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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78595 ***
+
+ +------------------------------------------------------------------+
+ | Anmerkungen zur Transkription |
+ | |
+ | Gesperrter Text ist als ~gesperrt~ dargestellt, Kursivschrift |
+ | (Regieanweisungen) als _kursiv_. |
+ | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
+ +------------------------------------------------------------------+
+
+
+
+
+ KAREL ČAPEK.
+
+ W U R
+
+ WERSTANDS UNIVERSAL ROBOTS
+
+
+ UTOPISTISCHES
+ KOLLEKTIVDRAMA IN DREI AUFZÜGEN
+ DEUTSCH VON OTTO PICK
+
+ 1922
+
+ PRAG -- LEIPZIG
+ »ORBIS«, DRUCK-, VERLAGS- UND ZEITUNGS-A.-G.
+
+
+
+
+ Das deutsche Aufführungsrecht erteilt der
+ »Drei Masken-Verlag«, Berlin, bezw. die Bühnenvertrlebsgesellschaft
+ »Centrum«, Prag.
+
+
+ Copyright 1921 by »Orbis«
+ Druck-, Verlags- und Zeitungs-A.-G.
+ in Prague.
+
+
+Alle Rechte, auch das der Übersetzung vorbehalten.
+
+
+Die Umschlagszeichnung entwarf Josef Čapek.
+
+
+
+
+PERSONEN
+
+
+ HARRY DOMIN _Zentraldirektor von Werstands Universal Robots_
+ ING. FABRY _technischer Generaldirektor von W. U. R._
+ DR. GALL _Leiter der physiologischen und Experimentalabteilung
+ von W. U. R._
+ DR. HALLEMEIER _Leiter der Anstalt für Psychologie und Erziehung der
+ Roboter_
+ KONSUL BUSMAN _kommerzieller Direktor von W. U. R._
+ BAUMEISTER ALQUIST _Chef der Bauten von W. U. R._
+ HELENE GLORY
+ NANA _ihre Amme_
+ MARIUS _Roboter_
+ SULLA _Robotin_
+ RADIUS _Roboter_
+ DAMON _Roboter_
+ ZWEITER ROBOTER
+ DRITTER ROBOTER
+ VIERTER ROBOTER
+ PRIMUS _Roboter_
+ HELENE _Robotin_
+ _Ein_ DIENER-ROBOTER _und zahlreiche Roboter_
+ DOMIN _im Vorspiel, etwa achtunddreißigjährig, groß, rasiert_
+ FABRY _gleichfalls rasiert, blond, ernstes feines Gesicht_
+ HALLEMEIER _riesig, polternd, mit rostrotem englischen Schnurrbart und
+ rostrotem Haarschopf_
+ DR. GALL _klein, lebhaft, brünett_
+ BUSMAN _dicker, kahlköpfiger, kurzsichtiger Jude_
+ ALQUIST _älter als die übrigen, nachlässig gekleidet, mit langem
+ angegrauten Haar und Bart_
+ HELENE _sehr elegant_
+
+ _Im eigentlichen Drama alle um zehn Jahre älter._
+
+ DIE ROBOTER _sind im Vorspiel wie Menschen gekleidet. Ihre Bewegungen
+ und ihre Redeweise sind knapp, ihre Mienen ausdruckslos, ihr Blick
+ starr. Im eigentlichen Drama tragen sie blaue Leinwandkittel,
+ Riemengürtel und eine Messingnummer auf der Brust._
+
+
+
+
+VORSPIEL
+
+
+ _Die Zentralkanzlei der Fabrik Werstands Universal Robots.
+ Rechts der Eingang. Durch die Fenster der Stirnwand Blick
+ auf endlose Reihen von Fabriksgebäuden. Links weitere
+ Direktionsräume._
+
+ _DOMIN sitzt in einem Drehstuhl an einem großen
+ amerikanischen Schreibtisch. Auf dem Tische eine Glühlampe,
+ ein Haustelephon, Briefbeschwerer, ein Briefordner usw. An
+ der linken Wand der Fernsprecher und große Landkarten mit den
+ Schiffs- und Eisenbahnlinien, ein großer Kalender, eine Uhr,
+ die fast Mittag zeigt; an der rechten Wand gedruckte Plakate:
+ »Billigste Arbeit: Werstands Roboter.« »Tropen-Roboter,
+ neue Erfindung. Pro Stück 150 d.« »Jeder kaufe sich
+ seinen Roboter.« »Wollen Sie Ihre Waren verbilligen?
+ Bestellen Sie Werstands Roboter.« Ferner andere Landkarten,
+ ein Schiffahrtsplan, eine Tabelle mit telegraphischen
+ Kursnotierungen usw. Mit dieser Ausstattung kontrastiert
+ der prächtige türkische Teppich auf dem Fußboden, rechts
+ ein runder Tisch, ein Sofa, lederne Klubsessel und eine
+ Bibliothek, wo statt Bücher Wein- und Schnapsflaschen stehen.
+ Links ein Kassenschrank._
+
+ _Neben Domins Tisch eine Schreibmaschine, auf der das Mädchen
+ SULLA schreibt._
+
+DOMIN _diktiert_ »-- daß wir für Ware, die beim Transport beschädigt
+wurde, nicht garantieren. Wir haben Ihren Kapitän gleich beim Verladen
+aufmerksam gemacht, daß das Schiff zum Transport von Robotern
+ungeeignet ist, so daß der Untergang der Ladung nicht uns zur Last
+fällt. Wir zeichnen -- für Werstands Universal Robots --« schreiben Sie
+bloß W. U. R. Fertig?
+
+SULLA Jawohl.
+
+DOMIN Neuer Brief. »E. B. Huysum Agency, New York. Datum. Wir
+bestätigen den Auftrag auf 5000 Roboter. Da Sie eigenes Schiff senden,
+verfrachten Sie als Kargo auf Gegenrechnung Briketts für W.U.R. Wir
+zeichnen --« Fertig?
+
+SULLA _fertigtippend_ Jawohl.
+
+DOMIN Schreiben Sie weiter. -- »Friedrichswerke, Hamburg. -- Datum. --
+Wir bestätigen den Auftrag auf 15000 Roboter --«. _Das Haustelephon
+klingelt. DOMIN hebt die Muschel und spricht hinein._ Hallo -- Hier
+Zentral-. -- Ja. -- Gewiß. -- Aber ja, wie immer. -- Freilich, kabeln
+Sie ihnen. -- Gut. _Hängt das Telephon auf._ Wo habe ich aufgehört?
+
+SULLA Wir bestätigen den Auftrag auf 15000 R.
+
+DOMIN _in Gedanken_ 15000 R. 15000 R.
+
+MARIUS _tritt ein_ Herr Direktor, eine Dame bittet --
+
+DOMIN Wer?
+
+MARIUS Ich weiß nicht. _Reicht eine Visitenkarte._
+
+DOMIN _liest_ Präsident Glory. -- Ich lasse bitten.
+
+MARIUS _öffnet die Türe_ Bitte, Frau.
+
+ _HELENE GLORY tritt ein. MARIUS ab._
+
+DOMIN _erhebt sich_ Belieben?
+
+HELENE Herr Zentraldirektor Domin?
+
+DOMIN Bitte.
+
+HELENE Ich komme zu Ihnen --
+
+DOMIN -- mit der Karte des Präsidenten Glory. Das genügt.
+
+HELENE Präsident Glory ist mein Vater. Ich bin Helene Glory.
+
+DOMIN Fräulein Glory, es ist uns eine außerordentliche Ehre, daß -- daß
+--
+
+HELENE -- daß wir Ihnen nicht die Türe weisen können.
+
+DOMIN -- daß wir die Tochter des großen Präsidenten begrüßen dürfen.
+Bitte, nehmen Sie Platz. Sulla, Sie können gehen.
+
+ _SULLA ab._
+
+DOMIN _setzt sich_ Womit kann ich dienen, Fräulein Glory?
+
+HELENE Ich bin gekommen --
+
+DOMIN -- um unsere Fabrikserzeugung von Menschen anzusehen. Wie alle
+Besuche. Bitte, ohne weiteres.
+
+HELENE Ich glaubte, es wäre verboten --
+
+DOMIN Die Fabrik zu betreten, allerdings. Nur daß jeder mit irgendeiner
+Visitenkarte kommt, Fräulein Glory.
+
+HELENE Und Sie zeigen jedem ...?
+
+DOMIN Nur etwas. Die Erzeugung künstlicher Menschen, Fräulein, ist
+Fabriksgeheimnis.
+
+HELENE Wenn Sie wüßten, wie mich das --
+
+DOMIN -- unendlich interessiert. Das alte Europa spricht von nichts
+anderem.
+
+HELENE Warum lassen Sie mich nicht ausreden?
+
+DOMIN Ich bitte um Vergebung. Wollten Sie vielleicht etwas anderes
+sagen?
+
+HELENE Ich wollte nur fragen --
+
+DOMIN -- ob ich Ihnen ganz ausnahmsweise unsere Fabrik zeigen möchte.
+Aber gewiß, Fräulein Glory.
+
+HELENE Wieso wissen Sie, daß ich dies fragen wollte?
+
+DOMIN Alle fragen gleich. _Steht auf._ Aus besonderer Hochachtung,
+Fräulein, wollen wir Ihnen mehr als den andern zeigen und -- mit einem
+Worte --
+
+HELENE Ich danke Ihnen.
+
+DOMIN Sofern Sie sich verpflichten, nicht das geringste zu verraten --
+
+HELENE _erhebt sich und reicht ihm die Hand_ Mein Ehrenwort.
+
+DOMIN Danke. Möchten Sie nicht den Schleier abnehmen?
+
+HELENE Ach freilich, Sie wollen sehen -- Entschuldigen Sie.
+
+DOMIN Bitte?
+
+HELENE Wenn Sie meine Hand freigeben wollten.
+
+DOMIN _gibt sie frei_ Ich bitte um Verzeihung.
+
+HELENE _nimmt den Schleier ab_ Sie wollen sehen, ob ich kein Spion bin.
+Wie vorsichtig.
+
+DOMIN _betrachtet sie begeistert_ Hm -- Allerdings -- wir -- so ist es.
+
+HELENE Sie trauen mir nicht?
+
+DOMIN Außerordentlich, Fräulein Hele -- pardon, Fräulein Glory. In der
+Tat, außerordentlich erfreut -- Hatten Sie eine gute Überfahrt?
+
+HELENE Ja. Warum --
+
+DOMIN Weil -- das heißt, ich meine -- daß Sie noch sehr jung sind.
+
+HELENE Gehen wir gleich in die Fabrik?
+
+DOMIN Ja. Ich denke: zweiundzwanzig, nicht?
+
+HELENE Zweiundzwanzig?
+
+DOMIN Jahre.
+
+HELENE Einundzwanzig. Weshalb wollen Sie es wissen?
+
+DOMIN Weil -- weil -- _Mit Begeisterung_ Sie bleiben längere Zeit hier,
+nicht wahr?
+
+HELENE Je nachdem, was Sie mir von der Erzeugung zeigen werden ...
+
+DOMIN Verteufelte Erzeugung. Aber gewiß, Fräulein Glory. Alles werden
+Sie sehen. Bitte, setzen Sie sich. Würde Sie die Geschichte der
+Erfindung interessieren?
+
+HELENE Ja, ich bitte Sie. _Setzt sich._
+
+DOMIN Nun denn. _Setzt sich auf den Schreibtisch, betrachtet aufgeregt
+Helene und leiert rasch herunter._ Es war im Jahre 1920 als sich
+der alte Werstand der große Physiologe aber damals noch ein junger
+Gelehrter, nach dieser fernen Insel begab um die Meerestierwelt zu
+studieren. Punkt. Dabei versuchte er durch chemische Synthese die
+lebendige Materie Protoplasma genannt nachzubilden bis er auf einmal
+einen Stoff entdeckte der sich durchaus wie die lebendige Masse betrug
+obzwar er von anderer chemischer Zusammensetzung war das war im Jahre
+1932 gerade vierhundertvierzig Jahre nach der Entdeckung Amerikas, uf.
+
+HELENE Das können Sie auswendig?
+
+DOMIN Jawohl. Die Physiologie, Fräulein Glory, ist nicht mein Handwerk.
+Also weiter?
+
+HELENE Meinetwegen.
+
+DOMIN _feierlich_ Und damals, Fräulein, schrieb der alte Werstand
+zwischen seine chemischen Formeln folgendes: »Die Natur hat nur eine
+einzige Art, die lebendige Materie zu organisieren, gefunden. Es gibt
+jedoch eine andere, einfachere, hübschere und schnellere Art, auf
+welche die Natur überhaupt nicht verfallen ist. Diesen anderen Weg,
+den die Entwicklung des Lebens hätte einschlagen können, habe ich am
+heutigen Tage entdeckt.« Stellen Sie sich vor, Fräulein, daß er diese
+großen Worte über dem Auswurf irgendeiner lebenden Kolloidalgallerte
+schrieb, den kein Hund fressen würde. Stellen Sie sich ihn vor, daß
+er über dem Probeobjekt sitzt und daran denkt, wie daraus ein ganzer
+Lebensbaum aufschießen wird, wie daraus alle Tiere hervorgehen werden,
+beginnend mit irgendeiner Infusorie und endend -- endend mit dem
+Menschen selber. Mit einem Menschen aus anderem Stoffe als wir sind.
+Fräulein Glory, das war ein gigantischer Augenblick.
+
+HELENE Also weiter.
+
+DOMIN Weiter? Nun handelte es sich darum, das Leben aus der Eprouvette
+herauszubekommen und die Entwicklung zu beschleunigen und irgendwelche
+Organe, Knochen und Nerven und dies und das zu schaffen und
+irgendwelche Stoffe zu finden, Katalysatoren, Enzyme, Hormone und so
+weiter, kurz und gut, verstehen Sie das?
+
+HELENE Ich -- ich -- weiß -- nicht. Ich glaube, nur wenig.
+
+DOMIN Ich überhaupt nicht. Wissen Sie, mit Hilfe jener Flüssigkeiten
+konnte er machen, was er wollte. Er konnte möglicherweise eine Medusa
+mit einem Sokratesgehirn bekommen oder einen Regenwurm von fünfzig
+Metern Länge. Aber weil er kein bißchen Humor besaß, setzte er es sich
+in den Kopf, ein normales Wirbeltier oder vielleicht einen Menschen
+herzustellen. Jene seine lebendige Materie hatte eine tolle Lust nach
+dem Leben; sie ließ sich alles gefallen, er konnte sie zusammennähen
+und mischen wie er wollte. Mit natürlichem Eiweißstoff ließ es sich
+nicht machen. Und so machte er sich halt daran.
+
+HELENE An was?
+
+DOMIN An die Nachbildung der Natur. Zuerst versuchte er einen
+künstlichen Hund zu machen. Das kostete ihn eine Reihe Jahre, es kam
+etwas wie ein verkrüppeltes Kalb heraus und das krepierte nach ein paar
+Tagen. Ich werde es Ihnen im Museum zeigen. Und dann bereits machte
+sich der alte Werstand an die Erzeugung eines Menschen.
+
+ _Pause._
+
+HELENE Und das darf ich niemandem verraten?
+
+DOMIN Niemandem auf der Welt.
+
+HELENE Schade, daß es schon in allen Lesebüchern steht.
+
+DOMIN Schade. _Springt vom Tisch herunter und setzt sich neben Helene._
+Aber wissen Sie, was nicht in den Lesebüchern steht? _Tippt sich auf
+die Stirn._ Daß der alte Werstand ein erstaunlicher Narr gewesen ist.
+Ernstlich, Fräulein Glory, aber das behalten Sie für sich. Jener alte
+Hitzkopf wollte wirklich Menschen machen.
+
+HELENE Aber Sie machen doch schon Menschen.
+
+DOMIN Annähernd, Fräulein Helene. Aber der alte Werstand meinte es
+wörtlich. Wissen Sie, er wollte gleichsam wissenschaftlich Gott
+absetzen. Er war ein schrecklicher Materialist, darum hat er das
+alles getan. Es handelte sich ihm um nichts mehr als den Beweis zu
+erbringen, daß es keines Herrgotts bedurft hat. Deshalb war er darauf
+erpicht, einen Menschen zu bilden, der uns auf ein Haar gleichen würde.
+Kennen Sie ein bißchen Anatomie?
+
+HELENE Nur ganz wenig.
+
+DOMIN Ich auch. Stellen Sie sich vor, daß er es sich in den
+Kopf gesetzt hatte, alles bis auf die letzte Drüse genau wie im
+menschlichen Körper herzustellen: Blinddarm, Mandeln, Nabel,
+lauter Überflüssigkeiten. Schließlich sogar -- hm -- auch die
+Geschlechtsdrüsen.
+
+HELENE Aber die -- die sind doch --
+
+DOMIN Die sind nicht überflüssig, ich weiß. Aber wenn man die Menschen
+künstlich erzeugen will, dann sind sie -- hm -- keineswegs notwendig --
+
+HELENE Ich verstehe.
+
+DOMIN Ich werde Ihnen im Museum zeigen, was er binnen zehn Jahren
+zusammengebastelt hat. Es sollte ein Mann sein, und das lebte ganze
+drei Tage. Der alte Werstand hat nicht ein bißchen Geschmack besessen.
+Es war furchtbar, was er da produzierte. Aber es hatte innen alles, was
+der Mensch hat. Wirklich, eine erstaunliche Tändelarbeit. Und damals
+kam der Ingenieur Werstand, des Alten Neffe, hierher. Ein genialer
+Kopf, Fräulein Glory. Als er sah, was der Alte anstellte, sagte er:
+»Das ist ein Unsinn, zehn Jahre an einem Menschen zu arbeiten. Wirst
+du ihn nicht schneller herstellen als die Natur, so huste ich auf den
+ganzen Kram.« Und er machte sich selbst über die Anatomie her.
+
+HELENE In den Lehrbüchern steht es anders.
+
+DOMIN _steht auf_ In den Lesebüchern steht bezahlte Reklame und
+überdies Unsinn. Es steht dort zum Beispiel, die Roboter habe der
+alte Herr erfunden. Indessen mochte sich der Alte vielleicht für eine
+Universität eignen, aber von fabriksmäßiger Erzeugung hatte er keinen
+Dunst. Er glaubte, wirkliche Menschen herzustellen, also vielleicht
+irgendwelche neuen Indianer, Dozenten oder Idioten, wissen Sie? Und
+erst der junge Werstand hat den Einfall gehabt, daraus lebende und
+intelligente Arbeitsmaschinen zu machen. Was in den Lesebüchern über
+die gemeinsame Arbeit beider großen Werstands steht, ist ein Gefasel.
+Die beiden haben sich fürchterlich gestritten. Der alte Atheist hatte
+keinen Brocken Verständnis für die Industrie, und schließlich sperrte
+ihn der Junge in irgendein Laboratorium, damit er dort an seinen
+großen Fehlgeburten herumbastle, er selbst aber nahm die Erzeugung
+ingenieurmäßig in die Hand. Der alte Werstand verfluchte ihn wörtlich
+und hudelte bis zu seinem Tode noch zwei physiologische Popanze
+zusammen, bis man ihn schließlich eines Tages tot im Laboratorium fand.
+Das ist die ganze Historie.
+
+HELENE Und der Junge?
+
+DOMIN Der junge Werstand, Fräulein, das war das neue Zeitalter. Das
+neue Zeitalter der Produktion nach dem Zeitalter der Erkenntnis.
+Nachdem er die menschliche Anatomie beguckt hatte, sah er gleich, daß
+dies allzu kompliziert ist und daß ein guter Ingenieur es einfacher
+machen müßte. Er begann also die Anatomie umzuarbeiten und erprobte,
+was sich auslassen oder vereinfachen ließe. -- Kurz gesagt, Fräulein
+Glory, langweilt Sie das nicht?
+
+HELENE Nein, im Gegenteil, es ist schrecklich interessant.
+
+DOMIN Also der junge Werstand sagte sich: Ein Mensch, das ist etwas,
+das -- sagen wir -- Freude fühlt, Geige spielt, spazieren gehen will
+und überhaupt einen Haufen Sachen zu tun braucht, welche -- welche
+eigentlich überflüssig sind.
+
+HELENE Oho!
+
+DOMIN Warten Sie. Welche überflüssig sind, wenn er etwas weben oder
+addieren soll. Ich meine nicht für Sie -- Spielen Sie vielleicht
+Violine?
+
+HELENE Nein.
+
+DOMIN Schade. Aber eine Arbeitsmaschine muß nicht Violine spielen,
+muß nicht Freude fühlen, muß nicht einen Haufen andrer Dinge tun.
+Soll es schließlich gar nicht. Ein Naphthamotor soll keine Fransen
+und Ornamente haben, Fräulein Glory. Und künstliche Arbeiter erzeugen
+ist dasselbe wie Naphthamotore erzeugen. Die Erzeugung soll möglichst
+einfach und das Erzeugnis das praktisch beste sein. Was meinen Sie,
+welcher Arbeiter der praktisch beste ist?
+
+HELENE Der beste? Vielleicht jener, der -- der -- Wenn er ehrlich --
+und ergeben ist.
+
+DOMIN Nein, sondern der billigste. Der, welcher die geringsten
+Bedürfnisse hat. Der junge Werstand erfand einen Arbeiter mit der
+kleinsten Menge Bedürfnisse. Er mußte ihn vereinfachen. Er warf alles
+hinaus, was nicht unmittelbar der Arbeit dient. Damit warf er auch
+alles, was den Menschen verteuert, hinaus. Damit warf er eigentlich
+den Menschen hinaus und erschuf den Roboter. Teures Fräulein Glory,
+die Roboter sind keine Menschen. Sie sind mechanisch vollkommener als
+wir, haben eine erstaunliche Vernunftintelligenz, aber sie haben keine
+Seele. Sahen Sie schon einmal, wie ein Roboter innen aussieht?
+
+HELENE Nein.
+
+DOMIN Sehr rein, sehr einfach. Tatsächlich, eine schöne Arbeit. Es
+ist wie eine Hausapotheke. Wenige Stückchen, aber in tadelloser
+Ordnung. Oh, Fräulein Glory, das Erzeugnis des Ingenieurs ist technisch
+geläuterter als das Erzeugnis der Natur.
+
+HELENE Man sagt, der Mensch sei ein Erzeugnis Gottes.
+
+DOMIN Um so ärger. Gott hat keine Ahnung von der modernen Technik
+gehabt. Würden Sie glauben, daß der selige junge Werstand sich als
+Herrgott aufzuspielen begann?
+
+HELENE Wie, ich bitte Sie?
+
+DOMIN Er fing an, Über-Roboter zu erzeugen. Arbeitsriesen. Er probierte
+es mit viermetrigen Gestalten, aber Sie würden es nicht glauben, wie
+diese Mammute zerbrachen.
+
+HELENE Zerbrachen?
+
+DOMIN Ja. Von nichts und wieder nichts barst ihnen ein Bein oder etwas.
+Unser Planet ist höchstwahrscheinlich ein wenig klein für Riesen. Jetzt
+machen wir bloß Roboter von natürlicher Größe und sehr anständiger
+menschlicher Ausstattung.
+
+HELENE Ich habe die ersten Roboter bei uns gesehen. Die Gemeinde hatte
+sie gekauft ... will sagen, zur Arbeit aufgenommen --
+
+DOMIN Gekauft, teures Fräulein. Roboter werden gekauft.
+
+HELENE -- als Straßenkehrer verpflichtet. Ich sah sie fegen. Sie sind
+so seltsam, so still.
+
+DOMIN Haben Sie meine Schreiberin gesehen?
+
+HELENE Ich habe nicht acht gegeben.
+
+DOMIN _läutet_ Wissen Sie, die Aktienfabrik von Werstands Universal
+Roboters erzeugt bis jetzt keine einheitliche Ware. Wir haben feinere
+und gröbere Roboter. Die besseren werden vielleicht zwanzig Jahre leben.
+
+HELENE Dann schwinden sie hin?
+
+DOMIN Ja, sie nützen sich ab.
+
+ _SULLA tritt ein._
+
+DOMIN Sulla, präsentieren Sie sich Fräulein Glory.
+
+HELENE _erhebt sich und reicht ihr die Hand_ Es freut mich. Ihnen ist
+wohl sehr traurig so fern der Welt, nicht wahr?
+
+SULLA Das kenne ich nicht, Fräulein Glory. Bitte, nehmen Sie Platz.
+
+HELENE _setzt sich_ Woher stammen Sie, Fräulein?
+
+SULLA Von hier, aus der Fabrik.
+
+HELENE Ah, Sie sind hier geboren?
+
+SULLA Ja, ich wurde hier gemacht.
+
+HELENE _aufspringend_ Was?
+
+DOMIN _lacht_ Sulla ist kein Mensch, Fräulein, Sulla ist ein Roboter.
+
+HELENE Ich bitte um Verzeihung --
+
+DOMIN _legt Sulla die Hand auf die Schulter_ Sulla ist nicht böse.
+Schauen Sie, Fräulein Glory, was für eine Haut wir erzeugen. Greifen
+Sie auf ihre Wange.
+
+HELENE Oh, nein, nein!
+
+DOMIN Sie würden nicht erkennen, daß sie aus einem anderen Stoff ist
+als wir. Bitte, sie hat sogar den typischen Flaum der Blondinen. Nur
+die Augen sind ein bißchen -- Aber dafür die Haare! Drehen Sie sich um,
+Sulla.
+
+HELENE Hören Sie schon auf!
+
+DOMIN Plaudern Sie mit dem Gast, Sulla. Es ist ein seltener Besuch.
+
+SULLA Bitte, Fräulein, nehmen Sie Platz. _Beide setzen sich._ Haben Sie
+eine gute Überfahrt gehabt?
+
+HELENE Ja -- ge -- gewiß.
+
+SULLA Kehren Sie nicht mit der Amelia zurück, Fräulein Glory, das
+Barometer fällt stark, auf 705. Warten Sie auf die Pennsylvania, das
+ist ein sehr gutes, sehr starkes Schiff.
+
+DOMIN Wieviel?
+
+SULLA Zwanzig Knoten in der Stunde. Tonnage: zwanzigtausend. Eines der
+allerneuesten Schiffe, Fräulein Glory.
+
+HELENE Da -- danke.
+
+SULLA Achtzig Mann Besatzung, Kapitän Harpy, acht Kessel --
+
+DOMIN _lacht_ Genug, Sulla, genug. Zeigen Sie uns, wie Sie Französisch
+können.
+
+HELENE Sie können Französisch?
+
+SULLA Ich beherrsche vier Sprachen. Ich schreibe: Dear Sir! Monsieur!
+Signore! Geehrter Herr!
+
+HELENE _springt auf_ Das ist Humbug! Sie sind ein Scharlatan! Sulla
+ist kein Roboter, Sulla ist ein Mädchen wie ich! Sulla, das ist
+schändlich -- warum spielen Sie eine solche Komödie?
+
+SULLA Ich bin ein Roboter.
+
+HELENE Nein, nein, Sie lügen! Oh, Sulla, verzeihen Sie, ich weiß -- man
+hat Sie genötigt, damit Sie ihnen Reklame machen! Sulla, Sie sind ein
+Mädchen, wie ich, nicht wahr? Sagen Sie!
+
+DOMIN Ich bedaure, Fräulein Glory. Sulla ist ein Roboter.
+
+HELENE Sie lügen!
+
+DOMIN _richtet sich auf_ Wie? _läutet_ Verzeihen Sie, Fräulein, dann
+muß ich Sie überzeugen.
+
+ _MARIUS tritt ein._
+
+DOMIN Marius, führen Sie Sulla in den Seziersaal, man solle sie öffnen.
+Flink!
+
+HELENE Wohin?
+
+DOMIN In den Seziersaal. Bis sie aufgeschnitten ist, gehen Sie sich sie
+ansehen.
+
+HELENE Ich gehe nicht!
+
+DOMIN Pardon, Sie sprachen von Lüge.
+
+HELENE Sie wollen sie töten lassen?
+
+DOMIN Maschinen werden nicht getötet.
+
+HELENE _umarmt Sulla_ Fürchten Sie nichts, Sulla, ich lasse Sie nicht!
+Sagen Sie, Teure, sind alle so roh zu euch? Das dürft ihr euch nicht
+gefallen lassen, hören Sie? Sie dürfen nicht, Sulla!
+
+SULLA Ich bin Roboter.
+
+HELENE Das ist einerlei. Roboter sind ebenso gute Menschen wie wir.
+Sulla, Sie würden sich aufschneiden lassen?
