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+Project Gutenberg's Die unheilbringende Krone, by Ferdinand Raimund
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die unheilbringende Krone
+ oder Koenig ohne Reich, Held ohne Mut, Schoenheit ohne Jugend)
+
+Author: Ferdinand Raimund
+
+Posting Date: September 20, 2012 [EBook #7860]
+Release Date: April, 2005
+First Posted: May 26, 2003
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNHEILBRINGENDE KRONE ***
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+Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
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+
+Die unheilbringende Krone
+oder
+König ohne Reich, Held ohne Mut, Schönheit ohne Jugend
+
+Ferdinand Raimund
+
+Original-tragisch-komisches Zauberspiel in zwei Aufzügen
+
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+Personen
+Lucina, Schutzgöttin von Agrigent.
+Hades, Fürst der Unterwelt.
+Thanatos, Genius des ewigen Schlafes.
+Lulu und Fanfu, Genien.
+Tisiphone, Megära und Alecto, Furien.
+Kreon, König von Agrigent.
+Phalarius, Feldherr.
+Antrogäus, Unterfeldherr.
+Androkles und Clitonius, Hauptleute des Phalarius.
+Octavian, ein Landmann.
+Ein Jäger von des Phalarius Gefolge.
+Simplizius Zitternadel, ein armer Dorfschneider.
+Ewald, ein Dichter.
+Riegelsam, ein Weinhändler.
+Heraklius, Fürst von Massana.
+Hermodius, sein erster Minister.
+Thestius, ein edler Massanier.
+Arete, seine Nichte.
+Adrasto, erster Diener des Tempels.
+Epaminondas, Hypomedon, Argos und Sillius, Massanier.
+Eine Frau von Massana.
+Ein Diener des Thestius.
+Dardonius, Fürst von Kallidalos.
+Olimar, Astrachan, Abukar und Nimelot, Bewohner von Kallidalos.
+ Aloe.
+Atritia, ihre Nichte.
+Erster, Zweiter und Dritter Geist des Orkus.
+
+Genien. Geister. Erscheinungen. Edle und Krieger
+von Agrigent. Jagdgefolge. Volk von Massana.
+Krieger. Höflinge und Volk von Kallidalos.
+Priesterinnen im Venustempel.
+
+
+
+Erster Aufzug.
+
+Erste Szene.
+(Finsterer Wald.)
+
+Im Hintergrunde links ein gigantischer Fels, mit einer durch ein
+ehernes Tor geschlossenen Höhle. Neben der Pforte stehen mit Fackel
+und Dolch bewaffnet die zwei Eumeniden Tisiphone und Alecto, aus
+Stein gehauen. Megära, die dritte, ist über derselben in sitzender
+Stellung angebracht. Die Pforte ist symbolisch verziert, neben ihr
+ein steinerner Opferaltar. In der Tiefe der Bühne ein See, von
+rauhen mit Bäumen bewachsenen Felsen umschlossen. Im Vordergrund
+rechts ein Gebüsche. Donner murmelt durch den in weiter Ferne
+erschallenden
+
+
+Jubelchor.
+Wie des Adlers Kraftgefieder
+Seinen Leib zur Sonne trägt,
+Fliegen aufwärts unsre Lieder,
+Durch der Freude Schwung bewegt.
+Glücklich, wie in Himmelszonen,
+Von der Erde Leid getrennt,
+Stolz die ew'gen Götter thronen,
+Herrsch' Kreon in Agrigent.
+
+
+Phalarius (tritt mit wild zurückschauenden Blicken hastig ein, er
+trägt ein Pantherfell über dem Rücken und ist mit Bogen und Pfeil
+bewaffnet).
+Bin ich denn noch nicht weit genug gezogen,
+Verräterische Stadt, die mich betrogen?
+Wird auch des Waldes düstre Einsamkeit
+Durch deines Jubels frechen Schall entweiht?
+
+(Die letzten Worte des Jubelchores erklingen wieder:
+"Herrsch' Kreon in Agrigent."
+
+Herrsch' nur Kreon, Volk, jauchz' die Kehle wund,
+Ihr zwingt das Glück zu keinem ew'gen Bund.
+Prahlt, Lügner, mit der Kron', die ich erkämpft,
+Da nur mein Mut des Krieges Glut gedämpft.
+Mich laßt aus Undank meinen Purpur weben,
+Ihn färben mit dem ausgeströmten Leben.
+Das ich vergeudet am ersiegten Strand,
+Den Lorbeer brechend mit der blut'gen Hand.
+Glaubt ihr, ich hab' für Agrigent gestritten,
+Damit der Rat, nach ungerechten Sitten,
+Das Reich verkauft an den unmünd'gen Knaben,
+Auf das nur ich ein wahrhaft Recht kann haben?
+Denn ist er auch dem Thron verwandt durch Blut,
+Bin ich es würd'ger noch durch Heldenmut.
+Ich glaub' nicht, was des Tempels Diener sagten,
+Als schlau sie Jupiters Orakel fragten,
+Ob mir, ob wohl Kreon das Reich gehört;
+Es hab' der Gott sich donnernd drob' empört,
+Daß ich's gewagt, als meiner Siege Lohn,
+Zu fordern Agrigentens goldnen Thron,
+Und ausgesprochen unter ew'gen Blitzen;
+"Ich dürfe nie ein Reich der Welt besitzen,
+Und Agrigent kann dann nur Glück erringen,
+Wird auf dem Thron Kreon das Zepter schwingen."
+So logen sie, als ich zurückgekehrt,
+Aus blut'ger Schlacht zum heißerkämpften Herd,
+So logen sie, von aller Scham entwöhnt,
+Als Siegesdank fand ich Kreon gekrönt.
+Da außen ich des Landes Feind bekriegt,
+Hat eigner mich im Innern hier besiegt.
+Drum will ich fliehn aus dir, verhaßtes Land,
+Doch nimm den Schwur als dräuend Unterpfand,
+Daß ich noch einmal zu dir wiederkehre,
+Zu rächen die durch Trug geraubte Ehre.
+
+(Will ab und erblickt entsetzt der Rachefurien Höhle.)
+
+Ha, welch ein Pfad hat mich zu euch geleitet,
+Blutlose Schwestern, die ihr stets bereitet,
+Als der Vergeltung grauenvolle Bürgen,
+Gewalt'ge Sünder dieser Welt zu würgen.
+Euch fordr' ich auf, an euch will ich mich wenden,
+Sprengt auf das Tor mit den entfleischten Händen,
+Reicht mir ein Schwert, mich an der Welt zu rächen,
+Die mich verhöhnt, und ihren Bau zu brechen.
+
+(Fürchterlicher Donnerschlag, der verrollt; die Pforte dröhnt und
+erzittert, dann leuchten schwache Blitze auf das Gebüsche rechts,
+das sich in der Mitte auseinanderteilt. Man erblickt darin Hades,
+in Lumpen gehüllt, mit bleichem Antlitz auf einem Steine sitzen, er
+hat einen Sack über dem Rücken hängen.)
+
+
+
+Zweite Szene.
+Phalarius und Hades.
+(Hades grinst Phalarius an, der ihn mit Entsetzen betrachtet.)
+
+
+Phalarius. Welch ekliche Gestalt, wer bist du?
+
+Hades (mit etwas hohler Stimme, lauernd und gezogen). Ich?
+
+Phalarius. Bist du der Rachefurien eine? (Starr.) Sprich!
+
+Hades (langsam aufstehend, er geht gebeugt und spricht langsam im
+hohlen Tone).
+Bin keine von den Rachefurien,
+Kann selbst kaum mehr auf morschen Knochen stehn;
+Bin nicht Tisiphone, Megär', Alecto,
+Nein, nein, ich bin,--vergib,--mich schauert so.
+
+Phalarius. Du kannst nicht ganz der Erde angehören,
+Du könntest sonst den schönen Glauben stören,
+Daß nach dem hohen Götterbild des Zeus
+Der Mensch geformet sei durch Prometheus.
+
+Hades. Nicht ganz ist mehr die Erd' mein Vaterland,
+Tief unten ruft es mich am styg'schen Strand;
+Harpyen, die wie Nachtigallen klagen,
+Verkünden, daß die Furien um mich fragen.
+
+Phalarius. Hast du so bös gehaust in dieser Welt,
+Daß dir im Enden jeder Trost nun fehlt?
+Bist du so arm, daß dich Verzweiflung faßt,
+Und hast wohl einst im Übermut gepraßt?
+
+Hades. So ist es, du hast furchtbar wahr gesprochen,
+Doch jetzt ist meines Glückes Stab gebrochen;
+Viel hab' ich einst auf dieser Erd' besessen,
+Geliebt ward ich, ich werd' es nie vergessen,
+Doch jetzt bin ich gehaßt, bin unbeweibt,
+ (Weinend.)
+So arm, daß mir nichts mehr, als eine Krone bleibt.
+
+Phalarius (nach einer Pause des Erstaunens).
+Was sprichst du, eine Kron'? Wahnwitzig Tier!
+
+Hades. Willst du sie sehn? ich trage sie mit mir.
+(Mit stärkerer Stimme.)
+Ich schenk' sie dir, willst du's mit ihr versuchen,
+Ich hörte dich vorher um eine Krone fluchen,
+Doch trägst du sie, legst du sie nimmer ab,
+Sie bleibt dem Haupte treu bis an das Grab.
+
+Phalarius. Was nützt die Krone mich, nenn' mir ihr Reich.
+
+Hades (stark). Die Welt!--Hast du genug?--Was wirst du bleich?
+
+Phalarius. Soll ich's nicht werden? Mich befällt ein Grauen,
+Wer kann in solchen Riesenhimmel schauen,
+Die Erd', so weit sie reicht, unendlich Bild,
+Hat nie die Neugier eines Augs gestillt.
+Entflieh, verlaß mich, trügerischer Geist,
+Der Hölle gibt, da er zum Himmel weist.
+Zeig' her die Kron', wenn du mich nicht geneckt.
+
+Hades. In meinem Bettelsack ist sie versteckt;
+Dem Drachen gleich, der in der Höhle kauert,
+Auf fette Beut' mit gift'gem Zahne lauert.
+
+Phalarius. Ein Diadem in eines Bettlers Tasche?
+
+Hades. In schlichter Urn' ruht königliche Asche.
+ (Mit erhobener Stimme.)
+Durch diese Kron', ruht sie auf einem Haupt,
+Wird dem, der sie erblickt, des Mutes Kraft geraubt.
+Ja, ihr Besitzer darf nur leise winken,
+Wer sich ihm naht, muß huld'gend niedersinken.
+Es wird der Baum, mit üppig grünen Zweigen,
+Sein duftend Haupt vor dieser Krone neigen;
+Des Waldes Tiere werden bang' erzittern
+Und heulend sie in weiter Ferne wittern.
+Was er befiehlt, muß streng' vollzogen werden,
+Und keiner lebt, der sie entwenden kann auf Erden.
+Selbst wenn er schläft, die sorgsam stille Nacht,
+Geschloßnen Aug's, ihr Eigentum bewacht.
+Kein Speer, kein Dolch, kein Pfeil kann ihn erreichen,
+Der Krone Macht wird nur dem Mondlicht weichen;
+Solang sie dies bestrahlt, ist er verloren,
+Und jedes Feindes Schwert kann ihn durchbohren.
+Solch Glück bringt dieser Reif und solches Bangen;
+Nun sprich, trägt deine Herrschsucht noch nach ihm Verlangen?
+
+Phalarius. Den Sturm versöhn' durch eines Schiffes Wrack,
+Golkondens Schatz verbirg im Bettelsack,
+Dem Pfeil befiehl, er soll den Rückweg nehmen,
+Des Ätna Glut verhindre auszuströmen,
+Nur mich bered' nicht, von der Kron' zu lassen,
+Gib sie heraus, sie muß das Haupt umfassen.
+ (Legt den Helm ab.)
+
+Hades. Wohlan, schau' nicht zum Himmel, blick' zur Erde,
+Sie fleht dich an mit jammernder Gebärde;
+ (Er nimmt die goldene Krone aus dem Sacke, aus dem Feuer strömt,
+ ferner Donner.)
+Doch hör' ihr Wimmern nicht, reich' mir die Stirn',
+Bleib stark, bewahr' vor Wahnsinn dein Gehirn.
+
+(Er setzt ihm die Krone auf, fürchterlicher Donnerschlag, kurze
+Musik. Die Bühne wird lichter. Die Erde zittert, die Bäume beugen
+ihre Zweige, sodaß sie eine grüne Kuppel über Phalarius Haupt
+bilden und sich im See spiegeln.)
+
+Hades. So, so, der Wald bebt vor dem Königshaus,
+Es huld'gen dir die Stämme reichbelaubt.
+
+Phalarius. Ist's Wirklichkeit? Welch unnennbar Entzücken!
+
+Hades (beiseite).
+Sie wird die Stirn noch heiß genug dir drücken.
+
+Phalarius. Ha! Nun ist mein der höchste Schatz hienieden.
+Sprich, Wurm, was kann zum Lohn ich dafür bieten?
+
+Hades. Brauch' nichts dafür, trag sie nur glücklich fort,
+Wir treffen uns schon am Vergeltungsort,
+Wenn weit geöffnet deines Wahnes Grab,
+Und du einst sprichst, wie ich gesprochen hab';
+ (Weinend.)
+Ich bin so arm, mir bleibt nichts als die Krone,
+ (grimmig.)
+Den Augenblick allein bewahr' ich mir zum Lohne.
+
+(Schleicht ab, den Sack über dem Rücken.)
+
+
+
+Dritte Szene.
+
+
+Phalarius (allein).
+Geh, Lügengeist, nie werde ich so sprechen,
+So denken nur wär' an dem Glück Verbrechen.
+Nun fort, Phalarius, aus diesem Wald,
+Damit dein Ruhm Sizilien durchschallt.
+Doch kann ich baun auf dieser Krone Macht?--
+Holla, wer schreitet durch des Waldes Nacht?
+
+
+
+Vierte Szene.
+
+Voriger. Antrogäus mit königlichen Soldaten, welche mit Lanzen
+bewaffnet sind.
+
+Antrogäus (von innen). 's ist Antrogäus und des Königs Wache.
+
+Phalarius. Willkommen, Speere, dienet meiner Rache.
+Du, Antrogäus, sollst der erste sein,
+Den ich dem langverhaltnen Haß will weihn.
+
+(Alles eilt auf Phalarius zu.)
+
+Chor.
+Du sollst nach Hofe kehrn, Phalar',
+Der König will's--
+(Die Krone erblickend und erschrocken zurückweichend.)
+ Ha, welch ein Stern,
+Den ich auf deiner Stirn' gewahr'?
+Er hält mich drohend von dir fern.
+Wie kann sein Anblick doch erschüttern,
+Mich reißt's zur Erd' mit bangem Zittern,
+Die Angst erpreßt den Ausruf mir;
+Sei gnädig, Fürst,--ich huld'ge dir!
+
+(Alle sinken bebend auf die Knie.)
+
+Phalarius (wild lachend).
+Ha, ha, was läßt mir wohl Kreon befehlen?
+
+Antrogäus. Blick' mild auf uns, dein Auge kann entseelen.
+Es sendete Kreon nach dir uns aus,
+ (Spricht mit beklemmter Brust.)
+Dich heimzuleiten nach dem Fürstenhaus,
+Wo sich die Freude wälzt, Bachanten winken,
+Dort sollst du reuig an die Brust ihm sinken
+Und Abschied deinem düstern Grolle geben,
+Dafür wird er zu neuer Würd' dich heben.
+
+Phalarius. Verflucht sei der, der mir von Reue spricht!
+ (Zieht sein Schwert und verwundet ihn.)
+Bereue du, wenn dir das Auge bricht!
+ (Antrogäus wird in das Gebüsch geführt.)
+Verwahrt die Brust, mein durst'ger Stahl will trinken,
+Er wird noch oft in Purpurscheide sinken.
+Nun rafft euch auf und horcht auf mein Befehlen.
+Ich will der Stadt ein Märlein dort erzählen;
+Von einem Siegesfest, wo die Mänaden wüten,
+Der Sieger nur allein muß drauß' im Walde brüten.
+Von mächtig strahlender Kron', die ihm der Orkus schenkt,
+Von wüt'gem Rachgefühl, das seine Waffe lenkt,
+Von güldenem Palast am diamantnen See,
+Wo Freudentaumel herrscht, nicht ahnend baldiges Weh.
+Vom Brand, der ihn ergreift, vom grausen Angstgeschrei,
+Von Kreons letzter Stund', verzweiflungsvoller Reu'.
+Von Feinden waffenlos, die froh im Tanze schweifen,
+Von Kriegern roh und wild, die sie wie Schergen greifen.
+Vom glühenden Balkon, von dem man auf mein Winken
+Sie wild frohlockend stürzt, daß sie im See ertrinken;
+Dies Märchen wollen wir der Stadt zum besten geben,
+Und wenn sie drob' erbleicht, soll Frohsinn uns beleben.
+Dann wird auf des Palastes schwarz gebrannten Trümmern
+Der glänzende Pokal wie Sonnenaufgang schimmern,
+Und unsre Fabel geb' zum Schluß der Welt die Lehre;
+Daß unbewachtes Glück nicht lang auf Erden währe.
+ (Für sich gemäßigter.)
+Ich will das meine wahrn, mich sehe keiner fallen,
+Und müßt' es auch geschehn, mein Ruhm kann nie verhallen.
+Ich ringe mit der Zeit, es muß nach tausend Jahren
+Die Sage von der Kron' die Nachwelt noch erfahren.
+
+(Alle ab, die Bäume biegen sich abwärts.)
+
+
+
+Fünfte Szene.
+
+
+Lucina (schwebt schnell auf Rosenschleiern, die auf weißen Wolken
+ruhn, auf die Erde nieder, Angst beflügelt ihre Worte).
+Was hört' ich für Flüche im Hain hier ertönen?
+Es beben die Lüfte, die Felsen erdröhnen,
+Hin brauset der Frevler durch waldige Nacht,
+Zu liefern die gräßliche Höllenschlacht.
+So mußte auf Erden ein Bösewicht reifen,
+Der's wagt, nach der schrecklichen Krone zu greifen.
+Agrigent ist verloren, es jammert die Welt,
+Wenn ihn nicht die Macht der Erinnyen fällt.
+Was soll ich beginnen, ihr blutigen Stunden,
+Zu strafen den Frevel, zu heilen die Wunden?
+Er muß ja die grausame Tat erst vollstrecken,
+Will ich hier die rächenden Furien wecken.
+Nur Tod sprengt des Fatums gewaltige Ketten,
+Drum muß ich das Leben des Königs erretten.
+Schon rennt durch die Straßen der gierige Troß,
+Es werde die Wolke zum flüchtigen Roß.
+
+(Die Wolke verwandelt sich in ein schwarzes Roß mit goldenem Zaum.
+Lucina setzt sich schnell auf selbes.)
+
+Nun, Rappe, nun magst du die Lüfte durchschnauben,
+Wir wollen den Mörder der Beute berauben.
+
+(Das Roß fliegt pfeilschnell ab.)
+
+
+
+Sechste Szene.
+
+Hades (als Fürst der Unterwelt, schwarz griechisch gekleidet, eine
+schwarze Krone auf dem Haupte, eine Fackel in der Hand, die er in
+den Opferaltar der Eumeniden steckt)
+So, nun laß die Jagd erschallen
+Und die Jäger nicht ermatten,
+Daß mir viele Scharen wallen,
+Nach dem Reich der dunklen Schatten;
+Denn ich hab's beim Styx geschworen,
+Zu entvölkern diese Erd',
+Drum hab' ich Phalar' erkoren,
+Er ist dieses Auftrags wer.
+Bald wird auch Massana fallen,
+Wo ich Unglück hingebannt,
+Lustig wird der Orkus hallen,
+Wenn versinkt das stolze Land.
+Von der kallidalschen Insel,
+Wo mein ries'ger Eber haust,
+Hör' ich jammerndes Gewinsel,
+Daß das Meer nicht überbraust.
+Doch schon rötet sich der Himmel,
+ (Man sieht Brandröte.)
+Rauch wallt auf, die Zinne kracht.
+Im Palaste wogt Getümmel,
+Schnell hat er die Tat vollbracht.
+ (Es rasselt donnernd die Pforte der Eumenidenhöhle, Blitze
+dringen durch die Öffnungen.)
+Halt, die Eumeniden rasseln
+Auf von ihrem Rächerthron,
+Wie sie donnernd näher prasseln,
+Ihre Dolche zucken schon.
+Ha, ihr sollt mir nicht zerstören
+Meines Witzes Heldentum,
+Ihr mögt seine Taten hören,
+Eure Rache bleibe stumm.
+ (Die Fackel ergreifend.)
+Durch die Macht, die mir geworden,
+Seit Saturn die Welt umflügelt,
+Bleiben diese Schauerpforten
+Ihren Furien versiegelt.
+ (Er stößt die Fackel dreimal gegen die Pforte, es zeigen sich
+drei Flammensiegel.)
+Durch dies Schreckenstor allein
+Können nach der Erd' sie dringen,
+Darum soll's verschlossen sein,
+Mit dem Schicksal muß er ringen,
+Ist, was ich gewollt, vollbracht,
+Send' ich selber ihn der Nacht.
+
+(Musik.
+Schreckliches Geprassel und Geheul inner der Pforte, der See wird
+hellrot und wogt fürchterlich.)
+
+Ha, wie sie empört nun heulen
+Und den See hier blutig färben;
+Bleibt gefangen, gift'ge Eulen,
+Nur im Mondlicht kann er sterben.
+Doch ich seh' Kreon befreit
+Mit Lucina niederschweben,
+Er war schon dem Tod geweiht,
+Sie betrügt mich um sein Leben.
+ (Er tritt zurück.)
+
+
+
+Siebente Szene.
+Voriger. Lucina und Kreon auf Wolken niedersinkend. Kreon beugt
+sein Knie vor Lucina.
+
+
+Lucina. Du bist gerettet, holder Fürst, du lebst durch mich,
+Des Landes Schutzgeist war's, der niemals von dir wich.
+
+Kreon. Es dankt mein klopfend Herz, mein Sinn vermag's noch nicht,
+Da vor Erstaunen mir Erinnrung fast gebricht.
+Wer bringt mein treulos Glück, ich straf' den Hochverrat,
+Den es an mir und meinem Volk begangen hat.
+O gleißnerische Zeit, wer sollt' es von dir glauben,
+Durch einen Augenblick kannst du uns alles rauben.
+Minuten wissen's kaum, daß mich das Elend fand.
+War's denn Phalarius, der drohend vor mir stand?
+Woher die Schreckenskron', mit der er frech geprahlt?
+Und die mit mag'schem Schein den Brand noch überstrahlt.
+Woher die Meuterei, wer herrschet nun im Land?
+Ihr Götter stärket mich, es wanket mein Verstand,
+Vor ihm bin ich gekniet, vor diesem Bösewicht!
+
+Lucina. Dein Rasen ist umsonst, die Götter hören's nicht,
+Siehst du dort den Altar, auf ihn leg' deine Klagen,
+Die Nimmerruhenden magst du um Rat befragen.
+
+Kreon. So hört mich denn, ihr mächt'gen Eumeniden!
+ (Schlägt an die Tür, die erdröhnt.)
+
+Hades (tritt hervor).
+Vergebens rufst du sie, du störst nur ihren Frieden.
+
+Kreon. Wer spricht hier Worte aus, die Wahnsinn müßt' bereuen?
+
+Lucina (bebt zurück).
+Erkennst du Hades nicht, den selbst die Götter scheuen?
+
+Kreon (bebt auch zurück).
+Du, Hades, bist's?
+
+Hades. Bin's selbst, der dieses Tor bewacht.
+
+
+Lucina (Zu Kreon leise).
+Er hat dich um dein Reich und um dein Volk gebracht.
+
+Kreon. Sind die Erinnyen taub, daß sie sich noch nicht zeigen?
+
+Hades. Erkennt die Siegel hier, der Orkus heißt sie schweigen.
+
+Lucina (jammernd zu Kreon).
+O armer Fürst, Unmöglichkeit heißt dein Gebiet,
+Aus dem die Hoffnung selbst mit banger Furcht entflieht.
+ (Zu Hades.)
+Ja, du verdienst, daß Götter dich und Menschen hassen,
+Die Glut des ew'gen Pfuhls muß neben dir erblassen.
+Doch jener blut'ge See bleib Zeuge deiner Wut!
+Lucinas Göttermacht bewahret seine Glut,
+Bis sich einst Jovis Bild in seinen Wellen spiegelt.
+Und sein allmächt'ger Blitz die Pforte dort entriegelt.
+
+Hades (mit Hohn).
+O Göttin, hold und schön, wie magst du doch so wüten,
+Sieh deine Wundertat treibt neue Todesblüten,
+Mich schreckt nicht Zeus, drum sei dein See verflucht.
+Und wer durch seine Flut den Durst zu stillen sucht,
+Der wird von dieser Stund' die Menschenbrut verachten,
+Und einem Tiger gleich nach ihrem Leben trachten;
+Doch nur so lang, bis er so vieles Blut vergießt,
+Als aus dem Wundersee sein durst'ger Mund genießt.
+
+Lucina. Halt ein, das geht zu weit, du nächtlich Ungeheuer,
+Ist dir denn nichts auf dieser schönen Erde teuer?
+Greif an den Himmel hin und raub' ihm seine Sterne,
+Die Götter selbst verjag' nach lichtberaubter Ferne,
+Vernicht' auch mich, versuch's, raub' mir Unsterblichkeit,
+Beginn den Kampf, fall aus, ich bin dazu bereit.
+ (Sie stellt sich ihm mit majestätischer Miene gegenüber.)
+
+Kreon. Was klagst du, Erde, noch, ist doch vom bösen Streit
+Der weite Orkus nicht, nicht der Olymp befreit.
+
+Hades (kalt und gleichgültig).
+Du nennst unsterblich dich, durch Schmähung kannst du's sein.
+Ich lasse mich mit dir in keinen Zweikampf ein.
+Du bist ein Götterweib, mehr braucht's nicht zu erwidern,
+ (Mit vornehmer Nichtachtung.)
+Das heißt, du bist ein Weib und kannst mich nicht erniedern.
+
+Lucina (mit höchster Würde).
+Ich bin's, und weil ich's bin, bebt stolzer mir die Brust;
+Ich bin ein Weib! des kräft'gen Erdballs höchste Lust!
+Ein Weib! Um das der Brand von Troja hat geleuchtet.
+Ein Weib! Um das des Donnrers Aug' sich mild befeuchtet;
+Ein Weib! Vor dem sich tief ganz Persien gebeugt;
+Ein Weib! Das einst ein Gott aus seinem Haupt gezeugt;
+Ein Weib! Das durch die Welt der Liebe Zepter schwingt,
+Der Lieb', die auch zu deinem Felsenherzen dringt.
+Ein Weib! Das deinen Arm durch einen Kuß kann lähmen;
+Das heißt: du bist ein Mann und kannst mich nicht beschämen.
+
+Hades. In schönen Worten kannst du leicht den Preis gewinnen,
+Doch nur durch Mannesgeist gelingt ein groß Beginnen.
+
+Lucina. Wohlan, so laß uns nicht durch Elemente streiten,
+Durch Flammen, Wogen, Sturm Verderben uns bereiten,
+Gebrauchen wir des Witzes fein geschliffne Klinge,
+Vielleicht gelingt mir's doch, daß ich den Sieg erringe.
+
+Hades. Was quält dich doch die Lust, den Orkus zu bekämpfen?
+Wie leicht wär's meinem Witz, den Übermut zu dämpfen.
+
+Lucina (schlau).
+Wenn dies dein Geist vermag, warum will er's vermeiden?
+Die Götter müßten dich um deinen Witz beneiden.
+Glaub' nicht, daß im geheim die Himmlischen dich achten,
+Sie schmähn auf deinen Geist, den sie schon oft verlachten.
+
+Hades (mit gereiztem Ehrgeiz).
+So will ich dir und den Olympschen Göttern zeigen,
+Daß meine Schlauheit nicht sich ihrer List muß beugen.
+Es soll dir möglich sein, die Furchtbaren zu wecken,
+Doch was ich dir befehl', mußt du genau vollstrecken.
+Du kannst zu seinem Sturz die Eumeniden brauchen,
+Läßt du auf dem Altar ein dreifach Opfer rauchen;
+Erst eine Kron', die eines Königs Stirn geziert,
+Der nie ein Reich besaß, noch eins besitzen wird.
+Dann einen Lorbeerkranz von eines Helden Haupt,
+Der, wenn der Lorbeer rauscht, des Mutes ist beraubt.
+Und doch verübt solch ungeheure Herkulstat,
+Daß ihm der Krieger Schar den Kranz geflochten hat.
+Nun kommt das dritte noch, es ist ein Diadem,
+Der Eitelkeit Triumph, daß es selbst Juno nähm'.
+Dies sei aus Myrthenblüt' mit Lilienschnee verwebt,
+Und ruh' auf einem Haupt, das sechzig Jahre lebt.
+Ein hochbetagtes Weib, mit reich verschlungnen Falten,
+Muß es für ihren Reiz als Schönheitspreis erhalten.
+Doch Männer nicht allein, die Mitleid kann versöhnen,
+Es müssen Weiber sie mit neid'schen Blicken krönen.
+Dies sind die Dinge nur, die ich von dir begehre,
+Und findest du sie aus, dann glaub', daß ich dich ehre.
+Bring' sie zum Opfer hier, dann schmelzen jene Siegel,
+Die Pforte donnert auf, gesprengt sind ihre Riegel,
+Die Eumeniden frei, Phalarius kann fallen,
+Und hör' ich sein Gestöhn' am Acheron erschallen,
+Dann nehm' die Kron' ich selbst von seiner blassen Stirn'
+Und weihe dir beschämt, verachtend mein Gehirn.
+
+Lucina. Beim Zeus, ich bin erstaunt!
+
+Kreon. Sei nicht so grausam doch,
+Daß du die Möglichkeit belegst mit solchem Joch
+Du willst den Flug und kettest unsre Flügel,
+Du spornst den Gaul und engest seine Zügel.
+
+Hades. Sie hat's gewollt, ich ändre meinen Ausspruch nie,
+Glaubt Ihr, der Hölle Süd zeugt keine Phantasie?
+Hast du vielleicht gewähnt, Unsterblichste der Nymphen,
+Es lasse Hades sich so ungerecht beschimpfen?
+Ich bin, was du so schlau gefordert, eingegangen,
+Doch bleibet unerfüllt mein dreifaches Verlangen,
+So sei's bei des Kozytus Trauerlauf geschworen,
+Du wirst des Orkus Spott, und Kreon ist verloren.
+ (Geht mit Würde ab.)
+
+
+
+Achte Szene.
+Vorige ohne Hades
+
+
+Kreon. Verloren bin ich, ja, mein Sturz war schon vollendet,
+Als sich sein Furienblick nach meinem Reich gewendet.
+Das Rätsel ist nun klar, ich weiß, wie es geschah,
+Mein Unglück steht entlarvt und frech entkleidet da.
+Was ist das Leben doch? wie wär' ich zu bedauern,
+Wenn ich nicht sterblich wär' und müßte ewig trauern.
+
+Lucina. O traure nicht zu früh, mein Geist gebärt Gedanken,
+Die ihn mit Hoffnungen wie Efeu grün umranken.
+Die Götter dulden's nicht, daß solch' ein Reich vergeht,
+Wo ein so edles Volk für seinen König fleht.
+ (Nachdenkend.)
+Massanas Fürst ist krank, und wird nicht mehr genesen,
+Das Unglück haust zu arg, es muß das Land verwesen;
+Dann hier der blut'ge See, das kallidal'sche Schwein,
+Mein Wundermittel wirkt, es kann nicht anders sein.
+ (Der Wolkenwagen sinkt wieder herab.)
+Drum eile jetzt mit mir nach meinem Luftgefilde,
+Vertausch' den Anblick hier mit einem schönern Bilde.
+Ich will durch mag'sche Kunst ein Zauberlicht bereiten,
+Dann such' durch Fremdlinge den Trug ich einzuleiten;
+Du aber kannst hier nichts zu deiner Rettung helfen,
+Drum harrest du auf mich im Kreise meiner Elfen.
+
+Kreon. So gern du, Göttin, magst nach deiner Heimat ziehn,
+So schmerzlich fällt es mir, die meinige zu fliehn.
+ (Mit tiefer Rührung.)
+O du mein teures Reich, ich muß mich von dir trennen,
+Den rauhen Felsen nur kann meine Qual ich nennen.
+Wo lebt ein König wohl, der solches Leid getragen,
+Daß seinem Volke er kein Lebewohl darf sagen?
+O Echo, dessen Schall in allen Bergen tönt,
+Verkünd' das Trauerwort; leb' wohl, mein Agrigent.
+Nun folg' ich Göttin dir ins traumbeglückte Land,
+Verlaß mein wirkliches, aus dem man mich verbannt;
+Doch wenn die Wolken mir mein treues Volk verhüllen,
+Wird sich des Königs Aug' mit heißen Tränen füllen.
+Magst du den Schmerz als kleinlich auch betrachten,
+Er ist ein heil'ges Weh, du darfst ihn nicht verachten.
+ (Er kniet vor ihr.)
+
+Lucina (gerührt die Hand auf sein Haupt legend).
+Ich ehre tief dein Leid, es führt dich einst zum Lohne,
+Der Schmerz gehört der Welt, drum trägt ihn auch die Krone.
+ (Hebt ihn auf.)
+Erhebe dich mein Fürst.
+ (läßt ihn in den Wolkenwagen steigen.)
+ Ein Thron soll dich
+umrauschen.
+ (Die Wolke bildet einen Thronhimmel um Kreons Haupt.)
+Ist mir Fortuna hold, sollst du ihn bald vertauschen.
+
+(unter zart klagender Musik schwingen sich beide langsam fort.)
+
+
+
+Neunte Szene.
+(Romantische Gegend.)
+
+(Vorne links ein kleines Häuschen mit einem Schilde, worauf eine
+goldene Schere gemalt ist. Diesem gegenüber eine natürliche
+Rasenbank, von einem Baum überschattet. Die Musik geht nach der
+Verwandlung in Simplizius' Ariette über.)
+
+
+Simplizius (in bürgerlicher Kleidung).
+Ariette.
+ 's gibt wenig, die so glücklich sind
+Wie ich aus dieser Welt,
+Ich hab' kein Weib und hab' kein Kind,
+Und hab' kein' Kreuzer Geld.
+Wenn ich auch keine Schulden hätt',
+Ich wüßt' vor Freud' nicht, was ich tät'.
+Ich will im voraus nicht stolziern,
+Mein Glück fängt erst recht an,
+Mir scheint, ich werd' mein Gwerb' verliern,
+Dann bin ich prächtig dran;
+Und 's Überraschendste wird sein,
+Wenn s' kommen werdn und sperrn mich ein.
+
+Dann schau' ich um ein' Freund mich um,
+Der in der Not mich tröst',
+Der macht, daß ich aus d' Festung kumm,
+Da sitz' ich erst recht fest;
+Und wenn s' mich dort vielleicht noch schlagn,
+Das wär' ein Glück,--nicht zum Ertragn.
+
+Ja, ja, mancher, der mich so reden hört, würd' sagen: O je, da
+kommt schon wieder einer daher, der lamentiert, daß er kein Geld
+hat und voller Schulden ist und daß er soll eing'sperrt werdn. O
+Jemine, das ist ein' alte G'schicht'. (Hochdeutsch.) Ja, wenn's
+aber nicht anders ist, was soll man denn machen? Es ist einmal so,
+ich hab' einmal kein Geld, und sie sperrn mich einmal ein,
+vielleicht auch zweimal, (lokal) und wenn das so fortgeht, so komm'
+ich aus dem Einsperren gar nicht mehr heraus. Ich bin ein
+rechtschaffener Mann, doch von was soll ich denn zahlen? Ich bin
+zwar der angesehnste Schneider hier im Ort, aber ich hab' nur eine
+einzige Kundschaft, und das ist mein Gläubiger, ein Weinhandler,
+der weint um seine fünfhundert Taler, so oft er mich anschaut.
+Jetzt bin ich ihm das Geld schon sieben Jahr' schuldig, er ist aber
+schon lang gezahlt, denn statt den Interessen hat er mit mir
+ausgemacht, daß ich ihm alles umsonst arbeiten müßt', was in seinem
+Haus ang'schafft wird. Da kommen aber die Leut' vom ganzen Dorf in
+sein Haus, lassen sich das Maß nehmen, ich muß ihnen umsonst
+arbeiten, und er laßt sich zahlen dafür. Da hab' ich einen
+Zimmerherrn drin--(deutet auf sein Haus, geheimnisvoll) der zahlt
+auch nichts. Ist ein Schmied, ein Reimschmied, schreibt jetzt gar
+ein Theaterstuck. Auf die Letzt bringt er mich noch in ein Stuck
+hinein, denn ich hör', jetzt können s' gar kein Stuck mehr
+aufführen, wo s' nicht was von ein' Schneider drin haben, und er
+gar, er schreibt eins, das heißt "Die getrennten Brüder", das wird
+doch aufs z'sam'nahn hinausgehn. Er erwartet immer das Geld von der
+Post, und jetzt ist ein so ein schlechter Weg, da bleibt's halt
+stecken. (Ruft zum Fenster hinein.) Guten Morgen, Monsieur Ewald,
+schon wieder fleißig? Scribendum!
+
+
+
+Zehnte Szene.
+Voriger. Ewald.
+
+
+Ewald (schlägt von innen auf den Tisch). So stören Sie mich doch
+nicht mit Ihrem unsinnigen Geschwätz. (Kommt heraus im einfachen
+Gehrock. mit einem Manuskripte, Tinte und Feder.) Es ist nicht
+möglich, daß ich einen vernünftigen Gedanken fassen kann, wenn Sie
+in meiner Nähe sind. Gehen Sie doch hinein, ich will hier schreiben.
+
+
+Simplizius. Schreiben Sie, wo Sie wollen und an wen Sie wollen,
+aber sein Sie nicht unartig mit mir.
+
+Ewald. Lieber Hausherr, nehmen Sie meine Heftigkeit nicht so auf,
+Sie sehen, ich bin ein Dichter, ein begeisterter Mensch. Wenn man
+in Jamben arbeitet, Sie verstehen das nicht so, es sind fünffüßige
+Verse.
+
+Simplizius. Ja, das ist ja eben das Unglück, wenn die Vers' eine
+Menge Füß' haben und kein' Kopf. Das tragt nichts ein, ich wollt',
+ich hätt' so viel Füß', als Ihre Schlampen oder Jamben, was Sie da
+schreiben, ich war' schon lang davon g'loffen, auf meine kann ich
+mich nicht mehr verlassen.
+
+Ewald. Sie sprechen dummes Zeugs, lassen Sie mich ungestört. (Er
+setzt sich auf die Rasenbank und überlegt.) Der letzte Akt, mir
+fehlt's an Stoff.
+
+Simplizius. Mir auch, wenn ich so ein paar hundert Ellen Gros de
+Napel hätt', ich wollt' Ihnen Ihre Getrennten schon herausstaffiern.
+
+
+Ewald. Nun hab' ich aufhören müssen. Jetzt ist der ganze Dialog
+zerrissen.
+
+Simplizius. Ich wollt', es wär' alles z'rrissen, so krieget ich
+doch ein' Arbeit.
+
+Ewald (aufspringend). Aber lieber Meister, wenn Sie einen Rock
+zuschneiden, so wünschen Sie doch ungestört zu sein.
+
+Simplizius. Nun, Sie werd'n doch erlauben, daß es ein' andere
+Aufgab' ist, wenn ich einen Rock zuschneid', als wenn Sie da eine
+halbe Stund' nachdenken, und hernach fallt Ihnen erst nix ein. Wenn
+Sie einen Vers um ein paar Ellen zu lang machen, so streichen Sie
+s' halt weg, aber wenn ich einen Ärmel um eine halbe Ellen zu kurz
+mach', (er streift seinen Rockärmel hinauf) was g'schieht denn
+hernach?
+
+Ewald (stampft mit dem Fuße). Zum letzten Male rat' ich es Ihnen,
+mich ungestört zu lassen, oder Sie werden mich wütend machen.
+
+Simplizius (verschroben). Nu, nu, nur nicht so heftig, meine
+schwachen Nerven bitt' ich zu verschonen. Überhaupt zwingen mich
+verhältnislose Umstände, mit Ihnen tragisch zu reden. Ich kann zwar
+nichts gegen Sie sagen, Sie sind ein ordentlicher Mann, Sie bleiben
+mir meinen Zins schuldig, wie es sich g'hört. Aber Sie sind ein
+Dichter, der sehr schöne Ideen hat, warum kommt Ihnen denn nicht
+auch die Idee, mich zu bezahlen?
+
+Ewald. Sie sollen Ihr Geld erhalten.
+
+Simplizius. Ja wann? ich werd' heut noch eing'sperrt.
+
+Ewald. Warum?
+
+Simplizius. Weil ich blessiert bin und nicht ausrucken kann.
+(Deutet aufs Zahlen.) Wenn aber das geschieht, wenn sie mich
+einsperrn, Herr von Ewald--Sie sind mir schuldig, ich gebrauch'
+mein Recht, Sie müssen zu mir hinein. Wir sind Männer, wir werden
+unser Schicksal zu ertragen wissen. (Geht gravitätisch ab ins Haus.)
+
+
+
+Elfte Szene.
+
+
+Ewald (allein). Ha, ha, ha, ein gutmütiger Mensch, wenn er nur
+nicht so unerträglich einfältig wäre, mich dauert seine mißliche
+Lage. Morgen erhalte ich die Hälfte meines Honorars, davon will ich
+ihn unterstützen. Doch jetzt sei wirksam, Geist. (Dichtend.)
+Sechzehnte Szene, Gefängnis, Artur allein.
+
+Warum muß ich im finstern Turm hier hausen,
+Um den des Meers geschäftige Wellen brausen;
+Ach, während Liebe stillt ihr froh Verlangen,
+Hält mich der Haß hier trauervoll gefangen.
+O Schutzgeist, der du meinem Traum dich zeigst
+Und sanft dein Haupt zu mir hernieder neigst,
+Leit' mich aus meines Kerkers düstern Bann,
+Daß ich statt nutzlos sinnen, handeln kann.
+
+
+
+Zwölfte Szene.
+Voriger. Lucina ist während Ewalds Rede unter sehr leisen sanften
+Tönen auf Wolken niedergesunken. Ein Genius trägt eine Fackel.
+
+
+Lucina. Wenn du willst des Gedichtes Sinn auf dich beziehn,
+So kann ich deines Wunsches regen Drang erfüllen,
+Du sollst mit mir nach weit entfernten Landen ziehn
+Und des Verlangens Glut im Tatenstrome kühlen.
+Zu hohem Werken hab' ich deinen Mut erkoren,
+Weil ich dein Herz und deinen Geist als rein ersehn.
+
+Ewald. O glanzentzücktes Aug', zu seltnem Glück geboren,
+Daß du so holder Göttin Reize darfst erspähn.
+
+Lucina. Erstaune nicht, entwirf kein Bild von meinen Reizen,
+Du bist zur Rettung eines mächt'gen Reichs erwählt,
+Der Auftrag sei genug, um mit der Zeit zu geizen,
+Drum werd' dir auch von mir das Nöt'ge nur erzählt.
+Dich sollen Wolken nach Massanas Strande tragen,
+Ein Land, in welchem Unglück heult in jedem Haus,
+Und das vom Meer verschlungen wird in wenig Tagen,
+Dort gibst du dich für einen Weisen aus,
+Entstammend aus Ägyptens heil'gen Pyramiden,
+Der nach Massana kommt, um dieses Land zu retten.
+Und wenn der König enden will den Lauf hienieden,
+Vergoldest du des Todes fürchterliche Ketten
+Und forderst erst für diesen Dienst des Reiches Krone.
+
+Ewald. Wodurch ich dies vollbring', kann ich noch nicht ergründen.
+
+Lucina. Nimm diese Fackel hier, sie flammt in jeder Zone,
+Wenn du sie kräftig schwingst, wird sie sich selbst entzünden,
+Den Gegenstand, auf den du ihren Strahl willst leiten,
+Wird zephirleicht in ihrem Zauberlicht verrinnen,
+Narkot'sche Wohlgerüche um sich her verbreiten,
+Und die Gestalt, die du ihm leihen willst, gewinnen.
+Er wird im wundervollsten Rosenlicht sich zeigen,
+Wie ihn die zartste Phantasie nur könnte malen,
+Daß sich die Herzen alle liebend vor ihm beugen,
+Und sanfte Rührung wird aus jedem Auge strahlen.
+ (Gibt ihm die Fackel.)
+Verwahr' sie wohl, du wirst sie einst noch dankbar preisen,
+Wenn tröstet dich ihr welterfreunder Wunderschein,
+Doch nicht allein darfst du die Rettungsbahn durchreisen,
+Dem kühnen Mut muß bange Furcht zur Seite sein.
+Du wirst wohl selbst wo einen feigen Dümmling kennen,
+Den eines Sperlings leises Rauschen schon erschreckt.
+
+Ewald. Da kann ich dir, o Göttin, keinen bessern nennen,
+Als jenen Mann, der sich vor deinem Anblick scheu versteckt.
+ (Deutet auf Simplizius ins Haus.)
+
+Lucina. Nun wohl, du magst mit ihm die Sache selbst verhandeln.
+
+Ewald. Er ist mir schon gewiß, ich weiß, was ihn bewegt.
+
+Lucina (zeigt auf einen Fels).
+Die Fackel wird den Stein in leichten Nebel wandeln,
+Der euch im schnellen Flug durch blaue Lüfte trägt.
+Du übst, wie ich's befahl.
+
+Ewald. Dies kann ich hoch
+beteuern.
+
+Lucina. Wohlan, ich will voraus hin nach Massana steuern.
+ (Fliegt ab.)
+
+
+
+Dreizehnte Szene.
+Ewald (allein.)
+
+
+Dies ist ein Auftrag doch, der eines Dichters würdig,
+Weil echte Poesie nach einer Krone strebt,
+Selbst Göttern ist durch hohen Schwung sie ebenbürtig,
+Der über Sonnen sie zu Jovis Thron erhebt.
+Mein Geist ist klein, mein Wirken nur ein ungeweihter Traum.
+Drum wird die Kron', die ich heut wage zu begehren,
+In Nichts zerfließen, wie der Woge flücht'ger Schaum,
+Nur daß ich sie gewollt, wird mir noch Lohn gewähren.
+Und wer wird nicht mit Lust von goldnen Dingen träumen,
+Kann er darüber arme Wirklichkeit versäumen?
+ (Ab ins Haus.)
+
+
+
+Vierzehnte Szene.
+(Kurzes Zimmer mit schlechten Möbeln, ein Tisch mit Schreibgeräte,
+an der Wand hängen einige schlechte Kleidungsstücke, Maß und ein
+paar abgeschabte Bilder. Rechts eine Seitentür, links ein kleines
+Fenster.)
+
+
+Simplizius. Jetzt wird's nicht mehr lang dauern, so wird die
+achtzigpfündige Kanone meines Unglücks losgehn. Vor Angst krieg'
+ich noch das gelbe Fieber, das schwarze hab' ich so in allen
+Taschen schon. Wie spät wird's denn schon sein. Ich könnt's gleich
+wissen, ich dürft' nur auf die Uhr schauen, die ich vor zwei Jahren
+versetzt hab'. Um halb zwölf Uhr kommt der Weinhandler, der wird
+mich anzapfen um sein Geld, und wenn ich ihn nicht zahlen kann, so
+heißt es; Marsch nach Kamtschatka.
+
+
+
+
+Fünfzehnte Szene.
+Voriger. Ewald.
+
+
+Ewald. Freude, Freude, lieber Simplizius!
+
+Simplizius. Ja, ja, das wird eine mordionische Freud' werden, bei
+Wasser und Brot.
+
+Ewald. Nein, lieber Simplizius, wir wollen fort von hier in ein
+fernes Reich.
+
+Simplizius. Ins Reich hinaus? Da war ich schon, im Nürnbergischen.
+
+Ewald. Nicht doch, eine reizende Göttin hat mich und Sie zur
+Rettung eines Königreichs bestimmt.
+
+Simplizius. Mich?
+
+Ewald. Ja. Sie. Goldgesäumte Wolken werden uns dem gemeinen Leben
+hier entrücken und uns in ein herrlich Land hintragen. Lassen Sie
+Ihren Gläubiger hier rasen, er hat ja ohnehin nichts mehr zu
+fordern. Machen Sie sich reisefertig, Sie sind zu großen Dingen
+bestimmt.
+
+Simplizius. Zu was für ein'?
+
+Ewald. Das weiß ich nicht, ich weiß nur, daß es eine Krone gilt.
+
+Simplizius. Und die soll ich erretten? Nun, das wird gut ausfallen.
+Sie verkennt mich.
+
+Ewald. Nein, sie hat Sie ja gesehen und Ihren Mut belobt.
+
+Simplizius. Die Göttin? Ah, das ist göttlich! Aber weiß sie denn,
+daß ich--
+
+Ewald. Was?
+
+Simplizius. Nu. (Macht die Pantomime des Nähens.)
+
+Ewald. Versteht sich, alles weiß sie. Kommen Sie nur.
+
+Simplizius. Ich soll ein Land erretten? Ich kann mir's gar nicht
+anders vorstellen, als daß das Land durch Unruhen zerrissen ist,
+und ich muß's zusammenflicken. Oder sie fürchten sich, daß das Land
+erfriert, und ich muß ihm einen Pauvre machen. Und auf einer Wolken
+sitzen wir, da fallen wir ja durch.
+
+Ewald. Bewahre, sorgen Sie sich nicht.
+
+Simplizius. Nun Sie, wenn wir heut durchfalleten, das wär' weiter
+keine Schand'. Mir ist jetzt schon, als wenn ich aus den Wolken
+g'fallen wär'.
+
+Ewald. Ich steh' Ihnen für alles.
+
+Simplizius. O, Sie sind ein gutes Haus. Was haben S' denn da für
+eine vergoßne Kerzen?
+
+Ewald. Das ist eben unsere Wunderfackel. Was ich durch sie
+bestrahlt wissen will, erscheint nach meinem Wunsche in der
+herrlichsten Gestalt, und rosiger Nebel wird das Auge eines jeden
+lieblich täuschen.
+
+Simplizius. Was sie jetzt alles erfinden, um die Leut' hinters
+Licht z' führen, das geht über alles. Na wegen meiner, ich bin
+dabei, ich sitz' doch lieber auf einer Wolken als im Arrest. Also
+gehn wir. (Sieht durchs Fenster.) Ums Himmels willen, dort kommt
+der Weinhandler, und zwei Schutzgeister hat er bei ihm, mit
+klafterlange Spieß'.
+
+Ewald. Fatale Sache, was beginn' ich jetzt?
+
+Simplizius. Monsieur Ewald, mir fallt aus Angst etwas ein.
+Probieren wir die Fackel, richten wir das Zimmer prächtig ein,
+tapezieren wir's aus. Vielleicht bekommt der Weinhandler einen
+Respekt und glaubt, er kriegt sein Geld. Warten Sie, ich sperr' die
+Tür indessen zu, daß er nicht gleich herein kann. (Tut es.) Wenn er
+nur unterdessen abführ'. bis wir ihm ganz abfahren.
+
+Ewald. Kein übler Gedanke, das geht nicht so leicht, er wird fragen,
+wo wir die schönen Möbel her haben. Dann wird ihm die Fackel
+auffallen. Still!
+
+Riegelsam (klopft von außen). Nur aufgemacht. Ich weiß, daß Er zu
+Hause ist.
+
+Simplizius. Gleich, gleich. (Heimlich.) Was tun wir denn?
+
+Ewald (ebenso). Geben Sie mich für einen Engländer aus, dem die
+Möbel gehören, und der für Sie zahlen will.
+
+Riegelsam. Ich schlag' die Tür ein, wenn Er nicht aufmacht.
+
+Simplizius. Richtig, fangen Sie nur zum möblieren an. (Ruft.) Nur
+warten.
+
+Riegelsam. Warten? Du verdammter Bursch', wart' du auf meinen Stock,
+ wenn ich hineinkomm'.
+
+(Ewald hat indessen die Fackel geschwungen, die sich selbst
+entzündet.)
+
+(Musik.)
+
+Auf einen Schlag verwandelt sich das schmutzige Zimmer in ein
+herrlich gemaltes und reich möbliertes. Grosse Gemälde mit goldenen
+Rahmen, nebst einer schönen Wanduhr präsentieren sich. So
+verwandeln sich auch die Türen, das Fenster, Tisch und Stühle. Das
+ganze zeigt sich jedoch im bleichen Rosenlichte
+
+Simplizius. Mich trifft der Schlag, das wird doch ein schöner
+Betrug sein. Ich glücklicher Mensch, das g'hört alles nicht mein.
+
+Ewald (steckt die Fackel an die Wand, wo der Schreibtisch steht,
+setzt sich schnell und stützt das Haupt auf die Hand). Nun öffnen
+Sie, sagen Sie, ich dichte und wollte ungestört bleiben, und Sie
+hätten geschlafen.
+
+Riegelsam. Brecht das Schloß auf. (Sie schlagen an die Tür,
+Simplizius öffnet.)
+
+Simplizius. Ist schon offen.
+
+
+
+Sechzehnte Szene.
+Vorige. Riegelsam (ein sehr dickleibiger Mann von heftigem
+Temperament).
+
+
+Riegelsam (noch in der Tür). Aufmachen kann er nicht, aber Schulden
+machen kann er. Wart', du verdammt--(er tritt herein, zwei
+Gerichtsdiener halten an der Tür Wache, Riegelsam steht erstarrt.)
+Was ist das für eine maliziöse Pracht? Ich erstaune. Wem gehört das
+Amöblement?
+
+Ewald (rasch aufspringend). Mir!
+
+Riegelsam. Ihnen? Ah, allen Respekt.
+
+Ewald. Also schließen Sie Ihren Mund. (Setzt sich nieder und
+schreibt fort.)
+
+Riegelsam.. Was Mund schließen? Um fünfhundert Taler kann man den
+Mund gar nicht weit genug aufmachen.
+
+Simplizius. Wenn er nur die Mundsperr' bekäm', daß er ihn gar nicht
+mehr zubrächt'.
+
+Riegelsam. Nichts wird g'schlossen, als der--(auf Simplizius
+deutend) der wird g'schlossen--kreuzweis'. Wie steht's,
+liederlicher Patron, wird gezahlt oder nicht?
+
+Simplizius. Ja, es wird gezahlt.
+
+Riegelsam. Wer zahlt?
+
+Simplizius. Ich nicht.
+
+Riegelsam. Gerichtsdiener! (Sie treten vor.)
+
+Ewald. Halt! (Springt auf.) Ich bezahle. (Setzt sich wieder und
+schreibt.)
+
+Riegelsam. Wirklich? Allen Respekt. Wer ist dieser Herr?
+
+Simplizius. Ein vacierender Lord.
+
+Riegelsam. Und wohnt in diesem miserablen Haus?
+
+Simplizius. Spleen.
+
+Riegelsam. Warum schreibt er denn bei einer Fackel am hellichten
+Tag?
+
+Simplizius. Spleen.
+
+Riegelsam. Und was krieg' ich denn für meine Schuld?
+
+Simplizius. Spleen.
+
+Riegelsam. Geh Er zum Henker mit seinem Spleen. (Beiseite.) Wenn
+ich nur die schönen Möbel haben könnt', ich bin ganz verliebt in
+sie. (Laut.) Also was soll's sein? Entweder meine fünfhundert Taler,
+ oder ich lass' das Zimmer ausräumen.
+
+Simplizius. Da kriegt er auch was rechts.
+
+Ewald. Herr, unterstehen Sie sich nicht, sich meines Eigentumes zu
+bemächtigen. In diesem Zimmer bin ich Herr, weil ich es gemietet
+habe, und wenn Sie es nicht zur Stelle verlassen, so werd' ich mein
+Hausrecht gebrauchen und Sie zum Fenster hinauswerfen.
+
+Riegelsam. Welch eine Behandlung? Was soll das sein? (Sieht
+Simplizius fragend an.)
+
+Simplizius (gleichgültig). Spleen.
+
+Riegelsam. Halt' Er sein Maul mit seinem verflixten Spleen. Sie
+haben sich angeboten zu bezahlen, tun Sie es, ich bin bereit.
+
+Ewald. Ich noch nicht, in einer Stunde sollen Sie Ihr Geld erhalten,
+ ich erwarte die Post. Entfernen Sie sich jetzt und kommen Sie in
+einer Stunde wieder.
+
+Riegelsam. Hat auch kein Geld, nichts als Spleen.
+
+Simplizius. Ein splendider Mann.
+
+Riegelsam. Aber die schönen Möbel, diese herrlichen Möbel. Gut, ich
+geh', aber die Wach' bleibt hier.
+
+Simplizius Ich seh' mich schon im Loch.
+
+Ewald. Impertinent, den Augenblick mit der Wache fort, oder Sie
+bekommen keinen Heller von Ihrer Schuld.
+
+Riegelsam. Nicht? So lass' ich ihn einsperren. (Auf Simplizius
+zeigend.)
+
+Ewald. Nur fort mit ihm, das ist das beste, was Sie tun können.
+
+Simplizius (erschrocken). So ist's recht, das wäre schon das beste
+bei ihm.
+
+Riegelsam (beiseite). Es ist ihm nicht beizukommen, ich möcht'
+rasend werden. Aber die schönen Möbel allein könnten mich verführen.
+
+
+Simplizius. Ah, wenn Sie s' erst im rechten Licht sehen werden,
+denn sein' Fackel blendt einen ja.
+
+Riegelsam. Sind sie da noch schöner?
+
+Simplizius. O, da kann man sie gar nicht sehn vor lauter Schönheit.
+
+Riegelsam. Gut, die Wach' soll sich entfernen, unter der Bedingung,
+daß Sie mir diese Möbel verschreiben.
+
+Simplizius (heimlich erfreut). Beißt schon an.
+
+Riegelsam. Wenn ich in einer Stunde mein Geld nicht erhalte,
+gehören sie mir.
+
+Simplizius (heimlich freudig). Haben ihn schon!
+
+Ewald. Mein Wort darauf.
+
+Riegelsam. Nichts, das muß schriftlich sein, nur aufsetzen, alles
+schriftlich.
+
+Simplizius (heimlich). G'hört schon uns!
+
+Ewald (schreibt). Also alles was sich in diesem Zimmer befindet?
+
+Simplizius Bis auf uns, denn er wär' imstand, er nehmet uns auch
+dazu. Das ist gar ein Feiner.
+
+Riegelsam. So ein miserables Möbel, wie Er ist, kann ich nicht
+brauchen. Still. Euer Hoheit geruhen zu unterschreiben.
+
+Ewald. Hier.
+
+Riegelsam. Auch der Schneider.
+
+Simplizius (tut es für sich). Du wirst dich schneiden.
+
+Riegelsam (frohlockend). Bravo, jetzt bin ich in Ordnung.
+
+Simplizius. Das ist ein glücklicher Kerl, jetzt hat er einen Fang
+gemacht.
+
+Riegelsam (zur Wache). Ihr könnt nach Hause gehn.
+
+(Wache ab.)
+
+Simplizius. Ah, weil nur die Garnierung von der Tür' weg ist.
+
+Ewald. Nun gehen Sie auch!
+
+Riegelsam. Ich? Was fallt Ihnen ein, ich bleib' hier, bis das Geld
+ankommt.
+
+Ewald. Welch eine Eigenmächtigkeit! Ich muß fort, das Geld zu holen,
+ ich habe Eile.
+
+Simplizius. Freilich, bei uns geht's auf der Post. (Für sich.) Wir
+fahren ja ab.
+
+Riegelsam. Das können Sie machen, wie Sie wollen. (Setzt sich in
+einen Stuhl.) Mich bringt einmal niemand aus diesem Zimmer fort.
+Ich muß meine Möbel bewachen, kein Stück darf mir davon wegkommen.
+Tausend Element!
+
+Ewald (zu Simplizius heimlich). Das ist eine schöne Geschichte, was
+tun wir jetzt?
+
+Simplizius. So lassen S' ihn sitzen, wir nehmen unsre Fackel, gehn
+hinaus, sperren ihn ein und er soll seine Möbel bewachen.
+
+Ewald. Ein delikater Einfall. (Nimmt die Fackel von der Kulisse.)
+Nun wohl, bleiben Sie hier und haften Sie mir für alles.
+
+Simplizius. Und geben Sie acht, daß Ihnen nichts wegkommt, sonst
+müssen Sie's zahlen.
+
+(Ewald und Simplizius gehen schnell hinaus und sperren die Tür zu.
+Wie die Fackel ans dem Zimmer ist, verwandelt sich dasselbe wieder
+in die arme Stube.)
+
+
+
+Siebzehnte Szene.
+Riegelsam (allein, springt auf und sagt im höchsten Erstaunen).
+Blitz und Donner, was ist das für eine Bescherung? Bin ich in eine
+Zauberhöhle geraten? Wo sind die Möbel hingekommen? Die schöne Uhr,
+die herrlichen Bilder. Alles ist fort, Fetzen sind da. (Zerreißt
+die Kleider.) Nichts als Fetzen sind da und die Lumpen sind fort.
+Ha! Ich muß ihnen nach.--Die Tür ist verriegelt, ich kann nicht
+hinaus, ich erstick' vor Wut. Meine fünfhundert Taler. (Sinkt in
+den Stuhl.)
+
+
+Simplizius (sieht zu dem kleinen Fenster herein). Freund, die sind
+verloren.
+
+Riegelsam. O du Hexenmeister, wirst du hereinkommen! Schaff' mir
+meine Möbel her!
+
+Simplizius. Wollen Sie s' nochmal sehn? (Hält die Fackel zum
+Fenster herein.) Da sind sie! (Das Zimmer wird wie vorher reich
+möbliert.)
+
+Riegelsam (stürzt mit ausgebreiteten Armen darauf hin). Halt, jetzt
+lass' ich sie nicht mehr aus.
+
+Simplizius (zieht die Fackel zurück).
+
+(Schnelle Verwandlung.)
+
+Simplizius. Halten Sie s' fest.--So rächt sich Simplizius, der
+Verschuldete.
+
+
+
+Achtzehnte Szene.
+Riegelsam (der bei der Verwandlung betroffen zurückfuhr, springt
+nun wütend auf das Fenster zu, welches Simplizius ihm vor der Nase
+zuschlägt). Spitzbuben! Gesindel! Räuber! Mörder! Dieb'! (Schlägt
+die Fensterscheiben ein.) Ich zerplatz' vor Zorn. Ich muß ihnen
+nach. (Will zum Fenster hinaus und bleibt stehen.) Ich kann nicht
+durch, ich bin zu dick, ich erstick'! Was seh' ich! O höllische
+Zauberei, sie fliegen auf einer Wolken davon. Die prächtigen
+Kleider, der Schneider strotzt vor Silber, wenn ich s' ihm nur
+herabreißen könnt'. Meine fünfhundert Taler. Ich werd' unsinnig,
+ich spreng' mich in die Luft. Nein, ich spreng' die Tür' ein. (Er
+tut es.) Hilfe! Hilfe! Räuber! Dieb'! Wache! (Ab.)
+
+
+
+Neunzehnte Szene.
+(Großer Platz in Massana, im griechischen Stil erbaut. Seitwärts
+der königliche Palast. Stufen führen aufwärts, auf welchen der
+Genius des Todes, ein bleicher Jüngling mit der umgekehrten
+ausgelöschten Fackel, mit geschlossenen Augen sitzt. Viele Personen
+in Trauer, viele nicht, gehen händeringend herum über die Straße.)
+
+Kurzer Chor.
+Jammer, sag', wann wirst du scheiden,
+Von Massanas Unglücksflur;
+Große Götter, hemmt die Leiden,
+Eure Macht vermag es nur.
+
+
+(Gehen trauervoll ab.)
+
+
+
+Zwanzigste Szene.
+Lucina (kommt und betrachtet mit Wehmut den Palast). Genius des
+Todes.
+
+(Die ganze Szene muß von beiden Seiten langsam und feierlich
+gesprochen werden.)
+
+
+Lucina.
+Mich erfaßt ein widrig Schauern,
+Blick' ich auf dies Trauerschloß.
+Schon seh' ich den Jüngling lauern,
+Armer Fürst, dein Leid ist groß.
+(Mit erhobener Stimme.)
+Du, des Todes Genius,
+Magst durch Antwort mich beglücken;
+Wirst du heut den eis'gen Kuß
+Auf Massanas Lippen drücken?
+
+Genius des Todes
+(hebt sein Haupt, stets bleibt die Fackel gesenkt. Spricht kalt und
+ernst im tiefen Tone).
+
+Wenn die Nacht den Tag verjagt
+So heischt's Hades Rachesinn,
+Hat Massana ausgeklagt.
+(Kurze Pause.)
+ Rauscht das Meer darüber hin.
+Lucina.
+ Und wie wird der König enden,
+Wirst du freundlich ihn umfahn?
+Genius des Todes.
+ Hades kann nur Schrecken senden,
+Düster wird sein Ende nahn.
+Lucina.
+ Wehmut seufzt aus deiner Kunde
+Und doch frommt sie meinem Plan,
+Mich beglückt die Unglücksstunde,
+Wenn ich dich erweichen kann.
+Schenk' das Leben mir von zweien,
+Die nicht Hades Fluch getroffen,
+Die nicht an die Zahl sich reihen,
+Die Erbarmen nicht zu hoffen.
+Genius des Todes (lächelnd).
+ Nimm das Leben hin von zweien,
+Du entziehst mir's dennoch nicht.
+Lucina.
+ Möchtest du mir noch verleihen,
+Daß Heraklius' Auge bricht,
+Eh' des Landes Festen beben.
+Genius des Todes.
+ Eh' den Turm noch küßt die Well',
+Lischt des kranken Königs Leben.
+Lucina.
+ Doch Massana muß dann schnell,
+Eh' die Zeit Sekunden raubt,
+In dem Augenblick versinken,
+Wo auf einem fremden Haupt,
+Wird des Königs Krone blinken.
+Genius des Todes
+(läßt das Haupt sinken und
+sagt dumpf und langsam).
+ Wird versinken.
+(Pause, dann noch mit gesenkten Haupte)
+ Laß mich lauschen.
+Lucina.
+ Ist dein Aug' zum Schlaf erlahmt?
+(Gejammer in der Szene, mehrere Stimmen: Hilf, er stirbt.)
+Genius des Todes.
+ Hörst du's rauschen?
+(Hebt das Haupt.)
+ Dorthin ruft mein eisern Amt.
+
+
+(Er steht auf, sein Haupt ist etwas gebeugt, die rechte Hand
+streckt er gegen den Ort, wo der Schall hertönt, als zeigte er hin,
+die linke hängt, die umgestürzte Fackel haltend, gerade herab, so
+eilt er gemessenen Schrittes in die Kulisse, doch auf die
+entgegengesetzte Seite des Palastes.)
+
+Lucina (blickt gegen Himmel)
+ Götter, die ihr gnädig waltet
+Und doch unbegreiflich schaltet!
+
+(Geht langsam auf die entgegengesetzte Seite ab.)
+
+
+
+Einundzwanzigste Szene.
+Thestius, Epaminondas (mehrere Einwohner von Massana kommen von der
+Seite, wo der Genius abgeschritten ist).
+
+
+Thestius. Ist aus mit ihm, ist stumm; die Götter haben seinen Mund
+geschlossen.
+
+Epaminondas. Ein sonst so sanftes Roß, und schleudert ihn herab,
+daß von dem Fall die Erde donnert. (Die Weiber weinen.) So heult
+doch nicht, seid ihr's nicht schon gewohnt? Seit sieben vollen
+Jahren hat Unglück hier im Lande sich gelagert und über diese Stadt
+sein schwarzes Zelt gespannt. Ich bin schon stumpf gemacht, mich
+kann's nicht rühren mehr, wenn meines Nachbars Dach auf seinen
+Schädel stürzt. Nur Weiber können sich an so was nicht gewöhnen.
+
+Thestius. O Hades, ungerechter Fürst der Unterwelt, der du aus
+Rache, weil Massana nicht den König hat gewählt, den du durch deine
+unterirdischen Orakel ihm bestimmen ließest, das arme Reich mit
+Übel aller Art verfolgst; so daß wir wie auf nie betretnem
+Eisgeklüft, nicht einen Schritt auf breiter Straße tun, wo nicht
+Gefahr des Lebens mit verbunden ist.
+
+Epaminondas. Seht, was läuft das Volk zusammen? Zwei Fremde bringen
+sie.
+
+Thestius. Die sind so selten jetzt im Lande, als ob sich Kometen
+zeigten. Hypomedon führt sie.
+
+
+
+Zweiundzwanzigste Szene.
+Vorige. Hypomedon, Ewald und Simplizius, beide im ägyptischen
+Kostüme.
+
+
+Hypomedon. Endlich haben wir wieder das Glück, zwei Fremdlinge in
+unserer Stadt zu sehen. Staunt, aus Ägypten kommen diese Leute gar,
+um bei uns Verachtung des Lebens zu lernen.
+
+Ewald. Sei gegrüßt, Volk von Massana, ich habe Wichtiges in deinem
+Reiche zu verhandeln.
+
+Simplizius. Zu verhandeln, sagt er, auf die Letzt' halten s' uns
+für Juden.
+
+Thestius. Seid uns gegrüßt, wir bedauern euch.
+
+Simplizius (macht große Augen). Der bedauert uns.
+
+Thestius. Euch haben böse Sterne in das Land geleitet.
+
+Simplizius. Ach warum nicht gar, wir sind ja beim helllichten Tag
+ankommen.
+
+Ewald (nimmt ihn auf die Seite). Sein Sie nicht so gemein, tun Sie
+vornehm, klug, bescheiden und drücken Sie sich in bessern Worten
+aus.
+
+Simplizius. Das müssen Sie mir schriftlich geben, denn so kann ich
+mir das nicht merken.
+
+Ewald. Glaubt nicht, daß ich der Pyramiden geheimnisvollen
+Aufenthalt umsonst verließ, ihr werdet die Gestirne hoch verehren,
+die nach Massana mir geleuchtet, denn fromme Götter haben mich zu
+euch gesendet.
+
+Thestius. So preisen deine Sendung wir. Dein Aug' ist sanft, und
+edel deine Haltung, dein Antlitz flößt Vertrauen ein, und deine
+kühn gewölbte Stirn mag wohl ein Thron der höchsten Weisheit sein.
+
+Simplizius. Nein, was s' an dem alles bemerken, das wär' mir nicht
+im Schlaf eing'fallen. Einen Thron hat er auf der Stirn, und da
+sitzt die Weisheit d'rauf. (Macht die Pantomime des Niedersetzens.)
+Jetzt, was werden s' erst auf meiner Stirn' alles sitzen sehn?
+
+Thestius. Willst du mein Unglückshaus zur Wohnung dir erwählen, so
+folge meinem scheuen Tritt, doch laß die Vorsicht emsig prüfen
+deinen Pfad und Besorgnis über deine Schultern schaun. (Verbeugt
+sich tief.)
+
+Ewald. Mein Dank grüßt deines Hauses Schwelle, mit frohem
+Hoffnungsgrün wird dir der Gast die Hallen schmücken. Simplizius,
+folge bald! (Geht mit Anstand a, Thestius folgt.)
+
+
+
+Dreiundzwanzigste Szene.
+Vorige, ohne Ewald und Thestius.
+
+
+Simplizius (sieht ihm erstaunt nach). Ich empfehl' mich ihnen. Ah,
+was die Weisheit für eine langweilige Sach' ist, das hätt' ich in
+meinem Leben nicht gedacht. Ich will einmal lustig sein. (Tut nobel
+zu Epaminondas.) Sagen Sie mir, mein edelster Massanier, was gibt
+es denn für Spaziergänge hier?
+
+Epaminondas. Der betretendste Weg führt ins Elend.
+
+Simplizius. So? Das muß eine schöne Promenade sein.
+
+Hypomedon. Du wirst sie schon noch sehen.
+
+Simplizius. Ich freu mich schon d'rauf. Haben Sie auch ein Theater?
+
+Epaminondas. O ja. (Seufzend.) Massana heißt der Schauplatz.
+
+Simplizius. Was wird denn da aufgeführt?
+
+Hypomedon. Ein großes Trauerspiel.
+
+Simplizius. Von wem?
+
+Epaminondas. Ein Werk des Orkus ist's.
+
+Simplizius. Den Dichter kenn' ich nicht, muß ein Ausländer sein.
+
+Hypomedon. Es währt schon sieben Jahre.
+
+Simplizius. O Spektakel, da muß einer ja drei-, viermal auf die
+Welt kommen, bis er so ein Stück sehn kann. Wer spielt denn mit?
+
+Epaminondas. Das ganze Volk.
+
+Simplizius. Also ein Volkstheater. Und wer schaut denn zu?
+
+Epaminondas. Die Hölle.
