betruebt und scheu, weil s' der Gluthahn fortg'jagt hat; endlich +haben wir s' getroestet und sie hat uns erzaehlt, sie waer' eine +verwunschene Prinzessin aus--du, wie heisst das Land? + +Hans. Aus Indien, hat sie g'sagt, dort hat s', glaub' ich, einen +Gemahl und ein Volk. Drauf hat sie uns gebeten, wir moechten sie +bei uns behalten und ernaehren, sie will uns dafuer etwas weinen, und +wie mein Weib eine so schoene Schilderung von mir g'macht hat, so +hat sie sich an ihren Herrn erinnert und hat in diamantne Traenen in +mein' Hut hineing'weint. + +Amtmann. Wo hat Er diese Traenen? + +Hans. Ich hab' s' im Sack, Herr Amtmann. + +Amtmann. Geb Er sie heraus. (Hans gibt sie her--zu Rossi.) +Wollen Sie dieselben wohl besehen? + +Rossi. Mit Vergnuegen. (Besieht sie.) Das sind echte Diamanten. + +Amtmann. Ist das moeglich? Diamanten? Gleich ins Protokoll damit. + Vorher nachgezaehlt, wie viel es sind. + +Aktuar. Es sind sechzehn Stueck. + +Mirzel. D'rauf haben wir das alte Muetterl in unsre Huetten g'sperrt +und sind in den Steinbruch hinaus, doch in einer halben Stund' +kommt des Gluthahns Weib halbtot und lamentiert, dass ihr Mann mit +einem alten Weibe auf dem Wagen ueber Stock und Stein davon g'fahren +ist, und wir moechten nachlaufen und sehen, was er denn vorhaett'; +denn ein Kohlenbauer waer' ihm auf der Alpenmarkt-Strassen begegnet -- +und wie sie so lamentiert, wird ihr nicht gut und sie fallt uns in +d' Arm' und stirbt. + +Aktuar (hat geendet). Punktum. Sand auf sie. + +Hans. Dann haben wir sie zum Bader ins Dorf hinunter 'tragen, und +der hat g'sagt, sie waer' am Schlag gestorben. + +Mirzel. Dann sind wir nach Alpenmarkt herg'laufen, wo wir vor +einem Haus dem Gluthahn sein Leiterwagen stehen g'sehn haben, und +da haben wir einen Herrn g'fragt, der die Pferde g'halten hat, ob +der Gluthahn bald kommt; so sagt der, er kommt gleich, er ist im +Arrest. Darauf sind wir zum Herrn Amtmann gegangen, und das ist +die ganze G'schicht'. + +Amtmann. Koennt ihr darauf schwoeren? + +Hans. Herr Amtmann, alle Tag'. + +Mirzel. Und alle Stund', wenn's sein muss. + +Amtmann. Tretet seitwaerts unterdessen. + +(Beide stellen sich auf die Seite.) + +Amtmann (zum Gerichtsdiener). Den Bauer. (Diener ab.) + +Rossi. Jetzt werden Sie den Heuchler sehen. + +Amtmann. Ich kenn' ihn schon. + + + +Elfte Szene. +Vorige. Gluthahn. + + +Gluthahn (faellt auf die Knie). Euer Gnaden, Herr Amtmann, ich bin +unschuldig. + +Amtmann. Das wird sich zeigen. Steh auf. Warum bist du hier? + +Gluthahn . Weil ich unschuldig bin, Euer Gnaden, Herr Amtmann. + +Amtmann. Woher hast du das Weib, das du Herrn von Rossi verkaufen +wolltest? Wenn du luegst, wirst du gezuechtiget. + +Gluthahn. Der Himmel ist mein Zeug', ich hab' sie im Wald drauss' +g'funden und hab' s' herflattiert. + +Rossi. Das ist Unwahrheit, ich selbst bin Zeuge, wie das Weib mir +sagte, du haettest sie geraubt, gebunden und zu mir geschleppt. + +Gluthahn. Mein', mein', Euer Gnaden, wie man das nimmt, mit ein' +jedem Weibsbild ist's eine Schlepperei, weil sie nicht so schnell +kann gehn, als wie ein Mann, und das ganze Weib kann gegen mich +nicht zeugen, die g'hoert in' Narrenturm und nicht vors Gericht. Ja, + so viel kenn' ich schon, Euer Gnaden, wenn ich auch kein Juri hab' +und kein Just nicht. + +Amtmann. Also im Walde hast du sie gefunden? Um welche Zeit? + +Gluthahn. Um neun Uhr, Euer Gnaden. + +Amtmann (zu Hans). Hervor!--Wann hast du das Weib in deiner +Huette verlassen? + +Hans. Um neun Uhr, Euer Gnaden. + +Amtmann (zu Gluthahn). Also hast du gelogen?--Gerichtsdiener, he! + +Gluthahn (mit Angst). Nein, halten Euer Gnaden, ich hab' nicht +g'logen, sie war in der Huetten, aber die Huetten steht ja im Wald, +so hab' ich sie ja g'funden im Wald. + +Amtmann. Wart', du abgefeimter Schurke.--Du hast sie also aus +der Huette geraubt, auf den Wagen gebunden und hierher gefuehrt? + +Gluthahn. Euer Gnaden, das braechet ja mein Herz, ich hab' s' nur +auf den Wagen hinauf g'hoben, weil s' all's zu schwach war, das +arme Weib, mir hat s' erbarmt; doch bunden hab' ich's nicht, ich +werd' doch nicht ein solcher Unmensch sein. Da verdienet ich ja, +dass mir Euer Gnaden einen hoelzernen Haarzopfen anhaengen liessen. + +Rossi (zum Amtmann). Was meint er da? + +Amtmann. Den Galgen meint er, den er lang verdient. (Laeutet.) Den +Kohlenbauer herein. + + + +Zwoelfte Szene. +Vorige. Ein Kohlenbauer. + + +Amtmann. Hast du den Mann gesehen am Ausgange des Waldes, wie er +das alte Weib vom Wagen losgebunden hat? + +Kohlenbauer. Ja ja, der ist's, den hab' ich g'sehn, gestrenger +Herr Amtmann, ich hab' ihm noch zug'rufen, was er da macht, da hat +er g'sagt, wenn ich ihn verrat', so schlagt er mich tot. Darauf +kann ich schwoeren. + +Gluthahn. Aber Euer Gnaden, das ist a Verschwaerzung, wie man s' +nur von einem Kohlenbrenner erwarten kann. Losbunden hab' ich s', +das ist wahr, doch bunden hab' ich s' nicht. + +Amtmann. Wer hat sie denn gebunden? + +Gluthahn. Sie hat sich selbst bunden, Euer Gnaden, damit sie nicht +herunter fallt, das arme Weib, ich hab' ihr nur meine Halsbinden +g'liehn dazu. + +Amtmann. Aber du hast ihr doch hilfreiche Hand geleistet, denn +selber konnte sie das nicht, das hast du doch getan, nicht wahr? + +Gluthahn. Mein, Euer Gnaden, man unterstuetzt ja doch seinen +Nebenmenschen, wenn er so was vorhat, und mein Herz, Euer Gnaden, +sie hat mir so erbarmt, g'holfen hab' ich ihr, doch bunden hab' ich +s' nicht, das sag' ich gleich im voraus, Euer Gnaden, das waer' +gefehlt, das weiss ich schon. + +Amtmann (zu Rossi laut). Es scheint doch, dass er unschuldig ist. + +Gluthahn (fuer sich). Ich lueg' mich schon heraus. + +Amtmann. Du hast sie dem Herrn von Rossi verkaufen wollen, billig, +nicht wahr? Du sagst ja, das liess' schon dein Herz gar nie zu. + +Gluthahn. Ich hab' ein einzig Herz, ich hab' das Weib versorgen +wollen, Euer Gnaden, drum hab' ich sie dem gnaed'gen Herrn bracht, +und hab' ihn nur um ein Trinkgeld beten. Nicht wahr, mein lieber +gnaed'ger Herr? (Leise zu Rossi.) Helfen mir Euer Gnaden, ich +schenk' Ihnen meinen besten Acker dafuer. + +Rossi. Du wagst es, mir solch einen Antrag zu tun, du Schurke? +Hast du die Alte nicht in meiner Gegenwart misshandelt? nicht mit +mir abgehandelt und mir ihren Schmerz verkauft? Dich soll man so +lange hauen, bis dir Diamanten vor den Augen flimmern. + +Gluthahn. So ist denn alles gegen mich verschworn? nun geh's, +wie's will, jetzt sag' ich nimmer nein, ich sieh's, ein +rechtschaffner Mann, wie ich bin, hat kein Glueck. + +Amtmann. Du bist ein Raeuber, bist ein Schurke und wirst im +Gefaengnis buessen. Fort mit dir. + +(Gerichtsdiener ergreifen ihn.) + +Gluthahn. Hans, mein Weib soll auf meine Wirtschaft schaun. + +Hans. Dein Weib ist tot. Heut frueh ist s' g'storben. + +Gluthahn. Das ist ein Leichtsinn ohnegleichen; stirbt das Weib und +ist kein Mensch im Haus. Jetzt tragen sie mir das ganze Geld davon. + +Amtmann. Das wird dir das Gericht bewahren. Fort mit ihm! + +Gluthahn. Ein jeder Pfennig brennt auf ihrer Seel'. Ich +ungluecksel'ger Mensch, haett' ich nur mit kein' alten Weib was +ang'fangt. + +(Wird abgefuehrt.) + +Amtmann. Das ist ein schlechter Kerl, einen solchen gibt's nicht +mehr. (Zum Kohlenbauer.) Du kannst jetzt gehn. + +(Kohlenbauer ab.) + +Amtmann (zum Gerichtsdiener). Die Alte bringt! (Diener ab.) + +Amtmann (zu Rossi). Wenn Sie Geschaefte rufen -- + +Rossi. Nein, das ist mir aeusserst merkwuerdig. + + + +Dreizehnte Szene. +Vorige. Alzinde. + + +Hans. Sieh nur, Mirzel, unser fuerstliches Muetterl. + +Mirzel. Wenn ihr nur nichts g'schieht, mir ist recht bang um sie. + +Amtmann. Du stehst hier vor dem Amtsgericht. Wie heissest du? + +Alzinde. Alzinde heiss' ich. + +Amtmann. Wo geboren? + +Alzinde. Indien ist mein Vaterland. + +Amtmann. Wie alt? + +Alzinde. Zwanzig Jahre kaum vorueber. + +Amtmann. Ha! Ha. (Zu Rossi.) Ich muss lachen. + +Aktuar. Das sieht man ihr nicht an, fuer achtzehn haett' ich sie +gehalten. + +Alzinde. O spotte nicht des Alters! Achtung jedem Menschen, der +mit Ehren traegt den Orden hoher Jahre, womit die edle Zeit die +Maessigkeit belohnt. + +Amtmann (verwundert). Das ist ein Wahnsinn von nobelster Gattung. + +Rossi. Sie dauert mich! + +Mirzel. Armes Mutterl! + +Amtmann. Was treibst du fuer Geschaefte? + +Alzinde. Wenn Jammer ein Geschaeft ist, treib' ich das. + +Amtmann. Bist du verheiratet? + +Alzinde. Ich bin es, mein Gemahl ist Hoanghu, der Koenig eines +maecht'gen Reichs. + +Amtmann (schuettelt den Kopf). Eigene Ideen. Wie kommst du ins +Gebirg'? + +Alzinde. Warum ersparst du dir die Frage nicht, wenn du der +Antwort Unwert kennst? Warum besprichst du mit dem Wahnsinn dich? +Wirst du mir glauben, wenn ich dir entdecke, dass mich ein boeser +Geist mit einem Zauber hat belegt, der mir mein Reich verschliesst +und unter euch mich elend macht? + +Amtmann. Sie klagt sich selbst der Zauberei an, diese Hexe. +Kennst du diese beiden? (Auf Hans und Mirzel.) + +Alzinde (stuerzt freudig auf sie zu). Meine Wohltaeter! Ob ich sie +kenne, fragst du mich? Mir ist, als wenn ich in Arabiens Wueste +zwei fruchtbeladne Baeume faende, deren Schatten mich erquickend +kuehlt. Ihr guten Menschen, wuesstet ihr doch, was ich alles hab' +gelitten, seit man mich von euch gerissen hat. + +Mirzel. Du gute Alte. + +Hans. Sei die Fuerstin nicht so traurig. + +Amtmann. Das ist ein sonderbares Weib. Hierher tritt! (Zeigt ihr +die Diamanten, die auf einer Tasse liegen.) Sag', gehoeren diese +Traenen deinen Augen, hast du sie geweint? + +Alzinde. Wer gab euch diese Wundertraenen? Nein, so war es nicht +gemeint; euch sind sie nicht geweiht. Ihr Aermsten, hat man euch +entrissen, was die Dankbarkeit euch gab? O harter Mensch, gib sie +zurueck, ich bitte dich, denn du verkennest ihren Wert. Was soll +die Traene dir, ach du verstehst dich nicht darauf, gib sie zurueck, +mach' mich nicht gar so arm und bring' dies Aug' nicht um sein +schmerzlich Eigentum. + +Amtmann. Zaubertraenen sind's, ich brauche nur ein Ja von dir. +Kannst du solche Traenen weinen? + +Alzinde. Nein, dies wirst du nicht erleben, eh brenn' ich diese +Augen aus mit gluehndem Stahl. Ruehren soll die Traene, dazu hat die +Sonne sie bestimmt, und koennt' ich sie auf eure Herzen weinen, so +fiele Stein auf Stein und bliebe wirkungslos. + +Amtmann. Ich brauche deine Traenen nicht, ich will Gestaendnis, klar +und deutlich: ob du sie geweint? + +Alzinde. Du brauchst sie schon, du heuchelst nur. Wenn euer Geiz +hier Traenen presst aus des Bedrueckten Auge, deren Wert nur in der +Groesse ihrer Wehmut liegt; wie unendlich muss die Wollust sein, mit +der ihr diamantne fallen seht! + +Amtmann. Vergiss die Achtung nicht, die du mir schuldig bist. +(Sehr zornig, doch durchaus edel.) Sie ist wahnsinnig, der Satan +spricht aus ihr. Zum letzen Mal, hast du die Traenen hier geweint? +Wenn du nicht antwortest, so werd' ich dich anders behandeln. + +Alzinde (faehrt empor). Anders? (Stolz.) Vergiss dich nicht, du +Sklave, denke, ich bin eine Koenigin! (Sinkt in einen Stuhl, an dem +sie steht.) Ach--(matt) ich war eine Koenigin, du beweisest mir, +dass ich es nicht mehr bin. Nicht laenger will ich mich entweihn. +(Mit Nachdruck.) Ja, ich habe sie geweint, ich schwoer' es bei der +ew'gen Sonne dir. + +Amtmann. So beweisest du mir, dass du eine Hexe bist. Ins +Gefaengnis fort, das Landgericht wird bald dein Urteil faellen, und +vielleicht ist schon die naechste Sonne, die dein Blick begruesset, +auch die letzte, die dir scheint. Verstehst du mich, verwegnes +Weib? + +Alzinde. Ha! seht den stolzen Pfau, wie er mit schoenen Federn +prahlet, und wie so haesslich seine Stimme toent. Leb' wohl und +glaube nicht, du hattest mich gerichtet; die Goetter sind's, + +und du ein Werkzeug ihres grossen Plans. Darum vergeb' ich dir, du +uebtest deine Pflicht, du hast mich nur verkannt. Und nun erlaube +mir, dass ich zu diesen sprechen darf, zu diesen, deren schlichtes +Kleid ein Herz bedeckt, das sich die Tugend hat zum Heimatland +erwaehlt. Wie soll ich euch, ihr Teuren, danken, dass ihr mich +aufgenommen und getroestet habt, als mich die Grausamkeit von ihrer +Schwelle stiess? O Sonne, deren Strahl begluecken kann--(tritt in +ihre Mitte, nimmt sie beide an der Hand), wenn du vergelten willst, +was ich erdulden muss, so vergilt an diesen hier. Schenke Frieden +ihren Herzen und lass ihre Ehe gluecklich sein, wie es die meine war. +(Bricht ploetzlich ab; mit Schmerz.) Lebt wohl, ich bin bewegt, +(leise) ich will bewegt sein, muss es sein. O ihr Goetter, lasst mich +weinen! (Weint--leise.) Seht, es fliessen meine Traenen, hascht sie +heimlich auf, dass es jene nicht bemerken. (Hans haelt den Hut, +Mirzel die Schuerze auf, alle drei sind im Vordergrunde, damit der +Amtmann nichts bemerkt, doch vermeide man allen Anstrich des +Komischen.) So, so, behaltet sie, verberget sie, und wenn ich nicht +mehr bin, erinnert euch der ungluecklichen Koenigin Alzinde. (Zu den +Gerichtsdienern stolz.) Nun folg' ich ins Gefaengnis euch. + +(Mit zwei Gerichtsdienern ab.) + +Amtmann (steht auf und sagt zum Aktuar). Schliessen Sie,. und +legen Sie es auf mein Pult. (Aktuar ab.) + + + +Vierzehnte Szene. +Amtmann. Rossi. Hans. Mirzel. + + +Rossi (der bewegt war unter dem Schluss der Szene). Was geschieht +mit diesem Weib, Herr Amtmann? + +Amtmann. Sie wird verbrannt, wie sie's verdient. (Zu Hans und +Mirzel.) Geht jetzt nach Hause und nehmt euch ein Beispiel an +diesen ungluecklichen Menschen hier. + +Hans. Der Gluthahn ist ein schlechter Mensch, das haben wir schon +lang g'wusst; aber was das Weib betrifft, verzeihen Euer Gnaden, das +Weib ist g'wiss eine gute Seel', und in mein' ganzen Leben werd' ich +die gute Fuerstin nicht vergessen. + +Mirzel. Und wenn s' verbrennt wird, du lieber Gott, so lass nur +regnen Tag und Nacht, und wenn's doch g'schehn soll, lieber Hans, +so nehmen wir ihr' Aschen, und bauen s' in unserm Gartel an, da +werden viel tausend schoene Blumen draus entstehn. + +Rossi. Ihr wackern Leute, nehmt dies Gold, ich geb' es euch, weil +es mich innig freut, dass ihr das alte Muetterchen bedauert, denn das +muss ich auch. + +Hans. Wir kuessen d' Hand Euer Gnaden tausendmal, und kuessen Euer +Gnaden, Herrn Amtmanns Kleid. Komm, Mirzel, geh, heut ist ein +trueber Tag. + +Mirzel. Heut schmeckt mir g'wiss kein Bissen, lieber Hans. + +(Beide ab.) + +Rossi. Auch ich empfehle mich, Herr Amtmann. + +Amtmann. Wollen Sie nicht eine Suppe bei mir essen? + +Rossi. Ergebenen Dank, Herr Amtmann, heute bin ich zu bewegt, der +Auftritt hat mich angegriffen; ich will die gruene Wiese suchen und +den blauen Himmel, um ihn zu befragen, ob man, wie dieses Weib, so +edel sein kann und so schuldig auch. + +(Geht ab.) + + + +Fuenfzehnte Szene. +Amtmann. Ein Diener. + + +Amtmann. Will er mir das Mahl verbittern? Haett' ich denn nicht +recht getan an diesem Weibe? Wenn ich darueber mein Bewusstsein +frage, sagt es mir, du hast noch nie verletzt des Richters, noch +des Menschen Pflicht, und hast den Platz behauptet, auf den +Bestimmung dich gestellt. Er fragt den Himmel, ich will alle +Menschen fragen! Hier steht ein altes Weib, mit taet'ger +Jugendkraft, das Haupt voll Eis, das Aug' voll Glut, spricht wie +ein Xenophon und gilt fuer wahnsinnig; ist eine Bettlerin und +schwaermt von einer Krone; hat ein Gemuet wie Samt und Traenen hart +wie Stein; beschwoert die Sonne und verklagt die Hoelle; und alles +dies bestaetigt durch vier unpartei'sche Zeugen; eigne Augen, eigne +Ohren. Nun setz' ich Solon hin an meinen Platz, ob er nicht +sprechen wird: Dies Weib ist eine Hexe.