diff options
| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:30:23 -0700 |
|---|---|---|
| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:30:23 -0700 |
| commit | 6ec68915e77a9b9b7aeb189f6f54383935337b19 (patch) | |
| tree | e52f19c3344a434102f8ca536309d6751051ed15 /old | |
Diffstat (limited to 'old')
| -rw-r--r-- | old/7kron10.txt | 4556 | ||||
| -rw-r--r-- | old/7kron10.zip | bin | 0 -> 66616 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/8kron10.txt | 4557 | ||||
| -rw-r--r-- | old/8kron10.zip | bin | 0 -> 66677 bytes |
4 files changed, 9113 insertions, 0 deletions
diff --git a/old/7kron10.txt b/old/7kron10.txt new file mode 100644 index 0000000..5e3f5f5 --- /dev/null +++ b/old/7kron10.txt @@ -0,0 +1,4556 @@ +Project Gutenberg's Die unheilbringende Krone, by Ferdinand Raimund +#7 in our series by Ferdinand Raimund + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Die unheilbringende Krone + (oder Koenig ohne Reich, Held ohne Mut, Schoenheit ohne Jugend) + +Author: Ferdinand Raimund + +Release Date: April, 2005 [EBook #7860] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on May 26, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ASCII + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNHEILBRINGENDE KRONE *** + + + + +Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen + + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 7-bit version. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Die unheilbringende Krone +oder +Koenig ohne Reich, Held ohne Mut, Schoenheit ohne Jugend + +Ferdinand Raimund + +Original-tragisch-komisches Zauberspiel in zwei Aufzuegen + + + +Personen +Lucina, Schutzgoettin von Agrigent. +Hades, Fuerst der Unterwelt. +Thanatos, Genius des ewigen Schlafes. +Lulu und Fanfu, Genien. +Tisiphone, Megaera und Alecto, Furien. +Kreon, Koenig von Agrigent. +Phalarius, Feldherr. +Antrogaeus, Unterfeldherr. +Androkles und Clitonius, Hauptleute des Phalarius. +Octavian, ein Landmann. +Ein Jaeger von des Phalarius Gefolge. +Simplizius Zitternadel, ein armer Dorfschneider. +Ewald, ein Dichter. +Riegelsam, ein Weinhaendler. +Heraklius, Fuerst von Massana. +Hermodius, sein erster Minister. +Thestius, ein edler Massanier. +Arete, seine Nichte. +Adrasto, erster Diener des Tempels. +Epaminondas, Hypomedon, Argos und Sillius, Massanier. +Eine Frau von Massana. +Ein Diener des Thestius. +Dardonius, Fuerst von Kallidalos. +Olimar, Astrachan, Abukar und Nimelot, Bewohner von Kallidalos. + Aloe. +Atritia, ihre Nichte. +Erster, Zweiter und Dritter Geist des Orkus. + +Genien. Geister. Erscheinungen. Edle und Krieger +von Agrigent. Jagdgefolge. Volk von Massana. +Krieger. Hoeflinge und Volk von Kallidalos. +Priesterinnen im Venustempel. + + + +Erster Aufzug. + +Erste Szene. +(Finsterer Wald.) + +Im Hintergrunde links ein gigantischer Fels, mit einer durch ein +ehernes Tor geschlossenen Hoehle. Neben der Pforte stehen mit Fackel +und Dolch bewaffnet die zwei Eumeniden Tisiphone und Alecto, aus +Stein gehauen. Megaera, die dritte, ist ueber derselben in sitzender +Stellung angebracht. Die Pforte ist symbolisch verziert, neben ihr +ein steinerner Opferaltar. In der Tiefe der Buehne ein See, von +rauhen mit Baeumen bewachsenen Felsen umschlossen. Im Vordergrund +rechts ein Gebuesche. Donner murmelt durch den in weiter Ferne +erschallenden + + +Jubelchor. +Wie des Adlers Kraftgefieder +Seinen Leib zur Sonne traegt, +Fliegen aufwaerts unsre Lieder, +Durch der Freude Schwung bewegt. +Gluecklich, wie in Himmelszonen, +Von der Erde Leid getrennt, +Stolz die ew'gen Goetter thronen, +Herrsch' Kreon in Agrigent. + + +Phalarius (tritt mit wild zurueckschauenden Blicken hastig ein, er +traegt ein Pantherfell ueber dem Ruecken und ist mit Bogen und Pfeil +bewaffnet). +Bin ich denn noch nicht weit genug gezogen, +Verraeterische Stadt, die mich betrogen? +Wird auch des Waldes duestre Einsamkeit +Durch deines Jubels frechen Schall entweiht? + +(Die letzten Worte des Jubelchores erklingen wieder: +"Herrsch' Kreon in Agrigent." + +Herrsch' nur Kreon, Volk, jauchz' die Kehle wund, +Ihr zwingt das Glueck zu keinem ew'gen Bund. +Prahlt, Luegner, mit der Kron', die ich erkaempft, +Da nur mein Mut des Krieges Glut gedaempft. +Mich lasst aus Undank meinen Purpur weben, +Ihn faerben mit dem ausgestroemten Leben. +Das ich vergeudet am ersiegten Strand, +Den Lorbeer brechend mit der blut'gen Hand. +Glaubt ihr, ich hab' fuer Agrigent gestritten, +Damit der Rat, nach ungerechten Sitten, +Das Reich verkauft an den unmuend'gen Knaben, +Auf das nur ich ein wahrhaft Recht kann haben? +Denn ist er auch dem Thron verwandt durch Blut, +Bin ich es wuerd'ger noch durch Heldenmut. +Ich glaub' nicht, was des Tempels Diener sagten, +Als schlau sie Jupiters Orakel fragten, +Ob mir, ob wohl Kreon das Reich gehoert; +Es hab' der Gott sich donnernd drob' empoert, +Dass ich's gewagt, als meiner Siege Lohn, +Zu fordern Agrigentens goldnen Thron, +Und ausgesprochen unter ew'gen Blitzen; +"Ich duerfe nie ein Reich der Welt besitzen, +Und Agrigent kann dann nur Glueck erringen, +Wird auf dem Thron Kreon das Zepter schwingen." +So logen sie, als ich zurueckgekehrt, +Aus blut'ger Schlacht zum heisserkaempften Herd, +So logen sie, von aller Scham entwoehnt, +Als Siegesdank fand ich Kreon gekroent. +Da aussen ich des Landes Feind bekriegt, +Hat eigner mich im Innern hier besiegt. +Drum will ich fliehn aus dir, verhasstes Land, +Doch nimm den Schwur als draeuend Unterpfand, +Dass ich noch einmal zu dir wiederkehre, +Zu raechen die durch Trug geraubte Ehre. + +(Will ab und erblickt entsetzt der Rachefurien Hoehle.) + +Ha, welch ein Pfad hat mich zu euch geleitet, +Blutlose Schwestern, die ihr stets bereitet, +Als der Vergeltung grauenvolle Buergen, +Gewalt'ge Suender dieser Welt zu wuergen. +Euch fordr' ich auf, an euch will ich mich wenden, +Sprengt auf das Tor mit den entfleischten Haenden, +Reicht mir ein Schwert, mich an der Welt zu raechen, +Die mich verhoehnt, und ihren Bau zu brechen. + +(Fuerchterlicher Donnerschlag, der verrollt; die Pforte droehnt und +erzittert, dann leuchten schwache Blitze auf das Gebuesche rechts, +das sich in der Mitte auseinanderteilt. Man erblickt darin Hades, +in Lumpen gehuellt, mit bleichem Antlitz auf einem Steine sitzen, er +hat einen Sack ueber dem Ruecken haengen.) + + + +Zweite Szene. +Phalarius und Hades. +(Hades grinst Phalarius an, der ihn mit Entsetzen betrachtet.) + + +Phalarius. Welch ekliche Gestalt, wer bist du? + +Hades (mit etwas hohler Stimme, lauernd und gezogen). Ich? + +Phalarius. Bist du der Rachefurien eine? (Starr.) Sprich! + +Hades (langsam aufstehend, er geht gebeugt und spricht langsam im +hohlen Tone). +Bin keine von den Rachefurien, +Kann selbst kaum mehr auf morschen Knochen stehn; +Bin nicht Tisiphone, Megaer', Alecto, +Nein, nein, ich bin,--vergib,--mich schauert so. + +Phalarius. Du kannst nicht ganz der Erde angehoeren, +Du koenntest sonst den schoenen Glauben stoeren, +Dass nach dem hohen Goetterbild des Zeus +Der Mensch geformet sei durch Prometheus. + +Hades. Nicht ganz ist mehr die Erd' mein Vaterland, +Tief unten ruft es mich am styg'schen Strand; +Harpyen, die wie Nachtigallen klagen, +Verkuenden, dass die Furien um mich fragen. + +Phalarius. Hast du so boes gehaust in dieser Welt, +Dass dir im Enden jeder Trost nun fehlt? +Bist du so arm, dass dich Verzweiflung fasst, +Und hast wohl einst im Uebermut geprasst? + +Hades. So ist es, du hast furchtbar wahr gesprochen, +Doch jetzt ist meines Glueckes Stab gebrochen; +Viel hab' ich einst auf dieser Erd' besessen, +Geliebt ward ich, ich werd' es nie vergessen, +Doch jetzt bin ich gehasst, bin unbeweibt, + (Weinend.) +So arm, dass mir nichts mehr, als eine Krone bleibt. + +Phalarius (nach einer Pause des Erstaunens). +Was sprichst du, eine Kron'? Wahnwitzig Tier! + +Hades. Willst du sie sehn? ich trage sie mit mir. +(Mit staerkerer Stimme.) +Ich schenk' sie dir, willst du's mit ihr versuchen, +Ich hoerte dich vorher um eine Krone fluchen, +Doch traegst du sie, legst du sie nimmer ab, +Sie bleibt dem Haupte treu bis an das Grab. + +Phalarius. Was nuetzt die Krone mich, nenn' mir ihr Reich. + +Hades (stark). Die Welt!--Hast du genug?--Was wirst du bleich? + +Phalarius. Soll ich's nicht werden? Mich befaellt ein Grauen, +Wer kann in solchen Riesenhimmel schauen, +Die Erd', so weit sie reicht, unendlich Bild, +Hat nie die Neugier eines Augs gestillt. +Entflieh, verlass mich, truegerischer Geist, +Der Hoelle gibt, da er zum Himmel weist. +Zeig' her die Kron', wenn du mich nicht geneckt. + +Hades. In meinem Bettelsack ist sie versteckt; +Dem Drachen gleich, der in der Hoehle kauert, +Auf fette Beut' mit gift'gem Zahne lauert. + +Phalarius. Ein Diadem in eines Bettlers Tasche? + +Hades. In schlichter Urn' ruht koenigliche Asche. + (Mit erhobener Stimme.) +Durch diese Kron', ruht sie auf einem Haupt, +Wird dem, der sie erblickt, des Mutes Kraft geraubt. +Ja, ihr Besitzer darf nur leise winken, +Wer sich ihm naht, muss huld'gend niedersinken. +Es wird der Baum, mit ueppig gruenen Zweigen, +Sein duftend Haupt vor dieser Krone neigen; +Des Waldes Tiere werden bang' erzittern +Und heulend sie in weiter Ferne wittern. +Was er befiehlt, muss streng' vollzogen werden, +Und keiner lebt, der sie entwenden kann auf Erden. +Selbst wenn er schlaeft, die sorgsam stille Nacht, +Geschlossnen Aug's, ihr Eigentum bewacht. +Kein Speer, kein Dolch, kein Pfeil kann ihn erreichen, +Der Krone Macht wird nur dem Mondlicht weichen; +Solang sie dies bestrahlt, ist er verloren, +Und jedes Feindes Schwert kann ihn durchbohren. +Solch Glueck bringt dieser Reif und solches Bangen; +Nun sprich, traegt deine Herrschsucht noch nach ihm Verlangen? + +Phalarius. Den Sturm versoehn' durch eines Schiffes Wrack, +Golkondens Schatz verbirg im Bettelsack, +Dem Pfeil befiehl, er soll den Rueckweg nehmen, +Des Aetna Glut verhindre auszustroemen, +Nur mich bered' nicht, von der Kron' zu lassen, +Gib sie heraus, sie muss das Haupt umfassen. + (Legt den Helm ab.) + +Hades. Wohlan, schau' nicht zum Himmel, blick' zur Erde, +Sie fleht dich an mit jammernder Gebaerde; + (Er nimmt die goldene Krone aus dem Sacke, aus dem Feuer stroemt, + ferner Donner.) +Doch hoer' ihr Wimmern nicht, reich' mir die Stirn', +Bleib stark, bewahr' vor Wahnsinn dein Gehirn. + +(Er setzt ihm die Krone auf, fuerchterlicher Donnerschlag, kurze +Musik. Die Buehne wird lichter. Die Erde zittert, die Baeume beugen +ihre Zweige, sodass sie eine gruene Kuppel ueber Phalarius Haupt +bilden und sich im See spiegeln.) + +Hades. So, so, der Wald bebt vor dem Koenigshaus, +Es huld'gen dir die Staemme reichbelaubt. + +Phalarius. Ist's Wirklichkeit? Welch unnennbar Entzuecken! + +Hades (beiseite). +Sie wird die Stirn noch heiss genug dir druecken. + +Phalarius. Ha! Nun ist mein der hoechste Schatz hienieden. +Sprich, Wurm, was kann zum Lohn ich dafuer bieten? + +Hades. Brauch' nichts dafuer, trag sie nur gluecklich fort, +Wir treffen uns schon am Vergeltungsort, +Wenn weit geoeffnet deines Wahnes Grab, +Und du einst sprichst, wie ich gesprochen hab'; + (Weinend.) +Ich bin so arm, mir bleibt nichts als die Krone, + (grimmig.) +Den Augenblick allein bewahr' ich mir zum Lohne. + +(Schleicht ab, den Sack ueber dem Ruecken.) + + + +Dritte Szene. + + +Phalarius (allein). +Geh, Luegengeist, nie werde ich so sprechen, +So denken nur waer' an dem Glueck Verbrechen. +Nun fort, Phalarius, aus diesem Wald, +Damit dein Ruhm Sizilien durchschallt. +Doch kann ich baun auf dieser Krone Macht?-- +Holla, wer schreitet durch des Waldes Nacht? + + + +Vierte Szene. + +Voriger. Antrogaeus mit koeniglichen Soldaten, welche mit Lanzen +bewaffnet sind. + +Antrogaeus (von innen). 's ist Antrogaeus und des Koenigs Wache. + +Phalarius. Willkommen, Speere, dienet meiner Rache. +Du, Antrogaeus, sollst der erste sein, +Den ich dem langverhaltnen Hass will weihn. + +(Alles eilt auf Phalarius zu.) + +Chor. +Du sollst nach Hofe kehrn, Phalar', +Der Koenig will's-- +(Die Krone erblickend und erschrocken zurueckweichend.) + Ha, welch ein Stern, +Den ich auf deiner Stirn' gewahr'? +Er haelt mich drohend von dir fern. +Wie kann sein Anblick doch erschuettern, +Mich reisst's zur Erd' mit bangem Zittern, +Die Angst erpresst den Ausruf mir; +Sei gnaedig, Fuerst,--ich huld'ge dir! + +(Alle sinken bebend auf die Knie.) + +Phalarius (wild lachend). +Ha, ha, was laesst mir wohl Kreon befehlen? + +Antrogaeus. Blick' mild auf uns, dein Auge kann entseelen. +Es sendete Kreon nach dir uns aus, + (Spricht mit beklemmter Brust.) +Dich heimzuleiten nach dem Fuerstenhaus, +Wo sich die Freude waelzt, Bachanten winken, +Dort sollst du reuig an die Brust ihm sinken +Und Abschied deinem duestern Grolle geben, +Dafuer wird er zu neuer Wuerd' dich heben. + +Phalarius. Verflucht sei der, der mir von Reue spricht! + (Zieht sein Schwert und verwundet ihn.) +Bereue du, wenn dir das Auge bricht! + (Antrogaeus wird in das Gebuesch gefuehrt.) +Verwahrt die Brust, mein durst'ger Stahl will trinken, +Er wird noch oft in Purpurscheide sinken. +Nun rafft euch auf und horcht auf mein Befehlen. +Ich will der Stadt ein Maerlein dort erzaehlen; +Von einem Siegesfest, wo die Maenaden wueten, +Der Sieger nur allein muss drauss' im Walde brueten. +Von maechtig strahlender Kron', die ihm der Orkus schenkt, +Von wuet'gem Rachgefuehl, das seine Waffe lenkt, +Von gueldenem Palast am diamantnen See, +Wo Freudentaumel herrscht, nicht ahnend baldiges Weh. +Vom Brand, der ihn ergreift, vom grausen Angstgeschrei, +Von Kreons letzter Stund', verzweiflungsvoller Reu'. +Von Feinden waffenlos, die froh im Tanze schweifen, +Von Kriegern roh und wild, die sie wie Schergen greifen. +Vom gluehenden Balkon, von dem man auf mein Winken +Sie wild frohlockend stuerzt, dass sie im See ertrinken; +Dies Maerchen wollen wir der Stadt zum besten geben, +Und wenn sie drob' erbleicht, soll Frohsinn uns beleben. +Dann wird auf des Palastes schwarz gebrannten Truemmern +Der glaenzende Pokal wie Sonnenaufgang schimmern, +Und unsre Fabel geb' zum Schluss der Welt die Lehre; +Dass unbewachtes Glueck nicht lang auf Erden waehre. + (Fuer sich gemaessigter.) +Ich will das meine wahrn, mich sehe keiner fallen, +Und muesst' es auch geschehn, mein Ruhm kann nie verhallen. +Ich ringe mit der Zeit, es muss nach tausend Jahren +Die Sage von der Kron' die Nachwelt noch erfahren. + +(Alle ab, die Baeume biegen sich abwaerts.) + + + +Fuenfte Szene. + + +Lucina (schwebt schnell auf Rosenschleiern, die auf weissen Wolken +ruhn, auf die Erde nieder, Angst befluegelt ihre Worte). +Was hoert' ich fuer Flueche im Hain hier ertoenen? +Es beben die Luefte, die Felsen erdroehnen, +Hin brauset der Frevler durch waldige Nacht, +Zu liefern die graessliche Hoellenschlacht. +So musste auf Erden ein Boesewicht reifen, +Der's wagt, nach der schrecklichen Krone zu greifen. +Agrigent ist verloren, es jammert die Welt, +Wenn ihn nicht die Macht der Erinnyen faellt. +Was soll ich beginnen, ihr blutigen Stunden, +Zu strafen den Frevel, zu heilen die Wunden? +Er muss ja die grausame Tat erst vollstrecken, +Will ich hier die raechenden Furien wecken. +Nur Tod sprengt des Fatums gewaltige Ketten, +Drum muss ich das Leben des Koenigs erretten. +Schon rennt durch die Strassen der gierige Tross, +Es werde die Wolke zum fluechtigen Ross. + +(Die Wolke verwandelt sich in ein schwarzes Ross mit goldenem Zaum. +Lucina setzt sich schnell auf selbes.) + +Nun, Rappe, nun magst du die Luefte durchschnauben, +Wir wollen den Moerder der Beute berauben. + +(Das Ross fliegt pfeilschnell ab.) + + + +Sechste Szene. + +Hades (als Fuerst der Unterwelt, schwarz griechisch gekleidet, eine +schwarze Krone auf dem Haupte, eine Fackel in der Hand, die er in +den Opferaltar der Eumeniden steckt) +So, nun lass die Jagd erschallen +Und die Jaeger nicht ermatten, +Dass mir viele Scharen wallen, +Nach dem Reich der dunklen Schatten; +Denn ich hab's beim Styx geschworen, +Zu entvoelkern diese Erd', +Drum hab' ich Phalar' erkoren, +Er ist dieses Auftrags wer. +Bald wird auch Massana fallen, +Wo ich Unglueck hingebannt, +Lustig wird der Orkus hallen, +Wenn versinkt das stolze Land. +Von der kallidalschen Insel, +Wo mein ries'ger Eber haust, +Hoer' ich jammerndes Gewinsel, +Dass das Meer nicht ueberbraust. +Doch schon roetet sich der Himmel, + (Man sieht Brandroete.) +Rauch wallt auf, die Zinne kracht. +Im Palaste wogt Getuemmel, +Schnell hat er die Tat vollbracht. + (Es rasselt donnernd die Pforte der Eumenidenhoehle, Blitze +dringen durch die Oeffnungen.) +Halt, die Eumeniden rasseln +Auf von ihrem Raecherthron, +Wie sie donnernd naeher prasseln, +Ihre Dolche zucken schon. +Ha, ihr sollt mir nicht zerstoeren +Meines Witzes Heldentum, +Ihr moegt seine Taten hoeren, +Eure Rache bleibe stumm. + (Die Fackel ergreifend.) +Durch die Macht, die mir geworden, +Seit Saturn die Welt umfluegelt, +Bleiben diese Schauerpforten +Ihren Furien versiegelt. + (Er stoesst die Fackel dreimal gegen die Pforte, es zeigen sich +drei Flammensiegel.) +Durch dies Schreckenstor allein +Koennen nach der Erd' sie dringen, +Darum soll's verschlossen sein, +Mit dem Schicksal muss er ringen, +Ist, was ich gewollt, vollbracht, +Send' ich selber ihn der Nacht. + +(Musik. +Schreckliches Geprassel und Geheul inner der Pforte, der See wird +hellrot und wogt fuerchterlich.) + +Ha, wie sie empoert nun heulen +Und den See hier blutig faerben; +Bleibt gefangen, gift'ge Eulen, +Nur im Mondlicht kann er sterben. +Doch ich seh' Kreon befreit +Mit Lucina niederschweben, +Er war schon dem Tod geweiht, +Sie betruegt mich um sein Leben. + (Er tritt zurueck.) + + + +Siebente Szene. +Voriger. Lucina und Kreon auf Wolken niedersinkend. Kreon beugt +sein Knie vor Lucina. + + +Lucina. Du bist gerettet, holder Fuerst, du lebst durch mich, +Des Landes Schutzgeist war's, der niemals von dir wich. + +Kreon. Es dankt mein klopfend Herz, mein Sinn vermag's noch nicht, +Da vor Erstaunen mir Erinnrung fast gebricht. +Wer bringt mein treulos Glueck, ich straf' den Hochverrat, +Den es an mir und meinem Volk begangen hat. +O gleissnerische Zeit, wer sollt' es von dir glauben, +Durch einen Augenblick kannst du uns alles rauben. +Minuten wissen's kaum, dass mich das Elend fand. +War's denn Phalarius, der drohend vor mir stand? +Woher die Schreckenskron', mit der er frech geprahlt? +Und die mit mag'schem Schein den Brand noch ueberstrahlt. +Woher die Meuterei, wer herrschet nun im Land? +Ihr Goetter staerket mich, es wanket mein Verstand, +Vor ihm bin ich gekniet, vor diesem Boesewicht! + +Lucina. Dein Rasen ist umsonst, die Goetter hoeren's nicht, +Siehst du dort den Altar, auf ihn leg' deine Klagen, +Die Nimmerruhenden magst du um Rat befragen. + +Kreon. So hoert mich denn, ihr maecht'gen Eumeniden! + (Schlaegt an die Tuer, die erdroehnt.) + +Hades (tritt hervor). +Vergebens rufst du sie, du stoerst nur ihren Frieden. + +Kreon. Wer spricht hier Worte aus, die Wahnsinn muesst' bereuen? + +Lucina (bebt zurueck). +Erkennst du Hades nicht, den selbst die Goetter scheuen? + +Kreon (bebt auch zurueck). +Du, Hades, bist's? + +Hades. Bin's selbst, der dieses Tor bewacht. + + +Lucina (Zu Kreon leise). +Er hat dich um dein Reich und um dein Volk gebracht. + +Kreon. Sind die Erinnyen taub, dass sie sich noch nicht zeigen? + +Hades. Erkennt die Siegel hier, der Orkus heisst sie schweigen. + +Lucina (jammernd zu Kreon). +O armer Fuerst, Unmoeglichkeit heisst dein Gebiet, +Aus dem die Hoffnung selbst mit banger Furcht entflieht. + (Zu Hades.) +Ja, du verdienst, dass Goetter dich und Menschen hassen, +Die Glut des ew'gen Pfuhls muss neben dir erblassen. +Doch jener blut'ge See bleib Zeuge deiner Wut! +Lucinas Goettermacht bewahret seine Glut, +Bis sich einst Jovis Bild in seinen Wellen spiegelt. +Und sein allmaecht'ger Blitz die Pforte dort entriegelt. + +Hades (mit Hohn). +O Goettin, hold und schoen, wie magst du doch so wueten, +Sieh deine Wundertat treibt neue Todesblueten, +Mich schreckt nicht Zeus, drum sei dein See verflucht. +Und wer durch seine Flut den Durst zu stillen sucht, +Der wird von dieser Stund' die Menschenbrut verachten, +Und einem Tiger gleich nach ihrem Leben trachten; +Doch nur so lang, bis er so vieles Blut vergiesst, +Als aus dem Wundersee sein durst'ger Mund geniesst. + +Lucina. Halt ein, das geht zu weit, du naechtlich Ungeheuer, +Ist dir denn nichts auf dieser schoenen Erde teuer? +Greif an den Himmel hin und raub' ihm seine Sterne, +Die Goetter selbst verjag' nach lichtberaubter Ferne, +Vernicht' auch mich, versuch's, raub' mir Unsterblichkeit, +Beginn den Kampf, fall aus, ich bin dazu bereit. + (Sie stellt sich ihm mit majestaetischer Miene gegenueber.) + +Kreon. Was klagst du, Erde, noch, ist doch vom boesen Streit +Der weite Orkus nicht, nicht der Olymp befreit. + +Hades (kalt und gleichgueltig). +Du nennst unsterblich dich, durch Schmaehung kannst du's sein. +Ich lasse mich mit dir in keinen Zweikampf ein. +Du bist ein Goetterweib, mehr braucht's nicht zu erwidern, + (Mit vornehmer Nichtachtung.) +Das heisst, du bist ein Weib und kannst mich nicht erniedern. + +Lucina (mit hoechster Wuerde). +Ich bin's, und weil ich's bin, bebt stolzer mir die Brust; +Ich bin ein Weib! des kraeft'gen Erdballs hoechste Lust! +Ein Weib! Um das der Brand von Troja hat geleuchtet. +Ein Weib! Um das des Donnrers Aug' sich mild befeuchtet; +Ein Weib! Vor dem sich tief ganz Persien gebeugt; +Ein Weib! Das einst ein Gott aus seinem Haupt gezeugt; +Ein Weib! Das durch die Welt der Liebe Zepter schwingt, +Der Lieb', die auch zu deinem Felsenherzen dringt. +Ein Weib! Das deinen Arm durch einen Kuss kann laehmen; +Das heisst: du bist ein Mann und kannst mich nicht beschaemen. + +Hades. In schoenen Worten kannst du leicht den Preis gewinnen, +Doch nur durch Mannesgeist gelingt ein gross Beginnen. + +Lucina. Wohlan, so lass uns nicht durch Elemente streiten, +Durch Flammen, Wogen, Sturm Verderben uns bereiten, +Gebrauchen wir des Witzes fein geschliffne Klinge, +Vielleicht gelingt mir's doch, dass ich den Sieg erringe. + +Hades. Was quaelt dich doch die Lust, den Orkus zu bekaempfen? +Wie leicht waer's meinem Witz, den Uebermut zu daempfen. + +Lucina (schlau). +Wenn dies dein Geist vermag, warum will er's vermeiden? +Die Goetter muessten dich um deinen Witz beneiden. +Glaub' nicht, dass im geheim die Himmlischen dich achten, +Sie schmaehn auf deinen Geist, den sie schon oft verlachten. + +Hades (mit gereiztem Ehrgeiz). +So will ich dir und den Olympschen Goettern zeigen, +Dass meine Schlauheit nicht sich ihrer List muss beugen. +Es soll dir moeglich sein, die Furchtbaren zu wecken, +Doch was ich dir befehl', musst du genau vollstrecken. +Du kannst zu seinem Sturz die Eumeniden brauchen, +Laesst du auf dem Altar ein dreifach Opfer rauchen; +Erst eine Kron', die eines Koenigs Stirn geziert, +Der nie ein Reich besass, noch eins besitzen wird. +Dann einen Lorbeerkranz von eines Helden Haupt, +Der, wenn der Lorbeer rauscht, des Mutes ist beraubt. +Und doch veruebt solch ungeheure Herkulstat, +Dass ihm der Krieger Schar den Kranz geflochten hat. +Nun kommt das dritte noch, es ist ein Diadem, +Der Eitelkeit Triumph, dass es selbst Juno naehm'. +Dies sei aus Myrthenbluet' mit Lilienschnee verwebt, +Und ruh' auf einem Haupt, das sechzig Jahre lebt. +Ein hochbetagtes Weib, mit reich verschlungnen Falten, +Muss es fuer ihren Reiz als Schoenheitspreis erhalten. +Doch Maenner nicht allein, die Mitleid kann versoehnen, +Es muessen Weiber sie mit neid'schen Blicken kroenen. +Dies sind die Dinge nur, die ich von dir begehre, +Und findest du sie aus, dann glaub', dass ich dich ehre. +Bring' sie zum Opfer hier, dann schmelzen jene Siegel, +Die Pforte donnert auf, gesprengt sind ihre Riegel, +Die Eumeniden frei, Phalarius kann fallen, +Und hoer' ich sein Gestoehn' am Acheron erschallen, +Dann nehm' die Kron' ich selbst von seiner blassen Stirn' +Und weihe dir beschaemt, verachtend mein Gehirn. + +Lucina. Beim Zeus, ich bin erstaunt! + +Kreon. Sei nicht so grausam doch, +Dass du die Moeglichkeit belegst mit solchem Joch +Du willst den Flug und kettest unsre Fluegel, +Du spornst den Gaul und engest seine Zuegel. + +Hades. Sie hat's gewollt, ich aendre meinen Ausspruch nie, +Glaubt Ihr, der Hoelle Sued zeugt keine Phantasie? +Hast du vielleicht gewaehnt, Unsterblichste der Nymphen, +Es lasse Hades sich so ungerecht beschimpfen? +Ich bin, was du so schlau gefordert, eingegangen, +Doch bleibet unerfuellt mein dreifaches Verlangen, +So sei's bei des Kozytus Trauerlauf geschworen, +Du wirst des Orkus Spott, und Kreon ist verloren. + (Geht mit Wuerde ab.) + + + +Achte Szene. +Vorige ohne Hades + + +Kreon. Verloren bin ich, ja, mein Sturz war schon vollendet, +Als sich sein Furienblick nach meinem Reich gewendet. +Das Raetsel ist nun klar, ich weiss, wie es geschah, +Mein Unglueck steht entlarvt und frech entkleidet da. +Was ist das Leben doch? wie waer' ich zu bedauern, +Wenn ich nicht sterblich waer' und muesste ewig trauern. + +Lucina. O traure nicht zu frueh, mein Geist gebaert Gedanken, +Die ihn mit Hoffnungen wie Efeu gruen umranken. +Die Goetter dulden's nicht, dass solch' ein Reich vergeht, +Wo ein so edles Volk fuer seinen Koenig fleht. + (Nachdenkend.) +Massanas Fuerst ist krank, und wird nicht mehr genesen, +Das Unglueck haust zu arg, es muss das Land verwesen; +Dann hier der blut'ge See, das kallidal'sche Schwein, +Mein Wundermittel wirkt, es kann nicht anders sein. + (Der Wolkenwagen sinkt wieder herab.) +Drum eile jetzt mit mir nach meinem Luftgefilde, +Vertausch' den Anblick hier mit einem schoenern Bilde. +Ich will durch mag'sche Kunst ein Zauberlicht bereiten, +Dann such' durch Fremdlinge den Trug ich einzuleiten; +Du aber kannst hier nichts zu deiner Rettung helfen, +Drum harrest du auf mich im Kreise meiner Elfen. + +Kreon. So gern du, Goettin, magst nach deiner Heimat ziehn, +So schmerzlich faellt es mir, die meinige zu fliehn. + (Mit tiefer Ruehrung.) +O du mein teures Reich, ich muss mich von dir trennen, +Den rauhen Felsen nur kann meine Qual ich nennen. +Wo lebt ein Koenig wohl, der solches Leid getragen, +Dass seinem Volke er kein Lebewohl darf sagen? +O Echo, dessen Schall in allen Bergen toent, +Verkuend' das Trauerwort; leb' wohl, mein Agrigent. +Nun folg' ich Goettin dir ins traumbeglueckte Land, +Verlass mein wirkliches, aus dem man mich verbannt; +Doch wenn die Wolken mir mein treues Volk verhuellen, +Wird sich des Koenigs Aug' mit heissen Traenen fuellen. +Magst du den Schmerz als kleinlich auch betrachten, +Er ist ein heil'ges Weh, du darfst ihn nicht verachten. + (Er kniet vor ihr.) + +Lucina (geruehrt die Hand auf sein Haupt legend). +Ich ehre tief dein Leid, es fuehrt dich einst zum Lohne, +Der Schmerz gehoert der Welt, drum traegt ihn auch die Krone. + (Hebt ihn auf.) +Erhebe dich mein Fuerst. + (laesst ihn in den Wolkenwagen steigen.) + Ein Thron soll dich +umrauschen. + (Die Wolke bildet einen Thronhimmel um Kreons Haupt.) +Ist mir Fortuna hold, sollst du ihn bald vertauschen. + +(unter zart klagender Musik schwingen sich beide langsam fort.) + + + +Neunte Szene. +(Romantische Gegend.) + +(Vorne links ein kleines Haeuschen mit einem Schilde, worauf eine +goldene Schere gemalt ist. Diesem gegenueber eine natuerliche +Rasenbank, von einem Baum ueberschattet. Die Musik geht nach der +Verwandlung in Simplizius' Ariette ueber.) + + +Simplizius (in buergerlicher Kleidung). +Ariette. + 's gibt wenig, die so gluecklich sind +Wie ich aus dieser Welt, +Ich hab' kein Weib und hab' kein Kind, +Und hab' kein' Kreuzer Geld. +Wenn ich auch keine Schulden haett', +Ich wuesst' vor Freud' nicht, was ich taet'. +Ich will im voraus nicht stolziern, +Mein Glueck faengt erst recht an, +Mir scheint, ich werd' mein Gwerb' verliern, +Dann bin ich praechtig dran; +Und 's Ueberraschendste wird sein, +Wenn s' kommen werdn und sperrn mich ein. + +Dann schau' ich um ein' Freund mich um, +Der in der Not mich troest', +Der macht, dass ich aus d' Festung kumm, +Da sitz' ich erst recht fest; +Und wenn s' mich dort vielleicht noch schlagn, +Das waer' ein Glueck,--nicht zum Ertragn. + +Ja, ja, mancher, der mich so reden hoert, wuerd' sagen: O je, da +kommt schon wieder einer daher, der lamentiert, dass er kein Geld +hat und voller Schulden ist und dass er soll eing'sperrt werdn. O +Jemine, das ist ein' alte G'schicht'. (Hochdeutsch.) Ja, wenn's +aber nicht anders ist, was soll man denn machen? Es ist einmal so, +ich hab' einmal kein Geld, und sie sperrn mich einmal ein, +vielleicht auch zweimal, (lokal) und wenn das so fortgeht, so komm' +ich aus dem Einsperren gar nicht mehr heraus. Ich bin ein +rechtschaffener Mann, doch von was soll ich denn zahlen? Ich bin +zwar der angesehnste Schneider hier im Ort, aber ich hab' nur eine +einzige Kundschaft, und das ist mein Glaeubiger, ein Weinhandler, +der weint um seine fuenfhundert Taler, so oft er mich anschaut. +Jetzt bin ich ihm das Geld schon sieben Jahr' schuldig, er ist aber +schon lang gezahlt, denn statt den Interessen hat er mit mir +ausgemacht, dass ich ihm alles umsonst arbeiten muesst', was in seinem +Haus ang'schafft wird. Da kommen aber die Leut' vom ganzen Dorf in +sein Haus, lassen sich das Mass nehmen, ich muss ihnen umsonst +arbeiten, und er lasst sich zahlen dafuer. Da hab' ich einen +Zimmerherrn drin--(deutet auf sein Haus, geheimnisvoll) der zahlt +auch nichts. Ist ein Schmied, ein Reimschmied, schreibt jetzt gar +ein Theaterstuck. Auf die Letzt bringt er mich noch in ein Stuck +hinein, denn ich hoer', jetzt koennen s' gar kein Stuck mehr +auffuehren, wo s' nicht was von ein' Schneider drin haben, und er +gar, er schreibt eins, das heisst "Die getrennten Brueder", das wird +doch aufs z'sam'nahn hinausgehn. Er erwartet immer das Geld von der +Post, und jetzt ist ein so ein schlechter Weg, da bleibt's halt +stecken. (Ruft zum Fenster hinein.) Guten Morgen, Monsieur Ewald, +schon wieder fleissig? Scribendum! + + + +Zehnte Szene. +Voriger. Ewald. + + +Ewald (schlaegt von innen auf den Tisch). So stoeren Sie mich doch +nicht mit Ihrem unsinnigen Geschwaetz. (Kommt heraus im einfachen +Gehrock. mit einem Manuskripte, Tinte und Feder.) Es ist nicht +moeglich, dass ich einen vernuenftigen Gedanken fassen kann, wenn Sie +in meiner Naehe sind. Gehen Sie doch hinein, ich will hier schreiben. + + +Simplizius. Schreiben Sie, wo Sie wollen und an wen Sie wollen, +aber sein Sie nicht unartig mit mir. + +Ewald. Lieber Hausherr, nehmen Sie meine Heftigkeit nicht so auf, +Sie sehen, ich bin ein Dichter, ein begeisterter Mensch. Wenn man +in Jamben arbeitet, Sie verstehen das nicht so, es sind fuenffuessige +Verse. + +Simplizius. Ja, das ist ja eben das Unglueck, wenn die Vers' eine +Menge Fuess' haben und kein' Kopf. Das tragt nichts ein, ich wollt', +ich haett' so viel Fuess', als Ihre Schlampen oder Jamben, was Sie da +schreiben, ich war' schon lang davon g'loffen, auf meine kann ich +mich nicht mehr verlassen. + +Ewald. Sie sprechen dummes Zeugs, lassen Sie mich ungestoert. (Er +setzt sich auf die Rasenbank und ueberlegt.) Der letzte Akt, mir +fehlt's an Stoff. + +Simplizius. Mir auch, wenn ich so ein paar hundert Ellen Gros de +Napel haett', ich wollt' Ihnen Ihre Getrennten schon herausstaffiern. + + +Ewald. Nun hab' ich aufhoeren muessen. Jetzt ist der ganze Dialog +zerrissen. + +Simplizius. Ich wollt', es waer' alles z'rrissen, so krieget ich +doch ein' Arbeit. + +Ewald (aufspringend). Aber lieber Meister, wenn Sie einen Rock +zuschneiden, so wuenschen Sie doch ungestoert zu sein. + +Simplizius. Nun, Sie werd'n doch erlauben, dass es ein' andere +Aufgab' ist, wenn ich einen Rock zuschneid', als wenn Sie da eine +halbe Stund' nachdenken, und hernach fallt Ihnen erst nix ein. Wenn +Sie einen Vers um ein paar Ellen zu lang machen, so streichen Sie +s' halt weg, aber wenn ich einen Aermel um eine halbe Ellen zu kurz +mach', (er streift seinen Rockaermel hinauf) was g'schieht denn +hernach? + +Ewald (stampft mit dem Fusse). Zum letzten Male rat' ich es Ihnen, +mich ungestoert zu lassen, oder Sie werden mich wuetend machen. + +Simplizius (verschroben). Nu, nu, nur nicht so heftig, meine +schwachen Nerven bitt' ich zu verschonen. Ueberhaupt zwingen mich +verhaeltnislose Umstaende, mit Ihnen tragisch zu reden. Ich kann zwar +nichts gegen Sie sagen, Sie sind ein ordentlicher Mann, Sie bleiben +mir meinen Zins schuldig, wie es sich g'hoert. Aber Sie sind ein +Dichter, der sehr schoene Ideen hat, warum kommt Ihnen denn nicht +auch die Idee, mich zu bezahlen? + +Ewald. Sie sollen Ihr Geld erhalten. + +Simplizius. Ja wann? ich werd' heut noch eing'sperrt. + +Ewald. Warum? + +Simplizius. Weil ich blessiert bin und nicht ausrucken kann. +(Deutet aufs Zahlen.) Wenn aber das geschieht, wenn sie mich +einsperrn, Herr von Ewald--Sie sind mir schuldig, ich gebrauch' +mein Recht, Sie muessen zu mir hinein. Wir sind Maenner, wir werden +unser Schicksal zu ertragen wissen. (Geht gravitaetisch ab ins Haus.) + + + +Elfte Szene. + + +Ewald (allein). Ha, ha, ha, ein gutmuetiger Mensch, wenn er nur +nicht so unertraeglich einfaeltig waere, mich dauert seine missliche +Lage. Morgen erhalte ich die Haelfte meines Honorars, davon will ich +ihn unterstuetzen. Doch jetzt sei wirksam, Geist. (Dichtend.) +Sechzehnte Szene, Gefaengnis, Artur allein. + +Warum muss ich im finstern Turm hier hausen, +Um den des Meers geschaeftige Wellen brausen; +Ach, waehrend Liebe stillt ihr froh Verlangen, +Haelt mich der Hass hier trauervoll gefangen. +O Schutzgeist, der du meinem Traum dich zeigst +Und sanft dein Haupt zu mir hernieder neigst, +Leit' mich aus meines Kerkers duestern Bann, +Dass ich statt nutzlos sinnen, handeln kann. + + + +Zwoelfte Szene. +Voriger. Lucina ist waehrend Ewalds Rede unter sehr leisen sanften +Toenen auf Wolken niedergesunken. Ein Genius traegt eine Fackel. + + +Lucina. Wenn du willst des Gedichtes Sinn auf dich beziehn, +So kann ich deines Wunsches regen Drang erfuellen, +Du sollst mit mir nach weit entfernten Landen ziehn +Und des Verlangens Glut im Tatenstrome kuehlen. +Zu hohem Werken hab' ich deinen Mut erkoren, +Weil ich dein Herz und deinen Geist als rein ersehn. + +Ewald. O glanzentzuecktes Aug', zu seltnem Glueck geboren, +Dass du so holder Goettin Reize darfst erspaehn. + +Lucina. Erstaune nicht, entwirf kein Bild von meinen Reizen, +Du bist zur Rettung eines maecht'gen Reichs erwaehlt, +Der Auftrag sei genug, um mit der Zeit zu geizen, +Drum werd' dir auch von mir das Noet'ge nur erzaehlt. +Dich sollen Wolken nach Massanas Strande tragen, +Ein Land, in welchem Unglueck heult in jedem Haus, +Und das vom Meer verschlungen wird in wenig Tagen, +Dort gibst du dich fuer einen Weisen aus, +Entstammend aus Aegyptens heil'gen Pyramiden, +Der nach Massana kommt, um dieses Land zu retten. +Und wenn der Koenig enden will den Lauf hienieden, +Vergoldest du des Todes fuerchterliche Ketten +Und forderst erst fuer diesen Dienst des Reiches Krone. + +Ewald. Wodurch ich dies vollbring', kann ich noch nicht ergruenden. + +Lucina. Nimm diese Fackel hier, sie flammt in jeder Zone, +Wenn du sie kraeftig schwingst, wird sie sich selbst entzuenden, +Den Gegenstand, auf den du ihren Strahl willst leiten, +Wird zephirleicht in ihrem Zauberlicht verrinnen, +Narkot'sche Wohlgerueche um sich her verbreiten, +Und die Gestalt, die du ihm leihen willst, gewinnen. +Er wird im wundervollsten Rosenlicht sich zeigen, +Wie ihn die zartste Phantasie nur koennte malen, +Dass sich die Herzen alle liebend vor ihm beugen, +Und sanfte Ruehrung wird aus jedem Auge strahlen. + (Gibt ihm die Fackel.) +Verwahr' sie wohl, du wirst sie einst noch dankbar preisen, +Wenn troestet dich ihr welterfreunder Wunderschein, +Doch nicht allein darfst du die Rettungsbahn durchreisen, +Dem kuehnen Mut muss bange Furcht zur Seite sein. +Du wirst wohl selbst wo einen feigen Duemmling kennen, +Den eines Sperlings leises Rauschen schon erschreckt. + +Ewald. Da kann ich dir, o Goettin, keinen bessern nennen, +Als jenen Mann, der sich vor deinem Anblick scheu versteckt. + (Deutet auf Simplizius ins Haus.) + +Lucina. Nun wohl, du magst mit ihm die Sache selbst verhandeln. + +Ewald. Er ist mir schon gewiss, ich weiss, was ihn bewegt. + +Lucina (zeigt auf einen Fels). +Die Fackel wird den Stein in leichten Nebel wandeln, +Der euch im schnellen Flug durch blaue Luefte traegt. +Du uebst, wie ich's befahl. + +Ewald. Dies kann ich hoch +beteuern. + +Lucina. Wohlan, ich will voraus hin nach Massana steuern. + (Fliegt ab.) + + + +Dreizehnte Szene. +Ewald (allein.) + + +Dies ist ein Auftrag doch, der eines Dichters wuerdig, +Weil echte Poesie nach einer Krone strebt, +Selbst Goettern ist durch hohen Schwung sie ebenbuertig, +Der ueber Sonnen sie zu Jovis Thron erhebt. +Mein Geist ist klein, mein Wirken nur ein ungeweihter Traum. +Drum wird die Kron', die ich heut wage zu begehren, +In Nichts zerfliessen, wie der Woge fluecht'ger Schaum, +Nur dass ich sie gewollt, wird mir noch Lohn gewaehren. +Und wer wird nicht mit Lust von goldnen Dingen traeumen, +Kann er darueber arme Wirklichkeit versaeumen? + (Ab ins Haus.) + + + +Vierzehnte Szene. +(Kurzes Zimmer mit schlechten Moebeln, ein Tisch mit Schreibgeraete, +an der Wand haengen einige schlechte Kleidungsstuecke, Mass und ein +paar abgeschabte Bilder. Rechts eine Seitentuer, links ein kleines +Fenster.) + + +Simplizius. Jetzt wird's nicht mehr lang dauern, so wird die +achtzigpfuendige Kanone meines Ungluecks losgehn. Vor Angst krieg' +ich noch das gelbe Fieber, das schwarze hab' ich so in allen +Taschen schon. Wie spaet wird's denn schon sein. Ich koennt's gleich +wissen, ich duerft' nur auf die Uhr schauen, die ich vor zwei Jahren +versetzt hab'. Um halb zwoelf Uhr kommt der Weinhandler, der wird +mich anzapfen um sein Geld, und wenn ich ihn nicht zahlen kann, so +heisst es; Marsch nach Kamtschatka. + + + + +Fuenfzehnte Szene. +Voriger. Ewald. + + +Ewald. Freude, Freude, lieber Simplizius! + +Simplizius. Ja, ja, das wird eine mordionische Freud' werden, bei +Wasser und Brot. + +Ewald. Nein, lieber Simplizius, wir wollen fort von hier in ein +fernes Reich. + +Simplizius. Ins Reich hinaus? Da war ich schon, im Nuernbergischen. + +Ewald. Nicht doch, eine reizende Goettin hat mich und Sie zur +Rettung eines Koenigreichs bestimmt. + +Simplizius. Mich? + +Ewald. Ja. Sie. Goldgesaeumte Wolken werden uns dem gemeinen Leben +hier entruecken und uns in ein herrlich Land hintragen. Lassen Sie +Ihren Glaeubiger hier rasen, er hat ja ohnehin nichts mehr zu +fordern. Machen Sie sich reisefertig, Sie sind zu grossen Dingen +bestimmt. + +Simplizius. Zu was fuer ein'? + +Ewald. Das weiss ich nicht, ich weiss nur, dass es eine Krone gilt. + +Simplizius. Und die soll ich erretten? Nun, das wird gut ausfallen. +Sie verkennt mich. + +Ewald. Nein, sie hat Sie ja gesehen und Ihren Mut belobt. + +Simplizius. Die Goettin? Ah, das ist goettlich! Aber weiss sie denn, +dass ich-- + +Ewald. Was? + +Simplizius. Nu. (Macht die Pantomime des Naehens.) + +Ewald. Versteht sich, alles weiss sie. Kommen Sie nur. + +Simplizius. Ich