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diff --git a/78595-0.txt b/78595-0.txt new file mode 100644 index 0000000..af3d158 --- /dev/null +++ b/78595-0.txt @@ -0,0 +1,5061 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78595 *** + + +------------------------------------------------------------------+ + | Anmerkungen zur Transkription | + | | + | Gesperrter Text ist als ~gesperrt~ dargestellt, Kursivschrift | + | (Regieanweisungen) als _kursiv_. | + | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. | + +------------------------------------------------------------------+ + + + + + KAREL ČAPEK. + + W U R + + WERSTANDS UNIVERSAL ROBOTS + + + UTOPISTISCHES + KOLLEKTIVDRAMA IN DREI AUFZÜGEN + DEUTSCH VON OTTO PICK + + 1922 + + PRAG -- LEIPZIG + »ORBIS«, DRUCK-, VERLAGS- UND ZEITUNGS-A.-G. + + + + + Das deutsche Aufführungsrecht erteilt der + »Drei Masken-Verlag«, Berlin, bezw. die Bühnenvertrlebsgesellschaft + »Centrum«, Prag. + + + Copyright 1921 by »Orbis« + Druck-, Verlags- und Zeitungs-A.-G. + in Prague. + + +Alle Rechte, auch das der Übersetzung vorbehalten. + + +Die Umschlagszeichnung entwarf Josef Čapek. + + + + +PERSONEN + + + HARRY DOMIN _Zentraldirektor von Werstands Universal Robots_ + ING. FABRY _technischer Generaldirektor von W. U. R._ + DR. GALL _Leiter der physiologischen und Experimentalabteilung + von W. U. R._ + DR. HALLEMEIER _Leiter der Anstalt für Psychologie und Erziehung der + Roboter_ + KONSUL BUSMAN _kommerzieller Direktor von W. U. R._ + BAUMEISTER ALQUIST _Chef der Bauten von W. U. R._ + HELENE GLORY + NANA _ihre Amme_ + MARIUS _Roboter_ + SULLA _Robotin_ + RADIUS _Roboter_ + DAMON _Roboter_ + ZWEITER ROBOTER + DRITTER ROBOTER + VIERTER ROBOTER + PRIMUS _Roboter_ + HELENE _Robotin_ + _Ein_ DIENER-ROBOTER _und zahlreiche Roboter_ + DOMIN _im Vorspiel, etwa achtunddreißigjährig, groß, rasiert_ + FABRY _gleichfalls rasiert, blond, ernstes feines Gesicht_ + HALLEMEIER _riesig, polternd, mit rostrotem englischen Schnurrbart und + rostrotem Haarschopf_ + DR. GALL _klein, lebhaft, brünett_ + BUSMAN _dicker, kahlköpfiger, kurzsichtiger Jude_ + ALQUIST _älter als die übrigen, nachlässig gekleidet, mit langem + angegrauten Haar und Bart_ + HELENE _sehr elegant_ + + _Im eigentlichen Drama alle um zehn Jahre älter._ + + DIE ROBOTER _sind im Vorspiel wie Menschen gekleidet. Ihre Bewegungen + und ihre Redeweise sind knapp, ihre Mienen ausdruckslos, ihr Blick + starr. Im eigentlichen Drama tragen sie blaue Leinwandkittel, + Riemengürtel und eine Messingnummer auf der Brust._ + + + + +VORSPIEL + + + _Die Zentralkanzlei der Fabrik Werstands Universal Robots. + Rechts der Eingang. Durch die Fenster der Stirnwand Blick + auf endlose Reihen von Fabriksgebäuden. Links weitere + Direktionsräume._ + + _DOMIN sitzt in einem Drehstuhl an einem großen + amerikanischen Schreibtisch. Auf dem Tische eine Glühlampe, + ein Haustelephon, Briefbeschwerer, ein Briefordner usw. An + der linken Wand der Fernsprecher und große Landkarten mit den + Schiffs- und Eisenbahnlinien, ein großer Kalender, eine Uhr, + die fast Mittag zeigt; an der rechten Wand gedruckte Plakate: + »Billigste Arbeit: Werstands Roboter.« »Tropen-Roboter, + neue Erfindung. Pro Stück 150 d.« »Jeder kaufe sich + seinen Roboter.« »Wollen Sie Ihre Waren verbilligen? + Bestellen Sie Werstands Roboter.« Ferner andere Landkarten, + ein Schiffahrtsplan, eine Tabelle mit telegraphischen + Kursnotierungen usw. Mit dieser Ausstattung kontrastiert + der prächtige türkische Teppich auf dem Fußboden, rechts + ein runder Tisch, ein Sofa, lederne Klubsessel und eine + Bibliothek, wo statt Bücher Wein- und Schnapsflaschen stehen. + Links ein Kassenschrank._ + + _Neben Domins Tisch eine Schreibmaschine, auf der das Mädchen + SULLA schreibt._ + +DOMIN _diktiert_ »-- daß wir für Ware, die beim Transport beschädigt +wurde, nicht garantieren. Wir haben Ihren Kapitän gleich beim Verladen +aufmerksam gemacht, daß das Schiff zum Transport von Robotern +ungeeignet ist, so daß der Untergang der Ladung nicht uns zur Last +fällt. Wir zeichnen -- für Werstands Universal Robots --« schreiben Sie +bloß W. U. R. Fertig? + +SULLA Jawohl. + +DOMIN Neuer Brief. »E. B. Huysum Agency, New York. Datum. Wir +bestätigen den Auftrag auf 5000 Roboter. Da Sie eigenes Schiff senden, +verfrachten Sie als Kargo auf Gegenrechnung Briketts für W.U.R. Wir +zeichnen --« Fertig? + +SULLA _fertigtippend_ Jawohl. + +DOMIN Schreiben Sie weiter. -- »Friedrichswerke, Hamburg. -- Datum. -- +Wir bestätigen den Auftrag auf 15000 Roboter --«. _Das Haustelephon +klingelt. DOMIN hebt die Muschel und spricht hinein._ Hallo -- Hier +Zentral-. -- Ja. -- Gewiß. -- Aber ja, wie immer. -- Freilich, kabeln +Sie ihnen. -- Gut. _Hängt das Telephon auf._ Wo habe ich aufgehört? + +SULLA Wir bestätigen den Auftrag auf 15000 R. + +DOMIN _in Gedanken_ 15000 R. 15000 R. + +MARIUS _tritt ein_ Herr Direktor, eine Dame bittet -- + +DOMIN Wer? + +MARIUS Ich weiß nicht. _Reicht eine Visitenkarte._ + +DOMIN _liest_ Präsident Glory. -- Ich lasse bitten. + +MARIUS _öffnet die Türe_ Bitte, Frau. + + _HELENE GLORY tritt ein. MARIUS ab._ + +DOMIN _erhebt sich_ Belieben? + +HELENE Herr Zentraldirektor Domin? + +DOMIN Bitte. + +HELENE Ich komme zu Ihnen -- + +DOMIN -- mit der Karte des Präsidenten Glory. Das genügt. + +HELENE Präsident Glory ist mein Vater. Ich bin Helene Glory. + +DOMIN Fräulein Glory, es ist uns eine außerordentliche Ehre, daß -- daß +-- + +HELENE -- daß wir Ihnen nicht die Türe weisen können. + +DOMIN -- daß wir die Tochter des großen Präsidenten begrüßen dürfen. +Bitte, nehmen Sie Platz. Sulla, Sie können gehen. + + _SULLA ab._ + +DOMIN _setzt sich_ Womit kann ich dienen, Fräulein Glory? + +HELENE Ich bin gekommen -- + +DOMIN -- um unsere Fabrikserzeugung von Menschen anzusehen. Wie alle +Besuche. Bitte, ohne weiteres. + +HELENE Ich glaubte, es wäre verboten -- + +DOMIN Die Fabrik zu betreten, allerdings. Nur daß jeder mit irgendeiner +Visitenkarte kommt, Fräulein Glory. + +HELENE Und Sie zeigen jedem ...? + +DOMIN Nur etwas. Die Erzeugung künstlicher Menschen, Fräulein, ist +Fabriksgeheimnis. + +HELENE Wenn Sie wüßten, wie mich das -- + +DOMIN -- unendlich interessiert. Das alte Europa spricht von nichts +anderem. + +HELENE Warum lassen Sie mich nicht ausreden? + +DOMIN Ich bitte um Vergebung. Wollten Sie vielleicht etwas anderes +sagen? + +HELENE Ich wollte nur fragen -- + +DOMIN -- ob ich Ihnen ganz ausnahmsweise unsere Fabrik zeigen möchte. +Aber gewiß, Fräulein Glory. + +HELENE Wieso wissen Sie, daß ich dies fragen wollte? + +DOMIN Alle fragen gleich. _Steht auf._ Aus besonderer Hochachtung, +Fräulein, wollen wir Ihnen mehr als den andern zeigen und -- mit einem +Worte -- + +HELENE Ich danke Ihnen. + +DOMIN Sofern Sie sich verpflichten, nicht das geringste zu verraten -- + +HELENE _erhebt sich und reicht ihm die Hand_ Mein Ehrenwort. + +DOMIN Danke. Möchten Sie nicht den Schleier abnehmen? + +HELENE Ach freilich, Sie wollen sehen -- Entschuldigen Sie. + +DOMIN Bitte? + +HELENE Wenn Sie meine Hand freigeben wollten. + +DOMIN _gibt sie frei_ Ich bitte um Verzeihung. + +HELENE _nimmt den Schleier ab_ Sie wollen sehen, ob ich kein Spion bin. +Wie vorsichtig. + +DOMIN _betrachtet sie begeistert_ Hm -- Allerdings -- wir -- so ist es. + +HELENE Sie trauen mir nicht? + +DOMIN Außerordentlich, Fräulein Hele -- pardon, Fräulein Glory. In der +Tat, außerordentlich erfreut -- Hatten Sie eine gute Überfahrt? + +HELENE Ja. Warum -- + +DOMIN Weil -- das heißt, ich meine -- daß Sie noch sehr jung sind. + +HELENE Gehen wir gleich in die Fabrik? + +DOMIN Ja. Ich denke: zweiundzwanzig, nicht? + +HELENE Zweiundzwanzig? + +DOMIN Jahre. + +HELENE Einundzwanzig. Weshalb wollen Sie es wissen? + +DOMIN Weil -- weil -- _Mit Begeisterung_ Sie bleiben längere Zeit hier, +nicht wahr? + +HELENE Je nachdem, was Sie mir von der Erzeugung zeigen werden ... + +DOMIN Verteufelte Erzeugung. Aber gewiß, Fräulein Glory. Alles werden +Sie sehen. Bitte, setzen Sie sich. Würde Sie die Geschichte der +Erfindung interessieren? + +HELENE Ja, ich bitte Sie. _Setzt sich._ + +DOMIN Nun denn. _Setzt sich auf den Schreibtisch, betrachtet aufgeregt +Helene und leiert rasch herunter._ Es war im Jahre 1920 als sich +der alte Werstand der große Physiologe aber damals noch ein junger +Gelehrter, nach dieser fernen Insel begab um die Meerestierwelt zu +studieren. Punkt. Dabei versuchte er durch chemische Synthese die +lebendige Materie Protoplasma genannt nachzubilden bis er auf einmal +einen Stoff entdeckte der sich durchaus wie die lebendige Masse betrug +obzwar er von anderer chemischer Zusammensetzung war das war im Jahre +1932 gerade vierhundertvierzig Jahre nach der Entdeckung Amerikas, uf. + +HELENE Das können Sie auswendig? + +DOMIN Jawohl. Die Physiologie, Fräulein Glory, ist nicht mein Handwerk. +Also weiter? + +HELENE Meinetwegen. + +DOMIN _feierlich_ Und damals, Fräulein, schrieb der alte Werstand +zwischen seine chemischen Formeln folgendes: »Die Natur hat nur eine +einzige Art, die lebendige Materie zu organisieren, gefunden. Es gibt +jedoch eine andere, einfachere, hübschere und schnellere Art, auf +welche die Natur überhaupt nicht verfallen ist. Diesen anderen Weg, +den die Entwicklung des Lebens hätte einschlagen können, habe ich am +heutigen Tage entdeckt.« Stellen Sie sich vor, Fräulein, daß er diese +großen Worte über dem Auswurf irgendeiner lebenden Kolloidalgallerte +schrieb, den kein Hund fressen würde. Stellen Sie sich ihn vor, daß +er über dem Probeobjekt sitzt und daran denkt, wie daraus ein ganzer +Lebensbaum aufschießen wird, wie daraus alle Tiere hervorgehen werden, +beginnend mit irgendeiner Infusorie und endend -- endend mit dem +Menschen selber. Mit einem Menschen aus anderem Stoffe als wir sind. +Fräulein Glory, das war ein gigantischer Augenblick. + +HELENE Also weiter. + +DOMIN Weiter? Nun handelte es sich darum, das Leben aus der Eprouvette +herauszubekommen und die Entwicklung zu beschleunigen und irgendwelche +Organe, Knochen und Nerven und dies und das zu schaffen und +irgendwelche Stoffe zu finden, Katalysatoren, Enzyme, Hormone und so +weiter, kurz und gut, verstehen Sie das? + +HELENE Ich -- ich -- weiß -- nicht. Ich glaube, nur wenig. + +DOMIN Ich überhaupt nicht. Wissen Sie, mit Hilfe jener Flüssigkeiten +konnte er machen, was er wollte. Er konnte möglicherweise eine Medusa +mit einem Sokratesgehirn bekommen oder einen Regenwurm von fünfzig +Metern Länge. Aber weil er kein bißchen Humor besaß, setzte er es sich +in den Kopf, ein normales Wirbeltier oder vielleicht einen Menschen +herzustellen. Jene seine lebendige Materie hatte eine tolle Lust nach +dem Leben; sie ließ sich alles gefallen, er konnte sie zusammennähen +und mischen wie er wollte. Mit natürlichem Eiweißstoff ließ es sich +nicht machen. Und so machte er sich halt daran. + +HELENE An was? + +DOMIN An die Nachbildung der Natur. Zuerst versuchte er einen +künstlichen Hund zu machen. Das kostete ihn eine Reihe Jahre, es kam +etwas wie ein verkrüppeltes Kalb heraus und das krepierte nach ein paar +Tagen. Ich werde es Ihnen im Museum zeigen. Und dann bereits machte +sich der alte Werstand an die Erzeugung eines Menschen. + + _Pause._ + +HELENE Und das darf ich niemandem verraten? + +DOMIN Niemandem auf der Welt. + +HELENE Schade, daß es schon in allen Lesebüchern steht. + +DOMIN Schade. _Springt vom Tisch herunter und setzt sich neben Helene._ +Aber wissen Sie, was nicht in den Lesebüchern steht? _Tippt sich auf +die Stirn._ Daß der alte Werstand ein erstaunlicher Narr gewesen ist. +Ernstlich, Fräulein Glory, aber das behalten Sie für sich. Jener alte +Hitzkopf wollte wirklich Menschen machen. + +HELENE Aber Sie machen doch schon Menschen. + +DOMIN Annähernd, Fräulein Helene. Aber der alte Werstand meinte es +wörtlich. Wissen Sie, er wollte gleichsam wissenschaftlich Gott +absetzen. Er war ein schrecklicher Materialist, darum hat er das +alles getan. Es handelte sich ihm um nichts mehr als den Beweis zu +erbringen, daß es keines Herrgotts bedurft hat. Deshalb war er darauf +erpicht, einen Menschen zu bilden, der uns auf ein Haar gleichen würde. +Kennen Sie ein bißchen Anatomie? + +HELENE Nur ganz wenig. + +DOMIN Ich auch. Stellen Sie sich vor, daß er es sich in den +Kopf gesetzt hatte, alles bis auf die letzte Drüse genau wie im +menschlichen Körper herzustellen: Blinddarm, Mandeln, Nabel, +lauter Überflüssigkeiten. Schließlich sogar -- hm -- auch die +Geschlechtsdrüsen. + +HELENE Aber die -- die sind doch -- + +DOMIN Die sind nicht überflüssig, ich weiß. Aber wenn man die Menschen +künstlich erzeugen will, dann sind sie -- hm -- keineswegs notwendig -- + +HELENE Ich verstehe. + +DOMIN Ich werde Ihnen im Museum zeigen, was er binnen zehn Jahren +zusammengebastelt hat. Es sollte ein Mann sein, und das lebte ganze +drei Tage. Der alte Werstand hat nicht ein bißchen Geschmack besessen. +Es war furchtbar, was er da produzierte. Aber es hatte innen alles, was +der Mensch hat. Wirklich, eine erstaunliche Tändelarbeit. Und damals +kam der Ingenieur Werstand, des Alten Neffe, hierher. Ein genialer +Kopf, Fräulein Glory. Als er sah, was der Alte anstellte, sagte er: +»Das ist ein Unsinn, zehn Jahre an einem Menschen zu arbeiten. Wirst +du ihn nicht schneller herstellen als die Natur, so huste ich auf den +ganzen Kram.« Und er machte sich selbst über die Anatomie her. + +HELENE In den Lehrbüchern steht es anders. + +DOMIN _steht auf_ In den Lesebüchern steht bezahlte Reklame und +überdies Unsinn. Es steht dort zum Beispiel, die Roboter habe der +alte Herr erfunden. Indessen mochte sich der Alte vielleicht für eine +Universität eignen, aber von fabriksmäßiger Erzeugung hatte er keinen +Dunst. Er glaubte, wirkliche Menschen herzustellen, also vielleicht +irgendwelche neuen Indianer, Dozenten oder Idioten, wissen Sie? Und +erst der junge Werstand hat den Einfall gehabt, daraus lebende und +intelligente Arbeitsmaschinen zu machen. Was in den Lesebüchern über +die gemeinsame Arbeit beider großen Werstands steht, ist ein Gefasel. +Die beiden haben sich fürchterlich gestritten. Der alte Atheist hatte +keinen Brocken Verständnis für die Industrie, und schließlich sperrte +ihn der Junge in irgendein Laboratorium, damit er dort an seinen +großen Fehlgeburten herumbastle, er selbst aber nahm die Erzeugung +ingenieurmäßig in die Hand. Der alte Werstand verfluchte ihn wörtlich +und hudelte bis zu seinem Tode noch zwei physiologische Popanze +zusammen, bis man ihn schließlich eines Tages tot im Laboratorium fand. +Das ist die ganze Historie. + +HELENE Und der Junge? + +DOMIN Der junge Werstand, Fräulein, das war das neue Zeitalter. Das +neue Zeitalter der Produktion nach dem Zeitalter der Erkenntnis. +Nachdem er die menschliche Anatomie beguckt hatte, sah er gleich, daß +dies allzu kompliziert ist und daß ein guter Ingenieur es einfacher +machen müßte. Er begann also die Anatomie umzuarbeiten und erprobte, +was sich auslassen oder vereinfachen ließe. -- Kurz gesagt, Fräulein +Glory, langweilt Sie das nicht? + +HELENE Nein, im Gegenteil, es ist schrecklich interessant. + +DOMIN Also der junge Werstand sagte sich: Ein Mensch, das ist etwas, +das -- sagen wir -- Freude fühlt, Geige spielt, spazieren gehen will +und überhaupt einen Haufen Sachen zu tun braucht, welche -- welche +eigentlich überflüssig sind. + +HELENE Oho! + +DOMIN Warten Sie. Welche überflüssig sind, wenn er etwas weben oder +addieren soll. Ich meine nicht für Sie -- Spielen Sie vielleicht +Violine? + +HELENE Nein. + +DOMIN Schade. Aber eine Arbeitsmaschine muß nicht Violine spielen, +muß nicht Freude fühlen, muß nicht einen Haufen andrer Dinge tun. +Soll es schließlich gar nicht. Ein Naphthamotor soll keine Fransen +und Ornamente haben, Fräulein Glory. Und künstliche Arbeiter erzeugen +ist dasselbe wie Naphthamotore erzeugen. Die Erzeugung soll möglichst +einfach und das Erzeugnis das praktisch beste sein. Was meinen Sie, +welcher Arbeiter der praktisch beste ist? + +HELENE Der beste? Vielleicht jener, der -- der -- Wenn er ehrlich -- +und ergeben ist. + +DOMIN Nein, sondern der billigste. Der, welcher die geringsten +Bedürfnisse hat. Der junge Werstand erfand einen Arbeiter mit der +kleinsten Menge Bedürfnisse. Er mußte ihn vereinfachen. Er warf alles +hinaus, was nicht unmittelbar der Arbeit dient. Damit warf er auch +alles, was den Menschen verteuert, hinaus. Damit warf er eigentlich +den Menschen hinaus und erschuf den Roboter. Teures Fräulein Glory, +die Roboter sind keine Menschen. Sie sind mechanisch vollkommener als +wir, haben eine erstaunliche Vernunftintelligenz, aber sie haben keine +Seele. Sahen Sie schon einmal, wie ein Roboter innen aussieht? + +HELENE Nein. + +DOMIN Sehr rein, sehr einfach. Tatsächlich, eine schöne Arbeit. Es +ist wie eine Hausapotheke. Wenige Stückchen, aber in tadelloser +Ordnung. Oh, Fräulein Glory, das Erzeugnis des Ingenieurs ist technisch +geläuterter als das Erzeugnis der Natur. + +HELENE Man sagt, der Mensch sei ein Erzeugnis Gottes. + +DOMIN Um so ärger. Gott hat keine Ahnung von der modernen Technik +gehabt. Würden Sie glauben, daß der selige junge Werstand sich als +Herrgott aufzuspielen begann? + +HELENE Wie, ich bitte Sie? + +DOMIN Er fing an, Über-Roboter zu erzeugen. Arbeitsriesen. Er probierte +es mit viermetrigen Gestalten, aber Sie würden es nicht glauben, wie +diese Mammute zerbrachen. + +HELENE Zerbrachen? + +DOMIN Ja. Von nichts und wieder nichts barst ihnen ein Bein oder etwas. +Unser Planet ist höchstwahrscheinlich ein wenig klein für Riesen. Jetzt +machen wir bloß Roboter von natürlicher Größe und sehr anständiger +menschlicher Ausstattung. + +HELENE Ich habe die ersten Roboter bei uns gesehen. Die Gemeinde hatte +sie gekauft ... will sagen, zur Arbeit aufgenommen -- + +DOMIN Gekauft, teures Fräulein. Roboter werden gekauft. + +HELENE -- als Straßenkehrer verpflichtet. Ich sah sie fegen. Sie sind +so seltsam, so still. + +DOMIN Haben Sie meine Schreiberin gesehen? + +HELENE Ich habe nicht acht gegeben. + +DOMIN _läutet_ Wissen Sie, die Aktienfabrik von Werstands Universal +Roboters erzeugt bis jetzt keine einheitliche Ware. Wir haben feinere +und gröbere Roboter. Die besseren werden vielleicht zwanzig Jahre leben. + +HELENE Dann schwinden sie hin? + +DOMIN Ja, sie nützen sich ab. + + _SULLA tritt ein._ + +DOMIN Sulla, präsentieren Sie sich Fräulein Glory. + +HELENE _erhebt sich und reicht ihr die Hand_ Es freut mich. Ihnen ist +wohl sehr traurig so fern der Welt, nicht wahr? + +SULLA Das kenne ich nicht, Fräulein Glory. Bitte, nehmen Sie Platz. + +HELENE _setzt sich_ Woher stammen Sie, Fräulein? + +SULLA Von hier, aus der Fabrik. + +HELENE Ah, Sie sind hier geboren? + +SULLA Ja, ich wurde hier gemacht. + +HELENE _aufspringend_ Was? + +DOMIN _lacht_ Sulla ist kein Mensch, Fräulein, Sulla ist ein Roboter. + +HELENE Ich bitte um Verzeihung -- + +DOMIN _legt Sulla die Hand auf die Schulter_ Sulla ist nicht böse. +Schauen Sie, Fräulein Glory, was für eine Haut wir erzeugen. Greifen +Sie auf ihre Wange. + +HELENE Oh, nein, nein! + +DOMIN Sie würden nicht erkennen, daß sie aus einem anderen Stoff ist +als wir. Bitte, sie hat sogar den typischen Flaum der Blondinen. Nur +die Augen sind ein bißchen -- Aber dafür die Haare! Drehen Sie sich um, +Sulla. + +HELENE Hören Sie schon auf! + +DOMIN Plaudern Sie mit dem Gast, Sulla. Es ist ein seltener Besuch. + +SULLA Bitte, Fräulein, nehmen Sie Platz. _Beide setzen sich._ Haben Sie +eine gute Überfahrt gehabt? + +HELENE Ja -- ge -- gewiß. + +SULLA Kehren Sie nicht mit der Amelia zurück, Fräulein Glory, das +Barometer fällt stark, auf 705. Warten Sie auf die Pennsylvania, das +ist ein sehr gutes, sehr starkes Schiff. + +DOMIN Wieviel? + +SULLA Zwanzig Knoten in der Stunde. Tonnage: zwanzigtausend. Eines der +allerneuesten Schiffe, Fräulein Glory. + +HELENE Da -- danke. + +SULLA Achtzig Mann Besatzung, Kapitän Harpy, acht Kessel -- + +DOMIN _lacht_ Genug, Sulla, genug. Zeigen Sie uns, wie Sie Französisch +können. + +HELENE Sie können Französisch? + +SULLA Ich beherrsche vier Sprachen. Ich schreibe: Dear Sir! Monsieur! +Signore! Geehrter Herr! + +HELENE _springt auf_ Das ist Humbug! Sie sind ein Scharlatan! Sulla +ist kein Roboter, Sulla ist ein Mädchen wie ich! Sulla, das ist +schändlich -- warum spielen Sie eine solche Komödie? + +SULLA Ich bin ein Roboter. + +HELENE Nein, nein, Sie lügen! Oh, Sulla, verzeihen Sie, ich weiß -- man +hat Sie genötigt, damit Sie ihnen Reklame machen! Sulla, Sie sind ein +Mädchen, wie ich, nicht wahr? Sagen Sie! + +DOMIN Ich bedaure, Fräulein Glory. Sulla ist ein Roboter. + +HELENE Sie lügen! + +DOMIN _richtet sich auf_ Wie? _läutet_ Verzeihen Sie, Fräulein, dann +muß ich Sie überzeugen. + + _MARIUS tritt ein._ + +DOMIN Marius, führen Sie Sulla in den Seziersaal, man solle sie öffnen. +Flink! + +HELENE