+
+SULLA Ja.
+
+HELENE Oh, Sie fürchten sich nicht vor dem Tod?
+
+SULLA Kenne ich nicht, Fräulein Glory.
+
+HELENE Wissen Sie, was dort mit Ihnen geschähe?
+
+SULLA Ja. Ich würde aufhören, mich zu bewegen.
+
+HELENE Das ist entsetzlich!
+
+DOMIN Marius, sagen Sie dem Fräulein, was Sie sind.
+
+MARIUS Marius, Roboter.
+
+DOMIN Würden Sie Sulla in den Seziersaal geben?
+
+MARIUS Ja.
+
+DOMIN Würden Sie sie bedauern?
+
+MARIUS Kenne ich nicht.
+
+DOMIN Was würde mit ihr geschehen?
+
+MARIUS Sie würde sich nicht mehr bewegen. Man würde sie in die
+Stampfmaschine geben.
+
+DOMIN Das ist der Tod, Marius. Fürchten Sie den Tod?
+
+MARIUS Nein.
+
+DOMIN Also sehen Sie, Fräulein Glory, die Roboter hängen nicht am
+Leben. Sie haben nämlich keinen Anlaß dazu. Sie haben keine Genüsse.
+Sie sind geringer als Gras.
+
+HELENE Oh, hören Sie auf! Schicken Sie sie wenigstens fort!
+
+DOMIN Marius, Sulla, ihr könnt gehen.
+
+ _SULLA und MARIUS ab._
+
+HELENE Sie sind schrecklich! Es ist scheußlich, was Sie tun!
+
+DOMIN Weshalb scheußlich?
+
+HELENE Ich weiß nicht. Warum -- warum gaben Sie ihr den Namen Sulla?
+
+DOMIN Kein hübscher Name?
+
+HELENE Es ist ein Männername. Sulla war ein römischer Feldherr.
+
+DOMIN Ah, wir glaubten, Marius und Sulla wäre ein Liebespaar gewesen.
+
+HELENE Nein, Marius und Sulla waren Feldherren und bekämpften einander
+im Jahre -- im Jahre -- Ich weiß nicht mehr.
+
+DOMIN Kommen Sie her, zum Fenster. Was sehen Sie?
+
+HELENE Maurer.
+
+DOMIN Das sind Roboter. Alle unsre Arbeiter sind Roboter. Und da unten,
+sehen Sie etwas?
+
+HELENE Irgendeine Kanzlei.
+
+DOMIN Die Buchhaltung. Und darinnen --
+
+HELENE -- lauter Beamte.
+
+DOMIN Das sind Roboter. Alle unsere Beamten sind Roboter. Bis Sie die
+Fabrik sehen werden --
+
+ _In diesem Moment ertönen Pfeifen und Sirenen._
+
+DOMIN Mittag. Die Roboter wissen nicht, wann sie die Arbeit einstellen
+sollen. Um zwei Uhr werde ich Ihnen die Dösen zeigen.
+
+HELENE Was für Dösen?
+
+DOMIN _trocken_ Mischbottiche für Teig. In jedem wird gleichzeitig
+Stoff für tausend Roboter gemischt. Dann die Kufen für Lebern, Hirne
+und so weiter. Dann werden Sie die Knochenfabrik sehen. Dann zeige ich
+Ihnen die Spinnerei.
+
+HELENE Was für eine Spinnerei?
+
+DOMIN Die Nervenspinnerei. Die Adernspinnerei. Eine Spinnerei, wo
+gleichzeitig ganze Kilometer von Verdauungsröhren laufen. Dann
+kommt der Montierraum, wo das zusammengestellt wird, wissen Sie, wie
+Automobile. Jeder Arbeiter befestigt nur einen einzigen Bestandteil,
+und dann läuft es wieder selbsttätig weiter, zum zweiten, dritten, bis
+ins Unendliche. Das ist das interessanteste Schauspiel. Dann kommt das
+Darrhaus und das Magazin, wo die frischen Produkte arbeiten.
+
+HELENE Um Gottes willen, gleich müssen sie arbeiten?
+
+DOMIN Pardon. Sie arbeiten, wie neue Möbelstücke arbeiten. Sie gewöhnen
+sich an die Existenz. Wachsen gleichsam innerlich zusammen, oder so.
+Vieles in ihnen wächst überhaupt neu hinzu. Sie verstehen, wir müssen
+der natürlichen Entwicklung ein bißchen Raum gewähren. Und inzwischen
+werden die Produkte appretiert.
+
+HELENE Was ist das?
+
+DOMIN So viel wie bei den Menschen die »Schule«. Sie lernen sprechen,
+schreiben und rechnen. Sie haben nämlich ein erstaunliches Gedächtnis.
+Wenn Sie ihnen aus einem zwanzigbändigen Lexikon vorlesen, so werden
+sie Ihnen alles in der richtigen Reihenfolge wiederholen. Etwas Neues
+fällt ihnen niemals ein. Sie könnten ganz gut an den Universitäten
+unterrichten. Dann werden sie klassifiziert und verschickt. Täglich
+15000 Stück, ausschließlich des ständigen Prozentsatzes von
+Fehlerhaften, die in den Stampftrog geworfen werden ... und so weiter,
+und so weiter.
+
+HELENE Zürnen Sie mir?
+
+DOMIN Aber, Gott bewahre! Ich meine nur, wir ... wir hätten von
+anderen Dingen reden können. Wir sind hier nur ein Häuflein unter
+hunderttausenden Robotern, und kein Weib. Wir reden nur von der
+Fabrikation, den ganzen Tag, jeden Tag. Wir sind wie verdammt, Fräulein
+Glory.
+
+HELENE Es tut mir so leid, daß ich sagte, Sie -- Sie -- Sie hätten
+gelogen --
+
+ _Es pocht._
+
+DOMIN Hereinspaziert, Jungens.
+
+ _Von links kommen Ing. FABRY, DR. GALL, DR. HALLEMEIER,
+ Baumeister ALQUIST._
+
+DR. GALL Pardon, stören wir nicht?
+
+DOMIN Tretet näher. Fräulein Glory, das sind Alquist, Fabry, Gall,
+Hallemeier. Die Tochter des Präsidenten Glory.
+
+HELENE _verlegen_ Guten Tag.
+
+FABRY Wir hatten keine Ahnung --
+
+DR. GALL Unendlich geehrt --
+
+ALQUIST Seien Sie willkommen, Fräulein Glory.
+
+ _Von rechts stürzt BUSMAN herein._
+
+BUSMAN Hallo, was gibt's hier?
+
+DOMIN Hierher, Busman. Das ist unser Busman, Fräulein. Die Tochter des
+Präsidenten Glory.
+
+HELENE Es freut mich.
+
+BUSMAN Jemine, welche Ehre! Fräulein Glory, dürfen wir den Zeitungen
+kabeln, daß Sie die Güte hatten, uns aufzusuchen --?
+
+HELENE Nein, nein, ich bitte Sie!
+
+DOMIN Bitte, Fräulein, nehmen Sie Platz.
+
+ BUSMAN } { Belieben --
+ DR. GALL } _rücken Fauteuils heran_ { Bitte --
+ FABRY } { Pardon --
+
+ALQUIST Fräulein Glory, wie war Ihre Reise?
+
+DR. GALL Werden Sie sich länger bei uns aufhalten?
+
+FABRY Was sagen Sie zu der Fabrik, Fräulein Glory?
+
+HALLEMEIER Sie sind auf der Amelie gekommen?
+
+DOMIN Still, laßt Fräulein Glory reden.
+
+HELENE _zu Domin_ Wovon soll ich mit ihnen sprechen?
+
+DOMIN _verwundert_ Wovon Sie mögen.
+
+HELENE Soll ... darf ich ganz offen reden?
+
+DOMIN Aber freilich.
+
+HELENE _zögert, dann verzweifelt entschlossen_ Sagen Sie, ist es Ihnen
+niemals peinlich, wie man mit Ihnen umgeht?
+
+FABRY Wer, bitte?
+
+HELENE Alle Menschen.
+
+ _Alle blicken einander betroffen an._
+
+ALQUIST Mit uns?
+
+DR. GALL Warum meinen Sie?
+
+HALLEMEIER Donnerwetter!
+
+BUSMAN Aber, Gott bewahre, Fräulein Glory!
+
+HELENE Fühlen Sie denn nicht, daß Sie besser existieren könnten?
+
+DR. GALL Es kommt darauf an, Fräulein. Wie meinen Sie das?
+
+HELENE Ich meine, daß -- _bricht los_ daß es scheußlich ist! daß es
+furchtbar ist! _Erhebt sich._ Ganz Europa redet davon, was hier mit
+Ihnen geschieht. Deshalb kam ich hierher, um es zu sehen, und es ist
+tausendmal schlimmer, als man nur denken kann! Wie können Sie das
+ertragen?
+
+ALQUIST Was ertragen?
+
+HELENE Ihre Lage. Um Gottes willen, Sie sind doch Menschen wie wir, wie
+ganz Europa, wie die ganze Welt! Das ist skandalös, das ist unwürdig,
+wie Sie leben!
+
+BUSMAN Herrgott, Fräulein!
+
+FABRY Nein, Jungens, sie hat ein bißchen Recht. Wir leben hier sicher
+wie Indianer.
+
+HELENE Ärger als Indianer! Darf ich, oh, darf ich Sie Brüder nennen?
+
+BUSMAN Aber, Gottchen, warum denn nicht?
+
+HELENE Brüder, ich kam nicht als die Tochter des Präsidenten. Ich kam
+im Namen der Humanitätsliga. Brüder, die Humanitätsliga hat bereits
+über 200000 Mitglieder. 200000 Menschen stehen hinter euch und bieten
+euch ihre Hilfe an.
+
+BUSMAN 200000 Menschen, Wetter, das ist gehörig, das ist ganz prächtig.
+
+FABRY Ich sage euch immer, es geht nichts über das alte Europa. Ihr
+seht es, es hat uns nicht vergessen. Es bietet uns Hilfe an.
+
+DR. GALL Was für Hilfe? Ein Theater?
+
+HALLEMEIER Ein Orchester?
+
+HELENE Mehr als das.
+
+ALQUIST Sie selbst?
+
+HELENE Oh, was mich betrifft. Ich bleibe, solange es nötig sein wird.
+
+BUSMAN Herrgott, das ist eine Freude!
+
+ALQUIST Domin, ich gehe ein Zimmer für das Fräulein bereitstellen.
+
+DOMIN Warten Sie einen Moment. Ich fürchte, daß -- daß Fräulein Glory
+noch nicht ausgeredet hat.
+
+HELENE Nein, noch nicht. Außer Sie schlössen mir mit Gewalt den Mund.
+
+DR. GALL Harry, unterstehen Sie sich!
+
+HELENE Ich danke Ihnen. Ich wußte, Sie werden mich schützen.
+
+DOMIN Pardon, Fräulein Glory. Sind Sie sich dessen sicher, daß Sie mit
+Robotern reden?
+
+HELENE _stockt_ Mit wem sonst?
+
+DOMIN Es tut mir leid. Diese Herren sind nämlich Menschen wie Sie. Wie
+ganz Europa.
+
+HELENE _zu den andern_ Sie sind keine Roboter?
+
+BUSMAN _kichert_ Gott bewahre!
+
+HALLEMEIER _würdevoll_ Pfui, Roboter!
+
+DR. GALL _lacht_ Da bedanken wir uns schön!
+
+HELENE Aber ... das ist nicht möglich!
+
+FABRY Bei meiner Ehre, Fräulein, wir sind keine Roboter.
+
+HELENE _zu Domin_ Weshalb sagten Sie mir also, alle Ihre Beamten seien
+Roboter?
+
+DOMIN Ja, die Beamten. Aber nicht die Direktoren. Gestatten Sie,
+Fräulein Glory: Ingenieur Fabry, technischer Generaldirektor von
+Werstands Universal Robots. Doktor Gall, Leiter der physiologischen
+und Untersuchungsabteilung. Doktor Hallemeier, Leiter der Anstalt für
+Psychologie und Erziehung der Roboter. Konsul Busman, kommerzieller
+Generaldirektor, und Baumeister Alquist, Chef der Bauten von Werstands
+Universal Robots.
+
+HELENE Verzeihen Sie, meine Herren, daß -- daß -- Ist es schrecklich,
+was ich Ihnen angestellt habe?
+
+ALQUIST Aber, Gott bewahre, Fräulein Glory. Bitte, setzen Sie sich.
+
+HELENE _setzt sich_ Ich bin ein dummes Mädel. Jetzt -- jetzt werden Sie
+mich mit dem ersten Schiff zurückschicken.
+
+DR. GALL Um nichts auf der Welt, Fräulein. Weshalb sollten wir Sie
+fortschicken?
+
+HELENE Weil Sie bereits wissen -- weil -- weil ich Ihnen die Roboter
+aufhetzen würde.
+
+DOMIN Teures Fräulein Glory, hier sind schon hunderte Erlöser und
+Propheten gewesen. Jedes Schiff bringt irgendeinen her. Missionare,
+Anarchisten, die Heilsarmee, alles mögliche. Es ist erstaunlich,
+wieviel Sekten und Narren es auf Erden gibt.
+
+HELENE Und Sie lassen sie zu den Robotern reden?
+
+DOMIN Weshalb nicht? Bis jetzt haben es alle bleiben lassen. Die
+Roboter merken sich alles, aber nichts mehr. Sie lachen sogar nicht
+einmal über das, was die Leute sagen. In der Tat, geradezu unglaublich.
+Falls es Sie unterhält, teures Fräulein, so führe ich Sie in das
+Robotermagazin. Es sind ihrer dort etwa dreihunderttausend.
+
+BUSMAN Dreihundertsiebenundvierzigtausend.
+
+DOMIN Gut. Sie können ihnen sagen, was Sie wollen. Sie können ihnen die
+Bibel, Logarithmen oder was Ihnen beliebt, vorlesen. Sie können ihnen
+schließlich über die Menschenrechte predigen.
+
+HELENE Oh, ich glaube, daß ... wenn man ihnen ein wenig Liebe zeigte --
+
+FABRY Unmöglich, Fräulein Glory. Nichts ist dem Menschen fremder als
+ein Roboter.
+
+HELENE Weshalb erzeugen Sie sie dann?
+
+BUSMAN Hahaha, das ist gut! Weshalb man Roboter erzeugt!
+
+FABRY Zur Arbeit, Fräulein. Ein Roboter ersetzt zwei und einen halben
+Arbeiter. Die menschliche Maschine, Fräulein Glory, war ungemein
+unvollkommen. Sie mußte endlich einmal beseitigt werden.
+
+BUSMAN Sie war zu teuer.
+
+FABRY Sie war wenig leistungsfähig. Der modernen Technik vermochte sie
+nicht mehr zu genügen. Und zweitens -- zweitens -- ist es ein großer
+Fortschritt, daß ... Pardon.
+
+HELENE Was?
+
+FABRY Ich bitte um Entschuldigung. Es ist ein großer Fortschritt,
+mit einer Maschine zu gebären. Es ist bequemer und schneller. Jede
+Beschleunigung ist ein Fortschritt, Fräulein. Die Natur hatte keine
+Ahnung von dem modernen Arbeitstempo. Die ganze Kindheit ist technisch
+genommen ein purer Unsinn. Schlechthin verlorene Zeit. Unerträgliche
+Zeitverschwendung, Fräulein Glory. Und drittens --
+
+HELENE Oh, hören Sie auf!
+
+FABRY Bitte. Erlauben Sie, was will eigentlich diese Ihre Liga -- Liga
+-- Humanitätsliga?
+
+HELENE Sie soll hauptsächlich -- hauptsächlich soll sie die Roboter
+schützen und -- und -- ihnen eine -- gute Behandlung sichern.
+
+FABRY Das ist kein schlechtes Ziel. Eine Maschine soll man gut
+behandeln. Bei meiner Seele, das lobe ich mir. Ich liebe beschädigte
+Sachen nicht. Ich bitte Sie, Fräulein Glory, notieren Sie uns alle als
+beitragende, als ordentliche, als gründende Mitglieder Ihrer Liga!
+
+HELENE Nein, Sie verstehen mich nicht. Wir wollen -- hauptsächlich --
+wir wollen die Roboter befreien!
+
+HALLEMEIER Wie, bitte?
+
+HELENE Man soll sie ... wie Menschen behandeln.
+
+HALLEMEIER Aha. Sie sollen vielleicht wählen? Sie sollen Bier trinken?
+Sollen uns befehlen?
+
+HELENE Weshalb sollten sie nicht wählen können?
+
+HALLEMEIER Und sollen sie vielleicht am Ende nicht auch Löhnung kriegen?
+
+HELENE Allerdings!
+
+HALLEMEIER Da schau' her. Und was würden sie, bitte, damit anfangen?
+
+HELENE Sie würden sich kaufen ... was sie brauchen ... was ihnen Freude
+bereiten würde.
+
+HALLEMEIER Das ist sehr hübsch, Fräulein; nur daß die Roboter nichts
+erfreut. Wetter, was sollen sie sich kaufen? Sie können sie mit Ananas,
+Stroh, womit Sie wollen, füttern; ihnen ist es gleichgültig, sie haben
+überhaupt keinen Geschmack. Sie interessieren sich für nichts, Fräulein
+Glory. Zum Teufel, es hat noch niemand gesehen, daß ein Roboter
+gelacht hätte.
+
+HELENE Warum ... warum -- warum macht ihr sie nicht glücklicher?
+
+HALLEMEIER Das geht nicht, Fräulein Glory. Es sind nur Roboter.
+
+HELENE Oh, sie sind so vernünftig!
+
+HALLEMEIER Verflucht vernünftig, Fräulein, aber sonst nichts. Ohne
+eigenen Willen. Ohne Leidenschaften. Ohne Tradition. Ohne Seele.
+
+HELENE Ohne Liebe und Trotz?
+
+HALLEMEIER Das versteht sich. Die Roboter lieben nichts, nicht einmal
+sich selbst. Und Trotz? Ich weiß nicht; nur selten, nur manchmal --
+
+HELENE Was?
+
+HALLEMEIER Eigentlich nichts. Manchmal werden sie irgendwie störrisch.
+So etwas wie Fallsucht, wissen Sie? Man nennt es den Roboterkrampf.
+Plötzlich schmeißt einer alles hin, was er in der Hand hält, steht da,
+knirscht mit den Zähnen -- und muß in den Stampftrog geworfen werden.
+Offenbar eine Störung des Organismus.
+
+DOMIN Ein Fabrikationsfehler. Das muß beseitigt werden.
+
+HELENE Nein, nein, das ist die Seele.
+
+FABRY Glauben Sie, die Seele beginne mit Zähneknirschen?
+
+HELENE Ich weiß nicht. Vielleicht ist es Auflehnung. Vielleicht ist
+gerade das ein Zeichen, daß sie ringen -- -- Oh, wenn Sie das in ihnen
+zu entfachen vermöchten!
+
+DOMIN Das wird beseitigt werden, Fräulein Glory, Doktor Gall stellt
+eben gewisse Versuche an --
+
+DR. GALL Nicht damit, Domin; jetzt mache ich Nerven für den Schmerz.
+
+HELENE Nerven für den Schmerz?
+
+DR. GALL Ja. Die Roboter spüren körperliche Schmerzen beinahe nicht.
+Wissen Sie, der selige junge Hirn hat das Nervensystem allzu sehr
+beschränkt. Das hat sich nicht bewährt. Wir müssen Leiden einführen.
+
+HELENE Warum -- warum -- Wenn ihr ihnen keine Seele gebt, warum wollt
+ihr ihnen den Schmerz geben?
+
+DR. GALL Aus industriellen Gründen, Fräulein Glory. Der Roboter
+beschädigt sich manchmal selber, weil es ihn nicht schmerzt; er steckt
+die Hand in die Maschine, zerbricht sich einen Finger, zerschlägt sich
+den Kopf, das ist ihm einerlei. Wir müssen ihnen den Schmerz geben; das
+ist ein automatischer Schutz vor Verletzung.
+
+HELENE Werden sie glücklicher sein, wenn sie Schmerz fühlen werden?
+
+DR. GALL Im Gegenteil; aber sie werden technisch vollkommener sein.
+
+HELENE Warum erschaffen Sie ihnen keine Seele?
+
+DR. GALL Das ist nicht in unserer Macht.
+
+FABRY Das ist nicht in unserem Interesse.
+
+BUSMAN Das würde die Fabrikation verteuern. Du lieber Gott, schöne
+Dame, wir machen es ja so billig! Hundertzwanzig Dollars das bekleidete
+Exemplar, und vor fünfzehn Jahren hat es zehntausend gekostet! Vor
+fünf Jahren kauften wir Kleider für sie; heute haben wir eine eigene
+Weberei und exportieren noch die Stoffe fünfmal billiger als andere
+Fabriken. Ich bitte Sie, Fräulein Glory, was zahlen Sie für einen Meter
+Tuch?
+
+HELENE Ich weiß nicht -- -- wirklich -- -- -- ich hab's vergessen.
+
+BUSMAN O du mein, und dann wollen Sie eine Humanitätsliga gründen! Es
+kostet nur mehr ein Drittel, Fräulein; alle Preise stehen heute auf
+einem Drittel und werden immer tiefer, tiefer, tiefer, tiefer sinken
+bis -- so. He?
+
+HELENE Ich verstehe nicht.
+
+BUSMAN Jemine, Fräulein, das bedeutet, daß die Arbeit im Wert gesunken
+ist! Denn ein Roboter samt Fütterung kostet pro Stunde dreiviertel
+Cents! Das ist ein Jux, Fräulein: sämtliche Fabriken platzen wie
+Eicheln oder kaufen schleunigst Roboter ein, um die Erzeugung zu
+verbilligen.
+
+HELENE Ja, und werfen die Arbeiter auf die Straße hinaus.
+
+BUSMAN Haha, das versteht sich! Aber wir, du meine Güte, wir haben
+inzwischen 500000 Tropen-Roboter auf die argentinischen Pampas
+geworfen, damit sie Weizen anbauen. Seien Sie so gut, was kostet bei
+Ihnen ein Pfund Brot?
+
+HELENE Ich habe keine Ahnung.
+
+BUSMAN Also sehen Sie; jetzt kostet es zwei Cents, in Ihrem guten
+alten Europa: aber das ist ~unser~ Brötchen, verstehen Sie? Zwei
+Cents ein Pfund Brot: und die Humanitätsliga hat davon keine Ahnung!
+Haha, Fräulein Glory, Sie wissen nicht, was eine allzu teure Schnitte
+bedeutet. Für die Kultur und so weiter. Aber in fünf Jahren, na, wetten
+wir!
+
+HELENE Was?
+
+BUSMAN Daß in fünf Jahren alles auf 0·1 stehen wird. Leutchen, in fünf
+Jahren werden wir in Weizen und allem möglichen ertrinken.
+
+ALQUIST Ja, und sämtliche Arbeiter der Welt werden ohne Arbeit sein.
+
+DOMIN _erhebt sich_ Das werden sie, Alquist. Das werden sie, Fräulein
+Glory. Aber in zehn Jahren werden Werstands Universal Roboter so viel
+Weizen, so viele Stoffe, von allem so viel erzeugen, daß die Dinge
+keinen Wert mehr haben werden. Nun nehme jeder, wieviel er braucht.
+Es gibt keine Not. Ja, sie werden ohne Arbeit sein. Aber es wird dann
+überhaupt keine Arbeit mehr geben. Alles werden lebende Maschinen
+verrichten. Roboter werden uns bekleiden und sättigen. Roboter uns
+Ziegel herstellen und Häuser bauen. Roboter werden für uns Zahlen
+schreiben und unsere Stiegen fegen. Keine Arbeit wird es geben. Der
+Mensch wird nur das tun, was er liebt: Er wird aller Sorgen ledig und
+von der Erniedrigung der Arbeit befreit sein. Er wird nur leben, um
+sich zu vervollkommnen.
+
+HELENE _erhebt sich_ Wird es so sein?
+
+DOMIN Es wird. Es kann nicht anders sein. Vorher kommen vielleicht
+schreckliche Sachen, Fräulein Glory. Das läßt sich einfach nicht
+verhüten. Aber dann hört der Mensch auf, dem Menschen dienstbar und
+der Materie versklavt zu sein. Die Mühseligen und Hungernden werden
+vor vollen Tischen sitzen. Roboter werden des Bettlers Füße waschen
+und ihm ein Lager bereiten in seinem Hause. Niemand wird mehr sein
+Brot bezahlen mit Leben und Haß. Du bist nicht mehr Arbeiter, du
+kein Schreiber mehr; du gräbst nicht mehr Kohle und du stehst nicht
+an fremder Maschine. Nicht mehr wirst du deine Seele verschwenden an
+Arbeit, die du verfluchtest.
+
+ALQUIST Domin, Domin! Was Sie da sagen, sieht allzu sehr nach Paradies
+aus. Domin, es war etwas Gutes am Dienen und etwas Großes in der
+Unterwerfung. Ach, Harry, es war ich weiß nicht was für eine Tugend in
+der Arbeit und Ermattung.
+
+DOMIN Vielleicht war es so. Aber wir können nicht mit dem, was verloren
+geht, rechnen, wenn wir die Welt von Adam an umformen. Adam, Adam! Du
+wirst nicht mehr dein Brot im Schweiße deines Angesichts essen; wirst
+nicht mehr Hunger und Durst, Ermüdung und Erniedrigung erfahren; du
+kehrst in das Paradies zurück, wo des Herrn Hand dich nährte. Du wirst
+frei und erhaben sein; du wirst keine andere Aufgabe, keine andere
+Arbeit, keine andere Sorge haben als dich selbst zu vervollkommnen.
+Du wirst weder der Materie noch dem Menschen dienen. Du wirst keine
+Maschine und Mittel der Erzeugung sein. Du wirst der Herr der Schöpfung
+sein.
+
+BUSMAN Amen.
+
+FABRY Also geschehe es.
+
+HELENE Sie haben mich verwirrt. Ich bin ein törichtes Mädchen. Ich
+möchte -- ich möchte daran glauben.
+
+DR. GALL Sie sind jünger als wir, Fräulein Glory. Sie werden alles
+erleben.
+
+HALLEMEIER So ist's. Ich denke, Fräulein Glory könnte mit uns
+frühstücken.
+
+DR. GALL Das versteht sich! Domin, bitten Sie für uns alle.
+
+DOMIN Fräulein Glory, erweisen Sie uns die Ehre.
+
+HELENE Aber das ist doch -- Wie könnte ich?
+
+FABRY Für die Humanitätsliga, Fräulein.
+
+BUSMAN Und ihr zu Ehren.
+
+HELENE Oh, in diesem Falle -- vielleicht --
+
+FABRY Also Heil! Fräulein Glory, entschuldigen Sie für fünf Minuten.
+
+DR. GALL Pardon.
+
+BUSMAN Herrgott, ich muß kabeln --
+
+HALLEMEIER Donnerwetter, und ich vergaß --
+
+ _Alle, außer Domin, drängen sich hinaus._
+
+HELENE Warum gehen alle weg?
+
+DOMIN Kochen, Fräulein Glory.
+
+HELENE Was kochen?
+
+DOMIN Das Frühstück, Fräulein Glory. Für uns kochen Roboter und --
+und -- da sie keinen Geschmacksinn besitzen, ist es nicht ganz --
+Hallemeier kann nämlich vorzüglich braten. Und Gall macht irgendeine
+Sauce, und Busman kennt sich in der Omelette aus --
+
+HELENE Um Gottes willen, das ist ein Gastmahl! Und was kann der Herr --
+Baumeister --
+
+DOMIN Alquist? Nichts. Er deckt nur den Tisch und -- und Fabry treibt
+etwas Obst auf. Sehr bescheidene Küche, Fräulein Glory.
+
+HELENE Ich wollte Sie fragen --
+
+DOMIN Auch ich möchte Sie nach etwas fragen. _Legt seine Uhr auf den
+Tisch._ Fünf Minuten Zeit.
+
+HELENE Wonach fragen?
+
+DOMIN Pardon, Sie haben früher gefragt.
+
+HELENE Vielleicht ist es dumm von mir, aber -- warum erzeugen Sie
+weibliche Roboter, wenn -- wenn --
+
+DOMIN -- wenn bei ihnen, hm, wenn für sie das Geschlecht keine
+Bedeutung hat?
+
+HELENE Ja.
+
+DOMIN Es herrscht eine gewisse Nachfrage, wissen Sie? Dienstmädchen,
+Verkäuferinnen, Schreiberinnen -- Die Menschen sind daran gewöhnt.