--Philipp, trag' Er auf. +(Ab.) + + + +Sechzehnte Szene. +Kurzer Kerker. Nacht. + + +Alzinde, welche nach dem ersten Auftritt ihr Gesicht mit Falten +bemalte, ohne eine Larve vielleicht zu nehmen, muss waehrend des +vorhergehenden Auftritts sich jugendlich schminken, welches man bei +der Dunkelheit der Buehne jetzt nicht bemerkt. Sie wird von dem +Kerkermeister hereingefuehrt und setzt sich ermattet auf einen Stein. + +Kerkermeister. Hier kannst du bleiben, Hexe, bis dich die Flamme +ruft. (Ab.) + +Alzinde. Hier kerkert man mich ein und zur Gefaehrtin gibt man mir +die Finsternis. Seid mir gegruesst, ihr Ungluecksmauern, aufgebaut, +um Elend zu betrachten; du feuchter Boden, von den Reuezaehren der +Verbrecher nass, sei mir gegruesst; du melanchol'scher Ort, ich weihe +dich zu meinem Prunksaal ein. Hier will ich meinen Gram mit +duestern Bildern saeugen, hier will ich herrschen ueber kriechendes +Gewuerm; von meinen Traenen will ich eine Krone flechten und denken, +ich sei des Schmerzes Koenigin. Ich leb' allein von allen meinen +Lieben. Mein Volk ist tot, versteinert ist's, und mein Gemahl,--o +mein Gemahl, der erste stets an deines Heeres Spitze, betratest du +den moerderischen Boden deines Reiches? Ja, auch er ist tot, alles +tot, alles! (Springt auf.) So ist's recht, Alzinde, so ist's recht, +denn herunter muss das Leben, wenn der Geist sich schwingen soll. +O wie staerkt ein rein Gewissen! Goetter, fordert meinen Geist, +jetzt bin ich dazu bereitet. + +(Kurze klagende Musik.) + + + +Siebzehnte Szene. +Vorige. Der Genius der Vergaenglichkeit tritt ein, als ein grauer +Mann, mit grauem langen Kleide, etwas kahlkoepfig und mit langem +Bart, seine Miene ist sanft, und seine Sprache gemuetlich und +troestlich. + + +Genius der Vergaenglichkeit. Alzinde, ich bin hier. + +Alzinde. Wer bist du, bleicher, ungeladner Gast? Was willst du +von der Dunkelheit und mir? + +Genius der Vergaenglichkeit. Ein Vater will ich von deinen Leiden +sein. + +Alzinde. Ein Vater? ach, mein Vater ist dort oben. + +Genius der Vergaenglichkeit. So kehre heim zu ihm. Reich' mir +deine Hand, Alzind'. Ich bin kein Juengling, der die Ewigkeit zum +Liebesschwur missbraucht. Sieh, unsre Locken sind sich gramverwandt; + darum schenke mir die teuren Reste des Vertrauens, die dein +Unglueck dir gelassen hat. Sieh hin! + +(Die Mitte der Kerkerwand bildet einen Kerkerbogen. Diese Wand +oeffnet sich und man sieht durch den finstern Bogen eine kleine +Insel, von einem See umgeben, auf welcher ein indisches Monument +steht, mit dem Namen Alzinde, von Zypressen umgeben. Die Gegend +ist vom Mondlicht hell bestrahlt. Der Kerker bleibt finster.) + +Genius der Vergaenglichkeit. Nach jenem Eiland fuehr' ich dich, das +kein lebend'ger Schiffer noch geschaut, nichts wird dort deine suesse +Ruhe stoeren. Was immer dich aus dieser Welt betruebt, gekraenkt; -- +Verfolgung, Neid und Undank bleiben fern von dir. Dort legt unter +einsamen Zypressen der Ruhm beschaemt die goldnen Kraenze ab, der +wutentbrannte Hass und alle Leidenschaften dieser Erde loeschen ihre +Fackel schweigend aus. Ird'sche Freuden werden dir nicht winken, +doch milde Sterne werden dein verklaertes Haupt umglaenzen, und der +lichte Engel deiner reinen Tugend fuehret deinen Geist aus +Himmelswolken zu dem Thron der ew'gen Wonne hin. + +Alzinde. Ja, ich verstehe dich. Es sinket eine maecht'ge Stunde +nieder und gebietet einer Koenigin. Du bist der Friedensengel, der +den boesen Streit beendet, den der Mensch mit seinem Glueck hier +fuehrt; du bist das grosse Ziel, zu dem uns alle Wege fuehren. + +Genius der Vergaenglichkeit. Ich bin der kraeftige Magnet, der alles +Leben an sich zieht. Wie du dich auszuweichen auch bemuehst, es ist +umsonst! Denn koenntest du durch tausend Sonnen wandeln, du trittst +auf einen Pfad, und eh du es noch ahnst, gelangst du in mein Reich. + +Alzinde. So nimm mich mit dir, guter Vater, an jenen Ort, wo ew'ge +Freude herrscht, ich werde meinen Hoanghu dort sehn und alle meine +teuren Lieben, die meinem Leiden vorausgeeilet sind. Komm, ich +folge dir. (Der Genius haelt sie in seinem Arm und will sie +fortfuehren, da ertoent Hoanghus Stimme, die hintere Wand schliesst +sich. Kerker wie vorher.) + + + +Achtzehnte Szene. +Vorige. Gleich darauf Hoanghu und der Genius der Tugend. + + +Hoanghu (von innen). Hier soll ich meine Gattin finden? + +Alzinde. Goetter, welche Stimme! + +(Hoanghu und der Tugendgenius treten ein.) + +Hoanghu. Fast erblinden meine Augen, da ich statt den goldnen +Wolken, die ich erst mit dir durchsteuert, dieses Abgrunds Tiefe +schaue. Und hier muss Alzinde schmachten? + +Alzinde. Goetter, das ist Hoanghu. + +Hoanghu. Ja, dies ist ihr holder Ton. Zeig' dich, Brust, aus der +er klinget, dass ich dich an meine druecke. + +Genius der Tugend. Siehst du dort die zwei Gestalten? 's ist +Alzinde und der Tod. + +Hoanghu. Ist sie denn an ihn vermaehlt, dass sein Arm sie so +umschliesst? + +Genius der Tugend. Er ist ihre eigene Wahl, weil sie dich verloren +waehnte. Suche sie ihm zu entreissen, schnell, es ist die hoechste +Zeit. + +Hoanghu. Sag' Alzinde, bist du's wirklich, denn ich kann dich +nicht erkennen, sehe nur die Truggestalt, die mein Traum mir +drohend wies. + +Alzinde. Ja, ich bin's, mein Hoanghu; lass mich los, du grauer +Riese, der sich jetzt dem Blick erst zeigt, lass mich hin in seine +Arme, nur dem Gatten schlaegt mein Herz. Warum haeltst du mich +umklammert, niemals werd' ich deine Braut. + +Genius der Vergaenglichkeit. Hast du mir dich nicht verlobet? Du +bist mein, ich lass' dich nicht. + +Alzinde. Nein, dies wendet den Vertrag. Du warst nur ein +Rettungsmittel, doch ich hab' ihn hier gefunden, nun gehoer' ich +dieser Welt. Ha, wie sich der duestre Kerker jetzt mit holden +Farben schmueckt; wie das schaurige Gewoelbe nun auf goldnen Saeulen +ruht; wie mir seine dunkle Kuppel hell erglaenzt wie Chrysolith; und +dies alles schafft Hoanghu, der wie eine zweite Sonne nur fuer mich +die Welt bestrahlt. Und ich soll ein Leben lassen, erst geboren +durch die Liebe, soll mit dir, du duestrer Alter, in dein ernstes +Schattenreich? Gib mich auf, du laest'ger Freier, nimmer wird +Alzinde dein. + +Hoanghu. Lass sie los, du graue Schlange, oder ich zerhaue dich. +(Will mit dem Schwert auf ihn dringen.) + +Genius der Vergaenglichkeit. Armer, sinnverlorner Kaempfer, mit dem +Tod drohst du dem Tode? Durch mich selbst willst du mich morden? +Senk' die Waffe, denn der leichtgewebten Luft kann sie keine Wunden +schlagen. + +Hoanghu. O du stolzgesinnter Prahler, du bist dennoch +meinesgleichen, bist ein Feldherr, ausgesendet, um das Leben zu +erobern; bist ein Held, der sein Panier hin auf Leichenhuegel +pflanzt und das grause Siegerhaupt sich mit Rosmarin bekraenzt; und +so willst du an mir handeln, du des Undanks echter Sohn, willst ihr +Leben mir versagen, eines schwachen Weibes Leben, und ich habe so +viel tausend kraeft'ge Maenner dir geweiht? + +Genius der Vergaenglichkeit (ironisch). Und wie hast du dies +begonnen? Lass doch hoeren, tapfrer Junge. + +Hoanghu. Was war Indiens Schlachtfeld anders, als dein blut'ger +Opferherd? Warst du nicht in meinen Siegen stets das grosse +Losungswort, das die Choere der gefallnen Krieger wimmerten zu +deinem Lob? Hat die blutbespritzte Fahne deinen Ruhm nicht stolz +verkuendet? Und die gift'gen Pfeile, die wir rauchend aus dem Leib +der Feinde rissen, dass mit offnem Munde dich unheilbare Wunden +priesen? Sieh, so habe ich gehandelt an dir, undankbarer Geist, +hab' das mut'ge Sein bestohlen und den Schatz dir zugesendet; darum +fordre ich ihr Leben als mein rechtlich Eigentum. + +Alzinde. O wie liebt mich mein Gemahl. + +Genius der Vergaenglichkeit. Du hast nur dein Recht verteidigt, das +gibt dir kein Recht an mich. Von dem Leben magst du fordern, Leben +fordern darf nur ich. + +Hoanghu. Nun, so will ich mit dir handeln, Wuchrer, der so bittre +Zinsen nimmt. Schenke mir Alzindens Leben, und ich will von meinem +dir gern die bessre Haelfte geben. + +Alzinde. Ha, mein Hoanghu, was tust du? + +Genius der Tugend. Goetter, staerket sein Gemuet. + +Hoanghu. + Sieh, so gross ist meine Liebe, dass sie in den Staub mich +zieht. +So wardst du noch nicht geehret, dass ein Koenig vor dir kniet. +(Er kniet.) + Meine Waffen leg' ich nieder, meine Haende heb' ich auf, +(Er bittet mit aufgehobenen Haenden.) + Lass dich, guter Tod, erweichen, schliess den vorteilhaften Kauf. +Was willst du mit ihrem Leben, das vor Alter bald zerfaellt? +Nimm dir meine ruest'ge Haelfte, trotzig steh' ich noch der Welt. +Sieh die festgestaehlten Muskeln, sieh die hochgewoelbte Stirn, +Leicht ist der Gewinn zu rechnen, Kaufmann, frage dein Gehirn. +Sei doch nicht so unerbittlich, sieh, mein Auge traent vor Schmerz, +Es sind meine ersten Traenen, und sie schaenden nicht mein Herz. +(Weint.) + +Alzinde (vor Freude ausser sich). + Goetter, Sonne, all ihr Welten, seht, Hoanghu weinet hier, +Schaut herab von euren Wolken, seine Traenen fliessen mir. +Welche Gattin kann sich ruehmen, dass ihr Gatte so sie liebt, +Dass er Freude, Glueck und Leben, dass er alles fuer sie gibt? +Ha, wie alle Nerven beben, wie sein Anblick mich entzueckt, +(Edel ausgelassen.) + Wie ich gluecklich bin und lache, wie die Freude mich berueckt; +Perlen treten in mein Auge, doch ich weine nicht aus Schmerz, +Freudentraenen ist ihr Name, Freude sprenget mir das Herz. + +(Augenblicklich faellt rauschender Chor ein, vollstimmig und hehr.) + +Chor. +Freudentraenen, +Freudentraenen, +Heisst das grosse Losungswort! + +(Der Kerker verwandelt sich in Alzindens Reich. Die Dekoration der +Eingangsszene. Alles Volk ist entsteinert, die Tugendgeister knien +um den Tempel. Der Genius der Vergaenglichkeit verschwindet. +Alzinde hat sich in ihre vorige Gestalt verwandelt, doch im weissen +einfachen Kleide. Alzinde und Hoanghu stuerzen sich freudig in die +Arme.) + +Hoanghu. O Alzinde! + +Alzinde. Mein Hoanghu! Ewig, ewig bist du mein! + +Hoanghu. Nie soll uns der Tod mehr trennen! + +Alzinde. Denn wir sterben im Verein! + +Genius der Tugend. + Heil der Tugend, die auf Erde +Zaehlet solch' erhabnes Paar, +Das ein edles Herz bewahrte +In so schrecklicher Gefahr. + +(Schrecklicher Donnerschlag. Donnerwolken ziehen ueber die Buehne, +aus welchen Blitze zischen.) + + Seht, schon zieht aus euren Landen +Donnernd Moisasurs Geist. +(Zum Volk.) + Ihr seid frei von seinen Banden, +Eure Koenigin hier preist! +So laesst sich die Welt bezwingen, +So wird Erdenneid versoehnt! +Gross kann nur der Nachruhm klingen, +Wenn er sich durch Tugend kroent. + +(Alzinde und Hoanghu knien nieder, der Genius der Tugend steht in +ihrer Mitte und blickt gegen Himmel, von oben schweben Genien herab +mit einer Lilienkrone und bleiben in der Mitte der Buehne. Das +Opferfeuer im Tugendtempel flammt hoch auf. Priester, Volk und +Tugendgeister bilden eine Gruppe.) + +(Der Vorhang faellt.) + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Moisasurs Zauberfluch, von +Ferdinand Raimund. + + + + + +End of Project Gutenberg's Moisasurs Zauberfluch, by Ferdinand Raimund + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MOISASURS ZAUBERFLUCH *** + +This file should be named 7zaub10.txt or 7zaub10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7zaub11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7zaub10a.txt + +Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03 + +Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Moisasurs Zauberfluch + +Ferdinand Raimund + +Zauberspiel in zwei Aufzügen + + + +Personnen + +Der Genius der Tugend. +Ariel, ein Tugendgeist. +Moisasur, Dämon des Übels. +Der Genius der Vergänglichkeit. +Hoanghu, Beherrscher des Diamantenreiches. +Alzinde, seine Gemahlin. +Mansor. +Omar, ein Bote von Hoanghus Heer. +Hassan, ein Mohr. +Karambuco, ein Krieger. +Ossa, sein Weib. +Ein Häuptling von Hoanghus Heer. +Gluthahn, ein wohlhabender Bauer. +Trautel, sein Weib. +Der Amtmann von Alpenmarkt. +Der Aktuar. +Philipp, Diener des Amtmanns. +Rossi, Juwelenhändler, Besitzer + eines Landhauses bei Alpenmarkt. +Hänfling, sein Aufseher im Landhause. +Ein Schatten im Reiche der Vergänglichkeit. +Dorkalio, ein Schatten Moisasurs. +Hans, ein Steinbrecher. +Mirzel, sein Weib. +Der Traumgott. +Ein Kohlenbauer. +Ein Kerkermeister. +Vier Gerichtsdiener. +Vier Schatten Moisasurs. + +Indisches Volk. Alzindens Hofstaat. Hoanghus Krieger. +Schatten im Reiche der Vergänglichkeit. Traumgestalten. +Rossis Dienerschaft. Tugendgeister. + + +Erster Aufzug. + + + +Erste Szene. +(Indische Landschaft.) + +(In der Ferne die Hauptstadt des Diamantenreiches, auf einem +entfernten Hügel die Ruine des zertrümmerten Tempels Moisasurs. In +der Mitte des Theaters ein herrlicher Tempel im indischen +Geschmacke, mit der goldenen Aufschrift: Wer sich der Tugend weiht, +hat nie des Bösen Macht zu scheuen. Die Statue der Tugend, eine +verschleierte weibliche Figur, einen Lilienstengel haltend, sitzt +auf einem Piedestal in der Mitte des Tempels. Auf den Säulen sind +Lilien angebracht.) + +Hassan. Mansor. Omar. + +Chor. + +(Das Volk bringt einen Boten von Hoanghus Heer frohlockend auf die +Bühne und umringt ihn fragend.) + +Wackrer Bote, sei willkommen! +Strahlt aus deinem Auge Sieg? +Ist das Heer zurückgekommen, +Ist geendet unser Krieg? +Ja, es spricht dein froher Sinn; +Du bringst Heil der Königin! + +Bote. Sieg bring' ich euch, so wahr die Sonn' auf Indien scheint. +Gebt mir Palmenwein dafür. (Er nimmt einem eine Flasche von der +Seite.) Der Krieg trinkt Blut, der Friede Sekt. + +Volk. Erzähl' uns erst! (Halten ihn ab vom Trinken.) Halt, halt! + +Bote. Gerettet ist das Reich, von unsern Grenzen ist der Feind +vertrieben, geendet ist der heiße Krieg. + +Volk. Sonne, sei gelobt! (Ales sinkt mit dem Haupt zur Erde, und +bleibt einen Augenblick in dieser Stellung.) + +Bote. Da liegt das Volk, jetzt netz' ich meinen Hals. (Trinkt.) +Der König sendet mich voraus, daß ich den Tag der Königin berichte, +an dem er seinen Einzug hält. + +Mohr. Und wenn man fragen darf, wann strahlt uns dieser große Tag? + +Bote. Spion von Ebenholz, was hast du nach dem Tag zu fragen? +Nacht hat die Sonn' auf dein Gesicht gebrannt, das heißt; Du sollst +im Finstern wandeln. + +Mohr. Du hassest mich? + +Mansor. Schweigt. (Zum Boten.) Sogleich wird unsre Königin +erscheinen, dann stellen wir dich vor. Mit Sehnsucht harret schon +Alzind' der Rückkehr ihres tapferen Gemahls. + +Bote. Doch was erblick' ich--Moisasurs Tempel eingestürzt, und +die Sonne leuchtet noch? Und wer hat diesen aufgebaut, wozu ist +der bestimmt? + +Mansor. Ein erhabnes Schauspiel wird sich deinem Auge zeigen. + +Bote. Wird dieser Mohr vielleicht darin gebraten? (Für sich.) Das +wär' mein liebstes Schauspiel auf der Welt. + +Mohr. Für dich vergift' ich einen Pfeil. + +Mansor. Lästre nicht! Der Tugend Tempel ist's. + +Bote. Ja, ihm soll man das Laster opfern. + +Mansor. Es ist geschehn. Dem bösen Geiste Moisasur wird in unsrem +Reich kein Opfer mehr gebracht. + +Bote. Wehe dann dem Diamantenreich! Schon seit Jahrhunderten hat +diesem grimmigen Tiger durch unzähl'ge Opfer man geschmeichelt; +werft ihm Beute vor, wenn ihr nicht wollt, daß euch sein stets +geschäft'ger Zahn zerreißt. + +Mansor. Die Königin, die, seit der König kriegt, das Zepter +schwingt im Reich, hat, weil der Krieg, trotz all der reichen Opfer, +die man unsern Göttern brachte, sich doch nicht glücklich wenden +wollte, mit den weisen Priestern sich beraten und glaubt, daß die +guten Götter zürnen, weil neben ihnen und der mächtgen Sonne +Moisasurs böser Geist verehret wird. Sie hat Moisasurs Tempel +niederreißen lassen. Doch wie's geschah, da rollte fürchterlicher +Donner, die Erde bebte, als hätte das Gewicht der umgestürzten +Säulen das ganze Reich in seinem Mark erschüttert. + +Bote. Der Löwe brüllt, wenn man ihn ans der Höhle treibt. + +Mansor. Doch wie die Erde bebt, fest steht der königliche Sinn. +Sie läßt dafür in diesem Tal der Tugend einen Tempel bauen und +schreibt auf ihn: Wer sich der Tugend weiht, hat nie des Bösen +Macht zu scheuen. Soeben wird er eingeweiht, dort nahet schon die +Priesterschar. + +Mohr. Wenn nur die Tugend uns vor Moisasurs Rache schützt! Den +ganzen Morgen hat der Himmel sich mit Donnerwolken überzogen, die +in sich brummen, als ob sie Zaubersprüche murmelten, und der Blitze +Feuerzungen lecken an der Kuppel dieses Tempels. + + + +Zweite Szene. +Feierlicher Marsch. Indische Tänzer schweben voraus, dann die +Priester der Sonne. Zierlich gekleidete Mädchen, das Haupt mit +weißen Rosen bekränzt, gruppieren sich um die Stufen des