soll ein Land erretten? Ich kann mir's gar nicht +anders vorstellen, als dass das Land durch Unruhen zerrissen ist, +und ich muss's zusammenflicken. Oder sie fuerchten sich, dass das Land +erfriert, und ich muss ihm einen Pauvre machen. Und auf einer Wolken +sitzen wir, da fallen wir ja durch. + +Ewald. Bewahre, sorgen Sie sich nicht. + +Simplizius. Nun Sie, wenn wir heut durchfalleten, das waer' weiter +keine Schand'. Mir ist jetzt schon, als wenn ich aus den Wolken +g'fallen waer'. + +Ewald. Ich steh' Ihnen fuer alles. + +Simplizius. O, Sie sind ein gutes Haus. Was haben S' denn da fuer +eine vergossne Kerzen? + +Ewald. Das ist eben unsere Wunderfackel. Was ich durch sie +bestrahlt wissen will, erscheint nach meinem Wunsche in der +herrlichsten Gestalt, und rosiger Nebel wird das Auge eines jeden +lieblich taeuschen. + +Simplizius. Was sie jetzt alles erfinden, um die Leut' hinters +Licht z' fuehren, das geht ueber alles. Na wegen meiner, ich bin +dabei, ich sitz' doch lieber auf einer Wolken als im Arrest. Also +gehn wir. (Sieht durchs Fenster.) Ums Himmels willen, dort kommt +der Weinhandler, und zwei Schutzgeister hat er bei ihm, mit +klafterlange Spiess'. + +Ewald. Fatale Sache, was beginn' ich jetzt? + +Simplizius. Monsieur Ewald, mir fallt aus Angst etwas ein. +Probieren wir die Fackel, richten wir das Zimmer praechtig ein, +tapezieren wir's aus. Vielleicht bekommt der Weinhandler einen +Respekt und glaubt, er kriegt sein Geld. Warten Sie, ich sperr' die +Tuer indessen zu, dass er nicht gleich herein kann. (Tut es.) Wenn er +nur unterdessen abfuehr'. bis wir ihm ganz abfahren. + +Ewald. Kein uebler Gedanke, das geht nicht so leicht, er wird fragen, +wo wir die schoenen Moebel her haben. Dann wird ihm die Fackel +auffallen. Still! + +Riegelsam (klopft von aussen). Nur aufgemacht. Ich weiss, dass Er zu +Hause ist. + +Simplizius. Gleich, gleich. (Heimlich.) Was tun wir denn? + +Ewald (ebenso). Geben Sie mich fuer einen Englaender aus, dem die +Moebel gehoeren, und der fuer Sie zahlen will. + +Riegelsam. Ich schlag' die Tuer ein, wenn Er nicht aufmacht. + +Simplizius. Richtig, fangen Sie nur zum moeblieren an. (Ruft.) Nur +warten. + +Riegelsam. Warten? Du verdammter Bursch', wart' du auf meinen Stock, + wenn ich hineinkomm'. + +(Ewald hat indessen die Fackel geschwungen, die sich selbst +entzuendet.) + +(Musik.) + +Auf einen Schlag verwandelt sich das schmutzige Zimmer in ein +herrlich gemaltes und reich moebliertes. Grosse Gemaelde mit goldenen +Rahmen, nebst einer schoenen Wanduhr praesentieren sich. So +verwandeln sich auch die Tueren, das Fenster, Tisch und Stuehle. Das +ganze zeigt sich jedoch im bleichen Rosenlichte + +Simplizius. Mich trifft der Schlag, das wird doch ein schoener +Betrug sein. Ich gluecklicher Mensch, das g'hoert alles nicht mein. + +Ewald (steckt die Fackel an die Wand, wo der Schreibtisch steht, +setzt sich schnell und stuetzt das Haupt auf die Hand). Nun oeffnen +Sie, sagen Sie, ich dichte und wollte ungestoert bleiben, und Sie +haetten geschlafen. + +Riegelsam. Brecht das Schloss auf. (Sie schlagen an die Tuer, +Simplizius oeffnet.) + +Simplizius. Ist schon offen. + + + +Sechzehnte Szene. +Vorige. Riegelsam (ein sehr dickleibiger Mann von heftigem +Temperament). + + +Riegelsam (noch in der Tuer). Aufmachen kann er nicht, aber Schulden +machen kann er. Wart', du verdammt--(er tritt herein, zwei +Gerichtsdiener halten an der Tuer Wache, Riegelsam steht erstarrt.) +Was ist das fuer eine malizioese Pracht? Ich erstaune. Wem gehoert das +Amoeblement? + +Ewald (rasch aufspringend). Mir! + +Riegelsam. Ihnen? Ah, allen Respekt. + +Ewald. Also schliessen Sie Ihren Mund. (Setzt sich nieder und +schreibt fort.) + +Riegelsam.. Was Mund schliessen? Um fuenfhundert Taler kann man den +Mund gar nicht weit genug aufmachen. + +Simplizius. Wenn er nur die Mundsperr' bekaem', dass er ihn gar nicht +mehr zubraecht'. + +Riegelsam. Nichts wird g'schlossen, als der--(auf Simplizius +deutend) der wird g'schlossen--kreuzweis'. Wie steht's, +liederlicher Patron, wird gezahlt oder nicht? + +Simplizius. Ja, es wird gezahlt. + +Riegelsam. Wer zahlt? + +Simplizius. Ich nicht. + +Riegelsam. Gerichtsdiener! (Sie treten vor.) + +Ewald. Halt! (Springt auf.) Ich bezahle. (Setzt sich wieder und +schreibt.) + +Riegelsam. Wirklich? Allen Respekt. Wer ist dieser Herr? + +Simplizius. Ein vacierender Lord. + +Riegelsam. Und wohnt in diesem miserablen Haus? + +Simplizius. Spleen. + +Riegelsam. Warum schreibt er denn bei einer Fackel am hellichten +Tag? + +Simplizius. Spleen. + +Riegelsam. Und was krieg' ich denn fuer meine Schuld? + +Simplizius. Spleen. + +Riegelsam. Geh Er zum Henker mit seinem Spleen. (Beiseite.) Wenn +ich nur die schoenen Moebel haben koennt', ich bin ganz verliebt in +sie. (Laut.) Also was soll's sein? Entweder meine fuenfhundert Taler, + oder ich lass' das Zimmer ausraeumen. + +Simplizius. Da kriegt er auch was rechts. + +Ewald. Herr, unterstehen Sie sich nicht, sich meines Eigentumes zu +bemaechtigen. In diesem Zimmer bin ich Herr, weil ich es gemietet +habe, und wenn Sie es nicht zur Stelle verlassen, so werd' ich mein +Hausrecht gebrauchen und Sie zum Fenster hinauswerfen. + +Riegelsam. Welch eine Behandlung? Was soll das sein? (Sieht +Simplizius fragend an.) + +Simplizius (gleichgueltig). Spleen. + +Riegelsam. Halt' Er sein Maul mit seinem verflixten Spleen. Sie +haben sich angeboten zu bezahlen, tun Sie es, ich bin bereit. + +Ewald. Ich noch nicht, in einer Stunde sollen Sie Ihr Geld erhalten, + ich erwarte die Post. Entfernen Sie sich jetzt und kommen Sie in +einer Stunde wieder. + +Riegelsam. Hat auch kein Geld, nichts als Spleen. + +Simplizius. Ein splendider Mann. + +Riegelsam. Aber die schoenen Moebel, diese herrlichen Moebel. Gut, ich +geh', aber die Wach' bleibt hier. + +Simplizius Ich seh' mich schon im Loch. + +Ewald. Impertinent, den Augenblick mit der Wache fort, oder Sie +bekommen keinen Heller von Ihrer Schuld. + +Riegelsam. Nicht? So lass' ich ihn einsperren. (Auf Simplizius +zeigend.) + +Ewald. Nur fort mit ihm, das ist das beste, was Sie tun koennen. + +Simplizius (erschrocken). So ist's recht, das waere schon das beste +bei ihm. + +Riegelsam (beiseite). Es ist ihm nicht beizukommen, ich moecht' +rasend werden. Aber die schoenen Moebel allein koennten mich verfuehren. + + +Simplizius. Ah, wenn Sie s' erst im rechten Licht sehen werden, +denn sein' Fackel blendt einen ja. + +Riegelsam. Sind sie da noch schoener? + +Simplizius. O, da kann man sie gar nicht sehn vor lauter Schoenheit. + +Riegelsam. Gut, die Wach' soll sich entfernen, unter der Bedingung, +dass Sie mir diese Moebel verschreiben. + +Simplizius (heimlich erfreut). Beisst schon an. + +Riegelsam. Wenn ich in einer Stunde mein Geld nicht erhalte, +gehoeren sie mir. + +Simplizius (heimlich freudig). Haben ihn schon! + +Ewald. Mein Wort darauf. + +Riegelsam. Nichts, das muss schriftlich sein, nur aufsetzen, alles +schriftlich. + +Simplizius (heimlich). G'hoert schon uns! + +Ewald (schreibt). Also alles was sich in diesem Zimmer befindet? + +Simplizius Bis auf uns, denn er waer' imstand, er nehmet uns auch +dazu. Das ist gar ein Feiner. + +Riegelsam. So ein miserables Moebel, wie Er ist, kann ich nicht +brauchen. Still. Euer Hoheit geruhen zu unterschreiben. + +Ewald. Hier. + +Riegelsam. Auch der Schneider. + +Simplizius (tut es fuer sich). Du wirst dich schneiden. + +Riegelsam (frohlockend). Bravo, jetzt bin ich in Ordnung. + +Simplizius. Das ist ein gluecklicher Kerl, jetzt hat er einen Fang +gemacht. + +Riegelsam (zur Wache). Ihr koennt nach Hause gehn. + +(Wache ab.) + +Simplizius. Ah, weil nur die Garnierung von der Tuer' weg ist. + +Ewald. Nun gehen Sie auch! + +Riegelsam. Ich? Was fallt Ihnen ein, ich bleib' hier, bis das Geld +ankommt. + +Ewald. Welch eine Eigenmaechtigkeit! Ich muss fort, das Geld zu holen, + ich habe Eile. + +Simplizius. Freilich, bei uns geht's auf der Post. (Fuer sich.) Wir +fahren ja ab. + +Riegelsam. Das koennen Sie machen, wie Sie wollen. (Setzt sich in +einen Stuhl.) Mich bringt einmal niemand aus diesem Zimmer fort. +Ich muss meine Moebel bewachen, kein Stueck darf mir davon wegkommen. +Tausend Element! + +Ewald (zu Simplizius heimlich). Das ist eine schoene Geschichte, was +tun wir jetzt? + +Simplizius. So lassen S' ihn sitzen, wir nehmen unsre Fackel, gehn +hinaus, sperren ihn ein und er soll seine Moebel bewachen. + +Ewald. Ein delikater Einfall. (Nimmt die Fackel von der Kulisse.) +Nun wohl, bleiben Sie hier und haften Sie mir fuer alles. + +Simplizius. Und geben Sie acht, dass Ihnen nichts wegkommt, sonst +muessen Sie's zahlen. + +(Ewald und Simplizius gehen schnell hinaus und sperren die Tuer zu. +Wie die Fackel ans dem Zimmer ist, verwandelt sich dasselbe wieder +in die arme Stube.) + + + +Siebzehnte Szene. +Riegelsam (allein, springt auf und sagt im hoechsten Erstaunen). +Blitz und Donner, was ist das fuer eine Bescherung? Bin ich in eine +Zauberhoehle geraten? Wo sind die Moebel hingekommen? Die schoene Uhr, +die herrlichen Bilder. Alles ist fort, Fetzen sind da. (Zerreisst +die Kleider.) Nichts als Fetzen sind da und die Lumpen sind fort. +Ha! Ich muss ihnen nach.--Die Tuer ist verriegelt, ich kann nicht +hinaus, ich erstick' vor Wut. Meine fuenfhundert Taler. (Sinkt in +den Stuhl.) + + +Simplizius (sieht zu dem kleinen Fenster herein). Freund, die sind +verloren. + +Riegelsam. O du Hexenmeister, wirst du hereinkommen! Schaff' mir +meine Moebel her! + +Simplizius. Wollen Sie s' nochmal sehn? (Haelt die Fackel zum +Fenster herein.) Da sind sie! (Das Zimmer wird wie vorher reich +moebliert.) + +Riegelsam (stuerzt mit ausgebreiteten Armen darauf hin). Halt, jetzt +lass' ich sie nicht mehr aus. + +Simplizius (zieht die Fackel zurueck). + +(Schnelle Verwandlung.) + +Simplizius. Halten Sie s' fest.--So raecht sich Simplizius, der +Verschuldete. + + + +Achtzehnte Szene. +Riegelsam (der bei der Verwandlung betroffen zurueckfuhr, springt +nun wuetend auf das Fenster zu, welches Simplizius ihm vor der Nase +zuschlaegt). Spitzbuben! Gesindel! Raeuber! Moerder! Dieb'! (Schlaegt +die Fensterscheiben ein.) Ich zerplatz' vor Zorn. Ich muss ihnen +nach. (Will zum Fenster hinaus und bleibt stehen.) Ich kann nicht +durch, ich bin zu dick, ich erstick'! Was seh' ich! O hoellische +Zauberei, sie fliegen auf einer Wolken davon. Die praechtigen +Kleider, der Schneider strotzt vor Silber, wenn ich s' ihm nur +herabreissen koennt'. Meine fuenfhundert Taler. Ich werd' unsinnig, +ich spreng' mich in die Luft. Nein, ich spreng' die Tuer' ein. (Er +tut es.) Hilfe! Hilfe! Raeuber! Dieb'! Wache! (Ab.) + + + +Neunzehnte Szene. +(Grosser Platz in Massana, im griechischen Stil erbaut. Seitwaerts +der koenigliche Palast. Stufen fuehren aufwaerts, auf welchen der +Genius des Todes, ein bleicher Juengling mit der umgekehrten +ausgeloeschten Fackel, mit geschlossenen Augen sitzt. Viele Personen +in Trauer, viele nicht, gehen haenderingend herum ueber die Strasse.) + +Kurzer Chor. +Jammer, sag', wann wirst du scheiden, +Von Massanas Ungluecksflur; +Grosse Goetter, hemmt die Leiden, +Eure Macht vermag es nur. + + +(Gehen trauervoll ab.) + + + +Zwanzigste Szene. +Lucina (kommt und betrachtet mit Wehmut den Palast). Genius des +Todes. + +(Die ganze Szene muss von beiden Seiten langsam und feierlich +gesprochen werden.) + + +Lucina. +Mich erfasst ein widrig Schauern, +Blick' ich auf dies Trauerschloss. +Schon seh' ich den Juengling lauern, +Armer Fuerst, dein Leid ist gross. +(Mit erhobener Stimme.) +Du, des Todes Genius, +Magst durch Antwort mich begluecken; +Wirst du heut den eis'gen Kuss +Auf Massanas Lippen druecken? + +Genius des Todes +(hebt sein Haupt, stets bleibt die Fackel gesenkt. Spricht kalt und +ernst im tiefen Tone). + +Wenn die Nacht den Tag verjagt +So heischt's Hades Rachesinn, +Hat Massana ausgeklagt. +(Kurze Pause.) + Rauscht das Meer darueber hin. +Lucina. + Und wie wird der Koenig enden, +Wirst du freundlich ihn umfahn? +Genius des Todes. + Hades kann nur Schrecken senden, +Duester wird sein Ende nahn. +Lucina. + Wehmut seufzt aus deiner Kunde +Und doch frommt sie meinem Plan, +Mich beglueckt die Ungluecksstunde, +Wenn ich dich erweichen kann. +Schenk' das Leben mir von zweien, +Die nicht Hades Fluch getroffen, +Die nicht an die Zahl sich reihen, +Die Erbarmen nicht zu hoffen. +Genius des Todes (laechelnd). + Nimm das Leben hin von zweien, +Du entziehst mir's dennoch nicht. +Lucina. + Moechtest du mir noch verleihen, +Dass Heraklius' Auge bricht, +Eh' des Landes Festen beben. +Genius des Todes. + Eh' den Turm noch kuesst die Well', +Lischt des kranken Koenigs Leben. +Lucina. + Doch Massana muss dann schnell, +Eh' die Zeit Sekunden raubt, +In dem Augenblick versinken, +Wo auf einem fremden Haupt, +Wird des Koenigs Krone blinken. +Genius des Todes +(laesst das Haupt sinken und +sagt dumpf und langsam). + Wird versinken. +(Pause, dann noch mit gesenkten Haupte) + Lass mich lauschen. +Lucina. + Ist dein Aug' zum Schlaf erlahmt? +(Gejammer in der Szene, mehrere Stimmen: Hilf, er stirbt.) +Genius des Todes. + Hoerst du's rauschen? +(Hebt das Haupt.) + Dorthin ruft mein eisern Amt. + + +(Er steht auf, sein Haupt ist etwas gebeugt, die rechte Hand +streckt er gegen den Ort, wo der Schall hertoent, als zeigte er hin, +die linke haengt, die umgestuerzte Fackel haltend, gerade herab, so +eilt er gemessenen Schrittes in die Kulisse, doch auf die +entgegengesetzte Seite des Palastes.) + +Lucina (blickt gegen Himmel) + Goetter, die ihr gnaedig waltet +Und doch unbegreiflich schaltet! + +(Geht langsam auf die entgegengesetzte Seite ab.) + + + +Einundzwanzigste Szene. +Thestius, Epaminondas (mehrere Einwohner von Massana kommen von der +Seite, wo der Genius abgeschritten ist). + + +Thestius. Ist aus mit ihm, ist stumm; die Goetter haben seinen Mund +geschlossen. + +Epaminondas. Ein sonst so sanftes Ross, und schleudert ihn herab, +dass von dem Fall die Erde donnert. (Die Weiber weinen.) So heult +doch nicht, seid ihr's nicht schon gewohnt? Seit sieben vollen +Jahren hat Unglueck hier im Lande sich gelagert und ueber diese Stadt +sein schwarzes Zelt gespannt. Ich bin schon stumpf gemacht, mich +kann's nicht ruehren mehr, wenn meines Nachbars Dach auf seinen +Schaedel stuerzt. Nur Weiber koennen sich an so was nicht gewoehnen. + +Thestius. O Hades, ungerechter Fuerst der Unterwelt, der du aus +Rache, weil Massana nicht den Koenig hat gewaehlt, den du durch deine +unterirdischen Orakel ihm bestimmen liessest, das arme Reich mit +Uebel aller Art verfolgst; so dass wir wie auf nie betretnem +Eisgeklueft, nicht einen Schritt auf breiter Strasse tun, wo nicht +Gefahr des Lebens mit verbunden ist. + +Epaminondas. Seht, was laeuft das Volk zusammen? Zwei Fremde bringen +sie. + +Thestius. Die sind so selten jetzt im Lande, als ob sich Kometen +zeigten. Hypomedon fuehrt sie. + + + +Zweiundzwanzigste Szene. +Vorige. Hypomedon, Ewald und Simplizius, beide im aegyptischen +Kostueme. + + +Hypomedon. Endlich haben wir wieder das Glueck, zwei Fremdlinge in +unserer Stadt zu sehen. Staunt, aus Aegypten kommen diese Leute gar, +um bei uns Verachtung des Lebens zu lernen. + +Ewald. Sei gegruesst, Volk von Massana, ich habe Wichtiges in deinem +Reiche zu verhandeln. + +Simplizius. Zu verhandeln, sagt er, auf die Letzt' halten s' uns +fuer Juden. + +Thestius. Seid uns gegruesst, wir bedauern euch. + +Simplizius (macht grosse Augen). Der bedauert uns. + +Thestius. Euch haben boese Sterne in das Land geleitet. + +Simplizius. Ach warum nicht gar, wir sind ja beim helllichten Tag +ankommen. + +Ewald (nimmt ihn auf die Seite). Sein Sie nicht so gemein, tun Sie +vornehm, klug, bescheiden und druecken Sie sich in bessern Worten +aus. + +Simplizius. Das muessen Sie mir schriftlich geben, denn so kann ich +mir das nicht merken. + +Ewald. Glaubt nicht, dass ich der Pyramiden geheimnisvollen +Aufenthalt umsonst verliess, ihr werdet die Gestirne hoch verehren, +die nach Massana mir geleuchtet, denn fromme Goetter haben mich zu +euch gesendet. + +Thestius. So preisen deine Sendung wir. Dein Aug' ist sanft, und +edel deine Haltung, dein Antlitz floesst Vertrauen ein, und deine +kuehn gewoelbte Stirn mag wohl ein Thron der hoechsten Weisheit sein. + +Simplizius. Nein, was s' an dem alles bemerken, das waer' mir nicht +im Schlaf eing'fallen. Einen Thron hat er auf der Stirn, und da +sitzt die Weisheit d'rauf. (Macht die Pantomime des Niedersetzens.) +Jetzt, was werden s' erst auf meiner Stirn' alles sitzen sehn? + +Thestius. Willst du mein Unglueckshaus zur Wohnung dir erwaehlen, so +folge meinem scheuen Tritt, doch lass die Vorsicht emsig pruefen +deinen Pfad und Besorgnis ueber deine Schultern schaun. (Verbeugt +sich tief.) + +Ewald. Mein Dank gruesst deines Hauses Schwelle, mit frohem +Hoffnungsgruen wird dir der Gast die Hallen schmuecken. Simplizius, +folge bald! (Geht mit Anstand a, Thestius folgt.) + + + +Dreiundzwanzigste Szene. +Vorige, ohne Ewald und Thestius. + + +Simplizius (sieht ihm erstaunt nach). Ich empfehl' mich ihnen. Ah, +was die Weisheit fuer eine langweilige Sach' ist, das haett' ich in +meinem Leben nicht gedacht. Ich will einmal lustig sein. (Tut nobel +zu Epaminondas.) Sagen Sie mir, mein edelster Massanier, was gibt +es denn fuer Spaziergaenge hier? + +Epaminondas. Der betretendste Weg fuehrt ins Elend. + +Simplizius. So? Das muss eine schoene Promenade sein. + +Hypomedon. Du wirst sie schon noch sehen. + +Simplizius. Ich freu mich schon d'rauf. Haben Sie auch ein Theater? + +Epaminondas. O ja. (Seufzend.) Massana heisst der Schauplatz. + +Simplizius. Was wird denn da aufgefuehrt? + +Hypomedon. Ein grosses Trauerspiel. + +Simplizius. Von wem? + +Epaminondas. Ein Werk des Orkus ist's. + +Simplizius. Den Dichter kenn' ich nicht, muss ein Auslaender sein. + +Hypomedon. Es waehrt schon sieben Jahre. + +Simplizius. O Spektakel, da muss einer ja drei-, viermal auf die +Welt kommen, bis er so ein Stueck sehn kann. Wer spielt denn mit? + +Epaminondas. Das ganze Volk. + +Simplizius. Also ein Volkstheater. Und wer schaut denn zu? + +Epaminondas. Die Hoelle. + +Simplizius. Da muss ja eine Hitz' im Theater sein, die nicht zum +aushalten ist. Ueberhaupt scheinen die Leut' hier nicht ausg'lassen +lustig z' sein. Warum weinen denn die Fraun da? + +Eine Frau. Wir beweinen euer Schicksal. + +Simplizius. Unser Schicksal? Was haben denn wir fuer ein Schicksal? +Wen tragen s' denn da? (Sieht in die Kulissen.) + +Hypomedon. 's ist nur einer, den ein Ross erschlagen hat. + +Simplizius. Erschlagen hat's ihn nur? O, da reisst er sich schon +noch heraus, hier ist eine g'sunde Luft. Wer wohnt denn in dem +grossen Haus? + +Hypomedon. Das steht leider leer, die Leute sind alle +herausgestorben. + +Simplizius. Warum nicht gar? Was hat ihnen denn g'fehlt? + +Epaminondas. Nu, es ist eine eigene Krankheit, es ist nicht gerade +ein gelbes Fieber-- + +Simplizius. Nu, wenn es nur eine Farb' hat, ich bin mit allen +z'frieden. (Sieht auf die entgegengesetzte Seite in die Kulisse.) +Sie, da tragen s' ja schon wieder einen? + +Epaminondas. Das geht den ganzen Morgen so, heut ist ein +gefaehrlicher Tag, Ihr duerft Euch in acht nehmen. + +Simplizius. In acht nehmen? Ja, haben Sie denn etwa die Pest? + +Epaminondas. Nu, jetzt nicht mehr so sehr. + +Simplizius. Nicht mehr so sehr? Hoeren Sie auf, mir wird voellig +angst. Ich bitt' Sie, mein lieber--wie heissen Sie? + +Epaminondas. Epaminondas. + +Simplizius. Epaminondas? Das ist auch ein so ein g'faehrlicher Nam'. +Also, mein lieber Epaminondas, haben Sie die Guete und fuehren Sie +mich wohin, dass ich eine Aufheiterung hab', denn ich bin sehr +miserabel. + +Epaminondas. Ich will dich an einen Ort fuehren, wo du vielleicht +Bekannte findest. + +Simplizius.. O, das waer' praechtig. Wohin denn? + +Epaminondas. In die Fremdengruft; dort liegen alle Fremden begraben, +die seit sieben Jahren in unsere Stadt gekommen sind. + +Simplizius. Alle, ohne Ausnahm'? + +Epaminondas. Ja, ja, alle; du kannst dir gleich dort einen Platz +bestellen. + +Simplizius. Einen Platz soll ich mir bestellen, wie auf einem +G'sellschaftswagen? Sie wahnsinniger Mensch, was fallt Ihnen denn +ein? Was ist denn das fuer ein Land? Das ist eine wahre Marderfallen, +wo man nicht mehr hinaus kann. Und das erzaehlen Sie einem noch, +Sie abscheul-- wie heissen S'? Ich habe Ihnen schon wieder vergessen. + +Epaminondas (wild). Epaminondas. + +Simplizius. Der Nam' bringt einen allein schon um. So widerrufen +Sie doch, Epaminondas, wenn Sie nicht wollen, dass mich die Angst +verzehrt. + + + +Vierundzwanzigste Szene. +Vorige. Sillius eilig. + + +Sillius. Helft, helft, es steht ein Haus in Flammen! + +Alles (laeuft ab). Hilfe, rettet, fort! + +Epaminondas (lacht). Haha, die Toren loeschen dort und jammern sich +bei fremdem Unglueck krank. Da lach' ich nur, ich bin ein Stoiker, +wer raubt mein Glueck? + + + +Fuenfundzwanzigste Szene. +Vorige. Argos eilig. + + +Argos. Du sollst nach Hause kehrn, Epaminond', dein Sohn ist tot. + +Epaminondas (die Haende jammernd ringend). Mein Sohn! Mein Sohn! O +ungluecksel'ger Tag! Ich ueberleb' ihn nicht! (Stuerzt mit Argos ab.) + + + +Sechsundzwanzigste Szene. +Simplizius allein, dann zwei Diener des Thestius. + + +Simplizius (zittert am ganzen Leibe). Schrecklich, schrecklich! +Stirbt schon wieder eine Familie aus. Der Stoiker ist g'straft fuer +seinen Uebermut. Mich fangt eine Ohnmacht ab. (Setzt sich auf die +Stufen des Palastes.) Wo werden s' da Hofmannische Tropfen haben? +Hilfe, Ohnmacht, Hilfe! + +Diener (aus dem Hause). Du moechtest hinaufkommen, Fremdling, dich +zu laben. + +Simplizius (matt). Laben? Das ist die hoechste Zeit, dass Sie mich +laben. Ich komm' schon, nur voraus. + +Diener. Doch nimm dich wohl in acht, die Treppe ist sehr steil, es +haben sich drei Hausgenossen schon das Bein gebrochen. + +Simplizius (in hoechster Angst). Ums Himmels willen, das nimmt ja +gar kein End'. (Die Knie schnappen ihm zusammen.) Ich trau' mich +gar nicht aufzutreten mehr. Fuehrt's mich hinein. (Der Diener fuehrt +ihn unter dem Arm, er spricht unter dem Abgehen:) O schlechtes Volk! +Eine Fremdengruft haben s', das gelbe Fieber, etwas Pest, +Epaminondas--ein' Beinbruch auch. O Angst, wann ich hier stirb', +mein Leben sehn s' mich nimmermehr. (Schleppt sich ab, von den +Dienern gefuehrt.) + + + +Siebenundzwanzigste Szene. +(kurzes Gemach in Thestius' Hause mit zwei Seitentueren.) + + +Thestius. Ewald. + +Thestius. Du bist gemeldet bei dem Koenig, Fremdling, als unsres +Landes wunderbarer Retter. Seit fruehmorgens sind schon die Minister +all um ihn versammelt. An unheilbarem Uebel liegt der Herrliche +danieder, und wie der Mensch durch hoehern Schmerz den mindern nicht +fuehlt, so klagt das Volk mit edler Lieb' bei seines Koenigs hohem +Leid, dass es ob dem Gestoehn' das eigne gross vergisst. + +Ewald. O, wie entzueckend ist es, so geliebt zu sein. + +Thestius. So liebt der Koenig auch sein treubewahrtes Volk, und +gleichen Sieg erringt sein edles Herz. Wie gluecklich waer' dies Land, +wenn nicht der unbarmherz'ge Fuerst der unterird'schen Schatten-- + + + +Achtundzwanzigste Szene. +Vorige. Hermodius eilig und bestuerzt. + + +Hermodius. Wo ist der Weise aus Aegyptens Zauberlande, der Rettung +bietet dem bestuerzten Volk? + +Thestius. Du siehst ihn hier voll sanfter Wuerde stehn. + +Hermodius. Beweisen magst du nun, dass gute Goetter dich mit +wunderbarer Zauberkraft begabt; du musst zum Koenig schnell, es will +sein Geist Elysium erkaempfen, doch sendet Hades schauervolle Bilder, +mit Schreckensnacht sein Auge zu umgarnen, und Furien, furchtbar +anzuschauen, mit Schlangen reich umwunden, auf faulen Duensten +schwebend, durchrauschen das Gemach. Nun sprich; kannst du des +Orkus Nacht durch Eos' Strahl erhellen? + +Ewald.. Ich kann es nicht, den Goettern ist es moeglich, und was ich +bin, ich bin es nur durch sie. + +Hermodius. So eil' mit mir, es ist die hoechste Zeit. + +Ewald (umarmt Thestius mit Ruehrung). Mein Thestius, leb' wohl, +Osiris moege dich fuer deine Guete lohnen. (Fuer sich mit Schmerz.) +Massana sinkt, ich seh' ihn nimmermehr. Nun komm, geleite mich, mir +winkt ein grosser Augenblick. + +Thestius. Kehr' bald zurueck, mein Herz erwartet dich. + +(Ewald und Hermodius zur Seite ab, Thestius zur entgegengesetzten +Seite ab.) + + + +Neunundzwanzigste Szene. +Simplizius und Arete treten ein. + + +Arete. Ach, du armer Mensch, komm doch herein, warum willst du denn +keine Speise nehmen. + +Simplizius. Ich bin ueberfluessig satt, mir liegt das ganze Land im +Magen, drum bring' ich nichts hinein. Ich verhungre noch vor Angst. + +Arete. Pfui, schaem' dich doch, bist du ein Mann? + +Simplizius (beiseite). Ich weiss selbst nicht mehr, was ich bin. +(Laut.) Vermutlich. + +Arete. Betrachte mich; ich bin ein Maedchen. Wir haben zwar grosse +Ursache, uns zu fuerchten, man hat heute ein Erdbeben verspuert, dass +die Stadtmauern erzittert haben. + +Simplizius. Jetzt, wenn die Stadtmauern schon zum Zittern anfangen, +was soll denn unsereiner tun? + +Arete. Warum bist du denn aber eigentlich nach Massana gekommen? + +Simplizius (zittert). Weil ich das Land erretten muss. + +Arete. Du? Ach, ihr guten Goetter, wenn du dich nur nicht vorher zu +Tode zitterst. + +Simplizius. Glaubst? Das war' sehr fatal. + +Arete. Armer Narr, du dauerst mich. + +Simplizius. Ich dank' ergebenst. Das Maedel waer' so huebsch, wenn mir +nur nicht die Knie zusamm'schnappeten; ich fanget aus lauter Angst +eine Amour an. + +Arete. Warum blickst du mich so forschend an, was wuenschest du? + +Simplizius (fuer sich). Wenn sie nur in der G'schwindigkeit eine +Leidenschaft zu mir fasset, so koennten wir heut vormittag noch +durchgehn, da kaem' ich doch auf gute Art aus dem verdammten Land. +Sag' mir, liebes Kind, was fuehlst du eigentlich fuer mich? + +Arete. Mitleid, inniges Mitleid! + +Simplizius. Inniges Mitleid? Aha, sie ist nicht ohne Antipathie fuer +mich. Koenntest du dich wohl entschliessen-- + +Arete. Wozu? + +Simplizius. Die Meinige zu werden. + +Arete. Arete die Deinige? + +Simplizius.. Ja, Arete, du hast mein Herz arretiert. + +Arete (sehr stolz). Wer bist du, der du es wagst, um die Hand einer +edlen Massanierin anzuhalten? + +Simplizius (beiseite). Soll ich ihr meinen Stand entdecken? Nein, +ein mystisches Dunkel muss darueber walten. (Laut.) Ich bin nicht, +was ich scheine, und scheine auch nicht, was ich bin, und wenn ich +das waere, was ich sein moechte, so wuerd' ich nicht scheinen. was ich +nicht bin. + +Arete. Ich verstehe dich. + +Simplizius. Da g'hoert ein Geist dazu, ich versteh' mich selber +nicht. + +Arete. Du moechtest gern scheinen, was du nicht bist, und bist doch +so sehr, was du auch scheinst. + +Simplizius. Hat's schon erraten, es ist unglaubbar. Sag' mir, Maedel, + haettest du wohl den Mut, mich zu entfuehren? + +Arete. Dich? + +Simplizius. Oder umgekehrt. + +Arete. Das heisst, ich soll mit dir mein Vaterland verlassen? Ich +verstehe dich wohl. + +Simplizius. Hat mich schon wieder verstanden. + +Arete. Damit du mich aber auch verstehst, so will ich dir sagen, +wofuer ich dich halte; Du bist ein unverschaemter, erbaermlicher +Mensch, der es wagt, seine vor Todesfurcht bebenden Lippen zu einer +Liebeserklaerung zu oeffnen und einem edlen Maedchen von Massana seine +krueppelhafte Gestalt anzutragen. Entferne dich, mit dir zu reden +ist Verbrechen an der Zeit, und wenn du kuenftig wieder ein +Maedchenherz erobern willst, so staehle das deinige erst mit Mut; +mutige Maenner werden geliebt, mutlose verachtet man. + +Simplizius. Da g'hoert ein Stoiker dazu, um das zu ertragen. Lebe +wohl, du wirst zu spaet erfahren, wen du beleidigt hast. Ha, jetzt +kann Massana fallen, ich heb's g'wiss nicht auf. + +Arete. Halt, weile noch, erklaere dich, damit ich erfahre, wessen +Antrag mich entwuerdigt hat. + +Duett. + +Arete. Wer bist du wohl, schnell sag' es an? + +Simplizius. Ich hab's schon g'sagt, ich bin ein Mann. + +Arete. Wie heissest du, bist du von Adel? + +Simplizius. Ich heiss' Simplizius Zitternadel. + +Arete. Der Name klingt mir sehr gemein. + +Simplizius. Es kann nicht alles nobel sein. + +Arete. Wie kannst du solchen Unsinn sagen? + +Simplizius. Das wollt' ich dich soeben fragen. + +Arete. Dein Aeussres ist mir schon zuwider. + +Simplizius. Das schlaegt mein Innres sehr danieder. + +Arete. So haesslich ist kein Mann hienieden. + +Simplizius. Die Gusto sind zum Glueck verschieden. + +Arete. Wie abgeschmackt der Schnitt der Kleider. + +Simplizius (aufbrausend). Das ist nicht wahr, ich bin--(fasst sich +und sagt gelassen) nur weiter. + +Arete. Nun haettest du dich bald verraten. + +Simplizius. Ja, meiner Seel', jetzt hat's mir g'raten. + +Arete. Du musst mir sagen, wer du bist? + +Simplizius. Ich bin ein Held, wie's keiner ist. + +Arete (spoettisch). Dein Mut ist in der Schlacht wohl gross? + +Simplizius. Ich stech' oft ganze Tag' drauf los. + +Arete. Umsonst verschlingst du schlau den Faden. + +Simplizius. Mir scheint, die Feine riecht den Braten. + +Arete. Mein Argwohn laesst sich nicht mehr trennen. + +Simplizius. Jetzt braucht s' nur noch die Scher' zu nennen. + +Arete. Du bist kein Prinz, gesteh' es mir. + +Simplizius (zornig). Ich bin ein Kleideringenieur! + +Arete. Ha! + +(Beide zugleich.) + +Ihr Goetter, was hoer' ich, mein Auge wird truebe, +Ein solcher Plebejer spricht zu mir von Liebe, + Welch eine Glut, + Brennet im Blut; + Wuetender Schmerz, + Flammet im Herz. +Schnell flieh' ich von hinnen, verberge mich schon, +O folternde Hoelle, beschaemende Reu'! + +Simplizius. Was soll ich es leugnen, 's ist keine Schand', +Denn Achtung verdienet mein nuetzlicher Stand. + Ich sag' es g'rad, + Ich g'hoer zur Lad'; + Und meine Scher', + Schwing' ich mit Ehr'. +Ich schreit in die Welt hinaus, 's ist meine Pflicht, +Ich bin ja kein Pfuscher, drum schaem' ich mich nicht. + +(Beide ab.) + + + +Dreissigste Szene. +(Koenigliches Gemach.) + +(Die Hinterwand bildet einen grossen offenen Bogen, vier Schuh +tiefer, eine breite Rueckwand von dunklen Wolken, durch welche man +wie im Nebel eine riesige blaeulichte Figur mit gluehenden Augen +erblickt, welche das Haupt mit einem Kranz von Rosmarin umwunden +hat. Sie ruht lauernd auf den Wolken, ihren Blick auf Heraklius +heftend, ist mit dem Todespfeil bewaffnet und stellt die alles +vernichtende Zeit in furchtbar drohender Gestalt vor. Larven +grinsen hie und da aus den sie umgebenden Wolken hervor. Zwischen +dieser Wand und der Oeffnung des Bogens sieht man vier dunkle +Schatten bei einem offenen Grabe beschaeftigt, aus welchen ein erst +darin versenkter vergoldeter Sarg noch etwas hervorsteht. Das +Gemach ist dunkel, der Donner rollt. In einem goldenen Armstuhl +ruht Heraklius, um ihn trauernd die Grossen des Reiches und Diener +des Tempels. Neben ihm auf einem Marmortisch die Krone. An den +Kulissen, dem Armstuhl des Koenigs gegenueber, ein auf drei Stufen +erhabener einfacher Sitz.) + +Heraklius, Ewald und Hermodius. + + +Kurzer Chor der Furien. +Wo der Frevler mag auch weilen, +Trifft ihn doch des Orkus Rache, +Und ihr Dolch wird ihn ereilen, +Selbst im goldnen Prunkgemache. + + +Heraklius (in matter Unruh). +Hinweg, hinweg, du scheusslicher Vampir, +Der frommes Hoffen aus der Seele saugt. + +Hermodius (zu Ewald). +Du siehst des guten Koenigs Leiden hier, +Ein Bild, das fuer kein menschlich Auge taugt. + +Heraklius. Wer stoeret meine Pein? + +Hermodius. Dein Retter, Herr. + +Heraklius. Umsonst, umsonst, wer bringt die Hoell' zum Weichen? +O Qual, wenn ich doch nicht geboren waer'! + +Ewald. Ich kann, mein Fuerst, den Anblick dir verscheuchen. + +Heraklius. Wenn du's vermagst, ein Fuerstentum zum Lohne. + +Ewald. So hoch schwebt auch der Preis, den ich bestimm', +Ich fordre viel, ich fordre deine Krone. + +Heraklius. Sie war mein Stolz--vorbei--verscheuch'--nimm--nimm! + +Ewald (zu den Edlen). +Ihr habt's gehoert, seid ihr damit zufrieden? + +Alle (dumpf und halblaut). +Wenn dich der Koenig waehlt, waehlt dich das Reich. + +Ewald. So will ich ueber dieses Schauertum gebieten, +Bei Isis' Donner, Truggewoelk' entfleuch! + +(Donnerschlag, er schwingt die Fackel, die Hinterwand entweicht, +Grab und Schatten verschwinden, ein tiefes Wolkentheater zeigt sich, +es stellt ein praktikables Wolkengebirge vor. Oben quer vor der +Hinterwand eine goldene Mauer und ein goldenes Tor. Hinter diesem +strahlt heller Sonnenglanz, der sich im Blau des Himmels verliert, +das mit Sternen besaeet ist. Am Fusse dieses Gebirges beim Ausgange +sitzt auf einem Piedestal Thanatos wie in der frueheren Szene, doch +mit der brennenden Fackel. Sphaerenmusik ertoent. Heraklius' Gestalt +wird von Genien mit Rosenketten ueber den Wolkenberg geleitet, bis +zu dem goldenen Tor, dort sinkt sie nieder. Die Musik waehrt leise +fort.) + +Heraklius. O suesser Seelentrank aus himmlischem Gefaess, +O Lust, gefuehlt durch neu erschaffnen Sinn, +Wenn ich auch tausend Kronen noch besaess', +Ich geb' sie gern fuer diesen Anblick hin. +O kroent ihn noch an meinem Sterbebette, +Er wird mein fluchzerruettet Land begluecken. + (Nun oeffnet sich das goldene Tor, eine glaenzende Goettergestalt +tritt heraus.) +Mir ist so leicht, es schmilzt die ird'sche Kette, +Mein Geist entflieht, o unnennbar Entzuecken! + +(Thanatos stuerzt mildlaechelnd die Fackel um, die verlischt, +zugleich drueckt die Goettergestalt den Koenig an die Brust, sein +Kleid verschwindet, und er steht im weissen Schleiergewande da, +welches rosig bestrahlt wird. Genien bilden eine Gruppe. Heraklius' +Haupt sinkt sanft auf seinen Busen, Ewald loescht die Fackel aus, +und der das Gemach schliessende Vorhang rauscht langsam und leise +herab, die Musik verhallt. Feierliche Pause, Ruehrung in jeder Miene.) + + + +Hermodius. Es ist vorbei, er musste von uns scheiden. +Ein koenigliches End', durch Ruhm verklaert. +Wer so beglueckt vergeht, ist zu beneiden, +Beim Zeus, so ist der Tod ein Leben wert! + (Man bedeckt Heraklius mit einem seidnen Mantel.) +Nun lasst sein letzt Gebot uns schnell benuetzen, +Denn ohne Koenig kann das Land nicht sein. + +Adrasto (nimmt die Krone und stellt sich vor Ewald hin). +Wie Goetter dich, so wirst du uns beschuetzen, +Drum nimm den Platz auf jenen Stufen ein. + +(Ewald besteigt die Stufen, auf welchen der Sitz angebracht ist.) + +Ewald (fuer sich). Es bebt mein Herz, mich fasset Todesschrecken. + +(Kniet nieder.) + +Alle. Wir huld'gen dir als Herrscher ehrfurchtsvoll. + +(Knien.) + +Adrasto. So mag die Kron' dein weises Haupt bedecken, +Sei Koenig--herrsch'-- + +Bei dem letzten Worte hat er ihm die Krone aufs Haupt gesetzt, doch +ohne die geringste Pause stuerzt unter schrecklichem Gekrach der +Saal zusammen. Der Bogen und die Kulissen bilden Berge von Schutt, +welche die Spielenden dem Auge des Publikums entziehen. Im +Hintergrunde zeigt sich das Meer, das zwischen die Schuttberge des +Saales hereindringt und aus dem in der Ferne die versunkenen Tuerme +von Massana hervorragen. Die Stufen, wo Ewald kniet, verwandeln +sich in Wolken, worauf er bis in die Mitte des Theaters schwebt und +wehmuetig ausruft: + +Massana, lebe wohl! + +Er schwingt seine Fackel, um den traurigen Anblick zu verschoenern +und faehrt fort. Die aus dem Meere hervorragenden Truemmer und der +Schutt des Saales verwandeln sich in zarte Rosenhuegel. Die Luft +wird rein, und das Ganze strahlt im hellsten Rosenlichte. + +(Der Vorhang faellt langsam). + +Ende des ersten Aufzuges. + + + + +Zweiter Aufzug. + + + +Erste Szene. +(In Agrigent.) + +Ein anderer Teil des Waldes am roten See, welcher praktikabel ist. +Androkles, Clitonius und Jaeger treten mit Wurfspiessen bewaffnet auf. + + +Jaegerchor. + Jaegerlust muesst' bald erschlaffen, +Gaelt' die Jagd nur feigen Affen; +Doch wenn durch der Waelder Stille +Maechtig toent des Leus Gebruelle, +Hier die grausame Hyaene +Fletscht die moerderischen Zaehne, +Dort, eh' man den Wurfspiess schwingt, +Aus dem Busch der Tiger springt, +Dann beginnt des Waldes Krieg. +Falle, Jaeger, oder sieg'! + + +Androkles (zu den Jaegern). Verteilt euch, wie ihr wollt, der Koenig +jagt allein, ihr moegt euch hueten, seinem Feuerblick zu nahen, der +zornigflammend durch des Forstes Dunkel blitzet. + +(Alle bis auf Clitonius und Androkles ab.) + + + +Zweite Szene. +Androkles und Clitonius. + + +Androkles. O mein Clitonius, was mussten wir erleben, die hohen +Goetter sind aus Agrigent gewichen. + +Clitonius. Wo mag wohl unser edler Koenig weilen, den seines Hauses +Laren treu gerettet haben. Koennt' er doch sehn, wie sich sein armes +Volk betruebt. + +Androkles. Wer freut sich nun in Agrigent? Der Wahnsinn lacht +allein, gesundes Hirn muss trauern. Ist doch Phalarius selbst, +seitdem die Hoellenkron' auf seinem Haupte brennt, als haett' des +Unmuts Dolch sein falsches Herz durchbohrt. Weisst du, warum die +Jagd nun tobt? Aspasia ist nicht mehr. + +Clitonius. Aspasia? Die Schwester unsers teuern Koenigs Kreon? Die +herrliche Aspasia? + +Androkles. Sie war's allein, der Phalarius an dem verhaengnisvollen +Tag des schauerlichen Ueberfalls das Leben liess, weil er als +Feldherr schon fuer sie in Lieb' entbrannt. Seit er das Reich +besitzt, bestuermt er sie mit Bitten und mit Drohungen, sie moechte +ihre Hand ihm reichen, er wolle ihr dafuer drei Koenigreiche bieten; +doch wie sie ihn und seine Kron' erblickt, da sinkt sie zitternd +vor ihm nieder und kruemmt sich zu dieses Wuetrichs Fuessen, beschwoert +mit Traenen ihn, von ihr zu lassen, es gaeb' fuer seine Kron' auf +Erden keine Liebe. Doch er reisst sie mit Ungestuem an seine +Eberbrust und will dem keuschen Mund den ersten Kuss entreissen; da +wandeln sich der Lippen gluehende Korallen in bleiche Perlen um, des +Auges Glanz erstirbt, des Todes Schauer fassen ihre Glieder, die +Angst, dass sie der Kron' so nah', bricht ihr das Herz, kalt und +entseelt haelt sie Phalarius, vor Schreck erbleichend, in den Armen. + +Clitonius. Entsetzlich Glueck, sich so gekroent zu wissen. + +Androkles. Da fasst ihn eine Wut, er tobt, dass des Gemaches Saeulen +beben; Zur Jagd! ruft er, hetzt mir des Waldes Tiger all' auf mich, +die Erd' wuehlt auf, dass Ungeheuer ihr entkriechen, die sich noch +nie ans Sonnenlicht gewagt, gebt Nahrung meinem Pfeil, damit mein +Hass umarmen kann, weil Lieb' mein Herz so unbarmherzig flieht. So +stuerzt er fort zur Jagd, und zitternd beugt vor ihm der schwarze +Forst sein sonst so drohend Haupt. + +Clitonius. Da wird uns wohl der Morgenstrahl im Wald begruessen. + +Androkles. Der Abend kaum, denn eh' der Mond sich noch auf des +Palastes Zinnen spiegelt, verbirgt er sich in ein Gemach, aus +Marmor fest gewoelbt, ganz oeffnungslos, damit kein Strahl des Mondes +kann sein Haupt erreichen, weil seine Kron', so sagt Dianens weiser +Diener, die Kraft verliert, solang' des Mondes Licht auf ihren +Zacken ruht. Und weil in dieser Zeit sein Leben nicht gesichert ist, + verriegelt er die Tuer aus festem Ebenholz; doch ohne Mondenglanz +kann nie ein Pfeil ihn toeten, und kraftlos sinken sie zu seinen +Fuessen nieder. + +Clitonius. Sprich nicht so laut, es rauscht dort im Gebuesch. + +Androkles (schwingt den Wurfspiess). Ein Tiger ist's. + +Clitonius. Nein, nein, es ist Phalarius, dich taeuscht sein +Pantherfell; wir sind verloren, wenn er uns gehoert. + +Androkles. Schweig still, er raset dort hinueber dem Loewen nach, der +aengstlich vor ihm flieht. Komm, lass uns auch vor diesem Koenigstiger +fliehn, wenn Loewen weichen, duerfen Menschen sich der Flucht nicht +schaemen. + +(Beide aengstlich ab.) + + + +Dritte Szene. +Musik. Lulu und Fanfu, gefluegelte Genien, bringen Zitternadel in +einem grossen Schal, welchen sie an beiden Enden halten, als truegen +sie etwas in einem Tuche, durch die Luft. Sie stehen auf Wolken, +und der Schal ist ein Flugwagen und so gemalt, dass Zitternadel +gekruemmt wie ein Kind darin liegt und kaum sichtbar ist. Er ruht +auf der Erde, der Schal fliegt wieder fort. + + +Lulu. So steig nur heraus, du tapfres Hasenherz, hier sind wir +schon in Sicherheit. + +Fanfu. Nun, Schnecke, streck' den Kopf heraus. + +Zitternadel (steckt den Kopf heraus). Wo sind wir denn? Ich muss +erst meine Gliedmassen alle zusamm'suchen. (steigt aus, die Genien +helfen ihm.) So, ich dank' untertaenigst, das sind halt Kinderln, +wie die Tauberln. Au weh, so ein Erdbeben moecht' ich mir bald +wieder ausbitten. Ich schau' beim Fenster hinaus in meiner +Schuldlositaet, auf einmal fangt's zum krachen an, als wenn die +ganze Welt ein Schubladkasten waer', der in der Mitte +voneinanderspringt, und ich stuerz' ueber den siebenten Stock +hinunter, die zwei Kinderln fangen mich aber auf und fliegen mit +mir davon. Kaum sind wir in der Hoeh', macht es einen Plumpser, und +die ganze Stadt rutscht aus und fallt ins Wasser hinein. Der arme +Dichter hat sich eintunkt mit seiner Weisheit. O ungluecksel'ger Tag! + Weil nur ich nicht ins Wasser g'fallen bin, die Schneiderfischeln +haetten's trieben. Ueberhaupt, wenn die Fisch' die Zimmer unterm +Wasser sehn, die werden sich kommod machen. Wenn so ein Walfisch +unter einem Himmelbett schlaft, der wird Augen machen. Zwar dass ein +Stockfisch auf einem Kanapee liegen kann, das hab' ich an mir +selber schon bemerkt. Wenn nur keiner in eine Bibliothek +hineinschwimmt, denn da kennt sich so ein Vieh nicht aus. O, du +lieber Himmel, ich werd' noch selbst ein Fisch aus lauter Durst. +(Kniet nieder.) Liebe Kinderln, seid's barmherzig, lasst mir etwas +zufliessen, sonst muss ich verdursten. + +Lulu. Dein Durst ist uns recht lieb, wir haben dich darum hierher +gebracht, um dich zu waessern. + +Simplizius. So waessert's mich einmal, ich kann's schon nicht +erwarten. + +Lulu. Trink dort aus jenem See. Hier hast du eine Muschel. (Holt +eine vom Gestade.) + +Simplizius. Der rotkoepfige See? Aus dem trau' ich mich nicht zu +trinken. + +Lulu und Fanfu (streng). Du musst. + +Simplizius (faellt auf die Knie). O, meine lieben Kinderln, seid nur +nicht boes', ich will ja alles tun aus Dankbarkeit. Ich sauf' wegen +meiner das ganze rote Meer aus, und das schwarze auch dazu. + +Lulu (reicht ihm eine Muschel voll Wasser). Trink, es scheint nur +rot zu sein, es ist doch reiner als Kristall. + +Simplizius. So gib nur her. + +Fanfu. Er trinkt, nun wird er blutdurstig werden. + +Simplizius (zittert mit der Muschel). Ich zittr' wie ein +hundertjaehriger Greis. (Trinkt.) Ah, das ist ein hitziges Getraenk, +wie ein Vanili Rosoglio. (Rollt die Augen.) Was geht denn mit mir +vor? Potz Himmel tausend Schwerenot! + +Lulu (zu Fanfu). Siehst du, es wirkt, er wird gleich eine andere +Sprache fuehren. (Beide naehern sich ihm sanft.) Was ist dir, lieber +Zitternadel? + +Simplizius (wild). Still, nichts reden auf mich, Ihr Bagatellen! +Ich begreif' nicht, was das ist, ich krieg' einen Zorn wie ein +kalekutischer Hahn, und weiss nicht wegen was. Wenn ich ihn nur an +jemand auslassen koennt'. Bringt mir einen Stock, ich wichs' mich +selbst herum. + +(Die Genien lachen heimlich.) + +Simplizius. Ja, was ist denn das? Ihr seid ja zwei gottlose Buben +uebereinander, ihr seid ja in die Haut nichts nutz, euch soll man ja +haun, so oft man euch anschaut. Das seh' ich jetzt erst. + +Die Genien (nahen sich bittend). Aber lieber Zitternadel! + +Simplizius (reisst einen Baumast ab). Kommt mir nicht in meine Naeh', +oder ich massakrier' euch alle zwei. + +Lulu. So hoer' uns doch; du musst nach Kallidalos fliegen, dort +findest du den Dichter, deinen Freund. + +Simplizius. Nu, der soll mir traun, den hau' ich in Jamben, dass die +Fuess' herumkugeln. Jetzt macht fort und schafft mir ein kolerisches +Pferd, dass ich durch die Luft reiten kann! + +Lulu. Ein kolerisches Pferd? das wirft dich ja herab. + +Simplizius. So bringt's mir einen Auerstier, der wirft mich wieder +hinauf. + +Lulu. Nu, wie du willst. (Er winkt, ein gefluegelter Auerstier +erscheint in den Wolken.) Ist schon da. + +Simplizius. Ha, da ist mein Araber. Jetzt wird galoppiert. Setzt +euch hinauf, auf die zwei Hoerndl. + +Lulu. Ah, wir getrauen uns nicht. Reit nur voraus, wir kommen dir +schon nach. (Laufen ab.) + +Simplizius. Ha, feige Brut! (Steigt auf). Da bin ich ein andrer +Kerl. Jetzt kann mir 's Rindfleisch nicht ausgehn, ich bin versorgt. + Hotto, Schimmel! Das versteht er nicht.