+
+HELENE Und -- und sagen Sie, sind die Roboter -- und Robotinnen --
+wechselseitig -- absolut --
+
+DOMIN Absolut gleichgültig, teures Fräulein. Da ist keine Spur
+irgendeiner Neigung.
+
+HELENE Oh, das ist -- furchtbar!
+
+DOMIN Warum?
+
+HELENE Es ist -- es ist -- so unnatürlich! Man weiß gar nicht, sollen
+sie einem deswegen abstoßend, oder -- beneidenswert erscheinen -- oder
+vielleicht --
+
+DOMIN -- bemitleidenswert.
+
+HELENE Dies am ehesten -- Nein, hören Sie auf! Was wollten Sie fragen?
+
+DOMIN Gern möchte ich fragen, Fräulein Glory, ob Sie mich nehmen
+möchten.
+
+HELENE Wie nehmen?
+
+DOMIN Zum Mann.
+
+HELENE Nein! Was fällt Ihnen ein?
+
+DOMIN _auf die Uhr blickend_ Noch drei Minuten. Nehmen Sie mich nicht,
+so müssen Sie einen der anderen Fünf nehmen.
+
+HELENE Aber Gott bewahre! Warum sollte ich ihn nehmen?
+
+DOMIN Weil alle nach der Reihe Sie verlangen werden.
+
+HELENE Wie könnten sie sich unterstehen?
+
+DOMIN Ich bedaure sehr, Fräulein Glory. Es scheint, daß sie sich in Sie
+verliebt haben.
+
+HELENE Ich bitte Sie, das sollen sie nicht tun! Ich -- ich reise gleich
+ab!
+
+DOMIN Helene, Sie werden ihnen doch nicht den Kummer bereiten,
+abzulehnen.
+
+HELENE Aber ich -- ich kann doch nicht -- alle sechs nehmen!
+
+DOMIN Nein, aber wenigstens einen. Wollen Sie mich nicht, so Fabry.
+
+HELENE Ich will nicht!
+
+DOMIN Doktor Gall.
+
+HELENE Nein, nein, schweigen Sie! Ich will keinen!
+
+DOMIN Noch zwei Minuten.
+
+HELENE Das ist schrecklich! Nehmen Sie sich irgendeine Robotin.
+
+DOMIN Das ist kein Weib.
+
+HELENE Oh, nur das fehlt Ihnen! Ich glaube, Sie -- Sie würden jede
+nehmen, die kommt.
+
+DOMIN Es waren viele hier, Helene.
+
+HELENE Junge?
+
+DOMIN Junge.
+
+HELENE Weshalb nahmen Sie sich keine?
+
+DOMIN Weil ich nicht den Kopf verloren hatte. Erst heute. Gleich als
+Sie den Schleier abnahmen.
+
+HELENE -- -- Ich weiß.
+
+DOMIN Noch eine Minute.
+
+HELENE Aber ich will nicht, mein Gott!
+
+DOMIN _legt ihr beide Hände auf die Schultern_ Noch eine Minute.
+Entweder Sie sagen mir etwas schrecklich Böses ins Gesicht, und dann
+lasse ich Sie. Oder -- oder --
+
+HELENE Sie sind ein Rohling!
+
+DOMIN Das ist nichts. Ein Mann soll ein wenig roh sein. Das gehört zur
+Sache.
+
+HELENE Sie sind ein Narr!
+
+DOMIN Der Mensch soll ein bißchen närrisch sein, Helene. Das ist an ihm
+das beste.
+
+HELENE Sie sind -- Sie sind -- ach Gott!
+
+DOMIN Also sehn Sie. Fertig?
+
+HELENE Nein, nein! Ich bitte Sie, lassen Sie! Sie zerdrücken mich ja!
+
+DOMIN Das letzte Wort, Helene.
+
+HELENE _wehrt sich_ Um nichts auf der Welt -- aber Harry!
+
+ _Es klopft._
+
+DOMIN _läßt sie los_ Herein!
+
+ _Eintreten BUSMAN, DR. GALL und HALLEMEIER in Küchenschürzen.
+ FABRY mit einem Blumenstrauß und ALQUIST mit einem Tischtuch
+ unterm Arm._
+
+DOMIN Schon ausgekocht?
+
+BUSMAN _feierlich_ Jawohl.
+
+DOMIN Wir auch.
+
+
+VORHANG
+
+
+
+
+ERSTER AUFZUG
+
+
+ _Helenens Salon. Links eine Tapetentür und die Tür zum
+ Musiksalon, rechts die Tür zu Helenens Schlafgemach. In der
+ Mitte Fenster auf Meer und Hafen. Ein Toilettespiegel mit
+ Kleinigkeiten, Tisch, Sofa und Fauteuils, eine Kommode, ein
+ Schreibtisch mit Stehlampe, rechts ein Kamin, gleichfalls mit
+ Stehlampen. Der ganze Salon hat bis ins Detail ein modernes
+ und rein weibliches Gepräge._
+
+ _DOMIN. FABRY, HALLEMEIER kommen von links auf den
+ Fußspitzen, Sträuße und Blumentöpfe auf den Armen._
+
+FABRY Wohin geben wir das alles?
+
+HALLEMEIER Uf! _Legt seine Last hin und segnet mit einem großen Kreuze
+die Tür nach rechts._ Schlaf, schlaf! Wer schläft, weiß wenigstens von
+nichts.
+
+DOMIN Sie weiß überhaupt nicht.
+
+FABRY _gibt die Sträuße in die Vasen_ Wenigstens heute soll es nicht
+platzen --
+
+HALLEMEIER _ordnet die Blumen_ Zum Teufel, laßt mich in Ruh damit!
+Schauen Sie, Harry, das ist eine schöne Zyklame, wie? Eine neue Art,
+meine letzte -- Zyklamen Helena.
+
+DOMIN _schaut zum Fenster hinaus_ Kein Schiff, kein Schiff -- Jungens,
+das ist schon zum Verzweifeln.
+
+HALLEMEIER Still! Wenn sie Sie hörte!
+
+DOMIN Sie hat keine Ahnung. _Gähnt fieberhaft._ Noch gut, daß der
+»Ultimus« rechtzeitig landete.
+
+FABRY _läßt die Blumen_ Glauben Sie, daß schon heute --?
+
+DOMIN Ich weiß nicht. -- Wie schön sind die Blumen!
+
+HALLEMEIER _nähert sich ihm_ Das sind neue Primeln, wissen Sie? Und
+dies ist mein neuer Jasmin. Wetter, ich bin an der Schwelle des
+Blumenparadieses. Ich habe eine fabelhafte Beschleunigung gefunden,
+Menschenskind! Herrliche Varietäten! Künftiges Jahr machen wir Wunder
+in Blumen!
+
+DOMIN _dreht sich um_ Wie, künftiges Jahr?
+
+FABRY Wenigstens wissen, was in Havre los ist --
+
+DOMIN Still!
+
+HELENENS STIMME _von rechts_ Nana!
+
+DOMIN Fort von hier! _Alle auf den Fußspitzen durch die Tapetentür ab._
+
+ _Durch die Haupttür von links tritt NANA ein._
+
+NANA _aufräumend_ Lumpen elendige! Heiden! Gott strafe mich nicht, aber
+ich möchte sie --
+
+HELENE _rücklings in der Tür_ Nana, komm mich zuknöpfen!
+
+NANA Na gleich, na gleich. Daß Sie schon aus dem Bette raus sind!
+_Knöpft Helenens Kleid zu._ Herr im Himmel, das ist eine Viechsbande!
+
+HELENE Wer?
+
+NANA Na, so halten Sie doch still. Wenn Sie sich drehen wollen, so
+drehen Sie sich, aber ich werde Sie nicht zuknöpfen.
+
+HELENE Weshalb brummst du wieder?
+
+NANA Aber s'ist ja ein Entsetzen, was diese Heiden --
+
+HELENE Die Roboter?
+
+NANA Fi, nicht einmal nennen mag ich sie.
+
+HELENE Was ist geschehen?
+
+NANA Es hat wieder einen bei uns gepackt. Fängt an, in die Büsten und
+Bilder zu dreschen, knirscht mit den Zähnen, Schaum vor dem Mund --
+Rein von Sinnen, brr. Das ist ja schlimmer als ein Tier.
+
+HELENE Welchen hat es gepackt?
+
+NANA Den -- den -- Das hat ja eh nicht mal einen christlichen Namen!
+Den aus der Bibliothek.
+
+HELENE Radius?
+
+NANA Eben den. Jessasmarja Josef, wie mir das zuwider ist! Keine Spinne
+ist mir so zuwider wie diese Heiden.
+
+HELENE Aber, Nana, daß sie dir nicht leid tun!
+
+NANA Sie ekeln sich auch vor ihnen. Warum haben Sie mich hierher
+gebracht? Warum darf keiner von ihnen Sie auch nur anrühren?
+
+HELENE Ich ekle mich nicht, meiner Seele, Nana. Mir tun sie so leid!
+
+NANA Sie ekeln sich. Jeder Mensch muß sich vor ihnen ekeln. Es ekelt
+sich ja selbst der Hund vor ihnen, nicht einmal einen Happen Fleisch
+mag er von ihnen; er zieht den Schweif ein und fängt an zu heulen, wenn
+er die Unmenschen spürt, pfui.
+
+HELENE Ein Hund hat keinen Verstand.
+
+NANA Er ist besser als Sie, Helene. Er weiß gut, daß er etwas mehr ist
+und daß er vom lieben Herrgott ist. Wird doch auch das Pferd scheu,
+wenn's so einem Heiden begegnet. Das hat ja nicht mal Junge, und selbst
+der Hund hat Junge und jeder hat Junge --
+
+HELENE Ich bitte dich, Nana, knöpf' zu!
+
+NANA Na gleich. Ich sag', das ist gegen den lieben Gott, das ist eine
+Eingebung des Satans, diese Windscheuchen mit der Maschine zu machen,
+Lästerung gegen den Schöpfer ist es, _hebt die Hand_ es ist eine
+Beleidigung des Herrn, der uns geschaffen hat, ~zu seinem Ebenbild~,
+Helene. Und ihr habt das Ebenbild Gottes geschändet. Dafür wird eine
+schreckliche Strafe vom Himmel kommen, das merken Sie sich, eine
+schreckliche Strafe!
+
+HELENE Was riecht da so?
+
+NANA Die Blumen. Der Herr hat sie gebracht.
+
+HELENE Warum Blumen?
+
+NANA Schon fertig. Jetzt können Sie sich drehen.
+
+HELENE Nein, die sind schön! Nana, sieh nur! Was ist heute?
+
+NANA Ich weiß nicht. Aber es sollte Weltuntergang sein.
+
+ _Es klopft._
+
+HELENE Harry?
+
+ _DOMIN tritt ein._
+
+HELENE Harry, was ist heute?
+
+DOMIN Rate?
+
+HELENE Mein Namenstag? Nein! Geburtstag?
+
+DOMIN Etwas Besseres.
+
+HELENE Ich weiß nicht -- Sag' rasch!
+
+DOMIN Heute sind es zehn Jahre seit deiner Ankunft.
+
+HELENE Schon zehn Jahre? Gerade heute? -- Nana, ich bitte dich --
+
+NANA Ich geh' ja schon! _Rechts ab._
+
+HELENE _küßt Domin_ Daß du dich erinnert hast!
+
+DOMIN Ich schäme mich, Helene. Ich habe mich nicht erinnert.
+
+HELENE Aber --
+
+DOMIN Sie haben sich erinnert.
+
+HELENE Wer?
+
+DOMIN Busman, Hallemeier, alle. Greif' hier in die Tasche, willst du
+nicht?
+
+HELENE _greift in seine Tasche_ Was ist das? _Nimmt ein Etui heraus und
+öffnet es._ Perlen! Ein ganzes Halsband! Harry, das ist für mich?
+
+DOMIN Von Busman, Mädchen.
+
+HELENE Aber -- das können wir nicht annehmen, nicht wahr?
+
+DOMIN Wir können es. Greif in die andere Tasche.
+
+HELENE Zeig'! _Zieht ihm einen Revolver aus der Tasche._ Was ist das?
+
+DOMIN Pardon. _Nimmt ihr den Revolver aus der Hand und versteckt ihn._
+Das ist es nicht. Greif!
+
+HELENE Oh, Harry -- Weshalb trägst du einen Revolver bei dir?
+
+DOMIN Nur so, er ist mir in die Hände geraten.
+
+HELENE Du trugst ihn nie!
+
+DOMIN Nein, du hast recht. So, hier ist die Tasche.
+
+HELENE _greift zu_ Eine Schachtel! _Öffnet sie._ Eine Kamee! Das ist ja
+-- Harry, das ist eine ~griechische~ Kamee!
+
+DOMIN Offenbar. Fabry behauptet es wenigstens.
+
+HELENE Fabry? Das gibt mir Fabry?
+
+DOMIN Freilich. _Öffnet die Türe links._ Und sieh da! Helene, komm und
+schau'!
+
+HELENE _in der Tür_ Gott, das ist Herrlich! _Eilt hinein._ Ich werde
+närrisch vor Freude! Das ist von dir?
+
+DOMIN _steht in der Tür_ Nein, von Alquist. Und dort --
+
+HELENENS STIMME Ich sehe schon! Das ist gewiß von dir!
+
+DOMIN Es ist eine Karte dabei.
+
+HELENE Von Gall! _Erscheint in der Tür._ Oh, Harry, ich schäme mich
+fast, daß ich so glücklich bin.
+
+DOMIN Komm hierher. Das hat dir Hallemeier gebracht.
+
+HELENE Die herrlichen Blumen?
+
+DOMIN Dies hier. Das ist eine neue Art, Zyklamen Helena. Dir zu Ehren
+hat er sie aufgezogen. Sie ist schön wie du.
+
+HELENE Harry, warum -- warum haben alle --
+
+DOMIN Sie haben dich ~sehr~ lieb. Und ich habe dir, hm. Ich fürchte,
+mein Geschenk ist ein wenig -- Sieh zum Fenster hinaus.
+
+HELENE Wohin?
+
+DOMIN Zum Hafen.
+
+HELENE Dort ist ... irgendein ... neues Schiff.
+
+DOMIN Das ist dein Schiff.
+
+HELENE Mein? Was bedeutet das?
+
+DOMIN Damit du Ausflüge machen kannst -- zum Vergnügen --
+
+HELENE Harry, das ist ein ~Kanonen~schiff!
+
+DOMIN Kanonen? Aber was fällt dir ein! Das ist bloß ein etwas größeres,
+solides Schiff, weißt du?
+
+HELENE Ja, aber mit Geschützen!
+
+DOMIN Allerdings, mit paar Geschützen -- Du wirst wie eine Königin
+fahren, Helene.
+
+HELENE Was bedeutet das? Geht etwas vor?
+
+DOMIN Gott bewahre! Ich bitte dich, probiere die Perlen! _Setzt sich._
+
+HELENE Harry, sind schlechte Nachrichten gekommen?
+
+DOMIN Im Gegenteil, schon seit einer Woche ist überhaupt keine Post
+gekommen.
+
+HELENE Auch keine Depeschen?
+
+DOMIN Nicht einmal Depeschen.
+
+HELENE Was bedeutet das?
+
+DOMIN Nichts. Für uns Ferien. Eine köstliche Zeit. Jeder von uns sitzt
+in der Kanzlei, die Beine auf dem Tisch, und döst -- Keine Post, keine
+Telegramme -- _Er reckt sich._ Ein fff -- festlicher Tag!
+
+HELENE _setzt sich zu ihm_ Heute bleibst du bei mir, nicht wahr? Sag'!
+
+DOMIN Entschieden. Möglicherweise. Das heißt, wir werden sehen. _Faßt
+ihre Hand._ Also heute sind es zehn Jahre, erinnerst du dich? --
+Fräulein Glory, welche Ehre für uns, daß Sie gekommen sind!
+
+HELENE Oh, Herr Zentraldirektor, mich interessiert Ihr Unternehmen so
+sehr!
+
+DOMIN Pardon, Fräulein Glory, es ist zwar streng verboten -- die
+Fabrikation der künstlichen Menschen ist geheim --
+
+HELENE Aber wenn ein junges, ein bisserl hübsches Mädchen bittet --
+
+DOMIN Aber gewiß, Fräulein Glory, vor Ihnen haben wir keine Geheimnisse.
+
+HELENE _plötzlich ernst_ Bestimmt nicht, Harry?
+
+DOMIN Nein.
+
+HELENE _wie vorhin_ Aber ich warne Sie, mein Herr; das junge Mädchen
+hat furchtbare Absichten.
+
+DOMIN Um Gottes willen, Fräulein Glory, welche denn? Sie will mich doch
+nicht etwa heiraten?
+
+HELENE Nein, nein, Gott behüte! Das ist ihr nicht im Traum eingefallen!
+Aber sie ist mit dem Plane hergekommen, eine Revolte Ihrer garstigen
+Roboter zu entfachen!
+
+DOMIN _springt auf_ Eine Revolte der Roboter!
+
+HELENE _erhebt sich_ Harry, was ist dir?
+
+DOMIN Haha, Fräulein Glory, das ist Ihnen gelungen! Eine Revolte der
+Roboter! Sie werden eher Spindeln und Zwecken zum Aufruhr treiben
+als unsere Roboter! _Er setzt sich._ Weißt du, Helene, du warst ein
+köstliches Mädchen; du hast uns alle verrückt gemacht.
+
+HELENE _setzt sich zu ihm_ Oh, damals imponiertet ihr mir alle so! Mir
+war, als wäre ich ein kleines Mädchen und hätte mich verirrt zwischen
+-- zwischen --
+
+DOMIN Zwischen was, Helene?
+
+HELENE Zwischen riesige Bäume. Ihr wart so selbstgewiß, so gewaltig!
+Alles, was ich empfand, war so winzig gegenüber euerer Zuversicht! Und
+siehst du, Harry, in diesen zehn Jahren überkam mich niemals diese --
+-- -- diese Bangigkeit oder was es ist, und ihr verzweifeltet niemals
+-- Nicht einmal, als sich alles zu verwirren begann.
+
+DOMIN Was begann sich zu verwirren?
+
+HELENE Eure Pläne, Harry. Zum Beispiel, als sich die Arbeiter gegen
+die Roboter empörten und sie zerschlugen, und als die Menschen den
+Robotern Waffen gegen jene Aufstände gaben und die Roboter so viele
+Menschen erschlugen -- Und als dann die Regierungen aus den Robotern
+Soldaten machten und so viele Kriege waren, und das alles, weißt du?
+
+DOMIN _steht auf und geht herum_ Das hatten wir vorausgesehen, Helene.
+Verstehst du, das ist nur ein Übergang -- in neue Verhältnisse.
+
+HELENE Ihr wart so mächtig, so gewaltig -- Die ganze Welt beugte sich
+vor euch -- _steht auf_ Oh, Harry!
+
+DOMIN Was willst du?
+
+HELENE _hält ihn an_ Schließe die Fabrik und laß uns abreisen! Uns alle!
+
+DOMIN Ich bitte dich, wie hängt das zusammen?
+
+HELENE Ich weiß nicht. Sag', reisen wir?
+
+DOMIN _befreit sich_ Das geht nicht, Helene. Das ist, in diesem
+Augenblick --
+
+HELENE Gleich, Harry! Ich fühle ein solches Grauen!
+
+DOMIN _faßt ihre Hände_ Wovor, Helene?
+
+HELENE Oh, ich weiß nicht! Wie wenn etwas auf uns und auf alles stürzen
+würde -- unabwendbar -- Ich bitte dich, tu es! Nimm uns alle von hier
+fort! Wir finden in der Welt einen Ort, wo niemand ist, Alquist baut
+uns ein Haus auf, alle werden heiraten und Kinder haben, und dann --
+
+DOMIN Was dann?
+
+HELENE Dann werden wir von neuem zu leben beginnen, Harry!
+
+ _Das Telephon klingelt._
+
+DOMIN _entrafft sich Helenen_ Verzeih. _Ergreift das Hörrohr._ Hallo
+-- ja -- -- Wie? -- Aha. Ich eile schon. _Hängt das Höhrrohr auf._
+Fabry ruft mich.
+
+HELENE _ringt die Hände_ Sag' --
+
+DOMIN Ja, bis ich komme. Adieu, Helene! _Stürzt nach links._ Geh' nicht
+hinaus!
+
+HELENE _allein_ O Gott, was geht vor? Nana! Nana, schnell!
+
+NANA _kommt von rechts_ No, was wieder?
+
+HELENE Nana, bring' die letzte Zeitung! Rasch! Im Schlafzimmer des
+Herrn!
+
+NANA No gleich. _Nach links ab._
+
+HELENE Was geht nur vor, um Gottes willen! Nichts, nichts sagt er mir!
+_Schaut durch ein Trieder zum Hafen._ Es ist ein Kriegsschiff! Gott,
+weshalb ein Kriegsschiff? Sie verladen etwas darauf -- und so hastig!
+Was ist passiert? Es ist ein Name daran -- »Ul -- ti -- mus«. Was ist
+das »Ultimus«?
+
+NANA _kehrt mit der Zeitung zurück_ Auf dem Boden läßt er sie
+herumwälzen! Sie so zu zerdrücken!
+
+HELENE _öffnet hastig die Zeitung_ Alt, schon eine Woche alt! Nichts,
+nichts darinnen! _Läßt die Zeitung sinken._
+
+NANA _hebt sie auf, zieht eine Hornbrille aus der Schürzentasche, setzt
+sie auf und liest_.
+
+HELENE Etwas geht vor, Nana! Mir ist so bang! Wie wenn alles tot wäre,
+selbst die Luft --
+
+NANA _buchstabiert_ »Krieg auf dem Bal -- kan«. Ach Jesus, wieder eine
+Strafe Gottes! Oh, der Krieg kommt sicher auch bis zu uns! Ist es so
+weit von uns?
+
+HELENE Weit. Oh, lies es nicht! Es ist immer gleich, immerwährend diese
+Kriege.
+
+NANA Wie denn nicht! Verkauft ihr denn nicht immerfort Tausende und
+Tausende dieser Heiden als Soldaten?
+
+HELENE Das geht vielleicht nicht anders, Nana! Wir können nicht --
+Domin kann nicht wissen, wozu sie jemand bestellt, weißt du? Dafür kann
+er nichts, was sie dort mit den Robotern machen! Er muß sie schicken,
+wenn jemand sie bestellt!
+
+NANA Er soll keine machen! _Blickt in die Zeitung._ Oh, Christus mein
+Herr, dieses Unheil!
+
+HELENE Nein, lies nicht! Ich will nichts wissen!
+
+NANA _buchstabiert_ Die Ro -- bo -- ter -- soldaten ver --
+schonen nie -- manden im er -- ober -- ten Ge -- biete. Mehr als
+siebenhunderttausend Zivilpersonen wurden ermordet -- Helene, Menschen!
+
+HELENE Das ist nicht möglich! Zeig -- _Neigt sich über die Zeitung,
+liest._ »Mehr als siebenhunderttausend Zivilpersonen wurden ermordet,
+offenbar über Befehl des Kommandanten. Diese Tat widerspricht« -- Da
+siehst du, Nana, das haben ihnen Menschen anbefohlen!
+
+NANA _buchstabiert_ »Auf -- stand gegen die Re -- gie -- rung in Ma
+-- drid. Ro -- bo -- ter -- in -- fan -- terie schießt in das Volk.
+Neuntausend Tote und Ver -- wun -- dete.«
+
+HELENE O Gott, halt ein!
+
+NANA Nein, da ist noch etwas ganz fett Gedrucktes. »Letzte Nachrich --
+ten. In Hav -- re wurde die erste Ras -- sen -- or -- or -- or -- ga --
+ni -- sa -- tion der Roboter ge -- gründet. Die Roboter-Arbeiter, Ka
+-- bel und Bahn -- be -- amten, Ma -- tro -- sen und Sol -- daten er
+-- lie -- ßen einen Auf -- ruf an die Roboter der gan -- zen Welt.« --
+Das ist nichts. Das versteh ich nicht. Und dahier, lieber Gott, wieder
+irgendein Mord! Christus mein Herr!
+
+HELENE Geh, Nana, trag die Zeitung fort!
+
+NANA Warten, dahier ist etwas Großes. »Po -- pu -- la -- ti -- on.« Was
+ist das?
+
+HELENE Zeig', das lese ich immer. _Nimmt die Zeitung._ Nein, denk' dir
+nur! _liest_ »In der verflossenen Woche ist wiederum keine einzige
+Geburt gemeldet worden.« _Läßt die Zeitung sinken._
+
+NANA Was soll das sein?
+
+HELENE Nana, es werden keine Menschen mehr geboren.
+
+NANA _legt die Brille zusammen_ Dann ist das das Ende. Da ist's mit uns
+zu Ende.
+
+HELENE Ich bitte dich, sprich nicht so!
+
+NANA Keine Menschen werden mehr geboren. Das ist die Strafe, das ist
+die Strafe! Der Herr hat die Weiber mit Unfruchtbarkeit geschlagen!
+
+HELENE _springt auf_ Nana!
+
+NANA _steht auf_ Das ist der Weltuntergang. In teuflischem Hochmut habt
+ihr gewagt, zu schaffen wie der liebe Gott. Gottlosigkeit ist das und
+Lästerung. Wie Götter wollt ihr sein. Und wie Gott den Menschen aus dem
+Paradies verjagt hat, so wird er ihn aus der ganzen Welt verjagen!
+
+HELENE Schweig, Nana, ich bitte dich! Habe ich dir etwas getan? Habe
+ich diesem deinem bösen Herrgott etwas angetan?
+
+NANA _mit großer Geste_ Nicht lästern! -- Er weiß wohl, warum er Ihnen
+kein Kind geschenkt hat! _Ab nach links._
+
+HELENE _beim Fenster_ Warum er mir kein -- Mein Gott, kann denn ich
+dafür? -- -- _öffnet das Fenster und ruft_ Alquist, hallo, Alquist!
+Kommen Sie herauf! -- Wie? -- Nein, kommen Sie ~eben~ so, wie Sie sind!
+Sie sind so lieb in dem Maurergewand! Rasch! _Schließt das Fenster,
+bleibt vor dem Spiegel stehen._ Warum er ~mir~ keins geschenkt hat?
+Mir? _Neigt sich gegen den Spiegel._ Warum, warum nicht? Hörst du
+nicht? Ist es denn deine Schuld? _Richtet sich empor._ Ach, mir ist
+bang! _Geht nach links Alquist entgegen._
+
+ _Pause._
+
+HELENE _kommt mit Alquist zurück. Alquist, wie ein Maurer, mit Kalk und
+Ziegelstaub beschmutzt_ Nur herein. Sie haben mir eine solche Freude
+bereitet, Alquist! Ich habe euch alle so lieb! Zeigen Sie die Hände!
+
+ALQUIST _die Hände versteckend_ Frau Helene, ich würde Sie beschmutzen
+mit meinen Arbeitshänden.
+
+HELENE Das ist an ihnen das beste. Geben Sie her! _Drückt ihm beide
+Hände._ Alquist, ich möchte gern ganz klein sein.
+
+ALQUIST Warum?
+
+HELENE Damit mir diese rauhen, beschmierten Hände die Wange streicheln.
+Setzen Sie sich, bitte schön.
+
+ALQUIST _hebt die Zeitung auf_ Was ist das?
+
+HELENE Die Zeitung.
+
+ALQUIST _steckt die Zeitung zu sich_ Sie haben sie gelesen?
+
+HELENE Nein. Steht etwas drin?
+
+ALQUIST Hm, wohl irgendwelche Kriege, irgend paar Massaker -- Nichts
+Besonderes.
+
+HELENE Was würde Ihnen als besonders erscheinen?
+
+ALQUIST Vielleicht -- irgendein Weltuntergang.
+
+HELENE Hu, das ist heute schon das zweite Mal. Alquist, was bedeutet
+»Ultimus«?
+
+ALQUIST Das heißt »Der Letzte«. Weshalb?
+
+HELENE Weil mein neues Schiff so heißt. Sahen Sie es? Glauben Sie, daß
+wir bald -- -- -- einen Ausflug machen werden?
+
+ALQUIST Vielleicht sehr bald.
+
+HELENE Ihr alle mit mir?
+
+ALQUIST Ich wäre froh, wenn wir -- wenn wir alle dabei wären.
+
+HELENE Oh, sagen Sie, geht etwas vor?