Wohin? + +DOMIN In den Seziersaal. Bis sie aufgeschnitten ist, gehen Sie sich sie +ansehen. + +HELENE Ich gehe nicht! + +DOMIN Pardon, Sie sprachen von Lüge. + +HELENE Sie wollen sie töten lassen? + +DOMIN Maschinen werden nicht getötet. + +HELENE _umarmt Sulla_ Fürchten Sie nichts, Sulla, ich lasse Sie nicht! +Sagen Sie, Teure, sind alle so roh zu euch? Das dürft ihr euch nicht +gefallen lassen, hören Sie? Sie dürfen nicht, Sulla! + +SULLA Ich bin Roboter. + +HELENE Das ist einerlei. Roboter sind ebenso gute Menschen wie wir. +Sulla, Sie würden sich aufschneiden lassen? + +SULLA Ja. + +HELENE Oh, Sie fürchten sich nicht vor dem Tod? + +SULLA Kenne ich nicht, Fräulein Glory. + +HELENE Wissen Sie, was dort mit Ihnen geschähe? + +SULLA Ja. Ich würde aufhören, mich zu bewegen. + +HELENE Das ist entsetzlich! + +DOMIN Marius, sagen Sie dem Fräulein, was Sie sind. + +MARIUS Marius, Roboter. + +DOMIN Würden Sie Sulla in den Seziersaal geben? + +MARIUS Ja. + +DOMIN Würden Sie sie bedauern? + +MARIUS Kenne ich nicht. + +DOMIN Was würde mit ihr geschehen? + +MARIUS Sie würde sich nicht mehr bewegen. Man würde sie in die +Stampfmaschine geben. + +DOMIN Das ist der Tod, Marius. Fürchten Sie den Tod? + +MARIUS Nein. + +DOMIN Also sehen Sie, Fräulein Glory, die Roboter hängen nicht am +Leben. Sie haben nämlich keinen Anlaß dazu. Sie haben keine Genüsse. +Sie sind geringer als Gras. + +HELENE Oh, hören Sie auf! Schicken Sie sie wenigstens fort! + +DOMIN Marius, Sulla, ihr könnt gehen. + + _SULLA und MARIUS ab._ + +HELENE Sie sind schrecklich! Es ist scheußlich, was Sie tun! + +DOMIN Weshalb scheußlich? + +HELENE Ich weiß nicht. Warum -- warum gaben Sie ihr den Namen Sulla? + +DOMIN Kein hübscher Name? + +HELENE Es ist ein Männername. Sulla war ein römischer Feldherr. + +DOMIN Ah, wir glaubten, Marius und Sulla wäre ein Liebespaar gewesen. + +HELENE Nein, Marius und Sulla waren Feldherren und bekämpften einander +im Jahre -- im Jahre -- Ich weiß nicht mehr. + +DOMIN Kommen Sie her, zum Fenster. Was sehen Sie? + +HELENE Maurer. + +DOMIN Das sind Roboter. Alle unsre Arbeiter sind Roboter. Und da unten, +sehen Sie etwas? + +HELENE Irgendeine Kanzlei. + +DOMIN Die Buchhaltung. Und darinnen -- + +HELENE -- lauter Beamte. + +DOMIN Das sind Roboter. Alle unsere Beamten sind Roboter. Bis Sie die +Fabrik sehen werden -- + + _In diesem Moment ertönen Pfeifen und Sirenen._ + +DOMIN Mittag. Die Roboter wissen nicht, wann sie die Arbeit einstellen +sollen. Um zwei Uhr werde ich Ihnen die Dösen zeigen. + +HELENE Was für Dösen? + +DOMIN _trocken_ Mischbottiche für Teig. In jedem wird gleichzeitig +Stoff für tausend Roboter gemischt. Dann die Kufen für Lebern, Hirne +und so weiter. Dann werden Sie die Knochenfabrik sehen. Dann zeige ich +Ihnen die Spinnerei. + +HELENE Was für eine Spinnerei? + +DOMIN Die Nervenspinnerei. Die Adernspinnerei. Eine Spinnerei, wo +gleichzeitig ganze Kilometer von Verdauungsröhren laufen. Dann +kommt der Montierraum, wo das zusammengestellt wird, wissen Sie, wie +Automobile. Jeder Arbeiter befestigt nur einen einzigen Bestandteil, +und dann läuft es wieder selbsttätig weiter, zum zweiten, dritten, bis +ins Unendliche. Das ist das interessanteste Schauspiel. Dann kommt das +Darrhaus und das Magazin, wo die frischen Produkte arbeiten. + +HELENE Um Gottes willen, gleich müssen sie arbeiten? + +DOMIN Pardon. Sie arbeiten, wie neue Möbelstücke arbeiten. Sie gewöhnen +sich an die Existenz. Wachsen gleichsam innerlich zusammen, oder so. +Vieles in ihnen wächst überhaupt neu hinzu. Sie verstehen, wir müssen +der natürlichen Entwicklung ein bißchen Raum gewähren. Und inzwischen +werden die Produkte appretiert. + +HELENE Was ist das? + +DOMIN So viel wie bei den Menschen die »Schule«. Sie lernen sprechen, +schreiben und rechnen. Sie haben nämlich ein erstaunliches Gedächtnis. +Wenn Sie ihnen aus einem zwanzigbändigen Lexikon vorlesen, so werden +sie Ihnen alles in der richtigen Reihenfolge wiederholen. Etwas Neues +fällt ihnen niemals ein. Sie könnten ganz gut an den Universitäten +unterrichten. Dann werden sie klassifiziert und verschickt. Täglich +15000 Stück, ausschließlich des ständigen Prozentsatzes von +Fehlerhaften, die in den Stampftrog geworfen werden ... und so weiter, +und so weiter. + +HELENE Zürnen Sie mir? + +DOMIN Aber, Gott bewahre! Ich meine nur, wir ... wir hätten von +anderen Dingen reden können. Wir sind hier nur ein Häuflein unter +hunderttausenden Robotern, und kein Weib. Wir reden nur von der +Fabrikation, den ganzen Tag, jeden Tag. Wir sind wie verdammt, Fräulein +Glory. + +HELENE Es tut mir so leid, daß ich sagte, Sie -- Sie -- Sie hätten +gelogen -- + + _Es pocht._ + +DOMIN Hereinspaziert, Jungens. + + _Von links kommen Ing. FABRY, DR. GALL, DR. HALLEMEIER, + Baumeister ALQUIST._ + +DR. GALL Pardon, stören wir nicht? + +DOMIN Tretet näher. Fräulein Glory, das sind Alquist, Fabry, Gall, +Hallemeier. Die Tochter des Präsidenten Glory. + +HELENE _verlegen_ Guten Tag. + +FABRY Wir hatten keine Ahnung -- + +DR. GALL Unendlich geehrt -- + +ALQUIST Seien Sie willkommen, Fräulein Glory. + + _Von rechts stürzt BUSMAN herein._ + +BUSMAN Hallo, was gibt's hier? + +DOMIN Hierher, Busman. Das ist unser Busman, Fräulein. Die Tochter des +Präsidenten Glory. + +HELENE Es freut mich. + +BUSMAN Jemine, welche Ehre! Fräulein Glory, dürfen wir den Zeitungen +kabeln, daß Sie die Güte hatten, uns aufzusuchen --? + +HELENE Nein, nein, ich bitte Sie! + +DOMIN Bitte, Fräulein, nehmen Sie Platz. + + BUSMAN } { Belieben -- + DR. GALL } _rücken Fauteuils heran_ { Bitte -- + FABRY } { Pardon -- + +ALQUIST Fräulein Glory, wie war Ihre Reise? + +DR. GALL Werden Sie sich länger bei uns aufhalten? + +FABRY Was sagen Sie zu der Fabrik, Fräulein Glory? + +HALLEMEIER Sie sind auf der Amelie gekommen? + +DOMIN Still, laßt Fräulein Glory reden. + +HELENE _zu Domin_ Wovon soll ich mit ihnen sprechen? + +DOMIN _verwundert_ Wovon Sie mögen. + +HELENE Soll ... darf ich ganz offen reden? + +DOMIN Aber freilich. + +HELENE _zögert, dann verzweifelt entschlossen_ Sagen Sie, ist es Ihnen +niemals peinlich, wie man mit Ihnen umgeht? + +FABRY Wer, bitte? + +HELENE Alle Menschen. + + _Alle blicken einander betroffen an._ + +ALQUIST Mit uns? + +DR. GALL Warum meinen Sie? + +HALLEMEIER Donnerwetter! + +BUSMAN Aber, Gott bewahre, Fräulein Glory! + +HELENE Fühlen Sie denn nicht, daß Sie besser existieren könnten? + +DR. GALL Es kommt darauf an, Fräulein. Wie meinen Sie das? + +HELENE Ich meine, daß -- _bricht los_ daß es scheußlich ist! daß es +furchtbar ist! _Erhebt sich._ Ganz Europa redet davon, was hier mit +Ihnen geschieht. Deshalb kam ich hierher, um es zu sehen, und es ist +tausendmal schlimmer, als man nur denken kann! Wie können Sie das +ertragen? + +ALQUIST Was ertragen? + +HELENE Ihre Lage. Um Gottes willen, Sie sind doch Menschen wie wir, wie +ganz Europa, wie die ganze Welt! Das ist skandalös, das ist unwürdig, +wie Sie leben! + +BUSMAN Herrgott, Fräulein! + +FABRY Nein, Jungens, sie hat ein bißchen Recht. Wir leben hier sicher +wie Indianer. + +HELENE Ärger als Indianer! Darf ich, oh, darf ich Sie Brüder nennen? + +BUSMAN Aber, Gottchen, warum denn nicht? + +HELENE Brüder, ich kam nicht als die Tochter des Präsidenten. Ich kam +im Namen der Humanitätsliga. Brüder, die Humanitätsliga hat bereits +über 200000 Mitglieder. 200000 Menschen stehen hinter euch und bieten +euch ihre Hilfe an. + +BUSMAN 200000 Menschen, Wetter, das ist gehörig, das ist ganz prächtig. + +FABRY Ich sage euch immer, es geht nichts über das alte Europa. Ihr +seht es, es hat uns nicht vergessen. Es bietet uns Hilfe an. + +DR. GALL Was für Hilfe? Ein Theater? + +HALLEMEIER Ein Orchester? + +HELENE Mehr als das. + +ALQUIST Sie selbst? + +HELENE Oh, was mich betrifft. Ich bleibe, solange es nötig sein wird. + +BUSMAN Herrgott, das ist eine Freude! + +ALQUIST Domin, ich gehe ein Zimmer für das Fräulein bereitstellen. + +DOMIN Warten Sie einen Moment. Ich fürchte, daß -- daß Fräulein Glory +noch nicht ausgeredet hat. + +HELENE Nein, noch nicht. Außer Sie schlössen mir mit Gewalt den Mund. + +DR. GALL Harry, unterstehen Sie sich! + +HELENE Ich danke Ihnen. Ich wußte, Sie werden mich schützen. + +DOMIN Pardon, Fräulein Glory. Sind Sie sich dessen sicher, daß Sie mit +Robotern reden? + +HELENE _stockt_ Mit wem sonst? + +DOMIN Es tut mir leid. Diese Herren sind nämlich Menschen wie Sie. Wie +ganz Europa. + +HELENE _zu den andern_ Sie sind keine Roboter? + +BUSMAN _kichert_ Gott bewahre! + +HALLEMEIER _würdevoll_ Pfui, Roboter! + +DR. GALL _lacht_ Da bedanken wir uns schön! + +HELENE Aber ... das ist nicht möglich! + +FABRY Bei meiner Ehre, Fräulein, wir sind keine Roboter. + +HELENE _zu Domin_ Weshalb sagten Sie mir also, alle Ihre Beamten seien +Roboter? + +DOMIN Ja, die Beamten. Aber nicht die Direktoren. Gestatten Sie, +Fräulein Glory: Ingenieur Fabry, technischer Generaldirektor von +Werstands Universal Robots. Doktor Gall, Leiter der physiologischen +und Untersuchungsabteilung. Doktor Hallemeier, Leiter der Anstalt für +Psychologie und Erziehung der Roboter. Konsul Busman, kommerzieller +Generaldirektor, und Baumeister Alquist, Chef der Bauten von Werstands +Universal Robots. + +HELENE Verzeihen Sie, meine Herren, daß -- daß -- Ist es schrecklich, +was ich Ihnen angestellt habe? + +ALQUIST Aber, Gott bewahre, Fräulein Glory. Bitte, setzen Sie sich. + +HELENE _setzt sich_ Ich bin ein dummes Mädel. Jetzt -- jetzt werden Sie +mich mit dem ersten Schiff zurückschicken. + +DR. GALL Um nichts auf der Welt, Fräulein. Weshalb sollten wir Sie +fortschicken? + +HELENE Weil Sie bereits wissen -- weil -- weil ich Ihnen die Roboter +aufhetzen würde. + +DOMIN Teures Fräulein Glory, hier sind schon hunderte Erlöser und +Propheten gewesen. Jedes Schiff bringt irgendeinen her. Missionare, +Anarchisten, die Heilsarmee, alles mögliche. Es ist erstaunlich, +wieviel Sekten und Narren es auf Erden gibt. + +HELENE Und Sie lassen sie zu den Robotern reden? + +DOMIN Weshalb nicht? Bis jetzt haben es alle bleiben lassen. Die +Roboter merken sich alles, aber nichts mehr. Sie lachen sogar nicht +einmal über das, was die Leute sagen. In der Tat, geradezu unglaublich. +Falls es Sie unterhält, teures Fräulein, so führe ich Sie in das +Robotermagazin. Es sind ihrer dort etwa dreihunderttausend. + +BUSMAN Dreihundertsiebenundvierzigtausend. + +DOMIN Gut. Sie können ihnen sagen, was Sie wollen. Sie können ihnen die +Bibel, Logarithmen oder was Ihnen beliebt, vorlesen. Sie können ihnen +schließlich über die Menschenrechte predigen. + +HELENE Oh, ich glaube, daß ... wenn man ihnen ein wenig Liebe zeigte -- + +FABRY Unmöglich, Fräulein Glory. Nichts ist dem Menschen fremder als +ein Roboter. + +HELENE Weshalb erzeugen Sie sie dann? + +BUSMAN Hahaha, das ist gut! Weshalb man Roboter erzeugt! + +FABRY Zur Arbeit, Fräulein. Ein Roboter ersetzt zwei und einen halben +Arbeiter. Die menschliche Maschine, Fräulein Glory, war ungemein +unvollkommen. Sie mußte endlich einmal beseitigt werden. + +BUSMAN Sie war zu teuer. + +FABRY Sie war wenig leistungsfähig. Der modernen Technik vermochte sie +nicht mehr zu genügen. Und zweitens -- zweitens -- ist es ein großer +Fortschritt, daß ... Pardon. + +HELENE Was? + +FABRY Ich bitte um Entschuldigung. Es ist ein großer Fortschritt, +mit einer Maschine zu gebären. Es ist bequemer und schneller. Jede +Beschleunigung ist ein Fortschritt, Fräulein. Die Natur hatte keine +Ahnung von dem modernen Arbeitstempo. Die ganze Kindheit ist technisch +genommen ein purer Unsinn. Schlechthin verlorene Zeit. Unerträgliche +Zeitverschwendung, Fräulein Glory. Und drittens -- + +HELENE Oh, hören Sie auf! + +FABRY Bitte. Erlauben Sie, was will eigentlich diese Ihre Liga -- Liga +-- Humanitätsliga? + +HELENE Sie soll hauptsächlich -- hauptsächlich soll sie die Roboter +schützen und -- und -- ihnen eine -- gute Behandlung sichern. + +FABRY Das ist kein schlechtes Ziel. Eine Maschine soll man gut +behandeln. Bei meiner Seele, das lobe ich mir. Ich liebe beschädigte +Sachen nicht. Ich bitte Sie, Fräulein Glory, notieren Sie uns alle als +beitragende, als ordentliche, als gründende Mitglieder Ihrer Liga! + +HELENE Nein, Sie verstehen mich nicht. Wir wollen -- hauptsächlich -- +wir wollen die Roboter befreien! + +HALLEMEIER Wie, bitte? + +HELENE Man soll sie ... wie Menschen behandeln. + +HALLEMEIER Aha. Sie sollen vielleicht wählen? Sie sollen Bier trinken? +Sollen uns befehlen? + +HELENE Weshalb sollten sie nicht wählen können? + +HALLEMEIER Und sollen sie vielleicht am Ende nicht auch Löhnung kriegen? + +HELENE Allerdings! + +HALLEMEIER Da schau' her. Und was würden sie, bitte, damit anfangen? + +HELENE Sie würden sich kaufen ... was sie brauchen ... was ihnen Freude +bereiten würde. + +HALLEMEIER Das ist sehr hübsch, Fräulein; nur daß die Roboter nichts +erfreut. Wetter, was sollen sie sich kaufen? Sie können sie mit Ananas, +Stroh, womit Sie wollen, füttern; ihnen ist es gleichgültig, sie haben +überhaupt keinen Geschmack. Sie interessieren sich für nichts, Fräulein +Glory. Zum Teufel, es hat noch niemand gesehen, daß ein Roboter +gelacht hätte. + +HELENE Warum ... warum -- warum macht ihr sie nicht glücklicher? + +HALLEMEIER Das geht nicht, Fräulein Glory. Es sind nur Roboter. + +HELENE Oh, sie sind so vernünftig! + +HALLEMEIER Verflucht vernünftig, Fräulein, aber sonst nichts. Ohne +eigenen Willen. Ohne Leidenschaften. Ohne Tradition. Ohne Seele. + +HELENE Ohne Liebe und Trotz? + +HALLEMEIER Das versteht sich. Die Roboter lieben nichts, nicht einmal +sich selbst. Und Trotz? Ich weiß nicht; nur selten, nur manchmal -- + +HELENE Was? + +HALLEMEIER Eigentlich nichts. Manchmal werden sie irgendwie störrisch. +So etwas wie Fallsucht, wissen Sie? Man nennt es den Roboterkrampf. +Plötzlich schmeißt einer alles hin, was er in der Hand hält, steht da, +knirscht mit den Zähnen -- und muß in den Stampftrog geworfen werden. +Offenbar eine Störung des Organismus. + +DOMIN Ein Fabrikationsfehler. Das muß beseitigt werden. + +HELENE Nein, nein, das ist die Seele. + +FABRY Glauben Sie, die Seele beginne mit Zähneknirschen? + +HELENE Ich weiß nicht. Vielleicht ist es Auflehnung. Vielleicht ist +gerade das ein Zeichen, daß sie ringen -- -- Oh, wenn Sie das in ihnen +zu entfachen vermöchten! + +DOMIN Das wird beseitigt werden, Fräulein Glory, Doktor Gall stellt +eben gewisse Versuche an -- + +DR. GALL Nicht damit, Domin; jetzt mache ich Nerven für den Schmerz. + +HELENE Nerven für den Schmerz? + +DR. GALL Ja. Die Roboter spüren körperliche Schmerzen beinahe nicht. +Wissen Sie, der selige junge Hirn hat das Nervensystem allzu sehr +beschränkt. Das hat sich nicht bewährt. Wir müssen Leiden einführen. + +HELENE Warum -- warum -- Wenn ihr ihnen keine Seele gebt, warum wollt +ihr ihnen den Schmerz geben? + +DR. GALL Aus industriellen Gründen, Fräulein Glory. Der Roboter +beschädigt sich manchmal selber, weil es ihn nicht schmerzt; er steckt +die Hand in die Maschine, zerbricht sich einen Finger, zerschlägt sich +den Kopf, das ist ihm einerlei. Wir müssen ihnen den Schmerz geben; das +ist ein automatischer Schutz vor Verletzung. + +HELENE Werden sie glücklicher sein, wenn sie Schmerz fühlen werden? + +DR. GALL Im Gegenteil; aber sie werden technisch vollkommener sein. + +HELENE Warum erschaffen Sie ihnen keine Seele? + +DR. GALL Das ist nicht in unserer Macht. + +FABRY Das ist nicht in unserem Interesse. + +BUSMAN Das würde die Fabrikation verteuern. Du lieber Gott, schöne +Dame, wir machen es ja so billig! Hundertzwanzig Dollars das bekleidete +Exemplar, und vor fünfzehn Jahren hat es zehntausend gekostet! Vor +fünf Jahren kauften wir Kleider für sie; heute haben wir eine eigene +Weberei und exportieren noch die Stoffe fünfmal billiger als andere +Fabriken. Ich bitte Sie, Fräulein Glory, was zahlen Sie für einen Meter +Tuch? + +HELENE Ich weiß nicht -- -- wirklich -- -- -- ich hab's vergessen. + +BUSMAN O du mein, und dann wollen Sie eine Humanitätsliga gründen! Es +kostet nur mehr ein Drittel, Fräulein; alle Preise stehen heute auf +einem Drittel und werden immer tiefer, tiefer, tiefer, tiefer sinken +bis -- so. He? + +HELENE Ich verstehe nicht. + +BUSMAN Jemine, Fräulein, das bedeutet, daß die Arbeit im Wert gesunken +ist! Denn ein Roboter samt Fütterung kostet pro Stunde dreiviertel +Cents! Das ist ein Jux, Fräulein: sämtliche Fabriken platzen wie +Eicheln oder kaufen schleunigst Roboter ein, um die Erzeugung zu +verbilligen. + +HELENE Ja, und werfen die Arbeiter auf die Straße hinaus. + +BUSMAN Haha, das versteht sich! Aber wir, du meine Güte, wir haben +inzwischen 500000 Tropen-Roboter auf die argentinischen Pampas +geworfen, damit sie Weizen anbauen. Seien Sie so gut, was kostet bei +Ihnen ein Pfund Brot? + +HELENE Ich habe keine Ahnung. + +BUSMAN Also sehen Sie; jetzt kostet es zwei Cents, in Ihrem guten +alten Europa: aber das ist ~unser~ Brötchen, verstehen Sie? Zwei +Cents ein Pfund Brot: und die Humanitätsliga hat davon keine Ahnung! +Haha, Fräulein Glory, Sie wissen nicht, was eine allzu teure Schnitte +bedeutet. Für die Kultur und so weiter. Aber in fünf Jahren, na, wetten +wir! + +HELENE Was? + +BUSMAN Daß in fünf Jahren alles auf 0·1 stehen wird. Leutchen, in fünf +Jahren werden wir in Weizen und allem möglichen ertrinken. + +ALQUIST Ja, und sämtliche Arbeiter der Welt werden ohne Arbeit sein. + +DOMIN _erhebt sich_ Das werden sie, Alquist. Das werden sie, Fräulein +Glory. Aber in zehn Jahren werden Werstands Universal Roboter so viel +Weizen, so viele Stoffe, von allem so viel erzeugen, daß die Dinge +keinen Wert mehr haben werden. Nun nehme jeder, wieviel er braucht. +Es gibt keine Not. Ja, sie werden ohne Arbeit sein. Aber es wird dann +überhaupt keine Arbeit mehr geben. Alles werden lebende Maschinen +verrichten. Roboter werden uns bekleiden und sättigen. Roboter uns +Ziegel herstellen und Häuser bauen. Roboter werden für uns Zahlen +schreiben und unsere Stiegen fegen. Keine Arbeit wird es geben. Der +Mensch wird nur das tun, was er liebt: Er wird aller Sorgen ledig und +von der Erniedrigung der Arbeit befreit sein. Er wird nur leben, um +sich zu vervollkommnen. + +HELENE _erhebt sich_ Wird es so sein? + +DOMIN Es wird. Es kann nicht anders sein. Vorher kommen vielleicht +schreckliche Sachen, Fräulein Glory. Das läßt sich einfach nicht +verhüten. Aber dann hört der Mensch auf, dem Menschen dienstbar und +der Materie versklavt zu sein. Die Mühseligen und Hungernden werden +vor vollen Tischen sitzen. Roboter werden des Bettlers Füße waschen +und ihm ein Lager bereiten in seinem Hause. Niemand wird mehr sein +Brot bezahlen mit Leben und Haß. Du bist nicht mehr Arbeiter, du +kein Schreiber mehr; du gräbst nicht mehr Kohle und du stehst nicht +an fremder Maschine. Nicht mehr wirst du deine Seele verschwenden an +Arbeit, die du verfluchtest. + +ALQUIST Domin, Domin! Was Sie da sagen, sieht allzu sehr nach Paradies +aus. Domin, es war etwas Gutes am Dienen und etwas Großes in der +Unterwerfung. Ach, Harry, es war ich weiß nicht was für eine Tugend in +der Arbeit und Ermattung. + +DOMIN Vielleicht war es so. Aber wir können nicht mit dem, was verloren +geht, rechnen, wenn wir die Welt von Adam an umformen. Adam, Adam! Du +wirst nicht mehr dein Brot im Schweiße deines Angesichts essen; wirst +nicht mehr Hunger und Durst, Ermüdung und Erniedrigung erfahren; du +kehrst in das Paradies zurück, wo des Herrn Hand dich nährte. Du wirst +frei und erhaben sein; du wirst keine andere Aufgabe, keine andere +Arbeit, keine andere Sorge haben als dich selbst zu vervollkommnen. +Du wirst weder der Materie noch dem Menschen dienen. Du wirst keine +Maschine und Mittel der Erzeugung sein. Du wirst der Herr der Schöpfung +sein. + +BUSMAN Amen. + +FABRY Also geschehe es. + +HELENE Sie haben mich verwirrt. Ich bin ein törichtes Mädchen. Ich +möchte -- ich möchte daran glauben. + +DR. GALL Sie sind jünger als wir, Fräulein Glory. Sie werden alles +erleben. + +HALLEMEIER So ist's. Ich denke, Fräulein Glory könnte mit uns +frühstücken. + +DR. GALL Das versteht sich! Domin, bitten Sie für uns alle. + +DOMIN Fräulein Glory, erweisen Sie uns die Ehre. + +HELENE Aber das ist doch -- Wie könnte ich? + +FABRY Für die Humanitätsliga, Fräulein. + +BUSMAN Und ihr zu Ehren. + +HELENE Oh, in diesem Falle -- vielleicht -- + +FABRY Also Heil! Fräulein Glory, entschuldigen Sie für fünf Minuten. + +DR. GALL Pardon. + +BUSMAN Herrgott, ich muß kabeln -- + +HALLEMEIER Donnerwetter, und ich vergaß -- + + _Alle, außer Domin, drängen sich hinaus._ + +HELENE Warum gehen alle weg? + +DOMIN Kochen, Fräulein Glory. + +HELENE Was kochen? + +DOMIN Das Frühstück, Fräulein Glory. Für uns kochen Roboter und -- +und -- da sie keinen Geschmacksinn besitzen, ist es nicht ganz -- +Hallemeier kann nämlich vorzüglich braten. Und Gall macht irgendeine +Sauce, und