Tempels, +die Priester beschäftigen sich im Innern desselben. Dann erscheint +Alzinde und ihr Hofstaat. Sie begibt sich auf einen Seitenthron, +neben ihr die Großen des Reichs. Das Volk verteilt sich um den +Tempel und den Thron gegenüber. Vorige. + + +Chor. + Singt das Lob der Schönheitsblume, +Die auf Indiens Flur erblüht, +Und die zu der Götter Ruhme +Für das Heil der Tugend glüht. +Sende deinen Strahl, o Sonne! +Nieder auf ihr weises Haupt, +Weil ihr Herz mit frommer Wonne +An der Götter Allmacht glaubt. + +Alzinde. Volk meines sieggekrönten Reichs! Ich habe dich +versammeln lassen, um einzufallen in den großen Chor, den das +Gefühl des Dankes anstimmt, weil die Götter uns erleuchtet, daß wir +durch Moisasurs Sturz der Sonne Zorn versöhnt; daß sie von dem +Augenblick mit Siegesglück die Pfeile unsres Heeres nach dem Busen +unsrer Feinde wendet. Vielleicht, indem wir hier die Götter +preisen, hat mein Gemahl, der königliche Held, den kleinen Rest des +müdgekämpften Feindes aus den Grenzen dieses Reichs verjagt. + +Mansor. So ist es, du erhabne Tochter der gewalt'gen Sonne, die +deine Ahnung zur Prophetin weiht, die Wahrheit deines Wortes +bestätigt dieser Bote hier. + +Bote. Der, große Königin, mit seinen Knien den Staub an deinem +Thron hier küßt, aus Ehrfurcht teils und teils aus Müdigkeit, weil +er im schnellsten Lauf aus des Königs Lager eine holde Last dir +bringt, eine Nachricht von dem ungeheuersten Gewicht! Friede, +dieses goldne Wort, laß in alle Palmen schneiden, daß sie dann mit +vollem Rechte Friedenspalmen heißen. Gesiegt hat dein erhabener +Gemahl, noch gestern abends ward die letzte Schlacht gewonnen, und +in der Nacht der Friede abgeschlossen, durch den ein Teil vom +Feindesland noch zu dem deinen fällt. Nur heute ruht das Heer; +doch morgen bricht es auf und zieht mit Zimbelklang und Jubelsang +im Vaterlande ein. Dies zu berichten ward ich gesendet, mein +Auftrag ist erfüllt, der Bote hat geendet. + +(Steht auf und tritt zurück.) + +Alzinde (sinkt auf die Knie). Sonne, sei gelobt! + +Alle. Heil den Göttern! Heil dem König Hoanghu! + +Alzinde. O mein Gemahl, warum kann ich an deine Heldenbrust nicht +fliegen, du edler Sohn der unnennbaren Götter, dessen Lieb' ich +nicht für alle Kronen Asiens tauschen möchte! Juble, Volk! Sei +ausgelassen froh! Ihr Priester weiht den Tempel ein, der Tugend +Macht hat sich bewährt, ein ewig Denkmal sei ihr hier errichtet! +Wer sagt mir doch, warum mein Glück mich zu freud'gem Wahnsinn +treibt? Warum ist diese Lust so ungeteilt, so allgemein, daß ich +kein Stück davon kann eurem Herzen überlassen? O sprecht, wer +nimmt mir einen Teil der edlen Bürde dieses Freudenreichtums ab, +womit die goldne Sonne mein Gemüt beschenkt? Verdien' ich denn, +daß ich so glücklich bin? + + + +Dritte Szene. +Fürchterlicher Donnerschlag. Die Bühne umzieht sich mit schwarzen +Wolken, aus welchen rote Blitze sich schlangenartig winden. Auf +der Erde sprüht Feuer, dann erscheint Moisasur als ein Ungeheuer +mit Drachenfüßen und Drachenflügeln, auf dem Haupt eine rote Krone +mit Schlangen umwunden, der ganze Körper ist in hellroten Samt +gekleidet, um den Leib eine schwarze Schürze mit goldenen Schuppen +gestickt. Alles sucht sich in den Hintergrund zu retten, einige +flüchten auf Bäume. Alzinde, welche bei ihrer Rede vom Thron +gestiegen, bleibt im Vordergrunde, der Thron verschwindet. + + +Vorige. Moisasur. + +Moisasur (mit fürchterlicher Stimme). Alzinde, du verdienst es +nicht! + +Alzinde (fährt zusammen). Ha!--Wer bist du, scheußlich Ungeheuer, +dess' Anblick mir Besinnung raubt? Wie giftig Unkraut stehst du +da, das plötzlich aus dem Schoß der Erde treibt. + +Moisasur. Moisasur heiß' ich, kennst du diesen Namen? Mit +Flammenzügen hat der große Geist ihn auf das finstre Tor der Hölle +einst geschrieben, und aus meinem Auge leuchtet ihre Sendung. + +Alzinde. Was hat die Hölle an mich abzusenden? Ich habe dich und +sie aus meinem Reich verbannt. Die Tugend ist mein Heil, dich hab' +ich nie verehrt, und jedem Opfer Fluch, das dir mein Land noch +bringt. + +Moisasur. So nimm denn Fluch gen Fluch, verruchtes Weib, das +meinen Tempel umgestürzt; so zieh' mein Haß denn einen Zauberkreis +um dein verrätrisch Land; so will das Leben ich aus seinen Grenzen +jagen, und lähmen diesen üpp'gen Teil der Welt! Vertrocknen soll +der Baum, die Frucht, der Strom; verdorren soll das Gras, und was +in deinem Reich mit Leben prahlt; dein Volk, die Diener deines Hofs, +wem Blut nur in den Adern kreist, Mensch oder Tier, das steh' +erstarrt und wandle sich in Stein! Und jegliches Geschöpf, das +dieses Land mit frechem Fuß betritt, das werd' ergriffen von +Versteinerung und steh' als Marmordenkmal meiner Rache da. + +Alzinde. O, mein Gemahl! + +Moisasur. Schau' hin und lab' dich an dem süßen Anblick! (Die +Wolken öffnen sich, man sieht die Gruppen, wie sie ängstlich +standen, nun im bunten Marmor, einige auf Palmen hängen, doch der +Tugend Tempel strahlt im hellen Sonnenglanz.) Verflucht, daß ich +den Tempel schauen muß, als Nebenbuhler meines Ruhms. + +Alzinde. Entsetzlich Scheusal, von der Erde ausgespien, weil du +ihr Innres zu vergiften drohst, wie kannst du dieses Reich +zerstören, das die Sonne ihren Liebling nennt? + +(Die Wolken schließen sich wieder.) + +Moisasur. Fluch gegen Fluch! Vernichtung für Vernichtung! An dir +ist jetzt die Reih'! Ich bin's, der dir nach deinem Wunsch die +holde Last der Freude von dem zarten Nacken reißt. Deine Liebe, +deinen Reiz, deine Hoffnung, deine Ehre, deinen Ruhm, dein Diadem +will ich auf einen Knäul zusammendrücken, und in den Pfuhl der +Hölle schleudern. Erscheint, ihr Geister bleicher Nacht. (Vier +schwarze Geister erscheinen und ergreifen die Königin.) Seid Zeugen +und Vollführer meines Fluchs. Zerstöret ihren Reiz, die Krone +reißt von ihrem Haupt, der Locken Glanz verwandelt mir in welkes +Grau; die Haut schrumpft ein und überzieht damit ein fleischloses +Gebein, das ihr mit halbverfaulten Lumpen dann behängt. Doch laßt +die junge Seele nicht aus ihrem morschen Leib entfliehn, damit sie +zehnfach jeden Schmerz empfind' und die Erinnrung ihres Glücks sie +quäle.--Doch halt--damit des Menschen Habsucht bis zum Tod sie +peinige, so laßt sie diamantne Tränen weinen, als Wehmutszeichen, +daß sie Indiens Fürstin war. Nun schleppt sie fort, verwandelt sie, +dann schleudert sie dem Nordwind in die eis'gen Arme, daß er mit +ihr nach einem andern Weltteil rase und dort die alte Ariadne setz' +auf nacktem Felsen aus. Befolgt, was ich befahl! + +(Die Königin sinkt in Ohnmacht.) + +Erster Geist. Noch nicht--in deiner Rache wüt'gem Eifer hast du +vergessen, ihr ein Ziel zu setzen; ewig darfst du nicht verfluchen, +wie du es von dem ew'gen Geiste bist. Drum sprich, wie lang an +diesen Zauberfluch ihr Glück gefesselt bleibt, und wann und wie +sich lösen können diese Schreckensbande? + +Moisasur. Weil du mich mahnst an meine Pflicht, verruchter Geist, +so höre meinen Spruch! Nur dann, wenn sie im Arm des Todes +Freudentränen weint, kehrt ihr zurück, was ihr mein Zauberspruch +entrissen. Nun regt die trägen Drachenglieder, eilet fort, +Erwartung geißelt mein Gefühl. Den höchsten Berg der Welt will ich +besteigen und durch der Hölle Mikroskop will ich mit süßer Lust auf +ihr verbittert Leben schaun. (Ab.) + +(Die Geister versinken mit Alzinden.) + + + +Vierte Szene. +Auf dem Rücken einer Alpe, mit der Aussicht auf ferne Gletscher. +In der Mitte ein Bergstrom. Der Horizont finster umwölkt. Rechts +ein hohes Bauernhaus, Gluthahn gehörig, links eine arme Hütte, +neben derselben sprudelt eine Quelle in ein natürliches Becken. + + +Gluthahn +(kommt erzürnt und erhitzt). +Das ist ein schlechtes G'sind' +Im Rattental dahint'; +Der Bauer Michel Stier +Kömmt vor'ges Jahr zu mir, +Weint wie ein altes Weib, +Und geht mir nicht vom Leib; +Mein lieber Nachbar Glut, +Ich bitt' Euch, seid so gut +Und zahlt mir auf mein Haus +Fünfhundert Taler aus. +(Heuchlerisch.) +Und ich, ich guter Narr, +Mein Herz, das ist halt wahr, +Das findt man nirgends mehr, +Ich bin so dumm, geb s' her. +Ich führ' ihn hin zum Tisch, +Wir schreiben einen Wisch; +Fünfhundert Taler bar +Geb' ich dir auf ein Jahr; +Und daß ich dich nicht druck', +So zahlst' mir achte z'ruck. +Wo ist das Jahr schon hin? +Was ich gelaufen bin, +Was ich schon schrei' und schelt', +Ich komm' nicht zu dem Geld. +A Zeitlang war er krank, +Der Teufel weiß ihm's Dank! +Jetzt ist er wieder g'sund, +Und zahlt mich nicht, der Hund! +Mit ihm red' ich noch gern, +Ihm zeig' ich doch ein' Herrn; +Doch ist sein Weib zu Haus, +Die macht mich noch brav aus. + +Pfui, das sind doch undankbare Leut', nicht einmal pfänden wollen +sie sich lassen. Gluthahn, wie wirst du jetzt das Geld ersetzen? +Mit Freuden würd' ich einen andern darum betrügen, doch ich +gewinn's nicht übers Herz, ich bin zu gut. (Heftig.) Aber mir soll +noch einer kommen und Geld begehren.--Da grab' ich meine Taler +eh' fünftausend Klafter in d' Erden ein und zünd' mein Haus an +allen Ecken an, eh' ich so einem Schuft ein' Kreuzer auf fünfzig +Schritte nur zeig'. Einen eignen Hund richt' ich mir ab, daß er s' +vom Haus weg hetzt. (Heuchlerisch.) Ich muß anders werden, ich bin +zu gut. Wo ist denn nur mein Weib schon wieder? Trautel, hörst +denn nicht? Trautel! + + + +Fünfte Szene. +Voriger. Trautel kommt, sie ist und spricht etwas kränklich. + + +Trautel. Aber, was schreist denn so? + +Gluthahn. Wo bist denn, falsche Nummer, die auf den ersten Ruf +nicht kommt. + +Trautel. Ich soll ja nicht in d' Luft. + +Gluthahn. Nun, so geh in die Gruft. + +Trautel. Was willst denn? + +Gluthahn. Die Mützen bring' heraus und die Pfeifen und den Rock +nimm mit. (Zieht den Rock aus.) + +Trautel (verdrießlich). Nu gleich. (Ab.) + +Gluthahn (allein). Ein guts Weib ist s'; ich hätte das Weib +nochmal so gern, wenn s' nur um das jünger wär', was s' zu alt ist, +und um das besser, was s' z' schlecht ist. (Spricht leise, als oh +er jemand etwas anvertraute.) Vor dreißig Jahren hat s' mich einmal +um fünf Gulden betrogen, das vergiß ich ihr noch nicht; ich bin gut, +ich hab' ein einzigs Herz, aber vergessen kann ich nichts. Ich +hab' so ein kleins Büchel, da schreib' ich's hinein. (Deutet +hinters Ohr.) Da hint' ist's. + + + +Sechste Szene. +Voriger. Trautel bringt Mütze und Pfeife. + + +Gluthahn. Du lieber Himmel, wie gut könnten ein paar Ehleut' +miteinander leben, wenn eines dem andern nachgäbe. (Fährt sein +Weib derb an.) Kriechst immer untern Füßen herum? Was willst? + +Trautel. Je nu, die Pfeifen bring' ich und die Mützen. + +Gluthahn. So meld' dich! + +Trautel. Sei nur nicht so grob mit mir, mir ist heut so nicht gut. + +Gluthahn. Das ist rheumatisch Zeug, schlag dir's aus dem Kopf. + +Trautel. Das kann ich nicht. + +Gluthahn. Nu, so schlag' ich dir's heraus, ich kann's. + +Trautel. Mir fehlt's im Herzen, und ich fühl' mich so schwach. + +Gluthahn. Da sind wir alle schwach, wenn's uns im Herzen fehlt. + +Trautel. Wenn du mir kein' Bader nimmst, so stirb ich noch. + +Gluthahn. Solang noch's Herz schlagt, stirbt man nicht. +Rheumatisch bist, sonst nichts. Egel setz' dir, da wird alles gut. +Hab' erst einen zusammentreten unt' beim Bach, so kommen s' weg. + +Trautel. Ich bin ja nicht rheumatisch. + +Gluthahn. Im höchsten Grad; wenn ich dich nur anschau', fangt's +mich an zum Reißen. + +Trautel. Bringst gewiß kein Geld z' Haus, weilst so z'wider bist. + +Gluthahn (wild). Mahnst mich noch? + +Trautel (beiseite.) Ich muß dem Bösewicht nur schmeicheln, sonst +ist gar nichts z' haben von ihm. (Streichelt ihm das Kinn.) Mann, +meines Lebens Lust. + +Gluthahn (höhnisch). Weib, meines Lebens Last--was willst denn +außerbrateln von dein' Mann, den du aus List nennst deine Lust? + +Trautel. Ich hol' mir den Bader. + +Gluthahn. Hol' mir zwei Maß Wein. + +Trautel. Nicht wahr, ich darf ihn holen? + +Gluthahn. Aber ein' g'scheiten, das sag' ich dir. + +Trautel. Ich dank' dir, sie haben ja nur einen im Ort. + +Gluthahn. Und daß er nicht g'schwefelt ist. + +Trautel. Ei, wer denn? + +Gluthahn. Der Wein. + +Trautel. Ich hab' g'glaubt, der Bader. + +Gluthahn. Wer redt denn vom Bader? + +Trautel. Ich. + +Gluthahn. Und ich red' vom Wein. + +Trautel. Was hab' ich vom Wein? + +Gluthahn. Was hab' ich vom Bader? + +Trautel. Ich hol' ja den Wein, aber zahl' mir den Bader, sonst +geh' ich ja z'grund. + +Gluthahn. Nu, so hol' dir ihn, aber wenn du bis morgen nicht +g'sund bist, so darfst mir dein Leben nimmer krank werden. + +Trautel (für sich). Endlich. (Laut.) Dank' dir, lieber Mann. +(Will ab.) + +Gluthahn. Da gehst her. (Trautel kehrt um.) Jetzt wirst du doch +einsehn, was d' für einen Mann an mir hast. + +Trautel. Nu, ich glaub's. + +Gluthahn. Unter andern, hast mich gern? + +Trautel (ironisch). Nu, wer wird denn dich nicht gern haben. + +Gluthahn. Küß' mir d' Hand. + +Trautel (tut es und spricht im Abgehen seufzend). O Seligkeit! +(Geht ins Haus.) + +Gluthahn (triumphierend). So muß man sich s' abrichten, dann weiß +man, wer der Herr im Haus ist. Ich hätt' nicht nachgeben sollen, +(heuchlerisch) aber mein Herz, ich bin gar zu gut. + + + +Siebente Szene. +Voriger, Trautel mit einer leeren Flasche. + + +Gluthahn. Bist da? Da hast Geld, jetzt zieh dich. + +Trautel (beiseite). Du lieber Gott, befrei' mich doch von mein' +Leid, ich will ja gern sterben, daß ich nur den Mann nimmer sehn +darf. (Geht gegen das Dorf ab.) + +Gluthahn (allein, er schlägt Feuer und zündet seine Pfeife an). +Wenn man dem Weib da so erlaubte, auf ihre Faust recht krank zu +sein, die machte einen Aufwand damit, der nicht zu erschwingen wär'. +(Schlägt sich vor die Stirn. Erbittert.) Wann ich nur das Geld +nicht ausg'liehn hätt'. (Ein Sturmwind erhebt sich.) Öh, blas, du +dummer Wind, blas auseinander die grau muntierten Wolken. Der +Himmel ist schon vierzehn Tag' als wie ein Aschenweib. (Windstoß.) +He, he, he, he, sei nur kein solcher Narr!--Die Kälten von dem +Wind! (Windstoß.) Holla, der nimmt die Bäum' beim Kopf und beutelt +s' recht, als wie ein Meister seine Lehrbuben.--(Windstoß.) Weil +er kein' Kopf hat, so kann er auch kein' andern leiden. (Windstoß.) +Nicht rauchen laßt er mich, der Schlaprament! Du sollst mich +nicht sekieren, du lüstiger Patron; ich geh' jetzt hinein, just +kriegst mich nicht. (Er geht unter die Tür und steckt den Kopf +heraus.) Blas mich an jetzt, wannst dich traust. (Höhnisch.) Ja, +auf d' Wochen, dummer Wind! (Schlägt die Tür zu.) + + +Achte Szene. +Sturmmusik. Alzindens Gestalt als altes Weib in Bettlerkleidung +rauscht im Hintergrunde, zwischen den Flügeln des Nordwindes +liegend, über die Bühne; den Strom der Luft auszudrücken, in +welchem eine geflügelte Figur mit aufgeblasenen Backen, die Locken +mit Eis behängt, wie durch einen Schleier sichtbar ist, bleibt der +Phantasie des Malers überlassen. Die Musik geht in eine klagende +über, und nach einer bedeutenden Pause kommt Alzinde auf die Bühne. +Sie hat graues Haar, ihre Gestalt ist ehrwürdig, ihre Kleidung +abgenützt, aber nicht zerrissen. + + +Alzinde. Wo bin ich wohl? Wohin hat die Gewalt des Sturmwinds +mich getragen? wie heißt die Unglückswelt, auf der ich mich +befinde? denn das ist nicht mein Reich, zu meinem Auge sprechen +nie gesehne Dinge. Fremde Hütten, fremde Berge, ein fremder Himmel, +ohne Sonne, ohne Mond, ohne Sterne, ohne Blau. Auch fühl' ich +mich so schwach, ich will mich setzen, jene Quelle soll mich laben. +(Sie setzt sich an den Rand des Beckens, sieht in den +Wasserspiegel und springt auf.) Welch häßliche Gestalt schaut aus +dem Spiegel dieses Quells? Doch nicht mein eignes Bild?--Nicht +möglich! (Streckt die Hand aus und erschrickt davor.) Wem gehören +diese welken Hände, diese abgelumpten Kleider? wessen Stelle muß +ich hier vertreten? Ich bin das nicht, widerrufe, Quell! (besieht +sich noch einmal--erstarrt.) Er wiederholt's--ich bin's--ich +bin's! (Fällt verzweifelnd auf den Rasen hin.) Ich Unglückselige! +(richtet sich auf und lacht verzweiflungsvoll.) Das ist Alzind', +die Schönheitsblume Indiens, in eine welke Distel nun verwandelt. +O du mein stolzer Geist, verjagt aus deinem üppigen Palast, was +mußt du jetzt für ein verächtlich Haus bewohnen! Ich duld' es +nicht! Verzweiflungsvolle Seele, sprenge doch die Riegel dieses +morschen Kerkers! (Ängstlich.) Eilt mir zu Hilfe, Große meines +Reichs--wo seid ihr, meine Diener?