--Bruaho! (Der Stier fliegt +ab.) Jetzt geht's los. + + + +Vierte Szene. +Tiefere Felsengegend, in der Ferne Wald, auf der Seite eine +Waldhuette. In der Mitte steht Phalarius mit einem goldenen +Wurfspiess bewaffnet, vor ihm liegt ein Loewe und zittert. + + +Phalarius. Was zitterst du entnervt, verachtungswuerd'ger Leu, +Und beugst den Nacken feig vor meiner Krone Glanz? +Mich ekelt Demut an, weil ich den Kampf nicht scheu', +Nie schaende meine Stirn solch welker Siegeskranz. +Wofuer hat Jupiter so reichlich dich begabt? +Wozu ward dir die Maehn', das Sinnbild hoher Kraft? +Der stolze Gliederbau, an dem das Aug' sich labt? +Das drohende Gebiss, vor dem Gewalt erschlafft? +Der Donner des Gebruells, der Panzer deiner Haut? +Erhieltst du all die Macht, um maecht'ger zu erbeben? +Schaem' dich, Natur, die du ihm solchen Thron erbaut, +Da liegt dein Herrscher nun und zittert fuer sein Leben. + (Heftiger) +Du hast mit Schlangen, Luchs und Panthertier gestritten; +So reg' dich doch und droh' auch mir mit maecht'ger Klau'. +Du edelmuet'ges Tier, so lass dich doch erbitten, +Verteid'ge dich, damit ich Widerstand erschau'. +Wie kann ein Koenig noch zu einem andern sprechen. +Mach' mich nicht rasend, denk', du bist zum Streit geboren. +Doch nicht? Wohlan! So will ich euch, ihr Goetter, raechen. +Er ehrt sein Dasein nicht, drum sei's fuer ihn verloren. + (Er toetet ihn, stoesst ins Horn, Jaeger erscheinen und beugen sich +erschrocken.) +Bringt mir den Loewen fort, ich kann ihn nicht mehr sehen. + (Der Loewe wird fortgebracht, er steht nachdenkend mit +verschlungenen Armen.) +Wozu nuetzt mir Gewalt, wenn sie mich so erhebt? +Koennt' ich die Erde leicht gleich einer Spindel drehen, +Es waere kein Triumph, weil sie nicht widerstrebt. +Aspasia tot, durch meiner Krone Dolch entseelt. +Abscheul'che Hoelle, so erfuellst du mein Begehren? +Wer war noch gluecklich je, dem Liebe hat gefehlt? +Die groesste Lust ist Ruhm, doch Lieb' kann sie vermehren, +Doch meine Lieb' heisst Tod, wer mich umarmt, erblasst. +Unsel'ges Diadem, dass du mein Aug' entzuecktest, +Tief quaelendes Geschenk, schon wirst du mir verhasst, +Ich war noch gluecklicher, als du mich nicht begluecktest! +Aeol, der oft die Majestaet der Eichen bricht, +Und so am Haupt des Walds zum Kronenraeuber wird, +Sag'! warum sendest du die geile Windsbraut nicht, +Dass sie die Kron' als gluehnden Braeutigam entfuehrt? + (Die Jaeger kommen zurueck, er setzt sich auf einen Fels.) +Ich wuenschte mich mit etwas Traubensaft zu laben, +Der eigennuetz'ge Leib will auch befriedigt sein. + +Erster Jaeger. Den kannst du, hoher Fuerst, aus jener Huette haben, + (Klopft an) +He, Alter, komm heraus und bringe Wein. + +Phalarius. Wer ist der Mann, der hier so tief im Walde wohnt? + +Erster Jaeger. Ein Feldherr war er einst, nun lebt er als ein Bauer. + +Phalarius. Welche Erniedrigung, wer hat so schimpflich ihn belohnt? + + + +Fuenfte Szene. +Vorige. Der alte Octavian froehlich aus der Huette, einen Becher Wein +tragend. + + +Octavian. Komm schon, ein froh Gemuet ist immer auf der Lauer. + (Erblickt die Krone und sinkt nieder.) +Ha, welch ein Blick umschlaengelt feurig meine Augen?. +Es krachet mein Gebein und sinket in den Staub. + +Phalarius. Lass sehen, ob dein Wein wird meinem Durste taugen. + (Will trinken.) +Doch sag', warum verbirgst du dich so tief im Laub? + +Octavian. Gewaehr', dass ich den Blick von deiner Krone wende, +Wenn du willst Wahrheit hoeren, und sie dein Ohr erfreut. + +Phalarius. Ich hasse den Betrug, steh auf und sprich behende. + +Octavian (steht auf, doch ohne Phalarius anzusehen--froehlich). +Mich freut der gruene Wald, beglueckt die Einsamkeit, +Ich hab' sie selbst gewaehlt, lieb' sie wie einen Sohn. +Ich bin nicht unbeweibt, mein Herz schlaegt lebenswarm, +Glueh' fuer mein Vaterland, sprech' seinen Feinden Hohn, +Und wenn es mein bedarf, weih' ich ihm Kopf und Arm, +Sonst bau' ich froh mein Feld, ein zweiter Cincinnat. + +Phalarius. Ein kluger Lebensplan, wenn du bloss Landmann waerst, +Dann bau' nur deine Flur, so dienst du treu dem Staat. +Als Feldherr hoff' ich, dass zu herrschen du begehrst. + +Octavian. Ich herrsche ja, wer sagt, dass ich nur Diener bin? +Weisst du denn nicht, dass jedes Ding der Welt ein Herrscher ist? +Die Goetter herrschen im Olymp mit hohem Sinn, +Auf Erden Koenige, so weit ihr Land nur misst, +Der ganze Staat, wie es Gesetz und Fuerst befiehlt, +Ein jeder dient und hat doch auch sein klein Gebiet. +Und so wird eines jeden Dieners Lust gestillt. +Der Saenger herrscht durch edlen Geist in seinem Lied, +Der Liebende in der Geliebten schwachem Herzen; +Der Vater wacht im Haus fuer seiner Kinder Heil; +Der Arzt beherrscht der Krankheit widerspenst'ge Schmerzen; +Der Fischer seinen Kahn, der Jaeger seinen Pfeil; +Kurz, jeder hat ein Reich, wo seine Krone blitzt, +Der Sklave selbst an Algiers Strand, der aermste Mann, +Der auf der Erde nichts als seine Qual besitzt, +Hat einen Thron, weil er sich selbst beherrschen kann. + +Phalarius (der waehrend der Rede mit Erstaunen gekaempft, schleudert +den Becher fort). +Genug, ich trinke nicht den wortvergaellten Wein, +Nicht Labung reichst du mir, du traenkest mich mit Gift, +Du waerst vergnuegt und herrschest nicht? Es kann nicht sein! + +Octavian. Das bin ich, Herr, selbst dann, wenn mich dein Zorn auch +trifft. + +Phalarius. Unmoeglich, widerruf, dass du dich gluecklich fuehlst, +Es gibt bei solcher Kraft nicht solchen Seelenfrieden, +Du weisst nicht, wie du tief mein Inneres durchwuehlst. +O Goetter, welche Pein erlebe ich hienieden, +Dass ich nicht froh sein kann und Frohsinn schauen muss. +Gesteh, du bist kein Held, warst nie auf Ruhm gebettet, +Du warst nie Feldherr, nein, regiertest stets den Pflug. + +Octavian. Ein Knabe warst du kaum, als ich das Reich errettet. +Ich bin Octavian. + +Phalarius. Der einst die Perser schlug? + +Octavian. So ist's. + +Phalarius (entsetzt, wie aus einem Traum erwachend, aufschreiend). + Aus meinem Land, verhasstes Meteor! +Dass meines Ruhmes Licht vor deinem nicht erlischt. +Du koemmst mir wie ein list'ger Rachedaemon vor, +Der aus der Rose Schoss als gift'ge Schlange zischt. +Entfleuch, du bist verbannt, gehoerst dem Land nicht an. +Dein Glueck ist Heuchelei, es kann sich nicht bewaehren, +Hinweg aus meinem Reich mit solch verruecktem Wahn, +Du darfst nicht gluecklich sein, sonst muesst' ich dich verehren. + +(Ab, die Jaeger folgen scheu.) + + + +Sechste Szene. + + +Octavian (allein). +Da geht er hin, ungluecklicher als der, den er verjagt. +Du bist verbannt, wie leicht sich doch die Worte sprechen; +So froehlich erst, und nun so bitter zu beklagen, +Doch nein, ich bin ein Mann, du sollst mein Herz nicht brechen. + +(In die Huette ab.) + + + +Siebente Szene. +Romantische Gegend auf Kallidalos. Auf der einen Seite Haeuser, auf +der anderen Wald. Lucina und Ewald, die Krone auf dem Haupte, +treten auf. + + +Lucina. Du bist hier aus der kallidal'schen Insel, erhole dich von +deinem Schreck. + +Ewald. Vergib, dass meine Nerven aengstlich zucken, noch ist die +Greuelszene nicht aus meinem Hirn entwichen, und nimmer moecht' ich +solchen Anblick mehr erleben. + +Lucina. Hier wirst du leichteren Kampf bestehn, mein armer Koenig +ohne Reich. Nun horch' auf mich: Auf dieser Insel herrscht die +feine Sitte, dass sich der Koenig und die Edelsten des Volkes am +ersten Fruehlingstag im Tempel dort versammeln; von allen Maedchen +dieses Reichs, die zart geputzt dem koeniglichen Aug' sich zeigen, +ernennet er die Schoenste als des Festes Herrscherin und schmueckt +das wunderholde Haupt mit einer Rosenkrone. Dann waehlet er aus +ruest'ger Juenglingsschar den Tapfersten, der sich nicht weigern darf, +und schenkt ihm ihre Hand, nachdem er ihn zuvor zu einem Amt +erhebt. Das Brautpaar wird sogleich an Cyprias Altar vermaehlt; so +endet sich das Fest und dieses Tages Jubel. Du sorgst, dass dieser +Preis auf einem Haupte ruht, das sechzig Jahre schon des Lebens +Mueh' getragen. Doch duerfen es nicht Rosen zieren, ein Myrtendiadem +muss auf der Stirne prangen, durch Weiber aufgedrueckt, die neidisch +nach der Krone blicken, nach der sie selbst vergebens ringen. +Wodurch du dies bezweckst, wirst du wohl leicht erraten, die deine +leg' nun ab, ich will sie selbst verwahren. (Ewald kniet sich +nieder, zwei Genien erscheinen aus der Versenkung, sie nimmt ihm +die Krone ab.) Sie ziemt nicht deiner Stirn. (Gibt die Krone den +Genien.) Bewahrt sie wohl, beherrscht sie auch kein Reich, wird sie +doch viele Reiche retten. (Die Genien versinken damit.) Hast du nun +einen Wunsch, so sprich ihn aus! + +Ewald. Ob mein Begleiter lebt, dies wuensch' ich wohl zu wissen, +auch seiner Sendung Zweck ist mir ein Raetsel noch. + +Lucina. Er lebt. Wozu ich ihn bestimmt, wird sich noch heut +enthuellen, bald siehst du ihn, doch magst du nicht ob der +Veraendrung staunen, die sein Gemuet erlitten hat, sie waehret nur so +lang bis so viel Blut durch seine Hand entstroemt, als Wasser er aus +meinem Zaubersee getrunken. + +Ewald. Wie, einen Moerder werde ich in ihm erblicken? + +Lucina. Sei ruhig nur, ich lenke seinen Arm, befolge du nur mein +Geheiss und fordre dann den Lohn. Fuer alles andre lass die hohen +Goetter sorgen, die oft durch weise Wahl gemeine Mittel adeln, dass +sie zu hohen Zwecken dienen. (Ab.) + + + +Achte Szene. + + +Ewald (allein). Dies scheinen mir die letzten Haeuser einer grossen +Stadt zu sein. Ich will an eine dieser Pforten pochen, vielleicht +erscheint ein altes Weib, deren Geschwaetzigkeit mir schnellen +Aufschluss gibt, und das ich gleich zu meinem Plan verwenden kann. +(Er klopft an die Tuer des ersten Hauses.) + +Atritia (sieht zum Fenster heraus). Wer pocht so ungestuem? Weisst du +noch nicht, dass dieses Tor sich keinem Manne oeffnet. + +Ewald (fuer sich). Himmel, welch ein liebenswuerdiger Maedchenkopf. + +Atritia. Dein Staunen ist umsonst. + +Ewald (fuer sich). Sanftmut lauscht in ihrem Auge-- + +Atritia. Taeusche dich nicht. + +Ewald (fuer sich). Und zeigt den Weg zu ihrem Herzen. + +Atritia. Es ist zu fest verschlossen. + +Ewald (fuer sich). Ich muss mein Glueck benuetzen. + +Atritia. Du kommst mir nicht herein, das sag' ich dir. + +Ewald. Schoenes Maedchen, eroeffne doch die Pforte, ich will so leise +ueber ihre Schwelle gleiten, als schlich' ein Seufzer ueber deine +suessen Lippen. + +Atritia. Er ist ein feiner Mann und hat mich suess genannt, nun kann +ich ihm denn doch nichts Bittres sagen. Gern liess' ich dich herein, +doch darf ich nicht. + +Ewald. Wer hat es dir verboten? + +Atritia. Meine Muhme, sie sagt; du lassest keinen Mann mir ueber +diese Schwelle treten. Es ist ein hart Gebot, doch muss ich es +befolgen, sonst wuerd' ich gern in deiner Naehe sein, denn du +gefaellst mir wohl. + +Ewald. Nun gut, so komm zu mir heraus. Hat sie dir denn gesagt, du +darfst zu keinem Manne ueber diese Schwelle treten? + +Atritia (unschuldig). Das hat sie nicht gesagt. Jetzt bin ich schon +zufrieden und komm zu dir hinaus. + + + +Neunte Szene. +Ewald und Atritia. + + +Ewald. Noch nie hat mich der Anblick eines Maedchens so entzueckt. + +Atritia (huepft heraus). Also hier bin ich, was hast du zu fragen? + +Ewald. Ob du mich liebst? + +Atritia. Wie kann ich dich denn lieben, ich weiss ja noch nicht, ob +du liebenswuerdig bist. + +Ewald. Ja, wenn ich dir das erst erklaeren soll, dann hast du mir +die Antwort schon gegeben. + +Atritia. Bist du vor allem treu? Bekleidest du ein Amt? Bist du +vielleicht ein Held? So geh hinaus und kaempfe mit dem Eber, und +hast du ihn erlegt, so kehr' zurueck und wirb um meine Hand. + +Ewald. Ein Eber ist hier zu bekaempfen? + +Atritia. Ein maechtig grosser noch dazu. So gross fast wie ein Haus, +so hat mir meine Angst ihn wenigstens gemalt. + +Ewald. Hast du ihn schon gesehn? + +Atritia. Ei freilich wohl, er naehert sich der Stadt, verwuestet alle +Fluren und hat ein Maedchen erst zerrissen, das heute als die +Schoenste waer' gewiss erwaehlt worden. + +Ewald. Ist heut dieses Fest? + +Atritia. Ja, heute soll es sein, der Tempel ist schon reich +geschmueckt, und alle Maedchen dort versammelt, doch als der Koenig +eben sich dahin begeben wollte, im feierlichen Zug der Krieger, da +kam die Nachricht schnell, dass sich der Eber zeigt und auf den +Feldern wuetet. Da liess der Koenig alles, was nur Waffen trug, zum +blut'gen Kampfe gegen den Eber ziehn. Drum findest du die Strassen +leer. + +Ewald. Dann ist die hoechste Zeit, dass ich zu Werke schreite. Ich +bin ein Mann von Ehre und deiner Liebe wert, doch sag' mir, holdes +Kind, wo find' ich wohl ein altes Weib mit sechzig Jahren, das noch +so eitel ist, dass sie fuer schoen sich haelt? + +Atritia. Wo finde ich sie nicht, so solltest du mich fragen, die +gibt's wohl ueberall, das hab' ich oft gelesen. Obwohl die Frage +nicht sehr artig ist, so wirst du gar nicht lange suchen duerfen, +wenn du noch eine Weile mit mir sprichst, denn meine Muhme wird +bald nach Hause kommen und dich von ihrer Tuer verjagen. + +Ewald. Ist sie so boese? + +Atritia. Leider ja. Als meine Mutter starb, ward ich ihr uebergeben +und vieles Geld dazu. Sie musste mich erziehen, das tat sie auch, +doch von dem Gold, was ihr die Mutter hat fuer mich zum Heiratsgut +vertraut, da will sie gar nichts wissen. Sie schlaegt mich auch, +wenn sie oft Langeweile hat, erst gestern noch, weil ich mich zu +dem Feste schmuecken wollte, das gab sie denn nicht zu, sie sagt, +mich braucht kein Mann zu sehen. Das hat mich sehr geschmerzt, ich +wuensche mir doch einen Mann, und wie soll mich denn einer frein, +wenn mich nie einer sieht? + +Ewald. Da sprichst du wahr, doch einer hat dich ja gesehn. + +Atritia. Und das bist du. Doch wann wirst du mich wiedersehn? + +Ewald. Ist es dein Wunsch? + +Atritia. Ei frag' doch nicht, glaubst du, ich waer' zu dir +herabgekommen, wenn du mir nicht gefallen haettest, du stuendst noch +lange vor der verschlossnen Tuer, wenn du durch deinen Blick mein +Herz nicht frueher aufgeschlossen haettest. Doch jetzt leb' wohl und +denk' darum nicht arg von mir, weil ich dir sag', dass ich dich +liebenswuerdig finde. Dafuer werd' ich's auch keinem andern sagen +mehr, und hab' es keinem noch gesagt. + +Ewald. Bezauberndes Geschoepf, willst du mich schon verlassen? + +Atritia. Ich muss, such' deine Alte nur, hoerst du, und hast du sie +gefunden (droht schalkhaft mit dem Finger), vergiss nicht auf die +Junge! (Laeuft ins Haus.) + + + +Zehnte Szene. +Ewald allein, dann Simplizius. + + +Ewald. Da laeuft sie hin; Lucina, wenn ich Lohn von dir begehr', so +ist es dieses Maedchens reizender Besitz. + +Simplizius (ruft in der Luft). Bruaho! + +Ewald. Wer galoppiert da durch die Luft? Das ist Simplizius auf +einem Stier! + +Simplizius (sinkt nieder). Halt' Er an! (Steigt ab.) So, da sind +wir alle zwei. Nur wieder nach Hause ins Bureau! (Der Stier fliegt +fort, Simplizius ruft nach.) Meine Empfehlung an die andern. + +Ewald. Simplizius, wo nehmen Sie den Mut her, sich so durch die +Lust zu wagen? + +Simplizius. Geht Ihnen das was an? Haben Sie sich darum zu +bekuemmern? Kann ich nicht reiten, auf was ich will? Glauben Sie, +weil Sie vielleicht auf einer flanellenen Schlafhauben +heruebergeritten sind, so soll ich meine Herkulesnatur verleugnen? +Ah, da hat es Zeit bei den Preussen! + +Ewald. Aber mit welchem Rechte? + +Simplizius. Was, mit mir reden Sie von einem Recht, da kommen Sie +an den Unrechten. Recht? Wollen Sie vielleicht einen Prozess +anfangen? Glauben Sie, ich bin ein Rechtsgelehrter, der sich links +hinueber drehen laesst? Da irren Sie sich! + +Ewald. Welch ein Betragen! + +Simplizius. Was Betragen, wer wird sich gegen Sie betragen? Ich +betrag' mich gar nicht, um keinen Preis. + +Ewald (veraechtlich). Gemeiner Wicht. + +Simplizius. Keine Beleidigung, junger Mensch, wenn ich nicht +vergessen soll, wer ich bin. + +Ewald (lacht heftig). Das ist zum Totschiessen. + +Simplizius. Vom Totschiessen reden Sie? Wollen Sie sich duellieren +mit mir auf congrevische Raketen, oder sind Ihnen die vielleicht zu +klein, so nehmen wir ein jeder ein Haus und werfen wir's einer dem +andern zum Kopf, damit die Sach' ein Gewicht hat. Wollen Sie? + +Ewald. Beim Himmel, wenn mich Lucina nicht gewarnt haette, ich muesste +ihn zuechtigen. + +Simplizius. Zuechtigen? Ha, beim--wie heisst der Kerl?--Ha, beim Zeus, +jetzt gibt's Pruegel. (bricht mit dem Fuss einen Baumast entzwei und +gibt ihm die Haelfte.) Nehmen Sie einen, die andern kommen nach. + +Ewald. Was wollen Sie? + +Simplizius. Satisfaktion will ich, Reimschmied! (Packt ihn an der +Brust.) + +Ewald. Welch eine Kraft! Lassen Sie mich los, Sie wuetender Mensch. +(Entspringt.) + + + +Elfte Szene. + + +Simplizius (allein). Wart', du kommst mir schon unter die Haend'. Es +ist erschrecklich, ich kann mir nicht helfen, wie ich nur einen +Menschen seh', so moecht ich ihn schon in der Mitt' voneinander +reissen. Wenn ich nur einen Degen haett' oder ein Stiffilett, oder +wenn ich wo unter der Hand billige Kanonen zu kaufen bekaem', ich +erschiesset die ganze Stadt und die Vorstaedt' auch dazu. Da kommen +einige, die sollen sich freun. + + + +Zwoelfte Szene. +Simplizius. Olinar und Astrachan. + + +Olinar (ein fetter Mann). Wer laermt denn hier so auf der Strasse? +Das ist ja ein ganz fremder Mensch. + +Simplizius. Die Flachsen zieht's mir ordentlich z'sammen, wenn +einer redt auf mich. + +Olinar. Der sieht ja wie ein Strassenraeuber aus, der Kerl hat nichts +Gutes im Sinn. + +Simplizius. Ich muss mich noch zurueckhalten, bis ich Waffen hab'. +Ich werd' mir's erst sondiern. + +Astrachan (rauh). Was tobst du an diesem feierlichen Tag? Pack' +dich von hier, du kecker Bursche. + +Simplizius (lauernd). Wie reden Sie mit mir? Ich frag' Sie nicht +umsonst. + +Astrachan. Das brauchst du nicht, weil ich die Antwort dir nicht +schuldig bleiben und sie auf deinen Ruecken legen werde. + +Simplizius (erstaunt). So, nur gleich? (Fuer sich.) Ist schon gut +unterdessen. Der wird schon um'bracht, das ist der erste, den ich +expedier'. Ich muss mir nur einen Knopf ins Schnupftuch machen, +damit ich's nicht vergess'. (Tut es.) + +Astrachan. Hast du's gehoert, du sollst die Strasse reinigen. Mach' +dich fort. + +Simplizius. Ich soll die Strasse hier reinigen? Er muss mich fuer +einen Gassenkehrer halten. Das hat mir niemand zu befehlen, ich +bleib' hier. (Setzt sich auf einen Stein.) Und wer nur einen Laut +von sich gibt-- + +Astrachan (will auf ihn zu). Was? + +Olinar (haelt ihn furchtsam zurueck). Behutsam, Freund, er hat ja +einen Pruegel in der Hand. + +Astrachan. Was kuemmert's mich, du wirst dich doch nicht fuerchten? + +Olinar. Ei bewahre. + +Astrachan. Schaeme dich als eine Gerichtsperson. Gleich geh hin und +beweise deinen Mut. + +Olinar (zittert). Wer? Wer, ich? Ja, was soll ich denn tun? + +Astrachan. Ihn von hinnen jagen. + +Olinar. Ja, wenn er sich nur jagen laesst, aber du wirst sehn-- + +Astrachan. Red' ihn scharf an. + +Olinar. Hochzuverehrender Freund! + +Simplizius (springt zornig auf). Was gibt's? + +Olinar (erschrickt heftig). Da hast du's jetzt, ich hab's ja gleich +gesagt. + +Simplizius. Was will der Herr? + +Astrachan (der Olinar haelt). Mut, Mut, ich helfe dir schon. + +Olinar. Ja, lass mich nur nicht stecken. (Nimmt sich zusammen, laut.) +Er ungezogner Mensch! + +Astrachan. Nur zu, so ist's schon recht. + +Olinar. Wenn Er's noch einmal wagt, in einem solchen Tone zu +sprechen-- + +Astrachan (freudig). Vortrefflich! Siehst du, wie er zittert? + +Olinar. Du irrst dich, Freund, das bin ja ich. (Zu Simplizius.) So +werd' ich Ihm--(Zu Astrachan.) Ja, was werd' ich geschwind? + +Astrachan (heimlich). Die Kehle schnueren, dass Er an mich denken +soll. + +Olinar. Die Kehle schnueren, dass Er an mich denken soll! (Wischt +sich den Schweiss ab.) Ha, das war viel gewagt. + +Simplizius. Die Kehle schnueren? Das ist ein Schnuermacher. Nu, den +koennen wir auch mitnehmen. (Macht einen Knopf.) Detto! (Macht die +Bewegung des Erdolchens.) + +Astrachan. Du hast dich gut gehalten, jetzt lass mich reden. Hoer', +Kerl, wenn du jetzt nicht augenblicklich gehst und dich in unserer +Stadt noch einmal blicken lassest, so wirst du sehen, was unsere +Gerechtigkeit an einem solchen Lumpenhund fuer ein Exempel statuiert. + + +Simplizius. Ah, das ist ein hantiger. Der muss viermal nacheinander +sterben. + +Astrachan. Ha, gut, dort kommen Abukar und Nimelot. + +Olinar. Das sind zwei verwegene Bursche. + +Simplizius. Verwegene Bursche? Da mach' ich gleich im voraus Knoepf'. +(Macht sie.) + + + +Dreizehnte Szene. +Vorige. Abukar und Nimelot, bewaffnet. + + +Abukar. Was hast du, Astrachan? Du laermst ja ganz entsetzlich. + +Astrachan. Wir haben unsern Spass mit diesem Burschen da, das ist +der dreisteste Kerl, den ich noch gesehen habe. + +Olinar (keck). Ja, ja, das ist ein abgefeimter Schurke. (Fuer sich.) +Jetzt sind wir unser vier, jetzt soll er mir nur trauen. + +Simplizius. Ich hoer' ihnen nur so zu, auf einmal geh' ich los. + +Abukar und Nimelot (stellen sich neben Simplizius und klopfen ihn +auf die Schulter und lachen.) + +Abukar. Hahaha, der sieht ja wie ein Orang-Utan aus. + +Nimelot (lachend). Die aufgeschlitzte Nase und der breite Mund! + +Simplizius. Bravo, nur zu, sind schon vorgemerkt. (Deutet auf sein +Tuch.) Werden schon Exekution halten, bleibt nicht aus. + +(Alle lachen.) + +Abukar. Seht ihn nur an, das ist ja die einfaeltigste Miene, die mir +noch vorgekommen ist. + +Simplizius. Ah, jetzt muss ich doch Rebell schlagen. (Laut.) Was +glauben denn Sie so? Glauben Sie, ich bin Ihr Narr, dass Sie sich +ueber meine Physiognomie lustig machen. Was fehlt denn meinem +Gesicht? Die Haesslichkeit vielleicht? Die ist nirgends mehr zu +finden, weil Sie s' alle auf den Ihrigen haben. + +Alle (lachen). Ein drolliger Kerl! + +Simplizius. Nu, da haben wir's, nicht einmal ordentlich lachen +koennen s' mit dem G'sicht, da lach' ich mit dem linken Ellbogen +besser, als die mit dem Maul. Sagen Sie mir, wer hat Ihnen denn die +Beleidigung angetan, Ihnen eine solche Physiognomie aufz'binden? +Die Natur vielleicht? Die setz' ich ab, wenn sie mir noch einmal +solche G'sichter macht, das sind Keckheiten von ihr, ich brauch' +sie nicht, wenn sie so schleuderisch arbeitet. Was brauchen wir +eine Natur, die Welt ist lang genug unnatuerlich g'wesen, sie kann's +noch sein. + +Abukar. Der Bursche muss Hofnarr werden, der macht mich schrecklich +lachen. + +Simplizius. Hofnarr? Das ist eine Beleidigung! Satisfaktion! + +Olinar. Er hat Mut wie ein Loewe. + +Simplizius. Loewe? Das ist gar eine viechische Beleidigung. Doppelte +Satisfaktion! + +Astrachan. Der Kerl ist ueber einen Spartaner. + +Simplizius. Spartaner? Das wird wieder ein andres Vieh sein. Ich +kenn' mich gar nicht mehr vor Zorn. Heraus, wer Mut hat, einen muss +ich spiessen. (Fasst Olinar.) Was ist's mit Ihnen, wollen Sie sich +mit mir schlagen oder wollen Sie sich schlagen lassen? + +Olinar. Hilfe! Hilfe! + +Abukar (packt Simplizius am Genick und beutelt ihn). Nun hast du +Zeit, Bube. + +Astrachan. Ins Gefaengnis, fort mit ihm. + +Simplizius (reisst dem Olinar den Saebel aus der Scheide). Jetzt +reisst mir die Geduld. (Haut auf Abukar ein, der ihm die Lanze +entgegen haelt, welche er ihm aus der Hand schlaegt.) Ihr verdammten +Kallidalier! Jetzt wird's Leben wohlfeil werden. (Er kaempft mit +allen und jagt sie in die Flucht, einige verlieren ihre Waffen, +einer den Helm.) + +Olinar (im Ablaufen). Ich hab's voraus gesagt, ihr Goetter, seid uns +gnaedig. + + + +Vierzehnte Szene. +Simplizius (allein). Ha, Pompei ist erobert, Sieg ueber die Kalmuken! +Da gibt's Waffen. (Er setzt sich den Helm auf.) Her da mit dem +Helm! (Nimmt das Schwert, steckt es in die Binde und hebt den Spiess +auf.) Das ganze Zeughaus haeng' ich um. So, jetzt ist der Stefan +Faedinger fertig. Rache, Rache! Alles muss bluten. Einen Hass hab' ich, +ich glaub', es duerft' mich einer spiessen, mir war's nicht moeglich, +ihn zu kuessen. Die ganze Welt ist mir zuwider. + + +Lied. +Wenn s' mir die Welt zu kaufen geb'n, +Ich weiss nicht, ob ich's nimm; +Da koennt man ein' Verdruss erleb'n, +Es wuerd' ein' voellig schlimm. +Und liess' man's wieder lizitier'n, +Was koennt' man da viel profitier'n? +Vors erste ist s' ein alt's Gebaeu', +Wer weiss, wie lang s' noch steht, +Das sieht man an Massana glei', +Dass s' sicher untergeht. +Und faellt ein' so a Welt ins Meer, +Wo nimmt man g'schwind a andre her? + +Die Voelker steh'n mir auch nicht an, +D' Kalmuken, d' Hugenotten, +Und wen ich gar nicht leiden kann, +Das sind die Hottentotten. +Da moecht' ich grad' vor Wut vergeh'n, +Und ich hab' nicht einmal ein' g'seh'n. + +Auch ist's ein Elend mit den Tier'n, +A' blosse Fopperei, +Was kriechen s' denn auf allen vier'n, +Ich geh' ja auch auf zwei. +Die meisten koennen uns nur quael'n, +Am liebsten sind mir die Sardell'n. + +Die Sonn', die ist schon lang mein Tod +Mit ihrer oeden Pracht, +Der Mondschein macht sich's gar kommod, +Der scheint nur bei der Nacht; +Und dann die miserablen Stern', +Die weiss man gar nicht, zu was s' g'hoer'n. + +Kurzum, ich hass' die ganze Welt, +Im Sommer wie im Winter, +Mir liegt sogar nichts an dem Geld, +Es ist nicht viel dahinter. +Ein einz'gen Menschen nur allein, + (Deutet auf sich.) +Wuesst' ich--dem ich noch gut koennt' sein. + (Ab.) + + + + + +Fuenfzehnte Szene. +Ewald und Aloe. + + +Aloe (muss von einer jugendlichen Schauspielerin dargestellt werden +mit grauen Haaren; sie hat den Kopf in ein Tuch gewickelt, wie eine +griechische Matrone, und geht etwas gebueckt.) Nein, nein, mein +lieber schmucker Herr, das geht nicht so geschwinde, das Maedchen +ist zu jung, sie braucht noch keinen Freier. Ach, du keusche Goettin +Diana, kaum bin ich eine Stunde aus dem Hause, um die tapferen +Maenner zu bewundern, so faengt das Maedchen Liebeshaendel an. Wo habt +Ihr denn das ungeratene Kind gesprochen? + +Ewald. Am Fenster sprach ich sie. + +Aloe. Seht doch, und glaubt Ihr denn, man heiratet bei uns die +Maedchen gleich vom Fenster nur herunter, wie man Zitronen pflueckt? +Lasst Euch den Wunsch vergehen. Ich sehe fuenfzig Jahre schon zum +Fenster heraus und hab' mir keinen Mann erschaut, so lange kann sie +auch noch warten. Ich kenn' Euch nicht einmal, wer seid Ihr denn? + +Ewald. Ein Fremdling bin ich. + +Aloe. Ei, das seh' ich, denn unsere Maenner kenn' ich alle. Doch was +besitzt Ihr in der Fremde? + +Ewald. Ein Gut, das mir kein Unfall rauben kann, ein treu Gemuet und +kraeftigen Verstand. + +Aloe. Wer sagt Euch, dass Verstand ein sichres Erbteil sei, wie +koennt' es denn so viele Narren geben? + +Ewald. Und eine Kunst, die alle Kuenste uebertrifft. + +Aloe. Vielleicht die Kunst, mich hinters Licht zu fuehren? + +Ewald. Im Gegenteil, ich moechte Eure Schoenheit gern im hoechsten +Glanz erscheinen lassen. + +Aloe. Ich hoer's nicht gern, wenn man von meinen Reizen spricht, es +ist mir nicht mehr neu; Gewohnheit toetet unsre schoensten Freuden. +Doch weiter nun, ach, mein Gedaechtnis ist so schwach, wovon habt +Ihr zuletzt gesprochen? + +Ewald. Von Eurer Schoenheit war die Rede, ja. + +Aloe. Ja, ja, das war's, was ich nicht hoeren mochte. Ihr wolltet +sie erhoehn? + +Ewald. Zum Venusrang, wenn Ihr mir Eurer Nichte Hand gelobt. + +Aloe. Was faellt Euch ein, Atritia ist ein unbemittelt Kind, um +keinen Preis! + +Ewald. Auch nicht um den, den heut im Tempel dort der Koenig reicht? + +Aloe (erschrocken). Seid Ihr von Sinnen? Bin ich erschrocken doch, +als haett' mich Amors Pfeil getroffen. Ich bin schon eine +ausgebluehte Rose, die nicht im Fruehlingsschein mehr glaenzt. + +Ewald. Ich will durch meine Kunst Euch diesen Glanz verleihn. Vor +allen Toechtern dieses Reichs sollt Ihr den Schoenheitspreis erringen, + doch Eure Nichte ist dann mein, ich fuehr' sie mit mir fort. + +Aloe. Ihr koenntet das, ein Sterblicher, bewirken, wofuer ich mich +dem Cerberus schon verschrieben haette, wenn er's vermoegen koennte? + +Ewald. Ich geb' Euch darauf mein Wort, und brech' ich es, braucht +Ihr das Eure nicht zu halten. + +Aloe. Macht mich nicht wahnsinnig. Ihr wolltet Aloe verjuengen? + +Ewald. Warum denn nicht? Wenn Aloe, die Pflanze, mit hundert Jahren +neue Blumen treibt, warum soll Aloe, das Weib, mit sechzig nicht +erbluehn? + +Aloe. Mit sechzig, ja, da habt Ihr recht, das ist die wahre +Bluetenzeit. Mir ist, als blueht' ich schon--fang' schon an zu duften. +O Himmel, welch ein Glueck, ich fuehle mich schon jung, mich hindern +bloss die Jahre. + +Ewald. So maessigt Euch, es ist ja noch nicht Zeit. Erwartet mich im +Haus, ich muss mich erst dem Koenig zeigen. Geht nur hinein und sagt +Atritien, dass sie mein Weib soll werden. + +Aloe. Ja, ja, Ihr sollt Atritien haben, ich schenke sie Euch. Ach, +wenn ich eine Herde solcher Maedchen haette, Ihr koenntet alle sie +nach Eurem Lande treiben. Nur fort damit, nur fort, die Schoenste +bleibt zurueck. Die Schoenste--eine Welt von Wonne liegt in diesem +Namen. Und bin die Schoenste ich, wird mir der schoenste Mann. Der +schoenste Mann! Ach, wie viel Welten kommen da zusammen!