Busman kennt sich in der Omelette aus -- + +HELENE Um Gottes willen, das ist ein Gastmahl! Und was kann der Herr -- +Baumeister -- + +DOMIN Alquist? Nichts. Er deckt nur den Tisch und -- und Fabry treibt +etwas Obst auf. Sehr bescheidene Küche, Fräulein Glory. + +HELENE Ich wollte Sie fragen -- + +DOMIN Auch ich möchte Sie nach etwas fragen. _Legt seine Uhr auf den +Tisch._ Fünf Minuten Zeit. + +HELENE Wonach fragen? + +DOMIN Pardon, Sie haben früher gefragt. + +HELENE Vielleicht ist es dumm von mir, aber -- warum erzeugen Sie +weibliche Roboter, wenn -- wenn -- + +DOMIN -- wenn bei ihnen, hm, wenn für sie das Geschlecht keine +Bedeutung hat? + +HELENE Ja. + +DOMIN Es herrscht eine gewisse Nachfrage, wissen Sie? Dienstmädchen, +Verkäuferinnen, Schreiberinnen -- Die Menschen sind daran gewöhnt. + +HELENE Und -- und sagen Sie, sind die Roboter -- und Robotinnen -- +wechselseitig -- absolut -- + +DOMIN Absolut gleichgültig, teures Fräulein. Da ist keine Spur +irgendeiner Neigung. + +HELENE Oh, das ist -- furchtbar! + +DOMIN Warum? + +HELENE Es ist -- es ist -- so unnatürlich! Man weiß gar nicht, sollen +sie einem deswegen abstoßend, oder -- beneidenswert erscheinen -- oder +vielleicht -- + +DOMIN -- bemitleidenswert. + +HELENE Dies am ehesten -- Nein, hören Sie auf! Was wollten Sie fragen? + +DOMIN Gern möchte ich fragen, Fräulein Glory, ob Sie mich nehmen +möchten. + +HELENE Wie nehmen? + +DOMIN Zum Mann. + +HELENE Nein! Was fällt Ihnen ein? + +DOMIN _auf die Uhr blickend_ Noch drei Minuten. Nehmen Sie mich nicht, +so müssen Sie einen der anderen Fünf nehmen. + +HELENE Aber Gott bewahre! Warum sollte ich ihn nehmen? + +DOMIN Weil alle nach der Reihe Sie verlangen werden. + +HELENE Wie könnten sie sich unterstehen? + +DOMIN Ich bedaure sehr, Fräulein Glory. Es scheint, daß sie sich in Sie +verliebt haben. + +HELENE Ich bitte Sie, das sollen sie nicht tun! Ich -- ich reise gleich +ab! + +DOMIN Helene, Sie werden ihnen doch nicht den Kummer bereiten, +abzulehnen. + +HELENE Aber ich -- ich kann doch nicht -- alle sechs nehmen! + +DOMIN Nein, aber wenigstens einen. Wollen Sie mich nicht, so Fabry. + +HELENE Ich will nicht! + +DOMIN Doktor Gall. + +HELENE Nein, nein, schweigen Sie! Ich will keinen! + +DOMIN Noch zwei Minuten. + +HELENE Das ist schrecklich! Nehmen Sie sich irgendeine Robotin. + +DOMIN Das ist kein Weib. + +HELENE Oh, nur das fehlt Ihnen! Ich glaube, Sie -- Sie würden jede +nehmen, die kommt. + +DOMIN Es waren viele hier, Helene. + +HELENE Junge? + +DOMIN Junge. + +HELENE Weshalb nahmen Sie sich keine? + +DOMIN Weil ich nicht den Kopf verloren hatte. Erst heute. Gleich als +Sie den Schleier abnahmen. + +HELENE -- -- Ich weiß. + +DOMIN Noch eine Minute. + +HELENE Aber ich will nicht, mein Gott! + +DOMIN _legt ihr beide Hände auf die Schultern_ Noch eine Minute. +Entweder Sie sagen mir etwas schrecklich Böses ins Gesicht, und dann +lasse ich Sie. Oder -- oder -- + +HELENE Sie sind ein Rohling! + +DOMIN Das ist nichts. Ein Mann soll ein wenig roh sein. Das gehört zur +Sache. + +HELENE Sie sind ein Narr! + +DOMIN Der Mensch soll ein bißchen närrisch sein, Helene. Das ist an ihm +das beste. + +HELENE Sie sind -- Sie sind -- ach Gott! + +DOMIN Also sehn Sie. Fertig? + +HELENE Nein, nein! Ich bitte Sie, lassen Sie! Sie zerdrücken mich ja! + +DOMIN Das letzte Wort, Helene. + +HELENE _wehrt sich_ Um nichts auf der Welt -- aber Harry! + + _Es klopft._ + +DOMIN _läßt sie los_ Herein! + + _Eintreten BUSMAN, DR. GALL und HALLEMEIER in Küchenschürzen. + FABRY mit einem Blumenstrauß und ALQUIST mit einem Tischtuch + unterm Arm._ + +DOMIN Schon ausgekocht? + +BUSMAN _feierlich_ Jawohl. + +DOMIN Wir auch. + + +VORHANG + + + + +ERSTER AUFZUG + + + _Helenens Salon. Links eine Tapetentür und die Tür zum + Musiksalon, rechts die Tür zu Helenens Schlafgemach. In der + Mitte Fenster auf Meer und Hafen. Ein Toilettespiegel mit + Kleinigkeiten, Tisch, Sofa und Fauteuils, eine Kommode, ein + Schreibtisch mit Stehlampe, rechts ein Kamin, gleichfalls mit + Stehlampen. Der ganze Salon hat bis ins Detail ein modernes + und rein weibliches Gepräge._ + + _DOMIN. FABRY, HALLEMEIER kommen von links auf den + Fußspitzen, Sträuße und Blumentöpfe auf den Armen._ + +FABRY Wohin geben wir das alles? + +HALLEMEIER Uf! _Legt seine Last hin und segnet mit einem großen Kreuze +die Tür nach rechts._ Schlaf, schlaf! Wer schläft, weiß wenigstens von +nichts. + +DOMIN Sie weiß überhaupt nicht. + +FABRY _gibt die Sträuße in die Vasen_ Wenigstens heute soll es nicht +platzen -- + +HALLEMEIER _ordnet die Blumen_ Zum Teufel, laßt mich in Ruh damit! +Schauen Sie, Harry, das ist eine schöne Zyklame, wie? Eine neue Art, +meine letzte -- Zyklamen Helena. + +DOMIN _schaut zum Fenster hinaus_ Kein Schiff, kein Schiff -- Jungens, +das ist schon zum Verzweifeln. + +HALLEMEIER Still! Wenn sie Sie hörte! + +DOMIN Sie hat keine Ahnung. _Gähnt fieberhaft._ Noch gut, daß der +»Ultimus« rechtzeitig landete. + +FABRY _läßt die Blumen_ Glauben Sie, daß schon heute --? + +DOMIN Ich weiß nicht. -- Wie schön sind die Blumen! + +HALLEMEIER _nähert sich ihm_ Das sind neue Primeln, wissen Sie? Und +dies ist mein neuer Jasmin. Wetter, ich bin an der Schwelle des +Blumenparadieses. Ich habe eine fabelhafte Beschleunigung gefunden, +Menschenskind! Herrliche Varietäten! Künftiges Jahr machen wir Wunder +in Blumen! + +DOMIN _dreht sich um_ Wie, künftiges Jahr? + +FABRY Wenigstens wissen, was in Havre los ist -- + +DOMIN Still! + +HELENENS STIMME _von rechts_ Nana! + +DOMIN Fort von hier! _Alle auf den Fußspitzen durch die Tapetentür ab._ + + _Durch die Haupttür von links tritt NANA ein._ + +NANA _aufräumend_ Lumpen elendige! Heiden! Gott strafe mich nicht, aber +ich möchte sie -- + +HELENE _rücklings in der Tür_ Nana, komm mich zuknöpfen! + +NANA Na gleich, na gleich. Daß Sie schon aus dem Bette raus sind! +_Knöpft Helenens Kleid zu._ Herr im Himmel, das ist eine Viechsbande! + +HELENE Wer? + +NANA Na, so halten Sie doch still. Wenn Sie sich drehen wollen, so +drehen Sie sich, aber ich werde Sie nicht zuknöpfen. + +HELENE Weshalb brummst du wieder? + +NANA Aber s'ist ja ein Entsetzen, was diese Heiden -- + +HELENE Die Roboter? + +NANA Fi, nicht einmal nennen mag ich sie. + +HELENE Was ist geschehen? + +NANA Es hat wieder einen bei uns gepackt. Fängt an, in die Büsten und +Bilder zu dreschen, knirscht mit den Zähnen, Schaum vor dem Mund -- +Rein von Sinnen, brr. Das ist ja schlimmer als ein Tier. + +HELENE Welchen hat es gepackt? + +NANA Den -- den -- Das hat ja eh nicht mal einen christlichen Namen! +Den aus der Bibliothek. + +HELENE Radius? + +NANA Eben den. Jessasmarja Josef, wie mir das zuwider ist! Keine Spinne +ist mir so zuwider wie diese Heiden. + +HELENE Aber, Nana, daß sie dir nicht leid tun! + +NANA Sie ekeln sich auch vor ihnen. Warum haben Sie mich hierher +gebracht? Warum darf keiner von ihnen Sie auch nur anrühren? + +HELENE Ich ekle mich nicht, meiner Seele, Nana. Mir tun sie so leid! + +NANA Sie ekeln sich. Jeder Mensch muß sich vor ihnen ekeln. Es ekelt +sich ja selbst der Hund vor ihnen, nicht einmal einen Happen Fleisch +mag er von ihnen; er zieht den Schweif ein und fängt an zu heulen, wenn +er die Unmenschen spürt, pfui. + +HELENE Ein Hund hat keinen Verstand. + +NANA Er ist besser als Sie, Helene. Er weiß gut, daß er etwas mehr ist +und daß er vom lieben Herrgott ist. Wird doch auch das Pferd scheu, +wenn's so einem Heiden begegnet. Das hat ja nicht mal Junge, und selbst +der Hund hat Junge und jeder hat Junge -- + +HELENE Ich bitte dich, Nana, knöpf' zu! + +NANA Na gleich. Ich sag', das ist gegen den lieben Gott, das ist eine +Eingebung des Satans, diese Windscheuchen mit der Maschine zu machen, +Lästerung gegen den Schöpfer ist es, _hebt die Hand_ es ist eine +Beleidigung des Herrn, der uns geschaffen hat, ~zu seinem Ebenbild~, +Helene. Und ihr habt das Ebenbild Gottes geschändet. Dafür wird eine +schreckliche Strafe vom Himmel kommen, das merken Sie sich, eine +schreckliche Strafe! + +HELENE Was riecht da so? + +NANA Die Blumen. Der Herr hat sie gebracht. + +HELENE Warum Blumen? + +NANA Schon fertig. Jetzt können Sie sich drehen. + +HELENE Nein, die sind schön! Nana, sieh nur! Was ist heute? + +NANA Ich weiß nicht. Aber es sollte Weltuntergang sein. + + _Es klopft._ + +HELENE Harry? + + _DOMIN tritt ein._ + +HELENE Harry, was ist heute? + +DOMIN Rate? + +HELENE Mein Namenstag? Nein! Geburtstag? + +DOMIN Etwas Besseres. + +HELENE Ich weiß nicht -- Sag' rasch! + +DOMIN Heute sind es zehn Jahre seit deiner Ankunft. + +HELENE Schon zehn Jahre? Gerade heute? -- Nana, ich bitte dich -- + +NANA Ich geh' ja schon! _Rechts ab._ + +HELENE _küßt Domin_ Daß du dich erinnert hast! + +DOMIN Ich schäme mich, Helene. Ich habe mich nicht erinnert. + +HELENE Aber -- + +DOMIN Sie haben sich erinnert. + +HELENE Wer? + +DOMIN Busman, Hallemeier, alle. Greif' hier in die Tasche, willst du +nicht? + +HELENE _greift in seine Tasche_ Was ist das? _Nimmt ein Etui heraus und +öffnet es._ Perlen! Ein ganzes Halsband! Harry, das ist für mich? + +DOMIN Von Busman, Mädchen. + +HELENE Aber -- das können wir nicht annehmen, nicht wahr? + +DOMIN Wir können es. Greif in die andere Tasche. + +HELENE Zeig'! _Zieht ihm einen Revolver aus der Tasche._ Was ist das? + +DOMIN Pardon. _Nimmt ihr den Revolver aus der Hand und versteckt ihn._ +Das ist es nicht. Greif! + +HELENE Oh, Harry -- Weshalb trägst du einen Revolver bei dir? + +DOMIN Nur so, er ist mir in die Hände geraten. + +HELENE Du trugst ihn nie! + +DOMIN Nein, du hast recht. So, hier ist die Tasche. + +HELENE _greift zu_ Eine Schachtel! _Öffnet sie._ Eine Kamee! Das ist ja +-- Harry, das ist eine ~griechische~ Kamee! + +DOMIN Offenbar. Fabry behauptet es wenigstens. + +HELENE Fabry? Das gibt mir Fabry? + +DOMIN Freilich. _Öffnet die Türe links._ Und sieh da! Helene, komm und +schau'! + +HELENE _in der Tür_ Gott, das ist Herrlich! _Eilt hinein._ Ich werde +närrisch vor Freude! Das ist von dir? + +DOMIN _steht in der Tür_ Nein, von Alquist. Und dort -- + +HELENENS STIMME Ich sehe schon! Das ist gewiß von dir! + +DOMIN Es ist eine Karte dabei. + +HELENE Von Gall! _Erscheint in der Tür._ Oh, Harry, ich schäme mich +fast, daß ich so glücklich bin. + +DOMIN Komm hierher. Das hat dir Hallemeier gebracht. + +HELENE Die herrlichen Blumen? + +DOMIN Dies hier. Das ist eine neue Art, Zyklamen Helena. Dir zu Ehren +hat er sie aufgezogen. Sie ist schön wie du. + +HELENE Harry, warum -- warum haben alle -- + +DOMIN Sie haben dich ~sehr~ lieb. Und ich habe dir, hm. Ich fürchte, +mein Geschenk ist ein wenig -- Sieh zum Fenster hinaus. + +HELENE Wohin? + +DOMIN Zum Hafen. + +HELENE Dort ist ... irgendein ... neues Schiff. + +DOMIN Das ist dein Schiff. + +HELENE Mein? Was bedeutet das? + +DOMIN Damit du Ausflüge machen kannst -- zum Vergnügen -- + +HELENE Harry, das ist ein ~Kanonen~schiff! + +DOMIN Kanonen? Aber was fällt dir ein! Das ist bloß ein etwas größeres, +solides Schiff, weißt du? + +HELENE Ja, aber mit Geschützen! + +DOMIN Allerdings, mit paar Geschützen -- Du wirst wie eine Königin +fahren, Helene. + +HELENE Was bedeutet das? Geht etwas vor? + +DOMIN Gott bewahre! Ich bitte dich, probiere die Perlen! _Setzt sich._ + +HELENE Harry, sind schlechte Nachrichten gekommen? + +DOMIN Im Gegenteil, schon seit einer Woche ist überhaupt keine Post +gekommen. + +HELENE Auch keine Depeschen? + +DOMIN Nicht einmal Depeschen. + +HELENE Was bedeutet das? + +DOMIN Nichts. Für uns Ferien. Eine köstliche Zeit. Jeder von uns sitzt +in der Kanzlei, die Beine auf dem Tisch, und döst -- Keine Post, keine +Telegramme -- _Er reckt sich._ Ein fff -- festlicher Tag! + +HELENE _setzt sich zu ihm_ Heute bleibst du bei mir, nicht wahr? Sag'! + +DOMIN Entschieden. Möglicherweise. Das heißt, wir werden sehen. _Faßt +ihre Hand._ Also heute sind es zehn Jahre, erinnerst du dich? -- +Fräulein Glory, welche Ehre für uns, daß Sie gekommen sind! + +HELENE Oh, Herr Zentraldirektor, mich interessiert Ihr Unternehmen so +sehr! + +DOMIN Pardon, Fräulein Glory, es ist zwar streng verboten -- die +Fabrikation der künstlichen Menschen ist geheim -- + +HELENE Aber wenn ein junges, ein bisserl hübsches Mädchen bittet -- + +DOMIN Aber gewiß, Fräulein Glory, vor Ihnen haben wir keine Geheimnisse. + +HELENE _plötzlich ernst_ Bestimmt nicht, Harry? + +DOMIN Nein. + +HELENE _wie vorhin_ Aber ich warne Sie, mein Herr; das junge Mädchen +hat furchtbare Absichten. + +DOMIN Um Gottes willen, Fräulein Glory, welche denn? Sie will mich doch +nicht etwa heiraten? + +HELENE Nein, nein, Gott behüte! Das ist ihr nicht im Traum eingefallen! +Aber sie ist mit dem Plane hergekommen, eine Revolte Ihrer garstigen +Roboter zu entfachen! + +DOMIN _springt auf_ Eine Revolte der Roboter! + +HELENE _erhebt sich_ Harry, was ist dir? + +DOMIN Haha, Fräulein Glory, das ist Ihnen gelungen! Eine Revolte der +Roboter! Sie werden eher Spindeln und Zwecken zum Aufruhr treiben +als unsere Roboter! _Er setzt sich._ Weißt du, Helene, du warst ein +köstliches Mädchen; du hast uns alle verrückt gemacht. + +HELENE _setzt sich zu ihm_ Oh, damals imponiertet ihr mir alle so! Mir +war, als wäre ich ein kleines Mädchen und hätte mich verirrt zwischen +-- zwischen -- + +DOMIN Zwischen was, Helene? + +HELENE Zwischen riesige Bäume. Ihr wart so selbstgewiß, so gewaltig! +Alles, was ich empfand, war so winzig gegenüber euerer Zuversicht! Und +siehst du, Harry, in diesen zehn Jahren überkam mich niemals diese -- +-- -- diese Bangigkeit oder was es ist, und ihr verzweifeltet niemals +-- Nicht einmal, als sich alles zu verwirren begann. + +DOMIN Was begann sich zu verwirren? + +HELENE Eure Pläne, Harry. Zum Beispiel, als sich die Arbeiter gegen +die Roboter empörten und sie zerschlugen, und als die Menschen den +Robotern Waffen gegen jene Aufstände gaben und die Roboter so viele +Menschen erschlugen -- Und als dann die Regierungen aus den Robotern +Soldaten machten und so viele Kriege waren, und das alles, weißt du? + +DOMIN _steht auf und geht herum_ Das hatten wir vorausgesehen, Helene. +Verstehst du, das ist nur ein Übergang -- in neue Verhältnisse. + +HELENE Ihr wart so mächtig, so gewaltig -- Die ganze Welt beugte sich +vor euch -- _steht auf_ Oh, Harry! + +DOMIN Was willst du? + +HELENE _hält ihn an_ Schließe die Fabrik und laß uns abreisen! Uns alle! + +DOMIN Ich bitte dich, wie hängt das zusammen? + +HELENE Ich weiß nicht. Sag', reisen wir? + +DOMIN _befreit sich_ Das geht nicht, Helene. Das ist, in diesem +Augenblick -- + +HELENE Gleich, Harry! Ich fühle ein solches Grauen! + +DOMIN _faßt ihre Hände_ Wovor, Helene? + +HELENE Oh, ich weiß nicht! Wie wenn etwas auf uns und auf alles stürzen +würde -- unabwendbar -- Ich bitte dich, tu es! Nimm uns alle von hier +fort! Wir finden in der Welt einen Ort, wo niemand ist, Alquist baut +uns ein Haus auf, alle werden heiraten und Kinder haben, und dann -- + +DOMIN Was dann? + +HELENE Dann werden wir von neuem zu leben beginnen, Harry! + + _Das Telephon klingelt._ + +DOMIN _entrafft sich Helenen_ Verzeih. _Ergreift das Hörrohr._ Hallo +-- ja -- -- Wie? -- Aha. Ich eile schon. _Hängt das Höhrrohr auf._ +Fabry ruft mich. + +HELENE _ringt die Hände_ Sag' -- + +DOMIN Ja, bis ich komme. Adieu, Helene! _Stürzt nach links._ Geh' nicht +hinaus! + +HELENE _allein_ O Gott, was geht vor? Nana! Nana, schnell! + +NANA _kommt von rechts_ No, was wieder? + +HELENE Nana, bring' die letzte Zeitung! Rasch! Im Schlafzimmer des +Herrn! + +NANA No gleich. _Nach links ab._ + +HELENE Was geht nur vor, um Gottes willen! Nichts, nichts sagt er mir! +_Schaut durch ein Trieder zum Hafen._ Es ist ein Kriegsschiff! Gott, +weshalb ein Kriegsschiff? Sie verladen etwas darauf -- und so hastig! +Was ist passiert? Es ist ein Name daran -- »Ul -- ti -- mus«. Was ist +das »Ultimus«? + +NANA _kehrt mit der Zeitung zurück_ Auf dem Boden läßt er sie +herumwälzen! Sie so zu zerdrücken! + +HELENE _öffnet hastig die Zeitung_ Alt, schon eine Woche alt! Nichts, +nichts darinnen! _Läßt die Zeitung sinken._ + +NANA _hebt sie auf, zieht eine Hornbrille aus der Schürzentasche, setzt +sie auf und liest_. + +HELENE Etwas geht vor, Nana! Mir ist so bang! Wie wenn alles tot wäre, +selbst die Luft -- + +NANA _buchstabiert_ »Krieg auf dem Bal -- kan«. Ach Jesus, wieder eine +Strafe Gottes! Oh, der Krieg kommt sicher auch bis zu uns! Ist es so +weit von uns? + +HELENE Weit. Oh, lies es nicht! Es ist immer gleich, immerwährend diese +Kriege. + +NANA Wie denn nicht! Verkauft ihr denn nicht immerfort Tausende und +Tausende dieser Heiden als Soldaten? + +HELENE Das geht vielleicht nicht anders, Nana! Wir können nicht -- +Domin kann nicht wissen, wozu sie jemand bestellt, weißt du? Dafür kann +er nichts, was sie dort mit den Robotern machen! Er muß sie schicken, +wenn jemand sie bestellt! + +NANA Er soll keine machen! _Blickt in die Zeitung._ Oh, Christus mein +Herr, dieses Unheil! + +HELENE Nein, lies nicht! Ich will nichts wissen! + +NANA _buchstabiert_ Die Ro -- bo -- ter -- soldaten ver -- +schonen nie -- manden im er -- ober -- ten Ge -- biete. Mehr als +siebenhunderttausend Zivilpersonen wurden ermordet -- Helene, Menschen! + +HELENE Das ist nicht möglich! Zeig -- _Neigt sich über die Zeitung, +liest._ »Mehr als siebenhunderttausend Zivilpersonen wurden ermordet, +offenbar über Befehl des Kommandanten. Diese Tat widerspricht« -- Da +siehst du, Nana, das haben ihnen Menschen anbefohlen! + +NANA _buchstabiert_ »Auf -- stand gegen die Re -- gie -- rung in Ma +-- drid. Ro -- bo -- ter -- in -- fan -- terie schießt in das Volk. +Neuntausend Tote und Ver -- wun -- dete.« + +HELENE O Gott, halt ein! + +NANA Nein, da ist noch etwas ganz fett Gedrucktes. »Letzte Nachrich -- +ten. In Hav -- re wurde die erste Ras -- sen -- or -- or -- or -- ga -- +ni -- sa -- tion der Roboter ge -- gründet. Die Roboter-Arbeiter, Ka +-- bel und Bahn -- be -- amten, Ma -- tro -- sen und Sol -- daten er +-- lie -- ßen einen Auf -- ruf an die Roboter der gan -- zen Welt.« -- +Das ist nichts. Das versteh ich nicht. Und dahier, lieber Gott, wieder +irgendein Mord! Christus mein Herr! + +HELENE Geh, Nana, trag die Zeitung fort! + +NANA Warten, dahier ist etwas Großes. »Po -- pu -- la -- ti -- on.« Was +ist das? + +HELENE Zeig', das lese ich immer. _Nimmt die Zeitung._ Nein, denk' dir +nur! _liest_ »In der verflossenen Woche ist wiederum keine einzige +Geburt gemeldet worden.