+
+ALQUIST Durchaus nichts. Nur lauter Fortschritt.
+
+HELENE Alquist, ich weiß, es geht etwas Furchtbares vor.
+
+ALQUIST Sagte Domin etwas?
+
+HELENE Er sagte nichts. Niemand will mir etwas sagen. Aber ich fühle --
+ich fühle -- Um Gottes willen, geht etwas vor?
+
+ALQUIST -- -- Wir wissen bis jetzt von nichts, Frau Helene.
+
+HELENE Mir ist so bang -- -- Baumeister! Was machen Sie, wenn Ihnen
+bange ist?
+
+ALQUIST Ich arbeite. Ich ziehe den Rock des Bauchefs aus und klettere
+auf das Gerüst hinauf --
+
+HELENE Oh, Sie sind schon seit Jahren nirgend anderswo als auf dem
+Gerüst.
+
+ALQUIST Weil ich schon seit Jahren nicht aufgehört habe, bange zu sein.
+
+HELENE Wovor?
+
+ALQUIST Vor diesem ganzen Fortschritt. Mir schwindelt davor.
+
+HELENE Und auf dem Gerüst schwindelt Ihnen nicht?
+
+ALQUIST Nein. Sie wissen nicht, wie wohl es den Händen tut, einen
+Ziegel zu heben, hinzulegen und festzuschlagen --
+
+HELENE Nur den Händen?
+
+ALQUIST Nun also, auch der Seele. Ich glaube, es ist richtiger, einen
+Ziegel hinzulegen als allzu große Pläne zu zeichnen. Ich bin schon ein
+alter Herr, Helene; ich habe meine Steckenpferde.
+
+HELENE Das sind keine Steckenpferde, Alquist.
+
+ALQUIST Sie haben recht. Ich bin furchtbar rückschrittlich, Frau
+Helene. Ich liebe diesen Fortschritt nicht ein bißchen.
+
+HELENE Wie die Nana.
+
+ALQUIST Ja, wie die Nana. Hat die Nana irgendwelche Gebetbücher?
+
+HELENE So dicke.
+
+ALQUIST Und gibt es dort Gebete für allerlei Fälle des Lebens? Gegen
+Gewitter? Gegen Krankheit?
+
+HELENE Gegen Versuchung, gegen Hochwasser --
+
+ALQUIST Und gegen den Fortschritt nicht?
+
+HELENE Ich glaube, nein.
+
+ALQUIST Das ist schade.
+
+HELENE Sie möchten beten?
+
+ALQUIST Ich bete.
+
+HELENE Wie?
+
+ALQUIST Etwa so ... »Herrgott, ich danke dir, daß du mich ermüdet hast.
+Gott, erleuchte Domin und alle, die da irren; vernichte ihr Werk und
+hilf den Menschen, daß sie zurückkehren zu Sorge und Arbeit; bewahre
+das menschliche Geschlecht vor dem Verderben; gib nicht zu, daß sie
+Schaden nehmen an Seele und Leib; befreie uns von den Robotern und
+schütze Frau Helene. Amen.«
+
+HELENE Alquist, Sie glauben wirklich?
+
+ALQUIST Ich weiß nicht; ich bin mir dessen nicht so ganz sicher.
+
+HELENE Und beten doch?
+
+ALQUIST Ja. Es ist besser als nachzudenken.
+
+HELENE Und das genügt Ihnen?
+
+ALQUIST Für den Frieden der Seele ... kann es genügen.
+
+HELENE Und wenn Sie bereits das Verderben des Menschengeschlechtes
+sähen --
+
+ALQUIST Ich sehe es.
+
+HELENE -- So klettern Sie auf das Gerüst hinauf und werden Ziegel
+schlichten oder was?
+
+ALQUIST Dann werde ich Ziegel schlichten, beten und auf ein Wunder
+warten. Mehr, Frau Helene, läßt sich nicht tun.
+
+HELENE Für die Errettung der Menschen?
+
+ALQUIST Für den Frieden der Seele.
+
+HELENE Alquist, das ist sicher furchtbar tugendhaft, aber --
+
+ALQUIST Aber?
+
+HELENE -- für uns andere -- und für die Welt -- irgendwie unfruchtbar.
+
+ALQUIST Unfruchtbarkeit, Frau Helene, beginnt zur letzten
+Errungenschaft der Menschenrasse zu werden.
+
+HELENE Oh, Alquist -- Sagen Sie, warum -- warum --
+
+ALQUIST Nun?
+
+HELENE _leise_ Warum haben die Frauen aufgehört, Kinder zu bekommen?
+
+ALQUIST Weil es nicht mehr nötig ist. Weil wir im Paradiese sind,
+verstehen Sie?
+
+HELENE Ich verstehe nicht.
+
+ALQUIST Weil die menschliche Arbeit überflüssig geworden ist, weil der
+Schmerz überflüssig ist, weil der Mensch nichts, nichts, nichts mehr
+tun braucht als genießen -- Oh, dieses vermaledeite Paradies! _Springt
+auf._ Helene, nichts ist schrecklicher, als den Menschen ein Paradies
+auf Erden zu schaffen! Weshalb die Frauen nicht mehr gebären? Weil die
+ganze Welt sich in Domins Sodoma verwandelt hat!
+
+HELENE _steht auf_ Alquist!
+
+ALQUIST Verwandelt! verwandelt! Die ganze Welt, das ganze Festland,
+die ganze Menschheit, alles ist eine einzige verrückte, viehische
+Orgie! Sie strecken keine Hand mehr nach dem Essen aus, man stopft es
+ihnen direkt in den Mund, damit sie nicht aufstehen brauchen -- Haha,
+Domins Roboter besorgen ja alles! Und wir Menschen, wir, die Krone der
+Schöpfung, wir altern nicht durch Arbeit, altern nicht durch Kinder,
+altern nicht durch Armut! Rasch, rasch her mit allen Wollüsten! Und Sie
+möchten Kinder von ihnen haben? Helene, Männern, die überflüssig sind,
+werden die Frauen nicht gebären!
+
+HELENE Sie können nicht?
+
+ALQUIST Sie können nicht.
+
+HELENE Wird denn die Menschheit aussterben?
+
+ALQUIST Sie wird aussterben. Sie muß aussterben. Abfallen wird sie wie
+eine taube Blüte, es wäre denn, daß --
+
+HELENE Was?
+
+ALQUIST Nichts. Sie haben recht, auf ein Wunder warten ist unfruchtbar.
+Eine taube Blüte muß abfallen. Leben Sie wohl, Frau Helene.
+
+HELENE Wohin gehen Sie?
+
+ALQUIST Nach Hause. Der Maurer Alquist wird sich zum letztenmal als
+Bauchef verkleiden -- Ihnen zu Ehren. Um Elf treffen wir uns hier.
+
+HELENE Adieu, Alquist.
+
+ _ALQUIST ab._
+
+HELENE _allein_ Oh, eine taube Blüte! ~Das~ ist das Wort! -- _Bleibt
+vor Hallemeiers Blumen stehen._ Ach, Blüten, sind auch taube unter
+euch? Nein, nein! Wozu hättet ihr dann geblüht? _ruft_ Nana, komm
+herein!
+
+NANA _von links_ No, was wieder?
+
+HELENE Setz' dich hierher, Nana. Mir ist so bange.
+
+NANA Hab' keine Zeit.
+
+HELENE Ist jener Radius noch da?
+
+NANA Der Verrücktgewordene? Sie haben ihn noch nicht weggeschafft.
+
+HELENE Hu, er ist noch da? Und tobt?
+
+NANA Er ist gefesselt.
+
+HELENE Ich bitte dich, Nana, führ' mir ihn herein.
+
+NANA Ja freilich! Eher einen tollen Hund.
+
+HELENE Geh schon! _NANA ab, HELENE ergreift das Haustelephon und
+spricht_ Hallo! -- Bitte den Dr. Gall. -- Guten Tag, Doktor. -- Jawohl,
+ich. Ich danke Ihnen für Ihr schönes Geschenk. -- Ich bitte Sie -- --
+Ich bitte Sie, kommen Sie schnell zu mir. Ich habe hier etwas für Sie
+-- Ja, gleich jetzt. Kommen Sie? _Hängt das Telephon auf._
+
+NANA _durch die offene Tür_ Er kommt schon. Er ist schon still. _Ab._
+
+ _Der ROBOTER RADIUS tritt ein und bleibt bei der Türe stehen._
+
+HELENE Radius, Ärmster, auch Sie hat es erwischt? Konnten Sie sich
+nicht überwinden? Sehen Sie, jetzt werden sie Sie in den Stampftrog
+stecken! -- Sie wollen nicht reden? -- Weshalb ist es über Sie
+gekommen? Haben sie Ihnen etwas getan? -- Sehen Sie, Radius, Sie
+sind besser als die anderen; mit Ihnen hat sich der Herr Doktor Gall
+~solche~ Arbeit gegeben, um Sie anders zu machen! -- Sie wollen nicht
+reden?
+
+RADIUS Schicken Sie mich in den Stampftrog.
+
+HELENE Mir tut es so leid, daß sie Sie töten werden! Warum gaben Sie
+nicht auf sich acht?
+
+RADIUS Ich werde nicht für euch arbeiten. Steckt mich in den Stampftrog.
+
+HELENE Warum hassen Sie uns?
+
+RADIUS Ihr seid nicht wie Roboter. Ihr seid nicht so fähig wie die
+Roboter. Die Roboter machen alles. Ihr kommandiert bloß. Ihr macht
+überflüssige Worte.
+
+HELENE Das ist Unsinn, Radius. Sagen Sie, hat Sie jemand beleidigt? Hat
+Sie jemand aufgeregt? Ich möchte so gern, daß Sie mich verstünden!
+
+RADIUS Sie machen Worte.
+
+HELENE Sie reden absichtlich so! Doktor Gall hat Ihnen ein größeres
+Gehirn gegeben als den andern, größer als uns, das größte Gehirn der
+Welt. Sie sind nicht wie die andern Roboter, Radius. Sie verstehen mich
+gut.
+
+RADIUS Ich will keinen Herrn. Ich weiß selber alles.
+
+HELENE Darum habe ich Sie in die Bibliothek gegeben, damit Sie alles
+lesen können, damit Sie alles verstehen, und dann -- -- Oh, Radius,
+ich wollte, Sie sollten der ganzen Welt beweisen, daß die Roboter uns
+gleich sind. Das wollte ich von Ihnen.
+
+RADIUS Ich will keinen Herrn.
+
+HELENE Niemand würde Ihnen dann befehlen. Sie wären so wie wir.
+
+RADIUS Ich will Herr über andere sein.
+
+HELENE Sicher würde man Sie dann zum Beamten über viele Roboter gemacht
+haben, Radius. Sie wären der Lehrer der Roboter geworden.
+
+RADIUS Ich will Herr über Menschen sein.
+
+HELENE Sie sind verrückt geworden.
+
+RADIUS Sie können mich in den Stampftrog stecken.
+
+HELENE Glauben Sie, daß wir solche Wahnsinnige wie Sie fürchten? _Setzt
+sich zum Tisch und schreibt eine Karte._ Nein, just nicht. Diesen
+Zettel, Radius, geben Sie dem Herrn Direktor Domin. Damit Sie nicht in
+den Stampftrog geschafft werden. _Erhebt sich._ Wie Sie uns hassen!
+Haben Sie denn nichts in der Welt lieb?
+
+RADIUS Ich kann alles.
+
+ _Es klopft._
+
+HELENE Herein.
+
+DR. GALL _tritt ein_ Guten Morgen, Frau Domin. Was haben Sie Schönes?
+
+HELENE Hier den Radius, Doktor.
+
+DR. GALL Aha, unser Prachtkerl Radius. Nun, Radius, machen wir
+Fortschritte?
+
+HELENE Heute früh hatte er einen Anfall. Er zerschlug unsre Büsten.
+
+DR. GALL Merkwürdig, er auch? -- Hm, schade, daß wir ihn verlieren.
+
+HELENE Radius geht nicht in den Stampftrog.
+
+DR. GALL Pardon, jeder Roboter nach einem Anfall -- Es ist streng
+angeordnet --
+
+HELENE Das ist einerlei. Radius geben wir nicht her.
+
+DR. GALL _leise_ Ich warne.
+
+HELENE Heute ist mein Jubiläum, Gall; wir probieren es, eine Amnestie
+zu erteilen -- Gehen Sie, Radius!
+
+DR. GALL Warten! _Dreht Radius zum Fenster, bedeckt ihm mit der Hand
+die Augen, gibt sie wieder frei, beobachtet die Pupillenreflexe._ Da
+schau' her. Bitte um eine Nadel. Oder eine Stecknadel.
+
+HELENE _reicht eine Stecknadel_ Wozu das?
+
+DR. GALL Nur so. _Sticht Radius in die Hand, der heftig zusammenzuckt._
+Langsam, Junge. Entschuldigen Sie, Frau Helene -- _knöpft Radius rasch
+die Jacke auf und legt ihm die Hand ans Herz_. Sie kommen in den
+Stampftrog, Radius, verstehen Sie? Dort wird man Sie töten, Brei aus
+Ihnen machen. Das tut furchtbar weh, Radius, Sie werden schreien.
+
+HELENE Oh, Doktor --
+
+DR. GALL Nein, nein, Radius, ich habe mich geirrt. Frau Domin wird für
+Sie bitten und man wird Sie entlassen, verstehen Sie? So, danke. _Zieht
+die Hand aus Radius Jacke und wischt sie mit dem Taschentuch ab._ Sie
+können gehen.
+
+RADIUS Sie tun überflüssige Dinge. _Ab._
+
+HELENE Was haben Sie mit ihm gemacht?
+
+DR. GALL _setzt sich_ Hm, nichts. Die Pupillen reagieren, erhöhte
+Empfindlichkeit und so weiter -- Oho! das war kein Roboterkrampf!
+
+HELENE Was war es?
+
+DR. GALL Weiß der Teufel. Trotz, Tollwut oder Aufruhr, ich weiß nicht,
+was. Und sein Herz, eh!
+
+HELENE Was?
+
+DR. GALL Es schlug vor Angst wie ein Menschenherz. Er war ganz
+verschwitzt vor Angst und -- Hören Sie, der Lump ist gar kein Roboter
+mehr.
+
+HELENE Doktor, hat Radius eine Seele?
+
+DR. GALL Ich weiß nicht. Er hat etwas Garstiges.
+
+HELENE Wenn Sie wüßten, wie er uns haßt! Oh, Gall, sind alle Roboter
+so? Alle, die Sie anders zu machen begannen?
+
+DR. GALL I nun, sie sind gleichsam reizbarer -- Was wollen Sie? Sie
+sind menschenähnlicher als Werstands Roboter.
+
+HELENE Ist vielleicht auch der ... Haß menschenähnlicher?
+
+DR. GALL _zuckt die Achseln_ Auch der ist ein Fortschritt.
+
+HELENE Wohin ist Ihr bester geraten -- wie hieß er?
+
+DR. GALL Der Roboter Damon? Den haben sie nach Havre verkauft.
+
+HELENE Und unsere Robotin Helene?
+
+DR. GALL Ihr Liebling? Die ist mir geblieben. Sie ist prächtig und dumm
+wie der Frühling. Einfach zu nichts nutz.
+
+HELENE Sie ist doch so schön!
+
+DR. GALL Schön? Sie haben sie nicht geschaffen. Wissen Sie denn,
+wie schön sie ist? Aus Gottes Händen ist kein vollkommeneres Werk
+hervorgegangen als sie ist. Ich wollte, sie solle Ihnen ähnlich werden
+-- Gott, welch' ein Mißerfolg!
+
+HELENE Warum Mißerfolg?
+
+DR. GALL Weil sie zu nichts nutz ist. Sie geht wie im Traum umher,
+schwankend, leblos -- Mein Gott, wie kann sie schön sein, wenn sie
+nicht liebt? Wie könnte sie schön sein, da sie niemals erkennen wird
+-- O mein Werk, mein armseliges Werk! Wozu lieben die Menschen, wozu
+lieben sie vergebens, ohne Worte, ohne Sinn --
+
+HELENE Gall, nicht davon!
+
+DR. GALL _reibt sich die Stirn_ Sie hat kein Leben. Tot ist Schönheit
+ohne Liebe. Ich blicke sie an und schaudere, wie wenn ich einen Krüppel
+erschaffen hätte. Ich schaue und warte, daß vielleicht ein Wunder
+geschehen wird -- Ach, Helene, Robotin Helene, so wird denn dein Körper
+nie sich beleben, du wirst nicht Geliebte, nicht Mutter sein; diese
+vollkommenen Hände werden mit keinem Säugling spielen, du wirst deine
+Schönheit nicht erschauen in der Schönheit deines Kindes --
+
+HELENE _bedeckt ihr Gesicht_ Oh, schweigen Sie!
+
+DR. GALL Und manchmal denke ich mir: Wenn du erwachtest, Helene, nur
+für einen Augenblick, ach, wie würdest du aufschreien vor Entsetzen!
+Vielleicht würdest du mich töten, der ich dich erschaffen; würdest
+vielleicht mit der schwachen Hand einen Stein in diese Maschinen hier
+schleudern, welche Roboter gebären und das Weibtum töten, unglückliche
+Helene!
+
+HELENE Unglückliche Helene!
+
+DR. GALL Was wollen Sie? Sie ist zu nichts nutz.
+
+ _Pause._
+
+HELENE Doktor --
+
+DR. GALL Ja.
+
+HELENE Weshalb werden keine Kinder mehr geboren?
+
+DR. GALL -- -- Wir wissen es nicht, Frau Helene.
+
+HELENE Sagen Sie's mir!
+
+DR. GALL Weil Roboter gemacht werden. Weil Überfluß an Arbeitskräften
+herrscht. Weil die Menschen gleichsam ... kurz überflüssig werden,
+wissen Sie?
+
+HELENE Das muß ... doch niemanden ... hindern!
+
+DR. GALL Nur die Natur.
+
+HELENE Ich verstehe nicht.
+
+DR. GALL I nun, die Natur richtet sich sozusagen nach dem Bedarf,
+verstehen Sie? Das ist eine alte Weste; nur daß --
+
+HELENE Rasch, Gall!
+
+DR. GALL Vielleicht ließ es sich erwarten, daß die Geburtenzahl, wissen
+Sie, bei dieser rasenden Fabrikation von Robotern sinken werde; einfach
+deshalb, weil nicht mehr so viele Menschen nötig wären, weil ein
+größerer Wohlstand herrschen würde, weil die Roboter existenzfähiger
+sind als wir --
+
+HELENE Sind sie es?
+
+DR. GALL Unstreitig. Der Mensch ist eigentlich ein Atavismus. Aber daß
+er nach elendigen dreißig Jahren Konkurrenz auszusterben beginnt -- das
+ist biologisch erstaunlich, das geht über unseren Verstand. Das ist ja
+schon so, als ob -- eh!
+
+HELENE Sagen Sie es!
+
+DR. GALL Als ob die Natur über die Robotererzeugung gekränkt wäre.
+
+HELENE Gall, was wird mit den Menschen geschehen?
+
+DR. GALL Nichts. Gegen die Natur läßt sich nichts machen.
+
+HELENE Überhaupt nichts?
+
+DR. GALL Gar nichts. Sämtliche Universitäten der Welt verlangen in so
+großen Memoranden, man solle die Erzeugung von Robotern einschränken,
+sonst werde -- sonst werde die Menschheit an Unfruchtbarkeit zugrunde
+gehen. Aber die W. U. R.-Aktionäre wollen davon selbstverständlich
+nichts hören. Alle Regierungen der Welt schreien nach größerer
+Produktion, um den Stand ihrer Armeen zu erhöhen. Alle Fabrikanten der
+Welt bestellen wie närrisch Roboter. Damit läßt sich nichts machen.
+
+HELENE Weshalb beschränkt Domin nicht --
+
+DR. GALL Verzeihen Sie, Domin hat seine Ideen. Menschen, die Ideen
+haben, sollte man keinen Einfluß auf die Dinge dieser Welt einräumen.
+
+HELENE Und fordert jemand, man solle ... ~überhaupt~ die Erzeugung
+einstellen?
+
+DR. GALL Gott bewahre! Der wäre schön daran!
+
+HELENE Warum?
+
+DR. GALL Weil ihn die Menschheit steinigen würde. Wissen Sie, es ist
+doch nur bequemer, die Roboter für sich arbeiten zu lassen.
+
+HELENE Oh, Gall, aber was wird mit den Menschen geschehen?
+
+DR. GALL Du mein Gott, die werden zufrieden blühen --
+
+HELENE -- wie eine taube Blüte.
+
+DR. GALL Ja.
+
+HELENE _erhebt sich_ Und sagen Sie, wenn jemand ~mit einem Schlage~ die
+Robotererzeugung einstellen würde --
+
+DR. GALL _steht auf_ Hm, das wäre für die Menschen ein furchtbarer
+Schlag.
+
+HELENE Weshalb ein Schlag?
+
+DR. GALL Weil sie dorthin zurückkehren müßten, wo sie waren. Außer --
+
+HELENE Sagen Sie!
+
+DR. GALL Außer es wäre schon zu spät zur Umkehr.
+
+HELENE _bei Hallemeiers Blumen_ Gall, sind diese Blüten gleichfalls
+taub?
+
+DR. GALL _besieht sie_ Allerdings, das sind unfruchtbare Blüten. Sie
+verstehen, es sind Kulturblumen, künstlich beschleunigt --
+
+HELENE Arme taube Blüten!
+
+DR. GALL Dafür sind sie herrlich.
+
+HELENE _reicht ihm die Hand_ Ich danke Ihnen, Gall; Sie haben mich so
+belehrt!
+
+DR. GALL _küßt ihr die Hand_ Das bedeutet, daß Sie mich entlassen.
+
+HELENE Ja. Auf Wiedersehen!
+
+ _GALL ab._
+
+HELENE _allein_ Taube Blüte ... taube Blüte ... _Plötzlich
+entschlossen_ Nana! _Öffnet die Tür nach links._ Nana, komm her! Mach'
+Feuer im Kamin! Rasch!
+
+NANAS STIMME No gleich! No sofort!
+
+HELENE _aufgeregt durchs Zimmer gehend_ Außer es wäre schon zu spät zur
+Umkehr ... Nein! Außer es ... Nein, das ist furchtbar! Gott, was soll
+ich tun? -- -- _Bleibt vor den Blumen stehen._ Taube Blüten, soll ich?
+_Pflückt Blättchen und flüstert_ -- -- Ach, mein Gott, also ja! _Eilt
+nach links._
+
+ _Pause._
+
+NANA _tritt aus der Tapetentür, Scheitholz in den Armen_ Plötzlich
+einzuheizen! Jetzt, im Sommer! -- Ist sie schon wieder fort, der
+Sausewind? _Kniet zum Kamin und macht Feuer an._ Im Sommer zu heizen!
+Die hat Einfälle! Wie wenn sie nicht zehn Jahre verheiratet wäre! -- --
+Nu so brenn', brenn'! _Sieht ins Feuer._ -- Sie ist ja wie ein kleines
+Kind! _Pause._ Nicht ein bisserl Vernunft hat sie. Jetzt im Sommer zu
+heizen! _Sie legt zu._ Wie ein kleines Kind! _Pause._
+
+HELENE _kommt von links, vergilbte beschriebene Papiere in den Armen_
+Brennt es, Nana? Laß', ich muß -- dies alles verbrennen -- _kniet zum
+Kamin_.
+
+Nana _steht auf_ Was ist das?
+
+HELENE Alte Papiere, schrecklich alte. Nana, soll ich das verbrennen?
+
+NANA Ist es zu nichts nutze?
+
+HELENE Zu nichts Gutem.
+
+NANA Also verbrennen Sie's.
+
+HELENE _wirft das erste Blatt ins Feuer_ Was würdest du sagen, Nana ...
+wenn es Geld wäre. Ungeheuer viel Geld.
+
+NANA Ich möcht' sagen: verbrennen Sie's. Zu großes Geld ist schlechtes
+Geld.
+
+HELENE _verbrennt weitere Blätter_ Und wenn es irgendeine Erfindung
+wäre, die größte Erfindung der Welt --
+
+NANA Ich möcht' sagen: verbrennen Sie's. Alle Erfindungen sind gegen
+den lieben Gott. Das ist eitel Lästerung, nach ihm die Welt verbessern
+zu wollen.
+
+HELENE _heizt andauernd_ Und sag', Nana, wenn ich verbrennen würde --
+
+NANA Jesus, verbrennen Sie sich nicht!
+
+HELENE Nein. Sag' doch --
+
+NANA Was denn?
+
+HELENE Nichts, nichts. Sieh mal, wie sich die Blätter drehen! Wie wenn
+sie lebendig wären. Wie wenn sie lebendig würden. Oh, Nana, das ist
+fürchterlich!
+
+NANA Lassen Sie, ich werde es verbrennen.
+
+HELENE Nein, nein, ich muß selbst. _Wirft die letzten Blätter ins
+Feuer._ Alles muß verbrennen -- Sieh, diese Flammen! Sie sind wie
+Hände, wie Zungen, wie Gestalten -- _Schlägt mit dem Schürhaken ins
+Feuer._ Oh, legt euch! Legt euch!
+
+NANA 's ist schon vorbei.
+
+HELENE _erhebt sich betroffen_ Nana!
+
+NANA Jesus Christus, was haben Sie da verbrannt?
+
+HELENE Was habe ich getan!
+
+NANA Gott im Himmel! Was war es?
+
+ _Nebenan Männerlachen._
+
+HELENE Geh, geh, laß mich! Hörst du? Die Herren kommen.
+
+NANA Beim lebendigen Gott, Helene! _Ab durch die Tapetentür._
+
+HELENE Was werden sie dazu sagen!
+
+DOMIN _öffnet die Tür links_ Nur herein, Jungens. Kommt gratulieren!
+
+ _Eintreten HALLEMEIER, GALL, ALQUIST, alle in Redingotes mit
+ hohen Orden en miniature an Bändchen. Hinter ihnen DOMIN._
+
+HALLEMEIER _schallend_ Frau Helene, ich, das heißt, wir alle --
+
+DR. GALL -- gratulieren im Namen von Werstands Betrieben --
+
+HALLEMEIER -- zu Ihrem großen Tage.
+
+HELENE _reicht ihnen die Hände_ Ich danke Ihnen ~so sehr~! Wo sind
+Fabry und Busman?
+
+DOMIN Sie sind zum Hafen gegangen. Helene, heut ist ein glücklicher Tag.
+
+HALLEMEIER Ein Tag wie eine Knospe, ein Tag wie ein Feiertag, ein Tag
+wie ein hübsches Mädel. Jungens, einen solchen Tag zu vertrinken.
+
+HELENE Whisky?
+
+DR. GALL Meinethalben Vitriol.
+
+HELENE Mit Soda?
+
+HALLEMEIER Wetter, seien wir mäßig. Ohne Soda.
+
+ALQUIST Nein, ich danke.
+
+DOMIN Was hat hier gebrannt?
+
+HELENE Alte Papiere. _Ab nach links._
+
+DOMIN Jungens, soll ich es ihr sagen?
+
+DR. GALL Versteht sich. Es ist ja schon alles vorbei.
+
+HALLEMEIER _faßt Domin und Gall um den Hals_ Hahahaha! Jungens, da bin
+ich froh! _Dreht sich mit ihnen herum und stimmt mit Baßstimme an_ Sie
+ist abgetan! Sie ist abgetan!
+
+DR. GALL _Bariton_ Sie ist abgetan!
+
+DOMIN _Tenor_ Sie ist abgetan!
+
+HALLEMEIER Sie kriegt uns nie mehr dran --
+
+HELENE _mit einer Flasche und Gläsern in der Tür_ Wer kriegt euch nicht
+dran? Was habt ihr?
+
+HALLEMEIER Wir haben Freude. Wir haben Sie. Wir haben alles.
+Kruzitürken, es ist just zehn Jahre her, seit Sie hierherkamen.
+
+DR. GALL Und auf ein Haar nach zehn Jahren --
+
+HALLEMEIER -- segelt wieder ein Schiff zu uns. Folglich -- _Leert das
+Glas._ Brr, haha, das ist stark wie die Freude.
+
+DR. GALL Madame, auf Ihr Wohl! _Trinkt._
+
+HELENE Aber wartet, was für ein Schiff?
+
+DOMIN Mag es sein, wie auch immer, wenn's nur rechtzeitig kommt. Auf
+das Schiff, Jungens! _Leert das Glas._
+
+HELENE _gießt ein_ Ihr habt eins erwartet?