--(Gegen das +Haus.) Atritia, Atritia, wir kriegen beide Maenner! O Goetter, steht +mir bei, das kostet den Verstand. (Eilt freudig ab.) + + + +Sechzehnte Szene. + + +Ewald (allein). +Wie fuehlt ein Juengling doppelt holder Liebe Wert, +Wenn er das Alter den Verlust betrauern hoert. + +Geschrei (von innen). Der Eber ist erlegt. Es leb' der grosse Held! + +Ewald. Der Eber ist erlegt, des Landes borst'ge Plage. Da koemmt +Simplizius, und voll Angst. Ist seine Wut verdampft? + + + +Siebzehnte Szene. +Voriger. Simplizius. + + +Simplizius. Sind Sie da? + +Ewald. Was bringen Sie, Simplizius? + +Simplizius. Stellen Sie sich vor, ich hab' den Eber umgebracht. + +Ewald. Sie? Nicht moeglich. + +Simplizius. Nun, sie sagen's alle. + +Ewald. Alle? Wer? + +Simplizius. Die Voelkerschaften, die mir zugeschaut haben. + +Ewald. Das ist ja ein ungeheures Schwein. + +Simplizius. Versteht sich, ein groessres als wir alle zwei. + +Ewald. Das haben Sie nicht allein erlegt, da muss Ihnen wer geholfen +haben. + +Simplizius. Jetzt ist's recht, wenn einem einmal was g'rat, so +sagen Sie, es muss einem einer g'holfen haben. Er hat ja nur einen +Stich, das kann man ja doch gleich sehen. + +Ewald. Wie ging es aber zu? + +Simplizius. Ganz kurz, denn wer wird sich mit einem Eber in ein'n +langen Diskurs einlassen? Sie wissen, dass heut grosse Jagd auf ihn +veranstaltet war. Alles war versammelt drauss' beim gruenen Baum, da +kommt der Eber alle Tag' zum Fruehstueck hin. Alle Krieger waren voll +Feuer, und in mir hat's gar schon gekocht. Aus einmal wird einer +totenblass und ruft: Der Eber kommt, jetzt rauft, rauft! Aber das +Wort rauft muss in der hiesigen Sprach' eine andre Bedeutung haben +und muss heissen lauft; denn kaum war das Wort heraus, so sind schon +alle davong'loff'n. Kaum waren s' fort, wer kommt? Der Eber. Ich +erseh' ihn kaum, so fasst mich eine Wut, ich stuerz' mich auf ihn los +und stich ihn auf der unrechten Seiten hinein und auf der rechten +wieder heraus. + +Ewald. Unerhoert, und wie er fiel, was dann? + +Simplizius. Dann bin ich auch davong'loff'n. Was weiter g'schehn +ist, weiss ich nicht, vermutlich haben sie eine Schwein aufgehoben. + +Ewald. Also nach der Tat haben Sie den Mut verloren? + +Simplizius. Versteht sich, das ist ja eben das Grossartige; vorher +ist's keine Kunst. Kaum ist der Eber in seinem Blut dagelegen, ist +er mir noch zwanzigmal groesser vorg'kommen als vorher, so dass ich zu +zittern ang'fangt hab', und hab' ihn nicht ansehn koennen mehr. +Alles hat zwar g'schrien; Halt, verweil', du grosser Held! Aber ich +hab' mir gedacht, schreit ihr zu, solang ihr wollt, ich bin nicht +der erste Held, der davon g'loff'n ist, und werd' auch nicht der +letzte sein--und bin fort. + +Geschrei (von innen). Heil dem groessten aller Helden! + +Simplizius. Hoeren S', sie schrein schon wieder. Gibt kein' Ruh', +das Volk. + +Ewald. Simplizius, Sie werden reichen Lohn erhalten. + +Simplizius. Glauben S', dass was herausschaut? Ich werd' ihnen schon +einen rechten Konto machen, was ich an Eberarbeit g'liefert hab'. +Oder sie sollen mich nach dem Pfund bezahlen. Ich lass' ihn beim +Wildbrethaendler waegen, was er waegt, das waegt er. Punktum! (Aloe +zeigt sich am Fenster.) Doch sagen Sie mir, wann werden wir denn +einmal das Reich erretten, wenn immer etwas dazwischen kommt? Bald +ein Erdbeben, bald ein Eber. + +Ewald. Dafuer lassen Sie die Goetter sorgen, wir gehorchen nur. Sehen +Sie doch nach jenem Fenster. + +Simplizius. Ah, da schau' ich nicht hinauf. + +Ewald. Warum denn nicht? + +Simplizius. Weil eine Alte herausschaut. + +Ewald. Freund, das ist mein Ideal, die muss mir heut noch als die +groesste Schoenheit glaenzen. + +Simplizius. Die da? Nun, da duerfen S' schoen politier'n, bis die zum +glanzen anfangt. + +Ewald. Das wird der Zauberschein der Fackel tun. Der Koenig muss den +Preis ihr reichen; drum stellen Sie als Ihren Freund mich bei ihm +vor, damit er mir Gehoer verstattet. Sehen Sie nur, dort nahen sich +die Krieger im feierlichen Marsch, man suchet Sie. + +Simplizius. Ah, sie sollen marschier'n, wohin sie wollen, ich +brauch' sie nicht. + + + +Achtzehnte Szene. +Vorige. Dardonius. Hoeflinge. Dazu Nimelot. Abukar. Astrachan. +Olinar. + + +Chor (der Krieger, welche aus die Buehne ziehen). + +Dank dem Helden, den die Goetter +Mit des Loewen Mut gestaehlt. +Und den zu des Landes Retter, +Gnaedig waltend sie erwaehlt. + +(Sie bilden einen Kreis.) + +Dardonius (in freudiger Begeisterung). Wo, sagt, wo ist meines +Landes wunderbarer Retter? + +Ein Hoefling. Hier ist der edle Juengling, hoher Fuerst. + +Simplizius (fuer sich). Meint der mich? + +Olinar. Hat der den Eber erlegt? + +Abukar. Wer hatte das gedacht? + +Dardonius. Lass dich umarmen, Fremdling. (umarmt ihn.) Nimm des +Koenigs Dank. + +Simplizius. Ich bitt' recht sehr, machen Sie kein solches Aufsehn, +es ist ja gar nicht der Mueh' wert, wegen der Kleinigkeit da, wegen +dem bissel Eber. + +Dardonius. Also du hast dieses Ungetuem erlegt? + +Simplizius. So schmeichl' ich mir. + +Krieger. Wir waren alle Zeugen. + +Dardonius. Heldenmuetiger Mann, sieh hier des Dankes Traenen in den +Augen meines Volkes. + +(Die Hoeflinge weinen.) + +Simplizius. Jetzt weinen die gar wegen einem Schwein, das ist mir +unbegreiflich. + +Dardonius. Goetter, wie koennen in so schwach gebautem Koerper solche +Riesenkraefte wohnen? + +Simplizius. Ja, das ist eben das Hasardspiel der Natur, dass ein +Elefant in einer Nuss logiert. + +Dardonius. Sprich, wie kann ich dich belohnen? + +Simplizius. Ja, ich muesst' da erst einen Ueberschlag machen, das +dauert zu lang', ich ueberlass' das Ganze der Indiskretion Euer +Majestaet, wir werden kein' Richter brauchen. + +Dardonius (fuer sich). Dieses Mannes Ausdruecke versteh' ich nicht. +(Laut.) Ihr Krieger, deren oft bewiesner Mut der Heldenstaerke +dieses Juenglings weichen muss, sagt selbst, verdient die Tat, dass +sie ein Lorbeer lohnt? + +Alle. Ja, sie verdient es. + +Simplizius. Sapperment, ein'n Lorbeer geben s' mir gar dafuer, da +waer' mir schon eine Halbe Heuriger lieber. + +Dardonius. Wohlan, so schmuecket ihn damit. + +(Die Krieger brechen einen Lorbeerzweig von den Baeumen und winden +einen Kranz.) + +Simplizius. Sie, Freund--(zu Ewald) soll ich denn das Gestrauchwerk +annehmen? Das ist ja nicht zwei Groschen wert. + +Ewald. Was fuer ein Gestraeuch? + +Simplizius. Ein' Lorbeer wollen s' mir geben, da waer' mir ein +Spenat noch lieber. Mir scheint, sie wollen mich prellen, was? + +Ewald. Was faellt Ihnen denn ein, ein Lorbeer ist die hoechste +Auszeichnung, nach der die groessten Maenner aller Zeiten je gerungen +haben. + +Simplizius. Nach dem Lorbeer? Nun der muss schoen herunter kommen +sein, jetzt nehmen sie ihn schon gar zum Lungenbratl. + +Ewald. Lassen Sie sich doch belehren. Sie rauben ja der Menschheit +ihren Adel. + +Simplizius. Ist denn die Menschheit von Adel, das hab' ich auch +nicht gewusst. + +Ewald. O Vernunft, wie erhoeht der Umgang mit den Tieren deinen Wert. + + +Dardonius. Habt ihr ihn bereitet? + +Erster Hoefling. Hier ist er. (Bringt den Kranz mit roten Beeren auf +einem Schild.) + +Simplizius. So ist's recht, nicht einmal in einer Sauce. + +Dardonius. Nun beug' dein Knie, ich selber will dich kroenen. + +Simplizius (kniet). Das sind Umstaend'. + +Olinar. Ein unbarmherz'ges Glueck. + +Dardonius. In meinem und des ganzen Reiches Namen umwind' ich deine +Heldenstirn' mit diesem Ehrenkranz. + +Simplizius. Da bin ich versorgt auf mein Lebtag, wenigstens gehn +mir die Fliegen nicht zu. + +Dardonius. Wie heissest du? + +Simplizius. Simplizius. + +Dardonius. Das ganze Heer lobpreise diesen Namen. + +Alle Krieger. Hoch leb' Simplizius, der Retter unsres Landes! + +Dardonius. Steh auf, der Kranz ist dein. + +Simplizius (steht auf). Die haben mich schoen erwischt, das ist ein +Undank! Ich muss aussehn, wie ein Felberbaum. (Beutelt den Kopf.) + +Dardonius. Und damit du meines hoechsten Dankes Wert erkennst, so +sollst du Unterfeldherr sein. + +Simplizius. O Spektakel, jetzt nehmen s' mich gar zum Militaer. +Unterfeldscherer muss ich werden. + +Ewald. Der Mensch bringt mich zur Raserei. + +Olinar. Das ist ein aeusserst dummer Mensch. + +Alle. Heil dir, Simplizius! + +Hoefling. Man bringt den Eber, hoher Fuerst. + +Simplizius. Was? Nun, den taet' ich mir noch ausbitten, da trifft +mich gleich der Schlag. + + + +Neunzehnte Szene. +Vorige. Sechs Krieger bringen einen ungeheuren Eber auf einer Trage, +welche sie in die Mitte der Buehne setzen. + + +Ewald. Ein sehenswertes Tier. + +Simplizius. Ich schau ihn g'wiss nicht an. + +Dardonius. Bewundre deine Riesentat. + +Simplizius. Ah, das ist schrecklich, er ist schon wieder g'wachsen. +(Zu Ewald.) Das Tier nimmt gar kein End', schauen Sie ihn nur an, +mir scheint, er ruehrt sich noch, er ist nicht tot. + +Dardonius. Ergoetze dich an deinem Sieg! + +Simplizius. Sie, halten S' mich, mir wird nicht gut. Ich verlier' +meinen Lorbeer noch aus Angst. Der packt mich an, er hat ein Aug' +auf mich, sehen Sie ihn nur an. + +Ewald. So fassen Sie sich doch. + +Simplizius. Reden S' nur nicht vom Fassen, sonst ist er gleich da. +Ich halt's nicht aus. (Schreit.) Euer Majestaet, schaffen Euer +Majestaet den Eber fort. + +Mehrere Hoeflinge. Wie, der Koenig? + +Simplizius. Da ist mir alles eins, wegen meiner die Koenigin. Nur +fort mit ihm, es g'schieht ein Unglueck sonst. + +Dardonius. Was bebst du so? + +Simplizius. Aus lauter Kraft, das ist der ueberfluess'ge Mut. Eine +Lanzen! (Man reicht ihm eine Lanze--leise.) Dass ich mich halten +kann, sonst fall' ich z'sammen. Fort mit ihm, nur fort, ich stech' +ihn noch einmal z'sammen, den Sapperment, ich kenn' mich nicht vor +Wut (beiseite) und vor Angst. + +Dardonius. So bringt den Eber fort. (Fuer sich.) Der Mann ist mir +ein Raetsel. + +Olinar. Spricht so der Mut sich aus, dann bin ich auch ein Held. + +Dardonius. Ihr seid gewiss, dass er, nur er, den Eber hat erlegt. + +Die Krieger. Wir sind's. + +Dardonius. Das ist mir unbegreiflich. + +Simplizius (fuer sich). Mir schon lang. + +Hoefling (leise zum Koenig). Er ist verstandlos und gemein. + +Dardonius. Gleichviel. So lohnen wir die Tat, nicht den, der sie +beging. Erhebet ihn und tragt ihn im Triumphe nach dem Tempel, dort +schmueckt ihn, wie die Sitte es erheischt. Leb' wohl, mein Held, ich +folge bald. + +(Die Krieger bilden mit ihren Schildern eine Treppe.) + +Simplizius. Nein, was sie mir fuer eine Ehr' antun, zuerst tragen s' +die Wildsau und nachher mich.--Da hinauf? Ah, das wird ein Triumph +werden, wenn sie mich da herunterfallen lassen, da werd' ich auf +meinen Lorbeern ruhn. (Steigt hinauf.) + +Krieger. Es lebe Simplizius. + +Simplizius. Jetzt heben s' mich auf einen Schild. Da heisst's beim +gruenen Kranz. Eine schoene Aussicht hat man da heroben. Nur Obacht +geben, sonst heben wir noch was auf. (Der Marsch beginnt, man will +ihn forttragen, er schreit.) He, Sapperment, ich hab' noch was +vergessen. Halt, halt, die ganze Armee soll halten! (Man haelt.) +Euer Majestaet, ich bitt', auf ein Wort. + +Dardonius (tritt naeher). Was verlangst du? + +Simplizius (zu Ewald). Sie, kommen S' ein bissel her. Euer Majestaet +erlauben, dass ich Euer Majestaet bei meinem Freund auffuehr', er +wuenscht dero Bekanntschaft zu machen, und aus lauter Triumph haett' +ich bald drauf vergessen. Ha, ha, ha, empfehl' mich. (Zu den +Kriegern.) Nur vorwaerts mit dem Zug. + +Chor (der Krieger). +Dank dem Helden, den die Goetter +Mit des Loewen Mut gestaehlt, +Und den zu des Landes Retter +Gnaedig waltend sie erwaehlt. + +(Alles ab, bis auf) + + + +Zwanzigste Szene. +Dardonius. Hoeflinge. Ewald. Aloe entfernt sich vom Fenster. + + +Hoeflinge. Ein sonderbarer Mann, ganz unwert solcher Ehre. + +Dardonius. Du bist des tapfern Mannes Freund? + +Ewald (beiseite). Was soll ich sagen. (Laut.) Das bin ich, edler +Fuerst. (Fuer sich.) Die Schande drueckt mich fast zu Boden, dass ich +dieses dummen Menschen Freund sein muss. + +Dardonius. Er ist ein Held, wie mir noch keiner vorgekommen ist, +und hat dem Lande Wichtiges geleistet, drum magst auch du auf die +Gewaehrung eines Wunsches rechnen. + +Ewald. Es ist ein Wunsch, der sich mit dieses Landes Ehre wohl +vertraegt. Ich will dein Aug' auf deines Reiches hoechste Schoenheit +lenken, die nur bis jetzt in stiller Abgeschiedenheit gelebt. + +Dardonius. Bring' sie zum Fest, verdient sie den Preis, soll er ihr +nicht entgehen, doch ungerecht darf ich nicht handeln. + +Ewald. So kuehn ist meine Bitte nicht. Nur magst du sie nicht selbst +mit einem Kranz von Rosen schmuecken, es muessen edle Frauen deines +Landes ein Myrtendiadem auf ihren Scheitel druecken. + +Dardonius. Es soll geschehn, find dich nur bald im Tempel ein, denn +eh' noch Phoebus' Rosse aus Poseidons Fluten trinken, muss unser Fest +beendet sein; damit die Nacht, die aller Schoenheit Glanz verdunkelt, + dem ruhmbeglueckten Tag nicht seinen Sieg entreisst. (Geht ab, die +Hoeflinge folgen.) + +Ewald (allein). Es kraenkt mein Herz, dass ich dich, edler Koenig, +taeuschen muss, weil dir ein kuehner Augenblick erschuetternd zeigen +wird, wie sechzig unbarmherz'ge Jahre der holden Schoenheit Bild in +Haesslichkeit verwandeln. (Geht ab, in Aloes Haus.) + + + +Einundzwanzigste Szene. +(Vorhalle in Aloes Wohnung.) + +(In der Mitte des Hintergrundes stuetzt ein breiter praktikabler +Pfeiler das Gewoelbe, sodass sich dadurch zwei Oeffnungen bilden, +wovon der Eingang zur Rechten durch eine drei Schuh hohe Balustrade, +welche von der Kulisse bis zum Mittelpfeiler reicht, geschlossen +ist. In diese Halle, welche im Dunkel gemalt ist, fuehrt eine +Seitentuer nach Atritiens Zimmer. Die Halle links ist licht, weil +sich auf dieser Seite ein Fenster befindet.) + +Aloe tritt ein. + + +Aloe (aus Atritiens Gemach kommend und in dasselbe zurueckrufend). +Bleib du im Gemache nur (verschliesst die Tuer), er darf dich nicht +frueher sprechen, bis ich mit meinen Reizen erst in Ordnung bin. +Vielleicht verliebt er sich dann wie Pygmalion in sein eignes Werk +und gibt dir einen Korb. Hier ist er schon, der holde Mann! + + + +Zweiundzwanzigste Szene. +Vorige. Ewald. + + +Ewald. Nun, hier bin ich, schnell zum Werk. (Gebieterisch.) +Bereitet Euch, um schoen zu werden. + +Aloe (pathetisch). Wer waere dazu nicht bereitet, Erwartung spannt +jede Faser, und Ungeduld zersprengt mir noch das Herz. + +Ewald. Kniet Euch nieder, fleht die Goetter an. + +Aloe (kniet). Goetter, die ihr tausend Himmel ausgeschmueckt mit +Schoenheit habt, oeffnet eure Vorratskammern und das Fuellhorn ew'ger +Jugend giesset auf mein Haupt herab! Alles will ich gern erdulden; +Werft mich in des Aetna Krater, speit er mich nur schoen heraus; lasst +mich tief im Meere verschmachten, bis ich mich in Schaum aufloese +und als Venus neu ersteh'; schenkt mir Millionen Muscheln, wo nur +eine birgt die Schoenheit, und ich will sie alle oeffnen, bis ich auf +die rechte komme. Goetter, lasst euch doch erbitten; denn ich stehe +nicht mehr auf. (Breitet die Haende aus.) + +Ewald. Steht wieder auf, jetzt seid Ihr schoen. + +Aloe (steht schnell auf). Wollt Ihr mich zur Naerrin machen, ich +seh' ja nicht die mindeste Veraenderung an mir. + +Ewald. Weil es hier zu dunkel ist, lasst mich erst die Leuchte +schwingen. (Er schwingt die Leuchte und stellt sie in einen Ring +des Pfeilers, doch so, dass die Halle links beleuchtet wird, die +andere dunkel bleibt. Augenblicklich verwandelt sich Aloe in ein +junges reizendes, rosig gekleidetes griechisches Maedchen, mit +weissen Rosen geziert.) Nun beseht Euch in dem Spiegel. (Er haelt ihr +einen Handspiegel vor, der auf einem Tischchen liegt.) + +Aloe. Nein, unmoeglich, Venus blickt aus diesem Glase. Schwoert mir, +dass ich's selber bin. + +Ewald. Ja, Ihr seid's, mein Haupt dafuer. + +Aloe (ploetzlich stolz). Nun, ihr Weiber, die die Welt, blind genug, +fuer schoen erklaert, wagt es, euch mit mir zu messen, Bettlerinnen +seid ihr alle. Ha, so gross ist meine Freude, dass ich dich umarmen +muss. (Kuesst ihn.) + +Ewald. Sie gefaellt mir selbst beinah, doch mich kann sie nicht +verfuehren, denn will ich meine Liebe daempfen, so loesch' ich nur die +Fackel aus. + +Aloe (fuer sich). Ha, er scheint sich zu verlieben; doch er ist mir +jetzt zu wenig; nun muss ein Koenig kommen, wenn ich meine Hand +verschenke. + +Ewald. Bald straft sich dein Uebermut. (Gezogen.) Hoert mich, schoene +Aloe. + +Aloe (entzueckt). Was verlangst du, holder Mann? + +Ewald. Haltet nun auch Euer Wort, weil ich meines hab' erfuellt. +Lasst Atritien mich sprechen. Ruft sie mir. + +Aloe. Wartet nur, ich hab' sie fest verschlossen. Na, die wird vor +Galle bersten, wenn sie meine Schoenheit sieht. (Sie geht durch die +lichte Oeffnung des Bogens. Wie sie hinter den Pfeiler tritt, bleibt +sie stehen und eine andere von gleicher Groesse, gekleidet wie Aloe +als Alte war, geht ohne Pause statt ihr zur Seitentuer in der +dunkeln Halle, schliesst sie auf und geht hinein. Wie sie die Tuer +ausschliesst, spricht:) + +Ewald (lachend). Ha, ha, nun ist sie wieder alt, weil sie die +Fackel nicht bescheint. + +Aloe (stuerzt aus dem Gemache, wie sie zu dem Pfeiler kommt, +wechseln die Gestalten). Wie geht das zu, dass mich Atritia nicht +bewundert? + +Ewald (fuer sich). Das glaub' ich gern. (Laut.) Ihr irrt Euch ja. +(Ruft.) Atritia, komm heraus! + +Atritia (aus dem Gemach, eilt auf Ewald zu, ohne Aloe zu achten). +Ich komme. Es ist seine Stimme, sag' Fremdling, ist es wahr, soll +ich dein Weibchen werden? + +Ewald. So ist's, doch sieh dich um. + +Atritia. Ah, Himmel, was erblick' ich. Das ist die Goettin Venus +selbst. (Faellt auf die Knie.) Nein, solche Schoenheit hab' ich noch +nie gesehen. + +Aloe (triumphierend). O Labsal, Honig fuer den Stolz. Da kniet sie +jetzt, die mich so oft verlacht. + +Atritia (haelt die Haende zusammen). Grosse Goettin, steh uns bei. + +Ewald. Steh auf, es ist nur deine Muhme. + +Atritia. Was sprichst du da? Die Muhme? + +Ewald. Sie ist's, ich hab' sie so verschoenert. + +Atritia (steht auf). Die alte haessliche Aloe? Nicht moeglich! + +Aloe (bricht los). Du ungezogenes Kind, du wagst es, mein +ehemaliges Ich haesslich zu nennen? Geh mir aus den Augen oder ich +vergreife mich an dir. Der Aerger kostet mich das Leben. + +Atritia. Ja, du hast schon recht, sie ist's; so spricht die Goettin +Venus nicht. O sag', wirst du mich auch verschoenern? + +Ewald. Du bist mir schoen genug. + +Atritia. Dann will ich auch nicht schoener sein. + +Ewald. Doch nun leb' wohl. (Kuesst sie.) Kehr' ich zurueck, wirst du +mein Weib und folgst mir in mein Vaterland. Lucina, weih' ihr +deinen Schutz. + +Aloe (noch immer zornig). Mich alt zu nennen, du abscheuliches +Geschoepf! (Droht mit der Faust.) + +Ewald. Jetzt maessigt Euch, der Zorn vermindert Eure Schoenheit. Folgt +in den Tempel mir. + +Aloe (nimmt sich zusammen). Ja, ich will mich maessigen, denn meine +Schoenheit geht mir ueber alles. Ich folge Euch. (Wieder auffahrend.) +Aber wenn ich zurueckkomme--(Zu Ewald.) Geht nur voraus, ich bin die +Sanftmut selbst. (Wieder auffahrend.) Gottloses Kind, ich--(fasst +sich) nein, du sollst mich nicht um meine Schoenheit bringen. Geht +nur voraus, ich folge sanft, ganz sanft. (Trippelt steif und wirft +immer wuetende Seitenblicke auf Atritien.) Mich alt zu nennen!-- +Zittre, wenn ich wiederkomme!--Ganz sanft--ganz sanft! (Geht ab.) + + + +Dreiundzwanzigste Szene. +Atritia, dann Lulu. + + +Atritia (allein). Ach, mein Geliebter ist ein Zauberer. + +(Wolken fallen vor, Lulu steigt aus der Erde.) + +Lulu. Und willst du ihn darum verlassen? + +Atritia. Das tu' ich nicht, er hat auch mich bezaubert. + +Lulu. So folge mir, ich will dich ihm bewahren. (versinkt mir ihr.) + + + +Vierundzwanzigste Szene. +(Tempel der Venus.) + + +An jeder Seite ein Thron, und in der Mitte des Hintergrundes das +Bild der Goettin auf Wolken schwebend, vor diesem Stufen. Dardonius, +Olinar, Astrachan, Abukar, Nimelot, Priesterinnen der Venus mit +goldenen Fackeln. Edle Herren und Frauen von Kallidalos sind im +Tempel versammelt, der Koenig besteigt den Thron. + +Kurzer Chor. +Seht, die Goettin ist uns hold, +Lieblich strahlt der Locken Gold, +Und ihr anmutsreicher Blick, +Kuendet unserm Lande Glueck. + +Dardonius. Die Goettin ist uns hold, sie nahm die Opfer gnaedig auf. +Nun fuehrt den Helden dieses wicht'gen Tags vor meinen Thron. + + + +Fuenfundzwanzigste Szene. +Vorige. Simplizius mit einem goldenen griechischen Panzer +geschmueckt und die grosse Eberhaut umhaengend, wird von Edlen +hereingefuehrt. + + +Simplizius. Was s' mit mir alles treiben, jetzt naehn s' mich mitten +im Sommer in eine Eberhaut ein, da moecht' einer doch aus der Haut +fahren! + +Dardonius. Edle Herren und Frauen von Kallidalos, hier steht der +kuehnste Jaeger seiner Zeit. + +Simplizius. Ich wollt', ich waer's, ich jaget euch alle davon. + +Dardonius. Ihm ward das Glueck, das Untier zu besiegen, das unser +Land verwuestet hat. Nun koennt ihr kuehn den Wald durchstreifen, und +eurer Felder Saaten sind durch ihn gerettet. + +Simplizius. Aha, deswegen haben s' mich zum Feldscher g'macht. + +Dardonius. Schon ruht auf seiner Stirn das Zeichen hoechsten Ruhmes, +und seine Schultern deckt des Tieres rauher Panzer. Nichts gleichet +seinem Mut. + +Simplizius (fuer sich). Mir steigen schon alle Aengsten auf, ich +schwitz' mich noch zu Tod. + +Dardonius. Darum ist meines ganzen Volkes Hoffnung nur auf dich +gerichtet. + +Simplizius (fuer sich). Nun, ich gratuliere. + +Dardonius. Besteige jenen Thron und kuende selbst, wozu ich dich +ernannt. + +Simplizius. O verflixt, mir verschlagt's die Red', und ich soll +eine halten. Ah was, ich red' halt einen unzusammenhaengenden +Zusammenhang. Volk ueber alle Voelkerschaften, der Koenig hat mich +unters Militaer gegeben, und obwohl ich nicht das rechte Mass hab', +so fuehle ich mich doch ueber alle Massen geruehrt und so ergriffen, +dass ich mich auf meinen Thron hier niederlassen muss, um alles zu +verschweigen, was mir meine Bescheidenheit nie zu sagen erlaubt. +(Setzt sich.) + +Dardonius. Ich hab' zum Unterfeldherrn ihn ernannt. Du bist ein +groesserer Held, als du ein Redner bist. Nun reicht den Fraun das +Myrtendiadem, wie ich es angeordnet habe, und lasst die Maedchen um +den Preis der Schoenheit buhlen. + +(Schmelzende Tanzmusik. Zwoelf Maedchen, so gekleidet wie Aloe nach +ihrer Verwandlung, doch weisse Kleider mit roten Rosen geziert, +beginnen anmutige Gruppierungen vor dem Thron des Koenigs. Endlich +bildet die Gruppe ein Tableau, das in seiner Mitte einen Raum laesst, +in welchen Aloe tritt, die waehrend den Bewegungen von Ewald mit der +Fackel hereingefuehrt wurde und die Gruppe schliesst. Ein Knabe +bringt den Frauen die Myrtenkrone auf einem Kissen.) + +Dardonius (mit Entzuecken). Jene ist's, die einer diamantnen Rose +gleich die zarten Perlen ueberschimmert. (Er steigt vom Thron und +fuehrt Aloe vor.) Ihr Frauen, kroenet sie, nur ihr gebuehrt der Preis. + +Simplizius (fuer sich). Die Alte hat sich ausg'wachsen, jetzt kauft +man s' fuer eine Junge. + +Dardonius. Sagt selbst, welch Land hat solch ein Maedchen +anzuzeigen? + +Die Maenner. Erstaunen fesselt unsre Sinne. + +Simplizius (fuer sich). Das ist der schoenste Betrug, der mir noch +vorkommen ist. + +Dardonius. Warum zoegert ihr, geehrte Frauen, ist sie nicht eurer +Krone wert? (Pause.) Antwortet doch. + +Frauen. Ja, sie ist uns-- + +Dardonius. Was ist sie euch? + +Simplizius. Zu schoen ist sie ihnen, das ist die ganze G'schicht'. + +Frauen. Sie ist uns an Schoenheit ueberlegen. + +Simplizius. Das hat was braucht, bis das herauskommen ist. Morgen +sind s' alle krank. + +Frauen (setzen ihr das Diadem auf). Du, schoener als wir alle, sei +des Festes Koenigin. (Die Frauen fuehren Aloe in den Hintergrund auf +die Thronstufen und reihen sich zu beiden Seiten.) + +Simplizius. Jetzt kriegt die auch einen Kranz! Der setzet ich was +anders auf. + +Alle. Heil der Koenigin des Festes. + +Simplizius. Was die heut schreien, das ganze Volk wird heis'rig +noch. + +Dardonius. Simplizius, jetzt kann ich erst nach Wuerde dich belohnen; +nimm dieses Maedchens Hand, sie sei dein Weib. + +Simplizius. Das alte Weib? Jetzt waer' ich bald vor Schrecken ueber +den Thron herunter g'fallen. Die nehm' ich nicht. + +Dardonius. Bist du verwirrt, dies hinreissende Geschoepf? + +Simplizius. Mich reisst sie nicht hin, ich hab' s' in ihrer alten +Neglige schon g'sehn. + +Dardonius. Du musst sie nehmen, wenn du nicht dein Amt verlieren +willst. + +Simplizius. Wegen meiner schon. (Steigt vom Thron--fuer sich) Ich +will doch lieber die Feldschererei verlieren, als die Schererei mit +der Alten haben. + +Dardonius. Wie. du wagst es, dem Gesetz zu widersprechen? + +Ewald (leise). So nehmen Sie sie doch. Verraten Sie nur nichts, ich +leih' Ihnen die Fackel. + +Simplizius. Hoeren Sie auf, ich will ein Weib haben, die auch in der +Finsternis schoen ist, nicht eine, die man erst illuminieren muss. +(Laut.) Ich nehm' sie nicht. Will s' vielleicht ein andrer? + +Die Maenner. Wir alle sind bereit, sie zu freien. + +Simplizius. Nun also, reissender geht s' weg. Das Weibsbild foppt +das ganze Land. + +Dardonius. Noch nicht genug. Um zu beweisen, wie man in Kallidalos +Schoenheit ehrt, erwaehl' ich selbst zu meiner Gattin sie. + +Alles. Es lebe unsre Koenigin! + +Simplizius. Jetzt wird s' gar Koenigin! Ich fahr' aus der Haut. + +Dardonius. Und augenblicklich lass' ich mich vermaehlen. + +Aloe (macht Zeichen des Entzueckens). + +Simplizius Der Koenig treibt's. (Zu Ewald.) So loeschen S' doch die +Fackel aus, er heirat' ja die Katz' im Sack. + +Ewald. Entsetzliche Verlegenheit, was soll ich nun beginnen? + +(Donnerschlag, das Bild der Venus verschwindet. Lucina ist statt +ihr in einer Wolkenglorie sichtbar.) + +Lucina. Die Taeuschung geht zu weit, legt ab die Kraenze, die euch +nicht gebuehren. (Sie nimmt der unter ihr stehenden Aloe den Kranz +ab, und Simplizius' Lorbeer fliegt ihr in die Hand.) Nun fort nach +Agrigent. + +(Ewald und Simplizius verschwinden. Wie die Fackel unsichtbar wird, +verwandelt sich Aloe in ihre wahre Gestalt. Das Bild der Venus +erscheint wieder an der alten Stelle.) + +Alle. Was ist geschehen? + +Dardonius. Die Fremden sind verschwunden? Wo ist die Braut, die ich +erwaehlt? + +Aloe (auf den Stufen). Hier bin ich, edelster Gemahl. + +Dardonius. Welch haesslich Weib? Wie kommst du in den Tempel? + +Aloe. Ich bin ja Aloe, die du erwaehlt. Ich schwoer's bei meiner +Jugend. + +Alle. Betrug! + +Dardonius. Zauberei! Peitscht aus dem Tempel sie. O Scham, +vernichte mich. (Stuerzt ab.) + +(Man reisst Aloe von den Stufen.) + +Chor. +Hinaus, hinaus, du Ungetuem, +Entweih' den Tempel nicht, +Erzittre vor des Koenigs Grimm, +Auf, schleppt sie vors Gericht! + +(Sie wird hinausgejagt.) + + + +Sechsundzwanzigste Szene. +(Der Wald mit der Pforte der Eumeniden, auf welcher die drei Siegel +gluehen. Nacht, Mondlicht.) + +Lucina mit den Kraenzen. Kreon. + + +Lucina. Komm, mein Kreon, der Sieg ist uns gelungen. + +Kreon. So haettest du Unmoegliches errungen? + +Lucina. Bald wird dein Leid die hoechste Freude lohnen, +Der Orkus ist beschaemt, hier sind die Kronen. + +Kreon. Hell leuchten sie, drei Sonnen, durch die Nacht. +Wie schnell flieht Schmerz, wenn uns die Hoffnung lacht. + +Lucina. Nun knie' dich hin und senk' dein Aug' zur Erd', +Dass es der grause Anblick nicht versehrt. +Denn Rhea aechzet, und die Sterne wimmern, +Sehn sie den Dolch der Eumeniden schimmern. + (Kreon kniet und beugt sein Haupt, Lucina legt die Kraenze auf +den Opferstein.) +Drei Kroenen ruhen auf dem kalten Stein! +Ich opfre sie-- + (Eine Flamme erscheint und verzehrt scheinbar die Kraenze.) + Nun, Flamme, schliess sie ein. +Schmelzt, Siegel! Pforte, oeffne deinen Rachen. + (Die Siegel verschwinden, die Pforten springen unter +schrecklichem Gekrache auf.) +Herauf, herauf, ihr rachedurst'gen Drachen, + (Das Heulen des Windes.) +Blick' ja nicht auf, es kostet dich das Leben. +Die Eumeniden nahn, selbst mich ergreift ein Beben. + +(Sie beugt ihren Leib gegen die Erde, der Sturmwind heult. Klagende +Sturmmusik. Ein blauer Blitz faehrt aus der Hoehle.) + + + +Siebenundzwanzigste Szene. +Vorige. Tisiphone, Megaere, Alecto, ganz gruen gekleidete Furien, das +Haupt mit Vipern umwunden, eilen, blaeulichte Fackeln und blinkende +Dolche schwingend, aus der Pforte. + + +Alle drei (blicken auf den Mond--im tiefen Ton). +Der Mond, der Mond, er scheint zur rechten Stunde, +Wacht auf, wacht auf, die Rache haelt die Runde. + +(Sie gehen gemessenen Schrittes ueber die Buehne.) + +Lucina. Es ist geschehn, bald ist dein Feind gerichtet, +Und so der Streit mit banger Welt geschlichtet. +Nun folg', es harren dein, auf mein Geheiss, +Die Edlen all im liebverschlungnen Kreis. +Von tausend Lampen schimmert dein Palast, +Der kaum den Jubel seiner Gaeste fasst. + +(Beide ab.) + + + +Achtundzwanzigste Szene. +Die goldgezierte runde Marmorhalle, das Schlafgemach Phalarius', +durch zwei kerzenreiche Kandelaber erleuchtet. An der Seite sein +Lager, neben diesem brennt auf einem Postamente eine Lampe. +Gegenueber eine Pforte aus Ebenholz.) + +Phalarius tritt auf, hinter ihm Androkles tief gebeugt. + + +Phalarius. Lasst sehn, wie lang mein stolzer Nachbar sich noch +bruestet, +Wo sind die Feldherrn? Ist mein ganzes Heer geruestet? + +Androkles. Es harret mutentbrannt der Krieger ruest'ge Schar. + +Phalarius (lachend). +Vergebens glueht der Mut, vermeidet ihn Gefahr. +Nun loesch' die Lichter aus, lass Dunkelheit herein, +Entfern' dich dann (beiseite, mit Grimm) +und ueberlass mich meiner Pein. + +(Androkles loescht die Lichter aus bis auf die Lampe, beugt sich +tief und geht bangend ab. Das Gemach wird finster.) + + + +Neunundzwanzigste Szene. + + +Phalarius (allein). +Ein kluger Hauswirt schliesst des Nachts die Tuer, +Ich ahm' es nach. (Schliesst.) So, nun bin ich allein mit mir. + (Erschrickt.) +Allein?--Ein falsches Wort, wer kann das von sich sagen. +Schickt nicht die Einsamkeit Gedanken, die uns plagen? +Was sind Gedanken, die im Aufruhr sich versammeln, +Das Hirn bedrohn und der Vernunft das Tor verrammeln? +Gemeiner Tross nur ist's, den man nicht achten muss, +Der Koenig der Gedanken ist nur der Entschluss. +Drum hab' ich es auch fest mit Marmorsinn beschlossen, +Wie Phoebus, gross und hehr, mit feuerspruehnden Rossen +Des Himmels Reich durchzieht, auf goldnem Strahlenwagen, +So will ich durch die Erd' das Licht der Krone tragen. +Die Sonn' am saphirblauen Zelt glaenz' nicht allein, +Ich will die Zweite auf smaragdnem Grunde sein. +Von Aethiopiens Sand, wo gluehnder Samum hauset, +Bis an des Nordpols Eis, wo Boreas erbrauset, +Muss mein Panier, mit weithinschaundem Stolze prangen. +Poch ruhiger, mein Herz, gestillt wird dein Verlangen. + +(Er legt die Pantherhaut und seine Waffen ab, doch die Krone nicht +und streckt sich aufs Lager.) + +Besuch mich, falscher Schlaf, der selten mein gedenkt, +Und sich nur gern auf kummerlose Augen senkt. +Verlisch, o Lampe, lischt doch einst die Sonne aus, +Dann wird es finster sein im grossen Weltenhaus. + +(Er loescht die Lampe aus, augenblicklich sieht man bei seinem +Haupte drei gluehend rote Geister sitzen, welche unverwandt nach +seiner Krone blicken, sie sind frueher hinter dem Ruhebett verborgen +und heben erst setzt zugleich ihre Haeupter.) + +Wie eklig still!--Was waer' das Leben ohne Streit? +Die Scheide ohne Schwert--(schreit auf). + Wer da? (Erblickt die Geister.) + Ha ihr, auch heut? + +Die drei Geister (zugleich, eintoenig und hohl). +Wir bewachen die Krone mit Uhusblick, +Schlaf ruhig, schlaf ruhig, nichts stoere dein Glueck. + +Phalarius (laut auflachend). +Mein Glueck!--Wie bin ich doch so gluecklich nun durch euch, +Der Wunsch verarmt, ist die Erfuellung ueberreich. +O Wahn, der ueber Leides Abgrund Bruecken baut, +Weh dem, der ihren luft'gen Bogen keck vertraut. +Verzweiflungsvolles Glueck, das selber sich entleibt, +Du machst mich arm, das mir nichts als die Krone bleibt. +Die Kron'? Beim Styx, ich will sie fuerchterlich benuetzen, +Verderben soll von ihren gluehnden Zacken blitzen, +Ich raeche meine Qual, wer will mich daran hindern? + +(Es pocht an der Pforte.) + +Alecto (dumpf). +Der Eumeniden Dolch. + +Megaere. Vernichtung allen Suendern. + +Die drei Geister. +Die Eumeniden hier, der Orkus hat geendet. + +(Verschwinden.) + +Phalarius (springt auf). +Wer pocht so frech, sag' an, wer dich so spaet noch sendet? + +(Leises Pochen.) + +Alle drei. Mach' auf, fein Koeniglein, wir wuenschen dich zu sprechen. + + +Phalarius. Was wollt ihr mir? + +(Die Tuer springt mit einem Donnerschlage auf, alle drei treten +zugleich ein.) + +Alle drei. Wir strafen dein Verbrechen. + +Phalarius (entsetzt). +Ha, die Erynnien! + +Alle drei. Bereu', du musst erbleichen. + +Phalarius. Die furchtbar Raechenden! + +Alle drei. Die jede Tat erreichen. + +Phalarius. Zurueck, verfluchte Furien, mich schuetzt die Kron'. + +Alecto. Sie schuetzt dich nicht, der Orkus schweigt; denk' an Kreon! + +Phalarius. Ich hasse ihn wie euch. + +Tissiphone. Denk' an Aspasien! + +Megaere. An 'n Brand von Agrigent! + +Alecto. Gedenk', du musst vergehn! + +(Sie draengen ihn aufs Lager.) + +Phalarius. Ich denke nichts als Blut. + +Alecto. So denke an den See! + +(Ein Teil der Kuppel stuerzt ein, sodass sich ein rund ausgebrochenes +Loch zeigt, durch welches der Vollmond aufs Lager scheint.) + +Phalarius. Weh mir, des Mondes Strahl! + +(Die Eumeniden senken ihre Dolche in seine Brust.) + +Alle drei. Vergeh! Vergeh! Vergeh! + +(Pause--waehrend welcher sie in die Mitte des Theaters treten.) + +Der Mond, der Mond, er schien zur rechten Stunde, +Ihr Suender, bebt, die Rache haelt die Runde. + +(Gehen gemessenen Schrittes ab.) + + + +Dreissigste Szene. + + +Hades (aus der Tiefe, naht sich langsam dem Lager Phalarius'). + (Feierlich.) +Gib mir zurueck die Kron', du bleiches Heldenhaupt. + (Nimmt sie ihm ab.) +Da liegt der stolze Baum, zersplittert und entlaubt. +Hell glaenzt die Kron', nun will die gier'ge Welt ich fragen; +Wo ist der Kuehne wohl, der sie nach ihm will tragen? + +(Versinkt.) + + + +Einunddreissigste Szene. +(Reichverzierter beleuchteter Thronsaal.) + +Der Thron befindet sich in der Mitte des Hintergrundes. Durch die +Saeulen des Saales sieht man in einen reizenden, ebenso beleuchteten +Garten. Kreon auf dem Thron. Alle Edlen seines Reiches umgeben ihn +jubelnd. Im Vordergrunde auf der einen Seite Ewald mit der Fackel +und Simplizius, Lucina, Atritia und zwei Genien, die auf einem +Kissen eine Krone tragen, auf der entgegengesetzten Seite +Triumphmusik. + + +Alles. Dank den Goettern! Ew'ges Glueck unserm teuern Koenig Kreon! + +Kreon. Heil, meinen edlen Freunden, es stuermt mein Herz, mein Auge +perlt Freude! Nehmt eures Koenigs frohen Dank, der sich in eurer +Mitte uebergluecklich fuehlt. + +(Alles kniet in schoenen Gruppen um den Thron.) + +Alle. Heil unserm guten Koenig! + +Ewald. Arme Fackel, deine Macht ist uebertroffen; an diesem Anblick +kannst du nichts verschoenern. + +Simplizius. Das ist mir der liebste Koenig von allen, die ich heut +noch g'sehn hab'. + +Kreon. Doch nun lasst uns der hohen Goettin danken, die Thron und +Reich gerettet hat. + +Alles. Der hehren Goettin Dank! + +Lucina. Sei gluecklich, mein Kreon, Phalarius ist nicht mehr. (Nimmt +den Myrtenkranz.) +Nimm diese Kron', von liebgepaarten Myrten, +Lass dir die edle Stirne zart umguerten! +Durch sie wird dein Gemuet nie Leid betrueben, +Und stets wird dich dein Volk mit Treue lieben. + +Kreon. Verzeih, Lucin', ich darf die Kron' nicht nehmen, +Nimm sie zurueck, sie wuerde mich beschaemen. +Es soll auch ohne Zauber mir gelingen, +Die Liebe meines Volkes zu erringen. +Und drueckt es Leid in ungluecksvollen Tagen, +Ist es des Koenigs Pflicht, mit ihm zu klagen. + +Lucina (zu Ewald, welchen sie Atritien zufuehrt). +Nimm sie zum Lohn, Atritiens Hand und Herz sei dein, +Benuetze klug der Wunderfackel ros'gen Schein, +Du kannst von deinem Glueck nichts Hoeheres erheischen, +Die eine liebt dich wahr, die andre wird dich taeuschen. + +Simplizius. Wenn's nicht etwa umgekehrt ausfallt. + +Lucina. Und nun zu dir, Simplizius. + +Simplizius. Jetzt kommt s' auch ueber mich. + +Lucina. Du warst ein willig Werkzeug meiner Macht. +Dich wird der Koenig hier auch nach Verdienst belohnen. + +Simplizius. Auf d' Letzt setzen s' mir noch einen Lorbeer auf. + +Kreon. Man zahle ihm tausend Goldstuecke aus! + +Simplizius (beiseite). Ich hab's ja gleich g'sagt, dass mir das der +Liebste ist. (Laut.) Ich kuess' die Hand, Eure Majestaet. (beiseite.) +Jetzt richt' ich eine Schneiderwerkstatt auf und heirat' die Goettin, +das wird ein himmlisches Leben werden. + +Kreon (zu Ewald). Dich, Fremdling, werde ich stets an meinem Hose +ehren und durch ein Amt belohnen. + +Ewald. Mein grosser Koenig, Dank! + +Lucina. Moegt ihr doch lange noch verdientes Glueck besitzen, +Lucina wird euch stets mit Huld und Lieb' beschuetzen. + +(Ein rosiges Wolkenlager senkt sich nieder, von Genien umflogen. +Lucina legt sich in zarter Stellung auf dasselbe und schwebt in die +Luft. Kreon besteigt den Thron. Alles gruppiert sich. Griechische +Taenzer und Taenzerinnen fuehren Gruppen aus, von folgendem Chore +begleitet:) + +Chor. +Schmueckt mit Freude diese Hallen, +Lasst des Jubels Ruf erschallen, +Heil Lucina! Heil Kreon! +Tugend findet froh den Lohn. + + +(Der Vorhang faellt.) + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die unheilbringende Krone, +oder Koenig ohne Reich, Held ohne Mut, Schoenheit ohne Jugend, von +Ferdinand Raimund. + + + + + +End of Project Gutenberg's Die unheilbringende Krone, by Ferdinand Raimund + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNHEILBRINGENDE KRONE *** + +This file should be named 7kron10.txt or 7kron10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7kron11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7kron10a.txt + +Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +http://gutenberg.net or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03 + +Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + +Project Gutenberg Literary Archive Foundation +PMB 113 +1739 University Ave. +Oxford, MS 38655-4109 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information online at: + +http://www.gutenberg.net/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. So, among other things, this "Small Print!" statement +disclaims most of our liability to you. It also tells you how +you may distribute copies of this eBook if you want to. + +*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK +By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm +eBook, you indicate that you understand, agree to and accept +this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive +a refund of the money (if any) you paid for this eBook by +sending a request within 30 days of receiving it to the person +you got it from. If you received this eBook on a physical +medium (such as a disk), you must return it with your request. + +ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS +This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks, +is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart +through the Project Gutenberg Association (the "Project"). +Among other things, this means that no one owns a United States copyright +on or for this work, so the Project (and you!) can copy and +distribute it in the United States without permission and +without paying copyright royalties. Special rules, set forth +below, apply if you wish to copy and distribute this eBook +under the "PROJECT GUTENBERG" trademark. + +Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market +any commercial products without permission. + +To create these eBooks, the Project expends considerable +efforts to identify, transcribe and proofread public domain +works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any +medium they may be on may contain "Defects". Among other +things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other +intellectual property infringement, a defective or damaged +disk or other eBook medium, a computer virus, or computer +codes that damage or cannot be read by your equipment. + +LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES +But for the "Right of Replacement or Refund" described below, +[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may +receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims +all liability to you for damages, costs and expenses, including +legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR +UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT, +INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE +OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE +POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES. + +If you discover a Defect in this eBook within 90 days of +receiving it, you can receive a refund of the money (if any) +you paid for it by sending an explanatory note within that +time to the person you received it from. If you received it +on a physical medium, you must return it with your note, and +such person may choose to alternatively give you a replacement +copy. If you received it electronically, such person may +choose to alternatively give you a second opportunity to +receive it electronically. + +THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS +TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT +LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A +PARTICULAR PURPOSE. + +Some states do not allow disclaimers of implied warranties or +the exclusion or limitation of consequential damages, so the +above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you +may have other legal rights. + +INDEMNITY +You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation, +and its trustees and agents, and any volunteers associated +with the production and distribution of Project Gutenberg-tm +texts harmless, from all liability, cost and expense, including +legal fees, that arise directly or indirectly from any of the +following that you do or cause: [1] distribution of this eBook, +[2] alteration, modification, or addition to the eBook, +or [3] any Defect. + +DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm" +You may distribute copies of this eBook electronically, or by +disk, book or any other medium if you either delete this +"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg, +or: + +[1] Only give exact copies of it. Among other things, this + requires that you do not remove, alter or modify the + eBook or this "small print!" statement. You may however, + if you wish, distribute this eBook in machine readable + binary, compressed, mark-up, or proprietary form, + including any form resulting from conversion by word + processing or hypertext software, but only so long as + *EITHER*: + + [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and + does *not* contain characters other than those + intended by the author of the work, although tilde + (~), asterisk (*) and underline (_) characters may + be used to convey punctuation intended by the + author, and additional characters may be used to + indicate hypertext links; OR + + [*] The eBook may be readily converted by the reader at + no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent + form by the program that displays the eBook (as is + the case, for instance, with most word processors); + OR + + [*] You provide, or agree to also provide on request at + no additional cost, fee or expense, a copy of the + eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC + or other equivalent proprietary form). + +[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this + "Small Print!" statement. + +[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the + gross profits you derive calculated using the method you + already use to calculate your applicable taxes. If you + don't derive profits, no royalty is due. Royalties are + payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation" + the 60 days following each date you prepare (or were + legally required to prepare) your annual (or equivalent + periodic) tax return. Please contact us beforehand to + let us know your plans and to work out the details. + +WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO? +Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of +public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form. + +The Project gratefully accepts contributions of money, time, +public domain materials, or royalty free copyright licenses. +Money should be paid to the: +"Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +If you are interested in contributing scanning equipment or +software or other items, please contact Michael Hart at: +hart@pobox.com + +[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only +when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by +Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be +used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be +they hardware or software or any other related product without +express permission.] + +*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END* diff --git a/old/7kron10.zip b/old/7kron10.