+
+Simplizius. Da muß ja eine Hitz' im Theater sein, die nicht zum
+aushalten ist. Überhaupt scheinen die Leut' hier nicht ausg'lassen
+lustig z' sein. Warum weinen denn die Fraun da?
+
+Eine Frau. Wir beweinen euer Schicksal.
+
+Simplizius. Unser Schicksal? Was haben denn wir für ein Schicksal?
+Wen tragen s' denn da? (Sieht in die Kulissen.)
+
+Hypomedon. 's ist nur einer, den ein Roß erschlagen hat.
+
+Simplizius. Erschlagen hat's ihn nur? O, da reißt er sich schon
+noch heraus, hier ist eine g'sunde Luft. Wer wohnt denn in dem
+großen Haus?
+
+Hypomedon. Das steht leider leer, die Leute sind alle
+herausgestorben.
+
+Simplizius. Warum nicht gar? Was hat ihnen denn g'fehlt?
+
+Epaminondas. Nu, es ist eine eigene Krankheit, es ist nicht gerade
+ein gelbes Fieber--
+
+Simplizius. Nu, wenn es nur eine Farb' hat, ich bin mit allen
+z'frieden. (Sieht auf die entgegengesetzte Seite in die Kulisse.)
+Sie, da tragen s' ja schon wieder einen?
+
+Epaminondas. Das geht den ganzen Morgen so, heut ist ein
+gefährlicher Tag, Ihr dürft Euch in acht nehmen.
+
+Simplizius. In acht nehmen? Ja, haben Sie denn etwa die Pest?
+
+Epaminondas. Nu, jetzt nicht mehr so sehr.
+
+Simplizius. Nicht mehr so sehr? Hören Sie auf, mir wird völlig
+angst. Ich bitt' Sie, mein lieber--wie heißen Sie?
+
+Epaminondas. Epaminondas.
+
+Simplizius. Epaminondas? Das ist auch ein so ein g'fährlicher Nam'.
+Also, mein lieber Epaminondas, haben Sie die Güte und führen Sie
+mich wohin, daß ich eine Aufheiterung hab', denn ich bin sehr
+miserabel.
+
+Epaminondas. Ich will dich an einen Ort führen, wo du vielleicht
+Bekannte findest.
+
+Simplizius.. O, das wär' prächtig. Wohin denn?
+
+Epaminondas. In die Fremdengruft; dort liegen alle Fremden begraben,
+die seit sieben Jahren in unsere Stadt gekommen sind.
+
+Simplizius. Alle, ohne Ausnahm'?
+
+Epaminondas. Ja, ja, alle; du kannst dir gleich dort einen Platz
+bestellen.
+
+Simplizius. Einen Platz soll ich mir bestellen, wie auf einem
+G'sellschaftswagen? Sie wahnsinniger Mensch, was fallt Ihnen denn
+ein? Was ist denn das für ein Land? Das ist eine wahre Marderfallen,
+wo man nicht mehr hinaus kann. Und das erzählen Sie einem noch,
+Sie abscheul— wie heißen S'? Ich habe Ihnen schon wieder vergessen.
+
+Epaminondas (wild). Epaminondas.
+
+Simplizius. Der Nam' bringt einen allein schon um. So widerrufen
+Sie doch, Epaminondas, wenn Sie nicht wollen, daß mich die Angst
+verzehrt.
+
+
+
+Vierundzwanzigste Szene.
+Vorige. Sillius eilig.
+
+
+Sillius. Helft, helft, es steht ein Haus in Flammen!
+
+Alles (läuft ab). Hilfe, rettet, fort!
+
+Epaminondas (lacht). Haha, die Toren löschen dort und jammern sich
+bei fremdem Unglück krank. Da lach' ich nur, ich bin ein Stoiker,
+wer raubt mein Glück?
+
+
+
+Fünfundzwanzigste Szene.
+Vorige. Argos eilig.
+
+
+Argos. Du sollst nach Hause kehrn, Epaminond', dein Sohn ist tot.
+
+Epaminondas (die Hände jammernd ringend). Mein Sohn! Mein Sohn! O
+unglücksel'ger Tag! Ich überleb' ihn nicht! (Stürzt mit Argos ab.)
+
+
+
+Sechsundzwanzigste Szene.
+Simplizius allein, dann zwei Diener des Thestius.
+
+
+Simplizius (zittert am ganzen Leibe). Schrecklich, schrecklich!
+Stirbt schon wieder eine Familie aus. Der Stoiker ist g'straft für
+seinen Übermut. Mich fangt eine Ohnmacht ab. (Setzt sich auf die
+Stufen des Palastes.) Wo werden s' da Hofmannische Tropfen haben?
+Hilfe, Ohnmacht, Hilfe!
+
+Diener (aus dem Hause). Du möchtest hinaufkommen, Fremdling, dich
+zu laben.
+
+Simplizius (matt). Laben? Das ist die höchste Zeit, daß Sie mich
+laben. Ich komm' schon, nur voraus.
+
+Diener. Doch nimm dich wohl in acht, die Treppe ist sehr steil, es
+haben sich drei Hausgenossen schon das Bein gebrochen.
+
+Simplizius (in höchster Angst). Ums Himmels willen, das nimmt ja
+gar kein End'. (Die Knie schnappen ihm zusammen.) Ich trau' mich
+gar nicht aufzutreten mehr. Führt's mich hinein. (Der Diener führt
+ihn unter dem Arm, er spricht unter dem Abgehen:) O schlechtes Volk!
+Eine Fremdengruft haben s', das gelbe Fieber, etwas Pest,
+Epaminondas--ein' Beinbruch auch. O Angst, wann ich hier stirb',
+mein Leben sehn s' mich nimmermehr. (Schleppt sich ab, von den
+Dienern geführt.)
+
+
+
+Siebenundzwanzigste Szene.
+(kurzes Gemach in Thestius' Hause mit zwei Seitentüren.)
+
+
+Thestius. Ewald.
+
+Thestius. Du bist gemeldet bei dem König, Fremdling, als unsres
+Landes wunderbarer Retter. Seit frühmorgens sind schon die Minister
+all um ihn versammelt. An unheilbarem Übel liegt der Herrliche
+danieder, und wie der Mensch durch höhern Schmerz den mindern nicht
+fühlt, so klagt das Volk mit edler Lieb' bei seines Königs hohem
+Leid, daß es ob dem Gestöhn' das eigne groß vergißt.
+
+Ewald. O, wie entzückend ist es, so geliebt zu sein.
+
+Thestius. So liebt der König auch sein treubewahrtes Volk, und
+gleichen Sieg erringt sein edles Herz. Wie glücklich wär' dies Land,
+wenn nicht der unbarmherz'ge Fürst der unterird'schen Schatten--
+
+
+
+Achtundzwanzigste Szene.
+Vorige. Hermodius eilig und bestürzt.
+
+
+Hermodius. Wo ist der Weise aus Ägyptens Zauberlande, der Rettung
+bietet dem bestürzten Volk?
+
+Thestius. Du siehst ihn hier voll sanfter Würde stehn.
+
+Hermodius. Beweisen magst du nun, daß gute Götter dich mit
+wunderbarer Zauberkraft begabt; du mußt zum König schnell, es will
+sein Geist Elysium erkämpfen, doch sendet Hades schauervolle Bilder,
+mit Schreckensnacht sein Auge zu umgarnen, und Furien, furchtbar
+anzuschauen, mit Schlangen reich umwunden, auf faulen Dünsten
+schwebend, durchrauschen das Gemach. Nun sprich; kannst du des
+Orkus Nacht durch Eos' Strahl erhellen?
+
+Ewald.. Ich kann es nicht, den Göttern ist es möglich, und was ich
+bin, ich bin es nur durch sie.
+
+Hermodius. So eil' mit mir, es ist die höchste Zeit.
+
+Ewald (umarmt Thestius mit Rührung). Mein Thestius, leb' wohl,
+Osiris möge dich für deine Güte lohnen. (Für sich mit Schmerz.)
+Massana sinkt, ich seh' ihn nimmermehr. Nun komm, geleite mich, mir
+winkt ein großer Augenblick.
+
+Thestius. Kehr' bald zurück, mein Herz erwartet dich.
+
+(Ewald und Hermodius zur Seite ab, Thestius zur entgegengesetzten
+Seite ab.)
+
+
+
+Neunundzwanzigste Szene.
+Simplizius und Arete treten ein.
+
+
+Arete. Ach, du armer Mensch, komm doch herein, warum willst du denn
+keine Speise nehmen.
+
+Simplizius. Ich bin überflüssig satt, mir liegt das ganze Land im
+Magen, drum bring' ich nichts hinein. Ich verhungre noch vor Angst.
+
+Arete. Pfui, schäm' dich doch, bist du ein Mann?
+
+Simplizius (beiseite). Ich weiß selbst nicht mehr, was ich bin.
+(Laut.) Vermutlich.
+
+Arete. Betrachte mich; ich bin ein Mädchen. Wir haben zwar große
+Ursache, uns zu fürchten, man hat heute ein Erdbeben verspürt, daß
+die Stadtmauern erzittert haben.
+
+Simplizius. Jetzt, wenn die Stadtmauern schon zum Zittern anfangen,
+was soll denn unsereiner tun?
+
+Arete. Warum bist du denn aber eigentlich nach Massana gekommen?
+
+Simplizius (zittert). Weil ich das Land erretten muß.
+
+Arete. Du? Ach, ihr guten Götter, wenn du dich nur nicht vorher zu
+Tode zitterst.
+
+Simplizius. Glaubst? Das war' sehr fatal.
+
+Arete. Armer Narr, du dauerst mich.
+
+Simplizius. Ich dank' ergebenst. Das Mädel wär' so hübsch, wenn mir
+nur nicht die Knie zusamm'schnappeten; ich fanget aus lauter Angst
+eine Amour an.
+
+Arete. Warum blickst du mich so forschend an, was wünschest du?
+
+Simplizius (für sich). Wenn sie nur in der G'schwindigkeit eine
+Leidenschaft zu mir fasset, so könnten wir heut vormittag noch
+durchgehn, da käm' ich doch auf gute Art aus dem verdammten Land.
+Sag' mir, liebes Kind, was fühlst du eigentlich für mich?
+
+Arete. Mitleid, inniges Mitleid!
+
+Simplizius. Inniges Mitleid? Aha, sie ist nicht ohne Antipathie für
+mich. Könntest du dich wohl entschließen--
+
+Arete. Wozu?
+
+Simplizius. Die Meinige zu werden.
+
+Arete. Arete die Deinige?
+
+Simplizius.. Ja, Arete, du hast mein Herz arretiert.
+
+Arete (sehr stolz). Wer bist du, der du es wagst, um die Hand einer
+edlen Massanierin anzuhalten?
+
+Simplizius (beiseite). Soll ich ihr meinen Stand entdecken? Nein,
+ein mystisches Dunkel muß darüber walten. (Laut.) Ich bin nicht,
+was ich scheine, und scheine auch nicht, was ich bin, und wenn ich
+das wäre, was ich sein möchte, so würd' ich nicht scheinen. was ich
+nicht bin.
+
+Arete. Ich verstehe dich.
+
+Simplizius. Da g'hört ein Geist dazu, ich versteh' mich selber
+nicht.
+
+Arete. Du möchtest gern scheinen, was du nicht bist, und bist doch
+so sehr, was du auch scheinst.
+
+Simplizius. Hat's schon erraten, es ist unglaubbar. Sag' mir, Mädel,
+ hättest du wohl den Mut, mich zu entführen?
+
+Arete. Dich?
+
+Simplizius. Oder umgekehrt.
+
+Arete. Das heißt, ich soll mit dir mein Vaterland verlassen? Ich
+verstehe dich wohl.
+
+Simplizius. Hat mich schon wieder verstanden.
+
+Arete. Damit du mich aber auch verstehst, so will ich dir sagen,
+wofür ich dich halte; Du bist ein unverschämter, erbärmlicher
+Mensch, der es wagt, seine vor Todesfurcht bebenden Lippen zu einer
+Liebeserklärung zu öffnen und einem edlen Mädchen von Massana seine
+krüppelhafte Gestalt anzutragen. Entferne dich, mit dir zu reden
+ist Verbrechen an der Zeit, und wenn du künftig wieder ein
+Mädchenherz erobern willst, so stähle das deinige erst mit Mut;
+mutige Männer werden geliebt, mutlose verachtet man.
+
+Simplizius. Da g'hört ein Stoiker dazu, um das zu ertragen. Lebe
+wohl, du wirst zu spät erfahren, wen du beleidigt hast. Ha, jetzt
+kann Massana fallen, ich heb's g'wiß nicht auf.
+
+Arete. Halt, weile noch, erkläre dich, damit ich erfahre, wessen
+Antrag mich entwürdigt hat.
+
+Duett.
+
+Arete. Wer bist du wohl, schnell sag' es an?
+
+Simplizius. Ich hab's schon g'sagt, ich bin ein Mann.
+
+Arete. Wie heißest du, bist du von Adel?
+
+Simplizius. Ich heiß' Simplizius Zitternadel.
+
+Arete. Der Name klingt mir sehr gemein.
+
+Simplizius. Es kann nicht alles nobel sein.
+
+Arete. Wie kannst du solchen Unsinn sagen?
+
+Simplizius. Das wollt' ich dich soeben fragen.
+
+Arete. Dein Äußres ist mir schon zuwider.
+
+Simplizius. Das schlägt mein Innres sehr danieder.
+
+Arete. So häßlich ist kein Mann hienieden.
+
+Simplizius. Die Gusto sind zum Glück verschieden.
+
+Arete. Wie abgeschmackt der Schnitt der Kleider.
+
+Simplizius (aufbrausend). Das ist nicht wahr, ich bin--(faßt sich
+und sagt gelassen) nur weiter.
+
+Arete. Nun hättest du dich bald verraten.
+
+Simplizius. Ja, meiner Seel', jetzt hat's mir g'raten.
+
+Arete. Du mußt mir sagen, wer du bist?
+
+Simplizius. Ich bin ein Held, wie's keiner ist.
+
+Arete (spöttisch). Dein Mut ist in der Schlacht wohl groß?
+
+Simplizius. Ich stech' oft ganze Tag' drauf los.
+
+Arete. Umsonst verschlingst du schlau den Faden.
+
+Simplizius. Mir scheint, die Feine riecht den Braten.
+
+Arete. Mein Argwohn läßt sich nicht mehr trennen.
+
+Simplizius. Jetzt braucht s' nur noch die Scher' zu nennen.
+
+Arete. Du bist kein Prinz, gesteh' es mir.
+
+Simplizius (zornig). Ich bin ein Kleideringenieur!
+
+Arete. Ha!
+
+(Beide zugleich.)
+
+Ihr Götter, was hör' ich, mein Auge wird trübe,
+Ein solcher Plebejer spricht zu mir von Liebe,
+ Welch eine Glut,
+ Brennet im Blut;
+ Wütender Schmerz,
+ Flammet im Herz.
+Schnell flieh' ich von hinnen, verberge mich schon,
+O folternde Hölle, beschämende Reu'!
+
+Simplizius. Was soll ich es leugnen, 's ist keine Schand',
+Denn Achtung verdienet mein nützlicher Stand.
+ Ich sag' es g'rad,
+ Ich g'hör zur Lad';
+ Und meine Scher',
+ Schwing' ich mit Ehr'.
+Ich schreit in die Welt hinaus, 's ist meine Pflicht,
+Ich bin ja kein Pfuscher, drum schäm' ich mich nicht.
+
+(Beide ab.)
+
+
+
+Dreißigste Szene.
+(Königliches Gemach.)
+
+(Die Hinterwand bildet einen großen offenen Bogen, vier Schuh
+tiefer, eine breite Rückwand von dunklen Wolken, durch welche man
+wie im Nebel eine riesige bläulichte Figur mit glühenden Augen
+erblickt, welche das Haupt mit einem Kranz von Rosmarin umwunden
+hat. Sie ruht lauernd auf den Wolken, ihren Blick auf Heraklius
+heftend, ist mit dem Todespfeil bewaffnet und stellt die alles
+vernichtende Zeit in furchtbar drohender Gestalt vor. Larven
+grinsen hie und da aus den sie umgebenden Wolken hervor. Zwischen
+dieser Wand und der Öffnung des Bogens sieht man vier dunkle
+Schatten bei einem offenen Grabe beschäftigt, aus welchen ein erst
+darin versenkter vergoldeter Sarg noch etwas hervorsteht. Das
+Gemach ist dunkel, der Donner rollt. In einem goldenen Armstuhl
+ruht Heraklius, um ihn trauernd die Großen des Reiches und Diener
+des Tempels. Neben ihm auf einem Marmortisch die Krone. An den
+Kulissen, dem Armstuhl des Königs gegenüber, ein auf drei Stufen
+erhabener einfacher Sitz.)
+
+Heraklius, Ewald und Hermodius.
+
+
+Kurzer Chor der Furien.
+Wo der Frevler mag auch weilen,
+Trifft ihn doch des Orkus Rache,
+Und ihr Dolch wird ihn ereilen,
+Selbst im goldnen Prunkgemache.
+
+
+Heraklius (in matter Unruh).
+Hinweg, hinweg, du scheußlicher Vampir,
+Der frommes Hoffen aus der Seele saugt.
+
+Hermodius (zu Ewald).
+Du siehst des guten Königs Leiden hier,
+Ein Bild, das für kein menschlich Auge taugt.
+
+Heraklius. Wer störet meine Pein?
+
+Hermodius. Dein Retter, Herr.
+
+Heraklius. Umsonst, umsonst, wer bringt die Höll' zum Weichen?
+O Qual, wenn ich doch nicht geboren wär'!
+
+Ewald. Ich kann, mein Fürst, den Anblick dir verscheuchen.
+
+Heraklius. Wenn du's vermagst, ein Fürstentum zum Lohne.
+
+Ewald. So hoch schwebt auch der Preis, den ich bestimm',
+Ich fordre viel, ich fordre deine Krone.
+
+Heraklius. Sie war mein Stolz--vorbei--verscheuch'--nimm--nimm!
+
+Ewald (zu den Edlen).
+Ihr habt's gehört, seid ihr damit zufrieden?
+
+Alle (dumpf und halblaut).
+Wenn dich der König wählt, wählt dich das Reich.
+
+Ewald. So will ich über dieses Schauertum gebieten,
+Bei Isis' Donner, Truggewölk' entfleuch!
+
+(Donnerschlag, er schwingt die Fackel, die Hinterwand entweicht,
+Grab und Schatten verschwinden, ein tiefes Wolkentheater zeigt sich,
+es stellt ein praktikables Wolkengebirge vor. Oben quer vor der
+Hinterwand eine goldene Mauer und ein goldenes Tor. Hinter diesem
+strahlt heller Sonnenglanz, der sich im Blau des Himmels verliert,
+das mit Sternen besäet ist. Am Fuße dieses Gebirges beim Ausgange
+sitzt auf einem Piedestal Thanatos wie in der früheren Szene, doch
+mit der brennenden Fackel. Sphärenmusik ertönt. Heraklius' Gestalt
+wird von Genien mit Rosenketten über den Wolkenberg geleitet, bis
+zu dem goldenen Tor, dort sinkt sie nieder. Die Musik währt leise
+fort.)
+
+Heraklius. O süßer Seelentrank aus himmlischem Gefäß,
+O Lust, gefühlt durch neu erschaffnen Sinn,
+Wenn ich auch tausend Kronen noch besäß',
+Ich geb' sie gern für diesen Anblick hin.
+O krönt ihn noch an meinem Sterbebette,
+Er wird mein fluchzerrüttet Land beglücken.
+ (Nun öffnet sich das goldene Tor, eine glänzende Göttergestalt
+tritt heraus.)
+Mir ist so leicht, es schmilzt die ird'sche Kette,
+Mein Geist entflieht, o unnennbar Entzücken!
+
+(Thanatos stürzt mildlächelnd die Fackel um, die verlischt,
+zugleich drückt die Göttergestalt den König an die Brust, sein
+Kleid verschwindet, und er steht im weißen Schleiergewande da,
+welches rosig bestrahlt wird. Genien bilden eine Gruppe. Heraklius'
+Haupt sinkt sanft auf seinen Busen, Ewald löscht die Fackel aus,
+und der das Gemach schließende Vorhang rauscht langsam und leise
+herab, die Musik verhallt. Feierliche Pause, Rührung in jeder Miene.)
+
+
+
+Hermodius. Es ist vorbei, er mußte von uns scheiden.
+Ein königliches End', durch Ruhm verklärt.
+Wer so beglückt vergeht, ist zu beneiden,
+Beim Zeus, so ist der Tod ein Leben wert!
+ (Man bedeckt Heraklius mit einem seidnen Mantel.)
+Nun laßt sein letzt Gebot uns schnell benützen,
+Denn ohne König kann das Land nicht sein.
+
+Adrasto (nimmt die Krone und stellt sich vor Ewald hin).
+Wie Götter dich, so wirst du uns beschützen,
+Drum nimm den Platz auf jenen Stufen ein.
+
+(Ewald besteigt die Stufen, auf welchen der Sitz angebracht ist.)
+
+Ewald (für sich). Es bebt mein Herz, mich fasset Todesschrecken.
+
+(Kniet nieder.)
+
+Alle. Wir huld'gen dir als Herrscher ehrfurchtsvoll.
+
+(Knien.)
+
+Adrasto. So mag die Kron' dein weises Haupt bedecken,
+Sei König--herrsch'--
+
+Bei dem letzten Worte hat er ihm die Krone aufs Haupt gesetzt, doch
+ohne die geringste Pause stürzt unter schrecklichem Gekrach der
+Saal zusammen. Der Bogen und die Kulissen bilden Berge von Schutt,
+welche die Spielenden dem Auge des Publikums entziehen. Im
+Hintergrunde zeigt sich das Meer, das zwischen die Schuttberge des
+Saales hereindringt und aus dem in der Ferne die versunkenen Türme
+von Massana hervorragen. Die Stufen, wo Ewald kniet, verwandeln
+sich in Wolken, worauf er bis in die Mitte des Theaters schwebt und
+wehmütig ausruft:
+
+Massana, lebe wohl!
+
+Er schwingt seine Fackel, um den traurigen Anblick zu verschönern
+und fährt fort. Die aus dem Meere hervorragenden Trümmer und der
+Schutt des Saales verwandeln sich in zarte Rosenhügel. Die Luft
+wird rein, und das Ganze strahlt im hellsten Rosenlichte.
+
+(Der Vorhang fällt langsam).
+
+Ende des ersten Aufzuges.
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug.
+
+
+
+Erste Szene.
+(In Agrigent.)
+
+Ein anderer Teil des Waldes am roten See, welcher praktikabel ist.
+Androkles, Clitonius und Jäger treten mit Wurfspießen bewaffnet auf.
+
+
+Jägerchor.
+ Jägerlust müßt' bald erschlaffen,
+Gält' die Jagd nur feigen Affen;
+Doch wenn durch der Wälder Stille
+Mächtig tönt des Leus Gebrülle,
+Hier die grausame Hyäne
+Fletscht die mörderischen Zähne,
+Dort, eh' man den Wurfspieß schwingt,
+Aus dem Busch der Tiger springt,
+Dann beginnt des Waldes Krieg.
+Falle, Jäger, oder sieg'!
+
+
+Androkles (zu den Jägern). Verteilt euch, wie ihr wollt, der König
+jagt allein, ihr mögt euch hüten, seinem Feuerblick zu nahen, der
+zornigflammend durch des Forstes Dunkel blitzet.
+
+(Alle bis auf Clitonius und Androkles ab.)
+
+
+
+Zweite Szene.
+Androkles und Clitonius.
+
+
+Androkles. O mein Clitonius, was mußten wir erleben, die hohen
+Götter sind aus Agrigent gewichen.
+
+Clitonius. Wo mag wohl unser edler König weilen, den seines Hauses
+Laren treu gerettet haben. Könnt' er doch sehn, wie sich sein armes
+Volk betrübt.
+
+Androkles. Wer freut sich nun in Agrigent? Der Wahnsinn lacht
+allein, gesundes Hirn muß trauern. Ist doch Phalarius selbst,
+seitdem die Höllenkron' auf seinem Haupte brennt, als hätt' des
+Unmuts Dolch sein falsches Herz durchbohrt. Weißt du, warum die
+Jagd nun tobt? Aspasia ist nicht mehr.
+
+Clitonius. Aspasia? Die Schwester unsers teuern Königs Kreon? Die
+herrliche Aspasia?
+
+Androkles. Sie war's allein, der Phalarius an dem verhängnisvollen
+Tag des schauerlichen Überfalls das Leben ließ, weil er als
+Feldherr schon für sie in Lieb' entbrannt. Seit er das Reich
+besitzt, bestürmt er sie mit Bitten und mit Drohungen, sie möchte
+ihre Hand ihm reichen, er wolle ihr dafür drei Königreiche bieten;
+doch wie sie ihn und seine Kron' erblickt, da sinkt sie zitternd
+vor ihm nieder und krümmt sich zu dieses Wütrichs Füßen, beschwört
+mit Tränen ihn, von ihr zu lassen, es gäb' für seine Kron' auf
+Erden keine Liebe. Doch er reißt sie mit Ungestüm an seine
+Eberbrust und will dem keuschen Mund den ersten Kuß entreißen; da
+wandeln sich der Lippen glühende Korallen in bleiche Perlen um, des
+Auges Glanz erstirbt, des Todes Schauer fassen ihre Glieder, die
+Angst, daß sie der Kron' so nah', bricht ihr das Herz, kalt und
+entseelt hält sie Phalarius, vor Schreck erbleichend, in den Armen.
+
+Clitonius. Entsetzlich Glück, sich so gekrönt zu wissen.
+
+Androkles. Da faßt ihn eine Wut, er tobt, daß des Gemaches Säulen
+beben; Zur Jagd! ruft er, hetzt mir des Waldes Tiger all' auf mich,
+die Erd' wühlt auf, daß Ungeheuer ihr entkriechen, die sich noch
+nie ans Sonnenlicht gewagt, gebt Nahrung meinem Pfeil, damit mein
+Haß umarmen kann, weil Lieb' mein Herz so unbarmherzig flieht. So
+stürzt er fort zur Jagd, und zitternd beugt vor ihm der schwarze
+Forst sein sonst so drohend Haupt.
+
+Clitonius. Da wird uns wohl der Morgenstrahl im Wald begrüßen.
+
+Androkles. Der Abend kaum, denn eh' der Mond sich noch auf des
+Palastes Zinnen spiegelt, verbirgt er sich in ein Gemach, aus
+Marmor fest gewölbt, ganz öffnungslos, damit kein Strahl des Mondes
+kann sein Haupt erreichen, weil seine Kron', so sagt Dianens weiser
+Diener, die Kraft verliert, solang' des Mondes Licht auf ihren
+Zacken ruht. Und weil in dieser Zeit sein Leben nicht gesichert ist,
+ verriegelt er die Tür aus festem Ebenholz; doch ohne Mondenglanz
+kann nie ein Pfeil ihn töten, und kraftlos sinken sie zu seinen
+Füßen nieder.
+
+Clitonius. Sprich nicht so laut, es rauscht dort im Gebüsch.
+
+Androkles (schwingt den Wurfspieß). Ein Tiger ist's.
+
+Clitonius. Nein, nein, es ist Phalarius, dich täuscht sein
+Pantherfell; wir sind verloren, wenn er uns gehört.
+
+Androkles. Schweig still, er raset dort hinüber dem Löwen nach, der
+ängstlich vor ihm flieht. Komm, laß uns auch vor diesem Königstiger
+fliehn, wenn Löwen weichen, dürfen Menschen sich der Flucht nicht
+schämen.
+
+(Beide ängstlich ab.)
+
+
+
+Dritte Szene.
+Musik. Lulu und Fanfu, geflügelte Genien, bringen Zitternadel in
+einem großen Schal, welchen sie an beiden Enden halten, als trügen
+sie etwas in einem Tuche, durch die Luft. Sie stehen auf Wolken,
+und der Schal ist ein Flugwagen und so gemalt, daß Zitternadel
+gekrümmt wie ein Kind darin liegt und kaum sichtbar ist. Er ruht
+auf der Erde, der Schal fliegt wieder fort.
+
+
+Lulu. So steig nur heraus, du tapfres Hasenherz, hier sind wir
+schon in Sicherheit.
+
+Fanfu. Nun, Schnecke, streck' den Kopf heraus.
+
+Zitternadel (steckt den Kopf heraus). Wo sind wir denn? Ich muß
+erst meine Gliedmaßen alle zusamm'suchen. (steigt aus, die Genien
+helfen ihm.) So, ich dank' untertänigst, das sind halt Kinderln,
+wie die Tauberln. Au weh, so ein Erdbeben möcht' ich mir bald
+wieder ausbitten. Ich schau' beim Fenster hinaus in meiner
+Schuldlosität, auf einmal fangt's zum krachen an, als wenn die
+ganze Welt ein Schubladkasten wär', der in der Mitte
+voneinanderspringt, und ich stürz' über den siebenten Stock
+hinunter, die zwei Kinderln fangen mich aber auf und fliegen mit
+mir davon. Kaum sind wir in der Höh', macht es einen Plumpser, und
+die ganze Stadt rutscht aus und fallt ins Wasser hinein. Der arme
+Dichter hat sich eintunkt mit seiner Weisheit. O unglücksel'ger Tag!
+ Weil nur ich nicht ins Wasser g'fallen bin, die Schneiderfischeln
+hätten's trieben. Überhaupt, wenn die Fisch' die Zimmer unterm
+Wasser sehn, die werden sich kommod machen. Wenn so ein Walfisch
+unter einem Himmelbett schlaft, der wird Augen machen. Zwar daß ein
+Stockfisch auf einem Kanapee liegen kann, das hab' ich an mir
+selber schon bemerkt. Wenn nur keiner in eine Bibliothek
+hineinschwimmt, denn da kennt sich so ein Vieh nicht aus. O, du
+lieber Himmel, ich werd' noch selbst ein Fisch aus lauter Durst.
+(Kniet nieder.) Liebe Kinderln, seid's barmherzig, laßt mir etwas
+zufließen, sonst muß ich verdursten.
+
+Lulu. Dein Durst ist uns recht lieb, wir haben dich darum hierher
+gebracht, um dich zu wässern.
+
+Simplizius. So wässert's mich einmal, ich kann's schon nicht
+erwarten.
+
+Lulu. Trink dort aus jenem See. Hier hast du eine Muschel. (Holt
+eine vom Gestade.)
+
+Simplizius. Der rotköpfige See? Aus dem trau' ich mich nicht zu
+trinken.
+
+Lulu und Fanfu (streng). Du mußt.
+
+Simplizius (fällt auf die Knie). O, meine lieben Kinderln, seid nur
+nicht bös', ich will ja alles tun aus Dankbarkeit. Ich sauf' wegen
+meiner das ganze rote Meer aus, und das schwarze auch dazu.
+
+Lulu (reicht ihm eine Muschel voll Wasser). Trink, es scheint nur
+rot zu sein, es ist doch reiner als Kristall.
+
+Simplizius. So gib nur her.
+
+Fanfu. Er trinkt, nun wird er blutdurstig werden.
+
+Simplizius (zittert mit der Muschel). Ich zittr' wie ein
+hundertjähriger Greis. (Trinkt.) Ah, das ist ein hitziges Getränk,
+wie ein Vanili Rosoglio. (Rollt die Augen.) Was geht denn mit mir
+vor? Potz Himmel tausend Schwerenot!
+
+Lulu (zu Fanfu). Siehst du, es wirkt, er wird gleich eine andere
+Sprache führen. (Beide nähern sich ihm sanft.) Was ist dir, lieber
+Zitternadel?
+
+Simplizius (wild). Still, nichts reden auf mich, Ihr Bagatellen!
+Ich begreif' nicht, was das ist, ich krieg' einen Zorn wie ein
+kalekutischer Hahn, und weiß nicht wegen was. Wenn ich ihn nur an
+jemand auslassen könnt'. Bringt mir einen Stock, ich wichs' mich
+selbst herum.
+
+(Die Genien lachen heimlich.)
+
+Simplizius. Ja, was ist denn das? Ihr seid ja zwei gottlose Buben
+übereinander, ihr seid ja in die Haut nichts nutz, euch soll man ja
+haun, so oft man euch anschaut. Das seh' ich jetzt erst.
+
+Die Genien (nahen sich bittend). Aber lieber Zitternadel!
+
+Simplizius (reißt einen Baumast ab). Kommt mir nicht in meine Näh',
+oder ich massakrier' euch alle zwei.
+
+Lulu. So hör' uns doch; du mußt nach Kallidalos fliegen, dort
+findest du den Dichter, deinen Freund.
+
+Simplizius. Nu, der soll mir traun, den hau' ich in Jamben, daß die
+Füß' herumkugeln. Jetzt macht fort und schafft mir ein kolerisches
+Pferd, daß ich durch die Luft reiten kann!
+
+Lulu. Ein kolerisches Pferd? das wirft dich ja herab.
+
+Simplizius. So bringt's mir einen Auerstier, der wirft mich wieder
+hinauf.
+
+Lulu. Nu, wie du willst. (Er winkt, ein geflügelter Auerstier
+erscheint in den Wolken.) Ist schon da.
+
+Simplizius. Ha, da ist mein Araber. Jetzt wird galoppiert. Setzt
+euch hinauf, auf die zwei Hörndl.
+
+Lulu. Ah, wir getrauen uns nicht. Reit nur voraus, wir kommen dir
+schon nach. (Laufen ab.)
+
+Simplizius. Ha, feige Brut! (Steigt auf). Da bin ich ein andrer
+Kerl. Jetzt kann mir 's Rindfleisch nicht ausgehn, ich bin versorgt.
+ Hotto, Schimmel! Das versteht er nicht.--Bruaho! (Der Stier fliegt
+ab.) Jetzt geht's los.
+
+
+
+Vierte Szene.
+Tiefere Felsengegend, in der Ferne Wald, auf der Seite eine
+Waldhütte. In der Mitte steht Phalarius mit einem goldenen
+Wurfspieß bewaffnet, vor ihm liegt ein Löwe und zittert.
+
+
+Phalarius. Was zitterst du entnervt, verachtungswürd'ger Leu,
+Und beugst den Nacken feig vor meiner Krone Glanz?
+Mich ekelt Demut an, weil ich den Kampf nicht scheu',
+Nie schände meine Stirn solch welker Siegeskranz.
+Wofür hat Jupiter so reichlich dich begabt?
+Wozu ward dir die Mähn', das Sinnbild hoher Kraft?
+Der stolze Gliederbau, an dem das Aug' sich labt?
+Das drohende Gebiß, vor dem Gewalt erschlafft?
+Der Donner des Gebrülls, der Panzer deiner Haut?
+Erhieltst du all die Macht, um mächt'ger zu erbeben?
+Schäm' dich, Natur, die du ihm solchen Thron erbaut,
+Da liegt dein Herrscher nun und zittert für sein Leben.
+ (Heftiger)
+Du hast mit Schlangen, Luchs und Panthertier gestritten;
+So reg' dich doch und droh' auch mir mit mächt'ger Klau'.
+Du edelmüt'ges Tier, so laß dich doch erbitten,
+Verteid'ge dich, damit ich Widerstand erschau'.
+Wie kann ein König noch zu einem andern sprechen.
+Mach' mich nicht rasend, denk', du bist zum Streit geboren.
+Doch nicht? Wohlan! So will ich euch, ihr Götter, rächen.
+Er ehrt sein Dasein nicht, drum sei's für ihn verloren.
+ (Er tötet ihn, stößt ins Horn, Jäger erscheinen und beugen sich
+erschrocken.)
+Bringt mir den Löwen fort, ich kann ihn nicht mehr sehen.
+ (Der Löwe wird fortgebracht, er steht nachdenkend mit
+verschlungenen Armen.)
+Wozu nützt mir Gewalt, wenn sie mich so erhebt?
+Könnt' ich die Erde leicht gleich einer Spindel drehen,
+Es wäre kein Triumph, weil sie nicht widerstrebt.
+Aspasia tot, durch meiner Krone Dolch entseelt.
+Abscheul'che Hölle, so erfüllst du mein Begehren?
+Wer war noch glücklich je, dem Liebe hat gefehlt?
+Die größte Lust ist Ruhm, doch Lieb' kann sie vermehren,
+Doch meine Lieb' heißt Tod, wer mich umarmt, erblaßt.
+Unsel'ges Diadem, daß du mein Aug' entzücktest,
+Tief quälendes Geschenk, schon wirst du mir verhaßt,
+Ich war noch glücklicher, als du mich nicht beglücktest!
+Äol, der oft die Majestät der Eichen bricht,
+Und so am Haupt des Walds zum Kronenräuber wird,
+Sag'! warum sendest du die geile Windsbraut nicht,
+Daß sie die Kron' als glühnden Bräutigam entführt?
+ (Die Jäger kommen zurück, er setzt sich auf einen Fels.)
+Ich wünschte mich mit etwas Traubensaft zu laben,
+Der eigennütz'ge Leib will auch befriedigt sein.
+
+Erster Jäger. Den kannst du, hoher Fürst, aus jener Hütte haben,
+ (Klopft an)
+He, Alter, komm heraus und bringe Wein.
+
+Phalarius. Wer ist der Mann, der hier so tief im Walde wohnt?
+
+Erster Jäger. Ein Feldherr war er einst, nun lebt er als ein Bauer.
+
+Phalarius. Welche Erniedrigung, wer hat so schimpflich ihn belohnt?
+
+
+
+Fünfte Szene.
+Vorige. Der alte Octavian fröhlich aus der Hütte, einen Becher Wein
+tragend.
+
+
+Octavian. Komm schon, ein froh Gemüt ist immer auf der Lauer.
+ (Erblickt die Krone und sinkt nieder.)
+Ha, welch ein Blick umschlängelt feurig meine Augen?.
+Es krachet mein Gebein und sinket in den Staub.
+
+Phalarius. Laß sehen, ob dein Wein wird meinem Durste taugen.
+ (Will trinken.)
+Doch sag', warum verbirgst du dich so tief im Laub?
+
+Octavian. Gewähr', daß ich den Blick von deiner Krone wende,
+Wenn du willst Wahrheit hören, und sie dein Ohr erfreut.
+
+Phalarius. Ich hasse den Betrug, steh auf und sprich behende.
+
+Octavian (steht auf, doch ohne Phalarius anzusehen--fröhlich).
+Mich freut der grüne Wald, beglückt die Einsamkeit,
+Ich hab' sie selbst gewählt, lieb' sie wie einen Sohn.
+Ich bin nicht unbeweibt, mein Herz schlägt lebenswarm,
+Glüh' für mein Vaterland, sprech' seinen Feinden Hohn,
+Und wenn es mein bedarf, weih' ich ihm Kopf und Arm,
+Sonst bau' ich froh mein Feld, ein zweiter Cincinnat.
+
+Phalarius. Ein kluger Lebensplan, wenn du bloß Landmann wärst,
+Dann bau' nur deine Flur, so dienst du treu dem Staat.
+Als Feldherr hoff' ich, daß zu herrschen du begehrst.
+
+Octavian. Ich herrsche ja, wer sagt, daß ich nur Diener bin?
+Weißt du denn nicht, daß jedes Ding der Welt ein Herrscher ist?
+Die Götter herrschen im Olymp mit hohem Sinn,
+Auf Erden Könige, so weit ihr Land nur mißt,
+Der ganze Staat, wie es Gesetz und Fürst befiehlt,
+Ein jeder dient und hat doch auch sein klein Gebiet.
+Und so wird eines jeden Dieners Lust gestillt.
+Der Sänger herrscht durch edlen Geist in seinem Lied,
+Der Liebende in der Geliebten schwachem Herzen;
+Der Vater wacht im Haus für seiner Kinder Heil;
+Der Arzt beherrscht der Krankheit widerspenst'ge Schmerzen;
+Der Fischer seinen Kahn, der Jäger seinen Pfeil;
+Kurz, jeder hat ein Reich, wo seine Krone blitzt,
+Der Sklave selbst an Algiers Strand, der ärmste Mann,
+Der auf der Erde nichts als seine Qual besitzt,
+Hat einen Thron, weil er sich selbst beherrschen kann.
+
+Phalarius (der während der Rede mit Erstaunen gekämpft, schleudert
+den Becher fort).
+Genug, ich trinke nicht den wortvergällten Wein,
+Nicht Labung reichst du mir, du tränkest mich mit Gift,
+Du wärst vergnügt und herrschest nicht? Es kann nicht sein!
+
+Octavian. Das bin ich, Herr, selbst dann, wenn mich dein Zorn auch
+trifft.
+
+Phalarius. Unmöglich, widerruf, daß du dich glücklich fühlst,
+Es gibt bei solcher Kraft nicht solchen Seelenfrieden,
+Du weißt nicht, wie du tief mein Inneres durchwühlst.
+O Götter, welche Pein erlebe ich hienieden,
+Daß ich nicht froh sein kann und Frohsinn schauen muß.
+Gesteh, du bist kein Held, warst nie auf Ruhm gebettet,
+Du warst nie Feldherr, nein, regiertest stets den Pflug.
+
+Octavian. Ein Knabe warst du kaum, als ich das Reich errettet.
+Ich bin Octavian.
+
+Phalarius. Der einst die Perser schlug?
+
+Octavian. So ist's.
+
+Phalarius (entsetzt, wie aus einem Traum erwachend, aufschreiend).
+ Aus meinem Land, verhaßtes Meteor!
+Daß meines Ruhmes Licht vor deinem nicht erlischt.
+Du kömmst mir wie ein list'ger Rachedämon vor,
+Der aus der Rose Schoß als gift'ge Schlange zischt.
+Entfleuch, du bist verbannt, gehörst dem Land nicht an.
+Dein Glück ist Heuchelei, es kann sich nicht bewähren,
+Hinweg aus meinem Reich mit solch verrücktem Wahn,
+Du darfst nicht glücklich sein, sonst müßt' ich dich verehren.
+
+(Ab, die Jäger folgen scheu.)
+
+
+
+Sechste Szene.
+
+
+Octavian (allein).
+Da geht er hin, unglücklicher als der, den er verjagt.
+Du bist verbannt, wie leicht sich doch die Worte sprechen;
+So fröhlich erst, und nun so bitter zu beklagen,
+Doch nein, ich bin ein Mann, du sollst mein Herz nicht brechen.
+
+(In die Hütte ab.)
+
+
+
+Siebente Szene.
+Romantische Gegend auf Kallidalos. Auf der einen Seite Häuser, auf
+der anderen Wald. Lucina und Ewald, die Krone auf dem Haupte,
+treten auf.
+
+
+Lucina. Du bist hier aus der kallidal'schen Insel, erhole dich von
+deinem Schreck.
+
+Ewald. Vergib, daß meine Nerven ängstlich zucken, noch ist die
+Greuelszene nicht aus meinem Hirn entwichen, und nimmer möcht' ich
+solchen Anblick mehr erleben.
+
+Lucina. Hier wirst du leichteren Kampf bestehn, mein armer König
+ohne Reich. Nun horch' auf mich: Auf dieser Insel herrscht die
+feine Sitte, daß sich der König und die Edelsten des Volkes am
+ersten Frühlingstag im Tempel dort versammeln; von allen Mädchen
+dieses Reichs, die zart geputzt dem königlichen Aug' sich zeigen,
+ernennet er die Schönste als des Festes Herrscherin und schmückt
+das wunderholde Haupt mit einer Rosenkrone. Dann wählet er aus
+rüst'ger Jünglingsschar den Tapfersten, der sich nicht weigern darf,
+und schenkt ihm ihre Hand, nachdem er ihn zuvor zu einem Amt
+erhebt. Das Brautpaar wird sogleich an Cyprias Altar vermählt; so
+endet sich das Fest und dieses Tages Jubel. Du sorgst, daß dieser
+Preis auf einem Haupte ruht, das sechzig Jahre schon des Lebens
+Müh' getragen. Doch dürfen es nicht Rosen zieren, ein Myrtendiadem
+muß auf der Stirne prangen, durch Weiber aufgedrückt, die neidisch
+nach der Krone blicken, nach der sie selbst vergebens ringen.
+Wodurch du dies bezweckst, wirst du wohl leicht erraten, die deine
+leg' nun ab, ich will sie selbst verwahren. (Ewald kniet sich
+nieder, zwei Genien erscheinen aus der Versenkung, sie nimmt ihm
+die Krone ab.) Sie ziemt nicht deiner Stirn. (Gibt die Krone den
+Genien.) Bewahrt sie wohl, beherrscht sie auch kein Reich, wird sie
+doch viele Reiche retten. (Die Genien versinken damit.) Hast du nun
+einen Wunsch, so sprich ihn aus!
+
+Ewald. Ob mein Begleiter lebt, dies wünsch' ich wohl zu wissen,
+auch seiner Sendung Zweck ist mir ein Rätsel noch.
+
+Lucina. Er lebt. Wozu ich ihn bestimmt, wird sich noch heut
+enthüllen, bald siehst du ihn, doch magst du nicht ob der
+Verändrung staunen, die sein Gemüt erlitten hat, sie währet nur so
+lang bis so viel Blut durch seine Hand entströmt, als Wasser er aus
+meinem Zaubersee getrunken.
+
+Ewald. Wie, einen Mörder werde ich in ihm erblicken?
+
+Lucina. Sei ruhig nur, ich lenke seinen Arm, befolge du nur mein
+Geheiß und fordre dann den Lohn. Für alles andre laß die hohen
+Götter sorgen, die oft durch weise Wahl gemeine Mittel adeln, daß
+sie zu hohen Zwecken dienen. (Ab.)
+
+
+
+Achte Szene.
+
+
+Ewald (allein). Dies scheinen mir die letzten Häuser einer großen
+Stadt zu sein. Ich will an eine dieser Pforten pochen, vielleicht
+erscheint ein altes Weib, deren Geschwätzigkeit mir schnellen
+Aufschluß gibt, und das ich gleich zu meinem Plan verwenden kann.
+(Er klopft an die Tür des ersten Hauses.)
+
+Atritia (sieht zum Fenster heraus). Wer pocht so ungestüm? Weißt du
+noch nicht, daß dieses Tor sich keinem Manne öffnet.
+
+Ewald (für sich). Himmel, welch ein liebenswürdiger Mädchenkopf.
+
+Atritia. Dein Staunen ist umsonst.
+
+Ewald (für sich). Sanftmut lauscht in ihrem Auge--
+
+Atritia. Täusche dich nicht.
+
+Ewald (für sich). Und zeigt den Weg zu ihrem Herzen.
+
+Atritia. Es ist zu fest verschlossen.
+
+Ewald (für sich). Ich muß mein Glück benützen.
+
+Atritia. Du kommst mir nicht herein, das sag' ich dir.
+
+Ewald. Schönes Mädchen, eröffne doch die Pforte, ich will so leise
+über ihre Schwelle gleiten, als schlich' ein Seufzer über deine
+süßen Lippen.
+
+Atritia. Er ist ein feiner Mann und hat mich süß genannt, nun kann
+ich ihm denn doch nichts Bittres sagen. Gern ließ' ich dich herein,
+doch darf ich nicht.
+
+Ewald. Wer hat es dir verboten?
+
+Atritia. Meine Muhme, sie sagt; du lassest keinen Mann mir über
+diese Schwelle treten. Es ist ein hart Gebot, doch muß ich es
+befolgen, sonst würd' ich gern in deiner Nähe sein, denn du
+gefällst mir wohl.
+
+Ewald. Nun gut, so komm zu mir heraus. Hat sie dir denn gesagt, du
+darfst zu keinem Manne über diese Schwelle treten?
+
+Atritia (unschuldig). Das hat sie nicht gesagt. Jetzt bin ich schon
+zufrieden und komm zu dir hinaus.
+
+
+
+Neunte Szene.
+Ewald und Atritia.
+
+
+Ewald. Noch nie hat mich der Anblick eines Mädchens so entzückt.
+
+Atritia (hüpft heraus). Also hier bin ich, was hast du zu fragen?
+
+Ewald. Ob du mich liebst?
+
+Atritia. Wie kann ich dich denn lieben, ich weiß ja noch nicht, ob
+du liebenswürdig bist.
+
+Ewald. Ja, wenn ich dir das erst erklären soll, dann hast du mir
+die Antwort schon gegeben.
+
+Atritia. Bist du vor allem treu? Bekleidest du ein Amt? Bist du
+vielleicht ein Held? So geh hinaus und kämpfe mit dem Eber, und
+hast du ihn erlegt, so kehr' zurück und wirb um meine Hand.
+
+Ewald. Ein Eber ist hier zu bekämpfen?
+
+Atritia. Ein mächtig großer noch dazu. So groß fast wie ein Haus,
+so hat mir meine Angst ihn wenigstens gemalt.
+
+Ewald. Hast du ihn schon gesehn?
+
+Atritia. Ei freilich wohl, er nähert sich der Stadt, verwüstet alle
+Fluren und hat ein Mädchen erst zerrissen, das heute als die
+Schönste wär' gewiß erwählt worden.
+
+Ewald. Ist heut dieses Fest?
+
+Atritia. Ja, heute soll es sein, der Tempel ist schon reich
+geschmückt, und alle Mädchen dort versammelt, doch als der König
+eben sich dahin begeben wollte, im feierlichen Zug der Krieger, da
+kam die Nachricht schnell, daß sich der Eber zeigt und auf den
+Feldern wütet. Da ließ der König alles, was nur Waffen trug, zum
+blut'gen Kampfe gegen den Eber ziehn. Drum findest du die Straßen
+leer.
+
+Ewald. Dann ist die höchste Zeit, daß ich zu Werke schreite. Ich
+bin ein Mann von Ehre und deiner Liebe wert, doch sag' mir, holdes
+Kind, wo find' ich wohl ein altes Weib mit sechzig Jahren, das noch
+so eitel ist, daß sie für schön sich hält?
+
+Atritia. Wo finde ich sie nicht, so solltest du mich fragen, die
+gibt's wohl überall, das hab' ich oft gelesen. Obwohl die Frage
+nicht sehr artig ist, so wirst du gar nicht lange suchen dürfen,
+wenn du noch eine Weile mit mir sprichst, denn meine Muhme wird
+bald nach Hause kommen und dich von ihrer Tür verjagen.
+
+Ewald. Ist sie so böse?
+
+Atritia. Leider ja. Als meine Mutter starb, ward ich ihr übergeben
+und vieles Geld dazu. Sie mußte mich erziehen, das tat sie auch,
+doch von dem Gold, was ihr die Mutter hat für mich zum Heiratsgut
+vertraut, da will sie gar nichts wissen. Sie schlägt mich auch,
+wenn sie oft Langeweile hat, erst gestern noch, weil ich mich zu
+dem Feste schmücken wollte, das gab sie denn nicht zu, sie sagt,
+mich braucht kein Mann zu sehen. Das hat mich sehr geschmerzt, ich
+wünsche mir doch einen Mann, und wie soll mich denn einer frein,
+wenn mich nie einer sieht?
+
+Ewald. Da sprichst du wahr, doch einer hat dich ja gesehn.
+
+Atritia. Und das bist du. Doch wann wirst du mich wiedersehn?
+
+Ewald. Ist es dein Wunsch?
+
+Atritia. Ei frag' doch nicht, glaubst du, ich wär' zu dir
+herabgekommen, wenn du mir nicht gefallen hättest, du stündst noch
+lange vor der verschloßnen Tür, wenn du durch deinen Blick mein
+Herz nicht früher aufgeschlossen hättest. Doch jetzt leb' wohl und
+denk' darum nicht arg von mir, weil ich dir sag', daß ich dich
+liebenswürdig finde. Dafür werd' ich's auch keinem andern sagen
+mehr, und hab' es keinem noch gesagt.
+
+Ewald. Bezauberndes Geschöpf, willst du mich schon verlassen?
+
+Atritia. Ich muß, such' deine Alte nur, hörst du, und hast du sie
+gefunden (droht schalkhaft mit dem Finger), vergiß nicht auf die
+Junge! (Läuft ins Haus.)
+
+
+
+Zehnte Szene.
+Ewald allein, dann Simplizius.
+
+
+Ewald. Da läuft sie hin; Lucina, wenn ich Lohn von dir begehr', so
+ist es dieses Mädchens reizender Besitz.
+
+Simplizius (ruft in der Luft). Bruaho!
+
+Ewald. Wer galoppiert da durch die Luft? Das ist Simplizius auf
+einem Stier!
+
+Simplizius (sinkt nieder). Halt' Er an! (Steigt ab.) So, da sind
+wir alle zwei. Nur wieder nach Hause ins Bureau! (Der Stier fliegt
+fort, Simplizius ruft nach.) Meine Empfehlung an die andern.
+
+Ewald. Simplizius, wo nehmen Sie den Mut her, sich so durch die
+Lust zu wagen?
+
+Simplizius. Geht Ihnen das was an? Haben Sie sich darum zu
+bekümmern? Kann ich nicht reiten, auf was ich will? Glauben Sie,
+weil Sie vielleicht auf einer flanellenen Schlafhauben
+herübergeritten sind, so soll ich meine Herkulesnatur verleugnen?
+Ah, da hat es Zeit bei den Preußen!
+
+Ewald. Aber mit welchem Rechte?
+
+Simplizius. Was, mit mir reden Sie von einem Recht, da kommen Sie
+an den Unrechten. Recht? Wollen Sie vielleicht einen Prozeß
+anfangen? Glauben Sie, ich bin ein Rechtsgelehrter, der sich links
+hinüber drehen läßt? Da irren Sie sich!
+
+Ewald. Welch ein Betragen!
+
+Simplizius. Was Betragen, wer wird sich gegen Sie betragen? Ich
+betrag' mich gar nicht, um keinen Preis.
+
+Ewald (verächtlich). Gemeiner Wicht.
+
+Simplizius. Keine Beleidigung, junger Mensch, wenn ich nicht
+vergessen soll, wer ich bin.
+
+Ewald (lacht heftig). Das ist zum Totschießen.
+
+Simplizius. Vom Totschießen reden Sie? Wollen Sie sich duellieren
+mit mir auf congrevische Raketen, oder sind Ihnen die vielleicht zu
+klein, so nehmen wir ein jeder ein Haus und werfen wir's einer dem
+andern zum Kopf, damit die Sach' ein Gewicht hat. Wollen Sie?
+
+Ewald. Beim Himmel, wenn mich Lucina nicht gewarnt hätte, ich müßte
+ihn züchtigen.
+
+Simplizius. Züchtigen? Ha, beim--wie heißt der Kerl?--Ha, beim Zeus,
+jetzt gibt's Prügel. (bricht mit dem Fuß einen Baumast entzwei und
+gibt ihm die Hälfte.) Nehmen Sie einen, die andern kommen nach.
+
+Ewald. Was wollen Sie?
+
+Simplizius. Satisfaktion will ich, Reimschmied! (Packt ihn an der
+Brust.)
+
+Ewald. Welch eine Kraft! Lassen Sie mich los, Sie wütender Mensch.
+(Entspringt.)
+
+
+
+Elfte Szene.
+
+
+Simplizius (allein). Wart', du kommst mir schon unter die Händ'. Es
+ist erschrecklich, ich kann mir nicht helfen, wie ich nur einen
+Menschen seh', so möcht ich ihn schon in der Mitt' voneinander
+reißen. Wenn ich nur einen Degen hätt' oder ein Stiffilett, oder
+wenn ich wo unter der Hand billige Kanonen zu kaufen bekäm', ich
+erschießet die ganze Stadt und die Vorstädt' auch dazu. Da kommen
+einige, die sollen sich freun.
+
+
+
+Zwölfte Szene.
+Simplizius. Olinar und Astrachan.
+
+
+Olinar (ein fetter Mann). Wer lärmt denn hier so auf der Straße?
+Das ist ja ein ganz fremder Mensch.
+
+Simplizius. Die Flachsen zieht's mir ordentlich z'sammen, wenn
+einer redt auf mich.
+
+Olinar. Der sieht ja wie ein Straßenräuber aus, der Kerl hat nichts
+Gutes im Sinn.
+
+Simplizius. Ich muß mich noch zurückhalten, bis ich Waffen hab'.
+Ich werd' mir's erst sondiern.
+
+Astrachan (rauh). Was tobst du an diesem feierlichen Tag? Pack'
+dich von hier, du kecker Bursche.
+
+Simplizius (lauernd). Wie reden Sie mit mir? Ich frag' Sie nicht
+umsonst.
+
+Astrachan. Das brauchst du nicht, weil ich die Antwort dir nicht
+schuldig bleiben und sie auf deinen Rücken legen werde.
+
+Simplizius (erstaunt). So, nur gleich? (Für sich.) Ist schon gut
+unterdessen. Der wird schon um'bracht, das ist der erste, den ich
+expedier'. Ich muß mir nur einen Knopf ins Schnupftuch machen,
+damit ich's nicht vergess'. (Tut es.)
+
+Astrachan. Hast du's gehört, du sollst die Straße reinigen. Mach'
+dich fort.
+
+Simplizius. Ich soll die Straße hier reinigen? Er muß mich für
+einen Gassenkehrer halten. Das hat mir niemand zu befehlen, ich
+bleib' hier. (Setzt sich auf einen Stein.) Und wer nur einen Laut
+von sich gibt--
+
+Astrachan (will auf ihn zu). Was?
+
+Olinar (hält ihn furchtsam zurück). Behutsam, Freund, er hat ja
+einen Prügel in der Hand.
+
+Astrachan. Was kümmert's mich, du wirst dich doch nicht fürchten?
+
+Olinar. Ei bewahre.
+
+Astrachan. Schäme dich als eine Gerichtsperson. Gleich geh hin und
+beweise deinen Mut.
+
+Olinar (zittert). Wer? Wer, ich? Ja, was soll ich denn tun?
+
+Astrachan. Ihn von hinnen jagen.
+
+Olinar. Ja, wenn er sich nur jagen läßt, aber du wirst sehn--
+
+Astrachan. Red' ihn scharf an.
+
+Olinar. Hochzuverehrender Freund!
+
+Simplizius (springt zornig auf). Was gibt's?
+
+Olinar (erschrickt heftig). Da hast du's jetzt, ich hab's ja gleich
+gesagt.
+
+Simplizius. Was will der Herr?
+
+Astrachan (der Olinar hält). Mut, Mut, ich helfe dir schon.
+
+Olinar. Ja, laß mich nur nicht stecken. (Nimmt sich zusammen, laut.)
+Er ungezogner Mensch!
+
+Astrachan. Nur zu, so ist's schon recht.
+
+Olinar. Wenn Er's noch einmal wagt, in einem solchen Tone zu
+sprechen--
+
+Astrachan (freudig). Vortrefflich! Siehst du, wie er zittert?
+
+Olinar. Du irrst dich, Freund, das bin ja ich. (Zu Simplizius.) So
+werd' ich Ihm--(Zu Astrachan.) Ja, was werd' ich geschwind?
+
+Astrachan (heimlich). Die Kehle schnüren, daß Er an mich denken
+soll.
+
+Olinar. Die Kehle schnüren, daß Er an mich denken soll! (Wischt
+sich den Schweiß ab.) Ha, das war viel gewagt.
+
+Simplizius. Die Kehle schnüren? Das ist ein Schnürmacher. Nu, den
+können wir auch mitnehmen. (Macht einen Knopf.) Detto! (Macht die
+Bewegung des Erdolchens.)
+
+Astrachan. Du hast dich gut gehalten, jetzt laß mich reden. Hör',
+Kerl, wenn du jetzt nicht augenblicklich gehst und dich in unserer
+Stadt noch einmal blicken lassest, so wirst du sehen, was unsere
+Gerechtigkeit an einem solchen Lumpenhund für ein Exempel statuiert.
+
+
+Simplizius. Ah, das ist ein hantiger. Der muß viermal nacheinander
+sterben.
+
+Astrachan. Ha, gut, dort kommen Abukar und Nimelot.
+
+Olinar. Das sind zwei verwegene Bursche.
+
+Simplizius. Verwegene Bursche? Da mach' ich gleich im voraus Knöpf'.
+(Macht sie.)
+
+
+
+Dreizehnte Szene.
+Vorige. Abukar und Nimelot, bewaffnet.
+
+
+Abukar. Was hast du, Astrachan? Du lärmst ja ganz entsetzlich.
+
+Astrachan. Wir haben unsern Spaß mit diesem Burschen da, das ist
+der dreisteste Kerl, den ich noch gesehen habe.
+
+Olinar (keck). Ja, ja, das ist ein abgefeimter Schurke. (Für sich.)
+Jetzt sind wir unser vier, jetzt soll er mir nur trauen.
+
+Simplizius. Ich hör' ihnen nur so zu, auf einmal geh' ich los.
+
+Abukar und Nimelot (stellen sich neben Simplizius und klopfen ihn
+auf die Schulter und lachen.)
+
+Abukar. Hahaha, der sieht ja wie ein Orang-Utan aus.
+
+Nimelot (lachend). Die aufgeschlitzte Nase und der breite Mund!
+
+Simplizius. Bravo, nur zu, sind schon vorgemerkt. (Deutet auf sein
+Tuch.) Werden schon Exekution halten, bleibt nicht aus.
+
+(Alle lachen.)
+
+Abukar. Seht ihn nur an, das ist ja die einfältigste Miene, die mir
+noch vorgekommen ist.
+
+Simplizius. Ah, jetzt muß ich doch Rebell schlagen. (Laut.) Was
+glauben denn Sie so? Glauben Sie, ich bin Ihr Narr, daß Sie sich
+über meine Physiognomie lustig machen. Was fehlt denn meinem
+Gesicht? Die Häßlichkeit vielleicht? Die ist nirgends mehr zu
+finden, weil Sie s' alle auf den Ihrigen haben.
+
+Alle (lachen). Ein drolliger Kerl!
+
+Simplizius. Nu, da haben wir's, nicht einmal ordentlich lachen
+können s' mit dem G'sicht, da lach' ich mit dem linken Ellbogen
+besser, als die mit dem Maul. Sagen Sie mir, wer hat Ihnen denn die
+Beleidigung angetan, Ihnen eine solche Physiognomie aufz'binden?
+Die Natur vielleicht? Die setz' ich ab, wenn sie mir noch einmal
+solche G'sichter macht, das sind Keckheiten von ihr, ich brauch'
+sie nicht, wenn sie so schleuderisch arbeitet. Was brauchen wir
+eine Natur, die Welt ist lang genug unnatürlich g'wesen, sie kann's
+noch sein.
+
+Abukar. Der Bursche muß Hofnarr werden, der macht mich schrecklich
+lachen.
+
+Simplizius. Hofnarr? Das ist eine Beleidigung! Satisfaktion!
+
+Olinar. Er hat Mut wie ein Löwe.
+
+Simplizius. Löwe? Das ist gar eine viechische Beleidigung. Doppelte
+Satisfaktion!
+
+Astrachan. Der Kerl ist über einen Spartaner.
+
+Simplizius. Spartaner? Das wird wieder ein andres Vieh sein. Ich
+kenn' mich gar nicht mehr vor Zorn. Heraus, wer Mut hat, einen muß
+ich spießen. (Faßt Olinar.) Was ist's mit Ihnen, wollen Sie sich
+mit mir schlagen oder wollen Sie sich schlagen lassen?
+
+Olinar. Hilfe! Hilfe!
+
+Abukar (packt Simplizius am Genick und beutelt ihn). Nun hast du
+Zeit, Bube.
+
+Astrachan. Ins Gefängnis, fort mit ihm.
+
+Simplizius (reißt dem Olinar den Säbel aus der Scheide). Jetzt
+reißt mir die Geduld. (Haut auf Abukar ein, der ihm die Lanze
+entgegen hält, welche er ihm aus der Hand schlägt.) Ihr verdammten
+Kallidalier! Jetzt wird's Leben wohlfeil werden. (Er kämpft mit
+allen und jagt sie in die Flucht, einige verlieren ihre Waffen,
+einer den Helm.)
+
+Olinar (im Ablaufen). Ich hab's voraus gesagt, ihr Götter, seid uns
+gnädig.
+
+
+
+Vierzehnte Szene.
+Simplizius (allein). Ha, Pompei ist erobert, Sieg über die Kalmuken!
+Da gibt's Waffen. (Er setzt sich den Helm auf.) Her da mit dem
+Helm! (Nimmt das Schwert, steckt es in die Binde und hebt den Spieß
+auf.) Das ganze Zeughaus häng' ich um. So, jetzt ist der Stefan
+Fädinger fertig. Rache, Rache! Alles muß bluten. Einen Haß hab' ich,
+ich glaub', es dürft' mich einer spießen, mir war's nicht möglich,
+ihn zu küssen. Die ganze Welt ist mir zuwider.
+
+
+Lied.
+Wenn s' mir die Welt zu kaufen geb'n,
+Ich weiß nicht, ob ich's nimm;
+Da könnt man ein' Verdruß erleb'n,
+Es würd' ein' völlig schlimm.
+Und ließ' man's wieder lizitier'n,
+Was könnt' man da viel profitier'n?
+Vors erste ist s' ein alt's Gebäu',
+Wer weiß, wie lang s' noch steht,
+Das sieht man an Massana glei',
+Daß s' sicher untergeht.
+Und fällt ein' so a Welt ins Meer,
+Wo nimmt man g'schwind a andre her?
+
+Die Völker steh'n mir auch nicht an,
+D' Kalmuken, d' Hugenotten,
+Und wen ich gar nicht leiden kann,
+Das sind die Hottentotten.
+Da möcht' ich grad' vor Wut vergeh'n,
+Und ich hab' nicht einmal ein' g'seh'n.
+
+Auch ist's ein Elend mit den Tier'n,
+A' bloße Fopperei,
+Was kriechen s' denn auf allen vier'n,
+Ich geh' ja auch auf zwei.
+Die meisten können uns nur quäl'n,
+Am liebsten sind mir die Sardell'n.
+
+Die Sonn', die ist schon lang mein Tod
+Mit ihrer öden Pracht,
+Der Mondschein macht sich's gar kommod,
+Der scheint nur bei der Nacht;
+Und dann die miserablen Stern',
+Die weiß man gar nicht, zu was s' g'hör'n.
+
+Kurzum, ich hass' die ganze Welt,
+Im Sommer wie im Winter,
+Mir liegt sogar nichts an dem Geld,
+Es ist nicht viel dahinter.
+Ein einz'gen Menschen nur allein,
+ (Deutet auf sich.)
+Wüßt' ich--dem ich noch gut könnt' sein.
+ (Ab.)
+
+
+
+
+
+Fünfzehnte Szene.
+Ewald und Aloe.
+
+
+Aloe (muß von einer jugendlichen Schauspielerin dargestellt werden
+mit grauen Haaren; sie hat den Kopf in ein Tuch gewickelt, wie eine
+griechische Matrone, und geht etwas gebückt.) Nein, nein, mein
+lieber schmucker Herr, das geht nicht so geschwinde, das Mädchen
+ist zu jung, sie braucht noch keinen Freier. Ach, du keusche Göttin
+Diana, kaum bin ich eine Stunde aus dem Hause, um die tapferen
+Männer zu bewundern, so fängt das Mädchen Liebeshändel an. Wo habt
+Ihr denn das ungeratene Kind gesprochen?
+
+Ewald. Am Fenster sprach ich sie.
+
+Aloe. Seht doch, und glaubt Ihr denn, man heiratet bei uns die
+Mädchen gleich vom Fenster nur herunter, wie man Zitronen pflückt?
+Laßt Euch den Wunsch vergehen. Ich sehe fünfzig Jahre schon zum
+Fenster heraus und hab' mir keinen Mann erschaut, so lange kann sie
+auch noch warten. Ich kenn' Euch nicht einmal, wer seid Ihr denn?
+
+Ewald. Ein Fremdling bin ich.
+
+Aloe. Ei, das seh' ich, denn unsere Männer kenn' ich alle. Doch was
+besitzt Ihr in der Fremde?
+
+Ewald. Ein Gut, das mir kein Unfall rauben kann, ein treu Gemüt und
+kräftigen Verstand.
+
+Aloe. Wer sagt Euch, daß Verstand ein sichres Erbteil sei, wie
+könnt' es denn so viele Narren geben?
+
+Ewald. Und eine Kunst, die alle Künste übertrifft.
+
+Aloe. Vielleicht die Kunst, mich hinters Licht zu führen?
+
+Ewald. Im Gegenteil, ich möchte Eure Schönheit gern im höchsten
+Glanz erscheinen lassen.
+
+Aloe. Ich hör's nicht gern, wenn man von meinen Reizen spricht, es
+ist mir nicht mehr neu; Gewohnheit tötet unsre schönsten Freuden.
+Doch weiter nun, ach, mein Gedächtnis ist so schwach, wovon habt
+Ihr zuletzt gesprochen?
+
+Ewald. Von Eurer Schönheit war die Rede, ja.
+
+Aloe. Ja, ja, das war's, was ich nicht hören mochte. Ihr wolltet
+sie erhöhn?
+
+Ewald. Zum Venusrang, wenn Ihr mir Eurer Nichte Hand gelobt.
+
+Aloe. Was fällt Euch ein, Atritia ist ein unbemittelt Kind, um
+keinen Preis!
+
+Ewald. Auch nicht um den, den heut im Tempel dort der König reicht?
+
+Aloe (erschrocken). Seid Ihr von Sinnen? Bin ich erschrocken doch,
+als hätt' mich Amors Pfeil getroffen. Ich bin schon eine
+ausgeblühte Rose, die nicht im Frühlingsschein mehr glänzt.
+
+Ewald. Ich will durch meine Kunst Euch diesen Glanz verleihn. Vor
+allen Töchtern dieses Reichs sollt Ihr den Schönheitspreis erringen,
+ doch Eure Nichte ist dann mein, ich führ' sie mit mir fort.
+
+Aloe. Ihr könntet das, ein Sterblicher, bewirken, wofür ich mich
+dem Cerberus schon verschrieben hätte, wenn er's vermögen könnte?
+
+Ewald. Ich geb' Euch darauf mein Wort, und brech' ich es, braucht
+Ihr das Eure nicht zu halten.
+
+Aloe. Macht mich nicht wahnsinnig. Ihr wolltet Aloe verjüngen?
+
+Ewald. Warum denn nicht? Wenn Aloe, die Pflanze, mit hundert Jahren
+neue Blumen treibt, warum soll Aloe, das Weib, mit sechzig nicht
+erblühn?
+
+Aloe. Mit sechzig, ja, da habt Ihr recht, das ist die wahre
+Blütenzeit. Mir ist, als blüht' ich schon--fang' schon an zu duften.
+O Himmel, welch ein Glück, ich fühle mich schon jung, mich hindern
+bloß die Jahre.
+
+Ewald. So mäßigt Euch, es ist ja noch nicht Zeit. Erwartet mich im
+Haus, ich muß mich erst dem König zeigen. Geht nur hinein und sagt
+Atritien, daß sie mein Weib soll werden.
+
+Aloe. Ja, ja, Ihr sollt Atritien haben, ich schenke sie Euch. Ach,
+wenn ich eine Herde solcher Mädchen hätte, Ihr könntet alle sie
+nach Eurem Lande treiben. Nur fort damit, nur fort, die Schönste
+bleibt zurück. Die Schönste--eine Welt von Wonne liegt in diesem
+Namen. Und bin die Schönste ich, wird mir der schönste Mann. Der
+schönste Mann! Ach, wie viel Welten kommen da zusammen!--(Gegen das
+Haus.) Atritia, Atritia, wir kriegen beide Männer! O Götter, steht
+mir bei, das kostet den Verstand. (Eilt freudig ab.)
+
+
+
+Sechzehnte Szene.
+
+
+Ewald (allein).
+Wie fühlt ein Jüngling doppelt holder Liebe Wert,
+Wenn er das Alter den Verlust betrauern hört.
+
+Geschrei (von innen). Der Eber ist erlegt. Es leb' der große Held!
+
+Ewald. Der Eber ist erlegt, des Landes borst'ge Plage. Da kömmt
+Simplizius, und voll Angst. Ist seine Wut verdampft?
+
+
+
+Siebzehnte Szene.
+Voriger. Simplizius.
+
+
+Simplizius. Sind Sie da?
+
+Ewald. Was bringen Sie, Simplizius?
+
+Simplizius. Stellen Sie sich vor, ich hab' den Eber umgebracht.
+
+Ewald. Sie? Nicht möglich.
+
+Simplizius. Nun, sie sagen's alle.
+
+Ewald. Alle? Wer?
+
+Simplizius. Die Völkerschaften, die mir zugeschaut haben.
+
+Ewald. Das ist ja ein ungeheures Schwein.
+
+Simplizius. Versteht sich, ein größres als wir alle zwei.
+
+Ewald. Das haben Sie nicht allein erlegt, da muß Ihnen wer geholfen
+haben.
+
+Simplizius. Jetzt ist's recht, wenn einem einmal was g'rat, so
+sagen Sie, es muß einem einer g'holfen haben. Er hat ja nur einen
+Stich, das kann man ja doch gleich sehen.
+
+Ewald. Wie ging es aber zu?