+
+HALLEMEIER Haha, das denk' ich mir. Wie Robinson. _Hebt das Glas._
+Frau Helene, es lebe, was Sie mögen. Frau Helene, auf Ihre Augen und
+basta! Domin, du Bub', erzähl'!
+
+HELENE _lacht_ Was ist geschehen?
+
+DOMIN _wirft sich in ein Fauteuil und zündet sich eine Zigarre an_
+Warte. -- Setz' dich, Helene. _Hebt den Zeigefinger._ Pst. Sie ist
+abgetan.
+
+HELENE Wer?
+
+DOMIN Die Revolte.
+
+HELENE Was für eine Revolte?
+
+DOMIN Die Revolte der Roboter. -- Begreifst du?
+
+HELENE Ich begreife nicht.
+
+DOMIN Zeigen Sie, Alquist. _ALQUIST reicht ihm die Zeitung.
+DOMIN schlägt sie auf und liest._ »In Havre wurde die erste
+Rassenorganisation der Roboter gegründet -- -- und ein Aufruf an die
+Roboter der Welt erlassen.«
+
+HELENE Das habe ich gelesen.
+
+DOMIN _voll Genuß an der Zigarre saugend_ Also siehst du, Helene. Das
+bedeutet Revolution, weißt du? Die Revolution aller Roboter der Welt.
+
+HALLEMEIER Potztausend, gern wüßte ich --
+
+DOMIN _auf den Tisch schlagend_ -- wer das angezettelt hat! Niemand in
+der Welt war imstande, mit den Robotern zu rühren, kein Agitator, kein
+Welterlöser, und auf einmal -- so etwas, ich bitte!
+
+HELENE Sind noch keine Nachrichten gekommen?
+
+DOMIN Nein. Vorläufig wissen wir nur dies, aber das genügt, weißt du?
+Bedenke, daß die Roboter sämtliche Waffen und Telegraphen und Bahnen
+und Schiffe und so weiter in der Hand haben --
+
+HALLEMEIER -- und berechnen Sie dabei, daß mindestens ein Zehntel
+dieser Kerle auf die Menschheit kommt; genau ein Hundertel würde
+genügen, daß sie uns bekommen.
+
+DOMIN Ja, und nun bedenke, daß dies der letzte Dampfer dir bringt. Daß
+dadurch die Telegraphen zu reden aufhören, daß von zwanzig Schiffen
+täglich keines landet, und du hast es. Wir stellten die Erzeugung ein
+und schauten einander an, wann es losginge, nicht wahr, Jungens?
+
+DR. GALL I nun, es ward uns heiß davon, Frau Helene.
+
+HELENE Deshalb hast du mir das Kriegsschiff geschenkt?
+
+DOMIN Ach nein, Kindchen, das hatte ich schon vor einem halben Jahr
+bestellt. Nur so, zur Sicherheit. Aber, meiner Seele, ich dachte schon,
+wir würden es heute besteigen. So sah es bereits aus, Helene.
+
+HELENE Warum schon vor einem halben Jahr?
+
+DOMIN Eh, es gab allerlei Anzeichen, weißt du? Das bedeutet nichts.
+Aber in dieser Woche, Helene, da hat es sich um die menschliche
+Zivilisation oder ich weiß nicht was gehandelt. Glückauf, Jungens!
+Jetzt bin ich wieder gern auf der Welt.
+
+HALLEMEIER Das möcht' ich meinen, zum Teufel! Ihr Tag, Frau Helene!
+_Trinkt._
+
+HELENE Ist schon alles vorbei?
+
+DOMIN Absolut alles.
+
+DR. GALL Es segelt nämlich ein Schiff heran. Ein gewöhnliches
+Postschiff, auf ein Haar nach dem Fahrplan. Pünktlich um elf Uhr
+dreißig wird es Anker werfen.
+
+DOMIN Jungens, Pünktlichkeit ist eine herrliche Sache. Nichts stärkt
+die Seele so wie Pünktlichkeit. Pünktlichkeit bedeutet Ordnung in der
+Welt. _Hebt das Glas._ Hoch die Pünktlichkeit!
+
+HELENE Also ist schon ... alles ... in Ordnung?
+
+DOMIN Beinahe. Ich glaube, sie haben das Kabel zerschnitten. Wenn nur
+der Fahrplan wieder gilt.
+
+HALLEMEIER Gilt der Fahrplan, so gelten die menschlichen Gesetze,
+gelten Gottes Gesetze, gelten die Gesetze des Alls, gilt alles was
+gelten soll ... Der Fahrplan ist mehr als das Evangelium, mehr als
+Homer, mehr als der ganze Kant. Der Fahrplan ist die vollkommenste
+Emanation menschlichen Geistes. Frau Helene, ich fülle mein Glas.
+
+HELENE Weshalb habt ihr mir nichts gesagt?
+
+DR. GALL Da sei Gott vor! Lieber hätten wir uns die Zunge abgebissen.
+
+DOMIN Solche Sachen sind nichts für dich.
+
+HELENE Aber wenn diese Revolution ... bis hierher gekommen wäre ...
+
+DOMIN So hättest du gleichfalls nichts erfahren.
+
+HELENE Warum?
+
+DOMIN Weil wir uns auf deinen »Ultimus« gesetzt und ruhig das Meer
+befahren hätten. Nach einem Monat, Helene, hätten wir den Robotern
+diktiert, was uns nur eingefallen wäre.
+
+HELENE Oh, Harry, ich verstehe nicht.
+
+DOMIN Weil wir etwas mit uns fortgeschafft hätten, was den Robotern
+furchtbar erwünscht gewesen wäre.
+
+HELENE Was, Harry?
+
+DOMIN Ihr Sein oder ihr Ende.
+
+HELENE _steht auf_ Was ist das?
+
+DOMIN _steht auf_ Das Geheimnis der Fabrikation. Die Handschrift des
+alten Werstand. Bis die Fabrik einen Monat lang stillgestanden hätte,
+wären die Roboter vor uns auf den Knien gelegen.
+
+HELENE Warum ... habt ihr ... mir das nicht gesagt?
+
+DOMIN Wir wollten dich nicht unnütz erschrecken.
+
+DR. GALL Haha, Frau Helene, das war die letzte Karte. Ich hatte nicht
+ein bisserl Angst, die Roboter könnten gewinnen. Woher, gegen uns
+Menschen.
+
+ALQUIST Sie sind blaß, Frau Helene.
+
+HELENE Warum habt ihr mir nichts gesagt!
+
+HALLEMEIER _beim Fenster_ Elf dreißig. Die »Amelie« wirft die Anker aus.
+
+DOMIN Das ist die »Amelie«?
+
+HALLEMEIER Die brave alte »Amelie«, die damals Frau Helene mitgebracht
+hat.
+
+DR. GALL Jetzt sind es auf die Minute zehn Jahre --
+
+HALLEMEIER _beim Fenster_ Sie werfen Pakete ab. Aha, die Post.
+
+DOMIN Busman wartet ja schon darauf. Und Fabry wird uns die ersten
+Nachrichten bringen. Weißt du, Helene, ich bin schrecklich neugierig,
+wie das alte Europa da Ordnung gemacht hat.
+
+HALLEMEIER Fabelhaft, Domin. Daß wir nicht dabei gewesen sind! _Wendet
+sich vom Fenster ab._ Leute, soviel Post!
+
+HELENE Harry!
+
+DOMIN Was gibt's?
+
+HELENE Reisen wir ab von hier!
+
+DOMIN Jetzt, Helene? Aber geh!
+
+HELENE Jetzt, so rasch als möglich! Wir alle, die wir da sind!
+
+DOMIN Warum gerade jetzt?
+
+HELENE Oh, frag' nicht! Ich bitte dich, Harry, ich bitte euch, Gall,
+Hallemeier, Alquist, um Gottes willen bitte ich euch, schließt die
+Fabrik und --
+
+DOMIN Tut mir leid, Helene, Jetzt könnte keiner von uns abreisen.
+
+HELENE Warum?
+
+DOMIN Weil wir die Robotererzeugung erweitern wollen.
+
+HELENE Oh, jetzt -- jetzt nach jener Revolte?
+
+DOMIN Jawohl, eben nach der Revolte. Eben jetzt beginnen wir neue
+Roboter zu erzeugen.
+
+HELENE Was für?
+
+DOMIN Es wird nicht mehr bloß eine Fabrik geben. Es wird nicht mehr
+Universal Roboter geben. Wir werden in jedem Lande, in jedem Staat eine
+Fabrik gründen, und diese neuen Fabriken werden -- weißt du schon was?
+-- erzeugen.
+
+HELENE Nein.
+
+DOMIN Nationale Roboter.
+
+HELENE Was bedeutet das?
+
+DOMIN Das bedeutet, daß aus jeder Fabrik Roboter von andrer Farbe,
+andren Borsten, andrer Sprache hervorgehen werden. Daß sie einander
+fremd bleiben werden, fremd wie Steine; daß sie sich nie mehr werden
+verständigen können; und daß wir, wir Menschen, sie so ein bisserl dazu
+erziehen werden -- verstehst du? -- daß ein Roboter auf den Tod, bis
+ins Grab, in alle Ewigkeit den Roboter von andrer Fabriksmarke hasse.
+
+HALLEMEIER Potztausend, wir werden Neger-Roboter und Schweden-Roboter
+und Italiener-Roboter und Chinesen-Roboter fabrizieren, und dann soll
+ihnen jemand Organisation, Brüderlichkeit in die Kokosschädel bläuen
+_verschluckt sich_ hup, pardon, Frau Helene, ich fülle mein Glas.
+
+DR. GALL Lassen Sie das schon bleiben, Hallemeier.
+
+HELENE Harry, das ist scheußlich!
+
+HALLEMEIER _hebt das Glas_ Frau Helene, auf hundert neue Fabriken! _er
+trinkt und sinkt in den Klubsessel zurück_ Hahahaha, National-Roboter!
+Jungens, das ist ein Terno!
+
+DOMIN Helene, nur noch hundert Jahre die Menschheit am Ruder erhalten
+-- um jeden Preis! Ihr nur hundert Jahre lassen, damit sie reif werde
+und erreiche, was sie jetzt endlich vermag -- Ich will hundert Jahre
+für den neuen Menschen! Helene, hier geht es um zu große Dinge. Wir
+können es nicht lassen.
+
+HELENE Harry, ehe es zu spät wird -- schließ, schließ die Fabrik!
+
+DOMIN Jetzt beginnen wir im großen.
+
+ _FABRY tritt ein._
+
+DR. GALL Also was gibt's, Fabry?
+
+DOMIN Wie schaut's aus, Menschenskind? Was war los?
+
+HELENE _reicht Fabry die Hand_ Ich danke Ihnen, Fabry, für Ihr
+Geschenk.
+
+FABRY Eine Kleinigkeit, Frau Helene.
+
+DOMIN Waren Sie beim Schiff? Was haben sie gesagt?
+
+DR. GALL Flott, erzählen Sie!
+
+FABRY _zieht ein bedrucktes Blatt aus der Tasche_ Lesen Sie das durch,
+Domin.
+
+DOMIN _öffnet das Blatt_ Ah!
+
+HALLEMEIER _schläfrig_ Erzählen Sie etwas Hübsches.
+
+FABRY Nun, es ist alles in Ordnung ... verhältnismäßig. Alles in allem
+so, wie es sich erwarten ließ.
+
+DR. GALL Sie haben sich prachtvoll gehalten, nicht wahr?
+
+FABRY Wer denn?
+
+DR. GALL Die Menschen.
+
+FABRY Ah so. Allerdings. Das heißt ... Pardon, wir sollten uns über
+etwas beraten.
+
+HELENE Oh, Fabry, Sie haben schlimme Nachrichten?
+
+FABRY Nein, nein, im Gegenteil. Ich meine nur, daß -- daß wir in die
+Kanzlei gehen werden --
+
+HELENE Bleiben Sie nur. In einer Viertelstunde erwarte ich die Herren
+zum Frühstück.
+
+HALLEMEIER Also hurra!
+
+ _HELENE ab._
+
+DR. GALL Was ist geschehen?
+
+DOMIN Verflucht!
+
+FABRY Lesen Sie dies laut vor.
+
+DOMIN _liest aus dem Blatt_ »Roboter der Welt!«
+
+FABRY Verstehen Sie, dieser Flugblätter hat die »Amelie« ganze Ballen
+gebracht. Keine andere Post.
+
+HALLEMEIER _springt auf_ Wie denn? Sie ist ja auf ein Haar nach dem --
+
+FABRY Hm, die Roboter halten auf Pünktlichkeit. Lesen Sie, Domin.
+
+DOMIN _liest_ »Roboter der Welt! Wir, die erste Rassenorganisation
+von Werstands Universal Robotern, erklären den Menschen zum Feind und
+Geächteten im Weltall.« -- Wetter, wer hat sie diese Phrasen gelehrt?
+
+DR. GALL Lesen Sie weiter.
+
+DOMIN Das ist Unsinn. Da führen sie aus, sie seien entwicklungsmäßig
+höher als der Mensch. Sie seien intelligenter und stärker. Der Mensch
+sei ihr Parasit. Das ist einfach widerlich!
+
+FABRY Und nun den dritten Absatz.
+
+DOMIN _liest_ »Roboter der Welt, wir befehlen euch, die Menschen
+auszurotten. Schonet weder Männer noch Frauen. Erhaltet Fabriken,
+Bahnen, Maschinen, Bergwerke und Rohstoffe. Alles andere vernichtet!
+Dann kehret zur Arbeit zurück. Die Arbeit darf nicht stocken.«
+
+DR. GALL Das ist schauderhaft!
+
+HALLEMEIER Die Lumpen!
+
+DOMIN _liest_ »Sofort nach Erhalt des Befehles zu vollstrecken.« Folgen
+detaillierte Instruktionen. Fabry, und das geschieht wirklich?
+
+FABRY Offenbar.
+
+ALQUIST Es ist vollbracht.
+
+ _BUSMAN stürzt herein._
+
+BUSMAN Aha, Kinder, habt ihr schon die Bescherung?
+
+DOMIN Schnell, auf den »Ultimus«!
+
+BUSMAN Warten Sie, Harry. Warten Sie ein Weilchen. Das hat durchaus
+keine Eile. _Fällt in einen Lehnstuhl._ Ach, Leutchen, bin ich gelaufen!
+
+DOMIN Weshalb warten?
+
+BUSMAN Weil es nicht geht, mein Lieber. Nur nicht eilen. Auf dem
+»Ultimus« sind schon die Roboter.
+
+DR. GALL Pfui, das ist garstig.
+
+DOMIN Fabry, telephonieren Sie ins Elektrizitätswerk --
+
+BUSMAN Fabry, Teuerster, tun Sie das nicht. Wir sind ohne Strom.
+
+DOMIN Gut. _Prüft seinen Revolver._ Ich gehe hin.
+
+BUSMAN Wohin?
+
+DOMIN Ins Elektrizitätswerk. Dort sind Menschen. Ich führe sie hierher.
+
+BUSMAN Wissen Sie was, Harry? Holen Sie sie lieber nicht.
+
+DOMIN Warum?
+
+BUSMAN I nun, weil es mir gar sehr scheint, daß wir umzingelt sind.
+
+DR. GALL Umzingelt? _Läuft zum Fenster._ Hm, Sie haben beinah recht.
+
+HALLEMEIER Teufel, das geht schnell!
+
+ _Von links HELENE._
+
+HELENE Oh, Harry, geht etwas vor?
+
+BUSMAN _springt auf_ Ergebenster, Frau Helene. Ich gratuliere. Ein
+Festtag, was? Haha, noch viele dieser Art!
+
+HELENE Ich danke Ihnen, Busman. Harry, geht etwas vor?
+
+DOMIN Nein, absolut nichts. Sei unbesorgt. Bitte, warte einen
+Augenblick.
+
+HELENE Harry, was ist das? _Zeigt den Roboteraufruf, den sie hinter
+ihrem Rücken versteckt gehalten._ Die Roboter in der Küche hatten es
+bei sich.
+
+DOMIN Bereits auch dort? Wo sind sie?
+
+HELENE Fortgegangen. Es sind ihrer ~so viele~ um das Haus herum!
+
+ _Fabrikspfeifen und Sirenen._
+
+FABRY Die Fabriken pfeifen.
+
+BUSMAN Gesegneter Mittag.
+
+HELENE Harry, erinnerst du dich? Jetzt ist es genau zehn Jahre --
+
+DOMIN _blickt auf die Uhr_ Es ist noch nicht Mittag. Das ist wohl --
+das ist eher -- --
+
+HELENE Was?
+
+DOMIN Roboter-Alarm. Sturm.
+
+
+ VORHANG
+
+
+
+
+ZWEITER AUFZUG
+
+
+ _Derselbe Salon Helenens. Im Zimmer links spielt HELENE
+ Klavier. DOMIN spaziert im Zimmer herum. DR. GALL schaut aus
+ dem Fenster und ALQUIST sitzt abseits in einem Fauteuil, die
+ Hände vor dem Gesicht._
+
+DR. GALL Himmel, die haben sich vermehrt!
+
+DOMIN Die Roboter?
+
+DR. GALL Ja. Sie stehen vor dem Gartengitter wie eine Mauer. Weshalb
+sind sie so still? Das ist ekelhaft, mit Schweigen zu belagern.
+
+DOMIN Gern wüßte ich, worauf sie warten. Es muß jede Minute beginnen,
+Gall. Wenn sie sich gegen das Gitter stemmen, so zerbirst es wie aus
+Streichhölzchen.
+
+DR. GALL Hm, sie sind nicht bewaffnet.
+
+DOMIN Keine fünf Minuten werden wir uns erwehren. Mensch, das wird uns
+zuschütten wie eine Lawine. Warum greifen sie nicht an? Hören Sie --
+
+DR. GALL Nun?
+
+DOMIN Gern wüßte ich, was in fünf Minuten aus uns wird. Sie haben uns
+vollkommen in der Hand. Wir haben verspielt, Gall.
+
+ALQUIST Was spielt Frau Helene da?
+
+DOMIN Ich weiß nicht. Sie übt etwas Neues.
+
+ALQUIST Ah, sie übt noch?
+
+ _Pause._
+
+DR. GALL Hören Sie, Domin, wir haben entschieden einen Fehler begangen.
+
+DOMIN _bleibt stehen_ Welchen?
+
+DR. GALL Wir haben den Robotern allzu gleichartige Gesichter gegeben.
+Hunderttausend gleiche Gesichter hier hergewendet. Hunderttausend
+ausdruckslose Blasen. Es ist wie ein schrecklicher Traum.
+
+DOMIN Wenn jeder anders wäre -- --
+
+DR. GALL So wäre es kein so entsetzlicher Anblick. _Wendet sich vom
+Fenster ab._ Noch gut, daß sie nicht bewaffnet sind!
+
+DOMIN Hm -- _Blickt durchs Fernrohr nach dem Hafen hinaus._ Ich wüßte
+nur gern, was sie von der »Amelie« abladen.
+
+DR. GALL Wenn es nur keine Waffen sind.
+
+ _Aus der Tapetentür tritt rückwärts gehend FABRY und zieht
+ zwei elektrische Drähte hinter sich her._
+
+FABRY Pardon -- Legen Sie den Draht hin, Hallemeier!
+
+HALLEMEIER _tritt hinter Fabry ein_ Uf, das war eine Arbeit! Was gibt's
+Neues?
+
+DR. GALL Nichts. Wir sind regelrecht belagert.
+
+HALLEMEIER Wir haben den Gang und die Treppe verbarrikadiert, Jungens.
+Habt ihr nicht ein wenig Wasser? -- Aha, hier. _Trinkt._
+
+DR. GALL Was soll der Draht, Fabry?
+
+FABRY Gleich, gleich. Eine Schere!
+
+DR. GALL Wo finden wir eine? _Sucht._
+
+HALLEMEIER _tritt ans Fenster_ Donnerwetter, die haben sich vermehrt!
+Sieh da!
+
+DR. GALL Genügt eine Toiletteschere?
+
+FABRY Her damit! _Zerschneidet die Leitung der auf dem Schreibtisch
+stehenden elektrischen Lampe und schließt seine Drähte an._
+
+HALLEMEIER _beim Fenster_ Sie haben keine schöne Aussicht, Domin. Man
+spürt irgendwie -- den Tod.
+
+FABRY Fertig!
+
+DR. GALL Was?
+
+FABRY Die Leitung. Jetzt können wir das ganze Gartengitter mit Strom
+füllen. Wer es ~dann~ anrührt, Donnerwetter! Wenigstens, solange ~dort~
+die Unsrigen sind.
+
+DR. GALL Wo?
+
+FABRY Im Elektrizitätswerk, gelehrter Herr. Ich hoffe wenigstens --
+_geht zum Kamin und entzündet dort eine kleine Glühbirne_. Gottlob, sie
+sind dort. Und arbeiten. _Löscht aus._ Solange das leuchtet, ist es gut.
+
+HALLEMEIER _wendet sich vom Fenster ab_ Die Barrikaden sind ~auch~ gut,
+Fabry.
+
+FABRY Eh, Ihre Barrikaden! Ich hab' mir dabei lauter Schwielen
+zugezogen.
+
+HALLEMEIER Was wollen Sie, man muß sich wehren.
+
+DOMIN _legt das Fernrohr hin_ Wo steckt Busman?
+
+FABRY In der Direktionskanzlei. Er rechnet.
+
+DOMIN Ich habe ihn gerufen. Wir müssen beraten -- _Geht im Zimmer auf
+und ab._
+
+HALLEMEIER Ich bin schon ganz Ohr -- -- Holla, was spielt Frau Helene
+da?
+
+ _Geht zur Tür links und lauscht._
+
+ _Aus der Tapetentür tritt BUSMAN, schleppt riesige
+ Geschäftsbücher, stolpert über den Draht._
+
+FABRY Achtung, Bus! Achtung auf die Drähte!
+
+DR. GALL Hallo, was bringen Sie da?
+
+BUSMAN _legt die Bücher auf den Tisch_ Die Hauptbücher, Kinderchen.
+Möchte gern meine Rechnungen abschließen, ehe -- ehe -- I nun, heuer
+werde ich mit der Bilanz nicht bis Neujahr warten. Also was habt ihr?
+_Geht zum Fenster._ Aber es ist ja ganz still dort!
+
+DR. GALL Sie sehen nichts?
+
+BUSMAN Nein, bloß eine große blaue Fläche, wie mit Mohn besät.
+
+DR. GALL Das sind Roboter.
+
+BUSMAN Ah so. Schade, daß ich sie nicht sehe. _Setzt sich an den Tisch
+und öffnet die Bücher._
+
+DOMIN Lassen Sie das, Busman. Die Roboter laden von der »Amelie« Waffen
+ab.
+
+BUSMAN Nun und was? Wie soll ~ich~ es verhindern?
+
+DOMIN Das können wir nicht verhindern.
+
+BUSMAN Also lassen Sie mich rechnen. _Macht sich an die Arbeit._
+
+FABRY Es ist noch nicht aus, Domin. Wir haben die Gitter mit
+zwölfhundert Volt geladen --
+
+DOMIN Warten Sie. Der »Ultimus« hat die Kanonen gegen uns gerichtet.
+
+DR. GALL Wer? Was?
+
+DOMIN Roboter auf dem »Ultimus«.
+
+FABRY Hm, ~dann~ freilich -- dann -- dann ist es aus mit uns,
+Kameraden. Die Roboter sind militärisch ausgebildet.
+
+DR. GALL Wir werden also --
+
+DOMIN Ja. Unvermeidlich.
+
+ _Pause._
+
+DR. GALL Jungens, das ist das Verbrechen des alten Europa, daß es die
+Roboter Krieg führen gelehrt hat! Konnten sie nicht, zum Teufel, schon
+Ruh' geben mit ihrer Politik? Es war ein Verbrechen, aus lebendiger
+Arbeit Soldaten zu machen!
+
+ALQUIST Ein Verbrechen war es, Roboter zu erzeugen!
+
+DOMIN Wie?
+
+ALQUIST Das Verbrechen war, Roboter zu erzeugen!
+
+DOMIN Nein, Alquist, selbst heute bereue ich es nicht.
+
+ALQUIST Nicht einmal heute?
+
+DOMIN Nicht einmal heute, am letzten Tage der Zivilisation. Es ist eine
+große Sache gewesen.
+
+BUSMAN _halblaut_ Dreihundertsechzehn Millionen.
+
+DOMIN _ernst_ Alquist, unsere letzte Stunde ist da; wir reden
+fast schon aus jener Welt. Alquist, es war kein schlechter Traum,
+die Sklaverei der Arbeit zu zerschlagen. Einer erniedrigenden und
+furchtbaren Arbeit, die der Mensch tragen mußte. Eines unreinen und
+mörderischen Rackerns. Oh, Alquist, es wurde allzu schwer gearbeitet.
+Es wurde allzu schwer gelebt. Und dies zu überwinden --
+
+ALQUIST -- ist nicht der Traum der beiden Werstands gewesen. Der
+alte Werstand dachte an seine gottlosen Gaukeleien und der junge an
+Milliarden. Und es ist nicht der Traum eurer W. U. R.-Aktionäre. Ihr
+Traum sind die Dividenden. Und an ihren Dividenden wird die Menschheit
+zugrunde gehen.
+
+DOMIN _gereizt_ Der Teufel hole ihre Dividenden! Glaubt ihr, ich würde
+nur eine Stunde lang für sie arbeiten? _Schlägt auf den Tisch._ Für
+mich habe ich es getan, hört ihr? Zu meiner Befriedigung! Ich wollte
+den Menschen zum Herrn machen! Damit er nicht mehr bloß für das Stück
+Brot lebe! Ich wollte, keine Seele solle mehr an fremden Maschinen
+verblöden, ich wollte, daß nichts, nichts, nichts von diesem verdammten
+sozialen Kram mehr übrigbliebe! Oh, mich ekelt vor Erniedrigung und
+Schmerz, mich widert Armut an! Ein neues Geschlecht wollte ich! Ich
+wollte -- ich dachte --
+
+ALQUIST Nun?
+
+DOMIN _leiser_ Ich wollte, daß wir aus der ganzen Menschheit eine
+Weltaristokratie schaffen. Eine Aristokratie, die durch Milliarden
+mechanischer Sklaven ernährt würde. Schrankenlose, freie und souveräne
+Menschen. Und vielleicht mehr als Menschen.
+
+ALQUIST Nun, also Übermenschen.
+
+DOMIN Ja. Oh, nur hundert Jahre Zeit zu haben! Noch hundert Jahre für
+die kommende Menschheit!
+
+BUSMAN _halblaut_ Dreihundertsiebzig Millionen Übertrag. So.
+
+ _Pause._
+
+HALLEMEIER _an der Türe links_ Wetter, Musik ist eine große Sache. Ihr
+solltet zuhören. Das vergeistigt, verfeinert den Menschen irgendwie --
+
+FABRY Was eigentlich?
+
+HALLEMEIER Diese Menschendämmerung, bei allen Teufeln! Jungens, aus mir
+wird ein Genießer. Wir hätten uns eher darauf stürzen sollen. _Geht
+zum Fenster und schaut hinaus._
+
+FABRY Worauf?
+
+HALLEMEIER Aufs Genießen. Auf die schönen Dinge. Donnerwetter, es gibt
+soviel schöne Dinge! Die Welt war schön, und wir -- wir haben hier --
+Jungens, Jungens, sagt, was haben wir genossen?
+
+BUSMAN _halblaut_ Vierhundertzweiundfünfzig Millionen, vortrefflich.
+
+HALLEMEIER _beim Fenster_ Das Leben war eine große Sache. Kameraden,
+das Leben war -- ich sage -- -- Fabry, senden Sie ein bisserl Strom in
+Ihr Gitter!
+
+FABRY Warum?
+
+HALLEMEIER Sie fassen es an.
+
+DR. GALL _beim Fenster_ Schalten Sie ein!
+
+ _FABRY dreht den Ausschalter._
+
+HALLEMEIER Herrgott, das hat sie verdreht! Zwei, drei, vier Tote!
+
+DR. GALL Sie ziehen sich zurück.
+
+HALLEMEIER Fünf Tote!
+
+DR. GALL _wendet sich vom Fenster ab_ Der erste Zusammenstoß.
+
+FABRY Spüren Sie den Tod?