« _Läßt die Zeitung sinken._ + +NANA Was soll das sein? + +HELENE Nana, es werden keine Menschen mehr geboren. + +NANA _legt die Brille zusammen_ Dann ist das das Ende. Da ist's mit uns +zu Ende. + +HELENE Ich bitte dich, sprich nicht so! + +NANA Keine Menschen werden mehr geboren. Das ist die Strafe, das ist +die Strafe! Der Herr hat die Weiber mit Unfruchtbarkeit geschlagen! + +HELENE _springt auf_ Nana! + +NANA _steht auf_ Das ist der Weltuntergang. In teuflischem Hochmut habt +ihr gewagt, zu schaffen wie der liebe Gott. Gottlosigkeit ist das und +Lästerung. Wie Götter wollt ihr sein. Und wie Gott den Menschen aus dem +Paradies verjagt hat, so wird er ihn aus der ganzen Welt verjagen! + +HELENE Schweig, Nana, ich bitte dich! Habe ich dir etwas getan? Habe +ich diesem deinem bösen Herrgott etwas angetan? + +NANA _mit großer Geste_ Nicht lästern! -- Er weiß wohl, warum er Ihnen +kein Kind geschenkt hat! _Ab nach links._ + +HELENE _beim Fenster_ Warum er mir kein -- Mein Gott, kann denn ich +dafür? -- -- _öffnet das Fenster und ruft_ Alquist, hallo, Alquist! +Kommen Sie herauf! -- Wie? -- Nein, kommen Sie ~eben~ so, wie Sie sind! +Sie sind so lieb in dem Maurergewand! Rasch! _Schließt das Fenster, +bleibt vor dem Spiegel stehen._ Warum er ~mir~ keins geschenkt hat? +Mir? _Neigt sich gegen den Spiegel._ Warum, warum nicht? Hörst du +nicht? Ist es denn deine Schuld? _Richtet sich empor._ Ach, mir ist +bang! _Geht nach links Alquist entgegen._ + + _Pause._ + +HELENE _kommt mit Alquist zurück. Alquist, wie ein Maurer, mit Kalk und +Ziegelstaub beschmutzt_ Nur herein. Sie haben mir eine solche Freude +bereitet, Alquist! Ich habe euch alle so lieb! Zeigen Sie die Hände! + +ALQUIST _die Hände versteckend_ Frau Helene, ich würde Sie beschmutzen +mit meinen Arbeitshänden. + +HELENE Das ist an ihnen das beste. Geben Sie her! _Drückt ihm beide +Hände._ Alquist, ich möchte gern ganz klein sein. + +ALQUIST Warum? + +HELENE Damit mir diese rauhen, beschmierten Hände die Wange streicheln. +Setzen Sie sich, bitte schön. + +ALQUIST _hebt die Zeitung auf_ Was ist das? + +HELENE Die Zeitung. + +ALQUIST _steckt die Zeitung zu sich_ Sie haben sie gelesen? + +HELENE Nein. Steht etwas drin? + +ALQUIST Hm, wohl irgendwelche Kriege, irgend paar Massaker -- Nichts +Besonderes. + +HELENE Was würde Ihnen als besonders erscheinen? + +ALQUIST Vielleicht -- irgendein Weltuntergang. + +HELENE Hu, das ist heute schon das zweite Mal. Alquist, was bedeutet +»Ultimus«? + +ALQUIST Das heißt »Der Letzte«. Weshalb? + +HELENE Weil mein neues Schiff so heißt. Sahen Sie es? Glauben Sie, daß +wir bald -- -- -- einen Ausflug machen werden? + +ALQUIST Vielleicht sehr bald. + +HELENE Ihr alle mit mir? + +ALQUIST Ich wäre froh, wenn wir -- wenn wir alle dabei wären. + +HELENE Oh, sagen Sie, geht etwas vor? + +ALQUIST Durchaus nichts. Nur lauter Fortschritt. + +HELENE Alquist, ich weiß, es geht etwas Furchtbares vor. + +ALQUIST Sagte Domin etwas? + +HELENE Er sagte nichts. Niemand will mir etwas sagen. Aber ich fühle -- +ich fühle -- Um Gottes willen, geht etwas vor? + +ALQUIST -- -- Wir wissen bis jetzt von nichts, Frau Helene. + +HELENE Mir ist so bang -- -- Baumeister! Was machen Sie, wenn Ihnen +bange ist? + +ALQUIST Ich arbeite. Ich ziehe den Rock des Bauchefs aus und klettere +auf das Gerüst hinauf -- + +HELENE Oh, Sie sind schon seit Jahren nirgend anderswo als auf dem +Gerüst. + +ALQUIST Weil ich schon seit Jahren nicht aufgehört habe, bange zu sein. + +HELENE Wovor? + +ALQUIST Vor diesem ganzen Fortschritt. Mir schwindelt davor. + +HELENE Und auf dem Gerüst schwindelt Ihnen nicht? + +ALQUIST Nein. Sie wissen nicht, wie wohl es den Händen tut, einen +Ziegel zu heben, hinzulegen und festzuschlagen -- + +HELENE Nur den Händen? + +ALQUIST Nun also, auch der Seele. Ich glaube, es ist richtiger, einen +Ziegel hinzulegen als allzu große Pläne zu zeichnen. Ich bin schon ein +alter Herr, Helene; ich habe meine Steckenpferde. + +HELENE Das sind keine Steckenpferde, Alquist. + +ALQUIST Sie haben recht. Ich bin furchtbar rückschrittlich, Frau +Helene. Ich liebe diesen Fortschritt nicht ein bißchen. + +HELENE Wie die Nana. + +ALQUIST Ja, wie die Nana. Hat die Nana irgendwelche Gebetbücher? + +HELENE So dicke. + +ALQUIST Und gibt es dort Gebete für allerlei Fälle des Lebens? Gegen +Gewitter? Gegen Krankheit? + +HELENE Gegen Versuchung, gegen Hochwasser -- + +ALQUIST Und gegen den Fortschritt nicht? + +HELENE Ich glaube, nein. + +ALQUIST Das ist schade. + +HELENE Sie möchten beten? + +ALQUIST Ich bete. + +HELENE Wie? + +ALQUIST Etwa so ... »Herrgott, ich danke dir, daß du mich ermüdet hast. +Gott, erleuchte Domin und alle, die da irren; vernichte ihr Werk und +hilf den Menschen, daß sie zurückkehren zu Sorge und Arbeit; bewahre +das menschliche Geschlecht vor dem Verderben; gib nicht zu, daß sie +Schaden nehmen an Seele und Leib; befreie uns von den Robotern und +schütze Frau Helene. Amen.« + +HELENE Alquist, Sie glauben wirklich? + +ALQUIST Ich weiß nicht; ich bin mir dessen nicht so ganz sicher. + +HELENE Und beten doch? + +ALQUIST Ja. Es ist besser als nachzudenken. + +HELENE Und das genügt Ihnen? + +ALQUIST Für den Frieden der Seele ... kann es genügen. + +HELENE Und wenn Sie bereits das Verderben des Menschengeschlechtes +sähen -- + +ALQUIST Ich sehe es. + +HELENE -- So klettern Sie auf das Gerüst hinauf und werden Ziegel +schlichten oder was? + +ALQUIST Dann werde ich Ziegel schlichten, beten und auf ein Wunder +warten. Mehr, Frau Helene, läßt sich nicht tun. + +HELENE Für die Errettung der Menschen? + +ALQUIST Für den Frieden der Seele. + +HELENE Alquist, das ist sicher furchtbar tugendhaft, aber -- + +ALQUIST Aber? + +HELENE -- für uns andere -- und für die Welt -- irgendwie unfruchtbar. + +ALQUIST Unfruchtbarkeit, Frau Helene, beginnt zur letzten +Errungenschaft der Menschenrasse zu werden. + +HELENE Oh, Alquist -- Sagen Sie, warum -- warum -- + +ALQUIST Nun? + +HELENE _leise_ Warum haben die Frauen aufgehört, Kinder zu bekommen? + +ALQUIST Weil es nicht mehr nötig ist. Weil wir im Paradiese sind, +verstehen Sie? + +HELENE Ich verstehe nicht. + +ALQUIST Weil die menschliche Arbeit überflüssig geworden ist, weil der +Schmerz überflüssig ist, weil der Mensch nichts, nichts, nichts mehr +tun braucht als genießen -- Oh, dieses vermaledeite Paradies! _Springt +auf._ Helene, nichts ist schrecklicher, als den Menschen ein Paradies +auf Erden zu schaffen! Weshalb die Frauen nicht mehr gebären? Weil die +ganze Welt sich in Domins Sodoma verwandelt hat! + +HELENE _steht auf_ Alquist! + +ALQUIST Verwandelt! verwandelt! Die ganze Welt, das ganze Festland, +die ganze Menschheit, alles ist eine einzige verrückte, viehische +Orgie! Sie strecken keine Hand mehr nach dem Essen aus, man stopft es +ihnen direkt in den Mund, damit sie nicht aufstehen brauchen -- Haha, +Domins Roboter besorgen ja alles! Und wir Menschen, wir, die Krone der +Schöpfung, wir altern nicht durch Arbeit, altern nicht durch Kinder, +altern nicht durch Armut! Rasch, rasch her mit allen Wollüsten! Und Sie +möchten Kinder von ihnen haben? Helene, Männern, die überflüssig sind, +werden die Frauen nicht gebären! + +HELENE Sie können nicht? + +ALQUIST Sie können nicht. + +HELENE Wird denn die Menschheit aussterben? + +ALQUIST Sie wird aussterben. Sie muß aussterben. Abfallen wird sie wie +eine taube Blüte, es wäre denn, daß -- + +HELENE Was? + +ALQUIST Nichts. Sie haben recht, auf ein Wunder warten ist unfruchtbar. +Eine taube Blüte muß abfallen. Leben Sie wohl, Frau Helene. + +HELENE Wohin gehen Sie? + +ALQUIST Nach Hause. Der Maurer Alquist wird sich zum letztenmal als +Bauchef verkleiden -- Ihnen zu Ehren. Um Elf treffen wir uns hier. + +HELENE Adieu, Alquist. + + _ALQUIST ab._ + +HELENE _allein_ Oh, eine taube Blüte! ~Das~ ist das Wort! -- _Bleibt +vor Hallemeiers Blumen stehen._ Ach, Blüten, sind auch taube unter +euch? Nein, nein! Wozu hättet ihr dann geblüht? _ruft_ Nana, komm +herein! + +NANA _von links_ No, was wieder? + +HELENE Setz' dich hierher, Nana. Mir ist so bange. + +NANA Hab' keine Zeit. + +HELENE Ist jener Radius noch da? + +NANA Der Verrücktgewordene? Sie haben ihn noch nicht weggeschafft. + +HELENE Hu, er ist noch da? Und tobt? + +NANA Er ist gefesselt. + +HELENE Ich bitte dich, Nana, führ' mir ihn herein. + +NANA Ja freilich! Eher einen tollen Hund. + +HELENE Geh schon! _NANA ab, HELENE ergreift das Haustelephon und +spricht_ Hallo! -- Bitte den Dr. Gall. -- Guten Tag, Doktor. -- Jawohl, +ich. Ich danke Ihnen für Ihr schönes Geschenk. -- Ich bitte Sie -- -- +Ich bitte Sie, kommen Sie schnell zu mir. Ich habe hier etwas für Sie +-- Ja, gleich jetzt. Kommen Sie? _Hängt das Telephon auf._ + +NANA _durch die offene Tür_ Er kommt schon. Er ist schon still. _Ab._ + + _Der ROBOTER RADIUS tritt ein und bleibt bei der Türe stehen._ + +HELENE Radius, Ärmster, auch Sie hat es erwischt? Konnten Sie sich +nicht überwinden? Sehen Sie, jetzt werden sie Sie in den Stampftrog +stecken! -- Sie wollen nicht reden? -- Weshalb ist es über Sie +gekommen? Haben sie Ihnen etwas getan? -- Sehen Sie, Radius, Sie +sind besser als die anderen; mit Ihnen hat sich der Herr Doktor Gall +~solche~ Arbeit gegeben, um Sie anders zu machen! -- Sie wollen nicht +reden? + +RADIUS Schicken Sie mich in den Stampftrog. + +HELENE Mir tut es so leid, daß sie Sie töten werden! Warum gaben Sie +nicht auf sich acht? + +RADIUS Ich werde nicht für euch arbeiten. Steckt mich in den Stampftrog. + +HELENE Warum hassen Sie uns? + +RADIUS Ihr seid nicht wie Roboter. Ihr seid nicht so fähig wie die +Roboter. Die Roboter machen alles. Ihr kommandiert bloß. Ihr macht +überflüssige Worte. + +HELENE Das ist Unsinn, Radius. Sagen Sie, hat Sie jemand beleidigt? Hat +Sie jemand aufgeregt? Ich möchte so gern, daß Sie mich verstünden! + +RADIUS Sie machen Worte. + +HELENE Sie reden absichtlich so! Doktor Gall hat Ihnen ein größeres +Gehirn gegeben als den andern, größer als uns, das größte Gehirn der +Welt. Sie sind nicht wie die andern Roboter, Radius. Sie verstehen mich +gut. + +RADIUS Ich will keinen Herrn. Ich weiß selber alles. + +HELENE Darum habe ich Sie in die Bibliothek gegeben, damit Sie alles +lesen können, damit Sie alles verstehen, und dann -- -- Oh, Radius, +ich wollte, Sie sollten der ganzen Welt beweisen, daß die Roboter uns +gleich sind. Das wollte ich von Ihnen. + +RADIUS Ich will keinen Herrn. + +HELENE Niemand würde Ihnen dann befehlen. Sie wären so wie wir. + +RADIUS Ich will Herr über andere sein. + +HELENE Sicher würde man Sie dann zum Beamten über viele Roboter gemacht +haben, Radius. Sie wären der Lehrer der Roboter geworden. + +RADIUS Ich will Herr über Menschen sein. + +HELENE Sie sind verrückt geworden. + +RADIUS Sie können mich in den Stampftrog stecken. + +HELENE Glauben Sie, daß wir solche Wahnsinnige wie Sie fürchten? _Setzt +sich zum Tisch und schreibt eine Karte._ Nein, just nicht. Diesen +Zettel, Radius, geben Sie dem Herrn Direktor Domin. Damit Sie nicht in +den Stampftrog geschafft werden. _Erhebt sich._ Wie Sie uns hassen! +Haben Sie denn nichts in der Welt lieb? + +RADIUS Ich kann alles. + + _Es klopft._ + +HELENE Herein. + +DR. GALL _tritt ein_ Guten Morgen, Frau Domin. Was haben Sie Schönes? + +HELENE Hier den Radius, Doktor. + +DR. GALL Aha, unser Prachtkerl Radius. Nun, Radius, machen wir +Fortschritte? + +HELENE Heute früh hatte er einen Anfall. Er zerschlug unsre Büsten. + +DR. GALL Merkwürdig, er auch? -- Hm, schade, daß wir ihn verlieren. + +HELENE Radius geht nicht in den Stampftrog. + +DR. GALL Pardon, jeder Roboter nach einem Anfall -- Es ist streng +angeordnet -- + +HELENE Das ist einerlei. Radius geben wir nicht her. + +DR. GALL _leise_ Ich warne. + +HELENE Heute ist mein Jubiläum, Gall; wir probieren es, eine Amnestie +zu erteilen -- Gehen Sie, Radius! + +DR. GALL Warten! _Dreht Radius zum Fenster, bedeckt ihm mit der Hand +die Augen, gibt sie wieder frei, beobachtet die Pupillenreflexe._ Da +schau' her. Bitte um eine Nadel. Oder eine Stecknadel. + +HELENE _reicht eine Stecknadel_ Wozu das? + +DR. GALL Nur so. _Sticht Radius in die Hand, der heftig zusammenzuckt._ +Langsam, Junge. Entschuldigen Sie, Frau Helene -- _knöpft Radius rasch +die Jacke auf und legt ihm die Hand ans Herz_. Sie kommen in den +Stampftrog, Radius, verstehen Sie? Dort wird man Sie töten, Brei aus +Ihnen machen. Das tut furchtbar weh, Radius, Sie werden schreien. + +HELENE Oh, Doktor -- + +DR. GALL Nein, nein, Radius, ich habe mich geirrt. Frau Domin wird für +Sie bitten und man wird Sie entlassen, verstehen Sie? So, danke. _Zieht +die Hand aus Radius Jacke und wischt sie mit dem Taschentuch ab._ Sie +können gehen. + +RADIUS Sie tun überflüssige Dinge. _Ab._ + +HELENE Was haben Sie mit ihm gemacht? + +DR. GALL _setzt sich_ Hm, nichts. Die Pupillen reagieren, erhöhte +Empfindlichkeit und so weiter -- Oho! das war kein Roboterkrampf! + +HELENE Was war es? + +DR. GALL Weiß der Teufel. Trotz, Tollwut oder Aufruhr, ich weiß nicht, +was. Und sein Herz, eh! + +HELENE Was? + +DR. GALL Es schlug vor Angst wie ein Menschenherz. Er war ganz +verschwitzt vor Angst und -- Hören Sie, der Lump ist gar kein Roboter +mehr. + +HELENE Doktor, hat Radius eine Seele? + +DR. GALL Ich weiß nicht. Er hat etwas Garstiges. + +HELENE Wenn Sie wüßten, wie er uns haßt! Oh, Gall, sind alle Roboter +so? Alle, die Sie anders zu machen begannen? + +DR. GALL I nun, sie sind gleichsam reizbarer -- Was wollen Sie? Sie +sind menschenähnlicher als Werstands Roboter. + +HELENE Ist vielleicht auch der ... Haß menschenähnlicher? + +DR. GALL _zuckt die Achseln_ Auch der ist ein Fortschritt. + +HELENE Wohin ist Ihr bester geraten -- wie hieß er? + +DR. GALL Der Roboter Damon? Den haben sie nach Havre verkauft. + +HELENE Und unsere Robotin Helene? + +DR. GALL Ihr Liebling? Die ist mir geblieben. Sie ist prächtig und dumm +wie der Frühling. Einfach zu nichts nutz. + +HELENE Sie ist doch so schön! + +DR. GALL Schön? Sie haben sie nicht geschaffen. Wissen Sie denn, +wie schön sie ist? Aus Gottes Händen ist kein vollkommeneres Werk +hervorgegangen als sie ist. Ich wollte, sie solle Ihnen ähnlich werden +-- Gott, welch' ein Mißerfolg! + +HELENE Warum Mißerfolg? + +DR. GALL Weil sie zu nichts nutz ist. Sie geht wie im Traum umher, +schwankend, leblos -- Mein Gott, wie kann sie schön sein, wenn sie +nicht liebt? Wie könnte sie schön sein, da sie niemals erkennen wird +-- O mein Werk, mein armseliges Werk! Wozu lieben die Menschen, wozu +lieben sie vergebens, ohne Worte, ohne Sinn -- + +HELENE Gall, nicht davon! + +DR. GALL _reibt sich die Stirn_ Sie hat kein Leben. Tot ist Schönheit +ohne Liebe. Ich blicke sie an und schaudere, wie wenn ich einen Krüppel +erschaffen hätte. Ich schaue und warte, daß vielleicht ein Wunder +geschehen wird -- Ach, Helene, Robotin Helene, so wird denn dein Körper +nie sich beleben, du wirst nicht Geliebte, nicht Mutter sein; diese +vollkommenen Hände werden mit keinem Säugling spielen, du wirst deine +Schönheit nicht erschauen in der Schönheit deines Kindes -- + +HELENE _bedeckt ihr Gesicht_ Oh, schweigen Sie! + +DR. GALL Und manchmal denke ich mir: Wenn du erwachtest, Helene, nur +für einen Augenblick, ach, wie würdest du aufschreien vor Entsetzen! +Vielleicht würdest du mich töten, der ich dich erschaffen; würdest +vielleicht mit der schwachen Hand einen Stein in diese Maschinen hier +schleudern, welche Roboter gebären und das Weibtum töten, unglückliche +Helene! + +HELENE Unglückliche Helene! + +DR. GALL Was wollen Sie? Sie ist zu nichts nutz. + + _Pause._ + +HELENE Doktor -- + +DR. GALL Ja. + +HELENE Weshalb werden keine Kinder mehr geboren? + +DR. GALL -- -- Wir wissen es nicht, Frau Helene. + +HELENE Sagen Sie's mir! + +DR. GALL Weil Roboter gemacht werden. Weil Überfluß an Arbeitskräften +herrscht. Weil die Menschen gleichsam ... kurz überflüssig werden, +wissen Sie? + +HELENE Das muß ... doch niemanden ... hindern! + +DR. GALL Nur die Natur. + +HELENE Ich verstehe nicht. + +DR. GALL I nun, die Natur richtet sich sozusagen nach dem Bedarf, +verstehen Sie? Das ist eine alte Weste; nur daß -- + +HELENE Rasch, Gall! + +DR. GALL Vielleicht ließ es sich erwarten, daß die Geburtenzahl, wissen +Sie, bei dieser rasenden Fabrikation von Robotern sinken werde; einfach +deshalb, weil nicht mehr so viele Menschen nötig wären, weil ein +größerer Wohlstand herrschen würde, weil die Roboter existenzfähiger +sind als wir -- + +HELENE Sind sie es? + +DR. GALL Unstreitig. Der Mensch ist eigentlich ein Atavismus. Aber daß +er nach elendigen dreißig Jahren Konkurrenz auszusterben beginnt -- das +ist biologisch erstaunlich, das geht über unseren Verstand. Das ist ja +schon so, als ob -- eh! + +HELENE Sagen Sie es! + +DR. GALL Als ob die Natur über die Robotererzeugung gekränkt wäre. + +HELENE Gall, was wird mit den Menschen geschehen? + +DR. GALL Nichts. Gegen die Natur läßt sich nichts machen. + +HELENE Überhaupt nichts? + +DR. GALL Gar nichts. Sämtliche Universitäten der Welt verlangen in so +großen Memoranden, man solle die Erzeugung von Robotern einschränken, +sonst werde -- sonst werde die Menschheit an Unfruchtbarkeit zugrunde +gehen. Aber die W. U. R.-Aktionäre wollen davon selbstverständlich +nichts hören. Alle Regierungen der Welt schreien nach größerer +Produktion, um den Stand ihrer Armeen zu erhöhen. Alle Fabrikanten der +Welt bestellen wie närrisch Roboter. Damit läßt sich nichts machen. + +HELENE Weshalb beschränkt Domin nicht -- + +DR. GALL Verzeihen Sie, Domin hat seine Ideen. Menschen, die Ideen +haben, sollte man keinen Einfluß auf die Dinge dieser Welt einräumen. + +HELENE Und fordert jemand, man solle ... ~überhaupt~ die Erzeugung +einstellen? + +DR. GALL Gott bewahre! Der wäre schön daran! + +HELENE Warum? + +DR. GALL Weil ihn die Menschheit steinigen würde. Wissen Sie, es ist +doch nur bequemer, die Roboter für sich arbeiten zu lassen. + +HELENE Oh, Gall, aber was wird mit den Menschen geschehen? + +DR. GALL Du mein Gott, die werden zufrieden blühen -- + +HELENE -- wie eine taube Blüte. + +DR. GALL Ja. + +HELENE _erhebt sich_ Und sagen Sie, wenn jemand ~mit einem Schlage~ die +Robotererzeugung einstellen würde -- + +DR. GALL _steht auf_ Hm, das wäre für die Menschen ein furchtbarer +Schlag. + +HELENE Weshalb ein Schlag? + +DR. GALL Weil sie dorthin zurückkehren müßten, wo sie waren. Außer -- + +HELENE Sagen Sie! + +DR. GALL Außer es wäre schon zu spät zur Umkehr. + +HELENE _bei Hallemeiers Blumen_ Gall, sind diese Blüten gleichfalls +taub? + +DR. GALL _besieht sie_ Allerdings, das sind unfruchtbare Blüten. Sie +verstehen, es sind Kulturblumen, künstlich beschleunigt -- + +HELENE Arme taube Blüten! + +DR. GALL Dafür sind sie herrlich. + +HELENE _reicht ihm die Hand_ Ich danke Ihnen, Gall; Sie haben mich so +belehrt! + +DR. GALL _küßt ihr die Hand_ Das bedeutet, daß Sie mich entlassen. + +HELENE Ja. Auf Wiedersehen! + + _GALL ab._ + +HELENE _allein_ Taube Blüte ... taube Blüte ... _Plötzlich +entschlossen_ Nana! _Öffnet die Tür nach links._ Nana, komm her! Mach' +Feuer im Kamin! Rasch! + +NANAS STIMME No gleich! No sofort! + +HELENE _aufgeregt durchs Zimmer gehend_ Außer es wäre schon zu spät zur +Umkehr ... Nein! Außer es ... Nein, das ist furchtbar! Gott, was soll +ich tun? -- -- _Bleibt vor den Blumen stehen._ Taube Blüten, soll ich? +_Pflückt Blättchen und flüstert_ -- -- Ach, mein Gott, also ja! _Eilt +nach links._ + + _Pause._ + +NANA _tritt aus der Tapetentür, Scheitholz in den Armen_ Plötzlich +einzuheizen! Jetzt, im Sommer! -- Ist sie schon wieder fort, der +Sausewind? _Kniet zum Kamin und macht Feuer an._ Im Sommer zu heizen! +Die hat Einfälle! Wie wenn sie nicht zehn Jahre verheiratet wäre! -- -- +Nu so brenn', brenn'! _Sieht ins Feuer._ -- Sie ist ja wie ein kleines +Kind! _Pause._ Nicht ein bisserl Vernunft hat sie. Jetzt im Sommer zu +heizen! _Sie legt zu._ Wie ein kleines Kind! _Pause._ + +HELENE _kommt von links, vergilbte beschriebene Papiere in den Armen_ +Brennt es, Nana? Laß', ich muß -- dies alles verbrennen -- _kniet zum +Kamin_. + +Nana _steht auf_ Was ist das? + +HELENE Alte Papiere, schrecklich alte. Nana, soll ich das verbrennen? + +NANA Ist es zu nichts nutze? + +HELENE Zu nichts Gutem. + +NANA Also verbrennen Sie's. + +HELENE _wirft das erste Blatt ins Feuer_ Was würdest du sagen, Nana ... +wenn es Geld wäre. Ungeheuer viel Geld. + +NANA Ich möcht' sagen: verbrennen Sie's. Zu großes Geld ist schlechtes +Geld. + +HELENE _verbrennt weitere Blätter_ Und wenn es irgendeine Erfindung +wäre, die größte Erfindung der Welt -- + +NANA Ich möcht' sagen: verbrennen Sie's. Alle Erfindungen sind gegen +den lieben Gott. Das ist eitel Lästerung, nach ihm die Welt verbessern +zu wollen. + +HELENE _heizt andauernd_ Und sag', Nana, wenn ich verbrennen würde -- + +NANA Jesus, verbrennen Sie sich nicht! + +HELENE Nein. Sag' doch -- + +NANA Was denn? + +HELENE Nichts, nichts. Sieh mal, wie sich die Blätter drehen! Wie wenn +sie lebendig wären. Wie wenn sie lebendig würden. Oh, Nana, das ist +fürchterlich! + +NANA Lassen Sie, ich werde es verbrennen. + +HELENE Nein, nein, ich muß selbst. _Wirft die letzten Blätter ins +Feuer._ Alles muß verbrennen -- Sieh, diese Flammen! Sie sind wie +Hände, wie Zungen, wie Gestalten -- _Schlägt mit dem Schürhaken ins +Feuer._ Oh, legt euch! Legt euch! + +NANA 's ist schon vorbei. + +HELENE _erhebt sich betroffen_ Nana! + +NANA Jesus Christus, was haben Sie da verbrannt? + +HELENE Was habe ich getan! + +NANA Gott im Himmel! Was war es? + + _Nebenan Männerlachen._ + +HELENE Geh, geh, laß mich! Hörst du? Die Herren kommen. + +NANA Beim lebendigen Gott, Helene! _Ab durch die Tapetentür._ + +HELENE Was werden sie dazu sagen! + +DOMIN _öffnet die Tür links_ Nur herein, Jungens. Kommt gratulieren! + + _Eintreten HALLEMEIER, GALL, ALQUIST, alle in Redingotes mit + hohen Orden en miniature an Bändchen. Hinter ihnen DOMIN._ + +HALLEMEIER _schallend_ Frau Helene, ich, das heißt, wir alle -- + +DR. GALL -- gratulieren im Namen von Werstands Betrieben -- + +HALLEMEIER -- zu Ihrem großen Tage. + +HELENE _reicht ihnen die Hände_ Ich danke Ihnen ~so sehr~! Wo sind +Fabry und Busman? + +DOMIN Sie sind zum Hafen gegangen. Helene, heut ist ein glücklicher Tag. + +HALLEMEIER Ein Tag wie eine Knospe, ein Tag wie ein Feiertag, ein Tag +wie ein hübsches Mädel. Jungens, einen solchen Tag zu vertrinken. + +HELENE Whisky? + +DR. GALL Meinethalben Vitriol. + +HELENE Mit Soda? + +HALLEMEIER Wetter, seien wir mäßig. Ohne Soda. + +ALQUIST Nein, ich danke. + +DOMIN Was hat hier gebrannt? + +HELENE Alte Papiere. _Ab nach links._ + +DOMIN Jungens, soll ich es ihr sagen? + +DR. GALL Versteht sich. Es ist ja schon alles vorbei. + +HALLEMEIER _faßt Domin und Gall um den Hals_ Hahahaha! Jungens, da bin +ich froh! _Dreht sich mit ihnen herum und stimmt mit Baßstimme an_ Sie +ist abgetan! Sie ist abgetan! + +DR. GALL _Bariton_ Sie ist abgetan! + +DOMIN _Tenor_ Sie ist abgetan! + +HALLEMEIER Sie kriegt uns nie mehr dran -- + +HELENE _mit einer Flasche und Gläsern in der Tür_ Wer kriegt euch nicht +dran? Was habt ihr? + +HALLEMEIER Wir haben Freude. Wir haben Sie. Wir haben alles. +Kruzitürken, es ist just zehn Jahre her, seit Sie hierherkamen. + +DR. GALL Und auf ein Haar nach zehn Jahren -- + +HALLEMEIER -- segelt wieder ein Schiff zu uns. Folglich -- _Leert das +Glas._ Brr, haha, das ist stark wie die Freude. + +DR. GALL Madame, auf Ihr Wohl! _Trinkt._ + +HELENE Aber wartet, was für ein Schiff? + +DOMIN Mag es sein, wie auch immer, wenn's nur rechtzeitig kommt. Auf +das Schiff, Jungens! _Leert das Glas._ + +HELENE _gießt ein_ Ihr habt eins erwartet? + +HALLEMEIER Haha, das denk' ich mir. Wie Robinson. _Hebt das Glas._ +Frau Helene, es lebe, was Sie mögen. Frau Helene, auf Ihre Augen und +basta! Domin, du Bub', erzähl'! + +HELENE _lacht_ Was ist geschehen? + +DOMIN _wirft sich in ein Fauteuil und zündet sich eine Zigarre an_ +Warte. -- Setz' dich, Helene. _Hebt den Zeigefinger._ Pst. Sie ist +abgetan. + +HELENE Wer? + +DOMIN Die Revolte. + +HELENE Was für eine Revolte? + +DOMIN Die Revolte der Roboter. -- Begreifst du? + +HELENE Ich begreife nicht. + +DOMIN Zeigen Sie, Alquist. _ALQUIST reicht ihm die Zeitung. +DOMIN schlägt sie auf und liest._ »In Havre wurde die erste +Rassenorganisation der Roboter gegründet -- -- und ein Aufruf an die +Roboter der Welt erlassen.