+
+Simplizius. Ganz kurz, denn wer wird sich mit einem Eber in ein'n
+langen Diskurs einlassen? Sie wissen, daß heut große Jagd auf ihn
+veranstaltet war. Alles war versammelt drauß' beim grünen Baum, da
+kommt der Eber alle Tag' zum Frühstück hin. Alle Krieger waren voll
+Feuer, und in mir hat's gar schon gekocht. Aus einmal wird einer
+totenblaß und ruft: Der Eber kommt, jetzt rauft, rauft! Aber das
+Wort rauft muß in der hiesigen Sprach' eine andre Bedeutung haben
+und muß heißen lauft; denn kaum war das Wort heraus, so sind schon
+alle davong'loff'n. Kaum waren s' fort, wer kommt? Der Eber. Ich
+erseh' ihn kaum, so faßt mich eine Wut, ich stürz' mich auf ihn los
+und stich ihn auf der unrechten Seiten hinein und auf der rechten
+wieder heraus.
+
+Ewald. Unerhört, und wie er fiel, was dann?
+
+Simplizius. Dann bin ich auch davong'loff'n. Was weiter g'schehn
+ist, weiß ich nicht, vermutlich haben sie eine Schwein aufgehoben.
+
+Ewald. Also nach der Tat haben Sie den Mut verloren?
+
+Simplizius. Versteht sich, das ist ja eben das Großartige; vorher
+ist's keine Kunst. Kaum ist der Eber in seinem Blut dagelegen, ist
+er mir noch zwanzigmal größer vorg'kommen als vorher, so daß ich zu
+zittern ang'fangt hab', und hab' ihn nicht ansehn können mehr.
+Alles hat zwar g'schrien; Halt, verweil', du großer Held! Aber ich
+hab' mir gedacht, schreit ihr zu, solang ihr wollt, ich bin nicht
+der erste Held, der davon g'loff'n ist, und werd' auch nicht der
+letzte sein--und bin fort.
+
+Geschrei (von innen). Heil dem größten aller Helden!
+
+Simplizius. Hören S', sie schrein schon wieder. Gibt kein' Ruh',
+das Volk.
+
+Ewald. Simplizius, Sie werden reichen Lohn erhalten.
+
+Simplizius. Glauben S', daß was herausschaut? Ich werd' ihnen schon
+einen rechten Konto machen, was ich an Eberarbeit g'liefert hab'.
+Oder sie sollen mich nach dem Pfund bezahlen. Ich lass' ihn beim
+Wildbrethändler wägen, was er wägt, das wägt er. Punktum! (Aloe
+zeigt sich am Fenster.) Doch sagen Sie mir, wann werden wir denn
+einmal das Reich erretten, wenn immer etwas dazwischen kommt? Bald
+ein Erdbeben, bald ein Eber.
+
+Ewald. Dafür lassen Sie die Götter sorgen, wir gehorchen nur. Sehen
+Sie doch nach jenem Fenster.
+
+Simplizius. Ah, da schau' ich nicht hinauf.
+
+Ewald. Warum denn nicht?
+
+Simplizius. Weil eine Alte herausschaut.
+
+Ewald. Freund, das ist mein Ideal, die muß mir heut noch als die
+größte Schönheit glänzen.
+
+Simplizius. Die da? Nun, da dürfen S' schön politier'n, bis die zum
+glanzen anfangt.
+
+Ewald. Das wird der Zauberschein der Fackel tun. Der König muß den
+Preis ihr reichen; drum stellen Sie als Ihren Freund mich bei ihm
+vor, damit er mir Gehör verstattet. Sehen Sie nur, dort nahen sich
+die Krieger im feierlichen Marsch, man suchet Sie.
+
+Simplizius. Ah, sie sollen marschier'n, wohin sie wollen, ich
+brauch' sie nicht.
+
+
+
+Achtzehnte Szene.
+Vorige. Dardonius. Höflinge. Dazu Nimelot. Abukar. Astrachan.
+Olinar.
+
+
+Chor (der Krieger, welche aus die Bühne ziehen).
+
+Dank dem Helden, den die Götter
+Mit des Löwen Mut gestählt.
+Und den zu des Landes Retter,
+Gnädig waltend sie erwählt.
+
+(Sie bilden einen Kreis.)
+
+Dardonius (in freudiger Begeisterung). Wo, sagt, wo ist meines
+Landes wunderbarer Retter?
+
+Ein Höfling. Hier ist der edle Jüngling, hoher Fürst.
+
+Simplizius (für sich). Meint der mich?
+
+Olinar. Hat der den Eber erlegt?
+
+Abukar. Wer hatte das gedacht?
+
+Dardonius. Laß dich umarmen, Fremdling. (umarmt ihn.) Nimm des
+Königs Dank.
+
+Simplizius. Ich bitt' recht sehr, machen Sie kein solches Aufsehn,
+es ist ja gar nicht der Müh' wert, wegen der Kleinigkeit da, wegen
+dem bissel Eber.
+
+Dardonius. Also du hast dieses Ungetüm erlegt?
+
+Simplizius. So schmeichl' ich mir.
+
+Krieger. Wir waren alle Zeugen.
+
+Dardonius. Heldenmütiger Mann, sieh hier des Dankes Tränen in den
+Augen meines Volkes.
+
+(Die Höflinge weinen.)
+
+Simplizius. Jetzt weinen die gar wegen einem Schwein, das ist mir
+unbegreiflich.
+
+Dardonius. Götter, wie können in so schwach gebautem Körper solche
+Riesenkräfte wohnen?
+
+Simplizius. Ja, das ist eben das Hasardspiel der Natur, daß ein
+Elefant in einer Nuß logiert.
+
+Dardonius. Sprich, wie kann ich dich belohnen?
+
+Simplizius. Ja, ich müßt' da erst einen Überschlag machen, das
+dauert zu lang', ich überlass' das Ganze der Indiskretion Euer
+Majestät, wir werden kein' Richter brauchen.
+
+Dardonius (für sich). Dieses Mannes Ausdrücke versteh' ich nicht.
+(Laut.) Ihr Krieger, deren oft bewiesner Mut der Heldenstärke
+dieses Jünglings weichen muß, sagt selbst, verdient die Tat, daß
+sie ein Lorbeer lohnt?
+
+Alle. Ja, sie verdient es.
+
+Simplizius. Sapperment, ein'n Lorbeer geben s' mir gar dafür, da
+wär' mir schon eine Halbe Heuriger lieber.
+
+Dardonius. Wohlan, so schmücket ihn damit.
+
+(Die Krieger brechen einen Lorbeerzweig von den Bäumen und winden
+einen Kranz.)
+
+Simplizius. Sie, Freund--(zu Ewald) soll ich denn das Gestrauchwerk
+annehmen? Das ist ja nicht zwei Groschen wert.
+
+Ewald. Was für ein Gesträuch?
+
+Simplizius. Ein' Lorbeer wollen s' mir geben, da wär' mir ein
+Spenat noch lieber. Mir scheint, sie wollen mich prellen, was?
+
+Ewald. Was fällt Ihnen denn ein, ein Lorbeer ist die höchste
+Auszeichnung, nach der die größten Männer aller Zeiten je gerungen
+haben.
+
+Simplizius. Nach dem Lorbeer? Nun der muß schön herunter kommen
+sein, jetzt nehmen sie ihn schon gar zum Lungenbratl.
+
+Ewald. Lassen Sie sich doch belehren. Sie rauben ja der Menschheit
+ihren Adel.
+
+Simplizius. Ist denn die Menschheit von Adel, das hab' ich auch
+nicht gewußt.
+
+Ewald. O Vernunft, wie erhöht der Umgang mit den Tieren deinen Wert.
+
+
+Dardonius. Habt ihr ihn bereitet?
+
+Erster Höfling. Hier ist er. (Bringt den Kranz mit roten Beeren auf
+einem Schild.)
+
+Simplizius. So ist's recht, nicht einmal in einer Sauce.
+
+Dardonius. Nun beug' dein Knie, ich selber will dich krönen.
+
+Simplizius (kniet). Das sind Umständ'.
+
+Olinar. Ein unbarmherz'ges Glück.
+
+Dardonius. In meinem und des ganzen Reiches Namen umwind' ich deine
+Heldenstirn' mit diesem Ehrenkranz.
+
+Simplizius. Da bin ich versorgt auf mein Lebtag, wenigstens gehn
+mir die Fliegen nicht zu.
+
+Dardonius. Wie heißest du?
+
+Simplizius. Simplizius.
+
+Dardonius. Das ganze Heer lobpreise diesen Namen.
+
+Alle Krieger. Hoch leb' Simplizius, der Retter unsres Landes!
+
+Dardonius. Steh auf, der Kranz ist dein.
+
+Simplizius (steht auf). Die haben mich schön erwischt, das ist ein
+Undank! Ich muß aussehn, wie ein Felberbaum. (Beutelt den Kopf.)
+
+Dardonius. Und damit du meines höchsten Dankes Wert erkennst, so
+sollst du Unterfeldherr sein.
+
+Simplizius. O Spektakel, jetzt nehmen s' mich gar zum Militär.
+Unterfeldscherer muß ich werden.
+
+Ewald. Der Mensch bringt mich zur Raserei.
+
+Olinar. Das ist ein äußerst dummer Mensch.
+
+Alle. Heil dir, Simplizius!
+
+Höfling. Man bringt den Eber, hoher Fürst.
+
+Simplizius. Was? Nun, den tät' ich mir noch ausbitten, da trifft
+mich gleich der Schlag.
+
+
+
+Neunzehnte Szene.
+Vorige. Sechs Krieger bringen einen ungeheuren Eber auf einer Trage,
+welche sie in die Mitte der Bühne setzen.
+
+
+Ewald. Ein sehenswertes Tier.
+
+Simplizius. Ich schau ihn g'wiß nicht an.
+
+Dardonius. Bewundre deine Riesentat.
+
+Simplizius. Ah, das ist schrecklich, er ist schon wieder g'wachsen.
+(Zu Ewald.) Das Tier nimmt gar kein End', schauen Sie ihn nur an,
+mir scheint, er rührt sich noch, er ist nicht tot.
+
+Dardonius. Ergötze dich an deinem Sieg!
+
+Simplizius. Sie, halten S' mich, mir wird nicht gut. Ich verlier'
+meinen Lorbeer noch aus Angst. Der packt mich an, er hat ein Aug'
+auf mich, sehen Sie ihn nur an.
+
+Ewald. So fassen Sie sich doch.
+
+Simplizius. Reden S' nur nicht vom Fassen, sonst ist er gleich da.
+Ich halt's nicht aus. (Schreit.) Euer Majestät, schaffen Euer
+Majestät den Eber fort.
+
+Mehrere Höflinge. Wie, der König?
+
+Simplizius. Da ist mir alles eins, wegen meiner die Königin. Nur
+fort mit ihm, es g'schieht ein Unglück sonst.
+
+Dardonius. Was bebst du so?
+
+Simplizius. Aus lauter Kraft, das ist der überflüss'ge Mut. Eine
+Lanzen! (Man reicht ihm eine Lanze--leise.) Daß ich mich halten
+kann, sonst fall' ich z'sammen. Fort mit ihm, nur fort, ich stech'
+ihn noch einmal z'sammen, den Sapperment, ich kenn' mich nicht vor
+Wut (beiseite) und vor Angst.
+
+Dardonius. So bringt den Eber fort. (Für sich.) Der Mann ist mir
+ein Rätsel.
+
+Olinar. Spricht so der Mut sich aus, dann bin ich auch ein Held.
+
+Dardonius. Ihr seid gewiß, daß er, nur er, den Eber hat erlegt.
+
+Die Krieger. Wir sind's.
+
+Dardonius. Das ist mir unbegreiflich.
+
+Simplizius (für sich). Mir schon lang.
+
+Höfling (leise zum König). Er ist verstandlos und gemein.
+
+Dardonius. Gleichviel. So lohnen wir die Tat, nicht den, der sie
+beging. Erhebet ihn und tragt ihn im Triumphe nach dem Tempel, dort
+schmückt ihn, wie die Sitte es erheischt. Leb' wohl, mein Held, ich
+folge bald.
+
+(Die Krieger bilden mit ihren Schildern eine Treppe.)
+
+Simplizius. Nein, was sie mir für eine Ehr' antun, zuerst tragen s'
+die Wildsau und nachher mich.--Da hinauf? Ah, das wird ein Triumph
+werden, wenn sie mich da herunterfallen lassen, da werd' ich auf
+meinen Lorbeern ruhn. (Steigt hinauf.)
+
+Krieger. Es lebe Simplizius.
+
+Simplizius. Jetzt heben s' mich auf einen Schild. Da heißt's beim
+grünen Kranz. Eine schöne Aussicht hat man da heroben. Nur Obacht
+geben, sonst heben wir noch was auf. (Der Marsch beginnt, man will
+ihn forttragen, er schreit.) He, Sapperment, ich hab' noch was
+vergessen. Halt, halt, die ganze Armee soll halten! (Man hält.)
+Euer Majestät, ich bitt', auf ein Wort.
+
+Dardonius (tritt näher). Was verlangst du?
+
+Simplizius (zu Ewald). Sie, kommen S' ein bissel her. Euer Majestät
+erlauben, daß ich Euer Majestät bei meinem Freund aufführ', er
+wünscht dero Bekanntschaft zu machen, und aus lauter Triumph hätt'
+ich bald drauf vergessen. Ha, ha, ha, empfehl' mich. (Zu den
+Kriegern.) Nur vorwärts mit dem Zug.
+
+Chor (der Krieger).
+Dank dem Helden, den die Götter
+Mit des Löwen Mut gestählt,
+Und den zu des Landes Retter
+Gnädig waltend sie erwählt.
+
+(Alles ab, bis auf)
+
+
+
+Zwanzigste Szene.
+Dardonius. Höflinge. Ewald. Aloe entfernt sich vom Fenster.
+
+
+Höflinge. Ein sonderbarer Mann, ganz unwert solcher Ehre.
+
+Dardonius. Du bist des tapfern Mannes Freund?
+
+Ewald (beiseite). Was soll ich sagen. (Laut.) Das bin ich, edler
+Fürst. (Für sich.) Die Schande drückt mich fast zu Boden, daß ich
+dieses dummen Menschen Freund sein muß.
+
+Dardonius. Er ist ein Held, wie mir noch keiner vorgekommen ist,
+und hat dem Lande Wichtiges geleistet, drum magst auch du auf die
+Gewährung eines Wunsches rechnen.
+
+Ewald. Es ist ein Wunsch, der sich mit dieses Landes Ehre wohl
+verträgt. Ich will dein Aug' auf deines Reiches höchste Schönheit
+lenken, die nur bis jetzt in stiller Abgeschiedenheit gelebt.
+
+Dardonius. Bring' sie zum Fest, verdient sie den Preis, soll er ihr
+nicht entgehen, doch ungerecht darf ich nicht handeln.
+
+Ewald. So kühn ist meine Bitte nicht. Nur magst du sie nicht selbst
+mit einem Kranz von Rosen schmücken, es müssen edle Frauen deines
+Landes ein Myrtendiadem auf ihren Scheitel drücken.
+
+Dardonius. Es soll geschehn, find dich nur bald im Tempel ein, denn
+eh' noch Phöbus' Rosse aus Poseidons Fluten trinken, muß unser Fest
+beendet sein; damit die Nacht, die aller Schönheit Glanz verdunkelt,
+ dem ruhmbeglückten Tag nicht seinen Sieg entreißt. (Geht ab, die
+Höflinge folgen.)
+
+Ewald (allein). Es kränkt mein Herz, daß ich dich, edler König,
+täuschen muß, weil dir ein kühner Augenblick erschütternd zeigen
+wird, wie sechzig unbarmherz'ge Jahre der holden Schönheit Bild in
+Häßlichkeit verwandeln. (Geht ab, in Aloes Haus.)
+
+
+
+Einundzwanzigste Szene.
+(Vorhalle in Aloes Wohnung.)
+
+(In der Mitte des Hintergrundes stützt ein breiter praktikabler
+Pfeiler das Gewölbe, sodaß sich dadurch zwei Öffnungen bilden,
+wovon der Eingang zur Rechten durch eine drei Schuh hohe Balustrade,
+welche von der Kulisse bis zum Mittelpfeiler reicht, geschlossen
+ist. In diese Halle, welche im Dunkel gemalt ist, führt eine
+Seitentür nach Atritiens Zimmer. Die Halle links ist licht, weil
+sich auf dieser Seite ein Fenster befindet.)
+
+Aloe tritt ein.
+
+
+Aloe (aus Atritiens Gemach kommend und in dasselbe zurückrufend).
+Bleib du im Gemache nur (verschließt die Tür), er darf dich nicht
+früher sprechen, bis ich mit meinen Reizen erst in Ordnung bin.
+Vielleicht verliebt er sich dann wie Pygmalion in sein eignes Werk
+und gibt dir einen Korb. Hier ist er schon, der holde Mann!
+
+
+
+Zweiundzwanzigste Szene.
+Vorige. Ewald.
+
+
+Ewald. Nun, hier bin ich, schnell zum Werk. (Gebieterisch.)
+Bereitet Euch, um schön zu werden.
+
+Aloe (pathetisch). Wer wäre dazu nicht bereitet, Erwartung spannt
+jede Faser, und Ungeduld zersprengt mir noch das Herz.
+
+Ewald. Kniet Euch nieder, fleht die Götter an.
+
+Aloe (kniet). Götter, die ihr tausend Himmel ausgeschmückt mit
+Schönheit habt, öffnet eure Vorratskammern und das Füllhorn ew'ger
+Jugend gießet auf mein Haupt herab! Alles will ich gern erdulden;
+Werft mich in des Ätna Krater, speit er mich nur schön heraus; laßt
+mich tief im Meere verschmachten, bis ich mich in Schaum auflöse
+und als Venus neu ersteh'; schenkt mir Millionen Muscheln, wo nur
+eine birgt die Schönheit, und ich will sie alle öffnen, bis ich auf
+die rechte komme. Götter, laßt euch doch erbitten; denn ich stehe
+nicht mehr auf. (Breitet die Hände aus.)
+
+Ewald. Steht wieder auf, jetzt seid Ihr schön.
+
+Aloe (steht schnell auf). Wollt Ihr mich zur Närrin machen, ich
+seh' ja nicht die mindeste Veränderung an mir.
+
+Ewald. Weil es hier zu dunkel ist, laßt mich erst die Leuchte
+schwingen. (Er schwingt die Leuchte und stellt sie in einen Ring
+des Pfeilers, doch so, daß die Halle links beleuchtet wird, die
+andere dunkel bleibt. Augenblicklich verwandelt sich Aloe in ein
+junges reizendes, rosig gekleidetes griechisches Mädchen, mit
+weißen Rosen geziert.) Nun beseht Euch in dem Spiegel. (Er hält ihr
+einen Handspiegel vor, der auf einem Tischchen liegt.)
+
+Aloe. Nein, unmöglich, Venus blickt aus diesem Glase. Schwört mir,
+daß ich's selber bin.
+
+Ewald. Ja, Ihr seid's, mein Haupt dafür.
+
+Aloe (plötzlich stolz). Nun, ihr Weiber, die die Welt, blind genug,
+für schön erklärt, wagt es, euch mit mir zu messen, Bettlerinnen
+seid ihr alle. Ha, so groß ist meine Freude, daß ich dich umarmen
+muß. (Küßt ihn.)
+
+Ewald. Sie gefällt mir selbst beinah, doch mich kann sie nicht
+verführen, denn will ich meine Liebe dämpfen, so lösch' ich nur die
+Fackel aus.
+
+Aloe (für sich). Ha, er scheint sich zu verlieben; doch er ist mir
+jetzt zu wenig; nun muß ein König kommen, wenn ich meine Hand
+verschenke.
+
+Ewald. Bald straft sich dein Übermut. (Gezogen.) Hört mich, schöne
+Aloe.
+
+Aloe (entzückt). Was verlangst du, holder Mann?
+
+Ewald. Haltet nun auch Euer Wort, weil ich meines hab' erfüllt.
+Laßt Atritien mich sprechen. Ruft sie mir.
+
+Aloe. Wartet nur, ich hab' sie fest verschlossen. Na, die wird vor
+Galle bersten, wenn sie meine Schönheit sieht. (Sie geht durch die
+lichte Öffnung des Bogens. Wie sie hinter den Pfeiler tritt, bleibt
+sie stehen und eine andere von gleicher Größe, gekleidet wie Aloe
+als Alte war, geht ohne Pause statt ihr zur Seitentür in der
+dunkeln Halle, schließt sie auf und geht hinein. Wie sie die Tür
+ausschließt, spricht:)
+
+Ewald (lachend). Ha, ha, nun ist sie wieder alt, weil sie die
+Fackel nicht bescheint.
+
+Aloe (stürzt aus dem Gemache, wie sie zu dem Pfeiler kommt,
+wechseln die Gestalten). Wie geht das zu, daß mich Atritia nicht
+bewundert?
+
+Ewald (für sich). Das glaub' ich gern. (Laut.) Ihr irrt Euch ja.
+(Ruft.) Atritia, komm heraus!
+
+Atritia (aus dem Gemach, eilt auf Ewald zu, ohne Aloe zu achten).
+Ich komme. Es ist seine Stimme, sag' Fremdling, ist es wahr, soll
+ich dein Weibchen werden?
+
+Ewald. So ist's, doch sieh dich um.
+
+Atritia. Ah, Himmel, was erblick' ich. Das ist die Göttin Venus
+selbst. (Fällt auf die Knie.) Nein, solche Schönheit hab' ich noch
+nie gesehen.
+
+Aloe (triumphierend). O Labsal, Honig für den Stolz. Da kniet sie
+jetzt, die mich so oft verlacht.
+
+Atritia (hält die Hände zusammen). Große Göttin, steh uns bei.
+
+Ewald. Steh auf, es ist nur deine Muhme.
+
+Atritia. Was sprichst du da? Die Muhme?
+
+Ewald. Sie ist's, ich hab' sie so verschönert.
+
+Atritia (steht auf). Die alte häßliche Aloe? Nicht möglich!
+
+Aloe (bricht los). Du ungezogenes Kind, du wagst es, mein
+ehemaliges Ich häßlich zu nennen? Geh mir aus den Augen oder ich
+vergreife mich an dir. Der Ärger kostet mich das Leben.
+
+Atritia. Ja, du hast schon recht, sie ist's; so spricht die Göttin
+Venus nicht. O sag', wirst du mich auch verschönern?
+
+Ewald. Du bist mir schön genug.
+
+Atritia. Dann will ich auch nicht schöner sein.
+
+Ewald. Doch nun leb' wohl. (Küßt sie.) Kehr' ich zurück, wirst du
+mein Weib und folgst mir in mein Vaterland. Lucina, weih' ihr
+deinen Schutz.
+
+Aloe (noch immer zornig). Mich alt zu nennen, du abscheuliches
+Geschöpf! (Droht mit der Faust.)
+
+Ewald. Jetzt mäßigt Euch, der Zorn vermindert Eure Schönheit. Folgt
+in den Tempel mir.
+
+Aloe (nimmt sich zusammen). Ja, ich will mich mäßigen, denn meine
+Schönheit geht mir über alles. Ich folge Euch. (Wieder auffahrend.)
+Aber wenn ich zurückkomme--(Zu Ewald.) Geht nur voraus, ich bin die
+Sanftmut selbst. (Wieder auffahrend.) Gottloses Kind, ich--(faßt
+sich) nein, du sollst mich nicht um meine Schönheit bringen. Geht
+nur voraus, ich folge sanft, ganz sanft. (Trippelt steif und wirft
+immer wütende Seitenblicke auf Atritien.) Mich alt zu nennen!--
+Zittre, wenn ich wiederkomme!--Ganz sanft--ganz sanft! (Geht ab.)
+
+
+
+Dreiundzwanzigste Szene.
+Atritia, dann Lulu.
+
+
+Atritia (allein). Ach, mein Geliebter ist ein Zauberer.
+
+(Wolken fallen vor, Lulu steigt aus der Erde.)
+
+Lulu. Und willst du ihn darum verlassen?
+
+Atritia. Das tu' ich nicht, er hat auch mich bezaubert.
+
+Lulu. So folge mir, ich will dich ihm bewahren. (versinkt mir ihr.)
+
+
+
+Vierundzwanzigste Szene.
+(Tempel der Venus.)
+
+
+An jeder Seite ein Thron, und in der Mitte des Hintergrundes das
+Bild der Göttin auf Wolken schwebend, vor diesem Stufen. Dardonius,
+Olinar, Astrachan, Abukar, Nimelot, Priesterinnen der Venus mit
+goldenen Fackeln. Edle Herren und Frauen von Kallidalos sind im
+Tempel versammelt, der König besteigt den Thron.
+
+Kurzer Chor.
+Seht, die Göttin ist uns hold,
+Lieblich strahlt der Locken Gold,
+Und ihr anmutsreicher Blick,
+Kündet unserm Lande Glück.
+
+Dardonius. Die Göttin ist uns hold, sie nahm die Opfer gnädig auf.
+Nun führt den Helden dieses wicht'gen Tags vor meinen Thron.
+
+
+
+Fünfundzwanzigste Szene.
+Vorige. Simplizius mit einem goldenen griechischen Panzer
+geschmückt und die große Eberhaut umhängend, wird von Edlen
+hereingeführt.
+
+
+Simplizius. Was s' mit mir alles treiben, jetzt nähn s' mich mitten
+im Sommer in eine Eberhaut ein, da möcht' einer doch aus der Haut
+fahren!
+
+Dardonius. Edle Herren und Frauen von Kallidalos, hier steht der
+kühnste Jäger seiner Zeit.
+
+Simplizius. Ich wollt', ich wär's, ich jaget euch alle davon.
+
+Dardonius. Ihm ward das Glück, das Untier zu besiegen, das unser
+Land verwüstet hat. Nun könnt ihr kühn den Wald durchstreifen, und
+eurer Felder Saaten sind durch ihn gerettet.
+
+Simplizius. Aha, deswegen haben s' mich zum Feldscher g'macht.
+
+Dardonius. Schon ruht auf seiner Stirn das Zeichen höchsten Ruhmes,
+und seine Schultern deckt des Tieres rauher Panzer. Nichts gleichet
+seinem Mut.
+
+Simplizius (für sich). Mir steigen schon alle Ängsten auf, ich
+schwitz' mich noch zu Tod.
+
+Dardonius. Darum ist meines ganzen Volkes Hoffnung nur auf dich
+gerichtet.
+
+Simplizius (für sich). Nun, ich gratuliere.
+
+Dardonius. Besteige jenen Thron und künde selbst, wozu ich dich
+ernannt.
+
+Simplizius. O verflixt, mir verschlagt's die Red', und ich soll
+eine halten. Ah was, ich red' halt einen unzusammenhängenden
+Zusammenhang. Volk über alle Völkerschaften, der König hat mich
+unters Militär gegeben, und obwohl ich nicht das rechte Maß hab',
+so fühle ich mich doch über alle Maßen gerührt und so ergriffen,
+daß ich mich auf meinen Thron hier niederlassen muß, um alles zu
+verschweigen, was mir meine Bescheidenheit nie zu sagen erlaubt.
+(Setzt sich.)
+
+Dardonius. Ich hab' zum Unterfeldherrn ihn ernannt. Du bist ein
+größerer Held, als du ein Redner bist. Nun reicht den Fraun das
+Myrtendiadem, wie ich es angeordnet habe, und laßt die Mädchen um
+den Preis der Schönheit buhlen.
+
+(Schmelzende Tanzmusik. Zwölf Mädchen, so gekleidet wie Aloe nach
+ihrer Verwandlung, doch weiße Kleider mit roten Rosen geziert,
+beginnen anmutige Gruppierungen vor dem Thron des Königs. Endlich
+bildet die Gruppe ein Tableau, das in seiner Mitte einen Raum läßt,
+in welchen Aloe tritt, die während den Bewegungen von Ewald mit der
+Fackel hereingeführt wurde und die Gruppe schließt. Ein Knabe
+bringt den Frauen die Myrtenkrone auf einem Kissen.)
+
+Dardonius (mit Entzücken). Jene ist's, die einer diamantnen Rose
+gleich die zarten Perlen überschimmert. (Er steigt vom Thron und
+führt Aloe vor.) Ihr Frauen, krönet sie, nur ihr gebührt der Preis.
+
+Simplizius (für sich). Die Alte hat sich ausg'wachsen, jetzt kauft
+man s' für eine Junge.
+
+Dardonius. Sagt selbst, welch Land hat solch ein Mädchen
+anzuzeigen?
+
+Die Männer. Erstaunen fesselt unsre Sinne.
+
+Simplizius (für sich). Das ist der schönste Betrug, der mir noch
+vorkommen ist.
+
+Dardonius. Warum zögert ihr, geehrte Frauen, ist sie nicht eurer
+Krone wert? (Pause.) Antwortet doch.
+
+Frauen. Ja, sie ist uns--
+
+Dardonius. Was ist sie euch?
+
+Simplizius. Zu schön ist sie ihnen, das ist die ganze G'schicht'.
+
+Frauen. Sie ist uns an Schönheit überlegen.
+
+Simplizius. Das hat was braucht, bis das herauskommen ist. Morgen
+sind s' alle krank.
+
+Frauen (setzen ihr das Diadem auf). Du, schöner als wir alle, sei
+des Festes Königin. (Die Frauen führen Aloe in den Hintergrund auf
+die Thronstufen und reihen sich zu beiden Seiten.)
+
+Simplizius. Jetzt kriegt die auch einen Kranz! Der setzet ich was
+anders auf.
+
+Alle. Heil der Königin des Festes.
+
+Simplizius. Was die heut schreien, das ganze Volk wird heis'rig
+noch.
+
+Dardonius. Simplizius, jetzt kann ich erst nach Würde dich belohnen;
+nimm dieses Mädchens Hand, sie sei dein Weib.
+
+Simplizius. Das alte Weib? Jetzt wär' ich bald vor Schrecken über
+den Thron herunter g'fallen. Die nehm' ich nicht.
+
+Dardonius. Bist du verwirrt, dies hinreißende Geschöpf?
+
+Simplizius. Mich reißt sie nicht hin, ich hab' s' in ihrer alten
+Negligé schon g'sehn.
+
+Dardonius. Du mußt sie nehmen, wenn du nicht dein Amt verlieren
+willst.
+
+Simplizius. Wegen meiner schon. (Steigt vom Thron--für sich) Ich
+will doch lieber die Feldschererei verlieren, als die Schererei mit
+der Alten haben.
+
+Dardonius. Wie. du wagst es, dem Gesetz zu widersprechen?
+
+Ewald (leise). So nehmen Sie sie doch. Verraten Sie nur nichts, ich
+leih' Ihnen die Fackel.
+
+Simplizius. Hören Sie auf, ich will ein Weib haben, die auch in der
+Finsternis schön ist, nicht eine, die man erst illuminieren muß.
+(Laut.) Ich nehm' sie nicht. Will s' vielleicht ein andrer?
+
+Die Männer. Wir alle sind bereit, sie zu freien.
+
+Simplizius. Nun also, reißender geht s' weg. Das Weibsbild foppt
+das ganze Land.
+
+Dardonius. Noch nicht genug. Um zu beweisen, wie man in Kallidalos
+Schönheit ehrt, erwähl' ich selbst zu meiner Gattin sie.
+
+Alles. Es lebe unsre Königin!
+
+Simplizius. Jetzt wird s' gar Königin! Ich fahr' aus der Haut.
+
+Dardonius. Und augenblicklich lass' ich mich vermählen.
+
+Aloe (macht Zeichen des Entzückens).
+
+Simplizius Der König treibt's. (Zu Ewald.) So löschen S' doch die
+Fackel aus, er heirat' ja die Katz' im Sack.
+
+Ewald. Entsetzliche Verlegenheit, was soll ich nun beginnen?
+
+(Donnerschlag, das Bild der Venus verschwindet. Lucina ist statt
+ihr in einer Wolkenglorie sichtbar.)
+
+Lucina. Die Täuschung geht zu weit, legt ab die Kränze, die euch
+nicht gebühren. (Sie nimmt der unter ihr stehenden Aloe den Kranz
+ab, und Simplizius' Lorbeer fliegt ihr in die Hand.) Nun fort nach
+Agrigent.
+
+(Ewald und Simplizius verschwinden. Wie die Fackel unsichtbar wird,
+verwandelt sich Aloe in ihre wahre Gestalt. Das Bild der Venus
+erscheint wieder an der alten Stelle.)
+
+Alle. Was ist geschehen?
+
+Dardonius. Die Fremden sind verschwunden? Wo ist die Braut, die ich
+erwählt?
+
+Aloe (auf den Stufen). Hier bin ich, edelster Gemahl.
+
+Dardonius. Welch häßlich Weib? Wie kommst du in den Tempel?
+
+Aloe. Ich bin ja Aloe, die du erwählt. Ich schwör's bei meiner
+Jugend.
+
+Alle. Betrug!
+
+Dardonius. Zauberei! Peitscht aus dem Tempel sie. O Scham,
+vernichte mich. (Stürzt ab.)
+
+(Man reißt Aloe von den Stufen.)
+
+Chor.
+Hinaus, hinaus, du Ungetüm,
+Entweih' den Tempel nicht,
+Erzittre vor des Königs Grimm,
+Auf, schleppt sie vors Gericht!
+
+(Sie wird hinausgejagt.)
+
+
+
+Sechsundzwanzigste Szene.
+(Der Wald mit der Pforte der Eumeniden, auf welcher die drei Siegel
+glühen. Nacht, Mondlicht.)
+
+Lucina mit den Kränzen. Kreon.
+
+
+Lucina. Komm, mein Kreon, der Sieg ist uns gelungen.
+
+Kreon. So hättest du Unmögliches errungen?
+
+Lucina. Bald wird dein Leid die höchste Freude lohnen,
+Der Orkus ist beschämt, hier sind die Kronen.
+
+Kreon. Hell leuchten sie, drei Sonnen, durch die Nacht.
+Wie schnell flieht Schmerz, wenn uns die Hoffnung lacht.
+
+Lucina. Nun knie' dich hin und senk' dein Aug' zur Erd',
+Daß es der grause Anblick nicht versehrt.
+Denn Rhea ächzet, und die Sterne wimmern,
+Sehn sie den Dolch der Eumeniden schimmern.
+ (Kreon kniet und beugt sein Haupt, Lucina legt die Kränze auf
+den Opferstein.)
+Drei Krönen ruhen auf dem kalten Stein!
+Ich opfre sie--
+ (Eine Flamme erscheint und verzehrt scheinbar die Kränze.)
+ Nun, Flamme, schließ sie ein.
+Schmelzt, Siegel! Pforte, öffne deinen Rachen.
+ (Die Siegel verschwinden, die Pforten springen unter
+schrecklichem Gekrache auf.)
+Herauf, herauf, ihr rachedurst'gen Drachen,
+ (Das Heulen des Windes.)
+Blick' ja nicht auf, es kostet dich das Leben.
+Die Eumeniden nahn, selbst mich ergreift ein Beben.
+
+(Sie beugt ihren Leib gegen die Erde, der Sturmwind heult. Klagende
+Sturmmusik. Ein blauer Blitz fährt aus der Höhle.)
+
+
+
+Siebenundzwanzigste Szene.
+Vorige. Tisiphone, Megäre, Alecto, ganz grün gekleidete Furien, das
+Haupt mit Vipern umwunden, eilen, bläulichte Fackeln und blinkende
+Dolche schwingend, aus der Pforte.
+
+
+Alle drei (blicken auf den Mond--im tiefen Ton).
+Der Mond, der Mond, er scheint zur rechten Stunde,
+Wacht auf, wacht auf, die Rache hält die Runde.
+
+(Sie gehen gemessenen Schrittes über die Bühne.)
+
+Lucina. Es ist geschehn, bald ist dein Feind gerichtet,
+Und so der Streit mit banger Welt geschlichtet.
+Nun folg', es harren dein, auf mein Geheiß,
+Die Edlen all im liebverschlungnen Kreis.
+Von tausend Lampen schimmert dein Palast,
+Der kaum den Jubel seiner Gäste faßt.
+
+(Beide ab.)
+
+
+
+Achtundzwanzigste Szene.
+Die goldgezierte runde Marmorhalle, das Schlafgemach Phalarius',
+durch zwei kerzenreiche Kandelaber erleuchtet. An der Seite sein
+Lager, neben diesem brennt auf einem Postamente eine Lampe.
+Gegenüber eine Pforte aus Ebenholz.)
+
+Phalarius tritt auf, hinter ihm Androkles tief gebeugt.
+
+
+Phalarius. Laßt sehn, wie lang mein stolzer Nachbar sich noch
+brüstet,
+Wo sind die Feldherrn? Ist mein ganzes Heer gerüstet?
+
+Androkles. Es harret mutentbrannt der Krieger rüst'ge Schar.
+
+Phalarius (lachend).
+Vergebens glüht der Mut, vermeidet ihn Gefahr.
+Nun lösch' die Lichter aus, laß Dunkelheit herein,
+Entfern' dich dann (beiseite, mit Grimm)
+und überlaß mich meiner Pein.
+
+(Androkles löscht die Lichter aus bis auf die Lampe, beugt sich
+tief und geht bangend ab. Das Gemach wird finster.)
+
+
+
+Neunundzwanzigste Szene.
+
+
+Phalarius (allein).
+Ein kluger Hauswirt schließt des Nachts die Tür,
+Ich ahm' es nach. (Schließt.) So, nun bin ich allein mit mir.
+ (Erschrickt.)
+Allein?--Ein falsches Wort, wer kann das von sich sagen.
+Schickt nicht die Einsamkeit Gedanken, die uns plagen?
+Was sind Gedanken, die im Aufruhr sich versammeln,
+Das Hirn bedrohn und der Vernunft das Tor verrammeln?
+Gemeiner Troß nur ist's, den man nicht achten muß,
+Der König der Gedanken ist nur der Entschluß.
+Drum hab' ich es auch fest mit Marmorsinn beschlossen,
+Wie Phöbus, groß und hehr, mit feuersprühnden Rossen
+Des Himmels Reich durchzieht, auf goldnem Strahlenwagen,
+So will ich durch die Erd' das Licht der Krone tragen.
+Die Sonn' am saphirblauen Zelt glänz' nicht allein,
+Ich will die Zweite auf smaragdnem Grunde sein.
+Von Äthiopiens Sand, wo glühnder Samum hauset,
+Bis an des Nordpols Eis, wo Boreas erbrauset,
+Muß mein Panier, mit weithinschaundem Stolze prangen.
+Poch ruhiger, mein Herz, gestillt wird dein Verlangen.
+
+(Er legt die Pantherhaut und seine Waffen ab, doch die Krone nicht
+und streckt sich aufs Lager.)
+
+Besuch mich, falscher Schlaf, der selten mein gedenkt,
+Und sich nur gern auf kummerlose Augen senkt.
+Verlisch, o Lampe, lischt doch einst die Sonne aus,
+Dann wird es finster sein im großen Weltenhaus.
+
+(Er löscht die Lampe aus, augenblicklich sieht man bei seinem
+Haupte drei glühend rote Geister sitzen, welche unverwandt nach
+seiner Krone blicken, sie sind früher hinter dem Ruhebett verborgen
+und heben erst setzt zugleich ihre Häupter.)
+
+Wie eklig still!--Was wär' das Leben ohne Streit?
+Die Scheide ohne Schwert--(schreit auf).
+ Wer da? (Erblickt die Geister.)
+ Ha ihr, auch heut?
+
+Die drei Geister (zugleich, eintönig und hohl).
+Wir bewachen die Krone mit Uhusblick,
+Schlaf ruhig, schlaf ruhig, nichts störe dein Glück.
+
+Phalarius (laut auflachend).
+Mein Glück!--Wie bin ich doch so glücklich nun durch euch,
+Der Wunsch verarmt, ist die Erfüllung überreich.
+O Wahn, der über Leides Abgrund Brücken baut,
+Weh dem, der ihren luft'gen Bogen keck vertraut.
+Verzweiflungsvolles Glück, das selber sich entleibt,
+Du machst mich arm, das mir nichts als die Krone bleibt.
+Die Kron'? Beim Styx, ich will sie fürchterlich benützen,
+Verderben soll von ihren glühnden Zacken blitzen,
+Ich räche meine Qual, wer will mich daran hindern?
+
+(Es pocht an der Pforte.)
+
+Alecto (dumpf).
+Der Eumeniden Dolch.
+
+Megäre. Vernichtung allen Sündern.
+
+Die drei Geister.
+Die Eumeniden hier, der Orkus hat geendet.
+
+(Verschwinden.)
+
+Phalarius (springt auf).
+Wer pocht so frech, sag' an, wer dich so spät noch sendet?
+
+(Leises Pochen.)
+
+Alle drei. Mach' auf, fein Königlein, wir wünschen dich zu sprechen.
+
+
+Phalarius. Was wollt ihr mir?
+
+(Die Tür springt mit einem Donnerschlage auf, alle drei treten
+zugleich ein.)
+
+Alle drei. Wir strafen dein Verbrechen.
+
+Phalarius (entsetzt).
+Ha, die Erynnien!
+
+Alle drei. Bereu', du mußt erbleichen.
+
+Phalarius. Die furchtbar Rächenden!
+
+Alle drei. Die jede Tat erreichen.
+
+Phalarius. Zurück, verfluchte Furien, mich schützt die Kron'.
+
+Alecto. Sie schützt dich nicht, der Orkus schweigt; denk' an Kreon!
+
+Phalarius. Ich hasse ihn wie euch.
+
+Tissiphone. Denk' an Aspasien!
+
+Megäre. An 'n Brand von Agrigent!
+
+Alecto. Gedenk', du mußt vergehn!
+
+(Sie drängen ihn aufs Lager.)
+
+Phalarius. Ich denke nichts als Blut.
+
+Alecto. So denke an den See!
+
+(Ein Teil der Kuppel stürzt ein, sodaß sich ein rund ausgebrochenes
+Loch zeigt, durch welches der Vollmond aufs Lager scheint.)
+
+Phalarius. Weh mir, des Mondes Strahl!
+
+(Die Eumeniden senken ihre Dolche in seine Brust.)
+
+Alle drei. Vergeh! Vergeh! Vergeh!
+
+(Pause--während welcher sie in die Mitte des Theaters treten.)
+
+Der Mond, der Mond, er schien zur rechten Stunde,
+Ihr Sünder, bebt, die Rache hält die Runde.
+
+(Gehen gemessenen Schrittes ab.)
+
+
+
+Dreißigste Szene.
+
+
+Hades (aus der Tiefe, naht sich langsam dem Lager Phalarius').
+ (Feierlich.)
+Gib mir zurück die Kron', du bleiches Heldenhaupt.
+ (Nimmt sie ihm ab.)
+Da liegt der stolze Baum, zersplittert und entlaubt.
+Hell glänzt die Kron', nun will die gier'ge Welt ich fragen;
+Wo ist der Kühne wohl, der sie nach ihm will tragen?
+
+(Versinkt.)
+
+
+
+Einunddreißigste Szene.
+(Reichverzierter beleuchteter Thronsaal.)
+
+Der Thron befindet sich in der Mitte des Hintergrundes. Durch die
+Säulen des Saales sieht man in einen reizenden, ebenso beleuchteten
+Garten. Kreon auf dem Thron. Alle Edlen seines Reiches umgeben ihn
+jubelnd. Im Vordergrunde auf der einen Seite Ewald mit der Fackel
+und Simplizius, Lucina, Atritia und zwei Genien, die auf einem
+Kissen eine Krone tragen, auf der entgegengesetzten Seite
+Triumphmusik.
+
+
+Alles. Dank den Göttern! Ew'ges Glück unserm teuern König Kreon!
+
+Kreon. Heil, meinen edlen Freunden, es stürmt mein Herz, mein Auge
+perlt Freude! Nehmt eures Königs frohen Dank, der sich in eurer
+Mitte überglücklich fühlt.
+
+(Alles kniet in schönen Gruppen um den Thron.)
+
+Alle. Heil unserm guten König!
+
+Ewald. Arme Fackel, deine Macht ist übertroffen; an diesem Anblick
+kannst du nichts verschönern.
+
+Simplizius. Das ist mir der liebste König von allen, die ich heut
+noch g'sehn hab'.
+
+Kreon. Doch nun laßt uns der hohen Göttin danken, die Thron und
+Reich gerettet hat.
+
+Alles. Der hehren Göttin Dank!
+
+Lucina. Sei glücklich, mein Kreon, Phalarius ist nicht mehr. (Nimmt
+den Myrtenkranz.)
+Nimm diese Kron', von liebgepaarten Myrten,
+Laß dir die edle Stirne zart umgürten!
+Durch sie wird dein Gemüt nie Leid betrüben,
+Und stets wird dich dein Volk mit Treue lieben.
+
+Kreon. Verzeih, Lucin', ich darf die Kron' nicht nehmen,
+Nimm sie zurück, sie würde mich beschämen.
+Es soll auch ohne Zauber mir gelingen,
+Die Liebe meines Volkes zu erringen.
+Und drückt es Leid in unglücksvollen Tagen,
+Ist es des Königs Pflicht, mit ihm zu klagen.
+
+Lucina (zu Ewald, welchen sie Atritien zuführt).
+Nimm sie zum Lohn, Atritiens Hand und Herz sei dein,
+Benütze klug der Wunderfackel ros'gen Schein,
+Du kannst von deinem Glück nichts Höheres erheischen,
+Die eine liebt dich wahr, die andre wird dich täuschen.
+
+Simplizius. Wenn's nicht etwa umgekehrt ausfallt.
+
+Lucina. Und nun zu dir, Simplizius.
+
+Simplizius. Jetzt kommt s' auch über mich.
+
+Lucina. Du warst ein willig Werkzeug meiner Macht.
+Dich wird der König hier auch nach Verdienst belohnen.
+
+Simplizius. Auf d' Letzt setzen s' mir noch einen Lorbeer auf.
+
+Kreon. Man zahle ihm tausend Goldstücke aus!
+
+Simplizius (beiseite). Ich hab's ja gleich g'sagt, daß mir das der
+Liebste ist. (Laut.) Ich küss' die Hand, Eure Majestät. (beiseite.)
+Jetzt richt' ich eine Schneiderwerkstatt auf und heirat' die Göttin,
+das wird ein himmlisches Leben werden.
+
+Kreon (zu Ewald). Dich, Fremdling, werde ich stets an meinem Hose
+ehren und durch ein Amt belohnen.
+
+Ewald. Mein großer König, Dank!
+
+Lucina. Mögt ihr doch lange noch verdientes Glück besitzen,
+Lucina wird euch stets mit Huld und Lieb' beschützen.
+
+(Ein rosiges Wolkenlager senkt sich nieder, von Genien umflogen.
+Lucina legt sich in zarter Stellung auf dasselbe und schwebt in die
+Luft. Kreon besteigt den Thron. Alles gruppiert sich. Griechische
+Tänzer und Tänzerinnen führen Gruppen aus, von folgendem Chore
+begleitet:)
+
+Chor.
+Schmückt mit Freude diese Hallen,
+Laßt des Jubels Ruf erschallen,
+Heil Lucina! Heil Kreon!
+Tugend findet froh den Lohn.
+
+
+(Der Vorhang fällt.)
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die unheilbringende Krone,
+oder König ohne Reich, Held ohne Mut, Schönheit ohne Jugend, von
+Ferdinand Raimund.
+
+
+
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+
+
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+
+End of Project Gutenberg's Die unheilbringende Krone, by Ferdinand Raimund
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation information page at www.gutenberg.org
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+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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+North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
+contact links and up to date contact information can be found at the
+Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact
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+For additional contact information:
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+Literary Archive Foundation
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+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
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+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit www.gutenberg.org/donate
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+approach us with offers to donate.
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+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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+Project Gutenberg's Die unheilbringende Krone, by Ferdinand Raimund
+#7 in our series by Ferdinand Raimund
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+Title: Die unheilbringende Krone
+ (oder Koenig ohne Reich, Held ohne Mut, Schoenheit ohne Jugend)
+
+Author: Ferdinand Raimund
+
+Release Date: April, 2005 [EBook #7860]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on May 26, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ASCII
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNHEILBRINGENDE KRONE ***
+
+
+
+
+Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen
+
+
+
+
+This Etext is in German.
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+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
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+This is the 7-bit version.
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Die unheilbringende Krone
+oder
+Koenig ohne Reich, Held ohne Mut, Schoenheit ohne Jugend
+
+Ferdinand Raimund
+
+Original-tragisch-komisches Zauberspiel in zwei Aufzuegen
+
+
+
+Personen
+Lucina, Schutzgoettin von Agrigent.
+Hades, Fuerst der Unterwelt.
+Thanatos, Genius des ewigen Schlafes.
+Lulu und Fanfu, Genien.
+Tisiphone, Megaera und Alecto, Furien.
+Kreon, Koenig von Agrigent.
+Phalarius, Feldherr.
+Antrogaeus, Unterfeldherr.
+Androkles und Clitonius, Hauptleute des Phalarius.
+Octavian, ein Landmann.
+Ein Jaeger von des Phalarius Gefolge.
+Simplizius Zitternadel, ein armer Dorfschneider.
+Ewald, ein Dichter.
+Riegelsam, ein Weinhaendler.
+Heraklius, Fuerst von Massana.
+Hermodius, sein erster Minister.
+Thestius, ein edler Massanier.
+Arete, seine Nichte.
+Adrasto, erster Diener des Tempels.
+Epaminondas, Hypomedon, Argos und Sillius, Massanier.
+Eine Frau von Massana.
+Ein Diener des Thestius.
+Dardonius, Fuerst von Kallidalos.
+Olimar, Astrachan, Abukar und Nimelot, Bewohner von Kallidalos.
+ Aloe.
+Atritia, ihre Nichte.
+Erster, Zweiter und Dritter Geist des Orkus.
+
+Genien. Geister. Erscheinungen. Edle und Krieger
+von Agrigent. Jagdgefolge. Volk von Massana.
+Krieger. Hoeflinge und Volk von Kallidalos.
+Priesterinnen im Venustempel.
+
+
+
+Erster Aufzug.
+
+Erste Szene.
+(Finsterer Wald.)
+
+Im Hintergrunde links ein gigantischer Fels, mit einer durch ein
+ehernes Tor geschlossenen Hoehle. Neben der Pforte stehen mit Fackel
+und Dolch bewaffnet die zwei Eumeniden Tisiphone und Alecto, aus
+Stein gehauen. Megaera, die dritte, ist ueber derselben in sitzender
+Stellung angebracht. Die Pforte ist symbolisch verziert, neben ihr
+ein steinerner Opferaltar. In der Tiefe der Buehne ein See, von
+rauhen mit Baeumen bewachsenen Felsen umschlossen. Im Vordergrund
+rechts ein Gebuesche. Donner murmelt durch den in weiter Ferne
+erschallenden
+
+
+Jubelchor.
+Wie des Adlers Kraftgefieder
+Seinen Leib zur Sonne traegt,
+Fliegen aufwaerts unsre Lieder,
+Durch der Freude Schwung bewegt.
+Gluecklich, wie in Himmelszonen,
+Von der Erde Leid getrennt,
+Stolz die ew'gen Goetter thronen,
+Herrsch' Kreon in Agrigent.
+
+
+Phalarius (tritt mit wild zurueckschauenden Blicken hastig ein, er
+traegt ein Pantherfell ueber dem Ruecken und ist mit Bogen und Pfeil
+bewaffnet).
+Bin ich denn noch nicht weit genug gezogen,
+Verraeterische Stadt, die mich betrogen?
+Wird auch des Waldes duestre Einsamkeit
+Durch deines Jubels frechen Schall entweiht?
+
+(Die letzten Worte des Jubelchores erklingen wieder:
+"Herrsch' Kreon in Agrigent."
+
+Herrsch' nur Kreon, Volk, jauchz' die Kehle wund,
+Ihr zwingt das Glueck zu keinem ew'gen Bund.
+Prahlt, Luegner, mit der Kron', die ich erkaempft,
+Da nur mein Mut des Krieges Glut gedaempft.
+Mich lasst aus Undank meinen Purpur weben,
+Ihn faerben mit dem ausgestroemten Leben.
+Das ich vergeudet am ersiegten Strand,
+Den Lorbeer brechend mit der blut'gen Hand.
+Glaubt ihr, ich hab' fuer Agrigent gestritten,
+Damit der Rat, nach ungerechten Sitten,
+Das Reich verkauft an den unmuend'gen Knaben,
+Auf das nur ich ein wahrhaft Recht kann haben?
+Denn ist er auch dem Thron verwandt durch Blut,
+Bin ich es wuerd'ger noch durch Heldenmut.
+Ich glaub' nicht, was des Tempels Diener sagten,
+Als schlau sie Jupiters Orakel fragten,
+Ob mir, ob wohl Kreon das Reich gehoert;
+Es hab' der Gott sich donnernd drob' empoert,
+Dass ich's gewagt, als meiner Siege Lohn,
+Zu fordern Agrigentens goldnen Thron,
+Und ausgesprochen unter ew'gen Blitzen;
+"Ich duerfe nie ein Reich der Welt besitzen,
+Und Agrigent kann dann nur Glueck erringen,
+Wird auf dem Thron Kreon das Zepter schwingen."
+So logen sie, als ich zurueckgekehrt,
+Aus blut'ger Schlacht zum heisserkaempften Herd,
+So logen sie, von aller Scham entwoehnt,
+Als Siegesdank fand ich Kreon gekroent.
+Da aussen ich des Landes Feind bekriegt,
+Hat eigner mich im Innern hier besiegt.
+Drum will ich fliehn aus dir, verhasstes Land,
+Doch nimm den Schwur als draeuend Unterpfand,
+Dass ich noch einmal zu dir wiederkehre,
+Zu raechen die durch Trug geraubte Ehre.
+
+(Will ab und erblickt entsetzt der Rachefurien Hoehle.)
+
+Ha, welch ein Pfad hat mich zu euch geleitet,
+Blutlose Schwestern, die ihr stets bereitet,
+Als der Vergeltung grauenvolle Buergen,
+Gewalt'ge Suender dieser Welt zu wuergen.
+Euch fordr' ich auf, an euch will ich mich wenden,
+Sprengt auf das Tor mit den entfleischten Haenden,
+Reicht mir ein Schwert, mich an der Welt zu raechen,
+Die mich verhoehnt, und ihren Bau zu brechen.
+
+(Fuerchterlicher Donnerschlag, der verrollt; die Pforte droehnt und
+erzittert, dann leuchten schwache Blitze auf das Gebuesche rechts,
+das sich in der Mitte auseinanderteilt. Man erblickt darin Hades,
+in Lumpen gehuellt, mit bleichem Antlitz auf einem Steine sitzen, er
+hat einen Sack ueber dem Ruecken haengen.)
+
+
+
+Zweite Szene.
+Phalarius und Hades.
+(Hades grinst Phalarius an, der ihn mit Entsetzen betrachtet.)
+
+
+Phalarius. Welch ekliche Gestalt, wer bist du?
+
+Hades (mit etwas hohler Stimme, lauernd und gezogen). Ich?
+
+Phalarius. Bist du der Rachefurien eine? (Starr.) Sprich!
+
+Hades (langsam aufstehend, er geht gebeugt und spricht langsam im
+hohlen Tone).
+Bin keine von den Rachefurien,
+Kann selbst kaum mehr auf morschen Knochen stehn;
+Bin nicht Tisiphone, Megaer', Alecto,
+Nein, nein, ich bin,--vergib,--mich schauert so.
+
+Phalarius. Du kannst nicht ganz der Erde angehoeren,
+Du koenntest sonst den schoenen Glauben stoeren,
+Dass nach dem hohen Goetterbild des Zeus
+Der Mensch geformet sei durch Prometheus.
+
+Hades. Nicht ganz ist mehr die Erd' mein Vaterland,
+Tief unten ruft es mich am styg'schen Strand;
+Harpyen, die wie Nachtigallen klagen,
+Verkuenden, dass die Furien um mich fragen.
+
+Phalarius. Hast du so boes gehaust in dieser Welt,
+Dass dir im Enden jeder Trost nun fehlt?
+Bist du so arm, dass dich Verzweiflung fasst,
+Und hast wohl einst im Uebermut geprasst?
+
+Hades. So ist es, du hast furchtbar wahr gesprochen,
+Doch jetzt ist meines Glueckes Stab gebrochen;
+Viel hab' ich einst auf dieser Erd' besessen,
+Geliebt ward ich, ich werd' es nie vergessen,
+Doch jetzt bin ich gehasst, bin unbeweibt,
+ (Weinend.)
+So arm, dass mir nichts mehr, als eine Krone bleibt.
+
+Phalarius (nach einer Pause des Erstaunens).
+Was sprichst du, eine Kron'? Wahnwitzig Tier!
+
+Hades. Willst du sie sehn? ich trage sie mit mir.
+(Mit staerkerer Stimme.)
+Ich schenk' sie dir, willst du's mit ihr versuchen,
+Ich hoerte dich vorher um eine Krone fluchen,
+Doch traegst du sie, legst du sie nimmer ab,
+Sie bleibt dem Haupte treu bis an das Grab.
+
+Phalarius. Was nuetzt die Krone mich, nenn' mir ihr Reich.
+
+Hades (stark). Die Welt!--Hast du genug?--Was wirst du bleich?
+
+Phalarius. Soll ich's nicht werden? Mich befaellt ein Grauen,
+Wer kann in solchen Riesenhimmel schauen,
+Die Erd', so weit sie reicht, unendlich Bild,
+Hat nie die Neugier eines Augs gestillt.
+Entflieh, verlass mich, truegerischer Geist,
+Der Hoelle gibt, da er zum Himmel weist.
+Zeig' her die Kron', wenn du mich nicht geneckt.
+
+Hades. In meinem Bettelsack ist sie versteckt;
+Dem Drachen gleich, der in der Hoehle kauert,
+Auf fette Beut' mit gift'gem Zahne lauert.
+
+Phalarius. Ein Diadem in eines Bettlers Tasche?
+
+Hades. In schlichter Urn' ruht koenigliche Asche.
+ (Mit erhobener Stimme.)
+Durch diese Kron', ruht sie auf einem Haupt,
+Wird dem, der sie erblickt, des Mutes Kraft geraubt.
+Ja, ihr Besitzer darf nur leise winken,
+Wer sich ihm naht, muss huld'gend niedersinken.
+Es wird der Baum, mit ueppig gruenen Zweigen,
+Sein duftend Haupt vor dieser Krone neigen;
+Des Waldes Tiere werden bang' erzittern
+Und heulend sie in weiter Ferne wittern.
+Was er befiehlt, muss streng' vollzogen werden,
+Und keiner lebt, der sie entwenden kann auf Erden.
+Selbst wenn er schlaeft, die sorgsam stille Nacht,
+Geschlossnen Aug's, ihr Eigentum bewacht.
+Kein Speer, kein Dolch, kein Pfeil kann ihn erreichen,
+Der Krone Macht wird nur dem Mondlicht weichen;
+Solang sie dies bestrahlt, ist er verloren,
+Und jedes Feindes Schwert kann ihn durchbohren.
+Solch Glueck bringt dieser Reif und solches Bangen;
+Nun sprich, traegt deine Herrschsucht noch nach ihm Verlangen?
+
+Phalarius. Den Sturm versoehn' durch eines Schiffes Wrack,
+Golkondens Schatz verbirg im Bettelsack,
+Dem Pfeil befiehl, er soll den Rueckweg nehmen,
+Des Aetna Glut verhindre auszustroemen,
+Nur mich bered' nicht, von der Kron' zu lassen,
+Gib sie heraus, sie muss das Haupt umfassen.
+ (Legt den Helm ab.)
+
+Hades. Wohlan, schau' nicht zum Himmel, blick' zur Erde,
+Sie fleht dich an mit jammernder Gebaerde;
+ (Er nimmt die goldene Krone aus dem Sacke, aus dem Feuer stroemt,
+ ferner Donner.)
+Doch hoer' ihr Wimmern nicht, reich' mir die Stirn',
+Bleib stark, bewahr' vor Wahnsinn dein Gehirn.
+
+(Er setzt ihm die Krone auf, fuerchterlicher Donnerschlag, kurze
+Musik. Die Buehne wird lichter. Die Erde zittert, die Baeume beugen
+ihre Zweige, sodass sie eine gruene Kuppel ueber Phalarius Haupt
+bilden und sich im See spiegeln.)
+
+Hades. So, so, der Wald bebt vor dem Koenigshaus,
+Es huld'gen dir die Staemme reichbelaubt.
+
+Phalarius. Ist's Wirklichkeit? Welch unnennbar Entzuecken!
+
+Hades (beiseite).
+Sie wird die Stirn noch heiss genug dir druecken.
+
+Phalarius. Ha! Nun ist mein der hoechste Schatz hienieden.
+Sprich, Wurm, was kann zum Lohn ich dafuer bieten?
+
+Hades. Brauch' nichts dafuer, trag sie nur gluecklich fort,
+Wir treffen uns schon am Vergeltungsort,
+Wenn weit geoeffnet deines Wahnes Grab,
+Und du einst sprichst, wie ich gesprochen hab';
+ (Weinend.)
+Ich bin so arm, mir bleibt nichts als die Krone,
+ (grimmig.)
+Den Augenblick allein bewahr' ich mir zum Lohne.
+
+(Schleicht ab, den Sack ueber dem Ruecken.)
+
+
+
+Dritte Szene.
+
+
+Phalarius (allein).
+Geh, Luegengeist, nie werde ich so sprechen,
+So denken nur waer' an dem Glueck Verbrechen.
+Nun fort, Phalarius, aus diesem Wald,
+Damit dein Ruhm Sizilien durchschallt.
+Doch kann ich baun auf dieser Krone Macht?--
+Holla, wer schreitet durch des Waldes Nacht?
+
+
+
+Vierte Szene.
+
+Voriger. Antrogaeus mit koeniglichen Soldaten, welche mit Lanzen
+bewaffnet sind.
+
+Antrogaeus (von innen). 's ist Antrogaeus und des Koenigs Wache.
+
+Phalarius. Willkommen, Speere, dienet meiner Rache.
+Du, Antrogaeus, sollst der erste sein,
+Den ich dem langverhaltnen Hass will weihn.
+
+(Alles eilt auf Phalarius zu.)
+
+Chor.
+Du sollst nach Hofe kehrn, Phalar',
+Der Koenig will's--
+(Die Krone erblickend und erschrocken zurueckweichend.)
+ Ha, welch ein Stern,
+Den ich auf deiner Stirn' gewahr'?
+Er haelt mich drohend von dir fern.
+Wie kann sein Anblick doch erschuettern,
+Mich reisst's zur Erd' mit bangem Zittern,
+Die Angst erpresst den Ausruf mir;
+Sei gnaedig, Fuerst,--ich huld'ge dir!
+
+(Alle sinken bebend auf die Knie.)
+
+Phalarius (wild lachend).
+Ha, ha, was laesst mir wohl Kreon befehlen?
+
+Antrogaeus. Blick' mild auf uns, dein Auge kann entseelen.
+Es sendete Kreon nach dir uns aus,
+ (Spricht mit beklemmter Brust.)
+Dich heimzuleiten nach dem Fuerstenhaus,
+Wo sich die Freude waelzt, Bachanten winken,
+Dort sollst du reuig an die Brust ihm sinken
+Und Abschied deinem duestern Grolle geben,
+Dafuer wird er zu neuer Wuerd' dich heben.
+
+Phalarius. Verflucht sei der, der mir von Reue spricht!
+ (Zieht sein Schwert und verwundet ihn.)
+Bereue du, wenn dir das Auge bricht!
+ (Antrogaeus wird in das Gebuesch gefuehrt.)
+Verwahrt die Brust, mein durst'ger Stahl will trinken,
+Er wird noch oft in Purpurscheide sinken.
+Nun rafft euch auf und horcht auf mein Befehlen.
+Ich will der Stadt ein Maerlein dort erzaehlen;
+Von einem Siegesfest, wo die Maenaden wueten,
+Der Sieger nur allein muss drauss' im Walde brueten.
+Von maechtig strahlender Kron', die ihm der Orkus schenkt,
+Von wuet'gem Rachgefuehl, das seine Waffe lenkt,
+Von gueldenem Palast am diamantnen See,
+Wo Freudentaumel herrscht, nicht ahnend baldiges Weh.
+Vom Brand, der ihn ergreift, vom grausen Angstgeschrei,
+Von Kreons letzter Stund', verzweiflungsvoller Reu'.
+Von Feinden waffenlos, die froh im Tanze schweifen,
+Von Kriegern roh und wild, die sie wie Schergen greifen.
+Vom gluehenden Balkon, von dem man auf mein Winken
+Sie wild frohlockend stuerzt, dass sie im See ertrinken;
+Dies Maerchen wollen wir der Stadt zum besten geben,
+Und wenn sie drob' erbleicht, soll Frohsinn uns beleben.
+Dann wird auf des Palastes schwarz gebrannten Truemmern
+Der glaenzende Pokal wie Sonnenaufgang schimmern,
+Und unsre Fabel geb' zum Schluss der Welt die Lehre;
+Dass unbewachtes Glueck nicht lang auf Erden waehre.
+ (Fuer sich gemaessigter.)
+Ich will das meine wahrn, mich sehe keiner fallen,
+Und muesst' es auch geschehn, mein Ruhm kann nie verhallen.
+Ich ringe mit der Zeit, es muss nach tausend Jahren
+Die Sage von der Kron' die Nachwelt noch erfahren.
+
+(Alle ab, die Baeume biegen sich abwaerts.)
+
+
+
+Fuenfte Szene.
+
+
+Lucina (schwebt schnell auf Rosenschleiern, die auf weissen Wolken
+ruhn, auf die Erde nieder, Angst befluegelt ihre Worte).
+Was hoert' ich fuer Flueche im Hain hier ertoenen?
+Es beben die Luefte, die Felsen erdroehnen,
+Hin brauset der Frevler durch waldige Nacht,
+Zu liefern die graessliche Hoellenschlacht.
+So musste auf Erden ein Boesewicht reifen,
+Der's wagt, nach der schrecklichen Krone zu greifen.
+Agrigent ist verloren, es jammert die Welt,
+Wenn ihn nicht die Macht der Erinnyen faellt.
+Was soll ich beginnen, ihr blutigen Stunden,
+Zu strafen den Frevel, zu heilen die Wunden?
+Er muss ja die grausame Tat erst vollstrecken,
+Will ich hier die raechenden Furien wecken.
+Nur Tod sprengt des Fatums gewaltige Ketten,
+Drum muss ich das Leben des Koenigs erretten.
+Schon rennt durch die Strassen der gierige Tross,
+Es werde die Wolke zum fluechtigen Ross.
+
+(Die Wolke verwandelt sich in ein schwarzes Ross mit goldenem Zaum.
+Lucina setzt sich schnell auf selbes.)
+
+Nun, Rappe, nun magst du die Luefte durchschnauben,
+Wir wollen den Moerder der Beute berauben.
+
+(Das Ross fliegt pfeilschnell ab.)
+
+
+
+Sechste Szene.
+
+Hades (als Fuerst der Unterwelt, schwarz griechisch gekleidet, eine
+schwarze Krone auf dem Haupte, eine Fackel in der Hand, die er in
+den Opferaltar der Eumeniden steckt)
+So, nun lass die Jagd erschallen
+Und die Jaeger nicht ermatten,
+Dass mir viele Scharen wallen,
+Nach dem Reich der dunklen Schatten;
+Denn ich hab's beim Styx geschworen,
+Zu entvoelkern diese Erd',
+Drum hab' ich Phalar' erkoren,
+Er ist dieses Auftrags wer.
+Bald wird auch Massana fallen,
+Wo ich Unglueck hingebannt,
+Lustig wird der Orkus hallen,
+Wenn versinkt das stolze Land.
+Von der kallidalschen Insel,
+Wo mein ries'ger Eber haust,
+Hoer' ich jammerndes Gewinsel,
+Dass das Meer nicht ueberbraust.
+Doch schon roetet sich der Himmel,
+ (Man sieht Brandroete.)
+Rauch wallt auf, die Zinne kracht.
+Im Palaste wogt Getuemmel,
+Schnell hat er die Tat vollbracht.
+ (Es rasselt donnernd die Pforte der Eumenidenhoehle, Blitze
+dringen durch die Oeffnungen.)
+Halt, die Eumeniden rasseln
+Auf von ihrem Raecherthron,
+Wie sie donnernd naeher prasseln,
+Ihre Dolche zucken schon.
+Ha, ihr sollt mir nicht zerstoeren
+Meines Witzes Heldentum,
+Ihr moegt seine Taten hoeren,
+Eure Rache bleibe stumm.
+ (Die Fackel ergreifend.)
+Durch die Macht, die mir geworden,
+Seit Saturn die Welt umfluegelt,
+Bleiben diese Schauerpforten
+Ihren Furien versiegelt.
+ (Er stoesst die Fackel dreimal gegen die Pforte, es zeigen sich
+drei Flammensiegel.)
+Durch dies Schreckenstor allein
+Koennen nach der Erd' sie dringen,
+Darum soll's verschlossen sein,
+Mit dem Schicksal muss er ringen,
+Ist, was ich gewollt, vollbracht,
+Send' ich selber ihn der Nacht.
+
+(Musik.
+Schreckliches Geprassel und Geheul inner der Pforte, der See wird
+hellrot und wogt fuerchterlich.)
+
+Ha, wie sie empoert nun heulen
+Und den See hier blutig faerben;
+Bleibt gefangen, gift'ge Eulen,
+Nur im Mondlicht kann er sterben.
+Doch ich seh' Kreon befreit
+Mit Lucina niederschweben,
+Er war schon dem Tod geweiht,
+Sie betruegt mich um sein Leben.
+ (Er tritt zurueck.)
+
+
+
+Siebente Szene.
+Voriger. Lucina und Kreon auf Wolken niedersinkend. Kreon beugt
+sein Knie vor Lucina.
+
+
+Lucina. Du bist gerettet, holder Fuerst, du lebst durch mich,
+Des Landes Schutzgeist war's, der niemals von dir wich.
+
+Kreon. Es dankt mein klopfend Herz, mein Sinn vermag's noch nicht,
+Da vor Erstaunen mir Erinnrung fast gebricht.
+Wer bringt mein treulos Glueck, ich straf' den Hochverrat,
+Den es an mir und meinem Volk begangen hat.
+O gleissnerische Zeit, wer sollt' es von dir glauben,
+Durch einen Augenblick kannst du uns alles rauben.
+Minuten wissen's kaum, dass mich das Elend fand.
+War's denn Phalarius, der drohend vor mir stand?
+Woher die Schreckenskron', mit der er frech geprahlt?
+Und die mit mag'schem Schein den Brand noch ueberstrahlt.
+Woher die Meuterei, wer herrschet nun im Land?
+Ihr Goetter staerket mich, es wanket mein Verstand,
+Vor ihm bin ich gekniet, vor diesem Boesewicht!
+
+Lucina. Dein Rasen ist umsonst, die Goetter hoeren's nicht,
+Siehst du dort den Altar, auf ihn leg' deine Klagen,
+Die Nimmerruhenden magst du um Rat befragen.
+
+Kreon. So hoert mich denn, ihr maecht'gen Eumeniden!
+ (Schlaegt an die Tuer, die erdroehnt.)
+
+Hades (tritt hervor).
+Vergebens rufst du sie, du stoerst nur ihren Frieden.
+
+Kreon. Wer spricht hier Worte aus, die Wahnsinn muesst' bereuen?
+
+Lucina (bebt zurueck).
+Erkennst du Hades nicht, den selbst die Goetter scheuen?
+
+Kreon (bebt auch zurueck).
+Du, Hades, bist's?
+
+Hades. Bin's selbst, der dieses Tor bewacht.
+
+
+Lucina (Zu Kreon leise).
+Er hat dich um dein Reich und um dein Volk gebracht.
+
+Kreon. Sind die Erinnyen taub, dass sie sich noch nicht zeigen?
+
+Hades. Erkennt die Siegel hier, der Orkus heisst sie schweigen.
+
+Lucina (jammernd zu Kreon).
+O armer Fuerst, Unmoeglichkeit heisst dein Gebiet,
+Aus dem die Hoffnung selbst mit banger Furcht entflieht.
+ (Zu Hades.)
+Ja, du verdienst, dass Goetter dich und Menschen hassen,
+Die Glut des ew'gen Pfuhls muss neben dir erblassen.
+Doch jener blut'ge See bleib Zeuge deiner Wut!
+Lucinas Goettermacht bewahret seine Glut,
+Bis sich einst Jovis Bild in seinen Wellen spiegelt.
+Und sein allmaecht'ger Blitz die Pforte dort entriegelt.
+
+Hades (mit Hohn).
+O Goettin, hold und schoen, wie magst du doch so wueten,
+Sieh deine Wundertat treibt neue Todesblueten,
+Mich schreckt nicht Zeus, drum sei dein See verflucht.