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..37c373a --- /dev/null +++ b/old/7kron10.zip diff --git a/old/8kron10.txt b/old/8kron10.txt new file mode 100644 index 0000000..8fe50f9 --- /dev/null +++ b/old/8kron10.txt @@ -0,0 +1,4557 @@ +Project Gutenberg's Die unheilbringende Krone, by Ferdinand Raimund +#7 in our series by Ferdinand Raimund + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Die unheilbringende Krone + (oder Koenig ohne Reich, Held ohne Mut, Schoenheit ohne Jugend) + +Author: Ferdinand Raimund + +Release Date: April, 2005 [EBook #7860] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on May 26, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: iso-8859-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNHEILBRINGENDE KRONE *** + + + + +Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen + + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 8-bit version. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Die unheilbringende Krone +oder +König ohne Reich, Held ohne Mut, Schönheit ohne Jugend + +Ferdinand Raimund + +Original-tragisch-komisches Zauberspiel in zwei Aufzügen + + + +Personen +Lucina, Schutzgöttin von Agrigent. +Hades, Fürst der Unterwelt. +Thanatos, Genius des ewigen Schlafes. +Lulu und Fanfu, Genien. +Tisiphone, Megära und Alecto, Furien. +Kreon, König von Agrigent. +Phalarius, Feldherr. +Antrogäus, Unterfeldherr. +Androkles und Clitonius, Hauptleute des Phalarius. +Octavian, ein Landmann. +Ein Jäger von des Phalarius Gefolge. +Simplizius Zitternadel, ein armer Dorfschneider. +Ewald, ein Dichter. +Riegelsam, ein Weinhändler. +Heraklius, Fürst von Massana. +Hermodius, sein erster Minister. +Thestius, ein edler Massanier. +Arete, seine Nichte. +Adrasto, erster Diener des Tempels. +Epaminondas, Hypomedon, Argos und Sillius, Massanier. +Eine Frau von Massana. +Ein Diener des Thestius. +Dardonius, Fürst von Kallidalos. +Olimar, Astrachan, Abukar und Nimelot, Bewohner von Kallidalos. + Aloe. +Atritia, ihre Nichte. +Erster, Zweiter und Dritter Geist des Orkus. + +Genien. Geister. Erscheinungen. Edle und Krieger +von Agrigent. Jagdgefolge. Volk von Massana. +Krieger. Höflinge und Volk von Kallidalos. +Priesterinnen im Venustempel. + + + +Erster Aufzug. + +Erste Szene. +(Finsterer Wald.) + +Im Hintergrunde links ein gigantischer Fels, mit einer durch ein +ehernes Tor geschlossenen Höhle. Neben der Pforte stehen mit Fackel +und Dolch bewaffnet die zwei Eumeniden Tisiphone und Alecto, aus +Stein gehauen. Megära, die dritte, ist über derselben in sitzender +Stellung angebracht. Die Pforte ist symbolisch verziert, neben ihr +ein steinerner Opferaltar. In der Tiefe der Bühne ein See, von +rauhen mit Bäumen bewachsenen Felsen umschlossen. Im Vordergrund +rechts ein Gebüsche. Donner murmelt durch den in weiter Ferne +erschallenden + + +Jubelchor. +Wie des Adlers Kraftgefieder +Seinen Leib zur Sonne trägt, +Fliegen aufwärts unsre Lieder, +Durch der Freude Schwung bewegt. +Glücklich, wie in Himmelszonen, +Von der Erde Leid getrennt, +Stolz die ew'gen Götter thronen, +Herrsch' Kreon in Agrigent. + + +Phalarius (tritt mit wild zurückschauenden Blicken hastig ein, er +trägt ein Pantherfell über dem Rücken und ist mit Bogen und Pfeil +bewaffnet). +Bin ich denn noch nicht weit genug gezogen, +Verräterische Stadt, die mich betrogen? +Wird auch des Waldes düstre Einsamkeit +Durch deines Jubels frechen Schall entweiht? + +(Die letzten Worte des Jubelchores erklingen wieder: +"Herrsch' Kreon in Agrigent." + +Herrsch' nur Kreon, Volk, jauchz' die Kehle wund, +Ihr zwingt das Glück zu keinem ew'gen Bund. +Prahlt, Lügner, mit der Kron', die ich erkämpft, +Da nur mein Mut des Krieges Glut gedämpft. +Mich laßt aus Undank meinen Purpur weben, +Ihn färben mit dem ausgeströmten Leben. +Das ich vergeudet am ersiegten Strand, +Den Lorbeer brechend mit der blut'gen Hand. +Glaubt ihr, ich hab' für Agrigent gestritten, +Damit der Rat, nach ungerechten Sitten, +Das Reich verkauft an den unmünd'gen Knaben, +Auf das nur ich ein wahrhaft Recht kann haben? +Denn ist er auch dem Thron verwandt durch Blut, +Bin ich es würd'ger noch durch Heldenmut. +Ich glaub' nicht, was des Tempels Diener sagten, +Als schlau sie Jupiters Orakel fragten, +Ob mir, ob wohl Kreon das Reich gehört; +Es hab' der Gott sich donnernd drob' empört, +Daß ich's gewagt, als meiner Siege Lohn, +Zu fordern Agrigentens goldnen Thron, +Und ausgesprochen unter ew'gen Blitzen; +"Ich dürfe nie ein Reich der Welt besitzen, +Und Agrigent kann dann nur Glück erringen, +Wird auf dem Thron Kreon das Zepter schwingen." +So logen sie, als ich zurückgekehrt, +Aus blut'ger Schlacht zum heißerkämpften Herd, +So logen sie, von aller Scham entwöhnt, +Als Siegesdank fand ich Kreon gekrönt. +Da außen ich des Landes Feind bekriegt, +Hat eigner mich im Innern hier besiegt. +Drum will ich fliehn aus dir, verhaßtes Land, +Doch nimm den Schwur als dräuend Unterpfand, +Daß ich noch einmal zu dir wiederkehre, +Zu rächen die durch Trug geraubte Ehre. + +(Will ab und erblickt entsetzt der Rachefurien Höhle.) + +Ha, welch ein Pfad hat mich zu euch geleitet, +Blutlose Schwestern, die ihr stets bereitet, +Als der Vergeltung grauenvolle Bürgen, +Gewalt'ge Sünder dieser Welt zu würgen. +Euch fordr' ich auf, an euch will ich mich wenden, +Sprengt auf das Tor mit den entfleischten Händen, +Reicht mir ein Schwert, mich an der Welt zu rächen, +Die mich verhöhnt, und ihren Bau zu brechen. + +(Fürchterlicher Donnerschlag, der verrollt; die Pforte dröhnt und +erzittert, dann leuchten schwache Blitze auf das Gebüsche rechts, +das sich in der Mitte auseinanderteilt. Man erblickt darin Hades, +in Lumpen gehüllt, mit bleichem Antlitz auf einem Steine sitzen, er +hat einen Sack über dem Rücken hängen.) + + + +Zweite Szene. +Phalarius und Hades. +(Hades grinst Phalarius an, der ihn mit Entsetzen betrachtet.) + + +Phalarius. Welch ekliche Gestalt, wer bist du? + +Hades (mit etwas hohler Stimme, lauernd und gezogen). Ich? + +Phalarius. Bist du der Rachefurien eine? (Starr.) Sprich! + +Hades (langsam aufstehend, er geht gebeugt und spricht langsam im +hohlen Tone). +Bin keine von den Rachefurien, +Kann selbst kaum mehr auf morschen Knochen stehn; +Bin nicht Tisiphone, Megär', Alecto, +Nein, nein, ich bin,--vergib,--mich schauert so. + +Phalarius. Du kannst nicht ganz der Erde angehören, +Du könntest sonst den schönen Glauben stören, +Daß nach dem hohen Götterbild des Zeus +Der Mensch geformet sei durch Prometheus. + +Hades. Nicht ganz ist mehr die Erd' mein Vaterland, +Tief unten ruft es mich am styg'schen Strand; +Harpyen, die wie Nachtigallen klagen, +Verkünden, daß die Furien um mich fragen. + +Phalarius. Hast du so bös gehaust in dieser Welt, +Daß dir im Enden jeder Trost nun fehlt? +Bist du so arm, daß dich Verzweiflung faßt, +Und hast wohl einst im Übermut gepraßt? + +Hades. So ist es, du hast furchtbar wahr gesprochen, +Doch jetzt ist meines Glückes Stab gebrochen; +Viel hab' ich einst auf dieser Erd' besessen, +Geliebt ward ich, ich werd' es nie vergessen, +Doch jetzt bin ich gehaßt, bin unbeweibt, + (Weinend.) +So arm, daß mir nichts mehr, als eine Krone bleibt. + +Phalarius (nach einer Pause des Erstaunens). +Was sprichst du, eine Kron'? Wahnwitzig Tier! + +Hades. Willst du sie sehn? ich trage sie mit mir. +(Mit stärkerer Stimme.) +Ich schenk' sie dir, willst du's mit ihr versuchen, +Ich hörte dich vorher um eine Krone fluchen, +Doch trägst du sie, legst du sie nimmer ab, +Sie bleibt dem Haupte treu bis an das Grab. + +Phalarius. Was nützt die Krone mich, nenn' mir ihr Reich. + +Hades (stark). Die Welt!--Hast du genug?--Was wirst du bleich? + +Phalarius. Soll ich's nicht werden? Mich befällt ein Grauen, +Wer kann in solchen Riesenhimmel schauen, +Die Erd', so weit sie reicht, unendlich Bild, +Hat nie die Neugier eines Augs gestillt. +Entflieh, verlaß mich, trügerischer Geist, +Der Hölle gibt, da er zum Himmel weist. +Zeig' her die Kron', wenn du mich nicht geneckt. + +Hades. In meinem Bettelsack ist sie versteckt; +Dem Drachen gleich, der in der Höhle kauert, +Auf fette Beut' mit gift'gem Zahne lauert. + +Phalarius. Ein Diadem in eines Bettlers Tasche? + +Hades. In schlichter Urn' ruht königliche Asche. + (Mit erhobener Stimme.) +Durch diese Kron', ruht sie auf einem Haupt, +Wird dem, der sie erblickt, des Mutes Kraft geraubt. +Ja, ihr Besitzer darf nur leise winken, +Wer sich ihm naht, muß huld'gend niedersinken. +Es wird der Baum, mit üppig grünen Zweigen, +Sein duftend Haupt vor dieser Krone neigen; +Des Waldes Tiere werden bang' erzittern +Und heulend sie in weiter Ferne wittern. +Was er befiehlt, muß streng' vollzogen werden, +Und keiner lebt, der sie entwenden kann auf Erden. +Selbst wenn er schläft, die sorgsam stille Nacht, +Geschloßnen Aug's, ihr Eigentum bewacht. +Kein Speer, kein Dolch, kein Pfeil kann ihn erreichen, +Der Krone Macht wird nur dem Mondlicht weichen; +Solang sie dies bestrahlt, ist er verloren, +Und jedes Feindes Schwert kann ihn durchbohren. +Solch Glück bringt dieser Reif und solches Bangen; +Nun sprich, trägt deine Herrschsucht noch nach ihm Verlangen? + +Phalarius. Den Sturm versöhn' durch eines Schiffes Wrack, +Golkondens Schatz verbirg im Bettelsack, +Dem Pfeil befiehl, er soll den Rückweg nehmen, +Des Ätna Glut verhindre auszuströmen, +Nur mich bered' nicht, von der Kron' zu lassen, +Gib sie heraus, sie muß das Haupt umfassen. + (Legt den Helm ab.) + +Hades. Wohlan, schau' nicht zum Himmel, blick' zur Erde, +Sie fleht dich an mit jammernder Gebärde; + (Er nimmt die goldene Krone aus dem Sacke, aus dem Feuer strömt, + ferner Donner.) +Doch hör' ihr Wimmern nicht, reich' mir die Stirn', +Bleib stark, bewahr' vor Wahnsinn dein Gehirn. + +(Er setzt ihm die Krone auf, fürchterlicher Donnerschlag, kurze +Musik. Die Bühne wird lichter. Die Erde zittert, die Bäume beugen +ihre Zweige, sodaß sie eine grüne Kuppel über Phalarius Haupt +bilden und sich im See spiegeln.) + +Hades. So, so, der Wald bebt vor dem Königshaus, +Es huld'gen dir die Stämme reichbelaubt. + +Phalarius. Ist's Wirklichkeit? Welch unnennbar Entzücken! + +Hades (beiseite). +Sie wird die Stirn noch heiß genug dir drücken. + +Phalarius. Ha! Nun ist mein der höchste Schatz hienieden. +Sprich, Wurm, was kann zum Lohn ich dafür bieten? + +Hades. Brauch' nichts dafür, trag sie nur glücklich fort, +Wir treffen uns schon am Vergeltungsort, +Wenn weit geöffnet deines Wahnes Grab, +Und du einst sprichst, wie ich gesprochen hab'; + (Weinend.) +Ich bin so arm, mir bleibt nichts als die Krone, + (grimmig.) +Den Augenblick allein bewahr' ich mir zum Lohne. + +(Schleicht ab, den Sack über dem Rücken.) + + + +Dritte Szene. + + +Phalarius (allein). +Geh, Lügengeist, nie werde ich so sprechen, +So denken nur wär' an dem Glück Verbrechen. +Nun fort, Phalarius, aus diesem Wald, +Damit dein Ruhm Sizilien durchschallt. +Doch kann ich baun auf dieser Krone Macht?-- +Holla, wer schreitet durch des Waldes Nacht? + + + +Vierte Szene. + +Voriger. Antrogäus mit königlichen Soldaten, welche mit Lanzen +bewaffnet sind. + +Antrogäus (von innen). 's ist Antrogäus und des Königs Wache. + +Phalarius. Willkommen, Speere, dienet meiner Rache. +Du, Antrogäus, sollst der erste sein, +Den ich dem langverhaltnen Haß will weihn. + +(Alles eilt auf Phalarius zu.) + +Chor. +Du sollst nach Hofe kehrn, Phalar', +Der König will's-- +(Die Krone erblickend und erschrocken zurückweichend.) + Ha, welch ein Stern, +Den ich auf deiner Stirn' gewahr'? +Er hält mich drohend von dir fern. +Wie kann sein Anblick doch erschüttern, +Mich reißt's zur Erd' mit bangem Zittern, +Die Angst erpreßt den Ausruf mir; +Sei gnädig, Fürst,--ich huld'ge dir! + +(Alle sinken bebend auf die Knie.) + +Phalarius (wild lachend). +Ha, ha, was läßt mir wohl Kreon befehlen? + +Antrogäus. Blick' mild auf uns, dein Auge kann entseelen. +Es sendete Kreon nach dir uns aus, + (Spricht mit beklemmter Brust.) +Dich heimzuleiten nach dem Fürstenhaus, +Wo sich die Freude wälzt, Bachanten winken, +Dort sollst du reuig an die Brust ihm sinken +Und Abschied deinem düstern Grolle geben, +Dafür wird er zu neuer Würd' dich heben. + +Phalarius. Verflucht sei der, der mir von Reue spricht! + (Zieht sein Schwert und verwundet ihn.) +Bereue du, wenn dir das Auge bricht! + (Antrogäus wird in das Gebüsch geführt.) +Verwahrt die Brust, mein durst'ger Stahl will trinken, +Er wird noch oft in Purpurscheide sinken. +Nun rafft euch auf und horcht auf mein Befehlen. +Ich will der Stadt ein Märlein dort erzählen; +Von einem Siegesfest, wo die Mänaden wüten, +Der Sieger nur allein muß drauß' im Walde brüten. +Von mächtig strahlender Kron', die ihm der Orkus schenkt, +Von wüt'gem Rachgefühl, das seine Waffe lenkt, +Von güldenem Palast am diamantnen See, +Wo Freudentaumel herrscht, nicht ahnend baldiges Weh. +Vom Brand, der ihn ergreift, vom grausen Angstgeschrei, +Von Kreons letzter Stund', verzweiflungsvoller Reu'. +Von Feinden waffenlos, die froh im Tanze schweifen, +Von Kriegern roh und wild, die sie wie Schergen greifen. +Vom glühenden Balkon, von dem man auf mein Winken +Sie wild frohlockend stürzt, daß sie im See ertrinken; +Dies Märchen wollen wir der Stadt zum besten geben, +Und wenn sie drob' erbleicht, soll Frohsinn uns beleben. +Dann wird auf des Palastes schwarz gebrannten Trümmern +Der glänzende Pokal wie Sonnenaufgang schimmern, +Und unsre Fabel geb' zum Schluß der Welt die Lehre; +Daß unbewachtes Glück nicht lang auf Erden währe. + (Für sich gemäßigter.) +Ich will das meine wahrn, mich sehe keiner fallen, +Und müßt' es auch geschehn, mein Ruhm kann nie verhallen. +Ich ringe mit der Zeit, es muß nach tausend Jahren +Die Sage von der Kron' die Nachwelt noch erfahren. + +(Alle ab, die Bäume biegen sich abwärts.) + + + +Fünfte Szene. + + +Lucina (schwebt schnell auf Rosenschleiern, die auf weißen Wolken +ruhn, auf die Erde nieder, Angst beflügelt ihre Worte). +Was hört' ich für Flüche im Hain hier ertönen? +Es beben die Lüfte, die Felsen erdröhnen, +Hin brauset der Frevler durch waldige Nacht, +Zu liefern die gräßliche Höllenschlacht. +So mußte auf Erden ein Bösewicht reifen, +Der's wagt, nach der schrecklichen Krone zu greifen. +Agrigent ist verloren, es jammert die Welt, +Wenn ihn nicht die Macht der Erinnyen fällt. +Was soll ich beginnen, ihr blutigen Stunden, +Zu strafen den Frevel, zu heilen die Wunden? +Er muß ja die grausame Tat erst vollstrecken, +Will ich hier die rächenden Furien wecken. +Nur Tod sprengt des Fatums gewaltige Ketten, +Drum muß ich das Leben des Königs erretten. +Schon rennt durch die Straßen der gierige Troß, +Es werde die Wolke zum flüchtigen Roß. + +(Die Wolke verwandelt sich in ein schwarzes Roß mit goldenem Zaum. +Lucina setzt sich schnell auf selbes.) + +Nun, Rappe, nun magst du die Lüfte durchschnauben, +Wir wollen den Mörder der Beute berauben. + +(Das Roß fliegt pfeilschnell ab.) + + + +Sechste Szene. + +Hades (als Fürst der Unterwelt, schwarz griechisch gekleidet, eine +schwarze Krone auf dem Haupte, eine Fackel in der Hand, die er in +den Opferaltar der Eumeniden steckt) +So, nun laß die Jagd erschallen +Und die Jäger nicht ermatten, +Daß mir viele Scharen wallen, +Nach dem Reich der dunklen Schatten; +Denn ich hab's beim Styx geschworen, +Zu entvölkern diese Erd', +Drum hab' ich Phalar' erkoren, +Er ist dieses Auftrags wer. +Bald wird auch Massana fallen, +Wo ich Unglück hingebannt, +Lustig wird der Orkus hallen, +Wenn versinkt das stolze Land. +Von der kallidalschen Insel, +Wo mein ries'ger Eber haust, +Hör' ich jammerndes Gewinsel, +Daß das Meer nicht überbraust. +Doch schon rötet sich der Himmel, + (Man sieht Brandröte.) +Rauch wallt auf, die Zinne kracht. +Im Palaste wogt Getümmel, +Schnell hat er die Tat vollbracht. + (Es rasselt donnernd die Pforte der Eumenidenhöhle, Blitze +dringen durch die Öffnungen.) +Halt, die Eumeniden rasseln +Auf von ihrem Rächerthron, +Wie sie donnernd näher prasseln, +Ihre Dolche zucken schon. +Ha, ihr sollt mir nicht zerstören +Meines Witzes Heldentum, +Ihr mögt seine Taten hören, +Eure Rache bleibe stumm. + (Die Fackel ergreifend.) +Durch die Macht, die mir geworden, +Seit Saturn die Welt umflügelt, +Bleiben diese Schauerpforten +Ihren Furien versiegelt. + (Er stößt die Fackel dreimal gegen die Pforte, es zeigen sich +drei Flammensiegel.) +Durch dies Schreckenstor allein +Können nach der Erd' sie dringen, +Darum soll's verschlossen sein, +Mit dem Schicksal muß er ringen, +Ist, was ich gewollt, vollbracht, +Send' ich selber ihn der Nacht. + +(Musik. +Schreckliches Geprassel und Geheul inner der Pforte, der See wird +hellrot und wogt fürchterlich.) + +Ha, wie sie empört nun heulen +Und den See hier blutig färben; +Bleibt gefangen, gift'ge Eulen, +Nur im Mondlicht kann er sterben. +Doch ich seh' Kreon befreit +Mit Lucina niederschweben, +Er war schon dem Tod geweiht, +Sie betrügt mich um sein Leben. + (Er tritt zurück.) + + + +Siebente Szene. +Voriger. Lucina und Kreon auf Wolken niedersinkend. Kreon beugt +sein Knie vor Lucina. + + +Lucina. Du bist gerettet, holder Fürst, du lebst durch mich, +Des Landes Schutzgeist war's, der niemals von dir wich. + +Kreon. Es dankt mein klopfend Herz, mein Sinn vermag's noch nicht, +Da vor Erstaunen mir Erinnrung fast gebricht. +Wer bringt mein treulos Glück, ich straf' den Hochverrat, +Den es an mir und meinem Volk begangen hat. +O gleißnerische Zeit, wer sollt' es von dir glauben, +Durch einen Augenblick kannst du uns alles rauben. +Minuten wissen's kaum, daß mich das Elend fand. +War's denn Phalarius, der drohend vor mir stand? +Woher die Schreckenskron', mit der er frech geprahlt? +Und die mit mag'schem Schein den Brand noch überstrahlt. +Woher die Meuterei, wer herrschet nun im Land? +Ihr Götter stärket mich, es wanket mein Verstand, +Vor ihm bin ich gekniet, vor diesem Bösewicht! + +Lucina. Dein Rasen ist umsonst, die Götter hören's nicht, +Siehst du dort den Altar, auf ihn leg' deine Klagen, +Die Nimmerruhenden magst du um Rat befragen. + +Kreon. So hört mich denn, ihr mächt'gen Eumeniden! + (Schlägt an die Tür, die erdröhnt.) + +Hades (tritt hervor). +Vergebens rufst du sie, du störst nur ihren Frieden. + +Kreon. Wer spricht hier Worte aus, die Wahnsinn müßt' bereuen? + +Lucina (bebt zurück). +Erkennst du Hades nicht, den selbst die Götter scheuen? + +Kreon (bebt auch zurück). +Du, Hades, bist's? + +Hades. Bin's selbst, der dieses Tor bewacht. + + +Lucina (Zu Kreon leise). +Er hat dich um dein Reich und um dein Volk gebracht. + +Kreon. Sind die Erinnyen taub, daß sie sich noch nicht zeigen? + +Hades. Erkennt die Siegel hier, der Orkus heißt sie schweigen. + +Lucina (jammernd zu Kreon). +O armer Fürst, Unmöglichkeit heißt dein Gebiet, +Aus dem die Hoffnung selbst mit banger Furcht entflieht. + (Zu Hades.) +Ja, du verdienst, daß Götter dich und Menschen hassen, +Die Glut des ew'gen Pfuhls muß neben dir erblassen. +Doch jener blut'ge See bleib Zeuge deiner Wut! +Lucinas Göttermacht bewahret seine Glut, +Bis sich einst Jovis Bild in seinen Wellen spiegelt. +Und sein allmächt'ger Blitz die Pforte dort entriegelt. + +Hades (mit Hohn). +O Göttin, hold und schön, wie magst du doch so wüten, +Sieh deine Wundertat treibt neue Todesblüten, +Mich schreckt nicht Zeus, drum sei dein See verflucht. +Und wer durch seine Flut den Durst zu stillen sucht, +Der wird von dieser Stund' die Menschenbrut verachten, +Und einem Tiger gleich nach ihrem Leben trachten; +Doch nur so lang, bis er so vieles Blut vergießt, +Als aus dem Wundersee sein durst'ger Mund genießt. + +Lucina. Halt ein, das geht zu weit, du nächtlich Ungeheuer, +Ist dir denn nichts auf dieser schönen Erde teuer? +Greif an den Himmel hin und raub' ihm seine Sterne, +Die Götter selbst verjag' nach lichtberaubter Ferne, +Vernicht' auch mich, versuch's, raub' mir Unsterblichkeit, +Beginn den Kampf, fall aus, ich bin dazu bereit. + (Sie stellt sich ihm mit majestätischer Miene gegenüber.) + +Kreon. Was klagst du, Erde, noch, ist doch vom bösen Streit +Der weite Orkus nicht, nicht der Olymp befreit. + +Hades (kalt und gleichgültig). +Du nennst unsterblich dich, durch Schmähung kannst du's sein. +Ich lasse mich mit dir in keinen Zweikampf ein. +Du bist ein Götterweib, mehr braucht's nicht zu erwidern, + (Mit vornehmer Nichtachtung.) +Das heißt, du bist ein Weib und kannst mich nicht erniedern. + +Lucina (mit höchster Würde). +Ich bin's, und weil ich's bin, bebt stolzer mir die Brust; +Ich bin ein Weib! des kräft'gen Erdballs höchste Lust! +Ein Weib! Um das der Brand von Troja hat geleuchtet. +Ein Weib! Um das des Donnrers Aug' sich mild befeuchtet; +Ein Weib! Vor dem sich tief ganz Persien gebeugt; +Ein Weib! Das einst ein Gott aus seinem Haupt gezeugt; +Ein Weib! Das durch die Welt der Liebe Zepter schwingt, +Der Lieb', die auch zu deinem Felsenherzen dringt. +Ein Weib! Das deinen Arm durch einen Kuß kann lähmen; +Das heißt: du bist ein Mann und kannst mich nicht beschämen. + +Hades. In schönen Worten kannst du leicht den Preis gewinnen, +Doch nur durch Mannesgeist gelingt ein groß Beginnen. + +Lucina. Wohlan, so laß uns nicht durch Elemente streiten, +Durch Flammen, Wogen, Sturm Verderben uns bereiten, +Gebrauchen wir des Witzes fein geschliffne Klinge, +Vielleicht gelingt mir's doch, daß ich den Sieg erringe. + +Hades. Was quält dich doch die Lust, den Orkus zu bekämpfen? +Wie leicht wär's meinem Witz, den Übermut zu dämpfen. + +Lucina (schlau). +Wenn dies dein Geist vermag, warum will er's vermeiden? +Die Götter müßten dich um deinen Witz beneiden. +Glaub' nicht, daß im geheim die Himmlischen dich achten, +Sie schmähn auf deinen Geist, den sie schon oft verlachten. + +Hades (mit gereiztem Ehrgeiz). +So will ich dir und den Olympschen Göttern zeigen, +Daß meine Schlauheit nicht sich ihrer List muß beugen. +Es soll dir möglich sein, die Furchtbaren zu wecken, +Doch was ich dir befehl', mußt du genau vollstrecken. +Du kannst zu seinem Sturz die Eumeniden brauchen, +Läßt du auf dem Altar ein dreifach Opfer rauchen; +Erst eine Kron', die eines Königs Stirn geziert, +Der nie ein Reich besaß, noch eins besitzen wird. +Dann einen Lorbeerkranz von eines Helden Haupt, +Der, wenn der Lorbeer rauscht, des Mutes ist beraubt. +Und doch verübt solch ungeheure Herkulstat, +Daß ihm der Krieger Schar den Kranz geflochten hat. +Nun kommt das dritte noch, es ist ein Diadem, +Der Eitelkeit Triumph, daß es selbst Juno nähm'. +Dies sei aus Myrthenblüt' mit Lilienschnee verwebt, +Und ruh' auf einem Haupt, das sechzig Jahre lebt. +Ein hochbetagtes Weib, mit reich verschlungnen Falten, +Muß es für ihren Reiz als Schönheitspreis erhalten. +Doch Männer nicht allein, die Mitleid kann versöhnen, +Es müssen Weiber sie mit neid'schen Blicken krönen. +Dies sind die Dinge nur, die ich von dir begehre, +Und findest du sie aus, dann glaub', daß ich dich ehre. +Bring' sie zum Opfer hier, dann schmelzen jene Siegel, +Die Pforte donnert auf, gesprengt sind ihre Riegel, +Die Eumeniden frei, Phalarius kann fallen, +Und hör' ich sein Gestöhn' am Acheron erschallen, +Dann nehm' die Kron' ich selbst von seiner blassen Stirn' +Und weihe dir beschämt, verachtend mein Gehirn. + +Lucina. Beim Zeus, ich bin erstaunt! + +Kreon. Sei nicht so grausam doch, +Daß du die Möglichkeit belegst mit solchem Joch +Du willst den Flug und kettest unsre Flügel, +Du spornst den Gaul und engest seine Zügel. + +Hades. Sie hat's gewollt, ich ändre meinen Ausspruch nie, +Glaubt Ihr, der Hölle Süd zeugt keine Phantasie? +Hast du vielleicht gewähnt, Unsterblichste der Nymphen, +Es lasse Hades sich so ungerecht beschimpfen? +Ich bin, was du so schlau gefordert, eingegangen, +Doch bleibet unerfüllt mein dreifaches Verlangen, +So sei's bei des Kozytus Trauerlauf geschworen, +Du wirst des Orkus Spott, und Kreon ist verloren. + (Geht mit Würde ab.) + + + +Achte Szene. +Vorige ohne Hades + + +Kreon. Verloren bin ich, ja, mein Sturz war schon vollendet, +Als sich sein Furienblick nach meinem Reich gewendet. +Das Rätsel ist nun klar, ich weiß, wie es geschah, +Mein Unglück steht entlarvt und frech entkleidet da. +Was ist das Leben doch? wie wär' ich zu bedauern, +Wenn ich nicht sterblich wär' und müßte ewig trauern. + +Lucina. O traure nicht zu früh, mein Geist gebärt Gedanken, +Die ihn mit Hoffnungen wie Efeu grün umranken. +Die Götter dulden's nicht, daß solch' ein Reich vergeht, +Wo ein so edles Volk für seinen König fleht. + (Nachdenkend.) +Massanas Fürst ist krank, und wird nicht mehr genesen, +Das Unglück haust zu arg, es muß das Land verwesen; +Dann hier der blut'ge See, das kallidal'sche Schwein, +Mein Wundermittel wirkt, es kann nicht anders sein. + (Der Wolkenwagen sinkt wieder herab.) +Drum eile jetzt mit mir nach meinem Luftgefilde, +Vertausch' den Anblick hier mit einem schönern Bilde. +Ich will durch mag'sche Kunst ein Zauberlicht bereiten, +Dann such' durch Fremdlinge den Trug ich einzuleiten; +Du aber kannst hier nichts zu deiner Rettung helfen, +Drum harrest du auf mich im Kreise meiner Elfen. + +Kreon. So gern du, Göttin, magst nach deiner Heimat ziehn, +So schmerzlich fällt es mir, die meinige zu fliehn. + (Mit tiefer Rührung.) +O du mein teures Reich, ich muß mich von dir trennen, +Den rauhen Felsen nur kann meine Qual ich nennen. +Wo lebt ein König wohl, der solches Leid getragen, +Daß seinem Volke er kein Lebewohl darf sagen? +O Echo, dessen Schall in allen Bergen tönt, +Verkünd' das Trauerwort; leb' wohl, mein Agrigent. +Nun folg' ich Göttin dir ins traumbeglückte Land, +Verlaß mein wirkliches, aus dem man mich verbannt; +Doch wenn die Wolken mir mein treues Volk verhüllen, +Wird sich des Königs Aug' mit heißen Tränen füllen. +Magst du den Schmerz als kleinlich auch betrachten, +Er ist ein heil'ges Weh, du darfst ihn nicht verachten. + (Er kniet vor ihr.) + +Lucina (gerührt die Hand auf sein Haupt legend). +Ich ehre tief dein Leid, es führt dich einst zum Lohne, +Der Schmerz gehört der Welt, drum trägt ihn auch die Krone. + (Hebt ihn auf.) +Erhebe dich mein Fürst. + (läßt ihn in den Wolkenwagen steigen.) + Ein Thron soll dich +umrauschen. + (Die Wolke bildet einen Thronhimmel um Kreons Haupt.) +Ist mir Fortuna hold, sollst du ihn bald vertauschen. + +(unter zart klagender Musik schwingen sich beide langsam fort.) + + + +Neunte Szene. +(Romantische Gegend.) + +(Vorne links ein kleines Häuschen mit einem Schilde, worauf eine +goldene Schere gemalt ist. Diesem gegenüber eine natürliche +Rasenbank, von einem Baum überschattet. Die Musik geht nach der +Verwandlung in Simplizius' Ariette über.) + + +Simplizius (in bürgerlicher Kleidung). +Ariette. + 's gibt wenig, die so glücklich sind +Wie ich aus dieser Welt, +Ich hab' kein Weib und hab' kein Kind, +Und hab' kein' Kreuzer Geld. +Wenn ich auch keine Schulden hätt', +Ich wüßt' vor Freud' nicht, was ich tät'. +Ich will im voraus nicht stolziern, +Mein Glück fängt erst recht an, +Mir scheint, ich werd' mein Gwerb' verliern, +Dann bin ich prächtig dran; +Und 's Überraschendste wird sein, +Wenn s' kommen werdn und sperrn mich ein. + +Dann schau' ich um ein' Freund mich um, +Der in der Not mich tröst', +Der macht, daß ich aus d' Festung kumm, +Da sitz' ich erst recht fest; +Und wenn s' mich dort vielleicht noch schlagn, +Das wär' ein Glück,--nicht zum Ertragn. + +Ja, ja, mancher, der mich so reden hört, würd' sagen: O je, da +kommt schon wieder einer daher, der lamentiert, daß er kein Geld +hat und voller Schulden ist und daß er soll eing'sperrt werdn. O +Jemine, das ist ein' alte G'schicht'. (Hochdeutsch.) Ja, wenn's +aber nicht anders ist, was soll man denn machen? Es ist einmal so, +ich hab' einmal kein Geld, und sie sperrn mich einmal ein, +vielleicht auch zweimal, (lokal) und wenn das so fortgeht, so komm' +ich aus dem Einsperren gar nicht mehr heraus. Ich bin ein +rechtschaffener Mann, doch von was soll ich denn zahlen? Ich bin +zwar der angesehnste Schneider hier im Ort, aber ich hab' nur eine +einzige Kundschaft, und das ist mein Gläubiger, ein Weinhandler, +der weint um seine fünfhundert Taler, so oft er mich anschaut. +Jetzt bin ich ihm das Geld schon sieben Jahr' schuldig, er ist aber +schon lang gezahlt, denn statt den Interessen hat er mit mir +ausgemacht, daß ich ihm alles umsonst arbeiten müßt', was in seinem +Haus ang'schafft wird. Da kommen aber die Leut' vom ganzen Dorf in +sein Haus, lassen sich das Maß nehmen, ich muß ihnen umsonst +arbeiten, und er laßt sich zahlen dafür. Da hab' ich einen +Zimmerherrn drin--(deutet auf sein Haus, geheimnisvoll) der zahlt +auch nichts. Ist ein Schmied, ein Reimschmied, schreibt jetzt gar +ein Theaterstuck. Auf die Letzt bringt er mich noch in ein Stuck +hinein, denn ich hör', jetzt können s' gar kein Stuck mehr +aufführen, wo s' nicht was von ein' Schneider drin haben, und er +gar, er schreibt eins, das heißt "Die getrennten Brüder", das wird +doch aufs z'sam'nahn hinausgehn. Er erwartet immer das Geld von der +Post, und jetzt ist ein so ein schlechter Weg, da bleibt's halt +stecken. (Ruft zum Fenster hinein.) Guten Morgen, Monsieur Ewald, +schon wieder fleißig? Scribendum! + + + +Zehnte Szene. +Voriger. Ewald. + + +Ewald (schlägt von innen auf den Tisch). So stören Sie mich doch +nicht mit Ihrem unsinnigen Geschwätz. (Kommt heraus im einfachen +Gehrock. mit einem Manuskripte, Tinte und Feder.) Es ist nicht +möglich, daß ich einen vernünftigen Gedanken fassen kann, wenn Sie +in meiner Nähe sind. Gehen Sie doch hinein, ich will hier schreiben. + + +Simplizius. Schreiben Sie, wo Sie wollen und an wen Sie wollen, +aber sein Sie nicht unartig mit mir. + +Ewald. Lieber Hausherr, nehmen Sie meine Heftigkeit nicht so auf, +Sie sehen, ich bin ein Dichter, ein begeisterter Mensch. Wenn man +in Jamben arbeitet, Sie verstehen das nicht so, es sind fünffüßige +Verse. + +Simplizius. Ja, das ist ja eben das Unglück, wenn die Vers' eine +Menge Füß' haben und kein' Kopf. Das tragt nichts ein, ich wollt', +ich hätt' so viel Füß', als Ihre Schlampen oder Jamben, was Sie da +schreiben, ich war' schon lang davon g'loffen, auf meine kann ich +mich nicht mehr verlassen. + +Ewald. Sie sprechen dummes Zeugs, lassen Sie mich ungestört. (Er +setzt sich auf die Rasenbank und überlegt.) Der letzte Akt, mir +fehlt's an Stoff. + +Simplizius. Mir auch, wenn ich so ein paar hundert Ellen Gros de +Napel hätt', ich wollt' Ihnen Ihre Getrennten schon herausstaffiern. + + +Ewald. Nun hab' ich aufhören müssen. Jetzt ist der ganze Dialog +zerrissen. + +Simplizius. Ich wollt', es wär' alles z'rrissen, so krieget ich +doch ein' Arbeit. + +Ewald (aufspringend). Aber lieber Meister, wenn Sie einen Rock +zuschneiden, so wünschen Sie doch ungestört zu sein. + +Simplizius. Nun, Sie werd'n doch erlauben, daß es ein' andere +Aufgab' ist, wenn ich einen Rock zuschneid', als wenn Sie da eine +halbe Stund' nachdenken, und hernach fallt Ihnen erst nix ein. Wenn +Sie einen Vers um ein paar Ellen zu lang machen, so streichen Sie +s' halt weg, aber wenn ich einen Ärmel um eine halbe Ellen zu kurz +mach', (er streift seinen Rockärmel hinauf) was g'schieht denn +hernach? + +Ewald (stampft mit dem Fuße). Zum letzten Male rat' ich es Ihnen, +mich ungestört zu lassen, oder Sie werden mich wütend machen. + +Simplizius (verschroben). Nu, nu, nur nicht so heftig, meine +schwachen Nerven bitt' ich zu verschonen. Überhaupt zwingen mich +verhältnislose Umstände, mit Ihnen tragisch zu reden. Ich kann zwar +nichts gegen Sie sagen, Sie sind ein ordentlicher Mann, Sie bleiben +mir meinen Zins schuldig, wie es sich g'hört. Aber Sie sind ein +Dichter, der sehr schöne Ideen hat, warum kommt Ihnen denn nicht +auch die Idee, mich zu bezahlen? + +Ewald. Sie sollen Ihr Geld erhalten. + +Simplizius. Ja wann? ich werd' heut noch eing'sperrt. + +Ewald. Warum? + +Simplizius. Weil ich blessiert bin und nicht ausrucken kann. +(Deutet aufs Zahlen.) Wenn aber das geschieht, wenn sie mich +einsperrn, Herr von Ewald--Sie sind mir schuldig, ich gebrauch' +mein Recht, Sie müssen zu mir hinein. Wir sind Männer, wir werden +unser Schicksal zu ertragen wissen. (Geht gravitätisch ab ins Haus.) + + + +Elfte Szene. + + +Ewald (allein). Ha, ha, ha, ein gutmütiger Mensch, wenn er nur +nicht so unerträglich einfältig wäre, mich dauert seine mißliche +Lage. Morgen erhalte ich die Hälfte meines Honorars, davon will ich +ihn unterstützen. Doch jetzt sei wirksam, Geist. (Dichtend.) +Sechzehnte Szene, Gefängnis, Artur allein. + +Warum muß ich im finstern Turm hier hausen, +Um den des Meers geschäftige Wellen brausen; +Ach, während Liebe stillt ihr froh Verlangen, +Hält mich der Haß hier trauervoll gefangen. +O Schutzgeist, der du meinem Traum dich zeigst +Und sanft dein Haupt zu mir hernieder neigst, +Leit' mich aus meines Kerkers düstern Bann, +Daß ich statt nutzlos sinnen, handeln kann. + + + +Zwölfte Szene. +Voriger. Lucina ist während Ewalds Rede unter sehr leisen sanften +Tönen auf Wolken niedergesunken. Ein Genius trägt eine Fackel. + + +Lucina. Wenn du willst des Gedichtes Sinn auf dich beziehn, +So kann ich deines Wunsches regen Drang erfüllen, +Du sollst mit mir nach weit entfernten Landen ziehn +Und des Verlangens Glut im Tatenstrome kühlen. +Zu hohem Werken hab' ich deinen Mut erkoren, +Weil ich dein Herz und deinen Geist als rein ersehn. + +Ewald. O glanzentzücktes Aug', zu seltnem Glück geboren, +Daß du so holder Göttin Reize darfst erspähn. + +Lucina. Erstaune nicht, entwirf kein Bild von meinen Reizen, +Du bist zur Rettung eines mächt'gen Reichs erwählt, +Der Auftrag sei genug, um mit der Zeit zu geizen, +Drum werd' dir auch von mir das Nöt'ge nur erzählt. +Dich sollen Wolken nach Massanas Strande tragen, +Ein Land, in welchem Unglück heult in jedem Haus, +Und das vom Meer verschlungen wird in wenig Tagen, +Dort gibst du dich für einen Weisen aus, +Entstammend aus Ägyptens heil'gen Pyramiden, +Der nach Massana kommt, um dieses Land zu retten. +Und wenn der König enden will den Lauf hienieden, +Vergoldest du des Todes fürchterliche Ketten +Und forderst erst für diesen Dienst des Reiches Krone. + +Ewald. Wodurch ich dies vollbring', kann ich noch nicht ergründen. + +Lucina. Nimm diese Fackel hier, sie flammt in jeder Zone, +Wenn du sie kräftig schwingst, wird sie sich selbst entzünden, +Den Gegenstand, auf den du ihren Strahl willst leiten, +Wird zephirleicht in ihrem Zauberlicht verrinnen, +Narkot'sche Wohlgerüche um sich her verbreiten, +Und die Gestalt, die du ihm leihen willst, gewinnen. +Er wird im wundervollsten Rosenlicht sich zeigen, +Wie ihn die zartste Phantasie nur könnte malen, +Daß sich die Herzen alle liebend vor ihm beugen, +Und sanfte Rührung wird aus jedem Auge strahlen. + (Gibt ihm die Fackel.) +Verwahr' sie wohl, du wirst sie einst noch dankbar preisen, +Wenn tröstet dich ihr welterfreunder Wunderschein, +Doch nicht allein darfst du die Rettungsbahn durchreisen, +Dem kühnen Mut muß bange Furcht zur Seite sein. +Du wirst wohl selbst wo einen feigen Dümmling kennen, +Den eines Sperlings leises Rauschen schon erschreckt. + +Ewald. Da kann ich dir, o Göttin, keinen bessern nennen, +Als jenen Mann, der sich vor deinem Anblick scheu versteckt. + (Deutet auf Simplizius ins Haus.) + +Lucina. Nun wohl, du magst mit ihm die Sache selbst verhandeln. + +Ewald. Er ist mir schon gewiß, ich weiß, was ihn bewegt. + +Lucina (zeigt auf einen Fels). +Die Fackel wird den Stein in leichten Nebel wandeln, +Der euch im schnellen Flug durch blaue Lüfte trägt. +Du übst, wie ich's befahl. + +Ewald. Dies kann ich hoch +beteuern. + +Lucina. Wohlan, ich will voraus hin nach Massana steuern. + (Fliegt ab.) + + + +Dreizehnte Szene. +Ewald (allein.) + + +Dies ist ein Auftrag doch, der eines Dichters würdig, +Weil echte Poesie nach einer Krone strebt, +Selbst Göttern ist durch hohen Schwung sie ebenbürtig, +Der über Sonnen sie zu Jovis Thron erhebt. +Mein Geist ist klein, mein Wirken nur ein ungeweihter Traum. +Drum wird die Kron', die ich heut wage zu begehren, +In Nichts zerfließen, wie der Woge flücht'ger Schaum, +Nur daß ich sie gewollt, wird mir noch Lohn gewähren. +Und wer wird nicht mit Lust von goldnen Dingen träumen, +Kann er darüber arme Wirklichkeit versäumen? + (Ab ins Haus.) + + + +Vierzehnte Szene. +(Kurzes Zimmer mit schlechten Möbeln, ein Tisch mit Schreibgeräte, +an der Wand hängen einige schlechte Kleidungsstücke, Maß und ein +paar abgeschabte Bilder. Rechts eine Seitentür, links ein kleines +Fenster.) + + +Simplizius. Jetzt wird's nicht mehr lang dauern, so wird die +achtzigpfündige Kanone meines Unglücks losgehn. Vor Angst krieg' +ich noch das gelbe Fieber, das schwarze hab' ich so in allen +Taschen schon. Wie spät wird's denn schon sein. Ich könnt's gleich +wissen, ich dürft' nur auf die Uhr schauen, die ich vor zwei Jahren +versetzt hab'. Um halb zwölf Uhr kommt der Weinhandler, der wird +mich anzapfen um sein Geld, und wenn ich ihn nicht zahlen kann, so +heißt es; Marsch nach Kamtschatka. + + + + +Fünfzehnte Szene. +Voriger. Ewald. + + +Ewald. Freude, Freude, lieber Simplizius! + +Simplizius. Ja, ja, das wird eine mordionische Freud' werden, bei +Wasser und Brot. + +Ewald. Nein, lieber Simplizius, wir wollen fort von hier in ein +fernes Reich. + +Simplizius. Ins Reich hinaus? Da war ich schon, im Nürnbergischen. + +Ewald. Nicht doch, eine reizende Göttin hat mich und Sie zur +Rettung eines Königreichs bestimmt. + +Simplizius. Mich? + +Ewald. Ja. Sie. Goldgesäumte Wolken werden uns dem gemeinen Leben +hier entrücken und uns in ein herrlich Land hintragen. Lassen Sie +Ihren Gläubiger hier rasen, er hat ja ohnehin nichts mehr zu +fordern. Machen Sie sich reisefertig, Sie sind zu großen Dingen +bestimmt. + +Simplizius. Zu was für ein'? + +Ewald. Das weiß ich nicht, ich weiß nur, daß es eine Krone gilt. + +Simplizius. Und die soll ich erretten? Nun, das wird gut ausfallen. +Sie verkennt mich. + +Ewald. Nein, sie hat Sie ja gesehen und Ihren Mut