--(Stark rufend.) meine +Sklaven! (Echo ruft: Sklaven.) Es ist umsonst, das Echo ist der +einz'ge Sklave meines Rufes. Ich bin allein, verbannt von meinem +Volke, meinem Gott. Was rauschet? Ha, ein Geschöpf aus dieser +Welt. O du erbärmliche Gestalt. + + + +Neunte Szene. +Gluthahn erscheint im Rocke. Vorige. + + +Gluthahn. Wer schreit denn so? Wie kommst du auf 'n Berg? Kriech +weiter um ein Haus. + +Alzinde. Wenn du ein Mensch bist, wie die Sprache mich's vermuten +läßt, so sage mir, wie heißt die Welt, in der du lebst? + +Gluthahn. Weiter geh! + +Alzinde. Wenn du ein Mensch bist, nimm mich auf in deine Hütte, +die Sonne wird dich dafür lohnen. + +Gluthahn. Aha, die brennet mich aus Dankbarkeit auf den Buckel +hinauf. Du, laß mich aus mit deiner Sonn', die kenn' ich nicht. + +Alzinde. Er kennt die Sonne nicht, weh mir. Hab' Mitleid, Hunger +führet mich an deine Hütte, speise mich mit etwas Reis. + +Gluthahn. (erstaunt). Was willst du haben? einen Reis? Ein +Bettelweib will ein' Reis; Sie schafft sich nur gleich an, was sie +am liebsten ißt. + +Alzinde. O reich' mir nur ein kleines Stückchen Zucker. + +Gluthahn (lachend). Einen Zucker will sie, o du süßes Goscherl du. +Wo hab' ich denn g'schwind was, ich gib ihr eine hinauf, daß s' +ein Zucker macht, an dem s' langmächtig z' schlecken hat. + +Alzinde. Hab' Mitleid, ich verschmachte, gib mir stärkendes Gewürz. + +Gluthahn. Jetzt halt' ich's nimmer aus, jetzt will sie noch gar +ein G'würz! Ich komm' in Narrenturm mitsamt dem Weib. Ich hab' +kein G'würz noch gesehn, solang ich auf der Welt noch bin, die geht +herum und bettelt um Gewürz. + +Alzinde. Du Unmensch, sprich, soll ich an deiner Schwelle sterben? + +Gluthahn. Was unterstehst du dich, an meiner Tür willst du da +sterben? A solche Ungelegenheit, daß ich dich noch begraben lassen +könnt'; gehst hinunter übern Berg und schaust dich um ein Platzel +um, wost' hinwerden kannst. + +Alzinde. Sonne, was erlebe ich. + +Gluthahn. Schläg' wirst gleich erleben, wenn du nicht gehst. + +Alzinde (stolz und kräftig). Ich befehle es dir, mich zu bewirten, +ich bin Indiens Königin. + +Gluthahn. Jetzt ist's heraußen. Das Weib ist närrisch. Sie ist +Indiens Königin, ich lach' mir noch einen Buckel, größer als der +ihrige. Wenn du jetzt nicht gleich von meiner Tür weggehst, so +jag' ich dich übern Berg hinunter. Marsch! Du verzuckertes +indisches Bettelweib du! (Ab. Schlägt die Tür zu.) + + + +Zehnte Szene. + + +Alzinde (allein, mit Verzweiflung). Weh mir! So bin ich denn auf +einem fremden Stern, ausgeschlossen aus der Sonne Strahlenreich. +Nicht Menschen hausen hier. Dämone sind es, Söldner jenes +Drachensohns, der mich hierher gebannt. Hier darf kein Weihrauch +duften, keine Palme blühn, ein wüstes Grab ist diese Höllenflur. +Seht, seht, wie kleine Furien mit gehörnten Köpfen über jene kahlen +Felsen springen. Nie werd' ich mehr mein Volk, meinen Gemahl +erblicken. Verloren ist mein Leib, verloren meine Seele. (Sinkt +auf die Knie und ruft:) Sonne, rette mich! (Echo: Rette mich.) +Umsonst, sie hört mich nicht; das Echo höhnt mich aus, ihr Strahl +dringt nicht auf dieses fluchbeladne Land. Welche Angst ergreift +mein Gemüt? Von allen bin ich hier verlassen und auch zu ihr kann +ich nicht flehen. Entsetzliches Geschick! Was ist der Mensch, dem +man die Hoffnung auf das Höchste raubt? Mein Aug' wird trüb, mir +ist, als hätten diese Berge Licht und Farbe eingebüßt und flößen +mit des Himmels schauerlichem Grau zusammen. Die Welt zerrinnt vor +meinen Blicken, ich sehe nichts, als jenen Strom, der konvulsivisch +sich durch dieses Chaos windet und seine nassen Arme nach mir +streckt. Hinweg von mir, du schrecklicher Gedanke, der mich +ergreift, und nach dem Strom hinzieht. Ich folg' dir nicht, – +umsonst, ich muß--Verzweiflung, freu' dich deines Siegs, ich muß +hinein. (Sie eilt gegen den Strom, plötzlich:) Ha, der Sonne Bild! +(Sie blickt empor, ihr ganzes Wesen löst sich in zitternde Freude +auf.) Sie ist's! (Steigend.) Sie ist's, die--(Mit zitternder +Stimme.) die Sonne! Meine Sonne, meiner Seele höchster Trost! +(Sinkt auf ein Knie, dann springt sie freudig auf.) Freude, Freude, +sie ist hier! Ihr Wälder, Klippen, Bäume, Quellen, meinen Blicken +neu geboren, grün gekleidet, wie mein Hoffen, hört es, ich bin +nicht verlassen, nicht verstoßen von der ew'gen Sonne! O wie ist +mir wieder leicht, wie hat ihr Strahl mein Innerstes gelichtet. +Nun hab' ich Mut zum Dulden, Mut zum Tragen. + +Muß ich fern von allen Lebensfreuden +Kämpfen auch mit Gram und Leiden, + Kann ich's doch der Sonne klagen, + Mit Bewußtsein zu ihr sagen; +Habe alle Freuden meiner Jugend +Aufgeopfert für den Ruhm der Tugend + Und erwarte meinen Lohn + Einst an deinem Himmelsthron. + +(Sie setzt sich auf einen Rasen und versinkt in Nachdenken.) + + + +Elfte Szene. +Hans. Mirzel. + + +Mirzel. Geh, geh, ich soll recht bös auf dich sein. Du bist ein +sauberer Mann, laufst voraus und schaust dich gar nicht um um mich. +Wie ich noch ledig war, da bist hinter mir her g'wesen auf einen +jeden Schritt, und jetzt--aber die Nachbarin hat mir's +vorausg'sagt, das ist das sicherste Zeichen, daß ein paar +verheiratet sind, wenn der Mann anfangt, unartig zu werden. Heut +werden s' kopuliert, da geht sie voraus, den andern Tag laßt er sie +schon hint' nach gehn. + +Hans. Aber liebe Mirzel – + +Mirzel. Willst du's etwa leugnen? Zuerst kommst du, hernach dein +Spitzel, nachher ich, ich und der Hund, wir gehen immer miteinander. +Au contraire, seinem Spitzel pfeift er doch manchmal, aber bei +mir da denkt er sich: Du kommst mir so nach Haus, dich verlier' ich +nicht. + +Hans. Ich weiß gar nicht, ich hab' den Hund recht gern bei mir. +Ob wir jetzt unser zwei ausgehn oder unser drei? + +Mirzel. Nu, neulich sind wir gar unser vier g'wesen, da hast zwei +Spitzeln mitg'habt; einen hast du aus dem Wirtshaus nach Haus +tragen, und der andere ist so mitg'laufen. + +Hans. Nu, und wie er neulich verloren gegangen ist, so hat ihn +doch kein Mensch finden können als du. + +Mirzel (launig). Ja, das macht, weil ich sehr spitzfindig bin. + +Hans. Aber jetzt hören wir einmal auf, wir disputieren wegen die +Spitz' wie die kleinen Buben; das ist eine völlige Spitzbüberei. + +Mirzel. Ich bin ja schon wieder gut, das ist ja nur mein Spaß, ich +hab' dich viel zu lieb, du bist ja mein guter Mann. + +Hans. Und du mein guts Weib; kurzum, wir sein halt von der besten +Gattung. + +Mirzel. Freilich, wir sind gut, und alles wär' gut, wenn wir nur +mehr zu essen hätten. + +Hans. Laß nur gut sein, der liebe Gott wird uns schon helfen. +Haben wir doch jetzt unser' Grundsteuer wieder zum Amtmann +hineintragen; acht Gulden alle Jahr', ist kein Spaß. Schau' nur, +wie die Sonn' so freundlich scheint, schau' dich nur um. (Erblickt +Alzinde.) Du, was liegt denn dort für ein altes Weib? die wird +krank sein; sie weint, ich werd' s' trösten. + +Mirzel. Die Alte? Nun, die kannst schon trösten. + +Hans (geht zu ihr). Du, Alte, hörst? + +Alzinde (hebt sich empor, erblickt beide, springt erschrocken auf +und ruft). Menschen! (Will entfliehen.) + +Hans. He, he, wo laufst denn hin? so wart' doch, wir meinen dir's +ja gut. + +Mirzel. Freilich, willst ein Stückel Brot? + +Alzinde (sieht sie erstaunt an). Seid ihr wirklich Menschen? + +Hans. Nu, du wirst uns doch für keine Maikäfer anschaun? + +Alzinde. Menschen seid ihr, und ihr habt Erbarmen? + +Mirzel. Du blauer Himmel, warum nicht? wir erbarmen uns selbst +manchmal. + +Alzinde. Also seid ihr unglücklich? + +Mirzel. I bewahr', wir sind recht glücklich. + +Hans. Wir haben nur kein Geld. + +(Gluthahn laßt sich am Fenster sehen, und horcht.) + +Alzinde. Das versteh' ich nicht. + +Hans (zu Mirzel). Sie ist taub. (Laut, Alzinden ins Ohr.) Wir +haben kein Geld, wie kannst du denn das nicht verstehn, das kann +ich mit Händen greifen, wenn ich in den Sack fahr'. + +(Fährt in den Sack.) + +Mirzel. Weißt, wir sind halt glückliche Unglückliche, wie manche +Leute unglückliche Glückliche sind. + +Hans. Das ist eine gute Explikation. Wir sind arme Steinbrecher, +wir arbeiten im Steinbruch da hint', und leiden oft Hunger, daß +sich ein Stein erbarmen möcht', aber nur im Winter, im Sommer +geht's uns besser. + +Mirzel. Was sprichst du denn so viel da mit der Alten, trag ihr +etwas aus der Hütte und laß sie gehn. + +Hans. Nein, mir gefallt s', sie hat zwar noch nichts g'redt, aber +ich find', daß sie recht eine unterhaltendliche Person ist. (Zu +Alzinde.) Weißt, ich und mein Weib haben uns halt gar so gern, und +das ist unser Glück. + +Alzinde (zu Mirzel). Also liebst du deinen Mann? + +Mirzel. Vom Herzen. + +Alzinde. Und wenn du ihn verlieren müßtest? + +Mirzel. Ich, mein' Mann? + +Alzinde. Wenn er dir auf ewig entrissen würde? + +Mirzel. Das überlebet ich nicht. + +Alzinde. Weh mir, und ich lebe noch! Sie stirbt für diesen +Bettler, und ich lebe noch. (Weint heftig.) O mein Gemahl, mein +königlicher Herr. (Ihre Tränen fallen in Hansens Hut, der ihn +absichtslos aufhält.) + +Hans. Jetzt, warum weinst denn? Jetzt weint sie mir grad in den +Hut hinein.--Du, Mirzel, schau, was ist denn das, der ihre Tränen +sind ja alle von Glas, die weint ja lauter kleine Steiner. + +Mirzel. Warum nicht gar. + +Hans. Auf die Letzt hat s' gar einen Steinbruch in die Augen. + +Mirzel. Was weinst denn du da? + +Alzinde. Ich weine Diamanten. + +Hans. Mich trifft der Schlag, das hab' ich noch mein Leben nicht +g'hört, daß eine Amanten weint. Wann s' noch wegen einen Amanten +weinet', aber einen Amanten selbst, das ist entsetzlich. + +Alzinde. Sagt mir, haben Diamanten aus eurer Welt hier einen Wert? + +Mirzel. Nu, ich will's hoffen, unser Herr, bei dem wir arbeiten, +hat einen Ring, da ist ein einz'ger Stein mehr wert, als sein +ganzer Steinbruch. + +Alzinde. So hört mich an, vielleicht kann ich durch meine Tränen +euch beglücken. Des einen Glück bedingt ja leider oft des andern +Unglück. Behaltet mich bei euch, gebt mir nur magern Unterhalt, +schützt mich vor der Mißhandlung eurer Brüder und nehmet meine +Tränen hin als Eigentum, welche reichlich fließen werden, weil ich +mein Schicksal nicht genug beweinen kann. + +Gluthahn (am Fenster). Das Weib laß' ich nicht aus, mein Herz ist +z' gut, die nehm' ich auf. + +Hans. Aber wer hat dir denn das g'lernt, du bist doch nicht etwann +eine Hex'? + +Mirzel. Nu, fragen möcht' ich s' noch. + +Alzinde. Was ich euch nun entdeck', ist wahr, so wahr, als dieser +Sonnenstrahl, der sich in meiner Träne bricht. Ich bin die Fürstin +eines ind'schen Reichs, der Tugend hab' ich mich geweiht, wie ihr, +und weil ich einen bösen Geist aus meinem Land vertrieben, hat er +aus Rache mich nach eurer Welt verbannt. Ich ward geehrt von +meinem Volk, das meine Schönheit, meinen Geist bewunderte, geliebt +von meinem zärtlichen Gemahl, und alles, was des Glückes Großmut +mir verliehn, hat dieser Dämon mir entrissen. (Weint.) + +Hans. Jetzt fang' ich auch zum Weinen an, aber meine Tränen sind +keinen Kreuzer wert. + +Alzinde. Doch meine Jugendkraft hat er mir nicht geraubt, und +heftiger fühl' ich den Schmerz, als ich die Freude früher hab' +empfunden. Ihr glaubt mir doch? + +Mirzel. Das kann ja sein, ich hab' schon viel von verzauberten +Prinzessinnen gehört. Nu, trösten sich Euer G'streng' nur, wir +werden schon für Euer G'streng' sorgen. + +Hans. Was sagst denn Euer G'streng', meinst denn, du redst mit dem +Verwalter? (Mit erhobener Stimme.) Weiß die Fürstin was, wir +behalten die Fürstin bei uns, und was wir haben, bekommt die +Fürstin auch. + +Alzinde. Ihr guten Menschen, meine Tränen werden dankbar fließen. + +Mirzel. Wenn s' nur alle Jahre einmal weint, im Frühling, wenn der +Schnee zerfließt, so leben wir das ganze Jahr davon. Die Fürstin +macht noch unser Glück. + +Hans. Und da braucht sie nicht einmal einen Schmerz, der sie +weinen macht, ich reib' ihr einen scharfen Kren, so weint sie ihren +diamantenen Fleck her und lacht uns alle aus. + +Mirzel. Ja, das ist prächtig, lieber Hans; die Tränen, die du im +Hut hier hast, tragst du morgen augenblicklich in die Stadt. Jetzt +geh die Fürstin nur in unsre Hütten hinein, da findt die Fürstin +Milch und Brot; wir müssen jetzt in' Steinbruch hinaus, wir haben +nur unsre Werkzeuge g'holt. Auf den Abend kommen wir nach Haus, +und dann wollen wir recht vergnügt sein alle drei. + +Hans. Ja, mein' liebe gute Fürstin, geh die Fürstin nur hinein, +gib die Fürstin auf mein' Spitzel gut acht und sperr' die Fürstin +die Tür von innen gut zu; unser Nachbar ist gar ein böser Mann, dem +muß die Fürstin ja nicht traun, sperr' ihm die Fürstin gar nicht +auf. + +Alzinde. Sorgt euch nicht, ich hab' ihn schon erkannt. Er stieß +mich ja von seiner Tür. + +(Sie geht hinein, Hans und Mirzel nehmen ihre Hämmer. Alzinde +riegelt die Türe von innen zu.) + +Hans. Heisa, jetzt geht's in den Steinbruch hinaus, wenn wir auch +noch so wenig haben, ein fröhliches Herz tauscht ja mit Königen +nicht. (Beide ab.) + + + +Zwölfte Szene. + + +Gluthahn (schleicht herein). Geh in den Abgrund, Volk. Ob denn +ein guter Mensch, wie ich bin, ein Glück hat? Erwischen die das +Weib mit ihrer diamantenen Tränenfabrik! Gluthahn, da kannst du +dein Geld hereinbringen. Ich bin ein guter Mensch, aber das Weib +lass' ich nicht aus, die muß mir alle Säck' voll weinen. Hab' +schon meinen Plan ausgedacht indessen,--im Haus kann ich sie nicht +versperren hier; sechs Stunden weit in Alpenmarkt drin, da kenn' +ich einen Herrn aus der Stadt, er hat ein Landhaus in Alpenmarkt +drin und war in meiner Hütten öfter über Nacht, wenn er auf die Alm +hinauf ist--das ist ein vermöglicher Mann, er handelt mit guten +Steinen und reist herum damit. Er kauft Holz von mir; da führ' ich +s' hin und lass' sie etwas weinen, daß er s' untersucht, ob s' +wirklich Diamanten weint, ob s' nicht etwa böhmische Steine weint +oder so Zeugs. Und wenn s' was wert ist, so machen wir einen +kleinen Überschlag, und ich verkauf' ihm das ganze Weib wegen ihren +Tränen um ein Pauschquantum. So ist das arme Weib versorgt, kommt +auf Reisen und hat das schönste Leben. Ich kann mir halt nicht +helfen, ich find', daß ich ein edler Kerl bin, ich mag schon tun, +was ich will. Wenn ich s' nur herauslocken könnt', ich wirf sie +auf meinen Leiterwagen und fahr' mit ihr davon, als wenn ich sie +gestohlen hatt'. Da kommt mein Weib. + + + +Dreizehnte Szene. +Gluthahn. Trautel. + + +Trautel (stellt den Krug Wein auf den Tisch). Da bin ich, lieber +Mann. + +Gluthahn (roh). Nu, bist du schon g'sund? + +Trautel. Warum nicht gar. Ach, lieber Mann, mit mir ist's aus, +der Bader sagt, mich bringt er nimmer auf. + +Gluthahn. Der Bader ist ein Narr, was braucht er dir's zu sagen, +das hab' ich eh' schon g'wußt. + +Trautel. Ich unglückselig Weib--ich bitt' dich, Mann, was soll +ich denn jetzt tun, damit mir besser wird? + +Gluthahn. Spann' die Pferde vor den Wagen, das stärkt dich, ich +fahr' aus. + +Trautel. Das ist ein schöner Trost! Ich kann ja nicht, ich bin z' +schwach. + +Gluthahn. Du mußt, potz Himmeltausend Saprament, ich werd' dich +lernen räsonnieren, du alte Blendlaterne. Den Augenblick spannst +ein und gehst dann in den Garten und brockst mir ein' Korb voll +Äpfel ab. (Für sich.) So bring' ich sie doch fort. + +Trautel. Nein, du bist kein Mensch, du bist ein Krokodil. (Weint.) + +Gluthahn. Wirst gehn. + +Trautel. Ich geh' schon. (Geht weinend ab.) Ach, du lieber Himmel! + +Gluthahn. Jetzt weint die auch. Komm her. (Trautel kehrt um.) +Was weinst denn? (Sieht in ihre Augen.) Die weint keine Diamanten, +höchstens mein Geld als Medizin. Geh, geh, besorg' den Wagen, so +kommst du mir doch aus den Augen. + +(Trautel geht hinters Haus ab.) + + + +Vierzehnte Szene. +Gluthahn, dann Alzinde. + + +Gluthahn (boshaft lächelnd). Jetzt werd' ich fensterln gehn. (Mit +falscher Freundlichkeit.) Liebe Alte, komm heraus, ich hab' dir +etwas