+Und wer durch seine Flut den Durst zu stillen sucht,
+Der wird von dieser Stund' die Menschenbrut verachten,
+Und einem Tiger gleich nach ihrem Leben trachten;
+Doch nur so lang, bis er so vieles Blut vergiesst,
+Als aus dem Wundersee sein durst'ger Mund geniesst.
+
+Lucina. Halt ein, das geht zu weit, du naechtlich Ungeheuer,
+Ist dir denn nichts auf dieser schoenen Erde teuer?
+Greif an den Himmel hin und raub' ihm seine Sterne,
+Die Goetter selbst verjag' nach lichtberaubter Ferne,
+Vernicht' auch mich, versuch's, raub' mir Unsterblichkeit,
+Beginn den Kampf, fall aus, ich bin dazu bereit.
+ (Sie stellt sich ihm mit majestaetischer Miene gegenueber.)
+
+Kreon. Was klagst du, Erde, noch, ist doch vom boesen Streit
+Der weite Orkus nicht, nicht der Olymp befreit.
+
+Hades (kalt und gleichgueltig).
+Du nennst unsterblich dich, durch Schmaehung kannst du's sein.
+Ich lasse mich mit dir in keinen Zweikampf ein.
+Du bist ein Goetterweib, mehr braucht's nicht zu erwidern,
+ (Mit vornehmer Nichtachtung.)
+Das heisst, du bist ein Weib und kannst mich nicht erniedern.
+
+Lucina (mit hoechster Wuerde).
+Ich bin's, und weil ich's bin, bebt stolzer mir die Brust;
+Ich bin ein Weib! des kraeft'gen Erdballs hoechste Lust!
+Ein Weib! Um das der Brand von Troja hat geleuchtet.
+Ein Weib! Um das des Donnrers Aug' sich mild befeuchtet;
+Ein Weib! Vor dem sich tief ganz Persien gebeugt;
+Ein Weib! Das einst ein Gott aus seinem Haupt gezeugt;
+Ein Weib! Das durch die Welt der Liebe Zepter schwingt,
+Der Lieb', die auch zu deinem Felsenherzen dringt.
+Ein Weib! Das deinen Arm durch einen Kuss kann laehmen;
+Das heisst: du bist ein Mann und kannst mich nicht beschaemen.
+
+Hades. In schoenen Worten kannst du leicht den Preis gewinnen,
+Doch nur durch Mannesgeist gelingt ein gross Beginnen.
+
+Lucina. Wohlan, so lass uns nicht durch Elemente streiten,
+Durch Flammen, Wogen, Sturm Verderben uns bereiten,
+Gebrauchen wir des Witzes fein geschliffne Klinge,
+Vielleicht gelingt mir's doch, dass ich den Sieg erringe.
+
+Hades. Was quaelt dich doch die Lust, den Orkus zu bekaempfen?
+Wie leicht waer's meinem Witz, den Uebermut zu daempfen.
+
+Lucina (schlau).
+Wenn dies dein Geist vermag, warum will er's vermeiden?
+Die Goetter muessten dich um deinen Witz beneiden.
+Glaub' nicht, dass im geheim die Himmlischen dich achten,
+Sie schmaehn auf deinen Geist, den sie schon oft verlachten.
+
+Hades (mit gereiztem Ehrgeiz).
+So will ich dir und den Olympschen Goettern zeigen,
+Dass meine Schlauheit nicht sich ihrer List muss beugen.
+Es soll dir moeglich sein, die Furchtbaren zu wecken,
+Doch was ich dir befehl', musst du genau vollstrecken.
+Du kannst zu seinem Sturz die Eumeniden brauchen,
+Laesst du auf dem Altar ein dreifach Opfer rauchen;
+Erst eine Kron', die eines Koenigs Stirn geziert,
+Der nie ein Reich besass, noch eins besitzen wird.
+Dann einen Lorbeerkranz von eines Helden Haupt,
+Der, wenn der Lorbeer rauscht, des Mutes ist beraubt.
+Und doch veruebt solch ungeheure Herkulstat,
+Dass ihm der Krieger Schar den Kranz geflochten hat.
+Nun kommt das dritte noch, es ist ein Diadem,
+Der Eitelkeit Triumph, dass es selbst Juno naehm'.
+Dies sei aus Myrthenbluet' mit Lilienschnee verwebt,
+Und ruh' auf einem Haupt, das sechzig Jahre lebt.
+Ein hochbetagtes Weib, mit reich verschlungnen Falten,
+Muss es fuer ihren Reiz als Schoenheitspreis erhalten.
+Doch Maenner nicht allein, die Mitleid kann versoehnen,
+Es muessen Weiber sie mit neid'schen Blicken kroenen.
+Dies sind die Dinge nur, die ich von dir begehre,
+Und findest du sie aus, dann glaub', dass ich dich ehre.
+Bring' sie zum Opfer hier, dann schmelzen jene Siegel,
+Die Pforte donnert auf, gesprengt sind ihre Riegel,
+Die Eumeniden frei, Phalarius kann fallen,
+Und hoer' ich sein Gestoehn' am Acheron erschallen,
+Dann nehm' die Kron' ich selbst von seiner blassen Stirn'
+Und weihe dir beschaemt, verachtend mein Gehirn.
+
+Lucina. Beim Zeus, ich bin erstaunt!
+
+Kreon. Sei nicht so grausam doch,
+Dass du die Moeglichkeit belegst mit solchem Joch
+Du willst den Flug und kettest unsre Fluegel,
+Du spornst den Gaul und engest seine Zuegel.
+
+Hades. Sie hat's gewollt, ich aendre meinen Ausspruch nie,
+Glaubt Ihr, der Hoelle Sued zeugt keine Phantasie?
+Hast du vielleicht gewaehnt, Unsterblichste der Nymphen,
+Es lasse Hades sich so ungerecht beschimpfen?
+Ich bin, was du so schlau gefordert, eingegangen,
+Doch bleibet unerfuellt mein dreifaches Verlangen,
+So sei's bei des Kozytus Trauerlauf geschworen,
+Du wirst des Orkus Spott, und Kreon ist verloren.
+ (Geht mit Wuerde ab.)
+
+
+
+Achte Szene.
+Vorige ohne Hades
+
+
+Kreon. Verloren bin ich, ja, mein Sturz war schon vollendet,
+Als sich sein Furienblick nach meinem Reich gewendet.
+Das Raetsel ist nun klar, ich weiss, wie es geschah,
+Mein Unglueck steht entlarvt und frech entkleidet da.
+Was ist das Leben doch? wie waer' ich zu bedauern,
+Wenn ich nicht sterblich waer' und muesste ewig trauern.
+
+Lucina. O traure nicht zu frueh, mein Geist gebaert Gedanken,
+Die ihn mit Hoffnungen wie Efeu gruen umranken.
+Die Goetter dulden's nicht, dass solch' ein Reich vergeht,
+Wo ein so edles Volk fuer seinen Koenig fleht.
+ (Nachdenkend.)
+Massanas Fuerst ist krank, und wird nicht mehr genesen,
+Das Unglueck haust zu arg, es muss das Land verwesen;
+Dann hier der blut'ge See, das kallidal'sche Schwein,
+Mein Wundermittel wirkt, es kann nicht anders sein.
+ (Der Wolkenwagen sinkt wieder herab.)
+Drum eile jetzt mit mir nach meinem Luftgefilde,
+Vertausch' den Anblick hier mit einem schoenern Bilde.
+Ich will durch mag'sche Kunst ein Zauberlicht bereiten,
+Dann such' durch Fremdlinge den Trug ich einzuleiten;
+Du aber kannst hier nichts zu deiner Rettung helfen,
+Drum harrest du auf mich im Kreise meiner Elfen.
+
+Kreon. So gern du, Goettin, magst nach deiner Heimat ziehn,
+So schmerzlich faellt es mir, die meinige zu fliehn.
+ (Mit tiefer Ruehrung.)
+O du mein teures Reich, ich muss mich von dir trennen,
+Den rauhen Felsen nur kann meine Qual ich nennen.
+Wo lebt ein Koenig wohl, der solches Leid getragen,
+Dass seinem Volke er kein Lebewohl darf sagen?
+O Echo, dessen Schall in allen Bergen toent,
+Verkuend' das Trauerwort; leb' wohl, mein Agrigent.
+Nun folg' ich Goettin dir ins traumbeglueckte Land,
+Verlass mein wirkliches, aus dem man mich verbannt;
+Doch wenn die Wolken mir mein treues Volk verhuellen,
+Wird sich des Koenigs Aug' mit heissen Traenen fuellen.
+Magst du den Schmerz als kleinlich auch betrachten,
+Er ist ein heil'ges Weh, du darfst ihn nicht verachten.
+ (Er kniet vor ihr.)
+
+Lucina (geruehrt die Hand auf sein Haupt legend).
+Ich ehre tief dein Leid, es fuehrt dich einst zum Lohne,
+Der Schmerz gehoert der Welt, drum traegt ihn auch die Krone.
+ (Hebt ihn auf.)
+Erhebe dich mein Fuerst.
+ (laesst ihn in den Wolkenwagen steigen.)
+ Ein Thron soll dich
+umrauschen.
+ (Die Wolke bildet einen Thronhimmel um Kreons Haupt.)
+Ist mir Fortuna hold, sollst du ihn bald vertauschen.
+
+(unter zart klagender Musik schwingen sich beide langsam fort.)
+
+
+
+Neunte Szene.
+(Romantische Gegend.)
+
+(Vorne links ein kleines Haeuschen mit einem Schilde, worauf eine
+goldene Schere gemalt ist. Diesem gegenueber eine natuerliche
+Rasenbank, von einem Baum ueberschattet. Die Musik geht nach der
+Verwandlung in Simplizius' Ariette ueber.)
+
+
+Simplizius (in buergerlicher Kleidung).
+Ariette.
+ 's gibt wenig, die so gluecklich sind
+Wie ich aus dieser Welt,
+Ich hab' kein Weib und hab' kein Kind,
+Und hab' kein' Kreuzer Geld.
+Wenn ich auch keine Schulden haett',
+Ich wuesst' vor Freud' nicht, was ich taet'.
+Ich will im voraus nicht stolziern,
+Mein Glueck faengt erst recht an,
+Mir scheint, ich werd' mein Gwerb' verliern,
+Dann bin ich praechtig dran;
+Und 's Ueberraschendste wird sein,
+Wenn s' kommen werdn und sperrn mich ein.
+
+Dann schau' ich um ein' Freund mich um,
+Der in der Not mich troest',
+Der macht, dass ich aus d' Festung kumm,
+Da sitz' ich erst recht fest;
+Und wenn s' mich dort vielleicht noch schlagn,
+Das waer' ein Glueck,--nicht zum Ertragn.
+
+Ja, ja, mancher, der mich so reden hoert, wuerd' sagen: O je, da
+kommt schon wieder einer daher, der lamentiert, dass er kein Geld
+hat und voller Schulden ist und dass er soll eing'sperrt werdn. O
+Jemine, das ist ein' alte G'schicht'. (Hochdeutsch.) Ja, wenn's
+aber nicht anders ist, was soll man denn machen? Es ist einmal so,
+ich hab' einmal kein Geld, und sie sperrn mich einmal ein,
+vielleicht auch zweimal, (lokal) und wenn das so fortgeht, so komm'
+ich aus dem Einsperren gar nicht mehr heraus. Ich bin ein
+rechtschaffener Mann, doch von was soll ich denn zahlen? Ich bin
+zwar der angesehnste Schneider hier im Ort, aber ich hab' nur eine
+einzige Kundschaft, und das ist mein Glaeubiger, ein Weinhandler,
+der weint um seine fuenfhundert Taler, so oft er mich anschaut.
+Jetzt bin ich ihm das Geld schon sieben Jahr' schuldig, er ist aber
+schon lang gezahlt, denn statt den Interessen hat er mit mir
+ausgemacht, dass ich ihm alles umsonst arbeiten muesst', was in seinem
+Haus ang'schafft wird. Da kommen aber die Leut' vom ganzen Dorf in
+sein Haus, lassen sich das Mass nehmen, ich muss ihnen umsonst
+arbeiten, und er lasst sich zahlen dafuer. Da hab' ich einen
+Zimmerherrn drin--(deutet auf sein Haus, geheimnisvoll) der zahlt
+auch nichts. Ist ein Schmied, ein Reimschmied, schreibt jetzt gar
+ein Theaterstuck. Auf die Letzt bringt er mich noch in ein Stuck
+hinein, denn ich hoer', jetzt koennen s' gar kein Stuck mehr
+auffuehren, wo s' nicht was von ein' Schneider drin haben, und er
+gar, er schreibt eins, das heisst "Die getrennten Brueder", das wird
+doch aufs z'sam'nahn hinausgehn. Er erwartet immer das Geld von der
+Post, und jetzt ist ein so ein schlechter Weg, da bleibt's halt
+stecken. (Ruft zum Fenster hinein.) Guten Morgen, Monsieur Ewald,
+schon wieder fleissig? Scribendum!
+
+
+
+Zehnte Szene.
+Voriger. Ewald.
+
+
+Ewald (schlaegt von innen auf den Tisch). So stoeren Sie mich doch
+nicht mit Ihrem unsinnigen Geschwaetz. (Kommt heraus im einfachen
+Gehrock. mit einem Manuskripte, Tinte und Feder.) Es ist nicht
+moeglich, dass ich einen vernuenftigen Gedanken fassen kann, wenn Sie
+in meiner Naehe sind. Gehen Sie doch hinein, ich will hier schreiben.
+
+
+Simplizius. Schreiben Sie, wo Sie wollen und an wen Sie wollen,
+aber sein Sie nicht unartig mit mir.
+
+Ewald. Lieber Hausherr, nehmen Sie meine Heftigkeit nicht so auf,
+Sie sehen, ich bin ein Dichter, ein begeisterter Mensch. Wenn man
+in Jamben arbeitet, Sie verstehen das nicht so, es sind fuenffuessige
+Verse.
+
+Simplizius. Ja, das ist ja eben das Unglueck, wenn die Vers' eine
+Menge Fuess' haben und kein' Kopf. Das tragt nichts ein, ich wollt',
+ich haett' so viel Fuess', als Ihre Schlampen oder Jamben, was Sie da
+schreiben, ich war' schon lang davon g'loffen, auf meine kann ich
+mich nicht mehr verlassen.
+
+Ewald. Sie sprechen dummes Zeugs, lassen Sie mich ungestoert. (Er
+setzt sich auf die Rasenbank und ueberlegt.) Der letzte Akt, mir
+fehlt's an Stoff.
+
+Simplizius. Mir auch, wenn ich so ein paar hundert Ellen Gros de
+Napel haett', ich wollt' Ihnen Ihre Getrennten schon herausstaffiern.
+
+
+Ewald. Nun hab' ich aufhoeren muessen. Jetzt ist der ganze Dialog
+zerrissen.
+
+Simplizius. Ich wollt', es waer' alles z'rrissen, so krieget ich
+doch ein' Arbeit.
+
+Ewald (aufspringend). Aber lieber Meister, wenn Sie einen Rock
+zuschneiden, so wuenschen Sie doch ungestoert zu sein.
+
+Simplizius. Nun, Sie werd'n doch erlauben, dass es ein' andere
+Aufgab' ist, wenn ich einen Rock zuschneid', als wenn Sie da eine
+halbe Stund' nachdenken, und hernach fallt Ihnen erst nix ein. Wenn
+Sie einen Vers um ein paar Ellen zu lang machen, so streichen Sie
+s' halt weg, aber wenn ich einen Aermel um eine halbe Ellen zu kurz
+mach', (er streift seinen Rockaermel hinauf) was g'schieht denn
+hernach?
+
+Ewald (stampft mit dem Fusse). Zum letzten Male rat' ich es Ihnen,
+mich ungestoert zu lassen, oder Sie werden mich wuetend machen.
+
+Simplizius (verschroben). Nu, nu, nur nicht so heftig, meine
+schwachen Nerven bitt' ich zu verschonen. Ueberhaupt zwingen mich
+verhaeltnislose Umstaende, mit Ihnen tragisch zu reden. Ich kann zwar
+nichts gegen Sie sagen, Sie sind ein ordentlicher Mann, Sie bleiben
+mir meinen Zins schuldig, wie es sich g'hoert. Aber Sie sind ein
+Dichter, der sehr schoene Ideen hat, warum kommt Ihnen denn nicht
+auch die Idee, mich zu bezahlen?
+
+Ewald. Sie sollen Ihr Geld erhalten.
+
+Simplizius. Ja wann? ich werd' heut noch eing'sperrt.
+
+Ewald. Warum?
+
+Simplizius. Weil ich blessiert bin und nicht ausrucken kann.
+(Deutet aufs Zahlen.) Wenn aber das geschieht, wenn sie mich
+einsperrn, Herr von Ewald--Sie sind mir schuldig, ich gebrauch'
+mein Recht, Sie muessen zu mir hinein. Wir sind Maenner, wir werden
+unser Schicksal zu ertragen wissen. (Geht gravitaetisch ab ins Haus.)
+
+
+
+Elfte Szene.
+
+
+Ewald (allein). Ha, ha, ha, ein gutmuetiger Mensch, wenn er nur
+nicht so unertraeglich einfaeltig waere, mich dauert seine missliche
+Lage. Morgen erhalte ich die Haelfte meines Honorars, davon will ich
+ihn unterstuetzen. Doch jetzt sei wirksam, Geist. (Dichtend.)
+Sechzehnte Szene, Gefaengnis, Artur allein.
+
+Warum muss ich im finstern Turm hier hausen,
+Um den des Meers geschaeftige Wellen brausen;
+Ach, waehrend Liebe stillt ihr froh Verlangen,
+Haelt mich der Hass hier trauervoll gefangen.
+O Schutzgeist, der du meinem Traum dich zeigst
+Und sanft dein Haupt zu mir hernieder neigst,
+Leit' mich aus meines Kerkers duestern Bann,
+Dass ich statt nutzlos sinnen, handeln kann.
+
+
+
+Zwoelfte Szene.
+Voriger. Lucina ist waehrend Ewalds Rede unter sehr leisen sanften
+Toenen auf Wolken niedergesunken. Ein Genius traegt eine Fackel.
+
+
+Lucina. Wenn du willst des Gedichtes Sinn auf dich beziehn,
+So kann ich deines Wunsches regen Drang erfuellen,
+Du sollst mit mir nach weit entfernten Landen ziehn
+Und des Verlangens Glut im Tatenstrome kuehlen.
+Zu hohem Werken hab' ich deinen Mut erkoren,
+Weil ich dein Herz und deinen Geist als rein ersehn.
+
+Ewald. O glanzentzuecktes Aug', zu seltnem Glueck geboren,
+Dass du so holder Goettin Reize darfst erspaehn.
+
+Lucina. Erstaune nicht, entwirf kein Bild von meinen Reizen,
+Du bist zur Rettung eines maecht'gen Reichs erwaehlt,
+Der Auftrag sei genug, um mit der Zeit zu geizen,
+Drum werd' dir auch von mir das Noet'ge nur erzaehlt.
+Dich sollen Wolken nach Massanas Strande tragen,
+Ein Land, in welchem Unglueck heult in jedem Haus,
+Und das vom Meer verschlungen wird in wenig Tagen,
+Dort gibst du dich fuer einen Weisen aus,
+Entstammend aus Aegyptens heil'gen Pyramiden,
+Der nach Massana kommt, um dieses Land zu retten.
+Und wenn der Koenig enden will den Lauf hienieden,
+Vergoldest du des Todes fuerchterliche Ketten
+Und forderst erst fuer diesen Dienst des Reiches Krone.
+
+Ewald. Wodurch ich dies vollbring', kann ich noch nicht ergruenden.
+
+Lucina. Nimm diese Fackel hier, sie flammt in jeder Zone,
+Wenn du sie kraeftig schwingst, wird sie sich selbst entzuenden,
+Den Gegenstand, auf den du ihren Strahl willst leiten,
+Wird zephirleicht in ihrem Zauberlicht verrinnen,
+Narkot'sche Wohlgerueche um sich her verbreiten,
+Und die Gestalt, die du ihm leihen willst, gewinnen.
+Er wird im wundervollsten Rosenlicht sich zeigen,
+Wie ihn die zartste Phantasie nur koennte malen,
+Dass sich die Herzen alle liebend vor ihm beugen,
+Und sanfte Ruehrung wird aus jedem Auge strahlen.
+ (Gibt ihm die Fackel.)
+Verwahr' sie wohl, du wirst sie einst noch dankbar preisen,
+Wenn troestet dich ihr welterfreunder Wunderschein,
+Doch nicht allein darfst du die Rettungsbahn durchreisen,
+Dem kuehnen Mut muss bange Furcht zur Seite sein.
+Du wirst wohl selbst wo einen feigen Duemmling kennen,
+Den eines Sperlings leises Rauschen schon erschreckt.
+
+Ewald. Da kann ich dir, o Goettin, keinen bessern nennen,
+Als jenen Mann, der sich vor deinem Anblick scheu versteckt.
+ (Deutet auf Simplizius ins Haus.)
+
+Lucina. Nun wohl, du magst mit ihm die Sache selbst verhandeln.
+
+Ewald. Er ist mir schon gewiss, ich weiss, was ihn bewegt.
+
+Lucina (zeigt auf einen Fels).
+Die Fackel wird den Stein in leichten Nebel wandeln,
+Der euch im schnellen Flug durch blaue Luefte traegt.
+Du uebst, wie ich's befahl.
+
+Ewald. Dies kann ich hoch
+beteuern.
+
+Lucina. Wohlan, ich will voraus hin nach Massana steuern.
+ (Fliegt ab.)
+
+
+
+Dreizehnte Szene.
+Ewald (allein.)
+
+
+Dies ist ein Auftrag doch, der eines Dichters wuerdig,
+Weil echte Poesie nach einer Krone strebt,
+Selbst Goettern ist durch hohen Schwung sie ebenbuertig,
+Der ueber Sonnen sie zu Jovis Thron erhebt.
+Mein Geist ist klein, mein Wirken nur ein ungeweihter Traum.
+Drum wird die Kron', die ich heut wage zu begehren,
+In Nichts zerfliessen, wie der Woge fluecht'ger Schaum,
+Nur dass ich sie gewollt, wird mir noch Lohn gewaehren.
+Und wer wird nicht mit Lust von goldnen Dingen traeumen,
+Kann er darueber arme Wirklichkeit versaeumen?
+ (Ab ins Haus.)
+
+
+
+Vierzehnte Szene.
+(Kurzes Zimmer mit schlechten Moebeln, ein Tisch mit Schreibgeraete,
+an der Wand haengen einige schlechte Kleidungsstuecke, Mass und ein
+paar abgeschabte Bilder. Rechts eine Seitentuer, links ein kleines
+Fenster.)
+
+
+Simplizius. Jetzt wird's nicht mehr lang dauern, so wird die
+achtzigpfuendige Kanone meines Ungluecks losgehn. Vor Angst krieg'
+ich noch das gelbe Fieber, das schwarze hab' ich so in allen
+Taschen schon. Wie spaet wird's denn schon sein. Ich koennt's gleich
+wissen, ich duerft' nur auf die Uhr schauen, die ich vor zwei Jahren
+versetzt hab'. Um halb zwoelf Uhr kommt der Weinhandler, der wird
+mich anzapfen um sein Geld, und wenn ich ihn nicht zahlen kann, so
+heisst es; Marsch nach Kamtschatka.
+
+
+
+
+Fuenfzehnte Szene.
+Voriger. Ewald.
+
+
+Ewald. Freude, Freude, lieber Simplizius!
+
+Simplizius. Ja, ja, das wird eine mordionische Freud' werden, bei
+Wasser und Brot.
+
+Ewald. Nein, lieber Simplizius, wir wollen fort von hier in ein
+fernes Reich.
+
+Simplizius. Ins Reich hinaus? Da war ich schon, im Nuernbergischen.
+
+Ewald. Nicht doch, eine reizende Goettin hat mich und Sie zur
+Rettung eines Koenigreichs bestimmt.
+
+Simplizius. Mich?
+
+Ewald. Ja. Sie. Goldgesaeumte Wolken werden uns dem gemeinen Leben
+hier entruecken und uns in ein herrlich Land hintragen. Lassen Sie
+Ihren Glaeubiger hier rasen, er hat ja ohnehin nichts mehr zu
+fordern. Machen Sie sich reisefertig, Sie sind zu grossen Dingen
+bestimmt.
+
+Simplizius. Zu was fuer ein'?
+
+Ewald. Das weiss ich nicht, ich weiss nur, dass es eine Krone gilt.
+
+Simplizius. Und die soll ich erretten? Nun, das wird gut ausfallen.
+Sie verkennt mich.
+
+Ewald. Nein, sie hat Sie ja gesehen und Ihren Mut belobt.
+
+Simplizius. Die Goettin? Ah, das ist goettlich! Aber weiss sie denn,
+dass ich--
+
+Ewald. Was?
+
+Simplizius. Nu. (Macht die Pantomime des Naehens.)
+
+Ewald. Versteht sich, alles weiss sie. Kommen Sie nur.
+
+Simplizius. Ich soll ein Land erretten? Ich kann mir's gar nicht
+anders vorstellen, als dass das Land durch Unruhen zerrissen ist,
+und ich muss's zusammenflicken. Oder sie fuerchten sich, dass das Land
+erfriert, und ich muss ihm einen Pauvre machen. Und auf einer Wolken
+sitzen wir, da fallen wir ja durch.
+
+Ewald. Bewahre, sorgen Sie sich nicht.
+
+Simplizius. Nun Sie, wenn wir heut durchfalleten, das waer' weiter
+keine Schand'. Mir ist jetzt schon, als wenn ich aus den Wolken
+g'fallen waer'.
+
+Ewald. Ich steh' Ihnen fuer alles.
+
+Simplizius. O, Sie sind ein gutes Haus. Was haben S' denn da fuer
+eine vergossne Kerzen?
+
+Ewald. Das ist eben unsere Wunderfackel. Was ich durch sie
+bestrahlt wissen will, erscheint nach meinem Wunsche in der
+herrlichsten Gestalt, und rosiger Nebel wird das Auge eines jeden
+lieblich taeuschen.
+
+Simplizius. Was sie jetzt alles erfinden, um die Leut' hinters
+Licht z' fuehren, das geht ueber alles. Na wegen meiner, ich bin
+dabei, ich sitz' doch lieber auf einer Wolken als im Arrest. Also
+gehn wir. (Sieht durchs Fenster.) Ums Himmels willen, dort kommt
+der Weinhandler, und zwei Schutzgeister hat er bei ihm, mit
+klafterlange Spiess'.
+
+Ewald. Fatale Sache, was beginn' ich jetzt?
+
+Simplizius. Monsieur Ewald, mir fallt aus Angst etwas ein.
+Probieren wir die Fackel, richten wir das Zimmer praechtig ein,
+tapezieren wir's aus. Vielleicht bekommt der Weinhandler einen
+Respekt und glaubt, er kriegt sein Geld. Warten Sie, ich sperr' die
+Tuer indessen zu, dass er nicht gleich herein kann. (Tut es.) Wenn er
+nur unterdessen abfuehr'. bis wir ihm ganz abfahren.
+
+Ewald. Kein uebler Gedanke, das geht nicht so leicht, er wird fragen,
+wo wir die schoenen Moebel her haben. Dann wird ihm die Fackel
+auffallen. Still!
+
+Riegelsam (klopft von aussen). Nur aufgemacht. Ich weiss, dass Er zu
+Hause ist.
+
+Simplizius. Gleich, gleich. (Heimlich.) Was tun wir denn?
+
+Ewald (ebenso). Geben Sie mich fuer einen Englaender aus, dem die
+Moebel gehoeren, und der fuer Sie zahlen will.
+
+Riegelsam. Ich schlag' die Tuer ein, wenn Er nicht aufmacht.
+
+Simplizius. Richtig, fangen Sie nur zum moeblieren an. (Ruft.) Nur
+warten.
+
+Riegelsam. Warten? Du verdammter Bursch', wart' du auf meinen Stock,
+ wenn ich hineinkomm'.
+
+(Ewald hat indessen die Fackel geschwungen, die sich selbst
+entzuendet.)
+
+(Musik.)
+
+Auf einen Schlag verwandelt sich das schmutzige Zimmer in ein
+herrlich gemaltes und reich moebliertes. Grosse Gemaelde mit goldenen
+Rahmen, nebst einer schoenen Wanduhr praesentieren sich. So
+verwandeln sich auch die Tueren, das Fenster, Tisch und Stuehle. Das
+ganze zeigt sich jedoch im bleichen Rosenlichte
+
+Simplizius. Mich trifft der Schlag, das wird doch ein schoener
+Betrug sein. Ich gluecklicher Mensch, das g'hoert alles nicht mein.
+
+Ewald (steckt die Fackel an die Wand, wo der Schreibtisch steht,
+setzt sich schnell und stuetzt das Haupt auf die Hand). Nun oeffnen
+Sie, sagen Sie, ich dichte und wollte ungestoert bleiben, und Sie
+haetten geschlafen.
+
+Riegelsam. Brecht das Schloss auf. (Sie schlagen an die Tuer,
+Simplizius oeffnet.)
+
+Simplizius. Ist schon offen.
+
+
+
+Sechzehnte Szene.
+Vorige. Riegelsam (ein sehr dickleibiger Mann von heftigem
+Temperament).
+
+
+Riegelsam (noch in der Tuer). Aufmachen kann er nicht, aber Schulden
+machen kann er. Wart', du verdammt--(er tritt herein, zwei
+Gerichtsdiener halten an der Tuer Wache, Riegelsam steht erstarrt.)
+Was ist das fuer eine malizioese Pracht? Ich erstaune. Wem gehoert das
+Amoeblement?
+
+Ewald (rasch aufspringend). Mir!
+
+Riegelsam. Ihnen? Ah, allen Respekt.
+
+Ewald. Also schliessen Sie Ihren Mund. (Setzt sich nieder und
+schreibt fort.)
+
+Riegelsam.. Was Mund schliessen? Um fuenfhundert Taler kann man den
+Mund gar nicht weit genug aufmachen.
+
+Simplizius. Wenn er nur die Mundsperr' bekaem', dass er ihn gar nicht
+mehr zubraecht'.
+
+Riegelsam. Nichts wird g'schlossen, als der--(auf Simplizius
+deutend) der wird g'schlossen--kreuzweis'. Wie steht's,
+liederlicher Patron, wird gezahlt oder nicht?
+
+Simplizius. Ja, es wird gezahlt.
+
+Riegelsam. Wer zahlt?
+
+Simplizius. Ich nicht.
+
+Riegelsam. Gerichtsdiener! (Sie treten vor.)
+
+Ewald. Halt! (Springt auf.) Ich bezahle. (Setzt sich wieder und
+schreibt.)
+
+Riegelsam. Wirklich? Allen Respekt. Wer ist dieser Herr?
+
+Simplizius. Ein vacierender Lord.
+
+Riegelsam. Und wohnt in diesem miserablen Haus?
+
+Simplizius. Spleen.
+
+Riegelsam. Warum schreibt er denn bei einer Fackel am hellichten
+Tag?
+
+Simplizius. Spleen.
+
+Riegelsam. Und was krieg' ich denn fuer meine Schuld?
+
+Simplizius. Spleen.
+
+Riegelsam. Geh Er zum Henker mit seinem Spleen. (Beiseite.) Wenn
+ich nur die schoenen Moebel haben koennt', ich bin ganz verliebt in
+sie. (Laut.) Also was soll's sein? Entweder meine fuenfhundert Taler,
+ oder ich lass' das Zimmer ausraeumen.
+
+Simplizius. Da kriegt er auch was rechts.
+
+Ewald. Herr, unterstehen Sie sich nicht, sich meines Eigentumes zu
+bemaechtigen. In diesem Zimmer bin ich Herr, weil ich es gemietet
+habe, und wenn Sie es nicht zur Stelle verlassen, so werd' ich mein
+Hausrecht gebrauchen und Sie zum Fenster hinauswerfen.
+
+Riegelsam. Welch eine Behandlung? Was soll das sein? (Sieht
+Simplizius fragend an.)
+
+Simplizius (gleichgueltig). Spleen.
+
+Riegelsam. Halt' Er sein Maul mit seinem verflixten Spleen. Sie
+haben sich angeboten zu bezahlen, tun Sie es, ich bin bereit.
+
+Ewald. Ich noch nicht, in einer Stunde sollen Sie Ihr Geld erhalten,
+ ich erwarte die Post. Entfernen Sie sich jetzt und kommen Sie in
+einer Stunde wieder.
+
+Riegelsam. Hat auch kein Geld, nichts als Spleen.
+
+Simplizius. Ein splendider Mann.
+
+Riegelsam. Aber die schoenen Moebel, diese herrlichen Moebel. Gut, ich
+geh', aber die Wach' bleibt hier.
+
+Simplizius Ich seh' mich schon im Loch.
+
+Ewald. Impertinent, den Augenblick mit der Wache fort, oder Sie
+bekommen keinen Heller von Ihrer Schuld.
+
+Riegelsam. Nicht? So lass' ich ihn einsperren. (Auf Simplizius
+zeigend.)
+
+Ewald. Nur fort mit ihm, das ist das beste, was Sie tun koennen.
+
+Simplizius (erschrocken). So ist's recht, das waere schon das beste
+bei ihm.
+
+Riegelsam (beiseite). Es ist ihm nicht beizukommen, ich moecht'
+rasend werden. Aber die schoenen Moebel allein koennten mich verfuehren.
+
+
+Simplizius. Ah, wenn Sie s' erst im rechten Licht sehen werden,
+denn sein' Fackel blendt einen ja.
+
+Riegelsam. Sind sie da noch schoener?
+
+Simplizius. O, da kann man sie gar nicht sehn vor lauter Schoenheit.
+
+Riegelsam. Gut, die Wach' soll sich entfernen, unter der Bedingung,
+dass Sie mir diese Moebel verschreiben.
+
+Simplizius (heimlich erfreut). Beisst schon an.
+
+Riegelsam. Wenn ich in einer Stunde mein Geld nicht erhalte,
+gehoeren sie mir.
+
+Simplizius (heimlich freudig). Haben ihn schon!
+
+Ewald. Mein Wort darauf.
+
+Riegelsam. Nichts, das muss schriftlich sein, nur aufsetzen, alles
+schriftlich.
+
+Simplizius (heimlich). G'hoert schon uns!
+
+Ewald (schreibt). Also alles was sich in diesem Zimmer befindet?
+
+Simplizius Bis auf uns, denn er waer' imstand, er nehmet uns auch
+dazu. Das ist gar ein Feiner.
+
+Riegelsam. So ein miserables Moebel, wie Er ist, kann ich nicht
+brauchen. Still. Euer Hoheit geruhen zu unterschreiben.
+
+Ewald. Hier.
+
+Riegelsam. Auch der Schneider.
+
+Simplizius (tut es fuer sich). Du wirst dich schneiden.
+
+Riegelsam (frohlockend). Bravo, jetzt bin ich in Ordnung.
+
+Simplizius. Das ist ein gluecklicher Kerl, jetzt hat er einen Fang
+gemacht.
+
+Riegelsam (zur Wache). Ihr koennt nach Hause gehn.
+
+(Wache ab.)
+
+Simplizius. Ah, weil nur die Garnierung von der Tuer' weg ist.
+
+Ewald. Nun gehen Sie auch!
+
+Riegelsam. Ich? Was fallt Ihnen ein, ich bleib' hier, bis das Geld
+ankommt.
+
+Ewald. Welch eine Eigenmaechtigkeit! Ich muss fort, das Geld zu holen,
+ ich habe Eile.
+
+Simplizius. Freilich, bei uns geht's auf der Post. (Fuer sich.) Wir
+fahren ja ab.
+
+Riegelsam. Das koennen Sie machen, wie Sie wollen. (Setzt sich in
+einen Stuhl.) Mich bringt einmal niemand aus diesem Zimmer fort.
+Ich muss meine Moebel bewachen, kein Stueck darf mir davon wegkommen.
+Tausend Element!
+
+Ewald (zu Simplizius heimlich). Das ist eine schoene Geschichte, was
+tun wir jetzt?
+
+Simplizius. So lassen S' ihn sitzen, wir nehmen unsre Fackel, gehn
+hinaus, sperren ihn ein und er soll seine Moebel bewachen.
+
+Ewald. Ein delikater Einfall. (Nimmt die Fackel von der Kulisse.)
+Nun wohl, bleiben Sie hier und haften Sie mir fuer alles.
+
+Simplizius. Und geben Sie acht, dass Ihnen nichts wegkommt, sonst
+muessen Sie's zahlen.
+
+(Ewald und Simplizius gehen schnell hinaus und sperren die Tuer zu.
+Wie die Fackel ans dem Zimmer ist, verwandelt sich dasselbe wieder
+in die arme Stube.)
+
+
+
+Siebzehnte Szene.
+Riegelsam (allein, springt auf und sagt im hoechsten Erstaunen).
+Blitz und Donner, was ist das fuer eine Bescherung? Bin ich in eine
+Zauberhoehle geraten? Wo sind die Moebel hingekommen? Die schoene Uhr,
+die herrlichen Bilder. Alles ist fort, Fetzen sind da. (Zerreisst
+die Kleider.) Nichts als Fetzen sind da und die Lumpen sind fort.
+Ha! Ich muss ihnen nach.--Die Tuer ist verriegelt, ich kann nicht
+hinaus, ich erstick' vor Wut. Meine fuenfhundert Taler. (Sinkt in
+den Stuhl.)
+
+
+Simplizius (sieht zu dem kleinen Fenster herein). Freund, die sind
+verloren.
+
+Riegelsam. O du Hexenmeister, wirst du hereinkommen! Schaff' mir
+meine Moebel her!
+
+Simplizius. Wollen Sie s' nochmal sehn? (Haelt die Fackel zum
+Fenster herein.) Da sind sie! (Das Zimmer wird wie vorher reich
+moebliert.)
+
+Riegelsam (stuerzt mit ausgebreiteten Armen darauf hin). Halt, jetzt
+lass' ich sie nicht mehr aus.
+
+Simplizius (zieht die Fackel zurueck).
+
+(Schnelle Verwandlung.)
+
+Simplizius. Halten Sie s' fest.--So raecht sich Simplizius, der
+Verschuldete.
+
+
+
+Achtzehnte Szene.
+Riegelsam (der bei der Verwandlung betroffen zurueckfuhr, springt
+nun wuetend auf das Fenster zu, welches Simplizius ihm vor der Nase
+zuschlaegt). Spitzbuben! Gesindel! Raeuber! Moerder! Dieb'! (Schlaegt
+die Fensterscheiben ein.) Ich zerplatz' vor Zorn. Ich muss ihnen
+nach. (Will zum Fenster hinaus und bleibt stehen.) Ich kann nicht
+durch, ich bin zu dick, ich erstick'! Was seh' ich! O hoellische
+Zauberei, sie fliegen auf einer Wolken davon. Die praechtigen
+Kleider, der Schneider strotzt vor Silber, wenn ich s' ihm nur
+herabreissen koennt'. Meine fuenfhundert Taler. Ich werd' unsinnig,
+ich spreng' mich in die Luft. Nein, ich spreng' die Tuer' ein. (Er
+tut es.) Hilfe! Hilfe! Raeuber! Dieb'! Wache! (Ab.)
+
+
+
+Neunzehnte Szene.
+(Grosser Platz in Massana, im griechischen Stil erbaut. Seitwaerts
+der koenigliche Palast. Stufen fuehren aufwaerts, auf welchen der
+Genius des Todes, ein bleicher Juengling mit der umgekehrten
+ausgeloeschten Fackel, mit geschlossenen Augen sitzt. Viele Personen
+in Trauer, viele nicht, gehen haenderingend herum ueber die Strasse.)
+
+Kurzer Chor.
+Jammer, sag', wann wirst du scheiden,
+Von Massanas Ungluecksflur;
+Grosse Goetter, hemmt die Leiden,
+Eure Macht vermag es nur.
+
+
+(Gehen trauervoll ab.)
+
+
+
+Zwanzigste Szene.
+Lucina (kommt und betrachtet mit Wehmut den Palast). Genius des
+Todes.
+
+(Die ganze Szene muss von beiden Seiten langsam und feierlich
+gesprochen werden.)
+
+
+Lucina.
+Mich erfasst ein widrig Schauern,
+Blick' ich auf dies Trauerschloss.
+Schon seh' ich den Juengling lauern,
+Armer Fuerst, dein Leid ist gross.
+(Mit erhobener Stimme.)
+Du, des Todes Genius,
+Magst durch Antwort mich begluecken;
+Wirst du heut den eis'gen Kuss
+Auf Massanas Lippen druecken?
+
+Genius des Todes
+(hebt sein Haupt, stets bleibt die Fackel gesenkt. Spricht kalt und
+ernst im tiefen Tone).
+
+Wenn die Nacht den Tag verjagt
+So heischt's Hades Rachesinn,
+Hat Massana ausgeklagt.
+(Kurze Pause.)
+ Rauscht das Meer darueber hin.
+Lucina.
+ Und wie wird der Koenig enden,
+Wirst du freundlich ihn umfahn?
+Genius des Todes.
+ Hades kann nur Schrecken senden,
+Duester wird sein Ende nahn.
+Lucina.
+ Wehmut seufzt aus deiner Kunde
+Und doch frommt sie meinem Plan,
+Mich beglueckt die Ungluecksstunde,
+Wenn ich dich erweichen kann.
+Schenk' das Leben mir von zweien,
+Die nicht Hades Fluch getroffen,
+Die nicht an die Zahl sich reihen,
+Die Erbarmen nicht zu hoffen.
+Genius des Todes (laechelnd).
+ Nimm das Leben hin von zweien,
+Du entziehst mir's dennoch nicht.
+Lucina.
+ Moechtest du mir noch verleihen,
+Dass Heraklius' Auge bricht,
+Eh' des Landes Festen beben.
+Genius des Todes.
+ Eh' den Turm noch kuesst die Well',
+Lischt des kranken Koenigs Leben.
+Lucina.
+ Doch Massana muss dann schnell,
+Eh' die Zeit Sekunden raubt,
+In dem Augenblick versinken,
+Wo auf einem fremden Haupt,
+Wird des Koenigs Krone blinken.
+Genius des Todes
+(laesst das Haupt sinken und
+sagt dumpf und langsam).
+ Wird versinken.
+(Pause, dann noch mit gesenkten Haupte)
+ Lass mich lauschen.
+Lucina.
+ Ist dein Aug' zum Schlaf erlahmt?
+(Gejammer in der Szene, mehrere Stimmen: Hilf, er stirbt.)
+Genius des Todes.
+ Hoerst du's rauschen?
+(Hebt das Haupt.)
+ Dorthin ruft mein eisern Amt.
+
+
+(Er steht auf, sein Haupt ist etwas gebeugt, die rechte Hand
+streckt er gegen den Ort, wo der Schall hertoent, als zeigte er hin,
+die linke haengt, die umgestuerzte Fackel haltend, gerade herab, so
+eilt er gemessenen Schrittes in die Kulisse, doch auf die
+entgegengesetzte Seite des Palastes.)
+
+Lucina (blickt gegen Himmel)
+ Goetter, die ihr gnaedig waltet
+Und doch unbegreiflich schaltet!
+
+(Geht langsam auf die entgegengesetzte Seite ab.)
+
+
+
+Einundzwanzigste Szene.
+Thestius, Epaminondas (mehrere Einwohner von Massana kommen von der
+Seite, wo der Genius abgeschritten ist).
+
+
+Thestius. Ist aus mit ihm, ist stumm; die Goetter haben seinen Mund
+geschlossen.
+
+Epaminondas. Ein sonst so sanftes Ross, und schleudert ihn herab,
+dass von dem Fall die Erde donnert. (Die Weiber weinen.) So heult
+doch nicht, seid ihr's nicht schon gewohnt? Seit sieben vollen
+Jahren hat Unglueck hier im Lande sich gelagert und ueber diese Stadt
+sein schwarzes Zelt gespannt. Ich bin schon stumpf gemacht, mich
+kann's nicht ruehren mehr, wenn meines Nachbars Dach auf seinen
+Schaedel stuerzt. Nur Weiber koennen sich an so was nicht gewoehnen.
+
+Thestius. O Hades, ungerechter Fuerst der Unterwelt, der du aus
+Rache, weil Massana nicht den Koenig hat gewaehlt, den du durch deine
+unterirdischen Orakel ihm bestimmen liessest, das arme Reich mit
+Uebel aller Art verfolgst; so dass wir wie auf nie betretnem
+Eisgeklueft, nicht einen Schritt auf breiter Strasse tun, wo nicht
+Gefahr des Lebens mit verbunden ist.
+
+Epaminondas. Seht, was laeuft das Volk zusammen? Zwei Fremde bringen
+sie.
+
+Thestius. Die sind so selten jetzt im Lande, als ob sich Kometen
+zeigten. Hypomedon fuehrt sie.
+
+
+
+Zweiundzwanzigste Szene.
+Vorige. Hypomedon, Ewald und Simplizius, beide im aegyptischen
+Kostueme.
+
+
+Hypomedon. Endlich haben wir wieder das Glueck, zwei Fremdlinge in
+unserer Stadt zu sehen. Staunt, aus Aegypten kommen diese Leute gar,
+um bei uns Verachtung des Lebens zu lernen.
+
+Ewald. Sei gegruesst, Volk von Massana, ich habe Wichtiges in deinem
+Reiche zu verhandeln.
+
+Simplizius. Zu verhandeln, sagt er, auf die Letzt' halten s' uns
+fuer Juden.
+
+Thestius. Seid uns gegruesst, wir bedauern euch.
+
+Simplizius (macht grosse Augen). Der bedauert uns.
+
+Thestius. Euch haben boese Sterne in das Land geleitet.
+
+Simplizius. Ach warum nicht gar, wir sind ja beim helllichten Tag
+ankommen.
+
+Ewald (nimmt ihn auf die Seite). Sein Sie nicht so gemein, tun Sie
+vornehm, klug, bescheiden und druecken Sie sich in bessern Worten
+aus.
+
+Simplizius. Das muessen Sie mir schriftlich geben, denn so kann ich
+mir das nicht merken.
+
+Ewald. Glaubt nicht, dass ich der Pyramiden geheimnisvollen
+Aufenthalt umsonst verliess, ihr werdet die Gestirne hoch verehren,
+die nach Massana mir geleuchtet, denn fromme Goetter haben mich zu
+euch gesendet.
+
+Thestius. So preisen deine Sendung wir. Dein Aug' ist sanft, und
+edel deine Haltung, dein Antlitz floesst Vertrauen ein, und deine
+kuehn gewoelbte Stirn mag wohl ein Thron der hoechsten Weisheit sein.
+
+Simplizius. Nein, was s' an dem alles bemerken, das waer' mir nicht
+im Schlaf eing'fallen. Einen Thron hat er auf der Stirn, und da
+sitzt die Weisheit d'rauf. (Macht die Pantomime des Niedersetzens.)
+Jetzt, was werden s' erst auf meiner Stirn' alles sitzen sehn?
+
+Thestius. Willst du mein Unglueckshaus zur Wohnung dir erwaehlen, so
+folge meinem scheuen Tritt, doch lass die Vorsicht emsig pruefen
+deinen Pfad und Besorgnis ueber deine Schultern schaun. (Verbeugt
+sich tief.)
+
+Ewald. Mein Dank gruesst deines Hauses Schwelle, mit frohem
+Hoffnungsgruen wird dir der Gast die Hallen schmuecken. Simplizius,
+folge bald! (Geht mit Anstand a, Thestius folgt.)
+
+
+
+Dreiundzwanzigste Szene.
+Vorige, ohne Ewald und Thestius.
+
+
+Simplizius (sieht ihm erstaunt nach). Ich empfehl' mich ihnen. Ah,
+was die Weisheit fuer eine langweilige Sach' ist, das haett' ich in
+meinem Leben nicht gedacht. Ich will einmal lustig sein. (Tut nobel
+zu Epaminondas.) Sagen Sie mir, mein edelster Massanier, was gibt
+es denn fuer Spaziergaenge hier?
+
+Epaminondas. Der betretendste Weg fuehrt ins Elend.
+
+Simplizius. So? Das muss eine schoene Promenade sein.
+
+Hypomedon. Du wirst sie schon noch sehen.
+
+Simplizius. Ich freu mich schon d'rauf. Haben Sie auch ein Theater?
+
+Epaminondas. O ja. (Seufzend.) Massana heisst der Schauplatz.
+
+Simplizius. Was wird denn da aufgefuehrt?
+
+Hypomedon. Ein grosses Trauerspiel.
+
+Simplizius. Von wem?
+
+Epaminondas. Ein Werk des Orkus ist's.
+
+Simplizius. Den Dichter kenn' ich nicht, muss ein Auslaender sein.
+
+Hypomedon. Es waehrt schon sieben Jahre.
+
+Simplizius. O Spektakel, da muss einer ja drei-, viermal auf die
+Welt kommen, bis er so ein Stueck sehn kann. Wer spielt denn mit?
+
+Epaminondas. Das ganze Volk.
+
+Simplizius. Also ein Volkstheater. Und wer schaut denn zu?
+
+Epaminondas. Die Hoelle.
+
+Simplizius. Da muss ja eine Hitz' im Theater sein, die nicht zum
+aushalten ist. Ueberhaupt scheinen die Leut' hier nicht ausg'lassen
+lustig z' sein. Warum weinen denn die Fraun da?
+
+Eine Frau. Wir beweinen euer Schicksal.
+
+Simplizius. Unser Schicksal? Was haben denn wir fuer ein Schicksal?
+Wen tragen s' denn da? (Sieht in die Kulissen.)
+
+Hypomedon. 's ist nur einer, den ein Ross erschlagen hat.
+
+Simplizius. Erschlagen hat's ihn nur? O, da reisst er sich schon
+noch heraus, hier ist eine g'sunde Luft. Wer wohnt denn in dem
+grossen Haus?
+
+Hypomedon. Das steht leider leer, die Leute sind alle
+herausgestorben.
+
+Simplizius. Warum nicht gar? Was hat ihnen denn g'fehlt?
+
+Epaminondas. Nu, es ist eine eigene Krankheit, es ist nicht gerade
+ein gelbes Fieber--
+
+Simplizius. Nu, wenn es nur eine Farb' hat, ich bin mit allen
+z'frieden. (Sieht auf die entgegengesetzte Seite in die Kulisse.)
+Sie, da tragen s' ja schon wieder einen?
+
+Epaminondas. Das geht den ganzen Morgen so, heut ist ein
+gefaehrlicher Tag, Ihr duerft Euch in acht nehmen.
+
+Simplizius. In acht nehmen? Ja, haben Sie denn etwa die Pest?
+
+Epaminondas. Nu, jetzt nicht mehr so sehr.
+
+Simplizius. Nicht mehr so sehr? Hoeren Sie auf, mir wird voellig
+angst. Ich bitt' Sie, mein lieber--wie heissen Sie?
+
+Epaminondas. Epaminondas.
+
+Simplizius. Epaminondas? Das ist auch ein so ein g'faehrlicher Nam'.
+Also, mein lieber Epaminondas, haben Sie die Guete und fuehren Sie
+mich wohin, dass ich eine Aufheiterung hab', denn ich bin sehr
+miserabel.
+
+Epaminondas. Ich will dich an einen Ort fuehren, wo du vielleicht
+Bekannte findest.
+
+Simplizius.. O, das waer' praechtig. Wohin denn?
+
+Epaminondas. In die Fremdengruft; dort liegen alle Fremden begraben,
+die seit sieben Jahren in unsere Stadt gekommen sind.
+
+Simplizius. Alle, ohne Ausnahm'?
+
+Epaminondas. Ja, ja, alle; du kannst dir gleich dort einen Platz
+bestellen.
+
+Simplizius. Einen Platz soll ich mir bestellen, wie auf einem
+G'sellschaftswagen? Sie wahnsinniger Mensch, was fallt Ihnen denn
+ein? Was ist denn das fuer ein Land? Das ist eine wahre Marderfallen,
+wo man nicht mehr hinaus kann. Und das erzaehlen Sie einem noch,
+Sie abscheul-- wie heissen S'? Ich habe Ihnen schon wieder vergessen.
+
+Epaminondas (wild). Epaminondas.
+
+Simplizius. Der Nam' bringt einen allein schon um. So widerrufen
+Sie doch, Epaminondas, wenn Sie nicht wollen, dass mich die Angst
+verzehrt.
+
+
+
+Vierundzwanzigste Szene.
+Vorige. Sillius eilig.
+
+
+Sillius. Helft, helft, es steht ein Haus in Flammen!
+
+Alles (laeuft ab). Hilfe, rettet, fort!
+
+Epaminondas (lacht). Haha, die Toren loeschen dort und jammern sich
+bei fremdem Unglueck krank. Da lach' ich nur, ich bin ein Stoiker,
+wer raubt mein Glueck?
+
+
+
+Fuenfundzwanzigste Szene.
+Vorige. Argos eilig.
+
+
+Argos. Du sollst nach Hause kehrn, Epaminond', dein Sohn ist tot.
+
+Epaminondas (die Haende jammernd ringend). Mein Sohn! Mein Sohn! O
+ungluecksel'ger Tag! Ich ueberleb' ihn nicht! (Stuerzt mit Argos ab.)
+
+
+
+Sechsundzwanzigste Szene.
+Simplizius allein, dann zwei Diener des Thestius.
+
+
+Simplizius (zittert am ganzen Leibe). Schrecklich, schrecklich!
+Stirbt schon wieder eine Familie aus. Der Stoiker ist g'straft fuer
+seinen Uebermut. Mich fangt eine Ohnmacht ab. (Setzt sich auf die
+Stufen des Palastes.) Wo werden s' da Hofmannische Tropfen haben?
+Hilfe, Ohnmacht, Hilfe!
+
+Diener (aus dem Hause). Du moechtest hinaufkommen, Fremdling, dich
+zu laben.
+
+Simplizius (matt). Laben? Das ist die hoechste Zeit, dass Sie mich
+laben. Ich komm' schon, nur voraus.
+
+Diener. Doch nimm dich wohl in acht, die Treppe ist sehr steil, es
+haben sich drei Hausgenossen schon das Bein gebrochen.
+
+Simplizius (in hoechster Angst). Ums Himmels willen, das nimmt ja
+gar kein End'. (Die Knie schnappen ihm zusammen.) Ich trau' mich
+gar nicht aufzutreten mehr. Fuehrt's mich hinein. (Der Diener fuehrt
+ihn unter dem Arm, er spricht unter dem Abgehen:) O schlechtes Volk!
+Eine Fremdengruft haben s', das gelbe Fieber, etwas Pest,
+Epaminondas--ein' Beinbruch auch. O Angst, wann ich hier stirb',
+mein Leben sehn s' mich nimmermehr. (Schleppt sich ab, von den
+Dienern gefuehrt.)
+
+
+
+Siebenundzwanzigste Szene.
+(kurzes Gemach in Thestius' Hause mit zwei Seitentueren.)
+
+
+Thestius. Ewald.
+
+Thestius. Du bist gemeldet bei dem Koenig, Fremdling, als unsres
+Landes wunderbarer Retter. Seit fruehmorgens sind schon die Minister
+all um ihn versammelt. An unheilbarem Uebel liegt der Herrliche
+danieder, und wie der Mensch durch hoehern Schmerz den mindern nicht
+fuehlt, so klagt das Volk mit edler Lieb' bei seines Koenigs hohem
+Leid, dass es ob dem Gestoehn' das eigne gross vergisst.
+
+Ewald. O, wie entzueckend ist es, so geliebt zu sein.
+
+Thestius. So liebt der Koenig auch sein treubewahrtes Volk, und
+gleichen Sieg erringt sein edles Herz. Wie gluecklich waer' dies Land,
+wenn nicht der unbarmherz'ge Fuerst der unterird'schen Schatten--
+
+
+
+Achtundzwanzigste Szene.
+Vorige. Hermodius eilig und bestuerzt.
+
+
+Hermodius. Wo ist der Weise aus Aegyptens Zauberlande, der Rettung
+bietet dem bestuerzten Volk?
+
+Thestius. Du siehst ihn hier voll sanfter Wuerde stehn.
+
+Hermodius. Beweisen magst du nun, dass gute Goetter dich mit
+wunderbarer Zauberkraft begabt; du musst zum Koenig schnell, es will
+sein Geist Elysium erkaempfen, doch sendet Hades schauervolle Bilder,
+mit Schreckensnacht sein Auge zu umgarnen, und Furien, furchtbar
+anzuschauen, mit Schlangen reich umwunden, auf faulen Duensten
+schwebend, durchrauschen das Gemach. Nun sprich; kannst du des
+Orkus Nacht durch Eos' Strahl erhellen?
+
+Ewald.. Ich kann es nicht, den Goettern ist es moeglich, und was ich
+bin, ich bin es nur durch sie.
+
+Hermodius. So eil' mit mir, es ist die hoechste Zeit.
+
+Ewald (umarmt Thestius mit Ruehrung). Mein Thestius, leb' wohl,
+Osiris moege dich fuer deine Guete lohnen. (Fuer sich mit Schmerz.)
+Massana sinkt, ich seh' ihn nimmermehr. Nun komm, geleite mich, mir
+winkt ein grosser Augenblick.
+
+Thestius. Kehr' bald zurueck, mein Herz erwartet dich.
+
+(Ewald und Hermodius zur Seite ab, Thestius zur entgegengesetzten
+Seite ab.)
+
+
+
+Neunundzwanzigste Szene.
+Simplizius und Arete treten ein.
+
+
+Arete. Ach, du armer Mensch, komm doch herein, warum willst du denn
+keine Speise nehmen.
+
+Simplizius. Ich bin ueberfluessig satt, mir liegt das ganze Land im
+Magen, drum bring' ich nichts hinein. Ich verhungre noch vor Angst.
+
+Arete. Pfui, schaem' dich doch, bist du ein Mann?
+
+Simplizius (beiseite). Ich weiss selbst nicht mehr, was ich bin.
+(Laut.) Vermutlich.
+
+Arete. Betrachte mich; ich bin ein Maedchen. Wir haben zwar grosse
+Ursache, uns zu fuerchten, man hat heute ein Erdbeben verspuert, dass
+die Stadtmauern erzittert haben.
+
+Simplizius. Jetzt, wenn die Stadtmauern schon zum Zittern anfangen,
+was soll denn unsereiner tun?
+
+Arete. Warum bist du denn aber eigentlich nach Massana gekommen?
+
+Simplizius (zittert). Weil ich das Land erretten muss.
+
+Arete. Du? Ach, ihr guten Goetter, wenn du dich nur nicht vorher zu
+Tode zitterst.
+
+Simplizius. Glaubst? Das war' sehr fatal.
+
+Arete. Armer Narr, du dauerst mich.
+
+Simplizius. Ich dank' ergebenst. Das Maedel waer' so huebsch, wenn mir
+nur nicht die Knie zusamm'schnappeten; ich fanget aus lauter Angst
+eine Amour an.
+
+Arete. Warum blickst du mich so forschend an, was wuenschest du?
+
+Simplizius (fuer sich). Wenn sie nur in der G'schwindigkeit eine
+Leidenschaft zu mir fasset, so koennten wir heut vormittag noch
+durchgehn, da kaem' ich doch auf gute Art aus dem verdammten Land.
+Sag' mir, liebes Kind, was fuehlst du eigentlich fuer mich?
+
+Arete. Mitleid, inniges Mitleid!
+
+Simplizius. Inniges Mitleid? Aha, sie ist nicht ohne Antipathie fuer
+mich. Koenntest du dich wohl entschliessen--
+
+Arete. Wozu?
+
+Simplizius. Die Meinige zu werden.
+
+Arete. Arete die Deinige?
+
+Simplizius.. Ja, Arete, du hast mein Herz arretiert.
+
+Arete (sehr stolz). Wer bist du, der du es wagst, um die Hand einer
+edlen Massanierin anzuhalten?
+
+Simplizius (beiseite). Soll ich ihr meinen Stand entdecken? Nein,
+ein mystisches Dunkel muss darueber walten. (Laut.) Ich bin nicht,
+was ich scheine, und scheine auch nicht, was ich bin, und wenn ich
+das waere, was ich sein moechte, so wuerd' ich nicht scheinen. was ich
+nicht bin.
+
+Arete. Ich verstehe dich.
+
+Simplizius. Da g'hoert ein Geist dazu, ich versteh' mich selber
+nicht.
+
+Arete. Du moechtest gern scheinen, was du nicht bist, und bist doch
+so sehr, was du auch scheinst.
+
+Simplizius. Hat's schon erraten, es ist unglaubbar. Sag' mir, Maedel,
+ haettest du wohl den Mut, mich zu entfuehren?
+
+Arete. Dich?
+
+Simplizius. Oder umgekehrt.
+
+Arete. Das heisst, ich soll mit dir mein Vaterland verlassen? Ich
+verstehe dich wohl.
+
+Simplizius. Hat mich schon wieder verstanden.
+
+Arete. Damit du mich aber auch verstehst, so will ich dir sagen,
+wofuer ich dich halte; Du bist ein unverschaemter, erbaermlicher
+Mensch, der es wagt, seine vor Todesfurcht bebenden Lippen zu einer
+Liebeserklaerung zu oeffnen und einem edlen Maedchen von Massana seine
+krueppelhafte Gestalt anzutragen. Entferne dich, mit dir zu reden
+ist Verbrechen an der Zeit, und wenn du kuenftig wieder ein
+Maedchenherz erobern willst, so staehle das deinige erst mit Mut;
+mutige Maenner werden geliebt, mutlose verachtet man.
+
+Simplizius. Da g'hoert ein Stoiker dazu, um das zu ertragen. Lebe
+wohl, du wirst zu spaet erfahren, wen du beleidigt hast. Ha, jetzt
+kann Massana fallen, ich heb's g'wiss nicht auf.
+
+Arete. Halt, weile noch, erklaere dich, damit ich erfahre, wessen
+Antrag mich entwuerdigt hat.
+
+Duett.
+
+Arete. Wer bist du wohl, schnell sag' es an?
+
+Simplizius. Ich hab's schon g'sagt, ich bin ein Mann.
+
+Arete. Wie heissest du, bist du von Adel?
+
+Simplizius. Ich heiss' Simplizius Zitternadel.
+
+Arete. Der Name klingt mir sehr gemein.
+
+Simplizius. Es kann nicht alles nobel sein.
+
+Arete. Wie kannst du solchen Unsinn sagen?
+
+Simplizius. Das wollt' ich dich soeben fragen.
+
+Arete. Dein Aeussres ist mir schon zuwider.
+
+Simplizius. Das schlaegt mein Innres sehr danieder.
+
+Arete. So haesslich ist kein Mann hienieden.
+
+Simplizius. Die Gusto sind zum Glueck verschieden.
+
+Arete. Wie abgeschmackt der Schnitt der Kleider.
+
+Simplizius (aufbrausend). Das ist nicht wahr, ich bin--(fasst sich
+und sagt gelassen) nur weiter.
+
+Arete. Nun haettest du dich bald verraten.
+
+Simplizius. Ja, meiner Seel', jetzt hat's mir g'raten.
+
+Arete. Du musst mir sagen, wer du bist?
+
+Simplizius. Ich bin ein Held, wie's keiner ist.
+
+Arete (spoettisch). Dein Mut ist in der Schlacht wohl gross?
+
+Simplizius. Ich stech' oft ganze Tag' drauf los.
+
+Arete. Umsonst verschlingst du schlau den Faden.
+
+Simplizius. Mir scheint, die Feine riecht den Braten.
+
+Arete. Mein Argwohn laesst sich nicht mehr trennen.
+
+Simplizius. Jetzt braucht s' nur noch die Scher' zu nennen.
+
+Arete. Du bist kein Prinz, gesteh' es mir.
+
+Simplizius (zornig). Ich bin ein Kleideringenieur!
+
+Arete. Ha!
+
+(Beide zugleich.)
+
+Ihr Goetter, was hoer' ich, mein Auge wird truebe,
+Ein solcher Plebejer spricht zu mir von Liebe,
+ Welch eine Glut,
+ Brennet im Blut;
+ Wuetender Schmerz,
+ Flammet im Herz.
+Schnell flieh' ich von hinnen, verberge mich schon,
+O folternde Hoelle, beschaemende Reu'!
+
+Simplizius. Was soll ich es leugnen, 's ist keine Schand',
+Denn Achtung verdienet mein nuetzlicher Stand.
+ Ich sag' es g'rad,
+ Ich g'hoer zur Lad';
+ Und meine Scher',
+ Schwing' ich mit Ehr'.
+Ich schreit in die Welt hinaus, 's ist meine Pflicht,
+Ich bin ja kein Pfuscher, drum schaem' ich mich nicht.
+
+(Beide ab.)
+
+
+
+Dreissigste Szene.
+(Koenigliches Gemach.)
+
+(Die Hinterwand bildet einen grossen offenen Bogen, vier Schuh
+tiefer, eine breite Rueckwand von dunklen Wolken, durch welche man
+wie im Nebel eine riesige blaeulichte Figur mit gluehenden Augen
+erblickt, welche das Haupt mit einem Kranz von Rosmarin umwunden
+hat. Sie ruht lauernd auf den Wolken, ihren Blick auf Heraklius
+heftend, ist mit dem Todespfeil bewaffnet und stellt die alles
+vernichtende Zeit in furchtbar drohender Gestalt vor. Larven
+grinsen hie und da aus den sie umgebenden Wolken hervor. Zwischen
+dieser Wand und der Oeffnung des Bogens sieht man vier dunkle
+Schatten bei einem offenen Grabe beschaeftigt, aus welchen ein erst
+darin versenkter vergoldeter Sarg noch etwas hervorsteht. Das
+Gemach ist dunkel, der Donner rollt. In einem goldenen Armstuhl
+ruht Heraklius, um ihn trauernd die Grossen des Reiches und Diener
+des Tempels. Neben ihm auf einem Marmortisch die Krone. An den
+Kulissen, dem Armstuhl des Koenigs gegenueber, ein auf drei Stufen
+erhabener einfacher Sitz.)
+
+Heraklius, Ewald und Hermodius.
+
+
+Kurzer Chor der Furien.
+Wo der Frevler mag auch weilen,
+Trifft ihn doch des Orkus Rache,
+Und ihr Dolch wird ihn ereilen,
+Selbst im goldnen Prunkgemache.
+
+
+Heraklius (in matter Unruh).
+Hinweg, hinweg, du scheusslicher Vampir,
+Der frommes Hoffen aus der Seele saugt.
+
+Hermodius (zu Ewald).
+Du siehst des guten Koenigs Leiden hier,
+Ein Bild, das fuer kein menschlich Auge taugt.
+
+Heraklius. Wer stoeret meine Pein?
+
+Hermodius. Dein Retter, Herr.
+
+Heraklius. Umsonst, umsonst, wer bringt die Hoell' zum Weichen?
+O Qual, wenn ich doch nicht geboren waer'!
+
+Ewald. Ich kann, mein Fuerst, den Anblick dir verscheuchen.
+
+Heraklius. Wenn du's vermagst, ein Fuerstentum zum Lohne.
+
+Ewald. So hoch schwebt auch der Preis, den ich bestimm',
+Ich fordre viel, ich fordre deine Krone.
+
+Heraklius. Sie war mein Stolz--vorbei--verscheuch'--nimm--nimm!
+
+Ewald (zu den Edlen).
+Ihr habt's gehoert, seid ihr damit zufrieden?
+
+Alle (dumpf und halblaut).
+Wenn dich der Koenig waehlt, waehlt dich das Reich.
+
+Ewald. So will ich ueber dieses Schauertum gebieten,
+Bei Isis' Donner, Truggewoelk' entfleuch!
+
+(Donnerschlag, er schwingt die Fackel, die Hinterwand entweicht,
+Grab und Schatten verschwinden, ein tiefes Wolkentheater zeigt sich,
+es stellt ein praktikables Wolkengebirge vor. Oben quer vor der
+Hinterwand eine goldene Mauer und ein goldenes Tor. Hinter diesem
+strahlt heller Sonnenglanz, der sich im Blau des Himmels verliert,
+das mit Sternen besaeet ist. Am Fusse dieses Gebirges beim Ausgange
+sitzt auf einem Piedestal Thanatos wie in der frueheren Szene, doch
+mit der brennenden Fackel. Sphaerenmusik ertoent. Heraklius' Gestalt
+wird von Genien mit Rosenketten ueber den Wolkenberg geleitet, bis
+zu dem goldenen Tor, dort sinkt sie nieder. Die Musik waehrt leise
+fort.)
+
+Heraklius. O suesser Seelentrank aus himmlischem Gefaess,
+O Lust, gefuehlt durch neu erschaffnen Sinn,
+Wenn ich auch tausend Kronen noch besaess',
+Ich geb' sie gern fuer diesen Anblick hin.
+O kroent ihn noch an meinem Sterbebette,
+Er wird mein fluchzerruettet Land begluecken.
+ (Nun oeffnet sich das goldene Tor, eine glaenzende Goettergestalt
+tritt heraus.)
+Mir ist so leicht, es schmilzt die ird'sche Kette,
+Mein Geist entflieht, o unnennbar Entzuecken!
+
+(Thanatos stuerzt mildlaechelnd die Fackel um, die verlischt,
+zugleich drueckt die Goettergestalt den Koenig an die Brust, sein
+Kleid verschwindet, und er steht im weissen Schleiergewande da,
+welches rosig bestrahlt wird. Genien bilden eine Gruppe. Heraklius'
+Haupt sinkt sanft auf seinen Busen, Ewald loescht die Fackel aus,
+und der das Gemach schliessende Vorhang rauscht langsam und leise
+herab, die Musik verhallt. Feierliche Pause, Ruehrung in jeder Miene.)
+
+
+
+Hermodius. Es ist vorbei, er musste von uns scheiden.
+Ein koenigliches End', durch Ruhm verklaert.
+Wer so beglueckt vergeht, ist zu beneiden,
+Beim Zeus, so ist der Tod ein Leben wert!
+ (Man bedeckt Heraklius mit einem seidnen Mantel.)
+Nun lasst sein letzt Gebot uns schnell benuetzen,
+Denn ohne Koenig kann das Land nicht sein.
+
+Adrasto (nimmt die Krone und stellt sich vor Ewald hin).
+Wie Goetter dich, so wirst du uns beschuetzen,
+Drum nimm den Platz auf jenen Stufen ein.
+
+(Ewald besteigt die Stufen, auf welchen der Sitz angebracht ist.)
+
+Ewald (fuer sich). Es bebt mein Herz, mich fasset Todesschrecken.
+
+(Kniet nieder.)
+
+Alle. Wir huld'gen dir als Herrscher ehrfurchtsvoll.
+
+(Knien.)
+
+Adrasto. So mag die Kron' dein weises Haupt bedecken,
+Sei Koenig--herrsch'--
+
+Bei dem letzten Worte hat er ihm die Krone aufs Haupt gesetzt, doch
+ohne die geringste Pause stuerzt unter schrecklichem Gekrach der
+Saal zusammen. Der Bogen und die Kulissen bilden Berge von Schutt,
+welche die Spielenden dem Auge des Publikums entziehen. Im
+Hintergrunde zeigt sich das Meer, das zwischen die Schuttberge des
+Saales hereindringt und aus dem in der Ferne die versunkenen Tuerme
+von Massana hervorragen. Die Stufen, wo Ewald kniet, verwandeln
+sich in Wolken, worauf er bis in die Mitte des Theaters schwebt und
+wehmuetig ausruft:
+
+Massana, lebe wohl!
+
+Er schwingt seine Fackel, um den traurigen Anblick zu verschoenern
+und faehrt fort. Die aus dem Meere hervorragenden Truemmer und der
+Schutt des Saales verwandeln sich in zarte Rosenhuegel. Die Luft
+wird rein, und das Ganze strahlt im hellsten Rosenlichte.
+
+(Der Vorhang faellt langsam).
+
+Ende des ersten Aufzuges.
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug.
+
+
+
+Erste Szene.
+(In Agrigent.)
+
+Ein anderer Teil des Waldes am roten See, welcher praktikabel ist.
+Androkles, Clitonius und Jaeger treten mit Wurfspiessen bewaffnet auf.
+
+
+Jaegerchor.
+ Jaegerlust muesst' bald erschlaffen,
+Gaelt' die Jagd nur feigen Affen;
+Doch wenn durch der Waelder Stille
+Maechtig toent des Leus Gebruelle,
+Hier die grausame Hyaene
+Fletscht die moerderischen Zaehne,
+Dort, eh' man den Wurfspiess schwingt,
+Aus dem Busch der Tiger springt,
+Dann beginnt des Waldes Krieg.
+Falle, Jaeger, oder sieg'!
+
+
+Androkles (zu den Jaegern). Verteilt euch, wie ihr wollt, der Koenig
+jagt allein, ihr moegt euch hueten, seinem Feuerblick zu nahen, der
+zornigflammend durch des Forstes Dunkel blitzet.
+
+(Alle bis auf Clitonius und Androkles ab.)
+
+
+
+Zweite Szene.
+Androkles und Clitonius.
+
+
+Androkles. O mein Clitonius, was mussten wir erleben, die hohen
+Goetter sind aus Agrigent gewichen.