belobt. + +Simplizius. Die Göttin? Ah, das ist göttlich! Aber weiß sie denn, +daß ich-- + +Ewald. Was? + +Simplizius. Nu. (Macht die Pantomime des Nähens.) + +Ewald. Versteht sich, alles weiß sie. Kommen Sie nur. + +Simplizius. Ich soll ein Land erretten? Ich kann mir's gar nicht +anders vorstellen, als daß das Land durch Unruhen zerrissen ist, +und ich muß's zusammenflicken. Oder sie fürchten sich, daß das Land +erfriert, und ich muß ihm einen Pauvre machen. Und auf einer Wolken +sitzen wir, da fallen wir ja durch. + +Ewald. Bewahre, sorgen Sie sich nicht. + +Simplizius. Nun Sie, wenn wir heut durchfalleten, das wär' weiter +keine Schand'. Mir ist jetzt schon, als wenn ich aus den Wolken +g'fallen wär'. + +Ewald. Ich steh' Ihnen für alles. + +Simplizius. O, Sie sind ein gutes Haus. Was haben S' denn da für +eine vergoßne Kerzen? + +Ewald. Das ist eben unsere Wunderfackel. Was ich durch sie +bestrahlt wissen will, erscheint nach meinem Wunsche in der +herrlichsten Gestalt, und rosiger Nebel wird das Auge eines jeden +lieblich täuschen. + +Simplizius. Was sie jetzt alles erfinden, um die Leut' hinters +Licht z' führen, das geht über alles. Na wegen meiner, ich bin +dabei, ich sitz' doch lieber auf einer Wolken als im Arrest. Also +gehn wir. (Sieht durchs Fenster.) Ums Himmels willen, dort kommt +der Weinhandler, und zwei Schutzgeister hat er bei ihm, mit +klafterlange Spieß'. + +Ewald. Fatale Sache, was beginn' ich jetzt? + +Simplizius. Monsieur Ewald, mir fallt aus Angst etwas ein. +Probieren wir die Fackel, richten wir das Zimmer prächtig ein, +tapezieren wir's aus. Vielleicht bekommt der Weinhandler einen +Respekt und glaubt, er kriegt sein Geld. Warten Sie, ich sperr' die +Tür indessen zu, daß er nicht gleich herein kann. (Tut es.) Wenn er +nur unterdessen abführ'. bis wir ihm ganz abfahren. + +Ewald. Kein übler Gedanke, das geht nicht so leicht, er wird fragen, +wo wir die schönen Möbel her haben. Dann wird ihm die Fackel +auffallen. Still! + +Riegelsam (klopft von außen). Nur aufgemacht. Ich weiß, daß Er zu +Hause ist. + +Simplizius. Gleich, gleich. (Heimlich.) Was tun wir denn? + +Ewald (ebenso). Geben Sie mich für einen Engländer aus, dem die +Möbel gehören, und der für Sie zahlen will. + +Riegelsam. Ich schlag' die Tür ein, wenn Er nicht aufmacht. + +Simplizius. Richtig, fangen Sie nur zum möblieren an. (Ruft.) Nur +warten. + +Riegelsam. Warten? Du verdammter Bursch', wart' du auf meinen Stock, + wenn ich hineinkomm'. + +(Ewald hat indessen die Fackel geschwungen, die sich selbst +entzündet.) + +(Musik.) + +Auf einen Schlag verwandelt sich das schmutzige Zimmer in ein +herrlich gemaltes und reich möbliertes. Grosse Gemälde mit goldenen +Rahmen, nebst einer schönen Wanduhr präsentieren sich. So +verwandeln sich auch die Türen, das Fenster, Tisch und Stühle. Das +ganze zeigt sich jedoch im bleichen Rosenlichte + +Simplizius. Mich trifft der Schlag, das wird doch ein schöner +Betrug sein. Ich glücklicher Mensch, das g'hört alles nicht mein. + +Ewald (steckt die Fackel an die Wand, wo der Schreibtisch steht, +setzt sich schnell und stützt das Haupt auf die Hand). Nun öffnen +Sie, sagen Sie, ich dichte und wollte ungestört bleiben, und Sie +hätten geschlafen. + +Riegelsam. Brecht das Schloß auf. (Sie schlagen an die Tür, +Simplizius öffnet.) + +Simplizius. Ist schon offen. + + + +Sechzehnte Szene. +Vorige. Riegelsam (ein sehr dickleibiger Mann von heftigem +Temperament). + + +Riegelsam (noch in der Tür). Aufmachen kann er nicht, aber Schulden +machen kann er. Wart', du verdammt--(er tritt herein, zwei +Gerichtsdiener halten an der Tür Wache, Riegelsam steht erstarrt.) +Was ist das für eine maliziöse Pracht? Ich erstaune. Wem gehört das +Amöblement? + +Ewald (rasch aufspringend). Mir! + +Riegelsam. Ihnen? Ah, allen Respekt. + +Ewald. Also schließen Sie Ihren Mund. (Setzt sich nieder und +schreibt fort.) + +Riegelsam.. Was Mund schließen? Um fünfhundert Taler kann man den +Mund gar nicht weit genug aufmachen. + +Simplizius. Wenn er nur die Mundsperr' bekäm', daß er ihn gar nicht +mehr zubrächt'. + +Riegelsam. Nichts wird g'schlossen, als der--(auf Simplizius +deutend) der wird g'schlossen--kreuzweis'. Wie steht's, +liederlicher Patron, wird gezahlt oder nicht? + +Simplizius. Ja, es wird gezahlt. + +Riegelsam. Wer zahlt? + +Simplizius. Ich nicht. + +Riegelsam. Gerichtsdiener! (Sie treten vor.) + +Ewald. Halt! (Springt auf.) Ich bezahle. (Setzt sich wieder und +schreibt.) + +Riegelsam. Wirklich? Allen Respekt. Wer ist dieser Herr? + +Simplizius. Ein vacierender Lord. + +Riegelsam. Und wohnt in diesem miserablen Haus? + +Simplizius. Spleen. + +Riegelsam. Warum schreibt er denn bei einer Fackel am hellichten +Tag? + +Simplizius. Spleen. + +Riegelsam. Und was krieg' ich denn für meine Schuld? + +Simplizius. Spleen. + +Riegelsam. Geh Er zum Henker mit seinem Spleen. (Beiseite.) Wenn +ich nur die schönen Möbel haben könnt', ich bin ganz verliebt in +sie. (Laut.) Also was soll's sein? Entweder meine fünfhundert Taler, + oder ich lass' das Zimmer ausräumen. + +Simplizius. Da kriegt er auch was rechts. + +Ewald. Herr, unterstehen Sie sich nicht, sich meines Eigentumes zu +bemächtigen. In diesem Zimmer bin ich Herr, weil ich es gemietet +habe, und wenn Sie es nicht zur Stelle verlassen, so werd' ich mein +Hausrecht gebrauchen und Sie zum Fenster hinauswerfen. + +Riegelsam. Welch eine Behandlung? Was soll das sein? (Sieht +Simplizius fragend an.) + +Simplizius (gleichgültig). Spleen. + +Riegelsam. Halt' Er sein Maul mit seinem verflixten Spleen. Sie +haben sich angeboten zu bezahlen, tun Sie es, ich bin bereit. + +Ewald. Ich noch nicht, in einer Stunde sollen Sie Ihr Geld erhalten, + ich erwarte die Post. Entfernen Sie sich jetzt und kommen Sie in +einer Stunde wieder. + +Riegelsam. Hat auch kein Geld, nichts als Spleen. + +Simplizius. Ein splendider Mann. + +Riegelsam. Aber die schönen Möbel, diese herrlichen Möbel. Gut, ich +geh', aber die Wach' bleibt hier. + +Simplizius Ich seh' mich schon im Loch. + +Ewald. Impertinent, den Augenblick mit der Wache fort, oder Sie +bekommen keinen Heller von Ihrer Schuld. + +Riegelsam. Nicht? So lass' ich ihn einsperren. (Auf Simplizius +zeigend.) + +Ewald. Nur fort mit ihm, das ist das beste, was Sie tun können. + +Simplizius (erschrocken). So ist's recht, das wäre schon das beste +bei ihm. + +Riegelsam (beiseite). Es ist ihm nicht beizukommen, ich möcht' +rasend werden. Aber die schönen Möbel allein könnten mich verführen. + + +Simplizius. Ah, wenn Sie s' erst im rechten Licht sehen werden, +denn sein' Fackel blendt einen ja. + +Riegelsam. Sind sie da noch schöner? + +Simplizius. O, da kann man sie gar nicht sehn vor lauter Schönheit. + +Riegelsam. Gut, die Wach' soll sich entfernen, unter der Bedingung, +daß Sie mir diese Möbel verschreiben. + +Simplizius (heimlich erfreut). Beißt schon an. + +Riegelsam. Wenn ich in einer Stunde mein Geld nicht erhalte, +gehören sie mir. + +Simplizius (heimlich freudig). Haben ihn schon! + +Ewald. Mein Wort darauf. + +Riegelsam. Nichts, das muß schriftlich sein, nur aufsetzen, alles +schriftlich. + +Simplizius (heimlich). G'hört schon uns! + +Ewald (schreibt). Also alles was sich in diesem Zimmer befindet? + +Simplizius Bis auf uns, denn er wär' imstand, er nehmet uns auch +dazu. Das ist gar ein Feiner. + +Riegelsam. So ein miserables Möbel, wie Er ist, kann ich nicht +brauchen. Still. Euer Hoheit geruhen zu unterschreiben. + +Ewald. Hier. + +Riegelsam. Auch der Schneider. + +Simplizius (tut es für sich). Du wirst dich schneiden. + +Riegelsam (frohlockend). Bravo, jetzt bin ich in Ordnung. + +Simplizius. Das ist ein glücklicher Kerl, jetzt hat er einen Fang +gemacht. + +Riegelsam (zur Wache). Ihr könnt nach Hause gehn. + +(Wache ab.) + +Simplizius. Ah, weil nur die Garnierung von der Tür' weg ist. + +Ewald. Nun gehen Sie auch! + +Riegelsam. Ich? Was fallt Ihnen ein, ich bleib' hier, bis das Geld +ankommt. + +Ewald. Welch eine Eigenmächtigkeit! Ich muß fort, das Geld zu holen, + ich habe Eile. + +Simplizius. Freilich, bei uns geht's auf der Post. (Für sich.) Wir +fahren ja ab. + +Riegelsam. Das können Sie machen, wie Sie wollen. (Setzt sich in +einen Stuhl.) Mich bringt einmal niemand aus diesem Zimmer fort. +Ich muß meine Möbel bewachen, kein Stück darf mir davon wegkommen. +Tausend Element! + +Ewald (zu Simplizius heimlich). Das ist eine schöne Geschichte, was +tun wir jetzt? + +Simplizius. So lassen S' ihn sitzen, wir nehmen unsre Fackel, gehn +hinaus, sperren ihn ein und er soll seine Möbel bewachen. + +Ewald. Ein delikater Einfall. (Nimmt die Fackel von der Kulisse.) +Nun wohl, bleiben Sie hier und haften Sie mir für alles. + +Simplizius. Und geben Sie acht, daß Ihnen nichts wegkommt, sonst +müssen Sie's zahlen. + +(Ewald und Simplizius gehen schnell hinaus und sperren die Tür zu. +Wie die Fackel ans dem Zimmer ist, verwandelt sich dasselbe wieder +in die arme Stube.) + + + +Siebzehnte Szene. +Riegelsam (allein, springt auf und sagt im höchsten Erstaunen). +Blitz und Donner, was ist das für eine Bescherung? Bin ich in eine +Zauberhöhle geraten? Wo sind die Möbel hingekommen? Die schöne Uhr, +die herrlichen Bilder. Alles ist fort, Fetzen sind da. (Zerreißt +die Kleider.) Nichts als Fetzen sind da und die Lumpen sind fort. +Ha! Ich muß ihnen nach.--Die Tür ist verriegelt, ich kann nicht +hinaus, ich erstick' vor Wut. Meine fünfhundert Taler. (Sinkt in +den Stuhl.) + + +Simplizius (sieht zu dem kleinen Fenster herein). Freund, die sind +verloren. + +Riegelsam. O du Hexenmeister, wirst du hereinkommen! Schaff' mir +meine Möbel her! + +Simplizius. Wollen Sie s' nochmal sehn? (Hält die Fackel zum +Fenster herein.) Da sind sie! (Das Zimmer wird wie vorher reich +möbliert.) + +Riegelsam (stürzt mit ausgebreiteten Armen darauf hin). Halt, jetzt +lass' ich sie nicht mehr aus. + +Simplizius (zieht die Fackel zurück). + +(Schnelle Verwandlung.) + +Simplizius. Halten Sie s' fest.--So rächt sich Simplizius, der +Verschuldete. + + + +Achtzehnte Szene. +Riegelsam (der bei der Verwandlung betroffen zurückfuhr, springt +nun wütend auf das Fenster zu, welches Simplizius ihm vor der Nase +zuschlägt). Spitzbuben! Gesindel! Räuber! Mörder! Dieb'! (Schlägt +die Fensterscheiben ein.) Ich zerplatz' vor Zorn. Ich muß ihnen +nach. (Will zum Fenster hinaus und bleibt stehen.) Ich kann nicht +durch, ich bin zu dick, ich erstick'! Was seh' ich! O höllische +Zauberei, sie fliegen auf einer Wolken davon. Die prächtigen +Kleider, der Schneider strotzt vor Silber, wenn ich s' ihm nur +herabreißen könnt'. Meine fünfhundert Taler. Ich werd' unsinnig, +ich spreng' mich in die Luft. Nein, ich spreng' die Tür' ein. (Er +tut es.) Hilfe! Hilfe! Räuber! Dieb'! Wache! (Ab.) + + + +Neunzehnte Szene. +(Großer Platz in Massana, im griechischen Stil erbaut. Seitwärts +der königliche Palast. Stufen führen aufwärts, auf welchen der +Genius des Todes, ein bleicher Jüngling mit der umgekehrten +ausgelöschten Fackel, mit geschlossenen Augen sitzt. Viele Personen +in Trauer, viele nicht, gehen händeringend herum über die Straße.) + +Kurzer Chor. +Jammer, sag', wann wirst du scheiden, +Von Massanas Unglücksflur; +Große Götter, hemmt die Leiden, +Eure Macht vermag es nur. + + +(Gehen trauervoll ab.) + + + +Zwanzigste Szene. +Lucina (kommt und betrachtet mit Wehmut den Palast). Genius des +Todes. + +(Die ganze Szene muß von beiden Seiten langsam und feierlich +gesprochen werden.) + + +Lucina. +Mich erfaßt ein widrig Schauern, +Blick' ich auf dies Trauerschloß. +Schon seh' ich den Jüngling lauern, +Armer Fürst, dein Leid ist groß. +(Mit erhobener Stimme.) +Du, des Todes Genius, +Magst durch Antwort mich beglücken; +Wirst du heut den eis'gen Kuß +Auf Massanas Lippen drücken? + +Genius des Todes +(hebt sein Haupt, stets bleibt die Fackel gesenkt. Spricht kalt und +ernst im tiefen Tone). + +Wenn die Nacht den Tag verjagt +So heischt's Hades Rachesinn, +Hat Massana ausgeklagt. +(Kurze Pause.) + Rauscht das Meer darüber hin. +Lucina. + Und wie wird der König enden, +Wirst du freundlich ihn umfahn? +Genius des Todes. + Hades kann nur Schrecken senden, +Düster wird sein Ende nahn. +Lucina. + Wehmut seufzt aus deiner Kunde +Und doch frommt sie meinem Plan, +Mich beglückt die Unglücksstunde, +Wenn ich dich erweichen kann. +Schenk' das Leben mir von zweien, +Die nicht Hades Fluch getroffen, +Die nicht an die Zahl sich reihen, +Die Erbarmen nicht zu hoffen. +Genius des Todes (lächelnd). + Nimm das Leben hin von zweien, +Du entziehst mir's dennoch nicht. +Lucina. + Möchtest du mir noch verleihen, +Daß Heraklius' Auge bricht, +Eh' des Landes Festen beben. +Genius des Todes. + Eh' den Turm noch küßt die Well', +Lischt des kranken Königs Leben. +Lucina. + Doch Massana muß dann schnell, +Eh' die Zeit Sekunden raubt, +In dem Augenblick versinken, +Wo auf einem fremden Haupt, +Wird des Königs Krone blinken. +Genius des Todes +(läßt das Haupt sinken und +sagt dumpf und langsam). + Wird versinken. +(Pause, dann noch mit gesenkten Haupte) + Laß mich lauschen. +Lucina. + Ist dein Aug' zum Schlaf erlahmt? +(Gejammer in der Szene, mehrere Stimmen: Hilf, er stirbt.) +Genius des Todes. + Hörst du's rauschen? +(Hebt das Haupt.) + Dorthin ruft mein eisern Amt. + + +(Er steht auf, sein Haupt ist etwas gebeugt, die rechte Hand +streckt er gegen den Ort, wo der Schall hertönt, als zeigte er hin, +die linke hängt, die umgestürzte Fackel haltend, gerade herab, so +eilt er gemessenen Schrittes in die Kulisse, doch auf die +entgegengesetzte Seite des Palastes.) + +Lucina (blickt gegen Himmel) + Götter, die ihr gnädig waltet +Und doch unbegreiflich schaltet! + +(Geht langsam auf die entgegengesetzte Seite ab.) + + + +Einundzwanzigste Szene. +Thestius, Epaminondas (mehrere Einwohner von Massana kommen von der +Seite, wo der Genius abgeschritten ist). + + +Thestius. Ist aus mit ihm, ist stumm; die Götter haben seinen Mund +geschlossen. + +Epaminondas. Ein sonst so sanftes Roß, und schleudert ihn herab, +daß von dem Fall die Erde donnert. (Die Weiber weinen.) So heult +doch nicht, seid ihr's nicht schon gewohnt? Seit sieben vollen +Jahren hat Unglück hier im Lande sich gelagert und über diese Stadt +sein schwarzes Zelt gespannt. Ich bin schon stumpf gemacht, mich +kann's nicht rühren mehr, wenn meines Nachbars Dach auf seinen +Schädel stürzt. Nur Weiber können sich an so was nicht gewöhnen. + +Thestius. O Hades, ungerechter Fürst der Unterwelt, der du aus +Rache, weil Massana nicht den König hat gewählt, den du durch deine +unterirdischen Orakel ihm bestimmen ließest, das arme Reich mit +Übel aller Art verfolgst; so daß wir wie auf nie betretnem +Eisgeklüft, nicht einen Schritt auf breiter Straße tun, wo nicht +Gefahr des Lebens mit verbunden ist. + +Epaminondas. Seht, was läuft das Volk zusammen? Zwei Fremde bringen +sie. + +Thestius. Die sind so selten jetzt im Lande, als ob sich Kometen +zeigten. Hypomedon führt sie. + + + +Zweiundzwanzigste Szene. +Vorige. Hypomedon, Ewald und Simplizius, beide im ägyptischen +Kostüme. + + +Hypomedon. Endlich haben wir wieder das Glück, zwei Fremdlinge in +unserer Stadt zu sehen. Staunt, aus Ägypten kommen diese Leute gar, +um bei uns Verachtung des Lebens zu lernen. + +Ewald. Sei gegrüßt, Volk von Massana, ich habe Wichtiges in deinem +Reiche zu verhandeln. + +Simplizius. Zu verhandeln, sagt er, auf die Letzt' halten s' uns +für Juden. + +Thestius. Seid uns gegrüßt, wir bedauern euch. + +Simplizius (macht große Augen). Der bedauert uns. + +Thestius. Euch haben böse Sterne in das Land geleitet. + +Simplizius. Ach warum nicht gar, wir sind ja beim helllichten Tag +ankommen. + +Ewald (nimmt ihn auf die Seite). Sein Sie nicht so gemein, tun Sie +vornehm, klug, bescheiden und drücken Sie sich in bessern Worten +aus. + +Simplizius. Das müssen Sie mir schriftlich geben, denn so kann ich +mir das nicht merken. + +Ewald. Glaubt nicht, daß ich der Pyramiden geheimnisvollen +Aufenthalt umsonst verließ, ihr werdet die Gestirne hoch verehren, +die nach Massana mir geleuchtet, denn fromme Götter haben mich zu +euch gesendet. + +Thestius. So preisen deine Sendung wir. Dein Aug' ist sanft, und +edel deine Haltung, dein Antlitz flößt Vertrauen ein, und deine +kühn gewölbte Stirn mag wohl ein Thron der höchsten Weisheit sein. + +Simplizius. Nein, was s' an dem alles bemerken, das wär' mir nicht +im Schlaf eing'fallen. Einen Thron hat er auf der Stirn, und da +sitzt die Weisheit d'rauf. (Macht die Pantomime des Niedersetzens.) +Jetzt, was werden s' erst auf meiner Stirn' alles sitzen sehn? + +Thestius. Willst du mein Unglückshaus zur Wohnung dir erwählen, so +folge meinem scheuen Tritt, doch laß die Vorsicht emsig prüfen +deinen Pfad und Besorgnis über deine Schultern schaun. (Verbeugt +sich tief.) + +Ewald. Mein Dank grüßt deines Hauses Schwelle, mit frohem +Hoffnungsgrün wird dir der Gast die Hallen schmücken. Simplizius, +folge bald! (Geht mit Anstand a, Thestius folgt.) + + + +Dreiundzwanzigste Szene. +Vorige, ohne Ewald und Thestius. + + +Simplizius (sieht ihm erstaunt nach). Ich empfehl' mich ihnen. Ah, +was die Weisheit für eine langweilige Sach' ist, das hätt' ich in +meinem Leben nicht gedacht. Ich will einmal lustig sein. (Tut nobel +zu Epaminondas.) Sagen Sie mir, mein edelster Massanier, was gibt +es denn für Spaziergänge hier? + +Epaminondas. Der betretendste Weg führt ins Elend. + +Simplizius. So? Das muß eine schöne Promenade sein. + +Hypomedon. Du wirst sie schon noch sehen. + +Simplizius. Ich freu mich schon d'rauf. Haben Sie auch ein Theater? + +Epaminondas. O ja. (Seufzend.) Massana heißt der Schauplatz. + +Simplizius. Was wird denn da aufgeführt? + +Hypomedon. Ein großes Trauerspiel. + +Simplizius. Von wem? + +Epaminondas. Ein Werk des Orkus ist's. + +Simplizius. Den Dichter kenn' ich nicht, muß ein Ausländer sein. + +Hypomedon. Es währt schon sieben Jahre. + +Simplizius. O Spektakel, da muß einer ja drei-, viermal auf die +Welt kommen, bis er so ein Stück sehn kann. Wer spielt denn mit? + +Epaminondas. Das ganze Volk. + +Simplizius. Also ein Volkstheater. Und wer schaut denn zu? + +Epaminondas. Die Hölle. + +Simplizius. Da muß ja eine Hitz' im Theater sein, die nicht zum +aushalten ist. Überhaupt scheinen die Leut' hier nicht ausg'lassen +lustig z' sein. Warum weinen denn die Fraun da? + +Eine Frau. Wir beweinen euer Schicksal. + +Simplizius. Unser Schicksal? Was haben denn wir für ein Schicksal? +Wen tragen s' denn da? (Sieht in die Kulissen.) + +Hypomedon. 's ist nur einer, den ein Roß erschlagen hat. + +Simplizius. Erschlagen hat's ihn nur? O, da reißt er sich schon +noch heraus, hier ist eine g'sunde Luft. Wer wohnt denn in dem +großen Haus? + +Hypomedon. Das steht leider leer, die Leute sind alle +herausgestorben. + +Simplizius. Warum nicht gar? Was hat ihnen denn g'fehlt? + +Epaminondas. Nu, es ist eine eigene Krankheit, es ist nicht gerade +ein gelbes Fieber-- + +Simplizius. Nu, wenn es nur eine Farb' hat, ich bin mit allen +z'frieden. (Sieht auf die entgegengesetzte Seite in die Kulisse.) +Sie, da tragen s' ja schon wieder einen? + +Epaminondas. Das geht den ganzen Morgen so, heut ist ein +gefährlicher Tag, Ihr dürft Euch in acht nehmen. + +Simplizius. In acht nehmen? Ja, haben Sie denn etwa die Pest? + +Epaminondas. Nu, jetzt nicht mehr so sehr. + +Simplizius. Nicht mehr so sehr? Hören Sie auf, mir wird völlig +angst. Ich bitt' Sie, mein lieber--wie heißen Sie? + +Epaminondas. Epaminondas. + +Simplizius. Epaminondas? Das ist auch ein so ein g'fährlicher Nam'. +Also, mein lieber Epaminondas, haben Sie die Güte und führen Sie +mich wohin, daß ich eine Aufheiterung hab', denn ich bin sehr +miserabel. + +Epaminondas. Ich will dich an einen Ort führen, wo du vielleicht +Bekannte findest. + +Simplizius.. O, das wär' prächtig. Wohin denn? + +Epaminondas. In die Fremdengruft; dort liegen alle Fremden begraben, +die seit sieben Jahren in unsere Stadt gekommen sind. + +Simplizius. Alle, ohne Ausnahm'? + +Epaminondas. Ja, ja, alle; du kannst dir gleich dort einen Platz +bestellen. + +Simplizius. Einen Platz soll ich mir bestellen, wie auf einem +G'sellschaftswagen? Sie wahnsinniger Mensch, was fallt Ihnen denn +ein? Was ist denn das für ein Land? Das ist eine wahre Marderfallen, +wo man nicht mehr hinaus kann. Und das erzählen Sie einem noch, +Sie abscheul— wie heißen S'? Ich habe Ihnen schon wieder vergessen. + +Epaminondas (wild). Epaminondas. + +Simplizius. Der Nam' bringt einen allein schon um. So widerrufen +Sie doch, Epaminondas, wenn Sie nicht wollen, daß mich die Angst +verzehrt. + + + +Vierundzwanzigste Szene. +Vorige. Sillius eilig. + + +Sillius. Helft, helft, es steht ein Haus in Flammen! + +Alles (läuft ab). Hilfe, rettet, fort! + +Epaminondas (lacht). Haha, die Toren löschen dort und jammern sich +bei fremdem Unglück krank. Da lach' ich nur, ich bin ein Stoiker, +wer raubt mein Glück? + + + +Fünfundzwanzigste Szene. +Vorige. Argos eilig. + + +Argos. Du sollst nach Hause kehrn, Epaminond', dein Sohn ist tot. + +Epaminondas (die Hände jammernd ringend). Mein Sohn! Mein Sohn! O +unglücksel'ger Tag! Ich überleb' ihn nicht! (Stürzt mit Argos ab.) + + + +Sechsundzwanzigste Szene. +Simplizius allein, dann zwei Diener des Thestius. + + +Simplizius (zittert am ganzen Leibe). Schrecklich, schrecklich! +Stirbt schon wieder eine Familie aus. Der Stoiker ist g'straft für +seinen Übermut. Mich fangt eine Ohnmacht ab. (Setzt sich auf die +Stufen des Palastes.) Wo werden s' da Hofmannische Tropfen haben? +Hilfe, Ohnmacht, Hilfe! + +Diener (aus dem Hause). Du möchtest hinaufkommen, Fremdling, dich +zu laben. + +Simplizius (matt). Laben? Das ist die höchste Zeit, daß Sie mich +laben. Ich komm' schon, nur voraus. + +Diener. Doch nimm dich wohl in acht, die Treppe ist sehr steil, es +haben sich drei Hausgenossen schon das Bein gebrochen. + +Simplizius (in höchster Angst). Ums Himmels willen, das nimmt ja +gar kein End'. (Die Knie schnappen ihm zusammen.) Ich trau' mich +gar nicht aufzutreten mehr. Führt's mich hinein. (Der Diener führt +ihn unter dem Arm, er spricht unter dem Abgehen:) O schlechtes Volk! +Eine Fremdengruft haben s', das gelbe Fieber, etwas Pest, +Epaminondas--ein' Beinbruch auch. O Angst, wann ich hier stirb', +mein Leben sehn s' mich nimmermehr. (Schleppt sich ab, von den +Dienern geführt.) + + + +Siebenundzwanzigste Szene. +(kurzes Gemach in Thestius' Hause mit zwei Seitentüren.) + + +Thestius. Ewald. + +Thestius. Du bist gemeldet bei dem König, Fremdling, als unsres +Landes wunderbarer Retter. Seit frühmorgens sind schon die Minister +all um ihn versammelt. An unheilbarem Übel liegt der Herrliche +danieder, und wie der Mensch durch höhern Schmerz den mindern nicht +fühlt, so klagt das Volk mit edler Lieb' bei seines Königs hohem +Leid, daß es ob dem Gestöhn' das eigne groß vergißt. + +Ewald. O, wie entzückend ist es, so geliebt zu sein. + +Thestius. So liebt der König auch sein treubewahrtes Volk, und +gleichen Sieg erringt sein edles Herz. Wie glücklich wär' dies Land, +wenn nicht der unbarmherz'ge Fürst der unterird'schen Schatten-- + + + +Achtundzwanzigste Szene. +Vorige. Hermodius eilig und bestürzt. + + +Hermodius. Wo ist der Weise aus Ägyptens Zauberlande, der Rettung +bietet dem bestürzten Volk? + +Thestius. Du siehst ihn hier voll sanfter Würde stehn. + +Hermodius. Beweisen magst du nun, daß gute Götter dich mit +wunderbarer Zauberkraft begabt; du mußt zum König schnell, es will +sein Geist Elysium erkämpfen, doch sendet Hades schauervolle Bilder, +mit Schreckensnacht sein Auge zu umgarnen, und Furien, furchtbar +anzuschauen, mit Schlangen reich umwunden, auf faulen Dünsten +schwebend, durchrauschen das Gemach. Nun sprich; kannst du des +Orkus Nacht durch Eos' Strahl erhellen? + +Ewald.. Ich kann es nicht, den Göttern ist es möglich, und was ich +bin, ich bin es nur durch sie. + +Hermodius. So eil' mit mir, es ist die höchste Zeit. + +Ewald (umarmt Thestius mit Rührung). Mein Thestius, leb' wohl, +Osiris möge dich für deine Güte lohnen. (Für sich mit Schmerz.) +Massana sinkt, ich seh' ihn nimmermehr. Nun komm, geleite mich, mir +winkt ein großer Augenblick. + +Thestius. Kehr' bald zurück, mein Herz erwartet dich. + +(Ewald und Hermodius zur Seite ab, Thestius zur entgegengesetzten +Seite ab.) + + + +Neunundzwanzigste Szene. +Simplizius und Arete treten ein. + + +Arete. Ach, du armer Mensch, komm doch herein, warum willst du denn +keine Speise nehmen. + +Simplizius. Ich bin überflüssig satt, mir liegt das ganze Land im +Magen, drum bring' ich nichts hinein. Ich verhungre noch vor Angst. + +Arete. Pfui, schäm' dich doch, bist du ein Mann? + +Simplizius (beiseite). Ich weiß selbst nicht mehr, was ich bin. +(Laut.) Vermutlich. + +Arete. Betrachte mich; ich bin ein Mädchen. Wir haben zwar große +Ursache, uns zu fürchten, man hat heute ein Erdbeben verspürt, daß +die Stadtmauern erzittert haben. + +Simplizius. Jetzt, wenn die Stadtmauern schon zum Zittern anfangen, +was soll denn unsereiner tun? + +Arete. Warum bist du denn aber eigentlich nach Massana gekommen? + +Simplizius (zittert). Weil ich das Land erretten muß. + +Arete. Du? Ach, ihr guten Götter, wenn du dich nur nicht vorher zu +Tode zitterst. + +Simplizius. Glaubst? Das war' sehr fatal. + +Arete. Armer Narr, du dauerst mich. + +Simplizius. Ich dank' ergebenst. Das Mädel wär' so hübsch, wenn mir +nur nicht die Knie zusamm'schnappeten; ich fanget aus lauter Angst +eine Amour an. + +Arete. Warum blickst du mich so forschend an, was wünschest du? + +Simplizius (für sich). Wenn sie nur in der G'schwindigkeit eine +Leidenschaft zu mir fasset, so könnten wir heut vormittag noch +durchgehn, da käm' ich doch auf gute Art aus dem verdammten Land. +Sag' mir, liebes Kind, was fühlst du eigentlich für mich? + +Arete. Mitleid, inniges Mitleid! + +Simplizius. Inniges Mitleid? Aha, sie ist nicht ohne Antipathie für +mich. Könntest du dich wohl entschließen-- + +Arete. Wozu? + +Simplizius. Die Meinige zu werden. + +Arete. Arete die Deinige? + +Simplizius.. Ja, Arete, du hast mein Herz arretiert. + +Arete (sehr stolz). Wer bist du, der du es wagst, um die Hand einer +edlen Massanierin anzuhalten? + +Simplizius (beiseite). Soll ich ihr meinen Stand entdecken? Nein, +ein mystisches Dunkel muß darüber walten. (Laut.) Ich bin nicht, +was ich scheine, und scheine auch nicht, was ich bin, und wenn ich +das wäre, was ich sein möchte, so würd' ich nicht scheinen. was ich +nicht bin. + +Arete. Ich verstehe dich. + +Simplizius. Da g'hört ein Geist dazu, ich versteh' mich selber +nicht. + +Arete. Du möchtest gern scheinen, was du nicht bist, und bist doch +so sehr, was du auch scheinst. + +Simplizius. Hat's schon erraten, es ist unglaubbar. Sag' mir, Mädel, + hättest du wohl den Mut, mich zu entführen? + +Arete. Dich? + +Simplizius. Oder umgekehrt. + +Arete. Das heißt, ich soll mit dir mein Vaterland verlassen? Ich +verstehe dich wohl. + +Simplizius. Hat mich schon wieder verstanden. + +Arete. Damit du mich aber auch verstehst, so will ich dir sagen, +wofür ich dich halte; Du bist ein unverschämter, erbärmlicher +Mensch, der es wagt, seine vor Todesfurcht bebenden Lippen zu einer +Liebeserklärung zu öffnen und einem edlen Mädchen von Massana seine +krüppelhafte Gestalt anzutragen. Entferne dich, mit dir zu reden +ist Verbrechen an der Zeit, und wenn du künftig wieder ein +Mädchenherz erobern willst, so stähle das deinige erst mit Mut; +mutige Männer werden geliebt, mutlose verachtet man. + +Simplizius. Da g'hört ein Stoiker dazu, um das zu ertragen. Lebe +wohl, du wirst zu spät erfahren, wen du beleidigt hast. Ha, jetzt +kann Massana fallen, ich heb's g'wiß nicht auf. + +Arete. Halt, weile noch, erkläre dich, damit ich erfahre, wessen +Antrag mich entwürdigt hat. + +Duett. + +Arete. Wer bist du wohl, schnell sag' es an? + +Simplizius. Ich hab's schon g'sagt, ich bin ein Mann. + +Arete. Wie heißest du, bist du von Adel? + +Simplizius. Ich heiß' Simplizius Zitternadel. + +Arete. Der Name klingt mir sehr gemein. + +Simplizius. Es kann nicht alles nobel sein. + +Arete. Wie kannst du solchen Unsinn sagen? + +Simplizius. Das wollt' ich dich soeben fragen. + +Arete. Dein Äußres ist mir schon zuwider. + +Simplizius. Das schlägt mein Innres sehr danieder. + +Arete. So häßlich ist kein Mann hienieden. + +Simplizius. Die Gusto sind zum Glück verschieden. + +Arete. Wie abgeschmackt der Schnitt der Kleider. + +Simplizius (aufbrausend). Das ist nicht wahr, ich bin--(faßt sich +und sagt gelassen) nur weiter. + +Arete. Nun hättest du dich bald verraten. + +Simplizius. Ja, meiner Seel', jetzt hat's mir g'raten. + +Arete. Du mußt mir sagen, wer du bist? + +Simplizius. Ich bin ein Held, wie's keiner ist. + +Arete (spöttisch). Dein Mut ist in der Schlacht wohl groß? + +Simplizius. Ich stech' oft ganze Tag' drauf los. + +Arete. Umsonst verschlingst du schlau den Faden. + +Simplizius. Mir scheint, die Feine riecht den Braten. + +Arete. Mein Argwohn läßt sich nicht mehr trennen. + +Simplizius. Jetzt braucht s' nur noch die Scher' zu nennen. + +Arete. Du bist kein Prinz, gesteh' es mir. + +Simplizius (zornig). Ich bin ein Kleideringenieur! + +Arete. Ha! + +(Beide zugleich.) + +Ihr Götter, was hör' ich, mein Auge wird trübe, +Ein solcher Plebejer spricht zu mir von Liebe, + Welch eine Glut, + Brennet im Blut; + Wütender Schmerz, + Flammet im Herz. +Schnell flieh' ich von hinnen, verberge mich schon, +O folternde Hölle, beschämende Reu'! + +Simplizius. Was soll ich es leugnen, 's ist keine Schand', +Denn Achtung verdienet mein nützlicher Stand. + Ich sag' es g'rad, + Ich g'hör zur Lad'; + Und meine Scher', + Schwing' ich mit Ehr'. +Ich schreit in die Welt hinaus, 's ist meine Pflicht, +Ich bin ja kein Pfuscher, drum schäm' ich mich nicht. + +(Beide ab.) + + + +Dreißigste Szene. +(Königliches Gemach.) + +(Die Hinterwand bildet einen großen offenen Bogen, vier Schuh +tiefer, eine breite Rückwand von dunklen Wolken, durch welche man +wie im Nebel eine riesige bläulichte Figur mit glühenden Augen +erblickt, welche das Haupt mit einem Kranz von Rosmarin umwunden +hat. Sie ruht lauernd auf den Wolken, ihren Blick auf Heraklius +heftend, ist mit dem Todespfeil bewaffnet und stellt die alles +vernichtende Zeit in furchtbar drohender Gestalt vor. Larven +grinsen hie und da aus den sie umgebenden Wolken hervor. Zwischen +dieser Wand und der Öffnung des Bogens sieht man vier dunkle +Schatten bei einem offenen Grabe beschäftigt, aus welchen ein erst +darin versenkter vergoldeter Sarg noch etwas hervorsteht. Das +Gemach ist dunkel, der Donner rollt. In einem goldenen Armstuhl +ruht Heraklius, um ihn trauernd die Großen des Reiches und Diener +des Tempels. Neben ihm auf einem Marmortisch die Krone. An den +Kulissen, dem Armstuhl des Königs gegenüber, ein auf drei Stufen +erhabener einfacher Sitz.) + +Heraklius, Ewald und Hermodius. + + +Kurzer Chor der Furien. +Wo der Frevler mag auch weilen, +Trifft ihn doch des Orkus Rache, +Und ihr Dolch wird ihn ereilen, +Selbst im goldnen Prunkgemache. + + +Heraklius (in matter Unruh). +Hinweg, hinweg, du scheußlicher Vampir, +Der frommes Hoffen aus der Seele saugt. + +Hermodius (zu Ewald). +Du siehst des guten Königs Leiden hier, +Ein Bild, das für kein menschlich Auge taugt. + +Heraklius. Wer störet meine Pein? + +Hermodius. Dein Retter, Herr. + +Heraklius. Umsonst, umsonst, wer bringt die Höll' zum Weichen? +O Qual, wenn ich doch nicht geboren wär'! + +Ewald. Ich kann, mein Fürst, den Anblick dir verscheuchen. + +Heraklius. Wenn du's vermagst, ein Fürstentum zum Lohne. + +Ewald. So hoch schwebt auch der Preis, den ich bestimm', +Ich fordre viel, ich fordre deine Krone. + +Heraklius. Sie war mein Stolz--vorbei--verscheuch'--nimm--nimm! + +Ewald (zu den Edlen). +Ihr habt's gehört, seid ihr damit zufrieden? + +Alle (dumpf und halblaut). +Wenn dich der König wählt, wählt dich das Reich. + +Ewald. So will ich über dieses Schauertum gebieten, +Bei Isis' Donner, Truggewölk' entfleuch! + +(Donnerschlag, er schwingt die Fackel, die Hinterwand entweicht, +Grab und Schatten verschwinden, ein tiefes Wolkentheater zeigt sich, +es stellt ein praktikables Wolkengebirge vor. Oben quer vor der +Hinterwand eine goldene Mauer und ein goldenes Tor. Hinter diesem +strahlt heller Sonnenglanz, der sich im Blau des Himmels verliert, +das mit Sternen besäet ist. Am Fuße dieses Gebirges beim Ausgange +sitzt auf einem Piedestal Thanatos wie in der früheren Szene, doch +mit der brennenden Fackel. Sphärenmusik ertönt. Heraklius' Gestalt +wird von Genien mit Rosenketten über den Wolkenberg geleitet, bis +zu dem goldenen Tor, dort sinkt sie nieder. Die Musik währt leise +fort.) + +Heraklius. O süßer Seelentrank aus himmlischem Gefäß, +O Lust, gefühlt durch neu erschaffnen Sinn, +Wenn ich auch tausend Kronen noch besäß', +Ich geb' sie gern für diesen Anblick hin. +O krönt ihn noch an meinem Sterbebette, +Er wird mein fluchzerrüttet Land beglücken. + (Nun öffnet sich das goldene Tor, eine glänzende Göttergestalt +tritt heraus.) +Mir ist so leicht, es schmilzt die ird'sche Kette, +Mein Geist entflieht, o unnennbar Entzücken! + +(Thanatos stürzt mildlächelnd die Fackel um, die verlischt, +zugleich drückt die Göttergestalt den König an die Brust, sein +Kleid verschwindet, und er steht im weißen Schleiergewande da, +welches rosig bestrahlt wird. Genien bilden eine Gruppe. Heraklius' +Haupt sinkt sanft auf seinen Busen, Ewald löscht die Fackel aus, +und der das Gemach schließende Vorhang rauscht langsam und leise +herab, die Musik verhallt. Feierliche Pause, Rührung in jeder Miene.) + + + +Hermodius. Es ist vorbei, er mußte von uns scheiden. +Ein königliches End', durch Ruhm verklärt. +Wer so beglückt vergeht, ist zu beneiden, +Beim Zeus, so ist der Tod ein Leben wert! + (Man bedeckt Heraklius mit einem seidnen Mantel.) +Nun laßt sein letzt Gebot uns schnell benützen, +Denn ohne König kann das Land nicht sein. + +Adrasto (nimmt die Krone und stellt sich vor Ewald hin). +Wie Götter dich, so wirst du uns beschützen, +Drum nimm den Platz auf jenen Stufen ein. + +(Ewald besteigt die Stufen, auf welchen der Sitz angebracht ist.) + +Ewald (für sich). Es bebt mein Herz, mich fasset Todesschrecken. + +(Kniet nieder.) + +Alle. Wir huld'gen dir als Herrscher ehrfurchtsvoll. + +(Knien.) + +Adrasto. So mag die Kron' dein weises Haupt bedecken, +Sei König--herrsch'-- + +Bei dem letzten Worte hat er ihm die Krone aufs Haupt gesetzt, doch +ohne die geringste Pause stürzt unter schrecklichem Gekrach der +Saal zusammen. Der Bogen und die Kulissen bilden Berge von Schutt, +welche die Spielenden dem Auge des Publikums entziehen. Im +Hintergrunde zeigt sich das Meer, das zwischen die Schuttberge des +Saales hereindringt und aus dem in der Ferne die versunkenen Türme +von Massana hervorragen. Die Stufen, wo Ewald kniet, verwandeln +sich in Wolken, worauf er bis in die Mitte des Theaters schwebt und +wehmütig ausruft: + +Massana, lebe wohl! + +Er schwingt seine Fackel, um den traurigen Anblick zu verschönern +und fährt fort. Die aus dem Meere hervorragenden Trümmer und der +Schutt des Saales verwandeln sich in zarte Rosenhügel. Die Luft +wird rein, und das Ganze strahlt im hellsten Rosenlichte. + +(Der Vorhang fällt langsam). + +Ende des ersten Aufzuges. + + + + +Zweiter Aufzug. + + + +Erste Szene. +(In Agrigent.) + +Ein anderer Teil des Waldes am roten See, welcher praktikabel ist. +Androkles, Clitonius und Jäger treten mit Wurfspießen bewaffnet auf. + + +Jägerchor. + Jägerlust müßt' bald erschlaffen, +Gält' die Jagd nur feigen Affen; +Doch wenn durch der Wälder Stille +Mächtig tönt des Leus Gebrülle, +Hier die grausame Hyäne +Fletscht die mörderischen Zähne, +Dort, eh' man den Wurfspieß schwingt, +Aus dem Busch der Tiger springt, +Dann beginnt des Waldes Krieg. +Falle, Jäger, oder sieg'! + + +Androkles (zu den Jägern). Verteilt euch, wie ihr wollt, der König +jagt allein, ihr mögt euch hüten, seinem Feuerblick zu nahen, der +zornigflammend durch des Forstes Dunkel blitzet. + +(Alle bis auf Clitonius und Androkles ab.) + + + +Zweite Szene. +Androkles und Clitonius. + + +Androkles. O mein Clitonius, was mußten wir erleben, die hohen +Götter sind aus Agrigent gewichen. + +Clitonius. Wo mag wohl unser edler König weilen, den seines Hauses +Laren treu gerettet haben. Könnt' er doch sehn, wie sich sein armes +Volk betrübt. + +Androkles. Wer freut sich nun in Agrigent? Der Wahnsinn lacht +allein, gesundes Hirn muß trauern. Ist doch Phalarius selbst, +seitdem die Höllenkron' auf seinem Haupte brennt, als hätt' des +Unmuts Dolch sein falsches Herz durchbohrt. Weißt du, warum die +Jagd nun tobt? Aspasia ist nicht mehr. + +Clitonius. Aspasia? Die Schwester unsers teuern Königs Kreon? Die +herrliche Aspasia? + +Androkles. Sie war's allein, der Phalarius an dem verhängnisvollen +Tag des schauerlichen Überfalls das Leben ließ, weil er als +Feldherr schon für sie in Lieb' entbrannt. Seit er das Reich +besitzt, bestürmt er sie mit Bitten und mit Drohungen, sie möchte +ihre Hand ihm reichen, er wolle ihr dafür drei Königreiche bieten; +doch wie sie ihn und seine Kron' erblickt, da sinkt sie zitternd +vor ihm nieder und krümmt sich zu dieses Wütrichs Füßen, beschwört +mit Tränen ihn, von ihr zu lassen, es gäb' für seine Kron' auf +Erden keine Liebe. Doch er reißt sie mit Ungestüm an seine +Eberbrust und will dem keuschen Mund den ersten Kuß entreißen; da +wandeln sich der Lippen glühende Korallen in bleiche Perlen um, des +Auges Glanz erstirbt, des Todes Schauer fassen ihre Glieder, die +Angst, daß sie der Kron' so nah', bricht ihr das Herz, kalt und +entseelt hält sie Phalarius, vor Schreck erbleichend, in den Armen. + +Clitonius. Entsetzlich Glück, sich so gekrönt zu wissen. + +Androkles. Da faßt ihn eine Wut, er tobt, daß des Gemaches Säulen +beben; Zur Jagd! ruft er, hetzt mir des Waldes Tiger all' auf mich, +die Erd' wühlt auf, daß Ungeheuer ihr entkriechen, die sich noch +nie ans Sonnenlicht gewagt, gebt Nahrung meinem Pfeil, damit mein +Haß umarmen kann, weil Lieb' mein Herz so unbarmherzig flieht. So +stürzt er fort zur Jagd, und zitternd beugt vor ihm der schwarze +Forst sein sonst so drohend Haupt. + +Clitonius. Da wird uns wohl der Morgenstrahl im Wald begrüßen. + +Androkles. Der Abend kaum, denn eh' der Mond sich noch auf des +Palastes Zinnen spiegelt, verbirgt er sich in ein Gemach, aus +Marmor fest gewölbt, ganz öffnungslos, damit kein Strahl des Mondes +kann sein Haupt erreichen, weil seine Kron', so sagt Dianens weiser +Diener, die Kraft verliert, solang' des Mondes Licht auf ihren +Zacken ruht. Und weil in dieser Zeit sein Leben nicht gesichert ist, + verriegelt er die Tür aus festem Ebenholz; doch ohne Mondenglanz +kann nie ein Pfeil ihn töten, und kraftlos sinken sie zu seinen +Füßen nieder. + +Clitonius. Sprich nicht so laut, es rauscht dort im Gebüsch. + +Androkles (schwingt den Wurfspieß). Ein Tiger ist's. + +Clitonius. Nein, nein, es ist Phalarius, dich täuscht sein +Pantherfell; wir sind verloren, wenn er uns gehört. + +Androkles. Schweig still, er raset dort hinüber dem Löwen nach, der +ängstlich vor ihm flieht. Komm, laß uns auch vor diesem Königstiger +fliehn, wenn Löwen weichen, dürfen Menschen sich der Flucht nicht +schämen. + +(Beide ängstlich ab.) + + + +Dritte Szene. +Musik. Lulu und Fanfu, geflügelte Genien, bringen Zitternadel in +einem großen Schal, welchen sie an beiden Enden halten, als trügen +sie etwas in einem Tuche, durch die Luft. Sie stehen auf Wolken, +und der Schal ist ein Flugwagen und so gemalt, daß Zitternadel +gekrümmt wie ein Kind darin liegt und kaum sichtbar ist. Er ruht +auf der Erde, der Schal fliegt wieder fort. + + +Lulu. So steig nur heraus, du tapfres Hasenherz, hier sind wir +schon in Sicherheit. + +Fanfu. Nun, Schnecke, streck' den Kopf heraus. + +Zitternadel (steckt den Kopf heraus). Wo sind wir denn? Ich muß +erst meine Gliedmaßen alle zusamm'suchen. (steigt aus, die Genien +helfen ihm.) So, ich dank' untertänigst, das sind halt Kinderln, +wie die Tauberln. Au weh, so ein Erdbeben möcht' ich mir bald +wieder ausbitten. Ich schau' beim Fenster hinaus in meiner +Schuldlosität, auf einmal fangt's zum krachen an, als wenn die +ganze Welt ein Schubladkasten wär', der in der Mitte +voneinanderspringt, und ich stürz' über den siebenten Stock +hinunter, die zwei Kinderln fangen mich aber auf und fliegen mit +mir davon. Kaum sind wir in der Höh', macht es einen Plumpser, und +die ganze Stadt rutscht aus und fallt ins Wasser hinein. Der arme +Dichter hat sich eintunkt mit seiner Weisheit. O unglücksel'ger Tag! + Weil nur ich nicht ins Wasser g'fallen bin, die Schneiderfischeln +hätten's trieben. Überhaupt, wenn die Fisch' die Zimmer unterm +Wasser sehn, die werden sich kommod machen. Wenn so ein Walfisch +unter einem Himmelbett schlaft, der wird Augen machen. Zwar daß ein +Stockfisch auf einem Kanapee liegen kann, das hab' ich an mir +selber schon bemerkt. Wenn nur keiner in eine Bibliothek +hineinschwimmt, denn da kennt sich so ein Vieh nicht aus. O, du +lieber Himmel, ich werd' noch selbst ein Fisch aus lauter Durst. +(Kniet nieder.) Liebe Kinderln, seid's barmherzig, laßt mir etwas +zufließen, sonst muß ich verdursten. + +Lulu. Dein Durst ist uns recht lieb, wir haben dich darum hierher +gebracht, um dich zu wässern. + +Simplizius. So wässert's mich einmal, ich kann's schon nicht +erwarten. + +Lulu. Trink dort aus jenem See. Hier hast du eine Muschel. (Holt +eine vom Gestade.) + +Simplizius. Der rotköpfige See? Aus dem trau' ich mich nicht zu +trinken. + +Lulu und Fanfu (streng). Du mußt. + +Simplizius (fällt auf die Knie). O, meine lieben Kinderln, seid nur +nicht bös', ich will ja alles tun aus Dankbarkeit. Ich sauf' wegen +meiner das ganze rote Meer aus, und das schwarze auch dazu. + +Lulu (reicht ihm eine Muschel voll Wasser). Trink, es scheint nur +rot zu sein, es ist doch reiner als Kristall. + +Simplizius. So gib nur her. + +Fanfu. Er trinkt, nun wird er blutdurstig werden. + +Simplizius (zittert mit der Muschel). Ich zittr' wie ein +hundertjähriger Greis. (Trinkt.) Ah, das ist ein hitziges Getränk, +wie ein Vanili Rosoglio. (Rollt die Augen.) Was geht denn mit mir +vor? Potz Himmel tausend Schwerenot! + +Lulu (zu Fanfu). Siehst du, es wirkt, er wird gleich eine andere +Sprache führen. (Beide nähern sich ihm sanft.) Was ist dir, lieber +Zitternadel? + +Simplizius (wild). Still, nichts reden auf mich, Ihr Bagatellen! +Ich begreif' nicht, was das ist, ich krieg' einen Zorn wie ein +kalekutischer Hahn, und weiß nicht wegen was. Wenn ich ihn nur an +jemand auslassen könnt'. Bringt mir einen Stock, ich wichs' mich +selbst herum. + +(Die Genien lachen heimlich.) + +Simplizius. Ja, was ist denn das? Ihr seid ja zwei gottlose Buben +übereinander, ihr seid ja in die Haut nichts nutz, euch soll man ja +haun, so oft man euch anschaut. Das seh' ich jetzt erst. + +Die Genien (nahen sich bittend). Aber lieber Zitternadel! + +Simplizius (reißt einen Baumast ab). Kommt mir nicht in meine Näh', +oder ich massakrier' euch alle zwei. + +Lulu. So hör' uns doch; du mußt nach Kallidalos fliegen, dort +findest du den Dichter, deinen Freund. + +Simplizius. Nu, der soll mir traun, den hau' ich in Jamben, daß die +Füß' herumkugeln. Jetzt macht fort und schafft mir ein kolerisches +Pferd, daß ich durch die Luft reiten kann! + +Lulu. Ein kolerisches Pferd? das wirft dich ja herab. + +Simplizius. So bringt's mir einen Auerstier, der wirft mich wieder +hinauf. + +Lulu. Nu, wie du willst. (Er winkt, ein geflügelter Auerstier +erscheint in den Wolken.) Ist schon da. + +Simplizius. Ha, da ist mein Araber. Jetzt wird galoppiert. Setzt +euch hinauf, auf die zwei Hörndl. + +Lulu. Ah, wir getrauen uns nicht. Reit nur voraus, wir kommen dir +schon nach. (Laufen ab.) + +Simplizius. Ha, feige Brut! (Steigt auf). Da bin ich ein andrer +Kerl. Jetzt kann mir 's Rindfleisch nicht ausgehn, ich bin versorgt. + Hotto, Schimmel! Das versteht er nicht.