zu entdecken. + +Alzinde (öffnet das Fenster). Was willst du, böser Mensch, der +mich verstieß. + +Gluthahn. Denk doch nicht mehr dran, ich war im Zorn, ich bin so +gähzornig, ich hab' es schon bereut, hab' schon g'weint deswegen +und möcht' dir die Kränkung gern vergelten; drum komm heraus, wir +trinken ein Glas Wein. + +Alzinde. Ich traue deinen Worten nicht. Eh' glaub' ich, daß der +Hai des Meeres Schutzherr wird, der Falke um die Taube freit, +Hyänen um ein Menschenleben weinen, der Wolf aus Gram vergeht, weil +er ein Lamm getötet hat, eh' ich das glaub'; daß du mich trösten +willst. + +Gluthahn (beiseite). Sie beißt nicht an, ich werd' ihr etwas Süßes +an die Angel hängen. (Laut.) Sei nicht so mißtrauisch, du hast ja +selbst ein gutmütigs G'sicht, du mußt einmal besonders schön +g'wesen sein, man sieht dir's noch ein wenig an, du hast noch recht +verliebte Augenbraunen. Geh, komm herüber, liebe Alte, mein Weib +hat eine schöne Hauben, die wird dir prächtig stehn. + +Alzinde. Bemüh' dich nicht, du zwingst mir kein Vertrauen ab. + +Gluthahn. Das muß kein Weibsbild sein, weil sie das nicht rührt. +Jetzt werden wir's auf andre Art probieren. (Heuchlerisch laut.) +Du tust ein frommes Werk, wenn du durch mich dir etwas Guts +erweisen laßst, es ist ja deine Pflicht, ich kann nicht ruhig +schlafen sonst; ich mach' mir Vorwürf' in meinem Innern, daß ich +dich so behandelt hab'. (Hält die Hände zusammen.) Ich bitte dich, +geh doch heraus, tu mich nicht so kränken, ich bin ja ein kranker +Mann, ein alter, der nicht mehr lange leben wird. + +Alzinde. Verlaß die Hütte, du betrügst mich nicht. + +(Schließt das Fenster.) + +Gluthahn (erzürnt). Der Satan hat das Weib im Sold! + + + +Fünfzehnte Szene. +Gluthahn, Trautel, dann Alzinde. + + +Trautel. Eing'spannt ist's, jetzt fahr zur Höll'! + +Gluthahn. Was hab' ich in dein' Geburtsort z'tun? Nach dem Garten +geh und Äpfel brock'. (Trautel geht ins Haus ab.) Heraus muß sie, +und wenn ich's Haus zerschlagen sollt'. (Klopft heftig an.) Alte, +g'schwind machst auf, es schickt der Hans, er hat ein Arbeitszeug +vergessen. (Der Hund knäuft von innen.) Sie macht nicht auf. +(Pocht stärker.) Ob du aufmachst, frag' ich, oder nicht, ich +schlag' euch alle Fenster ein, ihr schlechtes G'sind'. (Er schlägt +das Fenster ein, man hört den Hund bellen.) Den Hund erschlag' ich; +bist still, du Höllenvieh! (Wirft einen Stein hinein.) + +Alzinde (am Fenster). Bist du rasend, Mensch? was reizt dich so +zur Wut? + +Gluthahn (äußerst boshaft). Heraus gehst, sag' ich, sonst zünd' +ich das Haus an allen Ecken an, ich kenn' mich nicht vor Wut. O +weh, mir wird nicht gut, ich armer Mann--wer hilft mir denn? +(Sinkt in den Stuhl und löst sein Halstuch.) Wasser, Wasser! Mir +wird übel--ich stirb, wenn sich kein Mensch erbarmt--o! o! +(Pause.) + +Alzinde. Götter, welch ein Mensch! Er liegt bewegungslos! was +soll ich tun? Wenn er nun stirbt, so bin ich schuld, ich könnte +ihn erretten. Er ist ein böser Mensch zwar, aber doch ein Mensch, +die Sonne scheint auf ihn, so wie auf mich, und fordert mich zu +seiner Rettung auf. Ich will der Tugend dieses kleine Opfer +bringen. (Öffnet die Hütte und trägt in einer Schale Wasser.) +Alter, Alter, hier ist Wasser! + +Gluthahn (springt schnell auf). Heisa, hab' ich s' erwischt? +Jetzt kommst mir nimmer aus. (Packt sie.) + +Alzinde. Ha, du verräterischer Molch! + +Gluthahn (ringt mit ihr). Jetzt will ich dich zum Kirchtag führen. + (Der Hund bellt heftig.) Still, du Rabentier. (Er zerrt sie +hinter das Haus in die Kulisse. Nach einer Pause kommt) + + + +Sechzehnte Szene. + + +Trautel (mit einem Korb Äpfel). Was bellt denn nur der Hund so +sehr? Spektakel! was treibt denn mein Mann? der hebt ein altes +Weib auf seinen Wagen. (Peitschengeknall.) Jetzt fährt er fort mit +ihr. Du gottloser Mensch, wenn er nur nichts Schlechts vorhat mit +dem Weib? Wie er ausjagt,--das geht nicht mit rechten Dingen zu. +Ich lauf' in' Steinbruch, such' den Nachbar, sag's dem Bader, +klag's dem Richter, allen Leuten unt' im Orte will ich schnell die +ganze G'schicht' erzählen. Das ist ein Unglück, daß ich gar nicht +weiß, was geschehen ist. (Ab.) + + + +Siebzehnte Szene. +(Kurzes Wolkentheater.) + +An der Seite, im Vordergrunde, eine hervorragende thronartige +Wolkengruppe. Geister der Tugend, weiß gekleidet, Lilienstengel in +den Händen, kommen unter passender Musik trauernd auf die Bühne. + + +Ariel (tritt mitten unter sie). + Laßt uns um Alzinden klagen, +Die in jugendlichen Tagen +Durch der finstern Mächte Spiel, +Als ein Tugendopfer fiel. +(Knien nieder.) + Himmel, höre unsre Bitten, +Lasse nimmer es geschehn, +Daß der Tugend reine Sitten +Durch Verfolgung untergehn. + +(Steht lebhaft auf.) + +Doch seht nur, dort schwebt, mit dem Lilienstengel +Der Retter der Unschuld, ihr tröstender Engel, +Er trug zu dem Throne des Mächtigen hin +Das Schicksal Alzindens mit flehendem Sinn. +O himmlischer Bote, o tauche doch nieder +Dein silbererglänzendes Schwanengefieder! +Er nahet, er nahet, er senket die Schwingen, +Und wird uns das Machtwort des Ewigen bringen. + + + +Achtzehnte Szene. +Musik. Vorige. Der Genius der Tugend, eine Lilienkrone auf dem +Haupte, besteigt den Wolkenthron. + + +Genius. + Hört mich an, ihr Tugendgeister, +Zu mir sprach der hohe Meister; +Nur ein Kampfplatz ist die Welt, +Und das Böse hingestellt, +Daß es mit dem Guten streite, +Und der Hölle werd' zur Beute. +Beide treten in die Schranken +Dieser unruhvollen Welt; +Tugend darf im Kampfe wanken, +Eigne Schuld ist's, wenn sie fällt. +Jedem ward die Kraft hienieden, +Der Verführung Trotz zu bieten; +Nur der Schwache sinkt im Krieg, +Doch den Starken krönt der Sieg. +So ist es bestimmt auf Erden, +Tugend muß geprüft dort werden. +Dies ist auch Alzindens Los; +Doch ihr Lohn unendlich groß, +Denn sie wird ein Beispiel geben, +Wie der Mensch gelangt im Leben +Durch die Qual der tiefsten Leiden +Zu dem Ziel der höchsten Freuden, +Die ein groß Bewußtsein schenkt. + + Drum gehe in Erfüllung Moisasurs Spruch, +Und Edelmut, den er verdammt, besiege seinen Fluch. +Unmögliches hat er von ird'scher Kraft begehrt, +So werde er nun auch durch den Erfolg belehrt; +Daß Tugend, wenn sie gleich im Staub sich windet, +Hoch in den Wolken ihren Retter findet. + + + Zu diesem, sprach er, will ich dich nun weihn, +Und deinem Wink die Kraft verleihn, +Daß jedes Wesen, so die Erde hegt, +Was sich in ihr, und was sich auf ihr regt; +Die Bewohner dunkler Klüfte, +Wie die Geister blauer Lüfte, +Deinem Rufe untertänig; +Ja, daß selbst des Todes König, +Sprichst du meinen Donnergruß, +Deinem Rufe folgen muß. +Also sprach der große Meister, +Preiset ihn, ihr Tugendgeister. + +(Alle knien nieder und beugen ihr Haupt.) + +Genius. + Ich will, um das Schiff zu lenken, +In Hoanghus Seele senken +Meiner Prüfung forschend Blei, +Ob sein Lieben tief auch sei. +Ihr verrinnet in die Lüfte, +Hüllet euch in Blumendüfte, +Lindert in Alzindens Herz +Der Verzweiflung wilden Schmerz. + +(Die Geister verschwinden.) + + + +Neunzehnte Szene. +(Indische Gegend.) + + +Seitwärts Hoanghus Zelt, zwischen Palmen aufgehangen, er ruht darin. + Der Wolkenthron, auf welchem der Tugendgenius steht, verwandelt +sich in einen hohen Fels. + +Genius (auf dem Fels). + Unter jenem Palmenzelt +Ruhet Indiens edler Held; +Traumgott, du magst niedersteigen +Und Alzindens Los ihm zeigen. + +Musik. Wolken sinken, es wird Nacht. Der Traumgott tritt in +Hoanghus Zelt, beugt sich über sein Haupt, und indem er seine +Stirne mit der einen Hand berührt, zeigt er mit der anderen auf die +Hinterwand und bleibt in dieser Stellung, bis der Traum vorüber ist. +Die Wolkendecke löst sich, man sieht in einer hellbeleuchteten +Gegend am Meere, auf einem mit Blumen besäten Hügel Alzinden mit +einem Siegeskranz in der Hand, ihren Gemahl freudig erwarten. +Siegesmarsch erschallt. Eine Gestalt, wie die Hoanghus, von +Kriegern begleitet, landet auf einem Schiffe, springt freudig ans +Land, eilt auf Alzinden los und streckt die Arme aus. Plötzlich +verwandelt sich der Hügel in einen schroffen Fels, auf dem Alzinde +in der Gestalt eines alten Weibes sitzt und ihre dürren Arme nach +Hoanghu streckt, welcher entsetzt zurückschaudert. Moisasur grinst +mit hohnlächelndem schadenfrohen Antlitz, mit halbem Leibe, aus +Wolken herab auf die Gruppe. Die indische Gegend und der Traumgott +verschwindet. Die Musik endet leidenschaftlich. Hoanghu springt +erschrocken vom Lager auf. Es wird Tag. + +Hoanghu. Fort von mir, verruchter Traum, der seine +Schreckensbilder auch nach dem Erwachen zeigt, willst Hoanghu du +ermorden? Was klammerst du dich so an meine Phantasie?--Laß los! +(Reißt erzürnt das Schwert aus der Scheide und haut in die Luft.) +Träume sendet uns die Sonne, darum glaub' ich ihrem Wink. Götter, +sendet mir ein Zeichen, ob euch dieser Traum gehört? oder ob die +gift'ge Spinne Moisasur ihn gewebt? Doch was brauch' ich hier zu +fragen in dem antwortlosen Wald, ich will meine Frage stellen an +die Überzeugung selbst. (Es donnert.) Ha, des Donners +Warnungsstimme spricht, der Schreckenstraum ist wahr. Auf, ihr +Krieger, reißt die Zelte nieder, kündigt den Gehorsam auf dem +Schlaf. (Alarm, alles greift erschrocken zu den Waffen, Krieger +und Häuptlinge erscheinen auf der Bühne.) + + + +Zwanzigste Szene. +Voriger. Häuptlinge. Krieger. + + +Ein Häuptling. Was befiehlst du, großer König? + +Hoanghu. Ordne schnell dein ganzes Heer. Siehst du meines Reiches +Grenze? (Deutet in die Szene.) Nach der Hauptstadt ziehen wir, +denn ein Traum hat mir verkündet, meiner Gattin droht Gefahr. +Schnell, wie ihr den Feind verfolget, so verfolget jetzt die Zeit. +Eure Waffe sei die Eile, haut damit den Tag in Stücke, metzelt +Stunden zu Minuten, daß in wenigen Sekunden ihr Alzindens Antlitz +schaut. Darum zeigte uns der Morgen rotgeweinte Augenlider, netzt' +die Erd' mit blut'gem Tau--seine Tränen flossen um mein Weib. +Brechet auf, und welcher Bote mir den Flug des Pfeils beschämt, wer +am Tore meiner Hauptstadt mit der Nachricht von Alzindens Leben +freudig mir entgegeneilt, dem lass' einen Turm ich bauen in des +Reiches schönstem Teil; und was von seinen goldnen Zinnen +überschaut sein gierig Auge, schenk' ich ihm als Eigentum. (Alles +ab.) + + + +Einundzwanzigste Szene. +Genius der Tugend tritt vor. + + +Genius. + O könnten doch alle die lieblichen Frauen +Dies seltene Beispiel von Männertreu' schauen, +So würde in aller Brust ein Wunsch nur sein; +O könnt' ich doch auch einen Hoanghu frein. +Und könnten die Männer, die nicht so gewesen, +In Hoanghus Busen den Lohn dafür lesen, +So würd' aus dem flatternden Männerverein +Die Tugend sich manches Bekehrten erfreun. +(Ab.) + + + +Zweiundzwanzigste Szene. +(Kurzer Palmenwald.) + +(Drei Schritte von der Kulisse steht frei in Form eines hohen drei +Schuh breiten Monuments ein Grenzstein von weißem Marmor, mit der +Aufschrift: Grenze von Hoanghus Reich.) + + +Karambuco, ein indischer Krieger, ohne Waffen, läuft herein, hinter +ihm am Felle festhaltend, keucht Ossa sein Weib, sie ist mit einem +Bündel beschwert. + +Karambuco (ruft noch in der Kulisse). Laß mich los, du +entsetzliches Weib. (Tritt auf.) Was willst du denn von mir, du +Drachenzahn, ich muß ja laufen, daß die Sohlen brennen. + +Ossa (hält ihn fest). Du kommst mir von der Stelle nicht, bis du +mir sagst, was du für ein Geheimnis mit dir trägst. Du bist ein +falscher Mann, du entlaufst dem Heer und deinem Weib. Du hast +etwas verbrochen. (Boshaft.) So sag' mir's doch. + +Karambuco. O Götter, leiht mir einen Pfeil, daß ich ihre Sucht +umbringe, mich zu halten. Sonne, brenn' ihr beide Arme ab! Ich +muß ja fort, es ist ein Preis gesetzt, wer unserm König Nachricht +bringt, ob seine Gattin lebt. + +Ossa. Das lügst du, unverschämter Mann, da hab' ich nicht ein Wort +davon gehört. + +Karambuco. Weil du geschlafen hast. + +Ossa. Ich schlafe nie. + +Karambuco. Der Satan wacht in dir. Da komm' ich eh' von einer +Riesenschlange los, als von dem Weib, ich muß mich gar aufs Bitten +legen. (Kniet sich nieder, sie läßt das Kleid los und hält ihn an +den Händen, sie knien einander gegenüber.) + +Karambuco. Liebe Ossa, laß mich los. + +Ossa. Ich kann nicht, lieber Karambuco. + +Karambuco (springt erzürnt auf, sie mit ihm). Verwünschtes Weib, +was willst du denn? + +Ossa. Was du nicht willst, verwünschter Mann. + +Karambuco. Geh! + +Ossa. Steh! + +Karambuco. Ich schlag' dich tot. + +Ossa. Du kannst ja nicht, ich halt' dich ja. + +Karambuco. Das ist ein Riesenweib, sie bricht mir die Hände +entzwei. Erinnere dich an deine Pflicht. + +Ossa. Des Weibes Pflicht ist, festzuhalten an dem Mann; ich halte +fest. + +Karambuco. Ich komm' nicht aus mit ihr, und nicht davon. Da +bring' ich eher einen Elefanten durch ein Nadelöhr, als dieses Weib +zu ihrer Pflicht. O meine Aussichten--was hätt' ich auf dem Turm +für schönes Land gesehn; jetzt seh' ich nichts, als dieses häßliche +Gesicht. Doch wart', du sollst mich kennen lernen; nimm dich +zusammen, Karambuco! fort mit dir, du Drachenweib! (Er schleudert +sie mit Gewalt von sich, so daß sie über den Grenzstein fliegt und +in einer drohenden Stellung gegen ihn auf die Erde fällt. Sie wird +in dieser Attitüde zu einem grauen Stein, als ausgehauene Figur.) +Was ist das? bin ich versteinert, oder ist's mein Weib? Diesmal +ist sie's. Götter, was habt ihr für Wunder getan! Dieses Weib zum +Schweigen zu bringen, da gehört etwas dazu. (Springt vor Freude.) +Götter, die Freud', mein Weib ist von Stein. Ha, jetzt hab' ich +Mut, jetzt schmäl' ich sie recht. Du Hydra, du Drache, du indische +Mumie! (Freude.) Sie kann nichts sagen, o glückliche Ehe! Jetzt +freut's mich erst, daß ich verheiratet bin.