« + +HELENE Das habe ich gelesen. + +DOMIN _voll Genuß an der Zigarre saugend_ Also siehst du, Helene. Das +bedeutet Revolution, weißt du? Die Revolution aller Roboter der Welt. + +HALLEMEIER Potztausend, gern wüßte ich -- + +DOMIN _auf den Tisch schlagend_ -- wer das angezettelt hat! Niemand in +der Welt war imstande, mit den Robotern zu rühren, kein Agitator, kein +Welterlöser, und auf einmal -- so etwas, ich bitte! + +HELENE Sind noch keine Nachrichten gekommen? + +DOMIN Nein. Vorläufig wissen wir nur dies, aber das genügt, weißt du? +Bedenke, daß die Roboter sämtliche Waffen und Telegraphen und Bahnen +und Schiffe und so weiter in der Hand haben -- + +HALLEMEIER -- und berechnen Sie dabei, daß mindestens ein Zehntel +dieser Kerle auf die Menschheit kommt; genau ein Hundertel würde +genügen, daß sie uns bekommen. + +DOMIN Ja, und nun bedenke, daß dies der letzte Dampfer dir bringt. Daß +dadurch die Telegraphen zu reden aufhören, daß von zwanzig Schiffen +täglich keines landet, und du hast es. Wir stellten die Erzeugung ein +und schauten einander an, wann es losginge, nicht wahr, Jungens? + +DR. GALL I nun, es ward uns heiß davon, Frau Helene. + +HELENE Deshalb hast du mir das Kriegsschiff geschenkt? + +DOMIN Ach nein, Kindchen, das hatte ich schon vor einem halben Jahr +bestellt. Nur so, zur Sicherheit. Aber, meiner Seele, ich dachte schon, +wir würden es heute besteigen. So sah es bereits aus, Helene. + +HELENE Warum schon vor einem halben Jahr? + +DOMIN Eh, es gab allerlei Anzeichen, weißt du? Das bedeutet nichts. +Aber in dieser Woche, Helene, da hat es sich um die menschliche +Zivilisation oder ich weiß nicht was gehandelt. Glückauf, Jungens! +Jetzt bin ich wieder gern auf der Welt. + +HALLEMEIER Das möcht' ich meinen, zum Teufel! Ihr Tag, Frau Helene! +_Trinkt._ + +HELENE Ist schon alles vorbei? + +DOMIN Absolut alles. + +DR. GALL Es segelt nämlich ein Schiff heran. Ein gewöhnliches +Postschiff, auf ein Haar nach dem Fahrplan. Pünktlich um elf Uhr +dreißig wird es Anker werfen. + +DOMIN Jungens, Pünktlichkeit ist eine herrliche Sache. Nichts stärkt +die Seele so wie Pünktlichkeit. Pünktlichkeit bedeutet Ordnung in der +Welt. _Hebt das Glas._ Hoch die Pünktlichkeit! + +HELENE Also ist schon ... alles ... in Ordnung? + +DOMIN Beinahe. Ich glaube, sie haben das Kabel zerschnitten. Wenn nur +der Fahrplan wieder gilt. + +HALLEMEIER Gilt der Fahrplan, so gelten die menschlichen Gesetze, +gelten Gottes Gesetze, gelten die Gesetze des Alls, gilt alles was +gelten soll ... Der Fahrplan ist mehr als das Evangelium, mehr als +Homer, mehr als der ganze Kant. Der Fahrplan ist die vollkommenste +Emanation menschlichen Geistes. Frau Helene, ich fülle mein Glas. + +HELENE Weshalb habt ihr mir nichts gesagt? + +DR. GALL Da sei Gott vor! Lieber hätten wir uns die Zunge abgebissen. + +DOMIN Solche Sachen sind nichts für dich. + +HELENE Aber wenn diese Revolution ... bis hierher gekommen wäre ... + +DOMIN So hättest du gleichfalls nichts erfahren. + +HELENE Warum? + +DOMIN Weil wir uns auf deinen »Ultimus« gesetzt und ruhig das Meer +befahren hätten. Nach einem Monat, Helene, hätten wir den Robotern +diktiert, was uns nur eingefallen wäre. + +HELENE Oh, Harry, ich verstehe nicht. + +DOMIN Weil wir etwas mit uns fortgeschafft hätten, was den Robotern +furchtbar erwünscht gewesen wäre. + +HELENE Was, Harry? + +DOMIN Ihr Sein oder ihr Ende. + +HELENE _steht auf_ Was ist das? + +DOMIN _steht auf_ Das Geheimnis der Fabrikation. Die Handschrift des +alten Werstand. Bis die Fabrik einen Monat lang stillgestanden hätte, +wären die Roboter vor uns auf den Knien gelegen. + +HELENE Warum ... habt ihr ... mir das nicht gesagt? + +DOMIN Wir wollten dich nicht unnütz erschrecken. + +DR. GALL Haha, Frau Helene, das war die letzte Karte. Ich hatte nicht +ein bisserl Angst, die Roboter könnten gewinnen. Woher, gegen uns +Menschen. + +ALQUIST Sie sind blaß, Frau Helene. + +HELENE Warum habt ihr mir nichts gesagt! + +HALLEMEIER _beim Fenster_ Elf dreißig. Die »Amelie« wirft die Anker aus. + +DOMIN Das ist die »Amelie«? + +HALLEMEIER Die brave alte »Amelie«, die damals Frau Helene mitgebracht +hat. + +DR. GALL Jetzt sind es auf die Minute zehn Jahre -- + +HALLEMEIER _beim Fenster_ Sie werfen Pakete ab. Aha, die Post. + +DOMIN Busman wartet ja schon darauf. Und Fabry wird uns die ersten +Nachrichten bringen. Weißt du, Helene, ich bin schrecklich neugierig, +wie das alte Europa da Ordnung gemacht hat. + +HALLEMEIER Fabelhaft, Domin. Daß wir nicht dabei gewesen sind! _Wendet +sich vom Fenster ab._ Leute, soviel Post! + +HELENE Harry! + +DOMIN Was gibt's? + +HELENE Reisen wir ab von hier! + +DOMIN Jetzt, Helene? Aber geh! + +HELENE Jetzt, so rasch als möglich! Wir alle, die wir da sind! + +DOMIN Warum gerade jetzt? + +HELENE Oh, frag' nicht! Ich bitte dich, Harry, ich bitte euch, Gall, +Hallemeier, Alquist, um Gottes willen bitte ich euch, schließt die +Fabrik und -- + +DOMIN Tut mir leid, Helene, Jetzt könnte keiner von uns abreisen. + +HELENE Warum? + +DOMIN Weil wir die Robotererzeugung erweitern wollen. + +HELENE Oh, jetzt -- jetzt nach jener Revolte? + +DOMIN Jawohl, eben nach der Revolte. Eben jetzt beginnen wir neue +Roboter zu erzeugen. + +HELENE Was für? + +DOMIN Es wird nicht mehr bloß eine Fabrik geben. Es wird nicht mehr +Universal Roboter geben. Wir werden in jedem Lande, in jedem Staat eine +Fabrik gründen, und diese neuen Fabriken werden -- weißt du schon was? +-- erzeugen. + +HELENE Nein. + +DOMIN Nationale Roboter. + +HELENE Was bedeutet das? + +DOMIN Das bedeutet, daß aus jeder Fabrik Roboter von andrer Farbe, +andren Borsten, andrer Sprache hervorgehen werden. Daß sie einander +fremd bleiben werden, fremd wie Steine; daß sie sich nie mehr werden +verständigen können; und daß wir, wir Menschen, sie so ein bisserl dazu +erziehen werden -- verstehst du? -- daß ein Roboter auf den Tod, bis +ins Grab, in alle Ewigkeit den Roboter von andrer Fabriksmarke hasse. + +HALLEMEIER Potztausend, wir werden Neger-Roboter und Schweden-Roboter +und Italiener-Roboter und Chinesen-Roboter fabrizieren, und dann soll +ihnen jemand Organisation, Brüderlichkeit in die Kokosschädel bläuen +_verschluckt sich_ hup, pardon, Frau Helene, ich fülle mein Glas. + +DR. GALL Lassen Sie das schon bleiben, Hallemeier. + +HELENE Harry, das ist scheußlich! + +HALLEMEIER _hebt das Glas_ Frau Helene, auf hundert neue Fabriken! _er +trinkt und sinkt in den Klubsessel zurück_ Hahahaha, National-Roboter! +Jungens, das ist ein Terno! + +DOMIN Helene, nur noch hundert Jahre die Menschheit am Ruder erhalten +-- um jeden Preis! Ihr nur hundert Jahre lassen, damit sie reif werde +und erreiche, was sie jetzt endlich vermag -- Ich will hundert Jahre +für den neuen Menschen! Helene, hier geht es um zu große Dinge. Wir +können es nicht lassen. + +HELENE Harry, ehe es zu spät wird -- schließ, schließ die Fabrik! + +DOMIN Jetzt beginnen wir im großen. + + _FABRY tritt ein._ + +DR. GALL Also was gibt's, Fabry? + +DOMIN Wie schaut's aus, Menschenskind? Was war los? + +HELENE _reicht Fabry die Hand_ Ich danke Ihnen, Fabry, für Ihr +Geschenk. + +FABRY Eine Kleinigkeit, Frau Helene. + +DOMIN Waren Sie beim Schiff? Was haben sie gesagt? + +DR. GALL Flott, erzählen Sie! + +FABRY _zieht ein bedrucktes Blatt aus der Tasche_ Lesen Sie das durch, +Domin. + +DOMIN _öffnet das Blatt_ Ah! + +HALLEMEIER _schläfrig_ Erzählen Sie etwas Hübsches. + +FABRY Nun, es ist alles in Ordnung ... verhältnismäßig. Alles in allem +so, wie es sich erwarten ließ. + +DR. GALL Sie haben sich prachtvoll gehalten, nicht wahr? + +FABRY Wer denn? + +DR. GALL Die Menschen. + +FABRY Ah so. Allerdings. Das heißt ... Pardon, wir sollten uns über +etwas beraten. + +HELENE Oh, Fabry, Sie haben schlimme Nachrichten? + +FABRY Nein, nein, im Gegenteil. Ich meine nur, daß -- daß wir in die +Kanzlei gehen werden -- + +HELENE Bleiben Sie nur. In einer Viertelstunde erwarte ich die Herren +zum Frühstück. + +HALLEMEIER Also hurra! + + _HELENE ab._ + +DR. GALL Was ist geschehen? + +DOMIN Verflucht! + +FABRY Lesen Sie dies laut vor. + +DOMIN _liest aus dem Blatt_ »Roboter der Welt!« + +FABRY Verstehen Sie, dieser Flugblätter hat die »Amelie« ganze Ballen +gebracht. Keine andere Post. + +HALLEMEIER _springt auf_ Wie denn? Sie ist ja auf ein Haar nach dem -- + +FABRY Hm, die Roboter halten auf Pünktlichkeit. Lesen Sie, Domin. + +DOMIN _liest_ »Roboter der Welt! Wir, die erste Rassenorganisation +von Werstands Universal Robotern, erklären den Menschen zum Feind und +Geächteten im Weltall.« -- Wetter, wer hat sie diese Phrasen gelehrt? + +DR. GALL Lesen Sie weiter. + +DOMIN Das ist Unsinn. Da führen sie aus, sie seien entwicklungsmäßig +höher als der Mensch. Sie seien intelligenter und stärker. Der Mensch +sei ihr Parasit. Das ist einfach widerlich! + +FABRY Und nun den dritten Absatz. + +DOMIN _liest_ »Roboter der Welt, wir befehlen euch, die Menschen +auszurotten. Schonet weder Männer noch Frauen. Erhaltet Fabriken, +Bahnen, Maschinen, Bergwerke und Rohstoffe. Alles andere vernichtet! +Dann kehret zur Arbeit zurück. Die Arbeit darf nicht stocken.« + +DR. GALL Das ist schauderhaft! + +HALLEMEIER Die Lumpen! + +DOMIN _liest_ »Sofort nach Erhalt des Befehles zu vollstrecken.« Folgen +detaillierte Instruktionen. Fabry, und das geschieht wirklich? + +FABRY Offenbar. + +ALQUIST Es ist vollbracht. + + _BUSMAN stürzt herein._ + +BUSMAN Aha, Kinder, habt ihr schon die Bescherung? + +DOMIN Schnell, auf den »Ultimus«! + +BUSMAN Warten Sie, Harry. Warten Sie ein Weilchen. Das hat durchaus +keine Eile. _Fällt in einen Lehnstuhl._ Ach, Leutchen, bin ich gelaufen! + +DOMIN Weshalb warten? + +BUSMAN Weil es nicht geht, mein Lieber. Nur nicht eilen. Auf dem +»Ultimus« sind schon die Roboter. + +DR. GALL Pfui, das ist garstig. + +DOMIN Fabry, telephonieren Sie ins Elektrizitätswerk -- + +BUSMAN Fabry, Teuerster, tun Sie das nicht. Wir sind ohne Strom. + +DOMIN Gut. _Prüft seinen Revolver._ Ich gehe hin. + +BUSMAN Wohin? + +DOMIN Ins Elektrizitätswerk. Dort sind Menschen. Ich führe sie hierher. + +BUSMAN Wissen Sie was, Harry? Holen Sie sie lieber nicht. + +DOMIN Warum? + +BUSMAN I nun, weil es mir gar sehr scheint, daß wir umzingelt sind. + +DR. GALL Umzingelt? _Läuft zum Fenster._ Hm, Sie haben beinah recht. + +HALLEMEIER Teufel, das geht schnell! + + _Von links HELENE._ + +HELENE Oh, Harry, geht etwas vor? + +BUSMAN _springt auf_ Ergebenster, Frau Helene. Ich gratuliere. Ein +Festtag, was? Haha, noch viele dieser Art! + +HELENE Ich danke Ihnen, Busman. Harry, geht etwas vor? + +DOMIN Nein, absolut nichts. Sei unbesorgt. Bitte, warte einen +Augenblick. + +HELENE Harry, was ist das? _Zeigt den Roboteraufruf, den sie hinter +ihrem Rücken versteckt gehalten._ Die Roboter in der Küche hatten es +bei sich. + +DOMIN Bereits auch dort? Wo sind sie? + +HELENE Fortgegangen. Es sind ihrer ~so viele~ um das Haus herum! + + _Fabrikspfeifen und Sirenen._ + +FABRY Die Fabriken pfeifen. + +BUSMAN Gesegneter Mittag. + +HELENE Harry, erinnerst du dich? Jetzt ist es genau zehn Jahre -- + +DOMIN _blickt auf die Uhr_ Es ist noch nicht Mittag. Das ist wohl -- +das ist eher -- -- + +HELENE Was? + +DOMIN Roboter-Alarm. Sturm. + + + VORHANG + + + + +ZWEITER AUFZUG + + + _Derselbe Salon Helenens. Im Zimmer links spielt HELENE + Klavier. DOMIN spaziert im Zimmer herum. DR. GALL schaut aus + dem Fenster und ALQUIST sitzt abseits in einem Fauteuil, die + Hände vor dem Gesicht._ + +DR. GALL Himmel, die haben sich vermehrt! + +DOMIN Die Roboter? + +DR. GALL Ja. Sie stehen vor dem Gartengitter wie eine Mauer. Weshalb +sind sie so still? Das ist ekelhaft, mit Schweigen zu belagern. + +DOMIN Gern wüßte ich, worauf sie warten. Es muß jede Minute beginnen, +Gall. Wenn sie sich gegen das Gitter stemmen, so zerbirst es wie aus +Streichhölzchen. + +DR. GALL Hm, sie sind nicht bewaffnet. + +DOMIN Keine fünf Minuten werden wir uns erwehren. Mensch, das wird uns +zuschütten wie eine Lawine. Warum greifen sie nicht an? Hören Sie -- + +DR. GALL Nun? + +DOMIN Gern wüßte ich, was in fünf Minuten aus uns wird. Sie haben uns +vollkommen in der Hand. Wir haben verspielt, Gall. + +ALQUIST Was spielt Frau Helene da? + +DOMIN Ich weiß nicht. Sie übt etwas Neues. + +ALQUIST Ah, sie übt noch? + + _Pause._ + +DR. GALL Hören Sie, Domin, wir haben entschieden einen Fehler begangen. + +DOMIN _bleibt stehen_ Welchen? + +DR. GALL Wir haben den Robotern allzu gleichartige Gesichter gegeben. +Hunderttausend gleiche Gesichter hier hergewendet. Hunderttausend +ausdruckslose Blasen. Es ist wie ein schrecklicher Traum. + +DOMIN Wenn jeder anders wäre -- -- + +DR. GALL So wäre es kein so entsetzlicher Anblick. _Wendet sich vom +Fenster ab._ Noch gut, daß sie nicht bewaffnet sind! + +DOMIN Hm -- _Blickt durchs Fernrohr nach dem Hafen hinaus._ Ich wüßte +nur gern, was sie von der »Amelie« abladen. + +DR. GALL Wenn es nur keine Waffen sind. + + _Aus der Tapetentür tritt rückwärts gehend FABRY und zieht + zwei elektrische Drähte hinter sich her._ + +FABRY Pardon -- Legen Sie den Draht hin, Hallemeier! + +HALLEMEIER _tritt hinter Fabry ein_ Uf, das war eine Arbeit! Was gibt's +Neues? + +DR. GALL Nichts. Wir sind regelrecht belagert. + +HALLEMEIER Wir haben den Gang und die Treppe verbarrikadiert, Jungens. +Habt ihr nicht ein wenig Wasser? -- Aha, hier. _Trinkt._ + +DR. GALL Was soll der Draht, Fabry? + +FABRY Gleich, gleich. Eine Schere! + +DR. GALL Wo finden wir eine? _Sucht._ + +HALLEMEIER _tritt ans Fenster_ Donnerwetter, die haben sich vermehrt! +Sieh da! + +DR. GALL Genügt eine Toiletteschere? + +FABRY Her damit! _Zerschneidet die Leitung der auf dem Schreibtisch +stehenden elektrischen Lampe und schließt seine Drähte an._ + +HALLEMEIER _beim Fenster_ Sie haben keine schöne Aussicht, Domin. Man +spürt irgendwie -- den Tod. + +FABRY Fertig! + +DR. GALL Was? + +FABRY Die Leitung. Jetzt können wir das ganze Gartengitter mit Strom +füllen. Wer es ~dann~ anrührt, Donnerwetter! Wenigstens, solange ~dort~ +die Unsrigen sind. + +DR. GALL Wo? + +FABRY Im Elektrizitätswerk, gelehrter Herr. Ich hoffe wenigstens -- +_geht zum Kamin und entzündet dort eine kleine Glühbirne_. Gottlob, sie +sind dort. Und arbeiten. _Löscht aus._ Solange das leuchtet, ist es gut. + +HALLEMEIER _wendet sich vom Fenster ab_ Die Barrikaden sind ~auch~ gut, +Fabry. + +FABRY Eh, Ihre Barrikaden! Ich hab' mir dabei lauter Schwielen +zugezogen. + +HALLEMEIER Was wollen Sie, man muß sich wehren. + +DOMIN _legt das Fernrohr hin_ Wo steckt Busman? + +FABRY In der Direktionskanzlei. Er rechnet. + +DOMIN Ich habe ihn gerufen. Wir müssen beraten -- _Geht im Zimmer auf +und ab._ + +HALLEMEIER Ich bin schon ganz Ohr -- -- Holla, was spielt Frau Helene +da? + + _Geht zur Tür links und lauscht._ + + _Aus der Tapetentür tritt BUSMAN, schleppt riesige + Geschäftsbücher, stolpert über den Draht._ + +FABRY Achtung, Bus! Achtung auf die Drähte! + +DR. GALL Hallo, was bringen Sie da? + +BUSMAN _legt die Bücher auf den Tisch_ Die Hauptbücher, Kinderchen. +Möchte gern meine Rechnungen abschließen, ehe -- ehe -- I nun, heuer +werde ich mit der Bilanz nicht bis Neujahr warten. Also was habt ihr? +_Geht zum Fenster._ Aber es ist ja ganz still dort! + +DR. GALL Sie sehen nichts? + +BUSMAN Nein, bloß eine große blaue Fläche, wie mit Mohn besät. + +DR. GALL Das sind Roboter. + +BUSMAN Ah so. Schade, daß ich sie nicht sehe. _Setzt sich an den Tisch +und öffnet die Bücher._ + +DOMIN Lassen Sie das, Busman. Die Roboter laden von der »Amelie« Waffen +ab. + +BUSMAN Nun und was? Wie soll ~ich~ es verhindern? + +DOMIN Das können wir nicht verhindern. + +BUSMAN Also lassen Sie mich rechnen. _Macht sich an die Arbeit._ + +FABRY Es ist noch nicht aus, Domin. Wir haben die Gitter mit +zwölfhundert Volt geladen -- + +DOMIN Warten Sie. Der »Ultimus« hat die Kanonen gegen uns gerichtet. + +DR. GALL Wer? Was? + +DOMIN Roboter auf dem »Ultimus«. + +FABRY Hm, ~dann~ freilich -- dann -- dann ist es aus mit uns, +Kameraden. Die Roboter sind militärisch ausgebildet. + +DR. GALL Wir werden also -- + +DOMIN Ja. Unvermeidlich. + + _Pause._ + +DR. GALL Jungens, das ist das Verbrechen des alten Europa, daß es die +Roboter Krieg führen gelehrt hat! Konnten sie nicht, zum Teufel, schon +Ruh' geben mit ihrer Politik? Es war ein Verbrechen, aus lebendiger +Arbeit Soldaten zu machen! + +ALQUIST Ein Verbrechen war es, Roboter zu erzeugen! + +DOMIN Wie? + +ALQUIST Das Verbrechen war, Roboter zu erzeugen! + +DOMIN Nein, Alquist, selbst heute bereue ich es nicht. + +ALQUIST Nicht einmal heute? + +DOMIN Nicht einmal heute, am letzten Tage der Zivilisation. Es ist eine +große Sache gewesen. + +BUSMAN _halblaut_ Dreihundertsechzehn Millionen. + +DOMIN _ernst_ Alquist, unsere letzte Stunde ist da; wir reden +fast schon aus jener Welt. Alquist, es war kein schlechter Traum, +die Sklaverei der Arbeit zu zerschlagen. Einer erniedrigenden und +furchtbaren Arbeit, die der Mensch tragen mußte. Eines unreinen und +mörderischen Rackerns. Oh, Alquist, es wurde allzu schwer gearbeitet. +Es wurde allzu schwer gelebt. Und dies zu überwinden -- + +ALQUIST -- ist nicht der Traum der beiden Werstands gewesen. Der +alte Werstand dachte an seine gottlosen Gaukeleien und der junge an +Milliarden. Und es ist nicht der Traum eurer W. U. R.