+
+Clitonius. Wo mag wohl unser edler Koenig weilen, den seines Hauses
+Laren treu gerettet haben. Koennt' er doch sehn, wie sich sein armes
+Volk betruebt.
+
+Androkles. Wer freut sich nun in Agrigent? Der Wahnsinn lacht
+allein, gesundes Hirn muss trauern. Ist doch Phalarius selbst,
+seitdem die Hoellenkron' auf seinem Haupte brennt, als haett' des
+Unmuts Dolch sein falsches Herz durchbohrt. Weisst du, warum die
+Jagd nun tobt? Aspasia ist nicht mehr.
+
+Clitonius. Aspasia? Die Schwester unsers teuern Koenigs Kreon? Die
+herrliche Aspasia?
+
+Androkles. Sie war's allein, der Phalarius an dem verhaengnisvollen
+Tag des schauerlichen Ueberfalls das Leben liess, weil er als
+Feldherr schon fuer sie in Lieb' entbrannt. Seit er das Reich
+besitzt, bestuermt er sie mit Bitten und mit Drohungen, sie moechte
+ihre Hand ihm reichen, er wolle ihr dafuer drei Koenigreiche bieten;
+doch wie sie ihn und seine Kron' erblickt, da sinkt sie zitternd
+vor ihm nieder und kruemmt sich zu dieses Wuetrichs Fuessen, beschwoert
+mit Traenen ihn, von ihr zu lassen, es gaeb' fuer seine Kron' auf
+Erden keine Liebe. Doch er reisst sie mit Ungestuem an seine
+Eberbrust und will dem keuschen Mund den ersten Kuss entreissen; da
+wandeln sich der Lippen gluehende Korallen in bleiche Perlen um, des
+Auges Glanz erstirbt, des Todes Schauer fassen ihre Glieder, die
+Angst, dass sie der Kron' so nah', bricht ihr das Herz, kalt und
+entseelt haelt sie Phalarius, vor Schreck erbleichend, in den Armen.
+
+Clitonius. Entsetzlich Glueck, sich so gekroent zu wissen.
+
+Androkles. Da fasst ihn eine Wut, er tobt, dass des Gemaches Saeulen
+beben; Zur Jagd! ruft er, hetzt mir des Waldes Tiger all' auf mich,
+die Erd' wuehlt auf, dass Ungeheuer ihr entkriechen, die sich noch
+nie ans Sonnenlicht gewagt, gebt Nahrung meinem Pfeil, damit mein
+Hass umarmen kann, weil Lieb' mein Herz so unbarmherzig flieht. So
+stuerzt er fort zur Jagd, und zitternd beugt vor ihm der schwarze
+Forst sein sonst so drohend Haupt.
+
+Clitonius. Da wird uns wohl der Morgenstrahl im Wald begruessen.
+
+Androkles. Der Abend kaum, denn eh' der Mond sich noch auf des
+Palastes Zinnen spiegelt, verbirgt er sich in ein Gemach, aus
+Marmor fest gewoelbt, ganz oeffnungslos, damit kein Strahl des Mondes
+kann sein Haupt erreichen, weil seine Kron', so sagt Dianens weiser
+Diener, die Kraft verliert, solang' des Mondes Licht auf ihren
+Zacken ruht. Und weil in dieser Zeit sein Leben nicht gesichert ist,
+ verriegelt er die Tuer aus festem Ebenholz; doch ohne Mondenglanz
+kann nie ein Pfeil ihn toeten, und kraftlos sinken sie zu seinen
+Fuessen nieder.
+
+Clitonius. Sprich nicht so laut, es rauscht dort im Gebuesch.
+
+Androkles (schwingt den Wurfspiess). Ein Tiger ist's.
+
+Clitonius. Nein, nein, es ist Phalarius, dich taeuscht sein
+Pantherfell; wir sind verloren, wenn er uns gehoert.
+
+Androkles. Schweig still, er raset dort hinueber dem Loewen nach, der
+aengstlich vor ihm flieht. Komm, lass uns auch vor diesem Koenigstiger
+fliehn, wenn Loewen weichen, duerfen Menschen sich der Flucht nicht
+schaemen.
+
+(Beide aengstlich ab.)
+
+
+
+Dritte Szene.
+Musik. Lulu und Fanfu, gefluegelte Genien, bringen Zitternadel in
+einem grossen Schal, welchen sie an beiden Enden halten, als truegen
+sie etwas in einem Tuche, durch die Luft. Sie stehen auf Wolken,
+und der Schal ist ein Flugwagen und so gemalt, dass Zitternadel
+gekruemmt wie ein Kind darin liegt und kaum sichtbar ist. Er ruht
+auf der Erde, der Schal fliegt wieder fort.
+
+
+Lulu. So steig nur heraus, du tapfres Hasenherz, hier sind wir
+schon in Sicherheit.
+
+Fanfu. Nun, Schnecke, streck' den Kopf heraus.
+
+Zitternadel (steckt den Kopf heraus). Wo sind wir denn? Ich muss
+erst meine Gliedmassen alle zusamm'suchen. (steigt aus, die Genien
+helfen ihm.) So, ich dank' untertaenigst, das sind halt Kinderln,
+wie die Tauberln. Au weh, so ein Erdbeben moecht' ich mir bald
+wieder ausbitten. Ich schau' beim Fenster hinaus in meiner
+Schuldlositaet, auf einmal fangt's zum krachen an, als wenn die
+ganze Welt ein Schubladkasten waer', der in der Mitte
+voneinanderspringt, und ich stuerz' ueber den siebenten Stock
+hinunter, die zwei Kinderln fangen mich aber auf und fliegen mit
+mir davon. Kaum sind wir in der Hoeh', macht es einen Plumpser, und
+die ganze Stadt rutscht aus und fallt ins Wasser hinein. Der arme
+Dichter hat sich eintunkt mit seiner Weisheit. O ungluecksel'ger Tag!
+ Weil nur ich nicht ins Wasser g'fallen bin, die Schneiderfischeln
+haetten's trieben. Ueberhaupt, wenn die Fisch' die Zimmer unterm
+Wasser sehn, die werden sich kommod machen. Wenn so ein Walfisch
+unter einem Himmelbett schlaft, der wird Augen machen. Zwar dass ein
+Stockfisch auf einem Kanapee liegen kann, das hab' ich an mir
+selber schon bemerkt. Wenn nur keiner in eine Bibliothek
+hineinschwimmt, denn da kennt sich so ein Vieh nicht aus. O, du
+lieber Himmel, ich werd' noch selbst ein Fisch aus lauter Durst.
+(Kniet nieder.) Liebe Kinderln, seid's barmherzig, lasst mir etwas
+zufliessen, sonst muss ich verdursten.
+
+Lulu. Dein Durst ist uns recht lieb, wir haben dich darum hierher
+gebracht, um dich zu waessern.
+
+Simplizius. So waessert's mich einmal, ich kann's schon nicht
+erwarten.
+
+Lulu. Trink dort aus jenem See. Hier hast du eine Muschel. (Holt
+eine vom Gestade.)
+
+Simplizius. Der rotkoepfige See? Aus dem trau' ich mich nicht zu
+trinken.
+
+Lulu und Fanfu (streng). Du musst.
+
+Simplizius (faellt auf die Knie). O, meine lieben Kinderln, seid nur
+nicht boes', ich will ja alles tun aus Dankbarkeit. Ich sauf' wegen
+meiner das ganze rote Meer aus, und das schwarze auch dazu.
+
+Lulu (reicht ihm eine Muschel voll Wasser). Trink, es scheint nur
+rot zu sein, es ist doch reiner als Kristall.
+
+Simplizius. So gib nur her.
+
+Fanfu. Er trinkt, nun wird er blutdurstig werden.
+
+Simplizius (zittert mit der Muschel). Ich zittr' wie ein
+hundertjaehriger Greis. (Trinkt.) Ah, das ist ein hitziges Getraenk,
+wie ein Vanili Rosoglio. (Rollt die Augen.) Was geht denn mit mir
+vor? Potz Himmel tausend Schwerenot!
+
+Lulu (zu Fanfu). Siehst du, es wirkt, er wird gleich eine andere
+Sprache fuehren. (Beide naehern sich ihm sanft.) Was ist dir, lieber
+Zitternadel?
+
+Simplizius (wild). Still, nichts reden auf mich, Ihr Bagatellen!
+Ich begreif' nicht, was das ist, ich krieg' einen Zorn wie ein
+kalekutischer Hahn, und weiss nicht wegen was. Wenn ich ihn nur an
+jemand auslassen koennt'. Bringt mir einen Stock, ich wichs' mich
+selbst herum.
+
+(Die Genien lachen heimlich.)
+
+Simplizius. Ja, was ist denn das? Ihr seid ja zwei gottlose Buben
+uebereinander, ihr seid ja in die Haut nichts nutz, euch soll man ja
+haun, so oft man euch anschaut. Das seh' ich jetzt erst.
+
+Die Genien (nahen sich bittend). Aber lieber Zitternadel!
+
+Simplizius (reisst einen Baumast ab). Kommt mir nicht in meine Naeh',
+oder ich massakrier' euch alle zwei.
+
+Lulu. So hoer' uns doch; du musst nach Kallidalos fliegen, dort
+findest du den Dichter, deinen Freund.
+
+Simplizius. Nu, der soll mir traun, den hau' ich in Jamben, dass die
+Fuess' herumkugeln. Jetzt macht fort und schafft mir ein kolerisches
+Pferd, dass ich durch die Luft reiten kann!
+
+Lulu. Ein kolerisches Pferd? das wirft dich ja herab.
+
+Simplizius. So bringt's mir einen Auerstier, der wirft mich wieder
+hinauf.
+
+Lulu. Nu, wie du willst. (Er winkt, ein gefluegelter Auerstier
+erscheint in den Wolken.) Ist schon da.
+
+Simplizius. Ha, da ist mein Araber. Jetzt wird galoppiert. Setzt
+euch hinauf, auf die zwei Hoerndl.
+
+Lulu. Ah, wir getrauen uns nicht. Reit nur voraus, wir kommen dir
+schon nach. (Laufen ab.)
+
+Simplizius. Ha, feige Brut! (Steigt auf). Da bin ich ein andrer
+Kerl. Jetzt kann mir 's Rindfleisch nicht ausgehn, ich bin versorgt.
+ Hotto, Schimmel! Das versteht er nicht.--Bruaho! (Der Stier fliegt
+ab.) Jetzt geht's los.
+
+
+
+Vierte Szene.
+Tiefere Felsengegend, in der Ferne Wald, auf der Seite eine
+Waldhuette. In der Mitte steht Phalarius mit einem goldenen
+Wurfspiess bewaffnet, vor ihm liegt ein Loewe und zittert.
+
+
+Phalarius. Was zitterst du entnervt, verachtungswuerd'ger Leu,
+Und beugst den Nacken feig vor meiner Krone Glanz?
+Mich ekelt Demut an, weil ich den Kampf nicht scheu',
+Nie schaende meine Stirn solch welker Siegeskranz.
+Wofuer hat Jupiter so reichlich dich begabt?
+Wozu ward dir die Maehn', das Sinnbild hoher Kraft?
+Der stolze Gliederbau, an dem das Aug' sich labt?
+Das drohende Gebiss, vor dem Gewalt erschlafft?
+Der Donner des Gebruells, der Panzer deiner Haut?
+Erhieltst du all die Macht, um maecht'ger zu erbeben?
+Schaem' dich, Natur, die du ihm solchen Thron erbaut,
+Da liegt dein Herrscher nun und zittert fuer sein Leben.
+ (Heftiger)
+Du hast mit Schlangen, Luchs und Panthertier gestritten;
+So reg' dich doch und droh' auch mir mit maecht'ger Klau'.
+Du edelmuet'ges Tier, so lass dich doch erbitten,
+Verteid'ge dich, damit ich Widerstand erschau'.
+Wie kann ein Koenig noch zu einem andern sprechen.
+Mach' mich nicht rasend, denk', du bist zum Streit geboren.
+Doch nicht? Wohlan! So will ich euch, ihr Goetter, raechen.
+Er ehrt sein Dasein nicht, drum sei's fuer ihn verloren.
+ (Er toetet ihn, stoesst ins Horn, Jaeger erscheinen und beugen sich
+erschrocken.)
+Bringt mir den Loewen fort, ich kann ihn nicht mehr sehen.
+ (Der Loewe wird fortgebracht, er steht nachdenkend mit
+verschlungenen Armen.)
+Wozu nuetzt mir Gewalt, wenn sie mich so erhebt?
+Koennt' ich die Erde leicht gleich einer Spindel drehen,
+Es waere kein Triumph, weil sie nicht widerstrebt.
+Aspasia tot, durch meiner Krone Dolch entseelt.
+Abscheul'che Hoelle, so erfuellst du mein Begehren?
+Wer war noch gluecklich je, dem Liebe hat gefehlt?
+Die groesste Lust ist Ruhm, doch Lieb' kann sie vermehren,
+Doch meine Lieb' heisst Tod, wer mich umarmt, erblasst.
+Unsel'ges Diadem, dass du mein Aug' entzuecktest,
+Tief quaelendes Geschenk, schon wirst du mir verhasst,
+Ich war noch gluecklicher, als du mich nicht begluecktest!
+Aeol, der oft die Majestaet der Eichen bricht,
+Und so am Haupt des Walds zum Kronenraeuber wird,
+Sag'! warum sendest du die geile Windsbraut nicht,
+Dass sie die Kron' als gluehnden Braeutigam entfuehrt?
+ (Die Jaeger kommen zurueck, er setzt sich auf einen Fels.)
+Ich wuenschte mich mit etwas Traubensaft zu laben,
+Der eigennuetz'ge Leib will auch befriedigt sein.
+
+Erster Jaeger. Den kannst du, hoher Fuerst, aus jener Huette haben,
+ (Klopft an)
+He, Alter, komm heraus und bringe Wein.
+
+Phalarius. Wer ist der Mann, der hier so tief im Walde wohnt?
+
+Erster Jaeger. Ein Feldherr war er einst, nun lebt er als ein Bauer.
+
+Phalarius. Welche Erniedrigung, wer hat so schimpflich ihn belohnt?
+
+
+
+Fuenfte Szene.
+Vorige. Der alte Octavian froehlich aus der Huette, einen Becher Wein
+tragend.
+
+
+Octavian. Komm schon, ein froh Gemuet ist immer auf der Lauer.
+ (Erblickt die Krone und sinkt nieder.)
+Ha, welch ein Blick umschlaengelt feurig meine Augen?.
+Es krachet mein Gebein und sinket in den Staub.
+
+Phalarius. Lass sehen, ob dein Wein wird meinem Durste taugen.
+ (Will trinken.)
+Doch sag', warum verbirgst du dich so tief im Laub?
+
+Octavian. Gewaehr', dass ich den Blick von deiner Krone wende,
+Wenn du willst Wahrheit hoeren, und sie dein Ohr erfreut.
+
+Phalarius. Ich hasse den Betrug, steh auf und sprich behende.
+
+Octavian (steht auf, doch ohne Phalarius anzusehen--froehlich).
+Mich freut der gruene Wald, beglueckt die Einsamkeit,
+Ich hab' sie selbst gewaehlt, lieb' sie wie einen Sohn.
+Ich bin nicht unbeweibt, mein Herz schlaegt lebenswarm,
+Glueh' fuer mein Vaterland, sprech' seinen Feinden Hohn,
+Und wenn es mein bedarf, weih' ich ihm Kopf und Arm,
+Sonst bau' ich froh mein Feld, ein zweiter Cincinnat.
+
+Phalarius. Ein kluger Lebensplan, wenn du bloss Landmann waerst,
+Dann bau' nur deine Flur, so dienst du treu dem Staat.
+Als Feldherr hoff' ich, dass zu herrschen du begehrst.
+
+Octavian. Ich herrsche ja, wer sagt, dass ich nur Diener bin?
+Weisst du denn nicht, dass jedes Ding der Welt ein Herrscher ist?
+Die Goetter herrschen im Olymp mit hohem Sinn,
+Auf Erden Koenige, so weit ihr Land nur misst,
+Der ganze Staat, wie es Gesetz und Fuerst befiehlt,
+Ein jeder dient und hat doch auch sein klein Gebiet.
+Und so wird eines jeden Dieners Lust gestillt.
+Der Saenger herrscht durch edlen Geist in seinem Lied,
+Der Liebende in der Geliebten schwachem Herzen;
+Der Vater wacht im Haus fuer seiner Kinder Heil;
+Der Arzt beherrscht der Krankheit widerspenst'ge Schmerzen;
+Der Fischer seinen Kahn, der Jaeger seinen Pfeil;
+Kurz, jeder hat ein Reich, wo seine Krone blitzt,
+Der Sklave selbst an Algiers Strand, der aermste Mann,
+Der auf der Erde nichts als seine Qual besitzt,
+Hat einen Thron, weil er sich selbst beherrschen kann.
+
+Phalarius (der waehrend der Rede mit Erstaunen gekaempft, schleudert
+den Becher fort).
+Genug, ich trinke nicht den wortvergaellten Wein,
+Nicht Labung reichst du mir, du traenkest mich mit Gift,
+Du waerst vergnuegt und herrschest nicht? Es kann nicht sein!
+
+Octavian. Das bin ich, Herr, selbst dann, wenn mich dein Zorn auch
+trifft.
+
+Phalarius. Unmoeglich, widerruf, dass du dich gluecklich fuehlst,
+Es gibt bei solcher Kraft nicht solchen Seelenfrieden,
+Du weisst nicht, wie du tief mein Inneres durchwuehlst.
+O Goetter, welche Pein erlebe ich hienieden,
+Dass ich nicht froh sein kann und Frohsinn schauen muss.
+Gesteh, du bist kein Held, warst nie auf Ruhm gebettet,
+Du warst nie Feldherr, nein, regiertest stets den Pflug.
+
+Octavian. Ein Knabe warst du kaum, als ich das Reich errettet.
+Ich bin Octavian.
+
+Phalarius. Der einst die Perser schlug?
+
+Octavian. So ist's.
+
+Phalarius (entsetzt, wie aus einem Traum erwachend, aufschreiend).
+ Aus meinem Land, verhasstes Meteor!
+Dass meines Ruhmes Licht vor deinem nicht erlischt.
+Du koemmst mir wie ein list'ger Rachedaemon vor,
+Der aus der Rose Schoss als gift'ge Schlange zischt.
+Entfleuch, du bist verbannt, gehoerst dem Land nicht an.
+Dein Glueck ist Heuchelei, es kann sich nicht bewaehren,
+Hinweg aus meinem Reich mit solch verruecktem Wahn,
+Du darfst nicht gluecklich sein, sonst muesst' ich dich verehren.
+
+(Ab, die Jaeger folgen scheu.)
+
+
+
+Sechste Szene.
+
+
+Octavian (allein).
+Da geht er hin, ungluecklicher als der, den er verjagt.
+Du bist verbannt, wie leicht sich doch die Worte sprechen;
+So froehlich erst, und nun so bitter zu beklagen,
+Doch nein, ich bin ein Mann, du sollst mein Herz nicht brechen.
+
+(In die Huette ab.)
+
+
+
+Siebente Szene.
+Romantische Gegend auf Kallidalos. Auf der einen Seite Haeuser, auf
+der anderen Wald. Lucina und Ewald, die Krone auf dem Haupte,
+treten auf.
+
+
+Lucina. Du bist hier aus der kallidal'schen Insel, erhole dich von
+deinem Schreck.
+
+Ewald. Vergib, dass meine Nerven aengstlich zucken, noch ist die
+Greuelszene nicht aus meinem Hirn entwichen, und nimmer moecht' ich
+solchen Anblick mehr erleben.
+
+Lucina. Hier wirst du leichteren Kampf bestehn, mein armer Koenig
+ohne Reich. Nun horch' auf mich: Auf dieser Insel herrscht die
+feine Sitte, dass sich der Koenig und die Edelsten des Volkes am
+ersten Fruehlingstag im Tempel dort versammeln; von allen Maedchen
+dieses Reichs, die zart geputzt dem koeniglichen Aug' sich zeigen,
+ernennet er die Schoenste als des Festes Herrscherin und schmueckt
+das wunderholde Haupt mit einer Rosenkrone. Dann waehlet er aus
+ruest'ger Juenglingsschar den Tapfersten, der sich nicht weigern darf,
+und schenkt ihm ihre Hand, nachdem er ihn zuvor zu einem Amt
+erhebt. Das Brautpaar wird sogleich an Cyprias Altar vermaehlt; so
+endet sich das Fest und dieses Tages Jubel. Du sorgst, dass dieser
+Preis auf einem Haupte ruht, das sechzig Jahre schon des Lebens
+Mueh' getragen. Doch duerfen es nicht Rosen zieren, ein Myrtendiadem
+muss auf der Stirne prangen, durch Weiber aufgedrueckt, die neidisch
+nach der Krone blicken, nach der sie selbst vergebens ringen.
+Wodurch du dies bezweckst, wirst du wohl leicht erraten, die deine
+leg' nun ab, ich will sie selbst verwahren. (Ewald kniet sich
+nieder, zwei Genien erscheinen aus der Versenkung, sie nimmt ihm
+die Krone ab.) Sie ziemt nicht deiner Stirn. (Gibt die Krone den
+Genien.) Bewahrt sie wohl, beherrscht sie auch kein Reich, wird sie
+doch viele Reiche retten. (Die Genien versinken damit.) Hast du nun
+einen Wunsch, so sprich ihn aus!
+
+Ewald. Ob mein Begleiter lebt, dies wuensch' ich wohl zu wissen,
+auch seiner Sendung Zweck ist mir ein Raetsel noch.
+
+Lucina. Er lebt. Wozu ich ihn bestimmt, wird sich noch heut
+enthuellen, bald siehst du ihn, doch magst du nicht ob der
+Veraendrung staunen, die sein Gemuet erlitten hat, sie waehret nur so
+lang bis so viel Blut durch seine Hand entstroemt, als Wasser er aus
+meinem Zaubersee getrunken.
+
+Ewald. Wie, einen Moerder werde ich in ihm erblicken?
+
+Lucina. Sei ruhig nur, ich lenke seinen Arm, befolge du nur mein
+Geheiss und fordre dann den Lohn. Fuer alles andre lass die hohen
+Goetter sorgen, die oft durch weise Wahl gemeine Mittel adeln, dass
+sie zu hohen Zwecken dienen. (Ab.)
+
+
+
+Achte Szene.
+
+
+Ewald (allein). Dies scheinen mir die letzten Haeuser einer grossen
+Stadt zu sein. Ich will an eine dieser Pforten pochen, vielleicht
+erscheint ein altes Weib, deren Geschwaetzigkeit mir schnellen
+Aufschluss gibt, und das ich gleich zu meinem Plan verwenden kann.
+(Er klopft an die Tuer des ersten Hauses.)
+
+Atritia (sieht zum Fenster heraus). Wer pocht so ungestuem? Weisst du
+noch nicht, dass dieses Tor sich keinem Manne oeffnet.
+
+Ewald (fuer sich). Himmel, welch ein liebenswuerdiger Maedchenkopf.
+
+Atritia. Dein Staunen ist umsonst.
+
+Ewald (fuer sich). Sanftmut lauscht in ihrem Auge--
+
+Atritia. Taeusche dich nicht.
+
+Ewald (fuer sich). Und zeigt den Weg zu ihrem Herzen.
+
+Atritia. Es ist zu fest verschlossen.
+
+Ewald (fuer sich). Ich muss mein Glueck benuetzen.
+
+Atritia. Du kommst mir nicht herein, das sag' ich dir.
+
+Ewald. Schoenes Maedchen, eroeffne doch die Pforte, ich will so leise
+ueber ihre Schwelle gleiten, als schlich' ein Seufzer ueber deine
+suessen Lippen.
+
+Atritia. Er ist ein feiner Mann und hat mich suess genannt, nun kann
+ich ihm denn doch nichts Bittres sagen. Gern liess' ich dich herein,
+doch darf ich nicht.
+
+Ewald. Wer hat es dir verboten?
+
+Atritia. Meine Muhme, sie sagt; du lassest keinen Mann mir ueber
+diese Schwelle treten. Es ist ein hart Gebot, doch muss ich es
+befolgen, sonst wuerd' ich gern in deiner Naehe sein, denn du
+gefaellst mir wohl.
+
+Ewald. Nun gut, so komm zu mir heraus. Hat sie dir denn gesagt, du
+darfst zu keinem Manne ueber diese Schwelle treten?
+
+Atritia (unschuldig). Das hat sie nicht gesagt. Jetzt bin ich schon
+zufrieden und komm zu dir hinaus.
+
+
+
+Neunte Szene.
+Ewald und Atritia.
+
+
+Ewald. Noch nie hat mich der Anblick eines Maedchens so entzueckt.
+
+Atritia (huepft heraus). Also hier bin ich, was hast du zu fragen?
+
+Ewald. Ob du mich liebst?
+
+Atritia. Wie kann ich dich denn lieben, ich weiss ja noch nicht, ob
+du liebenswuerdig bist.
+
+Ewald. Ja, wenn ich dir das erst erklaeren soll, dann hast du mir
+die Antwort schon gegeben.
+
+Atritia. Bist du vor allem treu? Bekleidest du ein Amt? Bist du
+vielleicht ein Held? So geh hinaus und kaempfe mit dem Eber, und
+hast du ihn erlegt, so kehr' zurueck und wirb um meine Hand.
+
+Ewald. Ein Eber ist hier zu bekaempfen?
+
+Atritia. Ein maechtig grosser noch dazu. So gross fast wie ein Haus,
+so hat mir meine Angst ihn wenigstens gemalt.
+
+Ewald. Hast du ihn schon gesehn?
+
+Atritia. Ei freilich wohl, er naehert sich der Stadt, verwuestet alle
+Fluren und hat ein Maedchen erst zerrissen, das heute als die
+Schoenste waer' gewiss erwaehlt worden.
+
+Ewald. Ist heut dieses Fest?
+
+Atritia. Ja, heute soll es sein, der Tempel ist schon reich
+geschmueckt, und alle Maedchen dort versammelt, doch als der Koenig
+eben sich dahin begeben wollte, im feierlichen Zug der Krieger, da
+kam die Nachricht schnell, dass sich der Eber zeigt und auf den
+Feldern wuetet. Da liess der Koenig alles, was nur Waffen trug, zum
+blut'gen Kampfe gegen den Eber ziehn. Drum findest du die Strassen
+leer.
+
+Ewald. Dann ist die hoechste Zeit, dass ich zu Werke schreite. Ich
+bin ein Mann von Ehre und deiner Liebe wert, doch sag' mir, holdes
+Kind, wo find' ich wohl ein altes Weib mit sechzig Jahren, das noch
+so eitel ist, dass sie fuer schoen sich haelt?
+
+Atritia. Wo finde ich sie nicht, so solltest du mich fragen, die
+gibt's wohl ueberall, das hab' ich oft gelesen. Obwohl die Frage
+nicht sehr artig ist, so wirst du gar nicht lange suchen duerfen,
+wenn du noch eine Weile mit mir sprichst, denn meine Muhme wird
+bald nach Hause kommen und dich von ihrer Tuer verjagen.
+
+Ewald. Ist sie so boese?
+
+Atritia. Leider ja. Als meine Mutter starb, ward ich ihr uebergeben
+und vieles Geld dazu. Sie musste mich erziehen, das tat sie auch,
+doch von dem Gold, was ihr die Mutter hat fuer mich zum Heiratsgut
+vertraut, da will sie gar nichts wissen. Sie schlaegt mich auch,
+wenn sie oft Langeweile hat, erst gestern noch, weil ich mich zu
+dem Feste schmuecken wollte, das gab sie denn nicht zu, sie sagt,
+mich braucht kein Mann zu sehen. Das hat mich sehr geschmerzt, ich
+wuensche mir doch einen Mann, und wie soll mich denn einer frein,
+wenn mich nie einer sieht?
+
+Ewald. Da sprichst du wahr, doch einer hat dich ja gesehn.
+
+Atritia. Und das bist du. Doch wann wirst du mich wiedersehn?
+
+Ewald. Ist es dein Wunsch?
+
+Atritia. Ei frag' doch nicht, glaubst du, ich waer' zu dir
+herabgekommen, wenn du mir nicht gefallen haettest, du stuendst noch
+lange vor der verschlossnen Tuer, wenn du durch deinen Blick mein
+Herz nicht frueher aufgeschlossen haettest. Doch jetzt leb' wohl und
+denk' darum nicht arg von mir, weil ich dir sag', dass ich dich
+liebenswuerdig finde. Dafuer werd' ich's auch keinem andern sagen
+mehr, und hab' es keinem noch gesagt.
+
+Ewald. Bezauberndes Geschoepf, willst du mich schon verlassen?
+
+Atritia. Ich muss, such' deine Alte nur, hoerst du, und hast du sie
+gefunden (droht schalkhaft mit dem Finger), vergiss nicht auf die
+Junge! (Laeuft ins Haus.)
+
+
+
+Zehnte Szene.
+Ewald allein, dann Simplizius.
+
+
+Ewald. Da laeuft sie hin; Lucina, wenn ich Lohn von dir begehr', so
+ist es dieses Maedchens reizender Besitz.
+
+Simplizius (ruft in der Luft). Bruaho!
+
+Ewald. Wer galoppiert da durch die Luft? Das ist Simplizius auf
+einem Stier!
+
+Simplizius (sinkt nieder). Halt' Er an! (Steigt ab.) So, da sind
+wir alle zwei. Nur wieder nach Hause ins Bureau! (Der Stier fliegt
+fort, Simplizius ruft nach.) Meine Empfehlung an die andern.
+
+Ewald. Simplizius, wo nehmen Sie den Mut her, sich so durch die
+Lust zu wagen?
+
+Simplizius. Geht Ihnen das was an? Haben Sie sich darum zu
+bekuemmern? Kann ich nicht reiten, auf was ich will? Glauben Sie,
+weil Sie vielleicht auf einer flanellenen Schlafhauben
+heruebergeritten sind, so soll ich meine Herkulesnatur verleugnen?
+Ah, da hat es Zeit bei den Preussen!
+
+Ewald. Aber mit welchem Rechte?
+
+Simplizius. Was, mit mir reden Sie von einem Recht, da kommen Sie
+an den Unrechten. Recht? Wollen Sie vielleicht einen Prozess
+anfangen? Glauben Sie, ich bin ein Rechtsgelehrter, der sich links
+hinueber drehen laesst? Da irren Sie sich!
+
+Ewald. Welch ein Betragen!
+
+Simplizius. Was Betragen, wer wird sich gegen Sie betragen? Ich
+betrag' mich gar nicht, um keinen Preis.
+
+Ewald (veraechtlich). Gemeiner Wicht.
+
+Simplizius. Keine Beleidigung, junger Mensch, wenn ich nicht
+vergessen soll, wer ich bin.
+
+Ewald (lacht heftig). Das ist zum Totschiessen.
+
+Simplizius. Vom Totschiessen reden Sie? Wollen Sie sich duellieren
+mit mir auf congrevische Raketen, oder sind Ihnen die vielleicht zu
+klein, so nehmen wir ein jeder ein Haus und werfen wir's einer dem
+andern zum Kopf, damit die Sach' ein Gewicht hat. Wollen Sie?
+
+Ewald. Beim Himmel, wenn mich Lucina nicht gewarnt haette, ich muesste
+ihn zuechtigen.
+
+Simplizius. Zuechtigen? Ha, beim--wie heisst der Kerl?--Ha, beim Zeus,
+jetzt gibt's Pruegel. (bricht mit dem Fuss einen Baumast entzwei und
+gibt ihm die Haelfte.) Nehmen Sie einen, die andern kommen nach.
+
+Ewald. Was wollen Sie?
+
+Simplizius. Satisfaktion will ich, Reimschmied! (Packt ihn an der
+Brust.)
+
+Ewald. Welch eine Kraft! Lassen Sie mich los, Sie wuetender Mensch.
+(Entspringt.)
+
+
+
+Elfte Szene.
+
+
+Simplizius (allein). Wart', du kommst mir schon unter die Haend'. Es
+ist erschrecklich, ich kann mir nicht helfen, wie ich nur einen
+Menschen seh', so moecht ich ihn schon in der Mitt' voneinander
+reissen. Wenn ich nur einen Degen haett' oder ein Stiffilett, oder
+wenn ich wo unter der Hand billige Kanonen zu kaufen bekaem', ich
+erschiesset die ganze Stadt und die Vorstaedt' auch dazu. Da kommen
+einige, die sollen sich freun.
+
+
+
+Zwoelfte Szene.
+Simplizius. Olinar und Astrachan.
+
+
+Olinar (ein fetter Mann). Wer laermt denn hier so auf der Strasse?
+Das ist ja ein ganz fremder Mensch.
+
+Simplizius. Die Flachsen zieht's mir ordentlich z'sammen, wenn
+einer redt auf mich.
+
+Olinar. Der sieht ja wie ein Strassenraeuber aus, der Kerl hat nichts
+Gutes im Sinn.
+
+Simplizius. Ich muss mich noch zurueckhalten, bis ich Waffen hab'.
+Ich werd' mir's erst sondiern.
+
+Astrachan (rauh). Was tobst du an diesem feierlichen Tag? Pack'
+dich von hier, du kecker Bursche.
+
+Simplizius (lauernd). Wie reden Sie mit mir? Ich frag' Sie nicht
+umsonst.
+
+Astrachan. Das brauchst du nicht, weil ich die Antwort dir nicht
+schuldig bleiben und sie auf deinen Ruecken legen werde.
+
+Simplizius (erstaunt). So, nur gleich? (Fuer sich.) Ist schon gut
+unterdessen. Der wird schon um'bracht, das ist der erste, den ich
+expedier'. Ich muss mir nur einen Knopf ins Schnupftuch machen,
+damit ich's nicht vergess'. (Tut es.)
+
+Astrachan. Hast du's gehoert, du sollst die Strasse reinigen. Mach'
+dich fort.
+
+Simplizius. Ich soll die Strasse hier reinigen? Er muss mich fuer
+einen Gassenkehrer halten. Das hat mir niemand zu befehlen, ich
+bleib' hier. (Setzt sich auf einen Stein.) Und wer nur einen Laut
+von sich gibt--
+
+Astrachan (will auf ihn zu). Was?
+
+Olinar (haelt ihn furchtsam zurueck). Behutsam, Freund, er hat ja
+einen Pruegel in der Hand.
+
+Astrachan. Was kuemmert's mich, du wirst dich doch nicht fuerchten?
+
+Olinar. Ei bewahre.
+
+Astrachan. Schaeme dich als eine Gerichtsperson. Gleich geh hin und
+beweise deinen Mut.
+
+Olinar (zittert). Wer? Wer, ich? Ja, was soll ich denn tun?
+
+Astrachan. Ihn von hinnen jagen.
+
+Olinar. Ja, wenn er sich nur jagen laesst, aber du wirst sehn--
+
+Astrachan. Red' ihn scharf an.
+
+Olinar. Hochzuverehrender Freund!
+
+Simplizius (springt zornig auf). Was gibt's?
+
+Olinar (erschrickt heftig). Da hast du's jetzt, ich hab's ja gleich
+gesagt.
+
+Simplizius. Was will der Herr?
+
+Astrachan (der Olinar haelt). Mut, Mut, ich helfe dir schon.
+
+Olinar. Ja, lass mich nur nicht stecken. (Nimmt sich zusammen, laut.)
+Er ungezogner Mensch!
+
+Astrachan. Nur zu, so ist's schon recht.
+
+Olinar. Wenn Er's noch einmal wagt, in einem solchen Tone zu
+sprechen--
+
+Astrachan (freudig). Vortrefflich! Siehst du, wie er zittert?
+
+Olinar. Du irrst dich, Freund, das bin ja ich. (Zu Simplizius.) So
+werd' ich Ihm--(Zu Astrachan.) Ja, was werd' ich geschwind?
+
+Astrachan (heimlich). Die Kehle schnueren, dass Er an mich denken
+soll.
+
+Olinar. Die Kehle schnueren, dass Er an mich denken soll! (Wischt
+sich den Schweiss ab.) Ha, das war viel gewagt.
+
+Simplizius. Die Kehle schnueren? Das ist ein Schnuermacher. Nu, den
+koennen wir auch mitnehmen. (Macht einen Knopf.) Detto! (Macht die
+Bewegung des Erdolchens.)
+
+Astrachan. Du hast dich gut gehalten, jetzt lass mich reden. Hoer',
+Kerl, wenn du jetzt nicht augenblicklich gehst und dich in unserer
+Stadt noch einmal blicken lassest, so wirst du sehen, was unsere
+Gerechtigkeit an einem solchen Lumpenhund fuer ein Exempel statuiert.
+
+
+Simplizius. Ah, das ist ein hantiger. Der muss viermal nacheinander
+sterben.
+
+Astrachan. Ha, gut, dort kommen Abukar und Nimelot.
+
+Olinar. Das sind zwei verwegene Bursche.
+
+Simplizius. Verwegene Bursche? Da mach' ich gleich im voraus Knoepf'.
+(Macht sie.)
+
+
+
+Dreizehnte Szene.
+Vorige. Abukar und Nimelot, bewaffnet.
+
+
+Abukar. Was hast du, Astrachan? Du laermst ja ganz entsetzlich.
+
+Astrachan. Wir haben unsern Spass mit diesem Burschen da, das ist
+der dreisteste Kerl, den ich noch gesehen habe.
+
+Olinar (keck). Ja, ja, das ist ein abgefeimter Schurke. (Fuer sich.)
+Jetzt sind wir unser vier, jetzt soll er mir nur trauen.
+
+Simplizius. Ich hoer' ihnen nur so zu, auf einmal geh' ich los.
+
+Abukar und Nimelot (stellen sich neben Simplizius und klopfen ihn
+auf die Schulter und lachen.)
+
+Abukar. Hahaha, der sieht ja wie ein Orang-Utan aus.
+
+Nimelot (lachend). Die aufgeschlitzte Nase und der breite Mund!
+
+Simplizius. Bravo, nur zu, sind schon vorgemerkt. (Deutet auf sein
+Tuch.) Werden schon Exekution halten, bleibt nicht aus.
+
+(Alle lachen.)
+
+Abukar. Seht ihn nur an, das ist ja die einfaeltigste Miene, die mir
+noch vorgekommen ist.
+
+Simplizius. Ah, jetzt muss ich doch Rebell schlagen. (Laut.) Was
+glauben denn Sie so? Glauben Sie, ich bin Ihr Narr, dass Sie sich
+ueber meine Physiognomie lustig machen. Was fehlt denn meinem
+Gesicht? Die Haesslichkeit vielleicht? Die ist nirgends mehr zu
+finden, weil Sie s' alle auf den Ihrigen haben.
+
+Alle (lachen). Ein drolliger Kerl!
+
+Simplizius. Nu, da haben wir's, nicht einmal ordentlich lachen
+koennen s' mit dem G'sicht, da lach' ich mit dem linken Ellbogen
+besser, als die mit dem Maul. Sagen Sie mir, wer hat Ihnen denn die
+Beleidigung angetan, Ihnen eine solche Physiognomie aufz'binden?
+Die Natur vielleicht? Die setz' ich ab, wenn sie mir noch einmal
+solche G'sichter macht, das sind Keckheiten von ihr, ich brauch'
+sie nicht, wenn sie so schleuderisch arbeitet. Was brauchen wir
+eine Natur, die Welt ist lang genug unnatuerlich g'wesen, sie kann's
+noch sein.
+
+Abukar. Der Bursche muss Hofnarr werden, der macht mich schrecklich
+lachen.
+
+Simplizius. Hofnarr? Das ist eine Beleidigung! Satisfaktion!
+
+Olinar. Er hat Mut wie ein Loewe.
+
+Simplizius. Loewe? Das ist gar eine viechische Beleidigung. Doppelte
+Satisfaktion!
+
+Astrachan. Der Kerl ist ueber einen Spartaner.
+
+Simplizius. Spartaner? Das wird wieder ein andres Vieh sein. Ich
+kenn' mich gar nicht mehr vor Zorn. Heraus, wer Mut hat, einen muss
+ich spiessen. (Fasst Olinar.) Was ist's mit Ihnen, wollen Sie sich
+mit mir schlagen oder wollen Sie sich schlagen lassen?
+
+Olinar. Hilfe! Hilfe!
+
+Abukar (packt Simplizius am Genick und beutelt ihn). Nun hast du
+Zeit, Bube.
+
+Astrachan. Ins Gefaengnis, fort mit ihm.
+
+Simplizius (reisst dem Olinar den Saebel aus der Scheide). Jetzt
+reisst mir die Geduld. (Haut auf Abukar ein, der ihm die Lanze
+entgegen haelt, welche er ihm aus der Hand schlaegt.) Ihr verdammten
+Kallidalier! Jetzt wird's Leben wohlfeil werden. (Er kaempft mit
+allen und jagt sie in die Flucht, einige verlieren ihre Waffen,
+einer den Helm.)
+
+Olinar (im Ablaufen). Ich hab's voraus gesagt, ihr Goetter, seid uns
+gnaedig.
+
+
+
+Vierzehnte Szene.
+Simplizius (allein). Ha, Pompei ist erobert, Sieg ueber die Kalmuken!
+Da gibt's Waffen. (Er setzt sich den Helm auf.) Her da mit dem
+Helm! (Nimmt das Schwert, steckt es in die Binde und hebt den Spiess
+auf.) Das ganze Zeughaus haeng' ich um. So, jetzt ist der Stefan
+Faedinger fertig. Rache, Rache! Alles muss bluten. Einen Hass hab' ich,
+ich glaub', es duerft' mich einer spiessen, mir war's nicht moeglich,
+ihn zu kuessen. Die ganze Welt ist mir zuwider.
+
+
+Lied.
+Wenn s' mir die Welt zu kaufen geb'n,
+Ich weiss nicht, ob ich's nimm;
+Da koennt man ein' Verdruss erleb'n,
+Es wuerd' ein' voellig schlimm.
+Und liess' man's wieder lizitier'n,
+Was koennt' man da viel profitier'n?
+Vors erste ist s' ein alt's Gebaeu',
+Wer weiss, wie lang s' noch steht,
+Das sieht man an Massana glei',
+Dass s' sicher untergeht.
+Und faellt ein' so a Welt ins Meer,
+Wo nimmt man g'schwind a andre her?
+
+Die Voelker steh'n mir auch nicht an,
+D' Kalmuken, d' Hugenotten,
+Und wen ich gar nicht leiden kann,
+Das sind die Hottentotten.
+Da moecht' ich grad' vor Wut vergeh'n,
+Und ich hab' nicht einmal ein' g'seh'n.
+
+Auch ist's ein Elend mit den Tier'n,
+A' blosse Fopperei,
+Was kriechen s' denn auf allen vier'n,
+Ich geh' ja auch auf zwei.
+Die meisten koennen uns nur quael'n,
+Am liebsten sind mir die Sardell'n.
+
+Die Sonn', die ist schon lang mein Tod
+Mit ihrer oeden Pracht,
+Der Mondschein macht sich's gar kommod,
+Der scheint nur bei der Nacht;
+Und dann die miserablen Stern',
+Die weiss man gar nicht, zu was s' g'hoer'n.
+
+Kurzum, ich hass' die ganze Welt,
+Im Sommer wie im Winter,
+Mir liegt sogar nichts an dem Geld,
+Es ist nicht viel dahinter.
+Ein einz'gen Menschen nur allein,
+ (Deutet auf sich.)
+Wuesst' ich--dem ich noch gut koennt' sein.
+ (Ab.)
+
+
+
+
+
+Fuenfzehnte Szene.
+Ewald und Aloe.
+
+
+Aloe (muss von einer jugendlichen Schauspielerin dargestellt werden
+mit grauen Haaren; sie hat den Kopf in ein Tuch gewickelt, wie eine
+griechische Matrone, und geht etwas gebueckt.) Nein, nein, mein
+lieber schmucker Herr, das geht nicht so geschwinde, das Maedchen
+ist zu jung, sie braucht noch keinen Freier. Ach, du keusche Goettin
+Diana, kaum bin ich eine Stunde aus dem Hause, um die tapferen
+Maenner zu bewundern, so faengt das Maedchen Liebeshaendel an. Wo habt
+Ihr denn das ungeratene Kind gesprochen?
+
+Ewald. Am Fenster sprach ich sie.
+
+Aloe. Seht doch, und glaubt Ihr denn, man heiratet bei uns die
+Maedchen gleich vom Fenster nur herunter, wie man Zitronen pflueckt?
+Lasst Euch den Wunsch vergehen. Ich sehe fuenfzig Jahre schon zum
+Fenster heraus und hab' mir keinen Mann erschaut, so lange kann sie
+auch noch warten. Ich kenn' Euch nicht einmal, wer seid Ihr denn?
+
+Ewald. Ein Fremdling bin ich.
+
+Aloe. Ei, das seh' ich, denn unsere Maenner kenn' ich alle. Doch was
+besitzt Ihr in der Fremde?
+
+Ewald. Ein Gut, das mir kein Unfall rauben kann, ein treu Gemuet und
+kraeftigen Verstand.
+
+Aloe. Wer sagt Euch, dass Verstand ein sichres Erbteil sei, wie
+koennt' es denn so viele Narren geben?
+
+Ewald. Und eine Kunst, die alle Kuenste uebertrifft.
+
+Aloe. Vielleicht die Kunst, mich hinters Licht zu fuehren?
+
+Ewald. Im Gegenteil, ich moechte Eure Schoenheit gern im hoechsten
+Glanz erscheinen lassen.
+
+Aloe. Ich hoer's nicht gern, wenn man von meinen Reizen spricht, es
+ist mir nicht mehr neu; Gewohnheit toetet unsre schoensten Freuden.
+Doch weiter nun, ach, mein Gedaechtnis ist so schwach, wovon habt
+Ihr zuletzt gesprochen?
+
+Ewald. Von Eurer Schoenheit war die Rede, ja.
+
+Aloe. Ja, ja, das war's, was ich nicht hoeren mochte. Ihr wolltet
+sie erhoehn?
+
+Ewald. Zum Venusrang, wenn Ihr mir Eurer Nichte Hand gelobt.
+
+Aloe. Was faellt Euch ein, Atritia ist ein unbemittelt Kind, um
+keinen Preis!
+
+Ewald. Auch nicht um den, den heut im Tempel dort der Koenig reicht?
+
+Aloe (erschrocken). Seid Ihr von Sinnen? Bin ich erschrocken doch,
+als haett' mich Amors Pfeil getroffen. Ich bin schon eine
+ausgebluehte Rose, die nicht im Fruehlingsschein mehr glaenzt.
+
+Ewald. Ich will durch meine Kunst Euch diesen Glanz verleihn. Vor
+allen Toechtern dieses Reichs sollt Ihr den Schoenheitspreis erringen,
+ doch Eure Nichte ist dann mein, ich fuehr' sie mit mir fort.
+
+Aloe. Ihr koenntet das, ein Sterblicher, bewirken, wofuer ich mich
+dem Cerberus schon verschrieben haette, wenn er's vermoegen koennte?
+
+Ewald. Ich geb' Euch darauf mein Wort, und brech' ich es, braucht
+Ihr das Eure nicht zu halten.
+
+Aloe. Macht mich nicht wahnsinnig. Ihr wolltet Aloe verjuengen?
+
+Ewald. Warum denn nicht? Wenn Aloe, die Pflanze, mit hundert Jahren
+neue Blumen treibt, warum soll Aloe, das Weib, mit sechzig nicht
+erbluehn?
+
+Aloe. Mit sechzig, ja, da habt Ihr recht, das ist die wahre
+Bluetenzeit. Mir ist, als blueht' ich schon--fang' schon an zu duften.
+O Himmel, welch ein Glueck, ich fuehle mich schon jung, mich hindern
+bloss die Jahre.
+
+Ewald. So maessigt Euch, es ist ja noch nicht Zeit. Erwartet mich im
+Haus, ich muss mich erst dem Koenig zeigen. Geht nur hinein und sagt
+Atritien, dass sie mein Weib soll werden.
+
+Aloe. Ja, ja, Ihr sollt Atritien haben, ich schenke sie Euch. Ach,
+wenn ich eine Herde solcher Maedchen haette, Ihr koenntet alle sie
+nach Eurem Lande treiben. Nur fort damit, nur fort, die Schoenste
+bleibt zurueck. Die Schoenste--eine Welt von Wonne liegt in diesem
+Namen. Und bin die Schoenste ich, wird mir der schoenste Mann. Der
+schoenste Mann! Ach, wie viel Welten kommen da zusammen!--(Gegen das
+Haus.) Atritia, Atritia, wir kriegen beide Maenner! O Goetter, steht
+mir bei, das kostet den Verstand. (Eilt freudig ab.)
+
+
+
+Sechzehnte Szene.
+
+
+Ewald (allein).
+Wie fuehlt ein Juengling doppelt holder Liebe Wert,
+Wenn er das Alter den Verlust betrauern hoert.
+
+Geschrei (von innen). Der Eber ist erlegt. Es leb' der grosse Held!
+
+Ewald. Der Eber ist erlegt, des Landes borst'ge Plage. Da koemmt
+Simplizius, und voll Angst. Ist seine Wut verdampft?
+
+
+
+Siebzehnte Szene.
+Voriger. Simplizius.
+
+
+Simplizius. Sind Sie da?
+
+Ewald. Was bringen Sie, Simplizius?
+
+Simplizius. Stellen Sie sich vor, ich hab' den Eber umgebracht.
+
+Ewald. Sie? Nicht moeglich.
+
+Simplizius. Nun, sie sagen's alle.
+
+Ewald. Alle? Wer?
+
+Simplizius. Die Voelkerschaften, die mir zugeschaut haben.
+
+Ewald. Das ist ja ein ungeheures Schwein.
+
+Simplizius. Versteht sich, ein groessres als wir alle zwei.
+
+Ewald. Das haben Sie nicht allein erlegt, da muss Ihnen wer geholfen
+haben.
+
+Simplizius. Jetzt ist's recht, wenn einem einmal was g'rat, so
+sagen Sie, es muss einem einer g'holfen haben. Er hat ja nur einen
+Stich, das kann man ja doch gleich sehen.
+
+Ewald. Wie ging es aber zu?
+
+Simplizius. Ganz kurz, denn wer wird sich mit einem Eber in ein'n
+langen Diskurs einlassen? Sie wissen, dass heut grosse Jagd auf ihn
+veranstaltet war. Alles war versammelt drauss' beim gruenen Baum, da
+kommt der Eber alle Tag' zum Fruehstueck hin. Alle Krieger waren voll
+Feuer, und in mir hat's gar schon gekocht. Aus einmal wird einer
+totenblass und ruft: Der Eber kommt, jetzt rauft, rauft! Aber das
+Wort rauft muss in der hiesigen Sprach' eine andre Bedeutung haben
+und muss heissen lauft; denn kaum war das Wort heraus, so sind schon
+alle davong'loff'n. Kaum waren s' fort, wer kommt? Der Eber. Ich
+erseh' ihn kaum, so fasst mich eine Wut, ich stuerz' mich auf ihn los
+und stich ihn auf der unrechten Seiten hinein und auf der rechten
+wieder heraus.
+
+Ewald. Unerhoert, und wie er fiel, was dann?
+
+Simplizius. Dann bin ich auch davong'loff'n. Was weiter g'schehn
+ist, weiss ich nicht, vermutlich haben sie eine Schwein aufgehoben.
+
+Ewald. Also nach der Tat haben Sie den Mut verloren?
+
+Simplizius. Versteht sich, das ist ja eben das Grossartige; vorher
+ist's keine Kunst. Kaum ist der Eber in seinem Blut dagelegen, ist
+er mir noch zwanzigmal groesser vorg'kommen als vorher, so dass ich zu
+zittern ang'fangt hab', und hab' ihn nicht ansehn koennen mehr.
+Alles hat zwar g'schrien; Halt, verweil', du grosser Held! Aber ich
+hab' mir gedacht, schreit ihr zu, solang ihr wollt, ich bin nicht
+der erste Held, der davon g'loff'n ist, und werd' auch nicht der
+letzte sein--und bin fort.
+
+Geschrei (von innen). Heil dem groessten aller Helden!
+
+Simplizius. Hoeren S', sie schrein schon wieder. Gibt kein' Ruh',
+das Volk.
+
+Ewald. Simplizius, Sie werden reichen Lohn erhalten.
+
+Simplizius. Glauben S', dass was herausschaut? Ich werd' ihnen schon
+einen rechten Konto machen, was ich an Eberarbeit g'liefert hab'.
+Oder sie sollen mich nach dem Pfund bezahlen. Ich lass' ihn beim
+Wildbrethaendler waegen, was er waegt, das waegt er. Punktum! (Aloe
+zeigt sich am Fenster.) Doch sagen Sie mir, wann werden wir denn
+einmal das Reich erretten, wenn immer etwas dazwischen kommt? Bald
+ein Erdbeben, bald ein Eber.
+
+Ewald. Dafuer lassen Sie die Goetter sorgen, wir gehorchen nur. Sehen
+Sie doch nach jenem Fenster.
+
+Simplizius. Ah, da schau' ich nicht hinauf.
+
+Ewald. Warum denn nicht?
+
+Simplizius. Weil eine Alte herausschaut.
+
+Ewald. Freund, das ist mein Ideal, die muss mir heut noch als die
+groesste Schoenheit glaenzen.
+
+Simplizius. Die da? Nun, da duerfen S' schoen politier'n, bis die zum
+glanzen anfangt.
+
+Ewald. Das wird der Zauberschein der Fackel tun. Der Koenig muss den
+Preis ihr reichen; drum stellen Sie als Ihren Freund mich bei ihm
+vor, damit er mir Gehoer verstattet. Sehen Sie nur, dort nahen sich
+die Krieger im feierlichen Marsch, man suchet Sie.
+
+Simplizius. Ah, sie sollen marschier'n, wohin sie wollen, ich
+brauch' sie nicht.
+
+
+
+Achtzehnte Szene.
+Vorige. Dardonius. Hoeflinge. Dazu Nimelot. Abukar. Astrachan.
+Olinar.
+
+
+Chor (der Krieger, welche aus die Buehne ziehen).
+
+Dank dem Helden, den die Goetter
+Mit des Loewen Mut gestaehlt.
+Und den zu des Landes Retter,
+Gnaedig waltend sie erwaehlt.
+
+(Sie bilden einen Kreis.)
+
+Dardonius (in freudiger Begeisterung). Wo, sagt, wo ist meines
+Landes wunderbarer Retter?
+
+Ein Hoefling. Hier ist der edle Juengling, hoher Fuerst.
+
+Simplizius (fuer sich). Meint der mich?
+
+Olinar. Hat der den Eber erlegt?
+
+Abukar. Wer hatte das gedacht?
+
+Dardonius. Lass dich umarmen, Fremdling. (umarmt ihn.) Nimm des
+Koenigs Dank.
+
+Simplizius. Ich bitt' recht sehr, machen Sie kein solches Aufsehn,
+es ist ja gar nicht der Mueh' wert, wegen der Kleinigkeit da, wegen
+dem bissel Eber.
+
+Dardonius. Also du hast dieses Ungetuem erlegt?
+
+Simplizius. So schmeichl' ich mir.
+
+Krieger. Wir waren alle Zeugen.
+
+Dardonius. Heldenmuetiger Mann, sieh hier des Dankes Traenen in den
+Augen meines Volkes.
+
+(Die Hoeflinge weinen.)
+
+Simplizius. Jetzt weinen die gar wegen einem Schwein, das ist mir
+unbegreiflich.
+
+Dardonius. Goetter, wie koennen in so schwach gebautem Koerper solche
+Riesenkraefte wohnen?
+
+Simplizius. Ja, das ist eben das Hasardspiel der Natur, dass ein
+Elefant in einer Nuss logiert.
+
+Dardonius. Sprich, wie kann ich dich belohnen?
+
+Simplizius. Ja, ich muesst' da erst einen Ueberschlag machen, das
+dauert zu lang', ich ueberlass' das Ganze der Indiskretion Euer
+Majestaet, wir werden kein' Richter brauchen.
+
+Dardonius (fuer sich). Dieses Mannes Ausdruecke versteh' ich nicht.
+(Laut.) Ihr Krieger, deren oft bewiesner Mut der Heldenstaerke
+dieses Juenglings weichen muss, sagt selbst, verdient die Tat, dass
+sie ein Lorbeer lohnt?
+
+Alle. Ja, sie verdient es.
+
+Simplizius. Sapperment, ein'n Lorbeer geben s' mir gar dafuer, da
+waer' mir schon eine Halbe Heuriger lieber.
+
+Dardonius. Wohlan, so schmuecket ihn damit.
+
+(Die Krieger brechen einen Lorbeerzweig von den Baeumen und winden
+einen Kranz.)
+
+Simplizius. Sie, Freund--(zu Ewald) soll ich denn das Gestrauchwerk
+annehmen? Das ist ja nicht zwei Groschen wert.
+
+Ewald. Was fuer ein Gestraeuch?
+
+Simplizius. Ein' Lorbeer wollen s' mir geben, da waer' mir ein
+Spenat noch lieber. Mir scheint, sie wollen mich prellen, was?
+
+Ewald. Was faellt Ihnen denn ein, ein Lorbeer ist die hoechste
+Auszeichnung, nach der die groessten Maenner aller Zeiten je gerungen
+haben.
+
+Simplizius. Nach dem Lorbeer? Nun der muss schoen herunter kommen
+sein, jetzt nehmen sie ihn schon gar zum Lungenbratl.
+
+Ewald. Lassen Sie sich doch belehren. Sie rauben ja der Menschheit
+ihren Adel.
+
+Simplizius. Ist denn die Menschheit von Adel, das hab' ich auch
+nicht gewusst.
+
+Ewald. O Vernunft, wie erhoeht der Umgang mit den Tieren deinen Wert.
+
+
+Dardonius. Habt ihr ihn bereitet?
+
+Erster Hoefling. Hier ist er. (Bringt den Kranz mit roten Beeren auf
+einem Schild.)
+
+Simplizius. So ist's recht, nicht einmal in einer Sauce.
+
+Dardonius. Nun beug' dein Knie, ich selber will dich kroenen.
+
+Simplizius (kniet). Das sind Umstaend'.
+
+Olinar. Ein unbarmherz'ges Glueck.
+
+Dardonius. In meinem und des ganzen Reiches Namen umwind' ich deine
+Heldenstirn' mit diesem Ehrenkranz.
+
+Simplizius. Da bin ich versorgt auf mein Lebtag, wenigstens gehn
+mir die Fliegen nicht zu.
+
+Dardonius. Wie heissest du?
+
+Simplizius. Simplizius.
+
+Dardonius. Das ganze Heer lobpreise diesen Namen.
+
+Alle Krieger. Hoch leb' Simplizius, der Retter unsres Landes!
+
+Dardonius. Steh auf, der Kranz ist dein.
+
+Simplizius (steht auf). Die haben mich schoen erwischt, das ist ein
+Undank! Ich muss aussehn, wie ein Felberbaum. (Beutelt den Kopf.)
+
+Dardonius. Und damit du meines hoechsten Dankes Wert erkennst, so
+sollst du Unterfeldherr sein.
+
+Simplizius. O Spektakel, jetzt nehmen s' mich gar zum Militaer.
+Unterfeldscherer muss ich werden.
+
+Ewald. Der Mensch bringt mich zur Raserei.
+
+Olinar. Das ist ein aeusserst dummer Mensch.
+
+Alle. Heil dir, Simplizius!
+
+Hoefling. Man bringt den Eber, hoher Fuerst.
+
+Simplizius. Was? Nun, den taet' ich mir noch ausbitten, da trifft
+mich gleich der Schlag.
+
+
+
+Neunzehnte Szene.
+Vorige. Sechs Krieger bringen einen ungeheuren Eber auf einer Trage,
+welche sie in die Mitte der Buehne setzen.
+
+
+Ewald. Ein sehenswertes Tier.
+
+Simplizius. Ich schau ihn g'wiss nicht an.
+
+Dardonius. Bewundre deine Riesentat.
+
+Simplizius. Ah, das ist schrecklich, er ist schon wieder g'wachsen.
+(Zu Ewald.) Das Tier nimmt gar kein End', schauen Sie ihn nur an,
+mir scheint, er ruehrt sich noch, er ist nicht tot.
+
+Dardonius. Ergoetze dich an deinem Sieg!
+
+Simplizius. Sie, halten S' mich, mir wird nicht gut. Ich verlier'
+meinen Lorbeer noch aus Angst. Der packt mich an, er hat ein Aug'
+auf mich, sehen Sie ihn nur an.
+
+Ewald. So fassen Sie sich doch.
+
+Simplizius. Reden S' nur nicht vom Fassen, sonst ist er gleich da.
+Ich halt's nicht aus. (Schreit.) Euer Majestaet, schaffen Euer
+Majestaet den Eber fort.
+
+Mehrere Hoeflinge. Wie, der Koenig?
+
+Simplizius. Da ist mir alles eins, wegen meiner die Koenigin. Nur
+fort mit ihm, es g'schieht ein Unglueck sonst.
+
+Dardonius. Was bebst du so?
+
+Simplizius. Aus lauter Kraft, das ist der ueberfluess'ge Mut. Eine
+Lanzen! (Man reicht ihm eine Lanze--leise.) Dass ich mich halten
+kann, sonst fall' ich z'sammen. Fort mit ihm, nur fort, ich stech'
+ihn noch einmal z'sammen, den Sapperment, ich kenn' mich nicht vor
+Wut (beiseite) und vor Angst.
+
+Dardonius. So bringt den Eber fort. (Fuer sich.) Der Mann ist mir
+ein Raetsel.
+
+Olinar. Spricht so der Mut sich aus, dann bin ich auch ein Held.
+
+Dardonius. Ihr seid gewiss, dass er, nur er, den Eber hat erlegt.
+
+Die Krieger. Wir sind's.
+
+Dardonius. Das ist mir unbegreiflich.
+
+Simplizius (fuer sich). Mir schon lang.
+
+Hoefling (leise zum Koenig). Er ist verstandlos und gemein.
+
+Dardonius. Gleichviel. So lohnen wir die Tat, nicht den, der sie
+beging. Erhebet ihn und tragt ihn im Triumphe nach dem Tempel, dort
+schmueckt ihn, wie die Sitte es erheischt. Leb' wohl, mein Held, ich
+folge bald.
+
+(Die Krieger bilden mit ihren Schildern eine Treppe.)
+
+Simplizius. Nein, was sie mir fuer eine Ehr' antun, zuerst tragen s'
+die Wildsau und nachher mich.--Da hinauf? Ah, das wird ein Triumph
+werden, wenn sie mich da herunterfallen lassen, da werd' ich auf
+meinen Lorbeern ruhn. (Steigt hinauf.)
+
+Krieger. Es lebe Simplizius.
+
+Simplizius. Jetzt heben s' mich auf einen Schild. Da heisst's beim
+gruenen Kranz. Eine schoene Aussicht hat man da heroben. Nur Obacht
+geben, sonst heben wir noch was auf. (Der Marsch beginnt, man will
+ihn forttragen, er schreit.) He, Sapperment, ich hab' noch was
+vergessen. Halt, halt, die ganze Armee soll halten! (Man haelt.)
+Euer Majestaet, ich bitt', auf ein Wort.
+
+Dardonius (tritt naeher). Was verlangst du?
+
+Simplizius (zu Ewald). Sie, kommen S' ein bissel her. Euer Majestaet
+erlauben, dass ich Euer Majestaet bei meinem Freund auffuehr', er
+wuenscht dero Bekanntschaft zu machen, und aus lauter Triumph haett'
+ich bald drauf vergessen. Ha, ha, ha, empfehl' mich. (Zu den
+Kriegern.) Nur vorwaerts mit dem Zug.
+
+Chor (der Krieger).
+Dank dem Helden, den die Goetter
+Mit des Loewen Mut gestaehlt,
+Und den zu des Landes Retter
+Gnaedig waltend sie erwaehlt.
+
+(Alles ab, bis auf)
+
+
+
+Zwanzigste Szene.
+Dardonius. Hoeflinge. Ewald. Aloe entfernt sich vom Fenster.
+
+
+Hoeflinge. Ein sonderbarer Mann, ganz unwert solcher Ehre.
+
+Dardonius. Du bist des tapfern Mannes Freund?
+
+Ewald (beiseite). Was soll ich sagen. (Laut.) Das bin ich, edler
+Fuerst. (Fuer sich.) Die Schande drueckt mich fast zu Boden, dass ich
+dieses dummen Menschen Freund sein muss.
+
+Dardonius. Er ist ein Held, wie mir noch keiner vorgekommen ist,
+und hat dem Lande Wichtiges geleistet, drum magst auch du auf die
+Gewaehrung eines Wunsches rechnen.
+
+Ewald. Es ist ein Wunsch, der sich mit dieses Landes Ehre wohl
+vertraegt. Ich will dein Aug' auf deines Reiches hoechste Schoenheit
+lenken, die nur bis jetzt in stiller Abgeschiedenheit gelebt.
+
+Dardonius. Bring' sie zum Fest, verdient sie den Preis, soll er ihr
+nicht entgehen, doch ungerecht darf ich nicht handeln.
+
+Ewald. So kuehn ist meine Bitte nicht. Nur magst du sie nicht selbst
+mit einem Kranz von Rosen schmuecken, es muessen edle Frauen deines
+Landes ein Myrtendiadem auf ihren Scheitel druecken.
+
+Dardonius. Es soll geschehn, find dich nur bald im Tempel ein, denn
+eh' noch Phoebus' Rosse aus Poseidons Fluten trinken, muss unser Fest
+beendet sein; damit die Nacht, die aller Schoenheit Glanz verdunkelt,
+ dem ruhmbeglueckten Tag nicht seinen Sieg entreisst. (Geht ab, die
+Hoeflinge folgen.)
+
+Ewald (allein). Es kraenkt mein Herz, dass ich dich, edler Koenig,
+taeuschen muss, weil dir ein kuehner Augenblick erschuetternd zeigen
+wird, wie sechzig unbarmherz'ge Jahre der holden Schoenheit Bild in
+Haesslichkeit verwandeln. (Geht ab, in Aloes Haus.)
+
+
+
+Einundzwanzigste Szene.
+(Vorhalle in Aloes Wohnung.)
+
+(In der Mitte des Hintergrundes stuetzt ein breiter praktikabler
+Pfeiler das Gewoelbe, sodass sich dadurch zwei Oeffnungen bilden,
+wovon der Eingang zur Rechten durch eine drei Schuh hohe Balustrade,
+welche von der Kulisse bis zum Mittelpfeiler reicht, geschlossen
+ist. In diese Halle, welche im Dunkel gemalt ist, fuehrt eine
+Seitentuer nach Atritiens Zimmer. Die Halle links ist licht, weil
+sich auf dieser Seite ein Fenster befindet.)
+
+Aloe tritt ein.
+
+
+Aloe (aus Atritiens Gemach kommend und in dasselbe zurueckrufend).
+Bleib du im Gemache nur (verschliesst die Tuer), er darf dich nicht
+frueher sprechen, bis ich mit meinen Reizen erst in Ordnung bin.
+Vielleicht verliebt er sich dann wie Pygmalion in sein eignes Werk
+und gibt dir einen Korb. Hier ist er schon, der holde Mann!
+
+
+
+Zweiundzwanzigste Szene.
+Vorige. Ewald.
+
+
+Ewald. Nun, hier bin ich, schnell zum Werk. (Gebieterisch.)
+Bereitet Euch, um schoen zu werden.
+
+Aloe (pathetisch). Wer waere dazu nicht bereitet, Erwartung spannt
+jede Faser, und Ungeduld zersprengt mir noch das Herz.
+
+Ewald. Kniet Euch nieder, fleht die Goetter an.
+
+Aloe (kniet). Goetter, die ihr tausend Himmel ausgeschmueckt mit
+Schoenheit habt, oeffnet eure Vorratskammern und das Fuellhorn ew'ger
+Jugend giesset auf mein Haupt herab! Alles will ich gern erdulden;
+Werft mich in des Aetna Krater, speit er mich nur schoen heraus; lasst
+mich tief im Meere verschmachten, bis ich mich in Schaum aufloese
+und als Venus neu ersteh'; schenkt mir Millionen Muscheln, wo nur
+eine birgt die Schoenheit, und ich will sie alle oeffnen, bis ich auf
+die rechte komme. Goetter, lasst euch doch erbitten; denn ich stehe
+nicht mehr auf. (Breitet die Haende aus.)
+
+Ewald. Steht wieder auf, jetzt seid Ihr schoen.
+
+Aloe (steht schnell auf). Wollt Ihr mich zur Naerrin machen, ich
+seh' ja nicht die mindeste Veraenderung an mir.
+
+Ewald. Weil es hier zu dunkel ist, lasst mich erst die Leuchte
+schwingen. (Er schwingt die Leuchte und stellt sie in einen Ring
+des Pfeilers, doch so, dass die Halle links beleuchtet wird, die
+andere dunkel bleibt. Augenblicklich verwandelt sich Aloe in ein
+junges reizendes, rosig gekleidetes griechisches Maedchen, mit
+weissen Rosen geziert.) Nun beseht Euch in dem Spiegel. (Er haelt ihr
+einen Handspiegel vor, der auf einem Tischchen liegt.)
+
+Aloe. Nein, unmoeglich, Venus blickt aus diesem Glase. Schwoert mir,
+dass ich's selber bin.
+
+Ewald. Ja, Ihr seid's, mein Haupt dafuer.
+
+Aloe (ploetzlich stolz). Nun, ihr Weiber, die die Welt, blind genug,
+fuer schoen erklaert, wagt es, euch mit mir zu messen, Bettlerinnen
+seid ihr alle. Ha, so gross ist meine Freude, dass ich dich umarmen
+muss. (Kuesst ihn.)
+
+Ewald. Sie gefaellt mir selbst beinah, doch mich kann sie nicht
+verfuehren, denn will ich meine Liebe daempfen, so loesch' ich nur die
+Fackel aus.
+
+Aloe (fuer sich). Ha, er scheint sich zu verlieben; doch er ist mir
+jetzt zu wenig; nun muss ein Koenig kommen, wenn ich meine Hand
+verschenke.
+
+Ewald. Bald straft sich dein Uebermut. (Gezogen.) Hoert mich, schoene
+Aloe.
+
+Aloe (entzueckt). Was verlangst du, holder Mann?
+
+Ewald. Haltet nun auch Euer Wort, weil ich meines hab' erfuellt.
+Lasst Atritien mich sprechen. Ruft sie mir.
+
+Aloe. Wartet nur, ich hab' sie fest verschlossen. Na, die wird vor
+Galle bersten, wenn sie meine Schoenheit sieht. (Sie geht durch die
+lichte Oeffnung des Bogens. Wie sie hinter den Pfeiler tritt, bleibt
+sie stehen und eine andere von gleicher Groesse, gekleidet wie Aloe
+als Alte war, geht ohne Pause statt ihr zur Seitentuer in der
+dunkeln Halle, schliesst sie auf und geht hinein. Wie sie die Tuer
+ausschliesst, spricht:)
+
+Ewald (lachend). Ha, ha, nun ist sie wieder alt, weil sie die
+Fackel nicht bescheint.
+
+Aloe (stuerzt aus dem Gemache, wie sie zu dem Pfeiler kommt,
+wechseln die Gestalten). Wie geht das zu, dass mich Atritia nicht
+bewundert?
+
+Ewald (fuer sich). Das glaub' ich gern. (Laut.) Ihr irrt Euch ja.
+(Ruft.) Atritia, komm heraus!
+
+Atritia (aus dem Gemach, eilt auf Ewald zu, ohne Aloe zu achten).
+Ich komme. Es ist seine Stimme, sag' Fremdling, ist es wahr, soll
+ich dein Weibchen werden?
+
+Ewald. So ist's, doch sieh dich um.
+
+Atritia. Ah, Himmel, was erblick' ich. Das ist die Goettin Venus
+selbst. (Faellt auf die Knie.) Nein, solche Schoenheit hab' ich noch
+nie gesehen.
+
+Aloe (triumphierend). O Labsal, Honig fuer den Stolz. Da kniet sie
+jetzt, die mich so oft verlacht.
+
+Atritia (haelt die Haende zusammen). Grosse Goettin, steh uns bei.
+
+Ewald. Steh auf, es ist nur deine Muhme.
+
+Atritia. Was sprichst du da? Die Muhme?
+
+Ewald. Sie ist's, ich hab' sie so verschoenert.
+
+Atritia (steht auf). Die alte haessliche Aloe? Nicht moeglich!
+
+Aloe (bricht los). Du ungezogenes Kind, du wagst es, mein
+ehemaliges Ich haesslich zu nennen? Geh mir aus den Augen oder ich
+vergreife mich an dir. Der Aerger kostet mich das Leben.
+
+Atritia. Ja, du hast schon recht, sie ist's; so spricht die Goettin
+Venus nicht. O sag', wirst du mich auch verschoenern?
+
+Ewald. Du bist mir schoen genug.