--So rede, wenn du +dich traust, schlag, wenn du kannst, beiß, beiß. (Springt.) Ihr +Götter, ich dank' euch, sie kann nimmer beißen! O du steinerne +Bosheit, wie bist du so gutmütig jetzt. Wenn doch mancher Mann die +Macht besäße, der Beredsamkeit seiner Frau so ein versteinerndes +Halt zuzurufen, da kämen oft herrliche Statuen heraus. Doch ich +verplaudere die Zeit und soll sie verlaufen. Leuchte mir, Sonne! +(Er stellt sich zum Laufen an.) + +Stimme des Genius. Tritt nicht auf diesen Boden, er verwandelt +dich in Stein. + +Karambuco. Bitt' um Vergebung, da spiel' ich den Krebs. (Geht +rückwärts.) Also der Boden versteinert? --Da scheid' ich von ihm. +--Doch, was seh' ich, was fällt mir jetzt ein! Mein ganzes +Vermögen, was ich erspart und gestohlen, alles ist hin, sie hat +alles im Sack und im Bündel da drin. Alles ist Stein, Weib und +Vermögen versteinert--ich hab' alles verloren, und bin doch ein +steinreicher Mann. + + + +Dreiundzwanzigste Szene. +Indischer Marsch in schnellem Tempo. Hoanghu eilt an der Spitze +seines Heeres herein. Karambuco kniet sich vor ihm nieder und hält +ihn auf. + + +Karambuco. Großer König, bleib zurück. + +Hoanghu. Aus dem Wege, Sklave, flieh! (Stößt ihn von sich.) + +Karambuco (umklammert seinen Fuß). Bei der ew'gen Sonne, bleib +zurück, ein einz'ger Schritt bringt Tod. Sieh hier mein +marmorerblichenes Weib. Dieser Boden lithographiert. Wer ihn +betritt, den zieht er als Steinabdruck heraus. Laß dein ganzes +Heer einziehen, und du wirst jeden Krieger durch ein Monument +verewigen. + +Hoanghu. Zurück, du Mörder, der durch Warnung tötet, diese Grenze +schließt Alzindens Unglück ein. Ohne sie kann ich nicht glücklich +sein, und jedes Schicksal will ich mit ihr teilen. Nicht außer +diesem Reiche steht mein Leben, es ist in ihm, in ihr; ich trag' es +nicht hinüber, kann es nimmer retten, weil's mit ihr vergeht. Weg +mit der Schale, wenn der Kern verloren ist. Ist Alzindens Herz +versteinert, ist's doch meines nicht, und sucht ihr Grab. Mein ist +dies Reich, und wenn's mit Unglück kämpft, so darf der König auch +nicht fehlen. Folg', wer will. (Will über die Grenze.) + + + +Vierundzwanzigste Szene. +Genius der Tugend tritt ihm entgegen. Vorige. + + +Genius. Zurück, Hoanghu, ich befehl' es dir. + +Hoanghu. Wer bist du, Lichtgestalt? + +Genius. Ich bin die Tugend, deiner Gattin, deines Landes +Schutzgeist. Deine Gattin hat in deinem Reich mir einen Tempel +auferbaut, drum hat Moisasur sie verflucht, wie sie dein Traum +gemalt, so lang, bis die Unmöglichkeit erfüllt, die zur Bedingung +er gesetzt. + +Hoanghu. Das heißt, die Ewigkeit mit anderem Namen nennen. + +Genius. Alles kann die Gottheit wenden, und zum Werkzeug hat sie +dich ersehen. Die höchste Probe hast du diesen Augenblick +bestanden. Du kannst Reich und Gattin retten, weil du dein Leben +unter deine Liebe stellst. + +(Genius winkt: Die Gegend verwandelt sich in einen Wolkenhain. Die +Statue der Tugend, vor ihr ein Opferaltar. Die Geister der Tugend +in Gruppen, im Hintergrunde eine große diamantene Sonne.) + +Genius. Schwöre hier, am Weihaltar der Tugend, auf ihrer Lilie +heil'gen Kelch, daß du ihr jedes Opfer bringest, wenn sie es gebeut. + +Hoanghu. Ich schwör's, und wenn ich breche meinen Eid, so soll die +Quelle meinem Durst versiegen, der Baum die Früchte selbst +verzehren; so will ich König sein in menschenleerer Wüste, will +schlaflos mich im heißen Sande wälzen, und wenn mein Leib an +solcher Glut vergeht, soll die Sonne meinen Geist aus ihrem Reich +verbannen, und Moisasur ihn an seine Ferse heften. + +(Hoanghu kniet, der Genius berührt sein Haupt mit der Lilie.) + +Genius. + So will ich dich durch dieser Lilie Kraft, +Die alles Edle und Erhabne schafft, +Zum Retter deiner Gattin weihn. +In des Abends sanften Schein +Wirst du wieder mich erblicken, +Und auf leichter Wolken Rücken +Schweb' ich mit dir eilig fort, +Bis wir landen an dem Ort, +Wo in unbekannter Ferne, +Durch die Macht der bösen Sterne, +Deiner Gattin Leiden weilen. +Doch jetzt muß ich von dir eilen +Und des Abgrunds Tiger wecken, +Er muß seine Klauen strecken +Nach der Tugend Lilienbrust; +Bis wir sie mit Götterlust +Allem Ungemach entrücken, +Sie an unsern Busen drücken +In beglückter stolzer Ruh'; +Nun leb' wohl, mein Hoanghu. + + +(Genius fliegt ab.) + +Ende des ersten Aufzuges. + + + +Zweiter Aufzug. + + + +Erste Szene +In Alpenmarkt. Vorsaal im Landhause des Juwelenhändlers Rossi. +Der Hausinspektor Hänfling tritt auf mit Hausbedienten; höchstens +sechs. + + +Hänfling. + He, ihr Leute, schnell zur Hand! +Eure Pflicht ist euch bekannt, +Seid geschäftig, übt sie aus, +Denkt, die Herrschaft ist zu Haus. +Chor. + Wir sind willig, rüstig, flink, +Und gehorchen Eurem Wink. + +Hänfling. Der gnäd'ge Herr ist nicht auf einige Tage aus der Stadt +herausgefahren, er wird diesmal drei Monate in seinem Landhaus hier +verweilen; darum nehmt euch zusammen, stoßt eure Bequemlichkeit in +die Rippen, seid flink, damit er sieht, daß ich auf Ordnung halte, +als Inspektor. (beiseite.) Wenn er fort ist, kann ich euch +manchmal durch die Finger sehen, doch so lang er hier ist, muß ich +euch auf die Finger klopfen. (Laut.) Habt ihr mich verstanden? + +Alle (schreien). Ja. + +Hänfling. So schreit nicht so und packt euch fort an eure Arbeit. +Und wenn der gnäd'ge Herr frägt, wie man im Hause hier mit meiner +Anordnung zufrieden ist, so antwortet als treue Diener Wahrheit und +sagt, was ich seit vierzehn Tagen jedem eingelernt: Unser Herr +Inspektor ist ein Engel. Dies merket euch, geht eures Wegs und +bleibt fein dabei stehen. + +Ein Bedienter. Wir gehen unsres Wegs und bleiben dabei stehen. +(Ab.) + + + +Zweite Szene. + + +Hänfling (allein). Für mich gibt's nichts Bequemeres auf der Welt, +als das Befehlen; fast jeder hat Talent dazu, der Mensch ist ein +geborner Kommandant, am besten seh' ich das bei meiner Frau. Ich +für meinen Teil, wenn ich nicht Inspektor wäre, ich würde mir +wenigstens einen Jagdhund halten, damit ich zu ihm sagen könnte – +(es wird geklopft) Herein! + + + +Dritte Szene. +Voriger. Gluthahn. Alzinde. + + +Gluthahn (hat Alzinden an der Hand, geht zur Türe herein). Euer +G'streng' verzeihen, ich möcht'--(zu Alzinden.) So geh herein, +mein liebe Alte, laß dich nicht so ziehen, es nützt dich nichts. +(Zieht Alzinden herein.) + +Alzinde. Sklavin bin ich eines Sklaven. + +Hänfling. Nun, was ist das für ein Auftritt? was will das +Lumpenpack? + +Gluthahn. Werden Euer G'streng' nur nicht gar so ungnädig, ich bin +der alte Gluthahn von der Windalm hint', und möchte gern mit dem +gnäd'gen Herrn vom Haus hier reden; er kennt mich schon, ich bin +sein Holzlieferant, und wenn er unsre Alm besteigt, so bleibt er +bei mir über Nacht. + +Hänfling (für sich). Das ist eine Bettelei. (Laut.) Er ist nicht +hier. + +Gluthahn. Ei jawohl, ich hab' ihn ja am Fenster g'sehn. + +Hänfling. Er ist doch nicht hier, und wenn Er ihn an allen +Fenstern zugleich gesehen hätte. + +Gluthahn. Ja so--(Heuchlerisch.) Bitt' gar schön, Euer G'streng', +erlauben S' ihm's, daß er hier sein darf. + +Hänfling. In solchem Anzug lass' ich niemand vor. Was hast du mit +dem Weibe da, was drückst du ihr die Hände so zusammen? + +Alzinde (welcher Gluthahn mit der linken Hand beide Hände +zusammenklammert und sie so hält, spricht unruhig). O Fremdling, +nimm dich meiner an. + +Gluthahn (heimlich zu ihr). Wann's du was sagst zu ihm, ich bring' +dich um. + +Alzinde (reißt sich los von ihm und stürzt zu Hänflings Füßen). +Laß mich--(zu Hänfling) Fremdling, höre mich. + +Hänfling (stößt sie von sich). Was willst du, schmutz'ge Bettlerin? + +Alzinde (steht plötzlich stolz auf). Nichts von dir, gar nichts, +Freund. Ich habe dich verkannt. (Setzt sich in einen Stuhl und +seufzt.) Ach! (verhüllt ihr Antlitz.) + +Gluthahn (schadenfroh). Das ist dir recht g'sund. + +Hänfling. Was will das Weib? + +Gluthahn. Mit Ihrem gnäd'gen Herrn möcht' s' reden. + +Hänfling. Das kann nicht sein, packt euch jetzt fort, er ist nicht +hier. + +Gluthahn. Er wird gleich kommen. Euer G'streng' haben ein kaltes +Gemüt, ich seh's schon, ich werd' Euer G'streng' so sechs Stoß +harts Holz hereinführen, das gibt eine rechte Glut, da taut der +Mensch schon auf. (Fein.) Euer G'streng', mir scheint, ich hör' +ihn reden drin, auf die Letzt ist er doch zu Haus. + +Hänfling. Das ist nicht möglich. (Geht an die Tür und sieht +hinein.) Meiner Seel, er ist zu Haus. Wie man sich irren kann. +Ich will jetzt für Ihn sprechen; doch, daß Er sich nicht untersteht +und schickt mir einen Splitter Holz, ich lass' mich nicht bestechen. + Wenn Er es morgen bringen will, so lass' Er sich den Keller +zeigen und leg' Er es hinein, ich will nichts davon wissen. +(Abgehend.) Das ging mir ab, das wär' nicht schlecht. (Ab.) + +Gluthahn. Ah, ist ein Ehrenmann, der Herr Inspektor, aber so sechs +tüchtige Stöße, die bringen einen schon vorwärts bei ihm. Nun, was +schaffst denn du, mein altes Kapital?--Wenn ich s' nur zum Weinen +bringen könnt'. + +Alzinde. Mensch, was hast du mit mir vor? Welch böser Geist +bestimmt dich, so an mir zu handeln? + +Gluthahn. So sei nur nicht so kindisch, liebe Alte, du verkennst +mein Herz, ich mein's ja gut mit dir, du kriegst das schönste Leben. + Sei still, der gnäd'ge Herr. + + + +Vierte Szene. +Vorige. Rossi. + + +Rossi. Ah, mein alter Gluthahn, was bringt Ihn zu mir? + +Gluthahn (küßt ihm die Hand). Ich küss' die Hand, Euer Gnaden, +vieltausendmal. + +Rossi. Wie geht's zu Haus, was macht die Frau? + +Gluthahn. I mein, allweil kränklich ist sie halt! + +Rossi. Nu, da muß Er Geduld mit ihr haben. + +Gluthahn. I du lieber Himmel, mein Herz, Euer Gnaden wissen's ja, +wir leben, wie die Kinder, ich gib ja acht auf sie, wie auf mein' +Augapfel. Was s' braucht, das hat s', ich opfre mich ganz auf für +sie. + +Rossi. Brav, das macht Seinem Herzen Ehre. Wer ist denn diese +Alte da? + +Gluthahn. Das ist ein ganz besondres Weib, Euer Gnaden, ein +solches hat noch nie g'lebt. (Zu Alzinde mit falscher +Freundlichkeit.) Geh, setz' dich nieder, liebe Alte. (Führt sie an +einen Stuhl, dann heimlich zu Rossi.) Die möcht' ich gern an Euer +Gnaden verkaufen. + +Rossi. Das alte Weib? das wär' ein schöner Kauf. + +Gluthahn. Die ist vernünftiger als eine Junge,--wenn eine Junge +weint, so braucht sie etwas, und wenn die Alte weint, so bringt s' +noch etwas. Das alte Weib weint Diamanten. + +Rossi. Diamanten? Bist du ein Narr? + +Gluthahn. Versteht sich, in mein' Sack; Euer Gnaden werden's +gleich sehen, ich lasse s' jetzt Prob' weinen, augenblicklich. +Euer Gnaden rechnen aus, was die ganze Weinerei wert sein kann, +geben mir alle Jahr einen Teil davon, kein Mensch braucht was zu +wissen, und der Handel ist geschlossen. + +Alzinde (die gehorcht). Entsetzlich! + +Rossi (beiseite). Der Kerl ist ein Betrüger. (Laut.) Wie kommst +du zu dem Weibe? + +Gluthahn. G'funden hab' ich sie drauß im Wald. + +Alzinde (springt auf). Du lügst, der Bösewicht hat mich geraubt. + +Rossi. Welch' jugendliche Stimme, welche Haltung? + +Gluthahn (heftig). Bist still, du--(Faßt sich plötzlich.) Setz' +dich nieder, liebe Alte. (Zu Rossi.) Mein, s' ist verrückt, sie +weiß nicht, was sie redt; das macht Euer Gnaden nichts; wenn s' +auch dumm redt, wenn s' nur vernünftig weint. + +Rossi (beiseite). Ich muß klar sehen in der Sache. (Laut.) Gut, +überzeuge mich von deinen Worten, wir wollen sehen, was zu machen +ist. + +Gluthahn. Euer Gnaden kaufen s' also? Hollah! jetzt geht's recht. + Jetzt nimm dich zusammen, Alte, wein', was Zeug hält. + +Rossi. Weint sie denn, so oft sie will? + +Gluthahn. Nu, das will ich hoffen, das ist ihr schönste +Unterhaltung. Nicht wahr, mein' liebe Alte, du weinst uns schon +ein Stückl, kriegst hernach einen Zucker. Nicht wahr, Euer Gnaden, +ein' Zucker. (heimlich zu Rossi.) Auf den Zucker geht s' wie ein +Kanari. + +Alzinde (steht auf). Gemeiner Sklav', auf den die Sonne mit +Verachtung schaut, und dessen Anblick mein Gefühl empört, wie +hoffest du ein Aug' zu finden in der Welt, das sich mit Tränen für +dich füllt? Für dich darf keine Träne fließen, selbst an deinem +Sarge nicht, denn die Götter sind gerecht. + +Rossi. Welch eine edle Sprache führt dies Weib! + +Gluthahn. Sie ist närrisch, Euer Gnaden; sie weint uns doch noch. + +Alzinde. Ich habe dich gelabt, und du hast unbarmherzig mich +gebunden und hierher geschleppt. + +Gluthahn. Ist alles erlogen, Euer Gnaden, mein Herz laßt so was +gar nicht zu. + +Rossi (beiseite). Sonderbarer Vorfall. + +Gluthahn. Jetzt frag' ich dich zum letztenmal, ob du weinen +willst? (beiseite.) Wenn ich sie nur recht kranken könnt'. (Laut. +) Da schauen s' Euer Gnaden nur an, wie erbärmlich sie nur dasteht, +diese miserable Figur. Die rote Nase und die hunderttausend Falten, + als wenn s' für jede Sünd' ein Strichel hätt' im G'sicht. Und +Augen hat s' als wie eine Katz'. Pfui Teuxel! (boshaft lachend.) +Ha, ha, ha, ich tät' mich schämen. (Leise zu Rossi.) Helfen Euer +Gnaden mit, machen wir sie marb', damit sie weint. + +Rossi (empört beiseite). Das ist ein niederträchtiger Bube, kaum +halt' ich mich zurück. + +Alzinde (ergreift Gluthahns Hand und spricht mit Würde). Komm her, +es lohnt die Müh', dich näher zu betrachten. Sag' mir, bist du +denn wirklich ein Geschöpf, gebaut in seinem Innern, wie der edle +Mensch? O Sonne, sende deinen Blitz und spalte diese Felsenbrust, +damit mein Blick zu seinem Herzen kann gelangen, ob es die Form hat +eines menschlichen?--Götter, stärket meinen Geist, damit ich mich +an eurem Werke nicht versünd'ge und diese Menschen hier für redende +Hyänen halte. + +Rossi. Wenn so der Wahnsinn spricht, tausch' ich meinen Verstand +dafür ein. + +Gluthahn. Das ist ein schreckliches Weib, ich komm halt nicht zum +Zweck! Wenn du mir jetzt nicht weinst, so nimm ich dich mit fort +und sperr' dich ein, so lang du lebst. Sieh meinen Zorn, schau her, + er brennt, Wasser brauch' ich, lösch', lösch', mit zwei Tropfen +kannst dich retten. Nicht? so komm mit mir, in den tiefsten +Keller wirf ich dich hinunter, kein' Sonn' soll auf dich scheinen +mehr. (Er will sie fortziehen.) + +Rossi (springt dazwischen). Laß sie los, du Schurke! (Packt ihn +an der Brust und schleudert ihn von ihr, springt an den Glockenzug +und reißt heftig an, man hört stark läuten, zwei Bediente springen +augenblicklich herein. Rossi sagt einem heftig etwas ins Ohr, +worauf der Bediente schnell abläuft.) + +Rossi (stark). Augenblicklich, hörst du, schnell! + +Alzinde (wie rasend, sinkt auf die Knie). Sonne, wenn in diesem +Augenblick du deinen Donner schmettern willst auf dies +verräterische Haupt, so rufe ihn zurück, und lasse meine Stimme +dafür gelten, damit du sie auf deinem Throne hörst. Straf' nicht +durch Tod, vielleicht ist er noch zu bekehren; durch Reichtum +strafe seine Habgier; setz' ihn auf eine öde Insel hin, doch außer +dieser Welt, damit sein Rufen nicht zu dir, nicht zu den Menschen +dringt. Dort wohne er in einem silbern' Haus, mit einem Dach von +Edelstein; schenk' ihm ein Kornfeld, das von goldnen Ähren strotzt, +damit sein Geiz sich daran labe. Jede Blume, jedes Laub sei von +Smaragd, die Früchte von Rubin, die Bäche von Kristall, damit ihn +nichts erquicke, als ihr Anblick. Dann lasse wüt'gen Hunger in +sein Eingeweide ziehn, den Durst von Fischen, die auf trocknem Land +vergehn, bis er ermattet niedersinkt auf sein smaragdnes Grab, und +seine Zunge lechzt nach einem Tropfen Tau; dann erst erfülle seinen +jetz'gen Wunsch, und ström', statt milden Regens, diamantnen Hagel +auf sein eigensinnig Haupt, damit er fühlt, wie unglücklich der +Überfluß an Reichtum macht und von dem Wahn genest, der ihn zum +Bösewicht geprägt. (Strebt die Arme gen Himmel.) Sonne, höre mein +Gebet. + +Rossi. Abscheulicher Auftritt! + + + +Fünfte Szene. +Vorige. Bediente. Vier Gerichtsdiener. + + +Bedienter. Die Wach' ist hier. + +Rossi. Ergreift sie beide, diesen Bauer und dies Weib, vors +Gericht mit ihnen, unterdessen geh' ich zum Justiziär. (Schnell ab. +) + +Gerichtsdiener (beide ergreifend). Fort mit euch! + +Alzinde (freudig). Die Götter sind gerecht! + +Gluthahn. So kommt man mit sein' guten Herzen an! + +(Alle ab.) + + +Sechste Szene. +(Das Reich der Vergänglichkeit.) + +(Der Vordergrund ist eine finstere Säulenhalle aus schwarzem Marmor. + Rechts von der Bühne das kolossale eherne Eingangstor zum Palaste +des Genius der Vergänglichkeit. Im Hintergrunde wogt ein +dunkelblaues Meer, magisch erleuchtet. An seinem Ufer steht auf +einem dunklen Felsstücke ein grauer Schatten und schaufelt +Lorbeerkränze, Kronen, Myrtenkränze, Perlen, Schmuck, Geldsäcke, +Poesien usw., die auf einem Haufen liegen, langsam in das Meer. +Quer über die Bühne begrenzen es als Hintergrund schwarze +Zackenfelsen, und über diese leuchtet in der Ferne die Morgenröte +der Ewigkeit hervor. Von diesem Punkte aus hört man leis ertönend +einen Chor von Genien.) + +Chor. + Heil dem ew'gen Himmelslichte, +Heil dem unnennbaren Geist, +Heil, Heil, Heil! + +(Der Genius der Tugend tritt mit dem Lilienstengel unter dem Schluß +des Chores von der linken Seite ein.) + +Genius. Niedersteig' ich zu Alzindens Rettung in dies +lichtberaubte Reich, und begrüß' zum erstenmal das schaurige +Gestade dieses unermessnen Meeres, Vergänglichkeit genannt. Sag' +an, du fleißiger Geselle, was schaufelst du dort auf und senkst es +in den Grund des Meeres? + +Schatten (mit dumpfer Stimme). Lorbeern sind's und eitle Schätze, +so die Welt für unvergänglich hält. + +Genius der Tugend. Und wo haust der düstre Krösus dieser Gruft, +der stolze Erbherr alles Seins? + +Schatten. Er sitzt dort in jener Marmorhalle, sinnend auf den +Untergang der Zeit. + +(Der Schatten entfernt sich über den Fels in die Szene.) + +Genius der Tugend. So will ich ihn aus diesem Traum erwecken, der +verderbenbringend ist. + + + +Siebente Szene. +Dumpfe Musik. Eine Schar Geister, in graues faltiges Gewand +gehüllt, mit Sensen, zieht über die Bühne, und spricht folgenden +Chor: + + +Chor. + Lustig vorwärts, muntre Brüder, +Denn die Zeit steht nimmer still. + + +Genius der Tugend. Sag' an, wo eilst du hin, du nächtlich wildes +Chor? + +Erster Schatten. + Wir sind ein lustig Schnittervolk +Und ziehen nach der Welt. +Fleißig sind wir Tag und Nacht, +Mähen Jung und Alt. + +Genius. Und seid ihr froh bei solchem Dienst? + +Erster Schatten. Wir haben einen harten Herrn, der niemals +freundlich blickt, doch sind wir fröhlich, herzensfroh. Lustig, +Kinder, auf die Welt. Es leb' die Pest! Es leb' der Krieg! + +(Sie