--Bruaho! (Der Stier fliegt +ab.) Jetzt geht's los. + + + +Vierte Szene. +Tiefere Felsengegend, in der Ferne Wald, auf der Seite eine +Waldhütte. In der Mitte steht Phalarius mit einem goldenen +Wurfspieß bewaffnet, vor ihm liegt ein Löwe und zittert. + + +Phalarius. Was zitterst du entnervt, verachtungswürd'ger Leu, +Und beugst den Nacken feig vor meiner Krone Glanz? +Mich ekelt Demut an, weil ich den Kampf nicht scheu', +Nie schände meine Stirn solch welker Siegeskranz. +Wofür hat Jupiter so reichlich dich begabt? +Wozu ward dir die Mähn', das Sinnbild hoher Kraft? +Der stolze Gliederbau, an dem das Aug' sich labt? +Das drohende Gebiß, vor dem Gewalt erschlafft? +Der Donner des Gebrülls, der Panzer deiner Haut? +Erhieltst du all die Macht, um mächt'ger zu erbeben? +Schäm' dich, Natur, die du ihm solchen Thron erbaut, +Da liegt dein Herrscher nun und zittert für sein Leben. + (Heftiger) +Du hast mit Schlangen, Luchs und Panthertier gestritten; +So reg' dich doch und droh' auch mir mit mächt'ger Klau'. +Du edelmüt'ges Tier, so laß dich doch erbitten, +Verteid'ge dich, damit ich Widerstand erschau'. +Wie kann ein König noch zu einem andern sprechen. +Mach' mich nicht rasend, denk', du bist zum Streit geboren. +Doch nicht? Wohlan! So will ich euch, ihr Götter, rächen. +Er ehrt sein Dasein nicht, drum sei's für ihn verloren. + (Er tötet ihn, stößt ins Horn, Jäger erscheinen und beugen sich +erschrocken.) +Bringt mir den Löwen fort, ich kann ihn nicht mehr sehen. + (Der Löwe wird fortgebracht, er steht nachdenkend mit +verschlungenen Armen.) +Wozu nützt mir Gewalt, wenn sie mich so erhebt? +Könnt' ich die Erde leicht gleich einer Spindel drehen, +Es wäre kein Triumph, weil sie nicht widerstrebt. +Aspasia tot, durch meiner Krone Dolch entseelt. +Abscheul'che Hölle, so erfüllst du mein Begehren? +Wer war noch glücklich je, dem Liebe hat gefehlt? +Die größte Lust ist Ruhm, doch Lieb' kann sie vermehren, +Doch meine Lieb' heißt Tod, wer mich umarmt, erblaßt. +Unsel'ges Diadem, daß du mein Aug' entzücktest, +Tief quälendes Geschenk, schon wirst du mir verhaßt, +Ich war noch glücklicher, als du mich nicht beglücktest! +Äol, der oft die Majestät der Eichen bricht, +Und so am Haupt des Walds zum Kronenräuber wird, +Sag'! warum sendest du die geile Windsbraut nicht, +Daß sie die Kron' als glühnden Bräutigam entführt? + (Die Jäger kommen zurück, er setzt sich auf einen Fels.) +Ich wünschte mich mit etwas Traubensaft zu laben, +Der eigennütz'ge Leib will auch befriedigt sein. + +Erster Jäger. Den kannst du, hoher Fürst, aus jener Hütte haben, + (Klopft an) +He, Alter, komm heraus und bringe Wein. + +Phalarius. Wer ist der Mann, der hier so tief im Walde wohnt? + +Erster Jäger. Ein Feldherr war er einst, nun lebt er als ein Bauer. + +Phalarius. Welche Erniedrigung, wer hat so schimpflich ihn belohnt? + + + +Fünfte Szene. +Vorige. Der alte Octavian fröhlich aus der Hütte, einen Becher Wein +tragend. + + +Octavian. Komm schon, ein froh Gemüt ist immer auf der Lauer. + (Erblickt die Krone und sinkt nieder.) +Ha, welch ein Blick umschlängelt feurig meine Augen?. +Es krachet mein Gebein und sinket in den Staub. + +Phalarius. Laß sehen, ob dein Wein wird meinem Durste taugen. + (Will trinken.) +Doch sag', warum verbirgst du dich so tief im Laub? + +Octavian. Gewähr', daß ich den Blick von deiner Krone wende, +Wenn du willst Wahrheit hören, und sie dein Ohr erfreut. + +Phalarius. Ich hasse den Betrug, steh auf und sprich behende. + +Octavian (steht auf, doch ohne Phalarius anzusehen--fröhlich). +Mich freut der grüne Wald, beglückt die Einsamkeit, +Ich hab' sie selbst gewählt, lieb' sie wie einen Sohn. +Ich bin nicht unbeweibt, mein Herz schlägt lebenswarm, +Glüh' für mein Vaterland, sprech' seinen Feinden Hohn, +Und wenn es mein bedarf, weih' ich ihm Kopf und Arm, +Sonst bau' ich froh mein Feld, ein zweiter Cincinnat. + +Phalarius. Ein kluger Lebensplan, wenn du bloß Landmann wärst, +Dann bau' nur deine Flur, so dienst du treu dem Staat. +Als Feldherr hoff' ich, daß zu herrschen du begehrst. + +Octavian. Ich herrsche ja, wer sagt, daß ich nur Diener bin? +Weißt du denn nicht, daß jedes Ding der Welt ein Herrscher ist? +Die Götter herrschen im Olymp mit hohem Sinn, +Auf Erden Könige, so weit ihr Land nur mißt, +Der ganze Staat, wie es Gesetz und Fürst befiehlt, +Ein jeder dient und hat doch auch sein klein Gebiet. +Und so wird eines jeden Dieners Lust gestillt. +Der Sänger herrscht durch edlen Geist in seinem Lied, +Der Liebende in der Geliebten schwachem Herzen; +Der Vater wacht im Haus für seiner Kinder Heil; +Der Arzt beherrscht der Krankheit widerspenst'ge Schmerzen; +Der Fischer seinen Kahn, der Jäger seinen Pfeil; +Kurz, jeder hat ein Reich, wo seine Krone blitzt, +Der Sklave selbst an Algiers Strand, der ärmste Mann, +Der auf der Erde nichts als seine Qual besitzt, +Hat einen Thron, weil er sich selbst beherrschen kann. + +Phalarius (der während der Rede mit Erstaunen gekämpft, schleudert +den Becher fort). +Genug, ich trinke nicht den wortvergällten Wein, +Nicht Labung reichst du mir, du tränkest mich mit Gift, +Du wärst vergnügt und herrschest nicht? Es kann nicht sein! + +Octavian. Das bin ich, Herr, selbst dann, wenn mich dein Zorn auch +trifft. + +Phalarius. Unmöglich, widerruf, daß du dich glücklich fühlst, +Es gibt bei solcher Kraft nicht solchen Seelenfrieden, +Du weißt nicht, wie du tief mein Inneres durchwühlst. +O Götter, welche Pein erlebe ich hienieden, +Daß ich nicht froh sein kann und Frohsinn schauen muß. +Gesteh, du bist kein Held, warst nie auf Ruhm gebettet, +Du warst nie Feldherr, nein, regiertest stets den Pflug. + +Octavian. Ein Knabe warst du kaum, als ich das Reich errettet. +Ich bin Octavian. + +Phalarius. Der einst die Perser schlug? + +Octavian. So ist's. + +Phalarius (entsetzt, wie aus einem Traum erwachend, aufschreiend). + Aus meinem Land, verhaßtes Meteor! +Daß meines Ruhmes Licht vor deinem nicht erlischt. +Du kömmst mir wie ein list'ger Rachedämon vor, +Der aus der Rose Schoß als gift'ge Schlange zischt. +Entfleuch, du bist verbannt, gehörst dem Land nicht an. +Dein Glück ist Heuchelei, es kann sich nicht bewähren, +Hinweg aus meinem Reich mit solch verrücktem Wahn, +Du darfst nicht glücklich sein, sonst müßt' ich dich verehren. + +(Ab, die Jäger folgen scheu.) + + + +Sechste Szene. + + +Octavian (allein). +Da geht er hin, unglücklicher als der, den er verjagt. +Du bist verbannt, wie leicht sich doch die Worte sprechen; +So fröhlich erst, und nun so bitter zu beklagen, +Doch nein, ich bin ein Mann, du sollst mein Herz nicht brechen. + +(In die Hütte ab.) + + + +Siebente Szene. +Romantische Gegend auf Kallidalos. Auf der einen Seite Häuser, auf +der anderen Wald. Lucina und Ewald, die Krone auf dem Haupte, +treten auf. + + +Lucina. Du bist hier aus der kallidal'schen Insel, erhole dich von +deinem Schreck. + +Ewald. Vergib, daß meine Nerven ängstlich zucken, noch ist die +Greuelszene nicht aus meinem Hirn entwichen, und nimmer möcht' ich +solchen Anblick mehr erleben. + +Lucina. Hier wirst du leichteren Kampf bestehn, mein armer König +ohne Reich. Nun horch' auf mich: Auf dieser Insel herrscht die +feine Sitte, daß sich der König und die Edelsten des Volkes am +ersten Frühlingstag im Tempel dort versammeln; von allen Mädchen +dieses Reichs, die zart geputzt dem königlichen Aug' sich zeigen, +ernennet er die Schönste als des Festes Herrscherin und schmückt +das wunderholde Haupt mit einer Rosenkrone. Dann wählet er aus +rüst'ger Jünglingsschar den Tapfersten, der sich nicht weigern darf, +und schenkt ihm ihre Hand, nachdem er ihn zuvor zu einem Amt +erhebt. Das Brautpaar wird sogleich an Cyprias Altar vermählt; so +endet sich das Fest und dieses Tages Jubel. Du sorgst, daß dieser +Preis auf einem Haupte ruht, das sechzig Jahre schon des Lebens +Müh' getragen. Doch dürfen es nicht Rosen zieren, ein Myrtendiadem +muß auf der Stirne prangen, durch Weiber aufgedrückt, die neidisch +nach der Krone blicken, nach der sie selbst vergebens ringen. +Wodurch du dies bezweckst, wirst du wohl leicht erraten, die deine +leg' nun ab, ich will sie selbst verwahren. (Ewald kniet sich +nieder, zwei Genien erscheinen aus der Versenkung, sie nimmt ihm +die Krone ab.) Sie ziemt nicht deiner Stirn. (Gibt die Krone den +Genien.) Bewahrt sie wohl, beherrscht sie auch kein Reich, wird sie +doch viele Reiche retten. (Die Genien versinken damit.) Hast du nun +einen Wunsch, so sprich ihn aus! + +Ewald. Ob mein Begleiter lebt, dies wünsch' ich wohl zu wissen, +auch seiner Sendung Zweck ist mir ein Rätsel noch. + +Lucina. Er lebt. Wozu ich ihn bestimmt, wird sich noch heut +enthüllen, bald siehst du ihn, doch magst du nicht ob der +Verändrung staunen, die sein Gemüt erlitten hat, sie währet nur so +lang bis so viel Blut durch seine Hand entströmt, als Wasser er aus +meinem Zaubersee getrunken. + +Ewald. Wie, einen Mörder werde ich in ihm erblicken? + +Lucina. Sei ruhig nur, ich lenke seinen Arm, befolge du nur mein +Geheiß und fordre dann den Lohn. Für alles andre laß die hohen +Götter sorgen, die oft durch weise Wahl gemeine Mittel adeln, daß +sie zu hohen Zwecken dienen. (Ab.) + + + +Achte Szene. + + +Ewald (allein). Dies scheinen mir die letzten Häuser einer großen +Stadt zu sein. Ich will an eine dieser Pforten pochen, vielleicht +erscheint ein altes Weib, deren Geschwätzigkeit mir schnellen +Aufschluß gibt, und das ich gleich zu meinem Plan verwenden kann. +(Er klopft an die Tür des ersten Hauses.) + +Atritia (sieht zum Fenster heraus). Wer pocht so ungestüm? Weißt du +noch nicht, daß dieses Tor sich keinem Manne öffnet. + +Ewald (für sich). Himmel, welch ein liebenswürdiger Mädchenkopf. + +Atritia. Dein Staunen ist umsonst. + +Ewald (für sich). Sanftmut lauscht in ihrem Auge-- + +Atritia. Täusche dich nicht. + +Ewald (für sich). Und zeigt den Weg zu ihrem Herzen. + +Atritia. Es ist zu fest verschlossen. + +Ewald (für sich). Ich muß mein Glück benützen. + +Atritia. Du kommst mir nicht herein, das sag' ich dir. + +Ewald. Schönes Mädchen, eröffne doch die Pforte, ich will so leise +über ihre Schwelle gleiten, als schlich' ein Seufzer über deine +süßen Lippen. + +Atritia. Er ist ein feiner Mann und hat mich süß genannt, nun kann +ich ihm denn doch nichts Bittres sagen. Gern ließ' ich dich herein, +doch darf ich nicht. + +Ewald. Wer hat es dir verboten? + +Atritia. Meine Muhme, sie sagt; du lassest keinen Mann mir über +diese Schwelle treten. Es ist ein hart Gebot, doch muß ich es +befolgen, sonst würd' ich gern in deiner Nähe sein, denn du +gefällst mir wohl. + +Ewald. Nun gut, so komm zu mir heraus. Hat sie dir denn gesagt, du +darfst zu keinem Manne über diese Schwelle treten? + +Atritia (unschuldig). Das hat sie nicht gesagt. Jetzt bin ich schon +zufrieden und komm zu dir hinaus. + + + +Neunte Szene. +Ewald und Atritia. + + +Ewald. Noch nie hat mich der Anblick eines Mädchens so entzückt. + +Atritia (hüpft heraus). Also hier bin ich, was hast du zu fragen? + +Ewald. Ob du mich liebst? + +Atritia. Wie kann ich dich denn lieben, ich weiß ja noch nicht, ob +du liebenswürdig bist. + +Ewald. Ja, wenn ich dir das erst erklären soll, dann hast du mir +die Antwort schon gegeben. + +Atritia. Bist du vor allem treu? Bekleidest du ein Amt? Bist du +vielleicht ein Held? So geh hinaus und kämpfe mit dem Eber, und +hast du ihn erlegt, so kehr' zurück und wirb um meine Hand. + +Ewald. Ein Eber ist hier zu bekämpfen? + +Atritia. Ein mächtig großer noch dazu. So groß fast wie ein Haus, +so hat mir meine Angst ihn wenigstens gemalt. + +Ewald. Hast du ihn schon gesehn? + +Atritia. Ei freilich wohl, er nähert sich der Stadt, verwüstet alle +Fluren und hat ein Mädchen erst zerrissen, das heute als die +Schönste wär' gewiß erwählt worden. + +Ewald. Ist heut dieses Fest? + +Atritia. Ja, heute soll es sein, der Tempel ist schon reich +geschmückt, und alle Mädchen dort versammelt, doch als der König +eben sich dahin begeben wollte, im feierlichen Zug der Krieger, da +kam die Nachricht schnell, daß sich der Eber zeigt und auf den +Feldern wütet. Da ließ der König alles, was nur Waffen trug, zum +blut'gen Kampfe gegen den Eber ziehn. Drum findest du die Straßen +leer. + +Ewald. Dann ist die höchste Zeit, daß ich zu Werke schreite. Ich +bin ein Mann von Ehre und deiner Liebe wert, doch sag' mir, holdes +Kind, wo find' ich wohl ein altes Weib mit sechzig Jahren, das noch +so eitel ist, daß sie für schön sich hält? + +Atritia. Wo finde ich sie nicht, so solltest du mich fragen, die +gibt's wohl überall, das hab' ich oft gelesen. Obwohl die Frage +nicht sehr artig ist, so wirst du gar nicht lange suchen dürfen, +wenn du noch eine Weile mit mir sprichst, denn meine Muhme wird +bald nach Hause kommen und dich von ihrer Tür verjagen. + +Ewald. Ist sie so böse? + +Atritia. Leider ja. Als meine Mutter starb, ward ich ihr übergeben +und vieles Geld dazu. Sie mußte mich erziehen, das tat sie auch, +doch von dem Gold, was ihr die Mutter hat für mich zum Heiratsgut +vertraut, da will sie gar nichts wissen. Sie schlägt mich auch, +wenn sie oft Langeweile hat, erst gestern noch, weil ich mich zu +dem Feste schmücken wollte, das gab sie denn nicht zu, sie sagt, +mich braucht kein Mann zu sehen. Das hat mich sehr geschmerzt, ich +wünsche mir doch einen Mann, und wie soll mich denn einer frein, +wenn mich nie einer sieht? + +Ewald. Da sprichst du wahr, doch einer hat dich ja gesehn. + +Atritia. Und das bist du. Doch wann wirst du mich wiedersehn? + +Ewald. Ist es dein Wunsch? + +Atritia. Ei frag' doch nicht, glaubst du, ich wär' zu dir +herabgekommen, wenn du mir nicht gefallen hättest, du stündst noch +lange vor der verschloßnen Tür, wenn du durch deinen Blick mein +Herz nicht früher aufgeschlossen hättest. Doch jetzt leb' wohl und +denk' darum nicht arg von mir, weil ich dir sag', daß ich dich +liebenswürdig finde. Dafür werd' ich's auch keinem andern sagen +mehr, und hab' es keinem noch gesagt. + +Ewald. Bezauberndes Geschöpf, willst du mich schon verlassen? + +Atritia. Ich muß, such' deine Alte nur, hörst du, und hast du sie +gefunden (droht schalkhaft mit dem Finger), vergiß nicht auf die +Junge! (Läuft ins Haus.) + + + +Zehnte Szene. +Ewald allein, dann Simplizius. + + +Ewald. Da läuft sie hin; Lucina, wenn ich Lohn von dir begehr', so +ist es dieses Mädchens reizender Besitz. + +Simplizius (ruft in der Luft). Bruaho! + +Ewald. Wer galoppiert da durch die Luft? Das ist Simplizius auf +einem Stier! + +Simplizius (sinkt nieder). Halt' Er an! (Steigt ab.) So, da sind +wir alle zwei. Nur wieder nach Hause ins Bureau! (Der Stier fliegt +fort, Simplizius ruft nach.) Meine Empfehlung an die andern. + +Ewald. Simplizius, wo nehmen Sie den Mut her, sich so durch die +Lust zu wagen? + +Simplizius. Geht Ihnen das was an? Haben Sie sich darum zu +bekümmern? Kann ich nicht reiten, auf was ich will? Glauben Sie, +weil Sie vielleicht auf einer flanellenen Schlafhauben +herübergeritten sind, so soll ich meine Herkulesnatur verleugnen? +Ah, da hat es Zeit bei den Preußen! + +Ewald. Aber mit welchem Rechte? + +Simplizius. Was, mit mir reden Sie von einem Recht, da kommen Sie +an den Unrechten. Recht? Wollen Sie vielleicht einen Prozeß +anfangen? Glauben Sie, ich bin ein Rechtsgelehrter, der sich links +hinüber drehen läßt? Da irren Sie sich! + +Ewald. Welch ein Betragen! + +Simplizius. Was Betragen, wer wird sich gegen Sie betragen? Ich +betrag' mich gar nicht, um keinen Preis. + +Ewald (verächtlich). Gemeiner Wicht. + +Simplizius. Keine Beleidigung, junger Mensch, wenn ich nicht +vergessen soll, wer ich bin. + +Ewald (lacht heftig). Das ist zum Totschießen. + +Simplizius. Vom Totschießen reden Sie? Wollen Sie sich duellieren +mit mir auf congrevische Raketen, oder sind Ihnen die vielleicht zu +klein, so nehmen wir ein jeder ein Haus und werfen wir's einer dem +andern zum Kopf, damit die Sach' ein Gewicht hat. Wollen Sie? + +Ewald. Beim Himmel, wenn mich Lucina nicht gewarnt hätte, ich müßte +ihn züchtigen. + +Simplizius. Züchtigen? Ha, beim--wie heißt der Kerl?--Ha, beim Zeus, +jetzt gibt's Prügel. (bricht mit dem Fuß einen Baumast entzwei und +gibt ihm die Hälfte.) Nehmen Sie einen, die andern kommen nach. + +Ewald. Was wollen Sie? + +Simplizius. Satisfaktion will ich, Reimschmied! (Packt ihn an der +Brust.) + +Ewald. Welch eine Kraft! Lassen Sie mich los, Sie wütender Mensch. +(Entspringt.) + + + +Elfte Szene. + + +Simplizius (allein). Wart', du kommst mir schon unter die Händ'. Es +ist erschrecklich, ich kann mir nicht helfen, wie ich nur einen +Menschen seh', so möcht ich ihn schon in der Mitt' voneinander +reißen. Wenn ich nur einen Degen hätt' oder ein Stiffilett, oder +wenn ich wo unter der Hand billige Kanonen zu kaufen bekäm', ich +erschießet die ganze Stadt und die Vorstädt' auch dazu. Da kommen +einige, die sollen sich freun. + + + +Zwölfte Szene. +Simplizius. Olinar und Astrachan. + + +Olinar (ein fetter Mann). Wer lärmt denn hier so auf der Straße? +Das ist ja ein ganz fremder Mensch. + +Simplizius. Die Flachsen zieht's mir ordentlich z'sammen, wenn +einer redt auf mich. + +Olinar. Der sieht ja wie ein Straßenräuber aus, der Kerl hat nichts +Gutes im Sinn. + +Simplizius. Ich muß mich noch zurückhalten, bis ich Waffen hab'. +Ich werd' mir's erst sondiern. + +Astrachan (rauh). Was tobst du an diesem feierlichen Tag? Pack' +dich von hier, du kecker Bursche. + +Simplizius (lauernd). Wie reden Sie mit mir? Ich frag' Sie nicht +umsonst. + +Astrachan. Das brauchst du nicht, weil ich die Antwort dir nicht +schuldig bleiben und sie auf deinen Rücken legen werde. + +Simplizius (erstaunt). So, nur gleich? (Für sich.) Ist schon gut +unterdessen. Der wird schon um'bracht, das ist der erste, den ich +expedier'. Ich muß mir nur einen Knopf ins Schnupftuch machen, +damit ich's nicht vergess'. (Tut es.) + +Astrachan. Hast du's gehört, du sollst die Straße reinigen. Mach' +dich fort. + +Simplizius. Ich soll die Straße hier reinigen? Er muß mich für +einen Gassenkehrer halten. Das hat mir niemand zu befehlen, ich +bleib' hier. (Setzt sich auf einen Stein.) Und wer nur einen Laut +von sich gibt-- + +Astrachan (will auf ihn zu). Was? + +Olinar (hält ihn furchtsam zurück). Behutsam, Freund, er hat ja +einen Prügel in der Hand. + +Astrachan. Was kümmert's mich, du wirst dich doch nicht fürchten? + +Olinar. Ei bewahre. + +Astrachan. Schäme dich als eine Gerichtsperson. Gleich geh hin und +beweise deinen Mut. + +Olinar (zittert). Wer? Wer, ich? Ja, was soll ich denn tun? + +Astrachan. Ihn von hinnen jagen. + +Olinar. Ja, wenn er sich nur jagen läßt, aber du wirst sehn-- + +Astrachan. Red' ihn scharf an. + +Olinar. Hochzuverehrender Freund! + +Simplizius (springt zornig auf). Was gibt's? + +Olinar (erschrickt heftig). Da hast du's jetzt, ich hab's ja gleich +gesagt. + +Simplizius. Was will der Herr? + +Astrachan (der Olinar hält). Mut, Mut, ich helfe dir schon. + +Olinar. Ja, laß mich nur nicht stecken. (Nimmt sich zusammen, laut.) +Er ungezogner Mensch! + +Astrachan. Nur zu, so ist's schon recht. + +Olinar. Wenn Er's noch einmal wagt, in einem solchen Tone zu +sprechen-- + +Astrachan (freudig). Vortrefflich! Siehst du, wie er zittert? + +Olinar. Du irrst dich, Freund, das bin ja ich. (Zu Simplizius.) So +werd' ich Ihm--(Zu Astrachan.) Ja, was werd' ich geschwind? + +Astrachan (heimlich). Die Kehle schnüren, daß Er an mich denken +soll. + +Olinar. Die Kehle schnüren, daß Er an mich denken soll! (Wischt +sich den Schweiß ab.) Ha, das war viel gewagt. + +Simplizius. Die Kehle schnüren? Das ist ein Schnürmacher. Nu, den +können wir auch mitnehmen. (Macht einen Knopf.) Detto! (Macht die +Bewegung des Erdolchens.) + +Astrachan. Du hast dich gut gehalten, jetzt laß mich reden. Hör', +Kerl, wenn du jetzt nicht augenblicklich gehst und dich in unserer +Stadt noch einmal blicken lassest, so wirst du sehen, was unsere +Gerechtigkeit an einem solchen Lumpenhund für ein Exempel statuiert. + + +Simplizius. Ah, das ist ein hantiger. Der muß viermal nacheinander +sterben. + +Astrachan. Ha, gut, dort kommen Abukar und Nimelot. + +Olinar. Das sind zwei verwegene Bursche. + +Simplizius. Verwegene Bursche? Da mach' ich gleich im voraus Knöpf'. +(Macht sie.) + + + +Dreizehnte Szene. +Vorige. Abukar und Nimelot, bewaffnet. + + +Abukar. Was hast du, Astrachan? Du lärmst ja ganz entsetzlich. + +Astrachan. Wir haben unsern Spaß mit diesem Burschen da, das ist +der dreisteste Kerl, den ich noch gesehen habe. + +Olinar (keck). Ja, ja, das ist ein abgefeimter Schurke. (Für sich.) +Jetzt sind wir unser vier, jetzt soll er mir nur trauen. + +Simplizius. Ich hör' ihnen nur so zu, auf einmal geh' ich los. + +Abukar und Nimelot (stellen sich neben Simplizius und klopfen ihn +auf die Schulter und lachen.) + +Abukar. Hahaha, der sieht ja wie ein Orang-Utan aus. + +Nimelot (lachend). Die aufgeschlitzte Nase und der breite Mund! + +Simplizius. Bravo, nur zu, sind schon vorgemerkt. (Deutet auf sein +Tuch.) Werden schon Exekution halten, bleibt nicht aus. + +(Alle lachen.) + +Abukar. Seht ihn nur an, das ist ja die einfältigste Miene, die mir +noch vorgekommen ist. + +Simplizius. Ah, jetzt muß ich doch Rebell schlagen. (Laut.) Was +glauben denn Sie so? Glauben Sie, ich bin Ihr Narr, daß Sie sich +über meine Physiognomie lustig machen. Was fehlt denn meinem +Gesicht? Die Häßlichkeit vielleicht? Die ist nirgends mehr zu +finden, weil Sie s' alle auf den Ihrigen haben. + +Alle (lachen). Ein drolliger Kerl! + +Simplizius. Nu, da haben wir's, nicht einmal ordentlich lachen +können s' mit dem G'sicht, da lach' ich mit dem linken Ellbogen +besser, als die mit dem Maul. Sagen Sie mir, wer hat Ihnen denn die +Beleidigung angetan, Ihnen eine solche Physiognomie aufz'binden? +Die Natur vielleicht? Die setz' ich ab, wenn sie mir noch einmal +solche G'sichter macht, das sind Keckheiten von ihr, ich brauch' +sie nicht, wenn sie so schleuderisch arbeitet. Was brauchen wir +eine Natur, die Welt ist lang genug unnatürlich g'wesen, sie kann's +noch sein. + +Abukar. Der Bursche muß Hofnarr werden, der macht mich schrecklich +lachen. + +Simplizius. Hofnarr? Das ist eine Beleidigung! Satisfaktion! + +Olinar. Er hat Mut wie ein Löwe. + +Simplizius. Löwe? Das ist gar eine viechische Beleidigung. Doppelte +Satisfaktion! + +Astrachan. Der Kerl ist über einen Spartaner. + +Simplizius. Spartaner? Das wird wieder ein andres Vieh sein. Ich +kenn' mich gar nicht mehr vor Zorn. Heraus, wer Mut hat, einen muß +ich spießen. (Faßt Olinar.) Was ist's mit Ihnen, wollen Sie sich +mit mir schlagen oder wollen Sie sich schlagen lassen? + +Olinar. Hilfe! Hilfe! + +Abukar (packt Simplizius am Genick und beutelt ihn). Nun hast du +Zeit, Bube. + +Astrachan. Ins Gefängnis, fort mit ihm. + +Simplizius (reißt dem Olinar den Säbel aus der Scheide). Jetzt +reißt mir die Geduld. (Haut auf Abukar ein, der ihm die Lanze +entgegen hält, welche er ihm aus der Hand schlägt.) Ihr verdammten +Kallidalier! Jetzt wird's Leben wohlfeil werden. (Er kämpft mit +allen und jagt sie in die Flucht, einige verlieren ihre Waffen, +einer den Helm.) + +Olinar (im Ablaufen). Ich hab's voraus gesagt, ihr Götter, seid uns +gnädig. + + + +Vierzehnte Szene. +Simplizius (allein). Ha, Pompei ist erobert, Sieg über die Kalmuken! +Da gibt's Waffen. (Er setzt sich den Helm auf.) Her da mit dem +Helm! (Nimmt das Schwert, steckt es in die Binde und hebt den Spieß +auf.) Das ganze Zeughaus häng' ich um. So, jetzt ist der Stefan +Fädinger fertig. Rache, Rache! Alles muß bluten. Einen Haß hab' ich, +ich glaub', es dürft' mich einer spießen, mir war's nicht möglich, +ihn zu küssen. Die ganze Welt ist mir zuwider. + + +Lied. +Wenn s' mir die Welt zu kaufen geb'n, +Ich weiß nicht, ob ich's nimm; +Da könnt man ein' Verdruß erleb'n, +Es würd' ein' völlig schlimm. +Und ließ' man's wieder lizitier'n, +Was könnt' man da viel profitier'n? +Vors erste ist s' ein alt's Gebäu', +Wer weiß, wie lang s' noch steht, +Das sieht man an Massana glei', +Daß s' sicher untergeht. +Und fällt ein' so a Welt ins Meer, +Wo nimmt man g'schwind a andre her? + +Die Völker steh'n mir auch nicht an, +D' Kalmuken, d' Hugenotten, +Und wen ich gar nicht leiden kann, +Das sind die Hottentotten. +Da möcht' ich grad' vor Wut vergeh'n, +Und ich hab' nicht einmal ein' g'seh'n. + +Auch ist's ein Elend mit den Tier'n, +A' bloße Fopperei, +Was kriechen s' denn auf allen vier'n, +Ich geh' ja auch auf zwei. +Die meisten können uns nur quäl'n, +Am liebsten sind mir die Sardell'n. + +Die Sonn', die ist schon lang mein Tod +Mit ihrer öden Pracht, +Der Mondschein macht sich's gar kommod, +Der scheint nur bei der Nacht; +Und dann die miserablen Stern', +Die weiß man gar nicht, zu was s' g'hör'n. + +Kurzum, ich hass' die ganze Welt, +Im Sommer wie im Winter, +Mir liegt sogar nichts an dem Geld, +Es ist nicht viel dahinter. +Ein einz'gen Menschen nur allein, + (Deutet auf sich.) +Wüßt' ich--dem ich noch gut könnt' sein. + (Ab.) + + + + + +Fünfzehnte Szene. +Ewald und Aloe. + + +Aloe (muß von einer jugendlichen Schauspielerin dargestellt werden +mit grauen Haaren; sie hat den Kopf in ein Tuch gewickelt, wie eine +griechische Matrone, und geht etwas gebückt.) Nein, nein, mein +lieber schmucker Herr, das geht nicht so geschwinde, das Mädchen +ist zu jung, sie braucht noch keinen Freier. Ach, du keusche Göttin +Diana, kaum bin ich eine Stunde aus dem Hause, um die tapferen +Männer zu bewundern, so fängt das Mädchen Liebeshändel an. Wo habt +Ihr denn das ungeratene Kind gesprochen? + +Ewald. Am Fenster sprach ich sie. + +Aloe. Seht doch, und glaubt Ihr denn, man heiratet bei uns die +Mädchen gleich vom Fenster nur herunter, wie man Zitronen pflückt? +Laßt Euch den Wunsch vergehen. Ich sehe fünfzig Jahre schon zum +Fenster heraus und hab' mir keinen Mann erschaut, so lange kann sie +auch noch warten. Ich kenn' Euch nicht einmal, wer seid Ihr denn? + +Ewald. Ein Fremdling bin ich. + +Aloe. Ei, das seh' ich, denn unsere Männer kenn' ich alle. Doch was +besitzt Ihr in der Fremde? + +Ewald. Ein Gut, das mir kein Unfall rauben kann, ein treu Gemüt und +kräftigen Verstand. + +Aloe. Wer sagt Euch, daß Verstand ein sichres Erbteil sei, wie +könnt' es denn so viele Narren geben? + +Ewald. Und eine Kunst, die alle Künste übertrifft. + +Aloe. Vielleicht die Kunst, mich hinters Licht zu führen? + +Ewald. Im Gegenteil, ich möchte Eure Schönheit gern im höchsten +Glanz erscheinen lassen. + +Aloe. Ich hör's nicht gern, wenn man von meinen Reizen spricht, es +ist mir nicht mehr neu; Gewohnheit tötet unsre schönsten Freuden. +Doch weiter nun, ach, mein Gedächtnis ist so schwach, wovon habt +Ihr zuletzt gesprochen? + +Ewald. Von Eurer Schönheit war die Rede, ja. + +Aloe. Ja, ja, das war's, was ich nicht hören mochte. Ihr wolltet +sie erhöhn? + +Ewald. Zum Venusrang, wenn Ihr mir Eurer Nichte Hand gelobt. + +Aloe. Was fällt Euch ein, Atritia ist ein unbemittelt Kind, um +keinen Preis! + +Ewald. Auch nicht um den, den heut im Tempel dort der König reicht? + +Aloe (erschrocken). Seid Ihr von Sinnen? Bin ich erschrocken doch, +als hätt' mich Amors Pfeil getroffen. Ich bin schon eine +ausgeblühte Rose, die nicht im Frühlingsschein mehr glänzt. + +Ewald. Ich will durch meine Kunst Euch diesen Glanz verleihn. Vor +allen Töchtern dieses Reichs sollt Ihr den Schönheitspreis erringen, + doch Eure Nichte ist dann mein, ich führ' sie mit mir fort. + +Aloe. Ihr könntet das, ein Sterblicher, bewirken, wofür ich mich +dem Cerberus schon verschrieben hätte, wenn er's vermögen könnte? + +Ewald. Ich geb' Euch darauf mein Wort, und brech' ich es, braucht +Ihr das Eure nicht zu halten. + +Aloe. Macht mich nicht wahnsinnig. Ihr wolltet Aloe verjüngen? + +Ewald. Warum denn nicht? Wenn Aloe, die Pflanze, mit hundert Jahren +neue Blumen treibt, warum soll Aloe, das Weib, mit sechzig nicht +erblühn? + +Aloe. Mit sechzig, ja, da habt Ihr recht, das ist die wahre +Blütenzeit. Mir ist, als blüht' ich schon--fang' schon an zu duften. +O Himmel, welch ein Glück, ich fühle mich schon jung, mich hindern +bloß die Jahre. + +Ewald. So mäßigt Euch, es ist ja noch nicht Zeit. Erwartet mich im +Haus, ich muß mich erst dem König zeigen. Geht nur hinein und sagt +Atritien, daß sie mein Weib soll werden. + +Aloe. Ja, ja, Ihr sollt Atritien haben, ich schenke sie Euch. Ach, +wenn ich eine Herde solcher Mädchen hätte, Ihr könntet alle sie +nach Eurem Lande treiben. Nur fort damit, nur fort, die Schönste +bleibt zurück. Die Schönste--eine Welt von Wonne liegt in diesem +Namen. Und bin die Schönste ich, wird mir der schönste Mann. Der +schönste Mann! Ach, wie viel Welten kommen da zusammen!--(Gegen das +Haus.) Atritia, Atritia, wir kriegen beide Männer! O Götter, steht +mir bei, das kostet den Verstand. (Eilt freudig ab.) + + + +Sechzehnte Szene. + + +Ewald (allein). +Wie fühlt ein Jüngling doppelt holder Liebe Wert, +Wenn er das Alter den Verlust betrauern hört. + +Geschrei (von innen). Der Eber ist erlegt. Es leb' der große Held! + +Ewald. Der Eber ist erlegt, des Landes borst'ge Plage. Da kömmt +Simplizius, und voll Angst. Ist seine Wut verdampft? + + + +Siebzehnte Szene. +Voriger. Simplizius. + + +Simplizius. Sind Sie da? + +Ewald. Was bringen Sie, Simplizius? + +Simplizius. Stellen Sie sich vor, ich hab' den Eber umgebracht. + +Ewald. Sie? Nicht möglich. + +Simplizius. Nun, sie sagen's alle. + +Ewald. Alle? Wer? + +Simplizius. Die Völkerschaften, die mir zugeschaut haben. + +Ewald. Das ist ja ein ungeheures Schwein. + +Simplizius. Versteht sich, ein größres als wir alle zwei. + +Ewald. Das haben Sie nicht allein erlegt, da muß Ihnen wer geholfen +haben. + +Simplizius. Jetzt ist's recht, wenn einem einmal was g'rat, so +sagen Sie, es muß einem einer g'holfen haben. Er hat ja nur einen +Stich, das kann man ja doch gleich sehen. + +Ewald. Wie ging es aber zu? + +Simplizius. Ganz kurz, denn wer wird sich mit einem Eber in ein'n +langen Diskurs einlassen? Sie wissen, daß heut große Jagd auf ihn +veranstaltet war. Alles war versammelt drauß' beim grünen Baum, da +kommt der Eber alle Tag' zum Frühstück hin. Alle Krieger waren voll +Feuer, und in mir hat's gar schon gekocht. Aus einmal wird einer +totenblaß und ruft: Der Eber kommt, jetzt rauft, rauft! Aber das +Wort rauft muß in der hiesigen Sprach' eine andre Bedeutung haben +und muß heißen lauft; denn kaum war das Wort heraus, so sind schon +alle davong'loff'n. Kaum waren s' fort, wer kommt? Der Eber. Ich +erseh' ihn kaum, so faßt mich eine Wut, ich stürz' mich auf ihn los +und stich ihn auf der unrechten Seiten hinein und auf der rechten +wieder heraus. + +Ewald. Unerhört, und wie er fiel, was dann? + +Simplizius. Dann bin ich auch davong'loff'n. Was weiter g'schehn +ist, weiß ich nicht, vermutlich haben sie eine Schwein aufgehoben. + +Ewald. Also nach der Tat haben Sie den Mut verloren? + +Simplizius. Versteht sich, das ist ja eben das Großartige; vorher +ist's keine Kunst. Kaum ist der Eber in seinem Blut dagelegen, ist +er mir noch zwanzigmal größer vorg'kommen als vorher, so daß ich zu +zittern ang'fangt hab', und hab' ihn nicht ansehn können mehr. +Alles hat zwar g'schrien; Halt, verweil', du großer Held! Aber ich +hab' mir gedacht, schreit ihr zu, solang ihr wollt, ich bin nicht +der erste Held, der davon g'loff'n ist, und werd' auch nicht der +letzte sein--und bin fort. + +Geschrei (von innen). Heil dem größten aller Helden! + +Simplizius. Hören S', sie schrein schon wieder. Gibt kein' Ruh', +das Volk. + +Ewald. Simplizius, Sie werden reichen Lohn erhalten. + +Simplizius. Glauben S', daß was herausschaut? Ich werd' ihnen schon +einen rechten Konto machen, was ich an Eberarbeit g'liefert hab'. +Oder sie sollen mich nach dem Pfund bezahlen. Ich lass' ihn beim +Wildbrethändler wägen, was er wägt, das wägt er. Punktum! (Aloe +zeigt sich am Fenster.) Doch sagen Sie mir, wann werden wir denn +einmal das Reich erretten, wenn immer etwas dazwischen kommt? Bald +ein Erdbeben, bald ein Eber. + +Ewald. Dafür lassen Sie die Götter sorgen, wir gehorchen nur. Sehen +Sie doch nach jenem Fenster. + +Simplizius. Ah, da schau' ich nicht hinauf. + +Ewald. Warum denn nicht? + +Simplizius. Weil eine Alte herausschaut. + +Ewald. Freund, das ist mein Ideal, die muß mir heut noch als die +größte Schönheit glänzen. + +Simplizius. Die da? Nun, da dürfen S' schön politier'n, bis die zum +glanzen anfangt. + +Ewald. Das wird der Zauberschein der Fackel tun. Der König muß den +Preis ihr reichen; drum stellen Sie als Ihren Freund mich bei ihm +vor, damit er mir Gehör verstattet. Sehen Sie nur, dort nahen sich +die Krieger im feierlichen Marsch, man suchet Sie. + +Simplizius. Ah, sie sollen marschier'n, wohin sie wollen, ich +brauch' sie nicht. + + + +Achtzehnte Szene. +Vorige. Dardonius. Höflinge. Dazu Nimelot. Abukar. Astrachan. +Olinar. + + +Chor (der Krieger, welche aus die Bühne ziehen). + +Dank dem Helden, den die Götter +Mit des Löwen Mut gestählt. +Und den zu des Landes Retter, +Gnädig waltend sie erwählt. + +(Sie bilden einen Kreis.) + +Dardonius (in freudiger Begeisterung). Wo, sagt, wo ist meines +Landes wunderbarer Retter? + +Ein Höfling. Hier ist der edle Jüngling, hoher Fürst. + +Simplizius (für sich). Meint der mich? + +Olinar. Hat der den Eber erlegt? + +Abukar. Wer hatte das gedacht? + +Dardonius. Laß dich umarmen, Fremdling. (umarmt ihn.) Nimm des +Königs Dank. + +Simplizius. Ich bitt' recht sehr, machen Sie kein solches Aufsehn, +es ist ja gar nicht der Müh' wert, wegen der Kleinigkeit da, wegen +dem bissel Eber. + +Dardonius. Also du hast dieses Ungetüm erlegt? + +Simplizius. So schmeichl' ich mir. + +Krieger. Wir waren alle Zeugen. + +Dardonius. Heldenmütiger Mann, sieh hier des Dankes Tränen in den +Augen meines Volkes. + +(Die Höflinge weinen.) + +Simplizius. Jetzt weinen die gar wegen einem Schwein, das ist mir +unbegreiflich. + +Dardonius. Götter, wie können in so schwach gebautem Körper solche +Riesenkräfte wohnen? + +Simplizius. Ja, das ist eben das Hasardspiel der Natur, daß ein +Elefant in einer Nuß logiert. + +Dardonius. Sprich, wie kann ich dich belohnen? + +Simplizius. Ja, ich müßt' da erst einen Überschlag machen, das +dauert zu lang', ich überlass' das Ganze der Indiskretion Euer +Majestät, wir werden kein' Richter brauchen. + +Dardonius (für sich). Dieses Mannes Ausdrücke versteh' ich nicht. +(Laut.) Ihr Krieger, deren oft bewiesner Mut der Heldenstärke +dieses Jünglings weichen muß, sagt selbst, verdient die Tat, daß +sie ein Lorbeer lohnt? + +Alle. Ja, sie verdient es. + +Simplizius. Sapperment, ein'n Lorbeer geben s' mir gar dafür, da +wär' mir schon eine Halbe Heuriger lieber. + +Dardonius. Wohlan, so schmücket ihn damit. + +(Die Krieger brechen einen Lorbeerzweig von den Bäumen und winden +einen Kranz.) + +Simplizius. Sie, Freund--(zu Ewald) soll ich denn das Gestrauchwerk +annehmen? Das ist ja nicht zwei Groschen wert. + +Ewald. Was für ein Gesträuch? + +Simplizius. Ein' Lorbeer wollen s' mir geben, da wär' mir ein +Spenat noch lieber. Mir scheint, sie wollen mich prellen, was? + +Ewald. Was fällt Ihnen denn ein, ein Lorbeer ist die höchste +Auszeichnung, nach der die größten Männer aller Zeiten je gerungen +haben. + +Simplizius. Nach dem Lorbeer? Nun der muß schön herunter kommen +sein, jetzt nehmen sie ihn schon gar zum Lungenbratl. + +Ewald. Lassen Sie sich doch belehren. Sie rauben ja der Menschheit +ihren Adel. + +Simplizius. Ist denn die Menschheit von Adel, das hab' ich auch +nicht gewußt. + +Ewald. O Vernunft, wie erhöht der Umgang mit den Tieren deinen Wert. + + +Dardonius. Habt ihr ihn bereitet? + +Erster Höfling. Hier ist er. (Bringt den Kranz mit roten Beeren auf +einem Schild.) + +Simplizius. So ist's recht, nicht einmal in einer Sauce. + +Dardonius. Nun beug' dein Knie, ich selber will dich krönen. + +Simplizius (kniet). Das sind Umständ'. + +Olinar. Ein unbarmherz'ges Glück. + +Dardonius. In meinem und des ganzen Reiches Namen umwind' ich deine +Heldenstirn' mit diesem Ehrenkranz. + +Simplizius. Da bin ich versorgt auf mein Lebtag, wenigstens gehn +mir die Fliegen nicht zu. + +Dardonius. Wie heißest du? + +Simplizius. Simplizius. + +Dardonius. Das ganze Heer lobpreise diesen Namen. + +Alle Krieger. Hoch leb' Simplizius, der Retter unsres Landes! + +Dardonius. Steh auf, der Kranz ist dein. + +Simplizius (steht auf). Die haben mich schön erwischt, das ist ein +Undank! Ich muß aussehn, wie ein Felberbaum. (Beutelt den Kopf.) + +Dardonius. Und damit du meines höchsten Dankes Wert erkennst, so +sollst du Unterfeldherr sein. + +Simplizius. O Spektakel, jetzt nehmen s' mich gar zum Militär. +Unterfeldscherer muß ich werden. + +Ewald. Der Mensch bringt mich zur Raserei. + +Olinar. Das ist ein äußerst dummer Mensch. + +Alle. Heil dir, Simplizius! + +Höfling. Man bringt den Eber, hoher Fürst. + +Simplizius. Was? Nun, den tät' ich mir noch ausbitten, da trifft +mich gleich der Schlag. + + + +Neunzehnte Szene. +Vorige. Sechs Krieger bringen einen ungeheuren Eber auf einer Trage, +welche sie in die Mitte der Bühne setzen. + + +Ewald. Ein sehenswertes Tier. + +Simplizius. Ich schau ihn g'wiß nicht an. + +Dardonius. Bewundre deine Riesentat. + +Simplizius. Ah, das ist schrecklich, er ist schon wieder g'wachsen. +(Zu Ewald.) Das Tier nimmt gar kein End', schauen Sie ihn nur an, +mir scheint, er rührt sich noch, er ist nicht tot. + +Dardonius. Ergötze dich an deinem Sieg! + +Simplizius. Sie, halten S' mich, mir wird nicht gut. Ich verlier' +meinen Lorbeer noch aus Angst. Der packt mich an, er hat ein Aug' +auf mich, sehen Sie ihn nur an. + +Ewald. So fassen Sie sich doch. + +Simplizius. Reden S' nur nicht vom Fassen, sonst ist er gleich da. +Ich halt's nicht aus. (Schreit.) Euer Majestät, schaffen Euer +Majestät den Eber fort. + +Mehrere Höflinge. Wie, der König? + +Simplizius. Da ist mir alles eins, wegen meiner die Königin. Nur +fort mit ihm, es g'schieht ein Unglück sonst. + +Dardonius. Was bebst du so? + +Simplizius. Aus lauter Kraft, das ist der überflüss'ge Mut. Eine +Lanzen! (Man reicht ihm eine Lanze--leise.) Daß ich mich halten +kann, sonst fall' ich z'sammen. Fort mit ihm, nur fort, ich stech' +ihn noch einmal z'sammen, den Sapperment, ich kenn' mich nicht vor +Wut (beiseite) und vor Angst. + +Dardonius. So bringt den Eber fort. (Für sich.) Der Mann ist mir +ein Rätsel. + +Olinar. Spricht so der Mut sich aus, dann bin ich auch ein Held. + +Dardonius. Ihr seid gewiß, daß er, nur er, den Eber hat erlegt. + +Die Krieger. Wir sind's. + +Dardonius. Das ist mir unbegreiflich. + +Simplizius (für sich). Mir schon lang. + +Höfling (leise zum König). Er ist verstandlos und gemein. + +Dardonius. Gleichviel. So lohnen wir die Tat, nicht den, der sie +beging. Erhebet ihn und tragt ihn im Triumphe nach dem Tempel, dort +schmückt ihn, wie die Sitte es erheischt. Leb' wohl, mein Held, ich +folge bald. + +(Die Krieger bilden mit ihren Schildern eine Treppe.) + +Simplizius. Nein, was sie mir für eine Ehr' antun, zuerst tragen s' +die Wildsau und nachher mich.