+
+Atritia. Dann will ich auch nicht schoener sein.
+
+Ewald. Doch nun leb' wohl. (Kuesst sie.) Kehr' ich zurueck, wirst du
+mein Weib und folgst mir in mein Vaterland. Lucina, weih' ihr
+deinen Schutz.
+
+Aloe (noch immer zornig). Mich alt zu nennen, du abscheuliches
+Geschoepf! (Droht mit der Faust.)
+
+Ewald. Jetzt maessigt Euch, der Zorn vermindert Eure Schoenheit. Folgt
+in den Tempel mir.
+
+Aloe (nimmt sich zusammen). Ja, ich will mich maessigen, denn meine
+Schoenheit geht mir ueber alles. Ich folge Euch. (Wieder auffahrend.)
+Aber wenn ich zurueckkomme--(Zu Ewald.) Geht nur voraus, ich bin die
+Sanftmut selbst. (Wieder auffahrend.) Gottloses Kind, ich--(fasst
+sich) nein, du sollst mich nicht um meine Schoenheit bringen. Geht
+nur voraus, ich folge sanft, ganz sanft. (Trippelt steif und wirft
+immer wuetende Seitenblicke auf Atritien.) Mich alt zu nennen!--
+Zittre, wenn ich wiederkomme!--Ganz sanft--ganz sanft! (Geht ab.)
+
+
+
+Dreiundzwanzigste Szene.
+Atritia, dann Lulu.
+
+
+Atritia (allein). Ach, mein Geliebter ist ein Zauberer.
+
+(Wolken fallen vor, Lulu steigt aus der Erde.)
+
+Lulu. Und willst du ihn darum verlassen?
+
+Atritia. Das tu' ich nicht, er hat auch mich bezaubert.
+
+Lulu. So folge mir, ich will dich ihm bewahren. (versinkt mir ihr.)
+
+
+
+Vierundzwanzigste Szene.
+(Tempel der Venus.)
+
+
+An jeder Seite ein Thron, und in der Mitte des Hintergrundes das
+Bild der Goettin auf Wolken schwebend, vor diesem Stufen. Dardonius,
+Olinar, Astrachan, Abukar, Nimelot, Priesterinnen der Venus mit
+goldenen Fackeln. Edle Herren und Frauen von Kallidalos sind im
+Tempel versammelt, der Koenig besteigt den Thron.
+
+Kurzer Chor.
+Seht, die Goettin ist uns hold,
+Lieblich strahlt der Locken Gold,
+Und ihr anmutsreicher Blick,
+Kuendet unserm Lande Glueck.
+
+Dardonius. Die Goettin ist uns hold, sie nahm die Opfer gnaedig auf.
+Nun fuehrt den Helden dieses wicht'gen Tags vor meinen Thron.
+
+
+
+Fuenfundzwanzigste Szene.
+Vorige. Simplizius mit einem goldenen griechischen Panzer
+geschmueckt und die grosse Eberhaut umhaengend, wird von Edlen
+hereingefuehrt.
+
+
+Simplizius. Was s' mit mir alles treiben, jetzt naehn s' mich mitten
+im Sommer in eine Eberhaut ein, da moecht' einer doch aus der Haut
+fahren!
+
+Dardonius. Edle Herren und Frauen von Kallidalos, hier steht der
+kuehnste Jaeger seiner Zeit.
+
+Simplizius. Ich wollt', ich waer's, ich jaget euch alle davon.
+
+Dardonius. Ihm ward das Glueck, das Untier zu besiegen, das unser
+Land verwuestet hat. Nun koennt ihr kuehn den Wald durchstreifen, und
+eurer Felder Saaten sind durch ihn gerettet.
+
+Simplizius. Aha, deswegen haben s' mich zum Feldscher g'macht.
+
+Dardonius. Schon ruht auf seiner Stirn das Zeichen hoechsten Ruhmes,
+und seine Schultern deckt des Tieres rauher Panzer. Nichts gleichet
+seinem Mut.
+
+Simplizius (fuer sich). Mir steigen schon alle Aengsten auf, ich
+schwitz' mich noch zu Tod.
+
+Dardonius. Darum ist meines ganzen Volkes Hoffnung nur auf dich
+gerichtet.
+
+Simplizius (fuer sich). Nun, ich gratuliere.
+
+Dardonius. Besteige jenen Thron und kuende selbst, wozu ich dich
+ernannt.
+
+Simplizius. O verflixt, mir verschlagt's die Red', und ich soll
+eine halten. Ah was, ich red' halt einen unzusammenhaengenden
+Zusammenhang. Volk ueber alle Voelkerschaften, der Koenig hat mich
+unters Militaer gegeben, und obwohl ich nicht das rechte Mass hab',
+so fuehle ich mich doch ueber alle Massen geruehrt und so ergriffen,
+dass ich mich auf meinen Thron hier niederlassen muss, um alles zu
+verschweigen, was mir meine Bescheidenheit nie zu sagen erlaubt.
+(Setzt sich.)
+
+Dardonius. Ich hab' zum Unterfeldherrn ihn ernannt. Du bist ein
+groesserer Held, als du ein Redner bist. Nun reicht den Fraun das
+Myrtendiadem, wie ich es angeordnet habe, und lasst die Maedchen um
+den Preis der Schoenheit buhlen.
+
+(Schmelzende Tanzmusik. Zwoelf Maedchen, so gekleidet wie Aloe nach
+ihrer Verwandlung, doch weisse Kleider mit roten Rosen geziert,
+beginnen anmutige Gruppierungen vor dem Thron des Koenigs. Endlich
+bildet die Gruppe ein Tableau, das in seiner Mitte einen Raum laesst,
+in welchen Aloe tritt, die waehrend den Bewegungen von Ewald mit der
+Fackel hereingefuehrt wurde und die Gruppe schliesst. Ein Knabe
+bringt den Frauen die Myrtenkrone auf einem Kissen.)
+
+Dardonius (mit Entzuecken). Jene ist's, die einer diamantnen Rose
+gleich die zarten Perlen ueberschimmert. (Er steigt vom Thron und
+fuehrt Aloe vor.) Ihr Frauen, kroenet sie, nur ihr gebuehrt der Preis.
+
+Simplizius (fuer sich). Die Alte hat sich ausg'wachsen, jetzt kauft
+man s' fuer eine Junge.
+
+Dardonius. Sagt selbst, welch Land hat solch ein Maedchen
+anzuzeigen?
+
+Die Maenner. Erstaunen fesselt unsre Sinne.
+
+Simplizius (fuer sich). Das ist der schoenste Betrug, der mir noch
+vorkommen ist.
+
+Dardonius. Warum zoegert ihr, geehrte Frauen, ist sie nicht eurer
+Krone wert? (Pause.) Antwortet doch.
+
+Frauen. Ja, sie ist uns--
+
+Dardonius. Was ist sie euch?
+
+Simplizius. Zu schoen ist sie ihnen, das ist die ganze G'schicht'.
+
+Frauen. Sie ist uns an Schoenheit ueberlegen.
+
+Simplizius. Das hat was braucht, bis das herauskommen ist. Morgen
+sind s' alle krank.
+
+Frauen (setzen ihr das Diadem auf). Du, schoener als wir alle, sei
+des Festes Koenigin. (Die Frauen fuehren Aloe in den Hintergrund auf
+die Thronstufen und reihen sich zu beiden Seiten.)
+
+Simplizius. Jetzt kriegt die auch einen Kranz! Der setzet ich was
+anders auf.
+
+Alle. Heil der Koenigin des Festes.
+
+Simplizius. Was die heut schreien, das ganze Volk wird heis'rig
+noch.
+
+Dardonius. Simplizius, jetzt kann ich erst nach Wuerde dich belohnen;
+nimm dieses Maedchens Hand, sie sei dein Weib.
+
+Simplizius. Das alte Weib? Jetzt waer' ich bald vor Schrecken ueber
+den Thron herunter g'fallen. Die nehm' ich nicht.
+
+Dardonius. Bist du verwirrt, dies hinreissende Geschoepf?
+
+Simplizius. Mich reisst sie nicht hin, ich hab' s' in ihrer alten
+Neglige schon g'sehn.
+
+Dardonius. Du musst sie nehmen, wenn du nicht dein Amt verlieren
+willst.
+
+Simplizius. Wegen meiner schon. (Steigt vom Thron--fuer sich) Ich
+will doch lieber die Feldschererei verlieren, als die Schererei mit
+der Alten haben.
+
+Dardonius. Wie. du wagst es, dem Gesetz zu widersprechen?
+
+Ewald (leise). So nehmen Sie sie doch. Verraten Sie nur nichts, ich
+leih' Ihnen die Fackel.
+
+Simplizius. Hoeren Sie auf, ich will ein Weib haben, die auch in der
+Finsternis schoen ist, nicht eine, die man erst illuminieren muss.
+(Laut.) Ich nehm' sie nicht. Will s' vielleicht ein andrer?
+
+Die Maenner. Wir alle sind bereit, sie zu freien.
+
+Simplizius. Nun also, reissender geht s' weg. Das Weibsbild foppt
+das ganze Land.
+
+Dardonius. Noch nicht genug. Um zu beweisen, wie man in Kallidalos
+Schoenheit ehrt, erwaehl' ich selbst zu meiner Gattin sie.
+
+Alles. Es lebe unsre Koenigin!
+
+Simplizius. Jetzt wird s' gar Koenigin! Ich fahr' aus der Haut.
+
+Dardonius. Und augenblicklich lass' ich mich vermaehlen.
+
+Aloe (macht Zeichen des Entzueckens).
+
+Simplizius Der Koenig treibt's. (Zu Ewald.) So loeschen S' doch die
+Fackel aus, er heirat' ja die Katz' im Sack.
+
+Ewald. Entsetzliche Verlegenheit, was soll ich nun beginnen?
+
+(Donnerschlag, das Bild der Venus verschwindet. Lucina ist statt
+ihr in einer Wolkenglorie sichtbar.)
+
+Lucina. Die Taeuschung geht zu weit, legt ab die Kraenze, die euch
+nicht gebuehren. (Sie nimmt der unter ihr stehenden Aloe den Kranz
+ab, und Simplizius' Lorbeer fliegt ihr in die Hand.) Nun fort nach
+Agrigent.
+
+(Ewald und Simplizius verschwinden. Wie die Fackel unsichtbar wird,
+verwandelt sich Aloe in ihre wahre Gestalt. Das Bild der Venus
+erscheint wieder an der alten Stelle.)
+
+Alle. Was ist geschehen?
+
+Dardonius. Die Fremden sind verschwunden? Wo ist die Braut, die ich
+erwaehlt?
+
+Aloe (auf den Stufen). Hier bin ich, edelster Gemahl.
+
+Dardonius. Welch haesslich Weib? Wie kommst du in den Tempel?
+
+Aloe. Ich bin ja Aloe, die du erwaehlt. Ich schwoer's bei meiner
+Jugend.
+
+Alle. Betrug!
+
+Dardonius. Zauberei! Peitscht aus dem Tempel sie. O Scham,
+vernichte mich. (Stuerzt ab.)
+
+(Man reisst Aloe von den Stufen.)
+
+Chor.
+Hinaus, hinaus, du Ungetuem,
+Entweih' den Tempel nicht,
+Erzittre vor des Koenigs Grimm,
+Auf, schleppt sie vors Gericht!
+
+(Sie wird hinausgejagt.)
+
+
+
+Sechsundzwanzigste Szene.
+(Der Wald mit der Pforte der Eumeniden, auf welcher die drei Siegel
+gluehen. Nacht, Mondlicht.)
+
+Lucina mit den Kraenzen. Kreon.
+
+
+Lucina. Komm, mein Kreon, der Sieg ist uns gelungen.
+
+Kreon. So haettest du Unmoegliches errungen?
+
+Lucina. Bald wird dein Leid die hoechste Freude lohnen,
+Der Orkus ist beschaemt, hier sind die Kronen.
+
+Kreon. Hell leuchten sie, drei Sonnen, durch die Nacht.
+Wie schnell flieht Schmerz, wenn uns die Hoffnung lacht.
+
+Lucina. Nun knie' dich hin und senk' dein Aug' zur Erd',
+Dass es der grause Anblick nicht versehrt.
+Denn Rhea aechzet, und die Sterne wimmern,
+Sehn sie den Dolch der Eumeniden schimmern.
+ (Kreon kniet und beugt sein Haupt, Lucina legt die Kraenze auf
+den Opferstein.)
+Drei Kroenen ruhen auf dem kalten Stein!
+Ich opfre sie--
+ (Eine Flamme erscheint und verzehrt scheinbar die Kraenze.)
+ Nun, Flamme, schliess sie ein.
+Schmelzt, Siegel! Pforte, oeffne deinen Rachen.
+ (Die Siegel verschwinden, die Pforten springen unter
+schrecklichem Gekrache auf.)
+Herauf, herauf, ihr rachedurst'gen Drachen,
+ (Das Heulen des Windes.)
+Blick' ja nicht auf, es kostet dich das Leben.
+Die Eumeniden nahn, selbst mich ergreift ein Beben.
+
+(Sie beugt ihren Leib gegen die Erde, der Sturmwind heult. Klagende
+Sturmmusik. Ein blauer Blitz faehrt aus der Hoehle.)
+
+
+
+Siebenundzwanzigste Szene.
+Vorige. Tisiphone, Megaere, Alecto, ganz gruen gekleidete Furien, das
+Haupt mit Vipern umwunden, eilen, blaeulichte Fackeln und blinkende
+Dolche schwingend, aus der Pforte.
+
+
+Alle drei (blicken auf den Mond--im tiefen Ton).
+Der Mond, der Mond, er scheint zur rechten Stunde,
+Wacht auf, wacht auf, die Rache haelt die Runde.
+
+(Sie gehen gemessenen Schrittes ueber die Buehne.)
+
+Lucina. Es ist geschehn, bald ist dein Feind gerichtet,
+Und so der Streit mit banger Welt geschlichtet.
+Nun folg', es harren dein, auf mein Geheiss,
+Die Edlen all im liebverschlungnen Kreis.
+Von tausend Lampen schimmert dein Palast,
+Der kaum den Jubel seiner Gaeste fasst.
+
+(Beide ab.)
+
+
+
+Achtundzwanzigste Szene.
+Die goldgezierte runde Marmorhalle, das Schlafgemach Phalarius',
+durch zwei kerzenreiche Kandelaber erleuchtet. An der Seite sein
+Lager, neben diesem brennt auf einem Postamente eine Lampe.
+Gegenueber eine Pforte aus Ebenholz.)
+
+Phalarius tritt auf, hinter ihm Androkles tief gebeugt.
+
+
+Phalarius. Lasst sehn, wie lang mein stolzer Nachbar sich noch
+bruestet,
+Wo sind die Feldherrn? Ist mein ganzes Heer geruestet?
+
+Androkles. Es harret mutentbrannt der Krieger ruest'ge Schar.
+
+Phalarius (lachend).
+Vergebens glueht der Mut, vermeidet ihn Gefahr.
+Nun loesch' die Lichter aus, lass Dunkelheit herein,
+Entfern' dich dann (beiseite, mit Grimm)
+und ueberlass mich meiner Pein.
+
+(Androkles loescht die Lichter aus bis auf die Lampe, beugt sich
+tief und geht bangend ab. Das Gemach wird finster.)
+
+
+
+Neunundzwanzigste Szene.
+
+
+Phalarius (allein).
+Ein kluger Hauswirt schliesst des Nachts die Tuer,
+Ich ahm' es nach. (Schliesst.) So, nun bin ich allein mit mir.
+ (Erschrickt.)
+Allein?--Ein falsches Wort, wer kann das von sich sagen.
+Schickt nicht die Einsamkeit Gedanken, die uns plagen?
+Was sind Gedanken, die im Aufruhr sich versammeln,
+Das Hirn bedrohn und der Vernunft das Tor verrammeln?
+Gemeiner Tross nur ist's, den man nicht achten muss,
+Der Koenig der Gedanken ist nur der Entschluss.
+Drum hab' ich es auch fest mit Marmorsinn beschlossen,
+Wie Phoebus, gross und hehr, mit feuerspruehnden Rossen
+Des Himmels Reich durchzieht, auf goldnem Strahlenwagen,
+So will ich durch die Erd' das Licht der Krone tragen.
+Die Sonn' am saphirblauen Zelt glaenz' nicht allein,
+Ich will die Zweite auf smaragdnem Grunde sein.
+Von Aethiopiens Sand, wo gluehnder Samum hauset,
+Bis an des Nordpols Eis, wo Boreas erbrauset,
+Muss mein Panier, mit weithinschaundem Stolze prangen.
+Poch ruhiger, mein Herz, gestillt wird dein Verlangen.
+
+(Er legt die Pantherhaut und seine Waffen ab, doch die Krone nicht
+und streckt sich aufs Lager.)
+
+Besuch mich, falscher Schlaf, der selten mein gedenkt,
+Und sich nur gern auf kummerlose Augen senkt.
+Verlisch, o Lampe, lischt doch einst die Sonne aus,
+Dann wird es finster sein im grossen Weltenhaus.
+
+(Er loescht die Lampe aus, augenblicklich sieht man bei seinem
+Haupte drei gluehend rote Geister sitzen, welche unverwandt nach
+seiner Krone blicken, sie sind frueher hinter dem Ruhebett verborgen
+und heben erst setzt zugleich ihre Haeupter.)
+
+Wie eklig still!--Was waer' das Leben ohne Streit?
+Die Scheide ohne Schwert--(schreit auf).
+ Wer da? (Erblickt die Geister.)
+ Ha ihr, auch heut?
+
+Die drei Geister (zugleich, eintoenig und hohl).
+Wir bewachen die Krone mit Uhusblick,
+Schlaf ruhig, schlaf ruhig, nichts stoere dein Glueck.
+
+Phalarius (laut auflachend).
+Mein Glueck!--Wie bin ich doch so gluecklich nun durch euch,
+Der Wunsch verarmt, ist die Erfuellung ueberreich.
+O Wahn, der ueber Leides Abgrund Bruecken baut,
+Weh dem, der ihren luft'gen Bogen keck vertraut.
+Verzweiflungsvolles Glueck, das selber sich entleibt,
+Du machst mich arm, das mir nichts als die Krone bleibt.
+Die Kron'? Beim Styx, ich will sie fuerchterlich benuetzen,
+Verderben soll von ihren gluehnden Zacken blitzen,
+Ich raeche meine Qual, wer will mich daran hindern?
+
+(Es pocht an der Pforte.)
+
+Alecto (dumpf).
+Der Eumeniden Dolch.
+
+Megaere. Vernichtung allen Suendern.
+
+Die drei Geister.
+Die Eumeniden hier, der Orkus hat geendet.
+
+(Verschwinden.)
+
+Phalarius (springt auf).
+Wer pocht so frech, sag' an, wer dich so spaet noch sendet?
+
+(Leises Pochen.)
+
+Alle drei. Mach' auf, fein Koeniglein, wir wuenschen dich zu sprechen.
+
+
+Phalarius. Was wollt ihr mir?
+
+(Die Tuer springt mit einem Donnerschlage auf, alle drei treten
+zugleich ein.)
+
+Alle drei. Wir strafen dein Verbrechen.
+
+Phalarius (entsetzt).
+Ha, die Erynnien!
+
+Alle drei. Bereu', du musst erbleichen.
+
+Phalarius. Die furchtbar Raechenden!
+
+Alle drei. Die jede Tat erreichen.
+
+Phalarius. Zurueck, verfluchte Furien, mich schuetzt die Kron'.
+
+Alecto. Sie schuetzt dich nicht, der Orkus schweigt; denk' an Kreon!
+
+Phalarius. Ich hasse ihn wie euch.
+
+Tissiphone. Denk' an Aspasien!
+
+Megaere. An 'n Brand von Agrigent!
+
+Alecto. Gedenk', du musst vergehn!
+
+(Sie draengen ihn aufs Lager.)
+
+Phalarius. Ich denke nichts als Blut.
+
+Alecto. So denke an den See!
+
+(Ein Teil der Kuppel stuerzt ein, sodass sich ein rund ausgebrochenes
+Loch zeigt, durch welches der Vollmond aufs Lager scheint.)
+
+Phalarius. Weh mir, des Mondes Strahl!
+
+(Die Eumeniden senken ihre Dolche in seine Brust.)
+
+Alle drei. Vergeh! Vergeh! Vergeh!
+
+(Pause--waehrend welcher sie in die Mitte des Theaters treten.)
+
+Der Mond, der Mond, er schien zur rechten Stunde,
+Ihr Suender, bebt, die Rache haelt die Runde.
+
+(Gehen gemessenen Schrittes ab.)
+
+
+
+Dreissigste Szene.
+
+
+Hades (aus der Tiefe, naht sich langsam dem Lager Phalarius').
+ (Feierlich.)
+Gib mir zurueck die Kron', du bleiches Heldenhaupt.
+ (Nimmt sie ihm ab.)
+Da liegt der stolze Baum, zersplittert und entlaubt.
+Hell glaenzt die Kron', nun will die gier'ge Welt ich fragen;
+Wo ist der Kuehne wohl, der sie nach ihm will tragen?
+
+(Versinkt.)
+
+
+
+Einunddreissigste Szene.
+(Reichverzierter beleuchteter Thronsaal.)
+
+Der Thron befindet sich in der Mitte des Hintergrundes. Durch die
+Saeulen des Saales sieht man in einen reizenden, ebenso beleuchteten
+Garten. Kreon auf dem Thron. Alle Edlen seines Reiches umgeben ihn
+jubelnd. Im Vordergrunde auf der einen Seite Ewald mit der Fackel
+und Simplizius, Lucina, Atritia und zwei Genien, die auf einem
+Kissen eine Krone tragen, auf der entgegengesetzten Seite
+Triumphmusik.
+
+
+Alles. Dank den Goettern! Ew'ges Glueck unserm teuern Koenig Kreon!
+
+Kreon. Heil, meinen edlen Freunden, es stuermt mein Herz, mein Auge
+perlt Freude! Nehmt eures Koenigs frohen Dank, der sich in eurer
+Mitte uebergluecklich fuehlt.
+
+(Alles kniet in schoenen Gruppen um den Thron.)
+
+Alle. Heil unserm guten Koenig!
+
+Ewald. Arme Fackel, deine Macht ist uebertroffen; an diesem Anblick
+kannst du nichts verschoenern.
+
+Simplizius. Das ist mir der liebste Koenig von allen, die ich heut
+noch g'sehn hab'.
+
+Kreon. Doch nun lasst uns der hohen Goettin danken, die Thron und
+Reich gerettet hat.
+
+Alles. Der hehren Goettin Dank!
+
+Lucina. Sei gluecklich, mein Kreon, Phalarius ist nicht mehr. (Nimmt
+den Myrtenkranz.)
+Nimm diese Kron', von liebgepaarten Myrten,
+Lass dir die edle Stirne zart umguerten!
+Durch sie wird dein Gemuet nie Leid betrueben,
+Und stets wird dich dein Volk mit Treue lieben.
+
+Kreon. Verzeih, Lucin', ich darf die Kron' nicht nehmen,
+Nimm sie zurueck, sie wuerde mich beschaemen.
+Es soll auch ohne Zauber mir gelingen,
+Die Liebe meines Volkes zu erringen.
+Und drueckt es Leid in ungluecksvollen Tagen,
+Ist es des Koenigs Pflicht, mit ihm zu klagen.
+
+Lucina (zu Ewald, welchen sie Atritien zufuehrt).
+Nimm sie zum Lohn, Atritiens Hand und Herz sei dein,
+Benuetze klug der Wunderfackel ros'gen Schein,
+Du kannst von deinem Glueck nichts Hoeheres erheischen,
+Die eine liebt dich wahr, die andre wird dich taeuschen.
+
+Simplizius. Wenn's nicht etwa umgekehrt ausfallt.
+
+Lucina. Und nun zu dir, Simplizius.
+
+Simplizius. Jetzt kommt s' auch ueber mich.
+
+Lucina. Du warst ein willig Werkzeug meiner Macht.
+Dich wird der Koenig hier auch nach Verdienst belohnen.
+
+Simplizius. Auf d' Letzt setzen s' mir noch einen Lorbeer auf.
+
+Kreon. Man zahle ihm tausend Goldstuecke aus!
+
+Simplizius (beiseite). Ich hab's ja gleich g'sagt, dass mir das der
+Liebste ist. (Laut.) Ich kuess' die Hand, Eure Majestaet. (beiseite.)
+Jetzt richt' ich eine Schneiderwerkstatt auf und heirat' die Goettin,
+das wird ein himmlisches Leben werden.
+
+Kreon (zu Ewald). Dich, Fremdling, werde ich stets an meinem Hose
+ehren und durch ein Amt belohnen.
+
+Ewald. Mein grosser Koenig, Dank!
+
+Lucina. Moegt ihr doch lange noch verdientes Glueck besitzen,
+Lucina wird euch stets mit Huld und Lieb' beschuetzen.
+
+(Ein rosiges Wolkenlager senkt sich nieder, von Genien umflogen.
+Lucina legt sich in zarter Stellung auf dasselbe und schwebt in die
+Luft. Kreon besteigt den Thron. Alles gruppiert sich. Griechische
+Taenzer und Taenzerinnen fuehren Gruppen aus, von folgendem Chore
+begleitet:)
+
+Chor.
+Schmueckt mit Freude diese Hallen,
+Lasst des Jubels Ruf erschallen,
+Heil Lucina! Heil Kreon!
+Tugend findet froh den Lohn.
+
+
+(Der Vorhang faellt.)
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die unheilbringende Krone,
+oder Koenig ohne Reich, Held ohne Mut, Schoenheit ohne Jugend, von
+Ferdinand Raimund.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Die unheilbringende Krone, by Ferdinand Raimund
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNHEILBRINGENDE KRONE ***
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+Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen
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+Project Gutenberg's Die unheilbringende Krone, by Ferdinand Raimund
+#7 in our series by Ferdinand Raimund
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+
+Title: Die unheilbringende Krone
+ (oder Koenig ohne Reich, Held ohne Mut, Schoenheit ohne Jugend)
+
+Author: Ferdinand Raimund
+
+Release Date: April, 2005 [EBook #7860]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on May 26, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: iso-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNHEILBRINGENDE KRONE ***
+
+
+
+
+Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 8-bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
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+Die unheilbringende Krone
+oder
+König ohne Reich, Held ohne Mut, Schönheit ohne Jugend
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+Ferdinand Raimund
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+Original-tragisch-komisches Zauberspiel in zwei Aufzügen
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+Personen
+Lucina, Schutzgöttin von Agrigent.
+Hades, Fürst der Unterwelt.
+Thanatos, Genius des ewigen Schlafes.
+Lulu und Fanfu, Genien.
+Tisiphone, Megära und Alecto, Furien.
+Kreon, König von Agrigent.
+Phalarius, Feldherr.
+Antrogäus, Unterfeldherr.
+Androkles und Clitonius, Hauptleute des Phalarius.
+Octavian, ein Landmann.
+Ein Jäger von des Phalarius Gefolge.
+Simplizius Zitternadel, ein armer Dorfschneider.
+Ewald, ein Dichter.
+Riegelsam, ein Weinhändler.
+Heraklius, Fürst von Massana.
+Hermodius, sein erster Minister.
+Thestius, ein edler Massanier.
+Arete, seine Nichte.
+Adrasto, erster Diener des Tempels.
+Epaminondas, Hypomedon, Argos und Sillius, Massanier.
+Eine Frau von Massana.
+Ein Diener des Thestius.
+Dardonius, Fürst von Kallidalos.
+Olimar, Astrachan, Abukar und Nimelot, Bewohner von Kallidalos.
+ Aloe.
+Atritia, ihre Nichte.
+Erster, Zweiter und Dritter Geist des Orkus.
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+Genien. Geister. Erscheinungen. Edle und Krieger
+von Agrigent. Jagdgefolge. Volk von Massana.
+Krieger. Höflinge und Volk von Kallidalos.
+Priesterinnen im Venustempel.
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+Erster Aufzug.
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+Erste Szene.
+(Finsterer Wald.)
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+Im Hintergrunde links ein gigantischer Fels, mit einer durch ein
+ehernes Tor geschlossenen Höhle. Neben der Pforte stehen mit Fackel
+und Dolch bewaffnet die zwei Eumeniden Tisiphone und Alecto, aus
+Stein gehauen. Megära, die dritte, ist über derselben in sitzender
+Stellung angebracht. Die Pforte ist symbolisch verziert, neben ihr
+ein steinerner Opferaltar. In der Tiefe der Bühne ein See, von
+rauhen mit Bäumen bewachsenen Felsen umschlossen. Im Vordergrund
+rechts ein Gebüsche. Donner murmelt durch den in weiter Ferne
+erschallenden
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+Jubelchor.
+Wie des Adlers Kraftgefieder
+Seinen Leib zur Sonne trägt,
+Fliegen aufwärts unsre Lieder,
+Durch der Freude Schwung bewegt.
+Glücklich, wie in Himmelszonen,
+Von der Erde Leid getrennt,
+Stolz die ew'gen Götter thronen,
+Herrsch' Kreon in Agrigent.
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+Phalarius (tritt mit wild zurückschauenden Blicken hastig ein, er
+trägt ein Pantherfell über dem Rücken und ist mit Bogen und Pfeil
+bewaffnet).
+Bin ich denn noch nicht weit genug gezogen,
+Verräterische Stadt, die mich betrogen?
+Wird auch des Waldes düstre Einsamkeit
+Durch deines Jubels frechen Schall entweiht?
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+(Die letzten Worte des Jubelchores erklingen wieder:
+"Herrsch' Kreon in Agrigent."
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+Herrsch' nur Kreon, Volk, jauchz' die Kehle wund,
+Ihr zwingt das Glück zu keinem ew'gen Bund.
+Prahlt, Lügner, mit der Kron', die ich erkämpft,
+Da nur mein Mut des Krieges Glut gedämpft.
+Mich laßt aus Undank meinen Purpur weben,
+Ihn färben mit dem ausgeströmten Leben.
+Das ich vergeudet am ersiegten Strand,
+Den Lorbeer brechend mit der blut'gen Hand.
+Glaubt ihr, ich hab' für Agrigent gestritten,
+Damit der Rat, nach ungerechten Sitten,
+Das Reich verkauft an den unmünd'gen Knaben,
+Auf das nur ich ein wahrhaft Recht kann haben?
+Denn ist er auch dem Thron verwandt durch Blut,
+Bin ich es würd'ger noch durch Heldenmut.
+Ich glaub' nicht, was des Tempels Diener sagten,
+Als schlau sie Jupiters Orakel fragten,
+Ob mir, ob wohl Kreon das Reich gehört;
+Es hab' der Gott sich donnernd drob' empört,
+Daß ich's gewagt, als meiner Siege Lohn,
+Zu fordern Agrigentens goldnen Thron,
+Und ausgesprochen unter ew'gen Blitzen;
+"Ich dürfe nie ein Reich der Welt besitzen,
+Und Agrigent kann dann nur Glück erringen,
+Wird auf dem Thron Kreon das Zepter schwingen."
+So logen sie, als ich zurückgekehrt,
+Aus blut'ger Schlacht zum heißerkämpften Herd,
+So logen sie, von aller Scham entwöhnt,
+Als Siegesdank fand ich Kreon gekrönt.
+Da außen ich des Landes Feind bekriegt,
+Hat eigner mich im Innern hier besiegt.
+Drum will ich fliehn aus dir, verhaßtes Land,
+Doch nimm den Schwur als dräuend Unterpfand,
+Daß ich noch einmal zu dir wiederkehre,
+Zu rächen die durch Trug geraubte Ehre.
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+(Will ab und erblickt entsetzt der Rachefurien Höhle.)
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+Ha, welch ein Pfad hat mich zu euch geleitet,
+Blutlose Schwestern, die ihr stets bereitet,
+Als der Vergeltung grauenvolle Bürgen,
+Gewalt'ge Sünder dieser Welt zu würgen.
+Euch fordr' ich auf, an euch will ich mich wenden,
+Sprengt auf das Tor mit den entfleischten Händen,
+Reicht mir ein Schwert, mich an der Welt zu rächen,
+Die mich verhöhnt, und ihren Bau zu brechen.
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+(Fürchterlicher Donnerschlag, der verrollt; die Pforte dröhnt und
+erzittert, dann leuchten schwache Blitze auf das Gebüsche rechts,
+das sich in der Mitte auseinanderteilt. Man erblickt darin Hades,
+in Lumpen gehüllt, mit bleichem Antlitz auf einem Steine sitzen, er
+hat einen Sack über dem Rücken hängen.)
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+Zweite Szene.
+Phalarius und Hades.
+(Hades grinst Phalarius an, der ihn mit Entsetzen betrachtet.)
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+Phalarius. Welch ekliche Gestalt, wer bist du?
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+Hades (mit etwas hohler Stimme, lauernd und gezogen). Ich?
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+Phalarius. Bist du der Rachefurien eine? (Starr.) Sprich!
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+Hades (langsam aufstehend, er geht gebeugt und spricht langsam im
+hohlen Tone).
+Bin keine von den Rachefurien,
+Kann selbst kaum mehr auf morschen Knochen stehn;
+Bin nicht Tisiphone, Megär', Alecto,
+Nein, nein, ich bin,--vergib,--mich schauert so.
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+Phalarius. Du kannst nicht ganz der Erde angehören,
+Du könntest sonst den schönen Glauben stören,
+Daß nach dem hohen Götterbild des Zeus
+Der Mensch geformet sei durch Prometheus.
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+Hades. Nicht ganz ist mehr die Erd' mein Vaterland,
+Tief unten ruft es mich am styg'schen Strand;
+Harpyen, die wie Nachtigallen klagen,
+Verkünden, daß die Furien um mich fragen.
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+Phalarius. Hast du so bös gehaust in dieser Welt,
+Daß dir im Enden jeder Trost nun fehlt?
+Bist du so arm, daß dich Verzweiflung faßt,
+Und hast wohl einst im Übermut gepraßt?
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+Hades. So ist es, du hast furchtbar wahr gesprochen,
+Doch jetzt ist meines Glückes Stab gebrochen;
+Viel hab' ich einst auf dieser Erd' besessen,
+Geliebt ward ich, ich werd' es nie vergessen,
+Doch jetzt bin ich gehaßt, bin unbeweibt,
+ (Weinend.)
+So arm, daß mir nichts mehr, als eine Krone bleibt.
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+Phalarius (nach einer Pause des Erstaunens).
+Was sprichst du, eine Kron'? Wahnwitzig Tier!
+
+Hades. Willst du sie sehn? ich trage sie mit mir.
+(Mit stärkerer Stimme.)
+Ich schenk' sie dir, willst du's mit ihr versuchen,
+Ich hörte dich vorher um eine Krone fluchen,
+Doch trägst du sie, legst du sie nimmer ab,
+Sie bleibt dem Haupte treu bis an das Grab.
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+Phalarius. Was nützt die Krone mich, nenn' mir ihr Reich.
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+Hades (stark). Die Welt!--Hast du genug?--Was wirst du bleich?
+
+Phalarius. Soll ich's nicht werden? Mich befällt ein Grauen,
+Wer kann in solchen Riesenhimmel schauen,
+Die Erd', so weit sie reicht, unendlich Bild,
+Hat nie die Neugier eines Augs gestillt.
+Entflieh, verlaß mich, trügerischer Geist,
+Der Hölle gibt, da er zum Himmel weist.
+Zeig' her die Kron', wenn du mich nicht geneckt.
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+Hades. In meinem Bettelsack ist sie versteckt;
+Dem Drachen gleich, der in der Höhle kauert,
+Auf fette Beut' mit gift'gem Zahne lauert.
+
+Phalarius. Ein Diadem in eines Bettlers Tasche?
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+Hades. In schlichter Urn' ruht königliche Asche.
+ (Mit erhobener Stimme.)
+Durch diese Kron', ruht sie auf einem Haupt,
+Wird dem, der sie erblickt, des Mutes Kraft geraubt.
+Ja, ihr Besitzer darf nur leise winken,
+Wer sich ihm naht, muß huld'gend niedersinken.
+Es wird der Baum, mit üppig grünen Zweigen,
+Sein duftend Haupt vor dieser Krone neigen;
+Des Waldes Tiere werden bang' erzittern
+Und heulend sie in weiter Ferne wittern.
+Was er befiehlt, muß streng' vollzogen werden,
+Und keiner lebt, der sie entwenden kann auf Erden.
+Selbst wenn er schläft, die sorgsam stille Nacht,
+Geschloßnen Aug's, ihr Eigentum bewacht.
+Kein Speer, kein Dolch, kein Pfeil kann ihn erreichen,
+Der Krone Macht wird nur dem Mondlicht weichen;
+Solang sie dies bestrahlt, ist er verloren,
+Und jedes Feindes Schwert kann ihn durchbohren.
+Solch Glück bringt dieser Reif und solches Bangen;
+Nun sprich, trägt deine Herrschsucht noch nach ihm Verlangen?
+
+Phalarius. Den Sturm versöhn' durch eines Schiffes Wrack,
+Golkondens Schatz verbirg im Bettelsack,
+Dem Pfeil befiehl, er soll den Rückweg nehmen,
+Des Ätna Glut verhindre auszuströmen,
+Nur mich bered' nicht, von der Kron' zu lassen,
+Gib sie heraus, sie muß das Haupt umfassen.
+ (Legt den Helm ab.)
+
+Hades. Wohlan, schau' nicht zum Himmel, blick' zur Erde,
+Sie fleht dich an mit jammernder Gebärde;
+ (Er nimmt die goldene Krone aus dem Sacke, aus dem Feuer strömt,
+ ferner Donner.)
+Doch hör' ihr Wimmern nicht, reich' mir die Stirn',
+Bleib stark, bewahr' vor Wahnsinn dein Gehirn.
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+(Er setzt ihm die Krone auf, fürchterlicher Donnerschlag, kurze
+Musik. Die Bühne wird lichter. Die Erde zittert, die Bäume beugen
+ihre Zweige, sodaß sie eine grüne Kuppel über Phalarius Haupt
+bilden und sich im See spiegeln.)
+
+Hades. So, so, der Wald bebt vor dem Königshaus,
+Es huld'gen dir die Stämme reichbelaubt.
+
+Phalarius. Ist's Wirklichkeit? Welch unnennbar Entzücken!
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+Hades (beiseite).
+Sie wird die Stirn noch heiß genug dir drücken.
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+Phalarius. Ha! Nun ist mein der höchste Schatz hienieden.
+Sprich, Wurm, was kann zum Lohn ich dafür bieten?
+
+Hades. Brauch' nichts dafür, trag sie nur glücklich fort,
+Wir treffen uns schon am Vergeltungsort,
+Wenn weit geöffnet deines Wahnes Grab,
+Und du einst sprichst, wie ich gesprochen hab';
+ (Weinend.)
+Ich bin so arm, mir bleibt nichts als die Krone,
+ (grimmig.)
+Den Augenblick allein bewahr' ich mir zum Lohne.
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+(Schleicht ab, den Sack über dem Rücken.)
+
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+Dritte Szene.
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+Phalarius (allein).
+Geh, Lügengeist, nie werde ich so sprechen,
+So denken nur wär' an dem Glück Verbrechen.
+Nun fort, Phalarius, aus diesem Wald,
+Damit dein Ruhm Sizilien durchschallt.
+Doch kann ich baun auf dieser Krone Macht?--
+Holla, wer schreitet durch des Waldes Nacht?
+
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+Vierte Szene.
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+Voriger. Antrogäus mit königlichen Soldaten, welche mit Lanzen
+bewaffnet sind.
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+Antrogäus (von innen). 's ist Antrogäus und des Königs Wache.
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+Phalarius. Willkommen, Speere, dienet meiner Rache.
+Du, Antrogäus, sollst der erste sein,
+Den ich dem langverhaltnen Haß will weihn.
+
+(Alles eilt auf Phalarius zu.)
+
+Chor.
+Du sollst nach Hofe kehrn, Phalar',
+Der König will's--
+(Die Krone erblickend und erschrocken zurückweichend.)
+ Ha, welch ein Stern,
+Den ich auf deiner Stirn' gewahr'?
+Er hält mich drohend von dir fern.
+Wie kann sein Anblick doch erschüttern,
+Mich reißt's zur Erd' mit bangem Zittern,
+Die Angst erpreßt den Ausruf mir;
+Sei gnädig, Fürst,--ich huld'ge dir!
+
+(Alle sinken bebend auf die Knie.)
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+Phalarius (wild lachend).
+Ha, ha, was läßt mir wohl Kreon befehlen?
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+Antrogäus. Blick' mild auf uns, dein Auge kann entseelen.
+Es sendete Kreon nach dir uns aus,
+ (Spricht mit beklemmter Brust.)
+Dich heimzuleiten nach dem Fürstenhaus,
+Wo sich die Freude wälzt, Bachanten winken,
+Dort sollst du reuig an die Brust ihm sinken
+Und Abschied deinem düstern Grolle geben,
+Dafür wird er zu neuer Würd' dich heben.
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+Phalarius. Verflucht sei der, der mir von Reue spricht!
+ (Zieht sein Schwert und verwundet ihn.)
+Bereue du, wenn dir das Auge bricht!
+ (Antrogäus wird in das Gebüsch geführt.)
+Verwahrt die Brust, mein durst'ger Stahl will trinken,
+Er wird noch oft in Purpurscheide sinken.
+Nun rafft euch auf und horcht auf mein Befehlen.
+Ich will der Stadt ein Märlein dort erzählen;
+Von einem Siegesfest, wo die Mänaden wüten,
+Der Sieger nur allein muß drauß' im Walde brüten.
+Von mächtig strahlender Kron', die ihm der Orkus schenkt,
+Von wüt'gem Rachgefühl, das seine Waffe lenkt,
+Von güldenem Palast am diamantnen See,
+Wo Freudentaumel herrscht, nicht ahnend baldiges Weh.
+Vom Brand, der ihn ergreift, vom grausen Angstgeschrei,
+Von Kreons letzter Stund', verzweiflungsvoller Reu'.
+Von Feinden waffenlos, die froh im Tanze schweifen,
+Von Kriegern roh und wild, die sie wie Schergen greifen.
+Vom glühenden Balkon, von dem man auf mein Winken
+Sie wild frohlockend stürzt, daß sie im See ertrinken;
+Dies Märchen wollen wir der Stadt zum besten geben,
+Und wenn sie drob' erbleicht, soll Frohsinn uns beleben.
+Dann wird auf des Palastes schwarz gebrannten Trümmern
+Der glänzende Pokal wie Sonnenaufgang schimmern,
+Und unsre Fabel geb' zum Schluß der Welt die Lehre;
+Daß unbewachtes Glück nicht lang auf Erden währe.
+ (Für sich gemäßigter.)
+Ich will das meine wahrn, mich sehe keiner fallen,
+Und müßt' es auch geschehn, mein Ruhm kann nie verhallen.
+Ich ringe mit der Zeit, es muß nach tausend Jahren
+Die Sage von der Kron' die Nachwelt noch erfahren.
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+(Alle ab, die Bäume biegen sich abwärts.)
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+Fünfte Szene.
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+Lucina (schwebt schnell auf Rosenschleiern, die auf weißen Wolken
+ruhn, auf die Erde nieder, Angst beflügelt ihre Worte).
+Was hört' ich für Flüche im Hain hier ertönen?
+Es beben die Lüfte, die Felsen erdröhnen,
+Hin brauset der Frevler durch waldige Nacht,
+Zu liefern die gräßliche Höllenschlacht.
+So mußte auf Erden ein Bösewicht reifen,
+Der's wagt, nach der schrecklichen Krone zu greifen.
+Agrigent ist verloren, es jammert die Welt,
+Wenn ihn nicht die Macht der Erinnyen fällt.
+Was soll ich beginnen, ihr blutigen Stunden,
+Zu strafen den Frevel, zu heilen die Wunden?
+Er muß ja die grausame Tat erst vollstrecken,
+Will ich hier die rächenden Furien wecken.
+Nur Tod sprengt des Fatums gewaltige Ketten,
+Drum muß ich das Leben des Königs erretten.
+Schon rennt durch die Straßen der gierige Troß,
+Es werde die Wolke zum flüchtigen Roß.
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+(Die Wolke verwandelt sich in ein schwarzes Roß mit goldenem Zaum.
+Lucina setzt sich schnell auf selbes.)
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+Nun, Rappe, nun magst du die Lüfte durchschnauben,
+Wir wollen den Mörder der Beute berauben.
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+(Das Roß fliegt pfeilschnell ab.)
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+Sechste Szene.
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+Hades (als Fürst der Unterwelt, schwarz griechisch gekleidet, eine
+schwarze Krone auf dem Haupte, eine Fackel in der Hand, die er in
+den Opferaltar der Eumeniden steckt)
+So, nun laß die Jagd erschallen
+Und die Jäger nicht ermatten,
+Daß mir viele Scharen wallen,
+Nach dem Reich der dunklen Schatten;
+Denn ich hab's beim Styx geschworen,
+Zu entvölkern diese Erd',
+Drum hab' ich Phalar' erkoren,
+Er ist dieses Auftrags wer.
+Bald wird auch Massana fallen,
+Wo ich Unglück hingebannt,
+Lustig wird der Orkus hallen,
+Wenn versinkt das stolze Land.
+Von der kallidalschen Insel,
+Wo mein ries'ger Eber haust,
+Hör' ich jammerndes Gewinsel,
+Daß das Meer nicht überbraust.
+Doch schon rötet sich der Himmel,
+ (Man sieht Brandröte.)
+Rauch wallt auf, die Zinne kracht.
+Im Palaste wogt Getümmel,
+Schnell hat er die Tat vollbracht.
+ (Es rasselt donnernd die Pforte der Eumenidenhöhle, Blitze
+dringen durch die Öffnungen.)
+Halt, die Eumeniden rasseln
+Auf von ihrem Rächerthron,
+Wie sie donnernd näher prasseln,
+Ihre Dolche zucken schon.
+Ha, ihr sollt mir nicht zerstören
+Meines Witzes Heldentum,
+Ihr mögt seine Taten hören,
+Eure Rache bleibe stumm.
+ (Die Fackel ergreifend.)
+Durch die Macht, die mir geworden,
+Seit Saturn die Welt umflügelt,
+Bleiben diese Schauerpforten
+Ihren Furien versiegelt.
+ (Er stößt die Fackel dreimal gegen die Pforte, es zeigen sich
+drei Flammensiegel.)
+Durch dies Schreckenstor allein
+Können nach der Erd' sie dringen,
+Darum soll's verschlossen sein,
+Mit dem Schicksal muß er ringen,
+Ist, was ich gewollt, vollbracht,
+Send' ich selber ihn der Nacht.
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+(Musik.
+Schreckliches Geprassel und Geheul inner der Pforte, der See wird
+hellrot und wogt fürchterlich.)
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+Ha, wie sie empört nun heulen
+Und den See hier blutig färben;
+Bleibt gefangen, gift'ge Eulen,
+Nur im Mondlicht kann er sterben.
+Doch ich seh' Kreon befreit
+Mit Lucina niederschweben,
+Er war schon dem Tod geweiht,
+Sie betrügt mich um sein Leben.
+ (Er tritt zurück.)
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+Siebente Szene.
+Voriger. Lucina und Kreon auf Wolken niedersinkend. Kreon beugt
+sein Knie vor Lucina.
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+Lucina. Du bist gerettet, holder Fürst, du lebst durch mich,
+Des Landes Schutzgeist war's, der niemals von dir wich.
+
+Kreon. Es dankt mein klopfend Herz, mein Sinn vermag's noch nicht,
+Da vor Erstaunen mir Erinnrung fast gebricht.
+Wer bringt mein treulos Glück, ich straf' den Hochverrat,
+Den es an mir und meinem Volk begangen hat.
+O gleißnerische Zeit, wer sollt' es von dir glauben,
+Durch einen Augenblick kannst du uns alles rauben.
+Minuten wissen's kaum, daß mich das Elend fand.
+War's denn Phalarius, der drohend vor mir stand?
+Woher die Schreckenskron', mit der er frech geprahlt?
+Und die mit mag'schem Schein den Brand noch überstrahlt.
+Woher die Meuterei, wer herrschet nun im Land?
+Ihr Götter stärket mich, es wanket mein Verstand,
+Vor ihm bin ich gekniet, vor diesem Bösewicht!
+
+Lucina. Dein Rasen ist umsonst, die Götter hören's nicht,
+Siehst du dort den Altar, auf ihn leg' deine Klagen,
+Die Nimmerruhenden magst du um Rat befragen.
+
+Kreon. So hört mich denn, ihr mächt'gen Eumeniden!
+ (Schlägt an die Tür, die erdröhnt.)
+
+Hades (tritt hervor).
+Vergebens rufst du sie, du störst nur ihren Frieden.
+
+Kreon. Wer spricht hier Worte aus, die Wahnsinn müßt' bereuen?
+
+Lucina (bebt zurück).
+Erkennst du Hades nicht, den selbst die Götter scheuen?
+
+Kreon (bebt auch zurück).
+Du, Hades, bist's?
+
+Hades. Bin's selbst, der dieses Tor bewacht.
+
+
+Lucina (Zu Kreon leise).
+Er hat dich um dein Reich und um dein Volk gebracht.
+
+Kreon. Sind die Erinnyen taub, daß sie sich noch nicht zeigen?
+
+Hades. Erkennt die Siegel hier, der Orkus heißt sie schweigen.
+
+Lucina (jammernd zu Kreon).
+O armer Fürst, Unmöglichkeit heißt dein Gebiet,
+Aus dem die Hoffnung selbst mit banger Furcht entflieht.
+ (Zu Hades.)
+Ja, du verdienst, daß Götter dich und Menschen hassen,
+Die Glut des ew'gen Pfuhls muß neben dir erblassen.
+Doch jener blut'ge See bleib Zeuge deiner Wut!
+Lucinas Göttermacht bewahret seine Glut,
+Bis sich einst Jovis Bild in seinen Wellen spiegelt.
+Und sein allmächt'ger Blitz die Pforte dort entriegelt.
+
+Hades (mit Hohn).
+O Göttin, hold und schön, wie magst du doch so wüten,
+Sieh deine Wundertat treibt neue Todesblüten,
+Mich schreckt nicht Zeus, drum sei dein See verflucht.
+Und wer durch seine Flut den Durst zu stillen sucht,
+Der wird von dieser Stund' die Menschenbrut verachten,
+Und einem Tiger gleich nach ihrem Leben trachten;
+Doch nur so lang, bis er so vieles Blut vergießt,
+Als aus dem Wundersee sein durst'ger Mund genießt.
+
+Lucina. Halt ein, das geht zu weit, du nächtlich Ungeheuer,
+Ist dir denn nichts auf dieser schönen Erde teuer?
+Greif an den Himmel hin und raub' ihm seine Sterne,
+Die Götter selbst verjag' nach lichtberaubter Ferne,
+Vernicht' auch mich, versuch's, raub' mir Unsterblichkeit,
+Beginn den Kampf, fall aus, ich bin dazu bereit.
+ (Sie stellt sich ihm mit majestätischer Miene gegenüber.)
+
+Kreon. Was klagst du, Erde, noch, ist doch vom bösen Streit
+Der weite Orkus nicht, nicht der Olymp befreit.
+
+Hades (kalt und gleichgültig).
+Du nennst unsterblich dich, durch Schmähung kannst du's sein.
+Ich lasse mich mit dir in keinen Zweikampf ein.
+Du bist ein Götterweib, mehr braucht's nicht zu erwidern,
+ (Mit vornehmer Nichtachtung.)
+Das heißt, du bist ein Weib und kannst mich nicht erniedern.
+
+Lucina (mit höchster Würde).
+Ich bin's, und weil ich's bin, bebt stolzer mir die Brust;
+Ich bin ein Weib! des kräft'gen Erdballs höchste Lust!
+Ein Weib! Um das der Brand von Troja hat geleuchtet.
+Ein Weib! Um das des Donnrers Aug' sich mild befeuchtet;
+Ein Weib! Vor dem sich tief ganz Persien gebeugt;
+Ein Weib! Das einst ein Gott aus seinem Haupt gezeugt;
+Ein Weib! Das durch die Welt der Liebe Zepter schwingt,
+Der Lieb', die auch zu deinem Felsenherzen dringt.
+Ein Weib! Das deinen Arm durch einen Kuß kann lähmen;
+Das heißt: du bist ein Mann und kannst mich nicht beschämen.
+
+Hades. In schönen Worten kannst du leicht den Preis gewinnen,
+Doch nur durch Mannesgeist gelingt ein groß Beginnen.
+
+Lucina. Wohlan, so laß uns nicht durch Elemente streiten,
+Durch Flammen, Wogen, Sturm Verderben uns bereiten,
+Gebrauchen wir des Witzes fein geschliffne Klinge,
+Vielleicht gelingt mir's doch, daß ich den Sieg erringe.
+
+Hades. Was quält dich doch die Lust, den Orkus zu bekämpfen?
+Wie leicht wär's meinem Witz, den Übermut zu dämpfen.
+
+Lucina (schlau).
+Wenn dies dein Geist vermag, warum will er's vermeiden?
+Die Götter müßten dich um deinen Witz beneiden.
+Glaub' nicht, daß im geheim die Himmlischen dich achten,
+Sie schmähn auf deinen Geist, den sie schon oft verlachten.
+
+Hades (mit gereiztem Ehrgeiz).
+So will ich dir und den Olympschen Göttern zeigen,
+Daß meine Schlauheit nicht sich ihrer List muß beugen.
+Es soll dir möglich sein, die Furchtbaren zu wecken,
+Doch was ich dir befehl', mußt du genau vollstrecken.
+Du kannst zu seinem Sturz die Eumeniden brauchen,
+Läßt du auf dem Altar ein dreifach Opfer rauchen;
+Erst eine Kron', die eines Königs Stirn geziert,
+Der nie ein Reich besaß, noch eins besitzen wird.
+Dann einen Lorbeerkranz von eines Helden Haupt,
+Der, wenn der Lorbeer rauscht, des Mutes ist beraubt.
+Und doch verübt solch ungeheure Herkulstat,
+Daß ihm der Krieger Schar den Kranz geflochten hat.
+Nun kommt das dritte noch, es ist ein Diadem,
+Der Eitelkeit Triumph, daß es selbst Juno nähm'.
+Dies sei aus Myrthenblüt' mit Lilienschnee verwebt,
+Und ruh' auf einem Haupt, das sechzig Jahre lebt.
+Ein hochbetagtes Weib, mit reich verschlungnen Falten,
+Muß es für ihren Reiz als Schönheitspreis erhalten.
+Doch Männer nicht allein, die Mitleid kann versöhnen,
+Es müssen Weiber sie mit neid'schen Blicken krönen.
+Dies sind die Dinge nur, die ich von dir begehre,
+Und findest du sie aus, dann glaub', daß ich dich ehre.
+Bring' sie zum Opfer hier, dann schmelzen jene Siegel,
+Die Pforte donnert auf, gesprengt sind ihre Riegel,
+Die Eumeniden frei, Phalarius kann fallen,
+Und hör' ich sein Gestöhn' am Acheron erschallen,
+Dann nehm' die Kron' ich selbst von seiner blassen Stirn'
+Und weihe dir beschämt, verachtend mein Gehirn.
+
+Lucina. Beim Zeus, ich bin erstaunt!
+
+Kreon. Sei nicht so grausam doch,
+Daß du die Möglichkeit belegst mit solchem Joch
+Du willst den Flug und kettest unsre Flügel,
+Du spornst den Gaul und engest seine Zügel.
+
+Hades. Sie hat's gewollt, ich ändre meinen Ausspruch nie,
+Glaubt Ihr, der Hölle Süd zeugt keine Phantasie?
+Hast du vielleicht gewähnt, Unsterblichste der Nymphen,
+Es lasse Hades sich so ungerecht beschimpfen?
+Ich bin, was du so schlau gefordert, eingegangen,
+Doch bleibet unerfüllt mein dreifaches Verlangen,
+So sei's bei des Kozytus Trauerlauf geschworen,
+Du wirst des Orkus Spott, und Kreon ist verloren.
+ (Geht mit Würde ab.)
+
+
+
+Achte Szene.
+Vorige ohne Hades
+
+
+Kreon. Verloren bin ich, ja, mein Sturz war schon vollendet,
+Als sich sein Furienblick nach meinem Reich gewendet.
+Das Rätsel ist nun klar, ich weiß, wie es geschah,
+Mein Unglück steht entlarvt und frech entkleidet da.
+Was ist das Leben doch? wie wär' ich zu bedauern,
+Wenn ich nicht sterblich wär' und müßte ewig trauern.
+
+Lucina. O traure nicht zu früh, mein Geist gebärt Gedanken,
+Die ihn mit Hoffnungen wie Efeu grün umranken.
+Die Götter dulden's nicht, daß solch' ein Reich vergeht,
+Wo ein so edles Volk für seinen König fleht.
+ (Nachdenkend.)
+Massanas Fürst ist krank, und wird nicht mehr genesen,
+Das Unglück haust zu arg, es muß das Land verwesen;
+Dann hier der blut'ge See, das kallidal'sche Schwein,
+Mein Wundermittel wirkt, es kann nicht anders sein.
+ (Der Wolkenwagen sinkt wieder herab.)
+Drum eile jetzt mit mir nach meinem Luftgefilde,
+Vertausch' den Anblick hier mit einem schönern Bilde.
+Ich will durch mag'sche Kunst ein Zauberlicht bereiten,
+Dann such' durch Fremdlinge den Trug ich einzuleiten;
+Du aber kannst hier nichts zu deiner Rettung helfen,
+Drum harrest du auf mich im Kreise meiner Elfen.
+
+Kreon. So gern du, Göttin, magst nach deiner Heimat ziehn,
+So schmerzlich fällt es mir, die meinige zu fliehn.
+ (Mit tiefer Rührung.)
+O du mein teures Reich, ich muß mich von dir trennen,
+Den rauhen Felsen nur kann meine Qual ich nennen.
+Wo lebt ein König wohl, der solches Leid getragen,
+Daß seinem Volke er kein Lebewohl darf sagen?
+O Echo, dessen Schall in allen Bergen tönt,
+Verkünd' das Trauerwort; leb' wohl, mein Agrigent.
+Nun folg' ich Göttin dir ins traumbeglückte Land,
+Verlaß mein wirkliches, aus dem man mich verbannt;
+Doch wenn die Wolken mir mein treues Volk verhüllen,
+Wird sich des Königs Aug' mit heißen Tränen füllen.
+Magst du den Schmerz als kleinlich auch betrachten,
+Er ist ein heil'ges Weh, du darfst ihn nicht verachten.
+ (Er kniet vor ihr.)
+
+Lucina (gerührt die Hand auf sein Haupt legend).
+Ich ehre tief dein Leid, es führt dich einst zum Lohne,
+Der Schmerz gehört der Welt, drum trägt ihn auch die Krone.
+ (Hebt ihn auf.)
+Erhebe dich mein Fürst.
+ (läßt ihn in den Wolkenwagen steigen.)
+ Ein Thron soll dich
+umrauschen.
+ (Die Wolke bildet einen Thronhimmel um Kreons Haupt.)
+Ist mir Fortuna hold, sollst du ihn bald vertauschen.
+
+(unter zart klagender Musik schwingen sich beide langsam fort.)
+
+
+
+Neunte Szene.
+(Romantische Gegend.)
+
+(Vorne links ein kleines Häuschen mit einem Schilde, worauf eine
+goldene Schere gemalt ist. Diesem gegenüber eine natürliche
+Rasenbank, von einem Baum überschattet. Die Musik geht nach der
+Verwandlung in Simplizius' Ariette über.)
+
+
+Simplizius (in bürgerlicher Kleidung).
+Ariette.
+ 's gibt wenig, die so glücklich sind
+Wie ich aus dieser Welt,
+Ich hab' kein Weib und hab' kein Kind,
+Und hab' kein' Kreuzer Geld.
+Wenn ich auch keine Schulden hätt',
+Ich wüßt' vor Freud' nicht, was ich tät'.
+Ich will im voraus nicht stolziern,
+Mein Glück fängt erst recht an,
+Mir scheint, ich werd' mein Gwerb' verliern,
+Dann bin ich prächtig dran;
+Und 's Überraschendste wird sein,
+Wenn s' kommen werdn und sperrn mich ein.
+
+Dann schau' ich um ein' Freund mich um,
+Der in der Not mich tröst',
+Der macht, daß ich aus d' Festung kumm,
+Da sitz' ich erst recht fest;
+Und wenn s' mich dort vielleicht noch schlagn,
+Das wär' ein Glück,--nicht zum Ertragn.
+
+Ja, ja, mancher, der mich so reden hört, würd' sagen: O je, da
+kommt schon wieder einer daher, der lamentiert, daß er kein Geld
+hat und voller Schulden ist und daß er soll eing'sperrt werdn. O
+Jemine, das ist ein' alte G'schicht'. (Hochdeutsch.) Ja, wenn's
+aber nicht anders ist, was soll man denn machen? Es ist einmal so,
+ich hab' einmal kein Geld, und sie sperrn mich einmal ein,
+vielleicht auch zweimal, (lokal) und wenn das so fortgeht, so komm'
+ich aus dem Einsperren gar nicht mehr heraus. Ich bin ein
+rechtschaffener Mann, doch von was soll ich denn zahlen? Ich bin
+zwar der angesehnste Schneider hier im Ort, aber ich hab' nur eine
+einzige Kundschaft, und das ist mein Gläubiger, ein Weinhandler,
+der weint um seine fünfhundert Taler, so oft er mich anschaut.
+Jetzt bin ich ihm das Geld schon sieben Jahr' schuldig, er ist aber
+schon lang gezahlt, denn statt den Interessen hat er mit mir
+ausgemacht, daß ich ihm alles umsonst arbeiten müßt', was in seinem
+Haus ang'schafft wird. Da kommen aber die Leut' vom ganzen Dorf in
+sein Haus, lassen sich das Maß nehmen, ich muß ihnen umsonst
+arbeiten, und er laßt sich zahlen dafür. Da hab' ich einen
+Zimmerherrn drin--(deutet auf sein Haus, geheimnisvoll) der zahlt
+auch nichts. Ist ein Schmied, ein Reimschmied, schreibt jetzt gar
+ein Theaterstuck. Auf die Letzt bringt er mich noch in ein Stuck
+hinein, denn ich hör', jetzt können s' gar kein Stuck mehr
+aufführen, wo s' nicht was von ein' Schneider drin haben, und er
+gar, er schreibt eins, das heißt "Die getrennten Brüder", das wird
+doch aufs z'sam'nahn hinausgehn. Er erwartet immer das Geld von der
+Post, und jetzt ist ein so ein schlechter Weg, da bleibt's halt
+stecken. (Ruft zum Fenster hinein.) Guten Morgen, Monsieur Ewald,
+schon wieder fleißig? Scribendum!
+
+
+
+Zehnte Szene.
+Voriger. Ewald.
+
+
+Ewald (schlägt von innen auf den Tisch). So stören Sie mich doch
+nicht mit Ihrem unsinnigen Geschwätz. (Kommt heraus im einfachen
+Gehrock. mit einem Manuskripte, Tinte und Feder.) Es ist nicht
+möglich, daß ich einen vernünftigen Gedanken fassen kann, wenn Sie
+in meiner Nähe sind. Gehen Sie doch hinein, ich will hier schreiben.
+
+
+Simplizius. Schreiben Sie, wo Sie wollen und an wen Sie wollen,
+aber sein Sie nicht unartig mit mir.
+
+Ewald. Lieber Hausherr, nehmen Sie meine Heftigkeit nicht so auf,
+Sie sehen, ich bin ein Dichter, ein begeisterter Mensch. Wenn man
+in Jamben arbeitet, Sie verstehen das nicht so, es sind fünffüßige
+Verse.
+
+Simplizius. Ja, das ist ja eben das Unglück, wenn die Vers' eine
+Menge Füß' haben und kein' Kopf. Das tragt nichts ein, ich wollt',
+ich hätt' so viel Füß', als Ihre Schlampen oder Jamben, was Sie da
+schreiben, ich war' schon lang davon g'loffen, auf meine kann ich
+mich nicht mehr verlassen.
+
+Ewald. Sie sprechen dummes Zeugs, lassen Sie mich ungestört. (Er
+setzt sich auf die Rasenbank und überlegt.) Der letzte Akt, mir
+fehlt's an Stoff.
+
+Simplizius. Mir auch, wenn ich so ein paar hundert Ellen Gros de
+Napel hätt', ich wollt' Ihnen Ihre Getrennten schon herausstaffiern.
+
+
+Ewald. Nun hab' ich aufhören müssen. Jetzt ist der ganze Dialog
+zerrissen.
+
+Simplizius. Ich wollt', es wär' alles z'rrissen, so krieget ich
+doch ein' Arbeit.
+
+Ewald (aufspringend). Aber lieber Meister, wenn Sie einen Rock
+zuschneiden, so wünschen Sie doch ungestört zu sein.
+
+Simplizius. Nun, Sie werd'n doch erlauben, daß es ein' andere
+Aufgab' ist, wenn ich einen Rock zuschneid', als wenn Sie da eine
+halbe Stund' nachdenken, und hernach fallt Ihnen erst nix ein. Wenn
+Sie einen Vers um ein paar Ellen zu lang machen, so streichen Sie
+s' halt weg, aber wenn ich einen Ärmel um eine halbe Ellen zu kurz
+mach', (er streift seinen Rockärmel hinauf) was g'schieht denn
+hernach?
+
+Ewald (stampft mit dem Fuße). Zum letzten Male rat' ich es Ihnen,
+mich ungestört zu lassen, oder Sie werden mich wütend machen.
+
+Simplizius (verschroben). Nu, nu, nur nicht so heftig, meine
+schwachen Nerven bitt' ich zu verschonen. Überhaupt zwingen mich
+verhältnislose Umstände, mit Ihnen tragisch zu reden. Ich kann zwar
+nichts gegen Sie sagen, Sie sind ein ordentlicher Mann, Sie bleiben
+mir meinen Zins schuldig, wie es sich g'hört. Aber Sie sind ein
+Dichter, der sehr schöne Ideen hat, warum kommt Ihnen denn nicht
+auch die Idee, mich zu bezahlen?
+
+Ewald. Sie sollen Ihr Geld erhalten.
+
+Simplizius. Ja wann? ich werd' heut noch eing'sperrt.
+
+Ewald. Warum?
+
+Simplizius. Weil ich blessiert bin und nicht ausrucken kann.
+(Deutet aufs Zahlen.) Wenn aber das geschieht, wenn sie mich
+einsperrn, Herr von Ewald--Sie sind mir schuldig, ich gebrauch'
+mein Recht, Sie müssen zu mir hinein. Wir sind Männer, wir werden
+unser Schicksal zu ertragen wissen. (Geht gravitätisch ab ins Haus.)
+
+
+
+Elfte Szene.
+
+
+Ewald (allein). Ha, ha, ha, ein gutmütiger Mensch, wenn er nur
+nicht so unerträglich einfältig wäre, mich dauert seine mißliche
+Lage. Morgen erhalte ich die Hälfte meines Honorars, davon will ich
+ihn unterstützen. Doch jetzt sei wirksam, Geist. (Dichtend.)
+Sechzehnte Szene, Gefängnis, Artur allein.
+
+Warum muß ich im finstern Turm hier hausen,
+Um den des Meers geschäftige Wellen brausen;
+Ach, während Liebe stillt ihr froh Verlangen,
+Hält mich der Haß hier trauervoll gefangen.
+O Schutzgeist, der du meinem Traum dich zeigst
+Und sanft dein Haupt zu mir hernieder neigst,
+Leit' mich aus meines Kerkers düstern Bann,
+Daß ich statt nutzlos sinnen, handeln kann.
+
+
+
+Zwölfte Szene.
+Voriger. Lucina ist während Ewalds Rede unter sehr leisen sanften
+Tönen auf Wolken niedergesunken. Ein Genius trägt eine Fackel.
+
+
+Lucina. Wenn du willst des Gedichtes Sinn auf dich beziehn,
+So kann ich deines Wunsches regen Drang erfüllen,
+Du sollst mit mir nach weit entfernten Landen ziehn
+Und des Verlangens Glut im Tatenstrome kühlen.
+Zu hohem Werken hab' ich deinen Mut erkoren,
+Weil ich dein Herz und deinen Geist als rein ersehn.
+
+Ewald. O glanzentzücktes Aug', zu seltnem Glück geboren,
+Daß du so holder Göttin Reize darfst erspähn.
+
+Lucina. Erstaune nicht, entwirf kein Bild von meinen Reizen,
+Du bist zur Rettung eines mächt'gen Reichs erwählt,
+Der Auftrag sei genug, um mit der Zeit zu geizen,
+Drum werd' dir auch von mir das Nöt'ge nur erzählt.
+Dich sollen Wolken nach Massanas Strande tragen,
+Ein Land, in welchem Unglück heult in jedem Haus,
+Und das vom Meer verschlungen wird in wenig Tagen,
+Dort gibst du dich für einen Weisen aus,
+Entstammend aus Ägyptens heil'gen Pyramiden,
+Der nach Massana kommt, um dieses Land zu retten.
+Und wenn der König enden will den Lauf hienieden,
+Vergoldest du des Todes fürchterliche Ketten
+Und forderst erst für diesen Dienst des Reiches Krone.
+
+Ewald. Wodurch ich dies vollbring', kann ich noch nicht ergründen.
+
+Lucina. Nimm diese Fackel hier, sie flammt in jeder Zone,
+Wenn du sie kräftig schwingst, wird sie sich selbst entzünden,
+Den Gegenstand, auf den du ihren Strahl willst leiten,
+Wird zephirleicht in ihrem Zauberlicht verrinnen,
+Narkot'sche Wohlgerüche um sich her verbreiten,
+Und die Gestalt, die du ihm leihen willst, gewinnen.
+Er wird im wundervollsten Rosenlicht sich zeigen,
+Wie ihn die zartste Phantasie nur könnte malen,
+Daß sich die Herzen alle liebend vor ihm beugen,
+Und sanfte Rührung wird aus jedem Auge strahlen.
+ (Gibt ihm die Fackel.)
+Verwahr' sie wohl, du wirst sie einst noch dankbar preisen,
+Wenn tröstet dich ihr welterfreunder Wunderschein,
+Doch nicht allein darfst du die Rettungsbahn durchreisen,
+Dem kühnen Mut muß bange Furcht zur Seite sein.
+Du wirst wohl selbst wo einen feigen Dümmling kennen,
+Den eines Sperlings leises Rauschen schon erschreckt.
+
+Ewald. Da kann ich dir, o Göttin, keinen bessern nennen,
+Als jenen Mann, der sich vor deinem Anblick scheu versteckt.
+ (Deutet auf Simplizius ins Haus.)
+
+Lucina. Nun wohl, du magst mit ihm die Sache selbst verhandeln.
+
+Ewald. Er ist mir schon gewiß, ich weiß, was ihn bewegt.
+
+Lucina (zeigt auf einen Fels).
+Die Fackel wird den Stein in leichten Nebel wandeln,
+Der euch im schnellen Flug durch blaue Lüfte trägt.
+Du übst, wie ich's befahl.
+
+Ewald. Dies kann ich hoch
+beteuern.
+
+Lucina. Wohlan, ich will voraus hin nach Massana steuern.
+ (Fliegt ab.)
+
+
+
+Dreizehnte Szene.
+Ewald (allein.)
+
+
+Dies ist ein Auftrag doch, der eines Dichters würdig,
+Weil echte Poesie nach einer Krone strebt,
+Selbst Göttern ist durch hohen Schwung sie ebenbürtig,
+Der über Sonnen sie zu Jovis Thron erhebt.
+Mein Geist ist klein, mein Wirken nur ein ungeweihter Traum.
+Drum wird die Kron', die ich heut wage zu begehren,
+In Nichts zerfließen, wie der Woge flücht'ger Schaum,
+Nur daß ich sie gewollt, wird mir noch Lohn gewähren.
+Und wer wird nicht mit Lust von goldnen Dingen träumen,
+Kann er darüber arme Wirklichkeit versäumen?
+ (Ab ins Haus.)
+
+
+
+Vierzehnte Szene.
+(Kurzes Zimmer mit schlechten Möbeln, ein Tisch mit Schreibgeräte,
+an der Wand hängen einige schlechte Kleidungsstücke, Maß und ein
+paar abgeschabte Bilder. Rechts eine Seitentür, links ein kleines
+Fenster.)
+
+
+Simplizius. Jetzt wird's nicht mehr lang dauern, so wird die
+achtzigpfündige Kanone meines Unglücks losgehn. Vor Angst krieg'
+ich noch das gelbe Fieber, das schwarze hab' ich so in allen
+Taschen schon. Wie spät wird's denn schon sein. Ich könnt's gleich
+wissen, ich dürft' nur auf die Uhr schauen, die ich vor zwei Jahren
+versetzt hab'. Um halb zwölf Uhr kommt der Weinhandler, der wird
+mich anzapfen um sein Geld, und wenn ich ihn nicht zahlen kann, so
+heißt es; Marsch nach Kamtschatka.