ziehen ab, Raben fliegen hinten drein: Qua, qua!) + +Genius der Tugend. Zieh hin, du grauser Bienenschwarm, bring' +Lebenshonig heim, ich suche deinen Weisel auf. (Er schlägt dreimal +mit der Lilie an das Tor, bei jedem Schlag ertönt es mächtig von +innen.) Heraus aus deinem finstren Haus, du Schreckensfürst, der +die Vernichtung in dem Wappen führt. + +(Die Pforte springt donnernd auf, der Genius der Vergänglichkeit +tritt heraus, ein finstrer stolzer Mann, trägt lange schwarze +Tunika, er hat ein bleiches Antlitz, schwarzes Lockenhaar, keinen +Bart, eine eherne Schlange um das Haupt.) + + + +Achte Szene. +Genius der Tugend und Genius der Vergänglichkeit. + + +Genius der Vergänglichkeit. Wer gab dir Macht, an diese Pforte +anzuschlagen? + +Genius der Tugend. Ich grüße dich, du Riesenengel, dem die Welt +erbebt, und der sie einst mit ehrner Faust zerschlägt. + +Genius der Vergänglichkeit. Was willst du hier? Warum erglänzt +dein Strahlenleib in diesem Tal der Finsternis? + +Genius der Tugend. Siehst du über jenem Zackenfels, der dunkeln +Grenze deines Moderreichs, die ew'ge Morgenröt' erglühn? Dort ist +der Tugend Vaterland, der Thron des großen Geists, und ich ein +Bürger seines Staats. + + Aus dem hohen Wunderland +Bin ich zu dir hergesandt; +Du sollst von Moisasurs Bann +Indiens Herrscherin befrein. +Nur in deinen Armen kann +Sich ihr Lebensglück erneun. +Genius der Vergänglichkeit. + Sprichst du irre, kannst du hoffen, +Leben aus dem Tod zu ziehn? +Stehn der Hölle Himmel offen? +Macht Verwesung Blumen blühn? +Genius der Tugend. + Ich will heut ein Schauspiel geben, +Dem sich keines noch verglich; +Wo der Tod gewinnt das Leben, +Diese Rolle lehr' ich dich. +Genius der Vergänglichkeit. + Willst du mich zum Gaukler dingen, +Mich, den allgewalt'gen Tod? +Genius der Tugend. + Ich will dich zur Milde zwingen, +Durch des Himmels Machtgebot. +Genius der Vergänglichkeit. + Wer sagt, daß ich schrecklich bin? +Um sein Leben zu verbittern, +Stellt der Mensch mit bangem Zittern +Düstre Bilder von mir hin. +Schrecklich bin ich nur den Bösen, +Doch den Guten bin ich's nicht! +Bin ein Wort von ernstem Wesen, +Das Bestimmung zu ihm spricht. +Doch wie kannst du's, Lichtwurm, wagen, +Zu befehlen mir, dem Tod? +Genius der Tugend. + Dies wird dir dein Meister sagen, +Der dort thront im Morgenrot. +(Schrecklicher Donnerschlag. +Eine Stimme ertönt von oben.) + Gehorche, Sklav! +Die Ewigkeit befiehlt. +Leiser Chor der Genien. + Heil! Heil! Heil! +Genius der Vergänglichkeit. + Sturmesworte hör' ich sausen, +Widerstand ist mir geraubt, +Und vor seines Donners Brausen +Beug' ich mein gekröntes Haupt. +(Kniet und beugt sein Haupt.) +Genius der Tugend (seinen Blick erhebend). + Laß mich deine Strahlen küssen, +Sonne, die du es gefügt, +Daß der Tod zu meinen Füßen, +Wie ein Lamm geschmeidig, liegt. +Genius der Vergänglichkeit (steht auf). + Dein Befehlen zu vernehmen, +Lad' ich, Seraph, dich ins Haus; +Willst du dich dazu bequemen, +Eil' ich deinem Schritt voraus. +(Bleibt in erwartender Stellung.) +Genius der Tugend. + Komm, du Herrscher finstrer Geister, +Führ' mich in dein nächtlich Haus, +Dort verleugn' in dir den Meister, +Zeichne dich als Schüler aus; +Zeig' dem Laster, das der Jugend +Leben stiehlt mit arger List, +Daß die Kraft der edlen Tugend +Über dich erhaben ist. + +(Genius der Tugend geht voraus. Genius der Vergänglichkeit folgt.) + + + +Neunte Szene. +(Gerichtssaal in Alpenmarkt.) +Der Amtmann, ein Aktuar und Rossi treten ein. + + +Amtmann. Das ist ein ganz besondrer Vorfall. Den Gluthahn kenn' +ich schon, das ist der abgefeimtste Schurke, den ich je gesehn, da +muß man rasch verfahren. + +Rossi. Die Zeugen kommen uns gerade recht, sie beschleunigen die +Sache. + +Amtmann. Wollen Sie sich nicht gefälligst setzen? + +Rossi (setzt sich). Danke. + +Amtmann (läutet, Gerichtsdiener erscheint). Den Steinbrecher und +sein Weib. (Diener ab.) Das sind zwei herzensgute Leute, und so +gewissenhaft, wie eine Wage; ihrer Aussage kann ich vollkommen +glauben. + + + +Zehnte Szene. +Vorige. Hans und Mirzel treten furchtsam ein. + + +Amtmann. Jetzt kommt her, ihr guten Leute, und gebt genau und +umständlich zu Protokoll, wie sich die ganze Sache zugetragen hat. +(Zum Aktuar.) Setzen Sie Ihre Feder in Bewegung. + +Hans. Sehr wohl, Euer Gnaden, Herr Amtmann! Sehen Euer Gnaden, +Herr Amtmann; Mein liebs Weiberl da will nicht gern auf in der +Früh', da hab' ich den Morgen zu ihr g'sagt; liebe Mirzel, steh +doch auf, wir müssen dem Herrn Amtmann die Steuer nach Alpenmarkt +tragen. Da sagt sie ja und kehrt sich nochmal um – + +Amtmann. Ja, lieber Freund, das dauert mir zu lange. + +Mirzel. Euer Gnaden, Herr Amtmann verzeihen, daß ich so mitten ins +Protokoll hineinfall', aber was mein Mann zusammenredt, das +begreift kein Mensch, viel weniger der Herr Amtmann, mit Respekt zu +sagen.--Die Sach' war so: Wie wir gestern morgen dem Herrn +Amtmann unsre Steuer bezahlt haben, sind wir auf unsre Alp' zurück, +und haben dort das alte Weib bei unsrer Hütte liegen g'funden, ganz +betrübt und scheu, weil s' der Gluthahn fortg'jagt hat; endlich +haben wir s' getröstet und sie hat uns erzählt, sie wär' eine +verwunschene Prinzessin aus--du, wie heißt das Land? + +Hans. Aus Indien, hat sie g'sagt, dort hat s', glaub' ich, einen +Gemahl und ein Volk. Drauf hat sie uns gebeten, wir möchten sie +bei uns behalten und ernähren, sie will uns dafür etwas weinen, und +wie mein Weib eine so schöne Schilderung von mir g'macht hat, so +hat sie sich an ihren Herrn erinnert und hat in diamantne Tränen in +mein' Hut hineing'weint. + +Amtmann. Wo hat Er diese Tränen? + +Hans. Ich hab' s' im Sack, Herr Amtmann. + +Amtmann. Geb Er sie heraus. (Hans gibt sie her--zu Rossi.) +Wollen Sie dieselben wohl besehen? + +Rossi. Mit Vergnügen. (Besieht sie.) Das sind echte Diamanten. + +Amtmann. Ist das möglich? Diamanten? Gleich ins Protokoll damit. + Vorher nachgezählt, wie viel es sind. + +Aktuar. Es sind sechzehn Stück. + +Mirzel. D'rauf haben wir das alte Mütterl in unsre Hütten g'sperrt +und sind in den Steinbruch hinaus, doch in einer halben Stund' +kommt des Gluthahns Weib halbtot und lamentiert, daß ihr Mann mit +einem alten Weibe auf dem Wagen über Stock und Stein davon g'fahren +ist, und wir möchten nachlaufen und sehen, was er denn vorhätt'; +denn ein Kohlenbauer wär' ihm auf der Alpenmarkt-Straßen begegnet – +und wie sie so lamentiert, wird ihr nicht gut und sie fallt uns in +d' Arm' und stirbt. + +Aktuar (hat geendet). Punktum. Sand auf sie. + +Hans. Dann haben wir sie zum Bader ins Dorf hinunter 'tragen, und +der hat g'sagt, sie wär' am Schlag gestorben. + +Mirzel. Dann sind wir nach Alpenmarkt herg'laufen, wo wir vor +einem Haus dem Gluthahn sein Leiterwagen stehen g'sehn haben, und +da haben wir einen Herrn g'fragt, der die Pferde g'halten hat, ob +der Gluthahn bald kommt; so sagt der, er kommt gleich, er ist im +Arrest. Darauf sind wir zum Herrn Amtmann gegangen, und das ist +die ganze G'schicht'. + +Amtmann. Könnt ihr darauf schwören? + +Hans. Herr Amtmann, alle Tag'. + +Mirzel. Und alle Stund', wenn's sein muß. + +Amtmann. Tretet seitwärts unterdessen. + +(Beide stellen sich auf die Seite.) + +Amtmann (zum Gerichtsdiener). Den Bauer. (Diener ab.) + +Rossi. Jetzt werden Sie den Heuchler sehen. + +Amtmann. Ich kenn' ihn schon. + + + +Elfte Szene. +Vorige. Gluthahn. + + +Gluthahn (fällt auf die Knie). Euer Gnaden, Herr Amtmann, ich bin +unschuldig. + +Amtmann. Das wird sich zeigen. Steh auf. Warum bist du hier? + +Gluthahn . Weil ich unschuldig bin, Euer Gnaden, Herr Amtmann. + +Amtmann. Woher hast du das Weib, das du Herrn von Rossi verkaufen +wolltest? Wenn du lügst, wirst du gezüchtiget. + +Gluthahn. Der Himmel ist mein Zeug', ich hab' sie im Wald drauß' +g'funden und hab' s' herflattiert. + +Rossi. Das ist Unwahrheit, ich selbst bin Zeuge, wie das Weib mir +sagte, du hättest sie geraubt, gebunden und zu mir geschleppt. + +Gluthahn. Mein', mein', Euer Gnaden, wie man das nimmt, mit ein' +jedem Weibsbild ist's eine Schlepperei, weil sie nicht so schnell +kann gehn, als wie ein Mann, und das ganze Weib kann gegen mich +nicht zeugen, die g'hört in' Narrenturm und nicht vors Gericht. Ja, + so viel kenn' ich schon, Euer Gnaden, wenn ich auch kein Juri hab' +und kein Just nicht. + +Amtmann. Also im Walde hast du sie gefunden? Um welche Zeit? + +Gluthahn. Um neun Uhr, Euer Gnaden. + +Amtmann (zu Hans). Hervor!--Wann hast du das Weib in deiner +Hütte verlassen? + +Hans. Um neun Uhr, Euer Gnaden. + +Amtmann (zu Gluthahn). Also hast du gelogen?--Gerichtsdiener, he! + +Gluthahn (mit Angst). Nein, halten Euer Gnaden, ich hab' nicht +g'logen, sie war in der Hütten, aber die Hütten steht ja im Wald, +so hab' ich sie ja g'funden im Wald. + +Amtmann. Wart', du abgefeimter Schurke.--Du hast sie also aus +der Hütte geraubt, auf den Wagen gebunden und hierher geführt? + +Gluthahn. Euer Gnaden, das brächet ja mein Herz, ich hab' s' nur +auf den Wagen hinauf g'hoben, weil s' all's zu schwach war, das +arme Weib, mir hat s' erbarmt; doch bunden hab' ich's nicht, ich +werd' doch nicht ein solcher Unmensch sein. Da verdienet ich ja, +daß mir Euer Gnaden einen hölzernen Haarzopfen anhängen ließen. + +Rossi (zum Amtmann). Was meint er da? + +Amtmann. Den Galgen meint er, den er lang verdient. (Läutet.) Den +Kohlenbauer herein. + + + +Zwölfte Szene. +Vorige. Ein Kohlenbauer. + + +Amtmann. Hast du den Mann gesehen am Ausgange des Waldes, wie er +das alte Weib vom Wagen losgebunden hat? + +Kohlenbauer. Ja ja, der ist's, den hab' ich g'sehn, gestrenger +Herr Amtmann, ich hab' ihm noch zug'rufen, was er da macht, da hat +er g'sagt, wenn ich ihn verrat', so schlagt er mich tot. Darauf +kann ich schwören. + +Gluthahn. Aber Euer Gnaden, das ist a Verschwärzung, wie man s' +nur von einem Kohlenbrenner erwarten kann. Losbunden hab' ich s', +das ist wahr, doch bunden hab' ich s' nicht. + +Amtmann. Wer hat sie denn gebunden? + +Gluthahn. Sie hat sich selbst bunden, Euer Gnaden, damit sie nicht +herunter fallt, das arme Weib, ich hab' ihr nur meine Halsbinden +g'liehn dazu. + +Amtmann. Aber du hast ihr doch hilfreiche Hand geleistet, denn +selber konnte sie das nicht, das hast du doch getan, nicht wahr? + +Gluthahn. Mein, Euer Gnaden, man unterstützt ja doch seinen +Nebenmenschen, wenn er so was vorhat, und mein Herz, Euer Gnaden, +sie hat mir so erbarmt, g'holfen hab' ich ihr, doch bunden hab' ich +s' nicht, das sag' ich gleich im voraus, Euer Gnaden, das wär' +gefehlt, das weiß ich schon. + +Amtmann (zu Rossi laut). Es scheint doch, daß er unschuldig ist. + +Gluthahn (für sich). Ich lüg' mich schon heraus. + +Amtmann. Du hast sie dem Herrn von Rossi verkaufen wollen, billig, +nicht wahr? Du sagst ja, das ließ' schon dein Herz gar nie zu. + +Gluthahn. Ich hab' ein einzig Herz, ich hab' das Weib versorgen +wollen, Euer Gnaden, drum hab' ich sie dem gnäd'gen Herrn bracht, +und hab' ihn nur um ein Trinkgeld beten. Nicht wahr, mein lieber +gnäd'ger Herr? (Leise zu Rossi.) Helfen mir Euer Gnaden, ich +schenk' Ihnen meinen besten Acker dafür. + +Rossi. Du wagst es, mir solch einen Antrag zu tun, du Schurke? +Hast du die Alte nicht in meiner Gegenwart mißhandelt? nicht mit +mir abgehandelt und mir ihren Schmerz verkauft? Dich soll man so +lange hauen, bis dir Diamanten vor den Augen flimmern. + +Gluthahn. So ist denn alles gegen mich verschworn? nun geh's, +wie's will, jetzt sag' ich nimmer nein, ich sieh's, ein +rechtschaffner Mann, wie ich bin, hat kein Glück. + +Amtmann. Du bist ein Räuber, bist ein Schurke und wirst im +Gefängnis büßen. Fort mit dir. + +(Gerichtsdiener ergreifen ihn.) + +Gluthahn. Hans, mein Weib soll auf meine Wirtschaft schaun. + +Hans. Dein Weib ist tot. Heut früh ist s' g'storben. + +Gluthahn. Das ist ein Leichtsinn ohnegleichen; stirbt das Weib und +ist kein Mensch im Haus. Jetzt tragen sie mir das ganze Geld davon. + +Amtmann. Das wird dir das Gericht bewahren. Fort mit ihm! + +Gluthahn. Ein jeder Pfennig brennt auf ihrer Seel'. Ich +unglücksel'ger Mensch, hätt' ich nur mit kein' alten Weib was +ang'fangt. + +(Wird abgeführt.) + +Amtmann. Das ist ein schlechter Kerl, einen solchen gibt's nicht +mehr. (Zum Kohlenbauer.) Du kannst jetzt gehn. + +(Kohlenbauer ab.) + +Amtmann (zum Gerichtsdiener). Die Alte bringt! (Diener ab.) + +Amtmann (zu Rossi). Wenn Sie Geschäfte rufen – + +Rossi. Nein, das ist mir äußerst merkwürdig. + + + +Dreizehnte Szene. +Vorige. Alzinde. + + +Hans. Sieh nur, Mirzel, unser fürstliches Mütterl. + +Mirzel. Wenn ihr nur nichts g'schieht, mir ist recht bang um sie. + +Amtmann. Du stehst hier vor dem Amtsgericht. Wie heißest du? + +Alzinde. Alzinde heiß' ich. + +Amtmann. Wo geboren? + +Alzinde. Indien ist mein Vaterland. + +Amtmann. Wie alt? + +Alzinde. Zwanzig Jahre kaum vorüber. + +Amtmann. Ha! Ha. (Zu Rossi.) Ich muß lachen. + +Aktuar. Das sieht man ihr nicht an, für achtzehn hätt' ich sie +gehalten. + +Alzinde. O spotte nicht des Alters! Achtung jedem Menschen, der +mit Ehren trägt den Orden hoher Jahre, womit die edle Zeit die +Mäßigkeit belohnt. + +Amtmann (verwundert). Das ist ein Wahnsinn von nobelster Gattung. + +Rossi. Sie dauert mich! + +Mirzel. Armes Mutterl! + +Amtmann. Was treibst du für Geschäfte? + +Alzinde. Wenn Jammer ein Geschäft ist, treib' ich das. + +Amtmann. Bist du verheiratet? + +Alzinde. Ich bin es, mein Gemahl ist Hoanghu, der König eines +mächt'gen Reichs. + +Amtmann (schüttelt den Kopf). Eigene Ideen. Wie kommst du ins +Gebirg'? + +Alzinde. Warum ersparst du dir die Frage nicht, wenn du der +Antwort Unwert kennst? Warum besprichst du mit dem Wahnsinn dich? +Wirst du mir glauben, wenn ich dir entdecke, daß mich ein böser +Geist mit einem Zauber hat belegt, der mir mein Reich verschließt +und unter euch mich elend macht? + +Amtmann. Sie klagt sich selbst der Zauberei an, diese Hexe. +Kennst du diese beiden? (Auf Hans und Mirzel.) + +Alzinde (stürzt freudig auf sie zu). Meine Wohltäter! Ob ich sie +kenne, fragst du mich? Mir ist, als wenn ich in Arabiens Wüste +zwei fruchtbeladne Bäume fände, deren Schatten mich erquickend +kühlt. Ihr guten Menschen, wüßtet ihr doch, was ich alles hab' +gelitten, seit man mich von euch gerissen hat. + +Mirzel. Du gute Alte. + +Hans. Sei die Fürstin nicht so traurig. + +Amtmann. Das ist ein sonderbares Weib. Hierher tritt! (Zeigt ihr +die Diamanten, die auf einer Tasse liegen.) Sag', gehören diese +Tränen deinen Augen, hast du sie geweint? + +Alzinde. Wer gab euch diese Wundertränen? Nein, so war es nicht +gemeint; euch sind sie nicht geweiht. Ihr Ärmsten, hat man euch +entrissen, was die Dankbarkeit euch gab? O harter Mensch, gib sie +zurück, ich bitte dich, denn du verkennest ihren Wert. Was soll +die Träne dir, ach du verstehst dich nicht darauf, gib sie zurück, +mach' mich nicht gar so arm und bring' dies Aug' nicht um sein +schmerzlich Eigentum. + +Amtmann. Zaubertränen sind's, ich brauche nur ein Ja von dir. +Kannst du solche Tränen weinen? + +Alzinde. Nein, dies wirst du nicht erleben, eh brenn' ich diese +Augen aus mit glühndem Stahl. Rühren soll die Träne, dazu hat die +Sonne sie bestimmt, und könnt' ich sie auf eure Herzen weinen, so +fiele Stein auf Stein und bliebe wirkungslos. + +Amtmann. Ich brauche deine Tränen nicht, ich will Geständnis, klar +und deutlich: ob du sie geweint? + +Alzinde. Du brauchst sie schon, du heuchelst nur. Wenn euer Geiz +hier Tränen preßt aus des Bedrückten Auge, deren Wert nur in der +Größe ihrer Wehmut liegt; wie unendlich muß die Wollust sein, mit +der ihr diamantne fallen seht! + +Amtmann. Vergiß die Achtung nicht, die du mir schuldig bist. +(Sehr zornig, doch durchaus edel.) Sie ist wahnsinnig, der Satan +spricht aus ihr. Zum letzen Mal, hast du die Tränen hier geweint? +Wenn du nicht antwortest, so werd' ich dich anders behandeln. + +Alzinde (fährt empor). Anders? (Stolz.) Vergiß dich nicht, du +Sklave, denke, ich bin eine Königin! (Sinkt in einen Stuhl, an dem +sie steht.) Ach--(matt) ich war eine Königin, du beweisest mir, +daß ich es nicht mehr bin. Nicht länger will ich mich