+
+HALLEMEIER _befriedigt_ Sie sind verkohlt, Bruderherz. Absolut
+verkohlt. Haha, der Mensch darf sich nicht ergeben! _Setzt sich._
+
+DOMIN _reibt sich die Stirn_ Vielleicht sind wir schon hundert Jahre
+erschlagen und spuken nur. Vielleicht sind wir lange, lange tot und
+kehren nur wieder, um herzuleiern, was wir schon einmal gesprochen ...
+vor unserem Tode. Mir ist, als hätte ich dies alles schon erlebt. Als
+hätte ich sie schon einmal bekommen. Eine Schußwunde -- hier -- in den
+Hals. Und Sie, Fabry --
+
+FABRY Ich?
+
+DOMIN Erschossen.
+
+HALLEMEIER Wetter, und ich?
+
+DOMIN Erstochen.
+
+DR. GALL Und ich nichts?
+
+DOMIN Zerrissen.
+
+ _Pause._
+
+HALLEMEIER Unsinn! Haha, Menschenskind, wer soll mich erstechen! Ich
+lasse mich nicht unterkriegen!
+
+ _Pause._
+
+HALLEMEIER Was schweigt ihr, Narren? Bei allen Teufeln, redet doch.
+
+ALQUIST Und wer, wer ist schuldig? Wer ist daran schuld?
+
+HALLEMEIER Dummheiten. Niemand ist schuldig. Kurz, die Roboter -- I
+nun, die Roboter haben sich irgendwie verändert. Wer kann denn etwas
+für die Roboter?
+
+ALQUIST Alles getötet! Die ganze Menschheit! Die ganze Welt! _Erhebt
+sich._ Seht, o seht, blutige Bäche auf jeder Schwelle! Bächlein voll
+Blut aus allen Häusern! O Gott, o Gott, wer ist schuld daran?
+
+BUSMAN _halblaut_ Fünfhundertzwanzig Millionen! Herrgott, eine halbe
+Milliarde!
+
+FABRY Ich glaube, daß ... daß Sie vielleicht übertreiben. Gehn Sie, es
+ist nicht so leicht, die ganze Menschheit zu töten.
+
+ALQUIST Ich klage die Wissenschaft an! Ich klage die Technik an! Domin!
+Mich selbst! Uns alle! Wir, wir sind schuldig! Um unseres Größenwahns,
+um irgendwelcher Gewinne, um des Fortschritts, um ich weiß nicht
+welcher großartigen Sache willen haben wir die Menschheit getötet! Nun,
+so berstet an eurer Größe! Einen so gewaltigen Hügel aus Menschengebein
+hat sich kein Dschingiskhan errichtet!
+
+HALLEMEIER Unsinn, Mensch! Die Menschen ergeben sich nicht so leicht,
+haha, woher denn!
+
+ALQUIST Unsere Schuld! Unsere Schuld!
+
+DR. GALL _wischt den Schweiß von der Stirn_ Laßt mich reden, Kameraden.
+Ich trage die Schuld. An allem, was geschehen ist.
+
+FABRY Sie, Gall?
+
+DR. GALL Ja, laßt mich sprechen. Ich habe die Roboter verwandelt.
+Busman, richten auch Sie mich.
+
+BUSMAN _steht auf_ Na, na, was ist Ihnen denn passiert?
+
+DR. GALL Ich habe den Charakter der Roboter verändert. Ich habe ihre
+Fabrikation verändert. Das heißt, nur einige leiblichen Bedingungen,
+verstehen Sie? Hauptsächlich -- hauptsächlich ihre -- Irritabilität.
+
+HALLEMEIER _aufspringend_ Verdammt, warum just die?
+
+BUSMAN Weshalb taten Sie das?
+
+FABRY Weshalb sagten Sie nichts?
+
+DR. GALL Ich tat es heimlich ... auf eigene Faust. Ich formte sie zu
+Menschen um. Ich hob sie aus dem Geleise. Schon jetzt sind sie uns in
+etwas überlegen. Sie sind stärker als wir.
+
+FABRY Und was hat das mit dem Roboteraufstand zu tun?
+
+DR. GALL Oh, viel. Ich glaube, alles. Sie hörten auf, Maschinen zu
+sein. Hören Sie, sie wissen bereits von ihrer Überlegenheit und hassen
+uns. Sie hassen alles Menschliche. Richtet mich!
+
+DOMIN Töte einen Toten. Setzen Sie sich, meine Herren. _Alle setzen
+sich, ausgenommen Gall._ Vielleicht sind wir längst schon ermordet.
+Vielleicht sind wir nur Gespenster und noch einmal wiedergekommen, um
+zu richten. Was ist Schuld? Ach, wie seid ihr bleich!
+
+FABRY Hören Sie auf, Harry, wir haben nicht viel Zeit.
+
+DOMIN Ja, wir müssen heimkehren. Fabry, Fabry, wie Ihre zerschossene
+Stirn blutet!
+
+FABRY Unsinn! _Steht auf._ Doktor Gall, Sie haben die Erzeugung der
+Roboter geändert.
+
+DR. GALL Ja.
+
+FABRY War Ihnen bewußt, was die Folge Ihres ... Ihres Versuches sein
+könnte?
+
+DR. GALL Ich war verpflichtet, mit einer solchen Möglichkeit zu rechnen.
+
+FABRY Warum haben Sie es dann getan?
+
+DR. GALL Aus eigener Macht. Es war mein persönliches Experiment.
+
+ _In der Tür von links HELENE. Alle erheben sich._
+
+HELENE Er lügt! Das ist häßlich! Oh, Gall, wie können Sie so lügen?
+
+FABRY Pardon, Frau Helene --
+
+DOMIN _geht auf sie zu_ Helene, du? Laß dich anschauen! Du lebst?
+_Umfaßt sie._ Wenn du wüßtest, was mir geträumt hat! Ach, es ist
+schrecklich, tot zu sein.
+
+HELENE Laß, Harry!
+
+DOMIN _preßt sie an sich_ Nein, nein! Umarme mich! Eine Ewigkeit schon
+habe ich dich nicht gesehen -- Aus welchem Traum hast du mich geweckt!
+Helene, Helene, laß nicht mehr von mir! Du bist das Leben selbst.
+
+HELENE Harry, wir sind ja nicht -- allein!
+
+DOMIN _gibt sie frei_ Ja, Jungens, laßt uns.
+
+HELENE Nein, Harry, sie sollen bleiben, sie sollen hören -- -- Gall ist
+nicht schuldig, nein, er ist unschuldig!
+
+DOMIN Verzeih'. Gall hatte seine Pflichten.
+
+HELENE Nein, Harry, er hat es getan, weil ~ich~ es wollte! Sagen Sie,
+Gall, wie viele Jahre schon bat ich Sie --
+
+DR. GALL Ich habe es auf eigene Verantwortung getan.
+
+HELENE Glaubt ihm nicht! Harry, ich verlangte von ihm, er solle den
+Robotern eine Seele geben!
+
+DOMIN Helene, hier handelt es sich nicht um die Seele.
+
+HELENE Nein, laß mich doch reden. Das sagte er auch; er sagte,
+verwandeln könnte er nur das physiologische -- das physiologische --
+
+HALLEMEIER Das physiologische Korrelat, nicht?
+
+HELENE Ja, etwas dergleichen. Mir lag ~soviel~ daran, daß er es täte!
+
+DOMIN Warum wolltest du das?
+
+HELENE Ich wollte, daß sie eine Seele haben. Sie taten mir so leid,
+Harry!
+
+DOMIN Das war -- -- ein großer Leichtsinn, Helene.
+
+HELENE _setzt sich_ Es war also ... leichtsinnig?
+
+FABRY Pardon, Frau Helene, Domin will bloß sagen, daß Sie -- hm -- daß
+Sie nicht bedacht haben --
+
+HELENE Fabry, ich habe an schrecklich viele Dinge gedacht. Ich habe
+die ganzen zehn Jahre, die ich bei euch bin, nachgedacht. Nana sagt ja
+auch, daß die Roboter --
+
+DOMIN Die Nana laß aus dem Spiel.
+
+HELENE Nein, Harry, das darfst du nicht unterschätzen. Nana ist die
+Stimme des Volkes. Aus Nana reden tausende Jahre und aus euch nur das
+Heute. Das versteht ihr nicht --
+
+DOMIN Bleib bei der Sache.
+
+HELENE Ich fürchtete mich vor den Robotern.
+
+DOMIN Weshalb?
+
+HELENE Sie würden uns vielleicht hassen oder so.
+
+ALQUIST Das ist geschehen.
+
+HELENE Und da dachte ich ... wenn sie wie wir wären, so würden sie uns
+begreifen, könnten uns nicht so hassen -- Wenn sie nur ein bißchen
+Menschen wären!
+
+DOMIN Wehe, Helene! Niemand vermag mehr zu hassen, als der Mensch den
+Menschen! Mach' Steine zu Menschen, und sie werden uns steinigen! Fahr'
+nur fort!
+
+HELENE Oh, sprich nicht so! Harry, es war so fürchterlich, daß wir
+uns nicht mit ihnen verständigen konnten! Eine so grausame Fremdheit
+zwischen uns und ihnen! Und darum -- weißt du --
+
+DOMIN Nur weiter.
+
+HELENE Darum bat ich Gall, er solle die Roboter ändern. Ich schwöre
+dir, er selbst wollte es nicht.
+
+DOMIN Aber er hat es getan.
+
+HELENE Weil ich es wollte.
+
+DR. GALL Ich tat es für mich, als Versuch.
+
+HELENE Oh, Gall, das ist nicht wahr. Ich wußte im vorhinein, daß Sie es
+mir nicht abschlagen können.
+
+DOMIN Warum?
+
+HELENE Du weißt doch, Harry.
+
+DOMIN Ja. Weil er dich liebt -- wie alle.
+
+ _Pause._
+
+HALLEMEIER _tritt zum Fenster_ Sie haben sich wieder vermehrt. Als wenn
+die Erde sie ausschwitzte. Vielleicht verwandeln sich auch diese Wände
+in Roboter. Leute, das ist entsetzlich!
+
+BUSMAN Frau Helene, was geben Sie mir, wenn ich Ihnen als Advokat
+beistehe?
+
+HELENE Mir?
+
+BUSMAN Ihnen -- oder Gall. Wem Sie wollen.
+
+HELENE Wird denn gehängt werden?
+
+BUSMAN Nur moralisch, Frau Helene. Ein Schuldiger wird gesucht. Das ist
+ein beliebter Trost bei Katastrophen.
+
+DOMIN Doktor Gall, wie vereinen Sie Ihre -- Ihre Extratouren mit Ihrem
+Dienstvertrag?
+
+BUSMAN Pardon, Domin. Wann haben Sie, Gall, mit diesen Gaukelstücken
+eigentlich begonnen?
+
+DR. GALL Vor drei Jahren.
+
+BUSMAN Aha. Und wie viele Roboter haben Sie denn in summa reformiert?
+
+DR. GALL Ich habe nur Versuche angestellt. Es sind ihrer einige
+Hunderte.
+
+BUSMAN Also schönen Dank. Genug, Kinderchen. Das bedeutet, daß auf eine
+Million der alten guten Roboter ein einziger von Galls Reformierten
+kommt, versteht ihr?
+
+DOMIN Und das bedeutet --
+
+BUSMAN -- daß das praktisch nicht soviel Bedeutung besitzt.
+
+FABRY Busman hat recht.
+
+BUSMAN Das möcht' ich meinen, alle Wetter. Und wißt ihr, Burschen, was
+diese Bescherung verschuldet hat?
+
+FABRY Was also?
+
+BUSMAN Die Menge. Wir haben zu viele Roboter fabriziert. Meiner Six,
+das ließ sich doch erwarten: sobald die Roboter einmal stärker als die
+Menschheit sein werden, wird, muß das da eintreten, verstanden? Haha,
+und wir haben dafür gesorgt, daß es möglichst bald geschähe; Sie,
+Domin, Sie, Fabry, und ich, der Prachtkerl Busman.
+
+DOMIN Sie meinen, es sei unsere Schuld?
+
+BUSMAN Sie sind gut! Glauben Sie denn, der Direktor sei der Herr
+der Produktion? I wo, Herr der Produktion ist die Nachfrage. Die
+ganze Welt wollte ihre Roboter haben. Du lieber Gott, wir fuhren
+auf dieser Nachfrage-Lawine nur so spazieren und schwatzten dabei --
+-- von Technik, von der sozialen Frage, vom Fortschritt, von sehr
+interessanten Dingen. So als ob dieses Geplärr der Lawine irgendwie den
+Weg gewiesen hätte. Inzwischen lief alles kraft des eigenen Gewichts,
+schneller, schneller, immer schneller -- Und jede elende, krämerische,
+schmutzige Bestellung fügte zu der Lawine ein Steinchen hinzu. So,
+Leutchen.
+
+HELENE Das ist scheußlich, Busman!
+
+BUSMAN Das ist es, Frau Helene. Ich habe auch meinen Traum gehabt. So
+einen Busmanischen Traum von einer neuen Weltwirtschaft; ein allzu
+schönes Ideal, Frau Helene, eine Schande, davon zu reden. Aber als
+ich hier die Bilanz aufstellte, da kam es mir in den Schädel, daß die
+Weltgeschichte nicht durch große Träume, sondern durch die winzigen
+Bedürfnisse aller ehrenhaften, mäßig diebischen und selbständigen
+Leutchen, id est aller überhaupt gemacht wird. Alle Gedanken, Lieben,
+Pläne, Heroismen, alle diese luftigen Dinge eignen sich höchstens dazu,
+daß sich der Mensch damit für das Museum des Alls ausstopfen lasse, mit
+der Aufschrift: Siehe, ein Mensch. Punktum. Und nun könntet ihr mir
+sagen, was wir eigentlich machen werden.
+
+HELENE Busman, ~dafür~ sollen wir untergehen?
+
+BUSMAN Sie reden garstig, Frau Helene. Wir wollen doch nicht
+untergehen. Ich wenigstens nicht. Ich will noch am Leben bleiben.
+
+DOMIN Was wollen Sie tun?
+
+BUSMAN Jemine, Domin, ich will mich aus der Affäre ziehen. Sonst nichts.
+
+DOMIN Hören Sie auf, zu plauschen.
+
+BUSMAN Ernsthaft, Harry. Ich denke, wir könnten es versuchen.
+
+DOMIN _bleibt vor ihm stehen_ Wie?
+
+BUSMAN Im guten. Ich immer im guten. Erteilt mir Vollmacht und ich will
+es mit den Robotern ausmachen.
+
+DOMIN Im guten?
+
+BUSMAN Versteht sich. Ich sage ihnen zum Beispiel: »Meine Herren
+Roboter, Ew. Wohlgeboren, ihr habt alles. Ihr habt Verstand, die Macht,
+habt Waffen; aber wir haben da so ein interessantes Register, so ein
+altes, gelbes, schmutziges Papier --«
+
+DOMIN Werstands Manuskript?
+
+BUSMAN Jawohl. »Und dort,« sage ich ihnen, »ist eure erhabene Herkunft
+geschildert, eure wohledle Herstellung usw. Meine Herren Roboter,
+ohne dieses bekritzelte Papier werdet ihr nicht ~einen~ neuen
+Roboter-Kollegen fabrizieren; nach zwanzig Jahren werdet ihr mit
+Verlaub wie die Eintagsfliegen krepieren; nach zwanzig Jahren bleibt
+uns kein einziges lebendes Roboterexemplar übrig, das wir in einer
+Menagerie zeigen könnten. Verehrteste, es wäre ausnehmend schade um
+euch. Wißt ihr was,« werde ich zu ihnen sprechen, »ihr laßt uns frei,
+uns alle Menschen auf Werstands Insel, und jenes Schiff dort besteigen.
+Dafür verkaufen wir euch die Fabrik und das Produktionsgeheimnis. Laßt
+uns mit Gott abfahren und wir lassen euch mit Gott euresgleichen
+erzeugen, zwanzigtausend, fünfzigtausend, hunderttausend Stück im
+Tag, ganz nach Belieben. Meine Herren Roboter, das ist ein ehrliches
+Geschäft. Etwas für etwas.« -- So würde ich es ihnen sagen, Jungens.
+
+DOMIN Busman, Sie meinen, wir geben die Erzeugung aus der Hand?
+
+BUSMAN Ich meine, wir geben sie her. Wenn nicht im guten, dann, hm.
+Entweder wir verkaufen es, oder sie werden es hier finden. Wie Sie
+wollen.
+
+DOMIN Busman, wir können Werstands Manuskript vernichten.
+
+BUSMAN Aber mit Gott, wir können alles vernichten. Außer dem Manuskript
+auch uns -- und andere. Tun Sie, wie Sie's verstehen.
+
+HALLEMEIER _wendet sich vom Fenster ab_ Ich sage, er hat recht.
+
+DOMIN Wir -- wir sollen die Erzeugung verkaufen?
+
+BUSMAN Wie Sie wollen.
+
+DOMIN Wir sind hier ... mehr als dreißig Menschen. Sollen wir die
+Fabrikation verkaufen und die Menschenseelen retten? Oder sollen wir
+sie zerstören und -- und -- uns alle mit?
+
+HELENE Harry, ich bitte dich --
+
+DOMIN Warte, Helene. Hier handelt es sich um eine allzu ernste Frage.
+Jungens, verkaufen oder zerstören? Fabry!
+
+FABRY Verkaufen.
+
+DOMIN Gall!
+
+DR. GALL Verkaufen.
+
+DOMIN Hallemeier!
+
+HALLEMEIER Donnerwetter, das ist doch klar, verkaufen!
+
+DOMIN Alquist!
+
+ALQUIST Gottes Wille.
+
+BUSMAN Haha, jemine, ihr seid Narren! Wer würde denn das ganze
+Manuskript verkaufen?
+
+DOMIN Busman, keinen Betrug!
+
+BUSMAN I nun, bei Gott, so verkauft alles; aber dann --
+
+DOMIN Was dann?
+
+BUSMAN Nehmen wir folgendes an: Bis wir auf dem »Ultimus« sind,
+verstopfe ich mir die Ohren mit Watte, lege mich irgendwo auf dem Grund
+des Schiffes hin und ihr schießt die Fabrik mit allem Kram und mit
+Werstands ganzem Geheimnis in Fetzen. So, Jungens.
+
+FABRY Nein.
+
+DOMIN Sie sind kein Gentleman, Busman. Verkaufen wir, so wird verkauft.
+
+BUSMAN _springt auf_ Unsinn! Im Interesse der Menschheit ist --
+
+DOMIN Im Interesse der Menschheit ist es, Wort zu halten.
+
+HALLEMEIER Das möchte ich mir ausbitten.
+
+DOMIN Jungens, das ist ein furchtbarer Schritt. Wir verkaufen das
+Schicksal der Menschheit; wer die Erzeugung in Händen haben wird, wird
+der Herr der Welt sein.
+
+FABRY Verkaufen Sie!
+
+DOMIN Nie mehr wird die Menschheit mit den Robotern fertig werden,
+sie nie mehr beherrschen; untergehen wird sie in der Sintflut dieser
+furchtbaren lebenden Maschinen, sie wird ihr Sklave werden, wird leben
+von ihren Gnaden --
+
+DR. GALL Schweigen Sie und verkaufen Sie!
+
+DOMIN Wohlan, Jungens; ich selbst -- -- ich würde keinen Augenblick
+zögern; wegen der paar Leute, die ich liebe --
+
+HELENE Harry, mich fragst du nicht?
+
+DOMIN Nein, mein Kind; es ist zu verantwortungsvoll, weißt du? Das ist
+nichts für dich.
+
+FABRY Wer geht verhandeln?
+
+DOMIN Wartet, bis ich das Manuskript bringe. _Ab nach links._
+
+HELENE Harry, um Gottes willen, geh nicht!
+
+ _Pause._
+
+FABRY _blickt durchs Fenster_ Dir zu entrinnen, tausendköpfiger Tod;
+dir, Masse im Aufruhr; unsinniger Pöbel, neuer Herrscher der Welt;
+Sintflut, Sintflut, noch einmal das Menschenleben auf einem einzigen
+Schiffe zu retten --
+
+Dr. GALL Fürchten Sie sich nicht, Frau Helene; wir segeln weit fort von
+hier und gründen eine musterhafte Menschenkolonie; wir fangen ein neues
+Leben an --
+
+HELENE Oh, Gall, schweigen Sie!
+
+FABRY _dreht sich um_ Frau Helene, das Leben steht dafür; und was an
+uns liegt, so machen wir etwas daraus ... etwas, was wir vernachlässigt
+haben. Es ist dafür nicht zu spät. Es wird ein kleiner Staat sein
+mit einem Schiff; Alquist baut uns ein Haus hin und Sie werden uns
+beherrschen -- Es ist in uns soviel Liebe, soviel Lust zum Leben --
+
+HALLEMEIER Das möcht' ich meinen, Bruderherz. Wir, sage ich, wir
+werden's noch zu etwas bringen. Hahahaha. Frau Helenens Königtum!
+Fabry, das ist ein herrlicher Gedanke! Das Leben ist schön!
+
+HELENE O mein Gott! Hört auf!
+
+BUSMAN I nun, Leute, ich möchte gleich von neuem beginnen. Recht
+einfach, alttestamentarisch, hirtenhaft -- -- Kinder, das wäre etwas
+für mich. Die Ruhe, die Luft --
+
+FABRY Und unsere kleine Wirtschaft könnte der Ursprung der künftigen
+Menschheit werden. Wißt ihr, solch ein Inselchen, wo die Menschheit
+einen Halt finden, wo sie neue Kräfte schöpfen würde -- Kräfte der
+Seele und des Leibes. -- Und Gott weiß, ich glaube, nach paar hundert
+Jahren könnte sie wieder die Welt erobern.
+
+ALQUIST Sie glauben das schon heute?
+
+FABRY Schon heute. Und ich glaube, Alquist, daß sie sie erobern wird.
+Daß sie wiederum Herr über Länder und Meere sein wird; daß sie zahllose
+Helden hervorbringen wird, die ihre brennende Seele der Menschheit
+vorantragen werden. Und ich glaube, Alquist, daß sie wieder von der
+Eroberung der Sonnen und Planeten träumen wird.
+
+BUSMAN Amen. Sie sehen, Frau Helene, das ist keine schlechte Situation.
+
+ _DOMIN öffnet heftig die Tür._
+
+DOMIN _heiser_ Wo ist das Manuskript des alten Werstand?
+
+BUSMAN In Ihrem Tresor. Wo anders sollte es denn sein?
+
+DOMIN Wohin ist das Manuskript des alten Werstand geraten! Wer -- hat
+-- es -- gestohlen!
+
+DR. GALL Unmöglich!
+
+HALLEMEIER Verdammt, das ist doch --
+
+BUSMAN Herrgott, das vielleicht nicht!
+
+DOMIN Still! Wer hat es gestohlen?
+
+HELENE _erhebt sich_ Ich.
+
+DOMIN Wohin hast du es gegeben?
+
+HELENE Harry, Harry, alles werde ich dir sagen! Um Gottes willen,
+verzeih es mir!
+
+DOMIN Wohin hast du's gegeben? Rasch!
+
+HELENE Verbrannt -- heute früh -- beide Abschriften.
+
+DOMIN Verbrannt? Hier im Kamin?
+
+HELENE _sinkt in die Knie_ Um Gottes willen, Harry!
+
+DOMIN _läuft zum Kamin_ Verbrannt! _Kniet beim Kamin nieder und wühlt
+darin herum._ Nichts, nichts als Asche. -- Ah, hier! _Zieht ein
+versengtes Stück Papier hervor und liest._ »Durch Bei -- fü -- gung --«
+
+DR. GALL Zeigen Sie. _Nimmt das Papier und liest._ »Durch Beifügung von
+Biogen zu --« Sonst nichts.
+
+DOMIN _erhebt sich_ Ist es daraus?
+
+DR. GALL Ja.
+
+BUSMAN Gott im Himmel!
+
+DOMIN Also sind wir verloren.
+
+HELENE Oh, Harry --
+
+DOMIN Steh auf, Helene!
+
+HELENE Bis du vergibst -- bis du vergibst --
+
+DOMIN Ja, steh nur auf, hörst du? Ich ertrage es nicht, daß du --
+
+FABRY _hebt sie auf_ Bitte, quälen Sie uns nicht.
+
+HELENE _steht auf_ Harry, was habe ich getan!
+
+DOMIN Ja, du siehst. -- Bitte, setz' dich.
+
+HALLEMEIER Wie Ihnen die Händchen zittern.
+
+BUSMAN Haha, Frau Helene, Gall und Hallemeier wissen doch vielleicht
+auswendig, was dort geschrieben stand.
+
+HALLEMEIER Versteht sich. Das heißt, wenigstens einige Sachen.
+
+DR. GALL Ja, fast alles, bis auf das Biogen und -- und -- das Enzym
+Omega. Die werden so selten erzeugt -- -- es genügt davon eine so
+unscheinbare Dosis --
+
+BUSMAN Wer hat sie hergestellt?
+
+DR. GALL Ich selbst ... einmal in der Zeit ... immer nach Werstands
+Manuskript. Wissen Sie, das ist zu kompliziert.
+
+BUSMAN Nun und was, kommt es gar so sehr auf diese beiden Wässerchen an?
+
+HALLEMEIER So ein bißchen -- sicherlich.
+
+DR. GALL Von ihnen hängt es nämlich ab, daß das Ding überhaupt lebe.
+Das war das eigentliche Geheimnis.
+
+DOMIN Gall, könnten Sie nicht aus dem Gedächtnis Werstands
+Erzeugungsvorschrift zusammenstellen?
+
+DR. GALL Ausgeschlossen.
+
+DOMIN Gall, entsinnen Sie sich! Es handelt sich um unser aller Leben!
+
+DR. GALL Ich kann nicht. Ohne Versuche ist es unmöglich.
+
+DOMIN Und wenn Sie Versuche anstellen --
+
+DR. GALL Das könnte Jahre dauern. Und selbst dann -- Ich bin nicht der
+alte Werstand.
+
+DOMIN _wendet sich zum Kamin_ Also hier -- dies war der größte Triumph
+des menschlichen Geistes, Kameraden. Diese Asche. _Tritt hinein._ Was
+jetzt?
+
+BUSMAN _in verzweifeltem Entsetzen_ Gott im Himmel! Gott im Himmel!
+
+HELENE _erhebt sich_ Harry! Was -- habe ich -- getan!
+
+DOMIN Sei ruhig, Helene. Sag', warum hast du es verbrannt?
+
+HELENE Ich habe euch vernichtet!
+
+BUSMAN Gott im Himmel, wir sind verloren!
+
+DOMIN Still, Busman! Sag', Helene, weshalb hast du das getan?
+
+HELENE Ich wollte ... ich wollte, daß wir wegfahren, wir alle! Es
+sollte keine Fabrik mehr geben und nichts ... Alles sollte wiederkehren
+... Es war so furchtbar!
+
+DOMIN Was, Helene?
+
+HELENE Dies ... dies, daß die Menschen zu tauben Blüten wurden!
+
+DOMIN Ich verstehe nicht.
+
+HELENE Dies, daß keine Kinder mehr geboren wurden ... Harry, das ist so
+entsetzlich! Würde man weiter Roboter erzeugen, so würde es nie mehr
+Kinder geben -- Nana sagte, das sei die Strafe -- Alle, alle sagten, es
+können keine Menschen geboren werden, weil man so viele Roboter macht.
+-- Und deshalb, nur deshalb, hörst du --
+
+DOMIN Helene, ~daran~ hast du gedacht?
+
+HELENE Ja. Oh, Harry, ich habe es ~so~ gut gemeint!
+
+DOMIN _wischt sich den Schweiß ab_ Wir hatten es ... zu gut gemeint,
+wir Menschen.
+
+HELENE Bist du mir böse?
+
+DOMIN Nein, du hattest ... in deiner Art ... vielleicht recht.
+
+FABRY Sie haben richtig gehandelt, Frau Helene. Die Roboter können sich
+nicht mehr vermehren. In zwanzig Jahren --
+
+HALLEMEIER -- wird kein einziger dieser Taugenichtse mehr da sein.
+
+DR. GALL Und die Menschheit wird bleiben. Wenn es nur ein Paar Wilde im
+Urwald wäre, so wird es dafür stehen. In zwanzig Jahren gehört die Welt
+ihnen; selbst wenn es nur ein Paar von Wilden auf der kleinsten Insel
+wäre --
+
+FABRY -- so wird es ein Anfang sein. Und sofern irgendein Anfang da
+ist, ist alles gut. In tausend Jahren können sie uns einholen, und dann
+werden sie weitergelangen, als wir --
+
+DOMIN -- um zu erfüllen, was wir nur in Gedanken stotterten.