--Da hinauf? Ah, das wird ein Triumph +werden, wenn sie mich da herunterfallen lassen, da werd' ich auf +meinen Lorbeern ruhn. (Steigt hinauf.) + +Krieger. Es lebe Simplizius. + +Simplizius. Jetzt heben s' mich auf einen Schild. Da heißt's beim +grünen Kranz. Eine schöne Aussicht hat man da heroben. Nur Obacht +geben, sonst heben wir noch was auf. (Der Marsch beginnt, man will +ihn forttragen, er schreit.) He, Sapperment, ich hab' noch was +vergessen. Halt, halt, die ganze Armee soll halten! (Man hält.) +Euer Majestät, ich bitt', auf ein Wort. + +Dardonius (tritt näher). Was verlangst du? + +Simplizius (zu Ewald). Sie, kommen S' ein bissel her. Euer Majestät +erlauben, daß ich Euer Majestät bei meinem Freund aufführ', er +wünscht dero Bekanntschaft zu machen, und aus lauter Triumph hätt' +ich bald drauf vergessen. Ha, ha, ha, empfehl' mich. (Zu den +Kriegern.) Nur vorwärts mit dem Zug. + +Chor (der Krieger). +Dank dem Helden, den die Götter +Mit des Löwen Mut gestählt, +Und den zu des Landes Retter +Gnädig waltend sie erwählt. + +(Alles ab, bis auf) + + + +Zwanzigste Szene. +Dardonius. Höflinge. Ewald. Aloe entfernt sich vom Fenster. + + +Höflinge. Ein sonderbarer Mann, ganz unwert solcher Ehre. + +Dardonius. Du bist des tapfern Mannes Freund? + +Ewald (beiseite). Was soll ich sagen. (Laut.) Das bin ich, edler +Fürst. (Für sich.) Die Schande drückt mich fast zu Boden, daß ich +dieses dummen Menschen Freund sein muß. + +Dardonius. Er ist ein Held, wie mir noch keiner vorgekommen ist, +und hat dem Lande Wichtiges geleistet, drum magst auch du auf die +Gewährung eines Wunsches rechnen. + +Ewald. Es ist ein Wunsch, der sich mit dieses Landes Ehre wohl +verträgt. Ich will dein Aug' auf deines Reiches höchste Schönheit +lenken, die nur bis jetzt in stiller Abgeschiedenheit gelebt. + +Dardonius. Bring' sie zum Fest, verdient sie den Preis, soll er ihr +nicht entgehen, doch ungerecht darf ich nicht handeln. + +Ewald. So kühn ist meine Bitte nicht. Nur magst du sie nicht selbst +mit einem Kranz von Rosen schmücken, es müssen edle Frauen deines +Landes ein Myrtendiadem auf ihren Scheitel drücken. + +Dardonius. Es soll geschehn, find dich nur bald im Tempel ein, denn +eh' noch Phöbus' Rosse aus Poseidons Fluten trinken, muß unser Fest +beendet sein; damit die Nacht, die aller Schönheit Glanz verdunkelt, + dem ruhmbeglückten Tag nicht seinen Sieg entreißt. (Geht ab, die +Höflinge folgen.) + +Ewald (allein). Es kränkt mein Herz, daß ich dich, edler König, +täuschen muß, weil dir ein kühner Augenblick erschütternd zeigen +wird, wie sechzig unbarmherz'ge Jahre der holden Schönheit Bild in +Häßlichkeit verwandeln. (Geht ab, in Aloes Haus.) + + + +Einundzwanzigste Szene. +(Vorhalle in Aloes Wohnung.) + +(In der Mitte des Hintergrundes stützt ein breiter praktikabler +Pfeiler das Gewölbe, sodaß sich dadurch zwei Öffnungen bilden, +wovon der Eingang zur Rechten durch eine drei Schuh hohe Balustrade, +welche von der Kulisse bis zum Mittelpfeiler reicht, geschlossen +ist. In diese Halle, welche im Dunkel gemalt ist, führt eine +Seitentür nach Atritiens Zimmer. Die Halle links ist licht, weil +sich auf dieser Seite ein Fenster befindet.) + +Aloe tritt ein. + + +Aloe (aus Atritiens Gemach kommend und in dasselbe zurückrufend). +Bleib du im Gemache nur (verschließt die Tür), er darf dich nicht +früher sprechen, bis ich mit meinen Reizen erst in Ordnung bin. +Vielleicht verliebt er sich dann wie Pygmalion in sein eignes Werk +und gibt dir einen Korb. Hier ist er schon, der holde Mann! + + + +Zweiundzwanzigste Szene. +Vorige. Ewald. + + +Ewald. Nun, hier bin ich, schnell zum Werk. (Gebieterisch.) +Bereitet Euch, um schön zu werden. + +Aloe (pathetisch). Wer wäre dazu nicht bereitet, Erwartung spannt +jede Faser, und Ungeduld zersprengt mir noch das Herz. + +Ewald. Kniet Euch nieder, fleht die Götter an. + +Aloe (kniet). Götter, die ihr tausend Himmel ausgeschmückt mit +Schönheit habt, öffnet eure Vorratskammern und das Füllhorn ew'ger +Jugend gießet auf mein Haupt herab! Alles will ich gern erdulden; +Werft mich in des Ätna Krater, speit er mich nur schön heraus; laßt +mich tief im Meere verschmachten, bis ich mich in Schaum auflöse +und als Venus neu ersteh'; schenkt mir Millionen Muscheln, wo nur +eine birgt die Schönheit, und ich will sie alle öffnen, bis ich auf +die rechte komme. Götter, laßt euch doch erbitten; denn ich stehe +nicht mehr auf. (Breitet die Hände aus.) + +Ewald. Steht wieder auf, jetzt seid Ihr schön. + +Aloe (steht schnell auf). Wollt Ihr mich zur Närrin machen, ich +seh' ja nicht die mindeste Veränderung an mir. + +Ewald. Weil es hier zu dunkel ist, laßt mich erst die Leuchte +schwingen. (Er schwingt die Leuchte und stellt sie in einen Ring +des Pfeilers, doch so, daß die Halle links beleuchtet wird, die +andere dunkel bleibt. Augenblicklich verwandelt sich Aloe in ein +junges reizendes, rosig gekleidetes griechisches Mädchen, mit +weißen Rosen geziert.) Nun beseht Euch in dem Spiegel. (Er hält ihr +einen Handspiegel vor, der auf einem Tischchen liegt.) + +Aloe. Nein, unmöglich, Venus blickt aus diesem Glase. Schwört mir, +daß ich's selber bin. + +Ewald. Ja, Ihr seid's, mein Haupt dafür. + +Aloe (plötzlich stolz). Nun, ihr Weiber, die die Welt, blind genug, +für schön erklärt, wagt es, euch mit mir zu messen, Bettlerinnen +seid ihr alle. Ha, so groß ist meine Freude, daß ich dich umarmen +muß. (Küßt ihn.) + +Ewald. Sie gefällt mir selbst beinah, doch mich kann sie nicht +verführen, denn will ich meine Liebe dämpfen, so lösch' ich nur die +Fackel aus. + +Aloe (für sich). Ha, er scheint sich zu verlieben; doch er ist mir +jetzt zu wenig; nun muß ein König kommen, wenn ich meine Hand +verschenke. + +Ewald. Bald straft sich dein Übermut. (Gezogen.) Hört mich, schöne +Aloe. + +Aloe (entzückt). Was verlangst du, holder Mann? + +Ewald. Haltet nun auch Euer Wort, weil ich meines hab' erfüllt. +Laßt Atritien mich sprechen. Ruft sie mir. + +Aloe. Wartet nur, ich hab' sie fest verschlossen. Na, die wird vor +Galle bersten, wenn sie meine Schönheit sieht. (Sie geht durch die +lichte Öffnung des Bogens. Wie sie hinter den Pfeiler tritt, bleibt +sie stehen und eine andere von gleicher Größe, gekleidet wie Aloe +als Alte war, geht ohne Pause statt ihr zur Seitentür in der +dunkeln Halle, schließt sie auf und geht hinein. Wie sie die Tür +ausschließt, spricht:) + +Ewald (lachend). Ha, ha, nun ist sie wieder alt, weil sie die +Fackel nicht bescheint. + +Aloe (stürzt aus dem Gemache, wie sie zu dem Pfeiler kommt, +wechseln die Gestalten). Wie geht das zu, daß mich Atritia nicht +bewundert? + +Ewald (für sich). Das glaub' ich gern. (Laut.) Ihr irrt Euch ja. +(Ruft.) Atritia, komm heraus! + +Atritia (aus dem Gemach, eilt auf Ewald zu, ohne Aloe zu achten). +Ich komme. Es ist seine Stimme, sag' Fremdling, ist es wahr, soll +ich dein Weibchen werden? + +Ewald. So ist's, doch sieh dich um. + +Atritia. Ah, Himmel, was erblick' ich. Das ist die Göttin Venus +selbst. (Fällt auf die Knie.) Nein, solche Schönheit hab' ich noch +nie gesehen. + +Aloe (triumphierend). O Labsal, Honig für den Stolz. Da kniet sie +jetzt, die mich so oft verlacht. + +Atritia (hält die Hände zusammen). Große Göttin, steh uns bei. + +Ewald. Steh auf, es ist nur deine Muhme. + +Atritia. Was sprichst du da? Die Muhme? + +Ewald. Sie ist's, ich hab' sie so verschönert. + +Atritia (steht auf). Die alte häßliche Aloe? Nicht möglich! + +Aloe (bricht los). Du ungezogenes Kind, du wagst es, mein +ehemaliges Ich häßlich zu nennen? Geh mir aus den Augen oder ich +vergreife mich an dir. Der Ärger kostet mich das Leben. + +Atritia. Ja, du hast schon recht, sie ist's; so spricht die Göttin +Venus nicht. O sag', wirst du mich auch verschönern? + +Ewald. Du bist mir schön genug. + +Atritia. Dann will ich auch nicht schöner sein. + +Ewald. Doch nun leb' wohl. (Küßt sie.) Kehr' ich zurück, wirst du +mein Weib und folgst mir in mein Vaterland. Lucina, weih' ihr +deinen Schutz. + +Aloe (noch immer zornig). Mich alt zu nennen, du abscheuliches +Geschöpf! (Droht mit der Faust.) + +Ewald. Jetzt mäßigt Euch, der Zorn vermindert Eure Schönheit. Folgt +in den Tempel mir. + +Aloe (nimmt sich zusammen). Ja, ich will mich mäßigen, denn meine +Schönheit geht mir über alles. Ich folge Euch. (Wieder auffahrend.) +Aber wenn ich zurückkomme--(Zu Ewald.) Geht nur voraus, ich bin die +Sanftmut selbst. (Wieder auffahrend.) Gottloses Kind, ich--(faßt +sich) nein, du sollst mich nicht um meine Schönheit bringen. Geht +nur voraus, ich folge sanft, ganz sanft. (Trippelt steif und wirft +immer wütende Seitenblicke auf Atritien.) Mich alt zu nennen!-- +Zittre, wenn ich wiederkomme!--Ganz sanft--ganz sanft! (Geht ab.) + + + +Dreiundzwanzigste Szene. +Atritia, dann Lulu. + + +Atritia (allein). Ach, mein Geliebter ist ein Zauberer. + +(Wolken fallen vor, Lulu steigt aus der Erde.) + +Lulu. Und willst du ihn darum verlassen? + +Atritia. Das tu' ich nicht, er hat auch mich bezaubert. + +Lulu. So folge mir, ich will dich ihm bewahren. (versinkt mir ihr.) + + + +Vierundzwanzigste Szene. +(Tempel der Venus.) + + +An jeder Seite ein Thron, und in der Mitte des Hintergrundes das +Bild der Göttin auf Wolken schwebend, vor diesem Stufen. Dardonius, +Olinar, Astrachan, Abukar, Nimelot, Priesterinnen der Venus mit +goldenen Fackeln. Edle Herren und Frauen von Kallidalos sind im +Tempel versammelt, der König besteigt den Thron. + +Kurzer Chor. +Seht, die Göttin ist uns hold, +Lieblich strahlt der Locken Gold, +Und ihr anmutsreicher Blick, +Kündet unserm Lande Glück. + +Dardonius. Die Göttin ist uns hold, sie nahm die Opfer gnädig auf. +Nun führt den Helden dieses wicht'gen Tags vor meinen Thron. + + + +Fünfundzwanzigste Szene. +Vorige. Simplizius mit einem goldenen griechischen Panzer +geschmückt und die große Eberhaut umhängend, wird von Edlen +hereingeführt. + + +Simplizius. Was s' mit mir alles treiben, jetzt nähn s' mich mitten +im Sommer in eine Eberhaut ein, da möcht' einer doch aus der Haut +fahren! + +Dardonius. Edle Herren und Frauen von Kallidalos, hier steht der +kühnste Jäger seiner Zeit. + +Simplizius. Ich wollt', ich wär's, ich jaget euch alle davon. + +Dardonius. Ihm ward das Glück, das Untier zu besiegen, das unser +Land verwüstet hat. Nun könnt ihr kühn den Wald durchstreifen, und +eurer Felder Saaten sind durch ihn gerettet. + +Simplizius. Aha, deswegen haben s' mich zum Feldscher g'macht. + +Dardonius. Schon ruht auf seiner Stirn das Zeichen höchsten Ruhmes, +und seine Schultern deckt des Tieres rauher Panzer. Nichts gleichet +seinem Mut. + +Simplizius (für sich). Mir steigen schon alle Ängsten auf, ich +schwitz' mich noch zu Tod. + +Dardonius. Darum ist meines ganzen Volkes Hoffnung nur auf dich +gerichtet. + +Simplizius (für sich). Nun, ich gratuliere. + +Dardonius. Besteige jenen Thron und künde selbst, wozu ich dich +ernannt. + +Simplizius. O verflixt, mir verschlagt's die Red', und ich soll +eine halten. Ah was, ich red' halt einen unzusammenhängenden +Zusammenhang. Volk über alle Völkerschaften, der König hat mich +unters Militär gegeben, und obwohl ich nicht das rechte Maß hab', +so fühle ich mich doch über alle Maßen gerührt und so ergriffen, +daß ich mich auf meinen Thron hier niederlassen muß, um alles zu +verschweigen, was mir meine Bescheidenheit nie zu sagen erlaubt. +(Setzt sich.) + +Dardonius. Ich hab' zum Unterfeldherrn ihn ernannt. Du bist ein +größerer Held, als du ein Redner bist. Nun reicht den Fraun das +Myrtendiadem, wie ich es angeordnet habe, und laßt die Mädchen um +den Preis der Schönheit buhlen. + +(Schmelzende Tanzmusik. Zwölf Mädchen, so gekleidet wie Aloe nach +ihrer Verwandlung, doch weiße Kleider mit roten Rosen geziert, +beginnen anmutige Gruppierungen vor dem Thron des Königs. Endlich +bildet die Gruppe ein Tableau, das in seiner Mitte einen Raum läßt, +in welchen Aloe tritt, die während den Bewegungen von Ewald mit der +Fackel hereingeführt wurde und die Gruppe schließt. Ein Knabe +bringt den Frauen die Myrtenkrone auf einem Kissen.) + +Dardonius (mit Entzücken). Jene ist's, die einer diamantnen Rose +gleich die zarten Perlen überschimmert. (Er steigt vom Thron und +führt Aloe vor.) Ihr Frauen, krönet sie, nur ihr gebührt der Preis. + +Simplizius (für sich). Die Alte hat sich ausg'wachsen, jetzt kauft +man s' für eine Junge. + +Dardonius. Sagt selbst, welch Land hat solch ein Mädchen +anzuzeigen? + +Die Männer. Erstaunen fesselt unsre Sinne. + +Simplizius (für sich). Das ist der schönste Betrug, der mir noch +vorkommen ist. + +Dardonius. Warum zögert ihr, geehrte Frauen, ist sie nicht eurer +Krone wert? (Pause.) Antwortet doch. + +Frauen. Ja, sie ist uns-- + +Dardonius. Was ist sie euch? + +Simplizius. Zu schön ist sie ihnen, das ist die ganze G'schicht'. + +Frauen. Sie ist uns an Schönheit überlegen. + +Simplizius. Das hat was braucht, bis das herauskommen ist. Morgen +sind s' alle krank. + +Frauen (setzen ihr das Diadem auf). Du, schöner als wir alle, sei +des Festes Königin. (Die Frauen führen Aloe in den Hintergrund auf +die Thronstufen und reihen sich zu beiden Seiten.) + +Simplizius. Jetzt kriegt die auch einen Kranz! Der setzet ich was +anders auf. + +Alle. Heil der Königin des Festes. + +Simplizius. Was die heut schreien, das ganze Volk wird heis'rig +noch. + +Dardonius. Simplizius, jetzt kann ich erst nach Würde dich belohnen; +nimm dieses Mädchens Hand, sie sei dein Weib. + +Simplizius. Das alte Weib? Jetzt wär' ich bald vor Schrecken über +den Thron herunter g'fallen. Die nehm' ich nicht. + +Dardonius. Bist du verwirrt, dies hinreißende Geschöpf? + +Simplizius. Mich reißt sie nicht hin, ich hab' s' in ihrer alten +Negligé schon g'sehn. + +Dardonius. Du mußt sie nehmen, wenn du nicht dein Amt verlieren +willst. + +Simplizius. Wegen meiner schon. (Steigt vom Thron--für sich) Ich +will doch lieber die Feldschererei verlieren, als die Schererei mit +der Alten haben. + +Dardonius. Wie. du wagst es, dem Gesetz zu widersprechen? + +Ewald (leise). So nehmen Sie sie doch. Verraten Sie nur nichts, ich +leih' Ihnen die Fackel. + +Simplizius. Hören Sie auf, ich will ein Weib haben, die auch in der +Finsternis schön ist, nicht eine, die man erst illuminieren muß. +(Laut.) Ich nehm' sie nicht. Will s' vielleicht ein andrer? + +Die Männer. Wir alle sind bereit, sie zu freien. + +Simplizius. Nun also, reißender geht s' weg. Das Weibsbild foppt +das ganze Land. + +Dardonius. Noch nicht genug. Um zu beweisen, wie man in Kallidalos +Schönheit ehrt, erwähl' ich selbst zu meiner Gattin sie. + +Alles. Es lebe unsre Königin! + +Simplizius. Jetzt wird s' gar Königin! Ich fahr' aus der Haut. + +Dardonius. Und augenblicklich lass' ich mich vermählen. + +Aloe (macht Zeichen des Entzückens). + +Simplizius Der König treibt's. (Zu Ewald.) So löschen S' doch die +Fackel aus, er heirat' ja die Katz' im Sack. + +Ewald. Entsetzliche Verlegenheit, was soll ich nun beginnen? + +(Donnerschlag, das Bild der Venus verschwindet. Lucina ist statt +ihr in einer Wolkenglorie sichtbar.) + +Lucina. Die Täuschung geht zu weit, legt ab die Kränze, die euch +nicht gebühren. (Sie nimmt der unter ihr stehenden Aloe den Kranz +ab, und Simplizius' Lorbeer fliegt ihr in die Hand.) Nun fort nach +Agrigent. + +(Ewald und Simplizius verschwinden. Wie die Fackel unsichtbar wird, +verwandelt sich Aloe in ihre wahre Gestalt. Das Bild der Venus +erscheint wieder an der alten Stelle.) + +Alle. Was ist geschehen? + +Dardonius. Die Fremden sind verschwunden? Wo ist die Braut, die ich +erwählt? + +Aloe (auf den Stufen). Hier bin ich, edelster Gemahl. + +Dardonius. Welch häßlich Weib? Wie kommst du in den Tempel? + +Aloe. Ich bin ja Aloe, die du erwählt. Ich schwör's bei meiner +Jugend. + +Alle. Betrug! + +Dardonius. Zauberei! Peitscht aus dem Tempel sie. O Scham, +vernichte mich. (Stürzt ab.) + +(Man reißt Aloe von den Stufen.) + +Chor. +Hinaus, hinaus, du Ungetüm, +Entweih' den Tempel nicht, +Erzittre vor des Königs Grimm, +Auf, schleppt sie vors Gericht! + +(Sie wird hinausgejagt.) + + + +Sechsundzwanzigste Szene. +(Der Wald mit der Pforte der Eumeniden, auf welcher die drei Siegel +glühen. Nacht, Mondlicht.) + +Lucina mit den Kränzen. Kreon. + + +Lucina. Komm, mein Kreon, der Sieg ist uns gelungen. + +Kreon. So hättest du Unmögliches errungen? + +Lucina. Bald wird dein Leid die höchste Freude lohnen, +Der Orkus ist beschämt, hier sind die Kronen. + +Kreon. Hell leuchten sie, drei Sonnen, durch die Nacht. +Wie schnell flieht Schmerz, wenn uns die Hoffnung lacht. + +Lucina. Nun knie' dich hin und senk' dein Aug' zur Erd', +Daß es der grause Anblick nicht versehrt. +Denn Rhea ächzet, und die Sterne wimmern, +Sehn sie den Dolch der Eumeniden schimmern. + (Kreon kniet und beugt sein Haupt, Lucina legt die Kränze auf +den Opferstein.) +Drei Krönen ruhen auf dem kalten Stein! +Ich opfre sie-- + (Eine Flamme erscheint und verzehrt scheinbar die Kränze.) + Nun, Flamme, schließ sie ein. +Schmelzt, Siegel! Pforte, öffne deinen Rachen. + (Die Siegel verschwinden, die Pforten springen unter +schrecklichem Gekrache auf.) +Herauf, herauf, ihr rachedurst'gen Drachen, + (Das Heulen des Windes.) +Blick' ja nicht auf, es kostet dich das Leben. +Die Eumeniden nahn, selbst mich ergreift ein Beben. + +(Sie beugt ihren Leib gegen die Erde, der Sturmwind heult. Klagende +Sturmmusik. Ein blauer Blitz fährt aus der Höhle.) + + + +Siebenundzwanzigste Szene. +Vorige. Tisiphone, Megäre, Alecto, ganz grün gekleidete Furien, das +Haupt mit Vipern umwunden, eilen, bläulichte Fackeln und blinkende +Dolche schwingend, aus der Pforte. + + +Alle drei (blicken auf den Mond--im tiefen Ton). +Der Mond, der Mond, er scheint zur rechten Stunde, +Wacht auf, wacht auf, die Rache hält die Runde. + +(Sie gehen gemessenen Schrittes über die Bühne.) + +Lucina. Es ist geschehn, bald ist dein Feind gerichtet, +Und so der Streit mit banger Welt geschlichtet. +Nun folg', es harren dein, auf mein Geheiß, +Die Edlen all im liebverschlungnen Kreis. +Von tausend Lampen schimmert dein Palast, +Der kaum den Jubel seiner Gäste faßt. + +(Beide ab.) + + + +Achtundzwanzigste Szene. +Die goldgezierte runde Marmorhalle, das Schlafgemach Phalarius', +durch zwei kerzenreiche Kandelaber erleuchtet. An der Seite sein +Lager, neben diesem brennt auf einem Postamente eine Lampe. +Gegenüber eine Pforte aus Ebenholz.) + +Phalarius tritt auf, hinter ihm Androkles tief gebeugt. + + +Phalarius. Laßt sehn, wie lang mein stolzer Nachbar sich noch +brüstet, +Wo sind die Feldherrn? Ist mein ganzes Heer gerüstet? + +Androkles. Es harret mutentbrannt der Krieger rüst'ge Schar. + +Phalarius (lachend). +Vergebens glüht der Mut, vermeidet ihn Gefahr. +Nun lösch' die Lichter aus, laß Dunkelheit herein, +Entfern' dich dann (beiseite, mit Grimm) +und überlaß mich meiner Pein. + +(Androkles löscht die Lichter aus bis auf die Lampe, beugt sich +tief und geht bangend ab. Das Gemach wird finster.) + + + +Neunundzwanzigste Szene. + + +Phalarius (allein). +Ein kluger Hauswirt schließt des Nachts die Tür, +Ich ahm' es nach. (Schließt.) So, nun bin ich allein mit mir. + (Erschrickt.) +Allein?--Ein falsches Wort, wer kann das von sich sagen. +Schickt nicht die Einsamkeit Gedanken, die uns plagen? +Was sind Gedanken, die im Aufruhr sich versammeln, +Das Hirn bedrohn und der Vernunft das Tor verrammeln? +Gemeiner Troß nur ist's, den man nicht achten muß, +Der König der Gedanken ist nur der Entschluß. +Drum hab' ich es auch fest mit Marmorsinn beschlossen, +Wie Phöbus, groß und hehr, mit feuersprühnden Rossen +Des Himmels Reich durchzieht, auf goldnem Strahlenwagen, +So will ich durch die Erd' das Licht der Krone tragen. +Die Sonn' am saphirblauen Zelt glänz' nicht allein, +Ich will die Zweite auf smaragdnem Grunde sein. +Von Äthiopiens Sand, wo glühnder Samum hauset, +Bis an des Nordpols Eis, wo Boreas erbrauset, +Muß mein Panier, mit weithinschaundem Stolze prangen. +Poch ruhiger, mein Herz, gestillt wird dein Verlangen. + +(Er legt die Pantherhaut und seine Waffen ab, doch die Krone nicht +und streckt sich aufs Lager.) + +Besuch mich, falscher Schlaf, der selten mein gedenkt, +Und sich nur gern auf kummerlose Augen senkt. +Verlisch, o Lampe, lischt doch einst die Sonne aus, +Dann wird es finster sein im großen Weltenhaus. + +(Er löscht die Lampe aus, augenblicklich sieht man bei seinem +Haupte drei glühend rote Geister sitzen, welche unverwandt nach +seiner Krone blicken, sie sind früher hinter dem Ruhebett verborgen +und heben erst setzt zugleich ihre Häupter.) + +Wie eklig still!--Was wär' das Leben ohne Streit? +Die Scheide ohne Schwert--(schreit auf). + Wer da? (Erblickt die Geister.) + Ha ihr, auch heut? + +Die drei Geister (zugleich, eintönig und hohl). +Wir bewachen die Krone mit Uhusblick, +Schlaf ruhig, schlaf ruhig, nichts störe dein Glück. + +Phalarius (laut auflachend). +Mein Glück!--Wie bin ich doch so glücklich nun durch euch, +Der Wunsch verarmt, ist die Erfüllung überreich. +O Wahn, der über Leides Abgrund Brücken baut, +Weh dem, der ihren luft'gen Bogen keck vertraut. +Verzweiflungsvolles Glück, das selber sich entleibt, +Du machst mich arm, das mir nichts als die Krone bleibt. +Die Kron'? Beim Styx, ich will sie fürchterlich benützen, +Verderben soll von ihren glühnden Zacken blitzen, +Ich räche meine Qual, wer will mich daran hindern? + +(Es pocht an der Pforte.) + +Alecto (dumpf). +Der Eumeniden Dolch. + +Megäre. Vernichtung allen Sündern. + +Die drei Geister. +Die Eumeniden hier, der Orkus hat geendet. + +(Verschwinden.) + +Phalarius (springt auf). +Wer pocht so frech, sag' an, wer dich so spät noch sendet? + +(Leises Pochen.) + +Alle drei. Mach' auf, fein Königlein, wir wünschen dich zu sprechen. + + +Phalarius. Was wollt ihr mir? + +(Die Tür springt mit einem Donnerschlage auf, alle drei treten +zugleich ein.) + +Alle drei. Wir strafen dein Verbrechen. + +Phalarius (entsetzt). +Ha, die Erynnien! + +Alle drei. Bereu', du mußt erbleichen. + +Phalarius. Die furchtbar Rächenden! + +Alle drei. Die jede Tat erreichen. + +Phalarius. Zurück, verfluchte Furien, mich schützt die Kron'. + +Alecto. Sie schützt dich nicht, der Orkus schweigt; denk' an Kreon! + +Phalarius. Ich hasse ihn wie euch. + +Tissiphone. Denk' an Aspasien! + +Megäre. An 'n Brand von Agrigent! + +Alecto. Gedenk', du mußt vergehn! + +(Sie drängen ihn aufs Lager.) + +Phalarius. Ich denke nichts als Blut. + +Alecto. So denke an den See! + +(Ein Teil der Kuppel stürzt ein, sodaß sich ein rund ausgebrochenes +Loch zeigt, durch welches der Vollmond aufs Lager scheint.) + +Phalarius. Weh mir, des Mondes Strahl! + +(Die Eumeniden senken ihre Dolche in seine Brust.) + +Alle drei. Vergeh! Vergeh! Vergeh! + +(Pause--während welcher sie in die Mitte des Theaters treten.) + +Der Mond, der Mond, er schien zur rechten Stunde, +Ihr Sünder, bebt, die Rache hält die Runde. + +(Gehen gemessenen Schrittes ab.) + + + +Dreißigste Szene. + + +Hades (aus der Tiefe, naht sich langsam dem Lager Phalarius'). + (Feierlich.) +Gib mir zurück die Kron', du bleiches Heldenhaupt. + (Nimmt sie ihm ab.) +Da liegt der stolze Baum, zersplittert und entlaubt. +Hell glänzt die Kron', nun will die gier'ge Welt ich fragen; +Wo ist der Kühne wohl, der sie nach ihm will tragen? + +(Versinkt.) + + + +Einunddreißigste Szene. +(Reichverzierter beleuchteter Thronsaal.) + +Der Thron befindet sich in der Mitte des Hintergrundes. Durch die +Säulen des Saales sieht man in einen reizenden, ebenso beleuchteten +Garten. Kreon auf dem Thron. Alle Edlen seines Reiches umgeben ihn +jubelnd. Im Vordergrunde auf der einen Seite Ewald mit der Fackel +und Simplizius, Lucina, Atritia und zwei Genien, die auf einem +Kissen eine Krone tragen, auf der entgegengesetzten Seite +Triumphmusik. + + +Alles. Dank den Göttern! Ew'ges Glück unserm teuern König Kreon! + +Kreon. Heil, meinen edlen Freunden, es stürmt mein Herz, mein Auge +perlt Freude! Nehmt eures Königs frohen Dank, der sich in eurer +Mitte überglücklich fühlt. + +(Alles kniet in schönen Gruppen um den Thron.) + +Alle. Heil unserm guten König! + +Ewald. Arme Fackel, deine Macht ist übertroffen; an diesem Anblick +kannst du nichts verschönern. + +Simplizius. Das ist mir der liebste König von allen, die ich heut +noch g'sehn hab'. + +Kreon. Doch nun laßt uns der hohen Göttin danken, die Thron und +Reich gerettet hat. + +Alles. Der hehren Göttin Dank! + +Lucina. Sei glücklich, mein Kreon, Phalarius ist nicht mehr. (Nimmt +den Myrtenkranz.) +Nimm diese Kron', von liebgepaarten Myrten, +Laß dir die edle Stirne zart umgürten! +Durch sie wird dein Gemüt nie Leid betrüben, +Und stets wird dich dein Volk mit Treue lieben. + +Kreon. Verzeih, Lucin', ich darf die Kron' nicht nehmen, +Nimm sie zurück, sie würde mich beschämen. +Es soll auch ohne Zauber mir gelingen, +Die Liebe meines Volkes zu erringen. +Und drückt es Leid in unglücksvollen Tagen, +Ist es des Königs Pflicht, mit ihm zu klagen. + +Lucina (zu Ewald, welchen sie Atritien zuführt). +Nimm sie zum Lohn, Atritiens Hand und Herz sei dein, +Benütze klug der Wunderfackel ros'gen Schein, +Du kannst von deinem Glück nichts Höheres erheischen, +Die eine liebt dich wahr, die andre wird dich täuschen. + +Simplizius. Wenn's nicht etwa umgekehrt ausfallt. + +Lucina. Und nun zu dir, Simplizius. + +Simplizius. Jetzt kommt s' auch über mich. + +Lucina. Du warst ein willig Werkzeug meiner Macht. +Dich wird der König hier auch nach Verdienst belohnen. + +Simplizius. Auf d' Letzt setzen s' mir noch einen Lorbeer auf. + +Kreon. Man zahle ihm tausend Goldstücke aus! + +Simplizius (beiseite). Ich hab's ja gleich g'sagt, daß mir das der +Liebste ist. (Laut.) Ich küss' die Hand, Eure Majestät. (beiseite.) +Jetzt richt' ich eine Schneiderwerkstatt auf und heirat' die Göttin, +das wird ein himmlisches Leben werden. + +Kreon (zu Ewald). Dich, Fremdling, werde ich stets an meinem Hose +ehren und durch ein Amt belohnen. + +Ewald. Mein großer König, Dank! + +Lucina. Mögt ihr doch lange noch verdientes Glück besitzen, +Lucina wird euch stets mit Huld und Lieb' beschützen. + +(Ein rosiges Wolkenlager senkt sich nieder, von Genien umflogen. +Lucina legt sich in zarter Stellung auf dasselbe und schwebt in die +Luft. Kreon besteigt den Thron. Alles gruppiert sich. Griechische +Tänzer und Tänzerinnen führen Gruppen aus, von folgendem Chore +begleitet:) + +Chor. +Schmückt mit Freude diese Hallen, +Laßt des Jubels Ruf erschallen, +Heil Lucina! Heil Kreon! +Tugend findet froh den Lohn. + + +(Der Vorhang fällt.) + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die unheilbringende Krone, +oder König ohne Reich, Held ohne Mut, Schönheit ohne Jugend, von +Ferdinand Raimund. + + + + + +End of Project Gutenberg's Die unheilbringende Krone, by Ferdinand Raimund + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNHEILBRINGENDE KRONE *** + +This file should be named 8kron10.txt or 8kron10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8kron11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8kron10a.txt + +Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +http://gutenberg.net or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03 + +Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + +Project Gutenberg Literary Archive Foundation +PMB 113 +1739 University Ave. +Oxford, MS 38655-4109 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information online at: + +http://www.gutenberg.net/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. So, among other things, this "Small Print!" statement +disclaims most of our liability to you. It also tells you how +you may distribute copies of this eBook if you want to. + +*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK +By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm +eBook, you indicate that you understand, agree to and accept +this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive +a refund of the money (if any) you paid for this eBook by +sending a request within 30 days of receiving it to the person +you got it from. If you received this eBook on a physical +medium (such as a disk), you must return it with your request. + +ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS +This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks, +is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart +through the Project Gutenberg Association (the "Project"). +Among other things, this means that no one owns a United States copyright +on or for this work, so the Project (and you!) can copy and +distribute it in the United States without permission and +without paying copyright royalties. Special rules, set forth +below, apply if you wish to copy and distribute this eBook +under the "PROJECT GUTENBERG" trademark. + +Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market +any commercial products without permission. + +To create these eBooks, the Project expends considerable +efforts to identify, transcribe and proofread public domain +works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any +medium they may be on may contain "Defects". Among other +things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other +intellectual property infringement, a defective or damaged +disk or other eBook medium, a computer virus, or computer +codes that damage or cannot be read by your equipment. + +LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES +But for the "Right of Replacement or Refund" described below, +[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may +receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims +all liability to you for damages, costs and expenses, including +legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR +UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT, +INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE +OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE +POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES. + +If you discover a Defect in this eBook within 90 days of +receiving it, you can receive a refund of the money (if any) +you paid for it by sending an explanatory note within that +time to the person you received it from. If you received it +on a physical medium, you must return it with your note, and +such person may choose to alternatively give you a replacement +copy. If you received it electronically, such person may +choose to alternatively give you a second opportunity to +receive it electronically. + +THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS +TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT +LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A +PARTICULAR PURPOSE. + +Some states do not allow disclaimers of implied warranties or +the exclusion or limitation of consequential damages, so the +above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you +may have other legal rights. + +INDEMNITY +You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation, +and its trustees and agents, and any volunteers associated +with the production and distribution of Project Gutenberg-tm +texts harmless, from all liability, cost and expense, including +legal fees, that arise directly or indirectly from any of the +following that you do or cause: [1] distribution of this eBook, +[2] alteration, modification, or addition to the eBook, +or [3] any Defect. + +DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm" +You may distribute copies of this eBook electronically, or by +disk, book or any other medium if you either delete this +"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg, +or: + +[1] Only give exact copies of it. Among other things, this + requires that you do not remove, alter or modify the + eBook or this "small print!" statement. You may however, + if you wish, distribute this eBook in machine readable + binary, compressed, mark-up, or proprietary form, + including any form resulting from conversion by word + processing or hypertext software, but only so long as + *EITHER*: + + [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and + does *not* contain characters other than those + intended by the author of the work, although tilde + (~), asterisk (*) and underline (_) characters may + be used to convey punctuation intended by the + author, and additional characters may be used to + indicate hypertext links; OR + + [*] The eBook may be readily converted by the reader at + no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent + form by the program that displays the eBook (as is + the case, for instance, with most word processors); + OR + + [*] You provide, or agree to also provide on request at + no additional cost, fee or expense, a copy of the + eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC + or other equivalent proprietary form). + +[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this + "Small Print!" statement. + +[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the + gross profits you derive calculated using the method you + already use to calculate your applicable taxes. If you + don't derive profits, no royalty is due. Royalties are + payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation" + the 60 days following each date you prepare (or were + legally required to prepare) your annual (or equivalent + periodic) tax return. Please contact us beforehand to + let us know your plans and to work out the details. + +WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO? +Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of +public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form. + +The Project gratefully accepts contributions of money, time, +public domain materials, or royalty free copyright licenses. +Money should be paid to the: +"Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +If you are interested in contributing scanning equipment or +software or other items, please contact Michael Hart at: +hart@pobox.com + +[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only +when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by +Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be +used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be +they hardware or software or any other related product without +express permission.] + +*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END* + diff --git a/old/8kron10.zip b/old/8kron10.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5e64548 --- /dev/null +++ b/old/8kron10.zip |