entweihn. +(Mit Nachdruck.) Ja, ich habe sie geweint, ich schwör' es bei der +ew'gen Sonne dir. + +Amtmann. So beweisest du mir, daß du eine Hexe bist. Ins +Gefängnis fort, das Landgericht wird bald dein Urteil fällen, und +vielleicht ist schon die nächste Sonne, die dein Blick begrüßet, +auch die letzte, die dir scheint. Verstehst du mich, verwegnes +Weib? + +Alzinde. Ha! seht den stolzen Pfau, wie er mit schönen Federn +prahlet, und wie so häßlich seine Stimme tönt. Leb' wohl und +glaube nicht, du hattest mich gerichtet; die Götter sind's, + +und du ein Werkzeug ihres großen Plans. Darum vergeb' ich dir, du +übtest deine Pflicht, du hast mich nur verkannt. Und nun erlaube +mir, daß ich zu diesen sprechen darf, zu diesen, deren schlichtes +Kleid ein Herz bedeckt, das sich die Tugend hat zum Heimatland +erwählt. Wie soll ich euch, ihr Teuren, danken, daß ihr mich +aufgenommen und getröstet habt, als mich die Grausamkeit von ihrer +Schwelle stieß? O Sonne, deren Strahl beglücken kann--(tritt in +ihre Mitte, nimmt sie beide an der Hand), wenn du vergelten willst, +was ich erdulden muß, so vergilt an diesen hier. Schenke Frieden +ihren Herzen und laß ihre Ehe glücklich sein, wie es die meine war. +(Bricht plötzlich ab; mit Schmerz.) Lebt wohl, ich bin bewegt, +(leise) ich will bewegt sein, muß es sein. O ihr Götter, laßt mich +weinen! (Weint--leise.) Seht, es fließen meine Tränen, hascht sie +heimlich auf, daß es jene nicht bemerken. (Hans hält den Hut, +Mirzel die Schürze auf, alle drei sind im Vordergrunde, damit der +Amtmann nichts bemerkt, doch vermeide man allen Anstrich des +Komischen.) So, so, behaltet sie, verberget sie, und wenn ich nicht +mehr bin, erinnert euch der unglücklichen Königin Alzinde. (Zu den +Gerichtsdienern stolz.) Nun folg' ich ins Gefängnis euch. + +(Mit zwei Gerichtsdienern ab.) + +Amtmann (steht auf und sagt zum Aktuar). Schließen Sie,. und +legen Sie es auf mein Pult. (Aktuar ab.) + + + +Vierzehnte Szene. +Amtmann. Rossi. Hans. Mirzel. + + +Rossi (der bewegt war unter dem Schluß der Szene). Was geschieht +mit diesem Weib, Herr Amtmann? + +Amtmann. Sie wird verbrannt, wie sie's verdient. (Zu Hans und +Mirzel.) Geht jetzt nach Hause und nehmt euch ein Beispiel an +diesen unglücklichen Menschen hier. + +Hans. Der Gluthahn ist ein schlechter Mensch, das haben wir schon +lang g'wußt; aber was das Weib betrifft, verzeihen Euer Gnaden, das +Weib ist g'wiß eine gute Seel', und in mein' ganzen Leben werd' ich +die gute Fürstin nicht vergessen. + +Mirzel. Und wenn s' verbrennt wird, du lieber Gott, so laß nur +regnen Tag und Nacht, und wenn's doch g'schehn soll, lieber Hans, +so nehmen wir ihr' Aschen, und bauen s' in unserm Gartel an, da +werden viel tausend schöne Blumen draus entstehn. + +Rossi. Ihr wackern Leute, nehmt dies Gold, ich geb' es euch, weil +es mich innig freut, daß ihr das alte Mütterchen bedauert, denn das +muß ich auch. + +Hans. Wir küssen d' Hand Euer Gnaden tausendmal, und küssen Euer +Gnaden, Herrn Amtmanns Kleid. Komm, Mirzel, geh, heut ist ein +trüber Tag. + +Mirzel. Heut schmeckt mir g'wiß kein Bissen, lieber Hans. + +(Beide ab.) + +Rossi. Auch ich empfehle mich, Herr Amtmann. + +Amtmann. Wollen Sie nicht eine Suppe bei mir essen? + +Rossi. Ergebenen Dank, Herr Amtmann, heute bin ich zu bewegt, der +Auftritt hat mich angegriffen; ich will die grüne Wiese suchen und +den blauen Himmel, um ihn zu befragen, ob man, wie dieses Weib, so +edel sein kann und so schuldig auch. + +(Geht ab.) + + + +Fünfzehnte Szene. +Amtmann. Ein Diener. + + +Amtmann. Will er mir das Mahl verbittern? Hätt' ich denn nicht +recht getan an diesem Weibe? Wenn ich darüber mein Bewußtsein +frage, sagt es mir, du hast noch nie verletzt des Richters, noch +des Menschen Pflicht, und hast den Platz behauptet, auf den +Bestimmung dich gestellt. Er fragt den Himmel, ich will alle +Menschen fragen! Hier steht ein altes Weib, mit tät'ger +Jugendkraft, das Haupt voll Eis, das Aug' voll Glut, spricht wie +ein Xenophon und gilt für wahnsinnig; ist eine Bettlerin und +schwärmt von einer Krone; hat ein Gemüt wie Samt und Tränen hart +wie Stein; beschwört die Sonne und verklagt die Hölle; und alles +dies bestätigt durch vier unpartei'sche Zeugen; eigne Augen, eigne +Ohren. Nun setz' ich Solon hin an meinen Platz, ob er nicht +sprechen wird: Dies Weib ist eine Hexe.--Philipp, trag' Er auf. +(Ab.) + + + +Sechzehnte Szene. +Kurzer Kerker. Nacht. + + +Alzinde, welche nach dem ersten Auftritt ihr Gesicht mit Falten +bemalte, ohne eine Larve vielleicht zu nehmen, muß während des +vorhergehenden Auftritts sich jugendlich schminken, welches man bei +der Dunkelheit der Bühne jetzt nicht bemerkt. Sie wird von dem +Kerkermeister hereingeführt und setzt sich ermattet auf einen Stein. + +Kerkermeister. Hier kannst du bleiben, Hexe, bis dich die Flamme +ruft. (Ab.) + +Alzinde. Hier kerkert man mich ein und zur Gefährtin gibt man mir +die Finsternis. Seid mir gegrüßt, ihr Unglücksmauern, aufgebaut, +um Elend zu betrachten; du feuchter Boden, von den Reuezähren der +Verbrecher naß, sei mir gegrüßt; du melanchol'scher Ort, ich weihe +dich zu meinem Prunksaal ein. Hier will ich meinen Gram mit +düstern Bildern säugen, hier will ich herrschen über kriechendes +Gewürm; von meinen Tränen will ich eine Krone flechten und denken, +ich sei des Schmerzes Königin. Ich leb' allein von allen meinen +Lieben. Mein Volk ist tot, versteinert ist's, und mein Gemahl,--o +mein Gemahl, der erste stets an deines Heeres Spitze, betratest du +den mörderischen Boden deines Reiches? Ja, auch er ist tot, alles +tot, alles! (Springt auf.) So ist's recht, Alzinde, so ist's recht, +denn herunter muß das Leben, wenn der Geist sich schwingen soll. +O wie stärkt ein rein Gewissen! Götter, fordert meinen Geist, +jetzt bin ich dazu bereitet. + +(Kurze klagende Musik.) + + + +Siebzehnte Szene. +Vorige. Der Genius der Vergänglichkeit tritt ein, als ein grauer +Mann, mit grauem langen Kleide, etwas kahlköpfig und mit langem +Bart, seine Miene ist sanft, und seine Sprache gemütlich und +tröstlich. + + +Genius der Vergänglichkeit. Alzinde, ich bin hier. + +Alzinde. Wer bist du, bleicher, ungeladner Gast? Was willst du +von der Dunkelheit und mir? + +Genius der Vergänglichkeit. Ein Vater will ich von deinen Leiden +sein. + +Alzinde. Ein Vater? ach, mein Vater ist dort oben. + +Genius der Vergänglichkeit. So kehre heim zu ihm. Reich' mir +deine Hand, Alzind'. Ich bin kein Jüngling, der die Ewigkeit zum +Liebesschwur mißbraucht. Sieh, unsre Locken sind sich gramverwandt; + darum schenke mir die teuren Reste des Vertrauens, die dein +Unglück dir gelassen hat. Sieh hin! + +(Die Mitte der Kerkerwand bildet einen Kerkerbogen. Diese Wand +öffnet sich und man sieht durch den finstern Bogen eine kleine +Insel, von einem See umgeben, auf welcher ein indisches Monument +steht, mit dem Namen Alzinde, von Zypressen umgeben. Die Gegend +ist vom Mondlicht hell bestrahlt. Der Kerker bleibt finster.) + +Genius der Vergänglichkeit. Nach jenem Eiland führ' ich dich, das +kein lebend'ger Schiffer noch geschaut, nichts wird dort deine süße +Ruhe stören. Was immer dich aus dieser Welt betrübt, gekränkt; – +Verfolgung, Neid und Undank bleiben fern von dir. Dort legt unter +einsamen Zypressen der Ruhm beschämt die goldnen Kränze ab, der +wutentbrannte Haß und alle Leidenschaften dieser Erde löschen ihre +Fackel schweigend aus. Ird'sche Freuden werden dir nicht winken, +doch milde Sterne werden dein verklärtes Haupt umglänzen, und der +lichte Engel deiner reinen Tugend führet deinen Geist aus +Himmelswolken zu dem Thron der ew'gen Wonne hin. + +Alzinde. Ja, ich verstehe dich. Es sinket eine mächt'ge Stunde +nieder und gebietet einer Königin. Du bist der Friedensengel, der +den bösen Streit beendet, den der Mensch mit seinem Glück hier +führt; du bist das große Ziel, zu dem uns alle Wege führen. + +Genius der Vergänglichkeit. Ich bin der kräftige Magnet, der alles +Leben an sich zieht. Wie du dich auszuweichen auch bemühst, es ist +umsonst! Denn könntest du durch tausend Sonnen wandeln, du trittst +auf einen Pfad, und eh du es noch ahnst, gelangst du in mein Reich. + +Alzinde. So nimm mich mit dir, guter Vater, an jenen Ort, wo ew'ge +Freude herrscht, ich werde meinen Hoanghu dort sehn und alle meine +teuren Lieben, die meinem Leiden vorausgeeilet sind. Komm, ich +folge dir. (Der Genius hält sie in seinem Arm und will sie +fortführen, da ertönt Hoanghus Stimme, die hintere Wand schließt +sich. Kerker wie vorher.) + + + +Achtzehnte Szene. +Vorige. Gleich darauf Hoanghu und der Genius der Tugend. + + +Hoanghu (von innen). Hier soll ich meine Gattin finden? + +Alzinde. Götter, welche Stimme! + +(Hoanghu und der Tugendgenius treten ein.) + +Hoanghu. Fast erblinden meine Augen, da ich statt den goldnen +Wolken, die ich erst mit dir durchsteuert, dieses Abgrunds Tiefe +schaue. Und hier muß Alzinde schmachten? + +Alzinde. Götter, das ist Hoanghu. + +Hoanghu. Ja, dies ist ihr holder Ton. Zeig' dich, Brust, aus der +er klinget, daß ich dich an meine drücke. + +Genius der Tugend. Siehst du dort die zwei Gestalten? 's ist +Alzinde und der Tod. + +Hoanghu. Ist sie denn an ihn vermählt, daß sein Arm sie so +umschließt? + +Genius der Tugend. Er ist ihre eigene Wahl, weil sie dich verloren +wähnte. Suche sie ihm zu entreißen, schnell, es ist die höchste +Zeit. + +Hoanghu. Sag' Alzinde, bist du's wirklich, denn ich kann dich +nicht erkennen, sehe nur die Truggestalt, die mein Traum mir +drohend wies. + +Alzinde. Ja, ich bin's, mein Hoanghu; laß mich los, du grauer +Riese, der sich jetzt dem Blick erst zeigt, laß mich hin in seine +Arme, nur dem Gatten schlägt mein Herz. Warum hältst du mich +umklammert, niemals werd' ich deine Braut. + +Genius der Vergänglichkeit. Hast du mir dich nicht verlobet? Du +bist mein, ich lass' dich nicht. + +Alzinde. Nein, dies wendet den Vertrag. Du warst nur ein +Rettungsmittel, doch ich hab' ihn hier gefunden, nun gehör' ich +dieser Welt. Ha, wie sich der düstre Kerker jetzt mit holden +Farben schmückt; wie das schaurige Gewölbe nun auf goldnen Säulen +ruht; wie mir seine dunkle Kuppel hell erglänzt wie Chrysolith; und +dies alles schafft Hoanghu, der wie eine zweite Sonne nur für mich +die Welt bestrahlt. Und ich soll ein Leben lassen, erst geboren +durch die Liebe, soll mit dir, du düstrer Alter, in dein ernstes +Schattenreich? Gib mich auf, du läst'ger Freier, nimmer wird +Alzinde dein. + +Hoanghu. Laß sie los, du graue Schlange, oder ich zerhaue dich. +(Will mit dem Schwert auf ihn dringen.) + +Genius der Vergänglichkeit. Armer, sinnverlorner Kämpfer, mit dem +Tod drohst du dem Tode? Durch mich selbst willst du mich morden? +Senk' die Waffe, denn der leichtgewebten Luft kann sie keine Wunden +schlagen. + +Hoanghu. O du stolzgesinnter Prahler, du bist dennoch +meinesgleichen, bist ein Feldherr, ausgesendet, um das Leben zu +erobern; bist ein Held, der sein Panier hin auf Leichenhügel +pflanzt und das grause Siegerhaupt sich mit Rosmarin bekränzt; und +so willst du an mir handeln, du des Undanks echter Sohn, willst ihr +Leben mir versagen, eines schwachen Weibes Leben, und ich habe so +viel tausend kräft'ge Männer dir geweiht? + +Genius der Vergänglichkeit (ironisch). Und wie hast du dies +begonnen? Laß doch hören, tapfrer Junge. + +Hoanghu. Was war Indiens Schlachtfeld anders, als dein blut'ger +Opferherd? Warst du nicht in meinen Siegen stets das große +Losungswort, das die Chöre der gefallnen Krieger wimmerten zu +deinem Lob? Hat die blutbespritzte Fahne deinen Ruhm nicht stolz +verkündet? Und die gift'gen Pfeile, die wir rauchend aus dem Leib +der Feinde rissen, daß mit offnem Munde dich unheilbare Wunden +priesen? Sieh, so habe ich gehandelt an dir, undankbarer Geist, +hab' das mut'ge Sein bestohlen und den Schatz dir zugesendet; darum +fordre ich ihr Leben als mein rechtlich Eigentum. + +Alzinde. O wie liebt mich mein Gemahl. + +Genius der Vergänglichkeit. Du hast nur dein Recht verteidigt, das +gibt dir kein Recht an mich. Von dem Leben magst du fordern, Leben +fordern darf nur ich. + +Hoanghu. Nun, so will ich mit dir handeln, Wuchrer, der so bittre +Zinsen nimmt. Schenke mir Alzindens Leben, und ich will von meinem +dir gern die beßre Hälfte geben. + +Alzinde. Ha, mein Hoanghu, was tust du? + +Genius der Tugend. Götter, stärket sein Gemüt. + +Hoanghu. + Sieh, so groß ist meine Liebe, daß sie in den Staub mich +zieht. +So wardst du noch nicht geehret, daß ein König vor dir kniet. +(Er kniet.) + Meine Waffen leg' ich nieder, meine Hände heb' ich auf, +(Er bittet mit aufgehobenen Händen.) + Laß dich, guter Tod, erweichen, schließ den vorteilhaften Kauf. +Was willst du mit ihrem Leben, das vor Alter bald zerfällt? +Nimm dir meine rüst'ge Hälfte, trotzig steh' ich noch der Welt. +Sieh die festgestählten Muskeln, sieh die hochgewölbte Stirn, +Leicht ist der Gewinn zu rechnen, Kaufmann, frage dein Gehirn. +Sei doch nicht so unerbittlich, sieh, mein Auge tränt vor Schmerz, +Es sind meine ersten Tränen, und sie schänden nicht mein Herz. +(Weint.) + +Alzinde (vor Freude außer sich). + Götter, Sonne, all ihr Welten, seht, Hoanghu weinet hier, +Schaut herab von euren Wolken, seine Tränen fließen mir. +Welche Gattin kann sich rühmen, daß ihr Gatte so sie liebt, +Daß er Freude, Glück und Leben, daß er alles für sie gibt? +Ha, wie alle Nerven beben, wie sein Anblick mich entzückt, +(Edel ausgelassen.) + Wie ich glücklich bin und lache, wie die Freude mich berückt; +Perlen treten in mein Auge, doch ich weine nicht aus Schmerz, +Freudentränen ist ihr Name, Freude sprenget mir das Herz. + +(Augenblicklich fällt rauschender Chor ein, vollstimmig und hehr.) + +Chor. +Freudentränen, +Freudentränen, +Heißt das große Losungswort! + +(Der Kerker verwandelt sich in Alzindens Reich. Die Dekoration der +Eingangsszene. Alles Volk ist entsteinert, die Tugendgeister knien +um den Tempel. Der Genius der Vergänglichkeit verschwindet. +Alzinde hat sich in ihre vorige Gestalt verwandelt, doch im weißen +einfachen Kleide. Alzinde und Hoanghu stürzen sich freudig in die +Arme.) + +Hoanghu. O Alzinde! + +Alzinde. Mein Hoanghu! Ewig, ewig bist du mein! + +Hoanghu. Nie soll uns der Tod mehr trennen! + +Alzinde. Denn wir sterben im Verein! + +Genius der Tugend. + Heil der Tugend, die auf Erde +Zählet solch' erhabnes Paar, +Das ein edles Herz bewahrte +In so schrecklicher Gefahr. + +(Schrecklicher Donnerschlag. Donnerwolken ziehen über die Bühne, +aus welchen Blitze zischen.) + + Seht, schon zieht aus euren Landen +Donnernd Moisasurs Geist. +(Zum Volk.) + Ihr seid frei von seinen Banden, +Eure Königin hier preist! +So läßt sich die Welt bezwingen, +So wird Erdenneid versöhnt! +Groß kann nur der Nachruhm klingen, +Wenn er sich durch Tugend krönt. + +(Alzinde und Hoanghu knien nieder, der Genius der Tugend steht in +ihrer Mitte und blickt gegen Himmel, von oben schweben Genien herab +mit einer Lilienkrone und bleiben in der Mitte der Bühne. Das +Opferfeuer im Tugendtempel flammt hoch auf. Priester, Volk und +Tugendgeister bilden eine Gruppe.) + +(Der Vorhang fällt.) + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Moisasurs Zauberfluch, von +Ferdinand Raimund. + + + + + +End of Project Gutenberg's Moisasurs Zauberfluch, by Ferdinand Raimund + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MOISASURS ZAUBERFLUCH *** + +This file should be named 8zaub10.txt or 8zaub10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8zaub11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8zaub10a.txt + +Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +http://gutenberg.net or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. 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If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + +Project Gutenberg Literary Archive Foundation +PMB 113 +1739 University Ave. +Oxford, MS 38655-4109 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information online at: + +http://www.gutenberg.net/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. 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