+
+
+
+
+Fünfzehnte Szene.
+Voriger. Ewald.
+
+
+Ewald. Freude, Freude, lieber Simplizius!
+
+Simplizius. Ja, ja, das wird eine mordionische Freud' werden, bei
+Wasser und Brot.
+
+Ewald. Nein, lieber Simplizius, wir wollen fort von hier in ein
+fernes Reich.
+
+Simplizius. Ins Reich hinaus? Da war ich schon, im Nürnbergischen.
+
+Ewald. Nicht doch, eine reizende Göttin hat mich und Sie zur
+Rettung eines Königreichs bestimmt.
+
+Simplizius. Mich?
+
+Ewald. Ja. Sie. Goldgesäumte Wolken werden uns dem gemeinen Leben
+hier entrücken und uns in ein herrlich Land hintragen. Lassen Sie
+Ihren Gläubiger hier rasen, er hat ja ohnehin nichts mehr zu
+fordern. Machen Sie sich reisefertig, Sie sind zu großen Dingen
+bestimmt.
+
+Simplizius. Zu was für ein'?
+
+Ewald. Das weiß ich nicht, ich weiß nur, daß es eine Krone gilt.
+
+Simplizius. Und die soll ich erretten? Nun, das wird gut ausfallen.
+Sie verkennt mich.
+
+Ewald. Nein, sie hat Sie ja gesehen und Ihren Mut belobt.
+
+Simplizius. Die Göttin? Ah, das ist göttlich! Aber weiß sie denn,
+daß ich--
+
+Ewald. Was?
+
+Simplizius. Nu. (Macht die Pantomime des Nähens.)
+
+Ewald. Versteht sich, alles weiß sie. Kommen Sie nur.
+
+Simplizius. Ich soll ein Land erretten? Ich kann mir's gar nicht
+anders vorstellen, als daß das Land durch Unruhen zerrissen ist,
+und ich muß's zusammenflicken. Oder sie fürchten sich, daß das Land
+erfriert, und ich muß ihm einen Pauvre machen. Und auf einer Wolken
+sitzen wir, da fallen wir ja durch.
+
+Ewald. Bewahre, sorgen Sie sich nicht.
+
+Simplizius. Nun Sie, wenn wir heut durchfalleten, das wär' weiter
+keine Schand'. Mir ist jetzt schon, als wenn ich aus den Wolken
+g'fallen wär'.
+
+Ewald. Ich steh' Ihnen für alles.
+
+Simplizius. O, Sie sind ein gutes Haus. Was haben S' denn da für
+eine vergoßne Kerzen?
+
+Ewald. Das ist eben unsere Wunderfackel. Was ich durch sie
+bestrahlt wissen will, erscheint nach meinem Wunsche in der
+herrlichsten Gestalt, und rosiger Nebel wird das Auge eines jeden
+lieblich täuschen.
+
+Simplizius. Was sie jetzt alles erfinden, um die Leut' hinters
+Licht z' führen, das geht über alles. Na wegen meiner, ich bin
+dabei, ich sitz' doch lieber auf einer Wolken als im Arrest. Also
+gehn wir. (Sieht durchs Fenster.) Ums Himmels willen, dort kommt
+der Weinhandler, und zwei Schutzgeister hat er bei ihm, mit
+klafterlange Spieß'.
+
+Ewald. Fatale Sache, was beginn' ich jetzt?
+
+Simplizius. Monsieur Ewald, mir fallt aus Angst etwas ein.
+Probieren wir die Fackel, richten wir das Zimmer prächtig ein,
+tapezieren wir's aus. Vielleicht bekommt der Weinhandler einen
+Respekt und glaubt, er kriegt sein Geld. Warten Sie, ich sperr' die
+Tür indessen zu, daß er nicht gleich herein kann. (Tut es.) Wenn er
+nur unterdessen abführ'. bis wir ihm ganz abfahren.
+
+Ewald. Kein übler Gedanke, das geht nicht so leicht, er wird fragen,
+wo wir die schönen Möbel her haben. Dann wird ihm die Fackel
+auffallen. Still!
+
+Riegelsam (klopft von außen). Nur aufgemacht. Ich weiß, daß Er zu
+Hause ist.
+
+Simplizius. Gleich, gleich. (Heimlich.) Was tun wir denn?
+
+Ewald (ebenso). Geben Sie mich für einen Engländer aus, dem die
+Möbel gehören, und der für Sie zahlen will.
+
+Riegelsam. Ich schlag' die Tür ein, wenn Er nicht aufmacht.
+
+Simplizius. Richtig, fangen Sie nur zum möblieren an. (Ruft.) Nur
+warten.
+
+Riegelsam. Warten? Du verdammter Bursch', wart' du auf meinen Stock,
+ wenn ich hineinkomm'.
+
+(Ewald hat indessen die Fackel geschwungen, die sich selbst
+entzündet.)
+
+(Musik.)
+
+Auf einen Schlag verwandelt sich das schmutzige Zimmer in ein
+herrlich gemaltes und reich möbliertes. Grosse Gemälde mit goldenen
+Rahmen, nebst einer schönen Wanduhr präsentieren sich. So
+verwandeln sich auch die Türen, das Fenster, Tisch und Stühle. Das
+ganze zeigt sich jedoch im bleichen Rosenlichte
+
+Simplizius. Mich trifft der Schlag, das wird doch ein schöner
+Betrug sein. Ich glücklicher Mensch, das g'hört alles nicht mein.
+
+Ewald (steckt die Fackel an die Wand, wo der Schreibtisch steht,
+setzt sich schnell und stützt das Haupt auf die Hand). Nun öffnen
+Sie, sagen Sie, ich dichte und wollte ungestört bleiben, und Sie
+hätten geschlafen.
+
+Riegelsam. Brecht das Schloß auf. (Sie schlagen an die Tür,
+Simplizius öffnet.)
+
+Simplizius. Ist schon offen.
+
+
+
+Sechzehnte Szene.
+Vorige. Riegelsam (ein sehr dickleibiger Mann von heftigem
+Temperament).
+
+
+Riegelsam (noch in der Tür). Aufmachen kann er nicht, aber Schulden
+machen kann er. Wart', du verdammt--(er tritt herein, zwei
+Gerichtsdiener halten an der Tür Wache, Riegelsam steht erstarrt.)
+Was ist das für eine maliziöse Pracht? Ich erstaune. Wem gehört das
+Amöblement?
+
+Ewald (rasch aufspringend). Mir!
+
+Riegelsam. Ihnen? Ah, allen Respekt.
+
+Ewald. Also schließen Sie Ihren Mund. (Setzt sich nieder und
+schreibt fort.)
+
+Riegelsam.. Was Mund schließen? Um fünfhundert Taler kann man den
+Mund gar nicht weit genug aufmachen.
+
+Simplizius. Wenn er nur die Mundsperr' bekäm', daß er ihn gar nicht
+mehr zubrächt'.
+
+Riegelsam. Nichts wird g'schlossen, als der--(auf Simplizius
+deutend) der wird g'schlossen--kreuzweis'. Wie steht's,
+liederlicher Patron, wird gezahlt oder nicht?
+
+Simplizius. Ja, es wird gezahlt.
+
+Riegelsam. Wer zahlt?
+
+Simplizius. Ich nicht.
+
+Riegelsam. Gerichtsdiener! (Sie treten vor.)
+
+Ewald. Halt! (Springt auf.) Ich bezahle. (Setzt sich wieder und
+schreibt.)
+
+Riegelsam. Wirklich? Allen Respekt. Wer ist dieser Herr?
+
+Simplizius. Ein vacierender Lord.
+
+Riegelsam. Und wohnt in diesem miserablen Haus?
+
+Simplizius. Spleen.
+
+Riegelsam. Warum schreibt er denn bei einer Fackel am hellichten
+Tag?
+
+Simplizius. Spleen.
+
+Riegelsam. Und was krieg' ich denn für meine Schuld?
+
+Simplizius. Spleen.
+
+Riegelsam. Geh Er zum Henker mit seinem Spleen. (Beiseite.) Wenn
+ich nur die schönen Möbel haben könnt', ich bin ganz verliebt in
+sie. (Laut.) Also was soll's sein? Entweder meine fünfhundert Taler,
+ oder ich lass' das Zimmer ausräumen.
+
+Simplizius. Da kriegt er auch was rechts.
+
+Ewald. Herr, unterstehen Sie sich nicht, sich meines Eigentumes zu
+bemächtigen. In diesem Zimmer bin ich Herr, weil ich es gemietet
+habe, und wenn Sie es nicht zur Stelle verlassen, so werd' ich mein
+Hausrecht gebrauchen und Sie zum Fenster hinauswerfen.
+
+Riegelsam. Welch eine Behandlung? Was soll das sein? (Sieht
+Simplizius fragend an.)
+
+Simplizius (gleichgültig). Spleen.
+
+Riegelsam. Halt' Er sein Maul mit seinem verflixten Spleen. Sie
+haben sich angeboten zu bezahlen, tun Sie es, ich bin bereit.
+
+Ewald. Ich noch nicht, in einer Stunde sollen Sie Ihr Geld erhalten,
+ ich erwarte die Post. Entfernen Sie sich jetzt und kommen Sie in
+einer Stunde wieder.
+
+Riegelsam. Hat auch kein Geld, nichts als Spleen.
+
+Simplizius. Ein splendider Mann.
+
+Riegelsam. Aber die schönen Möbel, diese herrlichen Möbel. Gut, ich
+geh', aber die Wach' bleibt hier.
+
+Simplizius Ich seh' mich schon im Loch.
+
+Ewald. Impertinent, den Augenblick mit der Wache fort, oder Sie
+bekommen keinen Heller von Ihrer Schuld.
+
+Riegelsam. Nicht? So lass' ich ihn einsperren. (Auf Simplizius
+zeigend.)
+
+Ewald. Nur fort mit ihm, das ist das beste, was Sie tun können.
+
+Simplizius (erschrocken). So ist's recht, das wäre schon das beste
+bei ihm.
+
+Riegelsam (beiseite). Es ist ihm nicht beizukommen, ich möcht'
+rasend werden. Aber die schönen Möbel allein könnten mich verführen.
+
+
+Simplizius. Ah, wenn Sie s' erst im rechten Licht sehen werden,
+denn sein' Fackel blendt einen ja.
+
+Riegelsam. Sind sie da noch schöner?
+
+Simplizius. O, da kann man sie gar nicht sehn vor lauter Schönheit.
+
+Riegelsam. Gut, die Wach' soll sich entfernen, unter der Bedingung,
+daß Sie mir diese Möbel verschreiben.
+
+Simplizius (heimlich erfreut). Beißt schon an.
+
+Riegelsam. Wenn ich in einer Stunde mein Geld nicht erhalte,
+gehören sie mir.
+
+Simplizius (heimlich freudig). Haben ihn schon!
+
+Ewald. Mein Wort darauf.
+
+Riegelsam. Nichts, das muß schriftlich sein, nur aufsetzen, alles
+schriftlich.
+
+Simplizius (heimlich). G'hört schon uns!
+
+Ewald (schreibt). Also alles was sich in diesem Zimmer befindet?
+
+Simplizius Bis auf uns, denn er wär' imstand, er nehmet uns auch
+dazu. Das ist gar ein Feiner.
+
+Riegelsam. So ein miserables Möbel, wie Er ist, kann ich nicht
+brauchen. Still. Euer Hoheit geruhen zu unterschreiben.
+
+Ewald. Hier.
+
+Riegelsam. Auch der Schneider.
+
+Simplizius (tut es für sich). Du wirst dich schneiden.
+
+Riegelsam (frohlockend). Bravo, jetzt bin ich in Ordnung.
+
+Simplizius. Das ist ein glücklicher Kerl, jetzt hat er einen Fang
+gemacht.
+
+Riegelsam (zur Wache). Ihr könnt nach Hause gehn.
+
+(Wache ab.)
+
+Simplizius. Ah, weil nur die Garnierung von der Tür' weg ist.
+
+Ewald. Nun gehen Sie auch!
+
+Riegelsam. Ich? Was fallt Ihnen ein, ich bleib' hier, bis das Geld
+ankommt.
+
+Ewald. Welch eine Eigenmächtigkeit! Ich muß fort, das Geld zu holen,
+ ich habe Eile.
+
+Simplizius. Freilich, bei uns geht's auf der Post. (Für sich.) Wir
+fahren ja ab.
+
+Riegelsam. Das können Sie machen, wie Sie wollen. (Setzt sich in
+einen Stuhl.) Mich bringt einmal niemand aus diesem Zimmer fort.
+Ich muß meine Möbel bewachen, kein Stück darf mir davon wegkommen.
+Tausend Element!
+
+Ewald (zu Simplizius heimlich). Das ist eine schöne Geschichte, was
+tun wir jetzt?
+
+Simplizius. So lassen S' ihn sitzen, wir nehmen unsre Fackel, gehn
+hinaus, sperren ihn ein und er soll seine Möbel bewachen.
+
+Ewald. Ein delikater Einfall. (Nimmt die Fackel von der Kulisse.)
+Nun wohl, bleiben Sie hier und haften Sie mir für alles.
+
+Simplizius. Und geben Sie acht, daß Ihnen nichts wegkommt, sonst
+müssen Sie's zahlen.
+
+(Ewald und Simplizius gehen schnell hinaus und sperren die Tür zu.
+Wie die Fackel ans dem Zimmer ist, verwandelt sich dasselbe wieder
+in die arme Stube.)
+
+
+
+Siebzehnte Szene.
+Riegelsam (allein, springt auf und sagt im höchsten Erstaunen).
+Blitz und Donner, was ist das für eine Bescherung? Bin ich in eine
+Zauberhöhle geraten? Wo sind die Möbel hingekommen? Die schöne Uhr,
+die herrlichen Bilder. Alles ist fort, Fetzen sind da. (Zerreißt
+die Kleider.) Nichts als Fetzen sind da und die Lumpen sind fort.
+Ha! Ich muß ihnen nach.--Die Tür ist verriegelt, ich kann nicht
+hinaus, ich erstick' vor Wut. Meine fünfhundert Taler. (Sinkt in
+den Stuhl.)
+
+
+Simplizius (sieht zu dem kleinen Fenster herein). Freund, die sind
+verloren.
+
+Riegelsam. O du Hexenmeister, wirst du hereinkommen! Schaff' mir
+meine Möbel her!
+
+Simplizius. Wollen Sie s' nochmal sehn? (Hält die Fackel zum
+Fenster herein.) Da sind sie! (Das Zimmer wird wie vorher reich
+möbliert.)
+
+Riegelsam (stürzt mit ausgebreiteten Armen darauf hin). Halt, jetzt
+lass' ich sie nicht mehr aus.
+
+Simplizius (zieht die Fackel zurück).
+
+(Schnelle Verwandlung.)
+
+Simplizius. Halten Sie s' fest.--So rächt sich Simplizius, der
+Verschuldete.
+
+
+
+Achtzehnte Szene.
+Riegelsam (der bei der Verwandlung betroffen zurückfuhr, springt
+nun wütend auf das Fenster zu, welches Simplizius ihm vor der Nase
+zuschlägt). Spitzbuben! Gesindel! Räuber! Mörder! Dieb'! (Schlägt
+die Fensterscheiben ein.) Ich zerplatz' vor Zorn. Ich muß ihnen
+nach. (Will zum Fenster hinaus und bleibt stehen.) Ich kann nicht
+durch, ich bin zu dick, ich erstick'! Was seh' ich! O höllische
+Zauberei, sie fliegen auf einer Wolken davon. Die prächtigen
+Kleider, der Schneider strotzt vor Silber, wenn ich s' ihm nur
+herabreißen könnt'. Meine fünfhundert Taler. Ich werd' unsinnig,
+ich spreng' mich in die Luft. Nein, ich spreng' die Tür' ein. (Er
+tut es.) Hilfe! Hilfe! Räuber! Dieb'! Wache! (Ab.)
+
+
+
+Neunzehnte Szene.
+(Großer Platz in Massana, im griechischen Stil erbaut. Seitwärts
+der königliche Palast. Stufen führen aufwärts, auf welchen der
+Genius des Todes, ein bleicher Jüngling mit der umgekehrten
+ausgelöschten Fackel, mit geschlossenen Augen sitzt. Viele Personen
+in Trauer, viele nicht, gehen händeringend herum über die Straße.)
+
+Kurzer Chor.
+Jammer, sag', wann wirst du scheiden,
+Von Massanas Unglücksflur;
+Große Götter, hemmt die Leiden,
+Eure Macht vermag es nur.
+
+
+(Gehen trauervoll ab.)
+
+
+
+Zwanzigste Szene.
+Lucina (kommt und betrachtet mit Wehmut den Palast). Genius des
+Todes.
+
+(Die ganze Szene muß von beiden Seiten langsam und feierlich
+gesprochen werden.)
+
+
+Lucina.
+Mich erfaßt ein widrig Schauern,
+Blick' ich auf dies Trauerschloß.
+Schon seh' ich den Jüngling lauern,
+Armer Fürst, dein Leid ist groß.
+(Mit erhobener Stimme.)
+Du, des Todes Genius,
+Magst durch Antwort mich beglücken;
+Wirst du heut den eis'gen Kuß
+Auf Massanas Lippen drücken?
+
+Genius des Todes
+(hebt sein Haupt, stets bleibt die Fackel gesenkt. Spricht kalt und
+ernst im tiefen Tone).
+
+Wenn die Nacht den Tag verjagt
+So heischt's Hades Rachesinn,
+Hat Massana ausgeklagt.
+(Kurze Pause.)
+ Rauscht das Meer darüber hin.
+Lucina.
+ Und wie wird der König enden,
+Wirst du freundlich ihn umfahn?
+Genius des Todes.
+ Hades kann nur Schrecken senden,
+Düster wird sein Ende nahn.
+Lucina.
+ Wehmut seufzt aus deiner Kunde
+Und doch frommt sie meinem Plan,
+Mich beglückt die Unglücksstunde,
+Wenn ich dich erweichen kann.
+Schenk' das Leben mir von zweien,
+Die nicht Hades Fluch getroffen,
+Die nicht an die Zahl sich reihen,
+Die Erbarmen nicht zu hoffen.
+Genius des Todes (lächelnd).
+ Nimm das Leben hin von zweien,
+Du entziehst mir's dennoch nicht.
+Lucina.
+ Möchtest du mir noch verleihen,
+Daß Heraklius' Auge bricht,
+Eh' des Landes Festen beben.
+Genius des Todes.
+ Eh' den Turm noch küßt die Well',
+Lischt des kranken Königs Leben.
+Lucina.
+ Doch Massana muß dann schnell,
+Eh' die Zeit Sekunden raubt,
+In dem Augenblick versinken,
+Wo auf einem fremden Haupt,
+Wird des Königs Krone blinken.
+Genius des Todes
+(läßt das Haupt sinken und
+sagt dumpf und langsam).
+ Wird versinken.
+(Pause, dann noch mit gesenkten Haupte)
+ Laß mich lauschen.
+Lucina.
+ Ist dein Aug' zum Schlaf erlahmt?
+(Gejammer in der Szene, mehrere Stimmen: Hilf, er stirbt.)
+Genius des Todes.
+ Hörst du's rauschen?
+(Hebt das Haupt.)
+ Dorthin ruft mein eisern Amt.
+
+
+(Er steht auf, sein Haupt ist etwas gebeugt, die rechte Hand
+streckt er gegen den Ort, wo der Schall hertönt, als zeigte er hin,
+die linke hängt, die umgestürzte Fackel haltend, gerade herab, so
+eilt er gemessenen Schrittes in die Kulisse, doch auf die
+entgegengesetzte Seite des Palastes.)
+
+Lucina (blickt gegen Himmel)
+ Götter, die ihr gnädig waltet
+Und doch unbegreiflich schaltet!
+
+(Geht langsam auf die entgegengesetzte Seite ab.)
+
+
+
+Einundzwanzigste Szene.
+Thestius, Epaminondas (mehrere Einwohner von Massana kommen von der
+Seite, wo der Genius abgeschritten ist).
+
+
+Thestius. Ist aus mit ihm, ist stumm; die Götter haben seinen Mund
+geschlossen.
+
+Epaminondas. Ein sonst so sanftes Roß, und schleudert ihn herab,
+daß von dem Fall die Erde donnert. (Die Weiber weinen.) So heult
+doch nicht, seid ihr's nicht schon gewohnt? Seit sieben vollen
+Jahren hat Unglück hier im Lande sich gelagert und über diese Stadt
+sein schwarzes Zelt gespannt. Ich bin schon stumpf gemacht, mich
+kann's nicht rühren mehr, wenn meines Nachbars Dach auf seinen
+Schädel stürzt. Nur Weiber können sich an so was nicht gewöhnen.
+
+Thestius. O Hades, ungerechter Fürst der Unterwelt, der du aus
+Rache, weil Massana nicht den König hat gewählt, den du durch deine
+unterirdischen Orakel ihm bestimmen ließest, das arme Reich mit
+Übel aller Art verfolgst; so daß wir wie auf nie betretnem
+Eisgeklüft, nicht einen Schritt auf breiter Straße tun, wo nicht
+Gefahr des Lebens mit verbunden ist.
+
+Epaminondas. Seht, was läuft das Volk zusammen? Zwei Fremde bringen
+sie.
+
+Thestius. Die sind so selten jetzt im Lande, als ob sich Kometen
+zeigten. Hypomedon führt sie.
+
+
+
+Zweiundzwanzigste Szene.
+Vorige. Hypomedon, Ewald und Simplizius, beide im ägyptischen
+Kostüme.
+
+
+Hypomedon. Endlich haben wir wieder das Glück, zwei Fremdlinge in
+unserer Stadt zu sehen. Staunt, aus Ägypten kommen diese Leute gar,
+um bei uns Verachtung des Lebens zu lernen.
+
+Ewald. Sei gegrüßt, Volk von Massana, ich habe Wichtiges in deinem
+Reiche zu verhandeln.
+
+Simplizius. Zu verhandeln, sagt er, auf die Letzt' halten s' uns
+für Juden.
+
+Thestius. Seid uns gegrüßt, wir bedauern euch.
+
+Simplizius (macht große Augen). Der bedauert uns.
+
+Thestius. Euch haben böse Sterne in das Land geleitet.
+
+Simplizius. Ach warum nicht gar, wir sind ja beim helllichten Tag
+ankommen.
+
+Ewald (nimmt ihn auf die Seite). Sein Sie nicht so gemein, tun Sie
+vornehm, klug, bescheiden und drücken Sie sich in bessern Worten
+aus.
+
+Simplizius. Das müssen Sie mir schriftlich geben, denn so kann ich
+mir das nicht merken.
+
+Ewald. Glaubt nicht, daß ich der Pyramiden geheimnisvollen
+Aufenthalt umsonst verließ, ihr werdet die Gestirne hoch verehren,
+die nach Massana mir geleuchtet, denn fromme Götter haben mich zu
+euch gesendet.
+
+Thestius. So preisen deine Sendung wir. Dein Aug' ist sanft, und
+edel deine Haltung, dein Antlitz flößt Vertrauen ein, und deine
+kühn gewölbte Stirn mag wohl ein Thron der höchsten Weisheit sein.
+
+Simplizius. Nein, was s' an dem alles bemerken, das wär' mir nicht
+im Schlaf eing'fallen. Einen Thron hat er auf der Stirn, und da
+sitzt die Weisheit d'rauf. (Macht die Pantomime des Niedersetzens.)
+Jetzt, was werden s' erst auf meiner Stirn' alles sitzen sehn?
+
+Thestius. Willst du mein Unglückshaus zur Wohnung dir erwählen, so
+folge meinem scheuen Tritt, doch laß die Vorsicht emsig prüfen
+deinen Pfad und Besorgnis über deine Schultern schaun. (Verbeugt
+sich tief.)
+
+Ewald. Mein Dank grüßt deines Hauses Schwelle, mit frohem
+Hoffnungsgrün wird dir der Gast die Hallen schmücken. Simplizius,
+folge bald! (Geht mit Anstand a, Thestius folgt.)
+
+
+
+Dreiundzwanzigste Szene.
+Vorige, ohne Ewald und Thestius.
+
+
+Simplizius (sieht ihm erstaunt nach). Ich empfehl' mich ihnen. Ah,
+was die Weisheit für eine langweilige Sach' ist, das hätt' ich in
+meinem Leben nicht gedacht. Ich will einmal lustig sein. (Tut nobel
+zu Epaminondas.) Sagen Sie mir, mein edelster Massanier, was gibt
+es denn für Spaziergänge hier?
+
+Epaminondas. Der betretendste Weg führt ins Elend.
+
+Simplizius. So? Das muß eine schöne Promenade sein.
+
+Hypomedon. Du wirst sie schon noch sehen.
+
+Simplizius. Ich freu mich schon d'rauf. Haben Sie auch ein Theater?
+
+Epaminondas. O ja. (Seufzend.) Massana heißt der Schauplatz.
+
+Simplizius. Was wird denn da aufgeführt?
+
+Hypomedon. Ein großes Trauerspiel.
+
+Simplizius. Von wem?
+
+Epaminondas. Ein Werk des Orkus ist's.
+
+Simplizius. Den Dichter kenn' ich nicht, muß ein Ausländer sein.
+
+Hypomedon. Es währt schon sieben Jahre.
+
+Simplizius. O Spektakel, da muß einer ja drei-, viermal auf die
+Welt kommen, bis er so ein Stück sehn kann. Wer spielt denn mit?
+
+Epaminondas. Das ganze Volk.
+
+Simplizius. Also ein Volkstheater. Und wer schaut denn zu?
+
+Epaminondas. Die Hölle.
+
+Simplizius. Da muß ja eine Hitz' im Theater sein, die nicht zum
+aushalten ist. Überhaupt scheinen die Leut' hier nicht ausg'lassen
+lustig z' sein. Warum weinen denn die Fraun da?
+
+Eine Frau. Wir beweinen euer Schicksal.
+
+Simplizius. Unser Schicksal? Was haben denn wir für ein Schicksal?
+Wen tragen s' denn da? (Sieht in die Kulissen.)
+
+Hypomedon. 's ist nur einer, den ein Roß erschlagen hat.
+
+Simplizius. Erschlagen hat's ihn nur? O, da reißt er sich schon
+noch heraus, hier ist eine g'sunde Luft. Wer wohnt denn in dem
+großen Haus?
+
+Hypomedon. Das steht leider leer, die Leute sind alle
+herausgestorben.
+
+Simplizius. Warum nicht gar? Was hat ihnen denn g'fehlt?
+
+Epaminondas. Nu, es ist eine eigene Krankheit, es ist nicht gerade
+ein gelbes Fieber--
+
+Simplizius. Nu, wenn es nur eine Farb' hat, ich bin mit allen
+z'frieden. (Sieht auf die entgegengesetzte Seite in die Kulisse.)
+Sie, da tragen s' ja schon wieder einen?
+
+Epaminondas. Das geht den ganzen Morgen so, heut ist ein
+gefährlicher Tag, Ihr dürft Euch in acht nehmen.
+
+Simplizius. In acht nehmen? Ja, haben Sie denn etwa die Pest?
+
+Epaminondas. Nu, jetzt nicht mehr so sehr.
+
+Simplizius. Nicht mehr so sehr? Hören Sie auf, mir wird völlig
+angst. Ich bitt' Sie, mein lieber--wie heißen Sie?
+
+Epaminondas. Epaminondas.
+
+Simplizius. Epaminondas? Das ist auch ein so ein g'fährlicher Nam'.
+Also, mein lieber Epaminondas, haben Sie die Güte und führen Sie
+mich wohin, daß ich eine Aufheiterung hab', denn ich bin sehr
+miserabel.
+
+Epaminondas. Ich will dich an einen Ort führen, wo du vielleicht
+Bekannte findest.
+
+Simplizius.. O, das wär' prächtig. Wohin denn?
+
+Epaminondas. In die Fremdengruft; dort liegen alle Fremden begraben,
+die seit sieben Jahren in unsere Stadt gekommen sind.
+
+Simplizius. Alle, ohne Ausnahm'?
+
+Epaminondas. Ja, ja, alle; du kannst dir gleich dort einen Platz
+bestellen.
+
+Simplizius. Einen Platz soll ich mir bestellen, wie auf einem
+G'sellschaftswagen? Sie wahnsinniger Mensch, was fallt Ihnen denn
+ein? Was ist denn das für ein Land? Das ist eine wahre Marderfallen,
+wo man nicht mehr hinaus kann. Und das erzählen Sie einem noch,
+Sie abscheul— wie heißen S'? Ich habe Ihnen schon wieder vergessen.
+
+Epaminondas (wild). Epaminondas.
+
+Simplizius. Der Nam' bringt einen allein schon um. So widerrufen
+Sie doch, Epaminondas, wenn Sie nicht wollen, daß mich die Angst
+verzehrt.
+
+
+
+Vierundzwanzigste Szene.
+Vorige. Sillius eilig.
+
+
+Sillius. Helft, helft, es steht ein Haus in Flammen!
+
+Alles (läuft ab). Hilfe, rettet, fort!
+
+Epaminondas (lacht). Haha, die Toren löschen dort und jammern sich
+bei fremdem Unglück krank. Da lach' ich nur, ich bin ein Stoiker,
+wer raubt mein Glück?
+
+
+
+Fünfundzwanzigste Szene.
+Vorige. Argos eilig.
+
+
+Argos. Du sollst nach Hause kehrn, Epaminond', dein Sohn ist tot.
+
+Epaminondas (die Hände jammernd ringend). Mein Sohn! Mein Sohn! O
+unglücksel'ger Tag! Ich überleb' ihn nicht! (Stürzt mit Argos ab.)
+
+
+
+Sechsundzwanzigste Szene.
+Simplizius allein, dann zwei Diener des Thestius.
+
+
+Simplizius (zittert am ganzen Leibe). Schrecklich, schrecklich!
+Stirbt schon wieder eine Familie aus. Der Stoiker ist g'straft für
+seinen Übermut. Mich fangt eine Ohnmacht ab. (Setzt sich auf die
+Stufen des Palastes.) Wo werden s' da Hofmannische Tropfen haben?
+Hilfe, Ohnmacht, Hilfe!
+
+Diener (aus dem Hause). Du möchtest hinaufkommen, Fremdling, dich
+zu laben.
+
+Simplizius (matt). Laben? Das ist die höchste Zeit, daß Sie mich
+laben. Ich komm' schon, nur voraus.
+
+Diener. Doch nimm dich wohl in acht, die Treppe ist sehr steil, es
+haben sich drei Hausgenossen schon das Bein gebrochen.
+
+Simplizius (in höchster Angst). Ums Himmels willen, das nimmt ja
+gar kein End'. (Die Knie schnappen ihm zusammen.) Ich trau' mich
+gar nicht aufzutreten mehr. Führt's mich hinein. (Der Diener führt
+ihn unter dem Arm, er spricht unter dem Abgehen:) O schlechtes Volk!
+Eine Fremdengruft haben s', das gelbe Fieber, etwas Pest,
+Epaminondas--ein' Beinbruch auch. O Angst, wann ich hier stirb',
+mein Leben sehn s' mich nimmermehr. (Schleppt sich ab, von den
+Dienern geführt.)
+
+
+
+Siebenundzwanzigste Szene.
+(kurzes Gemach in Thestius' Hause mit zwei Seitentüren.)
+
+
+Thestius. Ewald.
+
+Thestius. Du bist gemeldet bei dem König, Fremdling, als unsres
+Landes wunderbarer Retter. Seit frühmorgens sind schon die Minister
+all um ihn versammelt. An unheilbarem Übel liegt der Herrliche
+danieder, und wie der Mensch durch höhern Schmerz den mindern nicht
+fühlt, so klagt das Volk mit edler Lieb' bei seines Königs hohem
+Leid, daß es ob dem Gestöhn' das eigne groß vergißt.
+
+Ewald. O, wie entzückend ist es, so geliebt zu sein.
+
+Thestius. So liebt der König auch sein treubewahrtes Volk, und
+gleichen Sieg erringt sein edles Herz. Wie glücklich wär' dies Land,
+wenn nicht der unbarmherz'ge Fürst der unterird'schen Schatten--
+
+
+
+Achtundzwanzigste Szene.
+Vorige. Hermodius eilig und bestürzt.
+
+
+Hermodius. Wo ist der Weise aus Ägyptens Zauberlande, der Rettung
+bietet dem bestürzten Volk?
+
+Thestius. Du siehst ihn hier voll sanfter Würde stehn.
+
+Hermodius. Beweisen magst du nun, daß gute Götter dich mit
+wunderbarer Zauberkraft begabt; du mußt zum König schnell, es will
+sein Geist Elysium erkämpfen, doch sendet Hades schauervolle Bilder,
+mit Schreckensnacht sein Auge zu umgarnen, und Furien, furchtbar
+anzuschauen, mit Schlangen reich umwunden, auf faulen Dünsten
+schwebend, durchrauschen das Gemach. Nun sprich; kannst du des
+Orkus Nacht durch Eos' Strahl erhellen?
+
+Ewald.. Ich kann es nicht, den Göttern ist es möglich, und was ich
+bin, ich bin es nur durch sie.
+
+Hermodius. So eil' mit mir, es ist die höchste Zeit.
+
+Ewald (umarmt Thestius mit Rührung). Mein Thestius, leb' wohl,
+Osiris möge dich für deine Güte lohnen. (Für sich mit Schmerz.)
+Massana sinkt, ich seh' ihn nimmermehr. Nun komm, geleite mich, mir
+winkt ein großer Augenblick.
+
+Thestius. Kehr' bald zurück, mein Herz erwartet dich.
+
+(Ewald und Hermodius zur Seite ab, Thestius zur entgegengesetzten
+Seite ab.)
+
+
+
+Neunundzwanzigste Szene.
+Simplizius und Arete treten ein.
+
+
+Arete. Ach, du armer Mensch, komm doch herein, warum willst du denn
+keine Speise nehmen.
+
+Simplizius. Ich bin überflüssig satt, mir liegt das ganze Land im
+Magen, drum bring' ich nichts hinein. Ich verhungre noch vor Angst.
+
+Arete. Pfui, schäm' dich doch, bist du ein Mann?
+
+Simplizius (beiseite). Ich weiß selbst nicht mehr, was ich bin.
+(Laut.) Vermutlich.
+
+Arete. Betrachte mich; ich bin ein Mädchen. Wir haben zwar große
+Ursache, uns zu fürchten, man hat heute ein Erdbeben verspürt, daß
+die Stadtmauern erzittert haben.
+
+Simplizius. Jetzt, wenn die Stadtmauern schon zum Zittern anfangen,
+was soll denn unsereiner tun?
+
+Arete. Warum bist du denn aber eigentlich nach Massana gekommen?
+
+Simplizius (zittert). Weil ich das Land erretten muß.
+
+Arete. Du? Ach, ihr guten Götter, wenn du dich nur nicht vorher zu
+Tode zitterst.
+
+Simplizius. Glaubst? Das war' sehr fatal.
+
+Arete. Armer Narr, du dauerst mich.
+
+Simplizius. Ich dank' ergebenst. Das Mädel wär' so hübsch, wenn mir
+nur nicht die Knie zusamm'schnappeten; ich fanget aus lauter Angst
+eine Amour an.
+
+Arete. Warum blickst du mich so forschend an, was wünschest du?
+
+Simplizius (für sich). Wenn sie nur in der G'schwindigkeit eine
+Leidenschaft zu mir fasset, so könnten wir heut vormittag noch
+durchgehn, da käm' ich doch auf gute Art aus dem verdammten Land.
+Sag' mir, liebes Kind, was fühlst du eigentlich für mich?
+
+Arete. Mitleid, inniges Mitleid!
+
+Simplizius. Inniges Mitleid? Aha, sie ist nicht ohne Antipathie für
+mich. Könntest du dich wohl entschließen--
+
+Arete. Wozu?
+
+Simplizius. Die Meinige zu werden.
+
+Arete. Arete die Deinige?
+
+Simplizius.. Ja, Arete, du hast mein Herz arretiert.
+
+Arete (sehr stolz). Wer bist du, der du es wagst, um die Hand einer
+edlen Massanierin anzuhalten?
+
+Simplizius (beiseite). Soll ich ihr meinen Stand entdecken? Nein,
+ein mystisches Dunkel muß darüber walten. (Laut.) Ich bin nicht,
+was ich scheine, und scheine auch nicht, was ich bin, und wenn ich
+das wäre, was ich sein möchte, so würd' ich nicht scheinen. was ich
+nicht bin.
+
+Arete. Ich verstehe dich.
+
+Simplizius. Da g'hört ein Geist dazu, ich versteh' mich selber
+nicht.
+
+Arete. Du möchtest gern scheinen, was du nicht bist, und bist doch
+so sehr, was du auch scheinst.
+
+Simplizius. Hat's schon erraten, es ist unglaubbar. Sag' mir, Mädel,
+ hättest du wohl den Mut, mich zu entführen?
+
+Arete. Dich?
+
+Simplizius. Oder umgekehrt.
+
+Arete. Das heißt, ich soll mit dir mein Vaterland verlassen? Ich
+verstehe dich wohl.
+
+Simplizius. Hat mich schon wieder verstanden.
+
+Arete. Damit du mich aber auch verstehst, so will ich dir sagen,
+wofür ich dich halte; Du bist ein unverschämter, erbärmlicher
+Mensch, der es wagt, seine vor Todesfurcht bebenden Lippen zu einer
+Liebeserklärung zu öffnen und einem edlen Mädchen von Massana seine
+krüppelhafte Gestalt anzutragen. Entferne dich, mit dir zu reden
+ist Verbrechen an der Zeit, und wenn du künftig wieder ein
+Mädchenherz erobern willst, so stähle das deinige erst mit Mut;
+mutige Männer werden geliebt, mutlose verachtet man.
+
+Simplizius. Da g'hört ein Stoiker dazu, um das zu ertragen. Lebe
+wohl, du wirst zu spät erfahren, wen du beleidigt hast. Ha, jetzt
+kann Massana fallen, ich heb's g'wiß nicht auf.
+
+Arete. Halt, weile noch, erkläre dich, damit ich erfahre, wessen
+Antrag mich entwürdigt hat.
+
+Duett.
+
+Arete. Wer bist du wohl, schnell sag' es an?
+
+Simplizius. Ich hab's schon g'sagt, ich bin ein Mann.
+
+Arete. Wie heißest du, bist du von Adel?
+
+Simplizius. Ich heiß' Simplizius Zitternadel.
+
+Arete. Der Name klingt mir sehr gemein.
+
+Simplizius. Es kann nicht alles nobel sein.
+
+Arete. Wie kannst du solchen Unsinn sagen?
+
+Simplizius. Das wollt' ich dich soeben fragen.
+
+Arete. Dein Äußres ist mir schon zuwider.
+
+Simplizius. Das schlägt mein Innres sehr danieder.
+
+Arete. So häßlich ist kein Mann hienieden.
+
+Simplizius. Die Gusto sind zum Glück verschieden.
+
+Arete. Wie abgeschmackt der Schnitt der Kleider.
+
+Simplizius (aufbrausend). Das ist nicht wahr, ich bin--(faßt sich
+und sagt gelassen) nur weiter.
+
+Arete. Nun hättest du dich bald verraten.
+
+Simplizius. Ja, meiner Seel', jetzt hat's mir g'raten.
+
+Arete. Du mußt mir sagen, wer du bist?
+
+Simplizius. Ich bin ein Held, wie's keiner ist.
+
+Arete (spöttisch). Dein Mut ist in der Schlacht wohl groß?
+
+Simplizius. Ich stech' oft ganze Tag' drauf los.
+
+Arete. Umsonst verschlingst du schlau den Faden.
+
+Simplizius. Mir scheint, die Feine riecht den Braten.
+
+Arete. Mein Argwohn läßt sich nicht mehr trennen.
+
+Simplizius. Jetzt braucht s' nur noch die Scher' zu nennen.
+
+Arete. Du bist kein Prinz, gesteh' es mir.
+
+Simplizius (zornig). Ich bin ein Kleideringenieur!
+
+Arete. Ha!
+
+(Beide zugleich.)
+
+Ihr Götter, was hör' ich, mein Auge wird trübe,
+Ein solcher Plebejer spricht zu mir von Liebe,
+ Welch eine Glut,
+ Brennet im Blut;
+ Wütender Schmerz,
+ Flammet im Herz.
+Schnell flieh' ich von hinnen, verberge mich schon,
+O folternde Hölle, beschämende Reu'!
+
+Simplizius. Was soll ich es leugnen, 's ist keine Schand',
+Denn Achtung verdienet mein nützlicher Stand.
+ Ich sag' es g'rad,
+ Ich g'hör zur Lad';
+ Und meine Scher',
+ Schwing' ich mit Ehr'.
+Ich schreit in die Welt hinaus, 's ist meine Pflicht,
+Ich bin ja kein Pfuscher, drum schäm' ich mich nicht.
+
+(Beide ab.)
+
+
+
+Dreißigste Szene.
+(Königliches Gemach.)
+
+(Die Hinterwand bildet einen großen offenen Bogen, vier Schuh
+tiefer, eine breite Rückwand von dunklen Wolken, durch welche man
+wie im Nebel eine riesige bläulichte Figur mit glühenden Augen
+erblickt, welche das Haupt mit einem Kranz von Rosmarin umwunden
+hat. Sie ruht lauernd auf den Wolken, ihren Blick auf Heraklius
+heftend, ist mit dem Todespfeil bewaffnet und stellt die alles
+vernichtende Zeit in furchtbar drohender Gestalt vor. Larven
+grinsen hie und da aus den sie umgebenden Wolken hervor. Zwischen
+dieser Wand und der Öffnung des Bogens sieht man vier dunkle
+Schatten bei einem offenen Grabe beschäftigt, aus welchen ein erst
+darin versenkter vergoldeter Sarg noch etwas hervorsteht. Das
+Gemach ist dunkel, der Donner rollt. In einem goldenen Armstuhl
+ruht Heraklius, um ihn trauernd die Großen des Reiches und Diener
+des Tempels. Neben ihm auf einem Marmortisch die Krone. An den
+Kulissen, dem Armstuhl des Königs gegenüber, ein auf drei Stufen
+erhabener einfacher Sitz.)
+
+Heraklius, Ewald und Hermodius.
+
+
+Kurzer Chor der Furien.
+Wo der Frevler mag auch weilen,
+Trifft ihn doch des Orkus Rache,
+Und ihr Dolch wird ihn ereilen,
+Selbst im goldnen Prunkgemache.
+
+
+Heraklius (in matter Unruh).
+Hinweg, hinweg, du scheußlicher Vampir,
+Der frommes Hoffen aus der Seele saugt.
+
+Hermodius (zu Ewald).
+Du siehst des guten Königs Leiden hier,
+Ein Bild, das für kein menschlich Auge taugt.
+
+Heraklius. Wer störet meine Pein?
+
+Hermodius. Dein Retter, Herr.
+
+Heraklius. Umsonst, umsonst, wer bringt die Höll' zum Weichen?
+O Qual, wenn ich doch nicht geboren wär'!
+
+Ewald. Ich kann, mein Fürst, den Anblick dir verscheuchen.
+
+Heraklius. Wenn du's vermagst, ein Fürstentum zum Lohne.
+
+Ewald. So hoch schwebt auch der Preis, den ich bestimm',
+Ich fordre viel, ich fordre deine Krone.
+
+Heraklius. Sie war mein Stolz--vorbei--verscheuch'--nimm--nimm!
+
+Ewald (zu den Edlen).
+Ihr habt's gehört, seid ihr damit zufrieden?
+
+Alle (dumpf und halblaut).
+Wenn dich der König wählt, wählt dich das Reich.
+
+Ewald. So will ich über dieses Schauertum gebieten,
+Bei Isis' Donner, Truggewölk' entfleuch!
+
+(Donnerschlag, er schwingt die Fackel, die Hinterwand entweicht,
+Grab und Schatten verschwinden, ein tiefes Wolkentheater zeigt sich,
+es stellt ein praktikables Wolkengebirge vor. Oben quer vor der
+Hinterwand eine goldene Mauer und ein goldenes Tor. Hinter diesem
+strahlt heller Sonnenglanz, der sich im Blau des Himmels verliert,
+das mit Sternen besäet ist. Am Fuße dieses Gebirges beim Ausgange
+sitzt auf einem Piedestal Thanatos wie in der früheren Szene, doch
+mit der brennenden Fackel. Sphärenmusik ertönt. Heraklius' Gestalt
+wird von Genien mit Rosenketten über den Wolkenberg geleitet, bis
+zu dem goldenen Tor, dort sinkt sie nieder. Die Musik währt leise
+fort.)
+
+Heraklius. O süßer Seelentrank aus himmlischem Gefäß,
+O Lust, gefühlt durch neu erschaffnen Sinn,
+Wenn ich auch tausend Kronen noch besäß',
+Ich geb' sie gern für diesen Anblick hin.
+O krönt ihn noch an meinem Sterbebette,
+Er wird mein fluchzerrüttet Land beglücken.
+ (Nun öffnet sich das goldene Tor, eine glänzende Göttergestalt
+tritt heraus.)
+Mir ist so leicht, es schmilzt die ird'sche Kette,
+Mein Geist entflieht, o unnennbar Entzücken!
+
+(Thanatos stürzt mildlächelnd die Fackel um, die verlischt,
+zugleich drückt die Göttergestalt den König an die Brust, sein
+Kleid verschwindet, und er steht im weißen Schleiergewande da,
+welches rosig bestrahlt wird. Genien bilden eine Gruppe. Heraklius'
+Haupt sinkt sanft auf seinen Busen, Ewald löscht die Fackel aus,
+und der das Gemach schließende Vorhang rauscht langsam und leise
+herab, die Musik verhallt. Feierliche Pause, Rührung in jeder Miene.)
+
+
+
+Hermodius. Es ist vorbei, er mußte von uns scheiden.
+Ein königliches End', durch Ruhm verklärt.
+Wer so beglückt vergeht, ist zu beneiden,
+Beim Zeus, so ist der Tod ein Leben wert!
+ (Man bedeckt Heraklius mit einem seidnen Mantel.)
+Nun laßt sein letzt Gebot uns schnell benützen,
+Denn ohne König kann das Land nicht sein.
+
+Adrasto (nimmt die Krone und stellt sich vor Ewald hin).
+Wie Götter dich, so wirst du uns beschützen,
+Drum nimm den Platz auf jenen Stufen ein.
+
+(Ewald besteigt die Stufen, auf welchen der Sitz angebracht ist.)
+
+Ewald (für sich). Es bebt mein Herz, mich fasset Todesschrecken.
+
+(Kniet nieder.)
+
+Alle. Wir huld'gen dir als Herrscher ehrfurchtsvoll.
+
+(Knien.)
+
+Adrasto. So mag die Kron' dein weises Haupt bedecken,
+Sei König--herrsch'--
+
+Bei dem letzten Worte hat er ihm die Krone aufs Haupt gesetzt, doch
+ohne die geringste Pause stürzt unter schrecklichem Gekrach der
+Saal zusammen. Der Bogen und die Kulissen bilden Berge von Schutt,
+welche die Spielenden dem Auge des Publikums entziehen. Im
+Hintergrunde zeigt sich das Meer, das zwischen die Schuttberge des
+Saales hereindringt und aus dem in der Ferne die versunkenen Türme
+von Massana hervorragen. Die Stufen, wo Ewald kniet, verwandeln
+sich in Wolken, worauf er bis in die Mitte des Theaters schwebt und
+wehmütig ausruft:
+
+Massana, lebe wohl!
+
+Er schwingt seine Fackel, um den traurigen Anblick zu verschönern
+und fährt fort. Die aus dem Meere hervorragenden Trümmer und der
+Schutt des Saales verwandeln sich in zarte Rosenhügel. Die Luft
+wird rein, und das Ganze strahlt im hellsten Rosenlichte.
+
+(Der Vorhang fällt langsam).
+
+Ende des ersten Aufzuges.
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug.
+
+
+
+Erste Szene.
+(In Agrigent.)
+
+Ein anderer Teil des Waldes am roten See, welcher praktikabel ist.
+Androkles, Clitonius und Jäger treten mit Wurfspießen bewaffnet auf.
+
+
+Jägerchor.
+ Jägerlust müßt' bald erschlaffen,
+Gält' die Jagd nur feigen Affen;
+Doch wenn durch der Wälder Stille
+Mächtig tönt des Leus Gebrülle,
+Hier die grausame Hyäne
+Fletscht die mörderischen Zähne,
+Dort, eh' man den Wurfspieß schwingt,
+Aus dem Busch der Tiger springt,
+Dann beginnt des Waldes Krieg.
+Falle, Jäger, oder sieg'!
+
+
+Androkles (zu den Jägern). Verteilt euch, wie ihr wollt, der König
+jagt allein, ihr mögt euch hüten, seinem Feuerblick zu nahen, der
+zornigflammend durch des Forstes Dunkel blitzet.
+
+(Alle bis auf Clitonius und Androkles ab.)
+
+
+
+Zweite Szene.
+Androkles und Clitonius.
+
+
+Androkles. O mein Clitonius, was mußten wir erleben, die hohen
+Götter sind aus Agrigent gewichen.
+
+Clitonius. Wo mag wohl unser edler König weilen, den seines Hauses
+Laren treu gerettet haben. Könnt' er doch sehn, wie sich sein armes
+Volk betrübt.
+
+Androkles. Wer freut sich nun in Agrigent? Der Wahnsinn lacht
+allein, gesundes Hirn muß trauern. Ist doch Phalarius selbst,
+seitdem die Höllenkron' auf seinem Haupte brennt, als hätt' des
+Unmuts Dolch sein falsches Herz durchbohrt. Weißt du, warum die
+Jagd nun tobt? Aspasia ist nicht mehr.
+
+Clitonius. Aspasia? Die Schwester unsers teuern Königs Kreon? Die
+herrliche Aspasia?
+
+Androkles. Sie war's allein, der Phalarius an dem verhängnisvollen
+Tag des schauerlichen Überfalls das Leben ließ, weil er als
+Feldherr schon für sie in Lieb' entbrannt. Seit er das Reich
+besitzt, bestürmt er sie mit Bitten und mit Drohungen, sie möchte
+ihre Hand ihm reichen, er wolle ihr dafür drei Königreiche bieten;
+doch wie sie ihn und seine Kron' erblickt, da sinkt sie zitternd
+vor ihm nieder und krümmt sich zu dieses Wütrichs Füßen, beschwört
+mit Tränen ihn, von ihr zu lassen, es gäb' für seine Kron' auf
+Erden keine Liebe. Doch er reißt sie mit Ungestüm an seine
+Eberbrust und will dem keuschen Mund den ersten Kuß entreißen; da
+wandeln sich der Lippen glühende Korallen in bleiche Perlen um, des
+Auges Glanz erstirbt, des Todes Schauer fassen ihre Glieder, die
+Angst, daß sie der Kron' so nah', bricht ihr das Herz, kalt und
+entseelt hält sie Phalarius, vor Schreck erbleichend, in den Armen.
+
+Clitonius. Entsetzlich Glück, sich so gekrönt zu wissen.
+
+Androkles. Da faßt ihn eine Wut, er tobt, daß des Gemaches Säulen
+beben; Zur Jagd! ruft er, hetzt mir des Waldes Tiger all' auf mich,
+die Erd' wühlt auf, daß Ungeheuer ihr entkriechen, die sich noch
+nie ans Sonnenlicht gewagt, gebt Nahrung meinem Pfeil, damit mein
+Haß umarmen kann, weil Lieb' mein Herz so unbarmherzig flieht. So
+stürzt er fort zur Jagd, und zitternd beugt vor ihm der schwarze
+Forst sein sonst so drohend Haupt.
+
+Clitonius. Da wird uns wohl der Morgenstrahl im Wald begrüßen.
+
+Androkles. Der Abend kaum, denn eh' der Mond sich noch auf des
+Palastes Zinnen spiegelt, verbirgt er sich in ein Gemach, aus
+Marmor fest gewölbt, ganz öffnungslos, damit kein Strahl des Mondes
+kann sein Haupt erreichen, weil seine Kron', so sagt Dianens weiser
+Diener, die Kraft verliert, solang' des Mondes Licht auf ihren
+Zacken ruht. Und weil in dieser Zeit sein Leben nicht gesichert ist,
+ verriegelt er die Tür aus festem Ebenholz; doch ohne Mondenglanz
+kann nie ein Pfeil ihn töten, und kraftlos sinken sie zu seinen
+Füßen nieder.
+
+Clitonius. Sprich nicht so laut, es rauscht dort im Gebüsch.
+
+Androkles (schwingt den Wurfspieß). Ein Tiger ist's.
+
+Clitonius. Nein, nein, es ist Phalarius, dich täuscht sein
+Pantherfell; wir sind verloren, wenn er uns gehört.
+
+Androkles. Schweig still, er raset dort hinüber dem Löwen nach, der
+ängstlich vor ihm flieht. Komm, laß uns auch vor diesem Königstiger
+fliehn, wenn Löwen weichen, dürfen Menschen sich der Flucht nicht
+schämen.
+
+(Beide ängstlich ab.)
+
+
+
+Dritte Szene.
+Musik. Lulu und Fanfu, geflügelte Genien, bringen Zitternadel in
+einem großen Schal, welchen sie an beiden Enden halten, als trügen
+sie etwas in einem Tuche, durch die Luft. Sie stehen auf Wolken,
+und der Schal ist ein Flugwagen und so gemalt, daß Zitternadel
+gekrümmt wie ein Kind darin liegt und kaum sichtbar ist. Er ruht
+auf der Erde, der Schal fliegt wieder fort.
+
+
+Lulu. So steig nur heraus, du tapfres Hasenherz, hier sind wir
+schon in Sicherheit.
+
+Fanfu. Nun, Schnecke, streck' den Kopf heraus.
+
+Zitternadel (steckt den Kopf heraus). Wo sind wir denn? Ich muß
+erst meine Gliedmaßen alle zusamm'suchen. (steigt aus, die Genien
+helfen ihm.) So, ich dank' untertänigst, das sind halt Kinderln,
+wie die Tauberln. Au weh, so ein Erdbeben möcht' ich mir bald
+wieder ausbitten. Ich schau' beim Fenster hinaus in meiner
+Schuldlosität, auf einmal fangt's zum krachen an, als wenn die
+ganze Welt ein Schubladkasten wär', der in der Mitte
+voneinanderspringt, und ich stürz' über den siebenten Stock
+hinunter, die zwei Kinderln fangen mich aber auf und fliegen mit
+mir davon. Kaum sind wir in der Höh', macht es einen Plumpser, und
+die ganze Stadt rutscht aus und fallt ins Wasser hinein. Der arme
+Dichter hat sich eintunkt mit seiner Weisheit. O unglücksel'ger Tag!
+ Weil nur ich nicht ins Wasser g'fallen bin, die Schneiderfischeln
+hätten's trieben. Überhaupt, wenn die Fisch' die Zimmer unterm
+Wasser sehn, die werden sich kommod machen. Wenn so ein Walfisch
+unter einem Himmelbett schlaft, der wird Augen machen. Zwar daß ein
+Stockfisch auf einem Kanapee liegen kann, das hab' ich an mir
+selber schon bemerkt. Wenn nur keiner in eine Bibliothek
+hineinschwimmt, denn da kennt sich so ein Vieh nicht aus. O, du
+lieber Himmel, ich werd' noch selbst ein Fisch aus lauter Durst.
+(Kniet nieder.) Liebe Kinderln, seid's barmherzig, laßt mir etwas
+zufließen, sonst muß ich verdursten.
+
+Lulu. Dein Durst ist uns recht lieb, wir haben dich darum hierher
+gebracht, um dich zu wässern.
+
+Simplizius. So wässert's mich einmal, ich kann's schon nicht
+erwarten.
+
+Lulu. Trink dort aus jenem See. Hier hast du eine Muschel. (Holt
+eine vom Gestade.)
+
+Simplizius. Der rotköpfige See? Aus dem trau' ich mich nicht zu
+trinken.
+
+Lulu und Fanfu (streng). Du mußt.
+
+Simplizius (fällt auf die Knie). O, meine lieben Kinderln, seid nur
+nicht bös', ich will ja alles tun aus Dankbarkeit. Ich sauf' wegen
+meiner das ganze rote Meer aus, und das schwarze auch dazu.
+
+Lulu (reicht ihm eine Muschel voll Wasser). Trink, es scheint nur
+rot zu sein, es ist doch reiner als Kristall.
+
+Simplizius. So gib nur her.
+
+Fanfu. Er trinkt, nun wird er blutdurstig werden.
+
+Simplizius (zittert mit der Muschel). Ich zittr' wie ein
+hundertjähriger Greis. (Trinkt.) Ah, das ist ein hitziges Getränk,
+wie ein Vanili Rosoglio. (Rollt die Augen.) Was geht denn mit mir
+vor? Potz Himmel tausend Schwerenot!
+
+Lulu (zu Fanfu). Siehst du, es wirkt, er wird gleich eine andere
+Sprache führen. (Beide nähern sich ihm sanft.) Was ist dir, lieber
+Zitternadel?
+
+Simplizius (wild). Still, nichts reden auf mich, Ihr Bagatellen!
+Ich begreif' nicht, was das ist, ich krieg' einen Zorn wie ein
+kalekutischer Hahn, und weiß nicht wegen was. Wenn ich ihn nur an
+jemand auslassen könnt'. Bringt mir einen Stock, ich wichs' mich
+selbst herum.
+
+(Die Genien lachen heimlich.)
+
+Simplizius. Ja, was ist denn das? Ihr seid ja zwei gottlose Buben
+übereinander, ihr seid ja in die Haut nichts nutz, euch soll man ja
+haun, so oft man euch anschaut. Das seh' ich jetzt erst.
+
+Die Genien (nahen sich bittend). Aber lieber Zitternadel!
+
+Simplizius (reißt einen Baumast ab). Kommt mir nicht in meine Näh',
+oder ich massakrier' euch alle zwei.
+
+Lulu. So hör' uns doch; du mußt nach Kallidalos fliegen, dort
+findest du den Dichter, deinen Freund.
+
+Simplizius. Nu, der soll mir traun, den hau' ich in Jamben, daß die
+Füß' herumkugeln. Jetzt macht fort und schafft mir ein kolerisches
+Pferd, daß ich durch die Luft reiten kann!
+
+Lulu. Ein kolerisches Pferd? das wirft dich ja herab.
+
+Simplizius. So bringt's mir einen Auerstier, der wirft mich wieder
+hinauf.
+
+Lulu. Nu, wie du willst. (Er winkt, ein geflügelter Auerstier
+erscheint in den Wolken.) Ist schon da.
+
+Simplizius. Ha, da ist mein Araber. Jetzt wird galoppiert. Setzt
+euch hinauf, auf die zwei Hörndl.
+
+Lulu. Ah, wir getrauen uns nicht. Reit nur voraus, wir kommen dir
+schon nach. (Laufen ab.)
+
+Simplizius. Ha, feige Brut! (Steigt auf). Da bin ich ein andrer
+Kerl. Jetzt kann mir 's Rindfleisch nicht ausgehn, ich bin versorgt.
+ Hotto, Schimmel! Das versteht er nicht.--Bruaho! (Der Stier fliegt
+ab.) Jetzt geht's los.
+
+
+
+Vierte Szene.
+Tiefere Felsengegend, in der Ferne Wald, auf der Seite eine
+Waldhütte. In der Mitte steht Phalarius mit einem goldenen
+Wurfspieß bewaffnet, vor ihm liegt ein Löwe und zittert.
+
+
+Phalarius. Was zitterst du entnervt, verachtungswürd'ger Leu,
+Und beugst den Nacken feig vor meiner Krone Glanz?
+Mich ekelt Demut an, weil ich den Kampf nicht scheu',
+Nie schände meine Stirn solch welker Siegeskranz.
+Wofür hat Jupiter so reichlich dich begabt?
+Wozu ward dir die Mähn', das Sinnbild hoher Kraft?
+Der stolze Gliederbau, an dem das Aug' sich labt?
+Das drohende Gebiß, vor dem Gewalt erschlafft?
+Der Donner des Gebrülls, der Panzer deiner Haut?
+Erhieltst du all die Macht, um mächt'ger zu erbeben?
+Schäm' dich, Natur, die du ihm solchen Thron erbaut,
+Da liegt dein Herrscher nun und zittert für sein Leben.
+ (Heftiger)
+Du hast mit Schlangen, Luchs und Panthertier gestritten;
+So reg' dich doch und droh' auch mir mit mächt'ger Klau'.
+Du edelmüt'ges Tier, so laß dich doch erbitten,
+Verteid'ge dich, damit ich Widerstand erschau'.
+Wie kann ein König noch zu einem andern sprechen.
+Mach' mich nicht rasend, denk', du bist zum Streit geboren.
+Doch nicht? Wohlan! So will ich euch, ihr Götter, rächen.
+Er ehrt sein Dasein nicht, drum sei's für ihn verloren.
+ (Er tötet ihn, stößt ins Horn, Jäger erscheinen und beugen sich
+erschrocken.)
+Bringt mir den Löwen fort, ich kann ihn nicht mehr sehen.
+ (Der Löwe wird fortgebracht, er steht nachdenkend mit
+verschlungenen Armen.)
+Wozu nützt mir Gewalt, wenn sie mich so erhebt?
+Könnt' ich die Erde leicht gleich einer Spindel drehen,
+Es wäre kein Triumph, weil sie nicht widerstrebt.
+Aspasia tot, durch meiner Krone Dolch entseelt.
+Abscheul'che Hölle, so erfüllst du mein Begehren?
+Wer war noch glücklich je, dem Liebe hat gefehlt?
+Die größte Lust ist Ruhm, doch Lieb' kann sie vermehren,
+Doch meine Lieb' heißt Tod, wer mich umarmt, erblaßt.
+Unsel'ges Diadem, daß du mein Aug' entzücktest,
+Tief quälendes Geschenk, schon wirst du mir verhaßt,
+Ich war noch glücklicher, als du mich nicht beglücktest!
+Äol, der oft die Majestät der Eichen bricht,
+Und so am Haupt des Walds zum Kronenräuber wird,
+Sag'! warum sendest du die geile Windsbraut nicht,
+Daß sie die Kron' als glühnden Bräutigam entführt?
+ (Die Jäger kommen zurück, er setzt sich auf einen Fels.)
+Ich wünschte mich mit etwas Traubensaft zu laben,
+Der eigennütz'ge Leib will auch befriedigt sein.
+
+Erster Jäger. Den kannst du, hoher Fürst, aus jener Hütte haben,
+ (Klopft an)
+He, Alter, komm heraus und bringe Wein.
+
+Phalarius. Wer ist der Mann, der hier so tief im Walde wohnt?
+
+Erster Jäger. Ein Feldherr war er einst, nun lebt er als ein Bauer.
+
+Phalarius. Welche Erniedrigung, wer hat so schimpflich ihn belohnt?
+
+
+
+Fünfte Szene.
+Vorige. Der alte Octavian fröhlich aus der Hütte, einen Becher Wein
+tragend.
+
+
+Octavian. Komm schon, ein froh Gemüt ist immer auf der Lauer.
+ (Erblickt die Krone und sinkt nieder.)
+Ha, welch ein Blick umschlängelt feurig meine Augen?.
+Es krachet mein Gebein und sinket in den Staub.
+
+Phalarius. Laß sehen, ob dein Wein wird meinem Durste taugen.
+ (Will trinken.)
+Doch sag', warum verbirgst du dich so tief im Laub?
+
+Octavian. Gewähr', daß ich den Blick von deiner Krone wende,
+Wenn du willst Wahrheit hören, und sie dein Ohr erfreut.
+
+Phalarius. Ich hasse den Betrug, steh auf und sprich behende.
+
+Octavian (steht auf, doch ohne Phalarius anzusehen--fröhlich).
+Mich freut der grüne Wald, beglückt die Einsamkeit,
+Ich hab' sie selbst gewählt, lieb' sie wie einen Sohn.
+Ich bin nicht unbeweibt, mein Herz schlägt lebenswarm,
+Glüh' für mein Vaterland, sprech' seinen Feinden Hohn,
+Und wenn es mein bedarf, weih' ich ihm Kopf und Arm,
+Sonst bau' ich froh mein Feld, ein zweiter Cincinnat.
+
+Phalarius. Ein kluger Lebensplan, wenn du bloß Landmann wärst,
+Dann bau' nur deine Flur, so dienst du treu dem Staat.
+Als Feldherr hoff' ich, daß zu herrschen du begehrst.
+
+Octavian. Ich herrsche ja, wer sagt, daß ich nur Diener bin?
+Weißt du denn nicht, daß jedes Ding der Welt ein Herrscher ist?
+Die Götter herrschen im Olymp mit hohem Sinn,
+Auf Erden Könige, so weit ihr Land nur mißt,
+Der ganze Staat, wie es Gesetz und Fürst befiehlt,
+Ein jeder dient und hat doch auch sein klein Gebiet.
+Und so wird eines jeden Dieners Lust gestillt.
+Der Sänger herrscht durch edlen Geist in seinem Lied,
+Der Liebende in der Geliebten schwachem Herzen;
+Der Vater wacht im Haus für seiner Kinder Heil;
+Der Arzt beherrscht der Krankheit widerspenst'ge Schmerzen;
+Der Fischer seinen Kahn, der Jäger seinen Pfeil;
+Kurz, jeder hat ein Reich, wo seine Krone blitzt,
+Der Sklave selbst an Algiers Strand, der ärmste Mann,
+Der auf der Erde nichts als seine Qual besitzt,
+Hat einen Thron, weil er sich selbst beherrschen kann.
+
+Phalarius (der während der Rede mit Erstaunen gekämpft, schleudert
+den Becher fort).
+Genug, ich trinke nicht den wortvergällten Wein,
+Nicht Labung reichst du mir, du tränkest mich mit Gift,
+Du wärst vergnügt und herrschest nicht? Es kann nicht sein!
+
+Octavian. Das bin ich, Herr, selbst dann, wenn mich dein Zorn auch
+trifft.
+
+Phalarius. Unmöglich, widerruf, daß du dich glücklich fühlst,
+Es gibt bei solcher Kraft nicht solchen Seelenfrieden,
+Du weißt nicht, wie du tief mein Inneres durchwühlst.
+O Götter, welche Pein erlebe ich hienieden,
+Daß ich nicht froh sein kann und Frohsinn schauen muß.
+Gesteh, du bist kein Held, warst nie auf Ruhm gebettet,
+Du warst nie Feldherr, nein, regiertest stets den Pflug.
+
+Octavian. Ein Knabe warst du kaum, als ich das Reich errettet.
+Ich bin Octavian.
+
+Phalarius. Der einst die Perser schlug?
+
+Octavian. So ist's.
+
+Phalarius (entsetzt, wie aus einem Traum erwachend, aufschreiend).
+ Aus meinem Land, verhaßtes Meteor!
+Daß meines Ruhmes Licht vor deinem nicht erlischt.
+Du kömmst mir wie ein list'ger Rachedämon vor,
+Der aus der Rose Schoß als gift'ge Schlange zischt.
+Entfleuch, du bist verbannt, gehörst dem Land nicht an.
+Dein Glück ist Heuchelei, es kann sich nicht bewähren,
+Hinweg aus meinem Reich mit solch verrücktem Wahn,
+Du darfst nicht glücklich sein, sonst müßt' ich dich verehren.
+
+(Ab, die Jäger folgen scheu.)
+
+
+
+Sechste Szene.
+
+
+Octavian (allein).
+Da geht er hin, unglücklicher als der, den er verjagt.
+Du bist verbannt, wie leicht sich doch die Worte sprechen;
+So fröhlich erst, und nun so bitter zu beklagen,
+Doch nein, ich bin ein Mann, du sollst mein Herz nicht brechen.
+
+(In die Hütte ab.)
+
+
+
+Siebente Szene.
+Romantische Gegend auf Kallidalos. Auf der einen Seite Häuser, auf
+der anderen Wald. Lucina und Ewald, die Krone auf dem Haupte,
+treten auf.
+
+
+Lucina. Du bist hier aus der kallidal'schen Insel, erhole dich von
+deinem Schreck.
+
+Ewald. Vergib, daß meine Nerven ängstlich zucken, noch ist die
+Greuelszene nicht aus meinem Hirn entwichen, und nimmer möcht' ich
+solchen Anblick mehr erleben.
+
+Lucina. Hier wirst du leichteren Kampf bestehn, mein armer König
+ohne Reich. Nun horch' auf mich: Auf dieser Insel herrscht die
+feine Sitte, daß sich der König und die Edelsten des Volkes am
+ersten Frühlingstag im Tempel dort versammeln; von allen Mädchen
+dieses Reichs, die zart geputzt dem königlichen Aug' sich zeigen,
+ernennet er die Schönste als des Festes Herrscherin und schmückt
+das wunderholde Haupt mit einer Rosenkrone. Dann wählet er aus
+rüst'ger Jünglingsschar den Tapfersten, der sich nicht weigern darf,
+und schenkt ihm ihre Hand, nachdem er ihn zuvor zu einem Amt
+erhebt. Das Brautpaar wird sogleich an Cyprias Altar vermählt; so
+endet sich das Fest und dieses Tages Jubel. Du sorgst, daß dieser
+Preis auf einem Haupte ruht, das sechzig Jahre schon des Lebens
+Müh' getragen. Doch dürfen es nicht Rosen zieren, ein Myrtendiadem
+muß auf der Stirne prangen, durch Weiber aufgedrückt, die neidisch
+nach der Krone blicken, nach der sie selbst vergebens ringen.
+Wodurch du dies bezweckst, wirst du wohl leicht erraten, die deine
+leg' nun ab, ich will sie selbst verwahren. (Ewald kniet sich
+nieder, zwei Genien erscheinen aus der Versenkung, sie nimmt ihm
+die Krone ab.) Sie ziemt nicht deiner Stirn. (Gibt die Krone den
+Genien.) Bewahrt sie wohl, beherrscht sie auch kein Reich, wird sie
+doch viele Reiche retten. (Die Genien versinken damit.) Hast du nun
+einen Wunsch, so sprich ihn aus!
+
+Ewald. Ob mein Begleiter lebt, dies wünsch' ich wohl zu wissen,
+auch seiner Sendung Zweck ist mir ein Rätsel noch.
+
+Lucina. Er lebt. Wozu ich ihn bestimmt, wird sich noch heut
+enthüllen, bald siehst du ihn, doch magst du nicht ob der
+Verändrung staunen, die sein Gemüt erlitten hat, sie währet nur so
+lang bis so viel Blut durch seine Hand entströmt, als Wasser er aus
+meinem Zaubersee getrunken.
+
+Ewald. Wie, einen Mörder werde ich in ihm erblicken?
+
+Lucina. Sei ruhig nur, ich lenke seinen Arm, befolge du nur mein
+Geheiß und fordre dann den Lohn. Für alles andre laß die hohen
+Götter sorgen, die oft durch weise Wahl gemeine Mittel adeln, daß
+sie zu hohen Zwecken dienen. (Ab.)
+
+
+
+Achte Szene.
+
+
+Ewald (allein). Dies scheinen mir die letzten Häuser einer großen
+Stadt zu sein. Ich will an eine dieser Pforten pochen, vielleicht
+erscheint ein altes Weib, deren Geschwätzigkeit mir schnellen
+Aufschluß gibt, und das ich gleich zu meinem Plan verwenden kann.
+(Er klopft an die Tür des ersten Hauses.)
+
+Atritia (sieht zum Fenster heraus). Wer pocht so ungestüm? Weißt du
+noch nicht, daß dieses Tor sich keinem Manne öffnet.
+
+Ewald (für sich). Himmel, welch ein liebenswürdiger Mädchenkopf.
+
+Atritia. Dein Staunen ist umsonst.
+
+Ewald (für sich). Sanftmut lauscht in ihrem Auge--
+
+Atritia. Täusche dich nicht.
+
+Ewald (für sich). Und zeigt den Weg zu ihrem Herzen.
+
+Atritia. Es ist zu fest verschlossen.
+
+Ewald (für sich). Ich muß mein Glück benützen.
+
+Atritia. Du kommst mir nicht herein, das sag' ich dir.
+
+Ewald. Schönes Mädchen, eröffne doch die Pforte, ich will so leise
+über ihre Schwelle gleiten, als schlich' ein Seufzer über deine
+süßen Lippen.
+
+Atritia. Er ist ein feiner Mann und hat mich süß genannt, nun kann
+ich ihm denn doch nichts Bittres sagen. Gern ließ' ich dich herein,
+doch darf ich nicht.
+
+Ewald. Wer hat es dir verboten?
+
+Atritia. Meine Muhme, sie sagt; du lassest keinen Mann mir über
+diese Schwelle treten. Es ist ein hart Gebot, doch muß ich es
+befolgen, sonst würd' ich gern in deiner Nähe sein, denn du
+gefällst mir wohl.
+
+Ewald. Nun gut, so komm zu mir heraus. Hat sie dir denn gesagt, du
+darfst zu keinem Manne über diese Schwelle treten?