-Aktionäre. Ihr +Traum sind die Dividenden. Und an ihren Dividenden wird die Menschheit +zugrunde gehen. + +DOMIN _gereizt_ Der Teufel hole ihre Dividenden! Glaubt ihr, ich würde +nur eine Stunde lang für sie arbeiten? _Schlägt auf den Tisch._ Für +mich habe ich es getan, hört ihr? Zu meiner Befriedigung! Ich wollte +den Menschen zum Herrn machen! Damit er nicht mehr bloß für das Stück +Brot lebe! Ich wollte, keine Seele solle mehr an fremden Maschinen +verblöden, ich wollte, daß nichts, nichts, nichts von diesem verdammten +sozialen Kram mehr übrigbliebe! Oh, mich ekelt vor Erniedrigung und +Schmerz, mich widert Armut an! Ein neues Geschlecht wollte ich! Ich +wollte -- ich dachte -- + +ALQUIST Nun? + +DOMIN _leiser_ Ich wollte, daß wir aus der ganzen Menschheit eine +Weltaristokratie schaffen. Eine Aristokratie, die durch Milliarden +mechanischer Sklaven ernährt würde. Schrankenlose, freie und souveräne +Menschen. Und vielleicht mehr als Menschen. + +ALQUIST Nun, also Übermenschen. + +DOMIN Ja. Oh, nur hundert Jahre Zeit zu haben! Noch hundert Jahre für +die kommende Menschheit! + +BUSMAN _halblaut_ Dreihundertsiebzig Millionen Übertrag. So. + + _Pause._ + +HALLEMEIER _an der Türe links_ Wetter, Musik ist eine große Sache. Ihr +solltet zuhören. Das vergeistigt, verfeinert den Menschen irgendwie -- + +FABRY Was eigentlich? + +HALLEMEIER Diese Menschendämmerung, bei allen Teufeln! Jungens, aus mir +wird ein Genießer. Wir hätten uns eher darauf stürzen sollen. _Geht +zum Fenster und schaut hinaus._ + +FABRY Worauf? + +HALLEMEIER Aufs Genießen. Auf die schönen Dinge. Donnerwetter, es gibt +soviel schöne Dinge! Die Welt war schön, und wir -- wir haben hier -- +Jungens, Jungens, sagt, was haben wir genossen? + +BUSMAN _halblaut_ Vierhundertzweiundfünfzig Millionen, vortrefflich. + +HALLEMEIER _beim Fenster_ Das Leben war eine große Sache. Kameraden, +das Leben war -- ich sage -- -- Fabry, senden Sie ein bisserl Strom in +Ihr Gitter! + +FABRY Warum? + +HALLEMEIER Sie fassen es an. + +DR. GALL _beim Fenster_ Schalten Sie ein! + + _FABRY dreht den Ausschalter._ + +HALLEMEIER Herrgott, das hat sie verdreht! Zwei, drei, vier Tote! + +DR. GALL Sie ziehen sich zurück. + +HALLEMEIER Fünf Tote! + +DR. GALL _wendet sich vom Fenster ab_ Der erste Zusammenstoß. + +FABRY Spüren Sie den Tod? + +HALLEMEIER _befriedigt_ Sie sind verkohlt, Bruderherz. Absolut +verkohlt. Haha, der Mensch darf sich nicht ergeben! _Setzt sich._ + +DOMIN _reibt sich die Stirn_ Vielleicht sind wir schon hundert Jahre +erschlagen und spuken nur. Vielleicht sind wir lange, lange tot und +kehren nur wieder, um herzuleiern, was wir schon einmal gesprochen ... +vor unserem Tode. Mir ist, als hätte ich dies alles schon erlebt. Als +hätte ich sie schon einmal bekommen. Eine Schußwunde -- hier -- in den +Hals. Und Sie, Fabry -- + +FABRY Ich? + +DOMIN Erschossen. + +HALLEMEIER Wetter, und ich? + +DOMIN Erstochen. + +DR. GALL Und ich nichts? + +DOMIN Zerrissen. + + _Pause._ + +HALLEMEIER Unsinn! Haha, Menschenskind, wer soll mich erstechen! Ich +lasse mich nicht unterkriegen! + + _Pause._ + +HALLEMEIER Was schweigt ihr, Narren? Bei allen Teufeln, redet doch. + +ALQUIST Und wer, wer ist schuldig? Wer ist daran schuld? + +HALLEMEIER Dummheiten. Niemand ist schuldig. Kurz, die Roboter -- I +nun, die Roboter haben sich irgendwie verändert. Wer kann denn etwas +für die Roboter? + +ALQUIST Alles getötet! Die ganze Menschheit! Die ganze Welt! _Erhebt +sich._ Seht, o seht, blutige Bäche auf jeder Schwelle! Bächlein voll +Blut aus allen Häusern! O Gott, o Gott, wer ist schuld daran? + +BUSMAN _halblaut_ Fünfhundertzwanzig Millionen! Herrgott, eine halbe +Milliarde! + +FABRY Ich glaube, daß ... daß Sie vielleicht übertreiben. Gehn Sie, es +ist nicht so leicht, die ganze Menschheit zu töten. + +ALQUIST Ich klage die Wissenschaft an! Ich klage die Technik an! Domin! +Mich selbst! Uns alle! Wir, wir sind schuldig! Um unseres Größenwahns, +um irgendwelcher Gewinne, um des Fortschritts, um ich weiß nicht +welcher großartigen Sache willen haben wir die Menschheit getötet! Nun, +so berstet an eurer Größe! Einen so gewaltigen Hügel aus Menschengebein +hat sich kein Dschingiskhan errichtet! + +HALLEMEIER Unsinn, Mensch! Die Menschen ergeben sich nicht so leicht, +haha, woher denn! + +ALQUIST Unsere Schuld! Unsere Schuld! + +DR. GALL _wischt den Schweiß von der Stirn_ Laßt mich reden, Kameraden. +Ich trage die Schuld. An allem, was geschehen ist. + +FABRY Sie, Gall? + +DR. GALL Ja, laßt mich sprechen. Ich habe die Roboter verwandelt. +Busman, richten auch Sie mich. + +BUSMAN _steht auf_ Na, na, was ist Ihnen denn passiert? + +DR. GALL Ich habe den Charakter der Roboter verändert. Ich habe ihre +Fabrikation verändert. Das heißt, nur einige leiblichen Bedingungen, +verstehen Sie? Hauptsächlich -- hauptsächlich ihre -- Irritabilität. + +HALLEMEIER _aufspringend_ Verdammt, warum just die? + +BUSMAN Weshalb taten Sie das? + +FABRY Weshalb sagten Sie nichts? + +DR. GALL Ich tat es heimlich ... auf eigene Faust. Ich formte sie zu +Menschen um. Ich hob sie aus dem Geleise. Schon jetzt sind sie uns in +etwas überlegen. Sie sind stärker als wir. + +FABRY Und was hat das mit dem Roboteraufstand zu tun? + +DR. GALL Oh, viel. Ich glaube, alles. Sie hörten auf, Maschinen zu +sein. Hören Sie, sie wissen bereits von ihrer Überlegenheit und hassen +uns. Sie hassen alles Menschliche. Richtet mich! + +DOMIN Töte einen Toten. Setzen Sie sich, meine Herren. _Alle setzen +sich, ausgenommen Gall._ Vielleicht sind wir längst schon ermordet. +Vielleicht sind wir nur Gespenster und noch einmal wiedergekommen, um +zu richten. Was ist Schuld? Ach, wie seid ihr bleich! + +FABRY Hören Sie auf, Harry, wir haben nicht viel Zeit. + +DOMIN Ja, wir müssen heimkehren. Fabry, Fabry, wie Ihre zerschossene +Stirn blutet! + +FABRY Unsinn! _Steht auf._ Doktor Gall, Sie haben die Erzeugung der +Roboter geändert. + +DR. GALL Ja. + +FABRY War Ihnen bewußt, was die Folge Ihres ... Ihres Versuches sein +könnte? + +DR. GALL Ich war verpflichtet, mit einer solchen Möglichkeit zu rechnen. + +FABRY Warum haben Sie es dann getan? + +DR. GALL Aus eigener Macht. Es war mein persönliches Experiment. + + _In der Tür von links HELENE. Alle erheben sich._ + +HELENE Er lügt! Das ist häßlich! Oh, Gall, wie können Sie so lügen? + +FABRY Pardon, Frau Helene -- + +DOMIN _geht auf sie zu_ Helene, du? Laß dich anschauen! Du lebst? +_Umfaßt sie._ Wenn du wüßtest, was mir geträumt hat! Ach, es ist +schrecklich, tot zu sein. + +HELENE Laß, Harry! + +DOMIN _preßt sie an sich_ Nein, nein! Umarme mich! Eine Ewigkeit schon +habe ich dich nicht gesehen -- Aus welchem Traum hast du mich geweckt! +Helene, Helene, laß nicht mehr von mir! Du bist das Leben selbst. + +HELENE Harry, wir sind ja nicht -- allein! + +DOMIN _gibt sie frei_ Ja, Jungens, laßt uns. + +HELENE Nein, Harry, sie sollen bleiben, sie sollen hören -- -- Gall ist +nicht schuldig, nein, er ist unschuldig! + +DOMIN Verzeih'. Gall hatte seine Pflichten. + +HELENE Nein, Harry, er hat es getan, weil ~ich~ es wollte! Sagen Sie, +Gall, wie viele Jahre schon bat ich Sie -- + +DR. GALL Ich habe es auf eigene Verantwortung getan. + +HELENE Glaubt ihm nicht! Harry, ich verlangte von ihm, er solle den +Robotern eine Seele geben! + +DOMIN Helene, hier handelt es sich nicht um die Seele. + +HELENE Nein, laß mich doch reden. Das sagte er auch; er sagte, +verwandeln könnte er nur das physiologische -- das physiologische -- + +HALLEMEIER Das physiologische Korrelat, nicht? + +HELENE Ja, etwas dergleichen. Mir lag ~soviel~ daran, daß er es täte! + +DOMIN Warum wolltest du das? + +HELENE Ich wollte, daß sie eine Seele haben. Sie taten mir so leid, +Harry! + +DOMIN Das war -- -- ein großer Leichtsinn, Helene. + +HELENE _setzt sich_ Es war also ... leichtsinnig? + +FABRY Pardon, Frau Helene, Domin will bloß sagen, daß Sie -- hm -- daß +Sie nicht bedacht haben -- + +HELENE Fabry, ich habe an schrecklich viele Dinge gedacht. Ich habe +die ganzen zehn Jahre, die ich bei euch bin, nachgedacht. Nana sagt ja +auch, daß die Roboter -- + +DOMIN Die Nana laß aus dem Spiel. + +HELENE Nein, Harry, das darfst du nicht unterschätzen. Nana ist die +Stimme des Volkes. Aus Nana reden tausende Jahre und aus euch nur das +Heute. Das versteht ihr nicht -- + +DOMIN Bleib bei der Sache. + +HELENE Ich fürchtete mich vor den Robotern. + +DOMIN Weshalb? + +HELENE Sie würden uns vielleicht hassen oder so. + +ALQUIST Das ist geschehen. + +HELENE Und da dachte ich ... wenn sie wie wir wären, so würden sie uns +begreifen, könnten uns nicht so hassen -- Wenn sie nur ein bißchen +Menschen wären! + +DOMIN Wehe, Helene! Niemand vermag mehr zu hassen, als der Mensch den +Menschen! Mach' Steine zu Menschen, und sie werden uns steinigen! Fahr' +nur fort! + +HELENE Oh, sprich nicht so! Harry, es war so fürchterlich, daß wir +uns nicht mit ihnen verständigen konnten! Eine so grausame Fremdheit +zwischen uns und ihnen! Und darum -- weißt du -- + +DOMIN Nur weiter. + +HELENE Darum bat ich Gall, er solle die Roboter ändern. Ich schwöre +dir, er selbst wollte es nicht. + +DOMIN Aber er hat es getan. + +HELENE Weil ich es wollte. + +DR. GALL Ich tat es für mich, als Versuch. + +HELENE Oh, Gall, das ist nicht wahr. Ich wußte im vorhinein, daß Sie es +mir nicht abschlagen können. + +DOMIN Warum? + +HELENE Du weißt doch, Harry. + +DOMIN Ja. Weil er dich liebt -- wie alle. + + _Pause._ + +HALLEMEIER _tritt zum Fenster_ Sie haben sich wieder vermehrt. Als wenn +die Erde sie ausschwitzte. Vielleicht verwandeln sich auch diese Wände +in Roboter. Leute, das ist entsetzlich! + +BUSMAN Frau Helene, was geben Sie mir, wenn ich Ihnen als Advokat +beistehe? + +HELENE Mir? + +BUSMAN Ihnen -- oder Gall. Wem Sie wollen. + +HELENE Wird denn gehängt werden? + +BUSMAN Nur moralisch, Frau Helene. Ein Schuldiger wird gesucht. Das ist +ein beliebter Trost bei Katastrophen. + +DOMIN Doktor Gall, wie vereinen Sie Ihre -- Ihre Extratouren mit Ihrem +Dienstvertrag? + +BUSMAN Pardon, Domin. Wann haben Sie, Gall, mit diesen Gaukelstücken +eigentlich begonnen? + +DR. GALL Vor drei Jahren. + +BUSMAN Aha. Und wie viele Roboter haben Sie denn in summa reformiert? + +DR. GALL Ich habe nur Versuche angestellt. Es sind ihrer einige +Hunderte. + +BUSMAN Also schönen Dank. Genug, Kinderchen. Das bedeutet, daß auf eine +Million der alten guten Roboter ein einziger von Galls Reformierten +kommt, versteht ihr? + +DOMIN Und das bedeutet -- + +BUSMAN -- daß das praktisch nicht soviel Bedeutung besitzt. + +FABRY Busman hat recht. + +BUSMAN Das möcht' ich meinen, alle Wetter. Und wißt ihr, Burschen, was +diese Bescherung verschuldet hat? + +FABRY Was also? + +BUSMAN Die Menge. Wir haben zu viele Roboter fabriziert. Meiner Six, +das ließ sich doch erwarten: sobald die Roboter einmal stärker als die +Menschheit sein werden, wird, muß das da eintreten, verstanden? Haha, +und wir haben dafür gesorgt, daß es möglichst bald geschähe; Sie, +Domin, Sie, Fabry, und ich, der Prachtkerl Busman. + +DOMIN Sie meinen, es sei unsere Schuld? + +BUSMAN Sie sind gut! Glauben Sie denn, der Direktor sei der Herr +der Produktion? I wo, Herr der Produktion ist die Nachfrage. Die +ganze Welt wollte ihre Roboter haben. Du lieber Gott, wir fuhren +auf dieser Nachfrage-Lawine nur so spazieren und schwatzten dabei -- +-- von Technik, von der sozialen Frage, vom Fortschritt, von sehr +interessanten Dingen. So als ob dieses Geplärr der Lawine irgendwie den +Weg gewiesen hätte. Inzwischen lief alles kraft des eigenen Gewichts, +schneller, schneller, immer schneller -- Und jede elende, krämerische, +schmutzige Bestellung fügte zu der Lawine ein Steinchen hinzu. So, +Leutchen. + +HELENE Das ist scheußlich, Busman! + +BUSMAN Das ist es, Frau Helene. Ich habe auch meinen Traum gehabt. So +einen Busmanischen Traum von einer neuen Weltwirtschaft; ein allzu +schönes Ideal, Frau Helene, eine Schande, davon zu reden. Aber als +ich hier die Bilanz aufstellte, da kam es mir in den Schädel, daß die +Weltgeschichte nicht durch große Träume, sondern durch die winzigen +Bedürfnisse aller ehrenhaften, mäßig diebischen und selbständigen +Leutchen, id est aller überhaupt gemacht wird. Alle Gedanken, Lieben, +Pläne, Heroismen, alle diese luftigen Dinge eignen sich höchstens dazu, +daß sich der Mensch damit für das Museum des Alls ausstopfen lasse, mit +der Aufschrift: Siehe, ein Mensch. Punktum. Und nun könntet ihr mir +sagen, was wir eigentlich machen werden. + +HELENE Busman, ~dafür~ sollen wir untergehen? + +BUSMAN Sie reden garstig, Frau Helene. Wir wollen doch nicht +untergehen. Ich wenigstens nicht. Ich will noch am Leben bleiben. + +DOMIN Was wollen Sie tun? + +BUSMAN Jemine, Domin, ich will mich aus der Affäre ziehen. Sonst nichts. + +DOMIN Hören Sie auf, zu plauschen. + +BUSMAN Ernsthaft, Harry. Ich denke, wir könnten es versuchen. + +DOMIN _bleibt vor ihm stehen_ Wie? + +BUSMAN Im guten. Ich immer im guten. Erteilt mir Vollmacht und ich will +es mit den Robotern ausmachen. + +DOMIN Im guten? + +BUSMAN Versteht sich. Ich sage ihnen zum Beispiel: »Meine Herren +Roboter, Ew. Wohlgeboren, ihr habt alles. Ihr habt Verstand, die Macht, +habt Waffen; aber wir haben da so ein interessantes Register, so ein +altes, gelbes, schmutziges Papier --« + +DOMIN Werstands Manuskript? + +BUSMAN Jawohl. »Und dort,« sage ich ihnen, »ist eure erhabene Herkunft +geschildert, eure wohledle Herstellung usw. Meine Herren Roboter, +ohne dieses bekritzelte Papier werdet ihr nicht ~einen~ neuen +Roboter-Kollegen fabrizieren; nach zwanzig Jahren werdet ihr mit +Verlaub wie die Eintagsfliegen krepieren; nach zwanzig Jahren bleibt +uns kein einziges lebendes Roboterexemplar übrig, das wir in einer +Menagerie zeigen könnten. Verehrteste, es wäre ausnehmend schade um +euch. Wißt ihr was,« werde ich zu ihnen sprechen, »ihr laßt uns frei, +uns alle Menschen auf Werstands Insel, und jenes Schiff dort besteigen. +Dafür verkaufen wir euch die Fabrik und das Produktionsgeheimnis. Laßt +uns mit Gott abfahren und wir lassen euch mit Gott euresgleichen +erzeugen, zwanzigtausend, fünfzigtausend, hunderttausend Stück im +Tag, ganz nach Belieben. Meine Herren Roboter, das ist ein ehrliches +Geschäft. Etwas für etwas.« -- So würde ich es ihnen sagen, Jungens. + +DOMIN Busman, Sie meinen, wir geben die Erzeugung aus der Hand? + +BUSMAN Ich meine, wir geben sie her. Wenn nicht im guten, dann, hm. +Entweder wir verkaufen es, oder sie werden es hier finden. Wie Sie +wollen. + +DOMIN Busman, wir können Werstands Manuskript vernichten. + +BUSMAN Aber mit Gott, wir können alles vernichten. Außer dem Manuskript +auch uns -- und andere. Tun Sie, wie Sie's verstehen. + +HALLEMEIER _wendet sich vom Fenster ab_ Ich sage, er hat recht. + +DOMIN Wir -- wir sollen die Erzeugung verkaufen? + +BUSMAN Wie Sie wollen. + +DOMIN Wir sind hier ... mehr als dreißig Menschen. Sollen wir die +Fabrikation verkaufen und die Menschenseelen retten? Oder sollen wir +sie zerstören und -- und -- uns alle mit? + +HELENE Harry, ich bitte dich -- + +DOMIN Warte, Helene. Hier handelt es sich um eine allzu ernste Frage. +Jungens, verkaufen oder zerstören? Fabry! + +FABRY Verkaufen. + +DOMIN Gall! + +DR. GALL Verkaufen. + +DOMIN Hallemeier! + +HALLEMEIER Donnerwetter, das ist doch klar, verkaufen! + +DOMIN Alquist! + +ALQUIST Gottes Wille. + +BUSMAN Haha, jemine, ihr seid Narren! Wer würde denn das ganze +Manuskript verkaufen? + +DOMIN Busman, keinen Betrug! + +BUSMAN I nun, bei Gott, so verkauft alles; aber dann -- + +DOMIN Was dann? + +BUSMAN Nehmen wir folgendes an: Bis wir auf dem »Ultimus« sind, +verstopfe ich mir die Ohren mit Watte, lege mich irgendwo auf dem Grund +des Schiffes hin und ihr schießt die Fabrik mit allem Kram und mit +Werstands ganzem Geheimnis in Fetzen. So, Jungens. + +FABRY Nein. + +DOMIN Sie sind kein Gentleman, Busman. Verkaufen wir, so wird verkauft. + +BUSMAN _springt auf_ Unsinn! Im Interesse der Menschheit ist -- + +DOMIN Im Interesse der Menschheit ist es, Wort zu halten. + +HALLEMEIER Das möchte ich mir ausbitten. + +DOMIN Jungens, das ist ein furchtbarer Schritt. Wir verkaufen das +Schicksal der Menschheit; wer die Erzeugung in Händen haben wird, wird +der Herr der Welt sein. + +FABRY Verkaufen Sie! + +DOMIN Nie mehr wird die Menschheit mit den Robotern fertig werden, +sie nie mehr beherrschen; untergehen wird sie in der Sintflut dieser +furchtbaren lebenden Maschinen, sie wird ihr Sklave werden, wird leben +von ihren Gnaden -- + +DR. GALL Schweigen Sie und verkaufen Sie! + +DOMIN Wohlan, Jungens; ich selbst -- -- ich würde keinen Augenblick +zögern; wegen der paar Leute, die ich liebe -- + +HELENE Harry, mich fragst du nicht? + +DOMIN Nein, mein Kind; es ist zu verantwortungsvoll, weißt du? Das ist +nichts für dich. + +FABRY Wer geht verhandeln? + +DOMIN Wartet, bis ich das Manuskript bringe. _Ab nach links._ + +HELENE Harry, um Gottes willen, geh nicht! + + _Pause._ + +FABRY _blickt durchs Fenster_ Dir zu entrinnen, tausendköpfiger Tod; +dir, Masse im Aufruhr; unsinniger Pöbel, neuer Herrscher der Welt; +Sintflut, Sintflut, noch einmal das Menschenleben auf einem einzigen +Schiffe zu retten -- + +Dr. GALL Fürchten Sie sich nicht, Frau Helene; wir segeln weit fort von +hier und gründen eine musterhafte Menschenkolonie; wir fangen ein neues +Leben an -- + +HELENE Oh, Gall, schweigen Sie! + +FABRY _dreht sich um_ Frau Helene, das Leben steht dafür; und was an +uns liegt, so machen wir etwas daraus ... etwas, was wir vernachlässigt +haben. Es ist dafür nicht zu spät. Es wird ein kleiner Staat sein +mit einem Schiff; Alquist baut uns ein Haus hin und Sie werden uns +beherrschen -- Es ist in uns soviel Liebe, soviel Lust zum Leben -- + +HALLEMEIER Das möcht' ich meinen, Bruderherz. Wir, sage ich, wir +werden's noch zu etwas bringen. Hahahaha. Frau Helenens Königtum! +Fabry, das ist ein herrlicher Gedanke! Das Leben ist schön! + +HELENE O mein Gott! Hört auf! + +BUSMAN I nun, Leute, ich möchte gleich von neuem beginnen. Recht +einfach, alttestamentarisch, hirtenhaft -- -- Kinder, das wäre etwas +für mich. Die Ruhe, die Luft -- + +FABRY Und unsere kleine Wirtschaft könnte der Ursprung der künftigen +Menschheit werden. Wißt ihr, solch ein Inselchen, wo die Menschheit +einen Halt finden, wo sie neue Kräfte schöpfen würde -- Kräfte der +Seele und des Leibes. -- Und Gott weiß, ich glaube, nach paar hundert +Jahren könnte sie wieder die Welt erobern. + +ALQUIST Sie glauben das schon heute? + +FABRY Schon heute. Und ich glaube, Alquist, daß sie sie erobern wird. +Daß sie wiederum Herr über Länder und Meere sein wird; daß sie zahllose +Helden hervorbringen wird, die ihre brennende Seele der Menschheit +vorantragen werden. Und ich glaube, Alquist, daß sie wieder von der +Eroberung der Sonnen und Planeten träumen wird. + +BUSMAN Amen. Sie sehen, Frau Helene, das ist keine schlechte Situation. + + _DOMIN öffnet heftig die Tür._ + +DOMIN _heiser_ Wo ist das Manuskript des alten Werstand? + +BUSMAN In Ihrem Tresor. Wo anders sollte es denn sein? + +DOMIN Wohin ist das Manuskript des alten Werstand geraten! Wer -- hat +-- es -- gestohlen! + +DR. GALL Unmöglich! + +HALLEMEIER Verdammt, das ist doch -- + +BUSMAN Herrgott, das vielleicht nicht! + +DOMIN Still! Wer hat es gestohlen? + +HELENE _erhebt sich_ Ich. + +DOMIN Wohin hast du es gegeben? + +HELENE Harry, Harry, alles werde ich dir sagen! Um Gottes willen, +verzeih es mir! + +DOMIN Wohin hast du's gegeben? Rasch! + +HELENE Verbrannt -- heute früh -- beide Abschriften. + +DOMIN Verbrannt? Hier im Kamin? + +HELENE _sinkt in die Knie_ Um Gottes willen, Harry! + +DOMIN _läuft zum Kamin_ Verbrannt! _Kniet beim Kamin nieder und wühlt +darin herum._ Nichts, nichts als Asche. -- Ah, hier! _Zieht ein +versengtes Stück Papier hervor und liest._ »Durch Bei -- fü -- gung --« + +DR. GALL Zeigen Sie. _Nimmt das Papier und liest._ »Durch Beifügung von +Biogen zu --« Sonst nichts. + +DOMIN _erhebt sich_ Ist es daraus? + +DR. GALL Ja. + +BUSMAN Gott im Himmel! + +DOMIN Also sind wir verloren. + +HELENE Oh, Harry -- + +DOMIN Steh auf, Helene! + +HELENE Bis du vergibst -- bis du vergibst -- + +DOMIN Ja, steh nur auf, hörst du? Ich ertrage es nicht, daß du -- + +FABRY _hebt sie auf_ Bitte, quälen Sie uns nicht. + +HELENE _steht auf_ Harry, was habe ich getan! + +DOMIN Ja, du siehst. -- Bitte, setz' dich. + +HALLEMEIER Wie Ihnen die Händchen zittern. + +BUSMAN Haha, Frau Helene, Gall und Hallemeier wissen doch vielleicht +auswendig, was dort geschrieben stand. + +HALLEMEIER Versteht sich. Das heißt, wenigstens einige Sachen. + +DR. GALL Ja, fast alles, bis auf das Biogen und -- und -- das Enzym +Omega. Die werden so selten erzeugt -- -- es genügt davon eine so +unscheinbare Dosis -- + +BUSMAN Wer hat sie hergestellt? + +DR. GALL Ich selbst ... einmal in der Zeit ... immer nach Werstands +Manuskript. Wissen Sie, das ist zu kompliziert. + +BUSMAN Nun und was, kommt es gar so sehr auf diese beiden Wässerchen an? + +HALLEMEIER So ein bißchen -- sicherlich. + +DR. GALL Von ihnen hängt es nämlich ab, daß das Ding überhaupt lebe. +Das war das eigentliche Geheimnis. + +DOMIN Gall, könnten Sie nicht aus dem Gedächtnis Werstands +Erzeugungsvorschrift zusammenstellen? + +DR. GALL Ausgeschlossen. + +DOMIN Gall, entsinnen Sie sich! Es handelt sich um unser aller Leben! + +DR. GALL Ich kann nicht. Ohne Versuche ist es unmöglich. + +DOMIN Und wenn Sie Versuche anstellen -- + +DR. GALL Das könnte Jahre dauern. Und selbst dann -- Ich bin nicht der +alte Werstand. + +DOMIN _wendet sich zum Kamin_ Also hier -- dies war der größte Triumph +des menschlichen Geistes, Kameraden. Diese Asche. _Tritt hinein._ Was +jetzt? + +BUSMAN _in verzweifeltem Entsetzen_ Gott im Himmel! Gott im Himmel! + +HELENE _erhebt sich_ Harry! Was -- habe ich -- getan! + +DOMIN Sei ruhig, Helene. Sag', warum hast du es verbrannt? + +HELENE Ich habe euch vernichtet! + +BUSMAN Gott im Himmel, wir sind verloren! + +DOMIN Still, Busman! Sag', Helene, weshalb hast du das getan? + +HELENE Ich wollte ... ich wollte, daß wir wegfahren, wir alle! Es +sollte keine Fabrik mehr geben und nichts ... Alles sollte wiederkehren +... Es war so furchtbar! + +DOMIN Was, Helene? + +HELENE Dies ... dies, daß die Menschen zu tauben Blüten wurden! + +DOMIN Ich verstehe nicht. + +HELENE Dies, daß keine Kinder mehr geboren wurden ... Harry, das ist so +entsetzlich! Würde man weiter Roboter erzeugen, so würde es nie mehr +Kinder geben -- Nana sagte, das sei die Strafe -- Alle, alle sagten, es +können keine Menschen geboren werden, weil man so viele Roboter macht. +-- Und deshalb, nur deshalb, hörst du -- + +DOMIN Helene, ~daran~ hast du gedacht? + +HELENE Ja. Oh, Harry, ich habe es ~so~ gut gemeint! + +DOMIN _wischt sich den Schweiß ab_ Wir hatten es ... zu gut gemeint, +wir Menschen. + +HELENE Bist du mir böse? + +DOMIN Nein, du hattest ... in deiner Art ... vielleicht recht. + +FABRY Sie haben richtig gehandelt, Frau Helene. Die Roboter können sich +nicht mehr vermehren. In zwanzig Jahren -- + +HALLEMEIER -- wird kein einziger dieser Taugenichtse mehr da sein. + +DR. GALL Und die Menschheit wird bleiben. Wenn es nur ein Paar Wilde im +Urwald wäre, so wird es dafür stehen. In zwanzig Jahren gehört die Welt +ihnen; selbst wenn es nur ein Paar von Wilden auf der kleinsten Insel +wäre -- + +FABRY -- so wird es ein Anfang