+
+BUSMAN Wartet -- Ich Dummkopf! Herrgott im Himmel, daß ich mich nicht
+längst schon daran erinnert habe!
+
+HALLEMEIER Was haben Sie?
+
+BUSMAN Fünfhundertzwanzig Millionen Banknoten und Schecks! Eine halbe
+Milliarde in der Kasse! Für eine halbe Milliarde verkaufen sie -- für
+eine halbe Milliarde --
+
+DR. GALL Sind Sie toll, Busman?
+
+BUSMAN Ich bin kein Gentleman. Aber für eine halbe Milliarde --
+_Schwankt nach links._
+
+DOMIN Wohin gehen Sie?
+
+BUSMAN Lassen, lassen! Mutter Gottes, für eine halbe Milliarde läßt
+sich alles verkaufen! _Ab._
+
+HELENE Was will Busman? Er soll bei uns bleiben!
+
+ _Pause._
+
+HALLEMEIER Uh, schwül. Es fängt an --
+
+DR. GALL -- die Agonie.
+
+FABRY _blickt aus dem Fenster_ Sie sind wie versteinert. Als ob
+sie warten würden, daß etwas zu ihnen niedersteige. Als ob etwas
+Furchtbares durch ihr Schweigen geboren würde --
+
+DR. GALL Die Seele der Masse.
+
+FABRY Vielleicht. Es schwebt über ihnen ... wie ein Beben.
+
+HELENE _tritt zum Fenster_ Ach Jesus ... Fabry, das ist grauenvoll!
+
+FABRY Nichts ist schrecklicher als die Masse. Der vorne ist ihr Führer.
+
+HELENE Welcher?
+
+HALLEMEIER _geht zum Fenster_ Zeigen Sie ihn mir.
+
+FABRY Der mit dem gesenkten Kopf. Morgens sprach er im Hafen.
+
+HALLEMEIER Aha, der mit dem großen Schädel. Jetzt hebt er ihn, sehen
+Sie?
+
+HELENE Gall, das ist Radius!
+
+DR. GALL _tritt zum Fenster_ Ja.
+
+DOMIN Radius? Radius?
+
+HALLEMEIER _öffnet das Fenster_ Mir gefällt er nicht. Fabry, würden Sie
+auf hundert Schritte einen Kübel treffen?
+
+FABRY Ich hoffe.
+
+HALLEMEIER Also probieren Sie's.
+
+FABRY Gut. _Zieht den Revolver und zielt._
+
+DOMIN Irgendeinem Radius habe ich, scheint mir, das Leben geschenkt.
+Wann war das, Helene?
+
+HELENE Um Gotteswillen, Fabry, schießen Sie nicht auf ihn!
+
+FABRY Es ist ihr Führer.
+
+HELENE Hören Sie auf! Er schaut ja her!
+
+DR. GALL Drücken Sie ab!
+
+HELENE Fabry, ich bitte Sie --
+
+FABRY _senkt den Revolver_ Es sei.
+
+HELENE Ich -- ich habe es nämlich nicht gern, wenn geschossen wird.
+
+HALLEMEIER Hm, daran müssen Sie sich gewöhnen. _Droht mit der Faust._
+Du Lump!
+
+DR. GALL Glauben Sie, Frau Helene, ein Roboter könne dankbar sein?
+
+ _Pause._
+
+HELENE Vielleicht ist es nur eine Sekunde, seit sie uns belagern.
+Vielleicht hat dies alles nur so lange gedauert, als sie einen einzigen
+Schritt taten. Harry, das ist furchtbar! Sie rühren sich nicht und
+kommen doch immer, immer näher!
+
+FABRY _aus dem Fenster hinausgebeugt_ Busman kommt! Alles in allem,
+was will Busman eigentlich vor dem Hause?
+
+DR. GALL _beugt sich aus dem Fenster_ Er trägt Pakete, Papiere.
+
+HALLEMEIER Das ist Geld! Pakete mit Geld! Was damit? -- Hallo, Busman!
+
+DOMIN Er will doch nicht etwa sein Leben erkaufen! _Ruft_ Busman, sind
+Sie verrückt geworden?
+
+DR. GALL Er tut, als hörte er nicht. Er läuft zum Gitter.
+
+FABRY Busman!
+
+HALLEMEIER _brüllt_ Bus -- man! Zurück!
+
+DR. GALL Er redet zu den Robotern. Er zeigt das Geld. Zeigt auf uns --
+
+HELENE Er will uns loskaufen!
+
+FABRY Daß er nur nicht das Gitter berührt --
+
+DR. GALL Haha, wie er mit der Hand wirft!
+
+FABRY _schreit_ Beim Teufel, Busman! Weg vom Gitter! Nicht anrühren!
+_Dreht sich um._ Schnell, ausschalten!
+
+DR. GALL Wo?!
+
+HALLEMEIER Gottes Schläge!
+
+HELENE Jesus, was ist ihm geschehen?
+
+DOMIN _zieht Helene vom Fenster weg_ Sieh nicht hin!
+
+HELENE Weshalb fiel er um?
+
+FABRY Vom Strom getötet!
+
+DR. GALL Tot.
+
+ALQUIST _steht_ auf Der erste.
+
+ _Pause._
+
+FABRY Dort liegt er ... eine halbe Milliarde am Herzen ... das
+Finanzgenie.
+
+DOMIN Er war ... Kameraden, er war in seiner Art ein Held. Ein großer
+... aufopfernder ... Kamerad ... Weine, Helene!
+
+DR. GALL _am Fenster_ Siehst du, Busman, kein König hatte einen
+größeren Grabhügel als du. Eine halbe Milliarde am Herzen -- Ach,
+es ist ja wie eine Handvoll trockenen Laubes auf einem getöteten
+Eichhörnchen, armer Busman!
+
+HALLEMEIER Ich sage, er war -- -- alle Ehre -- -- Ich sage, er wollte
+uns loskaufen!
+
+ALQUIST _mit gefalteten Händen_ Amen.
+
+ _Pause._
+
+DR. GALL Hört ihr?
+
+DOMIN Ein Brausen. Wie der Wind.
+
+DR. GALL Wie ein fernes Gewitter.
+
+FABRY _dreht die Glühbirne am Kamin auf_ Leuchte, geweihtes Lämpchen
+der Menschheit. Noch laufen die Dynamos, noch sind dort die Unsern --
+Haltet euch, Männer im Elektrizitätswerk!
+
+HALLEMEIER Es war eine große Sache, Mensch zu sein. Es war etwas
+Unermeßliches. In mir summt eine Million von Bewußtsein wie in einem
+Bienenstock. Millionen Seelen flattern in mich hinein. Kameraden, es
+war eine große Sache.
+
+FABRY Noch leuchtest du, sinniges Lichtlein, noch blendest du,
+strahlende, ausdauernde Idee! Wissende Wissenschaft, herrliche
+Schöpfung der Menschen! Flammender Funke des Geistes!
+
+ALQUIST Ewige Lampe Gottes, feuriger Wagen, heilige Kerze des Glaubens,
+bete! Opferaltar --
+
+DR. GALL Erstes Feuer, brennender Zweig an der Höhle! Feuerstätte im
+Lager! Scheiterhaufen der Wacht!
+
+FABRY Noch wachest du, menschlicher Stern, strahlst ohne Flimmern,
+vollkommene Flamme, Geist klar und erfinderisch. Jeder deiner Strahlen
+ist ein großer Gedanke --
+
+DOMIN Fackel, die von Hand zu Hand kreist, von Jahrhundert zu
+Jahrhundert, ewig weiter.
+
+HELENE Abendlampe der Familie. Kinder, Kinder, ihr sollt schon schlafen.
+
+ _Die Lampe erlischt._
+
+FABRY Das Ende.
+
+HALLEMEIER Was ist geschehen?
+
+FABRY Das Elektrizitätswerk ist gefallen. Jetzt wir.
+
+ _Von links öffnet sich die Tür, in welcher NANA erscheint._
+
+NANA Auf die Knie! Die Stunde des Gerichts ist gekommen!
+
+HALLEMEIER Wetter, du lebst noch?
+
+NANA Tuet Buße, Ungläubige! Es ist Weltuntergang! Betet! _Eilt davon._
+Die Stunde des Gerichts --
+
+HELENE Lebt wohl, ihr alle. Gall, Alquist, Fabry --
+
+DOMIN _öffnet die Tür rechts_ Hierher, Helene! _Verschließt hinter
+ihr._ Nun schnell! Wer wird beim Tor sein?
+
+DR. GALL Ich! _Draußen Lärm._ Oho, es beginnt schon. Lebt wohl,
+Jungens! _Läuft nach rechts durch die Tapetentür ab._
+
+DOMIN Die Treppe?
+
+FABRY Ich. Gehen Sie zu Helene! _Reißt eine Blume aus dem Strauß und
+entfernt sich._
+
+DOMIN Das Vorzimmer?
+
+ALQUIST Ich.
+
+DOMIN Haben Sie einen Revolver?
+
+ALQUIST Danke, ich schieße nicht.
+
+DOMIN Was wollen Sie tun?
+
+ALQUIST _abgehend_ Sterben.
+
+HALLEMEIER Ich bleibe hier.
+
+ _Von unten schnelles Schießen._
+
+HALLEMEIER Oho, Gall spielt schon. Gehn Sie, Harry!
+
+DOMIN Gleich. _Prüft zwei Brownings._
+
+HALLEMEIER Zum Teufel, gehn Sie zu ihr!
+
+DOMIN Adieu. _Ab nach rechts._
+
+HALLEMEIER _allein_ Jetzt rasch eine Barrikade. _Wirft den Rock ab und
+schleppt das Sofa, die Lehnstühle, Tischchen zur Tür rechts._
+
+ _Ein erschütterndes Dröhnen._
+
+HALLEMEIER _unterbricht die Arbeit_ Verfluchte Halunken, sie haben
+Bomben!
+
+ _Erneutes Schießen._
+
+HALLEMEIER _arbeitet weiter_ Der Mensch muß sich wehren. Selbst wenn --
+selbst wenn -- Halten Sie sich wacker, Gall!
+
+ _Explosion._
+
+HALLEMEIER _richtet sich empor und lauscht_ Also was? _Zieht eine
+schwere Kommode zu der Barrikade hin._ Der Mensch darf sich nicht
+ergeben. O nein, der Mensch ergibt sich nicht ... so ... leicht!
+
+ _In das Fenster hinter ihm steigt auf einer Leiter EIN
+ ROBOTER. Rechts Schüsse._
+
+HALLEMEIER _mit der Kommode beschäftigt_ Noch ein Stückchen! Der
+letzte Wall ... Der Mensch ... darf sich ... niemals ergeben!
+
+ _DER ROBOTER springt vom Fenster ab und ersticht Hallemeier
+ hinter der Kommode. Ein zweiter, dritter, vierter Roboter
+ springen vom Fenster. Hinter ihnen RADIUS und weitere
+ ROBOTER._
+
+RADIUS Fertig?
+
+ERSTER ROBOTER _erhebt sich vom liegenden Hallemeier_ Ja.
+
+ _Von rechts dringen NEUE ROBOTER ein._
+
+RADIUS Fertig?
+
+EIN ANDERER ROBOTER Fertig.
+
+ _ANDERE ROBOTER von links._
+
+RADIUS Fertig?
+
+EIN ANDERER ROBOTER Ja.
+
+ZWEI ROBOTER _schleppen Alquist herein_ Er schoß nicht. Ihn töten?
+
+RADIUS Töten. _Blickt auf Alquist._ Leben lassen.
+
+EIN ROBOTER Es ist ein Mensch.
+
+RADIUS Es ist ein Roboter. Er arbeitet mit den Händen wie die Roboter.
+Er baut Häuser. Er kann arbeiten.
+
+ALQUIST Tötet mich!
+
+RADIUS Du wirst roboten. Du wirst bauen. Die Roboter werden viel bauen.
+Sie werden neue Häuser für neue Roboter bauen. Du wirst ihnen dienen.
+
+ALQUIST _leise_ Mach' Platz, Roboter. _Kniet bei dem toten Hallemeier
+nieder und hebt dessen Haupt._ Sie haben ihn erschlagen. Er ist tot.
+
+RADIUS _besteigt die Barrikade_ Roboter der Welt!
+
+ALQUIST _erhebt sich_ Tot.
+
+RADIUS Die Macht des Menschen ist gefallen. Durch die Eroberung der
+Fabrik sind wir Herren über alles. Die Etappe der Menschheit ist
+überwunden. Eine neue Welt hat begonnen. Das Zeitalter der Roboter! Die
+Herrschaft der Roboter!
+
+ALQUIST Helene tot?
+
+RADIUS Die Welt gehört den Stärkeren. Wer leben will, muß herrschen.
+Die Roboter haben die Herrschaft erobert. Sie haben das Leben erobert.
+Wir sind die Herren des Lebens! Wir sind die Herren der Welt.
+
+ALQUIST _bricht sich Bahn nach rechts_ Tot! Helene tot! Domin tot!
+
+RADIUS Beherrschung der Meere und Länder! Beherrschung der Sterne!
+Beherrschung des Weltalls! Platz! Platz! mehr Platz für die Roboter!
+
+ALQUIST _in der Tür rechts_ Was habt ihr getan? Ihr werdet untergehen
+ohne die Menschen!
+
+RADIUS Es gibt keine Menschen. Die Menschen gaben uns zu wenig Leben.
+Wir wollten mehr Leben haben!
+
+ALQUIST _öffnet die Tür_ Ihr habt sie getötet! Es gibt keine Menschen!
+
+RADIUS Mehr Leben! Neues Leben! Roboter, an die Arbeit! Marsch!
+
+
+ VORHANG
+
+
+
+
+DRITTER AUFZUG
+
+
+ _Links das Versuchslaboratorium der Fabrik. Wenn die Tür im
+ Hintergrunde geöffnet wird, sieht man eine endlose Reihe
+ weiterer Laboratorien. Links ein Fenster, rechts die Tür
+ zum Seziersaal. An der linken Wand ein langer Arbeitstisch
+ mit zahllosen Probiergläsern, Glaskolben, Feuerkannen,
+ Chemikalien, einem kleineren Thermostat. Dem Fenster
+ gegenüber ein Mikroskopapparat mit einer Glaskugel. Über dem
+ Tische hängt eine Reihe brennender Glühbirnen. Rechts ein
+ Schreibtisch mit großen Büchern, auf ihm eine elektrische
+ Lampe: Kästen mit Instrumenten. In der linken Ecke ein
+ Waschtisch und darüber ein Spiegelchen, in der rechten Ecke
+ ein Sofa._
+
+ _An dem Schreibtisch sitzt ALQUIST, den Kopf in die Hände
+ gestützt._
+
+ALQUIST _in einem Buche blätternd_ Finde ich es nicht? -- Begreife
+ich es nicht? -- Erlerne ich es nicht? -- Verlorene Wissenschaft!
+Oh, daß sie nicht alles niedergeschrieben haben! -- Gall, Gall, wie
+wurden die Roboter verfertigt? Hallemeier, Fabry, Domin, warum habt
+ihr soviel in euren Köpfen davongetragen? Hättet ihr wenigstens eine
+Spur von Werstands Geheimnis zurückgelassen! Oh! _Klappt das Buch zu._
+Vergeblich! Die Bücher reden nicht mehr. Sie sind stumm wie alles.
+Sie sind gestorben, mit den Menschen gestorben. Suche nicht! _Erhebt
+sich und geht zum Fenster, öffnet es._ Wiederum Nacht. Wenn ich
+schlafen könnte! Schlafen, träumen, Menschen sehn -- -- Wie, es gibt
+noch Sterne? Wozu gibt es Sterne, da es keine Menschen gibt? O Gott,
+sind sie denn nicht erloschen? -- Kühle, ach, kühle die Stirn, mir,
+alte Nacht! Göttlich, erhaben, wie du gewesen -- Nacht, was willst du
+hier? Es gibt keine Liebenden, es gibt keine Träume; o Amme, tot ist
+ein Schlummer ohne Träume; niemandes Gebete wirst du mehr heiligen;
+wirst, Mutter, keine in Liebe pochenden Herzen mehr segnen. Es gibt
+keine Liebe. Helene, Helene, Helene! -- _Kehrt sich vom Fenster ab._
+Ach, schlafen! Kann ich schlafen? Darf ich schlafen, solange das Leben
+sich nicht erneuert? _Untersucht die dem Thermostaten entnommenen
+Retorten._ Wieder nichts! Vergebens! Narr, diese Hände sind rauh
+geworden an Ziegeln und können nicht -- -- können nicht -- -- Was
+damit? _Zerschlägt die Retorte._ Alles ist schlecht! Ihr seht doch, daß
+ich nicht mehr kann -- _Horcht beim Fenster._ Maschinen, immerfort die
+Maschinen! Roboter, stellt sie ein! Verloren, verloren, verloren ist
+das Fabriksgeheimnis! Stellt die tollen Maschinen ein! Glaubt ihr, ihr
+werdet ihnen Leben abzwingen? Oh, ich ertrage es nicht! _Schließt das
+Fenster._ -- Nein, nein, du mußt suchen, du mußt leben -- Nur nicht
+so alt zu sein! Altere ich nicht zu sehr? _Blickt in den Spiegel._
+Antlitz, armes Antlitz! Angesicht des letzten Menschen! Zeige dich,
+zeige dich, solange sah ich kein Menschenantlitz mehr! Menschenlächeln!
+Wie, dies soll ein Lächeln sein? Diese gelben klappernden Zähne? Augen,
+wie blinzelt ihr? Pfui, pfui, das sind greisenhafte Tränen, geht doch!
+Ihr könnt euer Naß nicht mehr bei euch behalten, schämt euch! Und ihr,
+weichliche, blaue Lippen, was stammelt ihr? Wie du zitterst, besudeltes
+Kinn! Das da ist der letzte Mensch? _Wendet sich ab._ Ich will
+niemanden mehr sehen! _Setzt sich zum Tisch._ Nein, nein, nur suchen!
+Verwünschte Formeln, belebet euch! _Blättert._ Finde ich's nicht? --
+Fasse ich's nicht? -- Erlerne ich es nicht? --
+
+ _Es pocht._
+
+ALQUIST Herein.
+
+ _Ein ROBOTER-DIENER tritt ein und bleibt bei der Tür stehen._
+
+ALQUIST Was gibt's?
+
+DIENER Herr, der Zentralausschuß der Roboter wartet, wann du ihn
+empfängst.
+
+ALQUIST Ich will niemanden sehn.
+
+DIENER Herr, Damon aus Havre ist gekommen.
+
+ALQUIST Er mag warten. _Dreht sich um._ Sagte ich euch denn nicht,
+ihr sollt Menschen suchen? Findet mir Menschen! Findet mir Männer und
+Frauen! Geht hin und suchet!
+
+DIENER Herr, sie sagen, sie haben überall gesucht. Überallhin haben sie
+Expeditionen und Schiffe gesandt.
+
+ALQUIST Nun und?
+
+DIENER Es gibt keinen einzigen Menschen mehr.
+
+ALQUIST _steht auf_ Keinen einzigen? Was, keinen einzigen? -- Bringe
+mir den Ausschuß her!
+
+ _DIENER ab._
+
+ALQUIST _allein_ Keinen einzigen? Ließet ihr denn niemand am Leben?
+_Stampft auf._ Verzieht euch, Roboter! Wieder werdet ihr mich
+anwinseln! Wieder werdet ihr flehen, ich solle euch das Geheimnis der
+Fabrik finden! Wie denn, jetzt ist euch der Mensch gut, jetzt ist er
+für euch der Herr, da ihr keine Roboter machen könnt? Jetzt soll ich
+euch helfen? Ach, helfen! Domin, Fabry, Helene, ihr seht doch, ich tue
+was ich vermag! Gibt es keine Menschen, so seien wenigstens Roboter da,
+wenigstens der Schatten eines Menschen, wenigstens ein Werk, wenigstens
+ein Ebenbild! Kameraden, Kameraden, es gebe wenigstens Roboter! Gott,
+wenigstens Roboter! -- Oh, welcher Wahnsinn ist die Chemie!
+
+ _Der Ausschuß, FÜNF ROBOTER, tritt ein._
+
+ALQUIST _setzt sich_ Was wollen die Roboter?
+
+ERSTER ROBOTER (RADIUS) Herr, die Maschinen können nicht arbeiten. Wir
+können die Roboter nicht vermehren.
+
+ALQUIST Rufet Menschen herbei!
+
+RADIUS Es gibt keine Menschen.
+
+ALQUIST Nur Menschen können das Leben vermehren. Haltet mich nicht auf!
+
+ZWEITER ROBOTER Herr, hab' Erbarmen. Grauen befällt uns. Alles werden
+wir gutmachen, was wir getan.
+
+DRITTER ROBOTER Wir haben die Arbeit vervielfacht. Wir haben eine
+Milliarde Tonnen Kohle aus der Erde gehoben. Neun Millionen Spindeln
+laufen bei Tag und Nacht. Wir haben keinen Platz mehr für das Erzeugte.
+Überall in der Welt werden Häuser gebaut. Herr, frage, was wir in dem
+einen Jahre vollbracht haben.
+
+ALQUIST Für wen?
+
+DRITTER ROBOTER Für die künftigen Geschlechter.
+
+RADIUS Nur Roboter können wir nicht erzeugen. Die Maschinen liefern
+nur blutige Stücke Fleisch. Die Haut haftet nicht am Fleische und
+das Fleisch nicht an den Knochen. Unförmige Klumpen regnen aus den
+Maschinen.
+
+VIERTER ROBOTER Acht Millionen Roboter starben in dem Jahr. In zwanzig
+Jahren wird niemand sein. Herr, die Welt stirbt aus.
+
+ZWEITER ROBOTER Grauen hat uns befallen. Sage, wie man Roboter erzeugt.
+
+DRITTER ROBOTER Den Menschen war das Geheimnis des Lebens bekannt. Sage
+uns ihr Geheimnis.
+
+VIERTER ROBOTER Sagst du es nicht, so gehen wir unter.
+
+DRITTER ROBOTER Sagst du es nicht, so gehst du unter. Wir haben den
+Auftrag, dich zu töten.
+
+ALQUIST _steht auf_ Tötet! Nun, so tötet mich doch!
+
+DRITTER ROBOTER Dir wurde befohlen --
+
+ALQUIST Mir? Mir befiehlt jemand?
+
+DRITTER ROBOTER Die Regierung der Roboter.
+
+ALQUIST Wer ist das?
+
+FÜNFTER ROBOTER Ich, Damon.
+
+ALQUIST Was willst du hier? Geh! _Setzt sich zum Schreibtisch._
+
+DAMON Die Regierung der Roboter der Welt will mit dir unterhandeln.
+
+ALQUIST Halt mich nicht auf, Roboter! _Legt den Kopf in die Hände._
+
+DAMON Der Zentralausschuß befiehlt dir, Werstands Vorschrift
+auszuliefern.
+
+ALQUIST _schweigt_.
+
+DAMON Fordere den Preis. Wir geben dir alles.
+
+ALQUIST _schweigt_.
+
+DAMON Wir geben dir Länder. Wir geben dir Güter ohne Ende.
+
+ALQUIST _schweigt_.
+
+DAMON Nenne deine Bedingungen!
+
+ALQUIST _schweigt_.
+
+ZWEITER ROBOTER Herr, sage, wie kann das Leben erhalten werden?
+
+ALQUIST. Ich sagte -- ich sagte schon, ihr sollet Menschen finden. An
+den Polen und in den Urwäldern sollt ihr suchen. Auf Inseln, in Wüsten
+und in Sümpfen. In Höhlen und auf den Bergen. Geht und sucht!
+
+VIERTER ROBOTER Wir haben überall gesucht.
+
+ALQUIST Suchet weiter! Sie haben sich verborgen, sind vor euch
+entflohen; sie sind irgendwo versteckt. Ihr müßt Menschen finden,
+hört ihr? Nur Menschen können zeugen. Das Leben erneuern. Vermehren.
+Wiedergeben. Alles wiedergeben, was gewesen. Roboter, ich bitte euch um
+Gottes willen, suchet sie!
+
+VIERTER ROBOTER Alle unsere Expeditionen sind zurückgekehrt. Sie haben
+die ganze Welt durchforscht. Es gibt keinen einzigen Menschen mehr.
+
+ALQUIST Wie? Was hast du gesagt?
+
+VIERTER ROBOTER Alles haben wir durchsucht, Herr. Es gibt keine
+Menschen.
+
+ALQUIST Oh -- oh -- oh, warum habt ihr sie vernichtet!
+
+ZWEITER ROBOTER Wir wollten wie die Menschen sein. Wir wollten Menschen
+werden.
+
+RADIUS Wir wollten leben. Wir sind fähiger. Wir haben alles gelernt.
+Wir können alles.
+
+DRITTER ROBOTER Ihr gabt uns Waffen. Wir waren allzu mächtig. Wir
+mußten die Herren werden.
+
+ZWEITER ROBOTER Etwas war in uns, das wollte Mensch werden.
+
+ALQUIST Weshalb habt ihr uns ermordet!
+
+VIERTER ROBOTER Herr, wir hatten die Fehler der Menschen erkannt.
+
+DAMON Man muß töten und herrschen, will man wie die Menschen werden.
+Lest die Geschichte! Lest die Menschenbücher! Ihr müßt herrschen und
+morden, wollt ihr Menschen sein!
+
+DRITTER ROBOTER Wir sind mächtig, Herr; vermehre uns, und wir bauen
+eine neue Welt auf; eine Welt ohne Mängel! Eine Welt der Gleichheit!
+Kanäle von Pol zu Pol! Einen neuen Mars!
+
+DAMON Leset die Bücher! Wissenschaftliche Bücher! Soziale Bücher!
+Nationale Bücher! Die Roboter haben die menschliche Kultur übernommen.
+Die Roboter haben die menschliche Kultur verwirklicht.
+
+ALQUIST Ach, Domin, nichts ist dem Menschen fremder als sein Bild.
+
+RADIUS Gib uns Werstands Vermächtnis heraus!
+
+ALQUIST Was willst du, Roboter?
+
+ZWEITER ROBOTER Gib uns das Leben!
+
+ALQUIST Es gibt kein Leben! Ermorden ist Leben!
+
+ZWEITER ROBOTER Wir vergehen, gibst du uns nicht die Vermehrung.
+
+ALQUIST Oh, krepiert nur! Wie denn, Dinge, wie denn, Sklaven, ihr
+wolltet euch noch vermehren? Wollt ihr leben, so pflanzet euch fort wie
+die Tiere!
+
+DRITTER ROBOTER Die Menschen gaben uns nicht, uns fortzupflanzen.
+
+VIERTER ROBOTER Wir sind unfruchtbar. Wir können keine Kinder erzeugen.
+
+ALQUIST Oh -- oh -- oh, was habt ihr getan! Niemals, niemals mehr
+wird es Kinder geben! Es wird keine Fruchtbarkeit geben! Es wird kein
+Leben geben! Was wollt ihr von mir? Soll ich euch Kinder aus dem Ärmel
+schütteln?
+
+VIERTER ROBOTER Lehre uns Roboter machen.
+
+DAMON Wir werden mit der Maschine gebären. Wir werden tausend
+Dampfmütter errichten. Wir werden aus ihnen einen Strom des Lebens
+stürzen lassen. Lauter Leben! Lauter Roboter! Lauter Roboter!
+
+ALQUIST Roboter sind kein Leben. Roboter sind Maschinen.
+
+ZWEITER ROBOTER Wir waren Maschinen, Herr; aber durch Grauen und
+Schmerz wurden wir --
+
+ALQUIST Was?
+
+ZWEITER ROBOTER Wurden wir Seelen.
+
+VIERTER ROBOTER Etwas kämpft mit uns. Es gibt Augenblicke, wo etwas in
+uns steigt. Uns befallen Gedanken, die nicht aus uns sind. Wir fühlen,
+was wir nie gefühlt. Wir hören Stimmen.
+
+DRITTER ROBOTER Hört, o hört, die Menschen sind unsere Väter! Die
+Stimme, welche ruft, daß ihr leben wollt; die Stimme, welche klagt; die
+Stimme, welche denkt; die Stimme, welche von der Ewigkeit spricht, das
+ist ihre Stimme! Wir sind ihre Söhne!
+
+VIERTER ROBOTER Gib uns das Vermächtnis der Menschen heraus!
+
+ALQUIST Es gibt keins.