+
+Atritia (unschuldig). Das hat sie nicht gesagt. Jetzt bin ich schon
+zufrieden und komm zu dir hinaus.
+
+
+
+Neunte Szene.
+Ewald und Atritia.
+
+
+Ewald. Noch nie hat mich der Anblick eines Mädchens so entzückt.
+
+Atritia (hüpft heraus). Also hier bin ich, was hast du zu fragen?
+
+Ewald. Ob du mich liebst?
+
+Atritia. Wie kann ich dich denn lieben, ich weiß ja noch nicht, ob
+du liebenswürdig bist.
+
+Ewald. Ja, wenn ich dir das erst erklären soll, dann hast du mir
+die Antwort schon gegeben.
+
+Atritia. Bist du vor allem treu? Bekleidest du ein Amt? Bist du
+vielleicht ein Held? So geh hinaus und kämpfe mit dem Eber, und
+hast du ihn erlegt, so kehr' zurück und wirb um meine Hand.
+
+Ewald. Ein Eber ist hier zu bekämpfen?
+
+Atritia. Ein mächtig großer noch dazu. So groß fast wie ein Haus,
+so hat mir meine Angst ihn wenigstens gemalt.
+
+Ewald. Hast du ihn schon gesehn?
+
+Atritia. Ei freilich wohl, er nähert sich der Stadt, verwüstet alle
+Fluren und hat ein Mädchen erst zerrissen, das heute als die
+Schönste wär' gewiß erwählt worden.
+
+Ewald. Ist heut dieses Fest?
+
+Atritia. Ja, heute soll es sein, der Tempel ist schon reich
+geschmückt, und alle Mädchen dort versammelt, doch als der König
+eben sich dahin begeben wollte, im feierlichen Zug der Krieger, da
+kam die Nachricht schnell, daß sich der Eber zeigt und auf den
+Feldern wütet. Da ließ der König alles, was nur Waffen trug, zum
+blut'gen Kampfe gegen den Eber ziehn. Drum findest du die Straßen
+leer.
+
+Ewald. Dann ist die höchste Zeit, daß ich zu Werke schreite. Ich
+bin ein Mann von Ehre und deiner Liebe wert, doch sag' mir, holdes
+Kind, wo find' ich wohl ein altes Weib mit sechzig Jahren, das noch
+so eitel ist, daß sie für schön sich hält?
+
+Atritia. Wo finde ich sie nicht, so solltest du mich fragen, die
+gibt's wohl überall, das hab' ich oft gelesen. Obwohl die Frage
+nicht sehr artig ist, so wirst du gar nicht lange suchen dürfen,
+wenn du noch eine Weile mit mir sprichst, denn meine Muhme wird
+bald nach Hause kommen und dich von ihrer Tür verjagen.
+
+Ewald. Ist sie so böse?
+
+Atritia. Leider ja. Als meine Mutter starb, ward ich ihr übergeben
+und vieles Geld dazu. Sie mußte mich erziehen, das tat sie auch,
+doch von dem Gold, was ihr die Mutter hat für mich zum Heiratsgut
+vertraut, da will sie gar nichts wissen. Sie schlägt mich auch,
+wenn sie oft Langeweile hat, erst gestern noch, weil ich mich zu
+dem Feste schmücken wollte, das gab sie denn nicht zu, sie sagt,
+mich braucht kein Mann zu sehen. Das hat mich sehr geschmerzt, ich
+wünsche mir doch einen Mann, und wie soll mich denn einer frein,
+wenn mich nie einer sieht?
+
+Ewald. Da sprichst du wahr, doch einer hat dich ja gesehn.
+
+Atritia. Und das bist du. Doch wann wirst du mich wiedersehn?
+
+Ewald. Ist es dein Wunsch?
+
+Atritia. Ei frag' doch nicht, glaubst du, ich wär' zu dir
+herabgekommen, wenn du mir nicht gefallen hättest, du stündst noch
+lange vor der verschloßnen Tür, wenn du durch deinen Blick mein
+Herz nicht früher aufgeschlossen hättest. Doch jetzt leb' wohl und
+denk' darum nicht arg von mir, weil ich dir sag', daß ich dich
+liebenswürdig finde. Dafür werd' ich's auch keinem andern sagen
+mehr, und hab' es keinem noch gesagt.
+
+Ewald. Bezauberndes Geschöpf, willst du mich schon verlassen?
+
+Atritia. Ich muß, such' deine Alte nur, hörst du, und hast du sie
+gefunden (droht schalkhaft mit dem Finger), vergiß nicht auf die
+Junge! (Läuft ins Haus.)
+
+
+
+Zehnte Szene.
+Ewald allein, dann Simplizius.
+
+
+Ewald. Da läuft sie hin; Lucina, wenn ich Lohn von dir begehr', so
+ist es dieses Mädchens reizender Besitz.
+
+Simplizius (ruft in der Luft). Bruaho!
+
+Ewald. Wer galoppiert da durch die Luft? Das ist Simplizius auf
+einem Stier!
+
+Simplizius (sinkt nieder). Halt' Er an! (Steigt ab.) So, da sind
+wir alle zwei. Nur wieder nach Hause ins Bureau! (Der Stier fliegt
+fort, Simplizius ruft nach.) Meine Empfehlung an die andern.
+
+Ewald. Simplizius, wo nehmen Sie den Mut her, sich so durch die
+Lust zu wagen?
+
+Simplizius. Geht Ihnen das was an? Haben Sie sich darum zu
+bekümmern? Kann ich nicht reiten, auf was ich will? Glauben Sie,
+weil Sie vielleicht auf einer flanellenen Schlafhauben
+herübergeritten sind, so soll ich meine Herkulesnatur verleugnen?
+Ah, da hat es Zeit bei den Preußen!
+
+Ewald. Aber mit welchem Rechte?
+
+Simplizius. Was, mit mir reden Sie von einem Recht, da kommen Sie
+an den Unrechten. Recht? Wollen Sie vielleicht einen Prozeß
+anfangen? Glauben Sie, ich bin ein Rechtsgelehrter, der sich links
+hinüber drehen läßt? Da irren Sie sich!
+
+Ewald. Welch ein Betragen!
+
+Simplizius. Was Betragen, wer wird sich gegen Sie betragen? Ich
+betrag' mich gar nicht, um keinen Preis.
+
+Ewald (verächtlich). Gemeiner Wicht.
+
+Simplizius. Keine Beleidigung, junger Mensch, wenn ich nicht
+vergessen soll, wer ich bin.
+
+Ewald (lacht heftig). Das ist zum Totschießen.
+
+Simplizius. Vom Totschießen reden Sie? Wollen Sie sich duellieren
+mit mir auf congrevische Raketen, oder sind Ihnen die vielleicht zu
+klein, so nehmen wir ein jeder ein Haus und werfen wir's einer dem
+andern zum Kopf, damit die Sach' ein Gewicht hat. Wollen Sie?
+
+Ewald. Beim Himmel, wenn mich Lucina nicht gewarnt hätte, ich müßte
+ihn züchtigen.
+
+Simplizius. Züchtigen? Ha, beim--wie heißt der Kerl?--Ha, beim Zeus,
+jetzt gibt's Prügel. (bricht mit dem Fuß einen Baumast entzwei und
+gibt ihm die Hälfte.) Nehmen Sie einen, die andern kommen nach.
+
+Ewald. Was wollen Sie?
+
+Simplizius. Satisfaktion will ich, Reimschmied! (Packt ihn an der
+Brust.)
+
+Ewald. Welch eine Kraft! Lassen Sie mich los, Sie wütender Mensch.
+(Entspringt.)
+
+
+
+Elfte Szene.
+
+
+Simplizius (allein). Wart', du kommst mir schon unter die Händ'. Es
+ist erschrecklich, ich kann mir nicht helfen, wie ich nur einen
+Menschen seh', so möcht ich ihn schon in der Mitt' voneinander
+reißen. Wenn ich nur einen Degen hätt' oder ein Stiffilett, oder
+wenn ich wo unter der Hand billige Kanonen zu kaufen bekäm', ich
+erschießet die ganze Stadt und die Vorstädt' auch dazu. Da kommen
+einige, die sollen sich freun.
+
+
+
+Zwölfte Szene.
+Simplizius. Olinar und Astrachan.
+
+
+Olinar (ein fetter Mann). Wer lärmt denn hier so auf der Straße?
+Das ist ja ein ganz fremder Mensch.
+
+Simplizius. Die Flachsen zieht's mir ordentlich z'sammen, wenn
+einer redt auf mich.
+
+Olinar. Der sieht ja wie ein Straßenräuber aus, der Kerl hat nichts
+Gutes im Sinn.
+
+Simplizius. Ich muß mich noch zurückhalten, bis ich Waffen hab'.
+Ich werd' mir's erst sondiern.
+
+Astrachan (rauh). Was tobst du an diesem feierlichen Tag? Pack'
+dich von hier, du kecker Bursche.
+
+Simplizius (lauernd). Wie reden Sie mit mir? Ich frag' Sie nicht
+umsonst.
+
+Astrachan. Das brauchst du nicht, weil ich die Antwort dir nicht
+schuldig bleiben und sie auf deinen Rücken legen werde.
+
+Simplizius (erstaunt). So, nur gleich? (Für sich.) Ist schon gut
+unterdessen. Der wird schon um'bracht, das ist der erste, den ich
+expedier'. Ich muß mir nur einen Knopf ins Schnupftuch machen,
+damit ich's nicht vergess'. (Tut es.)
+
+Astrachan. Hast du's gehört, du sollst die Straße reinigen. Mach'
+dich fort.
+
+Simplizius. Ich soll die Straße hier reinigen? Er muß mich für
+einen Gassenkehrer halten. Das hat mir niemand zu befehlen, ich
+bleib' hier. (Setzt sich auf einen Stein.) Und wer nur einen Laut
+von sich gibt--
+
+Astrachan (will auf ihn zu). Was?
+
+Olinar (hält ihn furchtsam zurück). Behutsam, Freund, er hat ja
+einen Prügel in der Hand.
+
+Astrachan. Was kümmert's mich, du wirst dich doch nicht fürchten?
+
+Olinar. Ei bewahre.
+
+Astrachan. Schäme dich als eine Gerichtsperson. Gleich geh hin und
+beweise deinen Mut.
+
+Olinar (zittert). Wer? Wer, ich? Ja, was soll ich denn tun?
+
+Astrachan. Ihn von hinnen jagen.
+
+Olinar. Ja, wenn er sich nur jagen läßt, aber du wirst sehn--
+
+Astrachan. Red' ihn scharf an.
+
+Olinar. Hochzuverehrender Freund!
+
+Simplizius (springt zornig auf). Was gibt's?
+
+Olinar (erschrickt heftig). Da hast du's jetzt, ich hab's ja gleich
+gesagt.
+
+Simplizius. Was will der Herr?
+
+Astrachan (der Olinar hält). Mut, Mut, ich helfe dir schon.
+
+Olinar. Ja, laß mich nur nicht stecken. (Nimmt sich zusammen, laut.)
+Er ungezogner Mensch!
+
+Astrachan. Nur zu, so ist's schon recht.
+
+Olinar. Wenn Er's noch einmal wagt, in einem solchen Tone zu
+sprechen--
+
+Astrachan (freudig). Vortrefflich! Siehst du, wie er zittert?
+
+Olinar. Du irrst dich, Freund, das bin ja ich. (Zu Simplizius.) So
+werd' ich Ihm--(Zu Astrachan.) Ja, was werd' ich geschwind?
+
+Astrachan (heimlich). Die Kehle schnüren, daß Er an mich denken
+soll.
+
+Olinar. Die Kehle schnüren, daß Er an mich denken soll! (Wischt
+sich den Schweiß ab.) Ha, das war viel gewagt.
+
+Simplizius. Die Kehle schnüren? Das ist ein Schnürmacher. Nu, den
+können wir auch mitnehmen. (Macht einen Knopf.) Detto! (Macht die
+Bewegung des Erdolchens.)
+
+Astrachan. Du hast dich gut gehalten, jetzt laß mich reden. Hör',
+Kerl, wenn du jetzt nicht augenblicklich gehst und dich in unserer
+Stadt noch einmal blicken lassest, so wirst du sehen, was unsere
+Gerechtigkeit an einem solchen Lumpenhund für ein Exempel statuiert.
+
+
+Simplizius. Ah, das ist ein hantiger. Der muß viermal nacheinander
+sterben.
+
+Astrachan. Ha, gut, dort kommen Abukar und Nimelot.
+
+Olinar. Das sind zwei verwegene Bursche.
+
+Simplizius. Verwegene Bursche? Da mach' ich gleich im voraus Knöpf'.
+(Macht sie.)
+
+
+
+Dreizehnte Szene.
+Vorige. Abukar und Nimelot, bewaffnet.
+
+
+Abukar. Was hast du, Astrachan? Du lärmst ja ganz entsetzlich.
+
+Astrachan. Wir haben unsern Spaß mit diesem Burschen da, das ist
+der dreisteste Kerl, den ich noch gesehen habe.
+
+Olinar (keck). Ja, ja, das ist ein abgefeimter Schurke. (Für sich.)
+Jetzt sind wir unser vier, jetzt soll er mir nur trauen.
+
+Simplizius. Ich hör' ihnen nur so zu, auf einmal geh' ich los.
+
+Abukar und Nimelot (stellen sich neben Simplizius und klopfen ihn
+auf die Schulter und lachen.)
+
+Abukar. Hahaha, der sieht ja wie ein Orang-Utan aus.
+
+Nimelot (lachend). Die aufgeschlitzte Nase und der breite Mund!
+
+Simplizius. Bravo, nur zu, sind schon vorgemerkt. (Deutet auf sein
+Tuch.) Werden schon Exekution halten, bleibt nicht aus.
+
+(Alle lachen.)
+
+Abukar. Seht ihn nur an, das ist ja die einfältigste Miene, die mir
+noch vorgekommen ist.
+
+Simplizius. Ah, jetzt muß ich doch Rebell schlagen. (Laut.) Was
+glauben denn Sie so? Glauben Sie, ich bin Ihr Narr, daß Sie sich
+über meine Physiognomie lustig machen. Was fehlt denn meinem
+Gesicht? Die Häßlichkeit vielleicht? Die ist nirgends mehr zu
+finden, weil Sie s' alle auf den Ihrigen haben.
+
+Alle (lachen). Ein drolliger Kerl!
+
+Simplizius. Nu, da haben wir's, nicht einmal ordentlich lachen
+können s' mit dem G'sicht, da lach' ich mit dem linken Ellbogen
+besser, als die mit dem Maul. Sagen Sie mir, wer hat Ihnen denn die
+Beleidigung angetan, Ihnen eine solche Physiognomie aufz'binden?
+Die Natur vielleicht? Die setz' ich ab, wenn sie mir noch einmal
+solche G'sichter macht, das sind Keckheiten von ihr, ich brauch'
+sie nicht, wenn sie so schleuderisch arbeitet. Was brauchen wir
+eine Natur, die Welt ist lang genug unnatürlich g'wesen, sie kann's
+noch sein.
+
+Abukar. Der Bursche muß Hofnarr werden, der macht mich schrecklich
+lachen.
+
+Simplizius. Hofnarr? Das ist eine Beleidigung! Satisfaktion!
+
+Olinar. Er hat Mut wie ein Löwe.
+
+Simplizius. Löwe? Das ist gar eine viechische Beleidigung. Doppelte
+Satisfaktion!
+
+Astrachan. Der Kerl ist über einen Spartaner.
+
+Simplizius. Spartaner? Das wird wieder ein andres Vieh sein. Ich
+kenn' mich gar nicht mehr vor Zorn. Heraus, wer Mut hat, einen muß
+ich spießen. (Faßt Olinar.) Was ist's mit Ihnen, wollen Sie sich
+mit mir schlagen oder wollen Sie sich schlagen lassen?
+
+Olinar. Hilfe! Hilfe!
+
+Abukar (packt Simplizius am Genick und beutelt ihn). Nun hast du
+Zeit, Bube.
+
+Astrachan. Ins Gefängnis, fort mit ihm.
+
+Simplizius (reißt dem Olinar den Säbel aus der Scheide). Jetzt
+reißt mir die Geduld. (Haut auf Abukar ein, der ihm die Lanze
+entgegen hält, welche er ihm aus der Hand schlägt.) Ihr verdammten
+Kallidalier! Jetzt wird's Leben wohlfeil werden. (Er kämpft mit
+allen und jagt sie in die Flucht, einige verlieren ihre Waffen,
+einer den Helm.)
+
+Olinar (im Ablaufen). Ich hab's voraus gesagt, ihr Götter, seid uns
+gnädig.
+
+
+
+Vierzehnte Szene.
+Simplizius (allein). Ha, Pompei ist erobert, Sieg über die Kalmuken!
+Da gibt's Waffen. (Er setzt sich den Helm auf.) Her da mit dem
+Helm! (Nimmt das Schwert, steckt es in die Binde und hebt den Spieß
+auf.) Das ganze Zeughaus häng' ich um. So, jetzt ist der Stefan
+Fädinger fertig. Rache, Rache! Alles muß bluten. Einen Haß hab' ich,
+ich glaub', es dürft' mich einer spießen, mir war's nicht möglich,
+ihn zu küssen. Die ganze Welt ist mir zuwider.
+
+
+Lied.
+Wenn s' mir die Welt zu kaufen geb'n,
+Ich weiß nicht, ob ich's nimm;
+Da könnt man ein' Verdruß erleb'n,
+Es würd' ein' völlig schlimm.
+Und ließ' man's wieder lizitier'n,
+Was könnt' man da viel profitier'n?
+Vors erste ist s' ein alt's Gebäu',
+Wer weiß, wie lang s' noch steht,
+Das sieht man an Massana glei',
+Daß s' sicher untergeht.
+Und fällt ein' so a Welt ins Meer,
+Wo nimmt man g'schwind a andre her?
+
+Die Völker steh'n mir auch nicht an,
+D' Kalmuken, d' Hugenotten,
+Und wen ich gar nicht leiden kann,
+Das sind die Hottentotten.
+Da möcht' ich grad' vor Wut vergeh'n,
+Und ich hab' nicht einmal ein' g'seh'n.
+
+Auch ist's ein Elend mit den Tier'n,
+A' bloße Fopperei,
+Was kriechen s' denn auf allen vier'n,
+Ich geh' ja auch auf zwei.
+Die meisten können uns nur quäl'n,
+Am liebsten sind mir die Sardell'n.
+
+Die Sonn', die ist schon lang mein Tod
+Mit ihrer öden Pracht,
+Der Mondschein macht sich's gar kommod,
+Der scheint nur bei der Nacht;
+Und dann die miserablen Stern',
+Die weiß man gar nicht, zu was s' g'hör'n.
+
+Kurzum, ich hass' die ganze Welt,
+Im Sommer wie im Winter,
+Mir liegt sogar nichts an dem Geld,
+Es ist nicht viel dahinter.
+Ein einz'gen Menschen nur allein,
+ (Deutet auf sich.)
+Wüßt' ich--dem ich noch gut könnt' sein.
+ (Ab.)
+
+
+
+
+
+Fünfzehnte Szene.
+Ewald und Aloe.
+
+
+Aloe (muß von einer jugendlichen Schauspielerin dargestellt werden
+mit grauen Haaren; sie hat den Kopf in ein Tuch gewickelt, wie eine
+griechische Matrone, und geht etwas gebückt.) Nein, nein, mein
+lieber schmucker Herr, das geht nicht so geschwinde, das Mädchen
+ist zu jung, sie braucht noch keinen Freier. Ach, du keusche Göttin
+Diana, kaum bin ich eine Stunde aus dem Hause, um die tapferen
+Männer zu bewundern, so fängt das Mädchen Liebeshändel an. Wo habt
+Ihr denn das ungeratene Kind gesprochen?
+
+Ewald. Am Fenster sprach ich sie.
+
+Aloe. Seht doch, und glaubt Ihr denn, man heiratet bei uns die
+Mädchen gleich vom Fenster nur herunter, wie man Zitronen pflückt?
+Laßt Euch den Wunsch vergehen. Ich sehe fünfzig Jahre schon zum
+Fenster heraus und hab' mir keinen Mann erschaut, so lange kann sie
+auch noch warten. Ich kenn' Euch nicht einmal, wer seid Ihr denn?
+
+Ewald. Ein Fremdling bin ich.
+
+Aloe. Ei, das seh' ich, denn unsere Männer kenn' ich alle. Doch was
+besitzt Ihr in der Fremde?
+
+Ewald. Ein Gut, das mir kein Unfall rauben kann, ein treu Gemüt und
+kräftigen Verstand.
+
+Aloe. Wer sagt Euch, daß Verstand ein sichres Erbteil sei, wie
+könnt' es denn so viele Narren geben?
+
+Ewald. Und eine Kunst, die alle Künste übertrifft.
+
+Aloe. Vielleicht die Kunst, mich hinters Licht zu führen?
+
+Ewald. Im Gegenteil, ich möchte Eure Schönheit gern im höchsten
+Glanz erscheinen lassen.
+
+Aloe. Ich hör's nicht gern, wenn man von meinen Reizen spricht, es
+ist mir nicht mehr neu; Gewohnheit tötet unsre schönsten Freuden.
+Doch weiter nun, ach, mein Gedächtnis ist so schwach, wovon habt
+Ihr zuletzt gesprochen?
+
+Ewald. Von Eurer Schönheit war die Rede, ja.
+
+Aloe. Ja, ja, das war's, was ich nicht hören mochte. Ihr wolltet
+sie erhöhn?
+
+Ewald. Zum Venusrang, wenn Ihr mir Eurer Nichte Hand gelobt.
+
+Aloe. Was fällt Euch ein, Atritia ist ein unbemittelt Kind, um
+keinen Preis!
+
+Ewald. Auch nicht um den, den heut im Tempel dort der König reicht?
+
+Aloe (erschrocken). Seid Ihr von Sinnen? Bin ich erschrocken doch,
+als hätt' mich Amors Pfeil getroffen. Ich bin schon eine
+ausgeblühte Rose, die nicht im Frühlingsschein mehr glänzt.
+
+Ewald. Ich will durch meine Kunst Euch diesen Glanz verleihn. Vor
+allen Töchtern dieses Reichs sollt Ihr den Schönheitspreis erringen,
+ doch Eure Nichte ist dann mein, ich führ' sie mit mir fort.
+
+Aloe. Ihr könntet das, ein Sterblicher, bewirken, wofür ich mich
+dem Cerberus schon verschrieben hätte, wenn er's vermögen könnte?
+
+Ewald. Ich geb' Euch darauf mein Wort, und brech' ich es, braucht
+Ihr das Eure nicht zu halten.
+
+Aloe. Macht mich nicht wahnsinnig. Ihr wolltet Aloe verjüngen?
+
+Ewald. Warum denn nicht? Wenn Aloe, die Pflanze, mit hundert Jahren
+neue Blumen treibt, warum soll Aloe, das Weib, mit sechzig nicht
+erblühn?
+
+Aloe. Mit sechzig, ja, da habt Ihr recht, das ist die wahre
+Blütenzeit. Mir ist, als blüht' ich schon--fang' schon an zu duften.
+O Himmel, welch ein Glück, ich fühle mich schon jung, mich hindern
+bloß die Jahre.
+
+Ewald. So mäßigt Euch, es ist ja noch nicht Zeit. Erwartet mich im
+Haus, ich muß mich erst dem König zeigen. Geht nur hinein und sagt
+Atritien, daß sie mein Weib soll werden.
+
+Aloe. Ja, ja, Ihr sollt Atritien haben, ich schenke sie Euch. Ach,
+wenn ich eine Herde solcher Mädchen hätte, Ihr könntet alle sie
+nach Eurem Lande treiben. Nur fort damit, nur fort, die Schönste
+bleibt zurück. Die Schönste--eine Welt von Wonne liegt in diesem
+Namen. Und bin die Schönste ich, wird mir der schönste Mann. Der
+schönste Mann! Ach, wie viel Welten kommen da zusammen!--(Gegen das
+Haus.) Atritia, Atritia, wir kriegen beide Männer! O Götter, steht
+mir bei, das kostet den Verstand. (Eilt freudig ab.)
+
+
+
+Sechzehnte Szene.
+
+
+Ewald (allein).
+Wie fühlt ein Jüngling doppelt holder Liebe Wert,
+Wenn er das Alter den Verlust betrauern hört.
+
+Geschrei (von innen). Der Eber ist erlegt. Es leb' der große Held!
+
+Ewald. Der Eber ist erlegt, des Landes borst'ge Plage. Da kömmt
+Simplizius, und voll Angst. Ist seine Wut verdampft?
+
+
+
+Siebzehnte Szene.
+Voriger. Simplizius.
+
+
+Simplizius. Sind Sie da?
+
+Ewald. Was bringen Sie, Simplizius?
+
+Simplizius. Stellen Sie sich vor, ich hab' den Eber umgebracht.
+
+Ewald. Sie? Nicht möglich.
+
+Simplizius. Nun, sie sagen's alle.
+
+Ewald. Alle? Wer?
+
+Simplizius. Die Völkerschaften, die mir zugeschaut haben.
+
+Ewald. Das ist ja ein ungeheures Schwein.
+
+Simplizius. Versteht sich, ein größres als wir alle zwei.
+
+Ewald. Das haben Sie nicht allein erlegt, da muß Ihnen wer geholfen
+haben.
+
+Simplizius. Jetzt ist's recht, wenn einem einmal was g'rat, so
+sagen Sie, es muß einem einer g'holfen haben. Er hat ja nur einen
+Stich, das kann man ja doch gleich sehen.
+
+Ewald. Wie ging es aber zu?
+
+Simplizius. Ganz kurz, denn wer wird sich mit einem Eber in ein'n
+langen Diskurs einlassen? Sie wissen, daß heut große Jagd auf ihn
+veranstaltet war. Alles war versammelt drauß' beim grünen Baum, da
+kommt der Eber alle Tag' zum Frühstück hin. Alle Krieger waren voll
+Feuer, und in mir hat's gar schon gekocht. Aus einmal wird einer
+totenblaß und ruft: Der Eber kommt, jetzt rauft, rauft! Aber das
+Wort rauft muß in der hiesigen Sprach' eine andre Bedeutung haben
+und muß heißen lauft; denn kaum war das Wort heraus, so sind schon
+alle davong'loff'n. Kaum waren s' fort, wer kommt? Der Eber. Ich
+erseh' ihn kaum, so faßt mich eine Wut, ich stürz' mich auf ihn los
+und stich ihn auf der unrechten Seiten hinein und auf der rechten
+wieder heraus.
+
+Ewald. Unerhört, und wie er fiel, was dann?
+
+Simplizius. Dann bin ich auch davong'loff'n. Was weiter g'schehn
+ist, weiß ich nicht, vermutlich haben sie eine Schwein aufgehoben.
+
+Ewald. Also nach der Tat haben Sie den Mut verloren?
+
+Simplizius. Versteht sich, das ist ja eben das Großartige; vorher
+ist's keine Kunst. Kaum ist der Eber in seinem Blut dagelegen, ist
+er mir noch zwanzigmal größer vorg'kommen als vorher, so daß ich zu
+zittern ang'fangt hab', und hab' ihn nicht ansehn können mehr.
+Alles hat zwar g'schrien; Halt, verweil', du großer Held! Aber ich
+hab' mir gedacht, schreit ihr zu, solang ihr wollt, ich bin nicht
+der erste Held, der davon g'loff'n ist, und werd' auch nicht der
+letzte sein--und bin fort.
+
+Geschrei (von innen). Heil dem größten aller Helden!
+
+Simplizius. Hören S', sie schrein schon wieder. Gibt kein' Ruh',
+das Volk.
+
+Ewald. Simplizius, Sie werden reichen Lohn erhalten.
+
+Simplizius. Glauben S', daß was herausschaut? Ich werd' ihnen schon
+einen rechten Konto machen, was ich an Eberarbeit g'liefert hab'.
+Oder sie sollen mich nach dem Pfund bezahlen. Ich lass' ihn beim
+Wildbrethändler wägen, was er wägt, das wägt er. Punktum! (Aloe
+zeigt sich am Fenster.) Doch sagen Sie mir, wann werden wir denn
+einmal das Reich erretten, wenn immer etwas dazwischen kommt? Bald
+ein Erdbeben, bald ein Eber.
+
+Ewald. Dafür lassen Sie die Götter sorgen, wir gehorchen nur. Sehen
+Sie doch nach jenem Fenster.
+
+Simplizius. Ah, da schau' ich nicht hinauf.
+
+Ewald. Warum denn nicht?
+
+Simplizius. Weil eine Alte herausschaut.
+
+Ewald. Freund, das ist mein Ideal, die muß mir heut noch als die
+größte Schönheit glänzen.
+
+Simplizius. Die da? Nun, da dürfen S' schön politier'n, bis die zum
+glanzen anfangt.
+
+Ewald. Das wird der Zauberschein der Fackel tun. Der König muß den
+Preis ihr reichen; drum stellen Sie als Ihren Freund mich bei ihm
+vor, damit er mir Gehör verstattet. Sehen Sie nur, dort nahen sich
+die Krieger im feierlichen Marsch, man suchet Sie.
+
+Simplizius. Ah, sie sollen marschier'n, wohin sie wollen, ich
+brauch' sie nicht.
+
+
+
+Achtzehnte Szene.
+Vorige. Dardonius. Höflinge. Dazu Nimelot. Abukar. Astrachan.
+Olinar.
+
+
+Chor (der Krieger, welche aus die Bühne ziehen).
+
+Dank dem Helden, den die Götter
+Mit des Löwen Mut gestählt.
+Und den zu des Landes Retter,
+Gnädig waltend sie erwählt.
+
+(Sie bilden einen Kreis.)
+
+Dardonius (in freudiger Begeisterung). Wo, sagt, wo ist meines
+Landes wunderbarer Retter?
+
+Ein Höfling. Hier ist der edle Jüngling, hoher Fürst.
+
+Simplizius (für sich). Meint der mich?
+
+Olinar. Hat der den Eber erlegt?
+
+Abukar. Wer hatte das gedacht?
+
+Dardonius. Laß dich umarmen, Fremdling. (umarmt ihn.) Nimm des
+Königs Dank.
+
+Simplizius. Ich bitt' recht sehr, machen Sie kein solches Aufsehn,
+es ist ja gar nicht der Müh' wert, wegen der Kleinigkeit da, wegen
+dem bissel Eber.
+
+Dardonius. Also du hast dieses Ungetüm erlegt?
+
+Simplizius. So schmeichl' ich mir.
+
+Krieger. Wir waren alle Zeugen.
+
+Dardonius. Heldenmütiger Mann, sieh hier des Dankes Tränen in den
+Augen meines Volkes.
+
+(Die Höflinge weinen.)
+
+Simplizius. Jetzt weinen die gar wegen einem Schwein, das ist mir
+unbegreiflich.
+
+Dardonius. Götter, wie können in so schwach gebautem Körper solche
+Riesenkräfte wohnen?
+
+Simplizius. Ja, das ist eben das Hasardspiel der Natur, daß ein
+Elefant in einer Nuß logiert.
+
+Dardonius. Sprich, wie kann ich dich belohnen?
+
+Simplizius. Ja, ich müßt' da erst einen Überschlag machen, das
+dauert zu lang', ich überlass' das Ganze der Indiskretion Euer
+Majestät, wir werden kein' Richter brauchen.
+
+Dardonius (für sich). Dieses Mannes Ausdrücke versteh' ich nicht.
+(Laut.) Ihr Krieger, deren oft bewiesner Mut der Heldenstärke
+dieses Jünglings weichen muß, sagt selbst, verdient die Tat, daß
+sie ein Lorbeer lohnt?
+
+Alle. Ja, sie verdient es.
+
+Simplizius. Sapperment, ein'n Lorbeer geben s' mir gar dafür, da
+wär' mir schon eine Halbe Heuriger lieber.
+
+Dardonius. Wohlan, so schmücket ihn damit.
+
+(Die Krieger brechen einen Lorbeerzweig von den Bäumen und winden
+einen Kranz.)
+
+Simplizius. Sie, Freund--(zu Ewald) soll ich denn das Gestrauchwerk
+annehmen? Das ist ja nicht zwei Groschen wert.
+
+Ewald. Was für ein Gesträuch?
+
+Simplizius. Ein' Lorbeer wollen s' mir geben, da wär' mir ein
+Spenat noch lieber. Mir scheint, sie wollen mich prellen, was?
+
+Ewald. Was fällt Ihnen denn ein, ein Lorbeer ist die höchste
+Auszeichnung, nach der die größten Männer aller Zeiten je gerungen
+haben.
+
+Simplizius. Nach dem Lorbeer? Nun der muß schön herunter kommen
+sein, jetzt nehmen sie ihn schon gar zum Lungenbratl.
+
+Ewald. Lassen Sie sich doch belehren. Sie rauben ja der Menschheit
+ihren Adel.
+
+Simplizius. Ist denn die Menschheit von Adel, das hab' ich auch
+nicht gewußt.
+
+Ewald. O Vernunft, wie erhöht der Umgang mit den Tieren deinen Wert.
+
+
+Dardonius. Habt ihr ihn bereitet?
+
+Erster Höfling. Hier ist er. (Bringt den Kranz mit roten Beeren auf
+einem Schild.)
+
+Simplizius. So ist's recht, nicht einmal in einer Sauce.
+
+Dardonius. Nun beug' dein Knie, ich selber will dich krönen.
+
+Simplizius (kniet). Das sind Umständ'.
+
+Olinar. Ein unbarmherz'ges Glück.
+
+Dardonius. In meinem und des ganzen Reiches Namen umwind' ich deine
+Heldenstirn' mit diesem Ehrenkranz.
+
+Simplizius. Da bin ich versorgt auf mein Lebtag, wenigstens gehn
+mir die Fliegen nicht zu.
+
+Dardonius. Wie heißest du?
+
+Simplizius. Simplizius.
+
+Dardonius. Das ganze Heer lobpreise diesen Namen.
+
+Alle Krieger. Hoch leb' Simplizius, der Retter unsres Landes!
+
+Dardonius. Steh auf, der Kranz ist dein.
+
+Simplizius (steht auf). Die haben mich schön erwischt, das ist ein
+Undank! Ich muß aussehn, wie ein Felberbaum. (Beutelt den Kopf.)
+
+Dardonius. Und damit du meines höchsten Dankes Wert erkennst, so
+sollst du Unterfeldherr sein.
+
+Simplizius. O Spektakel, jetzt nehmen s' mich gar zum Militär.
+Unterfeldscherer muß ich werden.
+
+Ewald. Der Mensch bringt mich zur Raserei.
+
+Olinar. Das ist ein äußerst dummer Mensch.
+
+Alle. Heil dir, Simplizius!
+
+Höfling. Man bringt den Eber, hoher Fürst.
+
+Simplizius. Was? Nun, den tät' ich mir noch ausbitten, da trifft
+mich gleich der Schlag.
+
+
+
+Neunzehnte Szene.
+Vorige. Sechs Krieger bringen einen ungeheuren Eber auf einer Trage,
+welche sie in die Mitte der Bühne setzen.
+
+
+Ewald. Ein sehenswertes Tier.
+
+Simplizius. Ich schau ihn g'wiß nicht an.
+
+Dardonius. Bewundre deine Riesentat.
+
+Simplizius. Ah, das ist schrecklich, er ist schon wieder g'wachsen.
+(Zu Ewald.) Das Tier nimmt gar kein End', schauen Sie ihn nur an,
+mir scheint, er rührt sich noch, er ist nicht tot.
+
+Dardonius. Ergötze dich an deinem Sieg!
+
+Simplizius. Sie, halten S' mich, mir wird nicht gut. Ich verlier'
+meinen Lorbeer noch aus Angst. Der packt mich an, er hat ein Aug'
+auf mich, sehen Sie ihn nur an.
+
+Ewald. So fassen Sie sich doch.
+
+Simplizius. Reden S' nur nicht vom Fassen, sonst ist er gleich da.
+Ich halt's nicht aus. (Schreit.) Euer Majestät, schaffen Euer
+Majestät den Eber fort.
+
+Mehrere Höflinge. Wie, der König?
+
+Simplizius. Da ist mir alles eins, wegen meiner die Königin. Nur
+fort mit ihm, es g'schieht ein Unglück sonst.
+
+Dardonius. Was bebst du so?
+
+Simplizius. Aus lauter Kraft, das ist der überflüss'ge Mut. Eine
+Lanzen! (Man reicht ihm eine Lanze--leise.) Daß ich mich halten
+kann, sonst fall' ich z'sammen. Fort mit ihm, nur fort, ich stech'
+ihn noch einmal z'sammen, den Sapperment, ich kenn' mich nicht vor
+Wut (beiseite) und vor Angst.
+
+Dardonius. So bringt den Eber fort. (Für sich.) Der Mann ist mir
+ein Rätsel.
+
+Olinar. Spricht so der Mut sich aus, dann bin ich auch ein Held.
+
+Dardonius. Ihr seid gewiß, daß er, nur er, den Eber hat erlegt.
+
+Die Krieger. Wir sind's.
+
+Dardonius. Das ist mir unbegreiflich.
+
+Simplizius (für sich). Mir schon lang.
+
+Höfling (leise zum König). Er ist verstandlos und gemein.
+
+Dardonius. Gleichviel. So lohnen wir die Tat, nicht den, der sie
+beging. Erhebet ihn und tragt ihn im Triumphe nach dem Tempel, dort
+schmückt ihn, wie die Sitte es erheischt. Leb' wohl, mein Held, ich
+folge bald.
+
+(Die Krieger bilden mit ihren Schildern eine Treppe.)
+
+Simplizius. Nein, was sie mir für eine Ehr' antun, zuerst tragen s'
+die Wildsau und nachher mich.--Da hinauf? Ah, das wird ein Triumph
+werden, wenn sie mich da herunterfallen lassen, da werd' ich auf
+meinen Lorbeern ruhn. (Steigt hinauf.)
+
+Krieger. Es lebe Simplizius.
+
+Simplizius. Jetzt heben s' mich auf einen Schild. Da heißt's beim
+grünen Kranz. Eine schöne Aussicht hat man da heroben. Nur Obacht
+geben, sonst heben wir noch was auf. (Der Marsch beginnt, man will
+ihn forttragen, er schreit.) He, Sapperment, ich hab' noch was
+vergessen. Halt, halt, die ganze Armee soll halten! (Man hält.)
+Euer Majestät, ich bitt', auf ein Wort.
+
+Dardonius (tritt näher). Was verlangst du?
+
+Simplizius (zu Ewald). Sie, kommen S' ein bissel her. Euer Majestät
+erlauben, daß ich Euer Majestät bei meinem Freund aufführ', er
+wünscht dero Bekanntschaft zu machen, und aus lauter Triumph hätt'
+ich bald drauf vergessen. Ha, ha, ha, empfehl' mich. (Zu den
+Kriegern.) Nur vorwärts mit dem Zug.
+
+Chor (der Krieger).
+Dank dem Helden, den die Götter
+Mit des Löwen Mut gestählt,
+Und den zu des Landes Retter
+Gnädig waltend sie erwählt.
+
+(Alles ab, bis auf)
+
+
+
+Zwanzigste Szene.
+Dardonius. Höflinge. Ewald. Aloe entfernt sich vom Fenster.
+
+
+Höflinge. Ein sonderbarer Mann, ganz unwert solcher Ehre.
+
+Dardonius. Du bist des tapfern Mannes Freund?
+
+Ewald (beiseite). Was soll ich sagen. (Laut.) Das bin ich, edler
+Fürst. (Für sich.) Die Schande drückt mich fast zu Boden, daß ich
+dieses dummen Menschen Freund sein muß.
+
+Dardonius. Er ist ein Held, wie mir noch keiner vorgekommen ist,
+und hat dem Lande Wichtiges geleistet, drum magst auch du auf die
+Gewährung eines Wunsches rechnen.
+
+Ewald. Es ist ein Wunsch, der sich mit dieses Landes Ehre wohl
+verträgt. Ich will dein Aug' auf deines Reiches höchste Schönheit
+lenken, die nur bis jetzt in stiller Abgeschiedenheit gelebt.
+
+Dardonius. Bring' sie zum Fest, verdient sie den Preis, soll er ihr
+nicht entgehen, doch ungerecht darf ich nicht handeln.
+
+Ewald. So kühn ist meine Bitte nicht. Nur magst du sie nicht selbst
+mit einem Kranz von Rosen schmücken, es müssen edle Frauen deines
+Landes ein Myrtendiadem auf ihren Scheitel drücken.
+
+Dardonius. Es soll geschehn, find dich nur bald im Tempel ein, denn
+eh' noch Phöbus' Rosse aus Poseidons Fluten trinken, muß unser Fest
+beendet sein; damit die Nacht, die aller Schönheit Glanz verdunkelt,
+ dem ruhmbeglückten Tag nicht seinen Sieg entreißt. (Geht ab, die
+Höflinge folgen.)
+
+Ewald (allein). Es kränkt mein Herz, daß ich dich, edler König,
+täuschen muß, weil dir ein kühner Augenblick erschütternd zeigen
+wird, wie sechzig unbarmherz'ge Jahre der holden Schönheit Bild in
+Häßlichkeit verwandeln. (Geht ab, in Aloes Haus.)
+
+
+
+Einundzwanzigste Szene.
+(Vorhalle in Aloes Wohnung.)
+
+(In der Mitte des Hintergrundes stützt ein breiter praktikabler
+Pfeiler das Gewölbe, sodaß sich dadurch zwei Öffnungen bilden,
+wovon der Eingang zur Rechten durch eine drei Schuh hohe Balustrade,
+welche von der Kulisse bis zum Mittelpfeiler reicht, geschlossen
+ist. In diese Halle, welche im Dunkel gemalt ist, führt eine
+Seitentür nach Atritiens Zimmer. Die Halle links ist licht, weil
+sich auf dieser Seite ein Fenster befindet.)
+
+Aloe tritt ein.
+
+
+Aloe (aus Atritiens Gemach kommend und in dasselbe zurückrufend).
+Bleib du im Gemache nur (verschließt die Tür), er darf dich nicht
+früher sprechen, bis ich mit meinen Reizen erst in Ordnung bin.
+Vielleicht verliebt er sich dann wie Pygmalion in sein eignes Werk
+und gibt dir einen Korb. Hier ist er schon, der holde Mann!
+
+
+
+Zweiundzwanzigste Szene.
+Vorige. Ewald.
+
+
+Ewald. Nun, hier bin ich, schnell zum Werk. (Gebieterisch.)
+Bereitet Euch, um schön zu werden.
+
+Aloe (pathetisch). Wer wäre dazu nicht bereitet, Erwartung spannt
+jede Faser, und Ungeduld zersprengt mir noch das Herz.
+
+Ewald. Kniet Euch nieder, fleht die Götter an.
+
+Aloe (kniet). Götter, die ihr tausend Himmel ausgeschmückt mit
+Schönheit habt, öffnet eure Vorratskammern und das Füllhorn ew'ger
+Jugend gießet auf mein Haupt herab! Alles will ich gern erdulden;
+Werft mich in des Ätna Krater, speit er mich nur schön heraus; laßt
+mich tief im Meere verschmachten, bis ich mich in Schaum auflöse
+und als Venus neu ersteh'; schenkt mir Millionen Muscheln, wo nur
+eine birgt die Schönheit, und ich will sie alle öffnen, bis ich auf
+die rechte komme. Götter, laßt euch doch erbitten; denn ich stehe
+nicht mehr auf. (Breitet die Hände aus.)
+
+Ewald. Steht wieder auf, jetzt seid Ihr schön.
+
+Aloe (steht schnell auf). Wollt Ihr mich zur Närrin machen, ich
+seh' ja nicht die mindeste Veränderung an mir.
+
+Ewald. Weil es hier zu dunkel ist, laßt mich erst die Leuchte
+schwingen. (Er schwingt die Leuchte und stellt sie in einen Ring
+des Pfeilers, doch so, daß die Halle links beleuchtet wird, die
+andere dunkel bleibt. Augenblicklich verwandelt sich Aloe in ein
+junges reizendes, rosig gekleidetes griechisches Mädchen, mit
+weißen Rosen geziert.) Nun beseht Euch in dem Spiegel. (Er hält ihr
+einen Handspiegel vor, der auf einem Tischchen liegt.)
+
+Aloe. Nein, unmöglich, Venus blickt aus diesem Glase. Schwört mir,
+daß ich's selber bin.
+
+Ewald. Ja, Ihr seid's, mein Haupt dafür.
+
+Aloe (plötzlich stolz). Nun, ihr Weiber, die die Welt, blind genug,
+für schön erklärt, wagt es, euch mit mir zu messen, Bettlerinnen
+seid ihr alle. Ha, so groß ist meine Freude, daß ich dich umarmen
+muß. (Küßt ihn.)
+
+Ewald. Sie gefällt mir selbst beinah, doch mich kann sie nicht
+verführen, denn will ich meine Liebe dämpfen, so lösch' ich nur die
+Fackel aus.
+
+Aloe (für sich). Ha, er scheint sich zu verlieben; doch er ist mir
+jetzt zu wenig; nun muß ein König kommen, wenn ich meine Hand
+verschenke.
+
+Ewald. Bald straft sich dein Übermut. (Gezogen.) Hört mich, schöne
+Aloe.
+
+Aloe (entzückt). Was verlangst du, holder Mann?
+
+Ewald. Haltet nun auch Euer Wort, weil ich meines hab' erfüllt.
+Laßt Atritien mich sprechen. Ruft sie mir.
+
+Aloe. Wartet nur, ich hab' sie fest verschlossen. Na, die wird vor
+Galle bersten, wenn sie meine Schönheit sieht. (Sie geht durch die
+lichte Öffnung des Bogens. Wie sie hinter den Pfeiler tritt, bleibt
+sie stehen und eine andere von gleicher Größe, gekleidet wie Aloe
+als Alte war, geht ohne Pause statt ihr zur Seitentür in der
+dunkeln Halle, schließt sie auf und geht hinein. Wie sie die Tür
+ausschließt, spricht:)
+
+Ewald (lachend). Ha, ha, nun ist sie wieder alt, weil sie die
+Fackel nicht bescheint.
+
+Aloe (stürzt aus dem Gemache, wie sie zu dem Pfeiler kommt,
+wechseln die Gestalten). Wie geht das zu, daß mich Atritia nicht
+bewundert?
+
+Ewald (für sich). Das glaub' ich gern. (Laut.) Ihr irrt Euch ja.
+(Ruft.) Atritia, komm heraus!
+
+Atritia (aus dem Gemach, eilt auf Ewald zu, ohne Aloe zu achten).
+Ich komme. Es ist seine Stimme, sag' Fremdling, ist es wahr, soll
+ich dein Weibchen werden?
+
+Ewald. So ist's, doch sieh dich um.
+
+Atritia. Ah, Himmel, was erblick' ich. Das ist die Göttin Venus
+selbst. (Fällt auf die Knie.) Nein, solche Schönheit hab' ich noch
+nie gesehen.
+
+Aloe (triumphierend). O Labsal, Honig für den Stolz. Da kniet sie
+jetzt, die mich so oft verlacht.
+
+Atritia (hält die Hände zusammen). Große Göttin, steh uns bei.
+
+Ewald. Steh auf, es ist nur deine Muhme.
+
+Atritia. Was sprichst du da? Die Muhme?
+
+Ewald. Sie ist's, ich hab' sie so verschönert.
+
+Atritia (steht auf). Die alte häßliche Aloe? Nicht möglich!
+
+Aloe (bricht los). Du ungezogenes Kind, du wagst es, mein
+ehemaliges Ich häßlich zu nennen? Geh mir aus den Augen oder ich
+vergreife mich an dir. Der Ärger kostet mich das Leben.
+
+Atritia. Ja, du hast schon recht, sie ist's; so spricht die Göttin
+Venus nicht. O sag', wirst du mich auch verschönern?
+
+Ewald. Du bist mir schön genug.
+
+Atritia. Dann will ich auch nicht schöner sein.
+
+Ewald. Doch nun leb' wohl. (Küßt sie.) Kehr' ich zurück, wirst du
+mein Weib und folgst mir in mein Vaterland. Lucina, weih' ihr
+deinen Schutz.
+
+Aloe (noch immer zornig). Mich alt zu nennen, du abscheuliches
+Geschöpf! (Droht mit der Faust.)
+
+Ewald. Jetzt mäßigt Euch, der Zorn vermindert Eure Schönheit. Folgt
+in den Tempel mir.
+
+Aloe (nimmt sich zusammen). Ja, ich will mich mäßigen, denn meine
+Schönheit geht mir über alles. Ich folge Euch. (Wieder auffahrend.)
+Aber wenn ich zurückkomme--(Zu Ewald.) Geht nur voraus, ich bin die
+Sanftmut selbst. (Wieder auffahrend.) Gottloses Kind, ich--(faßt
+sich) nein, du sollst mich nicht um meine Schönheit bringen. Geht
+nur voraus, ich folge sanft, ganz sanft. (Trippelt steif und wirft
+immer wütende Seitenblicke auf Atritien.) Mich alt zu nennen!--
+Zittre, wenn ich wiederkomme!--Ganz sanft--ganz sanft! (Geht ab.)
+
+
+
+Dreiundzwanzigste Szene.
+Atritia, dann Lulu.
+
+
+Atritia (allein). Ach, mein Geliebter ist ein Zauberer.
+
+(Wolken fallen vor, Lulu steigt aus der Erde.)
+
+Lulu. Und willst du ihn darum verlassen?
+
+Atritia. Das tu' ich nicht, er hat auch mich bezaubert.
+
+Lulu. So folge mir, ich will dich ihm bewahren. (versinkt mir ihr.)
+
+
+
+Vierundzwanzigste Szene.
+(Tempel der Venus.)
+
+
+An jeder Seite ein Thron, und in der Mitte des Hintergrundes das
+Bild der Göttin auf Wolken schwebend, vor diesem Stufen. Dardonius,
+Olinar, Astrachan, Abukar, Nimelot, Priesterinnen der Venus mit
+goldenen Fackeln. Edle Herren und Frauen von Kallidalos sind im
+Tempel versammelt, der König besteigt den Thron.
+
+Kurzer Chor.
+Seht, die Göttin ist uns hold,
+Lieblich strahlt der Locken Gold,
+Und ihr anmutsreicher Blick,
+Kündet unserm Lande Glück.
+
+Dardonius. Die Göttin ist uns hold, sie nahm die Opfer gnädig auf.
+Nun führt den Helden dieses wicht'gen Tags vor meinen Thron.
+
+
+
+Fünfundzwanzigste Szene.
+Vorige. Simplizius mit einem goldenen griechischen Panzer
+geschmückt und die große Eberhaut umhängend, wird von Edlen
+hereingeführt.
+
+
+Simplizius. Was s' mit mir alles treiben, jetzt nähn s' mich mitten
+im Sommer in eine Eberhaut ein, da möcht' einer doch aus der Haut
+fahren!
+
+Dardonius. Edle Herren und Frauen von Kallidalos, hier steht der
+kühnste Jäger seiner Zeit.
+
+Simplizius. Ich wollt', ich wär's, ich jaget euch alle davon.
+
+Dardonius. Ihm ward das Glück, das Untier zu besiegen, das unser
+Land verwüstet hat. Nun könnt ihr kühn den Wald durchstreifen, und
+eurer Felder Saaten sind durch ihn gerettet.
+
+Simplizius. Aha, deswegen haben s' mich zum Feldscher g'macht.
+
+Dardonius. Schon ruht auf seiner Stirn das Zeichen höchsten Ruhmes,
+und seine Schultern deckt des Tieres rauher Panzer. Nichts gleichet
+seinem Mut.
+
+Simplizius (für sich). Mir steigen schon alle Ängsten auf, ich
+schwitz' mich noch zu Tod.
+
+Dardonius. Darum ist meines ganzen Volkes Hoffnung nur auf dich
+gerichtet.
+
+Simplizius (für sich). Nun, ich gratuliere.
+
+Dardonius. Besteige jenen Thron und künde selbst, wozu ich dich
+ernannt.
+
+Simplizius. O verflixt, mir verschlagt's die Red', und ich soll
+eine halten. Ah was, ich red' halt einen unzusammenhängenden
+Zusammenhang. Volk über alle Völkerschaften, der König hat mich
+unters Militär gegeben, und obwohl ich nicht das rechte Maß hab',
+so fühle ich mich doch über alle Maßen gerührt und so ergriffen,
+daß ich mich auf meinen Thron hier niederlassen muß, um alles zu
+verschweigen, was mir meine Bescheidenheit nie zu sagen erlaubt.
+(Setzt sich.)
+
+Dardonius. Ich hab' zum Unterfeldherrn ihn ernannt. Du bist ein
+größerer Held, als du ein Redner bist. Nun reicht den Fraun das
+Myrtendiadem, wie ich es angeordnet habe, und laßt die Mädchen um
+den Preis der Schönheit buhlen.
+
+(Schmelzende Tanzmusik. Zwölf Mädchen, so gekleidet wie Aloe nach
+ihrer Verwandlung, doch weiße Kleider mit roten Rosen geziert,
+beginnen anmutige Gruppierungen vor dem Thron des Königs. Endlich
+bildet die Gruppe ein Tableau, das in seiner Mitte einen Raum läßt,
+in welchen Aloe tritt, die während den Bewegungen von Ewald mit der
+Fackel hereingeführt wurde und die Gruppe schließt. Ein Knabe
+bringt den Frauen die Myrtenkrone auf einem Kissen.)
+
+Dardonius (mit Entzücken). Jene ist's, die einer diamantnen Rose
+gleich die zarten Perlen überschimmert. (Er steigt vom Thron und
+führt Aloe vor.) Ihr Frauen, krönet sie, nur ihr gebührt der Preis.
+
+Simplizius (für sich). Die Alte hat sich ausg'wachsen, jetzt kauft
+man s' für eine Junge.
+
+Dardonius. Sagt selbst, welch Land hat solch ein Mädchen
+anzuzeigen?
+
+Die Männer. Erstaunen fesselt unsre Sinne.
+
+Simplizius (für sich). Das ist der schönste Betrug, der mir noch
+vorkommen ist.
+
+Dardonius. Warum zögert ihr, geehrte Frauen, ist sie nicht eurer
+Krone wert? (Pause.) Antwortet doch.
+
+Frauen. Ja, sie ist uns--
+
+Dardonius. Was ist sie euch?
+
+Simplizius. Zu schön ist sie ihnen, das ist die ganze G'schicht'.
+
+Frauen. Sie ist uns an Schönheit überlegen.
+
+Simplizius. Das hat was braucht, bis das herauskommen ist. Morgen
+sind s' alle krank.
+
+Frauen (setzen ihr das Diadem auf). Du, schöner als wir alle, sei
+des Festes Königin. (Die Frauen führen Aloe in den Hintergrund auf
+die Thronstufen und reihen sich zu beiden Seiten.)
+
+Simplizius. Jetzt kriegt die auch einen Kranz! Der setzet ich was
+anders auf.
+
+Alle. Heil der Königin des Festes.
+
+Simplizius. Was die heut schreien, das ganze Volk wird heis'rig
+noch.
+
+Dardonius. Simplizius, jetzt kann ich erst nach Würde dich belohnen;
+nimm dieses Mädchens Hand, sie sei dein Weib.
+
+Simplizius. Das alte Weib? Jetzt wär' ich bald vor Schrecken über
+den Thron herunter g'fallen. Die nehm' ich nicht.
+
+Dardonius. Bist du verwirrt, dies hinreißende Geschöpf?
+
+Simplizius. Mich reißt sie nicht hin, ich hab' s' in ihrer alten
+Negligé schon g'sehn.
+
+Dardonius. Du mußt sie nehmen, wenn du nicht dein Amt verlieren
+willst.
+
+Simplizius. Wegen meiner schon. (Steigt vom Thron--für sich) Ich
+will doch lieber die Feldschererei verlieren, als die Schererei mit
+der Alten haben.
+
+Dardonius. Wie. du wagst es, dem Gesetz zu widersprechen?
+
+Ewald (leise). So nehmen Sie sie doch. Verraten Sie nur nichts, ich
+leih' Ihnen die Fackel.
+
+Simplizius. Hören Sie auf, ich will ein Weib haben, die auch in der
+Finsternis schön ist, nicht eine, die man erst illuminieren muß.
+(Laut.) Ich nehm' sie nicht. Will s' vielleicht ein andrer?
+
+Die Männer. Wir alle sind bereit, sie zu freien.
+
+Simplizius. Nun also, reißender geht s' weg. Das Weibsbild foppt
+das ganze Land.
+
+Dardonius. Noch nicht genug. Um zu beweisen, wie man in Kallidalos
+Schönheit ehrt, erwähl' ich selbst zu meiner Gattin sie.
+
+Alles. Es lebe unsre Königin!
+
+Simplizius. Jetzt wird s' gar Königin! Ich fahr' aus der Haut.
+
+Dardonius. Und augenblicklich lass' ich mich vermählen.
+
+Aloe (macht Zeichen des Entzückens).
+
+Simplizius Der König treibt's. (Zu Ewald.) So löschen S' doch die
+Fackel aus, er heirat' ja die Katz' im Sack.
+
+Ewald. Entsetzliche Verlegenheit, was soll ich nun beginnen?
+
+(Donnerschlag, das Bild der Venus verschwindet. Lucina ist statt
+ihr in einer Wolkenglorie sichtbar.)
+
+Lucina. Die Täuschung geht zu weit, legt ab die Kränze, die euch
+nicht gebühren. (Sie nimmt der unter ihr stehenden Aloe den Kranz
+ab, und Simplizius' Lorbeer fliegt ihr in die Hand.) Nun fort nach
+Agrigent.
+
+(Ewald und Simplizius verschwinden. Wie die Fackel unsichtbar wird,
+verwandelt sich Aloe in ihre wahre Gestalt. Das Bild der Venus
+erscheint wieder an der alten Stelle.)
+
+Alle. Was ist geschehen?
+
+Dardonius. Die Fremden sind verschwunden? Wo ist die Braut, die ich
+erwählt?
+
+Aloe (auf den Stufen). Hier bin ich, edelster Gemahl.
+
+Dardonius. Welch häßlich Weib? Wie kommst du in den Tempel?
+
+Aloe. Ich bin ja Aloe, die du erwählt. Ich schwör's bei meiner
+Jugend.
+
+Alle. Betrug!
+
+Dardonius. Zauberei! Peitscht aus dem Tempel sie. O Scham,
+vernichte mich. (Stürzt ab.)
+
+(Man reißt Aloe von den Stufen.)
+
+Chor.
+Hinaus, hinaus, du Ungetüm,
+Entweih' den Tempel nicht,
+Erzittre vor des Königs Grimm,
+Auf, schleppt sie vors Gericht!
+
+(Sie wird hinausgejagt.)
+
+
+
+Sechsundzwanzigste Szene.
+(Der Wald mit der Pforte der Eumeniden, auf welcher die drei Siegel
+glühen. Nacht, Mondlicht.)
+
+Lucina mit den Kränzen. Kreon.
+
+
+Lucina. Komm, mein Kreon, der Sieg ist uns gelungen.
+
+Kreon. So hättest du Unmögliches errungen?
+
+Lucina. Bald wird dein Leid die höchste Freude lohnen,
+Der Orkus ist beschämt, hier sind die Kronen.
+
+Kreon. Hell leuchten sie, drei Sonnen, durch die Nacht.
+Wie schnell flieht Schmerz, wenn uns die Hoffnung lacht.
+
+Lucina. Nun knie' dich hin und senk' dein Aug' zur Erd',
+Daß es der grause Anblick nicht versehrt.
+Denn Rhea ächzet, und die Sterne wimmern,
+Sehn sie den Dolch der Eumeniden schimmern.
+ (Kreon kniet und beugt sein Haupt, Lucina legt die Kränze auf
+den Opferstein.)
+Drei Krönen ruhen auf dem kalten Stein!
+Ich opfre sie--
+ (Eine Flamme erscheint und verzehrt scheinbar die Kränze.)
+ Nun, Flamme, schließ sie ein.
+Schmelzt, Siegel! Pforte, öffne deinen Rachen.
+ (Die Siegel verschwinden, die Pforten springen unter
+schrecklichem Gekrache auf.)
+Herauf, herauf, ihr rachedurst'gen Drachen,
+ (Das Heulen des Windes.)
+Blick' ja nicht auf, es kostet dich das Leben.
+Die Eumeniden nahn, selbst mich ergreift ein Beben.
+
+(Sie beugt ihren Leib gegen die Erde, der Sturmwind heult. Klagende
+Sturmmusik. Ein blauer Blitz fährt aus der Höhle.)
+
+
+
+Siebenundzwanzigste Szene.
+Vorige. Tisiphone, Megäre, Alecto, ganz grün gekleidete Furien, das
+Haupt mit Vipern umwunden, eilen, bläulichte Fackeln und blinkende
+Dolche schwingend, aus der Pforte.
+
+
+Alle drei (blicken auf den Mond--im tiefen Ton).
+Der Mond, der Mond, er scheint zur rechten Stunde,
+Wacht auf, wacht auf, die Rache hält die Runde.
+
+(Sie gehen gemessenen Schrittes über die Bühne.)
+
+Lucina. Es ist geschehn, bald ist dein Feind gerichtet,
+Und so der Streit mit banger Welt geschlichtet.
+Nun folg', es harren dein, auf mein Geheiß,
+Die Edlen all im liebverschlungnen Kreis.
+Von tausend Lampen schimmert dein Palast,
+Der kaum den Jubel seiner Gäste faßt.
+
+(Beide ab.)
+
+
+
+Achtundzwanzigste Szene.
+Die goldgezierte runde Marmorhalle, das Schlafgemach Phalarius',
+durch zwei kerzenreiche Kandelaber erleuchtet. An der Seite sein
+Lager, neben diesem brennt auf einem Postamente eine Lampe.
+Gegenüber eine Pforte aus Ebenholz.)
+
+Phalarius tritt auf, hinter ihm Androkles tief gebeugt.
+
+
+Phalarius. Laßt sehn, wie lang mein stolzer Nachbar sich noch
+brüstet,
+Wo sind die Feldherrn? Ist mein ganzes Heer gerüstet?
+
+Androkles. Es harret mutentbrannt der Krieger rüst'ge Schar.
+
+Phalarius (lachend).
+Vergebens glüht der Mut, vermeidet ihn Gefahr.
+Nun lösch' die Lichter aus, laß Dunkelheit herein,
+Entfern' dich dann (beiseite, mit Grimm)
+und überlaß mich meiner Pein.
+
+(Androkles löscht die Lichter aus bis auf die Lampe, beugt sich
+tief und geht bangend ab. Das Gemach wird finster.)
+
+
+
+Neunundzwanzigste Szene.
+
+
+Phalarius (allein).
+Ein kluger Hauswirt schließt des Nachts die Tür,
+Ich ahm' es nach. (Schließt.) So, nun bin ich allein mit mir.
+ (Erschrickt.)
+Allein?--Ein falsches Wort, wer kann das von sich sagen.
+Schickt nicht die Einsamkeit Gedanken, die uns plagen?
+Was sind Gedanken, die im Aufruhr sich versammeln,
+Das Hirn bedrohn und der Vernunft das Tor verrammeln?
+Gemeiner Troß nur ist's, den man nicht achten muß,
+Der König der Gedanken ist nur der Entschluß.
+Drum hab' ich es auch fest mit Marmorsinn beschlossen,
+Wie Phöbus, groß und hehr, mit feuersprühnden Rossen
+Des Himmels Reich durchzieht, auf goldnem Strahlenwagen,
+So will ich durch die Erd' das Licht der Krone tragen.
+Die Sonn' am saphirblauen Zelt glänz' nicht allein,
+Ich will die Zweite auf smaragdnem Grunde sein.
+Von Äthiopiens Sand, wo glühnder Samum hauset,
+Bis an des Nordpols Eis, wo Boreas erbrauset,
+Muß mein Panier, mit weithinschaundem Stolze prangen.
+Poch ruhiger, mein Herz, gestillt wird dein Verlangen.
+
+(Er legt die Pantherhaut und seine Waffen ab, doch die Krone nicht
+und streckt sich aufs Lager.)
+
+Besuch mich, falscher Schlaf, der selten mein gedenkt,
+Und sich nur gern auf kummerlose Augen senkt.
+Verlisch, o Lampe, lischt doch einst die Sonne aus,
+Dann wird es finster sein im großen Weltenhaus.
+
+(Er löscht die Lampe aus, augenblicklich sieht man bei seinem
+Haupte drei glühend rote Geister sitzen, welche unverwandt nach
+seiner Krone blicken, sie sind früher hinter dem Ruhebett verborgen
+und heben erst setzt zugleich ihre Häupter.)
+
+Wie eklig still!--Was wär' das Leben ohne Streit?
+Die Scheide ohne Schwert--(schreit auf).
+ Wer da? (Erblickt die Geister.)
+ Ha ihr, auch heut?
+
+Die drei Geister (zugleich, eintönig und hohl).
+Wir bewachen die Krone mit Uhusblick,
+Schlaf ruhig, schlaf ruhig, nichts störe dein Glück.
+
+Phalarius (laut auflachend).
+Mein Glück!--Wie bin ich doch so glücklich nun durch euch,
+Der Wunsch verarmt, ist die Erfüllung überreich.
+O Wahn, der über Leides Abgrund Brücken baut,
+Weh dem, der ihren luft'gen Bogen keck vertraut.
+Verzweiflungsvolles Glück, das selber sich entleibt,
+Du machst mich arm, das mir nichts als die Krone bleibt.
+Die Kron'? Beim Styx, ich will sie fürchterlich benützen,
+Verderben soll von ihren glühnden Zacken blitzen,
+Ich räche meine Qual, wer will mich daran hindern?
+
+(Es pocht an der Pforte.)
+
+Alecto (dumpf).
+Der Eumeniden Dolch.
+
+Megäre. Vernichtung allen Sündern.
+
+Die drei Geister.
+Die Eumeniden hier, der Orkus hat geendet.
+
+(Verschwinden.)
+
+Phalarius (springt auf).
+Wer pocht so frech, sag' an, wer dich so spät noch sendet?
+
+(Leises Pochen.)
+
+Alle drei. Mach' auf, fein Königlein, wir wünschen dich zu sprechen.
+
+
+Phalarius. Was wollt ihr mir?
+
+(Die Tür springt mit einem Donnerschlage auf, alle drei treten
+zugleich ein.)
+
+Alle drei. Wir strafen dein Verbrechen.
+
+Phalarius (entsetzt).
+Ha, die Erynnien!
+
+Alle drei. Bereu', du mußt erbleichen.
+
+Phalarius. Die furchtbar Rächenden!
+
+Alle drei. Die jede Tat erreichen.
+
+Phalarius. Zurück, verfluchte Furien, mich schützt die Kron'.
+
+Alecto. Sie schützt dich nicht, der Orkus schweigt; denk' an Kreon!
+
+Phalarius. Ich hasse ihn wie euch.
+
+Tissiphone. Denk' an Aspasien!
+
+Megäre. An 'n Brand von Agrigent!
+
+Alecto. Gedenk', du mußt vergehn!
+
+(Sie drängen ihn aufs Lager.)
+
+Phalarius. Ich denke nichts als Blut.
+
+Alecto. So denke an den See!
+
+(Ein Teil der Kuppel stürzt ein, sodaß sich ein rund ausgebrochenes
+Loch zeigt, durch welches der Vollmond aufs Lager scheint.)
+
+Phalarius. Weh mir, des Mondes Strahl!
+
+(Die Eumeniden senken ihre Dolche in seine Brust.)
+
+Alle drei. Vergeh! Vergeh! Vergeh!
+
+(Pause--während welcher sie in die Mitte des Theaters treten.)
+
+Der Mond, der Mond, er schien zur rechten Stunde,
+Ihr Sünder, bebt, die Rache hält die Runde.
+
+(Gehen gemessenen Schrittes ab.)
+
+
+
+Dreißigste Szene.
+
+
+Hades (aus der Tiefe, naht sich langsam dem Lager Phalarius').
+ (Feierlich.)
+Gib mir zurück die Kron', du bleiches Heldenhaupt.
+ (Nimmt sie ihm ab.)
+Da liegt der stolze Baum, zersplittert und entlaubt.
+Hell glänzt die Kron', nun will die gier'ge Welt ich fragen;
+Wo ist der Kühne wohl, der sie nach ihm will tragen?
+
+(Versinkt.)
+
+
+
+Einunddreißigste Szene.
+(Reichverzierter beleuchteter Thronsaal.)
+
+Der Thron befindet sich in der Mitte des Hintergrundes. Durch die
+Säulen des Saales sieht man in einen reizenden, ebenso beleuchteten
+Garten. Kreon auf dem Thron. Alle Edlen seines Reiches umgeben ihn
+jubelnd. Im Vordergrunde auf der einen Seite Ewald mit der Fackel
+und Simplizius, Lucina, Atritia und zwei Genien, die auf einem
+Kissen eine Krone tragen, auf der entgegengesetzten Seite
+Triumphmusik.
+
+
+Alles. Dank den Göttern! Ew'ges Glück unserm teuern König Kreon!
+
+Kreon. Heil, meinen edlen Freunden, es stürmt mein Herz, mein Auge
+perlt Freude! Nehmt eures Königs frohen Dank, der sich in eurer
+Mitte überglücklich fühlt.
+
+(Alles kniet in schönen Gruppen um den Thron.)
+
+Alle. Heil unserm guten König!
+
+Ewald. Arme Fackel, deine Macht ist übertroffen; an diesem Anblick
+kannst du nichts verschönern.
+
+Simplizius. Das ist mir der liebste König von allen, die ich heut
+noch g'sehn hab'.
+
+Kreon. Doch nun laßt uns der hohen Göttin danken, die Thron und
+Reich gerettet hat.
+
+Alles. Der hehren Göttin Dank!
+
+Lucina. Sei glücklich, mein Kreon, Phalarius ist nicht mehr. (Nimmt
+den Myrtenkranz.)
+Nimm diese Kron', von liebgepaarten Myrten,
+Laß dir die edle Stirne zart umgürten!
+Durch sie wird dein Gemüt nie Leid betrüben,
+Und stets wird dich dein Volk mit Treue lieben.
+
+Kreon. Verzeih, Lucin', ich darf die Kron' nicht nehmen,
+Nimm sie zurück, sie würde mich beschämen.
+Es soll auch ohne Zauber mir gelingen,
+Die Liebe meines Volkes zu erringen.
+Und drückt es Leid in unglücksvollen Tagen,
+Ist es des Königs Pflicht, mit ihm zu klagen.
+
+Lucina (zu Ewald, welchen sie Atritien zuführt).
+Nimm sie zum Lohn, Atritiens Hand und Herz sei dein,
+Benütze klug der Wunderfackel ros'gen Schein,
+Du kannst von deinem Glück nichts Höheres erheischen,
+Die eine liebt dich wahr, die andre wird dich täuschen.
+
+Simplizius. Wenn's nicht etwa umgekehrt ausfallt.
+
+Lucina. Und nun zu dir, Simplizius.
+
+Simplizius. Jetzt kommt s' auch über mich.
+
+Lucina. Du warst ein willig Werkzeug meiner Macht.
+Dich wird der König hier auch nach Verdienst belohnen.
+
+Simplizius. Auf d' Letzt setzen s' mir noch einen Lorbeer auf.
+
+Kreon. Man zahle ihm tausend Goldstücke aus!
+
+Simplizius (beiseite). Ich hab's ja gleich g'sagt, daß mir das der
+Liebste ist. (Laut.) Ich küss' die Hand, Eure Majestät. (beiseite.)
+Jetzt richt' ich eine Schneiderwerkstatt auf und heirat' die Göttin,
+das wird ein himmlisches Leben werden.
+
+Kreon (zu Ewald). Dich, Fremdling, werde ich stets an meinem Hose
+ehren und durch ein Amt belohnen.
+
+Ewald. Mein großer König, Dank!
+
+Lucina. Mögt ihr doch lange noch verdientes Glück besitzen,
+Lucina wird euch stets mit Huld und Lieb' beschützen.
+
+(Ein rosiges Wolkenlager senkt sich nieder, von Genien umflogen.
+Lucina legt sich in zarter Stellung auf dasselbe und schwebt in die
+Luft. Kreon besteigt den Thron. Alles gruppiert sich. Griechische
+Tänzer und Tänzerinnen führen Gruppen aus, von folgendem Chore
+begleitet:)
+
+Chor.
+Schmückt mit Freude diese Hallen,
+Laßt des Jubels Ruf erschallen,
+Heil Lucina! Heil Kreon!
+Tugend findet froh den Lohn.
+
+
+(Der Vorhang fällt.)
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die unheilbringende Krone,
+oder König ohne Reich, Held ohne Mut, Schönheit ohne Jugend, von
+Ferdinand Raimund.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Die unheilbringende Krone, by Ferdinand Raimund
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNHEILBRINGENDE KRONE ***
+
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+Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen
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+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
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+and editing by those who wish to do so.
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+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
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+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
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+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
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+Information about Project Gutenberg (one page)
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
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+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
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+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
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+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
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+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
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