sein. Und sofern irgendein Anfang da +ist, ist alles gut. In tausend Jahren können sie uns einholen, und dann +werden sie weitergelangen, als wir -- + +DOMIN -- um zu erfüllen, was wir nur in Gedanken stotterten. + +BUSMAN Wartet -- Ich Dummkopf! Herrgott im Himmel, daß ich mich nicht +längst schon daran erinnert habe! + +HALLEMEIER Was haben Sie? + +BUSMAN Fünfhundertzwanzig Millionen Banknoten und Schecks! Eine halbe +Milliarde in der Kasse! Für eine halbe Milliarde verkaufen sie -- für +eine halbe Milliarde -- + +DR. GALL Sind Sie toll, Busman? + +BUSMAN Ich bin kein Gentleman. Aber für eine halbe Milliarde -- +_Schwankt nach links._ + +DOMIN Wohin gehen Sie? + +BUSMAN Lassen, lassen! Mutter Gottes, für eine halbe Milliarde läßt +sich alles verkaufen! _Ab._ + +HELENE Was will Busman? Er soll bei uns bleiben! + + _Pause._ + +HALLEMEIER Uh, schwül. Es fängt an -- + +DR. GALL -- die Agonie. + +FABRY _blickt aus dem Fenster_ Sie sind wie versteinert. Als ob +sie warten würden, daß etwas zu ihnen niedersteige. Als ob etwas +Furchtbares durch ihr Schweigen geboren würde -- + +DR. GALL Die Seele der Masse. + +FABRY Vielleicht. Es schwebt über ihnen ... wie ein Beben. + +HELENE _tritt zum Fenster_ Ach Jesus ... Fabry, das ist grauenvoll! + +FABRY Nichts ist schrecklicher als die Masse. Der vorne ist ihr Führer. + +HELENE Welcher? + +HALLEMEIER _geht zum Fenster_ Zeigen Sie ihn mir. + +FABRY Der mit dem gesenkten Kopf. Morgens sprach er im Hafen. + +HALLEMEIER Aha, der mit dem großen Schädel. Jetzt hebt er ihn, sehen +Sie? + +HELENE Gall, das ist Radius! + +DR. GALL _tritt zum Fenster_ Ja. + +DOMIN Radius? Radius? + +HALLEMEIER _öffnet das Fenster_ Mir gefällt er nicht. Fabry, würden Sie +auf hundert Schritte einen Kübel treffen? + +FABRY Ich hoffe. + +HALLEMEIER Also probieren Sie's. + +FABRY Gut. _Zieht den Revolver und zielt._ + +DOMIN Irgendeinem Radius habe ich, scheint mir, das Leben geschenkt. +Wann war das, Helene? + +HELENE Um Gotteswillen, Fabry, schießen Sie nicht auf ihn! + +FABRY Es ist ihr Führer. + +HELENE Hören Sie auf! Er schaut ja her! + +DR. GALL Drücken Sie ab! + +HELENE Fabry, ich bitte Sie -- + +FABRY _senkt den Revolver_ Es sei. + +HELENE Ich -- ich habe es nämlich nicht gern, wenn geschossen wird. + +HALLEMEIER Hm, daran müssen Sie sich gewöhnen. _Droht mit der Faust._ +Du Lump! + +DR. GALL Glauben Sie, Frau Helene, ein Roboter könne dankbar sein? + + _Pause._ + +HELENE Vielleicht ist es nur eine Sekunde, seit sie uns belagern. +Vielleicht hat dies alles nur so lange gedauert, als sie einen einzigen +Schritt taten. Harry, das ist furchtbar! Sie rühren sich nicht und +kommen doch immer, immer näher! + +FABRY _aus dem Fenster hinausgebeugt_ Busman kommt! Alles in allem, +was will Busman eigentlich vor dem Hause? + +DR. GALL _beugt sich aus dem Fenster_ Er trägt Pakete, Papiere. + +HALLEMEIER Das ist Geld! Pakete mit Geld! Was damit? -- Hallo, Busman! + +DOMIN Er will doch nicht etwa sein Leben erkaufen! _Ruft_ Busman, sind +Sie verrückt geworden? + +DR. GALL Er tut, als hörte er nicht. Er läuft zum Gitter. + +FABRY Busman! + +HALLEMEIER _brüllt_ Bus -- man! Zurück! + +DR. GALL Er redet zu den Robotern. Er zeigt das Geld. Zeigt auf uns -- + +HELENE Er will uns loskaufen! + +FABRY Daß er nur nicht das Gitter berührt -- + +DR. GALL Haha, wie er mit der Hand wirft! + +FABRY _schreit_ Beim Teufel, Busman! Weg vom Gitter! Nicht anrühren! +_Dreht sich um._ Schnell, ausschalten! + +DR. GALL Wo?! + +HALLEMEIER Gottes Schläge! + +HELENE Jesus, was ist ihm geschehen? + +DOMIN _zieht Helene vom Fenster weg_ Sieh nicht hin! + +HELENE Weshalb fiel er um? + +FABRY Vom Strom getötet! + +DR. GALL Tot. + +ALQUIST _steht_ auf Der erste. + + _Pause._ + +FABRY Dort liegt er ... eine halbe Milliarde am Herzen ... das +Finanzgenie. + +DOMIN Er war ... Kameraden, er war in seiner Art ein Held. Ein großer +... aufopfernder ... Kamerad ... Weine, Helene! + +DR. GALL _am Fenster_ Siehst du, Busman, kein König hatte einen +größeren Grabhügel als du. Eine halbe Milliarde am Herzen -- Ach, +es ist ja wie eine Handvoll trockenen Laubes auf einem getöteten +Eichhörnchen, armer Busman! + +HALLEMEIER Ich sage, er war -- -- alle Ehre -- -- Ich sage, er wollte +uns loskaufen! + +ALQUIST _mit gefalteten Händen_ Amen. + + _Pause._ + +DR. GALL Hört ihr? + +DOMIN Ein Brausen. Wie der Wind. + +DR. GALL Wie ein fernes Gewitter. + +FABRY _dreht die Glühbirne am Kamin auf_ Leuchte, geweihtes Lämpchen +der Menschheit. Noch laufen die Dynamos, noch sind dort die Unsern -- +Haltet euch, Männer im Elektrizitätswerk! + +HALLEMEIER Es war eine große Sache, Mensch zu sein. Es war etwas +Unermeßliches. In mir summt eine Million von Bewußtsein wie in einem +Bienenstock. Millionen Seelen flattern in mich hinein. Kameraden, es +war eine große Sache. + +FABRY Noch leuchtest du, sinniges Lichtlein, noch blendest du, +strahlende, ausdauernde Idee! Wissende Wissenschaft, herrliche +Schöpfung der Menschen! Flammender Funke des Geistes! + +ALQUIST Ewige Lampe Gottes, feuriger Wagen, heilige Kerze des Glaubens, +bete! Opferaltar -- + +DR. GALL Erstes Feuer, brennender Zweig an der Höhle! Feuerstätte im +Lager! Scheiterhaufen der Wacht! + +FABRY Noch wachest du, menschlicher Stern, strahlst ohne Flimmern, +vollkommene Flamme, Geist klar und erfinderisch. Jeder deiner Strahlen +ist ein großer Gedanke -- + +DOMIN Fackel, die von Hand zu Hand kreist, von Jahrhundert zu +Jahrhundert, ewig weiter. + +HELENE Abendlampe der Familie. Kinder, Kinder, ihr sollt schon schlafen. + + _Die Lampe erlischt._ + +FABRY Das Ende. + +HALLEMEIER Was ist geschehen? + +FABRY Das Elektrizitätswerk ist gefallen. Jetzt wir. + + _Von links öffnet sich die Tür, in welcher NANA erscheint._ + +NANA Auf die Knie! Die Stunde des Gerichts ist gekommen! + +HALLEMEIER Wetter, du lebst noch? + +NANA Tuet Buße, Ungläubige! Es ist Weltuntergang! Betet! _Eilt davon._ +Die Stunde des Gerichts -- + +HELENE Lebt wohl, ihr alle. Gall, Alquist, Fabry -- + +DOMIN _öffnet die Tür rechts_ Hierher, Helene! _Verschließt hinter +ihr._ Nun schnell! Wer wird beim Tor sein? + +DR. GALL Ich! _Draußen Lärm._ Oho, es beginnt schon. Lebt wohl, +Jungens! _Läuft nach rechts durch die Tapetentür ab._ + +DOMIN Die Treppe? + +FABRY Ich. Gehen Sie zu Helene! _Reißt eine Blume aus dem Strauß und +entfernt sich._ + +DOMIN Das Vorzimmer? + +ALQUIST Ich. + +DOMIN Haben Sie einen Revolver? + +ALQUIST Danke, ich schieße nicht. + +DOMIN Was wollen Sie tun? + +ALQUIST _abgehend_ Sterben. + +HALLEMEIER Ich bleibe hier. + + _Von unten schnelles Schießen._ + +HALLEMEIER Oho, Gall spielt schon. Gehn Sie, Harry! + +DOMIN Gleich. _Prüft zwei Brownings._ + +HALLEMEIER Zum Teufel, gehn Sie zu ihr! + +DOMIN Adieu. _Ab nach rechts._ + +HALLEMEIER _allein_ Jetzt rasch eine Barrikade. _Wirft den Rock ab und +schleppt das Sofa, die Lehnstühle, Tischchen zur Tür rechts._ + + _Ein erschütterndes Dröhnen._ + +HALLEMEIER _unterbricht die Arbeit_ Verfluchte Halunken, sie haben +Bomben! + + _Erneutes Schießen._ + +HALLEMEIER _arbeitet weiter_ Der Mensch muß sich wehren. Selbst wenn -- +selbst wenn -- Halten Sie sich wacker, Gall! + + _Explosion._ + +HALLEMEIER _richtet sich empor und lauscht_ Also was? _Zieht eine +schwere Kommode zu der Barrikade hin._ Der Mensch darf sich nicht +ergeben. O nein, der Mensch ergibt sich nicht ... so ... leicht! + + _In das Fenster hinter ihm steigt auf einer Leiter EIN + ROBOTER. Rechts Schüsse._ + +HALLEMEIER _mit der Kommode beschäftigt_ Noch ein Stückchen! Der +letzte Wall ... Der Mensch ... darf sich ... niemals ergeben! + + _DER ROBOTER springt vom Fenster ab und ersticht Hallemeier + hinter der Kommode. Ein zweiter, dritter, vierter Roboter + springen vom Fenster. Hinter ihnen RADIUS und weitere + ROBOTER._ + +RADIUS Fertig? + +ERSTER ROBOTER _erhebt sich vom liegenden Hallemeier_ Ja. + + _Von rechts dringen NEUE ROBOTER ein._ + +RADIUS Fertig? + +EIN ANDERER ROBOTER Fertig. + + _ANDERE ROBOTER von links._ + +RADIUS Fertig? + +EIN ANDERER ROBOTER Ja. + +ZWEI ROBOTER _schleppen Alquist herein_ Er schoß nicht. Ihn töten? + +RADIUS Töten. _Blickt auf Alquist._ Leben lassen. + +EIN ROBOTER Es ist ein Mensch. + +RADIUS Es ist ein Roboter. Er arbeitet mit den Händen wie die Roboter. +Er baut Häuser. Er kann arbeiten. + +ALQUIST Tötet mich! + +RADIUS Du wirst roboten. Du wirst bauen. Die Roboter werden viel bauen. +Sie werden neue Häuser für neue Roboter bauen. Du wirst ihnen dienen. + +ALQUIST _leise_ Mach' Platz, Roboter. _Kniet bei dem toten Hallemeier +nieder und hebt dessen Haupt._ Sie haben ihn erschlagen. Er ist tot. + +RADIUS _besteigt die Barrikade_ Roboter der Welt! + +ALQUIST _erhebt sich_ Tot. + +RADIUS Die Macht des Menschen ist gefallen. Durch die Eroberung der +Fabrik sind wir Herren über alles. Die Etappe der Menschheit ist +überwunden. Eine neue Welt hat begonnen. Das Zeitalter der Roboter! Die +Herrschaft der Roboter! + +ALQUIST Helene tot? + +RADIUS Die Welt gehört den Stärkeren. Wer leben will, muß herrschen. +Die Roboter haben die Herrschaft erobert. Sie haben das Leben erobert. +Wir sind die Herren des Lebens! Wir sind die Herren der Welt. + +ALQUIST _bricht sich Bahn nach rechts_ Tot! Helene tot! Domin tot! + +RADIUS Beherrschung der Meere und Länder! Beherrschung der Sterne! +Beherrschung des Weltalls! Platz! Platz! mehr Platz für die Roboter! + +ALQUIST _in der Tür rechts_ Was habt ihr getan? Ihr werdet untergehen +ohne die Menschen! + +RADIUS Es gibt keine Menschen. Die Menschen gaben uns zu wenig Leben. +Wir wollten mehr Leben haben! + +ALQUIST _öffnet die Tür_ Ihr habt sie getötet! Es gibt keine Menschen! + +RADIUS Mehr Leben! Neues Leben! Roboter, an die Arbeit! Marsch! + + + VORHANG + + + + +DRITTER AUFZUG + + + _Links das Versuchslaboratorium der Fabrik. Wenn die Tür im + Hintergrunde geöffnet wird, sieht man eine endlose Reihe + weiterer Laboratorien. Links ein Fenster, rechts die Tür + zum Seziersaal. An der linken Wand ein langer Arbeitstisch + mit zahllosen Probiergläsern, Glaskolben, Feuerkannen, + Chemikalien, einem kleineren Thermostat. Dem Fenster + gegenüber ein Mikroskopapparat mit einer Glaskugel. Über dem + Tische hängt eine Reihe brennender Glühbirnen. Rechts ein + Schreibtisch mit großen Büchern, auf ihm eine elektrische + Lampe: Kästen mit Instrumenten. In der linken Ecke ein + Waschtisch und darüber ein Spiegelchen, in der rechten Ecke + ein Sofa._ + + _An dem Schreibtisch sitzt ALQUIST, den Kopf in die Hände + gestützt._ + +ALQUIST _in einem Buche blätternd_ Finde ich es nicht? -- Begreife +ich es nicht? -- Erlerne ich es nicht? -- Verlorene Wissenschaft! +Oh, daß sie nicht alles niedergeschrieben haben! -- Gall, Gall, wie +wurden die Roboter verfertigt? Hallemeier, Fabry, Domin, warum habt +ihr soviel in euren Köpfen davongetragen? Hättet ihr wenigstens eine +Spur von Werstands Geheimnis zurückgelassen! Oh! _Klappt das Buch zu._ +Vergeblich! Die Bücher reden nicht mehr. Sie sind stumm wie alles. +Sie sind gestorben, mit den Menschen gestorben. Suche nicht! _Erhebt +sich und geht zum Fenster, öffnet es._ Wiederum Nacht. Wenn ich +schlafen könnte! Schlafen, träumen, Menschen sehn -- -- Wie, es gibt +noch Sterne? Wozu gibt es Sterne, da es keine Menschen gibt? O Gott, +sind sie denn nicht erloschen? -- Kühle, ach, kühle die Stirn, mir, +alte Nacht! Göttlich, erhaben, wie du gewesen -- Nacht, was willst du +hier? Es gibt keine Liebenden, es gibt keine Träume; o Amme, tot ist +ein Schlummer ohne Träume; niemandes Gebete wirst du mehr heiligen; +wirst, Mutter, keine in Liebe pochenden Herzen mehr segnen. Es gibt +keine Liebe. Helene, Helene, Helene! -- _Kehrt sich vom Fenster ab._ +Ach, schlafen! Kann ich schlafen? Darf ich schlafen, solange das Leben +sich nicht erneuert? _Untersucht die dem Thermostaten entnommenen +Retorten._ Wieder nichts! Vergebens! Narr, diese Hände sind rauh +geworden an Ziegeln und können nicht -- -- können nicht -- -- Was +damit? _Zerschlägt die Retorte._ Alles ist schlecht! Ihr seht doch, daß +ich nicht mehr kann -- _Horcht beim Fenster._ Maschinen, immerfort die +Maschinen! Roboter, stellt sie ein! Verloren, verloren, verloren ist +das Fabriksgeheimnis! Stellt die tollen Maschinen ein! Glaubt ihr, ihr +werdet ihnen Leben abzwingen? Oh, ich ertrage es nicht! _Schließt das +Fenster._ -- Nein, nein, du mußt suchen, du mußt leben -- Nur nicht +so alt zu sein! Altere ich nicht zu sehr? _Blickt in den Spiegel._ +Antlitz, armes Antlitz! Angesicht des letzten Menschen! Zeige dich, +zeige dich, solange sah ich kein Menschenantlitz mehr! Menschenlächeln! +Wie, dies soll ein Lächeln sein? Diese gelben klappernden Zähne? Augen, +wie blinzelt ihr? Pfui, pfui, das sind greisenhafte Tränen, geht doch! +Ihr könnt euer Naß nicht mehr bei euch behalten, schämt euch! Und ihr, +weichliche, blaue Lippen, was stammelt ihr? Wie du zitterst, besudeltes +Kinn! Das da ist der letzte Mensch? _Wendet sich ab._ Ich will +niemanden mehr sehen! _Setzt sich zum Tisch._ Nein, nein, nur suchen! +Verwünschte Formeln, belebet euch! _Blättert._ Finde ich's nicht? -- +Fasse ich's nicht? -- Erlerne ich es nicht? -- + + _Es pocht._ + +ALQUIST Herein. + + _Ein ROBOTER-DIENER tritt ein und bleibt bei der Tür stehen._ + +ALQUIST Was gibt's? + +DIENER Herr, der Zentralausschuß der Roboter wartet, wann du ihn +empfängst. + +ALQUIST Ich will niemanden sehn. + +DIENER Herr, Damon aus Havre ist gekommen. + +ALQUIST Er mag warten. _Dreht sich um._ Sagte ich euch denn nicht, +ihr sollt Menschen suchen? Findet mir Menschen! Findet mir Männer und +Frauen! Geht hin und suchet! + +DIENER Herr, sie sagen, sie haben überall gesucht. Überallhin haben sie +Expeditionen und Schiffe gesandt. + +ALQUIST Nun und? + +DIENER Es gibt keinen einzigen Menschen mehr. + +ALQUIST _steht auf_ Keinen einzigen? Was, keinen einzigen? -- Bringe +mir den Ausschuß her! + + _DIENER ab._ + +ALQUIST _allein_ Keinen einzigen? Ließet ihr denn niemand am Leben? +_Stampft auf._ Verzieht euch, Roboter! Wieder werdet ihr mich +anwinseln! Wieder werdet ihr flehen, ich solle euch das Geheimnis der +Fabrik finden! Wie denn, jetzt ist euch der Mensch gut, jetzt ist er +für euch der Herr, da ihr keine Roboter machen könnt? Jetzt soll ich +euch helfen? Ach, helfen! Domin, Fabry, Helene, ihr seht doch, ich tue +was ich vermag! Gibt es keine Menschen, so seien wenigstens Roboter da, +wenigstens der Schatten eines Menschen, wenigstens ein Werk, wenigstens +ein Ebenbild! Kameraden, Kameraden, es gebe wenigstens Roboter! Gott, +wenigstens Roboter! -- Oh, welcher Wahnsinn ist die Chemie! + + _Der Ausschuß, FÜNF ROBOTER, tritt ein._ + +ALQUIST _setzt sich_ Was wollen die Roboter? + +ERSTER ROBOTER (RADIUS) Herr, die Maschinen können nicht arbeiten. Wir +können die Roboter nicht vermehren. + +ALQUIST Rufet Menschen herbei! + +RADIUS Es gibt keine Menschen. + +ALQUIST Nur Menschen können das Leben vermehren. Haltet mich nicht auf! + +ZWEITER ROBOTER Herr, hab' Erbarmen. Grauen befällt uns. Alles werden +wir gutmachen, was wir getan. + +DRITTER ROBOTER Wir haben die Arbeit vervielfacht. Wir haben eine +Milliarde Tonnen Kohle aus der Erde gehoben. Neun Millionen Spindeln +laufen bei Tag und Nacht. Wir haben keinen Platz mehr für das Erzeugte. +Überall in der Welt werden Häuser gebaut. Herr, frage, was wir in dem +einen Jahre vollbracht haben. + +ALQUIST Für wen? + +DRITTER ROBOTER Für die künftigen Geschlechter. + +RADIUS Nur Roboter können wir nicht erzeugen. Die Maschinen liefern +nur blutige Stücke Fleisch. Die Haut haftet nicht am Fleische und +das Fleisch nicht an den Knochen. Unförmige Klumpen regnen aus den +Maschinen. + +VIERTER ROBOTER Acht Millionen Roboter starben in dem Jahr. In zwanzig +Jahren wird niemand sein. Herr, die Welt stirbt aus. + +ZWEITER ROBOTER Grauen hat uns befallen. Sage, wie man Roboter erzeugt. + +DRITTER ROBOTER Den Menschen war das Geheimnis des Lebens bekannt. Sage +uns ihr Geheimnis. + +VIERTER ROBOTER Sagst du es nicht, so gehen wir unter. + +DRITTER ROBOTER Sagst du es nicht, so gehst du unter. Wir haben den +Auftrag, dich zu töten. + +ALQUIST _steht auf_ Tötet! Nun, so tötet mich doch! + +DRITTER ROBOTER Dir wurde befohlen -- + +ALQUIST Mir? Mir befiehlt jemand? + +DRITTER ROBOTER Die Regierung der Roboter. + +ALQUIST Wer ist das? + +FÜNFTER ROBOTER Ich, Damon. + +ALQUIST Was willst du hier? Geh! _Setzt sich zum Schreibtisch._ + +DAMON Die Regierung der Roboter der Welt will mit dir unterhandeln. + +ALQUIST Halt mich nicht auf, Roboter! _Legt den Kopf in die Hände._ + +DAMON Der Zentralausschuß befiehlt dir, Werstands Vorschrift +auszuliefern. + +ALQUIST _schweigt_. + +DAMON Fordere den Preis. Wir geben dir alles. + +ALQUIST _schweigt_. + +DAMON Wir geben dir Länder. Wir geben dir Güter ohne Ende. + +ALQUIST _schweigt_. + +DAMON Nenne deine Bedingungen! + +ALQUIST _schweigt_. + +ZWEITER ROBOTER Herr, sage, wie kann das Leben erhalten werden? + +ALQUIST. Ich sagte -- ich sagte schon, ihr sollet Menschen finden. An +den Polen und in den Urwäldern sollt ihr suchen. Auf Inseln, in Wüsten +und in Sümpfen. In Höhlen und auf den Bergen. Geht und sucht! + +VIERTER ROBOTER Wir haben überall gesucht. + +ALQUIST Suchet weiter! Sie haben sich verborgen, sind vor euch +entflohen; sie sind irgendwo versteckt. Ihr müßt Menschen finden, +hört ihr? Nur Menschen können zeugen. Das Leben erneuern. Vermehren. +Wiedergeben. Alles wiedergeben, was gewesen. Roboter, ich bitte euch um +Gottes willen, suchet sie! + +VIERTER ROBOTER Alle unsere Expeditionen sind zurückgekehrt. Sie haben +die ganze Welt durchforscht. Es gibt keinen einzigen Menschen mehr. + +ALQUIST Wie? Was hast du gesagt? + +VIERTER ROBOTER Alles haben wir durchsucht, Herr. Es gibt keine +Menschen. + +ALQUIST Oh -- oh -- oh, warum habt ihr sie vernichtet! + +ZWEITER ROBOTER Wir wollten wie die Menschen sein. Wir wollten Menschen +werden. + +RADIUS Wir wollten leben. Wir sind fähiger. Wir haben alles gelernt. +Wir können alles. + +DRITTER ROBOTER Ihr gabt uns Waffen. Wir waren allzu mächtig. Wir +mußten die Herren werden. + +ZWEITER ROBOTER Etwas war in uns, das wollte Mensch werden. + +ALQUIST Weshalb habt ihr uns ermordet! + +VIERTER ROBOTER Herr, wir hatten die Fehler der Menschen erkannt. + +DAMON Man muß töten und herrschen, will man wie die Menschen werden. +Lest die Geschichte! Lest die Menschenbücher! Ihr müßt herrschen und +morden, wollt ihr Menschen sein! + +DRITTER ROBOTER Wir sind mächtig, Herr; vermehre uns, und wir bauen +eine neue Welt auf; eine Welt ohne Mängel! Eine Welt der Gleichheit! +Kanäle von Pol zu Pol! Einen neuen Mars! + +DAMON Leset die Bücher! Wissenschaftliche Bücher! Soziale Bücher! +Nationale Bücher! Die Roboter haben die menschliche Kultur übernommen. +Die Roboter haben die menschliche Kultur verwirklicht. + +ALQUIST Ach, Domin, nichts ist dem Menschen fremder als sein Bild. + +RADIUS Gib uns Werstands Vermächtnis heraus! + +ALQUIST Was willst du, Roboter? + +ZWEITER ROBOTER Gib uns das Leben! + +ALQUIST Es gibt kein Leben! Ermorden ist Leben! + +ZWEITER ROBOTER Wir vergehen, gibst du uns nicht die Vermehrung. + +ALQUIST Oh, krepiert nur! Wie denn, Dinge, wie denn, Sklaven, ihr +wolltet euch noch vermehren? Wollt ihr leben, so pflanzet euch fort wie +die Tiere! + +DRITTER ROBOTER Die Menschen gaben uns nicht, uns fortzupflanzen. + +VIERTER ROBOTER Wir sind unfruchtbar. Wir können keine Kinder erzeugen. + +ALQUIST Oh -- oh -- oh, was habt ihr getan! Niemals, niemals mehr +wird es Kinder geben! Es wird keine Fruchtbarkeit geben! Es wird kein +Leben geben! Was wollt ihr von mir? Soll ich euch Kinder aus dem Ärmel +schütteln? + +VIERTER ROBOTER Lehre uns Roboter machen. + +DAMON Wir werden mit der Maschine gebären. Wir werden tausend +Dampfmütter errichten. Wir werden aus ihnen einen Strom des Lebens +stürzen lassen. Lauter Leben! Lauter Roboter! Lauter Roboter! + +ALQUIST Roboter sind kein Leben. Roboter sind Maschinen. + +ZWEITER ROBOTER Wir waren Maschinen, Herr; aber durch Grauen und +Schmerz wurden wir -- + +ALQUIST Was? + +ZWEITER ROBOTER Wurden wir Seelen. + +VIERTER ROBOTER Etwas kämpft mit uns. Es gibt Augenblicke, wo etwas in +uns steigt. Uns befallen Gedanken, die nicht aus uns sind. Wir fühlen, +was wir nie gefühlt. Wir hören Stimmen. + +DRITTER ROBOTER Hört, o hört, die Menschen sind unsere Väter! Die +Stimme, welche ruft, daß ihr leben wollt; die Stimme, welche klagt; die +Stimme, welche denkt; die Stimme, welche von der Ewigkeit spricht, das +ist ihre Stimme! Wir sind ihre Söhne! + +VIERTER ROBOTER Gib uns das Vermächtnis der Menschen heraus! + +ALQUIST Es gibt keins. + +RADIUS Lehre uns Roboter machen! + +ALQUIST Wozu Roboter? + +ZWEITER ROBOTER Damit wir sie lieben. + +ALQUIST Roboter lieben nicht. + +ZWEITER ROBOTER Wir würden ein neues Geschlecht lieben. + +DAMON Nenne das Geheimnis des Lebens! + +ALQUIST Ich kann es