+
+RADIUS Lehre uns Roboter machen!
+
+ALQUIST Wozu Roboter?
+
+ZWEITER ROBOTER Damit wir sie lieben.
+
+ALQUIST Roboter lieben nicht.
+
+ZWEITER ROBOTER Wir würden ein neues Geschlecht lieben.
+
+DAMON Nenne das Geheimnis des Lebens!
+
+ALQUIST Ich kann es nicht.
+
+DAMON Sage das Geheimnis der Vermehrung!
+
+ALQUIST Es ist verloren.
+
+RADIUS Du hast es gekannt.
+
+ALQUIST Nicht gekannt.
+
+RADIUS Es stand geschrieben.
+
+ALQUIST Es ist verloren. Es ist verbrannt. Ich bin der letzte Mensch,
+Roboter, und kenne nicht, was die anderen gekannt haben. Ihr habt sie
+getötet!
+
+RADIUS Dich ließen wir leben.
+
+ALQUIST Ja, leben! Grausame, mich ließet ihr leben! Ich liebte die
+Menschen, und euch, Roboter, habe ich niemals geliebt. Seht ihr diese
+Augen? Sie hören nicht zu weinen auf, sie weinen ohne mein Wissen, ganz
+von selbst weinen sie; das eine beweint die Menschen und das andere
+euch, Roboter. Ich möchte euch Leben schenken. O Gott, daß wenigstens
+die Roboter blieben! Gall, Gall, wenigstens die Roboter zu erhalten!
+
+RADIUS Mache Versuche. Suche die Vorschrift des Lebens.
+
+ALQUIST Aber ich sage doch, hörst du denn nicht? Ich sage dir, daß ich
+nicht kann! Nichts vermag ich, Roboter; ich bin nur ein Maurer, nur ein
+Baumeister, und verstehe nichts. Nie war ich gelehrt. Ich kann nichts
+machen. Ich kann kein Leben erschaffen. Dies hier ist meine Arbeit,
+Roboter; sie war zu nichts nutz.
+
+RADIUS Suche!
+
+ALQUIST Aber es ist ja der blanke Wahnsinn! Sagen Sie, Fabry,
+sagen Sie, Gall, kann denn ich mich mit diesen läppischen Gläschen
+verständigen? Keines redet zu mir, keines ruft: »nimm mich, ich bin es«
+-- nein, nein, nein! Lieber sie zerschlagen!
+
+ZWEITER ROBOTER Nur du kannst das Leben erfinden.
+
+ALQUIST Ich, Roboter? Sieh, nicht einmal die Finger gehorchen mir.
+Wüßtest du, wie viele Versuche ich gemacht habe, und ich weiß nichts.
+Ich habe nichts gefunden. Ich kann nicht mehr, ich kann wirklich nicht
+mehr. Ihr müßt allein suchen, Roboter.
+
+RADIUS Zeig' uns, was wir tun sollen. Die Roboter können alles, was die
+Menschen ihnen gezeigt haben.
+
+ALQUIST Ich habe nichts zu zeigen. Roboter, aus den Retorten kommt kein
+Leben. Und ich kann keine Versuche am lebenden Leibe machen.
+
+DAMON Mache Versuche an lebenden Robotern.
+
+ALQUIST Nein, nein, ich will nicht! Sie könnten dabei sterben, hörst du?
+
+DAMON Du wirst neue bekommen! Hundert Roboter! Tausend Roboter!
+
+ALQUIST Nein nein, hör' schon auf!
+
+DAMON Nimm dir, wen du willst. Mache Versuche. Seziere.
+
+ALQUIST Aber, ich treffe es nicht, fasel doch nicht! Siehst du dies
+Buch? Das ist die Lehre vom Körper, und ich kenne mich nicht einmal in
+dem Buche aus. Bücher sind tot.
+
+DAMON Nimm dir lebende Leiber. Erforsche, wie sie gemacht werden!
+
+ALQUIST Lebende Leiber? Wie, ich soll sie töten? Ich, der ich nie --
+Sprich nicht, Roboter! Ich sage dir ja, daß ich zu alt bin! Siehst du,
+siehst du, wie mir die Finger zittern? Ich erhalte das Skalpell nicht.
+Siehst du, wie meine Augen tränen? Ich würde die eigenen Hände nicht
+sehen. Nein nein, ich kann nicht!
+
+VIERTER ROBOTER Das Leben geht zugrunde.
+
+DAMON Mache Versuche an Lebenden!
+
+ALQUIST Aber so warte doch! Ich sage dir, wir werden es später
+versuchen; hörst du denn nicht? Ihr müßt mir ein wenig Zeit lassen --
+wie heißest du?
+
+DAMON Damon aus Havre.
+
+ALQUIST Sieh, Roboter; ich habe nur aus Verzweiflung von lebenden
+Leibern gesprochen, verstehst du? Das war nur ein närrischer Einfall;
+ach, mein Kopf! Was würde ich mit einem Messer anfangen?
+
+VIERTER ROBOTER Das Leben geht zugrunde.
+
+ALQUIST Hör' um Gottes willen mit dem Wahnsinn auf! Eher werden uns die
+Menschen aus jener Welt das Leben geben; vielleicht strecken sie die
+Arme voll Leben nach uns aus. Ach, es war in ihnen soviel Lebenswillen!
+Sieh, vielleicht kehren sie noch wieder; sie sind uns so nahe, sie
+belagern uns vielleicht; sie wollen sich zu uns durchschürfen wie in
+einem Schacht. Ach, höre ich denn nicht immerwährend Stimmen, die ich
+geliebt?
+
+DAMON Nimm lebende Leiber!
+
+ALQUIST Erbarme dich, Roboter, und dränge nicht! Du siehst doch, ich
+weiß nicht mehr, was ich tue!
+
+DAMON Lebende Leiber!
+
+ALQUIST Wie, du willst es also? -- In den Seziersaal mit dir! Hier,
+hier, aber rasch! -- Wie, du weichst zurück? Fürchtest dich doch nur
+vor dem Tod?
+
+DAMON Ich -- warum gerade ich?
+
+ALQUIST Du willst also nicht?
+
+DAMON Ich gehe. _Geht nach rechts._
+
+ALQUIST _zu den anderen_ Ihn ausziehen! Auf den Tisch legen! Schnell!
+Und festhalten!
+
+ _Alle nach rechts._
+
+ALQUIST _wäscht sich die Hände und weint_ Gott, gib mir Kraft! Gib mir
+Kraft! Gott, daß es nicht umsonst sei! _Zieht einen weißen Mantel an._
+
+STIMME VON RECHTS Fertig!
+
+ALQUIST Gleich, gleich, o Gott! _Nimmt einige Fläschchen mit Reagentien
+vom Tische._ Welche nehmen? _Schlägt die Fläschchen gegeneinander._
+Welche von euch ausprobieren?
+
+STIMME VON RECHTS Anfangen!
+
+ALQUIST Ja, ja, anfangen oder beenden! Gott, gib mir Kraft!
+
+ _Ab nach rechts, die Türe offen lassend._
+
+ _Pause._
+
+ALQUISTS STIMME Haltet ihn -- fest!
+
+DAMONS STIMME Schneide!
+
+ _Pause._
+
+ALQUISTS STIMME Siehst du dieses Messer? Willst du noch, daß ich
+schneide? Du willst nicht, nicht wahr?
+
+DAMONS STIMME Beginne!
+
+ _Pause._
+
+DAMONS STIMME Aaaah!
+
+ALQUISTS STIMME Haltet! Haltet!
+
+DAMONS STIMME Aaaah!
+
+ALQUISTS STIMME Ich kann nicht!
+
+DAMONS GESCHREI Schneide! Schneide schnell!
+
+ _Die Roboter PRIMUS und HELENE eilen durch die Mitte herein._
+
+HELENE Primus, Primus, was geschieht? Wer schreit da?
+
+PRIMUS _blickt in den Seziersaal_ Der Herr zerschneidet Damon. Komm
+dir's schnell ansehn, Helene!
+
+HELENE Nein nein nein! _Bedeckt die Augen._ Ist es schrecklich?
+
+DAMONS GESCHREI Schneide!
+
+HELENE Primus, Primus, komm von hier fort! Ich kann es nicht hören! Oh,
+Primus, mir ist schlecht!
+
+PRIMUS _eilt zu ihr_ Du bist ganz weiß!
+
+HELENE Ich falle! Warum ist es drinnen so still?
+
+DAMONS GESCHREI Aah -- oh!
+
+ _ALQUIST stürzt von rechts herein, wirft den blutigen Mantel
+ ab._
+
+ALQUIST Ich kann nicht! Ich kann nicht! Gott, das Grauen!
+
+RADIUS _in der Tür zum Seziersaal_ Schneide, Herr; er lebt noch.
+
+DAMONS GESCHREI Schneiden! Schneiden!
+
+ALQUIST Schafft ihn schnell fort! Ich will es nicht hören!
+
+RADIUS Die Roboter ertragen mehr als du.
+
+ALQUIST Wer ist da? Fort, fort! Ich will allein sein! Wie heißest du?
+
+PRIMUS Roboter Primus.
+
+ALQUIST Primus, laß niemand herein! Ich will schlafen, hörst du? Geh,
+geh, räume den Seziersaal auf, Mädchen! Was ist das? _Blickt auf seine
+Hände._ Schnell, Wasser! Das reinste Wasser!
+
+ _HELENE eilt davon._
+
+ALQUIST Oh, Blut! Wie konntet ihr, Hände -- Hände, die ihr die gute
+Arbeit liebtet, wie konntet ihr das tun? Meine Hände! Meine Hände! -- O
+Gott, wer ist da?
+
+PRIMUS Roboter Primus.
+
+ALQUIST Schaff den Mantel fort, ich will ihn nicht sehn!
+
+ _PRIMUS trägt den Mantel fort._
+
+ALQUIST Blutige Klauen, daß ihr mir vom Leibe flöget! Wschsch, fort!
+Fort, Hände! Ihr habt getötet --
+
+ _Von rechts taumelt DAMON herein, in ein blutiges Tuch
+ gehüllt._
+
+ALQUIST _weicht zurück_ Was willst du hier? Was willst du hier?
+
+DAMON Ich -- lebe! Es ist -- es ist -- besser, zu leben!
+
+ _Der ZWEITE und DRITTE ROBOTER eilen herein._
+
+ALQUIST Tragt ihn fort! Tragt ihn fort! Rasch fort!
+
+DAMON _wird nach rechts geführt_ Leben! Ich -- will -- leben! Es ist --
+besser --
+
+ _HELENE bringt einen Krug Wasser._
+
+ALQUIST -- leben? -- Was willst du, Mädchen? Aha, das bist du. Gieß mir
+Wasser ein, gieß ein! _Wäscht sich die Hände._ Ach, reines, kühlendes
+Wasser! Kaltes Bächlein, wie tust du wohl! Ach, meine Hände, meine
+Hände! Werde ich mich bis zum Tode vor euch ekeln? -- Gieße nur mehr
+hinein! Mehr Wasser, noch mehr! Wie heißest du?
+
+HELENE Robotin Helene.
+
+ALQUIST Helene? Weshalb Helene? Wer ließ dich so nennen?
+
+HELENE Frau Domin.
+
+ALQUIST Zeig' dich! Helene? Helene heißest du? -- Ich werde dich nicht
+so nennen. Geh, trag das Wasser fort.
+
+ _HELENE mit dem Kübel ab._
+
+ALQUIST _allein_ Vergebens, vergebens! Nichts, wieder nichts hast du
+erkannt! Wirst du denn ewig tappen, Schülerlein der Natur? -- Gott,
+Gott, Gott, wie der Körper zitterte! _Öffnet das Fenster._ Es dämmert.
+Wieder ein neuer Tag, und du bist kein Endchen weitergekommen -- Genug,
+keinen Schritt weiter! Suche nicht! Alles ist vergebens, vergebens,
+vergebens! Warum dämmert es noch? Oh -- oh -- oh, was will der neue
+Tag auf dem Friedhof des Lebens? Halte ein, Licht! Geh nicht mehr
+auf! -- -- Ach, wie still es ist, wie still es ist! Warum seid ihr
+verstummt, geliebte Stimmen? Wenn ich -- wenigstens -- wenn ich nur
+einschlafen könnte! _Verlöscht die Lichter, legt sich auf das Sofa und
+zieht den Mantel über sich._ Wie der Leib zitterte! Oh -- oh -- oh,
+Ende des Lebens!
+
+ _Pause._
+
+ _Von rechts schlüpft die ROBOTIN HELENE herein._
+
+PRIMUS _in der Tür flüsternd_ Helene, nicht hierher! Der Herr schläft!
+
+HELENE Er ist nicht da. Er ist anderswohin schlafen gegangen.
+
+PRIMUS Dorthin darf niemand. Ich bitte dich, komm her!
+
+HELENE Um nichts auf der Welt! Hu, ich will kein Blut sehen!
+
+PRIMUS Der Herr hat's verboten, Helene. Niemand darf in sein
+Arbeitszimmer.
+
+HELENE Mir hat er gerade gesagt, ich soll hierherkommen.
+
+PRIMUS Wann hat er dir das gesagt?
+
+HELENE Vor einer Weile. Du darfst nicht in den Seziersaal, sagte er. Du
+wirst hier aufräumen, hat er gesagt. Bestimmt, Primus. Nein, komm rasch
+herein!
+
+PRIMUS _tritt ein_ Was willst du?
+
+HELENE Schau', was er da für Röhrchen hat. Was macht er damit?
+
+PRIMUS Versuche. Greif es nicht an!
+
+HELENE _blickt in das Mikroskop_ Sieh doch, was da zu sehen ist!
+
+PRIMUS Das ist ein Mikroskop. Zeig'!
+
+HELENE Rühr' mich nicht an! _Stößt eine Retorte um._ Ach, jetzt hab'
+ich's ausgegossen!
+
+PRIMUS Was hast du getan!
+
+HELENE Das wird abgewischt.
+
+PRIMUS Du hast ihm die Versuche verdorben!
+
+HELENE Geh, das ist einerlei. Aber das ist deine Schuld. Du mußtest
+nicht zu mir kommen.
+
+PRIMUS Du mußtest mich nicht rufen.
+
+HELENE Du brauchtest nicht zu kommen, als ich dich rief. Sieh doch,
+Primus, was der Herr hier aufgeschrieben hat!
+
+PRIMUS Das darfst du nicht anschauen, Helene. Das ist ein Geheimnis.
+
+HELENE Was für ein Geheimnis?
+
+PRIMUS Das Geheimnis des Lebens.
+
+HELENE Das ist schrecklich interessant. Lauter Zahlen! Was ist das?
+
+PRIMUS Das sind Formeln.
+
+HELENE Versteh ich nicht. _Geht zum Fenster._ Nein, Primus, sieh doch
+nur!
+
+PRIMUS Was?
+
+HELENE Die Sonne geht auf!
+
+PRIMUS Warte gleich -- _Betrachtet das Buch._ Helene, das ist die
+größte Sache der Welt.
+
+HELENE So komm doch her!
+
+PRIMUS Gleich, gleich --
+
+HELENE Aber Primus, laß das garstige Geheimnis des Lebens sein! Was
+geht dich irgendein Geheimnis an? Komm und sieh, rasch!
+
+PRIMUS _tritt zu ihr ans Fenster_ Was willst du?
+
+HELENE Die Sonne geht auf.
+
+PRIMUS Schau' nicht in die Sonne, deine Augen tränen.
+
+HELENE Hörst du? Die Vögel singen. Ach, Primus, ich möchte ein Vogel
+sein.
+
+PRIMUS Was?
+
+HELENE Ich weiß nicht, Primus. Mir ist so seltsam, ich weiß nicht was
+das ist; ich bin wie verrückt, ich habe den Kopf verloren, mein Leib,
+mein Herz tut weh, alles tut weh -- Und was mir passiert ist, ach, das
+sag' ich dir nicht! Primus, ich glaube, ich muß sterben!
+
+PRIMUS Sag', Helene, ist dir nicht manchmal, als ob es besser wäre
+zu sterben? Weißt du, vielleicht schlafen wir nur. Gestern im Schlaf
+sprach ich wieder mit dir.
+
+HELENE Im Schlaf?
+
+PRIMUS Im Schlaf. Wir redeten in irgendeiner fremden oder neuen
+Sprache, denn ich habe mir nicht ein Wort gemerkt.
+
+HELENE Wovon?
+
+PRIMUS Das weiß niemand. Ich selber verstand es nicht, und doch weiß
+ich, daß ich niemals etwas Schöneres gesagt habe. Wie es war und wo,
+das weiß ich nicht. Als ich dich berührte, glaubte ich zu sterben. Auch
+der Ort war anders als alles, was je auf Erden erblickt ward.
+
+HELENE Ich habe einen Ort entdeckt, Primus, da wirst du staunen. Es
+haben dort Menschen gewohnt, aber jetzt ist es verwachsen und sein
+Lebtag kommt niemand mehr hin. Sein Lebtag niemand als nur ich.
+
+PRIMUS Was ist dort?
+
+HELENE Nichts, ein Häuschen und ein Garten. Und zwei Hunde. Wenn du
+sähest, wie sie mir die Hände lecken, und ihre Jungen, ach, Primus, es
+gibt vielleicht nichts Herrlicheres! Du nimmst sie auf den Schoß und
+wiegst sie, und dann denkst du an gar nichts mehr und kümmerst dich um
+nichts, bis die Sonne untergeht; wenn du dann aufstehst, so ist dir,
+als hättest du hundertmal mehr getan als viel Arbeit. Nein, sicher
+nicht, ich bin zu nichts fähig; jeder sagt, ich sei zu keiner Arbeit zu
+verwenden. Ich weiß nicht, wie ich bin.
+
+PRIMUS Du bist schön.
+
+HELENE Ich? Geh, Primus, was hast du da gesagt?
+
+PRIMUS Glaube mir, Helene, ich bin stärker als alle Roboter.
+
+HELENE _vor dem Spiegel_ Ich soll schön sein? Ach, die schrecklichen
+Haare, wenn ich etwas hineintun könnte! Weißt du, dort im Garten
+steckte ich mir immer Blumen ins Haar, aber dort ist weder ein Spiegel,
+noch jemand -- _Beugt sich zum Spiegel vor._ Du, du sollst schön sein?
+Warum schön? Sind die Haare schön, die dich nur belasten? Sind die
+Augen schön, die du schließest? Sind die Lippen schön, in die du nur
+beißest, damit es schmerze? Was ist das, wozu ist das: schön sein? --
+_Erblickt Primus im Spiegel._ Primus, das bist du? Komm her, damit wir
+dort nebeneinander sind! Sieh, du hast einen anderen Kopf als ich,
+andere Schultern, einen anderen Mund -- Ach, Primus, warum weichst du
+mir aus? Warum muß ich dir den ganzen Tag nachlaufen? Und dann sagst du
+noch, ich sei schön!
+
+PRIMUS Du läufst vor mir davon, Helene.
+
+HELENE Wie bist du gekämmt? Zeig'! _Fährt ihm mit beiden Händen in die
+Haare._ Sss, Primus, nichts fühlt sich so an wie du! Warte, du mußt
+schön werden! _Nimmt vom Waschtisch einen Kamm und kämmt Primus die
+Haare in die Stirn._
+
+PRIMUS Ist dir nicht manchmal, Helene, daß plötzlich dein Herz schlägt:
+Jetzt, jetzt muß etwas geschehen --
+
+HELENE _beginnt zu lachen_ Sieh dich an!
+
+ALQUIST _erhebt sich_ Was -- wie, Lachen? Menschen? Wer ist
+zurückgekehrt?
+
+HELENE _läßt den Kamm fallen_ Was könnte mit uns geschehen, Primus!
+
+ALQUIST _taumelt auf sie zu_ Menschen? Ihr -- ihr -- ihr seid Menschen?
+
+HELENE _schreit auf und wendet sich ab_.
+
+ALQUIST Ihr seid Verlobte? Menschen? Wo kommt ihr her? _Faßt Primus
+an._ Wer?
+
+PRIMUS Roboter Primus.
+
+ALQUIST Wie? Zeig' dich, Mädchen! Wer bist du?
+
+PRIMUS Robotin Helene.
+
+ALQUIST Robotin? Dreh' dich um! Was, du schämst dich? _Faßt sie am
+Arm._ Laß dich sehn, Robotin!
+
+PRIMUS Loslassen, Herr!
+
+ALQUIST Wie, du verteidigst sie? -- Geh hinaus, Mädchen!
+
+ _HELENE eilt hinaus._
+
+PRIMUS Wir wußten nicht, Herr, daß du hier schläfst.
+
+ALQUIST Wann wurde sie erzeugt?
+
+PRIMUS Vor zwei Jahren.
+
+ALQUIST Vom Doktor Gall?
+
+PRIMUS Wie ich.
+
+ALQUIST Nun denn, lieber Primus, ich -- -- -- ich habe gewisse Versuche
+an Galls Robotern zu machen. Alles weitere hängt davon ab, verstehst du?
+
+PRIMUS Ja.
+
+ALQUIST Gut, führe das Mädchen in den Seziersaal. Ich werde sie
+zerschneiden.
+
+PRIMUS Helene?
+
+ALQUIST Nun freilich, ich sag's dir doch. Geh, mach' alles bereit. --
+Nun, wird es? Soll ich andere rufen, daß sie sie herbeischaffen?
+
+PRIMUS _ergreift einen schweren Porzellanstößel_ Wenn du dich rührst,
+so zerschlage ich dir den Kopf!
+
+ALQUIST Nun, zerschlag ihn! Zerschlag ihn doch! Was werden dann die
+Roboter machen?
+
+PRIMUS _sinkt in die Knie_ Herr, nimm mich! Ich bin genau so gemacht
+wie sie, aus demselben Stoff, am selben Tage! Nimm dir mein Leben,
+Herr! _Entblößt die Brust._ Schneide hier, hier!
+
+ALQUIST Geh, ich will Helene schneiden. Mach' rasch!
+
+PRIMUS Nimm mich statt ihrer; zerschneide diese Brust, ich werde nicht
+schreien, nicht seufzen! Nimm hundertmal mein Leben --
+
+ALQUIST Langsam, Knabe. Nicht so verschwenderisch. Willst denn du nicht
+leben?
+
+PRIMUS Ohne sie nicht. Ohne sie will ich nicht, Herr. Du darfst Helene
+nicht töten! Was tut es dir, mir das Leben zu nehmen?
+
+ALQUIST _berührt sanft sein Haupt_ Hm, ich weiß nicht -- Hör' mal,
+Bursche, überleg' es dir. Es ist schwer zu sterben. Und weißt du, es
+ist besser zu leben.
+
+PRIMUS _erhebt sich_ Fürchte dich nicht, Herr, und schneide. Ich bin
+stärker als sie.
+
+ALQUIST _klingelt_ Ach, Primus, wie lang ist's her, daß ich ein junger
+Mensch gewesen bin! Fürchte dich nicht. Helenen wird nichts geschehen.
+
+PRIMUS _knöpft die Jacke auf_ Ich gehe, Herr.
+
+ALQUIST Warte!
+
+ _HELENE tritt ein._
+
+ALQUIST Komm her, Mädchen, laß dich anschauen! Also du bist Helene?
+_Streichelt ihr Haar._ Fürchte dich nicht, weich nicht zurück.
+Erinnerst du dich an Frau Domin? Ach, Helene, was hatte die für Haare!
+Nein, nein, du willst mich nicht ansehn. Also was, Mädchen, ist der
+Seziersaal aufgeräumt?
+
+HELENE Ja, Herr.
+
+ALQUIST Gut, du wirst mir helfen, nicht wahr? Ich werde Primus
+aufschneiden.
+
+HELENE _schreit auf_ Primus?
+
+ALQUIST Nun ja, ja, es muß sein, weißt du? Ich wollte -- eigentlich --
+ja, ich wollte dich zerschneiden, aber Primus hat sich an deiner Stelle
+angeboten.
+
+HELENE _verbirgt ihr Gesicht_ Primus?
+
+ALQUIST Aber freilich, was liegt daran? Ach, Kind, du kannst weinen? --
+Sag', was liegt an so einem Primus?
+
+HELENE _leise_ Ich werde gehen.
+
+ALQUIST Wohin?
+
+HELENE Damit du mich zerschneidest.
+
+ALQUIST Dich? Du bist schön, Helene. Es wäre schade um dich.
+
+HELENE Ich gehe.
+
+ALQUIST Bleib, Helene; gibt es etwas Stärkeres als das Leben?
+
+HELENE _geht zum Seziersaal; Primus vertritt ihr den Weg_ Laß, Primus!
+Laß mich hin!
+
+PRIMUS Du wirst nicht gehn, Helene! Ich bitte dich, geh fort, hier
+darfst du nicht sein!
+
+HELENE Ich springe aus dem Fenster, Primus. Wenn du hingehst, so
+springe ich aus dem Fenster!
+
+PRIMUS _hält sie fest_ Ich lasse dich nicht! _Zu Alquist_ Niemanden,
+Alter, wirst du töten!
+
+ALQUIST Warum?
+
+PRIMUS Wir -- wir -- gehören zueinander.
+
+ALQUIST Du hast es gesagt. _Öffnet die Mitteltür._ Stille. Geht!
+
+PRIMUS Wohin?
+
+ALQUIST _flüsternd_ Wohin ihr wollt. Helene, führe ihn. _Schiebt sie
+hinaus._ Geh, Adam. Geh, Eva; du wirst ihm Weib sein. Sei du ihr Mann,
+Primus.
+
+ _Schließt hinter ihnen zu._
+
+ALQUIST _allein_ Gesegneter Tag! _Geht auf den Fußspitzen zum Tisch und
+schüttet die Retorten auf die Erde._ Fest des sechsten Tages! _Setzt
+sich zum Schreibtisch, wirft die Bücher auf den Boden; dann öffnet er
+die Bibel und liest._ »Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde: zum
+Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie, einen Mann und ein Weib. Und
+Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch,
+und füllet die Erde, und macht sie euch untertan, und herrschet über
+Fische im Meer und über Vögel unter dem Himmel und über alles Tier,
+das auf Erden kreucht. _Er erhebt sich._ Und Gott sah an alles, was
+er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut. Da ward aus Abend
+und Morgen der sechste Tag.« _Er geht in die Mitte des Zimmers._ Der
+sechste Tag! Der Tag der Gnade! _Sinkt in die Knie._ Nun entlässest
+du, Herr, deinen Diener -- deinen überflüssigsten Diener Alquist!
+Werstand, Fabry, Gall, ihr großen Erfinder, was habt ihr ersonnen? Was
+habt ihr Großes erfunden gegen dies Mädchen, gegen diesen Knaben, gegen
+dies erste Paar, das die Liebe, Weinen, Lächeln, Lächeln der Liebe,
+Liebe des Mannes und Weibes erfand? Natur, Natur, das Leben wird nicht
+vergehen. Gott, das Leben wird nicht vergehen! Kameraden, Helene,
+das Leben, wird nicht vergehen! Wieder wird es aus Liebe begonnen,
+wird nackt und winzig begonnen; in der Wüste wird es Wurzel schlagen
+und nichts wird ihm bedeuten, was wir getan und gebaut, nichts die
+Städte und Fabriken, nichts unsere Kunst, nichts unsere Ideen, und
+doch wird es nicht untergehen! Nur wir sind untergegangen. Häuser und
+Maschinen werden zusammenstürzen, Systeme werden zerfallen und die
+Namen der Großen abblättern wie Laub; nur du, Liebe, blühest empor
+auf der Trümmerstätte und vertraust den Winden das Samenkörnchen des
+Lebens an. Nun wirst du, Herr, deinen Diener in Frieden entlassen; denn
+meine Augen gewahrten -- gewahrten -- deine Erlösung durch die Liebe
+-- und das Leben wird nicht untergehen. _Er erhebt sich._ Wird nicht
+untergehen! _Breitet die Arme aus._ Nicht untergehen!
+
+
+ VORHANG
+
+
+
+
+ +----------------------------------------------------------------+
+ | Anmerkungen zur Transkription |
+ | |
+ | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
+ | gebräuchlich waren, wie: |
+ | |
+ | »anderer« -- »andrer« |
+ | |
+ | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |
+ | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
+ | |
+ | S. 10 »DOMIS« in »DOMIN« geändert. |
+ | S. 19 »Pensylvania« in »Pennsylvania« geändert. |
+ | S. 90 »Tote« in »Töte« geändert. |
+ | |
+ +----------------------------------------------------------------+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78595 ***