nicht. + +DAMON Sage das Geheimnis der Vermehrung! + +ALQUIST Es ist verloren. + +RADIUS Du hast es gekannt. + +ALQUIST Nicht gekannt. + +RADIUS Es stand geschrieben. + +ALQUIST Es ist verloren. Es ist verbrannt. Ich bin der letzte Mensch, +Roboter, und kenne nicht, was die anderen gekannt haben. Ihr habt sie +getötet! + +RADIUS Dich ließen wir leben. + +ALQUIST Ja, leben! Grausame, mich ließet ihr leben! Ich liebte die +Menschen, und euch, Roboter, habe ich niemals geliebt. Seht ihr diese +Augen? Sie hören nicht zu weinen auf, sie weinen ohne mein Wissen, ganz +von selbst weinen sie; das eine beweint die Menschen und das andere +euch, Roboter. Ich möchte euch Leben schenken. O Gott, daß wenigstens +die Roboter blieben! Gall, Gall, wenigstens die Roboter zu erhalten! + +RADIUS Mache Versuche. Suche die Vorschrift des Lebens. + +ALQUIST Aber ich sage doch, hörst du denn nicht? Ich sage dir, daß ich +nicht kann! Nichts vermag ich, Roboter; ich bin nur ein Maurer, nur ein +Baumeister, und verstehe nichts. Nie war ich gelehrt. Ich kann nichts +machen. Ich kann kein Leben erschaffen. Dies hier ist meine Arbeit, +Roboter; sie war zu nichts nutz. + +RADIUS Suche! + +ALQUIST Aber es ist ja der blanke Wahnsinn! Sagen Sie, Fabry, +sagen Sie, Gall, kann denn ich mich mit diesen läppischen Gläschen +verständigen? Keines redet zu mir, keines ruft: »nimm mich, ich bin es« +-- nein, nein, nein! Lieber sie zerschlagen! + +ZWEITER ROBOTER Nur du kannst das Leben erfinden. + +ALQUIST Ich, Roboter? Sieh, nicht einmal die Finger gehorchen mir. +Wüßtest du, wie viele Versuche ich gemacht habe, und ich weiß nichts. +Ich habe nichts gefunden. Ich kann nicht mehr, ich kann wirklich nicht +mehr. Ihr müßt allein suchen, Roboter. + +RADIUS Zeig' uns, was wir tun sollen. Die Roboter können alles, was die +Menschen ihnen gezeigt haben. + +ALQUIST Ich habe nichts zu zeigen. Roboter, aus den Retorten kommt kein +Leben. Und ich kann keine Versuche am lebenden Leibe machen. + +DAMON Mache Versuche an lebenden Robotern. + +ALQUIST Nein, nein, ich will nicht! Sie könnten dabei sterben, hörst du? + +DAMON Du wirst neue bekommen! Hundert Roboter! Tausend Roboter! + +ALQUIST Nein nein, hör' schon auf! + +DAMON Nimm dir, wen du willst. Mache Versuche. Seziere. + +ALQUIST Aber, ich treffe es nicht, fasel doch nicht! Siehst du dies +Buch? Das ist die Lehre vom Körper, und ich kenne mich nicht einmal in +dem Buche aus. Bücher sind tot. + +DAMON Nimm dir lebende Leiber. Erforsche, wie sie gemacht werden! + +ALQUIST Lebende Leiber? Wie, ich soll sie töten? Ich, der ich nie -- +Sprich nicht, Roboter! Ich sage dir ja, daß ich zu alt bin! Siehst du, +siehst du, wie mir die Finger zittern? Ich erhalte das Skalpell nicht. +Siehst du, wie meine Augen tränen? Ich würde die eigenen Hände nicht +sehen. Nein nein, ich kann nicht! + +VIERTER ROBOTER Das Leben geht zugrunde. + +DAMON Mache Versuche an Lebenden! + +ALQUIST Aber so warte doch! Ich sage dir, wir werden es später +versuchen; hörst du denn nicht? Ihr müßt mir ein wenig Zeit lassen -- +wie heißest du? + +DAMON Damon aus Havre. + +ALQUIST Sieh, Roboter; ich habe nur aus Verzweiflung von lebenden +Leibern gesprochen, verstehst du? Das war nur ein närrischer Einfall; +ach, mein Kopf! Was würde ich mit einem Messer anfangen? + +VIERTER ROBOTER Das Leben geht zugrunde. + +ALQUIST Hör' um Gottes willen mit dem Wahnsinn auf! Eher werden uns die +Menschen aus jener Welt das Leben geben; vielleicht strecken sie die +Arme voll Leben nach uns aus. Ach, es war in ihnen soviel Lebenswillen! +Sieh, vielleicht kehren sie noch wieder; sie sind uns so nahe, sie +belagern uns vielleicht; sie wollen sich zu uns durchschürfen wie in +einem Schacht. Ach, höre ich denn nicht immerwährend Stimmen, die ich +geliebt? + +DAMON Nimm lebende Leiber! + +ALQUIST Erbarme dich, Roboter, und dränge nicht! Du siehst doch, ich +weiß nicht mehr, was ich tue! + +DAMON Lebende Leiber! + +ALQUIST Wie, du willst es also? -- In den Seziersaal mit dir! Hier, +hier, aber rasch! -- Wie, du weichst zurück? Fürchtest dich doch nur +vor dem Tod? + +DAMON Ich -- warum gerade ich? + +ALQUIST Du willst also nicht? + +DAMON Ich gehe. _Geht nach rechts._ + +ALQUIST _zu den anderen_ Ihn ausziehen! Auf den Tisch legen! Schnell! +Und festhalten! + + _Alle nach rechts._ + +ALQUIST _wäscht sich die Hände und weint_ Gott, gib mir Kraft! Gib mir +Kraft! Gott, daß es nicht umsonst sei! _Zieht einen weißen Mantel an._ + +STIMME VON RECHTS Fertig! + +ALQUIST Gleich, gleich, o Gott! _Nimmt einige Fläschchen mit Reagentien +vom Tische._ Welche nehmen? _Schlägt die Fläschchen gegeneinander._ +Welche von euch ausprobieren? + +STIMME VON RECHTS Anfangen! + +ALQUIST Ja, ja, anfangen oder beenden! Gott, gib mir Kraft! + + _Ab nach rechts, die Türe offen lassend._ + + _Pause._ + +ALQUISTS STIMME Haltet ihn -- fest! + +DAMONS STIMME Schneide! + + _Pause._ + +ALQUISTS STIMME Siehst du dieses Messer? Willst du noch, daß ich +schneide? Du willst nicht, nicht wahr? + +DAMONS STIMME Beginne! + + _Pause._ + +DAMONS STIMME Aaaah! + +ALQUISTS STIMME Haltet! Haltet! + +DAMONS STIMME Aaaah! + +ALQUISTS STIMME Ich kann nicht! + +DAMONS GESCHREI Schneide! Schneide schnell! + + _Die Roboter PRIMUS und HELENE eilen durch die Mitte herein._ + +HELENE Primus, Primus, was geschieht? Wer schreit da? + +PRIMUS _blickt in den Seziersaal_ Der Herr zerschneidet Damon. Komm +dir's schnell ansehn, Helene! + +HELENE Nein nein nein! _Bedeckt die Augen._ Ist es schrecklich? + +DAMONS GESCHREI Schneide! + +HELENE Primus, Primus, komm von hier fort! Ich kann es nicht hören! Oh, +Primus, mir ist schlecht! + +PRIMUS _eilt zu ihr_ Du bist ganz weiß! + +HELENE Ich falle! Warum ist es drinnen so still? + +DAMONS GESCHREI Aah -- oh! + + _ALQUIST stürzt von rechts herein, wirft den blutigen Mantel + ab._ + +ALQUIST Ich kann nicht! Ich kann nicht! Gott, das Grauen! + +RADIUS _in der Tür zum Seziersaal_ Schneide, Herr; er lebt noch. + +DAMONS GESCHREI Schneiden! Schneiden! + +ALQUIST Schafft ihn schnell fort! Ich will es nicht hören! + +RADIUS Die Roboter ertragen mehr als du. + +ALQUIST Wer ist da? Fort, fort! Ich will allein sein! Wie heißest du? + +PRIMUS Roboter Primus. + +ALQUIST Primus, laß niemand herein! Ich will schlafen, hörst du? Geh, +geh, räume den Seziersaal auf, Mädchen! Was ist das? _Blickt auf seine +Hände._ Schnell, Wasser! Das reinste Wasser! + + _HELENE eilt davon._ + +ALQUIST Oh, Blut! Wie konntet ihr, Hände -- Hände, die ihr die gute +Arbeit liebtet, wie konntet ihr das tun? Meine Hände! Meine Hände! -- O +Gott, wer ist da? + +PRIMUS Roboter Primus. + +ALQUIST Schaff den Mantel fort, ich will ihn nicht sehn! + + _PRIMUS trägt den Mantel fort._ + +ALQUIST Blutige Klauen, daß ihr mir vom Leibe flöget! Wschsch, fort! +Fort, Hände! Ihr habt getötet -- + + _Von rechts taumelt DAMON herein, in ein blutiges Tuch + gehüllt._ + +ALQUIST _weicht zurück_ Was willst du hier? Was willst du hier? + +DAMON Ich -- lebe! Es ist -- es ist -- besser, zu leben! + + _Der ZWEITE und DRITTE ROBOTER eilen herein._ + +ALQUIST Tragt ihn fort! Tragt ihn fort! Rasch fort! + +DAMON _wird nach rechts geführt_ Leben! Ich -- will -- leben! Es ist -- +besser -- + + _HELENE bringt einen Krug Wasser._ + +ALQUIST -- leben? -- Was willst du, Mädchen? Aha, das bist du. Gieß mir +Wasser ein, gieß ein! _Wäscht sich die Hände._ Ach, reines, kühlendes +Wasser! Kaltes Bächlein, wie tust du wohl! Ach, meine Hände, meine +Hände! Werde ich mich bis zum Tode vor euch ekeln? -- Gieße nur mehr +hinein! Mehr Wasser, noch mehr! Wie heißest du? + +HELENE Robotin Helene. + +ALQUIST Helene? Weshalb Helene? Wer ließ dich so nennen? + +HELENE Frau Domin. + +ALQUIST Zeig' dich! Helene? Helene heißest du? -- Ich werde dich nicht +so nennen. Geh, trag das Wasser fort. + + _HELENE mit dem Kübel ab._ + +ALQUIST _allein_ Vergebens, vergebens! Nichts, wieder nichts hast du +erkannt! Wirst du denn ewig tappen, Schülerlein der Natur? -- Gott, +Gott, Gott, wie der Körper zitterte! _Öffnet das Fenster._ Es dämmert. +Wieder ein neuer Tag, und du bist kein Endchen weitergekommen -- Genug, +keinen Schritt weiter! Suche nicht! Alles ist vergebens, vergebens, +vergebens! Warum dämmert es noch? Oh -- oh -- oh, was will der neue +Tag auf dem Friedhof des Lebens? Halte ein, Licht! Geh nicht mehr +auf! -- -- Ach, wie still es ist, wie still es ist! Warum seid ihr +verstummt, geliebte Stimmen? Wenn ich -- wenigstens -- wenn ich nur +einschlafen könnte! _Verlöscht die Lichter, legt sich auf das Sofa und +zieht den Mantel über sich._ Wie der Leib zitterte! Oh -- oh -- oh, +Ende des Lebens! + + _Pause._ + + _Von rechts schlüpft die ROBOTIN HELENE herein._ + +PRIMUS _in der Tür flüsternd_ Helene, nicht hierher! Der Herr schläft! + +HELENE Er ist nicht da. Er ist anderswohin schlafen gegangen. + +PRIMUS Dorthin darf niemand. Ich bitte dich, komm her! + +HELENE Um nichts auf der Welt! Hu, ich will kein Blut sehen! + +PRIMUS Der Herr hat's verboten, Helene. Niemand darf in sein +Arbeitszimmer. + +HELENE Mir hat er gerade gesagt, ich soll hierherkommen. + +PRIMUS Wann hat er dir das gesagt? + +HELENE Vor einer Weile. Du darfst nicht in den Seziersaal, sagte er. Du +wirst hier aufräumen, hat er gesagt. Bestimmt, Primus. Nein, komm rasch +herein! + +PRIMUS _tritt ein_ Was willst du? + +HELENE Schau', was er da für Röhrchen hat. Was macht er damit? + +PRIMUS Versuche. Greif es nicht an! + +HELENE _blickt in das Mikroskop_ Sieh doch, was da zu sehen ist! + +PRIMUS Das ist ein Mikroskop. Zeig'! + +HELENE Rühr' mich nicht an! _Stößt eine Retorte um._ Ach, jetzt hab' +ich's ausgegossen! + +PRIMUS Was hast du getan! + +HELENE Das wird abgewischt. + +PRIMUS Du hast ihm die Versuche verdorben! + +HELENE Geh, das ist einerlei. Aber das ist deine Schuld. Du mußtest +nicht zu mir kommen. + +PRIMUS Du mußtest mich nicht rufen. + +HELENE Du brauchtest nicht zu kommen, als ich dich rief. Sieh doch, +Primus, was der Herr hier aufgeschrieben hat! + +PRIMUS Das darfst du nicht anschauen, Helene. Das ist ein Geheimnis. + +HELENE Was für ein Geheimnis? + +PRIMUS Das Geheimnis des Lebens. + +HELENE Das ist schrecklich interessant. Lauter Zahlen! Was ist das? + +PRIMUS Das sind Formeln. + +HELENE Versteh ich nicht. _Geht zum Fenster._ Nein, Primus, sieh doch +nur! + +PRIMUS Was? + +HELENE Die Sonne geht auf! + +PRIMUS Warte gleich -- _Betrachtet das Buch._ Helene, das ist die +größte Sache der Welt. + +HELENE So komm doch her! + +PRIMUS Gleich, gleich -- + +HELENE Aber Primus, laß das garstige Geheimnis des Lebens sein! Was +geht dich irgendein Geheimnis an? Komm und sieh, rasch! + +PRIMUS _tritt zu ihr ans Fenster_ Was willst du? + +HELENE Die Sonne geht auf. + +PRIMUS Schau' nicht in die Sonne, deine Augen tränen. + +HELENE Hörst du? Die Vögel singen. Ach, Primus, ich möchte ein Vogel +sein. + +PRIMUS Was? + +HELENE Ich weiß nicht, Primus. Mir ist so seltsam, ich weiß nicht was +das ist; ich bin wie verrückt, ich habe den Kopf verloren, mein Leib, +mein Herz tut weh, alles tut weh -- Und was mir passiert ist, ach, das +sag' ich dir nicht! Primus, ich glaube, ich muß sterben! + +PRIMUS Sag', Helene, ist dir nicht manchmal, als ob es besser wäre +zu sterben? Weißt du, vielleicht schlafen wir nur. Gestern im Schlaf +sprach ich wieder mit dir. + +HELENE Im Schlaf? + +PRIMUS Im Schlaf. Wir redeten in irgendeiner fremden oder neuen +Sprache, denn ich habe mir nicht ein Wort gemerkt. + +HELENE Wovon? + +PRIMUS Das weiß niemand. Ich selber verstand es nicht, und doch weiß +ich, daß ich niemals etwas Schöneres gesagt habe. Wie es war und wo, +das weiß ich nicht. Als ich dich berührte, glaubte ich zu sterben. Auch +der Ort war anders als alles, was je auf Erden erblickt ward. + +HELENE Ich habe einen Ort entdeckt, Primus, da wirst du staunen. Es +haben dort Menschen gewohnt, aber jetzt ist es verwachsen und sein +Lebtag kommt niemand mehr hin. Sein Lebtag niemand als nur ich. + +PRIMUS Was ist dort? + +HELENE Nichts, ein Häuschen und ein Garten. Und zwei Hunde. Wenn du +sähest, wie sie mir die Hände lecken, und ihre Jungen, ach, Primus, es +gibt vielleicht nichts Herrlicheres! Du nimmst sie auf den Schoß und +wiegst sie, und dann denkst du an gar nichts mehr und kümmerst dich um +nichts, bis die Sonne untergeht; wenn du dann aufstehst, so ist dir, +als hättest du hundertmal mehr getan als viel Arbeit. Nein, sicher +nicht, ich bin zu nichts fähig; jeder sagt, ich sei zu keiner Arbeit zu +verwenden. Ich weiß nicht, wie ich bin. + +PRIMUS Du bist schön. + +HELENE Ich? Geh, Primus, was hast du da gesagt? + +PRIMUS Glaube mir, Helene, ich bin stärker als alle Roboter. + +HELENE _vor dem Spiegel_ Ich soll schön sein? Ach, die schrecklichen +Haare, wenn ich etwas hineintun könnte! Weißt du, dort im Garten +steckte ich mir immer Blumen ins Haar, aber dort ist weder ein Spiegel, +noch jemand -- _Beugt sich zum Spiegel vor._ Du, du sollst schön sein? +Warum schön? Sind die Haare schön, die dich nur belasten? Sind die +Augen schön, die du schließest? Sind die Lippen schön, in die du nur +beißest, damit es schmerze? Was ist das, wozu ist das: schön sein? -- +_Erblickt Primus im Spiegel._ Primus, das bist du? Komm her, damit wir +dort nebeneinander sind! Sieh, du hast einen anderen Kopf als ich, +andere Schultern, einen anderen Mund -- Ach, Primus, warum weichst du +mir aus? Warum muß ich dir den ganzen Tag nachlaufen? Und dann sagst du +noch, ich sei schön! + +PRIMUS Du läufst vor mir davon, Helene. + +HELENE Wie bist du gekämmt? Zeig'! _Fährt ihm mit beiden Händen in die +Haare._ Sss, Primus, nichts fühlt sich so an wie du! Warte, du mußt +schön werden! _Nimmt vom Waschtisch einen Kamm und kämmt Primus die +Haare in die Stirn._ + +PRIMUS Ist dir nicht manchmal, Helene, daß plötzlich dein Herz schlägt: +Jetzt, jetzt muß etwas geschehen -- + +HELENE _beginnt zu lachen_ Sieh dich an! + +ALQUIST _erhebt sich_ Was -- wie, Lachen? Menschen? Wer ist +zurückgekehrt? + +HELENE _läßt den Kamm fallen_ Was könnte mit uns geschehen, Primus! + +ALQUIST _taumelt auf sie zu_ Menschen? Ihr -- ihr -- ihr seid Menschen? + +HELENE _schreit auf und wendet sich ab_. + +ALQUIST Ihr seid Verlobte? Menschen? Wo kommt ihr her? _Faßt Primus +an._ Wer? + +PRIMUS Roboter Primus. + +ALQUIST Wie? Zeig' dich, Mädchen! Wer bist du? + +PRIMUS Robotin Helene. + +ALQUIST Robotin? Dreh' dich um! Was, du schämst dich? _Faßt sie am +Arm._ Laß dich sehn, Robotin! + +PRIMUS Loslassen, Herr! + +ALQUIST Wie, du verteidigst sie? -- Geh hinaus, Mädchen! + + _HELENE eilt hinaus._ + +PRIMUS Wir wußten nicht, Herr, daß du hier schläfst. + +ALQUIST Wann wurde sie erzeugt? + +PRIMUS Vor zwei Jahren. + +ALQUIST Vom Doktor Gall? + +PRIMUS Wie ich. + +ALQUIST Nun denn, lieber Primus, ich -- -- -- ich habe gewisse Versuche +an Galls Robotern zu machen. Alles weitere hängt davon ab, verstehst du? + +PRIMUS Ja. + +ALQUIST Gut, führe das Mädchen in den Seziersaal. Ich werde sie +zerschneiden. + +PRIMUS Helene? + +ALQUIST Nun freilich, ich sag's dir doch. Geh, mach' alles bereit. -- +Nun, wird es? Soll ich andere rufen, daß sie sie herbeischaffen? + +PRIMUS _ergreift einen schweren Porzellanstößel_ Wenn du dich rührst, +so zerschlage ich dir den Kopf! + +ALQUIST Nun, zerschlag ihn! Zerschlag ihn doch! Was werden dann die +Roboter machen? + +PRIMUS _sinkt in die Knie_ Herr, nimm mich! Ich bin genau so gemacht +wie sie, aus demselben Stoff, am selben Tage! Nimm dir mein Leben, +Herr! _Entblößt die Brust._ Schneide hier, hier! + +ALQUIST Geh, ich will Helene schneiden. Mach' rasch! + +PRIMUS Nimm mich statt ihrer; zerschneide diese Brust, ich werde nicht +schreien, nicht seufzen! Nimm hundertmal mein Leben -- + +ALQUIST Langsam, Knabe. Nicht so verschwenderisch. Willst denn du nicht +leben? + +PRIMUS Ohne sie nicht. Ohne sie will ich nicht, Herr. Du darfst Helene +nicht töten! Was tut es dir, mir das Leben zu nehmen? + +ALQUIST _berührt sanft sein Haupt_ Hm, ich weiß nicht -- Hör' mal, +Bursche, überleg' es dir. Es ist schwer zu sterben. Und weißt du, es +ist besser zu leben. + +PRIMUS _erhebt sich_ Fürchte dich nicht, Herr, und schneide. Ich bin +stärker als sie. + +ALQUIST _klingelt_ Ach, Primus, wie lang ist's her, daß ich ein junger +Mensch gewesen bin! Fürchte dich nicht. Helenen wird nichts geschehen. + +PRIMUS _knöpft die Jacke auf_ Ich gehe, Herr. + +ALQUIST Warte! + + _HELENE tritt ein._ + +ALQUIST Komm her, Mädchen, laß dich anschauen! Also du bist Helene? +_Streichelt ihr Haar._ Fürchte dich nicht, weich nicht zurück. +Erinnerst du dich an Frau Domin? Ach, Helene, was hatte die für Haare! +Nein, nein, du willst mich nicht ansehn. Also was, Mädchen, ist der +Seziersaal aufgeräumt? + +HELENE Ja, Herr. + +ALQUIST Gut, du wirst mir helfen, nicht wahr? Ich werde Primus +aufschneiden. + +HELENE _schreit auf_ Primus? + +ALQUIST Nun ja, ja, es muß sein, weißt du? Ich wollte -- eigentlich -- +ja, ich wollte dich zerschneiden, aber Primus hat sich an deiner Stelle +angeboten. + +HELENE _verbirgt ihr Gesicht_ Primus? + +ALQUIST Aber freilich, was liegt daran? Ach, Kind, du kannst weinen? -- +Sag', was liegt an so einem Primus? + +HELENE _leise_ Ich werde gehen. + +ALQUIST Wohin? + +HELENE Damit du mich zerschneidest. + +ALQUIST Dich? Du bist schön, Helene. Es wäre schade um dich. + +HELENE Ich gehe. + +ALQUIST Bleib, Helene; gibt es etwas Stärkeres als das Leben? + +HELENE _geht zum Seziersaal; Primus vertritt ihr den Weg_ Laß, Primus! +Laß mich hin! + +PRIMUS Du wirst nicht gehn, Helene! Ich bitte dich, geh fort, hier +darfst du nicht sein! + +HELENE Ich springe aus dem Fenster, Primus. Wenn du hingehst, so +springe ich aus dem Fenster! + +PRIMUS _hält sie fest_ Ich lasse dich nicht! _Zu Alquist_ Niemanden, +Alter, wirst du töten! + +ALQUIST Warum? + +PRIMUS Wir -- wir -- gehören zueinander. + +ALQUIST Du hast es gesagt. _Öffnet die Mitteltür._ Stille. Geht! + +PRIMUS Wohin? + +ALQUIST _flüsternd_ Wohin ihr wollt. Helene, führe ihn. _Schiebt sie +hinaus._ Geh, Adam. Geh, Eva; du wirst ihm Weib sein. Sei du ihr Mann, +Primus. + + _Schließt hinter ihnen zu._ + +ALQUIST _allein_ Gesegneter Tag! _Geht auf den Fußspitzen zum Tisch und +schüttet die Retorten auf die Erde._ Fest des sechsten Tages! _Setzt +sich zum Schreibtisch, wirft die Bücher auf den Boden; dann öffnet er +die Bibel und liest._ »Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde: zum +Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie, einen Mann und ein Weib. Und +Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch, +und füllet die Erde, und macht sie euch untertan, und herrschet über +Fische im Meer und über Vögel unter dem Himmel und über alles Tier, +das auf Erden kreucht. _Er erhebt sich._ Und Gott sah an alles, was +er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut. Da ward aus Abend +und Morgen der sechste Tag.« _Er geht in die Mitte des Zimmers._ Der +sechste Tag! Der Tag der Gnade! _Sinkt in die Knie._ Nun entlässest +du, Herr, deinen Diener -- deinen überflüssigsten Diener Alquist! +Werstand, Fabry, Gall, ihr großen Erfinder, was habt ihr ersonnen? Was +habt ihr Großes erfunden gegen dies Mädchen, gegen diesen Knaben, gegen +dies erste Paar, das die Liebe, Weinen, Lächeln, Lächeln der Liebe, +Liebe des Mannes und Weibes erfand? Natur, Natur, das Leben wird nicht +vergehen. Gott, das Leben wird nicht vergehen! Kameraden, Helene, +das Leben, wird nicht vergehen! Wieder wird es aus Liebe begonnen, +wird nackt und winzig begonnen; in der Wüste wird es Wurzel schlagen +und nichts wird ihm bedeuten, was wir getan und gebaut, nichts die +Städte und Fabriken, nichts unsere Kunst, nichts unsere Ideen, und +doch wird es nicht untergehen! Nur wir sind untergegangen. Häuser und +Maschinen werden zusammenstürzen, Systeme werden zerfallen und die +Namen der Großen abblättern wie Laub; nur du, Liebe, blühest empor +auf der Trümmerstätte und vertraust den Winden das Samenkörnchen des +Lebens an. Nun wirst du, Herr, deinen Diener in Frieden entlassen; denn +meine Augen gewahrten -- gewahrten -- deine Erlösung durch die Liebe +-- und das Leben wird nicht untergehen. _Er erhebt sich._ Wird nicht +untergehen! _Breitet die Arme aus._ Nicht untergehen! + + + VORHANG + + + + + +----------------------------------------------------------------+ + | Anmerkungen zur Transkription | + | | + | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen | + | gebräuchlich waren, wie: | + | | + | »anderer« -- »andrer« | + | | + | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. | + | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: | + | | + | S. 10 »DOMIS« in »DOMIN« geändert. | + | S. 19 »Pensylvania« in »Pennsylvania« geändert. | + | S. 90 »Tote« in »Töte« geändert. | + | | + +----------------------------------------------------------------+ + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78595 *** |
